Rede Dr. August Neander's vom 18.02.1846

Rede Dr. August Neander's

gehalten bei der akademischen Feier des 300 jährigen Todestages Luther's am 18ten Februar 1846.

 

Herausgegeben von dem Neanderschen Verein zur Unterstützung armer kranker Theologie-Studirender in Berlin.

 

Berlin, 1846. In Commission bei Justus Albert Wohlgemuth, Neu-Cöln a. W. No. 19.

 

 

 

Vorwort.

 

Durch die Güte unseres hochverehrten Stifters und Ober-Vorstehers, Herrn Professor Neander, haben wir, auf unsere Bitte, diese Rede, bereichert durch einige Zusätze, die nur wegen Mangel an Zeit bei dem Vortrage selbst wegfielen, zum Druck erhalten. Wir hoffen durch denselben einen doppelten Zweck zu erreichen, nämlich einmal, daß die Rede auch in weiteren Kreisen bekannt werde und Segen stifte, und dann, daß unser Verein, der gerade jetzt durch so viele, wegen einiger langwieriger Krankheitsfälle nothwendig gewordene Ausgaben, der außerordentlichen Unterstützung von Außen sehr bedürftig ist, nächst dem Vortheil, den ihm der zu hoffende Rein-Ertrag von diesem Schriftchen bringt, sich auch noch durch dasselbe in weitern Kreisen neue Freunde und Wohlthäter erwerbe. Sollte

 

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Letzteres der Fall sein, so bittet der Unterzeichnete in allem Weiteren sich an ihn wenden zu wollen.

 

Des Herrn Segen begleite denn auch dieses Büchlein in die Welt hinaus.

 

Berlin, den 21. Februar 1846.

 

Im Namen des Vorstandes des Neanderschen Vereins zur Unterstützung armer kranker Theologie-Studirender in Berlin.

 

Der Direktor des Vereins,

Gotthelf Huyssen, Stud. theol.,

Werderschen Markt No. 3.

 

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Meine theuern und verehrten Herren Collegen,

Meine innig geliebten Herren Commilitonen!

 

Den Eindruck, welchen die Nachricht von dem Tode Luthers vor 300 Jahren auf die evangelische Kirche machte, schildern uns am besten die Worte, durch welche Luthers Kampfgenosse, der große praeceptor Germaniae, Philipp Melanthon, an dem darauf folgenden Tage die Wittenberger Studenten von diesem so eben vernommenen traurigen Ereignisse benachrichtigte. Als sie um 9 Uhr Morgens zusammengekommen waren, um seine Vorlesungen über den Römerbrief zu hören, sprach er zu ihnen: „Ihr wißt, das wir die Erklärung des Briefs an die Römer übernommen haben, in welchem die wahre Lehre vom Sohne Gottes enthalten ist, welche Gott durch seine besondere Gnade in dieser Zeit durch unsern ehrwürdigsten Vater und unsern theuersten Lehrer, den Dr. Martin Luther uns offenbart hat. Und nachdem er die wahren Umstände von dem Tode Luthers ihnen berichtet hat, schließt er mit den Worten: „Ach! hinweggenommen ist der Wagen Israels und dessen Lenker, der, welcher die Kirche in diesem letzten Alter der Welt regiert hat. Denn nicht durch menschlichen Scharfsinn ist die Lehre von der Sündenvergebung und von dem Vertraun auf den Sohn Gottes erkannt, sondern von Gott durch diesen Mann offenbart worden, wie wir auch erkennen, daß er dazu von Gott erweckt worden. Laßt uns also das Andenken dieses Mannes und die von ihm überlieferte Lehre lieben und demüthiger sein, und — setzt er hinzu, indem er mit seinem historischen Blicke in die Zukunft schaute — laßt uns an die großen Unglücksfälle und Veränderungen denken, welche auf diesen Fall folgen werden!

 

Was Melanthon hier von der Art sagt, wie das Andenken des aus seinem irdischen Wirkungskreise abgerufenen Glaubenshelden gefeiert werden solle, geht ja wohl alle Jahrhunderte an, in welchen dieser Tag wiederkehrt, geht auch uns an, um desto mehr, je mehr wir unter den Bewegungen unsrer Zeit, die oft den Namen Luthers im Munde führt, fern von dem, was ihn beseelte und was er wollte, und was er dem wesentlichen Grunde nach auch im neunzehnten Jahrhundert nicht anders wollen würde, wo viele, indem sie sich auf Luther berufen, nur einen Reformator, nicht, wie er war, sondern wie sie ihn gern haben wollten, darunter meinen, je mehr wir in solcher Zeit daran gemahnt werden müssen, die evangelische Wahrheit treu festzuhalten, die wieder ans Licht zu bringen und von der zu zeugen Luthers

 

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göttlicher Beruf war. Aber bildet denn Luthers Tod einen solchen Epochemachenden Abschnitt in der Entwickelung des von ihm ausgegangenen Werkes, daß wir dadurch aufgefordert würden, demselben eine besondere Erinnerungsfeier zu widmen? Ist ein solches Ereigniß wohl in eine Klasse zu setzen mit den Momenten der Reformation, deren Andenken dieses Jahrhundert bisher gefeiert hat, die von Luther bekannt gemachten Thesen, die Augsburgische Confession? Allerdings wird kein solcher Entwicklungsknoten der Reformation dadurch bezeichnet, wenn auch ein neues Stadium in dem Entwicklungs-Processe der Reformation dadurch bedingt ist, daß Luthers überlegene Persönlichkeit die mannichfachen streitenden Elemente, nicht mehr zusammenhalten konnte. Sollte nicht vielmehr der Geburtstag des großen Reformators eine Feier verdienen, als der zunächst nur verneinend und auflösend wirkende Todestag? Aber es ist dem alten christlichen Gebrauche zuwider, den Geburtstag der Glaubenshelden zu feiern. Gegenstand der Feier waren unter den alten Christen nur die Todestage, welche man als die natalitia der aus den Kämpfen des irdischen Lebens zu dem verklärten jenseitigen Dasein Abgerufenen betrachtete. Eine Ausnahme machte man ja nur mit dem Heiland, dessen Geburt das Heil der Welt gründete, und nachher mit Johannes dem Täufer wegen der Beziehung, in der seine Geburt zu der Geburt Christi stand. Freilich wenn man die Todestage der Märtyrer feiert, so hatte ein solcher Tod ja besondere, eine positive geschichtliche Bedeutung. Indessen derselbe Gebrauch fand auch in Beziehung auf andre theure Verstorbene statt, und dann kommt es ja nicht darauf an, ob Einer durch einen gewaltsamen Tod zeugt von dem, was die Seele seines Lebens war, oder ob er davon zeugt unter den oft nicht minder schweren Kämpfen, welche dem natürlichen Tode vorangehen. Und ein solches Zeugniß hat eben Luther abgelegt. Wenn Solon einst sagte, daß Keiner glücklich zu preisen sei vor seinem Tode wegen der Unsicherheit der menschlichen Schicksale, so können wir von einem christlichen Standpunkte aus dieses anwenden auf das, was dem Leben seine wahre Bedeutung giebt. Nur wer, die Aufgabe seines Lebens erfüllend, ausharrt im Kampf bis zu Ende, ist von uns selig zu preisen, kann als glorreiches Beispiel der Nachahmung uns erscheinen. Auf das Ausharren bis zu Ende legt ja überall die heilige Schrift so großes Gewicht. Die Tugend der Beharrlichkeit, welche der alten Kardinaltugend der fortitudo entspricht, wird nicht ohne Grund so von ihr gepriesen. Dieses gilt ja besonders von so bewegten Zeiten wie das Zeitalter der Reformation war und das unsrige ist, daß Alles darauf ankommt, ob Einer, festgegründet auf dem Felsen, der unerschütterlich besteht unter allen Meereswogen und

 

 

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Stürmen, mit dem triplex circa pectus aes des Glaubens ausharrt unter allen Kämpfen bis zu Ende. Und diese große Bedeutung hat für uns das Hinscheiden dieses Mannes, im Zusammenhang mit den begleitenden Umständen betrachtet. Wenn uns seine in den Thesen, zu Worms, zu Koburg, während des Augsburger Reichstages abgelegten Glaubenszeugnisse so wichtig sind, so gehört dazu auch insbesondere das letzte Zeugniß, das er in der Todesstunde ablegte, wodurch er unter den letzten Todeskämpfen das Siegel auf das Reformationswerk drückte; denn es bezieht sich ja auf das, was der unwandelbare Grund der Reformation ist. Auch das größte menschliche Leben ist nicht frei von den Gebrechen, die allem Menschlichen ankleben, wenn wir das Eine Leben ausnehmen, welches allein als Urbild und Vorbild für die ganze Menschheit dasteht. Gewaltige Naturen, dazu bestimmt große Rüstzeuge in der Hand Gottes zu bilden, haben auch desto mehr mit sich zu kämpfen. So geschieht es denn, daß dem göttlichen Werk, dem sie zu Organen dienten, eigenthümliche Trübungen sich beimischen. Es entstehen daraus Dissonanzen im Leben und es ist nun desto größere Freude, wenn mitten unter diesen Dissonanzen eine himmlische Harmonie das letzte, stille Ausscheiden bezeichnet. So war es bei Luther. Lassen Sie uns die betrübenden Umstände, welche seinem Tode vorangingen, und den Samen späterer Zerwürfnisse enthielten, wichtig auch für unsre Zeit, näher ins Auge fassen, um dann durch den Hinblick zu dem, eines solchen Lebens würdigen Tode uns zu erquicken und zu erheben.

 

Hier ist erstlich zu erwähnen der beginnende Wiederausbruch der Abendmahlsstreitigkeiten. Daß in der Reformation verschiedene eigenthümliche Richtungen des christlichen Geistes hervortraten, wollen wir nicht für ein Uebel halten. Es entspricht dieses dem nothwendigen Gesetze aller menschlichen Entwicklung, welchem auch das Christenthum folgt, daß, nachdem zuerst das Bewußtsein der höheren Gemeinschaft und Einheit die eigenthümlichen Verschiedenheiten übersehen ließ, nachher diese ihr Recht geltend machen. Wo Leben ist, ist frische eigenthümliche Entwicklung; Einförmigkeit ist der Tod. Die durch das Joch einer veräußerlichten Kirche unterdrückten oder gehemmten Eigenthümlichkeiten mußten durch den Lebenshauch der Reformation neu befruchtet werden, mußten in dem Elemente der gegebenen Freiheit sich von Neuem frei entwickeln. Aber das war vom Argen, daß man über den untergeordneten Differenzen die höhere Einheit in dem Principe der Reformation, in dem Grundwesen der ans Licht gebrachten evangelischen Wahrheit vergaß. Dieses war der Keim neuer dogmatischer Einseitigkeit, eines neuen

 

 

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dogmatischen Despotismus und Buchstabendienstes. Luther wurde hier dem Principe untreu, das er in den ersten Jahren bis nach seiner Rückkehr von der Wartburg in so manchen herrlichen Worten ausgesprochen hatte. Wir wollen nicht verkennen, daß auch hier bei dem großen Manne ein tiefes christliches Interesse, und ein für diese Entwicklungszeit der Reformation wichtiges Interesse zu Grunde lag, daß er beseelt war von einem prophetischen Gefühle der Gefahr, welche der evangelischen Kirche und dem Christenthum von einem gewissen einseitigen, subjektiven und idealistischen Elemente drohte, wie dieses leicht schon früher um sich gegriffen haben würde, wenn es nicht in Luthers kernhafter christlicher Persönlichkeit ein so mächtiges Gegengewicht gefunden hätte. Er selbst weissagt von denen, die mit eitel Geisterei umgehen, sie würden Christus zu einem bloßen Propheten machen, und es dahin bringen, daß man diese hohe Person und Historie verlieren werde.

 

Aber wir dürfen auch den Antheil nicht vergessen, den die Fehler des großen Mannes daran haben. Es ist leichter, solchen Fehlern nachzufolgen, als die großen Tugenden, ohne welche die evangelische Kirche nicht zum Dasein würde gekommen sein, nachzubilden. Luther selbst war ja am meisten davon fern, sich zum Heiligen machen zu wollen, wie er auf dem Reichstage zu Worms, indem er seine Person Preis gab, so herrlich darüber sich aussprach. Und dies gehört zu dem Schönsten an dem Manne, dessen Demuth Kraft, und dessen Kraft Demuth war. Als ihm im Jahre 1521 seine Heftigkeit und Schroffheit in der Polemik zum Vorwurf gemacht worden, antwortete er dem, welcher dies an ihm gerügt hatte: „Mit Recht mahnst du mich an Mäßigung. Auch ich selbst fühle es, aber ich bin meiner nicht mächtig; ich weiß nicht, von welchem Geist ich fortgerissen werde, da ich mir doch bewußt bin, gegen Keinen übel zu wollen. Aber jene Leute dringen mit so großer Wuth auf mich an, daß ich gegen den Satan nicht genug auf meiner Acht sein kann. Daher bete für mich zu dem Herrn, daß er mir gebe, so gesinnt zu sein, so zu reden und zu schreiben, nicht wie es ihrer, meiner Widersacher, sondern wie es seiner und meiner würdig ist. Gewiß gehört viel dazu, daß ein solcher Geist unter so großen Erfolgen und so gewaltigen Bewegungen so sich selbst kennen und richten konnte. Jene unglückselige Spaltung, an der auch Luther sein Theil Schuld mit hatte, schien durch die Wittenberger Concordie vom Jahre 1536 endlich beigelegt zu sein. Luther selbst schrieb ja im Jahre 1537 den Schweizern, „daß er die Concordia von Herzen gern sehe, und, Gott gelobt, des Fechtens und Schreiens sei bisher genug gewesen, wo es hätte sollen etwas ausrichten. Die

 

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Zwietracht habe weder ihm, noch Jemandem geholfen, sondern vielen Schaden gethan. Gott verleihe uns zu beiden seinen heiligen Geist, der unsre Herzen zusammenschmelze in christlicher Liebe, allen Schaum und Rost menschlicher und teuflischer Bosheit und allen Verdacht ausfege, zu Lob und Ehr seinem heiligen Namen, zuwider dem Teufel und Papst und allen seinen Anhängern. Doch die Zeit war noch nicht reif für eine solche höhere Einigung. Eine unirte Kirche, als das Werk Gottes zur Bezeichnung einer neuen höheren Entwicklungsstufe, welche, allem Individuellen sein Recht lassend, den gemeinsamen Grund der Einheit in Christo festhält, sollte der Zukunft vorbehalten bleiben. Luther, der bei seinem Tode erst über das 63ste Jahr hinaus war, war durch seine vielen Arbeiten, die mannichfachen Bekümmernisse, die auf ihn einstürmten, und Krankheiten früh gealtert. Diejenigen, welche so leicht in der Umgebung großer Männer sich bilden, die vielmehr dem Buchstaben von dem, was diese wollen, dienen, als dem Geist, ihren Fehlern und Schwächen vielmehr huldigen, als ihren Tugenden, solche Leute hatten sich in jener letzten Zeit Luther angeschlossen, und von diesen ging die Aussaat manchen Unheils aus. So auch benutzten sie Luthers Schwächen, um den Abendmahlsstreit von Neuem anzuregen.

 

Als das Zweite unter dem Trübenden jener letzten Jahre, als etwas noch Betrübteres, betrachten wir die beginnende Spannung zwischen den beiden großen Männern, die von dem Herrn erkoren waren, um mit gemeinsamen Kräften das Werk der Reformation fortzuführen, einander hier gegenseitig zu ergänzen. Zweierlei mußte zusammenkommen, um das Werk der Reformation vorzubereiten, Zweierlei, um sie einzuführen, und Zweierlei, wie wir ein Zeichen der Zukunft daraus nehmen können, gehört dazu, um das, was sie uns verliehen hat, zu erhalten und fortzubilden, das religiöse Element, was aus der Tiefe des Gemüths hervorgeht, und das wissenschaftliche Element, welches der Beseelung durch das religiöse sich hingiebt, eine intellektuelle Entwicklung, welche das in sich aufgenommen hat und von dem beseelt wird, was der Geist Gottes nur in der stillen, heiligen Werkstätte des in sich gesammelten Gemüthes zum Leben fördern kann. Was nun das Letzte betrifft, so war die Vorbereitung der Reformation in dem tiefen christlichen Gemüthsleben des deutschen Volkes, das sein eigenthümliches Wesen einbüßen, das entdeutscht werden muß, wenn es einer einseitigen Verstandesaufklärung sich hingiebt. Das, was man, im Gegensatz gegen den dürren Dogmatismus der späteren Scholastik, mit dem Namen der mystischen Theologie zu bezeichnen pflegt, war die Geburtsstätte der Reformation, wie das religiöse Leben Luthers selbst

 

 

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davon ausgegangen war, und wie er eine, daher entstandene Theologie im Jahre 1516 mit dem Namen einer deutschen und wittenbergischen Theologie bezeichnete. In Beziehung auf das Zweite sagt Luther selbst, daß keine bedeutende Offenbarung des göttlichen Wortes je erfolgt sei, ohne daß vorangegangen wären, wie ein Johannes der Täufer, als Vorbereitung dafür, die wiederauflebenden Wissenschaften und Sprachen. So mußte nun auch in der Reformation selbst zusammenwirken Luthers hinreißende Macht der Begeisterung, das Urkräftige, wahrhaft Prophetische in diesem Manne, was bei keinem der andern Reformatoren etwas Aehnliches findet, womit nichts nach den Aposteln zu vergleichen ist, und die klassische Bildung, die wissenschaftliche Besonnenheit und Klarheit Melanthons. Er war der προφητης zu jenem μαντις. Nie würde Melanthon das geworden sein, was er wurde, ohne den schöpferischen, belebenden Hauch, der von Luthers Begeisterung auf den Jüngling überging, ohne jene heilige Flamme, von der er sich miterwärmt fühlte, wie er sich selbst darüber ausdrückt. Was hätte aus Luthers Paradoxien hervorgehen können ohne die mildernde Besonnenheit Melanthons! Wozu hätte aber auch Melanthons weichere Gemüthsart, seine die Zukunft berechnende Besorgniß sich fortreißen lassen können, wie es bei den Unterhandlungen auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1530 sich zeigt, wenn Luthers sicherer, prophetischer Takt und seine durchgreifende Heldenkraft, seine unerschütterliche Glaubenszuversicht ihm nicht zur Seite gestanden hätte! Wir können nun in Melanthons Verhältniß zu Luther drei Stadien unterscheiden: zuerst wie er als Jüngling von Luthers Begeisterung ganz hingerissen wird, mit kindlicher Liebe und Verehrung ihm anhängt; in der Zeit als Melanthon schrieb: „Ehe möchte ich sterben, als von diesem Manne mich trennen, als er erklärte, den Geist dieses Mannes, der von der Vorsehung zu diesem Werke bestimmt scheine, nicht meistern zu können, und als Luther mitten in der größten Gefahr von Augsburg dem ein und zwanzigjährigen Jüngling schrieb: „zeige dich als Mann, wie du es auch thust und lehre die Jugend das Rechte, ich gehe hin, für sie und für euch mich zu opfern, wenn es Gott gefällt; sodann die Zeit, in welcher die individuelle, selbstständige Entwicklung Melanthons hervortritt, ein Gegensatz lutherischer und melanthonischer Theologie sich schon unterscheiden läßt, aber doch die Geistesgemeinschaft und Freundschaft zwischen beiden dadurch nicht getrübt werden kann; und jene erwähnten letzten Jahre im Leben Luthers, da es schon denen, welche dem Schatten des großen Mannes huldigten, zu gelingen begann, einen Zwiespalt zwischen den beiden großen Männern anzuregen, obgleich Melanthons

 

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weise Geduld und Selbstverläugnung viel trug, um dieses zu hindern, und das große Herz Luthers über seine Schwächen immer wieder siegte.

 

In einer Zeit nun, da solche Zerwürfnisse das Leben Luthers verbitterten, da er dem Ausbruche des Krieges in Deutschland entgegen sah und den Wunsch aussprach, früher abzuscheiden, ehe das Unglück angehe über Deutschland, da erfolgt jener schöne Tod, ein eines solchen christlichen Lebens würdiges Ende. Es waren seine letzten Worte das Bekenntniß von dem, wofür er seit dem Thesenstreite gekämpfet hatte, wie es sich in diesem Gebet ausspricht: „Mein himmlischer Vater, ewiger barmherziger Gott! Du hast wir deinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesum Christum, offenbart; den habe ich gelehrt, den habe ich bekannt, den liebe ich und den ehre ich für meinen Heiland und Erlöser. Und zuletzt: „In deine Hände empfehle ich meinen Geist; du hast mich erlöset, Gott der Wahrheit. Ja, also hat Gott die Welt geliebt! Hier haben wir in den letzten Worten, die der große Glaubenszeuge aussprach, im Begriff von der Welt zu scheiden, das Princip der Reformation, von dem Alles, was sie für alle Zweige menschlicher Entwicklung Großes gewirkt hat, ausgegangen ist und allein ausgehen kann, das Princip, welches kein anderes ist, als Christus, der Grund, auf welchem das ganze Leben der Kirche und aller ihrer einzelnen Glieder ruht.

 

Aber wir hören ja auch von so vielem Andern reden, was von der Reformation ausgegangen sein soll und worin ihr Wesen gesetzt wird, die Befreiung von dem Papstthum, der Hierarchie und jeder äußerlichen Kirchenautorität, die Emancipation des Geistes, die freie Entwicklung der Wissenschaften. Sollen wir denn läugnen, daß alles Dieses mit dem Wesen der Reformation zusammenhängt, oder sollen wir alles Dieses auf jenes eine Grundprincip zurückführen? In der That muß es fern von uns bleiben, auch in allem Diesen den, von der Reformation ausgegangenen ungeheuren Umschwung zu verkennen; aber nur macht alles Dieses noch nicht das Wesen der Reformation aus. Alles Dieses ist noch nicht, was Luther ursprünglich wollte; es sind nur Resultate, welche von dem Principe der Reformation, wie es in seinem innersten Leben sich entwickelte, sobald dieses einmal in die Geschichte eintrat, ausgehen müssen und ausgegangen sind, aber ohne einen von Luther dazu gemachten Plan. Das, was ihn ursprünglich erfüllte, war etwas Anderes und von höherer Art, die Wurzel im göttlichen Leben, aus welcher alle jene schönen Früchte, anziehend auch für Diejenigen, welche die in der Tiefe verborgene Wurzel nicht zu erkennen vermögen,

 

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hervorgegangen sind. Luther war ja ursprünglich fern davon, von dem Papstthum und der Autorität der Kirche abfallen zu wollen; ihm war es nur um den Einen Christus zu thun, in welchem er unter seinen schweren Kämpfen im Kloster zu Erfurt Ruhe und Frieden gefunden hatte, wie Luther selbst unter den Streitigkeiten mit Eck, als er zuerst genöthigt wurde, gegen den Papst aufzutreten im Jahr 1519, an den chursächsischen Hofprediger Spalatin schrieb: „Nie ist es mir in den Sinn gekommen, von dem römischen Stuhle abzufallen. Ich bin zufrieden, daß er Aller Herr genannt werde, auch sei. Was geht das mich an, da ich weiß, daß auch die Gewalt des Türken geehrt und getragen werden muß. Aber das thue ich nach meinem Glauben an Christus, es nicht zu dulden, daß sie sein Wort willkürlich hin und her drehen und schänden. Mögen mir die römischen Gebote das Evangelium rein lassen und alles Andre nehmen: es soll mich wenig kümmern! Aber eben dieser, von ihm verkündete Christus machte ihn selbst und Andre frei von dem Papstthum und stürzte es durch ihn, was keine andre Macht hätte zu wirken vermocht. Es kann auch ohne diesen Christus nichts helfen; denn wer den römischen Papst nicht hat, wird einen andern sich machen, wenn Christus nicht im Innern wohnt und die wahre Freiheit dem Geiste verliehn. Davon zeugt Luther selbst, denn im Jahre 1522, als man während seiner Abwesenheit zu Wittenberg angefangen hatte auf jene negative und zerstörende Weise zu reformiren, viel Lärm und Geschrei zu machen, alles darin zu setzen, daß man auf den Papst und das Papstthum schimpfte, gegen Götzendienst eiferte, Bilder zerstörte, in den Fasten Fleisch aß, da fühlte er sich gedrungen, trotz aller drohenden Gefahr unter der bethörten Menge zu erscheinen, und er sprach, indem er seine Art zu reformiren der ihrigen entgegensetzte: „Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts gethan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philippo und Arnsdorf getrunken habe, also viel gethan, daß das Papstthum also schwach worden ist, daß ihm noch nie kein Fürst oder Kaiser so viel abgebrochen hat. Ich habe nichts gethan, das Wort hat es alles gehandelt und ausgerichtet. Wenn ich hätte wollen mit Gewalt darein fahren, ich wollte Deutschland in großes Blutvergießen gebracht haben, aber was Narrenspiel wäre es gewesen. Was meint ihr wohl, was der Teufel gedenkt, wenn man das Ding will mit Rumor ausrichten? Er sitzt hinter der Hölle und gedenkt: O wie sollen nun die Narren so ein feines Spiel haben; aber dann so geschieht ihm Leid, wenn wir das Wort allein treiben und es allein wirken lassen. Das ist allmächtig und nimmt gefangen die

 

 

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Herzen, und wenn die gefangen sind, so muß das Werk nachher von ihm selbst zerfallen. So ist denn auch die wahre Emancipation des Geistes, aber im Zusammenhange mit jenem positiven Princip der Reformation, von der wahren Freiheit des Geistes ausgegangen. Das, was Paulus in dem Galaterbriefe als das Eigenthümliche des jüdischen Standpunktes bezeichnet, daß der Geist sich befand unter einer Vormundschaft, dieses war ja wiedergekehrt in der äußerlichen Kirchenautorität, dem Priesterthum und Papstthum. Indem Luther Christus als den alleinigen Grund des Heils und den einzigen Meister in das Bewußtsein der Völker wiedereinführte, befreite er dadurch den Geist von aller solcher Vormundschaft, aber nicht um ihn frei zu machen Gott und Christus gegenüber, um ihn zur Selbstvergötterung hinzuführen, sondern damit er in der demüthigen Hingabe an Gott in Christo die wahre Freiheit und Selbstständigkeit finden sollte. So war auch alle Entwicklung der Menschheit in Wissenschaft und Staat jener Vormundschaft unterworfen. Indem Christus, dessen Reich nicht ist von dieser Welt, als der einzige König der Geister wieder dargestellt wurde durch Luther, da war es die Folge davon, obgleich dieses späterhin mit der Trübung des Princips auch wieder zurücktrat, daß alle jene Güter der Menschheit zu der freien Entwicklung gelangen mußten, die ihnen erst Christus erworben hat, welche auch dem Alterthum fremd war, da hier der Staat, als die einzige Form für die Verwirklichung des höchsten Gutes, alles Andre sich unterordnete und in Abhängigkeit von sich erhielt. Aber wie auch hier Alles von dem Einen Princip der Reformation ausgeht, so kann es, wie es dieses Princip verlangt, nur verwirklicht werden, wenn Alles, frei nach seinem eigenthümlichen Wesen und Gesetz sich entwickelnd, von Innen heraus durch den das Leben beherrschenden Geist Christi beseelt und bestimmt wird. Nur das ist die wahre Bildung im Sinne des Mannes, dessen Gedächtniß wir heute feiern!

 

Lassen Sie uns hier noch zuletzt die, zum Verständniß dessen, was Wurzel und Frucht von Luthers Leben und die Bedeutung der von ihm ausgegangenen Reformation war, nicht unwichtigen, merkwürdigen Worte, die er zwei Tage vor seinem Tode niederschrieb, in's Auge fassen. „Den Virgil in den Bukolika kann Keiner recht verstehen, wer nicht fünf Jahre Hirt war, den Virgil in den Georgika kann Keiner recht verstehen, der nicht fünf Jahre Landmann war, den Cicero in seinen Briefen versteht Keiner auf die rechte Weise, wer nicht zwanzig Jahre in einem bedeutenden Staate den Staatsdienst verwaltet hat. So meine Keiner, daß er die heilige Schrift genug erforscht habe, wenn er nicht hundert Jahre mit den Propheten, Johannes dem

 

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Täufer, Christus und den Aposteln die Kirchen regiert hat. Wage dich nicht an diese göttliche Aeneis, sondern dich niederwerfend bete an die Fußstapfen Gottes; wir sind Bettler; hoc est verum! Wir erkennen hier die Theologie der Reformation, welche nicht in dogmatische Formeln gebannt, nur die göttliche Weisheit in der Leitung des Reiches Gottes, in der heiligen Schrift zu erforschen strebte, welche von einer todten Schriftgelehrsamkeit auf den Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Leben hinwies. Aus der Geschichte soll erst das lebendige Verständniß der heiligen Schrift hervorgehen, wie die heilige Schrift den Schlüssel giebt zum rechten Verständniß der Geschichte; Alles nicht todter, abstrakter Begriff, sondern Leben und Erfahrung. Lassen Sie uns damit vergleichen die Art, wie Luther, in der im Frühling des Iahres 1518 zu Heidelberg gehaltenen Disputation, die theologia crucis, welche den in Christo dem Gekreuzigten geoffenbarten Gott zum Gegenstande hat, vergleicht mit der theologia gloriae, welche zu der Majestät des verborgenen Gottes durch die Offenbarung seines unsichtbaren Wesens in der Schöpfung sich zu erheben sucht, wenn er sagt: „Als Philippus vom Standpunkt der theologia gloriae sprach Joh. 14, 8.: zeige uns den Vater, da zog Christus alsdann seine flüchtigen Gedanken, die Gott anderswo suchen wollten, zurück, und er führte sie zu sich selbst hin, indem er sprach: „Wer mich sieht, sieht den Vater; also in Christo dem Gekreuzigten ist die wahre Theologie und Gotteserkenntniß. Die heilige Schrift und Christus der Mittelpunkt der heiligen Schrift, davon geht die Theologie der Reformation aus. Eine andere Theologie als diese würde auch ein, in der Bildungsform des neunzehnten Jahrhunderts verjüngter Luther nicht als die seine anerkennen, aber auch Wohl alle probehaltigen Bildungselemente dieses Jahrhunderts damit in Einklang zu bringen wissen, wie er fern davon war, die Schätze der Wissenschaft, welche ein Melanthon, der alle ächte Bildung seiner Zeit in sich concentrirte, besaß, zu verschmähen.

 

Und Der, welcher mehr als irgend Einer mit Christus die Kirche geleitet hat, schließt sein reiches Leben, im Angesicht der hohen Aufgabe, die hier zu lösen ist, mit dem Bekenntniß: „Wir sind Bettler; hoc est verum! Merkwürdig, wie damit zusammenstimmt, was Melanthon kurz vor seinem Tode auf einen Zettel niederschrieb, indem er, unter den Trostgründen und Hoffnungen bei dem Abschiede aus dem irdischen Dasein, auch dieses besonders hervorhob, daß er werde zur Anschauung Gottes gelangen und ihm gegeben werden die klare Erkenntniß derjenigen Probleme, welche die Dogmatik schon gelöst zu haben meint. So erkennen wir in den Aussprüchen, mit welchen die beiden Reformatoren

 

 

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ihr Leben beschließen, die Demuth in dem Bewußtsein der Unzulänglichkeit alles Menschlichen, welche von dem Wesen der Reformation unzertrennlich ist, die Demuth des Handelns, entgegengesetzt dem Vertrauen auf eigene Kraft und eigene Werke, die Demuth des Wissens, entgegengesetzt dem Alles bestimmen wollenden Dünkel scholastischer Dogmatik. Daran gemahnt zu werden, thut auch uns in unsrer Zeit, um vor ihren blendenden Täuschungen verwahrt zu bleiben, besonders Noth. So wollen wir alle, die wir am Ende, in der Mitte oder in der ersten Blüthe des Lebens stehen mit Luther, dem großen Streiter für das Reich Gottes und seine Wahrheit, in den Kämpfen mit deren alten und neuen Feindin, die das Wort müssen lassen stehn und keinen Dank dafür haben, vertrauen, nicht auf uns selbst, sondern auf den Gott Luthers, der Reformation, den Gott unsers Herrn Jesus Christus, der uns sei eine feste Burg, damit wir fest beharren bis ans Ende, wie Luther, wozu uns Gott seine Gnade verleihen wolle!

 

Und Ihr, jüngern Streiter des Herrn, Ihr vielgeliebten Commilitonen, die Ihr erst im Anfang des Kampfes steht, laßt Euch nicht schrecken durch die Versuchungen, die Ihr schon jetzt erfahren habt und die Euch noch bevorstehen, um den festen Glauben, der Euch ein sicherer Anker werde unter den Wogen und Stürmen dieser vielbewegten Zeit, zu erringen. Schaut hin auf diesen tapferen Vorkämpfer, welcher unter seinen schweren Versuchungen den Glauben gewann, von dem das Werk der Reformation ausgegangen ist. Wenige sind so viel versucht worden, denn bis in sein spätes Alter folgten dem Mann, der mit der Welt von Außen so viel zu kämpfen hatte, auch diese inneren Kämpfe nach, und vermöge solcher Erfahrungen konnte er Andere so herrlich trösten mit dem Troste, mit dem er getröstet worden. Hört, Ihr Theuren, was er Einem, der solche Kämpfe zu bestehen hatte, schreibt: „Glaube mir, du bist nicht der Einzige, den solche Pfeile treffen, blicke Christus an, der in Allem versucht worden, wie wir, so daß er gewiß auch diese deine Versuchung gefühlt hat. Er ist aber in Allem versucht worden, wie wir, damit wir wissen und vertrauen sollen, daß uns durch ihn alle Versuchungen überwunden worden sind, wie er sagt: „Vertrauet auf mich: Ich habe die Welt überwunden. Gott selbst, der Sieger über alle Traurigkeit, Tod und Hölle tröste und bewahre dein Herz durch seinen heiligen Geist. Amen. Bete für mich, der ich auch versucht werde, wie ich für dich Versuchten bete. Zwar sind manche dieser Zeit eigenthümliche Versuchungen, in denen jetzt das Gold des Glaubens geläutert und bewährt wird, von anderer Art, als diejenigen, mit denen man in Luthers Zeit besonders

 

 

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zu kämpfen hatte. Aber es sind dieselben finsteren Mächte, die nur in anderer Gestalt den Kämpfern jener Zeit entgegentraten, dieselben Engel der Finsterniß, die sich verkleideten als Engel des Lichts. Es lebt auch noch derselbe Gott, der seinem Luther war eine feste Burg und der ihn durch alle inneren und äußeren Kämpfe hindurchgeführt zu seinem glorreichen Ende. Und um uns zu ermuntern, daß wir ihm treu nachfolgen unter diesen Kämpfen, dazu wollen wir mit ihm singen seinen geistlichen, glaubensvollen Schlachtgesang:

 

Ein feste Burg ist unser Gott,

Ein gute Wehr und Waffen.

Er hilft uns frei aus aller Noth,

Die uns itzt hat betroffen.

Der alte böse Feind

Mit Ernst ers itzt meint.

Groß Macht und viel List

Sein grausam Rüstung ist,

Auf Erd ist nicht seins Gleichen.

 

Mit unser Macht ist nichts gethan,

Wir sind gar bald verloren:

Es streit für uns der rechte Mann,

Den Gott selbst hat erkoren.

Fragst du, wer der ist?

Er heißt Jesus Christ.

Der Herr Zebaoth,

Und ist kein ander Gott,

Das Feld muß er behalten.

 

Und wenn die Welt voll Teufel wär

Und wollt uns gar verschlingen.

So fürchten wir uns nicht so sehr,

Es soll uns doch gelingen.

Der Fürst dieser Welt,

Wie saur er sich stellt,

Thut er uns doch nicht,

Das macht: er ist gericht,

Ein Wörtlein kann ihn fällen.

 

Das Wort sie sollen lassen stahn

Und keinen Dank dazu haben,

Er ist bei uns wohl auf dem Plan

Mit seinem Geist und Gaben.

Nehmen sie den Leib,

Gut, Ehr, Kind und Weib,

Laß fahren dahin,

Sie habens kein Gewinn,

Das Reich muß uns doch bleiben.

 

Dr. M. Luther

während des Augsburgschen Reichstages 1530.

 

 

Druck von Carl Jahncke, Klosterstraße No. 49.

 

 

 

 

Quelle:

Rede Dr. August Neander's gehalten bei der akademischen Feier des 300 jährigen Todestages Luther's am 18ten Februar 1846.

Hrsg.: Neanderscher Verein zur Unterstützung armer kranker Theologie-Studirender in Berlin.

Berlin, 1846. In Commission bei Justus Albert Wohlgemuth, Neu-Cöln a. W. No. 19.

 

Die Schrift wurde durch das Münchner Digitalisierungszentrum eingescannt und ist dort wie folgt zugänglich:

 

https://reader.digitale-sammlungen.de//de/fs1/object/display/bsb10068285_00005.html

 

Autor / Hrsg.: Neander, Aug. ; Neander, Aug.

Verlagsort: Berlin | Erscheinungsjahr: 1846 | Verlag: Wohlgemuth

Signatur: Biogr. 1279,2

Reihe: Rede Dr. August Neander's gehalten bei der akademischen Feier des 300jährigen Todestages Luther's am 18ten Februar 1846

Permalink: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb1006828

 

 

 

 

F. Nork 1835: Mythen der alten Perser

Bild 1

 

 

Die Geburt des Gottes Mithra

 

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Mythen der alten Perser als Quellen christlicher Glaubenslehren und Ritualien

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Nach den einzelnen Andeutungen der Kirchenväter und mehrerer neuerer Gelehrten zum Erstenmale systematisch dargestellt von F. Nork.

Nil novi sub sole. Prov. Sal.

 

Bild 2

 

Die drei Weisen bringen dem neugebornen Gotte Geschenke

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Leipzig bei Ludwig Schumann 1835.

 

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Mythen der alten Perser als Quellen christlicher Glaubenslehren und Ritualien.

Nach den einzelnen Andeutungen der Kirchenväter und einiger neuern Gelehrten

zum Erstenmale systematisch aneinandergereiht von F. Nork

 

Nil novi sub sole.

 

Prov. Sal.

 

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Leipzig, Verlag von Ludwig Schumann. 1835.

 

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III

 

Vorwort.

 

Welches ist das Interesse, das die Lectüre biographischer Schriften uns einzuflößen vermag? Unmöglich kann unsere Begeisterung für einen großen Dichter, Philosophen oder Gesetzgeber durch eine umständliche Beschreibung seiner Kinderspiele oder durch die getreue Schilderung seiner prosaisch-bürgerlichen Bedrängnisse im reifern Alter u.s. f. noch mehr gesteigert werden; weit gewisser wird durch solche Mittel das Gegentheil bezweckt. Also nur, weil die Lebensbeschreibungen berühmter Männer uns auch die Ursachen vorführen, welche auf die spätere Bedeutsamkeit und auf die günstigere Entwicklung eines Riesentalentes mit einwirken halfen, nur darin ist der Reitz, welchen jene Gattung von Schriften für das Lesepublikum hat, aufzusuchen. Durch sie erfahren wir, das schon der Vater

 

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IV

 

dieses oder jenes berühmt gewordenen Mannes dem Gelehrtenstande angehörte, folglich in uns die Frage entstehen läßt: „Wer weiß, ob der Allgefeierte, dessen Geisteserzeugnisse auf spätere Jahrhunderte noch einwirken werden, nicht in der tiefsten Verborgenheit ein obscures Leben hin vegetirt hätte, wenn sein Erzeuger ein simpler Handwerksmann gewesen wäre, welcher den Geistesfunken seines Sohnes nicht anzufachen verstand?

 

Dieses Gleichnis paßt vollkommen auf die Tendenz der gegenwärtigen Schrift, und die geehrten Leser können füglich nach Beendigung derselben folgenden Schluß ziehen: „Wer weiß, ob das Christentum über alle andern Religionen der Erde einen so entschiedenen Sieg gewonnen haben würde, hätte es nicht so viele seiner Bestandtheile aus der Zoroasterschen Lehre entlehnt, welche schon vor Moses den Völkern gezeigt hatte, das eine Glaubensform auch ohne Idolatrie denkbar sey?“ Allerdings konnte sie, im Vergleiche zu dem viel später, aus ihr und der mosaischen Lehre, hervorgegangenen Christenthume – wie der Verfasser in dem Schlußworte zu der gegenwärtigen Schrift ausführlicher darthun wird – ungeachtet der vielen von den griechischen Historikern und Philosophen

 

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V

 

ihr ertheilten Lobsprüche, sich noch bei weitem nicht jener Reinheit rühmen, welche der Lehre Christi zu dem Ruhme verhalf, in ihrer Trefflichkeit die gewisseste Bürgschaft für eine himmlische Abkunft auffinden zu lassen.

 

Von diesen Betrachtungen entfernt sich der Verfasser nur, um seinen Lesern das Befremden auszudrücken, daß ungeachtet unsrer schreibseligen Zeit noch Niemand früher daran gedacht hatte, die einzelnen hie und da eingestreuten Andeutungen der Theologen und Alterthumsforscher, welche eine fortlaufende Parallele des Parsismus mit dem Christianismus zu bieten vermochten, in systematischem Zusammenhange der Lesewelt zu übergeben? Alle Gelehrte, welche in ihren antiquarischen Untersuchungen diesen Gegenstand berührten, gaben nur gelegenheitlich ihre Verwunderung über so viele in beiden Glaubenslehren sich darbietenden Aehnlichkeiten zu erkennen. Richter und insbesondere Prof. Rhode, weniger schon die von dem Offenbarungsglauben durchdrungenen und also ängstlichern Gelehrten Kleuker (in seiner Uebersetzung des Zend-Avesta) und Seel (Mithra-Geheimnisse der vorchristlichen Zeit, Aarau 1823) verschafften durch den Reichthum der, in ihren Werken, diese Tendenz aussprechenden Fragen dem

 

 

 

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Verfasser Materialien zur Genüge, um ein Gebäude aufzuführen, woran er sich nicht gewagt hätte, wenn die Berufenern und Würdigern mit einem ähnlichen Unternehmen nicht bis auf diesen Tag vergeblich auf sich warten ließen.

 

R.

 

 

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Inhalts - Verzeichniß.

 

 

Seite

 

Vorwort III
Einleitung 1
Rückblick auf die älteste Geschichte der Perser 9
Von den canonischen Schriften der Perser 33

I. Vom Urwesen (Zervane) 48
II. Auch der Parsismus ist eine Religion des Lichts 53
III. Auch die Ormuzdreligion ist eine geoffenbarte 57

IV. Honover (der Logos) 58

V. Ormuzd (Gottes Sohn) 60
VI. Zoroaster, Versuch einer Parallele desselben mit Jesu
als Reformator einer schon bestehenden Religion 68

VII. Mithra (der Mittler) 76
1) Das Geburtsfest des Mithra wird auch am 25sten
Dezember gefeiert. Ist es älter als das Weihnachtsfest?
Beantwortet vom Pater Harduin 76
2) Die Lehre von der Genugthuung Christi war schon
in den Mithra-Mysterien enthalten 81
3) Auch die drei Weisen aus dem Morgenlande 82
4) Auch Mithra heißt: der Mittler 83
5) Auch eine Wassertaufe 87
6) Auch die Firmelung 88
7) Auch die Feier des heil. Abendmahls 88
8) Auch das Geheimnis der Dreifaltigkeit 89
VIII. Von guten und bösen Engeln 91
IX. Schöpfung der Körperwelt, Paradies, Sündenfall 122
X. Vom Weltende, Auferstehung der Todten und jüngsten Gericht 140
XI. Unsterblichkeit der Seele 148
1) Die Lehre von der Präexistenz 148
2) Hölle 149

3) Fegfeuer und Seelenmessen 150
4) Aufenthalt der Seligen 150

 

 

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VIII

 

Seite

 

XII. Parsismus und Katholicismus, eine Parallele 153
1) Anrufen der Heiligen 153
2) Schutzpatrone 153
3) Pater noster 154
4) Kindertaufe und Confirmation 155
5) Form des Gottesdienstes 156
6) Die Messe 157

7) Weihwasser 158
8) Priesterliche Kleidung 158
9) Zehnten 159
XIII. Auch ein Schlüssel zur Apokalypse 159
Schlußwort 168

 

 

 

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1

 

Einleitung.

 

Fast alle civilisirten Völker des Orients hatten dem Lehrsatze der Braminen, das die materielle Schöpfung nur das geringere Abbild einer intelligiblen (unsichtbaren) Welt sei, auch in ihren eigenen Religions-Systemen Eingang verschafft. Wenn nun die fleißigen Forschungen der Physiker sie zu dem Ausspruche ermunterten, das es in der Natur keinen Sprung gebe, sondern nur allmählige Ausbildung ihrer Stoffe bemerkt werde; wenn sie den Einwendungen jener Bibel-Leser, die sich an den Buchstaben halten und daher das plötzliche Entstehen Adams aus einem Erdenkloße annehmen, zu entgegnen wagen, das dies physisch unmöglich sei, indem nur der geringste Theil am Menschen Erde, und er aus verschiedenen Stoffen zusammengesetzt ist; auch erklärend hinzufügen, das alle Erzeugnisse der Productionskraft einen kleinen unmerklichen, daher für uns nicht erkennbaren Anfang haben, weil alle Körper ohne Ausnahme aus den feinsten Theilen der Materie, aus Gasarten zusammengesetzt sind; und selbst das Ei und das Samenkorn schon ein sehr künstlich organisirtes Produkt der Lebenskraft ist, in welchem die künftige Pflanze, das künftige Thier mit dem Vergrößerungsglase schon ziemlich erkannt werden können, warum sollte der Satz, das jede Ausbildung nur allmählig fortschreite, nicht auch in der moralischen Welt so wie in der physischen seine Anwendung finden? Die Geschichte fast aller Völker des Erdbodens lehrt uns, das sie lange Zeiträume im geistigen Entwickelungsprozesse begriffen waren, das der Anfang aller Religionen roher Fetischdienst gewesen, bis ein Konfutsee, Menu,

 

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Zoroaster, Orpheus, Moses u. a. Männer von höherm Geiste und edlerm Herzen sich zu Religionsverbesserern, Staatenstiftern und Bildnern ihrer Zeiten aufgeworfen.

 

Wenn wir dem stufenweisen Aufwärtsschreiten der religiösen Ausbildung der Völker mit aufmerksamen Blicken folgen, so er kennen wir in Zoroasters Religions-System einen verfeinerten Buddhaismus, (der selbst schon eine Veredlung des mehr zum Fetischdienste sich hinneigenden Bramaismus genannt werden konnte,) und in der Folgezeit am Formiren des Christenthums mithelfen sollte, welche Wahrheit umfassend nachzuweisen der Verfasser dieses Werkes sich zur Aufgabe gestellt hat.

 

Zwar werden die Verfechter der Offenbarungslehre an diesem Ausspruche großes Aergernis nehmen, und nicht zugeben, das eine Verwandschaft des Christenthums mit einem heidnischen Religionssysteme geglaubt werde. Hierauf läßt sich entgegnen, das die Offenbarungslehre zuerst auf der Synode zu Ephesus im Jahre 431 dekretirt *) wurde, nachdem die Synode zu Nikäa vom Kaiser Constantin selbst für inspirirt erklärt worden war. Es kann daher keinem redlichen, freimüthigen, unbefangenen Denker einfallen, in unserm Jahrhunderte der Idee von Offenbarung huldigen zu wollen, insofern dieselbe auf eine die Gesetze der Natur, der moralischen und intellectuellen, der Bildung des Verstandes und Herzens beschränkende Weise bewirkt werden soll. Mit Recht fragt Wegscheider daher in seiner Dogmatik: (Vorrede S. 17.) „Jahrhunderte bedarf der Mensch, um in Erkenntnis einer Naturwahrheit sicher zu werden, sollten ihn in der Erkenntnis übersinnlicher Wahrheiten übernatürliche Mittel leiten?“

 

Laßt uns daher auch an eine allmählige, nicht aber eine mittelst Inspiration künstlich übereilte religiöse Vervollkommnung der Völker glauben. Die Reformation der christlichen Kirche durch Luther ist ja ein abermaliger Beweis für die Echtheit der oben aufgestellten Behauptung, das auch in der intellectuellen Welt

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*) Sokr. Hist. Eccles. I. VII. c. 34.

 

 

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3

 

wie in der politischen und physischen kein Stillstand denkbar sei, und das selbst das Christenthum noch einer Umbildung bedurfte. Und selbst Luther empfahl ein Fortschreiten auf dem von ihm bloß bahnbar gemachten Wege!!

 

Das Prädicat „Gottbegeistert“ läßt sich nicht bloß auf die Propheten und Apostel, sondern auch auf andre Männer, welche zur Verbreitung der Humanität mitwirkten, wie Plato, Sokrates, Antonin, Seneca u. s. w. anpassen. „Alle diese Männer“ – sagt Richter *) – „wirkten im höhern oder niedern Grade als Geister einer bessern Welt in Menschengestalt, und was sie thaten, war nicht ihr Werk, sondern Gottes, dessen Willen sie ausrichteten. Daher auch der hohe Glaube, die Freudigkeit, der Muth, die Entschlossenheit, womit ein Sokrates, Huß u. A. ihr Leben für die Wahrheit ihrer Lehre opferten. Denn diese Gemüthsstimmung kann nur aus der innigen Ueberzeugung entspringen, das wir wahrhaft das Gute wollen, das unser Wille ein Abdruck des göttlichen ist. Unter allen aber, welche so als Diener Gottes auf der Erde erschienen, steht am höchsten und reinsten da Jesus von Nazareth, der wahre Anfänger und Vollender eines reinern bessern Glaubens. Ihm kommt im besondern Sinne das große und einzige Verdienst zu, die wahre Religion vom Himmel auf die Erde gerufen zu haben. Er war es, der das, was eigennützige Priester und Magier für sich behielten, und nur wenigen Auserwählten offenbaren zu müssen glaubten **), allen Menschen ohne Unterschied mittheilte, sie aus der Knechtschaft des Aber- und Unglaubens zur wahren Freiheit der Kinder Gottes erhob, und so die Vielgötterei stürzte, statt der verschleiernden Symbole, die für jene Zeit nicht mehr paßten und daher gar nicht mehr verstanden, oder selbst mißverstanden und von entarteten Völkern auf die

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*) Das Christenthum und die ältesten Religionen des Orients S. 324. (Lpz. 1818).
**) Auch die Parsen erkannten einen unkörperlichen anfanglosen Schöpfer der Welt, wie in der Folge gezeigt werden wird.

 

 

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empörendste Weise gemißbraucht wurden, eine Religion des Geistes einführte, die mehr als alle vörangegangenen im Character einer wahren Lichtreligion auftrat, aller Hüllen und symbolischen Räthsel sich entledigte und nicht im äußern Cultus, sondern in thätiger Menschenliebe und strenger Ausübung aller Pflichten die Glückseligkeit und die Vereinigung mit Gott finden lehrte.“

 

Nach dieser kurzen Abschweifung von dem uns vorgesteckten Ziele bemerken wir wiederholt, das eine Verwandtschaft des Christenthums mit den Mythen der alten Perser nicht geläugnet werden könne, und das schon einige Kirchenväter, weil sie besorgten, das die auffallende Aehnlichkeit beider Religionsformen den Skeptizismus der Christen fördern könnte, was sich nicht mehr läugnen ließ, als Einfluß des Teufels (!!) erklären wollten. So erzählt Justinus Martyr: „Brod und Wein wird auch in den Mysterien des Mithra gereicht, worin die bösen Dämonen uns (das heil. Abendmahl) nachahmen; denn zu den Ceremonien des Einzuweihenden gehört auch, das man ihm Brod nebst einem Becher mit Wein giebt, und dabei gewisse Formeln spricht, wie ihr wisset oder doch leicht erfahren könnt *).“

 

In diesem Nachsatze hat der Kirchenlehrer unläugbar seine geistliche Angst verrathen, das ihm um das künftige Wohl der christgläubigen Schäflein bange sei, weil vielleicht eines derselben zu Beobachtungen sich aufgelegt fühlen könnte, was dann auch zu Vergleichungen führen würde, und nach seiner Meinung dem Christenthume nicht durchaus förderlich seyn dürfte.

 

Eine ähnliche Vorkehrung hatte bei ähnlichen Besorgnissen ein anderer Kirchenvater veranstalten zu müssen geglaubt. „Der Teufel“ – meint der ehrliche Tertullian – „ahmt in jenen

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*) ΟπερχαιξντοιςτουΜιϑρου μυδτεριοις παρεδωχαν γενεσαι μιμησαμενοι οί πονηροι δαιμονες ότιγαράρτοςχαιποτηριονύδατος τιδεται ξν ταις του μυουμενου τελεταις, μετ ξπιλογον τινον,ήεπιστασϑε, ήμαϑεινδυνασϑε. (Apol. II.)

 

 

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Mysterien der Götzendiener unsere heiligen Gebräuche in vielen Stücken nach. Auch seine Verehrer und Gläubigen unterziehen sich der Taufe, als Reinigungsmittel zur Abwaschung ihrer Sünden; und wenn ich mich noch erinnere, so zeichnet auch der Teufel in den Mithrageheimnissen die Eingeweihten an der Stirne, läßt ihnen das geweihte Brod reichen, auch dort ist ein Bild der Auferstehung eingeführt u. s. w.“ *).

 

In einem andern Tractate (de Cor. Milit.) kömmt er wie der auf dieses Thema zurück und macht seinem frommen Unwillen in folgenden Worten Luft: „Agnoscamus ingenia Diaboli, idcirco quaedam de divinis (also nicht alles!) adfectantis, ut nos de suorum fide confundet.

 

Wir wollen es auf sich beruhen lassen, ob der Teufel auch hier unmittelbar im Spiele gewesen; dies läßt sich jedoch mit Gewißheit bestreiten, das die Ceremonien in den Mithrageheimnissen bloße Nachahmung des Christenthums gewesen seyn sollten; denn abgesehen davon, das selbst die mosaischen Gesetze eine Copie der heiligen Schriften der alten Perser genannt werden konnten, wie dies Rhode in seinem gelehrten Werke: „Die heilige Sage des Zendvolkes,“ (Frankfurt, Herrmanns Verlag 1820. S. 418 bis 460.) erfolgreich und umständlich nachgewiesen hat, und dessen Beweise hier ebenfalls angeführt worden wären, wenn nicht das Christenthum ausschließlich und allein die Aufmerksamkeit dieser Schrift, ihrer Tendenz gemäß, in Anspruch nähme; so müssen wir die Beschuldigung der beiden Kirchenlehrer schon deshalb als unkräftig und unhaltbar verwerfen, weil es nicht denkbar ist, das zwei Jahrhunderte nach der Stiftung des Christenthums die persischen

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*) A Diabolo – qui ipsas quoque res sacramentorum divinorum in idolorum mysteriis aemulatur. Tingit et ipse quosdam utique credentes et fideles suos: expiationem delictorum de lavacro repromittit, et si adhuc memini Mythrae, signat illic in frontibus milites suos, celebrat et panis oblationem, et imaginem resurrectionis inducit, et sub gladio redimit co ronam (de Praescr. Haeret. p. 103. Ed. Bas. 1521).

 

 

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Priester aus einer erst entstandenen Religion den Grund ihrer Opfer hernehmen sollten? Mußten sich Priester des Mithra nicht vielmehr nach den Römern bequemen, die ihnen eben erst den Zugang vergönnt hatten, und ihren Gottesdienst nachahmen, wenn sie einmal nur nachahmen wollten, als die Gebräuche einer verbannten Religion unter sich aufnehmen? Als Anhänger der Zoroasterschen Lehre thaten sie, was die Parsen in Yezd *) noch jetzt thun, und was ihre Väter im ersten Jahrhunderte des Christenthums thaten. Die Ceremonie mit dem Homsaft, welche Plutarch (de Iside et Osiride) anführt, scheint etwas Aehnliches mit der Einsegnung des heiligen Bechers zu haben, aber auch Melchisedek opfert als Priester des Allerhöchsten und König von Salem (Genes. cap. 14. v. 18) Brod und Wein, nachdem Abraham gesiegt hatte. Wollte jener Kirchenvater consequent bleiben, so hätte er auch Melchisedek, gleichwie die Priester des Mithra, beschuldigen sollen, christliche Gebräuche abgeborgt zu haben!

 

In solche Widersprüche geräth man, wenn man für eine Idee oder Sache allzusehr enthusiasmirt ist. Auch in der heiligsten Angelegenheit des Menschen ist Befangenheit tadelnswerth, und es wird die Sache der Religion nicht gefördert, wenn man im blinden Eifer für sie kämpft. Die Gegner finden dann mehrere Blößen auf, und locken den Sieg auf ihre Seite. Lernt endlich die Vernunft als eine Waffe zur Vertheidigung der Religion und nicht zur Bekämpfung derselben handhaben, und ihr werdet durch den Erfolg die Ueberzeugung gewinnen, das sie auch dem Gläubigen gute Dienste leiste; denn die Vernunft ist uns von Gott gegeben, sie kann daher nicht

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*) Der einzige Ort Persiens, wo sich die Ghebern als die von den Mahomedanern sehr verfolgten und verachteten Bekenner der Zoroasterschen Lehre jetzt noch aufhalten. Auch dort hat die Natur sich toleranter und vorurheilsfreier, als die Menschen bewiesen, denn es lautet in Persien ein Sprichwort: „Schön wie die Weiber von Yezd!“ woraus ersichtlich wird, das die gerühmte Schönheit der Jüdinnen ein Geschenk sei, worein sich die gleichfalls verachtete Religionsparthei der Guebrn mit ihnen getheilt zu haben scheint.

 

 

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zur Vereitlung seiner Zwecke dienen. Sagte doch Luther schon: „Was gegen die Vernunft ist, das ist auch gegen Gott, denn wie sollte das nicht gegen Gott seyn, was gegen die Vernunft ist, da er doch die Vernunft uns geschenkt hat?“

 

Last uns daher wiederholt die Behauptung aussprechen, das die moralische Natur sich aus ihrem Abbild, der physischen, so wie diese aus jener erklären lasse; und wie uns die Naturforscher versichern, das das allmählige Ausbilden der Geschöpfe noch an den Insekten bemerkt werden könne, weil diese Thierklasse noch jetzt einer Menge Verwandlungen unterworfen ist, – denn die erste unterste Stufe ihrer Entstehung ist eine unförmliche Made, ein ungestalteter Wurm, welcher sich in ein Thier mit Füßen, schon eine vollkommnere Stufe, und endlich gar in ein Thier mit Flügeln verwandelt – so erzählen uns die Historiker aller Völker von den ersten Uranfängen des religiösen Cultus der Nationen, welcher in einem fortwährenden Läuterungszustande befindlich, mit jedem Jahrtausende an Veredelung gewinnt. Ohne diese erfreulichen Wahrnehmungen wäre jene geistreiche Hypothese nicht ins Leben gerufen worden, daß, gleichwie der Polype den Uebergang vom Pflanzenreiche zur Thierwelt bildet, so der Mensch (also nicht ausschließlich der Christ!) ungeachtet seiner noch halbthierischen Substanz, doch dessen andere bessere Hälfte in die Geisterwelt hinein rage. Dieser bessere Theil seines Ichs ist aber die Vernunft, welche ihn zum Denken und folglich zur Entwickelung reinerer Begriffe von der Gottheit behülflich ist, die Vernunft ist aber ein Gesammteigenthum der ganzen Menschheit, und nicht ausschließlich einer Religionsparthei vorzugsweise vor den andern gegeben.

 

So wie aber unter den Völkern nur einzelne Weise sich, auch in den aufgeklärtesten Perioden einer Nation, gezeigt haben, und noch zeigen, die selbst, so geringe ihre Anzahl zu allen Zeiten auch war, doch nicht alle eine gleiche Stufe geistiger Vollkommenheit einnehmen, so erblicken wir Jesus von Nazareth vor den großen Männern auch der gebildetsten heidnischen Völker hervorleuchtend; so ragt auch das von ihm geschaffene Werk:

 

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„das Christenthum“ vor dem Parsismus und Buddhaismus glänzend hervor, aus welchen seine Abkunft, auch im gegenwärtigen Zustande der Vollkommenheit, nicht geläugnet werden kann; und es dürfte das Gleichnis „der Christianismus ist der farbenreiche glänzende Schmetterling, welcher seine frühere Hülle als Raupe des Parsismus abgestreift,“ nun weniger gewagt erscheinen. Die Raupe erblickten wir stets kriechend, ihr war noch nicht die Kraft verliehen, sich von der Erde (dem Materialismus *) zu erheben; aber der geflügelte Schmetterling schwingt sich nach Oben. Um unserer Metapher noch größere Vollkommenheit zu geben, deuten wir auf den Manichäismus **) als den Verpuppungszustand hin.

 

Gleichwie nun unsere Rechtsgelehrten es nicht verschmäht haben, einen Theil ihrer Gesetzverfassung von den alten Römern zu borgen, und aus diesem Anlehen auch niemals ein Geheimnis gemacht haben, mögen auch die Herren Gottesgelehrten ihrem Beispiele folgen, und nicht länger mit einem Bekenntnisse zurückhalten, welches überdies nur die Verwandtschaft der Form zum Gegenstande hat; daher die göttliche Abkunft des Christenthums seinem geistigen Gehalte nach durch ein solches Geständnis keineswegs bestritten ist; eben so wenig als der himmlische Ursprung unsrer Seele durch die Erklärung abgeläugnet wird, daß der Leib des Menschen von dessen Eltern abstammt.

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*) Die Perser erweisen auch den rohen Naturkräften eine, jedoch nur scheinbar, göttliche Verehrung, die eher eine mittelbare Anbetung des unkörperlichen Wesens genannt werden dürfte.
**) Eine christliche Secte, die sich kurz nach dem Entstehen des Christenthums bildete, und das Zoroastersche System des Dualismus in die Lehren des Christenthums hinübertrug, daher auch den Zorn der Kirchenhäupter auf sich lenkte, und dadurch ihren Untergang beschleunigte.

 

 

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Rückblick auf die älteste Geschichte der Perser bis zur Thronbesteigung des Cyrus.

 

Soll das hohe Alterthum der Zend-Religion bei den Verfechtern der Offenbahrungslehre Glauben finden, welche, weil sie lieber Zoroasters Lehre aus dem mosaischen Gesetze als dieses aus jener ableiten wollen, daher auch nicht gern dem Parsismus ein höheres Alter als dem Judenthum zugestehen möchten, so muß nachgewiesen werden, das jener Vorrath von historischen Hülfsmitteln zur Kenntnis des ältern Persiens, womit die Griechen und jüdischen Schriftsteller uns beschenkten, den Geschichtsforscher jetzt nicht mehr befriedigen, seitdem die zu Calcutta im Jahre 1784 gestiftete Gesellschaft, (deren Zweck die Erforschung der Alterthümer Asiens und die Untersuchung der literarischen Schätze des Orients gewesen) durch den unermüdlichen Eifer, womit sie ihre Tendenz verfolgte, mehr Licht in die Kindheitsperiode des Menschengeschlechts gebracht hat.

 

William Jones, der Präsident dieser Gesellschaft, hat in seiner am 19. Febr. 1789 gehaltenen sechsten jährlichen Vorlesung *) einige Resultate seines historischen Forschens über den fraglichen Gegenstand zur Benutzung späterer Geschichtschreiber niedergelegt; und wir halten es für zweckmäßig, uns zuweilen auf denselben zu berufen, insofern davon eine größere Klarheit für unsere Beweisgründe zu erwarten ist. Jones verdient in dem gegenwärtigen Falle um so größern Glauben, weil er in Beziehung auf Hindostan das so vielfach erwiesene hohe Alter dieses Urvolkes gegen seine eigene Ueberzeugung bestreitet, bloß um nicht der mosaischen Angabe vom Weltalter widersprechen zu müssen; und aus demselben Grunde die ersten Menschen und

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*) Die Quelle, aus welcher hier geschöpft wird, befindet sich im ersten Bande der Dissertations relating to Asia.

 

 

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das Paradies nach Persien versetzt, um sie von dort aus Colonien nach dem angränzenden Assyrien und den übrigen Ländern verschicken zu lassen, damit ja die mosaische Urkunde stets Recht behalte.

 

„Befremden muß es uns“ – sagt Jones – „daß wir von der alten Geschichte eines so berühmten Reiches wie Persien doch wenig wissen; es lassen sich aber hievon sehr befriedigende Ursachen angeben. Unter diese gehört hauptsächlich der Griechen und Juden oberflächliche Kenntnis von jenem Volke, und daß die persischen Archive oder historischen Schriften großen Theils verloren gegangen sind. Man kann zwar nicht ernstlich behaupten, die griechischen Schriftsteller hätten, vor Xenophon, Persien gar nicht gekannt, und alle ihre Nachrichten davon wären fabelhaft; aber ihre Verbindung mit Persien in Kriegs- und Friedenszeiten hatte sich im allgemeinen nur auf die Gronländer, die unter persischen Lehnfürsten standen, eingeschränkt. Der erste persische Regent, von dessen Leben und Character sie etwas Genaues gewußt zu haben scheinen, war der große Cyrus, welcher von den Persern Ke Khosru genannt wird. Indeß thut die Verschiedenheit des Namens unsern Angaben hier keinen Eintrag, weil man weiß, das die Griechen nicht sehr der Wahrheit ergeben waren, und diese gern dem Wohlklange und der Feinheit ihrer Ohren aufopferten. Wenn diese daher fremde Worte angenehm klingend machen konnten, so bekümmerten sie sich nicht im geringsten darum, ob sie genau ausgedrückt waren oder nicht *). So machten sie wahrscheinlich Kambyses von Kambakhsch, welches bewilligende Wünsche bedeutet, also mehr ein Titel als ein eigentlicher Name ist; ferner Xerxes von Schiruji **) ein Fürst und Krieger in dem Firdusischen Epos „Schach Namah“ (zu deutsch: Geschichte der Könige),

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*) Dieser Vorwurf gilt auch so ziemlich den heutigen Franzosen.
**) Ist der bekannte Siroes, König der letzten Dynastie der Sasaniden. Eigentlich hieß er Kobad. Wiefern die Griechen das Sch der Orientalen oft durch X ausdrücken, konnte aus Schiruji Xerxes entstehen.

 

 

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oder sie konnten es auch von Schir-Sch‘ach gebildet haben, welches gleichfalls ein Titel gewesen seyn kann. Denn die asiatischen Fürsten nehmen zu verschiedenen Perioden ihres Lebens oder bei verschiedenen Gelegenheiten immer neue Titel und Beiwörter an; eine Gewohnheit, die selbst in unserer Zeit noch gebräuchlich ist, und aus der sogar in den biblischen Nachrichten von den babylonischen Ereignissen große Verwirrung entstand. Wirklich haben die Griechen sowohl als die Juden persische Namen nach ihrer eigenen AusSprache gemodelt. Beide Theile scheinen die persische Literatur verachtet zu haben, ohne welche sie sich doch nur eine unvollkommene Kenntnis des Landes erwerben konnten. Was die mit den Juden und Griechen gleichzeitig lebenden Perser betrifft, so müssen sie zwar mit der Geschichte ihrer eigenen Zeit und mit den Traditionen verflossener Zeitalter bekannt gewesen seyn; aber fürs erste betrachteten sie doch den Kajumers *) aus einer gleich anzuführenden Ursache lieber als Stifter ihres Reichs; und dann gingen, fürs zweite, in den vielen Zerrüttungen, welche darauf folgten, z. B. als Darab vom Thron gestürzt wurde, und besonders in der großen Revolution nach der Niederlage des Jesdedsjird **) ihre bürgerlichen Geschichten verloren. Daher kommt es, daß wir von der echten persischen Geschichte vor der Dynastie des Sasan nichts mehr haben, einige rohe Traditionen und Fabeln ausgenommen, wovon man die Materialien zum Schach-Namah hernahm, und die der Vermuthung nach noch in der Pehlwi-Sprache existiren. Die Annalen der Pischdadi ***) oder des assyrischen Stammes sind dunkel und fabelhaft; und die Annalen der Keanier oder der Meder und Perser sind – poetisch. Von den persischen Königen, deren Stammvater Arschak (Arsaces)

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*) Im Zend heist er Geϊehé merete, im Pehlwi aber Gaiomard, d. i. leben der Mensch, weil ihn die Fabel den ersten Menschen nennt.
**) Jazdedschird ????????? der letzte König des persischen Reichs, das sich 636 n. Chr. Geb. endigte.
***) Pischdadi heißen die Könige der ersten Dynastie.

 

 

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war, wissen wir fast nur die Namen; dagegen die Sasaniden so lange mit den römischen und byzantinischen Kaisern zu thun hatten, das man den Zeitraum ihrer Herrschaft das Zeitalter der Geschichte nennen kann. Willkührlich gebrauchte Namen täuschen uns bei einem Versuch den Anfang des assyrischen Reichs zu bestimmen in tausend Fällen. Chronologen haben festgesetzt, das die erste in Persien errichtete Monarchie die assyrische war. Newton fand, daß einige annehmen, sie wäre im ersten Jahrhunderte nach der Sündfluth entstanden; aber er konnte nun, nach seiner eigenen Rechnung, hiebei nicht weiter herabwärts, als bis zum 790sten Jahr v. Chr. kommen. Er verwarf daher einen Theil des alten Systems und behielt nur etwas davon bei. Er nahm an, das die assyrischen Monarchen ohngefähr 200 Jahre nach Salomo zu regieren angefangen, und die Regierung von Iran sey in allen vorhergehenden Zeitaltern in mehrere kleine Staaten getheilt gewesen. Ich muß gestehen, das ich selbst dieser Meinung war; denn ich bekümmerte mich nicht um die übertriebene Chronologie der Ghabern, sondern ich nahm für die Regierung der eilf Pischdadi Könige die natürlich längste Zeit an; es war mir aber nicht möglich, mehr als hundert Jahre zu Newtons Rechnung hinzufügen zu können. Es scheint aber unerklärbar wie Persien – da doch schon Abraham eine ordentlich eingerichtete Monarchie in Egypten fand; da das Königreich Yemen mit Recht auf ein hohes Alter Anspruch macht; da die Chinesen schon im 12. Jahrh. v. Chr. Geb. sich wenigstens der gegenwärtigen Regierungsform für ihre weitläufige Herrschaft genähert hatten; und da wir kaum annehmen können, das die ersten indischen Monarchen nicht wenigstens bereits vor tausend Jahren regiert haben – wie Persien das schönste Land, das am bequemsten und besten zusammenlag, und vor allen andern gesucht zu werden verdiente, so viele Jahrhunderte lang keine ordentliche Verfassung gehabt haben und getheilt gewesen seyn soll?

 

Eine glückliche Entdeckung, die ich zuerst Mir Muhamed Hussein schuldig war, einem der einsichtvollsten Muselmänner Indiens,

 

 

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hat auf einmal die Wolke zerstreut, und mir einen Lichtstrahl über die älteste Geschichte Irans *) und von der Menschenrasse erblicken lassen, woran ich schon lange gezweifelt hatte. Die Sache verhält sich folgendermaßen:

 

Ein mahomedanischer Reisender, ein Eingeborner von Kaschmir, Namens Mohsan, mit dem angenommenen Beinamen Fani (Vergänglich) belegt, schrieb einen interessanten Traktat über zwölf verschiedene Religionen „der Dabistan“ betitelt. Dieser Traktat fängt mit einem sehr wichtigen Kapitel über die Religion des Huscheng an, die nach demselben schon lange der des Zerduscht (Zoroasters) vorherging, zu der sich sogar noch zu des Verfassers Zeiten viele gelehrte Perser heimlich bekannt hätten. Diese sollen nun jetzt sehr seltene Bücher geschrieben haben, die er, Mohsan, gelesen. Aus diesen nun erfuhr er, das schon viele Jahre vor Kajumorts (Kajumers) Thronbesteigung, eine mächtige Monarchie in Iran gegründet gewesen sei, das dieselbe die Mahabadian-Dynastie **) genannt ward, und das viele dieser Fürsten, von denen bloß sieben oder acht im Dabistan und unter ihnen Maha Beli ***) angeführt wäre, ihr Reich zum höchsten irdischen Reiche erhoben hätten. Können wir uns auf dieses Zeugnis verlassen, und mir wenigstens scheint es ganz unverwerflich, so muß die Iransche Monarchie die älteste der Welt gewesen seyn.“

 

Nach Jones hätte also Persien die älteste Staatsverfassung gehabt. Obgleich dieser Meinung auch andere neuere Gelehrte beigetreten sind; und insbesondere Gelpke in seiner Schrift „das Urvolk der Erde“ (Braunschweig, bei Meyer 1820. S. 178 u. ff.)

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*) Iran und Turan sind zwei allgemeine Namen für alle Länder Ober-Asiens, wenn man Indien und China abrechnet. Das eigentliche Iran liegt zwischen den Flüssen Kur und Aras.
**) Zusammensetzung aus Maha (groß) und (einfach) und Bedin (im Gesetze) soll also heißen: Bekenner des Urgesetzes.
***) Maha Beli (großer Herr). Bel ist verwandt und gleich bedeutend mit dem chaldäischen Baal. Maha ist ein Sanskrit-Wort, woraus man das Mag (Magus) des Zend-Dialects herleitet, und die Abkunft des griechischen μεγας sowie des lat. magnus errathen läßt.

 

 

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dieser Hypothese den Sieg zu verschaffen sucht, so sprechen doch allzuviele Zeugnisse, aus der Baukunst und Naturwissenschaft für das noch höhere Alter der Civilisation Indiens *). Wenn man dem von Jones citirten mahomedanischen Autor in seinen weitern Angaben folgt, so gewinnt man vielmehr einen neuen Beweis für Persiens jüngeres Alter, und das es wahrscheinlich von indischen Kolonisten erst bevölkert worden sei; denn wie jener Mohsan versichert, ist der Meinung der einsichtvollsten Perser zu Folge, die sich zur Religion Huschenghs bekannten, der erste Monarch von Iran der obenerwähnte Mahabad gewesen, welcher das Volk in vier Klassen theilte, nämlich in Priester, Krieger, Kaufleute und Dienstleute. – Also nicht nur der indische Name jenes Fürsten, sondern auch die Eintheilung in Kasten, welches ebenfalls an die indische Verfassung erinnert, hilft die Vermuthung, das von indischen Kolonisten die Rede sei, bestärken; und diese wird zur vollständigen Gewißheit, wenn man ferner erfährt, das jener Mahabad seinem Volke ein Buch übergeben, das er vom Himmel erhalten zu haben versicherte, was ebenfalls an den von den Brahminen vorgefabelten Ursprung ihrer Veda’s erinnert. Jenem Buche gibt der muselmännische Autor den arabischen Titel Desátir (Einrichtung, Ordnung), den ursprünglichen Namen hat er nicht gemeldet. Ferner heißt es dort, es wären vierzehn Mahabads in menschlicher Gestalt zur Regierung der Welt erschienen. Da man aber weis, das die Indier (oder Hindu) an vierzehn Menus oder himmlische Personen mit ähnlichen Functionen glauben, wovon die erste ein Buch von Anordnungen oder göttlichen Befehlen hinterließ, daß sie den Veda’s gleich schätzten, und worin ihrem Glauben nach die Sprache der Götter enthalten seyn soll, so können wir kaum zweifeln, das diese Aehnlichkeiten

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*) Siehe meine Schrift: „Die Zeugung der Himmelskörper, deren Wachsthum, Nahrungsweise und Todesarten.“ (Meißen, Gödsche 1835. S. 93. u. ff.)

 

 

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nicht die mahabadische Dynastie, als von Indien abstammend, nachweisen *). Wenn in den Zendschriften Kajumers als der erste Mensch genannt wird, so mag dies aus Achtung der Perser gegen ein Andenken geschehen seyn; oder mochte der erwachende Nationalstolz die Abkunft von einem andern Volke in dem Andenken der spätern Generationen haben verwischen wollen. Wie sehr dies zu vermuthen ist, geht aus Jones Versicherungen hervor, daß die Perser an eine allgemeine Sündfluth vor Kajumers Regierungsantrit glauben.

 

Kleuker bestreitet zwar die Echtheit dieser Sache, weil sich in den eigentlichen ReligionsSchriften der Perser keine Spur davon findet. Allein läßt sich wohl denken, das Zoroaster bei Abfassung derselben, welcher aus begreiflichen Ursachen jede Verwandtschaft mit einem andern Volke gern läugnen mochte, um dem persischen Religions-System den Anstrich der Originalität zu geben, mehr die Gewissenhaftigkeit des Historikers als seine eigenen Absichten vor Augen gehabt haben sollte? Daß schon durch mündliche Tradition die Erinnerung an eine Dynastie vor Kajumers selbst bis auf die spätesten Zeiten sich erhalten konnte, bezeugt schon einigermaßen den Ungrund des Kleukerschen Zweifels; welcher vollends in sein Nichts zerfällt, wenn man aus einer andern orientalischen Quelle erfährt, das der dreizehnte und letzte Nachfolger des Mahabad den Namen Aserabad oder Azarabad **) geführt, aber später dem Thron entsagt und in die Einsamkeit gegangen sei, worauf eine lange Zeit der Anarchie gefolgt, bis mit Kajumers die Dynastie der Peschdadier ***) begann.

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*) Schon die Verwandtschaft des Zend (der UrSprache in Iran, während die später eingewanderten Assyrier das dem chaldäischen verwandte Pehlwi einführen, kann auch die Abstammung aus Indien beweisen.
**) Zusammensetzung von Azer (mächtig, stark), welches an das chaldäische Ozer ????? erinnert und abad, welches letztere Wort schon oben erklärt wurde.

***) Pesch-Dath (??? Gesetz und ??????) Vertheiler, Ausleger der Gerechtigkeit.

 

 

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Von diesem Fürsten vermuthet Jones: „Höchst wahrscheinlich war er von einem andern Stamm als die Mahabadier, die ihm vorangingen; er fing vielleicht die Einführung des neuen Systems des Nationalglaubens an, das Huschengh *) vollendete. Aber diese Reformation war partheiisch, denn indem sie die Vielgötterei ihrer Vorfahren verwarfen, behielten sie die Gesetze des Mahabad mit der abergläubischen Verehrung der Himmelskörper und des Feuers bei. So glichen sie den Hindu- Sekten Saura‘s und Sagnika‘s genannt, wovon die letzte zu Benares sehr zahlreich ist, und wo beständig viele Opferfeuer brennen. Auch zünden die Sagnika‘s daselbst, wenn sie in den Priesterstand treten, mit zwei Stücken von hartem Holz Semi ein Feuer an; dieses lassen sie ihr ganzes Leben hindurch nicht mehr ausgehen, sondern bedienen sich desselben zu ihren Hochzeit- Ceremonien, zu Vollbringung feierlicher Opfer, zur Feier der Obsequien verstorbener Vorfahren, und werden endlich selbst damit verbrannt. Zoroaster behielt diesen merkwürdigen Gebrauch bei, und veränderte die alte Religion insofern, das er noch Engel, Genien hinzufügte, welche über Monate und Tage die Herrschaft hätten; das er ferner die Verehrung des Feuers auch noch durch neue Gebräuche erweiterte; daß er, seinem Vorgeben nach, ein Buch vom Himmel erhalten habe, und was das hauptsächlichste war, daß er die Anbetung eines höchsten Wesens wieder ordentlich einführte.“

 

Im Bun-Dehesch **) liest man nur Fabelhaftes über diesen Monarchen, das nämlich bei dem Tode des Urstiers Kajumers als Stammvater des Menschengeschlechts aus seiner rechten Schulter hervorgegangen sei, während Goscherun, Repräsentant der Thierwelt, seinen Weg aus der linken Schulter des Urstiers genommen habe. Der Feind alles Lebens, welcher Ursache vom Tode des Urstiers gewesen, hatte zwar auch den

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*) Hyde in seiner Hist. rel. vet. Pers. p. 148 schreibt diesen Namen ?????????
**) Eines der canonischen Bücher der Parsen.

 

 

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Entschluß gefaßt, dem Kajumers das Leben zu nehmen, und so das Menschengeschlecht im Keime zu verderben. Der Dew *) Astujad mußte ihn mit noch tausend andern Dews, Kunstmeistern des Todes besitzen, allein er widerstand ihnen, „weil seine Zeit noch nicht gekommen war“ (Z. Av. Band III. S. 65.) d. h., weil nach dem Rathschlusse des Ewigen Ahriman **) ihn noch nicht tödten konnte. Er sagte zu Ahriman: „Du bist gekommen wie ein Feind, aber meine Nachkommen werden thun, was rein ist, verdienstliche Werke und dich zu Boden werfen.“ – Dreißig Jahre widerstand Kajomers, dann erlag er den Angriffen der Dew‘s und starb. Als er nun verschieden war, floß sein Same auf die Erde. Ueber zwei Theile desselben wachte Ized ***) Nerioseng, über einen Theil Sapandomad und das Licht der Sonne reinigte ihn. Nach vierzig Jahren wuchs eine Pflanze aus dem Boden, welche in funfzehn Jahren wie ein Baum in die Höhe wuchs und funfzehn Sprößlinge trieb. Dieser Baum hatte die Gestalt eines Mannes und eines Weibes in ihrer Vereinigung und trug zehn Menschenpaare als Früchte; davon wurden Meschia und Meschiane die Stammeltern des ganzen Menschengeschlechts.

 

In Ferdusi‘s „Schach Nameh“ wird Kajumers ein Sohn des Sam (Schem) und Enkel des Nuh (Noah) genannt; aus welcher Art die Abstammung zu beweisen, sich der Dichter als Mahomedaner (welcher außer dem Koran auch die Autorität der Bibel respectirt) zu erkennen gibt. Demnach stimmt diese Nachricht mit der allgemeinen Sage in Persien, welche den Kajumers in das postdiluvianische Zeitalter setzt, ganz überein; doch erzählt der Dichter weiter:

 

„Alte Sagen berichten in der Pehlwi-Sprache ), daß Kajumers

 

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*) Dew, das deuil der Engländer, Teufel.
**) Oberster der bösen Dämonen.
***) Der Ized der Erde.
) ???????? schon unter der letzten Dynastie, den Sassaniden galt sie nicht mehr als lebende Sprache, und war nur noch den Gelehrten bekannt.

 

 

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der Erste gewesen, welcher auf Erden die königliche Binde sich ums Haupt gewunden. In Tiegerfelle kleidete er sich und die seinen, und stieg von den Höhen herab. Neue Nahrung gab er den Menschen, Kleidung und Speise, dreißig Jahre war er Schach auf Erden. Einen Sohn hatte er, klug und weise wie er, Syamek war er genannt, und der Vater liebte ihn zärtlich. Er hatte außer Ahriman keinen Feind während seiner langen Regierung gehabt. Ein Sohn war eben diesem auf Erden geboren, dem dunkelte der Tag ob der Herrlichkeit des Syamek, und dem Glanze, der von dem Throne des Schach ausging. Und er sammelte ein Heer unreiner Dew‘s, um ihm die Krone zu nehmen. Er verschwieg sein Vorhaben nicht, aber Kajumers hatte keine Ahnung davon, noch wußte er, das außer ihm in der Welt ein anderer Schach sei. Syamek erfuhr die Absicht des Feindes, kleidete sich daher in schützende Felle, denn noch wars nicht erfunden, sich mit Panzern zu wahren, und mit dem Heere zog er den Einbrechenden entgegen. Er kämpfte mit Ahriman's Dew, aber dieser ergriff ihn, zerriß ihn mit Klauen den Leib, daß er starb und das Heer ohne Haupt blieb. Seinen Tod an den Dews zu rächen, hatte sein Sohn Huschengh übernommen. Tieger und Löwen, Wölfe und Leoparden, verstärkten das Heer, womit der Jüngling die Dews zu bekämpfen gedachte. Zwar dem Dew Nesthweh kam nicht Furcht an um diesen drohenden Zug, gegen den Himmel trieb er die Erde hinauf und schärfte die furchtbaren Krallen. Aber seine Dews wurden durch die furchtbaren Thierschaaren in Verwirrung gebracht, Huschengh aber streckte die Faust aus, und machte dem Dew die Erde enge. Er fing ihn, zog ihm die Haut ab, und warf ihm den Kopf unter die Füße.

 

Vierzig Jahre hatte der Himmel Huschengh verliehen, da setzte er sich die königliche Kopfzierde auf, und bestieg in Weisheit und Gerechtigkeit den Thron. Er lehrte die Menschen säen und ernten; jeder verstand nun die Nahrung sich zu bereiten und sein Geräthe. – Eines Tages ging der Schach von seinem Gefolge begleitet in die Gebirge, da kam von fern ein furchtbares Wesen,

 

 

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schwarz von Körper, gräulich von Ansehen, heftig sich bewegend zum Vorschein. Mit Vorsicht betrachtete der weise Huschengh das Ungethüm, er faste einen Stein, und ging zu streiten mit ihm. Mit der ganzen Kraft eines Helden warf er die Masse, und der weltzündende Drache floh vor dem weltsuchenden König. Aber gegen ein Felsstück an schlug der geschwungene stein, und er und das Getroffene sprangen beide in Stücke. Da kam Lichtglanz aus dem dunkeln Steine, des Steines Herz erglänzte hell von Schimmer, davon wurde Feuer sichtbar im Steine, Helle verbreitete von da sich in der Welt, und aus dem Harten brach das Gefunkel hervor. Die Schlange hub sich von dannen und wurde nicht getödtet, aber das Geheimnis des Feuerzeugs *) war gefunden; wer fortan mit Eisen den Stein schlägt, dem wird Glanz aus ihm aussprühen. Der Schach warf sich nun nieder vor Gott, und brachte ihm das Opfer seines Gebets, dafür, daß er ihm das heilige Feuer vergönnt. Aus Dankbarkeit baute er ihm an der Stätte einen Feueraltar. Er sprach, dies Feuer ist eine Gottheit, darum werde es von allen verehrt u. s. w.

 

Also Hoschengh führte, durch den Zufall mit dem Gebrauche des Feuers bekannt gemacht, vielleicht um diese nützliche Entdeckung fester im Gedächtnisse seines Volkes zu erhalten, die Verehrung dieses Elements ein. Durch Urbarmachung des Bodens, Austrocknen der Sümpfe (worunter das Vertreiben der Dews verstanden wird), macht er die des vielen Ungeziefers wegen berüchtigte Provinz Mazanderan bewohnbar, wodurch sich der Card. 29. im Jescht Farwardin (der Feruers) erklärt, wo es lautet: „Ich erhebe den geheiligten Feruer“) der Keime Hoschenghs, welche vertrieben haben die Dews (Prinzipien und Keime des Bösen aus Mazanderan).“ –

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*) Vielleicht anspielend auf die Zend-Religion. Denn ????? Zend die Ursprache des alten Persiens bedeutet zündend, flammend, feurig, tropisch: lebendig, heißt auch, nach Hyde, im Neupersischen Feuerzeug.
**) Seele, auch der Geist eines Verstorbenen.

 

 

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In einer sogenannten Geschichte Hoschenghs (Huschenk-Nameh), die im Neupersischen geschrieben und ins Türkische übersetzt ist, und worin die fabelhaften Expeditionen eben so wundergemischt als ausführlich beschrieben werden, reitet derselbe auf einem zwölffüßigen Thiere, dem Rakscheh, das zu bezähmen, ihm viele Mühe gemacht. Es war die Frucht eines männlichen Krokodills und eines weiblichen Hippopotamus, und fraß nichts als Drachen. Nachdem Hoschengh es bezähmt hatte, gallopirte er auf dessen Rücken in das Land der Menschen mit Fischköpfen, unter welchen sich Herbelot die Ichthyophagen (Fischesser) denkt. Nachdem dieser Fürst lange Zeit Gerechtigkeit gehandhabt, starb er eines gewaltsamen Todes, indem die Riesen vom Gebirge Damavend einen Felsen ihm auf den Kopf geschleudert haben. Ihm folgte sein Sohn Thewuresch in der Regierung, welchen Ferdusi *) den Dewbändiger nennt. Die Dews sollen, von ihm im Kampfe überwunden, zu ihm gesagt haben: „Padi-Schach! tödte uns nicht, und wir wollen dich verborgene Wissenschaft lehren. Da gab er ihnen die verlangte Gewähr, damit sie das Verborgene offenbarten. Und wie sie sich frei fühlten, da theilten sie ihm die Wissenschaft des Schreibens mit, und wohl in dreisig Sprachen eine Schrift, in Rumi und Thasi und Parsi, Therki, Dschini und Pehlwi, Hindi Misri und Berberi. Dreißig Jahre wirkte der Schach auf Erden und viel Denkwürdiges hat er gethan.“

 

Dschemschid (auch Diam-Schid genannt, zu Deutsch: Glanzstrahlend) Neffe des Vorigen und Sohn Viyenghams, theilte zuerst das Volk in Stände ein, den Stamm der Caturian wählte er zu Priestern, ihr Ort war vor dem heiligen Feuer und das Gebet ihr Geschäft. Benesarier aber nannte er die Löwen der Schlacht – singt Firdusi – „die Ehre des Reiches, die Schützer der Grenzen, die Säulen des Throns. Ein dritter Haufen Sebaisa begann zu pflügen,

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*) Die von diesem Dichter hier mitgetheilten Auszüge sind der deutschen Uebesetzung von Görres (Berlin 1820) entlehnt.

 

 

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zu säen und ernten. Frei von drängender Leibesnoth, sorglos um Nahrung, erreichte die Verläumdung sie nicht, ihr Ohr zerreist kein Vorwurf. Das Geschäft der Anucheschi (Anukhuschi) ist die Künste zu üben, sie eilen immer voller Gedanken, ohne Unterlaß thätig, sind sie ewiglich von Sorgen befangen.“

 

Auch soll dieser Fürst Kleider bereiten gelehrt haben für Pracht, und andere für den Krieg, nähen, sticken und weben auf dem Stuhle und – Palläste bauen. „Bei der letztern Arbeit – fügt die Tradition hinzu – haben ihm jedoch die Dews behülflich seyn müssen. Aus dem Vendidad *) erfährt man sogar, das unter der patriarchalischen Regierung dieses Fürsten „die Weiber noch nicht ihren Zeiten unterlagen, wo durch Ahriman das Menschengeschlecht geschlagen hat.“ Ueberhaupt war damals das goldene Zeitalter, „es gab keine Bettler und Betrüger und die Jugend war bescheiden und – wohlgenährt.“ In der Folge zog Dschemschid mit seinem Volke aus den rohen Hochlanden in den freundlichern Süden hinab, und baute die Burg Ver, welche er mit Mauern und Gräben umzog, legte Straßen und Brücken an u. s. w., auch verdankt man ihm die Eintheilung des Jahrs und manche andere nützliche Erfindungen. So wäre Alles in Ewigkeit vortrefflich geblieben, denn Dschemschid war, wie die Zendschriften berichten, „der Vater der Völker, der Glänzendste der Sterblichen, deren Geburt je die Sonne sah. Unter diesen Fürsten starben die Thiere nicht, an Fruchtbäumen und Geschöpfen der Nahrung war nicht Mangel. Es war nicht Hitze, nicht Frost, nicht Alter, nicht Tod, nicht zügellose Leidenschaft, Schöpfungen der Dews. Die Menschen waren jugendlich (nur funfzehnjährig) an Munterkeit und Glanz; und Kinder wuchsen auf, so lange Dschemschid der Völker Vater war. Aber das Glück machte sein Herz übermüthig, er berief die Großen des Reiches und sprach: Außer mir kenne ich nichts auf Erden. Verstand kam durch mich. Ich habe den Tod von der Erde gebannt. Da ihr denn wißt,

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*) Eines der canonischen Bücher der Parsen.

 

 

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das ich solches vollbracht, müßt ihr den Weltschöpfer mich nennen.“ So erklärt Ferdusi die Ursache seines spätern Unglücks, den Verlust seines Reiches durch den assyrischen Eroberer Zohak u. ff. – Die Zendschriften lassen sich über die Aufführung Dschemschids in seinen letzten Regierungsjahren nicht günstiger vernehmen, denn es heißt dort: „Obgleich wie das Gesetz sagt, Dschemschid schon eine Gattin hatte, vermählte er sich doch noch mit der Schwester eines Dew; und seine leibliche Schwester verband er mit jenem Dew. Hieraus entstanden die Waldmenschen mit dem Schwanze und die Sünder (d. i. Menschen, die durch ihre Farbe zeigen, daß sie einen schändlichen Ursprung haben), denn es heißt: der Dew gab dem leidenschaftlichen König eine Unterirdische; er verband einen Dew mit der Tochter eines Menschen, die schön wie die Feris *) war. Sie verbanden sich und durch diese Vermischung entstanden die Gottlosen, die Neger, die Araber der Wüste.“

 

So sehr die Geschichte auch dieses Fürsten von Fabeln durchwirkt ist, so haben sich doch noch zwei Zeugnisse seines Wirkens bis auf die neueste Zeit erhalten, denn so wie die christlichen Völker noch jetzt den Anfang des Jahrs nach der Weise der alten Römer beginnen, und auch die Namen der Monate von ihnen entlehnten, ebenso feiern die heutigen Perser noch das von Dschemschid eingesetzte Nuruz oder Neujahrsfest am 21. März; und noch jetzt zeigt dieses Volk den Reisenden den von Dschemschid erbauten Pallast, von ihnen Tacht (Thron) Gamschids genannt. Sie heißen ihn aber auch Tschechel-Minar, das ist, die vierzig Säulen. Diese letztere Benennung leitet Niebuhr daher, das die Mahomedaner bei ihrem Einfall in Persien daselbst vielleicht noch vierzig Säulen aufrecht fanden, statt daß jetzt nur noch neunzehn stehen und zwar innerhalb der Ringmauer, dazu eine auf der südwestlichen Ecke auf einer Ebene und noch zwei zu Istakr, anderthalb Meilen weiter. In Ansehung der merkwürdigen

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*) Hiervon leitet man die Feen der Araber ab.

 

 

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Skulpturen, die sich daselbst finden, als auch der so verschiedenen InSchriften verdienen die Beschreibungen Kämpfers, Chardins und Niebuhrs gelesen zu werden. – Ungeachtet dieser deutlichen Beweise für die historische Existenz Dschemschids will Herder in dem hochberühmten Erbauer von Ver (welches nach der Meinung vieler Gelehrten das einstige Persepolis), nicht den patriarchalischen Monarchen Irans, sondern nur eine Hieroglyphe des Sonnenjahrs erkennen *)! !

 

Auch Dschemschids Ueberwinder und Usurpator von Iran, der Tazier Fürst Zohak hat den persischen Fabeldichtern älterer und neuerer Zeit manchen Stoff zur Verarbeitung bieten müssen; allein er ist bei ihnen weniger gut weggekommen als sein Vorgänger. Sie lassen den Teufel sich als Koch bei ihm vermiethen, welcher einst ihn auf beide Achseln küßte, und nun wuchs aus jeder ein Schlangenkopf hervor, der mit Menschengehirn gefüttert werden mußte. Dieser Zohak, der nun freilich 3 Münde und 6 Augen hatte – wobei man aber noch nicht einsieht, wie er die drei Gürtel getragen habe – griff den von Ormuzd **) abgefallnen Dschemschid an (die Zendschriften erzählen jedoch nichts davon), verjagte ihn, tödtete ihn und beherrschte Persien tausend Jahre. Nun stand Feridun auf, besiegte und fesselte ihn am Gebirge Damawand, wo er bis zum Ende der Welt liegt.

 

Rhode ist es, dem wir eine treffliche Auslegung des versteckten Sinnes, der in diesem Mährchen zu Grunde liegt, verdanken, und verdient diese Stelle in seinem schätzbaren Werke: „die heilige Sage des Zendvolkes“ (Frankf. Herrmanns Verlag 1820) von jedem Geschichtsfreunde und Alterthumsforscher nachgelesen zu werden.

 

Zohak mit drei Münden, sechs Augen, drei Gürteln, tausend Kräften u. s. w..“ – bemerkt der von uns angeführte Autor auf S. 147. seines Buches – „ ist offenbar nichts als

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*) S. Persepolitanische Briefe.
**) Das gute Prinzip.

 

 

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Symbol der Brahmanenlehre, die Abbildung der indischen Trimurti (Dreieinigkeit), wie sie in den alten Felsentempeln zu Elephanta jetzt noch zu sehen ist. Ja selbst die Idee der beiden Schlangenköpfe, die der Fabel nach auf Zohaks Schultern standen, kann von jenen indischen Abbildungen entlehnt seyn. Mit Recht bemerkt Heeren, daß in den ältesten Zeiten im nördlichen Indien und gegen den Indus hin vorzüglich Schiwen *) verehrt seyn müsse, welches die Bildwerke beim Niebuhr außer Zweifel setzen. Nun sind Schlangen das allgemeine Symbol des Schiwen und auf der unten angeführten Platte beim Niebuhr, hält der Gott in jeder Hand eine Schlange gegen die Schultern empor, so das sein Kopf zwischen zwei Schlangenköpfen steht, gerade wie die Fabel von Zohak sagt. - Die drei Gürtel bekommen durch diese Deutung gleichfalls einen Sinn. Sie sind entweder die Gürtel, wie sie jede indische Gottheit, wie jeder Brahmin trägt, oder sie bezeichnen die drei Gürtel, welche Schiwen allein trägt, wobei man das Bild dieses Gottes dann für die Abbildung der Trimurti überhaupt genommen hätte. Schiwen trägt außer dem allgemeinen Gürtel noch einen zweiten aus Todtenköpfen zusammengesetzt, über die Schultern (Zohaks Schlangenhäupter nähren sich nur von Menschenhirn) und einen dritten um den Leib, der ihm auch nackt nie fehlt **). Zohak der Tazier scheint auf seinem Zug in das Land des Zendvolkes die Lehre des Brahma‘s, die Verehrung der dreihäuptigen Gottheit verbreitet zu haben; Feridun schlug ihn, wehrte der weitern Verbreitung derselben, fesselte dies Bild Zohaks, doch bleibt er lebendig bis ans Ende der Welt; nämlich in der Verehrung Brahma‘s.“

 

„Aber auch die schwierige Frage läßt sich auflösen“ – meint Rhode – „woher es komme, daß die Zeit der assyrischen Herrschaft in der persischen Geschichte als eine völlige Lücke erscheine, (welche ja die Fabulisten durch die Angabe einer tausendjährigen

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*) Das vernichtende Princip in der indischen Trimurti.
**) Niebuhrs Reise, Thl. II.

 

 

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Regierung Zohaks auszufüllen glauben). Eigene historische Werke mögen die alten Perser wohl nicht gehabt haben. Ihre Geschichte lag in den Tagebüchern und Annalen ihrer Könige, von welchen uns überall nichts übrig geblieben ist, als was aus denselben in die heiligen Bücher überging. Aber der Kanon dieser Bücher wurde schon vor oder wenigstens mit dieser Eroberung geschlossen, und so das einzige Mittel abgeschnitten, wodurch uns Nachrichten hätten zufließen können *). Die ältesten Annalen gingen wahrscheinlich schon bei der Eroberung durch die Assyrer verloren; was aus den jüngern sich erhalten hat, finden wir in den aus Ktesias geschöpften Nachrichten (die uns den Verlust jener Ouellen um so mehr bedauern lassen, da wir durch nähere Bekanntschaft mit dem alten Morgenlande diese Nachrichten immer mehr schätzen lernen) und im Herodot; die Annalen selbst scheinen in dem Brande von Persepolis, oder überhaupt bei dem Zuge Alexanders verloren gegangen zu seyn. Die neuern Perser fanden von ihrer frühern Geschichte nun nichts, als was in den Zendbüchern enthalten ist, und was von jüngern Zeiten in Sagen sich erhalten, oder aus fremden Schriftstellern wieder zu ihnen herüber kam. Hier sind vorzüglich die Nachrichten der Hebräer wichtig, die ihnen obwohl in der Umwandlung durch die Araber mit dem Islam zukamen, und von ihnen wie von den Christen als Grundlage aller alten Geschichte betrachtet wurden. Selbst der Inhalt der Zendbücher – deren Sprache man nicht mehr verstand – gestaltete sich als Sage, und so bildete sich das unzusammenhängende Gemisch von Geschichte, Sage und Fabel, was in den neupersischen Gedichten und Schriften zu finden ist.“

 

„Vergleicht man nun die Nachrichten der Zendbücher mit denen der Griechen, so reihen sie sich so natürlich an einander, und bilden eine so zusammenhängende Geschichte, das hier in

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*) Die neuern Gebete und einige Bruchstücke des Bundehesch, welche von den heutigen Parsen als zu den heiligen Büchern gehörig betrachtet werden, heben die Behauptung von der frühern Schliesung des Kanons noch nicht auf.

 

 

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der That mehr als Zufall, daß innere Wahrheit den erzählten Begebenheiten zu Grunde zu liegen scheint. Alles zusammen genommen läßt die Geschichte des Volks sich in folgende Hauptpunkte zusammenfassen.

 

1) Feridun der letzte der Pischdadier-Dynastie hatte mehrere Kinder, sie wurden uneins, und das große Reich zerfiel in zwei Reiche, welche durch den Oxus von einander getrennt wurden; in Tur (Turan), vom ältesten Sohn Feriduns so genannt, welches jenseits dieses Flusses lag, und Iran, welches diesseits gelegen war. Anfänglich scheint Turan das mächtigere Reich gewesen zu seyn, und Iran in Abhängigkeit erhalten zu haben. Nach einer jüngern Pehlwischrift ermordete Tur seinen Bruder Irets, der in Iran herrschte und alle seine Söhne; allein eine Tochter war entkommen; von ihr stammte Minotpher her, ein berühmter Held unter den Pischdadiern, welcher den Tur schlug, und das Reich Iran wieder herstellte *). Beide Reiche bestanden nun neben einander, aber in beständigen Fehden begriffen, wovon unzählige Anspielungen in den Zendschriften vorkommen.

 

2) Gleich nach Minotpher tritt in Iran mit Ke-Kobad die Dynastie der Keanier auf, ohne das sich aus den Zendschriften bestimmen läßt, wie sie auf die Pischdadier folgen. Vielleicht stammen sie von Minotpher, also nur in weiblicher Linie von Dschemschid ab; vielleicht liegt der ganze Unterschied nur in dem Titel Ke (König), welchen von Kobad an alle Beherrscher Irans führen. Unter Ke-Gustasp (Vestasp) dem fünften Kean lebte Zoroaster, und theils mit, theils nach ihm die übrigen Verfasser der Zendschriften **).“

 

„Nun enden die Nachrichten dieser Bücher, und die Nachrichten der Griechen schließen sich daran. Es vereinigt

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*) Zend- Avesta v. Kleuker Thl. II. p. 199. 202. 205.
**) Rhode konnte diese Angabe nicht mit Bestimmtheit ausgesprochen haben, denn er widerruft schon S. 157: Das eigentliche Zeitalter Zoroasters läßt sich nur negativ bestimmen, dies heißt ja soviel als: Hoc scimus: nil scire!

 

 

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3) Ninus die Völker – welche vielleicht vom Caucasus herkamen – am Tigris, erbaut Ninive und stiftet einen erobernden Staat. Das ganze Vorderasien, endlich das große Zendreich ward unterjocht. Jedoch kostete dies große Anstrengungen; die Assyrer fanden in Baktrien einen eingerichteten Staat, tapfere Heere, und eine befestigte Hauptstadt Balkh oder Baktra. Da diese endlich fiel, war die Beute an Gold und Silber sehr groß. So wie die Zendbücher das Volk schildern, mußte es bald zu der Stufe von Macht und Bildung emporsteigen, auf welcher die Assyrer es fanden.

 

4) Die Eroberer theilten das große Reich in drei Provinzen, Baktrien, Persien und Medien; jede bekam ihren besondern Statthalter oder Satrapen, der sie unabhängig von den andern regierte. Nach Ktesias dauerte dieser Zustand der Theilung eintausend dreihundert, nach Herodot fünfhundert und zwanzig Jahre (Herod. I. 95.) immer lange genug eine Trennung in verschiedene Völker, die wahrscheinlich durch verschiedene Dialecte vorbereitet war, zu vollenden; schon physisch sind diese drei Theile durch bedeutende Bergketten von einander getrennt.

 

5) Die Bewohner dieser drei Provinzen warfen das assyrische Joch wieder ab, und erkämpften ihre Unabhängigkeit zurück.

 

6) Die Baktrier und Meder schmolzen bei dieser Revolution wieder in ein Volk zusammen. Der neue Beherrscher war ein Meder, und die Residenz wurde nach Ekbatana verlegt; eine Maßregel, welche die Lage des Staats wohl nothwendig machte.

 

6) Die Perser trennten sich von den übrigen, um, wie es scheint, einen Staat für sich zu bilden, wurden aber bald von den medischen Königen bezwungen.

 

7) Durch Kyros (Cyrus) wurden die Perser das herrschende Volk, und von nun an ist die Geschichte zusammenhängend.“

 

Wir dürfen, um das Zeitalter, in welchem Zoroaster mit seiner Lehre auftrat, bestimmter ermitteln zu können, nicht unterlassen Hrn. Rhode durch die labyrinthartigen Windungen der Urgeschichte Persiens zu folgen; denn obgleich er, im Vergleiche aller frühern Geschichtsforscher,

 

 

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zu seinem Ziele zu gelangen, eben nicht den kürzesten Weg eingeschlagen hat, so war es doch räthlicher, uns seiner Führung zu überlassen, wenn wir aus dem undurchdringlichen Dunkel, welches Zoroasters Zeitalter umnachtet, endlich einen Ausweg finden wollten.

 

Auf die Frage: Wann lebte Zoroaster? geben die Historiker der Alten wie der Neuern die abweichendsten Antworten, und je verschiedener diese ihre Angaben lauten, desto weniger können sie auf Glaubwürdigkeit gerechte Ansprüche machen.

 

Nach Plinius setzte Eudoxus den Zoroaster 6000 Jahre vor den Tod des Plato, also 6348 Jahre vor der christl. Zeitrechnung; Hermondor der Platoniker und Hermipp vor den trojanischen Krieg, also 6209 vor unserer Zeit rechnung *), Diogenes Laertius läßt ihn 600 Jahre vor dem Feldzuge des Xerres, also 1080 Jahre vor unserer Zeitrechnung leben. Suidas setzt ihn 500 Jahre vor den trojanischen Krieg, also 1709 Jahr vor Christus **). Bailly bringt für Zoroaster das Jahr 2459 vor Chr. Geb. heraus ***). Hyde setzt ihn unter die Regierung des Darius Hystasp. Dieser letztern Meinung treten Anquetil du Perron, Kleuker, Herder und Johannes Müller (in seiner Vorrede zu Herders Denkmalen der Vorwelt) bei. Foucher versteht unter Ke-Gustasp, dem Zoroaster sein Gesetz überreicht, Kyaxares den Ersten und widerlegt die Meinung, das Ke-Gustasp und Darius Hystasp Eine Person sey mit treffen den Gründen ). Tychsen und Heeren geben dieser Behauptung ihren Beifall. Letzterer zeigt, daß es alle historische Probabilität läugnen heiße, wenn man Zoroaster zum Zeitgenossen des Darius Hystasp macht, und will unter Ke-Gustasp Niemand andern als Kyaxares I.

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*) Plin. hist. nat. L. XXX. 1.

**) Unter den Wörtern Astronomia und Zoroaster.

***) Z. Av. B. II. s. 327.

†) Anh. zum Z. Av. v. Kleuker B. II. S. 65.

 

 

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verstehen *). Rhode fragt hier, wie ist die ganze Ansicht des geselligen Lebens, das man in den durch die Zendbücher aufbewahrten Schilderungen findet, mit den Nachrichten, welche wir von Kyaxares I. haben, und seinem Zeitalter, so wie wir es durch die Griechen kennen, in Uebereinstimmung zu bringen? Die Gründe, womit dieser scharfsinnige Geschichtsforscher selbst die Aussprüche eines Heeren zu bekämpfen sucht sind folgende:

 

1) wird auf den Umstand aufmerksam gemacht, das in den Zendschriften die Namen Meder, Perser gar nicht vorkommen. Wenn auch zuweilen Provinzen erwähnt werden, wie im ersten Fargard des Vendidad, so ist doch keine darunter, auf welche irgend das Verhältnis angewendet werden könnte, welches zwischen Medien und Persis statt fand. Wie wollte man dies Stillschweigen erklären, wenn Zoroaster unter Kyaxares auftrat, wo Meder und Perser in dem Verhältnisse eines herrschenden Volkes und eines Beherrschten gegen einander standen? Das Volk unter dem die Verfasser der Zendbücher **) lebten war eins, es waren Arier.

 

2) Die Zendschriften sind überall mit Zügen aus der frühern Geschichte des Volkes, unter welchem die Verf. lebten, angefüllt. Diese Erzählungen haben immer einen religiösen Zweck. Warum daher ein Stillschweigen von der großen Nationalbegebenheit, die unter Kyaxares I. noch in frischem Andenken seyn mußte, die Abschüttelung des assyrischen Joches? Ormuzd, dem für alle Wohlthaten gedankt wird, hätten die Verf. gewiß auch für dieses wichtige Ereignis gepriesen.

 

3) Die Verf. der Zendschriften lebten offenbar in einer Periode, wo man keine andere Art des Reichthums kannte als Viehheerden und Kleider. Auf diese Zeit paßt Strabo‘s (Geogr. XI. p. 517. Ed. Cas.) Nachricht vom Nomadenleben der alten Baktrier. Damals wird der Reichthum eines Mannes nur

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*) Ideen B. I. S. 502.
**) Nur den Vendidad hält Rhode ausschließlich für Zor. Werk.

 

 

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nach der Zahl der Heerden, nach der Menge des Wildes auf seinen Gefilden geschätzt. so verspricht Ormuzd im Vendidad: „Diene mit Ehrfurcht dem Reinen und Heiligen, und ich will dir schenken tausend Kameele mit breiter Brust *).“

4) Auch die religiösen Gesetze jener Zeit, die alle im Vendidad enthalten, sprechen für die hier aufgestellte Behauptung. Nirgend ist daselbst eine Anspielung auf Verhältnisse, die jede höhere Kulturstufe nothwendig macht. Auch der Eid, der Gebrauch der Schrift im geselligen Leben scheint dem Gesetzgeber noch unbekannt zu seyn. Die Aerzte werden auf folgende Art bezahlt. Der geheilte Hausvater giebt ein kleines Thier, der Vorsteher einer Stadt ein großes Thier, das Haupt einer Provinz viermal so viel. Heilt er die Frauen der genannten Personen, so steigt seine Belohnung von einem Esel bis zum Kameel, für ein geheiltes Thier sinkt nach der Wichtigkeit desselben das Honorar bis auf ein Stück Fleisch herab. Priester bezahlen bloß mit Gebeten. Die ersten drei Kranken dürfen keine Ormuzdiener seyn. Sterben sie, wird dem Arzte die Praxis untersagt. Liest man den Diodor **), so findet man (unter Kyaxares) die Einwohner schon reich an Gold und Silber. Können also Zoroasters Lehren für ihre Verhältnisse anpassend gewesen seyn?

 

5) Es kommen ferner in den Zendbüchern häufige Anspielungen auf die Verhältnisse des Staats zu seinen Nachbarn und Nachrichten von Schlachten vor. Aber nur von den Turaniern gegen den Norden und von den Indiern über den Indus hin ist die Rede, nirgend aber wird des viel nähern mächtigern Ninive noch des weltberühmten Babylons gedacht. Wie war diese Uebergehung möglich, wenn jene Städte und Reiche schon vorhanden waren? Kann man sich bei der Beschaffenheit der Zendbücher, welche bei jeder Gelegenheit die Religion durch die Geschichte des Volkes zu unterstützen suchen, und dennoch

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*) Vendidad Farg. XXII. Z. Av. B. II. p. 385.
**) L. II. VII.

 

 

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die Trennung des Volkes in Meder und Perser, die Vernichtung des baktrischen Reichs durch die Assyrer, die damit verbundene Unterjochung des ganzen Volks, die Abschüttlung dieses Jochs und die Wiederherstellung der Freiheit, die Theilung in medische und persische Reiche, der Kampf Beider und die Gründung der eigentlichen Perserherrschaft schweigend übergehen; kann man sich dabei etwas anders denken, als das die Verf. der Zendbücher im alten baktrischen Reiche lebten, und die Geschichte ihres Volks erzählen, ehe es von den Persern unterjocht wurde? Hiermit stimmen auch die Nachrichten des Ktesias und Herodot von ihnen überein.

 

Vergleicht man nun die Nachrichten der Zendbücher mit denen der Griechen, so bilden sie eine zusammenhängende Geschichte, und es erhellt aus ihnen, das Zoroaster als Verf. eines großen Theils der Zendbücher mindestens sechs hundert Jahre vor Moses gelebt haben müsse. Was widerspricht auch dem hohen Alter der Zendbücher? Sie zeigen, den Geist des höchsten Alterthums athmend, den Gang der frühesten Entwicklung des menschlichen Geistes, und geben die deutlichsten Aufschlüsse über die Bildung mancher alten Religionsbegriffe, worüber uns selbst Moses im Dunkeln läßt *).

 

Eine solche Annahme ist allerdings etwas geeignet die Originalität des Inhalts der mosaischen Schriften zu verdächtigen. Diese Besorgnis scheint sich nicht nur eines Kleuker **),

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*) Was in der Folge dieser Schrift im Kap. von der Schöpfungsgeschichte nachgewiesen werden soll.

*) Dieser Schriftsteller, dem theologischen Publikum als eifriger Apologete des Christenthums durch zwei bei Hartknoch in Riga 1787 und 1794 verlegte und in dieses Fach schlagende Schriften genügend bekannt, hat die Festigkeit seiner religiösen Gesinnungen bei jeder Gelegenheit zu erkennen gegeben. So begleitet er in seinen Zusätzen zur deutschen Uebertragung der „Alterthümer Asiens“ (Riga, Hartknoch 1795 B. I. S. 168) die von W. Jones ausgesprochene Erklärung, daß er ,,die Wahrheiten der mosaischen Urkunde nicht bezweifeln könne, weil diese vom Heiland selbst für echt erklärt worden sey“ mit dem ironischen Ausrufe: ,,Aus diesen und ähnlichen Aeußerungen unseres Verf. sieht man, daß derselbe mit den theologischen Aufklärungen in Deutschland nicht gleiche Schritte gemacht hat.“ Eben so in einer spätern Stelle desselben Aufsatzes, wo Jones die Mahomedaner heterodoxe Christen nennt, „weil sie schon Locke Christen titulirte, indem sie ja an die unbefleckte Empfängnis und die Wunderwerke des Messias glauben, und nur darin heterodor sind, daß sie seinen Character als Sohn und Gleichheit als Gott mit dem Vater heftig bestreiten“ macht sich der deutsche Glossator mit einem frommen Seufzer Luft: Wie die Sachen jetzt in Deutschland stehen, würden jene Muselmänner zu den hyper-orthodoxesten Christen gehören.“ (S. 247 der „asiat. Alterth.“ 1. B.)

 

 

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sondern auch Herders bemächtigt zu haben, welcher Letztere ja stets seine geistliche Würde, die eines General-Superintendenten im Auge behalten mußte. So ist es begreiflicher, wie diese beiden Gelehrten der Meinung des Anquetil du Perron, daß Zoroasters Geburtsjahr nicht früher als 589 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung anzusetzen sey, so bereitwillig beitreten konnten, ohne vorher sich selbst zu fragen: Hat jener Franzose diese Angabe aus inniger Ueberzeugung niedergeschrieben? Sollte nicht die zur Zeit dieses Schriftstellers noch ganz in den Händen der Jesuiten befindliche Censur in Frankreich, das Bekenntnis aller jener historischen Wahrheiten unterdrückt haben, welche sich mit biblischen Daten nicht vereinigen ließen? Weil aber bei dieser gezwungenen Annahme einer offenbar falschen Zeitperiode des Zoroastrischen Wirkens alle jene Widersprüche, welche Rhode, wie oben gezeigt worden ist, Anquetils Hypothese entgegen stellt, zum Vorschein kommen müßten, so suchten sich Foucher und Kleuker vor jeder künftigen Nachweisung ihrer Irrthümer dadurch zu verwahren, das sie mehr als einen Zoroaster annahmen, und auf diese Weise die Autoritäten der griechischen Schriftsteller, welche über die Perser schrieben, und in deren Berichte von Zoroaster auch keine Harmonie zu bringen ist, gleichfalls zu retten wähnten.

 

 

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Von den canonischen Schriften der alten Perser.

 

Nach den Zeugnissen unzähliger, sowohl der ältesten als neuern orientalischen und abendländischen Schriftsteller (welche alle in Kleukers Anhang zum Zend-Avesta 2. B. 1. Thl. angeführt werden), hatten die alten Perser eine Sammlung heiliger Schriften, deren Abfassung sie dem Zoroaster zuschrieben, und welche sie als die einzige Quelle ihrer Religion und ihrer ganzen Weisheit betrachteten. Ueber die Echtheit der von Anquetil übersetzten Schriften läßt sich wohl mit Heeren *) annehmen, das sie bereits die Feuerprobe der Kritik überstanden, und sich bewährt haben. Ob alle Zoroaster zu ihrem Verfasser hatten? ob sie gleichzeitig oder in verschiedenen Zeiträumen entstanden? sind Fragen, worüber Rhode sich unzweideutig erklärt: „Es ist überhaupt unwesentlich zu erfahren, von wem diese Schriften verfaßt worden, wenn sie nur von dem Volke selbst während der Blüthe seiner Bildung und Religion, d. i. vor der Eroberung Alexanders als die echte zuverlässige Quelle derselben anerkannt wurden. Ist dies erwiesen, so stehen diese Schriften ganz gleich mit den heiligen Schriften der Juden, die man doch als Quellen der ältesten Geschichte und Religion dieses Volkes betrachten kann, und muß, wenn auch keine derselben von dem Verfasser herrühren sollte, dessen Namen sie trägt.“

 

„Daß die alten Perser wirklich heilige Bücher besaßen, deren Abfassung sie ihrem Propheten Zoroaster zuschrieben, ist eine historische Thatsache. Die einmüthige Aussage aller Schriftsteller des Volkes selbst, als auch die Angaben anderer morgenländischen Schriften stimmen darin mit den unverdächtigsten Zeugnissen der Griechen überein. Auch weiß man aus den Berichten der Reisenden, die in den Gebirgen von Kirman, wie

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*) Ideen über Politik und Handel der alten Welt (B. I. p. 492).

 

 

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in Indien, (wo die Reste jenes alten Volks, das sich nicht entschließen konnte, dem Glauben seiner Väter zu entsagen, noch jetzt einzelne Gemeinden bilden), den Zoroasterchen Gottesdienst zu beobachten Gelegenheit hatten, und sich über die Wesentlichkeiten jener Religionslehre bei den Ghebern erkundigten, daß ihre unglücklichen Vorfahren auf der Flucht aus dem Heimathlande die heiligen Bücher als ihr größtes Kleinod mit sich nahmen, und diese von ihren Nachkommen noch jetzt mit heiliger Ehrfurcht bewahrt werden. Eine Verfälschung nach diesem Zeitpunkt ist unmöglich. Zweifler können sich hier nicht auf die Verfälschungen und Unterschiebungen mancher den Christen heiligen Bücher berufen, von welchen es nun zur Genüge bekannt ist, das, sie in Credit zu bringen, heilige Personen als deren Verfasser angegeben wurden. Diese Schriften konnten aber so leicht wieder vergessen, und mit andern vertauscht werden; denn sie enthielten nur Gegenstände der Geschichte und Forschung, ohne in das häusliche und religiöse und bürgerliche Leben einzugreifen. Anders aber verhält es sich mit den heiligen Büchern der Parsen. Diese sind zugleich Grundgesetze des Staats, sind bürgerliche und kirchliche Gesetzbücher, welche das gesammte häusliche und öffentliche Leben ihrer Verehrer umfassen, und deren Inhalt von jedem Einzelnen im Volk gekannt seyn muß, um den strengen Strafen zu entgehen, welche diese Bücher auf jede Uebertretung ihrer VorSchriften setzen. Diese Bücher stehen daher in einem ganz andern Verhältnisse zu den Völkern, welche sie besitzen, als die Menge der untergeschobenen Schriften zu den ersten Bekennern des Christenthums standen.“

 

„Ein solcher Fall konnte auch nur nach einer großen, das ganze Volk treffenden Umwälzung geschehen seyn, wo die alten Schriften gewaltsam vernichtet worden wären, und man aus dem Gedächtnisse, nach den Sitten und Gebräuchen des Volks, auch wohl nach veränderten Ansichten und Umständen neue Bücher verfertigen, und sie, um ihnen Ansehen zu verschaffen, für die alten ausgeben mußte. Dies hätte bei der Zerstörung des persischen Reichs durch die Araber, welche die Religion Ormuzd

 

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zu vernichten suchten, leicht der Fall seyn können; allein die nach verschiedenen Gegenden Flüchtenden retteten ihre heiligen Schriften, und nahmen sie mit sich. Daß bei dieser Gelegenheit nichts von jenen Büchern verloren gieng, beweist der Umstand, das sowohl die Perser in Kirman als in Indien dieselben Schriften besitzen, und keine von beiden Parteien mehr hat als die andere. Dies wäre auch nicht anders denkbar, denn man flüchtete aus der Heimath um der Religion der Väter treu zu bleiben, also konnte man diese Schriften mitzunehmen unmöglich verabsäumen. Auch mußte man ja im Besitze vieler Abschriften seyn. Da es eine heilige Pflicht des Ormuzddieners ist, sie täglich zu lesen und zu studiren, und wenigstens jeder Priester, der in dem Feuertempel den öffentlichen Gottesdienst verrichtete, mußte eine Abschrift derselben besitzen.

 

Allerdings bietet die Eroberung Persiens durch Alexander einen solchen Zeitpunkt dar, in welchem die heiligen Schriften der Ormuzd-Verehrer vernichtet worden seyn konnten, wie auch wirklich die heutigen Parsen einen solchen Verlust vorgeben, aber dieser konnte nicht alle vorhandenen Bücher, sondern nur einen großen Theil derselben in sich fassen, und zwar nur solche, welche das gesammte Wissen des Volks enthielten; wie auch wohl anzunehmen ist, das als das Zend aufgehört hatte VolksSprache zu seyn, und nur noch als gelehrte Sprache von den Priestern erlernt werden mußte, nur wenige Abschriften der ganzen Sammlung vorhanden seyn mochten. Was dagegen in diesen Schriften unmittelbar auf die Staatsverfassung oder den öffentlichen Gottesdienst Bezug hatte, mußte in den Händen aller den Gottesdienst verrichtenden Priester, Richter und Vorsteher des Volks seyn. Diese mußten sich ja in den Händen von Tausenden befinden. Als sprechender Beweis für die Wahrheit dieses Satzes kann der Vendidad angeführt werden, welcher, weil er das allgemeine Gesetzbuch des Staats und der Kirche war, vollständig auf die Nachwelt gekommen ist, während von den übrigen Theilen des Zend-Avesta sich nur noch Bruchstücke vorfinden, aber auch nur Hymnen und Gebete, und

 

 

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damit verbundne Bruchstücke größerer Schriften, die ganz wie die Sonntags-Evangelien und Episteln unserer Kirche zum Vorlesen beim öffentlichen Gottesdienst bestimmt waren. Daß Schriften der Art im griechischen Kriege nicht verloren gehen konnten, ist durch ihre Bestimmung erweislich, und die Versicherung der Parsen: bei jener großen Umwälzung ihres Staats durch Alexander diese Schriften gerettet zu haben, hat die höchste innere Wahrscheinlichkeit.

 

Zwar beruft sich in den alten Raváts *) in einem Briefe, welchen ein Destur Persiens an den Destur **) Barzu in Indien schreibt, jener auf eine Sage, nämlich, einige Priester, welche bei der Unterjochung durch Alexander dem Blutbade entronnen wären, hätten nach dem Tode des Eroberers, da sich von den heiligen Schriften durchaus nichts mehr vorfand, die jetzigen heiligen Bücher aus dem Gedächtnisse niedergeschrieben, und gründet sich auch zum Theil auf ein anderes Gerücht, demzufolge Alexander alle heiligen Zendschriften ins Griechische habe übersetzen, und die Urschriften verbrennen lassen. Die Priester hätten sie folglich aus dem Gedächtnisse wieder hergestellt. Dieser Sage stehen folgende triftige Gründe entgegen:

 

1) War Alexander, wie man weiß, nicht geneigt, durch Verbrennung der heil. Schriften das Volk zu erbittern, weil er durch Nachahmung religiöser Gebräuche und Sitten, und durch Beschützung der Religion die Gunst der Perser zu gewinnen suchte.

 

2) Wäre es ihm unmöglich gewesen alle Abschriften der Bücher, welche sich auf den Gottesdienst und die Verfassung bezogen, zu verbrennen, da sie ihrer Bestimmung nach in zu vielen Händen seyn mußten.

 

3) Wenn Alexander wirklich einige von den heil. Schriften ins Griechische übersetzen ließ, so konnte es nur der Vendidad

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*) Bedeutet Erzählung, Gebrauch, Geschichte. Diesen führen die Briefsammlungen, welchen die Desturs v. Kirman an die in Indien schrieben.
**) Ein Priester.

 

 

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seyn, weil er als Gesetzbuch den Griechen, die er hie und da als Satrapen anstellte, und die doch der Landesgesetze kundig seyn sollten, wichtiger als die übrigen Bücher der Parsen erscheinen mußte.

 

4) Verwerfen die Parsen selbst diese Sage. Hätte man sich auch zu irgend einer Zeit entschlossen, verlorne Schriften aus dem Gedächtnisse wieder herzustellen und unterzuschieben, so würde man schwerlich bei den vorhandenen stehen geblieben seyn, oder überhaupt nicht so viel zusammenhangende Bruchstücke, sondern lieber ganze Bücher, und über Gegenstände der Astrologie, des Geisterreichs u. s. w., deren Verlust die Parsen so sehr bedauern, gewählt haben. Daß aber die noch vorhandenen Schriften gerade nur das enthalten, was sich unter allen Umständen erhalten konnte und mußte, ist ein nicht geringer Beweis ihrer Echtheit.“

 

Leicht dürften dem Verf. gegenwärtiger Schrift ihm Uebelwollende mit dem Tadel begegnen, das er sich des Verdienstes der Selbstständigkeit gänzlich zu begeben scheine; indem er seine Sache von einem fremden Autor verfechten lasse, mindestens bisher die Vertheidigung derselben großentheils Hrn. Rhode übertragen habe. Aber hier, wo es galt uns vor den wesentlichern Vorwürfen der Zeloten zu verwahren, welche ihren Erfindungsgeist gar zu bereitwillig anstrengen, wenn es einen vermeintlichen Widersacher in Glaubenssachen zu bekämpfen gilt; weil sie den von ihm vorgetragenen Sätzen eine Absicht, den Credit der Bibel zu verdächtigen, gern unterschieben möchten, so konnte eine etwas weitläufige Auseinandersetzung der Gründe für die Haltbarkeit unserer Behauptung, daß den Zendschriften ein höheres Alter als der mosaischen Urkunde zugestanden werden muß, nicht gut vermieden werden. Indem wir jedoch mit Recht bezweifelten in der Concinnität des Styls, welche der beschränkte Raum dieser Blätter erfordert, den so oft citirten Autor noch zu überbieten, so däuchte uns räthlicher das Interesse des von uns

 

 

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behandelten Gegenstandes als unser eigenes gegen die Angriffe eines Gegners zu sichern.

 

Nach dieser kleinen Abschweifung kehren wir wieder zu unsern Untersuchungen über die bereits zur Hälfte bewiesene Echtheit der Zendschriften zurück, denn da es bisher nur die äußern Gründe, welche man ihrer Unverfälschtheit entgegen setzen könnte, zu widerlegen galt, machen wir uns nun anheischig auch noch die innern aus Form und Inhalt dieser Schriften selbst zu ihren Gunsten herfließenden Gründe nachzuweisen, und hier ist es gerade, wo diese Schriften in ihrem vortheilhaftesten Lichte erscheinen, und gegen alle Angriffe siegend vertheidigt werden können *).

 

I. Izeschne,

 

d. i. feierliches Gebet, gibt also schon durch den Titel seine Bestimmung an. Es ist dies Buch nicht systematisch, sondern liturgisch, nämlich so abgefaßt, daß es zu Vorlesungen beim öffentlichen Gottesdienste gebraucht werden kann. Der Styl ist orientalisch, nämlich hyperbelnreich, und die stärksten Bilder verschwendend. Uebrigens muß man nicht glauben, daß dieses Buch sich von andern Schriften des Orients nicht durch viele Eigenheiten unterschiede. sowohl die Concepte als das einzelne Kolorit der Bezeichnung **) beziehen sich ganz auf die geweihten Lehren und Mysterien des Magismus. Einzelne Ideen haben etwas sehr Originelles und Antikes, wie man durch Vergleichung neupersischer, arabischer oder auch solcher Schriften der Parsen, die aus neuern Zeiten sind, leicht bemerkt. Jede Seite zwingt zu der Bemerkung, das der Geist

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*) Die hier folgende hist. kritische Beleuchtung der Zoroasterschen Werke ist ursprünglich von Kleuker, aber mit zweckmäßiger Abkürzung von uns wieder gegeben, und nur so viel beibehalten, als sich mit der Tendenz unsrer Schrift verträgt.

**) Die gewöhnlichsten Dinge haben eine Art von Feierlichkeit, einen hohen glänzenden Nimbus, der sich auf ein großes hierarchisches System bezieht. Alles schwebt entweder im Licht, oder ist zum Abscheu mit dicken Wolken der Finsternis überzogen. Anmerk. Kleukers.

 

 

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dieser Bücher eine andere Welt voraussetzt, als worin die Parsen jetzt sich finden; eine Zeit, die für diese unglücklichen Reste verloren ist; einen Genius, den sie jetzt nicht mehr haben können. Anquetil hat Proben ihrer neuern Schreibart mitgetheilt, woraus man sieht, das das Volk zwar noch an den alten Lehren haftet, aber sich von der alten Manier des Ausdrucks weit entfernt hat.

 

Weil jedoch die Form eines Buches noch kein genügendes Zeugnis für das Alterthum desselben seyn kann, muß man, um zu einem sichern Resultate zu gelangen, sich an den Inhalt einer solchen Schrift wenden, und sehen, wie viel sich daraus auf das Zeitalter des Volkes, unter welchem es geschrieben wurde, und dessen Verfassung schließen lasse? Untersucht man die historischen, geographischen, politischen und dogmatischen Angaben solcher Schriften, so kann bei sorgfältiger Prüfung jeder Trugschlus vermieden werden. Zum Glück findet sich alles Erforderliche in dem Izeschne. Wir wollen zuerst die

 

1) historischen Angaben untersuchen. Die redende Person ist hier fortwährend Zoroaster; jedoch kann aus dem Folgenden mehr geschlossen werden. Im Ha VII. *) lautet es: „Die heiligen und großen Häupter die mit Reinigkeit in dieser Welt wandeln“ (bezieht sich auf die Großen des Reichs, die sich des Zoroasterschen Gesetzes annahmen). Dieser Umstand setzt eine andere Verfassung voraus, als worin die Perser jetzt leben. – Im Ha VIII. liest man: „Durch mich, Zoroaster, komme empor und verbreite sich das Gesetz aller Orten, welches Segen und Glück allen Reinen der Welt ankündigt.“ – Zoroaster bittet also hier für die Ausbreitung seiner Lehre, welche, als dies geschrieben wurde, noch im Kampfe war. In der That folgte deren allgemeine Annahme erst nach Zoroasters Tode. Im Ha IX. werden die ersten Anbeter Ormuzds **)

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*) Benennung für Kapitel.
**) Welche der mündlichen Offenbarung Ormuzd von Hom in der vorzoroastrischen Zeit zugethan waren.

 

 

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bis auf Zoroasters Zeitgenossen genannt, von den spätern ist keine Spur. Dieses fällt um so mehr auf, weil, wenn man die spätern Aufsätze der Parsen in den Yescht-Sades vergleicht, bei eben dieser Gelegenheit nicht nur die frühesten Anbeter Ormuzds bis auf Zoroaster, sondern auch alle Jene genannt werden, die bis dahin lebten, als der jedesmalige Verf. schrieb. Dieser Umstand bedeutet hier um so mehr, weil nach dem Volksbegriffe das Gebet seine Kraft verliert, wenn nicht die Feruers *) aller derer ausdrücklich genannt werden, die seit den ältesten Zeiten bis auf die jedesmalige das Gesetz entweder selbst befolgt, oder sich um dasselbe verdient gemacht haben. – In einer andern Stelle bittet Zoroaster den Hom **), daß er Kraft und Größe allen wirksamen Helden gebe“ (dgl. waren Ependiar und andre Zeitgenossen Zoroasters). Jetzt hat das Volk keinen Helden mehr, die für die Religion kämpfen können. – Eben so merkwürdig ist es, wie sich der Prophet für den damaligen König interessirt, in den Worten: „Nimm dich an dieses Zweigs der Keanier! Er entkräfte alle Weltverheerer! Mache groß die Wünsche Ke-Gustasps“ – weiter heißt es: „Meine Wünsche sind für Ke- Gustasp, Freschoster, Djamasps Bruder.“ – Lauter Zeitumstände. Djamasp war Minister Gustasps und Freschoster wurde Zoroasters Schwiegersohn. – Ha XXIII. XXIV. kommt wieder eine Reihe histor. Personen vor, von Kajumers bis Gustasp, Zoroaster und dessen Söhnen und Anverwandten, aber keiner wird genannt, der nach Zoroaster gelebt hätte. Er bittet aber auch für alle die noch bis ans Ende der Welt in seinem Gesetze leben würden. Aus der Vergangenheit nennt er die Namen, aus der Zukunft weiß er sie nicht. Aus diesen historischen Angaben, sowohl was die genannten Personen als andere Umstände betrifft, läßt sich sowohl negativ als positiv schließen. Erstlich

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*) so viel als Manen der Abgeschiedenen.
**) Dessen Zeitperiode nicht bestimmt werden kann, und welchen Foucher, Anquetil, Kleuker und Herder für den ersten Zoroaster halten.

 

 

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wird keiner einzigen Person, die nach Zoroaster lebte, gedacht, und zwar in Verbindungen, wo dergl. stehen müßten, und gewiß stehen würden, wenn der Inhalt dieses Buchs in ein späteres Zeitalter nach Zoroaster fiele. Zweitens sind unter diesen historischen Angaben einige, welche das wahre Zeitalter und die ganze Welt von Verbindungen, worin der Verf. dieses Buchs sich fand, so lebendig, gegenwärtig und dramatisch vorstellen, als man nur erwarten kann. Jetzt folgen die

 

2) geographischen Bestimmungen. Die Länder und Gegenden, die der Verf. vor Augen hatte, sind folgende: Es wird der Norden *) mit den gebirgigen Gegenden Mediens geschildert, durch die wilden Thiere und Schlangen daselbst. Das Land des Verf. war ein gebirgiges. In Ariema schrieb der Verf. er gibt ihm daher das Prädikat: „gesetzdurstend.“ Da diese geographischen Bestimmungen nur gelegentlich sind, beweisen sie um so mehr. Sie würden nicht da stehen, wenn sie nicht als Bezeichnung des Schauplatzes da stünden. Außerdem aber finden sich keine. Wäre das Buch in einem andern Lande, in einer andern Zeit geschrieben, würde man dafür Zeit- und Ortbestimmungen finden müssen. Dazu kommt noch, daß die hier vorkommenden Namen gerade die ältesten für diese Länder sind. Was die

 

3) politischen Umstände betrifft, welche hier vorkommen, so läßt sich daraus deutlich auf die Verf. des Reichs schließen, worin der Autor lebte, und auf das Verhältnis seiner Lehre zu diesem Reiche. Ueberall hat er ein großes Reich vor Augen, und einen König, dessen Freundschaft er genoß, und den er daher rühmt. Auch werden die vier Hauptstände genannt Priester, Krieger, Feldbauer und Künstler, worein die Nation getheilt war. Dabei hat der Verf. die höhern und niedern Obrigkeiten vor Augen, und betrachtet sich als denjenigen, der allen Rath und Vorschrift ertheilen müsse.

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*) Passen diese Beschreibungen wohl auf Kirman, Yezd und Indien, den Aufenthaltsorten der heutigen Parsen?

 

 

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Auch dieser Apparat von herrschenden Ideen lehrt, was er lehren soll. Nicht weniger die

 

4) dogmatischen Bestimmungen. Wenn hier einige mythologische Data vorkommen, wovon die griechischen Schriftsteller nichts sagen, so ist doch nichts natürlicher, als das in authentischen Büchern der Nation selbst dergl. Ideen vorkommen, wovon die Fremden nichts wissen.

 

Schließlich folge diese Bemerkung, daß alle Stücke, woraus der Izeschne besteht, im Zend geschrieben, folglich in ein Zeitalter gehören, wo diese Sprache noch herrschend war, also in der frühesten Periode jenes Volkes entstanden seyn müssen, und daher auch die ältesten s

Sagen und religiösen Meinungen desselben enthalten.

 

II. Vispered

 

d. h. Häupter oder Lobpreisungen aller Häupter der Verehrung. Dieses Buch ist bloß liturgisch, ohne wie im Izeschne durch anderweitige Betrachtungen und Unterredungen unterbrochen zu werden. Weil hier Beziehungen auf mehrere Theile des Avesta vorkommen, so kann man den Vispered als das jüngste der Zendbücher betrachten, und auch andere Verf. als Zoroaster annehmen.

 

III. Siruze

 

ist eigentlich bloß ein liturgischer Kalender nach den Monatstagen abgetheilt, wovon jeder den Namen seines Schutzgenius führt. Es ist gleichfalls im Zend geschrieben, macht einen Theil der canonischen Bücher aus, und wird sogar von Mehrern dessen Abfassung in die vorzoroastersche Zeit gesetzt. Doch geht aus einigen Gebeten klar hervor, das es unter der Dynastie der Keanier verfaßt sey, unter denen Zoroaster lehrte.

 

IV. Jescht – Sade

 

heißt: Gebet. Lobpreisung himmlischer Wesen und die mit diesem Namen bezeichnete Sammlung enthält eine ziemliche Anzahl derselben; aber auch Gebete andern Inhalts, welche

 

 

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der Parse zu allen Zeiten des Tags, und bei allen Geschäften an alle Wesen der Verehrung richten sollte, sind hier unter den Namen Neasch‘s, Patet‘s, Afrin‘s, Afergan‘s u. s. w. gesammelt. Diese ihrem Werthe und Inhalte nach sehr verschiedene Sammlung muß in zwei Abtheilungen gebracht werden. Die erste enthält alte im Zend geschriebene Stücke, welche in Gebeten, Hymnen und Bruchstücken verlorner Schriften Zoroasters bestehen (wie dies von den heutigen Parsen noch behauptet wird); die zweite enthält jüngere in Pehlwi und Parsi geschriebene Stücke von verschiedenem Inhalt. Unter den Zendstücken befinden sich mehrere, welche den Parsen jetzt noch das gelten, was beim christl. Kultus die Perikopen, nämlich Bruchstücke aus Zoroasters Schriften, zum Vorlesen beim öffentlichen Gottesdienst bestimmt, welchen stets ein kurzes Einleitungsgebet vorausgeht. Der Vergleich dieser Jeschts mit den christl. Perikopen gehört Rhode an, wofür er (S. 40. 41. seines Werkes: „Die heil. Zendsage“) vier Beweisgründe anführt.

 

Kleuker findet auch das hohe Alter der Jeschts durch die hist., geogr. und polit. Angaben außer Zweifel gesetzt. In Beziehung auf den

 

1) historischen Inhalt wird auf den Jescht-Farvadin (Feruers) hingewiesen. Dieser Jescht bestimmt Zeit und Ort am deutlichsten. Alle berühmten Menschen seit den ältesten Zeiten werden hier aufgezählt, und diese Reihe geht nur bis auf Ke Gustasp und dessen Söhne. Die Natur dieses Aufsatzes forderte, das kein Name derer ausgelassen wurde, die sich als Helden und Könige ausgezeichnet hatten. Wenn eben diese Namen in spätern Aufsätzen fortgesetzt werden, so stehen darin nicht nur die spätern Lehrer oder Nachfolger Zoroasters, sondern auch die spätern Könige, und zwar in chronologischer Ordnung; hier aber ist keine Spur irgend eines Namens oder einer Begebenheit nach Zoroasters Zeitalter. Hier ist weder Zufall noch Betrug zu vermuthen. Die

 

2) geographischen Bestimmungen bieten auch hier die

 

 

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möglichste Klarheit (siehe Carde 25.) wo Irans Provinzen der eigentliche Schauplatz sind. Die

 

3) politischen Angaben sind völlig wie beim Izeschne. Ueberall denkt sich der Verf. in einem großen Reiche mit großen Provinzen.

 

V. Vendidad

 

d. h. das von Ormuzd gegebene Gesetz, unterscheidet sich von den übrigen Zendbüchern hinsichtlich seiner allgemeinen und besondern Einrichtung. Man findet hier keine Lobpreisungen und liturgische Formeln, sondern einen Vortrag, der entweder legislatorisch, oder erzählend und dialogisch ist. Weil in demselben keiner andern Zendbücher gedacht wird, so schließt Kleuker mit Recht auf dessen höchstes Alterthum. Auch hier unterläßt dieser Gelehrte nicht seine gewöhnlichen Beweisgründe aus den vergleichenden Angaben der Geschichte, Geographie zu schöpfen, eben so aus den auf die damalige politisch-hierarchische Verfassung und Dogmatik sich beziehenden Stellen das Zeitalter und den Schauplatz des Verf. zu bestimmen. Zu den

 

1) historischen Bestimmungen gehören die bloß der Pischdadier und Keanier Dynastie (bis Gustasp) angehörigen Personen, als a) Dschemschid, mit welchem die Bildung der Nation ihren Anfang nahm, b) Feridun einem der Pischdadier *), c) Paschutan, Gustasps zweiter Sohn, den Zoroaster rühmt, weil er seiner Lehre in Verefschuan, wo jener Statthalter war, und seines Sohns Oruertur Bemühungen, der Priester daselbst seyn wollte, aufhalf. Lauter Zeitumstände.

 

2) Geographische Bestimmungen gibt es verschiedene, wovon einige den Schauplatz des Verf. deutlich zeigen. Gleich

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*) Es ist begreiflich, daß diesem Heros als Ueberwinder des Zohak, der den indischen Götzendienst in Persien einführen wollte (s. Rhodes oben angef. Erkl. der Fabel von Zohak mit den drei Schlangenköpfen), von Zor. deshalb ein Ehrendenkmal im Vendidad gesetzt ward.

 

 

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das anfängliche Verzeichnis der Länder und Oerter beginnt mit Iran-Vendsj dem nächsten Gesichtskreise Zoroasters. Eben dahin gehören die Namen: Sogdian, Balkh, Nesa u. s. w. Von Bergen kommt der Bordsj vor, von Flüssen der Arares, Phasis u. a. Bei wenigen Büchern läßt sich der Schauplatz ihres Verf. nach innern Merkmalen so bestimmt angeben, wie bei diesem. Man denke sich einen Augenblick, der Vendidad wäre nach Aufhebung des persischen Reiches, und zwar in Indien geschrieben worden, was würde aus diesen Angaben, und welche müßte man alsdann erwarten?

 

3) Politisch-hierarchische Bestimmungen sind hier dieselben wie im Izeschne. Der ganze Apparat von Verordnungen, und die einzelnen Vorstellungsarten gründen sich auf die oben gezeigte Verfassung des Reiches. Dieselben vier Stände – dieselben Anpreisungen des Feldbaus, dieselben Beschreibungen eines kriegerischen Volks, dessen Waffen, Lanzen, Bogen und Keule sind, heilige Feuer brennen in Städten und Provinzen u. s. w. Passen diese Schilderungen auf eine spätere Zeit? Die gesetzlichen Verordnungen im Vendidat sind großentheils dieselben, die noch jetzt beobachtet werden, doch haben die heutigen Parsen einiges, wovon sich hier keine Spur zeigt. Gleichfalls merkwürdig. Das

 

4) dogmatische ist hier wie im Izeschne, dieselben Geister, Ceremonien, Sinnbilder, derselbe sittliche Masstab u. s. w. Kleuker äußert sich ferner über den

 

VI. Bun –Dehesch *).

 

„Dieses Buch ist seiner Form und Einrichtung zufolge speculativer und systematischer als die Zendbücher, aber doch kein eigentlicher Grundriß derselben, sondern mehr eine Sammlung von Behandlungen einzelner Punkte, die unter 34 Abschnitte gebracht sind.

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*) D. h. die Wurzel ist gegeben. Man gibt das 7te Jahrhundert als die Zeit an, in welcher dies in Pehlwi abgefaßte Buch geschrieben wurde. (Journal des savantes Juillet 1762.)

 

 

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Die einzelnen Data sind entweder aus den Zendbüchern, mit Verweisung auf dieselben gezogen, oder aus alten Traditionen und unbekannten Quellen geschöpft. Die behandelten Gegenstände betreffen nicht bloß Theologie und Casualogie, sondern auch Geschichte der Natur und politische Begebenheiten. Dieses Buch ist überhaupt eine Art von Encyklopädie.“

 

Rhode läßt sich bei dieser Stelle verwundernd vernehmen, das Anquetil und Kleuker „diese merkwürdige Compilation der verschiedenartigsten Bruchstücke ein Ganzes, ja ein speculatives systematisches Werk eines Verf.“ nennen konnten. Nachdem er (l. c. S. 45–51) vielfache Beweise seiner wichtigern Ansicht von diesem Werke aufgezählt, verschafft er seinen Lesern einen Ueberblick in die Zeit der Entstehung des Bun-Dehesch.

 

„Es mußte“ – bemerkt er daselbst – „unter den Parsen eine Zeit geben, wo Aufsätze, wie sie in der Sammlung des Bundehesch sich befinden, eben so häufig als nothwendig waren. Dies war die Zeit, wo das Zend aufhörte die Landessprache zu seyn, und das Pehlwi *) an seine Stelle trat. Vorher konnte jeder das Gesetz lesen und studiren – welches als eine heilige Pflicht galt; so wie aber die Zendsprache aufhörte, Sprache des Volks zu seyn, mußte die Zahl der Parsen, welche die heil. Bücher lesen konnten, immer kleiner werden. So entstand die Nothwendigkeit, diese Bücher in die übliche Landessprache zu übersetzen. Allein diese Schriften waren stark und zahlreich; vieles darin war nicht mehr nothwendig für das Volk. So entstanden kurze Auszüge des Wichtigsten, oder abgebrochene Erklärungen einzelner Materien; oder später, da sich Secten bildeten, Ausführungen theologischer Sätze mit Berufungen auf das Gesetz;

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*) D. h. kräftig, stark. Auch das Pehlwi mußte, wie ehedem das Zend, bei der Invasion der Araber, dem Parsi weichen, und sich wie das Zend seitdem auf die Ehre beschränken, nur als gelehrte Sprache noch von den Priestern betrieben zu werden.

 

 

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kurze Aufsätze, wie man sie eben im Bundehesch ohne einen Hauptzweck gesammelt findet. Die Verf. dieser Auszüge heil. Schriften, lebten zu einer Zeit, wo die Originale noch überall bekannt waren, und durften daher nicht wohl wagen von ihnen abzugehen. Allein Bundehesch enthält auch Aufsätze, welche nicht zu dieser Classe gehören, die theils von Sectirern herrühren, theils an die alte Sage schon neuere Fabeln knüpfen.“

 

Wir haben nun die Ueberbleibsel der Literatur eines jetzt fast vernichteten Volks kennen gelernt, das in den frühesten Perioden der Geschichte groß und mächtig, und wegen der Weisheit seiner Priester allgemein berühmt war. Die wenigen Reste der Parsen schöpfen noch heute aus den hier angeführten Büchern als heiligen Quellen ihr ganzes Religionssystem. Aber eben weil, wie in der Folge dieses Werks umständlich bewiesen werden soll, in ihnen die Keime des später sich entwickelnden Christianismus verborgen lagen, und wir uns stets auf die Urquelle beziehen müssen, so hielten wir es für unerläßlich, die in der Literatur des Orients minder eingeweihte Zahl unserer Leser mindestens mit den Titeln und dem Haupt-Charakter jener Schriften, welche auch bei den heutigen Parsen noch als canonisch gelten, bekannt zu machen, bevor wir zur Lösung unserer eigentlichen Aufgabe schreiten durften.

 

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I. Vom Urwesen. (Zervane akerene.)

Die Meinung, daß die Lehre vom wahren Gotte erst durch das Judenthum den Völkern bekannt geworden sey, ist von den Gelehrten längst widerlegt worden. schon das älteste cultivirte Volk der Erde, dessen Religionsbegriffe wir im Parsismus zum Theil wieder finden, hatte ungeachtet seiner Millionen Gottheiten das ewige, unkörperliche Urwesen ebenfalls erkannt, und wird auch im Schasta (einem der Religionsbücher der Braminen) als der Urheber aller Dinge einer vollkommenen Kugel ohne Anfang und Ende gleichend, alles beherrschend und nach unveränderlichen Gesetzen regierend, geschildert *). Wenn aber dem wahren Gotte nur in Indien keine Tempel prangen, so erklären die Braminen dieses Vermissen ihm geweihter Orte damit, daß Gott als unkörperliches Wesen weder Tempel noch Abbildungen bedarf, weil er in den tausend Namen seiner Productionen zugleich mit genannt, mit angerufen und mit vorgestellt wird.

 

Der Parsismus kann aber füglich eine Veredlung des indischen Religionssystems genannt werden, indem er nicht bloß untergeordnete Religionsbegriffe, wie die Verehrung des Stiers als Symbols der Urkraft der Natur, des Wassers als Symbol der Reinigung u. s. w. in sich aufgenommen, sondern auch die reinern Begriffe von Gott, seiner Unkörperlichkeit und Ewigkeit. Die beiden Prinzipe des Guten und Bösen, welche in der Zend-Religion eine so wichtige Rolle spielen, nämlich Ormuzd und Ahriman sind schon Geschöpfe jenes Urwesens. Der Hauptbeweis dafür findet sich im Bendidad.

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*) Holwells Nachrichten von Hindostan S. 205–206.

 

 

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Dort werden Ormuzd, im Gespräch mit Ahriman, folgende Worte in den Mund gelegt: „Ahriman Vater des bösen Gesetzes, das in Herrlichkeit verschlungene Wesen, Zervane Akerene hat dich geschaffen; durch seine Größe sind auch die Amschaspands worden, die reinen Geschöpfe u. s. w. *)

 

Zervane Akerene schuf also Ahriman und die Amschaspands, unter welchen ja Ormuzd der Erste ist. Wollte man diesen Worten dennoch eine andere Deutung geben, nämlich: Ormuzd spräche hier von sich selbst in der dritten Person unter dem Namen Zervane akerene, so fiele ja selbst der Dualismus und der ganze Kampf weg, worauf in den Zendbüchern alles beruht, und der nur gedacht werden kann, wenn man Ormuzd und Ahriman auf eine Stufe, und mit gleichen Kräften einander gegenüberstellt.

 

Die Stellen der Zendschriften“ – bemerkt Rhode – welche von Ormuzd auf eine Art reden, als werde er als schlechthin höchstes Wesen betrachtet, lösen sich in der höhern Ansicht des ganzen Systems auf, nach welchem der Parse in der gesammten Natur und Ormuzd als ihrem Schöpfer nichts als Zervane akerene selbst sah und verehrte; und alle Handlungen des Ormuzd und seiner Lichtwesen, Zervane akerene selbst zuschrieb. Eben so sehen die Indier in Brama, Schiwen und Wischnu den Ewigen selbst.“ Aus allen diesen wird ersichtlich, daß dem Dualismus ein Urwesen zu Grunde liegt.

 

Der Verfasser des Eulma-Eslam **) eines sehr alten orientalischen Werkes, erklärt sich über diese Materie deutlich genug, wenn er sagt: „Im Gesetz Zoroasters heißt es ausdrücklich, daß Gott (Ormuzd) von der Zeit geschaffen ist mit allen übrigen Wesen; der (wahre) Schöpfer ist die Zeit; und die Zeit hat keine Gränzen; sie hat nichts über sich; sie hat

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*) Farg. XIX. Z. Av. B. 2. p. 376.
**) Man hält dieses Werk für das Resultat einer Unterredung zwischen einem Parsen und einem Mohamedaner, Zeitgenossen des Ali.

 

 

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keine Wurzel (Principium), sie ist immer gewesen, und wird immer seyn. In dieser Größe, worin die Zeit war, gab es kein Wesen, welches sie Schöpfer nennen konnte, weil sie noch nicht geschaffen hatte. Darauf schuf sie Feuer und Wasser; und aus ihrer Mischung (nachdem sie beides hervorgebracht hatte) kam Ormuzd. Die Zeit war Schöpfer davon, und behauptete ihre Herrschaft über die Geschöpfe, die sie hervorgebracht hatte.“

 

Weiter hin liest man; „Er (Ormuzd) fing an zu wirken, und alles was Ormuzd gemacht, hat er mit Hülfe der Zeit gemacht u. s. f.“ *)

 

Das Zeugnis der Griechen lautet ziemlich dasselbe. Aristoteles nennt dieses Urwesen τοπρωτον γεννησαν αριστον. Theodor von Mopsvesta und Eusebius sind es unter den Kirchenvätern, welche dieser Meinung beistimmen. Von dem Erstern hat Photius ein schätzbares Fragment aufbehalten. „Theodor“ – sagt dieser Autor (Bibl. p. 199. ed. de Rouen 1693.) „erklärt in seinem ersten Buch die berüchtigte Lehre der Perser, welche Zarasdes (Zoroaster) erfunden, die Lehre nämlich, daß Zarvane die Grundursache aller Dinge sey, wie darauf Zarvane den Hormisd (Ormuzd) und Satan hervorgebracht habe, und endlich was aus der Blutsvermischung des Einen und des Andern erfolgt sey.“ Theodor, welcher Zoroasters System zu widerlegen sich die Miene giebt, und dennoch dieses Geständnis zu Gunsten des Parsismus ablegt, ist hier demnach der glaubwürdigste Zeuge. Eusebius (Praep. Ev. l. 1. c. 10) erzählt von Zoroaster und seinem Systeme: „Gott aber hat das Haupt eines Sperbers, er ist das Erste aller Wesen, unzerstörbar, unsichtbar, unerzeugt, ohne Theile, ohne alle Aehnlichkeit und Bild, unbestechlich, der Guten Gütigster, der Weisen Weisester, der Vater der Gerechtigkeit; er schöpft seine Erkenntnis aus sich selbst; der Lehrer der Natur, vollendet und weise, der heiligen Naturkunde einziger Entdecker.“ Auch fügt dieser Kirchenvater hinzu, daß Hostanas in seinem Octateuch sich eben so ausdrücke.

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*) Z. Av. Anhang B. 1. S. 197.

 

 

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„Ist es aber nicht seltsam“ fragt Abbé Foucher – „daß die Gottheit mit dem Haupte eines Sperbers geschildert wird? Wie paßt dieses Bild zu den folgenden Attributen?“ „Eben dieses“ – fährt dieser Gelehrte in seiner Abhandlung über Zoroasters „System von der Natur Gottes“ fort – „eben dieses überzeugt uns, das die Stelle von Zoroaster selbst sey. Sinnbilder liebten die Menschen ja zu allen Zeiten. Die älteste Schreibart war in Bildern abgefaßt. Die Buchstabenschrift ist viel jünger. Aber der symbolische Geschmack erhielt sich noch zum Ausdruck der göttlichen Attribute und Religionsgeheimnisse. Es war nicht befremdend, die Gottheit auf öffentlichen Denkmälern unter menschlicher oder thierischer Gestalt mit verschiedenen Köpfen u. dgl. abgebildet zu sehen. Wahrscheinlich setzte Zoroaster vor das Kapitel von Gott einen Sperberkopf als Sinnbild der Gottheit. Da nun nicht alle Abschriften des Zend-Avesta solche Gemälde hatten: so zeigte man die Gemälde des Originals jedesmal selbst an, z. B. hier wird Gott unter dem Bild eines Sperberkopfes dargestellt. Dies ist der Sinn der Worte: όδεΘεοςξστικεφαληνξχωη ίερακος. Dies war Anfangs eine Glosse, der Kopist aber schaltete sie in den Text ein. Das Bild ist auch sehr passend. Aus der höchsten Luft sieht der Sperber seinen Raub in der Tiefe. Dies dient als Symbol der Gottheit, welche vom erhabensten Himmel in die tiefsten Abgründe schaut. So wurde der Begriff der Gottheit dadurch erhoben.

 

Die andern griechischen Schriftsteller, welche Zoroasters und seiner Lehre vom Urwesen gedenken, dienen in ihren Aussagen nicht weniger zur Bekräftigung der hier aufgestellten Beweise, daß die Parsen von der Gottheit die reinsten Begriffe gehabt haben müssen. Eudem und Damascius nennen die Gottheit beim Zoroaster τονοντονύταν, den Allgeist, dessen allgemeiner Name Raum oder Zeit sey, und aus dessen ungetheilter Natur Licht und Finsternis (Ormuzd und Ahriman) ihren Ursprung genommen hätten. Hiermit kann man den Unerzeugten Θεοςάγεννητος beim Eusebius, den χρονος als die

 

 

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urerste Monas, den Urgeist νους πρωτοςu. s. w. vergleichen. Auch Theopomp und Plutarch, wenn sie vom Ursprunge des Ormuzd und Ahriman erwähnen, gedenken sie stets ihrer Verhältnisse zu einer höhern Gottheit als Schiedsrichter. Die Zendbücher reden selten zwar, aber in einigen Stellen doch ausdrücklich von diesen Verhältnissen des Ormuzd und Ahriman zur Zeit ohne Gränzen (Akerene), welches seinen Grund hat, denn alles in denselben bezieht sich auf den gegenwärtigen Lauf der Dinge, dem das Urwesen ruhig zusieht, und die bei den Prinzipien allein thätig sind, so daß alle Erscheinungen und Begebenheiten von ihrem gegenseitigen Einflusse herkommen.

 

Zervane akerene ist kein bestimmter Name für das Urwesen, sondern nur characteristische Bezeichnung, welche aus der Uebersetzung dieses Zendwortes klar hervorgeht, nämlich: maßlose, anbeginnlose Zeit. Gibt es wohl ein sinnreicheres Ideal für Gott? Im Gedanken der gränzenlosen Zeit liegt zunächst das vom Allerhöchsten, das er nicht Anfang hat, nicht geboren ist; und dies ist die würdigste Idee vom Urgrunde aller Dinge. Darum nahm Zoroaster das Bild der anbeginnlosen Zeit, sonst hätte er mit einigen alten Weisen die Unendlichkeit des Raumes, in dem noch nichts Ausgebildetes war, zum Symbol der Unendlichkeit, Unermeßlichkeit, Unbegreiflichkeit des Urgrundes aller Wesen machen können. Bei all unserm Denken muß irgendwo angefangen werden, und eben das, wobei sich das Denken anhebt, muß selbst keinen Anfang haben. So wenig dies eine klare anschauliche, übersehbare Idee gibt, so innig tief fühlt jeder die Wahrheit dieses Gedankens. Es wird hier keinesfalls eine leben- oder wesenlose Oede oder Nichts gedacht, sondern der erste und letzte Urgrund aller Dinge wird nur dadurch symbolisirt. Soll der Allerhöchste nach der Wesenschöpfung besonders bezeichnet werden, nach dem was er in ewiger Einsamkeit war, so nennt ihn Zoroaster ewige Ewigkeit. Nach seinem Wesen nennt er ihn aber Wort, d. i lebende, schaffende Kraft zur Hervorbringung alles dessen, was nachmals geworden ist. Von dieser

 

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Schöpfungskraft hat er allen Wesen, nach größerer oder minderer Aehnlichkeit zu ihm, mehr oder weniger, reiner oder vermischter mitgetheilt. Man vergleiche mit dieser hier gegebenen Erklärungsweise des Zoroasterschen Ideals von der Gottheit, die ersten Verse aus dem Evangel. Johannis:

 

1) Im Anfange war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.

2) Dies war im Anfang bei Gott.

3) Alles ist durch dasselbe erschaffen, und ohne dasselbe ist nichts, was da ist, erschaffen.

4) In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.

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II. Auch der Parsismus ist eine Religion des Lichts.

 

Als Zervane akerene die beiden ersten göttlichen Wesen Ormuzd und Ahriman hervorgebracht hatte, befanden sich beide in einem unbegränzten Lichtreich. Dieses Licht heißt das Urlicht. Als Ahriman abfiel wurde er Finsternis und befand sich nun in einem unbegränzten Reiche der Nacht; beide Reiche waren nun da begränzt, wo sie an einander stießen. Zwischen beiden ward bei der Schöpfung der sichtbaren Welt die Erde als Scheidewand gestellt, und über dieselbe erhob sich das Himmelsgewölbe, welches oberhalb noch allenthalben vom ersten Urlicht umgeben war.

 

So stellen, nach Rhode (l. c. S. 213) die Zendbücher das Local der Schöpfung im Allgemeinen dar. Ormuzds Lichtreich befindet sich ungetrübt über dem Himmelsgewölbe. Es fand sich auch so auf der Erde bis zu Anfang des dritten Zeitalters *). Jetzt brach Ahriman, dessen Nachtreich bis dahin nur auf die Hölle (den Duzahk unter der Erde) beschränkt

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*) Jedes Zeitalter fast 3000 Jahre. Es sind deren aber vier.

 

 

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war, in Ormuzd‘s Körperwelt ein, und herrschte gemeinschaftlich mit ihm; nur ist der Raum zwischen Himmel und Erde zur Hälfte in Licht und Nacht getheilt. So wie Ormuzd vorher einen Geisterstaat des Lichts hatte, so Ahriman einen Geisterstaat der Nacht; sobald er aber in die irdische Lichtwelt eindrang, um darin mit Ormuzd gemeinschaftlich zu herrschen, setzt er auch der irdischen Lichtschöpfung eine irdische Nachtschöpfung entgegen, und es stehen von dem Augenblicke an zwei Körperwelten einander gegenüber; die erste, von Ormuzd abstammend, ist Licht, rein und gut, die zweite, von Ahriman abstammend, ist Nacht, unrein und böse. Den sieben Planeten (Amschaspands) treten sieben Kometen (Erzdews) entgegen, jeder guten und heilsamen Pflanze die von Ormuzd kam, setzt Ahriman schädliche und giftige entgegen, jedem nützlichen guten Thier ein reißendes und böses, so stehen nun beide Reihen in unabsehbarem Kampf begriffen einander gegenüber, und mitten zwischen ihnen der Mensch mit freier Wahl, zum Guten oder Bösen sich zu wenden.

 

Auf den Mauern von Persepolis sieht man Thierkämpfe angebracht, welche nicht als bloße Verzierungen gelten, sondern auch einen religiösen Hintergrund haben. Der Kampf dieser Thiere bildet den großen Kampf der beiden Schöpfer Ormuzd und Ahriman selbst ab, wie sich dieser in der ganzen Thierwelt offenbart, und in welchen der Mensch durch alle seine Pflichten tief verwickelt war. Es war heilige Pflicht des Ormuzddieners, das reine Thier als Ormuzds Geschöpf zu pflegen, zu nähren und gegen die Thiere Ahrimans zu schützen, so viel er nur immer konnte. Es war ihm heilige Pflicht, gegen alle Geschöpfe Ahrimans zu Felde zu ziehen, sie zu tödten oder ihnen zu schaden, soviel er nur immer konnte; Ahriman wurde selbst in seinen Geschöpfen bekämpft. Um diese Pflicht in beständiger Uebung zu erhalten, mußten bei Sühnopfern nicht allein eine bestimmte Anzahl ahriman. Thiere (oft zehntausend) getödtet werden *),

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*) Vendidad Farg. XIV. p. 362. Z. A. B. II.

 

 

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sondern es war auch jährlich ein religiöses Fest angeordnet, an dem sich das ganze Volk auf die Jagd gegen die ahrimanischen Thiere begeben mußte, ein Fest, welches von den Ghebern in Persien und Indien bis auf diesen Tag gefeiert wird *).

 

Noch weit mehr ist der Kampf gegen den Schöpfer des Bösen selbst eine Religionspflicht. Indem gegen die Materie des Fleisches gekämpft wird, bewirkt man das Unterliegen Ahrimans, der in dieser Welt der Sinnlichkeit herrscht. Und darum ist der Kampf so schwer und bedarf des höhern Beistands Ormuzds. Der wahre Ormuzddiener ist also ein beständiger Krieger gegen Ahriman und seine Schaaren, er soll kämpfen und siegen und das Böse vernichten. Darum heißen auch die Eingeweihten in den Mithra-Mysterien Krieger des Mithra. Da mit übereinstimmend sagt Jesus (Matth. X. 34 u. s. f) zu den Jüngern: „ Ihr sollt nicht wähnen, das ich gekommen sey, Friede zu senden auf Erden. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert; denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater, die Tochter wider ihre Mutter, die Schnur wider ihre Schwieger. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen seyn.“

 

Abgesehen von einem andern Sinn, den man auch in diese Worte legen kann, und der durch die vorhergehenden Verse auch gerechtfertigt wird, scheint wegen der folgenden Verse 37 bis 39 auch diese unsre Auslegung darin enthalten zu seyn, und die Rede ist also auch von einem moralischen Kampfe, den der Christ immerwährend mit der Sinnlichkeit zu führen hat. Auch das Christenthum also predigt Kampf gegen den Bösen und Entsagung den weltlichen Freuden. „Diese Lehren“ – bemerkt Richter – „stammen sämmtlich aus Indien, wo sie als nothwendige Folge jener Begriffe erscheinen, nach welchen die Seele nur in den irdischen Leib versteckt wird, um geläutert und gereinigt zu werden. Von da gingen sie unmittelbar in das persische Religionssystem über. In Persien ist der Hauptpunkt

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*) Z. Av. B. III. p. 246.

 

 

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von Zoroasters Lehre der immerwährende Kampf gegen Ahriman und seine Dews. Dieser Hauptpunkt findet sich im Christenthum wieder, weil in demselben auch vom Kampfe gegen den Teufel und die bösen Geister die Rede ist. Selbst Christi Leiden und Auferstehung wird als ein Bild dargestellt, wie wir unser Fleisch kreuzigen müssen, damit der Böse keine Macht über uns gewinne, und der Geist zum neuen Leben wieder erweckt werde. Das Christenthum kennt also auch die persische Lehre vom Gegensatze eines guten und bösen Prinzips, eines Reiches des Lichts und der Finsternis. Der Teufel heißt eben sowohl ein Ahriman, ein Verführer, Lügenvater, Fürst der Finsternis, ein Fürst dieser Welt, der alte Drache, der herumgeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Eben so ist in der Bibel von seinen Dienern, den bösen Geistern die Rede, welche als Gewaltige und Herren dieser Sinnenwelt beschrieben werden, gegen welche der Christ kämpfen muß, gerade so wie es Pflicht des wahren Ormuzdverehrers ist, gegen die Dews zu kämpfen, und ihre Werke zu zerstören.“

 

Als Kämpfer gegen die Schaaren der Finsternis gibt sich demnach der Bekenner der Zoroasterschen Religion für einen Bürger des Lichtreichs zu erkennen, welches aber nichts anders bedeutet, als ein heiliges und reines Leben führen, sowohl in Rücksicht der innern Gesinnungen, als auch der äußern Handlungen. So ist auch, wenn Johannes sagt Ep. I. V. 7:

 

So wir aber im Lichte wandeln, wie er im Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander,“

 

der Christ ein „Bürger des Lichts“ und das „im Lichte wandeln“ ist von einem reinen tugendhaften Leben zu verstehen.

 

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III. Auch die Ormuzd-Religion ist eine geoffenbarte.

 

Die Zendbücher erwähnen, das Zoroaster das Gesetz von Ormuzd im Wege der Offenbarung erhalten habe. Der Vendidad legt alle Lehren Ormuzd selbst in den Mund und in einer später geschriebenen Stelle im Izeschne *) heißt es: „Wie Ormuzd dem Zoroaster auf sein Begehren die ganze Auferstehung und alles, was sich begeben soll, geredet hat, wie Ormuzd selbst es ihm gelehrt, so red‘ auch ich Zoroasters Schüler.“

 

Diese Offenbarung enthält: 1) die ganze heilige Sage von Zervane Akerane, dem Urgrund aller Dinge, von der Schöpfung der Licht- und Nachtwelt, den Kampf zwischen beiden, von der Schöpfung des Menschen, seinem Standpunkt auf der Erde und seiner endlichen Bestimmung; von der Auferstehung der Todten und dem Ende der Welt. Alles, was der Parse von diesen Dingen weiß, hatte, wie unzählige Male gesagt wird, Ormuzd offenbart. Die Offenbarung enthält: 2) alle Vorschriften zu gottesdienstlichen Gebräuchen und Handlungen; sie machen den größten Theil des Vendidad aus und werden Ormuzd selbst in den Mund gelegt. 3) Die Sittenlehre des Zendvolks, wie sie im Zend-Avesta überhaupt und im Vendidad insbesondere enthalten ist, und 4) die ganze bürgerliche Gesetzgebung, welche als ein Theil der Sittenlehre betrachtet, und im Vendidad Ormuzd selbst in den Mund gelegt wird.

 

Der Zweck dieser Offenbarung ist zweifach: 1) dem Menschen Mittel anzugeben, wie er das Böse überwinde, alles moralische und physische Uebel von sich entferne, sich im Guten stärke u. s. w. 2) gibt sie die Regeln, wie der irdische Wohlstand des Volkes zu befördern sey, den Ormuzd wie Jehovah an die Ausübung seines Gesetzes knüpft. So heißt es im

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*) Z. Av. B. I. p. 129.

 

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Vendidad: „Wer die Steine *) betreten hat, wird reich, wenn er Mangel hat; bekommt Kinder, wenn er keine hat; bekommt Güter, wenn er dürftig ist u. s. w. (Z. A. B. II. S. 319. Vend. Farg. IV.) ebenso lautet es im Vendidad Farg. XXII. „Diene mit Ehrfurcht und ff. Ich will dir stündlich schenken tausend Ochsen, die dich auf deinen Reisen tragen sollen. Diene mit Ehrfurcht und ff. und ich will dir in Ueberfluß geben Korn und vollfließende Bäche, deine kranken Helfer will ich gesund machen.“ (Z. A. B. II. S. 385.)

 

„Was die Offenbarung Ormuzds vortheilhaft auszeichnet“ – bemerkt Rhode – (l. c. S. 414.) „ist, daß sie den ersten Zweck durchaus zur Hauptsache macht, und den zweiten nur so beiläufig aufstellt; dagegen Jehovah beim Moses den zweiten fast allein aufstellt und den ersten nur ahnen läßt.

 

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IV. Honover (der Logos).

 

Dem Izeschne zufolge war das Wort (Logos beim Joh.) vor der Schöpfung aller Wesen. „Das reine“ – sagt Ormuzd – „das heilige, das schnellwirkende Honover (Wort) war o Zoroaster! ich sage es dir vor dem Himmel, vor dem Wasser, vor der Erde, vor den Heerden, vor den Bäumen, vor dem Feuer, vor den reinen Menschen, vor den Dews, vor den Kharfesters **), vor der ganzen daseienden Welt, vor allen Gütern, vor allen reinen Ormuzdgeschaffenen Keimen.“ Man vergl. damit die schon oben angef. Stellen aus dem Ev. Joh.

 

1. Im Anfange war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.

 

2. Dies war im Anfang bei Gott.

 

Ist das Wort wird man fragen ein neues von Zervane Akerene verschiedenes Wesen? Ist es etwas Besonderes bei

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*) D. i. sich die Reinigung des Baraschnom hat geben lassen.
**) Erzeugnisse der Dews, wie Schlangen, Wölfe u. s. w.

 

 

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dem ersten und zweiten Prinzip? oder ist es nur die Weisheit und personificirte Thätigkeit derselben ? denn in dem gewöhnlichen Verstande, worin die mit Mund und Ohren versehenen Menschen diesen Ausdruck gebrauchen, kann er hier nicht gelten. Die Ravants und andere theologische Schriften der Parsen geben keinen Aufschluß hierüber. Man muß also bei den Zendworten bleiben. Weil das System Zoroasters sonst nur zwei Principien der zweiten Ordnung zeigt, glaube ich, das man sie allegorisch verstehen, und das Wort bloß als ein Attribut der Zeit ohne Gränzen ansehen müsse, die sich nämlich durch die Schöpfung der Wesen offenbarte, ohne aus sich selbst zu gehen und ihre Quelle zu verlassen. Allein eine genauere Vergleichung jener Stellen zeigt, daß das Wort, nach dem System der Zendbücher ein für sich bestehendes Wesen sey; und zwar:

 

1) weil, wenn Honover nur die angewandte Weisheit der Zeit ohne Gränzen (Zervane Akerene) wäre, wozu die Erinnerung, daß dieses Wort schon vor der wirklichen Welt vorhanden gewesen? Dies wäre an sich klar.

 

2) Honover ist älter als selbst Ormuzd, weil es vor allen Geschöpfen war. Es ist selbst ewig, aber nicht absolut, denn als von Gott gegeben (wie die Zendworte Khédatehé andeuten) muß es einen Anfang des Daseyns haben.

 

3) hat Honover auch eine Seele, einen Feruer *) wie die übrigen Productionen der „Zeit ohne Gränzen,“ eine Eigenschaft wornach es unter die Klasse der geschaffenen Wesen gehört.

 

Honover ist demnach als ein geschaffenes Wesen zu betrachten, geringer als die Zeit ohne Gränzen, aber über Ormuzd, das den Quell und das Muster aller Vollkommenheiten der Wesen in sich enthält und das Vermögen sie hervorzubringen, das sich aber nur durch eine Aeußerung der Zeit ohne Gränzen und Ormuzds geoffenbart hat.

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*) Die Feruers sind die Urbilder der Wesen. Jede geschaffene und vernünftige Substanz hat einen Feruer.

 

 

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Berücksichtigt man ferner auch die Zendstelle: „Ich habe mit Größe das Wort gesprochen, ich der in Vortrefflichkeit Verschlungene, und alle reine Wesen, die sind, gewesen sind und seyn werden, entstanden und bekamen Lauf in Ormuzds Welt, so muß man unwillkürlich sich auch des 3. Verses im ersten Kapitel beim Joh. erinnern: „Alles ist durch dasselbe erschaffen, und ohne dasselbe ist nichts, was da ist, erschaffen.

 

Das Honover beim Zoroaster und der Logos des Evangelisten sind also offenbar identisch, und gleichbedeutend.

 

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V. Ormuzd (Gottes Sohn.)

 

Ormuzd *) Name des Weltschöpfers, zusammengezogen aus den Zendworten Ehoré (der Herr) und mezdao (der Große) aus ewiger Kraft der Unendlichen erzeugt, ist der Erstgeborne aller Wesen, geboren aus ewigem Licht, fort und fort Licht an sich ziehend, wohnend im Urlicht, wie es im Izeschne von ihm heißt: „Himmlischer Ormuzd, lebend im Urlicht“ **) und womit man die Worte des Paulus an Timotheus (Ep. 1. Kap. 6. V. 16.) vergleichen mag, als: „Gott wohnt in einem Lichte.“ Dahin gehören auch die ersten 14 Verse im ersten Kapitel des Ev. Joh. insofern hier von Jesu als der zweiten Person in der Gottheit die Rede ist.

 

Als Himmlischer der Himmlischen trägt Ormuzd fast alle Herrlichkeiten und Eigenschaften des Unendlichen, weil er der unmittelbarste Urabdruck des ewigen Wesens ist.

 

Dies erinnert an den Adam Kadmon der Kabbalisten, der geistigen Urmenschen, die erste Emanation des Lichts in der Gottheit, oder des himmlischen Menschen wie ihn Philo nennt, und worin wie Richter ***) meint, der Grund zu suchen ist,

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*) Kurze Darstellung des Lehrbegriffs von dieser persischen Gottheit nach Kleuker. Z. Av. B. I. 5.
**) Z. A. B. I. S. 159.
***) l. c. S. 293.

 

 

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daß Christus in seiner Qualität als Logos und Messias im neuen Testamente gewöhnlich des Menschen Sohn genannt wird. Er wird dadurch als die erste Gestaltung, welche die Offenbarung der Gottheit annahm, und also als das erste und liebste Kind des Urwesens characterisirt. Auf ähnliche Ideen scheint auch die Vergleichung hinzuweisen, welche Paulus I. Korinth. XV. 47 etc. zwischen dem irdischen und himmlischen Menschen anstellt. Er spricht von der Auferstehung der Todten und zeigt, daß nicht dieser irdische materielle, sterbliche Leib mit allen seinen ehemaligen Qualitäten wieder auferstehen werde, sondern ein geistiger verklärter unsterblicher Leib. Den irdischen Menschen nennt er den ersten (in Beziehung auf Adam) und den geistigen den andern Menschen. Dann fährt er fort: „Der erste Mensch ist von der Erde, der andere Mensch ist aber der Herr des Himmels. Dem irdischen Adam gleichen die irdischen Menschen, dem himmlischen Menschen aber die himmlischen Menschen d. h. die vergeistigten Menschen nach der Auferstehung, und wie wir das Bild des irdischen Adam an uns getragen, so werden wir alsdann auch das Bild des himmlischen an uns tragen.“

 

Es leidet keinen Zweifel, daß der Apostel bei dem himmlischen Menschen an Christus als Gottes Sohn dachte; aber in dem er eben von ihm die Benennung des himmlischen Menschen braucht, so liegt darin die Anspielung auf Philo‘s himmlischen Menschen und den Adam Kadmon der Kabbala. Diese Anspielung erklärt sich denn dadurch, daß Paulus als Mitglied der neuen christlichen Essäer mit dem Ursysteme des jüdischen Essäismus, der seine Quelle im Parsismus findet, (wozu sich während des Aufenthalts der Juden in Persien unter Cyrus Gelegenheit bot,) vertraut gewesen sey, und umgekehrt kann sie als Beweis von der Uebereinstimmung der Ideen in der Geheimlehre des Christenthums mit dem Essäismus dienen. Christus ist also gleich Ormuzd, Eins mit jener höchsten Emanation der Gottheit, dem himmlischen Menschen und dem Adam Kadmon d. h. er wurde in den höhern Lehren des Christenthums mit demselben identifizirt.

 

 

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Bemerkenswerth in Beziehung auf die untergeordnete, den göttlichen Vater nicht ganz erreichende Natur des Logos, so wie auf sein Verhältnis zu den niedern Emanationen, und auch mehrere Stellen des neuen Testaments z. B. wenn es Koloss. I. 15 und 16 heißt: Welcher (Christus) ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborne von allen Kreaturen, denn durch ihn ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und Unsichtbare (Man vergl. damit die stelle im Jescht-Farvardin: „Dieses himmlische Volk (die Feruers, reinen Geister) geschaffen vom Herrlichkeit verschlungenen Wesen (Ormuzd) *) und eine andere im Vendidad Farg. 19.: „Zoroaster fragte Ormuzd und sprach: O Ormuzd in Herrlichkeit verschlungen! wie soll ich die Wesen ehren, deren Schöpfer du bist? (Z. Av. B. II. S. 377.) und in demselben Farg. wo Ormuzd auch als Schöpfer der Körperwelt noch deutlicher bezeichnet wird mit den Worten: „Ich rufe an Ormuzd den Schöpfer der reinen Welt; die Erde Ormuzds Geschöpf, das Wasser Ormuzds Geschöpf u. s. f.“ (l. c. S. 379.)

 

Christus ist also das Ebenbild Gottes aber nicht das höchste Urwesen selbst, gerade so wie Ormuzd dem Zervane Akerene untergeordnet ist, was schon aus seinem Prädicat: Erster der Amschaspands (guter Engel), wie er in den Zendbüchern häufig genannt wird, ersichtlich ist. Ormuzd ist der Erstgeborne, die erste Emanation des Urwesens Zervane, auch Christus ist der Erstgeborne Gottes, vor allem Geschaffenen vorhanden, und durch den alles Vorhandene ins Daseyn kam, ebenso wie dies auch von Ormuzd als dem Schöpfer der Geister und reinen Körperwelt gelehrt wird.

 

Die Unterordnung Ormuzds geht aber nicht nur aus seiner Bezeichnung: Erster der Amschaspands deutlich hervor, sondern auch der Umstand, daß Ormuzd seinen Feruer und

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*) Z. Av. B. II. p. 256.

 

 

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Körper hat *) läßt ihn dem Schöpfer Zervane gegenüber als geringer an Würde erscheinen; und so begegnen wir abermals einer auffallenden Aehnlichkeit in den Religionsbegriffen der Parsen und der Christen in den ersten Jahrhunderten, denn abgesehen davon, daß schon der Evangelist Joh. (XX. 17) Jesu Worte in den Mund legt, welche seine Unterordnung ausdrücken, wenn er ihn sagen läßt: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater zu meinem Gott und eurem Gott“ desgleichen XIV. 28. „Ich gehe zum Vater, denn der Vater ist größer denn ich oder auch wenn Paulus Philip. II. 6. sagt: „Obgleich Jesus das Ebenbild Gottes an sich trug, so wollte er doch nicht mit einer gottgleichen Würde prangen“ so finden sich noch mehrere Stellen, die eine Unterordnung Jesu andeuten. so spricht der Verf. des Briefes an die Ebräer I. 2. 4. von dem Sohne, daß ihn Gott zum Erben über Alles gesetzt, und erklärt seine Natur nur für vortrefflicher als die der Engel, was so ziemlich wieder an Ormuzd als Ersten der Amschaspands, ersten Ized **) erinnert.

 

Aber auch die Kirchenväter waren derselben Ansicht von dem Rangesunterschiede Christi. Irenäus erklärt den Sohn ausdrücklich für geringer als den Vater, und Clemens von Alexandrien schildert den Logos als ein besonderes Wesen, dessen Natur über Menschen und Engel weit erhaben sey und dem Vater am nächsten komme. Auch Origenes sucht die Ausdrücke Jesu: „Ich und der Vater sind Eins; ich bin im Vater und der Vater ist in mir“ von der Einheit des Zwecks und der Gesinnungen zu erklären, welche zwischen dem Logos und dem höchsten Gotte Statt finde. Justinus Martyr spricht von Christus als einem bloßen Gesandten der Gottheit,

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*) Izeschne Ha 23. Z. Av. B. I. S. 145. Auch die Erde, Bäume u. s. w. also nicht bloß lebende Wesen, haben ihre Feruers.
**) Izeds werden die Engel, und Schutzgeister, Genien überhaupt genannt. Ormuzd als Ized. s. Z. Av, B. 11. S. 286.

 

 

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der ihrem Willen gehorche, ihre Befehle den Menschen überbringe, und glaubt, daß wenn im alten Testamente von Erscheinungen der Gottheit gesprochen werde nur der Logos darunter zu verstehen sey; denn der Natur des höchsten Gottes, als des Unnennbaren und Unbegreiflichen widerspäche es, in sichtbarer Gestalt auf die Erde herabzusteigen; dies könnte nur der Logos als geoffenbarter Gott. (Auch Ormuzd ist geoffenbarter Gott d. h. der Sichtbargewordene im Gegensatze zu seinem Schöpfer Zervane (die unbegränzte Zeit, welches gleichfalls im Begriff vom Urwesen ohne eigentliche Benennung für das selbe ist.) „Ihn den Vater und unaussprechlichen Herrn aller Dinge“ – fährt jener Kirchenvater in seinem Raisonnement fort – „der auch der Vater und Herr von Christo ist, hat ja Niemand gesehen, wohl aber jenen, der vermöge seines (des höchsten Gottes Willens, ein Gott und sein Sohn, Gesandter und Bote ist, und den er deswegen dazu erwählte, weil er seinem (des höchsten Gottes) Willen immer Gehorsam leistete.“

 

Dieses untergeordnete Verhältniß drückt er auch in einer andern Stelle aus, wenn er sagt: Es heißt, der Herr hat Feuer geregnet vom Herrn aus dem Himmel, so deutet wohl das prophetische Wort zwei Worte an, das Eine welches auf die Erde herabgestiegen ist, um die Sodomer zu bestrafen, das andere welches im Himmel befindlich ist und als Vater und Gott der Herr des auf die Erde herabgekommenen Herrn und die Ursache von der Existenz, Kraft und Macht desselben ist, und durch seinen Willen bewirkt hat, daß er Gott und Herr ist.

 

Selbst Eusebius spricht noch von einer untergeordneten Natur des Sohns, wenn er sagt: „Alles was der Logos in seiner Vollkommenheit ist, fließt ihm aus der Fülle des höchsten Gottes zu, aus welcher er, als aus einer ewig strömenden Quelle seiner Gottheit schöpft;“ oder in einer andern Stelle: „der Logos hat alle seine Würde und Vollkommenheit, sein Leben und Alles, was er ist, nicht von sich selbst, sondern durch Mittheilung des höchsten Gottes seines Vaters, und er weder

 

 

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wie die heil. Schrift lehre, nur deshalb göttlich verehrt, weil Gott in ihm wohne.“

 

Man sieht aus den angeführten Meinungen jener Kirchenlehrer also ganz deutlich wie das ganze Dogma von der Gottheit Christi sich nur langsam ausbildete; und erst in der Kirchenversammlung zu Nikäa ward der Ausdruck und Begriff: Gottes Sohn im buchstäblichen Sinne festgesetzt; und als rechtgläubige Norm angenommen, daß der Sohn und der Vater Eines Wesens wären. Im Urchristenthum jedoch ist der Logos noch nicht Urgott, sondern bloß als erste Offenbarung desselben, höchste Emanation gedacht, dem Urgott am nächsten aber doch demselben untergeordnet.

 

Wenn hier die Paralelle zwischen Ormuzd und dem Logos der Christen gewagt wurde, obschon in dem vorhergehenden Kapitel der Logos bei den Parsen als Vergleichung mit Christus bereits versucht worden ist, so kann diese Wiederholung bei einem scheinbar andern Gegenstand durch eine schon früher angeführte Zendstelle gerechtfertigt werden, aus welcher abzunehmen ist, daß die Begriffe von Honover und Ormuzd zuweilen gemeinschaftlich oder gar identisch gedacht wurden, wie folgender Ausspruch Ormuzds bezeugt:

 

„Ich selbst, das in Herrlichkeit verschlungene Wesen, sprach dies Wort mit Größe, und alle reine Wesen, die sind, gewesen waren und seyn werden, wurden dadurch und kamen in die Welt. Noch jetzt spricht mein Mund dieses Wort in seiner ganzen Weite fort und fort, und reicher Segen mehret sich.

 

Leicht ließe sich in der Annahme, das durch Ormuzd, in dem er das Wort aussprach, die Schöpfung begonnen habe, ein Widerspruch gegen den früher aufgestellten Lehrbegriff, dem zufolge das Wort noch vor Ormuzd gewesen, auffinden lassen. Diesen Widerspruch glaubt Abbé Foucher dadurch zu heben, indem er annimmt, Zoroaster hätte zwar ein allerhöchstes Wesen gelehrt, unter welchem Ormuzd als sein Erstgeborner die Welt regierte; diese Lehre pflanzte sich jedoch nur unter den Weisen fort, das Volk hingegen blieb in seinem Glauben meist

 

 

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wie zuvor, erhob sich nicht über den Ormuzd, und gab ihm solche Eigenschaften die nur dem höchsten Wesen zukamen. Auch ein Theil der Magier erklärte sich für diesen Irrthum und dadurch entstand das dualistische System von zwei Grundprincipien. Bei dieser Annahme erscheint der Sinn jener Stelle, welchem zufolge das Wort durch Ormuzd gesprochen die Schöpfung bewirkte, ganz ungezwungen. In der That ist ja auch in den Zendbüchern fast nur von Ormuzd die Rede, er ist Anfang und Ende von Allem. Werden die Amschaspands und die übrigen Genien angerufen, so ist Ormuzd Anfang Mittel und Ende. Nie wird gesagt, das Ormuzd einen Urheber seines Daseyns habe, wohl aber daß er Urheber alles Großen und Kleinen sey. Besonders finden sich alle diese Merkmale in dem Jescht Ormuzds vereinigt. Allein gleich auf diesen Jescht folgt der an die Amschaspands, welcher damit beginnt: „O Ormuzd vortrefflicher König! daß die Glorie und der Glanz der Amschaspands wachsen!“ Kurz darauf liest man: daß die Amschaspands mir hold sind, daß 1. Ormuzd in Licht glänzend der erste der Amschaspands 2. Bahman u. f. 3. Ardibehescht u. f. 4. Schariver u. f. 5. Sapandomad u. f. 6. Khordad u. f. 7. Amerdad u. f. Wenn also Ormuzd weiter nichts ist als ein Geist, der um den Thron des Ewigen steht, so ist er nicht selbst der Ewige; wenn er nur das Haupt und der Erste der sieben Amschaspands ist, so sind die sechs übrigen seine Brüder, und sie alle müssen einen gemeinschaftlichen Vater haben nämlich Zervane (Zervane Akerene) den höchsten Gott. Folglich erkannte Zoroaster einen höhern Gott als Ormuzd, und das Aufeinanderfolgen der beiden Jeschts, die sich in Anbetracht der Würde Ormuzds so sehr zu widersprechen scheinen, beweist nichts weiter als daß Zoroaster bei Abschaffung des spätern Jescht gefühlt zu haben schien, das er zum Lobe Ormuzds sich wohl allzustark ausgedrückt habe. In dieser Liturgie wollte er also die erforderliche Einschränkung jenes Begriffes vornehmen; denn käme Zervane Akerene in den Zendbüchern gar nicht vor, dürfte man den Zoroaster immerhin

 

 

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beschuldigen Ormuzd für das höchste Wesen erkannt zu haben. Allein Zervane wird allerdings erwähnt nur selten, und das hat seine Ursache darin, daß dieser letzte Grundbegriff aller Dinge für den öffentlichen Religionsdienst und für Liturgien zu abstrakt war, und sich nicht gut wie eine Person denken ließ, auch kein Gegenstand für die Einbildungskraft war. Da her blieb die öffentliche Religion der Perser beim Ormuzd stehen mit dem alles Geschaffene seinen Anfang nahm, und der als Oberhaupt und König der Welt Alles regiert.

 

Diese Meinung Fouchers, daß Zervane Akerene von Zoroaster nur den Magiern und als esoterische Lehre mitgetheilt worden sey, findet ihre Bestätigung im Izeschne Ha 36. Dort ist die Rede vom Feuer Oruazeschte und da heißt es: „Ich nahe mich dir kräftig wirkendes Feuer seit Urbeginn der Dinge. Grund der Einigung zwischen Ormuzd und dem in Herrlichkeit verschlungenen Wesen, welches ich mich bescheide nicht zu erklären *).“

 

Was hier unter dem Ausdruck Einigung zu verstehen sey, ist schwer zu bestimmen, da wir den Ausdruck der Urschrift nicht kennen, und die Uebersetzung hier unklar ist. Was auch irgend gemeint seyn mag, das Verhältnis zwischen Zervane (denn wer sollte sonst unter dem in Herrlichkeit verschlungenen Wesen verstanden werden?) und Ormuzd kann nicht darin begriffen werden, denn das wird offen gelehrt. Hier ist also die Rede von einer geheimen Lehre, wenigstens kann man den Nachsatz so deuten, denn in der Note übersetzt Anquetil du Perron „was ich nicht erkläre, obschon ich es weiß.“ Es liegt also hier eine Anspielung auf eine geheime Lehre zu Grunde, die der Verf. nicht öffentlich auszusprechen wagte.

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*) Z. Av. B. I. p. 169.

 

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VI. Zoroaster. Versuch einer Parallele desselben mit Jesu, dem Reformator einer schon bestehenden Religion.

 

Bei keinem Religionsstifter irgend eines Volkes finden sich auch in den Schicksalen derselben so viele Aehnlichkeiten als zwischen Jesus und Zoroaster.

 

Zoroaster, eigentlich Zerduscht genannt, stammte wie der Stifter des Christenthums aus einer Herrscherfamilie. Im Bun-Dehesch wird seine Genealogie bis auf Feridun zurückgeführt, und Zoroaster als ein Zweig der alten Königsfamilie von Ari dargestellt, eine Nachricht, welche die irrige Angabe Justins, der ihn einen König von Baktra nennt, einigermasen erklärt *).

 

Im Zerduscht – Nameh **) wird erzählt daß Dogdo, die Mutter des Gesetzgebers, im sechsten Monate ihrer Schwangerschaft einen sehr beunruhigenden Traum gehabt. Ein Traumdeuter, von ihr befragt, spricht (Kap. 5. Zerd. Nameh) zu der Geängstigten: Ich sehe was noch kein Menschenkind gesehen hat. Du bist schwanger fünf Monat und 23 Tage, und wenn deine Zeit gekommen seyn wird, sollst du einen Sohn gebären, den man nennen wird: Gebenedeiter Zoroaster. Er soll ein Gesetz verkündigen, das der Erde Freude bringen wird u. s. w.

 

Man vergl. damit:

 

Ev. Lucä Kap. I. V. 31. „Sieh du wirst einen Sohn gebären, dessen Name sollst du Jesus heißen.“

 

Ev. Matth. Kap. I. V. 21. „Und sie wird einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Jesus heißen, denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden.“

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*) Justin L. I. c. 1.
**) Eine Geschichte Zoroasters die der Destur (Priester) Zerduscht Behram vor 200 Jahren aus dem Pehlwi übersetzte.

 

 

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Bahrdt *) war schon durch diese hervorspringenden Aehnlichkeiten zu der Bemerkung verleitet worden, das die Jugendgeschichte des Messias das allgemeine Schicksal gehabt habe mit einigen Zusätzen bereichert worden zu seyn **). Er berief sich auf die allgemeine Neigung der Menschen bei außerordentlichen Männern, insbesondere solchen, die durch einen ungewöhnlichen Grad von Weisheit und Einsichten sich hervorgethan hatten, Spuren des Uebernatürlichen zu entdecken.

 

Im 7. Kap. des „Zerd. Nam.“ liest man ferner von dem Fürsten Duranserun, einem Haupt der Magiker. Er wußte daß Zoroaster, sobald er aufstände, durch sein reines Gesetz alle Magie tödten würde. Kaum wurde ihm des Kindes Geburt verkündigt, so sprang er auf vom Throne, und stieg zu Pferde, und begab sich in Poroschasps (des Vaters von Zoroaster) Haus. Er fand Zoroaster an der Mutter Brust. Größe Gottes ging von dem Kinde aus. Belehrt von dem, was sich begeben hatte bei seiner Geburt, machte ihn der Zorn blaß, und er befahl seinen Leuten, daß sie das Kind greifen und mit seinem Säbel durchhauen sollten. Aber der Vater der Seelen lies seine Hand verdorren auf dem Flecke.“

 

Der Unterschied zwischen Duranserun und Herodes, welche Beide einen künftigen Ueberwinder ihrer Macht fürchten, ist nur dieser, daß sich der Letztere sein Blutgeschäft bequemer macht, und nicht in höchsteigner Person das Opfer seines Ehrgeizes aufsucht.

 

Im „Zerd. Nam.“ Kap. 37. findet sich eine Schilderung wie die Weisen des Landes in Gegenwart des Monarchen dem Zoroaster Fragen gestellt, um die Echtheit seiner göttlichen Sendung aus den richtigen oder falschen Antworten zu ermitteln, aber heißt es daselbst: „Die Fragen beantwortete er daß sie staunten. Darauf breiteten die Weisen eine Decke auf den Fußboden

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*) Briefe über die Bibel im Volkston S. 41. ff.
**) Noch mehr solcher wunderbarer Nachrichten findet man im evangelio infantiae Christi.

 

 

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und setzten sich um Zoroaster. Jeder fragte ihn besonders so viel er konnte und bewunderte die Tiefe und Weite seiner Einsicht, u. s. w.“

 

Erinnert nicht diese Erzählung an Jesu Lehren im Tempel, und an Ev. Lucä Kap. II. V. 47. „Und alle die ihn hörten, verwunderten sich seines Verstandes und seiner Antwort?“

 

Jesus nimmt die Lehrsätze der Essäer an, Zoroaster geht bei den Weisen Chaldäas in die Schule; Ersterer tritt gegen die Pharisäer, der Andere gegen die falschen Magier auf.

 

Laut Math. XIV. V. 26–36. wandelte Jesus gefahrlos auf dem Meere. Ein Aehnliches liest man vom Zoroaster. „Er zog aus von Urmi in Begleitung einiger der Seinigen und kam mit ihnen an die Ufer eines Flusses. Wie er kein Schiff sah, ward sein Herz von Kummer zusammengezogen; er betrübte sich darüber, wollte umkehren, aber wie er vor Gott weinte ward sein Gebet erhört und er mit allen, die bei ihm waren gingen, ohne sich zu entkleiden, über das Wasser gleich einem Schiff, das die Wasser spaltet, als hätte Zoroaster eine Brücke gebaut.“ (Zerd. Nam. Kap. 16.)

 

Laut Math. IV. 2. fastete Jesus in der Wüste 40 Tage und 40 Nächte als er sich zu seinem Lehramt vorbereitete. Auch Zoroaster fastete eine gleich lange Zeit in der Wüste, bevor er den Ariern das Gesetz Ormuzd brachte.

 

Im Zerd. Nam. Kap. 26. liest man: Zoroaster sah auch Ahrimans Gestalt in der Hölle; (also auch eine Höllenfahrt!) wie Ahriman ihn erblickte, schrie er sehr: „Verlaß das reine Gesetz, wirfs wie Staub weg, du sollst doch in der Welt haben was dein Herz wünschen kann.“

 

Es versteht sich von selbst daß der Versucher auch bei diesem Propheten seine Absichten nicht erreicht, indeß fällt uns bei Lesung dieses Histörchens das vierte Kap. aus dem Ev. Lucä ein:

 

 

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V. 6. Und der Teufel sprach zu ihm: Diese Macht will ich dir alle geben, und ihre Herrlichkeit, denn sie ist mir übergeben, und ich gebe sie wem ich will.

 

7. So du mich willst anbeten soll dies Alles dein seyn.

 

Jesus antwortet auf diese Zumuthung: „Hebe dich weg von mir Satan! u. s. w. Zoroaster aber wenig verschieden: „Mit Gottes Barmherzigkeit will ich deine Werke in Schande bringen.“ Jesus fand an Paulus einen gefährlichen Gegner, in der Folge aber den tüchtigsten Verbreiter seiner Lehre; ebenso sucht der Bramin Tscheegregatscha, welcher im fernen Indien die Ausbreitung der neuen Religion in Iran erfahren, den König Kustasp gegen Zoroaster einzunehmen, und wird späterhin der thätigste Apostel des Zoroasterschen Glaubens unter den Braminen, deren er 80000 bekehrt.

 

Auch Zoroaster hält dafür daß die Art Kranke bloß durch das Wort Gottes zu heilen die zweckmäßigste sey *), auch Zoroaster bekehrt die Ungläubigen durch Wunder, auch ihn nennen seine Feinde einen Zauberer, und was das Merkwürdigste in der übereinstimmenden Aehnlichkeit der Aufgabe beider Religionsstifter bleibt, ist, das sie nur eine Reformation der bereits bestehenden Landes-Religion beabsichtigen. Auch Iran scheint, zur Zeit als Zoroaster auftrat, durch Sekten getrennt gewesen zu seyn, wie Judäa zu des Messias Zeit, wo Saducäer und Pharisäer sich feindlich gegenüber standen, und beide zugleich in den Essäern ihre Gegner fanden. Außer denen, welche der unter Dschemschid vor Jahrhunderten eingeführten Urreligion treu geblieben, gab es auch andere, welche mit dem Könige des Landes dem Sterndienste zugethan waren, und ehrten, doch ohne festgesetzte Art des Dienstes, zugleich Gott und die Gestirne. Mit tiefer Hochachtung der Elemente und Beobachtung der durch Dschemschid angeordneten Gahambarsfeste **), begnügten sie sich.

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*) Vendidad Farg. 7.

**) Diese waren als Gedächtnißfeier der Weltschöpfung eingesetzt.

 

 

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Dies war die Religion der Könige von Iran. Die größere Menge aber diente bloß den Gestirnen. Diese mischten wie Poroschasp den Dienst des wahren Gottes in die Anbetung der Dews, indem sie Ormuzd und Ahriman als gewissermassen gleich dachten. Der übrige Haufe verehrte bloß Dews und böse Geister.

 

Zoroaster, der gegen diese verschiedenen Religionen zu kämpfen hatte, setzte in seiner Lehre zuerst solche Geister fest, die selbst von denen verehrt werden mußten, die noch der Urreligion zugethan geblieben waren. Sein Sinn ging dahin die ganze Natur wie Ormuzd den Allerhöchsten der Guten und Ahriman den Fürsten der Dews als abhängig und geschaffen vom Urwesen vorzustellen. Deswegen gab er Beide für bloße Geschöpfe aus und um den Schwierigkeiten einer einzigen ersten Ursache der Dinge auszuweichen, bringt er Ormuzd und Ahriman seinen Persern oft ins Andenken; er breitet sich aus über ihre Natur, gegenseitige Streitwirkungen die sich im Siege des Guten endigen müssen. Diese Grundlehren erhalten ein um so größeres Gewicht, weil sie auf das alte vergessene Gesetz, das unter Dschemschid galt, wieder zurückführen. Was Zoroaster predigt, war schon von Hom auf den Gebirgen verkündigt worden, als das Zendvolk noch die Hochflächen des mittlern Asiens bewohnte. Nach den Zendschriften war auch Hom ein Arier und in Eeriene-Veedjo geboren. Er war der erste Prophet Ormuzd‘s, der Erste, welcher das Lichtgesetz bekannt machte, und von ihm sagt Zoroaster: „Du bist Erster o großer Homo, dem Ormuzd Evangoin und Sader, die Kleider des Heils, mit dem reinen Gesetz vom Himmel gegeben *). Im Vendidad wird dieser Hom mit Zoroaster völlig gleichgestellt. Dort heißt es: „Hom war anfänglich Mittel gegen physisches und moralisches Uebel; in den letzten Zeiten ist es Zoroaster durch seine Sendung **)“ Diese Stelle beweist,

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*) Izeschne Ha IX. Z. Av. I. p. 118.
**) Farg. XX. Z. Av. B. II. p. 381.

 

 

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daß Hom als ein dem Zoroaster völlig gleicher Prophet characterisirt wird, als auch, daß das Prophetenamt und der Zweck seiner Sendung deutlich ausgesprochen ist. Alles physische Uebel ist nach den Zendbüchern Folge des moralischen Uebels und rührt von Ahriman her, selbst alle körperlichen Krankheiten. Der Prophet, welcher die Dews bezwang, mußte auch die von den bösen Geistern herrührenden Krankheiten heilen können. Der Prophet Hom war also vermöge seines Amtes auch Arzt, also Mittel gegen physisches Uebel, und in der That befaßten sich die Priester im Oriente wie in Egypten auch mit der Arzneikunde. Außer dem Worte Ormuzd, das bei Krankheiten als wirksames Mittel betrachtet wurde, bediente man sich auch wirklicher Arzneien. Diese scheint Hom aus einer Pflanze bereitet zu haben, die nach seinem Tode von ihm den Namen erhielt, als heilig betrachtet und als Baum und Quell des Lebens verehrt wurde. Die Pflanze Hom, aus welcher der bei dem Gottesdienste verwendete Homsaft bereitet wurde, und von welchem im Izeschne es lautet: „Ich preise alle Homs sowohl den, der auf dem Gipfel der Berge als den der an verschlossenen Oertern wächst,“ ist nach der Meinung der Gelehrten das amomum der Lateiner, und dessen Eigenschaft nach Dioskorides erhitzend ist, wider den Biß giftiger Thiere, und den Weibern wenn sie ihre Zeiten haben, heilsam seyn soll. Wahrscheinlich hat diese Pflanze der Prophet Hom zuerst als heilkräftig entdeckt, und ihr daher seinen Namen gegeben. Nach seinem Tode wurde er als Schutzgeist der nach ihm genannten heiligen Pflanze verehrt, und es wird verständlich, wenn er zu Zoroaster redend eingeführt wird und sagt: „Ich bin der reine Hom, der dem Leben Dauer giebt, wer zu mir redet, wer mich ißt, mit Wärme mich anruft, und demüthiges Gebet mir opfert, der nimmt von mir die Götter dieser Welt *).

 

Auch die Zeit, wann Hom seine Lehre verkündigte, wird

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*) Izeschne Ha IX. Z. A. B. I. p. 114.

 

 

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im Allgemeinen in den Zendbüchern angegeben. „Wer ist, o Hom“ – frägt Zoroaster – „der erste Sterbliche, der in der geschaffenen Welt durch Anrufung und Demüthigung vor dir, bekommen hat, wonach er sich sehnte? Hom antwortete: Vivengham der Vater Dschemschids war der erste Sterbliche der u. s. w.“ *) Also vor der Auswanderung Dschemschids wurde Homs Lehre angenommen. Dadurch ist zugleich der Ort, wo er lehrte, bestimmt. Dieser Ort wird aber noch genauer angegeben. Es heißt weiter: „Nachdem du dich mit Evanguin umgürtet hattest (d. h. dich als Priester Ormuzds ankündigtest), lehrtest du auf erhabenen Gebirgen das Wort **). In dem hohen Gebirgslande also ehe Dschemschid und das Volk in die Thäler herabstieg, wurde durch Hom das erste Gesetz verkündigt. Hom scheint nicht nur die feierliche Anrufung der Natur und der lebendigen Wesen insbesondere gelehrt zu haben, wie aus einer stelle im Izeschne erhellt, wo Zoroaster sagt:

 

„Das Wort, das du o Hom gesprochen, ist hochberühmt: Ich bitte die Geschöpfe des Lebens damit diese mich wieder bitten; ich rede zu den Geschöpfen des Lebens und rufe ihnen mit Größe. Ich nähre die Geschöpfe und halte sie in guten Stand. Sie sind es, die mir Nahrung geben und Lebenselemente“ und auf die Verehrung der Natur als Grundlage des Naturdienstes der Zendbücher in ihrer ersten kindlichen Einfalt, hindeutet; sondern auch der äußere Gottesdienst mit seinen mannigfachen religiösen Gebräuchen scheint durch Hom zuerst eine bestimmte Form erhalten zu haben. Daß er zuerst die priesterliche Kleidung trug, wird aus den Worten klar, wo es heißt: Ormuzd habe sie ihm vom Himmel gebracht. Auch die Feueraltäre scheinen zu seiner Zeit schon gekannt gewesen zu seyn, denn schon Dschemschid führte bei seiner Einwanderung überall die rothglänzenden Feuer ein, aber auch die Liturgien mögen,

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*) Izeschne Ha IX.
**) Izeschne Ha IX. Z. Av. B. I. p. 118.

 

 

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wie obiges Fragment vermuthen läßt, dem Hom ihre Einführung verdanken.

 

Diese Untersuchungen, welche um so wichtiger waren, weil mehrere Gelehrte das Daseyn des Propheten Hom in Zweifel zu ziehen wagten, wie z. B. ihn Herder nur als religiös bürgerliches Symbol, Anquetil ihn als einen schutzgeist (Ized) gelten lassen wollte, und Kleuker nur schwankte, welcher von beiden Meinungen er Beifall geben dürfte. – Diese Untersuchungen verdanken wir ebenfalls dem Forscherblicke eines Rhode, und dieser Gelehrte schließt seine Bemerkungen über den ersten Gründer der Zendreligion mit den Worten: „Hom scheint indeß nicht alles schriftlich verfaßt zu haben, weil es ausdrücklich heißt: daß alle, die unter diesem ersten Gesetze gelebt haben, die Offenbarung Ormuzds durchs Ohr empfingen. (Z. Av. B. I. S.97.) Dies war auch wohl für die unschuldigen Menschen, wie sie die Zendbücher schildern, die mit ihren Heerden auf den Höhen Asiens herumzogen, hinreichend; allein mit der Auswanderung Dschemschids trat eine ganz andere Lage der Dinge ein. Das Volk ging vom einfachen Hirtenleben durch Ackerbau und feste Wohnsitze zur Civilisation über, und so entwickelten sich durch das Zusammenleben in Dörfern neue Bedürfnisse, neue Laster, und daher mochte sich eine neue erweiterte religiöse Gesetzgebung als nöthig aufdringen. Daher läßt Zoroaster im Anfang des Vendidad, Ormuzd schon dem König Dschemschid als dem Stifter der neuen Lebensform des Volkes den Auftrag geben: das vollkommene Gesetz einzuführen, allein der große König fand sich zu diesem erhabenen Geschäfte zu schwach, und so blieb es bei der ersten unvollkommenen Gesetzgebung des Hom, bis Zoroaster durch seine Sendung die Mängel derselben ergänzte und seine Lehre durch schriftliche Abfassung befestigte.“ *)

 

Wahrscheinlich würde auch Hom eine schriftliche Offenbarung gegeben haben, wenn sein Wirken nicht in eine zu frühe Zeit fiele,

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*) Die heil. Sage des Zendvolks S. 124.

 

 

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wo der Gebrauch der Buchstaben noch nicht bekannt war. Indes thut dieser Umstand unserer Paralelle keinen Eintrag, welcher zufolge auch Zoroaster wie Jesus bloß Reformatoren schon bestehender Religionen waren, ein Beispiel, welches sich im Oriente nicht wieder findet, indem Buddha, Fo, Mahumed u. A. m., wenn sie als Neuerer unter ihrem Volke auftraten, das alte System ganz zu stürzen strebten. Jesus aber erkennt noch immer die Autorität des Moses an, und Zoroaster beruft sich auf Hom, nur daß hier der umgekehrte Fall eintritt, insofern Hom und Jesus ihre Lehren mündlich weiter pflanzten, Moses und Zoroaster aber das Gesetz schriftlich abzufassen für zweckmäßiger hielten.

 

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VII. Mithra (Jesus als Mittler.)

 

1) Das Geburtsfest Mithra‘s und das des heiligen Christ werden an einem und dem selben Tage gefeiert. Welches Fest ist das ältere? beantwortet vom Pater Harduin.

 

Nirgends drängen sich die Aehnlichkeiten zwischen Parsismus und Christianismus zahlreicher als in den Schilderungen, welche uns die Alten von dem Gott Mithra aufbewahrt haben. Hören wir den Kirchenvater Justin über diesen Gegenstand in seinem bekannten Dialog mit dem Juden Tryphon. Dieser erklärt die Mithra-Mysterien seyen deshalb in einer Höhle vorgenommen worden, um auf dem Betlehemitischen Stall (Höhle) anzuspielen, in welchem, wie bekannt, Christus geboren wurde, eine Anspielung, die noch unzweideutiger erscheint, wenn man jenes Monument aus den Katakomben Roms zu Gesichte bekommen hat, auf welchem ein Ochse und ein Esel das Lager des neugebornen Gottes umstehen. (Man vergl. d. Titelkupfer.) Damit aber der böse Dämon diese Gaukelei auf allen Seiten vollkommen mache, erzählt Justin weiter, wurde der Geburtstag des Mithra auf den 25sten Dezember gesetzt,

 

 

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an welchem das Geburtsfest des wahren Gottes Christus jährlich begangen wird.

 

Diese Uebereinkunft der Heiden konnte wahrlich nicht seyn, um das Geheimnis der Geburt Christi nachzuahmen, sondern weil an diesem Tage die Sonne sich zu erneuern schien, indem die Sonne von Einigen mit Mithra oft verwechselt wurde, welcher, wie später dargethan werden soll, auch als der Planet Venus verehrt wurde. Wenn die Sonne den ganzen Thierkreis, die Jahreszeiten hindurch durchlaufen hat, und an das Aeußerste des winterlichen Wendekreises gekommen ist, kehrt sie, wie aus der Tiefe emportauchend, in die Höhe zurück, und indem sie einen neuen Lauf beginnt, scheint sie gleichsam wiedergeboren zu werden, da nun der kürzeste Tag oder die Sonnenwende nach der Anordnung des Julius Cäsar auf den 25. Dezember gesetzt war, obgleich er acht Tage früher fiel (denn die Alten glaubten, das der Wechsel der Zeiten im 8ten Theile der Himmelszeichen geschehe, wie Petavius (de doctr. temp. B. 4. Kap. 27. bemerkt), so glaubte man, an jenem Tage werde die Sonne gleichsam geboren, und feierte ihn als ihren Geburtstag. Der heilige Ambrosius bezieht sich darauf im Anfange der 10ten Rede „von der Geburt des Herrn,“ wenn er sagt: „Gewissermaßen mit Recht nennt das Volk den heiligen Tag der Geburt des Herrn die neue Sonne, und bekräftigt dies durch solches Ansehen, daß auch Juden und Heiden in diesem Worte übereinkommen, weil durch die Geburt des Erlösers nicht nur das Heil des Menschen, sondern auch die Klarheit der Sonne selbst erneuert wird.“ Eben darauf zielt auch der Verfasser der Homilie zum heil. Lucas, von der Geburt Johannes des Täufers hin. Seine Worte sind diese (Thl. II. der Werke des Chrysostomus lat. Ausg. Venedig 1589 S. 432): „Aber sie nennen ihn auch den Geburtstag des Unbesiegten (Invicti natalem). Wer aber ist so unbesiegt als unser Herr, welcher dem Tode sich unterwarf, und ihn besiegte?“ Durch dieses vorzügliche Zeugnis erfahren wir nicht nur wieder, daß die Heiden diesen Tag für den Geburtstag der Sonne hielten,

 

 

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sondern auch, das der zu diesem Tage im Kalender bemerkte Unbesiegte nur die Sonne gemeint sey, von welcher die Alten glaubten, daß sie gewissermaßen am 25. Dezember neu geboren werde.

 

Daß aber die Heiden ihr Mithrafest nicht den Christen abgeborgt haben können, hat schon Pater Harduin zu beweisen sich getraut. „In den ersten Zeiten – sagt er – war der eigentliche Geburtstag Christi noch ziemlich unbekannt, er wurde daher auf den 25. Dezember gesetzt, in der Absicht, daß weil dieser Tag von den Heiden der Geburt der Sonne geweiht war, nach Veränderung der Religion er dem Geburtsfeste unseres Herrn Jesus Christus eingeräumt würde. Der Geburtstag Christi mochte eher in den September gefallen seyn, da für diesen besser als für den Dezember die Wachen der Hirten bei ihrer Heerde, welche Lucas erwähnt, sich schicken. Daß vor dem Zeitalter des D. Chrysostomus der Geburtstag des Herrn unbekannt gewesen, wird damit dargethan, das er sich auf ein Zeugnis des Chrysostomus selbst (in der 31sten Homilie von der Geburt Christi,) beruft, zu dessen Zeit erst die Sitte, den 25. Dezember zu feiern, zu den Orientalen übergegangen sey. Sodann führt er die Worte unseres Kalenders an, von denen er richtig sagt, sie seyen von dem Geburtstag des unbesiegten Mithra, der Sonne zu verstehen, und endlich schließt er: Auf diesen Tag also wurde in Rom zuerst der Geburtstag Christi festgesetzt, damit, während die Heiden ihren profanen Gebräuchen oblagen, die Christen ungestört ihre heiligen Gebräuche feiern konnten.

 

In der That war vor Alters nicht eine Meinung vom wahren Geburtstag des Herrn in der orientalischen Kirche. In Egypten wurde er nach der herrschenden Meinung am 6. Januar, dem Tage der Erscheinung gefeiert; wie unter Andern Epiphanias de haer. 51 Nro. 24. bezeugt. Einige wählten, nach dem Klemens von Alexandrien (Stromat. B. I.) den 25. Pharmuthi (den 20. April) und Klemens selbst war für den November gestimmt. Harduin aber zieht

 

 

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den September vor, wie Calvisius Kap. 48. Isagoges, Scaliger in den Anmerk. nach seinem Werk de emendat. temp. auf der letzten Seite, u. A. m.

 

Calvisius unterstützt die Meinung Harduins auch damit, daß die Winterszeit sich nicht gut zur Vollziehung des Census geschickt haben könne, welcher für Judäa zur Zeit der Geburt Christi ausgeschrieben war, denn, meint er, es ist nicht wohl anzunehmen, das die Hausväter mit Frauen und Kindern, eine langwierige Reise an den bestimmten Ort zu machen gezwungen worden seyn sollten, da doch ohne Noth eine passendere Jahreszeit anbestimmt werden konnte.

 

Auch weiß man aus dem Briefe des Joh. von Nikäa an den Armenier Zacharias Catholicus (bekannt gemacht von Combefisus Thl. II. des Actuariums der heil. Väter S. 310) wie Pabst Julius aus den Büchern der Juden *) erst erfahren, daß der Geburtstag Christi auf den 25. Dezember fiel, und seit jener Zeit soll die römische Kirche diesen Tag zu feiern begonnen haben.

 

Pater Harduin führt auch diesen Umstand für seine Behauptung an, das die Wachen der Hirten bei ihren Heerden (Evang. Lucä Kap. II. v. 8.) deshalb nicht in dem Dezember gedacht werden können, weil eine Stelle im Talmud (Tractat Sabbath Fol. 45. Col. 2. und ebenso im Tract. Bezah Fol. 41. Col. 1.) lautet: Diese sind die Thiere der Wüste, nämlich diejenigen, welche um die Osterzeit auf die Weide heraus gehen, auf den Feldern weiden und nach Hause kehren beim ersten Regen. Tract. Nedarim Fol. 63. Col. 1. und Taanith Fol. 6. Col. 1. heißt es: „Welcher ist der erste Regen? Er fängt an am dritten des Monats Cheschwan.“ Ein Theil dieses Monats fällt sogar noch in den October.

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*) Die Echtheit dieses Briefes ist aber verdächtig, wie Cotelerius in den Anmerk. zum 5. Buch apostol. Verordnungen Kap. XIII. S. 324 bemerkt, wo er ein Fragment aus demselben anführt; und so bleibt der Geburtstag Christi noch immer unermittelt.

 

 

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Der heil. Augustin sucht diesen Streit, ob die Christen oder Heiden den 25. Dezember zuerst festlich begangen? zu beider Zufriedenheit zu schlichten, indem er (Rede 190 der Benedict. Ausg. Thl. V.) den Ausspruch thut: „Wir halten diesen Tag feierlich wegen der Geburt des Herrn, nicht wie die Ungläubigen wegen der Sonne, sondern wegen dessen, der sie erschaffen hat.“

 

Es fragt sich nur noch, zu welcher Zeit der ursprünglich in Persien einheimische Mithradienst auch von den Römern an genommen worden? Darüber belehrt uns Plutarch im Leben des Pompejus, wo es heißt: die Mysterien des Mithra seyen den Römern zuerst von den Seeräubern gezeigt worden, die sich aus den verschiedenen Theilen des Orients gesammelt, und, die Meere mit Räubereien füllend, endlich von Pompejus selbst bekämpft worden. Dieser Seeräuberkrieg fällt in das Jahr 687 nach Erbauung Roms. Also auch dieser Umstand ist der Hypothese des Pater Harduin günstig, denn lebte nicht Pompejus eine ziemliche Zeit vor Christi Geburt? Ist demnach der Mithradienst zu jener Zeit den Römern schon bekannt gewesen, wie können wir dann noch den Kirchenvätern beistimmen, welche die Mithraverehrer der Nachahmung christlicher Gebräuche und Institutionen anklagen wollen? Diese Beschuldigung verdient also am wenigsten widerlegt zu werden. Einige der heil. Väter gestehen zwar, wie in der Einleitung zu unserm Werke bemerkt worden, den Mithra-Ceremonien, ungeachtet ihrer starken Verwandtschaft mit den Ritualien der christlichen Kirche ein höheres Alterthum zu, meinen jedoch, der Teufel hätte, um Skeptizismus unter den Christen zu nähren, schon lange vor Christi Geburt anticipando diese Gebräuche den Heiden gelehrt, eine Hypothese, deren Echtheit zu prüfen wir willig unsern Lesern überlassen.

 

 

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2) Die Satisfactions -Theorie, oder Lehre von der Genugthuung Christi ist in den Mithra-Mysterien enthalten.

 

Es ist oben unter Andern auch der Aehnlichkeit gedacht worden, die sich zufolge jener Abbildung von der Geburt Mithra‘s in den Katakomben Roms mit der Geburt Christi darbietet. Der Ochs und der Esel aus dem Stalle zu Betlehem finden sich auch in der Höhle des Mithra wieder. Wie läßt sich diese Uebereinstimmung erklären? Aus dem Esel konnten die Gelehrten zwar nicht klug werden; glücklicher haben sie jedoch die Bestimmung des andern Thieres entziffert. Der Stier wird auf den meisten Mithrabildern angetroffen und dadurch wurde ein Silvester de Sacy verleitet, das Stieropfer für ein Sinnbild der erneuerten Natur auszugeben. Hammer meint jedoch: „Mit Beseitigung der bekannten sinnreichen, aber keineswegs verbürgten Erklärung, daß der Stier die Erde, und der Dolch des Mithra den dieselbe eröffnenden Sonnenstrahl vorstelle, läßt sich nicht wohl begreifen, wie der geschlachtete Stier die Wiederkehr des Frühlings vorstellen soll? Ganz anders erscheint dieses Opfer auf dem von Zoega eingeschlagenen Wege nach dem Lehrbegriffe der Zendbücher die Auslegung zu versuchen. Nach diesem ist Kajomors der Urstier, aus dem alle Geschöpfe hervorgegangen sind, und der erste Mensch zugleich. (Bun-dehesch III.) Das Opfer des Stiers ist also zugleich ein blutiges Menschenopfer, von Mithra dem Vermittler, zur Sühne Gottes und des Menschen, zur Vernichtung der ahrimanischen Erbsünde dargebracht. Der Grundbegriff dieses Opfers findet sich schon in den ägyptischen Mysterien des Osiris, in den phönizischen des Adonis, wie in Atys und Jachus oder Zagreus, Nyktetis, Isodarites, der immer mit Dionysos und dem Sonnengenius ein und dasselbe Wesen ist. Unter allen diesen Gestalten liegt der demiurgische Bakchus verborgen, dessen mystische Thiergestalt ταυρομορφος schon Creuzer in seinem Dionysus

 

 

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(S. 267 und 278) mit dem Schöpfungsstier der Hindu und Parsen, so wie Zoega (in seiner Abhandl. S. 141) das sühnende Taurobolium mit dem Stieropfer des Mithra in Verbindung gesetzt hat.“ *)

 

3) Auch die drei Weisen aus dem Morgenlande,

 

wie wir sie dem neugebornen Gotte Geschenke bringen sehen, finden wir (vergl. die Titel-Vignette) auf einem Mithra-Monumente in den Katakomben Roms, durchaus in ihrer Kleidung dem Mithra andrer Denkmäler ganz ähnlich. Sie haben die spitze Mütze, das ganze persische Costüm, den weiten Rock mit einem Gürtel zusammengehalten u. s. w. (siehe Roma subterranea etc. Tom. I. p. 327. 617. 295. 587. Tom. II. p. 117.) Bei dieser Gelegenheit erinnern wir uns einer stelle im Hyde (de relig. vet. Pers. C. 31), welcher sich auf Abulfaradsch mit folgenden Worten beruft: „Zerduscht (Zoroaster) belehrte die Magier über die Ankunft des Messias und befahl ihnen, zum Zeichen ihrer Verehrung, ihre Geschenke darzubringen. Er versicherte, in den letzten Tagen werde eine reine Jungfrau empfangen, und sogleich nach der Geburt des Ki des werde ein Stern erscheinen, selbst am hellen Tage mit unverändertem Glanze strahlend. „Ihr, meine Söhne!“ ruft der ehrwürdige Seher aus, werdet eher als ein anderes Volk seinen Aufgang wahrnehmen. Sobald ihr daher den Stern erblicken werdet, so folgt ihm, wohin er auch leiten wird, und bezeuget dem geheimnisvollen Kinde eure Ehrfurcht, indem ihr ihm mit der tiefsten Unterwerfung eure Gaben darbringt. Es ist das allmächtige Wort welches die Himmel schuf.“

 

Richter (in seinem „Christenthum und die ältesten Religionen des Orients“ S. 226) ist der Meinung, daß man wegen allzugroßer Uebereinstimmung dieser Stelle mit der im Ev. Math. II. erzählten Geschichte an ihrer Echtheit zweifeln dürfte.

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*) Wiener Jahrb. Jahrg. 1818. S. 110.

 

 

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Wäre sie indessen wenigstens zum Theil echt *), so ließe sich gerade die von dem Evangelisten angeführte Begebenheit daraus erklären. Das die Astrologie der persischen Magier die Ankunft des Welterlösers mit der Erscheinung eines wunderbaren Sterns verknüpfte, hat gar nichts Auffallendes. Und somit konnten persische Magier bei dem Erblicken irgend eines ungewöhnlichen Sterns, etwa eines Kometen, wohl auf den Gedanken kommen, daß jetzt der Welterlöser geboren seyn müsse, und sich daher aufmachen, ihn zu suchen. Allein – schließt der von uns angeführte Autor seine Bemerkungen über dieses Thema – es häufen sich doch dabei der Schwierigkeiten so viele, selbst in dem Falle, wenn man auch der strengsten Orthodoxie huldigt, daß man kaum anders kann, als die Erzählung bei Matthäus auf sich beruhen zu lassen. Das Einzige ließe sich etwa noch annehmen, daß die Erzählung des Factums erst aus der Weissagung entstanden und das Math. nur einer Sage gefolgt sey, welche aus jener Weissagung zu der Zeit entstanden war, als Jesus schon von allen seinen Freunden für den versprochenen Welterlöser erkannt wurde. Mag indessen hier ein Zusammenhang Statt finden, welcher wolle, so ist doch wenigstens manche Stelle aus dem Zend-Avesta ein Beweis von dem Glauben der alten Perser an einen Erlöser und Weltheiland.“

 

Dies erhellt vor allem am deutlichsten aus dem Vendidad Farg. XIX. wo es heißt: „Die Peris (böse Geister) und ihre Anschläge werden zertreten werden durch den, dessen Zeugerin die Quelle ist, durch Sosiosch, der aus dem Wasser Kanse soll geboren werden u. s. w.“

 

4) Auch Mithra führt den Beinamen Mittler

 

oder Μεσυτης, welchen ihm zuerst Plutarch gab. Er erzählt (de Iside et Osiride S. 396), daß die persischen Magier

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*) Dies läßt die Abbildung der Magier auf dem oben erwähnten Monumente aus den Katacomben Roms stark vermuthen. Richter aber scheint dieses Monument nicht gekannt zu haben.

 

 

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nach der Lehre des Zoroaster zwei Götter aufstellten, die unter sich uneins waren, den Oromazan und Arimanius, von denen der Eine das Böse, der andere das Gute bewirkte; in der Mitte zwischen ihnen stand Mithra, welchen sie deswegen Μεσυτης, das ist: den Mittler nannten *).

 

Dieses Bild ist wenig verschieden von dem christlichen Mythos, dem zufolge Jesus zwischen Gott und den sündigen Menschen, in welchen, um uns des Ausdrucks Pauli (ad Ephes.) zu bedienen, der Teufel fortwährend wirkt, als versöhnendes, vermittelndes Princip erscheint, daher auch ihn die heil. Schrift, mit dem bezeichnenden Prädicate Μεσυτης belegt. Mithra ist Mittler zwischen Ormuzd und Ahriman im zweifachen Sinne, im physischen als Sonne im Aequator, der in der Mitte zwischen dem Licht- und Nachtreiche der nördlichen und südlichen Hälfte der Sonnenbahn, d. h. im Symbole zwischen Ormuzd und Ahriman liegt; oder wie Rhode meint, welcher in Mithra den Stern Venus erkennen will, daß sein Geschäft sich auf ein drittes Wesen, die Erde, beziehe. Ueber sie und ihre reinen Bewohner ist er zum Schutzwächter gesetzt, für diese vermittelt er während des Kampfs der beiden großen Wesen die Einflüsse Ahrimans (der Finsterniß), sie unschädlich zu machen. Rhode hat nicht ganz Unrecht, wenn er in Mithra den Morgen- und Abendstern findet, weil dies aus einem Mithra-Bildwerke (Hirts Bilderb. Pl. XI. Fig. 7.) deutlich zu entnehmen ist. Auf jenem Bildwerke ist der Berg, unter welchem die Mithrahöhle mit dem Opfer sich befindet, abgerundet. Auf einer Seite desselben fährt aufwärts der Sonnengott mit einem Viergespann; vor ihm her schreitet ein Genius mit aufgehobener Fackel – es ist Mithra der Morgenstern **) der die

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*) Creuzers Symbolik 2te Ausg. 1819. I. über die Idee des Mittlers in der Mithriaca.

**) Sollte der Umstand, daß Mithra, von den Parsen auch Meher ?????? genannt, was mit dem Hebräischen Mahar ?????? (Morgen) sehr übereinstimmt, nicht diese Hypothese unterstützen?

 

 

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Sonne heraufführt, oder wie die Zendbücher sich ausdrücken, sie der Erde schenkt. Dieser Genius mit der erhabenen Fackel ist in der Höhle noch einmal und größer angebracht, um seine Wichtigkeit zu bezeichnen. Auf der andern Seite fährt Selene mit ihrem Zweigespann abwärts und vor ihr her geht der Genius mit gesenkter Fackel – Mithra der Abendstern; auch er erscheint in der Höhle selbst noch einmal in größerer Gestalt. Diese erhobene und gesenkte Fackel, welche auf jenen Bildwerken fast überall und oft mit den bezeichnendsten Nebenwerken vorkommen *), bezeichnen überall, wie Winkelmann treffend bemerkt, den Morgen- und Abendstern **), welche also mit jenen Stieropfern beim Mithra in genauer Beziehung stehen müssen. Von diesem Gesichtspunkte aus wird Herodot verständlicher, wenn er (L. I. c. 131.) sagt: „Die Perser opfern der Sonne, dem Monde, der Erde, dem Feuer, dem Wasser und den Winden. Diesen allein opferten sie von jeher. Nachher lernten sie von den Assyrern und Arabern der Urania opfern. Die Assyrer nennen die Aphrodite Mylitta, die Araber Alitta und die Perser Mitra.“ – Das Reich des Mithra war ursprünglich die Dämmerung. Nur nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang strahlt Mithra. Daher hatte ihm Zoroaster eine dunkle Höhle geweiht ***). Die spätern Mithras-Mysterien wurden bis zu ihrer Auflösung in dunkeln Höhlen oder Tempeln gefeiert, wo nie das Tagslicht eindrang und nur Dämmerung herrschte (Iul. Firmic. de error. prof. rel. L. I. c. V.)“

 

Damit läugnet Rhode noch nicht, daß spätere Grieche und Römer oder Vorderasiaten im Mithra wirklich die Sonne verehrten. Es war hier nur um die ursprüngliche Idee des Mithra zu thun, wie sie in den Zendschriften zu finden ist; nicht aber was in spätern Zeiten diese Idee für eine Veränderung erfuhr.

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*) Creuzers Symbolik B. II. p. 209.
**) Winkelmanns alte Denkm. d. Kunst Tab. 21. u. S. 17.
***) Leben Zor. von Anquetil du Perron.

 

 

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Nachdem wir die physische Bedeutung des Sinnes Mittler beim Mithra erschöpfend bewiesen zu haben glauben, versuchen wir auch den geistigen Sinn in diesem Worte zu entziffern. Mithra ist insofern Mittler auch hier, weil er den Sieg des Lichtreichs durch seinen Kampf gegen das Nachtreich befördert und dadurch die Aussöhnung zwischen Ormuzd und Ahriman schneller herbeigeführt, also beiden als ein echter Vermittler dient. In diesem Sinne nennt ihn Porphyrius (de nymph. antr.) Schöpfer und Herrn der Zeugung; er ist dann Mithras und Mithra zeugendes und gebärendes Princip in Einer Person; er ist der Urgott, durch den alle Zeugung beginnt und sich endet; er ist über Ormuzd und Ahriman erhaben, der Richter und Ausgleicher ihres Streites, derjenige, in dessen Wesen zuletzt sich beide auflösen. Er ist derjenige, welcher die Seligkeit auf die neugeschaffene Erde zurückführt und somit der wahre Weltversöhner, der Besieger des Todes und der Sünde, und wer ihm folgt, wird mit ihm eingehen in das Reich des Lichts und des Friedens, wo keine Sonne und kein Mond mehr scheint, sondern die Herrlichkeit des Herrn selbst Alles mit ihrem Glanz erleuchtet. Auf diese Ideen bezogen sich denn auch die Mysterien des Mithras. Das Ritual der Einweihung in dieselben war Symbol des Kampfes, welchen der Mithrasverehrer als Diener des Ormuzd gegen Ahriman und seine Dews zu führen hat. Daher gab es in denselben eine Stufenfolge von Prüfungen, die immer härter wurden, bis die Einweihung durch das Symbol der Wassertaufe das Zeichen war, daß die Mysten nun von allem Bösen gereinigt und würdig wären, in das Reich des Lichtes einzugehen. Durch sieben Grade stiegen sie allmählig bis zur höchsten Stufe empor und diese Anzahl bezog sich auf die sieben Planeten, durch welche die Seele auch auf ihrem Wege aus dem Intelligiblen, in die Sinnenwelt und wieder zurückwandern muß. In jedem Grade bekamen sie andre Ordensnamen, die sich auf die Stufe der Vollendung bezogen, welche sie erreicht hatten, und von solchen Symbolen begleitet waren, womit man diese Stufe bezeichnete.

 

 

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Im ersten Grade hießen sie Krieger des Mithra, um ihre Bestimmung zum Kampfe gegen Ahriman zu bezeichnen, was Tertullian jedoch in seinem frommen Aerger anders deutete, indem er ausruft: Warum wurden die Eingeweihten Krieger genannt? warum anders, als weil man die Märtyrer Christi mit diesem Namen zu bezeichnen pflegte? denn sie schienen gleichsam eine Parodie (Tert. eignes Wort) des Märtyrerthums darzustellen, indem sie die bei ihren Prüfungen erhaltene Krone vom Haupte auf die Schultern legten, und bezeugten, Mithra sey ihre Krone. (De corona mil.)

 

So war also die Religion des Mithra auch eine Religion des Kampfs wie das Christenthum, und Mithra der Vermittler und Aussöhner zwischen Gott und den Menschen, der Besieger des Teufels und der Hölle, und dadurch der Erlöser der Menschen von der Gewalt der Finsternis und des Bösen.

 

Wie vorhin erwähnt worden, so gab es bei den Mithra Mysterien

 

5) auch eine Wassertaufe,

um, wie Tertullian (de baptism.) klagt, das Sacrament der Taufe herabzusetzen, und derselbe Autor an einem andern Orte (de Praescript. c. 40.) wieder zur Sprache bringt: auch der Teufel tauft einige als seine Gläubigen und Getreuen, verspricht ihnen Nachlaß der Vergehungen durch diese Waschung.

 

Richter (l. c. S. 189) äußert bei dieser Gelegenheit: „Die Taufe als Symbol der Reinigung von Sünden war bei allen Völkern des Orients das Hauptreinigungsmittel in den Mysterien, und es ist nicht unwahrscheinlich – fügt er hinzu – daß die christliche Taufe eine Nachahmung dieses alten Ritus war; wenigstens weiß man bestimmt, das eine Menge anderer Ceremonien und viele Benennungen aus den Mithra-Mysterien in die erste christliche Kirche übergingen.“

 

Man weiß ferner, daß in den heidnischen Mysterien den Eingeweihten nach der Taufe Honig auf die Zunge gestrichen

 

 

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wurde *). Zur Zeit Christi und der Apostel war dieser Gebrauch noch nicht in Judäa bekannt; in der römischen Kirche findet er jedoch an mehrern Orten heute noch Statt, folglich muß der Ursprung dieser Ceremonie aus dem Parsismus abgeleitet werden.

 

6) Auch die Firmelung

 

finden wir in den Mithra-Mysterien. Dies versicherte schon Tertullian (de Praescr. c. 40.) mit den Worten: Mithras signat in fronte milites suos.

 

7) Auch die Eucharistie oder die Feier des heil. Abendmahls

 

war bei den Mithras-Mysterien im Gebrauche, indem sie den Mysten Brod und einen Becher vorsetzten, wie Justinus Martyr in der „Apologie für die Christen erwähnt. Dieser vergißt aber nicht, den Teufel wieder als Urheber der Nachäffung christlicher Gebräuche anzuklagen; obschon es Jedermann bekannt ist, daß das unblutige Opfer mit Brod und Kelch rein persisch, wie es aus den Zendbüchern erhellt, wo dasselbe Hom und Miesd **) heißt, und schon zu Zoroasters Zeit, also Jahrhunderte vor Christi Geburt im Gebrauche war.

 

Weil jedoch Miesd ein Fleischopfer bedeutet, möchte ich der Hostie im Abendmahle passender die Darunsbrode entgegensetzen; diese waren ungesäuert, im Durchschnitt von der Größe eines Thalers, und ein oder zwei Linien dick. Man opferte zwei oder viere davon nach der Art des Gottesdienstes. Die Darunsfeier, d. i. die Feier des gesegneten Brodes und des gesegneten Kelchs war zum Andenken und zur Ehre Homs, des Stifters der Ormuzd- Religion und zur Ehre Dahmans (des personifizirten Segens, der durch diese Religion den Menschen wird).

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*) Man vergl. Creuzers Symbolik 2te Ausg. 4ter Thl. 1821. S. 365 und 1r Thl. S. 756.

**) Aus diesem Worte wird nicht ohne Grund das griechische μυστεριον abgeleitet.

 

 

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In und unter Izeschne werden jene Darunsbrode feierlich gesegnet und unter Gebet genossen. Dann trinkt der Priester wie bei jedem feierlichen Gebet etwas geweihten und gesegneten Homsaft aus dem heiligen Kelch (Havan) *).

 

Um diese Gedächtnisfeier ganz zu verstehen, erinnere man sich der symbolisch-religiösen Sprache der Zendbücher. In dieser Sprache ist Hom der Prophet und Hom die Pflanze völlig eins; und der Saft des Hombaums ist daher eins mit dem Blut des Propheten. Denkt man sich nun noch hinzu, was wir schon früher erwähnten, daß Zoroaster dem Propheten Hom in Bezug auf diese Feier die Worte in den Mund legt: „Wer mich isset, indem er mit Inbrunst zu mir ruft, nimmt von mir die Güter dieser Welt,“ – so schwindet fast jeder Unterschied zwischen der Abendmahlsfeier und der Darunsfeier, auf deren Begehung die Zendbücher einen großen Werth legen, wie aus Izeschne Ha XI. zu entnehmen ist **).

 

Das Merkwürdigste jedoch, was wir über die Mithra-Mysterien wissen, ist, das in derselben

 

8) auch die Dreifaltigkeit

 

des Mithra (τριπλασιος) gelehrt ward. Aber auch im Ormuzd fand sich nach Plutarch (de Is. et Os. 47.) eine Dreifaltigkeit. Wie wären sonst die Worte Ώρομαξεη τρις έαυτον zu erklären?

 

Dieses Dogma will Rhode (l. c. 346.) jedoch aus einer andern Quelle herleiten. Diese ist ihm der etwas dunkle Sinn im Haftenghat (c. 2): „Ich nahe mich dir, seit Urbeginn der Dinge, kräftig wirkendes Feuer Oruazeschte ***), Grund der Einigung zwischen Ormuzd und dem in Herrlichkeit verschlungenen Wesen (Zerwane).“

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*) Auch in der römischen Kirche trinkt nur der Priester den Wein.
**) Z. Av. B. I. S. 124.
***) Zusammensetzung aus Oroue (Seele), zesch (Leben) und de (geben) also Oruezeschde: der das Leben der Seele zeigt.

 

 

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„Was – fragt dieser Forscher – konnte man hier unter dem Feuer verstehen, das seit dem Urbeginn der Dinge wirksam ist? Vielleicht das erste wahre Ur-Prinzip des Lichts, das in dem unendlichen Wesen selbst lag, und aus ihm heraustrat, bei der Schöpfung des Lichts, d. i. des Körpers Ormuzds? Dann wäre es erklärlich, wie jenes Feuer ein Grund der Einigung zwischen Zervan und Ormuzd in Bezug auf die Existenz des Letztern genannt werden kann.“

 

Es ist indes gar nicht klar, was hier unter dem Worte Einigung zu verstehen sey? Soll die Einigung sich auf Ormuzd beziehen, so könnte man auch an seinen Feruer denken, der wirklich, indem er sein Daseyn begründet, ein Grund der Einigung zwischen ihm und dem Unendlichen genannt werden kann. Diese Erklärung wäre dann vorzuziehen, wenn nicht an einem andern Orte der Feruer der Feruers Oruazeschte angerufen würde *). Es scheint also von einer Einigung ganz andrer Art die Rede zu seyn.

 

Was man auch unter dieser Einigung verstand, der Verfasser des Hafthenghat behandelt diese Lehre selbst schon als ein Geheimniß. Es ist dies die einzige Stelle in den Zendschriften, die auf eine geheime Lehre hindeutet, und wodurch Creuzers Behauptung, daß schon früh eine esoterische Lehre unter den Parsen Statt gefunden habe **) bestätigt wird. Es scheint in diesen Worten eine Anspielung auf ein Geheimniß zu liegen, welches bei der Erklärung jener Einigung zwischen Zervane Akerene und Ormuzd Statt fand. Für die heil. Sage selbst dürfte aus dieser Erklärung nichts von Bedeutung herzuleiten seyn. Der Lehrsatz: Zervane und Ormuzd sind gereinigt durch das Feuer. Oruazeschte steht offen da, nur die Erklärung dieser Einigung wird geheim gehalten. So wie die heilige Sage und der wahrscheinlich ältere Naturdienst in

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*) Z. A. B. II. p. 257.
**) Symbolik B. II. p. 199.

 

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einander geschmolzen sind, mochte es viele Erklärungen geben, die man gerade nicht öffentlich bekannt machen wollte.

 

Sehen wir auf den Lehrsatz selbst, so scheint fast das, sich spät in der christlichen Kirche bildende, Geheimniß von der Dreieinigkeit in derselben als in einem Ei schon verborgen zu liegen. In Zervane Akerene dem Ewigen sehen wir den Vater, in Ormuzd den Sohn, und der Grund der Einigung zwischen Beiden ist der Geist, der vom Vater und Sohn ausgeht.“

 

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VIII. Von guten und bösen Engeln.

 

Es ist schon in einer frühern Stelle dieses Werkchens gezeigt worden, das Ormuzd (Ehore mezdao oder Erz-Herr) nicht als Urgott betrachtet werden dürfe, wohl aber ist er die erste Emanation der gränzenlosen Zeit, Zervane akerene genannt; er ist der Gottheit Erstgeborner, die ewige Ewigkeit zeugte ihn vor aller Zeit und Wesen Beginn. Er hat nicht gleiche Anbeginnlosigkeit mit der unbegränzten Zeit, weil er geboren ist, aber als erster Sohn und wahrster Abdruck des Unendlichen heißt er Gott, höchster König, in den des Ewigen Eigenschaften übergegangen sind und wirken.

 

Ahriman *) ist nach Ormuzd geboren, nicht aber ein Geschöpf desselben, sondern unmittelbar vor allen Wesen, nach Ormuzd durch die ewige Ewigkeit geworden. Fragt man, wie das böse Prinzip, dessen Repräsentant Ahriman ist, aus dem Quell des Guten komme? so antworten die Schüler Zoroasters, daß, nachdem Ormuzd die Quelle alles Lichts geschaffen worden,

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*) Hyde (de rel. vet. Pers.) leitet diesen Namen aus den chaldäischen Worten ??? unrein und ??? Betrüger her, schreibt ihn wie die neupersischen und arabischen Schriftsteller p. 160 seines Werkes ????? und ?????. Nach Anquetil heißt Ahriman im Zend: Enghre meniosch „Verhüllt ins Böse.“

 

 

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Ahriman als die Finsterniß, nothwendig nachfolgen mußte, wie der Schatten dem Körper.

 

Die Zendbücher bekennen zwar, das Ahriman im Urbeginn seines Lebens gut gewesen, sein Licht wandelte sich aber in Finsterniß, als er aus Neidsucht gegen Ormuzd Dew, d. i. arg, Grund alles Unreinen und Bösen wurde. Seine Aehnlichkeit mit dem Satan der Christen wird nun merkbarer, um so mehr, als die Stelle im Bundehesch: „In Schlangengestalt sprang er vom Himmel auf Erden“ *) an jene Stelle im Jesaias erinnert, welche lautet: „Wie bist du o Lucifer! ehedem so hell am Morgen leuchtend, aus dem Himmel gestürzt!“ und worin die Ausleger eine Anspielung auf Satan finden wollten, der ehedem zu den Lichtengeln gehörte, in der Folge aber, wie das apokryphische Buch Enoch erzählt, sich gegen seinen Schöpfer aufgelehnt, und mit seinen Anhängern aus dem Himmel gestürzt worden sey. Diese Mythe hatte durch die Epistel Judä noch größere Autorität erhalten, weil dort V. 6. gesagt ist: „Auch die Engel, die ihr Fürstenthum nicht behielten, sondern verließen ihre Behausung, hat er behalten zum Gericht des großen Tages mit ewigen Banden in Finsterniß.“ Wie es aber eine unleugbare Wahrheit ist, daß alle Fabeln der alten Völker ihren Ursprung aus der Beobachtung der Himmelserscheinungen ableiten lassen, so gibt die Sternkunde auch über diese Mythe den befriedigendsten Aufschluß. Der prächtigste Stern nach Sonne und Mond war ehedem der Planet Venus, welcher wegen seiner, durch damalige größere Sonnen-Nähe, ungemeine Klarheit und Größe, die Aufmerksamkeit der Sternseher zumeist auf sich ziehen mußte. Wenn sie nun der Nachwelt sagen wollten, daß er einst in seinem schönsten Glanze vor Sonnenaufgang in die Höhe gestiegen und mithin Morgenstern gewesen, so malten sie den Himmel und einen Mann hinein, der an Schönheit und

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*) Z. Av. B. III. p. 65.

 

 

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Größe beinah dem Bilde der Sonne gleich kam, um dadurch anzudeuten, daß er fast wie eine kleine sonne am Himmel dahergestrahlt habe. Bald hernach, als er sich von der Sonne immer mehr entfernte, mußten ihn die Sonnenstrahlen verdunkeln. Seiner Herrlichkeit ward also ein Ende, d. h. er ging mit seinen Dienern den Sternen, bei welchen er stand, heliakisch unter. Sie malten also den vorigen Mann wieder, jedoch so, daß er von einem mehr starken und mächtigern, nämlich von der Sonne, mit seinen Dienern aus dem Himmel herab geworfen ward. Als nun die spätern Menschen den wahren Sinn dieser Bilder auch bereits vergessen hatten, und sich nichts als Götter darunter dachten, überdies auch viel Böses in der Welt fanden, welches ihrer Meinung nach von bösen Geistern herkam, so dichteten sie, daß dieser schöne Mann anfänglich zwar einer der vornehmsten Engel des Lichts gewesen, hernach aber mit seinem ganzen Heere, wegen seines unerträglichen Stolzes vom Allerhöchsten aus dem Himmel gestoßen worden wäre, weil der Allerhöchste nicht habe leiden können, daß ein geschaffener Geist an Licht und Macht sich ihm hätte gleich stellen wollen. Nach den jüdischen Traditionen hieß dieser gefallene Engel Sammael, die Christen nennen ihn Lucifer (Lichtbringer) den Morgenstern bedeutend, auch Beelzebub (Fliegengott) von den chaldäischen Worten Baal (Herr) und Sebub (Fliege), was abermals an den Ahriman der Perser erinnert, von welchem der Bundehesch *) erzählt: In Fliegengestalt durchstreifte er alles Geschaffene, was durch den Umstand motivirt, daß die Insecten zu der unreinen Schöpfung gehören, welche Ahriman, dem Ormuzd, als Schöpfer aller reinen Wesen, trotzend, ins Leben rief, wie später ausführlicher erörtert werden soll. Da wir also der Grundursache für den Namen Beelzebub in der christlichen Mythologie vergeblich nachforschen, und nur im Parsismus befriedigende Erklärung finden,

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*) Z. Av. B. III. p. 66 vielleicht weil die Fliegen alle Fäulnis lieben, die eine Wirkung Ahrimans ist.

 

 

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so ist die Behauptung, daß wir in der Zendsage die Quelle der christlichen Mythen zu betrachten haben, abermals bekräftigt. Es gibt aber noch eine andere Erklärungsart, warum Ahriman von den alten Persern für den Planeten Venus, insofern er auch als Abendstern gelten soll, gehalten wird. Die Lehre, im Prinzip der Nacht, Dämmerung, Dunkelheit zugleich das Prinzip des Bösen zu erkennen, ist der Zendsage so eigenthümlich, daß selbst in der sonst so nahe verwandten Sage der Hindu kaum eine Spur aufzufinden ist. So blieb auch in allen Religionen der vorderasiatischen Völker das Prinzip der Nacht in völlig göttlichem Ansehen. Auch lassen es die Zendschriften unentschieden, welches von den beiden großen Wesen Ormuzd und Ahriman vom Unendlichen zuerst hervorgebracht worden? und noch jetzt behaupten mehrere Desturs (persische Theologen): Ahriman sey zuerst da gewesen, und dies sey eben der Grund seines Neides und Hasses gegen Ormuzd, daß dieser, obwohl jünger, ihm vorgezogen worden. Diese Ungewißheit, ob das Licht oder die Nacht zuerst gewesen, erstreckt sich über die meisten alten Religionssysteme. Die Venus aber wurde mit der Nacht, weil diese durch den Abendstern angekündigt wird, bei den alten Völkern oft verwechselt. Hesychius nennt die egyptische Venus die dunkle (ΆφροδιτηΣκοτια (s. dessen Lex. in voce Σκοτια). Daß in Egypten die Venus, welche in Vorderasien als die Himmlische verehrt und oft mit der Here verwechselt wurde, Athor oder die Nacht hieß, hat Jablonsky (Panth. Aegypt. L. I. c. 1.) durch die entschiedensten Zeugnisse der Alten dargethan *).

 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Verehrung der Natur und der Himmelskörper insbesondere jenen Geisterstaat hervorriefen, dessen Bürger man als die personifizirten Naturkräfte göttlich verehrte. Bevor wir in eine Erörterung dieser Hypothese eingehen, ist es nothwendig, die Hauptlehren des Zoroasterschen Religionssystems in wenigen Sätzen vorauszuschicken,

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*) Ueber Alter und Werth einiger morgenl. Urkunden S. 112.

 

 

 

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aus welchen hervorgeht, daß die vorzüglichsten Mythen der Parsen wieder in der Hindu-Sage ihre Quelle haben.

 

Beide Religions-Systeme gehen von der Lehre aus, das das unendliche Wesen im Urbeginne mehrere große göttliche Wesen hervorgebracht habe, denen es soviel von seinen Eigenschaften, Macht und Herrlichkeit mittheilte, als möglich war. Im Hindu-System tritt diese Naturansicht in der Dreiheit (Trimurti im Sanskrit) oder den drei ersten großen Wesen, Birmah dem Schöpfer, Wischnu dem Erhalter, und Schiwen dem Zerstörer ganz allein hervor, und der Gegensatz zwischen Gut und Böse wird durch die Lehre von der Weltregierung gehoben. Im Zendsystem nimmt der Gegensatz zwischen Gut und Böse den wichtigsten Platz ein, deswegen bringt der Ewige zwei große Wesen hervor, Ormuzd (Licht, Tag, Sonne) und Ahriman (Nacht, Dunkel).

 

Alles moralische und physische Uebel wird bei beiden Völkern von dem freiwilligen Abfall eines oder mehrerer höherer Geister, die durch Mißbrauch ihrer Freiheit vom Schöpfer abfielen, hergeleitet. Die Braminen geben vor, Moisasur, eines der Oberhäupter unter den himmlischen Heerschaaren wäre von Gott abgefallen, und hätte die unter ihm dienende Schaar verführt. Alle wurden Teufel. Im Zendsystem fällt Ahriman allein ab, und bringt nun das ganze Heer der bösen Geister hervor, Dews oder Teufel genannt; so wie alle guten Geister von Ormuzd geschaffen wurden.

 

In beiden Systemen geht der Schöpfung der sichtbaren Welt, ein lange vorher dauernder Geisterstaat Gottes vor aus, in welchem die Gründe zur Schöpfung der Körperwelt sich entwickeln. Die Braminen hielten dafür, daß die Körperwelt keinen andern Zweck habe, als durch sie die von ihrem Schöpfer abgefallenen Wesen wieder zurückzuführen. Die Körperwelt ist nur der Kampfplatz zwischen Gut und Böse, der Läuterungszustand der Seelen, d. h. der gefallenen Geister. Diese Idee ging in den Parsismus über, und erklärt die harten Prüfungen (deren, wie Nonus meldet, 80 waren) denen

 

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sich die Mysten in den Mithra-Mysterien unterziehen mußten. Man fastete nämlich viele Tage hintereinander, mußte durch einen breiten Strom schwimmen, durchs Feuer laufen u. s. w. Dies erinnert an die schweren Büßungen und Kasteiungen der Hindu, von welchen diese theologische Lehre ausgegangen war, und sich bis jetzt erhalten hat. Man betrachtete, sagt Plessing, den Menschen im gegenwärtigen Leben als in einem verderbten Zustande; der Körper ist das Gefängnis der Seele, die Quelle alles Irrthums, der Sünde und des Lasters; daher der Hauptzweck der Mithra-Mysterien, die Seele von dem anklebenden Bösen wieder zu reinigen. Dadurch, daß man die sinnlichen Lüste bekämpfte, dem Leibe gleichsam abstarb, konnte man von der Einweihung wahren Nutzen haben. Von der Sinnenwelt sollte man sich zur Erkenntnis der intelligiblen Welt, des Unsichtbaren und Himmlischen wenden; dadurch gelangte man in den Zustand der Wiedergeburt und des neuen Lebens, dadurch zur Gemeinschaft mit Gott und zum Genusse künftiger Seligkeit. Bedarf es noch eines Beweises, daß dies auch die Lehre des Christenthums ist ? Entstehen nicht die Sünden aus dem Sinnlichen, welches durch die Ausdrücke: das Irdische, das Fleisch, diese Welt, der alte Mensch bezeichnet wird? Heißen nicht die Sünden Werke des Fleisches? Auch das Christenthum verlangt, daß der Mensch sein Fleisch kreuzigen, den alten Adam ausziehen, d. h. alles Sinnliche verläugnen soll. In den Mysterien verglich man die Verläugnung des Sinnlichen mit dem Tode und nannte sie ein Hingeben zum Tode, aus dem ein neues Leben entstehe. Gerade so heißt es auch im N. T., daß wir durch die Taufe mit Christo in den Tod begraben werden, zugleich aber auch mit ihm durch dieselbe zum neuen Leben wieder auferstehen. Aber nicht nur das Wasser war in den Mysterien ein Hauptreinigungsmittel, sondern mehr noch galt als ein solches die Feuerreinigung. Auch davon finden sich Spuren in der Bibel. So reinigt (Jes. VI.6.) einer der Seraphim mit glühenden Kohlen die Lippen des Propheten und (Matth. III. 11) liest man von Johannes den Täufer:

 

 

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Wenn der Messias kommen wird, so werde er nicht bloß mit Wasser, sondern mit dem heiligen Geist und Feuer taufen, d. h. seine Schüler dem höchsten Grade der Reinigung unterwerfen. In Beziehung auf diese Idee war das Verbrennen der Todten bei manchen alten Völkern, und der Gebrauch, daß in Indien die Wittwe sich in die Flammen stürzt, welche den Körper ihres Gatten verzehren, schreibt sich gleichfalls von daher. Nach jener Philosophie ist das irdische Leben nicht das wahre Leben, dies beginnt erst, wenn der Geist sich aus seinem Gefängnisse, dem Körper befreit hat, denn der Leib lähmt die Schwingen der Seele, daß sie nicht auffliege in das Reich des Intellectuellen. Man muß sich daher losmachen von diesen Banden, und sollte man auch die höchsten Schmerzen erdulden. Es muß das Fleisch kreuzigen, wer das Reich Gottes schauen will. Weil nun Ahriman als Schöpfer der Körperwelt betrachtet wird, (was sich schon daraus ergiebt, daß alle Ausflüsse des Körpers wie der Same des Mannes, der Blutfluß der Weiber, der Speichel und selbst der Hauch *) des Mundes für den Parsen verunreinigende Kraft haben) so ist dem Ormuzddiener der ewige Kampf gegen Ahriman und seine Dews geboten, indem diese als Fürsten der Finsterniß über diese Welt der Sinnlichkeit herrschen. Aus diesem Gesichtspunkte erklärt sich die Lehre von der Körperwelt als einer Läuterungsperiode der Seele. Ueberall reibt das Böse in ihr dadurch, daß es seinen Gipfel erreicht, sich selbst auf, und das Gute siegt endlich. Mit der Vernichtung des Bösen hört auch das Mittel, die Körperwelt auf, sie wird vernichtet und Alles kehrt in das ewig selige Reich der Geister zurück; doch modificirt durch die Lehre von der Wiederbringung aller Dinge in einer neuen geistigern Welt, die aus der vernichteten hervorgeht, welche Lehre im Zendsystem stets vorherrschend ist.

 

Der Ewige hat zur Dauer der Körperwelt einen Zeitraum von zwölf Jahrtausenden bestimmt,

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*) Daher sie beim Gebete den Penom eine Art Larve, welche die untere Hälfte des Gesichts bedeckt, gebrauchen.

 

 

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welcher in vier Zeitalter abgetheilt ist. Im ersten herrscht das gute Prinzip allein, im zweiten wird das böse Prinzip schon wirksam, doch untergeordnet, im dritten herrschen beide gemeinschaftlich, im vierten hat das Böse die Oberhand, und führt das Ende der Welt herbei. Wenn die Christen die Weltdauer auf die Hälfte dieser vier Zeitalter herabsetzen, so erwäge man, das diese Abweichung nur eine scheinbare ist; indem jene 6000 Jahre vor der Zoroasterschen Periode nur den mittlern, Theil, nämlich die Zeit des Kampfs zwischen Ormuzd und Ahriman und der Herrschaft des Letztern in sich schließt, mit deren Ende aber der Sieg des guten Prinzips beginnt; oder nach christlichen Begriffen: das Reich des Messias nimmt sodann seinen Anfang.

 

Eine nicht minder wichtige Hauptlehre des Zendsystems - ist endlich auch diese: Die Regierung der Welt hängt zwar im Allgemeinen von dem unendlichen Wesen ab, das alles nach seiner ewigen Weisheit bestimmt; die besondere Verwaltung aber ist zunächst den ersten großen Wesen, und von diesen wieder einer Menge vermittelnder Wesen, Erzengeln, Engeln und Schutzgeistern übertragen, die einander zu- und untergeordnet sind, und in denen sich oft Naturwesen und Naturkräfte nicht verkennen lassen. Durch die Offenbarungssage schimmert ein älterer einfacher Naturdienst hervor. Eine Hauptrolle spielen hier die sieben Planeten, welche als sieben Hauptagenten der höhern Wesen in den mannigfaltigsten Beziehungen, und unter den scheinbar verschiedensten Namen zum Vorschein kommen. Bei den Parsen ging also die Lehre von den sieben Amschaspands als Oberhäuptern der Geisterwelt hervor, während jeder Planet einzeln noch ein Gegenstand der Verehrung blieb. So war Jupiter unter dem Namen Taschter, Saturn als Satewis, Mars als Haftorang, die Venus als Mithra (wie in einem frühern Kapitel: „Mithra“ gezeigt worden), Merkur als Venant verehrt worden *).

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*) Die Zendsage setzte Sonne und Mond in die Zahl der Planeten.

 

 

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Ihnen sind sieben Kometen oder Unglückssterne als Geschöpfe Ahrimans untergeordnet, die ohne Regel am Himmel umher irren, und der Erde zu schaden trachten, aber von den Planeten bewacht und in der Ferne gehalten werden; bis endlich der Komet Gurzscher, über welchen der Mond, gleichfalls einer der Amschaspands, die Wache führt, sich von diesem losreißen, auf die Erde herabstürzen, sie in Brand stecken, und so das Weltende herbeiführen wird. So erklären sich auch die alten Volksmeinungen von Glücks- und Unglückssternen, Kometenfurcht, allgemeinem Weltbrande am jüngsten Tage u. s. w. Daß Ormuzd in der Sonne verehrt wird, haben wir schon früher dargethan. Neben der Sonne genoß der Mond einer fast gleichen Verehrung. Er ist ein Amschaspand, der sein eigenes Licht in sich hat *). Dies folgt aus dem Begriffe der Lichtschöpfung, wie die Zendsage diese darstellt, von selbst. Die glänzenden Himmelskörper wurden zum Kampfe gegen Ahriman geschaffen, und mußten folglich, um die Finsternis zu zerstören, an sich Licht seyn. Er wird bald als Neumond bald als Vollmond angerufen, und ist als Neumond gleichsam in sich selbst verborgen **).

 

In den Zendschriften sind also beide Ansichten, die des Naturdienstes und der heiligen Sage völlig zusammengeschmolzen, doch so, daß die Sage als unmittelbare Offenbarung Ormuzds allein herrscht, und den Naturdienst in sich aufnimmt. Wenn man nun auch in den Mittelwesen und Schutzgeistern, den Engeln und Erzengeln der Sage, die personifizirten und vergötterten Naturwesen deutlich wieder erkennt; so werden sie doch ganz von der Natur getrennt und dem Geisterreich allein angehörig darstellt, so daß ihre ursprüngliche Bedeutung in dem Naturdienste nicht immer ausgemittelt werden kann. Dennoch muß eine Vergleichung dieser geistigen Wesen mit den vergötterten Naturkörpern zu interessanten Resultaten führen.

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*) Zend Av. B. II. p. 110 und 146.
**) Z. A. Band I. p. 94.

 

 

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Wir müssen zuerst die Mittelwesen und Schutzgeister selbst kennen lernen, welche die Zendsage anführt. Vorzüglich sind es sieben Erzengel oder Oberhäupter (Amschaspands), denen die übrigen Schutzgeister untergeordnet sind, und die den größten Einfluß auf die Weltregierung haben. Unter diesen sieben ist Ormuzd (Sonne) selbst der erste, Schöpfer und Herr der sechs Andern, die mit ihm regieren; aber unter diesen sechsen ist abermals Bahman der König der fünf übrigen, welche Ardibehescht, Shariver, Sapandomad, Khordad und Amerdad heißen. Es darf hier jedoch nicht unbemerkt bleiben, das Ormuzd, obschon nach der gewöhnlichen Ansicht als Schöpfer des Himmels und der Erde genannt ist, er dennoch zuweilen bloß für den ersten Amschaspand gehalten wird. Dieser Widerspruch löst sich dadurch auf, daß alles Licht von Ormuzd ausgeht, dessen „Körper selbst Licht ist“ (Izeschne Ha 24. 25. Z. A. B. I. p. 146. 148.). Alle Sterne glänzen also in seinem Lichte, er streitet gegen Ahriman (die Nacht), und muß mit ihm die Weltherrschaft theilen. In diesem allen ist die ursprüngliche Vorstellung der Sonne nicht zu verkennen. Allein man trennte später das Prinzip des Lichts von den Körpern selbst, und so wurde Ormuzd von der Sonne geschieden, trat als Urprinzip des Lichts aus der Zahl der sieben, wozu man ihn zwar immer noch zählte, heraus, und wurde der Schöpfer der übrigen, denn alle strahlen und glänzen nur im Lichte Ormuzds, wie so oft gesagt wird. Diese Ansicht wird ganz klar im Izeschne ausgesprochen, wo Ormuzd der „ewige Quell der Sonne“ genannt wird. So ausgebildet nahm die Zendsage den Begriff von Ormuzd auf, und stellte ihn als den großen, obwohl dem Urwesen (Zervane Akerene) untergeordneten Herrn und Schöpfer des Weltalls dar.

 

Als Amschaspand wird Ormuzd mit den sechs übrigen Häuptern der Geisterwelt oft angerufen, die mit ihm die Weltregierung theilen; wie dies aus dem Afrin der sieben Amschaspands

 

 

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erhellt *). Das Hauptgeschäft dieser Regenten ist der Kampf gegen die Naturfeinde, Ahriman und seine Genossen, welche unaufhörlich trachten in der physischen, wie in der moralischen Weltordnung Verwirrungen und Zerstörungen anzurichten. Jeder Amschaspand hat dabei sein eigenes bestimmtes Geschäft, seinen angewiesenen Wirkungskreis, dem er als Oberhaupt vorsteht, und wobei ihm andere Schutzgeister oder Naturwesen als Hamkars d. i. Gehülfen beistehen; er und diese Himmelsgeister, Izeds genannt, wirken dann auf eins d. i. zu einem Zwecke.

 

Ormuzd gehörte also ursprünglich zu den sieben **) Amschaspands (den Planeten) als Sonne betrachtet, wie dies auch aus der Zendstelle: „Er lobsinget der Größe Ormuzds, der Größe des Amschaspands, dem Ormuzd einen Glanzkörper gegeben, welcher die Sonne ist“ (Jescht-Mithra c. 23. Z. A. B. II. p. 231) erhellt. War aber Ormuzd Erster der Amschaspands, so stand ihm Ahriman als Erster der sieben Erz-Dews gegenüber, die als Naturfeinde, Nachtwesen das Lichtreich Ormuzds stets bekämpfen, die Zeugungen und Fortpflanzungen hindern, Krankheiten und Tod bewirken. Kurz, alles schädliche in der Natur rührt von ihnen her, folglich sie den Namen Naturfeinde, der ihnen in den Zendschriften so oft beigelegt wird, wohl verdienen.

 

Der Versuch Ahrimans, Ormuzd zu bekriegen, der Angriff der Finsterniß auf das Licht scheint aber auch auf eine bestimmte Naturerscheinung zu deuten, welche sich vielleicht in den Sonnen- und Mondfinsternissen darbietet. Noch jetzt sehen rohe Völker in diesen Erscheinungen feindselige Wesen, die man sich gewöhnlich als Drachen denkt, und suchen ihre Angriffe auf jene Lichtkörper auf alle Weise zu stören und

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*) Z. A. B. II. p. 145. Afrin Haft 32.
**) Auch die Juden haben sieben Erzengel, wie aus folgenden Schriftstellen erhellt: „Und ich bin Raphael einer der sieben Engel, die wir vor dem Thron Gottes stehen (Tob. XII, 15.) „Und ich sah die sieben Engel, welche vor Gott u. s. w.“ (Offenb. Joh. VIII, 2.).

 

 

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zu verscheuchen. Dies ist ein Fingerzeig, daß auch unter dem Zendvolk ursprünglich derselbe Glaube herrschte, und sich in ihm vorzüglich die Mythe von den Angriffen Ahrimans auf Ormuzd, wobei er gleichfalls in Gestalt eines Drachen oder einer Schlange erscheint, entwickelt habe.

 

Was für Naturwesen konnte man sich aber unter den von Ahriman gezeugten sieben Erzdews denken? Was dachte man sich unter dem schwarzen Körper, der dann und wann die Sonne anzugreifen schien? Auch hierüber geben die Zendbücher wichtige Aufschlüsse. Im Jescht - Taschter kommt darüber eine Hauptstelle vor. „Der Drachenstern machte sich Weg zwischen Erde und Himmel; da streiften Dews auf der Erde umher und verheerten Alles.“ Nun wird umständlich der Kampf erzählt, welchen Taschter mit dem Dew Apewesch, beide in Rossesgestalt bestanden, was man im Bundehesch VII. (Z. A. B. III. p. 69) ausführlicher nachlesen kann; auch wird auf diesen Mythus in der fünften Carde des Jescht-Taschter (Z. A. B. II. p. 210) wie oben bemerkt wurde, angespielt. Hier heißt es nun ausdrücklich der Feind (Wasserfeind) habe seinen Lauf in dem Zeichen des Krebses, dem Wassergebiet genommen. Der Dew selbst wird in dem Jescht ein Drachenstern genannt. Erinnert man sich nun, daß sieben Erzdews als sieben Kometen den sieben Planeten *) (Amschaspands) untergeordnet sind, so klärt sich der Sinn des Mythus vollends auf. Der Drachenstern ist ein Drachenähnlicher, mit einem Schweif versehener, dem Hauptdrachen, Ahriman zugehöriger Stern, ein Komet. Führt doch einst der Komet Gurzscher selbst das Ende der Welt herbei, und setzt die Erde in Brand! Die sieben Erzdews, welche den sieben Amschaspands feindlich entgegen stehen, waren also Kometen, deren

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*) In einer Note zu Bundehesch V. (Z. A. B. III. p. 66) bemerkt Anquetil: Die sieben an die sieben Planetenhimmel gebundenen Dews sind nach dem Elma-Eslam: Zeiereh, Neiereh, Raonguesch, Termad, Heschem, Sebeth und Batser. Ormuzd machte sie lichte, und gab ihnen göttl. Namen.

 

 

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Zahl man auf sieben setzte, weil man sieben Planeten hatte, die dem System zufolge jeder einen eignen Gegner haben mußten. Deswegen sind die Kometen durch die Planeten „in den Schranken ihrer Bahn gebunden“, daß sie nur wenig Uebel anrichten können. (Man vergl. damit die vorhergehende Anmerk. des Anquetil zu einer Stelle im Bundehesch.) Der letzte Zeitraum aber ist Ahriman gegeben, da wird er herrschen, die Amschaspands müssen den Erzdews weichen, und so reißt der Komet Gurzscher sich los von der Wache des Mondes und stürzt auf die Erde herab.

 

Wenn die sieben Erzdews ursprünglich als Kometen gedacht wurden, wie die Zendschriften lehren, so ist es keinem Zweifel unterworfen, daß sie Ahrimans Geschöpfe sind. Bei der Idee, daß Ahriman das irdische Feuer mit Rauch und Dampf verunreinigt habe – der Mangel des Rauchs bei den Opferfeuern war den Persern ein Zeichen der Heiligkeit, eine Meinung, welche die Rabbinen auch vom heiligen Feuer bei ihrem Tempeldienste hatten, und die auffallende Aehnlichkeit des Jehovahdienstes mit dem Ormuzddienste abermals für mehr als zufällig erscheinen läßt – konnte die Idee, daß die Kometen, bei ihrem trüben Lichte, bei ihren dampfartigen Atmosphären und Schweifkörpern in Ahrimans Gewalt wären, leicht entstehen; allein die bestimmten Wirkungen, welche man ihnen zuschreibt, z. B. große Dürre und darauf folgende Fluten; endlich die Lehre, es werde einmal ein Komet in seinem Laufe der Erde so nahe kommen, daß er auf sie herabstürzen und sie in Brand setzen werde, scheint doch vielleicht auf eine Erfahrung über die Wirkung der Kometen hinzudeuten, welche in diesen alten Ueberlieferungen noch sichtbar ist. Man lese die einzelnen Sätze, wodurch im Bundehesch, nach einer alten Zendschrift der Angriff Ahrimans gegen die Schöpfung Ormuzds beschrieben wird:

 

„Der Feind dringt in den Himmel und springt in Schlangengestalt auf die Erde. Im Süden verheert er die Erde ganz und überzieht Alles mit Schwärze und Nacht. Alles verbrennt

 

 

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bis zur Wurzel; glutheißes Wasser regnete auf die Bäume, und sie verdorrten im Augenblick; doch behielten am Himmel Sonne und Mond ihre Bahnen. – Ahriman drang in das Feuer der Erde, und schwarzer Rauchdampf stieg hervor – er mischte sich in die Planeten und hob sich gegen den Himmel der Sterne; – neunzig Tage und neunzig Nächte dauerte der Kampf, dann wurde Ahriman in den Abgrund geworfen *).“

 

Ist es nicht, wenn man diese Beschreibung liest, als sähe man einen Kometen der Erde sich nähern, und an ihr vorüberstreifen? Schwarze Nacht, glutheißer Regen, Rauch und Dampf, Feuer und Alles, was erwähnt wird, ließe sich dabei sehr wohl denken. Der Komet läuft seine Bahn fort; die in Rauch gehüllten Sterne werden wieder sichtbar, und nach 90 Tagen ist der Kampf geendet. Doch Ahriman kehrt nun von unten auf die Erde zurück, und bringt in seinem Gefolge tausend Plagen mit. Der Winter beginnt in Ländern, die ihn vorher nicht kannten **) und die Erde scheint eine von den Revolutionen erlitten zu haben, die uns durch unzählige Merkmale auf derselben sichtbar geblieben sind. Es braucht hier nicht daran erinnert zu werden, daß die hier gegebenen Züge aus dem Kampfe der Naturfeinde gegen die erhaltenden Götter fast ganz dem Kampfe der Götter gleichen, von dem Hesiod, Ovid und andre alte Dichter erzählen, und der in den ältesten Sagen aller Völker zum Vorschein kommt ***). Irgend einmal mußte in den Urzeiten unseres Geschlechts eine Begebenheit Statt finden, wobei man die Existenz der Erde in Gefahr glaubte, wobei es Finsterniß, Dampf, Feuer und Fluten gab,

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*) Bundehesch III. Z. A. B. III. p. 65.
**) „Der Winter war in die Welt gedrungen“ u. s. w. Z. A. B. II. 306. Vend. Farg. II.
***) Auch in den Mysterien der Isis in Egypten pflegte man den Osiris dramatisch vorzustellen, den ein grausamer Drache der Typhon zerriß, dessen blutige Ueberbleibsel aber von der Isis wieder gesammelt wurden. Osiris war die Sonne, der Drache stellte den Knoten der Mondbahn vor, den itzt noch sogenannten Drachenschwanz.

Horus S. 31.

 

 

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und die einen so tiefen Eindruck auf die Menschen machte, daß das Andenken daran nie erlosch. Das Zendvolk setzt in seiner Sage mit diesem Ereignis die Kometen in Verbindung. Diese Sage ist eine der ältesten, die wir kennen, und verdient auch in dieser Hinsicht eine besondere Aufmerksamkeit. Vielleicht läßt auch die, unter allen Völkern der Erde verbreitete Furcht vor den Kometen auf einen frühen Eindruck der Art zurückschliesen. Indeß erklärt sich aus allem diesen, warum der Teufel der Christen, so wie Ahriman im Bilde eines Drachen oder einer Schlange gedacht wird, wie z. B. aus nachstehenden Versen (3, 4. des 12. Kap. in der Offenb. Joh.) hervorgeht:

 

„Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer rother Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner. Und sein Schwanz zog den dritten Theil der Sterne, und warf sie auf die Erde u. s. w.“

 

Noch größere Deutlichkeit gewinnt unsere Hypothese, den Teufel mit seiner Schaar von ihm verführter Engel im Kampfe gegen den Erzengel Michael und den Lichtengeln begriffen, als eine Nachahmung des persischen Mythus vom Streite der Dews unter Ahriman mit den Amschaspands gelten zu lassen, durch die Nachfolgenden Verse 7, 8, 9 des angef. Kap. in der Offenb. Joh., welche lauten:

 

„Und es erhob sich ein Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen, und der Drache stritt und seine Engel. Und sie siegten nicht. Auch ward ihre Stätte nicht mehr gefunden im Himmel. Und es ward ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel und Satanas, der die ganze Welt verführt, und ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden auch dahin geworfen.“

 

Damit vergleiche man Ev. Luc. X. 18: „Ich sah wohl den Satanas vom Himmel fallen als einen Blitz.“

 

und II. Petr. Cap. II. V. 4.: „Denn so Gott der Engel die gesündigt haben, nicht verschont hat,

 

 

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sondern sie mit Ketten der Finsterniß zur Hölle verstieß, und übergab, daß sie zum Gericht behalten werden.“

 

Da jedoch in der Zendsage Naturereignisse als Motive zu diesem Mythus und seiner Entstehung angedeutet werden, dies aber in den heil. Schriften der Christen nicht der Fall ist, so unterliegt es abermals keinem Zweifel, daß wir stets in der Zendsage den Schlüssel zur Aufklärung so vieler dunklen Stellen des neuen Testamentes suchen müssen.

 

Die Namen der sieben Erzdews lassen sich kaum mit Gewißheit angeben, denn sie sind im Zend nur Andeutungen und Beschreibungen gewisser Laster und Uebel, daher nicht scharf bezeichnend, und leicht mit andern zu verwechseln. Im Afrin der sieben Amschaspands ist zuerst als Hauptfeind entgegengesetzt: dem Ormuzd-Ahriman, dem Bahman-Aschmoph, dem Ardibehescht - der Dew des Winters im Vendidad (Farg. XIX.) Eghatesch genannt, dem Schariver-Boschasp, der Sapandomad - (unsre Erde als Planet) Astudiad, dem Khordad-Tarik, dem Amerdad-Tosius. Im Bundehesch (XXIX.) werden die sieben Erzdews: Ahriman, Akuman, Ander, Savel, Tarmad, Tarik und Zaretsch genannt.

 

Jeglicher der guten und bösen Engel hat, wie schon früher angedeutet worden, seinen besondern Wirkungskreis, seine bestimmten Verrichtungen. Den höchsten Rang der Geisterordnung haben die Amschaspands – zunächst um Ormuzds Thron. Ormuzd ist Erster der sieben Amschaspands, der Sechse König, die seine Geschöpfe sind, von ihm – dem Ersten der Wesen und alles dessen, was lebt und ist, Urquell – geboren.

 

Auch das alte Testament kennt gewisse Rangordnungen der Engel, die um Jehovas Thron stehen (Daniel VII, 10.); aber im neuen Testamente sind es die Aeonen, welche, wie die Amschaspands von Ormuzd gezeugt, durch den Logos ihr Daseyn erhielten; denn so steht Ebr. I. v. 2. διαΛογουκαιτουςαίωναςέποισεν) und XI. v. 3. „Durch den Glauben erkennen wir, das die Aeonen durch Gottes Wort

 

 

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(Honover von Ormuzd gesprochen) hervorgebracht worden, und daß aus dem Nicht-Sichtbaren das Sichtbare geworden sey.“ In der That geht der Zendsage zufolge, der Schöpfung der Körperwelt ein Geisterstaat Gottes voraus. In jener setzt Ahriman der reinen Schöpfung Ormuzds eine unreine entgegen, so wie er früher zur Bekämpfung Ormuzds und der von ihm gezeugten Amschaspands die sieben Erzdews aus sich gezeugt, die an dem Kampfe Antheil nehmen.

 

An die Zeugung der Lichtengel durch Ormuzd wird man auch in der „Epistel Pauli an die Kolosser“ erinnert: „Durch ihn ist alles geschaffen, das im Himmel und auf Erden ist, das sichtbare und Unsichtbare, beides die Thronen und Herrschaften, Fürstenthümer und Obrigkeiten u. s. w.“ (Cap. I. 16.) d. h. alle Rangordnungen der himmlischen Geister. Eben diese unsichtbaren, als erhabene Kräfte bezeichneten Wesen werden auch als Gegenstände der reinsten Erkenntnis vorgestellt, wenn es 2 Cor. IV. 18 heißt: Wir blicken nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare; denn jenes ist vergänglich, dieses aber unvergänglich, unveränderlich und ewig.“ Aus allem diesen erhellt, daß, wie Plessing sagt, was die Apostel das Unsichtbare nennen, im Begriffe mit dem aus Engeln verschiedenen Ranges bestehenden himmlischen Heere Jehovahs, so wie, kann auch hinzugefügt werden, mit dem persischen Geisterstaate einerlei sey, und das also den Lehren des alten und neuen Testaments in dieser Rücksicht Eine Uridee mit den Sätzen der orientalischen Philosophie zum Grunde liegen.

 

Auch die Lehre von den Schutzgeistern, wie sie die Perser hatten, ist dem Christenthume nicht fremd, wie theils die Stelle Matth. XVIII. 10., wo der Erlöser ausdrücklich von den Schutzengeln der Kinder spricht, theils auch der Glaube der Christen in den ersten Jahrhunderten nach ihrer Entstehung beweisen. Eben so wie in Persien die Amschaspands und Izeds (eine untere Klasse der guten Engel) über die einzelnen Theile der Welt gesetzt sind, und ihnen vorstehen, so erklären

 

 

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auch alle alte Kirchenlehrer, daß Gott die Besorgung und Einrichtung der einzelnen Dinge den Engeln übertragen habe.

 

Nach dieser kurzen Abschweifung von dem uns vorgesteckten Ziele kehren wir wieder zu unsrer gegenwärtigen Aufgabe zurück, welche in dem Aufzählen der Aemter eines jeden Lichtengels nach persischen Begriffen enthalten ist, und wir folgen hierbei der Angabe Seel‘s *)

 

1) Bahman der erste an Würde nach Ormuzd, die Amschaspands ruhen unter seinem Schutze. Er nimmt auf die Seelen der Gerechten in Gorotman und benedeiet ihre Ankunft im Sitze der Seligkeit.

2) Ardibehescht giebt Feuer und Gesundheit.

3) Schariver ein Pfleger der Hungrigen.

4) Sapandomad, weibl. Geschlechts, Ormuzds Tochter, steht der Erde, sie befruchtend vor. Von ihr ist das erste Menschenpaar gebildet worden.

5) Kordad, nach ihm ist der erste Tag im Jahre genannt, er ist König der Zeiten.

6) Amerdad, Schöpfer der Bäume, Befruchter der Heerden und Geber der Früchte aller Art.

 

Der zweiten Ordnung gute Geister sind Izeds. Ormuzd hat sie geschaffen zu Schutzaugen des reinen Volkes. Der Mensch muß ihre heiligen Namen nennen und durch Nachahmung ihrer Eigenschaften nach ihrem Wohlgefallen streben. Alle Monate und die Tage jedes Monats sind unter Amschaspands und Izeds vertheilt, wo jeder besonders regiert und segnet. Der höhere Geist hat geringere zu Begleitern, nach Art himmlischer Irrsterne; Ormuzd ist nie ohne Amschaspands, jeder Amschaspand hat Izeds um sich. Deren sind:

 

1) Mithra, auch Meher genannt, der glanzreichste aller Izeds. Er ist aller Geschöpfe Schutzwächter, giebt der Erde Licht, und verscheucht die Geister der Finsterniß

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*) „Mithrageheimnisse der ur- und vorchristl. Zeit.“ Aarau 1823. S. 39.

 

 

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(Darudjis). Er ist wohlthätig, giebt den Provinzen reine Könige, erhält die Welt in Harmonie, ist Urheber der moralischen Bande und ihrer Grade unter den Menschen gegen einander, wiegt ab die Handlungen der Menschen auf der Brücke, die Himmel und Erde scheidet, ist König der Könige, rein, allwissend. Er wird bei Sonnenaufgang, am Mittag und bei Sonnenuntergang von den Parsen angerufen.

2) Khorschid (glanzstrahlend) Ormuzds Auge, die Sonne, hat vier Pferde, vollendet seinen Lauf in 365 Tagen.

3) Aban, Ized des Wassers.

4) Ader, Ized des Feuers.

5) Anahid, Bewahrerin des Samens Zoroasters.

6) Aniran, Urheber des Lichts.

7) Ard, gibt Weisheit, Glanz und Güter.

8) Arduisur (weibl.), kommt den Todten zu Hülfe, hat einen jungfräulichen Leib, heißt Ormuzds Tochter, und ist das Urwasser, ausfließend von Ormuzds Thron.

9) Aschted, Ized des Ueberflusses.

10) Aschman (d. i. Himmel), schützt gegen die Hölle.

11) Barzo, Taschters Gehülfe bei Austheilung des Wassers auf der Erde.

12) Behram, erscheint im Winde, der lebendigste aller Izeds.

13) Dahman, trägt die Seelen der Menschen, von dem Ized Serosch empfangend, in den Himmel. 14) Din, steht dem Gesetze und der Wissenschaft vor.

15) Farvardin, gibt Kraft und Licht, ist über den ersten Monat und 19ten Tag jedes Monats gesetzt. 16) Gosch, vertreibt die Dews, vermehrt die Wesen.

17) Goschorun, Ized der Heerden.

18) Mah (Mond), weibl. Ized, gibt den Samen für Thiere und Pflanzen.

19) Mansrespand, Schutzwächter des Himmels.

20) Neriosengh, schützt den Gerechten und gibt Muth den Helden.

 

 

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21) Parvand, weibl. Ized.

22) Rameschen -kharan, Ized der Wahrheit.

23) Serosch, wirksamster der Izeds, durch ihn haben die Menschen das Gesetz.

24) Taschter, Ized des Regens.

25) Vad, Ized des Windes.

26) Venant, gibt Gesundheit.

27) Zemiad (Erde), weibl. Ized, thut alles Gute, wenn sie gepflegt wird.

 

Das orientalisch-mystische Prinzip der guten und bösen Genien kann man ohne Bedenken auch selbst im Einklang mit den heil. Urkunden des Judenthums und Christenthums das chaldäisch-zoroastersche nennen, weil es, wie schon früher bemerkt worden, keinem Zweifel unterliegt, daß die Lehre von den Schutzgeistern einzelner Menschen auch im neutestamentarischen Sinne biblisch ist *).

 

Rein zoroastrisch und auf die Feruers und Dews in der Zendlehre begründet ist auch die Annahme von zwei Genien, einem guten und einem bösen, die jedem Menschen zugeordnet sind, ihre Schicksale und Entschlüsse leiten u. s. w. Origenes und Klemens von Alexandrien zeigten sich unter den christlichen Theologen dieser Meinung zugethan.

 

Es ist hier ganz geeignet, zur Vergleichung der Dogmen der Perser mit denen der Juden einige Erörterungen über den Glauben Israels von den guten Engeln zu geben. Der Talmud als Inbegriff der ganzen jüdischen Kasuistik und Polemik lehrt, daß die guten Engel die himmlischen Kugeln (Ophanim) bewegen; daß dazu siebenzig bestimmt seyen, die zugleich über die siebenzig Völker der Welt als Fürsten und Regenten gesetzt seyen, und den Thron des Ewigen umgeben; jedes Gestirn, jedes Land, jede Sprache, jede Stadt hat einen solchen himmlischen Fürsten als Wächter, Hüter, Fürsprecher

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*) Bauers hebr. Mythol. Th. I. S. 118. Bretschneiders Dogmatik B. I. S. 608.

 

 

 

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und Versorger. Gabriel ist Fürst des Feuers, Michael Fürst des Wassers, und über alles Irdische seyen gute Engel gesetzt.

 

Zum Vergleiche mit den persischen Izeds bemerken wir hier die Vorzüglichsten nebst ihren Functionen. Der höchste gute Engel des Feuers heißt Jehuel; unter ihm stehen sieben, welche jenem Elemente vorgesetzt sind. Sie heißen 1) Seraphiel, 2) Gabriel, 3) Nuriel, 4) Tammael, 5) Schimschiel, 6) Hadarniel, 7) Sarniel. – Michael, Fürst des Wassers hat ebenfalls sieben Engel sich untergeordnet. 1) Ranael, 2) Ariel, 3) Malkiel, 4) Chabriel, 5) Sichriel, 6) Miniel, 7) Geriel. – Ueber die wilden Thiere ist Jechiel gesetzt mit drei Unterfürsten, 1) Pasiel, 2) Gasiel, 3) Chaviel. Ueber die Vögel ist Fürst Anriel oder Afael mit zwei Unterfürsten, 1) Baaliel, 2) Asiel. Ueber die zahmen Thiere Fürst Chariel mit drei Unterfürsten, 1) Lasiel, 2) Parviel, 3) Hisiel. – Ueber die Wasserthiere ist Samniel und über alle kriechenden Mesannahel als Fürst gesetzt. Im Gegensatze zu den Ophanim heißen diese Chajoth. Hierauf folgen die Ruchoth. Fürst der Winde ist Ruchiel mit drei Unterfürsten, 1) Chasakia, 2) Usiel und 3) Asael. Ueber die Donner ist Gabriel, Nuriel über den Hagel, Maktuniel über die Felsen gesetzt. Alpiel ist Fürst aller fruchtbaren und Saroel aller unfruchtbaren Bäume. Ueber die Menschen aber ist Sandalfon gesetzt. Chardaniel steht dem Firmamente vor. Der Engel der Sonne heißt Galgaliel, jener des Mondes Ofaniel. Vier Engel gehen vor und hinter der Sonne. Die Ersten machen, daß sie nicht verbrenne, die Letztern daß sie die Welt nicht kalt mache.

 

Wie bei den Persern, so ging auch bei den Juden die Wirksamkeit der Genien ins Unermeßliche, und in allen Religionen des Orients finden sich verwandte Ideen dieser Lehre. Auch einen Mithra hatten die Juden in ihrem Metatron, dem vornehmsten unter allen Engeln. Alle himmlische Heere stehen unter seiner Botmäßigkeit, alle müssen ihm gehorchen.

 

 

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Er wird Chaldäisch „Materalch“ Hüter der Welt geheißen. Er ist der Fürst des Gesetzes, der Weisheit, Stärke u. s. w. Metatron macht in der Zahl so viel als Schaddai (314), welches Wort den Allmächtigen bedeutet, demnach ist seines Herrn Name in ihm. Er ist ferner der Engel des Todes, Fürst aller Völker der Welt und theilt ihnen die Nahrung aus; er hat daher viel Aehnliches mit dem Mithra der Perser. Gott eröffnet täglich dem Metatron, welche Menschen zum Tode bestimmt sind. Letzterer hat zwei Unterfürsten, den Sammael für die Seelen außer dem Lande Israel, und Gabriel inner demselben. Beide haben viele dienende Heere, welche sie auf Metatrons Befehl absenden, die Seelen von der Welt zu nehmen. Diese Engel haben verschiedene Grade nach der Würdigkeit jener Seele, die sie holen. Metatron bringt die Seelen der weisen Rabbinen in den Himmel. Er soll der Lehrer Mosis gewesen seyn, und hat die Macht, vorzugsweise hinaufzusteigen durch das Geheimniß der 950 Firmamente; er empfängt die Gebete der Israeliten – ist der Fürst des Angesichts, d. h. er genießt allezeit die Anschauung Gottes. – Wie sehr identifizirt sich daher Metatron mit dem persischen Ized Mithra!

 

Gehen wir nun zu den bösen Geistern der Perser über. Die sieben Erzdews sind, wie schon oben erwähnt worden, das im Reiche der Finsterniß, was die sieben Amschaspands im Lichtreiche sind. Jeder hat seinen besondern Namen und besondere Widersacher unter den Amschaspands, womit er zunächst zu kämpfen hat. Die Dews sind weiblichen und männlichen Geschlechts; alle Uebel kommen von ihnen, jeder ist eine besondre Quelle, andre sind Mitwirker, wie die Amschaspands ihre Begleiter und Mitwirker (Hamkars) an Izeds, und diese an geringern Izeds haben. Sie erscheinen unter allerhand Gestalten auf Erden, als Schlangen, Wölfe, Menschen, Fliegen. (Das Letztere erinnert wieder an Beelzebub, den Fliegengott.) Sie sind wie die guten Geister unzählbar.

 

Die Mächtigsten mit ihren Hauptcharactern sind:

 

 

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1) Akuman, Ahrimans Erstgeschaffner, Bahmans Nebenbuhler, ganz Neid und Gift in seinen Gedanken, der Häßlichste der Dews. Er plagt vorzüglich die guten Menschen.

2) Areschk, Dew der Neidsucht.

3) Aschmogh, heist auch die zweifüßige Schlange, ist Entferner alles Guten und Bringer des Bösen.

4) Astuiad, Dew des Todes.

5) Böte, lähmt die Gelenke und Fugen des menschl. Leibes.

6) Derwisch, Dew der Armuth.

7) Djadu, Dew der Magie.

8) Djef, Dew der Unreinigkeit, auch Tief genannt.

9) Eghetesch, Dew der Herzenszerrüttung.

10) Eschem, Serosch‘s Nebenbuhler, Dew des Neides.

11) Epeosche, erscheint unter Rossesgestalt.

12) Kesosch, gibt Zwerggestalt.

13) Khevez, Todtenbesitzer.

14) Khiveh, schadet mit Feuer und Wasser.

15) Xonde, Dew der Trunkenheit.

16) Nesosch‘s, ein ganzes Heer von Dews, die aus Norden schwärmen.

17) Pentesch, Dew der Läßterung und Falschheit.

18) Sor, Gegner Serosch‘s.

19) Vaziresch, besitzt die Todten.

20) Vato, Dew des Ungewitters.

21) Verin, Abhalter des Regens.

22) Zaretsch, Allverderber, u. ff.

 

Dies sind die am meisten vorkommenden Dewnamen. Fast jedes Laster, jede Plage, jede Krankheit hat ihren Dew. Jeder Wohlthäter unter den Amschaspands und Izeds hat mit vielen, und besonders mit einem Hauptdew zu kämpfen.

 

In diesem beständigen Kampf guter und böser Geister, Menschen, Naturkräfte, liegt nun die Mischung des Guten und Bösen. Alles Gute und Böse leitet der Parse aus diesen Quellen her und führt es wieder in dieselben zurück. Diese Welt

 

 

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der Uebel, wie er sie nennt, ist nun einmal unter gute und böse Wesen getheilt; des Guten ist nur immer soviel vorhanden, als wirkende Ursachen sind, und Ahriman mit seinen Dews geschlagen wird. Darum sieht sich jeder Parse wie ein Krieger Ormuzds an, welche Redensart in der Folge auch zu den Christen überging, die sich Streiter Christi nannten (s. Tertullian de cor. milit., wo sie jener Kirchenvater als commilitones Christi bezeichnet), darum kann der Parse nicht sündigen, ohne alle Izeds zu betrüben, und keine Todsünde be gehen, ohne selbst ein Dew-Mensch, ein Glied Ahrimans zu werden, da seine Religion keine zeitliche Versöhnung und Verzeihung durch Buße gewährt.

 

Die Wahrnehmung eines scheinbaren Widerstreites in der Natur, wo entgegenwirkende Kräfte thätig sind, verbunden mit dem Bestreben, das moralische Uebel zu erklären – die schwerste Aufgabe aller Religionssysteme – mußte bald die Annahme zweier gleichmächtigen höhern Wesen erzeugen. Zoroaster war nicht derjenige, welcher sein Volk zuerst auf diese Idee leitete, denn wie früher schon gezeigt worden, ist er nur als Reformator der von Hom eingesetzten Religion zu betrachten. Die Magier waren dieser Lehre schon vor seinem Erscheinen zugethan. Zoroaster veredelte bloß den bestehenden Volksglauben, und theilte den beiden Grundwesen eine Menge von Untergeistern zu, die in deren Dienste standen und den Willen ihrer Obern zu vollziehen strebten. Unter Ormuzd standen die Amschaspands und eine große Anzahl Izeds. Unter Ahriman standen die Dews, schadenfrohe geistige Naturen. Ja selbst die Menschen waren nach Zoroaster von doppelter Art. Gute (Mazdedschans) und Böse (Kharfesters). Jene stammten von Ormuzd, diese von Ahriman ab.

 

Den Christen ist die Lehre vom Satan als Versucher der Menschen nicht minder wichtig. sie liegt tief in der Bibel, in den Zeugnissen der Kirchenväter, in dem Lehrbegriffe und in der Liturgie der Kirche. Wir gehen sonach zur weitern Lösung dieser Begriffe über. Nichts ist natürlicher, als daß die Juden,

 

 

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während sie unter den Verehrern der Zoroasterschen Lehre lebten, mit Ahriman bekannt werden mußten. Von diesem Zeitpunkte an findet man daher – zum Theil sogar in einem gewissen Widerspruche mit ihren frühern Religionsansichten – bei den Juden manche Annahme herrschend, deren Ursprung auf keine andere Weise, als durch die Einwirkung zoroasterscher Lehren auf sie, historisch befriedigend erklärt werden kann. Hieher gehört nun vor allen andern die Lehre von einem Satan, so wie die Annahme von guten und bösen Engeln.

 

Was Ormuzd dem Zoroaster, ist Jehovah bei Moses. Sollte aber die mosaische Staats- und Religionsverfassung nicht zernichtet werden, so konnte Jehoven kein zweites gleichmächtiges Wesen an die Seite gesetzt werden. Die Juden nahmen daher einen Satan an, der von Jehovah geschaffen und Anfangs gut gewesen, späterhin aber durch einen Act der Freiheit, vermittelst seines Abfalls vom guten Prinzip böse geworden sey. Diesem nun schreiben die spätern Juden Alles zu, was Zoroaster dem Ahriman zuschrieb; ja sie erblicken jetzt diesen gefährlichen Geist schon in jener Schlange, durch welche Adam und Eva verführt worden waren. Die Diener des Ormuzd, die Izeds und Amschaspands werden von ihnen in gute Engel und Erzengel verwandelt, die Dews aber Dämonen, Teufel genannt.

 

Seit den Zeiten des babylonischen Exils findet sich diese Annahme im Judenthum.

 

Zu den Zeiten Jesu war der Glaube an diese Wesen bis zu einer furchtbaren Höhe gestiegen; und wollte man eine Parallele ziehen, so könnte man sagen, was die Zauberer und Hexen im 17ten Jahrhundert waren, das sind die Besessenen zu Christi Zeiten gewesen. Jedes Zeitalter hat seine eigene Schellenkappe. Diese aus dem Parsismus in das Judenthum übergegangenen Ideen gingen nun von diesem in das Christenthum hinüber, und wurden im Geiste dieser neuen religiösen Weltanschauung modifizirt und ausgebildet.

 

 

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Dies läßt sich durch alle christliche Jahrhunderte hindurch historisch nachweisen. Die Dämonologie ward vom Anfang des Christenthums an standhaft im echten Geist desselben ergriffen und ausgebildet.

 

Doch, ehe wir zur Beantwortung der hier sich aufdringenden Frage übergehen, nämlich wie die Urkunden des Christenthum im neuen Testamente die zoroastrisch-jüdische Dämonologie auffaßten? wird es zweckmäßig seyn, hier noch einen Rückblick auf den gesammten Orient, als das Vaterland der Magie zu werfen, um zu sehen, was man von den frühesten Zeiten an unter dem Wort Magier verstand. Dadurch wird sich Manches in dem Begriffe von Zauberei, wie sich solcher später ausbildete, von selbst aufklären.

 

Die Worte Magie und Magier sind weit jünger, als die Sache die sie bezeichnen. Ein Magier war nach seiner ursprünglichen Bedeutung ein persischer Weltweiser, welcher die Gnosis, d. h. die mannigfachen, über den Orient verbreiteten Philosopheme studirte und auf die Naturwissenschaften anwendete *). Es waren jedoch nicht Alle, welche sich mit dieser Kunst beschäftigten, Perser von Geburt, sondern auch Araber und Juden erhielten späterhin diesen in weiter Ausdehnung gebrauchten Namen, wie wir aus dem Beispiel Daniels und aus Matth. 2. sehen.

 

Unter Magiern verstand man nach dem spätern Sprachgebrauch des Worts:

 

1) Astronomen. Als solche waren in der ältesten Welt besonders die Chaldäer und Babylonier berühmt **). So erklärt sich auch, warum so viele religiöse Mythen der

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*) Horns bibl. Gnosis.
**) Gogunt vom Urspr. der Gesetze, Künste u. Wissenschaften, deutsch v. Hamberger. Lemgo 1760. Thl. III. S. 105. 173. 224. wo von den Chaldäern die Rede und Thl. I. S. 231. Thl. III. S. 84. 172. wo der Babylonier gedacht wird.

 

 

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alten Völker auf einstige Naturereignisse und Himmelsbegebenheiten zurückführen, die nur verschleiert dem Volke zukamen, weil der Schlüssel zur Lösung jener Fabeln von den Priestern nicht aus den Händen gegeben ward. Die Hebräer wurden erst zu Davids Zeiten, der von Nebukadnezar zum Oberastronomen gesetzt wurde, mit astronomischen Kenntnissen näher bekannt. Dan. I, 20. II, 2, 10, 22, 48. IV, 6. 7. 9. u. s. w. Diese Wissenschaft war aber bei den Völkern, die sie cultivirten, schon in den frühesten Zeiten mit vielfachem Aberglauben verbunden.

 

2) Astrologen. Jener Krankheit des Orients: Astrologie genannt, wird unter andern Jes. 47, 9. gedacht. Diese Art Magier behaupteten, aus dem Laufe der Gestirne die Zukunft vorherzuwissen. Auch die Erzählung Matth. 2. erhält hieraus ihr eigentliches Licht.

 

3) Nativitätssteller. Diese Kunst entsprang unmittelbar aus dem Mißbrauch der Astronomie zur Astrologie, und es wurde so viel Uebles damit gestiftet, daß schon Jesaias (47, 12.) dagegen eiferte.

 

4) Beschwörer und zauberische Gaukler, welche behaupten, durch geheime Künste Schlangen beschwören zu können, so daß sie nicht zu stechen vermöchten. Dergleichen Leute gab es schon zu Jesaias Zeiten. Jes. III. 3. Jer. VIII. 17. Ja diese Gaukler gingen noch weiter. Sie verwandelten am Hofe Pharao‘s Wasser in Blut, machten Frösche und Ungeziefer u. s. w.

 

5) Nekromanten oder Geisterzitirer, welche durch Beschwörungsformeln Schatten aus der Unterwelt hervorriefen, um sie um Rath zu fragen, oder ihnen sonstige Fragen vorzulegen. Lev. XIX. 31. Deut. XVIII. 11. Vergl. Jes. VIII. 19. XXIX. 4. Diese Geisterbeschwörung geschah zur Nachtzeit, weil man wähnte, das die Schatten das Tageslicht scheuten. Weiber trieben besonders diese Zauberei, ja es ist außerordentlich wichtig, daß in dem eigentlichen Strafgesetz Erod. XXII. 18. auch nur der Hexen Erwähnung

 

 

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geschieht 1. Sam. XXVIII. 7. Diese Art Geisterbeschwörung verbot Moses bei Todesstrafe Lev. XX. 27.

 

6) Bauchredner, welche vorgaben, daß ein Dämon in ihren Leib führe, und daraus seine Orakel vorbrächte. Jes. XIX. 3. Apostelg. XVI. 16. Vergl. Lev. XIX.31. XX.6, 27.

 

7) Mechaschef, wie ihn Moses Erod. VII. 11. XXII. 17. Deut. XVIII. 10. vergl. Jes. XXXXVII. 9. Dan. II, 2. Jer. XXVII. 9. nennt, oder ein Sonn- und Mondfinsternismacher, wenn der Ausdruck erlaubt ist, d. h. Leute, welche zufolge ihrer astronomischen Kenntnisse Sonnen- und Mondfinsternisse voraussahen, aber dabei thaten, als ob diese Naturwunder ihr Werk wären.

 

Außer diesen Gattungen von Magiern gab es noch viele andre Arten von Wahrsagern, wie man aus Deut. XVIII. 10. 1. Sam. VI. 2. XV. 23. Jes. XL. 25. Ezech. XII. 24. Jes. LVII. 3. und andern Stellen sieht. Gegen diese kämpfte auch Zoroaster, als durch den Beistand Ahrimans und der Dews ausgeübte Künste.

 

Von einem Teufel oder Teufelsbund hatte Moses, mit Zoroasters Lehre noch nicht bekannt, auch keine Ahnung. Er dachte sich diese Wirkungen geheimer Naturkräfte als den Einfluß fremder, durch den Mosaismus verbotener Götter. Dieses Letztere war wirklich der Fall (vergl. Michaelis mos. Recht Th. V. § 254. 155.) und diese Erklärung anders modifizirt, wurde späterhin im Christenthume auf den Teufel und die Dämonen übertragen. Verbinden wir nun, nachdem wir die Teufelsidee im Zoroastrismus und spätern Judaismus nachgewiesen haben, diese mit den hier bezeichneten Gattungen von Magie, so sehen wir die Grundlage von dem ganzen System von Aberglauben und dämonischen Unsinnigkeiten, und können es uns klar machen, wie der spätere christliche Teufelsglauben sich entwickelt hat.

 

Das Judenthum nahm die Idee eines Satans und böser Engel aus den Zoroastrismus in sich auf. Dies haben wir bewiesen.

 

 

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Welches ist nun die Ansicht des neuen Testaments hiervon? Mit welcher Geschicklichkeit auch unsre neuern Bibelerklärer die Dämonologie hinweg zu exegesiren versucht haben, es bleibt doch gewiß, das neue Testament nimmt das Daseyn von bösen Geistern und besonders von einem Obersten derselben an. Ja noch mehr, es schreibt ihnen sogar die Gewalt und das Geschäft zu, physisches und moralisches Uebel – Unglück und Sünde – unter den Menschen zu verbreiten. Man hat dies in der vorigen theologischen Periode wegzuerklären gesucht, aber im Widerspruch mit der ganzen Geschichte des Christenthums, worauf man in jener Periode eben nicht sehr achtete. Man bestritt die Lehre vom Teufel als biblisch auch aus dem philosophischen Grunde, weil sie sich mit der Lehre von Gott nicht vereinigen lasse. Allein man kann dem, was die Urkunden des Christenthums über das Wirken der bösen Geister auf die Sinnenwelt sagen, in der That auf keine Weise den Vorwurf machen, daß es mit dem vernünftigen Glauben an eine göttliche Weltregierung unvereinbar sey, da das neue Testament zugleich dabei lehrt, daß der Einfluß dieser bösen Naturen von Gott, so beschränkt worden sey, daß der sittlichen Vervollkommnung des Menschen dadurch keine Hindernisse in den Weg gelegt werden, sondern dadurch im Gegentheile eben so, wie durch andre Uebel, den Menschen Gelegenheit gegeben werde, sich zu höherer moralischer Vollkommenheit zu erheben. Origenes sagt daher auch: „Wenn wir über die bösen Geister siegen, so kommen wir an die Stelle, welche sie ehemals einnahmen.“- (Homil. I. in Jes. Opp. T. VI. p. 399.)

 

Wer die verschiedenen hieher gehörigen Stellen des neuen Testaments aufmerksam lesen und mit einander vergleichen will, kann sich von der Richtigkeit dieser Bemerkungen selbst überzeugen. Man erinnere sich z. B. der Stelle: der Teufel, euer Widersacher, geht umher wie ein brüllender Löwe – dem widerstehet fest im Glauben. 1 Petr. 5, 8. 9. Wir haben

 

 

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nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit dem Fürsten der Finsterniß, mit den bösen Geistern unter dem Himmel – darum ergreift den Harnisch Gottes, daß ihr Widerstand thun, alles wohl ausrichten und das Feld behalten möget. Ephes. 6, 11. 13. 16. Derselbe – nicht entmuthigende, sondern ermuthigende Geist herrscht in allen Stellen, wo vom Teufel die Rede, die alle anzuführen überflüssig ist.

 

Im Kampf mit dem Heidenthum waren den ersten Christen „die Götter der Heiden“ jene bösen Wesen, welche der Welt so viel Uebles zufügten. Diese Bemerkung muß als historisch wichtig und die Dämonologie der ersten Periode des Christenthums characterisirend herausgehoben werden. Man fand die Ursachen des Irrthums nicht im Verstand, sondern im Willen der Gegner, mithin in einer – Eingebung des Teufels, der ergrimmt sey, daß seinem Reich auf Erden durch Jesum ein so großer Abbruch geschehe, und der sich daher durch sein höllisches Heer die Dämonen oder Heidengötter an den Christen zu rächen suche. Alle Wunder zur Bestätigung des Götzendienstes, wie die Orakel, werden daher von den Kirchenlehrern als Mittel durch neologisch-epigrammatische Aussprüche die Menschen zu täuschen, den Dämonen zugeschrieben. Durch ihre Hülfe gab man vor, wurden magische Künste aller Art ausgeübt. Sie suchten den Menschen auf vielfache Weise zu schaden, brachten Mißwachs, Krankheiten und hundert andere böse Zufälle; noch mehr, Satan und seine Gehülfen, die Heidengötter zeigen sich stets geschäftig, die Menschen zum Unglauben und zu Sünden aller Art zu verführen. Gegen die Christen hegen sie insbesondre tödtlichen Haß, weil diese ihrem Hochmuth nicht schmeicheln, ihnen alle Verehrung untersagen, und sie durch den Namen Jesu, das heilige Kreutz u. s. w. zu verjagen im Stande sind, was sie als sehr herabwürdigend für ihren Hochmuth diesen gar nicht verzeihen können. Um zu zeigen, auf welche Thorheiten der menschliche Geist gerathen kann,

 

 

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wenn Aberglaube, frömmelnde Vernünftelei und exegetische Unkunde sich zusammengesellen, stehe hier zum Beschluß folgendes Pröbchen von ältester Bibelerklärung, obgleich es theologischen Lesern schon längst bekannt seyn wird. Wir meinen die höchst seltsame Erklärung der Stelle Genes. VI, 2: „Die Söhne Gottes sahen die Töchter der Menschen (nach Luthers Uebers.) wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern davon, welche sie wollten.“ Hierunter, nämlich unter den Söhnen Gottes wollte man Engel verstehen. Mit gleicher naiver Unbefangenheit bildete man sich aus dieser Annahme die Meinung, mehrere dieser Engel hätten Gefallen an den Erdentöchtern gefunden, und in unkeuscher Liebe Kinder mit ihnen gezeugt, worüber sie endlich von Gott aus dem Himmel gestoßen worden wären.

 

So unsinnig uns jetzt diese Behauptung vorkömmt, so allgemein wurde sie einst angenommen und von den besten Köpfen vertheidigt. Wir finden sie schon bei Joseph Flavius und Philo. Ebenso in dem Buche Enoch, wie auch in dem Testament der zwölf Patriarchen. Dies waren, wo nicht alle, doch größtentheils Juden; aber mit einer Einstimmigkeit, die man sonst nicht bei ihnen antrifft, erklären sich auch alle christlichen Kirchenlehrer dafür, sowohl die griechischen als die lateinischen, so daß selbst ein Origenes über jene Vorstellung sich nicht zu erheben wagt. Die Kinder, welche aus dem Umgange der Engel mit den Menschentöchtern erzeugt wurden, sind die Riesen. Gen. VI. 4. Abermals Phantasiewesen, denn diese Riesen sind weder rechte Engel noch rechte Teufel, sondern haben eine mittlere Natur zwischen diesen dreien. Sie heißen Dämonen im engern Sinne des Worts, da sonst dieser Name überhaupt allen bösen Geistern beigelegt wird. Ihre Väter, die aus dem Himmel vertriebenen Engel irren mit ihren Riesenkindern oder Dämonen immer noch in der Luft oder auf der Erde herum, da ihnen der Zurückgang zum Himmel verwehrt ist, und stiften hier unendlich viel Böses.

 

 

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Vom vierten Jahrhunderte an, als der directe Gegensatz zwischen Heidenthum und Christenthum aufhörte, und die Götter der Heiden nur als eine historische Vergangenheit zu existiren anfingen – da bildete sich allmählig der Glaube an das Daseyn höherer böser Naturen so aus, daß aus den frühern heidnischen Götzen die jetzigen Teufel, und aus den ehemaligen, von den Dämonen unfreiwillig Besessenen zuletzt freiwillige Teufelsverbündete wurden. Hier ist also der erste bestimmte Ursprung des Glaubens an Zauberei im spätern Sinne dieser Worte, der in seinen verschiedenen Formen mehr oder weniger seine Abkunft aus Medien und Babylonien verräth, welche Reiche zuerst die Tummelplätze der von Zoroaster bekämpften falschen Magiker gewesen.

 

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IX. Die Schöpfung der Körperwelt, Paradies, Sündenfall.

 

Wäre die Tendenz der gegenwärtigen Schrift eine ausgedehntere, worin die Vergleichung der heiligen Bücher der Parsen mit dem ganzen Canon der Christen vorgenommen werden sollte, hätten wir nicht umhin können, was in der Einleitung zu diesem Werke zwar nur flüchtig angedeutet wurde, die Behauptung, daß der Verfasser des Pentateuch vom Zoroaster entlehnt haben müsse, durch eine Kette von Beweisen außer Zweifel zu setzen. In jenem Falle wäre zu bemerken gewesen, daß, wenn Abraham vom Könige zu Gerar tausend Silberstücke erhielt, und derselbe Patriarch die Höhle, worin er seine Sara begraben wollte, dem Ephron mit vier hundert Seckel Silber abkaufte; in den Zoroasterschen Schriften hingegen von geprägtem Metalle und Goldmünzen noch nicht die Rede ist, den Zendbüchern ein höheres Alter zugeschrieben werden müsse. Ferner, wenn man weiß, daß die Ceremonialgesetze Zoroaster‘s

 

 

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auf den Begriffen einer reinen und unreinen Schöpfung beruhen, und wie daraus folgt, daß körperliche Unreinigkeit eben so strafbar in den Augen Ormuzds sey, als Unreinigkeit der Seele, und wir beim Moses, nachdem er das Verbot der unreinen Thiere, der Berührung des Todten u. s. w. vorgetragen hat, auch den sonderbaren Nachsatz lesen: „ Macht eure Seelen nicht zum Scheusal und verunreinigt euch nicht an ihnen (den unreinen Thieren), daß ihr euch nicht besudelt, denn ich bin der Herr euer Gott, darum sollt ihr euch heiligen, daß ihr heilig seyd, denn ich bin heilig; und sollt nicht eure Seelen verunreinigen an irgend einem kriechenden Thiere, das auf Erden schleicht, denn ich bin der Herr, der euch aus Egypten geführt hat; daß ich euer Gott sey, darum sollt ihr heilig seyn, denn ich bin heilig.“ (Lev. II. 43–45.), so fragt sich, woher hatte Moses die Idee einer an sich unreinen Schöpfung, welche Jehovah so verabscheute, daß ihm der Mensch durch bloße Berührung derselben nach Seele und Körper zum Scheusal werden konnte? Mochte diese Idee überall entstehen, wenn Jehovah allein Schöpfer war? Setzt hier das Gesetz Mosis nicht die Kenntnis des Zoroasterschen Gesetzes voraus? – Wenn Moses den Umgang eines Mannes mit einer Frau, während sie ihre Zeiten hat, mit Todesstrafe belegt, so fragt man vergebens nach einem Grunde für diese Strenge. Zoroaster droht dem Verbrecher mit ewiger Höllenstrafe (Vend. Farg. XVI.), aber dieser Gesetzgeber motivirt seinen Abscheu vor solchem Vergehen dadurch, daß er die Blutflüsse der Weiber von Ahriman herleitet. (Vend. Farg. I.) Der Aussatz war bei den Parsen als ein Geschenk Ahrimans das Zeichen göttlicher Strafe, denn Zoroaster sah alle krankhaften Ausflüsse lebendiger Körper als von Ahriman herrührend an. Der Aussatz veranlaßte auch beim Moses die Absonderung des Kranken aus der Gemeinde, und scheint auch den Israeliten als Zeichen göttlicher Strafe gegolten zu haben, denn als Miriam gegen Moses üble Reden führte, wurde sie allsogleich mit dem

 

 

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Aussatz befallen (Num. XII. 1–15.) Aber nirgend gibt Moses eine Ursache an, warum von allen Krankheiten ausschließlich der Aussatz eine strafe Gottes sey und verunreinigende Kraft besitze. – Nach Zoroaster wirkte der, die todten Körper besitzende Dew als Princip der Fäulnis; daher waren Ausflüsse das eigentlich Verunreinigende, und die Berührung der Todten hörte auf zu verunreinigen, wenn die Körper trocken wurden. „Korn und Heu“ – sagt daher Zoroaster – „wenn sie trocken sind, werden, wenn was Todtes darauf fällt, und man nur das unmittelbar Berührte wegnimmt, nicht unrein; sind sie aber grün – feucht – so werden sie unrein, und man muß, so weit die Feuchtigkeit eingedrungen seyn könnte, wegnehmen.“ (Vend. Farg. VII.) Dieselbe Idee liegt den Vorschriften Mosis zu Grunde. „Samen“ –sagt Moses –„der gesäet ist, und worauf Todtes fällt, ist rein (wenn er trocken ist); wenn man aber Wasser über den Samen gegossen hat, und darnach fällt ein Todtes darauf, so ist er unrein.“ (Lev. II. 32. 38.) Aus eben dem Grunde ist im Vendidad zwar Alles, was ein Todtes berührt, unrein; aber Gefäße von Metall, Holz konnten gereinigt werden; irdene Gefäße aber mußten schlechterdings zerbrochen werden. Der Grund dieses Gesetzes lag wahrscheinlich darin, daß man damals die Glasur dieser Gefäße noch nicht kannte, folglich die Feuchtigkeit sich in die Masse einsog. Eben so verordnet Moses: Alles, worauf Todtes fällt, ist unrein, hölzerne Gefäße u. s. w. können gereinigt, aber alles irdene Gefäß muß zerbrochen werden.“ (Lev. II. 33.) – In einer Art von Widerspruch mit dieser Verbreitung der Unreinigkeit durch Feuchtigkeiten stehen folgende Gesetze: Wenn, nach Zoroaster, ein Todtes in einen Brunnen fällt, so bleiben sie doch rein, wenn man nur etwa das unmittelbar berührte Wasser ausschöpft. „Brunnen und Teiche“ – sagt Moses – „wenn auch was Todtes hineinfällt, bleiben doch rein.“ (Lev. II. 33.) In den Zendschriften wird das Gesetz motivirt. Das Wasser Arduisur, die Tochter Ormuzds, ist an sich so rein und heilig, daß sie nicht verunreinigt werden kann,

 

 

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nichts Unreines in sich aufnimmt; beim Moses sucht man vergebens nach einem Grunde.

 

Wenn nun auch bei beiden Gesetzgebern Aehnlichkeiten in der Form der Offenbarung, gottesdienstlichen Gebräuchen und bürgerlichen Gesetzen sich in Masse darbieten, und überdies die mosaischen Schriften und Verordnungen nur dann Zusammenhang und Verständlichkeit erhalten, wenn man mit den Zendbüchern bekannt ist, ja die Kenntniß der Letztern gewissermaßen in den mosaischen Schriften voraus gesetzt werden muß, wenn diese nicht unklar bleiben sollen, so ist die Gewißheit eines höhern Alterthums der Zoroasterschen Lehre erwiesen. Es würde ein Leichtes gewesen seyn, diese hier ausgesprochene Behauptung mit einem Reichthume von Beweisgründen zu unterstützen, hätten wir uns in diesem Werkchen ein weiteres Ziel gesteckt als die Vergleichung der neutestamentlichen Schriften mit den Zendbüchern. Darum wollen wir unsern noch beabsichtigten Nachtrag von Beweisen blos aus den ersten Kapiteln des ersten Buches Mosis holen, welche, theils weil sie die jedem Menschen wichtige Schöpfungsgeschichte enthalten, theils auch wegen des darin erzählten Motivs zur Erbsünde, auf welchem Dogma die Erlösung des Menschengeschlechts durch Christum basirt ist, den christlichen Lesern nicht gleichgültig seyn können, und daher dieses Thema in der gegenwärtigen Schrift nicht gut übergangen werden dürfte.

 

Kehren wir nach dieser kurzen Abschweifung wieder zu unserm Ziele zurück.

 

In sechs Zeitfolgen schuf Ormuzd die sichtbare Welt, Himmel und Erde. Die Amschaspands waren dabei wirksam.

 

1) Zuerst schuf Ormuzd das Licht zwischen Himmel und Erde und Stand und Irrsterne.

 

2) Darauf das Wasser, welches die ganze Erde bedeckte, in die Tiefen der Erde stieg, und durch himmlischen Wind, der es durchdrang, wie der Geist den Leib, in die Höhe

 

 

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getrieben wurde, damit sich Wolken bildeten. Darauf schloß Ormuzd dieses Wasser ein, und gab ihm zur Grenze die Erde.

 

3) Also ward die Erde. Hier wirkte Ahriman wie beim Wasser geschäftig mit; sehr begreiflich, denn diese Elemente haben schon Finsterniß, und solche kommt ja vom Ahriman.

 

4) Ferner wurden Bäume aller Art geschaffen. Anfangs ließ Ormuzd einen Baum werden, der war dürr; aber jener Amschaspand, dem Ormuzd die Bäume anvertraut hat, setzte den Keim dieses Baumes, wie Taschter über die ganze Erde Regen ausgoß, in Taschters Wasser, und da wuchsen Bäume aus der Erde, wie Haare auf des Menschen Haupt.

 

5) sodann wurden die Thiere. Zuerst erschien der Stier *). Dieser starb, von Ahriman und seinen Dews geschlagen, welche aus Neid gegen Ormuzd und die Amschaspands die Erde mit giftigen und reißenden Thieren bevölkerten. In dem Augenblicke seines Verscheidens gingen aus seinem Schwanze 50 Gesundheit gebende Pflanzen, die sich auf Erden mehrten. Aus seiner linken Seite kam Goschorun, Repräsentant der Thierwelt; aus seiner rechten Kajomors (d. i. sterbliches Leben) Urvater des Menschengeschlechts. Auch ihm brachte Ahriman den Tod. Ahriman hatte sich abermals geirrt, denn so wie bei der Tödtung des Stiers die Entwicklung des organischen Lebens erst recht begonnen hatte, so traten

 

6) nun hier die Geschlechter hervor, um die Menschen fortzupflanzen.

 

Bevor wir dieses Thema beschließen, ist es zweckmäßig, aus

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*) Anquetil fragt bei dieser Gelegenheit: Sollte vielleicht ein astronomischer Grund dem Zoroaster, von dessen Sternkenntnissen die Alten so viel rühmen, zu der Idee Anlaß gegeben haben, alle Gewächse und Thiere vom Stier abzuleiten, weil die Natur im Frühling neu geboren wird?

 

 

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den hier vorangeschickten Sätzen das erforderliche Licht für einige dunkle Stellen in der mosaischen Kosmogonie abzugewinnen. Es heißt in den Zendschriften, die Amschaspands wären Ormuzd bei der Weltschöpfung behülflich gewesen. Auch Moses läßt Untergötter wirken. Wie wäre sonst das Wort Elohim zu verstehen, welches eine Mehrheit andeutet? Die Meinung einiger Kirchenlehrer, das die Dreieinigkeit darunter zu verstehen sey, verdient nicht erst widerlegt zu werden, da Jedermann weiß, wie nirgends im alten Testamente auf dieses Geheimniß der christl. Kirche auch nur die geringste Anspielung enthalten ist. Auch ist ja die Trinität keine Zusammensetzung mehrerer Gottheiten, sondern ein einziges Wesen, das blos dreifach gedacht werden muß. Der Ausdruck: „Nach unserm Ebenbilde laßt uns den Menschen schaffen“ beweist abermals, daß man sich unter Elohims die Engel dachte *).

 

Wenn Moses Gott das Licht von der Finsterniß sondern läßt, was im gewöhnlichen Verstande als ein Widerspruch erscheint, weil Licht und Finsterniß nie beisammen gedacht, folglich auch nicht getrennt werden können, so findet sich auch zu dieser Stelle der Schlüssel im theologischen System der Parsen, wo der Abfall Ahrimans (Finsterniß) von Ormuzd (Licht) und die eingetretene Zeit des Kampfs zwischen beiden Prinzipen jene Bibelstelle genügend erklärt; daher die oben ausgesprochene Behauptung, daß Moses bei seinem Volke die Kenntnis der persischen Mythen vorausgesetzt, oder – was noch wahrscheinlicher – planlos und ungeschickt den Zoroaster compilirt haben müsse, nicht zu gewagt seyn dürfte. Auch Hyde (de relig. vet. Pers. Cap. IX.) war schon dieser Meinung.

 

„Der jüdische Nacherzähler des Zoroaster“ bemerkt der Superintendent von Pabstdorf („die Jetztwelt,“ von Ballenstädt) – „läßt Sonne, Mond und Sterne erst am vierten Tage entstehen. Wie, fragt er, kann ohne das befruchtende Sonnenlicht

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*) Waren doch nach Zoroaster, auch die Amschaspands bei der Schöpfung wirksam.

 

 

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eine Vegetation sich denken lassen? Wie konnte die Erde entstehen ehe noch die Sonne war, die der Mittelpunct des ganzen Planetensystems, um welche sich der Erdball und alle andere Planeten bewegen, und ohne welche diese gar nicht ihren Lauf zu beginnen vermochten?“

 

Auch diese Stelle verräth den ungeschickten Compilator. Zoroaster läßt zwar auch das Licht zuerst, und dann die Sonne entstehen. Jenes Licht ist jedoch das Urlicht Ormuzd, die Sonne hingegen Ormuzds Werk, ein Theil der Körperwelt; das materielle Sonnenlicht darf aber nicht mit dem geistigen Urlichte verwechselt werden. Also auch über diese Bibelstelle giebt nur die Kenntniß des Zoroasterschen Systems den genügenden Aufschluß.

 

Als Kajomors starb – berichten die Zendbücher ferner – floß sein Same auf die Erde. Ueber zwei Theile desselben wachte der Ized Nerioseng als Schutzgeist, über einen Theil Sapandomad; und das Licht der Sonne reinigte ihn. Nach vierzig Jahren ließ Ormuzd daraus eine Pflanze hervorwachsen, welche in funfzehn Jahren wie ein Baum in die Höhe wuchs, und funfzehn Spröslinge trieb. Dieser Baum hatte die Gestalt eines Mannes und eines Weibes in ihrer Vereinigung, und trug zehn Menschenpaare als Früchte. Davon wurden Meschia und Meschiane die Stammeltern des ganzen Menschengeschlechts (Bundehesch XV.).

 

Wie Ormuzd alle Schöpfung vollendet hatte, so feierte er mit den Himmlischen die Gahanbars. Dieses Schöpfungsfest wird von den Parsen zur Erinnerung an die sechs Zeitfolgen, in welchen die Welt erschaffen worden, in sechs verschiedenen Zeiten des Jahres, jedesmal fünf Tage gefeiert, und das erste derselben beginnt mit dem ersten Tage des Jahres. Die Einsetzung dieses Festes wird von Zoroaster dem König Dschemschid zugeschrieben.

 

Erinnern aber diese sechs Schöpfungsperioden nicht lebhaft an die sechs Schöpfungstage beim Moses?

 

Behalten wir die beiden Mythen von Kajomors

 

 

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(aus dessen Samen ein Baum hervorschoß, welcher die Gestalt eines Mannes und einer Frau in ihrer Vereinigung hatte), und Meschia und Meschiane im Gedächtnisse, so sind wir auch im Stande den Widerspruch beim Moses zu erklären, wenn er Gen. I. 27. von Gott den Menschen, ein Männlein und ein Fräulein, schaffen läßt, dieser aber in dem darauf folgenden Kapitel V. 22. das Weib aus der Ribbe des Mannes bildet.

 

Merkwürdig bleibt es, daß der übrigen neun Menschenpaare, welche jener Baum trug, durchaus nicht weiter gedacht, sondern das ganze Menschengeschlecht von einem Paare hergeleitet wird. Die so häufig in den Zendschriften auf Meschia und Meschiane vorkommenden Anspielungen beweisen zugleich, daß jene Sage von der Entstehung des Menschen unter dem Zendvolk allgemein angenommen war.

 

Die Menschen waren nun auf der Welt; sie waren unverweslich und für den Himmel geschaffen; aber Ahriman verführte sie zur Sünde, sie fielen und wurden dadurch mit ihrem ganzen Geschlecht unglücklich und sterblich. Dies wird im Izeschne mit folgenden Worten gelehrt. „Du Akuman (Name eines Erzdews) hast den Menschen geschlagen, der unschuldig lebte und unverweslich war.“ *)

 

Da schon der Urstier und Kajomors starben, so ließe sich schwer bestimmen, was man sich unter dieser Unverweslichkeit dachte, wenn sich nicht in den Zendschriften nähere Bestimmungen fänden. Sowohl im Jescht-Taschter als im Jetscht-Mithra heißt es: „Wenn Meschia mir zur Ehre meines Namens Izeschne gebracht hätte, wie den Izeds Izeschne gebracht, und ihr Name genannt wird **), so würde, wenn die Zeit des rein geschaffenen Menschen gekommen wäre, seine unsterblich geschaffene Seele augenblicklich zum Sitz der

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*) Izeschne, Ha 32. Z. Av. B. I. p. 161.
**) D. h. wenn Meschia sich nicht von den Dews hätte verführen lassen.

 

 

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Seligkeit gegangen seyn *).“ Es wird hier nur von der Seele gesprochen, die augenblicklich zum Himmel gegangen wäre, nicht aber zugleich vom Körper. Doch scheint es, daß man den Körper während des Lebens, befreit von Krankheit und Uebel geglaubt, wenn die ersten Menschen nicht sündigten, und wo die Seele, wenn die Zeit des Menschen gekommen wäre, ihn ohne Krankheit verlassen hätte. Eben so beantworteten auch christl. Dogmatiker die Frage, wie es den Menschen ergangen wäre, wenn Adam nicht gesündigt hätte?

 

Die merkwürdige Erzählung von dem Zustande der ersten Menschen, ihrem Sündenfall und dessen Folgen, finden wir übereinstimmend mit allen Andeutungen und Anmerkungen auf diesen Gegenstand in den Zendschriften, im Bundehesch mit Berufung auf das Gesetz. Wir wollen diese Erzählung ganz hersetzen:

 

„Der Mensch wurde. Der Himmel ward ihm bestimmt, mit dem Bedinge der Herzensdemuth, des Gehorsams gegen den Willen des Gesetzes, der Reinheit in Gedanken, in Reden, in Thun und Lassen, und das er keine Dews anbete. Durch Beharrung in diesem Geiste, sollte der Mann zum Glücke des Weibes, das Weib zum Glücke des Mannes leben. So waren auch ursprünglich ihre Gedanken, so waren ihre Werke. Sie naheten sich einander und hatten Gemeinschaft. Anfangs sprachen sie: Ormuzd ist es, von dem Wasser und Erde, Thiere und Bäume, Sonne, Mond und Sterne, und alles Gute kommt, was reine Wurzel und reine Frucht hat.“ In der Folge bemächtigte sich Ahriman ihrer Gedanken, verbildete ihre Seelen und gab ihnen ein: Ahriman sey es, der alles vorbenannte Gute erschaffen habe. Dies glaubten sie, und so gelang es Ahriman, gleich Anfangs sie zu betrügen durch Irrthümer in der Lehre von den Dews und vom Anfang bis zu Ende suchte dieser Grausame nichts als Betrug. Beide, Meschia und Meschiane wurden durch Glauben an diese

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*) Z. Av. B. II. p. 211. 227.

 

 

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Lüge Darwands (d. h. Sünder, dem Ahriman ähnlich) und ihre Seelen müssen bis zur Auferstehung der Todten im Duzahk (Hölle) ausdauern.

 

„Sie nährten und kleideten sich dreißig Tage lang schwarz; hernach gingen sie auf die Jagd, und fanden eine weiße Ziege, an deren Zizen sie Milch sogen. Das war ihnen liebliche Nahrung. „Nichts so Angenehmes wie diese Milch habe ich genossen, sprachen Meschia und Meschiane, die Milch, welche ich eben trank, hat mich ungemein erquickt.“ Das war aber ein Uebel für ihren Körper, d. i. dadurch sündigten sie gegen ihren Leib und wurden gestraft.“

 

„Dew, dessen Rede ganz Lüge ist, zeigte sich durch jenen Betrug noch beherzter, näherte sich ihnen zum zweiten Male, und gab ihnen Früchte, die sie aßen, und so verloren sie hundert Glückseligkeiten, die sie bisher genossen hatten, bis auf eine.“ (Bundehesch XV. Z. Av. B. III. p. 84. 85.)

 

Man kann diese Geschichte des Falls der ersten Menschen unmöglich lesen, ohne an die Erzählung derselben Begebenheit im Moses erinnert zu werden. Jehovah weiset dem ersten Paar den Genuß von Früchten an; die Zendsage setzt dies voraus, weil die Menschen sonst durch den Genuß thierischer Nahrung nicht gegen ihren Leib hätten sündigen können. Der Hauptact in beiden Erzählungen besteht im Genuß einer Frucht. Jehovah verbietet von dieser Frucht zu essen. Warum? Darauf ist eine genügende Antwort aus Moses unmöglich. Wir wissen wohl, was neuere Bibelausleger aus dieser ganzen Geschichte vom Sündenfall gemacht haben; allein hier ist die Rede davon, wie die Erzählung nach den Regeln einer gesunden Auslegungskunst verstanden werden muß; nicht aber wie sie symbolisch, allegorisch nach irgend einem angenommenen System erklärt werden kann. Alle Fragen über diesen Gegenstand liegen in dieser Zendsage von selbst aufgelöst. Die Frucht war nicht von Ormuzd geschaffen, sondern von Ahriman. Sie war dem Menschen verboten, weil er nur auf die reine Welt Ormuzds angewiesen war, jede Berührung des Unreinen

 

 

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ihn selbst unrein machte, und Ahriman Gewalt über ihn gab. Wir beziehen uns hier auf die schon entwickelten Begriffe von rein und unrein in der Körperwelt überhaupt.

 

Das Interesse der Vergleichung beider Erzählungen steigt, sobald wir auf das Wesen sehen, welches sie verführt, und durch Betrug zum Genus jener Frucht verleitet. Im Moses ist es die Schlange, welche listiger als alle Thiere des Feldes, und ordentlich mit Eva ein Gespräch hält. In der Zendsage ist es die alte Höllenschlange, „Ahriman der in Gestalt einer Schlange vom Himmel auf die Erde sprang“ (Bundehesch III.) und seinem Interesse gemäß, die Menschen zu verführen, und dadurch seine Macht gegen Ormuzd zu verstärken trachtet. Eine unpartheiische Vergleichung mit dieser Erzählung im Zend, dringt gewiß Jeglichem die Ueberzeugung auf: daß im Moses jene ältere Zendsage von dem Abfall Ahrimans, von seinem Kampf gegen Ormuzd, von dem Standpunkt des Menschen zwischen beiden großen Wesen und dem daraus entspringenden Interesse Ahrimans, den Menschen zu sich herüber zu ziehen, vorausgesetzt wird, und daß man nothwendig darauf zurücksehen muß, wenn Mosis Erzählung verständlich werden soll.

 

Diese mit so überzeugenden Gründen durchgeführte Beweisführung hat den scharfsinnigen, mit kritischem Forschergeiste ausgerüsteten Prof. Rhode *) zum Verfasser. Aber auch Richter (in s. „Christenthum und die Religionen des Orients“ Leipzig 1819) unterläßt nicht zu bemerken: „die Sage vom Paradiese findet sich auch bei den Persern. Der Name Eden den Moses dieser Gegend gibt, bedeutet Anmuth, Lust (das Griechische ήδονη). Auch in einem, in der Pehlwi-Sprache geschriebenen alten Religionsbuche der Perser heißt dieser erste Wohnort Hedenesch, d. h. Ort des Glücks. Ein Fluß tränkt wie bei Moses diese reizende Gegend, wo alle Annehmlichkeiten

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*) Die heilige Sage des Zendvolks. S. 393. – Frankf. 1820.

 

 

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mit Ueberfluß jeder Art sich vereinigen. sie ist schöner als die ganze Welt, und die Perser dachten sich darunter die Landschaft Iran (ein Name, der ein offenes, lichtes, ebenes Land bedeutet, und dem Turan, d. h. dem rauhen Gebirgslande entgegengesetzt wird), womit im engern Sinne die Gegend zwischen den Flüssen Kur und Araxes in Armenien bezeichnet wird, die noch immer zu den anmuthigsten Landschaften des mittlern Asiens gehört. In eben diese Gegend scheint auch der von Moses angegebene Euphrat und Hidekel (d. h. Tigris) das Paradies zu setzen. Den Baum des Lebens kennen die Perser ebenfalls. Es ist Hom, den Taschter an den Quell Arduisur setzte, und dessen Saft unsterblich macht und alle Krankheiten heilt.“

 

Derselbe Autor geht jedoch einen schritt weiter, und weiset nach wie Zoroaster selbst die Geschichte vom Sündenfalle nur den Mythen der Hindu abgeborgt, und mit einigen Umänderungen seinem Vaterlande angepaßt habe. Nur ist in Indien der Fall der Geister vor Entstehung der Körperwelt dargestellt *), aber auch bei ihnen ist Hochmuth, und die Begierde, Gott gleich zu werden, Ursache des Falls, und so wie Adam und Eva aus dem Paradiese verstoßen werden, so auch die gefallenen Geister aus dem Himmel. Die auf den Messias bezogene Stelle Gen. III, 14., wo Gott zur Schlange sagt: „Des Weibes Samen soll dir den Kopf zertreten und du wirst ihm in die Fersen stechen“ findet in der indischen Mythologie eine Parallele **). In einer der ältesten indischen Pagoden nämlich sieht man noch jetzt zwei in Stein gehauene Figuren, von welchen die eine den Krischna (den Mensch gewordenen Gott Wischnu) auf den zerschmetterten Kopf einer Schlange tretend, vorstellt; während in der andern der Gott von der Schlange umwunden erscheint, und von ihr in die Ferse gebissen wird. Es verband aber der Indier mit

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*) Phantasien des Alterthums B. II. s. 60 u. ff.
**) Rosenmüllers altes und neues Morgenl. I Kap. S. 14.

 

 

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Wischnu eine ähnliche Idee wie die Christen mit dem Messias. Dieser Wischnu wandelte ja auch gleich Christus, früher in der Gestalt des Krischna auf Erden, um durch Lehre und Kampf dem Bösen zu steuern. Aber die Hindu erwarten sein Wiedererscheinen am Ende des gegenwärtigen 4ten Weltalters, wo er als Reiter Kalighi erscheinen und das Böse vertilgen wird. In dieser Mythe ist Wischnu offenbar Mithras-Christus in der Offenb. Joh. VI. 2., wo er als Ueberwinder auch auf einem weißen Pferde (welche Bedeutung in dem Worte Kalighi enthalten) mit dem Bogen des Todes bewaffnet erscheint. Er ist Christus in seiner zweiten Zukunft zu Gerichte, dem die Zerstörung der Erde vorangeht, und die Erneuerung des seligen Lichtreichs folgt.

 

Auch die Erzählung von Kains Brudermord findet Richter in der indischen Sage von der Ermordung des Dachsa durch Kardama wieder, und setzt offenbar jene Erleuchteten in Verlegenheit, welche in Kain und Abel Judenthum und Christenthum prophetisch symbolisirt zu erkennen glaubten. Ferner läßt dieser Autor den Verf. des Pentateuch die Sage von Henochs göttlichem Leben und Himmelfahrt, der phrygischen Mythe vom Annak entlehnen, und beruft sich dabei auf Suidas und Stephan Byzantinus. Vollends die Sündfluth, ist nicht nur in den Mythen der Hindu enthalten, sondern Moses konnte sie noch viel näher in den Büchern der Chaldäer und Phönizier haben, deren hohes Alterthum ja ebenfalls längst außer Zweifel gesetzt ist. Hätten Berosus oder Sanchoniathon – vom Letztern sind auch einige Ausdrücke in dem ersten Kapitel der Genesis wie das Tohu wabohu als Bild des Chaos, wie auch: der Geist Gottes schwebte auf den Wassern u. a. m. abgeborgt – den Moses abgeschrieben, warum haben jene Geschicht- und Sagenschreiber, die so Vieles berichten, des merkwürdigen Durchzugs Israels durch das rothe Meer mit keiner Sylbe gedacht? In der indischen Mythe finden wir sogar Noahs Berauschung und Verfluchung seines ältesten Sohnes wieder. Der Kirchenvater Eusebius will in

 

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dem babylonischen Thurmbau eine assyrische Sage wieder erkennen. Die mythischen Benennungen Adam (Erde), Eva (Leben), Noah (Ruhe, anspielend auf das endliche Stillestehen der von den Wellen lange umhergetriebenen Arche), Cham (Hitze, den Welttheil Afrika bezeichnend), Sem (Urname, für die ursprünglichen Völker Asiens) und Japhet (Wanderer, auf die nach Europa auswandernden Stämme anspielend) bestätigen nur die Vermuthung, daß Moses bei Benutzung der Sagen anderer Völker die Namen der Personen in mythische, den Character oder die Thaten derselben andeutende, umgewandelt haben mag. Diese Hypothese gewinnt noch mehr an Interesse, wenn wir eine gelegenheitliche Bemerkung Richters *) nicht übergehen. Dieser Gelehrte äußert:

 

„Es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß der Mosaismus zum Theil aus indischen Quellen geschöpft habe; denn auch Brama predigte die Lehre von Einem Gotte, vor der Allgemeinwerdung des gröbern Schiwadienstes. Es ist bekannt, daß nach einem harten Kampfe der Bramaismus dem wilden Schiwaismus weichen, und seine Anhänger flüchten mußten. Es wäre also möglich, daß wir in dem aus dem Ostlande nach dem westlichen Kanaan sich flüchtenden Abram, wie er hieß, ehe seine (vorgeblichen) Nachkommen diesen Namen in den für sie bedeutungsvollern Abraham verwandelten, einen indischen Bramen, d. h. einen Verehrer Brama‘s, welcher der Urreligion von Einem Gotte treu geblieben, wieder fänden. Der Name bezeichnet dann kein Individuum, sondern wäre Collectivwort für die gesammte Anzahl geflüchteter Bramen, oder er bedeutete auch den Gott Brama selbst, wenigstens ließe sich bei dem Namen seiner Gattin Sarai an Brama‘s Gemahlin Saraswati (d. h. Frau Sara) denken.“

 

Nach Görres **) war der (Gen. XIV.) erwähnte Krieg, an welchem Abraham zuletzt Theil nahm, um Lot zu befreien,

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*) S. 113. a. a. O.
**) Myth. Gesch. d. as. W. S. XXX.

 

 

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ein Krieg der Kuschiten gegen die Semiten, d. h. der Schiwa und Feueranbeter gegen die Brama-Verehrer, und in dem Könige von Salem (Friedensstadt) Melchizedek (dem gerechten Könige) erblicken wir vielleicht einen Bramen höherer Ordnung, einen jener Priesterkönige, wie sie Indien in seiner Urzeit aufzuweisen hatte. Daher bezeugt ihm auch Abram seine Unterwerfung und Ehrerbietung durch Ueberlieferung des zehnten Theils von der gemachten Beute.

 

Seiner Urquelle nach kann also der Mosaismus auch ein Zweig des Bramaismus seyn, ob er gleich in seiner weitern Ausbildung mehr aus der Priester-Religion Egyptens geschöpft ist, wie unter andern schon daraus erhellt, daß Jehovah ein ursprünglich bei den Priestern des Osiris – deren Mitglied Moses ja ehedem war – die Eigenschaften Gottes bezeichnendes Wort gewesen *); auch die Geschichte mit dem goldenen Kalbe darauf hindeutet, daß die Israeliten an der Verehrung des Ochsen Apis in Egypten Theil genommen; endlich auch die Beschneidung und der verbotene Genuß des Schweinefleisches in Aethiopien und Egypten ursprünglich galten, wie auch, daß die Bilderwerke an den Ruinen des alten Thebens fast alle von Moses angegebene heilige Geräthschaften als zum egyptischen Kultus gehörig darstellen **).

 

Die Abstammung der Israeliten von Abraham ist daher keine historische Gewißheit. Vermuthlich war Moses auch darin symbolisch verfahren, daß nach dem Beispiele Zoroasters, welcher, wie oben gezeigt worden, seine Mythen auf Naturbegebenheiten gründete, und die Himmelskörper zu Amschaspands, Izeds, Dews (letztere sind die Kometen) machte, ebenso der jüdische Gesetzgeber die Astronomie in seine Mythen hineintrug, die drei Himmelssphären der Perser ***) – welche auch

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*) Richter a. a. O, S. 130.
**) Heerens Ideen Thl. II. S. 831.
***) Dieser Glaube ward durch eine Stelle im Bundehesch XII. veranlast, welche sich wieder auf eine ältere Zendsage beruft. Dahin deutet der Ausdruck: Im Gesetz heißt es, daß der erste Berg Alborgi in 15 Jahren hervorgegangen sey, und 1800 J. zum ganzen Wachsthum brauchte. In 200 J. stieg er bis zum Sternhimmel empor, in 200 J. bis zum Mondhimmel, in 200 J. bis zur Sonnensphäre, in den letzten 200 J. erhob er sich bis zum Urlicht. (Z. Av. B. III. S. 73.) Schon Plutarch und Dionys von Halikarnaß bemerkten, daß die Bilder und Fabeln der alten Mysterien nichts weiter als ganz bekannte Himmels- und Naturbegebenheiten enthalten haben. Auf ähnliche Art sind die Himmelserscheinungen nach Maßgabe des verschiedenen Geschmacks und Alters verschiedener Nationen, nicht nur aus verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, sondern auch zu einem ganz verschiedenen Gebrauche angewandt worden, nicht nur von Moses, sondern auch von Daniel, Ezechiel, und dem Verf. der Apokalypse Joh.

 

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die Juden annahmen, daher Paulus bis in den dritten Himmel entzückt wurde, d. h. bis zum Wohnsitz der Seligen – in drei Erzväter und die zwölf Zeichen des Thierkreises (von diesen handelt der Bundehesch II. Z. Av. B. III. p. 60) in die zwölf Söhne Jakobs und ihre Schwester Dina symbolisirte; denn Simeon und Lewi machten nur ein Sternbild, nämlich die Zwilllinge aus, daher blieb noch eines für Dina übrig, welches unstreitig die Jungfrau war.

 

Die Erzväter waren für den Heerführer der Israeliten unentbehrlich, denn ihre Tugenden sollten ja das Motiv gewesen seyn, weshalb Jehovah ihren Nachkommen den Beistand bei der Invasion in Kanaan zusicherte. Nur diese Vorspiegelung konnte einer feigen Sklavenhorde den Muth von Abentheurern geben, um kampfgeübte Völker auf deren eigenem Grund und Boden anzugreifen. Wären die Erzväter historische Personen, wie fügte sichs, daß ungeachtet des dem Abraham ertheilten Gebots alle seine männlichen Nachkommen zu beschneiden, die Israeliten unter Moses, und selbst unter Josua noch unbeschnitten waren? Sollten wir die Erzväter für historische Personen halten, wie erklärt man den Umstand, das die Ismaeliten schon ein mächtiges, mit Egypten selbst in Verkehr stehen des Handelsvolk waren, als sie den Knaben Joseph seinen

 

 

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Brüdern abkauften, dessen Großonkel der Stammvater jenes Volkes gewesen seyn sollte!!!

 

Wir sind also gezwungen, daß die Israeliten ein Zweig des egyptischen Volkes gewesen, aber zu den Hyksos einem Hirtenvölkchen gehörten, das Egypten einige Jahrhunderte beherrschte. Der König, unter welchem ihr wahrscheinlicher Stammverwandter Joseph (der, wie man weiß, in Egypten einen andern Namen führte, als der jüdische Geschichtschreiber ihm gibt) gelebt haben mag, war ein Fürst der Hyksos, daher die freundliche Behandlung, deren die Israeliten unter seiner Regierung genossen. Aber nun kam ein anderer König auf den Thron, der nichts von Joseph wußte. Dies geschah als die nach Süden zurückgedrängten egyptischen Urstämme wieder nach den nördlichen Gegenden vorrückten, die Hyksos verdrängten, und ihre letzte Festung Avaris eroberten; ein Krieg, dessen einzelne Scenen noch auf den Denkmälern Thebens abgebildet sind. Die Israeliten blieben zurück, und wurden zu Sklaven gemacht, ja die nun herrschenden Pharaonen beschlossen ihre gänzliche Vernichtung, damit sie nicht bei künftigen Einbrüchen der Hyksos ihnen gefährlich werden konnten. In einer Sage beim Manetho heißt es: der egyptische König Amenophis habe, um das Land zu reinigen, alle Aussätzigen (d. h. alle Unreinen, alle Hirtenvölker, denn Hirten gehörten zu der verachteten Kaste) in Avaris versammelt; diese aber hätten unter der Anführung des Osarsiph, später Moses genannt, eines Priesters des Osiris in Heliopolis, sich Egyptens dreizehn Jahre hindurch bemächtigt, und seyen dann als die Egypter, von Aethiopien aus, abermals vorgedrungen, nachdem sie sich eine neue Religion gegründet, und gegen die Egypter alle möglichen Gräuel ausgeübt, in Palästina eingefallen.

 

Nicht nur die Geschichte, sondern auch die Naturwissenschaft scheint unsre Vermuthungen in Gewißheit umwandeln zu wollen. Ein berühmter Physiolog hatte vor Jahren im „Gotha‘schen Reichsanzeiger“ sich wie folgt vernehmen lassen: „Die

 

 

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gleiche Form der altegyptischen und jüdischen Schädel dürfte zu der Vermuthung führen, daß die Juden ursprünglich zu den afrikanischen, und keineswegs zu den asiatischen Völkerschaften gehören, daß mithin ihre Abstammung von einem nomadischen Fürsten in Asien, ihre Einwanderung in Egypten u. ff. bloß Fabel sey. Die Juden haben nach dieser Fabel höchstens, 300 Jahre in Egypten gewohnt. In dieser kurzen Zeit konnten die schönen asiatischen Schädel sich unmöglich in die Schädel der damaligen Egypter umwandeln, und dies um so weniger, da sie sich mit Egyptierinnen nicht verheirathet haben sollen. Die Juden stammen wahrscheinlich von der niedrigsten Kaste aus Egypten her, und wurden deshalb daselbst so gedrückt und verachtet wie die Paria‘s in Indien, die noch jetzt von ihren Glaubensgenossen aus den höhern Kasten verachtet und gemieden werden.“

 

Nehmen wir mit Prichard *) und vielen andern Gelehrten an, daß Egypten seine Theologie aus Indien erhalten; beachten wir die Hypothese Rau‘s, welcher in der Architectur der indischen Pagoden und egyptischen Pyramiden einige Verwandtschaft finden wollte, und die Baudenkmale der Aethiopier als die Uebergangsperiode dieser Kunst von Indien nach Egypten erkannte; geben wir endlich der Hypothese Langlés nicht minder Beifall, welcher die Egypter, als indische Kolonisten, sich erst in Aethiopien ansiedeln läßt, die in der Folgezeit auch Egypten urbar machten, die theokratische Verfassung der Gangesbewohner, die Eintheilung des Volkes in Kasten und selbst den indischen Thierkreis an den Ufern des Nils einführten, bemerken wir auch, daß mehrere egyptische Wörter denen in der alten Sprache der Braminen sehr gleich kommen, wie Piruma das auf Malabar und in Egypten Mensch bedeutete *), erinnern wir uns ferner, daß die Alten den Namen Nil von der blauen Farbe dieses Flusses ableiteten, nila aber im Sanskrit

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*) An analysis of the Egyptian Mythology, London 1819.
**) La Croze, histoire du Christianisme des Indes S. 225.

 

 

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blau bedeutet *), so ist die Verwandtschaft der Egypter mit den Indiern außer allen Zweifel gesetzt; und es erklärt sich die Aehnlichkeit mancher Mythen des Moses mit denen der Braminen, die er ja in den Priester-Archiven zu Heliopolis vorgefunden, und eben so gut als später die phrygischen und persischen Sagen benutzt haben konnte; da insbesondere die Schöpfungsgeschichte Mosis mit den Kosmogonien der Inder, Perser, Egypter und Phönizier eine unläugbare Uebereinstimmung, nicht nur in der Anordnung des Ganzen, sondern selbst in manchen Einzelnheiten hat. Daß aber die Hebräer unter den genannten Völkern das jüngste gewesen, ist eine von allen Historikern längst anerkannte Wahrheit.

 

Obschon wir unsre Aufmerksamkeit ausschließlich den neutestamentlichen Schriften zuzuwenden versprachen, dürfte die etwas lange Abschweifung von unserm Ziele dennoch nicht als ein hors d‘oeuvre erscheinen, wenn man erwägt, wie Mosis Erzählung vom Sündenfall, worauf die Lehre von der Erbsünde und die daraus folgende Nothwendigkeit des Versöhnungstodes Christi gebaut worden, den Verfasser dieser Schrift zu weitern Untersuchungen über die muthmaßliche Entstehungsart der mosaischen Schriften auffordern mußte; wäre auch damit kein andrer Zweck verbunden, als den Vertheidigern der Offenbarungslehre wiederholt die Ueberzeugung aufzudringen, wie das Christenthum sein Gedeihen auch bei einem natürlichen Gange der Begebenheiten finden konnte.

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X. Vom Weltende, Auferstehung der Todten und jüngsten Gericht.

 

Eine der Hauptlehren in der Zendsage ist diese, daß der Ewige zur Dauer der Körperwelt einen Zeitraum von zwölf Jahrtausenden bestimmt, welcher in vier Zeitalter abgetheilt ist.

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*) Dissertations relating to Asia Vol. I. S. 58.

 

 

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In dem ersten Zeitalter herrschte das gute (erhaltende) Prinzip allein; im zweiten wird das böse (zerstörende) Prinzip schon wirksam, doch untergeordnet; im dritten herrschen beide gemeinschaftlich; im vierten hat das böse (zerstörende) die Oberhand, und führt das Ende der Welt herbei *). Zu dieser Zeit wird Gott den Menschen einen Erlöser senden, welcher dem Bösen wehrt, Tugend wieder herrschend macht und das Reich der bösen Geister zerstört, indem er das Reich Gottes verherrlicht. Sind die zur Weltdauer bestimmten zwölf Jahrtausende verflossen, so wird die Erde durch Feuer vernichtet, und eine neue, schönere, geistigere Erde tritt an ihre Stelle.

 

Offenbar ist diese ganze Lehre aus der Beobachtung der Natur genommen und es ist hier nur von dem erhaltenden und zerstörenden aber nicht vom guten und bösen Prinzip die Rede. Sobald aber die Sage, wie schon früher einmal angedeutet wurde, die Naturansicht durch ihre unmittelbare Offenbarung verschlang; wurde auch aus dem erhaltenden Prinzip das gute und aus dem zerstörenden das böse. Nichts ist sinnreicher, als wie sich hier die Offenbarung mit der Naturansicht einigt. Beide liegen anfangs in offenbarem Widerspruch. In der Natur siegt endlich das zerstörende Prinzip und das erhaltende erliegt. In der Offenbarung muß nach dem moralischen Zwecke der ganzen Schöpfung das gute Prinzip siegen, das böse aber zerstört werden. Die Sage, ohne hier im Geringsten den Gang der Natur zu ändern, führt dennoch glücklich zum Ziel. Die Weisheit des unendlichen Wesens löst den Knoten. Jeder Streich, den Ahriman gegen das Gute führt, hat für ihn eine entgegengesetzte Folge, indem er stets dazu beiträgt, das Lichtreich Ormuzds immer mehr zu entwickeln, und sich selber zu schwächen. So wollte er bei seinem Erscheinen auf der Erde in dem erstgeschaffenen Stier das ganze organische Reich verderben, indem er ihn tödtet; aber eben durch

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*) Man vergl. damit Offenb. Joh. XX. 7. 8. „Und wenn die tausend Jahre zu Ende sind, wird Satan losgelassen werden. Und er wird ausgehen, zu verführen die Völker ff.“

 

 

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den Tod des Stiers konnte sich das organische Leben erst recht entwickeln. Er will nun in Kajomors, der noch beide Geschlechter in sich vereinigt, wenigstens das ganze Menschengeschlecht verderben, und tödtet ihn; aber nach dem Rathschluß des unendlichen Wesens entwickeln sich durch den Tod dieses Urmenschen die beiden Geschlechter, und das Menschengeschlecht kann sich erst recht ausbreiten. So strebt am Ende der Tage Ahriman die ganze Körperwelt zu zerstören; zwar erreicht er seinen Zweck, aber dies ist das von Zervane Akerene vorherbestimmte Mittel, wodurch Ahriman zugleich sein ganzes Reich vernichtet. Das Böse wird also im eigentlichen Sinne durch sich selbst überwunden, und die Körperwelt gibt nur die Möglichkeit, das es ausrasen könne. Der natürliche Gang der Dinge, obgleich er der moralischen Ordnung zu widerstreben scheint, ist dennoch nur Folge des Rathschlusses der unendlichen Weisheit, und ein Mittel das sicher zum Ziele führt.

 

Jener Erlöser, dessen kurz vorher gedacht worden, daß er durch sein Erscheinen dem Bösen wehren und das Nachtreich zerstören werde, ist nach den Zendschriften der Prophet Sosiosch. Er wird in denselben für den letzten aller Menschen ausgegeben, weil man dadurch zu der Redensart Veranlassung fand: „Von Kajomors bis Sosiosch“ um die Dauer des ganzen Menschengeschlechts damit zu bezeichnen.

 

Aus einer Stelle im Vendidad (Farg. XIX) geht hervor, daß man Sosiosch als einen Nachkommen Zoroasters erwartete, und der Bundehesch scheint sich darauf zu beziehen, wenn man liest: „Dreimal wohnte Zoroaster der Huo bei, jedesmal aber senkte sich der von ihr empfangene Menschenkeim ins Wasser Kanse, wenn sie sich in demselben reinigte. Hier bewahren himmlische Izeds diese Keime, bis sie als Menschen geboren werden sollen. Drei Mädchen werden sich dann in diesem Wasser baden, die Keime aufnehmen, und sie als Kinder zur Welt bringen *) (Bundehesch XXXIV. Z. Av. B. III. p. 30.).

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*) Die dem Sosiosch vorher erscheinenden, lautet die Mythe, werden Oschederbami (Bami heißt Erde) und Oschedermah (mah bedeutet den Mond) seyn, welche auf den Propheten, ihren jüngsten Bruder vorbereiten und die ersten zwei Drittel der Menschen bekehren sollen.

 

 

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Sosiosch wurde also auch als Sohn einer Jungfrau erwartet.

 

Im Bundehesch wird Sosiosch nicht nur wie im Vendidad als Ueberwinder der Dews, sondern auch als Besieger des Todes und Weltrichter gedacht; denn er wird die Todten durch Ormuzds Macht auferwecken, ihnen weißen Hom zu trinken geben, wodurch sie auch dem auferstandenen Leibe nach Unsterblichkeit erlangen, und dann bei der Brücke Tschinevad Gericht halten. Der Angabe des Bundehesch zufolge soll der Erlöser plötzlich und unvermuthet erscheinen (Z. A. B. III. p. 111.), gerade wie es nach dem Ausspruch Jesu bei der Erscheinung des Menschensohns auf Erden hergehen wird. (Matth. XXIV. 37, 39.)

 

Die Lehre von der Auferstehung der Todten ist der Zendsage ganz eigenthümlich. Stellen darüber finden sich im Vendidad Farg. XIX. Bundehesch XXXI. u. a. m. Man dachte sich aber auch eine Wiederbelebung der Leiber, dies geht aus den Worten hervor:

 

„Jede Seele wird die Leiber kennen. – Siehe – mein Vater! meine Mutter! mein Bruder! mein Weib! Alsdann werden aller Welt Wesen mit dem Menschen auf Erden versammelt erscheinen. Jeder wird das Gute oder Böse, was er gethan hat, sehen. In dieser Versammlung wird der Darwand (Sünder) seyn wie ein schwarzes Thier unter der Heerde von weißen. Darnach wird eine Scheidung seyn zwischen Gerechten und Darwands. Die Frommen werden zum Gorotman (Sitz der Seligen) gehen, die Darwands aber von neuem in den Duzakh (Hölle) gestürzt werden. Drei Tage und drei Nächte durch muß Leib und Seele büßen, unterdeß der Gerechte im Himmel die Lieblichkeiten der Seligen durch Leib und Seele schmecken wird. Dann wird der

 

 

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Vater von seiner Geliebten – Schwester von Bruder – Freund von Freund – geschieden seyn, jeder wird erhalten nach seinen Werken. Von zwo Schwestern wird die eine rein seyn, die andre Darvand. Ihr Lohn wird in ihren Thaten liegen“ u. s. f. *)

 

Es ist unmöglich, bei der Beschreibung dieser Szene nicht an ähnliche Schilderungen im neuen Testament zu denken. Man lese die Weissagung von der Zukunft des Menschensohns beim Matthäus:

 

„Wenn des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit – dann werden alle Völker versammelt werden, und er wird sie von einander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.“ **) „Dann werden Zween auf dem Felde seyn, einer wird angenommen, der andre wird verlassen wer den; zwo werden mahlen auf einer Mühle, eine wird ange nommen, die andre wird verlassen werden ***), dann wird Jeder erhalten was seine Thaten werth sind ), die Gerechten werden in den Himmel, die Sünder zur Hölle gehen.“

 

Nach der Zendsage stürzt nun der Komet Gurzscher, von der Wache des Mondes sich losreißend, auf die Erde herab; dann wird diese: „wie krank seyn, gleich dem Schaf, das mit Zittern und Zagen vor dem Wolf niederfällt.“ Alles geräth in Brand – „und von der Hitze des Feuers werden kleine und große Berge wie Metalle zerfließen, und dies geschmolzene Erz wird einen großen strom bilden ††).

 

Aehnliches liest man 2 Petr. III. 10 u. ff. „Es wird des Herrn Tag kommen, als ein Dieb in der Nacht, an welchem die Himmel zergehen werden mit großem Krachen, die Elemente aber vor Hitze zerschmelzen, und die Erde und die

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*) Z. Av. B. III. p. 113.
**) Matth. cap. XXV. 31–32.
***) Ebendas. cap. XXIV. 40–41.
†) Offenb. Joh. XX. 12.
) Z. Av. B. III. S. 114.

 

 

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Werke die darin sind, werden verbrennen.“ – „ Wir aber warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde;“ welche letztere Stelle die Lehre vom Lichtreiche und von der Erneuerung der Dinge deutlich ausspricht. Ganz den uralten Ideen des Orients gemäß, schildert auch Jesus selbst (Matth. XXIV. 29.) die Erscheinung des Logos zum Gerichte: „Sonne und Mond“ heißt es, „werden ihren Schein verlieren, die Sterne vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel sich bewegen. Dann wird das Zeichen des Menschen-Sohns am Himmel erscheinen und die Sterblichen werden ihn kommen sehen in den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen, und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern.“ Damit stimmt wieder die Stelle I Thess IV. 16: „Denn er selbst, der Herr, wird mit einem Feldgeschrei und Stimme des Erzengels und mit der Posaune Gottes hernieder kommen vom Himmel, und die Todten in Christo auferstehen zuerst. Darnach werden wir, die wir leben und überbleiben, zugleich mit denselben hingerückt werden in den Wolken, dem Herrn entgegen in der Luft und werden bei dem Herrn seyn alle Zeit.“ – Auch die stelle I Kor. XV. 24. ist merkwürdig. Nachdem Paulus vorher die Auferstehung der Todten mit treffenden Gründen zu beweisen gesucht, erklärt er, wie mit der Auferstehung und der Zukunft Christi das Ende der Dinge, d. h. der gegenwärtigen Welt, verbunden seyn, wie dann alle Herrschaft, Obrigkeit und Gewalt aufhören, und Christus das Reich Gott überantworten und selbst ihm unterthan seyn werde, damit Gott alles in Allem sey, denn Christus müsse nur herrschen, bis er alle seine Feinde, deren letzter der Tod sey, überwunden habe. Hier finden sich offenbar Ideen, die den Persischen von der Vernichtung Ahrimans durch Sosiosch, und von der nun folgenden Alleinherrschaft des Urlichts sehr ähnlich sind; denn nach der Zendsage wird Ahriman von dem Metallstrom der geschmolzenen Erde ausgebrannt, alles Faule und Unreine an ihm verzehrt,

 

 

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er selbst in diesem Feuer *) geläutert werden, sich bekehren und als Lichtwesen in Ormuzds Reich zurückkommen. Sobald nun Ahriman sich bekehrt hat, tritt die Wiederbringung aller Dinge und die Schöpfung der neuen Erde ein, welche aus der verzehrenden läuternden Flamme eben so rein hervorgehen wird, wie sie war, ehe Ahriman in Ormuzds Welt einbrach, sie verunreinigte und mit unreinen Wesen anfüllte. Auf dieser neuen Erde wird alles Reine wieder leben, was jetzt ist, wie der Vendidad ausdrücklich verspricht. Ormuzd und Ahriman, die Amschaspands und Erzdews werden, mit heiligen Kleidern angethan, Zervane Akerene verehren **), und mit allen Izeds und allen Menschen in ewiger Glückseligkeit fortleben; alle Schöpfungen Ormuzds werden dann vollendet seyn, und er wird nichts mehr hinzuthun ***).

 

Auch in den Schriften des alten Testaments kommen Stellen vor, die sich auf die einstige Existenz des seligen Lichtreichs beziehen. So heist es Jes. LXV. 17: „denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, daß man der vorigen nicht mehr gedenken wird. Damit vergleiche man die ganze Schilderung des 35. und 60. Cap. und in letzterm besonders v. 19.: „Die Sonne soll dir nicht mehr des Tages scheinen, und der Mond soll dir nicht leuchten, sondern der Herr wird dein ewiges Licht seyn. so sind auch die Schilderungen Joel III. 1. 5. und 18–23. offenbar von Bildern des Lichtreichs entlehnt. Von diesem spricht auch Daniel II. 44: „Aber zu jener Zeit wird Gott vom Himmel ein Königreich aufthun, das nimmermehr zerstört wird.“ Vorzüglich merkwürdig ist das 7te Kap. Es hebt besonders die persische Idee hervor: daß vor dem Beginne des Lichtreichs das Böse erst recht herrschend seyn werde, spricht dann von der hohen Gewalt,

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*) Man vergl. damit: „Und der Teufel wird in den Feuersee geworfen.“ Offenb. Joh. XX. 10.

**) D. h. das Izeschne celebriren (Bundeh. XXXI.)
***) Z. Av. B. III. p. 114.

 

 

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welche Gott dem Logos (denn dieser ist unstreitig V. 13. unter des Menschen Sohn zu verstehen, der Adam Kadmon der Kabbalisten) über alles Sichtbare verliehen habe, und zuletzt vom Weltgerichte und dem Beginne des Lichtreichs, womit nach Kap. XII. 2. zugleich die Auferstehung der Todten verbunden ist. Daniel war aber auch ganz in die Lehre des persischen Magismus eingeweiht, und so kann seine Uebereinstimmung mit demselben gar nicht befremden. Auf das Weltende durch Feuer spielte schon vor Petrus auch der Prophet Maleachi weissagend an (IV. 1.): „Denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen, da werden alle Verächter und Gottlose Stroh seyn, und der künftige Tag wird sie anzünden.“

 

Daß die Meinung von einem Untergange der Welt durch Feuer schon bei den Juden herrschend war, die sie zuverlässig mit andern Religionsbegriffen von den Persern aufgenommen hatten, geht auch aus einer Stelle beim Joseph Flavius (Antiquit. L. I, 3.) hervor: „Dem Genie und den Bemühungen seiner (Seths) Kinder, dankt man die Wissenschaft der Astrologie; und da ihnen Adam gesagt hatte, daß die Welt einmal durch Wasser und einmal durch Feuer zerstört werden sollte, so bauten sie, um diese Nachricht der Vergessenheit zu entreißen, zwei Säulen, worin sie diese ihnen von Adam überlieferte Nachricht gruben u. s. w. – Da also die Meinung, die Erde werde im Feuer untergehen, weil die Zerstörung durch Wasser schon in der Sündfluth erfolgt sey, auch bei den Juden herrschte, so ist es nicht auffallend, sie auch in den Schriften des neuen Testaments zu finden, wo der Verfasser des zweiten Briefs Petri sie mit den Worten verkündigt: „Also werden der Himmel und die Erde gesparet werden durch sein Wort, daß sie zum Feuer behalten werden am Tage des Gerichts.“ (V. 7.) und (V. 13.) hinzufügt: „Wir aber warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde,“ was mit (XXI. 1.) Offenb. Joh. übereinstimmt, wo es prophetisch heißt: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde verging und das Meer ist nicht mehr.“

 

 

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Ueberhaupt ist die Aehnlichkeit der Vorstellungen von der Auferstehung der Todten, von Scheidung der Sünder und Gerechten beim jüngsten Gericht, vom Weltende durch Feuer und der darauf folgenden Wiederbringung aller Dinge bei den Verfassern des neuen Testaments und der Zendsage so auffallend, daß man einen nähern Zusammenhang zwischen Beiden anzunehmen gezwungen ist.

 

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XI. Die Unsterblichkeit der Seele

 

ward von den alten Parsen schon gelehrt, weil, wie aus dem vorhergehenden Kapitel ersichtlich, sie an eine Auferstehung der Todten und jüngstes Gericht glaubten; nur daß ihre Begriffe von der abgeschiedenen Seele nicht so reingeistig waren, wie eine neuere Philosophie verlangt. Die Feruers in Zoroasters System sind bloß feinere, geistige Vorbilder (Prototype) der gröbern körperlichen Wesen der irdischen Welt. Natürlich legte man jedem Feruer eben die Gestalt bei, welche das körperliche Wesen zeigte, in welchem er sichtbar wurde; und ein Feruer war daher kein Geist wie wir ihn uns denken. Im Bundehesch liest man über diesen Gegenstand: „Nachdem der Menschenkörper im Mutterleibe gebildet ist, kommt die Seele vom Himmel und belebt ihn. So lange er durch sie lebt und sich bewegt, begleitet sie ihn unablässig. Wenn der Mensch stirbt, wird sein Leib Staub und die Seele kehrt zum Himmel zurück *).“

 

Aus den Worten „kommt die Seele vom Himmel und belebt ihn“ läßt sich

 

1) die Lehre von der Präexistenz

 

erkennen. Die Menschen existirten also vom Anfang der Schöpfung als Feruers, und werden nur auf der Erde durch die Geburt

 

*) Bundehesch XVII. Z. Av. B. III. p. 90.

 

 

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in einem Körper sichtbar. Das dualistische System des Zoroaster gab dem Menschen aber auch noch eine zweite Seele zu, den Dew, welcher ein Ausfluß Ahrimans so wie der Feruer von Ormuzd war. Der Dew ist nur durch unrechtmäßige Besitznahme Seele des Menschen, und wird nach der Auferstehung nicht mehr seyn, weil ja alles Böse dann vernichtet und Ahriman selbst ein Lichtwesen wird. Der Feruer allein ist also die eigentliche Seele des Menschen. Wenn folglich der Dew seiner Natur nach unzerstörbar ist, um so mehr der Feruer. Indeß erklärt sich aus dieser Mythe der innere Kampf im Menschen zwischen der Sinnlichkeit und der Tugend, und der abwechselnde Sieg des bösen oder des guten Geistes. Unter den Lehrern der christlichen Kirche traten auch Hermas und Origenes dieser Meinung von zwei Engeln bei, daß der gute Engel zur Tugend ermuntere, der böse aber die Ursache aller lasterhaften Gedanken sey.

 

Der Zustand des Menschen nach dem Tode zerfällt in zwei Zeiträume: in den Zustand während der Trennung der Seele vom Körper und in den Zustand nach der Auferstehung der Todten, wo sie wieder mit dem Körper vereinigt ist. Wir wollen uns bloß mit dem ersten Zustand beschäftigen, da der zweite, welcher die Lehre von der Auferstehung der Todten und dem Weltende enthält, bereits im vorigen Kapitel besprochen worden ist. Die Zendbücher lehren deutlich, daß die Menschen, welche in ein anderes Leben übergehen, ohne vorher völlig gereinigt zu seyn, Pein leiden, und zwar nach Verhältnis ihres Zustandes länger oder kürzer. Hieraus läßt sich nicht nur auf der Parsen Begriff

 

2) von der Hölle

 

schließen, die sie Duzahk nennen, und worin der Sünder nach der Größe und Menge seiner Verbrechen auch die Dauer seiner Strafen findet, und wenn er sich nicht bekehrt, und die zur Lösung seiner Seele erforderlichen Opfer nicht gebracht wer den, bis zum jüngsten Gericht im Duzahk ausharren muß; sondern auch,

 

 

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weil dem Zendgesetz zufolge die Reinigungsarten der Lebendigen auch den Todten nützlich werden können, wenn ihre Anverwandten oder Freunde sie für sie verrichten. Da aber auch die Höllenstrafen durch die Gebete der Verwandten abgekürzt werden können, so scheinen die Parsen gleichfalls einen Begriff

 

3) vom Fegfeuer und Seelenmessen

 

gehabt zu haben. Die Gebete mußten an den Ized Dahman gerichtet werden, der die gereinigten Seelen von Serosch empfängt, und über die Brücke Tschinevad zum Gorodman, dem

 

4) Aufenthalt der Seligen

 

führt. Eltern mußten für ihre Kinder dreißig feierliche Gebete bringen, und dafür wurden sechszig Tanafurs *) getilgt; d. h. es werden sechszig Sünden vergeben, die nicht über die Brücke ließen. Eben so müssen Kinder für ihre Eltern dreißig Gebete feiern, welche dieselbe Wirkung haben. Für Großeltern bringen die Enkel fünf und zwanzig Gebete, und tilgen dadurch funfzig Tanafurs; und so werden alle Grade der Verwandtschaft bestimmt **). Allen diesen Vorschriften liegt der Satz zu Grunde: daß die guten Handlungen der Frommen auch den Sündern zugerechnet werden können, ein Grundsatz, der in einem jüngern Pehlwi-Afrin klar ausgesprochen wird ***). Kann man hier wohl den Grundquell des Fegefeuers und der Seelmessen der römischen Kirche verkennen? Daß diese Meinung, wie durch Gebete der Lebenden die verstorbenen Sünder des Höllenfeuers quitt werden können, von den Parsen zu den Juden übergegangen sey, beweiset die Bibelstelle: „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“ (Jac. V, 16.)

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*) Eine Gattung von Sünden.
**) Vendidad Farg. XII.
***) Z. Av. B. II. p. 149.

 

 

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Die Seelen, deren Verbrechen zu groß sind, oder für welche die vorgeschriebenen Gebete nicht gebracht werden, müssen bis zur Auferstehung der Todten im Duzahk ausharren, wie Meschia und Meschiane, weil ihre Verbrechen zu groß sind, indem sie durch ihre Sünde das ganze Menschengeschlecht unglücklich machten.

 

Unter den christlichen Lehrern war Clemens von Alexandrien *) der Erste, welcher mit der Vorstellung von einem ewigen Höllenfeuer hervortrat. Er konnte sich dabei auf folgende Schriftstelle berufen: „Wer etwas redet wider den heiligen Geist, dem wird es nicht vergeben weder in dieser noch in jener Welt.“ (Matth. XII. 32.)

 

Auch die neutestamentliche Schilderung, daß in der Hölle Zähnklappern der Sünder sey, erklärt sich nur aus dem verwandten Begriffe der Parsen, die Ahrimans Reich sich als von der Lichtwelt am entferntesten dachten, daher auch Finsternis und Kälte den Sünder an einem solchen Orte erwarteten. Das Höllenfeuer kannten die Schüler Zoroasters nicht, es heißt zwar, daß die Seelen brennen und mit Fäulnissen gespeist werden, doch scheint der erste Ausdruck nur Allegorie gewesen zu seyn **).

 

Die Vorstellung, welche die Christen des 4ten und 5ten Jahrhunderts noch von dem Weltgerichte hatten, das am jüngsten Tage alle Menschen ohne Ausnahme durch ein allgemeines Feuer gehen müßten, die Frommen aber in demselben unversehrt bleiben würden, eine Lehre, welcher Ambrosius, Hilarius und Hieronymus zugethan waren, findet sich schon in der Zendsage. Dieser zufolge stürzt am jüngsten Tage die in einen Metallstrom aufgelöste Erde in den Duzahk herab. Alle nun auferstandenen Menschen müssen durch diesen Feuerstrom gehen, die Gerechten aber kommen glücklich hindurch, das

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*) Henke Kirchengesch. Th. I. p. 99 ff.
**) Die Hindu waren die Ersten, welche ein Höllenfeuer glaubten, das die Parsen erst am Weltende eintreten lassen. Die Hölle der Christen ist also aus beiden Vorstellungen zusammengesetzt, weil von Flammen und von Finsternis und Zähnklappern zugleich die Rede ist.

 

 

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Feuer dünkt ihnen wie warme Milch und sie gelangen zum Gorodman (dem Sitz der Seligkeit), in dessen Mitte Ormuzd, in dessen Mitte Amschaspands, in dessen Mitte Heilige sind. Es dringt die selige Seele in Gorodman, in dessen Mitte alle Feruers der Heiligen schweben. Bahman wird sich sodann von seinem Goldthron erheben, Bahman erster der Amschaspands. Umgeben mit dem Goldrock wird er der Glücklichen Seelen bekleiden mit Gold. Nicht Ahriman, nicht Dews werden mehr ihre Plage seyn *).“

 

Die persische Mythe weiset dem Gorodman seinen Platz über der Himmels-Veste an. Dort sind die Feruers der Seligen, kommen über die Brücke Tschinevad auf den Gipfel des Alborgi, und schweben von dort, gleich Vögeln herab zum Schutz der Gerechten, die ihre Hülfe anrufen. Aus dem Jescht Farvardin (Z. Av. B. II. p. 247.) erhellt, daß die Seligen, „deren Leiber in Glanzlicht schimmern,“ auch „umkeidet sind mit Sadere,“ dem „reinen heilvollen Gewand, das vom Himmel kam.“ So wie aber auch Gorodman durch himmlische Gerüche, Düfte und Licht characterisirt wird, so der Duzahk durch Finsternis, Fäulnis und üble Gerüche, wie kurz vorher bemerkt worden. Noch bis diesen Tag hat sich in Persien der sonderbare Fluch erhalten: „Möge seine Seele Koth essen!“ so wie die Christen ihren Feinden wünschen: „zu braten, wo die Hölle am heißesten ist,“ welches auf die scheinbar verschiedenen Begriffe beider Völker von den Höllenstrafen hindeutet, obgleich die Parsen ebenfalls, wenn auch nur im figürlichen Sinne ein Brennen der Seele im Duzahk zugestanden.

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*) Z. Av. B. II. p. 145.

 

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XII. Parsismus und Katholicismus. Eine Parallele.

 

Im vorigen Kapitel ist unter andern auch angedeutet wor den, das die Feruers der Frommen in Gorodman den Gerechten, die ihre Hülfe anrufen, ihren Schutz und Beistand gewähren. Die Beweisstellen dafür finden sich im Jescht-Farvardin mit den Worten: „Daß die starken Feruers der Heiligen - mir hold seyen!“ *) der 33ste Ha des Izeschne ist ihnen ganz gewidmet **). Finden wir nicht in diesem Theile der parsischen Liturgie eine genaue Verwandtschaft mit den

 

1) Anrufungen der Heiligen

unter den Katholiken? Die Aehnlichkeit tritt noch stärker hervor, wenn man weiß, daß auch die Parsen sich unter ihren Heiligen verstorbene Fromme dachten, und gleichfalls jeglichem einen besondern Wirkungskreis zuschrieben. so gab es Feruers für jede Provinz, für jeden Ort, für jede straße ***). Auch dem Bundehesch (XXX. Z. Av. B. III. p. 109) zufolge, hatte jede Provinz einen verstorbenen Helden zum Beschützer. Wird man hier nicht lebhaft an die

 

2) Schutzpatrone

der Katholiken erinnert? Aber was noch merkwürdiger ist, auch die Parsen kennen nicht nur wie die Katholiken die Verpflichtung zu mehrern Zeiten des Tages ihre Gebete zum Himmel zu schicken, und diese auch an die Engel (Amschaspands) und Heiligen (Feruers) zu addressiren, sondern auch der Begriff des Gebetes ist derselbe wie im neuen Testament. Auch der Parse hält dafür, durch Gebet bekämpfe man den Bösen, und hat die

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*) Z. Av. B. II. p. 246.
**) Z. Av. B. I. p. 145.
***) Ebendas. S. 147.

 

 

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Verheißung der Erhörung, wenn es mit Inbrunst gebracht wird. Auch der Ormuzddiener betet zu seinem Vater im Himmel, und alles liegt ihm an der Heiligung und Verherrlichung seines Namens; auch er betet täglich, in Ormuzds (Gottes) Reich zu gelangen; auch er fleht: das Ormuzds Wille, sein Gesetz auf der Erde wie im Himmel geschehen möge; auch er bittet täglich um Nahrung und alles was er bedarf, und flehet täglich um Vergebung seiner Sünden, und zwar ganz im Sinne der christlichen Beichte; er betet um Abwendung der Verführung der Dews und um Erlösung von allem Uebel; auch er thut kein Gebet, ohne seinen Geist durch die Betrachtung der Größe seines Schöpfers, der die Welt durch seine Macht trägt und ewig in Herrlichkeit verschlungen ist, zu erheben. Die Belege zu diesen Behauptungen finden sich auf allen Seiten der Zendschriften, in Gebeten, die durch ihre erhabene Einfalt und kindliche Herzlichkeit noch jetzt als Muster dienen könnten. Die Parsen haben also auch ihr

 

3) Pater noster,

und in der That darf man das Gebet Jesu einen kurzen Auszug aus den Zendschriften nennen – wie auch Rhode *) schon bemerkte – denn zu jeder Bitte finden sich mehrere fast wörtlich gleichlautende Parallelstellen.

 

Wenn wir in einem frühern Kapitel dieses Buches das Zeugnis einiger Kirchenväter für den von Zoroaster noch vor dem Entstehen der christlichen Kirche geheiligten Gebrauch der Taufe angeführt hatten, so bezog sich dies nur auf die Eingeweihten in den von Zoroaster gestifteten Mithra-Mysterien, eine Function, welche auch in den Mysterien der Egypter beibehalten wurde, und daher nur mit der Taufe der Juden zur Zeit Johannes des Täufers einige Verwandtschaft haben mochte, weil diese Handlung dann nicht für Jedermann gesetzmäßige Vorschrift war, und auch ein reiferes Alter des Täuflings voraussetzte.

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*) Die Zendsage S. 416.

 

 

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Allein es leuchtet zu sehr in die Augen, das jene Form des Taufactes, wie sie zu Jesu Zeiten galt, von der später in der christlichen Kirche eingeführten Kindertaufe durchaus verschieden war. Der Lehrsatz des heiligen Augustin, daß durch die Taufe die Erbsünde aufgehoben werde, welchem auch Luther treu geblieben, erklärt die Eile, womit seit den Zeiten jenes Kirchenvaters die christliche Kirche jene Taufhandlung zu vollstrecken befiehlt. Die Besorgnis, der neugeborne Weltbürger könnte vor Erreichung des reifern Alters wieder mit Tode abgehen, und folglich eine Beute der Hölle werden, rechtfertigte die Kindertaufe, obgleich sie nicht im Sinne Jesu seyn mochte, weil der Täufling seine Aufnahme im Bunde der Kirche sich selber unbewußt erhält, und das von ihm zu fordernde Glaubensbekenntnis nur dessen Pathen an seiner Statt ablegen. Diese Lücke auszufüllen ist die Firmelung eingesetzt worden, welche in ein Lebensalter fällt, wo der junge Christ schon fähig ist, in eigener Person sein Glaubensbekenntnis abzulegen. Aber fast ganz in demselben Geiste, wenn auch der Bedeutung nach etwas verschieden finden wir

 

4) Kindertaufe und Firmelung

unter den Bekennern der bei weitem ältern Zend-Religion. Gleich nach der Geburt mußte das Kind der Wasserreinigung unterzogen werden. Wer es vor dieser Ceremonie berührte, würde selber unrein *). Dies geschah aber nicht aus dem Grunde, weil vor der Ceremonie das Kind dem Ahriman verfallen war, denn die Wöchnerin bedurfte nicht minder der Reinigung; sondern weil alle krankhaften Ausflüsse lebendiger Körper, unmittelbar von Ahriman herrührend, daher verunreinigende Kraft hatten. Der Blutfluß der Mutter während der Niederkunft hatte auch das Kind unrein gemacht. Folglich war für dasselbe die Reinigungsceremonie unerläßlich. Daß sie aber, obschon zu ihrer Entstehung ein anderer Grund vorhanden war,

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*) Z. Av. B. III. p. 221.

 

 

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als in der christlichen Kirche, doch immerhin dieselbe religiöse Bedeutung hatte, geht aus dem Umstande hervor, daß der Mobed (Priester) die Amtshandlung verrichten mußte, und bei dieser Gelegenheit dem Kinde auch seinen Namen gab, gewöhnlich den eines Izeds (Engels) oder berühmten Persers *), welcher Gebrauch ebenfalls ein christlicher ist.

 

Durch den Homsaft, welcher dem Kinde gleich nach der Geburt gereicht wurde, und im Nareng gewaschen, erhält es dennoch seine vollständige Reinigkeit erst mittelst des Baraschnom no schabé, welches die jungen Parsen vor der ersten Anlegung des Kosti **) nehmen. Dann wird er Nozud, d. i. einer, welcher die Glaubenslehren inne hat, die Ceremonien des Gesetzes und den Izeschne auswendig weiß, und den Vendidad zu lesen vermag. Diese religiöse Handlung findet im funfzehnten Lebensjahre des Ormuzddieners statt, und gibt der Vergleichung mit der Confirmation des Christen, die ziemlich in demselben Alter vorgenommen wird, und einen gleichen Zweck verbindet, nur noch größern Spielraum. – Erst nachdem der Parse durch die Ceremonie der Anlegung des Kosti ***) ein Glied am geistigen Körper der Gemeinde Ormuzds geworden ist, wird er auch durch seinen Stand, worin er lebt, in den bürgerlichen Staat aufgenommen.

 

Die meisten und überraschendsten Aehnlichkeiten bietet vollends

 

5) die Form des Gottesdienstes

beider Religionspartheien. Die äußere Handlung bei den feierlichen Gebeten Izeschne genannt, gleicht sehr der feierlichen Messe in katholischen Kirchen. Bald betet der Priester (Dsiuli) allein, bald mit seinem Diakonus (Raspi) zusammen;

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*) Ebendas. S. 221.
**) Eine Ceremonie, die in relig. Beziehung das ist, was die Anlegung der toga virilis in polit. Beziehung dem Römer war.
***) Das Kleid des Ormuzddieners insbesondere bei religiösen Verrichtungen.

 

 

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bald ist die Liturgie in Fragen und Antworten abgefaßt, welche abwechselnd von Beiden gesprochen oder gesungen werden. Dabei werden die Hände bald zusammengelegt, bald ausgebreitet, der Barsom (geweihte Baumzweige) wird bald berührt, bald hin und her bewegt, wie die Worte des Gebetes es nothwendig machen, eben so der Teller, auf welchem das Miezd (Opferfleisch) liegt. Das Rauchfaß wird bald nach dieser, bald nach jener Weltgegend geschwungen u. s. w. Ist in dieser Schilderung

 

6) die Messe der Katholiken

noch zu verkennen? Die Vorschriften zu diesen Handlungen sind in Pehlwi-Sprache zwischen den alten Zendtext eingeschoben; aber sie passen genau zu den alten Worten, und liegen zum Theil offen darin; so das man sie im Wesentlichen als sehr alt und ursprünglich betrachten muß. Aber selbst aus diesen Angaben geht wieder eine neue Vergleichung hervor, daß auch die persischen Priester den Vortrag der Liturgien in einer dem Volke unbekannten todten Sprache (Zend) für wesentlich hielten, denn das Lesen der Uebersetzungen – bemerkt Anquetil – würde ohne Kraft und Wirkung seyn *). Pehlwi war aber lange vor der Entstehung des Christenthums, die an die Stelle des Zend getretene Volkssprache unter den Parsen. Weil aber dennoch das Zend als die Ursprache ihrer heiligen Urkunden in den liturgischen Verrichtungen beibehalten wurde, so kann auch in diesem Stücke der Parsismus nicht der Nachahmung christlicher Formen beschuldigt werden. – Auch der Priester Ormuzds mußte die Gebete schnell und mit einer Art von Modulation ablesen, ganz wie es der Gebrauch der katholischen Priester ist. Auch fand beim Hersagen der Gebete die Anwendung musikalischer Instrumente statt, deren Beschreibung man im Kämpfer (Amoenitat. Exot. p. 740, 741) lesen kann,

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*) Z. Av. B. III. p. 241.

 

 

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und welche die mahumedanischen Perser noch jetzt gebrauchen.

 

Der Daruns (kleine ungesäuerte Brode von der Größe und Dicke eines Thalers) ist schon in einem frühern Kapitel gedacht worden, wie sehr sie nicht nur ihrer Form, sondern auch ihrer Bestimmung halber an die Hostie in den christl. Kirchen erinnern. Ebenso war

 

7) das Weihwasser

unter dem Namen Zur den Parsen früher als den Christen bekannt. Das Gefäß, worin es enthalten, nannte man Moschrabè, und die Stelle des Sprengwedels vertrat der Barsom. Die Bereitung des Weihwassers geschah zur Nachtzeit und vom Raspi (Küster). Die dabei zu verrichtenden Gebete sind von Anquetil (Z. Av. B. III. S. 210 § 5.) umständlicher angegeben.

 

Ferner müssen wir der

 

8) priesterlichen Kleidung

gedenken. Diese bestand während des Gottesdienstes – außer dem Penom einer Kinn-Maske, welche das Fortblasen des Athems, der auch für einen Ausflu0 Ahrimans gehalten ward, verhindern sollte – auch in dem Sadere, einer Art weißes Hemd mit kurzen Aermeln, das bis zu den Knieen reicht (also an das Meßgewand des katholischen Priesters erinnert) und über den Hüften mit dem Kosti, heiligen Gürtel (das Cingulum des Mönchs) zusammengebunden ward. Im Zend hieß er Evanghuin, und die Parsen behaupten, Dschemschid habe nach Anleitung Homs, den Kosti erfunden.

 

Die persische Hierarchie hatte drei Orden. Unter Destur versteht man einen Mann, welcher das Gesetz bis auf seine Tiefen studirt, und die heiligen Sprachen Zend und Pehlwi versteht, also Lehrer, Schriftgelehrter, während der Mobed nur bei den Liturgien und Reinigungs-Ceremonien verwendet ward.

 

Das Haupt der Hierarchie war Desturan Destur, dessen

 

 

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Würde gleichsam die Fülle aller drei geistlichen Orden. Wer sie bekleidete, war Haupt und Erster aller Desturs. Er klärte die Dunkelheiten des Gesetzes auf, und entschied bis auf den letzten Punkt alle Gewissensfragen. Die Parsen mußten ihm den

 

9) Zehnten

 

aller Einkünfte geben *). Also waren sie auch mit dieser Art priesterlicher Abgaben den Juden und Christen vorangegangen.

 

XIII. Auch ein Schlüssel zur Apokalypse Joh.

(Vielleicht der echte.)

 

„Am deutlichsten“ – bemerkt Richter in seinem von uns öfter angeführten Werke – „schimmern die persischen Ideen in der Offenb. Joh. durch. Mag diese nun vom Apostel selbst oder von einem andern Johannes herrühren **), so ist doch gewiß, daß sie in den ersten Zeiten des Christenthums aufgesetzt wurde, und daß man ihre Vorstellungsart den Begriffen des Christenthums nicht wesentlich widersprechend fand. In diesem Buche nun wird ganz offenbar der Kampf zwischen dem Licht- und Nachtreiche, der scheinbare Sieg des Bösen, seine Vernichtung und der Beginn der Herrschaft des Guten, auf eben die Art geschildert, wie man vielleicht in den Mysterien des Mithra diesen Kampf und Sieg (zenisch) darstellte. In der That haben aber auch schon mehrere Gelehrte den persischen Zuschnitt dieses Buches anerkannt.

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*) Z. Av. B. III. p. 226.
**) Cerdo und Marcion bezweifelten, dem Tertullian zufolge, daß die Apokalypse ein Werk des Apostels Johannes sey. Der Grund, welchen sie vorbrachten, war, daß zu den Zeiten dieses Apostels noch keine christl. Kirche zu Thyatira gewesen sey. S. Lessings theolog. Schriften XVII. Stück.

 

 

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Zuerst bemerken wir Kap. I. V. 13. Die Menschengestalt mit dem strahlenden Antlitz, den schneeweißen Locken und den blitzenden Augen, geschmückt mit einem langen Talare und einem goldenen Gürtel um die Brust, stehend in der Mitte von 7 goldenen Leuchtern, die nachher für Symbole von 7 christlichen Gemeinen erklärt wurden, und 7 Sterne in der Rechten, im Munde aber ein zweischneidiges Schwert tragend. Unstreitig ist in diesem Gesichte die so reich mit Symbolen ausgestattete strahlende Menschengestalt die Sonne, Mithra mit dem Golddolche oder Ormuzd der König des Lichtreichs selbst, und die 7 Leuchter um sie sind die 7 Planeten, die aber hier als 7 Gemeinen angedeutet werden. Nach Josephus Flavius und Philo (bei Görres Myth. II. S. 526) symbolisirte der große goldene Armleuchter im Tempel zu Jerusalem auch das Sonnensystem, seine 7 Arme die Planeten und der Arm in der Mitte die Sonne. Als Sonne bezeichnet auch diese Menschengestalt der Ausdruck Kap. II. V. 1.: „Das sagt Der, welcher unter den 7 Leuchtern wandelt,“ und wenn er Kap. I. V. 18. von sich sagt: „Ich bin der Erste und der Letzte,“ welches mit dem andern öfter vorkommenden Ausdruck: „Ich bin das Alpha und Omega,“ einerlei ist. Die 7 Sterne in seiner Rechten werden V. 20. für die Schutzengel der als Leuchter symbolisirten Gemeinen erklärt; sie sind eigentlich dasselbe Symbol wie die 7 Leuchter, nämlich die Planeten, zugleich aber auch die Genien dieser Planeten, die erhabenen Amschaspands, welche den Thron des Lichtgotts umgeben, und von den Persern als Schutzgötter der Provinzen ihres Reiches gedacht wurden. Eben sie werden Kap. III. V. 1. als Geister Gottes, Kap. IV. V. 5. als 7 brennende Fackeln, die den Thron des Lichtgottes umgeben, und Kap. V. V. 6. als die 7 Augen des erwürgten Lammes beschrieben und gedeutet. Diese ganze Symbolik ist unverkennbar persisch. Indem nun aber die Göttergestalt, welche dem heiligen Seher sich offenbart, auch zugleich Christus der Logos, der eingeborne Sohn des Ewigen ist, wird dieser mit Mithra, Ormuzd und Hom identifizirt,

 

 

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d. h. die Eingeweihten der höhern Grade des christlichen Mysteriums dachten sich in dem Stifter desselben den ins Fleisch gekommenen Mithra oder Om *), den Mittler zwischen Ormuzd und Ahriman, den Zurückbringer des vollkommenen Lichtreichs. Daher kam es auch, daß die Christen der ersten Jahrhunderte Jesum ausdrücklich die Sonne nannten, und sein Geburtsfest zu eben der Zeit feierten, wo das Geburtsfest des Mithra begangen ward **). Darum heißt er auch ausdrücklich Amen, d. h. Om, der Anfang aller Kreatur ***). Vergleicht man die Schilderungen Kap. I. V. 12–16 und Kap. IV. V. 2–11. mit Ezech. Kap. I. V. 4–28. und X, 1–20., Dan, X, 5, 6., desgleichen mit Jes. I, 1–4 und Exod. XXIV, 10. so findet man Uebereinstimmungen in der Symbolik, welche sich vielleicht am richtigsten aus der Annahme erklären lassen, daß wirkliche Bildwerke und szenische Darstellungen in den Mysterien sie veranlaßt haben, wenigstens ist dies wahrscheinlicher als bloße Copirung. Die 4 Thiere bei Daniel und in der Offenb. Joh. haben dieselben Symbole: Menschen-, Löwen-, Stier- und Adler-Antlitz, und eben diese waren auch Symbole des Mithra. Die 24 Aeltesten (Kap. IV. V. 4) mit weißen Kleidern und goldenen Kronen könnten auf die Eingeweihten des ersten Grades in den Mithra-Mysterien deuten, die durch Kampf und Sieg die Krone des Ueberwinders davon getragen haben. Das erwürgte Lamm Kap. V. V. 6. und in mehrern

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*) Honover.
**) Man vergl. mit dieser Stelle Kap. VII. dieser Schrift.
***) Richter leitet das egyptische Amon, welches, nach ihm, Licht, Sonne bedeutet, von dem koptischen Amunin (Urlicht) ab; verwandt mit diesem findet er das hebräische ??????, Amon, welches Luther: Werkmeister übersetzt, und beruft sich auf die Stellen Nahum III. 8. und Jer. XLV1. 25. wo der thebaische Gott ausdrücklich genannt, und sein Name ebenfalls ?????? geschrieben wird. Folglich ist das hebr. ?????? (Es werde wahr, es geschehe), wovon man überdies beim Jes. XXV. 1. die Form ????? (Omen) findet, die von den Indiern angenommene Schlußformel der Gebete, die Sylbe Om, woraus die Perser Hom und Honover bildeten.

 

 

 

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Stellen, welches Christum symbolisirt, könnte auf den Widder, der den Thierkreis der Sonnenbahn eröffnet, gedeutet werden. Dieser ist ja als Amun, Gott der Götter, der Logos und Om, somit auch Mithra die Sonne im Aequator, in dessen Durchschnittspunkt mit der Ekliptik sich das Widderzeichen befindet. Das Buch, welches aufgethan werden soll, ist das Buch der Natur, oder auch des Schicksals, seine 7 Siegel aber könnten sich wieder auf die 7 Planeten beziehen und ihre Lösung auf astrologische Ideen. Es ist sehr zu bedauern, daß wir so wenig von den Mithras-Mysterien wissen; vielleicht würde sich aus ihnen die ganze Offenbarung, so wie die Geschichte des Daniel und anderer Propheten erklären lassen.

 

Von Kap. VI. an werden nun die verschiedenen Szenen des Kampfes zwischen Ahriman und Ormuzd beschrieben, insbesondre die Bemühungen, die Jener anwendet, um das Böse auf der Erde zu verbreiten und die Heiligen zu verführen. Zuerst erscheint v. 2. Mithra auf dem weißen Sonnenrosse (Persisches Symbol), bewaffnet zum Kampfe und mit der Krone des einstigen Ueberwinders geschmückt. Dann erscheinen nach einander die Dew‘s des Ahriman, Unglück und Jammer über die Erde ausgießend. Die Zahl des Bösen wird immer größer und die treuen Verehrer des Lichts werden erwürgt, aber sie erhalten auch den Trost (VI, 11.), nur noch eine kleine Zeit bis zur endlichen Entscheidung zu warten. Kap. VII. V. 1. werden 4 Engel erwähnt, die an den 4 Ecken der Erde stehen als Beherrscher der Winde, der Pflanzenwelt, der Erde und des Meeres. Da sie den Auftrag haben, die Erde, das Meer und die Pflanzen zu beschädigen, so sind sie wahrscheinlich die Dews, welche von Ahriman den Genien der Erde, des Wassers und der Pflanzen entgegengesetzt wurden. Ebenso wenn es Kap. IX. V. 14. und 15. heißt, daß die Bande der 4 Engel, welche an dem großen Wasser Euphrat gebunden sind, aufgelöst werden sollen, damit sie Jammer über die Erde verbreiten, so scheint dabei auch an 4 Dews des Ahriman zu denken zu seyn, deren Macht bisher gebunden war und die nun zum Verderben losgelassen werden.

 

 

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Der Fluß Euphrat aber zeigt geradezu nach dem Hauptsitze der Mithra-Mysterien hin. Im Kap. X. erscheint, zufolge der angegebenen Symbole, wiederum der Sonnengott Mithra als tröstender Engel, das Ende aller irdischen Zeit und die Vollendung des Geheimnisses Gottes verkündend. Der Kap. XI. V. 2. erwähnte Gott der Erde ist vielleicht der Amschaspand Sapandomad. Mit der siebenden Posaune im Kap. XII. beginnt endlich der letzte Kampf. Der Engel verkündet zuerst das nahe Beginnen des Lichtreichs und des Weltgerichts. Das Reich des Lichts wird symbolisirt als ein Weib mit der Sonne bekleidet und den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupte eine Krone von 12 Sternen. Hierbei bemerken wir: So wie in den Szenerien der Mithra-Mysterien nicht bloß der ethische Kampf des Guten und Bösen dargestellt, sondern auch auf den physischen Kampf des Lichts und der Finsternis im Jahreslaufe hingedeutet wurde, und das Lichtreich auch den Lauf der Sonne von Süden nach Norden, das Nachtreich aber den Lauf derselben von Norden nach Süden bezeichnete: so könnten die Symbole dieser weiblichen Gestalt vielleicht von der Symbolik des Sonnenlaufes hergenommen seyn, und dann zugleich das große Weltjahr bedeuten, als den Zeitraum, in welchem der Kampf der beiden Grundprinzipien erfolgt und mit dessen Ende der Sieg über das Böse entschieden wird. Sonne und Mond sind die beiden Hauptlichter des Jahrs, die 12 Sterne sind die Zeichen des Thierkreises. Das Weib mit Sonne und Mond bekleidet, erscheint als Jah *), d. h. Als Gottheit,

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*) In der Phönizischen Theologie bezeichneten (nach Görres Mythengesch. I, 301) die Vokale A und O (α und ω) das Urlicht, höchste Intelligenz, Om und dies hing mit der mystisch- astrologischen Bezeichnung des Planetensystems zusammen, indem A den Mond, I die Sonne, H den Merkur, E die Venus, 0 den Mars, Y den Jupiter, Ω den Saturn bedeutete, so daß also A und Ω der erste und letzte Buchstabe waren. Mit dieser Vorstellungsart hängt die Stelle in der Offenb. Joh. also zusammen, wenn Christus als Logos und Om von sich sagt: „Ich bin das Alpha und Omega, der Erste und Letzte, d. h. ich umfasse die ganze Reihe der Planetengötter, bin der Gott über alle, das höchste Urlicht. Man pflegte aber auch vor A und Ω den Sonnenbuchstaben I zu setzen, und daraus entstand Jao, ein Gottesname, der bei den Gnostikern vorkommt. Wahrscheinlich ist auch Jah bei den Hebräern die Zusammensetzung des Sonnen- und Mondbuchstabens, bedeutend die Vereinigung der männl. und weibl. Zeugungskraft, also der Urgott, in dem beide Kräfte verschmolzen sind.

 

 

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welche die männliche und weibliche Zeugungskraft in sich vereinigt. Sie ist mit einem Kinde schwanger, nämlich eben mit dem Lichtreiche, dessen Geburt herannaht. Gegen sie tritt Ahriman selbst als furchtbarer Drache auf, um das Kind, welches sie gebären will, zu verschlingen. Im Himmel erhebt sich nun ein Streit zwischen dem Erzengel Michael (einem der Amschaspands) und seinen Engeln, mit Ahriman und seinen Dews. Nach hartem Kampfe wird der Drache mit seiner Schaar aus dem Himmel auf die Erde gestürzt, und hier voll Zorn über die erlittene Niederlage, verfolgt er das Weib und will sie mit einem Wasserstrom ersäufen, aber da seine Bosheit ihm nicht gelingt, so will er sie an den Bekennern der Lichtreligion auslassen, und sucht die Menschen auf der Erde zu verführen, welchen Zweck er nur zu gut erreicht, denn überall werden der Drache und seine Dews angebetet.

 

In dieser Schilderung sind vielleicht Anspielungen auf die Lehre vom Falle der Geister und auf ihren Sturz aus dem Himmel. Außerdem ist noch zu bemerken, daß die Vorstellung des Lichtreichs unter dem Bilde eines chwangern mit Geburtsschmerzen kämpfenden und von einem Drachen verfolgten Weibes fast unwillkürlich an den Mythus von der irrenden Latona erinnert, die nach vielen Kämpfen den Lichtgott Apoll und den Mond Artemis zur Welt bringt. Es wäre daher zu vermuthen, daß beiden Mythen einerlei persische Symbolik zu Grunde liege.

 

Endlich folgen die 7 letzten Plagen und die Vernichtung des Bösen. Es erscheint Mithras-Ormuzd auf dem weißen Sonnenrosse und ausdrücklich mit dem Namen Amen (Om) und Wort Gottes (Logos) bezeichnet; mit ihm das Heer der Auserwählten, der tapfern und siegreichen Kämpfer gegen Ahriman und seine Schaaren, und alle Dews mit ihren Anbetern

 

 

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werden in den feurigen Pfuhl geworfen; der Drache wird ergriffen und im Abgrunde (Duzakh) eingekerkert. Nun erfolgt die Auferstehung der treuen Verehrer des Lichtwesens (die erste Auferstehung) und sie regieren mit Christ-Ormuzd tausend Jahre im Reiche des Lichts und der Seligkeit. Dann wird der Teufel nochmals auf kurze Zeit losgelassen, um den letzten Kampf gegen die Heiligen Gottes zu beginnen. Aber auch jetzt besiegt, wird er auf ewig in den Abgrund gestoßen; alle Todten böse und gute, stehen auf (zweite Auferstehung) und es erfolgt das Weltgericht. Erde und Himmel vergehen, der Tod wird vernichtet, und es entsteht ein neuer Himmel und eine neue Erde. Auf dem Berge Gottes erscheint die heilige Stadt, das Lichtreich von der Herrlichkeit des Ewigen selbst erleuchtet, und alle Thränen werden getrocknet, jedes Leiden ist ausgelitten, und unaussprechliche Wonne ist der Antheil der Auserwählten.

 

Diese Lehre vom tausendjährigen Reiche und von der ersten und zweiten Auferstehung kommt bestimmt nur in der Apokalypse vor, aber doch scheint in der Stelle I Thess. IV,15, 16, 17. auch auf eine ähnliche Idee hingedeutet. Paulus sagt nämlich zu den Thessalonischen Christen: „Seyd nicht traurig wegen eurer verstorbenen Brüder und denket nicht, daß diese nun an dem durch die Wiederkunft Christi bald beginnenden Lichtreich keinen Antheil haben werden. Denn wenn Christus nun erscheinen wird, so werden wir noch Lebenden keinen offenbaren Vorzug vor den schon Gestorbenen haben; denn diese (die Todten in Christo) werden zuerst auferstehen, und dann werden auch wir noch Lebenden mit ihnen zusammen dem Herrn in der Luft entgegengerückt werden, und auf immer mit ihm vereinigt seyn. Wenn nun Paulus hier bloß von der Auferstehung der Todten in Christo, d. h. der vor der Zukunft Christi gestorbenen Christen spricht, so scheint er diese Auferstehung von der allgemeinen zu unterscheiden und damit eben das zu meinen, was in der Apokalypse die erste Auferstehung genannt wird. Alsdann ist auch in jener Stelle noch nicht vom allgemeinen Weltgerichte und der Zerstörung der sichtbaren Welt die

 

 

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Rede, sondern von einem Licht- und Messiasreiche auf Erden, an welchem nur die Auserwählten, die Christen Theil nehmen sollen, folglich möchte hier dieselbe Idee zu finden seyn, wie die in der Apokalypse vom tausendjährigen Reiche, eine Vorstellungsart, die aus der Idee des jüdischen Messiasreiches entsprungen ist. In dem persischen Religionssystem kommt zwar nichts von einer solchen irdischen Herrschaft bei Ormuzd vor; aber doch könnte die Idee daraus abstammen, welche leicht in einem der verlorengegangenen Zendbücher sich vorfinden mochte. Mit dem letzten Viertel, nämlich des großen Weltjahres beginnt die Vernichtung des Bösen und der sieg des Guten, doch erst mit dem Ende desselben die völlige Vernichtung Ahrimans. Aber so wie der Sieg des Guten nur beginnt, muß auch schon für seine treuen Verehrer ein seliges Lichtreich auf der Erde anfangen; sie haben schon nicht mehr von dem Bösen zu leiden, für sie ist Ahriman gefesselt. Das wäre also für die Auserwählten in der That ein Reich des Glückes unter ihrem Könige Mithra, welches bis zu Ende des großen Weltjahrs dauern würden und wohl ein tausendjähriges Reich heißen könnte, wenn man Ahrimans Fesselung etwa ins zweite Jahrtausend des letzten Viertels setzt. Außerdem kann man auch die bestimmte Zahl tausend überhaupt für eine unbestimmte lange Zeit nehmen. Dann könnte auch die Idee persisch seyn, daß die verstorbenen Ormuzdverehrer als Auferstandene an diesem Lichtreiche Theil nehmen sollen.

 

Noch eine Abweichung in der Offenbarung von der persischen Lehre ist die Schilderung vom Schicksale des bösen Prinzips. Denn nach der gewöhnlichen Meinung ward Ahriman endlich ein Lichtwesen, mit Ormuzd ausgesöhnt, und das Böse vertilgt, indem es (durch Ausbrennung in dem Metallstrom im Duzakh) in das Gute verwandelt wurde. Aber es gab noch ein zweites System in Persien, nach welchem diese Aussöhnung nicht Statt fand, denn die Bücher Izeschne, Vispered, und am ausführlichsten der Sadder Bundehesch, geben zu verstehen, daß nach der Auferstehung alle Menschen, selbst die bösesten,

 

 

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noch errettet werden, aber Ahriman mit seiner Schaar ist von dieser allgemeinen Erbarmung ausgeschlossen; er muß mit ihr in die Urfinsternis zurück, ohne die geringste Hoffnung, das Volk der Heiligen je wieder beunruhigen zu können. Auf dieses System, so wie auf die Lehre vom Indischen Moisasur stützt sich die jüdisch-christliche Lehre vom Teufel und seiner ewigen Verdammnis und darnach ist der Mythos in der Apokalypse gebildet.

 

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Schlußwort.

 

Leicht könnten die in der vorhergehenden Schrift aufgestellten Parallelen, und noch mehr das stete Hinweisen auf der Zend-Religion höheres Alterthum als eine versteckte Anklage des Christenthums: heidnische Elemente in sich aufgenommen zu haben, von Uebelwollenden gedeutet werden; eine Besorgniß, von welcher sich der Verfasser um so weniger zu befreien vermag, als die in der Einleitung zu diesem Werkchen enthaltenen Andeutungen, wie die Vorzüge des Christenthums vor andern Religionen auch ohne die Annahme einer übernatürlichen Offenbarung *) zugestanden werden dürfen, allein schon eine gewisse Klasse von Lesern zu mißbilligenden Urtheilen gegen den Verfasser verleiten mögen. Diese Vermuthung bestimmte daher denselben, sich öffentlich für die Meinung des Abbé Foucher,

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*) Die vornehmsten Einwendungen, welche freisinnige Theologen gegen die Lehre von der Offenbarung vorzubringen wagten, sind folgende: 1) kann bei dem fortschreitenden Bildungsgange der Völker nicht gut angenommen werden, daß, wenn die Bibel als Lehrbuch vor zwei Jahrtausenden schon genügen mochte, sie auch den geistigen Bedürfnissen unsrer Zeitgenossen sich ebenfalls anpassen lasse, deren wissenschaftliche Reife sie die mythische Einkleidung der Schöpfungsgeschichte, der Eigenschaften Gottes u. s. w. längst durchschauen ließ, und somit den Zweifel gebären mußte, ob die Bibel unmittelbar Gottes Wort seyn könne. 2) wenn von der Annahme der Offenb. die Erlangung unseres Seelenheils ausschließlich abhängen soll, so wäre der Schöpfer, welcher Millionen Menschen vor Christi Geburt in die Welt schickte, und eben so viele noch jetzt in Gegenden geboren werden läßt, wo das Christenthum noch nicht hingedrungen ist, der höchsten Ungerechtigkeit anzuklagen, das Millionen Seelen ohne ihre Schuld der ewigen Verdammniß überliefert worden waren, und noch werden.

 

 

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von dem eigentlichen Werthe der Zend-Religion hier auszusprechen, welche, wie aus den nachfolgend angeführten Sätzen unzweideutig hervorleuchtet, nicht die – günstigste war. Dieser Gelehrte stellt in seiner „hist. Abhandl. über die Rel. der Perser“ unter andern folgende Fragen auf:

 

„Man rühmt die Moral der Zendbücher, ihre Reinheit und Richtigkeit, verdient sie aber dieses Lob?: Wie soll ich einer Religion, welche alle menschliche Freiheit aufhebt, moralischen Werth zugestehen? Zoroasters System giebt dem Menschen zwei Seelen, einen Feruer und einen Dew. Jener ist des Bösen dieser des Guten unfähig. Für welche unter diesen beiden sollen also die Vorschriften, Aufmunterungen und Drohungen des Gesetzes seyn? - Der Feruer braucht sie nicht und auf den Dew können sie keinen Eindruck machen. Wer hat also Schuld, wenn das Gesetz übertreten ist? Keiner von bei den, denn jeder handelt nach seiner Natur. Nach diesem Grundsatze können also die Leiden der Menschen nichts als Reinigungen seyn, und werden nie eigentliche Strafen.

 

Es ist nicht zu glauben, das Zoroasters Gesetz im Stande war, Jemand von einem Verbrechen abzuhalten. Wenn wir, die wir dem Menschen doch nur eine Seele geben, unsre Fehler durch zu große Gewalt der Versuchungen zu entschuldigen geneigt sind; wie leicht wurde es dem Parsen, die seinigen zu entschuldigen, wenn er sie einer ihm ganz fremden Seele zuschreiben konnte! Kann ich dafür, würde er sagen, wenn der Dew mich zu Vergehungen zwingt, und mein Feruer nicht stark genug ist, ihm Widerstand zu thun?

 

Verdient die Moral der Zendbücher unsere Bewunderung? Das Erhabenste, was man darin findet, ist, daß man allezeit rein in Gedanken, rein in Worten und rein in Handlungen seyn soll. Dieses Grundgesetz wird auf allen Seiten wiederholt, ohne daß der Verfasser je daran dachte, es näher zu entwickeln; und so wird es kindisch, ohne weitern Eindruck zu machen. Es müßte erklärt werden, was Reinigkeit des Gedankens, der Rede und That sey, was aber die Zendbücher nicht thun.

 

 

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Wir sagen zu den Kindern, sie müssen folgsam seyn. Dieser Grundsatz faßt, wenn sein ganzer Inhalt entwickelt wird, alle Pflichten und Tugenden in sich; wenn man ihnen aber, so wie sie mit den Jahren zunehmen, diesen Grundsatz immer ohne weitere Anweisungen wiederholte, so dürften sie sich mit Recht über ihre Lehrer lustig machen.

 

„Endlich hätten die Parsen auch einen ganz falschen Begriff von der Güte Gottes. Sie schrieben alle Uebel und alle Unordnung in der Welt dem Ahriman und seiner Schaar zu. Gott sollte nicht einmal durch bloße Zulassung daran Theil haben, sondern sich über diese Geißeln noch mehr als die Menschen selbst betrüben, weil sie die Schönheit seines Werkes entstellen. Daher waren die Perser so sehr geneigt, bösen Genien zu dienen, weil man nur von ihnen zu befürchten hatte, und sie also durch diese Bedienung unschädlich oder doch sanfter zu machen hoffte. Man war dieser Lehre so sehr ergeben, daß Gott sich beim Jesaias (XLVII.) geradezu für den Urheber des Uebels wie des Guten erklären mußte: „Ich allein bin Herr, sonst Keiner; ich schaffe Licht und Finsterniß, mache Frieden und bringe Uebel. Ich bin der Herr, der dies alles thut.“ Solche Belehrungen brauchten die Perser im Jahrhundert des Cyrus. Indem sie Gott die Eigenschaft der Gerechtigkeit nahmen, ließen sie ihm bloß eine schwache Güte. Eine Religion aber, die nicht Gott als Rächer des Lasters vorstellt, ist verabscheuungswerth.

 

„Die bloßen Zendbücher können uns also von den moralischen Kenntnissen der Perser nur eine sehr magere Idee geben. Und doch liefern die griechischen Philosophen, und Xenophon insbesondre ein vortheilhaftes Gemälde davon; hätten sie das Bild auch verschönert, so muß doch einige Aehnlichkeit da seyn. Was ist daraus zu schließen, als daß die alten Perser noch andre Quellen der Moral als den Avesta hatten, oder daß dieses Werk, wovon wir nur noch schwache Auszüge in den Zendbüchern haben, noch andre wichtigere Theile hatte, die uns verloren gegangen sind.“

 

 

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So strenge dieses Urtheil jenes Abbé über Zoroaster auch lauten mag, so muß doch zugegeben werden, daß seine hier vorgebrachten Einwürfe gegen die gerühmten Eigenthümlichkeiten dieses Religionssystems ziemlichen Grund haben. Dennoch war der Parsismus die einzige aller positiven Religionen der vorchristlichen Periode, die ihre Bekenner vor dem Bilderdienste zu bewahren strebte. Sie war aus der indischen Trimurti hervorgegangen zu einer Zeit, wo die reine Lehre Brama‘s noch nicht in einen Polytheism ausgeartet seyn mochte, und hatte sich in einen Dualismus veredelt, welcher aber erst späterhin, zufolge der langsamen Entwicklungsperiode des menschlichen Geistes in den reinern Monotheismus der Israeliten sich ausbilden konnte. Aber selbst dieses Volk hatte noch sehr unvollkommene Begriffe von dem Schöpfer. Jehovah war immer noch ein bloß strafender, rächender, zerstörender Gott, und das passendste Gegenbild des schwächlich guten Ormuzd. Man durfte daher von Moses, wenn er seinem Volke ein besseres Bild von der Gottheit entworfen zu haben glaubte, füglich sagen:

 

Incidit in Scyllam, qui vult vitare Charybdin!“

 

Da trat zu einer Zeit, als in Judäa persische Religionsbegriffe mit den mosaischen eine Mischung eingegangen hatten, jener Prophet von Nazareth auf, welcher in der Schule der Essäer auch mit der alexandrinischen Philosophie vertraut geworden, aus den verschiedenen Systemen, die sich längst überlebt hatten, ein halt- und brauchbareres aufführte, für dessen Trefflichkeit die schnelle Ausbreitung über einen großen Theil des Erdkreises, als auch seine zweitausendjährige Dauer das glänzendste Zeugnis in dem Buche der Geschichte niedergelegt haben.

 

Doch nur, wenn der Vernunft, dieser edelsten Gottesgabe, auch im Bereiche der Theologie, die längst von allen echten Nachfolgern Luthers gewünschte vollständige Emancipation zugestanden, wenn ausschließlich ihr das Missionsgeschäft anvertraut werden sollte, dann endlich dürften

 

 

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die Hoffnungen eines v. Ammon und anderer mit gleichem Rechte gefeierten Gottesgelehrten, von der Ausbildung des Christenthums zu einer Weltreligion sich verwirklichen, und der Spruch des Propheten in Erfüllung gehen (Jes. XXXV., 5.): „Es werden aufgethan werden der Blinden Augen und der Tauben Ohren werden geöffnet werden.“ – Amen!

 

 

 

 

 

Quelle:

 

Mythen der alten Perser als Quellen christlicher Glaubenslehren und Ritualien. Nach den einzelnen Andeutungen der Kirchenväter und einiger neuern Gelehrten. zum Erstenmale systematisch aneinandergereiht von F. Nork. S. I – VII, 1 - 172

Leipzig, Verlag von Ludwig Schumann. 1835.

 

 

 

Das Werk liegt in der Bayerischen Staatsbibliothek digital vor:

Mythen der alten Perser als Quellen christlicher Glaubenslehren und Ritualien : nach den einzelnen Andeutungen der Kirchenväter und mehrerer neuerer Gelehrten

Autor / Hrsg.: Korn, Friedrich ; Bach, Joseph

Verlagsort: Leipzig | Erscheinungsjahr: 1835 | Verlag: Schumann

Signatur: H.g.hum. 166 u

Permalink: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10435591-2

 

Bildnachweis:

Die beiden Zeichnungen Bild 1 und Bild 2 der Titelseiten sind unter folgenden Links zugänglich:

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G. Weil 1843: Mohammed der Prophet, sein Leben und seine Lehre.

Mohammed der Prophet, sein Leben und seine Lehre.

Aus handschriftlichen Quellen und dem Koran geschöpft und dargestellt

von Dr. Gustav Weil,

Bibliothekar an der Universität zu Heidelberg, Mitglied der asiatischen Gesellschaft zu Paris,

Mit Beilagen und einer Stammtafel.

Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung. 1843.

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Seiner königlichen Hoheit dem Großherzog Leopold von Baden

in tiefster Ehrfurcht gewidmet vom Verfasser.

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Durchlauchtigster Großherzog !
Gnädigster Fürst und Herr!

Euer königlichen Hoheit gnädigste Erlaubniß Höchstdenselben dieses Werk zueignen zu dürfen, ist mir eine willkommene Gelegenheit, mein reinstes Dankgefühl für die huldreichste Förderung meines wissenschaftlichen Strebens öffentlich auszusprechen. Das Bewußtsein, eine Arbeit vollbracht zu haben, welche ein Bedürfniß unserer Zeit war, und Spuren eines ernsten Studiums an sich trägt, gab mir den Muth, sie Euer königlichen Hoheit, als eine Huldigung meiner unbegrenztesten Ergebenheit, darzubringen. Möge sie den Anforderungen der deutschen Wissenschaft entsprechen und somit Höchstdero gnädigsten Entgegennahme nicht unwürdig erscheinen!

Ich beharre in tiefster Ehrfurcht

Euer Königlichen Hoheit unterthänigster, treugehorsamster
G. Weil.

Heidelberg, den 10. Sept. 1843.

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Vorrede.

Es gehört zu den wesentlichen Fortschritten der neueren Zeit, daß die historische Kritik die überkommenen Anschauungen welthistorischer Charaktere aus den Quellen revidirt, berichtigt und sodann in ihrer Totalität von Neuem darstellt. Auffallend ist es, daß Mohammed, der Sohn Abd Allah's, dessen politische und religiöse Umwälzung so tief eingriff und so weit um sich griff, bis jetzt hierin so sehr vernachläßigt wurde. Gewiß verdient doch ein Mann, der ein Reich gründete, das bald nach seinem Tode das persische verschlang und dem byzantinischen die tiefsten Wunden schlug, der eine Religion gestiftet, die noch jetzt den schönsten Theil der alten Welt zu Bekennern zählt, von allen Seiten, sowohl in den geschichtlichen Thatsachen, als in den über ihn cursirenden Mythen, genau gekannt zu werden. Als ich im Jahre 1837 zum Behufe meiner Vorlesungen das Leben Mohammeds bearbeitete, fand ich nur ein einziges Werk vor, das mir nach koranischem Ausdrucke einigermaßen als „Leitung“ dienen konnte. Es war die umfassende Biographie des arabischen Propheten von Gagnier, welche schon im Jahre 1732 erschien. Dieser französische Gelehrte hatte sich aber keineswegs die Aufgabe gestellt, Mohammed zu schildern, wie er war, sondern bloß, was auch schon durch


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den Titel * angedeutet wird, die Europäer mit dem bekannt zu machen, was die orthodoxen Muselmänner von ihm erzählen und glauben. Er begnügte sich daher damit, orientalische Texte zu übersetzen, bei denen aber manche Lücke auszufüllen blieb, die häufig nicht fehlerfrei waren, und auch hie und da von ihm mißverstanden wurden. Demungeachtet bildete dieses Werk die Grundlage aller spätern Biographien Mohammeds. Niemanden fiel es ein, die darin gegebenen Uebersetzungen mit den Originaltexten zu vergleichen, noch ihren Inhalt einer historischen Kritik zu unterwerfen. Jeder nahm, je nach dem Umfang seiner Biographie, mehr oder weniger daraus auf, stützte seine Arbeit, je nach seinem politischen oder kirchlichen Partheigeiste, bald auf dieses, bald auf jenes Bruchstück aus diesem kolossalen Lebensgebäude, und ließ, was seinem Buche eine zu große Ausdehnung gegeben hätte, oder mit seiner Ansicht nicht übereinstimmte, als unbrauchbaren Schutt liegen. Wurden auch später noch andere Quellen als die, welche Gagnier zu Gebote standen, zu einer Biographie Mohammeds benützt, so geschah dieß mit einer der Geschichte unwürdigen Oberflächlichkeit und Nachlässigkeit; auch ward das wenige neu Entdeckte, wie aus den Anmerkungen zu vorliegendem Werke ersichtlich, um recht ausposaunt werden zu können, durch manche Uebertreibungen und grundlose Zusätze entstellt. Hiedurch mußte man gegen das Ganze alles Vertrauen verlieren. Selbst in der neuesten Zeit wurden noch, nicht nur, wie bei Gagnier, historische Fakta mit fabelhafter Dichtung, welche schon der gesunde Menschenverstand verwerfen muß, bunt durch einander gemischt, sondern sogar Widersprüche aller Art,
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* La vie de Mahomet; traduite et compilée de l'Alcoran des traditions authentiques de la sonna et des meilleurs auteurs arabes etc.



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IX

Anachronismen, welche kaum Arabern verziehen werden können, und sonstige geschichtliche Unmöglichkeiten in solcher Masse aufgehäuft, daß der Leser sogar über die wichtigsten Momente im Leben des arabischen Propheten vergebens eine Aufklärung sucht.

Je weiter ich daher in der Ausarbeitung meines Collegienheftes voranschritt, um so fester ward in mir der Entschluß, das Leben und die Lehre dieses außerordentlichen Mannes zum besondern Gegenstande meines Studiums zu machen und die Resultate einst schriftlich einem größern gelehrten Publikum vorzutragen, um, so viel es in meiner Kraft liegt, eine Lücke auszufüllen, deren Vorhandenseyn ungefähr um dieselbe Zeit Herr Prof. Ewald öffentlich bedauerte. *

Indessen war es mir, bei der Nothwendigkeit, einen Theil meiner Zeit meinem Amte zu widmen, und die damals noch nicht weit vorgerückte Uebersetzung der „Tausend und eine Nacht“ zuerst zu vollenden, nicht möglich, mich so ausschließlich, als ich es wünschte, dieser Arbeit hinzugeben. Doch blieb seit jener

Zeit Mohammed der vertraute Gefährte meiner Gedanken und der Koran mit dem Commentare des Djalalein und den gelehrten, wenn auch nicht immer richtigen Anmerkungen des Maraccius und Sale, fortwährender Gegenstand meines Studiums. Von Neuem las ich dann den Abulfeda wieder, um den sich Herr Noel des Vergers als Herausgeber sowohl, wie auch als Uebersetzer und Erläuterer sehr verdient gemacht, — obschon er vielleicht, da Abulfeda doch nur magere Auszüge aus ältern Quellen liefert, seine Bemühungen eher einem andern Autor hätte zuwenden sollen, — dann auch noch verschiedene kleinere europäische Biographieen, unter denen die des Herrn
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* S. Zeitschrift für Kunde des Morgenlandes, Bd. I, S, 89.


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Reinaud im ersten Bande der „monumens Arabes, Persans et Turcs du cabinet de M. le Duc de Blacas“ (p. 189—299.) eine besondere Erwähnung verdient, ferner die rühmlich bekannten Schriften Geigers und Gerocks über das Verhältniß des Mohammedanismus zum Juden- und Christenthum, und sammelte nach und nach, was die Werke von Hottinger, Reland, Pococke, die Mém. de l'Académie de Paris, die Tübinger Zeitschrift für Theologie und andere ähnliche Schriften über Mohammed enthalten.

Obschon aber diese der europäischen Wissenschaft erschlossenen Materialien, nach einer sorgfältigen Prüfung und kritischen Sichtung, einem Historiker hätten genügen können, um ein ziemlich vollständiges, wenn auch nicht ganz treues Bild von dem Stifter des Islams zu entwerfen, so durfte doch ein Orientalist, von dem man mehr als eine selbst gelungene Compilation zu fordern berechtigt ist, es nicht wagen, das Gebiet der Geschichte öffentlich zu betreten, ohne dasselbe aus bisher noch gar nicht oder schlecht benutzten Quellen mit neuen Thatsachen und Aufschlüssen zu bereichern. Ich unternahm daher im Sommer 1840 eine Reise nach Gotha, dem freundlichen Wallfahrtsorte so vieler Orientalisten, denen dort mit derselben Bereitwilligkeit und Zuvorkommenheit geistige Nahrung gereicht wird, wie einst den Pilgern in Mekka Brod und versüßtes Wasser, als wäre gleichsam mit den aus dem Oriente eingeführten literarischen Schätzen auch die den Morgenländer auszeichnende Liberalität auf ihre neuen Besitzer und Hüter übergegangen. Nach einer nähern Prüfung der verschiedenen Handschriften über Mohammed, welche die dortige Bibliothek besitzt, schien mir das Brauchbarste zu meinem Zwecke, das „Insan Alujun“ von Ali Halebi, in vier, und das „Chamis“


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von Husein Ibn Muhammed Ibn Alhasan Addiarbekri, in zwei Foliobänden. (Nro. 279., 280. u. 285—288. des Möllerischen Katalogs.) Beide Verfasser lebten zwar erst in dem sechzehnten Jahrhundert; *  da sie aber nicht nur dem Inhalte, sondern sogar dem Worte nach, aus den ältesten Quellen schöpfen, und eigentlich nur Alles, was sie bei ihren Vorgängern, so wohl bei den Monographen, als bei den Universalhistorikern, Koranauslegern und Traditionssammlern, vom zweiten Jahrhundert der Hidjrah an, bis auf ihre Zeit, gefunden, mit der größten Gewissenhaftigkeit und mit Angabe der Autoritäten zusammentrugen, so können sie in Bezug auf ihre Glaubwürdigkeit den ältesten Autoren zur Seite, wegen ihrer Vollständigkeit aber noch über sie gestellt werden. Der Verf. des „Chamis“ führt in der Vorrede über hundert Werke an, aus denen er das Seinige, welches fast gar keine eigene Betrachtung enthält, compilirt. Ali Halebi hingegen sucht sehr häufig bald mit mehr, bald mit weniger Talent die Widersprüche zu lösen, die sich in den verschiedenen Berichten, besonders in den ältern Traditionen finden. Die Grundlage seines Werkes bildet, nach seiner Erklärung in der Vorrede, das „Ujun Al-athri“ von Abu-l-Fath Ibn Sejjid Annas (gestorben im J. 734. der Hidjrah) und die Sirat Asschamsi, Asschamijji, denen er noch ausführlichere Auszüge aus Ibn Hischam und Verse von dem Verfasser der Burda und einigen andern spätern Biographen Mohammeds beigefügt. Durch die Vergleichung dieser beiden Werke unter einander gelangte ich zur Gewißheit über ihre  ____
* Der Vers. des „Chamis“ starb im J. 966, der Hidjrah. Das Todesjahr Ali Halebi's ist nicht bekannt, daß er aber im 16. Jahrhundert gelebt, geht daraus hervor, daß er zuweilen den „Chamis“ anführt und doch von Hadji Chalfa erwähnt wird. (S. „Wiener Jahrb. der Literatur“, Bd. 69. Seite 18.)


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treue Benutzung der frühern Quellen, auch ward es mir dadurch möglich, die in Beiden ziemlich zahlreichen Schreibfehler zu verbessern. Von ihrer Vollständigkeit konnte ich mich am besten durch den Abschnitt über das Treffen von Bedr überzeugen, welcher fast wörtlich mit der in jeder Beziehung meisterhaften Darstellung desselben durch Hrn. Caussin de Perceval nach dem Sirar Arrasul und dem Kitab Alaghani übereinstimmt, * so wie auch durch den über den Verrath der Stämme Avhal und Kara, welcher ebenso gelungen, nach derselben Quelle, aus der Feder des Hrn. Ewald hervorging. **

Nach diesen Quellen arbeitete ich, bis ich an das Abenteuer Aïscha's kam, mit dem der erste Band des „Chamis“ aufhört, und Hr. Bibliothekar Möller mir schrieb, daß er den zweiten, welcher auch noch von den Ommejjaden und Abbasiden handelt, und den v. Platen zu seiner Geschichte der Tödtung Omars benützt, nicht finden könne. Ich wußte zwar aus bisheriger Erfahrung sowohl, wie aus dem Inhaltsverzeichnisse des ganzen Werkes, das dem ersten Bande vorangeht, daß ich bei Ali Halebi, von dem ich gleich alle vier Bände mitgenommen, dasselbe finden würde; aber gerade die letzten Bände sind so schlecht und fehlerhaft, mit ganz weißer Tinte geschrieben, daß mir zur Vergleichung mancher Stellen eine zweite Biographie, in welcher dieselben Begebenheiten erzählt und fast dieselben Traditionen angeführt werden, dringendes Bedürfniß ward. Ich wendete mich daher an den Hrn. Prof. Ewald nach Tübingen, welcher Besitzer einer Handschrift ist, die den Scheich Imad Eddin, Abul Abbas, Ahmed Ibn Ibrahim, Ibn Abd Arrahman aus Wasit zum Verfasser hat, und den  
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* s. Journal asiatique T. VII. p. 97. u. ff.
** s. Zeitschrift für Kunde des Morgenlandes, Bd. I. S. 16, u. ff.


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bescheidenen Titel: „Muchtassaru sirati, Ibni Hischami“ führt, in der aber, wie mir durch die Zusammenstellung mit vielen aus dem Pariser Exemplare des Ibn Hischam gedruckten und andern bei Ali Halebi und im Chamis angeführten Stellen klar ward, und wie übrigens auch in der Vorrede versichert wird, von dem eigentlichen Sirat Arrasul nur die jedesmalige lange Aufzählung der Gewährsmänner der Traditionen (asnâd), so wie ein Theil der Gedichte und einige auf die vorislamitische Zeit sich beziehende Abschnitte, ausgelassen sind. Hr. Prof. Ewald war so gütig, mir diese kostbare, wie er mir später schrieb, zu seinem eigenen Gebrauche angekaufte Handschrift ohne Verzug zuzusenden, und so ward es mir möglich, nicht nur die begonnene Arbeit mit derselben Sicherheit zu vollenden, sondern auch noch den schon bearbeiteten Theil mit manchen schätzbaren Zusätzen aus dieser ältesten Biographie Mohammeds zu bereichern. Dieses sehr zierlich und korrekt, größtentheils mit Bezeichnung der Vokale geschriebene Manuskript, dem ein ausführliches Inhaltsverzeichniß vorangeht, bildet einen Hochquartband von 282 Folien, und zerfällt in zwei Theile. Der erste erstreckt sich bis zur Krankheit der Ausgewanderten in Medina, und ward am 28. Radjab des J. 752. der Hidjra, der zweite am 27. Dsu'l Kaada desselben Jahres vollendet. Am 13. Radjab des folgenden Jahres ward es auch noch einmal mit der Urschrift collationirt. Später wurden noch von einer andern Hand viele Randglossen hinzugesetzt, aus dem Buche „Raudhat Al Unusi“, dem Commentare zu Ibn Hischam, von Abd Arrahman Abul Kasim Assuheili, der im Jahre 581. d. H. starb.

Zuletzt suchte ich mir auch noch den in Bulak im J. 1248. d. H. gedruckten und dem Sultan Selim III. gewidmeten,


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türkischen Commentar der in dreiundsechzig Strophen zusammengedrängten arabischen Lebensbeschreibung Mohammeds von Ibrahim Halebi zu verschaffen. Zwar konnte ich zu diesem Werke, das schon als Übersetzung minder zuverläßig ist als die arabischen Urquellen, und dessen Stoff durch die Einkleidung in Verse nicht einmal streng chronologisch geordnet ist, kein besonderes Vertrauen fassen, durfte es jedoch nicht übergehen, weil zuweilen bei Behauptungen, welche den besten ältesten Quellen geradezu widersprechen, darauf verwiesen wird. Ich gelangte aber bald zur Ueberzeugung , daß Ibrahim Halebi frei ist von den gröbsten Irrthümern, die in seinem Namen verbreitet worden, und daß nicht bloß schwer zu lesende arabische Handschriften, sondern auch der herrlich gedruckte türkische Text dieses Autors mit der größten Oberflächlichkeit benutzt wurde. Der Gefälligkeit des Hrn. Prof. Reinaud verdanke ich das der bibliothèque de l'Institut royal de France gehörende Exemplar, das ich aber leider so spät erhielt, daß ich im Werke selbst keinen Gebrauch mehr davon machen konnte und mich genöthigt sah, die Beweise für diese hier ausgesprochene Ueberzeugung als Nachträge beizufügen.

So mit den besten Hülfsmitteln zur Ausführung des Unternehmens ausgestattet, blieb dennoch die Lösung der Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, noch äußerst schwierig, weil ich nicht bloß nachfolgenden Historikern zuverläßige Materialien zur Lebensbeschreibung Mohammeds und der Gründung des Islams liefern, sondern selbst die innere und äußere Geschichte dieses außerordentlichen Mannes und seiner Lehre schreiben wollte. Ich durfte daher nicht bloß die Quellen übertragen, oder je nach Gutdünken excerpiren, sondern mußte ihre Angaben vorher einer strengen Kritik unterwerfen; denn wenn man


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überhaupt gegen alle orientalischen Schriftsteller mißtrauisch seyn muß, so hat man hier doppelten Grund dazu, weil sie nicht nur von ihrer Leidenschaft und ihrer Phantasie, sondern auch von ihrer religiösen Schwärmerei geleitet waren. Schon im zweiten Jahrhundert, als die ersten Biographen Mohammeds auftraten, die ihre Erzählungen noch auf Aussage seiner Zeitgenossen zurückzuführen wagen, war sein ganzes Leben, nicht nur von seiner Geburt, sondern schon von seiner Zeugung an, bis zu seinem Tode, von einem Gewebe von Mährchen und Legenden umsponnen, das auch das nüchternste europäische Auge nicht immer ganz zu durchschauen und abzulösen vermag, ohne Gefahr zu laufen, aus allzu großer Aengstlichkeit auch wirkliche historische Facta als fromme Dichtung anzusehen. Selbst der bald nach Mohammeds Tode gesammelte Koran ist kein zuverläßiger Führer, denn abgesehen davon, daß er in chronologischer Beziehung ganz unbrauchbar ist, und daß Mohammed am allerwenigsten als eine historische Autorität über sich selbst angesehen werden kann, so ist auch erwiesen, und im letzten Hauptstücke dargethan worden, daß er selbst in seinem Leben Manches zurücknahm, und daß nach seinem Tode sowohl Auslassungen, als Zusätze vorkamen.

Nachdem die Aufgabe der Geschichtforschung nach Kräften beendigt war, kam die zweite und weit schwierigere der Geschichtschreibung: aus den ermittelten Thatsachen ein Ganzes zu gestalten. Doppelt schwierig, weil einzelne Partieen so mangelhaft sind, daß der organische Verlauf dadurch unterbrochen

wird. Durch den Mangel an zusammenhängenden Nachrichten aus dem Jugendalter und dem ersten Mannesleben des Propheten ist eine in sich gegliederte genetische Entwicklung desselben kaum mehr aufzuzeigen. Andererseits ist auch aus der


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spätern Zeit, als Mohammed bereits als Prophet aufgetreten war, von den ältesten Historikern hauptsächlich auf das äußere Leben und allmälige Wachsen seiner Macht, und weniger auf seine innere Fortbildung Rücksicht genommen worden. Ich habe das thatenreiche Leben Mohammeds ohne Vorurtheil irgend einer Art forschend und prüfend Schritt für Schritt in den Quellen verfolgt und eifrigst darnach gestrebt, die historische Wahrheit aus dem Nimbus, in den sie gehüllt ist, hervorzuziehen, und wo sich kein sicherer Boden gewinnen ließ, dem Leser meine Zweifel offen dargelegt. Ob mir aber die Sonderung der Legende von der Geschichte und die Auffassung und Schilderung dieses räthselhaften Charakters ebenso gelungen ist, wie die Ergründung der Quellen, für die mir mein eigenes Bewußtseyn Zeugniß ablegt, muß ich dem Urtheile unbefangener Kenner überlassen. Damit diese Beurtheilung aber möglich werde, habe ich bei jeder Modifikation oder gänzlichen Weglassung einer von den Arabern gegebenen historischen Nachricht dieselbe in den Noten treu übersetzt und bei zweifelhaften Stellen sogar in der Ursprache angeführt. Der Text kann daher als das Resultat meiner Forschungen und ein Theil der Noten als die Erörterung und Begründung desselben angesehen werden. Andere enthalten Erläuterungen, welche zum Theil für Orientalisten überflüssig sind, die jedoch, da bei Bearbeitung des vorliegenden Werkes auch das größere gelehrte Publikum berücksichtigt ward, nicht unterbleiben konnten. Aus demselben Grunde mußten auch manche Stellen aus dem Koran, den ich immer nach Maraccius' Verseintheilung citirt, vollständig mitgetheilt werden, denn bei dem Mangel an einer ganz zuverläßigen Uebersetzung desselben hätte ich nur diejenigen, welchen der Originaltext


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zugänglich ist, darauf verweisen können. Wenn aber dieses Buch auch für einen größern Kreis von Lesern bestimmt ist, so durfte dieß doch nicht abhalten, in andern Noten zunächst die Orientalisten im Auge zu haben, und häufig bei Berichtigungen früherer Irrthümer Gründe anzugeben, die nur sie erwägen können. Diejenigen, welche mich etwa über den polemischen Theil der Anmerkungen tadeln, wären gewiß die Ersten gewesen, mich als anmaßend zu schildern, wenn ich auf abweichende Ansichten, besonders angesehener oder neuerer Schriftsteller, keine Rücksicht genommen hätte.

Im letzten Hauptstücke, welches allgemeine Betrachtungen über den Charakter Mohammeds und Aufschlüsse über Entstehen, Eintheilung und Schreibart des Korans enthält, konnte natürlich Forschung und Resultat nicht so scharf getrennt, überhaupt konnten letztere Untersuchungen hier nicht mit der ihnen gebührenden Ausführlichkeit behandelt werden; vielleicht entschließe ich mich später, das hier nur Angedeutete weiter zu entwickeln, und als historisch kritische Einleitung in den Koran besonders zu bearbeiten.

In der Darstellung schloß ich mich so viel als möglich den Quellen an, aus denen ich geschöpft, und die in ihrer Klarheit und Einfachheit hoch über den spätern orientalischen Historikern stehen, welche auch durch eine bilderreiche, häufig in das Schwülstige ausartende Sprache zu glänzen suchten. Wissen wir doch aus den neuesten Werken mancher abendländischen Geschichtschreiber, daß nicht selten schön gerundete und auf Eindruck berechnete Phrasen durch Aufopferung historischer Genauigkeit erkauft werden.

Was die Schreibart arabischer Namen mit europäischer Schrift betrifft, so habe ich den neunten arabischen Buchstaben

Leben Mohammeds.


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durch ds wiedergegeben, den eilften und siebzehnten durch z, den vierzehnten in der Mitte eines deutsch geschriebenen Wortes durch ß. Nicht-Orientalisten mache ich darauf aufmerksam, daß das z überall französisch und das dj wie das italienische g vor i und e auszusprechen ist. Wo für Orientalisten bei arabischen Wörtern Zweifel entstehen können, sind die Buchstaben nach orientalischer Weise mit Namen bezeichnet worden.

Einige Ungleichheiten in Betreff des o und u, oder a und e werden Orientalisten, welche wohl wissen, daß die Araber eigentlich nur drei Vokale haben, mir nicht zur Schuld anrechnen, eben so wenig das häufige Auslassen des punktirten ha finale oder des vokallosen nin. Einige Eigennamen sind noch im Register verbessert worden. Uebrigens beziehe ich mich auf das, was ich in der Vorrede zu meiner poetischen Literatur der Araber gesagt, und hoffe, daß in unserer, an wissenschaftlichen Kongressen so fruchtbaren Zeit, auch einmal ein Verein von Orientalisten in's Leben treten wird, in welchem unter Anderem auch endlich über die Art, orientalische Buchstaben durch europäische wiederzugeben, eine Verständigung stattfinden könnte, damit durch ihre zunehmende Zahl andere Gelehrten statt in's Klare zu kommen, nicht immer mehr irre geführt werden.

Das Insan Al Ujun ist im Laufe des Werkes mit dem Buchstaben I., das Chamis mit Ch., das Sirat Arrasul mit S. und Ibrahim Halebi in den Nachträgen mit Ibr. H. bezeichnet.

Gerne hätte ich, wenn dadurch meinem Verleger nicht allzu große Opfer auferlegt worden wären, mehr Auszüge in der Ursprache und Schrift aus diesen Quellen geliefert, als in der kleinen Beilage geschehen; indessen glaubte ich darauf um so weniger bestehen zu müssen, als ich durch Hrn. Reinaud



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vernommen, daß Hr. Caussin de Perceval sich mit einer Ausgabe des Ibn Hischam beschäftigt, dieses Anführers aller spätern Biographen Mohammeds, aus welchem sich dann das Zeugniß ergeben wird, daß ich durchgängig den Quellen gefolgt bin, und nicht, wie häufig geschieht, sie bloß statt späterer Schriftsteller zur Parade angeführt. Meine Wahl bei der Ausfüllung des engen Raumes, den ich zu Textesstellen benutzen durfte, wird gewiß von unparteiischen Richtern nicht getadelt werden, denn nachdem ich die wichtigsten Belege über die Epilepsie Mohammeds schon im Journal asiatique * mitgetheilt hatte, erforderte kein Irrthum eine so dringende und unabweisbare Wiederlegung als die, gegen welche die Beilagen zu Anmerk. 52., 230., 252. und 263. zeugen. **

Wie bald hätte man als eine über allen Zweifel erhabene Thatsache angenommen, daß Mohammed eine Uebersetzung des „ganzen alten und neuen Testaments“ vor sich gehabt, und in den Einleitungen der biblischen Schriften sie als die älteste arabische genannt! Wie leicht hätte in einer Geschichte der Krankenhäuser, das Zelt, unter welchem eine mildthätige Frau in Medina arme Verwundete pflegte, dem großen Spital neben dem Tempel zu Jerusalem an die Seite gestellt werden können! Welcher Historiker würde es in einer Geschichte des Chalifats unterlassen haben, Aïscha's Haß gegen Ali aus dessen
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* Juillet 1842.
**Hiernach sind die Zahlen auf S. A., B. und C. der Beilagen zu berichtigen, welche in Leipzig gedruckt wurden, während bei dem Drucke des Werkes selbst sich herausstellte, daß ich einige Anmerkungen falsch numerirt hatte, und daher die ganze Reihenfolge verändert ward. So ist auch S. F. 433. statt 415. und S. H. 533. statt 524. zu lesen. Die vorletzte Beilage sollte gleich auf S. B. beginnen. Da sie aber minder wichtig als die vorhergehenden ist, und ich zweifelte, ob ein halber Bogen sie alle fassen würde, ließ ich sie lieber später setzen.



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verdammendem Ausspruch über ihre Untreue zu erklären? Wie viele Hypothesen hätten die Alterthumsforscher aufgestellt, um darzuthun, wer wohl die Allat zu Alexandrien gewesen seyn mochte? Der Irrthum über Mohammeds Gebet auf Abd Allah Ibn Ubejj's Grab, der durch die Beilage zu Anmerk. 433. widerlegt wird, hätte zwar schwerlich den Kreis der Orientalisten überschritten oder zu weitern grundlosen Folgerungen Veranlassung gegeben; aber die Wahrheit über diesen Punkt ist so bezeichnend für den Charakter Mohammeds und seiner spätern Offenbarungen, so wie für sein Verhältnis zu Omar und zu den Heuchlern in Medina, daß es mir daran liegen mußte, auch hier die evidentesten Beweise für meine Behauptung aus derselben Quelle darzulegen, aus welcher gerade der entgegengesetzte hervorgehen sollte. Die Beilage zu Anmerk. 215. u. 220. soll ganz besonders das Verhältniß Abulfeda's zu den von ihm gebrauchten ältern Autoren und die Nothwendigkeit, diese nachzulesen, um Jenen vollkommen zu verstehen, darthun. Die letzte Beilage, aus der sich für den Kritiker ergibt, daß uns der Koran keineswegs ebenso gewiß für das Wort Mohammeds, als den Muselmännern für das Gottes gelten darf, wie bisher behauptet worden, bedarf gar keiner Einführung.

Bei der Verwandlung des arabischen Datums in die christliche Zeitrechnung bin ich, in der Angabe des Jahresanfangs, dem „art de vérifier les dates“ gefolgt und in der Berechnung der einzelnen Tage, den von Ideler in seiner „mathematischen und technischen Chronologie“ gegebenen Regeln. Ueber die Aera der Hidjrah, das heißt, nicht der wirklichen Auswanderung Mohammeds, sondern des ersten Muharrams jenes Jahrs, hat gewiß auch Ideler ganz richtig bemerkt, daß der 15. Juli 622 anzunehmen ist, wo es sich von astronomischen Beobachtungen

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handelt, der 16. aber, wenn die cyklische Rechnung mit den Mondeserscheinungen und dem arabischen Volkskalender übereinstimmen soll, denn da die Mondsichel im ersten Jahre der Hidjrah erst am Abend des 15. in Mekka sichtbar ward, so begann für die Araber das Jahr wahrscheinlich auch erst mit diesem Abend. Dieß ergibt sich auch aus manchen spätern Daten, in welchen zugleich der Tag der Woche oder des christlichen Monats angegeben wird. *
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* Mein Werk war längst vollendet, als ich den Aufsatz des Hrn. Caussin de Perceval im Journal Asiatique (AvriI 1843.) über die frühere Zeitrechnung der Araber zu Gesicht bekam. Es ist hier nicht der Ort, diesen Gegenstand ausführlich zu erörtern, doch kann ich nicht umhin, zu bemerken, daß ich mich keineswegs bewogen finde, von dem befolgten Systeme abzuweichen. Zwar stimme ich in der Hauptsache mit ihm überein, daß nämlich die Araber auch eine Zeit lang, wie die Juden, alle drei Jahre einen Monat einschalteten, ich glaube aber nicht, wie er, daß dieser Gebrauch bis zu Mohammeds letzter Wallfahrt fortbestand. Folgende drei Gründe mögen hier genügen, um meine Ansicht zu rechtfertigen: 1) Mohammed verlor nach den ältesten Quellen in seinem achten Lebensjahre seinen Großvater Abd Almuttalib, welcher nach allen Berichten in demselben Jahre wie Chosroes Nuschirwan, also im J. 579. n. Chr. starb. Seine Geburt fällt also ohne Zweifel in das J. 571., auch über seinen Tod im Juni 632. herrscht Stimmeneinheit. Wenn also die zuverläßigsten Biographen ihm ein Alter von 63 Jahren beilegen, so geht daraus hervor, daß die Araber schon zur Zeit seiner Geburt reine Mondjahre hatten, von denen 63 sich ungefähr auf 61 Sonnenjahre reduciren, 2) Nach einer alten Tradition, welche das Insan Alujun, auch Pokock (specimen hist. Arab. ed. White, p. 301.) anführt, fasteten die Juden gerade ihren Jom Kipur oder Aschur, als Mohammed in Medina ankam. Nach den meisten Berichten fand Mohammeds Ankunft in Medina, oder wenigstens in Kuba, am 8. Rabia-I-Awwal (vergl. Anmerkung 101. u. Ideler a. a. O. Bd. II. S. 486.) statt. Dieses Datum entspricht dem 20. September, an welchem in der That die Juden ihren Jom Kipur feierten, denn der erste Tischri jenes Jahres war nach Kornicks System der Zeitrechnung S. 112. am 11. September, während nach Hrn. C. de Perceval's System Mohammed Anfangs Juli nach Medina gekommen wäre. 3) Das Treffen von Ohod fand nach allen Quellen an einem Samstag statt, nach Einigen den 7. Schawwal des dritten Jahrs


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Die dem Werke vorausgeschickte Einleitung bedarf noch einer kleinen Erörterung. Ich sehe selbst ein, daß sie recht gut den doppelten Umfang haben und mehr in's Einzelne der Geschichte, Kultur und Sitten der ältern Araber gehen dürfte. Da ich aber nicht schon Bekanntes, zu dem meine Quellen wenig Neues liefern, auftischen wollte, übrigens auch die vorhandenen Umrisse sich noch zu keinem vollständigen Gemälde eignen, faßte ich mich lieber so kurz als möglich, und zog vor, manche mit Mohammeds Leben in engerer Beziehung stehende und weniger ausgebeutete Nachrichten über die Stadt Mekka und das Geschlecht der Kureischiten mitzutheilen.

Nachdem ich ohne Furcht, als unbescheiden zu gelten, auf das, was ich geleistet, aufmerksam gemacht, weil doch im Grunde jeder wissenschaftlich gebildete Orientalist mit aufrichtigem Streben und unverdrossenem Fleiße dasselbe thun könnte, gestehe ich ganz offen, daß mir auch die Schattenseite meiner Arbeit keineswegs verborgen geblieben, und ich wohl einsehe, daß sie besonders in formeller Beziehung viel zu wünschen
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d. H., nach Andern den 15. Ersteres Datum entspricht, wenn man den Anfang des Muharram des ersten Jahrs d. H. auf den 16. Juli setzt, dem 23. März, welcher wirklich ein Samstag war, letzteres, die Aera der Hidjrah vom 15. Juli berechnet, dem 30., während es nach C. de Perceval, der den 26. April zum Anfang des dritten Jahres macht, dem 16. Januar entspräche, der ein Mittwoch war. Aus dem Umstande, daß Mohammed „während einer großen Hitze“ nach Medina kam, kann nicht geschlossen werden, daß die Auswanderung in einem Sommermonat war, denn auch bei dem Feldzug von Tabuk ist von einer großen Hitze die Rede (s. Abulfeda, ed. N. de V., S. 103.), der doch im Radjab des neunten Jahrs d. H. angeordnet ward, welcher auch nach C. de P. mit dem 13. Okt. begann. Eben sowenig beweisen die kalten und mehr noch stürmischen Tage während der Belagerung von Medina, daß sie im Winter stattfand, denn auch im März, dem der Schawwal des fünften Jahrs nach meiner Berechnung entspricht, ist die Witterung im nördlichen Arabien oft noch sehr unfreundlich.


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übrig läßt. Ich glaube aber um so eher auf Nachsicht rechnen zu dürfen, als dieß mein erster historischer Versuch ist, und ich hier zum Theil aus der Sphäre meines eigentlichen Berufs heraustreten mußte. Dazu vermochte mich aber die innigste Ueberzeugung, daß es für die Wissenschaft förderlicher ist, wenn die morgenländische Geschichte von einem, wenn auch nur mit geringen historiographischen Fähigkeiten begabten Orientalisten, als von dem talentvollsten Historiker von Fach geschrieben wird, der nicht unmittelbar aus den Quellen schöpfen kann.

Mögen daher diejenigen, welche bei dem Uebergange dieses Buches über die Siratsbrücke der Kritik, dessen Vorzüge und Mängel gegen einander abwägen, den Stab nicht über dasselbe brechen, wenn sie glauben, daß zu einer vollkommenen Ausführung eines solchen Werkes meine Kräfte nicht ganz ausreichten.

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Inhaltsverzeichniß.

                                Seite
Vorrede . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . I-XXIII
Einleitung.
Ursprung der Bewohner von Hedjas. Mekka von den Amalekiten gegründet. Die Kaaba von Abraham und Ismael erbaut. Djorham und Katura vertreiben die Amalekiten. Die Djorhamiden Alleinherrscher. Amru ben Lohai besiegt sie . . . . . . 1—3

Kußei unterwirft die Chuzaiten. Seine Privilegien. Er theilt sein Geschlecht in zwölf Stämme. Erhält den Beinamen Mudjmiun, wahrscheinlich auch Kureisch . . . . . 4

Abb Aldar folgt seinem Vater Kußei. Empörung seines Bruders Abd Menaf. Theilung der Herrschaft. Feindschaft zwischen Haschim und Ommejia. Letzterer muß Mekka verlassen. Naufal usurpirt Abd Almuttalibs Rechte. Diesem leisten die Beni Nadjar Hülfe . . . 5—6

Ueber den letzten König der Djorhamiden, Abd Almuttalib entdeckt die Zemzemquelle. Will seinen Sohn Abd Allah opfern. Sage von seiner Gesandtschaftsreise nach Sanaa . . . . . 7—8

Herrschaft der Juden in Jemen. Einfall der Abyssinier, Abraba's Zug nach Mekka. Untergang seiner Armee. Abu Talib verkauft seine Rechte an Abbas . . . . . 9—10

Mohammeds Stammbaum . . . . 11

Mekka zur Zeit Mohammeds. Unabhängigkeit der Araber. Ihre innern Fehden, Züge der Egyptier, Perser, Griechen und Römer . . . 12


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                                                        Seite
Der Krieg von Dahes und Ghabra. Der von Basus. Zweckmäßigkeit der vier heiligen Monate. Die Messe von Okaz, Wettstreit und Ansehen der Dichter. Ueber Aascha's Nichtbekehrung zum Islam . . . . 13—10

Die Wahrsager in Arabien. Götzendienst und Glaube an ein höchstes Wesen. Juden, Christen, Sabäer und Magier in Arabien. Unsterblichkeit der Seele. Seelenwanderung, Menschenopfer, Töchtermord, Sittenlosigkeit . . . . 17—20

Erstes Hauptstück.

Mohammeds Geburt und Wunder, die sie begleiten. Tod seines Vaters und dessen Verlassenschaft. Er wird auf dem Lande erzogen. Legende vom Spalten der Brust. Seine Mutter reist mit ihm nach Medina. Ihr Tod. Sein Großvater nimmt ihn zu sich. Nach dessen Tod sein Oheim Abu Talib . . . . . 21—27

Reise nach Boßra. Legende von Bahira . . . 28—29

Sein erster Feldzug. Veranlassung zum vierten lasterhaften Kriege. Bund der Edlen Mekka's gegen Gewaltthäter. Abb Allah Ibn Djudan . . . . 30- 32

Mohammeds Hirtenleben. Handelsreise nach Hajascha. Bekanntschaft mit Hakim . . . 33—34

Er tritt in Chadidja's Dienst. Reise nach Syrien, Legende vom Mönche Nestor. Chadidja bietet ihm ihre Hand an. Trauungsformel . . . . 35—38

Mohammeds Kinder. Verlust seines Vermögens. Er wird zum Schiedsrichter ernannt . . . 38—40

Sagen von der Kaaba und dem schwarzen Steine. Mohammeds Aufenthalt in der Höhle Hara. Seine Betrachtungen über Juden- und Christenthum. Seine epileptischen Anfälle . . . . 40—44

Zweites Hauptstück.

Mohammeds Erklärung seiner Offenbarungen. Seine erste Vision. Zweifel an sich selbst. Waraka und seine Bibelübersetzung. Die ersten Koransverse . . . . 44—49

Die ersten Muselmänner, Versammlungen in Arkams Hans . . 49—51

Mohammed tritt öffentlich als Prophet auf. Abu Lahab verspottet ihn . . . . . .  51—53



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XXVI

                                                                 Seite
Seine Anrede an seine Verwandten. Verfolgungen der Kureischiten. Abu Talib und die übrigen Haschimiten beschützen ihn. Er und Abu Bekr werden mißhandelt . . . . . . 53—56

Auswanderung einiger Muselmänner nach Abyssinien. Gerücht von Mohammeds Verständigung mit den Kureischiten. Letztere fordern die Auslieferung der Muselmänner von dem Nadjaschi. Djafars Rede vor demselben . . . . . 56—57

Hamza's und Omars Bekehrung. Sie bewegen Mohammed den Tempel zu besuchen. Omar entsagt dem Schutze seines Oheims. Ebenso Othman Ibn Mazun . . . . .  58—61

Die Kureischiten trachten Mohammed nach dem Leben. Er wird auf Abu Talibs Schloß gebracht. Die Söhne Haschims und Muttalibs werden in Acht erklärt. Sie schließen sich mit Mohammed ein. Zernichtung der Urkunde und Aufhebung des Banns . . . .61—64

Bekehrung einer christlichen Karawane und eines Teufelbeschwörers. Voraussagung des Sieges der Griechen über die Perser. Abu Bekrs Wette . . .  64—65

Legende vom gespaltenen Monde . . . 65—66

Abu Talibs Tod. Seine letzten Worte. Chadidja's Tod . . . 66—67

Mohammed heirathet Sauda und verlobt sich mit Aïscha. Reise nach Taïf. Ungünstige Aufnahme. Rückkehr nach Mekka. Vision von der Bekehrung der Djinn. Nächtliche Reise nach Mekka und Jerusalem. Himmelfahrt. Gebet der Muselmänner . . . .  68—70

Bekehrung der ersten acht Chazradjiten. Ihr Verhältniß zu den Juden Medina's. Huldigung von zwölf Medinensern. Mußab predigt in Medina. Erste Freitagsversammlungen. Bündniß mit 73 Medinensern. Verfolgung der Kureischiten. Allgemeine Auswanderung der Muselmänner nach Medina. Mohammed wird zum Tode verurtheilt. Seine Flucht und Ali's Verkleidung. Aufenthalt in der Höhle Thaur mit Abu Bekr . . . . 71-79

Drittes Hauptstück.

Suraka verfolgt Mohammed und bekehrt sich. Legende über Suraka. Bureida schließt sich ihm an. Die erste Fahne . . . .  79—81

Mohammeds Ankunft in Kuba. Seine erste Predigt . . . . 81

Er reitet nach Medina, steigt bei Abu Ajub ab . . . . 82

Ali's Ankunft in Medina. Die von Mohammeds Töchtern und Braut. Krankheit der Mekkaner. Verbrüderung derselben mit den Medinensern. Aufhebung derselben nach dem Treffen von Bedr . . . 83—84


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XXVII

                                                         Seite
Bau der Moschee zu Medina. Ihre Beleuchtung. Die erste Kanzel. Legende von dem Stamme, an den sich Mohammed gelehnt. Spätere Veränderungen der Moschee und ihre jetzige Gestalt. Die Chalifen Walid, Mahdi und Mamun . . . .  84—87

Vermählung Mohammeds mit Aïscha. Ali's mit Fatima. Aussteuer und Heirathsgut . . . . 88—89

Mohammeds Verhältniß zu den Juden. Gebote über die Kibla, Fasten und das Gebetausrufen, Almosen, Wallfahrtsfest. Bekehrung Abd Allah Ibn Salams. Zauber Lebids, Sohn Aaßams . . . . 90-94

Die ersten Kriegesgebote. Feldzug von Abwa. Vertrag mit den Beni Dhamrah. Feldzug von Buwat und Uscheira. Bündniß mit den Beni Mudlidj . . . 95—97

Zug gegen Kurz Ibn Djibir, oder der erste von Bedr . . .  98

Abd Allah Ibn Dschahsch's Raubzug. Mobammed gibt ihm einen versiegelten Brief. Nennt ihn „Emir Al Mu'minin.“ Inhalt des Briefes. Abd Allah überfällt eine mekkanische Karawane während des Monats Radjab. Seine Rückkehr nach Medina. Mohammed macht ihm Vorwürfe. Er gestattet dann den Krieg während der heiligen Monate . . . . 98 —102

Auszug der Muselmänner aus Medina. Abu Sosian sendet Dhamdham nach Mekka . . . 102—103

Die Mekkaner ziehen der Karawane entgegen. Mohammed nimmt die Richtung von Bedr. Abu Sosian weicht ihm aus. Otba räth vom Kampfe ab. Ein Theil der Mekkaner kehrt wieder um . . . . 104—105

Verschiedenheit der Ansichten unter den Muselmännern. Ankunft in Bedr. Zweikampf zwischen Muselmännern und Ungläubigen. Treffen, Mohammeds Gebet. Sieg der Muselmänner . . . . 105—109

Abu Djahls Tod. Abbas wird gefangen. Mohammed sendet Siegesboten nach Medina. Hinrichtung zwei Gefangener. Theilung der Beute . . . 109—111

Folgen des Treffens. Todesverachtung der Muselmänner. Omeir. Maad und Abu Hudseifa . . . 111—112

Tapferkeit einzelner Kureischiten. Aswad. Abul Bahtari . . .  112

Mohammed schreibt seinen Sieg der Hülfe von Engeln zu . . . . 113

Abbas' Bekehrung und Rückkehr als Mohammeds Spion . . . 114

Abu Lahabs Krankheit und Tod . . . 115


Viertes Hauptstück.
Rukejja's Tod. Mohammed heirathet Hafßa und Zeinab bint Chuzeima, Othman heirathet Umm Kolthum. Zeinab kommt nach Medina . . . . 115—116


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XXVIII

                                                                   Seite
Die Ermordung Aßma's, Mohammed billigt sie . . . 117

Die Ermordung Abu Asaks . . . 118

Krieg gegen die Beni Keinukaa. Sie ergeben sich. Mohammed will sie hinrichten lassen, Abd Allah Ibn Ubejj verhindert es. Ihr Exil. Verbot mit Juden und Christen ein Bündniß zu schließen . . . 118—119

Mohammed läßt Kaab Ibn Alaschraf ermorden . . . 119

Zug gegen die Beni Suleim und Ghatafan, Der Zug von Sawik gegen Abu Sosian. Zweiter gegen die Beni Ghatafan. Duthur will Mohammed ermorden. Bekehrt sich. Zweiter Zug gegen die Beni Suleim . . . 120—122

Die Mekkaner rücken gegen Medina, Abbas gibt Mohammed Kunde davon. Er will sich in Medina verschanzen. Wird zum Auszug bewogen. Will keine jüdischen Hülfsgenossen. Abd Allah Ibn Ubejj verläßt ihn . . . 122—124

Treffen bei Ohod. Abu Dudjana kämpft mit Mohammeds Schwert. Hind ermuthigt die Truppen. Die Schützen verlassen ihre Stellung. Chalid fällt in den Rücken der Muselmänner. Ihre Niederlage. Mohammed wird verwundet. Hamza's und Mußabs Tod. Mohammed flieht auf eine Anhöhe. Grausamkeiten der Mekkaner . . . 125—129

Mohammed verbietet das Verstümmeln der Leichen und die Trauer um die Erschlagenen . . . . 129—130

Zug nach Hamra Al Asad. Mibad hintergeht die Mekkaner. Angebliche Unterredung Abu Sosians mit Omar 130—131

Mohammeds Rückkehr nach Medina, Hinrichtung Abul Azza's und Muawia's Ibn Mughira . . . 132

Ermordung der Koranlehrer durch die Stämme Adhal und Kara, Verrath bei Mauna . . . 133

Amru Ibn Ommejja soll Abu Sosian ermorden. Derselbe ermordet Sosian Ibn Chalid. Mohammed schenkt ihm einen Stock. Zug gegen die Beni Asad . . . 133—134

Veranlassung zum Kriege gegen die Beni Nadhir. Sie wollen Mohammed steinigen. Er flieht nach Medina und erklärt ihnen den Krieg. Abd Allah reizt sie zum Widerstand. Mohammed belagert ihre Schlösser. Capitulation. Besondere Theilung der Beute . . . 134—136

Koranverse über diesen Zug . . . . .  136—139

Verbot des Weines und der Hazardspiele . . . 139—140

Zeid Ibn Thabit muß die jüdische Schrift lernen . . . 140



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XXIX

                                                           Seite
Zug von Dsat Arrika, Gebot des Furchtgebets . . .  141

Dritter Zug nach Bedr. Zug nach Daumat Aldjandal . . . .  142—143

Zug gegen die Beni Mußtalik. Barra erfleht ihre Freiheit von Mohammed. Gebot über Loskaufen eines Sklavens. Mohammed heirathet Barra . . . . 144—145

Vermählung mit Umm Salma, um die Omar und Abu Bekr geworben, und mit Zeinab bint Dschahsch, von der sich Zeid scheiden läßt . . .  145

Koransverse über diese Heirath. Erlaubniß Frauen der Adoptivsöhne zu heirathen . . . 146—147

Abd Allah Ibn Ubejj's Aeußerungen gegen Mohammed. Omar will ihn erschlagen. Mohammeds Benehmen bei dieser Angelegenheit. Koransverse gegen die Heuchler . . . 148 - 150

Aïscha's Abentheuer mit Safwan. Mohammeds Verbote in Betreff seiner Frauen, Koransverse über den Haupt- und Gesichts-Schleier . . . 151—154

Usama's, Ali's, Omars und Othmans Ansichten über Aïscha . . . . 155— 156

Mohammeds Erklärung in Betreff Aïscha's und die darauf bezüglichen Koransverse. Eine Klage gegen Ehebruch muß von vier Zeugen bestätigt werden 157—158

Mistah. Hasan und Hamnah werden gegeißelt, Abd Allah bleibt verschont . . . . 158

Gebot des Reibens mit Sand statt der Waschung . . . 159—160

Zug der Kureischiten und ihrer Verbündeten gegen Medina. Mohammed befestigt die Stadt. Arbeitet selbst am Graben . . . . 160—161

Mohammed will von den Beni Ghatafan den Frieden erkaufen. Wird von den Häuptern der Ausiten und Chazradjiten abgehalten. Er sendet Nueim, um zwischen den Feinden Zwietracht zu stiften. Aufhebung der Belagerung . . . 162—164

Koransverse über diesen Krieg . . . 165

Adu Sosians Brief an Mohammed. Mohammeds Antwort . . . .  166—167

Zug gegen die Beni Kureiza. Sie ergeben sich Mohammed . . . 167—168

Saad Ibn Maads' Entscheidung über ihr Schicksal. Ihre Hinrichtung . . .  169—170

Mohammed heirathet Rihana . . . 170

Koransverse über den Krieg gegen die Beni Kureiza. Ermordung Sulams Ibn Abi-I-Hakik und Juseirs . . . 171


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XXX

Fünftes Hauptstück.

                                                          Seite
Folgen der Belagerung von Medina. Zug gegen die Beni Lahjan . . . 172

Pilgerfahrt nach Mekka oder Zug von Hudeibia. Chalid zieht den Muselmännern entgegen. Mohammed umgeht ihn und lagert in Hudeibia . . . 173—174

Die Gesandten der Mekkaner an Mohammed, Urwa und Mughira . . . . 175—176

Mohammed sendet Hirasch. den Sohn Ommejja's, nach Mekka, dann Othman, und läßt sich huldigen . . . . 177

Friedensschluß mit Suheil. Omars Widerspruch. Streit über die Form des Vertrags . . . 178—179

Abu Djandal flüchtet sich zu Mohammed; dieser liefert ihn dessen Vater aus. Unzufriedenheit und Ungehorsam der Muselmänner. Folgen des Friedens von Hudeibia . . . 179—180

Koransverse über diesen Zug . . . 181—182

Abu Baßir flüchtet zu Mohammed. Er liefert ihn aus. Aufhebung der Klausel die Auslieferung der Ungläubigen betreffend. Prüfung der sich zum Islam bekehrenden Frauen . . . .  183

Koransverse über den Ausdruck „sey mir wie der Rücken meiner Mutter!“ . . . 184

Zug gegen die Juden von Cheibar. Mohammeds Gebet daselbst. Erstürmung von Naim, Kamuß, Kulla, Bara, Ubejj und Sab. Capitulation der Bewohner von Watih, Sulalim und Fadak . . . . 185 —186

Mohammed heirathet Sasia. Die Jüdin Zeinab reicht ihm einen vergifteten Braten. Ein Beispiel von Mohammeds Rechtlichkeit selbst gegen Feinde . . . 186—188

Gebote die Reinigung des erbeuteten Küchengeräths, Theilung der Beute, Genuß des Eselfleisches, reißender Thiere und Raubvögel, so wie den Beischlaf erbeuteter Frauen betreffend . . . . . 188

Unterjochung der Juden von Teima und Wadi-I-Kura. Rückkehr der letzten Auswanderer aus Abyssinien. Mohammed heirathet Umm Habiba . . . 189

Mohammed faßt den Entschluß seinen Glauben auch außerhalb Arabien zu verbreiten . . . . 190

Seine Lehre über Christus und Maria . . . . 190—195

Seine Rede an die Missionäre . . . .  195

Mohammeds Siegel. Schreiben an den Fürsten von Abyssinien . . . 196

Dessen Antwort . . . . . 197


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XXXI

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Mohammeds Schreiben an Chosroes II. Dieser will ihn hinrichten lassen . . . . 198

Mohammeds Schreiben an Heraklius. Ueber die Zeit dieser Sendung und Heraklius' Reise nach Jerusalem . . . . 199

Gesandtschaft an den Statthalter von Egypten; an den von Jamama und der syrischen Araber. Heraklius' Unterredung mit Abu Sosian . . . . 200—201

Mohammeds Pilgerfahrt nach Mekka und Vermählung mit Meimuna . . . . 201—203

Bekehrung Chalids Ibn Walid und Amru's Ibn Aaß . . . . 204

Amru's Zug nach Dsat Sulasil. Benehmen gegen Abu Ubeida . . . . 204—205

Krieg bei Muta. Zeid, Djafar. Abd Allah Ibn Rawaha und Chalid . . . 206—207


Sechstes Hauptstück.
Die Kureischiten verletzen den Frieden von Hudeibia. Abu Sosian reist nach Mekka, um ihn wieder herzustellen, wird aber abgewiesen . . . . . . 208

Mohammed versammelt seine Truppen, um nach Mekka zu ziehen, Hatib will die Mekkaner davon benachrichtigen. Sara, die Trägerin seines Schreibens wird angehalten . . . . . 209—210

Koransverse über Freundschaftsverhältnisse der Muselmänner zu Ungläubigen . . . . 211

Bekehrung Abu Sosians Ibn Harith, Abd Allahs Ibn Ommejja und Abu Sosians Ibn Harb . . . . 212—216

Einzug der Muselmänner nach Mekka . . . . 217

Mohammed besucht den Tempel und zerstört die Götzenbilder. Bekehrung Othmans Ibn Talha . . . . 218—219

Die fünfzehn von der Begnadigung Ausgeschlossenen : Abd Allah Ibn Saad, Abd Allah Ibn Chatal und seine beiden Sklavinnen, Huweirath Ibn Nufeil, Mikjas Ibn Subaba, Habbar Ibn Aswad, Alrama Ibn Abu Djahl, Safman Ibn Ommejja, Harith Ibn Hischam, Zuheir Ibn Ommejja, Kaab Ibn Zuheir, Wahschi, Hind und Sara . . . . 220—223

Die Medinenser befürchten, Mohammed möchte in Mekka bleiben . . . 224

Mohammed beruhigt sie; läßt sich von den Mekkanern huldigen. Huldigungsformel. Hinds Bemerkungen . . . . . 225

Mohammeds Rede über die Heiligkeit der Stadt Mekka und ihres Gebiets . . . . . 225-220




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XXXII

                                                         Seite
Koransverse über Bestrafung einer Mordthat und körperliche Ver letzung . . . . 226-227

Verordnung über Erbrecht zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Verbot Tante und Nichte zu heirathen, Frauen dürfen nicht ohne Begleitung eines Verwandten reisen. Verbot des Fastens an Festtagen. Verordnungen über Streit zwischen Gläubigern und Schuldnern. Eine Art Miethehe wieder erlaubt . . . 227—228

Amru Ibn Aaß zerstört den Götzen Suwa, Saab Ibn Zeid Mana und Chalid Uzza . . . . . . 228

Chalids Zug gegen die Beni Djadsima, Mohammeds Bedauern über dessen Grausamkeit. Er sendet Ali um sie zu entschädigen. Weist Chalid zurecht . . . . . 229—231

Feldzug von Honein; Flucht der Muselmänner, Schadenfreude der Kureischiten, Mohammeds Nothruf, Sieg der Muselmänner . . . . . 232—233

Treffen von Autas. Dureids Tod. Koransverse über das Treffen von Honein . . . . 234—235

Belagerung von Taïf . . . . . 236

Unterwerfung der Beni Hawazin, Mohammed schenkt ihnen die gemachte Beute. Unterwerfung Maliks . . . . 237—238

Unzufriedenheit der Muselmänner wegen Vertheilung der Beute, Mohammed wird verfolgt, seine Rechtfertigung, er verschenkt seinen Antheil an die Häupter der Kureischiten, neues Murren der Hülfsgenossen. Seine Vertheidigung . . . . . 239—242

Mohammeds Rückkehr nach Mekka. Ernennung Attabs zum Statthalter und Maads' zum geistlichen Oberhaupte. Heimkehr nach Medina. Zeinabs Tod. Ibrahims Geburt . . . . 242

Siebentes Hauptstück.
Deputationen der Araber nach Medina. Die Abgeordneten der Beni Tamim. Utarids Prahlerei, Thabit Ibn Keis' Antwort. Dichterkampf zwischen Amru Ibn Ahtam und Hasan Ibn Thabit; Gedichte Zibirkans Ibn Bedr und Akraa's Ibn Habis. Bekehrung dieser Abgeordneten; Koransverse über ihr unanständiges Benehmen . . . . 243 —247

Bekehrungsgeschichte Adij's Ibn Hatim . . . 247—250

Huldigung der Beni Harith. Mohammeds Schreiben an Amru Ibn Hazm . . . . 250

Verbot den Koran mit unreinen Händen zu berühren, in fremden Kleidern zu beten, die Haare in Flechten zu tragen, seine Stammgenossen zu Hülfe zu rufen. Die Freitagsfeier . . . . . 251


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XXXIII

                                                              Seite
Armensteuer, vom Ertrag der Erde, von Kameelen, Rindvieh, Kleinvieh, Gold und Silber. Kopfsteuer der Ungläubigen . . . . . . 252—253

Deputation der Beni Fazara . . . . 253

Gebet um Regen . . . . . 254

Unterwerfung der Thakisiten 255—256

Deputation der Beni Amir . . . . . 256—257

Feldzug von Tabuk, Ungehorsam der Muselmänner, Freigebigkeit Othmans, Omars, Abu Bekrs und Anderer . . . . .  258—259

Ali muß auf Mohammeds Befehl in Medina bleiben . . . .  260

Koransverse gegen die Zurückbleibenden . . . . . 261

Legende von den Thamuditen . . . . . 262

Mohammeds Schreiben an den Fürsten von Eila .. . . .  263

Chalids Zug gegen Ukeidar und des Letztern Huldigung . . . 264

Mohammeds Abentheuer auf der Heimkehr und die darauf bezüglichen Koransverse . . . . 265—266

Sprüche aus einer Predigt Mohammeds . . . . . 267

Befehl die Moschee der Beni Ghanim zu zerstören. Koransverse darüber . . . . . 267—268

Bestrafung der Zurückgebliebenen. Besondere Härte gegen Kaab Ibn Malik, Murara Ibn Rabia und Hilal Ibn Ommejja . . . . . 269—270

Sieben Muselmänner legen sich selbst Fesseln an . . . . . 271—272

Koransveese in Betreff derselben . . . . . .  273

Mohammeds Urtheil über eine Ehebruchklage und die darauf bezüglichen Koransverse . . . . . 273—274

Mohammeds Trennung von seinen Frauen, Abentheuer mit Maria, Koransverse gegen Aïscha und Hafßa. Beweise der Sunniten für die Rechtmäßigkeit der Nachfolge Abu Bekrs . . . . 274—277

Mohammed ernennt Abu Bekr zum Anführer der Pilger; sendet ihm Ali nach , um ein neues Völkerrecht zu verkündigen. Koransverse über das neue Recht gegen Nicht-Muselmänner. Abb Allah Ibn Ubejj's Tod . . . . . . 277—278

Uebersicht der neunten Sura; Verbot für Ungläubige das Gebiet von Mekka zu betreten. Aenderungen in Betreff der vier heiligen Monate. Ueber das Schaltjahr der Araber. Verbot für Ungläubige zu beten . . . . . . 278—285

Verschiedene Huldigungsdeputationen aus Südarabien und Syrien; Museilama's Schreiben an Mohammed. Seine Antwort. Um Kolthums und Ibrahims Tod. Mohammeds Zweifel über Maria's Treue. Verhör der Engel 285—287

Leben Mohammeds. III



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XXXIV

Achtes Hauptstück.
                                                              Seite
Mohammeds Pilgerfahrt nach Mekka, die fünf Grundpfeiler des Islams . . . . .  288

Gebot der Wallfahrt und Pilgerfahrt . . . . . . 289

Mohammeds Absicht bei der Pilgerfahrt und verschiedene Gebete . . . . 290—293

Vorschriften, Gebräuche und Ceremonien der Pilgerfahrt . . . 294—299

Verbot des Wuchers und der Blutrache . . . . 299—300

Pflichten des Mannes gegen seine Frau, die Scheidungsgesetze . . .  301—302

Das Erbrecht der Mohammedaner . . . . 303—307

Frühere und spätere Strafe der Buhlerei . . . . 307—308

Verbotene Ehen . . . . . . 309

Ehe mit einer Sklavin und Bestrafung ihrer Untreue . . . . 310

Züchtigung der widerspenstigen Frauen . . . 311

Mohammeds Rede an das Volk 312—313

Verbotene Thiere. Schlachten des Viehes, erlaubte Jagd . . . 313—315

Ehe mit Jüdinnen und Christinnen, Speisen der Juden und Christen . . . 316

Mohammeds Gebet . . . 316—317

Fernere Ceremonien der Pilgerfahrt 317—319

Mohammeds Rückkehr nach Medina und Rede am Teiche Chum in Betreff Ali's . . . 320—321

Mohammed ordnet einen Feldzug nach Syrien an, ernennt Usama Ibn Zeid zum Anführer der Truppen . . . . 321

Mohammed erkrankt, besucht den Begräbnißplatz, sein Gebet daselbst, Unterhaltung mit Aïscha, Rede in der Moschee . . . 321—323

Er erlaubt nur Abu Bekr oder Ali eine Communikation mit der Moschee . . . . 324

Er empfiehlt Usama dem Volke; biographische Notizen über dessen Vater Zeid . . . . 325—326


Er läßt Abu Bekr vorbeten und nennt Aïscha eine Heuchlerin . . . . 327

Er verkündet dem Volke seinen nahen Tod und ermahnt es zur Eintracht und Beharrlichkeit im Glauben . . . . 328—329

Er will sein Testament machen, wird aber von Omar abgehalten . . . 320

Seine letzten Worte und Tod . . . . 331

Omar will nicht an Mohammeds Tod glauben, aber Abu Bekr widerspricht ihm und führt einen unbekannten Koransvers darüber an . . . . 332—333

Hergang bei der Chalifenwahl . . . . 334—336

Omar widerruft seine Erklärung in Betreff der Unsterblichkeit Mohammeds . . . . .  337


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XXXV

                                                                   Seite
Abu Bekrs Rede nach der Huldigung . . . . 337—338

Mohammeds Beerdigung, Gebet der Muselmänner auf seinem Grabe . . . . . . 338—339


Neuntes Hauptstück.
Mohammeds Aeußeres . . . . 340—341

Benehmen gegen Freunde und Diener, Schonung für Thiere, Mäßigkeit, Aberglaube, physische Kraft, Reizbarkeit, Kleidung, Eitelkeit, Freigebigkeit und Wohlthätigkeit . . . . 342—347

Sammlung der Koransfragmente nach dem Kriege mit Museilama . . . . 348

Zweite Redaktion desselben unter Othman, die sieben Lesearten . . . . . 349

Wahrscheinlichkeit der Zusätze und Auslassungen im Koran . . . . 350—352

Wiederholungen im Koran, Erklärung des Wortes mathani . . . . . 353—354

Widersprüche im Koran, wie sie Mohammed entschuldigt . . . 355

Lehre vom Zustande der Nichtmuselmänner in jenem Leben . . . . . 356

Widersprechende Koransverse in Betreff Mohammeds Privilegiums sein Harem nach Lust zu vermehren. Gesammtzahl seiner Frauen, Verlobten und Sklavinnen . . . 357—360

Unordnung in der Reihefolge der Verse und Suren, über die Bedeutung des Wortes Sura, mekkanische und medinensische Suren . . . 360—364

Namen und chronologische Ordnung der mekkanischen Suren . . 364—370

Namen und chronologische Ordnung der medinensischen Suren . . . . 370—371

Medinensische Verse in mekkanischen Suren . . . 371—372

Der in Djohfa geoffenbarte Vers . . . . 373

In dem Gesichte der Reise nach Jerusalem und auf der Flucht von Taïf erschienener Vers . . . . 374

Beim Friedensschlusse von Hudeibia erschienener Vers . . .  375

Offenbarung gegen Museilama, Aswad und Abb Allah Ibn Saad . . . . 376

Kern der Religion . . . . 376—377

Mekkanische Verse in medinensischen Suren . . . 378

Theile des Korans, welche von Mekka nach Medina gesandt werden, die Surat Joseph . . . . . 379—380

Verse, welche von Medina nach Mekka und Abyssinien gebracht worden . . . . . . 381—382

Widerrufende und widerrufene Verse, Wahrscheinlichkeit der Zernichtung der ältesten Offenbarungen . . . . 383—386

Mohammed ändert seinen Styl, um nicht als Besessener, Wahrsager und Dichter zu gelten . . . 387

Unterschied in der Schreibart zwischen den mekkanischen und medinensischen Suren und Gründe desselben . . . . 387—388


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XXXVI

                                                                Seite
Schilderung der Allmacht Gottes . . . . 388

Schilderung der Gerechtigkeit Gottes, des Paradieses und der Hölle . . . . 389—391

Mohammed in Medina mehr Redner als Dichter und Prophet . . . . 392—393

Sein Charakter entlarvt durch den Raubzug Abd Allahs und die Surat Joseph . . . . . . 394

Mohammeds in Medina hervortretende Mängel . . . . . 395

Ursachen der Gründung und Ausdehnung seiner Macht . . . 396

Der Glaube an ihn befestigt sich erst unter Abu Bekr und Omar . . . . 397

Ergebung und Willensfreiheit . . . . 398—399

Mohammeds Verdienste . . . . 400—402

Erläuterung der Beilagen und Nachträge größtentheils aus Ibrahim Halebi.

Zu Anmerk. I. S. 8. Ueber Abd Almuttalibs Gesandtschaftsreise nach Jemen . . . . 403—406

Zu A. 9. Die Dauer von Mohammeds Aufenthalt bei Halima . . . . 406—407

Zu A. 17. Mohammeds Alter zur Zeit des 4. lasterhaften Kriegs . . . 407

Zu A. 38. Ueber das von Chadidja vor Mohammed ausgebreitete Tuch . . . 407

Zu A. 40. Ueber die Vermählung Rukejja's mit den Söhnen Abu Lahabs . . . . 407

Zu A. 48. Bedeutung des Wortes rakju . . . . 407—408

Zu A. 52. Waraka Ibn Naufal und seine Bibelübersetzung . . . . 408

Zu A. 57. Ueber den Namen von Bilals Vater . . . 408

Zu A. 64. Zeit der ersten Rückkehr der Ausgewanderten aus Abyssinien nach Mekka . . . . 409

Zu A. 82. Koransverse über die Djinn . . . . 409

Zu A. 86. Abkunft der Ausiten und Chazradjiten und ihr Verhältniß zu den Juden . . . . . . 409—411

Zu A. 101. Ueber Mohammeds Ankunft zu Kuba und Medina . . . 412

Zu A. 106. Daß der Stamm, an den sich Mohammed gelehnt, nicht nach Cordova gekommen . . . 412

Zu A. 118. Gebot der Almosen am Ende des Monats Ramadhan . . . 413

Zu A. 125. Ueber Mohammeds Schreiben an die Beni Dhamra . . . 413

Zu A. 130. Aechtheit des Briefes an Abd Allah Ibn Djahsch, die von ihm gemachten Gefangenen und Mohammeds Zug gegen Kurz Ibn Djabir . . . . 413

Zu A. 144. Ueber die Bedeutung des Wortes Aliah . . . .  413


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XXXVII

                                                        Seite
Zu A. 149. Ueber Abbas' Lösegeld, die Zeit seiner Bekehrung, Okba's und Nadhrs Hinrichtung . . . 414—415

Zu A. 171 und 172. Ueber Abd Allah Ibn Ubejj und der Juden Rückkehr vor dem Treffen von Ohod . . . . . . 415

Zu A. 174. Bedeutung des Wortes Amit 415 Zu A. 177. Ueber die von Mohammed verlorenen Zähne . . . . . 415

Zu A. 185. Anfang der Aera der Hidjrah . . . . 416

Zu A. 187. Hinrichtung Chubeibs und Zeids Ibn Aldathna . . . . 416

Zu A. 215 und 220. Djuweiria's Bitte und Befreiung der Gefangenen durch sie . . . . . 416—417

Zu A. 230. Ali's Erklärung über Aïscha's Untreue . . . . 417—418

Zu A. 242. Ueber den Verfasser der Verse, die Mohammed am Graben gesungen . . . . . 418

Zu A. 252. Ueber das Zelt, in welchem Saad gepflegt worden . . . . 418

Zu A. 263. Ueber Mughira's Ermordung der Latdiener . . . 419—420

Zu A. 268. Wer die Ueberschrift des Vertrags von Hudeibia gestrichen und ob Mohammed lesen konnte . . . . 421

Zu A. 283. Ob Watih und Sulam Privateigenthum Mohammeds geworden . . . . 421

Zu A. 290. Ueber die Bekehrung des Fürsten von Abyssinien . . . 421—422

Zu A. 309. Mohammeds Gesandtschaft an Heraklius . . . . 422

Zu A. 310. Wie der Statthalter von Jamama hieß und Mohammeds Brief an denselben 422—423

Zu A. 318. Zeit des Kriegszugs von Muta . . . . . 423

Zu A. 330. Verschiedene Bekehrung der beiden Abu Sosian . . . . 423—424

Zu A. 353. Ueber die Sängerin Sara, daß sie nicht zusammengehauen worden . . . . . 424

Zu A. 357. Das Verbot der Miethehe . . . . 425

Zu A. 366. Ueber den von Mohammed improvisirten Vers . . 425—426

Zu A. 371. Daß Mohammed Taïf nicht durch Sturm genommen . . . . 426—427

Zu A. 398. Ueber die in Saweilams Haus versammelten Heuchler . . . . 427

Zu A. 404. Mohammeds Schreiben an den Fürsten von Eila . . 427—428

Zu A. 411. Bedeutung der Koransverse in Betreff Abu Amirs . . . 428

Zu A. 415. Abu Lubaba und die Beni Kureiza . . . . . 428—429

Zu A. 433. Daß Mohammed für Abd Allah gebetet . . . . 429—430

Zu A. 515. Mohammeds Worte auf dem Begräbnißplatze . . . 430

Zu A. 533. Ueber Abu Hureira . . . 430—431

Zu A. 535. Bedeutung des Wortes „Sakifatun“ 431


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XXXVIII

Beilagen.

                                                  Seite
Ueber Waraka Ibn Naufal . . . . a

Ueber Ali's Erklärung in Betreff Aïscha's . . . . b

Ueber das Zelt, in welchem Saad gepflegt worden . . . c

Ueber Mughira's Ermordung arabischer Latdiener . . . . c—e

Ueber Mohammeds Gebet für Abb Allah Ibn Ubejj . . . . f—g

Ueber die Befreiung der Gefangenen durch Mohammeds Vermählung mit Djuweiria . . . . . g—h

Ueber den erst durch Abu Bekr bekannt gewordenen Koransvers . . . . h


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1

Einleitung.

Aelteste Geschichte der Stadt Mekka. Mohammeds Ahnen. Erste Feindseligkeit zwischen dem Geschlechte Ommejja und Abbas. Religion, Sitten, Cultur und politischer Zustand Arabiens im sechsten Jahrhundert.

Wenn es zur richtigen Auffassung des Lebens eines jeden großen Mannes nothwendig ist, die allgemeinen Zustände seiner Zeit sowohl, als die besonderen Verhältnisse seiner Umgebung zu kennen, so wird dieß bei einem Religionsstifter, Gesetzgeber und Reichsgründer wie Mohammed, dessen ganzes Leben ein fortwährender Kampf gegen einen Theil seiner eigenen Familie, seines eigenen Vaterlandes, und in religiöser Beziehung wenigstens, gegen die ganze damalige Welt war, um so unentbehrlicher. Da aber für denjenigen, welcher nach dem ersten Keime zur allmähligen Entwicklung des arabischen Propheten forscht, eine nähere Bekanntschaft mit seinen Ahnen sowohl als mit der Geschichte und den Sagen seiner Vaterstadt Mekka nicht minder wesentlich ist, so werden wir, ehe wir den Zustand Arabiens zu seiner Zeit in einigen allgemeinen Zügen schildern, über Beide das Wichtigste vorausschicken.

Die Bewohner Mittelarabiens, besonders die der Provinz Hedjas, zu denen Mohammeds Ahnen gehören, sehen — vielleicht erst seit ihrer Bekanntschaft mit den Juden und ihren Schriften — Ismael den Sohn Abrahams, als ihren Stammvater an, obschon selbst die orthodoxesten Muselmänner Mohammeds Väter nur bis zum zwanzigsten Gliede rückwärts, bis Adnan nehmlich, mit Bestimmtheit anzugeben wissen.

Leben Mohammeds.


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2

In Ismaels Jugend soll die Stadt Mekka von dem uralten Riesenstamme der Amalekiten 1), unter denen er aufwuchs, gegründet worden sein, er selbst wird aber im Vereine mit seinem Vater Abraham, als der Erbauer des heiligen Tempels (Kaaba) genannt, nach welchem von uralter Zeit her viele Pilger aus der ganzen arabischen Halbinsel wallfahrten. Die Amalekiten wurden noch bei Ismaels Lebzeit von den Stämmen Djorham und Katura, welche von Südarabien ausgewandert waren, aus Mekka vertrieben 2). Mudhadh und Sameida, die Häupter dieser beiden Stämme, herrschten eine Zeit lang friedlich neben einander, aber bald entzweiten sie sich, es kam zu einem Kampfe, in welchem Letzterer unterlag, so daß die Djorhamiden unbeschränkte Herrscher der Stadt Mekka blieben. Die Verwaltung des heiligen Tempels behielt indessen Ismael, welcher eine Tochter des Königs Mudhadh heirathete, daher seine Nachkommen den Namen Arab
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1) Nach dem Chamis und dem Insân Alujûn, welche hier nur ältern Quellen folgen, suchten zwei Amalekiten ein Kameel in der Gegend des jetzigen Mekka, welche ehedem ganz öde und wasserlos war. Als sie die Quelle Zemzem entdeckten, welche ein Engel für Hagar und Ismael aus der Erde hervorgerufen, benachrichtigten sie einige ihrer Stammgenossen davon, welche wenige Stunden von Mekka ihr Lager aufgeschlagen hatten, und ließen sich mit ihnen in der Nähe dieser Quelle nieder.
2) Dieß und das folgende aus Ch. und J. übereinstimmend mit Sirat Arrasul in den mém. de Pacad. des insciptions, T. 48, S. 727—735 und dem Kitab al Aghâni im journal Asiatique, 3me série, T. VI. p. 196 u. ff. Ich theile aber nicht die Ansicht meines Freundes H. Fresnel, welcher (S. 207) die in dieser Tradition erwähnten Amalekiten für Römer hält. Der ganze dort angeführte Satz befindet sich auch bei I. und Ch., bezieht sich aber nur auf den frühern Untergang der Amalekiten, welche nicht blos durch die Waffen der Djorhamiden, sondern auch durch eine Art Ameise, vielleicht auch pestartige Geschwüre, die ebenfalls „nami“ heißen, genöthigt wurden, Mekka zu verlassen; dieselbe Strafe Gottes kommt auch wieder bei der Niederlage der Djorhamiden vor.

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3

Mustaraba, das heißt durch Verschwägerung gewordene Araber erhielten, im Gegensatze zu den von Kahtan abstammenden Urarabern (Arab al Araba) oder den Völkerschaften Südarabiens. Ismaels Sohn, Nabit oder Thabit, erbte noch die geistliche Würde seines Vaters, später rissen aber die Djorbamiden auch diese an sich, und wurden bald so gewaltthätig, daß die Ismaeliten nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um ihr Joch abzuschütteln. Diese bot sich ihnen aber erst im Anfang des dritten Jahrhunderts nach Chr. dar, als eine große Überschwemmung in Südarabien, zu welcher sich auch wahrscheinlich innere Zwistigkeiten gesellten, zahlreiche Stämme zu einer Auswanderung nach dem Norden veranlaßte. Damals unterstützten sie  1) Amru ben Lohai, den Häuptling mehrerer eingewanderten Stämme, welche in der Nähe von Mekka ihr Lager hatten, und mit ihrer Hilfe gelang es ihm, die Djorhamiden aus Mekka zu vertreiben. Diese neuen Eroberer erhielten später den Namen Chuzaiten (die Getrennten), weil sie allein in Mekka blieben, während andere Stämme entweder wieder nach dem Süden zurückkehrten, oder unter der Oberherrschaft der Griechen und Perser kleine Königreiche südöstlich von Damask und im Irak gründeten. Die Ismaeliten blieben zwar wieder von der Regierung ausgeschlossen, doch erhielten sie 2) das nicht unbedeutende Recht, einen der vier heiligen Monate, während derer in Arabien kein Krieg geführt werden durfte, je nach Gutachten auf eine andere Zeit zu verlegen, wodurch sie gewiß großen Einfluß über die kriegerischen Stämme
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1) Daß die Ismaeliten im Einverständnisse mit den Chozaiten waren, vermuthet schon de Sacy im angeführten mem. S. 547, und diese Vermuthung wird durch Ch. bestätigt, welcher berichtet: „Nach Einigen wurden die Djorhamiden von den Chozaiten im Vereine mit den Beni Bekr, nach Andern von den Ismaeliten vertrieben.“ Wahrscheinlich also von Beiden zusammen.
2) Dieses Privilegium hatten die Nachkommen Kinanah's, vierzehnter Ahnherr Mohammeds; über die Zeit, in welcher sie es erhielten, weiß man nichts Näheres.



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4

des nördlichen Arabiens ausübten. Aber erst Kußai, der vierte Ahnherr Mohammeds, welcher eine Tochter Hulails, des letzten Fürsten aus dem Geschlechte der Chuzaiten zur Frau hatte, bemächtigte sich, nach seines Schwiegervaters Tod 1), mit Hülfe seiner väterlichen und mütterlichen 2) Verwandten, sowohl der weltlichen als der geistlichen Herrschaft über Mekka. Er allein hatte das Recht, die Pilger mit Lebensmitteln und süßem Wasser zu versorgen, das in der Nähe von Mekka selten ist. Um seine Fahne mußten sich alle Krieger versammeln, und ihm als Feldherrn folgen. Dabei erhob er den Zehnten von allen nach Mekka eingeführten Gütern, war Verwalter des Tempels und führte den Vorsitz im Rathhause, wo nicht nur alle Staatsangelegenheiten besprochen, sondern auch jede feierliche Handlung, wie Vermählungen, Beschneidungen und dergleichen begangen wurde 3). Da Kußai, sowohl um zur Herrschaft zu gelangen, als um sie zu behaupten, alle seine Verwandten, die er in zwölf Stämme theilte, um sich vereinigte, erhielt er den Beinamen „Sammler“ 4). Als er,  
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1) Dieser hinterließ zwar einen Sohn, welcher Abu Ghubschan hieß, aber nach Einigen ward er enterbt, nach Andern verkaufte er sein Recht an der Regierung Mekkas, für Wein, Kleider oder Kameele. Die Aehnlichkeit mit Esaus Linsengericht ist so groß, daß man diese Nachricht gerne für eine Copie derselben hatten möchte; indessen hat dieses Mährchen zu dem noch jetzt üblichen Sprichworte Veranlassung gegeben: „Reuiger als der (wegen seines schlechten Handels) die Hände übereinander schlagende Abu Ghubschan.“
2) Nach I. die Beni Kinanah, die Kureischiten, d.h. die Nachkommen Fahrs, des elften Ahnherrn Mohammeds, und die Beni Kudhaa, zu denen entweder seine Mutter gehörte, oder mit denen sie durch eine zweite Ehe verwandt geworden. I. und Ch.
3) Auch wurden die Jungfrauen mit ihrem ersten Oberhemde im Rathhause bekleidet.
4) Auf Arabisch mudjmiun, nach Einigen aber auch Kureisch, ein Name, der gewöhnlich schon den Nachkommen Fahr's beigelegt, und auf verschiedene, nicht sehr befriedigende Weise gedeutet wird. Fast möchte man glauben, Kußai habe wirklich aus angeführtem Grunde zuerst diesen Beinamen erhalten, und erst unter Abu Bekr und Omar, welche nicht von Kußai abstammen, sondern erst durch Fahrs Urenkel Kaab, und des Letztern Sohn Murra sich an Mohammeds Geschlechtslinie anreihen, habe man den Namen Kureisch weiter rückwärts ausgedehnt, und ihm eine andere Bedeutung zu geben gesucht, damit auch diese Chalifen des Kureischitischen Adels theilhaftig werden. Dieß mußte für die Sunniten um so wesentlicher sein, als Mohammed zu wiederholten Malen die Kureischiten als die würdigsten der Nachfolge erklärte. I. nennt daher diejenigen, welche behaupten, Kußai habe den Beinamen Kureisch erhalten, Keßer, d.h. Schiiten, als wäre dieß zu Gunsten Alis erdichtet worden, der von Kußai abstammt. Er mag als Sunnite ganz recht haben, dem europäischen Kritiker ist aber das Gegentheil viel wahrscheinlicher.


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5

ohngefähr hundert Jahre vor Mohammeds Geburt, starb, setzte er seinen ältesten Sohn, Abd Al Dar, in seine Rechte ein, aber bald empörte sich sein Bruder Abd Menaf mit seinen Söhnen Hâschim, Muttalib, Abd Schems und Naufal gegen ihn, und ein großer Theil der Kureischiten, das heißt der mit Kußai verwandten Araber, die keine erbliche an Monarchie grenzende Regierung aufkommen lassen wollten, schlossen sich den Empörern an. Bald wäre es im Angesichte des heiligen Tempels zu einem blutigen Gefechte zwischen den Bewohnern Mekkas gekommen 1), wenn nicht Abd Aldar die Rechte der Bewirthung an Hâschim, das Feldherrnamt an Abd Schems abgetreten, und nach Einigen auch auf einen Theil der an den Vorsitz im Rathhause geknüpften Rechte verzichtet hätte. Zwischen Hâschim, dessen eigentlicher Name Amru'l Ula war,
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1) Beide Partheien versammelten sich vor der Kaaba, die der Söhne Abd Menafs tauchten ihre Hände in Weihrauch und die des Abd Dar in Opferblut, sie schwuren, sich gegenseitig beizustehen, „so lange das Meer Wasser genug hat, um ein Wollflöckchen zu benetzen, so lange die Sonne den Berg Thabir bescheint, so lange ein Kameel durch die Wüste trappt, so lange Abu Kubeis und der rothe Berg stehen und Mekka von Menschen bewohnt bleibt.“


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und der nur wegen seiner Freigebigkeit, besonders gegen Pilger, Hâschim (Brotbrecher) genannt wurde, und seinem Zwillingsbruder Abd Schems, von dem die Ommejjaden abstammen, und dessen Geschlechtslinie auch der Chalif Othman angehörte, floß schon bei ihrer Geburt Blut, denn sie waren an der Stirne zusammengewachsen und mußten durch ein schneidendes Instrument von einander getrennt werden. Dieser auf Feindschaft zwischen den beiden Brüdern deutende Zufall, fand seine Bestätigung nicht nur in den späteren Kriegen zwischen den Kureischiten unter dem Oberbefehle Abu Sosians, ein Urenkel des Abd Schems, und Mohammed, dessen Urgroßvater Hâschim war, und in denen, welche die Ommejjaden gegen Aliden und Abbasiden führten, welche ebenfalls von Hâschim abstammen, sondern Hâschim selbst ward schon von seinem Neffen Ommejja, dem Sohne des Abd Schems wegen seines hohen Ranges beneidet und zu einem Ehrenkampfe vor einem Priester aus dem Stamme Chuzaa herausgefordert 1). Da dieser Hâschim den Vorzug einräumte, so mußte Ommejja, der eingegangenen Wette zufolge, fünfzig schwarzäugige Kameele opfern und zehn Jahre außerhalb Mekka zubringen. Auch Hâschims Sohn, Abd Al Muttalib, wurde von den Söhnen des Abd Schems angefeindet, denn im Bunde mit ihnen entriß ihm sein Oheim Naufal das Recht, die Pilger zu bewirthen, und übte es so lange aus, bis die Beni Nadjar aus Medina, aus deren Familie Abd Al Muttalibs Mutter war, ihrem Verwandten Beistand leisteten 2). Abd Al Muttalib fiel es um so schwerer,
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1) Diese und die folgenden höchst wichtigen Nachrichten über die ersten Feindseligkeiten zwischen dem Hause Hâschim und Ommejja habe ich aus I. geschöpft.
2) „Abu Saad, Abd Almuttalibs Oheim, kam mit 80 Mann von den Beni Nadjar nach Mekka. Abd Almuttalib gieng ihm entgegen und wollte ihn in seine Wohnung führen; Abu Saad schwur aber, nicht eher zu ruhen, bis er Naufal zu Recht gewiesen. Als Abd Almuttalib ihm sagte, er habe ihn im Tempel bei den Häuptern der Kureischiten verlassen, begab sich Abu Saad mit seinem Gefolge zu ihnen. Naufal stand vor ihm auf und grüßte ihn. Abu Saad erwiederte: Gott gebe dir keinen guten Morgen! Dann zog er sein Schwert und fuhr fort: Bei dem Herrn dieses Heiligthums , ich färbe mein Schwert mit deinem Blute, wenn du meinem Neffen nicht zurückgibst, was ihm gebührt. Naufal mußte nachgeben und in Gegenwart der Häupter der Kureischiten auf seine usurpirten Rechte verzichten.“ I.


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das Ansehen seines Vaters zu behaupten, als er lange Zeit nur einen Sohn hatte. Auch ward er zum Gespötte, als er mit diesem einzigen Sohne, welcher Harith hieß, den Brunnen Zemzem wieder aufgrub, welchen der letzte König der Djorhamiden, vor der Eroberung Mekkas durch die Chuzaiten, verschüttet hatte. Als er endlich die alte Quelle wieder entdeckte und im Brunnen zwei goldene Gazellen, einige Waffen und andere kostbare Gegenstände fand, welche derselbe König darin verborgen hatte 1), forderten die Kureischiten ihren Antheil daran, und er war genöthigt, mit ihnen über deren Besitz vor dem Götzen Hobal zu losen 2). Diese und andere ähnliche
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1) Nach allen Berichten bei I. und Ch. sowohl, als im Sirat Arrasul bei de Sacy und bei Abulfeda hieß der letzte König der Djorhamiden Amru ben Harith, nur nach einer Stelle des Kitab Alaghani, welche H. Fresnel in einer Uebersetzung, im journal Asiat. (3me S., T. 6, S. 212) mittheilt, wäre Mudhadh der letzte König der Djorhamiden gewesen. Bei Ch. heißt auch der König, welcher die Djorhamiden vor dem Untergang warnte, Mudhadh; aber seine Warnung ging erst unter der Regierung seines Enkels in Erfüllung. Amru oder sein Großvater Mudhadh ist es auch, der in den bei Abulfeda angeführten Versen über seine Verbannung aus Mekka klagt. H. v. H. der (S. 18 seines Gemäldesaals, Bd. I.) diese, von ihm auch unrichtig übersetzten, Verse, Aamir dem Bruder Amrus zuschreibt, hätte wohl, wenn es kein Versehen von ihm ist, seine Quelle und Gründe für diese Behauptung angeben sollen.
2) Er machte drei Loose, eines für die Kaabah, eines für sich und eines für die Kureischiten. Die Gazellen kamen für die Kaaba heraus, die Waffen und andere Kostbarkeiten gewann er und die Kureischiten kamen mit einer Null heraus. Die Gazellen, welche zuerst im Tempel hiengen, wurden später, nachdem sie entwendet und wieder gefunden worden waren, als Beschläge zum Thore der Kaaba verwendet. I. Ch, u. S. fol. 14.


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Kränkungen vermochten ihn zu geloben, daß wenn Gott ihm noch zehn Söhne bescheeren würde, er einen derselben opfern wollte. Als er aber Vater von zwölf, nach Einigen von dreizehn Söhnen ward und diesem Gelübde zufolge seinen Sohn Abd Allah, Mohammeds Vater, opfern wollte, hielten ihn die Kureischiten von seinem grausamen Vorhaben ab, worauf er dem Ausspruche einer Priesterin zufolge hundert Kameele als Sühne schlachtete. Diese zwölf oder dreizehn Söhne, von denen wir hier nur noch Abbas, den Stammvater der Abbasiden und Abu Talib, Mohammeds Erzieher und Alis Vater erwähnen, vielleicht auch die im Brunnen Zemzem gefundenen Schätze, mochten Abd Al Muttalib wieder mehr Ansehen unter den Kureischiten verschaffen, denn er stand an ihrer Spitze, als im Geburtsjahre Mohammeds der Abyssinier Abraha, Statthalter von Jemen, mit einem christlichen Heere nach Mekka zog 1). Das alte Geschlecht der Könige von Jemen, welches
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1) H. v. H. a. a. O. S. 27 läßt nach Ibrahim Halebi, Abd Al Muttalib im 7. Jahre nach Mohammeds Geburt, als Gesandten nach Sanaa reisen, um dem Könige der Homeir, Seif Si Jesen zur Wiederoberung Jemens aus den Händen der Abyssinier Glück zu wünschen, und führt sogar einen Theil ihrer Gespräche an. Aber nicht nur dieses Gespräch, welches damit endet, daß Seif es bedauert, zur Zeit der Sendung Mohammeds nicht mehr am Leben zu sein, weil er sonst seine Residenz in Jathrib (Medina) aufschlagen würde, um ihm gegen seine Feinde beizustehen, sondern das ganze Factum, das zwar auch I. und Ch. für baare Münze geben, gehört in das Gebiet der Legende. Wie konnte Abd Al Muttalib im siebenten Jahre nach Mohammeds Geburt, also im J. 576 oder 578 Seif Dsu Jesen zur Wiedereroberung Abyssiniens Glück wünschen, die erst im Anfang des siebenten Jahrhunderts nach Chr. statt fand? Vergl. de Sacy im anges. mem. S. 544. Schlosser, Weltgesch. II. 1, S. 204 und die Beweise hierüber aus dem Zeitgenossen Procopius und andern Byzantinern, so wie aus Ludolf nach Abyssinischen und aus Assemani nach syrischen Quellen, bei Guthrie und Gray, deutsch v. Ritter V, 2. S. 284 u. ff. Selbst nach den Arabischen Nachrichten hat die Herrschaft der Abyssinier in Arabien 72 Jahre gedauert, wenn sie also gegen das J. 530 begonnen, so kann sie nicht vor 601 aufgehört haben. Seif gelangte übrigens wieder zur Regierung durch die Hülfe des Chosru Perviz (Chosroes II.), während Abdal Muttalib selbst nach H. v. H. in demselben Jahre, wie Chosroes I. starb. Ferner berichtet Ch. und I. nach dem Sirat Arrasul (fol. 12), Seif habe bei Numan, dem Statthalter von Hira, gegen die Christen Hülfe gesucht, und dieser habe ihn zu Chosru geschickt — dieß Alles mußte sich aber lange nach Abd Almuttalibs Tod zugetragen haben, denn Numan ward nicht vor 588 Statthalter. Wollte man übrigens auch gegen alle angeführten Beweise, um Abd Al Muttalibs Gratulationsreise möglich zu machen, Seif im achten Lebensjahre Mohammeds zur Regierung gelangen lassen, so kann doch Abrahas Zug nach Mekka nicht in Mohammeds Geburtsjahr gesetzt werden, was ebenfalls H. v. H. S. 23 als eine geschichtliche Thatsache annimmt, da zwischen Abraba und Seif, Jaksum siebzehn und Masruk zwölf Jahre in Jemen regierte. Offenbar war es daher den Arabern bei Erdichtung dieses Mährchens nur um das Finale zu thun, worin Seif aus geheimen Büchern Mohammeds Größe prophezeit, und da sie mit sich selbst in Widerspruch sind, so kann man wohl nicht länger sich besinnen, ob man ihren oder den griechischen Nachrichten über diese Begebenheiten folgen soll. Hingegen melden sie, übereinstimmend mit Procopius (de bello persico I, 20) , bei dem nur die Namen anders lauten, daß Abraba durch eine Empörung der Truppen an seines Vorgängers Ariats Stelle gesetzt ward, und zwar, nicht wie gewöhnlich angenommen wird, nach zwanzig, sondern nach zwei Jahren, was auch eher zu Procopius Worten χρόνω ού πολλϖ  paßt; demnach müßte Abraha's Herrschaft fast 40 Jahre gedauert haben.

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sich im Anfang des vierten Jahrhunderts nach Chr. zum Judenthume bekehrt hatte, ward nämlich wegen seiner Grausamkeit gegen die Christen von Nadjran, von den Abyssiniern, den Glaubensbrüdern der Verfolgten, ohngefähr 40 Jahre vor Mohammeds Geburt, vom Throne verdrängt und in Sanaa, der Hauptstadt von Südarabien, ward eine Kirche gebaut,
 

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welche den Tempel zu Mekka noch an Pracht und Größe überstrahlte. Diese Kirche ward nach einigen von einem Mekkaner verunreinigt, nach andern in Brand gesteckt, worauf Abraha, der christliche Fürst von Jemen, mit einem starken Heere gegen Mekka aufbrach, um dessen Tempel zu zerstören. Die Mekkaner, die ihm nur wenig Truppen entgegen zu stellen hatten, verließen die Stadt und verschanzten sich im Gebirge. Abd Al Muttalib sorgte dafür, daß ihm das von Abrahas Truppen geraubte Vieh wieder erstattet wurde, überließ aber die Vertheidigung des Tempels Gott, dem er geweiht war. Als aber Abraha seinen Racheplan ausführen wollte, brachen die Pocken unter seinen Truppen aus und rafften den größten Theil derselben hinweg. Dieser Untergang der abyssinischen Armee, durch eine bis dahin in Arabien unbekannte Krankheit, welche vielleicht auch noch mit einem ungewöhnlich starken Hagelwetter zusammentraf, gab zu der auch in den Koran 1) aufgenommenen Sage Veranlassung: die Christen seien wegen ihres frevelhaften Unternehmens gegen die heilige Kaaba, von einem Schwarm Vögel, mit kleinen Steinchen durchbohrt und getödtet worden. Nach Abd Al Muttalibs Tod ging das Recht, die Pilger zu bewirthen, an seinen Sohn Abu Talib über, der aber bald so arm ward, daß er es seinem Bruder Abbas überließ, welcher dazu auch noch die polizeiliche Aufsicht über den Tempel erhielt 2). Die eigentliche Tempelhut sowohl, als der Vorsitz im Rathhause und das Recht die Fahne zu tragen, blieb aber unter den Söhnen Abd Dars und das noch wichtigere Feldherrnamt unter den Nachkommen des Abd
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1) Die 105. Sura.
2) Nach I. und Ch. war er beauftragt zu verhüten, daß Niemand im Tempel Spott- oder Liebesgedichte recitire. Um den Ueberblick über Mohammeds Geschlecht zu erleichtern, lasse ich hier das Verzeichniß seiner Ahnen folgen, mit Angabe derjenigen Seitenverwandten, die mit seinem Leben in enger Beziehung stehen. Ich beginne mit Fahr, welcher nach vielen Berichten zuerst den Beinamen Kureisch erhielt.


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                                                     Fahr
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                                                   Ghalib
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                                                    Luwei
                                                         |
                                                     Kaab
                                                    ___|___________________________________________________         
                                                     Murra                                                                   Adij.
____________________________________|__                                                                         |
 Theim.                                          Kilad                                                                       |
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  Saad. Zuhra.                               Kußei                                                                        |
     |        |       _____________________|______________________________________________       |
Kaab.      |   Abd Aluzza.            Abd Menaf.                                                Abd Aldar.      |
     |Abd Menaf. | ____________________|____________________________________________          |
     |        |       |   Almuttalib. Naufal. Haschim.                                   Abd Schems.           |
Amru.Wahb. Asad.                            |                                                         |                 |
     |        |       |                    Abd Almuttalib.                                         Ommejja.           |
Amir       | Chuweilab. _______________|_________________________   ___________|_______      |   
     |   Amina    |   Abu Talib. Abu Lahab. Abd Allah. Abbas. Hamza. Abu Aaß.     Harb.         |
Abu Kudafa.     |           |                               |                                  |                |            |
     |                |           |                               |                               Assan. Abu Sosian. Chattab.
     |                |           |                               |                                  |                |            |
Abu Bekr.  Chadidja.    Ali.                      Mohammed.                    Othman.    Muawia.    Omer



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Scheins, so daß die Regierung der Stadt Mekka zur Zeit Mohammeds zwar in den Händen seiner Familie war, die Linie aber, der er angehörte, besonders nach seines Großvaters Abd Almuttalibs Tod, am wenigsten Antheil daran hatte. Ueber die angrenzenden Provinzen mochte wohl Mekka als Wallfahrtsort und bedeutende Handelsstadt großen Einfluß üben, nie aber eine eigentliche Herrschaft über die freien Wüstenbewohner geltend machen, eben so wenig als die Byzantiner, Sassaniden und Abyssinier, obschon sie im sechsten Jahrhunderte einen Theil des Nordens, den Südosten und Südwesten Arabiens unterjocht hatten. In Mittelarabien behaupteten auch jetzt noch die Söhne Ismaels die alte Freiheit und Unabhängigkeit, derer weder die mächtigen Pharaonen Egyptens, noch die alten Perser und Römer sie zu berauben im Stande waren. Denn fassen wir alles zusammen, was uns die klassischen Historiker über die glücklichen Unternehmungen fremder Eroberer gegen das Innere Arabiens berichten, von Sesostris und Cambyses bis zu Crassus, Aelius Gallus und Trajan, so ergibt sich daraus, was sich auch heutigen Tages in Algier wiederholt, daß es ihren disciplinirten Heeren allerdings leicht war, die zwar tapfern, aber ungeordneten und in der höhern Kriegskunst unerfahrenen Beduinenhorden zurückzuschlagen, daß diese aber damit noch keineswegs unterjocht waren, denn sie fanden stets in ihren Bergen oder Wüsten, wohin ihnen der Feind nicht folgen konnte, eine sichere Zuflucht, aus denen sie dann beim ersten günstigen Augenblick wie ein Blitz über die unwachsamen, zerstreuten oder Mangel leidenden Truppen herfielen. Je seltener aber die Araber der inneren Provinzen in fremde Kriege verwickelt waren, um so häufiger befehdeten sich die verschiedenen Stämme, in die sie getheilt waren, unter sich selbst. Die Rache einer individuellen Beleidigung ward bald ein Ehrenpunkt für den ganzen Stamm, dem der Gekränkte angehörte, an den sich dann auch noch häufig viele Bundesgenossen anschlossen. So verursachte ein

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Pferderennen 1) einen vierzigjährigen Krieg zwischen den Stämmen Abs und Dsubian, welcher den Namen der beiden Pferde Dahes und Gabra erhielt, und an dem auch der berühmte Dichter Antar Theil nahm. Ein verwundetes Kameel 2) ward die Veranlassung eines andern nicht minder blutigen, der Krieg von Basus genannt, zwischen den Stämmen Bekr und Taghlib. Bei diesem kriegerischen Zustande Arabiens war es daher höchst zweckmäßig für Handel und Gewerbe, sowohl als für geistige Kultur, daß vier Monate im Jahre, der erste 3), siebente, elfte und zwölfte von allen Bewohnern der Halbinsel als
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1) Keis aus dem Stamme Abs, wettete mit Hammal, aus dem Stamme Dsubian um hundert Kameele, daß sein Renner Dahes vor dessen Stute Gabra eine gewisse Strecke durchlaufen würde. Er war nahe daran die Wette zu gewinnen, als einige Freunde Hammals, welche sich in der Nähe des festgesetzten Ziels verborgen hatten, hervorsprangen und Dahes zurücktrieben, so daß Hammal vor Keis das Ziel erreichte. Als aber am folgenden Tage Hammals Neffe von Keis die hundert Kameele verlangte, durchbohrte ihn Keis mit seiner Lanze.
2) Kuleib hatte als Feldherr den Söhnen Maads, oder Abkömmlingen Ismaels, so viele Dienste gegen die Südaraber oder Söhne Kahtans, welche mehr als einmal ihre Herrschaft über ganz Arabien auszudehnen suchten, geleistet, daß er wie ein König verehrt ward. Er mißbrauchte aber bald seine Gewalt und erlaubte sich allerlei Ungerechtigkeit gegen seine Unterthanen. Unter Andern nahm er immer die besten Waideplätze für seine eigene Heerde in Anspruch, auch blieben die besten Quellen und Brunnen jedem Andern als seinen Günstlingen verschlossen. Eines Tages bemerkte er unter seiner Heerde ein fremdes Kameel — es gehörte einer Frau, welche Basus hieß, und war ohne ihren Willen Kuleibs Kameelen nachgelaufen — sogleich spannte er den Bogen und schoß ihm einen Pfeil in die Brust. Djassas, bei dem Basus sich aufhielt, tödtete Kuleib, worauf ihre Stammgenossen einander den Krieg erklärten, mem. de l'acad. des inscript. de Paris T. 50, S. 378 u. 392.
3) Nicht wie bei H. v. H. S. 104, welcher statt des ersten, den zweiten unter den heiligen Monaten zählt.


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heilig angesehen wurden und während derselben kein Krieg geführt werden durfte. So ward es allen heidnischen Arabern möglich, nach Mekka zu pilgern, dessen Tempel allen heilig war, so verschieden auch, wie wir in der Folge sehen werden, ihre Religionsansichten sein mochten, und die große Messe von Okaz, einer Stadt in der Nähe von Mekka, zwischen Taïf und Nachla und einige andere Handelsplätze zu besuchen, ohne einen Ueberfall von feindlichen Stämmen befürchten zu müssen. Von diesen vier heiligen Monaten war der elfte (Dsu‘l Kaada) der Zusammenkunft in Okaz bestimmt 1), und der zwölfte den Wallfahrtsceremonien in Mekka, von denen Mohammed einen großen Theil beibehielt, weil sie die Sage an seine Stammväter Abraham und Ismael knüpft. 2). Nur der erste Monat des Jahres, der letzte der drei auf einander folgenden heiligen Monate ward zuweilen, wenn die Araber zu viele Fehden unter sich zu schlichten hatten, um das Schwert ein Vierteljahr lang in der Scheide zu lassen, nach Vollendung der Wallfahrtsfeierlichkeiten auf den folgenden verlegt, bis Mohammed sich dagegen erklärte. Er hob indessen später dieses ganze Gesetz auf, indem er den Krieg unter Muselmännern zu jeder Zeit verbot, den gegen Ungläubige aber fortwährend gestattete. Der vierte vereinzelte heilige Monat, mitten im Jahre, war ganz besonders dazu geeignet, jeden längern Krieg zu unterbrechen, und während des harmlosen Zusammentreffens einen dauernden Frieden vorzubereiten. Was die ebenfalls von
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1) So bei Fresnel (lettre sur l'hist. des Arabes) nach dem Kamus. Bei I. wird hingegen berichtet, daß die Pilger den Monat Schawwal in Okaz zubrachten, dann zwanzig Tage in Madjannat, in der Nähe von Mekka, von hier bezogen sie die Messe von Dsu'l Madjaz bei Arafa, wo sie bis zum Pilgerfeste blieben.
2) Dahin gehört das Steinwerfen, zum Andenken an Abraham, der damit Satan vertrieb, welcher ihn abhalten wollte, seinen Sohn zu opfern; das siebenmalige Hin- und Herlaufen von Safa nach Merwa, was Hagar gethan haben soll, als sie mit ihrem Sohne Ismael Hunger und Durst litt; ferner der Ausruf der Pilger: wir gehorchen deinem Befehle, o Gott! u. a. m.


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Mohammed abgeschaffte Versammlung zu Okaz betrifft, so bestand sie nicht allein aus Kaufleuten, welche die Erzeugnisse des Ostens und Südens gegen die des Westens und Nordens vertauschten, sondern auch aus ritterlichen Dichtern, und das waren sie Alle in jener Zeit, welche ihre Heldenthaten den vereinigten Stammhäuptern unter dem Vorsitze eines Dichterkönigs in Versen vortrugen. Dieser literarische Congreß zu Okaz unterhielt einen edlen Wetteifer an Tugend und Beredtsamkeit unter den verschiedenen Stämmen Arabiens, denn die Schilderung eigener Tugenden oder des Stammes, zu dem der Dichter gehörte, bildete den Hauptstoff der in Okaz vorgetragenen Gedichte 1). Man mußte daher groß und edel handeln, um sich seiner Thaten in schönen Versen rühmen und den Preis erlangen zu können, der darin bestand, daß das gekrönte Gedicht mit goldnen Verzierungen an den Tempel zu Mekka geheftet werden durfte. Freilich hatten die Wüstenbewohner Arabiens vor Mohammed ganz eigene Begriffe von Ehre und Tugend, welche indessen von denen unserer Ritter im Mittelalter nicht sehr verschieden waren. Tapferkeit im Kriege, Großmuth gegen den Besiegten, Freigebigkeit und Gastfreundschaft gegen Arme und Fremde, Nachsicht und Langmuth gegen Stammgenossen, Geduld und Ausdauer im Unglück, gewissenhafte Erfüllung des gegebenen Worts, das waren die Eigenschaften, welche dem Beduinen bei seinen Landesgenossen Achtung verschafften, wenn gleich Diebstahl, Raub, Mord und Ehebruch auf ihm lasteten; diese Verbrechen wurden ihm nicht nur verziehen, sondern er durfte sich ihrer sogar rühmen, wenn er sie nur nicht gegen Stammverwandte und Verbündete ausübte 2).
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1) Dieß beweisen am besten die sieben Muallakett, sowohl als das berühmte Gedicht Schanfaras, und die Aascha's und Nabigha's, welche von Einigen auch zu den Muallakat gezählt werden.
2) Für die drei ersten bedarf es keines Beweises, das ganze Leben der Beduinen war damit ausgefüllt, Raub- und Kriegszug waren bei ihnen, wie auch noch bei Mohammed ganz identisch. Seines Glücks als Ehebrecher rühmt sich Amrulkeis im 14. und 15. Verse seines Gedichts. (Vergl. Amrul Keisi Moallakah ed. Hengstenberg, Bonn 1823, S. 19).

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Das höchste Ansehen genoß aber derjenige, welcher nicht nur alle diese Tugenden besaß, sondern sie auch lebendig und klar in gereimten Versen darzustellen und gut vorzutragen verstand. Ein solcher Mann war im letzten Jahrhunderte vor der Hidjrah gewissermaßen der König seines Stammes und hatte durch sein Wort den größten Einfluß auf den Volksgeist. Aascha brauchte nur in wenigen Versen die Gastfreundschaft eines armen Beduinen zu preisen und es war hinreichend, um dessen acht Töchtern an einem Tage Männer zu verschaffen. Auch schenkten die Kureischiten diesem Dichter hundert Kameele, als sie vernommen hatten, er wolle sich zu Mohammed begeben, nur um ihn zu bewegen, seinen Uebergang zum Islamismus um ein Jahr zu verschieben 1). Der Dichter vor Mohammed war auch zugleich der Anwalt seines Stammes bei innern Streitigkeiten, deren Schlichtung dem Spruche eines Schiedsrichters anheimgestellt wurde. So ward nach dem schon erwähnten vierzigjährigen Kriege, als ein neuer Zwist zwischen den Stämmen Bekr und Taghlib ausbrach, ein König 2)
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1) So bei de Sacy nach dem Kitab Alaghani und bei Sujuti zum Mughni (s. meine poetische Literatur der Araber, S. 49). Nach S. fol. 75 sagte er, als er hörte, Mohammed verbiete den Genuß des Weines: Bei Gott, das Gemüth wird doch oft dadurch erheitert, darum gehe ich und labe mich noch ein Jahr daran, dann kehre ich wieder und werde Muselmann.
2) Dieser König war Amru den Hind, der im J. 564 den Thron bestieg. Harith durfte, weil er aussätzig war, sich dem Könige nicht nähern und mußte sein Gedicht von einem Andern vortragen lassen; da er aber mit dessen Vortrag nicht zufrieden war, sagte er: obschon ich sehr ungern vor einem Fürsten spreche, der sich hinter sieben Vorhänge vor mir zurück zieht, will ich es doch der guten Sache willen, thun. Er hatte aber kaum begonnen, als die Königin, welche ihn hörte, ausrief: ich habe nie einen so beredten Mann gehört. Der König ließ hierauf eine Scheidewand wegnehmen. Da aber die Bewunderung der Königin immer stieg, ließ ihn Amru immer näher treten, aß zuletzt mit ihm aus einer Schüssel und fand sein Gedicht so erhaben, daß er ihm sagte: er sollte es nie recitiren, ohne sich vorher zu waschen, (Tibrizi in den mém. de I'acad. T. 50, S. 386).

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von Hira als Schiedsrichter und die beiden Dichter Amru und Harith, Ersterer von den Taghlibiten und Letzterer von den Bekriten, als Vertheidiger ihrer Stämme gewählt. Auch die Wahrsager Arabiens (Kahin im sing.), welche nicht nur über die Zukunft, sondern auch über vergangene Dinge Auskunft ertheilten, und zuweilen bei Streitigkeiten als Orakel galten, waren meistens Dichter oder Dichterinnen, die aber, um ihren Gedanken keinen Zwang anzuthun, wie Mohammed selbst später, eine poetische gereimte Prosa an die Stelle des metrisch gebauten Verses setzten. Dem Orakelspruche eines Wahrsagers, der für Eingebung unsichtbarer Geister angesehen ward, zogen die Araber zuweilen eine Entscheidung durch das Loos vor, welches zu Mekka im Angesichte Hobals, des größten Götzen der Kaaba geworfen ward. Hobal selbst hielt sieben Pfeile in der Hand; zwei derselben enthielten die Antwort ja und nein, und wurden bei jeder beliebigen Frage gebraucht 1); zwei die Worte „von euch“ und „nicht von euch“, wenn Ungewißheit über den rechtmäßigen Vater oder Stamm eines Kindes herrschte; zwei mit der Inschrift: (es befindet sich) „darin“ und „nicht darin“, wenn man wissen wollte, ob in einer Gegend Wasser zu finden. Auf dem siebenten befand
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1) Bei Zweifeln über das Gelingen einer Reise wurde auch der Flug eines Vogels beobachtet; wendete er sich zur Rechten, so durfte man sie ohne Sorge unternehmen, wendete er sich aber zur Linken, so war ein Unglück zu befürchten. Wünschte ein Gatte sich auf längere Zeit in die Fremde zu begeben, und bei seiner Rückkehr zu erfahren, ob seine Gattin ihm während seiner Abwesenheit treu war, so flocht er die Zweige eines Baumes auf eine eigene Weise zusammen; fand er sie bei seiner Heimkehr noch in demselben Zustande, so war er ihrer Treue gewiß, im entgegengesetzten Falle war sie ihm verdächtig. (Vergl. Pocock specimen hist. Arab. ed. White, S. 311 u. ff.).

Leben Mohammeds.


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sich das Wort „Verstand“ und entschied bei getheilter Ansicht über irgend eine Frage zu Gunsten desjenigen, mit dessen Namen er herauskam 1). Den Götzen Hobal soll Amru ben Lohai, der Gründer des Fürstenhauses der Chuzaiten, dem überhaupt die Einführung des Götzendienstes in Arabien zugeschrieben wird, aus Mesopotamien gebracht haben. Uebrigens betrachteten die Araber vor Mohammed ihre Götzen, welche theils Menschen- oder Thiergestalt hatten, theils aus rohen, von dem Tempel zu Mekka herrührenden Steinen bestanden, nur als Götter zweiten Ranges, hörten aber dabei nicht auf, an ein höchstes Wesen zu glauben, welches vor Mohammed schon Allahu taala genannt ward. Die bedeutendsten der vielen Götzen, welche theils im Tempel zu Mekka und um denselben, theils in andern Kapellen Arabiens aufgestellt wurden, und die man entweder für die Wohnung unsichtbarer Götter, oder für selbst von einem göttlichen Geiste belebte Wesen hielt, waren: Allat, Uzza und Mana, alle drei weiblichen Geschlechts, zu denen später noch Isaf und Naïla kamen, welche der Sage nach zwei versteinerte Sünder waren, die man nach einigen Berichten erst unter Kußai auf den Hügeln Safa und Merwa als Götter verehrte. Allen diesen, wahrscheinlich aus Syrien eingeführten Götzen, von denen der Eine diesem, der Andere jenem Stamme heiliger war, wurde aber nicht von sämmtlichen Bewohnern Arabiens gehuldigt, denn es hielten sich von der frühesten Zeit her viele Juden und Christen in diesem Lande auf, auch waren viele Urbewohner Arabiens Verehrer der Sonne, des Mondes und anderer Himmelskörper, während manche sich mehr zur Religion der Magier hinneigten, von der sich noch in den zum Theil von Mohammed sanctionirten Wallfahrtsceremonien, selbst nach der Deutung muselmännischer Interpretatoren , unverläugbare
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1) So bei I. Nach Pocock (a. a. O. S. 316) enthielten die Pfeile nur drei Antworten: Gott befiehlt es, Gott verbietet es, und unbestimmt.


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Spuren finden 1). Der Glaube an Unsterblichkeit der Seele scheint zwar bei den heidnischen Arabern keine tiefe Wurzel gefaßt zu haben, doch konnte er ihnen, nach den Einwanderungen der Juden und Christen, nicht mehr fremd sein und mußte wohl, wie dieß auch namentlich von Abd Al Muttalib 2) berichtet wird, bei manchen schon vor Mohammeds Sendung Eingang gefunden haben. Bei einigen Stämmen war es sogar Sitte, daß wenn jemand starb, man eines seiner Kameele auf seinem Grabe verhungern ließ, weil sie glaubten, daß es dann am Auferstehungstage wieder mit seinem Herrn zum Leben zurückkehren und ihm als Reitthier dienen würde. Ein anderer Volksglaube der Beduinen, der nämlich, daß aus dem Gehirne eines Erschlagenen sich ein Vogel bilde, welcher nach dem Blute des Mörders schreit, läßt auch wohl vermuthen, daß sie mit der Idee einer gewissen Seelenwanderung vertraut waren. Menschenopfer kamen vor Mohammed in Arabien entweder gar nicht oder doch höchst selten vor, doch mußten sie, wie dieß aus der schon erwähnten Erzählung von Mohammeds Großvater hervorgeht, als der höchste Beweis von Verehrung gegen die Götter und als ein Mittel ihre Huld zu erlangen, angesehen werden. Nicht so selten, obgleich von den Bessern ebenfalls getadelt, ward der Töchtermord, und zwar
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1) Dahin gehört besonders das schon erwähnte Steinigen des Satans.
2) Die Stelle bei I., nach Ibn Djuzi, lautet: „Abd Al Muttalib pflegte oft zu sagen: ein Uebelthäter geht nie unbestraft aus der Welt. Einst starb aber ein großer Bösewicht, dem vor seinem Tode gar nichts Schlimmes widerfahren war. Da sagte er: bei Gott! nach dieser Welt ist noch eine andere, wo der Gute belohnt und der Böse bestraft wird. Auch erkannte er in seinen letzten Jahren die Einheit Gottes an und lehrte Manches, was nachher durch den Koran zum Gesetze ward. Unter Anderm gebot er, daß man sein Gelübde halte und einem Diebe die Hand abschneide, auch verbot er den Wein, den Töchtermord, die Blutschande und die Buhlerei.“


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nicht um den Göttern ein Opfer zu bringen, sondern um sich selbst vor Armuth oder Schande zu bewahren geübt 1).

Manches ließe sich noch über die Zustände der Araber vor Mohammed hinzusetzen, doch genüge zum Schlüsse der Einleitung die allgemeine Bemerkung: daß Arabien im sechsten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung in religiöser und sittlicher sowohl, als in politischer Beziehung, tief gesunken und vielfach zersplittert war; daß es eben so sehr eines Propheten bedurfte mit einem reinern Glauben, zu dem sich das ganze Land bekennen, und mit einem Gesetze, das die rohe Gewalt verdrängen sollte, als eines Staatsmannes und Feldherrn, der dessen zersplitterte Kräfte zu vereinigen, und dessen kriegerischen Geist nach Außen zu lenken verstand. Nur dann begreifen wir, wie es einem Manne gelang, eine Religion zu gründen, zu der sich noch bei seinem Leben fast ganz Arabien bekannte, und ein Reich, das bald nach ihm an Macht und Ausdehnung dem römischen Weltreiche gleich kam. Dieser Mann war Mohammed.
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1) Letztere mochte ihnen wohl nicht selten zu Theil geworden sein, denn wie weit die Unsittlichkeit damals in Arabien gekommen war, beweist schon der Umstand, daß der älteste Sohn die hinterlassenen Frauen seines Vaters wie sein anderes Gut erbte (eine solche Blutschande beging Kinanab, einer der Ahnen Mohammeds), und daß die öffentlichen Häuser nicht nur geduldet, sondern sogar mit eigenen Fahnen als Kennzeichen versehen waren. Andere Mädchen wurden zuweilen von mehreren Männern zugleich unterhalten, und wenn sie ein Kind gebaren, ließen sie alle Männer kommen und wählten einen derselben als Vater. Amru, der Eroberer Egyptens, ist der Sohn eines solchen Mädchens, das außer Aaß, den es als Vater bezeichnete, noch Abu Sosian, Abu Lahab und Ommejja Ibn Challaf besucht hatten. I.


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Erstes Hauptstück.
Mohammeds Geburt und Erziehung. Tod seiner Eltern. Sein Großvater und sein Oheim. Reisen nach Syrien und Südarabien. Erster Feldzug mit seinem Oheim. Hirtenleben. Handelsreise für Chadidja. Vermählung mit derselben.

Mohammed, besser Muhammad (der Vielgepriesene), geboren im April 1) des Jahres fünfhundert ein und siebenzig nach Chr. war der Sohn des zum Opfer bestimmten Abd Allah, zehnter oder elfter Sohn Abdalmuttalibs, und Amina's 2), Tochter Wahbs 3), aus dem Geschlechte Zuhra, dessen Stammherr
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1) Dieses Datum nimmt auch de Sacy in den mem. de l'acad T. 48, p. 530 an. Den Tag wollte ich nicht näher bestimmen, da selbst die Muselmänner darüber nicht einig sind. Nach Abulfeda wäre Mohammed am 20. geboren, nach Ibn Hischam (S. fol. 18) den 12. Rabial-Awwal, also den 22. H. v. H. nimmt das Jahr 569 als das Geburtsjahr Mohammeds an und schreibt (S. 22): „S. de Sacy gibt den 20. April 771 als den Geburtstag Mohammeds an, was aber nicht sein kann, wenn Mohammed, der im Jahr 632 gestorben, 63 Jahre alt war, wie alle Biographen versichern.“ H. v. H. hätte aber bedenken sollen, daß wenn die Araber Mohammeds Lebensdauer bestimmten, sie dieß nach arabischen Jahren, d. h. nach Mondjahren thaten, von denen sich 63 ohngefähr auf 61 Sonnenjahre reduciren. (Vergl. Ideler, Handb. der mathematischen und technischen Chronologie, II. S. 499). S. auch Anm. 13.
2) Nach dem Kamus wie Sâhiba, also nicht Emine, wie bei H. v. H. (S. 21), selbst wenn man, nach türkischer Aussprache, das kurze fatha durch e wiedergeben wollte. Die Eigennamen sind fast durchgängig bei H. v. H. so unrichtig geschrieben, daß ich ihn in Betreff derselben gar nicht mehr citiren werde. So z. B. gleich in den nächsten Seiten: Abd Al Motallib für Abd Al Mottalib, Wehib (Aminas Vater und Oheim) für Wahb und Wuheib, Hadjim (der Hügel bei Mekka) für Hadjun, Kabis (der Berg bei Mekka) für Kubeis, Koßa für Kußai, Homeir für Himjar, Irwe für Urwa, Naaman für Nu'man etc. e.tc.
3) Ob Wahb noch lebte und Abd Al Muttalib bei ihm um Amina warb, oder nach dessen Tod bei ihrem Oheim Wuheib, darüber weichen die Nachrichten von einander ab, gewiß ist aber, daß Abd Menaf, Wahbs Vater nicht wie bei H. v. H. (S. 21) mit Abd Menaf, dem Großvater Abd Al Muttalibs verwechselt werden darf, denn nach allen Berichten war erst Kilab der Vereinigungspunkt von Mohammeds und Aminas Ahnen. Abd Menaf, der Vater Wahbs und Wuheibs, war der Sohn Zuhra's, Sohn Kilabs, während Abd Menaf, der Großvater Abd Al Muttalibs, ein Sohn Kußais war (I. und Ch. S. fol. 16 und Abulfeda ed. N. p. 2).


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Kilab, Kußais Vater war. Von seinen Eltern wissen wir sehr wenig; Abdallah wird als ein ausgezeichnet schöner und Amina als eine höchst tugendhafte Frau gepriesen. Von beiden sind zwar einige Gedichte erhalten, welche, wenn sie wirklich von ihnen wären, was aber sehr bezweifelt werden muß 4), auf einen gewissen Grad von Bildung hindeuten würden. Abdallah konnte indessen auf Mahommed gar keinen Einfluß ausüben, denn er starb schon zwei Monate nach dessen Geburt, oder gar zwei Monate vor derselben auf einer Reise nach Medina, wo er auch begraben ward. Er hinterließ ein Haus, eine abyssinische Sklavin, fünf Kameele, einige Schafe und nach einigen Berichten auch einen Sklaven 5). Trotz der
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4) Die Abd Allah's bei I. und Ch., in denen er die Anträge einer Wahrsagerin zurückweist, die ihm hundert Kameele für seine Umarmung anbot, weil sie wußte, daß er der Vater eines Propheten sein würde, sind gewiß ein späteres Machwerk, eben so die Aminas, in welchen sie Mohammed in ihrer Todesstunde als Propheten anredet. Zweifelhaft sind einige Verse, in denen Abd Allah den Adel seines Geschlechts preist und den Ruhm seines Vaters, so wie die, welche Amina bei Abd Allah's Tode gedichtet haben soll. Bekanntlich werden bei den muselmännischen Historikern schon Adam arabische Verse untergeschoben, man darf daher nie zu viel darauf bauen.
5) Abulfeda und nach ihm alle Europäer sprechen nur von fünf Kameelen und einer Sklavin; aber I. und Ch. erwähnen auch eine Heerde Schafe, ersterer Kilat Ghanam und letzterer Katiat Ghanam, eben so das Haus, in welchem Mohammed geboren ward , und das er bei seiner Auswanderung seinem Vetter Akil schenkte. Harun Arraschids Mutter, oder nach einigen seine Gemahlin Zubeida, ließ, als sie nach Mekka pilgerte, eine Moschee daraus bauen. Nur über den Sklaven, welcher Schukran hieß, und dem er nach dem Treffen von Bedr die Freiheit schenkte, sind die Meinungen getheilt, da Einige behaupten, er habe ihn nicht geerbt, sondern erst später von Abd Arrahman gekauft oder als Geschenk erhalten.


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vielen Wunder 6), mit welchen die Legende Mohammeds Geburt überschüttet, konnte daher Amina nur mit Mühe für ihr
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6) Was diese Wunder angeht, so werden sie zum Theil selbst von Muselmännern allegorisch gedeutet. Dahin gehört, daß Cosroes Palast sich spaltete, und vierzehn Zinnen herunterstürzten (nicht „stehen blieben“, wie bei H. v. H.), daß das heilige Feuer der Perser erlosch, die Götzen in den Tempeln zu Boden stürzten, die bösen Geister aus der Nähe des Himmels vertrieben wurden, wo sie die Engel belauschten, um den Wahrsagern von den göttlichen Geheimnissen Kunde zu bringen. Zwar wäre, da die Zahl vierzehn auf die noch folgenden persischen Regenten sich bezieht, allerdings die Deutung natürlicher, wenn so viele stehen geblieben wären, aber alle Quellen berichten das Gegentheil. Uebrigens nennt uns die Geschichte nach Cosroes I. nur noch neun, und wenn wir den Usurpator Bahram mitrechnen, zehn Könige und zwei Königinnen der Sassaniden. Ich übergehe einige andere Wunder, wie das Austrocknen des Sees von Sawa, die Ueberschwemmung der Wüste von Samawa, so wie auch Cosroes Traum und dessen Deutung durch Satih, worüber man das Weitere bei Gagnier und Abulfeda nachlesen kann, und theile lieber aus Ch. Einiges von dem mit, was Amina erzählt haben soll: Als meine Geburtszeit herannahte, besuchten mich Asia, die Gemahlin Pharaons und Mariam, die Schwester Moses mit einigen Huris, und reichten mir einen Trank, welcher wie Milch aussah und süßer war als Honig; alsbald öffnete Gott meine Augen, und ich sah drei Fahnen aufgepflanzt, die eine im äußersten Osten der Erde, die andere im Westen und die dritte auf der Kaaba. Sobald aber Mohammed zur Welt kam, verbreitete sich ein Licht über die ganze Erde, daß ich die Schlösser von Damaskus hell beleuchtet sah, dann ließ sich eine weiße Wolke herab, welche Mohammed umhüllte und eine Stimme rief: machet mit Mohammed den Kreis um die Welt und stellt ihn allen Engeln, Genien, Menschen und Thieren vor! Gebet ihm Adams Gestalt, Seths Wissenschaft, Noahs Tapferkeit, Abrahams Liebe (Gottes zu ihm), Ismaels Zunge, Isaks Wohlgefallen, Salechs Beredtsamkeit , Lots Weisheit, Jakobs Fröhlichkeit (bei Josephs Wiederfinden), Moses' Kraft, Hiobs Geduld, Jonas Unterwürfigkeit, Josuas Kriegskunst, Davids Stimme, Daniels Liebe (zu Gott) , Ilias' (einer der Ahnen Mohammeds) Ehrwürde, Johannes' Festigkeit und Jesus' Enthaltsamkeit. Die Wolke zog sich dann wieder zurück und ich erblickte drei Männer, von denen der eine eine silberne Kanne, der andere ein smaragdenes Waschbecken und der dritte ein weißes seidenes Tuch in der Hand hielt, in welches ein Siegel eingewickelt war. Sie wuschen ihn siebenmal, dann drückten sie ihm das Siegel des Prophetenthums auf den Rücken und hüllten ihn in das Tuch, das sie mitgebracht hatten u. s. w.

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vaterloses, im Verhältnisse zu den reichen Kaufmannssöhnen Mekkas unbemitteltes Kind, eine Amme finden 7). Erst als alle andere Kinder vergriffen waren, entschloß sich Halima, eine Frau aus dem Stamme Saad, welche mit vielen anderen Beduininnen nach Mekka gekommen war, um einen Säugling zu suchen, lieber Mohammed anzunehmen, als leer nach Hause zurückzukehren. Mohammed war indessen schon mehrere Monate alt, als er Halima übergeben wurde, denn die Ammen vom Lande pflegten nur zweimal im Jahre, im Frühling und im Herbste nach Mekka zu kommen. Vor Halima stillte ihn
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7) Die Mekkanerinnen , heißt es bei Ch., gaben ihre Kinder aufs Land, nicht nur um mehr Kinder bekommen zu können und sich besser zu conserviren, sondern weil sie sie dadurch vor manchen Krankheiten bewahrten, und glaubten, daß eine gesunde Landluft viel zur Entwicklung des Rednertalents beitrage. Mohammed sagte auch einst (S. fol. 21): Ich bin der beredteste von euch, denn ich bin als Kureischite geboren und bei den Beni Saad erzogen worden. Nach Burckhardt lassen die vornehmen Mekkanerinnen noch jetzt ihre Kinder auf dem Lande unter dem Zelte irgend eines Beduinen bis zu einem Alter von acht oder zehn Jahren.


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zuerst seine Mutter, dann Thuweiba, eine Sklavin seines Oheims Abu Lahab 8). Halimas Verhältnisse hatten sich — vielleicht durch die Geschenke, die sie von Mohammeds Familie erhielt — so sehr gebessert, daß sie, als Mohammed das zweite Jahr zurückgelegt hatte, und schon entwöhnt war, seine Mutter bat, ihn ihr noch zu lassen bis er stärker geworden. Amina, welche für ihr Kind die schlechte Luft und die Krankheiten Mekkas fürchtete, gab gerne ihre Einwilligung dazu. Nach einigen Monaten 9) indessen, als er krampfhafte Anfälle hatte,
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8) Seine Mutter soll ihn drei Tage, dann Thuweiba vier Monate gestillt haben, nach andern Thuweiba sieben Monate und seine Mutter einige Tage. Ist Abd Allah zwei Monate nach Mohammeds Geburt gestorben, so muß Mohammed, der im April geboren, wenigstens vier Monate in Mekka gestillt worden sein; denn nach allen Berichten war er Waise, als Halima ihn zu sich nahm, und diese kam doch mit den andern Beduininnen entweder im Frühling oder im Herbste. H. v. H. nemit (S. 25) die Sklavin Barakat (Baraka) als die erste Amme Mohammeds, aber sowohl bei Ch. als bei I. wird diese Tradition eine schwache genannt, die ein Europäer um so weniger hätte aufnehmen sollen, als Barakat damals noch unverheiratet war, und selbst nach I. nur durch ein göttliches Wunder hätte Mohammed stillen können. Wahrscheinlich, so wird bei I. und Ch. bemerkt, ward Barakat, welche nach Amina's Tod Mohammeds Pflegemutter war, hâdhina genannt, und da dieses Wort zuweilen auch Amme bedeutet, wurde sie fälschlich auch zu dessen Ammen gerechnet.
9) So ausdrücklich bei S. fol. 20 (ba'd makdamina bihi biaschhurin) nicht wie bei H. v. H. (S. 27). „Bis zum vollendeten dritten Jahre blieb Mohammed in den Händen Halima's unter den Beni Saad.“ Wie hätte Amina sich wundern können, daß er sobald zurückgebracht wird, wenn ihn Halima noch ein volles Jahr behalten hätte? Daß sie das erstemal nach zwei Jahren mit ihm zu seiner Mutter reiste, liest man ebenfalls bei S. a. a. O. Auch sind zwei Jahre die noch jetzt bei den Muselmännern festgesetzte Frist zum Entwöhnen der Kinder (S. Lane modern Egyptians, I, 59). Nur eine Tradition, die aber I. schon verwirft, gibt Mohammed, aIs ihn Halima zum zweitenmale seiner Mutter zurückbrachte, ein Alter von vier oder sechs Jahren.


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welche Halima bösen Geistern zuschrieb, reiste sie wieder mit ihm nach Mekka zurück. Am Thore verlor sie ihn aber, während sie ein Geschäft verrichtete, und erst nach langem Suchen, fand ihn Abd Almuttalib unter einem Baume in dem obern Theile der Stadt wieder 10). Amina war erstaunt, als Halima ihr sobald ihren Sohn zurückbrachte, nachdem sie doch gebeten hatte, ihn noch länger behalten zu dürfen; sie drang so lange in Halima, bis sie ihr den wahren Grund angab, den sie jedoch als zärtliche Mutter nicht gelten lassen konnte 11).
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10) Ch. u. S. fol. 21.
11) Dieser Vorfall erzeugte das Mährchen, nach welchem zwei Engel Mohammeds Brust spalteten, das schwarze Korn der Lust herauszogen und sie mit dem prophetischen Lichte füllten. Ein Mährchen, das mit der 94. Sura in Zusammenhang gebracht wird, die aber recht gut bildlich gedeutet werden kann. Manche Traditionen lassen ihm auch bei dieser Gelegenheit das Siegel des Prophetenthums aufdrücken, so daß man vermuthen könnte, es sei ihm von den Verletzungen, die er bei einem Anfalle erhielt, ein Mal auf dem Rücken geblieben. Das Wort „Ußiba,“ welches bei Abulfeda und S. (fol. 20) vorkommt, bedeutet überhaupt: von einem Unglück getroffen, tödtlich verletzt werden, wird aber besonders auch von epileptischen Anfällen gebraucht, von denen Mohammed, wie wir dieß aus arabischen Quellen bewiesen haben (S. journal asiat. Juillet 1842) heimgesucht war. Da Halima sein Uebel den Teufeln zuschreibt, und ihr Gatte bei S. a. a. O, sagt: ich fürchte, dieser Junge „Ußiba,“ bringe ihn seinen Leuten, ehe dieß merkbar wird, so zweifle ich nicht, daß hier von krampfhaften Anfällen die Rede ist. Gagnier läßt ihn (S. 91) fälschlich an einem hypochondrischen Uebel leiden und Noel des Vergers (S. 8) gar närrisch (atteint de folie) werden. (S. auch meine Anmerk. zu Mohammeds erster Offenbarung). Außer obigem Mährchen werden noch folgende Wunder auf Halimas Autorität erzählt:
1) Ihr Maulesel, welcher auf ihrer ersten Reise nach Mekka kaum die Kraft zum Gehen hatte, sprang beim Heimgehen, als Mohammed darauf ritt, mit einer solchen Schnelligkeit, daß alle andere Ammen, welche Halima begleiteten, nicht glauben konnten, daß es derselbe Maulesel sei, bis er ausrief: o ihr Frauen aus dem Stamme Saad! erwachet aus eurer Unwissenheit! Gott hat mich wieder belebt und mir neue Kraft gegeben, denn auf meinem Rücken befindet sich der Beste aller Propheten, der Herr aller Gesandten, der Vorzüglichste aller Vorangegangenen und Folgenden, der Liebling des Herrn der Welt.
2) So oft Schafe an Mohammed vorübergingen, verbeugten sie sich vor ihm.
3) Wenn er in der Wiege lag und dem Monde zuwinkte, neigte er sich zu ihm herunter.
4) Schon im 3. Jahre pflegte er den Knaben, die ihn zum Spiele aufforderten, zu sagen: Wir sind nicht dazu geschaffen.
5) Zu drei Monaten konnte er stehen, zu vier an der Wand und zu fünf schon frei, zu sechs ganz schnell und zu sieben schon auf der Straße laufen. Zu acht Monaten konnte er sich schon verständlich machen, zu neun mit vieler Leichtigkeit vollkommen richtig sprechen und zu zehn mit den Knaben Pfeile schleudern. Nach Andern rief er schon, als er zum erstenmale gestillt ward, aus: Gott ist der höchste, gepriesen sei er des Morgens und des Abends, es gibt nur einen Gott, heilig! heilig! Menschenaugen schlafen, er aber schläft und schlummert nicht. Das Sprechen gleich nach der Geburt hatte er mit Jesu und einigen anderen gemein, welche nach muselmännischer Tradition ebenfalls bald nach ihrer Geburt redeten. Jesu soll nach einigen sogar schon im Mutterleibe gesprochen haben. Als nämlich Joseph Marias Schwangerschaft erfuhr und sie fragte: Bringt denn die Erde Gewächse hervor, wenn sie nicht besäet worden? da soll er ihm zugerufen haben: geh und bete zu Gott, daß er dir den Verdacht verzeihe, der in dein Herz Eingang gefunden.

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Mohammed blieb nun bei seiner Mutter bis zu seinem sechsten Jahre. Da reiste sie mit ihm nach Medina, um seine Verwandten, die Beni Adijj, daselbst zu besuchen, aus deren Geschlechte Abd Al Muttalibs Mutter war. Auf ihrer Heimreise starb sie in Abwa 12), einem Orte, der etwas näher
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12) So bei I. und Ch. Auch Abulfeda (S. 11) und S. (fol. 21). Ueber ihren Begräbnißplatz sind die Nachrichten von einander abweichend, da einige auch Abwa nennen, andere den Hügel Hadjun bei Mekka. H. v. H. läßt sie (S. 27) in Medina sterben und am Hügel Hadjun (bei ihm Hadschim) begraben werden. Ersteres gegen alle Quellen, und letzteres im Widerspruche mit sich selbst; denn S. 123 liest man bei ihm: „Als sie (die Kureischiten) zu Abwa vorbeizogen, wollte Hind, die Gemahlin Ebi Sosians, die Tochter des in der Schlacht von Bedr von Hamsa erschlagenen Otbe, eines der rachsüchtigsten und blutdürstigsten Weiber, deren die Geschichte des Islams erwähnt, die Gebeine der Mutter Mohammeds aus dem Grabe aufwühlen u. s. w.“


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gegen Medina als gegen Mekka liegt. Die Sklavin Barakat pflegte ihn dann als Mutter, und brachte ihn seinem Großvater, Abd Al Muttalib, der ihn als Sohn zu sich nahm, und bald darauf wegen einer Augenkrankheit, die man in Mekka nicht heilen konnte, mit ihm zu einem Mönche reiste, der in der Nähe von Okaz wohnte und ihn von seinem Uebel heilte.

Als nach zwei Jahren auch sein Großvater Abd Al Muttalib in einem Alter von wenigstens zweiundachtzig Jahren 13) starb , nahm ihn sein Oheim Abu Talib zu sich 14). Diesen begleitete Mohammed auf einer Handelsreise nach Boßra, in einem Alter von zwölf, nach einigen aber schon von neun

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13) Abd Al Muttalibs Todesjahr wird von den Arabern in das des Cosroes Nuschirwan gesetzt. Dieß erwähnt auch H. v. H. S. 29; eben so daß Mohammed damals im achten Lebensjahre war. Da nun Nuschirwan bekanntlich im Jahr 579 starb (S. Rühs Handb. der Geschichte des Mittelalters, S. 136. Schlossers Weltgesch. II. 1, S. 195), muß doch Mohammeds Geburtsjahr nothwendigerweise in das Jahr 571, und nicht wie von H. v. H. in das Jahr 569 gesetzt werden.
14) Nach einigen Berichten bei I. und Ch. übernahm sein Oheim Zubeir einige Zeit die Vormundschaft; andere nennen diesen gemeinschaftlich mit Abu Talib seinen Pflegevater. Letzteres ist um so unwahrscheinlicher, da bald darauf berichtet wird: „Als Abu Talib nach Syrien reiste, wollte er Mohammed in Mekka lassen. Dieser hielt aber das Kameel an und sagte: wer soll sich in deiner Abwesenheit meiner annehmen?“


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Jahren. In der Nähe dieser Stadt wurde die Karawane, unter welcher sich Abu Talib und Mohammed befanden, von einem christlichen Mönche bewirthet, den einige Bahira 15), andere Serdjis oder Djerdjis (Georgius) nennen. Dieser fand so viel Wohlgefallen an Mohammed, und entdeckte so große Geistesgaben an ihm, daß er Abu Talib empfahl, ihn wohl in Acht zu nehmen, und ihm prophezeite, daß er zu einem ausgezeichneten Manne heranwachsen würde 16).

In seinem sechzehnten Lebensjahre begleitete Mohammed seinen Oheim Zubeir auf einer Handelsreise nach Südarabien,
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15) Bahira soll nach dem Sirat Al Zuhra bei Ch. früher Jude gewesen sein, dieß erklärt seinen doppelten Namen. Er hieß wahrscheinlich als Jude Bahir (XXXX oder YYYY), und nahm dann bei der Taufe den Namen Georgius an, den die Araber in Serdjis oder Djerdjis verwandelten. Dem sei, wie ihm wolle, so kommt in allen Quellen hier nur ein Mönch vor, über dessen Name und Wohnort — da einige die Stadt Boßra selbst als solchen bezeichnen (Abuls. S. 12, Sir. f. 22) , andere (bei Ch. und I.) ein Dorf, sechs Meilen von der Stadt entfernt — die Meinungen getheilt sind. Nur H. v. H. läßt (S. 30) die Karawane von den Mönchen Sergius und Bahira bewirthen. Als Grund der Einladung erzählt die Legende, Bahira habe Mohammed, sobald er in die Nähe seines Klosters kam, als einen zukünftigen Propheten erkannt, weil eine Wolke über seinem Haupte schwebte, die ihn überall beschatte, auch die Zweige der Bäume, unter denen er sich niederließ, sich zu ihm hinneigten, oder nach einer andern Leseart (tahassarat oder Achdhalat) zu grünen anfingen, u. dergl. m.
16) Nach Abulfeda, S. und andern warnte er ihn besonders vor den Juden. Aehnliche Warnungen kommen schon früher vor, sowohl bei seiner Geburt, als während seines Aufenthaltes bei Halima und seinem Großvater. Die Legende läßt ihn überall von Juden verfolgen, die seine Sendung aus ihren heiligen Büchern gewußt haben sollen, theils wegen der Kriege, die er später gegen sie zu führen hatte, theils weil ein vergifteter Braten, den ihm eine Jüdin gereicht, seinen Tod beschleunigt.


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und als er sein zwanzigstes Jahr 17) zurückgelegt hatte, wohnte er mit demselben Oheime und mit Abbas einem Kriege bei, welchen die mit den Beni Kinanah verbündeten Kureischiten gegen den Stamm Hawazin führten. Manche Biographen lassen ihn selbst mitkämpfen, oder wenigstens Pfeile gegen den Feind schleudern, nach andern aber reichte er nur seinen Oheimen Pfeile, und beschirmte sie gegen die des Feindes. Da dieser Krieg, oder wenigstens die erste feindselige Handlung, in einen heiligen Monat fiel 18), ward er der Lasterhafte genannt. Folgendes war die Veranlassung dazu: Nu'man, der Sohn Mundsirs, Statthalter von Hira, schickte eine Ladung Weihrauch und Getreide auf die Messe von Okaz, und vertraute sie dem Schutze Urwa's, ein Mann aus dem Stamme Hawazin, an. Barradh, ein Mann aus dem Stamme der Beni Kinanah, welcher zugegen war, als Nu'man seine Waaren
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17) Einige nehmen das fünfzehnte Lebensjahr an, die meisten aber das vierzehnte oder zwanzigste (I. Ch. S. fol. 23). Ich kann nicht anstehen, letzterer Meinung zu folgen, welche auch die Ibn Ishaks ist, da, wie wir gleich sehen werden, dieser Krieg unter der Regierung Nu'mans stattfand, welcher erst 588 den Thron bestieg. H. v. H. setzt (S. 31) gegen alle Quellen, diesen Krieg in Mohammeds siebenzehntes Lebensjahr.
18) I. behauptet, der Krieg selbst könne nicht in den heiligen Monaten stattgefunden haben, denn nach den meisten Berichten verfolgten die Hawazin die Beni Kinanah, als ihnen Kunde von dieser Mordthat zukam, bis an das heilige Gebiet, in der Nähe von Mekka; hier hielten sie aber ein, weil auf diesem Gebiete kein Blut vergossen werden durfte. Wären daher die heiligen Monate nicht zu Ende gewesen, so hätten sie ja, wenn sie sich doch an das Gesetz hielten, nicht wieder ein Paar Tage nachher Krieg führen dürfen. Gegen diese Beweisführung läßt sich zwar einwenden, daß entweder die Hawazin die Entweihung des mekkanischen Gebiets für eine größere Sünde hielten, als die in den heiligen Monaten Krieg zu führen, oder daß sie nicht aus Frömmigkeit, sondern aus einem andern Grunde, wahrscheinlich weil sie die Kureischiten fürchteten, den Feind nicht weiter verfolgten.


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Urwa übergab, und ihm dabei bemerkte, daß er namentlich die Beduinen der Provinzen Nedjd und Tehama fürchte, sagte zu diesem: wärest du auch wohl im Stande, sie gegen die Beni Kinanah zu schützen? Urwa antwortete : gegen die ganze Welt. Barradh machte sich sogleich auf den Weg, und überfiel Urwa in einem Augenblicke, als er in der Trunkenheit eingeschlafen war und tödtete ihn 19). Sobald die Nachricht von diesem Morde zu den Beni Hawazin gelangte, bekriegten sie die Beni Kinanah und verfolgten sie bis in die Nähe von Mekka. Die Kureischiten, an deren Spitze damals Harb, der Sohn Ommejjas, stand, nahmen sich ihrer Verwandten, der Beni Kinanah an. Nach einigen Gefechten, in welchen bald diese, bald jene die Oberhand behielten, ward der Friede durch ein von den Beni Kinanah entrichtetes Lösegeld wieder hergestellt. Unmittelbar nach Beendigung dieses Krieges, als ein anderer Mekkaner einem Kaufmanne aus Zebid das ihm schuldige Geld vorenthielt, und dieser vom Berge Kubeis aus nach Hülfe rief, verbanden sich die edelsten Mekkaner, welche nicht
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19) Die Veranlassung zu diesem Kriege habe ich wörtlich nach Ch. und I. erzählt. Bei H. v. H. (a. a. O.) liest man: „Der Anlaß war folgender: Der persische Statthalter zu Hira, Naaman B. Monser, der alljährlich Waaren auf den Markt von Okaz sandte, um sie dort für Safran von Taïf umzusetzen, vertraute die Karawane immer der Hut eines arabischen Stammes, diesmal dem Irwe aus dem Stamme der Beni Hewasin, zum Aerger des Beradh, aus dem Stamme der Beni Kenane, welcher der Sicherheit, so die Beni Kenane gewähren könnten, spottete, die Karawane am Flusse Surchab überfiel und ihn tödtete.“ Dieser Krieg ist der vierte lasterhafte; ich übergehe die drei vorhergegangenen, da doch Mohammed keinen Antheil daran nahm, und bemerke nur, daß H. v. H. S. 30 den zweiten dieser Kriege mit einem der in Medina zwischen Juden und Muselmännern, aus einer ähnlichen Veranlassung entstand, verwechselt; denn nur dort war der muthwillige Bube ein Jude, hier aber nach I. und Ch, ein Mann aus dem Stamme Kinanah, der nichts mit den Juden gemein hatte.


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dulden wollten, daß die Unverletzlichkeit ihrer Stadt Gewalttätern zu Nutzen komme, und schwuren bei Gott, mit vereinten Kräften jedem Unterdrückten gegen den Uebermuth der Gewaltigen beizustehen. Dieser Versammlung 20), an deren Spitze Zubeir stand, wohnte auch Mohammed bei; er freute sich dessen noch in seinen spätern Jahren, und erklärte sich noch immer bereit, gegen jeden Gewaltthäter in Mekka das Schwert
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20) Sie ward in dem Hause des wegen seiner Freigebigkeit und seiner unermeßlichen Reichthümer berühmten Abd Allah ben Djudsan (so bei I. und Ch. im Kamus Abd Arrahman ben Djudan) einem Vetter Aïschas, der spätern Gemahlin Mohammeds, gehalten. Dieser Abd Allah soll in seiner Jugend ein so lockeres Leben geführt haben, daß er von seiner Familie und seinem ganzen Stamme verstoßen ward. Einst irrte er, das Leben verwünschend, im Gebirge umher, als er in einer Höhle ungeheure Schätze entdeckte, welche eine Schlange bewachte; da er aber den Tod nicht fürchtete, ging er auf sie zu, und fand, daß sie aus Gold war und diamantene Augen hatte, so daß sie wie eine natürliche Schlange aussah. Bei den vielen Kostbarkeiten fand er auch eine marmorne Tafel mit der Inschrift : „Ich bin Nuphaila, Sohn Djorhams, Sohn Kahtans, Sohn des Propheten Hud; ich habe mein ganzes Leben hindurch Reichthümer gesammelt, sie konnten mich aber nicht vom Tode retten.“ Im Besitze dieser Schätze ward es ihm um so leichter, sich mit den Seinigen zu versöhnen, als er auch von nun an einen tugendhaften Lebenswandel führte, und sie zu edlen Zwecken gebrauchte. Die Schüssel mit Speisen und Getränken, welche vor seiner Thüre stand, war so groß, daß sie Mohammed auf dem Feldzuge von Bedr Schutz gegen die Sonnenhitze gewährte, und daß ein Mann auf seinem Kameele ohne abzusteigen, daraus essen konnte. Auch soll Aïscha einst ihren Gatten gefragt haben: Wird wohl Abd Allah, der so viele Arme gespeist, so viele Gäste bewirthet und so viel Edles vollbracht, am Auferstehungstage dafür belohnt werden? worauf Mohammed antwortete: Das Alles wird ihm nichts nützen, denn er hat nie ausgerufen: Gott verzeihe mir meine Sünden am Gerichtstage!“ Mit andern Worten: er war kein Muselmann.


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zu ergreifen, wenn ein Unterdrückter ihn als Bundesgenossen 21) dazu aufforderte 22).

Wir hören nun nichts mehr über Mohammed bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre, wenn nicht, daß er einige Zeit als Hirt in der Nähe von Mekka lebte, und vom Lohne, den er als solcher von den Mekkanern erhielt, sich seinen Lebensunterhalt verschaffte 23), und daß er später in Gemeinschaft mit
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21) Der Bund, der hier geschlossen ward, heißt Hilf Alfudhûl. Ueber die Bedeutung von fudhûl sind die Meinungen verschieden, entweder es heißt: der Bund gegen die Gewaltthat, oder ähnlich dem, welchen drei Manner, mit Namen Fadhl, schon früher gestiftet hatten, oder weil die Stifter das Uebrige ihres Vermögens den Gästen opferten, oder weil unter ihnen selbst drei thätige Männer Fadhl hießen, oder endlich wäre den Verbündeten dieser Name von denen, die keinen Antheil daran genommen, gegeben worden, indem sie gleichsam sagten : die Leute mischen sich in Dinge, die sie nichts angehen.
22) I. bemerkt, daß zwar ein solcher Aufruf im Islam verboten (weil natürlich das Gesetz an die Stelle der Selbst- oder Verbündetenhülfe getreten ist (so bei S. fol. 260), doch findet hier eine Ausnahme statt, weil der Zweck des Bundes ein so edler war.
23) Dieser, so viel ich glaube, noch von keinem Europäer beachtete Umstand, der doch für die Lebensgeschichte Mohammeds von sehr großer Bedeutung ist, wird von I. und Ch. aus dem Sirat Mughlatai und dem Buchari berichtet. Aus letzterem auch in einer Randglosse zu S. fol. 20. Wie lange er dieses Hirtenleben führte, wird nicht angegeben, doch läßt sich schon daraus, daß es seinen Nahrungszweig bildete, schließen, daß es von einiger Dauer war. Ferner spricht noch dafür, daß eine Tradition es den Begebenheiten seines dreizehnten Lebensjahres zuzählt, und eine andere, denen seines einundzwanzigsten. Man darf also wohl um sie zu vereinigen, annehmen, daß er zu verschiedenen Lebensepochen die Weide besuchte. Der Ort heißt bei den einen Adjjad, es ist der Abhang in der Nähe von Mekka, dessen Name von den Pferden, mit welchen Sameida gegen Mudhadh heranzog , abgeleitet wird (S. journal Asiatique, T. VI. P. 198), bei andern kararît, das aber manche nicht für einen Ortsnamen, sondern für den plur. von kirât nehmen, und die Tradition so deuten: Mohammed führte die Schafe der Bewohner Mekkas auf die Weide für Karate (ala kararit), was um so wahrscheinlicher ist, da kein Ort dieses Namens bekannt ist. Doch dem sei wie ihm wolle, so bleibt immerhin das Factum unbestritten, daß Mohammed einige Zeit als Schafhirt gelebt, und es wird sogar ein großer Werth darauf gelegt, daß er auch darin Moses und andern Propheten glich. Die Verschiedenheit der Traditionen betrifft nur den Namen des Ortes, des Geldes, für welches, und der Leute, deren Schafe er auf die Weide führte.

Leben Mohammeds.


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einem Manne, welcher Saïb hieß, mit Leinwand handelte 24), und als Kaufmann den Markt von Hajâscha 25), sechs Tagreisen südlich von Mekka, besuchte. Hier ward er mit Hakim, dem Sohne Chuzeimas (oder Chizams) bekannt, der ihn seiner Tante, der reichen und angesehenen Wittwe Chadidja, welche, wie Mohammed, von Kußai abstammte 26), als einen redlichen, aufrichtigen jungen Mann empfahl, der seiner Ehrlichkeit und Biederkeit willen den Beinamen Amin (der Zuverlässige) erhalten. Außer seinem guten Namen scheint aber auch der für
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24) Auch dieses bisher noch in Europa unbekannte Factum, wird von I., nach dem Ujun Alathr von Hafiz Abul Fath, berichtet, und erklärt, wie Chadidja auf den Gedanken kam, Mohammed in ihren Dienst zu nehmen, und warum sie ihm doppelten Lohn zugesagt.
25) Hajascha soll nach einigen bei I. auch Djorasch geheißen haben, wohin er später noch für Chadidja zwei, oder nach einigen drei Handelsreisen gemacht. Es ist ein Dorf in Jemen, wo eine dreitägige Messe anfangs Radjab gehalten wurde, und wo die Mekkaner ihre Leinwand einkauften.
26) Ihr Vater hieß Chuwailad, Sohn Asads, Sohn Abd Al Uzzas, Sohn Kußais. Nach I. hatte sie zuerst Atik, den Sohn Abids oder Ajids geheirathet, und dann Hind, welcher von seinem Sohne Halat den Beinamen Abu Halat (Vater Halats) führte. Diesem gebar sie noch einen Sohn, welcher Hind hieß, und ihrem ersten Gatten eine Tochter gleichen Namens. Bei Ch. werden noch verschiedene andere Traditionen angeführt, in welchen sowohl die Namen, als das Geschlecht und die Zahl ihrer Kinder von den frühern Ehen anders lauten.

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einen Kaufmann damals wenigstens noch zu wahrhaftige Mohammed nichts erworben zu haben, denn nach einem Hungerjahre, welches das fünfundzwanzigste seines Lebens war, sah er sich genöthigt, dem Rathe seines Oheims, Abu Talib, zu folgen und sich Chadidja, welche gerade damals viele Waaren nach Syrien sandte, als Geschäftsführer anzubieten. Chadidja war ihrerseits so froh, einen sichern Mann, wie Mohammed, an die Spitze ihrer Karawane stellen zu können, daß sie ihm gerne doppelt so viel Lohn zusagte, als sie andern zu gewähren pflegte, und zwar nach einigen zwei Kühe, nach andern zwei weibliche Kameele. Mohammed brachte so großen Gewinn von seiner Reise zurück, und Meisara, Chadidjas Sklave sowohl, als Cbuzeima, ihr Verwandter, welche ihn begleitet hatten, erzählten ihr so Außerordentliches von seinem Glück und seiner Gewandtheit, daß sie ihm das Doppelte des Versprochenen schenkte, und ihn kurz nachher mehrere andere Reisen nach dem südlichen Arabien machen ließ 27). Ihre Achtung und Liebe zu Mohammed erreichte aber bald einen solchen Grad, daß sie ihm trotz der großen Verschiedenheit des Alters, da sie nach den meisten Berichten damals schon vierzig 28),
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27) Natürlich werden bei den muselmännischen Biographen auch von dieser Reise wieder manche Wunder erzählt. Mohammed trifft in Boßra abermals mit einem Mönche zusammen, welcher Nestor hieß. Dieser erkennt ihn wieder als Propheten, weil er nicht bei den Götzen der Kaaba schwören will, weil er eine gewisse Röthe in seinen Augen hatte, die nur Propheten eigen ist, weil eine Wolke, oder zwei Engelsfittige ihn überall beschatten, und weil ein verdorrter Baum, unter den er sich gesetzt, plötzlich zu grünen und zu blühen anfing , und bald darauf sogar reife Früchte hervorbrachte. Auch heilte er auf der Reise zwei Kameele, welche nicht mehr vorwärts wollten, dadurch, daß er die Hand auf ihre Füße legte , worauf sie dann stets die Vordersten von der Karawane waren. Chadidja sah von ihrer Terrasse aus, wie ihn bei seiner Rückkehr zwei Engel mit ihren Fittigen beschatteten und dergl. mehr.
28) Nach einer andern Tradition war Mohammed damals gerade 25 Jahre alt, nach andern 29, 30 oder 37. Chadidja hingegen 28, 30 oder 45.


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Mohammed aber nur ein Paar Monate über fünfundzwanzig Jahre alt war, und trotz der Einreden ihres Vaters, welcher keinen armen Waisen zum Eidam haben wollte, dennoch durch die Vermittelung einer Sklavin 29), oder seines Oheims, ihre Hand anbieten ließ. Da Mohammed weit entfernt war, einen solchen Antrag auszuschlagen, ward die Trauung an dem dazu festgesetzten Tage förmlich vollzogen. Chadidja ließ eine große Mahlzeit zubereiten, und lud dazu ihren Vater und ihre übrigen Verwandten, Mohammed, seine Oheime Abu Talib und Hamza und einige andere Kureischiten ein. Ersterem schenkte sie dann so lange Wein ein, bis er im Rausche seine Einwilligung zu ihrer Verbindung mit Mohammed gab 30). Als die Gäste beisammen waren, nahm Abu Talib als Vormund Mohammeds das Wort und sprach: „Gelobt sei Gott, der uns aus dem Geschlechte Abrahams, aus dem Samen Ismaels, aus dem Schachte Maads und dem Stamme 31) Mudhars entspringen ließ, der uns zu Beschützern seines Hauses und Wächtern seines Heiligthums eingesetzt, der jenes zu einem
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29) Sie hieß Nasisa, und soll Mohammed gefragt haben: Mohammed! warum heirathest du nicht? Er antwortete: ich habe nicht die Mittel dazu. „Wenn dich aber eine reiche Frau heirathen wollte, welche zugleich schön und von hoher Ankunft ist?“ Und wer ist die? „Chadidja,“ Wie ist das möglich? „Laß nur mich gewähren.“ Sie brachte dann Chadidja Mohammeds Antwort, worauf diese ihm eine Stunde bestimmte, wo er sie besuchen sollte. Nach einer andern Tradition war Meisara der Liebesbote Chadidjas.
30) Nach einigen Berichten (S. fol. 273) lebte damals Chuweilad nicht mehr, sondern ihr Oheim oder Bruder Amru und ihr Vetter Waraka, der Sohn Naufals, vertraten die Stelle des Vaters bei ihr.
31) Mudhar ist der Sohn Nizars, Sohn Maads, der siebenzehnte Ahnherr Mohammeds, dem einige schon den Beinamen Kureisch zuschreiben wollen. Diese Worte fehlen bei Gagnier und H. v. H.



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Wallfahrtshause 32), dieses zu einem sichern Zufluchtsorte, und uns zu Richtern über die Menschen bestimmt. Dieser, mein Neffe Mohammed, der Sohn Abdallahs, der jeden Mann aus Kureisch (an 33) Seelen- und Geschlechtsadel, Tugend und Verstand) überwiegt, wenn auch arm an Gut, das nur ein wandelbares Ding, ein vergänglicher Schatten (ein Anlehen, das wieder erstattet werden muß), Mohammed, dessen Verwandtschaft Ihr wohl kennt, hat geworben um Chadidja, die Tochter Chuweilads, und ihr von meinem Vermögen (als Morgengabe), theils gleich gegeben 34), theils versprochen, so und so viel (zwölf und ein halb 35) Okk). Und bei Gott, er  36)
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32) Statt dieser bei Gagnier ganz fehlenden Worte, heißt es bei H. v. H. (S. 34) „der uns das Haus verschleiert“, er hat wahrscheinlich „mahdjub“ für mahdjudj gelesen, welches doch einen bessern Sinn gibt.
33) Alles Eingeklammerte ist aus I. hinzugesetzt, während das Uebrige aus Ch. übersetzt ist.
34) Bei H. v. H. a. a. O. „Und ihr versagt, was er besitzt an Gut, gleich oder später fälligem.“ Die Worte des Textes lauten : „ma adjalahu waâdjalahu“ (ersteres mit Alif, letzteres mit Ain).
35) Das Okk betrug 40 Dirham, also im Ganzen 500, nicht wie bei Ch. 400 Drachmen. Nach andern betrug die Morgengabe zwölf Kühe, nach S. (fol. 24) zwanzig Kühe. Vielleicht, bemerkt I. ganz richtig, war das Geld von Abu Talibs, und die Kühe von seinem eigenen Vermögen.
36) Der Text lautet bei I. und Ch.: wahuwa wallâhi baad hadsa lahu nab'un azimun wachatarun djalîlun djasîmun. Dieß übersetzt H. v. H. „Und dieß ist bei Gott große Kunde und wichtiges Geschäft.“ Der Sinn nach meiner Uebersetzung, für welche das wahuwa und lahu spricht, wäre: durch diese reiche Heirath wird Mohammed einer der angesehensten Männer Mekkas werden, oder, wenn diese ganze Rede ein späteres Machwerk ist, was ich deshalb vermuthe, weil sonst nicht recht begreiflich wäre, warum diese Verwandten, welche alle von Kußai abstammen, so viel Schönes über ihr Geschlecht aufzutischen brauchen, so könnten diese Worte eine Hindeutung auf Mohammeds künftige Größe sein, wie man sie häufig in den Legenden findet. Daß nab'un die Bedeutung von irtifaun und chatar die von kadarun hat, findet man im Kamus.   


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wird nunmehr einen großen Rang und eine hohe mächtige Stellung einnehmen.“ Waraka, der Sohn Naufals, antwortete hierauf: „Gelobt sei Gott, der uns gestellt, wie du gesagt und uns ausgezeichnet durch das, was du erwähnt. Wir sind die Herrn der Araber und ihre Führer, und Ihr seid aller dieser Vorzüge würdig. Nicht die Geschlechtsverwandten (kein Araber) läugnen eure Vortrefflichkeit und kein Mensch verwirft euern Adel und euern Ruhm (darum wünschen wir uns mit demselben zu verbinden). So bezeuge mir, Gemeinde Kureisch! daß ich Chadidja, die Tochter Chuweilads, mit Mohammed, dem Sohne Abd Allahs, gegen eine Morgengabe von 400 Dinaren vermähle.“ Abu Talib 37) wünschte, daß Chadidjas Oheim gemeinschaftlich mit Waraka die Trauungsformel ausspreche, worauf Amru wiederholte: Bezeuge mir, Gemeinde Kureisch! daß ich Mohammed, dem Sohne Abd Allahs, Chadidja, die Tochter Chuweilads, zur Frau gebe.

Mohammed ließ dann vor seiner Thüre ein Kameel schlachten und den Armen vertheilen; des Abends wurde wieder ein Mahl gegeben 38), nach welchem Chadidjas Sklavinnen tanzten und Cymbel spielten. Aus dieser Ehe hatte Mohammed nach sämmtlichen Traditionen einen Sohn, welcher Kasim hieß, weßhalb er den Beinamen Abul Kasim (Kasims Vater)
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37) Diese Worte fehlen bei H. v. H., welcher daher Abu Talib statt Chadidjas Oheim diese Formel noch einmal wiederholen läßt, was ganz überflüssig und gegen allen Gebrauch wäre.
38) Daß Chadidja vor Mohammed ein mit Safran gefärbtes Kleid ausbreitete, wie H. v. H. berichtet, habe ich nirgends gefunden; wohl aber bei I. und Ch., daß sie ein solches ihrem Vater angezogen, wobei bemerkt wird, daß es Sitte war, daß die Braut damit in der Hochzeitsnacht ihren Vater beschenkte. Es wird dann noch hinzugesetzt: Als Chuweilad aus seinem Rausche erwachte, war er ganz erstaunt darüber, und wollte sogar die Heirath als ungültig erklären.


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erhielt, und vier Töchter, deren Namen: Zeinab, Rukejja, Um Kolthum 39) und Fatima. Erstere beirathete ihren Vetter, Abul Aaß, die beiden mittleren wurden zuerst mit zwei Söhnen Abu Lahabs 40), und dann nach einander mit dem spätern Chalifen Othman vermählt, und letztere, die einzige durch welche Mohammeds Geschlecht sich verewigte, mit dem nachherigen Chalifen Ali. Nach andern Traditionen gebar Chadidja noch sechs 41) Söhne, welche: Tajjib, Tahir, Abd Menaf, Abd Allah, Mutajjab und Mutahhar hießen, und alle, so wie auch der älteste, Kasim, in zarter Jugend starben. Mohammed fuhr fort, als Kaufmann zu leben 42), büßte aber nach und nach sein erheirathetes Vermögen ein 43); hingegen war er von so anerkannter Biederkeit, daß er häufig bei Streitigkeiten unter den Mekkanern zum Schiedsrichter ernannt ward. Als solcher trat er auch nach den meisten Berichten, und zwar dießmal nur zufällig, in seinem fünfunddreißigsten Lebensjahre 44) auf, als die
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39) Um Kolthum (Mutter Kolthums) ist nur ein Beiname, ihr Eigenname ist nicht bekannt. Nach S. (fol. 24) war Rukejja die Aelteste.
40) Nicht Abu Lahab selbst, wie bei H. v. H. S. 113. I. und Ch., der eine hieß Otba und der andere Uteiba.
41) S. (fol. 24) erwähnt außer Kasim nur die beiden erstgenannten Söhne.
42) Darüber folgende Stelle bei I.: Mohammed kaufte und verkaufte auch noch als Prophet; nur besorgte er als solcher mehr Einkäufe als Verkäufe. Selbst nach der Hidjrah finden wir ihn noch häufig als Käufer, aber nur dreimal als Verkäufer.
43) Dieß habe ich aus I. entnommen, der bei der Verschiedenheit der Meinungen über Mohammeds Aufenthalt in der Höhle des Berges Hara sagt: Er konnte nicht einen Monat anhaltend darin verweilen, denn er befand sich in keinen so günstigen Vermögensumständen, um auf einen Monat Lebensvorrath mitnehmen zu können. Auch mußte Abu Bekr bei seiner Auswanderung aus Mekka die Reisekosten vorstrecken.
44) S. fol. 25. Nach andern Traditionen bei I, und Ch. war er damals erst 23 Jahre alt.


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Stammhäupter Mekkas beim Wiederaufbau 45) des durch einen Brand und eine darauf folgende Ueberschwemmung zerstörten Tempels, mit einander um den Vorzug stritten, wer von ihnen den heiligen schwarzen Stein wieder an seine frühere Stelle bringen sollte. Er wußte den Streit zur allgemeinen Zufriedenheit zu schlichten, indem er ihn auf ein Tuch legte, das er von den vier Prätendenten an dessen vier Ecken aufheben ließ, und ihn dann selbst wieder einmauerte.

Wir hören nun in den nächst folgenden fünf Jahren von Mohammed nichts weiter, als daß er immer mehr die Einsamkeit liebte, und sich daher manche Tage, theils allein, theils mit Chadidja, in eine Höhle des Berges Hara zurückzog, in der er auch, dem Beispiele seines Großvaters Abd Almuttalib folgend, den ganzen Monat Ramadhan, mit frommen Handlungen beschäftigt, und in religiöse Betrachtungen versunken, zubrachte 46). Hier mochte er über die verschiedenen herrschenden
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45) Nach muselmännischer Tradition ward die Kaaba zuerst von Engeln oder von Adam, dann von Abraham und Ismael gebaut, hernach von den Amalekiten und später von den Djorhamiden wieder vergrößert. Dießmal lieferte ein bei Djidda gestrandetes Schiff die Baumaterialien dazu, und ein griechischer Baumeister, welcher Bakum hieß, leitete den Bau. I. und Ch. geben hier die verschiedenen Sagen vom schwarzen Steine. Adam brachte ihn mit aus dem Paradiese; während der Sündfluth blieb er im Berge Kubeis verborgen. Ein Engel brachte ihn Abraham wieder, als er die Kaaba baute. H. Fresnel zweifelt, ob es ein roher Stein ist, oder ob er Menschengestalt hat, und neigt sich zu letzterer Ansicht hin (s. journal Asiat. 3me série, T. VI. S. 205). Folgende Stelle aus I. und Ch. läßt mich das Gegentheil glauben: „Der schwarze Stein war ursprünglich ein Engel, der Adam im Paradiese bewachen sollte, und von Gott nach Adams Sünde in einen Stein verwandelt ward. Er wird aber am Auferstehungstage sich mit Hand, Ohren, Zunge und Augen erheben , und den frommen Pilgern als Zeuge beistehen.“
46) Daß Mohammed nicht nur während des Monats Ramadhan, wie bisher nach Abulfeda von allen Europäern berichtet worden, sondern auch sonst im Jahre manche Tage in der Höhle des Berges Hara zubrachte, wird ausdrücklich von I. bemerkt: „Mohammed pflegte mehrere Nächte nacheinander in der Höhle Hara zuzubringen, manchmal drei, manchmal neun, zuweilen den ganzen Monat Ramadhan, oder sonst einen.“ (Au Ghairahu). Derselbe citirt auch eine Stelle aus Ibn Alathir, die man auch bei S. fol. 36 findet, nach welcher schon Mohammeds Großvater im Ramadhan den Berg Hara bestieg, und daselbst die Armen speiste. Das Gleiche, so fährt I. fort, that jetzt auch Mohammed, zog sich aber dann zurück, war andächtig und verehrte Gott nach der Weise Abrahams, dessen Glauben er befolgte, bis er selbst zum Propheten erkoren ward. Die letzten Worte dieser Stelle, für welche auch viele Verse des Korans zeugen, machen die im Texte folgenden Vermuthungen zur Gewißheit.



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Religionen seiner Zeit nachgedacht, und die an ihnen haftenden Mängel entdeckt haben. Leicht konnte er, auf seinen Reisen sowohl, als in Arabien selbst, wo sich zahlreiche Juden 47) und Christen aufhielten, mit dem Juden- und Christenthum bekannt worden seyn, ohne gerade die heilige Schrift selbst gelesen zu haben. Durch seinen Umgang mit beiden sowohl, als durch eigenes Nachdenken mußte der Götzen- oder Sternendienft, welcher in Mekka vorherrschend war, ihm als Irrthum und Aberglaube erscheinen, doch konnte ihm auch die Schattenseite der beiden geoffenbarten Religionen, wie sie zu seiner Zeit gelehrt wurden, nicht verborgen bleiben. Er mußte die Juden tadeln, welche Jesus verkannten, der von Gott gesandt war, um das entartete Judenthum zu reformiren, und statt seiner Esdras und die Rabbinen wie Götter verehrten; die Christen aber, die, wie er sich später ausdrückt, dem einzigen Gotte einen Sohn und Gefährten zur Seite stellten. Da mochte er, wenn er auf Abraham zurückblickte, der weder
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47) Abd Al Muttalib war sogar Beschützer eines Juden. Dieser wurde, so erzählt I. gleich auf der ersten Seite seiner Biographie, auf einem Markte in Tebama, auf Anstiften Harbs, Sohn Ommejja's, in Folge eines Wortwechsels erschlagen, worauf Abd Al Muttalib jeden Umgang mit Harb vermied, bis er den Verwandten des Juden hundert Kameele als Sühne bezahlte.


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Jude noch Christ war, und doch als wahrer gläubiger, Gott ergebener (muslim) Mann, nicht nur bei den Juden und Christen als ein heiliger Prophet galt, sondern auch von den Arabern als Vater Ismaels und Erbauer der Kaaba verehrt ward, auf den später häufig ausgesprochenen Gedanken kommen, daß die heilige Schrift von Juden und Christen theils verfälscht, theils falsch gedeutet worden, und sich berufen fühlen, wieder einen reinen Glauben herzustellen, wie wir ihn bei Abraham noch im alten Testamente finden. Hatte aber Mohammed einmal auf dem Wege der Reflexion diesen Punkt erreicht, so konnte auch seine lebhafte Phantasie nicht mehr lange unthätig bleiben, und er mußte bald, sei es träumend oder in aufgeregtem Gemüthszustande, einen Engel mit göttlicher Offenbarung sehen, der das, was er für wahr erkannte, sanctionirte. Eine solche Selbsttäuschung ist bei Mobammed um so begreiflicher, da er sich früher als Epileptiker 48) den
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48) Daß Mohammed Epileptiker war, wissen wir nicht nur aus Theophanes und den ihm folgenden christlichen Schriftstellern, welche daher die moderne Kritik der Verläumdung anklagen konnte, auch nicht aus einzelnen darauf hindeutenden Stellen des Korans und der Ueberlieferung, die sich zur Noth anders interpretiren lassen, sondern aus den ältesten und zuverläßigsten muselmännischen Biographen. Da indessen dieser Punkt schon von Gagnier bestritten worden, und in der neuesten Zeit, selbst von Orientalisten, denen so viele Quellen zu Gebote stehen, nicht einmal mehr erwähnt ward, so wird es nicht überflüssig sein, einige darauf bezügliche Stellen aus I. und Ch. wörtlich wiederzugeben. Es heißt bei Ersterem: Ibn Ishak berichtet nach dem was er von seinen Meistern gehört hat: (an Schujûchibi). Mohammed wurde wegen des bösen Auges behandelt, als er in Mekka war, bevor ihm der Koran geoffenbart ward. Als der Koran zu ihm herunter kam, hatte er dieselben Anfälle (asâbahu), die er früher gehabt. Er hatte nämlich auch früher schon eine Art Ohnmacht (ma juschbiu' l'ighmâa) nach heftigem Zittern; seine Augen schloßen sich, sein Gesicht schäumte und er brüllte wie ein junges Kameel. Da sagte ihm Chadidja: (Gott sei ihr gnädig!) Ich will dir jemanden bringen, der dich heilt (einen Teufelsbeschwörer); er antwortete aber: ich brauche jetzt Niemanden (s. den arabischen Text im journ. Asiatique, Juillet 1842). Auf der vorhergehenden Seite liest man bei I., auch bei S. fol. 37: Chadidja sagte zu Mohammed (nach dessen erster Vision), wenn dir der Engel wieder erscheint, so benachrichtige mich davon. Da erschien ihm Gabriel wieder und er sagte ihr: ich sehe ihn. Da setzte sie ihn zuerst auf ihren linken, dann auf ihren rechten Schenkel und fragte: siehst du ihn noch? er antwortete: ja. Da sagte sie: drehe dich um und setze dich auf meinen Schooß. Als er dieß gethan, fragte sie wieder: siehst du ihn? er antwortete: ja. Da nahm sie ihren Schleier vom Haupte und fragte: siehst du ihn noch immer? dießmal antwortete er: nein. Da sagte sie: bei Gott! es ist wahr, es ist wahr, es war ein Engel und kein Teufel. Auf diese Tradition stützt sich der Verfasser der Hamzijjah (Scharaf Eddin Abußiri, der auch die bekannte Burda verfaßt) in folgenden Worten: Darauf kam Gabriel in ihr (Chadidjas) Haus, denn der Verständige wünscht die (zweifelhaften) Dinge wohl zu prüfen; da warf sie ihren Schleier weg, um zu erkennen, ob es wahre Offenbarung oder Ohnmacht (ighmaû) u. s. w. Darauf bemerkt I.: Chadidja wußte von Waraka, daß ein reiner Engel vor dem Anblick eines entblößten Frauenkopfes entfliehen müßte, während Teufel ihn recht gut ertragen. Zu dem Worte ighmâu bemerkt I., das ist eine gewisse Krankheit, welche Mohammed zuweilen anfiel. Der Dichter meint aber besonders die Ohnmacht, welche durch Djinn hervorgerufen wird, wie dieß auch bei den Wahrsagern der Fall ist, weshalb auch Mohammed selbst zu Chadidja sagte: „ich fürchte für meine Seele,“ denn nichts war ihm verhaßter als die Wahrsager. Es wird übrigens weiter unten gesagt werden, daß der Prophet schon früher in Mekka dieselben Anfälle hatte, wie zur Zeit, als ihm der Koran geoffenbart ward. Uebrigens waren keineswegs alle Visionen Mohammeds Folgen epileptischer Anfälle. I. und Ch. haben über die verschiedenen Arten, wie ihm der Koran geoffenbart worden, folgende merkwürdige Stellen: „Harith Ibn Hischam fragte einst den Propheten: auf welche Weise kommt dir die Offenbarung zu? Er antwortete: manchmal erscheint mir ein Engel in Menschengestalt (gewöhnlich in der seines Freundes Dihja) und spricht mit mir; manchmal vernehme ich aber (ohne Jemanden zu sehen) Töne, wie von einer Schelle oder Glocke (bekanntlich gehört heftiges Ohrensausen auch zu den Symptomen der Epilepsie), da wird es mir sehr arg; wenn er (der unsichtbare Engel) mich dann verläßt, habe ich aufgenommen, was er mir geoffenbart.“ Bei I. heißt es dann noch: „Manche Offenbarungen hatte auch Mohammed unmittelbar von Gott, so die in der Nacht der Himmelfahrt, andere im Traume, denn er sagte oft: der Traum eines Propheten ist Offenbarung. Wieder andere legte ihm Gott nach eigenem Nachdenken in sein Herz (alilmu-l-ladzi julkihi allahu taala fi kalbihi inda-l-idjtihadi).“ Ueber die mit Fallsucht zusammenhängenden Visionen liest man noch bei I. „Eine Tradition, welche auf Aïschas Aussage sich  gründet, lautet: Der Prophet ward ungeheuer schwer, so oft ihm der Engel erschien; bei der größten Kälte strömte der Schweiß von seiner Stirne, seine Augen wurden roth und zuweilen brüllte er wie ein junges Kameel.“ Ferner: „Zeid Ibn Thabit erzählt: wenn die Offenbarung zu dem Propheten herabkam, ward er sehr schwer; einst fiel sein Schenkel auf den meinigen, und bei Gott, es gibt keinen so schweren Schenkel, wie der des Gesandten Gottes war. Zuweilen ward ihm eine Offenbarung, wenn er sich auf seinem Kameele befand, da zitterte es, daß man glaubte, es würde zusammenbrechen und gewöhnlich kniete es nieder.“ Ferner: „So oft der Prophet eine Offenbarung erhielt, glaubte man, seine Seele würde ihm genommen, da hatte er immer eine Art Ohnmacht und sah wie ein Betrunkener aus.“ Zum Schlusse dieser Anmerkung nur noch eine Stelle aus der Traditionssammlung Muslims. Abu Hureira erzählt: „Wenn die Offenbarung zu Mohammed herabkam, konnte keiner von uns sein Auge zu ihm erheben nach einem anderen Berichte ward er böse, wenn man ihn ansah, sein Gesicht war mit Schaum bedeckt, seine Augen schlossen sich und manchmal brüllte er wie ein Kameel.“ Nach allen diesen Berichten wird wohl Niemand bezweifeln, daß Mohammeds Visionen größtentheils mit epileptischen Anfällen in Verbindung standen. Ich glaube aber nicht wie Theophanes, daß er, um seine Krankheit zu verbergen, die Erscheinung Gabriels vorschob, sondern im Gegentheil, daß er durch dieses Uebel selbst veranlaßt ward, daran zu glauben.


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Vorurtheilen seiner Zeit gemäß, von bösen Geistern besessen hielt, und jetzt leicht diese Bewußtlosigkeit, welche wahrscheinlich


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am häufigsten nach großen Geistesanstrengungen über irgend eine wichtige Frage wiederkehrte, dem überirdischen


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Zusammenleben mit Engeln zuschreiben, und das, was nach dem Erwachen klar vor seiner Seele lag, als eine himmlische Offenbarung betrachten konnte.

Zweites Hauptstück.

Mohammeds Sendung. Die ersten Muselmänner. Ihre Leiden und Auswanderung nach Abyssinen. Hamza und Omar. Verfolgungen der Kureischiten, Chadidjas und Abu Talibs Tod. Ausflug nach Taïf, Nächtliche Reise nach Jerusalem. Huldigung der Medinenser. Verlobung mit Sauda und Aïscha.

In seinem vierzigsten Jahre 49) hatte Mohammed die erste Viston, in welcher der Engel Gabriel ihm als Ueberbringer  
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49) Ueber den Tag und Monat weichen die Traditionen von einander ab, doch nehmen die meisten, darunter auch S. (fol. 37) den Monat Ramadhan an. H. v. Hammer bestimmt den 27. Ramadhan, und setzt (S. 40) hinzu: „Indessen sollte hierüber um so weniger ein Zweifel obwalten, als im Koran selbst ausdrücklich gesagt ist, daß er in der Nacht Kadr, d. i. in der 27. des Mondes Ramadhan, vom Himmel gesendet worden.“ Dieß erinnert mich an einen Scheich in Egypten, der mir sagte: wie kannst du an Mohammed zweifeln, da doch sein Name über der Pforte des Paradieses geschrieben steht? Es sind ja die Ausleger des Korans gerade darüber uneinig, wann die Nacht Kadr war. Nicht-Orientalisten könnten geradezu glauben, Kadr, d. h. Macht, oder göttliche Bestimmung, sei identisch mit 27. Ramadhan. Wenn aber auch im Orient diese Nacht jetzt als Ieilat Alkadr gefeiert wird, so sind damit diejenigen, welche eine andere Nacht dafür halten, noch nicht widerlegt; übrigens ist man selbst in Bezug auf die Feier dieser Nacht nicht im Reinen. (Vergl Lane modern Egypt. II. S. 238 und Abulfeda ed. Nocl des Vergers, p. 107.) Auch ist H. v. H. mit sich selbst in Widerspruch, da er Mohammeds Geburt in den Monat Rabial Awwal setzt, die erste Offenbarung aber in den Monat Ramadhan und doch sie (S. 38) „mit der Vollendung seines vierzigsten Jahres“ statt finden läßt. Wo bleiben denn die sechs Monate vom 12. Rabial Awwal bis zum 27. Ramadban?


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einer göttlichen Offenbarung nahte, die er ihm im Namen des Herrn und Schöpfers, der den Menschen durch die Feder gelehrt , was er nicht weiß , zu lesen befahl 50). Schweißbedeckt und zerschlagen von diesem Gesichte und der darauf folgenden Ohnmacht kam er zu Chadidja, ließ sich von ihr zudecken, und erzählte ihr, was er gesehen, noch immer ungewiß 51), ob nicht irgend ein böser Geist sein Spiel mit
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50) Die darauf bezüglichen Verse, im Anfang der 96. Sura, werden von den meisten Biographen Mohammeds, als die ihm zuerst geoffenbarten angesehen, wozu nöthig zu wissen ist, daß nach muselmännischer Tradition der Engel ihm wirklich ein seidenes Tuch, auf welchem diese Verse geschrieben waren, vorhielt, bis er durch das Lesen derselben sie auswendig gelernt. Schon de Sacy (mém de l'académie des inscriptions, T. L. p. 295) bemerkt richtig , daß die natürliche Deutung dieser Worte dafür spricht, daß Mohammed lesen konnte; nur die Tradition, nach welcher Mohammed auf den ersten Befehl zu lesen, antwortete: „ich kann nicht lesen“ nimmt das Gegentheil an. Indessen wird auch diese nicht allgemein anerkannt, da nach einigen Berichten Mohammed antwortete: „ich kann nicht gut lesen“ (la uhsinul kirâata), womit nur gesagt sein soll, daß Mohammed vorher keine Bücher gelesen, was auch in der 29. Sura, Vers 45 und 47 ausdrücklich bemerkt wird, um den Verdacht zu entfernen, als hätte er das, was er als unmittelbare Offenbarung des Himmels verkündete, aus andern Quellen geschöpft.
51) Darüber, außer der schon in der vorletzten Anmerkung citirten Stelle, noch folgende: „Nachdem der Engel Gabriel Mohammed zum ersten Male erschienen war, kam er zitternd nach Hause und rief: deckt mich zu, ich fürchte für meine Seele; nach einer andern Tradition, für meinen Verstand. Chadidja sagte ihm: sei froh! Gott wird dich nicht beschämen, du bist ja liebevoll gegen deine Verwandten, aufrichtig in deinen Worten, scheuest keine Beschwerde, um deinem Nächsten zu dienen, unterstützest die Armen, bewirthest freundlich jeden Gast und die Wahrheit findet stets bei dir einen Verfechter.“ Sie ging dann mit ihm zu Waraka, nach andern auch zu einem Mönche aus Ninive, welcher Addas hieß, und Beide erkannten ihn als einen in der heiligen Schrift angekündigten Propheten an.


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ihm treibe. Chadidja und ihr Vetter Waraka52), der Sohn Naufals, ein getaufter Jude, welcher das alte und neue Testament gelesen, und von letzterem sogar Einiges ins Arabische übersetzt hatte, bemühten sich seine Zweifel an seiner göttlichen Sendung zu zerstreuen, und bald darauf erschien ihm Gabriel
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52) Nach dem Kamus mit zwei Fatha, und Naufal wie Djauhar, also nicht Werka und Naufil. H. v. Hammer behauptet S. 57, man habe vor ihm von Waraka in Europa keine Kunde gehabt. Da er sonst häufig Gagnier citirt, so hätte er S. 100 lesen sollen, daß Waraka schon vor Mohammeds Sendung an ihn glaubte, und S. 107, daß er ein in der heiligen Schrift bewanderter Mann war und bei Gott schwur, Mohammed sei der schon von Moses prophezeite Gesandte Gottes, was man übrigens auch bei Abulfeda ed. Reiske, S. 28 findet. Nur nennt ihn Gagnier „oncle“ statt „cousin“ des Propheten, auch bemerkt er nicht dabei, daß er ein Christ und Priester war, der das alte und neue Testament ins Arabische übersetzt. Was die beiden ersten Punkte betrifft, so muß man noch hinzusetzen, daß er früher Jude gewesen, was I. ausdrücklich bemerkt, und für seine Kenntniß und Beurtheilung des alten Testaments von historischer Wichtigkeit ist. Was den letzten Punkt angeht, so hat ihn H. v. H. bedeutend vergrößert. Die darauf bezügliche Stelle bei Ch. aus Buchari lautet wörtlich: Chadidja ging dann mit ihm (Mohammed) zu Waraka, dem Sohne Naufals, welcher ein Vetter Chadidjas war, und im Heidenthume (vor Mohammeds Sendung) zum Christenthume übergegangen war. Er schrieb arabisch, nach einer andern Leseart hebräisch ; er schrieb arabisch aus dem Evangelium, so viel es Gott gefiel. (Mit andern Worten: Gott weiß wie viel): wakâna iaktubul kitab Alarabijja, wafi riwâjatin Alibranijja iaktubu bilarabijjati min alindjil ma schâallahu an iaktuba.) Was H. v. H. vollends von einem achtzehnjährigen innigsten Umgange Warakas mit Mohammed berichtet, mag wohl wahr sein, bleibt aber, da keine Quelle dafür spricht, nichts als eine Vermuthung.


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wieder mit den Worten : „Bei 53) der Feder und dem was (von den Engeln) damit aufgezeichnet wird, du bist durch die Huld deines Herrn nicht von Genien besessen, sondern dir wird einst ein unaufhörlicher Lohn werden, denn dein Glaube ist erhaben.“

Unmittelbar nachher, oder vielleicht gleichzeitig mit dieser Versicherung erhielt er dann den Befehl in der Nacht, mit den Offenbarungen des Himmels sich zu beschäftigen, und seinen Glauben weiter zu verbreiten. Die hierauf bezüglichen Verse des Korans lauten: „O du, der du dich einhüllst, durchwache die Nacht bis auf einen Theil derselben, die Hälfte, oder etwas mehr oder etwas weniger, und lies aufmerksam die (von Gott geoffenbarte) Schrift, denn wir werden dir ein schweres Wort zusenden. Das Aufstehen in der Nacht bahnt den laut ausgesprochenen Worten den Eingang ins Herz 54).“ Dann: „O du, der du dich zudeckst, stehe auf und predige, verkünde die Größe deines Herrn, reinige dein Gewand, bleibe fern vom Götzendienste und spende keine Gaben, in der Absicht mehr dafür zu erhalten.“

Endlich wurden Mohammed, nach den meisten Commentatoren des Korans, folgende noch immer den Eingang zu
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53) Diese Verse bilden den Anfang des 68. und die folgenden den Anfang des 73. und 74. Kapitels des Korans. Die Traditionen weichen sowohl über die Reihefolge derselben, als über die Zeit, welche zwischen jeder dieser Offenbarungen lag, von einander ab; die von mir als die natürlichste angenommene, ist nach einer Tradition bei I. von Djabir Ibn Zeid, mit der noch eine andere übereinstimmt, welche Mohammed den Anfang der 68. Sura lesen läßt, als Chadidja von Waraka zurückkam. Die 74. Sura, welche ihm als Prediger aufzutreten befiehlt, dürfte wohl erst drei Jahre später erschienen sein, wo er öffentlich als Prophet auftrat, da sich dieser Befehl nicht füglich als ein heimliches Proselytenmachen deuten läßt.
54) Ich habe diesen Vers etwas frei nach dem Commentare des Djalalein übersetzt, da der wörtliche Sinn nicht zum Zusammenhange paßt.


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jedem Gebete und den Anfang des Korans bildenden Verse gleich in den ersten Tagen seines Prophetenthums mitgetheilt :

Im Namen Gottes, des Allmilden, des Allbarmherzigen. Lob sei Gott, dem Herrn der Welten. Dem Allmilden, Allbarmberzigen. Dem Herrn des Gerichtstages. Dich beten wir an und bei dir suchen wir Hülfe. Leite uns auf den geraden Pfad, den Pfad derer, denen du gnädig bist und nicht derer, denen du zürnst und die im Irrthume sind.“

Mohammed forderte in den ersten drei Jahren nach der Erscheinung Gabriels nur seine intimen Freunde und Hausgenossen auf, ihn als einen Propheten anzuerkennen. Unter jenen war Abu Bekr, der nachherige Chalif, der nur zwei Jahre jünger war, als Mohammed, der erste, und unter diesen Mohammeds Sklave Zeid 54) und sein Vetter Ali, den er als Kind in einem Hungersjahre, um dessen Vater Abu Talib einige Erleichterung zu verschaffen, zu sich genommen, welcher aber auch jetzt noch nicht einmal das Jünglingsalter erreicht hatte 55). Durch Abu Bekr ward der spätere Chalif Othman  ____
54) Zeid ward in einem Kriege zwischen dem Stamme Kalb, zu dem er gehörte, und dem Stamm Tai, in zarter Jugend als Beute weggeführt und als Sklave verkauft. Sein Vater erkannte ihn einst in Mekka wieder, und bot Mohammed ein Lösegeld für ihn an. Mohammed wollte ihn frei abziehen lassen, aber Zeid hatte ihn so lieb gewonnen, daß er ihn seinem Vater vorzog. I. und S. fol. 40.
55) Es ist schwer, Ali's Alter näher zu bestimmen, da die Berichte darüber von acht bis elf Jahren von einander abweichen; nur so viel ist gewiß, daß er nicht älter als elf Jahre war, indem er in einem noch erhaltenen Verse sich rühmt, schon als Knabe sich zum Islamismus bekehrt zu haben. Da indessen manche Muselmänner das Knabenalter nur bis zu neun Jahren rechnen, und den Chalifen Râschid billahi als Beispiel anführen, der in seinem neunten Jahre schon einen Sohn zeugte, so nehmen die meisten Biographen an, Ali sei damals erst acht Jahre alt gewesen. Bei S. fol. 39 wird er zehnjährig genannt. Auch Zubeir, Saad und Talha waren nicht viel älter als Ali. I.

Leben Mohammeds


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für den neuen Glauben gewonnen, ferner Abdurrabman Ibn Auf, Saad Ibn Abu Wakkaß, ein Vetter Mohammeds, Talha, der Freigebige und Zubeir, ein Neffe Chadidjas. Die drei erstgenannten waren, wie Abu Bekr selbst, Kaufleute, Saad war Waffenschmied und Talba Metzger. Zu den ersten Muselmännern gehört auch Arkam, in dessen Haus sie ihre heimlichen Zusammenkünfte hielten, nachdem sie in einer Höhle in der Nähe von Mekka, wo sie zuerst sich zum Gebete versammelt hatten, von Ungläubigen überrascht und mißhandelt worden waren 56), auch der Zwerg Abd Allah Ibn Masud, von dem Mohammed sagte: verspottet ihn nicht, denn er überwiegt doch jeden andern auf der Wage der Frömmigkeit, ferner Abu Dsurr, der Enthaltsame, welcher zuerst den Propheten mit den Worten Salām Alaika (Friede oder Heil sei mit dir) anredete, und der später berühmte Feldherr Abu Ubeida. Einige zählen noch Bilal 57) , den ersten Muaddsin (Gebetausrufer)
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56) S. Ende fol. 41. Bei diesem Vorfalle ward das erste Blut durch Mohammeds Lehre vergossen, indem Saad einen Ungläubigen mit einem Kameelkinn verwundete. Arkams Haus ist jetzt unter dem Namen Cheizaran's Haus bekannt, so hieß nämlich die Sklavin, welcher der Chalif Mahdi es schenkte, nicht Mahdi selbst wie bei Gagnier, S. 123.
57) Bilal war nach S. (fol. 54) ein Sohn Rubahs und ward als Sklave der Beni Djumah geboren. Ommejja, der Sohn Challafs, einer der Häupter der Beni Djumah, ließ ihn, als er erfuhr, daß er Muslim geworden, vierundzwanzig Stunden hungern und dursten, dann führte er ihn zur Mittagsstunde in die Wüste und ließ ihn auf den Sand hinstrecken, der so heiß war, daß man Fleisch darin braten konnte, dann legte er ihm einen großen Stein auf die Brust und sagte ihm: du kommst nicht von der Stelle, bis du stirbst oder Mohammed verläugnest und Lat und Uzza anbetest, er aber rief immer: Gott ist einzig, ich werde Allah keine Gefährten zur Seite stellen. Eines Tages ging Abu Bekr an ihm vorüber, als er in diesem Zustande sich befand. Da sagte er zu Ommejja: wie lange wirst du diesen Armen noch foltern? fürchtest du Gott nicht? ich habe einen Schwarzen, der viel stärker ist als Bilal und deinen Glauben theilt, ich will dir ihn statt seiner geben. Ommejja nahm den Tausch an, worauf Abu Bekr Bilal die Freiheit schenkte.“


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zu den frühesten Muselmännern, so wie auch Chalid, den Sohn Saids, welcher sich im Traume am Eingang der Hölle befand, von der ihn Mohammed befreite, und Suheib, den Sohn eines persischen Statthalters, welcher in griechische Gefangenschaft gerathen, auf der Messe von Okaz als Sklave verkauft worden war, und gleichzeitig mit Ammar sich zu Mohammed begab. Zu den ersten Frauen, welche dem neuen Glauben huldigten, gehören Um Afdhal, die Gemahlin des Abbas, die Abyssinerin Baraka oder Um Eiman, und Asma, die Tochter Abu Bekrs. Ueber einige andere sind ebenfalls die Berichte nicht gleichlautend, die jedoch darin mit einander übereinstimmen, daß die Zahl der Gläubigen in den ersten drei Jahren nicht vierzig überstieg, und daß es meistens junge Leute, Fremde, oder Sklaven waren. Mohammed faßte daher im vierten, oder nach Einigen im fünften Jahre, den Entschluß, öffentlich als Prophet aufzutreten und zunächst seine Verwandten für seinen neuen Glauben zu gewinnen, worauf folgende Verse des Korans geoffenbart wurden: „Verkündige laut, was dir befohlen worden, denn wir (Gott) genügen dir (als Schutz) gegen die Spötter, welche Gott noch andere Götter beigesellen, sie werden es einst erfahren. Wir wissen wohl, daß ihre Reden dir die Brust beengen werden, aber preise und lobe den Herrn, falle vor ihm nieder und bete ihn an, bis dich der Tod 58) heimsucht.“
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58) H. v. H. übersetzt (S. 58) „bis die Ueberzeugung der Wahrheit wird kommen.“ Nicht-Orientalisten könnten etwa diese Worte auf die Ungläubigen beziehen, im Texte heißt es aber ausdrücklich „bis zu dir gelangen wird“ (ja'tika), also nicht die Ueberzeugung, die hatte er ja schon, sondern der Tod, wie Djalal Eddin ausdrücklich bemerkt, Sura 15, Vers 94-99. Die folgenden Verse, Sura 26, Vers 213-222.


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Dann noch folgende , in welcher abermals die Meinung, als sei er von Dämonen besessen, widerlegt wird:

„Predige deinen nächsten Geschlechtsverwandten und breite deine Flügel über die Gläubigen aus, die dir folgen. Sage denen, die dir kein Gehör schenken: ich bin nicht mehr verantwortlich für eure Thaten und vertraue auf den Erhabenen, den Allbarmherzigen, der dich sieht, wenn du stehst oder dich drehst unter denen, die ihn anbeten, denn er hört und weiß Alles. Soll ich euch sagen, zu wem sich die bösen Geister herablassen? zu den Lügnern und Frevlern 59). Diesen theilen sie das (von Engeln) Gehörte mit, aber die Meisten lügen noch dazu.“

Mohammed kostete es indessen einen großen Kampf, bis er den einmal gefaßten Entschluß ausführte; denn selbst nach dem er den Gläubigen die angeführten Verse als eine göttliche Offenbarung mitgetheilt hatte, wartete er noch einen ganzen Monat, bevor er den erhaltenen Befehl vollzog; er sah in dieser Zeit so übel aus, daß sein Oheim glaubte, er sei krank, und gewiß mußte es ihm bei dem geringen Erfolg, den er wahrscheinlich von seiner Predigt voraussah, etwas bedenklich scheinen, sich öffentlich dem Spott und dem Haß der Ungläubigen preis zu geben. Doch eines Morgens bestieg er den Hügel Safa, ließ alle seine Verwandten zu sich rufen und bedrohte sie mit dem Feuer der Hölle, wenn sie nicht ihrem Unglauben entsagen würden. Da sagte sein Oheim Abu Lahab, welcher eine Schwester Abu Sosians zur Frau hatte, dem Mohammed sowohl aus altem Familienhasse, als weil er seiner Herrschaft gefährlich werden konnte, ein Dorn im Auge
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59) Abermals ein rabbinisches Vorurtheil, nach welchem die Djinn die Engel belauschen, und dann das Gehörte den Zauberern und Wahrsagern mittheilen. Da indessen nach der muselmännischen Legende die Djinn in Mohammeds Geburtsnacht aus ihren Vesten vertrieben wurden, und mit Sternschnuppen verfolgt werden, wenn sie sich wieder den Ritzen des Himmels nähern, so werden diese Verse auf die Vergangenheit bezogen.


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sein mußte: Verderben über dich! Hast du uns dazu rufen lassen? Noch niemals hat jemand seinen Verwandten so schlimme Botschaft gebracht als du. Er hob dann einen Stein auf und wollte ihn nach Mohammed werfen. Dieser rief: Verderben mögen die Hände Abu Lahabs, Verderben über ihn! Nichts hilft ihm sein Geld, noch sonstiger Erwerb, flammendes Feuer wird ihn verzehren, auch sein Weib, das mir 60) Dornen streut, wird mit einem Strick aus Palmenfasern am Halse zur Hölle geführt.“

Einige Tage nach diesem Vorfalle versammelte Mohammed seine Verwandten wieder 61) und sagte ihnen: Wenn ich die ganze Welt anlügen wollte, so würde ich doch euch, meinen Verwandten, die Wahrheit nicht vorenthalten, aber Gott der Einzige sendet mich zur ganzen Welt und zu euch insbesondere
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60) So erklären nicht nur I. und Ch., sondern auch Djelaladdin die Worte hammâlat alchatab, dieselben nehmen auch, wie es übrigens schon der Sinn erfordert, das Wort tabbat als Fluch. Nicht wie H. v. H. (S. 61) „Verdorben sind die Hände“; dann: „sein Weib wird das Holz dazu tragen.“
61) Nach Einigen bei seinem Oheim Abu Talib, nach Andern in seinem eigenen Hause. Ich folge hier lieber Tabari bei I. und Ch., als Abulfeda, welcher Mohammed seine Verwandten zwei Tage nacheinander zu Milch und Hammelfleisch einladen, und dann Ali zu seinem Vezier erklären läßt, weil dieß, wie I. ganz richtig bemerkt, einem von Schiiten erfundenen Mährchen gleich sieht, da doch Ali nach einigen Traditionen damals erst elf, und in keinem Falle noch vierzehn Jahre alt war. Die Worte „waana ahdathuhum u. s. w., welche Noel deses Vergers richtig nach Reiske übersetzt: „J'etais parmi eux le plus jeune d'années, mes yeux étaient chassieux, mon ventre gros, mes jambes gréles“ H. v. H. aber unrichtig: „Ich will ihnen die Zähne brechen, und die Augen ausstechen und den Bauch aufschlitzen und die Schenkel verstümmeln,“ fehlen ganz bei I. Bei S. fol. 41 wird auch nichts von einer Mahlzeit erwähnt, sondern blos gesagt, daß Mohammed, nachdem er drei Jahre lang im Stillen den Islam gepredigt, von Gott den Befehl erhielt, ihn laut und öffentlich zu verkündigen.


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als seinen Apostel. Bei Gott, ihr werdet einst sterben, so wie ihr jetzt einschlafet; und wie ihr wieder erwachet, so werdet ihr einst auferstehen; dann müßt ihr von euern Thaten Rechenschaft geben, und werdet belohnt für eure Tugend im Paradiese und bestraft wegen eurer Laster in der Hölle. Bei Gott, o Söhne Abd Al Muttalibs, niemals brachte jemand den Seinigen wichtigere Kunde als ich, sowohl in Betreff des jenseitigen, als des diesseitigen Lebens. Abermals erhob sich Abu Lahab und rief: „O Söhne Abd Almuttalibs! Bei Gott! dieser Mensch bringt Unheil über euch, ergreifet ihn, ehe andere ihn anfeinden. Liefert ihr ihn dann aus, so begehet ihr eine Feigheit, nehmet ihr euch aber seiner an, so werdet ihr unterliegen gegen die übrigen Stammglieder Kureischs sowohl, als gegen andere arabische Stämme.“

Da indessen Abu Lahabs Rede eben so wenig als die Mohammeds Eindruck auf die Versammlung machte, und dessen Verwandten, obgleich in ihrem Unglauben verharrend, ihm dennoch ihren Schutz nicht entzogen, so bestieg er abermals den Hügel Safa, nach Einigen den Berg Kubeis, und forderte mit lauter Stimme sämmtliche Kureischiten zu seinem Glauben aus. Mohammeds Predigten fanden kein Gehör bei ihnen, doch begnügten sie sich damit, ihn zu verspotten 62), bis er
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62) Wenn Mohammed vor Kureischiten vorüberging, deuteten sie mit den Fingern nach ihm und sagten: hier ist der Enkel Abdalmuttalibs, welcher weiß, was, im Himmel vorgeht. Wenn er irgendwo saß und Stellen aus dem Koran las, kam ein anderer und erzählte ein Mährchen, ein dritter recitirte ein Gedicht und ein vierter musicirte. Zuweilen gingen ihm auch Leute nach, welche sich fortwährend räusperten. Eines Tages, als er in der Kaaba betete, ward sein Kleid mit allerlei Unrath, der vor dem Tempel lag, bedeckt. Ein anderes Mal kam ein Kureischite zu ihm und sagte: gib deinen Glauben auf! willst du Geld, schöne Frauen, oder gelüstest du nach Herrschaft? Sage, was du willst, es soll dir gewährt werden, siehst du einen Geist, von dem du dich nicht befreien kannst, so wollen wir den Arzt von unserem Gelde bezahlen (S. fol. 47 und 48). Als er alles ausschlug, forderte man verschiedene Wunder von ihm, worauf er stets antwortete: ich bin nicht dazu gesandt, sondern nur um euch das mir von Gott geoffenbarte Buch zu bringen u. s. w.


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ihre Götzen ohnmächtig, ihre Väter unwissend und sie selbst albern nannte, da begaben sich Manche von ihnen zu Abu Talib und baten ihn, entweder Mohammed zu entfernen, oder ihn von seinen Lästerungen abzuhalten. Den Bitten, welche unerhört blieben, folgten bald Drohungen von Seiten der Kureischiten, welche zum Theil wirklich noch an ihren Göttern hiengen, zum Theil aber auch voraussehen mußten, daß wenn Mohammed einmal als Prophet anerkannt sein wird, er der aristokratischen Herrschaft in Mekka bald ein Ende setzen würde. Abu Talib beschwor Mohammed, sich und ihn in keine so schwierige Lage zu versetzen, und stellte ihm vor, daß er nicht mehr lange im Stande sein würde, ihn gegen so mächtige und so erbitterte Feinde zu beschützen. Aber Mohammed antwortete ihm: „Bei Gott, wenn sie die Sonne zu meiner Rechten und den Mond zu meiner Linken setzen, werde ich auch von meinem Vorhaben nicht abstehen, bis Gott mich eines Bessern überzeugt, oder nur den Tod sendet.“ Nach diesen Worten ging er weinend weg, denn er glaubte, sein Oheim habe ihn schon verlassen; aber dieser rief ihn zurück und sagte ihm: geh wohin und sprich was du willst, bei Gott, ich liefere dich deinen Feinden nicht aus. Da indessen Abu Talib wirklich zu schwach war, um Mohammed länger allein vor Mißhandlungen zu bewahren, bat er die übrigen Söhne Hâschims und Al Muttalibs, Mohammed in Schutz zu nehmen, und Abu Lahab war der einzige, der sich nicht als dessen Beschützer erklärte 63). Wenn es aber auch die Kureischiten nicht wagten,
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63) Nach I. begaben sich die Kureischiten ein drittes Mal zu Abu Talib, und boten ihm an Mohammeds Stelle einen andern jungen Mann (bei S. fol. 43 Umara Ibn Walid) als Pflegesohn an, worauf er sagte: habt ihr je ein Kameelweiblein gesehen, das seine Zärtlichkeit einem andern als seinem Jungen schenkt? Bei S. antwortete er: ein schöner Vorschlag! ich soll einen der Eurigen ernähren und ihr wollt meinen Sohn tödten.


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Mohammed geradezu mit offener Gewalt aus der Welt zu schaffen, so scheuten sie sich doch nicht, ihn auf jede Weise zu kränken, und wenn sie ihn allein trafen, zu mißhandeln; wenig fehlte, so wäre er sogar einmal in der Kaaba erwürgt worden. Sein Freund Abu Bekr, der ihm zu Hülfe kam, ward so lange mit Sandalen geschlagen, bis seine Nase ganz flach ward.

Noch gefährlicher ward aber die Lage derjenigen Gläubigen, welche zu minder angesehenen Familien gehörten, so daß Mohammed im fünften Jahre seiner Sendung ihnen rieth, ihre Heimath zu verlassen. Als sie ihn fragten, wohin sie flüchten sollten? deutete er nach Abyssinien hin und sagte: dort regiert ein Fürst, der kein Unrecht duldet, bleibet dort, bis Gott uns seine Hülfe sendet. Elf Männer und vier Frauen, darunter der spätere Chalif Othman mit seiner Gattin, der Tochter Mohammeds, folgten zuerst diesem Befehle und gingen im Monate Radjab an das Meer, wo gerade zwei abyssinische Schiffe vor Anker lagen, die sie für vier Dinare aufnahmen. Die Muselmänner, deren Zahl sich durch neue Auswanderer immer vermehrte, lebten glücklich in Abyssinien, als im Monat Schawal 64) sich das Gerücht verbreitete, Mohammed sei mit
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64) So bei I. und Eh., auch bei Gagnier, S. 121, nicht wie bei H. v. H., der sie vor ihrer Einschiffung nach Mekka zurückkehren läßt. S. fol. 69 zählt sogar dreiunddreißig Zurückgekehrte auf, woraus zu schließen ist, daß ihre Rückkehr nicht unmittelbar nach der ersten Auswanderung stattfand, die nur aus elf Männern und vier Frauen bestand. Die Veranlassung zu diesem Gerüchte war nach I. und Ch., wie auch bei Gagnier a. a. O.: daß die Kureischiten mit Mohammed niederfielen , als er die 53. Sura vollendet hatte, in welcher von den Götzen Allat, Uzza und Mana die Rede ist. Das Mährchen, welches schon Maraccius S. 466 anführt, nach welchem, als Mohammed diese Götzen erwähnte, der Teufel seine Stimme nachahmte und ausrief: „es sind erhabene Jungfrauen (eigentlich Schwäne), deren Fürbitte wünschenswerth,“ worauf der 53. Vers der 22. Sura sich beziehen soll, erklärt I. im Namen verschiedener Theologen und Biographen als eine Erfindung von Ketzern, die daher auch Beidhawi nicht in seinen Commentar aufnahm. Es läßt sich nicht annehmen, sagt er, daß Mohammed so ungläubige Worte ausgestoßen, noch, daß Satan die Macht habe, sich in göttliche Offenbarung zu mischen. I. mag als Muselmann ganz recht haben, einem Ungläubigen ist es aber wohl erlaubt, zu vermuthen, daß Mohammed, der vielen Verfolgungen müde, und an dem Erfolg seiner Bemühungen verzweifelnd, einen Augenblick mit den Kureischiten zu capituliren gesonnen war, und wirklich ihre Götter als vermittelnde Wesen zwischen Gott und den Menschen anerkannte, was er aber bald nachher als einen teuflischen Gedanken erklärte. Meine Vermuthung wird fast zur Gewißheit durch folgende Stelle bei I.: Hasiz Addamjati erzählt: „Eines Tages, als Mohammed allein war, und darüber nachdachte, wie sein Volk sich gänzlich von ihm losgesagt, wünschte er, aus Verlangen nach ihrer Bekehrung, Gott möchte ihm doch etwas offenbaren, das eine Annäherung zwischen ihm und den Mekkanern zu Stande bringe.“


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den Kureischiten ausgesöhnt, worauf sich wieder Manche nach Arabien einschifften. Aber als sie nur noch eine Stunde von Mekka waren, hörten sie, daß die zu ihnen gelangte Kunde ungegründet war. Einige kehrten daher wieder nach Abyssinien zurück, andere begaben sich heimlich oder von Kureischiten geschützt, nach Mekka, verließen aber zum Theil auch die Stadt bald wieder mit neuen Glaubensgenossen. Da die Kureischiten, denen es nicht gleichgültig sein konnte, daß die Muselmänner einen sichern Zufluchtsort fanden, die Auswanderer vergebens bis an das Meer verfolgen ließen, sandten sie später Amru, den Eroberer Egyptens und Abd Allah ibn Rabia mit vielen Geschenken an den Fürsten von Abyssinien, um deren Auslieferung zu erwirken, aber ihre Bemühungen waren fruchtlos, denn der Nadjaschi, wie die Araber die Fürsten von Abyssinien nennen, sah bald ein, daß die Muselmänner dem wahren Glauben viel näher waren, als die Kureischiten 65). Noch  
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65) Djafar soll nach Ch. und S. fol. 20 folgende Rede gehalten haben, von der aber gewiß ein Theil späterer Zusatz ist: Wir waren unwissend, wußten nichts von Gott und seinen Gesandten, wir aßen Leichen, begingen allerlei Schändlichkeiten, verletzten das Schutzrecht und die den Verwandten gebührende Liebe, der Starke fraß den Schwachen auf, bis uns Gott einen Propheten sandte, dessen Geschlecht, Wahrhaftigkeit und Tugend wir kennen; der forderte uns auf, Gott allein anzubeten und die Götzen zu verabscheuen, er empfahl uns das Gute und verbot uns das Schlechte, wir sollen wahr in unsern Worten und treu in unseren Handlungen sein, unsere Verwandten lieben und die Schwachen beschützen. Er verpflichtete uns zum Gebet, zu Almosen, Fasten und anderen frommen Werken, und hielt uns fern von Lüge, Unzucht und sonstigem Unrecht u. s. w. Ueber die Zeit dieser Mission sind die Traditionen von einander abweichend, S. fol. 22 setzt sie vor Omars Bekehrung, manche setzen sie erst in das Jahr, wo Mohammed sich in Abu Talibs Veste einschloß, und die Zahl der Auswanderer zunahm. Andere lassen Othman diese Rede halten.


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schmerzlicher als diese verfehlte Mission war den Kureischiten die bald darauf folgende Bekehrung Hamza's, Ohejm des Propheten, und des nachherigen Chalifen Omars, Neffe Abu Djahl's, der Mohammed nicht weniger als Abu Lahab auf jede Weise zu kränken suchte. Hamza's Uebergang zum Islam fand weniger aus Ueberzeugung, als aus Theilnahme an dem Schicksal seines Neffen statt. Er kam eines Tages von der Jagd mit umhängtem Pfeilbogen, als er hörte, Mohammed sei, ohne die mindeste Veranlassung gegeben zu haben, von Abu Djahl beschimpft, mit Koth beworfen und mit Füßen getreten worden. Hamza lief außer sich vor Zorn in den Tempel, wo Abu Djahl mit einigen anderen Kureischiten sich befand, und versetzte ihm einige Schläge mit seinem Bogen. Als Abu Djahl von Mohammeds Unglauben sprach, sagte er: Nun, auch ich glaube nicht an eure steinernen Götter, könnt ihr mich wohl zwingen? Bei diesen Worten wollten die Beni Mahzum, zu denen Abu Djahl gehörte, ihrem Verwandten zu Hülfe kommen, aber Abu Djahl, der entweder den Zorn eines Mannes fürchtete, welcher später wegen seiner Tapferkeit und seiner Stärke den Beinamen „Löwe Gottes“ erhielt,


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oder vielleicht hoffte, er würde nach der an ihm genommenen Rache sich wieder besänftigen und dem alten Glauben treu bleiben, hielt sie zurück, indem er ihnen sagte: Lasset ihn! denn ich habe wahrlich seinen Neffen schwer mißhandelt. Da indessen, trotz dieser Nachgiebigkeit Abu Djahls, Hamza dennoch zu Mohammed überging, waren die Kureischiten so sehr erbittert, daß sie diesen heimlich aus der Welt zu schaffen beschlossen, und dessen Mörder hundert Kameele und tausend Unzen Silber versprachen. Drei Tage nach Hamzas Bekehrung, erbot sich ihnen der 26jährige Omar als solcher. Er war schon auf dem Wege nach Mohammeds Wohnung, um die Mordthat zu vollbringen, als er Nueim, oder nach Einigen Saad, einem heimlich bekehrten Muselmanne begegnete, der, um ihn von der Ausführung seines Vorhabens abzuhalten, ihm sagte: Ehe du Mohammed tödtest, den gewiß seine Verwandten rächen werden, suche zuerst die Deinigen zu deinem Glauben zurückzuführen. Ist Jemand von den Meinigen abtrünnig 66)? fragte Omar erstaunt. Deine Schwester Fatima, antwortete Nueim, und ihr Gatte 67). Omar lief sogleich in
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66) Das Wort, dessen sich die Kureischiten bedienten (saba), um den Uebergang zu Mohammed auszudrücken, bedeutet überhaupt: sich von seinem Glauben ab- und einem andern zuwenden, es ward aber besonders im gehässigen Sinne gebraucht, so daß der Sâbi, wie Omar Mohammed nannte, unserem Apostat, oder dem französischen renégat entsprach.
67) Bei H. v. Hammer (S. 67) sagte Saad, als Omar es nicht glauben wollte : „Du wirst dich überzeugen, wenn du zu ihnen zu Tische gehest, weil sie mit dir nicht werden essen wollen.“ Dazu in einer Note: „Raudhatol-Ahbab und Chamis.“ Bei letzterem habe ich davon keine Spur gefunden, ich erlaube mir daher auch zu zweifeln, ob ersterer richtig citirt oder verstanden worden, da auch nirgends etwas davon erwähnt wird, daß es den Muselmännern verboten war, mit Nicht-Muselmännern zu speisen, besonders wenn die Speisen von Muselmännern zubereitet worden. Wie konnte Mohammed seine Verwandten zu sich einladen? Wie hätten denn so Manche ihren Glauben vor den Ihrigen verborgen halten können? Daß jetzt kein Gesetz den Muselmännern verbietet, mit Christen oder Juden zu speisen, bedarf kaum einer Erwähnung.

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die Wohnung seiner Schwester, welche gerade mit ihrem Gatten Said sich von Chabbab die zwanzigste Sura lehren ließ. Als Omar an der Thüre klopfte, verbarg sich Chabbab schnell, ließ aber in der Eile das Blatt zurück, auf welchem das genannte Kapitel geschrieben war. Fâtima konnte daher nicht länger ihren Glauben verläugnen, sie wiederholte sogar, als Omar sie und ihren Gatten mißhandelte, in seiner Gegenwart das mohammedanische Glaubensbekenntniß: „Ich bezeuge, daß es keinen Gott gibt außer Gott, und daß Mohammed sein Gesandter.“ Nachdem aber Omar seiner Wuth Luft gemacht, bereute er seine Rohheit, und wünschte das zurückgebliebene Blatt zu lesen. Fâtima gab es ihm aber nicht, bis er sich wusch 68) und ihr versprach, es ihr unversehrt zurückzugeben.

Omar las mit zunehmender Bewunderung die ersten vierzehn Verse dieses Kapitels, in denen von Gottes Größe und Einheit, und von Moses Sendung die Rede ist; die zwei folgenden Verse vollendeten seine Bekehrung. Sie lauten: „Die Stunde wird kommen, die ich den Menschen verbergen will, damit einem jeden Vergeltung werde für sein Streben. Lasse dich in deinem Glauben daran nicht stören durch Ungläubige, die nur ihrer Leidenschaft folgen, sonst bist du verloren.“ Er begab sich hierauf zu Mohammed , der in Arkams Haus 69)
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68) Schon vor Mohammed war es Sitte, sich die Hände zu waschen, ehe man nicht nur etwas Heiliges, sondern nur etwas Erhabenes berührte, oder überhaupt irgend eine feierliche Handlung beging. So berichtet Tibrizi: als der Dichter Harith seine Muallakah dem König Amru vorgetragen hatte, sagte ihm dieser: Recitire sie nie wieder, ohne dir vorher die Hände zu waschen.
69) Nach einer anderen Tradition befand sich Mohammed schon im Tempel, Omar schlich leise in seine Nähe, und hörte, wie er die 61., und nach einigen die 69. Sura las. Als er das Kapitel vollendet hatte, und Omar vor sich stehen sah, fragte er ihn erschrocken: in welcher Absicht bist du hierher gekommen? Um zu bekennen, antwortete Omar, daß es nur einen Gott gibt, und daß du dessen Gesandter. Den Anfang des 14. Verses habe ich nach dem Kamus übersetzt, nicht wie Maroccius und A. „prope sum ut revelam eam.“


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verborgen war, bekannte sich zu seinem Glauben, und bewog ihn unter seinem und Hamzas Schutz öffentlich nach dem Tempel zu ziehen 70). Die Muselmänner, nach einigen vierzig, nach andern fünfundvierzig an der Zahl, theilten sich in zwei Reihen, deren eine Omar und die andere Hamza anführte, machten zum großen Aerger der Kureischiten den Kreis um die Kaaba, und verrichteten ihr Gebet darin. Omar durfte am folgenden Tage wieder in der Kaaba ungestört beten, denn Abu Djahl, so sehr er auch Mohammed als Lästerer verfolgte, ließ doch seinem Neffen nichts zu Leide thun. Da aber ein anderer Muselmann in der Kaaba mißhandelt ward, sagte Omar: bei Gott, ich will nicht besser sein, als meine armen Glaubensgefährten. Er ging hierauf zu seinem Oheim und sagte ihm : „ich entbinde dich von deinem Schutze,“ und begann sogleich sich selbst gegen seine und seiner Glaubensgenossen Feinde zu vertheidigen. Seinem Beispiele folgte auch Othman Ibn Mazun, welcher unter dem Schutze seines Oheims Walid Ibn Mughira gestanden war.

Da indessen die Kureischiten immer neue Mordpläne gegen Mohammed und seine Anhänger schmiedeten, hielt es Abu Talib für gerathen, ihn mit einem Theile der Gläubigen aus Mekka zu entfernen, und in ein wohlbefestigtes Schloß außerhalb Mekka zu bringen, während andere Muselmänner zu ihren Glaubensbrüdern nach Abyssinien auswanderten, die jetzt eine Gemeinde von 83 Männern und 18 Frauen bildeten 71). Noch
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70) S., I. und Ch. Nach einem anderen Berichte soll ihn früher schon Abu Bekr zu einem öffentlichen Zuge nach der Kaaba veranlaßt haben. Aus beiden geht hervor, daß Mohammed selbst viel verzagter, als seine beiden Anhänger war.
71) So bei I., Ch., nach Ibn Ishak nimmt 33 Männer an, ich vermuthe aber hier einen Schreibfehler, da im Arabischen 30 und 80 sich leicht verwechseln lassen, weil weder I. noch Ch. eine Verschiedenheit der Tradition anführen, und I., wie auch Abulfeda, bei dem oben erwähnten falschen Gerüchte 33 Mann nach Mekka zurückkehren läßt, die sich doch zum Theil wieder nach Abyssinien einschifften, und zu denen sich auch nach Ch. später viele neue Auswanderer (chalk Kathir) gesellten. Die mir später zugekommene Handschrift des S. macht meine Vermuthung zur Gewißheit, denn es heißt fol. 58: „Die Gesammtzahl der Auswanderer war 83, wenn man Ammar Ibn Jasir, an dessen Auswanderung gezweifelt wird, mitrechnet.“

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einmal forderten die Kureischiten Mohammeds Auslieferung von Abu Talib, sie erboten sich die doppelte Sühne für ihn zu entrichten, und schlugen vor, damit sie nicht als dessen Mörder vor ihm erscheinen 72), jemand, der nicht zu ihrem Stamme gehöre, solle ihn aus der Welt schaffen. Da aber Abu Talib unerschütterlich war, und seine nächsten Verwandten, die Söhne Haschims, so wie die Muttalibs 73), sowohl Muselmänner, als Heiden, ihm schützend zur Seite standen, so wurden sie alle von den beiden andern Hauptzweigen der Kureischiten, d. h. von den Söhnen Naufals und Abd Schems in Acht erklärt. Die Urkunde, in welcher sich letztere verbindlich machten, Mohammeds Beschützer als Feinde anzusehen, und jeden Verkehr mit ihnen abzuschneiden, bis sie ihn ausliefern würden, ward am ersten Muharram des siebenten Jahres nach der Sendung Mohammeds 74) im Innern der Kaaba aufgehangen, und den Geächteten blieb keine andere Wahl, als sich gleichfalls zu Mohammed zu begeben, wo sie durch die Unzugänglichkeit  
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72) Bekanntlich galt es bei den alten Arabern für die größte Feigheit, für den Tod eines Verwandten an dessen Mörder keine Rache zu nehmen.
73) Nicht Abd Almuttalib wie bei H. v. H. (S. 70), dieser war ja selbst ein Sohn Haschims, sondern Muttalib, der wie Naufal und Abd Schems ein Bruder Haschims war.
74) Ch., auch Gagnier, S. 132. Demnach war Mohammed, als er sich einschloß, noch nicht volle 47 Jahre alt. Das folgende findet man bei I.

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der Schlucht, in welcher das Schloß lag, vor ihren Feinden geschützt waren. Doch fürchtete Abu Talib selbst hier so sehr irgend einen Verrath, daß Niemand wissen durfte, wo Mohammed schlief; er mußte jede Nacht das Bett, welches man für das seinige hielt, verlassen, und sich in ein anderes legen. In dieser Schlucht brachten sie nahe an drei Jahren zu, obschon sie selbst an den nothwendigsten Lebensbedürfnissen Mangel litten, indem sie selbst nur während der heiligen Monate 75) nach Mekka kommen durften, und die Kureischiten alles aufboten, damit ihnen keiner ihrer heimlichen Freunde etwas zuführe. Als endlich die Feinde Mohammeds sahen, daß derselbe unerschütterlich in seinem Glauben, und daß seine Verwandten lieber jeden Mangel ertragen, als ihn ausliefern wollten, und als in Mekka selbst viele Stimmen sich gegen ihre Härte vernehmen ließen 76), so waren sie geneigt, den Bann aufzuheben. Da indessen die in der Kaaba aufbewahrte Urkunde, in welcher ausdrücklich gesagt war, „sie würden mit den Haschimiten keinen Frieden schließen, bis sie Mohammed
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75) Während derselben wurde gewiß damals noch jede Feindseligkeit eingestellt; dem sei aber wie ihm wolle, so bemerkt Ch. ausdrücklich, daß sie während der Feste (mausam) nach Mekka kamen, so auch Gagnier 132 nach Djannabi. H. v. H., der (S. 70) behauptet, sie seien sogar verhindert worden, die Pflichten der Wallfahrt zu vollziehen, hätte wenigstens eine Quelle anführen sollen.
76) Selbst Abu Sosian gestand nach I. ein, daß es Unrecht von ihnen wäre, ihre Vetter in solcher Noth zu lassen. Auch erzählt er, was man auch bei S. sol. 71 findet, daß einige andere Mekkaner, meistens Verwandte Mohammeds, sich verbanden, um die Aufhebung des Banns zu erwirken. Die Legende läßt nun Mohammed seinem Oheime sagen: Die Würmer haben die Urkunde bis auf den Namen Gottes, oder nach einigen den Namen Gottes aufgefressen. Abu Talib begab sich hierauf nach Mekka und begehrte die Urkunde zu sehen, um wo möglich einen Frieden zu schließen, und da sie zum Theil zernichtet war, so drang die Ansicht derjenigen, welche schon vorher zu seinen Gunsten gesprochen hatten, durch.

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ausliefern,“ sie fesselte, so zernichteten dieselbe in der Nacht wahrscheinlich einige Freunde Mohammeds, so daß der Befreiung der Abgeschlossenen kein Hinderniß mehr im Wege stand.

Nicht lange nach Mohammeds Rückkehr nach Mekka besuchte ihn eine christliche Karawane aus Nadjran 77), ein Städtchen, sieben Tagereisen südlich von Mekka, im Tempel, und ward so sehr von seinen Reden eingenommen, daß sie, trotz der sie verspottenden Kureischiten, sich dennoch zu seinem Glauben bekannte. Das Gleiche that Djammâd, ein Teufelsbeschwörer aus dem Stamme Azd, der in Mekka gehört hatte, Mohammed sei von Dämonen besessen, und sich in der Absicht, ihn zu heilen, zu ihm begeben hatte. Mohammed sagte ihm aber: „Du behauptest, Menschen von Dämonen befreien zu können? Nur Gott dürfen wir um Hülfe anflehen, wen er leitet, kann Niemand irre führen, wen er aber im Irrthum läßt, den kann niemand davon befreien. Bekenne, daß es nur einen Gott gibt, der mich zu seinem Gesandten erwählt.“

In diese Zeit, wo die Perser Syrien und einen Theil Egyptens eroberten, fällt die Offenbarung der dreißigsten Sura des Korans, in welcher Mohammed voraussagt, daß die jetzt von den Persern geschlagenen Griechen nach einigen Jahren wieder die Oberhand über dieselben gewinnen würden. Mohammed, der wahrscheinlich die Unzufriedenheit der Perser mit Chosru Perwiz kannte, und die daraus entsprungenen Unruhen voraussah, beruhigte damit die Muselmänner, welche natürlich als Männer der Schrift, wie sie der Koran nennt, das heißt als solche, die an eine Offenbarung glauben, an dem Schicksal der Christen innigen Antheil nahmen, während die heidnischen Mekkaner die Kunde von dem Siege der Perser mit Frohlocken aufnahmen. Nach der Offenbarung dieses Kapitels ging Abu
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77) Diese und die folgende bisher noch unbekannte Bekehrung erzählt I. aus dem Ujûn Alathr. Die erstere auch S. fol. 76, wobei aber bemerkt wird, daß nach einer andern Tradition diese Christen nicht aus Nadjran, sondern aus Abyssinien waren. Nach fol. 123 kamen sie erst in Medina zu Mohammed.


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Bekr mit einem Kureischiten eine Wette um zehn Kameele ein, daß die Griechen in drei Jahren wieder über die Perser siegen würden. Als Mohammed davon hörte, sagte er zu Abu Bekr: „gehe eine größere Wette ein, aber setze noch einige Jahre hinzu.“ Abu Bekr wettete dann um hundert Kameele, daß die Perser vor Verlauf von neun Jahren wieder besiegt werden. Als er die Wette gewann und Mohammed den Erlös der Kameele brachte, ließ ihn dieser unter die Armen vertheilen 78).
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78) Ch. Derselbe läßt aber Abu Bekr die Wette erst nach der Schlacht von Ohod (624) gewinnen, was mit den sonstigen Nachrichten über den Krieg zwischen den Persern und Griechen nicht übereinstimmt, auch den übrigen muselmännischen Traditionen widerspricht, welche die Griechen am Schlachttage von Bedr zu gleicher Zeit mit den Muselmännern über ihre heidnischen Feinde siegen lassen. Das von Manchen in diese Zeit gesetzte Wunder des getheilten Mondes verdient um so weniger im Texte eine Aufnahme, als selbst viele Muselmänner das dieser Legende zum Grunde liegende 54. Kapitel des Korans auf den jüngsten Tag beziehen. Doch mag folgende Legende aus I. hier an ihrem Platze sein: Ein Reisender erzählt: „Ich machte einst mit meinem Oheim und meinem Vater eine Geschäftsreise von Chorasan nach Indien, da kamen wir gleich an der Grenze Indiens in die Nähe eines Dorfes, aufdas sogleich die mit uns reisenden Kaufleute zuliefen. Wir fragten sie nach dem Namen dieses Dorfes, sie antworteten uns: es ist das Dorf des Scheich Zein Eddin Almuammir. Wir folgten ihnen bis zu einem Baume, der vor dem Dorfe stand, unter dem sich viele Leute schatteten, die uns willkommen hießen. Als wir unter dem Baume saßen, sahen wir einen Korb an einem der Zweige aufgehängt, und als wir fragten, was er enthalte, hörten wir, der Scheich Zein Eddin halte sich in diesem Korbe auf, der noch den Propheten gesehen und jetzt über 600 Jahre alt ist. Auf unser Verlangen, den Scheich zu sehen, und einiges von ihm über Mohammed zu hören, ließ ein anderer Alter den Korb herunter, und siehe da, er war mit Baumwolle gefüllt, und der Scheich saß darin, wie ein Huhn auf ihrem Neste. Der Alte, der ihn heruntergelassen , sagte ihm dann etwas ins Ohr, worauf jener in persischer Sprache, die wir verstanden, mit einer Stimme, welche nicht stärker als Bienengesumme war, begann: Als ich einst im Jünglingsalter mit rneinem Vater eine Handelsreise nach dem Hedjas machte, und in einem der Thäler Mekkas mich befand, sah ich einen sanften Knaben, der Kameele hütete, und durch einen starken Regenbach von denselben getrennt ward. Sobald ich seine Verlegenheit bemerkte, näherte ich mich ihm und trug ihn auf meinen Schultern über den Bach, setzte ihn bei seinen Kameelen nieder, worauf er mich dankend verließ. Nach vielen Jahren, als wir in unserem Dorfe eines Nachts beisammen saßen, sahen wir, wie sich der Mond spaltete, und die eine Hälfte nach Westen, die andere nach Osten zog; hierauf trat eine Weile eine große Finsternis ein, bis endlich wieder die eine Mondhälfte von Osten und die andere von Westen kam, und sich wieder mitten im Himmel vereinigten. Diese Erscheinung setzte uns alle in Erstaunen, bis wir endlich von einer Karawane vernahmen, ein Mann, aus dem Geschlechte Haschim, sei als Prophet aufgetreten, und die Bewohner Mekkas seien so lange in ihn gedrungen, er möchte sie doch durch ein Wunder überzeugen, bis auf sein Gebet sich der Mond spaltete. Da ich diesen Propheten auch zu sehen wünschte, reiste ich nach Mekka, und bat, bei ihm vorgelassen zu werden. Sobald er mich erblickte, lächelte er, und fragte mich, ob ich ihn nicht erkenne? ich antwortete: nein. Da sagte er: erinnerst du dich nicht, einst in der Nähe dieser Stadt einen Knaben über einen Bach getragen zu haben? Dieser Knabe war ich. Er ließ mir dann Datteln vorstellen, und als ich einige gegessen, reichte er mir die Hand und forderte mich auf, das mohammedanische Glaubensbekenntniß abzulegen; als ich dieß gethan, freute er sich, und sagte mir beim Weggehen sechs Mal: „Gott segne dein Leben!“ Nun hat mir Gott für jedes Mal hundert Jahre geschenkt; ich befinde mich jetzt in meinem sechsten Jahrhunderte und erwarte dessen Ende.“

Leben Mohammeds.



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Betrübender als die Nachricht von der Niederlage der Griechen war für Mohammed, der im zehnten Jahre seiner Sendung erfolgte Tod seines Oheims und Beschützers, Abu Talib, welchem auch bald seine Gattin Chadidja ins Grab folgte. Abu Talibs Beharrlichkeit im Glauben seiner Väter — denn noch in den letzten Zügen, als die ihn umgebenden Muselmänner ihm das mohammedanische Glaubensbekenntniß auspressen wollten,


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sagte er: ich sterbe in dem Glauben Abd Almuttalibs 79) — widerlegt am besten die vielen Wunder, welche die Legende um Mohammeds bisheriges Leben ausstreut, so wie aber auch auf der andern Seite, die Liebe, mit der er an ihm hieng und die Opfer, die er ihm brachte, uns nicht gestatten, Mohammed für einen Lügner oder Betrüger zu halten. Sei es nun, daß Abu Talib seinen Neffen für einen Geisteskranken oder von Dämonen geplagten Menschen hielt, so war er gewiß von dessen reiner Absicht überzeugt, und ist die von Sebt Ibn Djuzi angeführte Tradition, nach welcher schon Abd Almuttalib in seinen letzten Jahren den Götzendienst aufgab, wahr, so konnte auch Abu Talib im Glauben an die Einheit Gottes gelebt haben und gestorben sein, ohne deshalb seinen Neffen als einen Propheten anzuerkennen. Mohammed beweinte ihn und erflehte, trotz seines Unglaubens, Gottes Gnade für ihn. Die Todtenwaschung und übrigen damals üblichen Leichenceremonien besorgte 80) Ali auf Mohammeds Befehl. Weniger als Abu Talib betrauerte Mohammed seine Gattin Chadidja, gegen die er zwar so rücksichtsvoll war, daß er, so lange sie lebte, keine andere Frau zu ihr heirathete, obschon er dieß nach den damals herrschenden Gesetzen und Sitten recht gut gekonnt hätte, und obschon sie erst in einem Alter von fünfundsechzig Jahren starb. Aber noch war kein   
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79) Diese Tradition bei I. und Ch. scheint mir glaubwürdiger, als die andere, welche man bei S. fol. 83 und Abulfeda findet, der zu Folge Abu Talib gesagt haben soll: „ich würde mich gerne bekehren, aber ich fürchte, man möchte glauben, ich thue es aus Furcht vor der Todesstunde.“ Man sieht doch wahrlich nicht ein, wenn er wirklich von Mohammeds Sendung überzeugt war, warum er nicht früher Muselmann geworden. Die Verse, welche auch für Abu Talibs Ueberzeugung sprechen, gehören in eine Kategorie mit denen, welche Amina vor ihrem Tode dichtete. Vergl. die Anmerkung 4.
80) So bei I. und Ch. nicht Mohammed selbst. Ueber die Zeit zwischen Abu Talibs und Chadidjas Tod stimmen die Berichte nicht überein, doch geben die meisten nur drei Tage an.

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Monat nach ihrem Tode verflossen 81), so heirathete er Sauda, eine gläubige Wittwe, die ihren Gatten, mit dem sie nach Abyssinien ausgewandert war, kurz vorher verloren hatte, und bald darauf verlobte er sich auch mit der siebenjährigen Aïscha, der Tochter Abu Bekrs. Mohammeds Honigwochen waren aber von kurzer Dauer, denn die Kureischiten, die seit Abu Talibs Tod wieder gehässiger gegen ihn geworden waren, nöthigten ihn bald, abermals Mekka zu verlassen. Er wandte sich nach Taïf, einem zwei Tagereisen östlich von Mekka gelegenen Städtchen, dessen Bewohner, die Thakisiten, mit ihm verwandt waren. Aber nicht nur sein Versuch, sie zu seinem Glauben zu bekehren, mißlang, sondern sie versagten ihm auch sogar ihren Schutz. Auch seine Bitte bei den Häuptern des Städtchens, seinen Besuch bei ihnen geheim zu halten, ward ihm nicht gewährt. Sie schickten ihm Sklaven und Kinder nach, die ihn bis zum Städtchen hinaus, mit Steinen verfolgten, von denen ihn einige schwer verwundeten, trotz der Bemühungen seines Sklaven Zeid, der ihn auf dieser Reise begleitete, sie von ihm abzuwehren. Aeußerst niedergeschlagen kehrte er nach Mekka zurück, durfte es jedoch nicht wagen, die Stadt zu betreten, bis Mutim, der Sohn Adij's, ihn unter seinen Schutz nahm. Je weniger aber Mohammed bei den verstockten Arabern Gehör fand, je größer die Schwierigkeiten wurden, mit denen er zu kämpfen hatte, um so inniger mußte sein Verhältniß zu Gott und der Geisterwelt werden, und um so höher in seinen eigenen Augen die Stufe, auf welche ihn Gott gestellt, der ihn zu einer so schwierigen Sendung erkohren. So begreift man, daß er auf seiner Rückkehr von Taïf eine Vision hatte, in
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81) So ausdrücklich bei I. Die Verlobung mit Aïscha, die er erst in Medina heirathete, soll im folgenden Monate, nach einigen aber noch vor seiner Vermählung mit Sauda stattgefunden haben. Chadidja starb nach I. und Ch. im Ramadhan, und vor Ende Schawwal (des darauf folgenden Monats) verließ Mohammed Mekka, also nicht drei Monate nach Chadidjas und Abu Talibs Tod, wie bei H. v. H. (S. 74).


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welcher die Genien 82) ihm als Propheten huldigten, wie dieß in dem damals geoffenbarten zweiundsiebenzigsten Kapitel des Korans erzählt wird, und daß er bald darauf 83), dem Anfang
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82) Der Glaube an Genien , welchen die Juden aus der Babolonischen Gefangenschaft nach Palästina verpflanzt, wurde wahrscheinlich auch durch sie, wenigstens in der Gestalt, die er durch Mohammed erhielt, in Arabien einheimisch. In den rabbinischen Schriften ist häufig von diesen Djinn, unter dem Namen Schedim die Rede. Es sind Mittelgeschöpfe zwischen Engeln und Menschen, die essen, trinken, sich begatten und sterben, die aber sehr lange leben und sich vor den Menschen unsichtbar machen, oder jede beliebige Gestalt annehmen können. Sie sind auch in gute und Böse, Gläubige und Ungläubige getheilt, die häufig mit einander Krieg führen. (S. Lane modern Egypt. I. 283 u. ff. und Eisenmenger, T. II. Kap. VIII).
83) Ueber Jahr, Monat und Tag dieser Nachtreise und Himmelfahrt weichen die Traditionen von einander ab, doch nehmen die meisten das dritte Jahr vor der Hidjrah an. Die wunderbare Reise von Mekka nach Jerusalem ist im Koran angedeutet, obschon sich allerdings der erste Vers der dreizehnten Sura auf irgend eine natürliche Reise des Propheten nach Palästina beziehen ließe. Die Himmelfahrt aber beruht blos auf mündlicher Tradition, denn werden auch an andern Stellen des Korans Quellen und andere Gegenstände des Paradieses erwähnt, so konnte, selbst nach mohammedanischen Begriffen, Mohammed auf gewöhnlichem Wege der Offenbarung davon Kunde erhalten haben, ohne daß er selbst mit eigenen Augen in dieser Nacht dieß alles gesehen habe. Viele Muselmänner, die an die Nachtreise glauben, läugnen daher die Himmelfahrt, und Manche wollen sogar in der Nachtreise nur einen Traum oder eine Vision erkennen. Die ganze, poetisch ausgeschmückte, aber auch furchtbar überladene Legende kann man bei Gagnier, II, S. 195—251 nachlesen. Daß Mohammed absichtlich diese sonderbare Reise erzählte, um seine Lehre durch ein Wunder zu begründen, wie H. v. H. (S. 79) glaubt, ist mir ganz unwahrscheinlich, denn wenn die Kureischiten durch ein Wunder überzeugt zu werden wünschten, so war es gewiß ein solches, dessen sie Augenzeugen sein konnten, wie etwa das des gespalteten Mondes, nicht aber durch die Erzählung unglaublicher Begebenheiten, die wieder nur auf Mohammeds Aussage beruhten. Sollen wir etwa der Legende Glauben schenken, welche Mohammed die Zweifler dadurch überzeugen läßt, daß er ihnen ein treues Bild von Jerusalem und dessen Tempel entwirft, nach einem Modell, das ihm der Engel Gabriel vorhält, und daß er ihnen verschiedene Nachrichten von Karawanen bringt, die auf dem Wege zwischen Mekka und Syrien waren?? — Noch unwahrscheinlicher ist, daß er dieses Wunder erdichtete, um das zweite Kapitel des Korans dadurch zu sanctioniren, wie H. v. H. (S. 88) vermuthet, denn sind auch, der Legende zufolge, die letzten Verse dieses Kapitels während der Himmelfahrt geoffenbart worden, so ist doch nach allen Interpretatoren des Korans der übrige gesetzgebende Theil, welcher nach H. v. H. einer besondern Sanction bedurfte, erst mehrere Jahre später in Medina erschienen.


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der siebenzehnten Sura zufolge, in einer anderen Vision von einem nur für Propheten geschaffenen geflügelten Pferde (Borak) nach dem Tempel von Jerusalem, und von da bis über den siebenten Himmel hinauf in die Nähe Gottes getragen wurde, wo nicht nur die Patriarchen und früheren Propheten ihn als den geliebtesten Gesandten Gottes begrüßen, sondern auch die Engel ihm den Vorzug vor ihnen einräumen mußten, und Gott selbst ihn als die Perle und Zweck der Schöpfung verkündete. Diese letzte Vision, in welcher ihm auch das Gebot des fünfmaligen täglichen Gebets 84) geoffenbart ward,
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64) Die Zeit der Gebete ist: 1) Sonnenuntergang. 2) ungefähr 5/4 Stunden nachher. 3) Tagesanbruch. 4) Mittagsstunde. 5) Ungefähr die Mitte zwischen letzterer und dem Beginn der Nacht. Das eigentliche Gebet besteht nur aus mehrmaliger Wiederholung, je nach den verschiedenen Tageszeiten, der Worte: „Gott ist allmächtig, sei gepriesen höchster Gott! Gott erhöre den, welcher ihn lobpreist! Das höchste Lob gebührt dir, o Herr! Zu dir beten wir und für dich üben mir gute Werke, Friede sei mit dir, o Prophet! und Gottes Gnade und Segen, mit dir und allen wahren Verehrern Gottes.“ Dazu kommt noch das mohammedanische Glaubensbekenntniß, die Begrüßung der Engel und das Hersagen mehrerer kleinerer Kapitel des Korans.


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erschien selbst seiner gläubigen Cousine, Um Hani, so unglaubwürdig, daß sie ihn am Kleide festhielt, und bei Gott beschwor, sich doch ja nicht durch deren weitere Mittheilung bei den Kureischiten lächerlich zu machen. Mohammed, bei dem auch dießmal Traumbild, Vision und Wirklichkeit sich in einander auflösten, gab ihr kein Gehör, und die Folge war, daß nicht nur die Kureischiten ihn mehr als je verlachten, sondern selbst einige Gläubige von ihm abfielen. Während aber für Mohammed jede Hoffnung, als Prophet anerkannt zu werden, verloren schien, ward noch in demselben Jahre der Grund zu seiner künftigen Größe gelegt. Nachdem er nämlich während der heiligen Festmonate auf den verschiedenen Messen sowohl, als in Mekka selbst, vergebens bei vielen Stämmen Schutz gesucht, aber kein Gehör gesunden hatte, weil es immer hieß: „deine eigenen Leute müssen dich doch am besten kennen,“ wendete er sich zuletzt noch an sechs oder acht Medinenser, und lud sie auf dem nördlich von Mekka sich erhebenden Hügel Akaba 85) ein, sich zu ihm zu setzen und ihn anzuhören. Er fragte sie, zu welchem Stamme sie gehören, und als sie ihm sagten, sie seien Chazradjiten, ein früher mit den jüdischen Bewohnern Medinas verbündeter 86), und damals sie beherrschender Stamm,
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85) Dieser Hügel liegt auf der linken Seite der Straße von Mekka nach Mina, wo später eine Moschee gebaut ward, welche „die Huldigungsmoschee“ genannt ward. I.
86) So bei I. und Ch. nach Kastalani. Abulfeda nennt sie blos Bundesgenossen, daß aber die weit zahlreicheren Chazradjiten damals abhängig von den Juden waren, wie H. v. H. S. 78 berichtet, ist gewiß ein Irrthum. Auch gehören die Stämme Tasm und Djadis, welche H. v. H. als Verbündete der Juden von Medina nennt, bekanntlich zu den längst untergegangenen, wie Aad und Thamud. Was die Feindschaft der Chazradjiten und der Ausiten betrifft, so erzählt I. und Ch., daß nicht lange vorher die Schlacht von Buath oder Bugbath, ein Ort, zwei Tagereisen von Medina, zwischen diesen beiden Stämmen vorgefallen war. Die Veranlassung zum Kriege war nach I., daß ein Ausite einen Schützling der Chazradjiten erschlug. Nach den damaligen Gebräuchen sollte der Mörder die bestimmte Sühne zu entrichten, angehalten, aber nicht wegen des Mordes eines Schützlings wieder getödtet werden. Da aber dennoch ein Chazradjite Blutrache nahm, brach der Krieg zwischen ihnen und den Ausiten aus.


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aus dem auch die Haschimiten von mütterlicher Seite her abstammen, trug er ihnen die Grundlehren des Islams vor. Mohammed fand bei diesen Leuten um so leichter Gehör, als sie ihn für den Propheten oder Messias halten konnten, den, wie sie wohl wußten, die Juden täglich erwarteten. Als er sie aber fragte, ob sie ihn bei sich aufnehmen und ihn beschützen wollten, antworteten sie: „Das können wir jetzt noch nicht, denn noch leben wir in Zwiespalt mit den Ausiten, die einen Theil unserer Stadt bewohnen; warte daher bis zum nächsten Jahre, vielleicht wird Gott bis dahin den Frieden wieder unter uns herstellen, dann können wir vereint dir einen sichern Zufluchtsort anbieten.“ Es sei aber, daß die Feindschaft zwischen den beiden Stämmen bis gegen Ende des Jahres fortdauerte, oder daß die bekehrten Medinenser in ihrer Heimath weniger Anklang fanden, als sie gehofft hatten, so ist gewiß, daß der Islamismus in diesem Jahre in Medina noch wenig Fortschritte machte, denn auf dem folgenden Pilgerfeste (621 nach Chr.) erschienen nur zwölf Muselmänner aus Medina, worunter fünf, welche schon im vorigen Jahre Mohammed als Propheten anerkannt hatten. Von den sieben neuen Proselyten gehörten nach den meisten Berichten fünf den Chazradjiten und zwei den Ausiten an. Sie hatten wieder eine Zusammenkunft mit Mohammed auf dem Hügel Akaba, wo sie ihm die Huldigung darbrachten, welche er dem Koran zufolge nach der Eroberung von Mekka von den zum Islamismus sich bekehrenden Frauen verlangte. Sie mußten nämlich geloben, daß sie Gott keinen Gefährten geben, nicht stehlen, keine Unzucht treiben, keinen Kindermord begehen, nicht lügen und von den guten Vorschriften Mohammeds nicht abweichen wollten. Sie waren aber noch zu schwach, um sich anheischig zu machen, ihn gegen seine Feinde in Schutz zu nehmen.


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Zwar flüchteten sich schon in diesem Jahre manche Muselmänner nach Medina 87), aber die bekehrten Medinenser selbst mußten ihren neuen Glauben verheimlichen, wenn sie sich nicht manche Verfolgungen von den Heiden zuziehen wollten 88). Indessen verbreitete sich der Islam im Stillen immer mehr in Medina, besonders seitdem Mohammed den gelehrten Mußab dahin sandte, dessen Predigten und Koransvorlesungen vielen Beifall fanden. Dieser war es auch, welcher nach vielen einzelnen Bekehrungen die neuen Glaubensbrüder jeden Freitag zum Gebete und zu religiösen Besprechungen vereinigte, daher auch dieser Tag später zum Feiertage eingesetzt ward. Im nächsten Jahre endlich, als Mohammed 53 Mondjahre alt war, befanden sich unter den medinensischen Pilgern dreiundsiebenzig 89) Muselmänner und zwei Muselmänninnen, welche
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87) I. und Ch., auch S. fol. 96 bemerken ausdrücklich, daß Abu Salama und einige andere bald nach der ersten Huldigung, nach Medina auswanderten; wahrscheinlich mußten sie aber ihren Glauben so gut wie die Medinenser selbst bis nach der zweiten Huldigung geheim halten, was ebenfalls von I. berichtet wird, nicht wie bei Gagnier (S. 281), der sie erst nach der zweiten Huldigung abreisen läßt. Nach letzterer ward die Auswanderung aber allgemein und von Mohammed geboten.
88) Daß auch in Medina die Muselmänner in der ersten Zeit vielen Widerstand fanden, geht schon aus dem, was Abulfeda (nach S. fol. 88), von Useid erzählt, hervor, welcher mit seinem Schwerte auf Mußab zuging und ihm sagte: „was kommst du hierher, um unsere Schwachköpfe irre zu führen? entferne dich, wenn dir dein Leben theuer ist.“
89) So bei Abulfeda, auch bei I. und Ch. nach Ibn Hischam (S. fol. 90), andere zählen 70, wieder andere 71 oder 72 Männer. Sie kamen mit 300, nach Einigen sogar mit 500 heidnischen Pilgern aus Medina, welche noch gar nicht wußten, daß sich Muselmänner unter ihnen befanden, denn nach S. fol. 92 kamen die Kureischiten am Morgen nach der Huldigung zu einigen von ihnen, um ihnen Vorwürfe zu machen, sie schwuren aber bei Gott, sie wüßten von dem ganzen Vorfalle nichts. Einer sah den andern an, denn sie wußten in der That nichts davon (so bemerkt S.), und hatten nicht falsch geschworen.


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auf Akaba mitten in der Nacht mit Mohammed ein förmliches Schutz- und Trutzbündniß schlossen, und ihn einluden, mit den Seinigen nach Medina auszuwandern. Abbas, der zwar, wie Abu Talib, seinen Glauben damals noch nicht geändert hatte, aber dennoch seinen Neffen beschützte, und ihn auch zu dieser Versammlung begleitete, machte die Medinenser auf die Folgen dieses Bündnisses aufmerksam; er stellte ihnen vor, daß sie dadurch gewissermaßen ganz Arabien den Krieg erklären, und bat sie, da doch Mohammed unter seinem Schutze in Mekka noch sicher wäre, ihn nicht zu sich zu rufen, wenn sie nicht den festen Entschluß gefaßt und Macht genug hätten, ihn gegen seine Feinde zu vertheidigen 90). Sie waren aber unerschütterlich und sagten zu Mohammed: „Mache nur deine Bedingungen, und fordere für Gott, für dich und deine Anhänger, was wir zu leisten haben.“ Darauf erwiederte Mohammed: „Für Gott
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90) So bei Abulfeda und noch ausführlicher bei I. und Ch., nach S. fol. 91. H. v. H. läßt (S. 90) Abbas sagen: „Daß nachdem Mohammed von der Gemeine der Kureisch ausgeschlossen sei, er nichts besseres thun könne, als sich nach Medina zu begeben“; er citirt dazu in einer Note: „Abulfeda vita, S. 43.“ So lauten Abbas' Worte allerdings nach der fehlerhaften Uebersetzung Gagnier's: „mohammedem nostis undenam sit. Et quidem eum a populo nostro jam seclusimus: ille enim in se habet ea, ob quae a patria sua exulare mereatur“ u. s. w. Der Fehler rührt von der falschen Deutung des Wortes manaa her, welches hier vertheidigen und nicht ausschließen bedeutet. Aber schon Reiske und nach ihm Noel des Vergers haben diese Stelle richtig wiedergegeben. Sie lautet bei letzterem: „Nous l‘avons défendu contre nos compatriotes et il trouve dans son pays estime et protection. Cependant il veut absolument se réunir à vous et dévenir un des votres etc.“ Die folgenden arabischen Worte, über welche Reiske so verschiedene Lesearten anführt, lauten bei I. wie bei Noel des Vergers in seiner Anmerkung, S. 114, eben so bei S. fol. 91. Der Hauptfehler besteht in der Verwechslung von wafuna oder tuwafuna mit takifuna.


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begehre ich, daß Ihr ihn allein, ohne Gefährten anbetet, für mich und meine Glaubensgenossen aber, daß Ihr uns wie euer eigenes Leben und das eurer Frauen und Kinder beschützet, daß Ihr mir gehorchet in Freud und Leid, und stets die Wahrheit bekennet, ohne einen Tadel zu fürchten.“ Da riefen sie einstimmig, wir schwören dir es, und gaben ihm den Handschlag der Huldigung. Mohammed ernannte dann, dem Beispiele Jesu folgend, ehe sie aus einander gingen, zwölf von ihnen als Vorsteher. Den Kureischiten blieb aber diese Zusammenkunft nicht verborgen; schon in der Nacht vernahm man eine Stimme von der Höhe des Hügels, welche den Mekkanern zurief: „Wollt Ihr den Getadelten sammt den Abtrünnigen haben, die ein Bündniß geschlossen, um euch zu bekriegen 91)?“ Und gleich am folgenden Morgen wurde den Verbündeten nachgesetzt und einer derselben unter vielen Mißhandlungen nach Mekka zurückgebracht, wo er so lange gefoltert ward,
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91) Nach der Ansicht der muselmännischen Biographen kam diese Stimme vom Teufel und Mohammed soll darauf geantwortet haben: „Teuflischer Zwerg (Izb oder Azab) Akabas, du Feind Gottes, bei Gott ich mache dir ein Ende.“ Mohammed (der Preiswürdige) wird in diesem Satze bei Ch. und I., nach S. fol. 92 mudsammam (Tadelnswerthe) genannt, die Muselmänner wie gewöhnlich Subat (plur. von Sâbi, Abtrünniger) und die Bewohner der Umgebung Mekkas: Ahl Al djabadjib, welches nach dem Kamus unter anderem die Hügel und Plätze Mekkas, oder einen Ort bei Mina bedeutet. Gagnier hat diese ganze Stelle mißverstanden. Sie lautet bei ihm (S. 278): „O vous qui logez dans des hotelleries, ne vous déflez vous point de Mohammed le Sabien? Les Sabiens sont d‘intelligence avec lui. Ils s‘assemblent sous main pour vous faire la guerre.“ Es heißt dann bei I. noch nach einer andern Tradition: „Eine Stimme rief: Gemeinde Kureisch, die Austien und Chazradjiten haben geschworen, euch zu bekriegen. Da erschracken die Verbündeten. Mohammed sagte ihnen aber: Fürchtet nichts! es ist Iblis, der Feind Gottes, niemand von euern Feinden hört ihn.“ I. setzt dann noch hinzu: „Diese beiden Traditionen widersprechen sich nicht, denn Izb gehört auch zur Gattung der Iblis.“



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bis ihn ein alter Handelsfreund unter seinen Schutz nahm. Von dieser Stunde an wurden auch die Muselmänner in Mekka, welche manche bisher als Neuerer mehr bedauert und verachtet, als gehaßt hatten, als wahre Feinde angesehen und als solche behandelt, so daß ein jeder, sobald er es nur konnte, nach Medina zu flüchten suchte. Mohammed selbst blieb indessen noch fast drei 92) Monate in Mekka, entweder weil er so lange als möglich es verhüten wollte, sich zu einem Flüchtlinge zu machen, wahrscheinlicher, weil er warten wollte, bis sein Anhang in Medina, wo noch immer die Heiden die Mehrzahl bildeten, und nicht selten Streitigkeiten zwischen ihnen und den Muselmännern vorfielen, noch festeren Fuß gefaßt haben würde. Er behielt auch seine zuverläßigsten Freunde Ali und Abu Bekr bei sich, mit denen er im Nothfalle auszuwandern gedachte. Letzterer hielt immer zwei Kameele zur Reise bereit, um auf den ersten Wink Mohammeds die Stadt
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92) Ueber die Zeit zwischen der zweiten Huldigung und Mohammeds Flucht weichen die Nachrichten von einander ab. Die Huldigung wird indessen allgemein auf einen der drei Tage (Ajjam Attaschrîk) nach dem Opferfeste (11—13. Dsul Hudjab) gesetzt; der Tag der Flucht aus Mekka aber von manchen auf den 12. Rabial Awwal, von andern auf den 8., wieder von andern auf den ersten. Nach Einigen kam er sogar am 1. schon in Medina an. Auch über die Dauer seines Aufenthalts in der Höhle sind die Meinungen getheilt, da Manche die Nacht seiner Ankunft zu den drei Nächten zählen, andere nicht. Die zuverläßigsten Traditionen bei Ch. lassen ihn am ersten Rabial Awwal Mekka verlassen, und am 12. in Medina anlangen. Demnach hätte die eigentliche Auswanderung am 13. September 622 stattgefunden, statt am 20. nach Abulfeda, welcher den 8. Rabial Awwal als den Tag der Flucht angibt. Keinesfalls aber am 22. Juli, wie bei H. v. H. (S. 92). Bekanntlich ist die Flucht Mohammeds von der Aera der Hidjrah verschieden, die mit dem ersten Muharram jenes Jahres beginnt. S. Abulfeda I. 62 in der Ausg. von Reiste und Ideler's mathemat. und technol. Chronologie II, 486. (Vergleiche auch Anmerk. 101).


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verlassen zu können. Den Kureischiten könnte aber, nachdem alle übrigen Muselmänner ausgewandert waren, Mohammeds Absicht nicht verborgen bleiben; sie beschlossen daher abermals in einer Sitzung, welche sie in dem an den Tempel anstoßenden Rathhause hielten, auf den Vorschlag Abu Djahls, welchen ein Unbekannter, der sich für einen Mann aus der mit ihnen befreundeten und verwandten Provinz Nedjd ausgab, unterstützte, Mohammed in der Nacht zu ermorden. Die mit der Mordthat beauftragten Kureischiten umzingelten sein Haus gleich beim Anbruch der Nacht, wollten aber, wahrscheinlich um den Kampf mit den Haschimiten zu vermeiden, mit der Ausführung ihres Planes eine spätere Nachtstunde abwarten 93). Mohammed hatte aber, vielleicht durch denselben Unbekannten, der, um seine Sympathie für ihn um so sicherer zu verbergen, am heftigsten gegen ihn gesprochen hatte, von dem Beschlusse seiner Feinde Kunde erhalten 94), er ließ daher Ali in seinem Gewande, und unter seiner Decke sich so niederlegen, daß ihn die Kureischiten von Außen sehen konnten, aber natürlich für
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93) Nach einigen unwahrscheinlichen Berichten wollten sie den Morgen abwarten, sie fürchteten keine Rache, denn es war ein Mann aus jeder Familie dabei; sie beschlossen daher die That gemeinschaftlich bei hellem Tage auszuführen. Bei S. fol. 101 heißt es, sie wollten warten, bis er eingeschlafen sein würde. Auf der andern Seite heißt es dann aber: „als Mohammed sie durch eine Hand voll Staub geblendet hatte und weggegangen war, kam jemand zu ihnen und sagte ihnen, daß sie Mohammed vergebens auflauern. Da sie aber Ali in seinem Gewande für ihn hielten, glaubten sie es nicht, und blieben bis zum Morgen stehen. Erst als Ali aufstand, sahen sie, daß sie überlistet worden.“ Solche Widersprüche rühren von der Verschiedenheit der Traditionen her.
94) Die muselmännischen Biographen halten diesen Unbekannten für den Teufel, weil er den Vorschlag Abu Djahls unterstützte; ich halte ihn viel eher für Mohammeds Engel, der, um als Fremder in das Rathhaus eingelassen zu werden, sich ein Redjdi, d. h. nach I. Bewohner einer gegen Mohammed feindselig gestimmten und mit den Kureischiten verwandten Provinz, nannte.


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Mohammed halten mußten. Während sie aber, die Augen stets auf den verkleideten Ali geheftet, an dem Gelingen ihres Vorhabens nicht zweifelten, und es daher für überflüssig hielten, die andern Theile des Hauses zu bewachen, stieg Mohammed von der entgegengesetzten Seite über eine Mauer herunter 95), und flüchtete sich zu Abu Bekr. Mit diesem begab er sich nicht gleich auf den Weg nach Medina, weil er wohl wußte, daß seine Feinde, sobald sie ihre Täuschung einsehen, ihn dahin verfolgen würden, sondern er ging mit ihm in eine Höhle 96)
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95) Dieser zur Erklärung der Flucht so wesentliche Umstand ward bisher von keinem Europäer noch erwähnt, ich habe ihn auch blos bei I. gefunden, der eine Tradition anführt, nach welcher Mohammeds Dienerin, Um Rubab, sich vor ihm hinneigte, damit er über sie auf die Mauer steigen konnte; er sagt dann: „Freilich widerspricht diese Tradition einer andern, der zufolge Mohammed alle die vor seiner Thüre standen, mit Staub bestreute, doch wäre es möglich, daß er dieß that, wenn er auch aus irgend einem uns unbekannten (?) Grunde nicht zur Thüre hinausgehen wollte.“ Möglich wäre es auch, daß Mohammed schon Nachmittag, sobald er von dem Vorsatze seiner Feinde Kunde erhielt, sein Haus verließ und sich zu Abu Bekr begab, dafür spricht ebenfalls eine Tradition bei I. und Ch., auch bei S. fol. 102, in welcher Aïscha sagt: „Der Prophet pflegte uns immer Morgens oder Abends zu besuchen, an diesem Tage aber kam er während der stärksten Sonnenhitze, und mein Vater sagte gleich, es muß was Wichtiges vorgefallen sein.“ Mohammed wünschte dann mit Abu Bekr allein zu bleiben, und gab ihm die Nachricht, daß Gott ihm auszuwandern befohlen u. s. w. Sollen wir etwa glauben, er sei noch einmal nach Hause gegangen, damit die Rettung um so wunderbarer scheine?? Ali's Verkleidung kann deßhalb doch stattgefunden haben, damit Mohammed des Nachts um so sicherer aus Abu Bekrs Haus entkommen konnte, das gewiß auch bewacht war, denn nach allen Traditionen stiegen sie mit einander durch ein Fenster im Hinterhause auf die Straße herab. Bei S. a. a. O. Facharadjâ min chauchatin liabi bekrin fi zahri beitihi.
96) Die Legende von der Spinne, welche, damit man Mohammed nicht in der Grotte suche, ihr Gewebe vor die Oeffnung zog, und den Tauben, welche ein Nest davor bauten und Eier hinein legten, ist bekannt; weniger die des Baumes, welcher auf Mohammeds Befehl sich vor derselben erhob, um ihn zu beschatten und die Oeffnung ganz zu verbergen, und der Quelle, welche der über die Flüsse des Paradieses gesetzte Engel mit Wasser versehen mußte. Andere ähnliche Wunder, mit denen die Legende diese Reise ausschmückt, übergehe ich.


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des ungefähr eine Stunde östlich von Mekka gelegenen Berges Thaur. Abu Bekr bestellte vorher jemanden, der ihm seine Kameele vor die Höhle führen und ihm als Wegweiser dienen sollte, und beauftragte seine Kinder, ihm jede Nacht Lebensmittel und Nachricht von dem, was sich in der Stadt ereignet, zu bringen.

Die heilige Schrift der Muselmänner 97) spricht ziemlich deutlich dafür, daß Mohammed mehr durch List oder Gewandtheit, als durch ein Wunder gerettet worden, denn man liest dann: „(Gedenke o Mohammed!) als die Ungläubigen eine List ersannen gegen dich, um dich festzunehmen, zu tödten oder zu verbannen, da waren sie recht schlau, aber Gott setzte ihrer List eine andere entgegen, denn keine List vermag etwas gegen ihn.“

Drittes Haupstück.
Mohammeds Flucht nach Medina. Die erste Moschee. Brüderschaft unter den Muselmännern. Sein Verhältniß zu den Juden. Die Kibla, Idsan und Ramadhan. Ali's Hochzeit mit Fatima. Verschiedene Raubzüge. Entweihung der heiligen Monate. Das Treffen von Bedr.

Mohammed blieb mit Abu Bekr drei Tage und drei Nächte in der Höhle des Berges Thaur. In der vierten Nacht,
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97) Sura VIII. Vers 29. Manche beziehen auch den 9. Vers des 36. Kapitels auf Mohammeds Flucht, und dieser Vers gab wahrscheinlich zur Legende Veranlassung, als habe Mohammed die Verschworenen mit Staub bestreut, so daß er mitten durch sie gehen konnte, ohne von ihnen gesehen zu werden, doch ist eine allgemeinere Deutung, nach welcher die Verstocktheit der Ungläubigen recht sinnlich dargestellt wird, viel natürlicher und dem Zusammenhange entsprechender.


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als sie wahrscheinlich hörten, daß diejenigen, welche sie verfolgten, zurückgekehrt waren, machten sie sich auf den Weg nach Medina, folgten aber nicht der gewöhnlichen Karawanenstraße, sondern hielten sich mehr in der Nähe des rothen Meeres 98). Noch war indessen nicht alle Gefahr für Mohammed vorüber, denn die hundert Kameele, welche die Kureischiten auf seinen Kopf setzten, als sie statt seiner Ali in seinem Gewande fanden, lockten immer neue Verfolger herbei. Er ward noch von Surâka eingeholt, der ihn aber, weil sein Pferd bis an den Bauch einsank, und das Pfeil-Loos, das er über sein Unternehmen befragte, zu Gunsten Mohammeds entschied, verschonte. Nachher begegnete er Bureida 99), der ihm  
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98) I. und Ch., auch S. fol. 104. Bei letzterem fol. 102 findet man auch, was ich von Abu Bekrs Kindern gesagt.
99) So die glaubwürdige Tradition bei I.; nach einer anderen, die auch Ch. anführt, war Bureida auch ausgezogen, um ihn zu tödten. Als er Mohammed eingeholt hatte, fragte ihn dieser: „Wie heißt du?“ Er antwortete: Bureida. Da sagte Mohammed zu Abu Bekr: „Unsere Sache steht gut (weil nämlich die Wurzel dieses Wortes im Arabischen frisch und gut sein, bedeutet).“ Er fragte dann wieder: aus welchem Stamme? „Aus dem Stamme Aslam.“ So sind wir gerettet, sagte Mohammed zu Abu Bekr (ebenfalls nach der Grundbedeutung des arabischen Wortes). „Und aus welchem Zweig?“ aus dem Zweig Sahm (Loos und Pfeil), „so hat dein Loos getroffen,“ sagte Mohammed zu Abu Bekr (nicht wie bei H. v. H. S. 95 „charadj semek jaani charadj nassibek, wörtlich: „ruck' mit deinem Antheil heraus;“ es heißt charadja und nicht charadj). Bureida fragte dann Mohammed, wie er heiße? und als er seinen Namen nannte, sprach Bureida sein Glaubensbekenntniß aus. Man sieht erstens nicht ein, warum er sich bekehrte, denn Mohammeds Wortspiele waren doch kein genügender Grund dazu, dann begreift man nicht, wie er Mohammed verfolgte, ohne ihn zu kennen. S. fol. 104 erwähnt nur die Verfolgung Suraka's, aber die Bureida's nicht. Dem Suraka verspricht Mohammed nach der Legende Chosroe's Armbänder, und Bureida die Stelle eines Kadhi in Meru, was sie auch Beide erhalten haben sollen, denn auch Suraka bekehrte sich nach der Eroberung von Mekka.


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aber nicht nur nichts zu Leid that, sondern sich sogar mit seinen Stammgenossen, den Beni Sahm, zum Islamismus bekehrte, die Binde von seinem Turban als Fahne an seine Lanze knüpfte und ihn nach Medina begleitete. In der Nähe dieser Stadt, welche damals noch Jatbrib hieß, traf er die längst schon ausgewanderten Gläubigen Talha und Zubeir, welche ihm sowohl, als Abu Bekr einen weißen Obermantel schenkten 100), und bald nachher, als die ihn mit Sehnsucht erwartenden Muselmänner von seinem Anzug Nachricht erhielten, bewaffneten sie sich und zogen ihm entgegen. Mohammed begab sich aber nicht gleich in die Stadt, sondern stieg in dem drei Viertelstunden südlich von derselben gelegenen Dorfe Kuba bei dem Ausiten Kolthum, Scheich der Beni Amru, ab, wo ihm sogleich einige frische Datteln zur Erquickung gereicht wurden. In diesem Dorfe blieb Mohammed vier Tage, und gründete daselbst die noch jetzt bestehende Moschee der Gottesfurcht, welche indessen nach andern Berichten schon vor seiner Ankunft bestanden hatte, und nur später von ihm verändert ward. Am ersten Freitag, nach den zuverläßigsten Berichten am fünften Tage 101) nach seiner Ankunft in Kuba, versammelte er die Muselmänner zum Gebete, und hielt die erste Predigt, in welcher er der Gemeinde die wichtigsten dogmatischen Theile seiner Religion auseinandersetzte 102). Nach dem
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100) I. und Ch.
101) Hier ist S. und nach ihm Abulfeda mit sich selbst im Widerspruch, denn er läßt fol. 105 Mohammed am 12. in Kuba ankommen, und sagt doch: es war ein Montag, während der 12. ein Freitag war. Diesem Irrthume liegt wahrscheinlich eine Verwechslung von Kuba mit Medina zum Grunde, da er nach andern Traditionen (S. Anmerk. 92) am 8. in Kuba ankam und am 12. in Medina einzog.
102) Nach anderen Berichten verließ er Kuba vor dem Gebete und betete erst in Medina. Ch. führt die Predigt nach dem Muntaka des Tabari an. Ich theile sie in einer Uebersetzung mit, obschon ich deren Aechtheit nicht verbürgen möchte: „Preis sei Gott und Lob, bei ihm suche ich Hülfe, ihn flehe ich um Gnade an, ich glaube an ihn, und erkläre mich als Feind aller derer, die ihn läugnen. Ich bekenne, daß es nur einen Gott gibt, der keinen Gefährten hat. Mohammed (warum in der dritten Person??) ist sein Diener und Gesandter; er bringt euch Leitung, Licht und Belehrung, nachdem lange kein Prophet erschienen ist, die Erkenntniß des Wahren abgenommen, der Irrthum sich verbreitet und der Untergang der Menschen sich genähert hat. Ich weiß euch aber nichts angelegentlicher zu predigen, als Gott zu fürchten und für jenes Leben zu sorgen. Wer mit reinem Herzen im Verborgenen und öffentlich nach Gottes Willen lebt, der findet jetzt schon Hülfe bei ihm, und einst reichen Vorrath. Vertrauet auf Gott, der von sich selbst sagt: „Bei mir wird das Beschlossene nicht mehr abgeändert, und ich thue meinen Dienern kein Unrecht.“ Sündiget nicht! denn Gott hat euch auf seinen Pfad geleitet und sein Buch gelehrt, um zu unterscheiden den Wahrhaftigen vom Lügner. Seid wohlthätig, wie er es gegen euch ist, und entfernt euch von seinen Feinden. Kämpfet eifrig für die Sache Gottes, der euch durch den Namen Muselmänner ausgezeichnet hat, von denen, die seine Zeichen nicht erkennen und sich ins Verderben stürzen. Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott dem Erhabenen. Denket stets an Gott und arbeitet für jenes Leben, das diesem irdischen vorzuziehen ist. Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer bei ihm.“

Leben Mohammeds.


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Gebete ritt er nach Medina und stieg bei dem Chazradjiten Abu Ajub ab, der zum Zweige der Beni Nadjar gehörte, mit denen er durch Abd Al Muttalibs Mutter verwandt war. Abu Ajub, der später unter Muawia's Chalifat mit dessen Sohn Jezid gegen die Griechen zog, und vor den Mauern von Konstantinopel starb, räumte ihm den unteren Theil seiner Wohnung ein, und zog sich mit seiner Familie in den oberen zurück. Nach einigen Tagen wollte er Mohammed den obern Stock abtreten, dieser blieb aber wegen der vielen Besuche lieber unten wohnen. Am dritten Tage nach Mohammeds Ankunft


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in Medina traf auch Ali von Mekka ein, der nur ein Paar Stunden wegen seiner Mitwirkung zu Mohammeds Flucht eingesperrt geblieben war 103). Die Mekkaner scheinen sich weiter nicht mehr viel um Mohammed gekümmert zu haben, denn sie ließen nicht nur Ali, seinen eifrigsten Anhänger, zu ihm ziehen, sondern auch bald nachher seine Töchter Fatima und Um Kolthum, seine Gattin Sauda und seine Erzieherin Um Eiman. Rukejja war schon vorher mit ihrem Gatten Othman ausgewandert, und nur Zeinab ward von ihrem ungläubigen Gatten Abul Aaß in Mekka zurückgehalten. Auch seine Braut Aïscha und die übrigen Angehörigen Abu Bekrs kamen mit der Familie Mohammeds, geleitet von Mohammeds Sklaven, Zeid, und Abu Bekrs Diener, Abdallah, wohl erhalten in Medina an. Aber sowohl Mohammeds nächste Verwandten, als die meisten anderen Auswanderer konnten in der ersten Zeit das Klima von Medina nicht gut ertragen, sie litten an Fieber und mitunter auch an Heimweh. Um letzterem Uebel so viel als möglich zu steuern, suchte ihnen Mohammed die aufgegebene Familie durch eine neue zu ersetzen, indem er eine förmliche Verbrüderung zwischen fünfundvierzig Ausgewanderten und
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103) Nach einigen Berichten geschah ihm gar nichts, dieß wäre möglich, weil wahrscheinlich die Kureischiten im Augenblicke ihrer Enttäuschung nur daran dachten, Mohammed nachzusetzen. Auf der anderen Seite wird hingegen berichtet: Ali kam mit blutenden Füßen in Mekka an, weil er aus Furcht vor den Kureischiten nur des Nachts reiste und den Tag über sich verbarg, woraus man schließen dürfte, er sei heimlich entflohen. Wie kam es aber, daß man Mohammeds und Abu Bekrs Familie in Frieden ziehen ließ? ich glaube fast, daß die muselmannischen Biographen die Leiden und Gefahren der ersten Gläubigen viel größer darstellten, als sie wirklich waren, und daß die Kureischiten recht froh waren, sie alle los zu werden.
104) Sowohl den Zweck, als die Dauer der Verbrüderung habe ich nach I. und Ch. angegeben, die Erklärung des letzten Verses der 8. Sura gibt auch Djalalein so an. Er bemerkt gleich beim 75. Vers, wo es heißt: die Auswanderer und Hülfsgenossen sind einander am Nächsten, mit Ausnahme der nicht ausgewanderten Gläubigen: „Dieses wird am Schlusse der Sura aufgehoben.“ Und zum Schlusse der Sura bemerkt er, was ich im Texte eingeklammert habe (fi‘I irtki min attawâruthi bilîmani). Vergl. auch Sale's Koran in der Uebersetzung von Arnold, S. 210. H. v. Hammer hat (S. 97) den Zweck dieser Verbrüderung verkannt, und den Vers, wodurch sie aufgehoben ward, falsch erklärt. Der Leser urtheile aus seinen eigenen Worten: „Zugleich kam die Verbindung von fünfundvierzig Männern, theils Ausgewanderten (von Mekka), theils Hülfsgenossen (von Medina) zu Stande, vermöge dessen sie sich verbanden, dem Propheten in allen Gefahren mit gewaffneter Hand und Aufopferung ihres Lebens beizustehen. Viele derselben besiegelten diesen Bund in der Schlacht von Bedr mit ihrem Blute, und auf dieselben bezieht sich der nach dieser Schlacht gesandte Vers des Korans: „Die da glauben und auswanderten und kämpften mit euch, diese sind von den Euern. Von den Verwandten stehen Einige (die Verbündeten) höher, als die andern im Buche Gottes, der alle Dinge weiß.“


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eben so vielen gläubigen Medinensern zu Stande brachte, welche so weit ging, daß jedes verbrüderte Paar mit Hintansetzung der Blutsverwandten sich beerbte. Diese Brüderschaft bestand bis nach dem Treffen von Bedr, welches den Muselmännern so viele Achtung verschaffte, und ihr Leben in Medina so angenehm machte, daß sie keiner besonderen Verbindung mehr bedurften; da kehrte jeder wieder zu seiner Familie zurück, und die Verwandten wurden durch den Schluß des achten Kapitels des Korans wieder in ihr früheres Erbrecht eingesetzt. Die Stelle lautet: Diejenigen, die Verwandten haben, stehen einander näher (bei Erbschaften, als die Glaubensverwandten) im Buche Gottes, der alles weiß.

Noch vor dieser Verbrüderung, welche nach den meisten Berichten im fünften Monate nach Mohammeds Ankunft in Medina stattfand, ward der Bau der Moschee begonnen, welche noch heute Mohammeds Grab umschließt, und von den meisten Pilgern nach der Wallfahrt nach Mekka besucht wird. Der dazu gekaufte Platz war ehedem ein mit Dattelbäumen bepflanzter


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Begräbnißort gewesen; man mußte daher zuerst die Todten ausgraben und die Bäume abbauen, deren Holz indessen zum Bau verwendet ward. Es war ein äußerst einfaches Gebäude, nur sieben, nach Einigen sogar nur fünf Ellen hoch, die Wände waren größtentheils aus Backsteinen, der Boden ward erst später mit Kies belegt und Palmzweige bildeten das Dach. Die Moschee hatte hundert Ellen im Gevierte, und drei Thore; das hintere Thor oder das südliche, wo jetzt die Kibla ist, das Thor Atika, welches auch das der Barmherzigkeit genannt ward, und das Thor Gabriels, auch unter dem Namen „Thor der Familie Othmans“ bekannt. Ein Theil der Moschee diente den armen Muselmännern zur Wohnung und hieß Soffat 105). Des Nachts wurde sie mit Spahn von Dattelnbäumen beleuchtet, bis Tamim Addâri nach Medina kam und einige Oellampen stiftete. Mohammed stand in der ersten Zeit auf dem Boden, den Rücken an einen Palmstamm gelehnt, erst später, als die Zahl der Muselmänner sich vermehrte, bestieg er, um während des Gebets und der Predigt von seinen Zuhörern gesehen zu werden, eine Erhöhung (minbar) von drei Stufen 106). Auf dieser Tribüne predigte
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105) Alle Einzelnheiten dieser Moschee habe ich aus I. und Ch. geschöpft. Die für die damalige Zahl der Gläubigen unverhältnißmäßige Größe der Moschee erklärt sich dadurch, daß sie gewissermaßen auch zugleich ein Armenhaus war, was man auch am Schlusse von Abulfeda's Leben Mohammeds findet.
106) Als Mohammed zum ersten Mal diese Tribüne bestieg, so lautet die Legende, stieß der Stamm, an den er bisher seinen Rücken gelehnt hatte, ein Wehegeschrei aus, gleich dem eines Kameels, dem man sein Junges entreißt. Mohammed rief ihn dann zu sich und sagte ihm: „Wenn du willst, lasse ich dich in einen Garten pflanzen, wo du wieder frisch aufleben kannst, oder ich erhebe dich einst ins Paradies, damit Gottes Freunde sich an deinen Früchten laben.“ Der Stamm zog letzteres vor und ward einstweilen unter die Tribüne begraben. Daß dieser Stamm oder Stock nach Cordova gebracht worden sei, wie H. v. H. (S 97) berichtet, habe ich bei I., aus dem es Ibrahim Halebi geschöpft haben soll, nicht gefunden. I. erzählt nur bald darauf: „Die schönste Kanzel der Welt war die von Cordova. Sieben Meister arbeiteten sieben Jahre lang daran, und erhielten 10050 Mithkal Gold für ihren Taglohn. Dort wurden auch vier Blätter von Othmans Koran aufbewahrt, die mit seinem Blute befleckt waren.“


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er 107) zuweilen sitzend, zuweilen stehend an einen Stock gelehnt. Abu Bekr scheute sich nach Mohammeds Tod die dritte Stufe zu ersteigen, und Omar blieb sogar auf der ersten Stufe stehen. Othman ward es daher sehr übel genommen, als er die Stelle des Propheten zu betreten wagte, und sie mit Seidenstoffen belegte. Indessen ließ sich schon Muawia eine Tribüne oder Kanzel von fünfzehn Stufen errichten. Auch die ganze Moschee ward von den spätern Chalifen umgestaltet, und aus einem einfachen Bethause in einen glanzvollen Tempel verwandelt. Schon Omar war genöthigt, sie zu vergrößern, doch ließ er ihr die alte Einfachheit, und gebrauchte die selben Baumaterialen, welche zu ihrer ersten Gründung angewandt wurden. Unter Othman erhielt sie eine Länge von 160 und eine Breite von 150 Ellen, an die Stelle der gebrannten Erde mit hölzernen Pfosten, traten Steine und bemalte Säulen, und ein Plafond von Ebenholz verdrängte die über Balken hingeworfenen Palmzweige. Unter Walid 108) ward sie bis auf 200 Ellen verlängert, ihre Breite war auf der Vorderseite ebenfalls 200 Ellen und auf der Hinterseite 180 Ellen. Damals wurden die Häuser der Gemahlinnen Mohammeds,
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107) S. fol. 107 gibt die zwei ersten Anreden, welche Mohammed in dieser Moschee hielt, sie lauten zusammen dem Inhalte nach übereinstimmend mit der in Anmerkung 102 angeführten, und scheinen mir eben so unächt, als Jene.
108) Der Chalif Walid, der im Jahr 705 den Thron bestieg, und unter dessen Regierung Musa und Tarik Spanien unterjochten, während andere Feldherrn bis an die Grenze von China drangen, spielt in der Geschichte der arabischen Architektur keine geringere Rolle, als in der, muselmännischer Eroberungen. Das erste Minaret aus der großen Moschee zu Damaskus ward auch unter seinem Chalifate erbaut. Herbelot.


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welche dieser in der Nähe der Moschee bauen ließ, umgerissen, und der Moschee einverleibt. Unter Mahdi 109) und Mamun 110) ward sie um das Doppelte vergrößert, später aber zwei Mal vom Feuer zerstört, und ist jetzt nur etwa 160 Ellen lang und 130 breit. Die sechs Thore , welche sie unter Omar erhielt, sind wieder auf vier reducirt worden, und heißen: Gabriels-, Frauen-, Barmherzigkeits- und Friedens-Thor. Das erste Häuschen oder besser die erste Hütte, welche Mohammed neben die Moschee bauen ließ, war die seiner Gattin Sauda, dann seiner Braut Aïscha, welche er nach einigen Berichten schon im siebenten, nach anderen erst im siebenzehnten Monate nach seiner Ankunft in Medina heirathete. Sie erzählt diese
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109) Harun Arraschids Vater, Mahdi, war nicht weniger prachtliebend, als der eben genannte Walid, und seine Freigebigkeit grenzte an Verschwendung. Eine Wallfahrt nach Mekka soll ihn 6 Millionen Dinare gekostet haben, was nicht unglaublich ist, wenn man weiß, daß er unter Anderem zur Reise so viele Kameele mit Eis beladen ließ, daß er während seines ganzen Aufenthalts in Mekka seine Getränke damit erfrischen konnte. Er starb auf der Jagd im Jahr 785 nach einer zehnjährigen glanzvollen Regierung, ibid.
110) Mamun, der Sohn Harun Arraschids, sollte nach den Bestimmungen seines Vaters Chorasan verwalten, und als nächster Thronerbe mit seinem jüngern Bruder Amin im Gebete erwähnt werden. Da aber Amin diesen Bestimmungen zuwider handelte, erklärte ihm Mamun den Krieg. Amins Truppen wurden geschlagen, und schon im Jahr 812 beschränkte sich seine Herrschaft nur noch auf die Stadt Bagdad. Im folgenden Jahre ward er von einem von Tahirs Soldaten ermordet. Mamun hatte indessen noch viele Empörungen zu bekämpfen, zuerst der Aliden, und als er diesen zu Gefallen einen Abkömmling Ali's zu seinem Nachfolger ernannte, der Abassiden, welche Ibrahim, Mahdi's Sohn, als Chalifen ausriefen. Im Jahr 816 brach er endlich nach Bagdad auf; Ibrahim mußte fliehen und der Vezier Fadhl mit seinem Aliden wurde dem Volkshasse geopfert. Mamun starb auf einem Kriegszuge gegen den Kaiser Theophilus im Jahr 833. War er auch als Regent nicht lobenswerth, so hat er sich als Beschützer der Künste und Wissenschaften unsterblich gemacht.


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Begebenheit selbst mit folgenden Worten 111): „Als wir nach Medina kamen, stiegen wir bei dem Chazradjiten Harith ab, da ward ich fieberkrank und verlor meine Haare. Eines Tages, als ich noch in einer Schaukel lag und einige Freundinnen bei mir waren, kam meine Mutter, und hieß mich aufstehen; ich folgte ihr, ohne zu wissen, was sie von mir wollte, bis an unsere Hausthüre. Da nahm sie etwas Wasser und wusch mir Gesicht und Kopf. Dann führte sie mich in die Wohnung, und siehe da! es befanden sich viele Frauen der Hilfsgenossen darin, die mir entgegenriefen: zum Glück und zum Segen! Diese Frauen putzten mich dann ein wenig auf, und stellten mich dem Gesandten Gottes vor. Ich war damals erst neun Jahre alt 112).“ Der Hochzeitsschmaus bestand aus einem Becher Milch, den Mohammed aus dem Hause Saads erhielt, der ihn abwechselnd mit Asad speiste, und das ihr zugesagte Heirathsgut aus zwölf Okk Silber, welche ihm sein Schwiegervater geschenkt hatte. Reihen wir an diese Hochzeit die Trauung Ali's mit Mohammeds Tochter, Fatima, welche einige
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111) Diese Erzählung ist aus I. und Ch. nach Buchari und Muslim; bei I. kommen einige andere noch vor, welche aber im Wesentlichen mit dieser übereinstimmen. Nach den Meisten fand diese Ceremonie in der Wohnung Abu Bekrs statt, nach einigen in Aïschas Haus.
112) Aïscha hatte nach einer Tradition stets zwei ihrer Gespielinnen bei sich. Eines Tages, als Mohammed von einem Feldzuge heimkehrte, sah er sie mit einem papierenen Pferde spielen, das Flügel hatte; da fragte er sie: „Hast du je ein Pferd mit Flügeln gesehen?“ Ich habe noch kein solches gesehen, antwortete sie, wohl aber gehört, daß der Prophet Salomen ein solches besaß; da lachte Mohammed so heftig, daß man seine Stockzähne sehen konnte. Aïscha erreichte nach den zuverläßigsten Berichten ein Alter von 63 Jahren, ihr Tod ist daher in das Jahr 56 der Hidjrah zu setzen. Man hat von ihr 2210 Traditionen, von denen nach I. 174 allgemeine Anerkennung gefunden. Sie ward aber dennoch nicht neben Mohammed begraben. Darnach ist D‘Herbelot im Artikel Aïscha zu berichtigen.


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Monate später stattfand, über deren eigentliche Zeit aber die Traditionen eben so sehr von einander abweichen, wie über die Vermählung Mohammeds mit Aïscha. Auch über das Alter des Bräutigams stimmen die Ueberlieferungen nicht mit einander überein, doch nehmen die Meisten an, Ali sei damals noch nicht zweiundzwanzig 113) und Fatima erst fünfzehn Jahre und sechs Monate alt gewesen. Um ein Heirathsgut von 400 Drachmen aufzubringen, mußte Ali nach Einigen sein Panzerhemd, nach Andern sein Kameel verkaufen. Die eigentliche Hochzeit ward aber nach sämmtlichen orientalischen Quellen erst am Ende des zweiten Jahres der Hidjrah gefeiert 114). In der Hochzeitsnacht ließ sich Mohammed Wasser bringen und verrichtete damit die Waschung, welche vor dem Gebete üblich ist, dann goß er von diesem Wasser über Ali und Fatima, und sagte: Gottes Segen in sie, Gottes Segen über sie, Gottes Segen zu ihnen, bei ihrer Vereinigung. Ihre Aussteuer bildeten zwei Röcke, ein Kohelapparat, zwei silberne Armbänder, ein ledernes Kopfkissen mit Palmenlaub gefüllt, ein Becher, eine Handmühle, zwei große Wassergefäße und ein Krug; als Bett hatten sie nur ein Hammelfell und eine Decke, welche so kurz war, daß sie nur die Hälfte ihres Körpers bedeckte.
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113) Dieses Alter stimmt mit der Meinung derjenigen überein, welche behaupten, Ali sei erst acht Jahre alt gewesen, als er zum Islam übertrat; nur müßte dann seine Trauung in das erste Jahre der Hidjrah gesetzt werden.
114) Nicht wie bei H. v. Hammer, welcher die Trauung von der eigentlichen Hochzeit (Bina) nicht unterscheidet. Ch. gibt auch hier die Trauungsformel, die aber wahrscheinlich einer späteren Zeit angehört und keiner besondern Erwähnung verdient, eben so wenig, als einige andere Traditionen, die von der, welcher ich gefolgt bin, in Kleinigkeiten abweichen. Im Eingang zur eigentlichen Trauungsformel sagt Mohammed unter anderem: „Gelobt sei Gott, der die Menschen erhoben durch seine Religion, und geehrt durch seinen Propheten Mohammed.“ Dieser Satz allein wird wohl genügen, um meine Zweifel an dem Alter dieser Chutbah, wie sie die Araber nennen, zu rechtfertigen.


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Diesen ärmlichen Hausmobilien entsprach auch der Hochzeitsschmauß, welcher in einer Schüssel voll Datteln und Oliven bestand.

Fassen wir, um nachher Mohammeds Kriegszüge nicht zu unterbrechen, hier noch die verschiedenen Gebote zusammen, die Mohammed in den ersten zwei Jahren nach der Hidjrah an die Gläubigen erließ, so lassen sie sich am leichtesten an sein Verhältniß zu den Juden knüpfen und aus demselben erklären. Mohammed scheint in der ersten Zeit große Hoffnungen auf sie gebaut zu haben, dieß konnte er mit einigem Recht, da die Dogmen der jüdischen und mohammedanischen Religion so ziemlich mit einander übereinstimmen, und die Erscheinung eines Propheten nach Moses sogar von diesem ausdrücklich angezeigt war. Er schloß bald nach seiner Ankunft in Medina mit ihnen so gut wie mit den Stämmen Aus und Chazradj ein förmliches Bündniß, und um sie noch mehr an sich zu fesseln, machte er ihnen manche Concessionen, die er später widerrief. Er bestimmte Anfangs Jerusalem zur Kibla, das heißt zu der Seite, welcher man beim Gebete das Gesicht zuwenden sollte, ließ den Juden, die den Islam annahmen, ihre Sabbathfeier 115) und andere mosaischen Gesetze, und beobachtete sogar selbst das Fasten des Jom Kipur, d. h. des zehnten Tages im Monat
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115) Darüber hat I. folgende merkwürdige Stelle: Es wird berichtet: „Als Abdallah ben Salâm und einige andere Juden sich zum Islam bekehrten, beharrten sie bei der Verehrung des Sabbat und der Verabscheuung des Kameelfleisches und der Kameelmilch. Dieß fiel den übrigen Muselmännern auf, und sie sagten zu Mohammed: Ist die Tora ein göttliches Buch, so laß auch uns deren Vorschriften befolgen. Hierauf sandte der erhabene Gott den Koransvers (II.208): „Ihr, die ihr glaubet, gebet euch vollkommen dem Islam hin! Folget nicht den Schritten Satans, er ist euer offenbarer Feind!“ Mohammed blieb natürlich keine andere Wahl übrig, denn hätte er den Gläubigen den Genuß des Kameelsleisches oder dessen Milch verbieten wollen, so wäre ihnen geradezu Arabien zur unmöglichen Heimath geworden.

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Tischri, mit welchem das jüdische Jahr beginnt 116). Als er sich aber in seinen Hoffnungen getäuscht sah, und nur Wenige sich ihm anschlossen, die Meisten aber, theils weil sie einen Messias aus dem Geschlechte Davids erwarteten, theils weil sie alle mosaischen Gesetze beibehalten wollten, ihm nicht nur kein Gehör schenkten, sondern ihn sogar zum Gegenstande ihres Spottes machten, da näherte er sich wieder mehr dem alten arabischen Glauben. In der Moschee zu Medina sowohl, als zu Kuba ward die Kibla, nach den besten Berichten siebenzehn Monate nach der Auswanderung, nach Mekka gerichtet, und ein Monat später ward an die Stelle des Aschur, wie die Muselmänner den jüdischen Fasttag nannten, der den Arabern heilige Monat Ramadhan zum Fastmonate bestimmt. Die darauf bezüglichen Verse des Korans lauten 117): „O ihr, die ihr glaubet! Es sind euch Fasten vorgeschrieben, wie sie es Andern vor euch waren, o möchtet ihr (dadurch) gottesfürchtig werden! Eine bestimmte Zahl Tage (habt ihr zu fasten), wer aber (während derselben) krank oder auf der Reise ist, der hat
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116) Außer diesem Fasttage fasteten die Muselmänner, ehe der Ramadhan geboten ward, auch noch den 13., 14. und 15. Tag eines jeden Monats, und diese Tage wurden nach I. „die weißen Tage“ genannt. Nach einigen Traditionen auch den zehnten Tag des Monats Muharram, des ersten muselmännischen Monats, welcher auch für die Kureischiten ein Fasttag gewesen sein soll. Wahrscheinlich hatten die Kureischiten schon, dem Beispiele der Juden folgend, den zehnten Tag des ersten Monats des arabischen Jahres zum Fasttage bestimmt. Als aber Mohammed im September nach Medina kam, und die Juden, welche durch ihre Schaltmonate stets mit dem Sonnenjahre in Einklang bleiben, gerade ihren Fasttag hatten, während die Araber damals im Monate Rabial Awwal, d. h. im dritten Monate ihres reinen Mondjahres sich befanden, ließ Mohammed diesen Fasttag an dem den Juden heiligen Tage beobachten. So bei I. (Vergl. darüber auch Pocock spec. Hist. Arab. ed. White, S. 301).
117) Surat II. Vers 184-186. Ueber die verschiedenen anderen Interpretationen des Wortes jutikunahu. Vergl. Maraccius S. 68.


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sie durch so viele andere Tage zu ersetzen; wem es aber zu schwer fällt, der muß als Sühne einen Armen speisen, wer gerne noch mehr thun will, dem kommt es zu gute, doch ist es noch besser, wenn ihr fastet. Wenn ihr das wisset (so befolget es auch), der Monat Ramadhan (ist der Fastmonat), an welchem der Koran herabgestiegen, als Leitung für die Menschen und klare Zeichen des Lichts und der Scheidung (des Wahren vom Falschen) u. s. w.“ An die Faste des Ramadhan schließt sich das Gebot der Almosen am Ende des Monats 118), ebenfalls eine Annäherung an die Gebräuche der heidnischen Araber, welche, wie wir schon bei Abd Almuttalib gesehen, während dieses ganzen Monats eine besondere Mildthätigkeit gegen die Armen ausübten. Auch feierte er im zweiten Jahre in Medina zum ersten Male das eigentliche Wallfahrtsfest, opferte dabei einen Widder, von dem er einen Theil mit den Seinigen verzehrte und das Uebrige den Armen verschenkte, und gebot allen Gläubigen das Gleiche zu thun. Auch wurde, um nichts mit Juden und Christen gemein zu haben, welche durch Trompeten und Glocken die Gebetsstunde anzeigten, das Idsan 119) eingeführt, d. h. das Ausrufen derselben durch eine Menschenstimme zuerst von der Kanzel, dann von der Terrasse und später vom Minaret der Moscheen herab. Die hiebei noch
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118) Nach diesem Gebote muß für jeden Muselmann ohne Unterschied des Geschlechts und Alters, ja sogar für den Sklaven ein Maaß von ungefähr 51/3 Pfund von den gewöhnlichen Lebensmitteln des Ortes, in welchem man sich befindet, den Armen gegeben werden. Dieses Gebot, welches nach allen Berichten im zweiten Jahre der Hidjrah erschien, darf nicht (wie bei H. v. H. S. 111) mit dem allgemeinen Gebote der Almosen verwechselt werden, das nach Einigen erst später mitgetheilt ward. Letzteres ist eine Art Armensteuer von Vieh, Getreide, Früchten, Geld und Handelsgegenständen, je nach dem Betrag derselben.
119) Ueber die Zeit, in welchem das Idsan eingeführt ward, weichen die Traditionen von einander ab, einige nehmen das erste Jahr der Hidjrah an, andere, und dieß ist wahrscheinlicher, erst nach der Veränderung der Kibla.


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jetzt üblichen Worte sind: „Gott ist der Höchste, ich bekenne, daß es nur einen einzigen Gott gibt, daß Mohammed Gottes Gesandter ist. Kommet zum Gebete! Erscheinet zum Heil! Gott ist der Höchste. Es gibt nur einen einzigen Gott.“ Bei dem Frühgebete wird noch hinzugesetzt: „Beten ist besser als Schlafen.“

Unter den wenigen Juden, welche Mohammed huldigten, wird besonders der schriftgelehrte Abd Allah ben Salam genannt, der an ihn drei talmudische Fragen gerichtet, und durch deren Beantwortung sich von dessen prophetischem Geiste überzeugt haben soll. Die erste dieser Fragen betrifft die Geschlechtsähnlichkeit des Kindes mit Vater oder Mutter, die zweite die Speise der Frommen im Paradiese, und die dritte das Wahrzeichen des jüngsten Tages 120).

Die Glaubensänderung dieses gelehrten Mannes, so wie einiger andern, welche Mohammed in den Stand setzten, mit der ganzen talmudischen Dialektik und Spitzfindigkeit gegen die Juden zu polemisiren, mehr aber noch die durch den Islam sich wieder allmählig herstellende Einigkeit zwischen den Stämmen Aus und Chazradj, aus deren Unfrieden sie so viele Vortheile gezogen hatten, mußte die Juden Medinas zu wahren Feinden der Muselmänner machen. Obschon sie aber Mohammed auf jede Weise herabzusetzen und die noch heidnischen
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120) Die Antwort auf die erste Frage, die ich in keiner Ubersetzung wiedergeben kann, lautet nach einer Tradition bei I.: Idsa ala mâu-r-radjuli mâal marati djâal-wâladu dsakaran, waidsa ala mâul marati mâa-r-radjuli djâa untha. Diese Antwort stimmt ganz mit dem überein, was Ibn Esra zum dritten B. M. 12,2 berichtet, nur darf das Wort ala nicht wie bei I. durch Sabaka, sondern im Gegentheil im wörtlichen Sinne „daraufkommen“ genommen werden. Auf die zweite Frage antwortete Mohammed: Die Leber desSeeungeheuers, wobei er wahrscheinlich den großen Fisch Liwjatan meinte, worüber man das Nähere bei Eisenmenger, II. S. 873 und 74 findet. Die Antwort auf die dritte war: ein großes Feuer, ebenfalls übereinstimmend mit jüdischen Sagen. Vergl. Eisenmenger, II, S. 700.


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Araber ihm zu entfremden suchten, obschon Mohammed sogar eine langwierige Krankheit, an welcher er darniederlag, ihrem Zauber zuschrieb 121), so ließ er es doch zu keinem offenen Bruch mit ihnen kommen, denn er wendete lieber die wenigen Kräfte, die ihm damals zu Gebote standen, gegen seine gefährlicheren Feinde, die mächtigen Kureischiten, welche ihn genöthigt hatten, seine Heimath zu verlassen.

Schon im ersten Jahre nach seiner Ankunft in Medina hatte nämlich Mohammed den Krieg gegen Diejenigen, welche sich feindselig gegen ihn und die Gläubigen benahmen, im Namen Gottes erlaubt, und ihnen den Beistand des Himmels zugesagt. Bald darauf ward ihnen sogar der Krieg gegen ihre Verfolger geboten, und mit Ausnahme der vier heiligen Monate gegen alle Ungläubigen erlaubt 122). Die ersten
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121) Darüber hat I. Folgendes: Der Jude Lebid, Sohn Aaßams, suchte sich durch einen jüdischen Knaben, welcher Mohammed bediente, von seinen Haaren zu verschaffen, und knüpfte sie an Mohammeds Bild, das er nach Einigen aus Wachs, nach Andern aus Teig verfertigte. In diese Wachs- oder Teigsigur steckte er eine Nadel und spannte eine Bogensehne darüber, in die er elf Knoten knüpfte, und begrub sie in einen Brunnen. Mohammed ward aber durch den Engel Gabriel davon benachrichtigt; er sandte Ali, um die Figur auszugraben, die Knoten wurden nach einander gelöst, Mohammed fühlte sich immer besser und ward ganz hergestellt, als der letzte Knoten verschwand. Nach Einigen hatten die Töchter Lebids diese Figur in ein Grab verborgen. Als Talisman gegen Zauber erschienen dann die beiden letzten Kapitelchen des Korans, in welchen Gott als Schutz gegen böse Menschen und Geister angerufen wird.
122) Der erste in Bezug auf den Krieg erschienene Vers lautet: „Erlaube denjenigen, welche bekriegt werden, daß auch sie Krieg führen, denn man thut ihnen Unrecht, und Gott ist mächtig genug sie zu beschützen (XXII.41).“ Zum Gebot ward der Vertheidigungskrieg hierauf durch folgenden Vers (II. 191): „Kämpfet auf dem Pfade Gottes gegen diejenigen, die euch bekämpfen, überschreitet aber nicht das Maaß, denn Gott liebt die Uebelthäter nicht.“ Dieser Vers ward später durch den folgenden aufgehoben: „Bekämpfet sie (die Ungläubigen), wo ihr sie findet, und vertreibt sie aus dem Orte, wo sie euch vertrieben haben,“ ferner durch den 6. der 9. Sura, welcher lautet: „Sobald die heiligen Monate vorüber sind, bekämpfet die Götzendiener, wo ihr sie findet, nehmet sie gefangen, belagert sie und lauert ihnen überall auf; wenn sie sich aber bekehren, das Gebet beobachten und Almosen geben, so lasset sie ihrer Wege gehen, denn Gott vergibt gerne und ist barmherzig.“ Ueber die Erlaubniß, auch während der heiligen Monate Krieg zu führen, weiter unten.


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Kriegszüge der Muselmänner, welche damals kaum ein paar hundert Mann ins Feld zu stellen hatten, konnten natürlich nur gegen mekkanische Karawanen gerichtet sein; sie waren aber doch nicht ohne Bedeutung, wenn man bedenkt, daß der von Wüsten umgebenen und blos durch den Handel blühenden Stadt Mekka, kein schwererer Schlag versetzt werden konnte, als wenn die von ihr ausgesandten Karawanen, die auf ihrem Zuge nach Syrien ziemlich nahe an Medina vorüberkommen mußten, keine Sicherheit mehr fanden 123). Den ersten Feldzug an der Spitze von sechzig oder siebenzig Ausgewanderten unternahm Mohammed selbst nach den meisten Berichten gerade elf Monate nach seiner Ankunft in Medina. Er galt einer Karawane  
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123) Es ist nicht schwer, diese ersten Züge der Muselmänner vor den Augen europäischer Leser herabzuziehen, und sie zu verdammen, wer aber die damaligen Sitten der Araber, oder nur das jetzige Beduinenleben kennt, dem erscheinen sie in einem ganz andern Lichte. Einen feindlichen Stamm überfallen und berauben, war und ist noch eben so wenig entehrend, als bei uns die Wegnahme eines Schiffes zwischen zwei gegen einander Krieg führenden Völkern. Einer Kriegserklärung bedarf es bei den Arabern nicht mehr, wo einmal Feindseligkeiten stattgefunden. Den Namen Kriegszug (Ghazwat) verdienen solche Züge immerhin, weil doch die meisten Karawanen ein bewaffnetes Geleite hatten, gegen das man sich schlagen mußte. Daß Mohammed als Prophet sich für eben so berechtigt halten konnte, gegen die Ungläubigen zu kämpfen, die dazu noch seine Feinde waren, wie Moses gegen die Bewohner Palästinas, wird jeder Unparteiische gerne einräumen.



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der Kureischiten, welche Mohammed in dem ungefähr zwei Stunden von Abwa, zwischen Mekka und Medina gelegenen Städtchen Waddan zu überraschen hoffte. Aber der Scheich der Beni Dhamrah 124), denen ein Theil der Waaren gehörte, welche die Kureischiten nach Syrien schicken wollten, kam ihm mit Friedensvorschlägen entgegen, und er zog ein Bündniß mit diesem Stamme der Beraubung der Karawane vor. Der zwischen ihnen geschlossene Vertrag lautet: „Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, Allgnädigen. Dieses ist die Schrift von Mohammed, dem Gesandten Gottes (dem Gott gnädig sei) an die Beni Dhamrah. Ihnen werde Sicherheit an ihren Gütern und ihrem Leben, und Beistand gegen, diejenigen, welche sie anfeinden 125); hingegen sollen sie kämpfen für den Glauben Gottes, so lange das Meer ein Wollflöckchen benetzt, und wenn der Prophet dem Gott gnädig sei, sie zu seinem Schutze auffordert, müssen sie seinem Aufrufe folgen. Hiedurch erlangen sie den Schutz Gottes und seines Gesandten, dem Gott gnädig sei.“

Im folgenden Monate zog er an der Spitze von zweihundert Mann gegen eine zweitausend fünfhundert Kameele starke mekkanische Karawane bis gegen den Berg 126) Buwat,
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124) Die Beni Dhamrah stammen von Bekr, dem Sohne Abd Mana, dem Sohne Kinanah's, ab. (Vergleiche Sujutis Lud Allubab S. 165).
125) H. v. H. theilt S. 103 auch diesen Brief mit; bis hieher ist seine Uebersetzung richtig; statt des folgenden liest man aber bei ihm: „Denn kämpfen sie nicht auf Gottes Wegen? der ihnen gnädig; und wenn sie ihn um Hülfe anrufen, so erhört er sie. Dieses ist Gottes Gewähr und seines Gesandten Gewähr zu ihrer Sicherheit.“ Die Worte des Textes lauten bei I.: „Illa  an juharibu fi dîni-l-lâhi ma balla barum sufatan waanma-l-nabijja salla allahu alaihi wasallama idsa daarum linassratin adjâbuhu alaihim bidsalika dsimmatu-l-lahi wadsimmatu rasulihi salla allahu alaihi wasallama.“
126) Buwat ist nach dem Kamus ein Berg, welcher einige Tagereisen von Mekka im Gebiete des Stammes Djuheina liegt. Bei Ch.:  Buwat oder Bawat, ist ein Berg in der Nähe von Radhwa, eine Tagereise von Janbu und vier von Medina, hier ist der Anfang der Provinz Tehama.


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welcher an der Grenze von Tehama, vier Tagereisen von Metta liegt, aber sein Unternehmen blieb fruchtlos, denn als er dahin kam, war die Karawane schon vorübergezogen. Auch sein dritter Zug, zwei Monate später, gegen eine tausend Kameele starke und von Abu Sosian angeführte Karawane, welche in Syrien für 50,000 Dinare Waaren einkaufen sollte, war nicht glücklicher, denn als er nach Uscheirah, ein Dorf in der Nähe der Hafenstadt Janbu, kam, vernahm er, daß auch diese Karawane schon vorübergezogen. Es war dieselbe, welcher er bei ihrer Heimkehr auflauerte, und die das Treffen bei Bedr veranlaßte. Doch schloß er auch auf diesem Zuge ein Bündniß mit dem Stamme der Beni Mudlidj 127). Hier gab er Ali den Beinamen Abu Turâh (Vater des Staubes), weil er ihn mit Ammâr, dem Sohne Jâsir's, in der Wüste schlafend, und so mit Staub bedeckt fand, daß man ihn kaum noch sah 128). Wenige Tage nachher unternahm Mohammed 129) seinen vierten
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127) Auch die Beni Mudlidj, welche im Gebiete von Janbu sich aufhielten, sind ein Zweig der Beni Kinanah, und waren nach S. fol. 128 Bundesgenossen der Beni Dhamrah.
128) Nach andern Berichten gab er Ali diesen Beinamen, weil er, so oft er mit seiner Gattin uneinig war, in die Moschee ging und sich Staub auf den Kopf streute. Der von mir angegebene Grund ist nach S. a. a. O.
129) Nach allen Berichten bei I., Ch. und S. a. a. O. verfolgte Mohammed selbst den Räuber Kurz, und ernannte für die Dauer seiner Abwesenheit Zeid Ibn Haritha zum Statthalter von Medina, nur bei H. v. H. (S. 104) sandte er dem Räuber den Seid B. Harise nach. Diesem Irrthum zufolge schreibt er auch S. 113: „Nach fünf sogenannten Feldzügen und drei sogenannten Frohnkämpfen, bei welchen allen nur einmal gefochten und Einer erschlagen ward, hatte endlich das Treffen bei Bedr statt.“ H. v. H. nennt nämlich diejenigen Züge, welche Mohammed selbst anführte „Frohnkämpfe,“ und die übrigen „Feldzüge.“ Was die arabischen Benennungen dafür betrifft, so gebrauchen sie für erstere „Ghazwat“ vom Zeitwort „ghaza,“ welches nichts anderes als „zu einem Kampfe ausziehen“ bedeutet, folglich auch auf den unbedeutedsten Zug gegen eine bewaffnete Karawane recht gut paßt. Die andern nennen sie „Sarijjat“ vom Zeitworte „sara,“ „bei Nacht gehen,“ weil diese kleinern Abtheilungen größtentheils heimlich bei Nacht marschirten. Züge von weniger als fünf Mann werden auch „Baath“ (Sendung, Gesandtschaft) genannt. Mohammed selbst unternahm nach den meisten Berichten siebenundzwanzig Züge, und achtunddreißig fanden unter anderen Anführern statt.

Leben Mohammeds.



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Zug gegen Kurz Ibn Djabir, welcher eine medinensische Viehheerde weggetrieben hatte; er setzte ihm bis nach dem Thale Safwan, in der Nähe von Bedr, weshalb auch dieser Zug der erste von Bedr heißt, nach, konnte ihn aber nicht einholen. Mohammed hatte schon auf den drei letzten Zügen eine weiße Fahne bei sich, welche er im ersten Saad Ibn Abi Wakkaß, im zweiten seinem Oheim Hamza und im dritten Ali anvertraute. Auch ernannte er jedesmal, ehe er Medina verließ, einen Stellvertreter, und zwar zuerst Saad Ibn Ibâdah, dann Saïb Ibn Othman, hierauf Abu Salma Ibn Abd Alasad und während des vierten Zuges Zeid Ibn Hâritha. Außer diesen vier Zügen, welche Mohammed selbst anführte, fanden vor dem Treffen von Bedr noch mehrere andere auf seinen Befehl statt, aber nur der letzte derselben verdient einzelner merkwürdigen Umstände und des nachher erschienenen Koranverses willen, eine besondere Erwähnung. Mohammed ließ nämlich Abd Allah Ibn Djahsch zu sich kommen, und sagte ihm, er möge mit acht, nach einigen mit zwölf Mann, welche früher unter Ubeida's Befehl gestanden waren, den Weg nach Südarabien einschlagen. Um aber jede weitere Erörterung über den Krieg während des heiligen Monats Radjab, in welchem dieser Zug stattfand, zu vermeiden, vielleicht auch, um desto eher Gehorsam zu finden, bei einer so gefahrvollen Sendung, gab er ihm statt aller weitern Verhaltungsbesehle einen versiegelten Brief, mit der Weisung: ihn erst am dritten Tage seiner Reise zu öffnen, und verlieh ihm als Lohn den ehrenvollen


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Titel Befehlshaber der Gläubigen (Emir Al Mu'minin), den später Omar zuerst als Chalif führte 130). Abd Allah vollzog den Willen des Propheten, und als er am dritten Tage dessen Brief erbrach, fand er darin den Befehl, mit seinen Waffengefährten in das Thal von Nachla, zwischen Mekka und Taïf zu ziehen, und daselbst einer Karawane der Kureischiten aufzupassen. Abd Allah theilte den Inhalt dieses Schreibens seinen Gefährten mit, und fragte sie, wer ihm folgen wolle, denn, setzte er hinzu, der Prophet hat mir ausdrücklich verboten, jemanden mit Gewalt mitzunehmen, was
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130) Die bisher unbekannten näheren Umstände dieses Zuges habe ich aus I. und Ch. nach den ältesten Biographien Mohammeds, darunter auch S. fol. 129. Der Brief, welchen Abd Allah erhielt, lautete: „Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Allgnädigen. Ziehe mit deinen Gefährten (Gottes Segen sei mit dir!) in das Thal von Nachla, und lauere daselbst den Karawanen der Kureischiten auf, vielleicht kannst du uns einige Nachricht über sie bringen.“ Das Factum des Briefs hat man keinen Grund zu läugnen, denn aus den beiden im Texte angegebenen Gründen, mochte Mohammed diesen Befehl lieber schriftlich, als mündlich ertheilen; er war auch gewiß so diplomatisch gefaßt, daß Mohammed je nach den Folgen Abd Allah's Verfahren gutheißen oder tadeln konnte; nur der letzte Satz des Briefes scheint mir ein späterer muselmännischer Zusatz, erfunden, um Mohammed von dem Verdachte zu reinigen, als habe er die heiligen Monate, noch ehe sie durch ein göttliches Gebot aufgehoben worden, entweiht; denn da Nachla südöstlich von Mekka, auf dem Wege nach Jemen liegt, so begreift man nicht, was Mohammed daran liegen konnte, Nachricht über die Bewegungen der Karawanen zwischen Südarabien und Mekka zu erhalten, da doch, bis sie zu ihm gelangen und er sich rüsten konnte, die Waaren längst den Ort ihrer Bestimmung erreicht haben mußten. Um Mohammed zu entschuldigen, setzen einige seiner Biographen wahrscheinlich auch den Kampf auf den ersten Radjab, während andere den letzten des Monats angeben, so daß nach seiner Absicht der Zweck dieses Zuges vor oder nach dem heiligen Monate hätte erreicht werden können.


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mich betrifft, ich bin entschlossen, auch allein den Befehl des Gesandten Gottes zu vollziehen. Er setzte hierauf seinen Weg weiter fort, und alle seine Gefährten folgten ihm. Unterwegs entlief aber das Kameel, auf welchem zwei seiner Soldaten (Saad und Otba) ritten, sie blieben daher zurück, um es aufzusuchen, während Abd Allah mit seinen übrigen sechs oder zehn Mann den Weg nach dem Thale Nachla fortsetzte. Hier angelangt, sahen sie Kameele der Kureischiten vorüberziehen, welche mit Zibeben, Leder und andern Waaren beladen, und nur von vier Mann begleitet waren. Abd Allah folgte ihnen in einiger Entfernung, bis sie Halt machten, und da er bemerkte, daß er ihnen verdächtig erschien, ließ er einem der Seinigen das Haupthaar abscheeren und in ihrer Nähe umhergehen, so daß sie glaubten, es seien Pilger, welche in Mekka die Pflicht der Unna erfüllt hätten 131). Während sie aber, keine Gefahr ahnend, und auf die Heiligkeit des Monats Radjab vertrauend, in welchem sie sich befanden, keine weitere Vorsicht mehr gebrauchten, überfiel sie Abd Allah mit den Seinigen, tödtete Einen von ihnen (es war der erste Araber, welcher durch die Hand eines Muselmannes fiel), nahm zwei 132)
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131) Nach I. war der Monat Nadjas darum heilig, damit die nicht allzu weit von Mekka wohnenden Araber den Tempel besuchen konnten, denn schon vor Mohammed war außer der großen Wallfahrt noch ein zweiter Besuch des Tempels, Umra genannt, üblich. Die entfernteren Araber aber entledigten sich dieser Pflicht einige Tage vor oder nach dem Pilgerfeste, was auch noch heut zu Tage die meisten muselmännischen Pilger thun. Vergl. über die Umra, Muradja d‘Ohsson tableau de l‘Empire Ottoman. Nach der Uebersetzung von Beck, II, S. 64—66.
132) H. v. H., welcher doch auch den Chamis benutzt haben will, erwähnt nicht nur von Mohammeds Brief, von dem Zurückbleiben Saads und Otba's, so wie von Abd Allab's List nichts, sondern er spricht auch (S. 104 u. 105) nur von einem Gefangenen, obschon im Chamis, wie auch bei S. a. a. O. sogar ihre Namen (Hikam Ibn Keisan und Othman Ibn Abdallah) genannt werden. Erschlagen wurde nur Amru Ibn Alhadhrami. Ob dieß H. v. H. auch zugibt, weiß man nicht , denn S. 104 heißt es bei ihm : „Die neun Moslimen überfielen sie (die Karawane) in dieser Sicherheit (des heiligen Monats), schlugen die Anführer todt, und nahmen einen der Begleiter der Karawane gefangen.“ Dann liest man aber auf der folgenden Seite : „Abdallah B. Hadschesch, der Anführer, der erste, welcher mit seinen acht Mann nach acht frühern blutlos abgelaufenen Frohnkämpfen und Feldzügen endlich einen Mann erschlagen und einen gefangen u. f. w.“ Auch Gagnier (S. 309) spricht von zwei Gefangenen, nennt aber den einen „Nasir fils de Wagja.“


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gefangen und nur der vierte entkam, und suchte Hülfe. Er konnte aber Abd Allah, der sogleich mit den beiden Gefangenen und allem Gute der Ueberwundenen seine Rückkehr antrat, nicht mehr einholen, und dieser kam glücklich in Medina an.

Die erste Nachricht von der Entweihung des heiligsten Monats erregte aber eine solche Unzufriedenheit selbst unter den Muselmännern in Medina, daß auch Mohammed sich mißbilligend darüber gegen Abd Allah äußerte, und ihm sagte, er habe ihm doch nicht befohlen, während des heiligen Monates Blut zu vergießen; auch weigerte er sich, den ihm angebotenen fünften Theil der Beute anzunehmen. Da indessen diese wackern Soldaten allzu sehr gekränkt wurden, und übrigens, obgleich Mohammed behauptete, sie haben gegen seinen Willen gehandelt, es doch in ganz Arabien hieß: die Muselmänner erlauben Raub und Mord, während der heiligen Monate, da ferner Mohammed, um den Handel der Mekkaner zu zernichten, ihnen nicht gerne vier sichere Monate im Jahre gönnte, erschien folgender Vers des Korans 133): „Sie werden dich fragen (so spricht Gott zu Mohammed) über den heiligen Monat (nämlich) über den Krieg während desselben. Antworte! Der Krieg ist eine schwere Sache, aber die Leute von Gottes Pfad abhalten, ihn läugnen, und die Gläubigen aus seinem heiligen Tempel vertreiben, ist eine weit größere Sünde in den Augen Gottes; Empörung (gegen ihn) ist schlimmer, als Mord. Sie werden doch nicht aufhören, euch zu bekämpfen,
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133) Sura 2, Vers 217.


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bis sie euch von eurem Glauben abtrünnig machen, wenn sie es können. Wer von euch aber seinen Glauben abschwört, und als Ungläubiger stirbt, dessen Werke sind in dieser und jener Welt zwecklos, er wird zum Gefährten der Hölle, in der er ewig verbleibt.“

Nach der Sendung dieses Verses nahm dann Mohammed seinen Theil von der Beute. Für die beiden Gefangenen wurde ihm von den Kureischiten ein Lösegeld von achtzig Okk Silber geboten, einer derselben bekehrte sich aber zum Islam, den andern sandte er nicht eher nach Mekka, bis Saad und Otba, welche zurückgeblieben, wieder in Medina angelangt waren.

Im Ramadhan 134) des zweiten Jahres der Hidjrah unternahm  
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134) Ueber den Tag, an welchem Mohammed Medina verließ, weichen die Nachrichten von einander ab, bei S. fol. 131 ist gar kein Tag bestimmt, nach Tabari und Kastalani war es der zwölfte, nach Ibn Hischam der achte, nach Abulfeda und dem Kitab Alaghani (s. Journal Asiatique, 3me série, T., VIl. p. 107) der dritte. Da der 17. Ramadhan ziemlich allgemein für den Schlachttag gehalten wird, so ist letzteres Datum das Unwahrscheinlichste, denn Mohammed brachte gewiß nicht vierzehn Tage auf dem Wege von Medina nach Bedr zu. Ob übrigens die Angabe des Schlachttages richtig ist, muß auch noch bezweifelt werden, denn nach allen Berichten soll die Schlacht an einem Freitag vorgefallen sein, der 17. Ramadhan aber war an einem Dienstag, wenn man, wie es ganz richtig ist, den ersten Muharram des ersten Jahres der Hidjrah auf Freitag den 16. Juli 622 setzt, oder an einem Montag, wenn man den 15. Juli als den Anfang der Aera der Hidjrah annimmt. Wie wenig übrigens auf solche Tagbestimmungen zu bauen ist, haben wir schon bei Mohammeds Ankunft in Medina gesehen, und zeigt sich hier wieder deutlich denn derselbe Ibn Hischam, der die Schlacht von Bedr auf Freitag den 17. Ramadhan setzt, sagt auch nach dem Chamis, Mohammed habe Medina am Montag den 8. Ramadhan verlassen. Die guten Leute haben eben die verschiedenen Traditionen wiedergegeben, ohne sich viel darum zu kümmern, ob sie sich widersprechen, oder nicht.


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Mohammed selbst den ersten größern Zug, in der Absicht, die aus Syrien zurückkehrende, große Karawane der Kureischiten auszuplündern, welcher er auf ihrer Hinreise vergebens in Uscheira aufgelauert hatte. Die Aussicht auf eine reiche Beute lockte dießmal eine größere Mannschaft unter seine Fahne als bisher, denn es schlossen sich zum ersten Male den dreiundachtzig 135) Ausgewanderten auch einundsechzig Ausiten und hundertundsiebenzig Chazradjiten an, und jede dieser drei Truppenabtheilungen hatte ihren besondern Fahnenträger. Doch hatten diese dreihundert und vierzehn Mann nur siebenzig Kameele und zwei oder drei Pferde bei sich, die sie abwechselnd bestiegen. Da aber Abu Sosian, welcher die mekkanische Karawane anführte, sobald er die Grenze des Hedjas erreichte, von Mohammeds Absicht Kunde erhielt, sandte er einen Eilboten nach Mekka, um Truppen zu seiner Vertheidigung herbeizurufen. Dhamdham, welcher diese Botschaft übernahm, eilte auf einem Dromedare nach Mekka. In der Nähe des Tempels machte er Halt, schnitt seinem Reitthiere, als Zeichen der Verzweiflung, die Nase und die Ohren ab, kehrte dessen Sattel um, zerriß sein Gewand, und rief: Gemeinde Kureisch! die Karawane 136)! die Karawane! Mohammed ist mit seinen Gefährten euern Gütern entgegengezogen, welche ihr Abu
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135) Die hier angegebene Zahl ist nach Ibn Ishak, bei I. und Ch., S. fol. 148 und bei Caussin de Perceval (im angef. Bd. des l. A.). Andere zählen nur 313 Muselmänner, worunter 73 oder 80 Muhadjirin und die übrigen Anßâr. Von diesen 313 ziehen Manche noch acht Mann ab, welche sich gerüstet hatten, aber wegen verschiedener Abhaltungen zurückbleiben mußten. Auch über die Zahl der Pferde, von eins bis fünf, sind die Berichte verschieden, doch nehmen die Meisten nur zwei oder drei an. Nach Ch. hatten sie nur sechs Panzer und acht Schwerter bei sich, ihre Waffen bestanden demnach nur aus Pfeilbogen und Lanzen.
136) Das heißt nach I. so viel, als „eilet zur Karawane !“ Das hier gebrauchte arabische Wort Latimah bedeutet eigentlich nach dem Kamus eine Karawane, welche Moschus transportirt. H. v. H. hat dafür (S. 114) „die Ohrfeige, die Ohrfeige!“



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Sosian anvertraut, ich weiß nicht, ob ihr sie noch einholet. Hülfe! Hülfe! Abu Diahl wiederholte dann diesen Nothruf auf dem Dache der Kaaba, und sogleich bewaffneten sich die Kureischiten, und schlugen den Weg nach Syrien ein. Sie waren neunhundert fünfzig, nach Einigen tausend Mann stark mit hundert Pferden und siebenhundert Kameelen. Mohammed, welcher von dem Auszuge der Mekkaner noch keine Ahnung hatte, verfolgte eine Strecke weit die Straße nach Mekka, ließ sie aber dann zu seiner Linken liegen und wendete sich rechts, dem rothen Meere zu, nach der Richtung des Brunnens Bedr, welcher achtundzwanzig Pharasangen südwestlich von Medina liegt, und an welchem die Karawane der Kureischiten vorüberzukommen pflegte. Da aber Abu Sosian, welcher seiner Karawane vorausgeeilt war, in Bedr die Spuren von Mohammeds Kundschaftern entdeckte 137), wich er vom gewöhnlichen Wege ab, und zog in aller Eile längs der Küste des rothen Meeres fort, bis er einen so großen Vorsprung vor Mohammed gewann, daß er außer aller Gefahr war. Er sandte dann den Kureischiten einen Boten, um sie von seinem glücklichen Durchzuge zu benachrichtigen, und zur Rückkehr nach Mekka zu bewegen. Als diese in Djohfa 138) hörten, daß ihre Karawane in Sicherheit gebracht, wollten Manche, die nur zur Vertheidigung derselben ausgezogen waren, wieder nach Mekka zurückkehren. Andere riethen von einem Kampfe mit Menschen, die nichts zu verlieren haben, ab 139), wieder Andere schlugen
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137) Man erkannte Mohammeds Kundschafter an den Dattelkernen, welche sie weggeworfen, denn die aus der Gegend von Medina waren kleiner, als die übrigen. (Ch. bei dem Feldzuge von Radji, wo die Muselmänner auf dieselbe Weise erkannt wurden.)
138) Djohfa ist nach dem Kamus der Standplatz der syrischen Pilger und liegt 82 Meilen von Mekka.
139) Omair, welcher als Kundschafter in die Nähe von Mohammeds Truppen gesandt wurde, sagte: „Sie sind nur etwas über 300 Mann stark, aber sie führen den Tod mit sich, es sind Leute, die kein anderes Gewerbe, und keine andere Stütze, als ihre Waffen haben, bei Gott, es wird keiner von ihnen fallen, ehe er seinen Mann getödtet.“ Otba sagte: „Gemeinde Kureisch! Bei Gott! führet keinen Krieg gegen Mohammed und seine Gefährten! denn habt ihr sie besiegt, wird keiner von euch dem andern mehr ohne Groll ins Gesicht sehen können, denn einer wird des anderen Stammgenossen oder Verwandten erschlagen. Drum kehret zurück, und überlasset den andern Arabern den Kampf mit Mohammed, besiegen sie ihn, so ist ja euer Wunsch erfüllt, wo nicht, so macht er auch euch zu Schanden, und ihr erreichet euern Zweck nicht. O ihr Männer! lasset die Schande (der Rückkehr) an meinem Haupte haften. Man sage: Otba ist ein Feigling. Ihr wisset aber wohl, daß ich es sonst nicht bin.“ I. und Ch., auch S. fol. 135. Der Anfang auch bei C. de P. Otba's Rede, heißt es bei S., den auch Hakim, Chadidjas Neffe, unterstützte, blieb nicht ohne Eindruck, aber Abu Djahl hetzte den Bruder des bei Nachla getödteten Kureischiten auf, welcher laut nach Rache schrie, bis der Kampf beschlossen ward.


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sich nicht gerne mit Truppen, unter denen sich so viele Landsleute, ja sogar viele nahe Verwandten befanden. Dazu kamen noch verschiedene düstere Träume, welche großen Schrecken verbreiteten. Doch drang endlich der Vorschlag Abu Djahls durch, welcher dahin ging, ihren Zug bis Bedr fortzusetzen, um hier frisches Wasser zu nehmen, und für die Rettung der Karawane einige Tage der Freude und Belustigung zu widmen. Die Truppen aus dem Stamme Zuhra kehrten jedoch dreihundert Mann stark 140) nach Mekka um, denen sich auch viele andere Mekkaner anschlossen. Auch im Lager der Muselmänner bei Dsasiran waren indessen die Stimmen getheilt, als sie von dem Anzüge der Kureischiten Kunde erhielten; denn die meisten Muselmänner waren nur in der Aussicht, eine schwach vertheidigte Karawane auszuplündern, Mohammed gefolgt, keineswegs aber, um sich mit einem ihnen an Zahl weit überlegenen Feinde
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140) Ch. gibt die Zahl der Zuhriten auf dreihundert an, bei I. heißt es: “Es waren gegen hundert, nach Andern dreihundert.“ H. Caussin de Perceval schweigt über ihre Zahl; auch ist sie bei S. fol. 134 nicht angegeben. Letzterer setzt dann hinzu, es flohen dann auch Einzelne aus allen übrigen Zweigen Kureischs, nur von den Beni Adij Ibn Kaab, kehrte Niemand zurück.


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zu messen. Aber nicht wir die Häupter der Ausgewanderten erklärten sich bereit, ihm überall hin zu folgen, sondern auch Saad und Mikdad, welche am meisten Einfluß auf die Medinenser hatten, ergaben sich vollkommen in Mohammeds Willen, worauf dieser, von der veränderten Richtung der Karawane noch nicht unterrichtet, ausrief: „Folget mir, und seid frohen Muths! wir werden entweder die Karawane ausplündern oder die Truppen der Kureischiten schlagen. Der Himmel hat mir es versprochen 141).“ So brachen denn die Muselmänner auf,
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141) Bei Gagnier, dem auch H. v. H. folgt, berathet sich Mohammed mit den Häuptern seiner Truppen, ob er den Kureischiten oder der Karawane entgegenziehen solle. Dieß mag als Legende ganz gut klingen, ist aber vor einer gesunden Kritik nicht haltbar, und wird aus diesen eigenen Worten Mohammeds bei I. und Ch. und S. fol. 132, so wie bei C. de P. widerlegt. Mohammed konnte, um die Karawane auszuplündern, keinen besseren Weg, als den von Bedr einschlagen, wo sie, wie er von seinen Kundschaftern vernommen, am folgenden Tage hätte eintreffen müssen, wenn sie nicht ihre Richtung verändert hätte. Daß aber die Mohammedaner dieß erst nach dem Aufbruche von Dsasiran erfuhren, geht aus folgendem hervor. „Mohammed ließ in der folgenden Nacht (so erzählt I., Ch., S. fol. 133 und C. de P.) Ali, Zubeir und Saad die Gegend von Bedr auskundschaften. Sie kamen mit zwei Gefangenen zurück, welche aussagten, sie gehörten zu den Truppen der Kureischiten, für die sie Wasser holen wollten. Die Muselmänner, welche glaubten, sie gehören zur Karawane, ließen sie, in der Hoffnung, ihnen ein anderes Geständniß auszupressen, so lange prügeln, bis sie sagten: wir gehören zu Abu Sosians Karawane. Mohammed, der während dieser Untersuchung betete, sagte nach vollendetem Gebete: „Ihr habt diese Leute geschlagen, als sie die Wahrheit sagten, und in Ruhe gelassen, als sie logen.“ Von diesen Leuten erfuhr dann Mohammed erst die Nähe und die Zahl der Kureischiten, welche hinter einem Hügel südlich von Bedr gelagert waren. In Dsasiran konnte er noch immer hoffen, die Karawane werde vor den Kureischiten in Bedr eintreffen, und es handelte sich nur darum, ob man es darauf ankommen lassen sollte, zuerst den Truppen zu begegnen und ein Treffen zu wagen. Die obige Legende, welche S. nicht aufgenommen hat, hat übrigens auch I. und Ch. aus dem Kaschaf. Sie lautet: „Als Mohammed im Thale Dsasiran war, sagte ihm der Engel Gabriel: Gott verspricht dir entweder die Karawane oder die Kureischiten. Mohammed sagte hierauf zu seinen Gefährten: Die Kureischiten sind in aller Eile von Mekka ausgezogen, was ist euch lieber, die Karawane oder der Krieg? Da antworteten sie (einige von ihnen?): Die Karawane ist uns lieber. Mohammed ward blaß und fuhr fort: die Karawane ist schon längs der Meeresküste fortgezogen, und Abu Djahl rückt heran (dieß widerspricht dem Anfang der Legende). Da sagten sie: O Gesandter Gottes! verfolge die Karawane und lasse den Feind! Der Prophet gerieth in Zorn. Da hielt Abu Bekr eine schöne Rede (für den Krieg), dann Omar, dann Saad und zuletzt Mikdad.“ Diese Legende stützt sich übrigens auf den 7. Vers des 8. Kapitels des Korans , welcher lautet : „Als euch Gott eine der beiden Abtheilungen verhieß, wünschtet ihr, daß es die schwächere sei, Gott wollte aber, daß die Wahrheit durch sein Wort offenbar werde, und die Ungläubigen ausgerottet werden.“ Dieser Vers beweist aber nichts, da er sich recht gut so deuten läßt, daß sie wünschten, zuerst der Karawane zu begegnen.


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und zogen gegen Bedr, das sie am folgenden Tage vor den Kureischiten erreichten, weil in der Nacht ein heftiges Gewitter den schlammigen Boden, welchen diese durchziehen mußten, erweicht hatte, während Jene durch den auf ihrer Seite minder starken Regen nur um so leichter den fester gewordenen Sandboden überschreiten konnten. Mohammed nahm sogleich von allen Brunnen Besitz, und ließ in der Nähe des letzten ein Becken graben und füllen, so daß die Seinigen Ueberfluß an Wasser hatten. Einige Kureischiten, welchen es daran mangelte, wurden sogleich mit Pfeilen empfangen, als sie sich dem Brunnen näherten, um welchen die Muselmänner sich gelagert hatten. Hierauf traten drei Kureischiten aus den Reihen, und forderten die Muselmänner zum Zweikampfe aus. Drei Medinenser nahmen die Herausforderung an; da aber jene sich nur mit ihnen ebenbürtigen Mekkanern schlagen wollten, sandte ihnen Mohammed Ubeida, Hamza und Ali als Kämpen  


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entgegen 142). Die beiden letzten waren bald mit ihren Gegnern fertig, als sie aber hierauf Ubeida, welcher verwundet ward, zu Hülfe eilten, und auch seinen Gegner tödteten, sprangen die Kureischiten herbei, und das Handgemenge ward allgemein. Mohammed gab den Muselmännern Ahad (einzig) zum Losungsworte, und begab sich dann mit Abu Bekr in eine Hütte, welche man ihm auf einer kleinen Anhöhe, in der Nähe des Kampfplatzes errichtet hatte, uud vor welcher einige Dromedare bereit standen, auf denen er, im Falle einer Niederlage, nach Medina hätte entfliehen können. Hier betete er: „Gott, erfülle jetzt dein Versprechen! geht dieses Häuflein heute zu Grunde, so wirst du auf der Erde nicht mehr angebetet.“ Die Muselmänner beobachteten auf Mohammeds Befehl einige Zeit nur die Defensive, und wehrten den Angriff der Kureischiten mit ihren Pfeilbogen ab. Erst als diese vom Kampfe ermüdet, vom Durste ermattet und durch den Tod einiger ihrer Krieger bestürzt waren, fielen sie auf Mohammeds Geheiß 143) über
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142) In einem Gedichte über das Treffen von Bedr von Ibn Djabir heißt es, weil diese drei den ersten Sieg errungen: „Frage Ubeida nach ihnen (den Kureischiten) und Hamza, und laß dir von Ali erzählen, was ihnen widerfahren an diesem Schlachttage!“ (Ubeida sal anhum wahamza fastami‘ hadithahum fi dsaliki-l-jaumi min Ali). Bei H. v. H., der dieses ganze Gedicht nach seiner Art übersetzt, lautet dieser Vers (S. 119):
„Obeide zog vom Leder und Hamsa zog das Schwert,
Hier ward die Ueberlieferung vom Ali ganz bewährt.“
Ubeida ward zu gleicher Zeit mit seinem Gegner verwundet und starb auf der Heimkehr nach Medina. Hamza und Ali aber gebührt der größte Antheil an dem Siege von Bedr. Ersterer, welcher einen Straußfedernbusch auf der Brust trug, tödtete allein neun Feinde und letzterer elf. Drei oder vier erschlugen sie gemeinschaftlich.
143) Mohammed betete inbrünstig, so lauten die muselmännischen Berichte, bis ihm sein Mantel von den Schultern fiel. Abu Bekr, der bei ihm im Zelte war, hob ihn auf und sagte ihm: „Du hast genug gebetet, Gott wird seine Verheißung erfüllen.“ Mohammed hatte dann eine Art Ohnmacht (vielleicht wieder einen epileptischen Anfall); als er wieder zu sich kam, sagte er lächelnd zu Abu Bekr: „Sei frohen Muths, Abu Bekr! Gottes Hülfe ist gekommen. Gabriel hat die Zügel seines Rosses ergriffen und dieser Wüste zugelenkt und mir Gottes Beistand zugesagt.“ Mohammed trat dann aus dem Zelte, ermuthigte seine Truppen durch die Hinweisung auf das Paradies für jeden, der im Kriege gegen die Ungläubigen fällt, schleuderte eine Hand voll Kies gegen den Feind, und rief: „Schmach über ihr Angesicht!“ und gab den Seinigen den Befehl zum Angriff. Von den Wundern, welche der von Mohammed geschleuderte Kies geübt, so wie von den ihm zu Hülfe gekommenen Engelschaaren erzählen die Biographen gar Vieles. Ich übergehe diese Sagen, welche gar kein historisches Interesse haben, und verweise auf Gagnier, S. 326, 327 und C. de P. a. a. O., S. 129, 130. Von den sich darauf beziehen den Koransversen weiter unten.


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ihren Feind, und erfochten über ihn einen vollständigen Sieg. Nur vierzehn Muselmänner blieben in dem Treffen, während die Mekkaner siebenzig Todte zählten und vierundvierzig, nach einigen ebenfalls siebenzig der Ihrigen gefangen wurden. Unter den Gefallenen war auch Abu Djahl, von Mohammed der Pharaon seines Volkes genannt, auf dessen Anstiften dieses Treffen stattgefunden, und unter den Gefangenen Abbas, der reiche Oheim Mohammeds. Die getödteten Heiden wurden zusammen in einen Brunnen geworfen. Mohammed rief dann die Angesehensten unter ihnen bei ihren Namen, und sagte: „Wehe euch, ihr Stammgenossen des Propheten! Ihr habt mich für einen Lügner erklärt, während Fremde mir glaubten, ihr habt mich vertrieben, Andere haben mich aufgenommen, ihr habt mich angefeindet, während Andere mich beschützt; hat sich nun die Zusage eures Herrn bestätigt? Mein Herr hat erfüllt, was er mir verheißen.“ Auf die Frage der Umstehenden, wie so er Leichen anrede? antwortete er: „Sie hören mich wohl, obgleich sie nicht antworten können.“ Mohammed sandte hierauf zwei Eilboten nach Medina 144), um den Sieg der Muselmänner
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144) Es heißt im Texte, S. fol. 140 : Er sandte Abd Allah Ibn Rawâha und Zeid Ibn Harith zu den Leuten der obern und untern Theile (ila Ahli-l-âlijah und Assâfilah). H. C. de P. übersetzt (S. 133) ersteres durch „partie méridionale du Hédjaz, ou contrée supérieure,“ und letzteres durch „Médine et le Hédjaz septentrional ou inférieur.“ Ich folge lieber dem Kamus, nach welchem mehrere Ortschaften außerhalb Medina Aliah hießen, weil es gleich darauf heißt: „Abd Allah rief: O ihr Gemeinde der Hülfsgenossen! empfanget die frohe Botschaft u. s. w.,“ woraus hervorgeht, daß auch er in der Nähe von Medina war. Auch liest man bei S. fol. 150 bei Gelegenheit des Mordbefehls gegen Kaab Ibn Alaschraf: „Von Kaab wird erzählt: Als die Kämpfer von Bedr geschlagen wurden, und Zeid Ibn Haritha zu den Bewohnern des Safilah und Abd Allah Ibn Rawâha zu den Bewohnern des Aliah kamen als Glücksboten, welche der Gesandte Gottes den Muselmännern Medinas gesandt (ila man bilmadinati min almuslimina) sagte er: wenn das Alles wahr ist, so ist das Innere der Erde (der Tod) besser, als ihre Oberfläche u. s. w.“ Ich vermuthe daher, daß mehrere Dörfer oder Vorstädte auf der einen Seite von Medina Sasilah, und auf der entgegengesetzten, wie dieß auch bei Mekka war, Aliah hießen, auch liest man bei Ch. am Anfang des Feldzuges gegen die Beni Keinukaa: „Diese Juden wohnten nach dem Kamus in Medina. Im Wafa liest man: Ihre Wohnung war bei der Brücke Buthan, welche an das Aliah stößt.“ Buthan oder Batihan ist aber auch nach dem Kamus ein Platz in Medina selbst.


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in der Stadt und deren Umgebung zu verkünden; er blieb noch drei Tage in Bedr, dann trat er auch den Rückweg nach Medina an. Unterwegs ließ er zwei der Gefangenen hinrichten; der Eine, Nadhr, hatte häufig den Koran als eine Kopie persischer Mährchen und Legenden verspottet, der Andere, Okba, hatte in der ersten Zeit, als Mohammed seinen neuen Glauben predigte, ihn einst im Tempel überfallen, und hätte ihn wahrscheinlich ohne das Dazwischentreten Abu Bekrs erwürgt. Die übrigen Gefangenen ließ Mohammed mit Schonung behandeln. Auch theilte er, noch vor der Ankunft in Medina, die nach dem Treffen gemachte Beute in gleiche Theile unter Alle, die ihn auf diesem Zuge begleitet hatten, ohne zwischen denen, welche viel oder wenig, oder auch gar nichts erbeutet hatten,


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zu unterscheiden, und er selbst begnügte sich mit dem Antheile eines gemeinen Soldaten. Erst nach seiner Rückkehr nach Medina erschien das Gebot des Korans, wonach der fünfte Theil jeder Beute dem Propheten, für ihn selbst, seine Verwandten, die Armen, Waisen und Wanderer zufallen sollte 145).

Dieses Treffen bei Bedr, so unbedeutend es auch scheinen mag , bildete doch die Grundlage zu Mohammeds künftiger Größe, und hätte ihm auch die Plünderung der reichen Karawane mehr materiellen Vortheil gebracht, so war doch die moralische Kraft und das erhöhte Vertrauen, welche er durch diesen glänzenden Sieg über einen ihm etwa um das Doppelte überlegenen Feind gewonnen, für ihn von weit größerer Wichtigkeit. Uebrigens beweisen einzelne Züge, welche uns seine Biographen überliefert haben, daß schon in dieser Schlacht der Glaube an ihn bei manchen Muselmännern den höchsten Grad erreicht hatte. Als er aus seiner Hütte trat, und den Kämpfern das Paradies verhieß, sagte Omeir, welcher gerade einige Datteln verzehrte: „Bach! Bach! 146) wenn zwischen mir und dem Paradiese nur der Tod von Feindeshand liegt, so hoffe ich, es bald zu bewohnen.“ Er warf sogleich seine Datteln aus der Hand, ergriff sein Schwert, stürzte sich in die Mitte des Feindes und kämpfte bis zum Tode.

Maads, dem Sohne Amru's, ward die Hand abgeschlagen, doch war sie noch durch die Haut am Arme befestigt; er schleifte sie eine Weile nach, und kämpfte immer fort; als ihn der Schmerz überwältigte, trat er sie mit dem Fuße ab und stürzte sich von Neuem ins Schlachtgetümmel.

Als man die erschlagenen Kureischiten, unter denen auch Otba, der Sohn Rabia's, war, in den Brunnen warf, ward
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145) Sura 8, Vers 41. Vor Mohammed war es Sitte in Arabien, daß die Stammhäupter oder Feldherrn den Vierttheil der Beute für sich behielten. I. und S. fol. 255. Dieses Gesetz muß daher von dem Volke günstig aufgenommen worden sein.
146) Bach ist ein Ausruf der Verwunderung über etwas Schönes und Angenehmes, S. fol. 136.


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dessen Sohn, Abu Hudseifa, welcher zugegen war, blaß. Da fragte ihn Mohammed: „Glaubst du, dein Vater habe ein besseres Loos verdient?“ Nein, antwortete Abu Hudseifa, aber ich hoffte, sein Verstand, seine Ueberlegung und seine Tugend würden ihn zum Islam führen, und ich bin nur darüber betrübt, daß er als Ungläubiger umgekommen.

Auch die Kureischiten hatten ihre Heroen. Aswad, der Sohn Abd Alasads, schwur, obgleich vor dem Zweikampfe ein jeder Kureischite, der sich dem Wasserbehälter näherte, dem sichern Tode entgegenging: „Bei Gott, ich werde aus eurem Behälter trinken, oder ihn einreißen oder darin sterben.“ Hamza trat ihm entgegen, und hieb ihm ein Bein ab, aber er schleppte sich auf der Erde bis an das Becken hin, sprang hinein, trank davon, und suchte es mit dem noch übrigen Fuße zu zerstören, bis endlich Hamza ihm den Todesstoß versetzte.

Abul Bahtari, den Mohammed seinen Soldaten zu verschonen befahl, weil er ihn häufig in Mekka beschützt hatte, und mit zu denen gehörte, welche die Zernichtung der Urkunde begehrten, die den Bann der Familie Haschim enthielt, wollte die Gnade nur unter der Bedingung annehmen, daß sie auch Djunade, welcher hinter ihm auf dem Kameele saß, zu Theil werde, und als ihm diese Bitte nicht gewährt ward, sagte er: „Lieber mit meinem Freunde sterben, als mir von den Frauen Mekkas nachreden zu lassen, ich habe ihn, um mein Leben zu retten, geopfert;“ sie vertheidigten sich dann noch, so lange sie konnten, und fielen zu gleicher Zeit. Die günstige Stellung der Muselmänner, an eine Anhöhe gelehnt, und in der Nähe eines Brunnens, scheint, so viel sich aus den einseitigen Berichten, welche zu uns gelangt sind, urtheilen läßt, am meisten dazu beigetragen zu haben, daß ihnen die Ehre des Tages blieb, obschon auch der mühsame Weg, welchen die Kureischiten vor der Schlacht zurückzulegen hatten, und besonders der Abfall der Zuhriten mit vielen andern, also mehr als des dritten Theils der Truppen, nicht außer Acht gelassen werden darf.

Mohammed schrieb indessen den errungenen Sieg der Hülfe


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Gottes allem zu, welcher Engel vom Himmel gesandt, um die schwache Zahl seiner Truppen zu verstärken. So heißt es im achten Kapitel des Korans, wo manche Begebenheiten dieser Schlacht mehr oder minder deutlich erwähnt werden: „Als ihr euern Herrn um Hülfe anriefet, antwortete er euch: ich werde euch eine Verstärkung von tausend 147) auf einander folgenden Engeln senden. Gott that dieß aber nur, um euch eine frohe Botschaft zu geben, damit euer Herz sich beruhige, aber die Hülfe kommt nur von ihm allein.“

Aber auch der materielle Gewinn dieses Feldzugs war nicht unbedeutend für die Muselmänner, denn außer vielen Waffen und Kameelen, die sie erbeuteten, erhielten sie auch eine beträchtliche Geldsumme als Lösegeld für die Gefangenen 148). Selbst Abbas mußte sich loskaufen 149), obgleich er sich dadurch
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147) In der dritten Sura, Vers 124 und 125 ist von dreitausend und fünftausend Engeln die Rede, wobei Djalalein bemerkt, Gott habe zuerst tausend, dann dreitausend, dann fünftausend Engel gesandt.
148) Es wurde je nach ihrem Vermögen von tausend bis viertausend Drachmen für den Mann bezahlt.
149) So bei I., Ch. und C. de P., S. 136. Nicht wie bei H. v. H., bei dem es S. 117 heißt: „Lieber, als das von ihm (Abbas) geforderte Lösegeld zu zahlen, bekannte er sich zum Islam.“ Mohammed antwortete ihm, bei I. und Ch., auf seine Einrede: „Wir haben dich einmal in den Reihen unserer Feinde gefunden, und behandeln dich als solchen.“ Dann sagte er ihm zum Troste den Koransvers : „Verkünde, o Prophet! deinen Gefangenen, daß wenn Gott weiß, daß ihr Inneres gut ist, er ihnen besseres geben wird, als das, was ihnen (als Lösegeld) abgenommen worden ist.“ (Sura 8, Vers 73). H. v. H. nennt auch a. a. O. statt Nadhr und Okba (s. Abulfeda ed. N. S. 51, Gagnier, S. 332) Moßaab und Ebi Chalef als die beiden Gefangenen, welche Mohammed hinrichten ließ, während Nadhr nach I. Mußab, einen der angesehensten Muselmänner, den H. v. H. selbst S. 125 als Fahnenträger in der folgenden Schlacht von Ohod nennt, anflehte, er möchte Fürbitte für ihn einlegen. Ubejj Ibn Challaf war ein Freund Okba's, den Mohammed in der Schlacht von Ohod tödtete. S. Anmerk. 178.

Leben Mohammeds.


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zu entschuldigen suchte, daß er in seinem Innern ein Gläubiger und gezwungen worden sei, an dem Kriege Theil zu nehmen. Hingegen ließ Mohammed mehrere Gefangenen, die armen Familien angehörten, ohne Lösegeld wieder in ihre Heimath zurückkehren, und begnügte sich mit ihrem Schwure, daß sie nie mehr an irgend einem feindlichen Unternehmen gegen Muselmänner Theil nehmen würden. Auch Abbas reiste wieder nach Mekka zurück, obschon er nach manchen Traditionen sich wirklich heimlich zum Islam bekehrt hatte, und diente Mohammed fortan als Spion 150). Abu Lahab, ein anderer Oheim Mohammeds, welcher in seinem Hasse gegen den neuen Glauben verharrte, und nur aus Unpäßlichkeit nicht nach Bedr ziehen konnte, jedoch statt seiner Aßi, den Sohn Hischams, gestellt hatte, überlebte die Niederlage von Bedr nicht lange. Als die Kunde davon nach Mekka gelangte, ward er von Abbas' Gattin im Vorhofe des Tempels mißhandelt, und
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150) Ueber Abbas' Bekehrung sind die Traditionen sehr verschieden von einander. Man liest bei Ch.: „Die Gelehrten behaupten in ihren Geschichtsbüchern Abbas sei schon sehr früh Muselmann geworden, habe aber seinen Glauben geheim gehalten.“ Mohammed sagte den Muselmännern am Schlachttage von Bedr: „Wenn ihr Abbas begegnet, so tödtet ihn nicht, denn er ist den Götzendienern nur gezwungen gefolgt.“ Abul Iusri nahm ihn gefangen; er kaufte sich aber los, kehrte nach Mekka zurück, und wanderte später nach Medina aus, so berichtet Abu Said: Andere behaupten, er habe erst am Schlachttage von Bedr den Islam angenommen, und sei am Tage der Eroberung von Mekka dem Propheten entgegen gekommen. Abu Amru sagt: „Er ist vor der Eroberung von Cheibar Muselmann geworden, aber erst bei der Eroberung von Mekka bekannte er seinen Glauben öffentlich, und wohnte dann den Feldzügen von Honein , Taïf und Tabuk bei.“ Ferner wird gesagt: „Er war vor der Schlacht von Bedr schon Muselmann, und gab dem Propheten Nachricht von dem, was sich in Mekka zutrug. Auch wollte er schon früher nach Medina auswandern, aber der Prophet schrieb ihm: Dein Aufenthalt in Mekka ist zweckmäßiger u. s. w.“

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sieben Tage darauf starb er an einer blatternartigen Seuche 151), welche man für so ansteckend hielt, daß sich ihm niemand während seiner Krankheit näherte und seine Leiche drei Tage unbeerdigt liegen blieb; erst am vierten Tage stießen sie ihn mit langen Stangen in eine Grube, und warfen einen Haufen Steine über ihn.

Viertes Hauptstück.
Der Krieg mit den Beni Keinukaa. Einige andere Scharmützel. Das Treffen von Ohod. Mehrere Sendungen auf Meuchelmord. Krieg mit den Benu Nadhir. Verbot des Weines. Hochzeit mit Hafßa und Zeinab, Tochter Chuzeimas. Belagerung von Medina. Hinrichtung der Beni Kureiza. Vermählung mit Um Salma, Zeinab bint Djahsch und Djuweiria. Aïscha's Abentheuer.

Mohammeds Freude über den Sieg bei Bedr ward bald durch die Nachricht vom Tode seiner Tochter Nukejja getrübt, welche man gerade beerdigte, als Zeid den Medinensern den glücklichen Ausgang des Treffens verkündete. Sie war schon krank, als Mohammed Medina verließ, weßhalb auch ihr Gatte, Othman, zu Hause blieb. Omar ließ ihm später seine Tochter Hafßa antragen, aber Othman wollte sie nicht heirathen. Als Omar sich hierüber bei Mohammed beklagte, sagte dieser: Othman ist eine edlere Gattin als deine Tochter, und dieser ein edlerer Gatte als Othman bestimmt.“ Er gab hierauf Othman seine Tochter Um Kolthum zur Frau, und heirathete
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151) Diese Krankheit heißt wörtlich: die Linse. Nach dem türkischen Kamus besteht sie in schwarzen Flecken, welche, wie die Blattern, an irgend einem Theile des Körpers hervortreten und den Tod verursachen. Bei I. liest man: Adsa ist eine pestartige Krankheit, welche die Araber für sehr ansteckend halten, so daß, als Abu Lahab davon befallen ward, seine eigenen Söhne ihn verließen, es sind kleine Geschwüre (bathra), welche wie Linsen aussehen. Bei Ch. aus dem Tabari dasselbe, nur nennt er es nicht bathra, sondern karha, also mehr eine Beule.


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selbst Omars 152) Tochter Hafßa. Bald darauf vermählte er sich auch mit Zeinab, Tochter Chuzeima's, welche wie Hafßa, vorher einen seiner Gefährten zum Gatten gehabt. Wenige Wochen nach Rukejjas Tod sah Mohammed seine Tochter Zeinab wieder, denn ihr ungläubiger Gatte, Abul Aaß, der sie in Mekka zurückgehalten, war auch unter den Gefangenen von Bedr, und erhielt die Freiheit nur unter der Bedingung, daß er sie auch seiner Gattin Zeinab schenke 153).

Die nächste Folge des errungenen Sieges war, daß Mohammed es endlich wagte, seinem Hasse gegen die Juden, mit
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152) Nicht wie bei H. v. H., S. l35, welcher Hafßa zur Tochter Othman's macht. S. Abulfeda ed. N. S. 117 des arabischen Textes und S. 194 in der Ausgabe von Reiske. Diese Ehe schloß er erst im Monat Schaaban, des dritten Jahres der Hidjrah.
153) I. und Ch. erzählen nach S. fol. 143: Mohammed schickte dann Zeid mit einem Medinenser, um sie abzuholen. Sie warteten an einem bestimmten Orte (bei S. im Thale Jadjidj) außerhalb Mekka, wohin sie Kinanah, ein Bruder des Abul Aaß, führen sollte. Als er aber unterwegs mit ihr war, verfolgten ihn einige Kureischiten, worunter auch Habbar, der mit einer Lanze nach ihrer Sänfte stieß; aber Kinanah trieb sie mit seinem Pfeilbogen zurück. Endlich kam auch Abu Sosian herbei, welcher zu Kinanah sagte: „Du thust sehr Unrecht, so bei hellem Tage vor aller Welt Zeinab ihrem Vater zuzuführen, du weißt doch, in welcher Lage wir Mohammed gegenüber uns befinden, sollen wir nun noch unsere Demüthigung und Schwäche zur Schau tragen, und ihm so öffentlich seine Tochter zurückschicken? Bei Gott! ich mag sie nicht hier behalten, kehre nur jetzt mit ihr um, daß man sage, wir haben sie nicht fortziehen lassen, dann kannst du des Nachts heimlich mit ihr davon gehen.“ Kinanah billigte diesen Vorschlag; ging wieder mit Zeinab in die Stadt zurück, und übergab sie Zeid erst in einer der folgenden Nächte. Als Mohammed Habbar's Rohheit gegen seine Tochter vernahm, sagte er zu den Seinigen: „Wenn ihr Habbar findet, so verbrennet ihn!“ Am folgenden Tage sagte er aber: „Es ziemt nur Gott, die Menschen durch Feuer zu züchtigen, wenn ihr ihn findet, so tödtet ihn mit dem Schwerte !“

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denen er schon lange in gespannten Verhältnissen lebte, durch Mordbefehle und Krieg Luft zu machen. Aßma, die Tochter Merwans 154), welche einige Satyren gegen ihn geschrieben, ward gleich nach seiner Rückkehr nach Medina auf seinen Befehl oder wenigstens mit seinem Wissen von Omeir, dem Sohne Adij‘s, einem alten Blinden, aus dem Stamme der Chatmiten, zu welchem auch Aßma's Gatte gehört hatte, in der Nacht auf ihrem Ruhebette ermordet, und als der Mörder am folgenden Morgen nach dem Gebete Mohammed davon in Kenntniß setzte, sagte dieser: „Es stoßen sich nicht zwei Ziegen darum.“ Er fuhr dann, zu den anwesenden Muselmännern sich wendend, fort: „Wer von euch einen Mann sehen will, der Gott 155) und seinem Gesandten Beistand leistete, der betrachte Omeir, den Sohn Adijs.“ Omar fragte erstaunt: „Hat dieser Blinde einen Weg gefunden Gottes Gebot (des heiligen Kriegs) zu vollziehen ?“ „Schweige Omar !“ versetzte Mohammed, „er heißt nicht der Blinde, sondern der Hellsehende.“ Einige Tage nachher,  
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154) Merwan, welcher bei H. v. H. (S. 112), der diese Mordthat vor dem Treffen von Bedr erzählt, Mewar heißt, war ein Jude. Der Stamm der Chatmiten aber, dem der Gatte der Gemordeten und der Mörder selbst angehörte, war nach I., Ch. und Lub Allubab kein jüdischer, wie H. v. H. (S. 113) glaubt. Nach dem Suheili bei I. mochte leicht ein persönlicher Haß mit im Spiele gewesen sein, denn der Mörder Omeir wird bei ihm als Aßma's erster Gatte genannt.
155) Diese Worte Mohammeds und noch mehr sein Gebet bei dem folgenden Mordbefehle gegen Kaab lassen glauben, daß Mohammed wirklich nach dem Willen Gottes zu handeln glaubte, wenn er die Feinde des Islams auf jede mögliche Weise aus der Welt schaffen ließ. Die Koransverse, welche ihre Vertilgung längst ausgesprochen, gaben diesen Mordbefehlen eine gewisse gesetzliche Form, und lassen sie sich auch vom moralischen Standpunkte aus nicht entschuldigen, so dürfen sie doch auch nicht in die gewöhnliche Klasse eines Meuchelmordes gesetzt werden, besonders wenn man auf die arabischen Sitten Rücksicht nimmt, nach welchen zwischen feindlichen Stämmen jede Mordthat erlaubt ist.


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nach Andern einige Tage vorher, ward der Jude Abu Afak 156), ein hundertundzwanzigjähriger Greis, welcher , wie Aßma die Muselmänner verächtlich und verhaßt zu machen suchte, von Salim, dem Sohne Omeirs, ermordet. Hierauf  157) ward die nächste Veranlassung ergriffen, den Beni Keinukaa, einem der drei jüdischen Stämme, welche Medina und dessen Umgebung bewohnten, den Krieg zu erklären. Ein Jude heftete einer muselmännischen Milchfrau, welche sich weigerte, ihr Gesicht zu entschleiern, ohne daß sie es merkte, ihr Kleid mit einer Stecknadel an den Rücken, so daß sie zum allgemeinen Gelächter ward. Dieß sah ein Muselmann und tödtete auf der Stelle den muthwilligen Juden. Des letztern Stammgenossen fielen dann über den Muselmann her, und erschlugen ihn. Sobald Mohammed davon in Kenntniß gesetzt ward, forderte er die Beni Keinukaa auf, sich zum Islam zu bekehren, und auf ihre Weigerung zog er gegen sie ins Feld, und belagerte die festen Schlösser, in welche sie sich eingeschlossen hatten. Fünfzehn Tage hielten sie die Belagerung aus, als ihnen aber von ihren Glaubensgenossen keine Hülfe ward, ergaben sie sich dem Feinde. Mohammed ließ sie fesseln, um sie desto leichter erschlagen zu können, aber Abd Allah, der Sohn Ubejj's, der Sohn Saluls, ein angesehener Chazradjite 158),
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156) Diesen Juden, welcher nicht nur bei I. und Ch., sondern auch im Kamus Abu Afak heißt, nennt H. v. H. (S. 121 „Abu Aaß,“ und setzt noch hinzu, „d. i. der Vater der Dummheit,“ eine Bedeutung, die nur auf Afak paßt.
157) Nach den meisten Berichten zog Mohammed am 14. Schawwal, also nicht ganz ein Monat nach dem Treffen von Bedr, gegen die Beni Keinukaa ins Feld. Andere setzen diesen Feldzug einige Monate später.
158) Er war ein Beschützer der Juden, aber nicht ihr Glaubensgenosse, wie H. v. H. ihn S. 137 nennt. Nach I. und Ch., auch Abulfeda, S. 51 und S. Fol. 124 gehörte er zu den Heuchlern (munafikîn), von denen häufig im Koran die Rede, und war in seinem Innern stets ein Feind Mohammeds, weil vor dessen Ankunft in Medina man auf dem Punkte war, ihn zum Könige zu erwählen.


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unter dessen Schutz die Juden standen, brachte es durch seine Bitten, vielleicht auch durch seine Drohungen 159) endlich dahin, daß ihnen Mohammed das Leben schenkte, und sich damit begnügte, sie, von all ihrer Habe beraubt, nach Syrien zu exiliren. Einige Monate nachher ward wieder ein Mordbefehl gegen den Juden Kaab, den Sohn Aschrafs ertheilt, welcher die Erschlagenen von Bedr in Elegien betrauert, und die Mekkaner zur Rache angespornt hatte. Mohammed begleitete die Mörder, welche sich in seinem Hause versammelten, und unter denen sich ein Neffe 160) und ein Milchbruder Kaabs befand, die ihn ins Freie zu locken wußten, eine Strecke Wegs, und entließ sie dann mit den Worten: „Gehet in Gottes Namen! Gott stehe ihnen bei!“ und als sie ihm am folgenden Morgen
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159) Es heißt bei I. und Ch. nach S. a. a. O. Abb Allah bat Mohammed um Gnade für die Gefangenen, Mohammed schenkte ihm aber kein Gehör. Er faßte dann Mohammed an seinem Panzerhemde. Mohammed gerieth in Zorn und sagte: „Wehe dir Abdallah! laß mich los!“ Abdallah versetzte: „Bei Gott! ich lasse dich nicht los, bis du mir meine Bitte gewährst, denn sie bilden meine Stärke, sie haben mich gegen die Schwarzen und die Rothen (gegen Jedermann) vertheidigt, bei Gott, ich bin ein Mann, der das Schicksal fürchtet.“ Darauf rief Mohammed : „Lasset sie frei! Gott verdamme sie und ihn (Abd Allah) mit ihnen!“ Unmittelbar nachher erschien der 59. und 60. Vers des 5. Kapitels, welche lauten: „O ihr, die ihr glaubet, wählet keine Juden und keine Christen zu euern Schutzgenossen, sie mögen sich selbst unter einander beschützen, wer von euch sich mit ihnen befreundet, der gehört zu ihnen; Gott leitet kein sündhaftes Volk. Du siehst, wie diejenigen (Muselmänner), die ein krankes Herz haben, sich ihrer annehmen und sagen : „Wir fürchten, es möchte uns ein Unglück begegnen u. s. w.“
160) Kaabs Vater war ein Ausite, der in Medina sich mit einer Jüdin verheirathete. Mohammed ben Maslama, der an der Spitze der Mörder stand, war ein Schwestersohn Kaabs, und Abu Naila, welcher unter dem Vorwande, seine Waffen gegen einige Lebensmittel zu verpfänden, zu Kaab ging, war sein Milchbruder. I. und S. fol. 151.


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Kaabs Kopf brachten, rief er: „Gelobt sei Gott!“ Nach dieser Sendung erklärte Mohammed alle Juden gewissermaßen für vogelfrei 161).

Die übrigen Unternehmungen Mohammeds während der dreizehn Monate zwischen dem Treffen bei Bedr und dem bei Ohod, von dem sogleich die Rede sein wird, bestehen theils aus Zügen gegen Feinde, welche keinen Kampf wagten, theils aus Sendungen gegen mekkanische Karawanen, die vergebens statt des gewöhnlichen Weges längs des rothen Meeres einen mehr östlichen nach Syrien einschlugen. Was die Feldzüge betrifft, so war der Erste gegen die Beni Suleim und Ghatafan gerichtet, welche feindliche Absichten gegen ihn hegten 162); er setzte ihnen aber vergebens bis zu einer Quelle nach, welche Karkarat Alkadar 163) hieß, und acht Stationen weit von Medina liegt. Hier fand er einen Hirten mit fünfhundert Kameelen, die er als Beute mit sich nach Medina schleppte, von
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161) So bei Ch. nach Jbn Ishak a. a. O. Ein Muselmann erschlug dann gleich darauf einen jüdischen Kaufmann, der stets sein Wohlthäter gewesen. Der Bruder des Mörders schlug diesen, und sagte ihm: „Feind Gottes! warum bringst du diesen Mann um? Bei Gott, das meiste Fett an deinem Leibe kommt von seinen Geschenken.“ Darauf erwiederte der Mörder: „Bei Gott, wenn derjenige, der mir befohlen hat, ihn zu tödten, mich heißen würde dir den Kopf abzuschlagen, ich würde es auch thun.“ Jener sagte dann: „Bei Gott, der Glaube hat einen wunderbaren Grad bei dir erreicht!“ und ward auch Muselmann. (Der Mörder hieß Mucheißa und sein Bruder Chuweißa.)
162) Diesen Feldzug unternahm Mohammed schon acht Tage nach seiner Rückkehr von Bedr; ich habe ihn nur, um das was seine Fehden mit den Juden betrifft, nicht zu unterbrechen, nach dem gegen die Beni Keinukaa erzählt. Doch sind über die Reihefolge dieses und der drei folgenden Feldzüge die Nachrichten sehr verschieden.
163) Diese Quelle in dem Gebiete der Beni Suleim heißt nach I. und Ch. Kadar, weil viele Vögel von dunkler Farbe dieses Namens sich dort versammeln.


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der er zum ersten Male nach dem neuen Gesetze den fünften Theil für sich behielt.

Der zweite Zug galt zweihundert Kureischiten, welche Abu Sofian 164) bis in das Gebiet von Ureidh, drei Meilen von Medina geführt hatte, wo sie zwei Leute erschlugen und einige Dattelnbäume abbrannten. Sobald aber Mohammed gegen sie auszog, ergriffen sie die Flucht, und ließen, um desto schneller zu entkommen, ihren Mehlvorrath im Stich, daher auch dieser Feldzug der des Mehls (Sawik) 166) hieß.

Der dritte Zug war gegen die Beni Ghatafan, welche sich abermals gegen Mohammed gerüstet und mit einigen anderen Stämmen verbündet hatten. Er zog ihnen bis nach Dsu Amarr in die Provinz Nedjd entgegen, und nöthigte sie sich ins Gebirge zu flüchten. Auf diesem Zuge gerieth Mohammed in große Lebensgefahr, denn als er, auf die Entfernung des Feindes vertrauend, allein im Freien schlief, ward er plötzlich von Duthur, dem Häuptlinge seiner Feinde, überfallen. Dieser stellte sich mit gezücktem Schwert vor ihn, und
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164) Abu Sosian schwur nach der Schlacht von Bedr, weder ein Frauenzimmer, noch Weihrauch zu berühren, bis er einen Zug gegen die Muselmänner unternommen. Sein Schwur lautete nach I. und S. fol. 148: „Kein reinigendes Wasser sollte seine Haut berühren,“ woraus zu schließen ist, daß bei den Arabern auch vor Mohammed schon gewisse Waschungen nach dem Beischlafe üblich waren.
165) Es war nach I., Ch. und S. fol. 149 ein Hülfsgenosse, und einer, der unter dessen Schutz stand.
166) Sawik heißt eigentlich Mehl von gerösteter Frucht, die man vorher wohl gewaschen, damit sie sich besser halte. Dieses Mehl mit Wasser, Butter oder Honig gekocht, bildete die gewöhnliche Nahrung der Araber. H. v. H., welcher statt Sawik Soweik liest, macht daraus den Namen eines Ortes. Es heißt bei ihm S. 120: „Das zweite Mal (zog der Prophet) wider einen Haufen von Mekka, welcher zu Soweik, im Gebiete von Aridh, unter Ebi Sosians Anführung, Saaten der Moslimen von Medina verbrannt und Einen derselben getödtet hatte.“


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fragte ihn: „Wer beschützt dich jetzt gegen mich?“ Gott, antwortete Mohammed. Bei dieser Antwort entfiel Duthur das Schwert Mohammed ergriff es schnell, und fragte : „Wer beschützt dich jetzt gegen mich?“ Niemand, antwortete Duthur. Mohammed begnadigte ihn aber, worauf jener ausrief: „Bei Gott, du bist besser als ich, ich bekenne, daß es nur einen Gott gibt, und daß Mohammed sein Gesandter 168).“

Der vierte Kriegszug galt wieder, wie der erste, den Beni Suleim, die aber auch dießmal bei der Nachricht von Mohammeds Heranrücken das Weite suchten 169).

Wichtiger als diese kleinen Excursionen ist der nächstfolgende Feldzug im Schawwal des dritten Jahres der Hidjrah gegen dreitausend Mekkaner und andere Feinde des Islams, welche gegen Medina heranzogen. Bei diesen Truppen waren siebenhundert Bepanzerte, zweihundert Reiter und fünfzehn der vornehmsten Frauen Mekkas, welche die Krieger durch ihr Wehegeschrei über die Erschlagenen bei Bedr zur Rache anspornten.  
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167) Nach I. fiel Duthur selbst um. Die Legende läßt den Engel Gabriel Duthur das Schwert aus der Hand stoßen. Nicht unmöglich wäre es, daß Mohammeds Antwort ihm den Muth zur Ausführung seines Mordes genommen hätte, wahrscheinlicher aber, daß er stolperte, und wie I. berichtet, wirklich umfiel, oder wie nach einer andern Tradition bei Ch., daß ihn beim Ausholen ein Schmerz an den Schultern (ein Krampf?) überfiel. Nach dieser Tradition hieß der Mörder Ghaweirath, der Sohn Harith's. Aehnliche Mordversuche mit wunderbarer Vereitlung derselben werden noch bei andern Gelegenheiten erzählt, ich fand sie aber nicht mehr der Erwähnung werth.
168) Nach anderen Traditionen bei Ch. forderte ihn Mohammed auf, sich zu seinem Glauben zu bekennen, er weigerte sich aber, und machte sich nur verbindlich, nie mehr mit dessen Feinden gemeine Sache zu machen.
169) Dieser Zug, welchen einige für denselben, wie den von Karkarat Alkadar halten, heißt der von Bahran oder Bohran, ein Ort nach I. und Ch. im Hedjas, acht Stationen von Medina, in der Nähe von Furu. Bei S. fol. 149 heißt dieser Zug der von Furu.


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Als Mohammed durch seinen Oheim Abbas 170) von dem Auszuge der Kureischiten und ihrer Bundesgenossen, an deren Spitze Abu Sosian stand, Kunde erhielt, versammelte er seine Gefährten, theilte ihnen den Brief seines Oheims mit, und schlug ihnen vor, den Feind in Medina zu erwarten. Bleiben sie in ihrem Lager, sagte er, so haben sie einen schlechten Standpunkt; versuchen sie es in die Stadt zu dringen, so wird es uns leicht, sie zu vertheidigen, denn während wir mit unseren Schwertern ihnen den Weg versperren, werden unsere Frauen und Kinder sie von den Terrassen unserer Häuser aus mit Steinen todt werfen 171). Mohammeds Vorschlag ward
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170) Mohammed — so heißt es bei I. und Ch. - nach dem Wafa, war im Dorfe Kuba, als ihm ein Bote, welcher den Weg von Mekka nach Medina in drei Tagen zurücklegen mußte, den Brief seines Oheims brachte; er ließ sich ihn von Ibn Kaab vorlesen, und theilte ihn Saad Ibn Rabia mit, befahl aber beiden, dessen Inhalt zu verschweigen, bis er selbst nach Medina zurückgekehrt war, wo er die Häupter der Muselmänner zu einer Berathung versammelte.
171) Bei S. fol. 154 heißt es nur: „Kommen sie zu uns, so bekämpfen wir sie;“ dann folgt: „Dieß war auch die Ansicht Abdallah Ibn Ubejj's.“ Die im Texte angeführten Worte sind nach I. und Ch., welche übrigens bemerken, daß nach einer andern Tradition diese Vertheidigungsweise von Abd Allah, dem Sohne Ubejj's, angerathen ward, und daß er noch hinzusetzte: „Bei Gott, wir sind nie gegen einen Feind ausgezogen, ohne einen Verlust erlitten zu haben, während noch Niemand unsere Stadt angegriffen hat, ohne von uns geschlagen worden zu sein.“ Einige behaupten — so fährt I. fort — Abd Allah habe für den Auszug gestimmt, diese Behauptung ist aber falsch, denn als er später mit dreihundert Mann zurückkehrte, sagte er: (diese Worte finden sich auch bei Abulfeda und im Sirat Arrasul, fol. 153) „Mohammed hat meinen Rath verworfen und den Anderer angenommen, kommt ihr Leute, wozu sollen wir uns hier schlagen lassen?“ H. v. H, folgt (S. 124) geradezu dieser von I. verworfenen Ansicht, ohne auch nur die andere richtige zu erwähnen, die man doch schon bei Abulfeda und bei Gagnier S. 355 findet.


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von den Aeltesten seiner Gefährten gut geheißen, aber die Jüngern, Kampflustigen, besonders die, welche an dem Treffen bei Bedr keinen Antheil genommen, erklärten eine solche Vertheidigung für eine Feigheit, und forderten gegen den Feind ins Feld geführt zu werden. Mohammed mußte nachgeben und den Befehl zum Auszuge ertheilen. Als er gerüstet an der Spitze der Muselmänner stand, wollten zwar diejenigen, welche für den Auszug gestimmt, sich seinem Willen ergeben, und in der Stadt bleiben, jetzt sagte er aber: „Es ziemt einem Propheten nicht, wenn er sich einmal zum Kampfe gerüstet, die Waffen niederzulegen, bis Gott zwischen ihm und seinen Feinden entschieden hat.“ Er verließ daher Medina mit tausend, nach Einigen nur mit neunhundert Mann, und zog gegen den zwei bis drei Meilen von Medina gelegenen Berg Ohod, gegenüber dem Feinde, welcher im Dorfe Dsu Huleifa, im Thale Ureidh, ungefähr eine Stunde davon sein Lager aufgeschlagen hatte. Unterwegs stieß Mohammed auf eine jüdische Truppenabtheilung von sechshundert Mann, welche Bundesgenossen des Abd Allah Ibn Ubejj Ibn Saluls waren; er forderte sie auf, sich zum Islamismus zu bekennen, und als sie sich weigerten, wollte er sie nicht zu Kampfgenossen, und nöthigte sie, nach Medina zurückzukehren, worauf dann auch Abd Allah mit dreihundert Mann Chazradjiten sich zurückzog,
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172) Nicht mit dreihundert Juden, wie bei H. v. H. S. 125. I. bemerkt ausdrücklich, eben so Abulfeda, S. 55, daß Abd Allah mit dreihundert Heuchlern gegen Mohammeds Willen bei dem Garten Schaut zwischen Ohod und Medina umkehrte; die Juden, seine Bundesgenossen aber, schickte Mohammed selbst schon vor Schaut nach der Stadt zurück. Bei S. a. a. O. liest man: „Ibn Ishak berichtet: als Mohammed in Schaut anlangte, zwischen Medina und Ohod, trennte sich von ihm Abd Allah, der Sohn Ubejj's, mit dem dritten Theile der Mannschaft und sagte : Er (Mohammed) hat andere angehört und meinen Rath verworfen, wir wissen nicht, wozu wir hier unser Leben hingeben sollen; er kehrte dann zurück mit seinen Anhängern aus seinem Volke (min kaumihi), den Heuchlern und Zweiflern. Abd Allah, der Sohn Amru's, folgte ihnen, und rief ihnen zu: „Denket an Gott und verlasset euer Volk und euern Propheten nicht im Angesicht ihres Feindes!“ Sie erwiederten: „Wüßten wir, daß es zu einem Gefechte käme, so würden wir euch nicht überliefern (dem Feinde), aber wir glauben dieß nicht.“ Er rief ihnen dann nach : „Gott verstoße euch, ihr Feinde Gottes, und mache euch seinem Propheten entbehrlich!“ Die Hilfsgenossen sagten dann: „O Prophet Gottes! sollen wir nicht die mit uns verbündeten Juden zu Hülfe rufen?“ Er antwortete: „Wir brauchen sie nicht.“


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so daß nur siebenhundert Mann bei Mohammed blieben, von denen viele mit verzagtem Herzen einem Kampfe entgegen sahen 173). Mohammed stellte diese Truppen am Fuße des Berges Ohod auf, und verbot ihnen, den Angriff zu beginnen; den fünfzig Bogenschützen aber, welche die einzige offene Seite des Berges gegen den Feind vertheidigen sollten, gab er den bestimmtesten Befehl, keinen weitern Antheil am Kampfe zu nehmen, sondern blos, sowohl im Falle einer Niederlage, als eines Sieges, die Muselmänner vor einem Ueberfalle der feindlichen Reiterei von dieser Seite her zu bewahren. Das Losungswort der Muselmänner war: tödte! tödte! 174) das der Kureischiten, unter deren Anführern die später so berühmt gewordenen Feldherrn Chalid und Amru Ibn Aaß waren, lautete:  
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173) Ein Theil der Truppen, so berichtet I. und Ch. nach dem Wafa, wollte nach Abd Allah's Rückkehr nicht weiter ziehen, während ein Anderer auf dem Kampfe bestand; wenig fehlte, so wäre es zwischen diesen beiden Partheien der Muselmänner zu Thätlichkeiten gekommen.
174) Bei I. liest man anta (du), vielleicht ein Ausruf zu Gott. Bei Ch. aber, und bei S. (fol. 154) heißt es: Amit, Amit, tödte! Nicht wie bei H. v. H. (S. 126) „Volk!“ Er scheint Ummat gelesen zu haben, aber das mim hat kein Teschdid, und der letzte Buchstabe ist ein ta, nicht ein ha mit zwei Punkten. Uebrigens kommt dasselbe Wort bei dem Feldzuge gegen die Beni Mußtalik vor, dort war das Losungswort: Ja mansur amit (Sieggekröntes Volk tödte!) wo doch gewiß nicht Ummat gelesen werden kann. Auch bemerkt dort J.: mit diesem Losungsworte deuteten sie ihren Sieg vorher an, durch die Niederlage ihrer Feinde.


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O Uzza! O Hobal! Mohammed übergab sein Schwert dem Abu Dudjana, welcher sich verbindlich machte, es nicht eher niederzulegen, bis es zerschlagen oder krumm gebogen. Es hatte die Inschrift: „Feigheit bringt Schande, vorwärts rücken Ehre, nicht durch Feigheit entrinnt der Mann seinem Schicksal.“ Er band dann eine rothe Binde um sein Haupt, welche die Inschrift hatte : „Hülfe kommt von Gott, der Sieg ist nahe. Feigheit im Kriege ist Schande, wer entflieht, kann doch der Hölle nicht entrinnen.“ Er kämpfte in der vordersten Reihe, und rief: „Ich bin es, dem mein Freund das Versprechen abnahm — weil wir im Kampfe stets bei den Edlen — daß ich niemals in den hintern Reihen weilen werde, so lange ich fechte mit dem Schwerte Gottes und seines Gesandten 175).“ Hind durchlief die Reihen der Ungläubigen und rief: „Muthig! Ihr Söhne Abd Dars 176), Beschützer
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175) Diese arabischen Verse, die ich der Treue willen lieber in Prosa wiedergegeben, lauten bei H. v. H. :

„Ich bin der auf den Freund vertraut,
Der mir dem Schwert im Palmenhaine haut.
Daß diese Welt besteh', ist nicht gewährt.
Denn ich, ich schlage sie mit Gottes Schwert.“

Die arabischen Worte bei Ch. lauten:

„Ana-I-Iadsi âhadani Chalifi, wanahnu bissafhi lada-n-nachili
An lâ akûma-d-dahra fi-l-kajjûli, adhrib biseifi-I-lâhi warrasûli.“

Sie stehen auch bei S. fol. 154, nur liest man kubul statt kajjul.

176) Die Söhne Abd Dars hatten, wie schon in der Einleitung erwähnt worden, das Recht, die Fahne im Kriege zu tragen, und waren also die Vorkämpfer der folgenden Truppen, welche daher im Texte bei Abulfeda adbar heißen, was Noel des Vergers unrichtig (S. 45) durch „familles“ übersetzt. Reiske übersetzt S. 93: „Defensores tergorum vestrorum (et earum quae vobis a tergo sunt).“ Dazu in einer Note: „Tergora sunt hoc loco feminae quas retro habebant viri bellatores.“ Dann noch am Schlusse des Bandes (S. 19): „Terga vestra: honesta ratio dicendi pro: uxores vestrae. Nam verecundantur nomen expressum uxor et filia, sed circumlocutionibus et metaphoris designant etc.“ Diese Bemerkung ist richtig, auch wird nach dem Kamus das Wort „zahrun“ (Rücken) für „Familie“ gebraucht, aber niemals „adbâr“. I., der Hinds Kriegsruf erklärt, sagt zu dem Worte „adbâr“ ai aakabu-n (mit Alif und Aïn) nâsi. Das heißt: die hinten folgenden Leute.


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der Truppen, hauet zu mit scharfen Klingen, wir sind die Töchter der Sterne, wir wandeln auf Teppichen, wie leichte Kata's, unser Haar duftet Moschus aus, Perlen schmücken unsern Hals, schreitet ihr vorwärts, so umarmen wir euch, fliehet ihr aber, so scheiden wir von einander, und zwar nicht wie Liebende.“ Das erste Zusammentreffen war zu Gunsten der Muselmänner, deren Bogenschützen die feindliche Reiterei zurücktrieben, und deren Vorkämpfer sieben Fahnenträger einen nach dem andern niedermähten. Schon begannen die Mekkaner zu fliehen, und die Muselmänner verließen ihre Stellung am Berge Ohod und verfolgten sie mit dem Schwerte in der Hand. Als aber auch über vierzig Bogenschützen den ihnen von Mohammed angewiesenen Platz verließen, aus Furcht, sie möchten bei der Beute zu kurz kommen, da erneute Chalid seinen Angriff mit der Reiterei, überwand leicht die wenigen zurückgebliebenen Schützen, und fiel in den Rücken der Muselmänner, welche sehr bald in die größte Verwirrung geriethen, und die Ihrigen vom Feinde nicht mehr zu unterscheiden wußten. Mohammed selbst ward an den Wangen und den Lippen verwundet, verlor einen 177) der Vorderzähne, und stürzte in einen Graben. Hamza ward von einem abyssinischen Sklaven getödtet, auch der Fahnenträger Mußab, der Sohn Omeirs, fiel, und da er von derselben Gestalt wie Mohammed war,
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177) Nicht vier, wie bei H. v. H., S. 128, welcher wahrscheinlich rabaijat mit arba verwechselt. Schon bei Abulfeda ist nur von einem Zahne die Rede, und Noel des Vergers bemerkt mit Recht (S. 121), daß nur einer von den zwei in Konstantinopel aufbewahrten Zähnen wirklich Mohammed angehören konnte. Auch bei S. fol. 156 ist nur von einem Zahne die Rede, ebenso bei I. und Ch. Von vier Zähnen ist nirgends eine Spur zu finden. Auch Reiske (S. 95) übersetzt unrichtig : „Dentes ejus incisores.“


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hieß es: „Mohammed ist todt!“ Dieß erhöhte noch den Mutb der Ungläubigen, während die Muselmänner nur um so eiliger die Flucht ergriffen, und zum Theil nach Medina flüchteten, um die Vermittlung Abd Allah's nachzusuchen. Vergebens rief Uns, der Sohn Nadhrs: „Ist auch Mohammed todt, so lebt doch Mohammeds Gott, und stirbt nie, kämpfet und sterbet für das, wofür er gekämpft hat und gestorben ist!“ Seine Worte fanden kein Gehör, und hätte nicht Kaab, der Sohn Maliks, den mit einem doppelten Panzerhemde und einem Helme bedeckten Propheten unter den Verwundeten an seinen Augen erkannt, so wäre er, wahrscheinlich auf dem Schlachtfelde geblieben 178). Sobald dieser Abu Bekr, Omar und zehn oder
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178) Diese bisher noch unbekannten nähern Umstände von Mohammeds Rettung habe ich aus S., I. und Ch. Bei Ersterem heißt es fol. 157: „Der Erste, der den Gesandten Gottes wieder erkannte, nachdem die Muselmänner geschlagen waren, und den Propheten für todt hielten, war Kaab, der Sohn Maliks. Dieser sagte: Ich erkannte ihn an seinen Augen, welche unter seiner Sturmhaube hervorleuchteten. Da rief ich mit lauter Stimme: Gemeinde der Muselmänner! freuet euch! hier ist der Gesandte Gottes. Mohammed befahl mir aber durch einen Wink zu schweigen (wahrscheinlich aus Furcht, die Kureischiten möchten aufs Neue gegen ihn herandringen). Als die Muselmänner den Gesandten Gottes erkannten, richteten sie ihn auf, und führten ihn an eine Höhle auf einer Anhöhe. Unter seinen Begleitern waren Abu Bekr, Omar, Talha, Zubeir und einige andere. Hier wurde er von Ubejj Ibn Challaf verfolgt, der schon längst ein Pferd besonders gut fütterte, um es einst im Kampfe gegen Mohammed zu gebrauchen. Mohammed versetzte ihm aber einen Hieb in den Nacken, woran er später starb. (Dieß ist das einzige Mal, wo Mohammed thätigen Antheil am Kampfe nahm.) Ali brachte dann Wasser, das Mohammed so schlecht fand, daß er es nicht trinken konnte, jener wusch ihm daher Gesicht und Kopf damit. Auf einmal kam Chalid mit einigen anderen Kureischiten den Hügel heran, auf dem Mohammed mit den Seinigen sich befand. Mohammed betete, und Omar mit den übrigen Ausgewanderten trieben sie zurück. Mohammed wollte dann einen Felsen erglimmen, der auf dieser Anhöhe sich erhob, da er aber sehr schwach, und von zwei Panzerhemden umkleidet war, konnte er nicht hinaufkommen. Talha nahm ihn daher auf die Schultern, und trug ihn hinauf.“


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zwölf andere semer Gefährten davon benachrichtigte, daß der Prophet noch am Leben, sammelten sie sich um ihn, und bahnten sich mit dem Schwerte in der Hand einen Weg zu einer Höhle auf einer Anhöhe. Als sie aber auch hier verfolgt wurden, bestiegen sie einen Felsen auf dem Gipfel dieser Anhöhe, wo sie sich leicht gegen den Feind vertheidigen konmen, der übrigens, weil Mohammed für todt galt, sich um die übrigen Muselmänner wenig mehr kümmerte, sondern statt die Lebenden weiter zu verfolgen, die Todten verhöhnte und verstümmelte. Hind und die übrigen mekkanischen Frauen gingen in ihrer Unmenschlichkeit so weit, daß sie abgeschnittene Nasen und Ohren wie Perlen zusammenreihten, und als Halsketten und Armbänder trugen; erstere versuchte es sogar, Hamza's Herz zu fressen, was ihr jedoch nicht möglich war 179).

Als die Ungläubigen den Rückzug antraten, verließ auch Mohammed seinen Felsen wieder, sorgte für die Beerdigung
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179) Hamza war so verstümmelt, daß man ihn kaum mehr erkannte. Mohammed gerieth bei seinem Anblick in solche Wuth, daß er sagte, wenn ihm Gott wieder einen Sieg über die Kureischiten verleihe, er siebenzig (nach einer andern Tradition dreißig) der Ihrigen ebenso verstümmeln würde. Nicht wie bei H. v. H., S. 129: „Als Mohammed auf die Frage, wo Hamza? dessen Tod erfuhr, schwor er denselben mit dem Tode von siedenzig Koreisch zu vergelten.“ Auch Noel des Vergers hat das bei Abulfeda vorkommende Wort laumaththilanna unrichtig durch : „Je vengerai sur trente des leurs la mort de Hamza“ übersetzt. Mohammeds Gefährten riefen dann: „Bei Gott! wenn uns Gott je wieder einen Sieg über die Kureischiten verschafft, so wollen wir sie auf eine Weise verstümmeln, wie es nie ein Araber gethan.“ Später erschien aber der Vers des Korans: „Strafet ihr, so seid gerecht in eurer Vergeltung, ertraget ihr das Schlimme aber mit Geduld, so kommt es den Duldenden zu gut (S. 16, V. 126),“ worauf Mohammed das Verstümmeln gänzlich verbot. Ch., I. u. S. fol. 161.

Leben Mohammeds.


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der Getödteten, tröstete die Verwandten der Gebliebenen durch die Versicherung, daß sie ein besseres Leben fortleben 180), und verbot ihnen daher auch sich ins Gesicht zu schlagen, das Haupthaar abzuscheeren, die Kleider aufzureißen und alle andere damals übliche Trauerbezeugungen; er gestattete ihnen nur die Todten zu beweinen, weil „die Thränen dem betrübten Herzen Erleichterung verschaffen.“

Die Nacht nach der Schlacht war indessen für die Muselmänner noch eine sehr unruhige, denn sie fürchteten jeden Augenblick, die Kureischiten möchten umkehren und Medina überfallen. Auch zog Mohammed am folgenden Tage 181) mit seinen Truppen bis nach Hamra-al-Asad , acht Meilen weit von Medina, um dadurch den Mekkanern zu zeigen, daß sein Muth noch nicht gebrochen und er ein zweites Treffen nicht scheue. Diese hatten in der That, als sie in in Rauha, ungefähr vierzig Meilen von Medina anlangten — vielleicht weil sie dort erst vernahmen, daß Mohammed noch beim Leben 182) —
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180) Ch. berichtet aus Maâlim Attanzil: „Der Gesandte Gottes sagte: als eure Brüder am Schlachttage von Ohod fielen, legte Gott, der Erhabene, ihre Seelen in den Körper grüner Vögel, welche an den Flüssen und Früchten des Paradieses sich labten, und in allen Theilen des Paradieses unter dem Schatten des himmlischen Thrones lustwandelten. Aber in ihrer Seligkeit über die köstlichen Speisen und Getränke, und ihren herrlichen Aufenthaltsort riefen sie: O wüßten doch unsere Brüder, was uns Gott erwiesen, damit sie nicht ablassen vom heiligen Kriege! Da sagte Gott, der Erhabene: ich will ihnen Nachricht von euch geben, und sandte den Vers herab: Glaubet nicht, daß diejenigen, welche auf dem Pfade Gottes erschlagen worden, todt sind, denn sie leben fort u. s. w.“ (S. 3, Vers 170).
181) Das Nähere über diesen Zug, den Abulfeda ganz übergeht, aus I., Ch. und S. fol. 162 u. 163.
182) Dieß ist wohl das Wahrscheinlichste, obschon nach einer Tradition bei S. (fol. 160.) Abu Sosian schon vor seinem Abzuge von Omar erfahren haben soll, daß Mohammed noch am Leben. Das Ganze klingt aber so mährchenhaft, daß es keinen Glauben verdient. Der Leser beurtheile selbst diese Stelle: „Als Abu Sosian weggehen wollte, bestieg er einen Berg, und rief mit lauter Stimme: Wohl gethan! Laß mich! Der Krieg ist unbeständig, dieser Tag für den von Bedr, erhebe dich Hobal! Der Gesandte Gottes sagte zu Omar: Antworte ihm! Dieser rief: Gott allein ist erhaben und gepriesen! Kein Vergleich zwischen uns! Unsere Erschlagenen sind im Paradiese, die Eurigen in der Hölle. Als Abu Sosian dieß hörte, rief er: Komm her, Omar! Der Gesandte Gottes sagte zu Omar: Geh zu ihm hin, und sieh, was er will. Als Omar zu ihm kam, sagte Jener: Ich beschwöre dich bei Gott, sage mir, haben wir Mohammed erschlagen? Omar antwortete: Bei Gott, nein, er vernimmt sogar deine Worte. Da sagte Abu Sosian: Ich glaube dir eher, als Ibn Kamia, welcher behauptete, Mohammed getödtet zu haben. Dann rief Abu Sosian: Es sind von euren Todten verstümmelt worden, bei Gott, es geschah weder mit meinem Willen, noch gegen denselben, ich habe es nicht ge-, auch nicht verboten; beim Weggehen rief er dann: Stellt euch das nächste Jahr in Bedr ein! Da sagte Mohammed zu einem seiner Gefährten: antworte ihm: Es sei so!“


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beschlossen, nach Medina zurückzukehren, gaben aber diesen Vorsatz auf, als Mibad, ein Ungläubiger aus dem Stamme Chuzaah, der es jedoch mit Mohammed besser als mit den Mekkanern meinte, ihnen berichtete, er sei Mohammed mit einem zahlreichen Heere auf dem Wege begegnet. Drei Tage lagerte Mohammed in Hamra Alasad, und ließ des Nachts, um den Feind über die Zahl seiner Truppen, welche mit Inbegriff vieler schwer Verwundeten kaum noch sechshundert Mann stark waren 183), zu täuschen, eine große Anzahl Wachfeuer anzünden. Erst als er durch einen Boten, welchen ihm Mibad sandte,
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183) Die Zahl der bei Ohod gebliebenen Muselmänner wird von den meisten Biographen auf siebenzig angegeben, vielleicht aber nur, um sie mit der Zahl der bei Bedr gefangenen Kureischiten in Einklang zu bringen, weil diese Niederlage als eine Strafe für das Lösegeld, das damals von den Ungläubigen angenommen wurde, betrachtet wird; einige nehmen jedoch nur vier bis sechsundsechzig an. Von den Kureischiten blieben zwei oder dreiundzwanzig, darunter Ubejj, der Sohn Challafs, den Mohammed selbst erschlug.


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erfuhr, daß die Kureischiten durch die ihnen gegebene falsche Nachricht erschreckt, statt eine zweite Schlacht zu wagen, weiter nach Mekka gezogen seien, hob er das Lager auf, und kehrte nach Medina zurück. Auf diesem Zuge fielen den Musel männern zwei nach dem Treffen von Ohod zurückgebliebene Kureischiten in die Hand, welche beide getödtet wurden. Der eine war der Dichter Abul Azza, welcher schon in der Schlacht von Bedr gefangen worden war, den aber Mohammed, weil er ein armer Familienvater war, begnadigt hatte, unter der Bedingung, daß er nie mehr an irgend einer Feindseligkeit gegen die Muselmänner Theil nehmen würde. Als er auch dießmal Mohammed um Gnade anflehte, erwiederte dieser: „Du sollst nicht im Rathhause zu Mekka deinen Bart streichen und sagen: ich habe Mohammed zwei Mal hintergangen. Der Gläubige wird nicht zwei Mal von einem Schlangenneste gestochen.“ 184) Der andere war Muawia, der Sohn Mughira's, Großvater von mütterlicher Seite des späteren Chalifen Abdul Malik Ibn Merwan. Diesem wurden zwar auf Othmans Fürbitte drei Tage zu seiner Rettung gegönnt, da man ihn aber am vierten Tage noch in Medina fand, ward auch er wie Abul Azza von Zeid erschlagen.

Auf die Schlacht von Ohod, welche einige auf den siebenten, andere auf den vierzehnten Schawwal des dritten Jahres der Hidjrah setzen, folgten mehrere andere unglückliche Ereignisse für die Muselmänner. Von sechs Koranlesern, welche Mohammed den Stämmen Adhal und Kara auf ihr Verlangen
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184) Die arabischen Worte lauten: Almuminu la juldaghu min djuhrin marratein. Dafür hat H. v. H. (S. 130) : „der Gläubige wird von einem Streiche nicht zweimal verletzt.“
185) Der Schlachttag war nach allen Traditionen ein Samstag, nach Abulfeda den 7., nach S. (fol. 162) den 15. Schawwal. Zählt man die Hidjrab von Freitag dem 16. Juli 622 an, so war der 7. Schawwal richtig ein Samstag, der 15. aber ein Sonntag. Dieses Datum entspricht dem 23. oder 31. März 625, nicht wie bei H. v. H. (S. 129) dem 22. April 624.


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geschieht, um sie in den Lehren des Islams zu unterrichten 186), wurden vier bei der den Hudseiliten gehörenden Quelle Radji getödtet, und zwei nach Mekka verkauft, wo sie bis zu Ende der heiligen Monate eingesperrt, dann öffentlich hingerichtet wurden, und einer derselben so lange unbeerdigt blieb, bis zwei Muselmänner 187) des Nachts ihn wegtrugen. Bei dem Brunnen Mauna, vier Tagereisen von Medina, in der Provinz Nedjd, kamen ungefähr zu gleicher Zeit achtunddreißig, nach einigen sogar achtundsechzig 188) andere gelehrte Muselmänner um, welche den Islam in dieser Provinz predigen sollten, und von den Beni Suleim überfallen wurden. Auch mißlang die Unternehmung Amru's, des Sohnes Ommejja's, welcher sich auf Mohammeds Befehl heimlich nach Mekka begab, um Abu Sosian meuchlings zu ermorden. Er ward von Muawia, dem Sohne Abu Sosians, entdeckt, und konnte nur mit Mühe sein eigenes Leben retten 189). Glücklicher als Amru, war Abd Allah, der Sohn Uneis', gegen Sosian, den Sohn Chalids, welcher einer der Schuldigsten an dem Verrathe bei
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186) So bei Abulfeda und S. fol. 166. Bei anderen heißt es: Mohammed sandte sie nach Mekka, um Kundschaft über das Vorhaben der Kureischiten einzuziehen. Als Häuptling dieser sechs oder nach Einigen zehn Muselmänner wird von den Einen Aßim, von den Andern Marthad genannt.
187) Zubeir und Mikdad, denen Mohammed für diese That das Paradies verhieß. Die zwei Hingerichteten hießen Zeid Ibn Addathna und Chubeib Ibn Adij (S. fol. 166 und Abulfeda) H. v. H. erwähnt (S. 133) nur letztern, den er Chabib nennt.
188) Sie waren 41, nach Einigen 71 an der Zahl, und nur zwei entkamen: Kaab, der Sohn Zeid's, welchen man für todt hielt, der aber wieder zu sich kam, und Amru, der Sohn Ommejja's, der gefangen und wieder freigelassen wurde (Abulfeda und Andere).
189) Ch. und I. aus dem Iktifa, während andere diese Sendung erst ins sechste Jahr der Hidjrah setzen. Als Grund derselben wird angegeben, Mohammed habe einen Mekkaner mit einem Dolche ertappt, welcher von Abu Sofian abgesandt war, ihn zu ermorden.


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Radji war, weßhalb Mohammed seinen Kopf verlangte. Als Abd Allah ihn Mohammed brachte, schenkte er ihm dagegen einen Stock, und sagte: „Er diene dir zur Stütze im Paradiese und als Zeichen zwischen uns am Auferstehungstage!“ 190)  Auch Abu Salma's Zug an der Spitze von hundertundfünfzig Kriegern gegen die Beni Asad, welche feindliche Gesinnungen gegen den Propheten hegten, bot den Muselmännern einen kleinen Ersatz für die verschiedenen Unfälle, die sie erlitten; denn wenn er auch den Feind nicht mehr einholen konnte, so kehrte er doch mit einer sehr reichen Beute nach Medina zurück 191). Noch größer waren die Vortheile, welche der, auch in andern Beziehungen merkwürdige Zug gegen den jüdischen Stamm der Beni Nadhir, der Zuhra, einen festen Platz ganz in der Nähe von Medina inne hatte, den Muselmännern gewährte. Folgendes soll die Veranlassung zu diesem Kriege gewesen sein. Amru, der Sohn Ommejja's, der Dhamrite, der einzige Muselmann, welcher bei dem Treffen am Brunnen Mauna begnadigt worden, erschlug auf seiner Rückkehr nach Medina zwei Männer der Beni Amir. Diese waren aber Schützlinge Mohammeds, weßhalb ihre Verwandten von ihm die Sühne für die Gemordeten begehrten. Mohammed 192) wendete sich daher an die Beni Nadhir, welche seine Bundesgenossen sowohl,  
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190) So wörtlich bei I., auch bei S. fol. 266 liest man: „Ich (Abd Allah) fragte den Gesandten Gottes: warum hast du mir diesen Stock geschenkt?“ Er antwortete: „Als ein Zeichen (âjatun) zwischen mir und dir am Auferstehungstage, denn sehr wenig Leute werden an jenem Tage eine Stütze haben.“ Abd Allah trennte sich dann von diesem Stock nicht mehr, und seinem letzten Willen zufolge mußte man ihn auch in sein Grab legen.
191) Sie war so bedeutend, daß nach Abzug des Fünfttheils für Mohammed doch jeder Krieger noch sieben Kameele und viele Schafe erhielt, auch drei Hirten wurden auf dem Berge Katan, im Gebiete der Beni Asad, zu Gefangenen gemacht, und als Sklaven verkauft. I.
192) Er war nur von Abu Bekr, Omar, Ali und einigen andern Muselmännern begleitet (S. a. a. O.).


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als die der Beni Amir waren, und sprach sie um ihren Beistand und ihre Vermittlung an 193). Die Häupter der Juden zeigten sich bereitwillig, ihm seine Bitte zu gewähren, und luden ihn zum Essen ein, verabredeten dann aber untereinander, ihn von der Terrasse des Hauses, vor welchem er saß, mit einem großen Mühlsteine todt zu werfen. Mohammed durchschaute ihr Vorhaben und entfloh plötzlich nach Medina, ohne auch nur seine Begleiter davon zu benachrichtigen. Diese suchten ihn daher lange vergebens, bis sie endlich einen von Medina kommenden Reisenden trafen, der ihnen sagte: er sei Mohammed am Thore der Stadt begegnet; da kehrten auch sie dahin zurück. Mohammed ließ den Beni Nadhir hierauf ankündigen, daß er ihnen zehn Tage zur Auswanderung aus ihren Wohnorten gestatte, nach Ablauf dieser Frist aber sie mit dem Tode bestrafen würde. Die Juden waren bereit, diese Bedingungen anzunehmen, aber Abdallah, der
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193) So im Sirat Arrasul (fol. 168 und 169) und bei Z. und Ch., nicht wie bei Gagnier, S. 381, nach welchem Amru zwei Juden der Beni Nadhir ermordet, und diese von Mohammed die Sühne für die Gemordeten begehrt hätten. Nach einer andern Tradition hatten sie Mohammed und drei Muselmänner zu sich geladen, um über seinen Glauben zu disputiren. Abulfeda schweigt ganz über die Veranlassung dieses Feldzugs.
194) Nach muselmännischer Legende ward er vom Engel Gabriel gewarnt; wahrscheinlich bemerkte er, daß jemand mit einem großen Steine auf die Terrasse stieg, nachdem die Juden verschiedene geheime Unterredungen mit einander gehalten. Vielleicht war auch ein Verräther unter den Juden selbst. Auf diesen Vorfall beziehen einige Koranausleger den 12. Vers der 5. Sura: „O ihr Gläubigen gedenket der Gnade eures Herrn gegen euch, als Leute ihre Hände gegen euch ausstrecken wollten, und er sie aber abhielt von euch,“ während andere ihn auf Ungläubige, welche Mohammed auf dem Zuge von Dsat Rika ermorden wollten, beziehen. (S. fol. 170). Letzteres ist um so wahrscheinlicher, da die auf diesen Feldzug sich beziehenden Begebenheiten in einem andern Kapitel beisammen stehen. Auch Dialalein bezieht diesen Vers nicht auf die Juden.


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Sohn Ubejj's, der Sohn Abi Saluls, versprach ihnen Hülfe, so daß sie es wagten, ihn zum Kriege herauszufordern. Da sie aber weder von Abd Allah, noch von ihren Glaubensgenossen, den Beni Kureiza, unterstützt wurden, so blieb ihnen nichts übrig, als sich in ihre festen Schlösser, in der Nähe von Medina, einzuschließen. Mohammed belagerte sie mit seinen Truppen, und ließ die Dattelbäume, welche ihren größten Nahrungszweig bildeten, abbrennen und ausreißen 195). Nach einer Belagerung von sechs Tagen 196) entschlossen sich endlich die Juden zu einer Auswanderung, unter der Bedingung, daß ein Jeder, mit Ausnahme der Waffen, so viel Habe mit sich führen durfte, als ein Kameel tragen könnte. Mohammed genehmigte diesen Vorschlag, und ließ einen Theil von ihnen nach Syrien, einen andern nach Cheibar ziehen.

Die hier gemachte Beute, so wie die von den Juden verlassenen Güter, erklärte Mohammed, weil sie ohne Schwertstreich erobert worden, als sein Eigenthum, mit dem er nach Willen verfahren könnte. Er theilte sie daher unter die Ausgewanderten, und nur wenige arme Hülfsgenossen erhielten etwas davon.

Ueber diesen Feldzug spricht sich der Koran folgenderweise aus:

„Gott preiset was im Himmel und auf Erden ist, er ist der Allverehrte, der Allweise. Er ist es, der die Ungläubigen unter den Schriftbesitzern aus ihren Wohnungen vertrieb zu
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195) Dieß erregte selbst unter den Muselmännern eine solche Unzufriedenheit, daß sie durch folgenden Koransvers beschwichtigt werden mußten: „Was ihr abschneidet an Dattelnbäumen, oder was ihr auf ihren Wurzeln bestehen lasset, das erlaubt Gott, er wird die Ruchlosen (die des Propheten Anordnungen tadeln) beschämen (oder auch die Juden auf diese Weise bestrafen).“ Dieser Vers ist der 5. des 59. Kapitels, welches unmittelbar nach diesem Feldzuge erschien. (S. fol. 169, auch I. und Ch.).
196) So bei S. (im Rabial Awwal des 4. Jahres). Nach anderen bei I. und Ch. dauerte die Belagerung von fünfzehn bis fünfundzwanzig Tagen.


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den schon früher Ausgewanderten 197). Ihr dachtet nicht, daß sie auswandern würden, sie selbst glaubten, ihre festen Plätze würden sie gegen Gott (Gottes Strafe) beschützen, aber Gott fiel über sie her von einer ganz unerwarteten Seite, und warf Schrecken in ihr Herz, so daß ihre Häuser von ihren eigenen Händen 198) sowohl, als von denen der (sie bekriegenden) Gläubigen verwüstet wurden. Nehmet dieß zur Belehrung, ihr, die ihr Augen habt. Hätte Gott nicht Verbannung über sie verhängt, so hätte er sie schon in dieser Welt gezüchtigt 199), doch in jener harrt ihrer die Pein der Hölle. Dieses (ist ihr Loos) weil sie sich Gott und seinem Gesandten widersetzten; 200) wer sich Gott widersetzt, den bestraft er mit Strenge. Sowohl euer Abhauen einiger (ihrer) Dattelbäume, als eure Schonung Anderer geschah mit der Erlaubniß Gottes, denn er straft
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197) Dieser Vers wird gewöhnlich anders gedeutet. Nach Djalalein wäre die Rede von der ersten Verbannung, im Gegensatze zu der zweiten, welche unter Omar stattfand; aber abgesehen davon, daß der gesunde Menschenverstand eine solche wunderbare Auslegung nicht zuläßt, paßt sie auch gar nicht zur Präposition li. Maraccius übersetzt: „lpse est, qui ejecit eos . . . . e domibus suis ad primam congregationem (eorum in Syriam). Ullmann übersetzt: „Er ist es, der die ungläubigen Schriftbesitzer bei ihrer ersten Auswanderung aus ihren Wohnungen vertrieb,“ ebenfalls gegen den gewöhnlichen Gebrauch des li, und, wie er dieß in der Note nach Maraccius erklärt, mit Rücksicht auf die zweite Vertreibung unter Omar. Nach meiner Uebersetzung ist der massdar im Sinne mafuI zunehmen, und mit den früher Ausgewanderten meint er die Beni Keinukaa, welche nach dem Treffen von Bedr verbannt wurden.
198) Um schnell alles, was sich mitschleppen ließ, hinwegzunehmen.
199) D. h. nach Djalalein durch Todschlag und Gefangenschaft. Mohammed will durch diesen Vers sagen, daß die eingegangene Capitulation nach Gottes Willen war.
200) Widerspricht dieser Vers nicht gewissermaßen dem, was die muselmännischen Biographen von einem Mordversuche der Juden erzählen? Würde sich Mohammed so gelind ausdrücken, wenn sie wirklich ihm nach dem Leben getrachtet hatten??


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damit (mit dem Abhauen) die Uebelthäter. Die Beute, die Gott von dem Ihrigen seinem Gesandten zugewendet (wird nicht wie sonst getheilt), denn ihr seid weder zu Pferd, noch mit Kameelen gegen sie ausgezogen 201), aber Gott, der Allmächtige, verleiht seinem Gesandten die Herrschaft über was er will. Auch die Beute, welche Gott seinem Gesandten von den Bewohnern der (sich freiwillig unterwerfenden) Städte gewährt, gehört Gott, seinem Gesandten, dessen Verwandten, den Waisen, den Armen und den Wanderern  202), (dieß befiehlt Gott), damit sie nicht immer den Reichen 203) unter euch abwechselnd zufalle. Nehmet an, was euch der Gesandte gibt, und enthaltet euch dessen, was er euch versagt, fürchtet Gott, denn seine Strafe ist hart. (Sie gehört besonders) den Armen unter den Ausgewanderten, welche sich von ihrer Heimath und ihren Gütern getrennt haben, um damit Gottes Gnade und Wohlgefallen zu erlangen; diese sind die wahren Gläubigen! 204) Hast du nicht gesehen, wie die Heuchler ihren ungläubigen Freunden unter den Schriftbesitzern sagten: werdet ihr vertrieben, so wandern wir mit euch aus, wir werden Niemanden gegen euch gehorchen, werdet ihr bekriegt, so stehen wir euch bei. Aber Gott bezeugt, daß sie Lügner sind. Wenn jene
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201) Damit will Mohammed nicht sagen, daß überhaupt dem Fußvolk kein Antheil an Beute gebühre, sondern er meint nur damit, sie haben keinerlei Kriegsbeschwerden gehabt, wodurch sie einen Theil der Beute verdient hätten, indem sie ihre Heimath nicht verließen, und die Juden sich ohne Kampf unterwarfen.
202) Der Prophet erhielt nach Djalalein 21/25 der ganzen Beute, und 4/25 werden unter seinen Verwandten, den Armen, Waisen und Reisenden vertheilt, während, wie schon bemerkt, bei gewöhnlicher Beute 4/5 unter den Truppen vertheilt ward, und der Prophet für sich nur 1/25 erhielt.
203) Weil damals wahrscheinlich die Unbemittelten, welche weder für Lebensmittel sorgen, noch ein Kameel, um sie in der Wüste nachzuschleppen, herbeischaffen konnten, nicht oft an den Kriegszügen, besonders an den entfernteren, Theil nehmen konnten.
204) Sura 59, Vers 1-8.


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vertrieben werden, so ziehen sie nicht mit ihnen weg, werden sie bekämpft, so leisten sie ihnen keinen Beistand, und thäten sie es auch, so würden sie bald den Rücken kehren, und jene blieben hülflos. Wahrlich, sie (die Heuchler) fürchten euch mehr, als Gott in ihrem Innern, denn sie sind unverständige Leute 205). Sie (die Juden) werden euch nicht vereint bekämpfen, sondern (einzeln) in ihren festen Plätzen oder hinter ihren Mauern. Sie besitzen eine so bedeutende Macht, daß du glaubst, sie werden sich vereinen, aber ihre Herzen sind getheilt, denn es ist ein thörichtes Volk. Es wird ihnen wie andern 206) kurz vor ihnen ergehen, welche auch die Züchtigung für ihre Unternehmung fühlen mußten, und die einst noch schwere Pein trifft. Jene aber (die Heuchler) gleichen dem Satan, welcher die Menschen zum Unglauben verleitet, und wenn sie ungläubig geworden, ihnen sagt: ich theile eure Schuld nicht; ich fürchte den Herrn der Welt.“ 207)

Um diese Zeit ward auch den Muselmännern der Genuß des Weines als sündhaft erklärt 208), weil er mehr Unheil, als Nutzen
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205) Diesen Vers habe ich nach Djalalein übersetzt, welcher ihn auf die Heuchler bezieht, und als Grund angibt, „weil Gottes Strafe erst später (als die eurige) erfolgt;“ auch hier hat das nomen actionis wieder eine passive Bedeutung. Maraccius übersetzt diesen Vers unrichtig: „Cerie vos (fuistis) robustiores (illis) ob metum (immissum) in pectora eorum a Deo. . .“ Ullmann ebenso: „Wahrlich, ihr seid stärker, denn sie, weil Gott einen Schrecken in ihr Herz geworfen, deßwegen, weil sie unverständige Menschen sind.“
206) Wie den Juden vom Stamme Keinukaa, oder nach Djalalein, wie den Ungläubigen bei Bedr.
207) Dieselbe Sura, Vers 11-16.
208) Ueber den Genuß des Weines spricht sich der Koran folgendermaßen aus: Zuerst Sura II. Vers 119: „Man wird dich fragen in Betreff des Weines und des Spiels, sage: in Beiden liegt eine große Sünde, doch auch einiger Nutzen für die Menschen; die Sünde, zu der sie Veranlassung geben, ist aber größer, als der Nutzen, den sie gewähren.“ Dann Sura IV. Vers 42: „O ihr Gläubigen! kommet nicht zum Gebete, wenn ihr betrunken seid, damit ihr wisset, was ihr betet.“ Endlich Sura V. Vers 99 und 100: „O ihr, die ihr glaubet! der Wein, das Spiel, die Bildsäulen (für Götzen) und das Pfeilerloos sind Abscheulichkeiten von den Werken Satans, haltet euch fern davon! vielleicht werdet ihr dadurch vor Unheil bewahrt. Der Satan will durch den Wein und das Spiel nur Haß und Feindschaft unter euch ausstreuen, und euch von frommer Andacht und dem Gebete abhalten, werdet ihr (diesen Lastern) wohl entsagen?“ Von diesen vier Versen erschienen wahrscheinlich die beiden letzten nach dem ersten, daher auch manche Biographen und Commentatoren das absolute Verbot des Weines erst in das sechste Jahr der Flucht setzen. Vers 42 der 4. Sura mochte noch später erschienen sein, weil in demselben Verse auch das Reiben mit Sand bei Ermanglung des Wassers geboten ist, das erst auf einem der folgenden Züge gegeben ward. Aus dem Verbote, nicht betrunken zu beten, kann nicht gefolgert werden, daß das Betrinken überhaupt erlaubt sei, sondern höchstens, daß auch nach dem Verbote des Weines noch Fälle von Trunkenheit vorkamen.


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bringt, und wahrscheinlich war die Gefahr, in welcher Mohammed schwebte, während seine Begleiter sich vielleicht diesem Getränke ergaben, die Veranlassung zu diesem Verbote. Auch befahl Mohammed nach dem Feldzuge gegen die Beni Nadhir seinem Secretäre Zeid Ibn Thabit, die jüdische Schrift zu lernen, weil er seine Correspondenz mit den noch übrigen Juden Medinas und der Umgebung keinem Juden mehr anvertrauen wollte 209).
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209) Ch. aus dem Aßl Alaßil und Tirmedsi. In der Tradition, welche Ch. wörtlich anführt, heißt es: jüdische Schrift oder Schrift der Juden (Kitab al Jahûd). Bei Ch. selbst aber, im Anfang des Artikels liest man: „In diesem Jahre befahl der Gesandte Gottes dem Zeid, Sohn Thabits, das Syrische zu lernen“ (bitaallumi Assirjanijah), woraus man schließen könnte, daß die Juden Arabiens sich der syrischen Schrift bedienten. Auch bei I. im Kapitel von den Secretären Mohammeds (Bd. IV.) liest man: „Zeid Ibn Thabit erzählt: der Gesandte Gottes (über den Heil) befahl mir das Syrische zu lernen, indem er sagte: ich vertraue den Juden meine Briefe (oder Schrift kitâbi) nicht an, und es verging kein halber Monat, als ich sie vollkommen gelernt hatte; ich schrieb dann für den Propheten an sie, und las ihm ihre Briefe vor.

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Nicht ganz zwei 210) Monate nach dem Kriege mit den Juden war Mohammeds Leben auf dem Feldzuge gegen die Beni Muharib und Thalaba, in der Provinz Nedjd, wieder in Gefahr, indem ihm ein Araber plötzlich das Schwert entriß, und ihn damit tödten wollte. Dieser Feldzug heißt darum der des Wunders, weil Mohammed, wie auf dem von Dsu Amarr auf eine wunderbare Weise gerettet worden sein, und auf der Rückkehr noch manches Außerordentliche vollbracht haben soll. Er heißt aber auch Dsat Arrika (der Fetzen), entweder nach dem Namen des Berges, welcher das Ziel dieses Zuges war, oder weil die Truppen ihre verwundeten Füße mit Lumpen umbanden, oder weil sie auf dem Wege ihre zerfetzten Fahnen ausbesserten. Einige leiten den Namen dieses Feldzugs auch von einem Baume ab, welcher so heißt, und in jener Gegend einheimisch ist. Zu einem Kampfe kam es auf diesem Zuge nicht, nur einige Frauen wurden weggenommen, die Männer nahmen aber eine feste Stellung auf dem Berge ein, wo die Muselmänner, nach Einigen vier, nach Andern sieben bis achthundert Mann stark, es nicht nur nicht wagten, sie anzugreifen, sondern sogar einen feindlichen Ueberfall befürchteten. Darum ward auch hier zum ersten Male das so genannte Furchtgebet (Salat Alchauf) angeordnet, welches abwechselnd von einem Theile der Truppen nach dem andern gebetet wird 211).
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210) So bei S. fol. 169 und Andern. Buchari hingegen behauptet, dieser Feldzug könne erst nach dem von Cheibar stattgefunden haben, denn Abu Musa wohnte ihm bei, und erzählt, wie er mit wunden Füßen zurückkam, weil sie nur zu sechs ein Kameel hatten. Abu Musa kehrte aber erst nach dem Feldzuge von Cheibar aus Abyssinien zurück.
211) Ist der Feind auf der Seite, nach welcher man beim Gebete das Gesicht hinwenden soll, so dürfen alle Truppen zusammen beten, nur nicht zu gleicher Zeit niederfallen; ist der Feind aber auf einer andern Seite, so betet der Imam abwechslungsweise mit der Hälfte der Armee, während die andere Hälfte den Feind beobachtet. Siehe Sura IV. Vers 101, welcher nach den Koransauslegern auf diesem Feldzüge erschien, wo der Feind nicht auf der Seite der Kibla war. Was die Wunder angeht, welche Mohammed geübt haben soll, so erzählt I. und S., daß er ein Kameel, welches gar nicht mehr vorwärts wollte, nur mit seinem Stock stieß, und es lief sogleich schneller, als alle übrigen. Ferner erzählt I.: „Eine Beduinin brachte ihm einen von Teufeln besessenen Sohn, er spuckte ihm in den Mund, und jener ward befreit. Djabir bereitete ihm drei Eier zu, er aß davon mit allen seinen Gefährten, sie waren alle satt, obschon sie kein Brod dazu gegessen hatten, und als Djabir die leere Schüssel wegnehmen wollte, waren noch alle drei Eier darin. Ein Kameel kam stöhnend und schäumend auf ihn zu gelaufen, da sagte er zu seinen Gefährten: wisset ihr, was mir dieses Kameel sagt? es fleht meine Hülfe an gegen seinen Herrn, der es schon mehrere Jahre an den Pflug spannt, und nun gar schlachten will; er befahl dann Djabir, den Eigenthümer des Kameels, zu rufen; die Sache verhielt sich, wie Mohammed voraus gewußt, und er überredete den Eigenthümer des Kameels, daß er es verschonte.“ Man wird mir es wohl nicht verargen, wenn ich derartige Mährchen, mit denen die Orientalen ihre Geschichte würzen, die sie aber mit demselben Ernste, wie die unbestrittenen historischen Facta auftragen, nur selten anführe.


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Auch die zwei folgenden Feldzüge, nach Bedr und nach Danmat Aldjandal, einem Orte an der syrischen Grenze, in der Nähe von Tabuk, fünf Tagereisen von Damaskus, liefen ohne Blutvergießen ab. Ersteren unternahm Mohammed im Monat Schawwal 212), des vierten Jahres der Hidjrah, mit fünfzehnhundert Mann, worunter aber nur zehn Reiter, in der Erwartung daselbst Abu Sosian 213) zu treffen; dieser war in
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212) Nach S. fol. 171 im Schaaban, ich folge aber lieber andern bei I., welche Schawwal annehmen, weil man eine andere Tradition findet, nach welcher er mit dem Neumonde des Dful Kaada in Bedr ankam, und doch gewiß nicht über zwei Monate auf dem Wege war.
213) Nach den muselmännischen Biographen hatte Abu Sosian am Schlusse seiner Unterredung mit Omar, nach der Schlacht von Ohod, demselben gesagt: „Wir treffen uns das nächste Jahr in Bedr.“ S. Anmerkung 182. Da mir aber jene ganze Unterredung verdächtig vorkommt, so ist es mir wahrscheinlicher, daß Mohammed es für eine Ehrensache hielt, vielleicht auch seinen Vortheil dabei fand, die Messe von Bedr zu besuchen, welche alljährlich mit Anfang des Dsu-l-Kaada acht Tage lang gehalten ward, und daß Abu Sosian mit den Mekkanern dasselbe thun wollte, es aber unterließ, als er hörte, daß Mohammed von so vielen Truppen begleitet war. An einen Krieg im Monate Dsul Kaada konnte gewiß Abu Sosian niemals gedacht haben, da dieser Monat einer der vier Heiligen ist, welche doch die Mekkaner noch immer streng beobachteten.



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der That schon auf dem Wege nach Bedr, kehrte aber, als er von Mohammeds Auszug Nachricht erhielt, wieder nach Mekka zurück. Letzterer war einen Monat später gegen die Bewohner von Daumat Aldjandal gerichtet, welche mehrere Karawanen ausgeplündert und sich mit Mohammeds Feinden verbündet hatten. Sie ergriffen die Flucht, sobald Mohammed mit tausend Mann herannahte, und überließen ihm ihre Heerden und einige Hirten, welche sie nicht zu retten im Stande waren. Mohammed begnügte sich mit dieser Beute, und kehrte, ohne bis Daumat Aldjandal vorgerückt zu sein, nach Medina zurück.

Von größerer Bedeutung, besonders wegen einiger Vorfälle auf der Heimkehr, ist der nächstfolgende Feldzug, welchen Mohammed im folgenden Jahre 214) gegen die Beni Mustalik unternahm, die sich an der Quelle Mureisi, in der Gegend von Kudeid, zu einer kriegerischen Unternehmung gegen ihn versammelt hatten. Er fiel so unerwartet über sie her, daß sie keine Gegenwehr zu leisten im Stande waren. Zehn Mann blieben beim ersten Angriff der Muselmännner, worauf die Uebrigen entweder die Flucht ergriffen, oder sich gefangen
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214) Im Schaaban des fünften Jahres der Hidjrah. So bei I. und Ch. nach Ibn Djuzi. Andere, worunter Buchari, setzen diesen Zug noch in das vierte Jahr, während wieder andere, worunter Ibn Hischam, dem auch Abulfeda folgt, ihn erst in das sechste Jahr der Hidjrah setzen.


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nehmen ließen; auch eine Heerde von tausend Kameelen und fünftausend Schafen fiel in die Hande der Mohammedaner. Unter den Gefangenen, welche sich auf zweihundert Familien beliefen, und unter den Siegern als Sklaven und Sklavinnen vertheilt wurden, war auch Barra, Tochter Harith's, Häuptling der Beni Mußtalik. Diese fiel Thabit Ibn Keis zu, und forderte ihn auf, ihr das Lösegeld zu bestimmen, durch welches sie sich loskaufen könne. Da er aber einen allzu hohen Preis setzte, kam sie zu Mohammed, und bat ihn, ihren Herrn zu bestimmen, daß er ihr ein geringeres Lösegeld festsetze 215).
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215) Nicht wie bei H. v. H., S. 147, „um in ihres Vaters Namen eine Bitte vorzutragen.“ Bei S. fol. 189 heißt es: „sie flehte seine Hülfe an wegen ihres Lösegeldvertrags (tastaïnuhu fi kitâbatihâ). Bei I. ausführlicher: „Thabit bestimmte neun Okk Gold als ihr Lösegeld, da ging sie zum Gesandten Gottes, und sagte ihm: Thabit hat meine Freiheit an ein Lösegeld geknüpft, das ich nicht auftreiben kann, ich bitte dich daher um deinen Beistand.“ Der Koransvers (S. 24, Vers 34), welcher dem Sklaven oder der Sklavin das Recht gibt, ihren Freiheitsbrief gegen ein bestimmtes Lösegeld zu fordern, und es dem Herrn sogar zur Pflicht macht, nachher noch etwas von dem festgesetzten Lösegelde nachzulassen, lautet:

„Diejenigen, die (aus Armuth) nicht heirathen können, sollen enthaltsam leben, bis ihnen Gott von seiner Gnade Vermögen schenkt. Fordern diejenigen, die eure Rechte erworben (Sklaven oder Sklavinnen) einen Freiheitsvertrag von euch, so setzet ihn auf, wenn ihr Gutes von ihnen wisset (d. h. wenn sie die festgesetzte Summe auf eine ehrliche Weise aufzutreiben im Stande sind), und schenket ihnen von den Gütern, die euch Gott geschenkt. Auch sollt ihr eure Mädchen (Sklavinnen), welche einen tugendhaften Lebenswandel führen wollen, aus Verlangen nach irdischen Gütern nicht dem Laster Preis geben. Thut ihr ihnen Gewalt an, so vergibt ihnen Gott und erbarmt sich ihrer.“ Letzteres Verbot, welches nach Djalalein auf die Klage einer Sklavin Abd- allah's Ibn Ubejj erschien, die ihr Herr aus Gewinnsucht prostituiren wollte, beweist, daß die Medinenser den Mekkanern wegen ihrer Unsittlichkeit nicht viel Vorwürfe machen konnten.


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Barra war aber von so ausgezeichneter Schönheit, daß Mohammed ihr sagte: „Ich weiß dir etwas besseres, als dir zu einem mäßigern Lösegeld zu verhelfen, ich will es ganz für dich entrichten. Werde meine Gattin!“ Da sie diesen Antrag annahm, heirathete sie Mohammed, obschon er zu den schon genannten Frauen im vierten Jahre der Hidjrah Um Talma 216), die reizende Wittwe eines aus Abyssinien zurückgekehrten Muselmannes, und kurz vor diesem Feldzuge auch noch Zeinab, die Tochter Djahsch's, geheirathet hatte, von der sich sein freigelassener Sklave und Adoptivsohn Zeid, wahrscheinlich ihm zu Gefallen, scheiden ließ. Letztere Heirath, welche auch noch darum getadelt ward, weil ein Adoptivsohn bisher wie ein Sohn betrachtet ward, dessen Gattin dem Vater stets verboten
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216) Ihr Eigenname war Hind. Sie war so liebenswürdig, daß, als ihr Gatte starb, Omar und Abu Bekr um sie warben, aber ihre Anträge wurden zurückgewiesen. Als Mohammed um sie werben ließ, gab sie zur Antwort: „Ich sehe drei Hindernisse: ich bin sehr eifersüchtig, von krampfhaften Anfällen heimgesucht (mussâba), und habe keinen Verwandten, der mich dir antraue.“ Mohammed begab sich dann selbst zu ihr, und sagte ihr: „Ich werde zu Gott beten, daß er dir die Eifersucht aus dem Herzen nehme, und dich von deinen Anfällen heile, und hast du keinen Verwandten, der dich mir antraut, so ist auch keiner da, der unserem Bündnisse ein Hinderniß in den Weg lege.“ Sie ward ihm dann von ihrem Sohne, welcher noch sehr jung war, angetraut. Ch. Bei I. liest man: „Als Mohammed um sie werben ließ, antwortete sie: Der Gesandte Gottes ist mir ein willkommener Gatte, aber ich bin keine junge Frau mehr, habe vier kleine Kinder und bin sehr eifersüchtig.“ Mohammed erwiederte hierauf: „Was dein Alter betrifft, so bist du doch viel jünger als ich, und setzest dich daher keinem Tadel aus, wenn du mich heirathest. Für die vaterlosen Kinder wird Gott und sein Gesandter sorgen, und ich werde zu Gott beten, daß er dir deine Eifersucht aus dem Herzen nehme.“ Er heirathete sie dann, und führte sie in die Wohnung seiner verstorbenen Gattin, Zeinab, Tochter Chuzeima's, in welcher noch ein Säckchen mit Gerste, eine Handmühle, eine Pfanne und ein Topf mit Schmalz war.

Leben Mohammeds



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bleibt, rief folgende Koransverse hervor: „Gott hat keinem Menschen zwei Herzen in sein Inneres gegeben, eben so wenig eure Gattinnen (die ihr bei Scheidungsformeln wie den Rücken eurer Mütter betrachtet) zu euren Müttern geschaffen, auch sind eure angenommenen Söhne nicht eure wahren Söhne; dieß sind nur Worte, die ihr so mit eurem Munde aussprecht, aber Gott sagt die Wahrheit und leitet auf den rechten Pfad. Nennet sie nach ihren Vätern, das findet Gott billiger, und kennet ihr ihre Väter nicht, so betrachtet sie als Brüder im Glauben und als Freunde. Euer Irrthum hierin wird euch nicht als Sünde angerechnet, wohl aber die (schlimme) Absicht eures Herzens. Gott ist gnädig und barmherzig.“ 217). Damit man aber nicht glaube, Mohammed habe Zeid veranlaßt, sich von Zeinab scheiden zu lassen, erschien auch noch folgender Vers: „(Gedenke) wie du (Mohammed) demjenigen, welchen Gott und du selbst mit Wohlthaten überhäuft, (Zeid) sagtest: behalte deine Gattin und fürchte Gott! dabei aber in deinem Innern verbargst, was Gott bekannt machte (deine Absicht sie zu heirathen, wenn er sie entläßt), und die Menschen fürchtetest, während Gott allein gefürchtet zu werden verdient. Wir gaben dir sie dann zur Gattin, sobald Zeid seinen Entschluß (sich von ihr zu scheiden) vollführt hatte, damit die Gläubigen kein Bedenken mehr tragen, sich mit den Frauen ihrer Adoptivsöhne zu vermählen, sobald diese von ihnen geschieden sind, und Gottes Befehl ward vollzogen.“ 218) Um endlich auch diejenigen zu widerlegen, welche behaupten mochten: Mohammed gebe um seinetwillen neue Gesetze, fährt er also fort: „Der Prophet beging kein Unrecht, indem er nach Gottes Lehre handelte, die schon von andern (Propheten) vor ihm befolgt ward. Gottes Befehl mußte der Bestimmung gemäß vollzogen werden (wie er es von andern ward), welche die Botschaften Gottes gebracht, und nur ihn allein, keinen andern fürchteten. Außer Gott braucht man Niemanden Rechenschaft abzulegen.
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217) Sura 33, Vers 4 u. 5.
218) Dieselbe Sura, Vers 36.


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Mohammed war nie der Vater eines eurer Männer; er ist der Gesandte Gottes und das Siegel (der Letzte) der Propheten.“ 219). Mohammeds Vermählung mit Barra war segenbringend für alle ihre Stammgenossen, denn sobald sie unter den Muselmännern bekannt ward, schenkten viele von ihnen den Gefangenen, welche mit ihr verwandt waren, die Freiheit 220).

Während aber ein Theil der Muselmänner, welche Mohammed begleiteten,
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219) Vers 37—39. Man wird sich nicht wundern, daß Maraccius seine Refutationes zu dieser Sura beginnt: „lnter alia quae manifeste demonstrant Alcoranum non esse a Deo, illud est praeciptum, quod in eo Mahometus omnia fere ad commodum suum metitur.“ Doch wir enthalten uns unseres Urtheils über Mohammed bis zum Schlusse des Werks, und bemerken hier nur, daß Mohammed selbst, freilich ehe er sie gesehen, für Zeid um Zeinab hatte werben lassen, welche, so wie auch ihre Verwandten, glaubten, Mohammed werbe für sich, und ihre Einwilligung wieder zurücknehmen wollten, als sie vernahmen, daß er für Zeid geworben; darauf bezieht sich der 35. Vers dieser Sura, worin gesagt ist, daß wenn einmal Gott und sein Gesandter etwas beschlossen, niemand etwas anderes wählen darf. Maraccius hat Djalalein's Commentar zu diesem Vers, den er S. 561 anführt, gänzlich mißverstanden, auch hat er falsch gelesen alimahu (im Singul.) statt alimâhu (mit Alif). Djalalein sagt : „Dieser Vers erschien in Betreff Abd Allah's Ibn Djahsch und seiner Schwester Zeinab, um die der Prophet warb, dabei aber Zeid Ibn Haritha meinte. Ihnen Beiden (Zeinab und ihrem Bruder) war es aber nicht recht, als sie es erfuhren, denn sie hatten früher (bei der Werbung) geglaubt, der Prophet werbe um sie für sich selbst.“
220) So bei I. und Ch., auch schon bei Gagnier, S. 438. Nicht wie bei Reiske, S. 117 und Noel des Vergers, S. 57, nach welchen Mohammed hundert Familienhäuptern die Freiheit schenkte. (Sie haben unrichtig faa‘taka, statt fau‘tika gelesen). Bei S. a. a. O. heißt es ausführlich: „Als sie erfuhren . . .  ließen sie frei, was in ihren Händen war, und es wurden durch Mohammeds Ehe mit ihr hundert Familien befreit,“ ebenso bei I. und Ch. (faarsalu ma biaidihim falakad u‘tika bitazwidjihri ijjaha mi‘atu ahi beitin etc.).

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alles aufbot, um ihn zu ehren, war ein anderer, an dessen Spitze der schon oft erwähnte Abd Allah Ibn Ubejj stand, stets eifersüchtig auf Mohammeds immer wachsendes Ansehen, und benützte jeden Vorfall, um ihn verhaßt zu machen. Eine Rauferei zwischen einem Diener Omars und einem Schützlinge der Chazradjiten, bei welcher Letzterer eine Ohrfeige erhielt, die ohne Mohammeds Dazwischenkunft bald zu einem allgemeinen blutigen Kampfe zwischen den Ausgewanderten und Hülfsgenossen geführt hätte, veranlaßte Abd Allah zu sagen : „Eine solche Schmach ist uns noch nie widerfahren, haben sie das wirklich gethan? 221) Sie sind bald mächtiger und zahlreicher, als wir. Auf uns und diese geflüchteten Kureischiten paßt das alte Sprüchwort: Mästest du deinen Hund, so frißt er dich auf. Aber bei Gott, wenn wir nach Medina zurückkehren, soll der Starke den Verächtlichen (Mohammed) vertreiben.“ Zu seiner Umgebung gewendet, fuhr er dann fort: „Das habt ihr euch selbst gethan. Ihr habt sie bei euch aufgenommen und mit ihnen euer Vermögen getheilt, bei Gott! hättet ihr ihnen nichts von dem Eurigen gegeben, so wären sie in ein anderes Land gezogen.“

Als diese Worte Mohammed hinterbracht wurden, gab er trotz der brennenden Mittagshitze den Befehl zum Aufbruch, und ließ, aus Furcht das Vorgefallene möchte bei müßigem Zusammensitzen neue Reibungen veranlassen, die Truppen die ganze Nacht durch bis zum folgenden Mittag marschiren, so daß zur Zeit, wo er Halt machen ließ, sie so ermattet waren,
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221) Sowohl bei I., nach welchem ich diese Aeußerungen Abd Allah's angeführt, als bei Ch. und S. (fol. 188) liest man statt des „lafaaluha“ bei Abulfeda, das schon Reiske aufgefallen ist, akad faaluha, wobei das Fürwort auf das, was er vernommen (daß nämlich sein Schützling geschlagen worden), zu beziehen ist. Da Abulfeda die ältern Quellen abkürzte, und doch gerne so viel als möglich ihre eigenen Worte beibehielt, wird er häufig etwas unklar, wie dieß auch aus der vorangegangenen Anmerkung zu ersehen ist.

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daß sie sich nur nach Ruhe und Schlaf sehnten 222). Omar wollte zwar nach seiner Weise der Sache ein kurzes Ende machen , und entweder selbst Abd Allah erschlagen, oder, um keine allgemeine Feindschaft zwischen den Hülfsgenossen und Ausgewanderten zu erregen, ihn von Abbad Ibn Baschir, einem Mohammed ergebenen Hülfsgenossen, erschlagen lassen 223). Mohammed wagte es aber nicht, aus Furcht vor den zahlreichen und mächtigen Freunden Abd Allah's 224). Dieser hatte seinerseits, als ihn Mohammed in Medina wegen seiner Aeußerung zur Rede stellte, nicht den Muth sie einzugestehen, sondern
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222) Mohammed selbst sagte zu Useid, welcher ihn fragte, warum er zur ungewöhnlichen Stunde den Befehl zum Ausbruch ertheilt: „Hast du nicht gehört, was Abd Allah gesagt?“ Nicht wie bei Gagnier, S. 439, welcher Mohammed zurückbleiben, und Useid ihm sagen läßt: „Vous demeurez derrière, lorsque ce n‘est point le tems de demeurer.“ Useid sagte dann zu Mohammed: „Verzeihe ihm, denn man war auf dem Punkte ihn zu krönen, als du nach Medina kamst.“
223) Auch Abd Allah's eigener Sohn soll zu Mohammed gesagt haben: „Willst du meinen Vater mit dem Tode bestrafen, so beauftrage mich mit seiner Hinrichtung, denn tödtet ihn ein anderer, so werde ich als zärtlicher Sohn Blutrache an ihm nehmen, und einen Gläubigen für einen Ungläubigen tödten.“
224) Bei S. a. a. O. sagt er zu Omar: „Wie soll ich das thun? Da werden die Leute sagen: Mohammed läßt seine Gefährten erschlagen.“ Er fürchtete also das Gerede, und gewiß noch mehr die Thaten der Leute, wo es sich handelte, einen Empörer zu bestrafen. Dieß geht noch besonders aus folgenden Worten bei S. fol. 189 hervor: „Später, wenn er (Abd Allah) sich etwas gegen Mohammed erlaubte, machten ihm seine eigenen Leute Vorwürfe darüber, und wiesen ihn zurecht. Als der Gesandte Gottes davon unterrichtet ward, sagte er zu Omar: Bei Gott! hätte ich an dem Tage, wo du mir riethest, ihn erschlagen zu lassen, deinen Rath befolgt, so wären manche Leute in Wuth gerathen, die ihn heute auf meinen Befehl selbst erschlagen würden. Ich sehe wohl ein, erwiederte Omar, daß deine Anordnungen mehr Heil bringen, als die meinigen.“


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nannte den Hinterbringer einen Lügner; doch war er, selbst als eine göttliche Offenbarung ihn wirklich für schuldig erklärte, nicht feig genug, Mohammed um Verzeihung zu bitten, und als einige seiner Stammgenossen ihn dazu bereden wollten, sagte er: „Ihr habt mich aufgefordert Gläubiger zu werden, ich ward Gläubiger; ihr habt mir befohlen die Armensteuer von meinem Vermögen zu geben, ich gab sie; nun fehlt nichts mehr, als daß ich noch vor Mohammed niederfalle.“

Diese Vorfälle waren die Veranlassung zu der theils auf dem Heimweg, theils nach Mohammeds Rückkehr nach Medina erschienenen Sura, der Heuchler, aus der folgende Verse hier als Bestätigung der Tradition eine Erwähnung verdienen:

„Wenn die Heuchler zu dir kommen, sagen sie: wir bekennen, daß du der Gesandte Gottes bist, und Gott weiß, daß du sein Gesandter bist, aber Gott bezeugt, daß die Heuchler Lügner sind. Sie nehmen ihren Eid (mit dem sie ihren Glauben beschwören) nur als Schutzmittel, und halten dadurch (Andere) vom Pfade Gottes ab . . . . Sagt man ihnen: kommet (entschuldiget euch!) der Gesandte Gottes wird (Gott) um Gnade für euch bitten, so wenden sie ihren Kopf weg, und du siehst, wie sie sich mit Hochmuth zurückziehen . . . . Sie sind es, die (zu ihren Freunden) sagen: Gewähret denjenigen, die bei dem Gesandten Gottes sind (den Ausgewanderten), keine Unterstützung, damit sie ihn verlassen. Aber Gottes sind die Schätze der Himmel und der Erde, es fehlt jedoch den Heuchlern an Einsicht. Sie sagen: wenn wir nach Medina zurückkehren, soll der Mächtige von uns den Verächtlichen vertreiben. Aber Gott allein besitzt Macht und sein Gesandter und die wahren Gläubigen, doch die Heuchler wissen das nicht. 225)
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225) Sura 63, Vers 1, 2, 5, 7 und 8. Diese Offenbarung hängt wieder mit einem epileptischen Anfalle zusammen. Man liest bei I.: Zeid Ibn Arkam (derselbe Jüngling, welcher Abd Allah‘s Rede Mohammed hinterbrachte) erzählt: „Ich sah, wie der Gesandte Gottes einen heftigen Anfall hatte (achadsathu burhâ), Schweißtropfen seine edle Stirne bedeckten, und die Vorderbeine seines Kameels schwer wurden, da sagte ich: der Gesandte Gottes erhält gewiß eine Offenbarung, und hoffte, Gott werde meine Worte als wahr erklären. Als der Gesandte Gottes wieder zu sich kam, faßte er mich an den Ohren, hob mich in die Höhe, und sagte: Junger! deine Ohren haben gut gehört; Gott hat deine Worte bestätigt und die der Heuchler Lügen gestraft.“ Von diesem Tage an hieß Zeid: der mit aufmerkenden Ohren Begabte.


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Ein anderer, eben so unangenehmer Vorfall, welcher sich auf der Heimkehr nach Medina ereignete, veranlaßt eine entgegengesetzte Offenbarung, eine solche nämlich, welche die Angeklagten für unschuldig erklärte. Dieses Ereigniß ist für den Charakter Mohammeds und die Art seiner Offenbarungen so wichtig, und wegen verschiedener Nebenumstände so merkwürdig, daß es hier wohl eine ausführlichere Darstellung, nach Aïscha's eigener Erzählung, finden mag 226).

So oft der Gesandte Gottes eine Reise machte (so berichtet seine Gattin Aïscha), pflegte er zwischen seinen Frauen zu loosen, und diejenige, welche das Loos traf, durfte ihn begleiten. Auf dem Feldzuge gegen die Beni Mußtalik war ich Mohammeds Begleiterin. Auf solchen Reisen führte man mir immer mein Kameel vor, ich setzte mich in meine Sänfte, die dann meine Leute auf das Kameel hoben und festbanden, dann ging einer derselben vor dem Kameele her und führte es an
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226) Die folgende Darstellung ist fast wörtlich nach S. fol. 190—192, mit einigen Zusätzen aus I. Es ist die einzige Tradition, welche über diese Begebenheit zu uns gelangt ist, und nur nach diesem Actenstücke können wir ein Urtheil fällen. Es muß jedem Leser selbst überlassen bleiben, was er von Aïscha's Treue denken will, nur vergesse er nicht, daß von den vier Urhebern der Anklage gegen sie drei verdächtig sind. Abd Allah, als bekannter Heuchler und innerer Feind Mohammeds, Hamnah, als Schwester Zeinabs, Aïscha's gefährliche Nebenbuhlerin und der Dichter Hasan, der eigentlich nur das Gerede der Leute zu einigen pikanten Versen benützte. Der einzige, so viel wir wissen, unpartheiische Ankläger war Mistah, welcher nicht nur Abu Bekrs Vetter war, sondern auch von ihm verpflegt ward.


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einem Strick. Auf der Heimkehr, als wir nicht weit von Medina unser Lager hatten, gab Mohammed in der Nacht den Befehl zum Aufbruch. Man führte wie gewöhnlich ein Kameel vor mein Zelt und stellte meine Sänfte daneben. Schon wollte ich einsteigen 227) als ich mein Halsband von Dhafarischen Muscheln vermißte; da ging ich wieder zurück, an die Stelle, wo ich es verloren hatte, und suchte es, bis ich es wiederfand. Inzwischen kamen aber meine Leute, welche glaubten, ich sei schon eingestiegen, luden meine Sänfte auf das Kameel, ohne zu bemerken, daß sie leer war — denn damals waren die Frauen nicht stark, weil sie kein Fleisch aßen — und zogen damit fort. Als ich daher wieder an die Stelle kam, wo ich einsteigen wollte, sah und hörte ich Niemanden mehr. Ich hüllte mich in mein Tuch ein und setzte mich nieder, weil ich dachte, sobald man mich vermißt, wird man mich hier suchen. Da kam Safwan, der Sohn Muattals vorüber, welcher wegen eines Geschäftes hinter den Truppen zurückgeblieben war 228). Als er mich bemerkte und erkannte — denn er hatte uns früher schon gesehen, ehe uns ein Vorhang den Männern entzog 229) — rief er: Wir sind Gottes,
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227) Nicht wie bei H. v. H., welcher (S. 144) sie aus der Sänfte steigen läßt, um ihr Halsband zu suchen. Wie konnte Aïscha aussteigen, ohne daß der Kameeltreiber das Kameel anhielt und niederknieen ließ?? H. v. H. setzt noch hinzu: „Da ich schmächtig und leicht, wurden die Kameeltreiber der Erleichterung der Sänfte nicht gewahr und zogen fort.“ Diese Bemerkung ist nothwendig, wenn die Sänfte noch auf der Erde war, und die Treiber sie leer auf das Kameel hoben, war sie aber schon aufgebunden, da hätte höchstens das Kameel die Erleichterung wahrnehmen müssen. S. auch Djalalein zu Sura 24, Vers 11.
228) Nach Andern gehörte er zur Nachhut der Truppen. Als solcher kommt er auch bei der letzten Pilgerfahrt Mohammeds vor.
229) Nach dem 50. Verse der 33. Sura, welcher lautet: „O ihr, die ihr glaubet! Betretet die Häuser des Propheten nicht, außer wenn es euch erlaubt wird zu einer Mahlzeit, wartet aber nicht (in seinen Häusern) bis sie zubereitet ist, sondern tretet erst hinein, wenn ihr gerufen werdet; entfernt euch wieder, sobald ihr gegessen habt, und verweilet nicht zu traulicher Unterhaltung, denn damit werdet ihr dem Propheten lästig, der sich vor euch schämet (euch weggehen zu heißen), aber Gott schämt sich nicht vor der Wahrheit. Begehret ihr etwas von den Frauen des Propheten, so redet sie hinter einem Vorhange deßhalb an, dieß erhält euer und ihr Herz reiner. Ihr dürfet dem Gesandten Gottes auf keine Weise beschwerlich fallen, auch seine Frauen niemals nach seinem Tode heirathen, denn dieß wäre in den Augen Gottes eine große Sünde.“ Dieser Vers erschien nach I. an dem Abende, als Mohammed zu seiner Hochzeit mit Zeinab, der geschiedenen Gattin Zeids, viele Gäste eingeladen hatte, die sich, selbst als Mohammed aufstand, noch nicht entfernten und bis spät in die Nacht in seiner Wohnung verweilten. Dieses Gebot, welches nur Mohammeds Frauen angeht, hat mit dem der Verschleierung des Hauptes, das ein allgemeines ist, nichts gemein. Letzteres befindet sich im 32. Verse der 24. Sura, welcher lautet: „Sage den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Augen niederschlagen, und von ihrer Zierde (Schönheit) nichts sehen lassen, als was (nothwendig) sichtbar werden muß. Sie sollen ihren Schleier um ihren Busen schlagen, und ihre Zierde nur ihren Männern zeigen, oder ihren Vätern, oder ihren Schwiegervätern, Söhnen, Stiefsöhnen, Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder oder Schwestern, ihren Frauen, ihren Sklavinnen und den Männern ihres Gefolges, die leidenschaftlos sind, oder Kindern, welche die Blöße der Frauen nicht beachten. Auch sollen sie mit ihren Füßen nicht so auftreten, daß man ihren Schmuck (Fußschellen) bemerke. Bekehret euch alle zu Gott, ihr Gläubige, damit es euch wohl ergehe.“ Von einem Verschleiern des Gesichtes ist in diesem Verse keine Rede. Djalalein bemerkt ausdrücklich zu den Worten: „was nothwendig erscheinen muß,“ „das ist das Gesicht und die Hände.“ Zu den Worten: „Sie sollen ihren Schleier um ihren Busen werfen,“ bemerkt er: „das heißt: ihr Haupt, ihren Hals und ihre Brust mit einem Schleier bedecken.“ Vom Verschleiern des Gesichtes handelt der Koran nach Djalalein im 56. Verse dieser Sura, welcher lautet: „O Prophet! sage deinen Gattinnen, deinen Töchtern und den (übrigen) Frauen der Gläubigen, sie sollen einen Theil ihres Uebertuches über sich herabhängen lassen (d. h. nach Djalalein sie sollen das große Tuch „mulâtun,“ welches sie beim Ausgehen umwerfen, über das Gesicht herabhängen lassen, so daß nur ein Auge unbedeckt bleibe), dadurch werden sie eher erkannt (als freie Frauen), und nicht beleidigt (wie Sklavinnen, die mit freiem Gesicht ausgehen).“ Nach dieser Erklärung wäre das djilbâb des Textes nichts anderes, als was jetzt noch die Egyptierinnen „milâja“ oder auch Chabara nennen, worüber man Lane modern Egyptians, I. 53 vergleichen kann. Lane scheint diesen Vers nicht gekannt zu haben, denn er führt an zwei Stellen (S. 56 und 223) als eine Eigenheit der Egyptierinnen an, daß die Frauen mehr Anstand nehmen, ihren Kopf als ihr Gesicht sehen zu lassen, was doch ganz schriftgemäß ist, da dieses nur beim Ausgehen bedeckt werden muß.


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und kehren einst zu ihm zurück. Die Gattin des Gesandten Gottes! Wie so bist du zurückgeblieben? Ich antwortete ihm nicht.


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Da führte er mir sein Kameel vor, und trat zurück, bis ich aufgestiegen war, dann trieb er es fort, und eilte so sehr er konnte, um die Truppen einzuholen; aber die Sonne stand schon hoch am Himmel , als wir ihr Lager außerhalb der Stadt erreichten, und da man mich allein mit Safwan ankommen sah, ersannen die bösen Menschen allerlei Lügen. Bald nach meiner Ankunft in Medina erkrankte ich, so daß mir von dem Gerede der Leute, das bis zum Gesandten Gottes und zu meinen Eltern gelangte, nichts zu Ohren kam. Doch vermißte ich bei Ersterem die Zärtlichkeit und Theilnahme, die er mir bei anderen Unpäßlichkeiten bewies; denn als er mich besuchte, während meine Mutter bei mir war, die mich pflegte, fragte er blos, wie wir uns befinden, und sagte sonst kein Wort. Sobald ich daher wieder etwas gestärkt war, hielt ich bei ihm um die Erlaubniß an, zu meiner Mutter zu gehen, damit sie mich bis zu voller Genesung in ihrem Hause pflege, und meine Bitte ward mir gewährt. Nach mehr als zwanzig Tagen, als ich wieder genas, ging ich eines Abends mit meiner Großtante, Um Mistah, aus; unterwegs stolperte sie und verwünschte ihren Sohn; als ich sie deßbalb tadelte, fragte sie: Weißt du denn nichts? und als ich ihre Frage verneinte,


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erzählte sie mir, was die Lügner, unter denen ihr Sohn Mistah war, mir nachgeredet. Sobald ich dieß hörte, ging ich nach Hause, und weinte so lange, daß ich glaubte, mein Herz würde zerspringen. Dann sagte ich zu meiner Mutter: Gott verzeihe dir! die Leute reden mir so viel Schlimmes nach, und du sagst mir kein Wort davon? Sie antwortete mir: Nimm das nicht zu schwer, meine Tochter! es gibt wenig schöne, von ihrem Gatten geliebte Frauen, denen nicht ihre Nebenbuhlerinnen Manches nachreden. Bei diesen Worten kam der Gesandte Gottes in unser Haus, und ließ Ali und Usama rufen, um ihre Ansicht über diese Sache zu vernehmen. Letzterer erklärte mich für rein und das Gerede der Leute für eitle Verläumdung. Ersterer aber sagte: Gesandter Gottes! es gibt ja viele andere Frauen 230), du kannst an Aïscha's Stelle eine andere heirathen,
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230) Nicht wie bei Gagnier (S. 447), welcher Ali sagen läßt : „Vous n‘êtes pas le seul, o Apôtre de Dieu à qui Dieu envoie de pareilles afflictions; il y a bien d‘autres femmes qui ressemblent à la votre.“ Ueberhaupt hat Gagnier in dieser Erzählung so viel Mangelhaftes, daß es zu umständlich wäre, alles zu erwähnen. Nach einer andern Tradition bei I. sagte Ali: „Aïscha ist gewiß unschuldig, denn als du einst mit einem unreinen Schuhe betetest, hieß dich der Engel Gabriel ihn ausziehen; wie sollte Gott dir eine unreine Gattin lassen?“ Nicht wie bei H. v. H. (S. 145), welcher Ali's Antwort anführt und dann hinzusetzt: „Diese Antwort, welche die Meinung Ali‘s, daß sich Mohammed vom verdächtigen Weibe scheiden müsse, klar an den Tag legte, verzieh ihm Aïscha nie.“ Es heißt im Anfang der Antwort: „achadstu baraat aïscha min“ (ich entnehme Aïscha's Unschuld daraus u. s. w.), und nach derselben: „fasurra salla Allahu alaihi wasallama bidsalika“ (Mohammed, über den Heil, freute sich damit), gerade wie bei der Antwort Omars, welcher sagte: „Hast du nicht Aïscha nach Gottes Bestimmung geheirathet, und glaubst du, daß dir Gott ein unkeusches Weib bestimmt?“ Oder nach einer andern Tradition: „Läßt doch Gott keine Mücke, denn es möchte etwas Unreines an ihr sein, deinem Körper nahe kommen, wie sollte er ihn nicht vor einem unreinen Weibe bewahren?“ Eben so sagt Othman: „Bewahrt Gott deinen Schatten sogar, daß er nicht die Erde berühre, wie sollte er dein Weib so tief sinken lassen?“ Eben so unrichtig ist die folgende Phrase: „Wenn Mohammed aber Aïscha's und seine Ehre durch die vom Himmel gesandten Verse in den Augen der Gläubigen für alle Zeiten gerettet .... so bestrafte er doch das untreue Weib, indem er ihr zwei neue Nebenbuhlerinnen gab, die erste in der Tochter des Haris, des gefangenen Stammherrn der Beni Moßtalak“ (als die zweite nennt H. v. H. dann Seineb, die Tochter des Hadschesch, Seids Weib), da Mohammed nach allen Berichten Letztere schon vor diesem Feldzuge und Barra, wie schon Abulfeda berichtet, während desselben heirathete, während das Abentheuer mit Aïscha erst auf der Heimreise in der Nähe von Medina vorflel, und Mohammed erst in Medina selbst Kunde davon erhielt. Ueber die Zeit der Vermählung Mohammeds mit Zeinab kann man Gagnier, S. 416 vergleichen, und S. fol. 191, wo es heißt: Zeinabs Schwester redete Aïscha Böses nach, in der Absicht, Mohammeds Liebe zu jener dadurch zu vermehren.



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doch frage einmal ihre Sklavin aus, da magst du die Wahrheit erfahren. Mohammed ließ die Sklavin rufen, und sobald sie hereintrat, fiel Ali mit einer Tracht Prügel über sie her, und schrie sie an: Berichte dem Gesandten Gottes die Wahrheit über deine Herrin! Sie antwortete: bei Gott, ich weiß nur Gutes von ihr; der einzige Fehler, den sie je beging, war, daß sie einst, als ich meinen Teig geknetet hatte, und beim Weggehen sie bat, darauf Acht zu geben, einschlief, so daß ihn unser Schaf fraß. Hierauf kam Mohammed in das Gemach, in welchem ich weinend bei meinen Eltern und einer Freundin saß, die mit mir weinten, und nachdem er Gott gepriesen, sagte er: Du weißt wohl Aïscha, was die Leute von dir sagen, fürchte Gott! und hast du wirklich gesündigt, so gestehe deine Sünde ein und bekehre dich zu Gott, welcher die Buße seiner Sklaven annimmt. Als er mir dieß sagte, konnte ich keine Thränen mehr vergießen, ich schwieg eine Weile, dann sagte ich zu meinen Eltern: Warum antwortet ihr nicht, statt meiner, dem Gesandten Gottes? Sie geriethen in die größte Bestürzung, und sagten: Wir wissen nicht, was wir antworten sollen.  


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Da sagte ich, nachdem ich wieder durch viele Thränen mein Herz erleichtert hatte: Ein solches Unglück ist noch über kein Haus hereingebrochen. Bei Gott, ich kann wegen der erwähnten Sünde keine Buße thun; Gott weiß, daß ich unschuldig bin, wie kann ich ein Verbrechen gestehen, das ich nicht begangen? Läugne ich aber, was die Leute sagen, so glaubet ihr mir doch nicht; ich kann daher nur wie Josephs Vater 231) ausrufen: Geduld ist eine schöne Tugend, und Gott will ich um Hülfe anflehen. Dabei hoffte ich aber keineswegs, daß wegen eines schwachen Geschöpfes meinesgleichen eine Offenbarung stattfinden würde; doch dachte ich, vielleicht wird der Gesandte Gottes im Schlafe ein Gesicht haben, das ihn von meiner Unschuld überzeugt. Aber plötzlich fiel der Gesandte Gottes in Ohnmacht, wie dieß gewöhnlich vor einer Offenbarung der Fall war, man hüllte ihn in sein Gewand, und legte ein ledernes Kissen unter seinen Kopf. Sobald ich dieß sah, war meine ganze Unruhe vorüber, denn da ich meine Unschuld kannte, so wußte ich wohl, daß Gott mir nicht Unrecht thun würde. Meine Eltern aber waren in der größten Angst, bis der Gesandte Gottes wieder zu sich kam, weil sie fürchteten, das böse Gerede möchte von Gott bestätigt werden. Als Mohammed endlich wieder zu sich kam, setzte er sich aufrecht, und trocknete die Schweißtropfen von seiner Stirne, die wie Perlen herabrollten, obschon wir in einem Wintertage waren. Dann sagte er: Freue dich Aïscha! Gott hat mir deine Unschuld geoffenbart. Er ging dann in die Moschee, machte den Leuten Vorwürfe, die seiner tugendhaften Gattin und dem nicht minder tadellosen Safwan Böses nachgeredet, und verkündete ihnen folgende Koransverse: „Haltet es für kein Unglück, daß einige unter euch mit Lügen auftraten, denn es bringt euch manches Gute.  
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231) Im 19. Vers des 12. Kapitels, als seine Söhne ihm Josephs blutiges Hemd brachten. Es heißt im Texte bei S.: „Ich wollte Jakob sagen, konnte aber nicht auf diesen Namen kommen, da sagte ich Josephs Vater.“


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Ein jeder von ihnen hat für seine Schuld zu büßen, und wer sich die größte aufgeladen 232) , den trifft schwere Pein. Warum hatten nicht, als diese Verläumdung zu euch gelangte, die gläubigen Männer und Frauen die beste Meinung einer vom Andern 233), und (darum auch) gesagt : das ist eine offenbare Lüge? Haben sie etwa vier Zeugen beigebracht? Da sie keine Zeugen aufbringen konnten, so erscheinen sie vor Gott als Lügner. Waltete nicht Gottes Gnade und Barmherzigkeit über euch, so hätte euch in dieser und jener Welt, wegen eurer Reden schwere Pein getroffen, denn ihr habt mit euren Zungen ausgestreut und mit eurem Munde ausgesagt, was ihr nicht wisset; ihr hieltet dieß für eine geringe Sache, sie ist aber in den Augen Gottes sehr wichtig. Habt ihr doch nicht, als ihr sie hörtet, gesagt: es ziemt uns nicht darüber zu sprechen, sei gepriesen (o Herr!) das ist eine große Lüge. Gott warnt euch daher, nie mehr zu derartigem zurückzukehren, wenn ihr wahre Gläubige sein wollet. Gott offenbart euch seine Verse, er der Allwissende, Allweise. Diejenigen, welche wünschen, daß sich Schändlichkeiten gegen Gläubige verbreiten, trifft schwere Pein in dieser und jener Welt, Gott weiß Alles, ihr wisset nichts u. s. w.“ 234)

„Wer eine tugendhafte Frau verläumdet und nicht vier Zeugen beibringt, den geißelt mit achtzig Schlägen, und nehmt nie mehr ein Zeugniß von ihm an, denn er ist ein Bösewicht.
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232) Damit ist Abd Allah Ibn Ubejj gemeint, welchen er nicht geißeln ließ.
233) Bei S. sagte Abu Ajub zu seiner Gattin, welche von Aïscha's Schuld sprach: Würdest du eine solche Schuld begehen? Sie antwortete: nein. Nun, fuhr er fort, so wird auch Aïscha verläumdet, welche besser ist, als du. Mohammed macht daher den Leuten Vorwürfe darüber, daß sie nicht eben so gedacht. H. Ullmann hat diesen Vers unrichtig übersetzt: „Haben nicht die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen, als ihr das hörtet, das beste davon in ihrem Herzen gedacht, und gesagt: dies ist offenbare Lüge.“
234) Sura 24, Vers 11-20.


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Eine Ausnahme machen diejenigen, welche sich nachher bekehren und Gutes üben, denn Gott ist gnädig und barmherzig. 235)

Diesen letzten Versen zufolge ließ Mohammed Mistah, den Dichter Hasan und Hamnah, die Schwester seiner Gattin Zeinab, geißeln; Abd Allah, der Sohn Ubejj's aber, der Erste, welcher Aïscha's Schuld aussprach, ward wegen seines hohen Ansehens auch dießmal verschont, und, um überhaupt die ganze Sache sobald als möglich in Vergessenheit zu bringen, ermahnte Mohammed die reichen Muselmänner, den Bedürftigen wegen ihrer Theilnahme an Aïscha's Verläumdung, nichts zu entziehen 236). Auch beschenkte er den Dichter Hasan, welcher zu seinen Prügeln auch noch einen Schwerthieb von Safwan selbst erhalten hatte, so reichlich, daß er seine Satyre gegen Aïscha in einem sie bis zum Himmel erhebenden Lobgedichte widerrief.

Nach einigen Traditionen hatte Aïscha auf diesem Feldzuge schon einmal ihr Halsband verloren; die Truppen wurden dadurch so lange aufgehalten, daß sie zur Betstunde die Quelle nicht erreicht hatten, zu der sie ohne diese Verspätigung gelangt wären, und konnten sich daher vor dem Gebete nicht waschen. Da erschien der Koransvers 237), welcher, wie nach
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235) Sura 24, Vers 4 u. 5.
236) Abu Bekr schwur, seinem Vetter Mistah jede Unterstützung zu entziehen. Da erschien der 23. Vers derselben Sura, welcher lautet: „Die Begüterten und Bemittelten unter euch sollen nicht schwören, daß sie den Verwandten, den Armen und den frommen Auswanderern nichts mehr geben wollen, sondern sie sollen ihnen verzeihen, und ihr Vergehen vergessen; wollt ihr denn nicht auch, daß Gott euch verzeihe? Gott ist auch gnädig und barmherzig.“
237) Sura IV. Vers 42 und Sura V. Vers 7. Letzterer, welcher zugleich das Nähere über das Gebot der Waschung enthält, lautet: „O ihr, die ihr glaubet! wenn ihr euch zum Gebete erhebet, so waschet euer Gesicht und eure Hände bis zu den Ellbogen, und berühret euern Kopf und eure Füße bis zu den Knöcheln; wenn ihr unrein seid, so reiniget euch; seid ihr aber krank oder auf der Reise und kommt von einem unreinen Orte, oder seid mit einer Frau in Berührung gekommen, und findet kein Wasser, so reibet euer Gesicht und eure Hände mit gutem Sande. Gott will euch keine Last aufbürden, sondern euch nur reinigen, damit seine Huld euch vollkommen werde; vielleicht seid ihr dankbar dafür.“


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jüdischem Gesetze, in solchen Fällen gestattet, statt der Waschung sich mit Sand oder Erde zu reiben.

Mohammed konnte sich zu seiner nochmaligen Nachsicht gegen Abd Allah, den Sohn Ubejj's, dessen Bestrafung ihm viele Feinde unter den Chazradjiten zugezogen hätte, nur Glück wünschen, denn ungefähr zwei Monate 238) nach dem Zuge gegen die Beni Mußtalik hatte er einen Kampf zu bestehen, in dem er bei größerer Opposition im Innern Medinas, hätte unterliegen müssen. Auf das Anstiften der Häupter der vertriebenen Juden von dem Stamme Nadhir, verbanden sich gegen ihn die Kureischiten, die Stämme Ghatafan, Murra, Laschdja, Fazara und einige andere aus Tehama und Nedjd, denen sich auch zuletzt noch die in der Nähe von Medina wohnenden Juden Beni Kureiza 239) anschlossen, und zogen, zehntausend Mann stark, gegen Mohammed. Dieser ward aber durch ihm befreundete Chozaiten früh genug von dem Vorhaben der Verbündeten unterrichtet, um Anstalten zu seiner Vertheidung treffen zu können. Das unglückliche Treffen von Ohod war bei den Muselmännern noch in allzu frischem Andenken, als daß sie dießmal einem noch zahlreichern Feinde auf offenem Felde entgegen zu treten gewünscht hätten. Man beschloß einstimmig, nicht nur keine Schlacht zu wagen, sondern auch, um Medina vor einem Angriffe zu schützen, die Stadt mit einem breiten Graben zu umgeben, eine Vertheidigungsmaßregel,
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238) Im Schawwal des 5. Jahres. März 627.
239) Ihr Häuptling, Kaab Ibn Asad, zögerte lange, ehe er mit den Verbündeten gemeine Sache machte. Er wollte zuerst Hujeii, den vertriebenen Nadhiriten, gar nicht in sein Haus lassen, weil er wohl wußte, daß er ihn zum Kriege reizen würde. Erst als Hujeii seine Gastfreundschaft in Zweifel zog, öffnete er ihm die Thilre. S. fol. 173.


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welche bisher in Arabien unerhört war, und die auf den Rath eines zum Islam bekehrten Persers angewendet ward 240). Um die Muselmänner zur Arbeit anzuspornen, legte Mohammed selbst Hand ans Werk, und während Manche sich der Verzweiflung hingaben, prophezeite er, als seine Haue drei Mal einem Steine Funken entlockte, die Eroberung des Südens aus den Händen der Araber, des Ostens, aus denen der Perser und des Nordens und Westens, aus denen der Byzantiner 241), ohne sich um das Gespötte der Ungläubigen
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240) Nach einer Tradition bei I. ward nicht die ganze Stadt von einem Graben umgeben, sondern nur die eine offene Seite derselben, von der man am meisten einen feindlichen Angriff befürchtete. Dieß ist höchst wahrscheinlich, da aus allem, besonders aus Sura XXXIII. Vers 13, hervorgeht, daß Mohammed außer den Truppen, welche ihm gegenüber jenseits des Grabens lagen, auch noch die Stadt zu bewachen hatte, und von dieser Seite her besonders einen Ueberfall der Juden befürchtete. Bei I. heißt es ausdrücklich, Mohammed sandte Salma, den Sohn Aslams mit 200 und Zeid Ibn Haritha mit 300 Mann nach Medina, um die Frauen und Kinder vor einem Ueberfalle der Beni Kureiza zu schützen, als er hörte, daß diese den Bund gebrochen. Auch bei S. fol. 176 erzählt Safia: „Als ich in einem festen Schlosse mit anderen Frauen und Kindern und dem Dichter Hasan Ibn Thabit war, da ging ein Jude um das Schloß herum; es war zur Zeit, als die Beni Kureiza schon zu dem Feinde übergegangen waren, und zwischen ihnen und uns war niemand, der uns beschützte, denn der Gesandte Gottes stand den Verbündeten gegenüber, und konnte nicht von seiner Stelle weichen. Da sagte ich zu Hasan: ich fürchte, dieser Jude möchte seinen Glaubensgenossen unsere schwache Seite zeigen, während der Gesandte Gottes anderwärts beschäftigt ist; geh hinunter und tödte ihn!“ u. s. w. Wahrscheinlich war dieß vor der Ankunft Salma's und Zeid's mit ihren Truppen.
241) Die Legende verwandelt diese Funken in ein großes Licht, bei welchem Mohammed die fürstlichen Paläste von Damask, Sanaa und Madain sah. Auch werden hier wieder mehrere wunderbare Speisevermehrungen erzählt.

Leben Mohammeds


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zu kümmern. Während der Arbeit sang er einige Verse des Dichters Abd Allah Ibn Rawaha 242), in denen er Gott für seine Leitung dankte, seinen Schutz anflehte, und seinen festen Entschluß aussprach, den Verführungen der Ungläubigen zu widerstehen. Die Muselmänner sagten ihm in einem anderen Verse ihren fortwährenden Beistand zu, und obschon einige sich von der Arbeit zurückzogen, war doch, als der Feind heran nahte, der Graben vollendet, und von dreitausend Mann, mit denen Mohammed aus Medina auszog, vertheidigt. Ueber zwanzig Tage lagerten die Verbündeten vor dem Graben, und wechselten nur einige Pfeilschüsse mit den Muselmännern. Von den Kureischiten, welche an einer Stelle, wo der Graben etwas schmaler war, über denselben setzten, fiel einer hinein und ward getödtet, ein anderer blieb in einem Zweikampfe mit Ali, worauf dann die Uebrigen so schnell als möglich zu den Ihrigen zurückkehrten. Mohammeds Lage ward indessen immer bedenklicher, denn die Bewachung des Grabens und der außerhalb desselben gelegenen festen Schlösser nahm die Kräfte seiner Truppen so sehr in Anspruch, daß ihre Zahl sich immer verminderte. Er wollte daher von den Beni Ghatafan durch Aufopferung des Drittheils der Datteln Medina's den Frieden erkaufen. Als aber der Friedensvertrag unterzeichnet werden sollte, sagte Saad Ibn Ibada und Saad Ibn Maads, damals Häupter der Ausiten und Chazradjiten , die Mohammed noch zuvor befragte: „Thust du dieß in Folge einer Offenbarung, oder ist es dein bestimmter Befehl, so müssen wir gehorchen. Handelst du aber nur so um unsertwillen, so unterlasse es!“ Mohammed antwortete: Hätte mir Gott etwas befohlen, so würde ich euch nicht um Rath fragen, aber bei Gott, ich that
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242) So bei I., es waren nicht „aus dem Stegreife hergesagte Verse,“ wie H. v. H. S. 139 glaubt, der daraus beweisen will, „daß Mohammed das Sylbenmaaß wohl verstand,“ während alle muselmännische Biographen das Gegentheil behaupten, oder wenigstens darin übereinstimmen, daß er nie eigentliche Verse gedichtet. S. meine poetische Literatur der Araber, S. 59 und 60.


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dieß nur, weil ich sah, daß die Araber gleichsam aus einem Bogen Pfeile gegen euch schleudern und euch von allen Seiten bedrängen, da wollte ich ihre Kräfte doch einigermaßen zersplittern.“ Saad Ilm Maads erwiederte hierauf: „O Gesandter Gottes! einst hatten wir und die Beni Ghatafan dieselben Götter und denselben Glauben, und doch aßen sie keine unserer Datteln, die sie nicht kauften oder wir ihnen aus Gastfreundschaft vorstellten, und jetzt, wo uns Gott durch den Islam und durch dich geehrt hat, sollen wir ihnen unsere Habe umsonst geben? Das wollen wir nicht, bei Gott, sie sollen nur unsere Schwerter haben !“ 243) Saad zernichtete hierauf den Vertrag, und Mohammed nahm zur List seine Zuflucht, indem er Nueim, einem Araber aus dem Stamme Ghatafan, welcher heimlich zum Islam übergegangen war, den Auftrag gab, gegenseitiges Mißtrauen zwischen den Verbündeten zu erwecken 244). Nueim begab sich zuerst zu den Beni Kureiza, seinen alten Freunden, und machte sie auf die Verschiedenheit ihrer Lage, von der der Kureischiten und Beni Ghatafan aufmerksam. Diese können
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243) I. und S. (fol. 174). Eine ähnliche Frage, wie die Saad's, kommt auch bei dem Treffen von Bedr vor, als Mohammed zuerst bei einem Brunnen, welcher mehr nach Medina zu lag, lagern wollte, da sagte ihm Chabbab: „Hat dir Gott diesen Ort als Lager angewiesen, so dürfen wir ihn nicht überschreiten, ist es aber blos deine eigene Ansicht, so laß uns lieber bis zum äußersten Brunnen ziehen“ (S. fol. 134 und Andere), was dann auch geschah. Auch auf dem Feldzuge von Tabuk kommt eine ähnliche Frage seiner Rathgeber und dieselbe Antwort Mohammeds vor. Hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Mohammed und Christus, der nie besondere Offenbarungen hatte, dessen ganzes Wesen vielmehr als eine Sendung des Himmels angesehen seyn sollte.
244) Diese bisher noch von keinem Europäer beschriebenen näheren Umstände von Nueims List, sind aus I. und S. fol. 176. Wahrscheinlich versäumte er es auch nicht, die Beni Ghatafan und Kureisch einander gegenseitig verdächtig zu machen, wozu ihm der Separatfrieden, welchen erstere mit Mohammed schließen wollten, eine gute Gelegenheit bot.


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schon einen Krieg gegen Mohammed wagen — sagte er ihnen — denn werden sie auch geschlagen, so können sie in ihre Heimath fliehen, wo sie ihre Frauen, ihre Kinder und ihre Güter haben. Was wollt ihr aber dann beginnen, da ihr doch allein zu schwach seid, den Krieg mit Mohammed fortzusetzen? Wollt ihr in ein anderes Land fliehen und eure Familie und eure Habe hier zurücklassen? Darum rathe ich euch, mit den Verbündeten nicht eher gemeine Sache zu machen, bis sie euch einige der Vornehmsten unter ihnen als Geißeln ausliefern und euch die Versicherung geben, daß sie nicht eher abziehen, bis Mohammeds Macht gebrochen sein würde.“ Als seine Worte den gewünschten Eindruck gemacht hatten, verließ er die Juden und begab sich zu den Kureischiten und Beni Ghatafan, und sagte ihnen: „Ich habe vernommen, die Beni Kureiza bereuen es, mit euch ein Bündniß geschlossen zu haben, sie haben schon Mohammed Friedensanträge gemacht und ihm versprochen, die Edelsten unter euch in seine Hände zu liefern; seid daher auf eurer Hut, falls sie Geißeln von euch verlangen.“ Diese List hatte den besten Erfolg, denn als an einem Freitag Abend die Juden aufgefordert wurden, ihre Truppen Samstag früh zu senden, um gemeinschaftlich einen Sturm gegen Medina zu unternehmen, erklärten sie: „Wir ziehen an unserem Ruhetage nicht in den Krieg, und werden überhaupt keinen thätigen Antheil daran nehmen, bis uns Geißeln überliefert werden.“ Die Kureischiten und Beni Ghatafan sahen in dieser Antwort nur eine Bestätigung der Aussage Nueims, und blieben unthätig in ihrem Lager, aus Furcht vor einem Verrathe von Seiten der Juden. Da um diese Zeit auch noch eine so kalte, stürmische Witterung eintrat, daß sie weder ein Feuer anzuzünden, noch ein Zelt aufrecht zu erhalten im Stande waren, hoben sie die Belagerung auf 245), und zogen ein Jeder wieder in seine Heimath zurück.
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245) Abu Sosian gab zuerst den Befehl zum Aufbruch, und beeilte sich so sehr, daß er sein Kameel bestieg, noch ehe es losgebunden war; ihm folgten dann die Beni Ghatafan.


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Folgende Koransverse schildern die bedenkliche Lage der Medinenser während dieser Belagerung:

„O ihr Gläubigen! gedenket der Gnade Gottes, als euch (kriegerische) Schaaren überfielen, wir aber einen Sturm und unsichtbare (Engel) Schaaren gegen sie sandten, denn Gott sah ihr Unternehmen. Als sie euch von der Höhe und der Tiefe her bedrängten, und eure Augen nichts anderes mehr (als Feinde) sahen und euer Herz bis in die Kehle stieg, und ihr auf verschiedene Weise von Gott dachtet. Dort wurden die Gläubigen geprüft und ein heftiges Zittern ergriff sie. Als die Heuchler und die Schwachherzigen sagten: Gottes und seines Gesandten Verheißungen waren nur Täuschung, und ein Theil von ihnen sagte: O Bewohner Jathribs! hier (am Graben) ist kein Bleiben für euch, geht (in die Stadt) zurück, und ein Theil von ihnen wirklich bei dem Propheten um die Erlaubnis? (zurückzukehren) anhielt, indem sie sagten: unsere Häuser sind blosgestellt; sie waren aber nicht ohne Schutz, sondern sie wollten nur (vor dem Feinde) fliehen. Und wäre der Feind aus der Umgebung zu ihnen in die Stadt gezogen, und hätte sie zur Empörung aufgefordert, so hätten sie sich empört und (um gegen die Gläubigen zu kämpfen) sie bald wieder verlassen ...... Sie glaubten, die Verbündeten würden nie mehr wegziehen, und wenn sie je wiederkämen, würden sie sich zu den Arabern der Wüste versetzt wünschen, und (nur aus der Ferne) sich nach euch erkundigen, doch wären sie auch in eurer Mitte geblieben, so hätten sie doch nur einen geringen Antheil am Kampfe genommen Gott hat aber die Ungläubigen mit ihrer Wuth zurückgetrieben, sie haben keinen Vortheil errungen. Gott der Mächtige und Starke hat sogar die Gläubigen vor einem Kampfe bewahrt.“ 246)
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246) Sura 33, Vers 9-14, 20 und 25. In der Uebersetzung des 14. Verses bin ich von Maraccius abgewichen, bei welchem er lautet: „Quodsi entratum fuisset ad eos ab extremis partibus ejus (nempe Medinae) et rogati fuissent (ut amplectarentur) schisma: certe accessissent ad illud; sed non permansissent (Medina) nisi modicum (tempus) (quia scilicet Deus perdidisset eos).“ H. Ullmann hat in seiner wortgetreuen Uebersetzung für das einzige Wort „Alfitnatu,“ das Maraccius durch „schisma“ und ich durch „Empörung“ wiedergegeben: „Die Gläubigen zu verlassen und wider sie zu kämpfen,“ und doch setzt er am Schlusse des Verses, wie Maraccius, die Note hinzu: „Indem die Strafe Gottes sie daraus vertrieben haben würde.“ Der 20. Vers lautet bei U.: „Sie glaubten, daß die Verschworenen nicht nach Mekka kommen würden, und wenn die Empörer kämen, so würden sie wünschen u. s. w.“ Im 25. Verse übersetzt er das Wort ghaiz, welches Wuth oder Zorn bedeutet, durch „Muth“ Derartige Unrichtigkeiten in der neuesten deutschen Koransübersetzung nöthigten mich, fast durchgängig die Koransverse selbst anzuführen, statt blos darauf zu verweisen.


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Abu Sofian soll nach seinem Abzuge folgenden Brief an Mohammed geschrieben haben: „In deinem Namen, o Gott! Ich schwöre bei Lat, Uzza, Isaf, Naïla und Hobal, ich zog gegen dich mit einem Heere und wollte dich ausrotten, um nie mehr zu dir zurückkehren zu müssen, aber ich sah, daß du ein Treffen scheutest und dich durch einen Graben schütztest, eine List, welche die Araber nie kannten; sie kennen nur den Schutz ihrer Lanzen und die Schärfe ihrer Schwerter; dieß thateft du nur, um unseren Schwertern nicht zu begegnen; doch steht dir noch ein Schlachttag bevor, wie der von Ohod.“

Mohammed soll darauf geantwortet haben: „Von Mohammed, dem Gesandten Gottes, an Sachr 247), den Sohn Harbs.

„Nach meiner Erwähnung Gottes, in dessen Namen ich alles vollbringe 248), wisse, daß dein Brief mir zugekommen.
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247) Sachr war der eigentliche Name Abu Sofians (S. fol. 42), welches nur „Sofians Vater“ bedeutet. Daß sein Vater Harb hieß, welcher ein Sohn Ommejja's war, ist bekannt. Für diese beiden Eigennamen hat H. v. H. (S. 142) „an den Felsen, den Sohn des Krieges.“ Ein Compliment, das Abu Sofian nicht verdiente, und gewiß Mohammed ihm nicht machen wollte.
248) Es heißt im Terte wie gewöhnlich in muselmännischen Briefen: amma baadu, das, wie I. bemerkt, so viel bedeutet, als: nach dem Spruche: Im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen.



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Bei Gott, du gibst dich vielen Täuschungen hin. Was deine Züge gegen uns betrifft, und deinen Wunsch uns auszurotten, so ist das eine Sache, welche Gott nach seinem Willen lenken wird, indem er uns ein gutes Ende verleiht. Ueber dich wird aber ein Tag kommen, an dem ich Lat, Uzza, Isaf, Naïla und Hobal zerbrechen werde, um dich daran (an die eben ausgesprochene Ueberzeugung , daß wir zuletzt den Sieg davon tragen) zu erinnern; du Blödsinniger unter den Söhnen Ghalibs.“ 249)

Gleich am Tage 250) nach dem Abzuge der Verbündeten zog Mohammed, angeblich in Folge einer göttlichen Offenbarung 251), an der Spitze von dreitausend Mann, gegen die
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249) Es heißt im Texte: „Hatta udsakkiraka dsalika ja safihu baniGhalib.“ Ghalib ist bekanntlich der neunte Ahnherr Mohammeds, von dem auch Abu Sofian abstammte. Diesen letzten Satz übersetzt H. v. H. a. a. O.: „Für dich wird der Tag kommen, wo zerbrochen liegen werden Allat und Asa und Asaf und Nail und Hobal, bis deiner sich erinnern werden, o Blöder! die Söhne des Ueberwältigenden.“
250) So bei allen Biographen, also Ende März oder April 627. Daß dieser Feldzug im fünften Jahr der Hidjrah, welches mit dem 2. Juni 626 beginnt, stattfand, gibt auch H. v. H. zu, denn S. 147 heißt es bei ihm : „Das Jahr, das zwischen dem Frohnzuge wider die Beni Karisa (so heißen bei ihm die Kureiza) und dem nächsten mit dem Frieden von Hodaibe endenden verfloß u. s. w.,“ dazu in einer Note : „VI. Jahr der Hidjrah.“ Auch gibt er (S. 120) zu, daß das Treffen bei Bedr im 2. Jahr der Hidirah stattfand; und dennoch heißt es bei ihm S. 142, bei dem Zuge gegen die Beni Kureiza: „Er zog mit nicht weniger als dreitausend Mann wider sie aus, so hatte sich seine Macht in dem seit der Schlacht von Bedr verflossenen Jahre verzehnfacht.“
251) Dießmal erschien ihm Gabriel in der Gestalt Dihjas, aus dem Stamme Kalb. Diese Art Offenbarung wird auch von I. erwähnt (s. Anmerk. 48). Dihja mochte in der That als Freund und Rathgeber Mohammeds guter Engel gewesen sein. Merkwürdig ist, daß hier nach muselmännischer Tradition der Engel, oder Dihja, nicht blos von Mohammed allein, sondern auch von andern gesehen ward. Man liest bei S. fol. 178: „Gegen Mittag kam Gabriel auf einem Maulesel geritten; er hatte ein seidenes Tuch als Kopfbinde, und über den Sattel seines Maulesels war eine sammtne Decke ausgebreitet. Er sagte zum Gesandten Gottes: hast du die Waffen schon niederglegt, Gesandter Gottes? Er antwortete: ja. Aber die Engel, versetzte Gabriel, haben die Waffen noch nicht niedergelegt. Wir, haben bis jetzt die Verbündeten verfolgt, nun befiehlt dir Gott gegen die Beni Kureiza zu ziehen, auch ich gehe dahin, um Schrecken unter sie zu verbreiten. Mohammed ließ sogleich ausrufen: wer gehorsam ist, der bete das Aßrgebet nirgends anders, als bei den Beni Kureiza.“ Auf der folgenden Seite liest man: „Als Mohammed in Sauzein, ehe er zu den Beni Kureiza gelangte, einige seiner Gefährten traf, fragte er sie: ist jemand an euch vorüber gekommen? Sie antworteten: o Gesandter Gottes! Dihja, der Sohn Chalifa's, der Kalbite, ist auf einem weißen Maulesel vorüber geritten, dessen Sattel mit Sammt bedeckt war. Der Gesandte Gottes sagte: es war Gabriel, welcher zu den Beni Kureiza gesandt ward, um ihre festen Schlösser zu erschüttern und ihr Herz mit Schrecken zu erfüllen.“

Mohammeds Bekanntmachung in Betreff des Aßrgebets, womit er andeuten wollte, daß ein Jeder sich ohne Verzug vor den Schlössern der Beni Kureiza einfinden sollte, hat Gagnier mißverstanden, denn bei ihm heißt es (S. 406): „Quiconque entendra cet ordre et voudra se montrer obeissant qu‘il ne dirige son intention à la prière du soir, que contre les enfants de Koreidha.“


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Beni Kureiza ins Feld, um sie für ihre Treulosigkeit zu bestrafen. Sie waren, wie ihnen Nueim richtig vorausgesagt, viel zu schwach, um sich mit den Muselmännern auf offenem Schlachtfelde zu messen; es blieb ihnen daher nichts übrig, als in ihren festen Schlössern Schutz zu suchen. Mohammed umzingelte sie aber von allen Seiten, und beschloß nicht eher zu weichen, bis sie sich ihm ergeben oder vor Hunger umkommen  

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würden. Während der Belagerung, welche fünfundzwanzig Tage dauerte , suchten sie auf jede Weise eine Capitulation zu erhalten, Mohammed verwarf aber alle ihre Anerbietungen, und bestand auf eine Uebergabe auf Gnade und Ungnade. Die Juden, im Vertrauen auf die Fürbitte der Ausiten, ihrer Bundesgenossen, verließen endlich ihre Schlösser und ließen sich von den Muselmännern fesseln. Die Ausiten beschworen in der That Mohammed, diese Juden nicht härter zu behandeln, als die Beni Keinukaa, denen er auf die Fürbitte der Chazradjiten das Leben geschenkt. Mohammed, der ihnen keine Gnade widerfahren lassen wollte, schlug den Bittenden vor, ihren Häuptling Saad als Schiedsrichter über das Schicksal der Gefangenen anzuerkennen. Die Ausiten fügten sich gern in diesen Ausspruch, weil sie glaubten, Saad würde gewiß das Leben seiner ehemaligen Bundesgenossen verschonen. Mohammed war aber vom Gegentheile überzeugt, weil er wußte, daß Saad an einer Wunde, die er bei der Vertheidigung des Grabens erhielt, schwer darniederlag, und daher nicht zur Milde gegen die Juden, welche diesen Krieg angefacht, gestimmt sein würde. Saad, welcher in der Moschee zu Medina unter einem Zelte lag, in welchem Rufeida, eine wohlthätige Frau aus dem Stamme Aslam, die hülflosen Verwundeten pflegte und aus Frömmigkeit selbst bediente 252) ward auf einem Esel
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252) So bei I., auch bei S. fol. 180, wo noch hinzugesetzt wird: „Der Gesandte Gottes hatte nämlich, als Saad am Graben von einem Pfeile getroffen ward, seinen Leuten gesagt: bringet ihn in das Zelt Rufeidas, ich werde ihn bald besuchen.“ Die Worte des Textes bei S. lauten: „Wakana rasulu-l-lahi salla-l-lahu alaihi wasallama kad djaala sa‘da-bna Maadsin fi chaimatin liimraatin min aslam jukalu laha Rufaidah fi masdjadihi kanat tudâwi Aldjarha watahtasibu binafsiha ala chidmati man kanat fihi dhaiatun min almuslimina. Wakana rasulu-l-lahi kad kâla likaumihi hina asâbahu-s-sahmu bilchandaki idjalûhu fi cheimati Rufeidata hatta audahu min karibin.“ Der letzte Satz soll nämlich erklären, warum Saad sich in diesem Zelte befand, das doch für Verlassene, „derer sich niemand unter den Muselmännern annahm,“ bestimmt war. Die Bedeutung des tahtasibu, im Sinne „sich irgend ein Opfer oder ein Unglück, als etwas in jenem Leben zu vergeltende anrechnen, findet man im Kamus.“ Ein Zelt in der Moschee kommt auch noch nach S. fol. 246, bei den Abgeordneten der Thakisiten vor; es kann nicht befremden, wenn man sich erinnert, daß die erste Moschee zu Medina nur mit einigen Palmzweigen bedeckt war, und daß ein Theil derselben, Soffat genannt, den Armen zur Wohnung diente (s. Abulfeda am Schlusse des Lebens Mohammeds). Wie ganz anders klingt dieß in folgendem Satze des H. v. H. (S. 143) „Saad ben Moas, der in der Verschanzung Medinas verwundet, in dem Zelte des Spitals lag, welches unmittelbar an der Moschee des Propheten zu Medina (also vierhundert Jahre früher ein Spital am Tempel zu Medina, als an dem zu Jerusalem).“ Bei Gagnier (S. 410) liest man über Saad: „Il etait allité sous la garde d‘une certaine femme du bourg da Rafida, qui s‘employait à guérir les playes, et l‘apôtre de Dieu l‘avait fait mettre dans la mosquée de Medine, afiu qu‘étant proche de lui, il put le visiter souvent.“


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ins Lager geholt. Als er vernahm, wozu er gerufen worden, ließ er alle Anwesenden schwören, daß sie sein Urtheil, wie es auch sein mag, vollziehen würden, und nachdem dieß geschehen, sagte er: „Ich verurtheile alle Männer zum Tode, Frauen und Kinder zur Gefangenschaft, und erkläre all ihre Habe als eine Beute der Muselmänner.“ Mohammed ließ dieses Urtheil, das er ein göttliches nannte, auf einem öffentlichen Platze in Medina vollziehen, und die Geschlachteten, ungefähr siebenhundert an der Zahl, denen auch noch eine Frau zugesellt ward, die einen Muselmann mit einem Mühlsteine todt geworfen, in große Gruben werfen, welche zu diesem Behufe auf dem Hinrichtungsplatze gegraben wurden. Die Beute ward wie gewöhnlich vertheilt, nur erhielten hier zum ersten Male die Reiter, deren sechsunddreißig bei den Truppen waren, das Dreifache eines Fußgängers. Unter den Frauen, welche zum Theil in der Provinz Nedjd gegen Pferde und Waffen vertauscht wurden, befand sich Rihâna, welche Mohammed für


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sich behielt, und die er nach einigen Berichten, als sie später das Judenthum abschwor, heirathete 253). Der Koran resumirt die Resultate dieses Zuges in folgendem Verse: „Gott vertrieb diejenigen der Schriftbesitzer (Juden), welche ihnen (den Verbündeten) beigestanden aus ihren festen Plätzen, und warf Schrecken in ihr Herz. Einen Theil von ihnen habt ihr erschlagen, und einen andern gefangen genommen; er hat euch ihr Land, ihre Wohnungen, ihre Güter, so wie ein anderes Land, das ihr vorher nie betreten, zum Erbtheil gegeben. Gott ist allmächtig.“ 254) Bald nach diesem großen Gemetzel ward auch noch ein einzelner Jude 255) aus Cheibar, wegen seiner feindseligen Unternehmungen gegen Mohammed, auf dessen Befehl von einigen Chazradjiten meuchlings ermordet, die nicht hinter den Ausiten zurückbleiben wollten, welche den Juden Kaab aus der Welt geschafft.
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253) Nach andern zog sie auch dann noch vor seine Sklavin zu bleiben.
254) Dieselbe Sura, Vers 26. Was das andere Land betrifft, das hier noch erwähnt wird, so ist nach Djalalein, das von Cheibar darunter zu verstehen, das sie später eroberten. Den Anfang dieses Verses übersetzt U.: „Er veranlaßte auch, daß von den Schriftbesitzern Mehrere aus ihren Festungen herabkamen, um ihnen, den Verschworenen, Beistand zu leisten u. s. w.“
255) Sein Name war Sulam Ibn Abi-l-Hakik, sein Beiname Abu Râfii. Bei S. (fol. 265) wird auch noch ein Jude aus Cheibar, welcher Juseir hieß, und die Beni Ghatafan gegen Mohammed aufhetzte, mit einigen andern meuchlings ermordet. Mohammed sandte nämlich den Dichter Abd Allah Ibn Rawaha mit einigen Muselmännern nach Cheibar, und ließ ihn einladen zu ihm nach Medina zu kommen, damit er ihn zum Häuptlinge seines Bezirks ernenne, gab jenem aber den Befehl, ihn unterwegs mit seinen Begleitern zu ermorden. Bei I. sollte er unter einem anderen Vorwande nach Medina gelockt werden.


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Fünftes Hauptstück.
Mohammed unternimmt eine Wallfahrt nach Mekka. Die Mekkaner widersetzen sich. Friedensschluß mit den Kureischiten. Feldzug von Cheibar. Mohammed soll vergiftet werden. Er heirathet Sasia und Um Habiba. Sein Bekehrungsschr