Auszug aus Henry Benrath: Vorarbeiten zu "Die Kaiserin Theophano"

HENRY BENRATH - VORARBEITEN

 

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HENRY BENRATH

Vorarbeiten zu „Die Kaiserin Theophano“

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Stuttgart Berlin

Deutsche Verlags-Anstalt

 

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Copyright 1941 by Deutsche Verlags-Anstalt G.M.B.H

Stuttgart. Printed in Germany. Druck der Deutschen Verlags-Anstalt G.M.B.H. Papier von der Papierfabrik Salach in Salach, Württemberg

 

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VORWORT DES VERFASSERS

 

Die wenigen (unter den unzähligen) Vorarbeiten zu der Prosadichtung «Die Kaiserin Theophano», welche in diesem Buche veröffentlicht werden, sollen dartun, daß ihr Verfasser einen geschichtlichen Stoff erst dann zu einem künstlerischen Gebilde auszuglühen vermag, wenn er ihn durch sachliche Klärung und psychologische Durchdringung auf die Ebene der größten Wahrscheinlichkeit hinaufgehoben hat.

 

Solange nicht mit mathematischer Genauigkeit alle Imponderabilien errechnet werden können, aus denen sich --- von Fall zu Fall --- geschichtliches Handeln ergibt, kann Geschichte niemals «faktische» Wahrheit sein.

 

Dem Dichter ist die Bemühung um die menschliche Seele aufgetragen, nachdem er sich das genaue Wissen um die Geschehnisse zu eigen gemacht hat. Die Geschehnisse ihrerseits aber erstrahlen ihm in besonderem Lichte, wenn er um Anlage und Art ihrer Verursacher und Vollzieher Bescheid weiß. Aus dieser beständigen Wechselwirkung wird die Dichtung geboren. Schon der Beginn ihrer Geburt ist die Überwindung des mühsam zusammengetragenen Stoffes: ist schon das Geheimnis. An den Schöpfer können also billigerweise keine Fragen mehr gerichtet werden.

 

Cerro (Lago Maggiore), Juli 1940.

 

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Wilhelm Braun

In Erinnerung an alle Jahre gemeinsamer Arbeit gewidmet

 

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Erster Teil

TEXT

 

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I WER WAR DIE KAISERIN THEOPHANO?

 

Der Universitätsbibliothek Basel in Dank gewidmet

 

Wir hatten in der Schule und auf der Universität gelernt, daß der Kaiser Otto I. (936-973) im Jahre 972 seinen einzigen Sohn, den Kaiser Otto II., mit der byzantinischen Prinzessin Theophano, der Tochter des Kaisers Romanos II., aus der sogenannten «makedonischen» Dynastie vermählt habe.

 

Theophano war also für uns die «purpurgeborene» Tochter des oströmischen «Basileus» (Herrschers), die Schwester der zukünftigen Thronerben Basileios II. und Konstantin VIII. Die deutschen und ausländischen Geschichtsschreiber, welche zu Anfang des 20. Jahrhunderts Geltung hatten, vertraten die gleiche Ansicht.

 

Daß schon im Jahre 1878 ein junger deutscher Gelehrter -- Johannes Moltmann -- in einer Inauguraldissertation (Göttingen), welche von hohem geschichtlichen Einfühlungsvermögen Zeugnis ablegt, mehr als berechtigte Zweifel an der Richtigkeit dieser allgemein gültigen Auffassung erhob, störte die Historiker nicht besonders. Moltmanns These lautete ganz einfach dahin, daß Theophano keine Prinzessin des makedonischen Kaiserhauses gewesen sein könne.

 

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Stammtafel der Kaiserin Theophano (956-991)

 

 

 

 

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Abstammung

 

Auch ich hatte lange die herrschende Auffassung zu der meinen gemacht, bevor ich die selten gewordene Dissertation Moltmanns zu Gesicht bekam. Es gab, nachdem ich sie mehrere Male gelesen und quellenmäßig überprüft hatte, für mich keinen Zweifel mehr, daß sie den Nagel auf den Kopf treffe: Theophano hatte nun auch für mich aufgehört, die «purpurgeborene» byzantinische Prinzessin zu sein, welche dem deutschen Königssohn zu einem Zeitpunkt vermählt wurde, als er schon gekrönter Mitkaiser seines Vaters war. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, die Argumente Moltmanns bis ins einzelne zu kommentieren. Ich kann Sie nur -- da ich Sie anerkenne -- psychologisch ausweiten.

 

Als Ausgangspunkt dieser Darlegungen ist folgende Tatsache festzuhalten: Es ist nirgends bestätigt, daß der Kaiser Romanos II. überhaupt eine Tochter des Namens Theophano gehabt habe. Romanos, der in zweiter Ehe mit einer Frau verheiratet war, welche Anastasia hieß und nicht näher zu bestimmender Abkunft war -- die Legende ihrer proletarischen Abkunft (Schankwirtstochter) muß natürlich mit größter Vorsicht aufgenommen werden ---, hatte außer seinen beiden Söhnen Basileios II. (geb. um 957) und Konstantin VIII. (geb. um 960) nur eine einzige, drei Tage nach seinem Tode zur Welt gekommene Tochter (963), Anna mit Namen. Nur dieser Tochter also könnte die durch den Bischof Liutprand von Cremona im Jahre 968 vorgetragene Werbung Ottos I. gegolten haben, sofern die Braut der herrschenden makedonischen Dynastie entstammen sollte. Es ist uns

 

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nicht einmal bekannt, ob Liutprand während seines Aufenthaltes in Byzanz überhaupt die damals erst fünfjährige Prinzessin Anna zu Gesicht bekam. Sein berühmter Bericht über seine Reise schweigt sich über die Frage der Werbung und ihrer Begleitumstände aus. Als sicher dürfen wir annehmen, daß er den Kaiser Otto I. zu weiteren Werbungen in Byzanz nicht eben ermutigt hat. Und ebenso sicher dürfen wir damit rechnen, daß Ottos Gemahlin, die Kaiserin Adelheid, welche als Tochter des burgundischen Königs Rudolf II. und seiner Gattin Bertha welfisch-schwäbisches Blut in den Adern hatte, eine Ehe ihres Sohnes mit dem «purpurgeborenen» Kind aus Byzanz nicht mit freundlichen Augen ansah. Es war also der Stand der Dinge Anfang 969 so: Die Werbung Ottos I. um die Prinzessin Anna hatte zu keinem Ziel geführt. Von einer Prinzessin Theophano, welche als Ersatz hätte in Frage kommen können, verlautet nichts.

 

Ein zweiter, vielleicht der wichtigste Punkt im Verlauf der Aufklärung, ist dieser: Wir besitzen die Schenkungsurkunde des jungverheirateten Kaisers Otto II. an seine Gattin Theophano aus dem Jahre 972:


also ein Dokument allerersten Ranges, an dem nichts zu deuten und zu drehen ist. Im Jahre 972 regierte in Byzanz Johannes Tsimiskes, welcher nicht der makedonischen Dynastie angehörte. In der Schenkungsurkunde nun wird Theophano nur bezeichnet als die Nichte dieses Kaisers Tsimiskes. Ist es glaubhaft, daß man in einem so bedeutsamen Dokument die junge Kaiserin nicht als Tochter des Kaisers Romanos II. aufgeführt hätte, wenn Sie es gewesen wäre? Sollte man in der Rücksicht auf den Kaiser Tsimiskes soweit gegangen sein, den Rang einer

 

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Nichte des augenblicklichen Throninhabers für höher zu erachten als den Rang einer «purpurgeborenen» Tochter des verstorbenen Kaisers aus der Makedonenfamilie? Das ist, nach der äußerst strengen Auffassung jener Zeiten, völlig ausgeschlossen. Percy Schramm, der bekannte deutsche Historiker, hat in seiner prachtvollen Arbeit «Kaiser, Papst und Basileus» dieser psychologischen Begründung noch eine sehr einleuchtende formale zugefügt: er weist nach, daß die Schenkungsurkunde abgefaßt ist nach der genauen Vorlage einer andern Schenkungsurkunde: nämlich derjenigen des Königs Lothar von Italien an seine Gattin Adelheid (die in zweiter Ehe mit Otto I. verheiratete Kaiserin). In dieser Urkunde wird Adelheid, wie es ganz selbstverständlich ist, als «Tochter des Königs Rudolf erlauchten Angedenkens» bezeichnet. Das Fehlen eines solchen präzisen genealogischen Hinweises in der Urkunde der Theophano beweist, daß er billigerweise nicht angebracht werden konnte.

 

Es gibt einen dritten Punkt, dessen Gewicht das schon vorhandene Ergebnis vertieft. Er liegt im Bereich der kanonischen Gesetzgebung und wird auch von Schramm angeführt. Er hilft uns, den mittelbaren (indirekten) Beweis dafür zu erbringen, daß die Kaiserin Theophano unmöglich die Tochter Romanos‘ II. gewesen sein kann.

 

Theophano war -- wie jeder weiß -- die Mutter Ottos III., eines der ungewöhnlichsten und genialsten Menschen, die jemals den deutsch-römischen Kaiserthron innehatten. Er wurde von manchen seiner Zeitgenossen «Wunder der Welt» genannt. Nach der seither üblichen Auffassung, welche in Theophano die Tochter Romanos' II.

 

Benrath, Vorarbeiten 2

 

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sehen will, hätte also Otto III. neben dem sächsisch-welfisch-schwäbischen Blut seines Vaters, Ottos II. auch das Blut der makedonischen Dynastie und außerdem das unbestimmbare Blut seiner mütterlichen Großmutter --- der angeblichen Schankwirtstochter Anastasia --- in seinen Adern getragen: also eben jene Mischung, welche man ihm oft genug vorwarf und als die Quelle seiner Sonderbarkeiten oder gar seiner «Dekadenz» bezeichnete. Er wäre --- durch seine Mutter Theophano --- der Neffe der Kaiser Basileios II. und Konstantin VIII. Gewesen, welche schon vor seiner Geburt, seit dem Jahre 976, nach dem Tode des Kaisers Tsimiskes, die Herrschaft der makedonischen Dynastie unter unter einer gemeinsamen Regierung fortführten. Basileios II. war unverheiratet und ohne Leibeserben. Konstantin VIII. aber hatte drei Töchter, Eudokia, welche, durch Pockennarben entstellt, als Nonne in einem Kloster lebte, und die späteren Kaiserinnen Zoë und Theodora.



Zoë nun (oder auch Theodora, was auf das gleiche hinausläuft), welche im Jahre 980 geboren wurde, ist eben diejenige byzantinische, «purpurgeborene» Prinzessin, um deren Hand Otto III. in der Mitte der Neunzigerjahre werben ließ. Sie war gleichaltrig mit ihm --- und wäre die Tochter seines blutsverwandten Onkels, also seine Kusine gewesen, sofern man in Theophano die Tochter des Romanos II. und die Schwester des Kaisers Konstantin VIII., also die blutsverwandte Tante der Zoë, sehen will.

 

Nun: es ist nach den Auffassungen des 10. Jahrhunderts, und besonders nach den unendlich strengen, die in Byzanz herrschten, ganz ausgeschlossen, daß eine Ehe von Vetter und Kusine (welche immer Blutsverwandte sind)

 

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jemals hätte vollzogen werden können. Die Bewerbung Ottos III. um die Prinzessin Zoë (oder Theodora) ist geschichtliche Tatsache. Also kann Theophano unmöglich die Schwester Konstantins VIII., unmöglich die Tochter Romanos‘ II. gewesen sein, Zwischen ihr und der makedonischen Dynastie kann überhaupt keine Verwandschaft bestanden haben. Hiermit ist der erste Teil der Beweisführung abgeschlossen. Wir wissen genau, wer Theophano nicht war. Unsere weitere Bemühung hat nun zu ergründen, wer sie war.

 

Ein einziger Anhaltspunkt ist --- geschichtlich --- aus der Schenkungsurkunde gegeben: Sie war die Nichte des Kaisers Johannes Tsimiskes, der von 969 bis 976 regierte, nachdem er seinen Vorgänger (Vetter oder Onkel), den mißliebig gewordenen Kaiser Nikephoros Phokas II. (963--969), beseitigt hatte. Wieso war Theophano die Nichte des Tsimiskes? Durch Bande des Blutes oder durch Anheirat ? Durch Anheirat, behaupten die Vertreter der der Meinung, daß Theophano als die Tochter Romanos‘ II. angesprochen werden müsse, auch wenn kein einziger überlieferter Stammbaum der Familie des Romanos diesen Namen führt. Denn: (argumentiert man) Der Kaiser Tsimiskes war in zweiter Ehe (971) verheiratet mit Theodora, einer Schwester des Kaisers Romanos, also einer Tochter des Kaisers Konstantin VII. Porphyrogenetos: also einer blutsverwandten Tante der Theophano. Durch diese Ehe, welche eine nahe Verwandschaft des armenischen Tsimiskes mit der makedonischen Dynastie herstellen sollte, wäre Theophano als Sprossin

 

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der gleichen Dynastie zu einer angeheirateten Nichte des Tsimiskes geworden. Ihre Bezeichnung als solche in der ehelichen Schenkungsurkunde ihres Gatten bestünde also zu Recht.

 

Diese Argumentation scheidet für jeden aus, der sich mit uns davon überzeugt hat, daß Theophano mit der makedonischen Dynastie nichts zu tun gehabt haben kann. Es bleibt also --- nach Ablehnung der unmöglichen Version --- nur die Tatsache bestehen, daß sie infolge anderer Verwandtschaftsbeziehungen die Nichte des Tsimiskes gewesen sein muß. Welcher?

 

Wir wissen nichts von Brüdern oder Schwestern des Kaisers Tsimiskes. Immerhin: es könnte der Fall gewesen sein, daß er solche gehabt hätte, auch wenn sie im Stammbaum seiner Familie nicht erwähnt wären. Denn wir können für die Genealogie einer noch so hohen Adelsfamilie von seiten der zeitgenössischen Historiker nicht dieselbe Genauigkeit der Namensverzeichnung voraussetzen wie für die regierende Kaiserfamilie. Johannes Tsimiskes gehörte dem vornehmsten armenischen Geschlechte an, das es damals gab: dem Geschlecht der Kurkuas (oder Gurgen), dessen Stellung im oströmischen Reich etwa mit derjenigen einer deutschen oder französischen Herzogsfamilie der gleichen Epoche verglichen werden kann. Theophano könnte also sehr wohl die Tochter eines Bruders oder einer Schwester des Tsimiskes gewesen sein und daher in der Urkunde als seine «Nichte» bezeichnet werden. Es möge hier sogleich gesagt sein, daß diese Möglichkeit für jeden zu Recht besteht, dem die nächstfolgenden Beweisführungen nicht stichhaltig genug erscheinen. Wir selbst können, sofern

 

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wir auf Grund historischer Gegebenneiten alle Chancen der Kombinationen gewissenhaft überprüfen und ausnutzen wollen, nicht bei dieser sehr vagen Wahrscheinlichkeitsrechnung stehenbleiben.

 

Erledigen wir hier zunächst noch eine Zwischenfrage: Den Fall gesetzt, Theophano wäre tasächlich eine Bruder- oder Schwestertochter des Tsimiskes und also aus dem Blute der armenischen Kurkuas gewesen: hätte ihr diese Abstammung die Berechtighng gegeben, als Mitglied des kaiserlichen Hauses geführt zu werden? Unbedingt, nachdem die zweite Werbung des Kaisers Otto I. ja erst zu einem Zeitpunkt erfolgt war, wo Tsimiskes schon den Purpur trug. Sie hätte durchaus im Rang einer dem regierenden Hause angehörigen «Prinzessin» getragen, wenn auch nicht den höchsten Rang einer «Purpurgeborenen» und Otto II. hätte auf alle Fälle eine ebenbürtige Braut zugeführt bekommen. Denn er selbst war ja auch nicht in kaiserlichem Purpur geboren. Er war der Sohn eines deutschen Königs. Otto I. Kaiserkrönung erfolgte erst sieben Jahre nach Otto II. Geburt, nämlich am 2. Februar 962.

 

Kehren wir zum eigentlichen Thema zurück. Welchen geschichtlichen Anhaltspunkt haben wir noch, der uns einen Weg weisen könnte? Einen einzigen, sehr bedeutsamen, welcher der Berechnung neue Bahnen weist, und zwar solche, die bis jetzt von noch keinem Forscher beschritten worden sind.

 

Wir wissen, wer die erste Frau des Kaisers Tsimiskes war: Maria Skleros, die Sprossin einer Familie des hohen Militäradels, welche an Geltung der Familie Kurkuas wohl kaum nachstand. Maria Skleros ist schon

 

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vor der Thronbesteigung des Tsimiskes gestorben, und zwar kinderlos. Es könnte also auch von der Seite Skleros her Theophano eine Nichte des Tsimiskes gewesen sein: eine Nichte durch Anheirat. Ihre Mutter oder ihr Vater könnte ein Glied der Familie Skleros gewesen sein. Aufschluß kann nur der Stammbaum der Familie Skleros geben. Welchen? Wir stellen fest, daß Maria Skleros, die frühverstorbene erste Gattin des Tsimiskes, zwei Brüder hatte: den nach dem Tode des Tsimiskes durch eine Rebellion gegen die makedonischen Kaiser Basileios II. und Konstantin VIII. berühmt gewordenen Heerführer und Potentaten Bardas Skleros (der sich selbst zum Kaiser ausrief) und Konstantin Skleros, welcher seinem Bruder Bardas treu zur Seite stand und zweifellos die Schaffung einer Dynastie Skleros mit allen Kräften und gutem Feldherrntalent begünstigte. Von der Gattin des Bardas Skleros wissen wir nichts. Es ist uns nur sein Sohn Romanos Skleros bekannt, den er auf äußerst geschickte Weise --- gewissermaßen als Rückendeckung «für alle Fälle» -- in sein politisches Spiel einsetzte. Aber der Name der Gattin des Konstantin Skleros ist uns überliefert: und dieser Name ist es, der den Kreis unserer Berechnungen in einer geradezu verblüffenden Weise schließt: Konstantin Skleros war verheiratet mit Sofia Phokas, der Sprossin des dritten Adelsgeschlechtes, das in der byzantinischen Geschichte des 9. und 10. Jahrhunderts im Vordergrunde steht. Sofia Phokas war die Tochter des Leo Phokas, des Präfekten von Kappadokien, des späteren Großadmirals der byzantinischen Flotte und schließlich des Oberhofmarschalls am Hofe seines berühmten Bruders, des Kaisers

 

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Nikephoras Phokas II., der von Tsimiskes --- wie schon gesagt wurde --- 969 beseitigt worden war. Sofia Phokas war also die blutsverwandte Nichte des Kaisers Nikephoros Phokas.

 

Es ist nicht der Name Phokas: es ist der Name Sofia, der uns blitzartig die Zusammenhänge enthüllt, welche wir zu ergründen versuchen.

 

Theophanos beide erste Kinder aus ihrer Ehe mit Otto II. waren Mädchen, geboren 977 und 978. Nach der Sitte der damaligen Zeit gab man den Enkelkindern die Namen der Großväter bzw. Großmütter, indem man der väterlichen Linie den Vorrang ließ. Wir sehen also, daß die älteste Tochter nach der väterlichen Mutter Adelheid genannt wurde. Die zweite aber erhielt --- nach der mütterlichen Mutter--- den Namen Sofia. Theophanos Mutter muß also den Namen Sofia getragen haben.

 

Konstantin Skleros war der Bruder der Maria Skleros, der Gattin des Tsimiskes, also der Schwager des Tsimiskes. Seine Tochter mußte also die Nichte des Tsimiskes sein (durch Anheirat): Nun: niemand anderes als Theophano war diese in der Schenkungsurkunde erwähnte «Nichte des Kaisers Johannes (Tsimiskes) in Konstantinopel»: Theophano war die Tochter des Konstantin Skleros und der Sofia Phokas. Sie war damit nach zwei Seiten hin «kaiserliche» Prinzessin, ja, sie war dem Kaliser Nikephoros Phokas II., ihrem Großonkel, sogar blutsverwandt.

 

Dieses ist die logische und lückenlose Errechnung der Herkunft der Kaiserin Theophano auf Grund der geschichtlichen, wie ein feines Räderwerk ineinandergreifenden

 

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Tatsachen. Andere (unkontrollierbare) Möglichkeiten bestehen noch, wie schon ausgeführt wurde: Solange aber Geschichtsschreibung sich zunächst noch auf Tatsachen stützt und nicht ausschließlich auf psychologische Spekulation, muß den logischen Ergebnissen, welche den Tatsachen entspringen, der Vorrang gegeben werden: und dies doppelt, wenn diese Ergebnisse die Kraft haben, mühelos ein Dunkel aufzulichten, das seither in quälender Undurchdringlichkeit auf einer ganzen Reihe widerspruchsvoller, kaum erklärbarer Ereignisse lag.

 

Es wird berichtet, einige abendländische «Große»hätten die Sendung der Theophano statt der Anna für einen bewußten Betrug des Tsimiskes gehalten und dem Kaiser nahegelegt, die «unerwünschte» Braut nach Byzanz zurückzuschicken. Das scheint der Form nach, in der es übermittelt wird, ganz unglaubhaft. Es ist sehr wohl möglich, daß in manchen deutschen Hofkreisen --- und gerade vielleicht in der Umgebung der Kaiserin Adelheid --- solche Stimmen laut wurden, weil überhaupt eine Abneigung gegen eine Ehe des deutschen Kaisersohnes und schon gekrönten Kaisers mit einer byzantinischen Prinzessin bestand: man hoffte mit der Ablehnung Theophanos die ganze Frage aus der Welt zu schaffen: aber Otto I. war nicht gesonnen, solchen «Stimmungen» Rechnung zu tragen, wenn die Verwirklichung großangelegter politischer Pläne auf dem Spiele stand, die er gründlich erwogen und wiedererwogen hatte. Im Gegenteil: Otto I. hatte wohl mehr als gut begriffen, daß ihm --- so wie nun einmal bei der zweiten Werbung durch den Erzbischof

 

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Gero von Köln (971) die weltpolitischen Verhältnisse lagen --- eine dem damals de facto regierenden Kaiser Tsimiskes nah verwandte Prinzessin Skleros ganz andere Dienste leisten konnte als die achtjährige Tochter einer in den Schatten gedrängten Dynastie (der makedonischen), von der niemand wissen konnte, ob sie je noch einmal ans Ruder gelangen würde. Tsimiskes war im Jahre der zweiten Werbung erst 46 Jahre alt. Er war eben eine zweite Ehe mit einer makedonischen Prinzessin, mit Theodora, der Schwester Romanos‘ II., eingegangen. Wer sagte, daß er ohne Erben bleiben würde? Wer sollte vollends glauben, daß er einem eigenen Sohne, der mütterlicherseits ja nun ebenfalls makedonisches Blut getragen hätte, nicht das Vorrecht der Erbfolge vor seinen «Schützlingen» Basileios und Konstantin gesichert hätte?

 

Außerdem aber: es mußte auch der abendländischen, ottonischen Dynastie daran gelegen sein, rasch Erben zu bekommen. Otto war im Jahr der Eheschließung (972) 17 Jahre alt, Theophano 16. Diese Ehe konnte sofort vollzogen werden. Schon 973 konnte ein Erbe da sein: zum Besten der Reichseinheit, welche immer noch im Innern von den Stammesgewalten, an den Grenzen aber durch gefährliche Barbarenvölker bedroht war. Eine 972 mit einem achtjährigen Mädchen geschlossene Ehe aber konnte vor dem Jahre 977 nicht vollzogen werden. Denkt man sich sorgfältig in die Berechnungen Ottos I. ein, so muß man geradeswegs zu dem Schluß kommen, daß seine zweite Werbung (971) gar nicht mehr einer Prinzessin aus dem makedonischen Hause gegolten haben kann! Ich möchte es als sicher ansehen, daß er seinem

 

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Mittelsmann, dem durchaus weltläufigen und gebildeten Erzbischof Gero von Köln, im geheimen Winke dahin gegeben hat, eine Verwandte des Kaisers Tsimiskes als Braut zu erbitten. Das war doch --- so wie sich die Dinge im Osten nun einmal gestaltet hatten --- das Natürlichste, das politisch Klügste und Zweckmäßigste. Daß jemals eine byzantinische Prinzessin, wer immer sie sei, dem deutschen Kaiser die zu Byzanz gehörenden Süditalienischen Themen (Provinzen) Kalabrien und Apulien als Mitgift bringen würde: das hat Otto I., der große Realpolitiker, wohl niemals geglaubt. Daß aber die Verwandte des regierenden Kaisers Tsimiskes, welche mit allen einer «Purpurgeborenen»geschuldeten Ehren empfangen wurde, obwohl Sie eine solche nicht war, die Garantie des Status quo (neben großen Reichtümern) mitbrachte: das war das Äußerste, auf das man deutscherseits rechnen konnte. Theophano brachte diese Garantie. Solange Tsimiskes regierte, war Friede zwischen Ost und West. Erst als die Makedonenprinzen Basileios und Konstantin nach 976 doch noch zur tatsächlichen Herrschaft gekommen waren, änderte sich die Lage. Die nächste Verwandte ihrer schlimmsten Gegner, der Skleros, saß ja nun als Kaiserin auf dem deutsch-römischen Thron: eine Konstellation, die niemand hatte errechnen können.

 

Nach allem Ausgeführten also ließe sich sogar rückschließend sagen: Theophano konnte auch schon deswegen gar keine kaiserliche Prinzessin aus dem makedonischen Herrscherhause sein, weil der Kaiser Otto I. eine solche nach der Thronbesteigung des Tsimiskes gar nicht mehr als Gattin seines Sohnes hätte gebrauchen können. Kaiserliche Ehen sind immer politische Ehen: innen- oder

 

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außenpolitische, und was heute wünschenswert erscheint, ist es morgen nicht mehr. So paradox es klingen mag: Theophano ist deutsch-römische Kaiserin geworden, weil Sie keine Prinzessin, keine «Purpurgeborene» der makedonischen Dynastie war. Eine solche hätte Tsimiskes nicht geschickt, denn man gibt seinen geheimen Feinden keine Wirkungsmöglichkeiten in seinem Rücken --- eine solche auch hätte Otto I. nicht mehr angenommen: denn man setzt nicht auf eine ausgespielte Karte, die --- nach menschlichem Ermessen --- in absehbarer Zeit nicht mehr in das Spiel zurückkehren wird.

 

Wesen und politische Haltung

 

Charakter, Leben und Politik der Kaiserin Theophano, einer der außergewöhnlichsten Frauengestalten der deutschen Kaisergeschichte, werden erst klar, wenn man in ihr die Sprossin der byzantinischen Hochadelsgeschlechter Phokas-Skleros sieht und eben damit die Gegenspielerin der makedonischen Dynastie. Die Familie Phokas hatte in Nikephoros Phokas II. den Purpur schon getragen, und die Familie Skleros, dem Tsimiskes aufs engste befreundet, strebte nach dessen Tode (976) den Purpur an. So sachlich und so witterungssicher auch Theophano in die abendländischen Verhältnisse, in die vielen Aufgaben einer abendländischen, deutsch-römischen Kaiserin hineingewachsen war: ihr Herz mußte, wenn Sie an die Geschehnisse in ihrer Heimat während der Jahre 976 bis 989 dachte, auf Seiten ihrer Familie, also der Rebellen Skleros, sein. Ihr Herz mußte --- entgegen allen falschen

 

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Auslegungen ihrer politischen Haltung --- auch mit ihrem Gatten sein, als dieser im Jahre 982 den Sarazenenkrieg in Süditalien begann. Wenn uns berichtet wird, daß Theophano sich nach der furchtbaren Niederlage ihres Gatten bei Cotrone (15. Juli 982) zu bitteren, ja zu bösen Worten habe hinreißen lassen, so galt diese Wut nicht den süditalischen Abwehrkämpfen selbst, sondern --- und dies mit vollem Recht --- der leichtsinnigen Kriegsführung, durch welche da ein jugendlich-ungestümer, oft genug das rechte Maß vergessender Herrscher weltpolitische Interessen des Reiches verspielte. Gerade weil in Theophano das Blut alten Militäradels lebendig war, haßte sie den militärischen Dilettantismus des blinden Draufgängertums, gerade weil ihr ganzes Sein der abendländischen Reichsmacht gehörte, war sie die kühle, ja eiskalte Rechnerin, welche in sinnloser Kräftevergeudung ein Verbrechen an der Substanz des Imperiums sah. Sie hat, solange Sie allein regierte (von 983 bis 991), bewiesen, wie Sie Kräfte zu sparen und auszugewichten verstand: Sie hat geherrscht mit einer Beherrschtheit, die ihr hohes politisches und moralisches Lob selbst eines so kritischen Historikers wie Thietmars von Merseburg eintrug. Sie hat geherrscht als Realistin, welche Fragen des Abendlandes als Fragen des Abendlandes aufzufassen und anzupacken verstand, ganz und gar nicht aber als byzantinische «Purpurgeborene». Sie war eben --- zu ihrem eigenen Glück --- keine «Purpurgeborene» aus der Magnaura von Byzanz: Sie war eine Skleros, eine Phokas, eine Geistesverwandte (und sicherlich Freundin) des hochbegabten Johannes Tsimiskes, in dem man einen der glanzvollsten und menschlich-weitesten Herrscher

 

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der byzantinischen Geschichte zu sehen hat. Nein: der Kaiser Otto I. hatte keinen schlechten Tausch gemacht, als man ihm statt der im Kindesalter stehenden Prinzessin Anna aus der makedonischen Dynastie die sechzehnjährige Prinzessin Theophano aus dem Hause der Fürsten Skleros nach Rom sandte.

 

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Die Kaiserin Theophano konnte am deutschen Hofe unmöglich das sein, was man eine «beliebte» Persönlichkeit nennt. Sie konnte bestaunt, vielleicht bewundert werden. Ihre wahre Bedeutung aber war bestimmt nur wenigen erhabenen Geistern klar: einem Willigis von Mainz, einem Bernward von Hildesheim, einem Gerbert von Reims, einem Adalbero von Reims, einer Äbtissin Mathilde von Quedlinburg, einer Beatrix von Lothringen. Sicherlich auch ihrem Gatten und der Kaiserin Adelheid: obwohl zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter niemals ein gefühlsmäßig freundliches Verhältnis aufkommen konnte. Der innere Abstand war zu groß. Die kalte Rechnerin Theophano lag dem sentimentalen Temperament der matronenhaften Adelheid nicht. Adelheid mußte mißtrauisch sein gegen eine Frau vom Schlage Theophanos. Sie mußte dies um so mehr, als 'Theophano sich --- dank ihrer hohen Intelligenz --- in erstaunlicher Weise den abendländischen, den deutschen, ja den sächsischen Notwendigkeiten anzupassen verstand. Kein größerer Unsinn ist über diese wahrhaft fürstliche Fürstin geschrieben worden als der, sie habe ihren Sohn seiner deutschen (sächsischen) Art und Aufgabe entfremdet und zu einem «verweichlichten» Byzantiner

 

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gemacht. Das genaue Gegenteil ist wahr. Sie hat diesen ihren einzigen Sohn, der ein Mensch von starker körperlicher, geistiger und seelischer Vitalität war, schon in seinen Kinderjahren mit gewollter Strenge erzogen. Sie hat das sechsjährige Kind schon auf einen Wenden-Feldzug mitführen lassen; sie hat seiner körperlichen Ausbildung dieselbe Sorgfalt gewidmet wie seiner geistigen. Ottos III. körperliche und politische Erziehung lag in deutschen Händen: nur im Griechischen konnte ihn Theophano nicht von einem Deutschen unterrichten lassen: dazu bedurfte es eines griechischen Lehrers und ihrer eigenen Bemühungen. Sie hätte sich einer sträflichen Nachlässigkeit schuldig gemacht, wenn Sie ihrem Sohne die vollkommenste Kenntnis ihrer griechischen Muttersprache, welche damals wieder Weltsprache geworden war, nicht übermittelt hätte. Daß aus der Kenntnis dieser Sprache heraus Otto III. zu einem byzantinisch gefärbten Imperialismus gekommen sei, ist eine ebenso oberflächliche Unterstellung wie das Gerede von der Fremdheit seiner Mutter. Ottos III. politische Auffassungen waren durch westliche, durch abendländische Vorstellungen und Hoffnungen bestimmt, wie sie damals in der Luft lagen. Er träumte --- wozu ihn die Politik seines Großvaters (und Vaters) ja geradezu hingetrieben hatte --- von einer «Renovatio imperii Romanorum», von einer «Erneuerung des Reiches der Römer», dessen Mitte Rom sein sollte: in bewußter Stellungnahme gegen die Anmaßung von Byzanz, von «Neu-Rom» (Nova Roma), wie sich lange Zeit die Konstantinstadt genannt hatte.

 

Wozu, da wir von Theophano sprechen und nicht von

 

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ihrem Sohn, alle diese Hinweise und Erwägungen? Nun: es will mir scheinen, daß auch sie ein gewisses Licht auf die Abstammung der Theophano werfen. Ich glaube eben nicht, daß eine «purpurgeborene» Prinzessin der makedonischen Dynastie, eine im kaiserlichen Gynaikeion (Frauenhaus) mit allem Dünkel gottähnlicher Herrlichkeit aufgezogene Frau ihre deutschen Kinder so ausgebildet hätte, wie es Theophano tat. (Ihre Töchter Adelheid und Sofia, die späteren Äbtissinnen, erhielten eine sächsische Erziehung.) Theophano besaß den icheren Blick einer Frau, die sich in reichlich freier Anschauung der Welt und ihrer sonderbaren Angelegenheiten hatte entfalten können. Eine Prinzessin Skleros hatte natürlich enge Bindungen an den Hof und sein Zeremoniell: aber diese Bindungen waren nicht die Fesseln, welche sie für jede «Purpurgeborene» sein mußten. Theophano hatte weltmännisches Gepräge: das kann keine «Purpurgeborene» haben, die immer nur «Purpurgeborene» bleibt und an der Enge solcher Geburt jedesmal da scheitern wird, wo das «Schema» aufgegeben werden muß. Es läßt sich im Leben Theophanos kein Schematismus feststellen. Sie erscheint auf jedem Kampfplatz, auf den sie das Leben ruft, mit der fast militärischen Präzision hohen persönlichen Verantwortungsgefühles; sie verbirgt sich niemals im elfenbeinernen Turm falsch verstandener Würde und überschätzten Gottesgnadentums. Wenn Sie also schon als eine so «freie» Frau an den deutschen Hof kam, wie es niemals eine aus der das Gottesreich nachahmenden byzantinischen Hierarchie stammende «Purpurgeborene» hätte sein können, so hat die immer bewegte, wenn auch nicht allzu milde Luft, welche den

 

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deutsch-römischen Hofstaat umwehte, ihre natürlichen Anlagen erst recht entfaltet. Man darf wohl annehmen, daß sie unter der kritischen Schau der Entfernung den geheimen Zweck der byzantinischen Majestätsvergottung als das gesehen und gewertet hat, was er war: als das wohlberechnete Mittel, die Massen mit eben den Trugbildern im Zaum zu halten, an die sie sich selber klammerten. Wir hören nichts davon, daß sie sich jemals nach Byzanz zurückgesehnt hätte. Der menschlich-gefühlsmäßige Mittelpunkt ihres Lebens war nicht ihr Gatte, sondern ihr Sohn. Der geistige Mittelpunkt aber war ihre politische Aufgabe, der sie sich geopfert hat. Nicht einen Augenblick lang hat sie die Zügel aus der Hand gegeben. Nicht einen Augenblick lang den Blick von dem Schachbrett der deutsch-römischen Weltpolitik abgewendet, auf dem sie ihr Spiel zu spielen hatte: und ganz besonders, von 983 an bis zu ihrem Tode, das große deutsch-französische Spiel.

 

Es ist unfaßlich, daß die deutsche Geschichtsschreibung dieses gewaltige Schlußkapitel aus dem Leben Theophanos immer nur stiefmütterlich behandelt hat. Die allgemeine Formel darüber lautet, es sei Theophano nichts anderes übriggeblieben, als den Bestand der Herrschaft, wie Sie ihn beim Tode ihres Gatten Otto II. im Jahre 983 vorfand, zu erhalten. Neues habe sie nicht schaffen können. Eine solche Feststellung --- als Werturteil --- bekundet weiter nichts als die Beschränktheit ihrer Verkünder: als ob es nicht --- je nach den Umständen --- hundertmal wesentlicher sein könne, ein dauernd Gefährdetes zusammenzuhalten, als ein «Neues» zu erwerben, dessen unabmeßbare Gewichte vielleicht sogar

 

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die Basis des «Alten», des halbwegs Gesicherten, zu zerstören vermöchten.

 

Außerdem aber ist es gar nicht wahr, daß Theophano nicht auf «Neues», das im Bereich erfüllbarer Möglichkeiten lag, gesonnen hätte. Theophano hat, vom zentralen Deutschland aus, bewußt Slawen-, das heißt Ostpolitik getrieben, und gleichzeitig, über Lothringen und den imperial gesinnten Teil des französischen Klerus, eine Westpolitik, von deren genialem Raffinement jeder Politiker jederzeit hätte lernen können. Sie war zum Krieg gegen ihren Vetter Hugo Kapet, den französischen König, im Frühjahr 991 bereit. Sie starb in dem Augenblick, wo sie den großen Schlag hätte führen können. Sie hatte sich --- durch persönliches Eingreifen an Ort und Stelle --- in Rom bei dem Papst und dem Patricius Crescentius den Rücken gedeckt: ihre Anwesenheit in dem lothringischen Nymwegen, dicht an der französischen Grenze, um Ende Mai 991, beweist, daß sie nicht gesonnen war, der dem Imperium gefährlich werdenden Entwicklung der kapetingischen National- und der kirchlichen Absonderungspolitik in Frankreich tatenlos zuzuschauen. Es ist nicht nur möglich, es ist sogar wahrscheinlich, daß sie die Konsolidierung des französischen Nationalstaates unter kapetingischer Führung im Interesse der von ihr befolgten deutschen Reichspolitik, welche unter ihrer Herrschaft realistisch und nicht ideologisch war, gesprengt hätte. Ihre Mittelsmänner in Frankreich waren an der Arbeit: blieben auch noch an der Arbeit nach ihrem Tode. Die Grundlinie Aachen-Rom --- die unentbehrliche Grundlinie des Imperiums --- hätte das ihrige zur Vollendung des Planes beigetragen.

 

Benrath, Vorarbeiten 3

 

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Byzanz --- die makedonische Dynastie des Basileios II. und Konstantin VIII. ---ist seit Theophanos Tode dieser Hypothenuse der kaiserlichen Politik heimlich in den Rücken geschlichen. So blieb Theophanos Sohn, Otto III., zunächst nichts anderes übrig, als diese Basis wieder zu festigen und, wenn möglich, auszubauen. Nichts anderes hat Otto III. getan. Daß er den realpolitischen Plan seiner Mutter dann noch --- dank dem Einfluß des Erzbischofs Gerbert von Reims, später von Ravenna --- ideologisch unterlegte, war, von uns Heutigen aus gesehen, wohl ein Irrtum. Von den Bedingungen der damaligen Zeit aus gesehen, war er nicht mehr und nicht weniger als ein Versuch, der sehr wohl hätte gelingen können, wenn nicht die beiden Hauptträger des Gedankens dieser «Renovatio», dieser «Erneuerung», Otto und Gerbert, schon in den Jahren 1002 und 1003 gestorben wären. Vor dem verfrühten Tode täterischer Menschen aber --- sei es politischer, sei es rein geistiger --- schweigt jeder Kommentar der unvollendeten Leistung. Auch Theophanos verfrühter Tod enthebt uns eines Endurteils über das «Ergebnis». Aber wir neigen uns in Ehrfurcht und Bewunderung vor ihrem unbeugsamen Willen, vor ihrer strengen Pflichterfüllung und vor ihrer gläubigen Hingabe an die vom Schicksal zugewiesene deutsche Aufgabe.

 

Geschrieben: Paris, 1937.

 

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BILDNIS DER KAISERIN TIEKOPHANO (956--991)

 

REDE, GEHALTEN IN DER GESELLSCHAFT ZUR FÖRDERUNG KULTURELLEN LEBENS

 

ZÜRICH, AM 2. MÄRZ 1939

 

Meine Damen und Herren:
Von der Kaiserin Theophano, der Mutter Ottos III., der Gattin Ottos II., der Schwiegertochter Ottos I., sprechen, heißt in den unruhevollen Halbdämmer jenes zehnten Jahrhunderts hinabsteigen, aus dem sich --- ahnungsschwer --- die ersten Konturen des «Abendlandes» aufheben.

 

Von der Kaiserin Theophano sprechen, heißt ein Bildnis beschwören, dessen kühle, dessen unnahbare Schönheit das Entzücken aller künstlerischen Menschen erweckt, aller Menschen auch, denen Würde, Selbstzucht, Verantwortungsgefühl und Herrschersinn überzeitliche Grundwerte unseres Daseins bedeuten. Von Theophano sprechen, heißt sich zu glaubhaftem Kaisertum bekennen und der begnadeten Größe bedingungslos den Vorrang einräumen vor allen Ansprüchen der landläufigen Kaste oder Clique.

 

Dieses Bildnis aber zeichnen, heißt ein vielbewegtes

 

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Menschenleben zurückführen auf die Gesetze, aus denen es lebte: Gesetze, welche stärker waren als alle Umstände, in denen Sie sich auswirkten, mächtiger als alle Formen, die zu schaffen ihnen aufgetragen war.

 

Wer war die Kaiserin Theophano? Lange ist sie von der Geschichtsforschung für eine im Purpur geborene Tochter des Kaisers Romanos II. von Byzanz gehalten worden. Schon im Jahre 1876 hat ein deutscher Gelehrter, Johannes Moltmann, diese Auffassung bekämpft und in einer ausgezeichneten Dissertation (Göttingen) nachgewiesen, daß Theophano keine Prinzessin aus der byzantinisch-makedonischen Dynastie, welcher Romanos II. angehörte, gewesen sein könne. Der Nachweis, obwohl überzeugend geführt, wurde von der Zunft nicht anerkannt. Es erschien eben unmöglich, daß der abendländische Kaiser Otto II. sich mit einer Gattin «begnügt» hätte, welche nicht aus der makedonischen (= legitimen) Dynastie Ostroms stammte. Die heutige Geschichtsschreibung hat Moltmanns These angenommen. Es ist mir selbst, nach endlosem Durchsuchen und Überprüfen des genealogischen Quellenmateriales, im Frühjahr 1938 gelungen, die Richtigkeit der Moltmannschen Auffassung dadurch zu erhärten, daß ich nachweisen konnte, welcher Familie Theophano tatsächlich entsprossen ist. Sie war die Tochter des Fürsten Konstantin Skleros und der Prinzessin Sofia Phokas. Sie gehörte also dem höchsten byzantinischen Militäradel an. Sie war aber --- infolge ihrer Abstammung --- auch Mitglied zweier kaiserlichen Familien. Die Schwester ihres Vaters, Maria Skleros, war die erste Gattin des Kaisers Johannes Tsimiskes, sie selbst also dessen Nichte.

 

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Ihre Mutter aber war die Nichte des Kaisers Nikephoros Phokas II., sie selbst also dessen Großnichte.

 

Der deutsch-römische Kaiser Otto II. --- schon seit seinem dreizehnten Jahre Mitkaiser seines großen Vaters, Ottos I. --- erhielt also eine durchaus ebenbürtige Prinzessin zur Gattin. Zur Zeit, als die Werbung in Byzanz durch den Erzbischof Gero von Köln erfolgte, regierte Johannes Tsimiskes, Theophanos Oheim, über Ostrom. Als dessen Nichte auch wird sie in der ehelichen, uns erhaltenen Schenkungsurkunde genannt. Tsimiskes wünschte (und brauchte) Frieden mit dem abendländischen Kaisertum. Die Heirat seiner Nichte mit dem deutsch-römischen Kaiser bot die beste politische Gewähr für seine Absichten. Theophano war also ein viel wichtigeres Friedenspfand, als es je eine Prinzessin aus dem damals völlig in den Schatten gedrängten «legitimen» makedonischen Kaiserhause hätte sein können. Wenn einige abendländische Große, deren Adelsdünkel offenbar jedes Maß verloren hatte, Otto I. bestimmen wollten, Theophano als «nicht ebenbürtig» nach Byzanz zurückzusenden, so waren sie sich der politischen Dummheit eines solchen Verlangens wohl nicht ganz bewußt. Otto I. hat sie nicht einmal angehört. Er wußte, was er wollte. Und er wußte wohl auch, daß die antibyzantinische Partei an seinem Hofe (der die Kaiserin Adelheid nicht ganz fern gestanden haben dürfte) gar zu gerne die deutsch-oströmische Heirat überhaupt verhindert hätte. Auf eine Kaiserin aus einer der abendländischen Sippen, die alle miteinander verwandt waren, konnte man Einfluß gewinnen: diese «Fremde» aber, die da aus dem anspruchvollsten Reich der Welt herüberkam, diese über

 

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alle Begriffe verwöhnte Byzantinerin --- Byzanz war, was heute Paris ist ---, die auch noch eine fremde Sprache redete, diese in allem Raffinement hellenischer Renaissance erzogene Halborientalin mußte fern, mußte unerreichbar und unbeteiligt bleiben. Sie mußte zu einer gefährlichen, übergeordnet-neutralen Macht werden, sofern Sie Macht gewann. Und warum sollte Sie keine gewinnen? Mit persönlichen Anliegen würde ihr wohl niemand kommen können ---.

 

Niemals wohl ist die ausländische Gemahlin eines deutschen Kaisers mit soviel Neugierde, Unsicherheit, Voreingenommenheit erwartet worden wie Theophano im Frühling 972. Sie war sechzehn Jahre alt. Sie war von großer Schönheit, von bezwingender Eleganz. Sie war natürlich, selbstsicher, zurückhaltend. Sie war unaussprechlich kühl. Sie war nicht im geringsten verwirrt durch die neuen Eindrücke. Es war offensichtlich, daß sie längst mit sich darüber ins reine gekommen war, was diese deutsche Heirat für sie bedeuten würde. Sie war Fürstin von Kopf bis zu Fuß, ohne Bedürfnis, auch nur das Geringste von dem zu verraten, was in ihr vorging. Sie gab sich nicht «vertrauensvoll» in die Obhut der kaiserlichen Schwiegermutter Adelheid. Diese gefühlvolle Frau mußte ihr vom ersten Augenblick an fremd sein. Sie empfand keine Lust, sich bemuttern, geschweige denn ins Schlepptau nehmen zu lassen. Sie brachte einen eignen Hofstaat mit. Sie brachte also ein Stück Byzanz mit: die Rückverbindung mit der soeben verlassenen Welt. Sie wollte, gestützt auf dieses Heimatliche, das ihr das Gleichgewicht wahren half, mit eignen Augen sehen, mit eignen Ohren hören. Sie wußte, daß es

 

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Unsägliches zu lernen gab. Sie war an Lernen gewöhnt. Sie war im kaiserlichen Gynaikeion erzogen worden. Die Anforderungen, welche in dieser Palastschule an die Lernenden gestellt wurden, waren außerordentlich. Die Bildung der abendländischen Frauen aus dem Hochadel --- einige Äbtissinnen ausgenommen --- war kirchlicher Natur und konnte sich nicht messen an byzantinisch-antiker Laienbildung. Theophano dachte nicht daran, ihr vielfaches Wissen auszuspielen gegen das Nichtwissen ihrer neuen Umgebung. Sie hatte lange begriffen, daß man nicht aus Büchern das Entscheidende lernt. Auch stammte sie aus den höchsten Militärkreisen. Ihre beiden Oheime, Bardas Skleros und Bardas Phokas, gehörten zu den bedeutendsten Feldherrn ihrer Zeit. Wer es seit seiner Kindheit gelernt hat, die kriegerische Tat zu bewundern und den Menschen, der Sie vollbringt, der verfällt nicht dem toten Buchstaben noch dem Hochmut der Gelehrsamkeit. Er weiß nur, daß Wissen eine unendliche Hilfe im Erkennen ist: weil es die Fülle der Vergleiche erhöht.

 

Es ist nicht anzunehmen, daß sich Theophano im voraus sehr um ihre Ehe mit dem siebzehnjährigen Kaiser gesorgt habe. Man hatte ihr sicherlich sein Bild nach Byzanz geschickt. Sie wußte also, daß er angenehm war. Nicht besonders groß, aber ebenmäßig gebaut, blond, von frischer Farbe. Als sie ihn kennengelernt hatte, konnte sie ergänzen: auch geistig gut ausgebildet. Freundlichen Gemütes. Aber sprunghaft, unberechenbar-knabenhaft. Ganz ohne Selbstzucht. Gefährlich beeinflußbar.

 

Nachdem die Hochzeit am 14. April 972 gefeiert war ---

 

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was das Abendland an Namen aufzuweisen hatte, hatte sich in Rom eingefunden ---, blieb der Hof noch einige Wochen in Italien, ehe er den Zug über die Alpen nach Deutschland antrat. Noch mußte Theophano --- solange sie auf dem Boden des alten Imperium Romanorum weilte --- ein Gefühl des Vertrautseins mit den Dingen und Menschen haben. Noch war es dieselbe südliche Sonne wie in Byzanz, welche hier über Meeren, Küsten, Städten, Fluren leuchtete . . . Wie aber mag die Zukunft ihres Schicksals an ihr Herz gegriffen haben, als sich der kaiserliche Zug nun im Juli langsam auf den Alpenstraßen zu den Paßhöhen hinaufbewegte, hinter denen das unergründliche, das gefährliche Deutschland lag?

 

Meine Damen und Herren: Wenn es einen Augenblick des inneren Zurückprallens vor zugewiesenem Schicksal in Theophano gab: wenn es einen Augenblick der Lebensangst in ihr gab, des plötzlichen Aufschauderns vor dem Ungewissen, das da abgründig in Wäldern und Seen und Frühnebeln vor ihr lag: So kann es nur an der Wende des Paßweges gewesen sein, der plötzlich ein eben noch im Lichte Lächelndes nach rückwärts abschließt und die jenseitige Tiefe aufreißt. Byzanz --- und Deutschland! Welcher Abgrund zwischen Welten! Wie vieler Kräfte würde es bedürfen, ihn auszufüllen --- ihn zu überwinden --- ihn unsichtbar zu machen . . .

 

Nicht lange blieb Theophano Zeit, sich an das große Fragezeichen zu verlieren: Sofern es jemals überhaupt als Macht der Ferne in ihr Geltung gewann. Schon drängten die Dinge der neuen Welt an sie heran, verlangten bemerkt, bewertet, vielleicht geliebt zu werden. Sie sah St. Gallen, die unvergleichliche Stätte abendländischer

 

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Gesittung und Bildung. Man sprach ihr von Cluny und dem Ceiste der Katharsis, der von diesem Kloster aus langsam den verrotteten Klerus durchdrang. Sie kam nach der Reichenau, nach Konstanz, dann an den Rhein (der Sie vielleicht an Sommertage am oberen Euphrat erinnerte), dann in das Elsaß, dann nach Ingelheim --- und schließlich, zu Weihnacht, nach Frankfurt. Sie erlebte den deutschen Winter: Schnee, der liegenbleibt, gefrorene Flüsse und Weiher, die den Himmel spiegeln, Tannenäste, die unter den weißen Lasten brechen . . . Flammende Kerzen, die an den Hochaltären der nächtigen Christmessen brennen. Sie erlebte die deutsche Frühe und ward ihres zauberhaften Hauches teilhaftig, um sich seiner nie mehr zu entäußern.

 

Langsam ging die Reise weiter nach den sächsischen Stammsitzen der Kaiser: nach Quedlinburg, nach Magdeburg. Einem Hoftag folgte der andere. Immer neue Gesichter tauchten auf, die man kennen und behalten mußte, immer neue Neugierde wurde an sie herangetragen. Es erwies sich, daß ihre Haltung richtig gewesen war. Sie hatte sich mit niemandem befreundet, sie hatte keine Meinungen geäußert noch Urteile gefällt. Sie hatte nicht einmal gelächelt, wenn sie die Kaiserin Adelheid huldvoll-hoheitsvoll zwischen Dingen und Menschen dahinwallen sah: und am liebsten zwischen jugendlichen Menschen. Nein: hier war ein Unüberbrückbares, wie die Witterung von Frau zu Frau sofort erkannte. Hier war nur Gegensatz. Adelheid: im Grunde immer verfallen, und sei es einem Wunschbild, Theophano: immer fern und bewußt, selbst wo sie angehörte. Dort alles «Gefühl» --- hier alles Nerv und Zucht und Herrscherwille:

 

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wenn auch noch sehr zurückgehaltener. Es bedeutete nicht viel, daß Theophano auch schon den Titel einer Kaiserin führte: ihre Stellung war die einer Kronprinzessin. Und niemand mehr als Adelheid wachte darüber, daß neben dem ihren kein ebenbürtiger legitimer Einfluß aufkam. Das Schicksal durchkreuzte ihre Berechnungen: am 7. Mai 973 starb in der Pfalz zu Memleben Otto I.



Adelheid war Kaiserinwitwe geworden. Otto II., ihr Sohn, alleinregierender Kaiser, Theophano alleinregierende Kaiserin. Mit einem Schlage war die gesamte politische Perspektive geändert. In Nichts versunken, wie nie gewesen, schien das eine, einzige Jahr der Hingabe an die neuen Eindrücke, das Theophano vom Schicksal gegönnt wurde. Was nun begann, war Kampf. Kampf auf unzähligen Schauplätzen, Kampf ohne Rast und ohne Ende: Kampf der Herrscher um das immer wieder umstrittene Gut: die Herrschaft. Achtzehn Jahre war dieser Kaiser alt, als die Last des Weltreichs auf seine Schultern sank, siebzehn Jahre die Gefährtin, die ihm der Wille seines Vaters: das heißt die Notwendigkeit der abendländischen Politik, bestimmt hatte.

 

Theophano spürte, welche stumme Feindschaft --- Erbe alten Sippenzankes --- um den jungen, noch unerfahrenen Herrscher aufschoß. Sie witterte, was sich da im Dunkel zusammenrotten, was da im trüben fischen wollte: und sie begriff, daß sie nun erst recht im Hintergrunde bleiben und die Entscheidungen jenen Geübten überlassen müsse, die das Spiel der Cliquen zu durchschauen und also auch zu durchkreuzen vermochten. Nur in einer Frage sah sie ganz klar: in der bayrischen. In Bayern regierte

 

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die ottonische Sekundogenitur, vertreten seit Herzog Heinrichs I. Tode durch seine Witwe Judith und seinen zweiundzwanzigjährigen Sohn Heinrich II., den Zänker. Judiths Tochter Hadwig --- jene Hadwig vom Hohentwil, die jedes Kind aus Scheffels Märchenbuch «Ekkehard» kennt --- war als halbes Kind dem um gut vierzig Jahre älteren Herzog Burchard von Schwaben verkuppelt worden, damit der gesamte deutsche Süden dem bayrischen Einfluß unterworfen sei. Adelheids persönliche Vorliebe für die bayrische Sekundogenitur war bekannt. Was sollte werden, wenn diese ungeheure Feudalgewalt neue Ansprüche erhob oder sich gegen die Reichsgewalt --- also den Kaiser --- auflehnte, wie es in ihrer Tradition lag?

 

Schon hatte sie ihre Machenschaften bei der bischöflichen Neuwahl in Augsburg begonnen. Der Herzog Burchard von Schwaben hatte es durch mehr als niedrige Intrigen fertiggebracht, das Bistum Augsburg einem Neffen der Herzogin Judith, also einem Mitgliede der Sekundogenitur, in die Hände zu spielen. Der Kaiser erkannte den Betrug, als es zu spät war . . . Er machte zunächst gute Miene zum bösen Spiel. Vielleicht unter Theophanos Einfluß, welche aus ihrem byzantinischen Vaterlande her die besondere Taktik solcher Feudalkämpfe kannte. Wir wissen es nicht. Aber wir wissen ein anderes, Erstaunliches, das den jugendlichen Kaiser furchtlos auf der Höhe seiner Aufgaben zeigt: Als noch im Jahre des Augsburgers Betruges der alte Burchard starb und sich die bayrische Sekundogenitur an ihrem Ziel angekommen glaubte, da ja die jugendliche Witwe Hadwig eine Hand zu vergeben hatte, machte Otto II.

 

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kurzen Prozeß. Er nahm ihr das Herzogtum ab und gab es seinem mit ihm gleichaltrigen Neffen und bewährten Freunde Otto, dem Sohne Liudolfs. Die bayrische Clique tobte. Die Saat des Hasses und der Rache war gesät. Sie ging auf in den Rebellionen Heinrichs des Zänkers, welche --- mit geringen Unterbrechungen --- die Jahre 974 - 977 füllten.

 

Als das Jahr 973 zu Ende ging, fand sich Theophano schon mitten in den Strudel der deutschen und abendländischen Politik hineingezogen . . . Bis an das Ende ihres Daseins gab es von nun an nur noch Notwendigkeiten. Sie hatte keine Wahl mehr. Sie konnte nicht abseits bleiben. Sie war ein ausgesprochen politisches Temperament. Die Sache ging sie an. Der Sache gab sie sich, und gab sich ganz. Das ist der männliche Zug ihres Wesens. Das ist die Dynamis ihres gesamten Daseins. Nicht im Gefühl: nein: im Willen zur Macht offenbarte sich die Leidenschaft ihrer Natur. Sie war eine kalte, eine unbestechliche Rechnerin. Sie verstand sich auf die Kunst der Geduld. Sie verachtete das ewig erregte Herz. Sie verabscheute jede Vermengung von Person und Sache. Da Adelheid niemals diese Trennung folgerichtig durchzuführen imstande war, mußte sich nach 973 die Spannung zwischen den beiden Frauen noch verschärfen und bis zum heimlichen Kriege in den Kulissen steigern. Otto hatte durch sein Vorgehen in der Angelegenheit des Herzogtums Schwaben Theophano bewiesen, wessen er fähig war: hatte sie also in ihrem eignen Wollen sehr ermutigt. Es galt für sie vor allem, den Kaiser ganz für sich zu gewinnen, sein Selbstbewußtsein zu steigern und ihn dem hemmenden Einfluß der

 

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sentimentalischen Mutter zu entziehen. Ja, es galt vielleicht, diese allmählich in eine solche Lage zu versetzen, daß Sie einen Aufenthalt in ihrer burgundischen Heimat einem Verweilen am deutschen Kaiserhof vorzog.

 

Es steht über allem Zweifel, daß sich zwischen 974 und 978 erbitterte Kämpfe zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter abgespielt haben, auch wenn jeder nähere Bericht fehlt. Theophano dachte nicht daran, die geheim wirkenden Gegensätze nach außen zu tragen. Das wäre auch, angesichts des bayrischen Rebellionskrieges, unklug gewesen. Aber sie wußte, wo und wie sie zu treffen hatte. Sie kämpfte nicht gegen die «Frau», geschweige denn gegen die «böse Schwiegermutter» Adelheid: Sie kämpfte gegen das politische Prinzip Adelheid, das ihr überlebt, falsch und --- angesichts der zu erwartenden Entwicklungen --- geradezu gefährlich schien. Sie kämpfte gegen jede Sippenwirtschaft und für jede Stärkung der zentralen Reichsgewalt: nicht weil Sie Byzanz nachahmen wollte, sondern weil sie begriffen hatte, daß auch das deutsch-römische Abendland nicht zusammengehalten werden könne, wenn die Macht des Kaisers nicht unantastbar und unerreichbar über allen feudalen Anmaßungen throne. Der Begriff der «Majestät» war für sie ein lebendiger, aus unversiegbaren Quellen gespeister Inhalt, eine Wunderkraft, die einen ganzen Kontinent durch ihre Strahlung zusammenzuhalten vermochte. Für diese Kraft kämpfte und siegte Theophano --- lautlos und unbeirrbar --- bis zu ihrem letzten Atemzug.

 

Sie hatte in diesem Kampfe einen Bundesgenossen höchsten Ranges: den Umstand, daß sie infolge ihrer

 

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byzantinischen Abstammung keiner deutschen Vergangenheit, sondern --- durch ihre Heirat --- lediglich einer deutschen Zukunft verpflichtet war. Adelheid war durch Blut, durch Versippung und Erlebnis, unentrinnbar der deutschen Geschichte verbunden. Selbst wenn sie sich dieser Bindung hätte entziehen wollen, wäre es ihr kaum gelungen. Sie war weder seelisch noch geistig stärker als die Vorbedingungen und Umstände ihres kaiserlichen Lebens. Sie war immer mitten in ihnen befangen --- ihre Anlage und ihr Temperament verlangten ein solches Beteiligtsein. Das gewann ihr die Herzen des braven Durchschnitts --- erweckte aber auch, bei den bedeutendsten Geistern ihrer Umgebung, manches verzeihende Lächeln. Theophano hingegen war völlig unbeteiligt an Gewesenem. Auch fehlte ihr jede Lust an unfruchtbarer Rückversenkung. Sie war unromantisch bis in die Fingerspitzen. Sie war eine Realistin großen Stiles: begessen von ihrer ganz in die Zukunft greifenden Aufgabe, ungehemmt durch Rücksichten auf Umstände und Menschen, die sie niemals gekannt hatte: gehorchend nur einem einzigen Befehle: der Stärkung und Machterweiterung des Reiches. Die Verpflanzung in den Westen bedeutete für sie nicht einen Bruchteil dessen, was für Adelheid eine Verpflanzung in den Osten bedeutet hätte. Denn Theophano lebte ganz aus der Aufgabe, aus der Idee heraus, in die sie das Schicksal verwiesen hatte: Adelheid aber lebte --- mit allem Drum und Dran --- ein kaiserliches Frauenleben auf Grund ihrer kaiserlichen Position. Es war klar, wer Siegerin bleiben mußte, falls die unter der Asche glimmenden Funken sich zur Flamme eines offnen Entscheidungskampfes entfachen sollten.

 

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Ende 978 kam es soweit. Den letzten Anlaß zur Verfeindung zwischen dem jungen Kaiserpaare und der Kaiserinmutter hatten die Ereignisse des Jahres 977 gegeben: die endgültige Niederwerfung der bayrischen Revolte, die rücksichtslose Bestrafung Heinrichs des Zänkers durch Entthronung und Gefangensetzung --- sowie die Lösung der niederlothringischen Belehnungsfrage.

 

Wir dürfen als wahrscheinlich annehmen, daß sich Theophano, welche damals den Einfluß der Kaiserinmutter auf ihren Sohn verdrängt hatte, leidenschaftlich gegen jede milde Behandlung des Rebellen auflehnte, also die bayrischen Sympathien ihrer Schwiegermutter bei der Urteilsfällung einfach beiseite geschoben sehen wollte . . . Wir dürfen aber für noch viel wahrscheinlicher, wenn nicht als sicher erachten, daß sie bei der Lösung der niederlothringischen Lehensfrage die ganze Verschlagenheit byzantinischer Diplomatie spielen ließ.

 

Das Herzogtum Niederlothringen, das etwa von Trier aus nördlich bis zur Nordsee reichte --- also Köln, Aachen und Nymwegen umfaßte ---, bedurfte eines Oberhauptes, nachdem es lange Zeit unter einer Art provisorischer Reichsverwaltung gestanden hatte. Die Wahl fiel --- nach langen Beratungen --- auf den Bruder des regierenden Königs Lothar von Frankreich, auf den Prinzen (und gegebenen Falles französischen Kronprätendenten) Karl.

 

Wollen wir uns doch einmal vergegenwärtigen, was das bedeutete! Ein jugendlicher französischer Thronanwärter wird durch die Belehnung mit einem zum Deutschen Reich gehörenden Herzogtum kaiserlicher «Beamter», kann also --- wenn dies die Umstände verlangen ---

 

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gegen seinen eigenen Bruder, den König von Frankreich, ausgespielt und eingesetzt werden! Fügen Sie noch zu, daß dieser französische König der Schwiegersohn der Kaiserin Adelheid ist, da er deren Tochter Emma aus erster Ehe seit 966 zur Gemahlin hat. Fügen Sie weiter zu, daß Karl von Niederlothringen aufs heftigste mit seiner Schwägerin Emma verfeindet war --- er zieh sie einer unerlaubten Beziehung mit dem Bischof Ascelin von Laon --- und deshalb von Adelheid mit unauslöschlichem Haß verfolgt wurde. Erwägen Sie schließlich noch, daß der König Lothar von Frankreich immer geheime Absichten auf Nieder- und Oberlothringen hegte: und Sie werden erkennen, welches ungeheure menschliche und diplomatische Spiel da im Mai 977 in Diedenhofen ausgetragen wurde: über den Kopf der Kaiserinmutter hinweg, hinweg über alle ihre persönlichen Empfindsamkeiten: hinweg auch über alle Einwände ihrer Sippenpolitik, die den Erfordernissen der Stunde nicht mehr standhielt. Natürlich fürchtete Adelheid die Rache des französischen Königs Lothar nach einem solchen Affront. Sie fürchtete das Wiederausbrechen der deutsch-französischen Kriege, welches die klug vermittelnde Politik einer königlichen Frau --- Gerbergas von Frankreich, der Mutter Lothars --- lange Jahre verhindert hatte. Der junge Kaiser dagegen sah einer solchen Möglichkeit sehr gelassen ins Auge. Als sie --- 978 --- zur Tatsache wurde, als Lothar bis nach Aachen vordrang, aber unverrichteterdinge wieder umkehren mußte, kündigte Otto II. öffentlich einen Revanchekrieg für den 1. Oktober an. Einer solchen Politik konnte --- begreiflicherweise --- Adelheid nicht mehr folgen. Man hatte ihre Warnungen

 

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in den Wind geschlagen. Sie verließ den Hof und reiste, begleitet von ihrer Tochter, der Äbtissin Mathilde von Quedlinburg, nach Vienne, an den Hof ihres Bruders, des Königs Konrad von Burgund.

 

Theophanos Einfluß am Hof wurde nun allmächtig. Er stieß auf keine Widerstände mehr. Wer hätte diese wagen sollen?

 

Die französische Frage war aufgerollt. Theophano wußte, daß sie --- trotz aller Versuche von Zwischenlösungen --- aufgerollt bleiben würde. Sie hatte längst erkannt, daß das deutsch-französische Verhältnis eines der Grundprobleme der zukünftigen Reichspolitik darstellen würde: ein Problem von nicht minderem, sondern eher noch größerem Gewicht als das slawische im Osten. Sie wußte, daß dieses Problem eine grundsätzliche Lösung verlangte, bei welcher Rücksichten auf verwandtschaftliche Bindungen, Gefühle und Ressentiments keine ausschlaggebende Rolle mehr spielen durften.

 

In Frankreich regierten noch immer die Karolinger. Es durfte keine karolingischen Ansprüche mehr an die Ottonen geben, auf welche mit Ottos I. Kaiserkrönung --- 962 --- die imperiale Machtstellung und Prätention Karls des Großen übergegangen waren. Wie innenpolitisch, so hatte auch außenpolitisch die Omnipotenz der ottonischen Majestät zu gelten und der deutsch-römischen Reichspolitik den Stempel ihres karolingischen Erneuerungsgedankens (Renovatio) aufzudrücken. Der Preis für die Durchsetzung dieses Standpunktes mochte nicht immer billig sein. Aber er mußte gezahlt werden: denn ein großes Reich lebt auf die Dauer nur aus der Idee, die es vertritt und verkörpert: nicht aber aus den Zufälligkeiten

 

Benrath, Vorarbeiten 4

 

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eines «Wohlstandes», der mit schwindender Machtgeltung ebenfalls schwinden würde.

 

Theophanos politischer Glaube fand seine Bestätigung, als sie im Juli 980 dem Thronerben --- Otto III. --- das Leben gab. Nun war auf den eignen Sohn beziehbar, was seither als autonome Idee in ihr wirksam gewesen war. Sie sagte «Reich», wenn sie fortan Sohn sagte. Und sie dachte «Sohn», wenn sie ihre eigne Aufgabe dachte. Die kühle Klarheit ihres kaiserlichen Pflichtbewußtseins war zur berauschenden Klarheit ihres gesamten Lebenszustandes geworden. Unzweideutig, in göttlicher Helle, lag vor ihr der ungeheure Weg: der Weg zu dem Sohne durch den Sohn, welcher kein anderer war als der Weg der Erfüllung, beginnend in Gottes Gesetz, endend in Gottes Gesetz: Sei es durch Glück, sei es durch Leid, sei es durch beider Verkettung.

 

Als der Hof Ende 980 Deutschland verließ, um sich der Lösung wichtiger italischer Fragen zu widmen, trennte sich Theophano nicht von dem erst vierteljährigen Kinde. Die beiden 977 und 978 geborenen Töchter, Adelheid und Sofia, ließ sie in Deutschland zurück: der Thronerbe aber wurde mitgenommen auf die beschwerliche Reise.

 

Die Reise war zunächst für sie eine Entspannung. Sie atmete nach acht langen Jahren wieder südliche Luft, sah südliche Blumen, Südliches Meer . . . Vielleicht vergaß sie für ein paar Wochen, daß dieser Zug nach Ravenna, Rom und Apulien politische Ziele verfolgte: er galt vor allem der Ordnung der Verhältnisse in den Ländern der Fürsten von Benevent, Spoleto, Capua, welche die südlichen Grenzwächter des Reiches waren. Er galt

 

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aber auch --- sehr möglich --- einem äußerst verwegenen Ziel: der Eroberung der beiden, zu Byzanz gehörigen apulisch-kalabrischen Militärprovinzen (Themen) unter dem Vorwand eines Krieges gegen die von Sizilien auf das Festland vordringenden fatimidischen Sarazenen.

 

Wenn Theophano --- als Byzantinerin und orthodoxe Christin --- bestimmt mit dem Kampfe gegen die mohammedanischen Heiden einverstanden war, so mußte ihr der Angriff auf byzantinisches Gebiet als ein sehr gefährliches Unterfangen erscheinen. Sie war es gewöhnt, sich an die Lehrsätze der byzantinischen Flottenpolitik zu halten: Byzanz würde niemals seine wichtigsten Marine-Stützpunkte in Apulien oder Kalabrien preisgeben. Und wie sollte das Reich, selbst bei einem günstigen Ausgang des Krieges, diese entfernten Küsten oder Häfen halten, nachdem es nicht einmal die kleinste eigne Flotte besaß? Sie ließ es bestimmt nicht an Warnungen fehlen: aber die Kriegspartei --- deren Seele wohl der Kaiser selbst war --- war stärker als ihre Einwände: zu tief saß diesen Deutschen im Blute der Gedanke, daß --- de jure --- ganz Italien zu ihrem Reiche --- dem Erbe des «Imperium Romanorum» --- gehöre. Die Gelegenheit erschien zu günstig, als daß man sie nicht hätte ausnutzen sollen . . .

 

Das Ende des Feldzuges ist bekannt: Nach anfänglichem Sieg geriet das kaiserliche Heer infolge einer frevelhaft nachlässigen Kriegsführung in einen Hinterhalt der (zweifellos von den Byzantinern unterstützten) Sarazenen und wurde zusammengehauen. Die Niederlage wuchs sich zur Katastrophe aus. Der Tag der Schlacht bei Kap Kolonne --- 15. Juli 982 --- gehört zu den schlimmsten

 

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Tagen der deutschen Geschichte im Mittelalter. Selbst der Kaiser wurde nur durch ein Wunder vom Tode gerettet.

 

Theophano fiel in Wut: wenn sie etwas haßte, so den politischen und militärischen Dilettantismus. Das sinnlose Draufgängertum überheblicher Heißsporne hatte bedeutende Werte des Reiches für nichts und wieder nichts verspielt und dem kaiserlichen Namen einen Prestigeverlust gebracht, der durch zwei Jahrhunderte hin nicht wiedergutzumachen war. Der Kaiser selbst war das Opfer seines gefährlichsten Dämons geworden: der Unbeherrschtheit. Er hatte sich gehen lassen: Todsünde in den Augen Theophanos.

 

Ein Jahr später starb er in Rom an den Folgen der gleichen Todsünde. Er war an Darmstörungen erkrankt. Die Verordnungen des Arztes brachten ihm nicht rasch genug die erwünschte Wirkung. So nahm er ganz einfach das Vielfache der vorgeschriebenen Aloedosis und --- verblutete an dieser knabenhaften Eigenwilligkeit: Reich und Gattin und Sohn dem dunkelsten Schicksal überlassend.

 

Die Berichte erzählen von Theophanos tiefer Trauer um den Toten. Ich glaube diesen Berichten nicht. Ich glaube, daß Theophano damals nur von einem einzigen Gefühl beseelt war: von dem der Erbitterung gegen ein solches Maß von Verantwortungslosigkeit. Otto II. war, als er starb, achtundzwanzig Jahre alt. Eben in diesem Alter pflegen die Grundeigenschaften der männlichen Natur durchzubrechen. Sollten Beeinflußbarkeit und Unbeherrschtheit sich als solche Grundeigenschaften Ottos II. erwiesen haben: So wäre allerdings sein Tod ein

 

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Glück für das deutsch-römische Imperium gewesen. Es steht uns kein Urteil darüber zu.

 

Theophanos Größe wird erst sichtbar nach dem Tode des Kaisers. In der Stärke ihrer Seele lag nun das Schicksal des Reiches. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt . . . Aber es lebt ja alterlos, wer vom Feuer eines großen Gedankens lebt: von der Hingabe an ein Ziel, das um seiner selbst willen besteht und dennoch auf einen Erben bezogen werden kann.

 

Meine Damen und Herren: wollen Sie einmal mit mir erwägen, wie Theophanos Lage unmittelbar nach dem Tode des Kaisers war.

 

Ihr Sohn, Verkörperung und Sinnbild ihres eignen Daseins, war gerade in Aachen zum deutschen König gekrönt worden, als die Nachricht vom Tode des Kaisers in Deutschland eintraf. Das Signal zum Aufstand der Gegner war gegeben. Heinrich der Zänker verließ Utrecht, wo er sechs Jahre lang in Haft gehalten worden war, und verlangte vom Erzbischof von Köln die Auslieferung des dreijährigen Königs. Der Erzbischof gehorchte. Auch die kaiserlichen Prinzessinnen wurden von dem Bayern in Gewahrsam genommen. Einige kleinere weltliche und eine ganze Reihe geistlicher Fürsten schlossen sich dem Empörer an. Der König Lothar von Frankreich hielt sich --- je nach den Chancen --- zum Eingreifen auf der kaiserlichen oder kaiserfeindlichen Seite bereit. Die Propaganda arbeitete mit allen Mitteln der Lüge und Gehässigkeit gegen Theophano, gegen die «Fremde», die «Undeutsche», die «Sittenlose» --- man sagte ihr eine Beziehung zu dem schönen Griechen Johannes Philagathos, dem späteren Erzbischof von Piacenza

 

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nach --- und gegen ihren Sohn, den Halbgriechen, der niemals ein rechter deutscher König sein werde . . .

 

Aber Theophano --- die politischen Notwendigkeiten hatten ihr ein Zusammenarbeiten mit Adelheid aufgezwungen --- hatte einen großen Freund, dessen Stimme und Willen mehr Gewicht besaßen als die Anstrengungen all ihrer Gegner: Willigis, den Erzkanzler des Reiches und Erzbischof von Mainz. Wüßte man gar nichts von Theophano als nur die Tatsache, daß sie mit diesem Manne durch alle Jahre ihrer Regentschaft hin die Politik des Reiches geleitet hat, ohne daß das gute Einvernehmen der beiden Partner auch nur ein einziges Mal gestört worden wäre, so hätte man Klarheit darüber, wie man sie einzuschätzen hat. Daß die Frau aus höchstem byzantinischen Adel mit diesem unbeugsamen Sachsen schlichtester Herkunft, aber genialer staatsmännischer Begabung, in einer wirklichen Freundschaft leben konnte, spricht mehr für sie als alle freundlichen Dinge, die Thietmar von Merseburg über sie berichtet. Es beweist, daß sie den Wert der menschlichen Substanz über den Wert der Geburt stellte. Es beweist, daß Sie turmhoch über den dünkelhaften Vorurteilen der Feudalität stand und dem Genie gab, was des Genies war. Es beweist auch ihre Unbeeinflußbarkeit und jene Mißachtung des «Üblichen», welche alle wahren Herrschernaturen kennzeichnet.

 

Willigis vertrat --- seit Anfang 984 --- mit ungewöhnlicher Energie die Rechte der Krone gegen die hochverräterische Usurpation des Zänkers. Gemeinsam mit Theophano kämpfte er den schweren Kampf bis zum endlichen Siege. Der Bayer lieferte den gekrönten König

 

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und die kaiserlichen Prinzessinnen aus, verzichtete auf alle Thronansprüche und gab --- ein für allemal --- den Kampf für eine ungerechte und unsaubere Sache auf. Gewiß: er erhielt sein Herzogtum --- wenn auch verkleinert --- zurück. Aber er leistete dem jungen König den Lehnseid und brach ihn niemals mehr bis an sein Lebensende. Die bayrische Clique hatte aufgehört, für Theophano eine Gefahr zu bedeuten. Von 985 bis zu ihrem Tode ist die Kaiserin auf keine ernsthaften innerpolitischen Schwierigkeiten mehr gestoßen.

 

Aber seit dem Jahre 986 schob sich die französische Frage in ihrer ganzen Schwere auf den vordersten Plan der Reichspolitik. Im Frühjahr 986 war der König Lothar von Frankreich gestorben, im Frühjahr 987 folgte ihm sein einziger, erst zwanzigjähriger Sohn Ludwig V. nach. Rechtmäßiger Erbe wäre --- da Ludwig keine Nachkommen hinterließ --- Lothars Bruder gewesen: eben jener Herzog Karl von Niederlothringen, der durch die Annahme der reichsdeutschen Belehnung kaiserlicher «Beamter» geworden war.

 

Es liegt auf der Hand, daß weder Theophano noch die französischen Großen die Erhebung dieses Karolingers auf den Thron Frankreichs wünschen konnten. Der Erzbischof Adalbero von Reims --- ein Mann von hoher politischer Begabung --- besorgte sowohl das Geschäft der Kaiserin als auch der westfränkischen Feudalität, indem er den Herzog von Franzien, Hugo Kapet, Theophanos (weil Ottos II.) Vetter, zum König wählen ließ. Theophano hatte mit dieser Wahl genau das, was sie wollte und brauchte: die Spaltung der nationalen Kräfte in Frankreich. Sie konnte --- je nachdem es nun ihre eigne

 

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Politik verlangte --- auf diese oder jene Karte setzen. Sie konnte den Karolinger gegen den Kapetinger ausspielen --- und umgekehrt. Frankreich zerrissen und schwach zu halten: das war ihr oberstes und bedeutsamstes Ziel, Frankreich dem Imperium bei passender Gelegenheit wieder einzuverleiben: Sehr wahrscheinlich ihr nächstes, sorgfältig geheimgehaltenes. Denn sie dachte ja in der von den Ottonen übernommenen karolingischen Reichstradition. Auch wußte sie, daß noch Otto I. und sein Bruder, der Erzbischof Brun von Köln, eine Art Vormundschaft über die Könige von Frankreich ausgeübt hatten. Was war, konnte wieder werden --- und mehr. Sie war es von Byzanz her gewohnt, immer in der jeweilig höheren Einheit zu denken.

 

Sie hat mit bewunderungswürdiger Zähigkeit an ihrem Ziele festgehalten, genau so, wie sie der Ostpolitik ihre wacheste Aufmerksamkeit lieh. Im Süden dagegen gingen ihre Bemühungen kaum weiter als Rom und die kampanischen Randstaaten. So genau sie wußte, daß in Kalabrien und Apulien für das Reich nichts zu holen war: So unantastbar schien ihr die Notwendigkeit engster Zusammenarbeit mit der Kurie. Das Reich mußte vor der ganzen Welt als Beschützer der Kurie gelten und sich für diese einsetzen, sobald es nötig war. Es mußte jedem Versuch, die Universalität der Kirche zu schwächen, mit Gewalt entgegentreten. Denn diese kirchliche Universalität war ja nur die Parallele der Reichsuniversalität: war die geistliche Bestätigung des übergeordneten weltlichen Imperiums.

 

Gerade der Umstand, daß die Kirche sich ganz in den Schutz der Reichsmacht stellte --- wohlgemerkt: im

 

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10. Jahrhundert! --- sicherte Theophano die Helferschaft eines Teiles des hohen französischen Klerus für ihre Pläne in Frankreich. Kein Geringerer als der kapetingische Königsmacher, der Erzbischof Adalbero von Reims, war ihr überzeugtester Schrittmacher: Schon zur Zeit des bayrischen Usurpationsversuches.

 

Die französische Frage nahm eine für Theophano sehr unerfreuliche Wendung, als es Hugo Kapet gelungen war, Karl von Lothringen mit seiner gesamten Familie zu fangen und auch den Erzbischof Arnulf von Reims, Adalberos Nachfolger, Karls Parteigänger, in Haft zu setzen. Aber Theophano wurde nicht kleinmütig. Sie sah sofort den Punkt, von dem aus sie ihre Politik weiterführen und wieder Oberwasser gewinnen konnte. Die eigenmächtige Absetzung und Verhaftung eines dem Papst unterstehenden Erzbischofs durch einen französischen König war ein schwerer Verstoß gegen das kanonische Recht. Hugo Kapet hätte Theophano gar keinen größeren Dienst erweisen können als eben diesen Verstoß zu begehen. Sie wußte, daß er sich mit dem Gedanken trug, die westfränkische Kirche von Rom zu lösen. Eine nationalfranzösische Kirche wäre für das Reich unannehmbar gewesen, weil Sie eine Schwächung der Kurie und gleichzeitig eine Stärkung der französischen Dynastie bedeutet hätte.

 

Theophano machte also aus dem Rechtsbruch Hugo Kapets eine weltpolitische Frage: Der französische König hatte durch Verletzung des kanonischen Rechts sakrosankte Reichsinteressen geschädigt. Willigte er nicht in eine Wiedergutmachung ein, so war der deutsche Angriff gegen Frankreich unvermeidlich. Daß einen solchen die

 

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kapetingische Dynastie überstehen würde, schien unglaubhaft. Denn deren Stellung war damals schwach --- und es war mehr als unsicher, wer von den untereinander rivalisierenden westfränkischen Herzögen sie stützen würde. Ein französisches Nationalgefühl gab es noch nicht. Der Feudalgedanke überwog den Staatsgedanken.

 

Außerdem aber hatte Theophano ihre heimlichen Helfer und Agenten in Frankreich, die nur auf ihre Aktion warteten. Da war vor allem Gerbert von Reims, der Schüler Adalberos: ein ebenso gebildeter wie durchtriebener Mann, der sehr wohl wußte, wo sein Weizen blühte . . . Da war Ascelin, der Bischof von Laon, die Gesinnungslosigkeit in Person, der immer zu haben war, wo etwas für ihn abfiel. Die Grafen Eudes de Chartres und Herbert de Troyes aber --- wahrhafte «Gangsters» ihrer Zeit --- dienten in skrupelloser Offenheit dem, der am besten zahlte. Nun: an Gold fehlte es Theophano gewiß nicht . . . und doppelt nicht, wenn es um ein so hohes Spiel ging . . .

 

Schon war sie --- indessen Hugo Kapet das Konzil von St. Basle vorbereitete, auf dem die öffentliche Entehrung und Absetzung des «verräterischen» Erzbischofs Arnulf proklamiert werden sollte --- in der Pfalz von Nymwegen, dicht an der französischen Reichsgrenze erschienen, um sofort in die sich vorbereitenden Ereignisse eingreifen zu können: da starb sie eines plötzlichen, geheimnisvollen Todes am 15. Juni 991.

 

Hatte man Sie vergiftet? Wir wissen nichts. Wir dürfen nur annehmen, daß Gift bei solchen «Toden zur rechten Zeit» eine größere Rolle gespielt hat, als die Chroniken berichten . . .

 

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Hugo Kapet mußte die Kaiserin hassen, seit er über das geheime Ziel ihrer französischen Politik keine Zweifel mehr hegen konnte. Ihre Stellung in Deutschland war --- trotz mancher persönlichen Anfeindungen aus den Kreisen der Hofkamarilla --- sehr stark. Ihrer unermüdlichen, gewissenhaften, fast militärisch-präzisen Führung der Geschäfte zollte man ehrliche Bewunderung. Sie war ganz deutsch in ihrem Wollen und politischen Handeln. Sie hat nur «Reich» gedacht --- und «Reich» erfüllt . . .

 

Was sie aber als «Frau» verkörperte und bedeutete, blieb unergründlich. Es ist wohl nur wenigen bewußt und noch wenigeren durch persönlichen Austausch spürbar geworden. Denn wer sich so wie sie im Zaume hält, erschließt sich auch nur schwer vor denen, die er liebt . . . Wen aber liebte Sie, außer ihrem Sohn?

 

Lassen Sie mich schließen, indem ich wiederhole, was ich an anderer Stelle von ihr gesagt habe:

 

«Es war eine ihrer kaiserlichsten Eigenschaften, daß Sie das Gesetz der Grenzen kannte und übte. Sie faszinierte, weil sie zu herrschen verstand, aber sie herrschte nicht, weil sie faszinierte. Sie war Gott als Gläubige verbunden. Die Menschen aber hat sie wohl verachtet: ohne davon überzeugt zu sein, daß dies besser sei als sie zu lieben. Das Leben hatte ihr keine Zeit gelassen, ihre eigene kritische Veranlagung der Selbstkritik zu unterziehen. Sie hat gehandelt und gewirkt nach ihrem Auftrag und nach ihren Möglichkeiten. Sie war stolz und einsam. Und sie war groß, weil Sie nicht vom Wahn der Größe besessen war. In schlaflosen Nächten brauchte sie nicht nur zum Brevier: nein: Sie konnte zu Homer, zu Sappho, zu Thukydides greifen. Sie wußte, daß jedes

 

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Lächeln schon gelächelt und jedes Weinen schon geweint worden sei. Sie betete stumm vor der verhaltenen Glut der Ikone. Sie versank im Gebet und erhob sich aus ihm wie alle täterischen Menschen, welche die Phrase hassen. Sie hatte es niemals nötig gehabt, pathetisch zu sein.»

 

Geschrieben: Paris, 1939.

 

 

 

Quelle:

Auszug aus Henry Benrath: Vorarbeiten zu «Die Kaiserin Theophano»
dva. Stuttgart Berlin. Deutsche Verlags-Anstalt. 1941. S. 1-60.

Die im Buch erwähnte Dissertation an der Georg-August-Universität zu Göttingen von Johannes Moltmann: Theophano, die Gemahlin Otto II., in ihrer Bedeutung für die Politik Ottos I. und Ottos II. Schwerin 1878 wurde vom Münchener Digitalisierungszentrum eingescannt und ist unter folgendem Link verfügbar:

https://reader.digitale-sammlungen.de//defs1/object/display/bsb11371792_00005.html

 

Die eingefügten Fotos aus der Hagia Sophia, der Klosterruine Memleben und der Schatzkammer der Stiftskirche in Bad Gandersheim sind nicht im Buch enthalten.