Welfesholz 1115 - Ursachen und Folgen

Steinkreuz Welfesholz 1115
Steinkreuz Welfesholz von 1115

Johann Friedrich Le Bret beschreibt im 2. Band seiner Geschichte der Deutschen auf S. 491ff. die Umstände und Nachwirkungen der Schlacht am Welfesholz vom 11. Februar 1115 wie folgt:

„Aber der Haß wider den Kaiser nahm noch immer zu. Sachsen fiel gänzlich von ihm ab, und Heinrich entschloß sich im Zorne seine Feinde zu demüthigen. Er drang in Sachsen ein, und brachte ein ansehnliches Heer zusammen. Er versuchte zuerst den gelindern Weg, und berief den Bischoff Reinhard von Halberstadt, den Herzog Lotharius, den Pfalzgraf Friderich und den Markgraf Rudolph zu sich auf den Hoftag nach Goslar. Da er einmal ihr Vertrauen verlohren hatte, so erschien keiner von ihnen, sie verschanzten sich vielmehr in Walbeck im Mansfeldischen, und machten Anstalten zum Kriege. Der Kaiser rückte demnach vor Braunschweig, nahm es ein, verwüstete das halberstädtische Gebiet, und ließ durch seine Freunde Orlamünde belagern. Herzog Lotharius rückte also mit seinen Bundesgenossen wider die Völker des Königs an, nachdem er den Graf Friderich von Arensberg, den Graf Wiprecht III. und seinen Bruder Heinrich von Groitsch, den Graf Hermann von Calverla, welche alle mit dem northeimischen Hause verbunden waren, samt dem Herzog Heinrich von Limburg mit sich verbunden hatte. Sie schickten Gesandte an den Kaiser, und liessen ihn versichern, daß sie nicht gesonnen wären, wider ihren Herrn zu streiten, sondern blos aus Noth gedrungen zu ihrer Verteidigung die Waffen ergriffen hätten. Der Kaiser achtete ihre Vorstellung nicht, sondern hofte, durch ein entscheidendes Treffen ihren Ungehorsam zu strafen. Beede Theile fürchteten und schonten einander wechselweise, bis endlich der hitzige Hoyer von Mansfeld einen Trupp auserlesener Mannschaft zu sich nahm, und die Sachsen angrief. Aber seine Hitze wurde bestraft. Er wurde nicht nur bey Welfesholz an der Wipper geschlagen, sondern der jüngere Wiprecht III. ließ in der Hitze des Gefechts nicht eher nach, als bis er den Graf Hoyer von Mansfeld, der seinen Vater gefangen, und ihn dem Kaiser geliefert hatte, mit eigener Hand erlegte. Dieser getreue Sohn, der seinem Vater, als er eben durch den Graf von Pleissen sollte hingerichtet werden, durch Abtretung seiner Schlösser das Leben erhalten hatte, freuete sich nun, die Rache seines Vaters vollendet, die Ehre seines Hauses gerettet, und dem Kaiser seine Tapferkeit bewiesen zu haben, der zuvor schon seinen Muth kennen lernen, ihn mit Eckardsberg beschenkt, und auch zu Naumburg Hofnung gemacht hatte. Eben dieses wenige Zutrauen, das man zu den Versprechungen des Kaisers haben konnte, hatte ihn zum Feinde desselben gemacht. Er wurde der beleidigten Majestät schuldig erklärt, flohe zu seinem Anverwandten, dem Erzbischoff Adelgot von Magdeburg, und fochte wider den Kaiser eben so viel Tapferkeit, als er zuvor vor ihn gefochten hatte.
Dieses Treffen machte den Sachsen immer mehr Muth, der Kaiser aber verließ Sachsen, welches seine Freyheit mit allem Nachdruck zu vertheidigen entschlossen war. Die Religion gab gleich wieder einen Vorwand, den Kaiser noch verhaßter zu machen. Der Bischoff von Halberstadt, der bey dem Treffen selbst zugegen gewesen war, verbot, die Erschlagene des Kaisers zu begraben, und that sie noch nach ihrem Tode in den Bann. Die Fürsten aber giengen noch weiter, und schickten Gesandte nach Ungarn, um den allda sich aufhaltenden päbstlichen Legaten Dieterich bey sich zu haben, und sich zugleich mit dem päbstlichen Ansehen zu wapnen. Dieterich kam, und predigte von nichts, als von dem Schluß des leztern Lateran-Concilii. Nach demselben erklärte er in Goslar den Kaiser als verbannt, und das Echo davon ertönte nicht nur aus dem Munde des Erzbischoffs Adelgots von Magdeburg, sondern auch anderer Geistlichen in Sachsen mit Macht. Die Verwirrung war also wieder so heftig als zuvor, und zum Unglücke kam die Nachricht aus Italien an, daß die Gräfig Matthildis mit Tod abgegangen, bey welchem Todesfall Heinrich ein vielfaches Interesse hatte. Sie hatte noch das vorige Jahr die Stadt Manthua nach vieler Widerspenstigkeit an sich gebracht, und verschied endlich den 24 Julii. Die Jahrbücher werden sie immer als eine grosse, mächtige, tapfere und staatskluge Prinzeßin bewundern, aber auch zugleich ihren falschen Eifer beklagen, der sie verleitet hat, dem Kaiser als ihrem Herrn und Anverwandten ungetreu zu seyn, und oft die gewaltsamste Mittel zu wählen, ihre Herrschaft zu behaupten. Die eigene Minister Heinrichs riethen ihm an, die Güter der Mathildis nicht zurückzulassen, einige Italiäner hatten ihn selbst dazu aufgefordert. So sehr Heinrich wünschte, jezo gleich nach Italien zu gehen, so waren doch die Umstände des deutschen Reichs allzu dringend, als daß er sich hätte entfernen können, ohne vorher der Ruhe in Deutschland gesichert zu seyn.
Seine Minister riethen ihm daher an, eine allgemeine Reichsversammlung zu veranstalten, welche er auch nach Maynz ausschrieb, und voraus versprach, alle Beschwerden gelassen anzuhören, und diejenige Fehler zu verbessern, die er entweder aus Mangel genugsamer Ueberlegung oder aus jugendlicher Hitze begangen hätte. Aber das achteten die mißvergnügte Fürsten nicht, sondern fuhren vielmehr in ihren kriegerischen Unternehmungen getrost fort. Der Bischoff von Halberstadt, der Pfalzgraf Friderich und Markgraf Rudolph belagerten und eroberten Quedlinburg, Lotharius aber jagte die kaiserliche Besatzung aus Dortmund davon. Der Erzbischoff von Cölln nahm ihm eine Festung am Rheine ab, und Lotharius gieng mit seinen Bundesgenossen nach Münster. Die Belagerte ergaben sich, und versprachen, dem Fürstenbund getreu zu seyn, wenn ihr Bischoff etwa in ihre Anschläge nicht willigen, noch Friede bey dem Kaiser auswirken würde. Nachdem dieser Vergleich mit den Bürgern von Münster geschlossen war, so begab sich Lotharius und seine Freunde nach Corvey, allwo sie den Herzog Welf V. von Bayern und den Bischoff von Würzburg antrafen, welche mit ihnen im Namen des Kaisers wegen des Friedens handlen wollten. Aber diese Unterhandlungen waren ganz fruchtlos. Lotharius traute dem Kaiser nicht, er suchte sich demnach mit Völkern zu verstärken, und marschierte, nachdem er ein paar Raubschlösser, Falkenstein und Wahlhausen verheert hatte, nach Erfurt, Hier suchte ihn der Bischoff von Würzburg noch einmal zu überreden, nach Maynz zu kommen, allwo der Kaiser alle Beschwerden in Gegenwart der Reichsfürsten heben wollte. Aber der Kaiser wartete vergebens auf ihn. Kein einiger weltlicher Fürst erschien, kaum fanden sich einige Bischöffe bey ihm ein, vielmehr hielte der päbstliche Legat in Fritzlar eine besondere Versammlung, wo die vereinigten Fürsten sich einstellten, und sich nach dem päbstlichen Orakel richteten.
Der Kaiser, der ohne grosse Gesellschaft in Maynz war, hatte bald hernach einen noch viel heftigern Verdruß. Die Bürger dieser Stadt umgaben den kaiserlichen Pallast, drangen bewafnet in den Vorhof ein, und erregten ein fürchterliches Getöse. Der Kaiser fragte nur behende nach der Ursache ihres Auflaufs, und als sie die Befreyung ihres Erzbischoffs begehrten, so ließ er sich gleich Geissel geben, und versprach, was sie wollten. Die Bürgerschaft war so erbost, daß sie beynahe den Pallast verheert und alles todt geschlagen hätte, wo man ihr nicht gleich ihren Adelbert versprochen hätte. Der Kaiser gieng von Maynz hinweg, und schickte nach drey Tagen seinen Gefangenen, der bereits drey Jahre im Verhaft gesessen war. Kaum saß dieser wieder auf seinem Stuhl, so waren er und der Legat Dieterich Eine Seele. Er schrieb ihm gleich zu, und versicherte ihn seines Gehorsams gegen den apostolischen Stuhl, bat ihn aber zugleich, daß er nach Cölln kommen, und ihm und andern anwesenden Bischöffen, welche seiner warteten, die päbstlichen Befehle eröfnen möchte. Dieterich willigte in sein Gesuch, und trat die Reise nach Cölln an. Der Kaiser hatte bisher die Einweyhung Adelberts zu hindern gesucht. Es war ihm also sehr unangenehm, daß diese nun durch einen päbstlichen Legaten geschehen sollte. Ueberhaupt mußte diese Zusammenkunft den Kaiser schmerzen. Während daß er in Speyer in einer sehr kleinen Gesellschaft von Bischöffen und Priestern saß, kamen in Cölln nicht nur die Metropolitane und andere Bischöffe, sondern auch andere weltliche Fürsten sehr zahlreich zusammen, und hatten zur Hauptabsicht, den päbstlichen Bann wider den Kaiser aufs feyerlichste kund zu machen. Der Legat erreichte zwar Cölln nicht, sondern starb noch zuvor, und wurde in Cölln in Gegenwart von vierzehen Bischöffen und des Herzog Lotharius und seiner Bundesgenossen begraben. Aber die Bannstrahlen wurden dessen ohngeachtet bekannt gemacht, Adelbert eingeweyht, und der kaiserliche Gesandte, der Bischoff von Würzburg, konnte nicht einmal Erlaubniß erhalten, mit einem von der durch einen Legaten des Pabstes geheiligten Versammlung zu sprechen, als bis er sich vom Banne befreyen ließ. Aber nach seiner Rückkehr zum Kaiser wollte auch er nicht mehr mit dem verbannten Kaiser zu thun haben, und Heinrich mußte ihn unter Androhung des Todes zwingen, ihm Messe zu halten, welches der Bischoff so schmerzlich empfand, daß er heimlich davon gieng, sich wieder aussöhnen ließ, und hierauf dem Kaiser, dessen Gnade er verscherzt hatte nicht mehr unter die Augen gieng. Dieses empfand der Kaiser so übel, daß er dem Bischoff das Herzogthum Franken entzog, und damit seinen Neffen Conrad, einen Sohn seiner Schwester belehnte. Er ward über die anhaltende Widerspenstigkeit der Fürsten so erbost, daß er Deutschland gar verließ, und wieder nach Italien zog, um allda die Quelle solcher Bitterkeiten zu verstopfen.“

Quelle:
Le Bret, Johann Friedrich: Die Geschichte der Deutschen. Zweyter Band, S. 491 bis 498, Heilbronn, in der Eckebrechtischen Buchhandlung, 1771. Das Buch ist in der Bayerischen Staatsbibliothek digital über folgenden LINK zugänglich:

http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10015792_00009.html

Le Bret war ein Historiker und evangelischer Theologe, 1786 wurde er Professor der Theologie, Prälat und Propst der St. Georgenkirche in Tübingen und Kanzler der hiesigen Universität. Zugleich war er Abt des Klosters Lorch.

Wie sehr die Autorität Heinrich V. durch den Sieg der Sachsen in der Schlacht am Welfesholz erschüttert war, ist einem Eintrag in den Regestra Imperii zum 11.02.1115 zu entnehmen, wonach lt. Stumpf 3120-3122 die Urkundentätigkeit des Saliers im Jahr 1115 nahezu vollständig aussetzt.

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Auch Eduard Gervais berichtet in seinem Werk: Politische Geschichte Deutschlands unter der Regierung der Kaiser Heinrich V. und Lothar III, Teil 1 ab Seite 128 von den Vorbereitungen und dem Verlauf der Schlacht am Welfesholz folgendes:

„Die Folgen zweier so schimpflicher Feldzüge gegen die westlichen Rebellen mußten bei der Stimmung, die in ganz Deutschland herrschte, für Heinrich äußerst nachtheilig wirken. Außer seinen Neffen, Friedrich und Konrad von Hohenstaufen, und dem Pfalzgrafen Gottfried vom Rhein konnte er kaum noch einem der größeren Fürsten sicher trauen, und die einzelnen ergebenen Grafen und Ritter in den aufgestandenen oder sich zum Aufstande rüstenden Provinzen waren zu schwach, den mächtigen Verbündeten lange Widerstand zu leisten oder des Kaisers Sache aufrecht zu halten. Fast in allen Gegenden des Reiches erhob sich Zwiespalt, Parteiung und Kampf zwischen Anhängern und Gegnern des Kaisers, vor dessen Zorn Keiner mehr zaghaft zurückbebte.
Die gefährlichste Empörung aber drohte in Sachsen. Allgemein und groß war hier der Unwille über die schmachvolle Behandlung, durch welche Heinrich die meisten Fürsten in ihrer Person verletzt hatte, über die unerhörten Geldfoderungen 1), wodurch Viele zu Gebietsabtretungen genöthigt und in Schulden gerathen waren, über die Ungerechtigkeit, womit er die Einen nach Empfang der Lösungssummen dennoch in Haft zurückhielt, Andere ihrer Würden und Lehen beraubte, wie Ersteres mit den Grafen Wiprecht von Groitsch, Ludwig von Thüringen und Burchard von Meißen 2), Letzteres mit Rudolf von der Nordmark, Friedrich von Sommerschenburg, Friedrich von Arnsberg und Reinhard von Halberstadt 3) geschehen war. Noch fehlte den Misvergnügten ein mächtiges Haupt, bis wieder Lothar an ihre Spitze trat. Ob auch ihn eine besondere Beeinträchtigung nach seiner Demüthigung zu Mainz getroffen, ist nicht bekannt. Es scheint, daß der Kaiser ihm nur die Heeresfolge gegen seine und des

1) Vita Vip., cap. XI, §. 6: Omnes Principes Saxoniae censu ante inaudito cunctis indicto vehementer infestabat. Fast scheint hier von einer neu eingeführten Abgabe, wie Heinrich sie später dem ganzen Reiche auferlegen wollte, die Rede zu sein.
2) Burchard wurde 1116 freigelassen; den Anlaß seiner Verhaftung kennen wir nicht. S. Vita Vip., cap. XI, §. 19.
3) Lib. de fund. Coen. Big., p. 123: Privavit dignitatibus suis Episcopum Halberstadensem venerabilem, Reinhardum Comitem Palat. de Sommerskenburch et Fridericum de Arnsberg ac Rudolfum Nordmarchia potitum substituitque pro eis alios sibi faventes. Vergl. Vita Vip. a. a. O.


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129    Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands.

Reiches Feinde auferlegt hatte, welcher Verpflichtung er, wie wir gesehen, gegen Friesland und selbst gegen Köln entsprochen. Unter den Theilnehmern des Herbstfeldzuges erscheint er nicht mehr, sei es, weil er nicht zweimal in einem Jahre zu Felde ziehen durfte, oder, was wahrscheinlicher, weil ein feindlicher Einfall der Slaven ihm einen Vorwand gab zurückzubleiben. Genug, ein Krieg gegen diese nahm seine ganze Thätigkeit in Anspruch und wurde mit großem Ruhm beendet. Nicht nur den Slavenfürsten Dumar und dessen Sohn zwang er zur Unterwerfung, auch einen Häuptling der Rüger, der feindlich eingefallen, trieb er durch eine geschickt und rasch ausgeführte Umzinglung so in die Enge, daß derselbe ohne Schwertschlag sich für überwunden erklärte, um Frieden bat, einen großen Tribut zu zahlen versprach und dazu durch Eidschwur und Geißelstellung seines Bruders sich verpflichten mußte 1).
So ganz geändert hatte sich die Lage Lothar's und des Kaisers, daß jener nun als Sieger ein Heer erprobter Krieger, dieser als Besiegter kaum die Ueberreste eines ihm zum großen Theil nur ungern gehorchenden Reichsaufgebotes von ihren Feldzügen zurückführten. Auf Jenen sahen die misvergnügten, zum Theil schon im Aufstande begriffenen sächsischen Fürsten als ihren mächtigsten Helfer, auf Diesen mit Furcht, daß er seinen Zorn, den erlittene Schmach nur erhöhet, an ihnen auslassen werde. Lothar konnte die auf ihn Hoffenden täuschen, dem Kaiser seinen mächtigen Arm bieten und reichen Lohn dafür erwarten. Doch Eigennutz leitete nicht seine Handlungen. Sein Streben war, die Rechte der Fürsten gegen Willkür des Reichsoberhauptes zu schützen. Noch im Jahr 1114 trat er an die Spitze der sächsischen Misvergnügten, und mit ihm seine Schwiegermutter Gertrud und der Erzbischof Adelgot von Magdeburg, der seine geächteten Neffen, die Söhne des gefangenen Wiprecht von Groitsch, aus dem Versteck der Wälder und unsicherer Schlupfwinkel in seiner Stadt Luburg aufgenommen hatte 2), dem Bunde gegen den Kaiser bei.

1) Ann. Saxo hat hier eine eigene Nachricht, die man selbst bei Helmold vergeblich sucht: Luiderus D. S. expeditionem movet super Dumarum Slavum ejusque filium et eos ad deditionem coegit, principem quoque Rugianorum ad se in bellum venientem sagaci agilitate circumvenit, qui, ut circumventum se vidit, pacem colloquiumque Ducis depoposcit, germanum fratrem suum obsidem dedit, pecuniam copiosam spopondit, fiem sacramento confirmavit.
2) Adelgot war ein Sohn Werner's des Aeltern von Veltheim und der Schwester des ältern Wiprecht. S. Vit Vip., cap. I, §. 9. Das im Text Erzählte berichtet ausführlich Vit. Vip., cap. XI, §. 8 u. 9. Adelgot hatte sich wol von mehr als der seinen Verwandten erwiesenen Gunst vor dem Kaiser zu rechtfertigen. Da die Neffen an der Verschwörung zu Kreutzburg Theil nahmen, mußte auch Adelgot darum wissen, und war dadurch schuldig. Furcht vor Heinrich war gewiß ebenso die Triebfeder seines Erscheinens vor dem Kaiser als seiner Flucht von Hofe, sobald er erkannt, daß er sich nicht würde völlig rechtfertigen können.


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130    Dritter Abschnitt.

Die Verschworenen hielten mehre geheime Berathungen 1), die nicht sogleich auf Empörung und Abfall gerichtet waren, sondern nur einmüthige Beschwerdeführung über die erlittenen Beeinträchtigungen, Abstellung derselben, vornehmlich Freigebung der gefangenen Fürsten, Wiedereinsetzung der Beraubten, eine allgemeine Amnestie und Sicherstellung für die Zukunft bezweckten. Bei aller Mäßigung dachten sie indeß auch daran, wie sie vor jeder neuen Gewaltthätigkeit sich schützten. Zu diesem Zweck ward eine Bewaffnung und Vorbereitung der Vertheidigung nöthig erachtet. Auf der letzten Versammlung zu Kreutzburg 2) an der Werra verpflichtete sich jeder Theilnehmer zu treuester Hülfeleistung und fester Ausdauer, wenn des Kaisers Sinn gegen ihre Bitten und Vorstellungen keine Nachgiebigkeit zeige. Ohne Zweifel fand eine Verbindung der sächsischen und rheinischen Fürsten schon damals statt, und Letztere hatten gewiß viel beigetragen, die Sachsen zu einem neuen Aufstande durch Zusage ihrer Hülfe zu bewegen 3). Kreutzburg, einen soweit westlich gelegenen Ort, der überdies dem am Oberrhein verweilenden Kaiser die Verschwörung leicht verrathen konnte, hätten wol die sächsischen Fürsten nicht zu ihrer Versammlung gewählt, wenn an dieser nicht

1) Vit. Vip., cap. XI, §. 7: Multa conventicula simul habuerunt.
2) Ibidem: Tandem juxta Kruciburg simul conglobati initum foedus juramento firmarunt.
3) Friedrich von Arnsberg gehörte als westfälischer Graf schon zum Sachsenbunde. Seine Verbindung mit den transrhenanischen Fürsten und den Kölnern brachte auch diese mit den östlichen Widersachern in ein Einverständniß. Ob Letztere an dem Aufstande Kölns im Geheimen Theil genommen, oder denselben veranlaßt, um sich unterdessen zu rüsten, ist nicht zu entscheiden. Erst als Lothar wider den Kaiser auftrat, wurde Sachsen der Heerd und die Basis der allgemeinen Empörung durch ganz Norddeutschland. Auf die Stimmung der Sachsen war bei der Empörung in den Rheingegenden gerechnet. Ja selbst weiter noch scheint die Verbindung verzweigt gewesen. Erzbischof Friedrich von Köln in seinem früher angeführten Mahnungsschreiben an Otto von Bamberg meldet diesem: Jungitur se nobis Francia, libero ore veritatem Saxonia profitetur.


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131    Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands.

auch die Rebellen im Westen des Reiches Theil genommen. Die Folge bewies, daß Letztere ihren Beistand Jenen nicht versagten, als dem Schwert die letzte Entscheidung vorbehalten blieb.
Sobald Heinrich von den Bewegungen in Sachsen hörte, bot er seine stets unermüdliche Thätigkeit auf, ihnen zu begegnen. Allein zu den einzig heilsamen Mitteln, Nachgiebigkeit, Milde, augenblicklicher Entlassung der gefangenen Fürsten, Aufhebung der Bedrückungen, nachdrücklichen Verweisen an seine willkürlich im Lande schaltenden Diener und Günstlinge konnte sein Stolz sich noch nicht entschließen. Mit Strenge hoffte er die Widerspenstigen, die er so wenig vorbereitet wie im vorigen Jahre zu überraschen glaubte, zum Gehorsam zwingen zu können. Am Rhein brachte er eine bedeutende Kriegsmacht zusammen, mit der er noch im Winter 1114 in Goslar erschien, und die seine Anhänger in Sachsen und Thüringen noch verstärken sollten 1). Als er um Weihnachten die Häupter der neuen Verbindung nach Goslar beschied, blieben dieselben wie vor zwei Jahren zu Erfurt aus 2). Nur der Erzbischof Adelgot, der eine seinen Verwandten bewiesene Mildherzigkeit für kein strafbares Vergehen wider den Kaiser hielt, oder diesen zu versöhnen hoffte, erschien am Hofe, verließ ihn aber bald wieder, weil die Warnung eines geheimen Anhängers seines Hauses, der im kaiserlichen Gefolge sich befand, in ihm den Argwohn erweckte, Heinrich wolle ihm den Prozeß machen und ihn gefangen setzen 3). Alle Widerspenstigen traf nun die Reichsacht, ihre Würden und Lehen wurden Andern zugewiesen und der Krieg gegen Jene beschlossen. Die dem Kaiser willfährigen

1) Ann. Saxo ad 1115: Imperator considerans Saxoniam manifeste jam a se deficere contra eam ut iratus ita et armatus venit, et tam ex his, quos adduxersat, quam quos inibi voluntarios invenerat, castra non modica instituit.
2) Ann. Saxo a. a. O.: Natalem Domini Goslariae celebravit, et Reinhardo Halberstadensi Episcopo, Duci Liudero, Palatino Comiti Friderico, Marchioni Rodolfo, ut curiae huic intersint, edicit. Geladen waren gewiß alle sächsischen Fürsten. Der Annalist nennt nur die welche ausblieben.
3) Vita Vip., cap. XI, §. 9 u. 10: Quidam Archiepiscopo familiaris a suo nepote, qui in regis erat ministerio, est clam praemonitus, scilicet Archiepiscopum regis circumventum fraudibus et non solum sequenti die deponendum, sed etiam cum suis omnibus capiendum. - Ille (Adelgotus) nil moratus in ipsius noctis tenebris, ignorantibus adversariis et celeriter equis ascensis Magdeburg ante mediam noctem cum suis aufugit. - § 11: Archiepiscopus absens deponitur et ultio fieri de Saxonibus reipublicae contemptoribus illico decernitur.
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132    Dritter Abschnitt.

Fürsten versprachen binnen vierzig Tagen ihre Mannschaft aufzubieten und die alte Pfalz Walhausen wurde zum Sammelplatz bestimmt 1).
Unterdeß waren auch die Verbündeten nicht unthätig und keineswegs von Furcht gelähmt. Gleich nach dem Tage zu Kreutzburg hatten sie die Veste Walbeck an der Wipper stark befestigt und von derselben aus den Grafen Hoyer von Mansfeld, den gefährlichsten Gegner im eigenen Lande, auf alle Weise bedrängt 2). Von dort aus ließen sie durch Gesandte Heinrich erklären, daß sie nur zur Selbstvertheidigung, nicht zum Kampfe wider Kaiser und Reich die Waffen ergriffen hätten 3) und sogleich diese niederlegen würden, wenn er ihren Bitten geneigtes Gehör und Abstellung ihrer gerechten Beschwerden gewähre. Anstatt zu besänftigen, erhöhete dies Heinrich's Zorn, und dem Schwert allein verblieb die Entscheidung. Beide Parteien zogen ihre Streitkräfte zusammen. Im Dienste des Kaisers zeigten sich besonders Diejenigen sehr thätig, denen die Würden und Güter der Geächteten zugesprochen waren, wie der junge Heinrich von Stade, der schon früher die Nordmark erhalten, sie aber seinem Oheim noch nicht hatte entreißen können 4), Friedrich von Putelendorf, der neue Pfalzgraf, und vor Allem der zum Herzog von Sachsen ernannte Hoyer von Mansfeld. Während dieser mit andern Anhängern des Kaisers Orlamünde belagerte, nahm Heinrich selbst Braunschweig, das Erbe der Markgräfin Gertrud, ein und zerstörte das seiner Mauern beraubte Halberstadt nun vollends 5). Die Verbündeten, sei es nun, daß sie dem Kaiser nicht unmittelbar Trotz bieten, oder daß sie leichter den Grafen Hoyer zu bekämpfen dachten, wandten sich gegen diesen und suchten nur die Vereinigung der noch

1) Vit. Vip., cap. XI, §. 9 u. 10: Expeditione dehinc post 40 dies scilicet IV. Idus Februarii suis omnibus indicta, apud Walehusen suum adunant exercitum.
2) Vit. Vip., cap. XI, §. 7: Inde proficiscentes castrum, quod Wallebeche dicitur, ad injuriam Regis aedificarunt. Ex quo Hogerum Comitem onmibus modis infestabant. S. auch Ann. Saxo ad 1115. Walbeck, nicht das ohnweit Helmstädt gelegene Stammschloß von Lothar's Vorfahren, sondern im Mansfeldischen an der Wipper gelegen.
3) Chron. Ursp.: Non pugnandi contra dominum suum audacia sed defendendi necessitate coacti.
4) Ann. Saxo ad 1114: Ejecto Rodolfo, milder Chron. Saxo ad 1115:
Rudolfus remisit marchiam. Der Pegauer Mönch dagegen a. a. O.: Rudolfum Nordmarchia potitum.
5) Ann. Hildesh., Ann. Saxo ad 1115,


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133    Schlacht am Welfesholze.

vereinzelt operirenden Gegner bei Walhausen zu verhindern 1). Diese bewerkstelligte der Kaiser dennoch zu der festgesetzten Zeit 2) an einem Orte, das Welfesholz genannt, in der Gegend von Eisleben, machte es dadurch aber zugleich den westlichen Bundesgenossen der Sachsen möglich, zu diesen zu stoßen. Die Arnsbergischen Brüder, Heinrich von Limburg, Hermann von Cavelage, ein Enkel des berühmten Otto von Nordheim 3) und andere Fürsten und Hülfsvölker 4) verbanden sich mit Herzog Lothar, unter dessen Führung die Gesammtmacht gleichfalls am Welfesholz lagerte. Einige Tage zögerte man noch auf beiden Seiten mit dem Angriff, theils wegen der rauhen Winterkälte und Schneemassen, die Wege und Felder deckten, theils aus Besorgniß über den Ausgang eines Alles entscheidenden Treffens 5). Waren die Verbündeten der Härte und des Zornes eingedenk, mit denen der Kaiser sie bedrohete, wenn er Sieger bliebe und die abermals Abgefallenen züchtigte, so erkannte Heinrich, daß nach einer Niederlage in Sachsen wie am Rhein seine Herrschaft, ja in ganz Deutschland sein kaiserliches Ansehen kaum noch zu behaupten möglich wäre. Aber der ungestüme Hoyer, der nach der Herzogwürde begierig Verlangen trug und für schimpflich hielt, mit fast noch einmal so starkem Heere unentschlossen vor dem Feinde im Lager zu stehen, er, der einst mit 300 Mann das Vorhaben der rebellischen Sachsen vereitelt hatte, wollte mit seiner Schar, einer auserlesenen jungen Mannschaft, die gleich ihm kecker Muth und Kampfeslust beseelte, nicht länger zaudern. Mit Ungestüm warf er sich (am 13. Februar 1115) auf den Feind; ihm entgegen trat, zornentbrannt für des Vaters Gefangenschaft und die Beraubung des Erbes an dem

1) Vita Vip., cap. XI, §. 11: Saxonibus e contra pro posse in id ipsum (Walehusen) enitentibus.
2) Vita Vip. a. a. O.: Ventum erat ad tempus indictum ad locum, qui Welfesholz dicitur.
3) Ann. Saxo p. 563 nennt Hermann einen Sohn des ältern Hermann von Calverla (so wird er hier genannt, p. 631 H. de Cavelage) und der von Welf verstoßenen Ethelinde. Friedrich von Arnsberg war der Sohn einer jüngern Tochter Otto's, die an Konrad von Arnsberg vermählt gewesen.
4) Ann. Hild. und Ann. Saxo a. a. O. geben nur die Genannten an. Chron. Pantal. p. 916: Adjunctis Friderico Archiepiscopo cum Coloniensibus. Daß auch Diese Hülfstruppen nach Sachsen geschickt, ist wahrscheinlich.
5) Vita Vip. a. a. O.: Propter hyemis asperitatem ac nivium importunitatem bellum in crastinum differtur. Chron. Ursp. und Ann. Saxo: Cumque per aliquot dies pars utraque alteri minaretur et parceret.


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134    Dritter Abschnitt.

Urheber Beides sich zu rächen, der junge Wiprecht von Groitsch. Wie jenen die Hoffnung auf ein neues großes Besitzthum erfüllte, trieb diesen Verzweiflung, weil ihm nichts von seiner Habe als das Schwert gelassen. Weit voran vor den Seinen, nur von einem Ritter gefolgt, sprengt der Mansfelder in den feindlichen Haufen; weil dieser unberitten, oder weil er durch sein Streitroß sich behindert glaubt, steigt er ab und will mit erhobenem Schwert sich Bahn brechen. Nicht erschreckt dies den jungen Groitscher Helden; auch er, nur begleitet von einem tapfern Brüderpaar, stürzt zum Zweikampf hervor, schleudert die Lanze wider die Brust des Gegners mit solcher Gewalt, daß sie tief in den Panzer dringt; doch Hoyer's Gefährte zieht das Eisen heraus, mit erhöheter Wuth führt Hoyer selbst einen toddrohenden Schlag auf Wiprecht's Haupt; den fängt dieser mit dem Schilde auf, dringt nun auch mit dem Schwerte auf den Gegner ein und glücklicher als der, versetzt er demselben einen Hieb, daß er niederstürzt und den zweiten tödtlichen nicht mehr abzuwenden vermag. Da jeder den Furchtbaren im Leben gekannt, bleibt sein Fall nicht verborgen und erhebt den Muth der Sachsen, wie er den der Kaiserlichen niederbeugt. Jene kämpfen für Freiheit und Recht, diese erfüllt kein höheres Interesse; auch Denen, die Heinrich auf den Lohn des Sieges verwiesen, schwindet die Hoffnung auf Beides, und bald erfaßt Alle die Furcht vor den erbitterten Gegnern, deren Einer zwanzig bis dreißig von ihnen niederwirft oder in die Flucht jagt. Dennoch währete, weil der Kaiser nicht die Fassung verlor und um jeden Preis den Sieg noch zu erringen suchte, die Schlacht bis zum Einbruch der Nacht. Da hielt auch jener die Flucht für das einzige Heil 1). Mit den Ueberresten seines großen Heeres wandte er sich

1) Jenes famosissimum proelium berichten alle Chronisten, am ausführlichsten die Vita Vip., cap. XI, §. 11-14, und nach ihm der Pegauer Mönch bei Hoffm., Scrpt. rer. Lusat. IV, p. 123. Ohne diese Beiden wüßten wir nichts von der Heldenthat Wiprecht's, da die anderen Schriftsteller, obwol auch sie die Niederlage des Kaisers vornehmlich aus dem Fall Hoyer's von Mansfeld herleiten, den Ueberwinder dieses nicht namhaft machen. Differenzen herrschen in der Angabe des Tages. Ann. Hildesh., Ann. Saxo, Chronogr. Saxo geben das Datum III. Idus Februarii, Helmoldi Chron. Slav., Dodechin, Alb. Stad. Kalend. Februarii. Die Angabe der Ersteren, die, wenn man die Nachricht der Vita Vip. aus dem Zusammenhange des Erzählten auffaßt, auch durch sie bestätigt wird (ad tempus indictum, die vorher IV. Idus Febr. angegeben, trafen die Heere im Welfesholz zusammen; bellum in crastinum differtur, also III. Id. Febr.) scheint die richtigere. Vergl. Stenzel II, S. 324. Die Stärke der Feinde nach Helm. und Alb. Stad.: Tres (Saxones) contra quinque pugnaverunt. Daß der Kaiser die Seinen geführt, sagt Vita Vip. §. 13: Imperator adveniens ordinavit acies. Die Gesinnung beider Heere §. 14: Saxones pro patria viriliter agentes, hostes nec spe nec timore enitentes, quasi oves tanto furore aggressi sunt, ut XXX seu XX ab uno Saxone occumberent Die Dauer des Kampfes, ibid: Toto die pugnatum est, et nox interveniens bellum diremit.


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135    Schlacht am Welfesholze.

nach Baiern und dann nach dem Rheine 1). Die Sachsen waren von ihrem unerwartet glänzenden Siege so überrascht, daß sie noch bei des Kaisers Flucht an demselben zweifelten, und in der Furcht, es möchte ein versteckter Hinterhalt ihnen den errungenen Vortheil entziehen, den Fliehenden nicht einmal verfolgten. Auf dem Schlachtfelde errichteten sie zum Gedächtniß des für ihre nationale Freiheit so glücklich ausschlagenden Kampfes eine Kapelle und darin eine Statue nach Weise ihrer Altvordern mit Helm, Schild und Keule, welcher späterhin die Umwohner der Gegend den Namen des heiligen Tyodut oder Jodut beilegten 2). Den Haß gegen Heinrich bezeichnete eine andere minder lobenswerthe Handlung. Auf den Rath des Bischofs Reinhard von Halberstadt, der im Heere der Verbündeten viel galt, der vor und während der Schlacht die Kämpfer durch seine religiös ermahnenden, auf die Gerechtigkeit ihrer Sache tröstend verweisenden Reden ganz besonders ermuthigt hatte, ward den gefallenen Kaiserlichen eine ehrliche Bestattung versagt, weil sie als Anhänger eines gebannten Kaisers in den Tod der Verdammniß gegangen seien. Ueberhaupt fing man an, diesem anfangs rein weltlichen Kampfe in Sachsen, wie in den andern Provinzen, die wider Heinrich im Aufstande waren, eine kirchliche Bedeutung unterzulegen und die Kämpfer für Freiheit und Eigenthum in Streiter für Kirche und Hierarchie umzuwandeln. Nicht alle weltlichen Fürsten mochten darin einverstanden sein, allein noch nicht gestattete ihnen ihr eigenes Interesse sich von der Geistlichkeit zu trennen oder als Vermittler und selbstständiger Stand für Kaiser und Kirche, wie für sich selbst bestimmte Rechte zu fodern. Noch immer schien Heinrich's Macht

1) Ersteres nennt die Vita Vip. a. a. O.: Victores postera die Regem in Bojariam fugisse compererunt. Dagegen sagen Chron. Ursp. und ihm nachschreibend Ann. Saxo ad 1115: Imperator non parum amaricatus ad Rhenum convertitur, was indeß nicht unmittelbar nach der Schlacht geschehen zu sein braucht.
2) Corner p.657 ad 1117 (für 1115) und Dodechin ad 1115. Erster fügt hinzu: Quasi Saxones victoriam ipsius auxilio habuerint. Vergl. Krantz, Hist. Saxon., lib. V, cap. 36. Es charakterisirt auch diese Erhebung der Kriegestrophäe zu einem Heiligen den Geist des Krieges selbst.


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136    Dritter Abschnitt.

gefährlich; um ihn zu beschränken, wider ihn das Volk in Aufregung zu erhalten, damit es nicht gewahr werde, daß an die Stelle eines Tyrannen jetzt der härtere Druck vieler kleinen Despoten getreten, gestatteten sie, daß man der Empörung gegen das Reichsoberhaupt das Ansehen eines heiligen Krieges gab, während weltliche und geistliche Fürsten auf gleiche Weise die Vergrößerung ihrer Macht im Auge behielten. Zur Verhütung jenes Zerwürfnisses, welches dem Kaiser Gelegenheit geben könne, sich für die erlittenen Niederlagen zu rächen, wurde der früher geschlossene Bund auch ferner aufrecht erhalten, wiederholte Zusammenkünfte und Berathungen über des Landes Wohl gaben seiner Thätigkeit Einheit und Nachdruck. Vorerst ward beschlossen für Sicherheit im eigenen Lande durch Unterdrückung aller inneren Zwistigkeiten, durch Bekämpfung der kaiserlichen Anhänger und Abwehr jedes auswärtigen Feindes Sorge zu tragen 1). Denn noch waren viele Vesten in Sachsen und Thüringen mit starker Besatzung versehen und droheten nicht nur mit verheerenden Ausfällen, sondern gewährten auch den Freunden des Kaisers so lange Schutz und Beistand, bis dieser, wie jene mit Zuversicht erwarten durften, einen neuen Heereszug nach Sachsen machen werde. Die feindlichen Burgen zu belagern oder zu beobachten mußte eine bewaffnete Kriegsmacht unterhalten werden.“

1) Helmold, lib. I, cap. 40: Saxones propter victoriam animis sublevati perpendentes Caesaris iram non facile impunitatem tantae calamitati praebituram frequentibus colloquiis causam suam muniverunt, seditiones, quae intra provinciam erant, foederibus conciliant, aliunde auxiliantum manus consciscunt, postremo ne complures foedera rumpant, omnes in defensionem patriae conjurant.



Quelle: Eduard Gervais: Politische Geschichte Deutschlands unter der Regierung der Kaiser Heinrich V. und Lothar III, Teil 1 S. 128 – 136, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1841




Dr. Joh. Janssen zum Verhältnis zwischen Kaisertum und Papsttum

„§. II. Unter der Regierung der letzten fränkischen Kaiser war das deutsche Reich durch die fortdauernden Kämpfe mit dem römischen Stuhle vollständig von Innen zersplittert und aufgerieben worden und hatte zugleich seine Kraft und sein Ansehen bei den auswärtigen Nationen verloren. Tiefes politisches Berechniß und tiefes Bewußtsein von dem, was dem Vaterlande Noth that, hatte deshalb der Wahl Lothar's

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von Suplinburg 1) zu Grunde gelegen, von dessen kirchlichen Gesinnung man eine versöhnlichere Politik dem Papstthum gegenüber erwartete; dessen Herrschertugenden, dessen biedere und edle Persönlichkeit man für die Erhebung des Reiches befähigt hielt. Man hatte sich nicht getäuscht. Wenige unserer Kaiser haben in dem Grade wie er die Stellung zu würdigen gewußt, die sie der Kirche gegenüber einzunehmen hätten, um für das Reich fruchtbar wirken zu können; Wenige in dem Grade eingesehen, daß man unbeschadet eigener Größe eine freie, volle kirchliche Entwicklung gestatten könne. Hätten die spätern Herrscher aus dem Hause der Staufen an Lothar gelernt, was sie dem Reiche geschuldet, so wäre unserer Geschichte manch' blutiges Blatt gespart worden und der Sturz unseres Vaterlandes sobald nicht hereingebrochen.
Lothar hat es bewährt, daß nicht Feigheit und Schwäche ihn geleitet, als er der Kirche Rechte aufopferte, die er gemäß dem Concordate von Worms hätte behaupten können, wodurch aber der völkerbildende Einfluß der Kirche eingeengt schien; er hat es bewährt durch seinen Heldenmuth und durch die Thatkraft, womit er die Größe und den Ruhm des Reiches nach Innen und Außen der Art zu heben gewußt, daß wir fragen dürfen wann denn unser Vaterland eine höhere Glanzperiode, als unter seiner Regierung, erreichte? Die Könige Dänemarks hatten ihre Kronen als Lehen aus den Händen des Kaisers empfangen, das Wendenvolk war zum Gehorsam, Polen zum Tribute gezwungen, Böhmen gewährte willig Vasallentreue,

1) Früher war es ziemlich traditionell in der deutschen Geschichte die Größe eines Kaisers nach dem Grade zu bestimmen, in dem er auf die Kirche losgeschlagen hatte. Während man z. B. Friedrich II., den feindseligsten Verfolger der Kirche, mit Lob überschüttete, wurden ein Heinrich II. ein Lothar III. die mit Rom in Frieden gelebt, als Schwächlinge und Frömmler dargestellt; daß das Vaterland unter jenem gelitten, unter diesen geblüht, blieb unbeachtet. Jetzt ist es anders geworden. Was Friedrich II. für Deutschland gewesen, hat uns Höfler und Böhmer gezeigt; des letztern, auf ein Quellenstudium, wie er es treibt, gestütztes und auf wenige Seiten zusammengedrängtes Urtheil wiegt ganze Bände von Geschichte auf. Für die Beurtheilung Heinrich's II. hat Gfrörer Bahn gebrochen, für Lothar III, Gervais l. c. und Jaffé in seiner Geschichte des deutschen Reiches unter Lothar dem Sachsen.

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Ungarn legte die Entscheidung über den Besitz des Landes in Lothar's Hand, die übermüthigen Griechen sah man um kaiserliche Gunst buhlen, in Italien war der deutsche Waffenruhm glänzend gewahrt. Das Reich selbst war beruhigt, pünktlich wurde für die Pflege der Gerechtigkeit gesorgt, ein zehnjähriger Landfriede, in den letzten Jahren seiner Regierung verkündet, wurde einmüthig von den Fürsten und vom Volke beschworen. Die Zeitgenossen haben den Kaiser den Vater des Vaterlandes genannt und mit Recht konnte Helmold sagen: „In den Tagen von Kaiser Lothar begann ein neues Licht zu scheinen; nicht blos im Sachsenlande, sondern im ganzen Reiche waren die Zeiten ruhig geworden, die Dinge im Ueberfluß, zwischen Reich und Kirche Friede.  2)"
Dieser Friede grade hatte die übrigen Segnungen herbeiführen helfen und das mußte Lothar erkennen, als er ihn aufrecht erhielt in einer Zeit, wo es vollständig in seiner Macht gestanden die Kirche zu drücken. Unter seiner Negierung nämlich war das traurige Schisma ausgebrochen zwischen Innocenz II. und Anaclet II., welches allenthalben in der Kirche eine unheilvolle Parteistellung hervorgerufen hatte. Beide Päpste gingen den Kaiser um Hülfe an; demüthig bittend kam Innocenz im Jahre 1131 nach Lüttich an Lothar's Hof. Kein Augenblick konnte günstiger sein für den Kaiser Rechte zu erpressen von dem Papste, der wie im Exil umherirrte; er hat es nicht gethan. Vor aller Welt legte er vielmehr die Ehrfurcht, die er dem Stellvertreter Christi zollte, offen an den Tag; als der Papst der Stadt nahte, ging er ihm an der Spitze der Großen seines Reiches entgegen, hielt ihm demüthig den Steigbügel und, selber zu Fuß einhergehend, führte er ihm mit der einen Hand den weißen Zelter am Zügel und trug in der andern eine Ruthe, mit der er die andringende Menge von dem Gesalbten des Herrn fernzuhalten suchte. Lothar wußte, daß er durch diese Ehrenbezeugung, die er dem

2) „Coepitque in diebus Lotharii Caesaris oriri nova lux, non tam in Saxoniae finibus, quam in universo regno, tranquillitas temporum, abundantia rerum, pax inter regnum et Sacerdotium.“ Chr. Slav. I, cap. 41.
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Papste erwies, nur sich selber ehrte; als erster Fürst der Christenheit betrachtete er sich auch, wie es Karl der Große gethan, gleichsam als erstgebornen Sohn der Kirche und hielt es als solcher sowol für sein Recht wie für seine Pflicht den übrigen christlichen Fürsten, seinen Brüdern, ein Beispiel aufzustellen von Ehrfurcht und Anhänglichkeit, die der Mutter gebühre. Wibald und andere Fürsten fanden in spätern Jahren Gelegenheit, Friedrich I. an dieses Beispiel von Lothar zu erinnern und dadurch einer Friedensstörung zwischen Kirche und Reich vorzubeugen.
Allerdings wollte Lothar anfänglich einige Forderungen in Betreff des Investiturrechtes an Innocenz stellen und schien an diese, gleichsam wie an Bedingungen, seinen Feldzug nach Italien und die Zurückführung des Papstes in die ewige Stadt knüpfen zu wollen; allein er ließ baldigst alle fallen, als der heil. Bernhard mit hinreißender Beredsamkeit die Sache der Kirche vertheidigt hatte. Dieser wunderbare Mann galt gleichsam als Orakel seiner Zeit; er übte durch seine sittliche Charactergröße, durch seine geistige Kraft und die Fülle seiner Rede einen solchen Einfluß aus auf die damalige Weltlage, daß man einen langen Zeitraum passend das Zeitalter des heil. Bernhard nennen kann. Wol zu Lüttich schon mochte es sein, wo Wibald ihn kennen lernte und von der Bewunderung seiner Beredsamkeit so erfüllt wurde, daß er einem Freunde schrieb: „Dieser ehrwürdige Mann, aufgerieben durch das langjährige Elend der Einöde, durch Fasten und Bläße gleichsam zurückgebracht auf die Zartheit einer geisterhaften Gestalt, überzeugt schon durch seinen Anblick, bevor er noch redet. Gott hat ihm die besten Anlagen verliehen, die höchste Ausbildung, eine unvergleichliche Thätigkeit, eine ungemessene Uebung, eine helle und klare Sprache, Bewegungen des Leibes, wie sie jeder Redeweise angemessen sind. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn er durch die Gewalt so großer Eigenschaften die Schlafenden, ja um noch mehr zu sagen, die Todten erweckt; und indem der Herr ihm beisteht und seine Rede bekräftigt, die Menschen umkehrt und unter das Joch Gottes als Gefangene schleppt, die auf den Wagen Pharao's standen. Ihn würdest du wahrhaft beredt nennen: der nicht durch seine

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Handlungen zu Nichte macht, was er mit seinem Munde predigt, der nicht im Innern ein Nero, im Aeußern ein Cato ist. Wenn du ihn siehst, wirst du belehrt, wenn du ihn hörst, unterrichtet, wenn du ihm folgst vollkommen werden."  3) Beide Männer sind in spätern Jahren in weltlichen und kirchlichen Angelegenheiten so häufig zusammen getroffen, und haben Beide so übereinstimmend ein Ziel verfolgt, daß man sich wundern möchte, daß zwischen ihnen kein Briefwechsel vorliegt.
Obgleich wir für Wibald's politisches Wirken in den Quellen keinen nähern Aufschluß finden,  4) so können wir doch aus einigen Andeutungen schließen, daß es von großer Bedeutung gewesen sein muß; bedenken wir nur, daß die Cardinäle Guido und Gerhard, die damals in Deutschland großen Einfluß ausübten, mit ihm in engster Freundschaft standen. Gleich nach dem Concile von Lüttich besuchte ihn Lothar in Stablo, bestätigte die Klosterprivilegien  5) und bald darauf treffen wir

3) „Vir ille bonus longo eremi squalore et jejuniis ac pallor confectus, et in quandam spiritualis formae tenuitatem redactus, prius persuadet visus, quam auditus. Optima ei Deo concessa est natura, eruditio summa, industria incomparabilis, exercitium ingens, pronuntiatio aperta, gestus corporis ad omnem dicendi modum accomodatus. Non igitur mirum si potenti tantarum rerumvirtute excitat dormientes, immo, ut plus dicam, mortuos et Domino cooperante et sermonem confirmante alterat homines et ad jugum Dei trahit captivos qui fuerant in curribus Pharaonis. Hune tu vere dixisses cloquentem, qui non destruit opere, quod praedicat ore, qui non est intus Nero, foris Cato. Quem si videas, doccris: si audidias, instrucris, si sequare, perticeris.“ ep. 147.
4) Martene (Coll. ampl. II. 160) läßt seiner Conjecturirlust freien Lauf; in Stablo meint er, seien die ersten Berathungen über den italienischen Zug gepflogen, erst nach der Unterredung mit Wibald habe Lothar die Investiturfrage fallen lassen, gleich darauf ein Heer gesammelt u.s.w. Am Ende kommt es bis zur Behauptung, daß Deutschland ohne Wibald’s Rath nie dem rechtsmäßigen Papste würde zu Hülfe gekommen sein („nunquam utique legitimo pontifici subvenisset Germania, si ejus (Wibaldi) consilio fuisset destituta“ pag. 157). Er läßt ferner den Wibald eine Rolle spielen in den Kämpfen Lothar’s mit Conrad, findet es dann sehr wahrscheinlich, daß auf seine Bitten Lothar dem Rebellen verziehen, und ist dann bald mit dem Satze fertig: daher schreibe sich die spätere Freundschaft Wibald’s mit Conrad. (p. 160, 161). Die Quellen wissen von all‘ diesen Sachen Nichts.
5) Reg. W.‘s Nro. 10

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den Abt in der Umgebung des Kaisers.  6) In einer im Jahre 1136 zu Gunsten Wibald's ausgestellten Urkunde lobt Lothar dessen Zuverlässigkeit und Treue in der Leitung von Reichsgeschäften  7) und Herzog Heinrich der Löwe erinnerte sich noch in spätern Jahren voll Dankbarkeit der Dienste, die der Abt seinem glorreichen Ahn, dem Kaiser Lothar, mit einer ungewöhnlichen Standhaftigkeit lange, vielfach und treu geleistet habe.  8) Daß er Proben von Tüchtigkeit und Entschlossenheit abgelegt, muß uns vor Allem aber daraus einleuchten, daß ihn Lothar auf seinem zweiten Feldzuge nach Italien zum Admiral der kaiserlichen Flotte ernannte. Wollten wir uns mit der Geschichte dieses Zuges näher beschäftigen, so würden wir nur wiederholen können, was Jaffé quellenmäßig dargestellt hat. Bei Besprechung von Verhältnissen, worin sich Wibald's Einfluß nicht in's Spezielle verfolgen läßt, wird uns überhaupt der Werth der vorliegenden Bearbeitungen bestimmen, ob wir näher in dieselben eingehen, oder nur im Allgemeinen berühren werden.
Jedenfalls bedurfte es für die Stellung, die Wibald angewiesen war, eines Mannes, der militärische Anlagen und Kenntnisse besaß, der mit der Umsicht im Unternehmen Ausdauer im Durchführen verband, den Entbehrungen und Gefahren nicht abschrecken konnten. Wibald hat die Hoffnungen, die Lothar auf ihn gesetzt, vollkommen gerechtfertigt; bei Neapel sowol, als bei der Unternehmung gegen Salerno, durch welche dem Kriege ein Ende gemacht wurde,  9) zeigte er sich seiner

6) Reg. W.‘s Nro. 11.
7) „Venerande abba Wibalde fidelitatis tuae constantiam et labores, quos nobiscum in administratione imperii nostri perfers. pensantes..“
Reg. W.‘s Nro. 16. Auf W.‘s Verwenden bestätigte Lothar an demselben Tage die Verbindung des Klosters Hastieres mit dem Kloster Vasor. Reg. W.‘s Nro. 17.
8) „Venerabilis abbas nobisque carissimus Wibaldus gloriossimo avo nostro imperatori Lothario diu multumque ac fideliter servivit, et in administratione Romani Imperii singulari constantia usque ad mortem adhaesit.“ Reg. W.‘s Nro. 105.
9) „Guibaldus super navalem expeditionen ab imperatore constitutus et Neapolim est transmissus.“ Petr. Diac. I. cap. 124.  „Navalemque expeditionem, super quam Stabulensis abbas Guibaldus ordinatus erat, supra Salernum direxit.“ I. c. cap. 117.

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schwierigen Stellung vollkommen gewachsen. Treue und Aufopferung bewährte er in einem solchen Grade, daß ihn Lothar seiner vorzüglichen Liebe und Freundschaft für würdig erklärt,  10)
Noch findet sich ein Brief Lothar's an Wibald, worin diesem Titel beigelegt werden, für deren Erklärung die Geschichte keinen Aufschluß gibt und die auch Wibald später nie wieder gebraucht hat. Der Kaiser nennt ihn nämlich Kanzler des römischen Reiches, Magister Capellanus und Friedensfürst;  11) ob er diese Würden schon früher bekleidet, oder sie auf dem italienischen Feldzuge erhalten, muß dahingestellt bleiben; Urkunden, die er als Kanzler recognoscirt, liegen nicht vor.
....
10) „Praccipue tamen personam domni ac venerabilis abbatis Wibaldi ... praccipuo amore ac familiaritate nostra dignam judicamus, cujus fides et devotio circa stabilitatem et honorem imperii hac Italica expeditione manifeste satis enituit, qui post multos labores et pericula, quae pro nobis et nobiscum in administratione nostri imperii in Apulia fideliter pertulit ..“ Reg. W.‘s Nro. 23.
11) „Dilectissimo fideli suo Guibaldo Casinensi gerarchae, et Romani imperii Cancellario (so bei Pertz, Moratori hat archicancellario) et magistro capellano ac principi pacis.“ Brief Lothars vom 30. September 1137 bei Petr. Diac. I. c. cap. 125. Vergl. Archiv für ältere deutsche Geschichte V. 124, 341. Die Behauptung Ficker’s (Rainald von Dassel, p. 10), Wibald sei Kanzler dreier Kaiser gewesen, ist nicht zu erweisen.“




Veröffentlicht in:
Janssen, Johannes,  Wibald von Stablo und Corvey 1098-1158, Abt, Staatsmann und Gelehrter, S. 40 - 46
Münster 1854
Verlag der Coppenrathschen Buch- und Kunsthandlung



Dr. Constantin Höfler zum Verhältnis zwischen Kaisertum und Papsttum (Rezension)

Blätter für literarische Unterhaltung, Nr. 300, Montag, 27. October 1845

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Kaiser Friedrich II. Ein Beitrag zur Berichtigung der Ansichten über den Sturz der Hohenstaufen. Mit Benutzung handschriftlicher Quellen der Bibliotheken zu Rom, Paris, Wien und München, verfaßt von Konstantin Höfler. München, Literarisch-artistische Anstalt. 1844. Gr. 8. 2 Thlr. 5 Ngr.

 

Wer Hrn. Höfler aus seinem Werke „Die deutschen Päpste“ kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat, wird leicht errathen können, auf welchen Standpunkt er sich stellte, als er das vorliegende Buch schrieb; welches, wie wir beiläufig aus der Vorrede bemerken wollen, ursprünglich nur eine kurze Abhandlung werden sollte, aber um das Dreifache wuchs, um wenigstens einigermaßen den Stoff unterzubringen, der dem Vers. zu Gebote stand. Dessenungeachtet hat der Leser keine vollständige Biographie Friedrich’s II. vor sich. Fragt man nun, was denn der·Verf. eigentlich geben wollte, auf welchem Standpunkte er·bei seiner Darstellung steht und welche Quellen er benutzte, die es namentlich rathsam erscheinen ließen, das Buch zu schreiben und der wissenschaftlichen Lesewelt vorzulegen, so erhält man in der Vorrede, die aber keineswegs das Buch selbst vollkommen und deutlich genug charakterisirt, im Wesentlichen folgende Auskunft:

„Unsere Schrift beschäftigt sich eigentlich nur mit Lösung gewisser Probleme im Leben Friedrich’s II., sie ist eine biographische Skizze, welche, ohne erschöpfend zu sein, Das mit besonderer Vorliebe behandelte, was andern Arbeitern entweder entging, insofern der vor ihnen liegende Stoff hierzu nicht ausreichte, oder was sie auf eine Weise darstellten, welche nach dem vor mir liegenden Stoffe als unhaltbar angesehen werden muß. Ein Augenmerk schwebte hierbei dem Verf. besonders vor, daß sein Büchlein für die Geschichte des Mittelalters so viel als möglich unentbehrlich und nicht gerade von ephemerer Dauer werden möge. Sollten später neue Forschungen in diesem Gebiete der Geschichte statt·finden, so hegt der Verf. die Hoffnung, daß sie sich zu den seinigen doch nicht anders verhalten werden als wie zum Vordersatz die coneclusio, wie zur Basis die Säule. Die Geschichte Friedrich’s II. bleibt für alle Zeiten von dem höchsten Interesse, weil der Wendepunkt des Mittelalters in sie fällt. So große Schwierigkeiten hierbei der Gegenstand darbietet, so liegen doch die bedeutendern in den Anfoderungen der Leser, indem die meisten von dem Verf. geradezu verlangen, er solle sich entweder lobend oder tadelnd über das Recht der Päpste, die Könige abzusetzen, und die Pflicht der Letztern, der Hierarchie zu widerstehen, aussprechen. Je nachdem dies geschehen, wird ihm auch Anerkennung oder Verwerfung zu Theil werden. Mit Absicht hat jedoch der Verf. darauf gar keine Rücksicht genommen. Was auch gegen die innere Begründung eines aufgestellten Rechtssatzes eingewendet werden mag, dem positiven Rechte wird man seine Geltung nicht versagen können. Jedweder allgemeine Satz enthält des Wahren beinahe ebenso viel als des Falschen in sich. Darüber mögen die Leser, welche Lust haben, sich ereifern; der Historiker hat nur das Particulaire, die gegenseitigen Beziehungen zu erforschen und zu würdigen. Alle Gewalt aber war, dem Begriffe der Zeit gemäß, wenn sie rechtlich sein sollte, nur eine gegebene; es gab keine Rechte ohne besondere Pflichten. In der Bewahrung jener, in der Erfüllung dieser bestand die Freiheit jener Tage. Die neuern Zeiten haben diesen Grundsatz zu nichte gemacht und die Freiheit in die Willkür gelegt, sodaß aufs neue Herrschen oft nichts Anderes heißt als die Willkür üben. Auf dieser Bahn ist, wie mehre Hohenstaufen, vor Allen Friedrich II. ihnen vorangegangen. Sein Kampf mit dem Klerus trug hervorragend diesen Charakter, da der Grundsatz des Traditionnellen sich nirgend so kundgegeben hatte als in diesem Stande. Der Kampf des Kaiserthums mit dem Papstthum erhielt in der vorliegenden Schrift eine neue Berücksichtigung, da er nicht nur dem Papste und Klerus gegenüber, sondern insbesondere in seiner Beziehung zu dem Laienstande verfolgt wird, welcher, gleichsam Erbe des gewaltigen Streits zwischen dem Priester- und Königthume, von nun an eine Stellung in der christlichen Welt einnimmt, die mit jedem Jahrhundert von größerer Bedeutung wird. Ist deshalb auch das Resultat dieses Buchs ein von der gewöhnlichen Auffassungsweise abweichendes, so möge dieses dadurch entschuldigt werden, daß die auf dem Titel angekündigte Benutzung von Handschriften in- und ausländischer Bibliotheken volle Wahrheit ist. Salimbene’s werthvolle Chronik aus der vaticanischen Bibliothek, die Regestenauszüge Papst Gregor's IX. und Innocenz’ IV. aus der Ballicelliana, der Regestenband Innocenz’ IV., den die königliche Biblothek zu Paris aufbewahrt, das Conceptbuch des bekannten päpstlichen Legaten Albert von Beham, welches als Autographon und seines seltenen Materials wegen zu den vorzüglichsten Kostbarkeiten der königlichen Bibliothek zu München gehört, die den Manuscripten der

 

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kaiserlich-königlichen Bibliothek zu Wien entnommenen Briefe rc. können dem Leser bürgen, das ich nicht in den Schuhen meiner Vorgänger einherzuschreiten, sondern eigene Wege zu wandeln suchte.“

Die deutsche Geschichtschreibung ist gewohnt, das Zeitalter der Hohenstaufen als die Glanzperiode des deutschen Reichs im Mittelalter darzustellen, d. h. als diejenige Zeit anzusehen, in welcher das deutsche Volk durch seine Kaiser repräsentirt politisch und geistig den Gipfelpunkt erstieg, der ihm im Mittelalter bestimmt war. Von da an Verfall, Auflösung und allmäliger Ubergang zu neuen Verhältnissen. ,,Deutschlands Verhältnisse“, sagt Bülau ganz treffend, ,,führten sichtlich darauf hin, daß auf allen·Punkten das Besondere seinen eigenen Ausdruck erhielt.“ Friedrich II. hatte das Geschick, „an dem Ausgange jenes Kampfs zu stehen und die Entscheidung tragen zu müssen“. Und unsere Geschichtschreibung, den national-politischen Gesichtspunkt festhaltend, hat in ihre Geschichtsbücher über diesen Fürsten, der sieben Kronen auf seinem Haupte trug, im Wesentlichen Folgendes eingetragen. Friedrich II. hatte einen furchtbaren Kampf zu bestehen gegen die Lombarden, gegen die Päpste und die Feinde, die ihm von diesen sowol offen als im Geheimen entgegengestellt wurden. Sein ganzes Leben ging in diesem Kampfe unter. Er entwickelte aber auch Muth, Kraft und Klugheit in einem solchen Grade, daß er mit Recht in der Reihe der ausgezeichnetsten Fürsten Deutschlands steht. Nie sind, kann man mit vollkommener Berechtigung sagen, schönere Talente und größere Kräfte an die deutsche Herrschaft über Italien und an die Demüthigung der Hierarchie gesetzt worden. Von denselben Herrschergrundsätzen ausgehend, die seinen Großvater Friedrich Barbarossa geleitet hatten, verkannte er wie dieser die Unmöglichkeit, den Freiheitsgeist der Städte, mit denen sich die Interessen der päpstlichen Politik verbanden, durch das Lehnssystem zu besiegen. Darum führten aber auch die vielen Gesetze, die Friedrich in Verbindung mit seinem berühmten Kanzler Peter de Vineis zur Beschränkung der Städte und zur Begründung oder Wiederherstellung der kaiserlichen Macht gab, ebenso wenig zum Ziele als die unermüdete Thätigteit und Grausamkeit seines talentvollen und selbstsüchtigen Bundesgenossen Ezzelino da Romano. Um seine Erbstaaten, Sicilien und Neapel, gegen offene und geheime Angriffe der Päpste zu sichern und Italiens Herr zu werden, vergaß Friedrich Deutschlands Interessen nur zu sehr, wohl wissend, daß ihm von dortaus keine wahrhaft ernstliche Gefahr drohe, und führte durch die Überlassung der Territorialoberhoheit an die deutschen Fürsten, deren Anhänglichkeit er in dem Entscheidungskampfe gegen Rom bedurfte, nothwendig die Zerstückelung Deutschlands herbei. Wie aber Friedrich nach der Unterwerfung Italiens strebte, ebenso trachteten die Päpste um jeden Preis den wegen seiner italienischen Erblande doppelt furchtbaren Kaiser aus ihrer Nähe zu entfernen. Die Nothwendigkeit seiner Gegenwart in Italien fühlte der Letztere nur zu gut; daher seine wiederholte Weigerung, den längst versprochenen Kre·uzzug anzutreten. In Folge dessen sprach der Papst Gregor IX., der noch im Greisenalter die Hitze eines Jünglings und die Thatkraft eines Mannes besaß, den Bann über ihn aus. Und als Friedrich den Kreuzzug 1228 unternahm und selbst Jerusalem ohne Schwertstreich den Christen wieder gewann, wie er der christlichen Welt in einem Briefe selbst verkündigte, umgab ihn die erbitterte Curie in dem heiligen Lande mit Feinden und Gefahren. Und ihr Verdienst war es in der That nicht, daß der Kaiser nicht durch Meuchelmord fiel und der Sultan von Ägypten sich ehrlicher und großmüthiger zeigte als man von einem mohammedanischen Feinde damals zu erwarten gewohnt oder berechtigt war. Des Kaisers Abwesenheit benutzend hatte Greor IX., wie vorauszusehen war, Krieg und Aufruhr in dessen Erblande geworfen; die Rückkehr des Gewaltigen verscheuchte jedoch bald die Schlüsselsoldaten. Die Opposition, die sich in Deutschland gebildet und an deren Spitze man den jungen und unerfahrenen Schon Friedrich's, Heinrich, zu drängen gewußt hatte, unterdrückte der Kaiser sehr schnell und der Sohn büßte seine Schuld oder Verführung mit lebenslänglichem Gefängnisse. Um seinem Kampfe in Italien, den er, es koste was es wolle, zur Entscheidung zu führen entschlossen war, ungestört obliegen zu können, hielt er einen großen Reichstag zu Mainz (1236); ein ·allgemeiner Landfriede, dessen Verkündigung zum ersten Male in deutscher Sprache geschah, ward geboten. Friedrich sah Deutschland nicht wieder. Da zwischen seinen Herrschergrundsätzen, den Ansprüchen der lombardischen Städte und den Plänen Roms keine Ausgleichung möglich war, nahm der Kampf zwischen Kaiser und Papst, nachdem der Letztere insbesondere den Erstern excommuinicirt·hatte, eine solche Heftigkeit und Erbitterung an, daß beide Kämpfer selbst der Gefahr nicht achteten, mit welcher nicht· nur Deutschland, sondern der größte Theil der europäisch-christlichen Welt durch die Mongolen bedroht ward; beide Streiter, an Ehrgeiz, Kraft und Ausdauer einander würdig, fühlten lebhaft, es sei für Jahrhunderte vielleicht der Tag der Entscheidung gekommen zwischen der Fürstenkrone und der· päpstlichen Tiara.·Friedrich erklärte, Das was auf dem Spiele stand richtig würdigend, nach seiner Besiegung würden die übrigen Könige bald an die Reihe kommen; und diese durften denn in der Wahrheit den Ausspruch des Historikers Florus auf sich anwenden lassen: ,,post Carthaginem neminem vinci puduit.“ Als Gregor IX. Starb, theils aus Gram über die Niederlage seiner genuesischen, reich mit Geistlichen und englischem Gelde beladenen Flotte, theils an den Folgen ungünstiger Gesundheitszustände in Rom(1241), stand Friedrich dem Anscheine nach auf dem Punkte obzusiegen. Allein bald änderte sich die Scene. Er ward 1243 bei Viterbo von den mit Erbitterung und Verzweiflung kämpfenden Italienern geschlagen und der neue Papst Innocenz IV., der ihm als Cardinal Sinibald Fiesco befreundet gewesen war, trat mit solchem Herrscherstolze und solcher Festigkeit gegen ihn auf, daß er sich zu Unterhandlungen entschließen mußte. Aber ehe diese noch zum Abschlusse kamen, entfloh der Papst nach Lyon zum größten Unmuthe des Kaisers, der daraus ganz klar erkannte, daß sein erbitterter Feind in dieser sichern Stellung nun das Außerste gegen ihn wagen würde. Und er täuschte sich nicht. Auf einem dahin berufenen großen Concil, vor dem der kaiserliche Gesandte Thaddäus von Suessa vergebens seine Beredtsamkeit zur Vertheidigung seines Herrn erschöpfte, sprach Innocenz IV. am14. Juli 1245 einen ebenso verhängnißvollen als schmählichen Bannfluch aus *): er galt der Vernichtung des im verhaßten Hohenstaufischen Geschlechts. Der Papst verfügte über die Kronen und Länder desselben, Deutschland eingeschlossen, mit maßloser und despotischer Willkür. Mit prophetischem Geiste rief Thaddäus aus: „dies ista, dies irae, calamitatis et miseriae! Doch ungebeugten Muths, im Vertrauen aus seine Rechte und der noch inwohnenden Kraft setzte der Geächtete in Italien den Kampf mit abwechselndem Glücke fort; während er in Deutschland die Bekämpfung zweier Gegenkönige, die ihm die Päpstliche Politik schnell nacheinander entgegensetzte, seinem Sohne Konrad überließ. Plötzlich aber machte der Tod dem stürmischen und welthistorischen Leben Friedrich's ein Ende. Gift und Dolch hatten ihn nicht zu erschüttern vermocht; aber die Treulosigkeit seines Kanzlers Peter de Vineis und die Gefangennehmung seines Lieblingssohnes Enzio brachen ihm zuletzt das Herz. Sein Fall war der erste Art der großen historischen Tragödie, in der seinem gewaltigen Hause unterzugehen bestimmt war. Welchen Eindruck aber dieser Hohenstaufe namentlich auf das deutsche Volk durch seine Thaten und durch die Verfolgung der Mönche gemacht hatte, sieht man daraus, daß noch unter Rudolf von

 

*) Der Papst machte ihn der ganzen christlichen Welt bekannt, er theilte ihn selbst dem Sultan Melaheddin mit. Dieser gab aber eine Antwort die vortrefflich geeignet war, das Haupt der Christenheit tief zu beschämen; schwerlich war eine solche erwartet worden.

 

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Habsbnrg Betrüger auftreten konnten, die sich für Friedrich II. Ausgaben; in Mainz mußte Rudolf sogar die Waffen gegen den Anhang eines solchen Pseudo-Friedrich ergreifen. Deutschland und Italien übrigens lagen blutend und zerrissen da; das war der vielgerühmte Segen der Hierarchie und der sogenannten Befreiung der Kirche aus der Knechtschaft der Hohenstaufen. Das aber an diesen Triumph des Papstthums der Anfang seines Sturzes sich knüpft, das haben katholische und protestantische Historikers schon längst und allgemein anerkannt. Die Nemesis hängt an den Füßen des Frevlers gegen die Gerechtigkeit!

(Der Beschluß folgt)

 

Blätter für literarische Unterhaltung, Nr. 301, Dienstag, 28. October 1845

 

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Kaiser Friedrich II. Ein Beitrag zur Berichtigung der Ansichten über den Sturz der Hohenstaufen. Von Konstantin Höfler.

(Beschluß aus Nr. 100.)

Sehen wir nun, wie unser Verf. Friedrich II. und die Verhältnisse aufgefaßt hat. Seine Quellen, denen er vorzugsweise folgt, sind durch und durch mit römisch-hierarchischen Ansichten geschwängert. Und diesen einseitigen Charakter trägt auch sein ganzes Buch an sich. Den Schlüssel dazu kann man in den Worten Salimbene's d' Adami, der dem Verf. als besonderer Gewährsmann dient, finden: ,,Friedrich würde seines Gleichen nicht gefunden haben, hätte er Liebe zur Kirche gehabt; der Haß aber, welcher ihn zu dem Streite mit ihr entflammte, hat alle seine guten Eigenschaften zerstört. „Hinc illae lacrimae! In Folge Dessen ist alles Unrecht auf Seiten des Kaisers und seiner Anhänger, die Kirche oder vielmehr die Hierarchie ist schuldlos, befindet sich nur im Stande der Nothwehr, während sie doch handgreiflich mit schauderhafter Willkür in weltliche Rechte und Verhältnisse übergreift. Wer gab dem Papste auch nur im geringsten die Befugniß, die

 

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Hohenstaufen Konrad, Manfred, Konradin diesseit und jenseit der Alpen ihrer Kronen zu berauben? War Friedrich schuldig, was hatten Kinder und Enkel verbrochen? Man gestehe es nur, die unparteiische Geschichte und die Gerechtigkeit drängen unwiderstehlich zu diesem Geständnisse: die Hierarchie bebte vor keinem Gewaltstreiche zurück, um das verhaßte, mächtige und kraftvolle Geschlecht der Hohenstaufen zu verderben. Deutschland, das Vaterland des Verf. erntete Blut, Verwilderung und Zerstückelung von den Bestrebungen und endlichem Siege der päpstlichen Macht. Hat der Verf. ein Herz für diese bejammernswerthen Folgen? Nein, seine Augen sind mit dem Herzen zugleich nach Rom gerichtet, dort ist der einzige Sitz des Rechts, dort die wahre Quelle des Segens. Und fast möchte man glauben, folgende Worte wären zum Hohne geschrieben:

„Die Angelegenheiten des deutschen Reichs überwachte Innocenz mit der unermüdlichsten Sorgfalt, und wenn dasselbe als nächste Folge der Absetzung der Hohenstaufen eine grenzenlose Verwirrung erntete, so darf man hierbei nicht die natürliche Folge dieses Ereignisses und des charakterlosen Ehrund Ländergeizes seiner Fürsten auf Kosten der Anordnungen hinsetzen, die Innocenz für das allgemeine Wohl ergreifen mußte, oder die Augen für Dasjenige schließen, was zur Herbeiführung eines bessern Zustands, der mislichen Verhältnisse ungeachtet, Treffliches und Geeignetes geschah. Der König selbst kam unter den besonderen Schutz des Papstes.“

Wir enthalten uns jeder weitern Bemerkung über diese Stelle; unsere Leser werden von selbst die Stimme eines Mannes daraus vernehmen, der das „Rom hat gesprochen“ auch für sein Vaterland als die suprema lex anerkennt. Wenn endlich der Verf. in der Vorrede erklärt, er habe keine Biographie Friedrich's II. zu liefern beabsichtigt, sondern nur neue Beiträge liefern und berichtigen wollen, so wäre das an sich ebenso rühmlich als verdienstlich. Allein es hat derselbe wohlweislich nur die Verhältnisse, Kämpfe und Fehler Friedrich's zum Gegenstande seiner Darstellung gemacht, die seinem speciellen Zwecke dienten, während er voraussah, daß eine umfassende und nach allen Richtungen hin greifende Biographie ihm manchen schmerzhaften Pfahl in sein hierarchisches Fleisch treiben mußte, wenn er sich nicht zum Falsarius der Geschichte hergeben wollte. Nach·allen diesen Bemerkungen wird man übrigens auch unsere Außerung erklären, die wir zu Anfang gethan haben, daß die Vorrede des Verf. keineswegs völlig klar und offen sei. Sollen wir nun unser Urtheil über sein Buch in wenige Worte zusammenfassen, so glauben wir es in folgender Art ohne alle Ungerechtigkeit und Nebenabsicht thun zu dürfen: der Verf. hat gleich einigen Andern im Interesse einer gewissen Partei einen Versuch der Rehabilitation der vor dem Forum der Geschichte verurtheilten Hierarchie gemacht, wie sie im 13. Jahrhundert den Hohenstaufen gegenüber erscheint. Seine neuen Quellen dienten ihm glücklich als Veranlassung und Beweismittel. Die theilweise mühevolle Sammlung und die Mittheilung dieser Quellen verdient den Dank der Geschichtswissenschaft schon aus dem Grunde, weil diese das audiatur et altera pars als ein Recht unbedingt anerkennen muß und dieses natürlich weder dem Verf. noch der Partei, die er vertritt, zu verweigern geneigt sein kann. Allein sollen jene Quellen ihren wahren Werth für die Historiographie erhalten, so dürfen sie keinem Parteizwecke zum Mittel dienen, sondern müssen außerhalb desselben nach den Gesetzen der historischen Kritik geprüft *) und benutzt werden. Die historische Kritik hat aber in den Geschichten des Mittelalters solche Fortschritte gemacht, daß sie recht wohl im Stande ist zu beurtheilen, welcher Werth, welche Autorität dieser oder jener Urkunde gebührt. Sie läßt sich nicht mehr durch Alter oder sogenannte heilige Hände täuschen und bestechen; sie hat die Wahrheit, auf welcher Seite sie auch liegen möge, zum Endziel ihrer Prüfungen gemacht. Und so können wir uns denn auch jetzt, um es mit kurzen Worten noch einmal auszusprechen, von der Überzeugung unmöglich trennen, des Verf. Quellen bedürfen einer Kritik und Benutzung, die von jedem Parteizwecke sich entfernt halten, um auf ihren wahren Werth für die Geschichte der Hohenstaufen zurückgeführt zu werden. Wir hegen aber die Hoffnung, daß die Befriedigung jenes Bedürfnisses nicht lange außenbleiben werde, sowie daß des Verf. Buch auf die Darstellung und Beurtheilung der Hohenstaufischen Geschichten im Ganzen von keinem wesentlichen Einflusse sein werde. Indem der Verf. am Schlusse noch manche charakteristische Züge aus der Zeitgesehichte, besonders aus dem Mönchsleben der Franziskaner, nach seinen Quellen mittheilt, schließt er das Ganze mit folgender Stelle:

„Die ungeheuern Anstrengungen, zu welchen unter Innocenz IV. die Kirche genöthigt gewesen war, hatten dieselbe in einen so unnatürlichen Zustand versetzt, daß Jahrzehnde vergingen, bis sie aus dem Schwanken wieder zur Ruhe gebracht werden konnte. Innocenz hatte von Anfang an nach Frieden gestrebt; allein die Unmöglichkeit, einen solchen ohne die unverantwortlichste Verletzung seiner Pflichten zu schließen, hatte ihn zu den äußersten Schritten vermocht, welche sein Pontificat mit dem Hasse der Ghibellinen erfüllten. Als er schnell nach dem Sturze des Kaisers wieder einzulenken versuchte, mußte er die Erfahrung machen, wie die Aufregung der Parteien ein selbständiges Leben zu gewinnen vermöge, auch wenn die Ursache derselben längst weggefallen war. Dafür konnte ihn aber das Bewußtsein trösten, in der äußersten Bedrängniß nur Dasjenige gethan zu haben, was zum Heile der Kirche menschliche Weisheit für unumgänglich erachtetete. Es blieb einem höhern Ermessen überlassen, im Laufe der Weltgeschichte die Ursache klar zu machen, warum die alte Verbindung zwischen Papstthum und Kaiserthum gelöst, das Abendland der Zerrüttung, das christliche Morgenland dem Untergange preisgegeben werden sollte. Die Saat, die seit Heinrich IV. unablässig ausgestreut worden, war endlich aufgegangen; sie hatte ihre Früchte gebracht und vergeblich mochte jetzt die Welt miskennen, was nur die natürliche Folge vorausgegangener entsetzlicher Ursachen war. Entrinnen konnte sie den Übelständen derselben nicht mehr; dann erntete sie auch die bessern Früchte.“ 73.

 

 

*) Der Verf. erkennt es an, daß er den kritischen Werth seiner Quellen in dem vorliegenden Buche habe besprechen sollen, es sei aber unterlassen worden, weil das Erfoderliche von ihm bereits in den „Münchner gelehrten Anzeigen“ niedergelegt wäre. Wir glauben denn doch, er hätte besser gethan, wenn er jene Kritik auch dem Buche selbst einverleibte, die wissenschaftliche Welt würde es ihm gewiß Dank gewußt haben, abgesehen von der Zweckmäßigkeit, die Quellen und ihre Kritik aus einem Punkte zu vereinigen.

 

 

Veröffentlicht in:

Blätter für literarische Unterhaltung, Nr. 300, S. 1202-1204 sowie Nr. 301, S. 1207-1208 vom October 1845

 

 

Verantwortlicher Herausgeber: Heinrich Brockhaus. - Druck und Verlag von F. H. Brockhaus in Leipzig

 

 

Hinweis: Der deutsche Historiker Constantin Höfler war 1839-1847 Professor der Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und 1851-1881 an der Karls-Universität in Prag.