K. F. A. Scheller: "De Kronika fan Sassen in Rimen fan Wedekind went up Albregt fan Brunswyk 1279"

Reimchronik des Sassisch-Brunswykischen Fürstenhauses
Auszug: Seiten 70 bis 118

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Kap. XXII.
Gelasius papa II. Henricus imperat. V.

Wer nu gêrne wille weten, / We hyrna besäten / Dankwerderode de hershap, / Märket, dat de markgrevinne gav / De wêde frowe Gêrdrûd / Ore leven dogter gûd / Riksen êr dissen dagen / Einem heren, hôrde ek sagen, / De kam hër gehowen an den kreit. / Ek weit forwâr, syn fader heit / Fân Suppelingeborg greve Gevehard, / Geboren hër fan forsten ârd / He mag ein here wäsen wol, / Wente syn lyv was aller doged fol. / Greve Luther was her genand / Fan Suppelingeborg; ût Sassenland / Was he hyrbeforen / Fan den édelesten geboren. / He zyrde ôk sine doged gâr / Sine gebôrd edel undë klâr. / He was manlik, klûk undë wys, / Des mêrde sek syn hoge prys. / Haldesleve de graveshaft / Ome ein angefälle gav, / De greven Bernhardes was / Fan Haldesleve, also ek las, / Unde sines sones. By den dagen, / Also uns de boke sagen,
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Erstarv de forste ût Sassenland; / Hertoge Magnus was her genand, / De des hertogdomes hadde geplägen. / Dat wârd do gelägen / Fan deme fêrden kaiser Henrik / Greven Lüdere fil werdiglik, / Fan Suppelingeborg der hi is genand, / Do heit he hertoge ût Sassenland. / Fan dëme solde ek fil doged spräken: / An den sinnen wil 'es mer untbräken. / He was ein forste ûterwäl'd, / Unde an dögeden ein manlik held, / Regte ein kämpe unforhouwen, / Also men an sinen wärken mag shouwen,./ Wo he dorg regt gûd unde lyv / Satte an einen groten kyv / To deme Welpes-holte an deme wike / Weder kaiser Henrike / Den fyvden, dën ek êr nande, / De mid rove unde mid brande / Kwam to Sassen dorg den olden hât, / Des her an härten nu forgat / Sedder sines fader tiden. / We skolde one dâr bestriden / Dorg de overgroten hêrfârd? / Fan Halberstad bishop Reinhard / Unde der forste ût Sassenland, / Der hertoge Lüder is genand, / Unde fan Arneborg greve Herman, / De wolden den kaiser dâr bestân, / Unde fil heren gâr formäten, / De an Sassen waren gesäten,

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De dat regt beshärmen wolden, / Wat se darumme liden solden. / De stryd ging tô, han ek gehôrd, / Dâr gesha grôt môrd / An folke an beider syd. / Et was wol de meiste stryd, / De by korten dagen is geshên / An Sassenlanden, hôrde ek jên. / Aldâr wârd ein here erslagen, / Dën hôrde men fil sere klagen, / Greve Hoyger was he genand. / He solde ok an Sassenland / Hävven dat hertogdôm besäten, Ofte de sege tôgemäten / Were deme kaiser Henrik; / Wente he was gâr ridderlik / Sines heren hoivedman. / De regtigheid sek mären began, / Unde breiden kräftig fôrd. / Dusend jâr na Kristi gebôrd / Unde fovtein unde hunderd, Wârd dâr also gewunderd. / Uppe sunte Scholastiken dag, / Also ek dat an der skrivt sag, / Fôrging de grote folwyk. / De Sassen weren unglyk / Deme kaiser an der tale, / Dog wârd he fan dem male / Gehouwen sunder sake nigt. / Dat regt hadde togepligt / Mid den forsten an Sassenland: / Des wârd ome de segehaftige hand.

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Nu hadde an groter wêrdigheid / De markgrevinne gâr gemeid / Gertrud follenbragt dat gestigte, / Dat se to eren uprigte / Sunte Illigen unde sunte Autore, / Also ek sprak hyrfore. / Oren swager se dâr bad komen / Hertogen Luder, han ek fornomen, / Unde bishop Reinharde fan Halverstad, / Dârto fan Rome einen legât, / De was geheiten Diderik. / Do ward ein hogtyd êrlik: / Dâr wigede Bishop Reinhard / Fan Halverstad, bin ek gelârd, / Dat monster an groten eren. / Men sägt, dat dër tyd ôk weren / Fan Kristi gebôrd gesunderd / Dusend fovtein jar unde hunderd. / Gêrdrûd, de frowe klâr, / Levede dârna twe jâr, / Unde starv fil saliglike. / Ör sele hävve dat himmelrike. / Se wârd an dat goddes-hûs / To Dankwerderode sunte Petrus / Mid groten eren begraven, / Dat dâr was erhaven, / Dat nu Brunswyk is genand. / Hertoge Luder, der dogeden pand, / Des lives ein held formäten, / Des härte ôk was untsäten / Fan tornhaftigen sinnen, / Boven alle ding began he to winnen

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Godde Ieiv, den fil wêrden. / Des kronede he one hyr up êrden / Mid doged, wêrde unde ere, / Dat he hyr maister were / Siner shâp shanden-lere.

Kap XXIII.
Innocentius papa II. Henricus imp. V.

Nu weren fan Kristi gebord, / An einem boke ek dat' hôrd', / Dusend unde hunderd jar / Ses unde twintig forswonden gâr, / Elven jâr na deme groten stride, / Do de krone was worden kwide / Fan deme fyvden kaisere Henrik, / De to Spire stary na deme wyk,./ Wârd de forste ût Sassenland, / An dëme de truwe folge fand, Luder, uppe dën se hadden gesworen, / To Menze to koninge gekoren / Fan den forsten algelyk, / De dâr hôrden to deme ryk, / Mid willen unde mid leve gâr; / Wente he was ein forste klâr, / Des de werlde ere hadde unde fromen / Ek hävve ôk for wâr fornomen, / Wo öme syn frowe gar forsunnen / Rikse hädde gewunnen / Eine dogter sunder hone. / Gêrdrûd heit de maged shone,

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An lyv, an dögeden gâr gemeid; / Mid leve unde mid wêrdigheid, / Gav se or fader herlik / Fan Beigeren hertogen Henrik / To Mersborg to deme hove, / Eineme forsten fan hogem love, / Unde makede one to Sassen / Hertoge: wente he was gewassen / Fan hoger ârd unde geboren. / Twe jâr dârna, dat erkoren / Was or fader to deme rike, / Men sägt, dat de forste brëke / Winzenborg, dorg dat de greve Herman / An der shuld was befân / Des greven dodes fan Lukke. / Dit unde fil mêr shoner stukke / Findet men fan ome geskreven. / Dissem forsten was ôk gebleven / To Dankwerderode. de hershap, / De ome dorg wessel wedergav / De Palenzgrevinne Gêrdrûd Umme ander land unde ander gûd, / De frowen Riksen suster was, / Do dusend jar, also ek las, / Dre unde drittig unde hunderd / Fan Kristi gebôrd weren gesunderd. / O'k was de tyd forhard, / Do de koning sine fârd / To Rome makede fil herlik, Luder der dogeden ryk, / Dat he untfeng dâr den sägen / Unde de krone, der he solde plägen

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Den argen to ainer wrake, / Wedewen unde weisen to overdake, / Fan deme pawese, dën he do fand: / De andere Innocentius was genand, / De one wigede unde kronede, / Dat he an dogeden gronede, / An sunte Johannes kärken to Laterân. / Wo herliken dat wârd gedân, / Dat solde ek ôk wol sagen, / Men dat mot ek fôrbat jagen. / Twelv jâr he der krone plag. / Syn doged ome ôk jag / Truwe, fredes unde ôk leve. / Martinianus on an sinem . breve / Einen waren kristen ertuget, / Unde der kristenheid einen suged. / An ome was anderweide geboren / Augustus, de hyrtoforen / So groten frede hadde erworven. / De was dog fôr ome gestorven / Negentein jâr unde elven hunderd. / Luder, mid dëme god also gewunderd / Hadde, dat he fan Rome ein kaiser heit. / Forwâr he des nu en leit, / He en forsollede't mid der dâd, / Wat uns syn namen bedüded hat, / Dat he an dogeden luder skein. / Luder unde luter is filna ein. / Do he des rikes ere agte, /Dat he Lumbardien bragte / An frede unde an stedigheid, / Do fôr he weder, also men sait,

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Fil herlik in Dudeshe land; / Wente et do was gewand, / Dat he ein deil bedroved fand.

Kap. XXIV.
Innocentius papa II. Luttarius imp.

An Denemarken by dën dagen / Was besäten, hôrde ek sagen, / Ein koning fôr dogeden wol behûd, / De dorg sinen overmûd / Den Dudeshen tô dreiv shande, / Wôr he se fand an sinem lande. / Dat meigede deme kaiser sere / Dorg der Dudeshen ere, / Wente he ein Dudeshe was geboren. / Dorg dat was gesworen / Deme kaiser ein grôt hêrfârd / Hen to Denemarken ward / Fan den sinen kräftiglike, / Also dat het deme rike / Redde to eren unde to love. / Snel to des koninges hove / Fan Denemarken kwemen de märe, / Dat de kaiser komen were / Mid so overgroter hêrfârd. / Des wârd de koning gâr forfârd, / He dede, also et do was gewand, / He kwam drade, dâr he fand / Den kaiser, he bad on dôr God, / Unde dorg dat kaiserlike gebod,

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Dârmede God hädde syn heil / Gedured, dat syn gnaden-heil / Over one dede milden shyn, / Wente he mid den kräften syn / Ome nigt gestriden mogte. / De kaiser sine gnade rogte: / He lägde einen hov / To Halverstad, dâr he grôt lov / Erwarv unde wêrdigheid, / Dâr mannig forste gâr gemeid / Sine reise henne nam. / Fan Denemarken ôk dâr kwam / De koning mid feler riddershap, / Alda he sek up gnade gav / Deme kaiser unde deme rike. / De kaiser ome weder fil herlike / Lêt syn rike unde de kronen. / He swôr ome ôk to sonen / Mid den forsten sines rikes, / Dat he alles gelikes / Unde syn koningrike solde untsân / Fan deme kaiser, unde kronen hân / Unde or rike fan deme Romeshen rike / Ummerme sekerlike. / Disse ere, hore ek gein, / De Lutario so geshein, / Dat nu kaiser me geshag. / Alda up einen ôsterdag / Ging umme hov de kaiser ryk / Gekroned fil herlik, / Fôr ome de koning wärd, / Unde drôg ome syn swërd.

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Dârna an korten tiden sedder / Fôr de koning to lande wedder / Fan Halrerstad fan deme hove / Mid des kaiseres orlove, / Unde wârd dârna, hôrde ek sagen, / In den pingisten erslagen / Fan sinen figenden. By der tyd / Sworen de forsten sunder stryd / Einen frede to tein jaren./ Do fan Kristi gebôrd waren / O'k ergangen dusend jâr / Hunderd unde fyv un drittig gâr, / Wärd gewandeled dat gestigte / To Lutter, dat erste uprigte / Fan Haldesleve greve Bernhard, / De ôk êr genomed wârd, / De et hadde begunnen, / Also dat et weren nunnen, / Dat de kaiser unde syn frowe / Rikse de döged-showe / Wandelden, dat et worden / Swarte monike, de dâr hôrden / To sunte Benedictus orden.

Kap. XXV.
Innocentius papa II. Luttarius imp. III.

Luder aller shande frige / Fôr weder an Lumbardige. / Dâr kârde he to Pulle / Mid grotes heres fulle

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Wedder den koning Rogere, / De dat land hadde wente an dat mere / Mid gewald besäten. / De was so gâr formäten / Deme pawese ein wedersate, / De ome ôk to hate / Fil ungefuges dede mid stride. / De kaiser unde de pawes mede / Kwemen mid groter riddershap / To Pulle, unde wonnen ome av / Dat land wente an Bare. / Men sagt ôk forware, / Wo he mid endeliker dâd / O'k wonnen Bare de stad, / Unde fordreiv one an Secilienland / Rogere, dën ek êr hävve genand. / Alsus wolde God syn heil meren. / Dâr bleiv he mid groten eren / Eine pingisten fil fro / Mid deme pawese Innocentio. / Ein shone ding aldâr geshag: / Do et kwam an den pingistdag, / Unde de pawes sulven missen sang, / Ein guldene krone fan dem himmel swang, / Dârboven swëvede ein duve wiz, / Or fedderen gaven blanken gliz; / Under der kronen sag men ôk / Einen groten düren rôk, / De ût einem fate shone drang, Darby twe kärzen lang / Unde regte shone branden. / Dat segen alle, de dat kanden.

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Dat konde mank alle den luden / Nemand erfaren eder duden: / Dog wârd et gepröved des, / Dat de kaiser unde de pawes / Weren also forsoned. / Luder so hoge gekroned, / An dëme de trüwe raste fand, / De fôr do ôk an Kalabri-land, / Des wan he ein mighel deil. / Glükke unde salde drôg syn heil, / Also et an allen dingen skein; / Wente he dorg hât nog gûd drôg ein, / Was den fianden kwâd, den frunden frund. / Dësse doged is uns allen kund / Fan deme kaiser Lutario, / Deme dridden, de so ho / Dat rike hadde gemered, / Dat he was geéred / Fan mangerhande luden, / De ek jik wil duden: / Fan den Walen unde fan den Russen, / Unde fan Ungeren, Greken un Prussen. / Fan der koninge gave ryk / Was he geéred algelyk; / Wente he was wol eren wêrd, / Also hadde ome God ere beshêrd, / Dat frolik weren sine dage. / He satte ôk dikke an de wage / Sines sulves lyv to pande, / Dat he frede shôp an deme lande. / Des nande men one sunder kere / Des landes fader unde here.

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De landlude frogten ôk do nigt / To unregte orer hershop tigt; / Mär de städe unde ôk de wike / Beseten dat öre fredelike. / Ek wil to wäge weder. / De kaiser kârde seder / Hen to Dudeshen landen ward. / By Norenbärg up der sulven fârd / Fil he mid groter unmagt: / Dâr starv he unde wârd gebragt / To Lutter an syn egen. / Sine gravt nigt werd forswegen: / He ward gegraven herlik, / Also it wol tämede deme kaiser ryk. / Dat gesha, also ek hôrde, / To der tyd, do fan goddes bôrde / Dusend jâr unde hunderd / Agt un drittig waren gesunderd. / Fil hôrde men den edelen düren klagen. / Wolde et God sulven sagte dragen, / Ek wolde one shulden unde spräken, / Dat he et ju rogte bräken, / Dat he so hoge hat ûterwäl'd. / Mek is dog dat wol formeld, / He dede't, dorg dat he one krônde / In deme himmelrike unde shônde, / Also he hyr kronen hadde gedragen. / Wat mag ek mêr fan öme sagen? / He was ein telge unde ein twyg / Der edelen forsten fan Brunswyg. / Laten dat de jungen gard, / Se slagten na der sulven ârd;

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Wente et is natûrlik, / Dat des bomes junge twyg / Shoner lôv dragen / Wan de alden, hore ek sagen, / Do ek 'es begunde to fragen.

Kap. XXVI.
Lucius papa II. Conradus imperat. III.

Hyrbeforen ek untwag / Einer rede, do ek sprak / Fan deme êrsten kaiser Otten, deme groten, / Af ji et hävven besloten, / Wo de hertoge Magnus fan Sassen, / (De here was gewassen / Fan Hermanne Billinges sone,) / Hadde gewunnen shone / Twe jungfrowen reine. / Wolfhild heit de eine, / Elike was der anderen name. / De nam ôk sunder shame / Fan Ballenstede greven Otten. / Ek en wil des nigt spotten: / Wolfhild nam ôk fil herlik / To manne hertogen Henrik, Einen forsten ut Beigerland, De ôk de swarte was genand, / Also ek hyrbeforen sprak. / De forste, also men jag, / Gewan to ärve fil herlik / Eine Jütten unde hertogen Henrik,

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Des to Beigeren was de hershap / Unde to Sassen, de ome gav / De kaiser, de syn herre was, / De wêrde Lüder, also ek las, / Mid Gêrdrude sinem kinde. / Fan dissem forsten ek ôk finde, / Dat he besat algelyk / De hershap in Brunswyk, / De was siner frowen egen. / Nu werd ôk nigt forsvregen / Fan Swaven hertoge Frederik: / Dëme gav de swarte hertoge Henrik / Jütten, sine dogter hôggeboren. / Dat is wâr. He was hyrbeforen / Fan einem hogen geslägte. / Skolde ek et nomen to regte, / Et was by koninge Karles dagen / Ein gewaldig forste, hôrde ek sagen, / De was geheiten also / Mid deme guldenen wagen Etiko. / He wolde dorg gave nog dorg Iôn / Neineme minshen manheid dôn, O'k deme kaiser, so men sait, / Dorg sine groten edeligheid. / He hadde einen sone Heinrik, Dëme gav de kaiser Lodewig, / De syn swager was genand, / Dat hertogdôm an Beigerland. / Jutte was fan deme sulven kunne. / Men sägt ôk, dat se gewunne / By hertogen Frederike shone / Fan Swaven twe sone,

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Fan Greken den kaiser ryk, / Undo den êrsten kaiser Frederik. / Hyr wil ek et nu laten bliven; / Ek en kan et nigt al geskriven, / Wat hoger forsten fan ome kwamen. / Dog skolle ji ör namen / An einem anderen bleke sen, / We fan frowen Eliken, / De frowen Wolfhilde suster was, / Kwam markgreve Albregt, also ek las, / Des sone was hertoge Bernhard, / Also jik hyrna werd forklârd. / Ek wil weder to wäge ward.

Kap. XXVII.
Eugenius papa III. Conradus rex III.

Fan Sassen unde ut Beigerland / Hertoge Henrik, (de genand / O'k was forste in Brunswyk, Des fader hertoge Henrik / De swarte hadde gewäsen, / Ek hävve ôk geläsen, / Wo he öm was algelikes / Des êrsten kaiseres Frederikes,) / Dëme hadde des kaiseres dogter gûd, De hertoginne Gêrdrûd, / Gewunnen ein kindelyn, / Dat heit men na deme fader syn. / Dog was under on beiden / De name undersheiden:

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De fader heit Henrik dat Welp, / De sone heit Henrik Gelp. / He erwarv, dat he ward genand / Henrlk de Louwe ût Sassenland. / Hyr hat sek de bôm gesloten, / Dâr he is utgesproten / Fan twe wortelen, also ek sprak / To dem êrsten. Er idweder lange plag / Des hertogdômes to Sassen. / Henrik dat Welp was gewassen / Fan hertogen Hermannes kunne. / So sägt men, dat gewunne / De hertoginne or geslägte / Fan hertogen Ludolfe, de to regte / Fan Brunswyk Brunes fader was, / De besäten hadde, also ek las, / Dat hertogdôm an Sassen. / Alsus was de bôm gewassen / Fan twe wortelen ûterkoren. / Wat forsten sint fan ome geboren, / De ek nigt al en kan nennen! / Dog skole ji se erkennen / In eineme andern speigel-glans / Ein islik wortele besunder gans. / Ör kunne unde ör geslägte, / Skolde ek et räkenen regte, / Wiste ek, wente ek des al bedägte.

Kap. XXVIII.
Eugenius papa III. Conradus rex III.

De junge louwe Henrik, / De wârd gebragt to Brunswyk

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Fil jung an sine eigenshap, / Dâr ome fan moder-halven gav. / Syn ärve was ôk to Stade / De hershap to der tyd de kwade. / Do weren forswunden dusend jâr / Hunderd unde ein un fêrtig gâr, / Erstarv syn fader ût Beigerland / Unde fan Sassen, de was genand / O'k forste in Brunswyk, / Unde dat Welp hertoge Henrik. / He ward begraven mid groten eren / To Luttere by sinem heren. / Men sägt, dat do de Henrik ware / De junge an deme fyvden jare. / Na sines fader dagen / Nam syn moder, hôrde ek sagen, / Einen forsten herlik / Fan Swaven hertogen Henrik, / Des broder koning Konrâd was, / De der kronen plag, also ek las, / Na kaiser Lutere fil agtbare. / Se starv in deme êrsten jare. / Hertoge Henrik êr êrste kind, De grote louwe, wos up find / An tugt unde an wêrdigheid, / Also dat men syn lov breid / Wyd an allen landen fand. / He besat ôk an Sassenland / Fil shone dat hertogdôm. / Sind laid to Rëgensborg syn ôm / De êrste kaiser Frederik / Einen hov fil herlik,

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Also ek hyrna spräke, / Uppe dat ek de rede nigt tobräke. / Dar behêld Henrik an Beigerland / Dat hertogdôm, do was he genand / Fan Beigeren unde fan Sassen Henrik / Hertoge unde forste fan Brunswyk. / De was ein fil shone lode, / De an so shonem un gewäldigen gebode / Alsodaner shonen hershap plag. / Mid flite he ôk anesag / Sine gebôrd, den hogen stam, / Dan he sine wortelen nam, Dat he frugtbâr were, also men sait; / He tog ôk de sotigheid / An sek angebôrner döged / Fan kinde an der jöged, / Wente an sines endes tyd. / Dissem forsten men des gyt, / Dat he mid groter ere / Shone fôr over mere. / Men sägt ôk, dat an der share / Mid ome ôk ander heren waren, / Fan sunte Egidien in Brunswyk / De wêrde abbed Henrik, / Dën he dârna in dat gestigte, / Dat he sulven shone uprigte, / To Lubeke makede bishop, / De ôk dârna stigte dorg dat lov / Goddes unde dorg syn ere / Dat klôster to Sisemere. / Fan dissem forsten gar gemeid / Wârd gemered unde gebreid

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De fäste to Brunswyk; / Wante he ûtgav dat blêk, / Dat geheiten is de Hagen, / Unde heit dat ûthouwen unde ûtslagen, / Unde et buwen unde fästen, / Dat et fôr argen gästen / Seker were ôsten unde westen.

Kap. XXIX.
Adrianus papa III. Conradus rex III.

Ik las, dat dre unde fövtig jâr / Dusend unde hunderd gâr / Fan Kristi gebôrd waren hin, / Do de dridde Konradyn / De wêrde was gestorven, / De mid dogeden hadde erworven, / Dat he was an deme rike / Fovtein jâr fil herlike. / Na ome wârd ein forste erkoren, / Den ek nande hyrbeforen / Fan Swaven hertoge Frederik. / Syn fader ome ôk heit gelyk. / De was ein forste milde, / De mid spere unde mid shilde / Fil dikke prys bejagede, / Dat by ome bedagede / Lov an mangen steden. / Des wârd nu formeden, / Dat he des rikes kronen drôg. / By der tyd he sek forwôg

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Einer groten hêrfârd / Hen to Langbarden ward, / Unde forhêrde alle dat land. / Mid rôv unde brande wârd dat geând / Ein mighel deil ût fan Mela. / De kaiser hadde ôk alda / Teindusend ridder unde knapen, / De weren alle regtgeshapen, / An siner groten riddershap. / To hoivedmanne he one gav / Hertoge Henrike ût Beigerland / Unde fan Sassen, dën ek han genand, / De ome ôk dâr to hulpe kwam. / De kaiser sine reise nam / Fan dâr hen to Rome: / Aldâr in sunte Peteres dome / Wârd de kaiser rike / Gewiged fil herlike / Fan deme dridden Adriano, / De was to Rome pawes do. / Mid groten eren dat geshag. / Seven unde drittig jâr he plag / Der kronen, de he dâr gewan. / Do et allent was gedân, / Fil shone do he wolde keren / Weder mid sinen heren / U't fan Rome in dat feld, / Dâr mannig paulûn unde geteld / Fil shone was upgeslagen, / Dâr de andern inne lagen. / De Romer kadden ôk erdagt, / Wo se mid örer magt

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Deme kaiser eine shimperture / Makeden. Dât ward on to sure, / Also ek han fornomen. / Do de kaiser was gekomen / An dat blêk, dat heiten si / Porta sancti angeli, / Unde mid ome syn getrekke lank, / Ein islik fôr den andern drang. / De Romer kwemen hërgerand / Mid fil starken gewapender hand. / Also se to stride weren bereid / Hinden an der share breid, / Filna an des kaiseres geteld, / Hertoge Henrik kwam an dat feld / Mid den sinen hër gehouwen / Gewapend. He wolde shouwen, / Wat de groten kryg were. / Weder de shâr der Romere / He kwam fôr on allen gerand; / Syn manheid one des hadde gemând. / Dâr en waren nigt fil wôrd, / Sunder fil grot môrd, / Fan ön beiden word de stryd gedân, / Dog wolde et den sege hân / Mid deme kaiser, hore ek sagen. / Aldâr worden ôk erslagen / Fyvhunderd Romer ûterwäl'd. / U't den sulven waren getäld / Ses unde drittig senaten, / Unde twelve ût deme rade. / Hertoge Henrik ût Beigerland / Unde fan Sassen, de dâr was genand

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Hoivedman, also ek dede kund, / He was an deme Stride gewund. / De kaiser sulven mid der hand / Forleit den knôp unde de band / Sines helmes blôdfâr. / He nam der wunden gude wâr, / Unde wesede ome mid flite / Dat blod fan deme antlite. / Alsus grote ere fan Henrike / Gesha deme kaiser Frederike, / Des lovede he ome fil grôt, / Des he dog kleine genôt. / De kaiser dorg den sulven torn / Brande wyngârden unde born, / Unde wat der Romer was. / Do fôr he weder, also ek las, / Hen to Dudeshen landen ward. / O'k was an der sulven fârd / Luttik to deme ende gekârd.

Kap. XXX.
Adrianus papa III. Fredericus imperat. I.

Kaiser Frederik de forste bald / Gav hertogen Henrike de gewald, / Dat he an der Wenden land / Mogte bishoppe sätten, wôr he fand, / Unde papen godde to eren, / Unde de kristenheid dârmede meren. / Dorg dat fôr he anderweide / Den Wenden gar to leide

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Mid groter hêrfârd an dat land. / Do wârd et forhered unde forbrand. / An den sulven dagen / Dâr wârd ôk or here erslagen: / Niklaus was her genand. / Alsus bewaldegede he de land. / Disse forste hôggeboren / Stigtede ôk hyrbesoren / To Lubeke dat kovent, / Do san goddes bôrd ummentrent / Waren dusend jâr gesunderd / Agt un sestig unde hunderd, / Unde aldâr dat bishopdôm. / Men sagt ôk al sunder rôm, / Dat disse sulve forste Henrik Twe bishopdôm fil herlik / Stigte, Rasseborg unde Sweryn. / Dat reid ome de doged syn. / Men sägt ôk shone märe, / Wo he de sulve were, / De dorg shyn groter truwe / Fornüwede dat gebuwe / In der borg to Brunswyk, / Dat he leit wärken so herlik / Ane kost mid groten listen / Sunte Johanne Baptisten, / Unde deme guden sunte Blasio, / Unde san Kantelenbärge dârto / Sunte Thomasse to eren, / Dat de dre dâr weren / Hövedheren uterkoren. / Dar hadde ôk hyrbeforen

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Ein ôld gebuwe gestân, / Dat leit he allent dâr forgân. / We dat hadde gestigted, / Des bin ek unberigted. / Dog bin ek 'es nigt fordaged, / Ek hävve's fil gefraged / Wise lude, de an boken / Es fil begunden soken, / Dat se es to kunde kwemen. / Nigt mêr se dârfan fornemen, / Also ek ôk sulven sag, / Dar mek de skrivt also jag, / Wo fan Hildenshem bishop Goddehard, / De to godde dede sine fârd / Dusend jâr na siner gebôrd, / Unde agt un drittig, han ek gehôrd, / Wo he wigede, dat is wâr, / Des gestigtes hogeste altar, Dat to Dankwerderode lag. / Aldâr hövedhére to wäsende plag / Petrus unde Paulus. / We et gestigted hadde alsus, / Des kan ek up neine kunde komen. / Dog hävve ek for wâr fornomen, / Also mek de skrivt began to sagen, / Wo dâr by ôlden dagen / Were ein provest Aderolt, / De deme stigte rike sold / Gav mid so groter üve: / He gav ome wol hunderd hüve, / Unde fevtig gude bûghe. / Islik minshe et wetten rûghe,

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De nog up der êrden / Lange skal geboren wêrden. / Alsus gav de skrivt orlûd, / Dat de provest gav dat gûd / Deme stigte fôrgenand / Dorg sines wêrden heren hand / Markgreven Ekebregte des alden. / Siner sele god walden / Mote dôrt an himmelrike. / De sulve provest rike / Starv na Kristi gebôrd, dat is wâr, / Dusend unde hunderd jâr, / Unde ward gegraven in dat gebuwe. / Do et aver makede nuwe / Henrik de forste klâr / Na Kristi gebôrd dusend jâr / Dre un seventig unde hunderd, / Ward syn gebeine ûtgesunderd / Des sulven provestes hêr, / Unde wârd under deme kandelër / Gelägd midden nedder, / Dat de werde forste sedder / Heit smeden mid shoner kunst un riker kost. / Also bin ek der rede erlôst, '/ De ek dede umme dat ôlde stigte, / Also ek jik hyr berigte. / Wo herlik ein forste ware / Henrik, dat dôt uns openbare / Sine wärk, de dâr mogen / Der wârheid orkünde togen. / Wente he buwede, also ek las, / De kapellen, unde dat pallas

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Sunte Georgen in der borg / Heit he maken wol unde nigt korg / An ornate mid kostbaren glysse, / Unde let dat maken mid allem flysse / Dat gebuwe al mid al. / O'k heit he fan metal / Einen louwen geten fan riker kost, / Dën he leit sätten up einen post / Fan steine wolgehouwen, / Also men nog mag shouwen / In der borg to Brunswyk. / Dat dede de forste Henrik / Dusend jâr, han ek gehôrd, / Hunderd ses un sestig fan Kristi gebôrd, / Na sines namen shine unde ôrd.

Kap. XXXI.
Alexander papa III. Fredericus imp. I.

Nu skolle we ein ding märken, / Wo dat an goddes wärken / Wo dat sine ordel syn / Deper wän ein avgrunde, dat is wol shyn / Fil unde an mangen saken. / Wën he wil rike maken, / Al sete he in deme stove, / He bringet öne to hove, / To forsten unde to heren. / Wil he sek fan ome keren, / Wo fil gewald he hat erworven, / Des snellen lükkerades orden

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Dat tût one dog in de grund. / Dit is godde alleine kund, / Wo dat wäsen moge / Depe unde hoge, / Aller ding breide unde wide. / Ek wil der rede folgen mede. / Nu makede de kaiser ryk / Eine hêrfârd fil kräftiglik / Frederik, dën ek hävve genand, / Anderweide an Langbardenland, / Also dat he Melan besat / De guden stad dorg groten hât, / Dën he wedder se harde drôg. / Se hadde ôk fil unde genôg / Ome an orloge to leide gedan; / Dorg dat he des willen gewan, / He wolde se gâr fortéren. / Se hadden ôk sinen heren / Nigt lange dârbeforen avgeslagen / Den sege; hôrde ek sagen, / Dat an der sulven share / Hertoge Henrik ware, / Ein edel forste agtbâr unde gemeid. / He hadde an fil groter wêrdigheid / Deme kaiser bragt fovtein hunderd / Riddere ûtgesunderd. / De kaiser drôg so groten torn, / Dat he ummer wolde forstor'n  / Melan, de stad, de he besat. / Fil düre he sek des format. / Nu twang den fan Beigerland / Den louwen, dën ek fôr hävve genand,

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De mid deme kaiser was alda, / Grôt frundshop dër fan Mela, / Dat he fan dâr wolde keren / Weder to lande mid sinen heren / Fan deme kaiser Frederike. / He bad one fil lêvlike, / Dat he mid ome bleve da / Fôr der stad to Mela. / Dat en halp allent nigt, / Also ek des bin berigt, / De kaiser bôd sek ome to fote -. / Dat was ein der kunesten grote, / De jü forsten mogte geshên, / We et regte wil anesên. / Do sprak ein siner ambagt-man: / Here, wettet dat sunder wân, / Sind dat de krone up juwen fôt / Is komen, dat se sek negen môt, / Unde komet wol up juwe hoved; / Des syt seker unde glovet! / We! dat he de tungen röret, / Unde alsodane wôrd föret, / Dat de forste nümêr forwan! / Märket, wo disse märe gan: / Wo fele de kaiser bidden mogte, / Dat he dâr bliven rogte, / Dat halp allent nigt ein stov. / Sunder willen unde orlov / Sheide de forste fan dannen / Mid mangen stolten mannen / Fan Mela der stad. / Dat dede de arge râd, / De mangen man bedrogen hat.

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Kap. XXXII.
Alexander papa III. Fredericus imp. I.

We! deme rosse, dat fan dâr drog / Den forsten, dat he dat nigt en slôg, / De dat deir heit stille stàn, / Also ek ôk gehôrd han, / Dat hyrbeforen Baalam reid! / We! dat de forste jü bestreid / Dat ros to so leider fârd, / Dër he so gâr untärved wârd! / Wat dede kaiser Frederik, / Dat syn mag Henrik / Alsusgedane wys fan ome reid? / He gewan dog, also men sait, / De guden stad unde de düren / Mela, unde laid ör müren / Hoge neder an de grund, / Unde tostôrde dat darinne stund, / Dusend jâr na goddes bôrd / Hunderd twe un sestig, han ek gehôrd. / O'k to der sulven tyd / Bishop Renold, also men gyt, / Bragte de hilgen koninge dre, / De lange hadde e / Gebragt de kaiser fan Persia, / Fan Konstantinopel to Mela / Bragte se sunte Scharius; / Do Mela wârd gewunnen alsus, / Bragte se to Kolne bald / De wêrde bishop Renald.

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By des sulven kaiseres dagen / Ward an Engeland erslagen / To Kantelenbärge sunte Thomas. / Do de tyd fan Kristi gebôrd was / Dusend jâr hunderd dre un seventig, / De werde kaiser Frederik / Kwam weder an Dudeshe land, / Dâr he de forsten alle fand. / He klagede ön allen gelike / Over hertogen Henrike, / Dat he ome untreden was. / He wârd syn sigend, also ek las, / Na Kristi gebôrd, dat is wâr, / Dusend ses un seventig jâr / Unde hunderd, hore ek sagen. / O'k by den sulven dagen / Fan Halverstad bishop Ulrik / De buwede Langenstein sik. / Dat wêrde ome ût Beigerland / Hertoge Henrik, uhde wârd gebrand / Up der fäste al dat gebuwe. / Darna makede he et wedder nuwe. / Des halp öme bishop Wigman / Fan Maideborg, dat he'es began / Wederbuwen mid sinen heren. / Des konde ome do nigt geweren / De forste hertoge Henrik. / Dog makede he ein hêr heimelik / Fôr den Hârt in to dem lande, / Dat mid rove unde mid brande / Den heren skolde lokken / Fan der fästen unde tokken.

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Dat hêr wârd formeld: / Do et kwam an dat feld / An einem nevele by deme Broke, / Alsus las ek in einem boke, / Dâr kwemen jegen de ôster-heren, / Unde begunden sek dâr shëren / De shâr an jowilker syd. / Dâr ward ein fil mighel stryd: / Beigerland nigt ward forswegen. / Wôr sek de share negen, / Dâr men de fanen swëven sag, / De eine houw, de ander stak: / Dat feld fan frishem blode flot - / De lust erskal fan krige grôt: / Hurra! heia! Beigerland! / Halverstad! fil dikke wârd genand, / Wôr sek de shâr dâr braken. / Beigerland begunde swaken / An deme gefilde overal, / We lude Halverstad! erskal, / Do der fane ward nedergeslagen. / Alsus wolde God den forsten plagen, / Dat he dâr forlôs dat feld. / We nog spelet umme geld, / De skal dorg dat nigt forzagen, / He skal et aver wagen, / As an deme beginne / Dat glükke ön anesigt mid unminne. / Na einer droven wolkelyn / Komet dikke ein sunnenshyn. / Wat hilpet mêr hyrav getald? / Et was alle goddes gewald!

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Dar wârd ût Westfalenland / Ein here gefangen wol bekand, / Greve Simon fan Tekelenborg, / De de an doged nü wârd worg, / Unde wol drehunderd helde bald. / Dârmede waren getald / Fil ridder unde knapen, / De dâr drogen wapen, / De alle worden behalden: / Des mögte God walden! / Do klageden gemeinlike / De forsten over Henrike, / Unde de markgreve Diderik / Fan Landesbärge harde kämpiglik / Sprak one mid wôrden an, Dorg dat de Wenden hadden gedân / Den groten brand also starke / To Lusiz an der Marke, / So ome for wâr gesaged wârd. / De hertoge blèv dog unforsârd, / Wo syn gelükke dog was gekârd.

Kap. XXXIII.
Alexander papa III. Fredericus imp. I.

De hoge kaiser Frederik, / De also formäten hadde sik / Weder den hertogen sinen mâg, / He lägede ome so mangen dag / Unde hov, wente he ome was so gram. / Do he allent dâr nigt en kwam,

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He dede ön an de agte. / Mid der sulven hagte / Bleiv he jâr unde dag unforfârd, / Umme dat öme fordeiled wârd / Egt unde regt, lein unde eigen, / Dat et lein solde neigen / An de hershap: ôk word getald / Dat eigen kaiserliker gewald. / To Maideborg dârnág / Lägede uppe sunte Johannes dag / De wêrde kaiser Frederik / Einen hov fil herlik, / Dâr de forsten alle kwemen. / Se loveden unde se nemen / Uppe den forsten eine hêrfârd, / De fôr Haldesleve geleisted wârd. / Er de hêrfârd wârd fullenbragt, / Also se de kaiser hadde erdagt, / De to Maideborg was gesworen, / To Hermissen dârbeforen, / Brande hertoge Henrik / Halverstad, dar bishop Olrik / Mid fil luden gar formäten / Wârd gefangen; do wârd besäten / Haldesleve, des forsten fäste, / Mid fil shâr leider gäste, / Dër ek ju ein deil nomen wil. / Dâr erhôv sek ein nuwe spil. / Sig, wër komet dâr hërgefaren? / Syn banner swëvet also ein aren / Wit mid einem swarten krüze! / He is ein Riner unde nigt ein Prüse!

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To Kolne is her ein bishop genand! / Wat dait he hyr an Sassenland? / Er shâr dunket mek so wide! / Ek se, wol dâr komen mede / Faren de Borgonier, / Unde mannig wêrde Franzoser. / De men mid ome komen sag, / De waren getald filnag / For ridder fovtein hunderd, / De hadde he ûtgesunderd, / Regte de se tälde: / For wâr ek des nigt en melde. / Alsus wârd Haldesleve besäten. / We mannig ridder gâr formäten / Under der banner here drang, / Dar de gedeilde louwe inne swang / Over landgreven Lodewik! / Dâr to helpe deme ryk / Mid den O'ster-forsten alle, / O'k mid fil grotem shalle / Hôrde men eine shâr komen. / Or banner was, han ek fornomen, / Fan fyv stukken gold unde blaw. / He was genand ein forste da / Fan Landesbärg greve Diderik. / He wolde ôk algelyk / Deil an des rikes hêrfârd hân. / Fan Maideborg bishop Wigman / De was ôk an der sulven fârd. / Sig, wo kräftigliken wârd / Haldesleve belägen! / Wer hadde se alle ûtgewägen?

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Dat dede dat kaiserrike, / Dat den forsten so hastiglike / Fan Beigerland wolde untärven / Hertogen Hinrike unde fordärven! / De borgere fan der fäste, / De dorg de leiden gäste / Dülden sware manigfald, / Se wolden an des rikes gewald / De fästen geven untobroken, / Also dat an on nigt geroken / Worde, dat deme rike was gedàn. / Alsus wolde se de bishop untfàn; / Des en wolden de forsten nigt: / Sus bin ek des for wâr berigt. / Se foren alle fan dannen / Mid frunden unde mit mannen; Wän de bishop mid den sinen / Fan Kolne de wolde se pinen. / He bleiv dog dâr nigt lange, / He fôr weder to lande. / He gav deme landgreven rike / Hermanne unde Lodewike / So fele, dat he mid groter magt / Over de Wesere wârd gebragt. / Dorg groten frogten dat geshag / Hertogen Henrikes, de dâr plag / Des hertogdômes an Beigerland, / Den ek fil dikke han genand. / Alsus bleiv de gude fästen / Ungewunnen fan den gästen, / De se besäten ôsten unde westen.

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Kap. XXXIV.
Alexander papa III. Fredericus imperat. I.

To des landes behode / Shôp de kaiser hôggemode, / Dat de forsten algelike / Fôr deme hertogen Henrike / To Goslar reden in, / Do de ôsteren woren hin. / De werde hertoge Henrik, / De sinem namen toglyk / Drôg eines louwen härte, / De hadde grote smärte / Siner forlust unde shaden. / Des begunde he aver laden / Beide frunde unde mage, / De he aver an de wage / Weder den kaiser wolde lägen, / De de louwe hadde ûtgewägen, / Also frund by frunde dôt. / De hertoge hôggemôd / Mid der sulven share / For he shone unde openbare / Mid upgerigten fanen / Goslar de nägesten banen, / Dâr de forsten legen alle. / He trekkede mid grotem shalle, / Mid fil taburen, de men dâr rôrde, / Mid pipen, basunen, de men dâr hôrde, / Dârsan dat feld erskal, / Alsus trekkede he bärg unde dâl

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Dorg den wôld an Doringenland, / Da fan den sinen ward gebrand / Des rikes stad Nordhusen / An Doringen unde Molhusen. / De forsten, de dar lagen, / Unde des landes hude plagen / Na des kaiseres gebode / Mid einer kräftigen rodde, / De wide gesammed wârd, / Trekkeden se de sulven fârd / Deme forsten nag an Doringenland. / Se hadden boden fôrgesand / An landgreven Lodewike, / De sek ôk kräftiglike / Reide an des rikes hêrfârd, / Also dat he to hulpe wârd / Des kaiseres forsten alle. / Dat kwam öm to falle. / Dit was allent uppe dën fan Beigerland, / Dorg dën ward manig held ûtgesand, / De darheime leit fil härteleiv, / Des sheiden ome fan härten dreiv / Fil mangen trân ût ogen, / De sek sil fil trurig togen / An roseligten wangen syn, / Dorg den leven frund syn. / Wat mag nu de fan Beigerland / Nü dôn, de dâr hat angerand / Doringen so waldiglike? / Wat, oft eme dat rike / An Sassen den sege avgeslôg, / De jü syn härte hoge drôg,

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Skolde he dorg dat nu forzagen? / Nein! he skal et aver wagen! / Ligte of sek syn gefälle / Dorg des glukkes lôp also snelle / An ein ander grâd hat gewand! / De landgreve ût Doringenland, / De mid kräften was gekomen Deme rike: dat wârd fornomen / Fan deme hogen hertogen Henrike. / We sute unde wo frundlike / He to den sinen alle sprak: / slik here, frund unde mâg, / De hyr dorg den willen myn / So fêrne hërgekomen syn, / Denket, wu dorg wêrdigheid / Ummer prys sy bereid / An Beigeren unde an Sassenland. / Denket juwer fôrfârne hand, / De 'is dorg eren älendhaftigen mûd / An manger riddershop so gûd / Unde an stride han gedân, / Unde wo et dikke is ergân / Fil unde an mangen dingen; / Unde wo et ôk erginge / Markgreven Ekebregte, / De fôr neinem dinge frogte regte, / Unde wo he prys bejagede / By sinem levedagede, / Do islik was besäten / Fan deme kaiser Henrike gâr formäten! / Unde wo hertoge Luder de rike / Unse fader streid fil manlike

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To deme Welpes-holte an dem wike / Weder den fyvden kaiser Henrike! / Seit, wo mangerleige riddershap / We ör eine skollen houwen av / Dârsulven mid deme swërde! / Iseren twang jü sülveres härde! / Syt älendhaftig alle hude ! / Et sagen wise lude, / Dat he weder sek sulven ist, / We figenden givvet lives frist, / Dat he et sek sulven neme! / Is hyr ôk jimand, dëme et täme, / De et hävve to härten genomen, / Wän de shâr tosamen komen, / Dat he dänne wil geven den rukke, / De do dat nu, unde hävve glukke, / Er dänne men't ome fôrkere! / Ein jowilk ridder unde here / De spräke sine werden man! / De rede en was nigt al getân / Fan deme forsten ût Beigerland, / Ein bode kwam snel hërgerand. / Syn ros al fan swete flôt, / Dat blod ome dorg de siden gôt, / He sprak: Herre, wettet dat forwâr, / Dat de forsten mid örer shar / Den bärg komen upgedrungen, / Unde or banner boven on geswungen. / Disser tal is so fil, / Sik hävet hyr ein ander spil! / Do sprak Henrik de hoge forste: / If ek nu nigt striden dorste,

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So were wyvlik myn manheid! / Givt jemanen härteleid / Leves wêrder grôt, / Dat he sek fan ome sheiden mot, / He skal et laten faren hin: / Dorg wyv skolle we alle manliken syn! / De shâr weren bereide an beider syd: / De sunne hadde den êrsten stryd: / An deme wedderglaste / An mangem wêrden gaste, Des shild tegen de sunnen braste.

Kap. XXXV.
Alexander papa III. Fredericus imp. I.

Wat taburen men dâr hôrde! Wo jowilk sine shâr fôrde! / Basunen unde skalhoren, / De or stimme gâr forloren, / Wôr sek de storinge rôrde! / Grote krige men dâr hôrde, / Dat alle dat gefilde erskal. / Mannes houw unde rosses fal / Gav dâr so overgroten dôs, / Also of et an den luften grôs / Ein wäder tegen dat ander gan. / Men skolde't wol for shimp untfân: / Alsus was dar ein wederriden, / Unde ein manlik striden. / De melm en wolde des nigt miden, / De de sek erhôv fan allen fiden

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111

Unde dovede in der sunnen. / De blomen unde de klever wunnen / Fan blôd ein nüwe overdâk. / Jünd de man unde hyr dat ros erlag. / Alsus wârd de plân gestrouwed, / Unde dat gröne gras dorgdouwed / Mid manges düren heldes blode. / Henrikes shâr, de hôggemode, / Des kriges ôk nigt forgat. / Dat was des rikes forsten hât! / Al dat gefilde: hei, jo hei! / Fil lude: Beigerland! erskrei. Henrike do fan blomen glans / Sätte up syn hoved einen krans / Frowe Victoria, de dâr pläget / Des seges, wëme dat se neget, / De is segehaft an der stund. / Dat was Henrike worden kund. / Se soneden mid ome na den slägen, / Also de moder dait na der wegen, / Wan dat kind beginnet skrigen. / Sege unde lov men hôrde krigen / U't Beigerland Henrik. / Den landgreven Lodewik / Unde sinen broder Hermanne / He dâr feng, unde fil fromer manne, / Ridder wol ses hunderd / Unde knapen ûtgesunderd, / De dâr tegen one weren komen, / Do se hadden fornomen, / Dat de fan Beigeren Doringenland / Also hadde forhered unde forbrand.

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112

He en klagede nü forlust nog nôd, / Dat was ome allent dôd, / Do sek so shöne swingen / Sine fanen, herfôr klingen / Over alle dat feld: Beigerland! / Dat er blômen drôg, dat was nu fand / Mid blode gemished overal, / Unde dat de rosse hadden de tâl / Gâr erfülled mid deme falle: / Unde dat de sine alle / So manlik hadden gewäsen, / De dâr waren genäsen, / Des drog he froide grôt. / Fil mildigliken he begot / Riken sold mid der salven / Den forwundeden an allenthalven. / Dat makede ome de sine fro. / Fan Kristi gebôrd weren do / Hen hunderd unde dusend jâr / Unde ses un agtentig, dat is wâr. / O'k is uns mêr openbâr.

Kap. XXXVI.
Alexander papa III. Fredericus imp. I.

Shire kwemen de märe, / Wo et ergangen were, / An den kaiser Frederik: / Eine hêrfârd overkräftig / Makede he an Sassenland, / De up Henrike wârd gewand.

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Dorg groten torn dat geshag. / Fil mangen ridder he ûtwag / Lives unde gudes ungespârd / An de overgroten hêrfârd. / Blankenborg unde Woldenbarg / Mid riddershop harde unkarg / Kräftigliken wârd besäten. / De kaiser gâr formäten / For Legtenbärge sulven lag. / Syn grote kraft öme dat jag, / Dat nigt fel sunder grote arbeid. / Er dän he fan dâr sheid, / Gewan se alle dri / De forste. Nu wanet aver by / Henrike grôt ungefal; / Dog behêld he den wâl / In Doringen kräftigliken. Wolde ome aver God swiken, / Also was et allent alse ein gras. / Wi hoges sinnes syn härte was, / Dit moste he allent liden. / De kaiser wolde des nigt formiden, / He en bräke se an de grund / Alle dre, unde dat dâr uppe stund. / De kaiser to der sulven tyd / Buwede weder, also men gyt, / Hârtesborg de fästen / Uppe deme Hârte tegen dat westen. / Fan dâr fôr he mid aller share, / (Wo kräftig dat se ware, / Des kan ek nigt al geräken,) / To Lübeke began he to trekken

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Fôr de stad, de he gewan. / Forbat kârde he do dan, / Also mek de wârheid lârde, / Dorg hertogen Bernharde,/ De ôk êr is genand, / Dën he hadde an Sassenland / Dat hertogdôm gelägen / An der fasten, des geplägen / Hadde hertoge Henrik. / Des makede he nu on gewäldig. / Dat was ein forborgen ordeil / Goddes, unde des forsten unheil, / Dat sek do to breiden êrst began. / Fan Maideborg bishop Wigman / Mid kräften aver sek des format, / Dat he Haldesleve besat / Dârna in der fasten, / Unde begunde se överlasten. / Mid watere he se dränkede / An alleuthalven unde enkede. / He gewan se, hôrde ek sagen, / Fôr deme nägesten pingestdage. / Dârna an korter tyd, / As mek de skrivt wârheid gyt, / An jamerliken maren / Dat God nigt wolde sparen: / He ertogede härteleid / Unde sinen torn der kristenheid, / Dat he des wolde gunnen / Deme düvele, dat gewunnen / Jerusalem de herlike stad, / Fan dër so fele gesproken hat

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Der profeten maistershap, / Unde dat overhilge grav, / Dâr he sulven inne lag, / Unde des dârná de ängel plag, / Unde fil des heren landes me, / Des de kristen plagen e, / Dat gewan de wäldige man / Salatin de soldân / Fan Damaske, de dâr segehaft / Wârd mid fil groter heres-kraft. / Dër, de des kruzes plagen, Aldâr worden ôk erslagen / Wol twehunderd dusend helde bald, / De or sele geven an Goddes gewald, / Fan allen ôrden der gedosten, / De dat hemmelrike kosten / Mid örem blode. U'tgesunderd / Dusend jâr unde hunderd / Seven un agtentig, also ek hôrde, / Gesha et na Kristes gebôrde / An sunte Barnebas dage, / Dat de jamerlike klage / So overlude erskal / An der kristenheid overal, / Also sik fan regte getam, / Dat Saladin, de leide man, / In den heren tempel düre / Mid so groter ungestüre / Sinen rossen to einem stalle! / We deme overgroten falle, / Dat et jü also ward gewand, / Dat fan der Sarrezinen hand

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Wârd gesalved unde beflekked / Dat grav, darinne gestrekked / Ward Jesu Kristi de here lyv, / Dën gebâr, de nü wârd mannes wyv, / Maria, sunder mannes samen, / Mid mägedliken shamen, / Sunder aller pine we, / Des gelyk nü en wârd e, / Edder en shût nummerme.

Kap. XXXVII.
Urbanus papa III. Fredericus imp. I.

Also et godde wolde hagen, / Nu hadde sek de tyd gedragen / Up der feide sonendag, / Dër tein jâr de kaiser plag / Mid sinem mage so hätelike / Deme wêrden hertogen Henrike, / De sek for Mela hadde erhaven, / Dorg dat he fan ome dorste draven / Sunder orlov mid unminne. / Dat was nu an deme beginne, / Dat de forste to hulden kwam: / Des he kleinen fromen nam / Na der jamerliken klage, / Dorg dat de grote plage / In deme hilgen lande geshag. / In deme êrsten härveste dârnág / Fan Maideborg bishop Wigman, / Dën ek ôk êr genomed han,

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Mid geleide unde mid orlove / Bragte he hen to hove / Henrike to des rikes hulden, / De he hoge moste forshulden / An sinem lene unde an sinem ärve, / Er dän he se erwärve. / Sholde et hävven gewäsen, / He mogte syn bät genäsen, / Hädde he fore geweten, / Wo shire skolde ersliten / De kaiser unde alle syn magt. / Al folk ding wârd dog nu erdagt! / Do de fôr den kaiser kwam, / Unde he one to sinen gnaden nam, / He moste loven, dat syn tunge / Nummermêr dede forderunge / An lein unde an eigen algelyk, / Wän Lüneborg unde Brunswyk, / Unde dat ome dârto besheiden wârd. / We! we! der rüweliken fârd, / Dat he dër nigt formiden wolde! / De kaiser ome teig, he skolde / U't deme lande syn dre jâr. / De kaiser lovede ôk forwâr / Öme unde den sinen wedder / Ganssen frede dârna sedder. / To deme êrsten ôsterdage / For he, hôrde ek sagen, / An den koning fan Engeland, / Des süster Megthild was genand, / De öme to wive was gegeven. Se hadde ôk, finde ek beskreven,

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Togendlike gewunnen shone / To der werlde fêr sone. / Hertoge Henrik heit de êrste, / De ander Otte unde de hêrste, / De plag des rikes kronen sind. / Den dridden men genomed find / Willehelm, Luther den fêrden. / Megthilde de wêrden / Leit he an Sassen hinder sik / An siner stad to Brunswyk. / Uns saget ôk de mare, / Se storve binnen dëme jare, / Do men räkende fan Kristi gebôrd gâr / Dusend unde hunderd jâr / Agt unde agtentig an der tal. / Or sele mid gode wäsen skal. / Or grav mid groten eren, / Also et wol tämede der heren, / Wârd gedân an dat gebuwe, / Dat over drittig jaren nuwe / Makede or here Henrik / In der borg to Brunswyk / Fil shone unde herlik.



Quelle:
K. F. A. Scheller: "De Kronika fan Sassen in Rimen fan Wedekind went up Albregt fan Brunswyk 1279"
Hergestellt aus der Wolfenbüttelschen Handschrift (N. 81. 14. Mscr. Aug. Fol)
Reimchronik des Sassisch-Brunswykischen Fürstenhauses
Seiten 70 bis 118
Brunswyk, 1826
Drükked im Förstlichen Weisenhuse
In Bekostinge H. Voglers to Halverstad

Hinweis:
Die vollständige Schrift ist in der Bayerischen Staatsbibliothek auch digital unter folgendem LINK verfügbar:
http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10113141_00005.html


Mit Hochachtung spricht Scheller im Vorwort auf Seite IX über den unbekannten Verfasser der Chronik:

"Ich hoffe nun, durch die Berichtigung des Textes, wodurch übrigens kein Wort geändert ist, diese Chronik nicht nur verständlicht, sondern einzelne Geschichtserzählungen, wovon manche einen bedeutenden geschichtlichen und einen grossen poetischen Werth haben, klärer gemacht zu haben. Überhaupt leuchtet die strengste Wahrheitsliebe aus jeder Zeile der Chronik hervor, indem der Verfasser bei dem, was er nicht genau weiss, auch jedes Mal seine Unkunde und Zweifel gesteht,..."

Schellers Verdienst besteht darin, diese handschriftliche Chronik in seiner Veröffentlichung ohne inhaltliche Änderungen in einer verständlichen sassischen Sprache einem großen Publikum zugänglich gemacht zu haben, das die Lebendigkeit und Zeitnähe der bis 1279 geschilderten Ereignisse mit Sicherheit schätzt. In diese Zeit fallen u. a. die Regierungszeit des deutschen Kaisers Lothar III. und insbesondere auch die seines Enkels, des Herzogs Heinrich des Löwen.

Zur Verbesserung der Verständlichkeit der Chronik hat Scheller ihr auf den Seiten 305 bis 336 noch eine Erklärung von ungewöhnlichen sassischen Worten beigefügt.

 

 



Dr. Carl G. W. Schiller 1845

Braunschweig's schöne Literatur in den Jahren 1745 bis 1800, die Epoche des Morgenrothes der deutschen schönen Literatur.

Zum hundertjährigen Stiftungsfeste des Collegii Carolini,

von Dr. Carl G. W. Schiller.

Wolfenbüttel, Verlag der Holle’schen Buch- Kunst- und Musikalienhandlung.

1845.





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Sr. Hoheit

dem

regierenden Herzoge Wilhelm

von Braunschweig-Lüneburg-Oels etc.

in tiefster Unterthänigkeit zugeeignet

vom Verfasser.


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Durchlauchtigster Herzog!


Nicht etwa weil ich mir schmeichelte, das das vorliegende Werk, welches einen einzelnen Abschnitt aus der Literaturgeschichte ganz speciell berührt, an und für sich der Allerhöchsten Beachtung Ew. Hoheit werth sein dürfe, sondern nur, weil ich darin für mein eigenes Herz eine Genugthuung zu finden glaubte, wagte ich es, Ew. Hoheit diese Schrift unterthänigst zuzueignen.

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Deutet doch, direct oder indirect, fast jede Seite derselben, besonders in deren Anhange, auf die unsterblichen Verdienste hin, welche sich Ew. Hoheit erlauchte Ahnen um Kunst und Wissenschaft erworben haben. Den Dank dafür vermochte ich nur auf Ew. Hoheit zu übertragen, Höchstwelche sich, wie dem Berufe, so der eigenen Wahl zufolge, die große Lebensaufgabe gestellt haben, im Geiste der Hohen Verklärten fortzuwirken.

Genehmigen Ew. Hoheit den Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht, mir der ich verharre

Ew. Hoheit

unterthänigster

C. Schiller.


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Vorwort.

Der Anwendung jener goldenen Regel: „Nonum prematur in annum.“ kann sich bei vorliegender Schrift der Verfasser fast in buchstäblichem Sinne rühmen; ohne aber damit irgendwie einen höheren Anspruch begründen zu wollen. Ungunst der Verhältnisse hatte nämlich größeren Antheil an der verzögerten Herausgabe, als freie Wahl. Die äußere Veranlassung zu diesem Werke gab dem Verf. ein Freund durch ein, zum Besten des Lessing-Denkmales intendirtes Lessing-Album, für welches diese Schrift in ihren ersten Grundlinien entworfen wurde. Da aber unvorhergesehener Weise der Redacteur jenes Albums durch einen ihm gewordenen, sehr lästigen Beruf gänzlich von seinem Vorhaben abgezogen wurde, so erging es dem Lessing-Album, wie dem Lessing-Denkmale: Beide geriethen wegen Mangel an Theilnahme in Stocken. Lessing hat nun ein für alle Mal kein Glück, und seine Nachwelt that in dem halben Jahrhundert nach seinem Tode noch immer so viel, wie nichts, um die Schuld seiner


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II

Mitwelt abzutragen. – Damit wenigstens nicht alle Mühe vergeblich gewesen sei, theilte der Verf. sein Opus im Jahre 1838 der hiesigen literarischen Gesellschaft mit; worauf im folgenden Jahre das erste Heft der Zeitschrift „Brunonia“ einzelne Bruchstücke daraus lieferte, die aber ohne Wissen des Verf. leider gänzlich planlos aus ihrem Zusammenhange herausgerissen waren. So blieb denn das Werkchen viele Jahre ruhen, ohne irgend weiter gefördert zu werden, als durch einzelne Nachträge, wie sie der neue Tag mit sich brachte. Ob aber die Sache wirklich dadurch gewonnen habe, stellt der Verf. selbst in Frage; indem er fürchtet, das hie und da nur auf Kosten des ursprünglichen freien Flusses und Gusses die Anhäufung des Materials erkauft sein dürfte. So eifrig nun auch die zugänglich gewesenen schriftlichen und mündlichen Quellen benutzt worden sind, so muß dennoch auf Vollständigkeit, geschweige auf Erschöpfung des Stoffes, von vorn herein verzichtet werden. Bei der in Braunschweig gegenwärtig fast gänzlich mangelnden literarischen Betriebsamkeit, und bei den für eine Arbeit, wie die vorliegende, sich nur höchst ungenügend darbietenden Hülfsmitteln, wird jeder billige Beurtheiler diese Entschuldigung gelten lassen. Tief fühlt sich Verf. der unermüdlichen Dienstwilligkeit des zeitigen Bibliothekars der wolfenbüttler Bibliothek, Herrn Dr. Schönemann's, zu Dank verpflichtet; doch bot auch selbst der wolfenbüttler



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III

Bücherschatz, der seit 1666, dem Todesjahre des Gründers, nur höchst unvollständig fortgeführt worden ist, und die empfindlichsten Lücken gerade in der neueren schönen Literatur zeigt, eine noch lange nicht genügende Ausbeute dar. – Die höchste Nachsicht muß besonders für den Anhang in Anspruch genommen werden, weil hier der Verf. ein ihm gänzlich fremdes Gebiet betrat, auf welchem er sich nur hie und da ein Blümchen aneignete, wie sich's gelegentlich und ungesucht ihm in den Weg stellte. Deshalb wird gerade für diesen mehr als skizzirten Entwurf jede noch so unbedeutend scheinende Berichtigung und Ergänzung mit Dank aufgenommen werden.

Innere Veranlassung nun zur Abfassung vorliegenden Werkes war dem Verf. die Wichtigkeit des Gegenstandes selbst. Ist doch Braunschweigs literarische Bedeutsamkeit im vorigen Jahrhundert, und zwar aus dem Gesichtspunkte eines auf bestimmte Tendenzen basirten Verbandes, gänzlich von allen Literarhistorikern bis auf diesen Tag ignorirt worden. Der allgemeine Nationalsinn des Deutschen daher, als auch der Specialpatriotismus eines Braunschweigers mußten gleich dringende Anmuthungen zur Beleuchtung eines, durch seine Verzweigung so wichtigen Abschnittes aus dem Culturleben des deutschen Volkes in sich verspüren. Nur durch helle Schlaglichter, welche Monographieen über bestimmte Literaturabschnitte verbreiten, läßt sich



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IV

endlich mit der Zeit eine genauere Orientirung auf dem so lange vernachlässigten, und noch immer nicht vollständig durchforschten Literaturgebiete erzielen. Das in diesem Jahre zu feiernde hundertjährige Stiftungsfest des Collegiums Carolinums glaubte nun der Verf. für die Herausgabe seines Werkes nicht unbenutzt lassen zu dürfen; um so weniger, da diese, in ihren Folgen so fruchtreiche Anstalt auch die Veranlassung zu Braunschweigs früherer literarischer Regsamkeit geworden war. Da im Vergleich mit der Vorzeit das literarische Leben Braunschweigs gegenwärtig fast erstorben zu sein scheint, und mindestens nur ein höchst kümmerliches Dasein fortschleppt; da von und über Braunschweig, welches jetzt nicht einmal mehr ein allgemeines Organ für literarische Oeffentlichkeit aufzuweisen hat, ungeachtet Braunschweigs Stimme früher in literarischen Angelegenheiten von großem Gewicht war: so möchte es vielleicht ganz an der Zeit sein, das Buch der Vergangenheit aufzuschlagen, und den Zeitgenossen das Bild einer besseren Zeit, als Vorbild geistiger Regsamkeit vorzuhalten; einer Zeit, welche frei von realistischer Engherzigkeit, den Geist zu schätzen wußte, wenn auch nicht als die unmittelbarste, doch als die ergiebigste und reinste Quelle der Volkswohlfahrt.

Braunschweig. 1843.

Der Verfasser.



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Erster Abschnitt.


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Einleitung.


Um die Gegenwart begreifen, und ihre Bedeutsamkeit würdigen zu lernen, ist ein Blick auf die Vergangenheit unerläßlich. Die Bekanntschaft mit dem Entwickelungsgange einer großen Begebenheit setzt auch die Folgen derselben in das gehörige Licht. In dieser Beziehung muß es daher nicht sowohl für eine Specialgeschichte der braunschweigischen Literatur, als vielmehr für Deutschland's und Europa's Culturgeschichte von Nutzen sein, die Epoche der ersten Kraftentwickelung in allen ihren Verzweigungen zu verfolgen. Ist denn aber auch wirklich der oben bezeichnete Abschnitt der braunschweigischen Literatur bedeutsam genug, um als eine solche Triebfeder der sich später entwickelnden nationalen Geistesregsamkeit bezeichnet werden zu können? Vor Beantwortung dieser Frage müssen wir mit einem, sei es auch noch so flüchtigen Blicke bis zu jenen Männern zurückgehen, die als Vorboten unserer Epoche zu betrachten sind.

Obgleich Luther durch seine an Kraft und Lebensfeuer noch immer unübertroffene Bibelübersetzung eine tüchtige Grundlage zu der hochdeutschen Schriftsprache gelegt hatte, so wurde doch leider auf diesem Fundamente im Verlaufe der folgenden Jahrhunderte nicht fortgebauet. Die gelehrten Streitigkeiten der Theologen beherrschten das literarische Forum; und die lateinische Sprache, in welcher sie geführt wurden, und die



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Spitzfindigkeiten scholastischer Philosophie, in welche sie sich auflösten, veranlasten sowohl die Entartung, wie auch die allmälige Verdrängung der hochdeutschen Schriftsprache. So nachtheilig nun von einer Seite her das Lateinische einwirkte, eben so unheilbringend erwies sich andererseits die französische Sprache. Durch fränkische Waffen zuerst ins deutsche Land hereingeschleppt, wurde sie zuletzt durch den, dem Deutschen angeborenen Trieb der Nachäffung des ausländischen Geschmackes förmlich in's Vaterland hereingerufen; indem der Glanz des üppigen pariser Hofes, als ein Anziehungspunkt jedes auf feinere Bildung Anspruch machenden Deutschen, die damalige epidemische Reisewuth der Deutschen nach dem Heimathlande der Moden veranlaßte; wodurch mit französischer Literatur Deutschland überschwemmt, und endlich das Französische nicht allein zur Sprache der Höfe, sondern auch zur Sprache der galanten Literatur erhoben wurde. Von großer Bedeutung war es daher, daß zuerst der Director der Universität Halle, Christian Thomasius (geb. 1655), der mit seinen »monatlichen Unterredungen« auch die erste deutsche Zeitschrift in's Leben rief, seine Muttersprache des wissenschaftlichen Vortrages vom akademischen Lehrstuhle herab für würdig erklärte; daß darauf der Vicecanzler derselben Hochschule, Christian Freiherr von Wolf (geb. 1679), dieselbe auch zur streng systematischen Darstellung philosophischer Ideen in seinen Schriften anwandte, wofür sie freilich schon früher Gottfried Wilhelm von Leibnitz (geb. 1646) als höchst geeignet erklärt, doch sich ihrer dafür selbst zu bedienen, nicht Muth gehabt hatte. Endlich versuchte es auch, und zwar mit großem Er folge, der Abt Johann Lorenz von Mosheim, früher zu Helmstädt, später Canzler der Akademie zu Göttingen, (geb. 1694) von dem auch durch die: »Zufälligen Gedanken von einigen Vorurtheilen in der Poesie, besonders in der teutschen«



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(Lübeck 1716), gewissermasen die erste Anregung einer geläuterten Kritik ausging, von heiliger Stätte herab in der selben hochdeutschen Muttersprache mit Wärme und Klarheit zu den Herzen seiner Nation zu reden. Dies waren ungefähr die Haupterscheinungen im Gebiete der deutschen Prosa vor der von uns zu berührenden Literaturepoche; denn die ersten Versuche einer schönwissenschaftlichen Theorie, *), welche Breitinger im J. 1740 mit seiner »Kritik der poetischen Kunst,« und zehn Jahre später Wolf’s Schüler, Alexander Gottlieb Baumgarten (geb. 1714) mit seiner »Aesthetik,« und wiederum dessen Schüler Georg Friedrich Meier (geb. 1718) mit seinen »Anfangsgründen aller schönen Künste und Wissenschaften« machten, fielen ganz unmittelbar vor und in diesen Zeitabschnitt selbst.

Auf dem Felde der Poesie sproßten nicht eben reichere Blüthen. Joh. Fischart (geb. 1511, st. 1581), ein geistreicher Witzling und feiner Menschenbeobachter, ja selbst ein genialer Sprachkünstler, war nur zu unbändig und zu cynisch, um classisch werden zu können. Der kraftvolle Ton des Lutherschen Kirchenliedes hatte nur bei Wenigen (z. B. bei Paul Gerhard, geb. 1606; bei Flemming, geb. 1609 u. s. w.) einen Anklang gefunden; und auch Hans Sachs (geb. 1494), dem es zwar nicht an kernigem Witze, wohl aber an Geschmack und Ausbildung fehlte, konnte nicht verhüten, das seine Genossen und Jünger in der Meistersängerei den Genius der deutschen Dichtkunst zu immer tieferer Erniedrigung verleiteten. Nachdem mit des großen Schlesiers Martin Opitz Tode (geb. 1597, st. 1639) die schmucklose Einfalt der poetischen Muse zu Grabe getragen war, und nachdem noch der
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*) Wenn man nicht das bereits um 1624 erschienene Werk des Martin Opitz »Prosodia Germanica, von der deutschen Poeterei,« als die erste Grundlage einer deutschen Poetik ansehen will.



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geistvolle, aber auch etwas barocke Andreas Gryphius, (geb. 1616, st. 1664) dieser zwar nicht durch seine Kenntnis der Bühne, wohl aber durch seine Kenntnis des Herzens ausgezeichnete Dichter, das Drama in ehrenvolles Andenken zurück zu rufen sich bemühet hatte: suchten zwei Landsleute der beiden Genannten, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (geb. 1618) und Daniel Caspar von Lohenstein (geb. 1635) durch salbungreich-bombastische Todtenbeschwörung die dahingewelkte Muse wieder in's Leben zu rufen. Tausend Hände nachbetender Schüler waren beschäftigt, die solcher Art Erstandene mit prunkenden Flittern zu verjüngen; bis endlich Johann Christian Günther (geb. 1695, st. 1713) und gar Joh. Christoph Rost (geb. 1717, st. 1765) die Muse des Gesanges zu einer Buhldirne zu erniedrigen wagen durften, die freilich von der unerfahrenen Jugend Zuspruch fand, von der sich jedoch bald Jeder, der auf Geschmack und sittliche Bildung Anspruch machte, mit Ekel abwandte.

Nach einem sich täglich wiederholenden Erfahrungssatze der Reaction, schlug auch diese Ueberschwenglichkeit bald in das Extrem der nüchternsten Zahmheit um. Joh. Christoph Gottsched (geb. 1700, st. als Prof. der Metaphysik zu Leipzig 1766) war der Mann, welcher mit bleiernem Scepter der Emphase Schweigen gebot, und jeden kühnen Gedanken, jede ungewohnte oder gewagte Wendung als Schwulst verketzerte, und dadurch die göttliche Kunst des Gesanges zu einer gedankenleeren Reimkünstelei herabzog. *) Um jedoch das Bild dieses Mannes gehörig zu würdigen, muß man dasselbe nicht aus seiner Zeitumgebung herausnehmen, und man wird dem leipziger Magister, ungeachtet seines farblosen, doch klaren Stiles,
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*) Hirzel an Gleim, über Sulzer, den Weltweisen. Zürich, 1779, I. pag. 74.



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zugestehen müssen, daß er mit dem Wasser seiner ächt deutschen Weitschweifigkeit segensreich einwirkte, indem er es durch den Augiasstall der deutschen Literatur leitete, und den Unrath fränkischer, welscher und lateinischer Phrasen wegschwemmte. Es dürfte ihm auch, um so höher anzurechnen sein, daß er, obgleich selbst durch französische Muster gebildet, doch eine deutsche Gesinnung bewahrte, und bei aller seiner Verehrung des Französischen, namentlich mit Eifer dem französischen Uebersetzungsunfuge widerstrebte. Allerdings entsprachen dem guten Willen, auf Nationalität hinzuarbeiten, seine Kräfte nicht in gleichem Maße; und der größte Vorwurf, der ihn treffen könnte, möchte der sein, das er selbst nicht Productivität genug besaß, um seine Theorie selbst praktisch zu bethätigen. Aber wenn man gerecht sein will, so wird man seinem rastlosen Streben, so oft sich auch Eitelkeit und Herrschsucht als die Motive davon aufdecken möchten, niemals die Anerkennung versagen können, ungeachtet die ursprünglich von Burcard Mencken 1697 zu Leipzig gestiftete, von Gottsched 1727 erneuerte, deutsche Gesellschaft die erwünschten Früchte nicht trug; und ungeachtet auch seine 1748 erschienene »Grundlegung der teutschen Sprachkunst,« nicht minder wie seine »kritische Dichtkunst« (1729), seine »Redekunst« (1728–36) und seine »Weltweisheit« (1734) von den Schlacken peinlicher Pedanterie strotzte. Dafür aber wird sein Verdienst um Wortkritik ein bleibendes sein; wie er denn auch durch seine »Beiträge zur kritischen Historie der deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit« (Lpz. 1732–1744, 8 Bde.) Anregung und Stoff zum Forschen in vollem Maße gab. Mag es nun auch um seine eigenen Geistesproducte stehen, wie es wolle, so hat er doch wenigstens durch Wort und Schrift und durch viele für seine Ansichten gewonnene Schüler die Liebe zur Muttersprache angefacht, und ihre Befreiung vom Joche des



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Auslandes kräftig angeregt. In dieser Absicht zog er mit gleicher Freimüthigkeit gegen die französische Akademie, wie gegen die lateinische Schulpedanterie zu Felde. Man erstaunet in der That, wenn man den Umfang seiner Wirksamkeit überschauet, und die Masse von Schriften in Anschlag bringt, durch welche er auf seine Pläne hinwirkte. Außer den genannten und unzähligen anderen Werken, edirte er z. B. die Zeitschriften: »die vernünftige Tadlerin 1725;« den »Biedermann 1727;« den »neuen Büchersaal 1745–1750;« das »Neueste aus der anmuthigen Gelehrsamkeit 1751 – 1762« u. s. w. Ein unbestreitbares Verdienst hat er namentlich um Begründung des deutschen Theaters, auf welchem er bereits 1728 einer Madame Neuber eine gemessene Haltung beibrachte; wofür ihn die gute Frau undankbarer Weise später, im J. 1741, selbst von der Bühne herab lächerlich machte. Wässerig und steifaufgestutzt wie sein »Cato« (1731) auch war, so muß derselbe doch immer als der erste dramatische Versuch, welcher Aufsehen machte und Nacheiferung erweckte, anerkannt werden. Das Lessing einen Gottsched von der Bühne verdrängte, und ihm in den Literaturbriefen 1759 alles Verdienst absprach, war leider nothwendig, und auch sehr heilsam; weil aus dem unermüdlich thätigen Schutzherrn der Bühne ein ruhmrediger Alleinherrscher geworden war. Jetzt aber, wo persönliche Interessen schweigen, ist es an der Zeit, das rechte Maß wieder herzustellen. Das Gottsched 1737 mit Hülfe der Madame Neuber den Harlekin von der Bühne verbannte, darüber ist ihm selbst noch in neuester Zeit bitterer Tadel geworden. Ob aber mit Recht, das fragt sich; denn auf welcher Stufe würde die Bühne vielleicht noch stehen, ohne diese heilsame Reform! Hätte er mit dem Harlekin nur leider nicht auch den Shakespeare, Tasso, Milton, Klopstock und alles wahre Gefühl austreiben wollen! Daß sich Lessing auch des Harlekins



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eifrig und capriciös gegen Gottsched annahm, hatte seinen Grund darin, daß Lessing nicht ohne Weiteres die ganze Gattung vernichtet wissen wollte, welche zwar für die höhere Bühne, aber nicht für das Volkstheater entbehrlich ist. Wenn Gottsched auch die Oper anfeindete, so hatte er selbst darin gewissermaßen Recht; weil er voraussah, daß sie das reine Drama beeinträchtigen würde, eine Befürchtung, die, wenn wir auf die Unnatur unserer heutigen Bühne blicken, sich auf das Allerbeklagenswertheste bestätigt hat. Leider schadete er sich in den Augen seiner Mitwelt am meisten dadurch, das er das Schlachtfeld räumte, und sich von der Zeit an gänzlich von der Bühne abwandte, als er zum zweiten Male von den Bretern herab lächerlich gemacht worden war, und zwar durch Heinr. Gottfr. Koch, gegen dessen ersten Versuch einer deutschen Oper in Leipzig, einer Uebersetzung des: „The devil to pay,“ wozu auch Weiße einige Nummern componirte, er sich fruchtlos aufgelehnt hatte. Selbst die Fessel, welche Gottsched dem Genius anlegte, war nicht ohne Nutzen, weil es bisher, außer dem längst vergessenen Opitz, Niemandem hatte recht gelingen wollen, den ungebändigten Aufflug zu regeln und zu leiten. Daß er den Leitfaden zu einer Zwangsjacke machte, und dieselbe fester zuschnürte, als er gesollt hätte, ist ihm theuer zu stehen gekommen; indem der bis zu sclavischer Demuth eingeschüchterte Schüler unbarmherzig auf den Magister losschlug, als zu harter Druck die Fessel zersprengt hatte. Man darf ihm allenfalls auch noch das Zugeständnis machen, daß er weniger die Nation, als die Nation ihn verdarb; weil man ihn, eben so, wie gleichzeitig den Bodmer und Gleim, und später den Goethe stabil, und durch das Stagniren bald anrüchig machte. Jedenfalls ist er ein sehr lehrreiches und abschreckendes Beispiel für alle literarischen Charlatane und Despoten. Vielleicht würde er noch heute als ein



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hochgepriesener Beglücker seiner Nation in dankbarem Andenken stehen, wenn er nicht alle seine Verdienste durch Aufgeblasenheit vernichtet, und wenn er statt der Feindschaft, sich die Liebe seiner Zeitgenossen zu erwerben verstanden hätte.

Einen unmittelbaren politischen oder kirchlichen Einfluß auf den Entwickelungsgang der deutschen Literatur vor, oder bis zu der Gottsched'schen Epoche darf man nicht voraus setzen. Die Höfe, welche so oft unter ihrem behaglichen Schutze die Keime der Kunst und Wissenschaft zur Reife brachten, (wenn auch meistentheils nur als Treibhauspflanzen,) wirkten damals höchst störend auf die Literatur ein. Sie standen ja selbst fast alle unter dem Einflusse des absoluten und abgeschmackten Hofes zu Versailles. Man gatterte den ganzen Parnaß in die Avenüen des Hofgartens ein, und erhob die Musensöhne, unter dem Charakter von Hofpoeten, zu arkadischen Schäfern, welche unter Anrufung aller Quellen- und Heckenymphen, den Sternen das Lob ihres brotspendenden Beschirmers zugleich mit dem Lobe ihrer gepuderten Dulcinea verkündeten. Diesem Ungeschmacke, der, wie schon bemerkt, lange vor Gottsched's Zeit herrschend geworden war, suchte auch schon früher Barthold Heinrich Brockes (geb. 1688, st. 1747) entgegen zu arbeiten. Dieser Mann, der Liebling Wieland's und Herder's, sang in wahrhaft gefühlvollen Weisen das Lob der Natur, sich selber fern von dem Glanze und der Bestechungskunst der Höfe haltend. Er machte es dem Deutschen erst fühlbar, wie arm dieser an wahrhaft selbstständigen Kunstproductionen sei; und nachdem der deutsche Genius sich selbst beschämt seine Schwäche hatte eingestehen müssen, hob er sich durch eigene Machtvollkommenheit aus dem Staube der Kriecherei empor, und weckte durch eigene Schöpfungen den schaffenden Trieb unter seiner Nation. Ueberhaupt darf man nicht unbedingt das Zeitalter Gottsched's mit dem



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Stempel der Geistlosigkeit brandmarken. Unmittelbar vor, mit und nach ihm thaten sich hoffnungsvolle Talente auf, welche größeren Einfluß gewonnen haben würden, hätten sie mit den Waffen der Kritik ihre Bestrebungen zu unterstützen vermocht. Außer einem Canitz (geb. 1654) und Christian Wernike (geb. um 1665), welche Beide sich mit ehrenhaftem, aber leider fruchtlosem Eifer der französischen Sprachmengerei widersetzten; außer einem Michael Richey (geb. 1678) und Drollinger (geb. 1688), denen Allen es nur mehr oder minder an wahrer Frische und Originalität fehlte; außer Christ. Ludw. Liscow (geb. 1701), einem vielleicht der größten Satiriker Deutschlands, der leider die gewaltige Geisel seines Spottes an zu unwürdigen Gegenständen übte, stellt sich dem Blicke zunächst Haller dar (geb. 1708, st. 1777), ein treuer Verbündeter der schweizer Kritiker gegen Gottsched, und, als Mitherausgeber der göttinger gelehrten Anzeigen, deren er sich zum Organ für seine Polemik bediente, ein nicht unmächtiger. Haller bewährte sich als ein mit Kraft und Geistesfrische begabter Poet in seiner lehrreichen und ergreifenden Schilderung des Gemüths- und Naturlebens, wenn auch seine Sprache nicht ganz correct, und seine Pinselführung in der Nachahmung Thomson’s befangen ist. Dasselbe gilt von Friedrich von Hagedorn (geb. 1708, st. 1754), der mit weniger Phantasie, als gesundem Verstande begabt, bei geläutertem Geschmacke und zartem Gefühle, durch die Grazie seiner Darstellung dem Volke bei weitem zugänglicher geworden sein würde, hätte er weniger durch die Nachahmung seiner brittischen Vorbilder und durch die schwere Last seiner Gelehrsamkeit seine Originalkraft gebrochen.

Zwei gefährliche Gegner erstanden dem leipziger Dictator in den beiden Kritikern Bodmer (geb. 1698, st. 1782) und Breitinger (1701, st. 1776), ungeachtet diese selbst in



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productiver Hinsicht sich zu keiner besonderen Stufe erheben konnten. Während jener als ein rüstiger Vorkämpfer muthig, wenn auch oft unvorsichtig in den Streit ging, deckte dieser durch das schwere Geschütz seiner Gelehrsamkeit und durch seine achtunggebietende Haltung die Stellung des Freundes. Wir haben bei einem Sänger, wie Bodmer, welchen die Muse erst in seinem fünfzigsten Lebensjahre zum Gesange animirte, nicht besondere Virtuosität oder hinreisendes Feuer der Phantasie zu erwarten. Doch ist um so mehr der Impuls anzuerkennen, den er durch seine scharfe, wenn auch nicht immer gerechte Kritik, *) und durch Hinweisung auf das noch zu erstrebende Ziel dem Deutschen gab. Dennoch kann man in den Hauptpunkten des Streites, den diese Männer mit Gottsched führten, nicht ohne weiteres über Letzteren den Stab brechen, indem er mit derselben Hartnäckigkeit die französische Literatur verfocht, mit der jene die englische anpriesen; indem er den Reim für nothwendig, jene Beiden denselben für entbehrlich hielten; und indem er die Nachahmung der Natur empfahl, während jene die Sittlichkeit als Princip der Kunst aufstellen wollten. Gab auch Gottsched die erste Veranlassung zu dem erbitterten Federkriege dadurch, das er den Milton verachtete, welchen Bodmer übersetzt hatte, und das er Bodmer's Vertheidigungsschrift: »Ueber das Wunderbare« lächerlich machte, so muß man auch andererseits bedenken, wie weit Bodmer in seiner Kritik die Grenzen der Mäßigung und Umsicht überschritt, und wie unbeschreiblich geschmacklos seine
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*) Discurse der Maler, Ztschr. 1721; die Fortsetzung davon: der Maler der Sitten.
Sammlung der zürcherischen Streitschriften, zur Verbesserung des deutschen Geschmackes wider die Gottsched'sche Schule, 1741–44. Bodmer's und Breitinger's kritische Briefe. Zürich, 1746. Neue kritische Briefe, 1749.
Crito, eine Monatsschr. 1756, 1 Bd.
Archiv der schweizerischen Kritik, 1 Bd., 1765, etc.



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Uebersetzung des Milton genannt werden muß. War Gottsched daher ein geistloser Reimschmied, so war Bodmer ein ungewaschener Schwätzer und prosaischer Sylbenstecher; war jener ein Nachahmer, so war dieser ein geistloser Copist; wenn Bodmer es sich zum Ruhme anrechnete, das Niebelungenlied, die Minnesänger, den Boner und Eschenbach ans Licht gezogen zu haben, so hatte dieser den Reinecke Fuchs, den Renner und andere alte Documente der Nationalliteratur aus dem Staube der Bibliotheken hervorgesucht; wenn jener aber den Witz für eine Krätze des Geistes und die Musik für gänzlich verdammlich erklärte, wenn er mit derselben Schonungslosigkeit über einen Hans Sachs den Stab brach, wie über Gellert und überhaupt die geachtetsten Literaten seiner Zeit, und mit seinen »unäsopischen,« aber auch ungenießbaren Fabeln sich selbst einem Lessing gegenüberstellen wollte, und auf gleich unanständige Weise einen Gerstenberg, Weiße und Andere parodirte, so hatte er ohne Frage eben so sehr Unrecht, wie Gottsched, der den Klopstock gern zu Boden geworfen hätte, und einen dicken Trumpf gegen seine rebellischen Zeitgenossen ausspielend, noch in der Vorrede zu Neukirch's Gedichten zu sagen die Dreistigkeit hatte: »Das güldene Zeitalter unserer Poesie muß in denen Zeiten gesuchet und festgesetzet werden, da Besser und Canitz, Neukirch, Günther und Pietsch gelebet und geschrieben haben.« Muß man nicht erstaunen über die Blödsinnigkeit eines Mannes, dessen Zeitgenossen ein Haller, Rabener, Gellert, Liscow, Kleist, Gleim, Hagedorn, Kästner, Uz, Cramer, und Andere waren? Und wenn wir nun gar auf zwei von den Sternen erster Größe blicken, welche damals im Aufsteigen begriffen waren, auf Lessing und Klopstock (geb. 1724, st. 1803). Auf Lessing werden wir später zurückkommen; deshalb hier nur einige Bemerkungen über Letzteren.



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Erwägt man die ganze Bedeutsamkeit Klopstock's, so begreift man kaum, das er bei aller Anerkennung und gerechten Bewunderung, die er fand, nicht einen nachhaltigeren Einfluß auf die deutsche Literatur gewonnen hat. Zu groß und zu schroff, um sich Anderen anzuschließen, oder das Nahekommen verwandter Geister wünschen zu können, ging er selbstständig seine Bahn, und schuf sich mühsam eine Sprache, mit deren ungewohnten Harmonieen er das Ohr seiner Mitwelt berauschte. Dieser musikalische Ausdruck der Sprache ist seine Hauptstärke, ohne daß er jedoch strenge genommen lyrisch wäre; weil er zu sehr melodramatisch ist. Für das eigentlich Drastische aber mit raschem Entwickelungsgange, hat er bei der Dürftigkeit des Stoffinteresses und bei der Unbestimmtheit seiner Charakterzeichnung weder durch seine Dramen, noch durch seine Messiade Befähigung gezeigt. Auch suche man nicht die Sprache der Natur bei ihm, da seine Künstelei, seine Unklarheit, sein Schwulst die wahre Natur nicht recht aufkommen ließ. Sein burschikoses Geriren, und der bis an's Komische streifende Purismus seiner teutschthümelnden Orthographie schmälert ohnehin den Genuß seiner Lectüre. Auch suche man eher Empfindung, als tiefe und neue Gedanken bei ihm, da das Ueberraschende und Tiefe des Gedankens oft nur auf Sprachkünstelei hinausläuft; wiewohl auch selbst seine Empfindung sich häufig nur in Empfindelei und in Sprachschärfe auflöst. Wer jedoch diese verschränkte Sprache Klopstock's richtig würdigen will, muß sich durch die Räthsel und dunkelen Schönheiten der Skaldenpoesie durchgearbeitet haben. Die deutsche Nation hat das Unglück gehabt, ihrer Nationalreligion, ihrer ursprünglichen Verfassung, ihrer Sitten, Gebräuche, ihrer Geschichte, ja selbst aller alten heimischen Sympathieen beraubt zu sein. Klopstock's ganzes Bemühen war auf Wiedergewinnung einer nationalen Cultur-Basis



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vermittelst deutscher Geschichte und Mythologie gerichtet; und seine Bestrebungen sind auch, freilich erst später, von den segensreichsten Erfolgen durch ein erwachtes Nationalbewußtsein gekrönt worden. Je mehr wir auf diesem Wege fortschreiten, und je mehr wir uns von unserem Eigenthume wieder errungen haben werden, um so mehr wird Klopstock's Streben in seinem hohen Werthe gewürdigt werden. Wie er denn freilich durch den eben auftauchenden Ossian zu dieser Richtung veranlaßt wurde, so ist er trotz der Allgewaltigkeit seines Genius auf allen von ihm betretenen Bahnen im Grunde doch nur als Erweiterer und Nachahmer zu betrachten. In der Ode ahmte er die Classiker nach, aber mit dem Erfolge der Weiterführung; im Kirchenliede hatte er vaterländische Vorbilder, die er bei weitem an Kraft und Schwung übertraf. Leider aber läßt er dabei empfinden, daß er die moralische über die poetische Schönheit setzt. So glänzend er das christliche Epos durch seinen Messias in Deutschland einführte, so darf man doch nicht vergessen, das ihm zu diesem Genre der von ihm freilich weit überflügelte Milton anregte; daß ihm vorhandene Oratorientexte eine gewisse Norm dafür an die Hand gaben, und daß ihm Hendel's Melodieen die Melodie seiner Worte erleichterte. Auch ist zu beklagen, daß er über der Vollendung dieses Werkes mehr als ein viertel Jahrhundert (1748 bis 1773) verstreichen ließ, und dem Gedichte daher nichts fühlbarer fehlt, als ein rascher und ganzer Guß. Findet man bei Klopstock auch nicht das Nationale der Form, so ist er doch als Schöpfer und Meister der Metrik anzuerkennen; gebricht es ihm auch im Kunstfache an Tiefe der Kritik, und für das Leben ihm, der nur in der alten Zeit lebte, an Verständnis seiner Zeit, die ihn deshalb wiederum sehr bald vernachlässigte, so stellt er sich uns um so ehrwürdiger dar durch seinen hohen Freiheitssinn und seine glühende Vaterlandsliebe.



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So beschaffte er überall auf dem Felde nationaler Dichtung das Material des Dichters, und sondirte den Boden des Aufbaues; darum gebührt ihm auch nicht der Lorbeer, der im üppigen classischen Boden wuchert, sondern der Kranz der deutschen Eiche, in deren Schatten er so oft seine Mitwelt zur Begeisterung emporhob.

Fragen wir nun, weshalb trotz dem Vorhandensein so mannigfaltiger Lebenselemente, die deutsche Literatur zu keiner vollen Lebensthätigkeit gelangen konnte, so darf diese betrübende Erscheinung nur dem Umstande zugeschrieben werden, daß es an einem wahrhaft beseelenden Lebensprincipe fehlte. Die Bahnen der Wirksamkeit waren noch nicht abgesteckt, man hatte kein sicheres Ziel, konnte sich über die Regeln und Bedingungen eines gemeinsamen Wettstreites eben so wenig einigen, als verhindern, daß sich die Kräfte auf getrennten Wegen vereinzelten und erschöpften. Den ersten Impuls zur Sammlung der verschiedenen Elemente und deren Richtung auf ein festes Ziel gab Joh. Joachim Schwabe (geb. 1714, st. 1784) als Herausgeber der »Belustigungen des Verstandes und Witzes« (Lpz, 1741 bis 45, 8 Bde.). »Weil aber,« sagt Wachler *) sehr wahr, dieser schriftstellerische Kreis bald zu bunte Mischung annahm, und von Schwabe zu viel Gottsched'sches, selbst Schlechtes in die Belustigungen zugelassen wurde, so sagten sich die besseren Köpfe von diesem Vereine los und legten eine andere Sammlung an, welche nach strengerem Grundsatze geleitet wurde und als eine der geschichtlichen Grundlagen unserer veredelten neueren Nationalliteratur zu betrachten ist. So entstanden die von C. Chr. Gärtner herausgegebenen »Neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes« (Bremen
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*) Wachters Vorlesungen über die deutsche Nationalliteratur, 1818, II. p. 122.



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1744 bis 1748, 6 Bde. – »Mit der Verbreitung dieser Zeitschrift,« bemerkt auch Bouterwek *) sehr richtig, »also mit dem Jahre 1744, fängt das Ansehen der sächsischen Schule, die sich von der Gottsched'schen absonderte, in der deutschen Literatur an.« – Die Kritik, welche durch Lessing's beseelenden Mund einen frischen Lebensgeist erhielt, säuberte in vielem neugegründeten Zeitschriften, von denen der freisinnige Christlob Mylius (geb. 1722) allein fünf ins Leben rief, die durch Aftergeschmack entwürdigten Gebiete der schönen Wissenschaften. Von den Männern, welche die »Neuen Beiträge« unterstützten, mögen außer Gärtner nur noch genannt sein: Mylius, Cramer, Klopstock, J. Ad. Schlegel, J. E. Schlegel, Kleist, Rabener, Giseke. Gleim, Ramler, Ebert, Schmid, Zachariä und Gellert, ohne den Nutzen in Anschlag zu bringen, der aus dem näheren Verhältnisse dieser Männer mit anderen gleichstrebenden Zeitgenossen für den besseren Geschmack erwachsen mußte. In wiefern nun die oben bezeichnete Literaturepoche Braunschweigs wirksam in die allgemeine deutsche Regeneration der Literatur eingriff, muß uns am klarsten einleuchten, wenn wir alle jene in Braunschweig für das große Ganze unermüdlich wirkenden Literaten näher ins Auge gefaßt haben werden; und ein gelegentlicher Blick auf die im Anhange erörterten Verdienste des Regentenhauses Braunschweig um Kunst und Wissenschaft im Allgemeinen, und um den hier vorliegenden Abschnitt ganz insbesondere, wird dieses Verständnis sehr erleichtern. –
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*) Bouterwek's Geschichte der Poesie und Beredsamkeit. Götting, 1819, XI. p. 161.



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Zweiter Abschnitt.

Braunschweigs literarische Notabilitäten in den Jahren 1745–1800.


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1. Jerusalem.

Vor allen Anderen begegnen wir hier einem Gelehrten, der in Ansehung seines Berufes und Wirkungskreises aus der Reihe der schönen Geister ausgeschlossen sein würde, hätte er sich nicht durch freisinnige Ansichten und durch seine Verdienste um Läuterung des Geschmacks in der schönen Literatur einen der ersten Ehrenplätze unter seinen Zeitgenossen errungen. Dieser Mann ist Jerusalem, der hochverdiente Gründer des Collegiums Carolinums zu Braunschweig, und hiedurch zugleich eine der festesten Stützen der neuen besseren Literaturrichtung. Dieser Ruhm gebührt ihm, ungeachtet sich der friedliebende Mann fern von allen Parteikämpfen hielt, und ungeachtet er auch nicht einmal als Lehrer an gedachtem Institute fungirte. Joh. Friedr. Wilhelm Jerusalem, *) aus einer holländischen Familie abstammend, welche in Antwerpen ansässig
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*) Vergl. Jerusalem's Autobiographie, im 2. Thle seiner nachgel. schrn. Brschw., 1793.
Jerusalem's letzte Lebenstage v. J. F. F. Emperius. Lpz., 1790.– - (Ein Auszug daraus in: Wolfrath's Charakteristik edler u. merkw. Menschen, I.)
Ueber J. F. W. Jerusalem, v. J. J: Eschenburg. Berlin, 1791 (Auch in der deutsch. Monatsschrt., 1791, V. p. 97 bis 135.)
Ein biograph. Abriß Jerusalem's, v. Heinr. Döring, in Ersch u. Gruber‘s allgem. Encyklop. d. Wissenschaften u. Künste. 2. Sect. XV. Lpz., 1838, p. 266 bis 273.


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gewesen, aber durch Alba’s wüthende Verfolgung von dort vertrieben worden war, wurde am 22. Nov. 1709 zu Osnabrück geboren. Er war der Sohn des dortigen Superintendenten Theod. Wilh. Jerusalem, eines gelehrten Mannes, der die ausgezeichneten Anlagen seines Sohnes zu früher
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Lebensgesch. J. F. W. Jerusalem's, von einem seiner Verehrer. Altona, 1790. –
 J. C. S   trodtmanns Gesch. jetztlebender Gelehrten, X. Zelle, 1746, p. 331 bis 345.
J. Möser's verm. Schrn., her. v. Frdr. Nicolai. Berlin, 1798, II. p. 130. –
Allgem. Litrzeit., 1791, II. N. 140, p. 315.
Jörden's Lexikon deutscher Dichter u. Prosaisten, II. p. 506, VI. p. 359. –
Meusel's Lexikon der v. J. 1750 bis 1800 verstorb. deutschen Schriftsteller, VI. p. 259. –
Kirchen- u. Ketzer-Alman. auf d. J. 1781, (v. Bahrdt) p. 85 bis 86.
Horrer's Alman. für Prediger auf d. J. 1791, p. 148 bis 171. –
Joh. Rud. Gottl. Beyer’s allgem. Magazin für Prediger I. 1. St. u. Nachtr. p. 111 bis 114. –
Weddingen‘s neues westphäl. Magaz. 5. Heft, p. 45. –
(Salzmann’s) Denkwürdigkeiten aus dem Leben ausgez. Deutschen, p. 458. –
Baur's Gallerie, histor. Gemälde, III. p. 408 bis 413. –
Baur's neues, histor. biogr. liter. Handwörterb., II. p. 886. –
C. J. S. Bougine's Handb. d. allgem. Litrgesch., IV. Zürich, 1791, p. 347. –
(Küttner's) Charaktere deutscher Dichter u. Prosaisten. Berlin, 1780, II. p. 291 bis 293 –
Pölitz, Hanob. zur Lectüre der deutschen Classiker, I. p. 121.
Eichhorn's Gesch. der Lit., IV. 2. Abthl., p. 1054. –
Bouterwek's Gesch. der Poesie u. Beredsamk, XI. Göttingen, 1819, P. 329. -
Franz Horn's Poesie u. Beredsamk. der Deutschen, III. p. 277. –
Hamb. Ber., 1742, N. 59. –
Ueber Jerusalem's Grabmal: Brschw. Magaz., 1789, St. 47. –
Hamb. Adreß-Comptoirnachrichten, 1789, St. 95. –
Beschreib. des Denkmals für Jerusalem: Allgem. deutsche Biblioth, XC. p. 617. –
Saxii Onomast. lit. VI. p. 277. –
Hirsching’s Handb. –
Denkwürdigkeiten aus dem Leben ausgezeichneter Deutschen des 18. Jahrh., p. 458 bis 461.
Die Kirchengesch. des 18. u. 19. Jahrh., aus dem Standpunkte des evangel. Protestantism. betrachtet, in einer Reihe von Vorlesungen, v. K. R. Hagenbach, Lpz., 1842, I. p. 345 etc.



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Entwickelung brachte; leider aber diesem schon in seinem funfzehnten Lebensjahre entrissen wurde. Nachdem der junge Jerusalem auf einer benachbarten Pensionsanstalt die Elemente der classischen und orientalischen Sprachen erlernt hatte, kam er auf das Gymnasium zu Osnabrück. Um sich dem Studium der Theologie zu widmen, bezog Jerusalem 1724, freilich erst funfzehn Jahre alt, doch vollkommen vorbereitet, die Universität Leipzig; wo er die Vorlesungen der Theologen Börner, Carpzow, Deyling, Klausing und des Mathematikers Hausen frequentirte. Hier wurde er auch durch Gottsched in Wolf's Philosophie eingeweihet, und trat in die deutsche Gesellschaft ein, deren Erneuerer und Senior jener vielverkannte Gottsched war, der äußerst anregend auf junge Talente einzuwirken verstand, die sich ihm gerade nur nicht ganz gefangen dahingaben; und der auch zuerst die in diesem vielversprechenden Jünglinge schlummernde Gabe der Beredsamkeit weckte, und eine von ihm in jener Gesellschaft gehaltene Rede in den »Proben der deutschen Beredsamkeit« abdrucken lies. Nachdem Jerusalem in seinem einundzwanzigsten Jahre zu Wittenberg den Magistergrad erlangt hatte, kehrte er in seine Vaterstadt zurück. Doch sein stets rastloser Drang nach Wissen trieb ihn 1727 wiederum in die Fremde hinaus, und fesselte ihn in Holland auf zwei Jahre, wovon er das erstere ganz dem Aufenthalte in Leyden widmete, wo er sich der Belehrung und des näheren Umganges eines Schultens, Burmann, Muschenbroeck und Gravesande zu erfreuen hatte. Auch besuchte er die bedeutendsten Städte Hollands, und übernahm im Haag sogar auf einige Zeit die Predigten in der deutsch-lutherischen Kirche. Hierauf begleitete er als Hofmeister zwei junge Edelleute auf die neugestiftete Georgia zu Göttingen, und benutzte seinen dortigen dreijährigen Aufenthalt im Umgange mit den tüchtigsten Lehrern dieser Hochschule,



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vorzüglich mit ihrem Stifter, dem hochverdienten Minister von Münchhausen, zur Sammlung aller der herrlichen Ideen, welche ihn später bei Gründung einer ähnlichen Anstalt leiten sollten. Auch England, mit dem Schatze seiner philosophischen Bildung und zugleich als das Heimathland der Beredsamkeit, übte so viel Anziehungskraft auf ihn, daß er demselben drei Jahre einer Studienreise widmete. Um sich im Kanzelvortrage zu üben, ließ er sich zwei Mal in der Königl. Capelle hören. Die persönliche Bekanntschaft der Bischöfe Potter, Sherlock und Thomas, und einiger Gelehrten, von Waterland's, Whiston's, Foster's, Pierre des Maizeaux und des deutschen Arztes Lieberkühn Distinction, mußte auf sein erregbares Wesen von mächtigster Wirkung sein. Endlich kehrte er 1740 nach seinem Vaterlande zurück, fand in Hannover an seinem Hausgenossen, dem Minister von Schwicheldt, einen liebreichen Gönner, und erhielt auch von diesem die Aufforderung, als Gesandschaftssecretair mit nach Berlin zu gehen. Doch seiner Theologie getreu, blieb er in Hannover, und übernahm die Erziehung des einzigen Sohnes des Feldmarschalls von Spörken, in dessen Hause, wie auch in der Familie des Landdrosten von dem Busche, ihm die herzlichste Freundschaft entgegenkam. Dem Wohlwollen des Ministers von Münchhausen verdankte er Anträge nach Göttingen; aber bei der einmal gewonnenen Vorliebe für England, hegte er immer den stillen Vorsatz, im Gefolge des Königs von Großbritannien, der zum Besuche in Hannover eingetroffen war, dorthin zurückzukehren, und auch dort sein Fortkommen zu suchen. Da erhielt er plötzlich vom Herzog Carl von Braunschweig die Aufforderung eines Besuches nach Wolfenbüttel, und wurde durch die höchst huldvolle Weise, mit welcher dieser geistvolle Fürst sein Vertrauen zu gewinnen wußte, dazu vermocht, als Gouverneur des Erbprinzen Carl Wilh. Ferdinand,



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unter dem Charakter eines Hof- und Reisepredigers, braunschweig'sche Dienste zu nehmen. Im J. 1742 am Sonntage Reminiscere hielt er mit höchstem Beifalle zu Wolfenbüttel seine Gastpredigt, trat auch noch in demselben Jahre seine Function an; wurde 1743 zum Propste der Klöster St. Crucis und St. Egidii; 1748 von der Universität Helmstädt zum Doctor der Theologie; 1749 zum Abte von Marienthal; 1752 zum Abte von Riddagshausen; 1771, nachdem er aus Dankbarkeit gegen seinen neuen Landesherrn die ihm im Jahre zuvor von Friedrich dem Großen angetragene Abtei zu Kloster Berge, und bald darauf auch den Ruf als Canzler der Universität Göttingen abgelehnt hatte, zum Oberhofprediger und zum Vicepräsidenten des wolfenbüttler Consistoriums befördert. Ja, später war es sogar die Absicht, ihn, der durch Weltbildung, Umsicht und Energie so würdevoll unter seinen Zeitgenossen dastand, zum Minister zu erheben; allein Jerusalem wandte sich wiederum von der sich ihm nun schon zum zweiten Male eröffnenden diplomatischen Laufbahn zurück, weil er doch noch weit höhere Begriffe von dem Berufe eines Gottesgelehrten hatte. Durch den Grafen von Manteuffel ward er auch zum Mitgliede der Societas Aletophilorum ernannt.– Bald nach seiner Ankunft in Braunschweig hatte er, wie sich der edle Mann in seiner anspruchlosen Autobiographie ausdrückt, »eine sehr vollständige Unterredung mit dem Durchlauchtigsten Herzoge und seinem Minister über die bessere Einrichtung des gelehrten öffentlichen Schulunterrichts. Dieser Unterredung zufolge, entwarf er den Plan von dem noch blühenden Collegio Carolino, führte ihn nach dessen Genehmigung im folgenden Jahre aus, ordnete die ganze kostbare Einrichtung, wählte die Lehrer und Hofmeister, bestimmte die darin zu lehrenden Wissenschaften, die Art der Lectionen.« *) u. s. w.
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*) Jerusalems nachgelassene Schriften Brschw., 1793, II. p. 24.



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Dieser Entwurf über die Gründung der trefflichen Anstalt *) zeugt von Geschmack, freisinnigem und praktischen Blicke. »Man kommt,« sagt Jerusalem, **) »von den gelehrten Anstalten mit einem Schatze von rohen Edelsteinen zurück, die weder geschliffen noch gefaßt sind, und die mit den unedleren Steinen, womit man sie aufrafft, beständig vermischt bleiben.« Nach seiner Absicht sollten daher, bei einer tüchtigen und praktischen Unterlage der Fachwissenschaften, hauptsächlich die sogenannten schönen Wissenschaften und Humaniora, besonders die Pflege der Muttersprache zur Erweckung eines besseren Geschmackes die allerwichtigsten Gegenstände des Unterrichts werden; indem er sich überzeugt hielt, das nicht das materielle Wissen, sondern der Geist es sei, der lebendig mache, und daß, weil die Schönheit die Krone der materiellen und geistigen Welt, und das Endziel der Wahrheit und Sittlichkeit ist, vorzugsweise durch Belebung des Schönheitsinnes auf eine wahrhaft harmonische Bildung hinzuwirken sei. Um seinem Ziele mit um so größerer Sicherheit nahe zu kommen, veranlaßte Jerusalem, daß Literaten von Auszeichnung und Ruf in's Land gezogen und gerade mit diesen Unterrichtszweigen beauftragt wurden, wodurch Braunschweig zugleich ein Richtpunkt dieser neuen Bahn werden mußte. »Wie nun dieses Collegium,« sagt er selbst, »zur Aufnahme des guten Geschmackes und bon-sens in diesem Lande errichtet wird; so müßte auch hernach die Universität Helmstädt so eingerichtet werden, das beide daselbst noch weiter fortgebildet würden; und, so wie andere Akademien ihr Abzeichen haben, diese eine Akademie du bon-sens mit der Zeit könnte genannt werden.« – Unberechenbar ist der Segen, den das am 5. Juli 1745 eröffnete Carolinum als das erste und einzige
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*) Entwurf von der Einrichtung des Collegi Carolini zu Braunschweig.
**) Nachgel. Schriften, II. p. 79.



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derzeitige Institut, welches hauptsächlich auf Veredlung des Geschmackes hinarbeitete, durch die vielen in ihm gebildeten Zöglinge über ganz Deutschland verbreitete; und wie bald schon sich der glückliche Erfolg von Jerusalem's Bemühen sehr merklich herausstellte, beweisen die dem würdigen Gründer gemachten Versicherungen eines Gellert, Ernesti, Kästner, Heyne und Anderer, das vor allen ihren Zuhörern sich die Studirenden des Carolinums durch Fleiß und gute Sitten auszeichneten. *) Die Blüthe des Carolinums reichte freilich nicht über Jerusalem's Leben hinaus, weil Niemand im Stande war, die Stelle dieses hellblickenden Mannes zu ersetzen, der, mit seinem Herzen voll aufrichtigster Menschenliebe, Alles mit Liebe zu beherrschen vermochte. Die höchste Blüthe datirt sich auch eigentlich erst von dem Zeitpunkte an, wo ihm durch den Abgang der Mitcuratoren als alleinigem Curator gänzlich freie Hand gelassen wurde. Auf Anrathen des bescheidenen Mannes war nämlich anfänglich die Oberaufsicht dieses Institutes dem allgefeierten Joh. Lorenz von Mosheim anvertrauet worden, der als Professor der Theologie, als Kirchen- und Consistorialrath, zugleich als Abt von Marienthal und Michaelstein und als Generalinspector aller Schulen im Fürstenthum Wolfenbüttel, zu Helmstädt lebte, bis er 1747 als Canzler der Universität nach Göttingen ging. Allein bei der Entfernung von Braunschweig konnte Mosheim außer dem Renommee seines Namens dem Carolinum nicht viel Förderndes zuwenden, und die beiden anderen Mitcuratoren, Hofrath von Erath und Generalsuperintendent Dr. Köcher, waren nicht eben die Leute danach, Jerusalem's Intentionen ganz zu begreifen. – Mit Beschämung müssen wir von der Pedanterie
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*) Entwurf einer Gesch. des Collegii Carolini in Brschw., von J. J Eschenburg. Berlin u. Stettin, 1812, p. 24.



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so mancher Bildungsanstalten unserer Tage zu dem weisen Stifter des Collegiums zurückblicken, zumal wenn wir erwägen, mit welchen Hindernissen besonders diese Schöpfung zu kämpfen hatte, welche der bornirten Schulpedanterie betagter Scholastik den Gnadenstoß gab. Glaubte doch der hochgelahrte Köcher, früher ein sehr eifriger Gegner der zu gründenden Anstalt, nichts Gottseligeres thun zu können, als eine Gebetformel zu entwerfen, welche bei Morgen- und Abendandachten von den Collegianern pflichtschuldigst abgebetet werden sollte!

Jerusalem hat sich auch durch schriftstellerische Lesungen ein unvergängliches Denkmal bei der Nachwelt gestiftet. Seine Vertheidigung der deutschen Literatur *) gegen Friedrich's II. Angriffe derselben **) flößte dem Ausländer Achtung und dem deutschen Genius den Muth kräftigeren Aufschwunges ein. Wenn Gervinus ***) in Betreff dieses Werkes sich äußert: »Als jene Schrift des Königs erschien, bedurfte es kaum mehr der Widerlegung, die von guten und schlechten Autoren, sogar von Franzosen ausgingen; es that auch gar nichts, daß unter diesen Gegnern Jerusalem die deutsche Literatur so schlecht vertheidigte als die Religion gegen Voltaire, und das sich Tralles mit ihm das Wort gegeben zu haben schien, etwas zum Beweis zu liefern, daß die Deutschen dumme Teufel seien, wie der König wollte; und wenn Gervinus in einer Anmerkung die Auctorität Gleim's für diesen harten Ausspruch anführt, so ist dabei nur zu bemerken, das der preußische Stockpatriotismus noch über den deutschen bei Gleim ging,
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*) Ueber die deutsche Sprache und Literatur, Berlin, 1781: (Auch in Heinzmann's lit. Chron., 1. p. 29 bis 59. – In Jerusal. nachgel. Schrn, II. N.7. – Auch nachgedr. –In's Franz übers von le Cocq., Berlin, 1781.)
**) Frederic II, roi de Prusse: sur la litérature allemande, 1780.
***) Neuere Gesch. der poet. National-Literatur der Deutschen, von G. G. Gervinus, Lpz., 1840, I. p. 231.



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der es in seinem Herzen doch halb und halb für einen Hochverrath ansehen mußte, daß ein Jerusalem es wagen konnte, dem himmlischen Beherrscher aller Preußen öffentlich zu opponiren. Aber vor allen Dingen hat Gervinus selbst übersehen, das Jerusalem's Landesmutter, Philippine Charlotte von Braunschweig, eine Schwester Friedrich’s II, den trefflichen Jerusalem zu dieser Erwiederung veranlaßte, dem also durch die Würde seiner eigenen Person und durch, die seines Gegners, wie auch durch die Würde des Gegenstandes selbst der Ton seiner Vertheidigung auf das Allerbestimmteste vorgeschrieben war. Daß aber wirklich dieser Ton angemessen und ehrenhaft gewesen sein müsse, beweist der Eindruck, den er auf den König machte, der von diesem Augenblicke an nichts mehr bedauerte, als schon allzusehr in seinen Vorurteilen ergrauet zu sein, um noch umkehren zu können.

Jerusalem's strenge Wahrheitsliebe, seine Beobachtungsgabe und die Natürlichkeit seiner Darstellung geben seinen biographischen Versuchen einen ausgezeichneten Werth. Besonders verdienen hier seine biographischen Abrisse seiner Schüler, der Prinzen Albrecht Heinrich und Wilhelm Adolph, als Muster gemüthlicher Seelengemälde erwähnt zu werden. *)

Als Theolog steht er seines klaren, umsichtigen Blickes, seines ächtchristlichen, duldsamen Charakters, und seines plan- und lichtvollen Ideenganges wegen weit über seinen Zeitgenossen.
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*) Leben des Prinzen Albrecht Heinrichs von Braunschw. - Lüneb., 1761, – 2. Afl., 1774. (In's Engl. übers. London, 1764. –) Glaubensbekenntnis des Prinzen Leopold. Brschw., 1769. 2. Afl., 1781.
Entwurf von dem Charakter und den vornehmsten Lebensumständen des höchstseligen Prinzen Wilh. Adolph von Br.-Lüneb. Berlin, 1771, Franz.: Ebauche du charactère et des principaux traits de la vie de S. A. le Prince Guillaume Adolphe de Br. et de Lüneb. à Berlin, 1771.



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Er war unter ihnen auf dem Gebiete der Theologie vielleicht der Erste, der sich dem mühevollen Geschäfte unterzog, durch Anregung eines weisen Vernunftgebrauches Licht zu verbreiten, ohne jedoch den Standpunkt eines gläubigen Christen zu verlassen. Daher konnte denn ein so edler Mann seine Widersacher nur in Leuten von des zelotischen Jesuiten Aloys Merz gemeiner Denkungsart finden. Vor seinen anderen, gründlichen, theologischen Schriften *) haben das größte Aufsehen
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*) Vorbereitung derer, die sich dem Predigtamte widmen. Hamb., 1760.
Im J. 1762 erschien ohne seinen Namen die erste Sammlung von Briefen über die mosaischen Schriften und Philosophie, als deren Fortsetzung und Erweiterung anzusehen sind, seine:
Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion. Brschw., 1768; fortges. 1772; 2. St. d. Forts. 1773; 2. Thl., 1 B., 1774; 2. Thl., 2 B. oder 4. St., 1779. – Der 4. Abschn. aus d. 4. St. ist bes. erschienen: Lehre von der moralischen Regierung Gottes über die Welt, oder die Gesch. vom Falle. Brschw., 1780. – (In's Franz. übers. Yverdun, 1770. – In's Dän. übers. von Peter Topp Wandall. Kopenh., 1776, 2. Afl, 1780. – In's Holländ. übers. mit Anmerk. v. Balth. Carull. Amst., 1772 bis 81, 3 Thle.; außerdem von A. von Wansdyk zu Delft. Ins Schwed. übers. v. Apel Gabr. Lejonhufnend. Upsala, 1783 bis 86, 3 Thle. – Es erschien auch ein Auszug daraus vom Bischof Serenius.–) (Bruchstücke daraus in: Pölitz Gesammtgebiet der deutschen Sprache. Lpz., 1825, II. p. 103 bis 107.) Nach Jerusalem's Tode gab seine Tochter Friederike Jerusalem heraus:
Fortgesetzte Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion; hinterl. Fragmente von F. W. Jerusalem; auch unter dem Titel: Nachgel. Schrn. von u. s. w., 1. Thl. Brschw., 1792: 2. Thl., 1793. – (Die im 1. Thle. enthaltenen Betracht. übers. Balthas. Carull in’s Holländ. Amsterd., 1795. –)
Vorrede zur Uebersetzung von Addison's Entwurf von der Wahrheit der christl. Religion. Hamb., 1782.
Beantwortung der Frage: Ob die Ehe mit der Schwester Tochter nach den göttlichen Gesetzen zulässig sei? Brschw., 1755. – (Auch von J. F. Gühling herausg. u. mit Anm. erläut. Chemnitz, 1755. – (Diese Schrift, welche anonym erschien, wird auch von Einigen dem Vicepräsidenten Klügel zugeschrieben; obgleich Jerusalem nie gegen die ihm vielseitig zuerkannte Autorschaft protestirt hat.)
Von der Kirchenvereinigung, ein Bedenken. Brschw, 1772. (In's Holländ. übers. Utrecht, 1774.)
Vorrede zu der von J. T. Schulze veranstalt. Uebers. der Predigten Peter Coste's. Jena, 1755.
Briefwechsel zwischen dem Herrn Abt J. F. W. Jerusalem und Joh. Franz Frdr. Amt. Meyer in Neustadt. Koburg, 1789. –



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erregt seine »Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion,« von denen selbst ein Herder sagt: »das letzte Stück von Jerusalem's Betrachtungen, leider das letzte! enthält tiefe Blicke in den Geist der mosaischen Gesetze. Meines Wissens ist Jerusalem der erste Theolog in Deutschland von solchem Reichthum schöner philosophischen Kenntnisse und von dem wirklich politischem Blicke.«  *) – Die Humanität seines Geistes leuchtet besonders aus seiner (1772 wider sein Wissen in Druck gegebenen) Darlegung des Unpraktischen einer Vereinigung der römischen und protestantischen Kirche hervor. Durch seine musterhaften, einfach-edelen, dem scholastischen und mystischen Modekram gleich fernen, Kanzelvorträge  **) erwarb er sich mit Recht den Ruf nach Mosheim, der freilich mehr Schwung und Salbung und bei weitem mehr äußere Gaben
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Von Jerusalem stehen einige Briefe in: Frdr. von Hagedorn's poet. Werken. Hamb., 1800, V. p. 302.
Ein bis jetzt noch unedirter sehr interessanter Brief Jerusalem's steht als Facsimile abgedruckt in der: »Samml. histor. berühmter Autographen; oder Facsimiles von Handschriften ausgezeichneter Personen alter u. neuer Zeit.« Stuttg., 1845, 1. Heft.
*) Herder‘s sämmtl. Wke. zur Relig. u. Theol., XIII. p. 53.
**) Sammlung einiger Predigten vor den Durchl. Herrschaften zu Brschw.- Lüneb.-Wolfenb. gehalten. Brschw, 1745 bis 1752, 2 Thle, neue Afl, 1756 bis 57, 2 Thle.
Zweite Sammlung, 1753, 1757, 1769. – (Bruchstücke daraus in: Pölitz Gesammtgebiet der deutschen Sprache. Lpz., 1825, IV. p. 148 bis 155.
Neue, mit einigen Predigten u. einer neuen Vorrede verm. Ausg, 1. Slg. Brschw., 1788.
2. Slg. Brschw., 1789. –(In's Holländ. Übers. von Balth. Carull. Amst., 1767, 2 Thle) In's Schwed. Übers.. von Sam. Oedmann; Upsala, 1784 bis 1785. -
Leichenrede auf den Landdrosten von Rhetz. Brschw., 1758. –
Zwei Landtagspredigten. Brschw., 1770. –
Rede bei der Einführung der Frau Aebtissin von Kniestädt (im Journal von u. für Deutschl., 1786, 10. St.)
Recueil de six Discours, prononcés en Allemand par. Mr. J. F. W. Jerusalem, traduits par un Anonyme (Graf von Manteuffel), et précédés d'une préface de Mr. le Baron de Wolf Leipz., 1748. –



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hatte, den er jedoch wieder an philosophischer Gründlichkeit und an Gedankenfülle weit übertraf, der größte deutsche Redner seiner Zeit zu sein. Hierzu kommt nun noch eine tiefe Gelehrsamkeit, auf welche überhaupt Literaten damaliger Zeit ganz besonders hohen Werth zu legen pflegten. Jene Männer concentrirten in ihrer Person die Wissenschaft, welche sich jetzt mehr zu einem Gemeingute des ganzen Volkes zu verflachen anfängt. Jene Männer mußten sich aber auch zu einer solchen Tiefe mühseligen Forschens durcharbeiten, um ihren Nachkommen den Boden und die Bahnen einer erfolgreichen Wirksamkeit zu erringen. – Vor den meisten seiner Zeitgenossen hat Jerusalem die Weihe und Würde eines einfachen und lichtvollen Stiles voraus, und es gereicht diesem grundgelehrten und ernsten Manne gewiß nur zur Ehre, das er im Ringen nach der Anmuth der Darstellung es nicht unter seiner Würde hielt, seine sämmtlichen schriftstellerischen Arbeiten vor deren Herausgabe dem Urtheile einer geist- und gemüthvollen Freundin, der Frau des Hofpredigers Bamberger zu Pots dam, einer geborenen Sack, zu unterwerfen, *) und auch sein Werk über die Wahrheiten der christlichen Religion seinem Freunde Ebert zu strengerer Durchfeilung anzuvertrauen. Fördernd und rathend wirkte er auch wiederum selbst auf nahe und ferne Kreise ein, da er nach und nach mit den ausgezeichnetsten Schriftstellern seiner Zeit in briefliche Verbindung kam. Unter diesen unterhielt z. B. Spalding, das Münter'sche Ehepaar, Thomas Abbt, Frd. von Hagedorn und Justus Möser, dessen Tochter längere Zeit in seinem Hause lebte, eine intime Correspondenz mit ihm. Auch war er, wie für Braunschweig selbst der Mittelpunkt alles geistigen Lebens, so
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*) Albrecht Thaer, sein Leben und Wirken als Arzt und Landwirth herausgegeb. v. W. Körte, 1839.



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für alle eintreffenden Fremden von Bildung der mächtigste Anziehungspunkt. Und diese achtunggebietende Stellung behauptete er bis an das Ende seines Lebens, weil sein persönlicher Ruf den schriftstellerischen noch übertraf. Würde, und wäre er auch an Geiste tausendfach ersetzt: ein Herz von so beseelender Wärme, ein Charakter von dieser Durchbildung und lautern Gediegenheit dürfte so leicht nicht wieder zu finden sein; wenigstens nicht im Verein mit so viel Geistesgaben, ohne welche solche Herzenseigenschaften nicht in solchem Grade möglich, und wären sie's, doch nicht so werthvoll sein würden. Daher dieses Vertrauen, diese Liebe, diese Verehrung, welche er von nah und fern genoß. Allen, die sich ihm persönlich und brieflich voll Vertrauen näherten, zeigte er sich als wahrer Freund, den Schülern als ein väterlicher, dem Bekümmerten und Nothleidenden als tröstender und helfender, den Freunden und den Seinigen als ein aufopfernder und fördernder, kurz, Allen als ein Freund im höheren Sinne des Wortes. Bei seiner zarten und reizbaren Seelenstimmung würde die Lebhaftigkeit und Wärme seiner Empfindung leicht Gefahr gelaufen sein, in die Gefühlsschwärmerei der sogenannten Anakreontiker zu verfallen, hätte nicht über dieser Herzensgluth das helle Licht seines Verstandes gestrahlt. So aber wohnten in seinem Innern neben dem Gleichmuthe und der Gemüthlichkeit seiner Seele, stille Heiterkeit und harmonische Ruhe, die Gefährten höherer Geister. – Auf die Dankbarkeit braunschweig'scher Vaterlandsfreunde hat sich Jerusalem unauslöschliche Ansprüche erworben, durch die erste Anregung, welche er, der selbst äußerst mildthätig war, durch die mit einer Vorrede und Zuschrift an die Vorsteher milder Stiftungen begleitete Uebersetzung einer »Nachricht von den Armen- und Arbeits- oder Werkhäusern in England« zu den Armenanstalten Braunschweigs gab, welche später in Leisewitz einen aufopfernden



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Beschirmer und Erweiterer fanden. Ein anderer großartiger Plan Jerusalem's: die Gründung einer Actiengesellschaft zur Hebung des Buchhandels kam leider nicht zur Ausführung. Seiner höchst einflußreichen Wirksamkeit an dem mit seiner Abtei zu Riddagshausen verbundenen Predigerseminare haben alle seine Schüler das unbedingteste Lob ertheilt, die gewohnt waren, in ihm mehr den väterlichen Freund, als den Vorgesetzten zu verehren, und ihm das beste Zeugnis der Dankbarkeit durch die von ihm empfangene Bildung gaben. Jerusalem's edles Herz sollte auch am Probsteine des härtesten Mißgeschickes geprüft werden. Er hatte nicht allein den Tod seiner innig geliebten Gattin zu betrauern, welche eine Tochter des Seniors Pfeiffer zu Erfurt, Wittwe des göttinger Professors Albrecht und mit ihm seit dem J. 1742 verbunden war; sondern auch den Verlust seines einzigen Sohnes. Dieser Carl Wilhelm Jerusalem, der als Jurist zu Wetzlar habilitirt, der auch ein fähiger, hoffnungsvoller junger Mann, und ein Freund Lessing's war, von welchem seine nachgelassenen Schriften 1776 edirt wurden, erschoß sich 1772 in einem Anfalle von Schwermuth. Am bedrückendsten aber mußte es für das bekümmerte Vaterherz sein, das Goethe diesen Stoff für die »Leiden des jungen Werthers« ausbeutete, und dieses unheilvolle Ereignis zu einer so uuerwünschten Publicität brachte. Aber bei allem Gram und Kummer, und bei einem durch Sorgen und rastlose Thätigkeit geschwächten Gesundheitszustande trug dieser Fromme und Weise doch sein Geschick mit höchster Ergebung. »Seine öftere Kränklichkeit erregte viele Jahre lang eine allgemeine Theilnahme. Die fürstliche Familie schien nicht ruhig zu werden, so lange dieser Zustand dauerte. Carl Wil helm Ferdinand, damaliger Erbprinz, besuchte den Kränkelnden sehr oft. Endlich wurde sein alter Lehrer wirklich krank, und tödtlich krank. Man verzweifelte an seiner Genesung.



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seine Kinder lagen in einer feierlichen Stunde knieend an seinem Bette. Der Erbprinz will den Sterbenden noch einmal sehen; er schleicht in das Krankenzimmer; er sieht die auf den Knieen liegende Familie seines Erziehers; er neigt sich still und wehmüthig neben dem Bette zur Erde nieder, und bittet mit tiefer Rührung die Vorsehung um das Leben seines Jugendfreundes.« *) Noch ein Mal wurde das theure Leben erhalten; doch warf bereits nach einigen Jahren den Allverehrten ein apoplektischer Anfall auf ein schmerzenreiches Sterbelager, auf welchem der edle Dulder seinem musterhaften Leben das Siegel der Bestätigung geben sollte. **) An Körper und Geist gelähmt, legte dieser Menschenfreund doch noch die innigste Theilnahme für das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen an den Tag, und begrüßte namentlich die so glückverheißend beginnende, französische Revolution mit den Segnungen seiner frommen Wünsche. »Ich las ihm auf sein Verlangen,« berichtet sein Freund, Hofrath Emperius, ***) »die Neuigkeiten von Paris aus der Zeitung vor. sie enthielt an diesem Tage die Nachricht von den großmüthigen Opfern, welche der Patriotismus der Stände Frankreichs in der berühmten Sitzung vom 4. Aug. (1789) dem Besten der Nation gebracht hatte. Dieser Wetteifer des Edelmuths, dieser Triumph der Vaterlandsliebe und Weisheit über Selbstsucht und Vorurtheile interessirte den Kranken in einem sehr hohen Grade, und ich war genöthigt, das Vorlesen abzubrechen, weil ich befürchtete, daß es ihn zu sehr angreifen möchte. Mit stammelnder Zunge, aber mit
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*) Carl Wilh. Ferdin., Herzog zu Braunschw. u. Lüneb.; ein biograph. Gemälde (von C. F. Pockel's.) Tübingen, 1809, p. 95.
**) Predigt am Reformationsfeste 1789, mit beigefügter, öffentlicher Danksagung wegen der seligen Vollendung des Herrn Abts und Vicepräsidenten Jerusalem; von Aug. Chr. Bartels. Brschw., 1789. –
***) Jerusalem‘s letzte Lebenstage, von I. F. F. Emperius. Lpz., 1790, p. 31. (Ein Auszug daraus in: Wolfrath's Charakteristik edler und merkw. Menschen, I.)



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tiefgerührtem Herzen, dankte der edle Mann der Vorsehung, auf deren Verfügungen sein Blick in seinem ganzen Leben so aufmerksam geheftet war, für die großen Schritte, die ein ganzes Reich zur Vermehrung seiner bürgerlichen Glückseligkeit gethan hatte und noch ferner zu thun im Begriff war. Es war immer seine Lieblingsidee, daß die Vorsehung unaufhörlich an der Veredlung des menschlichen Geschlechts arbeite, und bald durch anscheinende, von bösen Menschen veranlaste Uebel, bald durch schöne und edle Handlungen guter Menschen das Beste des Ganzen zu befördern bemüht sei.« – Zu seinem eigenen Heil  wurde ihm der Kummer der Enttäuschung erspart! Nachdem ihm, der mit den meisten Personen seines Fürstenhauses auf einem Fuße vertraueter Freundschaft gelebt hatte, noch das Glück zu Theil geworden war, vom Erbprinzen Carl, vom Prinzen Friedrich, von der Herzogin Philippine Charlotte, welche Wohlwollen und Theilnahme an sein Sterbelager geführt hatte, persönlich Abschied nehmen zu dürfen; und nachdem er auch seine tiefbekümmerten drei Töchter zu Fassung und Trost für die nahebevorstehende, schmerzliche Trennung ermuthigt hatte, entschlummerte er am 2. Spt. 1789 sanft, und mit den Tröstungen und Hoffnungen der Religion zu einem besseren Dasein. Die allgemeine Trauer bei der Nachricht seines Todes, und die fast beispiellos große Theilnahme bei der Feier seines Leichenbegängnisses zeigte, wie sehr man diesen Verlust zu würdigen wußte; und wie gerecht diese Trauer war, beweist der Umstand, das dieser werthe Mann noch jetzt als ein wahrer Beglücker Braunschweigs in dankbarstem Gedächtnisse steht.

Eben so ehrenvoll wie für Jerusalem, sind für seine fürstlichen Gönner, die ihm von diesen gewidmeten Denkmale in der Kirche zu Riddagshausen (seiner Ruhestätte), und im Lustgarten zu Vechelde. An Speichelleckern, welche mit



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verachtenswerther Lobhudelei hohe Häupter überschütteten, hat es zwar nie und nirgends gefehlt; aber es möchten nur wenige Beispiele einer gleich schmeichelhaften Anerkennung eines Gelehrten von Seiten fürstlicher Personen aufzuweisen sein, wie sie sich an erwähnten beiden Monumenten ausspricht. Die Inschrift zu Riddagshausen lautet: »Dem Andenken des seligen etc. Jerusalem's etc. setzt dies Grabmal Philippine Charlotte, verwittwete Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg.«

»Zur Aufklärung legte er den ersten Grund, und durch seine Talente und Rechtschaffenheit erwarb er sich allgemeine Verehrung; seine Verdienste werden unvergeßlich bleiben, sein Andenken wird nie verlöschen, und besonders mir, seiner Freundin beständig werth und schätzbar bleiben. - Von gleich hohen Gesinnungen sprechen die Worte des vecheld'schen Denkmales, welche dem Herzen und Munde des Helden Ferdinand selbst entsprangen: »Ausgebreitete Gelehrsamkeit, Welt- und Herzenskunde, begleitet mit vieler Bescheidenheit und Sanftmuth, waren ein Theil seiner vortrefflichen Eigenschaften und Geistesgaben, wodurch er in einen so hohen Grad die Achtung aller Rechtschaffenen seines Zeitalters weit und breit sich erwarb. Seine Schriften haben hinlängliche Zeugnisse davon gegeben. Er war der allerangenehmste Gesellschafter, sein Duldungsgeist war groß, sein Andenken wird in den entferntesten Zeiten der Welt einem Jedweden der recht denken und wandeln will, theuer und werth bleiben. Mir als dem Widmer dieses Monuments wird er stets in unverändertem Andenken verbleiben, weil ich außer der Bewunderung seiner großen Verdienste um seine Zeitgenossen, besonderen Antheil an seiner Wohlgewogenheit hatte. Alles dieses bezeugt sein großer Verehrer Ferdinand H. z. B. u. L.« –



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2. Gärtner.

Unter allen den Gelehrten, welche nach der Gründung des Collegiums als Lehrer angestellt wurden, verdient zunächst jedenfalls Gärtner *) der Erwähnung. Carl Christian Gärtner war geboren am 24. Nov. 1712 zu Freiberg im Erzgebirge, wo sein Vater Postmeister und Kaufmann war. Seine Bildung, d. h. eine sehr gründliche, erhielt er auf der Fürstenschule zu Meißen. schon hier knüpfte der strebsame Knabe ein inniges Bündnis an mit seinen Mitschülern Gellert (geb. 1715), Gottlieb Wilhelm Rabener (geb. 1714) u. J. A. Cramer (geb. 1723), von denen der Erstgenannte ihm bei seinem Abgange von der meißener Schule
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*) Man vergl. den biograph. Abriß in Schlichtegroll’s Nekrolog auf d. J. 1791, I. Gotha, 1792, p. 29 bis 50.
Dieser Aufsatz ist eine Erweiterung des Artikels im: Jahrb. für d. Menschheit, I. 4. St. Apl., 1791.
Jörden's im Lexicon, II. p. 3. –
»Ueber K. A. Schmid's und K. Chr. Gärtner’s Verdienste bes. um die deutsche Lit. v. Th. Roose. Helmst, 1792.« –
Fr. Bouterwek's Gesch. der Poesie und Beredsamk, XI. Göttingen, 1819, p. 192 bis 193. –
 J. Bouginé, Handb. der allgem. Literargesch., 1791, IV. p. 166. Meusel.
Klopstock. Er; und über ihn, v. C. F. Cramer. Hbg., 1780, I. p. 143 bis 144.–


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den üblichen Abschiedsgruß im öffentlichen Schulacte nachrief. *) Wenn schon hier Gärtner, als der Aeltere und Erfahrenere auf die Geschmacksbildung seiner Freunde einen wohlthätigen Einfluß ausübte, so war dies noch in höherem Maße der Fall, als er das frühere Verhältnis mit den eben Genannten auch auf der Akademie Leipzig fortsetzte, und sich ihm nun noch Joh. Adolph Schlegel (geb. 1721), Elias Schlegel (geb. 1718), Spener, Gottlieb Fuchs (geb. 1722), J. C. Schmidt aus Langensalza, Giseke (geb. 1724), Zachariä (geb. 1726), Joh. Arn. Ebert (geb. 1723), Hagedorn (geb. 1708), Kühnert, Olde, Rothe, Straube, Kleist (geb. 1715), Mylius (geb. 1722), Conr. Arnold Schmid (geb. 1716), Eberh. Frdr. von Gemmingen (geb. 1727), Gleim (geb. 1719), Ramler (geb. 1725), und als Stubennachbar, Klopstock (geb. 1724) anschlossen. Dieses Bündnis hatte sich das hohe Ziel einer Geschmacksläuterung der deutschen Literatur gesetzt, und zu diesem Zwecke kamen die geistbegabten Jünglinge wöchentlich zusammen, um ihre dichterischen Erzeugnisse gegenseitig der strengsten und offensten Beurtheilung zu unterwerfen, und die am Probsteine der Kritik bewährten dem Urtheile des Publikums vorzulegen. Wie nun Gärtner, der nebst Ad. Schlegel, Rabener und Cramer die erste Anregung zu diesem Vereine gab, die Seele dieser Versammlungen war, so wurde er auch zum Redacteur des für den Druck bestimmten literarischen Materials erwählt. Obgleich er selbst früher mit Gottsched vielfach in Verbindung gestanden, und bereits 1741, (also in demselben Jahre, in welchem Lessing erst meißner Schüler wurde) zu den Gottsched'schen: »Leipziger Belustigungen des Verstandes und Witzes«
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*) Erinnerungen an G. E. Lessing, Zögling der Landesschule zu Meißen in den J. 1741 bis 1746, von Ed. Aug. Diller, 1841, p. 69.




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einzelne Gedichte geliefert, und auch an der von Gottsched veranstalteten Uebersetzung der 1744 in 4 Bänden erschienenen Ausgabe des Bayle, und an der des Rollin theilgenommen hatte: so sagte er sich doch sehr bald mit seinem ganzen Anhange von diesem wäßrigen, aber doch sehr gefürchteten Aristarchen los. So traten denn durch die vereinten Bemühungen dieser thatkräftigen Jünglinge, *) die »Neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes, Bremen, 1744 bis 1748« an's Licht, eine Schrift, in welcher zuerst ein frischerer Odem deutscher Kraft wehete, und wodurch eine neue, bessere Schule in unserer Literatur begründet wurde. Das man Gottsched mit seiner Sippschaft zum Schweigen verweisen konnte, durch Aufmunterung und Wetteifer die Productionen mehr befähigter Köpfe anregte, vom kritischen Standpunkte aus für die Literatur eine festere Basis gewann, ist ein Resultat, dem die vollste Anerkennung gebührt, und wovon ein Haupttheil des Verdienstes jedenfalls unserem Gärtner zuerkannt werden muß. Zwar ging er bereits im J. 1745 als Führer zweier Grafen von Schönburg-Wechselburg nach Braunschweig, und erhielt am dortigen Collegium Carolinum, im Mai 1748, die Professur der Beredsamkeit und Sittenlehre, (1775 auch noch ein Canonikat am Blasiusstifte und 1780 beim Regierungsantritte Carl Wilh. Ferd., seines früheren Schülers, den Hofrathscharakter); aber dessen ungeachtet war mit dieser Ortsveränderung der leipziger Verein nicht aufgelöst. Vielmehr suchte Gärtner, gleichstrebende Freunde, Ebert, Zachariä, Schmid u. A. durch eine
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*) Von denen freilich nicht alle als Schriftsteller auftraten (wie Olde, Rothe, Straube), von denen sich auch einige bald absonderten, (Mylius, Kühnert), von denen mehre nicht in Leipzig anwesend waren, (so wirkte z. B. Elias Schlegel von Kopenhagen aus mit) und von deren Genossen einige auch nur als berathende Freunde und Gönner anzusehen waren, (wie Hagedorn und Mosheim.)



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gesicherte, öffentliche Stellung in Braunschweig der guten Sache zu erhalten, so in einem Geiste, und noch dazu in collegialischem Verhältnisse von einem höchst günstigen Standpunkte aus, auf die Literatur einzuwirken, und blieb auch noch fortwährend der Centralpunkt des Ganzen. Von hoher Bedeutung mußten diesem Kreise auch die freundschaftlichen Beziehungen Mosheim's sein, dieses gründlichen Kenners der schönen Literatur, und für alles Schöne glühend begeisterten Mannes, der als Verfechter der Rechte unserer Muttersprache sich eine bedeutende Geltung in der Literatur errungen hatte, und von dem, wie wir schon oben gesehen haben, die erste Anregung einer geläuterten Kritik ausgegangen war. In seiner Stellung als Curator des Collegiums Carolinums war Mosheim's fördernde Theilnahme daher von um so größerem Einflusse.

So war denn der leipziger Kreis in seinem Hauptstamme gewissermaßen nur nach Braunschweig übersiedelt, und edirte auch als ein Lebenszeichen seines Fortbestandes die: »Sammlung vermischter Schriften von den Verfassern der Bremer neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes, Lpz, 1748 bis 1752, 3 Bde.« Im Jahre 1767 veranstaltete Gärtner unter Zachariä‘s Beihülfe eine neue Auflage der bremischen Beiträge, und 1768 eine verbesserte Ausgabe seines, in diesen Beiträgen zuerst mitgetheilten Schäferspieles: »die geprüfte Treue.« Verläugnet dieses Werk, welches er nach des le Grand: „Le thriomphe du tems passé“ nicht blos übersetzte, sondern vielmehr geistvoll umarbeitete, auch keineswegs den Stempel seiner Zeit, so zeichnet es sich doch von den Weitschweifigkeiten und süßen Empfindsamkeiten derzeitiger Schäferspiele durch feinen Witz und Naturwahrheit vortheilhaft aus; und es wäre nur zu wünschen gewesen, daß der Verfasser gleich dieses ganze Genre über den Haufen geworfen, und denselben Weg betreten haben möchte, den später Lessing


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einschlug, wodurch ihm, wie diesem, eine nachhaltigere Wirksamkeit gesichert worden wäre. Dasselbe, was von diesem Stücke gesagt werden muß, gilt auch von der: »schönen Rosette,« einem Lustspiele, welches er in Dyk's Theater der Franzosen abdrucken ließ. *) Diese jetzt vergessenen Tändeleien haben ihren Hauptwerth in Gärtner's ehrenwerthem Streben, das Interesse für die damals tiefverarmte Bühne Deutschlands überhaupt nur erst anzuregen. Und so verdient auch die in Gemeinschaft mit Zachariä unternommene Uebersetzung von: »Linguet's Beiträgen zum spanischen Theater, aus dem Franz., Brschw., 1770 bis 1771, 3 Thle,« volle Anerkennung. –

Vortheilhaft bekannt machte sich Gärtner auch noch durch die »Sammlung einiger Reden, Brschw., 1761,« bei feierlichen Gelegenheiten vor seinen Collegianern gehalten; worin er aber mehr seinen Lehrerberuf, als seinen Beruf zur Beredsamkeit zu erkennen gab, und die steife Fessel Gottsched'scher Trockenheit nicht ganz von sich zu werfen vermochte. Höchst anerkennenswerth ist die mit einem biographischen Abrisse begleitete Ausgabe der »poetischen Werke Nicol. Dietr. Giseke's,« **) dieses reichbegabten Dichters, seines von ihm tiefbetrauerten Freundes und Schwagers; wie auch die Herausgabe von »C. F. Kirchmanns Schriften zur Beförderung der Religion und Tugend;« ferner die der »Fabeln und Erzählungen, J. Ad. Schlegel's, Brschw., 1769;« des kurzen, biograph. Lebensabrisses Heinr. Jul. Ernst Behm's (im 32. Stücke der gelehrten Beitr. zu d. brschw. Anzeigen, 1768); und endlich die Veröffentlichung seiner eigenen, zerstreueten, lyrischen Gedichte, obgleich diese einen Beigeschmack ihrer englischen Vorbilder voll epischer Breite nicht ganz verläugnen. .
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*) Die schöne Rosette, ein Lustspiel in 1 Aufz. Lpz, 1782. –
**) Des Hrn. Nicolas Dietrich Giseke poet. Wke., herausg. von Carl Chr. Gärtner. Brschw., 1767.



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Wollte man nun auch alles das, was Gärtner schrieb, nur gering anschlagen, so würde doch stets das, was er that und erwirkte, um so höher zu schätzen sein. Der Impuls des neuen Geistesaufschwunges ging ursprünglich nur von ihm aus, und es gehörte auch ein Mann von seiner Energie dazu, um eine so mächtige Bewegung hervorzubringen. Mit der stillen Würde einer ernsten Heiterkeit, feinen Witz, scharfe Beobachtungsgabe, geläuterten Geschmack, unbestechliche Wahrheitsliebe, Verschwiegenheit und Bescheidenheit verbindend, stand er, so das ächteste Bild eines edlen Deutschen, allen Gleichstrebenden als hohes Vorbild da, und wußte sich eben so gut bei Feind, wie bei Freundin Ansehen zu setzen. Strenger gegen eigene, als gegen fremde Leistungen, legte er selbst bei Kleinigkeiten einen hohen Maßstab an; und stand auf diese Weise ganz in Widerspruch mit allen denen von unseren Zeitgenossen, welche in ihrer Mißachtung des Publikums die unreifsten Erzeugnisse zu Tage fördern, noch ehe sie selbst mit sich zu irgend einem Abschlusse gekommen sind. Ja, Gärtner steigerte diese Strenge der Anforderungen an sich mit jedem Jahre, indem er bei jedesmaliger Durchsicht seiner poetischen Manuscripte ein Auto-da-Fé hielt, bis er kurz vor seinem Tode den letzten handschriftlichen Rest den Flammen opferte. Uebrigens wurde er gerade als ein mehr receptives Talent durch seine seelenvolle Auffassung, durch sein Wort voll Belehrung und Anregung, durch seine strenge und doch humane Kritik, für das Getriebe dieser Entwickelungsperiode der mächtigste Hebel. Und wie er nach außen wirkte, so war er wieder für Braunschweig von der größten Rückwirkung. Dieses fand auch namentlich in Betreff seiner ausgezeichneten Lehrgabe und seines unermüdlichen Lehreifers statt, wodurch er sich die unbegrenzte Liebe seiner Schüler eben so sehr erworben hatte, wie er überhaupt die Werthschätzung aller seiner Mitbürger besaß. Im Kreise



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des Hauses war er bei seiner Genügsamkeit und Gemüthlichkeit ein höchst liebenswürdiger und glücklicher Familienvater. Einen früher vorwaltenden Temperamentsfehler aufwallender Hitze besiegte er mit großer Anstrengung durch steten Gleichmuth, den er selbst im Leiden, und auch in dem schwersten, welches ihn beim Tode seiner innig geliebten Gattin traf, zu behaupten wußte. -

Nachdem Gärtner, der sich einer kräftigen Constitution erfreute, eben seine halbjährigen Vorlesungen beendet hatte, befiel ihn ein hitziges, rheumatisches Fieber, dem unvermuthet eine rasche und sanfte Auflösung folgte, welche seinem thätigen Wirken 1791, am Morgen des 14. Februars 6 Uhr, *) ein Ziel setzte. – Gleich ehrend für den Trauernden, wie für den Betrauerten ist das herrliche Blatt der Erinnerung, welches ihm Klopstock in dem Odenkranze »Wingolf« auf das Grab legte:

»Der du dort wandelst, ernstvoll und heiter doch,
Das Auge voll von weiser Zufriedenheit,
Die Lippe voll von Scherz; (Es horchen
Ihm die Bemerkungen deiner Freunde,
Ihm horcht entzückt die feinere Schäferin).
Wer bist du, Schatten? Ebert! Er neigt sich.
Zu mir, und lächelt. Ja, er ist es!
Siehe der Schatten ist unser Gärtner!
Uns werth, wie Flakkus war sein Quintilius,
Der unverhüllten Wahrheit. Vertraulichster,
Ach kehre, Gärtner, deinen Freunden
Ewig zurück! Doch du fliehest fern weg!
Fleuch nicht, mein Gärtner, fleuch nicht! du floh‘st ja nicht,
Als wir an jenen traurigen Abenden,
um dich voll Wehmuth still versammelt,
da dich umarmten, und Abschied nahmen!
Die letzten Stunden, welche du Abschied nahmst,
Der Abend soll mir festlich, auf immer sein!
Da lernt‘ ich, voll von ihrem Schmerze,
Wie sich die wenigen Edlen liebten!
Viel Mitternächte werden noch einst entfliehen.
Lebt sie nicht einsam, Enkel, und heiligt sie
Der Freundschaft, wie sie eure Väter
Heiligten, und euch Exempel wurden!«
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*) Nicht am 11. Febr.; wie Eschenburg und andere Literaturhistoriker angeben.



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3. Zachariä
Justus *) Friedrich Wilhelm Zachariä, **) geboren am 1. Mai 1726 zu Frankenhausen im Fürstenthum Schwarzburg, war der Sohn des Fürstl. Schwarzb. Kammersecretairs, Regierungsadvocaten und Gerichtsdirectors zu Ichstedt und Borrleben Frdr. Siegm. Zachariä, eines offenen Kopfes, der sich auch mit Güt im Gelegenheitsgedichte
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*) Von den meisten Literarhistorikern wird der Vorname Justus ausgelassen; doch kommt er unserem Zachariä zu, obgleich sich dieser selber in seinen Schriften desselben nur ein einziges Mal bedient hat.
**) Man vergl.:
Eschenburg’s Nachricht von Zachariä‘s. Leben und Schriften in den von E. herausgegeb. Schrn. Zachariä‘s. Brschw., 1781, (Bes. abgedruckt. Brschw., 1788.). Eine Benutzung der Eschenburg'schen Arbeit, doch mit einigen literarhistorischen Erweiterungen ist:
Chr. Heinr. Schmid's Nekrolog, od. Nachrichten von dem Leben u. d. Schrn. der teutschen Dichter. Berlin, 1785, H. p. 656 bis 680.
Schmid's Zusätze und Berichtig zu d. Nekrol. in d. Journ. von und für Deutschl., 1792, 8. St., p. 649.
J. G. Meusel’s Lexikon der vom J. 1750 bis 1800 verstorb. teutschen Schriftsteller. Lpz., 1815, XIV. p. 336 bis 341.
Frd. Bouterwek, Gesch. der Poesie u. Beredsamk., XI. Götting., 1819, p. 275 bis 277.
Saxii Onom. lit. VII. p. 183.
F. v. Blankenburg's lit. Zusätze zu Sulzer's Theorie der schönen Wissenschaften.
Baur's Gallerie der berühmt. Dichter des 18. Jahrh., p. 283 bis 290
J. L. Richter’s biogr. Lexikon der geistl. Liederdichter, p. 455
Jörden‘s Lexikon deutscher Dichter u. Prosaisten, V. p. 575 bis 598.
Gerber's Lexikon der Tonkünstler, II. p. 837.
Gerber's neues Lexikon, IV. p. 624.
(Küttner's) Charaktere deutscher Dichter u. Prosaisten. Berlin, 1781, II. p. 309 bis 312.



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versuchte. Zachariä, der schon als Knabe durch Munterkeit des Geistes und eine lebhafte Phantasie zu Hoffnungen berechtigte, empfing seine erste Ausbildung auf der Stadtschule seines Geburtsortes; worauf er 1743 die Universität Leipzig bezog, um sich der Berufswissenschaft seines Vaters zu widmen. Doch weil auch auf ihn des Vaters dichterische Ader fortgeerbt war, so beschäftigte er sich schon während seiner akademischen Studienzeit vielfach mit schöner Literatur. Genährt wurde diese Neigung zu poetischer Beschäftigung jedenfalls durch den Umgang mit jenen Studiengenossen, von denen die nachherige Erneuerung der deutschen Literatur ausging; vor allen aber auch durch den Beifall Gottsched's, der sein Talent erkannte und pflegte, mit dem er auch gleich seinem Freunde Gärtner, anfänglich verbunden war, und der seinen ersten dichterischen Versuch, das komische Epos »der Renommist,« in die »Belustigungen des Verstandes und Witzes« aufnahm. Allein Zachariä war einer der Ersten, welche sich nach Gärtners Vorgange von Gottsched's wäßrigen Belustigungen lossagten, und zu der ehrenwertheren Fahne befähigterer Geister schwuren. Dagegen wußte Kästner, der auch schon mehr Geist und Feuer besaß, die jungen Brauseköpfe zu fesseln, und bei ihnen seinen Umgang wie seine Collegia gleich gesucht zu machen. Ein Disputatorium, welches Kästner mit einer auserlesenen Zahl der Studenten hielt, zu denen auch Zachariä gehörte, brachte diesen in interessante Berührung mit den Commilitonen Christlob Mylius, Joh. Heinrich und Joh. Adolph Schlegel, auf kurze Zeit auch mit Lessing. Nach vollendeten Studien kehrte Zachariä in seine Vaterstadt zurück, und war um diese Zeit bemühet, seine musikalischen Anlagen unter Anweisung des dortigen Organisten Wagner durch Erlernung des Generalbasses auszubilden. Im J. 1747 privatisirte er in Göttingen, wo er



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einen Gönner an Ckaproth fand, der ihn zum Mitgliede der deutschen Gesellschaft ernennen ließ. Bei den derzeitig auf der Akademie herrschenden englischen Sympathieen wurde er für das ihm später so fruchtbringende Studium der englischen Literatur angeregt; und hier auch durch die Poesie mit innigstem Freundschaftsbande an Eberh. Friedrich von Gemmingen gefesselt. Ob Zachariä so ganz discret handelte, indem er in zu lebhaftem Freundschaftseifer, ohne Gemmingen's Vorwissen, dessen Briefe und poetische Versuche veröffentlichte,  *) und dadurch eine förmliche Protestation  **) des Verfassers veranlaßte, möge dahin gestellt bleiben.

Im J. 1748 wurde Zachariä als öffentlicher Hofmeister an das braunschweiger Carolinum berufen, und nachdem er 1761 zum ordentlichen Professor befördert worden war, trug er die Theorie der schönen Wissenschaften nach Batteur, und Mythologie nach Pomey und Gautrüche vor, und stellte auch mit talentvollen Zöglingen praktische, poetische Uebungen an. Seit 1762 führte er noch mit großer Energie die Oberaufsicht über die Buchhandlung und Druckerei des Waisenhauses, womit die Redaction der gelehrten Beiträge zu diesem Blatte verbunden war. Seit 1768 war er auch Herausgeber der neuen braunschweig'schen (politischen) Zeitung, und als solcher der Verfasser der meisten darin befindlichen Anzeigen und Recensionen, die freilich nicht den höchsten Maßstab kritischer Schärfe, wohl aber Humanität und freisinnige Umsicht verrathen. Beide Redactionen gab er aber 1774 aus Rücksicht auf seine Gesundheit wieder ab, und wurde dafür im folgenden Jahre mit einem Kanonicate am Cyriacusstifte entschädigt.
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*) Gemmingen's Briefe, nebst anderen poet. u. pros. Stücken. Frkf. u. Lpz., 1753. – Neue Afl: Poet. u, pros. Stücke v. d. Frh. v. G. Brschw., 1769. -
**) Allgem. d. Biblioth, VIII. 2. St.



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Der Vollendung seines Lebensglückes fehlte nichts, als das Glück der Liebe, welches er in vollstem Maße in der durch seinen Tod so bald wieder getrennten Vereinigung mit seiner Henriette, einer geb. Wegener, fand, die er nach längerer Bekanntschaft am 6. Jan. 1773 heimführte, und in dem äußerst zarten und hochpoetischen Geburtstagsgedichte verewigte, welches Eschenburg den hinterlassenen Schriften Zachariä's hat vordrucken lassen.

Ein hektisches Fieber, welches an seinen Lebenskeimen nagte, nöthigte ihn 1776 zum Gebrauche der Bäder in Pyrmont, und wie es schien, mit gutem Erfolge. Diese Hoffnung und die Ermunterung, welche er durch die höchst huldvolle Aufnahme beim Fürsten von Waldeck fand, veranlasten ihn noch zum Entwurfe eines größeren, epischen Gedichtes »Pyrmont-Elysium,« von welchem er auch die Einleitung, worin er seine eigene Genesung besang, an seinen vertrautesten Freund, den braunschweig'schen Kammerherrn von Kunzsch schickte, zu dem bereits das falsche Gerücht seines Todes gedrungen war. Doch rückte er mit diesem Gedichte eben so wenig weiter, wie mit seiner Genesung. Das Uebel kehrte bald mit verdoppelter Heftigkeit wieder, artete nach einem ausgebrochenen Beinschaden in förmliche Auszehrung aus, zu der sich zuletzt Wassersucht gesellte, und machte seinem Leben am 30. Jan. 1777 ein Ende. Ein Denkmal von blankenburger Marmor bezeichnet seine Ruhestätte auf dem Catharinenkirchhofe zu Braunschweig.

Um wenigstens auch eine Andeutung über sein Aeußeres und seinen Charakter zu geben, sei bemerkt, das Zachariä in beiderlei Hinsicht eine angenehme Erscheinung war. Von großer wohlgestalteter Figur, wußte er durch Anstand und Würde zu imponiren. Doch zeigte er überall Anspruchlosigkeit. Allgemein bekannt war seine hohe Empfänglichkeit für die



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Freuden der Natur, wie der Geselligkeit, namentlich auch der Tafel, und machte ihn, beim Besitze einer glücklichen Gabe heiterer Laune und des Witzes, sehr gesucht im Umgange. Charakteristisch ist es, daß der Dichter des »Renommisten« selbst nicht ganz frei vom Scheine der Renommage war. Man erzählt, daß, als er einst in seiner reich decorirten Equipage, an deren Schlage der Anfangsbuchstabe seines Namens in Gold und in auffallend großem Maßstabe angebracht war, durch die straßen gefahren, als eben Lessing mit mehren Begleitern, die sich neidischer Bemerkungen nicht hätten enthalten können, vorbeigewandert sei, Lessing bemerkt habe: »So laßt ihn doch nur ruhig fahren, er hat ja deutlich genug sein Z dahingesetzt, damit Jeder gleich sehe, daß nichts weiter dahinter sei!« – Daß Zachariä auch weit über dem bornirten Gesichtskreise des christlichen Pöbels seiner Zeit gestanden haben muß, beweiset der Umstand, daß man aus seinen letzten, im Fieberparorismus ausgestoßenen Worten: »Da fahr' ich hin! Wo fahr' ich hin? Das weiß ich nicht!« folgern zu müssen glaubte, daß er die Unsterblichkeit geläugnet habe, und das daher, zumal sein Haupt im Tode rückwärts gekehrt sein sollte, angenommen wurde, nur der Teufel könne ihm das Genick umgedrehet, und diesen Missethäter geholt haben!

Zachariä wurde als ein Talent von schnellfertigster Productionskraft nicht allein für seine Partei, sondern auch für Braunschweigs literarische Zustände ein Mann von Bedeutung. Unendlich aber ist es zu bedauern, daß er bei seiner lebhaften Phantasie mehr Werth auf Leichtigkeit des Schaffens, als auf Vollendung des Geschaffenen legte. Diese Nonchalance des Arbeitens mochte bei ihm durch seine glückliche Gabe der Gelegenheitsdichterei sehr genährt, und er dadurch gegen den höheren, kritischen Maßstab nach und nach gleichgültig geworden sein. Und so kam es denn, das er mehr



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als billig auf den Ruf eines Gelegenheitspoeten gab, da es ihm sehr schmeichelte, wenn selbst von Schwerin aus, von Seiten der höchsten Herrschaften, ihm die Ansuchen um Gelegenheitspoesieen durch eigene Stafetten zugingen, und er dann etwa in ein paar Tagen ein ganzes Festdrama zusammenreimen konnte. Doch hat er auch Besseres geliefert. Gleich jenes erste Werk, »der Renommist,«  *) verschaffte ihm Bewunderer und Nachahmer. Wenn gleich die späteren Heldengedichte dieses Schriftstellers mehr eine Nachahmung seiner selbst sind, so reicht doch dieses erste Werk vollkommen hin, ihm eine ehrenvolle, dauernde Stellung in unserer Literatur zu erhalten, zumal er mit demselben, wenn auch nicht den ersten überhaupt, doch den ersten glücklichen Versuch machte, das komische Epos in die neuere deutsche Literatur einzuführen. **) Obgleich »der Renommist« seine Abstammung vom »Chorpulte« des Boileau und vom »Lockenraube«  ***) Pope's deutlich vor der Stirn trägt, so ist dieses Gedicht in gewisser Hinsicht dennoch mit vollem Grunde als ein ächt-nationales Original zu bezeichnen. Zachariä verstand es nämlich, den deutschen Charakter in seinen feinsten Nüancirungen, fern von allem Gehässigen, mit liebenswürdiger Laune zu schildern, und durch dieses nationale Charaktergepräge seine Dichtung auch zu nationalisiren. Er stempelte seine Werke, wie sich Goethe †) sehr bezeichnend ausdrückt, »zu schätzbaren Documenten für die Folgezeit,
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*) Der Renommist, ein scherzhaftes Heldengedicht in 6 Gesängen und gereimten Alexandrinischen Versen. (Zuerst in den Belustigungen des Verstandes und Witzes, 1744)
Bruchstücke daraus in: Pölitz., Gesamtgebiet der teutschen Sprache. Lpz., 1825, I. p. 409 bis 413. -
**) Schon 1741 und 1744 hatte Jacob Frdt. Lamprecht aus Hamburg, zwei komische Epopeen edirt: »die Tänzerin« und »die Nachtigall,« die aber spurlos vorübergingen.
***) Den 1744 Gottsched ins Deutsche übersetzte.
†) Goethe's Wke. Stuttg., 1829, XXV. p. 59.




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woraus die damalige Lebens- und Sinnesart anschaulich hervortritt.« Im Hinblick auf unsere Zeit, welche ihre poetischen Stoffe und Charaktere nicht allein vom Nord- und Südpole, von Ost- und Westindien bezieht, sondern sich auch in den Himmel und die Hölle, in die Elemente der Luft und des Wassers, in die Gebiete der Heroen, Götter und Götzen, und Gott weiß, in welche Regionen versteigt, für welche sich kein Mensch mehr interessiren kann: muß Zachariä's Verdienst doppelt hoch angeschlagen werden. In dieser Beziehung ist daher der »Renommist« selbst dem einzigen Werke, das ihm den Rang streitig machen kann, dem »Oberon« von Wieland, überlegen; und bis auf unsere Tage herab der großen Theilnahme werth, die seine Auffrischung noch nach hundert Jahren unter den Deutschen gefunden hat. *) Ist doch auch, wie Vanhagen von Ense **) sehr richtig bemerkt, »dieser Gegenstand, der deutsche Student in seiner Eigenheit, jugendlichen Keckheit und Selbstständigkeit, der wenigst ausgestorbene, ja, trotz des Wechsels der äußeren Erscheinung, der im Wesen fast unverändert gebliebene.« – Wie viel mehr mußte nun Zachariä durch die Naturtreue seiner Schilderung seine Zeitgenossen entzücken, wie man aus Herder, ***) der das Element des geselligen Lebens so treu in ihm abgespiegelt findet, wie man auch aus Goethe, †) der ihn in einem seiner schlechtesten Gedichte ansang, und aus vielen Anderen ersehen kann. Was vom »Renommisten« gesagt worden ist, gilt zum Theil auch von seinen übrigen Dichtungen, deren meiste in viele fremde
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*) Der Renommist v. J. F. W. Zachariä; mit einleitendem Vorworte von Justus Zachariä. Berlin, 1840
**) Denkwürdigkeiten u. verm. Schrn. von K. A. Varnhagen von Ense. Neue Folge, II. 1842, p. 353.
***) Herder’s Abhandlungen u. Briefe über die schöne Lit. und Kunst. Stuttg., 1829, II. p. 158.
†) Goethe's Wke., II. p. 154.



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Sprachen übersetzt wurden, und von denen wir nur nennen wollen den »Phaeton«, nach jenem sein vorzüglichstes Werk; »die Tageszeiten;« »die vier Stufen des weiblichen Alters;« *) "Lagosiade, oder die Jagd ohne Jagd;« »der Murner in der Hölle;« »Cortes, ein Heldengedicht;« »Tayti, oder die glücklichen Inseln« u. s. w. **) Zachariä nahm jedoch in seinen
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*) Zu diesem Gedichte gab vielleicht der züricher Poet Wartmüller die Anregung durch sein Epos, welches Oltrotschi unter dem Titel: „Quatuor humanae vitae aetates.“ Zürich, 1754, in's Lateinische übersetzte.
**) Verwandlungen; 4 Bücher, in gereimten Alexandr. Versen. (Zuerst in den Brem. Beiträgen. In’s Franz. übers. Paris, 1764).
Scherzh. epische Poesieen; nebst einigen Oden und Liedern. Brschw. u. Hildesh., 1754. – Neue Afl-, 2 Bde., ebend, 1761.
Der Phaëton; ein scherzh. Heldenged., 5 Gesänge in Heramet. (Franz. in Prosa, im Journal étranger. – In Versen v. la Grange Paris, 1765; – v. Fallet: le Phaeton, poeme heroi-comique en 6 chants, imité de l'Allemand de Mr. Z. à Paris, 1775; – und: Mes Bagatelles, ou le Torts de ma jeunesse, contenant Phaeton, Poeme heroi-comique, imité de l'Allemand de Mr. Z. Par l'Auteur des Avantures de Charée et de Callirhoé, revue et corrigée, suivi du Boccage. à Londres et à Paris, 1776. – Lateinisch in Hexametern: Phaetonis libri V., e Germanico Fr. G. Zachariae Latino carmine expressi ab Henr. Godofr. Reichardo. Lps., 1780).
Die Tageszeiten, ein Gedicht in 4 Büchern. Rostock, 1755, 2. Afl., ebend, 1757. (Franz in Prosa von Capitaine. Paris, 1768. – Amsterd., 1769. – In Versen von einem Ungen. 1773. – Italien. v. Bertola, 1766; und in dessen: Idea della Poesia Allemanna, 1784 –).
Der Tempel des Friedens, ein allegor., episches Gedicht in 4 Gesängen. Brschw., 1756. –
Lagosiade, oder die Jagd ohne Jagd; ein scherzh. Heldenged. in 4 Gesängen, in Prosa. Lpz., 1757. (Zuerst ohne des Verf. Namen in den vermischten Schrn. v. d. Verff. d. Brem. Beiträge, 1757, III. 6. St.)
Murner in der Hölle, ein scherzh. Heldenged. in 5 Ges. Rostock, 1757; ebend., 1767. In der Miniatur-Bibliothek der deutschen Classiker. Hildburghausen und New-York, 1832. – (Latein. in Heramet.: Aelurias, epos Iccosum, in Latinum vertit Ben. Chr. Avenarius. Brunsv., 1771. – Franz.: Raton aux Ensers, imitation libre et en vers du Murner in der Hölle de Mr. Z.; suivie de la Traduction litterale de ce Poéme Allemand par Mr. . à Paris, 1774. – Engl.: in Prosa von N. E. Raspe: Tabby in Elysium. London, 1782).
Die vier Stufen des weibl. Alters, ein malerisches Gedicht in 4 Ges. Rostock, 1757; ebend, 1767. (Franz. v. Mich. Huber, in dessen:



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beschreibenden Gedichten, für welche er ein vorzügliches Talent besaß, den Thomson zum Vorbilde; in seinen episch-religiösen Sachen, (z. B. Cortes) ahmte er den Klopstock nach, dem er aber wegen großer Unbeholfenheit im Rhythmus keineswegs nahe kam. Dessenungeachtet erhielt er doch von der, der Messiade abholden Partei der Gottschedianer tüchtige Nackenschläge, weil er sich in seinen späteren Epopeen, z. B. im »Phaeton,« in der »Schöpfung der Hölle« u. s. w. nach Klopstock's Vorgange, des Hexameters bedient hatte, und deshalb mit einem seichten Pasquille abgestraft wurde. *) – Für die deutsche Bühne wirkte er nicht ganz ohne Glück. Er unternahm nämlich in Gemeinschaft mit Gärtner die schon oben erwähnte Uebersetzung von »Linguet's Beiträgen zum spanischen Theater; Brschw., 1770 bis 71, 3 Thle.;« welches Werk freilich als nur eine Uebersetzung einer Uebersetzung wenig Werth hatte; doch in so fern für die deutsche Bühne wichtig wurde,
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Choix des Poesies Allemandes. – Auch von einem ungen: 1780. –
Italien. v. J. Gottlob Glück, Altenb., 1768– u. v. Bello, 1774). Die Schöpfung der Hölle; nebst einigen anderen Gedichten. Altenb., 1760 ebend., 1767. –
Poet. Schrn, 9 Bde. Brschw. 1763 bis 1765. (Davon ein Nachdruck) Neue rechtm. Afl., 2 Thle. Brschw., 1772; neuer Abdr. Ders. ebend., 1777.
Das Schnupftuch, scherzh. Heldenged. in 5 Gesängen; wurde aus dem 2. Bde. dieser Slg. v. Huber in der: Choix des Poesies Allemandes in's Franz. Übers. –  
Cortes, ein Heldenged., 1 Bd. Brschw., 1766. –
Zwei neue, schöne Mährlein, als: 1, von der schönen Melusine, einer Meerfey; 2, von einer untreuen Braut, die der Teufel holen sollen; der lieben Jugend und dem ehrsamen Frauenzimmer zu beliebiger Kurzweil in Reime verfaßt. Lpz, 1772 (Nach alten Volksmährchen von Zachariä auf den Wunsch einer Freundin zu einem Romanzen-Kranze umgearbeitet).
Tayti, od. die glückliche Insel. Brschw., 1777. –
Hinterl. Schrn. v. F. W. Z. Ein Anhang zu der neuesten rechtmäßigen Afl. seiner poet. Wke. Herausg. und mit einer Nachricht von des Verf. Leben u. Schrn. begleitet v. J. J. Eschenburg. Brschw., 1781. –
*) Der Sieg des Mischmasches, ein episches Gedicht; von dem Verf. des Gnissels. Trosberg, bei Heidegger und Compagnie, 1755. –



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als Ackermann mehre Stücke daraus zur Aufführung brachte, und auf diese Weise auch Deutschland auf die spanische Literatur hingewiesen wurde. – Ein selbstständiger, dramatischer Versuch Zachariä's, ein kleines Nachspiel: »der Adel des Herzens, oder die ausgeschlagene Erbschaft, Hbg., 1770,« wurde nicht ohne Beifall von der Bühne herab aufgenommen. Auch lieferte er noch: »die Pilgrimme auf Golgatha, ein musikal. Drama. Brschw., 1756.« –

In der Kunst, mit gefälliger Leichtigkeit in einer edeln, wenn auch nicht ganz correcter Sprache sich fließend auszudrücken, wurde er von wenigen seiner Zeitgenossen übertroffen; mehrfach aber an Kraft des Gedankens. Daher gerieth ihm denn nie die höhere Ode, zumal er auch gar zu oft aus dem Tone fiel. Seine Werke zeugen weniger von Erfindungsgabe, wie dies aus der Schwäche seiner sämmtlichen, epischen Stoffe ersichtlich ist, als sie den Mann von vielseitiger Bildung und Belesenheit, von zarter Empfindung, und namentlich von einem unangekünstelten Sinne für Naturschönheit verrathen. An nachhaltigem Feuer der Begeisterung gebrach es ihm indessen. Die moralische Langweiligkeit seiner unpoetischen Zeit that allerdings auch dem ästhetischen Gehalte seiner Muse Abbruch; aber gerade dieses Vorwalten der moralischen Tendenz machte ihn andererseits geschickt für das kirchliche Lied, wovon das braunschweiger Gesangbuch Proben enthält, die allerdings zu den besten ihrer Art und Zeit gehören. – Ohne hier auf seine anderweitigen Uebertragungen aus fremden Sprachen *) näher einzugehen, sei nur bemerkt, daß er mit seiner, durch
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*) Die fliegenden Menschen, od. wunderb. Begebenheiten Peter Wilkens. Brschw., 1767. (Mehr eine Umarbeitung, als eine Uebersehung aus d. Engl.)
2. Neuere Gesch. der Chineser, Japaner, Indianer u. s. w. Aus d. Franz. übers. und mit einigen Anmerk. versehen, 1 Theil. Berlin, 1755. –



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Anmerkungen bereicherten, unglücklicher Weise aber in sehr holprigen Hexametern verfaßten Uebersetzung des »verlorenen Paradieses« *) unserer, damals an Uebersetzungen armen Literatur ein erfreuliches Geschenk machte, und dadurch viel zur Belebung des Geschmackes für beschreibende Gedichte beitrug. Wesentlich schadete er aber auch durch diese Uebertragung dem Einflusse Gottsched's, der als ein Antipode Bodmer's, welcher schon früher den Milton übersetzt hatte, den guten Engländer in die Classe der Lohensteine hinabgestoßen, und sich mit Leib und Leben der Einführung dieses Dichters widersetzt hatte. **) Wahrscheinlich würde sich Gottsched haben zufrieden geben müssen, wenn es dem Zachariä geglückt wäre, seinen unmittelbaren Vorgänger Bodmer etwas weiter hinter sich zurück zu lassen, als dieser seinen Vorgänger Ernst Gottlieb von Berge, von dem schon seit 1682 eine schlechte Verdeutschung des »verlorenen Paradieses« vorhanden war. Interessant bleibt es wenigstens für die Geschichte der Literatur, daß sich durch die von Zachariä seinem Milton beigefügten Uebersetzungsproben aus Homer der Meister der Uebersetzungskunst, Joh. Heinr. Vos, zu seinem ersten Uebersetzungsversuche, einiger hundert Verse aus des Hesiodus Theogonie, anregen ließ. –

Eine der verdienstlichsten Unternehmungen Zachariä's war die Sammlung: »Auserlesener Stücke der besten deutschen Dichter von M. Opitz bis auf gegenwärtige Zeiten; mit historischen Nachrichten und kritischen Anmerkungen versehen; 1. u. 2, Bd. Brschw., 1766 bis 1771;« wozu Lessing für den zweiten Band den von ihm aufgefundenen Scultetus
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*) Das verlorene Paradies, aus dem Engl. Joh. Milton‘s in reimfreie Verse übers. und mit eigenen sowohl, als anderer Anmerkungen begleitet, 2 Thle. Altona, 1760. – 2. Afl., ebend, 1762. –
**) Fr. J. Riedel über das Publikum. Jena, 1768, p. 161. –



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seinem Freunde überließ. Eschenburg lieferte nach Zachariä"s Tode noch den dritten Band 1778. Ganz dem heiligen Ernste gemäß, womit sich jene Vorboten einer besseren Epoche das Werk der Reformirung angelegen sein ließen, suchte auch Zachariä durch Hinweisung auf die älteren, geschichtlichen Ueberreste für unsere Literatur eine feste nationale, historische Basis zu gewinnen. Unter diesen Gesichtspunkt, und nicht den, der bloßen Nachäffung, müssen daher auch seine »Fabeln in Burkard Waldis Manier« gestellt werden. *) Ueberhaupt wurde er seiner schalkhaften Laune wegen auf dem Gebiete der Fabel gern gesehen, und manche seiner Fabeln z. B. »die Spinne und das Podagra,« »der Bischof und der Bettelbube,« »der Knabe und der Stieglitz,« »der Pfau und das welsche Huhn« u. s. w., leben so ungeschwächt im Munde des Volkes fort, daß man sie noch jetzt als unübertroffene Muster in ihrer Art gelten lassen kann. -  

Seiner übrigen Leistungen, **) namentlich seiner Verdienste um Herausgabe fremder Geisteserzeugnisse, ***) und
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*) Fabeln und Erzählungen in Burkard Waldis Manier. Brschw., 1771. (Ohne Namen des Verf.) Neue Afl. mit einem Anhange von ausgew. Originalfabeln des Waldis, herausg. v. Eschenburg. Brschw., 1777. – (Mehre von Zachariä's Fabeln sind aufgenommen in die Miniatur-Biblioth. deutscher Classiker, 165. Liefer. Hildburgh. u. New-York, 1832, p. 55 bis 94).
**) Gedicht, dem Gedächtnisse des Herrn von Hagedorn gewidmet. Brschw., 1754. –
***) Olint und Sophronia; ein Gedicht in 3 Gesängen; nebst einem Anhange einiger anderen Gedichte von Gottlob Sebast. von Lucke. Brschw., 1767. (Der Verf. war ein Schüler Zachariä’s, und starb als Zögling des Carolinums in seinem 17. Lebensjahre.)
Zachariä redigirte eine neue Afl. der »Brem. Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes, 2 Bde. Brschw., 1768;« worin er das aufnahm, was nicht in den Werken der Verff. der bremer Beiträge enthalten war. –
Vorrede zur 2. Afl. von seines Freundes: »Meinhard' s Versuchen über den Charakter und die Werke der besten italienischen Dichter. Brschw., 1774.« –



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seiner Mitwirkung an verschiedenen Zeitschriften *) kann hier nur im Vorübergehen gedacht werden; will man aber einmal von der vielseitigen Tüchtigkeit Zachariä's reden, so darf auch sein musikalisches Talent nicht ganz unberührt bleiben. Er legte davon nicht allein in dem von ihm veranstalteten Clavierauszuge nach »Herrosee's Gedor, oder Erwachen zu einem besseren Leben,« Proben ab; sondern auch durch seine »Sammlung musikalischer Versuche« (2 Bde., 1760 bis 1768), worin er als Componist seiner eigenen Gedichte auftrat. **) Der verliebte Jüngling Goethe sang einst diese Lieder mit Behagen seinem Aennchen am Claviere vor. Dieses musikalische Talent, welches Zachariä in Braunschweig unter seines Freundes, Frdr. Gottlob Fleischer, Leitung ausbildete,
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*) Betrachtungen bei dem Anfange des 1761. Jahres. (s. Gelehrte Beiträge zu den brschw. Anzeigen, 1761, 1. St.) Gebet um Frieden; ein Gedicht, (ebend., 2. St.) Von der polit. Parteisucht, (ebendas., 2. st.) Empfindungen christl. Dankbarkeit, ein Gedicht, (ebendas., 11. St.) Von der Eitelkeit, (ebend., 20. St.) Der Tod des Erlösers, als der kräftigste Bewegsgrund zu einem gottsel. Leben, (ebend, 23. St.) Von der wenigen Uebereinstimmung unseres Lebens mit den Vorschriften unserer Religion, (ebend, 29. bis 30. St.) Vom Frühling, (ebend., 37. St.) Gedicht auf die Vermählung des Königs von Dänem. im J. 1766; Schilderung der arkad. Thales; Gedicht auf ein Clavier. (Götting. Musenalman., 1772.) Gedicht an meine Henriette, (ebend., 1776.) Gedicht an die Markgräfin von Baireuth, als sie die Druckerei des brschw. Waisenhauses besuchte, (in C. H. Schmid's Alman. der teutschen Musen, 1773.) Poet. Episteln an Hrn. Ebert, 1. bei Uebersend. eines Topfes mit Honig, 2. als Hr. Ebert Kanonicus ward; und eine »neue Erzählung in Burkard Waldis Manier,« (ebend, 1774.) Eins seiner nachgel. Gedichte, (ebend, 1778.). Er lieferte auch Beiträge zum leipz. Musenalman., 1771 bis 1778. Auser in den brem. Beiträgen, stehen auch Gedichte von ihm in der Slg. verm. Schrn. von den Verff. der brem. Beiträge, 1750; in Ramler's lyr. Blumenlese; und in Frdr. Matthisson’s lyr. Anthologie. Zürich, 1803 bis 1807, IV. p. 123 bis 128, XIX. p. 280 bis 281. –
**) Ueber musikalischen Diebstahl enthalten von Zachariä einen launigen Brief: Marpurg’s Beiträge zur Aufnahme der Musik, III. p. 71. –



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war für ihn in seiner Stellung von um so größerem Werthe, als zur Verbreitung humaner Bildung unter den Studirenden des Collegiums bis zum J. 1768 wöchentlich unter des Hofmusicus Weinholz Direction größere musikalische Unterhaltungen veranstaltet wurden, mit denen auch die sogenannten Conversationen verbunden waren.




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4. Ebert.

Joh. Arnold Ebert, *) der Dritte aus der Reihe der literarischen Celebritäten, welche man im J. 1748 zu Hofmeistern an das Collegium berief war geb. am 8. Febr. 1723
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*) Man vergl. den biograph. Abriß Ebert’s von Eschenburg, vor dem 2. Thle. von Ebert's nachgel. Gedichten. (Mit einigen Abkürzungen wieder abgedruckt, im Braunschw. Magazin, 1795, 46. Stück) und in d. Hamb. Adreß-Comptoir-Nachrichten, 1795 –).
Ueber Ebert’s Tod; im Braunschw. Magazin, 1795, 14. Stück, p. 222 bis 224.
Nekrolog auf d. J. 1795, von F. Schlichtegroll, VI. 1. Gotha, 1797, p. 285 bis 349. (Eine Benutzung der Eschenburg'schen Arbeit)
Wenig Neues enthält der von Heinr. Döring verfaßte biograph. Abriß Ebert's in: Ersch u. Gruber's allgem. Encyklopädie, - I. Section, XXIX. Lpz, 1837, p. 270 bis 272. –
Ueber Ebert's Schriften ist zu vergl.:
Joh. Geo. Meusel‘s Lexikon, der vom J. 1750 bis 1800 verstorb. teutschen Schriftst., III. p. 15.
Einzelne Notizen enthalten:
Manso 's Nachträge zu Sulzer's Allgem. Theorie der schönen Künste, VIII. 2 St., p. 210.
Thies, Hamb. Gelehrtenlexikon, I. p. 135.
Baur's Gallerie histor. Gemälde aus dem 18. Jahrh., I. p. 447.
Baur's Gallerie der berühmtesten Dichter des 18. Jahrh., p. 235.
Jördens Lexikon teutscher Dichter und Prosaisten, I. p. 231.
Frdr. Bouterwek's Gesch. der Poesie und Beredsamk. Göttingen, 1819, XI. p. 277 bis 278.
Franz Horn's Poesie und Beredsamk. der Deutschen, III. p. 81. Raßmann's literar. Handwörterb. der verstorb. Dichter, p. 110.
C. J. Bouginé, Handb. der Literargesch. Zürich, 1791, IV. p. 103.
(Küttner‘s) Charaktere teutscher Dichter u. Prosaisten. Berlin, 1781, II. p. 339. -



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zu Hamburg, wo sein Vater Stadtsoldat war. Er besuchte das dortige Johanneum, auf welchem Giseke und Basedow seine Mitschüler waren, mit denen sich ein inniges Freundschaftsverhältnis entspann. Der etwas pedantische, aber gründliche Subconrector Hake erwarb sich das Verdienst, in ihm die Neigung für das Sprachstudium zuerst zu wecken, welches in Prima unter der Leitung des durch seine Uebersetzung des Tacitus bekannten Joh. Sam. Müller's, der des Jünglings Fähigkeiten erkannte, ihn durch Aufmunterung auszeichnete und in seinen Umgang zog, fortgepflegt wurde. Hierauf besuchte Ebert auch das vom Johanneum getrennte Gymnasium, und hatte schon um diese Zeit Zutritt zu dem alten würdigen Hagedorn, dem gründlichen Sprachkenner und geschmackvollen Aesthetiker, der wohlthätig auf ihn einzuwirken verstand, ihn zu seinen ersten poetischen Versuchen aufmunterte, ihn mit der englischen Literatur bekannt machte, und die ersten Proben seines Uebersetzungstalentes (mit der Abhandlung von la Nauze) veranlaßte. Die glückliche Gelegenheit, welche sich für Ebert darin darbot, daß er Herren und Damen aus höheren Ständen zu unterrichten hatte, übte den vortheilhaftesten Einfluß auf seine eigene, gesellige Ausbildung, und war für ihn die beste Schule, in welcher er schon früh seine angeborenen, trefflichen Lehrgaben entwickeln konnte. Ebert war noch hamburger Gymnasiast, als er bereits auch schon als Schriftsteller *) auftrat, und zwar mit Gelegenheitsgedichten und geistlichen Cantaten, welche der Kapellmeister Telemann in Musik setzte. Im J. 1743 ging Ebert als Studiosus der Theologie nach Leipzig. Hier wurde er nun durch ein sehr günstiges Mißgeschick von der Theologie abgezogen, und
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*) J. A. Ebert's christl. Gedanken über das Leiden und Sterben des Erlösers, von einem Freunde der Wahrheit nebst einer Vorrede zum Druck befördert. Hbg., 1742. –



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auf seinen wahrsten Beruf, das Studium der Sprachen und schönen Wissenschaften, gelenkt. Er hatte nämlich noch als Scholar ein harmloses Hochzeitsgedicht vom Stapel laufen lassen, welches vom Musikdirector Görner zu Hamburg componirt, und später unter dem Titel: »das Vergnügen« in einem dortigen öffentlichen Concerte im »Drillhause« zur Aufführung gebracht worden war. Die Wächter Zions im hamburger geistlichen Ministerium, welche ein bedenkliches Vorherrschen des sinnlichen Elementes in diesem Gedichte entdecken wollten, und deshalb den poetischen Candidaten für ein der christlichen Kirche und jeder Unterstützung unwürdiges Subject erklärten, verlangten förmlichen Widerruf. Liest man dieses unschuldige, eigentlich unbedeutende Fabrikat, welches Eschenburg im zweiten Theile des von ihm herausgegebenen, poetischen Nachlasses Ebert's hat abdrucken lassen, so kann man nicht genug über das enge Gewissen jener starkgläubigen Gottesmänner erstaunen, welche aus solch einem Carmen ein Crimen machen konnten! Genug, Ebert wandte sich von nun an gänzlich der schönen Literatur zu, schloß sich unter Gärtner den Mitarbeitern an den bremer Beiträgen an, und nahm 1747 auch Theil an der von seinen Freunden Giseke und Cramer redigirten Wochenschrift: »der Jüngling.« Im J. 1748 berief man ihn, wie schon bemerkt, auf Jerusalem's Empfehlung, als öffentlichen Hofmeister an das Carolinum nach Braunschweig, wo sich aus dem leipziger Klubb ein Genosse nach dem andern um Gärtner wieder versammelte. Wäre doch selbst Ebert‘s Busenfreund, Nicolaus Dietrich Giseke, hierher zu rechnen, welcher 1748 nach vollendeter Studienzeit abwechselnd in Hannover und Braunschweig privatisirte, in letzterem Orte als Erzieher des einzigen Sohnes vom Abt Jerusalem; bis er 1753 durch Jerusalem's Vermittelung die Pfarrstelle im braunschweig'schen Dorfe Trautenstein



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erhielt, von wo er an Cramer's Stelle nach Quedlinburg, und endlich vom Fürsten Christian Günther zu Schwarzburg-Sondershausen, der ein Zögling des braunschweiger Carolinums war, nach Sondershausen gerufen wurde. Läßt doch auch selbst Gellert in seiner ängstlich-hypochondrischen Weise den Wunsch laut werden, nach Braunschweig versetzt werden zu mögen, wenn er 1750 schreibt: »Sind sie denn nunmehr bei Ihrem Prinzen? Lieber Ebert, werden sie doch mein Patron, und machen sie mich zu was. Das ist das beste Mittel, wenn sie sich verewigen wollen. Sie können sich darauf verlassen, daß ich noch nichts bin, und ich wüßte beinahe auch nicht, was ich Narr werden sollte.« Auch Lichtwehr, 1760 den Kriegsunruhen aus dem Wege gehend, privatisirte einige Zeit in Braunschweig. –

Im J. 1753 wurde Ebert als Professor der englischen Literatur am Carolinum angestellt, und hielt zugleich auch Vorlesungen über Gelehrtengeschichte, welches Fach ihm jedoch auf seinen Wunsch später Eschenburg abnahm, wofür Ebert den Vortrag des Griechischen an die Stelle treten ließ. Als Lehrer war er unschätzbar, da er bei ebenso gründlicher Gelehrsamkeit, wie feinem Geschmack, die seltene Kunst besaß, schlummernde Talente anzuregen. Einer gleich hohen und dankbaren Verehrung, wie er sie von seinen Schülern genoß, hat sich überhaupt selten nur ein Lehrer zu erfreuen gehabt, und gerade der dankbarste seiner Schüler, Herzog Carl Wilh. Ferd., sollte dazu ausersehen sein, die letzten Lebensjahre des würdigen Mannes zu erheitern. Noch im J. 1773 faßte Ebert, der nachgerade schon ein alter Knabe war, den kühnen Entschluß, sich zu verehelichen. Er hatte lange um eine Geliebte getrauert, welche ihm 1750 durch den Tod entrissen worden war; als er noch spät in seiner Louise, der Tochter des braunschweig'schen Kammerraths Gräfe, der auch als



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Componist literarisch bekannt ist, einen vollen Ersatz für seinen Verlust fand, und sich, wie er sich selbst ausdrückt, mit den Rosen, welche das Antlitz dieser Angebeteten schmückten, die Falten seiner eigenen Stirn verdecken ließ. Ein wie glücklicher und zärtlicher Ehemann er war, beweist der von ihm alljährlich angesungene 18. Mai, der Geburtstag seiner Gattin, und zugleich sein Hochzeitstag. – Sein Fürst verlieh ihm 1775 ein Kanonicat am Cyriacusstifte, und 1780 wurde ihm auch der Charakter eines Hofraths erteilt und ihm noch obenein eine freie Wohnung angewiesen.

Wir kommen jetzt auf Ebert, den Schriftsteller. Obgleich seine eigenen, dichterischen Versuche, *) zum Theil Briefe in vierfüßigen Jamben, in einer fast tadellos richtigen Sprache geschrieben sind, so kann man doch ihrer ungebührlichen Breite und Redseligkeit wenig Geschmack abgewinnen. Ebert studirte mehr, als er schrieb, weil er überhaupt mehr Gelehrter als Dichter war. Daher hatte er sich denn auch eine gewisse Weitschweifigkeit angewöhnt, die er niemals, selbst nicht in seinen Briefen verläugnen konnte, welche, wie Eschenburg bemerkt, sogar häufig kleine Abhandlungen wurden. Charakteristisch ist, was er in dieser Beziehung von sich selbst in einer Epistel an Gärtner sagt:
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*) »Joh. Arn. Ebert's Episteln und vermischte Gedichte. Hambg., 1789, 2ter Thl., nach des Verf. Tode, mit einem Grundrisse seines Lebens und Charakters, herausg. v. Eschenburg. Hbg., 1795.« –
»Epistel an Herrn Konrad Arn. Schmid. Brschw., 1772.«
»Der 18. Mai 1774, seiner geliebten Ehegattin gewidmet.« –
Auf Sr. Hochf. Durchl. Carl W. F. höchsterfreuliche Zurückkunft. Brschw., 1794.
Mehre seiner Lieder erschienen in Telemann’s Samml. v. Oden u. Liedern mit Melodieen, 1742; in den bremer Beiträgen, wovon einige in Ramler's, »Lieder der Deutschen,« in die »lyrische Blumenlese« und später in Matthisson's »lyrische Anthologie« aufgenommen wurden; III. p. 145 bis 153; XIX. p. 183 bis 186. –
Gedicht auf den Grafen von Manteuffel (in Gottsched's Ehrenmahl desselben, 1759.)


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»Kurz, der, der von sich selbst den Abriß hier gemacht,
Leicht länger hätte machen wollen,
Und kürzer hätte machen sollen etc.

Wenn er daher in seiner Anmerksucht selbst seine lyrischen Ergüsse mit gehäuften Anmerkungen nicht verschont, die oft sogar nur auf Grammatikalien *) hinausgehen, so sieht das einer pedantischen Schulmeisterlichkeit gar zu ähnlich; und der gute Professor begegnet einem hierüber etwa zu äußernden Tadel doch nur auf halbem Wege, wenn er in der Vor rede seiner vermischten Gedichte sagt: »Die häufigen Anmerkungen, welche den Text begleiten, können einem leichtfertigen Spötter auch zu der Anmerkung Gelegenheit geben, daß der redselige Commentator über den Young doch immer commentiren müsse, und wenn er auch über keinen andern und bessern Poeten commentiren könne, als – sich selbst. Ungeachtet aber unseres Ebert's zahmer Pegasus einen sehr gleichmäßig ruhigen Schritt geht, so ist doch, trotz Mangel an Schwung und Originalität, eine gewisse, leichte Grazie und liebenswürdige Launigkeit in seinen, scherzhaften Wendungen und Einfällen nicht zu verkennen. Besonders in seinen feineren Gedichten, worin er den leichten Liederton der halberstädter Anakreontiker auffaßte. Seine größte Stärke zeigte er in Gelegenheitsgedichten, die freilich seinen Ruf im Auslande und für die Nachwelt am wenigsten begründen konnten. **)
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*) Ebert, der übrigens ein sehr tüchtiger Sprachforscher war, hinterließ eine kleine Samml. von Sprachbemerkungen: (S. Beiträge zur weiteren Ausbild. der deutschen Sprache, 3. St. p. 25 bis 31. Brschw., 1795)
**) Wenn Gervinus (p. 102) unter den Mitarbeitern an den bremer Beiträgen auch den J. Arnold Ebert als Fabulisten aufführt, so findet hier eine Personenverwechselung statt; indem unser Ebert keine Fabeln schrieb; jener Fabulist Joh. Jacob Ebert aber, ungeachtet ihn Ersch in der Literatur der schönen Künste irrthümlicher Weise statt Arnold Ebert's zu den Mitarbeitern rechnet, nicht bei den bremer Beiträgen betheiligt war, und seine Fabelsammlung erst 50 Jahre nach dem Erscheinen jener Zeitschrift herausgab.



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Verdient machte sich Ebert auch durch die Uebersetzung der aus dem neunten Bande der Histoire de l'Academie des lnseriptions et belles Lettres von la Nauze entnommenen Abhandlung »über die Lieder der Griechen,« eine treffliche Arbeit, welche Hagedorn 1747 der ersten Ausgabe seiner Oden und Lieder einverleibte. *) Aber Alles dieses will nichts bedeuten gegen das Verdienst und den Ruhm, welchen sich Ebert durch seine »Uebersetzungen einiger poetischen und prosaischen Werke der besten englischen Schriftsteller, Brschw., 1754 bis 1756, 2 Thle,« erwarb. In diesem Werke machte er den ersten Versuch der Uebertragung des Young, den er bald darauf vollständig unter dem Titel herausgab: »Klagen, oder Nachtgedanken über Leben, Tod und Unsterblichkeit, übers. und mit erläuternden Anmerkungen begleitet, Brschw., 1760 bis 1769, 4 Bde.« **) So ganz von Geschmack und
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Auch nur durch jene Namensverwechselung mag dem Arnold Ebert von Ersch und Anderen, die ihm nachgeschrieben haben, z. B. von H. Döring im Leben Herder‘s, p. 127) die Uebersetzung von Elisabeth Rowe‘s Werken untergeschoben sein, welche von Jacob Ebert herrührt. –
*) Auch durch Bearbeitung von Glover's Leonidas; nach der 3. Ausg., aus d. Engl. Übers. Hamb, 1749 (diese Uebersetzung erschien zuerst in der Samml. der vermischten Schrn. von d. Verff. der brem. Beitr.; wurde 1766 in Zürich nachgedruckt; und von Ebert nach der 5. Afl. des Originals umgearbeitet, und zu Hamburg 1778 herausgegeben); durch seine Uebertragung der vier Predigten des h. Chrysostomus über das Evangelium vom reichen Manne, aus dem Griechischen, (in J. A Cramer's Ausgabe dieses Schriftstellers, 1749); durch seine Uebersetzung von des Lords Halifar Neujahrsgeschenk an seine Tochter« (im 3. St. des 2. Bds. der Samml. der vermischt. Schrn. Von den Verff. Der brem. Beiträge) und der Abhandlung »über die Wahrheit der christl. Religion von Dr. Joh. Jortin, Hamb, 1769.« – An dieser Stelle ist auch gleich die Rede auf das Geburtsfest des Herzogs Carl von Braunschweig zu erwähnen, welche er im 5. Stücke des 3. Bds. der Samml. der verm. Schriften von den Verff. d.brem. Beiträge abdrucken ließ, –
**) (Verb. Afl. Lpz., 1790 bis 1795, 5 Bde.)
Die Gelassenheit im Leiden, ein Gedicht von Young, aus d. Engl. Brschw., 1766. – 3. Afl., 1776. – (steht auch in der neuen Ausg. des Young, ohne Comment, in 3 Bänden)



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kritischem Geiste durchwehet, durch den Fleiß einer unermüdlich feilenden Hand zu einer Treue und Eleganz ausgebildet, welche alles Vorhandene weit hinter sich ließ, berührte diese Uebersetzung eine Saite, welche in Deutschland tausendfachen Anklang fand. Die Periode schwärmerischer Trauer- und Thränenseligkeit wurde eigentlich durch dieses Werk hervorgerufen, welches dem guten »Werther« einen freundlichen Willkommen vorbereitete. Auf der anderen Seite aber bewirkte der tiefsinnige Young gegen das tändelnde Genre der deutschen Lyra eine heilsame Reaction. Man erwäge nur, wie Young's Sprache selbst auf Klopstock influirte, und wie auch noch Friedrich von Schiller's Ausdrucksweise die unverkennbarsten Einflüsse dieses Britten verräth. Aber auch abgesehen von der blendenden Schönheit der Young'schen Sprache, so ist doch ihr höchster Vorzug, daß sie die Sprache der höchsten Natürlichkeit ist; und wenn diesen Schriftsteller auch temporär verbildete Nachäffer dem gebildeten Publikum förmlich verleiden konnten, so wird er doch stets seinen Werth behaupten, denn wen diese Natursprache tiefgefühlten Schmerzes nicht rührte, der würde zeigen, das er sowohl für Schönheit der Poesie, wie auch für die Sprache des Herzens gänzlich unempfänglich wäre.  

So theilte sich denn, wie Gervinus sehr treffend bemerkt, Ebert mit seinem Freunde Zachariä in die beiden Hauptrichtungen der Zeit; und es wäre gewiß ungerecht, wollte man ihm seinen Verdienstesantheil an den Wirkungen des
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Young's Satyren u. s. w., als 5. Bd. zu dessen Nachtgedanken, aus d. Engl., mit Anmerk. Brschw., 1771. –
Einige Werke des Dr. Ed. Young. Brschw., 1777, 3 Thle. Verbessert und vermehrt unter dem neuen Titel erschienen: Dr. Ed. Young's Klagen und Nachtgedanken, nebst einigen anderen seiner Werke. Aus dem Engl. in's Deutsche übers. Lpz., 1791 bis 1805, 3 Theile. –




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Young absprechen. Vielmehr hat man es ihm Dank zu wissen, daß er, als ein Meister in diesem Fache, es sehr weislich vor zog, mit Originalität zu übersetzen, als ohne Beruf selbst zu schaffen. Fast sollte man wünschen, daß er mit mehr Verläugnung seiner Gelehrsamkeit, die oft an die Pedanterie seiner Zeit erinnernde Verschwendung an Noten und Parallelstellen gemäßigt hätte; wie denn auch schon mit Recht die Klotzesche Bibliothek ihr Mißfallen über einen so weitläufigen Commentar zu erkennen gab. Sein Schüler und würdigster Nachfolger Mart. Heinr. Aug. Schmidt sagt in der Vorrede seiner, an poetischem Geiste die Benzel-Sternau'sche Uebersetzung bei weitem übertreffenden Arbeit: »Viel zwar und fast mehr als seine Zeit erwarten ließ, hat der verstorbene Hofrath Ebert in Braunschweig geleistet. Seine Uebersetzung giebt den Sinn fast in jeder Stelle richtig wieder, und ist dabei edel und verständlich, kurz eines so gründlichen Sprachforschers vollkommen würdig. Auch entfalten seine Bemerkungen uns einen reichen Schatz von Gelehrsamkeit. Aber er hat leider in Prosa übersetzt, und dies einzige macht, daß man doch eine andere Uebersetzung wünschen muß; denn es fehlt zu dem herrlichen Gedanken der Rhythmus; man hört eine treffliche Musik, die sich aber in keinem Takte bewegt.« *)

Genug, Ebert machte sich nicht allein durch die Wahl des Schriftstellers, sondern auch durch die Art und Weise dieser Uebersetzung, welche im eigentlichsten Sinne eine Uebertragung des edeln Britten auf deutschen Boden zu nennen ist, seiner Mitwelt nützlich; ja, Herder, der sonst eben nicht gut auf Young zu sprechen ist, läßt ihm doch wenigstens wegen
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*) »Klagen und Nachtgedanken über Leben, Tod und Unsterblichkeit von Dr. Ed. Young; übers. von Mart. Heinr. Aug. Schmidt. Dresden, 1825, I. p. IV.« Leider ist von dieser musterhaften Uebersetzung nur der erste Theil in's Publikum gekommen.



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der Ebertschen Uebersetzung noch einigermaßen Gnade wiederfahren, und nennt sie »eine Uebersetzung, die nicht nur alles Verdienst eines Originals hat, sondern auch die Uebertreibungen ihres englischen Originals durch den Bau einer harmonischen Prose und durch die reichen moralischen Anmerkungen aus anderen Nationen gleichsam zurecht füget und mildert.« *) – Höchst einflußreich wurde Ebert aber auch durch seine literarische Stellung, z. B. durch sein Verhältnis zu einem Klopstock, seinem Busenfreunde, in dessen Arme zu eilen, es ihn oft nach Hamburg zog, und der ihn auch in schwärmerischen Odenergüssen verewigte; **) zu Hagedorn, dem Führer seiner Jugend, in dessen poetische Werke (Hbg., 1800, V. p. 125, 232) mehre von Ebert's Briefen aufgenommen wurden; zu Giseke und Basedow, seinen Mitschülern; zu der Familie Stolberg, besonders zu den beiden Dichtern, um deren Entwickelung er zu große Verdienste hatte; zu Gärtner und Gellert, seinen Schülern in der englischen Sprache; zu Lessing, mit dem er zugleich eine interessante, briefliche Verbindung unterhielt, (s. Lessing's Schrn, XXVII. 1794); zu Schmid, Oeder, Zachariä, Stuve, Eschenburg, Klamor Schmidt, J. A. Cramer, Schlegel, Gleim, Spalding, bei dem er oft in Berlin vorsprach, Koppe, Meiners, Chladni, Baggesen, von Salis, Matthisson, Brückmann, Rautenberg, Bartels, Jerusalem, zu Gotter, Voß und manchen Anderen. Dieser Einfluß gründete sich auch zum Theil auf seine Mitwirkung bei den verschiedensten Zeitschriften, z. B. bei den Bremer Beiträgen,« dem
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*) J. G. v. Herder's Abhandlungen und Briefe über schöne Lit. und Kunst, in dessen sämmtl. Werken zur schönen Lit. und Kunst, XVI. Stuttg., 1829, p. 173.
**) Die Ode »Wingolf« Klopstock's Wke., I. p. 6. »Erinnerung an Ebert,« ebend.; II. p. 234.



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»Hamburger Bewunderer (1742),« den »Belustigungen des Verstandes und Witzes 1743,« der von ihm selbst mit redigirten Wochenschrift: »der Jüngling,« (1747 bis 48) beim »teutschen Merkur;« »beim teutschen Museum (Mai, 1780);« bei der »teutschen Monatsschrift (V. 3 bis 7);« bei den »Vossischen Musenalmanachen.« –

Ebert, der als Mensch sehr geachtet war, war auch als Gesellschafter gesucht. Zu den meisten Mitgliedern des fürstlichen Hauses hatte er höchst vertrauliche Beziehungen, so z. B. zur regierenden Herzogin Philippine Charlotte; zu ihren Kindern, dem Herzoge Carl Wilh. Ferdin.; der Herzogin Anna Amalia, die er von Zeit zu Zeit auf dringende Einladung in Weimar besuchte; zur Markgräfin von Baireuth; zur Herzogin Auguste, Aebtissin von Gandersheim; zu den Prinzen Wilhelm und Friedrich, und zum Helden Ferdinand. Manche äußere Sonderlichkeit ließ sein redlicher Charakter, und seine mit Witz gepaarte stete rosige Laune gänzlich übersehen. Vorzüglich war er seines vortrefflichen Vorlesens wegen in höheren Cirkeln gesucht, und spielte auch keine üble Figur in solcher Sphären, weil er gleich regsam, wie anregend, und bei aller Mittheilsamkeit doch stets schonend im Urtheile war. Als ein eigentlich durchweg sinnlicher Mensch, verstand es Ebert dennoch, alle derartigen Genüsse zu vergeistigen, wie er z. B. als ein lebhafter Verehrer der Tafelfreuden, diese erst durch die Freuden geselliger Heiterkeit wahrhaft zu würzen pflegte, und dabei für die Genüsse, welche ihm Künste und die Natur darboten, sich gleich empfänglich zeigte. Obglich dieser kleine freundliche Mann in seinen weißen, oder eigentlich gelben seidenen Strümpfen gegen jeden Temperaturwechsel und zu jeder Jahrszeit gleichmäßig armirt war, und zwar mit einer steiffrisirten Stutzperrücke, mit einem Chapeaubas, mit einem stocke, einem großen



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Regenschirme und einem noch größeren Muffe, so hatte er doch das Unglück, sich beim Begräbnisse eines Freundes eine hartnäckige Erkältung zuzuziehen, welche in hitzige Brustkrankheit ausartete, in Folge deren er 1795 in der Nacht vom 18. auf den 19. März gegen 1 Uhr zu allgemeinem Bedauern starb. – Der braunschweigsche Münzgraveur Merker fertigte eine mit Ebert's Bildnis versehene Denkmünze an, deren Rückseite ein offenes Buch und eine Leier von Rosen und Lorbeeren umschlungen zeigt, mit der Umschrift: seltenen Wissens, Frohsinns und Mitgefühls *). –
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*) Von Gedichten auf seinen Tod sind zu erwähnen:
Grabschrift von H. M. (im göttinger Musenalmanach).
Elegie auf Ebert‘s Tod, von Spalding. (Berliner Monatsschr, 1795, Mai, p. 387),  
Grabschrift von Klamor Schmidt. (Nekrolog auf 1795, VI. 1. p. 349.)


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5. Schmid.

Lessing sagte von einem Freunde, »daß dieser selbst nicht wisse, wie viel er wisse;« dieser gelehrte und liebenswürdige Freund war Konrad Arnold Schmid. Geboren am 23. Febr. 1716 zu Lüneburg, war er der Sohn des dortigen - Rectors der Johannisschule, eines gelehrten Mannes, der schon früh in diesem Kinde die Neigung für classische Studien weckte. Um sich der Theologie zu widmen, besuchte er die Akademieen zu Kiel, Göttingen und Leipzig. Zu Göttingen trat er zuerst als Schriftsteller auf mit einer lateinischen Heroide *); und in Leipzig, wo er als Doctor der Philosophie längere Zeit privatisirte, gesellte er sich gleich anfangs jenem Kreise strebender Köpfe bei, welche unter Gärtner's Redaction die bekannten Bremer-Beiträge, dieses erste Fundament der bessern Geschmacksbildung, herausgaben.

Nach dem Tode seines Vaters wurde Schmid im J. 1746 zum Nachfolger in dessen Amte erwählt, in welchem er sich durch Kenntnisse und Pflichttreue gleich rühmlich auszeichnete. In dieser Periode gab er mehre interessante kleine Schriften **) heraus, welche das Gebiet der Geschichte, Aesthetik
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*) Encomiasticon acad. Georg. Aug. carmen heroicum. Lüneb 1736.–
**) De officiis, quae debemus clarorum virorum memoriae, 1747 Lüneburg.
De historiarum monumentis a scriptoribus annalium patriae conservandis, 1750. Lüneb. -


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und Moral berühren, und welche nur leider darum nicht in der Muttersprache geschrieben worden sind, weil es ihre Bestimmung, als Gymnasial- Einladungsschriften so mit sich brachte. Mit seinen »Erklärungen der Gemüthsbewegungen nach den Sätzen der stoischen Weisen, aus dem Griechischen eines unbekannten Verfassers, Lüneb. 1751,« gab er ein Muster einer gründlichen Uebertragung, und zugleich eine höchst gelungene Probe von der Bildsamkeit der deutschen Sprache, seine ganze Gediegenheit bewährte er in der zuerst 1710 von seinem gelehrten Schwiegervater, dem Superintendenten Georg Raphel, veranstalteten und nun von ihm vielfach verbesserten, mit den Eklogen des Photius und den beigefügten Summarien bereicherten Uebersetzung des Arrian, de expeditione Alexandri M. 1757. Diese treffliche Arbeit erneuerte er später 1764 in Braunschweig mit Hinzufügung der unentbehrlichsten Noten und der Uebersetzung von Dodwell‘s Prüfung der Seereise des Nearch, und Bougainville‘s Abhandlung von der Seereise des Hanno. *)

Wichtiger noch für den Gesichtspunkt unter welchem wir gerade hier Schmid ins Auge fassen, muß die
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De eo, quod semper delectat in comicorum fabulis. Lüneb., 1748. -
De scienta, prima virtutum in tabula Cebetis Socratis. Lüneb., 1752.  
De clarorum virorum imaginibus in historicorum scriptis. Lüneb, 1754. –
Apospasmatia quaedam scriptorum antiquorum et medil aevi cum codd. Coll. Lüneb. 1756. -
Progr. ad natalem XIV. Sereniss. Waliae Principis Georgil Guil. Friderici. Lüneb., 1751.
Daß der Tod der Frommen die Zufriedenheit eines Christen mehr befördere, als störe. Lüneb., 1758.
**) Arrian‘s indische Merkwürdigkeiten, und Hannon's Seereisen. Nebst Dodwell's Prüfung der Seereise des Nearch, und Herrn von Bougainville Abhandlung von der Seereise des Hanno, und den karthaginensischen Handelsplätzen, die er an den Küsten von Afrika angelegt hat. Mit Landcharten, und einem geograph. u. histor. Register über den Arrian. Brschw. u. Wolfenb., 1764.


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veranstaltete Herausgabe seiner, während seines lüneburger Rectorates, für besondere kirchliche Gelegenheiten verfaßten Weihnachts-Cantilenen gelten, die unter dem Titel: »Lieder auf die Geburt des Erlösers« Lüneb. 1760 erschienen. Wie er sich denn nun überhaupt in seinen Dichtungen als ein feiner Beobachter, und als ein heller Kopf voll attischen Witzes und geläuterten Geschmackes beurkundet, so zeichnen sich auch namentlich diese Poesieen durch Correctheit des Ausdruckes, wie durch Wahrheit und Innigkeit der Empfindung gleich sehr aus, worin er Klopstock als Vorbild genommen hatte.

Im J. 1760 folgte er dem Rufe an das Collegium Carolinum zu Braunschweig, und zwar als Professor der Theologie und lateinischen Literatur, bekam 1777 auch ein Kanonicat am Stifte Cyriaci, 1786 den Charakter eines Consistorialraths und wurde Mitglied der deutschen Gesellschaft zu Helmstedt. Hier in Braunschweig nun, wo Schmid die leipziger Verbindung fortgesetzt sahe, wurde er durch seinen literarischen Ruf, durch den leicht zugänglichen unerschöpflichen Schatz seiner Gelehrsamkeit, durch seinen Fleiß und seine Dienstwilligkeit, als Herausgeber und Ergänzer vieler gediegener Werke, als Mitarbeiter an den gelesensten Zeitschriften *), als Uebersetzer, Commentator, Sammler, als Rathgeber
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*) Er war Mitarbeiter an den »Beiträgen zu den Belustigungen des Verstandes und Witzes;« an den »Beiträgen zur krit. Historie der deutschen Sprache;« an den »bremischen Beiträgen;« und am »deutschen Museum.«
Epistel an Herrn geh. Rath K. und seine Friederika am Tage nach ihrer Vermählung, (deutsches Mus., 1779, Oct., p. 363 bis 367.) An die Freunde, (ebend., 178, Jul., p. 20.). Der Fuchs u. d. Eule, (ebend., 1782, Juni, p. 513 bis 515.) Nachbargespräch, (ebend., p. 541.)
Zwei Fragmente eines altteutschen Gedichts von d. h. Jungfrau Maria,
mit einer hochdeutsch. Uebers. u. Erläuterungen von Kinderling (ebend., 1788, Jan, p. 61 bis 83, Febr., p. 112 bis 125.)
Proben von Schmid's Gedichten stehen in E. H. Schmid's Anthologie der Deutschen, B. II. p. 139 bis 163; und in Matthisson's lyr. Anthologie, II. p. 107 bis 127.



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bei den Productionen seiner Freunde, vorzüglich aber auch durch seine trefflichen Lehrgaben ein vorzügliches Bindungsmittel des neuen literarischen Aufbaues. Außer der schon erwähnten neuen Ausgabe des Arrian, edirte Schmid zunächst (Brschw. 1769) in einer trefflichen Uebersetzung den »Aetna« des, leider noch immer nicht nach Verdienst genug gewürdigten Cornelius Severus. Wichtig für die theologische Literatur wurde die von ihm auf der wolfenbüttler Bibliothek gemachte Entdeckung einer Handschrift vom Briefe Adelmanns an Berengar *); wodurch wiederum Lessing, wie er dies selbst gesteht **), auf die Spur des von ihm entdeckten Manuscriptes vom Berengarius Turonensis geführt und dabei mehrfach von Schmid berichtigt wurde ***). Das ehrendste Zeugnis darüber, wie fördernd Schmid, der Gelehrte und Dienstfertige, Männern der Wissenschaft, und selbst einem Lessing, bei ihren Forschungen wurde, hat er sich selbst in dem mit Lessing †) geführten Briefwechsel ausgestellt. » O pfui, mein lieber Schmid,« schreibt einmal Lessing an ihn, »daß ich Ihnen schon jetzt danken muß! – Sie sind ja ein rechter Gourmand mit arbeiten. Ich muß Ihnen nur den Brotkorb höher hängen und Ihnen nichts mehr geben. Was bleibt denn auf morgen übrig, wenn heute alles fertig wird? Die Ihrigen
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*) Adelmanni, Brixiae Episcopi, de veritate corporis ac sanguinis Domini ad Berengarium epistola, nunc primum e codice Guelpherbytano emendata et ultra tertiam partem suppleta.
Cum epistola Berengarii ad Adelmannum et variis scriptis ad Adelmannum pertinentibus, ed. C. A. Schmid Brun., 1770.
**) Die Vorrede zum Berengarius Turonensis, herausg. v. G. E. Lessing Brschw., 1770.
***) Berichtigungen einiger Stellen in Lessing’s Ankündigung des Berengarius Turonensis, (in dem 5. Beitrage zur Gesch. u. Lit., aus den Schätzen der Biblioth. zu Wolfenb., p. 255 bis 261.)
†) Lessing's Werke. Berlin, 1827, B. 27.



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haben Recht, ungehalten auf mich zu werden, wenn sie glauben, daß ich sie treibe. – Indes nochmals Dank!« worauf Schmid eben so liebenswürdig antwortet: »Wenn sie, mein liebster Lessing, mir Freßwolfe den Brotkorb so hoch hängen, daß ich von Ihnen nichts mehr erhalten kann, so mause ich nebenher.«

Schmid's vorzüglichstes, von einer reichen Phantasie zeugendes Werk ist: »des heiligen Blasius Jugendgeschichte und Visionen.«  *) Bouterwek nennt dieses Gedicht »ein Meisterwerk voll Witz und Laune, von einer wahrhaft romantischen Erfindung. Wenn auch Bouterwek nicht zu viel gesagt hat, darf man sich doch nicht verhehlen, daß Wieland's Muse den Ton dieses herrlichen Gesanges angab.

Alles übrigens, was sich noch von Schmids persönlichem Charakter Rühmliches sagen ließe, würde weit zu gering sein, um seinem Werthe vollkommen zu entsprechen. Seine Biederkeit, seine Sanftmuth, Offenheit, seine heitere Laune, seine unermüdliche Gefälligkeit, seine treffliche Lehrgabe, die ihn seinen Schülern nur als väterlichen Freund erscheinen ließ, alles dieses machte ihn Allen theuer, die ihn kannten; und allen diesen Tugenden setzte er noch die Krone auf durch seine anmuthige Bescheidenheit. Als einst in traulichem Kreise von ausgebreitetem Schriftstellerruhme die Rede war, rühmte er sich in scherzhafter Naivität, daß sein Ruhm selbst bis Lüneburg ginge. **)
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*) Zuerst war dieses treffliche, komische Epos in gereimten Jamben gedruckt im deutschen Museum 1784, St. 8.; worauf der Verfasser dasselbe in verbesserter Ausgabe besonders erscheinen ließ: Berlin und Stettin, 1786. –
**) Man vergleiche die treffliche Schrift: Ueber Konrad Arnold Schmid's und Carl Christian Gärtner’s Verdienste, besonders um die deutsche Literatur von Theodor Roose. Helmstedt, 1792, p. 41.
Fr. Bouterwek, Gesch. der Poesie und Beredsamk., XI. Göttingen, 1819, p. 278.
Rambach's Anthologie, IV. p. 479. –



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Nach einem langwierigen Krankenlager endete ein sanfter Tod das Leben dieses, an Entkräftung dahinschwindenden, allgemein geliebten Mannes, der am 16. Nov. *) 1789, also schon nach wenigen Wochen, seinem in die Ewigkeit ihm vorangegangenen Freunde Jerusalem folgte, welcher noch auf seinem eigenen Schmerzenslager mit inniger Theilnahme dieses Leidensgenossen gedacht hatte. –
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Wiedeburg’s philol. Pädag. Magazin, II. lte St., p. 3. bis 26. Saxii Onomast. Lit. VIII. p. 20. –
Richter’s biograph. Lexikon der geistl. Liederdichter, p. 343. –
J. J. Eschenburg‘s Entw. einer Gesch. des Collegii Carolini zu Braunschw. Berlin, 1812. –
*) Dieses Datum erhellt, wenigstens aus den braunschweig'schen Anzeigen (1789, p. 1534), der muthmaßlich authentischten Quelle; und nicht der 11. Nov, wie Roose, oder d. 17., wie Andere angeben. –




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6. Eschenburg. *)

Wir begegnen jetzt einem Gelehrten, der als Muster eines geistigen Haushalters eine sichere Bilance zwischen geistiger Einnahme und Ausgabe zu halten verstand, einem Sammler und Ordner, deren sich die deutsche Literatur nicht vieler zu rühmen hat. Während in der Regel Männer von umfassender
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*) Eschenburg’s biograph. Abriß von Heinr. Döring, in Ersch u. Gruber's allgem. Encyklop. d. Wissensch. u. Künste, 1. sect. 37. Thl. Lpz., 1843, p. 52 bis 54.
H. Dörings Gallerie deutscher Dichter u. Pros., I. p. 247.
Meusel's Gelehrt. Teutschl, II. p. 239, und die Nachträge in den folg. Bdn.
Raßmann’s literar. Handwörterb. verstorb. teutscher Dichter etc., p. 165 bis 443.
Jörden’s Lexikon teutscher Dichter u. Prosaisten, VI. p. 768. - - (Carl Aug. Küttner's) Charaktere teutscher Dichter u. Prosaisten. Berlin, 1781, II. p. 500.  
Almanach der Belletristen u. Belletristinnen auf d. J. 1782, p. 43.
Almanach für Dichter u. schöne Geister auf d. J. 1785, p. 30.
Richter’s Lexikon geistl. Liederdichter, p. 63.
Heerwagen's Literaturgesch. d. evangel. Kirchenlieder, I. p. 300.
Charakteristik der Erziehungsschriftsteller Deutschlands. Lpz., 1790, p.96.
Fr. Bouterwek's Gesch. der Poesie u. Beredsamk., XI. Göttingen, 1819, p. 522.  
Franz Horn's Poesie u. Beredsamk. der Deutschen, III. p. 335.
Carl Jos. Bouginé’s Handbuch der Literargesch., 1791, IV. p. 118 bis 119.
J. J. Eschenburg’s Entwurf einer Geschichte des Collegii Carol. Berlin, 1812.
Geistl. Liederschatz. Berlin, 1832, p. 888. –



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Gelehrsamkeit zu üppig in's Kraut wachsen, trieb Joh. Joachim Eschenburg, Schmid’s würdiger Eidam, den Blüthenbaum seines Geistes zu den reichsten Früchten. Dieser liebenswürdige, wahrhaft humane Mann, der Sohn eines hamburger Kaufmannes, war geboren am 7. Dec. 1743 zu Hamburg. Auf dem Johanneum durch Joh. Sam. Müller, und auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt seit 1762 durch Reimarus und Büsch vorbereitet, bezog er 1764 die Akademie zu Leipzig, wo ein Clodius, Ernesti, Gellert, Morus und Winkler seine Lehrer; ein Ebeling, Engel, Garve, Michaelis, Weise und Zollikofer seine Freunde und Gönner wurden; wo auch Dan. Schiebeler sich ihm anschloß, und sich als Mitarbeiter an den von Eschenburg edirten »Hamburger Unterhaltungen« betheiligte, und wo er auch die Bekanntschaft Goethe's machte, der sich dieses schönen jungen Mannes noch in späteren Jahren mit Vergnügen erinnerte. Nachdem er nun noch seit 1767 seine Studien in Göttingen fortgesetzt hatte, kam er in demselben Jahre, auf Veranlassung Jerusalem's, dessen Sohn sein Studiengenosse war, als öffentlicher Hofmeister an das braunschweiger Collegium Carolinum. Auf den Wunsch des Hofraths Ebert nahm er diesem im J. 1770 den öffentlichen Vortrag über Literaturgeschichte ab; worauf er im J. 1773 eine außerordentliche Professur an diesem Institute erhielt. Schon 1777 rückte er in Zachariä's Stelle als ordentlicher Professor der schönen Literatur und Philosophie ein, als welchem ihm, neben philosophischen Vorlesungen, der Vortrag der Geschichte der schönen Literatur, der der Philosophie und der Kunst oblag. Zur Belohnung seiner Verdienste wurde er 1786 mit dem Charakter eines Hofrathes begnadigt; ihm auch außerdem die Oberaufsicht über die Censur, daneben die Redaction des braunschweiger Gelehrten-Magazines übertragen; und ihm 1795



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ein Kanonicat am Cyriacusstifte, dessen Senior er später wurde, conferirt. Nachdem er 1817 ein halbes Jahrhundert hindurch mit vollem Ruhme in braunschweig'schen Staatsdiensten gestanden hatte, wurde, bei der hohen Verehrung, welche er als Mensch und Gelehrter von allen Seiten genoß, der Tag, an welchem er vor 50 Jahren in seine neue Heimath eingezogen war, der 15. Nov. als ein Fest des Jubels begangen. Bei dieser Gelegenheit wurde er von den Akademieen zu Göttingen und Marburg mit Ehren-Doctordiplomen beschenkt, vom Könige von Großbritannien zum Ritter des Guelphenordens, und zugleich zum Geheimen-Justizrathe ernannt. Außerdem war er auch Ehrenmitglied der Akademieen zu Livorno, Leyden und Amsterdam. Mit dem Bewußtsein des segensreichsten Wirkens entschlummerte er am 29. Febr. 1820.

Um Eschenburg’s Verdienste gehörig zu würdigen, muß man die Epoche einer noch in den Windeln liegenden Literatur in Erwägung ziehen. Im Gebiete der Theorie sah es wüst und unsicher aus, und die sich täglich selbstständiger entwickelnde, junge Literatur schweifte so in's Ungemessene, daß Eschenburg, der zu sichten, und alles den Theorieen seiner Lehrbücher unterzuordnen wußte, einem tiefgefühlten Bedürfnisse seiner Zeit abhalf. Als ein solcher Archivar und Ordner hat sich Eschenburg, der mit den ausgezeichnetsten Zeitgenossen in Verbindung stand, und durch tüchtige Mitwirkung die besten Zeitschriften *) unterstützte, bei seiner ausgebreiteten
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*) Der Biograph, V. VI., 1806, ff.
Gräter's Bragur.
Neuer lit. Anzeiger, 1806.
Deutsche Monatsschr.
Berlin. Monatsschr.
Hamb. Unterhaltungen I bis IV. (von 1766 bis 1767 Redacteur.)
Teutsches Museum, 1776.
Allgem. deutsche Biblioth.
Gelehrtes Beibl. zu d. braunschw. Anzeigen (1807 führte er die Redaction.)



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Gelehrsamkeit, und bei seinem unermüdlichen Fleiße großes Verdienst erworben. seine Lehrbücher, *) wenn auch, wie es für ihre Entstehungszeit nicht anders zu erwarten war, noch von Bodmer's und Sulzer's Geiste befangen, zeichnen sich doch durch Uebersichtlichkeit und durch Vermeidung des dem damaligen Geschmacke zusagenden, pedantischen Schwulstes aus. Das meiste Glück machte seine »Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften.« Der hohe Werth dieses nützlichen Lehrbuches wird nicht allein daraus ersichtlich, daß es für das beste seiner Zeit erkannt wurde, und deshalb die gleichzeitig erscheinenden Lehrbücher von Eberhard und Engel verdrängte; sondern daß man dasselbe noch nach 56 Jahren einer neuen Auflage für würdig erachten konnte, und das sich dieses, wie auch Eschenburg's übrige Lehrbücher, noch jetzt zum Theil in gelehrten Anstalten zu behaupten vermochte. Zwar hätte man vom Verfasser in den neueren Auflagen allerdings eine strengere, philosophische Anordnung und eine dem
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Wieland's deutscher Merkur.
Britt. Museum für die Deutschen, 6 Bde., (redig. v. Eschenburg v. 1777 bis 80.)
Die Fortsetzung davon: Annalen der britt. Liter.
*) Handb. der class. Literat, Alterthumskunde u. Mythologie. Berlin, 1783, 7. Afl., 1827. (Ist eigentlich eine Erweiterung und völlige Umgestaltung der zum Grunde gelegten »Anleit. zu den vornehmsten Wissenschaften von Hederich, 2 Thle.«) In’s Franz. übers.: Manuel de Litérature Classique Ancienne, Traduit de l'Allemand de Mr. Eschenburg, avec des additions par C. F. Cramer. Paris, 1802. – In's Dän.: Handbog in den Classike Literatur. Efter den fierde tydske Udgave, paa Dansk besörget ved M. Börge Thorlacius. Kjöbenhaven, 1806 bis 1807. Twe Deelen. -
Grundr. der röm. Fabelgesch., 1783, 4. Afl., 1822. (Nach dem Handb. der class. Lit. 1801 bes. abgedr.)
Entwurf einer Theorie u. Literat. der schönen Wissenschaften. Berlin u. Stettin, 1783, 3. Afl, ebend, 1805, unter d. Titel: Entw. einer Theorie und Literat. der schönen Redekünste, 4. Afl., ebend, 1817. Neueste Asgb. v. M. Pinder. Berlin, 1836. –
Lehrb. der Wissenschaftskunde, ein Grundr. encyklopädischer Vorlesungen. Berl. u. Stett., 1792, 7. Afl., 1825. (Eigentl. eine Erweiter. des Handbuches der class. Literat.)



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späteren Aufschwunge der Wissenschaften angemessenere Sichtung erwarten können: wenn nicht die Verbreitung dieser Bücher in öffentlichen Lehranstalten einer solchen Reform hinderlich gewesen wäre.

Eschenburg beklagte mit vielem Grunde die gänzliche Vernachlässigung des literar-historischen Studiums in Deutschland; und um diesem Uebel erfolgreich abzuhelfen, legte er selber Hand an, die verborgenen und verkannten Schätze der Vorzeit, und mit ihnen zugleich das Studium der altdeutschen Poesie aufzufrischen. *) In diesem Gebiete hat denn auch
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*) Nachrichten von deutschen Poeten der vorigen Jahrhunderte (im teutsch Museum)
Zachariä's Fabeln und Erzählungen in B. Waldis Manier; mit einem Anhange von ausgewählten Originalfabeln des Waldis und dazu nöthigen Spracherklärungen, v. E. Brschw., 1777.
Zachariä s auserles. Stücke der besten deutschen Dichter von Opitz bis auf gegenwärt. Zeiten. Brschw., 1773. – Nach des Herausg. Tode, 3. Bd., v. Eschenburg. Brschw., 1778. –
Denkmäler altdeutscher Dichtkunst. Beschrieben und erläut. v. Eschenburg. Bremen, 1799. Einige liter. Nachträge zu meinen im J. 1799 herausgegeb. Denkmälern altdeutscher Dichtkunst. (Neuer liter. Anzeiger, 1806, N. 7, p. 97 bis 100.)
Boner's Edelstein in 100 Fabeln, mit Varianten uud Worterklärung herausg. Berlin, 1810.
Eschenburg’s Beiträge zu Gräter's: »Bragur« und zu dessen Fortsetzung: »Hermode.« Fabeln aus dem Renner (Bragur II. 1792) Noch einige Priameln aus dem 15. Jahrh. (ebend.) Ueber Boner's Fabeln und über Scherzen's »Gnomologus« (ebend.) Ueber Filidor, den Dorferer (ebend.) Auszug des Inhalts und Proben des handschriftl., altdeutschen Gedichtes vom König Salomon und Markolphus (ebend. III. 1794.) Nachricht von dem altdeutschen Gedichte: »Hemynk de Han.« (ebend.)
Beiträge zur alten, teutschen Lit. (Teutsch. Mus., Febr. u. Mai 1776.) Ueber eine handschriftl., metrische Umarbeit. des Theuerdank. (Neuer lit. Anzeig. N. 8, p. 113 bis 118.) Nachtrag zur Notiz einer von Eschenburg zu Anfang des 2. St. der von Brun’s herausg. Beiträge zur krit. Bearbeit. unbenutzter Handschrn. u. s. w. mitgetheilten, altdeutschen Erzählung (ebend. N. 9, p. 129 bis 131)
Ueber die Fabel vom Müller, seinem Sohne u. ihrem Esel (ebend. N. 29, p. 449 bis 452.)
Ueber Heinr. Bebel’s Nachahm. eines altdeutschen Volksliedes (ebend. N. 36, p. 561 bis 565.)
Nachträge zu der Adelung'schen Nachricht von einem altdeutschen Gedicht über das Schauspiel. (s. Wieland's Merkur, 1805, Febr., p. 111 bis 123.)



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Eschenburg ohne Frage seine Hauptstärke entwickelt; indem er mit kritischer Umsicht seinen Gegenstand angreift, ihn unverfälscht zu erhalten, ihn durch ansprechende Erläuterungen zugänglich zu machen sich angelegen sein läßt; und indem er zugleich mit »feinem Geschmacke« das Schönste zu wählen versteht, wie dies namentlich Herder *) von ihm rühmt. Mit seiner »Beispielsammlung,« **) welche durch seine schätzbaren, literarischen Nachweisungen großen Werth erhielt, wollten freilich unter seinen Zeitgenossen manche Poeten, selbst die Xenienschreiber nicht zufrieden sein; weil sie sich nicht immer in anständiger Gesellschaft aufgeführt, oder weil sich auch wohl Andere nicht genug herausgestrichen glaubten. Man erwäge jedoch, daß Eschenburg hier nicht als Kunstrichter, sondern als Fachordner auftrat, dem es zunächst um Beispiele für die von ihm aufgestellten Abtheilungen zu thun war. Gewisse, neuere Literarhistoriker geben in ihrer naiven Dreistigkeit diesem Werke das beste Zeugnis dadurch, das sie dasselbe mit sehr unwesentlichen Veränderungen (denn die wesentlichste ist jedenfalls die Namensveränderung des Herausgebers) wieder abdrucken lassen.

Eschenburg, der sich, wenn auch nur gelegentlich durch einzelne, kleinere Proben, auch als gründlicher Sprachforscher bewährte, ***) machte sich bei seiner Regsamkeit besonders noch
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*) Herder's sämmtl. Wke. zur schönen Liter. und Kunst, XX. 1830, p. 233 u. 387. **) Beispielsammlung zur Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften. Berlin u. Stettin 1788 bis 95) 8 Bde.
Der siebente Bd. erschien auch besonders, unter dem Titel: »Eschenburg‘s dram. Biblioth., oder Nachrichten, Charaktere und Beispiele der vornehmsten, älteren und neueren Schauspieldichter mehrer Nationen, 1793.
***) An Prof. Trapp über seinen Aufsatz, eine Stelle in Horazen's Epistel an die Pisonen betreffend, im 1. St. des Braunschw. Journ. (Brschw. Journ., 1789, IV. p. 409 bis 425.)
Ueber die Stelle beim Horaz Sat. I. 3, v. 111 bis 118; in Bezieh.



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als Herausgeber und Biograph vielfach nützlich. *) Ganz besonders ist sein Verdienst um Sichtung und Herausgabe des Lessing'schen Nachlasses anzuerkennen; weil er gerade bei seiner übrigen Befähigung, namentlich bei seiner taktvollen
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auf die im diesj. Aug. des brschw. Journ, p. 479, davon gegeb. Erklär. (ebend, 1791, IX. p. 80 bis 87.
Von der Abstammung des Wortes Truchseß. (Brschw. Magaz., 1793, XX. p 311.)
Anmerkungen und Berichtigungen zu Campen‘s Nachtrag zum ausübenden Theile seiner Preisschr. über die Reinig. und Bereicher. der deutschen Sprache. Brschw., 1794.
*) Dan. Schiebeler’s auserles. Gedichte, mit Nachrichten v. Schiebeler’s Leben. Hbg., 1773. –
Zachariä's hinterl. Schrn. nebst Nachrichten von des Verf. Leben. Brschw., 1781. Eine bes. Ausg. der Biographie erschien unter d. T.: Eschenburg’s Leben F. W. Zachariä‘s. Brschw., 1781.« –
Denkwürdigkeiten aus dem Leben Herzogs Leopold v. Brschw. (Berlin Monatsschr., 1788, V. p. 504 bis 513.)
Fr. Rambach: Theseus auf Kreta, ein lyr. Drama; mit einer Vorrede v. E. Lpz., 1791.
Ueber Joh. Frdr. Wilh. Jerusalem. (Teutsche Monatsschr., 1791, VI. p. 97 bis 135.) Ist auch bes. erschienen. Berlin, 1791.
Charakter Gottfr. Chaucer’s. (Nachträge zu Sulzer's Theorie d. schön. Künste, II. 1, p. 113 bis 139. – 1793.
J. Arn. Ebert's Episteln u. vermischte Gedichte, 2 Thle. Nach des Verf. Tode mit einem Grundrisse seines Lebens und Charakters herausg. v. E. Hbg., 1795.
»Leonore,« Ballade von Bürger, in drei englischen Uebersetzungen (v. J. T. Stanley, Spencer und Pye.) Göttingen, 1797.
F. R. Ricklep's neues, vollst. Taschenwörterb. d. engl. u. deutschen Sprache; mit einer Vorrede v. E. Bremen, 1799 bis 1800, 2 Thle.
Fr. v. Hagedorn's poet. Wke. Neueste Asg., mit d. Lebensbeschreib. des Dichters und mit Auszügen seines Briefwechsels begleit. Brschw., 1800, 5 Bde. –
Eschenburg ergänzte den von Lessing unvollendet hinterlassenen fünften Beitrag: »Zur Gesch. u. Lit.; aus den Schätzen der Wolfb. Biblioth. Brschw., 1781.
Lessing’s handschr. Anmerk. zu Winckelmann’s Gesch. d. Kunst, herausg. v. E. (Berl. Monatsschr., 1788, VI. p. 592 bis 616.)
G. E. Lessing's Leben des Sophokles, herausg. v. E. Berlin, 1790.
Kolleklaneen zur Literat., herausg. v. E. 2 Thle. Berlin, 1790.
Redaction der antiquar. Briefe Lessing's, mit Zusätzen. Berlin, 1793, (im 11. u. 12. Bde. von Lessing' s Schrn.)
Briefwechsel mit Lessing; (in Lessing’s Schrn, 1794, XXVII.)




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Discretion, zu diesem so höchst schwierigen Unternehmen auch als Lessing's Freund und Genosse seiner Studien (wovon der mit diesem Gelehrten geführte, inhaltschwere Briefwechsel - Zeugnis giebt,) vorzugsweise geeignet war. An dieser Stelle wäre auch noch des sehr planen und sachgemäßen Abrisses der Geschichte des Collegiums Carolinums *) zu gedenken, den er im J. 1812 herausgab, als er dasselbe zu höchstem Kummer vom französischen Usurpator in eine Kriegsschule verwandelt sehen mußte. Mit diesem historischen Ueberblicke einer besseren, leider entschwundenen Zeit wollte Eschenburg dieser Anstalt, zu deren Blüthe er selbst so viel beigetragen hatte, wenigstens noch ein Denkmal der Erinnerung gründen, welches der fleißige Mann aber mit seiner linken Hand aufs Papier zu werfen gezwungen war, weil die gelähmte, rechte Hand den Dienst versagte.

Unbeschadet seines Werthes kann man zugestehen, das Eschenburg in eigenen, dichterischen Productionen nicht besonders glücklich war. **) Ohne Feuer der Phantasie, ohne
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*) J. J. Eschenburg’s Entwurf einer Gesch. des Collegii Carolini in Braunschweig. Berlin, 1812. (Dieser Entwurf ist eine Erweiterung eines Aufsatzes aus dem brschw. Magaz. v. J. 1791, 1. bis 4. St.) An dieser Stelle möge auch gleich einiger anderer histor. Versuche gedacht werden:
Beitrag zur älteren Gesch. des Armenwesens der Stadt Braunschweig. (Brschw. Magaz., 1796, XXI.)
Bemerkungen über die im 7. St. des neuen lit. Anz. v. J. 1806, p. 109 befindliche Anfrage, den Csiv-Janus betreffend. (Neuer lit. Anzeig., 1807, N. 4, p. 59 bis 62.)
Ueber die Gesta Romanorum u. ihren Verf. (ebend., 1807, N. 3, p. 39 bis 45)  
Diplomat. Berichtigungen der Rechtmeyerischen Nachrichten von der päpstl. Bestätigung des Cyriaksstiftes in Braunschw. (Brschw. Magazin, 1807, 44. St.)
**) Theodorus an seinen Vater Clemens, eine Heroide. Lpz., 1766. –
Comala, ein dramat. Gedicht. Brschw., 1769. (Bearbeitet nach einer Episode aus Ossian's »Fingal.«).
Die Wahl des Herkules, ein dramat. Gedicht. Brschw., 1773. –
Hoffnung und Erfüllung, zwei Gedichte. (Teutsche Monatsschr., 1794, 4. St., p. 285 bis 287.)



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Bewältigung der Form, konnte er seinen, sich nur in verbrauchten Ideen bewegenden Nachahmungen nie den beseelenden Geist origineller Frische einhauchen. Von allen seinen lyrischen, musikalischen, epischen und dramatischen Versuchen möchten seine elegischen und religiösen Poesieen noch am ersten Stich halten, obgleich der ganze letztgenannte Zweig, bei der bisher nur höchst kümmerlich geübten Pflege, kaum als ein gesunder Spros ächter Dichtkunst anzuerkennen ist. Trotz alle dem, und ungeachtet Eschenburg auch in seinen 15 Kirchenliedern in der von Cramer angestimmten Weise fortsang, erfreueten sich dieselben doch einer großen Popularität; und wie einst der Gesang: »Ich will dich noch im Tod erheben,« einem Weisen, dem edlen Jerusalem, den letzten wehmüthigen Abschied von den Seinigen und von den Freuden dieser Erde versüßte: so schöpfte 1809 das Heldenherz Friedrich Wilhelm's von Braunschweig vor der Schlacht bei Oelper sein Gottvertrauen aus dem, auf der Wahlstatt mit seinen Kriegern angestimmten, erhebenden Liede Eschenburg's:

»Dir trau' ich, Gott, und wanke nicht,
»Wenn gleich von meiner Hoffnung Licht
»Der letzte Funken schwindet!«
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Einzelne Gedichte sind zu finden in »Matthisson's lyr. Anthologie,« 7. Thl., p. 157 bis 182; in »Haug und Weiße's epigrammat. Anthologie,« 4. Thl., p. 297; in den »Unterhaltungen;« im »deutschen Museum;« im »Almanach der teutschen Musen;« in mehren Musenalmanachen und anderen periodischen Werken. Auch erschienen einzeln mehre Gelegenheitsgedichte, z. B. »Klagelied auf das Absterben der Gräfin Sophie Charl. v. d. Schulenburg-Wolfsb., geb. Gräfin Veltheim-Harbke;« »Elogie an dem Sarge seiner früh vollendeten Tochter.« –
Von seinen kirchlichen Liedern findet man mehre in Zollikofer‘s Gesangb. Lpz., 1766; im braunschw. Gesangb.; wie auch in anderen Gesangbüchern; in J. P. Uz‘ lyr. Gedichten relig. Inhalts mit Mel. v. J. A. P. Schulz. Hbg., 1784. (Mehre davon wurden in's Dän. übers.: »Hellege Sangen, forfattede of de Tydske Dichtere Uz, Eschenburg, Kleist, Cronegk og Schmid, ved Capelm. Schulze’s Melodien. Paa Dansk utgiven of Ed. Strom.« Kphg., 1785.)


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Auch durch die große Anzahl seiner gründlichen Uebertragungen aus fremden Sprachen *) hat sich Eschenburg gerechte Ansprüche auf Anerkennung erworben, namentlich durch seine Uebertragung des Shakespeare. Nachdem zuerst
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*) Mme. Le Prince de Beaumont: Briefe der Emerentia und Lucia. Aus d. Franz Lpz., 1766. –
Lucas und Hannchen, eine Operette; nach d. Franz der Mme. Favart und Marmontel's. Brschw., 1768. (Diese Operette steht auch in den von Eschenburg 1766 in 10 Bdn. herausg Hamb. Unterhaltungen, IV. 4, p. 827.)
J. Brown’s Betracht. über die Poesie u. Musik. Aus dem Engl. mit Anm. und 2 Anhängen. Lpz, 1769. –
Dn. Webb’s Betracht. über die Verwandtsch. der Poesie u. Musik. Aus d. Engl. Lpz., 1771. –
Hurd ’s Comment. über die Horazischen Episteln an die Pisonen u. an den August; mit Anmerk. v. E. Lpz., 1772, 2 Bde.
Racine's Esther, in Versen übers. (Hamb. Unterh. III.)
Der Deserteur; eine Operette, aus d. Franz des Sedaine. Mannh., 1772. (Componirt v. Monsigny.)
Voltaire's Zaire, ein Trauersp. Aus dem Franz. Lpz., 1776. –
Robert und Kalliste, od. Triumph der Treue; eine Operette, aus dem Ital. der: „Sposa fidele“ des Guglielmi. Bresl. u. Lpz., 1776, Neue Afl. Berl., 1778. –
A. F. Ursinu’s Balladen und Lieder, altengl. u. altschott. Dichtungsart. Aus d. Engl. Berlin, 1777. –
Ernst u. Lucinde, eine Oper nach Marmontel, 1777. –
Joh. Priestley's Vorles. über Redek. und Kritik. Aus dem Engl. Lpz., 1779. –
Carl Burney’s Abhandl. über die Musik der Alten. Aus d. Engl., mit einigen Anmerk. Lpz, 1781. –
Wilh. Hay: Relig. der Philosophen, od. Erläuter. der Grundsätze der Sittenlehre und des Christenth., aus Betracht. der Welt. Aus dem Engl. Brschw., 1782. –
Dr. Carl Burney’s Nachr. von G. F. Händel's Lebensumst. u. der ihm zu London im Mai u. Juni 1784 angest. Gedächtnisfeier. Aus d. Engl. mit Kupf. Berl. und Stettin, 1785. –
E. Gibbon's Verf. über das Studium der Literat. Hbg., 1792. –
Alx Pope's Essay on Criticism. with notes, (mit Eschenburg's Uebersetzung.) Wien, 1799. –
Alex. Pope: Eloise to Abelard, nach Eschenburg's u. Bürger’s deutsch. Uebers. Wien, 1799. –
Ueber Hamburg's Armenwesen. Aus d. Engl. (des Etatsraths Voght.) Brschw. und Hbg., 1799.
H. Füsli's Vorles. über die Malerei. Aus d. Engl. Brschw., 1803. –
Mehre Abhandl. aus Warton's Gesch. d. engl. Dichtk., (in E. britt. Museum f. d. Deutschen, 1. bis 6. Bd., 1777 bis 1780.)
Richard Savage v. Dr. Sam. Johnson (in der Zeitschrift der Biograph., VI. 2. St., p. 203 bis 242, 3. St., 1807.)




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Barthold Feind (geb. 1678, st. 1723) des »berühmten englischen Tragicus Shakespeare« lobend gedacht hatte; nachdem 1741 der erste schwache Versuch einer Uebersetzungsprobe eines Shakespear'schen Drama's gewagt worden war; nachdem mit großem Nachdrucke Lessing im J. 1759 in den Literaturbriefen auf die gesunde Nahrung Shakesspear'scher Lectüre aufmerksam gemacht, nachdem hierauf Wieland 1762 bis 1766 mit dem Uebelbehagen eines, durch verfeinerte Genüsse überreizten Magens nur hier und da von der kernigen Speise genascht hatte, bereitete Eschenburg bei unverdrossenem Fleiße seiner Nation einen vollständigeren Genus. *) Daß er die Form nicht überall ergründete, ist aus dem Mangel an Vorarbeiten zu erklären. Erst in späterer Zeit hat man sich über die Grundsätze in Ansehung der Form verständigt, indem man sich für möglichst treue Anschließung an Rhythmus und Genius des Originals entschied. Aus diesem Grunde sind auch die meisten Uebersetzungen früherer Zeit eigentlich mehr als Umarbeitungen zu bezeichnen. Eschenburg’s Aufwand an literar-historischem Material zur Kritik seines Autors gränzt an das Erstaunenswerthe; und um wenigstens eine Andeutung seines Fleißes und seiner Gründlichkeit zu geben, sei beiläufig bemerkt, daß, ungeachtet er zu seinen Forschungen noch weit und breit die auserlesensten Bibliotheken benutzte, seine eigene, reiche Büchersammlung allein über 400 Bände
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*) Shakespeare's theatral. Wke. Übers. Zürich, 1775 bis 1777, 12 Bde., 13. Bd. Zürich, 1782. (Ein Nachdruck davon, Mannh., 1778 bis 80, 20 Bde.), 2. Afl., 1798 bis 1806, 12 Bde.
Versuch über Shakespeare's Genie und Schrn. Aus dem Engl. Lpz., 1771. –
Shakespeare, wider neue Voltairesche Schmähungen vertheidigt. (Deutsches Museum, Jan. 1776)
Ueber W. Shakespeare’s Leben und Schriften. Zürich, 1787. (Mit nur verändertem Titel neu herausg. Zürich, 1806.) Ueber den vorgeblichen Fund Shakespear'scher Handschrift. Lpz., 1797.



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enthielt, welche die Shakespeare-Literatur betrafen. Diese Gediegenheit des Wissens leuchtet denn auch aus allen seinen kritischen Versuchen über Shakespeare hervor, besonders aus jener vortrefflichen Schrift: »Ueber W. Shakespeare, Zürich, 1787;« worin Eschenburg plan- und lichtvoll auf unbestochener Schale die Vorzüge und Mängel des unsterblichen Britten abzuwägen versteht. Man würde daher sehr Unrecht thun, auch nur den kleinsten Theil von dem Unheile, welches die blinde Vergötterungswuth fader Enthusiasten für den Genius deutscher Poesie herbeigeführt hat, auf Eschenburg's Seite zu legen. so unverkennbar auch der Nutzen ist, welchen das Studium Shakespeares auf die deutsche Dramatik ausgeübt hat, so kann man doch mit vollem Grunde behaupten, daß noch nie ein Dichter so sehr den deutschen Interpreten und Dichterlingen den Kopf verdrehet habe, als dieser Britte, mit dessen übertriebener Verehrung die Shakespeareomanisten noch immer den deutschen Genius im Schach zu halten bemühet sind. Wenn ein Franz Horn unserem Eschenburg nie verzeihen konnte, daß dieser an Shakespeare etwas zu tadeln fand, so ist das eben so erklärlich, als das vornehme Ignoriren der Eschenburg'schen Kritik von Seiten A. W. Schlegel's, der, wenn wir die Treue in der Uebertragung und die Gründlichkeit kritischer Bemerkungen, besonders in der zweiten Ausgabe, bei Eschenburg genau betrachten, nur vergessen zu haben scheint, auf eines wie rastlosen Vorkämpfers Schultern er steht!



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7. Lessing.

Nachdem wir das Verdienst der eben genannten Literatur aus dem Gesichtspunkte einer werdenden Literatur gewürdigt haben, treffen wir jetzt auf einen Namen, der für alle Zeiten zu den Sternen erster Größe am literarischen Horizonte gezählt werden wird, auf Gotthold Ephraim Lessing. Ich weiß es, geschätzter Leser, was deine fragenden Blicke hier bedeuten sollen, ich weiß es so gut wie du, daß Lessing im J. 1770 als Bibliothekar nicht nach Braunschweig, sodern nach Wolfenbüttel kam, wo auf Veranlassung seines Gönners, des edlen Erbprinzen Carl Wilhelm Ferdinand, erst sein Vorgänger Hugo versetzt werden mußte, um für ihn überhaupt nur einen Platz zu gewinnen; ich will auch zugestehen, daß Lessing bis an seinen Tod in dieser Stellung geblieben ist. Zwar könnte ich den Umstand hervorheben, daß er doch in Braunschweig starb, und hier begraben wurde; allein warum sollte ich auf eine Zufälligkeit Gewicht legen, da Lessing eben so gut an jedem andern Orte gestorben sein könnte, und doch als ein Wolfenbüttler angesehen werden müßte. Nein, ich fasse Lessing's Wirksamkeit aus einem ganz andern Gesichtspunkte auf, und behaupte, das niemand so sehr an seinem Platze sei, als Lessing hier an dieser Stelle. Daß Lessing in Wolfenbüttel



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wohnte, ist bei der Nachbarschaft Braunschweigs, und dem geistigen Verkehr, den er mit dieser Stadt hatte, eigentlich etwas Indifferentes. »Lessing traf,« wie sein Bruder sagt, *) »in Wolfenbüttel gar keine Freunde an, ob er sich gleich nachher einige erwarb. Der Ort ist an und für sich stille, und hat alle die herrlichen Dinge nicht, die Lessingen zuweilen zerstreuen konnten. Die Bibliothek war das Einzige, was ihn beschäftigte und vergnügte.« Und doch spricht sich unser Lessing über seine Stellung zur Bibliothek nicht gar günstig aus. Er sagt selbst: »daß er die Einsamkeit, in der er zu Wolfenbüttel nothwendig leben müsse, und den gänzlichen Mangel des Umganges, wie er ihn an anderen Orten gewohnt gewesen sei, auf mehre Jahre schwerlich würde ertragen können. Er würde, sich gänzlich selbst überlassen, an Geist und Körper krank; immer unter Büchern vergraben zu sein, dünke ihn wenig besser, als im eigentlichen Verstande begraben zu sein.« **) Daher kam es denn, daß Lessing hauptsächlich nur mit Braunschweig verkehrte. Hier traf er einen Kreis der gebildetsten Freunde, welche ihm durch geistigen Austausch Anregung und Belehrung für seine umfassenden Forschungen gaben. Jerusalem, Schmid, Zachariä, vor Allen Ebert und Eschenburg, Brückmann, Sommer, Graf Marschall, General von Warnstädt, Cammerherr von Kuntsch, Professor de Gasc, Leisewitz und Andere ersetzten ihm durch das beseelende Wort tausendfach den todten Schatz jener Büchersammlung, die er mehr für ein Mittel zu seiner eigenen Belehrung ansah, als er sich durch sie verpflichtet glaubte, ihr selbst nützlich zu werden. ***)

*) G. E. Lessing's Leben, herausg. v. K. G. Lessing. Berlin, 1793, I. p. 312.
**) Ebendas. I. p. 323.
***) Wie bedeutsam aber trotzdem Lessing als Bibliothekar war, bezeugt



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Deshalb hatte er sich aber auch in Braunschweig förmlich eingemietet, woselbst er nicht selten ganze Wochen lang zubrachte, um mit den Freunden seines Herzens in Berührung zu sein. Aus diesem Grunde sind auch alle die erhabenen Werke, welche er während seiner wolfenbüttler Stellung zu Stande brachte, die Herausgabe des »Berengar« und der »Fragmente «; seine »Emilia Galotti«, sein »Anti-Göeze«, »Nathan der Weise«, »Ernst und Falk« und seine »Erziehung des Menschengeschlechtes«, eigentlich als Erzeugnisse zu betrachten, welche dem braunschweigschen Boden entwachsen sind, obgleich ihre Ausarbeitung jedesmal in die wolfenbüttler Einsamkeit verlegt wurde, weil sich Lessing während der Arbeit selbst strenge von aller Zerstreuung des Umganges abzuschließen pflegte. Aber die Hauptsache bleibt für uns doch immer der Umstand, daß Lessing durch seinen europäischen Ruf, als Vorbote eines neuen Reiches, dessen Messias noch immer erwartet wird, durch seine Geistesüberlegenheit über alle seine Zeitgenossen, durch seine ausgebreiteten Kenntnisse, und durch sein unmittelbares, unermüdliches Hinwirken auf Geschmacksbildung, der Glanz- und Mittelpunkt für Braunschweigs Literaten wurde, deren Einfluß und Wirksamkeit erhob und leitete. Ich bin weit entfernt, hier abermals eine Biographie oder Charakteristik Lessing’s geben zu wollen, den man auf tausendfache Weise zerlegt, bekrittelt, vergöttert und beschimpft hat. *)
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einer seiner Nachfolger, Frdr. Adolph Ebert: »Daß der Auffinder und der Herausgeber des Berengarius und der Herausgeber der Beiträge zur Geschichte und Literatur auch als Bibliothekar keine Apologie bedürfe, liegt am Tage. Und wie vieles Andere würde nicht geschehen sein, wenn er einen brauchbareren Gehülfen bei der Bibliothek gehabt hätte, als es der fast aberwitzige Cichin (früher ein Capuciner-Mönch) war.« –
Ebert’s Ueberlieferungen zur Gesch., Lit. und Kunst der Vor- und Mitwelt. Dresden, 1826, I. 1, p. 20.
*) Das Beste, was meines Wissens über Lessing geschrieben worden ist, sind die Kritiken von Herder, (s. dessen sämmtl. Wke. zur Philos.



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Hier nur einige bezügliche Andeutungen und aphoristische Be merkungen.

Gotthold Ephraim Lessing, geb. am 22. Jan. 1729 zu Camenz, gest. am 15. Febr. 1781 zu Braunschweig, war zwar nicht ein Genosse des Gärtner'schen, literarischen Klubb's, weil Lessing überhaupt dergleichen abschließende und beschränkende Gesellschaften nicht liebte; und war daher auch nicht Mitarbeiter an den oben berührten »Bremer Beiträgen;« aber durch freundschaftliche Beziehung zu den meisten Theilnehmern, und durch die, der neueren Schule verwandte Richtung seines Geistes, namentlich auch durch seine entschiedene Abneigung gegen Gottsched, jenem Unternehmen zugethan. Lessing stand vom ersten Beginn seiner Laufbahn an viel zu hoch und selbstständig da, um sich zu einem Parteimanne erniedrigen zu können. Daher kam es denn auch, daß bei keinem Literaten Deutschlands so gänzlich falsche Maßstäbe der Beurtheilung angewandt wurden, als gerade bei ihm. Dem rechtgläubigen Gottesgelahrten ist er ein Stein des Anstoßes, dem splitterichterlichen Schöngeiste ungenügend an Stoff und Feuer, und gar dem Philosophen ein unsystematischer Kopf. Kurz, er war zu wenig dogmatisch, um nicht dem ganzen Stabilitätssysteme gefährlich zu werden, und war zu sehr den Kinderschuhen seiner Zeitgenossen entwachsen, um sich noch geduldig einschulen lassen zu können. Es ist erstaunenswerth, wie eifrig sich dieser Geist angelegen sein ließ, das öde Feld der deutschen Literatur zu bebauen. Von kärglich besoldeten Uebersetzungen *) und
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u. Gesch. XV. p. 137 bis 165) und von Gervinus, (s. dessen neuere Gesch der poet. Nation. Lit. der Deutschen. Lpz., 1840, I. p. 318 bis 413.)
*) Die Gefangenen des Plautus 1750. –
Drei Abhandlungen von Corneille vom Nutzen und den Theilen des dramat. Gedichts; vom Trauerspiel; über die Einheiten 1750. –



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Zeitungsartikeln, *) ging er zu den Recensionen, kritischen Forschungen, zu der Herausgabe der Tagesblätter, **) Theaterberichte, der Werke älterer ***) und neuerer Zeit,  †) bis zu den Meisterwerken seiner dramatischen Muse und seines
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Hierher gehören auch alle seine Uebersetzungen, die in seiner »theatral. Bibliothek« enthalten sind. –
Augier de Marigny, Gesch. der Araber unter der Regier. der Califen. Aus d. Franz Berlin, 1752, 1. Thl. –
Huart, (Examen de los ingenios para la scientias.) Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften. Wittenb., 1752. –
König Friedrich II. drei Schreiben an das Publikum, die Begierde nach geh. Nachrichten betreffend. Aus d. Franz. Berlin, 1753. –
Friedrich II., Schr. über den Streit zwischen England u. Preußen Aus dem Franz. Berlin, 1753. –
Franz Hutcheson's Sittenlehre der Vernunft. Aus dem Engl. Lpz., 1756, 2 Bde. –
Hannibal, ein Trauersp. nach Marivaux (in den Ermunter, p. 63)
Richardson's Sittenl. für die Jugend in den auserlesensten Aesopischen Fabeln, 1759. –
Warton's Versuch über Pope. »Theater des Herrn Diderot.« Berlin, 1760 bis 61. –
*) Während seines Aufenthaltes von 1753 bis 1755 in Berlin, schrieb er an Myliu’s Stelle in der Vossischen Zeitung die gelehrten Artikel.
**) 1747 bis 1748 arbeitete er mit an der von Agrikola edirten Ztschr: »Ermunterungen zum Vergnügen des Gemüths. Lpz.;« – von 1747 bis 48 war er Mitarbeiter an der von Mylius edirten Ztschr.: »der Naturforscher;« 1750 bis 51 gab er mit Mylius die »Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters« heraus, doch trat er schon mit der vierten Nummer ab; – von 1754 bis 55 war er alleiniger Herausg. der »theatral. Bibliothek;« 1757 gründete er mit Mendelssohn und Nicolai die »Bibliothek der schönen Wissenschaften, 4 Bde.,« zu der er freilich nur einen einzigen Aufsatz lieferte; – 1759 gab er mit den beiden Genannten die »Briefe, die neueste Liter. betreffend, Berlin,« heraus. Sinngedichte von ihm stehen im Götting. Musenalm. für 1770 u. 1772; – im Vossischen Musenalman. für 1780. Sinngedichte, ein Epilog u. Lieder; – noch 2 Sinngedichte in dsb. Alman. f. 1783. –
***) 1759 zog er den Logau, 1771 den Scultetus wieder ans Licht; 1770 edirte er den Berengar; 1773 bis 77 »zur Gesch. u. Lit. aus den Schätzen der herzogl. Biblioth. zu Wolfenb.; worin die Zugabe zu den Fabeln der Minnesänger enthalten war.
†) so edirte er z. B. die Werke eines Brawe; – Carl Wilh. Jerusalem's »philos. Aufsätze.« Brschw., 1776; – die Schriften Christlob Mylius. Berlin, 1754; – schrieb 1756 die Vorrede zu einer Uebers. von Thomson"s sämmtl. Trauerspielen; – 1758 zu Gleim's Kriegsliedern. –



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kritischen Verstandes fort. *) Man darf nicht übersehen, daß Lessing, dem schon als meißener Schüler das Zeugnis ausgestellt wurde: »ein guter Knabe, aber etwas moquant,« **) durchweg kritischer Natur war. Um gleich auf doppelte Weise nützlich zu sein, fügte er denn auch den meisten seiner poetischen Productionen seine Theorie bei, und stellte, so doppelt gerüstet, der Alltäglichkeit und Gemeinheit seiner Zeit seine eigenen, durch Kraft des Willens und Schärfe des Verstandes zu Tage gebrachten Kunstschöpfungen, gleichsam als Bollwerke und Vernichtungswerkzeuge entgegen, an deren kunst-, geist- und geschmackvollem Bau die Kräfte seiner Gegner zerschellten. Mögen immer seine dramatischen Werke, auf welche die Vorbilder eines Plautus, Moliere, später Diderot und endlich Shakespeare nicht ohne Einwirkung blieben, weniger durch die Gewalt poetischer Begeisterung, als durch ein feines Gefühl für das Schöne hervorgerufen sein, so klingt es trotzdem mehr als lächerlich, wenn man ihm noch immer den wahren Dichterberuf absprechen will, dabei fußend auf sein eigenes Zugeständnis. Allein dieses in einem Anfalle von Laune, Bescheidenheit und Paradorie ausgestellte Zeugnis seiner Unfähigkeit muß man, soll es richtig gewürdigt werden, auch in seinem ganzen Zusammenhange auffassen, und man wird hinter jenem Ausspruche, mit welchem er den französischen Dramatikern einen Streich versetzen wollte, weit mehr den listigen Schalk, als den sich seiner Schwäche bewußten Poeten wittern. Könnten denn aber auch Lessing’s Dramen, wenn uns der Dichter wirklich das Triebwerk seiner Schöpferkraft aufgedeckt hätte,
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*) ueber Lessing‘s Schrn. ist zu vergl.: Joh. Geo. Meusel's Lexikon der von J. 1750 bis 1800 verstorbenen teutsch. Schriftst. Lpz., 1808, VIII. p. 186 bis 198. –
**) Erinnerungen an G. E. Lessing, Zögling der Landesschule zu Meißen in den Jahren 1741 bis 1746, v. Ed. Aug. Diller. Meißen 1841, p. 69. –



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dadurch an Werth verloren haben? Man sollte meinen, wer solche Dichtungen schaffen könnte, der müßte sicherlich ein Dichter sein, und noch dazu ein sehr genialer. Freilich konnte sich Lessing, dessen linke Hand die boshaften Anfälle seiner Gegner abwehren mußte, während seine rechte an dem Aufbaue seiner wunderbaren Schöpfungen thätig war, unter dem Geräusche des Kampfplatzes, auf dem er sein ganzes Leben zubrachte, nie der traulichen Stille, in welcher der schüchterne Genius seine Eingebungen zuzuflüstern pflegt, erfreuen. Und doch hat er mit den meisten seiner Werke eine neue Aera in unserer Literatur begonnen. Man blicke nur einmal hin auf vier seiner vielen dramatischen Arbeiten, auf »Sara Sampson 1755;« »Minna von Barnhelm 1767;« »Emilia Galotti 1772« und »Nathan 1779.« Wenn man nun erwägt, daß vor Lessing’s Auftreten nur das Gottsched'sche Ehepaar und Consorten die deutsche Bühne innehatten; wie schwer es ihm werden mußte, sich Bahn zu brechen, weil er überall auf verjährte Vorurtheile stieß; wie er hier mit deutscher Geschmacklosigkeit, und dort mit französischer Unnatur zu kämpfen hatte; wie er nach allen Seiten hin fruchtlos nach einem Vorbilde umschauete, und dieses Vorbild nur in sich selber finden sollte; und wie durch dasselbe das ganze Zeitalter umgestaltet wurde, und die deutsche Nation erst eine wahrhaft nationale Bühne bekam: so muß man seine Wirksamkeit, weil sie weder Grund noch Stoff fand, worauf und womit weitergeschaffen werden konnte, eine wahrhaft schöpferische nennen. Aber wie fing er es auch an! In seiner »Sara Sampson« setzte er sich einmal recht absichtlich über die vorgeschriebene Einheit des Ortes hinweg; zu den handelnden Personen wählte er nicht nach hergebrachter Weise aus der alten Mythen- und Heldenzeit, sondern aus dem Bürgerstande, und noch dazu aus der Gegenwart; gab ihnen ächt menschliche Leidenschaften, und ließ sie,



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um sie der Natur noch näher zu bringen, in der natürlichen Sprache einer edlen, reinen Prosa reden. Nun bringe man noch bei diesem Stücke, wie es sich in allen seinen anderen Dramen wieder findet, die Spannung im Faden des Syjets, seine hohe Gabe einer feinen Menschenbeobachtung, daher die Originalität seiner Charaktere, die Schärfe ihrer Zeichnung, und den gesunden Kern derselben, die Natürlichkeit und gefeilte Vollendung des Dialogs in Anschlag: und man wird die Bewegung natürlich finden, welche ein solches Meisterwerk hervorrufen mußte. Daher galt es denn nicht allein für das erste bürgerliche Trauerspiel Deutschlands, sondern auch für das erste wahrhaft gute. Ja, der große Meister, der ohne Gnade die französischen Götzen aus dem deutschen Musentempel zu vertreiben den Muth hatte, genoß den Triumph, daß von allen deutschen Dramen dieses das erste war, welches in einer Uebersetzung auf die Bühne jener Franzosen kam, welche nur immer mit dem Stolze der Gecken auf den deutschen Genius herabzublicken gewohnt waren. Später wurden sie noch gefügiger, und eigneten sich die meisten der Lessing'schen Dramen durch Uebersetzungen an. – In der »Minna von Barnhelm,« worin er zuerst ächtdeutsche Sitten und deutsche Charaktere in der Sprache der Natur zu schildern, im hinreißendsten Dialoge Rührung und Scherz auf's gemüthlichste zu verschmelzen, und eine wahrhaft komische Sprache erst zu bilden verstand, und noch entschiedener dem französischen Aftergeschmacke entgegentrat, lieferte er, wie in der »Sara« das erste Trauerspiel, so in diesem das erste nationale Lustspiel, und vielleicht ein auch bis jetzt noch nicht übertroffenes. *) Bis
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*) Ramler's Mittheilung gegen Knebel bezeugt das Aufsehen, das jenes Meisterwerk unter Lessing's Zeitgenossen erregte. Unter dem 3. Aug. 1771 schreibt er: »Morgen wird die berühmte Minna aufgeführt werden. Lessing kann sich nicht beschweren, daß wir



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zur Stufe der höchsten Meisterschaft aber stieg Lessing noch in seinen letzten beiden Trauerspielen, in der »Emilia Galotti,« worin er auf eine bis dahin unerhörte Weise die Gluth der Leidenschaft spielen ließ, und noch dazu einen Fürsten zwang, sich in der natürlichen Sprache der Prosa auszudrücken; und im »Nathan,« diesem ewig classischen Werke, welches trotz aller Ruhe im Gange der Handlung, dennoch wegen der Klarheit und Hoheit seines Hauptcharakters als einzig in der Literatur dasteht. Wenn daher A. W. v. Schlegel *) behauptet, » Lessing verkannte die Rechte der poetischen Nachahmung, und wollte im Dialog wie in allem eine baare Copie der Natur, als ob diese in der schönen Kunst überhaupt zulässig oder auch nur möglich wäre, so beweist dieser Romantiker, dessen schwache Seite von jeher Natur gewesen ist, weiter nichts damit, als daß er vom Verständnis dieses großen Mannes noch weit entfernt sei. – Einzig und unübertroffen ist auch noch immer Lessing's »hamburger Dramaturgie 1767,« womit er erst eine Basis des besseren dramatischen Geschmackes gründete. Was später Engel und Ramler für die Bühne in Berlin, Dalberg in Mannheim, Goethe für die in Weimar, Gotter in Gotha, Klingemann in Braunschweig, Tieck in Dresden und Berlin, Immermann in Düsseldorf thaten, das war nur die Nachwirkung jener großartigen Anregung, die einst Lessing für das gesammte Bühnenwesen durch das hamburger Theater ausübte. Die
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undankbar gegen seine Muse sind. Wir haben sie hier zwanzig Mal hinter einander gespielt; wir haben sie in Kupfer stechen und in die Kalender setzen lassen; wir haben diese Minna sogar auf die Punschnäpfe malen lassen. Nur hat sie ihm nichts eingebracht, das ist Alles, worüber er sich beklagen kann.« –
Knebel's lit. Nachl. u. Briefwechsel, herausg. v. Varnh. v. Ense u. Th. Mundt. Lpz., 1840, II. p. 33.
*) Ueber dramat. Kunst u. Lit., 2. Afl. III. Heidelb., 1817, p. 389.



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sicherste Unterlage gab er der Dramaturgik durch Erweckung des historischen Studiums; welches er aber nicht allein auf die Dramaturgie angewandt wissen wollte, sondern auch auf die Theologie und Philosophie, und auf diese Weise den Kirchenhistorikern Spittler und Planck mittelbar eben so energisch ihre Bahnen vorzeichnete, wie er einen Herder für die Kritik der Philosophie, Geschichte und Archäologie anregte, und wie er selbst eine solche Anregung für historische Anschauungsweise im artistischen Fache durch Winckelmann erhalten hatte, besonders durch dessen 1755 erschienene Abhandlung »über die Nachahmung der Alten.« Sicherlich sind aber auch, außer Winckelmann's kunsthistorischen Schriften, niemals andere so unmittelbar in Blut und Leben unserer Nation übergegangen, wie die Lessing’s, z. B. sein »Leben des Sophokles 1760;« sein »Laokoon 1766;« seine »antiquarischen Briefe 1768;« die Abhandlung, »wie die Alten den Tod gebildet 1769,« und sein »Theophilus Presbyter 1774.« Wie könnte man wohl den Werth seiner philosophischen und theologischen Erörterungen und Anregungen schmälern wollen? da doch gewiß niemals ein Laie in diesen Gebieten einen so mächtigen Um- und Aufschwung bewirkt hat, wie der freisinnige und der zugleich höchst scharfsinnige Lessing. Gab er nicht der ganzen Theologie ihre jetzige Richtung dadurch, daß er das historische Gebiet von dem dogmatischen streng sonderte, und die Nichtigkeit einer Folgerung vom Historischen auf das Dogmatische schonungslos aufdeckte? Nicht minder anregend wirkte er auf die Philosophie, ungeachtet er, der par excellence speculative Kopf, weit entfernt davon war, seine Ideen förmlich in ein System zu verspintisiren. Für ihn hatte die Wahrheit nur Werth im Ringen danach und durch den Kampf um sie. Deshalb war er auch der



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geisttödtenden Selbstgenügsamkeit abhold, und keinen Stillstand gestattend, ein abgesagter Feind alles blinden Auctoritätswesens; aber der glühendste Vertheidiger alles dessen, was leichtsinnig in den Staub getreten wurde, ungeachtet es durch Alter geheiligt und bewährt, zu einer historischen Unterlage wichtig schien. So war er denn bei seinem rastlosen Ringen nach Erkenntnis in steter Entwickelung begriffen; und er, der selbst die erste Idee zum »Faust« gab, war selbst jener Goethesche Faust, der nur im unbefriedigten Genusse Befriedigung fand. Nur war er in seinem Streben sich selbstbewußter, geistiger und daher auch minder materiell abschließend, wie jener Faust Goethe's. Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, gewinnen denn auch seine Leistungen im Fache der Philosophie und Theologie doppelten Reiz, so sein angeregtes Interesse für Spinoza; seine Schrift über Pope als Metaphysiker 1755; seine »Erziehung des Menschengeschlechts 1777;« *) sein »Ernst
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*) Welchen Antheil Lessing oder Thaer (vergl.: »Albrecht Thaer, sein Leben und Wirken als Arzt und Landwirth,« herausg. von W. Körte, 1839,) an dem Werke »Erziehung des Menschengeschlechtes« habe, läßt sich für den Augenblick, mit Sicherheit wenigstens, noch nicht entscheiden; weil die Acten über diese höchst interessante Streitfrage noch keineswegs als geschlossen betrachtet werden dürfen. Wollte man auch wirklich einiges Gewicht darauf legen, daß Lessing, der überhaupt nicht der Mann danach war, der nur hätte für nöthig befinden sollen, seine Autorschaft zu verläugnen, selbst gegen seinen Bruder, gegen den er am wenigsten Hehl damit gehabt haben würde, das Geständnis ablegt: »Die Erziehung des Menschengeschlechtes ist von einem guten Freunde, der sich gerne allerlei Hypothesen und Systeme macht, um das Vergnügen zu haben, sie wieder einzureißen;« und wollte man auch zugestehen, daß es der eigentlichen Sinnesart eines Lessing gar nicht unähnlich sehe, das Thema eines Anderen aufzufassen und weiter auszuspinnen, ohne den ungenannten Verfasser der Autorschaft zu berauben; weil sich dem Herausgeber auf diese Weise die vortheilhafte Gelegenheit darbot, manches für seine theologischen Streitigkeiten Sach- und Zeitgemäße einweben zu können: so darf man doch andererseits nicht verhehlen, daß der eigentliche Beweis für die präsumirte Autorschaft Thaer’s höchst unzureichend sei. Die ganze Hypothese gründet sich am Ende doch nur auf die höchst dunkle Mittheilung, welche jener deutsche »Woll-Thaer,« wie man ihn einmal scherzhaft nannte, seiner Braut macht: »Ich erschuf



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und Falk 1778, die Herausgabe der »wolfenbüttler Fragmente 1776, 1777, 1779, und alle seine unschätzbaren Zugaben polemisch-theologischen Inhalts. Wegen der Herausgabe des »Berengarius Turonensis 1770« stellte ihn sogar Ernesti in Leipzig vor allen seinen Studenten als des Doctorgrades der Gottesgelahrtheit für würdig, und als ein »leibhaftes Exempel dar, daß, wer Humaniora gründlich verstehe, alles in der Welt mit Ehren behandeln könne.« Wahrhaft heilbringend wurde aber auch seine Wirksamkeit vorzüglich dadurch, daß alle seine Bestrebungen nur von dem heiligsten Ernste geleitet wurden, der Wahrheit und Schönheit den Weg zu bahnen, wie denn von der innigen Verwandtschaft des Wahren, Schönen und Guten niemand lebhafter überzeugt sein konnte, als er. Es bleibt daher mehr, als unerklärlich, welche Schriften Lessing's der Däne Grundtvig im Auge gehabt haben mag, von denen er in seiner Weltchronik sagt: »so wenden wir uns als Geschichtsschreiber nun von dem Herausgeber und Besiegler der Fragmente zu dem Verfasser der vielen witzigen und verständigen, aber auch, und dies ist die Mehrzahl, mittelmäßigen
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mir ein neues system und brachte es flüchtig zu Papier. Es ward wider meinen Willen abgeschrieben, fiel in die Hände eines großen Mannes, der den Styl etwas umänderte und einen Theil davon, als Fragment eines unbekannten Verfassers, herausgab. Nachher ist auch der zweite Theil herausgekommen, aber mit Zusätzen, woran ich keinen Antheil habe. Bis jetzt wissen es nur drei lebende Menschen, daß ich der Urheber bin, doch giebt es Mehre, die es vermuthen und gegen die ich es streng läugne. Ich kann mich auf Ihre (der Braut) Verschwiegenheit verlassen. In meiner und der Dinge jetziger Lage möchte ich um Alles nicht, daß es bekannt würde. Wegen des Namens des Herausgebers und der zu großen Abkürzung der Sätze ist es ganz widersinnig von allen Parteien mißverstanden worden, und es ist doch so klar für Jeden der es unbefangen in die Hand nimmt.« – Hierbei fragt sich's nur, ob »das flüchtig zu Papiere gebrachte System« nichts anderes, als »die Erziehung des Menschengeschlechts,« und ob »der große Mann, der den Styl etwas verändert,« kein anderer, als Lessing sein könne? Mag man nun von den sehr bedeutenden Zweifeln, die hiergegen in der Schrift: »Lessing’s Erziehung des Menschengeschlechts kritisch und philos. erörtert. Eine Beleuchtung der



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und nichtssagenden Blätter.« *) In der That, hat jemals ein Sterblicher das Schicksal des Midas gehabt, alles von seinen Händen Berührte zu Gold erstarren zu sehen, so war es Lessing, der bei dieser verhängnisvollen Göttergabe verkümmerte. Dies erstreckt sich bis auf seine Verdienste herab um das »Sinngedicht 1751,« **) um das »scherzhafte Lied 1751« und die »Fabel 1759.« Im Epigramme spitzte er freilich den abgestumpften Pfeil der Satire etwas scharf zu, und verwundete deshalb auch oft so scharf, daß die getroffenen Narren laut aufschrieen; aber war es denn seine Schuld, daß diese Narren am Endziele des Lächerlichen standen, wohin er sein Geschoß richtete? Gegen sein Lied wußten die guten Orthodoxen nichts einzuwenden, als daß es nur Wein und Liebe athme, und deshalb unchristlich und sündhaft sei. Lessing, der bessere Begriffe von Christenthum und Kunst hatte, brauchte vor solch einem Maßstabe nicht zu zittern. Wie er sich mit seiner Fabel den besten Fabulisten unserer Nation zur Seite stellt, so hat er mit seiner Abhandlung über die Fabel, wie Herder sagt, »gewiß die philosophischste Theorie geliefert, die seit Aristotele's Zeiten über eine Dichtungsart gemacht ist.« Daß Lessing durch den Tod verhindert wurde, seine unschätzbar wichtige Ausbeute aus dem Gebiete deutscher Sprachforschung
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Bekenntnisse in W. Körte’s Albrecht Thaer; v. Dr. G. G. Guhrauer Berlin, 1841,« erhoben werden, halten was man will, immer wird man zugestehen müssen, daß der Hauptwerth jenes Werkes, die unnachahmliche Fassung des Gedankens und die meisterhafte, dialogische Form unzweifelhaft als alleiniges Eigenthum Lessing's zu betrachten sei. –
*) Grundtvig’s Uebersicht der Welt-Chronik. Aus d. Dän. v. Dr. Volkmann, mit Anmerk. v. Dr. Rudelbach. Nürnberg, 1837, pag. 352.
**) Den von Haug in einem Aufsatze »Kordus und Lessing.« (Neuer deutscher Merkur, 1793, III. p. 275), ausgesprochene Vorwurf, daß Lessing als Epigrammatiker ein Plagiarius sei, hat Mohnike (Lessingiana v. Dr. Gottl. Mohnike. Lpz., 1843, p. 48 bis 73) in seiner ganzen Nichtigkeit schlagend und gründlich zurückgewiesen.



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wohlverarbeitet an's Licht zu fördern, ist für die Wissenschaft ein nie zu verschmerzendes Mißgeschick. Was er davon als Bruchstücke hinterlassen, und was Eschenburg und Georg Gustav Fülleborn davon zusammengestellt haben, berechtigt zu um so höheren Erwartungen, als Lessing den Kritiker und Dichter in einer Person vereinigte, wie ihm auch Wissen und Geschmack in gleich erstaunenswerthem Grade zueigen war. Was würde wohl aus einem Adelung'schen Wörterbuche unter der Hand eines Lessing geworden sein, der diese philosophische Distinctionsschärfe mit der Eleganz classischer Darstellung verband!

Ja, wollte man wirklich minder gerecht, in Hinblick auf den heutigen Zustand unserer Literatur, auf alle diese Leistungen nicht den hohen Werth legen, den sie verdienen, so würde Lessing dennoch immer in manchen Punkten als unübertroffen dastehen. Dieses will um so mehr sagen, als bereits ein halbes Jahrhundert mit allen seinen wechselnden Erscheinungen über Lessing's Grab dahingestreift ist. Unerreicht steht er da in Ansehung seiner Form, die allen seinen Kunstwerken eigenthümlich ist. »Lessing's Stücke,« sagt Herder, *) »vom Epigramm und Liede bis zu seiner Minna und Emilia, Philotas und Nathan, jede Fabel und Parabel, ja, ich möchte sagen, jedes Urtheil und Fragment dieses scharfsinnigen Weisen hat Form und ist Form, auch wo er vielleicht irret, auch wo er nur lernte.« – Eben so unerreicht ist der künstliche Bau seines unnachahmlich klaren Stiles. Niemand hat wohl diesen Punkt genialer zu würdigen gewußt, als Herder. »Lessing's Schreibart, sagt er, **) »ist der stil eines Poeten, d. i. eines Schriftstellers, nicht der gemacht hat,
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*) J. G. v. Herder's Abhandlungen und Briefe über schöne Lit. und Kunst Stuttg., 1829, II. p. 155.
**) Herder's krit. Wälder, I. Stuttg., 1829, p. 29.



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sondern der da machet, nicht der gedacht haben will, sondern uns vordenket; wir sehen sein Werk werdend, wie das Schild Achilles bei Homer. Er scheint uns die Veranlassung jeder Reflexion gleichsam vor Augen zu führen, stückweise zu zerlegen, zusammen zu setzen; nun springt die Triebfeder, das Rad läuft, ein Gedanke, ein Schluß giebt den andern, der Folgesatz kommt näher, da ist das Product der Betrachtung. Jeder Abschnitt ein Ausgedachtes, das τεταγμενον eines vollendeten Gedanken; sein Buch ein fortlaufendes Poem, mit Einsprüngen und Episoden; aber immer unstät, immer in Arbeit, im Fortschritt, im Werden.» – Dieses bezeichnende Urtheil wird man um so mehr bestätigt finden, wenn man Lessing's Stil mit dem der besten deutschen Prosaisten zusammenstellt. Sturz ist anspruchloser und einfacher; aber auch deshalb weniger fesselnd, weniger überwältigend; klar, doch kalt an uns vorübergleitend. Wieland's Stil ist glatt wie ein Aal, einschmeichelnder; aber er verlängert seinen Weg durch die vielen, wenn auch noch so ergötzlichen Wendungen. Er schlüpft uns in seinem klaren Elemente zwischen den Händen hindurch, und da er nur schlüpfen, nicht aber aus festen Fuße einhertreten kann, so hinterläßt er in seinem elastischen, schnell verschwimmenden Elemente keine dauernde Spuren seiner Bahn. Goethe's Stil ist ein krystallenklarer Wasserspiegel, in welchem sich Himmel und Erde, mit allen Schönheiten der Natur und plastischen Kunst abspiegeln; leider aber geht die Illusion an manchen Stellen verloren, an denen sich statt der klaren Spiegelung, durch zu breite Verflachung, die Untiefen des Grundes zeigen. In späterer Zeit, als Goethe Canzleistil und Grazie mit Modernität verschmolz, wurde er der Begründer des stilistischen Rococos; doch muß man bemerken, daß während er in dieser Manier noch immer anmuthig und originell war, seine Nachäffer in ihrer gespreizten Nonchalançe gänzlich


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lächerlich wurden. Ganz anders Lessing's Stil, der klar und tief, kurz und überraschend, seinen höchsten Werth dem kunstvollen Baue des einfachsten Ideenganges verdankt. Daher sagt Herder mit Recht: »so lange Deutsch geschrieben ist, hat niemand, wie Lessing, Deutsch geschrieben,« und man dürfte vielleicht die Gültigkeit dieses Satzes bis auf den heutigen Tag ausdehnen. Lessing wurde, wie Gervinus sehr richtig bemerkt, *) der Begründer einer Prosa, und hauptsächlich dadurch, daß er auch seine Schauspiele in Prosa schrieb; aber es ist rührend, zu sehen, auf welchem mühevollen Pfade sich dieser erhabene Geist zu diesem Ziele emporrang. »Er gab sich,« sagt von ihm sein Bruder, **) bei jeder Gelegenheit die äußerste Mühe, alles was er schrieb und redete, so stark und eindringlich als möglich einzukleiden, sich keine Nachlässigkeit zu erlauben und keinen schielenden oder unbestimmten Ausdruck stehen zu lassen. Ja, je älter er wurde, desto strenger und sorgfältiger wurde seine Schreibart. In Wolfenbüttel hat er von allen Briefen, die er schrieb, Concepte gemacht; sogar finden sich dergleichen Briefe an seine Geschwister. Je mehr sein schriftstellerischer Ruhm wuchs, desto saurer machte er sich jede Zeile. Er hatte nicht den lächerlichen Stolz, lauter bewunderungswürdige Sachen herauszugeben, sondern immer etwas Besseres als sein letztes war.« – Welch einen Spiegel der Wahrheit hält Lessing, der offenherzig eingestand, daß das Schöne und Edle überall Mühe und Kampf koste, allen denen vor die Seele, die so tief von seiner Höhe abstehen, gerade weil sie nicht in der Kunstfertigkeit, sondern in der Schnellfertigkeit geistigen Producirens ihren Ruhm suchen, und in geistloser Nachäffung der Manieren
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*) Gervinus IV. p. 347.
**) Lessing's Leben etc. v. K. G. Lessing, II. p. 13.



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(denn der Geist läst sich nicht nachäffen) eines J. P. F. Richter, Hegel und Goethe, welche in neuester Zeit am entschiedensten auf den Stil eingewirkt haben, alles für abgethan erachten. Lessing, der weniger Manier hatte, hat daher auch weniger Nachäffer gefunden. Am schwersten möchte dies auch gewesen sein in Betreff seines meisterhaften Dialoges. Hier bauet sich alles bis zu der im epigrammatischen Brennpunkt concentrirten Pointe fort. »Aeltere französische und englische Kritiker vorzüglich,« sagt Friedrich Schlegel *) »haben ihren Scharfsinn an verkehrte Spitzfindigkeiten häufig verschwendet, und ich weiß nicht, ob sich in Lessing nicht noch hie und da Erinnerungen an jene Manier finden sollten.« In gewissem Sinne allerdings; aber gerade durch diese Eigenthümlichkeit wird ein großes Verdienst Lessing's bedingt. Er war, (wie schon bemerkt,) durchweg kritischer Natur, und in allen seinen Bestrebungen waltete polemische Tendenz vor. Die überraschende Gewandtheit in seinen Bewegungen, diese Kunst zu zerschneiden und in nichts zu zerlegen, machte ihn allen seinen Gegnern furchtbar. Sein Ideengang war immer eine Schlacht. Mit einem leichten Vortreffen weiß er seinen Gegner von allen Seiten zu beschäftigen. Langsam, aber in furchtbare Spannung setzend, rückt er mit seinem wohlgeordneten Heere heran. Noch ehe der Feind gehörig zur Besinnung kommt, ist sein Mittelpunkt durchbrochen, sind seine Flanken überflügelt und alle seine Streitkräfte der Vernichtung preisgegeben. Oft macht sich Lessing den Spaß, durch scheinbare Zugeständnisse den Gegner entschlüpfen zu lassen. Kaum aber, daß der Unglückliche neuen Halt und neuen Athem gewonnen hat, und nun von seinem Standpunkte Lessing's Streitmacht bestreichen zu können hofft, als der
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*) Frdr. Schlegel: die Griechen und Römer, I. p. 192.



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Unseliggetäuschte mit Mann und Maus in die Luft fliegt. Diese Kunst der Taktik machte alle Streitigkeiten Lessing's zu interessanten Meisterzügen des Genies. Seine Fehden mit dem Hauptpastor Goeze, dessen orthodoxen Nimbus er durch Aufstellung des »Anti-Goeze« tief in Schatten stellte; mit dem hämischen und arroganten Geheimerath Klotz, den er mit den inhaltschweren »antiquarischen Briefen« zu Boden schmetterte; mit dem eitlen und witzigen Kammerherrn von Voltaire, den er mit sehr spitzigen Epigrammen stachelte und in gepfefferten dramaturgischen Bemerkungen nun auch einmal dem Gelächter preisgab; mit dem Pastor Lange, diesem empfindsamen, ignoranten Uebersetzer des Horaz, welchem er ein »Vademecum für Herrn Pastor Lange in Taschenformat, Berlin 1754,« zu bitterer Erinnerung in die Tasche steckte; mit jenen beiden Aristarchen auf dem Parnasse, jenem verknöcherten Splitterrichter Bodmer, der sich durch die Bosheit seiner auf Lessing's »äsopische Fabeln« parodirten unäsopischen Fabeln« versündigt hatte, und mit dem Großprahler Gottsched, welche Herren er beiläufig in seiner »Dramaturgie« und in den »Briefen über die neueste Litteratur« tüchtig in die Schule nahm, Letzterem auch noch in der Vossischen Zeitung als Recensent der Gottschedschen »Aesthetik in einer Nuß« eine bittere und harte Nuß zu knacken gab; und so auch mit einem Lieberkühn, Riedel, Schumann, Dusch und Anderen; seine Angriffe gegen die Auctorität eines Corneille, Racine und Anderer, werden, abgesehen von allem stoffartigen Interesse, bleibenden Werth in formeller Hinsicht behalten. Wenn man nun noch bedenkt, daß ein Lessing, dieser schonungslos Freimüthige, alle Schwachköpfe unter seinen Zeitgenossen gleichsam als ein gegen ihn verbündetes Heer geschworener Feinde betrachten mußte, so stellt auch sein Muth, mit dem er Allen die Stirn zu bieten wagte, seinen



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Menschenwerth außerordentlich hoch. »In Ihrer Stelle möchte ich auch nicht sein,« schreibt ihm im J. 1778 sein Freund Schmid. »Möchten nur nicht gewisse Herren, wie sie immer thun, wenn sie in Noth sind, sich zusammenklemmen, sie in die Mitte nehmen, und wie einen Eierkuchen zusammendrücken! Dies besorge ich; sie müssen es nicht besorgen, sonst säßen sie längst mit mir in einem Mauseloche, und verzehrten ihre Käserinde in aller Stille.« Lessing besorgte das nicht, und zeigt sich als Polemiker auch noch von einer andern Seite im schönsten Lichte. Obgleich er, wenn er sich überhaupt in den Kampf einließ, auch zu siegen verstand, und daher nie das Schlachtfeld zu räumen genöthigt war, so wußte er dabei doch stets die Person von der Sache zu trennen; trat achtungswerthen Gegnern, wie einem Winckelmann, Herder und Anderen mit Achtung im Kampfe entgegen, und hielt es selbst als Sieger nicht unter seiner Würde, Zugeständnisse seiner eigenen Schwäche offen an den Tag zu legen. Ein Zeugnis seiner ehrenhaften Gesinnung in dieser Beziehung legt über ihn Boie in einem Briefe an Merck ab, wo es von Lessing (der in der Streitschrift: »wie die Alten den Tod gebildet,« behauptet hatte, »daß die alten Artisten den Tod nie als ein Skelet vorgestellt hätten,«) heißt: »Lippert und er haben sich gesprochen und sind als Freunde von einander geschieden. Er trägt seit der Zeit die Paste vom Todtengeripp' und Schmetterling, die ihm Lippert geschenkt, am Finger.« – *)

Es ist unläugbar, daß Lessing, der in allen von ihm eingeschlagenen Bahnen Nachfolger, und zum großen Theil Erweiterer und Vervollständiger seiner Unternehmungen fand, noch immer in der Kritik unübertroffen dasteht. Die Vereinigung so großer und mannigfacher Gaben ist allerdings
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*) Joh. Heinr. Merck's Briefe, herausg. von Carl Wagner, 1835, p. 63.



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ein sparsam vertheiltes Geschenk der Natur. Und fände sich auch, wie bei ihm, eine gleiche Unterlage der profunden Gelehrsamkeit, gepaart mit einer gleichen Klarheit des Gedankens und Ausdrucks, gepaart mit einem gleichen Scharfsinn und Geschmack, mit einem gleichen Sinn für das Gerechte und Große: wo und wie oft findet sich bei solchen Gaben noch ein Blick, der ohne Scheu das vollste Licht zu ertragen, und den von der Starrgläubigkeit seiner Zeitgenossen als die Endlinie des Forschens abgesteckten Horizont in's Unbegränzte zu erweitern vermag! So lange sich noch der bornirte Egoismus für berechtigt halten darf, den Glauben für den Maßstab des moralischen Werthes gelten zu lassen, so lange auch noch immer der engherzige Grundsatz, daß alles Forschen im Glauben endigen müsse, aller Forschung Thür und Thor  verschließt, weil weder der aufrichtige Forscher die sicherere Basis des Wissens für die des Glaubens preisgeben, noch auch aus Furcht auf halbem Wege stehen bleiben darf: so lange wird auch weder von wahrer Gewissensfreiheit, noch von ergiebiger Ausbeute des Forschens, noch von würdiger Nachfolge Lessings die Rede sein können. *)

Lessing's Leben bietet auch das seltene und erhabene Bild eines Forschers, der in seinen Bestrebungen stets zum Höheren hinaufstieg, bis er mit dem Höchsten, mit »Nathan dem Weisen« und der »Erziehung des Menschengeschlechts schloß. Selten ist wohl das Abendroth eines heißen Tagewerkes so sehr zum Glorienscheine der Verklärung geworden, als bei Lessing, dem Vollendeten! –
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*) So anerkennend sich auch Gelzer im allgemeinen über Lessing, besonders über sein Verdienst um Kritik ausläßt, so weit ist er doch davon entfernt, diesen universellen Geist in seiner wahren Größe zu begreifen, weil er ihn einseitig nach dem christlichen Maßstabe abschätzt. »Die deutsche, poet. Lit. seit Klopstock und Lessing. Nach ihren ethischen u. religiösen Gesichtspunkten, v. Heinr. Gelzer. Lpz., 1841.



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8. Leisewitz.

Fünf Jahre nach Lessings Berufung zog Leisewig nach Braunschweig. Joh. Anton Leisewitz, *) der Sohn eines Weinhändlers zu Celle, wurde am 9. Mai 1752 zu Hannover geboren. Mit dem Michaelis-Semester 1770 bezog
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*) J. A. Leisewitz Leben, in dessen sämmtl. Schrn. Brschw., 1838, p. IX bis XXXIX. (Was gründliche Benutzung der vorh. schriftl. Quellen und deren zweckm. Zusammenst. betrifft, so hat Hr. Dr. Schweigger, dem diese treffl. Ausgb. nebst beigefügter Lebensskizze zu danken ist, jedem späteren Biographen unsers Leisewitz wenig zu thun übrig gelassen.)
Allgem. Lit. Ztg., 1806 Intellig-Bl., N. 150, p. 1198 bis 1200.–
(Benutzt in: Jörden’s Lexikon deutsch. Dichter und Pros., III. p. 231 bis 234 und in Leisewitz' ges. Schrn. Wien, 1816, p. I bis XVI.)
Augsb. allgem. Ztg., 1806, N. 291, p. 1164 (von Böttiger.)
Hierzu Nachträge in: Wieland's neuem teutsch. Merkur, 1806, III. p. 294 bis 298. (Diese Nachträge stehen auch in: Böttiger's handschr. Nachl. Lpz., 1838, II. p. 89 bis 90.)
Nekrolog nebst einigen Briefen von Leisewitz in: Wieland's Merkur, 1806, III. p. 281 bis 294.
J. H: Voß' Briefe. Halberst, 1829, I.
Klingemann's Kunst und Natur. Brschw., 1819 bis 28, 3 Bde. –
Der Biograph. Halle, 1807, VI. p. 522. –
Rotermund's Forts. v. Jöcher’s gelehrt. Lexik., III. p. 1548 b. 49.–
F. Bouterwek's Gesch. der Poesie und Beredsk., XI. Götting, 1819, p. 408 bis 410.
Convers-Lexik. Lpz., 1815, V. p. 657 bis 658. –
Samml. histor. berühmter Autographen oder Facsimiles v. Handschriften ausgezeichn. Personen alter u. neuer Zeit. Stuttg., 1845, 1. Heft. –



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er als Studiosus der Rechte die göttinger Akademie, deren Zögling er bis Ostern 1774 blieb, worauf er noch ein halbes Jahr zu Göttingen privatisirte. Hier schloß er auch ein inniges Freundschaftsband mit Thaer und mit Hölty, welcher Letztere ihn mit mehren Mitgliedern des damals gegründeten Hainbundes bekannt machte, und auch seine Aufnahme in den Verein an Klopstocks Geburtsfeste, d. 2. Juli 1774 veranlaßte. Hiedurch kam Leisewitz nun in literarisch bedeutsame Verbindung mit einem Klopstock, Bürger, Boie, Wehrs, E. F. Cramer, den beiden Miller, den Brüdern Stolberg, Brückner, Hahn, Joh. Heinrich Voß und Anderen. Bei der kurzen Dauer seiner Bundesmitgliedschaft, konnte seine Thätigkeit darin nur eine sehr beschränkte sein. Außer den beiden kleinen Dialogen die »Pfandung« und »der Besuch um Mitternacht,« *) ist nichts von seinen schriftstellerischen Productionen aus dieser Epoche aufbewahrt worden; doch beschäftigten ihn schon damals die Vorarbeiten zu einer Geschichte des dreißigjährigen Krieges, und der Plan zu seinem »Julius von Tarent.« Nachdem er noch das Glück der persönlichen Bekanntschaft Klopstock's, der besuchsweise bei den göttinger Freunden vorsprach, genossen hatte, verließ er zu Anfang Octobers Göttingen, und gewiß mit schwerem Herzen, weil er sich ganz in der Stille davon machte, um sich und den Freunden den Schmerz des Abschieds zu ersparen. seinen äußerst zarten und reizbaren Nerven schienen überhaupt dergleichen gemüthserschütternde Scenen unerträglich, weshalb er sich denn später wieder auf eine gleiche Weise von der ihm innigst befreundeten Familie des Predigers
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*) Zuerst anonym bekannt gemacht im götting. Musenalmanache auf d. J. 1775, p. 65 bis 68 und p. 226 bis 229; dann unter des Verf. Namen in: Eschenburg’s Beispielsamml., VI. Berlin, 1791, p. 172 bis 176; zuletzt einverleibt den sämmtl. Schrn, von J. A. Leisewitz. Brschw., 1838, p. 3 bis 8. –


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Wichmann zu Celle entfernte. Noch im Oct. desselben Jahres 1774 machte er sein Advokaten-Examen vor dem Oberappellationsgerichte zu Celle, und habilitirte sich hierauf als Sachverwalter zu Hannover. Um diese Zeit hatte er auch die schwere Pflicht treuer Freundschaft zu üben an dem unrettbar dahinwelkenden Hölty, der zur Consultation des Ritters Zimmermann nach Hannover kam. Die Anhänglichkeit an seinen Studiengenossen Albrecht Thaer, der sich als praktischer Arzt in Celle niedergelassen hatte, und an den Freund Wichmann zog ihn jedoch wiederholt zu längeren Besuchen nach dieser Stadt, bis er sich entschloß, Braunschweig zu seinem Domicil zu wählen, woselbst er gegen Ende Novembers 1775 eintraf. Hier war seine einzige Schwester Mariane Louise an den, in großem Glanze lebenden Kaufmann Winkelmann verheirathet, dessen gastliches Haus Einheimische und Fremde für einen Sammelplatz der gebildeten Welt ansehen durften. Vor allen Dingen mochten ihn aber auch Braunschweigs weitberühmte literarische Zustände anlocken, zumal er die Aussicht hatte, hier mit den ausgezeichnetsten Notabilitäten des Schriftstellerthums in Berührung zu kommen. Bei seiner einnehmenden Persönlichkeit glückte ihm dies auch im vollstem Maße, und wie er überall willkommen hieß, so schloß er sich doch zu näherem Verhältnisse vorzugsweise einem Ebert, Eschenburg, Heusinger, Wagner, Hörstel und Jerusalem an. Obgleich Leisewitz anfänglich in Braunschweig ohne Staatsanstellung, nur als Sachwalter auftrat, und überhaupt zu keiner Zeit in Beziehung zu dem Carolinum stand, so war er doch wegen seiner literarischen Verbindungen, namentlich auch als einer der ersten Jünger der neueren Schule, wie für die Literatur überhaupt, so besonders für Braunschweig ein Mann von Bedeutung. In diesen Musensitz führte er sich selbst auf das vortheilhafteste



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ein durch seinen »Julius von Tarent,« dessen Vollendung der von Sophie Charlotte Ackermann und Frdr. Ludw. Schröder zu Hamburg im Febr. 1775 ausgeschriebenen Preisaufgabe für das beste Trauerspiel zu danken war. Daß gerade Schröder unsern Dichter durch den ihm nicht zuerkannten Preis in seiner dramatischen Laufbahn hemmte, ist keine sehr befremdende Erscheinung, und kann auch für Leisewitz nicht zu besonderm Nachtheil ausgelegt werden. Schröder war ein guter Mensch und Schauspieler; aber ein mittelmäßiger Dichter, und dabei war er Regisseur. Regisseure aber fühlen sich ja in der Regel genöthigt, dichterische Erzeugnisse zunächst nach ihrem Cassenwerthe abzuwägen, Obgleich dem guten Leisewitz also jenes Trauerspiel von Klinger »die Zwillinge« die ausgesetzten 20 Louisd'or streitig machte, so genoß er doch die Genugthuung, daß die öffentliche Stimme zu seinen Gunsten entschieden von der, jener Preisrichter abwich. Zum Glück hatte es nämlich ein Freund riskirt, wider Willen und Wissen des schüchternen Verfassers, dieses Meisterstück 1776 zu Leipzig, doch anonym dem öffentlichen Urtheile preiszugeben. Daß ihn dieses Werk durch Eschenburg’s Vermittlung Lessingen bekannt machte, der die hohe Achtung bis zu herzlicher Freundschaft steigerte, war für ihn nicht der kleinste Lohn. Durch Lessing an dessen Bruder Carl empfohlen, hatte Leisewitz auch das Glück, in Berlin, wohin er in Gesellschaft Thaer's 1776 reiste, und dort fast ein viertel Jahr lang verweilte, nicht allein die Bekanntschaft des Ministers von Zedlitz, eines Spalding's Mendelsohn's, Nicolai’s u. s. w. zu machen, sondern auch sein Drama auf die Bühne gebracht zu sehen, über welche es in kurzer Zeit vier Mal bei vollem Hause ging. –

Daß Leisewitz ein eminentes dramatisches Talent war, hat er durch dieses Erstlingserzeugnis vollgiltiger beurkundet,


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als tausend Andere durch bändereiche Hinterlassenschaft. Man hat mehrfach geglaubt, ihm seinen Dichterberuf mit der schalen Bemerkung absprechen zu dürfen, daß sich der wahre Genius durch alle Hindernisse hindurch Bahn breche. Allein gerade diese Beweglichkeit und Reizbarkeit des Gemüths, diese Bescheidenheit bei einem so leicht zu verletzenden Ehrgefühle, diese Consequenz in der Durchführung seines gerechten Unwillens bei einer gleich großen und zarten Discretion tragen unverkennbar das Gepräge eines Dichtercharakters, wenn sie auch nicht auf entschiedene Selbstbestimmung schließen lassen. Franz Horn *) will freilich diese Empfindlichkeit unsers Leisewitz über jene Unbill in Abrede stellen; allein Horn, der nie ein großes kritisches Licht gewesen ist, hat weder durch Thatsachen, noch durch Gründe innerer Wahrscheinlichkeit seine Behauptung zu unterstützen vermocht.

Lessing, gewiß der befähigtste Kunstrichter, schrieb den »Julius von Tarent« im ersten Augenblicke Goethen zu, und freute sich nach entdecktem Irrthume, daß es außer Goethe noch Ein Genie gebe, das so etwas zu Stande bringen könne. **) Friedrich Schiller wußte den »Julius von Tarent« in seiner Jugend fast auswendig. Wenige Dramen, zumal Erstlinge, haben gleich bei ihrem Erscheinen ein solches Aufsehen erregt, welches selbst über Deutschlands Gränzen hinausging; weshalb dieses Meisterwerk auch alsbald ins Französische übertragen wurde. Wenige Dramen haben sich aber auch so dauernd in der Gunst des Volkes erhalten; denn auf den Repertoiren besserer Bühnen weiß sich der »Julius von Tarent« zur Ehre des bessern Geschmackes noch jetzt zu behaupten. Die Charaktere dieses Stückes, welches fern von Schwulst

*) »Mai und September.« v. F. Horn, II. Iserlohn, 1833, p. 74.
**) Lessing's Leben von K. G. Lessing, I. p. 423.


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und Theatereffect ist, werden weniger durch Glut dramatischer Leidenschaft, als durch Wärme und Kraft des Gemüths in Bewegung gesetzt. Die Handlung tritt weniger in den äußere Erscheinung, weil sie mehr auf den schwierigeren und edlern Motiven des Gemüths- und Seelenlebens beruht. Der Dialog hat bei tiefem Gehalte kunstvolle Leichtigkeit; aber durch zu viele Kunst wird hie und da die Natur der Charaktere verdeckt, welche alle unter der durchgängig vorherrschenden Reflexion an Schärfe des Gepräges und an Freiheit der Bewegung verloren haben. Unverkennbar ist der Einfluß, den Lessing auf Leisewitz ausgeübt hat, besonders durch »Emilia Galotti.«

In demselben Jahre, in welchem der »Julius von Tarent« erschien, gab Leisewitz auch noch seine »Rede eines Gelehrten an eine Gesellschaft Gelehrter« *) heraus, ein Meisterwerk der Satire und Persiflage, für welche Leisewitz ein großes Talent besaß. Schon diese Probe läßt bedauern, daß er nicht Mehres in diesem Genre schuf, um sich darin aus der Lichtenbergschen Manier zur Originalität emporzuschwingen. – Auch einer Uebersetzung von »Glas Geschichte der Entdeckung und Eroberung der Kanarischen Inseln« **) ist hier zu gedenken, welche er im folgenden Jahre auf Schlözer’s Antrieb bearbeitet hatte; doch welche er in seiner bescheidenen Weise herausgab, ohne sich zu nennen. –
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*) Zuerst abgedruckt im: deutschen Museum, Dec. 1776, p. 1053 bis 1061; dann in (Heinzmann’s) liter. Chronik. Bern, 1788, III. p. 112 bis 124; endlich in Fülleborn's Rhetorik. Bresl., 1802, p. 91 bis 100; zuletzt in Leisewitz' sämmtl. Schrn. Brschw., 1838, p. 99 bis 112. Ein Bruchstück daraus steht in: Pölitz Gesammtgebiet der teutschen Sprache. Lpz., 1825, IV. p. 331 bis 334. –
**) Gesch. der Entdeckung und Eroberung der Kanar. Inseln. Aus einer in der Insel Palma gefundenen spanischen Handschr. übers. Nebst einer Beschreib. der Kanar. Ins., v. George Glas. Aus d. Engl. Lpz., 1777. –



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Mit dem J. 1778 wurde Leisewitz das Amt eines Secretairs der Landschaft übertragen, welches ihm Muße genug zu seiner stillen literarischen Thätigkeit übrig ließ, besonders zu den Vorarbeiten für die Geschichte des dreißigjährigen Krieges, woran er rastlos fortsammelte. Eine Vergnügungsreise, welche ihn im Herbste des Jahres 1780 in das heitere Thüringen führte, bot ihm als höchsten Reiz die persönliche Bekanntschaft eines Wieland, Herder, Goethe, Böttiger, Matthisson, Gotter; das Wiedersehn seines Bode; und gewährte ihm auch die ehrenvollste Aufnahme an den Höfen zu Gotha und Meinigen. Im J. darauf führte er eine Cousine, die wegen ihrer Schönheit großes Aufsehn erregende Sophie Seyler, die Tochter eines hamburger Kaufmanns, deren Bekanntschaft er schon früher bei seinem Onkel, dem Hofapotheker Andreä in Hannover gemacht hatte, als Gattin heim, und verlebte mit ihr in stiller Zurückgezogenheit eine stets heitere, nur leider kinderlose Ehe. –

Im J. 1781 hatte er seinen Lessing zu betrauern, dessen Tod er dem Freunde Lichtenberg mit den Worten anzeigte: »die Nachricht von Lessing’s Tode ist nur zu wahr. Der Mann, dem für seine mannigfaltigen Talente, auch ein rein ausgelebtes Menschenalter noch immer zu kurz gewesen wäre, starb am 15. Febr. im 53. Jahre. Doch ich muß Betrachtungen der Art abbrechen, wenn ich fortschreiben will, und sie verlangen ja auch nur eine authentische Nachricht von seinem Tode.« – Glücklicher Weise veröffentlichte Lichtenberg diesen ganzen, höchst interessanten Brief in seinem Magazine. *) Ebenso machte es auch von Selchow, der,
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*) Götting. Magazin der Wissensch. u. d. Literat., herausg. v. G. Chr. Lichtenberg und Georg Forster. Jahrg. II. 1781, 1. St., p. 146 bis 150. – Aufgenommen in Leisewitz Schrn., 1838. p. 113 bis 119. –




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ohne lange um Erlaubnis zu fragen, seines Freundes treffliche Abhandlung über den Ursprung des Wechsels im J. 1782 in seine juristische Bibliothek einrücken ließ. *)

Ob übrigens die literarische Thätigkeit unsers Leisewitz ihrem ganzen Umfange nach, besonders was Uebersetzungen betrifft, bekannt geworden sei, läßt sich bei der großen Bescheidenheit dieses Mannes, der literarisch nie genannt zu sein wünschte, noch in Frage stellen. Zu diesem Zweifel veranlaßt er wenigstens durch einen, zuerst 1845 edirten Brief, **), worin er sich unter dem 21. Juli 1788 gegen seinen Verleger also ausspricht: »Uebrigens danke ich Ihnen auf das verpflichtetste für die sehr verbindliche Art, mit der sie meinen Antrag einer Uebersetzung des Guardians ***) annehmen. Ich habe bereits den Anfang mit dieser Arbeit gemacht, und sie können spätestens zu Anfang des Dec. den Anfang des Msptes auf die Weise erhalten, daß mit dem Drucke ununterbrochen fortgefahren werden kann. Jeder Theil des Guardians beträgt in dem ziemlich kleinen und enggedruckten Originale etwa 28 Bogen, wovon aber wenigstens 1/3 abgehen wird. Uebrigens bleibt es wegen des Honorarii u. s. w. bei der ehemals unter uns getroffenen Abrede, wobei ich jedoch auf Veranlassung einer Stelle Ihres gütigen Briefes eines Punktes ausdrücklich gedenken muß. Wir sind ehemals darüber überein gekommen, daß mein Name der Uebersetzung nicht vorgesetzt werden sollte und ich muß auch dieses mal dieselbe Bedingung wiederholen. Unter manchen Gründen, werde ich hiezu hauptsächlich dadurch bestimmt, daß wie sie wissen, das Publikum
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*) v. Selchow‘s jurist. Biblioth. Götting, 1782, V. p. 730 bis 741. Aufgen. in Leisew. Schrn., p. 121 bis 132.
**) Dieser Brief steht als Facsimile abgedruckt in der »Samml. Histor. berühmter Autographen« oder Facsimiles von Handschriften ausgezeichneter Personen alter und neuer Zeit. Stuttg., 1845, 1. Heft. –
***) Die Zeitschrift: »The Guardian. London, 1745,« 2 Bde. -



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meine Geschichte *) erwartet, und ich mich außer Stand sehe, öffentlich die Ursachen anzugeben, die mich an der Vollendung jener Arbeit hindern. Ich werde unterdessen den größten Fleis anwenden, dem Buche allen den Werth zu geben, den es durch einen berühmten Namen erhalten könnte, und durch den meinigen schwerlich erhalten würde.« –

Endlich kam nun auch die Zeit, in welcher der Staat Leisewitz ausgezeichnete Fähigkeiten in angemessenerer Weise nutzte und ehrte. Er ward 1790 unter dem Charakter eines Hofraths zum Informator des Erbprinzen ernannt, und zwar für das Fach der Geschichte und Landesverfassung; und wurde, bei der hohen Gewogenheit, denen er sich von Seiten des regierenden Herzogs Carl Wilh. Ferdin. zu erfreuen hatte, auch mit dem Unterrichte im deutschen Staatsrechte bei den in Braunschweig studirenden beiden Prinzen von Oranien, wovon der ältere der nachherige König der Niederlande war, beauftragt. Auch die Schwester dieser Prinzen, die nachherige Erbprinzessin von Braunschweig hatte er in der neueren Geschichte zu unterweisen. Der Herzog belohnte die ausgezeichneten Dienstleistungen des würdigen Mannes durch seine Beförderung zum Secretair der geheimen Canzlei; und 1801 zum Geheimen-Justizrathe und Referenten mit Sitz und berathender Stimme im Geheimeraths-Collegium. Leisewitz Diensteifer ist allgemein bekannt, und er ließ sich bis zu seinen letzten Lebensjahren, in denen er fortwährend kränkelte, weil es ihm anders unmöglich war, hinzukommen, doch auf einem Tragsessel in die Sessionen führen. Seiner anderwe tigen Amtsverdienste hier ganz zu geschweigen, sei wenigstens darauf hingewiesen, daß er, der stilistische Meister, sich als Mitglied des Geheimeraths-Collegiums um geschmackvollere
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*) Gesch des dreißigjähr. Krieges.



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Abfassung der öffentlichen Verordnungen, mit zweckmäßiger Beseitigung des Canzleistil-Unsinnes, ein wesentliches Verdienst erwarb. Das wesentlichste aber durch die gänzliche Reorganisation der braunschweigischen Armenanstalten, welche 1805 in's Leben trat, und worüber er zwei, von Umsicht zeugende Berichte veröffentlichte. *) Den besten Beweis seiner mildthätigen Gesinnung gab dieser Menschenfreund, der sich selber im ärmlichsten Stadttheile, mitten unter den Nothleidenden häuslich niedergelassen hatte, und an dessen Thür niemals ein Hilfsbedürftiger vergebens anklopfte, dadurch, daß er die ihm vom Herzoge verliehene Kanonicats-Präbende am Blasius-Stifte zu 4000 Thaler verkaufte, um damit die Schulden zu bezahlen, die seine übergroße Mildthätigkeit veranlaßt hatte.

Im J. 1805 wurde er neben seinen anderen Functionen auch noch zum Präsidenten des Obersanitäts-Collegiums ernannt, eine Ehre, die er nicht lange genoß, indem sein hinfälliger Körper eine hitzige Brustwassersucht nicht zu besiegen vermochte, welche diesem theuren Leben am 10. Septbr. 1806 Morgens 6 Uhr ein Ende machte. Die Nachricht seines Dahinscheidens verbreitete die allgemeinste Trauer unter seinen Mitbürgern; und obgleich der anspruchlose Mann für den Fall seines Todes die Bestimmung hinterlassen hatte, (wie es
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*) Ueber die bei Einrichtung öffentl. Armenanstalten zu befolgenden Grundsätze überh. und die Einricht. der Armenanstalt in Brschw. insbes. Brschw., 1802. –
Bericht des Geh. Justizraths Leisewitz, des Kaufmanns Stähler und des Kaufm. Spehr an die Unterstützungs-Deputation des Armencollegii in Brschw. von ihren Bemühungen, den Betrag des jetzigen unentbehrlichen Bedürfnisses einzelner Menschen und Familien in Brschw. auszumitteln, und darnach die den Armen zu verwilligende Unterstützung zu bestimmen. (Im ersten St. der das Armenwesen der Stadt Brsch. betreffenden Nachr. Dec. 1803. –
Beide Abhandlungen im Auszuge mitgetheilt in Leisewitz sämmtl. Schrn., 1838, p. 133 bis 216.)



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auch Mauvillon und Campe gehalten haben wollten,) daß er ohne allen Prunk, wie der ärmste Tagelöhner, in einem platten weißen Sarge bestattet werde, so zeigte doch sein glänzender Leichenzug, zu dem Alle vom Palaste bis zur Hütte herab unaufgefordert aus frommstem Herzensantriebe herzugeströmt waren, und so zeigten auch die Thränen, unter denen er bei feierlichem Gesange und dem Dankesnachrufe *) eines Freundes in die Gruft gesenkt wurde, daß er in seiner Selbstschätzung weit unter seinem Verdienste zurückgeblieben war. Leisewitz ruhet auf dem Martinikirchhofe, an der seite seines treuen Freundes, des als physiologischen Schriftstellers rühmlich bekannten Aug. Winkelmann; und ein kleiner flacher Stein, der als einzigen und schönsten Schmuck nur Leisewitz Namen enthält, bezeichnet diese denkwürdige Stelle. – Beim jährlichen Stiftungsfeste der Armenanstalt wird jedesmal sein Bild im Versammlungslokale aufgestellt, und in dem Becher, den er als Vermächtnis den Armenpflegern hinterlassen hat, die Spende für die Nothleidenden eingesammelt.

Was Leisewitz Persönlichkeit betrifft, so ist wohl selten die äußere Hülle ein so treues Abbild des innern Menschen gewesen, wie bei ihm. Er war ein wirklich schöner Mann, schlank von Statur; sein Antlitz, zart an Formen, ja selbst zart an Farbe, mit tiefdunkeln, seelenvollen Augen, zeigte, männliche Festigkeit gepaart mit stiller Bescheidenheit, die fast an jungfräuliche Schüchternheit gränzte, Geist und Wissen strahlte aus diesem herrlichen Seelenspiegel, und das unverkennbare Gepräge des reinsten Wohlwollens, der Sanftmuth, Treue und Biederkeit, der kindlichsten Einfalt und der harmonischsten Ruhe gaben dieser edeln Erscheinung die höchste
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*) Rede und Gesang erschienen in Druck; später wieder abgedruckt im Liederbuche des 13. Febr., des Stiftungsfestes der Armenanstalt zu Brschw., 1814. –



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Anziehungskraft, zumal dieser Grundzug sich durch die ganze äußere Ers†cheinung fortzog, und sich sogar bis auf den sanften melodischen Ton seiner Stimme erstreckte. Doch hielt es sehr schwer, zumal in späteren Jahren, als durch tiefe Hypochondrie seine angeborene Schüchternheit in förmliche Menschenscheu ausartete, mit diesem verehrungswürdigen Manne in nahe Berührung zu kommen. Zuletzt schloß er sich sogar von allem Umgange ab, wie dies auch merkwürdigerweise seine, ihn lange Jahre überlebende Frau that.

Bei dem großartigen Geistesfond, den Leisewitz besaß, ist es tief zu beklagen, daß seine wenigen Schriften ihn noch lange nicht als den zeigen, der er eigentlich war. Unersetzlich ist daher der Verlust, den die deutsche Literatur durch die, laut testamentarischer Bestimmung vorgenommene Vernichtung seines gesammten handschriftlichen Nachlasses erlitten hat. Mit allen seinen Manuscripten, worunter auch wahrscheinlich das eines Lustspieles »die Weiber von Weinsberg« war, wovon Klingemann berichtet, *) wurde nicht allein seine ganze Correspondenz, worunter sich die Zuschriften der ausgezeichnetsten Literaten befanden, sondern auch das kostbare Manuscript seiner »Geschichte des dreißigjährigen Krieges« den Flammen geopfert. Nach dem, was schon die Mitglieder des Hainbundes, namentlich J. H. Voß, **) von diesem Werke erwarteten, was Jerusalem ***) und Selchow †) darüber verhießen, was Klingemann ††) und Böttiger †††) darüber nur gelegentlich mittheilen, was über Geist und
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*) Klingemann's Kunst und Natur, III. p. 56. –
**) J. H. Voß' Briefe, I. p. 169. –
**) Jerusalem, über die deutsche Sprache und Lit., 1781, p. 16. –
†) v. Selchow's jurist. Biblioth., 1782, V. p. 730. –
††) Kunst und Natur, III. p. 55. –
†††) Böttiger's handschr. Nachl. Lpz., 1838, II. p. 90.



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Umfang des Quellenstudiums aus Leisewitz eigenen Briefen *) an seinen Freund, den Bibliothekar Langer, hervorgeht, ist der Verlust dieser kostbaren, in einzelnen Theilen schon vollständig ausgearbeiteten Handschrift, die eine Frucht mehr, als dreißigjähriger mühevoller Forschung war, kaum zu verschmerzen. Um so weniger aber, wenn man erwägt, welch eines Denkmales für die späteste Nachwelt sich durch Vernichtung dieser Papiere Leisewitz selbst beraubt hat, der bei der Hoheit seines Charakters, bei der Schärfe seiner Beobachtungsgabe, bei der Gründlichkeit seiner Kenntnisse und seines Forschungseifers, bei seinem geläuterten Geschmacke und bei der Natürlichkeit und Grazie seiner Darstellung, unzweifelhaft seinen eigensten Beruf als Geschichtsforscher erfüllt haben würde! –
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*) Leisewitz sämmt. Schrn, 1838, p. 225 bis 290. – .

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9. Pockels.

Wir treffen hier zuerst auch auf einen Anhänger der, um diese Zeit bereits herrschenden philantropischen Ansichten, auf Carl Friedrich Pockels. *) Dieser, am 15. Novbr. 1757 zu Wörmlitz bei Halle geboren, der Sohn eines Frachters, widmete sich dem Studium der Theologie und Philosophie auf der Universität Halle. Hier lernte er Aug. Herm. Niemeyer kennen, dessen Erscheinung ihn mächtig anzog. In diesem Gelehrten, der die Kunst in hohem Maße besaß, die Wissenschaft populär zu machen, der große Welt- und Menschenkenntnis mit Humanität verband, und dessen philosophische Tendenzen sich nach der reinpraktischen Seite hin neigten, auf Moralphilosophie, Psychologie und Philanthropismus, sehen wir nicht allein einen Repräsentanten des scharfausgeprägten Charakterzuges jener Zeit, sondern auch ein unmittelbares Vorbild unsers Pockels. Nicht minder starke Anziehungskraft übte auf ihn der dortige Philosoph
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*) Braunschw. Magazin, 1814, 88. St., p. 3148. –
Hall. Lit. Zeitg., 1814, N. 252, p. 471. –
Becker's Nationalzeit. der Deutschen, 1814, N. 50. –
Meusel's gelehrtes Deutschl., III. 12. Nachtr. Lemgo, 1811, p. 57; und XIX. Lemgo, 1823, p. 156. –



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Joh. Aug. Eberhard aus, der in ganz verwandtem Streben, außer einem äußerst scharfsinnigen Menschenheobachter, zugleich ein sehr scharfsinniger Sprachkritiker war. In dieser Schule gebildet, hatte Pockels das Glück, an dem um das preußische Landschulwesen hochverdienten, und durch seinen »Kinderfreund« literarisch bekannten Friedr. Eberh. von Rochow auf Rekahn einen fördernden Gönner zu finden. Dieser empfahl den kaum fünfundzwanzigjährigen Jüngling dem Herzoge Carl Wilh. Ferdin. von Braunschweig zum Erzieher für dessen zwei jüngste Söhne, die Prinzen August und Friedr. Wilhelm. In diesem Verhältnisse blieb Pockels bis dem ältern seiner Zöglinge, dem Prinzen August, nachdem derselbe hannöversche Militairdienste genommen hatte, Nordheim zum Aufenthaltsorte angewiesen wurde. Dorthin begleitete er den Prinzen in der Eigenschaft eines Gesellschafters. Er erhielt nun den Charakter eines Königl. Grosbrit. Rathes, und verheirathete sich mit der Tochter des hannöverschen Generals Niemeyer. Im J. 1800 wurde ihm auch der Titel eines Herzogl. Braunschw. Hofrathes beigelegt. Als jedoch die Kriegsunruhen auch das braunschweigsche Land berührten, wurde er vom Prinzen August getrennt, der sich mit seiner Familie zur Flucht genöthigt sah, worauf Pockels nach Braunschweig zurückkehrte. Vor der Katastrophe bei Jena wurde er zu einer wichtigen politischen Mission ausersehen. Der Erbprinz von Braunschweig war nämlich um diese Zeit plötzlich ohne Hinterlassung männlicher Erben gestorben. Da nun die Regierung, dem Rechte der Erbfolge gemßs, zunächst an den Prinzen Georg, und nach diesem an Prinz August hätte gelangen müssen, der Erstere aber in einer, völliger Imbecillität nahen Geistesverfassung, der Zweite schon damals der sehr ernstlichen Befürchtung gänzlicher Erblindung ausgesetzt war; so wünschte Herzog Carl



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Wilh. Ferdin. die Nachfolge seinem jüngsten Sohne Frdr. Wilhelm zuzuwenden. Pockels wurde mit dem mißlichen Auftrage an den Prinzen August gesandt, diesen zur Entsagung zu vermögen. Nachdem dieses Geschäft vom günstigsten Erfolge gekrönt worden war, wurde Pockels mit einem Kanonicate am Blasiusstifte belohnt. Unter der französischen Occupationsherrschaft trug ihm Johannes von Müller westphälische Dienste an; die aber mit seinen patriotischen Gesinnungen eben so unverträglich waren, wie überhaupt Fesseln des Dienstzwanges mit seiner Vorliebe für freie Muse. Nach der Rückkehr des braunschweigischen Fürstenstammes erfreuete er sich der ganz besondern Gunst seiner früheren beiden Zöglinge; wurde vom regierenden Herzoge Friedr. Wilhelm mit der Oberaufsicht über die Presse beauftragt, und war fast der tägliche Gast des, trotz seiner Erblindung sich heiterster Geselligkeit hingebenden Herzogs August. Pockels dieser kräftige, lebensfrische und lebenslustige Mann, von mittelgroßer, aber sehr starker und gedrungener Statur, mit diesem vollen, rothbäckigen Gesichte, welches Gutmüthigkeit und Freundlichkeit Jedem entgegentrug, mit seiner Weltbildung, Bescheidenheit, Gelehrsamkeit und steten heitern Laune, war aber auch eben so geeignet zum Gesellschafter, wie er als solcher gesucht, und den Freuden der Tafel in höherem Maße ergeben war, als er in Rücksicht auf seine Gesundheit es hätte sein sollen. So endete denn in der Nacht vom 28. auf den 29. Octbr. 1814 ein Schlagfluß sein, unter den angenehmsten Verhältnissen geführtes Leben.

Als Schriftsteller hat sich Pockels in zwei heterogenen Gebieten versucht, in der Poesie und Philosophie. Indessen trug die Letztere den Sieg der Herrschaft davon, und sicherlich wegen seiner höheren Befähigung zu ihr. Es sind mehre seiner poetischen Versuche, hie und da zerstreut, ins Publikum



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gekommen; *) und er gab auch ein »Taschenbuch, dem Edlen und Schönen, der frohen Laune und der Philosophie des Lebens gewidmet« (Hannover 1803-1804) heraus. Allein bei seiner philosophischen Anschauungsweise wollte das Vorherrschen der Reflexion in seinen Poesieen die reinlyrische Stimmung nicht recht aufkommen lassen. Seinen Ruf verdankt er daher mehr seinen philosopischen Werken, welche bei klarer und anmuthiger Darstellung den reichsten Schatz feiner Menschenbeobachtung enthalten. Unter vielen anderen hieher gehörenden Schriften *) möge nur seine berühmteste genannt
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*) In den gelehrt. Beiträgen der braunschw. Anzeigen von 1784 u. 1785 stehen mehre seiner Fabeln:
**) Pockel’s edirte mit K. Ph. Moritz den 5. bis 7. Bd. des »Magazins zur Erfahrungsseelenkunde.« Berlin, 1787 bis 1789. –
K. F. Pockel’s Beiträge zur Beförderung der Menschenkenntnis. - Berlin, 1788 bis 89, 2 Hefte. –
Fragmente zur Kenntniß und Belehr. des menschl. Herzens, Hannov., - 1788 bis 94, 3 Samml. –
Ubald Cassina‘s analyt. Versuch über das Mitleiden, mit Anmerk. v. J. Bt. Gualengo; aus d. Ital. v. Pockels. Hannover, 1790.
Denkwürdigkeiten zur Bereicher. der Erfahrungsseelenlehre und Charakterkunde. Halle, 1794. –-
Neue Beiträge zur Bereicher. der Menschenkunde überh. und der Erfahrungsseelenkunde insbes. Hbg., 1798. –
Aphorismen über das schöne Geschlecht. (Anonym in den gel. Beitr. zu den braunschw. Anzeigen, 1785, 55. bis 60. St.)
Ueber die böse Laune. (Anon. ebend, 1786, 4. bis 7. St.)
Ueber den bürgerl. Zustand der Juden. Aus d. Franz des Lamourette Brschw., 1806. –
Rhapsod. Blätter. (Brschw. Magaz., 1807, 6. St.)
Ueber die Abhängigk. des Weibes vom Manne, (ebend., 17. bis 18. St.)
Ansicht der edlern Galanterie nach den Ritterzeiten, (ebend, 37. St.)
Gewalt eines Jugendeindruckes bei einem Selbstmörder; zur Seelenheilkunde. (Zeitg. für die eleg. Welt, 1809, N. 112.)
Meine Wanderungen an der Ostsee 1809, (ebend., 1810, N. 81 bis 82.
Die Griechinnen der Vorzeit, ein Fragm. (Morgenbl., 1809, N. 36.)
Noten zur Anthropologie. (Morgenbl., 1811, N. 7.)
Tag und Nacht des Lebens, (ebend., N. 50.)
Noten zur Menschenkunde. (Ztg. f. d. eleg. Welt, 1809, N. 99 u. 163.)
Noten zur Menschenkunde. (Morgenbl., 1812, N. 224, 227, 229.)
Ueber Gesellsch. Geselligk. und Umgang, 2 Bde. Hannov., 1813; 3. Bd., 1816. (Der letzte Bd. auch unter d. Titel: »Ueber die Kleinigkeiten im Umgange.« S. Charakter- und Umgangsgemälde, aus Pockel's Schrn. gezogen. Pesth, 1817. –)


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werden: Versuche einer Charakteristik des weiblichen Geschlechts;« (Hannover 1797–1802. 5 Bde; neue Aufl. 1ster Bd. 1806.) welchem Werke er die »Contraste zu dem Gemälde der Weiber, nebst einer Apologie derselben gegen die Befehdung im goldnen Kalbe« (Hannov. 1804), als Anhang zur Charakteristik des weiblichen Geschlechts hinzufügte; und dieselbe mit dem Werke abschloß: »der Mann, ein anthropologisches Charaktergemälde seines Geschlechts, ein Gegenstück zu der Charakteristik des weiblichen Geschlechts« (Hannover 1805 –1808 4 Bde.). In diesen Werken bewies Pockels große Umsicht; indem er ohne Frage die beste Mitte zu treffen verstand zwischen den Panegyrikern der Frauen, dem witzigen Hippel, dem paradoxen Mauvillon, und dem Verächter des Weibes Brandes.

Gewiß nur zur höchsten Ehre gereicht es einem Manne von Pockels Sprachkenntnis und Stilgewandtheit, daß er die Früchte jahrelangen Fleißes, eine Uebersetzung von »Mich. Montaigne’s Gedanken und Meinungen« augenblicklich unterdrückte, als er erfuhr, daß der als Uebersetzer rühmlichst bekannte Joh. Joach. Christoph Bode mit der gleichen Arbeit beschäftigt sei. – Pockels »biographisches Gemälde des Herzogs Carl Wilh. Ferdin. von Braunschweig-Lüneburg« (Tübingen 1809, ohne Namen des Verf.), welches eine Erweiterung der »Fragmente zur Geschichte der letzten Lebenstage des verstorbenen Herzogs von Braunschweig« war (s. Zeitg für die eleg. Welt. 1808. Nr. 22–25.), giebt, wie auch jeder seiner biographischen Entwürfe, *) ein Zeugnis dafür ab,
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*) Anekdoten zu dem Leben und der Charakteristik des unsterbl. J. H. Lambert. (Zeitg. f. d. eleg. Welt, 1807, N. 162.)
Christina von Schweden und Monaldeschi, ein histor. Bruchstück jener Zeit. (Zeitg. f. d. eleg. Welt, 1809, N. 23 bis 25)
Bruchstücke aus der Biographie des Landschaftsmalers Weitsch zu Brschw.; bes. in Hinsicht auf die Entwickel. seines Kunsttalents. (Morgenbl., 1810, N. 1 bis 4)



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daß er ein offnes Auge für charakteristische Züge hatte, und eine leichte, gefällige Feder besaß, sie zu skizziren.

Obgleich seine Forschungen wegen des reichen Schatzes psychologischer Bemerkungen häufig in das Gebiet der Pädagogik hinüberspielen, so hat er sich doch auch im speciellen Fache der Pädagogik mehrfach thätig bewiesen. So noch in einem seiner letzten Werke »über den Umgang mit Kindern«, *) einem, seiner Zeit sehr geschätzten, und auch noch für unsere Zeit höchst nützlichem Buche. Doch geht aus allen seinen Schriften hervor, daß er ein mehr heller, als systematischer Kopf war; daß er die angenehme, einer streng philosophischen Darstellung vorzog; aber sie geben auch den Beleg dafür, daß er ein zwar gründlich, selbst classisch gebildeter Gelehrter, doch ein praktischer, und daher kein Bücherwurm und Stubenhocker sei; und daß er, wenn auch nicht durch Aufstellung neuer transscendentaler Hirngespinste, doch wegen seines, in den verschiedensten Lebensverhältnissen geübten scharfen Blickes für Lebensbeobachtungen, den Namen eines Philosophen im wahrsten Sinne des Wortes verdiene, den eines Lebensweisen.
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Nachgel. noch ungedruckte Papiere der unsterbl. Karschin. (Zeitg. f. d. eleg. Welt, 1810, N. 253; 1811, N. 15, 55; 1812, N. 121 b. 123.)
Rückerinnerungen an Fdr. Eberh. von Rochow. (Morgenbl, 1811, N. 2 bis 3.)
*) Ueber den Umgang mit Kindern. Erfahrungen, Maximen und Winke für Eltern, Erzieher und Jugendfreunde in der gebild. Welt. Hannov., 1811. (Bruchstücke daraus im brschw. Magaz., 1811, N. 7 bis 8.)
Bemerkungen über die Sprache der Kinder. (Brschw. Magaz, 1805, 30. Stück)
Für Jünglinge, welche in die größere Welt treten wollen; nach den Maximen des de la Chetardye umgearbeitet. (Brschw. Magaz., 1808, 4. St.)



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10. Mauvillon.

Im J. 1785 ward auch Mauvillon nach Braunschweig berufen, ein unruhiger Geist, der schon in den sechziger und siebenziger Jahren in die Literaturbewegung Deutschlands kräftig eingegriffen hatte, und hier von um so größerem Interesse ist; weil er ein Zögling des braunschweiger Collegiums war. Mauvillon's Einfluß ist aus verschiedenen Gesichtspunkten interessant, da er sich als ungebundener Freigeist, als Propagandist republikanischer Ideen, als Vertreter der italienischen Literatur in Deutschland, als Blutsverwandter der Kraftgenies aus der Sturm- und Drangperiode im Fache der literarhistorischen Kritik, als Lehrer der Kriegswissenschaften, als Geschichtsforscher und als sarkastischer Kopf bekannt gemacht hat.

Jacob Mauvillon *) wurde am 8. März 1743 zu
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*) Fr. Schlichtegroll's Nekrolog auf das J. 1794, 5. Jahrg, I. Gotha, 1796, p. 163 bis 245. –
C. J. Bouginé, Handb. der allgem. Literargesch., IV. Zürich, 1791, p. 470. –
Strieder's hess. gel. Gesch, IX. p. 417; X. p. 397. –
Eck’s gel. Tagebuch auf d. J. 1794, p. 105 bis 108. –
Baur's Gallerie histor. Gemälde, V. p. 465 bis 470. –
Gervinus V., 8 pp. und 265 pp. –
Conversat.-Lexikon. Lpz., 1815, VI. p. 191 bis 194.
Meusel.


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Leipzig geboren, wo sein Vater, ein französischer Auswanderer, sowohl an einem von ihm selbst gegründeten Erziehungsinstitute, wie auch an der dortigen Akademie als Lehrer der französischen Sprache mit Erfolg wirkte. Da dieser tüchtige Mann, der sich in seinem Fache auch als Schriftsteller bekannt machte, bereits 1756 einem Rufe folgte als Lehrer der französischen Sprache am Carolinum zu Braunschweig, so wurde seinem hofnungsvollen Sohne das Glück zu Theil, von seinem dreizehnten Jahre an, bis dahin er Zögling der leipziger Thomasschule gewesen war, den Unterricht aller literarischen Celebritäten des braunschweiger Carolinums genießen zu können. Der Vater bestimmte den Sohn für das Studium der Theologie, wofür aber dieser nicht die mindeste Neigung bezeigte, und für dieselbe später zwar immer ein gewisses Interesse, aber nur ein feindseliges bewahrte, indem er sie in seinen Schriften fortwährend zum Gegenstande der erbittertsten Angriffe machte. Von Jugend auf schwächlich, und durch einen unglücklichen Sturz noch obenein zu einer Aesopischen Gestalt gekommen, mochte hierin wohl die nächste Veranlassung seiner Abneigung gegen das ihm aufgedrungene Brotstudium liegen. Sein Vater, der nach der Weise jener Zeit, deren starre Erziehungsmethode der Philanthropismus noch nicht gemildert hatte, ein sehr strenges Hausregiment führte, glaubte den Sohn zwingen zu können, sich nun den Rechtswissenschaften zu widmen; allein auch diesen wollte der trotzig widerstrebende Jüngling keinen Geschmack abgewinnen, der sich nur für Sprachforschung, Zeichnen und Mathematik empfänglich zeigte. Seiner kleinen, ungebührlich buckligen Figur ungeachtet, bot er sich beim Ausbruch des siebenjährigen Krieges als Ingenieur dem hannöverschen General von Walmoden an, der ihn erklärlicher Weise erst abwies; bis er durch die kecke Erwiederung des jungen Mannes: »Nehmen sie mich nur



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immerhin, sie sollen einmal sehen, wie nützlich ich Ihnen werden will!« bewogen wurde, wenigstens die Probe mit ihm zu machen. So zufrieden auch der Vorgesetzte mit dem Untergebenen war, und so verpflichtet sich dieser jenem fühlte, dem er die Grundlage seiner militairischen Kenntnisse verdankte, so dachte doch Mauvillon mit der Zeit selbst daran, eine andere Laufbahn zu versuchen. Da er sich nämlich auf Avancement keine große Hoffnung machen zu dürfen glaubte, zumal nach Beendigung des Krieges, so gab er endlich den Bitten des Vaters nach, sich der Jurisprudenz zu widmen, und verfügte sich auf die Akademie zu Leipzig. Das unrechtmäßige Verfahren aber eines dortigen Juristen, der sich eine Schuldforderung doppelt zahlen ließ, wurde von unserm Mauvillon als Veranlassung aufgegriffen, sein kaum begonnenes Brotstudium wieder an den Haken zu hängen. Er warf sich nun auf die belles lettres, übersetzte die »Briefe der Frau von Sévigné,« *) und schickte ein Jahr darauf die bekannten »Briefe über die Kochische Schauspielergesellschaft,« **) in die Welt. Durch dieses Werk erwarb er sich zuerst literarische Bekanntschaft und Feindschaft in reichem Maße, weil er, zwar mehrentheils in gutem Rechte, doch mit gleicher schonungslosigkeit Sache und Person vor dem öffentlichen Forum beleuchtete. Noch in demselben Jahre bekam er eine Collaboratur am Pädagogium zu Ilefeld, und fing auch noch an, mit dem Rector Pätz das Lateinische und Griechische zu treiben. Schon von Ilefeld aus schloß sich jene ominöse Verbindung mit den Gebrüdern Unzer in Wernigerode, die in ihrer Vorliebe für die italienische Literatur und
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*) Versuch einer Uebers. der Briefe der Marquisin von Sevigné, mit histor. und krit. Erläuter. Brschw. u. Hildesh, 1765, 1. Theil. –
**) Freundschaftl. Erinner. an die Kochische Schauspielergesellsch. in Leipzig. Hamb., 1766. –



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in freigeisterischer Richtung vollste Sympathie bei ihm fanden. Nachdem bereits die »Paradoxes litteraires« (à Amsterd. 1768) erschienen waren, gab er mit Ludw. Aug. Unzer, dem jüngern der beiden Brüder, jene famösen Briefe »Ueber den Werth einiger teutschen Dichter, und über andere Gegenstände, den Geschmack und die schöne Literatur betreffend,« (Lemgo 1771–1772. 2 St.) heraus. Hier übten die beiden starken Geister als wahre Höllenrichter ihr Amt, so daß sich die ganze gebildete Welt bekreuzigte vor einer mit so wenig Pietät vorgenommenen Berüttelung aller literarischen Größen. Daß sie die Franzosen über den Haufen warfen, hätte man ihnen noch verziehen; aber sie griffen auch die Engländer an, besonders den ungehobelten Shakespeare, und den weinerlichen Schwächling Young, an deren Stelle sie den kräftigen Ariost setzten, wodurch auch Mauvillon's würdiger Lehrer Ebert indirect einen tüchtigen Schlag erhielt. Mit den Moralisten und Didaktikern verwiesen sie auch alle Satiriker vom Parnasse, erkannten das religiöse Element für ein der Poesie ungünstiges an, und ließen, außer einem Klopstock, Wieland, Ramler, Gesner, Gleim, eben niemandem besondere Gnade wiederfahren. Der entnervende Stümper Gellert bekam sein Theil so gut, wie der fade Rabener und der phantasielose Lessing, und alles wurde gestriegelt, was nur gute und schöne, nicht aber starke Menschenkinder, oder wie es hies »Catone,« erzielen wollte. Kurz, diese Briefe, welche Wahres und Falsches in leidenschaftlicher Hast durch einander wühlten, welche in taktloser Ungerechtigkeit alles auf die Spitze trieben, und wo sie Schwierigkeiten fanden, das Kind gleich mit dem Bade ausschütteten, hatten wenigstens aus höherem Gesichtspunkte betrachtet das Gute, daß sie der damals grassirenden sentimentalen Weinerlichkeit einen heilsamen Stos versetzten, und daß sie, wenn auch nicht durch


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Anregung, wozu es ihren Verfassern selbst an Schöpferkraft und harmonischer Ausbildung fehlte, doch wenigstens durch Aufregung wohlthätig einwirkten.

Bereits im J. 1771 wurde Mauvillon, der auch als Mitglied in die »Gesellschaft des Ackerbaues und der freien Künste« aufgenommen worden war, als Weg- und Brücken-Ingenieur und als Lehrer der Kriegsbaukunst am Carolinum in Cassel angestellt. Schon im Jahre darauf faßte er den muthigen Entschluß, sich mit einem Fräulein Scipio aus Arolsen zu verheirathen, einer Dame, deren ansehnliche Aussteuer doch nur in Geistesschätzen bestand. Da nun der Eheherr selbst nur einen Gehalt von 400 Thalern hatte, und sein Vater sich durchaus zu keinen Zuschüssen verstehen wollte, so lag denn die Nothwendigkeit auf der Hand, in schriftstellerischer Thätigkeit eine Erwerbsquelle zu suchen. Peinlich wie dies war, so wurde um diese Zeit doch Mauvillon's bürgerliche Stellung noch auf eine unangenehmere Weise berührt, durch seinen Freund, den Professor Rud. Erich Raspe, den Aufseher des casseler Antiquitäten- und Münzcabinets. Schon längst hatte man argwöhnische Blicke auf die Gewissenhaftigkeit dieses Mannes geworfen, den Mauvillon, rechtschaffen und arglos, wie er war, mit leidenschaftlichem Freundschaftseifer vertreten hatte, als sich der Unredliche wegen begangenen Unterschleifes bei Nacht und Nebel nach England davon machte.

Durch den Druck zu gehäufter Geschäfte sah sich Mauvillon 1775 veranlaßt, sein Ingenieuramt wieder aufzugeben, doch mit Beibehaltung seiner Lehrerstelle. Immer darauf bedacht, seine Lage zu verbessern, war er, der Republikaner, sogar stark gesonnen, 1777 mit General Heister gegen die nordamerikanischen Freiheitsmänner zu Felde zu ziehen; ein Vorhaben, welches nur durch die schmeichelhafte Versagung



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des Urlaubs vereitelt wurde, indem ihm der Landgraf erwiederte, daß er ihn nicht entbehren könne. Die 1778 an ihn erlassene Aufforderung Bahrdt's, dem pädagogischen Institute zu Heidesheim als Mitarbeiter beizutreten, lehnte Mauvillon entschieden ab; dagegen bewahrte er ein lebhaftes Interesse für das Philanthropin zu Dessau, welches er selbst mit Geldbeiträgen unterstützte. Der Beifall, der seiner ausgezeichneten Lehrgabe gezollt wurde, verschaffte ihm Gelegenheit zu sehr einträglichem Privatunterricht, selbst bei höheren Militairpersonen, z. B. beim Prinzen Carl von Hessen Philippsthal u. A. Endlich wurde er 1779 zum Hauptmann bei dem eben errichteten Cadettencorps befördert; doch mit der für ihn sehr bedrückenden Verpflichtung, alle Sonntage mit seinen Cadetten in die Kirche zu gehen, was freilich unterblieb. Im J. 1780 zeigte ihm die casseler Gesellschaft der Alterthümer seine Aufnahme an. Einen Act der Grosmuth übte Mauvillon gegen seine Stiefmutter, zu der er freilich in keinem besonders freundschaftlichem Verhältnisse stand; aber doch zu ihren Gunsten bei dem 1780 erfolgtem Tode seines Vaters auf die ganze Erbschaft Verzicht leistete, ungeachtet seine eigene Lage keinesweges sorgenfrei war. Mit aufopfernder Thätigkeit nahm er sich auch um diese Zeit der in Verfall gerathenen Freimaurerloge zu Cassel an. Seine gehäuften Geschäfte mochten ihn indessen zu dem Versuche veranlassen, in die Dienste Friedrich's II. zu kommen, der ihm auch wirklich die Stelle eines Ingenieur-Capitains mit 600 Thaler Gehalt antrug. Waren diese Propositionen ohnehin wenig verlockend, so trug doch wohl Mauvillon's Frau mit ihrer Antipathie gegen Preußen das Meiste dazu bei, daß Friedrich's Anerbieten abgelehnt wurde.

In dieser Zeit war Mauvillon's literarische Thätigkeit in ihrer höchsten Blüthe. Er war Mitarbeiter an mehren



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Journalen, und machte sich in allen diesen Blättern durch seine scharfen Kritiken nicht wenig gefürchtet. Außerdem gab er Raynal's »philosophische und politische Geschichte der Besitzungen und des Handels der Europäer in beiden Indien, aus dem Französischen, mit einigen Verbesserungen und Anmerkungen« (Hannov. 1774 –1778. 4 Thle.) heraus; desgleichen die Uebersetzung einiger Schriften des Physiokraten Türgot, die »Untersuchung über die Natur und den Ursprung der Reichthümer und ihrer Vertheilung unter den verschiedenen Gliedern der bürgerlichen Gesellschaft« (Lemgo 1775.); debütirte 1775 in dem deutschen Museum mit einer Abhandlung: »über den Genius des Sokrates,« worin er nach seiner Weise gegen den Wunderglauben kräftig zu Felde zog; edirte seine eigene »Sammlung von Aufsätzen über Gegenstände aus der Staatskunst, Staatswirthschaft und neuesten Staatengeschichte« (Lpz. 1776 – 1777. 2 Thle.), ein etwas flüchtig zusammengestoppeltes, zum Theil aus Uebersetzungen bestehendes Opus, welches er seinem Busenfreunde Dohm zueignete; band auch 1777 über den Tod des züricher Predigers Waser mit dem Professor Meiners an, dem Verfasser der Briefe über die Schweiz; und schrieb seine vielangefochtenen »physiokratischen Briefe an den Herrn Prof. Dohm, oder Vertheidigung und Erläuterungen der wahren staatswissenschaftlichen Gesetze, die unter dem Namen des physiokratischen Systems bekannt sind,« (Braunschw. 1780). Außerdem trat er hervor mit dem „Essai sur l'influence de la poudre à canon dans l'ars de guerre moderne.“ (à Dessau 1782), einer Schrift, welche noch immer unter den diesen Gegenstand berührenden als die beste gilt, und auch in's Englische übersetzt wurde. Bald darauf erschien die »Einleitung in die militairischen Wissenschaften, für junge Leute, die bestimmt sind, als Officiers bei der Infanterie und Cavallerie zu dienen; in



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drei Jahrgängen abgethan,« (Brschw. 1783), ein Werk, welches als der erste Versuch einer systematischen Begründung der Taktik wichtig, und seines Werthes wegen noch jetzt in Gebrauch ist. *) Im Jahre darauf ließ er folgenden „Essai hist. sur l'art de la guerre pendant la guerre de 30 ans. (à Cassel 1784; 2. Aufl. 1789); **) und endlich, was hier zu unserm Zwecke schon nähere Beziehung hat: »dramatische Sprichwörter, ein Beitrag zum gesellschaftlichen Vergnügen in Deutschland, von einem Freunde der Freude,« (Lpz. 1785). ***)

Noch nach einer Seite hin verbreitete sich in dieser Zeit, und zwar am erfolgreichsten, Mauvillon’s Wirksamkeit. Durch Benzler und die Unzer mit dem halberstädter Kreise, namentlich mit Gleim und Clamer Schmidt in Verbindung gesetzt, fand er hier durch Wieland's Anregung die entschiedensten Sympathieen für die italienische Literatur. Schon die 1763 erschienene Schrift J. N. Meinhard's über die italienischen Dichter hatte sein Auge auf Welschland gerichtet; weshalb er denn auch bereits in dem oben berührten Briefwechsel mit Unzer den Engländern und Franzosen keck seinen Ariost entgegen setzte. Hatten Englands und Frankreichs Schriftsteller mächtig auf die deutsche Literatur influirt,
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*) Aus dieser Epoche sind noch folg. Wke. anzuführen:
Seine franz. Uebers. v. Großmann’s Lustsp.: »nicht mehr als sechs Schüsseln, 1781.« –
Discours pour la celebration du jour anniversaire de la maissance de S. A. S. le Landgrave regnant de IIesse, prononcé Ie 14. Aout dans la loge Fredéric de l'Amitie par le Fr. Mauvillon, Orateur de la dite Loge. à Cassel, 1782. –
Zoologie géographique. Premier Article, l'Homme, par Mr. E. A. G. Zimmermann. à Cassel, 1784 –
**) Erschien früher deutsch im histor. Portefeuille, 1783, 4. St., p. 425 bis 462; 5. St., p. 616 bis 642; 6. St., p. 774 bis 785. Wurde auch in's Engl. übers.
***) später wurde dieses Wk. unter seinem Namen nochmals herausg. v. J. G. Dyck: »Gesellschaftstheater.« Lemgo, 1790. –



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so versprach er sich von den bis dahin noch fast gänzlich unbekannten Italienern keine geringeren Erfolge. Er lieferte also die erste Uebersetzung von Ariost’s »wüthendem Roland« (Lemgo 1777–1778. 4 Thle). So weit die dem deutschen Genius ferner, als die brittische liegende italienische Literatur überhaupt Anklang finden konnte, geschah es denn auch. Namentlich war der Gewinn für die Musik der Sprache und die Glätte des Versbaues nicht unerheblich. Am unmittelbarsten zeigte sich die Nachwirkung von Mauvillon's Anregung bei Heinse, der selbst von einer südlichen Gluth der Phantasie erfüllt, von Gleim noch angefeuert, mit Leidenschaft sich den Italienern in die Arme warf, 1781 den Tasso, und 1782 Ariost's »Roland« von neuem übersetzte, und es sich zur Aufgabe machte, in seinen, hinsichtlich des Wohllautes und der Plastik musterhaften Romanen die sinnliche Gluth seiner Vorbilder noch zu überbieten.

Eine neue, nicht minder interessante Epoche im Leben Mauvillon's beginnt mit seiner Versetzung nach Braunschweig, wohin er auf des braunschweig'schen Hofraths Zimmermann Vermittelung 1785 als Major beim Ingenieurcorps und beim Collegium Carolinum als Lehrer der Kriegswissenschaften kam, bis er endlich zum Obristlieutenant avancirte. Zugleich genoß er das Vertrauen, das man ihn in den mathematischen und Kriegswissenschaften nicht allein zum Lehrer für die Prinzen des Hauses ausersah, sondern auch für mehre hier studirende, fürstliche Personen, z. B. für den Erbprinzen von Oranien, den Prinzen von Nassau-Weilburg u. s. w. Ein höchst wichtiges Ereignis war für ihn die Freundschaft des Grafen Mirabeau, welcher durch seinen Nebenbuhler, den Minister Calonne, aus Frankreich entfernt, und in einem sehr mißlichen Auftrage 1786 mehr nach Preußen verwiesen, als gesandt wurde, bei dieser Gelegenheit Braunschweig



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berührte, und Mauvillon aufsuchte. Es entspann sich zwischen Beiden ein vertrauliches Verhältnis, dessen Band Mirabeau's Plan einer philosophisch-politischen Schilderung der preußischen Monarchie war, welches Vorhaben Mauvillon mit Lebhaftigkeit auffaßte, und den Freund mit Quellen unterstützte. Zur Ausführung dieses Planes kam Mirabeau im J. 1787 sogar auf einige Monate nach Braunschweig, und die beiden Freunde waren so eifrig über dem großen Werke aus, daß sie die Debatten selbst bei der täglich zu ihrer Erholung unternommenen l'Hombre-Partie fortsetzten, und dieses stets zum innigsten Vergnügen des dritten Mitspielers, dessen Börse die Fettfedern davon zog, während sich die beiden großen Geister über das Wohl der Menschheit echauffirten. Außerdem, daß nun Mauvillon die Vollendung des Buches besorgte, erwarb er sich auch um Ausführung des Einzelnen und um Darstellung des Ganzen ein ausschließliches Verdienst. Nachdem sich Mirabeau wegen dieses Werkes, worin mit großer Freimüthigkeit die Schwächen, aber auch die Feinheiten des preußischen Staatsgewebes, freilich mit Einschleichung bedeutender Irrthümer, geschildert waren, durch Friedrich Wilhelm II. aus Preußen verwiesen sah, gab er dasselbe zu Paris, und zwar unter seinem Namen heraus: „De la monarchie Prussienne sous Fréderic le Grand,“ (1786, 4 Bde.). Mauvillon veranstaltete nun von dieser Schrift eine Uebersetzung,  *) worin er sein
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*) Von der preuß. Monarchie unter Friedrich d. Gr. Unter der Leitung des Grafen v. Mirabeau abgefaßt, und nun in einer sehr verbesserten und vermehrt. deutschen Uebers. herausg. Brschw. u. Lpz, 1793 bis 95, 4 Bde. – Das 7. Buch dss. Wks. erschien bes. unter d. Titel: »I. Mauvillon's Gesch. und Darstell. des brandenb. und preuß. Soldatenwesens bis zur Regier. Frdr. Wilh. II.; aus der franz. Handschr. nach dem Tode des Verf. Übers. und mit Anmerk. begleitet v. Frdr. v. Blankenburg. Lpz., 1796.« –
Die dem Wke. Mirabeau's angehängte Taktik Mauvillons: »Principes de la Tactique actuelle de l'infanterie des troupes


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Anrecht an die Mitautorschaft kundthat; aber über der Vollendung hinwegstarb, weshalb Friedrich von Blankenburg die Uebertragung des vierten Bandes übernahm, der auch Mauvillon's »Geschichte des preußischen Soldatenwesens« nach des Verfassers Tode edirte; doch mit Milderung und Ausmerzung einiger allzubitterer Ausfälle. Außerdem, daß Mauvillon seinen Freund Mirabeau noch mit mehren kleineren Arbeiten unterstützte, z. B. mit einem Commentar »über den Entwurf des preußischen Gesetzbuches,« einer Abhandlung »über die Auflagen,« und einer »über Guibert's Werke,« beabsichtigte er auch noch, mit dem Grafen ein Werk über England zu schreiben, welches Vorhaben jedoch 1791 Mirabeau's Tod vereitelte. Durch diesen Tod wurde ein sehr inniger Freundschaftsbund aufgelöst, wie es jener Briefwechsel ausweist, den Mauvillon nun in Druck gab. *) Man hat es befremdend gefunden, daß Mirabeau gegen das Ende seines Lebens diese zärtliche Correspondenz abbrach; allein wenn man den eigentlichen Nerv dieser Freundschaft näher in's Auge fast, so muß es einleuchten, daß etwas Zurückhaltung eintreten mußte, nachdem sich der Graf von der ehrenwerthen Gesinnung abgewandt, und durch das Königthum hatte bestechen lassen. Indessen betrauerte der Zurückgebliebene den Dahingeschiedenen auf's innigste; und gerade weil er seinen Schmerz zu verhehlen und zu bewältigen suchte, war dieser um so ergreifender. Seiner Frau, welche sich über die von ihm im Kreise der Seinigen erzwungene, höchst peinliche Ruhe
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les plus perfectionnées, avec des considerations sur les particularités de la Tactique de la cavallerie.« erschien auch deutsch von J. G. Malherbe. Meißen, 1791. –
*) Lettres du Comte de Mirabeau à un de ses amis en Allemagne, ecrites durant les années 1786–1790, à Brunsv., 1792. Deutsch, unter dem Titel: Briefe des Grafen v. M. an einen Freund in Deutschl., geschrieben in den J. 1786 bis 90. Brschw., 1792. –



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verwunderte, erwiederte er: »ich gehe mit meinem Schmerz um, wie ein Hofmann mit seinem Fürsten, dem er immer ein freundliches Gesicht zeigt, und sich durch seine Launen darin nicht irre machen läst.« – Auch wirkte Mirabeau's geistiger Einfluß auf die Richtung seines Freundes bis zu dessen Tode nachhaltig fort. Mauvillon war zwar ohnehin schon durch Abstammung, Erziehung und Temperament mehr Franzose als Deutscher, aber was noch irgend deutsches Element in ihm war, wurde durch französische Berührungen völlig französirt. Durch Mirabeau, der im Anfange seiner Laufbahn selbst den Liberalen spielte, waren im deutschen Freunde die revolutionären, propagandistischen Ideen geweckt; und durch die Encyklopädisten, die in Deutschland eine große Schaar der Libertins als Schüler zählten, war auch der ungebundene Ton, den sich ein Mauvillon und Genossen erlaubten, gleichsam autorisirt. Mauvillon galt aber für eine gewisse Sphäre der Freigeisterei, bis zu welcher sich nicht Alle zu versteigen wagten, als eine Art von Zielpunkt, zu welchem auch ein Graf von Schmettau, ein Diez, Stamford, Joh. Christoph Unzer, Ludw. Aug. Unzer und viele Andere hinstrebten. Merkwürdig, daß eine solche Regung nur in Wernigerode aufkommen konnte, wo bis auf unsere Tage herab sich ein fast an Quietismus streifender religiöser Sinn bewahrt hat. Mauvillon, der sich mit dem jüngeren Unzer, dessen freigeisterische Bitterkeit aus einem durch Leidenschaft und Kränklichkeit zerrütteten Körper und Gemüthe entsprang, in Libertinage fast selbst überboten, und schon früher in einem, durch Banquerott der Schrauderschen Buchhandlung zu Amsterdam verloren gegangenen Werke über die »Trugschlüsse der christlichen Religion,« dem Christenthume einen Hieb versetzt hatte, griff jetzt dieses Thema von neuem wieder auf. Den ersten stoß hatte nämlich sein Unsterblichkeitsglaube



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durch den Tod seiner Mutter bekommen, wodurch der bekümmerte Sohn in so schwärmerischen Tiefsinn versenkt wurde, das er sich stets mit der Hoffnung trug, den Geist seiner Mutter erscheinen zu sehen. Nun mochte in ihm vielleicht auch noch immer ein gewisser Groll im Stillen fortgewirkt haben über den Zwang, mit welchem einst sein Vater ihm die Theologie hatte aufdringen wollen, und dieser üblen Stimmung mochte zu allem Ueberfluß durch Unzer stets neue Nahrung zugeführt worden sein. Mit diesem hatte er den Vertrag geschlossen, daß wer von ihnen zuerst sterben würde, dem Zurückbleibenden im Tode erscheinen solle, zum Beweise, daß der abgeschiedene Geist auf die Erde fortzuwirken fähig sei. Da nun Unzer, ohne seinem Freunde wiederzuerscheinen, gestorben war, zog dieser nach seiner Logik den Schluß daraus, daß überhaupt der Geist nach dem Tode nicht fortdauern könne, und schickte ein Opus über: »das zum Theil einzige wahre System der christlichen Religion« (Berlin 1787) in die Welt, worin er dann den, mit derselben Ungerechtigkeit auch in neuerer Zeit wieder aufgewärmten Satz zu Tage brachte, daß man wünschen müßte, es sei das Christenthum niemals zum Vorschein gekommen! Zum Glück dachte die braunschweigsche Regierung human genug, Thorheiten dieser Art nicht durch, ohnehin vergeblichen, Zwang zu unterdrücken, um dadurch ein leicht erkennbares, äußeres Uebel nicht in ein weit gefährlicheres, im Verborgenen wüthendes zu verwandeln. Wie die That bewiesen hat, sprach denn auch das Christenthum für sich selbst weit wirksamer, als die sonst treffliche, durch diese Veranlassung hervorgerufene Apologie desselben vom würdigen Abt und Vicepräsidenten des wolfenbüttler Consistoriums Aug. Chr. Bartels, und die Erwiederung einiger Recensenten  *) es vermochte. Das aber gerade Leß
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*) Z. B. Allgem. Lit. Ztg., 1788, II. p. 353. –



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schwieg, auf den es doch hauptsächlich gemünzt war, mochte Mauvillon, der Aufsehen zu erregen wünschte, am empfindlichsten sein.

Mit dieser Opposition gegen die herrschende Religion stand auch bei ihm die, gegen die bestehende Staatsform in nahem Verhältnisse. Nur gefährdete er sich durch die, leider mit blinder Leidenschaft ausgesprochene Vorliebe für republikanische Tendenzen seine bürgerliche Stellung gänzlich, so daß der wegen seines Sarkasmus ohnehin vielfach gefürchtete Mann fast von allen Bekannten gemieden wurde, wegen gegründeter Besorgniß, durch seine politische Rücksichtslosigkeit compromittirt werden zu können. Indessen nicht mit Unehre trat er aus einer Fehde, die auch vor das öffentliche Forum kam. Man hatte zu Cassel zwei seiner Briefe eröffnet an den nassauischen Regierungsrath von Knoblauch und an den casseler Bibliothekar Cuhn, als an zwei der Regierung verdächtige Personen gerichtet. Zu eignem Schimpfe vertheidigte der wiener Professor Aloysius Hofmann im 1sten Stücke seiner wiener Zeitschrift vom J. 1792 dieses Verfahren der Regierung; worauf dann Mauvillon im schleswigschen Journale (1792. III. p. 336) den guten Wiener mit der Krafthand eines deutschen Kernmanns die Geißel satirischer Züchtigung fühlen ließ. Mit Recht trat die öffentliche Meinung auf Mauvillon's Seite, und er selbst zählte stets diese Entgegnung zu seinen gelungeneren Arbeiten. – Obgleich es ihm an Streitigkeiten ohnehin nicht fehlte, so brach er auch wohl die Gelegenheit vom Zaune, um sich auf dem Kampfplatze umhertummeln zu können. Im J. 1787 hatte der Hagestolz Ernst Brandes, auch von Seiten der Politik Mauvillon's Widerpart, in seinen »Betrachtungen über das weibliche Geschlecht« nach Mauvillon’s Ansicht die Rechte des Weibes gekränkt. Mauvillon nämlich, der seine Mutter,  



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diese sanfte, liebreiche, stille Dulderin, fast abgöttisch verehrt hatte, der auch seiner Frau mit fortwährend gleicher Zärtlichkeit und Verehrung anhing, und der noch dazu, trotz seiner Faunengestalt, von allen gebildeten Damen mit großer Auszeichnung behandelt wurde, hatte weit vortheilhaftere Begriffe vom Weibe. Er fühlte sich daher genöthigt, mit seinem polemischen Opus: »Mann und Weib, nach ihren gegenseitigen Verhältnissen geschildert; ein Gegenstück zu der Schrift des Geh.-Canzleisecret. Brandes über die Weiber,« (Leipz. 1791), als Champion des schönen Geschlechtes in's Feld zu rücken. Aber zu des Verfassers höchstem Ingrimm verpufften alle seine Salven spurlos ins Blaue; und er sollte die Celebrität, welche er hier erwartet hatte, bald sehr unerwünschter Weise in einer ganz andern Veranlassung finden. Jenes anonyme Pasquill: » Bahrdt mit der eisernen Stirn,« hatte auch den guten Mauvillon stark mit Pfeffer und Salz eingerieben, so daß dieser im ersten Aerger den Verdacht der Autorschaft auf Joh. Georg Zimmermann in Hannover wälzte. Darüber von der hannöverschen Kanzlei zur Rechenschaft gezogen, schickte er: »des Obristlieutenants Mauvillon gründliche Vermuthungen und gesammelte Data, nach welchen er fest überzeugt ist, daß der Verfasser der Schrift, Bahrdt mit der eisernen Stirn, kein anderer sei, als der Herr Ritter von Zimmermann,« zu seiner gerichtlichen Vertheidigung nach Hannover ein, womit er sich aber vor dem ganzen Publikum *) nicht wenig prostituirte, weil Zimmermann sich durch einen Eid, dessen Formel er auf einzelne Blätter drucken, und an alle Freunde vertheilen ließ, von jener
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*) Dieser Scandal kam auch vor's Publikum durch die Schrift: »des braunsch. Obristlieuten. Mauvillon gerichtliche Verhöre und Aussagen, den Verf, der Schr.: Bahrdt mit der eisernen Stirn, betreffend.« Brschw., 1791. –



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Beschuldigung reinigte, weil auch Kotzebue als der wahre Verfasser jenes unwürdigen Libells bekannt wurde, und der Herr Obristlieutenant für seine zwar »gründlichen,« aber sehr ungegründeten Vermuthungen Arrest bekam. Unverzeihlich bleibt nur, daß Mauvillon auch nach entdecktem Irrthume ganz ohne Grund noch immer die Ansicht geltend machen wollte, daß Zimmermann wenigstens um die Schrift gewußt habe.

Es ist wirklich erstaunenswerth, wie dieser schwächliche und mit Geschäften überladene Mann bis zum letzten Augenblicke seines Lebens sich immer wieder zu neuer literarischer Thätigkeit abzumüßigen vermochte. Nachdem er des Rittmeisters von Kaltenborn zu Cassel »militairischen Sophron« *) mit mehrfachen Verbesserungen herausgegeben; die »Geschichte des Feldzugs in den Niederlanden, vom J. 1745 an,« wenigstens in Handschrift vollendet; den ersten Theil von Tempelhofs mehr durch taktische, als historische Begründung sich auszeichnenden Geschichtswerke über den siebenjährigen Krieg in's Französische übertragen; »Malouet's Briefe über die franz. Revolution« in's Deutsche übersetzt; **) für den historischen Kalender auf das J. 1794 (Göschen in Leipz.) noch die »Geschichte des spanischen Erbfolgekrieges« angefertigt hatte, vollendete er noch das beste seiner historischen Werke, die in Ansehung der Darstellung sehr ausgezeichnete und gründliche »Geschichte Ferdinand's, Herzogs von Braunschweig (Leipz. 1794. 2 Bde. – ***)
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*) Der milit. Sophron an seine jungen Kameraden, oder: Klugheitslehren für angehende junge Officier's, von dem alten preuß. Officier, dem Verf. der Briefe über Friedr. d. Gr. Lpz., 1792. –
Gesch. des Herrn v. L., eines Vetters des preuß. Officiers u. s. w., 2 Bde. Hohenzollern, 1793. –
**) Malouet's Briefe über die franz. Revolut.; aus d. Franz. übers. Nebst einer Vorlesung über die Frage: Welches sind die Kennzeichen der Freiheit? Lpz., 1793. –
***) Mauvillon hatte auch Antheil an der: lemgoer Bibliothek der Lit.;



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Aus persönlichen Rücksichten und zu literarischen Zwecken hatte sich Mauvillon 1793 mit einem halbjährigen Urlaube nach Leipzig zurückgezogen. Vor seiner Heimkehr hatte er auch noch einen Abstecher über Hamburg gemacht, sich unter Weges eine Erkältung zugezogen, welche eine Brustwassersucht zur Folge hatte. Seiner Gattin suchte er aus Schonung diesen bedenklichen Zustand zu verschweigen; doch nachdem diese dennoch durch Freunde davon unterrichtet worden war, eilte sie nach Hamburg, um den Leidenden nach der Heimath abzuholen. Mauvillon führte bis zum letzten Hauche seines Lebens die Rolle eines Stoikers consequent durch; denn seine Standhaftigkeit verließ ihn auch bei den qualvollsten Leiden nicht. Als man ihm am Abend vor seinem Tode aus
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am casseler Zuschauer, (1772); an der allgem. deutschen Bibliothek; an der allgem. Lit. Ztg., (1788 bis 1790); an dem von Dacheröder redigirten Magazin der Landhaushaltung und Regierungskunst, (1. u. 2. st. »von der Unterhalt. zahlr. Truppen und den daraus entspringenden Folgen, bes. in Rücks. auf die Fürsten des deutschen Reichs,«); am deutschen Museum, (1777, 6. St., p. 481 bis 510: »vom Genius des Sokrates, eine philos. Unters.«; ebend, 8. St., p. 146 bis 153: »Brief an die Herausgeber des deutschen Museums, über eine milit. Erfindung;« ebend., 1778, 2. St, p. 155 bis 161; 3. St., p. 254, 11. St., p. 395 bis 419: »über das Ich, in Briefen an Hrn. Prof. Tiedemann«); am Journ. von und für Deutschland, (1784, 1. St., p. 29 bis 36: »Nachrichten von den hessischen Hospitalien, besonders dem Kloster Merrhausen;« ebend., 10. St., p. 225 bis 227: »Nachricht von einem predigenden Korbmacher zu Bohlen bei Waldeck«); an der milit. Monatsschrift, (2. St., 1786: Bemerkungen über eine Recension des Essai historique sur l'Art de la Guerre von Mauvillon;« ebend, 6. St., 1786: »über die Art, Truppen so zu bilden, daß sie sogleich im Felde brauchbar sind«); an der berliner Monatsschr., (1788, 11. St, p. 459 bis 465: »wie denkt Graf Mirabeau über die franz. Parlamente?«); am schlesw. Journal, (1792, 3. St., p. 336 bis 363: »Schreiben an Hrn. Prof. Hofmann zu Wien, über dessen Aufsatz im 1. St. der wiener Zeitschr., p. 97 bis 100, betitelt: über das Recht und Unrecht, Briefe zu erbrechen und zu unterschlagen,«); an Klügel's Encyklopädie, (2. Afl., 1794, IV. p. 137 bis 238; Artikel: »Kriegswissenschaften«); an den gelehrten Beiträgen der braunschw. Anzeigen (zu Ende der achtziger Jahre: »über die Unsitte der Verschwendung bei Begräbnissen«).



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den Zeitungen die Siegesberichte der Franzosen vorgelesen hatte, sagte er: »auf so gute Nachricht wird es sich gut schlafen lassen.« Diese Prophezeihung brachte ein apoplektischer Anfall in Erfüllung, an welchem er am 11. Jan. 1794 zu Braunschweig verschied.

Im Betreff seines persönlichen Charakters, hat man ihm stets das Zeugnis gegeben, daß er im Berufe ein pflichttreuer, und von Gesinnung ein streng redlicher Mann war. Sein Wort galt allgemein als unverbrüchlich. Ohne Menschenfurcht sprach er seine Ansichten stets entschieden, leider auch häufig leidenschaftlich, und fast immer ganz rücksichtslos aus. Bei aller seiner Wahrheitsliebe war er aber zu hartnäckig rechthaberisch, um ganz gerecht sein zu können; wie denn auch häufig seine Herzensgüte mit seinem SSarkasmus in Collision kam. Ueberhaupt muß man seinem Kopfe mehr Witz, als Gründlichkeit, mehr Geistesreichthum, als Gelehrsamkeit, mehr Paradorie, als Umsicht zugestehen. In allen Verhältnissen des Lebens zeigte er gleiche Leidenschaft in seinem Hasse, wie in seiner Liebe. Man denke hiebei nur an die schwärmerische Trauer beim Tode seiner Mutter und seines Freundes Unzer; an seine übertriebene Verehrung Mirabeau's; an seinen Haß gegen Zimmermann, und an seinen Ingrimm auf Brandes. Als Dohm 1780 sich von ihm trennte, um in preußische Dienste zu treten, beweinte er ihn wie einen ihm durch den Tod Entrissenen. Treuer wie er, konnte niemand seinen Freunden anhängen; das mußte ihm ein Campe, von Dietz, Unzer, von Kaltenborn, von Schliefen, Tidemann, Georg Forster, Johannes von Müller, von Stein, von Sömmering, Runde, Feddersen und mancher Andere bezeugen. Auch war er sehr gesellig und gastfrei, selbst unter großen Aufopferungen. Wenn man will, so stand er eigentlich, seiner geistreichen, durch witzige Laune gewürzten



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Unterhaltung wegen, als Gesellschafter am glänzendsten da. Im Kreise des Hauses wird er als ein wahrhaft liebenswürdiger Mann geschildert. Seiner zärtlichen Gattenliebe haben wir bereits gedacht, und es sei wenigstens noch erwähnt, daß ihm seine Frau das Zeugnis ausstellte, daß sie ihn in den einundzwanzig Jahren ihrer ehelichen Verbindung niemals unmuthig gesehen habe. Er hinterließ zwei Söhne und eine Tochter, welche die ganze Freude seines Lebens waren. Doch verzärtelte er sie keinesweges durch blinde Affenliebe, und freuete sich im Geiste schon lange auf den Zeitpunkt, wo sie, von ihm entfernt, in der bürgerlichen Gesellschaft ehrenvoll ihren Posten ausfüllen würden. Die Söhne gingen beide als Artilleristen nach Batavia, und Friedr. Wilh., der bis 1813 als Obrist in preußischen Diensten stand, hat sich auch durch seine »militairischen Blätter« (1820–26), und durch seine »Anleitung zur Erlernung des Schachspieles« (1827) wie auch durch Herausgabe des nachgelassenen Briefwechsels seines Vaters, *) als Schriftsteller bekannt gemacht.

Daß es um Mauvillon's Orthodorie etwas mißlich aussah, davon haben wir uns schon früher überzeugt; und wir wollen nur noch zum Schluß auf seine in Betreff seines Begräbnisses getroffenen, originellen Bestimmungen hindeuten. Nachdem er sich bereits gegen Ende der achtziger Jahre in den Gelehrten-Beiträgen zu den braunschweigschen Anzeigen über die Unsitte der Verschwendung bei Begräbnissen ausgesprochen hatte, war von ihm auch consequenter Weise befohlen worden, daß man ihn wie einen gewöhnlichen Tagelöhner begrabe. sollte Jemand zur Folge gebeten werden, so möchte
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*) J. Mauvillon's Briefwechsel, od. Briefe von verschied. Gelehrten an den in herzogl. braunschw. Diensten verstorb. Obristl. Mauvillon, gesamm. und herausg. von seinem Sohne F. Mauvillon. Deutschland, 1801. –



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man diejenigen wählen, wovon man glauben würde, daß sie sich über seinen Tod freueten; weil er gern, so lange er könnte, Vergnügen machen wollte.« Der Witzbold schloß noch mit dem eigenthümlichen Nachsatze, daß er alle diejenigen, die gegen diese Vorschriften handeln würden, zur Rechenschaft ziehen werde, wenn wirklich ein Wiedersehen stattfinden sollte. Ob nun nach seinem Tode diese Verordnung, wie man vorgab, wirklich verloren gegangen war, oder ob sich die Hinterbliebenen über die angedrohete Rechenschaft hinwegsetzten, genug, der Selige wurde dennoch mit den seinem Range gebührenden Ehren bestattet. –



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11. Stuve.

Es könnte zwar hier die Reihe der Männer geschlossen werden, welche als Vorboten der bessern Geschmacksrichtung für die deutsche Literatur bedeutsam wurden; jedoch ist noch einiger Schriftsteller Erwähnung zu geschehen, welche gleichsam schon als einzelne Lichtblicke des, auf das vielverheißende Morgenroth folgenden Tages anzusehen sind. Der erste dieser Literaten, Stuve, gehört eigentlich nicht in die Classe der Schöngeister, sondern mehr in die, der praktischen Philosophen, und auch hier nimmt er nicht gerade einen der ersten Plätze ein. Allein wie der Odem des Frühlings nicht einzelne Blumen nur, sondern die ganze Pflanzenwelt aus dem Winterschlummer erweckt, wie daher nicht eine Blume den Frühling, und eine Schwalbe den Sommer macht: so verbreitet sich auch der Frühlingshauch einer neubelebten Geistesregsamkeit über alle Gebiete des Wissens; und so ist auch jeder einzelne Zweig von dem großen Baume der Erkenntnis wichtig als Zeugnis für die neuerwachte Lebensthätigkeit. Die Principien der neuen Schule wurden bereits in den siebenziger Jahren vom Volke in's Leben geführt. In allen Fächern des Wissens, in allen Verhältnissen des staatlichen, kirchlichen und bürgerlichen Lebens bewirkten sie heilsame



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Umwälzungen. In dieser Beziehung verdienen auch einer ehrenvollen Erwähnung die Bemühungen Johann Stuve's, *) der im Aug. 1751 zu Hamm in Westphalen geboren wurde. Er besuchte das Gymnasium zu Lippstadt, hierauf die Universität Halle, wo er sich an Löffler, seinen ihm lebenslang treu ergebenen Freund anschloß, und auch den Freundschaftsbund mit Phil. Jul. Lieberkühn knüpfte, ein inniges Verhältnis, auf gleichen Neigungen und Studien beruhend, und später durch gleiche Berufspflichten befestigt. Mit dem letzgenannten Freunde, welcher wie er, neben der Theologie zu seinem Lieblingsfache die Pädagogik erwählt hatte, kam er im J. 1776 als Hauslehrer nach Neu-Ruppin, und wurde auch mit ihm und durch seine Vermittlung schon im folgenden Jahre an der dortigen Schule als öffentlicher Lehrer angestellt, und zur Vergütung für einen ausgeschlagenen Ruf als Conrector nach Prenzlau, gemeinschaftlich mit seinem Lieberkühn mit der Direction der neu-ruppiner Schule, und mit der Reorganisation dieser Anstalt beauftragt. Von welch einem günstigen Erfolge die Bemühungen der beiden Männer gekrönt gewesen sein müssen, geht aus der Blüthe dieser Schule, und aus der ihren Wiederbegründern zu Theil gewordenen allgemeinen Anerkennung hervor. Besonders genoß Stuve einen ausgebreiteten Ruf; und er verdiente auch das ihm geschenkte große Vertrauen, wegen der Behutsamkeit und Umsicht, mit welcher er seine Reformen in's Leben rief. Er gehörte nicht zu jenen philanthropischen Schwärmern, die durch das unerprobte Neue das bewährte Alte über den Haufen
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*) Supplement-Band des Nekrologs für d. J. 1790 bis 1793, rückständige Biographieen, Zusätze und Register enthaltend, von Fr. Schlichtegroll. Gotha, 1798, p. 34 bis 57.
Denkwürdigkeiten aus dem Leben ausgez. Deutschen des 18. Jahrh., pag. 340.
Ueber seine Schrn.: Meusel.



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warfen, sondern zu den vorsichtigen Praktikern. Namentlich wußte er die Strenge alter classischer Schulstudien sehr glücklich mit Geschmacksbildung zu vereinigen. Sein Princip war: harmonische Ausbildung des ganzen Menschen. Er, der in der Jugend körperlich so sehr Verwahrloste, der also aus Erfahrung sprach, drang deshalb auch als Schulmann so eifrig auf eine gleichmäßige Pflege seiner Zöglinge in körperlicher, geistiger und sittlicher Hinsicht. Natürlicher Weise machen Neuerungen, wären sie auch noch so vorsichtig ins Werk gerichtet, den Männern des alten Herkommens immer viel zu schaffen; weshalb unserm Stuve in Braunschweig mit großem Mißtrauen begegnet wurde. Stuve war nämlich mit Campe bekannt geworden, und zwar durch die von diesem an ihn ergangene Aufforderung, am »Revisioswerke« Theil zu nehmen. Ein in Circulation gesetzter, handschriftlicher Aufsatz Campe's, den Stuve durch schlagende Gründe freimüthig und doch schonend anfocht, flößte Campen ein so inniges Vertrauen zu dem Charakter seines Widersachers ein, daß sich daraus eine, beide Männer gleich ehrende herzinnige Zuneigung entspann. Campe besuchte nun seinen Freund, und veranlaßte ihn höchstem Auftrage gemäß im J. 1786, noch ehe er selbst in Braunschweig eine feste Stellung eingenommen hatte, sein ehrenvolles und äußerst angenehmes Verhältnis zu der neu-ruppiner Schule, von welcher auch schon 1784 Lieberkühn nach Breslau abberufen war, gegen den Charakter eines braunschweigschen Directors der Catharinen-Schule, und eines Mitgliedes des neuzustiftenden Ober-Schulcollegiums zu vertauschen. Geschäftige Leute wußten es aber dahin zu bringen, daß weder das Ober-Schulcollegium zu Stande kam, noch sonst etwas aus Stuve's braunschweiger Anstellung wurde. Was selten der Fall ist, hier trifft man einmal einen redlichen Mann, der sich schämte, sein Brot mit



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Sünden zu essen. Stuve gab aus freiem Antriebe, aber mit gramerfülltem Herzen, Vorlesungen am Carolinum über Logik, Anthropologie und Erdbeschreibung. Einen unendlich harten Schlag erlitt er durch den Tod seines geliebten Lieberkühn. Der Gram nagte so heftig an seinem Innern, daß er sich endlich auf's Krankenbett geworfen sah. Die treue Pflege, welche ihm in dieser Lage durch die Tochter seines Hauswirths zu Theil ward, rührte den Genesenden so sehr, daß er die höchst gutherzige, aber aller höheren Geistesbildung ermangelnde Person zur Gattin wählte. Solche Ehen unter ungleich Gebildeten, im Augenblicke eines überwallenden Gefühles der Dankbarkeit geknüpft, sind in der Regel, so bald die nüchterne Besonnenheit wieder in ihr Recht tritt, eine Quelle vielfacher Qualen; aber um so größerer, wenn, wie bei Stuve, die Rücksicht der Schonung so weit getrieben wird, daß man sich selbst über seine Enttäuschung zu täuschen sucht. Auch das Glück der Vaterfreude sollte ihm nicht ungestört vergönnt sein, denn sein immer bedrohlicher um sich greifendes Siechthum nöthigte ihn, Frau und Töchterchen zu verlassen, um die mildere Luft Hesperiens zu schöpfen. Er brachte daher einen ganzen Winter in Neapel zu; aber ohne den gewünschten Erfolg auf seine Gesundheit. So mußte er sich denn zur Rückkehr entschließen, wählte den Weg zur See, und hatte bis er in Holland ankam, eine sehr langwierige und für seinen Zustand beschwerliche Fahrt zu bestehen. Ein hektisches Fieber hatte seine Frau auf das Krankenlager geworfen, ein Leiden, welches den Gatten um so mehr überraschte, als er sie gesund verlassen, und ihn unter Weges kein, ihn auf die Trauerkunde vorbereitender Brief erreicht hatte. Unter zögernden Qualen mußte er nun das Licht ihres Lebens allmälig schwinden, und endlich erlöschen sehen. Er selbst fühlte sein Leben nun gänzlich verödet, und sein einziger



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Gefährte, der Gram, zog ihn mit mächtigen Schritten dem Grabe zu. Ein durch Erkältung im Bade herbeigeführter Schlagfluß verkürzte zu seinem Heil die Tage seiner Leiden, aber erhöhete auch die Qualen seines Todeskampfes. Er selbst fragte deshalb ungeduldig seinen Arzt, ob es noch nicht bald aus mit ihm sei? Als dieser ihm erwiederte: »Wenn es nun noch ein paar Stunden dauerte, würden sie da ungeduldig werden?« versetzte er: »nein;« dankte noch der Gattin seines Freundes Campe, welche ihm die letzten Dienstleistungen der Freundschaft erwies, empfahl ihr die Erziehung seiner Tochter Minna; rief mit schon gebrochener Stimme seine letzten Worte: »Wacht über Minna's Unschuld!« und verschied so in den Armen seiner Freunde Trapp und Campe am 12. Juli 1793. Ein Verknörpelung der Lunge war die Ursache seines mehrjährigen Kränkelns und seines Todes. Campe wies dem dahingeschiedenen Freunde den ehrenvollen Platz in Lessing’s nächster Nachbarschaft auf dem Todtenacker der Magnikirche zu Braunschweig an; und gewiß war dieser Ehre im vollsten Mase würdig Stuve, der Freisinnige, der Wahrheitsliebende, der an den Menschenberuf die höchsten Anforderungen stellende, der in der Freundschaft treu Bewährte, und von Allen der »Ehrliche« Genannte. Fassen wir noch ein Mal den ganzen Ueberblick seines Lebens zusammen, und sehen, wie sein Geist schon von Jugend auf durch Siechthum des Körpers gehemmt wurde, wie eine daraus erklärliche hypochondrische Grille seinen Lebensmuth niederdrückte, wie dieser schwächliche Mann durch seine Reformplane den wechselseitigsten Kämpfen ausgesetzt wurde, durch die vereitelten Plane seiner Lebenshoffnungen und seiner Wirksamkeit, worin dieser an Thätigkeit gewöhnte Mann keinen Unterschied machte, aller Lebensfreude beraubt, und noch obenein durch tausendfache häusliche Sorgen und Leiden



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niedergedrückt, an Kraft des Geistes und Körpers gebrochen wurde: so bietet uns Stuve das Bild eines, gewissermaßen dem Lose irdischen Duldens Verfallenen, einer Lebensblüthe, an welcher der Wurm der Zerstörung nagte, die dahinwelkte, ehe die Frucht zeitigen konnte.

Weil Stuve in Braunschweig ohne eigentliche Amtswirksamkeit lebte, so ist seine Hauptthätigkeit auf dem literarischen Gebiete zu suchen. selbstständig, höchst nützlich und auch anerkannt stehen unter seinen schriftstellerischen Leistungen vorzugsweise die das pädagogische Fach berührenden da; und Freunde, die seinen Werth zu würdigen vermochten, wie Löffler, Teller, Dohm, Lieberkühn, Trapp, Campe und Andere förderten seine Plane nach Kräften. Nicht ohne Einfluß war das mit den beiden Letztgenannten und mit Konr. Heusinger herausgegebene »braunschweigsche Journal philosophischen, philologischen und pädagogischen Inhalts« (Brschw. 1788–1789); und es ist nicht allein des Antheils zu gedenken, den Stuve an dem von Campe edirten großen Werke: »allgem. Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens« hatte, sondern auch seiner Betheiligung bei vielen gelehrten Journalen. *) Mannigfaltige nützliche
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*) Allgemeinste Grundsätze der Erzieh. hergeleitet aus einer richtigen Kenntn. des Menschen. (Allgem. Revis. des Schul- u. Erziehungsw., 1. 1785.) Ueber die Garnisonschule zu Potsdam. (Berl. Monatsschr., 1783, 9. St., p. 254 bis 264.)
Wider das Lateinschreiben, (ebend., Oct. 1783, 10. St., p. 338 bis 357.)
Nachricht von der ruppinischen Garnisonschule, (ebend, 1784, 5. St., p. 422 bis 430.)
Nachr v. der frankfurtischen Garnisonschule, nebst Vorschlägen über die Soldatenehen, (ebend., 1785, 3. St., p. 213 bis 225)
Ein Vorschlag zur Verbreit. wahrer Aufklär. unter allen Ständen, (ebend, 11. St., p. 472 bis 477.)
Ueber die Rochow'sche Schule zu Rekahn, (ebend, 1787, 10. Stück, p. 325 bis 341.)
Ueber die Unterst. der Nothleidenden und Unglücklichen außerhalb Landes, ebend., 1788, 8. St, p. 183 bis 188)



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Erörterungen über das Erziehungswesen finden sich in der nach seinem Tode von Campe herausgegebenen Sammlung seiner »kleinen Schriften.« **)
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Ueber den Gebrauch der Bilder beim jugendl. Unterrichte. (Brschw. gelehrte Beiträge, 1782, 33. bis 34. u 44. St.)
Ueber das gr. Waisenh. in Braunschw. (Brschw. Journ., philos, philol. und pädag. Inhalts, 1788, 1. St., p. 91 bis 103); 3. Stück, p. 325 bis 337.)
Auszug aus Kaspar Dornav's Ulysses Scholasticus, (ebend., 2. St., p. 191 bis 205; 10. St., p. 187; 11. St., p. 273 bis 288)
Schreiben an Hrn. Prof. Trapp über die Mittel, das Latein durch Sprechen zu lehren, und über die Einführ. dieser Methode in die öffentlichen Schulen, (ebend., 1789, 1. St, p. 73 bis 87; 2. St., p. 129 bis 154.)
Ueber eine Stelle in Hrn. Geh. Canzleisecr. Rehberg’s Aufsatze im Aprilstücke der berl. Monatsschr., 1789, (ebend, 6. St., p. 139 b. 153.)
Ueber ein wesentl. Hindernis der zweckm. Einricht. öffentl. Stadtschulen, (ebend, 7. St., p. 291 bis 318.)
Einige Bemerkg. über Hrn. Hofr. Meiner’s Schilder. von Appenzell außer Rhoden, (ebend., 1791, 12. St., p. 385 bis 423; aufgen. in d. Slg. klr. Schrn, II. p. 333.)
Ueber die Schr. des Hrn. Geh. Canzleisecr. Rehberg: Prüfung der Erziehungskunst, (ebend. oder schlesw. Journ., 1792, 11. Stück, p. 275 bis 347.)
Beurtheil. der ersten Samml. v. Herders Briefen zur Beförder. der Humanit. (Allgem. Lit. Ztg., 1793, N. 197 bis 198.)
**) Ueber die Erzieh., nebst einer Nachr. v. der neu-ruppin. Schule. Berl. und Lpz., 1779. –
Fortges. Nachr. v. dem gegenwärt. Zustande der neu-ruppin. Schule. Berlin, 1779. –
Ueber körperl. Erzieh. Züllichau, 1781. –
Ueber das Schulwesen. Züllich, 1783. –
Nachr. v. der neu-ruppin. Schule. Züllich, 1783. –
Vorstellungen an Eltern, die ihre Kinder in öffentl. Schulen schicken. Berlin, 1785. –
Ueber die Wichtigk. des Unterrichts in der Lehre vom Menschen auf öffentl. Schulen; nebst einer Nachr. von der ruppin. Schule, 1786. –
Ueber die Nothwendigk., Kindern frühzeit. zu anschauender und lebendiger Erkenntn. zu verhelfen; und über die Art, wie man das anzufangen habe. Brschw., 1788. – (Aus der Revis. des ges. Schulw. bes. abgedruckt.)
Lehrb. d. Kenntn. des Menschen, 1. Thl, welcher die Lehre vom menschl. Körper und die Diätetik enthält. Zur allgem. Schulencyklopädie. Berlin, 1790.
Kleine Schriften, gemeinnützigen Inhalts, nach dem Willen des Verstorbenen gesamm. und herausg. v. seinem trauernden Freunde J. H. Campe, 2 Thle. Brschw., 1794. (Mit Stuve’s Bildn.)
Ueber die Nothwendigk. der Anlegung öffentlicher Töchterschulen für alle



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Man könnte erwarten, daß hier an diesem Orte ein besonderes Gewicht auf Stuve's »Briefe über den Laokoon« *) gelegt würde; allein obgleich diese Arbeit, zu der er durch seinen italienischen Aufenthalt angeregt wurde, von einem unbefangenen Blicke zeugt, und mit Freimuth, oft sogar auch mit Grund, die Ansichten eines Winckelmann, Lessing und Heyne bestreitet, so war doch Stuve hier nicht in seinem Fache. Ueberhaupt war er kein Mann von umfassender - und tiefer Gelehrsamkeit; sein Sinn für das Praktische machte ihn bedeutend. Er ist auch keinesweges ein Genie zu nennen, besaß wenig Phantasie; desto mehr Empfindung aber. Bei einem langsamen Ideengange ist sein Stil zwar rein und bestimmt; aber nicht eben anmuthig. Sein eigentlicher Werth muß in seinen Tendenzen gesucht werden, die er im Leben geltend zu machen wußte. Wegen seiner hohen Gerechtigkeitsliebe und der glücklichen Gabe, in Anderer Ideen einzugehen und sie selbstständig wiederum in sich zu gestalten, ist er als Kritiker nicht ohne Verdienst, und hat in einzelnen Recensionen, wie in der über Herder's Humanitätsbriefe, sogar hohen Anforderungen genügt. Sein Werk: »Ueber Aufruhr und aufrührerische Schriften, Braunschw. 1793,« worin er nicht allein als Verheidiger der Menschenrechte im allgemeinen, sondern auch, wenigstens indirect, als Vermittler für seinen, wegen der bekannten Briefe über die französische Revolution heftiger Verfolgung ausgesetzten Freund Campe in die Schranken trat, würde hier übergangen werden können, wenn sich nicht wenigstens für uns die interessante Wahrnehmung  
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Stände. Eine Beilage zu: Campe's zweitem Fragmente über »einige verkannte Mittel zur Beförderung der Industrie.« Wolfenb., 1786. –
*) Zwei Briefe über den Laokoon, an den Hofrath Schütz, s. kl. Schrn, II. p. 458. –



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daraus ergäbe, das meistentheils Umwälzungen in den Sphären der Wissenschaften mit denen auf politischen Gebieten in Wechselwirkung zu stehen pflegen. So fanden denn auch die politischen Reformen bei den Reformmännern der Wissenschaft in Braunschweig um diese Zeit sehr lebhafte Verfechter. –



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12. Campe. *)

Joachim Heinrich Campe, geb. 29. Juni 1746 zu Deensen im Braunschweigschen, war der Sohn eines bemittelten Kaufmanns. Nachdem er auf dem Gymnasium zu Holzminden von dem hochverdienten Gründer desselben, Friedr. Wilh. Richter, tüchtig zu seinem einflußreichen
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*) Leider sind bereits im ersten Hefte der »Brunonia« 1839 einige Bruchstücke aus diesem Artikel abgedruckt worden, welche nicht nach des Verfassers eigener Bestimmung ausgewählt waren, und des nöthigen Zusammenharges entbehrend, dort durchaus am ungehörigen Orte standen.
Ueber Campe ist zu vergleichen:
Beilage zur allgem. Zeitung, 1818, N. 145 bis 148. –
Auch der Artikel: »Campe« in Ersch u. Gruber's allgem. Encyklopädie, von Aug. Herm. Niemeyer, der aber wenig Neues und Selbstständiges bietet. –
(Becker's) Nationalzeitung, 1818, N. 46. –
Conversat.-Lexikon, 5. Afl., II. p. 253 bis 255. –
 (Küttner‘s) Charaktere teutscher Dichter und Prosaisten. Berlin, 1781, p. 539 bis 542. –
Jörden‘s Lexikon teutscher Dichter und Prosaisten, I. p. 279 bis 293 IX. p. 804 bis 818. –
Carl Jos. Bouginé, Handb. der allgem. Literargesch. nach Heum ann’s Grundr., 1791, IV. p. 5 bis 6. –
Gieseke's Handb. für Dichter und Literatoren, I. p. 328 bis 333. –
Meusel, I., IX., XI., XIII., XVII., XXII.
Andr. Gottfr. Schmidt's anhalt'sches Schriftstellerlexikon. Bernb., - 1803. (Enthält meines Wissens das vollständigste Verzeichnis von Campe's Schriften; doch ist auch dieses noch einzelner Ergänzungen, und Berichtigungen bedürftig)
G. P. von Bülow, Rückblicke auf mein Leben. Helmst., 1844, p. 53.-



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Wirkungskreise vorbereitet worden war, ging er auf die Universität Helmstedt, um sich dem Studium der Theologie zu widmen. Die schulbestäubte Orthodoxie des alten Joh. Bened. Carzow scheuchte aber den jungen Sprudelkopf bald wieder von dort fort, und er wanderte nun nach Halle, wo er bei dem lichtvollen Semler mehr Befriedigung fand. Nach beendigtem Triennium wandte er sich als Privaterzieher nach Berlin, welcheSstadt als derzeitiger Sitz religiöser Aufklärung für ihn besondere Anziehungskraft hatte wegen eines Teller, Spalding, Sack und Nicolai. Der stärkste Magnet war für ihn in Berlin jedoch jedenfalls eine liebenswürdige und hochgebildete Dame, Dorothea Maria Hiller, welche er denn auch zu seiner heißgeliebten und treuen Lebensgefährtin erkor. Mit dem J. 1773 wurde er in Potsdam bei dem Regimente des Prinzen von Preußen, nachmaligen Königs Friedrich Wilhelm II., als Feldprediger angestellt. Er blieb hier bis 1776, wo er vom Fürsten Franz von Dessau an das dessauer Philanthropin berufen, und im Jahre darauf zum Educationsrathe ernannt wurde. Campe erwarb sich den Ruhm, dieser Anstalt, welche der unruhige Basedow zwar zu gründen, aber nicht in blühendem Zustande zu erhalten vermacht hatte, eine kräftige Anregung gegeben zu haben. Doch mußte ein Mann von Campe's Feuereifer mit seinen Reformen gar bald auf Hindernisse stoßen, wie sich solche für ihn als unerträglich in der Hartnäckigkeit und Eifersucht seiner Collegen darboten. Er verließ daher Dessau wieder, und noch dazu in großer Hast auf einem Schimmel davonjagend, der durch diese Flucht eine gewisse literarische Celebrität erlangte. Um nun ganz ungehindert seine Ideen in's Leben führen zu können, errichtete Campe selbst 1777 vor den Thoren des freien Hamburgs ein Privaterziehungs-Institut, bei welchem er sich zur Norm machte, die Zahl der Zöglinge nicht



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über 12 auszudehnen, um sich durch diese Beschränkung mehr dem Familienverhältnisse in der Erziehung anzunähern. Durch Leiden des Unterleibs und der Augen sah er sich jedoch genöthigt, mit dem J. 1783 die Pflege dieser Anstalt den Händen seines Freundes Trapp anzuvertrauen, sich als Landwirth auf ein erkauftes Freigut Trittow zurückzuziehen, und sich lediglich auf schriftstellerische Thätigkeit zu beschränken. Hier entwarf er denn den Plan zu der »allgemeinen Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens « zu welchem Werke er sich der Mitwirkung eines Resewitz, Moritz, mit welchem er jedoch wieder zerfiel, weil dieser ihm seine aufopfernde Freundschaft mit Undank lohnte, eines Stuve, Trapp, Gedicke, Ehlers und Funk zu erfreuen hatte. Die glänzendsten Aussichten eröffneten sich 1787 für Campe, in der ihm gewordenen ehrenvollen Berufung nach Braunschweig. Ohne eigentliche Amtsgeschäfte, bekam er, neben einem ansehnlichen Gehalte und einem einträglichen Kanonicate am Cyriacusstifte, den Charakter eines Schulraths, welche Titulatur mit Campe erst in Deutschland aufkam. Seine Vocation verdankte er eigentlich dem großartigen Plane des Herzogs Carl Wilh. Ferdinand, einer gänzlichen Reform des Schulwesens in den braunschweigschen Landen. Um bei diesem schwierigen Unternehmen freie Hand zu behalten, gründete dieser thatkräftige Regent ein unabhängiges oberstes Landes-Schulcollegium, welches, außer Campe, noch einen Stuve und Trapp, die man ebenfalls zu diesem Zwecke vom Auslande herberufen hatte, wie auch den Generalsuperintendenten Richter und den Professor Conrad Heusinger zu Mitgliedern, den Rath Mahner als weltlichen Beisitzer zählte, und dessen oberste Leitung dem braunschweigschen Geheimerath, nachherigen preußischen Staatscanzler, Fürsten Hardenberg, anvertrauet war. Die Landstände jedoch glaubten



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ein derartiges Verfahren ihres Landesherrn als einen Eingriff in ihre Rechte ansehen zu müssen; und nachdem jene Schulcommission nur kurze Zeit bestanden hatte, zerschlug sich die ganze Sache unter den heftigsten Debatten. Richter starb bald darauf; Hardenberg folgte einem Rufe in's Ausland; Stuve wurde als Professor am Collegium, Heusinger als Director des Catharineums placirt; Trapp mit einer Pension von 400 Thalern abgefunden, welche er in Wolfenbüttel verzehrte, wo er, aus Mangel geistiger Anregung, in späteren Lebensjahren in tiefe Schwermuth verfiel; Campe endlich wurde durch anderweitige Entschädigung zufriedengestellt. Das Feuer der Zwietracht hatten bei diesen Streitigkeiten hauptsächlich die Theologen angeblasen, und sich mit ihren Klagen hinter die Landstände gesteckt; weil sie sich von Schulmännern, die doch außer ihrer Kaste standen, übergangen, aus dem gewohnten ruhigen Gleise gebracht, und in manchen Vorrechten beeinträchtigt sahen. Der Vorkämpfer dieser unehrenhaften Partei war Abt Velthusen in Helmstedt, mit dem auch Campe in literarischer Fehde heftig anzubinden, später eine Gelegenheit vom Zaune brach. Bei der holzmindner Schule, mit deren Reorganisirung die Schulcommission den Anfang gemacht hatte, scheiterte der Plan freilich gänzlich; doch hatte die Sache das Gute, daß Heusinger wenigstens am Catharineum zu Braunschweig die beabsichtigten Reformen mit großer Energie realisirte, und daß das gesammte Schulwesen Deutschlands von Braunschweig aus eine heilsame Anregung erhielt. Traten auf solche Weise Campe's Plane auch nur verstümmelt in's Leben, so geht doch schon aus ihnen sein Einfluß auf braunschweigsche Zustände zur Genüge hervor. –

Sehr weise war mit jenem Schulplane auch die Errichtung einer Schulbuchhandlung in Verbindung gebracht, deren



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Zweck darin bestand, dem Lehrer passende, nach besseren Grundsätzen ausgearbeitete Lehrbücher zu verabreichen, den reinen jährlichen Ueberschus der Handlung zur Gehaltsvermehrung schlecht besoldeter, oder zu Gratificationen pflichtgetreuer Lehrer zu verwenden. Campe erklärte sich bereit, dieses wahrhaft edle Unternehmen aus eigenen Mitteln zu bestreiten; eine, den Bedürfnissen angemessene Anzahl von Freieremplaren (etwa 200–2000) den unbemittelten Kindern; und überhaupt allen Landesschulen die nöthigen, von der obersten Schulbehörde verfaßten Schulbücher für den billigsten Preis zu liefern; sich, zur Hebung inländischer Betriebsamkeit, obenein nur inländischen Materiales und braunschweigscher Officinen zu bedienen; vor sachkundigen Commissarien von drei zu drei Jahren Rechnung abzulegen; und für sich, außer der Wiedererstattung baarer Auslagen, keine sonstige Einnahme zu notiren. *) Auf der andern Seite fehlte es aber auch nicht an der freigebigsten Unterstützung des fürstlichen Gönners, der Campen die Zimmer der verwittweten Herzogin im wolfenbüttler Schlosse für die Sessionen der Schulcommission einräumte; der auch einen Theil des Lustschlosses Salzdahlum zur Wohnung für dessen Familie einrichten; Campen sehr häufig zu vertraulichen Unterredungen in seinem Hofwagen holen ließ; ihm zur Erbauung eines großen Buchhandlungsgebäudes das Opernhaus vor der Burg schenkte, und den Bau selbst durch die liberalste Unterstützung förderte; der endlich auch noch 1805 Campe's Kanonicat in das ertragreichere Dekanat verwandelte. Diese ausdauernde Gewogenheit macht dem Herzoge um so mehr Ehre, weil schon lange vorher, nicht allein durch den Neid Anderer, sondern auch durch Campe selbst, vielfache Veranlassung gegeben war, die ihm
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*) An meine Freunde v. J. H. Campe. Wolfenb., 1787, p. 76. –



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zugewandte Gunst wankend zu machen. Mit Zustimmung seines Landesherrn war nämlich Campe beim Ausbruch der französischen Revolution nach Paris gereist, und hatte dort 1789 die, erst im braunschweiger Journale abgedruckten, später gesammelten, von republikanischem Geiste durchweheten Briefe *) geschrieben, welche ihm 1792 von der Republik ein Ehrendiplom als französischer Bürger einbrachten, wie ein solches auch die Freiheitsmänner Klopstock, Pestalozzi und Frdr. Schiller empfingen. Nun aber wurde Campe von der blinden Menge geradezu für einen Jacobiner erklärt, und die Wuth des Pöbels ging so weit, daß man sogar in öffentlich angeschlagenen Pasquillen sein Leben bedrohete. »Ihr infamen Kerls,« heißt es in einem solcher Schandblätter, »ich meine die hiesigen Französisch-Gesinnten! Wo man euch von Obrigkeitswegen eure verdammte Zunge nicht bindet, und euer Schreiben und Drucken nicht hindert, das Verkaufen derselben mit Macht nicht abschaffen wird: so sollt ihr Schurken bei Abendzeit keinen sichern Schritt auf der Straße mehr thun können. Ja ihr seid in Gefahr! Campe und Mauvillon hüte dich!« – Während der Spötter Mauvillon über diesen Wisch herzlich lachte, und sich die Genugthuung verschaffen wollte, dieses Document elender Gesinnung durch den Druck verbreiten zu lassen, nahm Campe die Sache ernsthafter; wollte einer solchen Schmähschrift nicht noch eine größere Publicität geben; und hielt es sogar der Mühe werth, seine Ansichten und seinen Charakter auf acht Quartblättern, betitelt: »an meine Mitbürger. Brschw. 1793,« welche er mit den braunschweigschen Anzeigen vertheilen ließ, zu rechtfertigen.
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*) Briefe aus Paris, zur Zeit der Revolution geschrieben. Aus dem braunschweig. Journ. abgedruckt. Brschw., 1790. (Es erschienen 3 Afl. – Auch in's Holländ. übers. Amsterd., 1790, 2. Afl., 1792.)



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Aber das Schlimmste war, daß auch von Berlin aus, wohin der Herzog als preußischer Feldherr oft gerufen wurde, gehässige Insinuationen gegen Campe, als religiösen und politischen Freigeist, eingefädelt wurden. Dazu kam, daß selbst dieser und jener ehrenwerthe Mann, wie der Berghauptmann von Veltheim auf Harbke, ein als Mineralog und Archäolog gleich rühmlich bekannter Literat, der aber die Vorurtheile adliger Geburt nicht zu verläugnen vermochte, gegen den Bekämpfer der Adelsvorrechte öffentlich zu Felde zog. Der Herzog stellte also seinem Schulrath, nach vorhergegangener commissorischer Berathung, persönlich den Antrag, auf die ihm zugestandene, unbedingte Preßfreiheit freiwillig zu verzichten. Campe aber, der sich im Rechte glaubte, erwiederte in einer ausführlichen Vertheidigungsschrift freimüthig, daß Schriftsteller einer obrigkeitlichen Bevormundung nicht bedürften; daß Gewissens- und Denkfreiheit ein unveräusserliches Recht sei; daß in Beschränkungsfällen der Obrigkeit geradezu der Gehorsam verweigert werden dürfe; und daß er in einer solchen Lage seine Buchhandlung verkaufen, und sich nach Hamburg übersiedeln würde. Es blieb aber, nach einer ihm gewordenen, sehr milden Resolution, »er möge nach Gewissen handeln,« Alles beim Alten. Da bereits schon um diese Zeit seine Gesundheit bedeutend zu wanken anfing, unternahm er 1802 zu seiner Erholung eine Vergnügungsreise nach England und Frankreich, deren Ausbeute er bald darauf in einer sehr ansprechenden Beschreibung mittheilte.

Leider sollte Campe in seinen letzten Lebensjahren noch eine sehr schwere Prüfung bestehen, die er, nach dem Urtheile der braunschweiger Patrioten, nicht eben glücklich löste, und deshalb vielfachen Kränkungen ausgesetzt war. Man machte es ihm nämlich zum bittersten Vorwurfe, daß er, der 1790 bei Gelegenheit der Vermählungsfeier des Erbprinzen: »das Denkmal



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der Liebe eines guten Volks zu seinem guten Fürsten, oder die Beschreibung des allgemeinen Volksfestes, welches die Ankunft des Hrn. Erbprinzen und der Frau Erbprinzessin von Braunschw. Veranlaßte,« verfaßt; der unmittelbar darauf jene republikanischen Briefe geschrieben hatte; ungeachtet er von seinem Landesherrn mit Wohlthaten fast überschüttet worden war, wie er dies selbst öffentlich anerkannt hatte, *) im J. 1807 unberufener Weise vor den Thoren Braunschweigs den, seinen rechtmäßigen Landesvater verdrängenden, als Mensch und Regent gleich verabscheuungswerthen Jerome Buonaparte in einem enthusiastischen Festergusse bewillkommente. Wenn er auch augenblicklich eine gewisse Befriedigung in der Ehre fand, daß man ihn 1808 als Deputirten des westphälischen Reichsrathes nach Kassel berief; und daß ihm, dem jetzt höchsten Orts so gut Angeschriebenen, im J. darauf die theologische Facultät zu Helmstedt, welche ihn früher als einen Heterodoxen verfolgt hatte, mit dem Diplome eines Doctors der Gottesgelahrtheit beehrte: so mußte er diese Auszeichnungen doch sehr theuer büßen, als sich mit der Vertreibung des fränkischen Usurpators die politischen Verhältnisse wieder änderten; und er nun für einen, der vaterländischen Gesinnung Abgefallenen galt; und sogar für die Gunst verantwortlich sein sollte, die Jerome dem Buchhändler Vieweg, Campe's Schwiegersohne, geschenkt hatte, der höchstem Befehle gemäß, aber zu allgemeinem Aergernisse, zum Abbruche des prachtvollen Lustschlosses Salzdahlum hatte die Hand bieten müssen. Von dieser Zeit an lebte Campe, vorzugsweise mit Erziehung einiger Pflegbefohlenen beschäftigt, abgeschlossen von dem Treiben der Welt, und sich nur auf wenige intimere Freunde beschränkend, z. B. Pastor Junker,
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*) An meine Freunde p. 68.–



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Oberbaurath Peter Joseph Krahe, Trapp u. s. w. auf seinem Garten vor Braunschweig, den er selbst aus einer Wüste in ein Paradies umgeschaffen, und durch unendlich viele, an passenden Punkten angebrachte Denksteine und Inschriften zu einem allegorischen Lebenspfade zugeschnitten hatte, eine dem Kindesgemüthe äußerst zusagende Spielerei, die aber von A. H. Niemeyer in seinem Reiseberichte mit spöttischen Blicken angesehen wurde. Glücklich, wer sich, wie Campe, aus dem von Leidenschaft erregten Gewirre des bürgerlichen Lebens mit Zufriedenheit auf sein Haus beschränken kann! Ueber dieses Haus, dessen gesellige Genüsse stets durch Geist gewürzt wurden, und welches früher gastlich jedem Einheimischen geöffnet war, der ein geistiges Gastgeschenk mitzubringen vermochte; und welches auch noch später, nach des Wirthes Isolirung gegen die nähere Umgebung, stets ein Anziehungspunkt gleicher Interessen für alle Fremden von Bildung blieb, hören wir einen glaubwürdigen, und nichts weniger als phantastischen Augenzeugen, den in der juristischen Literatur bekannten G. P. von Bülow. »Wegen der engen freundschaftlichen Verbindung zwischen Trapp und dem Schulrathe Campe, ward ich,« sagt Bülow in den Rückblicken auf sein Leben, »zugleich mit diesem bekannt, und gewann Gelegenheit, in seiner Gemahlin eine der liebenswürdigsten und achtbarsten Frauen näher kennen zu lernen, die mir in meinem langen Leben je begegnet sind. Der Ton in diesen beiden Häusern hat mir einen Eindruck hinterlassen, der sich noch jetzt, von keiner spätern Erfahrung verdunkelt, erhält. Ein solcher Einklang und ein ähnliches Gleichgewicht der geselligen Tugenden werden selten angetroffen, und vorzüglich war die Milde in der Beurtheilung der Träger entgegengesetzter Ansichten hier um so mehr anzuerkennen, als eben Campe wie Trapp wegen ihrer neuen und lieberalen Ansichten manche Unannehmlichkeit



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zu erfahren gehabt hatten, und vielfältig verketzert worden waren.«

Durch übermäßige Geistesanstrengung fühlte sich Campe endlich so sehr abgespannt, das er selber mit dem Abschlusse des letzten Druckbogens für sein großes Wörterbuch den letzten Rest seiner Geisteskraft für erschöpft erklärte. Er setzte nur noch seine Hoffnung auf eine Zerstreuungsreise, die er gegen den Herbst des Jahres 1814, in Begleitung seiner treuen Gattin, nach Kopenhagen zu theuern Freunden unternahm; allein mit ungünstigen Erfolgen für seine Gesundheit, auf welche die Seefahrt sehr nachtheilig eingewirkt hatte. Bald darauf thürmte sich die Wolke des entsetzlichsten Mißgeschickes am Horizonte herauf, welche den letzten Lebensabend des edeln Campe trüben sollte. Dieser helle Geist, der seine höchsten Freuden stets in der Sphäre der unschuldigen Kinderwelt gefunden hatte, sank leider in den bemitleidenswerthen Zustand kindischer Bewußtlosigkeit. Wie herzzerschneidend dieser Anblick für seine Umgebung gewesen sein müsse, ist mir am einleuchtendsten, da ich mich selbst desselben als eines meiner frühesten, aber unauslöschlichsten Jugendeindrücke erinnere. An der Hand einer Freundin des Hauses hüpfte ich als ein munterer Bube vergnüglich durch Campe's anmuthigen Garten; als ich schon aus der Ferne auf einen mit Gäten und Harken beschäftigten Mann aufmerksam gemacht wurde, den man mir als den Gründer und Besitzer dieses Parkes, als einen hochberühmten Schriftsteller, namentlich als den Verfasser »Robinsons, den ich bis dahin nur noch aus Berichten anderer Kinder kannte, bezeichnete. Mit gespanntester Erwartung schritt ich näher; als der ehrwürdige, und so viel ich mich erinnere, kräftig aussehende Greis unserer gewahr wurde; mit der Arbeit innehielt; unter unaufhörlichem Kopfnicken die Mütze zog; mir mit wahnsinnigem Lächeln die Hand reichte;



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und mir bei einem unartikulirten Lallen, welches der Sprache des Thieres ähnlicher war, als der des Menschen, liebkoste; so daß ich todtbleich zurückbebte; und nun ein danebenstehender Gärtner mit barrschem Tone den Greis zur Fortsetzung seiner Arbeit antrieb. Die Folgsamkeit, mit welcher der Kranke diesem Machtspruche nachkam, schnürte mir vollends die Brust zu; und ich mußte nur forteilen, um mich von diesem Anblicke zu erholen, vor dem mir noch in der Erinnerung schaudert. Am 22. Oct. 1818 machte der Tod den unsäglichen Qualen Campe's ein Ende. Er selbst hatte sich und den Seinigen in seinem anmuthigen Garten eine freundliche Ruhestätte vorgerichtet, an welcher, seiner Bestimmung gemäß, die theuern Ueberreste in einem flachen, weißen Sarge prunklos beigesetzt wurden. Zweihundert Thaler, als die veranschlagten Kosten einer feierlichen Leichenbestattung, sollten dafür an die Armen, und durch seinen Schwiegersohn eine starke Auflage des Robinson und Theophron an die unbemittelte Jugend vertheilt werden. Ein einfacher Hügel, mit Immergrün bepflanzt, bezeichnet das Grab dieses, durch seine schriftstellerischen Verdienste der ganzen gebildeten Welt, und wegen seines edeln Charakters, namentlich wegen seiner aufopfernden Liebe, allen Seinigen und seinen Freunden unvergeßlichen Mannes.

Campe's literarische Wirksamkeit ist so ausgedehnt, und die Zahl seiner Schriften so groß, daß hier nur andeutungsweise eine Berührung möglich ist. Er war ein heller Kopf, aber Enthusiast; deshalb sind fast alle seine Bestrebungen angefochten und verkannt worden, obgleich keine ohne Nachwirkung geblieben ist. Das Feld seiner ehrenvollsten Wirksamkeit war die Pädagogik, und um ihn hier gehörig zu würdigen, muß man die Zeit seines Auftretens in Betracht ziehen. Seitdem im 15. und 16. Jahrh. das Studium der classischen Literatur einen neuen Aufschwung erhalten hatte, wurde auch die classische



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Literatur als die Hauptbasis aller humanen Bildung betrachtet. Die Erziehung der Jugend kam deshalb in die Hände der Philologen; und es war nichts mehr zu bedauern, als daß diese Herren nur auf eine geisttödtende Stockgelehrsamkeit und Pedanterie hinarbeiteten, und daß daher dieser sogenannten Schule des Humanismus nichts von Humanität zu eigen war, als der leere Name. Mildernd in mancher Beziehung legten sich nun vom Anfange bis zur Mitte des 18. Jahrh. Spener und Franke in‘s Mittel; allein im Grunde war doch noch immer wenig damit gewonnen; weil nun den Philologen die orthodoxen Theologen das Schulscepter entwanden, und ein gemüthbedrückender Pietismus herrschend wurde. Da zündeten Locke und Rousseau, vorzüglich durch den »Emil,« eine neue Fackel an, welche auch über Deutschland ihr Licht verbreitete. so wurde in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts der Philanthropismus angeregt, dessen Feldgeschrei »Natur« war, und der »Menschenliebe« als vorzüglichstes Erziehungsmittel betrachtete. Hatte man früher unter klösterlicher Zucht nur auf eine gelehrte Ausbildung hingearbeitet: so war jetzt den Pädagogen die neue Aufgabe gestellt, die Jugend für die Welt und für das praktische Leben brauchbar zu machen. Die Verkündiger dieser neuen Lehre waren, außer unserem Campe, vorzugsweise Basedow, der den Hauptimpuls gab, von Rochow, Salzmann, Pestalozzi, alle durch Gründung philanthropischer Musteranstalten bekannt, Weiße, Zacharias Becker, Wolke, Iselin, Trapp, Stuve und mehre Andere. Es wehete allerdings ein gewisses Genielüftchen in dieser Schule; allein wie denn die Hirten selbst, dem puren Realismus ergeben, in ihrem stürmischen Auflehnen gegen die Schwerfälligkeit der classischen Studien, und gegen die Hartnäckigkeit der Kirchensatzungen, den Vorwurf einer gewissen Seichtigkeit und Arroganz auf



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sich luden, so machte sich auch bei der plötzlich dem Drucke enthobenen, und nur durch unbändigen Ehrgeiz stimulirten jungen Heerde ein sehr naseweiser und altkluger Ton bemerkbar. Die Vertreter des Philanthropismus fanden leider auch für ihr im Ganzen genommen anerkennenswerthes Streben nicht überall von oben herab die nöthige Förderung, weil man bei ihnen, die sich nun einmal die Aufgabe gestellt hatten, des verlassenen Volkes sich anzunehmen, manche zu jener Zeit höchst gefährliche, demokratische Elemente verspüren wollte. Weil nun aber auch von seiten der Wissenschaft gegen die etwas voreiligen Reformen des Philanthropismus sich vielfacher Widerspruch vernehmen ließ, so bildete sich bald eine neue pädagogische Schule der Eklektiker. Der geistreiche Herder arbeitete auf einen philanthropischen Humanismus hin, der, mit Benutzung classischer Hülfsmittel, eine harmonische Ausbildung bezweckte; Pestalozzi, der sich vorzugsweise um die Unterrichtsmethode verdient machte, stellte sich, wenn auch ebenfalls einer realistischen Tendenz ergeben, doch selbstständig den Philanthropen gegenüber, indem er mit dem materiellen Wissen auf eine formelle Geistesbildung hinzuarbeiten, und den Menschen durch Selbstthätigkeit aus sich selbst zu entwickeln bemühet war; Niemeyer und Andere, denen hauptsächlich psychologische Erörterungen zu danken sind, schwankten zwischen verschiedenen Systemen und Methoden, aus denen sie sich das Beste herauszufischen, und dasselbe, unbekümmert um den Schulstreit, unmittelbar in ihrer Praxis anzuwenden suchten.

So sehen wir denn unsern Campe aus der dichtgedrängten Masse seiner literarischen Zeitgenossen mit dem entschiedensten Gepräge der Originalität hervortreten. Allein man muß keinesweges glauben, daß man ihn im gewöhnlichen Sinne des Wortes mit dem Ehrentitel eines originellen Menschen abfinden dürfe. Der Philanthropismus mit seiner



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excentrischen Ausschweifung ist längst zu Grabe getragen; und doch giebt sich erst gerade jetzt der wahre Segen jener Reaction gegen die barbarische Stocktheorie früherer Jahrhunderte in unserm Erziehungswesen kund. Nachdem sich der Streit der Ertreme ausgeglichen hat, ist doch eine bessere Lehrmethode in's Leben getreten, und hat sich auch eine humanere Ansicht geltend gemacht. Campe eiferte unter heftigem Angriffe und Hohne seiner Gegner gegen das Vorwalten der classischen Studien auf unseren Schulen; und jetzt hat man schon viel von dem classischen Schutte aufgeräumt, der Muttersprache etwas mehr von ihrem Rechte zugestanden, und vor allen Dingen zweckmäßigere Volks- und Realschulen gegründet. Redete er auch hin und wieder allzuwillfährig dem crassen Realismus des Broterwerbes das Wort, wie es in seinen Fragmenten über die Industrie geschah, von denen weiter unten die Rede sein wird, so wurde er auch wieder um häufig mißverstanden, und das nicht selten absichtlich. Zum Glück lenkte der vorsichtige Mann bei Zeiten wieder ein, und suchte nach Kräften seine Gegner zu besänftigen, zu denen vorzugsweise auch die Philologen gehörten.

Blicken wir nun auf seine Schriften selbst, so zeigen sie uns, wie sein rascher Geist und seine noch raschere Feder der neuen Erziehungsmethode zu wesentlichstem Vortheil gereichten. Wären aus der Masse derselben gegenwärtig auch manche in Nacht der Vergessenheit begraben, so muß man nur erwägen, das der Maßstab der Beurtheilung ihrer und unserer Zeit ein durchaus verschiedener ist. Ein geringschätziges Ignoriren wäre daher hier sehr ungehörig angebracht, und beträfe es auch nur seine »kleine Bilderfibel mit dem beigefügten Buchstaben- und Silbenspiele,« oder sein »geographisches Kartenspiel mit 300 kleinen Karten.« Neben der Unmethode zu Campe's Zeit muß man dabei zugleich die Ehre



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in Anschlag bringen, daß er zuerst diese geistreiche, später so oft ausgebeutete Idee der Begriffsversinnlichung angab. Um hier seiner übrigen, äußerst zweckmäßigen Elementarbücher *) zu geschweigen, muß wenigstens des sehr nützlichen Unternehmens gedacht werden, daß er im Vereine mit tüchtigen Philologen, wie Köppen, Böttiger, Döring, Schulze, Lenz, Wezel und Anderen, eine Encyklopädie der lateinischen Classiker in 25 Bänden veranstaltete, und dazu selber (Brschw. 1791; oder Encyklop. II. 2.) die »ausgesuchten Fabeln des Phädrus, zum Gebrauch auf Schulen ausgewählt von Campe, herausgegeben von J. H. A. Schulze,« lieferte. Leider wollten die Herren vom Schulfache niemals diesem Werke allgemeine Verbreitung gestatten. Eine bereits begonnene Encyklopädie der deutschen Classiker gerieth gleich im Entstehen in's Stocken, weil die erste Probe davon, ein Auszug der Messiade Klopstock's, den Beifall des Verfassers nicht fand. Unter allen seinen vielen Schriften, durch welche sich Campe unmittelbar als theoretischer Pädagog den ehrenvollsten Ruf erwarb, verdient, außer seinen »pädagogischen Unterhaltungen,« und dem »braunschweigschen Journale philos. philolog. und pädagog. Inhalts, vor allen seine »allgemeine Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens« **) in Erinnerung
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*) Neue Methode, Kinder auf eine leichte und angenehme Weise lesen zu lehren, nebst einem dazu gehörigen Buchstaben- und Silbenspiele in 26 Karten. Altona, 1778. –
Neues ABC- und Lesebuch, mit 4 Kupfern. Brschw., 1806. (Ist eine Umarbeit. der »neuen Methode, Kinder auf eine leichte und angen. Weise lesen zu lehren.«)
Biblia sacra, ex Seb. Castellionis interpretatione in usum juventutis breviata. Spec I. Hamb., 1779. –
Vorrede zu dem ABC instructif pour apprendre aux enfans les élemens de la langue française. à Brunsv., 1789. –
Versuch eines Leitfadens beim christl. Religionsunterrichte für die sorgfältiger gebild. Jugend; künftig für die allgem. Schulencyklop., jetzt zur Prüf- und Verbesser. vorgelegt. Brschw., 1791. (7. Afl., 1809; in’s Holländ übers. Amsterd., 1793.)
**) Pädagog. Unterhaltungen (gemeinschaftl. mit Basedow) von dem



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gebracht zu werden. Mit diesem Werke, welches höchste Erwartung erregte, jede billige gewiß auch erfüllte, und durch
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dessauischen Erzieh. Instit, herausg., 1777 bis 1784, 5. Jahrg. –
Allgem. Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens, von einer Gesellschaft prakt. Erzieher. Hbg., 1785 bis 1792, 16 Bde. (Von Campe sind folg: Artikel:
Von den Erfordernissen einer guten Erziehung von Seiten der Eltern vor und nach der Erzieh. des Kindes; I. –Abhandl. über die früheste Bildung der Kinderseelen; II. – Von der Sorge für die Erhalt. des Gleichgewichts unter den menschl. Kräften, bes. Warnung vor dem Modefehler, die Empfindsamk. zu überspannen; III. – (ist eine Erweiterung seiner Schrift: »über Empfindsamk. und Empfindelei.«)
Ueber die gr. Schädlichk, einer allzufrühen Ausbild. der Kinder, V. –
(Im Auszuge: Würzb., 1800 bis 1803, 3 Bde.; holländ.: Amsterd, 1785; dänisch: von Werfel. Kopenh., 18 Thle.)
Braunschw. Journal, philos, philol. und pädag. Inhalts, (gemeinschaftl. mit Trapp, Stuve und K. Heusinger herausg.) Brschw., 1788 bis 89, 2. Jahrg. (Den 3. Jahrg. 1790 besorgte Trapp allein.) (Von Campe sind darin folg. Beiträge:
Beantwort. des im 1. St. dieses Journ. befindl. Einwurfs wider die Nützlichk. period. Schrn. vom Prof. Grave, I. 1788, 1. stück p. 19 bis 44. – Soll man die Kinder mitleidig zu machen suchen? 2. St., p. 150 bis 190. – soll man die Kinder Comödien spielen lassen? Ebend., p. 206 bis 219. – Nachr. v. dem Fortg. der Realisir. des Planes zu einer allgem. Schulencyklopädie. 3. St., p. 257 bis 269. – Beantwort. einiger Einwürfe, welche in den schles. Provinzialblättern gegen eine von Campe ausgest. Preisfrage über die einer jeden bes. Menschenclasse zu wünschende Art der Ausbild. und der Aufklär. gemacht worden sind. ebend., p. 338 bis 373. – Statist. Nachrichten von den Progressen der Deutschen im Versemachen, mit einer pädag. Anwendung. ebend, p. 373 bis 384. – Giebt es eine Glaubenspflicht? 4. St., p. 407 bis 428. – Hauptideen und Grundsätze zur Verfertig. der wissenschaftl. Theile der allgem. Schulencyklopädie. ebend, p. 475 bis 492. – Väterl. Rath für meine Tochter, ein Gegenstück zum Theophron, der erwachs., weibl. Jugend gewidmet. 5. St., p. 44 bis 68; 6. St., p. 188 bis 231; 7. St., p. 310 bis 337; 8. St., p. 404 bis 435; 9. St., p. 25 bis 65. – Einige Erfahrungen und Beobachtungen über den  Schlaf des Hrn. Dr. Hildebrandt, pädagog. benutzt. 6. St., p. 141 bis 188. – Noch ein Wort über Glaubenspflicht, Freih. u. Nothwendigk. 9. St., p. 65 bis 81. – Hauptsätze der sogen. neuen Erziehungstheorie, das Sprachstud. überh. u. d. latein. Spr. insonderh. betreffend, behauptet und vertheidigt v. Leibnitz, Locke, Tschirnhausen, Facciolati, Zambaldi, Morhof, Montagne, Gentil, Clenard, Tanaq. Faber, Matth. Gesner, Schaz, Reimarus, Mendelssohn, auch indirecte von Scioppius, Melanchthon, Ludw. Vives, Erasmus, Corderius, Joach. Lange u. A. ebend., p. 82 bis 110; 10 St, p. 200. – Anzeige u. Beurtheil einiger durch d. preuß. Religionsedict



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die Mitwirkung anerkannter Praktiker, wie Ehlers, Funk, Resewitz, Stuve u. s. w. im Publikum an Vertrauen gewann,
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vom 9. Juli 1788 veranlasten Schrn. 10. St., p. 129 bis 152. – Einige Bemerkungen zu J. F. Abegg merkw. Beobachtungen in diesem Stücke. ebend., p. 178 bis 187. – Ueber die Hauptsünden der sogen. neuern Pädagogik, nebst einer Anwend. auf den Aufsatz des Hrn. Kammerh. Freih. von Knigge, in Hrn. Benecken’s Jahrb. für die Menschh. 2. Bd., 3. St., –II. 1789, 2. St, p. 193 bis 213; 3. St, p. 339 bis 359. – Vorschlag zur Beförder. der sittl. Ausbild., Industrie und Glückseligk. unserer Künstler und Handwerker, nebst einer sich darauf beziehenden Preisfrage. 2. St., p. 214 bis 236. – Nachr. v. dem Erfolge der aufgeworf. Preisfrage, die einer jeden Menschenclasse zu wünschende Ausbild. betreffend. 5. St., p. 92 bis 94. – Antwort auf das Schreiben des Fräuleins von . . . – 8. St., p. 392 bis 400. – Briefe aus Paris. 10. St., p. 227 bis 254; 2. Brief, 11. St., p. 257 bis 319; 3. u. 4. Br., 12. St., p. 385 bis 461; 5. u. 6. Br., Jahrg. 1790, 1. St, p. 1 bis 64; Vorrede zu diesen Brfn., p. 65 bis 71; 7. u. 8. Br., 2. St., p. 129 bis 259. – Ueber die ersten Gründe des Gesellschaftssystems, angewandt auf die gegenwärtige Staatsumwälzung; zur Probe des Ganzen, aus d. Franz. übers. und mit einigen Anmerk begl. 7. St, p. 257 bis 303. – An Basedow's Grabe 8. St, p. 501. – Proben einiger Versuche von deutscher Sprachbereicher. 11. St, p. 257 bis 296. – Anmerkungen zu dem Aufsatze: über Hrn. v. Winterfeld’s beide Aufsätze, das Latein. betreffend. 4. Jahrg, 1791, 4. St, p. 486 bis 493. – Antwort eines Ungen. aus Paderborn an den Schulr. Campe in N. 35 des jenaisch. Intelligenzblattes. 5. St., p. 58 bis 85. – Bekanntmachung des Junker'schen Sonnenmikroskop. 10. St, p. 179 bis 191. – Ueber Köppen’s Tod, nebst einer Nachr., die allgem. Schulencykl. betreffend. 12. St., p. 484 bis 490.)
Samml. einiger Erziehungsschrn., II. Lpz., 1778. –
Ueber Empfindsamk. und Empfindelei, in pädag. Hinsicht. Hbg., 1779. (Umgearbeit. und verb. im 3. Thle. der allgem. Revis.)
J. F. Oest: höchstnöth. Belehr. und Warnung für Jüngl. u. Knaben; eine gekrönte Preisschr.; aus dem 6. Thle. der Revis. Bes. herausg. v. Campe, 1. bis 4. Afl., 1787 bis 1809. –
J. F. Oest: höchstnöth. Belehr. und Warn. für junge Mädchen zur frühen Bewahr. ihrer Unschuld; eine gekrönte Preisschr.; aus dem 6. Thle. der Revis. bes. herausg. v. Campe, 1. bis 4. Afl., 1787 bis 1809. –
Campe: über Belohn. und Strafen in pädag. Rücks.; aus der Revis. bes. abgedr. Brschw., 1788. –
F. A. Crome: über die Erzieh. durch Hauslehrer; aus der Revis. herausg. v. Campe. Brschw., 1788. –
B. Cp. Faust: wie der Geschlechtstrieb des Menschen in Ordnung zu bringen; mit einer Vorr. v. Campe. Brschw., 1791. –
An diesem Orte wäre auch gleich der Mitwirk. Campe's an verschied.



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machte Campe selbst das 1774 von Basedow edirte »Elementarwerk« vergessen. –

Den heftigsten Widerspruch fand Campe als deutscher
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Ztschrn. zu gedenken, weil sich dieselbe doch größtentheils auf pädag. Zwecke erstreckt:
Beiträge zum deutschen Museum.
(An Hrn. Prof. Feder: Beantwort. dessen Schreibens über die Frage: »ob es raths. sei, die Ehrbegierde zu einer moral. Triebfeder bei der Erzieh. zu machen,« 1778, 4. St., p. 326 bis 349. – Gesch. meiner Augenkrankh., 7. St., p. 67 bis 83. – Proben einer kl. Seelenl. für Kinder, 1779, 10. St., p. 353 bis 363. – Versuch eines neuen Beweises für die Unsterblichk. unserer Seele; 1780, 9. St., p. 195 bis 213. – Kabinetsgespr. zw. dem gr. Mogul und einem seiner Nabobs; 1781, 1. St., p. 69. – Antwort auf die Einwürfe eines Ungen. gegen Campe's Versuch eines neuen Beweises für die Unsterblichk. unserer Seele; 5. St, p. 393 bis 408. – Auf Lessing's Tod; p. 464. – Schreiben über die Einwürfe noch eines Ungenannten gegen den neuen Beweis für die Unsterblichk. uns. Seele; 1782, I. Jan., p. 73 bis 81. – An Joseph den Einzigen; 1784, I. Febr., p. 101 bis 104. – Preis-Aufgabe, wie kann man Kinder und junge Leute vor dem Leib und Seele verwüstenden Laster der Unzucht überh. und der Onanie insonderh. verwahren, od. sie, wenn sie schon davon angesteckt sind, davon heilen? II. Nov., p. 471 bis 480. – Fernere Nachricht von dem Fortgange einer allgem. Revis. des gesammt. Erziehungswesens, von einer Gesellsch. prakt. Erzieher; Dec., p. 481 bis 498. –)
Beiträge zu Voß' Musenalmanach, (1776 pp.) –
Beiträge zur Samml. der besten und neuesten Reisebeschreibungen. –
Beiträge zur berliner Monatsschr.:
(Plan zu einer allgem. Revis. des gesammt. Erziehungswesens von einer Gesellsch. prakt. Erzieher; 1783, Aug., p. 162 bis 181. – Versuch einer Classificirung der Ideen nach den Graden der Lebhaftigk.; Oct., p. 375 bis 378. – Ueber die früheste Bildung junger Kinderseelen, ein Bruchstück; 1784, März, p. 218 bis 228. – Zu Hrn. Joh. Paul Richter's Vorlesung über Campe's Sprachreinigk. in dessen Vorschule der Aesthetik; 1805, Febr., p. 81 bis 121 –).
Beitrag zum schlesw. Journal:
(Mein erstes und letztes Wort über den Ritter von Zimmermann, eine neuesten Verläumdungen betreffend; 1792, 8. St., p. 209 bis 512 –).
Beitrag zu Wieland's deutschem Merkur:
(Fröhliche Botsch. für die Süchtlinge od. Hypochondristen; 1803, Juli, p. 185 bis 202 –).
Beitrag zum Reichsanzeiger:
(Vorschlag zu einem Denkmal für Luther; 1805, N. 319 –).
Beitrag zum braunschw. Magazin: (Ueber ein verkanntes Erziehungsmittel bei der Kartoffelzucht; 1809, Nro. 12 –).



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Sprachforscher. *) In dem sehr löblichen Bestreben, die Würde der Muttersprache durch Verbannung fremden Flitters zu heben, vereinigte er sich mit einem Cludius, von Anton, Eschenburg, Gedike, Kinderling, Heynatz, Löwe, Mackensen, Petersen, von Winterfeld u. s. w. zur Herausgabe der »Beiträge für die Ausbildung der deutschen
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*) Proben einiger Versuche von deutscher Sprachbereicher. Brschw., 1791. (steht auch im brschw. Journ., 1790, 11. SSt.)
Zweiter Vers. der deutschen Sprachbereicher. od. neue stark vermehrte Ausg. der ersten. Brschw., 1792. –
Dritter Versuch über die Reinig. und Bereicher. d. deutschen Sprache, welcher den von dem königl preuß. Gelehrtenvereine zu Berlin ausgesetzten Preis erhalten hat. Verb. Afl. Brschw., 1794. –
Beiträge zur Beförder der fortschreitenden Ausbild der deutschen Sprache, von einer Gesellsch. von Sprachfreunden, 1795 bis 97, 9. St. in 3 Bänden.
(Von Campe sind folg. Beiträge darin:
Gelegentl. Sprachbericht neuer deutscher Wörter; 1. St., p. 88 bis 106. – Was ist hochdeutsch? und in wiefern und von wem darf u. muß es weiter ausgebildet werden? p. 145 bis 184; 2. St, p. 99 bis 126. – Ein Paar Bemerkungen zum 1. St. dieser Beiträge; 1. St, p. 183 bis 186. – Sprachbericht zur neuen Biblioth. der schönen Wissensch, 54. Bd, 1. St.; – 2. St, p. 59 bis 81. –
Sprachbericht zur berlin. Monatsschr., Oct, 1794; p. 82 bis 94. –
Bemerkungen zum 98. St. der Annalen der Philosophie und des philos. Geistes, 1795; 3. St., p. 32 bis 36. – Ueber den Titel der Beiträge; p. 136 bis 149. – Bemerkungen zu Adelung’s Magazin, 1. Jahrg, 2. St., p. 23; – 4. St., p. 44. – Schutzwort zu Gunsten eines Verbannten; p. 114 bis 120. – Kann etwas möglicher als möglich, oder gar am möglichsten sein? p. 172 bis 174. – Ueber ein Paar Mißverständnisse in einer Beurtheilung dieser Beiträge; p. 175 bis 180. – Vermischte Sprachbemerkungen bei verschied: Veranlassungen; 5. St., p. 26 bis 33. – Ein Paar Berichtigungen zu einer, 4. St. der Zeitschr. Deutschland befindl. Beurtheil. der Beiträge; p. 178. – Vermischte Bemerkungen; 6. St, p. 45 bis 51. – Ueber wann und wenn; p. 82 bis 103. – Einige Bemerkungen über Goethes Bemühungen, unsere Sprache reinigen und bereichern zu helfen; 7. St., p. 168 bis 178. – Gegengeschenk für die Verff. der Xenien in Siller's Musenalmanach; p. 179 bis 182. – Ueber Kant's Schr.: »zum ewigen Frieden;« 9. St., p. 109. bis 118 –).
Wörterb. zur Erklär. u Verdeutsch. der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke; ein Ergänzungsbuch zu Adelung's Wörterb. Brschw., 1801, 2 Bde., 2. Afl., 1813. –
Versuch einer genauen Bestimmung und Verdeutschung der für unsere Spr. gehör. Kunstwörter. Brschw., 1803. –



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Sprache.« Allein die kecke Miene, welche man der Auctorität der Herren Poeten gegenüber annahm, entflammte den ganzen Parnaß zum Zorn gegen die »braunschweiger Waschfrau.« *) Klopstock, obgleich selbst ein Deutschthümler, furchte die Stirn; Wieland schalt, aber merzte doch in aller Stille einige hundert Fremdlinge bei der letzten Revision seiner Werke aus; Friedr. Schulz schrieb in Campeschen Ausdrücken einen Spottartikel, den Merkel später im Freimüthigen mittheilte, der aber schon gegenwärtig den größten Theil seines piquanten Interesses verloren haben möchte, weil bereits die meisten der damals befremdenden Ausdrücke in das Volk übergegangen sind. Selbst Goethe und Schiller hechelten den Sprachreiniger in den Xenien durch; und so hatte er es mit einem Richter und noch unzähligen Anderen des gereizten Poetenvölkchens zu thun. Die meisten davon wurden aber auch gleich in den »Beiträgen« oder bei anderen Gelegenheiten tüchtig wieder bedient. Man mag die Sache nun nehmen wie man will, so hat doch die Anregung des Puristen Campe die heilsamsten Folgen gehabt. Zur tieferen Würdigung des Genius und Reichthumes unserer Sprache hat sie entschieden beigetragen, und würde sich schon aus dem Gesichtspunkte eines Gegengewichtes gegen die bedrohlichen, fränkischen Einflüsse als nützlich erweisen. Auch wollte er die Fremdwörter keineswegs mit seinen neuen unbedingt verdrängen; sondern vielmehr, wie er dies selbst anmerkt, nur womöglich zur Erschöpfung eines Begriffes Wörter verschiedener Nüançen an die Hand geben. Wollte man freilich ihm selbst einmal auf die Finger klopfen, so brauchte man nur seine eigenen früheren Werke durchzumustern, in denen er (z. B. in den »Fragmenten«) mit Fremdlingen, wie: Lüre, Stupidität, Indüstrie, realisiren,
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*) Goethe's und Schiller’s Xenien.



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Abstractionen, populär, speculativ, Subtilität, disseriren, disputiren, intricat, affectiren, dispensiren, Constituent, französisches Caquet u. s. w. um sich wirft. Später übte er indessen eine um so unerbittlichere Censur gegen die Ausländer. – Dafür erhielt er auch die Genugthuung, daß seine Abhandlung »über die Reinigung und Bereicherung der deutschen Sprache« von der berliner Akademie der Wissenschaften mit dem, vom Minister von Herzberg ausgesetzten Preise gekrönt wurde. Sein puristischer Eifer erstreckte sich sogar bis auf die Vertheidigung der deutschen Typen, *) welche damals durch mehre Buchdrucker in Gefahr kamen, mit lateinischen vertauscht zu werden. Campe's verdienstlichstes Werk aber bleibt das unter Theod. Bernd's Beihülfe ausgearbeitete »Wörterbuch der deutschen Sprache,« welches in fünf Quartbänden zu Braunschweig 1807 bis 1811 erschien. Machten Campe's Widersacher ihm wiederholt den Vorwurf, daß häufig zu seinen schriftstellerischen Productionen mehr der Erwerbstrieb, als der Wissenstrieb die Triebfeder gewesen sei, so macht doch dieses großartige Unternehmen, wegen der hohen Uneigennützigkeit, mit der es zu Stande gebracht wurde, jeden Tadel verstummen. Er opferte nämlich dabei, wie auch leider bei dem früheren »Verdeutschungswörterbuche,« einen nicht unbedeutenden Theil seines Vermögens auf, weil dieses Werk auf eigenes Risiko ging, und die Herausgabe gerade in die unselige Kriegsepoche fiel. Auch wird es seines innern Werthes wegen des Verfassers Namen in dauernder Ehre erhalten; so vielfacher Berichtigungen es auch bedürfen möchte, und so streng auch der Maßstab war, den ein Joh. Heinr. Voß daranlegte. Während Adelung noch ganz vom Gottsched'schen Geschmacke
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*) Der Einsiedler von Warkworth, eine northumberländ. Ballade, aus dem Engl. von Campe. Zur Probe einer Druckschr. neuer Art. Brschw., 1790. –



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befangen war, ging Campe nach freieren Grundsätzen zu Werke. Bei dem Aufdecken des von Adelung verkannten Reichthumes unserer Sprache bot sich Campen ein mehr, als dreifacher Schatz der Ausbeute dar; indessen er, was Etymologie und Begriffsentwickelung betrifft, seinen Vorgänger, der ihm mit riesenmäßiger Anstrengung den Weg gebahnt hatte, nicht erreichte; ungeachtet er oft seine Schnellfertigkeit für Ueberholung ansah. Man darf jedoch Campen, der nicht eigentlich für den Sprachforscher von Fach schrieb, bei einem so umfangreichen Werke diesen Mangel nicht zu hoch anrechnen.  

Auch im Poetischen, namentlich in der Satire, hat sich Campe versucht. *) Allein auf diesem Gebiete, ungeachtet er auf ihm seine Schriftstellerlaufbahn begann, spielte er doch im Grunde genommen von allen Rollen seines Lebens die traurigste. Mit allen seinen Poesieen, selbst mit seinem »Candidat,« einem Heldengedichte, wollte es eben so wenig glücken, wie mit seiner ästhetischen Kritik. Durch Letztere rief er fast absichtlich die gefährlichste Partei seiner Gegner wider sich ins Feld, die gereizten Poeten nämlich, denen gegenüber er denn auch seine geringe Befähigung für poetische Auffassung nie verbergen konnte. Denn was sollte man wohl von einem Aesthetiker halten, der das Verdienst des Erfinders der
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*) Die Musen in dem Gefolge würdiger Regenten; eine gebundene Rede, worin dem Durchl. Fürsten und Hrn. Herzog Carl u. s. w an Höchstderoselben hohen Geburtsfeste unterthänigst Glück wünschte J. H. Campe. Helmst. und Lpz., 1767. –
Der Schutzgeist von Berlin, 1768. –
Satiren. Helmst. und Magdeb., 1768. –
Kleinigkeiten, 1768. –
Das Testament; eine Satire, 1769. –
Der Candidat, ein Heldengedicht, 1769. –
Gedicht im deutschen Merkur, 1774 –
In der von Ursinus (Berlin, 1777) herausg. Slg. übersetzter Balladen und Lieder altengl. und altschott. Dichtart sind einige von Campe.



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braunschweiger Mumme und des Spinnrades über das eines Dichters stellte, und es höher anschlug, eine Quadratruthe Moorland urbar zu machen, und einen Stein Flachs zu spinnen, als der Verfasser eines Bändchens allerliebster Gedichte zu sein! Wollte man eine solche Versündigung wider den heiligen Geist auch mit einer temporären Mißstimmung entschuldigen: so ließe sich doch niemals sein schlechter Geschmack in Abrede stellen, und höchstens von ihm rühmen, daß er allenfalls nur für das Lehrgedicht Empfindung gehabt habe, welches doch eigentlich vor dem kritischen Richterstuhle nicht als vollgiltig anerkannt wird. Zeigt er wenigstens nicht eine gänzliche Verkennung des Wesens der Poesie, wenn er sagt: »das der eigentliche Zeitpunkt, da der Dichter sich ein recht großes und unsterbliches Verdienst erwerben könne, derjenige sei, da eine Nation anfange, sich aus der Nacht der Barbarei zu der Morgenröthe der Aufklärung empor zu arbeiten. Da sei es ein großes, verdienstvolles Werk, das einer Nation aufzusteckende Licht der Philosophie, dessen reinen unverhüllten Schein sie noch nicht ertragen könne, mit dem Laternenglase der schönen Künste überhaupt und der Poesie insonderheit zu umgeben, damit es in gemildertem Glanze den Leuten in die Augen falle, und durch das Wehen nächtlicher Stürme nicht erlöschen möge. Sobald hingegen ein Volk über jene erste Periode der Aufklärung schon hinaus wäre, und nun schon seinen Haller, (hier zählt Campe von Haller bis auf die Karschin herab seine Lieblinge auf, ohne daß er eines Herder, Goethe, Schiller, Richter und Anderer gedächte,) seine Karschin und Andere aufweisen könne: dann sei es weder eben so schwer, noch so verdienstlich, nützlich und ruhmwürdig mehr, nicht bloß Gedichte überhaupt, sondern sogar solche unsterbliche Gedichte zu verfertigen, als wir jenen verdanken.« Ja, es klingt fast komisch, wenn sich Campe selbst über diese



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so vielfach angefochtenen Ansichten rechtfertigen will in den »statistischen Nachrichten von den Progressen der Deutschen im Versemachen; mit einer pädagogischen Anwendung,« *) und hier vom Lobe der Poesie ungefähr im Tone einer superklugen, abgelebten Bonne spricht: »Ohnstreitig kann die Tugend unter den bildenden Händen der schönen Künste und Wissenschaften wunderbaren Reiz erhalten: ohnstreitig kann sie, wenn sie aus Ramler's Cantate weint, und aus Klopstock's Heldengesängen tönt, auch das kälteste Herz in Empfindung zerlassen. Denn hier erblicken wir die allgemeinen Wahrheiten der Sittenlehre in einzelnen wahren oder erdichteten Beispielen, die abgezogene Erkenntnis erhält gleichsam Körper und Leben und wird in anschauende Erkenntnis verwandelt. Dadurch werden die Vorstellungen erleichtert; dadurch wird die Geschwindigkeit derselben vergrößert; dadurch werden die besonderen Vorstellungen vieler Merkmale in eine einzige zusammengepreßt; dadurch werden wir in den Stand gesetzt, die moralischen Vorschriften, ihre Anwendung auf einzelne Fälle, die Möglichkeit sie auszuführen, und den wohlthätigen Nutzen derselben, mit Einem Blicke zu übersehen. Daher kann bei dieser anschauenden Erkenntnis unser Herz nicht kalt bleiben; es muß von Bewunderung, Ehrfurcht, Liebe, Mitleiden – kurz von den wärmsten Empfindungen und von den lebhaftesten Leidenschaften zerschmelzen.« In der That, nach so einem rührenden Kraftsermone fehlte nichts, als der Trumpf, den unser Aestheticus selbst noch darauf setzte: »soll diese Aeußerung ein unbefugtes Verdammungsurtheil sein?« - -

Besser glückte es unserem Campe mit seinem »Robinson,« **)
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*) Braunschw. Journ., 1788, I. p. 382. –  
**) Robinson der Jüngere, zur angen. und nützl. Unterhalt für Kinder, II. Hbg., 1779 bis 80. (In's Franz. übers. Paris, 1783; Basel, 1788; von Mich. Huber. Brschw., 1793; Bern, 1793; Frankf., 1794;



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der ihm einen europäischen Ruf verschaffte. Anderen war dieser Stoff immer nur ein gewöhnlicher, romantischer gewesen, und so hatte auch Wezel, der frühere Bearbeiter, gedankenlos die breite Langweiligkeit des englischen Originals von de Foe copirt. Campe, der auch der damals grassirenden Seuche schwächlicher Empfindsamkeit steuern wollte, faßte seinen Stoff von einer praktischen Seite auf, als höchst geeignet zu mannigfachster Belehrung für die Jugend. Dieser praktischen Tendenz hatte er es hauptsächlich zu danken, daß von seinen Werken nicht der Robinson allein, der die, im Zeitraume von 1722 bis 1769 erschienenen, vierzig anderen Robinsone in den Hintergrund drängte, und von welchem bereits im J. 1840 die dreißigste Auflage erschien, in fast alle Sprachen Europa's übertragen wurde. Vom ästhetischen Standpunkte aus thut ihm freilich dieser Vorzug Abbruch; indem die moralische Tendenz die künstlerische zu merklich überwiegt. Charakteristisch ist die Bemerkung des geistreichen und paradoxen G. C. Lichtenberg's über dieses Werk: »Ich wollte zwei Messiaden für einen kleinen Theil des Robinson Crusoe hingeben. Unsere meisten Dichter haben, ich will nicht sagen nicht Genie genug, sondern
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Paris, 1798; 3. Afl., 1802; v. J. B. Engelmann. Frkf. a. M., 1801; 4. Afl., 1814; v. J. D. Grandmottet. Brschw., 1805; v. S. H. Catel. Berlin, 1806; in's Latein, v. P. J. Lieberkühn. Züllichau, 1785; 3. Afl, v. L. F. Gedike, 1798; 4. A., 1802; v. J. F. T. Nagel. Helmst, 1822 bis 23; in's Holländ., v. Siegenbeck. Amsterd. und Zütphen, 3. Afl., 1814; in's Italien., v. C. G. Jagemann. Halle, 1787; 3. Afl., 1826; Padua, 1811; in's Span., v. D. F. de Yriarte. Madr., 1789; 3. Afl. Hbg., 1808; in's Dän. Kopenh., 1800; in's Neugriech.; in's Poln. Bresl., 1806; in's Engl. Hbg., 1782; v. J. Timäus. Lüneb., 1800; v. C. Will. Frkf. a. M., 3. Afl., 1825; auch unter d. Titel: Engl. Leseb. mit Wörterb. v. C. Wagner. Brschw., 2. Afl., 1817; Nachdr. München, 1780; Wien, 1789; ebend., 1803; 1812; Reutlingen, 1815; 1821; Tübingen, 1796; Forts. v. Chr. Hildebrandt. Lpz., 1806; 2. Afl., 1819; auch unter dem Titel: Robinson's Colonie, ein unterhalt. Leseb.)



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nicht Verstand genug, einen Robinson Crusoe zu schreiben. *) –

Reich ist die Bändezahl seiner noch immer gelesenen und belehrenden Unterhaltungsschriften für die Jugend, **) und
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*) Geo. Chr. Lichtenberg's verm. Schrn. Göttingen, 1844, II. p. 38  
**) Das Leben der Blanka Capello; aus dem Ital. des Sanseverino. Berlin, 1776. –
Kleine Kinderbiblioth., od. hamb. Kinderalman., od. Weihnachtsgesch. für Kinder, 12 Bdchn. Hbg., 1779 bis 84, (10. Afl. in 18 Bdn., 1805. Das 12 Bdchn. auch unter dem Titel: hamb. Kinderalman. auf d. J. 1785; 2. Afl der 6 ersten Bde., 1782; 3. Afl. des 1. Thls., 1782; 12. Afl. aller 12 Bde., 1828; davon eine russ. Uebersetzung. Petersb., 1783; 2. Afl., 1785; Smolensk, 1801; 2. Afl., 1803; franz. v. I. D. Grandmottet. Brschw., 1800; Paris, 1803; 2. Afl, 1820; eine andere ebend., 1805; schwed. zu Oerebro; poln. Bresl., 1809; Nachdr. Stuttg., 1815; Wien, 1813.)
Die Entdeckung von Amerika, ein angen. und nützl. Leseb. für Kinder und junge Leute, 3 Thle. Hbg., 1781 bis 82, (10. Afl., 1828; den 4. Thl. bearbeitete J. J. Pott. Prag, 1815; in's Franz. übers. v. Junker. Suisse, 1784, 1785; neue Afl. Lpz., 1809; Paris; ebend., 4 Afl., 1807; ebend.; 4. Afl., 1813; Lausanne; Brschw, 1797; in's Engl. v. Elizab. Helme. London, 1799; mit beigedrucktem deutschen Texte. Oldenb, 1808; in's Franz und Poln. v. G. S. Bandtke. Bresl., 1805; in's Poln. Bresl., 1808; Nachdr. Tübing, 1782; ebend., 1786; Wien, 1813; ebend., 1816; Reutling., 1815; 1825 –).
Vorrede und berichtigende Anmerkgn. zu Pet. A. d. Winkopp's Uebers. v. d. Gräfin von Genlis Adelheid und Theodor, 3 Thle. Gera, 1783 bis 84. –
Geograph. Kartenspiel. Ein Weihnachtsgesch. für Kinder und junge Leute; nebst 300 geograph. Spielkärtchen u. einem Umr. v. Deutschl. Hbg., 1784. –
Samml. interessanter und durchgäng. zweckm. abgefaßter Reisebeschreibungen für die Jugend. Brschw., 1785 bis 93, 12 Bde. (Vom 1. Thle. die 2. Afl., 1786; sämmtl. auch unter dem Titel: Kleine Kinderbiblioth, 12 bis 24 Bdchn., 2. Afl. in 12 Bdn., 1806; 3. Afl., 1820; in's Franz. übers. Frankf., 1786 bis 93, 7 Bde.; v. Berton. Paris, 1794, 8 Bde.; neue Afl. Bresl. 1805, 2 Bde., u. Paris, 1802 bis 3, 12 Bde.; ins Holländ. Amsterd, 1788 bis 94, und 1805, 5 Bde.; in's Ital., 8 Bde.; Nachdr. Reutlingen, 1790, 12 Bde.; 2. Afl., 1807; Forts. in 3 Bdn., ebend., 1796 bis 1797; Wien, 1812, 12 Bde. Frkf. und Lpz., 1806, 8 Bde. –).
Gesch. Sandford's und Mertons für Kinder erzählt; aus dem Engl., 2 Bdchn. Brschw., 1788. (Franz. Bern, 1790, 2 Bde. –).
Histor. Bilderbüchlein, od. d. allgem. Weltgesch. in Bildern u. Versen, 1. Bdchn. Brschw., 1801; 2. Afl., 1810, (Franz. v. Berton:



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sie liefern in den stets erneueten Auflagen den besten Beleg dafür, daß sich an Popularität schwerlich ein Jugendschriftsteller
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Les soirées sous le vieux tilleul, ou petit cours de morale en exemples et choix d'histoirettes destinées à l'instruction de la jeunesse. Paris, 1821, 2 vol.; u. v. Dom. S. Fremadeuse: La portefeuille verd, ou collection des histoires pour la jeunesse. Paris, 1819 –).
Neue Slg. merkw. Reisebeschreibungen für die Jugend, 1. bis 6. Thl, 1802 bis 4; 4. Afl., 1820.
Daraus wurde bes. abgedruckt:
Gemälde des Nordens, dargest. in J. Hemskerk‘s und W. Barenz nördl. Entdeckungsreise und den merkw. Abenteuern vier russ. Bootsmänner auf Spitzbergen. Lpz, 1824. (Holländ. Amsterd., 1807; Poln. im Auszuge v. Stanisl. Szumánski. Warschau; Dänisch, Kopenh., 1802 –).
Reise durch Engl. und Frankr. in Briefen an einen jungen Freund (seinen Enkel Ed. Vieweg) in Deutschland, 2 Thle. Brschw, 1803. (Auch unter dem Titel: neue Samml v. Reisebeschreib., 4. bis 5. Bd., 2. Afl., 1815.)
Reise von Braunschw. nach Karlsbad und durch Böhmen, in Briefen an Eduard und Karl. Brschw., 1806. –
Auszug aus der Hawkesworthischen Reisebeschreib. (In der bei Mylius zu Berlin herausg. Slg. v. Reisebeschreib.)
Sämmtl. Kinder- und Jugendschriften. Ausgb. letzter Hand, mit 82 Kupfern, 1. bis 28. Bdchn. Brschw., 1807; 29. bis 30. Bdchn., 1809; 31. bis 37. Bdchn., 1818. - (Neue wohlf. Gesammtausg. der letzten Hand, 1. bis 37. Thl. Brschw., 1828. Enthält: 1. Thl.: Neues ABC- und Leseb., 2. Afl.; 2. bis 7. Thl.: Kl. Kinderbiblioth., 6 Thle, 12. Afl.; 8. Thl.: Seelenlehre f. Kinder, 9. Afl.; 9. Thl.: Sittenbüchl. für Kinder, 9. Afl.; 10. bis 11. Thl.: Robinson der Jüngere, 20. Afl.; 12. bis 14. Thl.: Entdeck. v. Amerika, ein Unterhaltungsb. f. Kinder und junge Leute, 3 Thle., 11. Afl.; 15. Thl.: Geschichtl. Bilderb. od. die älteste Weltgesch. in Bildern und Versen, 2. Afl.; 16. Thl.: Klugheitslehren für Jünglinge, welche im Begriff stehen in die Welt zu treten, 6. Afl.; 17. bis 28. Thl.: Erste Slg. merkw. Reisebeschreib. f. d. Jugend, 12 Thle, 5. Afl. Diese Slg. enthält: 1. Hermskerk's und Barenz nördl. Entdeckungsreise und merkw. Schicksale; 2. Merkw. Abenteuer vier russ. Bootsmänner auf Spitzbergen; 3. Vasco de Gama's Reise nach Ostindien. Die erste, welche um Afrika herum vollführt wurde; 4. Traurige Schicksale der Frau Godin Desodonais auf einer Reise von Riobamba, unweit Quito, durch das Amazonenl.; 5. Campe's Reise von Hamb. bis in die Schweiz; 6. Beschreib. einer Reise um die Erdkugel, angest. v. d. britt. Commodore Biron; 7. Beschreib. einer Reise um die Erdkugel, angest. v. d. britt. Capitain Sam Wallis; 8. Beschreib. einer Reise um die Erdkugel, angest. v. d britt. Capitain Karteret; 9. Das Anziehendste und Merkwürdigste aus Joh. Carver's Reisen durch d. Innere v. Nordamerika; 10. Wilh.



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mit ihm messen kann. sein Stil ist anschaulich und klar, selbst bei Behandlung abstracter Gegenstände, weshalb Campe als Philosoph, *) namentlich als Moral- und Religionsphilosoph,
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Isbrand Bonteku’s merkw. Abenteuer auf einer Reise v. Holland nach Ostind.; 11. Beschreib. einer Reise um d. Erdk., angest. v. d. britt. Capitain Cook und den beiden Gelehrten Banks und Solander; 12 P. Brydone’s Reise durch Sicilien u. Malta; 13. Campe' s Reise v. Brschw. nach Paris; 14. Capit. Wilson's Schiffbr. bei den Pelju-Inseln; 15. Le Vaillant's Reise in d. Innere v. Afrika, vom Vorgeb. d. guten Hoffn. aus; 16. Lessep’s Reise durch Kamschatka und Sibir. – 29. bis 35. Thl.: Neue Slg. merkw. Reisebeschreib. f. d. Jugend, 7 Thle., 2. Afl. Enthält: 1. Gesch. eines Schiffbruchs an der Küste v. Arrakan in Ostind., nach d. Berichte eines jungen Engländers, des Schifflieuten. W. Mackay; 2. Gesch. des Schiffbr. und d. unglückl. Gefangensch. einer jungen Gräfin Burke; 3. Schreiben aus Algier, von einem der ehemal. Pflegesöhne des Herausgebers Gottl. Böhl; 4. Sam. Turner's Gesandtschaftsr. an den Hof des Teschu Lama in Tibet; 5. Reise eines Deutschen nach dem See Oneida in Nordamerika; 6. Gesch. eines Schiffbr., welchen d. engl. Fähnr. Prentjes in d. nordamerikan. Meerb. St. Lorenz litt; 7. Hugh Boyd’s Gesandtschafsr. nach Candy, auf Ceylon; 8. Reise in d. Land d. Kaffern. Ein kurzer Auszug aus J. Barrow's Reisen durch d. Innere des südl. Afrika; 9. Campe’s Reise durch Engl. und Frankr., in Briefen an einen jungen Freund in Deutschl.; 10. Campe's Rückr. v. Paris nach Brschw., in Briefen an einen jungen Freund in Deutschl.; 11. Reise in d. Land der Buschmänner. Ein Ausz. aus J. Barrow's Reise in d. Innere des südl. Afrika; 12. Campe's Reise v. Braunschw. nach Karlsbad und durch Böhmen, in Briefen an Eduard u. Carl. – 36. Thl.: Väterl. Rath für meine Tochter, 9. Afl.; 37. Thl.: Theophron, od. d. erfahrne Rathgeber f. d. unerf. Jugend, 8. Afl. –
J. F. Reichardt's Lieder für Kinder, aus Campe’s Kinderbiblioth. Mel. b. Clavier zu singen. Wolfenb., 1781 bis 91, 4 Slgn. –
*) Nonnulla de vi consuetudinis quaestionibus Homianis addita. Halae, 1768. –
Philos. Comment. über die Worte des Plutarch: »die Tugend ist eine lange Gewohnheit,« od. über d. Entstehungsart der tugendh. Neigungen. Berlin, 1774. –
Predigt v. d. Pflicht, bei der Abwart. des öffentl. Gottesdienstes sich sittsam u. ehrerbiet. zu beweisen. Potsd., 1775. –
Rede, im 3. St. des philanthr. Archivs, 1776. –
Die Empfindungs- und Erkenntniskr. der menschl. Seele; die erstere nach ihren Gesetzen, beide nach ihren ursprüngl. Bestimmungen, nach ihrem gegens. Einfl. auf einander, und nach ihren Beziehungen auf Charaktere und Genie betrachtet. Lpz., 1776. (Franz. unter dem Titel: Elements de psychologie. Genève, 1785; Hamb., 1789.)
Sittenbüchl. f. Kinder. Dessau, 1. bis 9. Afl., 1777 bis 1814. (Poln. Bresl., 1779; v. Krasinsky, ebend., 1805; latein.: Brunsv.,



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einen nicht unbedeutenden Werth besitzt. Gefällig, oft hinreißend in seiner Schreibart, weiß er sehr eindringlich
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1780; franz.: Petit livre de morale par L. Blondel, Colmar, 1788; eine zu Basel; eine zu Frkf., 1791; zu Brschw., 1794; zu Paris, 1798; ebend., 1799; poln. und franz. v. C. F. Cramer u. G. Sam. Bandtke. Bresl., 1806; holländ. Amsterd.; 2. Afl. davon, 1807; russ. Petersb., 1801; ungar. v. Nagy; böhmisch v. J. G. Chylick. Prag, 1786; v. P. Nediele. Brünn, 1807; span. v. Herrger, 1805; engl. v. Seymour. London, 1792; Nachdr. München, 1793; Wien, 1816, und zu Brünn. –).
Compendium artis vivendi, ex Erasmi Roterodami libro de civilitate morum puerilium, et ex J. L. Vivis Valentini introductione ad veram sapientiam concinnatum. Hamb., 1778; 1792. (In's Deutsche übers. v. J. G. Gruber. Lpz., 1799 –)
Kleine Seelenlehre f. Kinder. Hbg., 1780. – (10. Afl., 1828; Nachdr. Wien, 1793; ebend., 1809; Reutl., 1812; 1818; 1823 –).
Theophron, od. d. erfahr. Rathgeber f. d. unerf. Jugend, ein Vermächtn. f. seine gewesene Pflegesöhne und f. alle erwachs. junge Leute, welche Gebrauch davon machen wollen, 2 Thle. Hbg., 1783; (8. Afl., 1828; franz. Brschw.; Cleon ou entretiens d'un vieillard avec son fils, prét à entrer dans le monde. Paris, 1803; 18. ed. 1820; Theophron ou le guide de la jeunesse. Brunsv., 1798; Present d'un père à ses enfants, ou nouveau plan d'instruction pratique, ou petit cours encyclopèdique à l'usage des enfants. Paris, 1811; ungar. v. L. Sabestany. Waitzen, 1804; v. J. Dansy. Presb., 1805; poln. Bresl., 1809 –). Theophron im Ausg.; ein Leitf. zu Vorlesungen darüber. Brschw., 1790, (2 Afl., 1799).
Väterl. Rath f. meine Tochter, der erwachsenen weibl. Jugend gewidmet ein Gegenstück zum Theophron. Brschw., 1789. (Ist eine Erweiter. eines früheren Aufsatzes aus dem Revisionswerke. – Neuer Abdr. Lpz., 1812; 9. Afl., 1828; holländ. Amsterd., 1791; franz.: Elise,. ou entretiens d'un père avec une fille sur la destination des femmes dans la societé. Paris, 1803; 2. ed. 1820; und v. Grandmottet. Brschw., 1804; 2. Afl., 1812; russ. v. Jazenkow. Petersb., 1804; poln. v. F. Slominsky. Krakau, 1805; ein Nachdr. Frankf., 1790; Wien, 1790; ebend., 1809; Tübingen, Bern, 1791 –).
Philanthrop. Rede über die Reinigk. des Herzens. Bern, 1789. –
Moritz; ein Beitrag zur Erfahrungsseelenkunde. Brschw., 1789. –
Die Klugheitslehren für Jünglinge. Aus des Grafen v. Chesterfield's Briefen an seinen Sohn, in einen zweckm. Auszug mit nöth. Anmerk. gebracht. 2 bes. Ausz. Brschw., 1793; 6. Afl., 1821. (Machte früher einen Thl. des Theophron aus. – Nachdr. Wien, 1793; ebend., 1816 –).
Ph. D. Stanhope's Gr. v. Chesterfield's Klugheitslehren f. Jünglinge, im Auszuge v. C. E. G. Rudolphi, mit nöth. Abänder. v. Campe, 2. bis 3. Afl. Brschw., 1793 bis 1806. (Aus der Revis.)



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auf das Gemüth zu wirken, und versteht bei seinem Reichthume an Gedanken die seltene Kunst, sich leicht und ungezwungen vom Ernst zum Scherz zu wenden. Daß Campe in seiner Aufklärungssucht *) häufig die Umsicht, und noch häufiger die Rücksicht verletzte, wie solches in seiner »kurzen Anweisung zur christlichen Religion,« noch mehr aber in seinen beiden Fragmenten »über einige ungenützte Mittel zur Beför derung der Industrie« geschah, hat er sehr theuer büßen müssen. Diesen Fragmenten, welche neben manchem praktisch Nützlichen, viel Unbegründetes enthalten, alles aber in oberflächlichster Behandlung bieten, kann man auch in der That keine andere Aehnlichkeit mit ihrem berühmten Vorbilde, den wolfenbüttler Fragmenten Lessing's, zugestehen, als das gleiche Geschick des ihnen begegneten, heftigsten Widerspruches. Es ist merkwürdig, welch eine Schaar von Widersachern eine so unbedeutende Schrift in Harnisch bringen konnte.  **) Wenn Campe
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*) Sam. Crell’s erster und anderer alter Adam; eine deutsche Uebers., hinter welcher in gegenüberstehenden Columnen Crell’s u. Teller's System gegen einander gehalten wird. –
Philos. Gespräche über die unmittelb. Bekanntmach. der Relig. u. über einige unzulängliche Beweisarten ders. Berlin, 1773. –
Ueber einige verkannte, wenigstens ungenützte Mittel zur Beförder. der Industrie, der Bevölker. und des öffentl. Wohlstandes; 2 Fragmente. Nebst einer Beilage v. Stuve: über die Nothwendigk. der Anlegung öffentl. Töchterschulen für alle Stände. Wolfenb., 1786. –
**) Ueber die nächste Bestimmung des Landgeistl., ein Beitr. zur Pastoraltheol.; auf Veranl. der Campeschen Fragmente, von Velthusen. Helmst., 1786. –
Ueber Absichten und Tendenz. Ein Beitrag zur Psycholog. f. aufgeklärte Leser, v. Velthusen. Helmst., 1787, 2 Bde. –
Dagegen erschien von Campe:
An meine Freunde. Wolfenb., 1787. –
Dann von einem Ungen.:
Comment über einige Stellen in Hrn. Rath Campe's Fragmenten; verbunden mit einer ausführl. Beurtheilung d. Schr. des Hrn. Abt Velthusen: über die nächste Bestimm. des Landpredigerstandes. Hbg., 1787. –
Dann gegen Campe:
Beleucht des Campeschen Fragments u. s. w., in einem Anti-Fragmente, 2. St. Freistadt, 1787. –



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ein Quentchen gesunden Menschenverstandes weit über ein Pfund Gelehrsamkeit schätzt, so kann man dagegen nichts einwenden; wenn er aber den Landgeistlichen, außer von fast allem gelehrten Wissen, nicht allein vom Hebräischen und Griechischen, sondern auch vom Lateinischen dispensiren will, und ihm dafür medicinische Pfuscherei und die Beschäftigung des Landbauers und Handwerkers zumuthet: so verräth er dadurch nur seinen schwachen Begriff von der wichtigen Bestimmung eines Landgeistlichen. »Wer fühlt nicht,« sagt Schlözer, (Staatsanzeigen, H. 39, B. X., p. 16), »daß Herr Campe hier der respectablen deutschen Nation, wenigstens dem Theile derselben, für welchen er zunächst schrieb, in's Angesicht Hohn spricht? Und welcher Deutsche oder welcher Braunschweiger empfindet nicht, wie viel Mäßigung dazu gehört, um dergleichen Unhöflichkeiten bloß mit Verachtung oder mit einem mitleidigen Lächeln zu erwiedern?« –

War hier Campe auch in großem Unrechte, so tritt ihm doch wiederum Grundtvig (Weltchronik, p. 367) jedenfalls zu nahe, wenn er von ihm sagt: »obgleich sein ganzes Verdienst blos darin bestand, recht artig zu Kindern sprechen zu können, ihnen Alles einzukäuen und einzuschmieren, und die Religion ohne Bibel zu lehren.« Es ist in der Regel das Ende vom Liede, daß man Männer, welche über ihrer Zeit stehen, wenn man ihnen anders nicht beikommen kann,
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Einige Fragen an Hrn. Rath Campe und seinen Commentator zu Beförder. der guten Sache, 1787. –
Campe’s Fragmentengeist, v. C. D. Voß. Hbg., 1787. –
Beitrag zur Erörter. der Frage: ob den verschiedenen Religionsparteien, den Religionsgesetzen nach, der öffentl. Gottesdienst verstattet werden dürfe? v. Dr. Aug. Frdr. Hurlebusch. Brschw., 1787. –
Dann eine Recens. v. Klüber in den: Zeitungen für Rechtsgelehrte, XVI. St., 15. Apl. 1788. –
Biblioth. d. neuesten jurist. Literat. für 1787, v. Aug. Frdr. Schott. Lpz., 1787. –
Schlözer's Staatsanzeigen, 39. H., X. B. –



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nach dem Maßstabe der Orthodoxie, und nicht nach dem ihrer Thaten abschätzt. Wollte man Campe's Hauptverdienst eigentlich auch nur auf das eines Jugendschriftstellers beschränken, so würde dieses doch immer unbeschadet seines Werthes geschehen, wenn gleich von seiten der Kritiker noch so geringschätzend auf diesen Zweig der Literatur herabgeblickt zu werden pflegt. Nicht immer glückt es, verjährte Vorurtheile mit der Wurzel auszureuten, und bei Cultivirung eines ganzen Volkes wird es am erfolgreichsten sein, gleich mit der Jugend anzufangen, die nur, wenn das alte Geschlecht ausgestorben ist, ihre besseren Keime entfalten kann. So ließ auch Christus die Kindlein zu sich kommen, und vertrauete zunächst sein Evangelium den an Geiste Armen an. Wenn man nun vollends einen Blick auf die literarischen Bildungsmittel für die Jugend bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wirft, so stellen sich Campe's Verdienste in ein um so vortheilhafteres Licht. –



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Hiermit hätten wir nun den Kreis der Männer geschlossen, welche sich um Verbreitung des bessern Geschmacks in der schönen Literatur verdient machten. Aber wie im Reiche der Natur sich alles verkettet und verzweigt, so steht auch im Reiche des Wissens keine Erscheinung isolirt da. Große Geister, welche ihr Zeitalter weiterführten, wurden selbst doch nur von ihrer Zeit an's Licht gerufen. Ein Gährungsproces in einem Theile des Wissens pflegt aus der tieferliegenden Quelle eines allgemeinen Gährungsprocesses hervorzugehen, oder von seinem örtlichen Ursprunge auf das Allgemeine zurückzuwirken. So war es auch in der von uns berührten Epoche in Braunschweig. Nach allen Richtungen des geistigen Lebens zeigte sich eine erhöhete Thätigkeit, und auf allen Gebieten des Wissens, wie auch auf denen, der schönen Künste treffen wir auf eine Auswahl rühmlichst bekannter Namen *).
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*) Unter den Theologen:

Joh. Christoph Köcher; G. Frdr. Dinglinger; Joh. Christoph Harenberg; Eliesar Gottlieb Küster; Frdr. Wilh. Richter; Ferdin. Carl Aug. Henke; Joh. Wilh. Wolfg. Breithaupt; Joh. Ludw. Paulmann; Jac. Chr. Weland; Joh. Wilh. Gottlieb Wolf; Rautenberg; Aug. Chr. Bartels; Jac. Frdr. Feddersen; Joh. Carl Frdr. Witting; Joh. Wilh. Heinr. Ziegenbein; Joh. Frdr. Petri; –

unter den Juristen, Rechtshistorikern und Publicisten:

Geo. Heinr. Zincke; Jul. Geo. Phil. du Roi; Joh. Ludw. Jul. Dedekind; Joh. Frdr. Tünzel; Carl Frdr. v. Strombeck; Joh. Paul Mahner; Pet. Jos. Neyron; Gottfr. Leonh. Baudiß; Benj. Constant de Rebecque; –



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Und dabei brauchen wir nicht einmal die im ganzen Lande vertheilten, besonders aber die in Helmstedt und Wolfenbüttel
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unter den Forschern classischer und neuerer Sprachen:

Elias Kasp. Reichard; Joh. Franz Wagner; Mart. Frdr. Sörgel; Wäterling; Heinr. Herm. Flügge; J. G. Buhle; Joh. Nicol. Ludw. Hörstel; Conr. Heusinger; Carl Frdr. Arend Scheller; Carl Frz. Chr. Wagner; Joh. Ferd. Frdr. Emperius; Frz. Ludw. Carl Boutmy; Domin. Gattinara; Jul. Rob. San-Severino; di San Martino; Joh. Geo. Kleine; Eleaz. Mauvillon; –

unter den Pädagogen, Philosophen, Aesthetikern und Literaturhistorikern:

Joh. Andr-Fabricius; Geo. Heinr. Aug. Koch; With Hundeiker; F. A. Juncker; Joh. Geo. Linse; Joh. Christoph Frdr. Heise; Joh. Frdr. Gräfe; Joh. Christ. Dan. Curio; Joh. Wilh. Jelpke, E. G. v. Feldtenstein; Conr. Frdr. v. Schmidt-Phiseldeck; Aug. With. Baders; Joh. Heinr. Brumleu; F. L. G. Drude;

unter den Historikern:

P. J. Rehtmeier; Christoph v. Schmidt-Phisedeck; Joh. Chr. Frdr. Heise; Ferd. Kunz; Chr. Dan. Voß; Jul. Aug. Remer; Joh. Frdr. Camerer; Ant. Ulr. v. Erath; Heinr. Andr. Koch; Geo. Septim. Andr. v. Praun; –

unter den Naturhistorikern, Mathematikern und Lehrern der Kriegswissenschaften:

Joh. Ludw. Oeder; A. W. Knoch; J. H. G. Fricke; Eberh. Aug. Wilh. v. Zimmermann; Gravenhorst; Graf v. Sierstorpff; Lor. Flor. Frdr. v. Grell; Leop. Theod. Zincken-Sommer; Joh. Chr. Ludw. Hellwig; Aug. Heinr. Christ. Gelpke; Dav. Andr. Schneller; Joh. Geo. Jul. Venturini; –

unter den Medicinern:

Joh. Christoph Sommer; Joh. Aug. Bütefisch; Chr. Aug. Buhle; Aug. Winkelmann; Joh. Steph. Hausmann; Joh. Bernh. Martini; Joh. Frdr. Pott; Urb. Frdr. Bened. Brückmann; Chr. Jerem. Rollin; L. C. Seger; Th. Aug. Roose; Geo. Frdr. Hildebrandt; Schmidt; Carl Gust. Himly; J. D. Brandis; Schönijahn; Roose; Wiedemann;

unter den Musikern

Frdr. Gottlob Fleischer; Fiorillo d. Vater; C. A. Pesch (dessen Schüler Spohr ist); Mocourt; Ferd. Fischer; Carl Lemme; Joh. Schwanberger; Joh.-Matth. Wiedebein; Matern; Joh. Phil. Schönfeld, und Joh. Joach. Christoph Bode (bis 1752 braunschw. Hautboist, später darmst. Geh. Rath); –

unter den Malern:

Ant. Frdr. Harms; Busch; Amandus; Schwarz: Gotthilf Frdr Hensch;



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ansässigen Gelehrten, welche bei dem geringen Umfange des Ländchens mit der glänzenden Residenz leicht in Verbindung treten konnten; auch nicht die vielen großen Männer, welche ins Ausland gingen, und von denen sich einige europäischen Ruf erwarben; noch die vielen Fremden in Anschlag zu bringen, welche durch den Ruf der Guelphenstadt angelockt, längere Zeit in ihr sich niederließen; und wir müssen doch erstaunen über die Regsamkeit der vorliegenden Epoche, welche groß in ihrer Verzweigung, von unberechenbarem Segen in ihrem Erfolge, und leider vielleicht als unwiederbringlich entschwunden in Braunschweigs Annalen verzeichnet steht!
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Joh. Heinr. Schröder; Joh. Conr. Eichler; Jos. Eichler; Hartmann; Joh. Dominic. Fiorillo, d. Sohn; de Gasc; Rosine de Gasc, verw. Matthieu, geb. Lisiewska; Phi. Wilh. Oeding; Pascha Joh. Frdr. Weitsch; Frdr. Weitsch; –

unter den Kupferstechern:

Ant. Aug. Beck; Carl schröder; Sommerau; Hans Zehntner; –

unter den Medailleuren:

Christ. Frdr. Krull; Merker; –

unter den Architekten:

Albr. Heinr. Carl Conradi: Horn; Gebhardi; Fleischer; Lagwagen; Korf. –

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Dritter Abschnitt.

Schlußbemerkungen, für den Erweis: daß die Literaturepoche Braunschweigs von 1745 bis 1800 das Morgenroth der deutschen schönen Literatur sei.

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Man könnte wohl mit Recht auch den Beweis dafür erwarten, daß die von uns berührte Epoche wirklich den Impuls zur Regeneration der gesammten deutschen Literatur gegeben habe. Mit Freuden darf ich mich zu einem solchen Beweise verstehen, da ich glaube, ihn größtenteils schon geliefert zu haben. Blickten wir doch gleich im Eingange auf das wüste Literaturfeld, welches vor dem hier in Frage stehenden Abschnitte lag und sahen wir doch auch in Braunschweig jene strebenden Geister sich vereinen um dieses öde Gebiet der schönen Literatur anzubauen, und an der Grundlegung einer neuen Kunsthalle thätigst mitzuwirken. Sind aber nicht an dere Städte, möchte hier dieser oder jener einwenden, durch das Zusammenleben vieler großer Geister eben so, wenn nicht noch in höherem Grade bedeutsam für die Literatur geworden? Man darf wohl unbedenklich nein sagen!

Allerdings war über Hamburg *) in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ein gewisser literarischer Glanz verbreitet. Lebten doch hierein Barthold Heinrich Brockes und Friedrich von Hagedorn; ein Michael Richey; der Epigrammatiker Christian Wernike, der Hymnolog Neumeister; der als Tragiker bekannte Kaufmann Georg Behrmann; der Satiriker und Lyriker J. M, Dreyer; der Operndichter Hudemann auf wenige Jahre auch der Satiriker
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*) s. Historische Studien von Schmidt von Lübeck. Altona 1827.



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Christ. Ludw. Liscow, nebst seinem Bruder Joh. Friedrich Liscow die Redaction der »hamburger Anzeigen« leitend; ganz am Ende dieser Epoche auf ganz kurze Zeit auch J. G. Hamann, mit der Redaction der Zeitschrift „Malcone« beschäftigt; denen sich ein Wichmann, Herausgeber der Poesieen der Niedersachsen (1721–38); Wilkens; Hoffmann, (der mit Richey und Wichmann den »hamb. Patrioten besorgte); Kohl (Herausgeber der hamb. Gelehrten-Berichte); Jac. Fr. Lamprecht (Herausgeber der Zeitschrift »der Menschenfreund«); Zinck, (Redacteur des »Bewunderers«); Ziegra, (der die Schwarzen-Blätter herausgab); Käuflin (der sogar eine lateinische Zeitung edirte) und Andere anreiheten. Aber wo zeigt sich nur in dieser, allerdings erfreulichen literarischen Erscheinung Bewegung? wo ein gemeinschaftliches Streben nach einem festen Ziele? wo bewährt sich unter allen diesen mehr oder minderfähigen Köpfen ein einziger energisch genug, neue Bahnen anzuweisen und zu ebnen? Es regte sich hier der Geist; aber er kam nicht zu förmlichem Erwachen, um ein Schöpfungswerk mit Selbstbewustsein zu üben. –

Wenn daher überhaupt irgend eine Stadt nähere Ansprüche zu machen hätte, so würde es ohne Frage zunächst Leipzig sein. Hier regte sich ja in den »bremer Beiträgen« der erste Pulsschlag des erwachenden Lebens, und hier vereinigten sich ja auch alle die strebenden Geister zu dem brüderlichen Wettlaufe nach dem hohen Ziele. Allein übersehen darf hiebei nicht werden, daß wie es anderer Orten geschah, so auch in Leipzig die Kräfte sich gar bald vereinzelten und zersplitterten, ohne einen fest zusammenhaltenden kritischen Mittelpunkt. Dieser Anhaltspunkt war aber für den leipziger Kreis der Kritiker κατ εξοχην Gärtner gewesen, dem auch, wie schon bemerkt, die Redaction jener »Beiträge



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oblag. Allein dieser vertauschte unmittelbar nach dem Erscheinen jener Zeitschrift den leipziger Aufenthalt mit dem braunschweiger, und somit hörte denn auch das leipziger Literaturleben auf, gerade weil es ein mehr zufälliges gewesen, und zumal auch Gärtner nicht der einzige von dort Scheidende war. *). Allein die neue Richtung wurde verfolgt, und zwar jetzt von Braunschweig aus, wo Gärtner die früher von ihm geprüften Kräfte zusammenhielt, und in den Jahren 1748 bis 1752 die bekannte »Sammlung von vermischten Schriften von den Verfassern der bremer Beiträge edirte. Somit hatte sich denn der zufällige leipziger zu dem braunschweiger Verein consolidirt. Für die ganze deutsche Literatur war es aber von eben so günstigem Erfolge, wie für Gärtner selbst, der noch fast gleichzeitig mit den »bremer Beiträgen« bei literarischen Unternehmungen mit Gottsched in Berührung gestanden hatte, das Gärtner überhaupt Leipzig verließ, um nicht allein dem Argusblicke, sondern auch jeder, unter der Maske der Freundschaft versteckten, hemmenden Einwirkung des Allgefürchteten zu entgehen. Ja, ich möchte sogar auch behaupten, daß diese Entfernung von Leipzig selbst in Rücksicht auf Gellert vortheilhaft war, weil dieser, durch seine hochachtbare Persönlichkeit, allgewaltig dominirende Mann, der freilich unserm Gärtner und seinen Genossen freundschaftlich verbunden, und von Allen hochverehrt war, doch mit der zahmen Nüchternheit seiner moralischen Scrupel den aufstrebenden Genius stets gelähmt haben würde. So zog auch von Gärtners leipziger Entfernung unverkennbar die deutsche Bühne ihren Gewinn. Zwar hatten Herr Professor Gottsched mit Madame Neuber zu
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*) El. Schlegel, Cramer und Clopstock waren in Kopenhagen; Ebert, Schmid, Zachariä in Braunschweig; Giseke und Ad. Schlegel im Hannöverschen, u. s. w.



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Leipzig Deutschlands dramatische Muse erzeugt; allein das arme Musenkind hätte unter dem Drucke ihres pedantischen und seichten Papas gar leicht verkümmern können, wäre sie nicht noch bei Zeiten seinem Einflusse entzogen, und in bessere Bildungsschulen, z. B. in die Braunschweigs, eingeführt worden, aus welcher sie eigentlich hervorgegangen war, indem, wie Gervinus bemerkt, sich Madame Neuber nur auf Veranlassung des Herzogs Ludwig Rudolph der Verbesserung des deutschen Theaters zugewandt hatte. In Braunschweig wurde aber jetzt der hülfsbedürftigen dramatischen Muse die Gunst des kunstliebenden Herzogs Carl, des Nachfolgers von Ludwig Rudolph, zu Theil, und noch obenein die Pflege treuer Lehrer, von Gärtner's Eschenburg's, Lessings und Leisewitz Schlage.

Was vom berliner Kreise gesagt werden muß, findet seine Anwendung auf fast alle derzeitigen Vereine der preuß. Monarchie. Deutschlands Musensöhne hatten einen Stiefvater am preußischen Landesherrn. Lessing der sich Berlin zum Aufenthaltsorte erkor, machte darum bald, daß er wieder fortkam; Winckelmann wanderte aus; Herdern ließ man nur ziehen, nachdem er zuvor das eidliche Versprechen gegeben hatte, sich auf Verlangen als Militairpflichtiger zu stellen; Hamann verkümmerte, und Kant wurde verketzert. Um so weniger aber konnten die guten Berliner selbst aufkommen, weil sie den verachtenden Seitenblicken ihres Landesvaters gar zu unmittelbar ausgesetzt waren. Aber dennoch hatte dieses Verhältnis etwas sehr Heilsames; denn ohne diese zurückweisende Kälte würde sich der preußische Stockpatriotismus, wie ihm ein Ramler, Gleim und Consorten ohnehin schon craß genug aussprachen, bis zur Unerträglichkeit geberdet haben, und auch nie der Wetteifer zwischen deutscher und französischer Literatur entstanden sein. Wirkte nun Friedrich II.



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zur Hebung der Nationalliteratur unmittelbar noch so wenig, so that er mittelbar um so mehr. Er selbst nämlich freilich auch erst selbst durch seine Zeit zu dem gemacht, was er war, drückte dieser doch wiederum sein eigenes, sehr entschiedenes Gepräge auf. Er, der allen Satzungen verjährter Vorurtheile Hohn sprach, der auf eigene Kraft vertrauend, einer Heerschaar von Feinden muthig die Stirn bot, hielt seiner Nation den Spiegel seiner großen Thaten vor, und befeuerte die deutschen Geister durch seinen Heldengeist. so wurde aber unsere Literatur zum Glück keine preußische, sondern eine deutsche, und noch dazu, so verachtet sie auch früher dagestanden hatte, eine Großmacht unter den Nationalliteraturen, ganz so wie Friedrich den schon wankenden Sitz seiner Herrschaft zu einer europäischen Großmacht erhob und was Friedrich als König und Feldherr wurde, das wurde Lessing als König und Heerführer der Geister und aus unserm Gesichtspunkte am augenscheinlichsten durch seine »Minna von Barnhelm.« –

Halberstadt wurde, der rastlosen Bemühungen Gleim's ungeachtet, doch nie zu etwas Größerem gemacht, als zu einem gelegenen Plätzchen für ein Rendezvous. Eine Provinzialstadt von der Unbedeutenheit konnte, bei der gänzlich mangelnden Unterstützung von oben, nie ein Centralpunkt des deutschen Culturumschwunges werden. Am allerwenigsten aber, da es an diesen Orte an kritischer Sichtung fehlte. Gleim, der höchst edlen Weise jedes darbende Talent nach Kräften unterstützte, und jedes auftauchende mit ungemessenem Lobe aufmunterte, besaß nur die für Mäcenaten unerläßliche Gabe eines höheren Ueberblickes nicht. Darum hielt er es denn mit Allen, nicht weil er jedes Talent nach seinem Werthe geschätzt hätte, sondern weil er von der eitlen Caprice besessen war, mit allen großen Geistern Gemeinschaft haben zu



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wollen. So würgte denn er, der sehr wenig Geschmack hatte, auch alles hinunter, was ihm aufgetischt wurde, und so wurde denn wieder in dem kindlichen Wahne, das alles Gereimte auch ein Geschenk der Musen sei, wieder munter und ungenirt alles von sich gegeben, was nur in den Mund kommen wollte. Aus diesem Grunde gerieth denn auch der halberstädter Kreis sehr bald in Mißcredit, und ich möchte keinesweges mit Gervinus *) behaupten, daß die in Braunschweig Zerstreuten eine Art Mittelpunkt in Gleim gehabt hätten. Der braunschweiger Kreis bildete sich ja ohnehin weit früher zu einer gewissen Selbstständigkeit aus, als der halberstädter, der zu keiner Zeit großen Bestand hatte, und dessen bessere Genossen nicht in Halberstadt Ansässige, sondern nur besuchsweise in Gleim's Hüttchen Einkehrende waren. Fehlte diesem Kreise nun noch obenein alle Färbung, so hat er doch wenigstens das Verdienst, angeregt durch Gleim, der in heiteren Liedern das Glück der Vaterlandsliebe, Freundschaft und Weisheit des Genusses lehrte, das eigentliche Lied gefördert zu haben, welches sich später durch Goethe einer besonderen Pflege zu erfreuen hatte. Man kann es nur beklagen, daß wegen der abgeschmackten, und für Männer widrigen Liebes- und Lobesberäucherung und Freundschaftssüßthuerei, welche Gleim einführte, die halberstädter Productionen einen fatalen Beigeschmack bekamen.
In gleichen Mißcredit gerieth auch der literarische Verband, welcher sich zu Münster um die Fürstin Gallitzin **)
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*) s. Gervinus I. p. 151.
**) s. Gelzers deutsche poetische Lit. seit Klopstock und Lessing nach ihren ethischen und relig. Gesichtspkten. 1841. S. 137 ff.
s. - Die Fürstin Gallizin und ihre Freunde, v. Levin Schükking; (in rhein. Jahrb. für Kunst und Poesie 1840).
s. Biographie der Fürstin Gallitzin von Katerkamp.



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bildete. Obgleich hier sehr originelle Köpfe zusammentrafen, so war doch von ihnen für das Heil der Menschheit wenig Erkleckliches zu erzielen, weil sie ihre Kräfte in Betretung mystischer Abwege verschwendeten.

An Wien, dessen Literaturleben sich freilich erst in den sechziger Jahren, unter van Swieten entwickelte, kann man ohne ein gewisses Mitleid gar nicht denken; denn war sein Boden an und für sich schon undankbar für die Cultur, so wurde er von der Unzahl mittelmäßiger Scribenten, welche das Volk nicht heranbildeten, sondern zu sich hinabzogen, förmlich verheert. Die wenigen besseren Köpfe konnten solch einer Flut von Wässerigkeit keinen Damm entgegensetzen, und so ohne Anhaltpunkt, da Riedel, wie man dies hätte voraussehen müssen, alle Erwartungen täuschte, wurde denn die wiener Literatur sehr bald wieder unter brünstigen Gebeten der Jesuiten und unter dem Gelächter des Pöbels zu Grabe getragen.

Auch fand man in Kopenhagen, Erfurt, Gotha, Frankfurt, Königsberg, Dessau und an anderen Orten literarischer Celebritäten die Fülle, oder man berief sie; allein abgesehen davon, daß sich das Literaturleben aller dieser Städte erst nach dem leipziger und braunschweiger entwickelte, so standen dort theils die Literaten zu vereinzelt und ohne Unterstützung für weitangelegte Plane; theils gebrach es jenen Sammelplätzen an einem energisch anregenden Geiste, der das jugendliche Feuer so vieler Kräfte auf einen Brennpunkt concentrirt hätte.

Vor allen anderen derartigen Orten zeigten sich in Darmstadt treffliche Keime, die bei günstigeren Constellationen leicht zu glänzendem Ertrage hätten führen können. Hier waltete nämlich in stiller Sinnigkeit die edle Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt, über die sich der Herausgeber



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des Merkschen Briefwechsel äußert: »die große Ländgräfin v. H. D., dieselbe, von der Wieland (in Jacobi's Briefen I. p. 32) sagt, sie sollte Königin von Europa sein, wenn er einen Augenblick König der Schicksale wäre, und welcher Frdr. d. Gr. eine weiße Marmorurne mit der Inschrift aufs Grab setzte: sexu femina, ingenio vir; diese erhabene Pflegerin vaterländischer Dichtkunst veranstaltete die erste Ausgabe von Klopstock‘s Oden und Elegieen, (vier und dreißig Mal gedruckt. Darmst. 1771.) für den engeren Kreis ihrer für den Dichter begeisterten Freunde, zu denen auch Herder und Goethe gehörten.« *) Leider aber wurde diese ausgezeichnete Frau schon im J. 1774 vom Schauplatze ihres segenvollen Wirkens abgerufen, und hiedurch ihr großartiger Plan in Betreff der deutschen Literatur in der Anlage zerstört. Joh. Heinr. Merck, (geb. 1741) der alle Eigenschaften eines kräftigen Heerführers für geistige Bewegungen in sich vereinigte, und der, wenn sich das Morgenroth der Literatur in Braunschweig auch schon längst entfaltet hatte, doch mit höherer Unterstützung leicht Darmstadt zu dem hätte machen können, was Weimar wurde, und was auch Herder unter einem Karl Friedrich von Baden in Karlsruhe intendirte, sah doch für größere Unternehmungen allzu wenige Kräfte zu seiner Verfügung gestellt. Der Präsident Fr. Carl von Moser (geb. 1723, starb 1798), der wenig selbstständig, im Zauberkreise Klopstockscher Freiheitsideen und hymnologischer Andacht festgebannt war; Georg Schlosser (geb. 1739, starb 1799), der bei Redaction der frankfurter Anzeigen zwar die besten Absichten hatte; Höpfner, Wenck und Petersen waren nicht die Leute danach, um mit ihnen großartige Reformen durchzuführen.  
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*) J. H. Merck‘s Briefwechsel, herausg. v. Carl Wagner 1835. p. 21



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Deshalb wandte sich Merck, dessen kritischer Stachel bei persönlicher Berührung ohnehin viel Verletzendes hatte, wie es sein persönliches Verhältnis selbst mit Goethe darthut, mit seinem Einfluße nach außen, und zwar nach Weimar hin, wo er allen den erleuchteten Genien als kritischer Centralpunkt galt, und wo auch die eigentlichen Grundfesten seiner Wirksamkeit zu suchen sind. Es ist unendlich zu beklagen, daß diesem Geiste männlichster Energie, der in der wohlwollendsten Absicht oft den Verneinenden spielte, und der sich häufig das Vergnügen machte, durch den Hohlspiegel seiner Reflexion die ganze Welt auf den Kopf zu stellen, nicht ein unmittelbarerer Wirkungskreis angewiesen war. Aus diesem Grunde verfiel er denn auch in späteren Lebensjahren einer tiefen Schwermuth anheim, weil er der Entfernung wegen selbst seine weimarschen Beziehungen noch für viel zu wenig resultirend ansehen mochte, und deshalb seinen ganzen Lebenszweck für verfehlt betrachtete.

In der Schweiz waren allerdings viele strebsame Köpfe vereinigt. *). Aber abgesehen von der sehr mängelhaften Unterlage der Volksbildung, und auch abgesehen von der isolirten Stellung der dortigen Literaten, die nicht gestattete, auf die Masse des Volkes, namentlich auf die Jugend zu wirken, so war auch das literarische Treiben der Schweizer nicht etwa ein Erwachen nach naturgemäßem Lebensprocesse, sondern ein unruhiges Erwachen nach einem dumpfen Geistesschlafe. Es gebrach der Mehrzahl jener Schweizer an Originalität der Productionskraft; weshalb ihre Anregung nur
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*) z. B: Bodmer, Breitinger, Pfenninger, Iselin, Schultheß, Tscharner, J. G. Heß, Künzli, Jac. Fr. Schmidt, Lavater, Füßli, Geßner, Hottinger; selbst des geistreichen Taugenichts Vaser nicht zu geschweigen; auch ein L. Meister, Müller, Bonstetten, Pestalozzi, Wyß, Usteri, H. E. Hirzel, Heidegger, Bondeli, u. s. w.



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eine vorübergehende, und ihr Erfolg ein nur geringer war, umso mehr, da Bodmer und Genossen in ihrem, mit egoistischer Leidenschaft auf die Spitze gestellten Kriticismus bald auf bedenkliche Abwege geriethen. Aber sie würden dahin auch ohnedies gekommen sein, weil Bodmer, von dem freilich die Kritik mit seiner moralischen Wochenschrift »Discurse der Maler« bereits 1728 angeregt wurde, den Maßstab derselben nur an fremde Leistungen anlegte, und sich selbst, dem Protector seiner Genossenschaft, schamloser Weise das fadeste Geschmiere erlaubte. Worauf es hier aber hauptsächlich ankommt, so muß man auch in Erwägung ziehen, daß die genannten Literaten der Schweiz theils im Lande zerstreuet lebten, theils sich auch erst später zu einem gemeinsamen Wirken vereinigten, und daß sich die patriotische Gesellschaft in Schinznach unter Lavater, Geßner, Zimmermann, Hans Casp. Hirzel, Zellweger und Iselin sogar erst im J. 1762 zusammenfand.

Es fragt sich nur noch, ob nicht gerade Göttingen durch seinen so berühmt gewordenen Hainbund die nächste Anwartschaft auf die Ehre besitze, das Morgenroth der Literatur hervorgerufen zu haben. Es soll hier die bis an‘s Lächerliche streifende »Teutschthümelei,« die »Klopstocks-Vergötterung« und »Wielands-Verachtung« der göttinger Dichterjünglinge nicht weiter urgirt werden; aber das möchte sich mindestens behaupten lassen, daß diesem literarischen Studentenklubb, dessen wenigste Mitglieder productives Talent, und von denen noch wenigere damals Ruf besaßen, allzuviel Wichtigkeit beigelegt worden sei. Sagt doch Prutz selbst: »Man darf sich nun aber allerdings nicht verhehlen, daß alle diese Beziehungen zum größten Theil nur äußerlich und zufällig waren und keinen rechten Kern gemeinsamer Ueberzeugung und Bestrebung in sich trugen, weshalb sie auch für die Göttinger



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Verbündeten selbst keine Frucht und Bildung brachten.« *) Auch ist nicht in Abrede zu stellen, daß dieser, sonst löbliche Verein, der seine Existenz kaum zwei Jahre hindurch zu behaupten vermochte, nach der Trennung seiner Mitglieder für das Vaterland ohne Nachwirkung blieb. Vollkommen muß man daher der von Prutz gemachten Aeußerung beipflichten: »Hätten Klopstock sowohl, als die Verbündeten weniger in Abstractionen gelebt, und ein schärferes Auge für die wirklichen Verhältnisse der Welt gehabt, so hätten sie gleich anfangs sich selber sagen müssen, daß diese Trennung eintreten und bald eintreten mußte, und daß, um von allem Anderen abzusehen, schon die kurze Dauer des Studentenlebens dasselbe nicht geeignet macht, großartige Reformen der Literatur oder des Lebens aus ihm zu entwickeln.« **)

Dagegen darf nicht außer Acht gelassen werden, daß Boie, der Stifter des Hainbundes, erst 1744, also in dem Jahre geboren wurde, in welchem Gärtner die »bremer Beiträge« herausgab, und daß schon fast drei Decennien früher, als jener Hainbund sich der braunschweiger Kreis gebildet hatte, und das Collegium Carolinum, welches 1745, also bald nach der göttinger Akademie ***) gegründet wurde, gerade die Lücke ausfüllte, welche Göttingens Universität, wie auch seine »deutsche Gesellschaft für Literatur und Sprache« in der schönen Literatur und namentlich in der deutschen Sprachforschung ließ. Ueberhaupt war es am braunschweiger Collegium mehr auf eine in antikem Sinne harmonische Ausbildung des ganzen Menschen abgesehen, indem neben dieser gründlicheren Pflege der neueren Sprachforschung, besonders
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*) der göttinger Dichterbund. Zur Geschichte der deutschen Literatur von R. E. Prutz. Lpz. 1841. p 296.
**) s. Prutz ebendas. p. 333.
***) Eingeweiht am 17. Spt. 1737. -



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der der Muttersprache, und der Uebung aller freien, selbst der technischen und der gymnastischen Künste, wie auch neben einer strengeren, als bisher üblichen Pflege der historischen und der Naturwissenschaften, hauptsächlich, und zwar unter ganz besonderer Aufsicht tüchtiger Hofmeister, auf die Gemüthsbildung der Zöglinge hingewirkt, und durch wahrhaft gründliche Pflege des classischen Studiums die Pedanterie der Wissenschaft in ihrer scholastischen Form bekämpft wurde. Durch diese glückliche Gelegenheit aber, Jünglinge von guter Schulbildung nach einem festen Plane für die besseren Ansichten zu gewinnen, und denselben auch, weil das Collegium eine Vermittlungsanstalt zwischen Schule und Universität war, den Plan ihrer akademischen Studien vorzeichnen zu können, wurde auch mittelbar der neuen Richtung großer Vorschub geleistet. Ja, von solch einer Wirksamkeit, die sich nicht allein durch Schrift, sondern auch durch Wort und That des ganzen Lebens im unmittelbaren Einflusse auf die Jugend manifestiren konnte, war gewiß weit mehr zu erhoffen, als von einigen Jahrgängen einer neuen Zeitschrift von zum Theil neu auftauchenden Autoren. Ein besonderer Segen für die braunschweiger Lehrer der neueren Geschmacksbildung lag auch in dem glücklichen Umstande, daß sie selbst alle in Leipzig unter dem Einflusse des, seiner hohen Lehrgabe wegen, sich einer beispiellos großen Popularität erfreuenden Gellert's gestanden hatten, und in Braunschweig Jerusalem's leuchtendes Beispiel vor Augen hatten. Dem Rufe der Humanität verdankte das Carolinum den Besuch tausender von Zöglingen aus allen Theilen Deutschlands, aus England und Frankreich. Diese aber, welche mit humaner und gründlicher deutscher Bildung in ihr Vaterland heimkehrten, bereiteten wiederum eine nähere Bekanntschaft der deutschen Literatur, und hierdurch auch die Anerkennung derselben



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im Auslande vor. Dazu kam noch, daß Braunschweig von jeher den Ruf behauptet hat, nächst Celle, der Stammsitz des reinsten deutschen Dialectes zu sein, und daß daher die studirende Jugend des Auslandes sich vorzugsweise gern nach diesem Orte wandte, der auch, außer vielen Bildungsinstituten, namentlich den Söhnen höherer Stände die Annehmlichkeiten eines glänzenden und sehr zugänglichen Hofes darbot. Daß aber das Carolinum später in seiner Stellung zu Universitäten für entbehrlich erachtet werden konnte, und sich in der That auch selbst schon überlebt hatte, noch ehe der französische Usurpator diese Schule der Musen in eine Kriegsschule verwandelte, das gereicht dem Carolinum zu nichts weniger, als einem Vorwurfe; weil darin der beste Beleg dafür liegt, daß diese erste deutsche Pflanzschule der Humanität ihr Ziel erreicht habe, nämlich Humanität auf Schulen und Akademieen zu verbreiten. Für unseren Zweck, hier erscheint aber das Carolinum besonders in der Hinsicht von Wichtigkeit, weil dasselbe die Veranlassung war, daß ein prachtliebender, verschwenderisch freigebiger Fürst zunächst für dieses Institut alle jene literarischen Notabilitäten, welche den bessern Geschmack anregten, nach Braunschweig berief, und denselben in seiner äußerlich gesicherten Stellung zugleich eine planmäßigere und erfolgreichere Wirksamkeit nach außen hin sicherte, woran es gerade allen übrigen literarischen Kreisen jener Zeit, wie wir gesehen haben, mehr oder minder gebrach. Daß sich übrigens dieser Literaturzirkel Braunschweigs nicht noch zu größerem Glanze entfaltete, als dies in der That schon der Fall war, ist mindestens nicht die Schuld des Herzogs Carl und seines Nachfolgers; indem Beide fortwährend bemüht waren, Männer von Auszeichnung und Ruf ins Land zu ziehen. Dieses fand z. B. statt bei Klopstock, mit dem Jerusalem bereits 1750 wegen einer Professur am Carolinum



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unterhandelte; *) mit Moses Mendelssohn; **) und selbst Winckelmann erhielt die Weisung, »daß es nur eines Briefes von seiner Seite bedürfe, um einer Anstellung nach seinen Wünschen gewiß zu sein.« – ***) .

Damit man aber nicht wähne, als ob ich das Morgenroth der schönen deutschen Literatur auf den ganzen hier beleuchteten Abschnitt von 1745 bis 1800 ausdehne, sei wenigestens im Vorbeigehen angemerkt, daß ich selbst dieses Morgenroth nur bis zum Entfalten des weimarschen goldenen Zeitalters fortgeführt wünsche; daß ich also nur die ersten dreißig Jahre nach 1745 für die Epoche des Morgenrothes in Anspruch nehme, und bei vorliegendem Zwecke gleich von vornherein auf die auch von uns besprochenen letzten fünf und zwanzig Jahre Verzicht leiste. Aber diese wurden keineswegs ohne Absicht gleich mitberührt. Gerade in dem Uebelstande nämlich, daß alle anderen literarischen Vereine aus jener Zeit nur zufällig entstanden waren und nur zu kurz fortblüheten, lag auch der Grund einer minderen Nachwirkung. In Braunschweig aber konnte in dem langen Zeitraume eines halben Jahrhunderts die Saat nicht allein zum Keinem gebracht, sondern auch bis zu ihrer Reife fortgepflegt werden.

Für dieses rege Geistestreiben nun waren aber auch alle die vielen Institute für Kunst und Wissenschaft in der Residenz selbst von großer Förderung, vor allen aber die wolfenbüttler Bibliothek. Sie hat freilich in den letzten Jahrhunderten wegen zu beschränkter Mittel nicht vermocht, mit ähnlichen Anstalten in ihrer Entwickelung gleichen Schritt zu halten;
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*) Klopstock. Er; und über ihn, herausg. v. C. F. Cramer. Lpz, 1790, II. p. 393. – **) J. A. Ebert an Lessing; s. Lessing's sämmtl. Schrn, 1827, XXVII. p. 258.
***) Schaller, in der Zeitschrift: »der Biograph« 1808, VII. 2, p.187.



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indeß blieb sie stets ein Sammelplatz der gelehrten Welt, besonders in der von uns bezeichneten Epoche, und erhielt durch ihres Bibliothekars Lessing ausgebreiteten Ruf eben so viel Anziehungskraft, als ihr die Humanität und Gelehrsamkeit Langer's, *) des Nachfolgers von Lessing und des Freundes von Goethe und Leisewitz, gewährte. Auch haben wir ja vorhin selbst gesehen, wie Schmid's Forschungseifer den, Lessing‘s zu ergiebigster Ausbeute anregte, und wie durch diesen wiederum Zachariä und Eschenburg angeregt wurden, denen sich Knittel zu Wolfenbüttel, welcher einige Bruchstücke des Ulfilas auffand, und Andere anreiheten. So diente denn auch diese Bibliothek mit ihrem großen Manuscriptenschatze sowohl für eine auf historischer Basis neuzubegründenden allgemeinen deutschen Literatur, als auch insbesondere allen den gelehrten Forschern zu Braunschweig zu einer tüchtigen Unterlage.

Es ist hier aber auch noch auf den Umstand Gewicht zu legen, daß Braunschweigs Literaten bleibend auf die deutsche Literatur eingewirkt haben. Und doch, könnte man einwenden, haben sie, Lessing allenfalls ausgenommen, nur noch ein sehr
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*) Wie selbst ein Heyne von diesem Manne dachte, geht aus einem Briefe an ihn hervor:
»Was für ein Schächer ist unser einer gegen sie, als Bibliothekar, der die Bibliographie im Kopfe haben sollte! Eine solche Recension (Annales de l'imprimerie des Aldes, in den götting. gel. Anz. 1804, N. 8 u. 12) brächte ich Zeitlebens nicht zuwege, als die vom Renouard.« - Und der gelehrte Fr. Ad. Ebert fügt die Bemerkung hinzu: »Es ist nicht blos Pietät gegen den ehemaligen Amtsvorfahren, welche den Herausgeber mit voller Ueberzeugung dieses Lob unterschreiben läßt. Was Wolfenbüttel an seinem trefflichen Langer hatte, wird das zweite Stück dieser Ueberlieferungen schildern. Sein unmittelbarer Nachfolger gewesen zu sein, wird mir immer eine der schönsten Erinnerungen meines Lebens bleiben.« (S. Ueberlieferungen von Fr. Ad. Ebert. Dresden, 1826, I. p. 24.)
Vergl. auch Goethe: Aus meinem Leben, sämtl. Wke., 1829, XXV p. 187 bis 191 u. 304 – und: C. F. v. Strombeck: Darstell. aus meinem Leben und aus meiner Zeit, I. p. 146 bis 148. –



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geringes Publikum, und waren zum Theil auch nur Nachahmer und Uebersetzer. Allerdings; aber abgesehen davon, daß ihre Werke zu den besten ihrer Zeit gehörten, so haben sie auch das sehr günstige Resultat einer neuen Literaturgestaltung für sich. »Eine Nation muß zuvörderst Autoren besitzen, deren Gehalt (etwas anderes, als Inhalt, Stoff, Gegenstand) einen Verein von allen menschlichen, geistigen Kräften in einem hohen Grade, und denselben ausgesprochen in einer schönen und correkten Form darbietet; zweitens aber dieselben nicht als Einzelnheiten, sondern als einen Cyclus von Autoren in aller menschlicher Wissenschaft und Kunst darzeigen können.« *) Der braunschweiger Kreis hat doch wohl vorzugsweise vor allen anderen literarischen, derzeitigen Verbanden stets dahin gestrebt, daß solchen Anforderungen genügt werde. Haben wir uns doch schon oben bei den einzelnen biographischen Abrissen der braunschweiger Literaten von deren Verdiensten um Erweckung des nationalen, literarhistorischen Studiums, um Hinweisung auf die Vorbilder des Auslandes, um Läuterung der Principien und um Bezeichnung einer besseren Geschmacksrichtung, von ihrem rastlosen Bemühen um Aufstellung neuer selbstständiger, nationaler Muster in allen Dichtungsarten, und von der ganzen Vielseitigkeit und Tiefe ihres Strebens überzeugt.

Was den Vorwurf der Nachahmung betrifft, hat in gewissem Sinne seine Richtigkeit. Die meisten der damaligen sogenannten schönen Geister waren nur Copisten und Nachahmer der Ausländer. Aber sie hatten auch keine nationalen Vorbilder. Was ist denn neu in der Kunst und Wissenschaft? Welcher Meister hat nicht seine Vorgänger und Vorbilder gehabt? Und könnte sich denn selbst der Autodidakt den Einflüssen
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*) Memoiren des Freih. von S-a. Prag und Lpz., 1815, I. p. 33.



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seiner Zeit und Umgebung entziehen? In den zeichnenden Künsten galt damals ein guter Copist für einen guten Künstler. Und mit Recht; denn durch Nachahmung schöner Vorbilder war der Weg gebahnt zur Nachahmung der schönen Natur. So war es auch in der schönen Literatur. Wer möchte Goethen den Ruhm eines Originalgeistes absprechen? Und doch, läßt sich wohl in seinem »Berlichingen« der Ein flus shakespeare's verkennen; in seiner »stella«, in seinem »Clavigo der Einfluß des Lessing'schen Dialoges; und in seiner »Iphigenia« der, der griechischen Muster? Zu der Höhe der Originalität gelangt man nur stufenweise auf steilen und mühevollen Sprossen. Thöricht würde es daher auch sein, das Verdienst der Braunschweiger um Nachbildung und Uebersetzung ausländischer Werke schmälern zu wollen. Unsere Literatur war arm; dem Volke war das Original der Ausländer unzugänglich; die wenigen vorhandenen Uebersetzungen aber zeugten von höchster Geschmacklosigkeit. Wie verdienstlich war daher die Erweiterung des Gesichtskreises durch Uebertragung fremder Werke! Welch einen Gewinn an Wörtern und Wortbildungen, an Feinheit und Eigenthümlichkeit der Wendungen, an Gefälligkeit, Kraft und Hoheit des Ausdruckes zog nicht allein unsere Sprache daraus, besonders seit der Zeit, als man anfing, treu rhythmisch und dem Genius des Originals angemessen nachzubilden! Höchst ungerecht aber würde es sein, Uebersetzungen damaliger und unserer Zeit nach einem und demselben Maßstabe messen zu wollen. Eine gute Uebersetzung jener Zeit mußte fast einem guten Originalwerke gleichgeschätzt werden; indessen heut zu Tage, bei dem Reichthume der deutschen Literatur, aus der Uebersetzungswuth unserer Scribenten sehr wenig Segen erwächst. Jene Uebersetzer mußten sich die Sprache bilden, die Principien feststellen, sich bei den dürftigsten Hülfsmitteln zur Erlernung fremder Sprachen, bei



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schlechter Lehrmethode mit angestrengtestem Fleiße selber zum Verständnis durcharbeiten; während jetzt, zumal bei der erleichterten Verbindung mit fremden Ländern, das Uebersetzen zu einer fabrikmäßigen Speculation unproductiver Geister herabgewürdigt ist.

Wir haben hier aber jetzt noch einen ganz anderen Gesichtspunkt der Beurtheilung für den Uebersetzungseifer der braunschweiger Literaten zu nehmen. Lag doch die ganze damalige Zeit krank danieder an dem Nachäffungsfieber des französischen Rococo-Ungeschmacks! Wie Frankreichs Einfluß auf politische und gesellige Zustände; so wirkte er auch auf literarische. Wahrheit und Natur hatten diesem Einfluße keinenfalls den Weg gebahnt; wohl aber der imponirende Reiz der Aeußerlichkeit und der frappirende Theatercoup einer sich oft schamlos spreizenden Dreistigkeit. Kleinlaut hinkte daher Deutschlands Genius hinter den fränkischen Laffen her. Da wiesen ein Gärtner, ein Lessing, Zachariä, Ebert, Mauvillon, Eschenburg auf die spanische, italienische, vorzüglich aber, nach Bodmer's Vorgange, (der nur selbst zu wenig den brittischen Geist zu fassen vermochte, wie dies seine 1732 erschienene Uebersetzung des Milton beweist,) auf die englische Literatur hin. So wurde Shakespeare bekannt, und zwar hauptsächlich durch Lessing‘s und Eschen burg's Vermittlung. Mit der Einführung des Shakespeare, dem Lessing's »Dramaturgie« den Weg bahnte, und zu dessen Verständnisse Goethe mit seinem Shakespeareschen Nachbilde, dem »Götz«, wesentlich beitrug, war denn mit einem Male die ganze Despotie des französischen Geschmackes, oder vielmehr Ungeschmackes vernichtet. Zerrissen war das Schema dieses steifen Formalismus; verhöhnt diese Prüderie der Unnatur; ersetzt diese verzuckerten Theaterpuppen durch markige Gestalten von Fleisch und Blut. Vor



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allen Dingen wurde auch der Geist einschläfernder Nüchternheit und schön ausstaffirter Gemeinheit ausgetrieben durch den Geist einer natürlichen, kräftigen Gesinnung. Mit dem französischen Esprit wurde aber auch zugleich der böse Geist Gottsched's ausgetrieben. Wahrlich, hat jemals die deutsche Literatur eine wesentliche Umgestaltung erlitten, so geschah es durch die Bekanntschaft mit Shakespeare. Daß später fade Enthusiasten in der Schätzung Shakespeare's zu weit gingen, ist natürlich nicht die Schuld seiner Vertreter und Uebersetzer. Haben wir uns also schon oben überzeugt, daß die Pflege der bis dahin in Deutschland fast gänzlich unbekannten englischen Literatur planmäßig vom braunschweiger Kreise gefördert wurde, so werden wir auch hier nicht anstehen, dieses vom günstigsten Erfolge gekrönte Bemühen nach seinem ganzen Werthe anzuerkennen.

Fassen wir den Entwickelungsgang unserer Nationalliteratur in seinem Zusammenhange auf, so finden wir auch den ersten Impuls des weimarschen Literaturaufschwunges von Braunschweig ausgehend. Amalia von Weimar war Herzog Carl's von Braunschweig Tochter, und Jerusalem's Schülerin. Ihre Geburt fiel nur wenige Jahre vor Gründung des Carolinums. Amalie sah diese Anstalt in vollster Blüthe, ehe sie nach Weimar ging; sie hatte auch den Unterricht der vorzüglichsten Lehrer dieser Anstalt genossen, und sich des Umganges der geistreichsten Männer in ihrer Heimath zu erfreuen gehabt. Sehr natürlich war, daß sie diesem Bedürfnisse nach geistiger Unterhaltung in Weimar durch die Berufung Wieland's Befriedigung werden ließ. Es darf aber nicht übersehen werden, daß Wieland erst 1772, Knebel 1774, Goethe erst 1775 und Herder 1776 ihren neuen Wirkungskreis antraten, als die braunschweig'schen Literaturzustände sich bereits seit mehren Decennien des anerkanntesten



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Gedeihens zu erfreuen gehabt hatten. Und wie Friedrich Schiller mit seinem dramatischen Erstlinge, den »Räubern,« und wie auch Immanuel Kant mit seiner "Kritik der reinen Vernunft« erst in demselben Jahre in die Welt eintraten, in welchem Lessing sein ruhmvolles Tagewerk beschloß: so florirte auch bereits das Carolinum, ehe überhaupt nur einmal Lessing mit seinen ersten poetischen Versuchen in den »Ermunterungen zum Vergnügen des Gemüths hervortrat.«  

Im Vorbeigehen wenigstens dürfte auch wohl noch auf die Bedeutsamkeit des braunschweiger Kreises wegen seiner vielfachen persönlichen Beziehungen zu auswärtigen literarischen Notabilitäten, wegen seiner Berührungen mit anderen Literaturvereinen und wegen seiner Einwirkung auf dieselben gedacht werden. Gehörte doch zunächst jenem von Gärtner zur Veredelung der Nationalliteratur zu Leipzig gestifteten Sängerbunde auch Klopstock an, der mit seinem Messias erst durch die von Gärtner redigirten »bremer Beiträge« in die deutsche Literatur eingeführt wurde, der Zeit seines Lebens im Streben nach einem gemeinschaftlichen Ziele mit seinen braunschweiger Freunden verbrüdert blieb; der durch seine imponirende Stellung sich gleichen Einfluß auf die Schweizer, Kopenhagener, Halberstädter, Berliner und Wiener verschafft hatte, und aus dessen hochherzigen, vaterländischen Gesinnungen sich später die Grundlage des göttinger Hainbundes bildete, woran Leisewitz Theil hatte. Und wie Boie, der Stifter des göttinger Vereines, noch vor Herausgabe des ersten göttinger Musenalmanachs, welcher 1770 erschien, schon in den Jahren 1766 bis 1771 mit Eschenburg, Ebeling und Engel zur Redaction der »hamb. Unterhaltungen vereinigt; wie Ebert, Giseke's Busenfreund, vom göttinger Kreise hochverehrt, namentlich verbunden war mit Boie, dem jüngeren Cramer, Voß, Knebel und Anderen; wie er durch Hagedorn, Klopstock



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und Cramer zu dem Norden; wie er auch mit Zachariä und Maupillon zum halberstädter Kreise in naher Be ziehung stand; wie der Letztgenannte wieder vorzüglich die im Harze Zerstreueten in diese Sphäre zog; wie Gotter, der in Thüringen einen gewissen Anhaltspunkt bildete, und der mit den Göttingern verbunden war, freundschaftliche Berührung mit Jerusalem, Lessing, Gärtner, Ebert und Zachariä hatte; wie Gärtner, der Schwager Giseke's und Joh. Chr. Rost's, der Freund Dan, Schiebeler's, den leipziger; wie Zachariä durch seine Freunde Eberhard von Gemmingen und J. L. Huber den schwäbischen; wie Lessing *) den berliner, hamburger, halberstädter und weimaraner Kreis; Leisewitz den göttinger, berliner und weimaraner mit dem braunschweiger vermittelten; wie Stuve und Pockels, vorzüglich aber Campe in dem engsten Verhältnisse zu der ganzen neueren Schule der Pädagogen standen: so zeigte sich dieser Literaturverband nach allen Richtungen hin verzweigt, und ließe sich darin noch mehrfach weiter verfolgen.
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*) Nur beispielshalber sei hier einiger von Lessing’s persönlichen Verbindungen gedacht:
Rabener, Gellert, Kästner, Seiler, Eckhof, Brückner, Mad. Neuber, Weise, El. Schlegel, J. Ad. Schlegel, Joh. Heinr. Schlegel, Mylius, Fuchs, von Brawe, Lippert, Jöcher, Meil, Ewald, Saak, Heineken, Nicolai, Mendelssohn, Gumperz, Mad.  Therbusch, Agricola, Ramler, Premontval, König, Süßmilch, Kirnberger, Krause, Sulzer, Mad. Karsch, Kleist, Naumann, Bernh. Rode, Thaer, Heyne, J. Gottw. Müller, J. D. Michaelis, J. Benj. Michaelis, J. A. Dieze, Herder, Wieland, Gleim, Fr. Jacobi, Klopstock, Gerstenberg, Boie, Ernesti, Platner d. ä., Reifstein, Anton Tischbein, Reiske, Reimarus, J. J. Chr. Bode, Alberti, Basedow, Wolke, Kies, von Breitenbauch, Voß, Benzler, Cramer d. Sohn, Hamann, Gotter, Graf Firmian, Jerusalem, Vater und Sohn, Zachariä, Schmid, Eschenburg, Rautenberg, Ebert, J. Chr. Sommer, Campe, Professor de Gasc und Frau; Brückmann, Gärtner, Buhle, Leisewitz u. s. w.



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Wenn wir uns hier in die Erörterung eines literarischen Kreises einer kleinen Residenz ausführlicher einließen, als vielleicht erwartet wurde, so dürfte wohl dem Umstande der Grund entschuldigend beizumessen sein, daß bisher der hier besprochene Abschnitt aus der braunschweig'schen Literatur in seiner Wichtigkeit und in seiner Beziehung zu einer allgemeinen deutschen Literatur gänzlich übersehen und verkannt wurde. Freilich sagt Wachler einmal beiläufig: »so verjüngte sich in Braunschweig, wo Gärtner, Zachariä, Schmid, Ebert als Amtsgenossen lebten, zum Theil der literarische Kreis, welcher unter geistverwandten Jünglingen in Leipzig entstanden war;« *) allein mit dieser fast zufälligen Bemerkung soll doch wohl eben so wenig, wie mit der noch zufälligeren in Gervinus **) Literaturgeschichte: »daß Ebert aus Hamburg später mit Zachariä, Schmid und Gärtner in Braunschweig zusammen waren,« die Würdigung dieser Epoche, die auch Prutz in dem Werke über den göttinger Dichterbund, Wachsmuth ***) und Andere gänzlich übersehen haben, abgethan sein? Jedenfalls dürfen wir dieselbe als das Morgenroth einer besseren Zeit betrachten, die ein Cronegk, wegen seines zu nahen Standpunktes und wegen der hierdurch bedingten allzumächtigen Einwirkung der Gegenwart, in allerdings zu glühender Begeisterung als die goldene Zeit selbst begrüst, †) wenn er sagt:
»Ihr Freunde, lebt beglückt, vereint durch das Geschicke,
»Ihr, denen Braunschweigs Ruh ein bessres Glück verleiht.
»Dein Beispiel, Gärtner, zeigt, daß Tugend noch beglücke:
»Und da, wo Carl regiert, herrscht auch die goldne Zeit.«
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*) Wachler's Vorlesungen, II. p. 122.,
**) Gervinus, IV. p. 76.
**) Weimar's Musenhof in den Jahren 1772 bis 1807, histor. Skizze von Wilh. Wachsmuth, 1844
†) Joh. Frd. von Cronegk's Schrn, 2. Afl. Lpz., 1766, II. p. 311.




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Anhang.

Ein flüchtiger Blick auf das Regentenhaus Braunschweig-Wolfenbüttel, in Bezug seiner Verdienste um Kunst und Wissenschaft.

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Braunschweig hat von frühen Zeiten her das Glück gehabt, Regenten auf seinem Fürstenstuhle zu sehen, welche als das schönste Juwel ihres Diademes die Blüthe der Künste und Wissenschaften betrachteten. *) Schon die Ahnherren dieses uralten Geschlechtes zeichneten sich in dieser Beziehung vortheilhaft aus; obgleich uns ihr, von Barbarei beherrschtes Zeitalter, außer einigen Baudenkmalen und geistlichen Stiftungen, wenig Documente davon erhalten hat.

Um hier dem Felde der Mythe gänzlich fern zu bleiben, sei zunächst Ludolph's (st. 860) gedacht, dem die Gründung des Klosters Gandersheim zugeschrieben wird, welches seine Tochter Gerberge (st. 896) 881 vollendete. Seine Gemahlin Oda stiftete 850 das Kloster Brunshausen; sein Sohn, Herzog Bruno, (st. 880) war Erweiterer Braunschweigs; dessen Bruder, Otto Illustris, (st. 912) Gründer vieler geistlicher Stiftungen, u. a. des Klosters zu Lüneburg
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*) Commentarius historicus de Augustae Domus Brunsvico-Lüneburgensis meritis in rem literariam; auctore Henr. Jo. Bytemeister, 1730. –
Hiermit ist zuvergleichen:
Antonii Uldarici Eath conspectus historiae Brunsvico; Lüneburgicae universalis, in tabulas chronologicas et genealogicas divisus et historicorum cujusvis aevi perpetuis testimoniis munitus. Praemissae sunt bibliotheca, Brunsvico- Lüneb. et diss. crit. de habitu tetlus operis. Helmst., 1745. –
E. J. G. Wolffram, (später von Wolfframitz), Versuch einer Nachricht von den gelehrten Herzogen und Herzoginnen von Br.-Lüneb. Ein Beitrag zur vater. Gelehrtengeschichte. Brschw., 1790.



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und der Stiftskirche zu Gandersheim; Tanquard erbauete im J. 861 die Stammburg Tanquarderode zu Braunschweig; König Heinrich der Finkler, (st. 936), der deutsche Städteerbauer, war Gründer des merseburger und quedlinburger Domes, und Beförderer des Handels, der Kunst und Cultur für das gesammte Vaterland, und legte in Braunschweig die Neustadt an.

Auch Heinrichs Sohn, Kaiser Otto I. (st. 973), stiftete sich ein Denkmal durch die Dome zu Brandenburg und Havelberg und durch Fundirung des Klosters Ludgeri bei Helmstedt. Magdeburg, welches er seiner ersten Gemahlin Editha (st. 947), einer Tochter des Königs Edmund von England, schenkte, weil diese eine große Vorliebe für diesen Ort wegen seiner lokalen Aehnlichkeit mit London hegte, verwandelte er aus einem offenen Flecken mit einer Burgfeste in einen blühen den Handelsplatz. Nachdem Editha den Ort mit Mauern hatte umziehen und nach Kräften bebauen lassen, verlieh ihm Otto der Große das Marktrecht, gründete an der Stelle des jetzigen Domes das Benedictiner Kloster, legte auf dem Johannisberge das, 965 von den Mönchen bezogene Kloster Bergen an mit einer trefflichen Klosterschule, stiftete auch eine Bibliothek, und 963 die leider 1207 wieder eingeäscherte Domkirche auf der Stätte des jetzigen Oberlandesgerichts-Gebäudes. Im J. 968 erhob er Magdeburg auch zu einem Erzstifte, mit dem, wie die Sage geht, ungeheuren Kostenaufwande von 19 Tonnen Goldes.

Otto's Bruder, Bruno, nachheriger Erzbischof von Cöln, Gründer mehrer geistlicher Stiftungen, genoß den Ruf eines der gelehrtesten Fürsten seiner Zeit, wie er denn auch einer der eifrigsten Sammler von Schriftschätzen war.

Diese Liebe zu den Wissenschaften zeichnete überhaupt den ganzen Stamm jenes sächsischen Fürstengeschlechtes aus, welches



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von 919 bis 1024 den deutschen Kaiserthron innehatte. Denn nicht genug, daß die Ottonen nach Besiegung der Ungarn und Slaven, und nach befestigter Herrschaft in Italien, den Wohlstand und die Sicherheit des Landes zu heben suchten: sie ließen sich auch in gleichem Maße die Förderung geistiger Interessen angelegen sein. Dieses beweisen sowohl die vielen Schulen, deren Gründer sie waren, und von denen einige in großem Rufe standen, als auch ihre persönlichen Beziehungen zu mehren der tüchtigsten Gelehrten. Hier sei beispielshalber nur jenes Gerbert's gedacht, der seiner stupenden Gelehrsamkeit wegen selbst von seinen Amtsbrüdern, den Geistlichen, in den Ruf der Zauberei gebracht wurde, und dem unter dem Namen Silvester II., im J. 999 Kaiser Otto III. zur päpstlichen Herrschaft verhalf. Schrieb doch auch zur Zeit der Ottonen die Dichterin Roswitha im Kloster zu Gandersheim ihre lateinischen Comödien, während ein Witichind und Ditmar die Thaten jenes erlauchten Hauses in ihren Chroniken aufzeichneten. –

Aber auch aus anderen Linien dieses weitverzweigten Geschlechtes leuchten Namen hervor, an welche sich nicht minder ehrwürdige Erinnerungen knüpfen. So ist Hermann der Billunger, Herzog von Lüneburg, (st. 973) bekannt als Erbauer der Michaelis-Klosterkirche zu Lüneburg; Bernhard, (st. 1061) als Stifter der Klöster Steterburg und Heiningen; Markgraf Ludolph II., (st. 1038) als der, der Petrikirche in der Burg zu Braunschweig, der dortigen früheren Ulrichskirche und als Mitfundator der daselbst 1031 eingeweiheten Magnikirche; Eckbert I., (st. 1068) als Gründer der Burg Wolfenbüttel um's J. 1046; Siegfried, Graf von Bomemburg, als Stifter des Klosters Amelunxborn; die Markgräfin Gertrud, (st. 1117) als Erbauerin der Egidienkirche zu Braunschweig; und Kaiser Lothar III., (st. 1137) der das



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römische Recht erneuerte, als Stifter des schönen Domes in Königslutter.

Vor allen Anderen aber möchte hier auf Heinrich den Löwen hinzudeuten sein, (geb. 1129, st. 1195),der in den verschiedensten Theilen seines Vaterlandes Denkmale seines ruhmvollen Wirkens hinterlassen hat. Freilich bestehen die meisten derselben, welche auf uns gekommen sind, in Kirchenbauten; allein man darf nicht vergessen, daß die Kunst damals größtentheils nur im Dienste der Kirche stand, und daß sie ohne diesen mächtigen Schutz in jenem, von politischen Stürmen bewegten Zeitalter sicherlich einer noch bei weitem größeren Barbarei, als dieses ohnehin schon der Fall war, anheimgefallen sein würde. Auch ist hierbei nicht außer Acht zu lassen, daß derzeitige Kirchen byzantinische Bauwerke waren, deren Charakter es mit sich brachte, daß die Wände über und über mit kostbaren Fresken auf Goldgrunde und mit prachtvollen, polychromatischen Arabesken ornirt wurden. Auf solche Weise blieb denn der Kirchenbau der hauptsächlichste Träger der Kunst; und wenn die uns erhaltenen, byzantinischen Kirchen größtentheils nur einen nüchternen Kalkanstrich zeigen, so darf man nicht vergessen, daß dieser erst in späterer, barbarischer Zeit sich eingedrängt hat, und sehr häufig noch jetzt mit seinem Bettlermantel, die kostbarsten Kleinodien der Kunst verdeckt. Herzog Heinrich führte nun auf seinen Kreuz- und seinen vielen Kriegszügen aus den fernen Landen manche Blüthe der Cultur in sein Vaterland heim. Außer den zu Lübeck, Ratzeburg und Schwerin erbaueten Domen, gründete er auch den zu Braunschweig; und die diesem Tempel geschenkten Glasgemälde, der daselbst noch jetzt aufbewahrte, kunstvolle Armleuchter, die prächtigen Kirchengeräthe, Gemälde und Schnitzarbeiten, namentlich ein von früheren Schriftstellern hochgerühmtes, silbernes Crucifix, 5000 Mark an Werth, die Reliquienbehälter, hauptsächlich die unter



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seiner Regierung geprägten zierlichen Münzen, so wie auch der vor der Burg aufgestellte Bronzelöwe beweisen, daß Heinrich neben seinen kirchlichen Zwecken die Pflege der Künste ganz besonders im Auge hatte. Nach seiner Rückkehr aus dem gelobten Lande erweiterte und verschönerte er die Stammburg seiner Väter Tanquarderode, und beschenkte Braunschweig auch noch mit der neuen Petrikirche, mit der Paulscapelle neben der Martinikirche und mit der Catharinenkirche.

Sein Sohn, Kaiser Otto IV. (geb. 1175, st. 1218), dessen Liebe zu den Wissenschaften Arnold von Lübeck (lib.VIII. c. 18) ausdrücklich hervorhebt, trat in dieser Beziehung ganz in die Fußstapfen seines Vaters, und sorgte nicht allein durch die Festen Asseburg, Lichtenberg, Herlingsburg u. s.w. für die Sicherheit seines Stammlandes, sondern er stattete auch die prachtvolle, weit berühmte Harzburg, in welcher er sein Leben beschloß, zu einem Tempel der Musen aus.

Albrecht I. (st. 1279), der das Kloster der Franciscaner zu Göttingen, die Porta Cöli zu Helmstedt und die heilige Geistkirche zu Braunschweig stiftete; Heinrich II. (st. 1351) de Graecia genannt, obgleich ihn seine Forschbegierde nicht allein Griechenland, sondern auch Palästina und Arabien durchwandern ließ, seiner Bildung wegen hochgefeiert; Albrecht, der Feiste, (st. 1318) der Gründer der göttinger Burg »Ballruz«, wie des dortigen Paulinerklosters, der das St. Georgenhospital, auch das Stift St. Blasii, das Egidienkloster zu Braunschweig, und das Kloster zu Königslutter reichlich beschenkte; Otto (geb. 1292 st. 1344), seiner vielen milden Stiftungen wegen der Milde genannt, der 1340 den Dom Heinrichs des Löwen nach der südlichen Seite hin erweiterte, und der auch die Paulinerkirche zu Braunschweig fundirte; Heinrich der Friedsame (geb. 1411 st. 1473)



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der durch ein Grundgesetz vom 17. Mai 1433 der Leibeigenschaft ein Ende machte, und allen reisenden Fremden die Rechte freier Landsassen verlieh; Wilhelm der Aeltere (geb. 1392, st. 1482), der den Beinamen Gotteskuh führte, Sieger in sieben Schlachten, der 1469 den braunschweiger Dom nach der Nordseite hin erweiterte; Erich der Aeltere, (geb. 1470, st. 1540), Stifter des göttinger Gymnasiums, ein hochgebildeter Fürst, dessen zweite Gemahlin, die fromme Wittwe Elisabeth, geb. Markgräfin von Brandenburg (geb. 1510) den hohen Ernst ihrer mütterlichen Sorgfalt für die Erziehung ihres Sohnes Erich II. (geb. 1528, st. 1584) durch einen noch in Handschrift vorhandenen Unterricht für ihren Sohn *) documentirt hat, und die Erziehung desselben einem Urban Regius und Anton Corvinus anvertraute, und den edlen Prinzen auch noch in den Jahren, als sie ihn schon verheirathen wollte, stets nach frommer alter Weise das Tischgebet hersagen ließ; Ernst II. der Bekenner, (geb. 1497, st. 1546), dieser hochgebildete Fürst, der mit Recht die Devise führte: „Aliis inserviendo consumor“ und der als unmittelbarer Schüler Luthers zu Wittenberg, zuerst der reineren lutherschen Lehre im Lande Lüneburg den Weg bahnte, am 25. Juni 1530 mit seinem Bruder Franz (geb. 1508, st. 1549), die augsburgsche Confession unterzeichnete, und den Urban Regius in seine Dienste berief; Philipp I. von Grubenhagen (st. 1551), durch seine ruhmvolle Regierung in dankbarer Erinnerung, der seinem Lande ein freisinniger Schirmer des Protestantismus war; Wilhelm (geb. 1535, st. 1592), Stifter der jüngeren oder großbrittannischen Linie, der seine Privatbibliothek der Kirche zu Celle überwies, und die
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*) Der Herzogin Elisabeth, Herzog Erich's des älteren von Calenberg Gemahlin, Unterricht für ihren Herrn Sohn, Herzog Erich den Jüngern.



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Herausgabe der symbolischen Bücher besorgte; Wolfgang (geb. 1531, st. 1595) durch Gründung der Schulen zu Harzburg, Eimbeck und durch die große Sorge für die Volkserziehung in seinem ganzen Lande bekannt; Wilhelm (geb. 1564, st. 1642) zum Rector der Akademie Rostock ernannt, bei welcher Gelegenheit er drei lateinische Reden hielt, durch ausgedehnte Reisen vielfach gebildet, und selber Verfasser einer deutsch-lateinischen Abhandlung über die christlichen Glaubensartikel; – alle diese Genannte sind neben vielen Anderen mit Ehren zu erwähnen.

Doch gehen wir gleich über zu den Söhnen des regierenden Herzogs Heinrich des Jüngern (geb. 1489, st. 11. Juni 1568). Dieser kriegslustige und später so kriegesmüde, starre und vom Schicksal so hart gebeugte Fürst selbst, hat sich um sein Land das hohe Verdienst einer neuen Gerichtsverfassung und eines verbesserten Steuersystemes erworben.

Sein Sohn, Prinz Philipp Magnus, (geb. 1527) der mit seinem Bruder Carl Victor am 9. Juli 1553 in der Schlacht bei Sievershausen den Heldentod fand, war durch vielseitige Bildung ausgezeichnet, welche er sich auf seinen Reisen durch Italien und andere Länder angeeignet hatte. Leider besitzen wir als die einzige Frucht seiner Schriftstellermuße nur eine Uebertragung aus dem spanischen. *)

Sein Bruder Julius, früher Bischof von Minden, nachher regierender Herzog, (geb. 10. Juli 1528, st. 3. Mai 1589) hat sich als Förderer der Reformation das unvergänglichste Denkmal gesetzt. Diese freisinnige Richtung ist bei ihm um so höher anzuschlagen, als er ihr nur unter großen
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*) Ludwig d'Avila, Büchlein vom deutschen Krieg de a. 1546 und 1547, in‘s Deutsche übersetzet von Philippo Magno, Herzog Heinrich d. J. Sohn. Wolfenb., 1552. –



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Opfern folgen konnte, und bis zum Tode seines Vaters, jenes bigotten Fürsten, welcher 1525 dem Thomas Münzer noch auf der Richtstätte das Glaubensbekenntnis vorbetete, unter schwerem Drucke zu seufzen hatte. Indem er das von ihm 1570 gestiftete gandersheimer Pädagogium 1574 nach dem Plane seines Canzlers Joachim Mynsinger von Frundeck nach Helmstedt verlegte, und 1576 zur Universität umschuf, freisinnige, hochgelehrte Männer dorthin berief, wie den Tilemann Heßhusius, Jacob Andreä, Peter Ulner, David Chyträus, Joh. Caselius, besonders den Martin Chemnitz, durch den er das „Corpus doc trinae Julium“ *) abfassen ließ, wirkte er unmittelbar für die raschere Verbreitung des Protestantismus. In dem Rufe eines tüchtigen Chemikers, beurkundete er seine Liebe zu den Wissenschaften vorzüglich durch die erste Anlage eines kostbaren Bücherschatzes, den er 1568 von seinem Schlosse zu Hessen nach Wolfenbüttel brachte; den er 1572 durch die Sammlungen der Klöster Wöltingerode bei Goslar, Steterburg, Dorstadt, Heiningen und Marienberg bei Helmstedt vermehrte, und dem er sehr häufig die in verschiedenen Städten Deutschlands gemachten Acquisitionen auf großen Rüstwagen zuführen ließ, besonders in den Jahren 1577 – 1580, als er von der Wittwe Aurifaber in Erfurt einen an Handschriften Luther's und anderer Reformatoren reichen Büchervorrath angekauft hatte. **) Verdient machte er sich
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*) Corpus doctrinae aus Verordnung Julii dersegen zu Br.-Lün. – Heinrichstadt, 1576.
**) Ueber das, was sich auf Büchersammlungen des braunschweiger Regentenhauses bezieht, ist zu vergleichen: »Umrisse zur Geschichte und Beschreibung der wolfenb. Bibliothek, von C. P. C. Schönemann.« (Im: Serapeum, Zeitschr. für Bibliothekwissensch., Handschriftenkunde und ältere Literatur; herausg. von Dr. Rob. Naumann, IV. Jahrg. Lpz., 1843, N. 6, 7, 13, 14).



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auch durch Verbesserung des unter seinem Vater von Mynsinger von Frundeck gestifteten Hofgerichtes, und durch Herausgabe einer Hofgerichtsordnung; ingleichen durch Gründung des helmstedter anatomischen Theaters mit allen anatomischen Instrumenten, und durch Verbesserung der Schulen, in denen er die Wissenschaften, besonders das Sprachstudium vernachlässigt fand. In seiner Sorgfalt für die studirende Jugend gewährte er auch unbemittelten, aber talentvollen Jünglingen die freigebigste Unterstützung für Reisen und für Vollendung ihrer Studien. Er widmete dem Berg- und Hüttenwesen die höchste Sorgfalt, und gründete u. a. das Salzwerk »Juliushalle«  zu Harzburg, und die Messinghütte; wie denn auch die in Wolfenbüttel von ihm errichtete Factorei dem Betriebe der auf dem Harze producirten Marmor- und Eisenarbeiten von Förderung war. Die wohlthätige Einrichtung einer in der Gertrudencapelle in der Burg zu Braunschweig begründeten Buchdruckerei wurde leider sehr bald wieder durch Eifersucht des Magistrates vereitelt, indem der betriebsame Buchdrucker Lucius gezwungen wurde, die Stadt zu räumen. Die seinen Vater zu Ehren benannte »Heinrichstadt« und die Vorstadt »Gotteslager«  in Wolfenbüttel erschuf Julius von Grunde auf; schmückte die dortige Hofcapelle; engagirte für dieselbe zur Erhöhung des Cultus die aus den Diensten des Herzogs von Gotha entlassenen Musiker; kaufte viele im Kriege aus den Niederlanden geraubte, kostbare Glocken auf; brachte in seinen Waffensälen eine solche Masse von nützlichen und seltenen Waffen zusammen, daß sein Zeughaus zu den ausgezeichnetsten im ganzen deutschen Vaterlande gehörte. An die Befestigung Wolfenbüttels wandte er große Summen; und unter den vielen von ihm ausgeführten Prachtbauten verdient auch das 1576 mit



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neuem Glanze ausgestattete und erweiterte alte Residenzschloß zu Wolfenbüttel erwähnt zu werden.

Sein Sohn, der edle Heinrich Julius, (geb. 1564, st. 1613) war vielleicht dem Vater an gelehrter Bildung noch überlegen. Bei der feierlichen Einweihung der helmstedter Akademie am 15. Oct. 1576, also in seinem zwölften Lebensjahre, zum beständigen Rector dieser Anstalt ernannt, hielt er seine erste lateinische Rede, und zwar mit demselben Beifalle, womit er später öfter auftrat. Als tüchtig im Griechischen und Hebräischen wird er gerühmt, und auch seine Kenntnisse in der Philosophie, Jurisprudenz, und der Naturwissenschaft, werden ganz besonders hervorgehoben. Wie bei seinem Vater die theologische, so war bei ihm die juristische Bildung vorwaltend. Seiner Liebe zu den Wissenschaften verdankte das helmstedter anatomische Theater die von dem damals berühmten Maler Christoph Gertner verfertigten anatomischen Gemälde, welche von Zeitgenossen als noch nie gesehene Wunderwerke gepriesen wurden. Seine Kunstliebe rief unter anderen Bauten das weitberühmte, leider aber nicht mehr vorhandene Prachtschloß Gröningen, in der Nähe von Halberstadt, und das schöne Universitäts-Auditorium nebst der Bibliothek zu Helmstedt in's Leben. Auch als tüchtiger Staatsmann bewährte sich Heinrich Julius, und zwar in seiner Stellung als Director des kaiserlichen Geheimenrathes unter Rudolph II. Ihm verdankt sein Land auch das für die Cultur höchst wichtige Grundgesetz über Erblichkeit der Bauerngüter, wie auch über Fixirung der Meierzinse. – Die Verbreitung der reineren evangelischen Lehre in seinem Bisthum Halberstadt darf hauptsächlich als sein Werk betrachtet werden. – Durch Ankauf der Büchersammlung des Matthias Flacius im Jahre 1597 legte er den ersten Grund zur helmstedter Bibliothek. Auch für Belebung typographischer


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Betriebsamkeit brachte Heinrich Julius große Opfer, wie die Rechnungen über die bedeutenden Summen ausweisen, welche er sowohl an den Buchhändler Lucius in Helmstedt, als auch an die Vorsteher der Buchhalterei zahlte. In diesem Interesse nahm er auch den bekannten Formschneider Holwein zu Wolfenbüttel in seine Dienste. – Von seiner schriftstellerischen Thätigkeit würden schon viele auf der wolfenbüttler Bibliothek vorhandene Bände zeugen, die er theils eigenhändig zusammengetragen, theils mit Noten versehen hat. Oeffentlich erschien von ihm eine Streitschrift wider den braunschweiger Stadtrath *), und eine Sammlung seiner Reden. **) – Was diesen Fürsten aber zunächst hier von unserm Standpunkte aus am interessantesten macht, ist der Umstand, daß er im Jahre 1605 das erste deutsche Hoftheater gründete, für dasselbe Musiker aus Italien, Schauspieler aus England und Deutschland verschrieb, nicht allein den Capellmeister Thomas Mancinus, der zugleich auch sein Bibliothekar war, in seinen Diensten hatte, sondern auch noch 1607 den als Componisten und Kirchenliederdichter gleich berühmten Michael Prätorius als Capellmeister anstellte; daß er auch selbst als der erste fürstliche deutsche Dramatiker mit zwei dramatischen Gedichten hervortrat, welche er aufführen und in Druck erscheinen ließ. ***) Wie nun von
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*) Illustre examen autoris illustris. Helmst., 1608. –
**) Orationes tres Helmsteti a Rev. et Illustr. Principe ac Domino - Henrico Julio, Duce Br. et Lüneb. memoriter recitatae. Henricopoli, 1578. –
***) Comoedia von Vincentio Ladislao, Satrapa von Mantua, in 6 Aufzügen von Hibaldeha (d. h. Henr. Jul. Brunsv. ac Lüneb. Dux edidit hunc actum), 2. Afl. Wolfenb., 1594. –
Tragica comoedia Hibaldeha, von der Susanna, wie dieselbe von zweien alten, Ehebruchs halber, fälschlich beklaget, auch unschuldig verurtheilet, Aber endlich durch sonderliche Schickung Gottes des Almechtigen von Daniele errettet, und die beiden Alten zum Tode verdammet worden. Mit 34 Personen. Wolfenb., 1593.



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Heinrich Julius an bis auf die neueste Zeit die braunschweiger Hofbühne fortblüht, so werden wir auch diesen charakteristischen Zug einer besonderen Vorliebe für dramatische Kunst an den meisten Herzögen der folgenden Zeit wahrnehmen; und so wird denn auch in keiner, einigermaßen umfassenden Darstellung des deutschen Bühnenwesens der Einfluß des braunschweiger Regentenhauses übergangen werden dürfen.–

Philipp Sigmund (geb. 1568, st. 1623), der Bruder unsers Heinrich Julius, der mit diesem eine und dieselbe Erziehung genoß, später Domherr zu Magdeburg, Bischof zu Verden und Administrator des Bisthums Osnabrück wurde, zeichnete sich gleichfalls durch gelehrte Kenntnisse aus. Er hinterließ ein schätzbares Tagebuch *) –

Des Heinrich Julius Sohn und Nachfolger, Herzog Friedrich Ulrich (geb. 5. April 1591, st. 11. Aug. 1634), war freilich ein den Sstürmen seiner viel bewegten Zeit nicht gewachsener Regent, aber immer ein Mann von umfassender Bildung, (von namentlich ausgezeichneter Geschichtskenntnis), welche er sich auf seinen Reisen durch fast alle Länder Europas aneignete. Daß er die Universität Helmstedt glänzender fundirte, und ihr die von seinem Vater und Großvater gesammelte, an Manuscripten reiche, und von ihm selbst vielfach vermehrte Privatbibliothek schenkte, beurkundet seine Liebe zu den Wissenschaften eben so wohl, wie auch ein eigener schriftstellerischer Versuch. **) – Das sogenannte Mooshaus in der Burg zu Braunschweig, an welches sich die denkwürdigsten Erinnerungen für seine Familie knüpften, ließ er 1616 zum Theil wieder aufbauen, und zwar auf eine sehr splendide
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*) Diarium ac Manuale Manuscriptum.
**) Ser. P. Friderici Ulrici Consultatio de praerogativae certamine, quod est inter Milites et Literatos. Tübingae, 1607.



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Weise. Auch ließ er sich in demselben Jahre die Erneuerung des ehrwürdigen Bronzelöwen vor der Burg, des Wahrzeichens von Braunschweig, angelegen sein. Als ein Freund der Musik, gab er dem nach Magdeburgs Verwüstung von dort geflüchteten Cantor Heinrich Grimm, einem ausgezeichneten Contrapunktisten, in Braunschweig ein freundliches Asyl; und der Hofbühne, welche er dem damaligen Zeitgeschmacke gemäß, zur Hofoper umschuf, zeigte er sich als freigebigster Beschirmer. –

Da mit Friedrich Ulrich die ältere, wolfenbüttler Linie erlosch, so kam die Regierung an Herzog August den Jüngern von Braunschweig-Danneberg, dessen ganzer Stamm bis auf Carl Wilhelm Ferdinand herab die überraschende Erscheinung einer sich fast zwei Jahrhunderte hindurch herausstellenden hohen Geistesgediegenheit gewährt. Der Stifter dieser Linie, Herzog August selbst, (geb. 10. April 1579, st. 1. sept. 1666) dürfte wohl, so lange überhaupt Wissenschaft noch geschätzt werden wird, immer den verdienstvollsten und gebildetsten Fürsten Dentschlands beigezählt werden. Schon in seinem funfzehnten Jahre trat er das Rectorat der Universität Rostock mit einer gediegenen Inauguralrede an *); und ließ sich auch abermals öffentlich hören, **) als er auf Befehl seiner Eltern noch in demselben Jahre Rostock zu verlassen gezwungen war. Hierauf ging er nach Tübingen, wo er mehrfach öffentlich disputirte; und wo ihm auch das Rectorat dieser Universität conferirt wurde. Auch hier trat er wiederum als Redner auf, ***) und würde ebenfalls noch einen andern, bereits ausgearbeiteten Vortrag †) gehalten
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*) De elementa et severitate.
**) De rationis et appetitus in homime conflictu. –
***) De legum dignitate et utilitate.
†) De recta reipublicae literariae constitutione. – Cf. Augusti lunioris



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haben, wäre er nicht durch den Tod seines Vaters unerwartet schnell abgerufen worden. In Strasburg, wohin er sich nun wandte, disputirte er außergewöhnlicher Weise ohne Vorsitz. Nachdem er auf seinen zehnjährigen Reisen durch fast alle Länder Europas den Schatz seiner Kenntnisse bedeutend erweitert hatte, namentlich in der Mathematik, Astronomie, Geschichte, Jurisprudenz und den Sprachen; und nachdem er auch mit den ausgezeichnetsten Fürsten und Gelehrten seiner Zeit sich persönlich befreundet, mit Vielen z. B. mit Calixt und dem Polyhistor Hermann Conring, eine fortwährende briefliche Verbindung angeknüpft hatte, widmete er die Hauptstunden seiner Muße seinem kostbaren Bücherschatze. Diese Bibliothek, welche er im Jahre 1604 auf dem schlosse zu Hitzacker gründete, und dort bereits schon ein eigenes Bibliothekgebäude errichtete, verlegte er später nach Braunschweig, und endlich nach seiner Residenz Wolfenbüttel. Außer fortwährenden einzelnen Vermehrungen, kaufte er für diese Sammlung ganze Bibliotheken an, z. B. 1616 die des Coelius secundus Curio und die des Coelius Augustinus Curio zu Basel; 1618 den größten Theil von Marquard Frehers Bibliothek; 1636 den Büchernachlaß des Joach. Clutenius zu Strasburg. Zur Unterhandlung derartiger Geschäfte stand der Herzog mit auswärtigen Gelehrten in stetem brieflichen Verkehr. so hatte er z. B. in Augsburg den Phil. Heinhofer, J. Ge. Anckel, und Elias Ehinger; zu Strasburg den Joach. Clutenius; in Schöningen den Joach. Jo. Mader; zu Rom den Athanas. Kircher; zu Nürnberg den Georg Forstenheuser; und so bediente er
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Br. et Lüneb. Ducis et Rostochiensis Acad. Rectoris Orationes et Edicta publice proposita. Rostochii, 1594. –
Augusti Innioris Br. et Lüneb. Ducis et Academiarum Rostochiensis et Tübingensis Rectoris Orationes et Edicta publice proposita. Tübingae, 1598.



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sich für diese Zwecke auch eines Jo. Val. Andreä, Heinr. Jul. Blum, Nicol. Heinsius, Heinhofer, Hirt und vieler Anderer. Dem auf solche Weise außerordentlich stark und schnell anwachsenden Büchervorrathe räumte er das obere Geschoß des massiven Marstalles ein, welcher noch jetzt dem neuen Bibliothekgebäude als Unterlage dient. Auch verfaßte er einen noch vorhandenen, eigenhändig geschriebenen Katalog von vier Folianten, und begünstigte mit höchster Humanität die Benutzung seiner ihm so werthen Sammlung. Als Beleg hierfür wird schon ein einziges Beispiel genügen. Im Jahre 1660 ließ er dem berühmten Ezechiel Spanheim zu Heidelberg das gewünschte höchst werthvolle Manuscript des Lucanus mitten im Winter unter militairischer Bedeckung nach Heidelberg bringen. – Die Gebrüder Stern, Buchdrucker aus Lüneburg, zog er eigends nach Wolfenbüttel, um die »Evangelische Kirchenharmonie« drucken zu lassen.

»Mitten unter den Stürmen und Erschütterungen einer in trüben Massen gährenden Zeit,« sagt Friedrich Adolf Ebert, »bereitete sich Herzog August in seinem Museum eine eigenthümliche Welt, in welcher er von den Beeinträchtigungen einer ihn nahe berührenden und oft hart drängenden Gegenwart Erholung suchte und fand. Neben den Erscheinungen des Tages, die er nicht unbeachtet ließ und in welche er, selbst ein fruchtbarer Schriftsteller, vielfach verflochten war, wendete sich doch seine Sammelliebe mit einem tiefer liegenden und nicht blos in müßiger Curiosität begründetem Bedürfnis fast mehr noch dem Vergangenen, Unbekannten und Verborgnern zu, und behielt diese Richtung auch dann noch bei, als über Deutschlands Gauen wieder ein wolkenloserer Himmel sich wölbte. So brachte er in einer für den Büchererwerb günstigen Zeit und durch ein sechzigjähriges, unablässiges Bemühen einen Schatz von Handschriften, alten Drucken



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und Seltenheiten aller Art zusammen, von dessen fleißiger Benutzung die Anmerkungen zeugen, welche sich von seiner Hand oft mitten in Werken befinden, die wohl selten eines Fürsten Hand zu berühren, pflegt. Die Huldigungen, welche die in- und ausländischen Gelehrten jener Zeit, mit deren mehreren er in näherem, brieflichen Verkehr stand, dem für literarische Bildung sich so lebendig und thätig interessirenden Fürsten brachten, trugen dazu bei, seine Sammlung auch in den literarischen Erzeugnissen seiner Zeit so vollständig zu machen, wie man sie vielleicht in keiner andern deutschen Bibliothek finden wird, weil eben jene Kriegsjahre fast auf allen andern deutschen Sammlungen die bisher geübte Thätigkeit unterbrachen. Auf diese Weise wurde seine Sammlung, in welcher er auch die kleinste Schrift der Aufbewahrung nicht unwerth hielt, ein in seiner Art einziges Archiv für die Geschichte der (vorzüglich deutschen) literarischen Thätigkeit des siebzehnten Jahrhunderts bis zum Jahre 1666, in welchem der rastlos thätige Fürst sein langes und auch um das Wohl und die Verfassung seines Landes hochverdientes Leben schlos.« *) – Als Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft, deren Tendenz bekanntlich die Pflege der Muttersprache war, führte Herzog August den Namen des »Befreienden;« und machte sich nicht allein durch seine im Auftrage fremder Cabinette vielfach geführten, diplomatischen Unterhandlungen auswärtig bekannt, sondern auch um sein Vaterland hochverdient durch Verbesserung des gesammten Schulwesens, durch Gründung eines Consistoriums, und durch seine Förderung der Canzlei- und Hofgerichtsordnung. Mit vielen Prachtbauten und der neu angelegten Auguststadt hat er seine Residenz Wolfenbüttel ganz
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*) Ueberlieferungen zur Geschichte, Literatur und Kunst der Vor- und Mitwelt; herausg. v. Friedr. Ad. Ebert. Dresden, 1826, I. 1, pag. 141.



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besonders geschmückt; Braunschweig verdankte ihm 1646 die Vollendung des von seinem Vorgänger 1616 begonnenen, prachtvollen Umbaues des Schlosses in der Burg. – Als schriftsteller genoß er einen ausgebreiteten und wohlverdienten Ruf. *) –

Herzog August’s dritte Gemahlin Sophia Elisabeth, eine geb. Prinzessin von Mecklenburg (st. 1676) machte sich als Virtuosin rühmlichst bekannt. Es erschienen unter ihrem Namen mehre Singspiele in Druck. – **).
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*) Das Schach- oder König-Spiel von Gustavo Seleno, in vier unterschiedene Bücher, mit besonderem Fleiß, gründ- und ordentlich abgefasset, auch mit dienlichen Kupferstichen gezieret. Diesem ist zu ende, angefüget, ein sehr altes Spiel, genandt, Rythmo-machia. Lips., 1617. –
Gustavi Seleni Cryptomenytices et Cryptographiae Libri IX. in quibus Stenanographiae a J. Trithemio magice et senigmatice olim conscriptae, enodatio traditur. Lüneb, 1624. –
Biblischer Auszug, oder gründliche Summarien über die beiden Heil. Testamenta eines vornehmen deutschen Theologi. (Dan. Cramers) durch A. B. L. d. H. Bibel-Liebhabern, mit besonderem Fleiß übersehen, und in dieses Handbüchlein gebracht. Lüneb., 1625. –
Die Historie und Geschichte von des Herrn Jesu des Gesalbten Leiden, Sterben und Begräbnis, aus den evangelischen Schriften zusammengetragen. Lüneb., 1640. –
Verzeichnis beider jungen Herren (Heinr. Aug. und Rud. Aug.) Prägenitorum. –
Evangelische Kirchen-Harmonie, d. i. der H. Schrift unterschiedene Texte und Worte, welche von unseren Vorfahren an gewissen Tagen des Herrn und der Festen den Gemeinen der Christen jährlich vorzulesen und zu erklären verordnet, und von einem Liebhaber seines liebsten Herrn Jesu und dessen heiligen Worts mit schriftmäßiger Erklärung ausgeführt sind. Mit Kupfern, 2 Thle. Wolf, 1644. –
Handbüchlein aus der Evangelischen Kirchen-Harmonie von des Herrn Jesu Leben etc., Wolfenb., 1646. –
Augusti Duc. Br.-Lüneb. ad Athanasium Kircherum S. J. Epistola a 1651 scripta, et edita cum notis Zach. Göze. Osnabr., 1716. –
Auf des Herzogs Veranlassung erschien auch das Werk: Reformatio Papatus, juxta confessionem Augustanam, qua proponitur Romanorum Pontificum atque conciliorum consensus cum Augustana confessione in omnibus articulis etc. Gosl., 1621. –
**) Der Minerva Banquet auf den 77. Geburtstag Herzog Augusti, vorgestellt a 1655. Wolfenb. –Dabei noch: Glückwünschende Freudensdarstellung, dargestellt von Sophia Elisabeth, Herzogin zu Br.- Lüneb. – und: Ballet der Zeit. –
Der Herzogin Sophia Elisabeth glückwünschende Wahrsagung



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Beiläufig sei auch noch eines Bruders von Herzog August und von Julius Ernst gedacht, des edeln Prinzen Franz, geb. 1572. Er war Domherr zu Strasburg und Cöln, an welchem ersteren Orte er lebte, und zwar wegen seiner Menschenfreundlichkeit und hohen Bildung allgemein verehrt. Nachdem er sich unter Kaiser Rudolph II. im Türkenkriege ehrenvoll ausgezeichnet hatte, fand er am 24. Dec. 1601 seinen Tod in den Fluthen des Rheines im 30. Jahre seines Lebens. Auch er ist als Schriftsteller bekannt, und zwar durch eine 1587 gehaltene Schulrede, „de Pyrrhi et Demetrii fratrum dissidiis componendis,“ welche der Professor der Eloquenz Melchior Junius in der von ihm edirten Sammlung von Reden abdrucken ließ. –

Herzog August's ältester Sohn und Nachfolger, Rudolph August, (geb., 16. Mai 1627, st., 26. Jan. 1704 zur Hedwigsburg), theilte ganz die gelehrte Richtung seines Vaters. In der fruchtbringenden Gesellschaft führte er den bezeichnenden Namen des »Nachsinnenden,« und bereitete diesem literarischen Kreise, dem auch sein Vater angehört hatte, und zu dessen Mitgliedern ebenfalls zwei seiner Brüder gezählt wurden, an seinem eignen Hofe einen gewissen Sammelplatz, indem hier mehre von den sehr wenigen literarischen Celebritäten jenes Dichterordens vereint waren, z. B. der hochverdiente Sprachforscher Just. Geo. Schottelius, (geb. 1612, st. 1676 zu Wolfenbüttel), und die Dichter Sigm. von Birken, (geb. 1626, st. 1681) und Andr. Heinr. Buchholz, (geb. 1607, st. 1671 zu Wolfenbüttel). Diesen reiheten sich nun noch an: ein Leibnitz, (geb. 1646, st. 1716), durch seine »unvorgreiflichen Gedanken über die teutsche Sprache« in der deutschen
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und Ankunft der Königin Nicaulä und deren bey sich habenden 12 Sybillen, benebst 4 benachbarten Königen in die weltberühmte Guelfenburg. Wolf., 1656. –



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Literatur bedeutsam; ein Gottfr. Wilh. Sacer, (geb. 1635, st. 1699) durch seine »Erinnerungen wegen der deutschen Poeterei« und durch seine Lieder bekannt; und endlich Christ. Woltereck, (geb. 1686, st. 1735) der die »holstein. Musen« schrieb. –

Rudolph August betrachtete als den schönsten Schmuck seiner Schlösser zu Hedwigsburg, zu Braunschweig, Blankenburg, auf dem Forsthause zu Wolfenbüttel und zur Harzburg eine auserlesene Büchersammlung. Durch seinen Bibliothekar Adam Stenger ließ er 1689 die 102 Bände der Kloster- Weißenburg'schen Manuscripte ankaufen, und schenkte 1702 auf Verwendung Hermann von der Hardt's den größten Theil seines von ihm so mühsam gesammelten Bücherschatzes nebst allen Manuscripten der Universität Helmstedt. Daneben bedachte er auch freigebigst die Bibliotheken des Klosters Riddagshausen und der Brüdern-Kirche zu Braunschweig; stiftete 1690 in Gemeinschaft mit seinem Bruder Anton Ulrich das Predigerseminar zu Riddagshausen; erweiterte, reorganisirte und fundirte das blankenburger Gymnasium, welches daher nach ihm »Rudolpheum Augusteum,« genannt wurde; schenkte die auf eigene Kosten gebauete, neue Collegien-Kirche der helmstedter Hochschule; und gemeinschaftlich mit seinem Bruder der Catharinen-Schule zu Braunschweig das jetzige Schulgebäude; veranstaltete auf eigene Kosten, unter Redaction Hermann von der Hardt's, die Herausgabe des sechs Bände starken Werkes über das costnitzer Concilium; *) wie auch den Abdruck vieler Autographen Luther's, und zeichnete sich auch selbst als Schriftsteller aus. **)
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*) Magnum oecumenicum Constantiense Concilium de universali Ecclesiae reformatione, unione et fide. –
**) Epistola consultatoria ad Augustum Parentem ob defunctum Christianum Augustum ex conjuge Megapolitana filium, 1639. –



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Aber von allen Herzögen Braunschweigs möchte für unsern Zweck wohl der interessanteste und wichtigste Anton Ulrich sein, des Vorigen Bruder, seit 1685 sein Mitregent und endlich sein Nachfolger (geb. 4. Oct. 1633, st. 27. März 1714). Dieser Fürst nämlich, der sich vorzugsweise der Literatur der schönen Wissenschaften widmete, und von seinen Zeitgenossen zu den gefeiertsten Dichtern gezählt wurde, wird auch in der Literatur einen dauernden Ruhm behaupten, wenn gleich für unsere Zeit den meisten seiner poetischen Schöpfungen, mehre seiner trefflichen Kirchenlieder davon ausgenommen, nur noch ein literarhistorisches Interesse geblieben sein sollte. Er war ein Schüler des gelehrten Sprachforschers Just. Georg Schottelius; ein geistvoller, kenntnißreicher Fürst, durch Reisen gebildet; stand mit bedeutenden Gelehrten in brieflicher Verbindung und vermochte schon in seinem siebenzehnten Jahre, als Procanzler der Universität Helmstedt, den öffentlichen Act theologischer Doctorpromotionen durch gediegenen lateinischen Vortrag zu leiten. Wie er denn nicht ohne Eitelkeit war, führte er auch in der fruchtbringenden Gesellschaft den Namen des »Siegprangenden.« Literarisch interessant bleibt es jedenfalls, daß, wie Anton Ulrich durch des wolfenbüttler Hofpredigers Andr. Heinr. Buchholz Romane »Herkules und Valiska,« und »Herkuliscus und Herkuladisla«
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Epistola ad Parentem de superato anno climacterico magno, 1642. –
Aus unterschiedlichen Gesang- und Gebetbüchern zusammen gezogener und mit Kupfern gezierter Kern der Fest-Catechismus - und andern schönen Gesängen und Gebeten, wie selbige von unseren Gottseeligen Vorfahren ihrem ersten und rechten Satz nach sind herausgegeben. Wolf., 1672. –
Beantwortung der Frage: Ob es christlich sei in öffentlichen Prozessen vor Gerichte zu schaffen zu haben? –
Opfer der Heiligen, bestehend in 2 Theilen andächtiger Gebete, 1702. –
Ein kurzer Psalter aus allen Psalmen zusammen gezogen. Helmst., 1702, – (auch unter dem Titel: Kern der Psalmen Davids, herausgegeben von Caspar Questel. Plön, 1708.)



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zu seiner »römischen Octavia« angeregt wurde, er selbst wieder durch dieses Werk einen Lohenstein zu dem Romane gleichen Genres »Arminius und Thusnelda« anregte.

Die Spuren der Geistesrichtung Anton Ulrich's lassen sich übrigens am deutlichsten an seinen Schöpfungen erkennen. Er stiftete 1787 in Gemeinschaft mit seinem Bruder die Ritterakademie zu Wolfenbüttel, eine zu ihrer Zeit sehr renommirte Lehranstalt, welche von den meisten studirenden Prinzen und Söhnen des Adels besucht wurde; jedoch schon mit dem Tode ihres Begründers die Endschaft ihrer Blüthe erreichte, und nach 28jährigem Bestehen im J. 1715 aufgehoben wurde. Auch vermehrte Anton Ulrich die Schätze der wolfenbüttler Bibliothek; indem er durch seinen Bibliothekar Leibnitz, mit dem er einen vertraueten Briefwechsel führte, außer anderen nicht unbedeutenden Erwerbungen, auch im J. 1710 die an kostbaren Handschriften reiche Sammlung des Staatsraths Marquard Gudius zu Kiel ankaufen ließ; und auf Leibnitz Verwendung auch einen jährlichen Vermehrungsfond von 200 Thalern aussetzte. In den Jahren 1706–1710 errichtete er auf der Stätte des alten Bibliothekgebäudes, mit Benutzung des gewölbten Untergeschosses, die jetzige großartige Bibliothek. Weil Leibnitz meistentheils in Hannover wohnte, so ernannte er 1705 den Legationsrath Hertel zum Mitbibliothekar, der später seine ansehnliche Privatbüchersammlung der fürstlichen Bibliothek testamentarisch schenkte. Anton Ulrich bedachte auch die riddagshauser Klosterbibliothek mit einem Theile des Büchernachlasses seines Bruders; während seine eigene Bibliothek später der Grundstamm der Bibliothek des braunschweiger Collegiums wurde. Im Jahre 1710 erbaute er die katholische Kirche zu Braunschweig, zu deren Confession er, vielleicht nicht freizusprechen



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von ehrgeizigen Rücksichten der Politik, übertrat. Das blankenburger Schloß erweiterte und verschönerte er; ließ den Dom zu Braunschweig (leider aber vom ursprünglichen Stile abweichend), neu decoriren, und die darin befindlichen Grabschriften seiner Ahnen erneuen; widmete auch dem Grabmale Kaiser Lothar's im Dome zu Königslutter eine besondere Sorgfalt, und stattete von neuem die braunschweiger Residenz in der Burg glänzend aus. In Braunschweig begründete er auch die ausgezeichnete italienische Oper, für welche er das Rathhaus zum Hagen 1690 mit bedeutenden Kosten zum Opernhause umschuf, und diesen Tempel des Gesanges mit Werken, wie »Ariadne« und »Andromeda« eröffnete. Im Jahre 1691 erbauete er sein Lustschlos Salzdahlum, woselbst er unschätzbare Kunstsammlungen aufstapelte. Um hier, außer dem großen Schatze des interessanten Majolica-Geschirres, welches er größtentheils auf seinen italienischen Wanderungen selbst erwarb, nur noch einer einzigen von jenen Sammlungen Erwähnung zu thun, muß ich auf die Gemäldegallerie hindeuten, welche ihrer Zeit zu den allervorzüglichsten Deutschlands gezählt wurde, und noch gegenwärtig einen Glanzpunkt Braunschweigs bildet, ungeachtet das beklagenswertheste Mißgeschick über ihr gewaltet hat, indem ein Theil derselben nach dem Abbruche des Salzdahlumer Schlosses auctionsmäßig verschleudert worden, ein anderer durch die bonapartische Plünderung verloren gegangen, ein dritter durch den braunschweiger Schloßbrand im Jahre 1830 vernichtet, und endlich ein nicht unbedeutender vierter Theil durch sogenannte Restauration nicht eben verbessert worden ist. – Das Andenken Anton Ulrich's wirkte noch lange unter seiner Nachwelt fort, indem derselben die vielen von ihm zusammengehäuften Reichthümer der Wissenschaft und Kunst Sporn und Haltpunkt


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in dem Streben nach Bildung wurden. Die Zahl seiner Schriften ist nicht unbedeutend *). –

Anton Ulrich's Gemahlin, Elisabeth Juliane, geb. Prinzessin von Holstein-Nordburg, (geb. 24. Mai 1634, st. 4. Febr. 1704), durch ihr im Jahre 1701 zu Salzdahlum gestiftetes und von ihr reichlich fundirtes Jungfrauenkloster »zur Ehre Gottes« rühmlich bekannt, war die Verfasserin der ersten Abtheilung eines hymnologischen Werkes **), bei welchem auch Rudolph August und Anton Ulrich als Mitarbeiter betheiligt waren. –

Die älteste Tochter dieser geistvollen Fürstin, Elisabeth Eleonore, (geb. 31. Sept. 1658, st. 1729) vermählt an den Herzog Johann Georg von Mecklenburg-Mirow, und
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*) »Christ-Fürstliches Davids Harpfen-Spiel, zum Spiegel und Fürbild Himmelflammender Andacht, mit ihren Arien oder Singweisen hervorgegeben.« Nürnb., 1667. (Die musikalischen Compositionen sind von seiner Stiefmutter Sophia Elisabeth.)
Sodann die Singspiele: »Regierkunst-Schatten, 1658;« »Andromeda, 1659;« »Orpheus, 1659;« »Iphigenia, 1661;« »Jacobs des Patriarchen Heyrath, 1662;« »Des trojanischen Paridis Urtheil;« »Solimene;« »Amelinde;« »Die verstörte Irmenseul oder das bekehrte Sachsenland etc.;«
und die Romane: »Die Durchlauchtigste Syrerin Aramena, 9 Thle., mit Kupfr. Nürnberg, 1670 bis 1673.«
»Octavia, Römische Geschichte der hochlöblichen Nympfen-Gesellschaft an der Donau gewidmet. Nürnb., 1685 bis 1703.« –
»Beschluß, der Durchl. Herzogin gewidmet, die diese Römerin von ihrem mehr als 20jährigen Schlaf erwecket, 1704 bis 1707.« – Die Römische Octavia, auf Veranlassen einer hohen Prinzessin, nach dem ehemal. Entwurf geändert und durchgehends vermehret. Brschw., 1712, VII.
In Augustin Theiner’s Schrift: »Funfzig Beweggründe, warum die kathol. Relig. allen andern vorzuziehen sei, 2. Afl. Einsiedeln, 1843,« wird ganz fälschlich auch die Autorschaft der: »Beweisgründe aus der Vernunft und den Grundsätzen des Glaubens, daß die röm. kathol. Relig. allen übrigen Religionen vorzuziehen sei,« dem Anton Ulrich untergeschoben. –
**) »Gottgewidmetes Opfer der Heiligen, bestehend in zwei Theilen andächtiger Gebete; wobei einer andächtigen Seele Gedanken von Gott, zu Gott und in Gott; wie auch ein Christ-Fürstliches Davids Harfen-Spiel. Oettingen, 1732.« –



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später an den Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen, ist Verfasserin vieler geistlicher Lieder, welche sich im gothaischen Gesangbuche, (1715 p. 395 etc.) und im meiningschen Gesangbuche (1711 p. 857 etc.) finden. –
Sibylla Ursula, Anton Ulrichs schwester, (geb. 1629, st. 1671) vermählt an den Herzog Christian zu Holstein Glücksburg, eine höchst gelehrte Dame, ist hier insofern nicht zu übergehen, als sie nebst ihren Brüdern Rudolph August, Anton Ulrich und Ferdinand Albrecht mit dem berühmten würtenberger Theologen Johann Valentin Andreä einen lateinischen Briefwechsel unterhielt, welchen dieser Gelehrte später herausgab. *) –

Ein Bruder der eben Genannten war der apanagirte Herzog Ferdinand Albrecht von Bevern, nach dem Titel seines eigenen Werkes »Wunderliche Begebnisse etc., der »Wunderliche« genannt, (geb. 22. Mai 1636, st. 23. April 1687). Ein Schüler der gelehrten Männer, Just Georg Schottelius und Sigismund von Birken, durchreiste er fast ganz Europa; aber auf eine andere Weise, als Fürsten gewöhnlich zu reisen pflegen. sein eigenster Zweck war Belehrung, deshalb ließ er sich auch längere Zeit an Orten nieder, wo er diese zu finden hoffte, z. B. in Paris und Pavia, wo er sich förmlich als akademischer Bürger einschreiben ließ, um sich in neueren Sprachen, in der Mathematik, Musik und Baukunst zu vervollkommnen; so auch in Rom, wo er den mathematischen Unterricht des berühmten Athanasius Kircher genoß. Bei diesem Ernste seiner
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*) „Jo Valent. Andreae Seleniana Augustalia una cum opusculis aliis. Uimae, 1649;“ und:
„Serenissimae Domus Augustae Selenianae Principum Juventutis utriusque Sexus pietatis eruditionis comitatisque exemplum sine pari in perfectae educationis et institutionis normam expositum. Ulmae, 1654.“ –


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Studien bildete er sich denn auch zu einem der gelehrtesten Männer seiner Zeit aus, der zehn Sprachen reden und schreiben konnte. Er war Senior und Decanats-Statthalter des evangelischen Stiftes zu Strasburg, Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu London, und der fruchtbringenden Gesellschaft, in welcher er den Namen des »Wunderlichen« führte. Nach dem Tode seines Vaters lebte er ausschließlich den Wissenschaften auf seinem Schlosse zu Bevern, welches er sich zum freundlichsten Musensitze umgeschaffen hatte. Außer den auf seinen ausgedehnten Reisen erworbenen Sammlungen von Büchern, Münzen und Naturalien, besaß er auch ein werthvolles Antiquitätencabinet, in welchem sich das ihm durch Erbschaft zugefallene, unschätzbare mantuanische Onyx-Gefäß befand, welches später dem braunschweiger Museum einverleibt wurde. – Um seiner Schriftsteller-Neigung ungestörter folgen zu können, hatte er sich in seinem Schlosse förmlich eine Buchdruckerei einrichten lassen. Von seinen Werken sind noch jetzt einige als Quellen für das Studium jener Zeit von Wichtigkeit *) –
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*) sonderbare, aus göttlichem Eingeben andächtige Gedanken, in Reime gemacht und gebracht von einem Liebhaber seines Herrn Jesu, deswegen auch, weil er die reine Wahrheit und Aufrichtigkeit bis in den Tod zu lieben und zu vertheidigen beschlossen, unglückseligen Fürsten, auch nach desselben Verordnung und Einrichtung mit ihren Singweisen, von seiner Hoff-Capellen gemacht, hervorgegeben, Frömmigkeit Ankerfest Haltenden, Zur Beständigkeit Und Liebe. Braunschw., 1656,– (später neuaufgelegt: Bremen, 1674; zuletzt: Bevern, 1677.)
 J. de Büssieres Blümlein allerley Geschichte, aus dem Lat. in's Teutsche übersetzet, von einem unglückseeligen Fürsten. Hannover, 1673. –
Chr. Besoldi, des Rechtsgelehrten, Anweisung zu den alten Geschichten; in's Teutsche übersetzet. –
Wunderliche Begebnissen und wunderlicher Zustand in dieser wunderlichen verkehrten Welt; meistentheils aus eigener Erfahrung, und dann geistlicher, verständiger, erfahrner Leute Schriften wunderlich herausgesuchet, durch den in der fruchtbringenden Gesellschaft sogenannten Wunderlichen im Fruchtbringen. Erster Theil, begreifend des Wunderlichen Lebens- und Reisebeschreibung. Auf dem Fürstl. Residenzschloß..



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Auch die fromme Tochter dieses kunstsinnigen Fürsten, Sophia Eleonore, (geb. 5. März 1674, starb 24. Jan. 1711) Canonissin von Gandersheim, hat sich als Schriftstellerin bekannt gemacht. *) –

Von ihren Brüdern starben zwei als Helden auf dem Bette der Ehren: August Ferdinand (geb. 29. Dec. 1677), welcher als Generalmajor in braunschw. Diensten bei Erstürmung des baierschen Lagers auf dem Schellenberge an der Donau am 2. Juli 1704 als Sieger blieb; und Heinrich Ferdinand (geb. 12. April 1684), welcher als Kaiserl. östreichischer Obristlieutenant am 7. Septbr. 1706 beim Entsatze von Turin sein Leben einbüßte. –

Wir kommen jetzt zu Anton Ulrich's Kindern zurück, von denen Herzog August Wilhelm (geb. 1662, st. 1731), nach dem Tode seines Vaters und seines ältern Bruders, des Kaiserl. Obrists August Friedrich, der in Folge einer, bei der Belagerung von Philippsburg empfangenen Wunde seinen Heldentod fand, die Regierung übernahm. Das seiner Zeit prachtvolle Residenzschloß zu Wolfenbüttel verdankt der von ihm 1716 vorgenommenen Erneuerung seine jetzige Gestalt;
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Bevern druckts Joh. Heitmüller, 1678. Zweiter Theil, begreifend die wunderlichen Göttlichen Dinge des Alten- und Neuen-Testaments, aus dem Wunderbuche der heiligen, göttlichen Schrift und anderen geistreichen Büchern mit Verwunderung angesehen von dem Wunderlichen im Fruchtbringen. Bevern, 1678. –
XXIV Andachten vom Leiden Christi, nach so vielen schönen Gemälden en miniature nach der Ordnung aufgesetzt, von dem bekannten Liebhaber seines Herrn Jesu. Bevern, 1688. –
Außerdem haben sich noch mehre seiner Manuscripte erhalten, u. a. Sein Reisetagebuch, und ein Opus unter dem Titel: „Loci politici, 1648.“–
*) »Geistliche Lieder über die sieben Blutvergießungen Jesu Christi der ganzen Welt Heylandes, von einer Gottergebenen Seele, 1696.« –
Nach ihrem Tode erschien: »Die Rechte des Herrn, ein Lied im Hause der Durchl. Fürstin und Frauen, Frauen Sophie Eleonoren, Herzogin von Br-Lüneb. etc. zusammt den geistlichen Liedern über die sieben Blutvergießungen Jesu Christi, auf gnädigsten Befehl, herausg. von Eberh. Finen. Brschw., 1713.« –



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das daneben gelegene kleine bevernsche Schloß wurde 1723 vollendet; dabei verwandte er große Summen auf den 1721 begonnenen Bau seines Residenzschlosses in Braunschweig, und zwar auf der Stätte des 1671 von seinem Oheim angekauften »grauen Hofes;« fügte diesem Schlosse auch eine Capelle hinzu; erneuerte 1721 den Unterbau des Löwen in der Burg; errichtete die Schloßcapelle zu Vechelde; renovirte die Egidienkirche zu Braunschweig; vermehrte die Bibliothek zu Wolfenbüttel, und knüpfte seinen Namen auch an das durch ihn festlich begangene Reformationsfest. Um die Kunst machte er sich noch besonders verdient durch Pflege des Theaters. Unter ihm begann der unsterbliche Joh. Ad. Hasse im J. 1723 mit Aufführung seiner ersten Oper »Antigonus« seine ruhmgekrönte Laufbahn in Braunschweig. Nach Hasse wurde 1725 Carl Heinrich Graun als erster Tenorist berufen und später zum Vicecapellmeister ernannt; bis er 1735 als Kammersänger in die Dienste des Kronprinzen von Preußen trat. –

Elisabeth Sophie Marie, die dritte Gemahlin dieses Fürsten, (geb. 12. Sepbr. 1683, st. 3. April 1767), eine Tochter Herzogs Rudolph Friedrich von Holstein-Nordburg, und Wittwe des Erbprinzen von Holstein Plön, war die Gründerin der kostbaren Bibelsammlung, zu welcher G. L. O. Knoch den Catalog *) herausgab; und trat auch außerdem selbst als Schriftstellerin auf. **) –
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*) Bibliotheca Biblica, d. i. Verzeichnis der Bibel-Sammlung, welche die Durchl. Fürstin und Frau, Frau Elisabeth Sophia Maria etc. gesammlet und in Dero Bücher-Schatz auf dem Grauen Hofe der Christlichen Kirche zum Besten aufgestellet hat. Brschw., 1752. –
Und Knoch's: Historische Nachrichten von der Braunschweigschen Bibelsammlung. Wolfenb., 1754. –
**) »Kurzer Auszug etlicher zwischen den Katholiken und Lutheranern streitigen Glaubenslehren, aus des Concilii zu Trient, und der Göttlichen Schrift eigenen Worten, wie auch der hierbeigefügten Päbstlichen


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Da August Wilhelm ohne Erben starb, so fiel die Regierung der gesammten braunschweig-wolfenbüttelschen Lande an seinen jüngsten Bruder Ludwig Rudolph, dem bereits früher schon von seinem Vater Anton Ulrich die Grafschaft Blankenburg zugetheilt worden war. Dieser prachtliebende Fürst (geb. 22. Juli 1671, st. 1. März 1735), vermählt mit Christine Louise Prinzessin von Oettingen, (einer mit den Wissenschaften wohlvertrauten Dame, zu deren schätzbaren Privatbibliothek von Praun den Katalog anfertigte,) war der Großvater des russischen Kaisers Peter II. und auch der Kaiserin Maria Theresia. Seine Bauliebe war den Städten Blankenburg und Braunschweig von großem Nutzen, und als Gründer der Kirche und des Predigerseminars zu Kloster Michaelstein, und mehrer Kirchen in seinem Fürstenthum Blankenburg, wie auch als Vermehrer des wolfenbüttler Bücherschatzes hat er sein Andenken gesegnet. Aus seinem großen Büchernachlasse erhielt noch im J. 1750 die Sammlung des braunschweiger Collegiums einen bedeutenden Zuwachs. Ludwig Rudolph, durch Reisen gebildet, war ein thätiger Förderer der Künste. Vorzüglich darf hier sein wohlthätiger Einfluß auf Deutschlands Bühnenwesen nicht ganz mit Stillschweigen übergangen werden. »Es ist bekannt, daß sich Madame Neuber geb. Weissenborn nur auf Veranlassung dieses Fürsten der Verbesserung des deutschen Theaters zuwandte, und im Jahre 1707 mit Aufführung des »Cid« begann, den schon früher ein Kriegsrath Lange dem
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Glaubens-Bekänntnis und Religions-Eide treulich gefasset, und zum nöthigen Unterricht, was jeder Theil glaubt und glauben soll, an's Licht gestellt. Wolfenb., 1714.« –
»Eine deutlichere Erklärung der Glaubenslehren, so in den 12 Briefen des Jesuiten Seedorf’s enthalten, nach dem Glaubensbekenntnis, welches die Protestanten in Ungarn bei ihrem Uebertritte zur römischen Kirche schwören müssen. Brschw., 1750.« –



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braunschweigschen Hofe zugefallen übersetzt hatte.« *) – Von Ludwig Rudolph erschien auch eine, während seiner Studienzeit auf der Ritterakademie zu Wolfenbüttel gehaltene Rede in Druck **).

Da auch Ludwig Rudolph ohne männliche Erben starb, so fiel die Regierung an seinen Schwiegersohn, den Brudersohn seines Vaters, an Herzog Ferdinand Albrecht, (geb. 1680, st. 3. sept. 1735) den Sohn Ferdinand Albrecht's von Bevern. Leider überlebte dieser Regent seinen Vorgänger nur sechs Monate; zeichnete sich jedoch als Kaiserlicher Reichs-General-Feldmarschall und Befehlshaber der Festung Comorn in Ungarn, sowohl bei Landau, wie auch beim Entsatze der Festung Belgrad 1718 rühmlichst aus; und hat für uns noch ein besonderes Interesse wegen seiner an Geistesgaben reich ausgestatteten Nachkommenschaft. –
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Jetzt erst kommen wir endlich zu dem Abschnitte der braunschweigschen Fürstengeschichte, welcher mit der braunschweiger Literaturepoche aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in nächster Beziehung steht. Jener Rückblick auf die Vorzeit dieses Fürstengeschlechts wird aber zeigen, wie schon frühe das Fruchtkorn gesetzt und gepflegt wurde, welches später so ertragreich ausfiel, und wird auch einleuchtend machen, wie nur unter der Gunst der obwaltenden Verhältnisse namentlich im Geiste des Herzogs Carl alle die vortrefflichen Keime ansetzen konnten, welche sich zum Ruhme des Guelphenhauses und zum Segen der Wissenschaft entfalteten.
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*) s. Gervinus Gesch. d. Lit. IV. p. 362.
**) „Ludovici Rudolphi D. Br.-L. de maxima fortitudine panegyricus, in Academia patriae, quae est Wolfenbuteli, primo natali XV. Kalend. Aug. 1688, ex memoria dictus.“



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Herzog Carl (geb. 1. Aug. 1713, st. 26. März 1780) folgte seinem Vater Ferdinand Albrecht im Jahre 1735 in der Regierung nach. Sein Hof wurde zu den glänzendsten der damaligen Zeit gezählt; sein Geschlecht war an Ahnenruhm und Alter den meisten fürstlichen Häusern Europas überlegen; und der Einfluß seiner Familie wurde mehr und mehr durch verwandtschaftliche Verbindungen erweitert. Am 2. Juni 1733 vermählte er sich mit der schönen Philippine Charlotte, einer hochgebildeten Dame, und einer milden Beschützerin der Künste und Wissenschaften. Wie sie, als Freundin Jerusalems, die edelsten Lebensfreuden im Umgange mit geistbegabten Zeitgenossen suchte, so brachte sie auch die Stunden der Einsamkeit nur mit ihren todten Freunden, ihren Büchern, zu, deren ganzen Vorrath sie der wolfenbüttler Bibliothek legirte. Sie war eine Schwester des großen Friedrich von Preußen, dessen Ehe mit Christine Elisabeth (geb. 8. Nov. 1715, st. 13. Jan. 1797), einer Schwester Carl's, der würdige Abt Mosheim am 12. Juni 1733 zu Salzdahlum einsegnete. Auch Königin Christine Elisabeth hat es nicht verschmäht, sich hin und wieder zu dem mühevollen Pfade des Schriftstellerthums zu wenden; indem sie für die Entbehrung des höchsten Erdenglückes, der Liebe, nur mit Achtung entschädigt, welche ihr auch selbst ihr Gemahl nicht zu versagen vermogte, sich selbst noch immer am besten entschädigte durch die Erhebung, welche sie aus ihrer Beschäftigung mit den Wissenschaften schöpfte. *) - -
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*) „Le Chretien dans la Solitude. à Berlin, 1776“ –
„Sage resolution. à Berlin, 1776.“ –
„Reflexion et méditation à l'occasion du renouvellement de l'année, sur les soins, que la providence a pour les humains et de ses voyes remplis de bonté, par les quelles elle les mene. à Berlin, 1777“ –



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Auch mit dem Könige Friedrich V. von Dänemark durch seine Schwester Juliane Marie verschwägert; durch die Töchter Ludwig Rudolphs mit dem deutschen und russischen Kaiserhause ohnehin schon verwandt, suchte Carl durch die Vermählung seines Bruders Anton Ulrich (der am 23. Aug. 1714, im Todesjahre seines großen Namensverwandten geboren wurde, und als Gemahl der Regentin Anna, als Vater des unglücklichen Iwan VI und durch sein eigenes verhängnisvolles Schicksal, er starb nämlich am 4. Mai 1774 als erblindeter Verbannter zur Scholmogory in Archangel, in der Geschichte bekannt ist,) einen neuen Strahl des Glanzes dem Guelphenstamme zuzuwenden. Seine übrigen Brüder, der edle Ludwig (Ernst) (geb. 25. Sept. 1718, st. 12. Mai 1788), Kaiserlicher Feldmarschall, Generalcapitain der holländischen Union, und Gouverneur von Herzogenbusch, dessen Wirken Schlözer in einem vortrefflichen biographischen Gemälde dargestellt hat, und der, nach Biron's Verbannung zum Herzoge von Curland und Semgallen erwählt war, seiner Hoffnungen aber durch die am 6. Dec. 1741 ausgebrochene Revolution beraubt wurde; der sich, wie mehre noch vorhandene Proben beweisen, auch als geschickter Zeichner in der Kupferstecherkunst versuchte; – der Feldmarschall Ferdinand (geb. 12. Jan. 1721, st. 3. Juli 1792), der ruhmgekrönte Sieger bei Crefeld uud Minden, der gleichfalls in seiner
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„Consideratious sur les Livres de Dieu, dans la regne de la nature et de la providence pour tous les jours de l'année. Ouvrage traduit de l'Allemand de Mr. C. C. Sturm. III. T. à la Haye, 1777.“ –
„Six sermons de Mr. Sack. à Berlin, 1777.“ –
„Reflexions sur l'état des affaires publiques en 1778. Addresseés aux personnes craintives. à Berlin, 1778.“ –
„Reflexions pour tous les jours de la semaine. à Berlin, 1778“ –
„L'homme ami de Dien, traduit de l'anglais de Richard Jones. à Berlin, 1778.“ –
Ein Verzeichnis ihrer Werke enthält (Roch's) allgem. liter. Anzeiger



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Jugend der Kupferstecherkunst oblag, ein Herzensfreund Jerusalems, und ein väterlicher Schirmer der Gelehrten und Künstler überhaupt war, von denen manche, z. B. die Dichterin Anna Louise Karsch, der Musicus Joh. Bach, lebenslängliche Pensionen von ihm bezogen; – so wie auch Prinz Albrecht (geb. 4. Mai 1725), welcher 1745 in der Schlacht bei Soor blieb, und der ebenfalls die Neigung seiner Brüder für Uebung der Kupferstecherkunst theilte; – und endlich Prinz Friedrich Franz (geb. 8. Juni 1732), welcher am 14. Oct. 1756 bei Hochkirchen auf dem Bette der Ehre starb:– alle in dem Buche der Geschichte als Helden aufgezeichnet, trugen durch die auf ihrer Feldherrnbahn errungenen Lorbeeren nicht wenig zu dem erhöheten Ansehen ihres Stammhauses bei. –

In dankbarster Erinnerung wird aber auch die späteste Nachwelt alles das bewahren, was Herzog Carl selbst für Kunst und Wissenschaft gethan. Nichts ist beklagenswerther, als daß seine zu verschwenderische Freigebigkeit in Bezug auf seinen glänzenden Hofstaat, auf sein Militair, auf seine beiden Hofbühnen zu Braunschweig und Wolfenbüttel, besonders auf Begünstigung der Oper, in keinem Verhältnis stand zu den Erwerbsquellen seines Landes. Keinesweges ist es, am allerwenigsten aber hier, auf eine Apologie dieses Fürsten abgesehen; indessen würde es mehr als unbillig sein, zu allen den Verläumdungen und Mißverständnissen zu schweigen, welchen gerade dieser Mann ausgesetzt gewesen ist, der das Unglück hatte, mehre seiner Unternehmungen von einem ungünstigen Erfolge begleitet, und seinen Hauptfehler, Verschwendung, durch die weise Sparsamkeit seines Nachfolgers in ein um so helleres Licht gesetzt zu sehen. Wenn Havemann in seiner braunschweigischen Geschichte, bei gänzlicher Verkennung dieses Fürsten, daher so weit geht, auch von »fader Gesellschaft«



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desselben zu reden, so thut er ihm sehr unrecht, indem, wie ich dreist zu behaupten wage, überhaupt wohl nur wenige Regenten fortwährend den Umgang mit wissenschaftlich gebildeten Männern gleich eifrig gesucht haben möchten, wie Herzog Carl. Gerade er nämlich, der allen seinen Hoffesten die Weihe des geistigen Charakters verlieh, fühlte fortwährend das Bedürfnis, Gelehrte und Künstler, ja selbst gebildete Zöglinge des Collegiums an seine Tafel zu ziehen, eine Sitte, die sich in allen übrigen Hofhaltungen seines Hauses verbreitete, und die namentlich von seinem Nachfolger Carl Wilhelm Ferdinand eifrigst fortgeübt wurde. Ein zuverlässiges Zeugnis giebt dem verkannten Herzoge der ehrwürdige Jerusalem in einem Briefe an Fr. von Hagedorn, *) worin es heißt: »Es ist gewiß noch kein teutscher Fürst gewesen, der sich der Erziehung der Jugend mit mehrer Vernunft und Liebe angenommen hätte, als unser regierender Herr. Die großen Kosten, die er darauf verwendet, und wovon die große Anzahl der öffentlichen Lehrer ein Beweis ist, sind das Wenigste. Mancher große Herr giebt wohl auch zum gemeinen Besten Geld ohne Gefühl aus. Aber die große Leutseligkeit, mit der er die jungen Leute empfängt, wenn sie ihm vorgestellt werden, die gnädige Ermunterung, die er ihnen selbst zu allem Guten giebt, die sorgfältige Achtung, die ihnen bei allen Gelegenheiten bei Hofe erzeigt wird, und die ächt väterliche Fürsorge für Alles, was ihnen die Wissenschaften und die Tugend angenehm machen kann, sind solche Beweise von seiner edeln Absicht, die er bei diesem Collegio hat, daß man ihn als den ersten Lehrer dabei ansehen kann, sowie er überhaupt in seinem Lande der erste ehrliche Mann ist. Glauben sie nicht, das ich dies als Herzogl.
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*) Friedr. von Hagedorn’s poet. Wke. Hamb. 1800 V p. 302.



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Braunschw. Hofprediger schreibe. Sie würden ihm, wenn sie ihn kennten, eben dies Zeugniß geben, und was für ein Zeugniß für ihn! SSie selbst würden ihn als Fürsten für einen liebenswürdigen Fürsten halten.« – Am allerwenigsten wird es Braunschweig vergessen, was Carl für die Blüthe dieser Stadt gethan, die er 1754 zu seiner Residenz erhob, und auf deren Verschönerung, besonders durch Aufführung größerer Bauten, (Herzogl. Cammer; Neustadt - Rathhaus; Restauration des höchsten und schönsten Thurmes der Stadt, des St. Andreas, u. s. w.) stets sein Augenmerk gerichtet war. Er gründete die Schule zu Holzminden durch den würdigen Generalsuperintendenten Fr. Wilh. Richter im Jahre 1760, und machte ihr ein Geschenk mit 8600 Bänden aus der von ihm 1754 angekauften Bibliothek Burckhard's. An die wolfenbüttler Bibliothek knüpfte er sein Andenken durch reichliche Vermehrung derselben, indem er ihr, außer sehr vielen einzelnen bedeutenden Schenkungen, 1753 aus Ludwig Rudolphs Nachlasse 328 Manuscripte und 10,408 Bände zuwandte; ihr im Jahre 1759 die Büchersammlung seines verewigten Bruders Friedrich Franz; 1762 die seiner Mutter Antoinette Amalie; 1764 die Bibliothek seines in Holland lebenden Bruders Ludwig Ernst, und das höchst werthvolle Bibelcabinet der Herzogin Elisabeth Sophia Marie, später auch noch den übrigen Bücherschatz dieser Fürstin; 1768 den hinterlassenen Büchervorrath seines Großvaters Ferdinand Albrecht I. und den seines eigenen Sohnes Wilhelm Adolph überwies; und für dieselbe 1767 die 10.000 Bände starke Bibliothek des 1764 zu Braunschweig verstorbenen Hofraths Baudis acquirirte. Auch die Bibliothek des Collegiums Carolinums vermehrte er mit 5000 Bänden aus dem Nachlasse Ludwig Rudolphs. Im Jahre 1744 gründete er zu Veltenhof die Colonie der aus ihrem



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Vaterlande durch Intoleranz vertriebenen, arbeitsamen Pfälzer; 1745 die braunschweigschen Anzeigen; 1747 das Obersanitäts-Collegium. Auch die Pflege der Universität Helmstedt, die, nach aufgehobener, hannöverscher Mitverwaltung, seit 1745 dem Hause Braunschweig-Wolfenbüttel ausschließlich zufiel, 1746 von Herzog Carl reichlicher fundirt wurde, und nach ihm, gleichsam ihrem zweiten Schöpfer, den Namen »Julia Carolina« führte; die Stiftung der dortigen »deutschen G sellschaft;« die Beschaffung eines, den Zeitbedürfnissen entsprechenden Gesangbuches; sowie die Stiftung des fürstlichen Museums, für welches er von 1754 an alle Kunstschätze der verschiedenen Schlösser sammeln, 1754 vier naturhistorische Cabinette, 1755 durch Süperville eine kostbare Collection geschnittener Steine in Frankreich ankaufen und 1764 das Ganze in einem dazu geeigneten Locale aufstellen ließ; sowie auch endlich die Gründung des Collegiums Carolinums zu Braunschweig werden seinen Namen stets in Ehren erhalten. Besonders die letztgenannte Anstalt, welche aus einer dunkeln helmstedter Klosterschule hervorging, und deren europäischen Ruf ihre ausgezeichneten Lehrer und die von allen Enden unsers Welttheils herbeiströmenden Schüler begründeten. – Die bis dahin fast beispiellose Freigebigkeit, mit welcher Herzog Carl das Theater bedachte, ist ihm freilich oft zum Vorwurfgemacht worden; aber man muß wenigstens zugleich eingestehen, daß etwas Großes und zur Hebung des gesammten deutschen Bühnenwesens Förderndes damit erwirkt wurde, und daß namentlich die italienische Oper zu Braunschweig damals vollkommen mit der zu Wien, Berlin und Dresden wetteifern konnte. Im J. 1735 ließ Carl das jetzige Theater einrichten, auf welchem 1740 die Gesellschaft der rühmlich bekannten Caroline Friederike Neuber debütirte; während



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1753 Nicolini mit seiner italienischen Operngesellschaft eintraf, deren Zierde vorzüglich die ausgezeichnete Sängerin Anna Nicolini war. Auch die deutsche Oper blühete, und zwar unter Leitung des berühmten Capellmeisters Schwanenberg, der 1762 seine Oper »Soliman« zur Darstellung brachte. Neben Schwanenberg war Brunetti als zweiter Capellmeister engagirt. In der Periode von 1763 bis 1770 waren abwechselnd Ackermanns in Braunschweig anwesend, als deren Matador der unsterbliche Mime Friedrich Ludwig Schröder bewundert wurde. Machte Johann Bach's im J. 1768 aufgeführte Oper: »Cato von Utica« Glück, so muß die am 13. März 1772, am Geburtstage der Herzogin, durch Döbbelin veranstaltete erste Darstellung von Lessing's »Emilia Galotti« als ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der deutschen Bühne betrachtet werden. – Möchten diese dürftigen Notizen hinreichen, Herzog Carl's Vorliebe für das Theater in einem günstigeren Lichte erscheinen zu lassen. –

Dabei genoß dieser hochgebildete Fürst auch das Glück, einen Kreis der hoffnungsreichsten Kinder um sich versammelt zu sehen. Von seinen Söhnen sei zunächst des apanagirten Prinzen Friedrich (August) gedacht, (geb. 29. Oct. 1740, st. 8. Oct. 1805). Er war Herzog von Braunschweig-Oels, Königl. Preußischer Generallieutenant, Inhaber eines berliner Infanterieregimentes, Gouverneur von Küstrin, Dompropst zu Brandenburg, Ritter des schwarzen Adlers, und Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Er zeichnete sich nicht allein durch die Schärfe seines Schwertes aus, welche er bei dem Entsatze des vom Prinzen Xaver von Sachsen im J. 1761 bedrängten Braunschweigs, wie auch in den Treffen bei Völlinghausen und bei Wilhelmsthal bewährte, sondern auch durch die Schärfe seines Witzes und durch die



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Leichtigkeit seiner Feder. *) Es existiren von ihm noch einige sehr ausgezeichnete Blätter von Caricaturskizzen, welche er selbst in Kupfer gestochen hat. Charakteristisch für die Gemüthsart dieses Mannes ist vielleicht der einzige Zug, daß er sich einst von einem heftigen Fieber durch Lachen und die dadurch bewirkte Transpiration curirte, und zwar, indem er sich eine schwülstige Tragödie von einem ungebildeten Bedienten vorlesen ließ. – Ein ehrendes Denkmal stiftete er sich selbst durch die 1763 der wolfenbüttler Bibliothek geschenkte Büchersammlung seines verstorbenen Bruders Albrecht Heinrich, welche ihm aus dessen Hinterlassenschaft zugefallen war; durch die freigebige Unterstützung, welche er der unglücklichen Dichterin Anna Louise Karsch alljährlich zuwandte, die König Friedrich der Grßse nur mit eitlen Hoffnungen vertröstete; und durch das seinem Freunde Kästner zu Göttingen errichtete Monument. –

Außer seinem Bruder Albrecht Heinrich (geb. 26. Febr. 1742), welcher im Treffen bei Röhne 1761 tödtlich verwundet wurde, zeichneten sich auch noch Wilhelm Adolph (geb. 18. Mai 1745, gest. 28. Aug. 1770 in der Wallachei) sowohl in praktischer Kriegskunde aus, die er als russischer Volontair
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*) »Glücklicherweise; Lustspiel in einem Aufzuge, von dem Herrn Rochon de Chabanne. Aus dem Franz. Brschw., 1763.« –
„Comedie à la grecque. à Strasb, 1764.“ –
»Regulus, ein Trauersp., a. d. Franz. Berlin.« –
„Considerazioni sopra le cose della grandezza de Romani e della loro decadenza per il Sign. de Montesquieu, trad. dal Franscese. à Berlino, 1764.“ –
„Riflessioni critiche sopra il Carattere e le gesta d'Alessandro Magno, Re di Macedonia. in Milano, 1764;“ (2. Afl. 1803; französisch, 1764; engl. London, 1764).
„Discours sur les grands hommes. à Berlin, 1768.“ –
»J. E. Brande's »Ariadne auf Naxos,« in's Franz. übers. Berlin 1776.« –
»Instruction für sein Regiment, 1791.« –
»Seine eigene militairische Gesch. 1797.« – etc. –



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im Treffen am Pruth bewies, wie auch in theoretischer; – und der menschenfreundliche Leopold.

Marimilian Julius Leopold, Königl. preuß. Generalmajor, Inhaber des Regimentes »von Dieringshofen« zu Frankfurt an der Oder, Ritter des St. Johanniter-Ordens, war geboren am 11. Oct. 1752 zu Wolfenbüttel. Wenn auch nicht auf dem Schlachtfelde, so starb dieser hochherzige Fürst nichts desto weniger in seiner hingebenden Aufopferung für Nothleidende den Tod der Ehren; indem er bei der 1785 eingetretenen Ueberschwemmung zu Frankfurt an d. O. am 27. Apl. von den Fluthen verschlungen wurde, als er im Begriff stand, einigen in ihren niederen Hütten höchster Gefahr ausgesetzten Mitmenschen als Retter beizuspringen. *) Der Graf von Artois setzte tausend Thaler aus als Preis für das beste Lobgedicht dieser Edelthat; und Marmontel, der ihn mit seiner Ode errang, mit dem Lohne des allgemeinen Beifalls sich begnügend, dachte groß genug, jeden andern Lohn zu verschmähen. – Einen redenden Beleg dafür, daß Leopold’s ganzes Leben nur aufopfernder Menschenliebe gewidmet war, gab er dadurch, daß er, der Ausländer, zu Frankfurt für die an geistiger Pflege fast gänzlich verlassenen Kinder des dortigen Militairs eine Schule gründete, und zwar ganz aus seinen
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*) So viel auch (in Raumer' s histor. Taschenb., 1844), ein Herr G. W. Keßler aus einem Geklätsch, welches bisher nie wagen durfte, vor das Licht der Welt zu treten, noch jetzt, nach bereits einem, seit dem Tode des edeln Prinzen verflossenen Zeitraume von fast 60 Jahren, darzuthun sich abmühet, daß Prinz Leopold nicht aus Edelmuth, sondern nur aus Tollkühnheit sein Leben eingebüßt habe, indem er seine Geschicklichkeit habe zeigen wollen, durch die Brückenpfeiler hindurch über den reisenden Strom an's jenseitige Ufer gelangen zu können: so wird sicherlich dennoch jene Edelthat ihren Werth behaupten; während Herrn G. W. Kesler's Auctoritäten, denen gegenüber, welche als Augenzeugen, und zwar als unverdächtige und allgemein geachtete, die Wahrheit auch vor der Welt zu bezeugen keinen Anstand nahmen, in ihr ohnmächtiges Nichts zurücksinken werden. –



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eigenen Mitteln, die im Verhältnis seines Standes ohnehin schon gering waren, und ihn bei seiner unbeschreiblich großen Mildthätigkeit oft selber der Verlegenheit aussetzten. Sein hohes Interesse für den geistigen Theil dieser Stiftung zeigt klar, daß er dieselbe für mehr, als einen nur so ausgeworfenen Almosen ansah. Ja, er hielt es nicht unter seiner Würde, sich persönlich zu dem Philanthropen von Rochow in Rhekan bei Brandenburg zu verfügen, um sich über die Erziehungsmethode dieses gefeierten Pädagogen selbst belehren zu lassen. Diese Methode führte er denn auch in seiner neuen Schule ein, und versäumte nie einer öffentlichen Prüfung beizuwohnen. Nur das Wohlthun, nicht aber das Großthun liebend, ließ er die mit mächtigen, goldenen Buchstaben am Schulgebäude angebrachte Inschrift: »Leopold'sche Garnisonschule« entfernen, und durch die anspruchlosere: »Garnisonschule« ersetzen. – Würdig war dieser Fürst des Denkmals, welches man ihm zu Frankfurt errichtete, und zwar mit der schönen Inschrift:

»Menschenliebe, Standhaftigkeit, Bescheidenheit,
Drei himmlische Geschwister,
Tragen Deinen Aschenkrug
Unvergessen lang.
Und klagen mit der Göttin der Stadt,
Deren Bürger Du zu retten eiltest;
Und klagen mit dem Odergotte,
In dessen Wellen Du untergingst,
Daß die Erde
Ihr Kleinod verloren hat.«

Würdig war Leopold auch des Denkmals, welches ihm sein Onkel, Held Ferdinand, im Garten der Freimaurerloge zu Braunschweig setzte; aber ohne Frage das angemessenste Denkmal stiftete ihm sein Bruder, der oben erwähnte Prinz Friedrich, der alleinige Erbe seiner Hinterlassenschaft, auf welche dieser zu Gunsten der frankfurter Garnisonschule



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verzichtete. – Leopold, unter dessen Schutze und in dessen Gesellschaft im J. 1775 Lessing nach dem Lande seiner Sehnsucht, nach Italien wanderte, ein Zögling Gärtner’s, Ebert's und Jerusalem's, war auch ein fast leidenschaftlicher Verehrer der Wissenschaften und Künste. Auf seinen Reisen waren es nicht eigentlich die hochgestellten, sondern die hochverdienten Leute, welche er einer persönlichen Bekanntschaft für werth hielt; und die Achtung und Freundschaft eines Grafen Firmian, Cardinals Albani und Lords Hamilton rechnete er zu den höchsten Genüssen und Gewinnen seiner italienischen Wanderung. Zu Carl Renatus Hausen’s »Staatsmaterialien« und zu dem »historischen Portefeuille« lieferte er Beiträge, und verfaßte auch ein tüchtiges, leider nicht edirtes Werk: »Militairische Vorschläge.« –

Auch darf hier die Schwester dieser edeln Brüder, Sophie Caroline Marie, (geb. 7. Oct. 1737, st. 1818) nicht mit Stillschweigen übergangen werden, von welcher der Ritter Carl Heinrich von Lang, der eben nicht allzufreigebig mit seinem Lobe ist, in seinen Memoiren *) sagt: »Die Frau Markgräfin von Baireuth, die als Wittwe des 1763 verstorbenen vorletzten Markgrafen Friedrich in Erlangen residirte, war eine höchst geistreiche Dame und Kennerin der Künste, deren Anschauung sie in Italien selber genossen, und sich wohl eben daher im Umgang der Männer besser, als der Frauen gefiel, Flugschriften und Druckschriften, wenn sie auch in mancherlei Rücksichten frei und verwegen waren, herbeischaffte und ihren Vertrauten mittheilte, kecke urd witzige Urtheile gern anhörte und selber wagte, und dabei die Lage der Dinge und die wahrscheinliche Zukunft mit einem ihrem Geschlechte seltenen Scharfsinn und Unbefangenheit beurtheilte.« –
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*) s. »Memoiren des Carl Heinrich Ritters von Lang, II. Brschw, 1842, p. 138.



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Aber vor Allen darf hier wohl noch Carls edle Tochter, Anna Amalia erwähnt werden. Am 24. Oct. 1739 zu Braunschweig geboren, eine Schülerin Jerusalem's, ergriff sie als neunzehnjährige Wittwe des Herzogs Ernst August Constantin von Weimar mit sicherer Hand die Zügel vormundschaftlicher Regierung. Was sie zum Segen des Landes und zum Flore der Wissenschaften gewirkt, namentlich für die Blüthe der Universität Jena; wie sie als Schützerin der Künste, wovon sie selbst die Malerei unter Oeser's Anleitung, die Musik, und oft in Privatzirkeln die Schauspielkunst praktisch übte; welch ein Vorbild der Mutterliebe und Muttersorgfalt sie war; wie sie durch den Reichthum ihres Geistes und durch die Hoheit ihres Gemüths der Mittel- und Glanzpunkt des weimarschen Hofes wurde, und namentlich durch die Berufung Wieland's, Bertuch's, Jagemanns, (mit dem sie das Italienische trieb,) Knebel's und anderer erleuchteter Zeitgenossen zu Lehrern und Führern ihrer Kinder den ersten Grund zu dem später sich bis zu welthistorischer Bedeutsamkeit entwickelnden Rufe Weimars legte: das Alles ist so bekannt, daß es hier keiner weiteren Ausführung bedarf. Aus vollstem Grunde der Wahrheit sagt daher Theodor Mundt von dieser hochgebildeten Frau: »In einer frühen Zeit des deutschen gesellschaftlichen Lebens war Herzogin Amalie eine feine und anmuthige Gestalt, die, mit einer ungewöhnlichen Gründlichkeit der Bildung, Geschmack, Sinn für das Schöne und Grazie in den Lebensformen vereinigte, wie es in Deutschland, besonders unter den Frauen, noch etwas Seltenes war. *) – Daß diese Dame ihre Sprachstudien nicht blos auf lebende Sprachen beschränkte, sondern auch des Lateinischen
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*) Knebel's lit. Nachlaß und Briefwechsel herausg. v. Varnhagen von Ense und Theodor Mundt, 1840, I. p. XXII.


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in so weit mächtig war, daß sie den Properz übersetzen konnte, ist bekannt; aber nicht ohne Bewunderung kann man auf den Eifer blicken, mit welchem sie noch in ihren höheren Jahren sich der Erlernung der griechischen Sprache widmete. »Seit Villoison's Hiersein,« schreibt sie an ihren Freund Knebel, »habe ich das Griechische angefangen, ich kann sieben Anakreontische Oden lesen und verstehen, und bin aber auch une Princesse pleine de génie. Knebel, was sagen sie dazu? wären sie hier, wie wollten wir die Sprache der Götter treiben! Es macht mir wirklich unendlich viel Freude und bringt mir viele Stunden angenehm hin.« Kurz darauf heißt es weiter: »Das Griechische nimmt mit großen Schritten seinen glücklichen Fortgang. Wie habe ich doch so verlassen sein können und nicht eher diese Sprache der Seele gelernt! Mir ist es, als wär' ich in einer ganz andern Welt; meine Seele flattert so leicht mit dem liebenswürdigen Täubchen, welches aus Anakreons Hand sein Brot pickt.« Zwei Jahre darauf durfte die edle Frau sich schon das Zeugnis geben: »Mein Fleiß im Griechischen geht mit großen Schritten. Diesen Winter studire ich den Aristophanes, welchen ich zuweilen mit Wieland lese; ich finde an ihm sehr viel Vergnügen, sein beißender Witz ist unerschöpflich, und mit allem dem hat er so viel Grazie, daß man ihm Alles gern verzeiht, und selbst seine schmutzigen Sachen. Ich habe mit den »Fröschen den Anfang gemacht, die so gut auf unsere Zeit passen, daß wenn Aristophanes jetzt noch lebte, er nicht besser über unsere Μονσικῂ χελιδονῶν und λωβητοί τεχνῆς sprechen könnte! *) –

Herzog Carl's ältester Sohn, und sein Nachfolger, Carl Wilhelm Ferdinand, (geb. 9. Oct. 1735, st. 10. Nov. 1806
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*) Knebel’ s lit. Nachlaß, I. p. 190 bis 194. –



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zu Ottensen in Folge einer in der Schlacht bei Jena erhaltenen Wunde) dehnte seine großangelegten Plane sogar bis auf den Thron von Großbritannien aus, dessen Anwartschaft er sich durch die Vermählung mit der Prinzessin Auguste gesichert zu haben glaubte, als sich später durch neue Nachkommenschaft die Aussichten trübten, und er sich mit einer doppelten Aussteuer seiner Gemahlin abfinden lassen mußte. – Carl Wilhelm Ferdinand's Lehrer in der Kriegskunst waren seine Oheime: König Friedrich der Große und Herzog Ferdinand von Braunschweig, unter deren Auspicien er seine Feldherrnlaufbahn durch die Siege bei Hastenbeck 1757, bei Crefeld 1758 und bei Herford 1759 so glorreich begann, daß selbst der große Friedrich sein Lob in einer Ode verewigte. – In den Künsten des Friedens hatte dieser hochbegabte Fürst den würdigen Abt Jerusalem zum Lehrer. Durch diesen Mann wurde die Vorliebe für wissenschaftliche Studien schon früh in dem Jünglinge genährt, und das Bedürfnis geweckt, im Umgange hochgebildeter Männer stets den edelsten Lebensgenuß zu suchen. Daher war er in Italien der tägliche Gesellschafter eines Winckelmann, Hamilton u. A.; und in seiner Heimath der Beschützer eines Lessing. Jeder durchreisende Gelehrte von Auszeichnung konnte auf die Ehre rechnen, dem Herzoge vorgestellt zu werden, und mit einem Mirabeau, Benjamin Constant, Garve, de Lüc, Justus Möser, Helvetius, d'Alembert, Voltaire, Mendelssohn, Plattner, Pütter, (den er sogar zu seinem Staatsrathe ernennen wollte,) Johannes Müller, Marmontel, Gall und vielen Anderen stand er theils in persönlicher, oder wenigstens in brieflicher Verbindung.– Gebildet durch seine in fast alle Länder Europas unternommenen Reisen, die fast Triumphzügen glichen, weil man in ihm einen Helden des siebenjährigen Krieges feierte, erwarb



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er sich als Regent den Ruhm eines weisen und innig geliebten Vaters des Vaterlandes, ohne dabei die Pflege der Künste aus dem Auge zu lassen. Was er durch Unterstützung hülfsbedürftiger Kunstjünger (z. B. Weitsch), was er aber auch namentlich durch seine Bauliebe gewirkt, wie er durch sie zur Verschönerung Braunschweigs beigetragen, indem er daselbst das prachtvolle Corps-de-logis des Schlosses, das landschaftliche Haus und die schöne Hauptwache am Augustthore errichtete, auch die Anlage der reizenden Wallpromenade begann; wie er durch freigebige Unterstützung geschmackvolle Privatbauten förderte, und durch Erweckung der Baulust die Industrie zu heben suchte, ist dankbarlichst zu rühmen. Obgleich er sich in seinen früheren Jahren nicht ohne Glück auch in der Poesie versucht hatte, so zog ihn doch von allen Künsten die Musik am meisten an, »welcher er,« wie er selbst sagte, »die schönsten Stunden seines Lebens verdankte.« Auf der Violine brachte er es selbst bis zur Virtuosität. Nachdem er den ersten Unterricht von dem braunschweiger Stadtmusicus Weinholz genossen hatte, setzte er dieses Studium bei dem in braunschweigsche Dienste berufenen Concertmeister Pesch, einem Manne von ausgezeichneten Leistungen, fort, der ihn auch auf der 1766 unternommenen Reise nach Italien begleiten mußte. Hier schwelgten sie nun in den Genüssen, die ihnen durch das Spiel der ausgezeichnetsten derzeitigen Violinisten bereitet wurden, eines Nardini, Nazari, Pugnani, Barbella, vorzüglich eines Tartini. Wie nun 1764 der lernbegierige Fürst während seines londoner Aufenthaltes den Unterricht Giardini's benutzt hatte, so kamen auch später namhafte Virtuosen auf seine Einladung nach Braunschweig, z. B. Nardini, Lolli, mit denen fleißig musicirt wurde. Diese Uebungen wurden auch noch später bei dem sehr ausgezeichneten braunschweiger Violinspieler Maucour fortgesetzt,



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und zwar bis zum eigentlichen Regierungsantritte, wo nun diese Lieblingsneigung den ernsteren Berufspflichten gänzlich weichen mußte. Zu erwähnen ist wenigstens, daß auch Louis Spohr, ein Braunschweiger, seine erste Unterstützung zu seinen Studienreisen von Carl Wilhelm Ferdinand empfing. – Auch dem Theater schenkte der Herzog Theilnahme, und man rühmt von ihm, daß er sich selbst als Darsteller ausgezeichnet habe, nicht allein bei den Hofspielen, welche Prinz Heinrich von Preußen zu Rheinsberg zu geben pflegte, sondern auch bei den auf dem braunschweiger Schlosse veranstalteten, in denen in der Regel fast alle Prinzen und Prinzessinnen des Hauses mitwirkten. Daher zollte auch dieser Fürst dem Gastspiele großer mimischer Künstler, z. B. eines Iffland, seinen unverhohlensten Beifall. Von Dresden berief er die italienische Oper unter Simoni und Patrassi nach Braunschweig, erhob das Theater zur Hofbühne, und gewährte dem Publikum an jedem Montage unentgeltlich den Genuß der, sich des höchsten Flores erfreuenden italienischen Oper. –

Hauptsächlich richtete dieser weise Regent sein Augenmerk auf Verbesserung des Unterrichts- und Schulwesens, und munterte auch Privatleute, welche sich diesem wohlthätigen Zwecke widmeten, durch bedeutende Unterstützung auf. So überwies er z. B. das Lustschlos Vechelde bei Braunschweig dem bekannten Pädagogen Hundeiker, lediglich zur Einrichtung eines Privat-Erziehungsinstituts; und förderte auch die Jacobsohn'sche Erziehungsanstalt zu Seesen durch die liberalsten Privilegien. – Dem Collegium Carolinum, dessen physikalische Instrumenten-Sammlung er freigebigst vermehrte, widmete er überhaupt eine ganz vorzügliche Sorgfalt; und wahrhaft fruchtbringend wurde diese Anstalt in der That erst dadurch, daß er diese Lieblingsschöpfung seines Vaters ganz



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im Geiste ihres Stifters fortpflegte, und ihr durch eine angemessene Reform eine höhere Bedeutung zu verschaffen sich angelegen sein ließ. Scheiterten auch manche kühne Pläne dieses strebenden Geistes an der Engherzigkeit kleinlicher Alltagsmenschen, so werden sie dennoch ihrem Schöpfer die Bewunderung der Nachwelt sichern. Zu diesen Plänen gehörte die Reform des gesammten Schulwesens im Herzogthum Braunschweig, zu deren Realisirung er einen Campe, Stuve, Trapp u. s. w. in seine Dienste berief. Auch ist die Errichtung einer Schulbuchhandlung hierher zu zählen, für welche sich der Herzog unter großen Opfern interessirte. so überwies er z. B. dem nach Braunschweig berufenen Buchhändler Vieweg, dem Schwiegersohne Campe's, zur vorläufigen Einrichtung eines Buchladens die Zimmer des Mosthofes, schenkte ihm das fürstliche Schauspielhaus vor der Burg zur Benutzung des Platzes und Baumaterials, und streckte ihm außerdem die nöthigen Mittel dar zu einer großartigen, für ganz Europa berechneten Buchhändler-Börse. Ja, er ging in seiner Großmuth so weit, daß er die Rechnungen cassirte, um den Vorwürfen der Kleinigkeitskrämer für immer zu entgehen. Bei der vortheilhaften Lage Braunschweigs, bei seinem Reichthume, seinem ausgebreiteten Transitohandel, bei den für Braunschweig vortheilhaften, politischen Conjuncturen, bei der Gewährung der liberalsten Freiheiten und Bevorzugungen, namentlich bei der damals in Braunschweig und Dänemark vor allen anderen europäischen Staaten herrschenden Preßfreiheit, konnte die Errichtung einer neuen Buchhändlerbörse dem sächsischen Monopole höchst gefährlich, und für Braunschweig selbst, als Centralpunkt des Buchhandels, eine Quelle des reichsten Gewinnes werden. – Dazu kam, daß man auch 1795 die Verlegung der Landesuniversität Helmstedt nach der Residenz beabsichtigte, und die darauf bezüglichen Berathungen



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bereits einer dazu gebildeten Commission übertragen hatte, welche unter dem Vorsitze des Geheimenraths Mahner bestand, aus: den Aebten Henke und Sextro, Hofrath Remer, den beiden Bürgermeistern von Helmstedt, Hofrath Fein und Seidel, dem Bürgermeister Hurlebusch, Polizeidirector Alburg und den beiden Hofräthen von Zimmermann und Eschenburg. Die Vereinigung aller wissenschaftlichen und artistischen Institute in Braunschweig bot um so weniger Schwierigkeit dar, als hier bereits viele derartige Schätze in fürstlichen Sammlungen und öffentlichen Instituten aufgestapelt waren, und auch die Verschmelzung der wolfenbüttler Bibliothek mit der helmstedter und den im Lande zerstreueten, klösterlichen und städtischen Sammlungen zu einer braunschweiger Gesammt-Bibliothek in Aussicht stand. Aber das Eine wie das Andere unterblieb, weil zunächst mehre der helmstedter Professoren zu unmäßige Entschädigungen forderten. So hatte z. B. Beireis die Dreistigkeit, nur für den Transport seiner Effecten an 80,000 Thaler als Vergütung zu verlangen. Auf dieses Gesuch resolvirte jedoch der Herzog weiter nichts, als das er in margine eine Windmühle anbrachte! – Auch die großartige Idee, in Braunschweig eine Kunstakademie zu errichten, deren Oberaufsicht dem würdigen Oberbaurath Peter Joseph Krahe übertragen werden sollte, mit dem auch bereits über den Bau derselben, sowie über die Aufführung einer Bildergallerie das Vorläufige abgeredet worden war sollte leider durch die Kriegsunruhen, welche die letzten Lebensjahre dieses edeln Fürsten störten, verzögert, und endlich durch seinen unerwartet schnellen Tod gänzlich vereitelt werden! –

Dieser Ueberblick wird hoffentlich genügen, uns die Ueberzeugung zu verschaffen, daß nur unter dem Schutze eines geistig so hochgebildeten Fürstenhauses die Entwickelung jener Literaturepoche möglich war, deren Schilderung wir unternahmen,



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und wir fühlen uns schließlich nur noch veranlaßt, die Ungerechtigkeit zurückzuweisen, mit welcher man den Einfluß dieses Fürstenhauses auf die deutsche Literatur hat schmälern wollen. Bouterweck sagt geradezu: »Nicht ein einziger deutscher Fürst unter den vielen, die keinen Aufwand scheueten, einen glänzenden Hofstaat zu unterhalten, hat sich durch einen merkwürdigen Beweis von Liberalität, oder auf andere Art, um die erste Regeneration der deutschen Poesie verdient gemacht.« –– »Die Verachtung, mit der Friedrich II., König von Preußen auf die deutsche Literatur herabsah, mußte den kleinen Fürsten, die in anderen Dingen seine Nachahmer wurden, auch ein hinreichender Grund scheinen, sich um die deutsche Poesie wenig zu bekümmern. *) Wie schon gesagt, hat uns das braunschweigsche Regentenhaus vom Gegentheil überzeugt. Die belebende Sonne fürstlicher Huld war unserer damals armen, verkannten und verachteten Literatur allerdings unentbehrlich, weshalb selbst ein Klopstock, der doch für Volksfreiheit glühete, stets bemühet war, der Literatur fürstliche Gönner zuzuwenden. Läßt sich aber auch auf der anderen Seite nicht läugnen, daß Fürstengunst meistentheils nur lähmend auf den freien Entwickelungsgang der Kunst und Wissenschaft einzuwirken pflegt, und daß auch, nach den betrübenden Erfahrungen aus neuerer Zeit zu wünschen gewesen wäre, daß sich die fürstliche Huld womöglich soweit erstreckt hätte, unsere Literatur gänzlich zu ignoriren, so würde es doch eines Deutschen unwürdig sein, das Gute, wo es wirklich einmal geschah, verkennen und mißgünstig verläugnen zu wollen. Deshalb müssen wir auch dem braunschweigschen Regentenhause, mit den besten Wünschen für die Zukunft, freudig seinen mittelbaren Antheil an dem Verdienste zugestehen, welches sich Braunschweigs Literaten um das gesammte deutsche Vaterland erwarben.
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*) Fr. Bouterwek's Gesch. der Künste und Wissenschaften, 1819, XI. p. 12.





Quelle:

Das Buch wurde vom Münchener Digitalisierungszentrum eingescannt und liegt in der Bayerischen StaatsBibliothek digital wie folgt vor:

Braunschweig's schöne Literatur in den Jahren 1745 bis 1800, die Epoche des Morgenrothes der deutschen schönen Literatur
Autor / Hrsg.: Schiller, Karl Georg Wilhelm ; Schiller, Karl Georg Wilhelm
Verlagsort: Wolfenbüttel Erscheinungsjahr: 1845 Verlag: Holle
Signatur: P.o.germ. 1273 w
Reihe: Braunschweig's schöne Literatur in den Jahren 1745 bis 1800, die Epoche des Morgenrothes der deutschen schönen Literatur
Permalink: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10119137-0


Hinweis zum Autor:
Carl Georg Wilhelm Schiller war ein deutscher Kunst- und Kulturhistoriker und Privatgelehrter. Er war Gründer und erster ehrenamtlicher Leiter des Städtischen Museums Braunschweig.