Der Kruzifix im Kaiserdom zu Königslutter

 

Hinter dem Altar im hohen Chor des Kaiserdomes in Königslutter ragt ein Kruzifix als Standkreuz aus Eichenholz und Sandstein bis zu einer Höhe von fünf Metern empor.


Da er erst im Zuge der Gesamtausstattung entstand, die nach dem Entwurf Essenweins von 1887 bis 1894 durchgeführt wurde, wird er wenig beachtet. Und doch beweist auch er, wie sehr bei dieser Ausgestaltung der Geist der Gründungszeit und des Gründers dieses einzigen Kaiserdomes des 12. Jh. berücksichtigt wurde.

 

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In Kaiser Lothars Zeit sahen besonders die Benediktiner das Kreuz noch ganz im Sinne des frühen Mittelalters als Zeichen des Triumphes und Christus am Kreuz als Triumphator, der den Tod überwunden und die Menschheit erlöst hat. (Offb. 1.18).
Durch Beschluß des zisterziensischen Generalkapitels von 1134 und die Beredsamkeit Bernhards von Clairvaux wurden bald neue Ansichten über die künstlerische Kruzifixdarstellung in die Welt getragen. Nicht mehr Siegeszeichen war nun das Kreuz, sondern Marterholz.
Der Gekreuzigte daran wirkte immer erbämılicher und glich, wie auch bei heute modernen Darstellungen, eher einem schmachvoll gerichteten Verbrecher als dem Heiland. Die Hoffnungen auf den starken christlichen Einheitsstaat hatte sich nicht erfüllt. Die Triumph-, Sühne-, Mahn- und Grabeskirche Kaiser Lothars ist aber monumentales Zeugnis eines kräftigen Glaubens an dieses Reich als Vorstufe des Gottesreiches auf Erden. So ist es also recht, daß dieses Kreuz nicht das Schmerzhaftblutige des leidenden Menschen, sondern den durch den Gottessohn überwundenen Tod darstellt. Ohne Nägel und Wundmale, mit einer Königs- statt Dornenkrone, steht Christus vor dem Kreuz, aufrecht und festen Blicks. Aus den geöffneten Augen schaut der unsterbliche Logos, sagt die Auslegung. Auch der verhöhnende Kreuzestitel wurde weggelassen. Die Gloriole durchdringt als zentraler Reif die vier Kreuzarme und bildet somit einen großen Kreuznimbus. Er ist durch Kreuzrosetten und Edelsteindarstellungen, wie sie auch der Thronsitz des Herrn in der Apsiskalotte darüber zeigt, kostbar gestaltet.
Unter den Füßen windet sich der Drache, die alte Schlange (Offb.20.2), als Symbolfigur des besiegten Satans. ln Hebr. 2.14 heißt es: "... auf daß er durch den Tod die Macht nahm dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist der Teufel."
Das mit Fase, Kehle und Rillen profilierte Eichenkreuz läuft an allen vier Enden kleeblattförmig aus.

 

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ln den Dreibogenfeldern sind in feinster Schnitzarbeit drei Halbfiguren und der Kelch dargestellt. Oben sieht man den nach Offb. 22.16 gesandten Engel mit dem Zeugnis des Herrn in den Händen, links die Symbolfigur der Sonne und rechts die des Mondes, die mit Tüchern die Tränen trocknen und die seit dem 6. Jh. auf keiner Kreuzigungsdarstellung bis zur Lotharzeit fehlen. Auch im Evangeliar Heinrichs des Löwen flankieren sie das Kreuz und sind gleichfalls auf rot eingefaßtem blauem Grund, also in die Farben Christi eingebettet. Das Blau entspricht seiner himmlischen, das Rot seiner irdischen Natur. Der goldene Kelch im unteren Feld ist von Pflanzenornamenten umgeben, das wie die siebenriefige Palmette darunter, das Holz des Lebens versinnbildlicht. Die Siebenzahl vereint die Symbolzahlen für Gott und für die Welt und war beim Bau dieser Kirche bedeutungsvoll. Ein Kugelfries mit acht Kugeln auf jeder Seite zeigt am Anfang des Kreuzes an, daß der Gekreuzigte sein irdisches Dasein beendet hat. Acht ist in der christlichen Zahlensymbolik des Mittelalters die Zahl der Vollendung.


Des Kreuzes Schaft steht auf einem Kapitell, das dem der achten Kreuzgangsäule nachgebildet wurde. Über den Schaftring der Säule legen sich 24 vergoldete Blättchen. Die Säule, durch Ringe dreigegliedert, basiert auf einem ebenfalls dreigegliederten Sockel und durchdringt die Platte eines Tisches mit 4 Säulenfüßchen. Der Tisch symbolsiert den Schaubrottisch (1 Kön 7.48) und ähnelt dem des herodianischen Tempels, der von Titus nach Rom gebracht und auf dem Titusbogen abgebildet wurde. Die sich wieder aus drei und vier ergebene Siebenzahl ist hier die heilige Zahl des Alten Bundes, auf dem der durch das Blut Christi besiegelte Neue Bund beruht. Auch die Fünf, die sich aus den vier Tischbeinen und der Säule ergibt, symbolsiert Parallelen der beiden Testamente. Der Alte Bund ist in den fünf Büchern Mose belegt und hat fünf Bundesbeschlüsse:  Adam-, Noah-, Abraham-, Jakob- und Mosebund. Diesen entsprechen im Neuen Bund die fünf Geheimnisse Christi, die Menschwerdung, die Leidenszeit, Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunft. Der Gedanke an die fünf Brote der Brotvermehrung macht das wie ein Altaraufsatz wirkende Tischchen zu einem Zeichen des Abendmahls. Die Säule, im Alten Testament ein Symbol der Beständigkeit Gottes, bezeichnet in Werken frühchristlicher Kunst oft die Kirche selbst.

Otto Kruggel

veröffentlicht in:
Der Dombote  4. Jahrgang  Nr. 19  Mai/Juni 1990  S. 9-10





Adolf Lüders "Die Neuvermalung des Chorvierecks, der Hauptapsis und der Chornebenapsiden"

"3. Das Chorviereck.
ln reicher Farbenpraclıt zeigt das Gewölbe des Chor-
quadrats das himmlische Jerusalem. Aus den 12 Toren der
von einer Mauer umgebenen Stadt treten 12 Propheten des
alten Bundes. Die Spruchbänder enthalten Weissagungen,
durch welche auf die neue Kirche hingewiesen wird. Die
Inschriften sind folgende:
Jesaias: Ecce .ego .creo . coelos . novos .et  .terram .novam
(Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine
neue Erde schaffen).
Jeremias: Ego.convertam .conversionem .tabernaculorum .Jacobi
(Siehe, ich will das Gefängnis der Hütten Jacobs
wenden).
Ezechiel: Quod . perierat . requiram . et .quod . abiectum .erat.
reducam (lch will das Verlorene wiedersuchen und
das Verirrte wiederbringen).
Daniel: Et .in . tempore .illo .salvabitur .populus .tuus (Zu
derselbigen Zeit wird dein Volk errettet werden).
Osea: Quasi . diluculum .praeparatus .est .egressus .eius (Denn
er wird herfürbrechen, wie eine schöne Morgenröte).
Joel: Salvus .erit .quia .in . monte .Sion .et .in .Jerusalem.
erit .salvatio (Er soll errettet werden, weil auf dem
Berge Zion und in Jerusalem Erlösung sein wird).
Amos: ln .die .illa . suscitabo .tabernaculum . Davidis (Zu der-
selben Zeit will ich die verfallenen Hütten Davids
wieder aufrichten).
Abdias: Et .in monte .Sion .erit .salvatio (Aber auf dem
Berge Zion sollen noch Etliche errettet werden).
Michea: ln .novissimo . dierum .erit .mons . domus . Domini.
praeparatus . in . vertice . montum .et .sublimis .super.
colles (ln den letzten Tagen aber wird der Berg,
darauf des Herrn Haus stehet, gewiß höher sein,
denn alle Berge und über die Hügel erhaben sein).
Sofonias: Lauda .filia .Sion .abstulit .Dominıus .iudicium .tuum.
avertit .inimicos . tuos (Jauche, du Tochter Zion, denn
der Herr hat deine Strafe hinweggenommen und
deine Feinde abgewendet).
Zacharias: Reversus . sum .ad . Sion . et . habitabo . in . medio .
Jerusalem (lch kehre mich wieder zu Zion und will
zu Jerusalem wohnen).
Malachias: Et .orietur . vobis . timentibus . nomen . meum . sol .
iustitiae . et . sanitas . in . pennis . eius (Denn siehe, es
kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen, da
sollen alle Verächter und Gottlosen Stroh sein),
Die Erfüllung dieser prophetischen Weissagungen ist
an dem Mauerkranze angebracht. Die Umschrift lautet:
Et . ego .Johannes . vidi . sanctam . civitatem .Jerusalem . novam.
descendentem . de . coelo . Et .audivi .vocem . magnam . de .
throno .dicentem: Ecce .tabernaculum .Dei . cum . hominibus .
Et . dixit . qui . sedebat . in . throno: Ecce . nova . facio . omnia.
ego . sum . A . et . O . initium . et . finis .Qui . vicerit, possidebit .
.haec . et . ero . illi . Deus . et . ille . erit . mihi . filius (Und ich,
Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott.
aus dem Himmel herabfahren. Und ich hörte eine große
Stimme vom Stuhle, die sprach: Siehe da, eine Hütte Gottes
bei den Menschen. Und der auf dem Stuhle saß, sprach:
Siehe, ich mache alles neu. lch bin das A und das O, der
Anfang und das Ende. Wer überwindet, der wird es alles
ererben und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn
sein. - Nach Offenb. Johannis, 21, V. 1-7).
Unterhalb des Mauerkranzes sind auf den vier Grat-
zwickeln die vier Paradiesflüsse durch vier menschliche
Figuren dargestellt. Sie halten in den Händen Gefäße, aus
denen das Wasser des Lebens, der Quell der Gnade auf die
betende Gemeinde herabgegossen wird.
An den beiden Wandflächen fesseln den Blick 14 in
Überlebensgröße dargestellte hehre Frauengestalten. Jedes
Haupt ist mit einer Krone geschmückt; in der Rechten halten
dieselben eine flatternde Siegesfahne und in der Linken den
goldglänzenden Schild. Diese anmutigen Gestalten sollen 14
Haupttugenden der christlichen Kirche versinnbildlichen. lm
weißen Fahnenbande befindet sich das Symbol jeder Tugend
und rechts zur Seite der Name derselben. Zu Füßen aber
liegt das ebenfalls als Person ausgedrückte gegensätzliche
Laster, von der Tugend überwunden und in den Staub ge-
treten.
Beginnt man an der Nordwand im Osten, so zeigt sich folgende Reihenfolge:
Tugend: Sinnbild: Laster:
1. Caritas (Liebe) Pelikan Haß
2. spes (Hoffnung) Anker Verzweiflung
3. fides (Glaube) Kelch Unglaube
4. iustitia (Gerechtigkeit) Waage Ungerechtigkeit
5. constantia (Beständigkeit) Burg Wankelmut
6. temperantia (Mäßigkeit) Krug und Maßstab Unmäßigkeit
7. concordia (Eintracht) Zwei Tauben Zwietracht
Auf der Südwand:
8. abstinentia (Enthalt-
samkeit) Vogel in Flammen Genußsucht
9. sapientia (Weisheit) Schlange Torheit
10. humilitas (Demut) fliegender Vogel Stolz
11. oboedientia(Gehorsam) Kamel Ungehorsam
12. patientia (Geduld) Stier Ungeduld
13. mansuctudo(Sanftmut) Opferlamm Zorn
14. fortitudo (Stärke) Löwe Feigheit
Über diesen Tugenden sieht man zwei Engel mit dem
Gottessiegel; dicht unter jenen auf jeder Seite 3 Engel,
goldene Weihrauchgefäße schwingend.

4. Die Hauptapsis.
Die hier aufgefundene, wie schon vorhin angedeutet,
und fast vollständig erhaltene Vermalung zeichnete dem
Künstler genau den Weg vor, welchen er bei seiner Arbeit
zu gehen hatte. ln der Halbkuppel zeigt sich, umgeben von
einer farbenprächtigen Mandorla, der thronende Christus, der
die rechte Hand segnend erhebt und mit der linken das Buch
des Lebens umfaßt. Außerhalb der das Haupt umgebenden
Aureola sieht man das A und das O, in Bezug auf die Schrift-
worte: Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende,
der Erste und der Letzte.
Zu beiden Seiten erblickt ınan in ruhiger Haltung die
Schutzpatrone der Kirche, die Apostelfürsten St. Petrus und
St. Paulus mit ihren Symbolen, während etwas tiefer die vier
Evangelisten sinnbildlich dargestellt sind: Matthäus als Engel,
Marcus als geflügelter Löwe, Lucas als geflügelter Stier und
Johannes als Adler.
In dem diese Sinnbilder umgebenden Gurtbogen sieht
man sieben Tauben als Sinnbilder der sieben Gaben des
heiligen Geistes. Sie zeigen folgende lnschriften: 1. Spiritus
timoris Dei (Geist der Furcht Gottes); 2. Spiritus fortitudinis
(Geist der Stärke); 3. Spiritus consilii (Geist des Rats);
4. Spiritus sapientiae (Geist der Weisheit); 5. Spiritus pietatis
(Geist der Frömmigkeit); 6. Spiritus scientiae (Geist der Er-
kenntnis); 7. Spiritus intellectus (Geist der Einsicht).
lm zweiten Gurtbogen erblickt man in 12 Medaillons
die symbolisch als Widder dargestellten 12 Apostel des
Herrn. lm mittelsten und größten Rundbilde befindet sich
das Christuslamm mit der Siegesfahne. Das Blut desselben
ergießt sich aus der Brust in den davorstehenden Leidens-
kelch. Die Umschrift lautet: Ecce .agnus . Dei. qui .tollit.
peccata .mundi! (Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der
Welt Sünden trägt!).
Unterhalb des Apsidengewölbes haben drei Engel
Platz gefunden, die mit einem Herrscherstabe als Sinnbild der
Allmacht und Erhabenheit Gottes versehen sind.
Die Fensterwände zeigen vier in Überlebensgröße ge-
malte, in feierlicher Würde dastehende Männergestalten, die
vielleicht vier Patriarchen des alten Bundes oder die Neben-
patrone der Stiftskirche bedeuten können; eine der Figuren
scheint, wie die Kleidung wohl angibt, Johannes der Täufer
zu sein.

5. Die Chornebenapsiden.
Tritt man zur Seite in die linke Chornebenapside, so
zeigen sich hier im Gewölbe schöngeschwungene Weinblatt-
ranken mit dem Kreuze; rechts und links stellt ein prächtig
schillernder Pfau das Symbol der Ewigkeit dar. Die Umschrift
lautet: Qui vicerit, possidebit haec et ero illi Deus et ille,
erit mihi filius (Wer gesiegt haben wird, wird dieses besitzen,
und ich werde sein Gott sein, und er mein Sohn).
In der rechten Nebenapside sieht man einen wasser-
sprudelnden Brunnen, aus dem zwei Tauben trinken. Die
Umschrift heißt: Ego sitienti dabo de fonte aquae vitae gratis
(Dem Dürstenden werde ich umsonst zu trinken geben aus
dem Lebensquell)."


Auszug aus:
Der Kaiserdom zu Stift Königslutter.
Zugleich ein Führer durch diesen.
Unter geschichtlicher und architektonischer Berücksichtigung
beschrieben von Adolf Lüders.
Mit mehreren Abbildungen im Texte
im Anhange:
Die farbige Ausstattung des Domes durch Wand- und
Glasmalerei in ihren Einzelteilen.
Einige Klostersagen und ein Verzeichnis der Aebte des Stiftes
und der Pastoren an der Stiftskirche.

Königslutter. Druck und Verlag von Heinrich Lüders 1904  S. 53-57