Der Elm von W.J.L. Bode

Der Elm
mit seiner Umgebung und seinen
Denkmälern der Vorzeit
von
Dr. W. J. L. Bode
Stadtdirector zu Braunschweig
Mit einer Charte
Der volle Ertrag dieser Schrift ist zum Besten der Kleinkinderbewahranstalt hieselbst bestimmt.
Braunschweig
Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn
1846

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Dem
Herrn Obristen von Lübeck,
Flügel Adjutanten des Herzogs von Braunschweig Hoheit,
Commandeur des herzogl. Braunschweigischen Ordens Heinrich des Löwen,
des Königl. Hannoverschen Guelphen-Ordens,
Ritter des Königl. Preußischen rothen Adler-Ordens
in
Erinnerung an langjährige freundliche Verhältnisse
gewidmet
vom
Verfasser und Verleger

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Vorbemerkung
Die Kette von Bergen und Anhöhen, welche unter der Benennung Elm von Schöningen bis Lucklum sich erstreckt, und vor anderen Berggegenden, nicht nur des Herzogthums Braunschweigs, sondern auch anderer Länder, durch regelmäßige Waldcultur und üppigen Baumwuchs sich auszeichnet, enthält einen Flächenraum von etwa 30000 Waldmorgen.
  Die neuesten Wegeanlagen haben den Zugang zu diesen freundlichen, dicht beschatteten und zugleich die erheiterndste Aussicht gewährenden Bergen erleichtert. Von Königslutter aus läuft ein chaussirter Weg auf Scheppenstedt durch den Wald selbst, den der Freund der Natur reizend und belohnend finden wird. Längst schon dienten die geräumigen Forsten zur Förderung forstwirtschaftlicher Studien, und auch dem Botaniker und Mineralogen bieten sie ein lehrreiches Feld, wie denn die Encriniten, namentlich bei Erkerode, längst bekannt und gesucht sind. Der Wunsch, daß auch der Freund der
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Geschichte hier Befriedigung finden möge, veranlaßte die nachfolgenden Andeutungen, und zu der Veröffentlichung derselben hielt man den Zeitpunkt für geeignet, in welchem ein nahe bevorstehendes Liederfest zahlreiche Freunde des Gesanges neben dem Denkmale zusammenführen wird, welches Herr Obrist von Lübeck an einer der anmuthigsten Stellen des Waldes hat errichten lassen.

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Der Gebildeten wendet gern seinen Blick auf vergangene Zeiten  Ihm ist die Geschichte Inbegriff der Lehren, welche sein Urtheil über Begebenheiten der neuesten Zeit schärfen, und auch die Plätze sind ihm werth, an welche Erinnerungen sich knüpfen. Sie rücken ihm die Bilder vergangen Zeiten und Begebenheiten näher, führen ihn tiefer in das Innere längst verschwundener Zustände, die doch mit denen der Gegenwart, wie die nähere Beleuchtung stets erkennen läßt, durch vielfältige Verkettung im genauen Zusammenhange stehen.
   Zu den Plätzen, welche auf bedeutungsvolle Denkmäler der Vorzeit führen, die so ganz geeignet sind, Erinnerungen zu wecken, gehören die lieblichen Berge des Elmes. Wie noch jetzt der herrliche Wald den gemüthlicheren Menschen anzieht und tief ergreift, so war er auch unseren Vorfahren heilig. Rund umher bietet sich dem Blicke eine weite Aussicht dar: an der Südseite begrenzt durch Gebirge des Harzes; an der Ostseite über Helrnstedt hinaus auf den Bergrücken, welcher einst die Grenze des Nordthuringaues gegen den Darlingau bildete; an der Nordseite tief in das Lüneburgische und an der Westseite über die fruchtbaren Thalgegenden, welche Braunschweig und Wolfenbüttel im weiten.Kreise umfassen.
   Am Elme hägten schon unsere heidnischen Vorfahren ihre heiligen Haine, hier erhob sich früh schon das christliche Kreuz an geweihter Stätte,·hier prangten die Burgen erlauchter Fürsten und die Sitze der Ordens-Ritter, hier war es auch, wo einer in Aber-
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glauben versunkenen Volksmasse der Abweg thatsächlich nachgewiesen und Wichtiges in die Waagschale gelegt wurde, in welcher Licht und Finsternis sich noch das Uebergewicbt abzugewinnen suchten.

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  Gleichzeitige Schriftsteller belehren nur dürftig über heidnische Gebräuche jener Vorzeit, ihre Nachweisungen genügen aber, um die Plätze zu erkennen, welche den heidnischen Volksstämmen der Cherusker, nachmals auch den Sachsen, vorzüglich heilig waren. Der Elm schloss den heiligen Hain in sich: die Stätte, an welcher das Bedürfnis einer demüthigen Anerkennung des Höheren über uns das Volk unter hohen schattigen Bäumen zusammenführte. Zu den der Versöhnung höherer Wesen geweiheten Opfern hielt man die mit dem lieblichsten Schmucke der Erde bekleideten Plätze, die schattigsten Wälder, für geeignet. In dem Heinholze, an der nordöstlichen Seite des Elmes, in der Gegend von Lelm, zeigt sich eine eine solche Stätte noch in verjüngter Pracht. Hier deuten Urnenhügel auf die in heidnischer Weise geweihte Erde. Hier und in der nahen Umgebung befinden sich die Quellen der Gewässer, welche den heidnischen Gebräuchen dienten: des bei den Opfern benutzten Heinbachs, des den Sündigen und Unreinen zur Reinigung angewiesenen Schaambachs, des der Ostra geweilsten Osterbeeks. Der Osterberg mit seinen herrlichen Buchen führt von dieser heidnischen Gottheit noch den Namen: der Osterbrunnen, am Abhange des Berges, deutet auf ihre Verehrung und die für die Feier der Auferstehung des Erlösers beibehaltene Benennung »Osterfeier« wie die dabei noch jetzt gebräuchlichen Osterfeuer sind Ueberbleibsel aus jener dunkeln Vorzeit 1).
   Nach der schon 722 zu Worrns beschlossenen Unterwerfung des noch heidnischen Sachsens unter die Herrschaft der Franken trat im Anfange des neunten Jahrhunderts der Zeitpunkt ein, in welchem auch hier dem Götzendienste ein Ende gemacht wurde. Missionare, die schon 694 im nördlichen Deutschland solche Versuche gemacht hatten, waren erschlagen; mit großer Macht wurde das Unternehmen erneuert. Zwischen dem Elme und der Asse läuft die denkwürdige Straße — der Heerweg — hindurch, welche Karl der Große benutzte, um von Staßfurt (a. d. Bode) her auf Scheningen, der Oker und der Furth bei Orum zu, seine Krieger zum Kampfe

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gegen die widerspänstigen freiheitliebenden Sachsen zu führen 2). Hier wurden Schaaren der Ueberwältigten gewaltsam den christlichen Gebräuchen unterworfen, und aus den bald getroffenen Anordnungen erkennt man, welches die alten Gebräuche waren, deren gänzliche Unterdrückung man für nothwendig hielt. Den nun eingesetzten christlichen Priestern wurde die wiederholte Nachforschung zur Pflicht gemacht, ob Jemand ein Opfer verrichte bei heiligen Bäumen, Quellen oder Steinen, gleich als bei Altären; ob er ein Licht oder anderes Geschenk dahin bringe, gleichsam als wenn eine Gottheit daselbst wohne, die Gutes oder Böses thun könne: —- ob ein Zauberer, Wahrsager oder Segensprecher sich zeige; — ob Weiber zu treffen wären, die vorgäben, sie könnten den Sinn der Menschen durch Zauberei wie zur Liebe, so auch zum Hasse lenken; — ob solche sich fänden, die vorgäben, sie benutzten gewisse Nächte, um in Gesellschaft des Teufels und in Weibergestalt zu reiten 3). Andere Gebote des großen Kaisers bewiesen, daß er bei seinen zur Unterdrückung abergläubischer Gebräuche getroffenen Anordnungen reinere Lehren des Christenthums vor Augen hatte. Er verwies Bischöfe und Priester auf ihren Beruf als Volkslehrer, setzte dem Eigennutze und der Einmischung in weltliche Angelegenheiten Schranken und richtete besonders sein Augenmerk auf die Einrichtung guter Schulen: wir werden aber, selbst durch Denkmäler im Elme, darauf zurückgeführt werden, wie das Volk auch hier nach und nach in Aberglauben und Abgötterei anderer Art zurückgestoßen und das Christenthum selbst zu den niedrigsten eigennützigen Zwecken benutzt wurde.

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Bald nach dem Abgange des karolingischen Kaiserhauses fiel die deutsche Königskrone auf ein sächsisches Fürstenhaus, das schon unter den Karolingern vor anderen durch Macht und Einfluß sich ausgezeichnet und im Elme Hauptwohnsitze sich bereitet hatte. Der Sohn des Herzogs Ludolf, Otto der Erlauchte, vermehrte sein Besitzthum durch bedeutende Erwerbungen in der Umgegend des Elmes (888). Er erhielt hier, durch den mit dem Abte von Corvei abgeschlossenen Tauschvertrag, eine Reihe theils noch vorhandener, theils jetzt untergegangener Ortschaften 3), und trat dagegen Godelheim mit Zubehörungen an das Stift ab. Zuerst nach diesem Handel ist von den drei merkwürdigen Burgen

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die Rede,welche die Höhen der Bergreihe schmückten, Hebesheim, Ala und Werla, deren Trümmern jetzt noch sichtbar sind, und die zu der Geschichte des Zeitraumes unter den sächsischen Kaisern und Königen in mannichfaltiger Beziehung stehen.
   König Heinrich I. nahm (919) die Königskrone an, die sein Vater ausgeschlagen hatte. Dem großen Fürsten, einem der kräftigsten Ahnherren unseres noch blühenden Fürstenstammes, war die schwere Aufgabe vorbehalten, das Reich gegen seine gefährlichsten Feinde, die Ungarn, zu schützen, die unter schwächeren Kaisern die Züge in das Innere des Reiches und auch zu unserm Gauen sich schon gebahnt hatten. Auf der östlichen Spitze des Elmes, von wo aus der Heerweg zwischen diesem Walde und der Asse südöstlich bis zu dem Uebergange über die Bode bei Staßfurt, wie ein großer Theil des alten Nordthuringaues und die nördlich nach dem Drömlinge zu belegenen Gegenden mit unzähligen Ortschaften gewahrt werden können, finden sich noch jetzt geräumige Wälle einer längst zerstörten Feste; hier finden sich über Warberg und Schliestedt die Ueberbleibsel alter Außenwerke; von diesem Berge hinab ergießt sich ein, in der Erzählung der Kämpfe mit den Ungarn denkwürdiger Bach: die Missau — und hier ist es, wo allen Umständen nach die kaiserliche Pfalz Werla gelegen gewesen 4). Sie war Heinrich, wie seinen nächsten Nachfolgern, ein Lieblingssitz. Hier ist die erste Höhe, welche den von SO in das Land faIlenden Ungarn entgegentritt und von hieraus konnte der Weg, welche ihre Schwärme von der Bode her in das Innere Ostsachsens zu nehmen pfIegten, auf das Genaueste verfolgt werden. Unter dieser Feste lagerte das feindliche Heer, das seine Streifereien bis an die Grenzen des Balsamergaues — den Drömling — unternahm, als der König bei Radi nicht fern von der Oker 5) (Rethen) Hülfstruppen an sich zog, den Feind überfiel, und dann in wiederholten Kämpfen über die Saale bei Merseburg hinaustrieb 6). Vorher schon hatte der König eine Reihe von Wehrstätten, um dem Volke bei plötzlichen Ueberfällen einen sicheren Zufluchtsort zu gewähren, einrichten und sie mit einem Theile des Landvolkes besetzen lassen. In einer Reihe von Festungen, deren Trümmern noch mit der Benennung  »Hünenburgen« bezeichnet werden, sind uns, namentlich auch an beiden Seiten des Elmes, Spuren solcher Vertheidigungswerke aufbewahrt, die zum Theil vom Elme her ülberschauet werden konnten 7).

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Abermals machten Begebenheiten an der Südseite des Elmes, unter Kaiser Otto l., die Gegend denkwürdig. Ein Heer der Ungarn schlug plötzlich wiederum (938) sein Lager an der Bode (in der Gegend des jetzigen Oscherslebens) auf, rückte von hier aus mit einer Abtheilung im Heerwege bis gegen Stederburg vor, nahm, geschlagen, einem Theile nach, die Flucht nach dem Drömlinge zu, während ein anderer Theil sich in das Lager zurückzuziehen suchte; jedoch, wie Schriftsteller der Zeit erzählen, zwischen die Besatzungen der Burgen Hebesheim und Werla gerieth und hier niedergehauen wurde 8).
   Der Elm hatte in der Vorzeit einen viel bedeutenderen Umfang; der Wald erstreckte sich nach allen Seiten hin, die Abhänge hinab bis in die Thalgegenden. In dieser nächsten Umgebung war Scheningen, wie oben schon nachgewiesen worden, eine der ältesten und denkwürdigsten Ortschaften. Von hieraus datirten sächsische Kaiser Urkunden 9): dabei kann aber nicht nachgewiesen werden, daß in Scheningen selbst eine Pfalz oder Burg belegen gewesen wäre, die den Kaisern und ihrem Gefolge hätte Obdach geben können. Alle Umstände lassen schließen, daß die Zubehörungen der nahen Pfalz Werla bis Scheningen hinab sich erstreckten, daß zwischen diesem Orte und der darüber belegenen Burg die Silva Ketil 10) sich ausdehnte, in welcher, nach gleichzeitigen Schriftstellern, Kaiser Otto III. geboren wurde. In der Benennung eines Gartens in dieser Gegend 11), des Ketilgartens, scheint die alte Bezeichnung aufbewahrt zu sein, und dazu kommen noch die aus den Reisen 12) der sächsischen Kaiser von Magdeburg nach Werla und weiter zu entlehnenden Gründe, die gleichfalls auf die hier nachgewiesene Lage der Pfalz Werla deuten.
   Ueberall geschieht der denkwürdigen Feste unter Umständen und Anführungen Erwähnung, die auf deren Lage an der bezeichneten Stelle schließen lassen, wenn hier auch Trümmern nicht mehr zu finden wären, wenn man nicht am Fuße des früher viel ausgedehnteren Waldes noch jetzt eine Ortschaft träfe, die nach älteren Urkunden Werla hieß und wahrscheinlich der zur Burg gehörige Meierhof war.
   Eine ferner in Beziehung auf die genannten drei Burgen, wie in geschichtlicher Hinsicht überhaupt, wichtige, in der corveischen Chronik erzählte Begebenheit fällt in das Jahr 983. Nach dem Ableben Kaisers Otto II. beabsichtigte ein Theil deutscher Fürsten, den Herzog Heinrich von Bayern zum Kaiser zu wählen. Man hatte sich des-

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halb zu Ouedlinburg bereits geeinigt, als die sächsischen Fürsten zum Widerspruche und zur Verfolgung gemeinsamer Maßregeln auf der Asseburg sich versammelten 13). Heinrich hatte sich nach Werla begeben, um zur Verhandlung mit den unzufriedenen Fürsten in der Nähe zu sein, floh aber, den Gesinnungen derselben nicht trauend, nach Bayern. Heinrich’s Partei hatte ein Fürst des brunonischen Hauses, Ekbert der Einäugige, ergriffen, gegen ihn richtete sich daher der Zorn der sächsischen Fürsten. Sie griffen seine Burgen Hebesheim und Ala an, zerstörten dieselben und befreieten in der letzteren die Tochter Kaisers Otto ll., Adelheid. Gleichzeitige Erzählungen deuten auch hier auf eine der Asseburg nahe Lage jener Festen: dazu finden sich über Evesen — der alten Curtis Hebesheim — auf dem Burgberge, die Ueberbleibsel des gleichnamigen Fürstensitzes, umgeben mit Vorburgen (suburbiis). Der gegenüberliegende Berg Gucks trägt bedeutende Wälle, so wie auch das Thal zwischen beiden Bergen vormals durch Festungswerke vertheidigt werden konnte, die den nach dem Burgberge führenden Heerberg zur Seite hatten 14).
   Von der Burg Ala, in der Mitte des Elmes und der Nähe des vormaligen Jagdschlosses Langeleben, ist, neben einigen Wällen noch ein Theil des Thurmes erhalten. Von der Burg ab westlich lag das Alafeld, jetzt Theil der umliegenden Holzungen, und zunächst an die Burg von Süden her grenzt der jetzt der Gemeinde Uerde zugehörige Alaburger Wald (alabure silva) 15). Mit. den sächsischen Kaisern gingen auch diese einst von der Pracht und Herrlichkeit ihres Stammes zeugenden Baue unter. Neue Füstenburgen nahmen die Nachkommen der Herzoge Ludolf und Otto des Erlauchten an der Oker auf (1005, 1031) und was Zubehörung jener Schlösser gewesen war, wurde in der nachfolgenden Zeit zur Förderung des Seelenheils und Erlangung der Kriegshülfe mit verwendet.
   Noch sah man zur Zeit der sächsischen Kaiser von den Höhen des Elmes herab auf eine geringe Zahl von Klöstern, die Zeiten aber
verdunkelten sich mehr und mehr: die früheren edleren Zwecke klösterlicher Stiftungen waren bald aus den Augen verloren. Rohheit mit Aberglauben im Bunde bereiteten solchen Stiftungen goldenen Boden und drei nachfolgende Jahrhunderte — das 12te, 13te und 14te — wurden die Wiege zahlreicher Mönche und Nonnen. Die Vernachlässigung aller wahren und eingreifenden Bildungsmittel öffnete der Gewaltthätigkeit und dem Verbrechen Thür und Thor; der

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Wahn und der eigennützig unterhaltene Glaube: Sünden könnten mit Gaben an Klöster und Mönche und durch Verheißungen gleißnerischer Pfaffen abgeworfen werden; die Berührung und Anbetung der Reliquien und Bilder könnten zu dem, so allerdings von den Mächtigeren leicht zu erkaufenden Heile führen, verlieh den, die größere Volksmasse schwer drückenden Zuständen übermäßige Dauer. Der Kunstfreund wird zwar, den Saum des Elmes umwandernd, auf die stattlichen, ihn umgebenden Baue: die Klöster Königslutter 16), Lorenz 17), Stederburg 18), Hamersleben 19) Marienthal 20), Marienberg 21), Ludgeri 22) und andere hinabsehen und in Beziehung auf seine Studien Befriedigung finden: welcher Beachtung sie aber auch in dieser Hinsicht werth sind, so kann doch auch der Erinnerung nicht entgehen, wie so viele derselben ihrem Zwecke nie entsprachen und in Jahrhunderten nicht Einen Förderer der Wissenschaft und Künste bildeten, wohl aber dem Aberglauben und der Dummheit wissentlich Vorschub leisteten.
   Nur der Klöster Hamersleben und Ludgeri vor Helmstedt kann hier eine auszeichnende Erwähnung geschehen. In dem ersteren bildete sich im 12ten Jahrhundert der gelehrte Prior des Klosters S. Victor in Paris, Hugo de St. Victore, aus dem gräflich Blankenburg’schen Geschlechte; in dem letzteren lebte der fleißige Mönch Overham, dem wir die im Manuscripte im Archive der Stadt Helmstedt vorhandenen Annales Werthino—Helmstadienses verdanken 23).
   Zu der in baulicher Hinsicht größten Zierde der Umgegend des Elmes gehört übrigens unstreitig die Stiftskirche zu Königslutter mit den Begräbnißstätten und Monumenten der Stifter: des Kaisers Lothar und seiner Gemahlin Richenze, und ihres Schwiegersohnes, Herzogs Heinrich des Großmüthigen. Das Gebäude ist bis 1135 ganz im byzantinischen Style ausgeführt und vor anderen zum Studium dieser Bauart geeignet.
   Mit dem Baue der Klöster hielt die der Rittersitze gleichen Schritt. Die alte Kriegsweise durch Volksaufgebote — den Heerbann — war längst in Abgang gekommen. Wer der Kriegshülfe bedurfte, mußte sie mit Grundstücken und Gerechtsamen erkaufen, da eine Ausgleichung in Gelde noch mit großen Schwierigkeiten verknüpft war. So wurde, besonders seit der letzten Hälfte des 12ten Jahrhunderts, was die Klöster übrig ließen, entweder schon vorhandenen oder neubegründeten Rittersitzen beigelegt, und auch in und neben den Trümmern der alten Fürstenburgen auf dem Elrne ent-

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standen Wohnsitze der Kriegerkaste, im Geiste der Zeit und um später im Strudel einer in neuen Ansichten, Gebräuchen und Staatseinrichtungen unaufhaltsam fortschreitenden Zeit wieder zu unterliegen. Aus einer besseren Vorzeit schon bekannte Geschlechter  wurden auf  das Besitzthum angewiesen, wo einst neben AIa die Nachkommen der Brunonen und die daselbst erzogene Tochter der griechischen Theophania wandelten.
   Am Fuße der Burg Hebesheim, in einem der lieblichsten Thäler des Elmes, erhob sich ein Burgsitz marianischer Ordensbrüder des deutschen Hauses unserer lieben Frauen zu Jerusalem: das Schloß Reitlingen. — Der Orden war mit Hülfe von bremer und lübecker Kaufleuten (1190) zu Jerusalem begründet und bald wurden ihm auch Besitzungen am Elme zu Theil, da Fürsten und Grundherren sich demselben gern zugesellten. Ein Theil der Zubehörungen der alten Fürstenburgen war dem Bisthume Halberstadt, zu dessen Sprengel die Gegend gehörte, einverleibt und mit Genehmigung des Lehnsherrn, Bischofs Volrad, verkaufte Ekbert von der Asseburg (1260) sein Besitzthum zu Reitlingen dem Orden, der von ihm damals auch Grundstücke in Lucklum erhielt. Die Comthure des deutschen Ordens nannten sich schon 1265 von Reitlingen und Lucklum und hier faßte der Orden festeren Fuß, als Herzog Albrecht von Braunschweig, dessen Söhne Lüder und Johann Ordensgenossen geworden waren, dem Orden nach der denkwürdigen Urkunde vom Jahre 1311 seine Rechte an Lucklum gegen Entschädigung mit 105 Mark löthigen Silbers abtrat. Die letzten Spuren von den Schloßgebäuden zu Reitlingen haben in neuester Zeit der Pflugschaar weichen müssen. Die Comthureigebäude zu Lucklum aber gehören jetzt noch zu den Zierden des Elmes und sorgsam hegt der jetzige Besitzer, Oberamtmann Wahnschaffe, den alten Rittersaal mit den Bildnissen einer Reihe von Ordensmeistem, die jedoch nicht bis zu den ältesten in der Geschichte so hervorragenden Namen hinaufreicht 24).
   Daß Güter, welche einst bei der Pfalz Werla benutzt wurden, noch im 13ten Jahrhundert Eigenthum des herzoglichen Hauses waren, beweisen Kaisers Otto IV. Urkunden vom Jahre 1213 und 1218, nach welchen derselbe das Stift St. Blasii zu Braunschweig unter Anderem mit einer Kirche zur Elmsburg ausstattete. Der Bruder des Kaisers, Pfalzgraf Heinrich, überließ sie 1221 dem deutschen Orden, und noch in den Jahren 1303 bis 1308 sind Ur-

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kunden von Comthuren und Brüdern des Ordens zur Elmsburg ausgestellt. Ob der Ordenssitz innerhalb der vielumfassenden Wälle der vormaligen Pfalz oder am Abhange der Elmes belegen gewesen, ist zweifelhaft; die Besitzungen des Ordens lagen aber zerstreuet den Wald entlang und erstreckten sich bis an die Ruinen der alten Pfalz, wo noch jetzt eine in den Wald sich erstreckende Ackerfläche den Namen des Elmsburger Feldes führt. Daß der Ordenssitz nicht der erste Bau an jenem Platze war, geht aus den sich darauf beziehenden Urkunden hervor, wonach dem Orden ein schon vorhanden gewesener Bau übertragen worden.
   Von den Höhen des Elmes herab fällt der Blick kaum auf einen Ort, der nicht einem ritterlichen Geschlechte in jenen Zeiten der Fehden, der Kämpfe um Sein und Nichtsein den Namen gegeben hätte. Warberg 25),  Esbeck 26),  Schöningen 27), Twieflingen 28), Wobeck 29), Jerxheim 30), Warle 31), Vogtsdahlum 32), Schliestedt 33), Küblingen 34), Sambleben 35), Amtleben 36), Veltheim 37), Destedt 38), Lauingen 39), Rottorf 40), Lelm 41) hatten ihre Rittersitze und gaben alten ritterlichen Geschlechtern den Namen. Auch sie sind meistentheils untergegangen als Opfer eines Zeitgeistes, den sie selbst mit hervorgerufen hatten, den sie zu verewigen strebten und der zum Besseren fortschreitend sie größtentheils selbst in Vergessenheit begrub. ·
   Man einigte sich in Reichssatzungen, den Fehden und dem willkürlichen Gebrauche der Waffen ein Ende zu machen; die bisher nach Grundsätzen der Grundherrlichkeit verwalteten Territorien bildeten sich, seit dem Ende des 15ten Jahrhunderts, nach und nach zu Staaten im rechtlichen Sinne des Wortes. Das Militairwesen, die Rechtspflege, das Finanzwesen wurden nach ganz veränderten Grundsätzen geordnet und dem kräftigen Herzoge Heinrich dem Jüngeren, wie klugen und wohlwollenden Gehülfen desselben, verdankte bald auch die südliche Umgebung des Elmes und der Asse eine sehr veränderte Gestalt. Die Thaler in der Gegend, besonders das von Hornburg nach Oschersleben, schlossen Sümpfe und Brücher in sich, die nur in den härtesten Wintern zugänglich waren. Ein mehrere Meilen langes Terrain lag noch in seinem Urzustande da; wie dasselbe nutzbar gemacht und den Anliegern zu Wiesen und Weide eröffnet werden könnte, wurde Gegenstand der Berathung zwischen dem thätigen Fürsten und seinem Rathe Achatz von Veltheim. Unter großen Schwierigkeiten und nach vorgängigen Verhandlungen

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mit dem betheiligten Bischofe von Halberstadt ließ von Veltheim zuerst 1540 die Kanäle ziehen, durch welche das Bruch entwässert oder doch im Sommer zugänglich gemacht wurde. Tausende von Morgen wurden zu Wiesen und Weide gewonnen. Da, wo vorher nur Sumpfvögel hausten, fiel bald der Blick auf zahlreiche Herden und mit dem Heugewinne beschäftigte Arbeiter; auf großartige Anstalten, die den Bewohnern der Gegend dauernd zum Segen gereichten und ihren Urhebern immer ein ehrendes Denkmal bleiben werden.

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Das 15te Jahrhundert entblößte nach und nach auch die Mängel in der Kirche. Universitäten und Druckereien beschleunigten den Fall des, mit dem Heidenthume zwar ausgerotteten, aber unter anderen Formen und in anderen Verbindungen wieder eingeführten Bilderdienstes. Schon längst hatten Städter den Aberglauben, in welchem die größere Volksmasse geflissentlich erhalten wurde, gleichsam zum Hohn, zu den verschiedenartigsten Zwecken ausgebeutet 42), bald wurde das Spiel aber auch Anderen zu auffallend. Bedeutendere Vorschritte und Vervollkommnungen in Staat und Kirche erfordern Jahrhunderte zur Reife. Wie langsam aber auch der Gang sein mag; er ist ein unaufhaltsamer. Zum Nachdenken über solche in der Geschichte immer wiederkehrende Lehren geben auch Vorgänge auf und an unserem Elme Veranlassung, denen man damals schon das sichtbare Denkmal nicht versagte.
   Das Kloster Königslutter, den wegen ihrer Ueppigkeit an den Harz versetzten Nonnen entrissen, wurde damals, mit neuen Gebäude versehen, reich ausgestattet und Mönchen des Benedictinerordens eingeräumt. Die frommen Stifter ahnten nicht, zu welchen Mißbräuchen ihr Unternehmen benutzt werden würde, da der Benedictinerorden lange zu denen gehörte, welche durch Zucht und Studien sich auszeichneten. Sie konnten nicht vorhersehen, daß ihre Stiftung zu einem Sitze des Aberglaubens und endlich selbst zur Behausung der Ablaßkrämer herabgewürdigt werden würde. Eine der reichsten auf Rom gelenkten Geldquellen wurde schon 1300 von dem trügerischen Papste Bonifaz VIII. eröffnet, der das Recht der Gnaden und Strafen mißbrauchte, ein Jubeljahr verkündigte und Allen, welche nach Rom zur Peterskirche wallfahrten würden, voll-

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ständigen Ablaß verhieß. Die Erfindung soll dem übermüthigen Papste 13 Millionen Gulden eingebracht haben und dieser trügerische Gewinn veranlaßte, daß die Feier eines Jubeljahr 1343 auf das fünfzigste und 1389 auf das 33ste Jahr herabgesetzt wurde. Bonifaz lX. ließ in allen Orten Ablaß feil bieten, und diese Beispiele, dem Aberglauben Geld im reichen Maaße (Summen, die überhaupt 150 Millionen betragen haben sollen) abzugewinnen, wirkte früh auch im damals ärmeren Norden Deutschlands.
   Auch das Kloster Königslutter verschaffte sich das Recht, Beichte zu hören und Pönitenzen aufzulegen; selbst in solchen Fällen, für welche der Papst dies anmaßliche Recht sich vorbehalten hatte. Man begnügte sich nun nicht nur mit Gelde büßen zu lassen, sondern man erzwang auch unter solcher Firma dauernde Abgaben für das Kloster. Die üppigen Mönche hatten sich mit allem Dem ausgerüstet, was ihren Ablaßwucher einträglich machen konnte. Sie hatten sich ein wunderthätiges Marienbild zugelegt und baueten demselben eine Marienkapelle. Hierher wallfahrtete der dumme Sünderhaufen aus der Nähe und aus der Ferne: besonders erwähnen Lübecker des Zuges zu dem heiligen Blute in Wilsnack in der Priegnitz und dem wunderthätigen Marienbilde in Königslutter. Am Tage Petri und Pauli, welchen Aposteln das Kloster geweihet war, wimmelte die Kirche und die Kapelle von Büßenden, Handelsleuten und Käufern. Die Mönche wurden wiederholt 1401 vom Bischofe von Halberstadt und 1451 von dem päpstlichen Legaten Nicolaus von Cusa zum Adlaßhandel autorisirt. So groß wurde der Tumult, der Mißbrauch geweiheter Stätten, daß unter dem 13. November 1435 das Verbot erlassen werden mußte, den Gläubigen die Zugänge durch Buden in den Kreuzgängen und auf dem Kirchhofe zu versperren.
   So ging es her auf der einen Seite des Elmes, auf der anderen war des tollen Jubels nicht weniger.
  Kaufleute vom Rheine hatten der Kirche zu Küblingen gleichfalls ein Marienbild zugeführt, dessen Wunderkraft eigennützige Pfaffen weit umher verkündigten. Die Kirche zu Küblingen wurde 1330 vom Herzoge Otto von Braunschweig dem Kloster Marienberg verliehen und den Nonnen dieses Klosters wurde das früher schon herbeigeschaffte Schnitzwerk gleichfalls willkommene Erwerbsquelle 43). Ein Jahrmarkt wurde hier angeordnet. Pilger zogen und krochen, oft mit schweren Bußketten beladen, aus fernen Gegenden herbei, um ihre Last zu den Füßen der Wunderthätigen

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niederzulegen, in Gaben und zahlreichen Paternostern die alten Sünden abzuladen und Raum zu neuen zu gewinnen. Daß dabei auch nicht der Gedanke an Förderung wahrer Besserung übrig blieb, darf wohl nicht bezweifelt werden, man hielt im Gegentheile das anerkannt Verderbliche, diese schädlichen Zustände geflissentlich fest. Vom Kloster Bursfelde gingen ernste Verbesserungen des Benedictinerordens aus. Die Bursfelder Congregation hatte den Zweck, die ganz verwilderten Klöster ihres Ordens zu reformiren und das durch Fleiß und Sittsamkeit in älteren Zeiten gewonnene Zutrauen wieder herzustellen; allein die unwürdigen Aebte und Mönche des Klosters Königslutter widersetzten sich. Sie erkauften gar mittelst Vertrages vom 13. December 1488 für 300 Goldgulden das Recht, sich nicht bessern und nichts sich aufdringen zu lassen, was wider ihre bisherige — so verderbliche — Gewohnheit wäre; so aber wurde es baId noch ärger und das Maaß voll.
   Das Jahr 1500 wurde wieder ein Jubeljahr unter dem unwürdigsten aller Päpste, Alexander VI. aus dem Hause Borgia. Sein Cardinal Raimund durchreiste als päpstlicher Legat Dänemark, Schweden, Polen, Preußen und besonders Deutschland, um gegen Ablaß Gelder  zu sammeln. Diese verderbliche Waare hatte höheren Preis erhalten. Im Jahre 1488 kostete der Ablaßbrief auf eine Person 6 1/2 Schilling, ein solcher für mehrere Personen zusammengenommen ausgestellt 8 1/2 Schilling, im Jahre 1502 war der Preis auf 12 Schillinge gestiegen. Aus der Stadt Braunschweig nahm der Legat damals, nach einer im Stadt-Archive noch vorhandenen Urkunde, 2597 Goldgulden mit sich fort, das Ausbeuten kleiner Ortschaften und Sammelplätze überließ er Anderen, namentlich für unsere Elmgegend dem berüchtigten Tetzel.
   Dieser dem Bettelorden der Dominicaner angehörige Mönch wurde 1502 zum Ketzermeister und von dem Erzbischofe von Mainz zum Ablaßprediger erwählt. Er war ein beredter Schwätzer, Königslutter und Küblingen waren , besonders zur Zeit der Sünderversammlungen und der gleichzeitigen Märkte seine Lieblingsplätze. Vor der Marienkapelle war seine Geldkiste aufgestellt. Im marktschreierischen niedrig komischen Vortrage pries er dem dafür noch empfänglichen Volkshaufen seine Waare an: So wie das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt! - Welch ein Schauspiel dem Denkenden, dem wahrhaft Religiösen! und die Zahl der Gebildeten hatte schon bedeutend zugenommen. Jener Schwätzer

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war ein bekannter Taugenicht wie sein Leben und Wandel auswies ein Mensch, der wegen verübter Unzucht verurtheilt wurde, ersäuft zu werden und nur durch Fürsprache Gelegenheit erhielt, aus dem Sacke zu entschlüpfen, in welchem er dem Innstrome überliefert werden sollte. Zeichen einer anbrechenden neueren besseren Zeit wurden gewaltsam durch seine Frechheiten hervorgerufen und Funken der Morgenröthe traten bald auch aus dem Dickicht des Waldes hervor, der so oft schon Zeuge des Wechsels im Laufe der Zeiten gewesen war.
   Seiner Beute sich erfreuend, vom blinden Volkshaufen begleitet zog Johann Tetzel mit schwerer Kiste von Königslutter den Berg hinauf. Der Weg lief und läuft noch jetzt von Königslutter Berg hinauf bis auf die Höhe des Elmes, da, wo der Thurm der alten Alaburg, der der Ostra geweihete Berg und das, einer grauen Vorzeit angehörige Alimundesrode dem Platze nahe sind, und zieht sich auf der anderen Seite des Elmes zu der wunderthätigen Küblingerin hinab.
   Auf dieser Höhe steht, tief eingegraben, ein Denkstein; an ihn knüpft sich die, vom Vater auf den Sohn übertragene, allbekannte Sage, daß hier, an der Stelle des — fortwährend sobenannten — Tetzelsteins, einst ein schweres Gericht über den Frevler erging.
   Ein Ritter, nach der gewöhnlichen Angabe aus dem Geschlechte der von Hagen, unternahm es, dem in Dummheit befangenen Haufen thatsächlich zu zeigen, was es mit der Sündenvergebung des Betrügers auf sich habe. Er fand sich am Marienbilde zu Königslutter an, büßte und zahlte reichlich für zukünftig zu zu begehende Sünden: denn so weit hatte man den Unsinn schon getrieben. -
Sein Gefolge begleitete ihn dann bis in das Dunkel des Ostraberges, den Zug des sündigen Vergebers der Sünden hier zu erwarten. Der Befehl an Knappen und Knechte, den heuchlerischen Ketzermeister zu ergreifen, nach Gebühr zu züchtigen und seine Schätze dem umstehenden Volkshaufen zu öffnen, wurde pünktlich vollzogen und die That, einer der Vorlaufer der Reformation, wurde durch Einsetzung des Denkmals verewigt, an welches die Sage geknüpft ist und durch welches sie fortgepflanzt worden. Eine Reihe von Schriftstellern erzählt die That, und selbst Luther, der in Lehre und Schrift mit Ritter von Hagen Gleiches zu fördern suchte, und auch an solchen Vorgängen erkannte, daß die Zeit zu einer kräftigen Verbesserung des Kirchenwesens gekommen sei, bezieht sich höhnend

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darauf. Der Ort der That ist bald in Zweifel gezogen. Einige suchen ihn bei Leipzig, Andere in der Gegend von Jüterbock: weil der Ablaßkrämer auch dort sein Unwesen trieb; allein hier redet die Tradition und ein Denkmal, das damit in unmittelbarer Verbindung steht. Als der Unverschämte im Jahre 1517 abermals mit seiner Kiste in Königslutter sich einfand, protestirten die eifersüchtigen, nicht besseren Mönche gegen seinen ferneren Kram. Tetzel untersagte das Geschäft dem Kloster bei Strafe des Banns, unter der Behauptung, daß er für das Erzbisthum Magdeburg und das Bisthum Halberstadt (zu dem Sprengel des letzteren gehörten auch Königslutter und Küblingen) allein berechtigt sei. Das Kloster trat sofort mit dem, bei dem Handel betheiligten Karmeliterkloster zu Magdeburg in Verhandlungen, wandte sich auch an den Herzog Heinrich den Jüngeren von Braunschweig und an das Capitel und die Räthe des Erzbischofs zu Magdeburg. Es bezog sich auf das Alter seiner Berechtigungen und erreichte den Zweck: denn noch in demselben Jahre eröffnete Tetzel dem Abte Johann von Königslutter, daß dieser den Handel fortsetzen könne und auch nicht verpflichtet sein solle, einen Theil des Ertrags in seine Ablaßkiste abzuliefern: doch das Jahr 1519 machte dem Leben des unwürdigen Tetzel ein Ende.
   Seit jener Zeit sind abermals drei Jahrhunderte verschwunden, auch sie lehren, wie Selbstsucht und Eigennutz immer wieder vom Wege abführen. Nur theilweise kam damals zur Ausführung, was größere Geister behutsam vorbereitet hatten; zurückgebliebene schädliche Stoffe waren immer noch bedeutend genug, um damit das mühsam errungene neue Gebäude in wesentlichen Theilen zu verpesten und den Weg zum Besseren zu verlegen? Sehen wir nicht noch jetzt Bilder ausstellen und armselige betrogene Haufen von Tausenden ihre Habe dem Eigennutze weihen! Sehen wir nicht abermals die edelsten Denker im Kampfe mit Heuchlern, die das Erhabenste im Menschen - die Vernunft - verleugnend, ihr: steinige! steinige! - rufen? Doch ein Ritter von Hagen hat auch sie schon ereilt. Luther's Geist winkt freundlich denen zu, welche das von ihm im Geiste seines Zeitalters errichtete und nicht vollendete Werk fortbilden und mit einer neueren Zeit und einem höheren Stande der Cultur in Uebereinstimmung zu bringen streben, wie dies auch Luther seiner Zeit that. Wird auch nicht Alles, so wird doch Großes gewonnen werden; so lehren die Bücher der Geschichte.

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Es war ein ein rauher Krieger 44), welcher in seinem Lande den Tetzelstein setzen sah; ein Fürst, der tief mit eingriff in das Getriebe deutscher Staaten; denn in seine Regierungsperiode fallen die wichtigen Reichssatzungen, mit welchen ein neueres Zeitalter für Deutschland beginnt; er überließ aber dem Geiste, was des Geistes ist; dem geistigen Kampfe, was nur in diesem durchfochten werden kann.
   Gewiß ist jener Stein ein ergreifendes Denkmal der Vorzeit, welcher in der reizenden aber stillen Umgebung desselben die Bilder der Vergangenheit seinem Geiste vorüber führt und sie mit dem, was die Gegenwart bietet, in Verbindung setzt. Mögen die Erinnerungen in uns fortwirken und neue Lebenskraft erwecken! Die Aufforderung dazu ist aufgefrischt in dem jetzt vollendeten Baue, den ein Freund der Geschichte und der fortschreitenden Cultur mahnend und der folgenreichen That gedenkend an der denkwürdigen Stelle ausführen ließ.

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Daß die waldumkränzten Berge und Thäler des Elmes dem gemüthlichen Sinne auch unsrer späteren Fürsten, wie den entferntesten Vorfahren derselben, zusagten, beweisen hier noch Anlagen aus neuerer Zeit. Herzog Anton Ulrich führte über der so lauteren Quelle der Lutter das noch vorhandene massive Gebäude aus, dessen Inschrift dem Wanderer das: ex fonte bibens, fontem corona! zuruft. Herzogs August Wilhelm auf der Höhe des Elmes belegen gewesenes Jagdschloß Langeleben diente häufig auch dem Herzoge Carl I. zum stillen Aufenthalte und war eine Reihe von Jahren hindurch der Platz, an welchem der größte König des verflossenen Jahrhunderts im Kreise seiner Verwandten weilte. Das sichtbare Denkmal ist hier untergegangen, die Erinnerung an die Begebenheiten sind aber dauernd, denn sie knüpfen sich an das in des denkenden Menschen Brust unauslöschliche Gefühl für Erhabenheit und Geistesgröße.

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Bemerkungen.
1) Ein ehrwürdiger Geistlicher, der Pastor Joh. Christian Dunnhaupt zu Lelm, hat in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts sich um die Auffindung der Denkmäler am Elme aus heidnischer Zeit besonders verdient gemacht. Seine Ansichten und Forschungen hat er in dem Druckwerke: »Beiträge zur deutschen niedersächsischen Geschichte und deren Alterthümern«—- Helmstedt 1778. 8. -— bekannt gemacht.
2) Schon 742 zog unter Pippin ein fränkisches Heer auf dieser Straße dessen Stiefbruder, dem Gripho nach; Gripho fugit in Saxoniam —- et Pippinus iter faciens per Thuringiam in Saxoniam introivit, usque ad fluvium Missaha in loco, qui dicitur Scanigge. Et Gripho collecta manu una cum Saxonibus supra fluvium Obacro sedit, in loco qui dicitur Horheim etc. Annal.: Saxo ad ann. 742. 780 und 784 nahm Karl der Große denselben Weg auf Scheningen und Ohren und ließ an letzterem Orte gewaltsam taufen.
3) Die Urkunde ist von Falke in den Tradit. Corb. pag. 294 mitgetheilt. Es werden darin genannt: Dalhem mit einem Antheile an der Saline (Salzdahlum), Odonhem (von Falke für Eilen genommen), Kikthi(Sickte), Leri (Lehre), Lauhingi (Lauingen), Scodersted (Schoderstedt, ein untergegangener Ort nahe bei Königslutter), Mollumstedi (in der Gegend von Scheppenstedt am Olla), Sephingi (?), Uredu (jetzt Uehrde), Rodensleva (soll Rodensleben im Magdeburgischen sein). Dallangibudli (Dannebüttel), Bariwidi (vielleicht Barwedel), Stadforde (Staßfurt), Alimundesrothe (nach Falk wahrscheinlich Großen-Rode auf der Höhe des Elmes.
4) Die alten Burgruinen auf dem Elme waren früher wenig, und namentlich Denen nicht bekannt, welche darüber und über die daran sich knüpfenden Erzählungen in der Ferne und ohne Kenntniß der Localitäten, sich äußerten. Ortschaften unter der Benennung Werla trifft man in Westphalen, im Mecklenburgischen und in anderen Gegenden. Die Benennung scheint aus »Wehr« und »La« (Holzung) zusammen·gesetzt und häufiger für eine im Walde belegene Feste benutzt zu sein.

 

Einfügung:

Informationen zur Kaiserpfalz Werla sind unter folgenden LINKS zu finden:

www.kaiserpfalz-werla.de

www.werla.de

www.werlageschichten.de

web.rgzm.de/822.html

www.wolfenbuetteler-zeitung.de/lokales/wolfenbuettel/tor-und-turm-der-kaiserpfalz-werla-nehmen-gestalt-an-id646006.html

www.kaiserpfalz-werla.de/pages/werla---geschichte-ihrer-erforschung/grabungen-von-1875-bis-1936.php

 

 


F. A. Blum(eigentlich D. Haeberlin) de vero situ veteris palatii Werlae. Helmst. 1786 setzt die Pfalz in das Amt Schladen bei Burgdorf in die Gegend an der Westseite der Oker; auch mag hier eine Burg Werla gleichfalls zu finden oder es mag die Reihe der hier von Heinrich l. in Thälern und Sümpfen angelegten, den Ungarn entgegengesetzten Wehrstädte mit der Pfalz im Zusammenhange



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gewesen und danach benannt sein , allein Erzählungen gleichzeitiger Schriftsteller deuten so bestimmt auf die von mir angenommene Lage der Pfalz und dafür sprechen andere Umstände so deutlich, daß sie wohl für unzweifelhaft gehalten werden darf; Burgdorf mit seiner Umgebung gehörte nicht zum Darlingau, der in dieser Gegend die Oker zur Grenze hatte. Verfolgt man die Fürstenburgen des neunten und zehnten Jahrhunderts, so wird man sie nicht in Sümpfen und Niederungen, sondern auf höheren Bergen finden.
5) Das jetzige Rethen, unweit Hillerse (Ellardesheim), wo schon nach der ältesten Beschreibung der Grenzen zwischen den Bisthümern Halberstadt und Hildesheim sich eine Ockerbrücke befand. Un anderen Stellen wird der Ort Riade genannt: Witichind ap. Meibom I. 641: Castra metatus est Rex juxte locum qni dicitur Riade.
6) Die Versuche der Neueren, die Schlacht bei Merseburg hinwegzuleugnen, erscheinen bei sorgsamer Prüfung als hyperkritisch; vergl. Luden, Geschichte der Teutschen. - Jahrbücher des deutschen Reichs, herausg. von L. Rense, l. S. 110. Eine Schlacht in der Gegend des Elmes wird auch durch die vielen Nachrichten der Sage über dieselbe bestätigt. Jahrbücher sc. l., S. 187. 188.
7) Solcher Ueberreste von Hünenburgen (den Hunnen entgegengesetzten Burgen) finden sich auf der Nordseite des Elmes bei Bevenrode, auf der Südseite bei Watenstedt, übrigens aber noch bei Badenhausen, Golmbach und an anderen Plätzen.
8) Die von Wedekind, in den Noten zu einigen Geschichtsschreibern des Mittelalters, mitgetheilte Corveische Chronik, deren Aechtheit jetzt wohl für erwiesen angenommen werden darf, erzählt die damaligen Begebenheiten ausführlicher: Urbes Hebesheim et Uverla, quas obviam habuere (die bei Stediereburg geschlagenen, ihrem Lager an der Bude zu flüchtenden Ungarn) animadvertentes hostium fugam, armis eos omnibus locis urgebant et maxima ex illis parte prostrata, ducem ipsum in quendam lutei puteum urgentes, oppresserunt. Auch Dithmar von Merseburg (Ed. Wagneriana p. 39) führt bei dem Jahre 938 an: ln hoc anno Ungari Thuringiam atque Saxonniam vastantes, in locis perieunt firmissimis. (Ein neuerer Versuch Stediereburg für Stötterlingenburg zu erklären, ist nicht mit gehörigen Beweisen unterstützt). Zu Stederburg stiftete des Grafen Altmann von Oelsburg Tochter im Jahre 1000 ein Kloster und besetzte dasselbe mit Augustiner-Nonnen.
9) Vergl. Leuckfeld, Chron. Halberstadiens. p. 293 295 666. - Kettner: Antiq. Quedlinb. p. 35
10) Dithmar Merseb. Chron. Ed. Wagn. p.63: Huius inclita proles, nata sibi in silva quae Ketil vocatur. - Vergl. C. Schmidt, Comment. de Silva Ketil Gott. 1735. 4. - Hahn, Comment. quem saltum, quod nemus Dithmarus designat etc. Gundlingiana p. XLII. -
11) Vergl. J. C. Ballenstedt. Schulprogramm 1776.
12) F. Schannat, Hist. Fuld. T. II. n. 29. —— Falke, Trad. Corb. in add. nr. 6. p. 138. - Leuckfeld, Antiq. Halberst. p. 640 - Dithmar. Chron. p. 111. 112.
13) Die Corveische Chronik wird in ihren Angaben durrh andere gleichzeitige Schiftsteller unterstiitzt. Die Worte beim Dithmar, Chron. (Ed. Wagn.) p. 66 sind folgende: Multi ex his fidem violare ob timorem Dei non praesumentes paululum evaserunt, et ad civitatem Hesleburg (nach der Corvei-



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schen Chronik Aseburg) quo consocii eorum adversus ducem jam palam conspirantes conveniebant, festinavere; quorum haec sunt nomina: Ekkíhardus, Biio, Esic, Bernbardus, comes et clericus, Sifrith ejuıque filius, Frithericus et Ciazo confratres, Conprovincialium autem Thiedricus et Sibert confratres, Hoico, Ekkihardus et Bezeko, germani, Brunig et sui, milites sancti Martini, jussu archipraesulis Vuilligisi quibus adhaerebat accidentalium maxima multitudo. Quod dux comperiens, suos magnis muneribus ditatos cum gratia dimisit, ipse autem cum valida manu ad perturbandam hanc coniurationem seu pacificandam ad Uverlu properans, Popponem misit episcopum, ut adversantes sibi disiungere vel reconciliari tentaret. Qui cum coepto ilinere persisteret, hostes congregatos, iamque ducem petere paratos inveniens, vix pacem mutuam in loco, qui Seusun dicitur, ad condictum pepigit diem: ad quam dux Bavariam continue praficisceııa cum venire aut noluisset, aut propter Henricum duceni, qui tunc Bavariis et Carentis praefuit, munere praefecti imperatoris non potuisset, hostilis immanitas urbem comitis Ekberti quae Ala dicitur, possedit, destructisque protinus muris intrantes Athelheidam Imperatoris filiam, quae hic nutriebatur, cum pecunia ibi plurimum collecta rapiunt, gaudentesque redeunt.
14) Nach einer Urkunde Kaisers Otto l. v. J. 952. (Eccard. p. 405) gehörte Hebesheim zu dem Comitate Bruno’s und dessen Sohnes Ludolf. Nach dem Stiftungsbriefe des Klosters St. Michaelis zu Hildesheim v. J. 1022 werden·im Darlingau, zu welchem unsere Burgen gehörten, die Praefecturae Ecberti et Ludgeri Commit. angeführt, wovon die eine über das nachmalige Gericht Asseburg und die Umgegend, die andere aber über die Aemter Campen und Gifhorn sich erstreckte. Lauenstein in spec. Geogr. medii aevi p. 102.
15) Unter den Gütern, welche vom Bischof Bernward 1002 dem Kloster St. Michaelis zu Hildesheim überwiesen worden, werden genannt: in pago Darlingow in praefectura Liudgeri Comities: Sceninge (Scheningen), Kisleve (Kisteben ein wüst gewordener Ort bei Warberg), Zezingeroth wüst in der Gegend von Helmstedt), Selzstide /Schliestedt) und Wurungen (Uerde) cum alaburg silva. Das jetzige Uehrde kommt in älteren Urkunden auch unter der Benennung Uredu vor. Die Ortschaften liegen und lagen alle.in der Gegend des Elmes, in nicht bedeutender Entfernung von einander. Nach dem Güterverzeichnis des Klosters Ludgeri vor Helmstedt besaß 1260 ein Dominus Ecbertus (vom hohen Adel) Güter zu Lelm, Langeleben und Ala (vergl. neue Mittheilungen des thüringisch sächsischen vereins1834 Bd. 1 Heft 4 S. 41). Später wurden die Herren von Veltheim mit Gütern auf dem Alfelde beliehen, wie noch aus dem Lehnsbriefe vom 7. Januar 1706 hervorgeht. Die Güter auf dem Alfelde waren vorher auf die Grafen von Hallermund gekommen, von welchen sie auf die Herren von Werla und dann auf die Familie von Veltheim kamen. In der Gegend von Ala lagen Alimundesrothe wahrscheinlich der Platz, welcher jetzt Großen-Rode benannt wird und nur noch ein Forsthaus aufzuweisen hat). Alde, (am Saume des Elmes über Scheppenstedt, und als wüste Feldmark dieser Stadt angehörig). Allenfelde, welcher Platz nach Algermann's ungedruckter Beschreibung des Amts Wolfenbüttel v. J. 1584 in der Gegend von Scheppenstedt zu suchen und vielleicht das vorerwähnte Alafeld ist.
16) Das hier 1110 von den Grafen von Haldensleben, Bernhard und dessen

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Sohne, errichtete Nonnenkloster wurde vom Kaiser Lothar II., der dem Geschlechte angehörte, und dessen Gemahlin Richenza in ein Benedictiner-Mönchskloster umgewandelt. Die Nonnen wurden wegen unzüchtigen Lebens in den Harz nach Drübeck dersetzt. Die trefflich gebauete Klosterkirche gehört zu den Sehenswürdigkeiten in der nächsten Umgebung des Elmes und die Verzierung an der Außenseite des hohen Chors: eine Jagd, die sich damit endigt, daß die Hasen den Jäger fesseln, mit der Umschrift: O opus eximium vario celamine mirum! — hat häufig. die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ist in mancherlei Weise gedeutet.
17) St. Lorenz über Scheningen, vom Bischofe Reinhard erbauet, mit Augustiner-Chorherren aus Hamersleben besetzt und 1121 dem heiligen Lorenz geweihet. Die Stiftungsurkunde ist vom Jahre 1120; doch soll in Scheningen früher schon ein von der Gräfin Oda erbauetes Nonnenkloster gewesen sein, das, der Anführung nach, 982 abbrannte.
18) War eine gräfliche Burg, die von des Grafen Altmann von Oelsburg Tochter Frederunde — im Jahre 1000 zu einem Nonnenkloster, Augustiner-Ordens, eingerichtet worden. Die Stiftung ist 1007 vom Kaiser Heinrich Il. bestätigt, 1319 erkaufte das Kloster von Herzog Otto dem Milden das Schloß Thiede.
19) Das Augustiner-Kloster, welches 1112 in Hamersleben begründet worden, ist hierher von Osterwiek verlegt, wo es von dem halberstädtischen Bischofe Reinhard 1108 gestiftet war.
20) Ist 1138 von dem Grafen von Sommerschenburg und Pfalzgrafen in Sachsen, Friedrich dem Jüngeren errictet. Der Bau der Klosterkirche ist 1146 vollendet.
21) Eine Stiftung des Abtes Wolfram von Werden 1176 für Augustiner-Nonnen, deren nach der Bestimmung vom Jahre 1230 hier 40 verpflegt werden sollten.
22) Eines der ältesten Klöster des Landes, dem Benedictiner-Orden gewidmet. Die Zeit des Ursprungs ist zweifelhaft; Ludger, erster Bischof von Münster, soll gegen das Ende des 8ten Jahrhunderts die an der Ruhr belegene Benedictiner-Abtei Werden und in den ersten Jahren des 9ten Jahrhunderts auch das Kloster Ludgeri gestiftet haben. Im östlichen Sachsen hatte aber damals das Christenthum noch nicht so weit Wurzel geschlagen, daß sich schon auf feste Begründung von Klöstern hätte rechnen lassen. Vielleicht gewährte damals, in der noch waldigen Gegend, eine höhlenartige Kapelle den Platz, an welchem einzelne, für das Christenthum Gewonnene, ihre geheimen Zusammenkünfte hielten.
23) Die gesunden Lehren des eldlen Hugo sind wohl noch unserem Zeitalter nützlich. In seinem Tractate de Sacramentis heißt es:  Ecclesia licet fructum terrenae possessionis in usum accipiat, potestatem lamen exercendae justiatiae per Ecclesiasticas personas, aut judicia secularia exercere non potest: potest lamen ministros haberelaicas personas, per quas 1. Jura et 2. Judicia ad terrenam potestatem pertinetia, secundum tenorem legum et debitum juris terreni exerceantur: Sic tamen, ut et ipsum quod potestatem habet, a principe terreno se habere cognoscat: et ipsas possessiones nunquam ita a regia potestate se elongare posse intelligat. Quin si ratio postulaverit et necessitas, illi ipsae possessiones debeant in necessitate Obsequium, id est, onera ad defensionem Reipublicae necessaria etc.


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24) Das in dem Ordensarchiv aufbewahrte Verzeichnis der Hochmeister des Ordens enthält die Namen:

1) Heinrich Wallpott von Bassenheim,  + 1200. - 2) Otto von Kärpen, + 1216  -  3) Hermann von Bart, + 1220.  -  4) Hermann von Salza, unter welchem der Orden sich in Preußen festsetzte, + 1240.  - 5) Heinrich von Hohenlohe, + 1249.  -  6) Konrad Landgraf von Thüringen und Hessen, + 1252.  -  7) Poppo von Osternah  -  dankte ab  -  8) Hanno von Sangerhausen, + 1265.  -  9) Hartmann, Graf von Heldrungen, + 1275.  - 10) Buchard von Schwenden, fiel 1290.  -  11) Konrad von Feuchtwangen, + 1297.  -  12) Konrad, Graf von Hohenlohe, + 1298.  -  13) Siegfried von Feuchtwangen, + 1312.  -  14) Karl Bessart von Trier, + 1324.  -  15) Werner von Urselen, + 1330.  -  16) Ludgerus, Herzog zu Braunschweig, + zu Königsberg 1335.  -  17) Dietrich, Graf zu Oldenburg, + 1341.  -  18) Ludolf König, Herr zu Waitzau, ward 1346 blödsinnig.  -  19) Heinrich Düssner von Arfberg, dankte ab 1351.  -  20) Heinrich von Knippenrode, + 1382.  -  21) Konrad Zöllner von Rodenstein, + 1390.  -  22) Konrad von Wallenrode, ward blödsinnig 1394.  -  23) Konrad von Jungingen, + 1407.  -  24) Ulrich von Jungingen, des Vorigen Bruder, ist in der Tannenberger Schlacht geblieben.  - 25) Heinrich Reuß von Plauen, ward wegen übeln Haushalts (?) abgesetzt und starb im Gefängnisse zu Hochstedten 1413.  -  26) Michel Küchenmeister von Sternberg, + 1423.  -  27) Paul Pellnitzer von Rusdorf, ward abgesetzt und + zu Marienburg 1440.  -  28) Konrad von Erlichshausen, + 1449.  -  29) Heinrich Reuß von Plauen, + nach 11 Wochen.  -  30) Ludwig von Erlichshausen, + 1467.  -  31) Heinrich Keffle von Richtenberg, + 1477.  -  32) Martin Truchses von Metzhausen, + 1489.  -  33) Johannes von Tieffe, + 1498.  -  34) Friedrich, Herzog zu Sachsen, + 1514 zu Rochlitz.  -  35) Albrecht, Markgraf zu Brandenburg, legte 1525 den Orden ab und ward erster Herzog in Preußen.  - 36) Walther von Kronberg, + 1543.  -  37) Wolffgang Schutzbar, gen. Milchling, + 1565.  -  38) Georg Hundt von Renkheim, + 1572.  -  39) Heinrich von Badenhausen, + 1595.  -  40) Maximilian, Erzherzog zu Oesterreich, + 1618. -  41) Karl, Erzherzog zu Oesterreich, + 1625 in Madrid.  -  42) Johann Eustachius von Westernach.  -  43) Johann Kaspar von Stadion.  -  44) Leopold Wilhelm, Erzherzog von Oesterreich, + 1662.  -  45) Karl Joseph, Erzherzog von Oesterreich, + 1664.  -  46) Johann Kaspar von Ampringen, + 1685.  - Ludwig Anton, Pfalzgraf bei Rhein, aus dem Hause Neuburg, + 1694.  - 48) Franz Ludwig, des Vorigen Bruder, Kurfürst zu Maynz, + 1732.  - 49) Clemens August, Herzog zu Bayern und Kurfürst zu Köln, + 1761.  -  50) Karl Alexander, Herzog zu Lothringen und Bar, erwählt 1761, + 1780. -  51) Maximilian Franz, Erzherzog zu Oesterreich, Kurfürst zu Köln, 1769 zum Coadjutor erwählt, + 1801.  -  52) Karl Ludwig, Erzherzog zu Oesterreich, Anno 1801 zum Coadjutor erwählt und in demselben Jahre Hoch- und Teutschmeister, resignirt 1804.  -  53) Anton Victor, Erzherzog zu Oesterreich, Hochund Teutschmeister Anno 1804.

Auch ergeben sich aus den Acten die Namen folgender Landcomthure der Ballei Sachsen: 1) 12360 Albertus de Ammendorf.  -  2) Gottfriedus de Barila.  -  3) 1302 Wedego Pigow.  -  4) 1303 Waltherus de Arnstein.  - 5) 1314 Buchardus de Winnigstede.  -  6) 1321 Thidericus de Beneingerode.  - 7) 1325 Jan Stapeln.  -  8) 1334 Ludolph von Bodenrode.  -  9) 1349 Bruno



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de Mansfeld. — 10) 1352 Cunemannus de Buseiste. —  11) 1360 Thidericus de Gebese.  —  12) 1364 Johann von dem Hagen.  -  13) 1384  Henicus Keghel. 14) 1400 Dyderich von Florstede. — 15) 1415 Wedege von Puchow. — 16) 1449 Fridericus von Polenz. — 17) 1475 Nickel von Pentziche. - 18) 1499 Konrad von Utenrode, Landcomthur von Thüringen und Sachsen. - 19) 1507 Martin von Dopffern.  -  20) 1516 Wigand Holzsathel von Nassen-Erfurth. — 21) 1524 Friedrich von Räfenberg. — 22) 1528 Burchard von Pappenheim. — 23) 1554 Georg von Sehlen. — 24) 1564 Heinrich von Gam.  —  25) 1573 Hans von Lassaw.  —  26) 1606 Hennig von Britzke. — 27) 1611 Joachim von Hopkorff   -   28) 1628 Leopold Ernst von Hopkorff. —  29) 1648 Jan Daniel von Priort, Landcomthur in Hessen und Sachsen. — 30) 1684 Friedrich Maximilian. Freiherr von Stayn. — 31) 1704 Otto Diedrich von Balow. - 32) 1732 Hildebrand Christoph von Hardenberg.  -   33) 1737 August Wilhelm Grete.  —  34) 1754 Friedrich August, Freiherr von Bothmer. — 35) Daniel Christoph Georg, Graf von der Schulenbnrg. — 36) 1772 Eckhardt August von Stammer.  -  37) 1774 Gottlob Friedrich Wilhelm von Hardenberg, + 4. März 1800. —  38) 1800 Friedrich Wilhelm, Freiherr von Veltheim. -  39) 1804 Philipp Otto, Freiherr von Münchhausen.

25) Die Edlen von Warberg. schon 1202 viri nobiles genannt, waren besonders an der Nordseite des Elmes begütert. Sie besaßen hier Warberg, Frellstede, Räpke, Wolstorf, Brunsleben, Groß- und Klein-Kissleben (wüst), Vorwerke zu Esbeck, Runnstedt, Süpplingen und andere Güter. Der männliche Stamm des Geschlechts starb im Jahre 1654 mit Julius von Warberg aus. Er starb in Halberstadt in so ärmlichen Verhältnissen, daß der im Testamente dringend geäußerte Wunsch, seine Leiche möge in dem Erbbegräbniß zu Warberg beigesetzt werden, 18 Jahre hindurch nicht in Ausführung gebracht werden konnte. Erst der gutmütige Herzog Rudolf August wies dazu 66 Rthlr. an.
26) Die Familie von Esbeck starb im Jahre 1433 aus, die Burg und der Rittersitz kam danach an die von Hoym, und in neuester Zeit an den jetzigen Besitzer Hrn. Prötzel.

 

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Einfügung:  Foto  G. Prötzel  1992


27) Zwei Güter zu Scheningen  -  der Kanzlerhof und der Schulhof  - wurden von den Besitzern gleichfalls zu den Rittersitzen gerechnet
28) In Urkunden aus den Jahren 1137 und 1196 geschieht schon der Herten von Twieflingen Erwähnung.  Als Einer des Geschlechts Wegelagerung trieb, eroberte Herzog Albrecht, im Beistande der Städte Magdeburg und Braunschweig, die Burg 1381. Sie wurde zerstört und das Gut ist dann zu herzoglichen Domainen gezogen.
29) Wobeck war in dem Pfandbesitze zahlreicher adlicher Familien. 1346 von Bartensleben, von Honlage, von Papstorf, 1348 von Knesebeck (Paridem und Ymann),  1355 von Asseburg, von Wenden, 1358 von Weferlingen sc. Hier nächst kam das Gut an das Kloster Riddagshausen, dem Herzog Heinrich der Aeltere 1502 Abgaben aus dem Dorfe (das Schloßgeld) und Zinsgefälle wiederkäuflich überließ.
30) Die Herren von Jerxheim, deren schon in einer Urkunde vom Jahre 1200 Erwähnung geschieht , verloren ihren Burgsitz zu Jerxheim schon im 14ten Jahrhundert. Von den Herzogen wurde die Burg vielen ritterbürtigen Familien nach einander pfandweise überwiesen; den von Wenden 1345, von Ampleye 1360,


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von Oberg 1382, von Gerstenbüttel, von Hondelage, von Marenholz  1400,  von Veltheim (Gottschalk’s Söhnen) 1502, die alle das Schloß mit Zubehörungen entweder ganz oder theilweise befaßen. Lange Zeit hindurch hat auch die Stadt Braunschweig sich in dem Besitze der Burg befunden; sie gab dieselbe 1473 an Herzog Wilhelm I. zurück.
31) In den Braunschw. Anzeigen, 1755, Nr. 79, ist eine Reihe von Urkunden von 1154 bis 1427 angemerkt, in welchen Nachweisungen über das alte mit Gütern reich ausgestattet gewesene Geschlecht der von Werle oder Werla gegeben sind. Nach dem von Herzog Anton Ulrich 1706 den Herren von Veltheim ertheilten Gesammt-Lehnbriefe sind diesem Geschlechte zahlreiche Besitzungen der ausgestorbenen Familie der Herren von Werla verliehen.
32) Vormals Pfandschaft und Hauptsitz des alten Geschlechts der von Wenden, das Güter in Wenden, Königslutter, Uehrde, Bansleben, Lelm sc. besaß, und mit Joh. von Wenden 1595 ausstarb. — 1413 war das Schloß den Gebrüdern Ludolph und Heinrich für 400 Mark pfandweise eingethan und Herzog Heinrich Julius zog es nach dem Aussterben des Geschlechts wieder ein.
33) Das Geschlecht der Herren von Schliestedt starb 1614 aus. Die von der Streithorst, die nachmaligen Inhaber, verpfändeten dasselbe an die von Rettberg und von Bodendorf, zogen es aber 1749 wieder ein, um es 1749 an den Geheimerath Schrader von Schliestedt zu verkaufen, von welchem es auf die Herren von Bülow aus dem Hause Radum-Wischendorf und dann auf den jetzigen Besitzer, Grafen von Schwicheld, kam.
34) Auch Küblingen war nach der ältesten Rittermatrikel ein Rittersitz der von Streithorst und ging nachmals auf dieselben Familien über, die Schliestedt besessen haben. Von den Herren von Bülow kam es aber zunächst an den Amtsrath Ernst.
35) Sambleben gehörte dem 1587 ausgestorbenen alten Geschlechte gleiches Namens und wurde 1627 der Familie von Cramm wieder verliehen.
36) Gehörte bis 1355 der Familie von Amtleben, wurde aber 1360 den Herren von·Uetze pfandweise eingethan., Heinrich von Uetze wurde Wegelagerer, weshalb die Städte Braunschweig und Magdeburg 1425 sich verbanden, die Burg eroberten und den Uebelthäter gefangen nahmen. 1433 erkaufte dann die Stadt Braunschweig das Gut erb- und eigenthimlich vom Herzog Heinrich. Im Jahre 1671 wurde dasselbe mit anderen Stadtgütern einer herzogl. Commission zur Verwaltung überliefert, und 1714 ließ ein Mitglied der Commission, der Cammerrath Joachim Just Bötticher, mit dem Gute sich beleihen, aus dessen Nachkommenschaft es auf den jetzigen Besitzer, Amtsrath Wahnschaffe, gekommen ist.
37) Veltheim an der Ohe war im 14ten Jahrhundert noch Rittersitz der Herren von Veltheim, kam dann an die Herren von Honrodt, und nach dem Aussterben dieses Geschlechts wieder an den Herrn Wilhelm von Veltheim, nachdem derselbe die darauf expectivirten Herren von Thielau abgestanden und auch die Wittwe des Ietzten von Honrodt wegen ihrer Ansprüche auf lebenslängliche Nutzung entschädigt hatte.
38) Die Rittergüter zu Destedt waren schon im 12ten Jahrhundert in dem Besitze des Geschlechts von Veltheim, und sie sind in der vorliegenden Reihe die einzigen, welche ihren alten Herren fortwährend geblieben sind.



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39) 1620 war noch nach der Rittermatrikel das Geschlecht der Herren von Lauingen Inhaber des Gutes, 1629 aber starb Joachim von Lauingen als Letzer des Geschlechts; von ihm schon war das Gut auf Jobst von Schenk gekommen. 1695 wurde Johann Joachim Müller damit beliehen, dessen Nachkomme Johann Martin Ludwig Müller 1791, unter Beilegung des Namens von Lauingen, in den Adelsstand aufgenommen worden.
40) Das Geschlecht der von Rottorf scheint bis in das 15te Jahrhundert den Ort besessen zu haben. 1462 werden die von Kisleben mit der Holzgrafschaft zu Rottorf beliehen, »so die von Rottorf gehabt«.
41) Auch Lelm hatte seinen Rittersitz, der jedoch verschwunden ist. Durch Curdt’s von Lelm Ableben erledigte Güter, namentlich zu Klein-Vrellstedt, kamen 1371 auf Gebrüder von Wobeck.
42) Die Wege von Braunschweig ab liefen in der Nähe der Stadt durch Sumpfgegenden, die feste Dämme erforderlich machten. Die Stadt kam schon im 14ten Jahrhundert mit den betreffenden Bischöfen von Halberstadt und Hildesheim dahin überein, daß eine Sündenvergebung denen zugesichert werden solle, die Arbeiten an den Dämmen verrichten würden, und so kamen denn die schwierigen Bauten mit geringem Aufwande von Seiten der Stadt zu Stande.
43) Ueber das Entstehen des Marienbildes zu Küblingen und die Förderung der damit verfogten Zwecke ist die Erzählung in einer alten Handschrift der herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel unter der Bezeichnung : Miracula in Kubbelingk aufbewahrt. Eines Tages im Jahre 1291 ruhete Albert Riseberg im Schatten einer Linde zu Küblingen. Ihm erschien die heilige Jungfrau und verkündigte, daß Kaufleute sich anfinden und der Jungfrau erhabenes Bild über den Rhein an diesen Ort bringen würden, damit es hier verehrt werde. Die Offenbarung wurde dann -  ganz in der Ordnung — dem Pleban (ersten Geistlichen) in Scheppenstedt mitgetheilt, der auch allen Beistand zur weiteren Verfolgung der so wichtigen Angelegenheit versprach. Riseberg reiste einige Tage darauf mit seinem Freunde (Albertus ultra aquam) nach Königslutter, wo die Feier der Schutzheiligen des Klosters Petri und Pauli begangen wurde. Hier gewahrte er in der Menge Kaufleute, die ein Marienbild mit sich führten, und er erkannte nun sogleich , daß die ihm gemachte Offenbarung in Erfüllung gehen sollte. Die Kaufleute waren, in Gemäßheit der ihnen gemachten Mittheilung, bereit, das Bild nach Küblingen an den Ort zu bringen, wo dem Riseberg die heilige Jungfrau erschienen war. Der Pleban aus Scheppenstedt empfing sie hier mit seiner Gemeinde, und der Platz wurde nun dem Volke als eine auf immer der Jungfrau geweihete Stätte bezeichnet. Es war erforderlich, daß das Bild Wunder verrichte, und zwar zunächst an einem Mächtigen; auch ist ferner bemerkt, daß Herzog Albrecht von Braunschweig, der damals wahrscheinlich auf der Asseburg wohnte, erkrankt sei. Er genas, nachdem ihm die heilige Jungfrau erschienen war und, auf den Fall seiner Herstellung, für ihr Bild Verheißungen erwirkt hatte. Der Fürst ließ demselben eine Kapelle bauen und begnadigte den Ort mit den erbetenen Freiheiten und Vorrechten. Dann ließ man auch sogleich noch andere Wunder geschehen. Zu Scheppenstedt, heißt es, lebte ein redlicher Mann, Namens Johann von Schwanefelde.



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Ihn und seinen einzigen Sohn überfielen Neider in seiner eigenen Wohnung. Sie fesselten beide unter groben Mißhandlungen, schleppten sie in ein Dickicht zwischen Langeleben und Eitzum und warfen sie daselbst in eine tiefe Grube. Hier lagen sie verlassen und dem Hungertode nahe, da erschien ihnen die Mutter Gottes im weißen Priestergewande und einem großen Sonnenhut wie ihn — so heißt es in der Erzählung — die Bauern zu tragen pflegten. Sie hob die Unglücklichen aus der Grube hervor, die nun zu dem Marienbilde zu Küblingen krochen, hier aber ihrer Ketten und Banden entledigt wurden, die wie es in dem Manuscripte ferner heißt — zum ewigen Andenken an dies Wunder sorgfältig aufbewahrt werden. So brachte man nach und nach das Bild zu großem Ansehen. Dasselbe ist eben so wie die schweren Ketten noch in neuerer Zeit vorhanden gewesen.
44) Heinrich der Aeltere  geb. 1463, gest. 1514

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Das Moosholzmännchen 1965 zu W.J.L Bode

Dr. Fritz Barndorf berichtete 1965 im Moosholzmännchen, dem heimatkundlichen Beiblatt des lutterischen Stadtbüttels, folgendes:

 

"Auf einen Sohn unserer Stadt, der ihr immer Ehre gemacht hat, konnte das Moosholzmännchen schon hinabsehen, als er noch aus seinem Vaterhaus, dem Stiftspfarrhaus gegenüber, auf dem Arm seiner Mutter im Umschlagmantel herausgetragen wurde, als er später um die Grabsteine auf dem Friedhof unter den alten Linden spielte oder im Studierzimmer seines Vaters, des Superintendenten, bis zum 14. Lebensjahr Unterricht in den Humaniora (Deitsch, Latein, Griechisch u.a.) erhielt.

...

Der spätere Stadtdirektor der Residenzstadt Braunschweig Georg Wilhelm Julius Ludwig Bode war 1779 als Sohn des Stiftspriors und Superintendenten Heinrich Bode in 2. Ehe geboren. Sein Bruder Joh. Heinrich Bode (1783-1849) war später Nachfolger des Vaters und sein Enkel war der im Kaiserreich geadelte Wilhelm von Bode, der weltberühmte Kunsthistoriker und Begründer der Berliner Museen. (1845-1929). Von "unserem" Wilhelm Bode, der 1808 als Richter der westfälischen Regierung Jeromes zunächst nach Bahrdorf und später über ähnliche Posten in Vorsfelde und Riddagshausen zum Magistrat in Braunschweig kam und dort von 1825 bis zu seinem Tode 1854 einer der tätigsten, einfallsreichsten und in seiner liberalen Gesinnung vorbildlichsten Leiter der Stadtverwaltung blieb, hat unser Mitbürger Heinz Röhr in seiner "Geschichte der Stadt Königslutter" 1956 in einem besonderen Kapitel (S. 104 ff) manches schon berichtet. Die ganze Lebensarbeit Wilhelm Bodes ist aber 1963 in einer umfassenden Biographie "Stadtdirektor Wilhelm Bode" Brschw. Verlag Waisenhausdruckerei, vorbildlich und anschaulich geschildert, die Theodor Müller, der verdiente Geograph und Historiker unserer Heimat, als Band 29 der "Braunschweiger Werkstücke" herausgab. Wer den Feind der Bürokratie Wilhelm Bode und seine ganze Zeit mit ihren sich vorbereitenden, revolutionären Strömungen zusammen mit der Fülle von bedeutenden Persönlichkeiten unserer Heimatgeschichte kennen lernen möchte, wer den Wurzeln der Demokratie in einem konservativen Ländchen nachspüren will, dem sei Müllers Buch empfohlen. ..."

 

 

 

Beitrag zu der Geschichte der Feudalstände im Herzogthum Braunschweig

 

und ihres Verhältnisses zu dem Fürsten und dem Volke, veranlaßt durch die Schrift des Herrn v. Grone: „Geschichte der corporativen Verfassung des Braunschweigischen Ritterstandes nebst Vorschlägen zu ihrer Reorganisation.“

Vom Dr. W. J. L. Bode, Stadt-Director in Braunschweig.

 

Sumus ad iustitiam nati, neque opinione,
sed natura est constitutum ius.

Cic. De legg. I. 10.

 

Braunschweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1843

 

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Leerseite

 

 

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III

 

Vorwort.

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Der Inhalt der nachfolgenden Blätter ist aus meiner umfassenderen, auf die Geschichte der herzoglich Braunschweigischen Lande, und besonders die Entwickelung der Staatsverfassung in allen einzelnen Zweigen sich beziehenden Handschrift entlehnt. Ich würde mich nicht entschlossen haben, jetzt schon Einzelnes daraus mitzutheilen, wenn ich dies nicht, zur Erläuterung und Berichtigung der so eben erschienenen Schrift des Herrn v. Grone: „Geschichte der corporativen Verfassung des Braunschweigischen Ritterstandes nebst Vorschlägen zu ihrer Reorganisation, Hannover 1842“ für rathsam und nützlich halten müßte.

 

Wenn auch ein der Verhältnisse Kundiger über den Zweck und das Geschichtswidrige der in jener Schrift geäußerten Ansichten sich nicht täuschen kann, so liegt doch auch Vielen der berührte Theil der Landesgeschichte zu fern, als daß sie ein bündiges Urtheil auf Thatsachen begründen könnten; daß aber zu einer solchen Beurtheilung Raum gegeben werde, ist gewiß um so mehr wünschenswerth, als Bestrebungen, wie wir sie aus der obigen Schrift kennen lernen, jetzt allgemeiner und auch mit verführerischeren Redensarten unterstützt vorkommen.

 

Dem, welcher seine geschichtlichen Studien auf mehr als einige unterhaltende Geschichten richtet, dem, welcher den Staat und die Staatsgenossenschaft in der Entwickelung verfolgt,

 

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IV

 

die Landesfürsten in ihren Bestrebungen, das Bessere und Zeitgemäße zu fördern, gewissenhaft beachtet, können die Klippen nicht verborgen bleiben, an welchen die sorgsamsten Bemühungen gelähmt wurden und die besten Plane scheiterten. Es waren die, in Zeiten des vorherrschenden grundherrlichen Systems entstandenen eigennützigen, sich für den Staat haltenden und auf Kosten des Staats bereicherten Corporationen, die tief in das Staatsruder eingriffen und Vorschritte zum Bessern hemmten.

 

Dem gründlichern Beobachter des Hergangs kann nicht verborgen bleiben, wie jene schädlichen Einigungen, so wie sie erst einige unbedeutend erscheinende, oder doch als unbedeutend dargestellte Vorrechte erlangt hatten, darauf fortbaueten, immer tiefer eingriffen, das Gewonnene zu neuen Eroberungen zu benutzen wußten und endlich, als in sich abgeschlossene Staaten im Staate, zu eigenem Vortheile und auf Kosten ihrer Mitunterthanen gebieterisch herrschten.

 

Vor Anderen verfolgte diesen Weg die Ritterschaft, und auch der schwächste Versuch, zu dem frühern Corporationswesen und dem dadurch veranlaßten Nothstand zurückzuführen, darf nicht unbeachtet und ungerügt bleiben.

 

Referent ist bemüht gewesen, Thatsachen, auf die es hier allein ankommen kann, vorzulegen; sie waren bereits zusammengetragen, als die oben erwähnte Schrift erschien; mögen daher Andere die speciellere Beantwortung der letztern übernehmen und dabei das hier Mitgetheilte benutzen, welches, wenn es erforderlich wäre, noch sehr vermehrt werden könnte.
Braunschweig, im December 1842.

 

Der Verfasser.

 

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1

 

Bei dem Wechsel, welchem alles Zeitliche unterworfen ist, und bei den Veränderungen, die eine natürliche Folge von unabwendbaren Ereignissen sind, führt uns die Geschichte fortwährend auf Wehklagen Einzelner über verloren gegangenes Wohlsein und auf wehmüthige Erinnerungen an vergangene glücklichere Zeiten. Die neueste Zeit, voll der denkwürdigsten Begebenheiten und Entdeckungen, hat die Zahl der Wehmüthigen und Klagenden vermehrt; ob und in wie weit sie aber Ursache haben, sich zu beruhigen, mag in einem allgemeinen Blicke auf die belobte Vergangenheit erörtert werden.

 

Als Anhaltspunkt ist dabei fortwährend das Wesen des Staats fest zu halten, so wie der ewig unveränderliche Zweck des Staatsverbandes: rechtlich geordnete Sicherstellung desselben gegen äußere Angriffe, Ruhe und Sicherheit im Innern durch Rechtspflege, Förderung der Geistesausbildung durch Kirche und Schule, Abwendung schädlicher Einwirkung der Naturkräfte durch Polizei; in Ansehung der Mittel aber: gleichmäßige Vertheilung der durch alles dieses erforderlich werdenden Lasten. — Die Verfassung eines Staats, wie sie in den verschiedenen Zeiträumen sich darstellt, darf unbedingt mehr oder weniger unvollkommen genannt werden, je nachdem sie der Erreichung jenes Zweckes mehr oder weniger hinderlich ist.

 

1.

 

Als in unserem alten Sachsen die fränkische Herrschaft zuerst begründet wurde, stand ein Fürst an der Spitze, der das Wesen des Staats durchschaute.

 

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2

 

Die Sicherheit nach Außen stützte sich auf allgemeine Pflicht zum Kriegsdienste, die Rechtspflege war Sache des Staats und seiner Richter, wie die Förderung umfassender polizeilicher Maßregeln; die Mittel zur Förderung einer höheren geistigen und religiösen Ausbildung der Staatsgenossen aber standen in enger Beziehung zu dem Staate und seinem Oberhaupte *). Dabei blieb zahlreichen, aus der Vorzeit beibehaltenen, nach Oertlichkeiten gebildeten Genossenschaften die Ordnung ihrer innern Angelegenheiten, die Handhabung der innerhalb ihrer Marken begründeten und auf gemeinsames Eigenthum sich beziehenden Rechte und Befugnisse vorbehalten, in so weit sie nicht etwa mit den Staatszwecken unvereinbar waren.

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*) Wie aber auch jetzt dem Andrange und den Anmaßungen der Machthaber zur Unterdrückung der geringeren Freien entgegengewirkt werden mußte, ergeben mehrere Stellen der Capitularen:

Cap. 803, c. 17 (Pertz. III. p. 121). Ut liberi homines nullum obsequium comitibus faciant, nec vicariis, neque in prato neque in messe, neque in aratura aut vinea, et coniectum ullum vel residuum eis resolvant; excepto servitio quod ad regem pertinet, et ad heribannitores, vel his, qui legationem ducunt.

18. Ut ubicunque inveniuntur vicarii aliquid mali consentientes vel facientes, ipsos ejicere et meliores ponere iubemus.

Cap. 809, c. 11 (Pertz. III. p. 150). Ut iudices, advocati, praepositi, centenarii, Scabinii, quales meliores inveniri possunt et Deum timentes, constituantur ad sua ministeria exercenda cum comite et populo; elegantur mansueti et boni.

Cap. 811, c. 2. 3 (Pertz. III. 168). Quod pauperes se reclamant expoliatos esse de eorum propriate. Et hoc aequaliter clamant super episcopos et abbates et eorum advocatos, et super comites et eorum centenarios.

3. Dicunt etiam, quod, quicunque prorium suum episcopo, abbati, vel comiti, aut iudici vel centenario dare noluerit, occaciones quaerunt super illum pauperem, quomodo eum condempnare possint, et illum semper in hostem faciant ire, usque dum pauper factus, volens nolens suum proprium tradat, vendat; alii vero qui traditum habent, absque ullius inquietudine domi resideant.

Solche bestrebungen rügte schon der mächtigste und wachsamste deutsche kaiser. Es ließ sich vorhersehen, was unter schwächeren geschehen würde.

 

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3

 

Schwache Nachfolger Karls des Großen ließen sich in einzelnen Verhältnissen schon von der Bahn ablenken, die der große Fürst bezeichnet hatte. Bald wurden Kriegsdienste mit Land- und andern Gütern vorzugsweise erkauft, und der Heerbann zur Seite geschoben. Die ihrer Natur nach unveräußerlichste Staatsbefugniß, über Genossen des Staats zu richten, wurde nach und nach auch Privaten verliehen *), und umfassendere polizeiliche Maßregeln wurden unausführbar, als die Gaue sich auflös‘ten und die über weitere Bezirke sich erstreckende Amtsgewalt der Grafen vernichtet war. Die Könige selbst kamen in unwürdige Abhängigkeit von der Klerisei, und die Anstalten, welche zur Jugendbildung, zur Förderung der Sittlichkeit hervorgerufen waren, strebten nur nach der Vermehrung ihres Besitzthums, traten, auf usurpirte höhere Macht gestützt, den Staatszwecken entgegen, und schadeten durch ihr Beispiel mehr, als ihre ohnehin meistens unchristlichen und nur auf eigennützige Zwecke berechneten Lehren Gutes wirken konnten.

 

Dem Reichsgebäude wurde ein Stein nach dem andern entzogen. Als umsichtigere Könige, wie Heinrich I., den Thron bestiegen und einlenken wollten, war es schon zu spät, und im 11. und 12. Jahrhundert stand das Reich schon in seiner Ohnmacht da, ohne daß selbst die kräftigen Hohenstaufen, die ohnehin auswärts zu sehr beschäftigt waren, Hülfe gewähren konnten.

 

2.

 

Alles hatte sich so nach und nach gemacht. Bei der Zertrümmerung bot eine dem Reiche entzogene, und auf einzelne Staatsgenossen übergegangene Befugniß der andern die Hand, und es wäre verhältnißmaßig noch ein Glück zu nennen gewesen, wenn wenigstens einzelne Reichsfürsten nun die ihnen als Staatsoberhäuptern zur Bildung einzelner

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*) Man will die ersten Spuren von einer solchen Verleihung schon unter den Karolingern gefunden haben.

 

 

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4

 

Staaten erforderliche Macht schnell hätten erlangen können, wenn die Schwäche des Reichsverbandes durch Einrichtung einzelner Staatsgebäude schnell zu ersetzen gewesen wäre; aber auch die großen Herzogthümer wurden zertrümmert, und es folgte, bis zum Schluß des 15. Jahrhunderts, ein Zeitraum von 300 Jahren, während dessen der Begriff vom Staate ganz verloren gegangen zu sein schien, in welchem die wesentlichsten Staatsbefugnisse Gegenstand des Handels wurden, man lehnweise oder für Geld der richterlichen Gewalt, auch über Freie, sich bemächtigen konnte. Hülfe in Fehden nur allein noch mit Gütern erkauft wurde, die Pflicht zur Landfolge - zu eigentlichen Staatsdiensten - abgekauft werden konnte, Kirchen- und Schuldienste nur in Beziehung auf das Einkommen davon gesucht und verliehen und zu bloßen Pfründen herabgewürdigt wurden; in welchem man, ihrer Natur nach, eigentliche Staatsabgaben in den Handel brachte und mit grundherrlichen Einkünften verband; in welchem endlich eine große Zahl freier geringerer Grundbesitzer *) mit Hülfe der an Privaten verliehenen Gerichtsbarkeit und anderer vom Staate erhandelten Mittel den Hörigen gleichgestellt wurde, und man die größere und kräftigere Masse der Staatsgenossen, als Hintersassen, aus der unmittelbaren Verbindung mit dem Staate zog.

 

Die Fürsten wurden so auf der einen Seite verhindert, ihre Territorien zu schließen, auf der andern Seite wurde

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*) Wie unter Kaiser Heinrich IV. die Zahl freier Sachsen noch sehr bedeutend war, beweist eine Stelle bei Lambertus Schaffnab. p. 193, wonach es in Beziehung auf eine durch den Kaiser und seine Anmaßungen hervorgerufene Volksversammlung heißt:

 

Tum vulgus promiscuum super LX millia erat, qui ad asserendam libertatem patriae legesque tuendas promtissimo animo manus operamque suam promittebat.

Die Gesandten dieser Sachsen forderten von dem Kaiser in der Harzburg:

postremo iusiurandum nobis det, quod legitima genti nostrae a primis temporibus constituta, nunquam deinceps infringere moliatur. Ibd. 194.

 

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ihr Nothstand immer größer, und sie entfernten sich eben dadurch weiter vom Ziele, daß der Preis einer augenblicklichen Hülfsleistung in immer neuen Opfern an Gütern und, nach dem Begriffe vom Staat, ganz unveräußerlichen Rechten bestand, wodurch natürlich sie selbst immer schwächer, und diejenigen, deren Hülfe sie nicht entbehren konnten, immer unabhängiger und in ihrer Treue immer unzuverlässiger wurden. Es giebt keinen beklagenswerthern Zustand in Beziehung auf die Fürsten selbst und für den bei weitem größern Theil der Landesunterthanen, als den im 13. bis 15. Jahrhundert, und auch die Art der Unterhandlungen, in welche jene treten mußten, wenn wichtigere Angelegenheiten gefördert werden sollten, führte zu den drückendsten Ungleichheiten.

 

3.

 

Nie hat es in Deutschland einen Zeitpunkt gegeben, in welchem Willkürherrschaft vollständig Wurzel gefaßt hätte. Unsere Fürsten haben sie zum Theil selbst nicht gewollt; darüber lassen sich die Beweise aufstellen. Nachdem das Reich in einzelne Territorien zerfallen war, wurde, wenn eine allgemeinere Maßregel auszuführen bevorstand, mit denen unterhandelt, welche hinderlich oder förderlich sein konnten. Die betheiligten größern Grundbesitzer waren es als solche, welche nicht als Corporation, sondern je nachdem sie bei der Angelegenheit interessirt waren, zugezogen wurden, und dazu gehörten hier im Lande die Prälaten bis zur Zeit des Herzogs Julius. Es waren weder die Besitzer bestimmter Güter, noch die Prälaten gewisser Klöster; sondern bald diese, bald jene derselben, die den öffentlichen Verhandlungen beiwohnten; und waren die Städte gleichfalls betheiligt, so wurden auch ihre Vorstände eingeladen, oder es wurde mit diesen allein verhandelt, wenn Andere kein Interesse bei der Angelegenheit hatten.

 

Die größern Grundbesitzer, die einem bedeutenden Theile nach, ihre Güter für Kriegs- oder Hofdienste erhalten hatten, die deshalb, als Mannen und Ministerialen,

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zu Kriegs- und häuslichen Diensten des Fürsten bereit sein mußten, waren am häufigsten unter den Umstehenden zu treffen, mit welchen, nach zahlreichen Urkunden, wichtigere Beschlüsse berathen und gefaßt wurden *). Nur grundherrliche, nicht aus

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*) Zum Beispiele, wie man im 14ten Jahrhundert Gesetze gab und wie man dabei noch wenigstens anwesende Betheiligte zuzog, kann hier eine Urkunde v. J. 1311 XIV Kal. Mai. angeführt werden:

 

Albertus Dux in Br. praemissa sententia generali praesentibus suis ministerialibus et fidelibus nullo contradicente dictata et inventa, quod quilibet homo cuiuscunque conditionis et status existat, sua propria bona donando aut vendendo transferre protest libere in quemcunque voluit, et quod ad alienationem consensus propinquorum tantum, exclusis remotioribus, requiratur etc.

 

Es läßt sich überhaupt aus Urkunden, die herzoglichen Lande betreffend, der frühere Hergang und wie die Stimme bei öffentlichen Verhandlungen vom eigentlichen Volke auf einzelne Unterthanenklassen überging, endlich aber nur zum Vortheile dieser Einzelnen benutzt wurde, nachweisen.

 

1166 übertrug H. Heinrich der Löwe in öffentlicher Versammlung das Dorf Riddagshausen dem Kloster daselbst. Er that dies mit Genehmigung der Kleriker, der Freien und der Ministerialen, wie ausdrücklich bemerkt ist. (Die Urk. im H. Arch. zu Wolfenb.)

 

Hier werden die Freien noch genannt; denn erst nach des Herzogs Zeiten nahm die Unterdrückung der Freien, die sich in den Zeiten des Faustrechts des mächtigern Nachbars nicht erwehren konnten, sehr zu, und dieser versank in Hörigkeit und Hintersässigkeit, während andere Genossen sich durch zufällige Umstände oder in Verbindung mit Mächtigeren von einer solchen Abhängigkeit frei erhielten.

 

1292 fordert H. Heinrich von Br. die Räthe, Ritter, Knappen und Städte auf, seinem Bruder keine Hülfe leisten zu wollen. (Rehtmeier Chronik p. 1292.)

 

1293 machen die Herzöge Otto und Albert von Br. mit den «baronibus, ministerialibus et vasallis« das Gesetz, daß derjenige, welcher im Besitze eines Guts sich befindet, von dem Kläger nicht gestört werden soll, bis dieser durch Urtheil und Recht vor dem ordentlichen Richter den Besitz gegen den Beklagten erstritten hat. (Vgl. Koch pragm. Gesch. S. 177.) - Die barones sind hier die freien Grundbesitzer; baro ist aus Bauer — Landbebauer — entstanden. Vgl. Hüllmann Gesch. der Stände.

 

 

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einem geläuterten Begriffe vom Staat gezogene Grundsätze waren es, nach welchen man wechselseitige Rechte und Pflichten, selbst der Territorialherren und der Landsassen beurtheilte.

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1322 macht H. Otto von Br. mit den Vasallen eine Verordnung wegen der Achtwort in den Holzungen wüster Dörfer. — Urk. des Klosters Marienthal im Arch. zu Wolfenb.

 

1328 (?) H. Ernst v. Br. Grubenh. erkennt mit seinen Vasallen für ein gemeines Recht, daß derjenige, welcher ein Gut oder einen Zehnten für gewisse Einkünfte an Korn oder Geld gedinget oder gekauft und in Besitz genommen hat, den durch Raub, Brand, Hagelschlag oder auf andere Weise entstehenden Schaden leiden und übernehmen müsse. (Urk. des Kl. Amelungsborn im H. Arch. z. W.)

 

1374 die Herzoge Friedrich, Bernhard, Heinrich und Otto setzen mit »Rath und Vollbort« der Herzogin Mutter, aller Mannen und Bürger der Herrschaft Braunschweig die Untheilbarkeit der Herrschaft und das Primogeniturrecht fest (im H. Arch. zu Wolfenb.),

 

1388 einigen sich die Herzoge Friedrich, Bernhard und Heinrich auf den Rath der Prälaten, Mannen und Städte über die Lande zu Braunschweig (H. Arch. zu W.)

 

1390 die Herzoge Bernhard und Heinrich stellen den Mannen, den Städten, den Aebten, Pröpsten und anderen Pfaffen Reverse wegen der Bede aus, welche behuf der Befreiung H. Bernh. aus der Gefangenschaft bewilligt ist (Hoffmann Samml. ungedruckter Urkunden, Halle 1736, Vol. I, p. 206. 207).

 

1416 der Herzoge Bernhard und Heinrich Vertrag mit der Stadt Braunschweig wegen der von den Meiern der Stadt zu hebenden Bede, zu leistenden Dienste etc.

 

1425 H. Bernhard Vertrag mit den Prälaten desselben Gegenstandes wegen

 

1433 Vertrag mit der Ritterschaft desselben Gegenstandes wegen. So bestand lange Zeit hindurch keine bestimmte Regel, nach welcher die Verhandlungen betrieben wurden, es bestanden keine scharf getrennte Standesklassen, keine Abtheilungen nach Corporationen, bis besondere Vorrechte gewonnen waren, die gewahrt werden mußten, und bis die Einmischung in die Cassenverwaltung gestattet war. Da jeder Stand für sich Vorrechte, so wie sie ihm am nützlichsten und seinen Verhältnissen am angemessensten waren, erwarb, so mußten die drei dominirenden Stände theils zu Corporationen sich ausbilden, dann aber auch die Abtheilungen formiren, welche Curien genannt wurden. Diese einzelnen Corporationen hatten den dem Staate für jeden der drei Stände abgenommenen Mammon, die demselben entzogenen Rechte, für sich zu verwahren.

 

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Mit solchen Grundsätzen war nach und nach die Pflicht zum Kriegsdienste, wie die Rechtspflege verwachsen, und nach den aus der Grundherrlichkeit geschöpften Principien war nicht nur die größte und zahlreichste Classe der Landesbewohner allmälig in Hintersässigkeit gezogen und durch Grundherren vom Staate getrennt; sondern der ganze Inbegriff einer geordneten Staatsgewalt war auf tausendfältige Weise zersplittert und in die Hände von Privaten gerathen. Nicht den geringern Theil hatten einzelne, seit dem 13. Jahrhundert zu hohem Flor gelangte Städte sich angeeignet und sich aneignen müssen, um in der allgemeinen Verwirrung während der den Handelsinteressen entgegentretenden grundherrlichen Einförmigkeit ihre Zwecke sicher zu stellen, auf deren Schutz von Oben her noch nicht gerechnet werden durfte. Sie bildeten innerhalb der Territorien in sich abgeschlossene Staaten, und dazu waren sie auf dem nämlichen Wege gelangt, welchen die Grundherren zur Erweiterung ihrer Gerechtsame benutzt hatten. Da die größeren Grundherren und die Städte den Territorialherrn gleichfalls nur als großen Grundherrn behandelten, so verwiesen sie, wenn ein Nothfall eintrat und Geldhülfe erforderlich war, zunächst auf die landesherrlichen Domainen; diese waren dann aber meistens schon verpfändet und tief verschuldet, und zwar in vielen Fällen doch auch zur Erhaltung des Territorialzusammenhanges. Trieben dann zugleich eigene Interessen an, solchen Zusammenhang zu retten, so wurde der Handel fortgesetzt, und unter Berücksichtigung eigener Vortheile, so gut als möglich, abgeschlossen. Was für den Staat erforderlich war, wies man zunächst auf Hintersassen an, dann übernahm man auch selbst etwas, wenn der Territorialherr zuvor anerkannt hatte, daß seine Anforderung nur als Bitte angesehen werden solle,und endlich,wenn die Noth am größten war, ließ man sich noch Gerechtsame aller Art versichern, ganz geeignet, die Errichtung eines geordneten Staatsgebäudes zu verhindern. Die Städte holten in ihren Huldebriefen nach, was etwa bei solchen Verhandlungen versäumt war.

 

 

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4.

 

Bis zum Schlusse des 15ten Jahrhunderts dauerte dieser Zustand fort *); es waren aber inzwischen schon Verhältnisse eingetreten, die das Fundament, auf welches man das grundherrliche System erbaut hatte, untergruben, ohne daß es in irgend einer Weise gehindert werden konnte. Das Feuergewehr kam mit dem Anfange des 15ten Jahrhunderts allgemeiner in Gebrauch. Die Schweizer hatten gelehrt, mit welchem Vortheile man das Fußvolk benutzen könne, und zunächst folgten die Städte **) in der Benutzung allgemeiner Aufgebote und des Feuergewehrs, dann aber auch bald die Fürsten. Damit wurde die alte, unter den schwersten Opfern für Staat und Fürsten erkaufte Kriegshülfe unbrauchbar. Die alte Kriegerschaar, deren einträgliches Gewerbe der Dienst zu Pferde gewesen war, zog sich zurück. Wie im Mittelalter, bei mangelnder oberer Staatsgewalt, bei dem Mangel des Schlußsteins, den der Fürst bilden sollte, Alle in Einigungen und Genossenschaften zur Förderung ihrer Zwecke Hülfe gesucht hatten, wie diese Verbände überall ihre Meister und Gesellen hatten und zur Erhaltung

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*) Für den ganzen Zeitraum galt, was ein Zeitgenosse Herzogs Heinrich des Löwen – Arnold von Lübeck – in Beziehung auf den Zustand gleich nach dem Falle des mächtigen Fürsten anführt:

In diebus illis non erat Rex in Israel, sed unisquisque quod rectum in oculis suis videbatur, faciebat. Siquidem post exilium Ducis Henrici (leonis) qui solus in terra praevaluerat, et sicut ab initio diximus, pacem maximam fecerat, quia non solum finitimas, sed etiam barbaras et extraneas regiones ita freno sui moderaminis constrinxerat, ut omnes sine terrore quiescerent et terra propter quietis securitatem bonis omnibus exuberaret: tyrannico more unusquisque regnabat in loco suo, et alterutrum vim faciebant et vim patiebantur. - Arn. Lubecensis Chron. Slavorum ap. Leibn. II. p. 653.

**) Die Stadt Braunschweig, die seit 1372 schon Kanonen gießen ließ, stellte im J. 1433 Büchsenschützen auf. Die Handbüchsen wurden damals von Meistern der Stadt verfertigt.

 

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und Erweiterung ihrer Befugnisse eine Ordnung im Innern der Genossenschaft erstrebten und sich abzuschließen suchten, so hatte die Reiterei der damaligen Zeit, besonders die mit Lehen erkaufte Mannschaft, ihre Meister und Gesellen, ihre Ritter und Knechte. Das Institut hatte überall keinen unmittelbaren Zusammenhang mit der Verbindlichkeit und dem Rechte, bei Verhandlungen über Territorialangelegenheiten zuzutreten; nur deshalb fand man ursprünglich Ritter bei solchen Versammlungen, weil diese wegen der erlangten Lehen auch zu den größeren Grundherren gehörten. Dieselben Gründe, welche den Gebrauch der Lehnsmiliz ferner unthunlich machten, entzogen auch das Fundament dem Institute der Ritter, das ohnehin zu der Zeit, als es noch im Flor war, nicht in Einigungen und Corporationen bestand, die bestimmten Staaten *) angehörten. Man überzeugte sich bald, daß die unabwendlichen Veränderungen von den wichtigsten Folgen sein müßten, daß eine der beschwerlichsten Staatslasten - der Natural-Kriegsdienst - ferner andere Classen der Landesbewohner treffen würde, daß, da eine Ausgleichung mancher Lasten in Gelde sich mehr und mehr aufzudringen ansing, diese Geldanforderungen zu allgemeinen Zwecken des Territorii immer häufiger und dauernd werden würden. Diese Rücksichten und namentlich die auch immer häufiger werdenden Geldzuschüsse führten bald zu einer nähern Vereinigung der Grundbesitzer und Städte, deren Stimme bei den Verhandlungen von Gewicht war, und die befragt werden mußten, wenn eine Maßregel nicht thätigen Widerstand finden sollte. Sie wahrten allerdings alte

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*) Schon dieser von unseren historischen Hochtories regelmäßig übersehene Umstand sollte darüber belehren, wie wenig richtig es ist, wenn zum Zwecke mittelalterlicher Restaurationen behauptet wird, daß der Staat durchaus nur in einer corporativen Gliederung aller Staatsgenossen bestehe, und daß das Volk ein bloßer Collectivbegriff ohne reellen Inhalt sei.

 

 

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Volksrechte, bildeten diese den Umständen nach weiter aus *); nahmen aber dabei solche Rechte für sich allein auf Kosten

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*) Der im J. 1405 von den Herzogen Bernhard und Heinrich wegen einer bewilligten Bede ausgestellte Revers beweiset, daß in den braunschweigischen Landen die Prälaten und die Ritterschaft als nur größere Grundbesitzer bei der Bewilligung mit den Städten in Gemeinschaft handelten. Da sie an ihre Bewilligungen sofort Bedingungen zum eigenen Nutzen knüpften, so bildete sich nicht nur die Gesammtheit zu einer Corporation aus, sondern auch jede der Abtheilungen strebte für sich nach corporativen Rechten.

 

1419 erkannten die Herzoge Bernhard, Wilhelm und Otto als Grundsatz an, daß ohne Bewillignng der drei Stände keine Bede gehoben werden dürfe.

 

1419 am andern Sonntage in den Fasten ernennen die Herzoge Bernhard, Otto und Wilhelm 6 Personen, welche die von der Landsch. bewilligte Bede aufnehmen und bis zur Beilegung der mit der Landschaft obwaltenden Streitigkeiten bewahren, oder, im Falle keine Einigung erfolgen würde, Jedem das Seinige zurückgeben sollen (im Stadtarch. zu Br.).

 

1419, Dienst, nach St. Gregor.: Revers der Stadt Braunschw., wonach die 6 Personen, welche nach Braunschweig gesandt sind (4 Gutsbesitzer und 2 Br. Rathsherren), nicht behindert werden sollen, das Geld von der Bede zu empfangen und dem Bürger Hans Paul einzuhändigen (im Stadtarch.). Der Rath zu Br. hatte auf die Bede bereits Vorschuß geleistet.

 

1473 bestätigt H. Wilhelm der Aeltere die Privilegien der Landschaft unter der Zusicherung, daß in dem Herkommen und den alten Gerechtsamen einseitig nichts geändert werden solle.

 

1505 giebt H. Heinrich der Aeltere die Zusicherung, daß ohne Bewilliguug der drei Stände keine Schlösser und Dörfer veräußert oder verpfändet werden sollen.

 

Zugleich wird die Uebereinkunft getroffen, daß die Schatzungen an einen zu Braunschweig anzustellenden Rentmeister eingeliefert, und daß 6 Personen aus der Landschaft zu der Beaufsichtigung der Casse vom Herzoge ernannt werden sollen.

 

1553 wird in dem Vertrage mit der Stadt Braunschweig des Ausschusses gedacht, der die Landesschulden abführen soll, und

 

1554 eines Gegenschreibers, den der Herzog ernannte.

 

1567 wird, bei Gelegenheit, daß das Kataster zur Hebung der Reichssteuern revidirt werden soll, ein ständischer Ausschuß aus drei Prälaten, drei Personen von der Ritterschaft und drei städtischen Mitgliedern bestehend, ernannt. Solche Ausschüsse dauerten fort.

 

 

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des größern Theils der Landesunterthanen in Anspruch. Dahin kam es in diesen mittleren Jahrhunderten,

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1571 wurde eine neue Polizeiordnung zwischen ihnen und herzogl. Räthen in Berathung gezogen.

 

1572 wurde ein ständischer Ausschuß mit herzogl. Räthen zur Beaufsichtigung der Verwendung der Schatzungen, zu deren Hebung ein Rentmeister und ein Gegenschreiber angestellt war, ernannt.

 

1595, als über die ungleichmäßigen Zuschüsse zu den Reichssteuern viele Beschwerden erhoben worden, ordnete man neben dem engern Ausschusse, der aus 9 Personen: drei Prälaten, drei von der Ritterschaft und drei von den Städten bestand, einen weitern Ausschuß. Dabei wurde festgesetzt, daß der größere Ausschuß mit einer von der Landschaft zu entwerfenden Instruction versehen, und daß der Landrentmeister von herzogl. Räthen und dem großem Ausschusse der Landschaft gemeinschaftlich mit Bestallung versehen und vereidet werden solle.

 

1597 wurde den Ständen nachgelassen, den bisher zu Wolfenbüttel verwahrten Schatzkasten auf das Kapitelhaus in Braunschweig zu nehmen, auch wurden die Schatzräthe angenommen. Es wurde denselben ein eigenes Siegel und die Befugniß zugestanden, die über die Landesschuld ausgestellten Verschreibungen einzusehen.

 

1598 verminderte man die Zahl der Schatzräthe und stellte sie definitiv fest. Dabei wurde die Form ihres Siegels bestimmt und festgesetzt, daß sie für die Landschaft und den engern und weitern Ausschuß derselben die Aufsicht über den Eingang der Land- und Türkensteuer führen, die richtige Verwendung der Steuern beachten, zur Abtragung der Schulden mit Vollmacht versehen und berechtigt sein sollten, Geld anzuleihen und darüber, unter ihrem Schatzsiegel, Verschreibungen auszustellen, auch Versuren zu machen und alles Erforderliche zu beschaffen. Nur in dem modo collectandi sollten sie ohne Zustimmung des Landesherrn und der Stände nichts ändern.

 

Die Rechnungen über die Steuern sollten an einem zu verabredenden Tage vor einer aus herzogl. Räthen und Mitgliedern der Landschaft bestehenden Deputation jährlich abgelegt werden.

 

1603 bestimmte man, daß einer solchen Deputation auch die Untersuchung wegen Unrichtigkeiten im Contributionswesen überwiesen sein solle.

 

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13

 

dahin arteten, in der Zeit der Selbsthülfe und des Faustrechts, die alten Versammlungen freier Staatsgenossen aus. Und auch die Prälaten wurden zugezogen, nicht etwa als besonders staatskluge Manner, nicht als Förderer der Cultur - denn deren fanden sich unter ihnen nur selten und zufällig - sondern als mächtigere Grundbesitzer, die wegen ihres kirchlichen Einflusses gefürchtet werden mußten und immer bereit waren, eine usurpirte Gewalt gegen den Territorialherrn zu mißbrauchen.

 

5.

 

Es wurden, als die nähere Verbindung sich gebildet hatte, Ausschüsse *) geordnet, zuerst zu einer Mitaufsicht über den Eingang und die Verwendung der bewilligten Gelder, bald aber auch zu mehrerer Sicherstellung der Vorrechte, die jeder der drei Stände als Preis der Bewilligungen sich zu verschaffen wußte. Eben in Beziehung auf diese Vorrechte, die nach den Neigungen und Bedürfnissen der einzelnen Standesclassen verschieden waren, bildeten sich drei Corporationen - Curien -; in dem Interesse der Gesammtheit waren sie nicht nur nicht erforderlich, sondern, wie sich zeigen wird, höchst schädlich. Zwischen den Prälaten und Städten bildete die Curie der Ritterschaft den Mittelstand; sie war aber eigentlich nie eine Corporation der Ritter oder auch nur ritterbürtiger Personen, nie eine in Beziehung auf Adelswürde zusammengesetzte Curie.

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1605 wurde festgesetzt, daß zu vacanten Stellen in den Ausschüssen oder der Schatzverordneten auf den Vorschlag der Landstände und mit Zustimmung des Landesherrn die Ernennung geschehen, auch die Bestätigung ohne erhebliche Ursachen nicht verweigert werden solle.

 

1619 erfolgte die Anerkennung des Rechts der Landschaft, eine Zusammenberufung zu landschaftlichen Zwecken ohne Genehmigung des Fürsten veranstalten zu dürfen.

 

*) S. darüber die historischen Nachweisungen in der vorhergehenden Note.

 

 

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Der Erwerb von Lehn- und Dienstgütern war im Mittelalter durch Persönlichkeiten und besonders durch die Fähigkeit bedingt, die eben erforderlichen Dienste leisten zu können. Der Kriegsdienst gab am häufigsten Gelegenheit, die Ritterwürde zu erlangen, und so waren auch Ritter und Nachkommen von Rittern häufig solche Gutsbesitzer, deren Stimme gehört werden mußte, wenn man bei der Ausführung umfassenderer Maßregeln nicht auf Widerstand stoßen wollte. Neben ihnen besaßen aber auch immer viele Andere, welche nicht Ritter waren und unter ihren Vorfahren keine Ritter zählten, größere und auch solche Güter, von welchen der Kriegsdienst zu Pferde geleistet werden mußte; auf die dem Territorialherrn schuldigen Dienste, auf die Zusammenstellung der Mannschaft, auf eine Stimme in Territorialangelegenheiten, war diese Ritterwürde eben so wenig, als die ritterliche Abstammung von Einfluß; jene Dienste und Stimmberechtigung knüpften sich im Gegentheile allein an das Besitzthum.

 

Als man anfing, Steuern für das Reich, und später in Beziehung auf die Bedürfnisse einzelner Territorien, zu heben, errichtete man für das Territorium allgemeine Kataster, aber mit verschiedenen Abtheilungen. Eine der letzteren war den Besitzungen gewidmet, von welchen besonders Kriegsdienste geleistet werden mußten, und es war, so lange die Dienste wirklich noch in Natur geleistet wurden und gebraucht werden konnten, eine abgesonderte Berechnung nothwendig. Nie aber gab es ein Kataster, in welchem nur Ritter oder Ritterbürtige zusammengestellt wären, die Benennung „Rittermatrikel“ wurde vielmehr später nur gebräuchlich, weil auch Nachkommen von Rittern unter den Grundbesitzern waren, und man es im Mittelalter so genau nicht nahm, auch wohl am wenigsten daran dachte, welche Folgen man einst aus einer von zufälligen Merkmalen entlehnten Benennung ableiten werde. Diese Verhältnisse haben manchen kleinen Gutsbesitzer, der sich zum Adel rechnet, dessen Vorfahren man aber nie in der ritterlichen Würde oder unter ehrenden Verhältnissen antrifft,

 

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zu dem Wahne verleitet, sich zu den ritterbürtigen Geschlechtern zu zählen, mit welchen er sich in der mißbräuchlich so genannten Rittermatrikel verzeichnet findet; eine solche Schlußfolge ist aber unrichtig und wird durch den geschichtlich zu verfolgenden Hergang widerlegt. Die Rittermatrikel hat etwa nur noch eilf ritterbürtige Geschlechter aufzuweisen.

 

Als 1427 für das Reich zuerst Geldanforderungen - der gemeine Pfennig - gemacht wurden, entwarf man auch hier Anschläge, die jedoch sehr unvollkommen und willkürlich waren. Ein erster umfassender und geordneterer Anschlag ist der vom Jahre 1532, der 1569 und 1620 revidirt wurde. Diese Kataster beweisen die obigen Behauptungen und daß an dieselben, als solche, weder Corporations- noch Vorrechte vor andern Landsassen geknüpft werden können; weder für Ritter noch Ritterbürtige oder Adlige.

 

6.

 

Drei Jahrhunderte hindurch hatten Eigenmacht und Selbsthülfe Deutschland so zerfleischt und Alles so in Verwirrung gebracht, daß man nicht einmal wußte, welche Herren zu den Reichsständen, welche Städte zu den reichsunmittelbaren zu rechnen seien. Am Ende des 15. und im Anfange des 16. Jahrhunderts war man deßhalb allgemein zu der Ueberzeugung gekommen, daß diesem anarchischen Zustande ein Ende gemacht werden müsse, wenn nicht Alles in der Zerrüttung untergehen sollte.

 

Die Landeshoheit, sollte sie sich in angemessener Weise entwickeln, erforderte neue und festere Grundlagen. Der Landfrieden (1495), die Reichsgerichte (1495 - 1501), die Kreiseinrichtungen (1512) waren dazu bestimmt, den Mängeln abzuhelfen, und es begann damit die neuere Zeitperiode; der fernere Hergang lehrte aber, welche Kämpfe man dennoch zu bestehen hatte, um durch die im Mittelalter planlos aufgehäuften hemmenden Bollwerke sich den Weg zum Bessern zu bahnen.

 

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Die großen Veränderungen in der Reichsverfassung, die Kirchenreformation, die Abänderungen, welche im Gefolge eingreifender Reichsbeschlüsse und einer neuen Art Krieg zu führen, auch in der Territorialverfassung getroffen werden mußten, fielen in die Zeit des kräftigen Herzogs Heinrich des Jüngern von Braunschweig-Wolfenbüttel, eines viel getadelten, aber noch nicht nach den Verhältnissen seiner Zeit und nach so vielen Einzelnheiten in seinem Leben beurtheilten Fürsten, über welchen ein gerechtes Urtheil von den bisherigen weit abweichen dürfte.

 

Herzog Heinrich fand bei seinem Regierungsantritte (1514) ein in allen Theilen verschobenes Staatsgebäude vor - wenn man überhaupt bei den unendlichen Unregelmäßigkeiten in damaliger Zeit von einem Staatsgebäude reden kann. - Er erkannte, daß seine Lehnsmannschaft zum Kriege längst nicht mehr brauchbar sei *), nahm daher das aus der Landeshoheit

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*) Die zum Reiterdienste Pflichtige Lehnsmannschaft, zu welcher auch die Pfandinhaber herzogl. Häuser gerechnet wurden, zerfiel, nach der von dem Pfennigmeister Herzogs Heinrich d. J. - Christoph Sorsum - geführten Reiterrolle in 4 Quartiere:

 

1. Wolfenbüttelsches Quartier, 21 Ritter mit 68 Pferden außer den Beschlossten.

 

2. Schöningsches Quartier, 18 Ritter mit 55 Pferden

 

3. Liebenburgsches Quartier, 18 Ritter mit 74 Pferden

 

4. Gandersheimsches Quartier, 25 Ritter mit 74 Pferden

 

Nach einer andern Musterrolle aus derselben Zeit bestand das alte Rittercorps

aus den Beschlossten mit 195 Pferden

aus den Belehnten mit 240 Pferden

wozu denn noch Beamte, Oberförster und Förster mit ihren Pferden eingestellt wurden.

 

Da mit diesen zum Theil alten, steifen Reitern und ihren Ackerknechten nichts auszurichten war, so griff man auf die Landfolge, zu welcher doch rüstige junge Mannschaft einbeordert werden konnte, und es mag hier Einiges über die Zusammenstellung der Landwehr und des Heergeräths im Jahre 1553 Platz finden.

 

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fließende Recht der Landfolge ernstlich wieder in Anspruch, um so die erforderliche Hülfe aus der waffenfähigen Mannschaft des gesammten Landes ziehen zu können.

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Es wurden beordert zu dem groben Geschütze:

 

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Wagen

behuf der Kartaunen

3

"

behuf der halben Kartaunen

1

"

behuf der Feldschlangen

3

"

zu der Muserei (dem Artilleriegeräth im Allgemeinen),

2

"

noch zu Loth für die Feldschlangen

2

"

noch zu Loth für die halben Feldschlangen

10

"

zu dem Transporte des Pulvers

2

"

zu dem Hebezeuge

30

"

zu verschiedenartigen Bedürfnissen: Sturmleitern – Blei – Geschirr – Räder etc.

36

"

zu Bier, Brot, Tischen und Bänken,

37

"

für die Knechte

7

"

zum Transporte des Herzogl. Zelts,

2

"

zum Transport der Kanzlei

24

"

zum Transport von Früchten

 

 

Dann noch Wagen für Küche und Keller, für die Zeugmeister, den Futtermeister, die Kapelle und den Kapellan.

 

Das Geschütz soll gewartet werden von 3 Schützenmeistern und noch 12 Personen.

 

Die Städte hatten zu stellen: Helmstedt 200 Mann,—Schöningen 96,—Königslutter 40,—Schöppenstedt 20, — Seesen 70, — Gandersheim 100, — Stadtoldendorf 40, — Holzminden 40, — Ottenstein 30, — Bokenem 200, — Alfeld 200.

 

Diese Mannschaft focht wahrscheinlich mit den Schützenmeistern.

 

Aus den Dörfern waren gestellt: Gericht Ganderssen 200 Mann, —aus der Herrschaft Homburg 200 M. — Amt Ottenstein und Gegend 100, — Gericht Greene 200, — Amt Harzburg 60 (Mehr Aemter und Gerichte scheinen für dasmal nicht aufgeboten zu sein.

 

Die Anführer des Fußvolks wurden aus der betreffenden Stadt oder dem Gerichte genommen, z. B. waren Heinrich von der Nienstrate und Lüdeke Bremer Anführer der Mannschaft aus der Stadt und dem Amte Königslutter. Die Aushebung geschah von den Magistraten und den Beamten, und forderte man z. B. 1553 den 3ten Mann (wahrscheinlich einer gewissen Altersklasse).

 

Die Ritterschaft stand neben den Städten, und jener war auch nachgelassen, statt reisiger Knechte Schützen zu stellen. — Christoph von Weferling stellte sich, wie es heißt, selbst, aber wie ein Schütze.

 

Es wurden Rotten geordnet und unter Rottmeister gestellt. Die Landleute erhielten lange Spieße, und wurde Bericht gefordert, welche Personen in den Städten und auf dem Lande zu Hauptleuten, Fähnrichen und Befehlshabern sich eigneten.

 

 

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18

 

Er sah ein, daß die Ausübung der Gerichtsbarkeit vermöge einer an Privaten veräußerten Gerechtsame den Zwecken eines wohlgeordneten Staates ganz entgegen stehe und er verschaffte sich, um gründlich einzubessern, in Mynsinger von Frondeck einen der gebildetsten und gelehrtesten Rechtskundigen seiner Zeit. Einer Reform im Kirchenwesen, welche zu Absonderungen und Trennungen führte, widersetzte er sich zwar, war aber dennoch von der Notwendigkeit gründlicher Verbesserungen in der Lehre und dem Leben der Geistlichen, wie viele Umstände ergeben, überzeugt, und gab selbst endlich der neuen Lehre Raum, als sich zeigte, daß das Bessere auf anderem Wege nicht zu erreichen sei. Er hielt, da ihm nothwendig schien, die Staatslasten in gerechter Weise zu vertheilen, eine Ausgleichung in Gelde für nothwendig und begründete deßhalb systematisch geordnete Steuern; bei diesem Allen stieß er aber auf den heftigsten Widerstand.

 

7.

 

Was der Herzog auf staatsrechtliche Gründe gestützt forderte, wurde nach privatrechtlichen *) Einreden verweigert; ohne Berücksichtigung aller der eingetretenen Ereignisse, die

 

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*) Dieser verschiedene Standpunkt characterisirt überhaupt die Entwickelung der öffentlichen Verhältnisse seit dem Ende des Mittelalters, und wie derselbe die Veranlassung gegeben hat, daß ursprüngliche Volksrechte allmälig in Vorrechte Einzelner, in Privilegien ausarteten, so ist darin auf der andern Seite auch ein Hauptgrund zu suchen, weßhalb bei dem unausbleiblichen Fortschreiten des staatsrechtlichen Principes die Stände, welche bei ihren engen privatrechtlichen Ansichten blieben, immer mehr zur politischen Nichtigkeit gedrängt werden mußten. Was daraus folgen würde, wenn man jetzt wieder das Privatrecht der Einzelnen zur Grundlage der Verfassung machen wollte, ergiebt sich von selbst.

 

 

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19

 

eine Veränderung in den Staatsmaßregeln, in der Zuteilung der Rechte und Pflichten der verschiedenen Classen der Unterthanen gegen einander und Aller gegen den Staat unabweislich erheischten.

 

Wohl erkannte der Fürst, wo die eigentliche Kraft des Staates zu suchen sei, daß die große Zahl geringerer Grundbesitzer neben einer sehr angewachsenen Zahl von Bürgern die vormals von der Lehnsmannschaft persönlich geleisteten Dienste ersetzen, daß zu den Ausgleichungen in Gelde alle Staatsgenossen nach gerechtem Fuße beitragen müßten; allein nun zeigte sich erst, wohin frühere Zustande geführt hatten und wie weit vom Wege abgewichen war.

 

Die Stände, welche der Fürst bei öffentlichen Verhandlungen zugezogen hatte, bildeten den bei weitem geringeren Theil der Staatsgenossen, sie hatten sich schon in der Vertretung ihrer eigenen Interessen und zwar nach mittelalterlichen, aus der Grundherrlichkeit und dem Feudalsysteme entlehnten Grundsätzen festgesetzt und zu einer Genossenschaft geordnet. Der Hofbesitzer, welcher nicht Besitzer eines Lehnguts war, das zu der oben erwähnten Kategorie gehörte, war mit seltenen Ausnahmen zum Hintersassen hinabgedrückt, obwohl eine sehr große Zahl derselben früherhin sicher in freien Verhältnissen lebte und ihre Besitzungen eben so frei von Hörigkeit nutzte als manche, durch Zufall mit in die Rittermatrikel gerathene, nicht größere und kaum einem bedeutendem Ackerhofe gleichzuschätzende Rittergüter *).

 

Die auf vielfältige Weise herbeigeführte Verschleuderung der Staatsgerechtsame, namentlich der Gerichtsbarkeit, hatte dazu wesentlich beigetragen,

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*) Nach amtlichen Berichten waren z. B. 1546 im Amte Wickensen noch 74 Ackerleute und 140 Kothsassen, und im Amte Gandersheim 37 Ackerleute und 82 Kothsassen, die der Beamte in Beziehung auf frühere Verhältnisse freie Bauern nennt. Sie hatten jährlich nur einige Tage Dienst, auch Burgfestdienste zu leisten, welche letzteren jedoch sicher nicht aus grundherrlichen, sondern aus staatsrechtlichen Verhältnissen, — aus der Pflicht, eine gewissen Bezirken gemeinsame Wehrstadt zu unterhalten — hervorgegangen war.

 

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20

 

und besonders waren zahlreiche geringere Grundbesitzer dadurch aus der unmittelbaren Verbindung mit dem Staate gezogen, daß aus dem Amtmann, der früher herrschaftlicher Wirthschaftsbeamter - villicus maior - war, der die Angelegenheiten der eigentlichen Hörigen und ihr Verhältniß zu dem Grundherrn zu ordnen hatte, nach und nach zugleich ein Staatsrichter wurde, der die alten markgenossenschaftlichen Behörden unterdrückte und Alles, was in seinen Bezirk überwiesen wurde, in Beziehung auf die Verhältnisse zum Grundherrn, so weit nur irgend thunlich, nach Einer Regel behandelte *).

 

Wie manche größere Grundbesitzer, um des augenblicklich erforderlichen Schutzes zu genießen, einem Mächtigern ihre Güter zu Lehen auftrugen und ihm dienstbar wurden, so suchten noch häufiger freie, geringere Grundeigenthümer unter Angelöbniß gewisser Gaben und Leistungen sich den Schutz eines mächtigern Grundherrn zu verschaffen oder doch von den Anfechtungen desselben sich zu befreien. Tausende von Urkunden beweisen, daß oft von ländlichen Grundstücken nur gewisse Gefälle Klöstern und Gutsherren durch Kauf, lehnweise oder zur Förderung des Seelenheils überwiesen und daß so namentlich von den Klöstern Alles, was in Einer Ortschaft zu erlangen war, erworben, dann der Ort als ein Klosterort bezeichnet, unter dessen Gerichtsbarkeit gezogen und nun so behandelt wurde, als gehöre alles Grundeigenthum darin dem Kloster **).

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*) Deshalb finden wir unter den grundherrlichen Gefällen und den den Grundherren zu leistenden Diensten auch solche, die ursprünglich zu Staatszwecken bestimmt, nachher aber an die Aemter und Güter gezogen worden, z. B. Landsteuer (in Blankenburg), - Schoss und Schoßhafer, - Herbstbede und Maibede (die älteren Staatsabgaben) - fette Kuhgelder, - Synodat-, Send- oder Segenkorn, - Landfolgegelder, - Rittersteuer, - Urkundengelder etc.

 

**) In den klösterlichen Urkunden, deren Benutzung jetzt sehr erleichtert ist, finden sich die denkwürdigsten Nachweisungen über die schonungslose Willkür, mit welcher die Bauern behandelt wurden. Die Ausrottung einer ganzen Gemeinde nannte man »einen Ort legen.« 1229 verschaffte sich die Aebtissin des Stifts Gandersheim, die vorgab, daß sie zum bequemern Unterhalte ihrer Chorherren und Jungfrauen die Güter des Dorfes Meinholdeshusen zu benutzen wünsche, mit leichter Mühe die Genehmigung ihres Obern, den Ort auszurotten.

Wo einst z. B. die Ortschaften Kaunum, Othonrode, Marquarderode lagen, da bildete das Kloster Riddagshausen seine Feldmarken. Das große Dorf Schickelsheim wurde vom Kloster Königslutter, kl. und gr. Seedorf, wie Bassallo von den Klöstern zu Helmstedt, Königsdorf, Opperfelde und andere Ortschaften vom Kloster Marienthal verschlungen, und dazu glaubte man sich oft nur durch einige Federstriche aus Rom berechtigt.

 

 

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21

 

Auf die mannigfaltigste Weise war der Zustand herbeigeführt, nach welchem in jenen gesetzlosen Zeiten die Gesammtheit der Landbebauer in Grundherren und Hintersassen sich geschieden hatte, und jetzt, als man die Kräfte des Staats in ganz anderer Weise in Anspruch zu nehmen sich genöthigt sah, verwies man zuerst den Landesherrn auf seine Domänen und die von ihm, als Grundherrn, abhängigen Hintersassen *), unter der Behauptung, daß die übrigen Hintersassen nur von ihren Grundherren abhängig und wie diese dem Staate zu Nichts pflichtig wären. Man suchte durchzuführen, daß die, welche eine gewisse Reihe von Jahren zu Gaben und Leistungen pflichtig gewesen wären, als Meier behandelt, zu höheren grundherrlichen Abgaben angezogen und als Pächter von ihren Gütern entfernt werden könnten, ohne den Ursprung der Verhältnisse weiter hinauf zu verfolgen. Man behauptete, daß man von den Gütern zu Roß- und Hofdienste pflichtig und nur höchstens, wenn es sich um Reichslasten handle, beizutreten schuldig sei.

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*) Merkwürdig sind in dieser Hinsicht die Verhandlungen v. J. 1405. Es war Grund zu einer allgemeinen Steuererhebung vorhanden. Um dem Fürsten förderlich zu sein, überwies man auf viele mit großer Willkür bezeichnete Ortschaften eine Abgabe von 127 Kühen, 254 Scheffel (á 10 Himten) Hafer, Dienste zu Mist-, Korn-, Heu- und Brennholzfuhren unter dem Zusatze, daß diese da geleistet werden sollten, wo man ihrer bedürfen würde. Die Betheiligten, denen daraus eine dauernde Last erwuchs, wurden nicht befragt (vgl. Revers Herzogs Heinrich v. J. 1405, Mont. post trinit.), und die meisten der Ortschaften, auf welche man damals die Abgabe anwies, waren frei.

 

 

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22

 

Man wies zwar endlich aus eigenen Mitteln und auf eigene Hintersassen Etwas an; ließ sich aber dann reversiren, daß man zu Nichts pflichtig sei.

 

Dieß waren die hauptsächlichsten Gegenstände der Verhandlung mit den Ständen, und wenn auch anerkannt werden muß, daß dadurch der Uebergang zu einer verbesserten Vertretung wenigstens offen erhalten wurde; so war doch dieß aus den Zeiten grundherrlicher Einförmigkeit beibehaltene Ständewesen selbst keinesweges zu einer zeitgemäßen Fortbildung, zur Förderung eines Staatsgebäudes geeignet, welches dem rechtlichen Begriffe von Staat entspricht *).

 

8.

 

Herzog Heinrich fühlte schon tief das Staatswidrige eines Zustandes, nach welchem der größere Theil der Staatslasten auf die Hintersassen gewälzt, diese aber auch zugleich für den Gutsherrn nach Willkür in Anspruch genommen werden sollten; in welchem thunlich war, die Zahl der Bauern nach Gutdünken zu vermindern und ihre Besitzungen eben mit den Gütern zu vereinigen, deren Befreiung von

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*) Schon Herzog Friedrich von Braunschweig erkannte, daß dem Bauer nothwendig wieder aufzuhelfen sei. Er hob in einigen Gegenden des Landes die Baulebung auf (1396, Koch pragm. Gesch. p. 256). Mehr aber that 1433 Herzog Heinrich der Friedsame nach dem Vertrage vom Sonnt. vocem iucunditatis. Er hob die Curmede auf, welche die Erben des verstorbenen Hofbesitzers als Handlohn oder Laudemium dafür hatten zahlen müssen, daß der Gutsherr ihnen die Meierstätte ließ, und setzte fest, daß der Bedemund nicht erhöht werden sollte, daß nach dem Ableben eines Meiers der Gutsherr nur das Stück nächst dem besten sollte fordern können, daß alle ins Land ziehende Fremde freier Landsassen Rechte haben und Freie nicht zur Entrichtung des Bedemundes verbunden sein sollten.

 

Es geht schon aus dieser letzten Bestimmung hervor, daß man die auf Hörigkeit deutenden Abgaben auch auf Freie erstreckt hatte; mehr noch bestätigt dies die Einleitung, wo der Herzog darauf hindeutet, daß die jetzt aufzuhebenden Abgaben auch mit Unrecht eingezogen worden; doch es traten ferner Zeiten ein, die die Ausführung solcher Verträge und Vorschriften außerordentlich erschwerten.

 

 

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23

 

Staatslasten, die jetzt unbrauchbar gewordenen Reiterdienste und die Zuschüsse zu Reichs- und Prinzessinnensteuern etwa ausgenommen, behauptet wurde *). Er zog Erkundigung über die Ausbildung solcher Verhältnisse ein; mußte sich aber, aus einer Fehde in die andere gestürzt und in steter Geldnoth, gefallen lassen, was er unter so drückenden Verhältnissen nicht ändern konnte. Er erlitt selbst die tiefe Kränkung, daß seine Ritterschaft, als die schmalkaldischen Bundesgenossen ins Land rückten und er der Hülfe am bedürftigsten war, ihm in einem förmlichen Absagebriefe den Gehorsam aufkündigte und danach ohne Weiteres den Bundesgenossen huldigte (Schreiben vom Freitage nach assumt. domini 1542). Als der Fürst darauf 1551 ein Heer zusammen stellte, zog er die Mannschaft aus den Städten und Amtsdörfern.

 

Der Herzog hatte in der Stiftsfehde und in dem Kriege mit den schmalkaldischen Bundesgenossen Gelegenheit gehabt, das Bedürfniß einer ganz veränderten Kriegshülfe kennen zu lernen. Er hatte den zur Abführung der Schulden eingeführten Landschatz auf eine festere Repartition gegründet. Er überzeugte sich, daß ohne Ausgleichung in Gelde und ohne dauernde Zuschüsse der Staatshaushalt nicht ferner zu führen sein würde und benutzte daher die Stimmung, welche sich nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft (1547) der Ritterschaft und der Städte bemächtigte. Sie hatten 1542 sich durch ihren Abfall auf das Aeußerste compromittirt. Die Ritterschaft, die ihre Lehngüter auf das Spiel gesetzt hatte, suchte bei dem Kaiser Hülfe und erlangte durch dringende Bitten, daß sie in den zwischen dem Landgrafen von Hessen und Herzog Heinrich dem Jüngern unter Zutritt des Kaisers vermittelten Frieden mit aufgenommen wurde. Doch blieb ihre Lage unsicher, und der Herzog faßte gerechtes Mißtrauen.

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*) Nach Ausweisung des Land- und Bürgerbuchs zu Königslutter war 1557 derjenige mit einer Strafe von 10 Fl. bedroht, der seinen Meier abmeiern würde (Gesenius Meierrecht I, 427).

 

 

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24

 

Die schmalkaldischen Bundesgenossen hatten den vom Herzoge geordneten Landschatz sich im Jahre 1546 doppelt zahlen lassen; man hatte dies auf einem Landtage am 9. Octbr. 1546 zu Salzdahlum ohne Bedenken zugestanden; und unter diesen Umständen wurden dem Herzoge die Verhandlungen erleichtert, nach welchen er endlich 1557 eine umfassendere Schatzordnung erlassen konnte, in der die Hebung aller bis dahin eingeführten Abgaben auf feste und den damaligen Zeitverhältnissen nach gerechte Grundsätze basirt wurde.

 

Bei der ersten Begründung des Systems der Schatzungen leuchtet das Bestreben des Landesherrn hervor, dieselben gleichmäßig zu vertheilen und alle Classen der Staatsgenossen heranzuziehen; er rettete aber in Beziehung auf den Landschatz - die wichtigste Steuer der damaligen Zeit - nur das Princip; die zu den Verhandlungen berufenen Stände zogen sich aus den Steuerkatastern mit Aversionalsummen, die sie ferner festhielten und die nur die Ritterschaft in der Folge ganz abwarf. Ein erstes wichtiges Lebenszeichen der Feudalstände in der neueren Periode.

 

9.

 

Herzog Julius, der 1568 seinem Vater folgte, tummelte zunächst seine Ritterschaft im Hofdienste und auf Reisen umher; da sie aber zu dem ursprünglichen Hauptzwecke untauglich geworden war, so glaubte er, statt des Naturaldienstes einen Geldbeitrag zu den Staatslasten, eine nach dem Ertrage der Güter abzumessende Steuer, fordern zu können. Er zog deßhalb Erkundigung über die Verhältnisse in anderen Staaten ein, in Schreiben vom 5. Mai 1581 an den Kurfürsten von Sachsen, von der Pfalz, von Brandenburg, den Administrator des Erzbisthums Magdeburg, die Herzoge zu Lauenburg, Mecklenburg, Pommern und Würtemberg, die Bischöfe von Minden und Bremen und den Kurfürsten von Cöln fragte er an, wie man etwa schon in diesen Ländern die Ausgleichung bewerkstelligt habe, welche in Betreff der auf den Lehngütern haftenden, aber nicht mehr zeitgemäßen und anwendbaren Naturaldienste erforderlich sei? — Ob man eine Hebung nach dem Ertrage der Güter eingeführt habe etc.?

 

 

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25

 

Da aber die so bedeutende Veränderung in der Kriegsweise sich nach und nach gebildet hatte, und man damals, wie weit über das Mittelalter hinaus, die Beibehaltung einer historischen Basis nur darin fand, daß man Staatseinrichtungen, die auf früheren, längst untergegangenen Zuständen beruheten, dennoch, insoweit sie den Privatinteressen zusagten, beizubehalten suchte, zeitgemäße Fortbildung des Staats aber Entfernung von der historischen Basis nannte, so war in keinem der Länder in der bezeichneten Hinsicht etwas geschehen. Man fühlte, wie aus den Antwortschreiben sich ergiebt, daß eine Ausgleichung durch die neueren Verhältnisse geboten sei, hin und wieder wurden aber die Vasallen als Reiterei in Kriegszeiten noch wirklich mit benutzt, und so hatte man dort, wie hier, das Uebel noch fortschleichen lassen.

 

Gleichzeitig und noch emsiger war aber der Herzog bemüht, die aus der unmittelbaren Verbindung zu dem Staate gesetzten Unterthanen, die große und kräftige Classe der kleineren hintersässig gewordenen Bauern, dem Staate wieder zu geben *), den Zustand zu beseitigen, nach welchem sie willkürlich für die Grundherren dermaßen in Anspruch genommen werden konnten, daß der Staat, ohne sie zu erdrücken, nicht auch auf sie greifen durfte, und der fernern Unterdrückung und Ausrottung dieser Classe Einhalt zu thun. Seine Anweisungen an die Beamten und die sorgfältigen Nachfragen über frühere Verhältnisse liefern den Beweis;

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*) Der Herzog wies die Beamten an, nicht zu gestatten, daß Abmeierungen vorgenommen würden (Ausschr. an die Beamten 5. Decbr. 1569), und setzte ferner durch die Verordnung vom 22. Decbr. 1579 fest, daß die Meierzinse nicht gesteigert werden sollten. Auch das häufiger in Gebrauch kommende römische Recht und die Anwendung der römischen Lehre vom Erbenzinse auf Meierverhältnisse half zur Ausrottung der durch mittelalterliche Willkür herbeigeführten Härten. Bei diesem Allen konnte aber der Zustand der Bauern nicht allgemein und grundgesetzlich geändert werden.

 

 

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allein sein Unternehmen hatte die beabsichtigten Folgen noch nicht vollständig ins Leben führen können, als er 1589 starb *).

 

Es war, weil man nicht den Zeitverhältnissen und neueren Staatsbedürfnissen gemäß fortgebildet hatte, ein Zustand eingetreten, bei dem man gerade die Folgen dieses Mangels trefflich benutzen konnte, um die Verwirrung noch größer zu machen und dabei für sich zu gewinnen. Schon Herzog Heinrich der Jüngere hatte alle Mittel aufgeboten, dem Lande eine geordnete Rechtspflege zu sichern. Er hatte die Aemter besser eingerichtet und höhere Gerichte eingesetzt, wie dieß die Reichsverfassung und die Zeitverhältnisse überhaupt erforderlich machten. Er war bemüht gewesen, verpfändete Aemter und Gerichte wieder einzuziehen und besonders auch das Berg- und Hüttenwesen wieder in Aufnahme zu bringen und als Finanzquelle zu benutzen. Alles diefes war nicht nur bei der ersten Einrichtung mit großem Kostenaufwande verknüpft, sondern manche der wohlthätigen, bis in die neuere Zeit benutzten Institute erforderten auch dauernden Geldaufwand. Dazu kamen seine nicht mehr in alter Feudalweise auszuführenden Kriege.

 

Herzog Julius förderte neue kirchliche Einrichtung und neue Lehranstalten, die auch den Zeitverhältnissen angemessen waren, aber ohne Geldzuschüsse nicht wohl erhalten werden konnten; bei allen neuen, dauernden Staatseinrichtungen war indeß eine sorgfältige Berathung darüber nicht zu erwirken, wie die Herbeischaffung der Mittel in nachhaltiger Weise und nach gerechtem Fuße zu beschaffen sei. Längst waren die Verhältnisse von der Art, daß eine Ausgleichung in Gelde - eine Besteuerung - nicht umgangen werden durfte; man ließ aber den Fürsten und sein Domanium erst tief verschulden, und wenn dann die Noth aufs Höchste stieg, wenn

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*) Merkwürdig ist die Bestimmung in dem Testamente des Herzogs Julius, wonach bei Aufnahme des Inventars über die dem Lande hinterlassenen Schätze an Metallen nicht nur von den Prälaten, der Ritterschaft und den Städten, sondern auch von den Bauern, von jedem dieser vier Stände drei Personen zugezogen werden sollten.

 

 

 

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eben dadurch, daß man zum Schuldenmachen und zu allen damit verbundenen Opfern zwang, die endlich erforderlichen Summen sehr bedeutend geworden waren; so fing der Handel an, nach welchem von den zur Landschaft gezogenen Ständen Zugeständnisse an die Bedingung geknüpft wurden, daß in Rücksicht auf sie alles bei dem Alten, wie dies unter längst untergegangenen Zuständen sich gebildet hatte, verbleiben, daß die Privilegien und Freiheiten ertheilt werden sollten, welche es thunlich machten, eine Fiction als Wahrheit fortbestehen, und z. B. die Erklärung der Ritterschaft, daß sie zum Kriegsdienste bereit sei, obwohl dieser längst nicht mehr brauchbar war, als baares Geld in den allgemeinen Steuerkasten legen zu lassen.

 

10.

 

Herzog Heinrich Julius (1589 - 1613) ein hochgebildeter, staatskluger, von gleichgebildeten Räthen umgebener Fürst, nahm die Pläne seines Vater sofort auf. Die Veranlassung zu Reformen war noch viel dringender geworden; was er aber in Beziehung auf das begonnene Werk von den Ständen zu hoffen hatte, die für modern und verwerflich hielten, was nicht schon einige hundert Jahre vorhanden gewesen (obwohl sie moderne Erfindungen, wie das Feuergewehr, die Buchdruckerkunst, sich hatten gefallen lassen müssen), ergiebt sich aus einem Schreiben derselben vom 25. Sept. 1590.

 

Herzog Julius hatte in seinem Testamente bedeutende Vorräthe an Metall zur Abführung der Schulden mit bestimmt. Er selbst überwies diese Gegenstände zu solchem Zwecke den Ständen; erhielt aber die Antwort: „Weil nun der Landschaft nicht gelegen, sondern zum höchsten beschwerlich, sich zu angedeuteten Schulden und Beschwerungen zu verbinden, und deßhalb auch unter Andern darüber, daß Se. fürstl. Gnaden mit ausdrücklichen Worten darin (in dem Testamente) gesagt, daß die getreue Landschaft zu Ablegung der Schulden, zu den Bürden des Landes,

 

 

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Reichs- und Kreis- auch Fräuleinaussteuer, Unterhaltung der Universität Helmstedt, und was des mehr sein mag, schuldig sein solle, so können darauf Ihro fürstl. Gnaden wir zu unser und des ganzen Landes, auch der lieben Nachkommen höchsten Nothdurft unvermeldet nicht lassen, daß die anwesenden Stände darin zu willigen nicht wissen, sondern müssen gegen solche Assertion protestiren und bedingen; wie sie denn dagegen auch in der besten Form Rechtens hiermit und kraft dieses protestiren und bedingen etc.“

 

Die Stände beurkunden nach diesem Schreiben, daß sie den Standpunkt, wie er vor zwei Jahrhunderten etwa eingenommen werden konnte, noch jetzt behaupten zu können glaubten. Sie dachten sich den Landesherrn noch als großen Grundherrn, der aber aus eigenen Mitteln nicht etwa allein für seine und der Seinigen Bedürfnisse, sondern auch für die Landesbedürfnisse überhaupt Sorge zu tragen habe. Sie hatten sich noch nicht über die grundherrliche Einförmigkeit erhoben, aus welcher dem Mittelalter so viel Unheil erwachsen war, und die hier ausgesprochenen Grundsätze waren die der Feudalstände im Allgemeinen, so lange sie bestanden, da man die Bedrängnisse, die dem Landesherrn daraus erwuchsen und die Vortheile, die man für sich daraus ziehen konnte, immer besser kennen und schätzen lernte.

 

Bei dem Fürsten, der solche Grundsätze nicht anerkennen wollte und konnte, so wie bei den Ständen, die jeden Vorschritt zu einer veränderten Ordnung hemmen zu müssen glaubten, entspann sich eine Stimmung, die, durch andere Vorfälle noch bitterer gemacht, von beiden Seiten her zu Uebergriffen und Maßregeln führte, deren in ihren Einzelnheiten nicht Erwähnung geschehen kann, weil hier historische Genauigkeit den Anstand verletzen müßte. Die v. Saldernschen Händel, die durch Unverschämtheiten hervorgerufenen Gewaltthätigkeiten gegen den Notar der Stadt Braunschweig, boshafte Schreiben des von der Ritterschaft angenommenen chikanösesten Juristen seiner Zeit, des bekannten Hennig Braband,

 

 

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kamen hinzu, so daß Fürst und Stände in offene, höchst anstößige Fehde mit einander geriethen, aus der indeß der Herzog endlich, in Rücksicht auf wichtige Punkte, siegreich hervorging.

 

Dabei muß jedoch hier schon bemerkt werden, daß bei diesen Vorgängen, wie bei spätern ähnlichen, immer Einzelne durch Mäßigung und Besonnenheit sich auszeichneten, daß sie zu unwürdigen Beschlüssen sich nicht hergaben, und daß diese Einzelnen meistens den wenigen noch jetzt blühenden, eigentlich adligen und im Sinne des Mittelalters ritterbürtigen Familien angehören, die ihr Ansehen auf umfassenden Grundbesitz gründen, dadurch unabhängig und in dem Besitze der Mittel sind, höhere Cultur und höheren Standpunkt sich anzueignen. In Beziehung auf solche, die in jugendlicher Verschrobenheit und aus Privilegiensucht der kränkenden Correspondenz beitraten, heißt es in den betreffenden Acten: Es wären entweder alte dumme Leute oder junge Gesellen, so nicht weit gewesen, mit denen Conventikels angestellt seien; leider waren aber diese, „die nicht weit gewesen“, häufig der überwiegende Theil, und die Verständigeren ließen sich ungern auf weitläufige Erörterungen mit solchen ein.

 

Der Herzog hatte eine Zusammenkunft fürstlicher Räthe mit einzelnen kundigeren Mitgliedern der Landschaft veranstaltet. Ihre Aufgabe war, die Bedürfnisse des Staats den gegenwärtigen Verhältnissen gemäß zu berathen, und besonders auch die oben erwähnte Lage der für den Staat so wichtigen Classe der Bauern ins Auge zu fassen und die Maßregeln zu finden, nach welchen sie der gutsherrlichen Willkür und dem Untergange durch Abmeierung oder Ueberlastung entzogen werden könnte. Die Arbeiten dieser Deputationen bildeten die Grundlage zu dem so wichtigen Landtagesabschiede vom 3. Juni 1597, nach welchem, obwohl unter fortgesetzten Kämpfen und der kränkendsten Anfeindung jener Einzelnen, die Erblichkeit der Meiergüter, so wie die Unveränderlichkeit der Meierzinse ausgesprochen und die zahlreichen Bestimmungen getroffen wurden, welche, unter mäßigen Beschränkungen,

 

 

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jene thätige und so nützliche Classe der Landesbewohner grundgesetzlich wieder in unmittelbare Verbindung mit dem Staate stellten. Der unermüdeten Betriebsamkeit des Fürsten und weniger Gehülfen, und zwar solcher, die, in Rücksicht auf umfassenden Grundbesitz, am meisten betheiligt waren, verdankt das Land das denkwürdige Grundgesetz *).

 

11.

 

Nachdem der wichtige Schritt geschehen war, nahm der Herzog auch ferner auf die Zusammenstellung eines der neuern Kriegsordnung entsprechenden Truppencorps und auf Sicherstellung der dazu erforderlichen Mittel Bedacht. Darüber sich mit den Ständen in neue weitläufige Verhandlungen einzulassen, hielt er weder für räthlich, noch für notwendig **). Er behauptete, vermöge Landeshoheit und nach dem Rechte der Landfolge sowohl die erforderliche Mannschaft, als die benöthigten Geldzuschüsse vom Lande fordern zu können. Er ordnete den sogenannten Militairausschuß

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*) Es heißt im Art. 19 der Landt. Absch. 1597:

Wenn sich die armen Bauersleute, wie aufrichtigen und frommen Meiern und guten Hausvätern gebührt, in den nächst vergangenen Jahren verhalten, werden sie bei der Meierstatt, wenngleich die Güter erledigt oder heimgefallen, auch bei den vorigen Zinsen billig gelassen.

Zugleich wurde in dem Grundvertrage die Abschaffung des Sachsenrechts ausgesprochen.

**) Dabei ließ der Herzog 1602 auch die Pflicht zum Roßdienste: wie, und unter welchen Bedingungen sie vormals geleistet worden, untersuchen, - sowohl im Fürstenthume Wolfenbüttel, als in der Grafschaft Blankenburg-Reinstein. In letzterer hatten 36 Lehnleute 39 Pferde zu stellen, und wurden für jedes Pferd damals 20 Thlr. bewilligt. Uebrigens hatten hier die vom Adel, die Freien, die beiden Städte und die Dorfschaften zusammen an Steuern 2295 Thlr. 11 Ggr. 4 Pf. zu zahlen.

Es wurde 1602 in Untersuchung gezogen, ob und in wie weit die zum Roßdienste Pflichtigen, ihrer Behauptung nach, auf Futter, Mahl und Hufschlag Anspruch hätten, wenn sie zum Dienste gefordert würden. Der Herzog erkannte eine solche Berechtigung nicht an. Es stand nicht einmal fest, welche Lehnleute und mit wie vielen Pferden sie Dienste zu leisten hätten; der Herzog befahl daher, über den Umfang der Dienste genaue Verzeichnisse aufzustellen und auch die nicht zu übergehen, welche kein ganzes Pferd stellen könnten. Der Herzog forderte diese Mannschaft häufig zu Musterungen, stellte sie unter herzogl. Officiere und ließ sie schwören, auch dem herzogl. Cornett gehorsam sein zu wollen. Das Ganze bildete ein aus den verschiedenartigsten Bestandtheilen zusammengesetztes Corps, weder allein aus Rittern, noch aus Adligen bestehend. Wurde eine Musterung angestellt, so erfolgten zahlreiche Entschuldigungsschreiben.

 

 

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und das sogenannte exercitiuin militare *), gab den Oberamtleuten und Beamten Befehl, die waffenfähige Mannschaft aufzuzeichnen und zu den Kriegsübungen zu stellen, ließ Waffen und Uniformstücke ankaufen, stellte die nach Abtheilungen geordnete Mannschaft unter die für sie bestimmten Officiere, verfügte, daß zur Bestreitung der Kosten ein Gewisses von jeder Ortschaft an Gelde aufgebracht werden solle, und daß die Beamten ihre Aushebungen und Geldforderungen nicht bloß auf die herzoglichen, sondern auch auf die Junkerndörfer erstrecken sollten.

 

Das geforderte Geld wurde anfangs unter der Benennung Soldaten- oder Knechtegeld eingefordert. Der Oberamtmann Rauch berichtet unter dem 10. Juli 1602: der zehnte Mann wäre als dienstpflichtig berechnet, und für denselben sollten 5 Rthlr. monatlich eingesandt werden. Aus seiner Inspection sei noch nicht so viel eingegangen, daß 500 bis 600 Mann angenommen werden könnten, doch schienen die armen Leute - d. h. die Bauern - mit der Einrichtung zufrieden zu sein.

 

Am 22. Juli g. J. schreibt derselbe: das Soldatengeld sei nun vier ganze Monate entrichtet.

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*) Das Nähere wegen dieser Landwehr ergiebt sich aus den von Ribbentrop (Landt. Absch ) mitgetheilten Verträgen und Urkunden, Thl. I. Nr. 38. - Nr. 39, S. 169 - 175. 184. 191. 196.

Die Städte machten sich verbindlich, ihre Bürger monatlich einmal exerciren zu lassen und den Sold der Officiere in Friedenszeiten zu beschaffen, wogegen jedoch der Landesherr, wenn es zum Ernstlichen kommen werde, die Officiere und Mannschaft selbst unterhalten will. Es sollen von den Städten gestellt und gezahlt werden:

1) von Helmstedt 1 Fähnlein zu 90 Mann mit 1 Lieutenant, 1 Fähnrich und 200 Thlr. zur Contribution.

2) von Alfeld 1 Fähnlein zu 80 Mann und 150 Thlr. Contrib.

3) von Gandersheim 50 Mann und 100 Thlr. Contrib.

4) von Bokenem 80 Mann und 159 Thlr. Contrib.

5) von Seesen 50 Mann und 100 Thlr. Contrib.

6) von Schöppenstedt, Königslutter und Schöningen zusammen 90 Mann und 200 Thlr. Contrib.

7) von Stadtoldendorf und Holzminden 70 Mann und 100 Thlr. Contrib.

 

 

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Die Unterthanen hätten endlich auf den zehnten Mann monatlich 9 Fl., und in drei Monaten dafür 27 Fl. Münze einzuschicken gewilligt. Er übersende Verzeichnisse darüber, wie viel die Gelder monatlich, sowohl für die Freien als Unfreien, betrügen.

 

Diese, Vielen von der Ritterschaft unerhört scheinende Neuerung veranlaßte zahlreiche auf ihren und der Ihrigen Schutz gerichtete Beschwerden, der Herzog rescribirte aber unter dem 7. October 1602: Er sei zur Anforderung der Landfolge, und statt derselben auch des Geldes, berechtigt. Das Geld solle erlegt werden, widrigenfalls er dasselbe durch Soldaten einziehen lassen werde.

 

Mit diesem Soldatengelde nahm die Abgabe der nachher so wichtig gewordenen Contribution den Anfang. Welche Ansicht der Herzog darüber hegte, erhellt auch aus dem Schreiben desselben vom 9. September 1605 *).

 

Hätte der größere Theil der Stände das Modernisiren, d. h. das Fortschreiten mit unabwendlichen Zeitereignissen nicht so sehr gescheut, hätten sie mehr auf das Land, als auf ihr eigenes Interesse gedacht, so hätte ferneren Streitigkeiten vorgebauet werden können, und es wäre nicht zu der verwickelten Besteuerungsweise gekommen, nach welcher, in Gemäßheit verschiedenartiger Grundsätze, von einem und demselben Grundstücke zwei, selbst drei verschiedenartige Steuern gehoben werden, so daß z. B. ein eigenes Studium dazu gehört, um den höchst verworrenen Faden zu verfolgen und gerechten Beschwerden abzuhelfen oder auch solche nur richtig zu beurtheilen.

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*) Der Herzog schreibt an den Oberamtmann der Harzämter: Er habe nicht erwarten können, daß Jemand sich eines Beitrags zu der behuf Kriegsexercitii eingeführten Contribution weigern würde:

„Nachdem nun aber solches Werk nicht etzlichen unserer Unterthanen allein, sondern allen unsern Unterthanen ins Gesammt zu Gute treuherzig gemeinet und angestellt, oder derowegen, daß einem oder anderem angemaßte Exemtio keineswegs gewilligt oder zugelassen werden kann, wie wir denn auch keinen einzigen darunter zu übersehen, sondern von einem Jeglichen, ob und welcher Gestalt er zum Nothfall bei uns oder wider uns zu halten gesinnt sei, ob dem Werk zu spüren und zu wissen entschlossen sein etc.“

 

 

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Mit vielen Anhängseln war das System der Schatzungen einigermaßen ausgebildet, nicht ohne Gewalt wurde die Contribution weiter begründet und gleichfalls mit Anhängseln versehen. Drückende Ungleichheiten waren die unausbleibliche Folge so eigennützig vernachlässigter Pflichten.

 

12.

 

Ehe noch das neue Gebäude hinlänglich ausgebildet und befestigt war, starb Herzog Heinrich Julius plötzlich zu Prag 1613. Ihm folgte sein ältester Prinz, Friedrich Ulrich, bei dessen Schwäche Vieles von dem, was die Vorgänger mit unendlicher Mühe aufgebauet hatten, wieder unterging. Aus seiner Zeit stammen wichtige, gegen den Staat erworbene Privilegien der Stände, und um zu beurtheilen, was von den Verträgen mit ihm und den von ihm gewährten Begünstigungen zu halten ist, müssen die Verhältnisse näher beleuchtet werden, unter welchen dieser unglückliche Fürst lebte und wirkte.

 

Herzog Friedrich Ulrich war, seinem Charakter nach - darüber liegen bündige Zeugnisse vor - ein gutmüthiger Herr. Es fehlte ihm nicht an wissenschaftlicher Bildung, und gleich im Anfange seiner Regierung ordnete er, mit Beistand seines Verwandten, des Königs von Dänemark, einen Theil der Collegialverfassung, welche bis in die neueste Zeit fortbestand. Er lebte mit seiner Gemahlin - wie aus Manchem sich ergiebt,

 

 

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nicht durch seine Schuld - in unglücklichen Verhältnissen, auch bald von derselben getrennt. Er war zu gewissenhaft - wie gleichfalls aus bestimmten Thatsachen hervorgeht - um sich den Abgang an häuslichen Freuden in irgend einer Weise zu ersetzen, und so wurde er nach und nach verstimmt und - was den Fürsten des Hauses nicht eigen ist - mürrisch und mißtrauisch; nur war er das Letztere nicht da, wo es recht wünschenswerth gewesen wäre. Der Statthalter Anton von der Streithorst *) und die Landdrosten Joach. von der Streithorst, von Wobersnow und von Rethen bemächtigten sich seines ganzen Vertrauens. Sie allein umgaben ihn und verhinderten den Fürsten, aus eigener Anschauung oder durch Andere eine Ueberzeugung zu fassen, um durch den Nebel hindurch zu sehen, den man künstlich um ihn verbreitete.

 

Die schädlichen Männer wußten nach und nach die Landesbehörden außer Wirksamkeit zu setzen, zahlreiche einträgliche Staats- und Militairämter an sich zu reißen und die Landeseinkünfte zur Füllung der Privatkassen zu benutzen. Die durch sie veranlaßte Unordnung, welche am meisten auffiel und am weitesten bekannt wurde, betraf ihr heilloses Münzwesen - die von ihnen begründete Kipperei und Wipperei. Sie münzten in 40 verschiedenen Münzstätten, ließen, um die erforderlichen Kohlen zu erlangen, die Wälder verwüsten, tauschten durch schlaue Betrüger - die Kipper und Wipper - gegen ganz gehaltlose übersilberte Münze (vorzüglich sogenannte Schreckenberger) harte Thaler ein, veranlaßten, daß ein solcher endlich mit acht Currentthalern (Thaler in kleiner Münze) vergütet werden mußte, und rechneten bei Zahlung von Salarien und Löhnen, so weit sie reichen konnten, die schlechte werthlose Münze den guten harten Thalern gleich.

 

Es wird hier nur dieser Verhältnisse erwähnt, weil sie mit dem Wirken und Treiben der Landschaft in Verbindung stehen.

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*) Er wurde nach dem Edicte vom 1. Febr. 1616 zum Oberhofmeister Geheimen Rathe und Hofrichter, dann aber am 10. Decbr. 1616 zum Statthalter ernannt. Sein Stammgut war Schliestedt.

 

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Der heillose Zustand veranlaßte allgemeines Wehklagen. Selbst die edle Herzogin Mutter und der durch sie wahrscheinlich veranlaßte „königliche Wecker“ - ein ernstliches Ermahnungsschreiben des Königs von Dänemark - hatte eine Aenderung nicht bewirken können, da der Eindruck, welcher davon erwartet werden konnte, in den Verleumdungen und falschen Angaben wieder vernichtet wurde, zu denen die Landdrosten, stets in der Nähe des Fürsten, immer befähigt und bereit waren. Das Land sah nun auf die Landstände und forderte Hülfe. Sie versammelten sich an mehreren Orten, besonders zu Bokenem, das damals noch mit einem Theile des Bisthums Hildesheim dem Herzoge angehörte. Die Angelegenheit kam zur ausführlicheren Erörterung, und es wurden Eingaben an den Fürsten entworfen, die jedoch bei der fortdauernden Umlagerung desselben ohne Erfolg blieben. Die Landdrosten erbitterten den Fürsten mit der in schlechten Sachen so oft gebrauchten Rede: die Stände wollten sich (wie sie es nannten) ein Condominat anmaßen, sie wollten sich in Regierungsangelegenheiten mischen; und es erfolgten dann die heftigsten Drohungen.

 

Der Herzog war, bei seiner unglücklichen Stimmung, in hohem Maße jähzornig und augenblicklich zu den härtesten Maßregeln fähig, wenn er Ungerechtes zu bemerken glaubte, nur war er leider ganz von seinem Wolke getrennt, und sah nur mit den Augen Einzelner, die seinen Blick nicht auf die wunden Stellen kommen ließen. Der größere Theil der Ständemitglieder zeigte sich in hohem Maße furchtsam und schwach. Namentlich erklärten die meisten Mitglieder der Ritterschaft, wie der Prälaten, mit der Sache sich nicht weiter befassen zu wollen, obwohl hier eine recht eigentlich ständische, in dem Interesse des Fürsten und seines Landes hochwichtige, die Ehre Beider auch im Auslande compromittirende Angelegenheit vorlag. Nun traten wiederum einzelne hochachtbare Ehrenmänner hervor, die, nicht gestützt auf Corporation und eitle Würden, ja verlassen von ihren Genossen, nur im Gefühle der Ehre und Pflicht das Wagstück auf sich nahmen.

 

 

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Darüber, daß es in jenen Zeiten ein lebensgefährliches Wagstück war, könnten, wenn es nicht zu weit führte, die bündigsten Beweise gegeben werden; das Ende dieser Geschichte beweiset aber selbst, wie rasch damals verfahren werden konnte. Im Vertrauen auf die gerechte Sache und den edlen, aber ganz irre geführten Fürsten, entwarfen die Ehrenmänner ein sehr ausführliches Schreiben, in welchem sie alle Missethaten der Landdrosten und des Statthalters aufdeckten, diese als die Missethäter ausdrücklich bezeichneten und die Noth des Landes in allen Einzelnheiten schilderten. Sie gaben sich das Wort, ihr Leben einsetzen und fest aneinander halten zu wollen, um dem Fürsten die Augen zu öffnen, und dann - dies durften sie zuversichtlich hoffen - Abhülfe zu erlangen.

 

Zu den Männern, welche das Schreiben unterzeichnet und den Bund geschlossen haben, gehören unter Anderen die Mitglieder noch jetzt im Lande fortblühender Familien: Siegmund Julius von Oberg, Ernst von Steinberg, Burghard von Campe, Jacob von Cramm, Hans von Oldershausen, Borries von Münchhausen; dann Reinerus, Abt von Ridagshausen, Valentin und Petrus Moller, Domherren am Stifte St. Blasii, Cludius vom Stifte Cyriaci und die Bürgermeister der kleinen Städte, Hüpeden aus Münden, Blanke von Gandersheim und Cramer von Seesen. Kleinere Grundherren, obwohl sie sich Ritter nannten, obwohl sie gerade auf ihre Ritterrechte immer am eifersüchtigsten waren, hatten sich sehr weise und vorsichtig zurückgezogen, der so wichtigen Angelegenheit den Charakter einer gemeinsamen landschaftlichen Sache genommen und die Einzelnen, als solche, bloßgestellt.

 

Die Ehrenmänner suchten Gelegenheit, dem Herzoge ihre Schrift in Wolfenbüttel zu überreichen, um daselbst auch mündlich Vortrag zu machen. Sie wurden von dem Canzler von der Weihe aufgefordert, „doch mascule bei einander zu stehen, er wolle, wenn er irgend Gelegenheit fände, gern helfen“; allein es war nicht möglich, zu dem Fürsten zu gelangen, ohne auf die Landdrosten zu stoßen.

 

 

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Eine Deputation folgte dem Herzoge, der auf das Schloß Calenberg sich begeben hatte, nach, allein auch hier fanden sie die Männer, die jetzt aufgeregt und bei ihrem gefährlichen Spiele sehr geneigt waren, den Fürsten zu dem härtesten Verfahren anzureizen. Sie wandten sich endlich an die Herzogin Mutter, Elisabeth, Tochter Königs Friedrich II. von Dänemark, die ihren Wittwensitz in Schöningen hatte, und der auch das Schloß und Amt Hessen zum Witthum verschrieben war. In Schöningen legten sie ihr das Schreiben mit der Bitte vor, zu der Ueberreichung in einem günstigen Augenblicke förderlich sein zu wollen. Die edle Frau erwiderte, daß sie des Landes Noth kenne und längst bessere Zeiten wünsche, und daß sie Alles aufbieten werde, um eine Aenderung zu bewirken. Mit Besonnenheit entwarf sie selbst den Plan. Sie bat durch einen Eilboten des Herzogs Oheim, Philipp Sigismund, Bischof von Osnabrück, schleunigst nach Wolfenbüttel zu kommen, um in der ihm bekannt gemachten Landesangelegenheit Hülfe zu leisten. Sie ersuchte den Bischof, über den Zweck seiner Reise dem Herzoge Nichts mitzutheilen, und lud nun diesen und den Bischof, der pünktlich sich angefunden hatte, nach dem Schlosse zu Hessen auf den 9. September 1622 ein. Beide folgten der Einladung; der Bischof vermochte aber nicht zu verhindern, daß auch die von Streithorst, die sorgsamen Begleiter des Herzogs, in der Gesellschaft waren. Der Tag der Ankunft verging, ohne daß der Zweck der Einladung verfolgt wurde; in der Nacht darauf hatte aber auch auf ausdrückliches Erfordern der Fürstin, ein Theil jener Ehrenmänner sich angefunden. Sie waren im Stillen in einem Zimmer des Schlosses untergebracht. Als am andern Morgen die Fürstin den Herzog und den Bischof um sich sah, überreichte sie dem erstern das Schreiben mit der ernstlichen mütterlichen Bitte, dasselbe ruhig zu lesen und den Inhalt als Fürst und Landesherr zu würdigen. Der Herzog las und ging während des Lesens mehrmals, sichtbar ergriffen, im Zimmer auf und nieder. Er befahl dem Statthalter von der Streithorst und dessen Bruder, die auch gegenwärtig waren, in ein Nebenzimmer zu gehen.

 

 

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Die Herzogin machte nun auch mündlich eine Schilderung der Lage des Landes, erinnerte auf das Wärmste den Sohn an seine Regentenpflichten und überließ dann das Wort dem Bischöfe. Er habe, sprach dieser, mit Kummer von dem Elende des Landes und dem Schimpfe, welcher seinem fürstlichen Hause durch einige Unwürdige, denen der Herzog unverdientes Vertrauen geschenkt habe, zugefügt sei, auch im Auslande gehört. Die Lage des Landes sei ganz die in dem Schreiben erzählte; Christen- und Fürstenpflicht fordere die schleunigste Abhülfe. Inzwischen öffnete die Fürstin eine Thür und es traten nun auch jene Ehrenmänner herzu. Sie versicherten die Wahrheit des Inhalts ihres Schreibens und setzten dafür ihr Leben und ihre Güter ein. Sie gaben mündlich Erläuterungen und wiederholten so auch ihre Bitte, die geradezu auf Untersuchung und, dem Befinden nach, Bestrafung des Statthalters und der Landdrosten gerichtet war. So wurde endlich das Dunkel durchbrochen, in welches der Fürst künstlich eingehüllt war. Er gab, nachdem er die einzelnen Punkte des Schreibens auch mit dem anwesenden Canzler von der Weihe erwogen hatte, Befehl, den Amtmann, bewaffnete Mannschaft, die Frohnknechte und Ketten herbei zu holen, er ließ den Statthalter vorführen, fesseln und nebst dessen Bruder unter starker Bedeckung in das Krokodilen-Bollwerk nach Wolfenbüttel abführen, kehrte selbst schnell nach Wolfenbüttel in Begleitung der Herzogin wie des Bischofs zurück, ernannte Ernst von Steinberg zum Statthalter und stellte ihn als solchen schon folgenden Tages Deputationen der wolfenbüttelschen und calenbergischen Landschaft vor, den Männern, welche die Sache auf sich genommen hatten und in Wolfenbüttel anwesend waren. Zu allgemeiner Freude wurden nun die alten unterdrückten Behörden wieder in Thätigkeit gesetzt und die verderblichen Münz - und andere schädliche Anstalten aufgehoben *). Der Statthalter von der Streithorst

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*) Die Erzählung ist aus den gleichzeitig aufgenommenen Protocollen und deren Anlagen gezogen.

 

 

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starb am 17. September 1625 noch im Gefängnisse, der Landdrost von der Streithorst wurde nach langer Gefangenschaft auf Betreiben mächtiger Verwandten freigelassen, von den beiden übrigen Landdrosten war Wobersnow schon vor der Explosion verstorben, von Rethen aber hatte sich auf flüchtigen Fuß gesetzt.

 

So endigte diese tragische Geschichte, deren ich hier nur in der Kürze erwähnt habe, weil darin sich darlegt, was in wichtigen Fällen auf das Corpus der Landschaft, als ein solches, zu geben war. Wenn es galt, alte, dem Staate abgewonnene Vorrechte zu befestigen und neue zu gewinnen, so waren alle Mitglieder auf dem Platze, die Gefahren aber überließen sie den Einzelnen, den Männern, die durch ein tieferes Pflichtgefühl und in der festeren Stellung, die bedeutender Grundbesitz gewährt, wie bei dem dadurch bewirkten engeren Zusammenhange mit dem Staate, für schimpflich hielten, der Gefahr zur Unzeit auszuweichen.

 

Als 1614 Befreiung vom Hufenschatze zu erlangen, 1615 eine neue vortheilhaftere Vereinbarung wegen der zum Landschatze zu zahlenden Aversionalsummen zu treffen, und 1619 und 1623 Grundsätze zu sanctioniren waren, die weder den bestehenden Staatsverhältnissen, noch den vom Herzoge Heinrich Julius schon durchgefochtenen Satzungen gemäß waren, hatten auch Prälaten und Städte, wie die kleinen Ritter, Nichts weiter zu erinnern, und gern verdoppelten sie anderen Einwohnerklassen den Landschatz zur Abführung der Landesschulden.

 

13.

 

Die Landwehrverfassung, welche Herzog Heinrich Julius, unter der Benennung „Militair-Ausschuß“ eingeführt und zu deren Ausführung er Waffen, Uniformen und sonstige Bedürfnisse angeschafft hatte, ließ der Nachfolger wieder in Verfall gerathen.

 

Die Ritterschaft, die sich, wenn es sich um Landesschulden und Steuern handelte, immer noch auf ihre Roßdienste bezog, und in Rücksicht darauf auch von Friedrich Ulrich sehr bevorzugt war,

 

 

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sollte nun, als ein gefährlicher Krieg bevorstand, zum Kriegsdienste ernstlich wieder benutzt werden. Schon unter dem 25. Sept. 1616 erging ein Ausschreiben darüber, wie die Lehnsleute bewaffnet sein und mit ihren Knechten zur Musterung gestellt werden sollten, und auch die Beschloßten (die Pfandinhaber herzoglicher Aemter) waren zugezogen *). 1617 wurde die Mannschaft zu dem Dienste, unter der Benennung des „Reuterdienstes“ zusammengezogen und auch Lehnsleute aus den Städten wurden gefordert. Das Ganze war in Cornetts abgetheilt, und jedem Cornett stand ein Rittmeister vor, der 70 bis 109 Pferde unter sich hatte, eine Differenz, die dadurch veranlaßt wurde, daß Viele daheim blieben. Aus den zahlreichen Entschuldigungsschreiben ergiebt sich, daß viele Lehnsleute das mittelalterliche Spiel, das bis zum Jahre 1622 dauerte, mißbilligten und gewiß gern ein anderes Abkommen,

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*) Nach dem Ausschreiben sollen die zu Roß dienenden Lehnsleute zur Musterung auf dem Hause Liebenburg sich stellen, und zwar mit vollem Küras, starken reisigen Pferden, so einen Küras tragen können, zwei Pistolen und guten, tüchtigen Knechten, wie sie bei der Reiterei herkömmlich sind und ihre Pferde zu reiten wissen. Nach dem Ausschr. v. 20. Juli 1617 sollen die Lehnsleute und Beschloßten zu der Musterung, auch zu Schimpf und Ernst sich stellen mit vollem Küras und Waffen, sowohl mit Brassaden und Armpipen, als mit Beinsperen, die Armpipen bis auf die Hände mit einem linken Blechhandschuh und mit Beinschienen, die unter die Kniee reichen, auch mit zwei Pistolen.

Es wurden 1617 ferner zum Roßdienst aufgefordert die Grafen von Oldenburg wegen des Stadt- und wegen des dritten Theils vom Budjadinger Lande, auch wegen des Hauses Harpstede mit 6 Pferden, - die Grafen von Mansfeld wegen vier von Braunschweig zu Lehn gehender Dörfer, - die Grafen von Schaumburg, - die Grafen von Stollberg wegen des Hauses Hohnstein,- die Grafen von Spiegelberg wegen ihrer Grafschaft.

Diese Herren fanden sich persönlich nicht an, die übrige Lehnsmannschaft wurde ohne Rücksicht auf Stand und Würden zusammengestellt, und auch die Bürger, welche Lehen hatten, traten in die Reihen, so wie die Beamten mit 2 Pferden, die Oberförster mit 2 Pferden, die Förster mit 1 Pferde, die Amtsschreiber mit 1 Pferde.

 

 

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unter Verzichtleistung auf die mit solchen veralteten Diensten verbundenen Vorrechte, getroffen hätten, allein dahin war die größere Zahl nicht zu bringen, eben weil die Ritterschaft so viele unbedeutende, nur mir Acker- und Halbspännerhöfen ausgestattete Mitglieder unter sich zählte, die auch eine Ehre darin suchten, nicht, wie der Nachbar, Steuern zahlen zu müssen. Zu dem Cornett, welches unter dem Rittmeister von Alten zu Holzminden stand, sollten sich auch die Grafen zu Spiegelberg mit 12 Pferden, die Grafen von Oldenburg mit 6 Pferden, dann zu anderen Cornetts die Grafen zu Schauenburg, zu Pyrmont, zu Mansfeld, die alle Lehnsleute des Herzogs waren, stellen; sie blieben aber aus, denn sie waren meistens selbst als Reichsunmittelbare längst anerkannt, deren Besitzungen seit der neuen Reichsverfassung in andere Verhältnisse übergegangen, wenigstens zu den Reichslasten unmittelbar mit angezogen waren. Der ganzen Armada erging es, wie dem General Rau mit seinem Türkencorps im siebenjährigen Kriege, dessen Leben und Thaten ein dickes Werk, mit in Kupfer gestochenem Titel, ankündigte, das jedoch übrigens nur weißes Papier enthielt.

 

Nachdem dem bösen Regiments der Landdrosten (1622) ein Ende gemacht war, erging unter dem 23. Febr. 1624 die Verordnung, daß unverzüglich der alte Ausschuß (die Landwehr Herzogs Heinrich Julius) wieder geordnet und eine beständige Defensionsverfassung begründet werden solle; doch es erstreckte sich der verheerende Krieg schon über den Norden Deutschlands; der Herzog entfloh und bestellte seinen Bruder, den Herzog Christian (1626), zum Gouverneur seiner Lande. Es trat ein Zeitpunkt ein, in welchem die Landschaft in das äußerste Gedränge kam. Herzog Christian berief die Landstände und forderte die schleunigste Hülfe an Mannschaft und Steuern, ließ auch danach eine Reihe von Verordnungen ergehen, nach welchen die Einzahlungen beschleunigt werden mußten und die zur Contribution zu zahlenden Sätze bestimmt, auch die veralteten Privilegien wenig geachtet wurden (im März 1626).

 

 

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Einzelne Prälaten und Ritter ersuchten den Herzog daher, schleunig ins Land zurückzukehren und dasselbe von den Anforderungen Herzogs Christian zu befreien (17. Apr.). Der Kaiser ließ sich von der Ritterschaft den Revers ausstellen, daß sie ihrer Privilegien, Beneficien, Güter und Habseligkeiten verlustig sein wollten, wenn sie die Lande nicht von den dänischen Garnisonen befreien würden (30. Aug. 1626), und der König von Dänemark schrieb den Ständen: „Es sei das Unglück so groß geworden, weil sie den schuldigen Roßdienst verweigert hätten (!). Man müsse sich kategorisch für eine Partei erklären, die Stände wären, wie auf einem theatro der Comödie, oder vielmehr der Tragödie, zuzusehen geneigt, wie die Sachen hinaus schlagen wollen, und alsdann erst, da es wohl abginge, cum applausu herbeizukommen und sich, wie es getreuen Patrioten und Unterthanen gebühren möchte, bezeigen zu wollen.“

 

Die Schlacht bei Lutter am Barenberge und der Tod Herzogs Christian halfen zwar für dasmal aus der Klemme, der König fällte aber ein ganz richtiges Urtheil über das damalige Ständewesen, dessen mangelhafte Form kräftigen heilsamen Beschlüssen immer entgegenstand, und dem Besonnenen nicht Raum ließ, seine wohl begründete Meinung geltend zu machen.

 

Unter tausend Drangsalen verstrich die Regierungszeit Herzogs Friedrich Ulrich. Die Landwehr konnte sich unter ihm nicht wieder entwickeln, und noch 1633 berief der Fürst wiederum die Roßdienstleute in 10 Compagnien und mit 552 Pferden; Officiere selbst aber fanden das Ganze unbrauchbar.

 

14.

 

Dem Herzoge, der 1634 starb, folgte der hochgebildete staatskluge Herzog August, jedoch nur in dem Fürstenthume Wolfenbüttel, wie dasselbe in dem Theilungsvertrage (1635) bezeichnet ist.

 

 

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Die Verhältnisse waren schrecklich, in welchen August, dieser mit allen Eigenschaften eines großen Regenten ausgerüstete Fürst, das Land traf. Seine erste Sorge war, über den Zustand die genaueste Kunde zu erlangen, um, wo es seine Kräfte irgend gestatten würden, zu helfen. In den amtlichen Berichten hieß es: daß in der Oberbörde des Amts Wickensen 55 Höfe, in der Unterbörde 46 Höfe ganz verwüstet und nicht mehr vorhanden wären, daß übrigens in jenem Theile 303 Höfe, in diesem 262 Höfe noch ihre Besitzer hatten, die jedoch aller Mittel zum Unterhalte und zur Bebauung ihrer Grundstücke beraubt wären. Seesen sei zur Hälfte eingeäschert, in Holzminden wären 50 Häuser von den Feinden niedergebrannt, Kirchen und Schulen wären spoliirt und Orgel wie Glocken muthwillig zerbrochen; in Gandersheim wäre kaum der vierte Theil der Bürger noch vorhanden, in Helmstedt wären 295 Häuser verwüstet und verlassen und nur noch 222 Häuser bewohnt. In ähnlicher Weise lauteten die Nachrichten aus anderen Theilen des Landes, und dabei war die Residenzstadt noch in feindlicher Gewalt. Als der Herzog endlich daselbst seine Hofstatt wieder einrichten wollte, fehlte es an allen Bedürfnissen, und selbst das nöthige Holz konnte aus einer meilenweiten Umgegend - wie aus dem Berichte der zur Untersuchung der Forsten abgesandten Commission hervorgeht - nicht herbeigeschafft werden, da z. B. in den Steterburger Forsten überall kein Baum, an der Asse nur noch wenige Eichen und im Lechelnholze eben so wenig Bäume zu finden waren.

 

Dabei wüthete der Krieg fort, der Herzog aber hatte das feste Vertrauen zu den Ständen, daß sie in dieser Noth kleinliche Rücksichten bei Seite setzen und ernstlich helfen würden. Deßhalb bereitete er, wie Herzog Heinrich Julius und auch dessen Vorgänger gleichfalls gethan hatten, das, was auf den Landtagen verhandelt werden sollte, mit einzelnen Mitgliedern der Landschaft vor. So wurden die in den Monaten Mai, Juni und Octbr. 1639 auf den Landtagen zur Verhandlung gebrachten Gegenstande vorher sorgfältig erwogen und durchgeführt,

 

 

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daß der Hufenschatz wieder eingefordert und andere Abgaben besser geordnet worden. In Gemäßheit der Landtagsverhandlungen vom 9. Mai 1640 erging am 11. Mai das Ausschreiben:

 

daß auf den Antrag der Landschaft auf dem jetzt abgehaltenen Landtage, da wahrgenommen sei, daß das allgemeine Aufgebot und die Landfolge, wenn sie zur Defension benutzt würden, die Unterthanen in ihren Gewerben störten, und dabei auch die Contribution in Unordnung geriethe, beliebt sei: „daß eine gewisse Anzahl Völker zu Roß und zu Fuß schleunig gerüstet, die Werbegelder unter die gesammten Unterthanen, nach Proportion der monatlichen Contribution, vertheilt und dergestalt aufgebracht werden sollten, daß einem jeden Orte seine gewisse Quote davon assignirt und dabei freigestellt werde, ob er sothane Summe alsobald an Geld einliefern, oder aber so viel tüchtige Mannschaft, als die proportio seiner Quote austrüge, 4 Thlr. auf einen Mann zu Fuße gerechnet, einschaffen wolle.“

 

Damit ging man von dem vom Herzoge Heinrich Julius geordneten Landwehrsysteme dauernd zu dem geworbenen Militair über. Es wurden noch im Jahre 1640 drei Regimenter errichtet, und nun auch Proviantgelder gefordert (im Aug. 1640). So weit war Alles gut gegangen, denn die lästige Landwehr, zu deren Aufstellung alle Ortschaften ohne Unterschied, ob herrschaftliche oder Junkerndörfer, angezogen wurden, entbehrte man gern, zumal da die damit in Verbindung gesetzte Contribution auch nach dem Fuße der Römermonate - wonach Alle Beiträge leisten mußten - eingezogen wurde. Es war nun allerdings entschieden, daß die Kriegshülfe ferner weder durch Lehnsmiliz, noch durch Landwehr, sondern durch geworbenes Militair beschafft werden konnte und sollte, und zwar in Gemäßheit eines Anerkenntnisses der Landschaft; die Folge davon aber war, daß nun die zum Unterhalte der Soldaten erhobene Contribution mit den Proviantabgaben dauernd wurde.

 

 

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Es war vorherzusehen, daß hieraus dem Lande die größere Last erwachsen würde, und der Herzog rechnete um so mehr darauf, daß kein Landsasse sich derselben entziehen würde, da sie die Folge einer von der Landschaft selbst hervorgerufenen modernen Neuerung war; allein die Ritterschaft erklärte sich auch hierbei nur zu der sehr geringen Aversionalsumme von 1500 Thlrn. bereit. Der Herzog ließ durch seinen Vicecanzler den Ständen eröffnen (5. Juli 1641):

 

die jetzt zu verpflegenden drei Regimenter müßten beibehalten werden. - Die onera ad bellum defensivum müßten von der Ritterschaft, auch neben dem Ritterdienste, mit getragen werden. Es müsse bei dem modo bleiben, welcher unter Herzog Friedrich Ulrich beachtet sei und nach welchem alle drei Stände mit Contribution belegt wären. Ein Anerbieten von 1500 Thlrn. sei nicht genügend.

 

Der Zeitpunkt war zum Widerstande günstig, denn die Regimenter wollten besoldet sein, die Städte und Bauern, welche zwar die Zahlung nicht verweigerten, befanden sich gleichwohl in den kläglichsten Verhältnissen und baten um Fristen, die Officiere aber - heißt es in einem Protocolle vom 8. Juli 1641 - warteten schon auf das Geld, und so nahm der Herzog auch die geringe Summe von 1500 Thlrn. an, in Rücksicht auf welche die Ritterschaft dann noch äußerte, daß sie nur „Sr. Fürstl. Gnaden zur Ehre“ Zahlung leiste.

 

Nicht nur der Fürst, sondern auch die Mitstände wurden dadurch erbittert. Die Städte erhoben 1642 heftige Beschwerde. Sie behaupteten, daß bei äußerstem Kriegsdrucke von dem Mitstande die Verhandlungen absichtlich verzögert würden, um ferner frei zu sein und den Städten und Landleuten die Last allein aufzubürden. Der Herzog ließ darauf die Contribution von allen Ständen heben, und als die Ritterschaft in der Eingabe vom 25. Mai 1643 bat, sie von der schweren Last zu befreien und nicht mehr mit Execution zu belästigen, erhielt sie am 14. Juni zur Antwort:

 

 

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die Defensionsverfassung bestehe noch fort, obwohl wünschenswerth sei, daß sowohl das gesammte Land, als die Ritterschaft, von der Last befreiet werden könne.

 

Um sich ein recht klares Bild von den Drangsalen zu verschaffen, in welche der Fürst und das Land in jenen ohnehin schon bedrängten Zeiten durch die verfehlte Stellung der Landschaft gerieth, und sich zu überzeugen, in welche unerhörte Verwirrung das Steuerwesen gerade in einer Zeit versetzt wurde, in der ein gerechtes Steuersystem vorzugsweise dringendes Bedürfniß war, wie nun zu allem Ueberfluß die Stände sich wechselseitig zausten und darüber Gemeinsames nicht gefördert werden konnte, muß man die auf landschaftliche Verhältnisse dieser Zeit sich beziehenden Acten zur Hand nehmen. Es war das eifrigste Bestreben des Herzogs und seines Canzlers Schwarzkoppen, eine durch die gewaltsamsten, unvermeidlichsten Zeitverhältnisse erforderlich gemachte Ausgleichung in gerechter Weise zu Stande zu bringen. Es wurde in ermüdenden Conferenzen mit der Gesammtheit der Stände, mit einzelnen Standesklassen, mit den Ausschüssen und mit den einzelnen einsichtsvolleren Mitgliedern derselben unterhandelt; allein - wie oft man letztere auch zum Frieden geneigt fand - die Gesammtheit der Ritterschaft verwarf Alles. Sie wollte keinen Plan fördern, ohne vorher versichert zu sein, daß die Last sie nicht treffen werde, und dabei liefen täglich Berichte und Klagen ein über das Elend in den kleinen Städten und auf dem Lande.

 

Der Herzog hatte fünf Jahre lang die Contribution von allen Ständen, aber bei dem Mangel an Bereitwilligkeit der Ritterschaft zur Feststellung einer geregelten Repartition, nach oft veränderten Grundsätzen einziehen lassen. Den Gutsherren fiel dabei insofern eine schwere Last zu, als sie bei der großen Zahl wüster Höfe jährlich Bedeutendes an ihren Gefällen einbüßten und andere aus dem Lehnsverbande entspringende Leistungen und Abgaben bei der Unbereitwilligkeit zu einer Ausgleichung, gleichfalls forterhoben wurden.

 

 

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Es überreichten deshalb (13. Juli 1650) der Landcomthur von Lucklum und die Herren v. Cramm und v. Steinberg ein jene Verhältnisse in bescheidener Weise hervorhebendes Schreiben. Es war darin zwar auf die Privilegien Bezug genommen, jedoch wurde der Herzog ersucht, solche Mittel an die Hand zu nehmen, wodurch der Ritterschaft wie des Landes Wohlfahrt gleichmäßig gefördert werde.

 

Der Herzog, obwohl wegen der nach allen Seiten hin bewilligten Befristungen und Erlasse, fortwährend in drückender Geldnoth, gestand (17. Juli 1650) einstweiligen Nachlaß mit der Bemerkung zu, daß er sich vorbehalte, in Nothfällen die Ritterschaft wieder in Anspruch zu nehmen, und schon im Jahre 1654 mußte, nach Kreisbeschlusse, wieder gerüstet und abermals auch auf die Ritterschaft Contribution ausgeschrieben werden. Nun wechselten Beschwerden derselben, gestützt auf Herzog Friedrich Ulrich‘s Reversalen vom 28. März 1623 und auf den Landtags-Abschied vom 17. Nov. 1623, mit Beschwerden der Prälaten und der Städte über Bevorzugung der Ritterschaft ab. Die Städte und Prälaten drangen auf eine gründliche Steuerausgleichung und Regulirung der Contribution und führten an, daß, wenn es auf altes Herkommen und Privilegien ankomme, man auch die ihrigen berücksichtigen möge. Der Herzog bemerkte am Rande:

 

das wollen Wir landesväterlich gern thun, insonderheit zusehen, wie die von beiden Seiten her allegirten Immunitäten conciliirt werden mögen, da Wir diese Exemtion des Mittelstandes *) - der Ritterschaft - für die höchste Unbilligkeit rechnen und halten.

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*) Es wurde die Bezeichnung der Ritterschaft als Mittelstand - zwischen Prälaten und Städten - zu den Privilegien gerechnet (Vgl. Privil. 1770, Art. 54).

 

 

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Es erging nun, um die so nothwendige Ausgleichung zu erwirken, unter dem 19. Aug. 1655 eine Ladung der Stände auf den 2. Oktober, und bei dieser sehr geräumigen Frist gingen doch Beschwerden mehrerer Ritter (20. Sept.) ein, wonach sie wegen zu kurz gesetzter Frist nicht erscheinen zu können behaupteten. Der Herzog kannte die Absichten dieser Einzelnen und ließ am Rande der Schrift bemerken:

 

die Zeit sei nicht zu kurz gewesen, wenn man nur Lust zum Handeln hätte. Wenn sie wider Uns Gravamina colligiren, so können sie in wenigen Tagen zusammenlaufen -

 

Am Schlüsse bemerkte er, da die Eingabe von größeren Grundbesitzern nicht mit unterschrieben war, eigenhändig:

 

„diese lucifugae seynd ihres Namens nicht bekannt, ist gleichwohl ein Gutes daraus zu entnehmen, daß sie es nicht alle unterschrieben, sondern nur etliche, welche den Catilinam im Busen führen und alimentiren.“

 

Der Herzog verschob die Versammlung bis zum 8. Oktober. Er hatte eine gründliche Erörterung der Verhältnisse, nach welchen die Steuerausgleichung geschehen sollte, vorbereitet. Er sandte zu der Verhandlung auf der Fürstl. Rathsstube seinen Canzler Schwarzkoppen und 5 Räthe; von den Ständen aber erschienen nur 5 Prälaten, 6 Ritter und dann Magistratspersonen der Städte: Helmstedt, Gandersheim, Seesen, Schöningen, Königslutter, Holzminden, Schöppenstedt und Stadtoldendorf.

 

Die Verhandlung, welche für das Land eine der einflußreichsten des Jahrhunderts werden konnte und mußte, ging vor sich, allein schon das Zurückbleiben so vieler Rittergutsbesitzer ließ einen schlechten Ausgang fürchten. Die wenigen Mitglieder konnten und mußten sich auf ihre geringe Zahl und den Mangel an Vollmacht beziehen, auch trat, ehe noch der Canzler die Einleitung gemacht hatte, der Decan des Stifts St. Blasii mit dem Vorworte hervor: Wenn des Landes Nothdurft eine Collecte erfordere, so sei auch die Ritterschaft dazu mit beizutragen schuldig: a) wegen des Herkommens, welches durch die alten Anlagen und Contributionsrechnungen bewiesen werde: b) weil es den Landtagsabschieden und c) den gemeinen Rechten gemäß sei.

 

 

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Der Canzler war dann bemüht, in umfassenderem Vortrage die drei Stände zusammen und dann jeden derselben abgesondert zur Feststellung eines bestimmten Fußes der Reparation zu bewegen. Es waren für die Miliz monatlich 6100 Thlr. erforderlich. Dazu waren die Beiträge berechnet;

 

Des Blankenburgischen auf . . . 200 Thlr.
Der Stadt Braunschweig auf . . . 300 Thlr.

Der übrigen Städte auf . . . . . . 1008 Thlr.

Der Bauern auf . . . . . . . . . . . 3500 Thlr.

Der Stifter und Klöster auf . . . .600 Thlr.

Der Ritterschaft auf . . . . . . . . . 492 Thlr.

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6100 Thlr.

 

Es wurde Nachweisung gegeben, mit welcher Nachsicht die Ritterschaft bei einem solchen Anschlage behandelt sei. Dabei kam vor, daß die Bauern nach dem für sie gemachten Anschlage den vierzehnfachen Römerzug zu zahlen hätten, und die Städte erklärten, daß sie in des Vaterlandes Noth gern das Ihrige leisten wollten, wenn auch andere Stände dies thäten. Auf die Erklärung der Prälaten, die schon nicht mehr zu den Grundherren gehörten, kam wenig an. Sie wollten auch nur nicht mehr thun, als die Ritterschaft; diese aber erklärte sich zu Nichts.

 

Das Truppencorps bestand damals aus einem Regiments Infanterie zu 8 Compagnien, das auf 4 Comp., und 3 Escadrons Cavallerie, die auf eine beschränkt werden sollten. Der Canzler erstattete seinem Herrn ausführlich Bericht von dem Ausfalle der Verhandlung, zu welchem der Herzog die Bemerkungen machte:

 

Also sollen die Bauern die Edelleute übertragen, die doch unter ihrer eigenen Last untersinken wollen. Auf solche Art würden sie ihren Scopum dahin sie längst collimiret erlangen. - Ihr werdet der Sache in dem Uebrigen zu thun wissen, und auf das Ite sprechen: in brevi redite.

 

 

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So kam Nichts zu Stande, und da dennoch der Staatshaushalt fortgeführt werden mußte, so überließ man lieber der Willkür, was durch ständische Beschlüsse grundgesetzlich geordnet werden mußte, als daß man die einseitigen Prätensionen aufgab, oder nur auf die mäßigste Zahlung sich einließ.

 

Der Herzog hatte schon 1654 statt des Natural-Roßdienstes Geld zur Werbung von Reitern, und zwar den dreiundzwanzigfachen Römerzug gefordert. Den auswärtigen Lohnleuten wurde aufgegeben, für jedes zu stellende Pferd 15 Thlr. zu zahlen oder Pferd und Knecht mit Waffen selbst zu stellen; auch erfolgten die Beiträge, obwohl sehr lässig; doch führte auch diese Anforderung nicht zu einer Ausgleichung wegen der so unregelmäßig vertheilten Militärlasten, nicht zu einer verbesserten Ordnung, auf die der Herzog bei der Anforderung gerechnet zu haben scheint.

 

Die Beamten hatten ihre Hebungen auch auf die seit dem Kriege noch im Elende schmachtenden Prediger erstreckt, da jedes Mittel, den Bedarf herbei zu schaffen, versucht wurde. Sie sandten Gebete statt Geldes ein und der Herzog entband sie sofort unter der Hinzufügung: „Gott wird ohne sie doch wohl Mittel schaffen.“

 

Im Jahre 1657, in welchem der Bau der Festung Wolfenbüttel wieder aufgenommen und auch eine Vermehrung des Militärs für nothwendig erachtet worden, kam es zu neuen Verhandlungen; nur 18 von der Ritterschaft hatten sich dazu angefunden und sie handelten endlich auf eine Aversionalsumme zu 2500 Thlr.; gleich darauf erklärten aber Andere, die nicht erschienen waren, das Anerbieten für nichtig. Sie wollten die Summe zwar erlegen, aber als ein „subsidium charitativum. Sie bezogen sich dabei auf die unter Herzog Friedrich Ulrich erlangten Privilegia, namentlich den Revers vom Jahre 1623, was den Herzog zu der schriftlich hinzugefügten Bemerkung veranlaßte:

 

 

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„Warum wird denn der nicht gedacht, die vor Herzogs Friedrich Ulrich Zeiten regiert haben, sondern nur dieses Jaherrn, welchen sie als eine Sackpfeife haben stellen können, wie sie gewollt haben?“

 

Es wurde nun noch wiederholt auch von der Ritterschaft eine Vergleichssumme zu den Militärlasten gezahlt, der Herzog aber setzte gegen das Ende seines Lebens die Bemühungen, eine gleichmäßige gerechte Vertheilung der Staatslasten zu bewirken, nicht fort. Dieser wichtige Zweig der Staatsverwaltung blieb in äußerster Unordnung, die nur dadurch weniger fühlbar wurde, daß der Fürst überhaupt in seinen Anforderungen mäßig war und gern half, wo die Noth es erforderte. Mit seinem 1666 erfolgten Tode konnte die Ritterschaft die unter Herzog Friedrich Ulrich reversirte Befreiung von der Contribution und von anderen Lasten für durchgeführt ansehen.

 

15.

 

Dem Herzoge August folgte Herzog Rudolf August, der 1685 seinen Bruder Anton Ulrich zum Mitregenten annahm und 1704 starb, wonach denn der zuletzt erwähnte Herzog bis zu seinem 1714 erfolgten Ableben allein regierte.

 

Die Landschaft hatte, durch die dauernde Geldnoth begünstigt, und bei dem unausgesetzten Bestreben jedes einzelnen Standes, von Gaben und Leistungen für den Staat sich, so weit thunlich, frei zu erhalten, alle damit im Zusammenhange stehenden, die Wiederbegründung einer geregelten Vertretung des Landes und aller seiner Bewohner begünstigenden Rechte gewahrt. Sie waren einer solchen Landschaft zwar nur zur Durchführung eigennütziger Zwecke dienlich gewesen, jedoch standen als landschaftliche Rechte - nicht Privilegien - fest:

 

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„Daß ohne Einwilligung der Landschaft keine neue Steuern und Abgaben gehoben werden durften, mit Ausnahme der Reichs- und Kreissteuern,

 

daß die Art und Weise, wie neue Steuern veranlagt, bestehende aber ergänzt und verbessert werden sollten, nur in Gemeinschaft mit der Landschaft festgestellt werden konnte, und die verwilligten Steuern durch landschaftliche Diener, von welchen die Schatzeinnehmer zuerst 1617 vorkommen, zu erheben und zu berechnen waren, unter dem Vorbehalte, dem Landesherrn Rechnung abzulegen und die verabschiedete Verwendung nachzuweisen,

 

daß die Zuziehung der Landschaft erforderlich war, wenn neue allgemeine Landesgesetze berathen und erlassen und alte Gesetze der Art geändert werden sollten,

 

daß die Mitglieder der Landschaft zur Berathung der in ihren Wirkungskreis gehörenden Angelegenheiten sich ohne Weiteres versammeln durften, und

 

daß die in den Ausschüssen und dem Schatzcollegio eröffneten Stellen von der Landschaft unter dem Vorbehalte des dem Landesherrn gegen die vorgeschlagenen Individuen zustehenden Einspruchs, wieder besetzt werden konnten; endlich

 

daß ohne ihre Zustimmung Veräußerungen von Landestheilen und Domänen nicht geschehen sollten und

 

die Landschaft ein eigenes Siegel führen durfte, die Schatzräthe auch zum Besten des Landes Anleihen machen und Verschreibungen darüber ausstellen konnten.

 

Dabei war ein engerer und ein weiterer Ausschuß geordnet, wenig aber nützten alle diese zum Theil, wie die eigene Cassenverwaltung, über die Grenzen einer Landesvertretung hinausgeführten Rechte; denn dadurch, daß sich namentlich die Ritterschaft den Landeslasten fast ganz entzog, hatten die Stände die Eigenschaft eines das Land vertretenden Organs und das Vertrauen verloren. Einer der wichtigsten Gegenstände landständischer Wirksamkeit waren für die Gesammtheit der Landesbewohner die Steuern, die Ritterschaft aber hatte sich in Beziehung darauf aus der Mitleidenschaft gezogen. Es kümmerte sie wenig, was Andern widerfuhr und die Folgen davon traten fortwährend mehr hervor.

 

 

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Die Regulirung der bedeutendsten Abgabe, der Contribution, konnte nun zwar leicht durchgeführt werden, diese jetzt sehr verkümmerte Wohlthat hatte man aber schon ein hundert Jahre früher genießen können, wenn die Fürsten geneigt gewesen waren, sie auf Kosten des größten Theils ihrer Unterthanen und zum Vortheile Einzelner zu erkaufen.

 

Aus dem Gesichtspunkte einer angemessenen Landesvertretung können nur Befugnisse für den Staat, nicht Privilegien gegen denselben, Gegenstand der Landesverträge und Grundgesetze sein; man fasse aber die Zusammenstellung der Privilegien vom Jahre 1710 in‘s Auge und beachte, was die Stände, namentlich die Ritterschaft sich nach und nach dem Staate gegenüber ausbedungen hatten. Man verfolge dann weiter, was auf Cassen, zu welchen man Nichts zu zahlen hatte, angewiesen, und mit welcher Leichtigkeit die Interessen derer behandelt wurden, welche die Bewilligungen trafen.

 

Es stand jetzt das siècle de Louis XIV. in höchster Blüthe. Die widrige Zeit der Alongenperrücken, der Unnatur, war eingetreten. Das: l‘ état c‘est moi - von dessen Sinn und Folgen später Unschuldige so schwer getroffen wurden - eigneten sich viele auch noch so kleine Gutsherren für ihr Besitzthum, noch so unbedeutende Diener für ihren Bereich an. Nannten sich doch die Prälaten selbst in Grundgesetzen „sonderbare Säulen und Zierden dieses Fürstenthums,“ während es auch Säulen dieser Art gab, die dem Pfeifen der Straßenjungen sich nicht zu entziehen wußten. Machte doch die Ritterschaft zur grundgesetzlichen Bestimmung, daß sie „Patrioten“ genannt sein wollten. Wohl gab es unter diesen, wie nachgewiesen worden, wahrhafte Patrioten; was konnten sie aber gegen das Anhängsel der vielen kleinen „Patrioten“ ausrichten, die immer und immer wieder, nur Patrioten für ihre Zaungerichte waren!

 

Der offenen Landtage wurden nun immer weniger. Der größeren Zahl der Ständemitglieder war es sehr gleichgültig, was in Beziehung auf das Land verhandelt wurde, da

 

 

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sie bei dem Handel kein persönliches Interesse hatte und die Fürsten, mit den früheren Vorgängen bekannt, verkehrten lieber mit den ständischen Ausschüssen oder mit Einzelnen aus der Ritterschaft, die denn auch ganz verfassungswidrig, im kurzen Wege für das Land hochwichtige Angelegenheiten abmachten.

 

Der gutmüthige Herzog Rudolf August, bekannt mit den Unordnungen und drückenden Ungleichheiten im Steuerwesen, erließ bald nach seinem Regierungsantritte den vierten Theil der Contribution *). Er nahm sofort darauf Bedacht, wie die drückende Steuer auf die, welchen sie nun zur Last fiel, gleichmäßiger vertheilt und wie bewirkt werden könne, daß die Exemtionen nicht noch weiter ausgedehnt würden, da die Huldigung bevor stand und dieselbe an die Bestätigung der Privilegien (die auch am 28. Oct. 1668 erfolgte) geknüpft wurde. Die Ritterschaft hatte, so lange sie ihrer Exemtion nicht sicher war, Aversionalsummen gezahlt, dabei hielt der Herzog sie einstweilen auch fest. Sie hatte abwechselnd 1500 und 2500 Thlr. zur Contribution beigetragen, 1671 zahlte sie ein Subsidium von 3000 Thlr., wogegen sie aber Revers erhielt. Es wurden solche Summen einstweilen zur Beseitigung mancher Ungleichheiten benutzt, auch entwarf man, bis zu einer endlichen gründlichen Ordnung der Angelegenheit, vorläufige verbesserte Repartitionen, wonach z. B. die Prälaten und Städte den 65fachen Römerzug entrichteten (1679), auch die Schriftsassen einen Viehschatz zu zahlen hatten; endlich erfolgte aber die neue Classification und der, in Gemäßheit der Instruction vom 28. Septbr. 1677 entworfene Fuß der Contribution vom Jahre 1683. Es wurden eine Commission zur Revision der danach gelieferten Arbeiten mit einer ausführlichen Instruction (3. Sept. 1696) versehen, und bald darauf (7. Mai 1697) waren die Arbeiten in soweit für vollendet erklärt, daß die neue Contributionsbeschreibung in Anwendung gebracht werden konnte.

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*) Ausschreiben 31. Sept. 1667.

 

 

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Da die Fürsten an den Kriegen dieser Zeit thätigen Antheil nahmen, so mußte für vermehrte Geldmittel gesorgt werden. Herzogliche Truppen fochten 1674 und 1675 mit gegen Frankreich, 1675 gegen die Schweden im Bremischen und Pommern, 1683 mit den Kaiserlichen in Ungarn - auch in Morea, 1689 gegen Frankreich am Rhein, und aufs neue wurde gerüstet als ernstliche Uneinigkeiten zwischen den fürstlichen Häusern selbst ausbrachen, die jedoch 1702 gedämpft wurden.

 

Das Militairwesen wurde sehr ins Große getrieben, 1688, als Herzog Anton Ulrich schon Mitregent geworden war, hatte man an Infanterie:

 

die Leibgarde zu Braunschweig . . . 320 Mann

die Leibgarde zu Wolfenbüttel . . . 110 Mann

das Regiment des Grafen Lippe 6 Compagnien . . . 660 Mann

das Reg. des Brigadier Schmideberg . . . 660 Mann

das Reg. des Obristen von Hollen. . . 660 Mann

das Reg. des Obristen von Bernstorf. . . 660 Mann

ein neues Regiment . . . . 660 Mann
Landmiliz . . . . 340 Mann

 

Die Cavallerie bestand aus 6 Compagnien, welche im Jahr 1688 noch durch 259 Pferden verstärkt wurden.

 

Der monatliche Aufwand für diese Truppen war berechnet zu 9180 Thlr. 20 Ggr., unter welcher Summe jedoch nicht begriffen waren die jetzt erst hinzugeworbenen 259 Mann Cavallerie und 684 Mann Infanterie; auch wurde bemerkt, daß den Regimentern, welche ins Feld rücken müßten, jedem monatlich 1500 Thlr. zuzulegen wären.

 

Ueber die Militärangelegenheiten und den dadurch veranlaßten ungeheuern Aufwand wurde der Regel nach nur mit Einzelnen aus der Landschaft, mit Einzelnen von der Ritterschaft oder mit Ausschußmitgliedern in der Kürze verhandelt; nur als man mit dem Haushalte soweit gekommen war,

 

 

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daß 1682 die Summe von 8 Tonnen Goldes bewilligt werden mußte, gestand die gesammte Landschaft (nach dem Landtagsabschluß vom 10. Oct. 1682) die Forderung zu. Sie wurde auf die landschaftliche Casse übernommen, in welche die Schatzungen flossen *); welche Befreiungen in Beziehung darauf aber die Stände längst erlangt hatten, ist oben schon bemerkt. In dem Landt. Abschiede ist die Hauptsache, in Beziehung auf welche ein Nebenreceß errichtet worden, nur beiläufig angedeutet, dann folgen aber alle die Zusicherungen und Begünstigungen, welche man sich für die leichte Mühe im eigenen Nutzen ausbedungen hatte **). Dazu wurden die Abgaben fortwahrend erhöhet und neue erfunden, von welchen die Ritterschaft, die, wenn sie auch einmal einige Tausend Thaler gegen bündige Reverse zuschoß, übrigens ganz befreiet blieb.

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*) 1681 flössen in die Landrentereicasse: Schafschatz, Hufenschatz, Stifts- und Klostertaxe, Stadttaxe, Landschatz, Brau- und Malzaccise, Accise vom Wein und fremden Bier in Städten und Flecken, Accise aus den Vorstädten und Rathskellern in und vor Wolfenbüttel, Krug- und Dorfaccise aus den Aemtern und Gerichten, Zehnt- und Scheffelschatz, Mühlenschatz.

**) Es ist für unser Thema wichtig, auch zu verfolgen, was außerdem geschah:

1677 28. Spt. wurde eine außerordentliche Contribution ausgeschrieben, und eine Viehsteuer (1 Pferd 1 Thlr., eine Kuh 18 Mgr. etc.).

1678 wurde eine Kopfsteuer und eine Proviantanlage bewilligt,
1680 eine außerordentliche Biersteuer eingezogen,

1681 erfolgte ein Aufsatz auf das Proviantgeld,

1682 erhöhete man die Contribution auf 4 Monate um ein Drittel, zugleich wurde wegen Fortsetzung aller außerordentlichen Anlagen und wegen einer Kopfsteuer verhandelt.
1683 wurde eine außerordentliche Contribution ausgeschrieben.
1684 forderte man auch eine Steuer von den Kühen, die nicht auf die Weide gingen, und die Fortsetzung aller außerordentlichen Steuern wurde genehmigt.

1688 wurde die Contribution um ein Viertel erhöhet und auf alle Unterthanen, mit Ausnahme der Ritterschaft, eine Viehsteuer bewilligt.

1690 fernere Bewilligung der erhöhten Contribution, wobei wegen der Einquartierung und des der Reiterei zu verabreichenden Services Zugeständniß gemacht worden,

1690 Zugeständniß, daß Zinsen auf 30000 Thlr. Capital vom Lande übertragen und das Capital auch von demselben wieder gezahlt werden solle.
1691 Erhöhung der Biersteuer.

1695 wurden 500,000 Thlr. auf die landschaftliche Casse übernommen.

1696 mußten 2½ Simpla der Contribution behuf Legations- und Fortificationskosten aufgebracht werden.

 

 

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16.

 

Während solchen Nothstandes wurde das Anerbieten dankbar angenommen, eine Ritterakademie (1687) zu errichten, die auf Kosten der Landes- - d. h. nicht von der Ritterschaft mit zu füllenden - Casse wenigsten großen Theils unterhalten werden sollte *), wurden den Landständen für Reisen und Zehrung behuf solcher Bewilligung Diäten, aus den Schatzungen zahlbar, zugesagt (1685), wurde freundlich vermittelt, daß neue Rittergüter errichtet und von den Landeslasten befreit werden konnten (1687).

 

Mit Deputirten der Landschaft vereinbarte man ferner die Uebernahme einer Summe von 500,000 Thlrn. auf die landschaftliche Casse, und zu dieser wurde dagegen auch das Einkommen von einer, im Jahre 1682 bewilligten Biersteuer eingezogen (Rev. 24. Juli 1695); der aus dem Lande eingegangenen Beschwerde: daß Naturaldienste und Dienstgelder eigenmächtig erhöhet würden, nahmen sich diese Deputite nicht ernstlich an.

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*) Die Akademie war zu Wolfenbüttel 1687 schon eingerichtet, als der Hofrath Germer an die zu Braunschweig versammelten Stände gesandt wurde, um desfalls Vortrag zu machen, Nachweisung zu geben, daß der Adel in neueren Sprachen (das Französische herrschte damals vor) und in ritterlichen Künsten geübt werden müsse, und zu der Unterhaltung des neuen Instituts 4000 Thlr. jährlich aus der Landrentereicasse zu fordern. Bald darauf (13. Sept. 1687) bemerkte man den Ständen, daß jährlich 7000 Thlr. erforderlich seien, von dieser Summe wären 4000 Thlr. auf Walkenried gelegt, 3000 Thlr. möge man auf die Biersteuercasse übernehmen, worüber auch der Receß vom 3. Febr. 1688 errichtet ist.

Die Akademie kostete übrigens von Johannis 1687 bis dahin 1688 12,193 Thlr.

 

 

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Es zeigte sich ferner die alte, nun veraltete Gerichtsverfassung, nach welcher die Pächter der Aemter und Güter Einfluß auch auf die Rechtspflege hatten und zum Theil auch Richter waren, in ihren drückenden Mängeln *). Des Herzogs Rudolf August einseitige und von ihm selbst verfaßte Resolutionen ergeben, wie sehr er geneigt war, zu helfen, allein die, welche zu berichten hatten, waren bei den Unordnungen betheiligt.

 

Als das 37,567 Thlr. betragende Proviantgeld (1698) nach dem Fuße der Contribution gehoben wurde, sorgte man nur dafür, daß, da die Aenderung ohne Zustimmung der Landschaft vorgenommen war, ein Revers ertheilt wurde, wonach durch solche den Grundgesetzen entgegenlaufende Verfügungen den Privilegien der Stände kein Eintrag geschehen möchte; übrigens war der Fuß der Contribution für die Ritterschaft der bequemste, da sie zu dieser Steuer nicht mehr beitrug. Im J. 1699 war die Kriegscasse schon wieder 211,557 Thlr., die dem größten Theile nach mit 6 Procent verzinset werden mußten, schuldig, und aus Vorträgen landschaftlicher Deputirter geht hervor, daß selbst 8 Procent gezahlt wurden; dabei aber konnte die Contribution kaum noch mit allen Zwangsmitteln erlangt werden. 1699 betrugen die Rückstände 13,096 Thlr., dabei waren 6 Regimenter Infanterie und Dragoner im Dienste, welche letzteren wieder beritten gemacht werden sollten. Der Aufwand dafür und die Kosten der Mobilmachung des Corps waren auf 97,006 Thlr. 13 Ggr. berechnet; es wurde desfalls wegen einer neuen Kopfsteuer unterhandelt.

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*) Nach solchen Beschwerden forderte z. B. der Beamte zu Wickensen, wider Herkommen, lange Reisefuhren nach Hameln und Münden, um Sollinger Steine zu verfahren, neben den zu zahlenden Dienstgeldern.

 

 

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Noch konnte den Deputirten der Landschaft, mit welchen solche Angelegenheiten fortwährend betrieben wurden, wenn sie ernstlich des Landes Noth hemmen wollten, Herzog Rudolf August eine Stütze sein, dessen wohlwollende Gesinnungen überall hervorleuchten; es wurden aber nur dickleibige gravamina aufgestellt, ohne daß es in der Hauptsache weiter gekommen wäre. Wenn allerdings manche edle Männer zu alle dem den Kopf schüttelten und gern von solchen Verhandlungen sich zurückzogen, so wurden doch die Andern durch freundliche Concessionen, z. B. (22. November 1702) daß, wenn das Stift Steterburg die vacanten Stellen im Stifte zu besetzen habe, von demselben keine andere Person, als solche, welche von einem oder andern im Fürstenthume Wolfenbüttel wirklich gesessenen adlichen Landstande ehelich erzeugt sei, gewählt werden solle - wieder erheitert. Man bewilligte dann gern, daß (29. März 1703) der Hufenschatz im Lande aufgehoben, dagegen aber ein doppelter Landschatz eingezogen, daß noch ein Simplum der Contribution zu dem bisherigen Betrage erhoben (5. November 1703), daß wegen des in der Kriegscasse sich ergebenden Mangels eine Kopfsteuer eingeführt wurde; dann aber sicherte man sich, gestützt auf die in fortwährenden Bedrängnissen erlangten Reverse, das auf Kosten des Landes Gewonnene, in den Privilegien vom 8. Januar 1710.

 

Das übermäßige Militair hatte in Folge der von Außen her aufgedrungenen Verhältnisse beschränkt werden müssen, und dadurch waren bessere Zeiten eingetreten. Es wäre gewiß angemessen gewesen, wenn im Gefolge der verminderten Kriegs- und Militairkosten Nachlässe stattfinden konnten, diese zunächst an den Service- und Fouragegeldern eintreten zu lassen. Sie waren aus der übermäßigen Zahl von Regimentern hervorgegangen, die man, wenn sie in das Land zurückkehrten, nicht ernähren konnte, und die dann zur Verpflegung in die Gemeinden vertheilt wurden, von welchen man annahm, daß sie den Druck weniger als andere Gemeinden empfinden würden. Auch von dieser Last wurden jedoch überall die ritterschaftlichen Besitzungen nicht getroffen, weil man behauptete, daß sie auch von Einquartierung frei wären.

 

 

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Gingen auf die dringendsten Beschwerden Regimenter ein oder, wurden sie in die Städte zurückgezogen, so ließ man sich von solchen regellos belasteten Gemeinden noch wenigstens Service- und Fouragegelder zahlen. Bei alle dem kam es der löblichen Landschaft - eigentlich der Ritterschaft, da die Prälaten längst meistens Staatsdiener waren und die Stimme der Städte kein Gewicht hatte - nicht in den Sinn, die Aufhebung so entstandener Lasten oder nur die gerechte Vertheilung derselben ernstlich in Anregung zu bringen; im Gegentheile suchte man auch daraus Nutzen zu ziehen.

 

Mit der Reduction des Militairs (1703) wurden Ersparungen thunlich und man konnte einigen Nachlaß an Steuern gewähren; wie und wem zu Gunsten wurde derselbe aber vermittelt? Eine alte Schatzung, der Hufenschatz, lastete noch mit auf der Ritterschaft. Sie war 1614 erhöhet und zur Abführung der Landesschulden bestimmt. Diese fast einzige die Ritterschaft noch treffende Landsteuer wurde auf den Antrag der löblichen Landschaft (29.März 1703) erlassen, dagegen aber von dieser löblichen Landschaft bewilligt, daß der Landschatz, zu welchem die Ritterschaft nicht beitrug, verdoppelt werden könnte. Die bittersten Beschwerden der Bauern bewirkten zwar, daß man die Hälfte des Aufsatzes wieder erließ, jedoch erst 1709, und nachdem man inzwischen auch die Contribution um ein Simplum erhöhet hatte.

 

Nachdem endlich noch die Resolution vom 27. Juli 1711 bewirkt war, wonach es heißt, daß in Beziehung auf den guten Zustand des Landes und auf den Antrag der Landschaft der Zehntschatz, so von den Stiftern und Klöstern auch der Noblesse hiesiger Lande zeither abgeführt werden müßte, von instehender Michaelis an, gänzlich abgestellt und aufgehoben sein solle, konnte die löbliche Landschaft auf ihren Lorbeeren ruhen, die sie im Kampfe gegen Fürsten und Land errungen hatte. Die Ritterschaft war ja nun von den Lasten für den Staat fast ganz befreit und konnte diese Befreiung nicht weiter treiben, weil sie dann auch die sehr geringen Ueberbleibsel der Last, wofür sie großen Theils Güter und Gerechtsame erhalten hatte, hätte abwerfen müssen.

 

 

 

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Sie hatte nicht nur der Mitleidenschaft für den Staat sich entzogen, sondern auch noch nebenher auf Kosten desselben angenehme und einträgliche Vorrechte erworben, und das Ganze dieser Genossenschaft gerieth nun in einen unter solchen Verhältnissen wohlthätig zu nennenden Schlaf - wohlthätig für Fürsten und Staat. Es kümmerte die Landschaft nicht, daß, dem vom Herzog Heinrich dem Jüngern errichteten, nachmals oft wiederholten und dem Lande in bündigen Reversen erhaltenen Vertrage (die Unteilbarkeit des Landes betreffend) zuwider, das heimgefallene Blankenburg getrennt und zur Begründung einer abgesonderten Linie des Hauses benutzt wurde.

 

17.

 

Bei so bedeutenden, der Ritterschaft nach und nach zugestandenen, aus der Fiction eines obwohl längst untergegangenen, dennoch als fortbestehend angenommenen Roßdienstes entwickelten Privilegien blieb nur noch wichtig, diejenigen Grundstücke genauer zu kennen, für welche die Vorrechte in Anspruch genommen werden sollten.

 

Es war reichsgesetzlich, daß die zur Besetzung und Erhaltung der nöthigen Landesfestungen, Plätze und Garnisonen erforderlichen Kosten, das, was in Fällen dringender Noth die Landesvertheidigung erforderte, die Kosten der Gesandtschaften, Reichs- und Kreisdeputationen, die Steuern, in deren rechtmäßigem Erhebungs-Besitze der Regent sich befände, von allen Landesbewohnern getragen werden sollten, und zur Hebung, behuf dieser Bedürfnisse war früher die allgemeine Landesmatrikel vorhanden, in welcher, wie oben schon bemerkt worden, alle Stände ihren Platz hatten und für alle das zu entrichtende Simplum - der zu einem Römerzuge zu entrichtende monatliche Beitrag - berechnet war.

 

 

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Wie nun die Ritterschaft die Beiträge zu den Kriegslasten, auch den Reichsgesetzen zuwider, zu umgehen und auf Landessteuern und dazu Pflichtige zu schieben gewußt hatte, ergiebt sich aus der obigen Darstellung; es blieb danach im Verhältniß zu den neuen Landeslasten nur noch Weniges übrig, was in Beziehung auf die alte Landesmatrikel repartirt werden konnte, und dies Wenige war es, wozu auch die Rittergüter noch angezogen werden durften.

 

Damit diese Bevorzugung gewisser Grundbesitzungen, die großen Theils nach und nach sehr zerstückelt waren, nicht auf andere, pflichtige Grundstücke ausgedehnt werden möchte, so ordnete schon Herzog Rudolf August (1684), daß die Landesmatrikel in dem Abschnitte revidirt werden sollte, in welchem die nach und nach dem größten Theile der Pflichten für das Land entzogenen Grundstücke verzeichnet waren. Das einer Deputation aus der Ritterschaft selbst übertragene Geschäft wurde sehr vernachlässigt. Es waren in mannigfaltiger Weise Bauerhöfe zu den Gütern gezogen, die man gern den begünstigten Grundstücken einreihete. Im Jahre 1705 wurde endlich dem Herzoge Anton Ulrich ein Anschlag überreicht, von dem die Deputirten selbst behaupteten, daß er noch sehr mangelhaft sei, weil manche Professionen unrichtig wären und solchen Prositenten der Ansatz nur ex aequo et bono habe gemacht werden können. Der Herzog Anton Ulrich, ein großer Freund der Noblesse, bestätigte dennoch das Machwerk. Bei den vielen darin vorgekommenen Unrichtigkeiten wurde abermals (1710) eine Berichtigung des Anschlags, und zwar unter der Androhung, daß die nicht angemeldeten Grundstücke unter die Contribution gezogen werden sollten, angeordnet, wonach ferner die sonderbarsten Ansprüche zum Vorschein kamen. Die Besitzer des Guts Scheppau behaupteten z. B, daß ihr Rittersitz vorhin unter der Hoheit der Herzoge von Lüneburg-Zelle gestanden habe, und daß sie deshalb nur nach zelleschen, noch vortheilhaftern Steuergrundsätzen behandelt werden dürften. Andere behaupteten, daß sie befreit bleiben müßten, weil sie für ihre Person im Auslande wohnten, und noch andere nahmen Befreiung auf den Grund gestützt in Anspruch, weil sie Theile ihrer Güter von anderen Lehnsherren empfangen hatten.

 

 

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So weit war man auch jetzt noch von einem richtigen Begriffe vom Staate entfernt, so suchte man nach Jahrhunderten noch Grundsätze weiter geltend zu machen, die nothwendig als schon mit dem 15. Jahrhundert zu Grabe getragen angesehen werden mußten!

 

Manche solcher Einwendungen blieben damals wirklich unerledigt; auf den Grund des „allgemeinen Fußes, wonach die Simpla bei rectificirter Rittermatrikel des Herzogthums Braunschweig wolfenbüttelschen Theils elaboriret worden“ (gedruckt 1716), kam aber nun der obenerwähnte Theil der allgemeinen Landesmatrikel in so weit zu Stande, daß derselbe unter dem 14. Mai 1716 bestätigt und am 28. Januar 1717 als Catastrum Nobilium mitgetheilt werden konnte.

 

So schied man einen Abschnitt des allgemeinen Landesanschlags aus und benannte ihn, um ja nicht mit den Bauern in Collision zu kommen, „Rittermatrikel“. Die Benennung hatte schon seit drei Jahrhunderten ihre eigentliche Bedeutung verloren, da es keine Ritter im Sinne des Mittelalters mehr gab. Auch die Bezeichnung „Corpus Nobilium“ war unpaßlich und konnte nur etwa auf die Grundstücke bezogen werden, da jetzt, wie früher, solche bona nobilia in den Händen auch der Bürger und Bauern sich befanden; man wußte sich aber auch bei dieser Gelegenheit ein kleines Vorrecht, nämlich das zu verschaffen, daß bei ferner in der Rittermatrikel vorkommenden Veränderungen die jedesmaligen adlichen Schatzräthe die Berichtigung besorgen sollten.

 

Die Contribution war bis zum Jahre 1697 neu geordnet und das darüber aufgestellte Kataster kam nun auch wohl, im Gegensatze zu jenem Catastro Nobilium, unter der Benennung des „Bauernkatasters“ vor, obwohl die Bauern wie die Städter neben dem Contributionskataster auch noch den Anschlag auf Reichs- und Kreissteuern, wovon die Rittermatrikel ein Theil ist, behielten.

 

 

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18.

 

Die endliche Berichtigung der Rittermatrikel fiel in die ersten Jahre der Regierungsperiode Herzogs August Wilhelm (1714 - 1731), während welcher die Stände in ihrer Gesammtheit eben so wenig Lebenszeichen von sich gaben, als unter Herzog Ludwig Rudolf (1731 - 1735), Herzog Ferdinand Albrecht (März - September 1735) und bis in die späteren Regierungsjahre Herzogs Carl (1735 bis 1780). In dieser letzten Periode wurden neben manchen mit Recht angefochtenen Verwendungen sehr bedeutende Summen für gemeinnützliche, hochwichtige Anlagen und Einrichtungen erforderlich. Der Herzog hatte schon 1750 die Vermessung der Forsten - auch der Gemeinde- und Privatholzungen - vollenden lassen und nach der Instruction vom 28. November 1755 nahm die so wichtige und einflußreiche Landesvermessung ihren Anfang, nach deren Beendigung die Steuerkataster auf gründliche Beschreibungen und Risse basirt werden konnten (Instruction vom 30. April 1776). Der Chausseebau wurde begonnen, das Landes-Brandversicherungswesen geordnet, ein Collegium Medicum eingesetzt und der Grund zu einer angemessenen Medicinalpolizei gelegt. Der Bergbau wurde durch neue nützliche Anlagen gefördert und mittelst Einrichtung der Porcellanfabrik, der Glashütten, der Eisenwerke suchte man die Wälder in der Wesergegend einträglicher zu machen und der damaligen Verarmung daselbst abzuhelfen. Inzwischen brach der siebenjährige Krieg aus, der das Land in schwierige Verhältnisse setzte, und in Verbindung mit den aus jenen Neuerungen verwachsenen Rückständen den Fürsten in die bedrängteste Lage brachte. Schon 1757 und 1758 hatten sechs Tonnen Goldes auf die landschaftliche Casse, die ihren Zufluß vorzugsweise aus den bekannten Quellen erhielt, ohne Zuziehung der gesammten Landschaft übernommen werden müssen. Es wurden die den Bürger und Bauer treffenden Abgaben erhöhet, bei alle dem konnte aber nicht verhindert werden, daß die Schuldenlast schon 1768 auf 1,398,683 Thlr. angewachsen war;

 

 

 

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wenigstens wurde sie zu diesem Betrage auf dem nachfolgenden Landtage angegeben, zu welchem die Stände auf den 17. December 1768, und zwar - wie die Prälaten wehmüthig und beschwerend anführten - seit 66 Jahren zuerst wieder berufen wurden. Die Verhandlungen des Plenums und der Deputationen dauerten bis in das Jahr 1770 fort. Es wurden verwickelte Berechnungen und Gegenberechnungen aufgestellt und das endliche Resultat war, daß man - und zwar die Prälaten in ihrem besondern voto unter wärmstem Danke für das auch ihnen gegebene Gastmahl - den größten Theil der Schuld auf die Landescassen übernahm und zur Deckung derselben und der Zinsen eine Kopfsteuer einführte, eine schon 1764 gehobene außerordentliche Contribution noch sechs Jahre fortbestehen ließ, die ausgehende Wolle mit 1 Thlr. den Centner besteuerte, die Fleischaccise in Braunschweig und Wolfenbüttel erhöhete, die Weinaccise von 5 Thlrn. auf 9 Thlr. 16 Ggr. setzte, die Branntweinsaccise gleichfalls erhöhete, eine außerordentliche Bier- und Essigsteuer anordnete, auch die Abgabe von Rauch- und Schnupftaback vermehrte.

 

Es lief in die Millionen, was in einem Zeiträume von 12 Jahren auf Cassen übernommen wurde, über welche die Ritterschaft zwar vorzugsweise verfügte, zu denen sie aber keine Beiträge leistete. Eine der angezeigten Schulden war aus dem gezwungenen Anlehen erwachsen, welches man zur Errichtung eines Husarenregiments etc. 1759 gemacht hatte, und welches 168,087 Thlr. betrug. Die Summe war dadurch zusammengebracht, daß man den Staatsdienern und auch den Officieren von ihren Dienstgeldern 20 Procent zurückbehalten hatte. In Beziehung darauf heißt es, daß, wenn dieses Darlehn aus dem Lande wieder aufgebracht und dann vertheilt werden solle, dies nur eine Rechnungsbeschäftigung veranlassen und mehr lästig als nützlich sein würde; man wolle deshalb die Sache „fallen lassen“, d. h. den Creditoren nichts geben.

 

 

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Bei allen diesen Landescalamitäten, zu deren theilweiser Abwendung doch die Ritterschaft, in sofern sie nicht modern sein wollte, hätte aufsitzen und zu Felde ziehen müssen, glaubte dieselbe doch auch etwas thun zu können; sie erklärte daher, in einer Reihe von Jahren nach dem Fuße der Rittermatrikel die höchst geringe Summe von 20,000 Thalern, jedoch gegen gehörige Reversalien, aufbringen zu wollen und stellte dabei noch die Bedingung, daß diejenigen ihrer Mitglieder, welche zu dem gezwungenen Anlehen beigetragen hätten, das Gezahlte auf den Beitrag zu den 20,000 Thalern sollten in Abrechnung bringen können.

 

Ein damaliger Hofrichter von Veltheim nahm sich bei diesen schmählichen Verhandlungen des Landes an. Er habe, bemerkt ein Zeitgenosse und Mitstand, für das Land als ständischer Deputirter mascule gestritten; er konnte aber nicht durchdringen und hatte, als allgemeiner gewünscht wurde, daß er zum Schatzrathe erwählt werden möchte, - unter jenen Verhältnissen wahrscheinlich - die Freude, daß man ihn nicht wählte; denn sein Benehmen war in den Augen der kleineren Reiter unritterlich.

 

Nachdem das große Werk zu Ende gebracht war, trug man den Landtagsabschied und alle die gegen das Land nach und nach gewonnenen Privilegien unter dem 9. April wieder zusammen; hatte sich aber dennoch in Beziehung auf die Landesschuld verrechnet. Zur Zinszahlung fehlten jährlich 45,000 Thlr., und um dies Deficit zu decken, wurde auf den 4. October 1774 ein Landtag zu Salzdahlum ausgeschrieben, jedoch, noch vor der Zusammenkunft, auf den 29. November verschoben, an welchem Tage man sich zu Braunschweig versammelte. Der Receß vom 2. September 1775 enthält das Resultat dieser Verhandlungen, die eine erhöhte Kopfsteuer zur Folge hatten und beiläufig mancherlei moderne Einrichtungen: die Abschaffung der Kirchenbuße, die Gewissensfreiheit bei der Privatbeichte, die Beschränkung des Colligirens zum Lotto etc. mit sich führten.

 

 

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19.

 

In der letzten Zeit der Regierung des Herzogs Carl war schon der Einfluß seines Erbprinzen, Carl Wilhelm Ferdinand, bemerkbar, der 1780 die Regierung antrat und seine geläuterten Regierungsgrundsätze bis an seinen Tod (1806) auf das Land in Anwendung brachte. Er hatte die Landtagsverhandlungen unter seinem Vater verfolgt. Der tiefste Widerwillen gegen alles Schuldenmachen und eine fast überstrenge Oekonomie waren die Folgen davon. Dabei war ihm die Tendenz der Stände und die ganz verschrobene Stellung derselben in Beziehung auf das Land bekannt geworden. Er erkannte den hohen Werth des Bauernstandes und sah selbst und unter Zuziehung tüchtiger Localbeamten, was für den Landmann Noth that. Eine Erhöhung der Steuern war ihm eben so sehr zuwider, als die Verhandlungen darüber mit Ständen, die immer nur für sich zu sorgen gesucht und zum Theil sich ganz aus der Mitleidenschaft gezogen hatten, wenn Staatszwecke Opfer erforderten. Er erkannte, wie der vorzüglichste Reichthum des Landes aus der Ackercultur hervorginge, und ließ sich, unter oft dringenden Verhältnissen, nicht bereit finden, den Gewinn zu schmälern, welchen der Ackerbauer aus hohen Preisen seiner Producte ziehen konnte.

 

Bei seinen Wünschen für die Verbesserung des Schulwesens und bei der Ausführung des Plans, eine abgesonderte höhere Schulbehörde einzusetzen, hatte er die Bitterkeit kennen gelernt, mit der ihn dieselben Stände wegen einer verletzten Form angriffen, die er, als gründlicher Kenner der Geschichte seines Hauses und Landes, wenn auf Anderer Kosten und unter eigenem Vortheile Etwas zu bewilligen war, stets bereitwillig gefunden hatte. Obwohl das Land noch tief verschuldet war, als der Herzog Carl Wilhelm Ferdinand die Regierung antrat, so verschmähte derselbe doch die Hülfe in alter Weise und zog, da doch Hülfe Noth that, die Beschränkung des Militairetats und den Gewinn, der sich aus der Verleihung des Militairs in fremden Sold ziehen ließ, vor.

 

 

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Diese letzte, von manchen Seiten her strenge getadelte Maßregel kommt zum großen Theil mit auf Rechnung aller der Privilegienkrämerei, durch welche der Staatshaushalt so erschwert und jede neue Anforderung für denselben einem die Gesammtheit seiner Unterthanen berücksichtigenden Fürsten unthunlich gemacht war; auch mag sie, in Beziehung auf das damalige Werbesystem und den Umstand, daß unter das Kriegsvolk die Hefe des Landes aufgenommen werden durfte, weniger strenge beurtheilt werden.

 

Das Land wurde in Beziehung auf den Schuldenzustand drohenden Gefahren entzogen; übrigens aber waren manche wünschenswerthe und auch von dem Fürsten beabsichtigte Verbesserungen in den bestehenden Einrichtungen nicht zu vermitteln, weil sie an die Zustimmung von Standen geknüpft waren, deren Berufung man aus guten Gründen scheuen mußte.

 

20.

 

Die französische Invasion gab hiernächst Gelegenheit, die Folgen des so verwickelten und verschrobenen Steuersystems zu übersehen. Es war nun ohne Verzug Geld herbeizuschaffen, und die Einzelnen, welche damals die Angelegenheit zu besorgen hatten, konnten und wollten auch, namentlich unter solchen Verhältnissen, die neuen Lasten nicht einzelnen Unterthanenclassen allein aufwälzen. Es wurden nun die zahlreichen Abgaben erhöhet, neue hinzugesetzt *); es war aber wohl Niemand im Stande, sich selbst darüber Zeugniß zu geben, daß eine nur einigermaßen gleichmäßige Vertheilung erreicht sei; doch der Usurpator machte mit dem Beginne des folgenden Jahres allen Steuerprivilegien ein Ende und erkannte auch keine Steuerfreiheit der Ritterschaft weiter an, von der als einer besondern privilegirten Standesclasse nun auch fürerst überall nicht weiter die Rede war und die erst mit dem Aufhören der Usurpationsperiode aus ihrem Schlummer wieder erwachte.

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*) 1½ Simpla von den Zehnten (15. Novemb. 1807). - Erhöhung des Schafschatzes (15. Juli 1807). - Abgabe von Besoldungen und Pachtungen (15. Juli 1807). - Erhöhung der Contribution um 1½ Simpla (15. Juli 1807). - Die von den ritterschaftlichen Besitzungen zu hebenden 1½ Simpla Contibutionis (15. Juli 1807).

 

 

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Wie Steuern veranlagt und auf alle Unterthanen gleichmäßig vertheilt werden konnten, war dasjenige, was die Westphalen am gründlichsten lehrten; als daher Herzog Friedrich Wilhelm 1813 in sein Land zurückgekehrt war, wollte weder dieser Fürst, noch seine Regierung sich einreden lassen, daß die alte Glückseligkeit durch eine braunschweigische Ritterschaft und ihre Privilegien begründet, und daß, um vormalige Freuden wieder zu genießen, die Herstellung solcher Institute nothwendig sei. Es erfolgten zwar einzelne, die bisherige Last erleichternde Verfügungen; aber zu einem Mehreren konnte man sich lange nicht verstehen.

 

Es ist so viel richtig, daß die Exemtionen der Ritterschaft (welchen Ursprungs sie auch sein mochten und wie deutlich auch eine Beleuchtung ersehen läßt, daß sie mit dem Untergange der Verhältnisse, aus welchen sie sich erzeugt hatten, ebenfalls längst hätten untergehen müssen) doch nun seit Herzogs Anton Ulrich Zeiten entschieden anerkannt waren, und daß Fürst und Regierung Bedenken tragen mußten, das freilich auf Kosten anderer Unterthanen gegebene Wort zu brechen. Allein zu beklagen bleibt gewiß, daß man im Jahre 1817 so weit ging, das ganze alte Grundsteuerwesen mit allen seinen Mängeln und Inconsequenzen wieder herzustellen, da man doch wenigstens die Grundlage zu einem viel bessern vor sich hatte, dies bessere in voller Anwendung war und leicht den Umständen nach verändert und vervollständigt werden konnte. Ein mittelalterlicher Geist ließ auch diese Maßregel herbeispuken, die aber, wenn dadurch nur jenen Exemtionen die Bahn wieder eröffnet werden sollte, durchaus verwerflich war. Daß sich eine wirkliche Verbesserung ohne jene Maßregel erreichen ließ, zeigten die 1819 begonnenen Landtagsverhandlungen, nach welchen als Grundsatz ausgesprochen wurde:

 

 

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Vom 1. Januar 1822 an gerechnet sollen alle bisher, und namentlich vor dem Jahre 1806, bestandenen Befreiungen von Steuern und öffentlichen Lasten gänzlich aufhören, und jeder Landeseinwohner soll schuldig sein, dazu in demselben Verhältnisse beizutragen, in welchem die übrigen Bewohner des Herzogthums in den verschiedenen Landestheilen ihre Beitrage leisten *).

 

Diese Bestimmung war es, die schon die Herzoge Heinrich der Jüngere, Julius, Heinrich Julius und August vergebens wieder zu erkämpfen gesucht hatten, die in Beziehung auf längst untergegangene Verhältnisse stets hintertrieben, durch einige, zum Theil während des Landdrosten-Regiments erfolgte Verfügungen Herzogs Friedrich Ulrich erschwert, und deren Wiedereinführung endlich, als die Staatswirthschaft auf Geldzuschüsse nothwendig begründet werden mußte, mit Hülfe des Rechts der Bewilligung für lange Zeit verhindert wurde.

 

Es war zu beachten, auf der einen Seite, daß Schritt für Schritt historisch nachzuweisende, durch Zeiten der Noth begünstigte Anmaßungen es waren, welche die mit dem Begriffe von Staat nicht zu vereinigenden, jetzt aufgehobenen Privilegien herbeigeführt hatten; auf der andern Seite aber, daß jene Anmaßungen durch eine Reihe von Reversalien (wenn auch ewig gültigen, aus der Natur des Staatsverbandes fließenden Grundsätzen zuwider) sanctionirt waren, und daß derzeitige Inhaber ihre Güter zum Theil in Beziehung auf die denselben anklebenden Privilegien erworben hatten. Bei diesem Conflicte wichtiger Erwägungen war daher die zugleich vermittelte Ausgleichung **), bei der solche Verhältnisse berücksichtigt sind, gewiß angemessen zu nennen, und die gezahlten Reluitionssummen verschwinden gegen die aus der Bestimmung übrigens erwachsenen wohlthätigen Folgen.

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*) VO. Die Ausgleichung der öffentlichen Abgaben betreffend, 29. Oct. 1821. §. 1. - Landt.-Absch. 11. Juli 1823. §. 8 und 20.
**) VO. Die Ausgl. Der öffentl. Abgaben betr. Vom 29. Oct. 1821.

 

 

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Ein umfassender Grundbesitz innerhalb des Staats ist das, was an die Interessen des Staats regelmäßig am festesten knüpft. Der Besitzer eines größern Gutes in seiner auf den Besitz selbst und auf ein reiches Einkommen von demselben begründeten festen Stellung wird, - wie auch die Geschichte so manche Beispiele aufstellt - wenn er der gebildete Mann ist, der er seinen Verhältnissen nach sein kann und soll, sich Uebergriffen weder auf der einen noch auf der andern Seite anschließen: denn seine Interessen sind mit denen des Staats im Allgemeinen am tiefsten verwachsen. Diese wichtige Classe von Landesbewohnern stand bis dahin bei den Verhandlungen in Landesangelegenheiten ohne das ihr erforderliche Vertrauen da. Durch verschrobene Stellung war sie in die Lage gesetzt und durch selbstsüchtige Genossen darin erhalten, ihre Beschlußnahmen in Landesnöthen nur auf den Säckel Anderer zu richten und die Nachreden und den Mangel an Vertrauen zu ertragen, welche die nothwendige Folge einer solchen Stellung sein mußten.

 

Jetzt gaben sie sich für Alles, was ferner Noth thun möchte, zur Mitleidenschaft her und wurden, wenigstens in Ansehung der Staatslasten, natürliche Vertreter auch der Classe der Landesbebauer, die bis dahin von jenen Beschlußnahmen allein getroffen wurden. - Ein hochwichtiger Vorschritt zum Bessern! -

 

 

21.

 

Ein ferneres drückendes Ueberbleibsel mittelalterlicher Zustände, eine Folge der an die Stelle der Landeshoheit getretenen Grundherrlichkeit, war auch die Rechts- und Gerichtsverfassung, wie sie bis zur westphälischen Zeit bestand und mit dem Anfange derselben verschwand *).

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*) Es war in vielen Fällen schon eine schwere Aufgabe, seinen Richter auszumitteln. Neben vier Obergerichten: Justizcanzlei, Hofgericht, Consistorium und Regierung zu Blankenburg, gab es noch sogenannte höhere Instanzen: das akademische Gericht, Hofmarschallamt, die Kriegsgerichte, das Appellations-Kaufgericht, die Polizeicommisston zu Wolfenb., die zwar keine Untergerichte hatten, von denen aber an den Landesherrn appellirt werden mußte. Zu den den höheren Landesgerichten unterworfenen Untergerichten gehörten die Magistrate, mit sehr verschiedenartig gestalteter Gerichtsbarkeit, 45 Aemter, die nach sehr mannigfaltigen und schwer zu verfolgenden Bestimmungen in die Gerichtsbezirke der Magistrate und Patrimonialgerichte mit eingriffen, 49 gutsherrliche und eine bedeutende Zahl Stifts- und klösterlicher Gerichte, deren Befugnisse nach Verhältnissen verschiedenartig waren, die nicht offenkundig vorlagen und an sich schon zu den beschwerlichsten Händeln und zu zahlreichen Processen zwischen den Gerichtsbehörden selbst die Veranlassung gaben. Die Streitigkeiten, selbst zwischen Aemtern und Klostergerichten, oft nur auf höchst geringfügige Grenzpunkte sich beziehend, gingen bis an die Reichsgerichte und dem Referenten lag eine Acte vor, nach welcher ein Amt mit dem benachbarten Klostergerichte darüber in Streit und Proceß gerieth, welche von beiden Behörden die Anordnung zur Reinigung der wenige Ruthen langen Strecke eines Bachs zu geben habe, die beide sich anmaßten. Der Klosterbeamte ließ seine Schreiben an das Amt unter der, die damalige Zeit charakterisirenden Aufschrift: ad Grobeianum in vicinia abgehen - und bei alle diesem blieb dann die Hauptsache unerledigt. Wer auch in einem solchen Chaos von Gerichten endlich den rechten Richter gefunden zu haben glaubte, mußte dennoch ferner erörtern: gehört die Sache nicht etwa vor ein besonderes geistliches Gericht (das zu Braunschweig), vor ein Regiments- oder Garnison-, ein Kauf-, ein Accise- oder ein Marktgericht, nicht etwa an ein Concilium Collegii Carolini und wie die mit der Rechtspflege beauftragten Behörden übrigens benannt sein mochten.

 

 

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Aus guten Gründen trug man seit 1813 Bedenken, das alte Chaos wieder herzustellen. Mit der größten Verschiedenheit in ihren Abgrenzungen und Befugnissen bestanden neben einander Aemter und fürstl. Gerichte, Stifts- und Klostergerichte, gutsherrliche (die wiederum je nach ihren Befugnissen: zur Zaungerichtsbarkeit, zur Rechtspflege in umfassenden Bezirken, zum vollständigen Civil- und selbst Criminalverfahren sehr verschiedenartig waren) und städtische Gerichtsbehörden, deren Befugnisse gleichfalls sich in sehr verschiedenartiger Weise gestalteten. Alle Inhaber hatten im Mittelalter nach Gerichtsbarkeit gestrebt, die als ein Theil der Staatsgewalt so bequem nicht nur zur Erhaltung anderer, dem Staate abgewonnener, sondern auch zur Gewinnung neuer Vorrechte sich benutzen ließ.

 

 

 

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Auch diese gerichtlichen Zustände waren in Privilegien verwandelt und als solche befestigt, und vergebens suchten die weisesten Fürsten, als erkannt wurde, wie sehr ein solcher Zustand dem Begriffe von Landeshoheit geradezu widersprach, sich von demselben loszureißen. Nach und nach hatten sich auch für einzelne Gegenstände gerichtlicher Behandlung besondere Gerichte gebildet, und schon damals, als Herzog Heinrich der Jüngere wenigstens für eine verbesserte Rechtspflege in höherer Instanz gesorgt hatte, war Niemandem zu verdenken, wenn er durch Erlangung eines privilegirten Gerichtsstandes allen den Unannehmlichkeiten sich zu entziehen suchte, die eine höchst verworrene Gerichtsbarkeit in erster Instanz mit sich führte, eine Gerichtsbarkeit, die zugleich zu polizeilichen Maßregeln und zur Cognition in Gemeindeangelegenten wie über Verhältnisse des Grund- und Gerichtsherrn zu seinen Pflichtigen berechtigte. Auch die Exemtion von solchen Gerichten wurde an sogenannte Landesprivilegien geknüpft *); die Classe der Unterthanen aber, der am meisten Noth that, ein vom Staate und Fürsten selbst abhängiges Gericht suchen zu dürfen, blieb auch in dieser Hinsicht die nichtprivilegirte.

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*) Wie eine solche Schriftsässigkeit sogleich zu Privilegien führte, die auf Kosten Anderer ertheilt wurden, beweiset z. B. die Urkunde über die dem Salz- und Forstschreiber Joachim Koch zu Langelsheim wegen seines Sattelhofs daselbst ertheilte Schriftsässigkeit:

Wollen ihn und seine Kinder hinfüro für sonderbare Schriftsassen erklären, daß er und sie in allerhand oneribus publicis und privatis, als mit Dienstpflichtungen, Ringefuhren, Contributionibus, und wie dies mehr Namen haben mag, auch mit Rechnungen vor Unserem Amte (Seesen) und Landgerichten frei und abgesondert sein, und wie ihn oder sie, wie auch ihr Gesinde deswegen auf alle begebenden Fälle ins künftige zu besprechen hätten, dieselben solches von Uns, oder Unserer fürstl. Rathsstube, Hofgericht, oder nach Gelegenheit Unserm fürstl. Consistorio darthun und anstellen und daselbst Recht geben und nehmen sollen, wogegen er sich hinwiederum für sich und die Seinigen, wie obsteht, verpflichtet die Landesonera publica gleich andern Unser Schriftsassen mit tragen zu helfen.

 

 

 

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Das mittelalterliche Gespenst drang, wie manche Vorgänge beweisen *), bis in die neuere Zeit vor, ohne daß gründlich geholfen werden konnte, bis endlich der Landtag von 1819 u. s. w. definitiv modernisirte. Die Gerichtsbarkeit wurde dem Staate in ihrem ganzen Umfange, unter Aufhebung aller entgegenstehenden Privilegien, wieder gewonnen **).

 

Neue moderne Bestimmungen über die Pflicht zur Kriegshülfe, zu dieser seit Jahrhunderten so gemißbrauchten und auch unter den verschiedenartigsten Verhältnissen immer wieder vorgeschobenen Pflicht, kamen hinzu und führten, neben anderen wohlthätigen Vereinbarungen, die hier nicht weiter zu verfolgen sind, in das so lange verlassene rechte Gleis zurück.

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*) Ein kleiner Grundherr hatte, um seinen Zaungesessenen als Herr über Leben und Tod zu erscheinen, unter Aufopferung eines bedeutenden Holzdeputats die Criminalgerichtsbarkeit erworben. Es war das Zeichen der Machtvollkommenheit, ein Galgen, errichtet; als aber in dem kleinen Bezirke eine gefährliche Räuberbande betreten, von den Bauern aufgegriffen und dem vermeintlichen Herrn über Leben und Tod überliefert wurde, war zwar der Galgen, aber nicht die kostspieligere Gefangenenanstalt vorhanden; die Bande zog daher schon am folgenden hellen Tage unter Hohnlachen ab und trieb ihr Geschäft nur um so frecher fort, bis sie festeren herzoglichen Gefängnissen verfiel.

Nach mittelalterlichen Grundsätzen hatte der Pächter der Domaine, wenn er auch nichts weniger als das corpus juris kannte, Sitz und Stimme, häufig den Vorsitz auf der Gerichtsstube. Als in einem solchen Gerichte der eigentliche Justizbeamte, wegen plötzlicher Krankheit, zu erscheinen behindert war, trat für ihn der Pachtbeamte ein. Es lagen Zeugenartikel vor, deren jeder, nach damaliger Vorschrift, sich mit: „Wahr daß etc.“ anfing. Der Beamte glaubte, daß Alles, was hier mit „Wahr“ bezeichnet sei, nur freventlich geleugnet werden könne, ließ den Zeugen, einen Soldaten des Warrenstedtschen Regiments, der versicherte, daß er den in Rede stehenden Vorgang nicht kenne, so lange prügeln, bis er in der Noth zu Allem Ja sagte. Der Vorgang kam durch die Vermittelung des Justizbeamten und des Generals nicht zur Kunde des Fürsten, der nicht geneigt war, solchen Excessen nachzusehen, sich aber scheute, die so sehr verclausulirte alte Gerichtsverfassung anzugreifen.

**) Landt. Absch. 11.Juli 1823.

 

 

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22.

 

Noch schleppte sich aus der unmodernen Zeit ein Uebelstand fort (den man, als solchen, durch frühere Jahrhunderte verfolgen kann, und von dessen Schädlichkeit auch oben schon Beweise geliefert sind), der den Fürsten, wie einzelnen das Bessere verfolgenden Mitständen am meisten zu schaffen machte. Die alten, eigennützigen Curien, die nur sich für den Staat nahmen, waren zwar gesprengt. Das Ganze sollte in zwei Sectionen zerfallen, in deren ersterer alle Besitzer der 78 befreiet gewesenen Güter zu Virilstimmen berechtigt sein sollten, und welche beide - unter Aufhebung der frühern Prälatencurie - bestimmte Prälaten zugetheilt erhielten. Die Ritterschaft konnte auf diese Weise bei den Berathungen in Landesangelegenheiten nicht diejenigen unter sich auswählen, welche sie zu solchen Verhandlungen für besonders geeignet hielt; es blieb ihr der Anhang zur Last, den wir so oft dem Fürsten, und selbst den größeren Grundherren gegenüber nur kleinliche, eigennützige Zwecke verfolgen sahen und selbst öffentlich die naive Frage stellen hörten: Was nutzt oder schadet denn mir das? - Auch in Beziehung auf die Prälaten war es nicht gleichgültig, ob auch der Unfähige zu der Ständeversammlung eintreten konnte und mußte. Sie gehörten seit länger als zwei Jahrhunderten nicht mehr den Verhältnissen an, die ihnen ursprüglich eine Stimme in Landesangelegenheiten verliehen hatten *). Hinsichtlich ihrer wie der unter der Benennung „Ritterschaft“ beibehaltenen Grundbesitzer und der Städter war es von Wichtigkeit, zur Auswahl der Tüchtigsten Raum zu geben und allen Corporationsgeist aus der Versammlung zu verbannen, der dem Staate wie den Fürsten so viel Unheil veranlaßt hatte.

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*) Herzog Julius übertrug die Aufsicht auf den Haushalt der Klöster dem Consistorio (Kirchenordn. Herzog Julius S. 267. 268, 271). - Herzog August verordnete, daß für jedes Kloster ein Verwalter oder Schreiber, dessen Bestätigung bei dem Fürsten nachzusuchen sei, ernannt werden sollte, der dann unter der Aufsicht zweier von den Prälaten zu wählenden und von dem Landesherrn zu bestätigenden Inspectoren die Verwaltung zu besorgen hatte. Die Klosterrechnungen, welche der unter Herzog Friedrich Ulrich errichteten Kammer einzureichen waren, wurden vom Herzog August der von diesem begründeten Klosterrathsstube zur Abnahme überwiesen (Klosterordnung vom Jahre 1655. Cap. III.). Die Herzoge Rudolf August und Anton Ulrich setzten 1699 den Geschäftskreis auch dieses Collegii ferner fest. Den Prälaten wurde die Verwaltung der Klostergüter in solcher Weise entzogen.

 

 

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Die Landschaftsordnung vom Jahre 1832 faßte diese Ansicht auf, ließ wie Curien, so auch Sectionen und Corporationen verschwinden und ordnete ein Wahlverfahren an, welches thunlich machte, bei den ständischen Verhandlungen die Interessen der Grundbesitzer - der größeren wie der geringeren, - der Gewerbetreibenden, der Bildungsanstalten und der Wissenschaften überhaupt durch die Tauglichsten, jedoch so vertreten zu lassen, daß nicht wieder Corporationsgeist Raum gewinnen und nicht zu Absonderungen und alleiniger Förderung der Privatinteressen die Thore wieder geöffnet werden möchten.

 

Dem Staate gegenüber giebt es jetzt eben so wenig eine Corporation der Ritterschaft, als der Prälaten und der Städte des Landes, welche letzteren, zwar jede für sich, auch Corporationen bilden, aber nur zur Ordnung ihrer inneren Angelegenheiten, mit denen sie nicht in Staatsverhältnisse eingreifen dürfen.

 

Wohl hätte man zwar noch einen Schritt weiter gehen, und nicht alle die Grundbesitzer in Einer Wahlversammlung zusammen lassen sollen, die vormals von den meisten Staatslasten sich frei gemacht und in Beziehung auf die dem Staate abgewonnenen Rechte zu einer Corporation sich gebildet hatten; vielleicht hätte man viele derselben zweckmäßiger wieder zu den kleinen Grundbesitzern, zu denen sie gehören, ausscheiden und mit diesen in Ein Wahlcollegium vereinigen sollen! doch kann durch den Mangel einer solchen Einrichtung kein wesentlicher Schaden geschehen, weil bei dem jetzigen Wahlverfahren ein Uebergewicht für die Tüchtigeren sich bilden wird.

 

 

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77

 

23.

 

Wenn der staatskluge Herzog August, die Herzoge Heinrich der Jüngere, wie Julius und Heinrich Julius den Abgang der Corporationen erlebt hätten, aus vollem Herzen würden sie denselben ein quiescant in pace! nachgeschickt haben.

 

Die Verleihung der Stipendien wie die Besetzung des Stifts Steterburg erfordern die Bildung von Corporationen und Corporationsbeamten nicht. In Beziehung auf den Genuß dieser Beneficien bestehen zwei von einander verschiedene Classen von Aspiranten; die Art der Verleihung aber ist durch Grundgesetze fest geordnet *).

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*) Diese Stipendien sind in der Urkunde vom 9. Juli 1711 begründet. Es sollen danach 1500 Thlr. aus den Landesrevenuen für Studirende verwendet werden.

Die Entstehung der Vorrechte auf Stellen im Kloster Steterburg ist oben §. 16 nachgewiesen.

Beide Institute werden auf Kosten des Staats unterhalten. Ihre Beaufsichtigung ist jetzt ganz dem gemäß geordnet und die gesetzmäßige Verleihung der Beneficien ist unter Aufsicht der Landesregierung so gesichert, daß nicht nur jede Veränderung ganz unnöthig sein, sondern daß es auch besonders auffallend erscheinen würde, wenn man ein altes, vor vierhundert Jahren schon seinem Wesen nach abgestorbenes und nun begrabenes Militaircorps wieder hervorrufen wollte, um ein Corps zur Verleihung von Stipendien und zur Auswahl von Nonnen zu bilden. Die Idee ist wohl zu modern! Wenn der Landesherr aus Staatsmitteln Beneficien verabreichen läßt, so ist wohl nichts angemessener, als daß die Verwaltung der dazu bestimmten Fonds, so wie die Verleihung Behörden übertragen werden, die mit der Landesregierung in genauer Verbindung stehen, und nicht den Aspiranten selbst. Mit gleichem Rechte würden die Interessenten der Civilbedienten-Wittwencasse, diejenigen Stände, für welche gleichfalls ein bestimmter Theil der Stipendien ausgesetzt ist, u. A. corporative Rechte in Anspruch nehmen können. Ein Theil des Staatseinkommens würde wieder Corporationen zufallen und es würde damit der Anfang zu einer Staatswirthschaft wieder gemacht werden, wie wir dieselbe im Mittelalter kennen gelernt haben; einer Wirthschaft, die dem besten Willen der einsichtsvollsten Fürsten fortwährend in den Weg trat.

 

 

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78

 

Das neueste Grundgesetz stellt die Rechte der Stände in Beziehung auf Wahl und Convocation ihrer Mitglieder fest, stellt dem Fürsten die Militairhoheit, die Rechtspflege, die Polizei und die Finanzverwaltung, frei von allen den Auswüchsen, die im Gefolge einer verschrobenen Verfassung sich gebildet hatten, wieder anheim, und behält den Ständen, als Vertretern der Gesammtheit, nicht einzelner Corporationen und Genossenschaften, die Rechte vor, die ihnen in einer langen Reihe von Jahrhunderten gesichert geblieben sind und statt der nun ausgerotteten Privilegien der einzelnen Stände sich erhalten haben.

 

Der Verlust der alten Art der Vertretung und der damit in Verbindung gebrachten Vorrechte ist von Vielen schmerzlich gefühlt. Sie schützen die Interessen des Regenten vor, um die eigenen wieder geltend machen zu können. Am drückendsten wird der Verlust von denen empfunden, welche weiter keine Vorzüge geltend zu machen haben, als die, welche ihnen veraltete Benennungen und Vorrechte vor Mitbürgern gewähren. Wie häufig werden die Dienste herausgestellt, welche Fürsten und Staaten einst von Rittern und Lehnleuten genossen haben sollen; doch kann dadurch nur der getäuscht werden, welcher den Hergang und das Verfahren des größern Theils dieser Ritter nicht kennt, welcher von den Bedrängnissen der Fürsten und den Klagen des Volkes nichts weiß, die durch die vormaligen Zustände hervorgerufen worden. Nur die Geschichte, die speciellste Geschichte, ist gerechte Richterin.

 

Die Befugniß, bei den das Wohl und Wehe des Staatsgenossen berührenden Anordnungen gehört zu werden und dabei eine Stimme zu führen, ist tief in der deutschen Verfassung begründet.

 

 

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79

 

Die ältesten Markenverbindungen bestanden nur dadurch fort und die mächtigsten Kaiser erkannten sie an; nicht etwa als eine lästige Beschränkung ihrer Macht, sondern weil die geheiligte Person des Fürsten ihren Standpunkt viel sicherer behauptet, wenn ihre noch so wohlthätigen, aber den Einzelnen oft schwer belästigenden und in Privatverhältnisse tief eingreifenden Verordnungen die Zustimmung derer oder der Vertreter derer erhalten haben, auf welchen die Folgen der Verfügung lasten. Frei von Nachrede steht dann der Gesetzgeber da, wie seine Stellung es erfordert.

 

Als die Feudalstände es nach und nach dahin gebracht hatten, daß sie gegen Bestätigung und möglichste Erweiterung ihrer Privilegien die große Masse der Unterthanen preisgeben und die Lasten auf sie verweisen konnten, machte sich Vieles bequemer, und auf diese Bequemlichkeit wird hingewiesen, gleichfalls, als wenn darin ein Vorzug der Zustände in der Vergangenheit zu finden, als wenn auch desfalls die neuere Ordnung zu verachten wäre. Man verfolge aber nur die Handlungsweise und die ausdrücklichen Worte unserer weisesten Fürsten. Sie verachteten ja Gaben der Art im Grunde ihres Herzens, und Herzog Carl Wilhelm Ferdinand ergriff lieber jedes andere Mittel, als das, durch solche Hülfe seine wohlthätigen Pläne in Ausführung zu bringen.

 

24.

 

Es mögen die mitgetheilten Thatsachen zum Beweise dienen, welche Hemmnisse die einzelnen, in sich abgeschlossenen, nun ausgeschiedenen Corporationen einer zeitgemäßen Fortbildung des Staatsgebäudes entgegen stellten. Sie waren ohne Rücksicht auf Förderung des Staatswohles organisirt, gleichwohl aber dem Staate gegenübergestellt und griffen immer nur zu eigenem Vortheile ihrer Mitglieder in das Staatsruder ein. Wer weiter gehen will, mag die älteren Zustände auch nach der auf Gemeindeverfassung sich beziehenden Gesetzgebung beurtheilen und mag danach die Bestimmungen ins Auge fassen, nach welchen man die aus dem Gemeindeverbande fließenden Rechte und Pflichten geordnet hatte.

 

 

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80

 

Es fehlte zwar nicht an Anordnungen zur Förderung der Sicherheitspolizei, zur Besserung und Erhaltung der Wege, zur Förderung der Feuer- und Baupolizei etc.; sollte aber danach verfahren werden und suchte man nach Bestimmungen über die Vertheilung der Last, so stieß man überall auf das leidige: „Herkommen vorbehaltlich“, womit denn dem Ganzen Kraft und Wirksamkeit wieder genommen wurde.

 

Es ist ein alter ächt deutscher Grundsatz: Wo ich nicht mit rathe, da soll ich auch nicht mit thaten; derselbe war unter der Feudalherrschaft in Beziehung auf Güter und Domainen dahin ausgeartet: Wo wir rathen und befehlen, haben wir nicht mit zu thaten. Das grundherrliche Regiment im Mittelalter, auf vielfältige Weise zersplittert, war, wie gezeigt worden, dadurch so schädlich geworden, daß der Staat sich die Gerichtsbarkeit und Rechtspflege einem großen Theile nach entziehen ließ und damit auch dem Einflüsse auf Gemeinde- und Polizeiverwaltung entsagte. Der abhängige Patrimonialrichter hatte, wie der zum Richter und Pächter oder Verwalter der Domainen zugleich bestellte Beamte - Letzter im eigenen, Erster in seines Gerichtsherrn Interesse - keine angelegentlichere Pflicht, als die zu erfüllen, nur die Bauern - seine s. g. Unterthanen - zu Riegewerken und Tragung von Gemeindelasten auch da allein anzustrengen, wo das Gut oder Amt bei den Arbeiten am meisten betheiligt waren und vorzugsweise davon Gewinn hatten. In Zeiten, in welchen eigentlich keine deutschen Staaten im rechtlichen Sinne des Worts bestanden, hatte ein Zwangsgebrauch sich gebildet, der unter ganz veränderten Umständen Jahrhunderte hindurch als Herkommen festgehalten wurde und endlich auch an Privilegien sich knüpfte. Weder die alte Gau-, noch die markgenossenschaftliche Verfassung kannte eine solche societas leonina und das Herkommen bildete sich erst, als es Rückhalt fand an den Corporationen, die sich neben dem Staate, und zum Schutze der demselben abgewonnenen Vorrechte entwickelt hatten.

 

 

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81

 

Die Gemeindeverbände, diese wichtigsten Fundamente des Staats, beziehen sich auf Verhältnisse, bei welchen nie Rang und Stand Berücksichtigung finden dürfen. Der Bildung und der Veränderung eines Gemeindeverbandes können nur Oertlichkeiten zum Grunde liegen, deren sorgfältige Berücksichtigung zu den wichtigeren Aufgaben der höchsten Landesbehörde selbst gehört.

 

Die Regulirung des so tief in alle Staats- und Privatverhältnisse eingreifenden, so lange vernachlässigt gebliebenen Gemeindewesens erfordert allerdings wohl noch wesentliche Nachhülfe. Es ist überaus wichtig, die Abstimmung bei Gemeindebeschlüssen an feste und gerechte Regeln zu knüpfen, für die so verschiedenartigen Gemeindelasten den gerechtesten Fuß der Vertheilung aufzufinden und das Gemeindewesen überhaupt so zu ordnen, daß auf der einen Seite der Vorschritt zum Bessern nicht gehemmt, auf der andern aber auch dem Eigensinne und der Herrschsucht Einzelner nicht Raum gegeben werde; will man indeß diese wichtigen Zwecke erreichen und die bereits eröffnete Bahn nicht wieder versperren, so ist gewiß wesentlich erforderlich, daß bei der Feststellung der Grundprincipien keiner Behörde und keiner Corporation ein Uebergewicht eingeräumt, sondern Alles in dem Wege geordnet werde, der von dem Gesetzgeber, zur Erlangung bündiger Gesetze, bezeichnet ist *).

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*) Wie wäre wohl möglich gewesen, mit den alten Corporationen die so unendlich wichtigen und den Zeitverhältnissen so ganz angemessenen Theilungs- und Ablösungsordnungen zu Stande zu bringen!

 

 

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82

 

Vergleichen wir die gegenwärtigen Zustände mit denen in der Vergangenheit, und zwar nicht nach Redensarten, sondern unter fortwährender Berücksichtigung von Thatsachen, so können wir wahrlich nur zu dem innigsten Dankgefühle gegen den hohen Gesetzgeber und alle die redlichen Männer uns hingezogen fühlen, die mit rastloser Thätigkeit dem Staate neues Leben und neue Kraft gaben, die den verheerenden Schwamm hinwegräumten, welcher an dem morsch gewordenen Staatsgebäude nagte.

 

Größere und selbstständigere Grundbesitzer, wenn sie auch einst bei den Vortheilen betheiligt waren, die ältere Zustände Einzelnen gewährten, können nur mit Mißfallen auf die fruchtlosen Bemühungen derer sehen, welche uns so gern um drei Jahrhunderte wieder zurückführen möchten; und das thun sie ja auch wirklich. Sie können ihren kleineren jammernden Genossen nicht oft genug das discite justitiam moniti! zurufen. Haben doch die edlen Nachkommen der Männer, welche uns die Geschichte im Kampfe für das Land und als verlassen von ihren geringeren Gesellen vorführt, die neue Ordnung kräftig mit gefördert und allen den Vorrechten gern entsagt, mittelst deren so oft schädlich in das Staatsruder eingegriffen worden *)! Ihr Beispiel wird auch endlich die belehren, welchen die Bücher der Geschichte unbekannt sind und die zwar nichts vergessen, aber auch nichts gelernt haben.

 

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Aller Anfang ist schwer. Jede neue oder veränderte Einrichtung führt es so mit sich, daß die Betheiligten die Grenzen ihrer wechselseitigen Befugnisse mit einiger Eifersucht bewachen und in ihren Bestrebungen sich auch wohl einmal über die Grenzen hinausreißen lassen.

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*) Die Namen v. Oberg, v. Campe, v. Veltheim, v. Cramm finden sich, wie in älterer Zeit (§. 12), so auch im Jahre 1832 unter denen, die das Zeitgemäße kräftig förderten.

 

 

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83

 

Auch diese Erscheinung wird mit dem fortgesetzten Gebrauche des Neueren verschwinden, und schon erscheinen im Allgemeinen blinde Opponenten eben so verwerflich, als blinde und eigennützige Schmeichler. Alle Betheiligten dürften aber bei dem Blicke auf die Vorzeit und ihre Lobredner in dem „timeo Danaos et dona ferentes“ übereinstimmen, wenn sie nicht etwa selbst zu den dona ferentibus gehören.

 

Neque vero hoc solum natura – id est jure gentium – sed etiam legibus populorum, quibus in singulis civitatibus respublica continetur, eodem modo constitutum est, ut non liceat sui commodi causa nocere alteri. Hoc enim spectant leges, hoc volunt, incolumem esse civium conjunctionem.

Cic. de off. III. c. 5. §. 23.

 

 

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Quelle: Dr. W. J. L. Bode (Stadt Director in Braunschweig): Beitrag zu der Geschichte der Feudalstände im Herzogthum Braunschweig und ihres Verhältnisses zu dem Fürsten und dem Volke, veranlaßt durch die Schrift des Herrn v. Grone: „Geschichte der corporativen Verfassung des Braunschweigischen Ritterstandes nebst Vorschlägen zu ihrer Reorganisation.“ . . . Braunschweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1843. S. I – IV, 1 - 83

 

Das Buch ist auch als gescanntes Dokument vom Publikationsserver der TU Braunschweig unter folgender Link-URL abrufbar:

http://www.digibib.tu-bs.de/?docid=00023585

 

 

 

 

 

 

 

Beiträge zu der Geschichte der Feudalstände im Herzogthum Braunschweig. Zweites Heft.

 

Die Aufhebung der Feudalstände und die Herstellung einer, die Gesammheit der Staatsgenossen vertretenden Ständeversammlung betreffend, mit Hinblick auf die darüber neulich wieder von dem Herrn von Grone zu Westerbrack verlautbarten Ansichten.

 

 

Von Dr. W. J. L. Bode,

Stadt - Director in Braunschweig.

 

Sirach, 5, 14.

 

 

Braunschweig. Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1843

 

 

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Im Verlage von Friedrich Vieweg und Sohn in Braunschweig ist erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben:

 

Beitrag zu der Geschichte der Feudalstände im Herzogthum Braunschweig und ihres Verhältnisses zu dem Fürsten und dem Volke, veranlaßt durch die Schrift des Herrn v. Grone:

„Geschichte der corporativen Verfassung des Braunschweigischen Ritterstandes nebst Vorschlägen zu ihrer Reorganisation.“

 

Vom

Dr. W. J. L. Bode,

Stadt - Director in Braunschweig.

gr. 80°. Fein Velinpap· geh. Preis: 12 Ggr.

 

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Ueber das Verhältniß Preußens zu Deutschland mit Rücksicht auf die Schrift des Herrn von Bülow-Cummerow: Preußen, seine Verfassung u. s. w.,

 

Von K. Steinacker. gr. 8°. Fein Velinpap. geh. Preis: 1 Thlr. 12 Ggr.

 

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Die Aufgabe des Advocatenstandes in constitutionellen Staaten.

 

Von K. Steinacker. gr. 8°. fein Velinpap. geb. Preis: 20 Ggr.

 

 

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Beiträge zu der Geschichte der Feudalstände im Herzogthum Braunschweig.

 

Zweites Heft.

 

Die Aufhebung der Feudalstände und die Herstellung einer, die Gesammheit der Staatsgenossen vertretenden Ständeversammlung betreffend, mit Hinblick auf die darüber neulich wieder von dem Herrn von Grone zu Westerbrack verlautbarten Ansichten.

 

Von Dr. W. J. L. Bode,

Stadt - Director in Braunschweig.

 

Sirach, 5, 14.

 

Braunschweig. Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1843

 

____
IV

 

Inhalts - Verzeichniß.

 

Vorbemerkung..................V.

I. Aufhebung der Feudalstände im Herzogthum Braunschweig und gesetzliche Verfügungen wegen der Vorrechte und Befugnisse, welche die Curie der Ritterschaft, als solche, bis zu ihrer Auflösung erlangt hatte. §. 1 - 9. . . . . . . . . .1

II. Bemerkungen zu der, von dem Herrn v. Grone mit unterzeichneten Denkschrift: Die Beschwerden und Anliegen der Braunschweigischen Ritterschaft betreffend, und zu dem der Schrift angehängten Statute. §. 10 - 20. . . . . . 31
III. Würdigung des in der Denkschrift erwähnten früheren Antrags auf Herstellung einer ritterschaftlichen Corporation. §. 21. . . 62

IV. Allgemeine Bemerkungen und Andeutungen, die Ordnung des Gemeindewesens und des Verhältnisses der Besitzer umfassender Güter zu den Gemeinden betreffend. §. 22. 23. . . 70

V. Bemerkungen zu des Herrn v. Grone Entgegnung auf die Beiträge zu der Geschichte der Feudalstände . . . . . 80

Anhang. Denkschrift, die Beschwerden und Anliegen der Braunschw. Ritterschaft betreffend, nebst beigefügtem Entwurfe eines Statuts etc. . . 103

 

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V

 

Vorbemerkung.

 

Es ist mir eine Sammlung von Urkunden und Actenstücken, desgleichen eine Denkschrift, die Beschwerden und Anliegen der Braunschweigischen Ritterschaft betreffend, zugegangen, von welchen Producten das erstere, dem Titel nach, von dem Herrn von Grone zu Westerbrak verfaßt, das letztere aber von ihm mit unterzeichnet und dem größern Theile nach auch höchst wahrscheinlich entworfen ist: da darin eben die unrichtigen Ansichten sich wieder finden, die in seiner Geschichte der corporativen Verfassung des Braunschweigischen Ritterstandes aufgestellt sind.

 

Die zuerst erwähnte Schrift ist gegen meine Beiträge zu der Geschichte der Feudalstände gerichtet und sie könnte füglich unbeantwortet bleiben, da das Unzutreffende und Mangelhafte in derselben sich ohne Weiteres herausstellt; ich hatte indeß eine Fortsetzung meiner Beiträge bereits vollendet , und zur Ergänzung einiger früher gemachten Mittheilungen mag daher im Anhange auch die Erwiderung des Herrn von Grone zur näheren Erörterung gezogen werden.

 

 

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VI

 

Er ist dies allerdings ein unangenehmes Geschäft. Herr von Grone hat auch durch den in seiner Schrift herrschenden Ton angedeutet, auf welcher Stufe der Cultur er steht, und wenn ich mich bei der Beantwortung zu ihm hinabstimme muß, um auch ihm deutlicher zu werden, so geschieht es nicht ohne widerstrebende Gefühle, und andere Leser mögen daher den auch von mir etwas veränderten Ton mit den Umständen entschuldigen.

 

Haben Herrn von Grone meine, an größere Grundherren gerichtete Warnungen: ihre Angelegenheiten nicht mit den kleiner, ungebildeter und eigennütziger, aber dabei auf ganz außerwesentliche Verhältnisse pochender Hofbesitzer vermischen zu wollen - mißfallen? Fühlt er sich durch die Mittheilungen einer Reihe von Thatsachen verletzt, die das Nichtige seiner Behauptungen klar darlegen? Er setzt solchen urkundlich belegten Thatsachen nur das jetzt so beliebte Feldgeschrei: Liberale! Liberale! Entgegen und zwar in so unzutreffender Weise, daß er seine Sache dadurch nur noch verdächtiger macht. Er stellt sich durch ein solches grundloses Geschrei dem schlechten Prädicanten gleich, der seine andächtige Gemeinde ohne Gedanken und Worte, nur durch heulende Töne zum Weinen bringen wollte. Mit Recht zieht er das Urtheil auf sich, durch Klang und nichtssagende Ausrufungen da täuschen zu wollen, wo er die Behinderung an einer gründlichen Prüfung seiner mangelhaften Schrift voraussetzen zu dürfen glaubt. Was will denn dies leere Geschrei eigentlich sagen?

 

 

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VII

 

Illiberale sind doch wohl jedem vernünftigen Menschen ein Gräuel! Wären die Aristokraten wirklich die Besten, und wollten sie nicht sich allein nur geltend machen, suchten Demokraten wirklich nur das Beste ihres Vaterlandes und nicht nur sich und ihre Interessen zu fördern, so würden sie Niemandem anstößig sein, ja selbst in ihren Bestrebungen übereinstimmen; jene wie diese haben aber nun Zeichen genug von sich gegeben, um sie an ihren Fußstapfer zu erkennen. Beide Parteien sehen wir in Extremen und Uebergriffen eigennützig und illiberal sich fortbewegen, und längst haben sie jeden unbefangenen Denker zu der Ueberzeugung gebracht, daß beide in ihrer Tendenz verwerflich sind, daß nur die goldne Mittelstraße zum Ziele führt und daß nur durch ein liberales Regiment dahin eingeleitet wird; d. h. durch sein Regiment, welches die Interessen aller Staatsgenossen gleichmäßig fördert, und die geeignetsten Mittel wählt, um, was Allen dienlich ist, in sicherer Weise zu erforschen. - Wenn Herr von Grone mich liberal nennt, so erkläre ich mit Freuden, daß ich in dem bezeichneten Sinne ein Liberaler bin, daß ich den Illiberalen, auf welcher Seite er sich auch treffen lassen mag, verachte, und, meiner innigen Ueberzeugung nach, in der angedeuteten Mittelstraße meinem Fürsten und Vaterlande nur redlich dienen kann. Glaubt Herr von Grone, daß sein leerer Ton den zum Rebellen stempelt, der seine unwürdigen Pläne aufdeckt, oder wähnt er, daß seine ersehnte Mitregentschaft sofort anerkannt sein würde, wenn nicht auf das Unziemliche seiner Anmaßungen öffentlich hingedeutet worden wäre?

 

 

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VIII

 

Doch genug! Mit einem Manne sich einzulassen, der historische Gegenstände weder nach Form noch nach Materie in angemessener Weise zu behandeln fähig ist, bleibt ebenso nutzlos als widrig; deshalb soll dieses auch das letzte an ihn gerichtete Wort sein.

 

Braunschweig, im October 1843.

 

Der Verfasser.

 

 

 

 

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1

 

 

I.

 

Aufhebung der Feudalstände im Herzogthume Braunschweig und

gesetzliche Verfügungen in Beziehung auf die Vorrechte und Befugnisse, welche die Corporation der Ritterschaft als solche bis zu ihrer Auflösung erlangt hatte.

 

§. 1. Verhältnisse der Landschaft des Herzogthums Braunschweig- Lüneburg Wolfenbüttelschen Theils und besonders der dazu gehörigen Curie der Ritterschaft im Jahre 1806

 

Die Ständeversammlung des Herzogthums Braunschweig bestand im Jahre 1806 noch so, wie sie sich in einer Reihe von Jahrhunderten nach und nach gestaltet hatte. Sie bildete Eine Corporation, die in drei Abtheilungen - Curien - zerfiel: die der Prälaten, der Ritterschaft und der Städte. Der Gesammtheit, wie den einzelnen Curien waren gewisse Rechte zugesichert, welche zuletzt in dem Landtagsabschiede und den Privilegien vom 9ten April 1770 zusammengefaßt worden.

 

Die Rechte und Vorrechte waren danach sehr verschiedenartiger Natur. Der Zweck der Gesammtrechte war, den Staat bei wichtigen Verhandlungen nach bestimmten Regeln zu vertreten; der Gewinn, welchen die Gesammtheit der Unterthanen davon haben konnte, werde aber durch Vorrechte der Curien so geschwächt, daß die damaligen Landestände, seit die Curien sich zu bilden angefangen hätten, als

 

 

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2

Vertreter der Gesammtheit der Staatsgenossen nicht mehr angesehen werden konnten 1).

 

Die Curie der Prälaten war, seit diese nicht mehr zu den Grundherren gezählt werden konnten und meistens zugleich Staatsdiener waren, ohne politischen Einfluß 2).

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1) Diese Curien-Abtheilungen werden selbst in den Privilegien „Corpus“ genannt; es würde aber dem Begriffe vom Staat geradezu entgegen sein, wenn im Staate eine Genossenschaft sich bildete und anerkannt würde, die Rechte des Staats in Anspruch nehmen, solche aber nur zum eigenen Vortheile und zum Nachtheile anderer Staatsgenossen in Ausübung bringen wollte. Eben so wenig darf auch innerhalb einer Ständeversammlung, deren Zweck und wesentlichste Verpflichtung immer nur sein dürfte, den Staat bei den Verhandlungen über Rechte und Pflichten der Staatsgenossen mit zu vertreten, eine Abtheilung sich bilden, welche die auf die Gesammtheit sich beziehenden Rechte und Pflichten nur auf sich anwenden und für sich benutzen wollte. Eine Abtheilung mit solchen Zwecken, wie lange sie auch factisch sich zu erhalten wußte , und welche Benennung sie sich auch in Zeiten beilegte, in welchen man über das Wesen des Staats noch nicht im Reinen war, kann nie als rechtlich begründete Corporation angesehen werden; denn im Staate ist, dem Wesen dieser Anstalt nach, überall keine Corporation zulässig und rechtlich , die sich in ihren Bestrebungen und Zwecken nicht den Staatszwecken anschließt, sondern im Gegentheile davon sich ganz entfernt.

 

Unter dem Vorbehalte dieser Erläuterung ist auch nachfolgend der Ausdruck „Corporation“ wohl gebraucht, um damit die ritterschaftliche Abtheilung der Ständeversammlung anzudeuten, ohne jedoch damit die rechtliche Existenz einer ritterschaftlichen Corporation im Sinne des Herrn v. Grone anerkennen zu wollen.

 

2) Vergl. meine Gesch. der Feudalstände §. 22 in der Note, woselbst die Gesetze nachgewiesen sind, in Folge deren die Prälaten in der Verfügung über die Klostergüter ganz beschränkt worden.

 

Es waren ihnen für die Klöster, auch für ihre Personen einige Bevorzugungen in Beziehung zugesichert. Priv. 1770 Art. 50. 51.

 

Sie hatten sich die besondere Zusicherung ertheilen lassen, daß die Klosterordnung aufrecht erhalten und die Klostergüter ferner zur Ehre gottes und zu dem bestimmten Gebrauch verwendet werden sollten. Art. 50, 53.

 

 

____
3

 

Die Vorrechte der Städte bezogen sich vorzüglich nur noch auf Handels- und Gewerbeverhältnisse 1); die der Curie der Ritterschaft aber griffen zugleich tief in alle Zweige der Staatsverwaltung ein und enthielten:

 

I. Ausnahmen von allgemeinen Staatslasten und Pflichten;

II. Gewisse Ehrenrechte;

III. Ansprüche auf gewisse Beneficien.

 

Als Befreiung von allgemeinen Staatslasten und Pflichten nahm die Ritterschaft in Anspruch:

 

1) in Beziehung auf Militairpflicht und Kriegslasten:

das Recht, auf Roßdienstpflicht sich zu berufen und in Beziehung auf diese, freilich vor Jahrhunderten schon untergegangene Naturalprästation von den allgemeinen Landesverpflichtungen sich frei zu erhalten (Privil. v. J. 1770. Art. 54.);

Befreiung von Einquartierung außer in dringendster Noth. (Art. 59.)

 

2) in Beziehung auf Rechtspflege:

privilegirten Gerichtsstand (Art. 11.). Mitbesetzung des Hofgerichts (Art. 12.) (welche auch den andern beiden Curien nachgelassen war). Daneben befanden sich die meisten Rittergutbesitzer, wie auch Prälaten und Städte, in dem Genusse einer ausgedehnteren oder beschränkteren Patrimonialjurisdiction, deren Beibehaltung ihnen zugesichert worden.

____

1) Als besondere Vorrechte der Städte finden sich verzeichnet:

daß zur Förderung des Handels und Wandels die Straßen gebessert und im Stande erhalten werden sollten. Privil. 1770. Art. 75;

daß das Bierbrauen zum feilen Verkaufe vorzugsweise den Städten einzuräumen sei. Art. 76. 77;

daß die Gewerbe in den Städten nicht durch Zulassung von solchen auf dem Lande, die nicht verfassungsmäßig hergebracht wären, beschränkt werden sollten. Art. 78.

Handel und Gewerbe hatten die Stadtgemeinden ins Leben gerufen, ihre Beschränkung greift tief in das Leben dieser Gemeinden ein. Der Wunsch, daß eine Wiedervereinigung der an Einer Curie verbunden gewesenen Städte zum Schutze solcher Rechte stattfinden möge, dürfte wenigstens viel begründeter sein, als ein gleiches Streben der Mitglieder der übrigen vormaligen Curien.

 

 

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4

 

3) in Beziehung auf Steuerpflicht:

Befreiung von den Landsteuern, wie dieselbe aus den Artikeln 56. 57. 58 und 60 der Privil. v. J. 1770 sich ergiebt.

Jede der drei Curien hatte ihre Beamten in einem engern und größern Ausschusse 1).

 

Den drei Ständen - Curien - der Landschaft war zugesichert, daß sie bei einander bleiben und daß das corpus der Landschaft erhalten werden solle (Art. 5.); und eben diese Zusicherung war einer jeden der drei Curien und namentlich auch der Ritterschaft ertheilt (Art. 55.), jedoch eben nur in Beziehung auf das Ganze der Landschaft, wie der Art. 5 deutlich ergiebt.

 

Welche Prälaten und Städte zu den Ständen und deren Curien zu rechnen waren, bestimmte sich nach Herkommen und alten Verzeichnissen; und obwohl Wolfenbüttel nach und nach zu einer bedeutenden Stadt angewachsen war und nach Braunschweig die meisten Einwohner zählte, so war der Ort doch nicht zu Landtagen gezogen, weil man nur altes Herkommen beachtete, nicht den ganz veränderten Verhältnissen gemäß fortbildete und Wolfenbüttel als „Patrimonialstadt“ des Landesherrn fortwährend ausschließen zu können glaubte. Die Gutsbesitzer, welche zu der Curie der Ritterschaft gehören sollten, waren in der s. g. Rittermatrikel verzeichnet, die einen Theil des alten Anschlags zur Aufbringung von

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1) Der engere Ausschuß bestand aus dem Decan des Stifts St. Blasii, drei Personen aus der Ritterschaft und der Stadt Helmstedt.

Der größere Ausschuß war zusammengesetzt aus vier Prälaten, neun Personen von der Ritterschaft und den Städten Braunschweig, Schöningen, Seesen und Königslutter. Privil. 1770. Art. 15

 

 

 

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5

 

Reichssteuern bildete und mit der alten Reichsverfassung in Verbindung stand. 1)

 

Von den oben unter II. erwähnten Ehrenrechten sind die auf Kindtaufen, Copulationen und Begräbnisse der von der Ritterschaft, ihrer Kinder und Angehörigen sich beziehenden Auszeichnungen zwar mit in die Privilegien aufgenommen; sie gehören aber überall nicht zu den Gegenständen, welche in Landesverträgen und Landesgrundgesetzen behandelt werden sollten, sondern in die Kirchenordnungen und Ritualbestimmungen, aus welchen sie originiren: weshalb denn auch in der Folge überall nicht weiter die Rede davon gewesen ist.

 

Wichtiger ist die nähere Beleuchtung der unter Nr. III. erwähnten Beneficien: 1) der auf das Kloster Steterburg angewiesenen, 2) der aus den Staatscassen verabreichten Stipendien.

 

Zu 1. Für die Herzoglichen Lande steht grundgesetzlich fest und ist in der als ein Grundgesetz anerkannten Klosterordnung bestimmt (v. J. 1655) 2), auch früher schon in der

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1) Vergl. meine Gesch. der Feudalstände. Der Ausdruck Rittermatrikel war, weil es längst keine Ritter mehr gab, unpaßlich. Der angemessenere Ausdruck für s. g. Rittergüter war ritterfreie Güter , der auch in den Verordnungen vom 27. Januar 1756 und 2. December 1794 gebraucht ist.

2) Dieses Grundgesetz verordnet, daß die alienationes der Güter und der jährliche durch Gottes Seegen erfolgende Ueberschuß zu rechtem Gebrauch dispensiret und verwendet werden sollen, sintemal solche Güter nach dem Zeugnisse des H. Märtyrers Justini, auch des Tertulliani nichts anders als deposita pietatis sind, deren Eigenthum einig und allein dem eifrigen und gerechten Gotte, dessen Kirchen und Armen angehörig sind: dannenhero auch die davon aufkommenden proventus zu keinen andern als geistlichen Sachen und Ausgaben, wozu sie gewidmet, verwendet werden mögen.

Um nun zu begreifen, wie es möglich war, daß man von den Klostergütern einen Theil zur Versorgungsanstalt, nicht etwa armer Fräulein, sondern für Töchter adliger Besitzer ritterfreier Höfe im Allgemeinen trennen konnte, muß man auf die Zeit sehen, in der dies geschah. In der Geschichte der Feudalstände ist eine Andeutung gegeben (§. 15). Es war die widrige Zeit, in welcher alles auf das Aeußere, auf leere Ostentation, berechnet war. Es entstanden wandelbare nur auf Pracht berechnete Gebäude und Institute, die längst wieder untergegangen sind; und wie man Ritteracademien für wünschenswerth hielt, so mußte man auch, ganz im damaligen Geiste, ein Benefiz unter dem hochklingenden Titel eines adligen freiweltlichen Stifts errichten. Eingedenk der entgegenstehenden Grundgesetze, suchte man die Handlung damit zu bemänteln, daß man von einem Erklecklichen redete, welches die Ritterfreien zu dem Baue der Anstalt hergegeben haben sollten; man drückte vorsichtig die Summen, für welche nicht einmal Gebäude zur Nothdurft errichtet werden konnten, nicht aus, und Herr v. Grone, dessen Träume in jene hochadlige freiweltliche Zeiten fallen, gründet dann auf die Bagatelle – sie betrug 2000 Rthl., - gar Eigenthumsrechte und Ansprüche auf Selbstverwaltung. Eben so freiweltlich, wie Steterburg, sind andere Jungfrauenklöster des Landes, St. Egidii, das Kreuzkloster, Marienberg etc. Das Epitheton ist nichts weiter als ein leerer Zusatz in damaliger Weise, durch welchen man sich den reichsfreien Stiftungen der Art gleichzustellen wähnte. Wie die Verwaltung der Stiftung zu ordnen und zu controliren ist, bleibt, wie in Beziehung auf andere Jungfrauenklöster, allein Gegenstand der Fürsorge der Landesregierung.

 

 

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Klosterordnung Herzogs Julius 1569 zugesichert. daß das Aufkommen von Klostergütern nur den Kirchen, Unterrichtsanstalten und Armen verbleiben solle, und es stimmt diese Vorschrift mit der Reichsgesetzgebung, in so weit sie sich auf die Einkünfte von aufgehobenen Klöstern etc. bezieht, überein (westphälischer Frieden Art. V.).

 

Die Herzöge Rudolph August und Anton Ulrich bestimmten (28. Septbr. 1691) einen Theil der Aufkünfte des Klosters Steterburg zu einer Versorgungsanstalt für Töchter adlicher Rittergutsbesitzer, was allerdings nur durch Umgebung der Grundgesetze möglich war; es wurde indeß, da die Einrichtung lange factisch bestand, als man die Privilegien der Stände zusammentrug, auch bei der damaligen Zusammensetzung der Ständeversammlung der gesetzwidrige Ursprung des Benefizes nicht weiter zur Sprache gebracht und dasselbe als ein rechtlich begründetes anerkannt (Privil. v. J. 1710. Art. 77. 78. 79. Landt.-Absch. 1770. Art.65).

 

 

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7

 

Die Verpflichtung auf die vorschriftsmäßige Verleihung des Beneficii zu achten und dabei mitzuwirken, wurde den ständischen Beamten, und zwar denen, welche zugleich Beamte der Curie der Ritterschaft waren, übertragen.

 

Bald nach der Anweisung von Beneficien auf das Kloster Steterburg setzte Herzog Anton Ulrich auch 1500 Thlr. jährlich für Studirende aus, welche mit Zustimmung der Landschaft aus der Landescasse gezahlt wurden. Obwohl die Ritterschaft, zur Zeit der Errichtung der über die Stipendien ausgestellten Urkunde (13. Aug. 1711), ihre Ansprüche auf Befreiung von den Landsteuern schon gesichert sah, und die Casse, aus welcher die Stipendien erfolgten, nur Zuschuß durch Beiträge anderer Staatsgenossen erhielt; so wurden doch die bewilligten 1500 Thlr. so vertheilt, daß 900 Thlr. davon an studirende Söhne der Besitzer ritterfreier Güter, und nur 600 Thlr. an Andere fallen sollten. Den ständischen Beamten war die Uebertragung der Beneficien überlassen, und zwar die der 900 Thlr. den adligen Schatzräthen.

 

Später bildete sich auch ein Capital, auf welches die Besitzer der Rittergüter vorzugsweise Anspruch zu haben glaubten, und damit hatte es folgende Bewandtniß:

 

Herzog Heinrich der Jüngere war bemüht, den mittelalterlichen Mißbräuchen in der Gerichtsverwaltung durch die Errichtung eines Hofgerichts und die für dasselbe erlassene Ordnung einen Damm entgegen zu stellen. Noch war die Ansicht vorherrschend, daß Grundherrlichkeit auch zur Ausübung richterlicher Befugnisse berechtige; um daher der neueren Ordnung Eingang zu verschaffen, mußte jeder der drei damals schon ausgebildeten Curien Antheil an der Besetzung des Obergerichts eingeräumt werden. Während die Städte zwei Assessoren für dasselbe zu ernennen hatten, war jeder der übrigen beiden Curien nachgelassen, einen der Beisitzer zu wählen; doch machten die Städte von ihrem Rechte selten Gebrauch.

 

Die Gerichtskosten waren Staatslast; doch hatten die verschiedenen Curien die von ihnen eingeschobenen Richter zu salariren.

 

 

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Als daher die Ritterschaft nach und nach Befreiung von den Landesabgaben erlangt hatte, und Hebungen nach dem Fuße der Römermonate, welcher früher der gebräuchlichste war und wonach auch die Ritterschaft beitragen mußte, nur sehr selten vorkamen, erhielt sie die Landesherrliche Genehmigung, daß theils von ihr, theils aus den Cammeraufkünften ein Capital von 2000 Thlr. aufgebracht, solches bei der Landrentereicasse belegt und der Zinsertrag zur Salarirung des ritterschaftlichen Hofgerichtsassessors verwendet werden sollte 1).

 

Dies waren die der Ritterschaft zur Zeit des Bestehens der alten Landschaft, und noch im Jahre 1806 zuständig gewesenen Vorrechte, Befugnisse und Beneficien.

 

§. 2.

 

Veränderungen in der Reichsverfassung, welche auf Veränderung in der Verfassung der einzelnen deutschen Staaten von Einfluß waren.

 

Die alte Landes- und landschaftliche Verfassung lehnte sich an die bis in den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts fortbestandene Reichsverfassung. Aus dem ältesten Reichs-Kriegs-, Reichs-Gerichts- und Reichs-Steuerwesen hatten sich Landeseinrichtungen entwickelt, die, obwohl ganz veränderte Verhältnisse längst eine Veränderung in den Verfassungen der einzelnen Staaten hätten zur Folge haben sollen, dennoch weil nur einzelne Stände als Vertreter des gesmmten Staats sich geltend gemacht und die alten Unordnungen in Verträgen eine festere Grundlage erhalten hatten, behalten waren. Erst als die Reichsverfassung durch den Reichsdeputationsbeschluß vom 25. Februar 1803, welcher Secularisationen und große Veränderungen in dem Länderbestande zur Folge hatte, erschüttert wurde, dann die Einrichtung des Rheinbundes (12. Juni 1806), durch welchen die meisten süddeutschen Fürsten vom deutschen Reiche sich trennten, darauf folgte,

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1) Ausschr. v. 24. Juli 1743.

 

 

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und endlich Kaiser Franz II. (6. August 1806) die deutsche Kaiserkrone niederlegte und dem alten Reichsverbande ein völliges Ende machte, trat für die deutschen Staaten die Nothwendigkeit ein, neue Staatseinrichtungen zu treffen; und damals schon wurde in den meisten Staaten das alte Ständewesen, welches mit seinen Unregelmäßigkeiten und Auswüchsen in der alten zertrümmerten Reichsordnung fußte, aufgehoben.

 

Im nördlichen Deutschland wurden mehrere Staaten und Provinzen zu dem neuerrichteten Königreiche Westphalen gezogen, und hier hob die diesem Reiche gegebene Constitution vom 15. Novbr. 1807 alle früher bestandenen landständischen Verhältnisse und alle die Vorrechte auf, welche die einzelnen Curien in einer Reihe von Jahrhunderten zu erwerben gewußt hatten.

 

§. 3.

 

Aufhebung der alten ständischen Verfassung im Herzogthume Braunschweig und Verfügungen Herzogs Friedrich Wilhelm, nach welchen eine Herstellung früherer ständischer Verhältnisse abgeschnitten worden.

 

Das Herzogthum Braunschweig bildete während des Bestehens des ephemeren Königreichs Westphalen einen Theil dieses Staats, und bei der Errichtung desselben wurde zwar die Aufhebung der alten Landes- und landständischen Verfassung noch besonders verfügt; es ist aber eine durchaus irrige, zur Colorirung mancher Prätensionen benutzte Ansicht, daß mit der Aufhebung jenes Staats auch sofort die alte Verfassung in allen Theilen, namentlich auch das Stände- und Curienwesen wieder habe eintreten müssen, oder daß nur die Herstellung des Alten thunlich gewesen sei. Um die Unrichtigieit einer solchen Behauptung zu würdigen, darf man nur die Schicksale der Reichsverfassung im Auge behalten; und Herzog Friedrich Wilhelm, als derselbe den Besitz seiner Lande wieder erlangt hatte, überzeugte sich sofort, daß die alte ständische Verfassung durchaus nicht mehr anwendbar sei, und so ganz veränderte Verhältnisse neue Formen im Repräsentationswesen erforderten.

 

 

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Obwohl daher beim Herzoge die Berufung der alten Landstände und ihrer Ausschüsse wiederholt in Antrag gebracht wurde, so ließ doch derselbe sich darauf nicht nur nicht ein, sondern gab auch durch die Gesetzgebung und in andern Handlungen deutlich zu erkennen, daß er der Ritterschaft alte Vorrechte wieder einzuräumen nicht geneigt sei 1).

 

Wir haben diese oben, als in alle Staatsverhältnisse und Verwaltungszweige eingreifend , kennen gelernt (§. 1.)

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1) In der vom H. v. G. angeklagten Zeit, als der im edelsten Sinne liberale Herzog Friedrich Wilhelm auf Rückschritte sich nicht einlassen und die Interessen aller seiner Unterthanen gleichmäßig berücksichtigt sehen wollte, auch diesen Gesinnungen nachfolgende Regierungen und selbst höher begabte Mitglieder der Ritterschaft sich anschlossen, äußerte ein geistreicher, viel gelesener, mit der Geschichte im weitesten Umfange vertrauter Schriftsteller, Carl Julius Weber:

 

„Den Herren, die vom Rittersinne fabeln, ist das schöne Wort „„Liberal““ ein Schimpfwort, wie früher Patriot. Sie möchten das Recht der alten Ritter wieder geltend machen, die nichts von fürstlicher Landeshoheit wissen wollten und sich mit den Königen á plein pied zu stehen wähnten, wie die Heiligen mit dem lieben Gott! Mögen diese Herren auch eine Zeit lang der Wahrheit den Hof verschließen - Stadt und Land steht ihr einmal offen , und früh oder spät gelangt sie auch zu den Ohren guter Fürsten - deren wahre Stütze Licht und Wahrheit ist. Die Herren von Dunkel kommen zu spät.“

 

„Nicht alles Alte ist heilig, weil es alt ist, sondern nur, wenn es gerecht, billig und nützlich ist, sonst würden wir auch wieder die Gottesurtheile, Vehmgerichte und Hexenprocesse hervorsuchen und über Selbstmord, Fleischeslust und Diebstahl richten, wie zur Zeit Carls V. — — “

 

Herzog Friedrich Wilhelm, der seine Zeit richtig beurtheilte, der zu dem Tempel der Ehre und des Ruhms unter tausend Mühen und Gefahren sich emporgeschwungen hatte, verkannte die Wichtigkeit solcher Lehre nicht. Der Fürst hatte Gelegenheit gehabt, sie an der Quelle, aus der Anschauung des Anschauung des Volkslebens zu schöpfen, und um so weniger war auf ihn zu zählen, wenn alte Anmaßungen wieder erneuert werden sollten.

 

 

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Und wollen sie jetzt danach weiter verfolgen. Die Landesvertheidigung und Uebernahme der Kriegslasten behandelte der Fürst sofort als allgemeine Pflicht, von welcher kein Stand befreie. Die Rittergüter wurden ohne weiteres mit Einquartierung belegt, gleich andern Gehöften des Landes, und besonders traf damals solche Last einen der ältesten und thätigsten vormaligen Beamten der Landschaft und der untergegangenen Corporation der Ritterschaft.

 

Die Verordnung vom 19. Februar 1814 setzte fest, daß die Kreisbehörden in Militairsachen und bei der Aushebung der Mannschaft ohne Ansehen der Person verfahren sollten; auch bestimmte der Fürst in der Verordnung vom 27. März, daß jede Mannsperson vom achtzehnten bis zum fünfundvierzigsten Jahre behuf Kriegsdienstes in die aufzustellenden Militairlisten sich eintragen zu lassen habe.

 

Eben so wenig konnten die alten Vorrechte in Beziehung auf Rechtspflege wieder zugelassen werden. Zu der alten Reichs- und Reichsgerichtsverfassung konnte man nicht zurückkehren; der Herzog ernannte deshalb in den Verordnungen vom 15. Januar, 3. Februar und 9. Februar 1814 eine Appellations-Commission, in den Verordnungen von denselben Tagen das Landesgericht und gab in den Verordnungen und Reglements vom 15. und 22. Januar, 9., 19. und 24. Februar, auch 14. April 1814 den neugeordneten Untergerichten - den Kreisgerichten - die erforderlichen Anweisungen Dabei blieben vormalige Patrimonialgerichte, privilegirter Gerichtsstand und Einwirkung von Privaten und Corporationen auf Rechtspflege ganz ausgeschlossen.

 

Auch der vormaligen Befreiung von Steuern und anderen Lasten für den Staat wurde von dem Herzoge nicht nur nicht gedacht, sondern der Fürst ließ nach den Verordnungen vom 9. und 16. Februar 1814 die von den Westphalen eingeführten Steuern forterheben und stellte zwar Erlasse und Umänderungen in Aussicht, keineswegs aber die Hoffnung auf Herstellung der alten Ungleichheiten

und Bevorzugungen.

 

 

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Von den oben (§. 1.) erwähnten kirchlichen Rechten und Auszeichnungen, die ohnehin nur mißbräuchlich Gegenstand der landesgrundgesetzlichen Verhandlung geworden waren, konnte, vorzüglich in so bedrängten Zeiten, nicht die Rede sein, und eben so wenig kümmerte sich der Fürst um die der Ritterschaft und anderen Ständen eingeräumt gewesenen, auf Staatscassen angewiesenen Beneficien.

 

Ueberhaupt fand der Herzog nicht angemessen, von der alten landständischen Verfassung, von allen daran geknüpft gewesenen Corporationen, Rechten und Vorrechten nur irgend etwas wieder herzustellen. Der Verhältnisse der Güter zu den Gemeinden wird unten (§. 9. f.) besonders Erwähnung geschehen.

 

 

§. 4.

 

Landesverträge und Grundgesetze wegen Nichtwiederherstellung alter ständischer Einrichtungen und Vorrechte, besonders der aufgehobenen Corporation der Ritterschaft. Neue vertragsmäßige Ordnung der Ständeversammlung.

 

 

Es war gewiß ein ächt deutscher Sinn, der, nachdem ruhigere Zeit eingetreten, sich aufgefordert fühlte, die alten, an Verträge geknüpften Verhältnisse, wie wenig sie auch einer neuen Ordnung sich wieder einreihen ließen und wie mißlich eine sorgfältigere Verfolgung ihres Ursprungs sie erscheinen ließ, auch im Wege des Vertrags und grundgesetzlich für aufgelöst erklären zu können. Es wurde daher in den Jahren 1819 bis 1823 mit den durch die Verordnung 6/9 1819 noch ganz in ihrer alten Zusammensetzung einberufenen drei Curien der Stände und dann ferner in den Jahren 1881 - 1832 mit den durch die Landschaftsordnung 25/4 1820 eingesetzten, bekanntlich auch vom deutschen Bunde anerkannten zwei Sectionen der Ständeversammlung Verhandlungen gepflogen, welche zu einem, sogar auf Stimmen-Einhelligkeit beruhenden Resultate führten.

 

 

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Von den somit vertragsmäßig und landesgrundgesetzlich getroffenen Verfügungen sind hier folgende zu erwähnen:

 

1) In Beziehung auf das Corps der Landstände im Allgemeinen, die einzelnen Curien und die Ausschüsse und ständischen Beamten selbst:

 

Die vereinigten Stände des Herzogthums Braunschweig-Wolfenbüttel und des Fürstenthums Blankenburg repräsentiren die Gesammtheit der Einwohner beider Länder, ohne besondere Beziehung auf die verschiedenen Classen, denen sie angehören etc. — Die gesammte Landschaft bildet ein, aus zwei einander an Rechten und Ansehen völlig gleichen Sectionen bestehendes ungetrenntes Ganzes.

Landschafts-Ordnung 25. April 1820. Art.1.

 

Dann:

Die gesammte Landschaft bildet ein ungetrenntes Ganzes.

Landschafts-Ordnung vom Jahre 18327 §. 58.

 

Von einer Corporation der Ritterschaft, die allein in Landesverträgen fußte, so wie von vormaligen allgemeinen landschaftlichen und besondern ritterschaftlichen Corporationsbeamten, die ohne Fortbestehen der alten Corporationen nicht gedacht werden können, kann daher jetzt nicht weiter die Rede sein.

 

2) In Beziehung auf Exemtion von Staatslasten einzelner Stände:

 

a) Militairpflicht und Kriegslasten:

 

Die Gesetze über die Militairpflicht und Aushebung der Mannschaft sollen mit den Ständen definitiv concertirt und erlassen werden.

Landschafts-Ordnung 1820. Art. 32.

Und in Gemäßheit dieser Bestimmung erfolgte das Cantonreglement vom 30. Juli 1821, in welchem keine der vormaligen Exemtionen wieder zulässig befunden ist.

 

 

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Die Landschafts-Ordnung von 1832 wiederholte dann §. 40 den Grundsatz:

„Alle Landeseinwohner sind in dem gesetzlichen Verhältnisse zur Vertheidigung des Vaterlandes im Kriegsdienste verpflichtet.“

 

b) Rechtspflege.

 

Auf dem Landtage 1820 u. f. kamen die alten, aus Rechtspflege sich beziehenden Privilegien zur Sprache. Es wurde denselben vertragsmäßig entsagt; dagegen trat, in Gemäßheit der Verordnung vom 26. März 1823, eine Veränderung der Herzoglichen Gerichte erster Instanz ein, und die Landschafts-Ordnung vom Jahre 1832 stellte dann im §. 200 als unumstößlichen Grundsatz auf:

 

„Alle Landeseinwohner sind vor dem Richter gleich. Der privilegirte Gerichtsstand ist und bleibt aufgehoben.

 

c) In Beziehung auf Steuern und sonstige Staatslasten

 

wiederholte der Landtags-Abschied vom 11. Juli 1823. Art. 8 das, was auf dem Landtage verglichen und in der Verordnung vom 29. October 1821 bereits festgestellt und näher bestimmt war:

 

„Es ist in Ansehung sämmtlicher Steuern vor Allem der Grundsatz angenommen, daß künftig alle Landeseingesessenen in gleichem Maaße zu den Staatsbedürfnissen beitragen und alle früheren Befreiungen davon hinwegfallen, die befreit gewesenen aber für die hieraus entstehende stärkere Belastung ihrer Grundbesitzungen eine billige Entschädigung erhalten sollen, wie solches Alles durch die Verordnung vom 29. October 1821 bereits näher bestimmt und festgesetzt worden.“

 

Die Entschädigung ist in vertragsmäßiger Weise gezahlt, und so war der in die Landschafts-Ordnung v. J. 1832. §. 39 aufgenommene Grundsatz völlig vorbereitet:

 

„Die Theilnahme an den Staatslasten trifft Alle, welche in dem Staatsgebiete wohnen oder Grundeigenthum besitzen, allgemein und nach gleichmäßigen Grundsätzen.“

 

 

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Von den in die verschiedenen Verwaltungszweige eingreifenden Vorrechten war nicht ein einziges übrig geblieben, welches eine Wiedervereinigung einzelner Stände zu einer Corporation und zum Schutze solcher Rechte nothwendig gemacht hätte; und eben so verhält es sich mit den Beneficien, welche den Besitzern von ritterfrei gewesenen Gütern zugesichert worden.

 

 

§. 5. Fortsetzung

 

Neuere grundgesetzliche Verfügungen über einige , sowohl den Ständen im Allgemeinen, als auch den Besitzern vormaliger Rittergüter im Besondern zugesicherte, auf Staatsfonds angewiesene Beneficien.

 

Es ergiebt sich schon aus dem oben (§. 1.) Erwähnten, daß die den Besitzern von Rittergütern vormals eingeräumten Ansprüche auf Stellen im Stifte Steterburg und auf Stipendien für Studirende keineswegs Eigenthumsrechte an den betreffenden Theilen der Staatsfonds begründen, daß sie nur in die Reihe der aus Staatscassen zu verabreichenden Beneficien gehören, und daß den Beneficiaten so wenig als den Besitzern von ritterfrei gewesenen Gütern Rechte auf Selbstverwaltung solches Staatseinkommens, oder zur Bildung einer corporativen Verfassung, behuf der Verwaltung, zusteht.

 

Der Regent hatte bei der Begründung der Beneficien dermaligen Mitgliedern der ständischen Ausschüsse Collationsrechte und andere Befugnisse eingeräumt, die jedoch mit der Aufhebung der ständischen Behörde von keinem Stande usurpirt werden können, über welche vielmehr neue Verfügungen mit dem Regenten vereinbart werden mußten und keineswegs - weil es sich hier um Verwendung von Staatsgut handelt – mit jenen Rittergutsbesitzern allein getroffen werden konnten.

 

 

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Der Staat hat durch die Gesetzgebung nur sich selbst eine Regel gesetzt, nach welcher ein Theil des Staateguts auf diese Weise zum Besten der Familien von Rittergutsbesitzern verwandt werden soll, und wie diese Munificenz aus der Gesetzgebung hervorgegangen ist, so kann sie auch durch dieselbe zu jeder Zeit ohne alles Bedenken wieder zurückgezogen werden.

 

Dem gemäß ist auch nach den Landtags-Abschieden vom Jahre 1823. Art. 31. und 32 und vom Jahre 1832. Art. 22 über die Steterburger Beneficien wieder verfügt. Nach dem ersteren Grundvertrage wurden an die Stelle der nicht wieder zugelassenen, früher zu der Stelle des Probstes nur wahlfähig gewesenen adligen Schatzräthe die sämmtlichen, nach dem Reglement betheiligten Besitzer ritterfrei gewesener Güter gestellt, und die Stelle der Kanonissinnen bei der jedesmaligen zweiten Vacanz wurde, aus demselben Grunde, den in dem engern und größern neugeordneten Ausschusse der Landschaft befindlichen Mitgliedern der Ritterschaft übertragen.

 

In der Zusammensetzung der ständischen Ausschüsse wurden anderweit Veränderungen zwischen dem Landesherrn und den Ständen vereinbart, und der Landtags-Abschied vom 12. October 1832 enthält daher Art. 22 die Bestimmung :

 

„Getreue Stände haben darauf angetragen, daß das nach dem Landtags-Abschiede v. J. 1823 den ritterschaftlichen adligen Mitgliedern der Ausschüsse beigelegte Präsentationsrecht zu der nach dem Turnus zu besetzenden zweiten Vacanz in dem adligen Stifte Steterburg künftig von einem, aus der adligen Ritterschaft gewählten Ausschusse von fünf Mitgliedern ausgeübt werde; und wie des Herzogs Durchlaucht diesen Vorschlag den Verhältnissen vollkommen angemessen findet, so haben Höchst Dieselben solchen Höchst Ihre Zustimmung zu ertheilen geruhet.“

 

 

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In dieser Lage befindet sich das in Rede stehende Benefiz. Ohne anderweite Vereinbarung zwischen dem Landesherrn und der Gesammtheit der Stände kann in der Art und Weise, über die Stellen im Stifte zu verfügen, Nichts geändert werden, und am wenigsten können die Besitzer der Rittergüter sich anmaßem darüber Verträge zu schließen und ohne Zustimmung der Ständeversammlung irgend eine Aenderung zu bewirken.

 

Eben so wenig kann in solcher Weise über die Stipendien eine Verfügung getroffen werden. Sie waren durch die Westphalen aufgehoben, und als auf dem Landtage im Jahre 1821 die Wiederherstellung in Antrag kam, wollte die zweite Section sich darauf nicht einlassen, weil zweifelhaft sei, ob überhaupt Ausgaben der Art auf die Staatscasse angewiesen werden könnten. Es sei jetzt der im 4. Artikel des Reglements vorbehaltene Fall eingetreten, und die Umstände machten erforderlich, daß vorzugsweise auf die Tilgung einer beinahe 4 Millionen betragenden Schuldenlast Bedacht genommen werde. Die Vertheilung der Stipendien zu 900 Thlr. für die Ritterschaft und 600 Thlr. für Personen bürgerlichen Standes sei ungerecht, und hielte man für zweckmäßig, die Stipendien ganz aufzuheben.

 

Die Streitigkeiten, welche darüber entstanden, wurden in Conferenzen der aus beiden Sectionen gewählten Commissionen - gewiß nicht zum Nachtheile der Rittergutsbesitzer - dahin ausgeglichen, daß es zwar bei der Verabreichung der Beneficien aus der Staatscasse verbleiben, daß jedoch eine Vertheilung der 1500 Thlr. in der Weise stattfinden solle, daß auf die studirenden Söhne der Besitzer ritterfrei gewesener Güter, sowohl adligen als bürgerlichen Standes, die eine Hälfte, die übrigens750 Thlr. aber auf Studenten im Allgemeinen fallen, daß auch die Stipendien nur nach vorgängiger Prüfung den ärmeren vor den reicheren Aspiranten verliehen werden sollten. Bei der Wiederherstellung der Beneficien wurde die Verleihung den landschaftlichen Steuerräthen als engerem Ausschusse, welcher mit dem größeren Ausschusse desfalls zu conferiren hatte, übertragen.

 

 

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Die Umgestaltung der Landschaft im Jahre 1832 machte die im Artikel 127 der neuesten Landschaftsordnung enthaltene Bestimmung nothwendig, daß der neugeordnete Ausschuß die Verleihung der sämmtlichen Stipendien zu besorgen habe; den Besitzern der Rittergüter war schon früher nachgelassen, ihre Quote aus den Aufkünften des im folgenden §. zu erwähnenden Capitals um 150 Thlr., also aus 900 Thlr. wieder zu vermehren.

 

Durch Grundvertrag ist über die Art der Verleihung der Stipendien verfügt, und einseitig kann von der Ritterschaft auch darin Nichts geändert werden.

 

 

 

§. 6.

 

Das s. g. ritterschaftliche Capitalvermögen, und in wie weit der Staat dabei betheiligt ist.

 

Das s. g. ritterschaftliche Capital (§. 1.) war, da mit der ganz umgestalteten Gerichtsverfassung die Pflicht, einen Hofgerichtsassessor zu salariren, aufhörte und nun die Zinsen auf das bei der Staatscasse belegte Capital diesem zugerechnet werden konnten, angewachsen. Es beläuft sich dasselbe auf etwa 10,000 Thlr. Zwar wurde nach den neuen Grundverträgen der gesammten Landschaft vorbehalten, zwei Mitglieder des Oberlandes-Gerichts zu wählen; aber auch sie erhalten ihre Besoldung aus der Staatskasse.

 

Es blieb unerörtert, was über das Capital, welches keinen Zweck weiter hatte, zu verfügen sei. In sofern es früher mit zu Staatszweckem so wie zur Erfüllung einer gegen den Staat übernommenen Verpflichtung bestimmt gewesen war, jetzt aber das, was man mit den Zinsen deckte, der Staatscasse zur Last fällt, konnte es zu dieser Casse eingezogen werden; dies ist jedoch bei den damaligen Umgestaltungen nicht geschehen, und man wird es nicht der Mühe werth halten, darüber ferner zu rechten.

 

 

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Wenn der Staat an das Capital keinen Anspruch machen will und auch den Umstand nicht verfolgen zu müssen glaubt, daß es zum Theil aus Kammeraufkünften mit erwachsen ist, so muß es als Besitzthum einer aufgehobenen Corporation behandelt werden; die vormaligen Mitglieder derselben können darüber entweder durch eine Theilung, oder in sonstiger beliebiger Weise verfügen. Ganz so ist es mit dem Vermögen der aufgehobenen Kaufmannsinnungen gehalten. Der Staat hat, wenn er die obigen Verhältnisse übersehen will, überall kein Interesse bei der Conservation des Capitals, am wenigsten aber kann derselbe zulassen, daß in Beziehung auf die an sich geringfügige Summe eine in Staatsverhältnisse eingreifende Corporation errichtet werde. Es würde doch wahrlich mit Recht mehr als auffallend gefunden werden, wenn die gesetzlich aufgehobenen Kaufmannsinnungen, weil sie einiges Vermögen gesammelt hatten, in Beziehung darauf Anspruch auf Bildung einer neuen Corporation machen wollten, und eben so verhält es sich mit den jetzigen Prätensionen der Ritterschaft.

 

Zwar ist ein Theil der Aufkünfte des Capitals zu Stipendien für studirende Söhne der Rittergutsbesitzer mit bestimmt; allein dies ändert die Verhältnisse nicht: dem Staate ist durchaus gleichgültig, ob diese Verwendung Statt findet oder nicht.

 

 

 

§ 7.

 

Verhältniß der Besitzer der Rittergüter zu den Gemeinden des Landes und Natur des Gemeindeverbandes.

 

Die Notwendigkeit, gemeinsame Interessen mehrerer zusammenlebender, neben einander wohnender Familien in Gemeinschaft zu verfolgen und zu wahren führte mit dem ersten Aufblühender Cultur zu genossenschaftlichen und Gemeindeverbänden. Sie sind ohne Zweifel älter als die Staaten selbst, und diese bildeten sich, als umfassender Verband, auf Grundlage der gemeinden.

 

 

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Ein mehreren Familien gemeinsamer Grund und Boden erforderte zunächst Verabredungen wegen der gemeinsamen Nutzung, der Erhaltung und Verbesserung desselben, der zu solchem Zwecke nöthigen Anlagen, des zur Ordnung und Förderung des Gemeinsamen erforderlichen Personals.

 

Es bildete sich, ohne äußeres Hinzuthun, eine auf Verwaltung, Polizei und selbst gerichtliche Funktionen gerichtete Gemeindeverfassung, die sich auf umfassendere Bezirke - Marken - oder auf engere Kreise - Gemeinden - beziehen konnte und auch nach den Gegenständen der Gemeinschaft sich modificirte.

 

In Beziehungen auf Weide und Holzungen z. B. waren im Mittelalter häufig mehrere Gemeinden betheiligt. Die Gerichtsbarkeit, welche der Territorialherr durch seine Vögte ausüben sollte, die Befugniß, Besitzveränderungen von dem landesherrlich angestellten Gogreven bestätigen und legalisiren zu lassen und dafür den Friedepfennig zu fordern, das Recht, die Verhältnisse der Hörigen zu ihrem Grundherrn durch grundherrliche Beamte zu ordnen und aufrecht zu halten, griffen ursprünglich in diese Gemeindeverhältnisse nicht ein; vielmehr übten die Gemeinden, wegen ihres gemeinsamen Eigenthums und der desfalls erforderlich gewordenen Verwaltungs- und polizeilichen Maßregeln, unter den von ihnen gewählten Gemeindebeamten Autonomie. So finden wir es in unsern ältesten Stadt- wie in den Dorfgemeinden.

 

Die Ordnung der Verwaltung in den Landgemeinden erforderte einen Vorsteher (Schulzen - Bauermeister). Er stand an der Spitze der Verwaltung; neben ihm aber wurden von der Gemeinde erfahrene, auch mit besonderem Vertrauen beehrte Personen gewählt und vereidet, die für die Gemeinden von besonderer Wichtigkeit waren. Die Angelegenheiten der Gemeinde, welche auf den Schutz der Grundstücke und der davon zu beziehenden Nutzungen die Verfolgung der Beschädiger und Frevler, die Ausmittelung und Taxation der Schäden sich bezogen, wurden in die Hand besonders dazu beeideter Personen - der Geschwornen – gelegt und jede Gemeinde hatte so nicht nur allgemeine

 

 

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Dorfgeschworene 1), sondern auch Vereidete für einzelne Gegenstände, z. B. Holzgeschworene, später auch Kirchengeschworene zur Beaufsichtigung der kirchlichen Anstalten und Güter.

 

Zur Uebertragung von Grundstücken und Feststellung der Besitzveränderungen wählten auch die Gemeinden, wie der Landesherr für größere Händel, Gogreven; wir stoßen daher unter dieser Benennung auf Diener, die ihrer Stellung und ihrem Range nach von einander verschieden sind.

 

Der Platz, an welchem man öffentliche Zusammenkünfte veranstaltete und über gemeinsame Angelegenheiten Berathungen anstellte, war der Plan, der Thie, der zu diesem Zwecke mit schattigen Bäumen versehen war; die Beschlüsse, welche man hier faßte, wie die Versammlung, Besprechung und Beschlußnahme im Allgemeinen, kommen unter der Benennung „Bauernköhren“ vor.

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1) In spätern Zeiten hat man das Amt der Geschwornen, wie es im Mittelalter geordnet war und in manchen Aemtern auch fortwährend beibehalten wurde, häufig verkannt. Zur Abkürzung des Verfahrens über Feld- und Holz- sowohl, als mancherlei Polizeivergehen, namentlich solche, bei welchen eine Schätzung gleich nach der That nothwendig wurde, waren Personen gewählt, die in Gemäßheit ihres Eides den Augenschein einnehmen und über die vorgefundenen Verhältnisse berichten mußten. Unzählige geringfügige und auch wichtigere Streitigkeiten, z. B. über Grenzverrückung, Abpflügen etc. wurden auf die kürzeste und bündigste Weise geschlichtet: da eben mittelst solcher unter den Augen der gesammten Gemeinde fungierender Geschwornen die Thatsachen, auf welche es ankam, am sichersten sich feststellen ließen. Man hat in neuerer Zeit, ganz mit Unrecht, die Geschwornen zu Gehülfen und Vertretern des Gemeindevorstehers gemacht, und der so kundige Fredersdorf scheint in seiner Anweisung für Justizbeamte die Veranlassung zu der Verwechselung mit gegeben zu haben. Recht wünschenswerth ist, daß bei den Berathungen über eine Gemeindeordnung das alte Institut wieder ins Auge gefaßt und auch als Aushülfe für die Gerichte wieder benutzt werde.

 

 

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§. 8.

 

Fortsetzung. Unterdrückung der Selbstständigkeit der Gemeindeverwaltung.

 

 

Unter der Benennung „Bauer“ wurden ursprünglich alle Eigenthümer ländlicher Besitzungen, deren Hauptbeschäftigung Ackerbau und Viehzucht war, begriffen; sowohl die Besitzer größerer als geringerer Landgüter 1).

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1) Herr von Grone, dem Alles ein Gräuel ist, was ihm seine spannelange, vermeintliche Baronie schmälern kann, zürnt zwar heftig über meine p. 6 in der Note geäußerte Ansicht über die Verwandtschaft der Begriffe von Baro und Bauer; indeß hätte er im Allgemeinen schon zu reiflichem Nachdenken sich aufgefordert fühlen sollen durch die Hinweisung auf Hüllmann. Die Ansicht dieses gründlichen Forschers wird wenigstens als durch seine Meinung beseitigt nicht angesehen werden können. Es standen dem Herrn von Grone vaterländische, der Geschichte des Adels vorzugsweise gewidmete Schriften, wie die von Scheidt, zu Gebote, auf welche man ihn hier verweisen muß. Danach wird, unter Bezugnahme auf zahlreiche Urkunden, nachgewiesen, daß „Baro“ in ältester Zeit im Allgemeinen mit „Mann“ gleich bedeutend gewesen:

 

Lex Ripuar: si quis hominem regium tabularium, kam baronem quam foeminam, de mundeburde regis abstulerit, sexaginta solidis culpabilis indicetur.

 

Dann wurde der Ausdruck mit „Herr“ etwa gleichbedeutend genommen.

 

Bei Oderic. Vitalis Hist. Eccl. heißt es: in illo tempore migrarunt plures sanctitate et sapientia praccipui Doctores Ecclesiarum. - Es werden viele Bischöfe und Aebte genannt, und heißt es weiter; pro tantorum itaque transiitu baronum videtur ipse mundus lugere.

 

Hier heißen die geistlichen Herren „Barone“. Später erst wurde der Ausdruck „Baro“ in Deutschland als Ehrentitel benutzt, und hat Scheidt ältere Beispiele, als aus dem 14. Jahrhundert nicht beibringen können.

 

1255 kommen unter der Benennung „Barone“ Bürger von London vor (cf Mathaei Westmonsteriensis flores hist.): „Talliantur cives Londinenses, quos Barones consuevimus appellare“, und wie man in dem einen Lande den Ausdruck als Ehrentitel benutzte

 

 

 

 

 

 

 

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Holzungen besonders, wie Wiesen und Weideplätze waren gewöhnlich Gegenstand einer gemeinsamen Benutzung der in einem Bezirke

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so wurde derselbe in andern, namentlich in Italien, in ganz entgegengesetzter Weise angewandt Scheidt bemerkt: „Bei den Italienern hat das Wort in malum sensum degenerirt und heißet „baro“ deceptor; barare „decipere“, daher das crimen baratariae seinen Namen bekommen hat. Herr von Grone mag aus den Mittheilungen sich überzeugen, daß die Baronien nicht ursprünglich zu seinen „hochadlichen freiweltlichen“ Instituten gehören, daß der Ausdruck „Baron“ eine Collectivbenennung war, unter welcher alle freien Landbebauer, zu denen der niedere Adel gehörte, bevor er durch Vorrechte von den Standesgenossen sich trennte, mit begriffen wurde, und daß er diesen beklagenswerthen Zusammenhang nicht wird aufheben können, er mag den Ausdruck „Baron“ von Bauer oder von Bar - frei - oder von einem andern Stammworte ableiten. Auch Grupen (disc. forenses p. 1062) bemerkt: „die appellatio Rusticorum - Bauern - ist ein nomen generis, sub quo eius species, veluti rustici servi et rustici liberi continentur“.

 

Bei näherer Nachforschung muß Herr von Grone finden, daß ihm der Titel „Baron“, als Titel, nicht gebührt. Als der Ausdruck „Freie“ dadurch eine veränderte Bedeutung erhalten hatte, daß von den Reichsunterthanen einige ihren alten Standpunkt behaupteten, reichsunmittelbar blieben und von der Landsässigkeit sich frei erhielten, suchten solche sich von denen zu unterscheiden, für welche der alte Standpunkt nicht festzuhalten war. Jene suchten sich vor diesen auch durch den Titel „Baron“, „Freiherr“ auszuscheiden, und dies „frei“ bezog sich nun auf Reichsverhältnisse, während die Ausdrücke „Freie“, „freie Bauern“, „freie Leute,“ früher zunächst auf Befreiung von Hörigkeit und Dienstverhältnissen deutete. Die Unmittelbaren behielten zwar den Titel meistentheils nicht lange bei, weil auch solche denselben sich anmaßten, die nur in der zweiten Hinsicht noch Freie genannt werden konnten; allein am wenigsten hatten die Ministerialen der Reichesassen und die Nachkommen derselben sich den Titel Freiherrn anzumaßen, die als Diestleute in Hörigkeitsverhältnissen lebten und von ihren Herrn vertauscht und auf sonstige Weise veräußert werden konnten, wie durch zahlreiche Urkunden sich nachweisen läßt. Hier mag Herr von Grone nur die erste Urkunde in Scheidts Cod. Diplom. Vom J. 1218 nachlesen.

 

Der von Herrn von Grone mit einer nur dem ganz Unkundigen eigenthümlichen Arroganz aufgestellten Meinung: daß in der angeführten Urkunde unter den baronibus die mitunterzeichneten Dynasten zu verstehen seien, steht entgegen, daß wenn diese Dynasten nicht

 

 

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zusammenwohnenden Bauern und die Art und Weise, wie die Benutzung solcher Güter, an welchen der Gesammtheit das Eigenthum zustand, jedem Einzelnen aber die Mitbenutzung vorbehalten war, auf eine nachhaltige Weise geschehen konnte, gab früh schon Veranlassung zur Errichtung von Gemeindeordnungen.

 

Die Antheile, welche den Einzelnen aus den gemeinsamen Holzungen und Wiesen zufielen, kamen unter der Benennung „Achtwort“ vor, und die bei solchen gemeinsamen Grundstücken erblich betheiligten Bauern hießen in den Urkunden „Erven“, in Beziehung auf Holzungen „Ervexen“. In Zusammenkünften der Erven und Ervexen kam jährlich zur Berathung, welche Bäume man hauen wollte und wie groß die einem jeden Theilhaber für das Mal zu verabreichende

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Vasallen oder Ministerialen der Herzoge waren, sie die Bestimmung über den Besitz eines Guts überall nicht anging, weil sie sich unabhängig gemacht hatten und als Dynasten nicht unter den Gesetzen des Fürsten standen; daß aber, waren sie Vasallen oder Ministerialen, sie als solche unter den neben den Baronen in der Urkunde genannten Vasallen etc. sich befanden. Die Barones mußten hier andere sein; es waren die zwar dem Fürsten mit unterworfenen, aber freien, nicht in Vasallen- oder Ministerialennexus stehenden Grundbesitzer - freie Landbauer.

 

Mehr als Urkunde verräth der Nachsatz: „Und diese angeblich zum Bauernstande gehörenden freien Grundbesitzer sollen nun gar zum Beweise des Satzes dienen, daß die Stimme bei öffentlichen Verhandlungen vom eigentlichen Volke auf einzelne Unterthanenklassen übergegangen, endlich aber nur zum Vortheile dieser Einzelnen benutzt worden sei“. - Bedarf es bei Herrn von Grone, der doch ein Urtheil über Geschichtsschreibung sich anmaßt noch eines Beweises solches Satzes? Hat er nie Capitularen der Karolingischen Kaiser, nie die Erzählungen gleichzeitiger Schriftsteller über den Hergang bei öffentlichen Verhandlungen der Folgezeit gelesen, nie daraus und aus den zahlreichen gründlichen Schriftstellern über diese Materie sich belehrt? Glaubt er wirklich, daß seine Ritter mit einigen Städten und Prälaten immer die Volksvertreter gewesen? Der gesunde Menschenverstand lehrt schon, daß es wohl eine andere Zeit, als die der Regentschaft einer Curie der Ritter gegeben haben müsse und meine Nachweisungen in der Geschichte der Feudalstände werden auch den Unkundigen überzeugen.

 

 

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Theilung sein, welche Strafen wegen begangener Frevel eingezogen werden, und welche Interessenten für das nächste Jahr die specielle Beaufsichtigung des Forstes übernehmen sollten. Die Versammlungen kamen unter der Benennung „Holtdinge“, der gewählte Oberaufseher über den Forst unter der Bezeichnung „Holtgreve“ vor 1).

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1) Hier nur Einiges zum Belege - doch nicht für Herrn von Grone, der nur Anekdotenlectüre zu lieben scheint und urkundliche Mittheilungen den Anekdoten gleichstellt - : Herzog Otto von Braunschweig bestimmte, die Achtwort des Holzes betreffend: daß zu Recht kein Mann Achtwort haben könne, denn nur von dem Gute, wovon solche komme, und daß, wenn ein Hof getheilt werde, auch keine ganze Achtwort auf einen Theil kommen könne.

Dipl. 1321. (Marienthalsche Urkunde)

 

einer Riddagshäuser Urkunde v. J. 1332 heißt es:

Ludgerus miles de Garsnebutlo — — donat conventui in Riddagsh. duas utilitates, quae vulgariter dicuntur Nuth, in nemore dicto Odere, in silva, quae ad villam Orum pertinet, suae proprietatis cet. Testes universi cives et villani villarum Orum et Halgtere in iudicio, quod Holtthingk dicitur, ad id specialiter convocati.

 

Eine der ältesten Holzordnungen aus dem 12. Jahrh. bezieht sich auf den Marienthalschen Wald. „Quicunque secuerit Menebom (gemeinen Baum), solvet lignorum comiti urnam mellis valentem IV. Solidos Quicunque inciderit Snetbom.(Grenzbaum), solvet comiti XXX Sol. et IV Obolos — — — — Istud a. precium L. obsequium ab eis hactenus est acceptum, ut ad ignem tantum unnutholt (kein Nutzholz) secarent.

 

Die Holzgrafschaft hing lange noch von der Wahl der sämmtlichen Interessenten der Waldung, den Ervexen, ab: die Mächtigern unter ihnen suchten sie aber an sich zu reißen und das Wahlrecht zu unterdrücken. Als im Jahre 1368 der Bischof von Hildesheim mit dem Herzoge von Braunschweig über die Holzgrafschaft in Streit gerieth, und beide Theile in Beziehung darauf ein Vorrecht behaupten wollten, kam es zu der das alte Herkommen festhaltenden Bestimmung, daß der Holzgreve (lignorum comes) von den Erven (den sämmtlichen Ervexen) gewählt werden und daß keinesfalls ein fürstlicher Vogt über die vorkommenden Forstfrevel richten solle. Wenn solche begangen würden, in wessen Erve (Antheile) es auch sei, so sollte von der Strafe ein Drittel der Holzgreve, ein Drittel der betreffende Erve, ein Drittel aber der Herzog erhalten.

 

 

 

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Bauernköhren, wie Holtdinge und andere auf Gemeindeangelegenheiten sich beziehende, aus der Natur der Gemeinheitsverhältnisse entwickelte Institute stießen früh schon auf gefährliche Klippen. Seit man den Heerbann - die allgemeinen Aufgebote zum Kriegsdienste - zur Seite geschoben hatte, wurden solche Kriegsdienste häufig mit Bauergütern erkauft, und mit solchen Gütern ließen sich auch die Klöster reichlich ausstatten. In den Urkunden über solche Verleihungen wurde die Klausel stehend. praedium cum silvis, pascuis, pratis, aquis et aquarum decursibus cet.; und obschon damit auf nichts weiter, als die dem ausgeliehenen Gute anklebende Mitnutzung des gemeinsamen Waldes, der Wiesen, Weiden und Gewässer etc. hingedeutet war, so unterstützten doch bald besondere Verhältnisse eine andere Auslegung. Die Klöster gaben das Beispiel. Sie betrachteten sich bald als Herren der in ihren Urkunden genannten Gegenstände. Aberglaube, wie geistliche und weltliche Machthaber, standen ihnen zu Gebote, und so gab es nicht leicht ein Kloster, welches nicht die Gemeinden um sich her gesprengt und verschlungen hätte 1).


Die Besitzer der Höfe, welche gegen Kriegsdienste verliehen waren, folgten unter mancherlei ähnlichen Begünstigungen nach. Das Gewerbe, zu welchem sie sich verpflichtet hatten, der Glanz, mit welchem sie dasselbe in Verbindung zu setzen und der Prachtliebe des Lehnsherrn zu schmeicheln Gelegenheit fanden, erleichterten ihnen, sich nicht nur als vor ihren Gemeindegenossen Bevorzugte, als ein von denselben sich unterscheidender Stand darzustellen, sondern auch ein

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1) Kunze: Diplomatische Geschichte des Klosters Adersleben (1837) bemerkt, nachdem er das Umsichgreifen des Klosters urkundlich verfolgt hat, daß dasselbe, wie arm es auch anfangs war, schon 40 Jahre nach der Errichtung 60 Hufen zehntfreien Acker besaß. Die ehemaligen Einwohner von Adersleben waren verarmt nach Wegersleben, Rodersdorf, Hadersleben und Denstorf gezogen, von wo aus sie ihre noch übrigen 29 Hufen auf Adersleber Feldmark bestellten. Andere Beispiele habe ich in meiner Geschichte der Feudalstände gegeben.

 

 

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Uebergewicht in der Genossenschaft sich zu verschaffen, bei welchem die alte Gemeindeverfassung wesentliche Störungen erlitt und die Theilnahmeverhältnisse in empfindlicher Weise geändert wurden.

 

Es läßt urkundlich sich nachweisen, wie so nach und nach die genossenschaftlichen Rechte untergraben und denjenigen zur Beute wurden, welche - die widrigste Erscheinung in der menschlichen Gesellschaft - Gelegenheit gefunden hatten, nach Oben hin zu schmeicheln, um ungestraft nach Unten zertreten zu können. Die unerhörteste Verkennung des Wesens der Staatsgewalt und Verleihungen nicht nur auf Kosten der Gemeinden, sondern auch des Staats, kamen hinzu (wie z. B. eine dem deutschen Orden über Lucklum ausgestellte Urkunde angeführt werden mag, die sofort den Untergang einer großen Gemeinde zur Folge hatte) 1), und die für den Staat so wichtigen Gemeindeverbände waren längst in der ihnen zum Leben dringend erforderlichen Selbstständigkeit tief erschüttert, als sie neue Unglücksfälle trafen.

 

Eben durch die Urkunde, mit welcher man die alten Gemeindeverbände hatte zerreißen und schwächen lassen, wurde der Staat selbst schwach, wurden die Kämpfe vorbereitet, in welchen wir in der Folgezeit die Fürsten mit Ständen finden, die sich nun für die Gemeinden ausgeben, darüber was

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1) Albertus Dux in Brunsv. vendit in perpetuum pro 105 Marcis p. a. Commendatori et conventui fratrum in Luckenum ord. domus Teuton. Ierus. hospit. s. Mariae omne ius et iurisdictionem suam, quam ibidem habuit in villa, in stratis, campis, agris, silvis, viis et inviis, aquarum decursibus, pratis, molendinis, et iudicium sanguinis, vitae et membrorum; ita quod de omnibus his iudicabunt nullo alio iudice super his requirendo. Adjicit etiam, quod homines ibidem commorantes nullum suum adibunt iudicium, neque molendinarii amplius adibunt iudicium, vulgariter Molending nomunatum, et tam homines, quam molendinarii a persecutione hostium, vulgariter dicta Folge, et a quibuslibet serviciis suis penitus esse debent liberi et exemti; item Gogravius suus in praedicta iurisdictione morand, nullatenus residebit. Brunsv. X Kal. Aug. a. 1311.

 

 

 

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diesen nützlich und nothwendig sei, bestimmen zu wollen sich anmaßten, jedoch immer nur auf Förderung des eigenen Nutzens Bedacht nahmen.

 

Der dreißigjahrige Krieg vollendete das längst begonnene Unglück, besonders der Landgemeinden. Tausende von Höfen wurden durch ganz Deutschland verwüstet. Ganze Ortschaften waren mit ihren Hofbesitzern verschwunden, und wo noch Gemeindegenossen zusammenlebten, da mußte jedes Mittel ergriffen werden, um nur das Leben von einem Tage zum andern zu fristen. Ueberall fehlte es an dem zum Ackerbau und zur Benutzung der Grundstücke erforderlichen Viehe und anderen Mitteln; und war Jemand auch im Stande, sie wieder herbeizuschaffen, so verlor er sie doch wieder bei dem nächsten Durchzuge. Die Commissarien, durch welche Herzog August das Land untersuchen ließ, berichteten beiläufig: Wo noch ein Baum stände, da sähen sich die übriggebliebenen Dorfbewohner genöthigt, ihn wegzunehmen und zur Stadt zu bringen, um in äußerster Hülfsbedürftigkeit sich zu helfen; und unter solchen Umständen glaubte der Fürst dem Ruine durch die Landes-Ordnung vom 7ten März 1647 begegnen zu müssen 1). Es sind danach die

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1) In der Einleitung heißt es:
„Die bishero üblich gewesenen Bauerköhren werden zwar durch diese Ordnung nicht aufgehoben , es sollen sich aber dieselben hiernach unweigerlich richten, und soll damit den Beamten und Gerichtsherren das Geringste nicht benommen sein, sondern es behalten dieselben billig die Oberaufsicht über alle in den Bauerköhren gemachten Ordnungen.“ Eine solche Einmischung in die Gemeindeangelegenheiten war früher nie zulässig gewesen; sie wurde daher als eine neu erlangte Befugniß eifrig festgehalten und in die Privilegien mit aufnommen. Es heißt Art 71 der Privilegien: „die vom Adel haben vermöge der fürstlichen Landes-Ordnung de 1647 und kraft der landesherrlichen gnädigsten Verordnung vom 31. October 1747 als Gerichtsherren die Aufsicht über die Bauerköhren und über die deshalb gemachten Verordnungen, dabei der Mißbrauch der Bauerköhren nachdrücklich verboten ist.“ — Hier ist von adligen Gerichtsherren die Rede, während die Ordnung, aus welcher die Unterdrückung der Bauerköhren abgeleitet ist, nicht vom Adel, sondern von Gerichtsherren im Allgemeinen rewdet und diese auch als solche, nicht allein als Adlige den Einfluß ausübten. Solche den Grundgesetzen und dem Gebrauche entgegenlaufende Einschiebsel und Unrichtigkeiten kommen häufiger in den Urkunden über Landesverträge vorzüglich in solchen, die von einzelnen Mitgliedern der Ritterschaft entworfen worden, vor und ich bemerke dies nur, weil Herr von Grone solche, wenn auch handgreifliche Unrichtigkeiten, gern für seine „höhere Generation“ ausbeutet.

 

 

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Beschlußnahmen der Landgemeinden - die alten Bauerköhren - unter die Aufsicht der Gerichte, und namentlich auch der Patrimonialgerichte, gestellt, und damit trat dann in Beziehung auf Gemeindeverfassung und Gemeindeverwaltung die Zeit ein, welche jetzt die gute alte Zeit genannt wird, in welcher zwar Gemeindeversammlungen in früherer Weise nicht mehr Statt fanden , aber auch in Beziehung auf Gemeinde- und Polizeiwesen Nichts gefördert wurde, in welcher Mißtrauen gegen den dominirenden Gemeindegenossen störrisch machte und alle Vorschritte zum Bessern hemmte.

 

 

§. 9. Fortsetzung

 

Hinwegräumung der einer selbstständigern Gemeindeverwaltung entgegengestellten Hindernisse. Verfehlte Bestimmungen Behuf Ordnung eines angemessenem Verhältnisses der Gutsherren zu den Gemeinden.

 

 

So wie die lange ersehnte Gelegenheit sich fand, die alte morsche Staatsverfassung zu ändern (§. 2.), den schädlichen Zwischenbau zwischen dem Staate und den Gemeinden hinwegzuräumen, mußte auch die Gemeindeverfassung nothwendig geändert werden. Allen Vorrechten, welche so schädlich auf das Gemeindewesen eingewirkt hatten, war feierlich in Landesverträgen und von der Ritterschaft selbst entsagt (§. 8.), und da eine frühere ungebührliche Einmischung in die Gemeindeverwaltung vorzüglich in dem alten Gerichtswesen fußte, so wurde auch mit der Hinwegräumung des letzteren die Bahn zu einem verbesserten Gemeindewesen eröffnet.

 

 

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Herzog Friedrich Wilhelm , der den alten Ständen und Curien Nichts wieder einräumte, fühlte zwar, daß den größern Gutsherren und denen, welche vormals Gerichtsbarkeit gehabt hatten - nicht den Besitzern ritterfrei gewesener Güter allein oder sämmtlich - eine angemessene Stellung in der Gemeinde angewiesen werden müsse. Die vorläufigen Bestimmungen darüber verfehlten aber, wie nachfolgende Erweiterungen, ihren Zweck.

 

Die vormaligen Patrimonialgerichtsherren sollten für den Bezirk ihres vormaligen Gerichts Polizeibeamte sein können 1) (Verordnung vom 19. Februar 1814.) und in der Folge (Verordnung vom 26. März 1823.) fügte man hinzu, daß solche Patrimonialgerichtsherren von Rechtswegen Polizeibeamte sein, unter dem betreffenden Oberhauptmanne stehen , auch berechtigt sein sollten, geeignete Personen zu dem Amte vorzuschlagen; sie waren aber so in ein nichts weniger als angenehmes Staatsdiener-Verhältniß gesetzt, und wenige machten daher von einer Befugniß Gebrauch, die eigentlich mit unserm Privatrechte so wenig, als dem Criminalrechte zu vereinigen ist. Die angemessenere Stellung kann nur innerhalb, nicht außerhalb der Gemeinden aufgefunden werden.

 

Man erwäge nur die sehr verschiedenartigen Geschäfte eines Ortsvorstehers (vergl. §. 23.) oder eines Polizeibeamten, die mit den Aemtern verbundene Verantwortlichkeit, die Abhängigkeit, in welche sie versetzen, die fortgesetzte Thätigkeit, welche in Beziehung darauf gefordert werden kann und muß,

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1) Die Polizeiverwaltung in den Kreisen ihrer Gerichtsbehörde steht unter der unmittelbaren Leitung der Kreisgerichte, sie sollen darin von den früher exemten Gutsbesitzern und Pächtern der Domainen und ritterschaftlichen Güter unterstützt werden, dergestalt, daß diese in dem Umfange der Domainen und Güter und deren Nachbarschaft, wenn sie dazu erbötig und qualificirt sind, die unmittelbare Polizeiaufsicht führen, und, wenn sie nicht selbst Ortsvorsteher, diese ihnen in solcher Hinsicht untergeordnet sind.

 

Solche Polizeibeamte sollten provisorische Verfügungen und selbst Arrestationen vornehmen können.

 

 

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um sich zu überzeugen, daß in dem Wege weder gemüthliches Leben, noch selbst das Ansehen eines Gutsbesitzers gefördert wird und daß er im Geineindeverbande, wenn ihm eine angemessene Stellung gesichert wird (§. 23.), mehr nützen und fördern kann, als in einem Verhältnisse, welches bei der Gemeinde nur Mißtrauen erregt und Vorschlägen zum Bessern, wie vormals, lähmend entgegentritt.

 

Unter solchen Umständen wurde auch jenes Verhältniß bei der neuesten Gesetzgebung, selbst von den Gutsherrem nicht weiter verfolgt.

 

 

 

II.

 

Bemerkungen zu der von dem Herrn von Grone mit unterzeichneten Denkschrift: Die Beschwerden und Anliegen der Braunschweigischen Ritterschaft und zu den der Schrift angehängten Statuten.

 

Es kann nun zu einer kurzen Erörterung der Denkschrift übergegangen werden, bei welcher man auf die vorstehenden geschichtlichen Mittheilungen verweist und die im Anhange beigefügte Schrift zum Grunde legt.

 

§ 10.

 

Bemerkungen zu der historischen Einleitung im § 1. O. S.

 

Herr v. G. läßt hier sein Institut, was sehr bequem ist, aus einem alten Herkommen hervorgehen und glaubt, dasselbe in ähnlicher Weise sich gebildet, wie die Landgemeinde, die doch ihrem Ursprunge und Zwecke, wie ihrem

 

 

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Fundamente nach von einer Corporation der Ritterschaft so ganz verschieden sind. Bei seiner Unkunde der Verhältnisse bauet er auf den irrigen Voraussetzungen fort und geräth so in die augenscheinlichsten Widersprüche.

 

Wie die Ritterschaft, als ein Stand der Krieger, im Mittelalter nach und nach sich ausbildete, ist vielfältig und urkundlich nachgewiesen, so daß darüber wohl kein Geschichtkundiger in Zweifel geblieben sein wird. Nur die Erscheinung, daß man noch im 19. Jahrhunderte von einer Ritterschaft, als einem abgesondertem Stande, redet, verdient nähere Beleuchtung.

 

Der Stand der Krieger, welcher unter der Benennung „Ritterschaft“ vorzüglich im 13. und 14. Jahrhunderte sich geltend machte, wurde für einzelne Territorien und deren Fürsten durch Einräumung von Grundbesitzungen in Thätigkeit gesetzt. In Beziehung darauf wurde solchen Kriegern, wie der gleichfalls mit Grundstücken salarirten Hofdienerschaft, eine Stimme bei Verhandlungen in Landesangelegenheiten gewonnen, die eben deshalb, weil die Stimmführer durch ihre damaligen Leistungen den Fürsten näher gestellt waren, ein bedeutenderes Gewicht hatte.

 

Die Würde des Ritters, wie der Stand der mittelalterlichen Krieger verschwand, als die Erfindung des Schießpulvers seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts eine Art der Kriegshülfe nothwendig machte, für welche die mit Gütern erkauften Ritter nicht mehr genügten. Es galt nun, das Uebergewicht an gewisse Grundstücke allein zu knüpfen, das vormals in Beziehung auf einen Stand und wirklich geleistete Dienste ausgeübt wurde.

 

Der vormaligen Standesgenossenschaft substituirte man nun eine allein auf Grundbesitz gestützte Genossenschaft, nannte diese mißbräuchlich einen Stand, einen Stand der Ritter, was sie nicht mehr war und nicht weiter sein konnte.

 

Das Festhalten des unnatürlichen staatswidrigen Zustandes konnte nur gelingen, wenn man für den Verein einen

 

 

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gewissen staatsrechtlichen Organismus erlangte und mit dessen Hülfe Andere und die größere Zahl der Unterthanen von einer Mitwirkung in Landesangelegenheiten zurückhielt und ihnen die Möglichkeit abschnitt, den Anmaßungen der Einzelnen sich zu widersetzen. Dahin gelangte man seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts, und kaum kommt nun ferner, wie die Geschichte klar nachweiset, ein Landtag vor, auf welchem nicht neue Vorrechte gewonnen oder doch die erlangten noch fester begründet wären.

 

Der Stand der Ritter war solchem nach seit der Zeit, in welcher die Ritterwürde und der ritterliche Kriegsdienst untergegangen war, eine Fiction. Kein Mitglied der sogenannten Ritterschaft war ein wirklicher Ritter, ein mit der Ritterwürde im Sinne des Mittelalters bekleideter Krieger. Adlige wie Bürger und Bauern wurden Inhaber der Grundstücke, auf deren Besitzer man den Namen eines untergegangenen Standes übertragen hatte. Die Fiction stand im genauen Zusammenhange mit dem alten Ständewesen; mit diesem aber fiel sie. Das Blendwerk, wodurch Jahrhunderte lang die Fortbildung des Staats verhindert worden, wieder hervorrufen wollen, dürfte eine durchaus fruchtlose Bemühung sein, zumal da Staats- wie Reichsverhältnisse neues Leben erfordern, und die unendlichen Vorschritte unverkennbar sind, die seit der Austreibung des Gespenstes gemacht worden.

 

Die fingierte Genossenschaft der Ritter ist mit allen ihren Vorrechten nach grundgesetzlichen und vertragsmäßigen Bestimmungen aufgehoben. Diese liegen als unübersteigliches Bollwerk zwischen der alten und neuen Zeit in der Mitte. Wozu unter solchen Verhältnissen die Berufung aud die alten, so schädlich befundenen Zustände, die Anpreisung einiger höheren Generationen, tausenden von nicht hohen, aber doch gewiß den des Herrn v. G. an Alter gleichen und dem Staate gleich nützlichen Generationen gegenüber, führen soll, ist nicht abzusehen.

 

 

 

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§. 11.

 

Fortsetzung

 

Würdigung der §. 2 aufgestellten Rechtsgründe für die Reorganisation einer Corporation der Ritterschaft.

 

Die Denkschrift stützt ihre Gründe für die Neorganisation der Ritterschaft auf Art. 35 des Landtags-Abschiedes vom 9. April 1770 und Art. 55 der Privilegien, unter der Behauptung, daß, wenn auch den landständischen Rechten entsagt sei, man keineswegs die Absicht gehabt habe, auf andere corporative Rechte zu verzichten. Diese Absicht lasse sich aus Landesverträgen nicht nachweisen, und die Corporation der Ritterschaft könne daher zu ihrem Schutze §. 32 der Landschafts-Qrdnung v. J. 1832 für sich in Anspruch nehmen.

 

Es ist hierbei übersehen, daß eine Corporation (wenn man diesen Ausdruck einmal gebrauchen will) der Ritterschaft nur als Abtheilung der vormaligen Ständeversammlung bestand, daß ihr Rechte und Vorrechte allein als solcher erworben waren, daß, wie nachgewiesen worden, die gesammte Curie mit allen Vorrechten aufgehoben und durch ein ganz anderes Institut ersetzt worden.

 

Eben die Theile der älteren Landtags-Abschiede und Landesverträge, welche auf die Curie sich bezogen, sind mit klaren Worten aufgehoben. Sie sind unter ausdrücklicher Zustimmung aller Betheiligten vernichtet, und eine ganz veränderte Organisation der gesammten Ständeversammlung ist eingetreten, mit welcher das Fortbestehen einer einzelnen Curie der Ritterschaft, oder die Neorganisation derselben ganz unverträglich ist.

 

Die Rechte, welche, wie den Angehörigen anderer Curien, so auch Besitzern vormaliger Rittergüter, als Einzelnen, auf Staatsfonds angewiesen sind, knüpften sich insofern an die aufgehobene ständische Verfassung, als den vormaligen Beamten der Ständeversammlung Collationssrechte eingeräumt

 

 

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gewesen sind, diese Rechte aber, über welche der Staat verfügt, wurden, unter Zustimmung des Fürsten und aller Betheiligten, den Beamten der neugeordneten Ständeversammlung und den in den neuen Landesverträgen bestimmten Personen wieder übertragen. Die Verwaltung ist grundgesetzlich geordnet; es bedarf überall keiner anderen Behörde, um dabei mitzuwirken, und über jede fernere Veränderung kann nur im gesetzlichen Wege verfügt werden.

 

 

 

§. 12.

 

Fortsetzung

 

Bemerkungen zu den § 3 angeführten Gründen für die Zweckmäßigkeit der Herstellung einer ritterschaftlichen Corporation.

 

Um die Zweckmäßigkeit der Herstellung einer Corporation der Ritterschaft darzuthun, ist auf ein ritterschaftliches Capitalvermögen und auf die oben erwähnten (§. 2) Beneficien verwiesen.

 

Von dem Zeitpunkte an, in welchem die Curien der alten Landschaft und die nur eine Abtheilung derselben bildende Genossenschaft der Rittergutsbesitzer aufgehoben worden, kann von einem Corporationsvermögen der Ritterschaft nicht weiter die Rede sein. An das Capital haben die Besitzer ritterfrei gewesener Güter, als Einzelne, Anspruch, nach den bekannten bei der Aufhebung von Corporationen wie von allen Gemeinschaften und Societäten eintretenden Regeln. Noch in neuester Zeit sind andere Einigungen, wie namentlich die Kaufmannsinnung, aufgehoben, und ihr Vermögen wird jetzt unter die vormaligen Mitglieder dieser Corporation vertheilt. Es ist keinem der letzteren eingefallen, in Beziehung auf das vormalige Corporationsvermögen eine Corporation fortsetzen oder wieder bilden zu wollen.

 

Die Normen über die Verleihung der aus Staatsfonds zu verabreichenden Stipendien giebt allein die Staatsbehörde. Kein Anderer ist dazu berechtigt, und dem gemäß

 

 

 

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ist auch in den Landesverträgen darüber so verfügt, daß hierbei die Einmischung einer anderen als der gesetzlich bezeichneten Behörde nicht nur ganz unnöthig, sondern auch völlig unzulässig sein würde.

 

Die Rittermatrikel hat jetzt nur noch den Zweck, der Staatsbehörde eine feste Grundlage bei der Beurtheilung der Fragen zu gewähren:

 

Welche Grundbesitzer sind zu den Ein Wahlcollegium bildenden Besitzern vormaliger Rittergüter zu zählen?

 

Welche Personen haben auf die aus Staatsmitteln verabreichten, auch Besitzern von vormaligen Rittergütern zu verabreichenden Beneficien Anspruch?

 

Treten gesetzliche Gründe ein, nach welchen solche Berechtigungen für Einzelne hinwegfallen, oder solche auch einem Gute beigelegt werden können, das bisher an dem Genusse nicht Theil nahm?

 

Alle diese Fragen interessiren den Staat und die Landesbehörden. Von diesen muß das Verzeichniß überwacht werden, und demgemäß ist der der gesammten Landschaft Verpflichtete und unter der Aufsicht des Staatsministerii verfügende ständische Ausschuß mit der Führung der sogenannten Rittermatrikel beauftragt. Es sind die Formen gesetzlich bestimmt, nach welchen die Verzeichnisse vollständig zu erhalten sind, und nie werden die zu dem Wahlcollegium Gehörigen selbst und durch ihre Regulative andere Formen unterschieben dürfen. Die Bedingungen, unter welchen neue Güter in das Verzeichniß aufgenommen werden sollen, sind theils grundgesetzlich festgestellt, theils ist es Sache der Staatsbehörde, das zu ordnen, was zur Ausführung der gesetzlichen Vorschriften noch erforderlich wird; und daß denen, welche das Wahlcollegium bilden, oder die bei den vom Staate verabreichten Beneficien betheiligt sind, nicht überlassen bleiben dürfe, nach ihrem Ermessen den Kreis zu erweitern oder zu verengern, bedarf wohl der weitern Ausführung nicht.

 

Das sogenannte ritterschaftliche Capital ist jetzt Vermögen

 

 

 

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der einzelnen Besitzer von Rittergütern oder des Staats. Da es den Staat in ersterer Beziehung überall nicht weiter interessirt, so mußte dasselbe von dem ständischen Ausschusse nur in der Hinsicht berücksichtigt werden, als eine Entscheidung über die Einziehung desselben für den Staat noch nicht erfolgt ist. Sollte von Seiten der Landesregierung den Ansprüchen daran entsagt werden, so mögen die Interessenten zur Theilung schreiten, keineswegs aber in Beziehung darauf nachweisen wollen, daß die Herstellung einer Corporation , zumal einer solchen, die mitregieren und tief in die Staatsverhältnisse eingreifen will, nützlich sei.

 

 

 

§. 13. Fortsetzung

 

Würdigung der im §. 4 geschehenen Hinweisung auf die Verhältnisse in anderen deutschen Staaten.

 

Es ist in anderen Staaten, wie hier, von einer Ritterschaft selbst in neueren Gesetzen die Rede, aber in einem ganz andern als dem Sinne, welcher in der Denkschrift untergelegt wird. Die Besitzer vormaliger Rittergüter bilden ständische Wahlcollegien, sind zur Landschaft berufen, weil man damit die größern Grundbesitzer zu den Verhandlungen ziehen wollte; keineswegs aber ist da, wo man die alten Mängel erkannt und sie hinwegzuräumen den Willen gehabt hat, eine geschlossene Corporation der Ritter gestattet oder wieder zugelassen. Es sind den Besitzern von vormaligen Rittergütern, besonders als Gemeindegenossen, Befugnisse vorbehalten, mit welchen man den größern Grundbesitzern eine angemessene Stellung im Gemeindeverbande zuzusichern beabsichtigte; beleuchtet man aber alle solche Bestimmungen näher, so wird man sich bald überzeugen, daß nicht von einem neuen Einbaue in den Staat, von einer Corporation, die sich auf Kosten des Staats und zur Mitverfügung über Staatseinkommen ordnet, die Rede ist. Es wäre besser,

 

 

 

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wenn man aus dem Königreiche Preußen im Allgemeinen und andern Staate , als Hannover, hätte Beispiele aufzeigen können. Hier dauert bekanntlich der beklagenswerthe Streit über das, was in Beziehung auf die Verfassung geschehen ist, noch fort. Der Denkende kann die Hinweisung in der hier beurtheilten Schrift nicht verkennen; sie deutet auf eine verwerfliche Tendenz, der doch für die hiesigen Lande wohl um so viel weniger Raum gegeben werden wird, als dieselben Betheiligten, welche die den Ansichten einiger Rittergutsbesitzer entgegenstehenden Verträge geschlossen haben, dieselben wieder aufheben müßten, außerdem aber nur ein einseitiges, gewaltsames Verfahren zum Vortheile einiger siebenzig Grundbesitzer zu dem verfolgten Ziele führen könnte. Was vor sechs Jahren für die ritterbürtigen Grundbesitzer einer einzelnen Königlich Preußischen Provinz zugelassen ist, hat für andere, gewiß aus guten Gründen, und obwohl seit der Zeit eine Reihe von Jahren abgelaufen ist, nicht erwirkt werden können. Es hat sich in den abgelaufenen sechs Jahren schon auf empfindliche Weise gezeigt, was der Staat an solchen Corporationen hat. Immerhin mögen Personen, die, weil unter ihren Vorfahren vor vierhundert Jahren Männer in der Ritterwürde sich fanden, in nähere Verbindung zu einander treten, sich nach Belieben sondern, ihre übrigen Staatsgenossen werden sie gern gewähren lassen; zuviel wird aber verlangt, wenn solche Gesellschaften als vom Staate sanctionirte Corporationen sich anerkennen zu lassen oder gar, zur Bemäntelung ihres Unternehmens, die Mitverwaltung von Staatseinkünften und eine dann darauf sich stützende corporative Verfassung in Anspruch nehmen wollten 1).

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1) Es kann wohl kein Land sich rühmen, daß darin Standesverhältnisse mit mehr Anstand und auf eine befriedigendere Weise gewahrt wurden, als in den Herzogl. Braunschweigischen Landen. Mitglieder solcher Familien, in welchen sich ein edler Sinn, gestützt auf Mittel, die Bildung und höhere Stellung erleichtern, von Generation zu Generation erhalten hat, erkennen das selbst an. Beklagenswerth ist daher, wenn der Saame der Zwietracht ausgesäet und das gute Verhältniß durch Anmaßungen gestört wird die doch die beabsichtigte Folgen nie haben können, daher in keinem Falle nützen, jedenfalls aber schaden.

Der wirklich Edle bedarf solcher Mittel, wie sie Herr v. Grone in Anspruch nimmt, nicht. Er hat andere Mittel, um sich geltend zu machen und unmöglich können ihm Pläne zusagen, die auf gesellschaftliche Verhältnisse einer kleinen Dorfsocietät berechnet sind.

 

 

 

 

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§. 14.

 

Fortsetzung, den § 5 gemachten Antrag auf Erlassung eines ritterschaftlichen Statuts betreffend.

 

Der erste Theil der Denkschrift schließt mit dem Antrage, daß der Landesherr, zur Reorganisation einer corporativen Verfassung der Ritterschaft ein Statut verleihen möge, zu welchem der Entwurf mitgetheilt wird.

 

Obwohl alle die Rechte und Befugnisse, welche nach der Schrift in Anspruch genommen werden, und welche die Grundlage einer neuen corporativen Verfassung bilden sollten, Rechte und Befugnisse des Staats, nicht einzelner Staatsgenossen sind; obwohl über die Verwaltung und Ausübung derselben stets in Landesgesetzen verfügt ist und die neuesten Bestimmungen darüber gleichfalls in solchen Grundgesetzen enthalten sind: so glauben die Verfasser der Denkschrift doch ihren Zweck durch einseitige Verfügung erreichen zu können. In Uebereinstinnnung mit den Hinweisungen auf die in dem Nachbarlande getroffenen Maßregeln wollen sie auch hier ein einseitiges Verfahren hervorrufen, höchstens dasselbe bis auf gelegenere Zeit ausgesetzt sehen; und dies ist das besonders Verwerfliche in dem Unternehmen, dessen Tendenz dann klarer hervortritt, wenn man frühere höchst unreife Ansichten des Herrn von Grone und vorhin schon gemachte Anträge damit in Verbindung setzt.

 

Der Entwurf von ritterschaftlichen Statuten, welcher der Denkschrift angeschlossen worden, steht nicht ganz in Uebereinstimmung mit dem,

 

 

 

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was man nach dem hier beurtheilten Paragraphen fordert. Man greift dort tiefer ein, während man hier fürerst nur eine zweite Rittermatrikel eingerichtet sehen und zu deren Führung eine Corporation bilden will. Es ist aber schon bemerkt, daß diese Matrikel nur als ein von dem Staate zu ordnendes Document zu behandeln und allein von der Behörde zu führen ist, welche durch Landesverträge dazu autorisirt worden. Eine zweite Matrikel würde ganz überflüssig und unzulässig sein. (Vergl. §. 12.)

 

Eben dieser Mangel an innerer Uebereinstimmung zwischen den Motiven und den Anträgen, zwischen der Entwickelung und den Forderungen, der sich auch noch in anderer Weise vielfach ausspricht, muß aber Aufmerksamkeit und Befremden erregen. Wenn die Bittsteller nicht nur erreichten, was sie zunächst fordern, sondern auch Alles , was sie noch außerdem als rechtlich nothwendig bezeichnen, erreichten sie also eigene Führung der Rittermatrikel, Vertheilung der Stipendien und Verwaltung des s. g. ritterschaftlichen Capitalvermögens, bedürften denn diese verhältnißmäßig doch nichts weniger als bedeutenden Geschäfte eines so enormen Apparates von Organisationsmaßregeln, wie sie das Statut fordert? Bedürfte es dazu neben dem ritterschaftlichen Ausschusse mit titulirtem Vorstande (Art. 4) noch großer Rittertage (Art. 8. 9); besonderer Homagialverpflichtungen (Art. 12)? Bedürfte es eines eigenen Syndicus (Art. 16), eines Expedienten, Pedells und dergl. mehr? Sollten sich unter den Rittern selbst wohl viele finden, welche geneigt wären, auf eigene Kosten regelmäßig zu den Rittertagen zu kommen, wenn es daselbst nichts zu thun gäbe, als die Rittermatrikel, so wie die Rechnung über eine Vermögensverwaltung nachzusehen, welche im Nothfalle jeder Dorfeinnehmer führen könnte, und allenfalls dem ritterschaftlichen Ausschusse einige unnütze Lehren zu geben? Und läßt es sich denn annehmen, daß der Landesfürst, der doch wahrlich wichtigere Sachen zu erwägen hat, jemals sich veranlaßt finden sollte, eine nur zu diesem Zwecke als Corporation konstituirte Ritterschaft zusammen zu berufen

 

 

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(Art. 8) und mit ihr über Gegenstände unterhandeln zu lassen, welche aus dem Gesichtspunkte des Staats nicht von der geringsten Erheblichkeit sind, sobald sie lediglich in die Hände einzelner Individuen gelegt werden? So viel begreift Jeder: entweder würde die neue Corporation, auf diese Grundlage beschränkt, gar nicht zu Stande kommen und noch weniger sich halten, oder sie würde von der Hoffnung gehalten werden und dahin ihr Bestreben richten, daß es ihr gelingen werde, jene Grundlage unter günstigen Umständen zu erweitern. Man kann unmöglich glauben, daß den Verfassern der Denkschrift diese letzte Alternative fremd gewesen sei. Sie werden selbst eingesehen haben, daß ein so weites Ausholen, wie es in den Motiven (der eigentlichen Denkschrift) sich ausspricht, ein solches Klagen über den Verfall der s. g. Ritterschaft, eine solche Sehnsucht nach einer untergegangenen Herrlichkeit früherer Zeiten, ein solches überall durchblickendes Gelüste nach einer den Familien zu erhaltenden bevorzugten Stellung im Staate, gar nicht zu vereinigen sind mit den scheinbar geringfügigen Resultaten, welche als ostensibler Zweck der Corporation und der Statuten dargestellt wird, wenn man nicht die Worte des Art. 2 dahin deutet, daß es weniger die Erhaltung der Gesammtrechte, als vielmehr die Förderung der gemeinschaftlichen Interessen, also eben die Erweiterung und Vermehrung von Gesammtrechten ist, was man dadurch zu erreichen denkt. Und hierin liegt wohl überhaupt die eigentliche Bedeutung des ganzen, nur künstlich versteckten Strebens.

 

 

§. 15.

 

Bemerkungen zu dem 2ten Theile der Denkschrift: die Stellung der einzelnen Rittergüter zu den Gemeinden betreffend.

Zu §. 6. und 7. Stellung beider zu einander vor der westphälischen Fremdherrschaft.

 

Die Ansichten des Herrn von Grone über Gemeinheitsverhältnisse und die Stellung der Rittergüter zu den Landgemeinden besonders,

 

 

 

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wie solche aus frühern öffentlichen Mittheilungen hervorgehen, sind äußerst unrichtig und verworren, und die früheie Verwirrung der Begriffe scheint auch auf die vorliegende Denkschrift Einfluß gehabt zu haben.

 

Es heißt z. B. in einer frühem von dem Herrn von Grone verfaßten Schrift:

 

„Nach deutschen Rechtsansichten hat seit alten Zeiten jede Standesclasse(!) ihren besondern corporativen Verein gehabt: der Ritterstand Ritterschaften, der Bürgerstand Bürgerschaften - Städte Stadtgemeinden, der Bauernstand Bauerschaften - Dörfer Landgemeinden“ (!)

 

und diese irrigen Ansichten liegen auch jetzt wieder zum Grunde. Es werden Standes- und Gemeinheitsverhältnisse für gleichbedeutend genommen, während doch jene nach Beschäftigung und Gewerbe, diese nach der Betheiligung bei gemeinsamen Grundstücken und Anlagen sich ordneten. Wären die richtigen Begriffe von Stand und Gemeinde aufgefaßt und festgehalten, so konnte man nicht verkennen, daß die Ritter nur so lange einen eigenen abgeschlossenen Stand bildeten, als sie Krieger waren und das Kriegshandwerk ihre Hauptbeschäftigung ausmachte; daß aber von einem Ritterstande jetzt überall nicht mehr die Rede sein kann, da die Benennung nur in Beziehung auf die Scholle, welche vor mehreren hundert Jahren von Rittern bewohnt wurde, sich fortgepflanzt hat, und solche Schollen gegenwärtig in dem Besitze sowohl adliger als bürgerlicher und auch dem Bauernstande angehöriger Personen sich befinden. Es konnte dann ferner nicht unbeachtet bleiben, daß es jemals weder allgemeine Corporationen der Bürger noch der Bauern gab, daß, wie in den Städten, so auch in den Landgemeinden, Adlige wie Bürger und Bauern zusammen wohnen und wegen der Grundstücke und der darauf sich beziehenden sonstigen Anlagen mit einander in Gemeinschaft stehen und längst schon standen.

 

Weil der Gemeindeverband, seiner Natur und seinem

 

 

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Wesen nach, keineswegs auf willkürlichen Bestimmungen beruhet, sondern durch gemeinsames Besitzthum nicht nur an Grundstücken, sondern auch von polizeilichen und andern Vorrichtunqen bedingt ist; so kann in einem Streite darüber, ob ein Gehöfte dieser oder jener Gemeinde angehört, nur das Verhältniß zu den gemeinsamen Rechten und Einrichtungen zum Grunde gelegt werden.

 

Es ist eine durchaus irrige Ansicht, daß die Rittergüter von den Gemeinden, mit welchen sie zusammen liegen, jemals getrennt gewesen seien. Der Verfasser der Denkschrift fühlt auch seinen Irrthum, wenn er im §. 7 von nachbarlichen Verhältnissen, gemeinschaftlichen Eigenthums- und Nutzungsrechten redet; denn diese sind es gerade, welche dem Gemeindeverbande zum Grunde liegen und denselben charakterisiren. Er gesteht zu, daß es für Rittergüter und andere Hofbesitzer Gegenstände einer Gemeinschaft gebe; nur will er deshalb keine Gemeinschaft zugestehen, weil wegen der Beitragspflicht der Rittergüter zu den Gemeindelasten die alte Gesetzgebung nicht klar sei. Das ist allerdings sehr wahr; darin aber liegt eben der große Uebelstand, welcher jetzt ausgeschieden werden soll. Von den nutzbaren Rechten, welche die Rittergüter in der Gemeinde hatten, haben sie sich nicht nur Nichts entziehen lassen, sondern dieselben nach und nach noch sehr erweitert 1); aber wie sollte man ihnen so lange wegen der correspondirenden Pflichten beikommen, als sie ungebührlichen Einfluß auf die Ordnung des Gemeindewesens hatten (§. 1), als es vorzugsweise von der Curie der Ritterschaft abhing, ob überhaupt ein die Gemeindeangelegenheiten ordnendes Gesetz erscheinen, und welche Bestimmungen dasselbe enthalten sollte. Es ist wahrlich mehr als auffallend, in der Denkschrift ein Argument für das Zerreißen der natürlichen Gemeinheitsverhältnisse angeführt zu sehen, das so deutlich auf

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1) Man denke mir an die Ausdehnung der Schaafzucht auf den größeren Gütern.

 

 

 

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die Nothwendigkeit der Bildung eines festeren Zusammenhanges hinweiset.

 

Es kann jetzt die Nachweisung, daß die alten Gesetze mangelhaft waren, zu Nichts führen, als nur etwa zu der Ueberzengung, daß neuere, vollständigere gegeben werden müssen, bei welchen natürlich nicht von den Grundsätzen der Ungerechtigkeit, sondern von denen der Gerechtigkeit auszugehen sein wird. Es ist ja ganz bekannt, aus welchen Gründen der Ritterschaft da nicht erwähnt worden, wo es auf Austheilung von Lasten ankam, auch vielfältig nachgewiesen, welche Mittel zu Gebote standen und angewendet wurden, um der Theilnahme an gemeinsamen Lasten sich zu entziehen.

 

 

§. 16. Fortsetzung

 

zu §. 8, die mit den ritterfrei gewesenen Gütern verbundenen bäuerlichen Gehöfte und Grundstücke betreffend.

 

Hier mußte davon ausgegangen werden, daß in älteren Zeiten diejenigen Höfe, welche zur Erlangung von Kriegshülfe ausgeliehen wurden und deshalb die Benennung Rittergüter erhielten, zu den schwersten Staatslasten verpflichtet waren; daß die Abgabe der Contribution, der Proviantgelder etc., welche gehoben werden mußten, um jene eingegangenen Naturalleistungen zu ersetzen, ganz folgerechter Weise vorzugsweise auf die nun vom Natural-Kriegsdienste befreieten Güter hätten angelegt werden sollen, daß man aber dies nicht nur nicht that, sondern nun einen Unterschied zwischen freien und unfreien Höfen eintreten ließ, nach welchem eben die Höfe, welche die unfreien hätten sein sollen, die freien wurden. So konnte es nur kommen, weil Einzelne nach und nach die Verfügung über den allgemeinen Säckel erlangt hatten und endlich, wenn Hülfe Noth that, für ihre siebenzig und einige Höfe jede Begünstigung leicht erlangten, da sie dagegen tausend andere Höfe preiszugeben vermochten.

 

 

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Als es soweit gekommen war, traten die ferneren Fälle ein, nach welchen man

1. aus unfreien Höfen ganz neue Rittergüter machte und diese gleichfalls zu den freien zählte;

2. mit den in der vorerwähnten Weise frei gewordenen Höfen pflichtig gebliebene verband und die darauf lastenden Abgaben gleichfalls abwarf.

 

Erst in neuerer Zeit, namentlich unter dem Herzoge Carl Wilhelm Ferdinand und seit dessen Regierung, ist nicht mehr zugelassen, die steuerpflichtig gebliebenen Höfe in dem Falle von den dem Staate zu entrichtenden Abgaben zu befreien, wenn die Verbindung solcher mit Rittergütern zugelassen worden. In Rücksicht auf die Verhältnisse solcher Höfe zur Gemeinde konnten aber auch damals schützende Maßregeln noch nicht strenge durchgeführt werden, weil die mit den meisten der Güter verbunden gewesene Gerichtsbarkeit und der dadurch begründete Einfluß auf die Vertheilung der Gemeindelasten hemmend in den Weg traten. In Beziehung auf Nutzung gemeinsamen Eigenthums und gemeinsamer Anlagen ist kein Reihehof durch die Verbindung mit dem Gute aus dem Gemeindeverbande gezogen, wohl aber in Beziehung auf die damit verknüpft gewesenen Reihelasten.

 

Wenn die Denkschrift auch der ständischen Zustimmung erwähnt, mit welcher pflichtige Grundstücke zu ritterfreien gemacht sein sollen, so mag man theils auf die damalige Zusammensetzung der Ständeversammlung sehen, um den Werth solcher Zugeständnisse gehörig zu würdigen, theils den Umstand berücksichtigen, daß im Laufe eines Jahrhunderts kein Landtag gehalten worden, der solchen die nicht ständischen Unterthanen schwer belastenden Eigenmächtigkeiten sich hätte widersetzen können.

 

 

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§. 17.

 

Fortsetzung

zu §. 9 und 10, die Einführung der französischen Communalorganisation während der westphälischen Fremdherrschaft und das Verhältnis der Rittergüter zu den Gemeinden seit 1814 betreffend.

 

 

 

Kennte man aus der vorliegenden Denkschrift nur die nachfolgende der westphälischen Regierung gemachte Beschuldigung:

 

„die Ritterschaft ward, wie schon bemerkt, als Comporation unterdrückt, die Städte wurden der Magistrats- und Gildeverfassung und zugleich aller ihrer Rechte (!) und ihrer innern corporativen Organisation beraubt, und die bäuerlichen Gemeinden erfuhren im Wesentlichen dasselbe Schicksal (!),“ so müßte sie schon großes Bedenken gegen die Bündigkeit des übrigen Inhalts erregen. Die Verwaltung in Städten und Landgemeinden wurde zwar anders organisirt und mußte geändert werden, weil man die alte, durch das Ständewesen ganz verschrobene Staatsverfassung nicht beibehalten konnte; die Gemeindeverbände dauerten aber fort, und man möchte wissen, woher der Verfasser die Nachricht entlehnt hat, daß sie aller ihrer Rechte beraubt worden. Eben in dem angeklagten Theile der westphälischen Neuerungen muß doch viel Gutes gelegen haben; denn auch Preußen trat mit einer ähnlichen Ordnung der Gemeindeverwaltung in den Städten bald hervor und hat dieselbe fortwährend noch weiter ausgebildet.

 

Zum ersten Male wurden, nach vielen Jahrhunderten, die Städte, Dörfer, Domainen, Klöster und ritterfreien Güter als eine in Beziehung auf Pflichten gegen den Staat und die Gemeinden „homogene“ Masse wieder behandelt, was die letzteren in Beziehung auf Rechte sich immer schon hatten gefallen lassen, und außer den siebenzig und einigen Besitzern ritterfreier Grundstücke dürfte kein Städter

 

 

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oder Hofbesitzer zu finden sein, der den Usurpator wegen jener Neuerung anklagte.

 

Wie sie keineswegs allein Folge der Usurpation war, wie sie durch den Untergang der alten Reichsverfassung und die nach Bundesbeschlüssen zu treffen gewesenen Anordnungen mit hervorgerufen worden, ist oben (§. 2. 3) bemerkt, und daselbst ist auch Nachweisung gegeben, wie Herzog Friedrich Wilhelm die vorgefundenen Verhältnisse nahm und von dem Mitregimente der Siebenziger nichts wissen wollte.

 

Die vermeintlichen Unthaten, welche der Usurpator in Einrichtung von Departements-, Districten, Cantons und Communen sich zur Schuld kommen ließ, nahmen die nachfolgenden rechtmäßigen Regierungen auf sich; sie stellten nicht die alte Eintheilung des Landes in zahlreiche kleine Aemter und Patrimonialgerichte wieder her, sondern ordneten statt der Präfectur eine Landesdirection, statt der Districte Kreise, statt der Cantone größere Amtsbezirke an, nannten auch die Communen Gemeinden, und, was das Auffallendste dabei ist, alles dieses geschah nach Verträgen, welche mit den Besitzern von ritterfrei gewesenen Grundstücken selbst errichtet worden, oder nach ausdrücklich anerkannten Verfügungen.

 

Es wurde eine neue Gemeindeordnung vorbehalten, weil diese allerdings immer dringender erforderlich geworden war, in die Landschaftsordnung vom Jahre 1832 § §. 41 und 42 aber der dem Verfasser der Denkschrift verdammlich erscheinende Grundsatz aufgenommen:

 

daß jedes Grundstück im Lande einem bestimmten Gemeindebezirke, jeder Landeseinwohner aber einer bestimmten Gemeinde angehören solle.

 

Es sei, klagt er, nun mit der Unterordnung der ritterfrei gewesener Grundstücke und der Heranziehung derselben zu den Gemeindelasten immer weiter fortgeschritten.

 

Nur die gänzliche Verwirrung in den Begriffen von Stand und Gemeinde, vom Staate überhaupt konnte zur Aufstellung solcher Beschwerden und zur Begründung von

 

 

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Anträgen darauf verleiten. Der angeklagte Grundsatz ist der, welchen die preußische Gesetzgebung an die Spitze in ihren Verfügungen in Gemeindesachen stellt und welcher in alle neuern Verfassungsgesetze hat aufgenommen werden müssen: weil er die nothwendige Bedingung einer geordneten Staatsverfassung enthält; weil das Militär-, das Gerichts-, Steuer- und Polizeiwesen eines festen Anhaltspuncts entbehren würde, wenn man eine solche Bestimmung aus den Augen setzen wollte. Der, welcher nur einigermaßen mit der Ordnung der verschiedenen Verwaltungszweige bekannt ist, überzeugt sich leicht von der Unhaltbarkeit einer Einrichtung, nach welcher einige siebenzig Hofbesitzer, weil ihre Grundstücke vormals ritterfrei gewesen, den Gemeinden, mit welchen sie in Beziehung auf Rechte verbunden sind, in Beziehung auf Pflichten entzogen werden sollten. Zugleich kann der Kundige die in solchen Anträgen enthaltene Anmaßung nicht verkennen, und sie wird ihm noch auffallender erscheinen, wenn er sich mit dem Eingaben bekanntmacht, deren in dem 10ten §. der Denkschrift Erwähnung geschehen ist.

 

Daß, bei noch nicht erlassener Gemeindeordnung, die einzelnen gesetzlichen Bestimmungen und Vorschriften in Gemeindesachen schwankend sein müssen, ist ganz natürlich. Die einzelnen Theile eines neuen Gebäudes müssen lückenhaft bleiben, so lange dieselben nicht nach festem Plane zu einem Ganzen vereinigt sind.

 

 

§. 18.

 

Fortsetzung. Beurtheilung der im §. 11 u. ff. der Denkschrift zusammengestellten „eigentlichen“ Beschwerdepuncte.

 

 

Die Denkschrift enthält im §. 11 u. ff. die nochmalige Zusammenstellung der Beschwerdepuncte, von welchen die angebliche Herabsetzung der persönlichen Stellung der Rittergutsbesitzer, insbesondere eine Unterordnung unter den Vorsteher der Gemeinde, an die Spitze gestellt ist.

 

 

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Der Verfasser des Werks hat auch in diesem Theile der Beschwerdeschrift seine eigene Stellung im Staate und die Begriffe verkannt, welche zur richtigen Beurtheilung der Verhältnisse nothwendig zum Grunde gelegt werden müssen. Er ist immer der in seinem erhabenen Stande persönlich Beleidigte, wenn er mit einem Gemeindediener zusammentrifft; und man weiß kaum, ob man den überall hervorleuchtenden Mangel an Kenntniß der bestehenden und seit Jahrhunderten schon bestandenen Verhältnisse einer wirklichen, oder nur affectirten Unkunde zuschreiben soll.

 

Er kommt nicht darauf, daß seine Ritterschaft überall keinen abgesonderten Stand im Staate mehr bildet. Er hat auch durch das, was er rund um sich her wahrnehmen kann, sich nicht belehren lassen: daß Adlige, Bürger und Bauern ohne Unterschied der Gemeinde- und Polizeiordnung des Orts unterworfen sind, in welchem sie wohnen oder selbst nur den Aufenthalt nehmen. Er muß nicht bemerkt haben, daß vom Staatsminister an bis zum geringsten Tagelöhner herab jeder Bewohner der verschiedenen Ortschaften den Anordnungen sich unterwirft, welche in Gemäßheit der Gesetze von den Orts-, Gemeinde- und Polizeibehörden ausgehen, und daß jede Classe doch dabei ihren Rang und ihre Würde behauptet, auch keineswegs in dem Gemeindebeamten den Herrscher, sondern nur den belasteten Diener erblickt, der froh ist, wenn ihm gelingt, im Interesse der gesammten Genossenschaft, sowie der Einzelnen, die ihm anvertrauten Verwaltungsgegenstände gehörig zu fördern :

 

Ist in irgend einer Weise die Forderung zu rechtfertigen, nach welcher man für siebenzig und einige Hofbesitzer, die theils dem Adel, theils dem Bürger-, theils dem Bauernstande angehören, bloß aus der Ursache Vorrechte vor allen Classen der Staatsgenossen fordert, weil das Besitzthum (was jedoch nur in Beziehung auf wenige behauptet werden kann) vor 400 Jahren von einem Kriegspflichtigen bewohnt wurde oder weil dasselbe unter früheren Verhältnissen Staats- und Gemeindelasten frei gemacht worden? Auf Nichts weiter

 

 

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läuft die Anmaßung hinaus, und mag nur noch im Einzelnen nachgewiesen werden, wie dieselbe so ganz nichtig und einer geordneten Staatswirthschaft entgegen ist.

 

Die Stellung der Gemeinden und ihrer Vorstände zum Staate wurde nach und nach durch zahlreiche Verordnungen verändert und erweitert. Es wurden Anforderungen an sie gemacht in Beziehung auf alle Zweige der Staatsverwaltung: Militair-, Gerichts-, Polizei-, Steuer- und Kirchenwesen; und um zu beurtheilen, ob und in wie weit nur thunlich sei, einzelne Grundbesitzer aus ihrem natürlichen Zusammenhange mit den Gemeinden zu reißen oder als eine durch den ganzen Staat zerstreuete Gemeinde zu behandeln, sind zunächst die verschiedenartigen Functionen in das Auge zu fassen, zu welchen die Gemeinden in ihren Vorstehern und Dienern so berufen sind, daß, wenn eine Aenderung Statt finden sollte, der größte Theil der gesammten Gesetzgebung - ohne daß sich das wie? nachweisen ließe - geändert werden müßte.

 

In der Gemeindeverwaltung sind von einander sorgfältig zu trennen:

 

1) eigentliche Gemeindegüter an Aeckern, Wiesen, Weiden, Holzungen und was zur Erhaltung, Verbesserung und geregelten Nutzung derselben erforderlich ist;

 

2) örtliche Polizeianstalten, deren Einrichtung und Erhaltung, in Uebereinstimrnung mit allgemeinem polizeilichen Anordnungen;

 

3) die den Gemeinden und deren Dienern für ihren Gemeindebezirk mit übertragene Aushülfe bei der Staatsverwaltung in allen einzelnen Zweigen;

 

4) die zur Erhaltung des Kirchen- und Unterrichtswesens gesetzlich angeordnete, aus dem Gemeindebezirke zu leistende Hülfe.

 

Nach diesen Abtheilungen sind den Gemeinden Rechte und Lasten zugemessen , die nur als Befugnisse und Obliegenheiten der Gemeinde, als solcher, behandelt werden dürfen

 

 

 

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und die jeden Gemeindegenossen, wenn auch in verschiedenartiger Weise, doch nur, weil er den Gemeindebezirk bewohnt, und im Gefolge der dem Bezirke anklebenden Verhältnisse treffen. Ob es nun thunlich sei, einzelne Betheiligte aus Rücksicht auf Stand und Würden von der Mitnutzung und Mitleidenschaft in der Gemeinde zu entbinden, sie den hier zu fassenden Beschlüssen zu entziehen und ihre active und passive Theilnahme an die Beschlüsse einer ganz außer der Gemeinde stehenden Genossenschaft zu knüpfen, mag hier zunächst nach jenen einzelnen Abtheilungen erörtert werden.

 

Zahlreiche Rittergüter sind bei Gemeindeweiden, Gemeindewiesen und Holzungen mit berechtigt, deren Erhaltung, Verbesserung und Nutzung jährlich Beschlußnahmen erfordern. Es sind neue Anlagen: Gräben, Wasserleitungen, Brücken etc. zu machen und alte herzustellen, und es ist in Berathung zu ziehen, wie der Schutz der Gemeindegrundstücke am zweckmäßigsten beschafft werden kann und was dazu aufgebracht werden soll. Ist es nun thunlich, zwei verschiedene Behörden einzusetzen, die unabhängig von einander das, was geschehen soll, berathen? Leidet die Natur dieses Gemeinheitsverhältnisses, daß einem der Interessenten seine Theilnahmerechte und seine Verpflichtungen von einer mit der Gemeinde in gar keiner Verbindung stehenden Standesgenossenschaft zugemessen werden? Hieße es nicht, einen Zusammenhang, der durch die Natur geboten ist, so zerreißen, daß Einheit und Uebereinstimmung in der Ortsverwaltung ganz unthunlich sein würde?

 

Eben so verhält es sich bei der Verwaltung der Ortspolizei. Wenn das Gut mit seinen Zubehörungen nicht abgesondert belegen ist, vielmehr von dem Besitzer und anderen Grundeigenthümern in dem Gemeindebezirke z. B. Dieselben Wege, Brücken, Wasserleitungen benutzt werden, so ist dieser Zusammenhang ein auf natürlichen, nicht willkürlich zu verändernden Verhältnissen beruhender. Der Küchenhof in der Stadt Braunschweig ist eins der ältesten Rittergüter.

 

 

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Der Besitzer ist, wie alle Eigenthümer bebaueter Stellen, in der Stadt, bei der Erhaltung der Straßen, der Reinigung derselben, bei den Feuerlöschungsanstalten, dem Armenwesen betheiligt. Sollen nicht andere Reihebewohner für den Rittersitz die Lasten mit übernehmen - was der Landes- und Stadtverfassung ganz zuwider sein würde - so muß nothwendig bei der Aufstellung des jährlichen Stadtetats und der Repartition der Kosten auch auf den Besitzer des Rittersitzes Bedacht genommen werden. Derselbe ist als ein Mitglied der Gemeinde in die Berechnung zu ziehen, bei deren Aufstellung einmal die Gesammtheit der Gemeindegenossen und dann die Verhältnisse jedes Einzelnen zu erwägen sind. Dies kann der Natur der Sache nach nur von Einer Behorde geschehen. Der Inhaber des Rittersitzes kann weder selbst das Maaß seiner Verpflichtung bestimmen, noch ist eine ganz außerhalb der Gemeinde stehende Behörde dazu befähigt und zu berechtigen.

 

So verhält es sich auch mit Rittersitzen in anderen Städten, und in Beziehung auf die mit den Dorfschaften im Zusammenhange liegenden Güter ist, wie wohl nicht weiter nachgewiesen zu werden braucht, die Trennung noch viel unzulässiger, da die Gegenstände der Gemeinschaft hier vielfältiger sind.

 

Der Zusammenhang zwischen ritterfrei gewesenen Gütern und anderen Höfen, nach welchem die Besitzer jener nothwendig als Mitglieder der Gemeinde angesehen und behandelt werden mußten, bestand seit der Begründung des Gemeindewesens. Er war immer ein natürlicher, der durch willkürliche Satzungen nicht aufgehoben werden kann, der aber in den Zeiten nicht fühlbar wurde, in welchen Domainen und Rittergüter auf die Erfüllung der Gemeindepflichten und deren Vertheilung überhaupt ungebührlichen Einfluß hatten, sich denselben ungestraft entziehen konnten und dadurch einen Zustand herbeiführten, nach welchem für gemeinsame Angelegenheiten Nichts geschah.

 

Mögen nur manche der größeren Grundbesitzer in die

 

 

 

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Vergangenheit zurückgehen, so werden sie bald auf Verhandlungen stoßen, nach welchen ihre Vorfahren Nichts sehnlicher wünschten, als daß die Gemeindemitglieder mit ihnen zu gemeinsamen Wegebesserungen und anderen Gemeindeanlagen sich vereinigen möchten, wie sie aber, wenn sie das Bessere erreichen wollten, selbst Hand anlegen und mindestens einen ganz unverhältnißmäßigen Theil der Last übernehmen mußten, eben weil sie auf eine rechtliche Gemeindeordnung sich nicht stützen konnten. Der Beispiele könnten viele aufgeführt werden, und um so auffallender muß es erscheinen, daß nun, nachdem der Gemeindezusammenhang auch in Beziehung auf Gemeindelasten theils schon geordnet ist, theils weiter geordnet werden soll, Anträge auf Zerreißung und auf Begründung eines Verhältnisses gemacht werden, das eigentlich so nie bestand und das, wenn es so wirklich begründet werden könnte, in größere Unordnung zurückführen würde, als die war, aus welcher man sich mit Mühe und zum großen Nutzen für Rittergüter sowohl als für Domainen und sonstige Grundbesitzungen herausgewunden hat.

 

Die neuere Zeit hat den Gemeinden zugleich zahlreiche Verpflichtungen zur Aushülfe bei der Staatsverwaltung auferlegt.

 

Der neuen Ordnung des Militärwesens - die Conscription ist erst seit der westphälischen Zeit beibehalten - liegen die Gemeindebezirke zum Grunde. Die Aushebungslisten, mit allen zur Berichtigung derselben erforderlichen Vor- und Nebenarbeiten, sind nach Gemeindebezirken eingerichtet, und kein Stand befreiet von der Aufnahme in solche Listen. Sie bilden die Grundlage für die Amts- und Districts-Listen und für die Berechnungen, nach welchen eine gleichmäßige Vertheilung der Militärlast bezweckt wird. Den Gemeindebeamten beschäftigen sie fast täglich, und auch die fortgesetzten Erörterungen und Berichterstattungen über Anträge auf Entlassung aus dem Dienste, Beurlaubungen etc. fallen nicht nur den Gemeindebeamten vorzugsweise zur Last, sondern, sollen sie mit Gründlichkeit erfolgen, so ist theils das Verhältniß

 

 

 

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des Individuums ins Auge zu fassen, und außerdem sind auch die Folgen zu erwägen, welche für den Gemeindeverband und andere der Gemeinde angehörigen Pflichtige daraus erwachsen. Kommen in Kriegszeiten Einquartirung und Kriegsfuhren hinzu, so ist Ordnung nur dann möglich, wenn die, welche nach Oertlichkeit Eine Gemeinde bilden, auch als Ein Ganzes behandelt werden und nach Verhältnissen, welche der natürliche Gemeindeverband darbietet, die Last unter sich vertheilen.

 

Man denke sich in Beziehung hierauf eine nach Standesverhältnissen gebildete, durch den ganzen Staat zerstreute Gemeinde mit Rechten und Verpflichtungen, wie sie den nach Oertlichkeiten gebildeten Gemeinden zugeschrieben sind und, wenn man Ordnung will, zugeschrieben werden müssen!

 

Wollte man die bestehende Gesetzgebung, um sich nachgiebig zu bezeigen, auch vom Grunde aus ändern, welche Ordnung soll zum Ersatze dienen? Wie will man, neben dem natürlichen Gemeindeverbande, eine erkünstelte Genossenschaft mit ihren Beamten da in die Reihen stellen, wo Alles darauf berechnet ist und berechnet sein muß, daß geschlossene, nach gemeinsamen, auf Grund und Boden sich beziehenden Interessen geordnete Bezirke die Grundlage bilden?

 

Eben so verhält es sich mit den in Beziehung auf Rechtspflege und Steuererhebung den Gemeinden obliegenden und nothwendig nach örtlichen Verhältnissen zu ordnenden Pflichten, so wie mit der Betheiligung bei kirchlichen und Unterrichtsanstalten.

 

Seit den ältesten Zeiten liegt der äußern Ordnung unseres Kirchenwesens die Parochialverfassung zum Grunde. Sie bestand vor der Reformation und ist nachher in Landesgrundgesetzen befestigt. Die kirchlichen Anstalten sind für gewisse Bezirke und nach der Bebauung und Bevölkerung dauernd geordnet; die Bezirke fallen größtentheils mit den Gemeindebezirken zusammen. Die Bewohner des Parochialbezirks bilden eine Genossenschaft, deren Fundament der Bezirk und das Besitzthum darin ist; und von keines Grundbesitzers

 

 

 

 

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Willkür hängt es ab, seine Parochialverhältnisse aufzugeben oder zu verändern, welcher Confession er auch angehören mag. Dies folgt nothwendig aus der dinglichen Natur der Verhältnisse. Die Parochialsocietät bildet eine Genossenschaft, und als solche kann die kirchliche Gemeinde ebenso wenig, wie die politische, durch zwei von einander getrennte örtliche Behörden vertreten werden. Die Natur der Verhältnisse leidet auch hier nicht, daß einer der Parochialgenossen seine Verhältnisse zu der Societat, unabhängig von andern Betheiligten, ordnet, oder solche Ordnung außer der Parochialsocietat stehenden Personen überweiset.

 

 

§. 19.

 

Fortsetzung

 

Würdigung der §. 12 - 14 der Denkschrift aus einer schwankenden Stellung der Rittergutsbesitzer als Gemeindemitglieder hergenommenenen Gründe für die Trennung solcher Güter aus dem Gemeindeverbande. und des Hauptantrags für die Sonderung §. 15 und des eventuellen Antrags §. 16.

 

Um die Trennung vormals ritterfreier Höfe aus dem Gemeindeverbande zu motiviren, bezieht sich ferner die Denkschrift auf eine schwankende Stellung der Besitzer solcher Höfe als Gemeindeglieder. Es werden §. 12 die Fragen aufgestellt:

 

1) Welche Theilnahme an den Gemeinde-Beschlüssen und Gemeinde-Rechten ihnen zukommen sollen?

2) Welche Gemeindelasten von ihnen zu tragen seien?

3) Nach welchem Veranlagungsfuße sie zu dergleichen Lasten heranzuziehen seien?

 

die sich aber, nach den einer gerechten Gemeindeordnung zum Grunde zu legenden Principien, dahin leicht beantworten lassen:

 

zu 1): Die Theilnahme an den Gemeindebeschlüssen ist bedingt durch die Betheiligung bei den verschiedenartigen

 

 

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Rechten und Einrichtungen und den desfalls zu übertragenden Lasten.

 

zu 2): Die Lasten sind mit zu übernehmen, welche sich auf Gegenstände der Gemeinschaft beziehen, bei denen der ritterfrei gewesene Hof betheiligt ist.

 

zu 3): Das Maß der Berechtigungen bildet auch den Maßstab zu dem Repartitionsfuße behuf Vertheilung der Last.

 

Wenn diese Grundsätze noch nicht gleichmäßig zur Anwendung gekommen und bei einzelnen Verwendungen nicht gehörig beachtet sind, so wird dadurch wohl der Antrag auf Errichtung einer bündigen Gemeindeordnung unterstützt, der Schluß aber als ein ganz unrichtiger erkannt werden müssen, daß nun einzelne Hofbesitzer, weil sie vormals ritterfreie Grundstücke besessen, aus dem Gemeindeverbande zu entlassen seien und daß ihnen ein ohnehin ganz unausführbares Vorrecht vor tausend anderen Hofbesitzern eingeräumt werden müsse.

 

Es ist Anmaßung, wenn man für jene Besitzungen im Allgemeinen, bei der Abstimmung in Gemeindesachen, besondere Vorrechte geltend machen will. Daß der Besitzer eines bedeutenden Landgutes als solcher — nicht weil sein Grundstück zu den ritterfreien gehörte — besondere Berücksichtigung verdient, wird unten weiter ausgeführt werden; welche Gründe könnten aber geltend gemacht werden, um den vormals ritterfreien Hof zu Klein-Denkte mit 57 Morgen 80 Ruthen Acker vor solchen Hofbesitzern bei der Abstimmung zu begünstigen, die das Dreifache kultiviren, zumal da Nichts im Wege steht, um jenen Hof auch Bauern käuflich zu überlassen?

 

Das Gewicht der Stimmen ordnet sich in den meisten Fällen nach dem Bestande der Höfe. Das Nähere wird die Gemeindeordnung angeben.

 

Ebenso wenig kann der Umstand den Antrag auf Trennung ritterfrei gewesener Höfe von dem Gemeindeverbande rechtfertigen, daß die Grundsätze, nach welchen man diese zu den Gemeindelasten herangezogen, schwankend gewesen, und

 

 

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daß der, allerdings unzulässige, Unterschied zwischen Dorfgemeinden im engeren und weiteren Sinne gemacht worden. Ein solcher ist in dem in der Denkschrift angegebenen Sinne ganz unbegründet, obwohl nicht leicht eine Gemeinde vorkommen wird, in welcher nicht diese oder jene Gemeindegenossen in Beziehung auf einzelne Gemeindegerechtsame, Grundstücke oder Einrichtungen überall nicht oder weniger als andere betheiligt sind. In dieser Hinsicht kann die Genossenschaft für einzelne Gegenstände der Gemeinheit eine beschränktere oder weitere sein; allein eine allgemeine durchgreifende Eintheilung läßt sich darauf nicht begründen, weil die Verschiedenheit in der bezeichneten Hinsicht sich nicht nach allgemeinen Charakteren, sondern nach Individuen und einzelnen Gerechtsamen, also jedenfalls nur nach Zufälligkeiten, kund giebt.

 

Aus Allem, was §. 13 der Denkschrift enthält, folgt weiter Nichts, als daß man in den Grundsätzen, nach welchen die Gemeindeangelegenheiten zu behandeln sind, noch schwankt, und daß der Verfasser der Schrift seine Zeit viel nützlicher verwandt hätte, wenn es ihm gefällig gewesen wäre, behuf Aufstellung der verheißenen Gemeindeordnung angemessenere Grundsätze aus der Natur des Gemeindeverbandes zu entwickeln, und sein aus der Unvollkommenheit des Bestehenden für noch viel unzweckmäßigere und unzulässigere Einrichtungen hergeleitetes Argument ganz bei Seite zu legen.

 

So ist es auch mit dem, was §. 14 in Betreff des Repartitionsfußes angeführt worden. Weil die Pflichten der einzelnen Gemeindegenossen nach den Anrechten an den gemeinsamen Gegenständen bemessen werden müssen, diese aber verschiedenartigen Umfangs sein können, so giebt es keinen gerechten allgemeinen Repartitionsfuß; daraus aber, dass man die richtigen Grundsätze für die Repartition noch nicht aufgefunden oder noch nicht gesetzlich festgestellt hat, kann das Argument nicht entlehnt werden, nach welchem die ritterfrei gewesenen Güter überall nicht in die Repartition gezogen und

 

 

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da, wo sie an den Rechten theilnehmen, nicht auch zur Uebertragung eines verhältnißmäßigen Theils der Lasten angestrengt werden sollen.

 

Recht erbaulich ist, was der Verfasser der Denkschrift für den Wunsch, nicht zu den Gemeindelasten mit angezogen zu werden, aus einer höheren Natur der Besitzer vormals ritterfreier Grundstücke und aus Lebens- und Standesverhältnissen ableitet. Schon oben ist seine Unbekanntschaft mit dem Begriffe von Stand und Gemeinde nachgewiesen, und sie bestätigt sich auch hier wieder. Er hat auch hier nicht beachtet, daß seine Ritter überall keinen Stand mehr bilden, und daß nicht erst seit der Usurpationsperiode, sondern so lange es Verschiedenheit der Stände gab, Personen aus allen Ständen Mitglieder sowohl von Stadt- als Landgemeinden waren, daß die Gemeinden sich nicht nach Ständen bildeten, und daß überhaupt die Zeit vorüber ist, in welcher Pflichten gegen den Staat und die Gemeinden nur nach Ständen bemessen und nachgelassen werden können. Großer Grundbesitz und bedeutendes Capitalvermögen werden zwar immer vorzügliche Mittel bleiben, sich in der Gesellschaft geltend zu machen, obgleich ohne Intelligenz auch die Goldsäcke keine wünschenswerthe Anerkennung finden werden; die aber dürfen heutzutage wohl auf Nichts rechnen, die durch eine äußere Hülle, durch gewaltsam erpreßte Vorrechte sich in die Reihen drängen wollten. Eine Wolkenperücke aus dem Jahre 1711 führt wahrlich das Jahr 1711 nicht zurück.

 

Nachdem nun §. 15 der Denkschrift der Hauptantrag dahin empfohlen worden, „daß durch Landesherrliche Verordnungen die Rittergüter auf den Antrag ihrer Eigenthümer mittelst der Erklärung für besondere Gemeinden von dem städtischen und bäuerlichen Gemeindeverbande wieder gesondert, und bei dieser Sonderung die in dem erwähnten Entwurfe (zu dem Statute für die braunschweigische Ritterschaft) enthaltenen Rechtsnormen, oder welche davon für angemessen und ausführbar erachtet werden möchten, zum Grunde gelegt werden“ - folgt §. 16 ein eventueller Antrag, rücksichtlich „der mit den Gemeinden combinirt bleibenden Rittergüter,“ der unten näher beleuchtet werden wird.

 

 

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§. 20.

 

Kurze Bemerkungen zu dem der Denkschrift angehängten Entwurfe neuer Statuten für die braunschweigische Ritterschaft.

 

Nach den in den vorhergehenden §§. gemachten Mittheilungen wird sich der in der Anlage der Denkschrift enthaltene Entwurf beurtheilen lassen. Es liegen auch dabei die verworrenen Ansichten des Herrn von Grone zum Grunde, und bedarf es hier nur der Zurückweisung auf die oben gemachten Erinnerungen.

 

Zu Art. 1 und 2. Vereinigung der wolfenbüttelschen und blankenburgschen Ritterschaft zu Einer Corporation und Einigungszweck.

 

Bemerkung. Es giebt keine Ritterschaft mehr (§. 10), sondern nur Besitzer vormals ritterfrei gewesener Grundstücke. Diese haben keine Gesammtrechte zu vertreten (§. 4. 5), und ihnen ein gemeinsames (!) Zusammenwirken - nur um wieder Vorrechte zu gewinnen - zu gestatten, dürfte ganz unzulässig und sogar gefährlich sein.

 

Zu Art. 3. Anlegung einer ritterschaftlichen Gütermatrikel.

 

Bemerkung. Der Zweck des hier erwähnten Verzeichnisses ist oben §. 12 angegeben, auch ist daselbst bemerkt, wie ein zweites Verzeichniß ganz unnöthig und unzulässig und ein solches am wenigsten durch Regulative des Herrn von Grone zu ordnen ist.

 

Zu Art 4 - 11. Errichtung eines neuen ritterschaftlichen Ausschusses:

Befugnisse desselben,

Verfahrungsweise desselben,

Besondere Folgen der Errichtung desselben,

Ritterschaftliche Versammlung,

Selbstberufene Versammlungen,

 

 

 

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Abstimmung,

Ausübung des Stimmrechts durch Bevollmächtigte etc.

 

Bemerkung. Alle hier vorgeschlagenen hochtrabenden Bestimmungen zerfallen in Nichts, wenn man nach Art. 5 verfolgt, welches die Befugnisse des Ausschusses und die Gegenstände einer corporativen Einigung überhaupt sein sollen:

 

Die Verleihung der Beneficien, welche auf Steterburg angewiesen sind, ist grundgesetzlich geordnet (§. 5) und bedarf der neuen Regulative nicht.

 

Die Gütermatrikel ist nach grundgesetzlichen Vorschriften eingerichtet und kann weder in anderer Form, noch von andern als den gesetzlich bestimmten Behörden fortgesetzt werden (§. 12).

 

Mit dem ritterschaftlichen Corporationsvermögen ist es Nichts. Dasselbe ist das Vermögen der einzelnen vormaligen Mitglieder einer aufgehobenen Innung (§. 6), vielleicht auch gar des Staates.

 

Ritterschaftliche Acten und Urkunden, die nicht Bestandtheil des allgemeinen landschaftlichen Archivs wären, giebt es nicht. Wer dies zu verwahren und daraus Extracte zu geben hat, steht gesetzlich bereits fest.

 

Die beabsichtigte Corporation soll sich wieder in Staatsgütern und Staats-Gerechtsamen festsetzen, und da dies ganz unzulässig ist, so sind auch alle übrigen Bestimmungen wegen der Direktoren und Reiche, der Berufungen, Berichtserstattungen etc. überflüssig.

 

Bemerkenswerth ist hier nur die durchaus ungesetzliche Weise, in der Herr von Grone und seine Stützen die Privatinteressen einzelner weniger Grundbesitzer des Landes auf Kosten des Staats fördern zu können glaubt.

 

Zu Art. 12. u. 13. Verpflichtung der Mitglieder der Ritterschaft a) gegen den Durchlauchtigsten Landesherrn und b) gegen die Corporation.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bemerkung. Hier gilt das vorhin Gesagte. Die beabsichting Corporation hat keinen Zweck weiter, als in Staatsgerechtsame einzudringen, und da die Staats-Grund-Gesetze ein unüberwindliches Bollwerk entgegengestellt haben, so sind die glänzenden Formen, welche Herr von Grone herbeigeträumt hat, leere Traumbilder.

 

Die Tirade Art. 12 wird heutzutage keinen Landesherrn mehr täuschen. Zu alle dem, was hier angelobt wird, fühlt sich jeder redliche Mann auch ohne besondern Huldigungseid verpflichtet, und wenn Hülfe wirklich einmal nöthig wäre, so möchte die höchst gemischte und beschränkte Gesellschaft des Herrn von Grone nur wenig in die Wagschale zu legen haben (vergl. §. 21). -

 

Zu Art. 14. Landesherrliche Oberaufsicht.

 

Bemerkung. Ein überflüssiger Artikel, da der Landesherr durch seine Staatsbehörden alle Corporationen beaufsichtigen läßt; - wenn man mit der vorgeschlagenen Bestimmung nicht etwa wieder auf eine außerhalb des Staats stehende Corporation leiten wollte.

 

Zu Art.15 - 19. Gerichtsstand —
Syndiken, Erpedienten, Boten in Dienst zu nehmen,

Creditvereine zu errichten,

Abänderungen des Statuts,

Schlußbestimmungen.

 

Bemerkung. Die hier gemachten Vorschläge bedürfen der weiteren Erörterungen nicht, da des Herrn von Grone Statuten wahrscheinlich zu den Lustschlössern zu rechnen sein werden.

 

 

 

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III.

 

W ü r d i g u n g des in der Denkschrift erwähnten früheren Antrags auf Herstellung einer ritterschaftlichen Corporation.

 

§. 21.

 

Die Denkschrift erwähnt §. 10 einer frühern Eingabe, und zwar unter ausdrücklicher Bezugnahme darauf, die mehr den ursprünglichen Ansichten des Herrn von Grone sich anschließt und auch von ihm verfaßt sein soll. Um von dem Geiste in derselben eine Ansicht zu gewinnen, mögen hier einige Sätze aus dem 5ten Abschnitte mitgetheilt und beleuchtet werden, welcher die Hauptgründe zusammenfaßt, die einer Combinirungs-Maßregel (in Betreff der Gemeinde) in rechtlicher und politischer Hinsicht entgegen stehen sollen.

 

Der Verfasser stellt, um seine Ritter durchaus nicht in dem herabwürdigenden Gemeindeverbande zu lassen, folgendes Raisonement an die Spitze:

 

„Die der bisherigen Verfassungsweise (!) entgegenstehende Schwierigkeit wird immer darin bestehen, daß, sowie nach deutschem Rechte jeder Stand seine besondern Corporationen hat (!), so auch deren ganze innere Organisation nur auf seine individuellen (!) Verhältnisse berechnet ist, daß namentlich Rittersitze keine Bauerhöfe, überhaupt keine Bestandtheile bäuerlicher Gemeinden sind, und daß folglich die corporativen Einrichtungen dieser, sie mögen polizeilicher oder administrativer Natur sein, oder beides zugleich, nicht für jene passen.“

 

Man beleuchte diesen Satz näher, und mehr Widersprüche

 

 

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wird man nicht leicht in so wenigen Zeilen zusammengetragen finden. Wo sieht denn Herr von Grone, daß der Adel des Landes, der Bürgerstand, die Bauern, die Geistlichen etc., daß jeder dieser Stände eine Corporation bildet? Kennt er die bestehenden Staatsverhältnisse so wenig, um nicht zu wissen, daß Mitglieder aller jener Stände Genossen sowohl der Stadt- als der Landgemeinden sind? Hat er sich in seiner eigenen Ritterschaft nicht so weit umgesehen, um Adlige, Bürger, Bauern darin zu erblicken? Ist ihm der Gedanke nicht hervorgerufen, daß seine Genossen jetzt überall keinen Stand im Staate bilden, daß die Gesammtheit weder geeignet ist, sich zu Einer Standesgenossenschaft, noch zu Einer Gemeinde abzuschließen? Hätte nur Herr v. Grone über die Begriffe, in denen er sich fortwährend vergreift, aus dem ersten besten Compendium sich zu unterrichten gesucht, schon dann müßte er Bedenken getragen haben, mit Behauptungen der obigen Art hervorzutreten; noch mehr aber sie als Argumente für den Umsturz wichtiger Staatseinrichtungen zu empfehlen.

 

Der Abneigung des Herrn von Grone, sich zum Stande der Bürger oder Bauern zählen zu lassen , werden diese gern entgegenkommen: da den Stadtgemeinden wenig daran gelegen sein kann, ihre Genossenschaft um einen solchen zu vermehren, und die Bauern immer schon froh waren, wenn sie kleinere Ritter nicht zu ihrer Gemeindegenossenschaft zählen durften. Daß alle Landbebauer einst in der Benennung „Bauer“ ihren Collectivnamen hatten und daß dies erst dann sich änderte, als man Reiterdienste mit Landgütern zu erkaufen anfing und in Beziehung darauf ein jetzt längst wieder untergegangener Militairstand sich bildete, ist oben schon erwähnt . Aber (behauptet Herr von Grone ferner) auch die Elemente, aus welchen ritterliche und bäuerliche Güter bestehen, sollen zu verschieden sein, als daß sie mit einander in Verbindung gesetzt werden könnten: und doch sind wie Herr von Grone weiß, mehrere Rittergüter aus Bauerhöfen zusammengesetzt. Fast alle jene Güter haben sich nach und

 

 

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nach durch Bauerhöfe vergrößert, auf welchen doch Erde Luft, Wasser und Feuer nicht so verschiedenartiger Natur gewesen sein müssen, daß nicht auch ein Ritter dabei hätte gedeihen können.

 

Wenn alle Grundstücke, wie die Personen, vor dem Gesetze, dem Militärgesetze, den Steuergesetzen gleiche Rechte haben, wenn die Ueberbleibsel einer vormaligen Grundherrlichkeit jetzt grundgesetzlich hinweggeschaft werden, — wo bleibt dann Verschiedenartigkeit in dem, was Herr von Grone Elemente nennt? Wenn Bauer- wie bürgerliche und andere Landgüter, die keine Rittergüter waren, über 1500 Thlr. eintragen, so können sie Rittergüter werden, ohne daß andere Elemente, als die Erde und ihr Ertrag, in Untersuchung zu ziehen sind.

 

Dann soll die Annahme eines doppelten Gemeindeverbandes in den Dörfern zu unauflöslichen Verwickelungen führen; ein solcher doppelter Gemeindeverband hat sich aber nur in der Idee des Herrn von Grone und Anderer, die die Verhältnisse noch nicht sorgfältig erwogen haben, ausgebildet. Er ist in dem Sinne, wie davon die Rede gewesen ist (§. 22), nicht ausführbar.

 

Nochmals verfällt denn Herr von Grone auch hier in die immer wiederkehrende Verwechselung der Begriffe und in die darauf gebaueten oben schon abgefertigten Argumentationen, warnt vor einer Auflösung der Ritterschaft als Stand und Corporation und verweiset auf die Schicksale des einst so mächtigen lombardischen Adels, der, wie Herr von Grone wehmüthig bemerkt, in die Städte und Stadtgemeinden sich aufnehmen ließ und daselbst in Parteikämpfen seinen Untergang fand.

 

Wahrlich ein übel gewähltes Beispiel! Landbebauer mit dreihundert und einigen Morgen Land mögen sich doch jenen Lombarden nicht gleichstellen wollen! Der Flecken Eschershausen würde sie nicht einmal ohne Heimathschein aufnehmen, wenn übrigens mißliche Vermögensumstände zu befürchten wären. Jene Lombarden wurden vertrieben und todtgeschlagen,

 

 

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weil sie nur herrschen, weil sie Vorrechte gewinnen und gewaltsam sich anmaßen wollten, die man ihnen nicht zugestehen konnte und wollte. So wie die Verhältnisse gegenwärtig stehen, können solche Anmaßungen zwar nicht zur Vertreibung und zum Todtschlage führen; sie geben aber zu einem innigen Lächeln die Veranlassung, wenn wir Herrn von Grone aus Westerbrak sich hier, zur Förderung seiner schwachen Versuche, zwischen den Sforza, Visconti etc. aufpflanzen sehen.

 

Belustigend ist besonders das, ausgesprochene Ansinnen, daß der Staat ins Mittels treten soll, um zu verhüten, daß ja nicht das Familienmitglied eines Grundbesitzers, dessen Gut einst einen Rittersmann nährte, ein bürgerliches Gewerbe betreibe, daß schützende Corporationen errichtet werden sollen und zwar, wie des Herrn von Grone Ritterordnung beweiset, auf den Grund von Staatsgütern und Staatseinkommen.

 

Er hat auch in Beziehung auf diese. Vorschläge nicht um sich gesehen. Er weiß nicht, daß die größten Rittergüter durch den Betrieb der wichtigsten bürgerlichen Gewerbe: Brauerei, Brennerei und Fabrikgeschäfte anderer Art längst so herabgewürdigt sind, daß er, nach seinen Begriffen, nicht auf denselben würde dauern können. Er hat nicht bemerkt, wie oft schon Rittergutsbesitzer wieder Kaufleute und andere Gewerbetreibende geworden sind, und wie häufig das Entgegengesetzte der Fall gewesen ist: wie denn überhaupt kein Mittel dem unerhörten Unfuge mit Erfolg entgegengestellt werden kann.

 

Er hat in seinem Verkehr mit den Lombarden und den eigenen Ahnenbildern unbeachtet gelassen, daß er selbst Steinbrecher ist, und daß er denselben von seiner ritterlichen Tafel zurückweisen nicht veranlaßt sein dürfte.

 

Herr von Grone ist unbekannt mit dem Ursprunge der Patricier und über ihr Schicksal ohne allen Grund bekümmert, da sie sich bei einem nährenden Gewerbe viel wohler befinden, als wenn sie, um durch Thätigkeit nicht in dem Gedanken an ihre hohe Abkunft sich stören zu lassen, gehungert hätten.

 

 

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Endlich faßt Herr von Grone am Schlusse seiner Wünsche, Hoffnungen und Empfehlungen seine Gedanken nochmals vollständig zusammen. Er hat zwar viel auf auf alte Vorrechte der Rittergüter sich bezogen und zu beweisen versucht, mit wie großem Unrechte sie vernichtet wären; jetzt deutet er aber plötzlich nicht auf die alte Ritterschaft, sondern auf ein ganz neues Institut. Es heißt:

 

„Mit weisem (!) Vorbedacht haben sich daher die höheren Generationen dieser Ritterschaft wiederholt auf Landtagsabschieden die rechtssichernden Zusagen ertheilen lassen, daß sie als Corporation unirt bleiben, daß das Dismembriren derselben, das Versinkenlassen des Standes, äußerster Möglichkeit nach verhütet werden solle.“

 

Auch diese Landesherrliche Zusage bestehe - behauptet er - noch in voller Kraft, und noch der Eingang des Landtagsabschiedes vom Jahre 1823 enthalte eine Bestätigung derselben.

 

Er meint dann:

daß Ritterschaft und Bauernstand auch zu denjenigen Ständen gehören, bei denen sich noch immer die meiste Liebe und Anhänglichkeit an alle althergebrachte nationale Einrichtungen, folglich auch an die althergebrachten, ächt monarchischen Grundsätze und Verfassungsverhältnisse erhalten habe,

 

und bringt endlich den Antrag in Vorschlag,

die Wiederherstellung der auch in den hiesigen Landen bis 1807 bestandenen Sonderung der Rittergüter von den Gemeinden, namentlich von den bäuerlichen Dorfgemeinden, fördern zu wollen.

 

Er läßt hier seine Gedanken, und was er eigentlich für sein Gehöfte erreichen möchte, deutlicher durchblicken. Hohe Generationen sollen - was ohnehin wahrheitswidrig ist - allem einst die Zusicherung wegen Fortbestehens einer Corporation

 

 

 

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erhalten haben; niedere also nicht, und diese niedern sind, nach seiner Andeutung, die bürgerlichen oder in neuerer Zeit erst geadelten Generationen der Rittergutsbesitzen. Diese sind nicht werth, mit Ihm in einem Bunde zu bleiben, namentlich weil sie nicht an althergebrachten, nationalen Einrichtungen kleben, und, wie der Herr Ritter ferner folgert, keine Anhänglichkeit an althergebrachte, ächte monarchische Grundsätze hegen.

 

Diese nicht hohen Generationen, die Herr von Grone in unwürdiger Weise zu verdächtigen sucht, haben allerdings am wenigsten unter dem Unfuge der Curien, zu welchem Herr von Grone zurückführen möchte, gelitten. Sie haben aber zuerst erkannt, was denn „die althergebrachten nationalen Einrichtungen“ zu bedeuten haben, was es mit den „althergebrachten, ächt monarchischen Grundsätzen“ des Herrn von Grone für eine Bewandtniß hat. Sie haben sich überzeugt, daß die alten Verfassungsverhältnisse nichts weiter waren, als die alten Vorrechte, an welche die hervorgehobene Anhänglichkeit sich knüpfte; sie haben eingesehen, daß Herr von Grone unter seinen monarchischen Grundsätzen nur solche begreift, welche eine Mitregentschaft der Ritterschaft zu eigenem Vortheile zulassen; sie haben deshalb zur Ausrottung des Uebels kräftig mitgewirkt und sich auch des Bauernstandes, der nun plötzlich - weil es zum Thema paßt – mit dem Herrn von Grone gleich noble Gesinnungen im Busen tragen soll, sich angenommen, seine Lage aber ganz anders aufgefaßt, als Herr von Grone.

 

Kenntniß des Ackerbaues ist das, was der hochwichtige Bauernstand vorzugsweise zu erstreben hat. Die Thätigkeit, auf welche er angewiesen ist, giebt ihm überhaupt wenig Zeit, über Verfassungsverhältnisse nachzudenken; seine Anhänglichkeit an das Alte gründete sich nicht auf eine Würdigung alter Zustände nach ihrem Ursprunge, ihrem Werthe oder Unwerthe, sie äußert sich nur in der Politik, allem Neuen das äußerste Mißtrauen entgegen zu setzen, weil die erfahrung ihm sagte, daß wenn vormals neue Staatsverträge, bei welchen er sein Interesse wahrzunehmen nicht Gelegenheit hatte,

 

 

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geschlossen und neue Lasten erforderlich wurden, sie ihn hart trafen, daß, wenn der Patrimonialgerichtsherr, der auch Gutsherr war, neue Einrichtung in der Gemeinde in Anregung brachte, mindestens für ihn auf keine Erleichterung von Lasten zu rechnen, wohl aber in den meisten Fällen eine Vermehrung derselben die Folge war.

 

Nachdem nun auch für eine rechtliche Behandlung des Bauernstandes in neuerer Zeit so vieles geschehen ist, muß Herr von Grone mit dessen Gesinnungen wenig bekannt geworden sein, wenn er wähnt, daß derselbe die gute alte Zeit, in welcher sein Korn, bis dem Zehntherrn beliebte abzehnten zu lassen, auf dem Felde verfaulen konnte, in welcher er in der bedrängtesten Erndtezeit zum Dienste berufen wurde, der Knittel ihn entwürdigte und er, zur Widerspänstigkeit getrieben, in der Beachtung des allgemein gewordenen Grundsatzes: Im Dienste bedarf es größerer Anstrengung nicht, als einer solchen, bei welcher nur die Schöße wackeln - dem Staate und der eigenen Wirthschaft die besten Kräfte rauben sah; in welcher die Gemeindeweiden nach Willkür zu Ausweisungen benutzt werden konnten etc. - daß er eine solche Zeit jemals zurückwünschen werde. Meint Herr von Grone den Bauer mit einigen Redensarten beschwichtigen zu können? Gewiß nicht! Denn auch ihm haben neuere Ereignisse über die gute alte Zeit Auskunft gegeben; er braucht jetzt nicht tief in das Verfassungsgebäude einzudringen, um recht gründliche überzeugende Vergleichungen anstellen zu können. Er wird, wie jeder denkende Bürger und unparteiische Adlige, die Fürsten und Regierungen preisen, welche dem guten Alten, den Zuständen ein Ende gemacht haben, durch welche die Tapferkeit und der monarchische Sinn des Herrn von Grone bedingt ist. Das Häufchen, welches derselbe zum Schutze der Monarchien, nach Absatz der bürgerlichen Ritter, würde darbieten können, ist wahrlich zu schwach, selbst wenn Herr von Grone mit dem Muthe der wohlseeligen Lombarden zur Seite stände.

 

Wahrlich, das „Satiram non scribere“ wird bei der

 

 

 

 

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gepriesenen Tapferkeit des Herrn von Grone recht fühlbar, und ernstlicher nur verdient gerügt zu werden, daß derselbe es wagt, zur Unterstützung seiner Absichten den Bürgerstand des Mangels an Liebe zum Fürsten und Vaterlande anklagen zu wollen. Es liegen ihm ja erläuternde Beispiele so nahe. Wann gab es jemals, so lange das Herzogthum Braunschweig-Lüneburg besteht, eine auffallendere Gelegenheit, Rittermuth zu zeigen, als eben in jener Usurpationsperiode, auf welche Herr von Grone pocht? Ein edler Fürst, seines väterlichen Erbes beraubt, im fortgesetzten Kampfe gegen den Usurpator, durfte ja wohl vorzugsweise auf die zählen, welche zur Lehnstreue, zur Dankbarkeit für erlangtes Besitzthum, vor allen andern Staatsgenossen verpflichtet waren. - Welche waren denn die, die vor Halberstadt, Braunschweig etc. ihr Leben verloren oder sich zu Krüppeln schießen ließen? So viel bekannt ist, nicht ein Ritter des Herrn von Grone: wohl aber sind viele, nicht seiner Rittertage würdig erachtete Adlige und Bürgerliche herbeigeeilt, um der guten Sache ihren Arm zu leihen und für sie zu bluten. Hat Herr von Grone in seiner ländlichen Abgeschiedenheit die Begebenheiten so wenig verfolgt, daß ihm unbekannt geblieben sein könnte, mit welcher Vorliebe auch in jener, von ihm so oft erwähnten Periode der Bürger seinem angestammten Fürstenhause anhing und die Abneigung gegen den Usurpator so deutlich zu erkennen gab, daß, namentlich dem Braunschweiger, Plünderung und Verwüstung schon vorbereitet und nur durch die Umsicht und Festigkeit gleichfalls eines edlen Bürgers der Stadt, eines unwandelbar treuen Anhängers und Rathgebers seiner angestammten Fürsten, abzuwenden war? Glaubt der Ritter mit seiner lächerlichen Verweisung auf das, was seinen üppigen vermeintlichen lombardischen Genossen vor vielen Jahrhunderten mit vollem Rechte widerfuhr, das Andenken an Begebenheiten der neuesten Zeit auslöschen zu können?

 

Muth und Treue lassen sich am wenigsten in leeren Worten und vom warmen Sitze hinter dem Ofen her bewahrheiten;

 

 

 

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sie beweisen sich nur durch Thaten; und steigt man auch weiter in die Geschichte hinauf, so ergeben sich Beispiele in Menge, welche beweisen, daß jene Eigenschaften nicht Product der Muttermilch sind.

 

Wäre nicht die Urkunde des Herrn Ritters so groß, wäre sie nicht auf legale Weise beurkundet, so müßte man selbst strafbar nennen, wenn er es wagt, an; frühere Zusicherungen mahnen und sie dem Fürsten als noch wirksam vorhalten zu wollen, unter dessen Augen und Zustimmung die so schädlichen Zugeständnisse in erneuerten Verträgen mit der Ritterschaft selbst aufgehoben und endlich völlig vernichtet sind.

 

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IV.

 

Allgemeine Bemerkungen und Andeutungungen,

die Ordnung des Gemeindewesens und das Verhältnis der Besitzer umfassender Güter zu den Landgemeinden betreffend.

 

§. 22.

 

Es ist keinem Individuum zu verargen, daß wenn an gewissen Verhältnissen für ihn freundliche und erhebende Erinnerungen kleben, er diese zu erhalten sucht. Es mag nicht bekrittelt werden, wenn Familien, deren Vorfahren sich in ritterlicher Weise hervorthaten und die in ihren Sitzen Denkmäler der Vorzeit besitzen, mit welchen das Andenken an Großthaten verwachsen ist, solche Sitze in ihrer alten Eigenschaft und unter der Bezeichnung als Rittersitze beizubehalten streben. Dazu ist nach unserer Verfassung hinlänglich Raum gegeben, indem die Besitzer vormaliger Rittergüter Ein Wahlcollegium bilden und ihnen auch als solchem Beneficien zustehen, die staatsrechtlich begründet sind und das Andenken an vormalige Zustände erhalten.

 

 

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Der Zugeständnisse auf Kosten des Staats und seiner Gemeinden bedarf es dazu nicht. Selbst zu gewissen erlaubten Zwecken in Verein zusammen zu treten, bleibt, wie anderen Staatsgenossen, so auch den größeren Gutsbesitzern unverwehrt; allein ein solcher Verein muß nach Rechten und Pflichten in sich abgeschlossen bleiben und nicht zu seinem Vortheile Staatsverhältnisse zum Gegenstande seiner Mitwirkung machen wollen. Dadurch, daß Letzteres geschehen, als die alten Genossenschaften der Ritter, Städte und Prälaten, diese so eigennützigen Curien, noch bestanden, haben sie sich selbst den Untergang bereitet; denn sobald man nur zu dem richtigen Begriffe von Staat gelangte und danach wechselseitige Rechte und Pflichten zu beleuchten anfing, mußten nothwendig solche Staaten im Staate den gerechtesten Angriffen der übrigen Betheiligten ausgesetzt werden, und wo man sie als Staatscorporationen endlich glücklich ausgeschieden hat, dürfte man sich sorgfältig zu huten haben, sie als solche wieder aufleben zu lassen.

 

Es konnen die Besitzer gewisser Güter unter sich z. B. Creditvereine errichten und Vereinsbeamte wählen; dies Verhältniß ist ganz verschieden von dem der alten Corporation. Es ist hier gewissen, und namentlich auch den vormals ritterschaftlichen Besitzungen, ein Stimmrecht bei Landtagswahlen vorbehalten, aber keineswegs damit auch eine corporative Verfassung - nicht einmal ein genossenschaftliches Regiment. Sie handeln hier, wie auch andere Grundbesitzer, deren Stimmt recht sich nach gewissen aus dem Gute hergeleiteten Merkmalen bestimmt, als Einzelne.

 

Die Nachtheile und Unannehmlichkeiten, welche dden Gutsherren aus den gegenwärtig geordnetern Verhältnissen zu den Gemeinden erwachsen sollen, sind größten Theils nur eingebildet, und es möchte wohl der Rittergutsbesitzer viele geben, die das Zweckmäßige der begonnenden Ordnung längst erkannt haben und es ungern wieder zum Opfer bringen.

 

Es ist auch noch eine mittelalterliche Idee, daß Jeder, der Anordnungen in Gemäßheit gesetzlicher Vorschriften zu machen hat, als Befehlshaber angesehen wird.

 

 

 

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Selbst der jetzt schwer belastete Ortsvorsteher, dieser Diener - nicht Befehlshaber - der Gemeinde, der, wie gesagt, froh ist, wenn es ihm gelingt, seinen Obliegenheiten für die Gesammtheit Genüge zu leisten, wird als ein lästiger Gewalthaber dargestellt, während er doch nicht nur der Gesammtheit der Genossenschaft, sondern auch jedem Einzelnen darin zu Dienste sein muß. Der Empfindlichkeit über die Verhältnisse zum Gemeindevorsteher liegen Erinnerungen an vormalige unvollkommenere Zustände zum Grunde. An die Stelle der vormaligen Willkür in Förderung der Gemeindeangelegenheiten, die vorzugsweise von den größeren Grund- und Gutsbesitzern ausgeübt wurde, ist jetzt Gesetzlichkeit getreten. Für wichtige Zweige der Gemeindeverwaltung sind die Pflichten der Gemeindegenossen näher und angemessen bestimmt, und, genau erwogen, ist es mehr die Handhabung solcher Gesetze, als die Suprematie des Vorstehers, welche von Einzelnen so lästig gefunden wird. Es war Manchem bequem, unter Umständen vortheilhaft, nach Willkür und, bei der Dunkelheit der Gesetzgebung, ungestraft hemmen zu können. So darf es aber nicht mehr sein, und das Lästige, welches das Gesetz mit sich führt, wird den Dienern und Ausführern angerechnet.

 

Die Formen, deren sich Gemeinde- wie Staatsdiener bei ihren amtlichen Verrichtungen bedienen, können verletzend sein. Humanität ist das Gut, welches durch Wissenschaft und sorgfältige Ausbildung des Geistes überhaupt erzielt wird, und wie auf allen Stufen der geistlichen und weltlichen Hierarchie fortwährend Solche angetroffen worden, die nie zu dem erhabenen Ziele gelangten, so wird auch Inhumanität und in deren Gefolge Herrschsucht und Plumpheit, Kriegerei und Hinterlist die Krücke bleiben, mit der hohe und niedere Schwachköpfe verletztend sich bewegen. Der Fehler liegt in der Erziehung, wird oft erst erkannt, wenn es zu spät ist, und muß da, wo ihn nicht etwa die höhere Staatsbehörde zu verletzend findet, ertragen werden.

 

 

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Jene Mängel und menschlichen Unvollkommenheiten gehören zu den allgemeinen und auf Erden nicht auszumärzenden Schwachheiten. Sie sind, wo sie sich ohne merkliche Beschädigung äußern, besser mit Stillschweigen zu übersehen und zu belächeln als zu bekämpfen, und nur darauf muß in einer bündigen Gemeindeordnung Bedacht genommen werden, daß die ernstlichen Folgen der Inhumanität, einer verderblichen Leidenschaftlichkeit und Herrschsucht abgewandt werden können.

 

 

§. 23.

 

Fortsetzung.

Besonders auch in Beziehung auf §. 16 der Denkschrift Eventueller Antrag rücksichtlich der mit den Gemeinden combinirt bleibenden Rittergüter

 

Es ist auffallend, daß manche kundige und selbst solche Besitzer ritterfrei gewesener Güter durch die Idee des Herrn von Grone, wie er dieselbe öffentlich vorgelegt hat, sich haben anziehen lassen, welchen die derselben entgegenstehenden Staatsverhältnisse genau bekannt sind, welche die neueren Grundverträge selbst persönlich mit errichtet haben und gewiß nicht mit Herrn von Grone die Vorschläge theilen, die auf ein revolutionaires Verfahren gerichtet sind. Der Grund mag zum Theil in dem Mißbehagen zu suchen sein, welches durch manche noch bestehende, vorhin angedeutete und erst durch eine umfassende Gemeindeordnung ganz auszuscheidende Mängel veranlaßt wird; dies scheint sich auch durch den im §. 16 der Denkschrift gemachten Vorbehalt zu bestätigen.

 

Der Besitzer eines umfassenden Landguts verdient als Gemeindemitglied und in der Gemeindeverfassung besondere Berücksichtigung 1). Wo Oertlichkeiten dies zulassen und

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1) Und zwar zum Wohle der Gemeinde selbst, da er in den meisten Fällen mit der übrigen Genossenschaft gleiche Interessen verfolgt und am geeignetsten ist, diese gehörig zu würdigen und die Wege anzugeben, in welchen sie zu fördern sind.

 

 

 

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wo überhaupt die zu dem Begriffe einer Gemelnde wesentlich erforderlichen Vorbedingungen sich finden, mag sein Besitzthum selbst eine eigene abgesonderte Gemeinde bilden; nie dürfen aber solche ihm zu gewährenden Rücksichten eine unzeitige Trennung und Zerrüttung der Gemeindeverbände zur Folge haben. Es mögen hier zunächst einige Andeutungen zur Begründung einer verbesserten Gemeindeordnung folgen:

 

Der Umfang und Inbegriff eines Gemeindebezirks bestimmt sich nach den Grundstücken, Anlagen und Einrichtungen, in Beziehung auf welche eine gemeinsame Benutzung Statt findet; die Personen aber welche bei solchen gemeinsamen Gegenständen betheiligt sind, bilden die Gemeindegenossenschaft.

 

Es ergiebt sich schon aus dem Begriffe von Gemeindebezirk und Gemeindegenossenschaft, daß die Bestimmungen darüber nicht willkürlich sein können daß vielmehr dabei Verhältnisse zu beachten sind, die bei ihrer großen Verschiedenheit in einer und derselben Gemeinde auch eine große Verschiedenheit in Betreff der den einzelnen Gemeindegenossen zustehenden Rechte und obliegenden Pflichten zur Folge haben müssen.

 

Um diese Verschiedenheit hervorzuheben und die Auffindung des Fußes, nach welchem die Lasten vertheilt werden müssen, zu erleichtern, sind, wie oben erwähnt worden, als verschiedenartige Gegenstände der Gemeindeverwaltung von einander zu trennen:

1) die eigentlichen Gemeindegüter und Gerechtsame und die desfalls erforderlichen Anlagen und Einrichtungen,

2) die polizeilichen Anlagen, welche außerdem, aber nur im Interesse der Gemeinden, erforderlich sind,

3) die polizeilichen Anlagen und Einrichtungen, bei welchen zugleich umfassendere Bezirke und mehrere Gemeinden betheiligt sind,

4) die den Gemeinden gesetzlich auferlegte Aushülfe bei mehreren Zweigen der Staatsverwaltung,

5) der Verband, in welchem die Gemeindegenossen in Beziehung auf kirchliche und Zwecke des Unterrichts stehen.

 

 

 

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Eine sorgfältige Sonderung dieser verschiedenen Gegenstände ist um so dringender erforderlich, als danach auch der Einfluß, den die Staatsbehörden auf die Gemeindeverwaltung haben, sehr verschiedenartig ist, und danach das Verhältniß der Gemeinden zu dem Staate überhaupt sich ordnet.

 

Von gleicher Wichtigkeit ist, der Gemeindeordnung eine durchgreifende Eintheilung der Gemeindegenossen in Beziehung auf persönliche und Vermögensverhältnisse zum Grunde zu legen; denn danach vorzüglich ordnet sich das Verhältniß der Einzelnen zur Gemeinheit im Allgemeinen und das Maß der von den Einzelnen für die Gemeinde zu tragenden Lasten. In Beziehung auf die erwähnten Verhältnisse treten zwischen den Gemeindegenossen Abstufungen und Verschiedenheiten ein, je nachdem sie betheiligt sind:

 

1) als Besitzer eines im Gemeindebezirk belegenen zur Bewirthschaftung eigenthümlicher Grundstücke eingerichteten Hofes (Hofbesitzer),

2) wegen eines Wohnhauses ohne Zubehörungen an Aeckern und Wiesen (Hausbesitzer),

3) nur wegen der im Gemeindebezirke belegenen Grundstücke (Markgenossen),

4) als Nutznießer des wegen eines Staats-, Gemeinde-, Gutsherrlichen-, Kirchen- oder Schuldienstes eingethanen Grundstücks (beamtete Nutznießer),

5) als Diener der erwähnten Art, welchen die Nutzung von Grundstücken nicht eingeräumt ist (beamtete Inquilinen),

6) als ohne Grundbesitz und Dienstverhältniß in der Gemeinde wohnende Personen (Häuslinge).

 

Von den Hofbesitzern ad 1. dürften diejenigen zu einer abgesonderten Classe zu rechnen sein, welche innerhalb des Gemeindebezirks ein Gehöfte besitzen, das mit den auf der Gemeinde- oder einer benachbarten Feldmark belegenen Grundstücken und anklebenden Rechten zu dem jährlichen Ertrage

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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von mindestens 1500 Thlr. abzuschätzen und in das Verzeichniß der zu dem Eintritte in das s. g. ritterschaftliche Wahlcollegium berechtigenden Höfe aufgenommen ist (Gutsherren).

 

In Beziehung auf Rechte und Pflichten in der Gemeinde ist endlich besonders noch zu unterscheiden:

 

1) ob Jemand den Gemeindebezirk vermöge dauernder Berechtigung bewohnt oder doch bewohnen kann (Wohnortsberechtigte),

2) oder ob ihm nur eine temporelle Berechtigung zum Aufenthalte zugestanden ist (Aufenthaltsberechtigte).

 

Um der auf die Ordnung des Gemeindewesens sich beziehenden Gesetzgebung feste Anhaltspuncte zu geben, würden in einem generellen Theile der Gemeindeordnung Abtheilungen der vorerwähnten Art voraufzustellen und in ihrer Verschiedenheit genau zu charakterisiren sein. Es muß allgemeiner Grundsatz bleiben, daß das Maß der Pflichten der einzelnen Gemeindegenossen nach dem Umfange der Berechtigungen sich ordnet, und deshalb läßt ein allgemeiner Maßstab, nach welchem den Einzelnen die Pflichten für die Gemeinde zugetheilt werden könnten, sich nicht auffinden; der Maßstab wird vielmehr sehr verschiedenartig sein, und würden dabei die angedeuteten Verhältnisse Berücksichtigung finden müssen.

 

Dadurch, daß die Gemeindeordnung in der bezeichneten Hinsicht noch mangelhaft ist, mußten nothwendig Uebelstände sich erzeugen, die, bei einem noch besonders auszuhebenden Mangel, den größeren Gutsbesitzern lästig wurden und ihnen die Theilnahme an dem Gemeindeverbande verleideten.

 

Erst in neuerer Zeit, hat man die schwierige Aufgabe durch die Gesetzgebung zu lösen gesucht: welche streitige Gegenstände sind zur Entscheidung den Gerichten, welche den Verfügungen der Verwaltungsbehörden zu überlassen? Bei der auch jetzt noch nicht gehobenen Schwierigkeit, die richtige Grenzlinie festzustellen, konnte vormals, zumal da die Gerichte über ihre Competenz selbst ohne Weiteres zu entscheiden hatten, auch jede streitig gewordene Verwaltungssache leicht vor den Richter gebracht und im Rechtswege erörtert werden.

 

 

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Allerdings wurden dadurch manche Verwaltungsmaßregeln ganz vereitelt, und die neueste Gesetzgebung entzog daher mit Recht den beschwerlichen und verzögernden gerichtlichen Formen das, was sie zu Gegenständen der Verwaltung rechnen zu müssen glaubte. Es war so allerdings eine Verbesserung erlangt; von einer anderen Seite trat nun aber auch ein drückender Mangel ein. Bei Streitigkeiten über Gemeindeangelegenheiten und Gegenstände der Ortspolizei kann häufig keine der ordnenden Behörden die Stelle des nicht betheiligten, über den zu erörternden Verhältnissen stehenden Richters einnehmen. Von jenen gehen Anordnungen und Anweisungen aus, die tief in die Gemeindeverhältnisse eingreifen, denen die Gemeinden oft wohlbegründete Einwendungen entgegen zu stellen haben, welche aber die Behörden den Gemeinden mit ihren Beschlüssen gegenüber, in das Verhältniß der Parteien, und zwar der dann um so viel leidenschaftlicheren Parteien versetzen, wenn Mangel an Bildung und Humanität sie in jedem Widerspruche nur Mißachtung ihrer Würde und Autorität erblicken läßt. Nun heißt es zwar: für solche Fälle ist die Berufung an die höchste Behörde offen gelassen; aber welches ist der Verlauf und kann unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur der Verlauf sein? Die Behörden berichten, was sie aber berichten; wird der andern Partei nicht bekannt. Kann diese auch ihre Beschwerde gleichfalls vorlegen, so hat sie doch nicht die Gelegenheit, sich eben in den Puncten zu vertheidigen, in welchen sie angegriffen wird, und welche unglücklichen Folgen solche einseitigen Vorträge in Beziehung auf die Gemeindeverhältnisse und das Schicksal der dabei betheiligten Behörden, trotz des redlich Willens der entscheidenden Behörden, haben können, wird denen, welche den Hergang zu beachten Gelegenheit hatten, nicht unbekannt geblieben sein.

 

Eben diese angedeuteten Mängel werden dadurch noch schädlicher, daß die in vielen Beziehungen mit den Gemeinden in enger Verbindung stehenden Gutsbesitzer, sowohl der übrigen Gemeinde als den Behörden gegenüber, eigenthümliche

 

 

 

 

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Interessen haben können und geltend zu machen wünschen, mit welchen sie dann gleichfalls den einseitigen Berichten anheimfallen. Diesen dadurch helfen zu wollen, daß man ihnen eine eigene Behörde aus den Standesgenossen hervorruft, würde den Mangel noch fühlbarer und die Verhältnisse noch verwickelter machen.

 

Eine wohlbegründete Gemeindeordnung kann die erforderliche Aushülfe gewähren, und daß diese erforderlich ist, hat man längst nicht nur hier, sondern auch in andern Staaten gefühlt. Der westphälische Präfecturrath hatte die Bestimmung, in gewissen Verwaltungssachen den unbetheiligten Richter zu ersetzen, ohne an gerichtliche Formen gebunden zu sein 1). Noch neuerdings ist für einen benachbarten Staat die Entsetzung einer unbetheiligten Behörde zur contradictorischen Vernehmung der Parteien in streitigen Verwaltungssachen in Anregung gekommen, und für die hiesigen Lande dürfte dieselbe ohne Schwierigkeiten zu erlangen sein, da es nur auf eine unparteiische Instruction, auf eine gerechte Ermittelung der Gründe und Gegengründe und das Gutachten einer unbetheiligten Behörde ankommt, mit welchem die Acten zur Entscheidung der höchsten Behörde vorgelegt werden.

 

Es ist hier nur Raum zu Andeutungen; bei den Berathungen über die neue Land-Gemeinde-Ordnung wird die Angelegenheit zur weiteren Erörterung kommen. Wird den mit der Gemeinde in Verbindung stehenden größern Gutsbesitzern das Recht zugestanden, einen Gehülfen des Vorstehers zu ernennen und diesem besonders zur Pflicht gemacht,

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1) Constitution des Königreichs Westphalen 7. Decbr. 1807. Art. 35: „Die Departemente sollen durch einen Präfecten verwaltet werden. Es soll in jedem Departemente ein Präfecturrath für die Streitigen Sachen sein.“ - Verwaltungsordnung vom 11. Januar 1808. Art. 2: Hiernach hat z. B. Der Präfecturrath über die in Betreff der Brücken und Chaussen, der Leinpfade, Land- und Heerstraßen, über die von den Städten, Flecken oder Dörfern eingehenden Gesuche um Autorisation, vor Gericht auftreten zu dürfen etc. mit zu entscheiden. - Auch dem westphälischen Staatsrathe stand eine Entscheidung in streitigen Verwaltungsgegenständen zu. Decr. 24. Decbr. 1807. Art. 22.

 

 

 

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bei Gemeindebeschlüssen die Stimme des Gutsherrn einzuholen; steht diesem das Recht zu, bei wichtigen, besonders zu bezeichnenden Beschlüssen die Zustimmung zu versagen und vor der Entscheidung in geeigneten Fällen die Cognition einer unbetheiligten Behörde in Anspruch zu nehmen; erstreckt sich das Recht des Veto bis zur Cognition und erfolgten Entscheidung mindestens auf die Beschlüsse, welche neue Gemeindeanlagen, neue Polizeianstalten, die Wahl von Gemeindedienern und Dienstboten, die Aufstellung von Repartitionen, die noch nicht durch das Gesetz, durch Urtheil oder Vertrag begründet sind, und dergleichen betreffen: so dürfte damit den Gutsherren ein einflußreicheres Recht, als das, welches sie durch das Erscheinen auf Rittertagen erhalten sollen, eingeräumt werden, und solche Concessionen verdient der größere Grundbesitzer als solcher, — nicht, weil sein Gut einst in dem Besitze eines Ritters war, oder weil es, nach längst verlaufener Ritterzeit, zum Rittergute erklärt worden.

 

Da nach unserer Verfassung diejenigen Güter, welche einen Reinertrag von 1500 Thlr. jährlich liefern, den Besitzer zu dem Eintritte in das ritterschaftliche Wahlcollegium berechtigen, das Verfahren aber zur Ausmittelungs des Ertrags gesetzlich vorgeschrieben, auch den Gutsherren, welche die Nachweisung über das Einkommen zu geben vermögen, die Aufnahme in das Verzeichnis der zum Wahlcollegium Berechtigten – die sogenannte Rittermatrikel – zugesichert ist; so dürfte die Bestimmung, wer in der Gemeindeverwaltung als Gutsherr anzusehen sei, keine Schwierigkeiten haben.

 

Selbst die Ordnung einer mit der Begutachtung der streitig gewordenen Verwaltungsangelegenheiten zu beauftragenden Behörde dürfte nicht schwierig und mit erheblichen Kostenaufwänden nicht verbunden sein: da in den Landescollegien immer zahlreiche Mitglieder zu finden sind, die als vormalige Beamte und in anderen Dienstverhältnissen die ländlichen und Gemeindeverhältnisse genau kennen lernten.

 

 

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Bemerkungen zu des Herrn von Grone Entgegnung auf die Beiträge zu der Geschichte der Feudalstände.

 

Die Schrift des Herrn von Grone, in so weit sie der Geschichte der Feudalstände entgegengestellt ist, könnte füglich ganz unbeantwortet bleiben. Der Unkundige wird, wie Juno ihrem zürnenden Gemahl, dem Herrn von Grone zurufen: „Jupiter! du bist im Unrechte, denn du wirst grob“; dem Kundigen wird das Schiefe und Hinkende in den Anführungen ohne Weiteres einleuchtend sein; dem Herrn von Grone aber dürfte keine Belehrung nützen.

 

Von ihm kann man nur wiederholen, was ein öffentliches, nichts weniger, als „ultraliberales“ Blatt (das Leipziger Repertorium der deutschen und ausländischen Literatur) über seine Machwerke sagt: „Man sollte ihm den Trost, sich auszusprechen und in Illusionen zu wiegen, gönnen. Einer Widerlegung ist die Politik des Verfassers nicht bedürftig. Die, welche an sie glauben, sind nicht zu bekehren, und Proselyten wird der Verfasser schwerlich machen“.

 

Nur weil in der zur Sprache gebrachten Angelegenheit selbst noch einige Erläuterungen nützlich sein könnten, mögen diese an die neuesten Worte des Herrn von Grone geknüpft werden.

 

Zu S.1. Eine ständische Verfassung hatten deutsche Staaten, wie so vielfältig nachgewiesen worden, seit den ältesten Zeiten. Der Zeitpunkt, in welchem eine wahrhaft ständische – alle Stände umschließende – Verfassung unterging,

 

 

 

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war der, in welchem die Besitzer von Grundstücken, auf denen Kriegspflichten und Hofdienste hafteten, bei den öffentlichen Verhandlungen in Landesangelegenheiten ein Uebergewicht sich zu verschaffen wußten, zu einer Genossenschaft sich abschlossen und andere Unterthanen dann preis- geben konnten.

 

Herr von Grone, der immer nur die Herrschaft der Ritterschaft mit landständischer Verfassung für gleichbedeutend hält, verfällt dadurch in den Wahn, eine Constitution auf repräsentativen Grundlagen sei ganz etwas Anderes, als eine landständische Verfassung. Darüber, daß dem nicht so sein müsse, könnte er, wenn er die Geschichte der deutschen Bundesgesetzgebung näher zu beleuchten Gelegenheit gehabt hätte, sich leicht überzeugen; denn das Votum der beiden hannöverschen Congreßbevollmächtigten vom 1. October 1814 bemerkt (unter Berücksichtigung, daß die widerrechtlichen Anmaßungen einzelner Stände nur temporell sein und eigentlich nie rechtskräftig werden könnten) ausdrücklich:

 

„ein Repräsentativ-System ist in Teutschland von den ältesten Zeiten her Rechtens gewesen.“

 

Eine Verfassung, bei der alle Stände des Landes vertreten sind, ist eine ächt landständische und zugleich eine auf repräsentativer Grundlage beruhende (mit dem Verfasser zu reden), eine liberale; die Verfassung aber, bei welcher einige Grundbesitzer nur sich, und zwar auf Kosten anderer Stände, vertreten, ist eine unächt ständische, eine ausgeartete, eine illiberale, aber, im Sinne des Herrn von Grone, die wahre.

 

Um dieses Unding auszuscheiden, enthält die Wiener Schlußacte vom Jahre 1820 (Art. 55) die Bestimmungen:

 

„den souverainen Fürsten der Bundesstaaten bleibt überlassen, die landständische Verfassung, diese innere Landesangelegenheit (nicht Angelegenheit einzelner Stände oder Personen) zu ordnen, mit Berücksichtigung sowohl der früherhin gesetzlich bestandenen ständischen Rechte, als auch der gegenwärtig obwaltenden Verhältnisse.“

 

 

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Danach ist, wie die vorstehende Ausführung nachweiset, in den hiesigen Landen verfahren.

 

Zu §. 7. Herr von Grone bekennt selbst, daß er die Landesgeschichte nicht kennt, und die hier gemachten Aeußerungen beurkunden dies deutlich. Die erste Handlung, welche die nähere Vereinigung der einzelnen Stände , die das Land zu vertreten sich anmaßten, und die Gliederung in Curien zur Folge hatte, war die, daß man, als vom Fürsten bedeutende Opfer im Interesse des Landes gefordert wurden, solche auf nicht vertretene freie Gemeinden anwies. Nicht nur zahlreiche Naturalabgaben, sondern auch Dienste wurden damals zur Befriedigung der Bedürfnisse auf Einzelne überwiesen, und diese Prästationen blieben Last des Einzelnen, obwohl sie, dem Zwecke nach, zu den allgemeinen Landeslasten zu rechnen waren. An dieses Zugeständniß knüpfte sich die Bedingung, daß ohne Willen der Prälaten, Ritterschaft und Städte keine Bede gehoben werden solle, was, wie die folgenden Landtagsverhandlungen beweisen, nur so viel sagen wollte: den drei nunmehr privilegirten Ständen soll das Recht werden, was zu Staatsbedürfnissen erforderlich ist, auf den Säckel Anderer anzuweisen und sich davon zu befreien. Dies ist freilich nach Herrn von Grone ganz in der Ordnung; man hat aber Bedenken getragen, über diese, eine der ersten Unthaten der Curien, sich näher zu äußern, weil die Folgen davon bis in die neueste Zeit fühlbar geblieben sind und eine, übrigens gerechte, Erbitterung vermieden werden sollte. Da Herr von Grone ein Quellenstudium nicht kennt, so mag er sich auf die, bei Ribbentrop gedruckten, nächstfolgenden Landtagsabschiede verweisen lassen, wo sich die Fortsetzung jener Liberalität auf nicht vertretener Unterthanen findet

 

Zu Seite 8. Hier hat Herr von Grone so ziemich den im 1. H. der Geschichte der Feudalstände nachgewiesen Hergang aufgefaßt;

 

 

 

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nur hat er übersehen, daß danach anfangs nicht der Zufall, sondern vorzugsweise die Betheiligung bei den Folgen der öffentlichen Verhandlung und der Umstand entschied, ob Jemand den Beschlüssen mit Nachdruck sich widersetzen konnte, oder nicht. Uebrigens hat Herr von Grone die Seite 9. bestrittene Urkunde nicht genau erwogen. Sie enthält weder einen Vertrag, noch ein Urtheil, sondern allgemeine gesetzliche Bestimmungen sur nachfolgende Zeiten, bei welchen von Schöffen nicht die Rede sein konnte, sondern nur solche, nnd zwar im Interesse der Betheiligten, zuzuziehen waren, die von den Folgen des Gesetzes getroffen wurden. Es lag hier nie ein recht eigentlicher nnd wichtiger Gegenstand ständischer Mitwirkung vor. Herr von Grone findet die Behauptung auffallend, daß lange Zeit gar keine Abtheilungen nach Ständen oder Curien (der Prälaten, der Ritterschaft und der Städte nämlich) und keine bestimmte Regel für die Betreibung der ständischen Verhandlungen Statt gefunden habe. - Glaubt Herr von Grone, daß seine sogenannte Corporation der Ritterschaft aus der Arche schon hervorgegangen sei? Hat er, bei seiner Befangenheit, die H. I. der Geschichte der Feudalstände über das Entstehen der Curien und ihrer schädlichen Vorrechte gegebenen Nachweisungen nicht in das Auge gefaßt? Glaubt er wirklich, daß die klar vorliegen- den geschichtlichen Daten durch seine vage Exclamation: So unrichtig etc. - vertilgt werden können? Daß es eine Zeit gab, in welcher weder von Ritterschaft, noch von ritterschaftlichen Curien die Rede war, in welcher unter der Benennung „freie“ die Eigenthümer ländlicher Grundbesitzungen verstanden wurden und einzelne Freie sich noch nicht durch mißbräuchlich zugestandene Vorrechte gesondert hatten, ist in der Seite 6 der Geschichte der Feudalstände angeführten Urkunde vom Jahre 1166 angedeutet, aber auch jedem nur einigermaßen der Geschichte Kundigen aus tausend andern Urkunden bekannt. Daß der Ausdruck „Bauer“ einst auch die Vorfahren des Herrn von Grone mit umfaßte, kann derselbe aus den unter §. 8. gegebenen urkundlichen Nachweisungen entnehmen; wie schmerzhaft ihn auch eine solche Mittheilung in seinen lombardischen Träumen berühren mag.

 

 

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Wie wichtig es ist, daß Männer, wie Herr von Grone, sich nie wieder zu gebornen Räthen aufdringen, beweiset seine Behauptung Seite 11, daß die Ausdrücke „Ritterschaft“, „corpus nobilium“, „Rittergut“, „adliges Gut“ die Ueberzeugung gewährten, daß die sogenannte Ritterschaft aus Rittern und ritterbürtigen Personen zusammengesetzt sein müsse. — Daß die Ritterzeit vorüber war, als die sogenannte ritterschaftliche Curie zu der schädlichen Erscheinung im Staatsleben sich ausbildete, als welche sie in der Geschichte da steht, daß die Bezeichnung „ritterschaftlich“ sich früher an einen Stand, nachmals an Grundstücke knüpfte, daß diese Grundstücke von Adligen, Bürgern und Bauern erworben werden konnten, daß die Erwerber, welchem Stande sie auch angehörten, seit Jahrhunderten schon Ritter genannt wurden, daß der Ausdruck „corpus nobilium“ etc. erst in der Zeit der Wolkenperücken, der leeren Ostentation, gebräuchlich - oder vielmehr mißbräuchlich - geworden, ist bekannt und in der Geschichte der Feudalstände nachgewiesen; eine Reihe schlichter, aber einsichtsvollerer Ritter von Thune und Andere könnten Herrn von Grone belehren.

 

Eben so ist nur Herrn von Grone unbekannt, in welcher Weise die Prälaten der Klöster über die Zubehörungen derselben verfügten, daß sie nicht als Gelehrte, sondern nur wegen des klösterlichen Besitzthums auf Landtagen erschienen, aus welchen es sich, wie zahlreiche Landtagsabschiede beweisen, vorzugsweise um Abgaben von dem Besitzthume handelte, denen die Herren sich thunlichst zu entziehen und die sie wie die Ritter, auf Andere zu wälzen suchten. Mit bewundernswerther Gelehrsamkeit führt Herr von Grone an, daß die Prälaten nicht Eigenthümer der Klöster (wovon überall in der Geschichte der Feudalstände nicht die Rede ist) gewesen. Sie standen einem Besitzthume vor, über welches sie mißbräuchlich, aber doch mit großer Willkür, verfügten und das sie als ein von ihnen, so lange sie lebten, abhängiges Besitzthum behandelten.

 

 

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Wenn auch von einem Herrn von Grone nicht zu verlangen ist, daß er über die Verhältnisse aus zahlreichen, zu Gebote stehenden klösterlichen Urkunden sich unterrichtet haben sollte; so mußte er doch Herzogs August Klosterordnung kennen, in welcher (Seite 53) auf das vorhin stattgefundene Verfahren deutlich hingewiesen ist. Aber, wer der rechtlichen Verhältnisse jener früheren Zeit nur einigermaßen kundig ist, wird sich durch Herrn von Grone schwerlich irre führen lassen. —

 

Obwohl dem Herrn von Grone die Bildung der Curien mit ihren Vorrechten und der Zusammenhang dieser Curien mit den ständischen Ausschüssen so nachgewiesen worden, daß er darüber zu einem richtigen Urtheile hätte gelangen können; obwohl er leicht einzusehen vermocht hätte, daß die sogenannte corporative Verfassung der einzelnen Curien nur dadurch Festigkeit erhielt, daß Beamte an die Spitze dieser von ihm sogenannten Corporationen traten, und daß überhaupt die Bildung einer jeden Vereinigung die gleichzeitige Anordnung von gemeinschaftlichen Beamten wesentlich erfordert: so spricht der werthe Herr Seite 14 seiner Schrift doch über diese Verhältnisse so verworren, daß er das, was ihm klar vorlag, entweder nicht gelesen, oder nicht verstanden haben muß. Es sind ihm ja die Jahre deutlich nachgewiesen, in welchen sich lange vor 1567 schon das Curien- und Ausschußwesen bildete. Wo ist denn gesagt, daß die Curien erst später gemachte Erfindungen seien? Hat Herr von Grone nicht nach den gedruckten Landtagsabschieden, namentlich schon nach dem H. I. der Geschichte der Feudalstände Seite 11 angeführten Vertrage vom Jahre 1419 sich überzeugen können, daß die früheste Zulassung von Beamten der Curien mit der Steuerbewilligung zusammenhing, und daß seit jener Zeit fast alle Landesverträge die Verfolgung unwürdiger höchst eigennütziger Zwecke dieser Curien beurkunden? Leider konnte, nach den damaligen Verhältnissen, die Bildung der so schädlich gewordenen einzelnen Abtheilungen der Stände nicht gehindert werder; wo hat denn aber Herr von Grone

 

 

 

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eine frühere individuelle Ansicht des Verfassers der Geschichte der Feudalstände über das frühere Bestehen einzelner ständischer Körperschaften gefunden? Ist ihm unbekannt, wie in Ständeversammlungen und Collegien die Ansicht die geltende ist, der die Mehrheit beitritt? Hat er nicht selbst die Erfahrung gemacht, daß eben das als Beschluß der Stände festgestellt ist, was er jetzt mit schwachen Gründen wieder bekämpft ?

 

Zwar giebt Herr von Grone selbst (Seite 13) auf, seine Corporationen in dem Verfahren nach dem 16. Jahrhunderte gegen die Anklage der Selbstsucht und Verfolgung eigennütziger Zwecke zu schützen; vor jenem Zeitpunkte sollen sie aber nur rechtssichernde Vereine (!!) gewesen sein, und der Verfasser der Geschichte der Feudalstände wird getadelt, daß er nicht auch für die frühere Periode Beweise vom Gegentheile beigebracht hat. Herr von Grone hat aber wiederum übersehen, was der Verfasser jener Schrift (Seite 21 in der Note) über die seit dem Jahre 1405 schon ganz widerrechtlich veranlagten Abgaben, und (Seite 24) über die Aversionalsummen sagt, mit welchen sich 1557 die Curien der Prälaten, Ritter und Städte aus den Steuerkatastern zurückzogen und den Grund zu der rechtswidrigen Befreiung legten, welche die Ritterschaft für das Ganze ihres Beitrags, die übrigen Curien aber für Theile desselben erlangten.

 

Seite 16 gesteht Herr von Grone, daß es ihm, zur gehörigen Beurtheilung der vorliegenden Verhältnisse an Quellenschriften mangle; er mischt sich aber dennoch in eine der Specialgeschichte des Landes angehörige Sache, die sich ohne Kenntniß der handschriftlichen Quellen nicht beurtheilen läßt, und auf seine Entschuldigung läßt sich nur das: si tacuisses cet. um so mehr erwidern, als er zu denen gehört, die sofort Verräther an sich selbst werden, wenn sie mitsprechen wollen.

 

Seite 17 und 18 versucht Herr von Grone den Abfall der Ritterschaft im Jahre 1542 zu entschuldigen, weil nicht diese den Herzog, sondern letzter das Land verlassen habe.

 

 

 

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Kann denn aber gerechtfertigt werden, wenn bei dem ersten Unglücke, das den Fürsten traf, ihm eröffnet wird:

 

„Dem Durchlauchtigsten Hochgebornen Fürsten und Herrn Heinrichen dem Jüngern unserm gnädigen Herrn thun wir von der Ritterschaft, Adel und Landsassen, was deren im Fürstenthum Braunschweig, darin Wolfenbüttel gelegen, gesessen seint nach Gebühr und Gelegenheit itziger Sachen zu wissen - daß wir in unsern vorigen Aiden, Pflichten und Verwandnüssen, so wir E. F. G. schuldig sein mögten, nicht bleiben können, wollen demnach in bester Weise, wie solches billig geschehen soll oder mag, wir sambt und ein jechlicher besondern und vor sich selbst, unser Aide, Pflicht und Verwandnus E. F. G. in Kraft dieses offenen Briefs gegenwärtiglich aufgesagt uffgeschrieben und uns deren hiermit ganz und gar entledigt, gefreiet und losgezählet haben, deren hinfurter unverhafft und ledig zu sein, wonach E. F. G. sich haben zu richten“. —?

 

Wäre eine solche Sprache der Unterthanen gegen den Landesherrm der Vasallen gegen den Lehnsherrn, mit den augenblicklichen Verhältnissen, mit der augenblicklichen Uebermacht zu entschuldigen? Genügte nicht im äußersten Falle das Stillsitzen?

 

Herr von Grone meint, es müßten doch wohl Ritter auch für den Herzog gestritten haben, da von „Fürnehmen“, die gefangen worden, die Rede sei. Wo er Personen unter dieser Bezeichnung wittert, da schiebt er, ganz in seiner Art zu phantasiren, die Westerbraker Noblesse unter, und dies kann man ihm gönnen. Er läßt seine Ritter auch zu Calvörde Proben ihrer Treue ablegen; die Burg und das Amt Calvörde war aber damals nicht im Besitze des Herzogs, sondern eine Pfandschaft der mächtigen Familie von Alvensleben. Er meint, das Lands habe mit Erfolg nicht verteidigt werden können und glaubt damit, einen solchen Absagebrief zu entschuldigen.

 

 

 

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Er will nicht gefunden haben, daß die Ritterschaft wegen ihrer Untreue in Ungnade gefallen, hat aber wieder übersehen, daß sie, um den Folgen der Ungnade zu entgehen, sich an den Kaiser wandte, und daß der Herzog nach seiner Rückkehr, wie ihm alles dieses in der Geschichte der Feudalstände nachgewiesen worden, die Kriegshülfe bei den Bürgern und Bauern suchte. Er wirft dem Verfasser der Geschichte der Feudalstände Parteilichkeit vor, weil er nicht auch das Benehmen, namentlich der Stadt Braunschweig, herausgestellt habe, hat dabei aber wieder nicht berücksichtigt, daß weder Braunschweig noch andere Städte sich haben einfallen lassen, um Herstellung der Zustände des 16. Jahrhunderts zu bitten, und daß es sich jetzt allein um Anmaßungen handelt, die Herr von Grone für die Besitzer vormals ritterfrei gewesener Güter glaubt durchführen zu können.

 

Seite 20 und 21 sind ihm die Mittheilungen aus dem Schreiben vom 25. September 1590 anstößig. Obwohl die Worte darin eine andere, als in der Geschichte der Feudalstände gegebene Auslegung nicht zulassen, so will Herr von Grone doch einen anderen Zusammenhang der Sache vermuthen, zumal da doch um die Zeit, im Widerspruche mit der im Schreiben gemachten Aeußerung, bedeutende Bewilligungen gemacht seien. Hätte Herr von Grone die Verhältnisse der damaligen Zeit, zu der er doch so gern zurückführen möchte, gründlich studirt, so würde sich ihm wohl folgender Zusammenhang ergeben haben:

 

Die Feudalstände hatten schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts das Vorrecht vor andern Unterthanen erzwungen, daß sie zu den Schatzungen, den wichtigsten Abgaben der damaligen Zeit, nur unverhältnismäßige Aversionalsummen beitrugen. Wurden nun neue Bewilligungen erforderlich, so läugnete man zunächst jede Verbindlichkeit dazu, ließ dann das Bewilligungsrecht von neuem den einzelnen Ständen, welche den übrigen Unterthanen gegenüber,

 

 

 

 

 

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gemeinschaftliche Vorrechte erworben hatten, zusichern, machte die Beibehaltung der Aversionalsummen, welche Auflagen auch zugestanden werden möchten, zur Bedingung und bezeigte sich, nachdem so hinlängliche Sicherheit gewonnen war, liberal und willfährig.

 

So kam es, daß die bis in die neueste Zeit forterhobenen Schatzungen, zu welchen die Ritterschaft endlich auch nicht einmal die Aversionalsummen beitrug, vorzugsweise als zur Abführung der Schulden und der Zinsen darauf dienend behandelt wurden, und so mag Herr von Grone sich erklären, daß die Befreiung von Abgaben zwar fortwährend behauptet, daß daneben aber dennoch - auf den Säckel Anderer - reichlich bewilligt wurde. Die der Landesgeschichte Kundigen kennen diesen Hergang: den Unterschied zwischen ständischen Unterthanen, die nur nahmen und nicht gaben, und den nicht ständischen Unterthanen, die nur zu geben und nicht zu empfangen hatten; für Herrn von Grone aber ausführlichere Urkunden anzuhängen, die ohnehin an vielen Plätzen einzusehen sind, möchte der Druckkosten nicht werth sein.

 

Seite 21 und folgende kommt Herr von Grone auf einzelne in der Geschichte der Feudalstände erzählte denkwürdige, die Zeiten charakterisirende Begebenheiten. Dem Verfasser dieser Schrift sind die in mehreren Sammlungen sich vorfindenden Erzählungen bekannt, aus welchen Gesenius, G. P. v. Bülow und Andere geschöpft haben; sie sind aber, wie die Originalacten beweisen, ganz mangelhaft und in vielen Punkten unrichtig, wie denn für diese Behauptung und dafür, daß die Geschichte, besonders der Landesverfassung, bis jetzt nur ganz unvollkommen bearbeitet und, was darüber in früheren Zeiten mitgetheilt worden, durch Eigennützige und Schmeichler vielfältig entstellt ist, auf das Zeugniß der Archivare Bezug genommen werden darf.

 

Selbst dem fleißigen und gewissenhaften Gesenius haben die Quellen nicht zu Gebote gestanden, und mögen daher

 

 

 

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hier zunächst einige Nachträge zu H. I. Geschichte der Feudalstände folgen, welche sich auf die Bestimmungen des ewig denkwürdigen Landtagsabschiedes vom Jahre 1597 beziehen.

 

Bei der mißlichen Lage, in welche der Bauer dadurch versetzt war, daß er nicht nur die der Ritterschaft obgelegenen Kriegsdienste übernehmen, sondern dabei auch die Kosten der neuen Militäreinrichtungen dem größten Theile nach tragen und neben alle diesem noch der willkürlichen Behandlung der Gutsherren ausgesetzt bleiben sollte, und bei den daraus für die gesammten Lande hervorgegangenen Bedrängnissen gab Herzog Julius seinen Beamten die strengsten Befehle, jene so wichtige Classe der Unterthanen zu schützen und jeder willkürlichen Behandlung derselben sich zu widersetzen. Dieser Herzog bildete schon eine aus kundigen und wohlwollenden Männern bestehende Commission 1), welche die mißlichen Verhältnisse erwägen und die dringend erforderlich gewordenen grundgesetzlichen Bestimmungen vorbereiten sollte. Herzog Heinrich Julius fand bei seinem Regierungsantritte die Anordnung schon vor; er wollte eine unparteiische Arbeit den demnächstigen Verhandlungen zum Grunde legen, und er verfolgte den Zweck mit großem Eifer, ergänzte auch die wichtige Commission durch Matthias von Veltheim, Hans von Wenden, Hans Hering, Hennig Lübbecke und Andere, und im Jahre 1590 lag dann der Entwurf zu einem Vertrage vor, welcher den Zweck hatte, den

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1) Die Commission bestand 1590 aus Herzoglichen Räthen: August von der Asseburg (für den kranken Kanzler Muzeltin eingesetzt), dem Kanzler Dr. Jagemann und dem Großvogte von Kniestedt; den Prälaten: dem Abte zu Ringelheim, den Mitgliedern des Kapitels St. Blasii, Brandenstein und Müller, auch dem Probste von St. Georgenberg; von der Ritterschaft: Hans von Gittelde und Heinrich Christoph von der Streithorst; von den Städten: Syndicus Ronn und Rathmann Brandes aus Helmstedt, Stadtschreiber Barnstorf aus Alfeld, Bürgermeister Gerloff und Stadtschreiber Selig aus Gandersheim. Alle waren auf Erfordern des Herzogs zusammengetreten, keiner von der Landschaft deputirt.

 

 

 

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von allen Seiten her erhabenen Beschwerden dauernd ein Ende zu machen. Das Ergebniß der commissorischen, unter den Augen und unter der Mitwirkung des Herzogs vorgegangenen Erörterung waren die Bestimmungen des sieben Jahre später erst angenommenen Grundgesetzes vom 3. Juni 1597, und besonders des 19. Artikels, durch welchen die Verhältnisse der Bauern zu dem Staate ihr festes Fundament erhalten sollten. Für den Fürsten gehörten die dazwischen liegenden Jahre zu den beschwerlichsten seiner denkwürdigen Regierungsperiode. Der Herzog ließ 1590 den Entwurf , in Gegenwart des damaligen Statthalters Grafen von Stollberg, den Ständen vorlegen. Unter den Wortführern der Ritterschaft thaten sich damals und später die beiden Gebrüder von Salder hervor. Ihr besonderer Consulent war ein Doctor und Chur-Cölnischer Rath von Hagen, der der Ritterschaft war Hennig Braband, für Braunschweig erschien bei den Versammlungen ein Secretair Hogreve, und daneben hatte die Ritterschaft wider Gebrauch noch einen Protocollführer, Wrötel, mit zur Stelle gebracht. Für den Fürsten handelten der Kanzler Jagemann und ein Doctor der Rechte Barenbüler. Die Stellung der Ritterschaft war vom Beginne der Verhandlung an drohend; ihre Zurüstungen ließen einen Kampf befürchten, bei welchem kein Mittel, um die Oberhand zu gewinnen, verschmäht werden würde; und so kam es auch. Auf Anstiften des boshaften Braband, der durch Frechheit zu reizen suchte, wurde die von der Ritterschaft geforderte Erklärung von einem Tage zum andern verzögert: endlich erfolgte sie zwar, aber in ganz unbefriedigender Weise 1). Man benutzte jede Veranlassung,

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1) Die Antwort lautet: «

Es ist nicht allein in den gemeinen beschriebenen Rechten Clar und austrucklich versehen, Sondern auch von alters herkommen, des die gutshern Ihre vermietete gutter, Ihrer gefallens, wan die Meyer-zeit abgelaufen, oder die Meigern sich dero gebuhr nicht verhalten, wider zu sich nemen und einen andern vermeyern mugen, von demselben Rechte und gebräuche weiß die Landschaft mit nichten abzustehen:

Welchs aber den gutshern Im 19. Articull benommen und die Meyergueter, zu Erbzinßguetern gemacht werden wollen, welches der Landschafft zum hochsten beschwerlich und nicht anzunehmen, und obwoll zu ende dieses Articuls gesagt, das die Meigern alle Neun Jahr die gutter wider empfangen und beweinkauffen sollen, damit die nicht zu Erbzinsguetern gemacht werden, So achtet man doch solchs einer gar geringen wirkunge, dan wo den gutshern die machte benommen werden soll, Nach verfließung der Meigerzeit den Meyern die guter abzukundigen, und darauf dieselb wider zu sich zu nehmen, Sodan auch die Zinß zu steigern, wuste man nicht, was für ein unterscheidt unter Erbenzins und diesen guetern sein sollen, Sintemahl die Erbenzinsgutern auch eben die bei diesem Articul angedeute qualiteten mehrentheils an sich habenn:

Die werdirung anlangent, Ist dieselbe richtig. Jedoch einen Jeden, der sich dadurch beschwert befinden, seine rechtliche notturfft dawider in alle Wege vorbehaltlich.

 

 

 

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um Händel mit den Herzoglichen Räthen herbeizuführen, und als der Fürst eine Fortsetzung der Verhandlungen, zur Beseitigung der Einwendungen, wünschte und nach sechswöchentlicher Frist dazu aufforderte, wurde auch diese Bemühung vereitelt, und das Jahr 1590 verstrich, ohne daß man in der wichtigen Angelegenheit weiter gekommen war.

 

Am 7. Juni 1591 erließ die mit dem Fürsten den wichtigen Zweck unermüdet verfolgende Commission ein Schreiben an alle 3 Curien, wonach zu weiteren Verhandlungen dringend eingeladen war, und obwohl die Städte (30. Juli) und die Prälaten (27. August) sich bereit erklärten, so antwortete doch die Ritterschaft überall nicht; ihr Haß wandte sich im Gegentheile nun auch auf die redlichen Vermittler, so daß diese wiederholt von der Angelegenheit sich zurückzuziehen wünschten.

 

In den Jahren 1592 und 1593 scheint die Sache in öffentlichen Verhandlungen nicht gefördert zu sein; inzwischen aber verbreitete man Spottlieder und kränkende Schriften, als deren Verfasser und Verbreiter die von Saldern und Doctor Von Hagen, der Rathgeber der von Saldern, genannt werden. Der Fürst hatte, um Ersatz für die zum Kriegsdienste nicht mehr brauchbare Ritterschaft zu erlangen,

 

 

 

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eine Landmiliz errichtet und für dieselbe Waffen und Kleidungsstücke ankaufen lassen, auch ein Wehrgeld gefordert, und in Beziehung darauf äußerten die von Saldern in öffentlichen Schriften: das Wehrgeld werde zur Wollust und nicht zur Noth, auch nicht zu gemeinem Nutzen gefordert. —Das auf das Testament Herzogs Julius sich beziehende Schreiben hatte den Herzog Heinrich Julius mit den Gesinnungen der Ritterschaft bekannt gemacht, und bei aller daraus sich ergebenden Renitenz liefen gleichzeitig Beschwerden darüber ein, daß Gutsbesitzer Burgfestdienste von Freien erzwungen hätten, wo dergleichen vorher überall nicht geleistet worden.

 

Jagemann hatte das Protokolliren eines ritterschaftlichen Protokollführers auf dem Landtage nicht zulassen wollen, und in Beziehung darauf ließ Braband die Ritterschaft entgegnen: „Sie wollten wohl einen Hund vor ihm (dem Kanzler) vertheidigen, suchten derowegen, der Kanzler wolle mit den unnützen Karten hernächst zu Hause bleiben und ihren Diener Wrötel bleiben lassen.“ Diese und viele ähnliche Vorgänge und schnöde Reden hatten die Stimmung vorbereitet, welche auf dem Landtage 1594 vorherrschend war. Man fuhr fort, den reizbaren Kanzler zu entrüsten und ihn zu gewaltsamen Schritten aufzuregen. Mit Frechheit benahm sich insbesondere der Deputirte der Stadt Braunschweig, gestützt auf den Rückhalt, den er bei der Ritterschaft fand. Sein Trotz veranlaßte den Kanzler zu einem Verhaftsbefehle, dessen Ausführung dann von den Gebrüdern Curd und Hildebrand von Saldern in der bekannten gewaltsamen Weise verhindert worden 1).

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1) Es heißt in den Acten: der Kanzler habe den Notar der Stadt Braunschweig mit seinen frech angebrachten Beschwerden nach Wolfenbüttel verwiesen; da derselbe aber fortwährend trotzig geblieben sei, habe Jagemann ihn beim Kopfe nehmen wollen. Die von Saldern hatten den Notar mit Andern zwischen sich genommen und sich auf Unverletzlichkeit der Deputirten bezogen. Der Amtmann habe, als die Ritter mit dem Notar abziehen wollen, diesen beim Mantel gefaßt, auch habe der Vogt die untere Thür geschlossen; allein Hildebrand von Saldern habe unter Fluchen den Notar an sich gezogen, den Vogt Schelm genannt und drohend die Oeffnung der Thür gefordert, auch zweimal die Faust aufgehoben und den Vogt zu schlagen gedrohet. Von Saldern habe das Schwerdt hervorgezogen, die Knechte und Jungen der von Saldern wären herzugekommen, hätten mit den Dolchen und Wehren gerappelt, und so wäre der Notar zur Thür hinaus und in dem Wagen des von Saldern nach Braunschweig gebracht. — Herrn von Grone wird bei solchen Großthaten sich das Herz heben. Der ganze Hergang zeugt aber nur von Uebergriffen auf allen Seiten, von Rohheit und einem Stande der Cultur, den unser Zeitalter nicht zu beneiden hat.

In welcher Beziehung diese Vorgänge zu dem Plane des Herzogs stehen, kann Niemand zweifelhaft bleiben.

 

 

 

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Während man den Herzoglichen Räthen auf die achtungsloseste Weise begegnete und selbst über den Fürsten sich unehrerbietig äußerte, berief man sich auf Unverletzlichkeit der Deputirten und Freiheit der Rede, um so das zu behandelnde Thema bei Seite zu schieben und Uebergriffe herbeizuführen, auf welche man ablenken könnte. Der Kunstgriff, bei welchem Hennig Braband und Peter Hagen im Hintergrunde standen, gelang fürerst vollkommen; eben dadurch wurde aber endlich der Zweck des Fürsten gefördert.

 

Die von Saldern vergingen sich in ihren auf das gröblichste beleidigenden Aeußerungen über den Herzog so weit, daß, was hier nur bemerkt werden darf, jetzt solche Vergehen mindestens mit Kettenstrafe belegt werden würden. Der Landtag von 1594 wurde auf die empfindlichste Weise gestört und unwirksam gemacht; die von Saldern wagten aber nicht, sich wieder im Lande sehen zu lassen. Eilf Mitglieder der Ritterschaft, darunter Heinrich von Gronde, hatten gleichfalls ein den Herzog tief kränkendes Schreiben an denselben abgelassen, und der Fürst fing nun an, mit schonungsloser Strenge gegen die Schuldigen zu verfahren. Die Güter derselben wurden zum Theil mit Arrest belegt, und es ergingen selbst Schreiben an den Erzbischof von Magdeburg, um auch die Beschlagnahme im Erzstifte

 

 

 

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belegener Besitzungen der Theilnehmer an den Schreiben zu erwirken. Auch die boshaften Sachwalter entgingen den Verfolgungen des Herzogs nicht 1); Hennig Braband fand indes fürerst Schutz in seiner Vaterstadt, knüpfte dann Verhandlungen mit dem Fürsten an, um demselben die Stadt zu überliefern, und verfiel endlich dem furchtbaren Richterspruche, welcher aus neuern Mittheilungen bekannt ist.

 

Die außerordentliche Strenge, mit der der Herzog seine Widersacher und Beleidiger verfolgte, schüchterte ein. Herr Heinrich von Gronde entschuldigte sich, wie Andere, damit, daß er eigentlich kein Arges im Sinne gehabt und unwissend beleidigt habe,

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1) von Hagen, der besonders auch den gegen den Herzog vor den Reichsgerichten eingeleiteten Rechtsstreit zu den empfindlichsten Beleidigungen benutzt hatte, lebte auf seinem Gute Emerich nahe bei Steuerwald, wo der Bischof gewöhnlich residirte. Nach einer geheimen Uebereinkunft mit diesem erschienen die Herzoglichen Beamten von Calenberg und Poppenburg nächtlicher Weile mit einigen hundert Bewaffneten zu Emerich, umstellten zuerst die Kirche, damit nicht Sturm geläutet werde, erbrachen dann das Haus des von Hagen und schleppten ihn fort, zuerst nach dem Calenberge, dann nach Wolfenbüttel, wo er bei seinem Einzuge von dem erbitterten Volke mit Steinwürfen empfangen wurde. Man barg ihn in einem Gefängnisse, dessen Zustand auf dringende Beschwerden von einer kaiserlichen Commission untersucht werden mußte. Es wurde ein Gericht über ihn besonders zusammengesetzt, an dessen Spitze der Helmstedter Professor Valentin Forster stand, und das ihn nach langer Gefangenschaft 1602 zu lebenslänglichem Gefängniß und zum Verluste seiner Ehre verurtheilte.

 

Die Acten ergeben, daß mit übermäßiger Strenge gegen den von Hagen, der 1604 Gelegenheit fand, aus dem Gefängnisse zu entspringen, verfahren worden. Der Bischof von Hildesheim hatte ihn widerrechtlich verrätherischer Weise seinen Feinden preisgegeben und wurde verspottet, als er nachmals sein Unrecht einsah und für seinen Unterthan sich verwandte. Die Richter verfuhren leidenschaftlich, und die Reichsgerichte, bei welchen die bittersten Beschwerden gebracht, oder nicht gefördert wurden, zeigten sich in ihrer ganzen Mangelhaftigkeit. — Doch das waren die guten alten Zeiten des Herrn von Grone; die Zeiten, die er nicht mit „liberal“ bezeichnen würde.

 

 

 

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versprach auch mit seinen Genossen dem Herzoge nicht ferner widerstreben zu wollen, und als dann der Landtag vom Jahre 1597 berufen worden, die wüthendsten, aber auch kräftigsten Widersacher der Pläne des Fürsten vertrieben waren, andere aber unter dem Kreuze sich angefunden hatten, kam der denkwürdige Vertrag endlich zu Stande, welcher so ganz den Verhältnissen angemessen war, der zahlreichsten Classe der Landesunterthanen eine glückliche Zukunft eröffnete und sie über ihre Genossen in andern deutschen und auswärtigen Staaten stellte 1).

 

Zu Seite 23 ist, wenn Herr von Bülow die Einzelnen, die gegen die Landdrosten ankämpften, zu Ausschußmitgliedern macht, dies ganz actenwidrig. Sie beschwerten sich ausdrücklich über das Zurücktreten ihrer Genossen und konnten selbst des gleichfalls zweideutig befundenen Landsyndicus von Garssen sich nicht bedienen. Davon, daß nicht die Ausschüsse handelten, konnte Herr von Grone sich leicht überzeugen, wenn er nur erwogen hätte, welche Städte und Prälaten damals die Ausschüsse bildeten, und daß unter jenen Einzelnen solche vorkommen, die nie zu den Ausschüssen gehört haben. Seite 23 findet Herr von Grone das Benehmen der Ritterschaft im Jahre 1626 ganz in der Ordnung. Sie hatte aber bis dahin schon die Begründung eines festen und gerechten Steuersystems verhindert. Sie selbst konnte bei der neueren Art der Kriegführung allerdings durch Naturalkriegsdienste nicht mehr nützen; sie trat aber, gestützt auf die aus einer alten untergegangenen Militairverfassung gewonnenen Rechte, der Wiederbegründung einer ssestern neuen Ordnung und den Beschlußnahmen entgegen, die, bei dem

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1) Dies nur auf die große Unkunde verrathende Bemerkung des Herrn von Grone, es sei damals nur von Persönlichkeiten die Rede gewesen; der wichtige Landtagsabschied sei ein Werk der Ritterschaft. - Herr von Grone verwechselt Erzählungen, die einen tiefen Blick in die Verhältnisse der Vorzeit thun lassen, mit Anekdoten, wie sie seinen Studien zu Grunde liegen.

 

 

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damaligen bedeutenderm Umfange des Landes, nicht ohne großen Einfluß auf die Begebenheiten des 30jährigen Krieges gewesen sein würden. Sie wandte sich, wie schon unter Herzog Heinrich dem Jüngern, stets dahin, wo augenblicklich die Uebermacht war, um, wie der König von Dänemark richtig bemerkt, zuzusehen, wie die Sachen hinausschlagen würden, und dann mit Applaus dem Glücklichern sich anzuschließen. Dies ist das Verfahren, welches nur nach des Herrn von Grone Grundsätzen ganz in der Ordnung sein dürfte und worauf in der Geschichte der Feudalstände hingewiesen worden.

 

Was Herr von Grone von Seite 24 an zur Rechtfertigung des heillosen Verfahrens bei dem Streben nach Steuerprivilegien anführt, bedarf wohl keiner Widerlegung, da die Verhältnisse bekannt genug sind und die aus den Originalverhandlungen in der Geschichte der Feudalstände gemachten Mittheilungen wohl deutlich genug beweisen, ob und in wie weit die Anmaßungen der Ritterschaft von den Fürsten gutgeheißen worden. Selbst die Seite 25 vom Herrn von Grone aufgegriffene Aeußerung des Vicekanzlers: „die onera ad bellum defensivum müßten von der Ritterschaft auch neben dem Ritterdienste mit getragen werden“, war den Verhältnissen angemessen. Daß nämlich die Ritterschaft zum Felddienste nicht mehr brauchbar war, hatte sich nicht nur längst klar herausgestellt, sondern war nun auch grundgesetzlich anerkannt. Statt des beschwerlichen Reiterdienstes im Kriege leistete man längst nur noch bei feierlichen Gelegenheiten Hofdienste und ließ sich dazu Futter und Mahl gefallen. Schon Herzog Julius klagt in seinem (gedruckten) Ausschreiben vom 20sten Novbr. 1588:

 

„Wir haben nicht unterlassen, vor diesem und fast alle Jahr in den verlaufenen und zum Theil noch; währenden Zeiten, auch bei eurer Verwandtnus mit gnädigem Ernst zu avisiren und zu verwarnen, in guter Rüstung und Bereitschaft zu sitzen, damit ihr Uns, wie reisigen und rittermeßigen Leuten wol anstehet,

 

 

 

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auf alle zutragende Gefahr (welches der getreue Gott gnediglich verhuten und abwenden wolle) helflich beispringen und wir desto gefaster sein könnten. Wie aber ein solches von etlichen in Acht genommen, das bezeuget die Erfahrung. Furnemblich aber ist manniglichen bekannt, was für großer Mangel hin und wieder nicht allein wegen Pferden, Harnisch, Büchsen und dergleichen Rüstung ein zeithero fürgefallen, sondern wie gar keine erfahrene landkundige Knechte oder Hofeleuth zu befinden, daß man auch dahero Gutzknechte, Pflugbengel, Hirten, Bärenheuter und ander untauglich Gesindel aufsitzen muß, deren die wenigsten vorhin bei dem Ernst gewesen und in solchen Fellen redliche Thaten geübt, auch solch Gesinde ist das sich weder in der Rüstung noch Ordnung zu schicken, sondern wohl auf mausen, ausreißen und dergleichen unrühmliche Hendel am Besten verstehen sollte etc.“

 

Da der schwere Kriegdienst abgeworfen war, als der Kanzler in der angeführten Weise sich äußerte, da man nun nur noch zu einer wohlbesetzten Tafel einritt oder doch für ganz gefahrlose Arbeiten besonders noch Unterhalt erhielt, so war wohl durchaus folgerecht zu nennen, wenn der Kanzler diese - nach dem staatsrechtlichen Ausdrück - Dienste zum Scherz von denen zum Ernst trennte, und für das, was in die Stelle der letzteren getreten war, da einen mäßigen Beitrag von der Ritterschaft forderte, wo sie mindestens den größeren Theil der neuen Last hätte übernehmen sollen.

 

Herr von Grone bezieht sich zur Rechtfertigung der widerrechtlich erlangten Steuerfreiheit, die er als solche selbst anerkennt, auf die Remissionen, welche den Meiern bewilligt worden. Sie sollen seit des, Herzog August Zeiten einen dauernden Character angenommen haben und als eine Vergütung für die Abgaben anzusehen gewesen sein, welche dem Bauer für den Gutsherrn aufgebürdet worden.

 

 

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Es seien, behauptet Herr von Grone, in neuerer Zeit Vorschriften erfolgt, wonach die Gutsherren angewiesen wären, sich bei den ihren Meiern zu ertheilenden Remissionen nach dem Verfahren der Fürstlichen Kammer zu richten. In diesem Vortrage des Herrn von Grone liegt eine künstliche Verdrehung, die wahrscheinlich das Werk seines Hintermannes ist. Die Remissionen an Meiergefällen sind entweder solche, welche wegen temporellen Unvermögens des Meiers, wegen erlittener Kriegsschäden, wegen Mißwachses etc. - bewilligt werden mußten; Unglücksfälle, die den Gutsherrn, wenn er die Ländereien selbst beackert hätte, gleichfalls getroffen haben würden, oder dauernd bewilligte Remissionen. Jene können wohl, allen Verhältnissen nach, als Vergütung für übernommene Steuern nicht angesehen werden, und dauernde Remissionen traten zwar unter dem Herzoge Ludwig Rudolph, aber nur für die Cammermeier einzelner Domainen ein, nicht für die Privatmeier. Daß Herr von Grone, oder sein Hintermann, wissentlich fehlt und wissentlich die temporellen von den dauernden Remissionen nicht trennt, um so zu täuschen, beweiset der Umstand, daß er Gesenius anführt und dessen Mittheilung (Thl. 1, S. 513) kennt:

 

„Vermuthlich hat diese vielen F. Cammermeiern angediehene Gnade Veranlassung zu der irrigen, oft mit Eifer, jedoch ohne je den Beifall der höheren Landesgerichte zu finden, vertheidigten Meinung gegeben, daß allen, auch den Privatmeiern, im ganzen Lande der Zins auf ein Drittel herabgesetzt sei.“

 

Seite 29 führt Herr von Grone an, wie es bei der Errichtung neuer Rittergüter mit der Berechnung der Steuern hätte gehalten werden sollen, aber nicht gehalten ist. Darüber, welche widerrechtliche Begünstigungen bei solcher Gelegenheit Statt fanden, liegen Beweise vor, wovon man, wie Herr von Grone aus den Andeutungen wohl hätte abnehmen können, Gebrauch Nicht machen wollte, um Persönlichkeiten zu vermeiden. Es geht Herrn von Grone,

 

 

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wie allen ungeschickten Vertheidigern einer schlechten Sache: sie stellen diese, als solche, durch ihre Bemühungen nur noch klarer heraus.

 

Was Herr von Grone in seinem 3ten Abschnitte, von Seite 31 an, in Beziehung auf neuere Verhältnisse - man darf wohl ohne Ungerechtigkeit sagen - faselt, bedarf, um das Nichtige und Unzulänglicbe der Behauptungen darzuthum einer näheren Beleuchtung nicht.

 

Es war (zu Seite 32) ein Glück, daß den Landtagen von 1819 und 1832 Männer aus der Ritterschaft beiwohnten, die ihre Zeit kannten und bei ihren Abstimmungen die Gegenwart, nicht, wie Herr von Grone, vormalige lombardische Verhältnisse im Auge hatten. Von diesen Einsichtsvollern mag er sich erst über die Begriffe von Corporation, Gemeinde und Stand unterrichten lassen.

 

Er mag, da nur gebotene Räthe auf ihn Einfluß haben werden, glücklicher Weise aber die neuesten Grundgesetze von solchen, die zugleich auch kundige Räthe waren, berathen worden, Belehrung einholen:

 

daß keine der sogenannten Corporation der Ritterschaft, wie der Städte und Prälaten zustehende gemeinsame Rechte nachzuweisen sind, die eine Wiederherstellung der alten Verbindungen nothwendig machten oder nur zuließen (s. §. 4 ), daß die so heilsame Ablösungsordnung ganz auf verfassungsmäßige Weise begründet worden, und in dem nach derselben geleiteten Verfahren Niemand eine Beeinträchtigung wohlerworbener Rechte finden darf; daß bei den Ablösungen Andere, als Besitzer von ritterfrei gewesenen Grundstücken, in sehr großer Zahl- als Zehnt- oder Meierherren, betheiligt sind, die keineswegs den eigennützigen Ansichten des Herrn von Grone beistimmen, obwohl sie nicht zu denen gehören, die seit mehreren Jahrhunderten auf Kosten der Bauern und anderer Staatsgenossen die einträglichsten Vorrechte, und zwar, wie Herr Grone ja selbst nicht leugnen kann, in nicht zu rechtfertigender Weist sich zu erhalten wußten.

 

 

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Die alten Curien würden allerdings (S. 39), behuf Erlangung einer Ablösungsordnung, sich nicht besonders angestrengt haben, vorzüglich wenn sie im Sinne des Herrn von Grone gehandelt hätten; wie ließe sich aber auch von Männern wie dieser, der Seite 89 die Achtung rühmt, die die alten ständischen Curienmitglieder vor Eigenthumsrechten gehabt haben sollen, der diesen seinen sogenannten Körperschaften zum Ruhme anführen zu können glaubt, daß früher dem Eigenthume Schutz durch grundgesetzliche Bestimmungen nicht verheißen sei, wie ließe sich von Solchen ein gerechtes zeitgemäßes Gesetz erwarten?

 

Bestand denn nicht das ganze Leben und Treiben jener nun abgethanen Genossenschaften in der Förderung selbstsüchtiger Zwecke? Sind das keine Eingriffe in die Eigenthumsrechte Anderer, wenn man denselben zum eigenen Vortheile Lasten aufbürdet? Heißt das landständische Rechte ausüben, die mit der Landstandschaft verbundene Pflicht: die Interessen der Gesammtheit im Auge zu behalten und zu fördern - erfüllen, wenn man sich nicht nur von der Mitleidenschaft bei Uebertragung der Landeslasten befreiet, sondern noch nebenbei den Genuß von Staatsgütern sich zusichern läßt und, nachdem man das Gewonnene in Sicherheit gebracht hat, ein Jahrhundert hindurch sich um Landttage so wenig als um das bekümmert, was übrigens im Lande geschieht?

 

Die Geschichte beweiset ja zu deutlich, wie man nach und nach in das Staatsgebäude eindrang und den Fürsten beschränkte, wie man hier ein Vorrecht als ganz unschädlich und unverfänglich darstellte, dort, wenn es erlangt war, neue Begünstigungeu daraus abzuleiten suchte; wie man hier, wenn man auf Widerstand stieß, durch Maulen, dort durch Drohungen und endlich durch das kräftigste Mittel, die Steuerverweigerung, den Zweck zu erreichen suchte; eine Weigerung, bei welcher der Regel nach nur Andere betheiligt waren,

 

 

 

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die aber auch nur so lange als Drohung benutzt wurde, bis der eigennützige Zweck erreicht war.

 

Herr von Grone hat seine diplomatischen Talente schon in der ersten Schrift herausgestellt und die zu befolgende Taktik öffentlich vorgelegt. Er will stufenweise seinen Zweck verfolgen und, wie der Judenknabe, im Schauspiele immer wiederkehren und keine Mißhandlung achten. Man kann danach das Unschuldige seines Vorhabens (S. 39) beurtheilen, welches indeß in solchen Händen wohl ein unschuldiges, im andern Sinne genommen, bleiben wird.

 

 

 

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Anhang.

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Denkschrift, die Beschwerden und Anliegen der braunschweigischen Ritterschaft betreffend.

 

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Die Verhältnisse, welche die braunschweigische Ritterschaft anderweit geordnet zu sehen wünscht, betreffen zwei Hauptgegenstände:

 

die Wiederherstellung ihrer corporativen Verfassung, und
die Stellung der einzelnen Rittergüter zu den Gemeinden, insonderheit den Landgemeinden.

 

Beide Angelegenheiten stehen zwar in einiger Beziehung zu einander; da diese jedoch nur eine entfernte ist, so wird es zu größerer Deutlichkeit angemessen sein, über jede in dieser Denkschrift besonders zu handeln.

 

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I. Reorganisation der ritterschaftlichen Corporationsverfassung.

§. 1. 1. Historische Vorbemerkung.

 

Seit alter Zeit hat die Ritterschaft, wie in den übrigen deutschen landesherrlichen Hoheitsgebieten, so auch im Fürstenthume Wolfenbüttel, eine mit politischen, Vermögens- und anderen Rechten begabte Corporation gebildet. Sie findet sich als solche nicht nur in vielen, von den Durchlauchtigsten Herzögen vollzogenen Urkunden ausdrücklich anerkannt, sondern sie hat von jeher des landesväterlichen Schutzes Höchstderselben

 

 

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auch nicht minder zu erfreuen gehabt , als alle übrigen, rechtlich bestehenden Körperschaften und Gemeinden des Landes. Ihre corporative Verfassung beruhte jedoch nicht, wie die der Städte, auf besonders zu diesem Zwecke zusammengestellten Statuten, sondern, ähnlich den Verhältnissen der Landgemeinden, der Hauptsache nach auf altem Herkommen und zum Theil auch auf einzelnen, sehr zerstreuet vorkommenden Bestimmungen in den älteren Landtagsabschieden, Recessen und Privilegien.

 

Durch den Artikel 11 der westphälischen Constitution vom 15. November 1807 ward sie, gleich allen übrigen Corporationen der Art, unterdrückt. Nach Vernichtung der Fremdherrschaft, mit welcher die Anwendung der westphälischen Constitution für die hiesigen Lande aufhörte, lebte die Ritterschaft als Corporation von Rechtswegen wieder auf. Als solche trat sie daher auch bei den ständischen Verhandlungen in den Jahren 1819 und 1820, welche die Landschafts-Ordnung vom 25. April 1820 zur Folge hatten, wieder auf. Auch ward sie nach deren Erlassung als Corporation fernerweit dadurch anerkannt, daß ihr verschiedene ihrer früheren corporativen Rechte, namentlich die in Betreff des Stifts Steterburg und ein Antheil an den neufundirten landschaftlichen Stipendien, durch die Artikel 31, 32 und 35 des Landtagsabschiedes vom 11. Juli 1823 restituirt wurden, und daß sie wieder zum Genusse ihres corporativen Capitalvermögens gelangte. Leider versäumte sie aber bei den Landtags-Verhandlungen von 1819 bis 1823, wie auch bei den späteren, die nöthigen Schritte für eine angemessene Wiederherstellung ihrer corporativen Verfassung zu thun. Diesem Versäumniß, sowie überhaupt den ungünstigen Schicksalen, welche in neuerer Zeit über den alten ständischen Körperschaften gewaltet haben, ist es zuzuschreiben, daß die nachtheiligen Folgen der Fremdherrschaft bis jetzt vielfach für die Ritterschaft nachwirkend geblieben sind, und daß sie sich in mehreren wichtigen Beziehungen weit ungünstiger gestellt findet, als die Städte, und selbst als die kleinsten Landgemeinden. Diese beiden Arten von Corporationen haben wenigstens — die einen in den Magistratscollegien, die anderen in den Ortsvorstehern und Geschwornen — ihren Verhältnissen angemessene corporative Obrigkeiten wieder erhalten, durch welche ihr Gemeindevermögen und ihre übrigen Gesammtrechte verwaltet und gewahrt werden. Die Ritterschaft dagegen, welche dergleichen corporative Vorstände früher in den adlichen Schatzräthen und Ritterschaftsdeputirten auch gehabt hat, ist dieser Einrichtungen verlustig gegangen, ohne daß ihr dafür ein angemessener Ersatz zu Theil geworden wäre.

 

Bis zur Erlassung der Landschafts-Ordnung von 1832 ist zwar dieser Mangel weniger fühlbar geworden, weil bis dahin die sämmtlichen

 

 

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Mitglieder der Ritterschaft zu den Landtagen berufen wurden, und dann herkömmlich die Erschienenen auch über die rein ritterschaftlichen Angelegenheiten nach vorgängiger Berathung die nöthigen Beschlüsse faßten, und weil außerdem in der Zeit zwischen den Landtagen die sechs bis sieben ritterschaftlichen Mitglieder in dem ständischen Ausschusse zugleich ein Organ für die Wahrung der ritterschaftlichen Rechte und Interessen ausmachten. Allein mit Erlasslung der neuen Landschafts-Ordnung von 1832 sind auch diese Einrichtungen weggefallen, und wenn auch gegenwärtig der Ritterschaft eine Berathung und Beschlußnahme über ihre gemeinsamen Rechte und Angelegenheiten — welche sich immer von Zeit zu Zeit als nothwendig darstellt, wie auch die Erfahrung aus den letzteren Jahren bewiesen hat — nicht geradezu abgeschnitten ist, so ist solches ihr doch, wegen des Mangels einer corporativen Behörde, im höchsten Grade erschwert. Denn es fehlt ihr an einem Organe, welches in dergleichen Fällen eine Zusammenberufung ihrer Mitglieder, und die nicht minder nothwendige Vorbereitung und Leitung ihrer Verhandlungen zu übernehmen berechtigt und verpflichtet wäre. Von den wenigen, ihr noch verbliebenen corporativen Rechten und Einrichtungen ist außerdem ein Theil unter die Verwaltung und Verfügung des dermaligen ständischen Ausschusses gestellt worden, unter dessen sieben Mitgliedern sich nur ein Rittergutsbesitzer befindet, und der über die von ihm verwalteten Angelegenheiten der Ritterschaft dieser zu keiner Art von Rechenschaft oder Auskunft verpflichtet ist. Dieser mangelhafte Zustand, mit dem zugleich ein immer tieferes Sinken der ganzen rechtlichen und politischen Stellung der Ritterschaft unverkennbar verknüpft ist, hat nun dahin geführt, daß ihr neuerlich, und zwar namentlich bei den Verhandlungen im Jahre 1838 über eine anderweite Regulirung des ritterschaftlichen Stipendienwesens, die rechtliche Natur einer Corporation und jeder Anspruch auf die Ausübung corporativer Rechte bestritten worden ist. Je mehr zu besorgen steht, daß aus Ansichten

 

dieser Art, falls sie zu vollständiger praktischer Durchführung gelangen sollten, eine gänzliche Auflösung der Ritterschaft und der Verlust der wenigen, ihr noch verbliebenen corporativen Rechte über kurz oder lang hervorgehen werde, um so mehr macht sich ihr auch gerade jetzt das Bedürfniß fühlbar, ihre corporative Verfassung auf angemessene Weise wiederhergestellt zu sehen.

 

 

§. 2. 2. Rechtsgründe für die Neorganissilong .«,.

 

Für eine solche Wiederherstellung möchten der Ritterschaft nun in rechtlicher Beziehung besonders folgende Momente zur Seite stehen. Im Artikel 35 des Landtagsabschieds vom 9. April 1770, und im Artikel 55 der landschaftlichen Privilegien von demselben Jahre, sind Landesherrlicher Seits der Ritterschaft die Zusagen ertheilt, daß sie in

 

 

 

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ihrer Integrität erhalten“, und namentlich auch „als corpus unirt bleiben“ solle. Das Eine, wie das Andere stellt sich aber wohl als unmöglich dar, sobald ihre corporative Verfassung ganz zu Grunde geht, was bei einer Fortdauer der gegenwärtigen Verhältnisse nicht wird ausbleiben können. — Seit einigen Jahren ist nun freilich gegen die Ritterschaft, wie schon bemerkt, die Ansicht geltend zu machen versucht worden, daß sie überhaupt aufgehört habe, eine Körperschaft zu sein, und daß sie daher auch keine corporative Rechte und Verfassungseinrichtungen weiter in Anspruch nehmen könne. Man scheint dies daraus zu folgern, daß in Gemäßheit der neueren Verfassungsänderungen, und namentlich schon in Folge der Landschafts-Ordnung von 1820 die Landstände keine Curien mehr bildeten, und daß von einer curienweisen oder ständeweis-corporativen Verhandlungsmethode auf den Landtagen überall nicht mehr die Rede sei. Dies letztere Factum ist allerdings richtig; jene daraus gezogene Folgerung aber beruht auf einem Irrthume. Denn die Ritterschaft hat als Corporation nicht bloß landständische Gerechtsame, sondern auch Eigenthum und verschiedene andere Rechte besessen. Durch die mit ihrer Zustimmung erfolgte Aufhebung der ständischen Curienverfassung, sowie der durch die Landschafts-Ordnung von 1820 begründeten Zweikammer- oder Sectionsverfassung, hat sie nur auf ihre früheren landständischen Rechte verzichtet, oder vielmehr in eine Umwandlung dieser Rechte consentirt. Keineswegs ist es aber dabei ihre Absicht gewesen, auch alle ihre übrigen corporativen Rechte und ihre ganze rechtliche Existenz als Körperschaft aufgeben zu wollen. Eine Verzichtleistung dieser letztern Art aus der Aufgebung jener zuerst erwähnten Rechte zu folgern, verstößt gegen allgemein anerkannte Rechtsgrundsätze, wonach jede Verzichtleistung auf wohlerworbene Rechte streng zu interpretiren ist. Daß jene Absicht der Ritterschaft nicht vorgeschwebt hat, und ebenso wenig der vormundschaftlichen Regierung, geht außerdem aus der Instruction der ständischen Deputirten vom 18. October 1819, einem höchsten Rescripte vom 26. November 1819, und dem Vorbehalte im Eingange des Landtagsabschieds vom 11. Juli 1823 hervor. Denn hiernach sollen die vorigen Landtagsabschiede, Reverse, Recesse, Verträge und das Herkommen, insofern sie nicht in dem einen oder andern Punkte aufgehoben oder geändert worden, in ihren vollen Würden und Kräften verbleiben. Daß aber die Ritterschaft, welche in den älteren Laudtagsurkunden wiederholt als Corporation anerkannt worden ist, als solche ganz aufgehoben, und, was davon eine unzertrennliche Folge sein würde, aller ihrer corporativen Rechte verlustig sein solle, findet sich weder in jenem Landtagsabschiede, noch in irgend einem andern neuern Gesetze ausgesprochen. Sie darf sich daher noch immer als eine rechtlich bestehende Körperschaft betrachten, und die einer jeden solchen im §. 32 der Landschafts-Ordnung

 

 

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vom 12. October 1832 verheißene Sicherheit der Person, des Eigenthums und der übrigen Rechte auch für sich in Anspruch nehmen. Zu einem der wichtigsten Rechte jeder Corporation gehört aber, daß sie mit Genehmigung des Landesherrn ihre Verfassung neu gestalten und ordnen darf. Die Ritterschaft glaubt demnach, daß ein Antrag auf Wiederherstellung ihrer corporativen Verfassung durch dergleichen Statute in rechtlicher Hinsicht sich als vollkommen begründet darstellt.

 

§. 3. 3. Gründe der Zweckmäßigkeit.

 

Nicht minder hält sie dafür, daß für eine solche Wiederherstellung auch aus dem Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit sehr triftige Gründe obwalten.

 

Unter den jenigen Verhältnissen fehlt es unter andern an einer geeigneten und competenten Behörde zur Verwaltung des ritterschaftlichen Capitalvermögens. In Ermangelung einer solchen hat bislang der ständische Ausschuß diese Verwaltung übernommen, aber ohne dazu berechtigt oder verpflichtet zu sein; er kann sie folglich in jedem Augenblicke wieder aufgeben, und dann ist Niemand da, der weiter dafür sorgt. — Für die Ausübung der ritterschaftlichen Rechte in Betreff des Stifts Steterburg ist zwar ein besonderer, von drei zu drei Jahren neu zu wählender ritterschaftlicher Ausschuß vorhanden. Diese Einrichtung leidet jedoch an dem Mangel, daß der Wirkungskreis dieses Ausschusses ein zu beschränkter ist, und daß die Mitglieder desselben einem steten Wechsel unterworfen sind. — Ebenso, wie vor einigen Jahren die Normen über die Vertheilung der ritterschaftlichen Stipendien einer zweckmäßigern Anordnung bedurften, kann über kurz oder lang für diese oder irgend eine andere ritterschaftliche Angelegenheit, eine anderweite Regulirung und Feststellung erforderlich werden. Wie schwierig es aber bei der gegenwärtigen Lage der Dinge ist, die Verhandlungen über dergleichen Angelegenheiten in den gehörigen Gang einzuleiten und zu einem angemessenen Resultate zu bringen, hat sich in den letzten Jahren wohl zur Genüge herausgestellt. Und für die Folge sind Schwierigkeiten und Zweifel in dergleichen Fällen noch mehr zu besorgen, da sich bereits die Grundsätze über die Beschluß- und Abstimmungsweise in den ritterschaftlichen Versammlungen, und über das Präjudiz, unter welchem die Mitglieder der Ritterschaft zum mündlichen oder schriftlichen Abstimmen aufzufordern sind, zu verdunkeln anfangen. — In Betreff der Aufnahme neuer Güter in die Rittermatrikel ist im §. 11 des Wahlgesetzes vom 12. October 1832 zwar vorgeschrieben, daß die Ritterschaft zur schriftlichen Abstimmung aufgefordert, und die sich nicht Erklärenden als einwilligend betrachtet werden sollen. Abgesehen indes von dem sehr erheblichen Mangel, daß überhaupt durch bloßes schriftliches Abstimmen in

 

 

 

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einer zahlreichen Corvoration regelmäßig nur einzelne, nicht im gehörigen Zusammenhange stehende Erklärungen hervorgerufen, keineswegs aber ein wirklich gemeinsamer, auf vorgängiger Berathung und gegenseitiger Verständigung beruhender Beschluß zu Staude gebracht wird, — ist bei diesem Verfahren eine Feststellung der näheren Bedingungen über die Aufnahme eines Guts in die Rittermatrikel schwer oder gar nicht zu erreichen, z. B. die Feststellung der Summe, welche der neu Eintretende für den künftigen Mitgenuß an dem ritterschaftlichen Stipendienwesen und den Revenüen des ritterschaftlichen Capitalvermögens einzuzahlen hat. Wahrscheinlich um die sich hier darbietenden Schwierigkeiten zu umgehen, hat der ständische Ausschuß bei den bloß von ihm zu leitenden Verhandlungen über die Aufnahme des Guts Gr. Denkte im vorigen Jahre, die Mitglieder der Ritterschaft um die näheren Aufnahmebedingungen gar nicht befragt, sondern ohne Weiteres dem Besitzer jenes Guts die Auflage ertheilt, 150 Rthlr. zu dem ritterschaftlichen Capitalvermögen einzuzahlen. Daß die Ritterschaft bei einer solchen Anordnung ein wohlbegründetes Interesse hat, uud daß sie deshalb vorher darüber um ihre Zustinnuung hätte befragt werden sollen , leuchtet wohl sofort ein. —

 

Gleichwie über städtische Angelegenheiten die Magistratscollegien, über Handels- und Verkehrsverhältnisse der Vorstand des Kaufmannsvereins häufig mit ihren Gutachten und Anliegen gehört werden; so würde es auch für die Ritterschaft nicht minder wünschenswerth sein, wenn über ihre Angelegenheiten ein ritterschaftlicher Vorstand oder Ausschus; in den geeigneten Fällen gutachtlich zugezogen würde. Für die einzelnen Mitglieder der Ritterschaft würde es außerdem von Werth sein, wenn sie eine Behörde hätten, bei der sie in zweifelhaften und schwierigen Fällen sich Raths erholen könnten und einen Rückhalt fänden, oder der sie die Vermittlung oder schiedsrichterliche Entscheidung streitiger Guts- und Familienangelegenheiten, z. B. die Auslegung von Testamenten und Familienverträgen, die Bestimmung der Abfindungen für nachgeborne Söhne, Töchter und Wittwen u. s. w. Betreffend, mit dem Vertrauen auf eine genaue Berücksichtigung ihrer eigenthümlichen Verhältnisse, überlassen könnten.

 

In diesen und ähnlichen Beziehungen kann wohl das Bedürfniß und die Zweckmäßigkeit der Anordnung eines dauernden Organs oder Vorstandes zur Wahrung der ritterschaftlichen Gesammtrechte und Interessen, so wie zur Wahrung der rechtlichen Verhältnisse der einzelnen

 

Rittergutsbesitzer, nicht bezweifelt werden. Einem solchen Vorstande eine angemessene Einrichtung und Stellung zu geben, wird aber nicht anders ausführbar sein, als wenn die in Verfall gerathene corporative Verfassung der Ritterschaft durch Statuten überhaupt neu geordnet wird.

 

 

 

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§. 4. 4. Bezugnahme auf die Verhältnisse in den deutschen Nachbarländern

 

Mit einem Antrage dieser Art hofft die Ritterschaft gegenwärtig um so weniger enthört zu werden, als nach den ihr gemachten Eröffnungen die gnädigste Absicht Sr. Herzoglichen Durchlaucht dahin geht, billige zeitgemäße Anträge der Ritterschaft nicht zurückzuweisen, und dieselbe nicht ungünstiger zu stellen , als es in anderen benachbarten Ländern der Fall ist. In einem großen Theile von Deutschland bestehen nämlich die Ritterschaften seit alter Zeit ununterbrochen als Corporationen fort, und haben ihre frühere Verfassung beibehalten. In denjenigen Staaten aber, welche, wie das Herzogthum Braunschweig, eine Zeitlang der Fremdherrschaft unterworfen waren, sind sie als Corporationen wiederhergestellt worden. Dies letztere gilt insonderheit von der althessischen Ritterschaft im Kurfürstenthum Hessen, deren corporative Organisation durch ausführliche Statuten vom 25. April 1835 neu geordnet worden ist. In den verschiedenen Provinzen des Königreichs Hannover sind die Ritterschaften, zugleich mit der Wiederherstellung der dortigen Provinziallandschaften, in ihre frühere rechtliche Stellung als Corporationen der Hauptsache nach wieder eingetreten. Sie haben in den Landräthen, Ritterschaftsdeputirten, Ritterschaftspräsidenten und unter anderen Titeln ihre Vorstände wieder erhalten, durch welche ihr Corporationsvermögen und ihre übrigen Gesammtrechte verwaltet werden. Sie üben das Recht aus, sich zu versammeln, um über ihre gemeinsamen Angelegenheiten die nöthigen Berathungen anzustellen, auch ist ihnen im §. 62 des Hannoverschen Landesverfassungsgesetzes vom 6. August 1840 neuerdings die Befugniß bestätigt worden, mit Königlicher Genehmigung ihre Statuten abzuändern oder neue einzuführen. Auch im Königreiche Preußen ist man den Ritterschaften in den, der Fremdherrschaft unterworfen gewesenen Provinzen, bei Anträgen auf Wiederherstellung corporativer Einrichtungen und Verfassungsverhältuisse in neuerer Zeit bereitwillig entgegengekommen, wie unter anderen das Statut der rheinischen ritterbürtigen Ritterschaft vom 28. Februar 1837, bestätigt durch eine Königliche Verordnung vom 13. Mai desselben Jahres, darthut.

 

 

§. 5. 5. Antrag auf Erlassung neuer ritterschaftlicher Statuten.

 

Unter Bezugnahme auf die vorerwähnten Verhältnisse, und gestützt aut die obige Ausführung der Recht- und Zweckmäßigkeits-Gründe, erlaubt sich demnach die Ritterschaft:

 

auf die Reorganisation ihrer corporativen Verfassung durch Verleihung von Statuten, so weit solche mit den hiesigen Landesverhältnissen vereinbarlich sind.“

 

 

 

 

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hiermit anzutragen, und in der Nebenanlage A. einen Entwurf solcher Statuten zu überreichen.

 

Da sie Letzteres unaufgefordert thut, so bemerkt sie jedoch ausdrücklich, daß es nicht entfernt ihre Absicht ist, durch diesen Entwurf der Höchsten Entschließung ihres Durchlauchtigsten Landesherrn in irgend einer Beziehung vorgreifen zu wollen. Die Ueberreichung dieses Entwurfs geschieht vielmehr von ihr lediglich in der Absicht, theils um die praktische Ausführbarkeit der Sache darzulegen, theils um möglichst genau alle die statutarischen Bestimmungen anzugeben, welche sie für wünschenswerth und unter den gegenwärtigen Verhältnissen für erreichbar hält, indem sie, der ihr eröffneten Höchsten Willensmeinung gemäß, in diesem Entwurfe Alles vermieden zu haben glaubt, was verfassungsmäßig nicht ohne ständische Zustimmung gewährbar ist. Angemessen möchte es unter anderen Umständen allerdings wohl erscheinen, wenn dem ritterschaftlichen Ausschusse, auf dessen Bildung in den Statuten angetragen ist, auch die Verleihung der ritterschaftlichen Stipendien und die Leitung der Verhandlungen über die Aufnahme neuer Güter in die Rittermatrikel überwiesen; — wenn ferner die in neuerer Zeit getroffenen Bestimmungen über die Nichtveräußeruug einzelner Gutszubehörungen und über den Verlust der Rittergutsqualität modificirt; — desgleichen, wenn die bei Aufnahme neuer Güter in die Rittermatrikel zur Bedingung gemachte Summe eines jährlichen Reinertrags von 1500 Thalern wieder aufgehoben oder wenigstens herabgesetzt würde. Aus dem obgedachten Grunde hat indeß die Ritterschaft sich beschieden, Anträge auf abändernde Bestimmungen dieser Art vor der Hand auf sich beruhen zu lassen. — Was übrigens den in dem Entwurfe der Statuten mit enthaltenen Antrag anbelangt, daß eine neue ritterschaftliche Gütermatrikel angelegt, und deren Führung nach einem bestimmten Regulativ dem neuzubildenden ritterschaftlichen Ausschusse überwiesen werden möge, so glaubt die Ritterschaft, daß hierüber Verhandlungen mit der Ständeversammlung nicht erforderlich sind. Denn wenn auch nach §. 127 der Landschafts-Ordnung von 1832 die Führung der bisherigen Rittermatrikel dem ständischen Ausschusse übertragen ist, so ist doch damit nicht ausgeschlossen, daß eine zweite Matrikel der Art nach einem den gegenwärtigen Verhältnissen angemessenen Regulativ von einer andern Behörde geführt werden dürfe, zumal da es dem ständischen Ausschusse unbenommen bleiben wird, jene Matrikel in der bisherigen Weise fortzuführen.

 

 

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II. Stellung der einzelnen Rittergüter zu den Gemeinden.

 

1. Stellung beider zu einander vor der westphälischen Fremdherrschaft.

 

§. 6. a) Gesondertes Verhältniß in Beziehung auf den Gemeindeverband.

 

Die Rittergüter bildeten, gleich den Herzoglichen Domainen und den Stifts- und Klostergütern, bis zum Jahre 1807, selbstständige, von dem städtischen und bäuerlichen Gemeindeverbande unabhängige und gesonderte Gütercomplexe. Die Eigenthümer der Rittergüter waren nämlich von und wegen ihres ritterschaftlichen Grundbesitzes lediglich Mitglieder der von ihnen gebildeten Corporation der Ritterschaft, nicht aber zugleich Mitglieder der Corporationen der Stadt- und Landgemeinden. Sie sind daher früher weder zu den Gemeindelasten mit herangezogen, noch zn einer Theilnahme an den Rechten der Gemeinden zugelassen worden. Was insonderheit ihre Stellung zu den bäuerlichen Gemeinden anbelangt, so waren sie diesen nicht untergeordnet, sondern standen vielmehr regelmäßig vermöge ihrer gutsherrlichen Rechte und der Patrimonialgerichtsbarkeit über denselben.

 

Jenes gesonderte Verhältniß zwischen den Rittergütern und den Gemeinden war den hiesigen Landen nichts Eigenthümliches, sondern bestand überall im deutschen Vaterlande fast auf ganz gleiche Weise. Es hat sich auf gewohnheitsrechtlichem Wege von selbst gebildet, und findet sich daher durch die frühere Gesetzgebung nicht ausdrücklich eingeführt, wohl aber von dieser dadurch anerkannt, daß in den älteren Landesherrlichen Verordnungen, welche über die inneren corporativen Verhältnisse der Gemeinden, z. B. über die Ausübung des Stimmrechts bei Gemeindebeschlüssen, über die Repartition der Gemeindelasten etc. handeln, von einer Concurrenz oder Beitragspflicht der Rittergutsbesitzer überall nicht die Rede ist.

 

Dies Letztere ist in neuerer Zeit bestritten worden. Unter Bezugnahme auf einige ältere Verordnungen und zwar namentlich auf die Wegeordnung vom 10. März 1704, und die Verordnung vom 16. Juni 1750, die Kosten der Einführung der Prediger auf dem Lande betreffend, ist nämlich die Behauptung aufgestellt worden, daß die Rittergüter schon in der altbraunschweigischen Zeit in verschiedenen Beziehungen als beitragspflichtig zu den Gemeindelasten behandelt worden wären. Diese Beitragspflicht der Rittergüter sei nur früher nicht konsequent durchgeführt gewesen, was in einer Unvollkommenheit der früheren Verwaltungseinrichtungen oder einer Bevorzugung der Rittergüter seinen Grund gehabt haben werde. Die jetzige Combinirung

 

 

 

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der Rittergüter mit den Gemeinden und die Heranziehung jener zu den Lasten dieser, sei nichts Neues, sondern nur eine vollständigere Durchführung von Grundsätzen , welche sich in einzelnen Anwendungen bereits in den älteren Verordnungen ausgesprochen fänden. — Diese Ansicht beruht jedoch auf einem Irrthume, namentlich auf einem Uebersehen des Unterschieds zwischen der Verpflichtung zu allgemeinen Landes- und Parochiallasten einerseits, und der Beitragspflicht zu den weltlichen (den städtischen und bäuerlichen) Gemeindelasten andererseits. Die Wegbaulast nämlich, von welcher die Wegeordnung vom 10. März 1704 handelt, ist unstreitig eine allgemeine Landeslast, welche sich zwar feldmarksweise repartirt findet, aber niemals den Gemeinden ausschließlich, sondern immer auch den größeren Grundeigenthümern mit obgelegen hat. Was aber die, von den Kosten der Einführung der Prediger auf dem Lande handelnde Verordnung vom 16. Juni 1750 anbelangt, so enthält dieselbe bloß Vorschriften über die Vertheilung einer kirchlichen oder Parochiallast, und stellt lediglich in Betreff dieser Art von Lasten den Grundsatz auf, daß alle „Eingepfarrte“ zu dergleichen „auf der gemeinschaftlichen Theilnahme am Gottesdienste sich gründenden Lasten“ beizutragen hätten, wofern sie nicht eine Befreiung davon durch Vertrag oder Herkommen nachweisen könnten. Aus beiden Verordnungen läßt sich daher, weil sie von Lasten ganz anderer Art reden, nicht die Folgerung ziehen, daß die Rittergüter schon vor dem Jahre 1807 in einzelnen Beziehungen als beitragspflichtig zu den Gemeindelasten herangezogen, und mithin auch als zu dem Gemeindeverbande gehörig betrachtet worden wären. Und auf ähnliche Weise verhält es sich bei genauer Nachforschung mit allen übrigen älteren Verordnungen, aus welchen in neuerer Zeit eine solche Schlußfolgerung gegen die Rittergutsbesitzer hergeleitet worden ist.

 

§. 7. b) Nachbarliche Verhältnisse, gemeinschaftliche Eigenthums- und Nutzungsrechte.

 

Ungeachtet die Rittergüter und deren Besitzer in Beziehung auf den Gemeindeverband von den Städten und Dörfern früher durchaus unabhängig und gesondert waren, bestanden jedoch zwischen beiden vielfache wechselseitige Beziehungen und rechtliche Verhältnisse, welche theils durch die nachbarliche Lage herbeigeführt, theils durch Verträge, gutsherrliche Verleihung, gemeinschaftlichtes Eigenthum, Servitutenten, örtliches Herkommen etc. begründet waren. Dahin sind vor Allem zu rechnen gemeinschaftliche Nutzungsrechte an Weiderevieren, Triften, Aengern, Viehtränken, Wegen, Stegen, Brücken etc., und die mit solchen Nutzungsrechten verbundenen Leistungen zur Unterhaltung oder Befriedigung von dergleichen Grundstücken und Anlagen. Durch

 

 

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solche nachbarliche Beziehungen von meistens rein privat- oder vermögensrechtlicher Natur, ist jedoch nie zwischen den Rittergütern einer, und den Städten oder Dörfern anderer Seits, ein Gemeindeverband begründet worden, eben so wenig, wie mehrere benachbarte Cammer-, Kloster- und Rittergüter, zwischen welchen dergleichen Rechtsverhältnisse auch häufig vorkommen, deshalb jemals als eine Gemeinde behandelt worden sind.

 

§. 8. c) Mit Rittergütern verbundene bäuerliche Gehöfte und Grundstücke.

 

Außerdem ist in älterer Zeit öfter der Fall vorgekommen, daß Bauerhöfe oder einzelne bäuerliche Grundstücke mit Rittergütern verbunden worden sind, rücksichtlich deren Gemeindeberechtigung und Gemeindepflichtigkeit jedoch ein zwiefaches Verhältniß unterschieden werden muß.

 

1. Zum Theil sind dergleichen bäuerliche Höfe und Grundstücke mit landesherrlicher und ständischer Zustimmung, nach erfolgtem Abkauf der darauf vormals ruhenden öffentlichen Lasten, in die Rittermatrikel mitaufgenommen, und dadurch dem betreffenden Rittergute vollständig incorporirt worden. Erfolgte eine solche Immmatriculirung oder Incorporation, so hatte dies die Wirkung, daß dergleichen Höfe und Grundstücke in allen öffentlichen Beziehungen nicht mehr als bäuerliches, sondern als ritterschaftliches Grundeigenthum behandelt, und folglich auch aus dem frühern Gemeindeverbande als ausgeschieden betrachtet wurden. Ausnahmsweise findet es sich jedoch, daß auf solchen immatriculirten, vormaligen Bauerhöfen einzelne Reiheberechtigungen und die diesen entsprechenden Reihelasten haften geblieben sind, z B. das Recht, eine Anzahl Vieh in der Gemeindeheerde mittreiben zu lassen, und die Verpflichtung, zu dem Lohne des Gemeindehirten einen Beitrag zu leisten.

 

2. Ebenso häufig ist aber auch schon vor dem Jahre 1807 der Fall vorgekommen, daß bäuerliche Gehöfte und Grundstücke zu Rittergütern zwar zugekauft, nicht aber mit ausdrücklicher Landesherrlicher und ständischer Genehmigung auf die obgedachte Weise immatriculirt sind. Diese bloß zugekauften Bauerhöfe haben, wie überhaupt, so auch in Beziehung auf Gemeindeangehörigkeit, ihre frühere rechtliche Natur beibehalten. Die im Besitze solcher bloß zngekauften Bauerhöfe befindlichen Rittergutsbesitzer haben, gleich jedem andern Eigenthümer von bäuerlichen Reihehöfen, stets alle darauf ruhenden öffentlichen und Gemeindelasten zu tragen gehabt, anderer Seits sind sie aber auch befugt geblieben, das Stimmrecht und alle übrigen Berechtigungen in den Gemeinden in Anspruch zu nehmen.

 

 

 

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2. Einführung der französischen Communenorganisation während der westphälischen Fremdherrschaft..

 

§. 9.

 

Die obenerwähnte Sonderung der Rittergüter von den Gemeinden, und die übrigen zwischen beiden bestehende rechtlichen Verhältnisse und Beziehungen, wurden während der westphälischen Fremdherrschaft theils ausdrücklich aufgehoben, theils als unvereinbar mit den damals aufgedrungenen Einrichtungen nicht weiter beachtet. Die Ritterschaft ward, wie schon bemerkt, als Corporation unterdrückt, die Städte wurden der Magistrats- und Gildeverfassung, und damit zugleich aller ihrer Rechte und ihrer innern corporativen Organisation beraubt, und die bäuerlichen Gemeinden erfuhren im Wesentlichen dasselbe Schicksal. Dagegen ward, in Gemäßheit des Artikels 34 der westphälischen Constitution vom 15. November 1807, durch ein Decret vom 24. December desselben Jahres das ganze vormalige Königreich Westphalen, mithin auch die demselben einverleibten Herzoglich Braunschweigischen Länder, in Departments, diese in Districte, diese in Cantons, und die Cantons in sogenannte Municipalitäten oder Communen eingetheilt. In diesen Communen aber, welche zum Zweck einer mechanischen Einförmigkeit und der größten Centralisation der Verwaltung eine ganz gleichmäßige Organisation nach französischem Muster erhielten, wurden die Städte, Dörfer, Domainen, Kloster- und Rittergüter, und deren Eigenthümer, Pächter und übrige Einwohner als eine homogene Masse zusammengeworfen. Dieser Zustand dauerte bekanntlich bis zum Schlusse des Jahres 1813.

 

3. Verhältniß der Rittergüter zu den Gemeinden seit 1814.

 

§. 10.

 

Nach wiederhergestellter rechtmäßiger Landesregierung hörte alsbald die westphälische Gebietseintheilung und Behördeneinrichtung, sowie die damit in genauem Zusammenhange stehende Communenorganisation der Hauptsache nach wieder auf. Der Unterschied zwischen der städtischen und bäuerlichen Gemeindeverfassung trat wieder in‘s Leben, und in Folge dessen kehrte jede Stadt und jede Dorfschaft wieder in ihr früheres, rechtlich begründetes Verhältniß einer besondern Gemeinde zurück. Auf gleiche Weise hätten auch die Rittergüter, und nicht minder die Herzoglichen Domainen und die Klostergüter, wieder in ihre

 

 

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frühere Stellung als selbstständige, von den Gemeinden gesonderte Gütercomplere eintreten sollen. Hierüber erfolgte jedoch keine ausdrückliche Bestimmung, und so kam es, daß ihr Verhältniß zu den Gemeinden fortan ein schwankendes und ungewisses blieb. In verschiedenen Beziehungen wurden die Rittergutsbesitzer nach wie vor als untergeordnet und combinirt mit den Gemeinden behandelt, z. B. zu Beiträgen für den Ortsvorstehergehalt herangezogen, auch für verpflichtet erklärt, den Ortsvorsteherdienst zu übernehmen, welches letztere namentlich aus den §§. 6 und 10 der Landesherrlichen Verordnung Nro. 35 vom 19. Februar 1814 hervorgeht. Eben so hat bei der Abfassung der Verordnung vom 24. März 1814 die Unterhaltung der Armen betreffend, augenscheinlich die Ansicht von der fortdauernden Combinirung der Güter mit den Gemeinden vorgeschwebt. In anderen Beziehungen wurden dagegen die Rittergutsbesitzer einige Jahre später wieder als selbstständige, von dem Gemeindeverbande unabhängige Grundeigenthümer anerkannt. Dieser Gesichtspunkt hat unter andern bei den, mit Zustimmung der vormaligen Landschaft erlassenen Landesherrlichen Verordnungen Nro. 7 und 9 vom 26. März 1823, die Einrichtung des Justizwesens, und die Polizei- und Gemeinde-Verwaltung betreffend, vorgewaltet. Denn nach Inhalt dieser wurden die Rittergutsbesitzer nicht nur ausdrücklich von der Local-Polizeiaussicht der Ortsvorsteher ausgenommen, sondern es ward auch den vormaligen Patrimonialgerichtsherren die Local-Polizeigewalt wieder eingeräumt, um in den ihnen nachgesetzten Gemeinden auch ferner zum Besten wirken zu können. Diese Local-Polizeigewalt zeigte sich indeß wenig wirksam, wovon der Hauptgrund wohl darin zu suchen sein möchte, dasß über die in derselben enthaltenen Befugnisse, mit Ausnahme weniger Punkte, keine näheren Bestimmungen erfolgten. Die aus der Zeit der westphälischen Fremdherrschaft sich herschreibende Ansicht, daß die Rittergüter als combinirt mit den Gemeinden zu betrachten seien, gewann vielmehr bei den Behörden immer mehr die Oberhand. In Gemäßheit dieser Ansicht ward im §. 38 der Landesherrlichen Verordnung vom 4. Mai 1830, das Wohnortsrecht der Unterthanen in polizeilicher Hinsicht betreffend, die Bestimmung getroffen, daß alle privativen Landgüter, mithin auch die Rittergüter, hinsichtlich des Wohnortsrechts künftighin ohne Ausnahme mit den Gemeinden verbunden sein sollten. Was unter dieser Combinirung „hinsichtlich des Wohnortsrechts“ zu verstehen sei, ist in jener Verordnung nicht genau ausgedrückt, Nach ihrem Hauptinhalte ist es jedoch höchst wahrscheinlich, daß dadurch nur in Beziehung auf die Verpflichtung zur Aufnahme und Versorgung obdachloser und verarmter Personen, die Rittergüter mit den Gemeinden verbunden sein sollten. In der Praxis gab man der Sache aber bald eine andere Anwendung.

 

 

 

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Unter der Bezeichnung von „Mitgliedern des Gemeinde- oder Communalverbandes im sogenannten weitern Sinne, zog man die Rittergutsbesitzer fortan zu Beiträgen für alle Gemeindeeinrichtungen heran, welche sich unter irgend eine polizeiliche Rücksicht bringen ließen, oder Gegenstand des sogenannten Gemeindeverbandes im weitem Sinne sein sollten, ohne ihnen aber eine Theilnahme an den Gemeindebeschlüssen oder an den nutzbaren Berechtigungen der wirklichen Gemeindemitglieder einzuräumen. Bereits auf dem Landtage von 1832 beschwerte sich dieserhalb die Ritterschaft, indem sie eine Protestation gegen die Verordnung vom 4. Mai 1830 einlegte, und darauf antrug, daß bei Erlassung einer Gemeindeordnung die Verhältnisse der Rittergüter zu den Gemeinden angemessen geordnet werden möchten. Im Vertrauen auf die ihr im Artikel 23 des Landtagsabschieds vom 12. Octbr. 1832 ertheilte Zusage, daß dieser Antrag bei Erlassung einer Gemeindeordnung berücksichtigt werden solle, ließ sie es damals zu, daß in die §§. 41 und 42 der neuesten Landschafts-Ordnung von 1832 die generellen Bestimmungen aufgenommen wurden, daß jedes Grundstück im Lande einem bestimmten Gemeindebezirke, und jeder Landeseinwohner einer bestimmten Gemeinde angehören solle. Die Erlassung einer Gemeindeordnung hat sich bekanntlich bis jetzt verzögert. Inzwischen aber ward auf den Grund jener Bestimmungen in der Landschafts-Ordnung von 1832 und des §. 38 der Verordnung vom 4. Mai 1830, mit der Unterordnung der Rittergutsbesitzer unter den Gemeindeverband, und der Heranziehung jener zu den Gemeindelasten immer weiter vorgeschritten. Dies hatte zunächst mehrere langwierige und verdrießliche Streitigkeiten zwischen einzelnen Rittergutsbesitzern und Gemeinden zur Folge, welche meistens als Verwaltungssache vor den Administrativbehörden verhandelt wurden. Da die Rittergutsbesitzer sich durch die Grundsätze, von welchen die Behörden bei ihren Entscheidungen in diesen Streitigkeiten ausgingen, in mehrfacher Hinsicht benachtheiligt fühlten, so überreichte eine Mehrzahl derselben am 19. August 1840 dem Herzoglichen-Staats-Ministerium dieserhalb ein gemeinschaftliches Gesuch, nebst einer ausführlichen Deduction, die Verhältnisse der Rittergüter zu den Gemeinden betreffend. Hieraus erging die Höchste Resolution vom 16. März 1842, und da die Mitglieder der Ritterschaft der Ansicht waren, daß durch diese ihren Beschwerden nicht vollständig abgeholfen werde, so erlaubten sie sich den fraglichen Gegenstand durch das Immediatgesuch vom 31. Octbr v. J. bei Sr. Herzoglichen Durchlaucht unmittelbar in nochmalige Anregung zu bringen, worauf das Höchste Rescript vom 18. November v. J. erfolgte.

 

 

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4. Zusammenstellung der eigentlichen Beschwerdepunkte.

 

§. 11. a) Herabsetzung der persönlichen Stellung der Ritteegutsbesitzer, insbesondere Unterordnung unter die Vorsteher.

 

Für die Rittergutsbesitzer ist in der Combinirung mit den städtischen und bäuerlichen Gemeinden erstlich eine nicht zu verkennende Herabsetzung ihrer persönlichen Stellung enthalten. Früher standen sie unabhängig von diesen Gemeinden da. Sie waren von und wegen ihres ritterschaftlichen Grundbesitzes lediglich Mitglieder der Corporation der Ritterschaft, und standen als solche nur unter den Landesherrlichen Behörden, nicht aber unter den Gemeindebehörden, den Bürgermeistern und den Bauermeistern. Jetzt dagegen sollen sie sich als untergeordnete Bestandtheile der Gemeinden behandeln lassen. Nach §. 30 der Verordnung Nro. 9 vom 26. März 1823 sind die Rittergutsbesitzer zwar ausdrücklich von der Polizeiaufsicht der Ortsvorsteher ausgenommen. Bei den Behörden macht sich aber mehr und mehr die Ansicht geltend, daß diese Vorschrift keine praktische Bedeutung mehr haben könne, weil überhaupt das Princip, auf dem sie beruhe, durch die spätere Gesetzgebung aufgehoben sei. Jene Bestimmung setze die Unabhängigkeit der Rittergüter von dem Gemeindeverbande voraus. Nach §. 38 der Verordnung vom 4. Mai 1830, und nach den §§. 41 und 42 der Landschafts-Ordnung von 1832, seien die Rittergutsbesitzer als Gemeindemitglieder zu betrachten. Die Ortsvorsteher seien in allen Gemeinde- und ortspolizeilichen Angelegenheiten die Vorgesetzten sämmtlicher Gemeindemitglieder, folglich ständen die Rittergutsbesitzer nunmehr gleichfalls unter der Polizeiaufsicht der Vorsteher. Die innere Consequenz in dieser Schlußfolgerung läßt sich nicht verkennen. Auch finden sich bereits einzelne Anwendungen dieser Ansicht in die neuere Gesetzgebung übergegangen. So sind z. B. nach §§ 44 bis 46 der Feuerordnung vom 15. October 1832 die Ortsvorsteher und Geschworenen befugt und angewiesen, auch auf den Gehöften und in den Gebäuden der Rittergutsbesitzer jährlich wenigstens zweimal, und außerdem so oft es ihnen gut dünkt, Visitationen und Nachforschungen anzustellen. Ferner gehen in Beziehung auf die Erhebung und Veranlagung der Personalsteuer, die Veranlagung des Schafschatzes, in Betreff des Conscriptionswesens, der Führung der Rollen über die Wegebaulast und in allen ähnlichen Verwaltungssachen den Rittergutsbesitzern die Verfügungen der Behörden fast nie unmittelbar, sondern regelmäßig durch die Ortsvorsteher zu. Bei diesem Verfahren liegt unverkennbar auch die Ansicht zum Grunde, daß die Vorsteher die zunächst vorgesetzte Ortsobrigkeit der Rittergutsbesitzer seien, und diesen in allen dergleichen polizeilichen und administrativen Angelegenheiten die weiteren mündlichen Weisungen und Befehle zu ertheilen hätten. Daß dieses Verhältniß kein angemessenes ist,

 

 

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- was freilich meistens nur von denjenigen Rittergutsbesitzern empfunden wird, welche ihre Güter selbst bewohnen und bewirthschaften, - unterliegt wohl keinem Zweifel. Denn die Vorsteher sind, wenn sie in ihrer Alt auch noch so tüchtige Personen sein mögen, doch ihrer Bildung und allen ihren übrigen Lebensbeziehungen nach nicht dazu geeignet, irgend eine obrigkeitliche Autorität über die Mitglieder der Ritterschaft auszuüben.

 

 

§. 12. b) Schwankende und unsichere Stellung der Rittergutsbesitzer als Gemeindemitglieder.

 

aa) In Betreff der ihnen einzuräumenden Theilnahme an den Gemeindebeschlüssen und Gemeinderechten.

 

Hierzu kommt zweitens, daß die Stellung, welche die Rittergutsbesitzer als Mitglieder der Gemeinden in diesen einnehmen sollen, in den praktisch wichtigsten Beziehungen höchst schwankend und ungewiß ist, indem es namentlich über die Fragen:

 

1) welche Theilnahme an den Gemeindebeschlüssen und Gemeinderechten ihnen zukommen soll?

2) welche Gemeindelasten von ihnen mitzutragen seien? und

3) nach welchem Veranlagungsfuße sie zu dergleichen Lasten heranzuziehen seien?

 

fast an allen näheren Bestimmungen fehlt.

 

Was zunächst die den Rittergutsbesitzern einzuräumende Theilnahme an den Gemeindebeschlüssen und nutzbaren Berechtigungen der Gemeinden anbelangt, so ist dieser Punkt bis jetzt fast ganz mit Stillschweigen übergangen worden, gleichsam als ob es sich von selbst verstehe, daß die Rittergutsbesitzer bloß in Beziehung auf die Tragung von Lasten, nicht aber in Beziehung auf die Ausübung von Rechten, Mitglieder der Gemeinden sein könnten. Das Unbillige dieses Verhältnisses ist in der den Mitgliedern der Ritterschaft zugegangenen Höchsten Resolution vom 16. März v. J. insofern allerdings anerkannt, als darin bestimmt ist, daß die Rittergutsbesitzer bei allen Gemeindeangelegenheiten, bei welchen sie betheiligt wären, zu einer Erklärung innerhalb einer angemessenen Frist aufzufordern seien. Diese Bestimmung möchte indeß wohl nicht genügen, da nicht zugleich festgestellt ist, welche rechtliche Wirkung eine solche Erklärung haben, und insonderheit wie es gehalten werden soll, wenn die Erklärung des Rittergutsbesitzers mit dem Beschlusse der betreffenden Gemeinde in Widerspruch tritt.

 

§. 13. bb) In Betreff der Gemeindelasten, in welchen die Rittergüter beitragen sollen.

 

Was ferner die Frage betrifft, zu welchen Gemeindelasten die Rittergutsbesitzer mit heranzuziehen seien? so sind die Behörden der der Entscheidung streitiger Fälle dieser Art, in Ermangelung gesetzlicher

 

 

 

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Vorschriften, von der Annahme eines doppelten Gemeindeverbandes ausgegangen. Sie unterscheiden nämlich seit einiger Zeit zwischen Dorfgemeinden im engern Sinne, und zwischen Landgemeinden (Communen) im weitern Sinne. Die wesentliche Natur und Bedeutung dieses Communalverbandes im weitern Sinne findet sich nirgends genau angegeben. Nur soviel ist außer Zweifel, daß er den Gegensatz zu dem, von den bäuerlichen Reihewohnern gebildeten, wirklichen Gemeindeverbande ausmacht, und unter einer andern Benennung eben die Folgesätze enthält, welche aus dem französisch-westphälischen Communenwesen zum Nachtheile der vormals selbstständigen Grundbesitzungen, der Herzoglichen Domainen, der Kloster- und Rittergüter, bislang beibehalten sind. Welche Verpflichtungen nun aber durch diesen Communalverband im weitern Sinne eigentlich begründet werden sollen, darüber herrschen, wenn man die Sache im Einzelnen genau verfolgt, sehr abweichende und verschiedenartige Ansichten. So sind in einem, später auch auf Rittergutsbesitzer angewandten Rescripte der vormaligen Herzoglichen Cammer vom 16. Juni 1827, als Gemeindelasten, welche jedem Einwohner ohne Rücksicht auf den sogenannten engern Gemeindeverband obliegen sollen, aufgeführt: „Die Beiträge zur Besoldung der Gemeindevorsteher und Gemeindediener, die Leistung der Tag- und Nachtwachen, oder die Beiträge zur Haltung eines Tag- und Nachtwächters, die Anschaffung und Erhaltung der Feuerlöschgeräthschaften, der Transport der in Gemeindeangelegenheiten erlassenen schriftlichen Verfügungen, die von Polizeiwegen nöthig erachtete Hülfsleistung in besonderen Nothfällen, welche den Beitritt aller Einwohner erfordern, und überhaupt alle Ausgaben und Beiträge, welche die öffentliche Ordnung, Sicherheit und den Vortheil des Gemeindewesens zum Zweck haben, und kein Gegenstand des engern Gemeindeverbandes sind.“

 

In mehrfacher Hinsicht abweichend sind die fraglichen Lasten in einem Rescripte der Herzoglichen Kreisdirection Holzminden vom 17. October 1837, die Heranziehung des gräflich von der schulenburgischen Ritterguts Hehlen zu den Gemeindelasten der Landcommune Hehlen im weitern Sinne betreffend, folgender Gestalt angegeben: „der Gehalt des Vorstehers, die Entschädigungen der Geschwornen wegen ihrer Bemühungen bei Revision und Abnahme der Gemeinderechnungen, bei den Militairaushebuugen etc., die Löhne der Feldhüter und Nachtwächter, die Kosten der Wegebesserung und Brückenbauten etc, die Cultuskosten, als Reparaturen an der Pfarre und den Schulgebäuden, die Kosten der Feuerlöschungsanstalten und sonstigen landes- und localpolizeilichen Einrichtungen.“

 

Noch abweichender und zum Theil widersprechend dieser administrativen Verfügung, in welcher allgemeine Landeslasten, Parochiallasten und rein bäuerliche Gemeindelasten als gleichartig sich zusammengestellt finden,

 

 

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ist dagegen in einem Erkenntnisse des Herzoglichen Oberlandesgerichts vom 26. Juni 1834 in Sachen der Gemeinde Thune wider den Besitzer des Ritterguts Thune, der letztere unter andern freigesprochen worden von Beiträgen zu dem Neubaue und der Erhaltung des Schulhauses, weil dieses Gebäude Eigenthum der Dorfgemeinde im engem Sinne sei, und den Mitgliedern der Gemeinde im weitern Sinne nur die Verpflichtung obliege, sofern sie ihre Kinder in die Dorfschule schickten, das übliche Schulgeld dafür zu entrichten. Zugleich findet sich in diesem Erkenntnisse ausgesprochen, daß den Besitzer des Ritterguts Thune die Gemeindecasse nichts angehe, während nach dem vorerwähnten Rescripte der Herzoglichen Kreisdirection Holzminden der Besitzer des Ritterguts Hehlen zu den Kosten der Revision und Abnahme der Gemeinderechnungen doch mit beitragen soll.

 

Bei solchen widerstreitenden Ansichten fehlt es dann auch nicht, daß von den Rittergutsbesitzern mehrfach Beiträge für Gemeindeeinrichtungen in Anspruch genommen werden, von welchen sie gar keinen Nutzen haben, oder für Zwecke, für deren Erreichung von ihnen bereits anderweit gesorgt ist. Die meisten Gutsbesitzer halten z. B. besondere Exemplare der Gesetz- und Verordnungssammlung , manche auch eigene Feuerlöschungsapparate, nichts desto weniger werden aber doch Beiträge für dergleichen Gegenstände zur Gemeindecasse von ihnen verlangt. Andere Gutsbesitzer haben ihre besonderen Feldhüter und Nachtwächter gehalten, weil sie sich regelmäßig auf die ohne ihr Zuthun angestellten Gemeindediener dieser Art nicht mit Sicherheit verlassen können. Dessenungeachtet haben sie aber doch zu dem Lohne der Gemeinde-Feldhüter und Gemeinde-Nachtwächter Beiträge leisten müssen. Das Unbillige solcher Anforderungen hat unter andern der Graf von der Schulenburg- Hehlen zur Sprache gebracht, worauf ihm aber in einem Ministerialrescripte vom 27. Januar 1838 zur Resolution ertheilt ist, die Verpflichtung seines Guts zu dem Lohne des Gemeinde-Feldhüters und Nachtwächters beizutragen, folge aus dem Grundsatze, daß das Gut zum Gemeindeverbande gehöre, wenn übrigens das Gut, seiner größern Sicherheit wegen, die Haltung eines besondern Feldhüters und Nachtwächters für angemessen hielte, so müsse es auch die dadurch entstehenden besonderen Kosten allein tragen.

 

§. 14. cc) In Betreff des Repartitionsfußes, nach welchem die Rittergüter zu den Gemeindelasten beisteuern sollen.

 

Was endlich den Maßstab oder Veranlagungsfuß betrifft, nach welchem die Rittergutsbesitzer zu den Kosten der Gemeindeeinrichtungen herangezogen werden sollen, so sind hierüber die Ansichten noch zweifelhafter und streitiger. Nach einem Rescripte der vormaligen Herzoglichen Cammer vom 11. April 1825 soll der Beitrag zu dem Gehalte der Vorsteher von Seiten der Domainen und adlichen Güter

 

 

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nach einem Viertheile der Contribution und Personalsteuer berechnet werden, wofern nicht das Mißverhältniß der von diesen und den übrigen Gemeindemitgliedern zu bezahlenden Contributin zu groß sei. Nach dem vorerwähnten Erkenntnisse des Herzoglichen Oberlandesgerichts in Sachen der Gemeinde Thune wider den Rittergutsbesitzer Claus daselbst, soll der fragliche Beitragsmaßstab ermittelt werden nach dem Nutzen, welchen jede besondere polizeiliche Einrichtung in der Gemeinde für den betreffenden Rittergutsbesitzer habe. In einem von dem Herzoglichen Staatsministerium an den Grafen von der Schulenburg-Hehlen erlassenen Rescripte vom 27. Januar 1838 ist es für genügend erkannt, wenn der fragliche Repartitionsfuß, in Ermangelung maßgebender direkter Gesetzvorschriftem den obwaltenden Verhältnissen, insbesondere dem Umfange und der Theilnahme des Guts an den Vortheilen des Gemeindeverbandes für entsprechend zu halten sei. Mittelst Rescripts vom 17. October 1837 hat die Herzogliche Kreisdirection Holzminden dem Grafen von der Schulenburg aufgegeben, ein Fünftheil zu den Ausgaben der Gemeinde Hehlen alljährlich beizutragen, und hat diese Entscheidung auf eine analoge Anwendung des obgedachten Cammerrescripts vom 11. April 1825 gegründet, wonach zu dem Ortsvorstehergehalte von Seiten der Güter nur nach einem Viertheile der Contribution und Personalsteuer beigesteuert werden soll. Dagegen hat dieselbe Herzogliche Kreisdirection durch ein Rescript vom 22. September dem Rittergutsbesitzer von Grone-Westerbrak in Betracht der sämmtlichen von dem Gute und der Gemeinde zu entrichtenden öffentlichen Abgaben, der beiden zugehörigen Morgenzahl an Ackerland, Wiesen und Gärten, und der Einwohnerzahl auf dem Gute und im Dorfe die Auflage ertheilt, zu den Kosten aller Gemeindeeinrichtungen, an welchen das Gut oder dessen Besitzer auf irgend eine Weise Theil nehme, die Hälfte beizutragen.

 

Daß nach solchen ganz verschiedenartigen Gesichtspunkten sich ein fester Repartitionsfuß der fraglichen Lasten nicht wohl bilden läßt, leuchtet sofort ein, und nicht minder, daß in Folge davon alle dergleichen Entscheidungen nur auf arbiträrem Ermessen beruhen konnten. Die Schwierigkeit, einen angemessenen und festen Repartitionsfuß der Art ausfindig zu machen, liegt nach dem Dafürhalten der Ritterschaft überhaupt darin, daß die ganze bäuerliche Gemeindeverfassung sich lediglich aus der Eigenthümlichkeit des Bauernstandes hervorgebildet hat, mithin nur auf bäuerlichen Grundbesitz, bäuerliche Lebens- und Standesverhältnisse berechnet ist, für die Mitglieder der Ritterschaft und ritterschaftlichen Grundbesitz aber nicht paßt. Und dieses Letztere gilt

 

 

 

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nicht minder auch von der städtischen Gemeindeverfassung. In welche Form man daher auch die Unterordnung der Rittergüter unter die Gemeinden einkleiden mag, und welche Gesichtspunkte auch bei der Heranziehung jener zu den Gemeindelasten gewählt werden mögen, so werden doch immer die obigen Schwierigkeiten einer billigen und gerechten Regulirung entgegenstehen. Hierin hat es denn auch wohl ohne Zweifel seinen Grund, daß in verschiedenen deutschen Nachbarländern das Bedürfnis für eine Beseitigung der aus dem französischen Communenwesen originirenden Combinirungsmaßregel auf gleiche Weise gefühlt worden ist, und daß in einigen dieser Länder, wie in der Königlich Preußischen Provinz Sachsen und im Königreiche Hannover, das frühere deutsch-rechtliche Princip der Sonderung der Domainen und Rittergüter von den Gemeinden, bereitswiederhergestellt worden; in andern wenigstens, wie in der Königlich Preußischen Provinz Westphalen, einleitende Schritte zur Wiederherstellung dieser Sonderung getroffen worden sind.

 

 

 

5. Hauptantrag auf Sonderung der Rittergüter von den Gemeinden.

§. 15.

 

Die verschiedenen Conflicte und Benachtheiligungen, welche aus der Combinirung der Rittergüter mit den Gemeinden hervorgegangen sind, lassen sich nach dem unmaßgeblichen Dafürhalten der Ritterschaft auch in den hiesigen Herzoglichen Landen nur dadurch gründlich beseitigen, daß das früher zwischen beiden bestandene gesonderte Verhältniß wieder eingeführt wird. Der einfachste Weg zur Erreichung dieses Zieles möchte wohl sein, wenn die sämmtlichen Rittergüter in der verheißenen Gemeindeordnung, oder in einem besondern Gesetze, wieder für selbstständige, von dem Gemeindeverbande der Städte und Dörfer unabhängige Gütercomplexe erklärt würden. Da indeß die Gemeindeordnung wegen der dazu nöthigen Vorarbeiten wohl binnen Kurzem noch nicht zu erwarten steht, und diese sowohl, wie ein besonderes Gesetz über den fraglichen Gegenstand, der Zustimmung der Ständeversammlung bedarf, eine Vereinigung zwischen Regierung und Ständen über die der desfallsigen Gesetzgebung zum Grunde zu legenden Principien aber schwerlich sobald zu erreichen sein dürfte, so bleibt wohl nur der Ausweg übrig, daß durch Landesherrliche Verordnungen die einzelnen Rittergüter auf Antrag ihrer Besitzer für besondere Gemeinden erklärt werden. In den beiden Landesherrlichen Rescripten vom 16. März und 18. November 1842 ist den Mitgliedern der Ritterschaft auch bereitseröffnet, daß es die Höchste Willensmeinung Sr. Herzoglichen Durchlaucht sei, diesen Weg einzuschlagen. Zugleich findet sich jedoch die Erklärung hinzugefügt, die Sonderung der Güter von den Gemeinden nur in den Fällen eintreten zu lassen,

 

 

 

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wo dies den Umständen nach angemessen und ausführbar erschiene und besonders erst wenn durch eine, auf den Gesund der Gemeinheitstheilungs-Ordnung erfolgte gänzliche Separation des Guts von der Gemeinde eine solche Maßregel erleichtert sein würde. Außerdem ist in dem Höchsten Rescripte vom 18. November v. J. die Ansicht ausgesprochen worden, daß allgemeine Grundsätze, durch welche alle hier in Betracht kommende Fragen auf eine gerechte Art gelöset würden, sich nicht füglich würden aufstellen lassen, besonders weil die Verhältnisse und rechtlichen Beziehungen der Rittergüter zu den Gemeinden nach der verschiedenen Entstehungsart der einzelnen Rittergüter so sehr von einander abweichen. — Was zunächst die Gemeinheitstheilungs-Orduung anbelangt, und den Umstand, daß dieselbe bis jetzt noch wenig zur Ausführung gekommen ist, so möchte hierin wohl kein Hinderniß liegen, die Sonderung der Rittergüter von den Gemeinden schon jetzt wiederherzustellen. Denn die Gemeinheitstheilungs-Ordnung ist gerade eins von den wenigen neueren Gesetzen, in welchem die Rittergüter als selbstständige, von dem Gemeindeverbande der Städte und Dorfer unabhängige Güter sich anerkannt finden. Dazu kommt, daß die nach diesem Gesetze zwischen beiden zu theilenden Gegenstände rein vermögensrechtlicher Natur sind, und zwischen ihnen nie einen Communalverband begründet haben. Da es nun höchst wahrscheinlich ist, daß die vollständige Ausführung der Gemeinheitstheilungs-Ordnung erst nach mehreren Decennien erfolgen, ja daß die Gemeinschaft mancher Nutzungsrechte an Grundstücken zwischen Rittergütern und Gemeinden vielleicht noch länger fortbestehen wird, so erscheint es wünschenswerth, die Trennung der einen von den anderen in Betreff des ortspolizeilichen Gemeindeverbandes, nicht von der vorerwähnten Bedingung abhängig zu machen. — Ferrner hält die Ritterschaft dafür, daß die Sonderung von den Gemeinden rücksichtlich aller Rittergüter sich wiederherstellen läßt, und daß besondere locale oder sonstige Umstände bei den einen oder anderen wohl nicht hinderlich entgegenstehen möchten. Denn das gesonderte Verhältniß zwischen den Gütern und Gemeinden hat früher im hiesigen Herzogthume, wie überhaupt in allen deutschen Ländern, ganz allgemein bestanden, und ist auch in mehreren Nachbarländern, namentlich in der Königlich Preußischen Provinz Sachsen und den sämmtlichen Provinzen des Königreichs Hannover ganz allgemein wieder eingeführt; in anderen aber, wie im Königreiche Sachsen und dem Großherzogthume Weimar, als eine von jeher bestandene Einrichtung neuerlich ausdrücklich bestätigt, und endlich in noch anderen Ländern, wie in den östlichen Provinzen der Preußischen Monarchie unverändert beibehalten worden. Die Combinirungsmaßregel ist aber auch hier noch zu neu, als daß sie tiefe Wurzel hätte schlagen können, und bei der praktischen Ausführung der wiederherzustellenden Sonderung des

 

 

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einen oder andern Guts große Schwierigkeiten darbieten könnte. - Nicht minder ist die Ritterschaft des Dafürhaltens, daß genaue, alle praktisch-wichtige Fragen betreffenden Rechtsnormen über das, in Folge der Sonderung zwischen den Gütern und Gemeinden entstehende Verhältniß, festgestellt werden mögen, und zwar entweder durch eine Landesherrliche Verordnung oder in Form einer Instruktion an die Behörden. Daß sich dergleichen, weder den einen, noch den andern Theil benachtheiligende Rechtsgrundsätze über diesen Gegenstand anfstellen lassen, beweist unter andern die Königlich Preußische Verordnung für die Provinz Sachsen vom 31. März 1833, und geht auch aus dem Umstande hervor, daß es an solchen, auf dem Herkommen beruhenden Rechtsgrundsätzen in den hiesigen Herzoglichen Landen früher nicht gefehlt hat. Auf die ausdrückliche Aufstellung solcher Rechtsnormen legt aber die Ritterschaft hierbei einen besondern Werth, und zwar aus einem doppelten Grunde. Erstlich möchten manche Behörden, desgleichen manche Rittergutsbesitzer und Gemeinden, das Verhältniß, in welches sie in Folge der Sonderung zu einander zu stehen kommen, in allen Einzelnheiten nicht vollständig übersehen. Zweitens möchte die Aufstellung bestimmter Rechtsgrundsätze über die Sonderung der Güter von den Gemeinden das geeignetste Mittel sein, um jeden Schein von den Mitgliedern der Ritterschaft fern zu halten, als gingen sie darauf aus, auf Kosten der Gemeinden sich percuniaire Vortheile zu verschaffen, oder als verfolgten sie in dieser ganzen Angelegenheit etwas Anderes, als streng rechtliche Wege und Zwecke. In der Nebenanlage B. erlaubt sich demnach die Ritterschaft einen Entwurf von Rechtsnormen, die Sonderung der Rittergüter von den Gemeinden betreffend, zu überreichen, und trägt zugleich darauf an:

„daß durch Landesherrliche Verordnungen die Rittergüter auf den Antrag ihrer Eigenthümer mittelst der Erklärung für besondere Gemeinden, von dem städtischen und bäuerlichen Gemeindeverbande wieder gesondert, und bei dieser Sonderung die in dem vorerwähnten Entwurfe enthaltenen Rechtsnormen, oder welche davon für angemessen und ausführbar erachtet werden möchten, zum Grunde gelegt werden.“

 

6 Eventueller Antrag rücksichtlich der mit den Gemeinden combinirt bleibenden Rittergüter.

 

§. 16.

 

Sollte indeß der eine oder der andere Rittergutsbesitzer das Verbleiben in dem Verbande mit den Gemeinden wünschen, so möchte es wohl nicht unangemessen sein, daß für dergleichen Fälle des Fortbestehens der Combinirungsmaßregel theils eine Erneuerung, theils eine Ergänzung der schon bestehenden gesetzlichen Bestimmungen erlassen würde.

 

 

 

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Wie aus dem Obigen (§. 11 - 14) erhellt, liegt nach der Ansicht der Ritterschaft das Benachtheiligende der Combinirnngsmaßregel für die einzelnen Rittergutsbesitzer theils in ihrer, mehr und mehr zur Ausführung gebrachten Unterordnung unter die Vorsteher, theils in ihrer Heranziehung zu den Gemeindelasten, ohne Gestattung einer angemessenen Einwirkung auf die Gemeindebeschlüsse, theils in den schwankenden Grundsätzen über die Gemeindelastem zu welchen sie beitragen sollen, und über den Repartitionsfuß, nach welchem diese Beiträge erfolgen sollen. Die beiden ersten Beschwerdepunkte möchten wohl dadurch zu heben sein, daß die bereits im §. 30 der Verordnung vom 26. März 1823 (Nr. 9) enthaltene Vorschrift, nach welcher die Rittergutsbesitzer von der Polizeiaufsicht der Gemeindevorsteher ausgenommen sind, erneuert würde, und daß zugleich den ersteren gegen jeden Gemeindebeschluß, durch welchen sie sich be- nachtheiligt halten, ein Widerspruchsrecht eingeräumt würde, mit der Wirkung, daß ein solcher Gemeindebeschluß nicht eher zur Ausführung gebracht werden dürfe, als bis von den Landesherrlichen Verwaltungsbehörden über den erfolgten Widerspruch entschieden worden sei. Eine Bestimmung der Art findet sich unter andern auch in dem §. 7 der Königlich Preußischen Verordnung vom 31. März 1833, die Regulirung der während der westphälischen Zwischen-Regierung entstandenen Verhältnisse zwischen den Dominien und Gemeinden in der Provinz Sachsen betreffend, und möchte es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß eine solche Bestimmung auch in den hiesigen Herzoglichen Landen ausführbar sei.

 

Ueber die Gemeindelasten selbst, zu welchen die Rittergutsbesitzer beitragen sollen, und insonderheit über den dabei zu befolgenden Repartitionsfuß, bestimmte, in allen Fällen anwendbare und weder den einen noch den andern Theil prägravirende Rechtsnormen in Vorschlag zu bringen, fühlt sich die Ritterschaft außer Stande, weil sie aus dem oben (§. 14) angeführten Grunde die Aufstellung von dergleichen Rechtsnormen überhaupt nicht für möglich hält. Die Entscheidung über streitige Fragen dieser Art wird rücksichtlich der im Gemeideverbande verbleibenden Rittergüter daher auch wohl in Zukunft der Hauptsache nach dem Ermessen der Behörden anheim gestellt bleiben müssen. Der Billigkeit entsprechend möchte es aber sein, wenn rücksichtlich solcher Güter wenigstens der im §. 2 der vorerwähnten Königlich Preußischen Verordnung vom 31. März 1833 enthaltene Grundsatz festgestellt würde, daß sie zu Beiträgen für Gemeinde-Bedürfnisse und Anstalten, von welchen sie keinen Nutzen haben, welche lediglich zum Besten der Gemeindemitglieder bestehen, oder für welche die Güter auf eigene Kosten sorgen, nicht heranzuziehen seien. Und daneben möchte es de combinirt bleibenden Rittergutsbesitzern zu gestatten sein,

 

 

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gesondert von den Gemeinden eigene Armen- und Versorgungshäuser für ihre Gutsangehörigen zu errichten, eigene Exemplare der Gesetz- und Verordnungssammlung und eigene Feuerlöschungsapparate sich anzuschaffen , auch besondere Feldhüter, Wildhüter, Tag- und Nachtwächter u. s w. in ihren Dienst zu nehmen. Einzelne Anwendungen des vorerwähnten Grundsatzes finden sich auch ausdrücklich in verschiedenen neueren Verordnungen der hiesigen Herzoglichen Lande, z. B. In Betreff der Wildhüter im §. 18 der Verordnung vom 16. September 1827, die Abwendung und Vergütung der Wildschäden betreffend, und rücksichtlich der Feuerlöschuugsapparate im §. 55 der Feuerordnung vom 15. October 1832. Jener Grundsatz selbst ist jedoch bis jetzt eigentlich nicht zur Anwendung gekommen, weil die Behörden bei der Heranziehung der Rittergüter zu den Gemeindelasten der Hauptsache nach von dem unbestimmten Begriffe eines sogenannten weitern Communenverbandes ausgegangen sind, und von der Annahme, daß jene zu allen Lasten beizutragen hätten, welche Gegenstand dieses sogenannten weitern Communenverbandes seien. Ein Grund zu wiederholten Reibungen und Conflicten hat ferner bisher auch darin bestanden, daß die obigen Fragen über die Beitragspflicht der Rittergutsbesitzer und über die Größe ihres Beitrags nicht immer in Beziehung auf sämmtliche Gemeindelasten mit einem Male zur Erörterung und Entscheidung gekommen sind, sondern daß sich nicht selten die Verhandlungen darüber so oft erneuert haben, als Anforderungen zu verschiedenen einzelnen Gemeindelasten gegen sie nach und nach zur Sprache gebracht sind. Würde daher bestimmt, daß in den Fällen, in welchen die Rittergüter mit den Gemeinden combinirt bleiben, auf den Antrag des einen oder des andern Theils die Beitragsquote der Rittergutsbesitzer zu allen von ihnen mitzutragenden Gemeindelasten, insofern diese Quote nicht schon gesetzlich, herkömmlich oder vertragsmäßig feststeht, ein für alle Mal festzusetzen sei; - so würde eine solche Vorschrift zwar nicht ausreichen, Streitigkeiten der fraglichen Art ganz abzuschneiden, wohl aber dazu dienen, der Wiederholung solcher Streitigkeiten thunlichst vorzubeugen, und auch hierin möchte schon einiger Gewinn im Vergleich zu den gegenwärtig obwaltenden Verhältnissen enthalten sein.

 

In Gemäßheit des Vorstehenden erlaubt sich die Ritterschaft, in der Nebenanlage C. einen unmaßgeblichen Entwurf von Rechtsnormen, die Verhältnisse der mit den Gemeinden combinirt bleibenden Rittergutsbesitzer betreffend, beizufügen, und damit den Antrag zu verbinden:

„daß nach den in diesem Entwurfe enthaltenen Grundsätzen die Stellung der in ortspolizeilicher Verbindung mit den Gemeinden verbleibenden Rittergutsbesitzer anderweit reguliert werden möge.“

 

 

 

 

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Nebenanlage A.

 

Entwurf neuer Statuten für die braunschweigische Ritterschaft.

 

Art. 1. 1) Vereinigung der wolfenbüttelschen und blankenburgischen Ritterschaft zu einer Corporation.

 

Die wolfenbüttelsche und blankenburgische Ritterschaft vereinigen sich kraft dieser Statuten auf immer zu einer Körperschaft, welche den Namen der braunschweigischen Ritterschaft annimmt.

 

Art. 2. 2) Einigungszweck der Ritterschaft.

 

Der Zweck der Einigung ist der allen deutschrechtlichen Körperschaften und Gemeinden zum Grunde liegende, nämlich Erhaltung ihrer Gesammtrechte, Förderung der gemeinschaftlichen Interessen, und gemeinsames Zusammenwirken für die Erhaltung der rechtlichen Stellung aller ihrer Mitglieder.

 

Art. 3. 3) Anlegung einer neuen ritterschaftlichen Gütermatrikel.

 

Ueber die jetzt vorhandenen und die künftig neu aufzunehmenden Rittergüter soll eine ritterschaftliche Gütermatrikel, nach einem, mit Vorbehalt der Landesherrlichen Genehmigung, von der Ritterschaft festzustellenden Regulativ, neu angelegt werden.

 

Artikel 4. 4) Errichtung eines neuen ritterschaftlichen Ausschusses.

 

a. Zusammensetzung desselben.

 

Als corporativer Vorstand tritt an die Spitze der Ritterschaft ein Ausschuß, bestehend aus 5 Mitgliedern (einem Ritterschaftsdirector und vier Ritterschaftsräthen), welche von der Ritterschaft aus ihrer Mitte auf Lebenszeit gewählt werden, und dem Durchlauchtigsten Landesherrn zu gnädigster Confirmation unterthänigst zu präsentieren sind.

 

Art. 5 b. Befugnisse und Obliegenheiten des ritterschaftlichen Ausschusses.

 

Die Befugnisse und Obliegenheiten des ritterschaftlichen Ausschusses sind folgende:

 

1. Die Berufung der ritterschaftlichen Versammlungen und die gehörige Vorbereitung und Leitung der in diesen zur Verhandlung kommenden Gegenstände, welche letztere Function zunächst dem Ritterstandsdirector obliegt;

 

 

 

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2. die Verleihung der von Seiten der Ritterschaft zu vergebenden Stellen in dem adlichen freiweltlichen Stifte Steterburg;

3. die Führung und Leitung der von oder wider die Ritterschaft anhängigen Processe;

4. die Führung der nach Art. 3 neu anzulegenden Gütekmatrikel;

5. die Verwaltung des ritterschaftlichen Corporationsvermögens und Cassenwesens;

6. die Aufbewahrung der ritterschaftlichen Acten und Urkunden;

 

7. die Ertheilung von Bescheinigungen und Nachrichten aus den ritterschaftlichen Acten und Urkunden, und die Gestattung deren Einsicht, sobald von einzelnen Mitgliedern der Ritterschaft darum nachgesucht wird;

8. die Vermittlung und schiedsrichterliche Entscheidung in Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern ritterschaftlicher Familien, wenn von diesen auf den Ausschuß compromittirt wird;

9. die Sorge für die Aufrechterhaltung und Wahrung der ritterschaftlichen Rechte und Angelegenheiten, während der Zeit, wo die Ritterschaft in corpore nicht versammelt ist; und

10. genaue Berichterstattung und Rechenschaftsablage über seine Geschäftsführung von der Zeit der einen ritterschaftlichen Versammlung bis zu der andern.

 

Art. 6. c. Verfahrungsweise des ritterschaftlichen Ausschusses.

 

Der ritterschaftliche Ausschuß betreibt seine Geschäfte collegialisch. Ob ihm eine ausführliche Instruction zu ertheilen ist, bleibt von weiterer Beschlußnahme der Ritterschaft abhängig. Bis zur Erlassung einer solchen Instruction hat der Ausschuß, außer den gesetzlichen und statutarischen Bestimmungen, welche über die Verleihung der Stellen in dem adlichen Stifte Steterburg bestehen, sich dasjenige Verfahren, welches ehedem in den ritterschaftlichen Angelegenheiten von den adlichen Schatzräthen und den Ritterschaftsdeputirten befolgt worden ist, zur Norm dienen zu lassen, und hierüber aus den noch vorhandenen ritterschaftlichen Urkunden und Acten sich genau zu instruiren. Ueber etwa vorkommende zweifelhafte Fälle hat der Ausschuß der gesammten Ritterschaft Vortrag zu machen, und die nöthigen Beschlüsse von Seiten dieser zu veranlassen.

 

Art. 7. d. Besondere Folgen der Errichtung eines neuen ritterschaftlichen Ausschusses.

 

Sobald der neu zu bildende ritterschaftliche Ausschuß in Wirksamkeit tritt, löst sich derjenige Ausschuß auf, welcher behuf Conferirung der ritterschaftlichen Stellen in dem adlichen Stifte Steterburg

 

 

 

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in Gemäßheit des Art. 22 des Landtagsabschieds vom 12. Oktober 1832 gebildet worden ist.

 

Art. 8. 5) Ritterschaftliche Versammlungen

 

a. Rittertage

 

So oft Se. Herzogliche Durchlaucht Verhandlungen mit der gesmmten Ritterschaft für nöthig erachtet, steht es Höchstdemselben zu, diese zu Rittertagen zu berufen, und ihr auf solchen entweder durch Commissarien oder schriftlich die nöthigen Eröffnungen zugehen zu lassen.

 

 

Art. 9. b. Selbstberufene Versammlungen der Ritterschaft.

 

Desgleichen tritt das auf altem Herkommen beruhende und bis zu den Zeiten der Höchstseligen Herzöge Rudolph August und Anton Ulrich Durchlauchten ausgeübte Recht der Ritterschaft sich zusammen zu bescheiden, um über ihre Angelegenheiten sich zu berathschlagen und die nöthigen Beschlüsse zu fassen, wiederum in Wirksamkeit. Die selbstberufenen Versammlungen der Ritterschaft können jedoch nur von dem Ausschusse derselben ausgeschrieben werden, und dieser hat, gleichzeitig mit den an die sämmtlichen Mitglieder der Ritterschaft zu erlassenden Convocationsschreiben, dem Durchlauchtigsten Landesherrn von dem Orte, der Zeit und dem Zwecke der Versammlung mittelst unterthänigsten Berichte Anzeige zu machen.

 

 

Art. 10. c. Beschluß- und Abstimmungsweise in den ritterschaftlichen Versammlungen.

 

Die Beschlüsse der Ritterschaft werden, wie von Alters her, über alle in ihren Versammlungen zur Berathung kommenden Gegenstände nach der Mehrzahl der anwesenden Mitglieder gefaßt.

 

Von jedem Rittergute wird nur eine Stimme geführt, und der Besitzer mehrerer Rittergüter ist gleichfalls, wie bisher, nur zur Ausübung einer Stimme berechtigt.

 

Das Stimmrecht wegen der in Concurs gerathenen Rittergüter ruht während der Dauer des Concurses.

 

Niemand kann an den ritterschaftlichen Verhandlungen und Abstimmungen vor vollendetem 25sten Lebensjahre Theil nehmen.

 

 

Art. 11. d. Ausübung des Stimmrechts durch Bevollmächtigte, Vormunder und Curatoren

 

Rittergutsbeslher, welche am Erscheinen in den Versammlungen behindert sind, können Anderen ihr Stimmrecht durch Vollmacht übertragen, jedoch nur Corporationsmitgliedern, oder ihren eigenen successionsberechtigten Söhnen, Brüdern, oder Stammesvettern.

 

 

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Frauenzimmer, welche sich im Besitze von Rittergütern befinden, können das Stimmrecht überhaupt nur durch Bevollmächtigte ausüben, und haben dergleichen Vollmachten entweder ihren Ehemännern, Söhnen oder einem Corporationsmitgliede zu ertheilen.

 

Für die unter Vormundschaft oder Curatel befindlichen Mitglieder der Ritterschaft kann das Stimmrecht von den Vormündern oder Curatoren nur in dem Falle ausgeübt werden, wenn diese letzteren entweder selbst Corporationsmitglieder, oder successionsberechtigte Söhne, Brüder oder Stammesvettern derer sind, für welche sie die Vormundschaft oder Curatel führen.

 

Niemand darf als Bevollmächtigter, Vormund oder Curator mehr als zwei Stimmen zur Ausübung bringen.

 

 

Art. 12. 6) Verpflichtungen der Mitglieder der Ritterschaft.

 

a. Gegen den Durchlauchtigsten Landesherrn.

 

Die Mitglieder der Ritterschaft erkennen es als ihre erste politische Verpflichtung an, sich in jeder Hinsicht als treue Landsassen und Unterthanen des Durchlauchtigsten Laudesherrn zu bezeigen, namentlich bei ihren Familienangehörigen und Untergebenen die Gesinnung ächter Unterthanentreue zu kräftigen und lebendig zu erhalten; — das Beste des Durchlauchtigsten Souverains und Höchstdessen Hauses, so weit sie dazu irgend im Stande sind und sich ihnen Gelegenheit darbietet, zu fördern, Nachtheil und Schaden aber zu wehren; — und überhaupt in Rath uud That sich fern zu halten von Allem, was Höchstdessen Hoheits- und Eigenthumsrechten zuwiderläuft.

 

Art. 13. b. Gegen die Corporation.

 

Was die Verpflichtungen der Mitglieder der Ritterschaft gegen diese letzteren selbst anbelangt, so sind dieselben verbunden:

 

1) Die Aufnahme und Aufrechterhaltng der Corporation und deren Rechte (jedoch, wie sich von selbst versteht, unbeschadet der Verpflichtungen und Rücksichten, welche sie dem Durchlauchtigsten Landesherrn und ihren Mitunterthanen schuldig sind) jeder Zeit sich angelegen sein zu lassen, und Alles, was dem Ansehn und der Ehre der ritterschaftlichen Corporation Abbruch thun kann, zu vermeiden;

 

2) in den ritterschaftlichen Versammlungen regelmäßig zu erscheinen und diesen bis zum Schluß beizuwohnen, in Behinderungsfällen aber sich gehörig zu entschuldigen;

 

3) den ordnungsgemäß gefaßten Beschlüssen der Corporation Folge zu leisten, wodurch jedoch das Recht der Berufung und Beschwerdeführung bei dem Durchlauchtigsten Landesherrn, falls dergleichen Beschlüsse wider die Landesgesetze oder diese Statuten anstoßen sollten, sowie

 

 

 

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der Weg Rechtens, falls solche Beschlüsse eine Verletzung wohlerworbener Rechte der Einzelnen enthalten würden, nicht ausgeschlossen wird;

 

4) die zu corporativen Zwecken, insonderheit zur Erfüllung corporativer Verbindlichkeiten erforderlichen Geldbeiträge nach dem, in der neu anzulegenden ritterschaftlichen Gütermatrikel festzustellenden Beitragsfuße pünktlich einzuzahlen;

 

5) die Stellen in dem ritterschaftlichen Ausschusse unentgeltlich zu übernehmen, und die damit verbundenen Geschäfte gewissenhaft zu versehen.

 

Art. 14. 7) Landesherrliches Oberaufsichtsrecht

 

Sr. Herzoglichen Durchlaucht steht es nicht nur zu, die gesammte Ritterschaft oder deren Ausschuß mit Bericht zu vernehmen, sondern auch, falls sich Mängel und Mißbräuche in die ritterschaftlichen Verhältnisse eingeschlichen haben sollten, dieserhalb eine commissarische Untersuchung anzuordnen, und die Abstellung der sich dabei ergebenden Mängel und Mißbräuche zu verfügen.

 

Art. 15. 8) Recht der Ritterschaft vor Gericht aufzutreten, und Gerichtsstand derselben.

 

Die Ritterschaft ist befugt, ihre Rechtsansprüche vor Gericht sowohl als Klägerin wie als Beklagte geltend zu machen, und hat in erster Instanz ihren Gerichtsstand, abgesehen von den Fällen, wo derselbe durch Vertragsverhältnisse und Liegenschaften begründet wird, vor denjenigen Untergerichten, welche Se. Herzogliche Durchlaucht ein für alle Mal bestimmen wird.

 

Art 16 9) Recht der Ritterschaft, einen Syndieus, Expedienten und Boten in ihren Dienst zu nehmen.

 

Zur Besorgung der nöthigen Secretariatsgeschäfte, insbesonderheit der Protokollführung in den ritterschaftlichen Plenarversammlungen und den Ausschußsitzungen, steht es der Ritterschaft frei, entweder Notare zu requiriren, oder bleibend Syndiken in ihren Dienst zu nehmen. Entscheidet sie sich für diese letztere Einrichtung, so hat sie in jedem einzelnen Falle von der getroffenen Syndicatswahl Sr. Herzoglichen Durchlaucht unterthänigst Anzeige zu machen.

 

Außerdem ist die Ritterschaft befugt, Expedienten und Boten in ihren Dienst zu nehmen.

 

Art. 17 10) Recht der Mitglieder der Ritterschaft, einen Creditverein und Stiftungen zur Versorgung ihrer nachgebornen Söhne, Töchter und Wittwen zu errichten.

 

Vorbehaltlich der Höchsten Bestätigung Sr. Herzoglichen Durchlaucht

 

 

 

 

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steht es den Mitgliedern der Ritterschaft frei, zur Erhaltung ihrer Güter und eines möglichst unverschuldeten Zustandes derselben einen Creditverein zu bilden, auch Stiftungen zur Versorgung ihrer nachgebornen Söhne, Töchter und Wittwen zu errichten.

 

Art. 18. 11) Bestimmungen über künftige Erläuterungen, Zusätze und Abänderungen dieser Statuten.

 

Erläuterungen, Zusätze und Abänderungen dieser Statuten, welche sich etwa in der Folge als nöthig oder nützlich darstellen, und sich nicht allmälig auf gewohnheitsrechtlichem Wege von selbst bilden, bedürfen zu ihrer Rechtsgültigkeit eines nach Stimmenmehrheit zu fassenden Beschlusses der Ritterschaft, und der Genehmigung des Durchlauchtigsten Landesherrn.

 

Art. 19. 12) Schlußbestimmung.

 

Jedes Mitglied der Ritterschaft hat in der ersten ritterschaftlichen Versammlung, welcher es beiwohnt, mittelst Handschlags zu geloben, daß es den in diesen Statuten enthaltenen Bestimmungen und Verpflichtungen getreu nachkommen wolle.

 

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Nebenanlage B.

 

Entwurf derjenigen Rechtsnormen, welche bei der Sonderung der Rittergüter von Stadt- und Landgemeinden zum Grunde zu legen sein möchten.

 

 

 

Die Besitzer der für besondere Gemeinden erklärten Rittergüter sind für den Bereich ihrer Güter zu allen Leistungen und Pflichten verbunden, welche gesetzlich oder verfassungsmäßig den Gemeinden obliegen. Aus diesem Grundsatze folgt unter andern:

 

§. 1. Die Localpolizei auf jedem für eine besondere Gemeinde erklärten Rittergute, über dessen Zubehörungen ( jedoch mit Ausnahme der im §.3. bezeichneten) und über alle Einwohner desselben, steht dem betreffenden Rittergutsbesitzer zu , und hat dieser die Kosten, welche mit der Ausübung dieser Localpolizei verbunden sind, zu tragen.

 

Alle polizeilichen und administrativen Geschäfte und Functionen, welche in Betreff solcher Rittergüter und deren Einwohner bislang von den Magistraten oder den Ortsvorstehern besorgt und ausgeübt worden sind, wie z. B. Die Aufstellung der Personalsteuerrollen, die Erhebung und Ablieferung der Personalsteuer, die Geschäfte bei der Militairaushebung etc., hat demnach der betreffende Rittergutsbesitzer

 

 

 

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selbst zu besorgen oder durch einen von ihm zu ernennenden, zu dergleichen Geschäften geeigneten Polizeibeamten besorgen zu lassen.

 

Falls der Besitzer des für eine besondere Gemeinde erklärten Ritterguts diesen Verpflichtungen nicht nachkommen sollte, ist darüber von dem Herzoglichen Amte der vorgesetzten Herzoglichen Kreisdirection Anzeige zu machen. Diese letztere hat dem säumigen Rittergutsbesitzer aufzugeben, innerhalb einer bestimmten Frist jenen Obliegenheiten zu genügen, und falls diese Auflage ohne Wirkung bleiben sollte, auf dessen Kosten einem geeigneten Individuum die obgedachten localpolizeilichen und administrativen Functionen und Geschäfte im Umfange des betreffenden Guts zu übertragen.

 

Dasselbe Verfahren tritt ein, falls mehrere Miteigenthümer eines solchen Ritterguts oder die Vormünder oder Curatoren eines Rittergutsbesitzerss, in der Erfüllung jener Obliegenheiten sich säumig bezeigen sollten.

 

§. 2. Die Besitzer der für besondere Gemeinden erklärten Rittergüter sind von und wegen ihres ritterschaftlichen Grundbesitzes zu Beiträgen und Leistungen für Gemeindezwecke der Städte und Landgemeinden nicht verbunden, ebenso wenig aber auch befugt, an den Rechten und Nutzungen, welche den Mitgliedern dieser Gemeinden überhaupt oder einzelnen Classen derselben zustehen, Theil zu nehmen.

 

Dasselbe gilt rücksichtlich der vormals städtischen und bäuerlichen Grundstücke und Gehöfte, welche mit dergleichen Rittergütern verbunden, und diesen bereits vor dem Jahre 1807 unter landesherrlicher und ständischer Zustimmung durch Aufnahme in die Rittermatrikel dauernd incorporirt worden sind. Sollten jedoch auf dergleichen vormals städtischen oder bäuerlichen Grundstücken und Gehöften in Folge eines Vertrags, Herkommens, unvordenklichen Besitzstandes oder sonstigen Rechtstitels einzelne städtische oder bäuerliche Reiheberechtigungen und Reihelasten haften geblieben sein, so bleiben solche ungeschmälert bestehen.

 

§. 3. Wegen der, zu Rittergütern zwar angekauften, aber nicht auf die obgedachte Weise denselben dauernd incorporirten städtischen und bäuerlichen Grundstücke und Gehöfte, hat der betreffende Rittergutsbesitzer alle Gemeindelasten gleich jedem anderen Besitzer solcher Höfe und Grundstücke zu tragen, ist aber auch befugt, alle mit deren Besitze verbundenen Berechtigungen in der betreffenden Gemeinde in Anspruch zu nehmen, es wäre denn, daß in der einen oder andern Beziehung ein Anderes durch Vertrag, Herkommen, unvordenklichen Besitz oder rechtskräftiges Erkenntniß bereits festgestellt wäre, oder in der Folge festgestellt würde.

 

§. 4. Alle an einzelnen Orten oder aus einzelnen Feldmarken bestehenden Leistungen und Obliegenheiten, zu welchen entweder ein Rittergutsbesitzer einer Gemeinde oder deren Mitgliedern, oder diese jenem durch Vertrag,

 

 

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Herkommen oder aus einem andern Rechtsgrunde bereits vor dem Jahre 1807 verpflichtet gewesen sind, und welche sich weder auf die aufgehobene Patrimonialgerichtsbarkeit, noch auf die in Folge der Ablösungs-Ordnung bereits abgelösten oder für ablösbar erklärten gutsherrlichen Berechtigungen beziehen, bleinen in Kraft.

 

§. 5. Desgleichen bleiben alle auf Miteigenthum, gutsherrlicher Verleihung oder Servituten beruhenden gemeinschaftlichen Nutzungsrechte an Weiderevieren, Aengern, Triften, Viehtränken, Wegen, Stegen, Brücken etc. und die mit diesen Nunungsrechten verknüpften Leistungen, welche Rittergutsbesitzern und Gemeinden oder deren einzelnen Mitgliedern behuf Befriedigung oder Unterhaltung von dergleichen Grundstücken und Anlagen nach Herkommen, Verträgen oder anderen Rechtsnormen obliegen, ungeschmälert bestehen, bis darüber eine Separation nach den Bestimmungen der Gemeinheitstheilungs-Ordnnug erfolgt.

 

§. 6. Durch die Sonderung der Rittergüter von den Gemeinden wird weder eine Befreiung noch eine Vermehrung der ihnen obliegenden allgemeinen Landeslasten begründet. Indeß sind die Rittergutsbesitzer nach eingetretener Sonderung zu den allgemeinen Landeslasten nicht mehr als untergeordnete Mitglieder der Gemeinden, sondern als selbstständige, von dem Gemeindeverbande unabhängige Grundeigenthümer, wie solches in Betreff der Contribution und des Landschatzes auch schon geschehen ist, zu veranlagen und heranzuziehen.

 

§. 7. Für verarmte und hülfsbedürftige Personen, welche auf einem, für eine besondere Gemeinde erklärten Rittergute das Wohnortsrecht den gesetzlichen Bestimmungen gemäß erworben haben, hat der Eigenthümer des Guts in demselben Maße ausschließlich zu sorgen, wie den Gemeinden die Unterhaltung und Versorgung ihrer verarmten Mitglieder und Einwohner obliegt.

 

§. 8. Sollte in Folge der bisherigen Combinirung eines Guts mit einer Gemeinde rücksichtlich der einen oder andern Tagelöhnerfamilie oder anderer zur Miethe sitzenden Familien und Individuen sich nicht mehr ermitteln lassen, ob dieselben als Angehörige des Guts oder der Gemeinde zu betrachten seien, so ist darüber sofort bei der Sonderung zwischen dem betreffenden Rittergutsbesitzer und der Gemeinde eine gütliche Auseinandersetzung zu versuchen. Würde aber eine solche Uebereinkunft nicht zu erreichen sein, so tritt die Entscheidung der Landesherrlichen Behörde ein.

 

§. 9. In Armen-, Versorgungs- und Deputatistenhäuser, welche von Mitgliedern der Ritterschaft oder deren Vorfahren auf ihrem Grund und Boden und aus ihren Mitteln errichtet worden sind, sind die Gemeinden nicht befugt, ihre Armen einzuweisen, oder sich über dergleichen Stiftungen und Häuser eine sonstige Verfügung anzueignen, wofern sie nicht durch Verträge, Stiftungsbriefe oder auf andere Weise ein Recht dazu erworben haben.

 

 

 

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Alle dergleichen Eingriffe in wohlerworbene Eigenthumsrechte, welche etwa in Folge der bisherigen Combinirung der Güter mit den Gemeinden stattgehabt haben, sind sofort zurückzunehmen und in jeder Beziehung als rechtlos zu betrachten.

 

§. 10. Die Leistungen und Beiträge der Rittergutsbesitzer und der Gemeinden zu der Instandsetzung und Unterhaltung der öffentlichen Straßen und Wege sind nach den Bestimmungen der Wegeordnung vom 11. Mai 1840 zu repartiren, jedoch ist über die Beiträge jedes, für eine besondere Gemeinde erklärten Guts eine besondere Rolle anzufertigen.

 

Außerdem bleibt es auch nach eingetretener Sonderung in Gemäßheit des §. 22 der allegirten Wegeordnung zur Uebereinkunft der Rittergutsbesitzer und der Gemeinden verstellt, sich in die Wegebaulast der von ihnen gemeinschaftlich herzustellenden und zu unterhaltenden Wege, nach gewissen örtlichen Abschnitten oder Wegestrecken zu theilen, und bereits abgeschlossene Verträge der Art bleiben bestehen.

 

§. 11. Die Verpflichtung zur Anschaffung und Unterhaltung von Feuerlöschungsgeräthschaften und zur Vorrichtung von Wasserbehältern liegt den Rittergutsbesitzern in demselben Maße ob, wie den Gemeinden, und nicht minder die Verpflichtung zur Hülfeleistung bei entstandener Feuersgefahr.

 

Die Ortsvorsteher und Feuergeschwornen der Gemeinden haben sich auf den, für besondere Gemeinden erklärten Gütern und den zu diesen gehörenden Gebäuden, insofern letztere nicht noch als Reihestellen zu betrachten sind (vergl. oben §. 3), aller Visitationen und Anordnungen in Beziehung auf die Feuerpolizei zu enthalten. Diese steht auf dergleichen Gütern, jedoch unter der Aufsicht der Herzoglichen Aemter, lediglich den Rittergutsbesitzern oder den von ihnen ernannten Localpolizeibeamten zu, welche demnach auch die für die Güter zu bestellenden Feuergeschwornen, und die für die Gutssprützen nöthigen Sprützenmeister und Rohrführer zu ernennen haben.

 

§. 12. In Betreff der Patronat- und Parochialverhältnisse wird nichts verändert. Alle Leistungen und Beiträge, zu welchen die Rittergutsbesitzer gegen die Kirchen oder einzelne kirchliche Stiftungen als Patrone und Eingepfarrte nach Gesetz, oder nach einem besondern Herkommen und Verträgen verpflichtet sind, bleiben bestehen, ebenso aber auch die ihnen zustehenden patronatherrlichen Rechte.

 

§. 13. Den Rittergutsbesitzern und Gemeinden bleibt auch nach eingetretener Sonderung unbenommen, wegen gemeinschaftlicher Unterhaltung von Feuerlöschgeräthschaften, wegen gemeinschaftlicher Haltung und Löhnung von Feldhütern, Nachtwächtern, Wildhütern u. s. w. Sich zu vereinbaren, wie sie solches ihren beiderseitigen Verhältnissen angemessen finden. In Ermangelung solcher Vereinbarungen hat jeder Theil gesondert für seine Bedürfnisse und für die erfüllung der ihm obliegenden Verpflichtungen zu sorgen, und ist hierzu von den Herzoglichen Aemtern anzuhalten.

 

 

 

 

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Nebenanlage C.

 

Entwurf der Rechtsnormen über die Stellung derjenigen Rittergutsbesitzer, welche mit den Gemeinden combinirt bleiben.

 

§. 1. Die Besitzer, der mit den Gemeinden combiuirt bleibenden Rittergüter sind, wie schon in der Landesherrlichen Verordnung vom 26. März (Nro. 9) §. 30 bestimmt worden, in jeder Beziehung von der Polizeiaufsicht der Ortsvorsteher ausgenommen.

 

§. 2. Die Besitzer von dergleichen Gütern sind bei allen Gemeinde- Angelegenheiten, bei welchen sie betheiligt sind, zur Erklärung innerhalb einer angemessenen Frist aufzufordern. Auch sind dieselben befugt, die Ausführung jedes Gemeindebeschlusses, durch welchen sie sich benachtheiligt halten, durch Berufung auf die Entscheidung der vorgesetzten Landesherrlichen Behörde, zu hemmen.

 

§. 3. Bei der Heranziehung der Rittergüter zu den Gemeindelasten haben die Behörden nicht den schwankenden Begriff eines sogenannten Gemeinde- oder Commualverbandes im weitern Sinne zum Grunde zu legen, sondern haben genau zu untersuchen, ob und welchen Nutzen die Rittergüter oder deren Besitzer von den verschiedenen Gemeindeeinrichtungen wirklich haben.

 

§. 4. Die Rittergüter sind zu Beiträgen für diejenigen Gemeinde-Bedürfnisse und Anstalten, von welchen sie keinen Nutzen haben, und welche lediglich zum Besten der Gemeindemitglieder bestehen, oder für welche die Güter auf eigene Kosten sorgen, nicht heranzuziehen.

 

§. 5. Den im ortspolizeilichen Verbande mit den Gemeinden verbleibenden Rittergutsbesitzem ist nachgelassen, gesondert von den Gemeinden eigene Armen- und Versorgungshäuser und eigene Backhäuser zu errichten und zu unterhalten, sich besondere Exemplare der Gesetz- und Verordnungssammlung und besondere Feuerlöschungsapparate zu halten, auch besondere Feldhüter, Wildhüter und Nachtwächter in ihren Dienst zu nehmen. Von dem Zeitpunkte an, wo sie für dergleichen Einrichtungen und Bedürfnisse auf eigene Kosten sorgen, haben sie, dem obigen Grundsatze zu Folge, für dergleichen Zwecke Beiträge in die Gemeindecasse nicht weiter zu leisten.

 

§. 6. In allen Fallen, in welchen Rittergüter mit Gemeinden combinirt bleiben, ist auf den Antrag des einen oder andern Theils die Beitragsquote der Rittergutsbesitzer zu allen von ihnen mitzutragenden Gemeindelasten, insofern diese Quote nicht schon gesetzlich, herkömmlich oder vertragsmäßig feststeht, ein für alle Mal festzusetzen.

 

 

 

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Nachschrift.

 

Die vorstehend mitgetheilte Denkschrift ist den Besitzern ritterfrei gewesener Güter vorgelegt, um sie in Beziehung darauf zur gemeinschaftlichen Verfolgung der aufgestellten Beschwerden zu vereinigen. In Gemäßheit früherer Anträge war nämlich jenen Besitzern nachgelassen, ihre Wünsche, in soweit denselben ohne ständische Zustimmung würde genügt werden können, zusammenzustellen und zur Prüfung einzureichen, die Zusammenstellung aber wurde dann einer von den Rittergutsbesitzern gewählten Commission: den Herren von Campe auf Deensen, von Veltheim auf Duttenstedt und von Grone aus Westerbrak — übertragen. Eine Vergleichung der früher mitgetheilten Ansichten des Letzten mit den auch in der Denkschrift enthaltenen, läßt ersehen, daß jene bei der Arbeit die Grundlage bilden; nur die im §. 16. der Denkschrift enthaltenen Bestimmungen sind unstteitig Werk der übrigen Commissionsmitglieder, da sie auf das Verbleiben von Rittergütern im Gemeindeverbande sich beziehen, welches Herr von G. wohl etwa nur in Rücksicht auf die, nicht höheren Generationen angehörigen Güter angemessen finden konnte.

 

Die Denkschrift, wie sie hier mitgetheilt worden, ist, mit wenigen Veränderungen, zur Begründung der Beschwerden, höchsten Orts vorgelegt, auch ist in diesen Tagen eine Entscheidung bereits erfolgt, nach welcher die auf Verhältnisse zu den Gemeinden sich beziehenden Beschwerden, wie früher schon geschehen, zur näheren Erörterung bei der jetzt

 

 

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zu entwerfenden Land-Gemeinde-Ordnung verstellt, andere Anträge aber zurückgewiesen sind.

 

Die Abweichungen der in der Versammlung der Rittergüutsbesitzer redigirten Denkschrift, von der oben mitgetheilten, sind nachfolgend angedeutet, und wird hier nur noch bemerkt, daß ein Theil jener Besitzer sich in der veranstalteten Versammlung nicht persönlich eingefunden hat.

 

Zusätze in der 2. Redaction der Denkschrift.

 

Zu §. 6. nach den Worten: „Es hat sich“:

als ein natürliches Ergebniß aus der ganzen rechtlichen Stellung der einen zu den anderen.

 

Zu §. 10. nach den Worten: „der Hauptsache nach wieder auf“:

Durch den §. 8. der Landesherrlichen Verordnung vom 15ten Januar 1814 ward überhaupt die französisch-westphälische Gesetzgebung für ungültig erklärt und zugleich die gesetzliche Kraft der früher in den hiesigen Landen gültig gewesenen Rechte und Landes-Verordnungen ausdrücklich wieder anerkannt, demgemäß trat etc.

 

Daselbst, nach den Worten: „einer besondern Gemeinde zurück“:

Nicht minder verstand es sich nach der vorerwähnten Wiederherstellung des früheren Rechtszustandes ganz von selbst, daß auch das vormalige gesonderte Verhältniß der Rittergüter, und ebenso der Herzoglichen Domainen und der Klostergüter, von den Gemeinden, fortan als das allein gültige und rechtmäßige anzusehen war. Da hierüber jedoch keine ausdrückliche Bestimmung erfolgte, und bei manchen Behörden und Angestellten die westphälischen Verwaltungsgrundsätze nachwirkten, so kam es, daß das Verhältniß der Güter zu den Gemeinden seit jener Zeit ein schwankendes und ungewisses blieb.

 

Daselbst, nach den Worten: „Gemeindeordnung berücksichtigt werden solle:“

und von der Ansicht ausgehend, daß das in der Landschafts-Ordnung von 1832 von den Gemeinden handelnde Capitel III auf Rittergüter überall nicht zu beziehen sei, weil darin der Rittergüter weder ausdrücklich erwähnt, noch auch auf deren eigenthümliche Verhältnisse irgend Rücksicht genommen ist;

 

Zu §. 13. am Ende nach den Worten: „die Haltung eines besondern Feldhüters“ ist die Note angehängt:

Eine dem geradezu entgegen stehende Entscheidung, die Haltung eines Feldhüters abseiten des Guts und der Gemeinde Esbeck

 

 

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betreffend hat die Herzogliche Kreis-Direktion Helmstedt unter dem 6. Januar d. J. in Gemäßheit einer Bestimmung des Herzoglichen Staatsministeriums erlassen.

 

Zu §. 15. nach den Worten: „und zwischen ihnen“

zwar ein privatrechtliches Communverhältniß, aber keinen Gemeindeverband begründet haben.

 

Daselbst, nach den Worten: „unverändert beibehalten worden“:

Die, nach der obigen Ausführung (§. 10) als rechtmäßig nicht anzusehende, und ohnehin auch noch nicht bei allen Rittergütern durchgeführte,

 

Zu §. 16. nach den Worten: „prägravirende Rechtsnormen“:

aufzustellen, hält die Ritterschaft aus dem oben (§. 14) angeführten Grunde allerdings für schwierig, und es wird daher die Entscheidung über streitige Fragen dieser Art rücksichtlich der im Gemeindeverbande verbleibenden Rittergüter auch wohl in Zukunft, der Hauptsache nach, dem Ermessen der Behörden anheim gestellt bleiben müssen.

 

In der Nebenanlage A. ist dem Artikel 2. „Zusammensetzung der Corporation“ hinzugefügt:

Mitglieder der Corporation sind die, einer der christlichen Confessionen angehörenden Eigenthümer der im Lande belegenen Rittergüter.

 

Daselbst im Artikel 5. (nach der neuen Redaction Artikel 6.) ist Nr. 2 nach den Worten: „freiweltichen Stifte Steterburg“ hinzugesetzt:

welche Verleihung jedoch nur von den adlichen Mitgliedern des Ausschusses geschieht, unter denen, bei Stimmengleichheit, die Stimme des Ritterschafts-Directors oder ältesten Ritterschaftssrathes entscheidet.

 

Daselbst im Artikel 14. (nach der neuen Redaction Art. 15.) nach den Worten: »Mißbräuche zu verfügen.“:

Auch sind Höchstdemselben auf Verlangen die Protocolle und alle übrigen Actenstücke über die ritterschaftlichen Verhandlungen zur Einsicht unterthänigst vorzulegen.

 

In der Nebenanlage B. Ist §. 1. nach den Worten: „steht dem betreffenden Rittergutsbesitzer“ Folgendes zugesetzt:

nach Maßgabe der Bestimmungen der Landesherrlichen Verordnungen vom 26. März 1823 Nr. 9 zu, und hat derselbe die Kosten, welche mit der Ausübung dieser Localpolizeigewalt verbunden sind, zu tragen.

 

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Quelle: Dr. W. J. L. Bode: Beiträge zu der Geschichte der Feudalstände im Herzogthum Braunschweig. Zweites Heft. Die Aufhebung der Feudalstände und die Herstellung einer, die Gesammheit der Staatsgenossen vertretenden Ständeversammlung betreffend, mit Hinblick auf die darüber neulich wieder von dem Herrn von Grone zu Westerbrack verlautbarten Ansichten.

Braunschweig. Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1843

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Moritz Wiggers 1864: Der Vernichtungskampf wider die Bauern in Mecklenburg

Der Vernichtungskampf wider die Bauern in Mecklenburg.

Zur Geschichte des Junkerthums in Deutschland und zum Verständniß seiner Politik.

 

Von Moritz Wiggers.

 

Die Wohnung des mecklenburgischen Edelmanns, der seine Bauern legt, statt ihre Zustände zu verbessern, kommt mir vor, wie die Höhle eines Raubthiers, das Alles um sich verödet und mit der Stille des Grabes umgiebt.“ Freiherr v. Stein.

 

Leipzig. Joh. Friedr. Hartknoch Sep.-Conto. 1864.

 

 

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Druck von A. Th. Engelhardt in Leipzig.

 

 

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In Mecklenburg hat der Feudalismus sich bis auf den heutigen Tag in der Fülle seiner Macht zu behaupten gewußt. Aus allen Niederlagen ist er stets wieder triumphirend als Sieger hervorgegangen. Die Kämpfe der Ritterschaft mit dem Herzog Carl Leopold, dem Bauernfreunde und dem erbittertsten Gegner des Adels, endeten durch Hülfe der von ersterer angerufenen Reichsexecution mit der Niederlage des Herzogs und fanden unter seinem Nachfolger in dem landesgrundgesetzlichen Erbvergleich von 1755, in welchem die der Ritterschaft streitig gemachten Privilegien aufs neue bestätigt wurden, ihren Abschluß. In der Rheinbundszeit wackelte das feudale Gebäude wieder in seinen Grundfesten. Der Herzog Friedrich Franz, durch Napoleon Souverain geworden, drohte mit der Beseitigung der seine Souverainetät beschränkenden Rechte der Feudalstände. Aber diese wußten durch Uebernahme der landesherrlichen Schulden das fürstliche Vorhaben abzuwenden und abermals ihre Vorrechte aus den drohenden Gefahren zu retten. Als vierzig Jahre später der Sturm über den morschen Feudalstaat dahin brauste, brach dieser wie ein Kartenhaus zusammen. Zum ersten Male in der Geschichte Mecklenburgs wehte; unter dem enthusiastischen Beifall der Bevölkerung, die constitutionelle Fahne über den Trümmern des gestürzten Feudalismus. Die Junker selbst anerkannten, daß der Feudalstaat sich überlebt habe, und entsagten feierlichst ihren Vorrechten. Die von dem Großherzoge von Mecklenburg-Schwerin mit der Volksvertretung vereinbarte constitutionelle Verfassung ward durch

 

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sein Gelöbniß bekräftigt und am 10. October 1849 verkündet. Aber die Junker, uneingedenk ihrer feierlichen Versprechungen, conspirirten im Geheimen gegen die constitutionelle Aera und mit Hülfe der preußischen Junkerpartei und des Manteuffel-Regiments erreichten sie im Jahre 1850 die Wiederherstellung ihrer zu Grabe getragenen Privilegien. Der Erbvergleich von 1755 ward factisch wieder das Grundgesetz des Landes und ist es noch in diesem Augenblick.

 

Im übrigen Deutschland dagegen hat das seit dem 16. Jahrhundert erstarkende Fürstenthum die Macht des Feudalismus gebrochen. In Preußen waren es die Hohenzollern, welche im Verein mit dem Bauern- und Bürgerstand das Recht der Junker auf Raub und Fehde vernichtet haben. Die kleinen Herren mußten sich den Fürsten, die sie bis dahin nur als die Ersten unter den Gleichen erkannt hatten, unterwerfen. Das ständische Steuerbewilligungsrecht, die wirksamste Waffe zur Aufrechterhaltung ihrer Privilegien, ward ihnen entrissen, und ihr Landstandschaftsrecht blieb nur noch ein Schatten von dem, was es war. Nach der schmählichen Niederlage von 1806, welche Preußen an den Rand des Verderbens brachte, erkannten die an die Spitze getretenen preußischen Staatsmänner, daß im Interesse der Selbsterhaltung der vollständige Bruch mit dem Junkerthum sich vernothwendige, und zertrümmerten die Fesseln, in welchen dieses die wirthschaftliche Entwickelung des Landes hielt. Durch die Aufhebung der Leibeigenschaft, durch die Proclamirung des Princips der Freiheit in Bezug auf den Grund und Boden und die Erhebung des Bauern zum freien Eigenthümer ward die ländliche Bevölkerung von der Junkerherrschaft emancipirt. Mit dieser agrarischen Reform stand diejenige Reform in Einklang, welche die gewerblichen Monopole beseitigte und die Freiheit des Gewerbes zum Gesetz erhob. Die Anerkennung des großen Princips der Freiheit der Arbeit legte den Grundstein zu der späteren kräftigen Entwickelung des Bürger- und Bauernstandes in Preußen. In dem freien Bürgerthum erhob sich der gefährlichste Gegner des Junkerthums.

 

 

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Es ist hier nicht der Ort, den Ursachen jener Erscheinung eingehend nachzuforschen, daß in Mecklenburg das reine mittelalterliche Feudalsystem sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, während dasselbe im übrigen Deutschland durch die landesherrliche Macht gebrochen ward. Nur eine der wesentlichsten Ursachen für jene verschiedene geschichtliche Entwickelung wollen wir hier anführen. Es fragt sich: woraus schöpfte in dem einen Falle der Feudalismus, in dem andern Falle das Fürstenthum die Kraft, sich des Gegners siegreich zu erwehren? Die Antwort ist, daß im übrigen Deutschland das Bürgerthum soweit erstarkt war, um das Fürstenthum in den Stand zu setzen, sich des gemeinsamen Feindes zu entledigen, daß aber in Mecklenburg das Junkerthum mit rücksichtsloser Energie die Entwickelung des Bürgerthums gewaltsam darniederhielt, und das Fürstenthum allein zur Bewältigung des Junkerthums nicht mächtig genug war. Wohl können große Handelsemporien entstehen und durch die Vermittelung des Weltverkehrs zu Wohlstand und Reichthum gelangen, auch ohne von einer kräftig entwickelten ländlichen Bevölkerung umgeben zu sein. Die Hansestädte bieten die Beispiele dafür. Aber der Regel nach sind die Interessen der Städte mit denen des platten Landes innig verflochten. Ohne den Wohlstand der ländlichen Bevölkerung können auch die Städte nicht gedeihen. Das mecklenburgische Junkerthum vernichtete den Wohlstand und die Unabhängigkeit des ritterschaftlichen Bäuernstandes und endlich diesen selbst. Darum aber konnte auch der Bürgerstand in den Städten und das Bürgerthum überhaupt sich nicht kräftig entfalten. In dem durch junkerliches Willkürregiment niedergetretenen Bauernstand ist die Antwort auf die Frage zu suchen, warum der Feudalstaat Mecklenburg noch jetzt existirt.

 

So verschieden aber auch die politische Entwickelung Mecklenburgs von derjenigen der übrigen deutschen Staaten gewesen ist, so ist doch nirgends in Deutschland, wie dies in Frankreich der Fall war, der Feudalismus von Grund aus beseitigt worden. Ist doch in Oesterreich erst in Folge der 48ger Revolution das

 

 

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alte Feudalsystem durch eine auf dem Grundsatze der Freiheit basirende agrarische Gesetzgebung verdrängt. Die deutschen Fürsten, nachdem sie durch das Bürgerthum sich das Junkerthum unterworfen hatten, erachteten es nicht in ihrem Interesse, die Macht des letzteren völlig zu vernichten. Sie bedurften der bevorrechteten Klassen, um dem erstarkenden Bürgerthum, das dem Absolutismus durch die Forderung der constitutionellen Freiheit gefährlich zu werden drohte, die Spitze bieten zu können. Sie beseitigten zwar das altständische Wesen, aber sie bewilligten dem Junkerthum in moderner Form Vorrechte, welche dieses nur allzu wohl für sich auszubeuten verstand. Die Revolution von 1848 reagirte zwar mächtig wider das vordringende Junkerthum, und eine Zeit lang schien es, als wäre dieses für immer vernichtet. Aber sehr bald stand es wieder in schönster Blüthe. Aufs Neue gebot die neue Aera in Preußen demselben ein Halt. Aber mit den angewandten schwächlichen Mitteln ließ sich das Junkerthum nicht gründlich beseitigen, sie dienten nur dazu, es zu encouragiren und zu erneuerten Kraftanstrengungen anzuspornen, um die verlorene Herrschaft wiederzuerobern. Dies gelang demselben denn auch in dem Maße, daß es augenblicklich in dem Staate der Intelligenz mit unumschränkter Machtvollkommenheit herrscht.

 

Man könnte sich bei dieser Thatsache mit dem Gedanken beruhigen, daß die Junkerpartei nur eine kleine Minderzahl bilde, und daß ihr die Kraft fehle, Preußen auf den Standpunkt mittelalterlicher Zustände wieder zurückzuschrauben. Sein Regiment werde nur von kurzer Dauer sein, ein bloßer Uebergang, und werde bald dem entwickelten kräftigen Bürgerthum weichen müssen.

 

Uns scheint aber nichts gefährlicher, als sich diesen Gefühlen naher Siegesgewißheit hinzugeben. Denn die Macht der Junkerpartei in Preußen, sowie im übrigen Deutschland, ist weit größer, als man von manchen Seiten anzunehmen geneigt ist.

 

Vorzugsweise in der nördlichen Hälfte Deutschlands findet sich der reichbegüterte Adel, dessen Grundbesitz durch Fideicommißstiftungen und sonstige in Betreff der Rittergüter noch geltende

 

 

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Bestimmungen in der Familie zusammengehalten wird. Der unbemittelte deutsche Adel hat in der großen Anzahl deutscher Fürstenhöfe die Mittel zum standesmäßigen Unterhalt. Die Hofstellen sind sämmtlich, die höchsten Staats- und Militärämter meistens in seinen Händen. Diese bevorrechtete Stellung sichert an sich schon der Junkerpartei einen hohen Einfluß auf die Staatsleitung, und wird noch dadurch verstärkt, daß die Junker, der Hofetikette gemäß, die fast ausschließliche Umgebung der Fürsten bilden und diese von dem directen Verkehr mit dem Volke abschließen. Was ist natürlicher, als daß der Fürst, der das Volk nur durch die Brille seiner junkerlichen Umgebung kennt, regelmäßig den Rathschlägen dieser folgt? Die furchtbarste Macht des Junkerthums beruht aber in der Thatsache, daß der Offizierstand in den meisten deutschen Staaten ein reines Adelsinstitut ist. Vorzugsweise gilt dies von Preußen, wo das Junkerthum die Leitung der Armee fast allein in der Hand hat. Nach der Zusammenstellung, welche Rüstow aus der preußischen Rang- und Quartierliste von 1861 macht, ist in Preußen, wenn man die Artillerie- und Ingenieurcorps hinwegläßt, unter 33 Generälen kein einziger bürgerlicher, unter 36 Generallieutenants sind 2, unter 60 Generalmajors 2, unter 96 Obersten 9, unter 106 Oberstlieutenants 9 und unter 509 Majors 70 Bürgerliche. Unter den sämmtlichen 997 Generälen und Stabsoffizieren befinden sich nur 193 Bürgerliche. Rüstow berechnet die Zahl der adeligen Offiziere in Preußen auf 8000 -- wovon 5000 im activen Dienst und 3000 pensionirte Offiziere sind -- für welche das preußische Volk jährlich mindestens 8 Millionen Thaler zahlt. Der vierte Theil sämmtlicher Adligen in Preußen, deren Zahl 68000 beträgt, wird aus dem Säckel des Militairbudgets erhalten. In der oesterreichischen Armee ist der Adel allerdings weniger stark vertreten. Aber es sind doch unter dem Offiziercorps des oesterreichischen Kriegsheeres, welches aus 15261 Personen besteht, außer dem Kaiser und 21 Erzherzogen, 5 Herzoge, 26 Prinzen, 50 Fürsten, 590 Grafen, 898 Barone, 570 Ritter, 2800 Edelleute, und

 

 

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nur 10300 Bürgerliche. Wenn man nun noch bedenkt, daß die unverantwortlichen deutschen Militaircabinette unter der ausschließlichen Leitung der Junkerpartei stehen und daß die in den meisten deutschen Bundesstaaten bestehenden ersten Kammern die Domaine des Junkerthums sind, durch welche es jeglichen Fortschritt zum Besten seiner Sonderinteressen wirksam hemmen kann, so hat man sicherlich keine Ursache, die Macht der Junkerpartei in Deutschland zu unterschätzen.

 

Diese Macht ist um so gefährlicher, als die Junker -- wir reden hier nicht von den ruhmwürdigen Ausnahmen, von den Männern adeligen Geburtsstandes, welche Edelleute im wahren Sinne des Wortes sind -- mit ihrem Corps- und Kastengeist wie ein Mann zusammenstehen, nichts höheres kennen, als ihre Standes- und Familieninteressen, und mit größter Rücksichtslosigkeit alles bekämpfen, was sich ihren selbstischen Plänen widersezt. Der deutsche Boden rauchte noch von dem Blute der für die heilige Sache der Freiheit und der Errettung der Fremdherrschaft gefallenen Söhne des Vaterlandes, als schon im Geheimen das Junkerthum mit seiner Hofcamarilla an der Spitze gegen die Freiheit des Volkes intriguirte und conspirirte und gegebene Eide und Versprechungen wegdeuteln und brechen half. Zur Zeit des Wiener Congresses bildete sich die „Adelskette“, welche den alten ritterlichen Sinn wieder in dem Adel erwecken wollte. Die Carlsbader Beschlüsse, die Demagogenverfolgungen, die massenhafte Einkerkerung wackerer Patrioten, die Censur, die Verbote politischer Versammlungen und Vereine und alle die anderen zur Unterdrückung der einheitlichen und freiheitlichen Entwickelung des deutschen Volks gebrauchten Mittel waren das im Interesse ihrer Sonderrechte unternommene Werk der Junkerpartei. Um ihre Macht noch einheitlicher zu organisiren, begannen schon bald nach den Freiheitskriegen die Adelsvereinigungen, welche sich wie ein Netz über ganz Deutschland ausbreiten sollten. Der Adel in Mecklenburg war schon Ausgangs des vorigen Jahrhunderts vorangegangen, indem er sich um jene Zeit durch eine besondere Acte

 

 

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zu einem Corps vereinigte und adeliges Wort und Ehren zur Aufrechterhaltung seiner Privilegien verpfändete. Diese Adelsvereinigungs-Acte besteht noch jetzt, ungeachtet sie von dem Herzoge Friedrich Franz für null und nichtig erklärt ward. Durch einen glücklichen Zufall sind wir in den Besitz einer im Jahre 1845 in Hamburg veröffentlichten und statt handschriftlicher Mittheilung abgedruckten Schrift gelangt, welche den Titel führt: „Programm der Adelsreunion in Schlesien und Urversammlung und Statuten des Adels-Vereins". Aus dem Programm entnehmen wir, daß die Reunion aus mannigfachen Zeichen erkannt hat, „daß der Staat in seinen höchsten Kreisen die Nothwendigkeit der Erstarkung des aristokratischen Princips begreift und hier bemüht ist, mit ruhiger Weisheit die Keime desselben zu sammeln und zu pflegen; diesem nicht die Hand zu bieten, hieße thöricht den Weg zum Bessern verlängern und versperren. Ihr Zweck ist demnach, jenem hoch hinaufreichenden Willen entgegenkommend, das allgemeine Erkennen dieser Absichten zu fördern und ihre Verwirklichung in allen den Beziehungen zu erleichtern, welche der Macht des Gesetzes entzogen, allein der Sitte und Meinung unterworfen sind.“ „Die Reunion hofft auf diesem Wege dem Staate die Stützen befestigen zu sehen, welche sie als unumgänglich zum gemeinen Wohl und zum Bestehen der Monarchie voraussetzt. Sie kennt als die erste derselben einen mit seinem Kriterium, dem Grundeigenthum, ausgestatteten, die adelige Gesinnung der Ahnen treu bewahrenden, seine Stellung zum König, Volk und Zeit richtig erfassenden, das geistige Princip nicht sinken lassenden Adel.“ Ihre Thätigkeit ist gerichtet auf die Förderung der Interessen des Adels und der Verwirklichung der in dem Programme aufgestellten Grundsätze und Ansichten. Zur Restauration des Adels führt nach ihrer Ansicht: 1) das Recht der Erstgeburt in seiner Anwendung auf das Grundeigenthum, unterstützt, außer den bereits allgemein verfolgten Berufswegen, durch den Eintritt der nachgeborenen Söhne des Adels in geistliche Würden, durch Stiftungen für unversorgte adelige

 

 

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Töchter, durch zeitgemäße Reorganisation des Maltheser Ordens und durch die Beseitigung der Hindernisse, welche die Gründung von Majoraten erschweren; 2) eine moralische Kräftigung des Adels durch standesmäßige Jugenderziehung, durch Förderung ritterlicher Eigenschaften, durch Erwählung von Adelsmarschällen und Schöffen mit patriarchalishen Rechten und durch Adels-Ehrengerichte; 3) eine Wiederbelebung der patriarchalischen Verhältnisse zwischen dem Grundadel und dem Bauernstande, durch Besetzung der Offizierstellen bei der Landwehr, durch richtige Erkenntniß und Uebung der mit dem Ritterguts-Besitze verbundenen Polizei-Gerichtsbarkeit und durch Heranbildung einer ergebenen Generation jüngerer Landleute, mittelst verpflichtender Begünstigungen, oder auf andere den Localverhältnissen angepaßte Weise; 4) eine allmählige Gewöhnung der öffentlichen Meinung an das bestimmte Hervortreten des Adels an die Spitze der Nation durch Schrift und Rede, durch eine Stellung in der Gesellschaft, die gleich weit von stolzer und schädlicher Isolirung und herabziehender Fraternität entfernt, die geeignete Mitte zwischen beiden hält und den Edelmann zu einem geachteten Mitglied jedes Vereins macht, durch Förderung der patrizischen Tendenzen der nicht adeligen Rittergutsbesizer und der bedeutenden Fabrik- und Handelsherren und durch Rücksicht auf ein achtbares öffentliches Auftreten bei öffentlichen Gelegenheiten, z. B. Jagden, Wettrennen, sowohl im einzelnen als möglichst Korporationsweise, überhaupt durch entsprechende Einwirkung auf die äußeren Sinne des Volks, durch Kleidung, Pferde, Waffen, Dienergefolge und burgartige Wohnungen; 5) die Verbesserung des materiellen Wohlstandes des Adels, namentlich auch durch Verbindung des Adels mit wohlhabenden Töchtern des höheren Bürgerstandes und durch Herabsetzung der das Grundeigenthum belastenden Pfandbrief- und Hypotheken-Zinsen und daran geknüpfte Sicherung gegen den häufigen Wechsel der Besitzes. „Ist erst“, so heißt es am Schlusse des Programms, „die Macht der Meinung und Sitte gewonnen, sicher bietet dann die Macht der Gesetze bald entgegenkommend

 

 

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die Hand.“ -- Aus dem in der erwähnten Schrift mitgetheilten Protokoll geht hervor, daß am 27. Juli 1841 sich 32 Adelige aus Preußen, Mecklenburg und anderen deutschen Ländern in Leipzig versammelt haben, um einen preußischen Adelsverein, dem sich auch der Adel aus andern deutschen Staaten anschließen dürfe, zu stiften. Man einigte sich über ein Programm, das im Wesentlichen dem der schlesischen Adelsreunion entspricht. Der abwesende Baron von Fouqué sollte ersucht werden, bei seiner nahe bevorstehenden Reise nach Berlin Gelegenheit zu nehmen und zu suchen, Se. Majestät den König von Preußen mit dem Plan im Allgemeinen bekannt zu machen und dessen Genehmigung, deren Ertheilung nicht bezweifelt ward, zu erbitten. Der anwesende Redacteur der Adelszeitung, Herr von Alvensleben, ward beauftragt, auf Grund der gefaßten Beschlüsse das Statut zu entwerfen. Dieser unterzog sich dem ihm gemachten Auftrage und begleitete die einzelnen Bestimmungen mit Motiven, aus welchen erhellt, daß auch diejenigen Punkte des Statuts, welchen man an sich den Beifall nicht versagen kann, nur für das Interesse des Adels ausgebeutet werden sollen. Z. B. die Bestimmung im §. 4., in welchem die Wohlthätigkeit gegen Dritte ohne Unterschied des Standes und der Religion empfohlen wird, ist gewiß nur zu loben. Aber der jesuitische Zweck dieser Bestimmung wird durch die Motive erläutert, in welchen es heißt: „Man könnte entgegnen, dazu sei kein Verein nöthig, sondern jeder einzelne Edelmann könne für seine Person so handeln; allein dadurch würde der Stand in der öffentlichen Meinung nicht gewinnen, sondern die Masse würde in dergleichen leuchtenden Beispielen eben nur Einzelne sehen, während dergleichen Bestrebungen von sämmtlichen Mitgliedern des Vereins ausgehend als Sinn und Geist des Standes betrachtet werden müssen." „Wohlthätigkeit ist nicht nur ein echt charakteristisches Zeichen wahrhaft adeliger Gesinnung, sondern sie dürfte auch als Maßregel der Klugheit, namentlich in Bezug auf den gefahrdrohenden Stand der Proletarier, zu empfehlen sein.“ Nach dem §. 12.

 

 

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können Fürsten regierender Häuser und adelige Damen auch als Ehrenmitglieder aufgenommen werden.“ Denn „die Ehrenmitglieder scheinen ganz besonders im Interesse der Casse zu liegen, auch sind Damen in der Regel die eifrigsten Vertheidiger und Beförderer einer Sache, der sie sich widmen.“ Die Constituirung des Vereins sollte im April 1842 in einer nach Leipzig zu berufenden Versammlung erfolgen. Ueber das fernere Geschick dieser Adels-Conspiration ist nichts in die Oeffentlichkeit gelangt. Wir bezweifeln aber nicht, daß diese Vereinigung, welche ihre Zweigvereine über ganz Deutschland ausbreiten sollte und durch den Rückhalt, welchen sie an dem König Friedrich Wilhelm IV. fand, eine hohe Gefahr für die Volksinteressen in sich birgt, noch augenblicklich in voller Blüthe steht und bis auf die neueste Zeit einen verhängnißvollen Einfluß auf die politischen Zustände übt. Möge es der Kreuzzeitung gefallen, anstatt Verschwörungen zu erdichten, weitere Enthüllungen über diese junkerliche Constantia zu bringen.

 

Wiederum war es das Junkerthum, welches die glorreiche Freiheitsbewegung des Jahres 1848 erstickte und die folgende schmachvolle Zeit der Reaction herbeiführte. Mit unauslöschlichen Zügen wird sich dem Gedächtniß jedes patriotischen Zeitgenossen jene reactionäre Aera eingeprägt haben, welche mit standrechtlichen Hinrichtungen begann, zahllose Patrioten ins Ausland, übers Meer trieb, Hochverrathsprozesse mit Hülfe meineidiger Zeugen und serviler Richter in Scene segte, die Zuchthäuser mit ihren Gegnern füllte und eine ebenso barbarische als feige Rache an ihnen nahm, eine Menge unschuldiger Familien in Trauer und Elend versetzte, jede Regung der Freiheit niederhielt und fast ein Decennium hindurch wie ein Alp auf Deutschland drückte. Als die neue Aera in Preußen auftauchte, da ward es zwar, eine Zeit lang stille im Lager der Junkerpartei, aber um so geschäftiger war sie im Geheimen, die verlorene Macht wieder zu erlangen. Die Schlingen, welche sie dem Volke legte, waren indeß zu grob, um ihrem Zwecke zu dienen. Die erstrebte Coalition mit dem

 

 

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Zunfthandwerker mißglückte. In den Wahlschlachten machte die Partei, trotz aller unsauberen Mittel, jämmerliches Fiasco. Ihre eigene Geistesarmuth ließ sich unter den erborgten und erkauften Federn nicht verdecken; der freien Presse, dem freien Manneswort und den überlegenen geistigen Kräften ihrer Gegner gegenüber trat sie in das grellste Licht. Desto besser gelang ihr die teuflische List, nach und nach das zwischen Fürst und Volk bestehende Vertrauen zu untergraben.

 

Offen liegt es vor aller Welt, mit welchen Mitteln es der Junkerpartei gelungen ist, das Mißtrauen des Königs wider sein loyales Volk zu erregen. Der verfassungsmäßige Gebrauch, den die Vertreter des Volks von ihrem unzweifelhaften Rechte machten, ward zu einem Eingriff in die Rechte der Krone und zu einer hochverrätherischen Auflehnung wider den persönlichen Willen des Königs gestempelt. Lügen, Haß und Zwietracht wurden mit vollen Händen ausgestreuet, um die Bande zwischen Fürst und Volk zu lockern und einen „Keil“ in die beschworene Verfassung zu treiben. Selbst die unverletzliche Majestät des Fürsten ward in den Kampf der Parteien gezogen, um dem Junkerthum als Schild zu dienen. Und so wohl ist die böse Saat aufgegangen, daß das Junkerthum augenblicklich die Zügel der Regierung in Händen hält und in einer Weise mit Gesetz und Verfassung verfährt, über welche das Urtheil nicht erst festgestellt zu werden braucht.

 

Erst kurze Zeit ist verflossen, seit das Junkerthum in Preußen wieder zur Herrschaft gelangt ist. Aber dieser kurze Zeitraum hat genügt, um seine Tendenzen vollständig zu enthüllen. Die Thatsachen liefern den Beweis, daß es entschlossen ist, um jeden Preis seinen Sonderinteressen Geltung zu verschaffen und jede Opposition gewaltsam niederzuschlagen.

 

Einem solchem Gegner gegenüber muß das deutsche Volk einmüthig zusammenstehen und Schulter an Schulter Front machen. Das Vaterland, unsere Nationalität, die Freiheit, ja unsere Cultur sind in Gefahr. Was gelten dem Junkerthum diese höchsten Güter? Ist denn die Zeit schon vergessen,

 

 

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wo dasselbe um die Gunst eines fremden Eroberers buhlte? Haben nicht noch jüngst feudale Minister mit dem Verrath Deutschlands an das Ausland gedroht? Ist nicht von jener Seite zu Städtezerstörungen aufgefordert worden? Erleben wir nicht im gegenwärtigen Augenblicke das schmachvolle Schauspiel, daß das Junkerthum deutsche Provinzen dem Auslande überliefern will? Das Princip der Legitimität ist der Junkerpartei nur so lange heilig, als es ihren Sonderinteressen dient. Wäre es ihr Ernst damit, so hätte sie sich auf die Seite des legitimen Herzogs von Schleswig-Holstein stellen müssen. Sie bekämpft die legitimen Ansprüche desselben, weil sie mit den nationalen Forderungen des deutschen Volkes übereinstimmen und weil die einmüthige Erhebung des letzteren für die gerechte Sache der Herzogthümer in ihrer weiteren Entwickelung auch die deutsche Frage im nationalen Sinne lösen wird. Die im Particularismus wurzelnden Privilegien der Junker werden aber selbstverständlich mit dem Augenblicke fallen, wo ein auf nationaler Grundlage organisirtes Deutschland erstanden sein wird. Deshalb kämpfen die Junker mit dem Haß, mit der Erbitterung, Wuth und Energie, und mit den rücksichtslosen Mitteln, welche, wie die Geschichte lehrt, den im Kampfe für ihre Vorrechte begriffenen privilegirten Klassen stets eigenthümlich gewesen sind, gegen die nationale Einigung unseres großen Vaterlandes und gegen alles, was uns diesem Ziele näher bringt. Das Junkerthum hat nur eins was ihm heilig ist: sein Sonderinteresse.

 

Schon einmal ist die Sache deutscher Einheit und Freiheit an der Zwietracht der Faktionen gescheitert. In den Jahren 1848 und 1849 unterschätzte man die Macht des Feudalismus. Die beiden liberalen Parteien zerfleischten einander, während der Erzfeind den günstigsten Zeitpunkt erspähte, um beide zu verschlingen.

 

Wenn die Gefahr, welche uns Seitens des Feudalismus droht, allgemein erkannt wird, dann wird das ganze Volk sich zusammenschaaren, um jene Kaste, welche sich gegen seine heiligsten

 

 

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Interessen verschworen hat, zu bekämpfen: So mächtig der Feudaliemus auch ist, dem einigen deutschen Volke vermag er nicht zu widerstehen. Darum aber gilt es, alle Klassen des Volkes über die letzten Ziele der Junkerpartei aufzuklären. Ihr verstorbener Führer hat die Parole ausgegeben: die Wissenschaft ist die Umkehr. Ja, die Umkehr will sie; sie will die Zeit wieder zurückschrauben zum Mittelalter, wo sie den Bauern- und Bürgerstand beherrschte und unter ihre Füße trat, wo sie selbst den Fürsten Gesetze dictirte. Das mittelalterliche persönliche Regiment der kleinen Herren soll wieder eingeführt werden und ihre Willkür wieder die Stelle des Gesetzes einnehmen. Nicht kräftig genug, um allein seine Pläne durchzuführen, sucht das Junkerthum das Königthum für sich zu gewinnen, um mit dessen Hülfe das Bürgerthum zu unterjochen. Das Gottesgnadenthum und das persönliche Regiment des Königs, welches die Junkerpartei sich zum Schiboleth erwählt hat, ist nur die gleißnerische Maske, unter welcher sie ihre wahren Pläne verbirgt. Indem sie dem Fürsten die absolutistische Gewalt zu verschaffen strebt, trachtet sie unter dem Schutze derselben das eigene persönliche Regiment wieder zu gewinnen. Die absolute monarchische Gewalt soll das erstarkte Bürgerthum besiegen und auf dem so geebneten Boden will das Junkerthum von Gottesgnaden den eigenen Throm wieder errichten. Das Königthum ist ihm nicht Zweck, sondern nur Mittel. „Die märkischen Junker waren früher als die Hohenzollern“, das ist der leitende Gedanke, den die Partei sich stets gegenwärtig erhält.

 

Das Studium der Geschichte lehrt uns das richtige Verständniß der Gegenwart und enthüllt uns das sybillinische Buch der Zukunft. Das Studium der mecklenburgischen Feudalverhältnisse ist vorzugsweise geeignet, uns über die letzten Ziele der preußischen Junkerpartei aufzuklären. In Mecklenburg hat sich das mittelalterliche Feudalsystem, wenn auch in etwas modernisirter Form, bis auf den heutigen Tag erhalten. Der mecklenburgische Junker raubt nicht mehr auf den Landstraßen, aber mit

 

 

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seinen politischen und socialen Privilegien beraubt er das Volk in anderer Form. Nur der Form nach ist die Leibeigenschaft aufgehoben. Die Landeshoheit und die Souveränetät der mecklenburgischen Fürsten haben zwar äußerlich eine staatliche Einheit durchzusetzen gewußt; aber dem Wesen nach ist Mecklenburg noch der alte, nur durch ein loses Band zusammengehaltene und in viele einzelne Herrschaften zerfallende Patrimonialstaat, in welchem der Ritter absoluter Herr und nur so weit in seiner absoluten Gewalt beschränkt ist, als er sich im Vertragswege dem Fürsten gegenüber gebunden hat. Die vielverlachte Proklamation des Grafen Kuno Hahn an die „Hahnschen“ war nur die konsequente Anwendung der dem kleinen Herrn rechtlich zustehenden Befugnisse. Die Steuerfreiheit des mecklenburgischen Ritters ist zwar im Laufe der Zeit theilweise durchbrochen, aber doch der Hauptsache nach konservirt. Dem Fürsten, der ursprünglich die Staatslasten allein aus den Einkünften seiner Domainen und Regalien bestreiten mußte, sind später zwar Steuern bewilligt, aber eine Verpflichtung zur Steuerzahlung existirt noch jetzt für den Ritter nur so weit, als er sich dem Landesherrn gegenüber kontraktlich gebunden hat. Mecklenburg ist nun das gelobte und gepriesene Land des preußischen Junkerthums, das Ideal seiner Wünsche. Als dieses Land in Folge der 48ger Bewegung seine Feudalfesseln abgestreift hatte, da waren es die preußischen Junker, welche, wohl wissend, wie sehr es ihrem Interesse entsprach, daß in dem benachbarten Lande mit seinen vielen und reichen Feudalherren das unverfälschte Mittelalter fortexistirte, mit allen Mitteln die Wiederaufhebung des zwischen Fürst und Volk vereinbarten Staatsgrundgesetzes vom 10. Oktober 1849 herbeiführten. Mecklenburg ist von ihnen öffentlich als ein Musterstaat gepriesen, und es steht nicht zu bezweifeln, daß die letzten Ziele ihrer Bestrebungen darauf gerichtet sind, den mecklenburgischen Zuständen in Preußen Eingang zu verschaffen.

 

Es ist nicht unsere Absicht, die gesammten mecklenburgischen Zustände zu schildern, sondern wir wollen nur die Geschichte des

 

 

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ritterschaftlichen Bauernstandes in Mecklenburg vom 13. Jahrhundert bis auf die neueste Zeit in kurzen Grundzügen vorführen. Diese Geschichte enthält die beste Characteristik des mecklenburgischen Junkerthums. Wir haben uns diese Aufgabe nicht blos ihrer selbst wegen gestellt, sondern in speciellem Hinblick auf den Bauernstand in Preußen. Das culturhistorische Bild, welches wir in Nachstehendem entwerfen, soll ein Spiegelbild dessen sein, was der preußische Bauernstand zu erwarten hat, wenn die preußische Junkerpartei zu dauernder Herrschaft gelangt. Das Geschick des Bauernstandes steht aber mit dem des Bürgerstandes in innigem Zusammenhange, und wird daher auch der preußische Bürgerstand aus dieser geschichtlichen Darlegung entnehmen können, daß seine eigensten Interessen gefährdet sind, wenn es der preußischen Feudalpartei gelingen sollte, ihre Pläne zur Ausführung zu bringen. Aber nicht blos für Preußen, sondern auch für das ganze übrige Deutschland ist es von hoher Bedeutung, die letzten Consequenzen des Junkerthums kennen zu lernen. *)

 

Die Germanisirung Mecklenburgs ward in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vollendet. Durch Krieg und Kolonisation von Westen her wurden die ursprünglichen wendischen Bewohner fast gänzlich ausgerottet. Mecklenburg ward ein echt deutsches Land, wovon seine Verfassung, die niederdeutsche Sprache, die Bauart der Dörfer und Sage und Sitte Zeugniß ablegen. Der leibeigene wendische Bauer wurde durch den freien deutschen Bauern verdrängt, indem nur in einzelnen besonderen Wendendörfern sich der ursprüngliche Stamm behauptete. Das Fürstenhaus

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*) Bei der nachfolgenden geschichtlichen Darlegung sind wir bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Wesentlichen den betreffenden Ausführungen in der vortrefflichen Geschichte Mecklenburgs von Ernst Boll, 2 Th. 1855 und 1856 gefolgt und haben die darin über den behandelten Gegenstand mitgetheilten Aktenstücke und Urkunden benutzt, ohne deshalb auf eigene Anschauungen und Forschungen verzichtet zu haben.

 

 

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jedoch und einzelne adelige Familien vermögen heutzutage noch ihren Stammbaum auf wendischen Ursprung zurückzuführen. Fast alles ländliche Grundeigenthum ward damals durch Bauern bewirthschaftet, welche dem Grundherrn zu fest bestimmten Abgaben an Geld und Naturalien verpflichtet waren. Die großen Hofwirthschaften der Gutsbesitzer existirten so wenig, als die jetzigen Hoftagelöhner. Eine landschaftliche Erklärung vom Jahre 1821 sagt damit übereinstimmend: „Es leidet keinen Zweifel und ist durch die vaterländische Geschichte und Verfassung bis zur höchsten Evidenz bewiesen, daß in der Vorzeit fast alles ländliche Grundeigenthum durch kleinere Hauswirthe benutzt wurde.“ Die Bauern hatten ihre Gehöfte, welche verkäuflich und verschuldbar waren, meistentheils zu erblichem Lehen. Es gab aber auch Bauern, welche keinen Grundherrn hatten und ihre Gehöfte als freies Eigenthum besaßen.

 

Neuerdings ist von einzelnen Junkern die Behauptung aufgestellt, daß auch in früheren Zeiten die Bauern kein dingliches Recht an ihren Gehöften gehabt hätten und daß das Verhältniß derselben ganz in derselben Weise aufzufassen sei, wie das eines von dem Grundherrn auf seiner Meierei eingesetzten Wirthschaftsführers. Aber Thatsachen und Urkunden sprechen gegen diese durch nichts als das junkerliche Interesse unterstützte Ansicht.

 

Die deutsche Einwanderung stammte hauptsächlich aus Westphalen und darf man schon daraus mit ziemlicher Sicherheit schließen, daß die westphälischen Colonien das dort geltende freie Bauerrecht mit herübergebracht haben. Jedenfalls wird die Einwanderung nur dadurch nach Mecklenburg gelockt sein, daß ihr ein sicherer und fester Besitz an den Bauergehöften eingeräumt ward. Die in dem Fürstenthum Ratzeburg als alte Gewohnheit anerkannte und rechtskräftig entschiedene Erblichkeit der Bauerngüter und die seit uralter Zeit bestehenden Rechtsverhältnisse der Poeler Hospitalbauern weisen gleichfalls darauf hin, daß die Erblichkeit der Bauerngüter in Mecklenburg eine allgemeine war. Ueberdies hat die in jüngster Zeit von großherzoglichen Archivbeamten

 

 

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angestellte Durchforschung der im landesherrlichen Archiv aufbewahrten Urkunden ergeben, daß auch außerhalb des Fürstenthums Ratzeburg und der Insel Poel zahlreiche Bauern mit erblichem Besitz vorhanden gewesen sind. Durch Erkenntniß des Reichskammergerichts vom 23. Juni 1797 ist erwiesen, daß im 15. Jahrhundert erbliche Bauern unter Grundherrschaft vorkamen. Die Erbfolge fand nach den Grundsätzen des deutschen Rechts statt, wonach der Erbfall nicht mit dem Tode, sondern mit der eintretenden Altersschwäche stattfand. Im Stargardischen Kreise gab es seit dem 13. Jahrhundert Bauergüter zu Lehnrecht. Es wurde dort üblich, in Bauerdörfern die Schulzen mit ihrem Amte zu belehnen und ein Grundstück dem allodialen Schulzengehöft lehnbar beizulegen. Selbst Lehnleute mußten das von ihnen verkaufte Bauernerbe in ihren eigenen Bauerdörfern vor dem Schulzen und den Bauern verlassen; ganze Dorfschaften kauften Communaleigenthum und bewahrten ihre Urkunden bei dem Dorfschulzen auf. Aus einer Originalurkunde des großherzoglichen Archives geht hervor, daß auch Bauern existirt haben, welche eigene Siegel führten, sowie es auch feststeht, daß die Bauern ihre eigene Gemeindeverfassung und ein eigenes bäuerliches Gericht hatten. Eine Urkunde vom 29. September 1420 beweist, daß jeder Bewohner des Dorfes Zahrenstorff ein Erbe in demselben besessen und zu dem Erbe Eigenthum gekauft hat. In einer Urkunde vom 25. November 1284 versichert der Fürst Nikolaus von Werle mit seinen Brüdern und seiner Mutter Sophie, daß, nachdem sein Vater Johann, die in dem Gute Roetz liegenden ursprünglichen Pfarräcker der Kirche zu Alt-Malchow hat nachmessen lassen und den Bauern derselben zu ewigem Besitze verkauft hat, er diese Aecker nicht mehr (zum Zweck einer höheren Besteuerung) vermessen lassen will. Selbst der Engere Ausschuß der Ritter- und Landschaft macht in einem Bericht vom 17. September 1847, betreffend die bäuerlichen Verhältnisse, das offizielle Zugeständniß, daß vor dem 16. Jahrhundert die den Bauern verliehenen Rechte erblich gewesen seien.

 

 

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Die betreffende Stelle lautet wörtlich: „Sowie in allen deutschen Ländern entstanden auch schon frühe in Mecklenburg bäuerliche Verhältnisse und ward vor dem 16. Jahrhundert bei den Verleihungen zu Hofrecht und zu Erbzinsrecht die verliehene Stelle erblich, wenigstens eine Erblichkeit des Besitzes begründet." Auch unser ministerielles Organ, der „Norddeutsche Correspondent“ (Jahrgang 1860, Nr. 158), stellt es nach den bereits vorliegenden historischen Forschungen als unzweifelhaft hin, daß in Mecklenburg ebensowohl wie in allen übrigen germanischen und germanisirten Ländern nach der Ueberwindung des Wendenthums durch die deutsche Einwanderung auch deutsche Sitte und deutsches Recht Eingang gefunden und Geltung gewonnen und auch in unserm Lande ein freier Bauernstand mit einem durch Sitte und Gewohnheit geregelten festen Rechtsverhältnisse sowohl zu der Scholle, die er bebaute, als zu dem Herrn, dem er diente, sich entwickelt habe. Auch hätten noch bis auf den heutigen Tag in einzelnen Gegenden unseres Landes vereinzelte Bauerschaften ihre uralten Rechtsverhältnisse trotz der Stürme vieler Jahrhunderte im Wesentlichen zu conserviren gewußt. Der Vicelandmarschall von Maltzan bestätigte jene Auffassung, indem er in der Sitzung des Landtages von 1861 die Behauptung aufstellte: der Bauer habe in der Vorzeit vor 1621 nach demselben Verhältniß auf seiner Hufe gewohnt, wie der Ritter auf seinem Lehngut, der Landesherr habe den Ritter und dieser den Bauern belehnt.

 

Der Ritterstand der damaligen Zeit hatte ganz andere Dinge zu thun, als sich um die Bewirthschaftung seiner Güter zu bekümmern. Nach dem angezogenen Bericht des Engeren Ausschusses haben die Verbindlichkeit der Lehnleute zur persönlichen Dienstwärtigkeit und insonderheit deren eigene kriegerischen Geschäfte sie an der unmittelbaren Cultur ihrer Güter verhindert. Wenn nun die Rittergüter nicht brach liegen sollten, so vernothwendigte es sich, die leibeigene und verachtete wendische Race, welche theils zu verdummt war, um für eigene Rechnung

 

 

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den Acker zu bestellen; theils durch Kriege decimirt war, durch die intelligente deutsche Einwanderung, welche durch die ihr gemachten vortheilhaften Anerbietungen herbeigelockt ward, zu ersetzen. So wurden die Rittergüter nach und nach in Bauergehöfte zerlegt und in Bauerdörfer umgeschaffen, und die Zahl der Bauern stieg endlich in dem Maße, daß fast alles urbare Land von ihnen besessen ward.

 

Während nun der Bauer den Grund und Boden cultivirte, fanden die Ritter ihre Lust in der Ausübung des Kriegshandwerks, in Raub und Wegelagerung, in einem wüsten schwelgerischen Leben miteinander und an den Höfen der Fürsten. „Die eigenen kriegerischen Geschäfte“, wie der Bericht des Engeren Ausschusses es zart ausdrückt, bestanden in Fehde und ganz gemeiner Wegelagerei. Der Unterschied zwischen beiden war der, daß bei den ersteren der Gegner von der feindlichen Absicht vorher durch einen Absagebrief benachrichtigt werden mußte und bei der letzteren der Ueberfall ganz unvermuthet geschah. Die bescheidenen Abgaben der Bauern genügten den Rittern für die Bestreitung ihrer extravaganten Bedürfnisse nicht. Sie vergrößerten daher ihre Einnahmen durch gewaltsame Mittel. Seit dem 14. Jahrhundert nahm die ritterliche Wegelagerei in bedenklicher Weise überhand. Vergebens versuchten die Landesherren, im Bunde mit den Städten, dieses Unwesen auszurotten. Der Fürst Johann von Werle erließ im Jahre 1341 eine Verordnung, nach welcher einem Jeden die Vollmacht ertheilt ward, alle Landesfriedensbrecher, welche rauben, brennen, morden und boddenstulpen ohne Ansehen der Person zu richten. Mit dem Ausdruck „boddenstulpen“ bezeichnete man diejenigen Räuber, welche beim Einbruch in die Häuser die Bewohner derselben, um ungestört plündern zu können, unter umgestülpten Fässern und Tonnen einsperrten. Einer der Landesherren, der im Jahre 1383 verstorbene Herzog Heinrich, welcher sich die Ausrottung der adeligen Straßenräuber besonders angelegen sein ließ und nicht allein jeden Wegelagerer ohne Gnade und Barmherzigkeit henken

 

 

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ließ, sondern auch diese Execution in vielen Fällen selbst vollzog, ward von den Geschichtschreibern durch den Beinamen „der Henker“ (Henricus suspensor) ausgezeichnet. Im Jahre 1385 verbündeten sich die Seestädte mit dem Könige Albrecht, um die gefährlichsten Ritterburgen zu zerstören, bei welcher Gelegenheit von den Malchiner Bürgern ein Maltzan auf der Burg Schorssow erschlagen ward. Bei diesem Zuge wurden 20 Vesten zerstört. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts vereinigte sich Albrecht mit dem Landgrafen Wilhelm von Thüringen, welcher damals in der Mark gebot, zur Abwehr der Räubereien in den beiderseitigen Ländern. Sie eroberten im Jahre 1399 die Stadt und Burg Lenzen, erhenkten die darin gefangenen Räuber und zerstörten die benachbarten Schlösser. Als im Jahre 1392 die Städte Rostock und Wismar Kaperbriefe (Stehlbriefe genannt) ausgaben, da begab sich der Adel auch zur See, um zu rauben. Es entstanden die „Vitalienbrüder", welche friedliche Dörfer niederbrannten und Menschen, Vieh und sonstiges Gut wegführten, und deren Kaperei bald in gemeine Seeräuberei ausartete. Die Hauptleute der Vitalienbrüder gehörten meistens den mecklenburgischen Adelsfamilien an, worunter namentlich Marquard Preen, Bosse von Kaland, Henning Manteuffel (ein Vorfahre des preußischen Ministers a. D. von Manteuffel) und Moltcke, welcher letztere im Jahre 1395 von den Stralsundern gefangen genommen und aufgeknüpft ward.

 

Im Anfange des 15. Jahrhunderts gewannen die Raubzüge an der südlichen Landesgrenze, welche von Mecklenburg aus nach der Mark und von hier nach Mecklenburg unternommen wurden, eine unerhörte Ausdehnung. An der Spitze dieser Raubzüge, welche bald von größeren, bald von kleineren Streifpartien ausgingen, standen mecklenburgische und märkische Ritter und waren dabei fast alle damaligen adeligen Familien in beiden Ländestheilen vertreten. Aus den Schadensrechnungen, welche zwecks gegenseitiger Abrechnung im Jahre 1424 aufgemacht wurden, ersieht man, daß von 1422 bis 1424 von den Mecklenburgern und Stargardern

 

 

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in der Herrschaft Ruppin 63 Räubereien verübt worden sind, und daß in derselben Zeit aus der Mark von jenen und den Werlern 11,339 Schafe, 5452 Haupt Rindvieh, 1668 Pferde, 2819 Schweine und 1317 Ziegen geraubt wurden. Man raubte aber nicht blos Vieh und, wie es in den Rechnungen heißt, „alles was da war“, sondern brannte auch ganze Dörfer nieder, ja plünderte selbst die Kirchen aus. Menschen wurden gefangen genommen und in den Stock gelegt, bis man ein ansehnliches Lösegeld von ihnen erpreßt hatte.

 

Die Herzogin Katharina und die Stargarder Herzoge suchten durch Vertrag mit dem Markgrafen Johann im Jahre 1431 dem Räuberwesen ein Ende zu machen. Aber aus den im Jahre 1438 aufgemachten Schadensrechnungen sieht man, wie wenig das gefruchtet hatte. Ein zu Perleberg am 8. Mai 1442 zwischen den mecklenburgischen Herzogen und den Markgrafen zur Unterdrückung der Raubzüge abgeschlossenes ewiges Bündniß hatte keinen besseren Erfolg. Die Räubereien erreichten in den folgenden Jahren ihre Blüthezeit. In einer Klageschrift des Markgrafen Friedrich vom Jahre 1448 gibt dieser seinem Schwager, dem Herzoge Heinrich dem Dicken, die Schuld, daß wider das abgeschlossene Bündniß mit seinen Mannen, Städten und Untersassen, durch seine Amtleute, namentlich Herrn Behrend von Plessen und Wedego von Czulen, mit Heerschild und losgeschlagenen Bannern seine Lande und Untersassen beraubt, beschädigt und zu großem, unüberwindlichen Schaden gebracht seien. Sodann folgt noch eine Reihe von Klagepunkten über die Beraubungen, welche mecklenburgische Vasallen und des Herzogs Heinrich Hofgesinde um dieselbe Zeit an andern Orten der Mark verübt hätten.

 

Im Jahre 1450 wollten nach einem Bericht der Lübeckischen Chronik die Bürger von Perleberg, Kyritz und Wustrow endlich an den Hahnen wegen der von diesen geübten langjährigen Räubereien Rache nehmen. Der Herzog Heinrich IV., bei dem sie schon oft dieserhalb Klage geführt, hätte

 

 

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ihnen immer erwiedert: „es sei ihm dies allerdings Leid, er könne aber nichts dagegen thun, denn die Hahne wollten ihn nicht hören.“ Deshalb wären sie endlich mit Erlaubniß des Markgrafen in Mecklenburg eingedrungen und hätten die Hahnschen Güter mit Plünderung und Brand heimgesucht.

 

Wiederum ward im Jahre 1479 ein Bündniß zwischen Mecklenburg, Brandenburg und Pommern abgeschlossen zur Sicherung der Landstraßen, welche durch die auf denselben verübten „Plackerei, Räuberei und Zugriffe so in Verruf gekommen seien, daß Niemand wegen der Gefahr und des Verlustes seiner Güter und seines Leibes sie besuchen, befahren, bereiten oder begehen möge." Aber noch in demselben Jahre beklagte sich der Markgraf über eine von Busso v. Lützow der Stadt Perleberg zugefügte Beraubung.

 

Es war indeß nicht blos an der südlichen Grenze, wo die ritterlichen Räubereien vorfielen, sondern ähnlich sah es auch in den übrigen Theilen des Landes aus. Vornämlich war es die reiche Handelsstadt Lübeck, welche die ritterlichen Wegelagerer heimsuchten. Diese Raubzüge wurden von den mecklenburgischen Raubrittern in Gemeinschaft mit dem Adel der Mark und Priegnitz auf gegenseitigen Gewinn und Verlust unternommen. Im Jahre 1421 begaben sich 180 Räuber, an deren Spitze Reimar von Plessen, Balduin vom Kruge und Johann Quitzow standen, auf die Heerstraße zwischen der Elbe und der Stadt Mölln, um die vorbeipassirenden Waarenzüge zu berauben. Der Ritter Matthias Axekow plünderte im Jahre 1435 bei Wismar zwei Bauern aus dem Lübeckschen. Der genannte Johann Quitzow commandirte im Jahre 1446 einen Haufen von 1200 Straßenräubern, welche auf der Straße zwischen Wismar und Lübeck einen Lübecker Waarentransport wegnahmen. Im Jahre 1450 zogen viele adelige Straßenräuber nach den Lübecker Gütern bei Mölln, raubten Pferde und Kühe und was sie sonst auf dem Wege fanden, nahmen etliche Leute gefangen und steckten die Friedburg in Brand. Unter Anführung des Hauptmanns

 

 

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Gans von Putlitz erschienen im Jahre 1453 etliche Hauptleute aus Mecklenburg und aus der Priegnitz vor Mölln und nahmen dort einige Bürger und zwei Rathsdiener gefangen. Im Jahre 1457 machte derselbe einen ergiebigen Zug mit 300 Straßenräubern aus Mecklenburg, der Priegnitz und der Mark gegen Lübecker Kaufleute, welche die Lüneburger Messe bereisen wollten. Von Straßenräubern aus Mecklenburg, welche zum Theil in des Herzogs Diensten standen, ward im Jahre 1466 ein Hauptfang in Ratzeburg gemacht. Sie überfielen nämlich einen Zug mit Frankfurter Gütern, welche nach Lübeck bestimmt waren, nahmen von den Gütern, wie der Chronist berichtet, Korallen, Perlen, Seide und Gewürze, soviel sie in Säcken zu Pferde mitschleppen konnten, bemächtigten sich der Pferde und ermordeten die Fuhrleute. Die Mecklenburger, weil sie bei dieser Gelegenheit besonders viel Pfeffer erbeutet hatten, erhielten in Folge davon den Spitznamen „die Pfeffersäcke.“

 

Daß auch an der östlichen Landesgrenze das ritterliche Handwerk florirte, geht daraus hervor, daß im Jahre 1457 preußische Kaufleute, welche nach Lübeck ziehen wollten, in der Ribnitzer Haide unter Führung eines Pommern, Namens Raven Barnekow, geplündert wurden. Der Herzog Heinrich der Dicke, welcher selbst im Jahre 1456 die Umgegend der Stadt Lüneburg ausgeplündert hatte und in dem Verdachte stand, daß er bei seiner großen Geldnoth seinen Hofleuten gern durch die Finger sähe, wenn sie sich durch ihre Wegelagerei ihren Lebensunterhalt erwarben, ist höchst wahrscheinlich auch bei jenem Raubzuge des in seinem Hofdienste stehenden Raven Barnekow betheiligt gewesen.

 

Das, sind einzelne wenige Beispiele. von den Heldenthaten, welche die mecklenburgischen Junker während des 14. und 15. Jahrhunderts verübten und welche einen in großherzoglichen Diensten stehenden Adeligen in einer Landtagsversammlung zu dem mit der Faust begleiteten Ausspruch entflammten: „Wir sind stolz darauf, daß unsere Vorfahren das Faustrecht geübt haben!“

 

 

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Mit diesem Treiben der Junker stand ihr anderweitiger Lebenswandel im Einklang. Nach den Nachrichten, welche wir über das Leben und Treiben am Hofe besizen, war das Hofleben im hohen Grade verderbt. Einzelne charakteristische Züge entnehmen wir aus dem zu Anfange des 17. Jahrhunderts geführten eigenhändigen Tagebuch des mecklenburgischen Herzogs Adolf Friedrich: „Bei Heinrich Levetzow's Hochzeit (1612) hat der junge Bassewitz von einem Kardorff Maulschellen empfangen.“ „Den 8. November (1616), wie ich schlafen gegangen, hat Vollrad Bülow Daniel Block, den Maler, für einen Schelm und Fuchsschwänzer gescholten; der hat ihn aber wieder nicht vergessen, sondern ihn braun und blau geschlagen.“ „Den 18. Mai (1620) ist Bischof Ulrich von Bützow hier gewesen -- wie seine Gewohnheit, gesoffen und schandirt" etc. Die Unmäßigkeit der Junker im Trinken illustrirt eine noch jetzt zu lesende Grabschrift in der Doberaner Kirche, welche wahrscheinlich aus jener Zeit stammt und also lautet:

 

Wieck Düfel, wieck, wieck wiet von my,
Ick scheer mi nig een Hahr um die.
Ick bün ein Meckelbörgsch Edelmann,
Wat geit di Düfel mien Supen an?
Ick sup mit mienen Herrn Jesu Christ,
Wenn du Düfel ewig dösten müst
Un drinck mit öm soet Kolleschahl,
Wenn du sitzt in der Höllenquahl.
Drum rahd' ick, wieck, loop, rönn un gah
Efft bey dem Düfel ick to schlah.

 

Wie es mit der Beobachtung des sechsten Gebotes ausah, geht am besten aus der mecklenburgischen Polizeiordnung von 1572 hervor, in welcher strenge Strafen gegen die Uebertreter desselben angeordnet worden. Diese Strafbestimmungen werden damit motivirt, daß Sünden wider das 6. Gebot damals unter allen Ständen sehr gemein gewesen seien und dadurch namentlich die Ritterschaft nicht in geringe Verkleinerung und Verachtung

 

 

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bei männiglichen komme, und daß auch zu besorgen sei, daß, wenn den überhand nehmenden Sünden nicht bei Zeiten gesteuert werde, der adelige Stand dadurch in Verfall gerathen werde. Am 19. August 1618 ward Samuel Plessen, welcher mit M. Grube Ehebruch getrieben, sammt dieser hingerichtet. Im Assecurationsreverse von 1621 ward verfügt, daß es in Betreff der „unter denen vom Adel länger mehr zu- und überhandnehmenden Unzucht“ im Allgemeinen bei den Strafbestimmungen von 1572 verbleiben solle, daß aber in den Fällen, wo es sich nicht um Leib- und Lebensstrafe handele, den Verwandten der Verbrecherin die „Vermäuerung“ derselben gestattet sein solle. Auch die Spielwuth, welche unter den Junkern herrschte ist durch interessante Urkunden verbürgt.

 

Die mecklenburgischen Städte suchten durch Schutz- und Trutzbündnisse, welche sie miteinander und mit märkischen und pommerschen Städten abschlossen, sich gegen die adeligen Wegelagerer zu vertheidigen. Im Vertrauen auf diese Bündnisse verschlossen z. B. die Friedländer im Jahre 1436 ihrem eigenen Landesherrn, dem Herzoge Johann, die Thore, machten später den Hasse von Blankenburg und mehrere seiner Helfershelfer zu Gefangenen und ließen sogar im Jahre 1488 den auf frischer That ergriffenen Hans Schwerin köpfen. Das platte Land dagegen war den Räubereien der Junker wehrlos preisgegeben. Ein Theil der Bauern suchte sich freilich dadurch zu sichern, daß er sich unter den Schutz benachbarter Vasallen stellte. Aber was galten Versprechungen in jener Zeit der rohen Willkür? Fanden jedoch die Bauern wirklich den zugesicherten Schutz, so mußten sie ihn später mit ihrer Freiheit erkaufen, denn das vereinbarte Schutzverhältniß führte zu den Frohndiensten, mit welchen die Schutzherren ihre Schützlinge belasteten.

 

Von dem Ende des 15. Jahrhunderts an traten die ritterlichen Räubereien mehr vereinzelt auf, aber trotz des Kaiserlichen Landfriedens und trotz der Reformation dauerten sie doch noch bis über die Mitte des 16. Jahrhunderts fort. Noch im Jahre

 

 

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1549 ward von verschiedenen Adeligen ein Straßenraub in der Ribnitzer Haide begangen. Den Rostockern gelang es jedoch, von der Bande 5 Edelleute, Otto und Vollrath von der Lühe, Jasper von Bülow, Curt von Axel und einen von Rühlfeind einzufangen. Ungeachtet der Herzog Heinrich sich der Wegelagerer annahm und die Stadt, als sie die geforderte Freilassung verweigerte, mit dem Verluste ihrer Privilegien bedrohte, ließen die Rostocker den Vollrath von der Lühe nebst zweien seiner Diener durch den Henker martern und sogar in Gegenwart der fürstlichen Gesandten enthaupten. Außerordentliche Maßregeln wider das Räuberwesen wurden in demselben Jahre von dem Herzoge Heinrich mit den Markgrafen und den Pommerschen Herzögen ergriffen. Aber die Polizeiordnung von 1572 bezeugt, daß troß des in Mecklenburg publizirten Kaiserlichen Landfriedens noch offene Fehden und Absagungen vorkämen, und bedroht die Friedensbrecher und Wegelagerer mit harten Strafen an Leib und Gut und mit dem Verluste ihrer Lehngüter.

 

Der vom Bürgerstande ausgehenden Reformation gab zwar auch der mecklenburgische Adel seine Zustimmung. Aber die niedrige sittliche Stufe, welche er einnahm, verbietet schon die Annahme, daß religiöse Motive ihn bewogen hätten, der neuen Lehre zu folgen. Ohnehin existirt kein Beispiel in der mecklenburgischen Geschichte, daß der Adel sich der fortschreitenden Zeit aus innerer Ueberzeugung angeschlossen hätte. Die materiellen Interessen waren es, welche ihn zur Annahme des lutherischen Glaubensbekenntnisses bewogen. Sein wildes genußsüchtiges Leben hatte ihn in tiefe Schulden gestürzt. Vorzugsweise waren Kirchen und Klöster seine Gläubiger. Die Reformation bot ihm nun die willkommene Gelegenheit, sich seiner Schulden ohne Zahlung zu entledigen und gab ihm zugleich einen Vorwand für die Beraubung der Kirchen und Klöster. Im Jahre 1529 unternahmen die von Plessen und andere Eingesessene des Klützer Orts förmliche Raubzüge, wodurch sie sich überdies von einer

 

 

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Schuld von 37000 Mark befreiten, in die Güter des Bischofes von Ratzeburg. Später riß der Adel auch noch einen beträchtlihen Theil der secularisirten Stiftungen an sich. Das Steuerbewilligungsrecht der Landstände ist im Laufe der Jahrhunderte die Handhabe gewesen, mittelst welcher die Geldverlegenheiten der Fürsten vom Adel für die Erweiterung seiner Privilegien und für die Erlangung materieller Vortheile ausgebeutet wurden. Die Steuerbewilligung war überdies mit keinem Opfer für den Adel verbunden, denn er selbst war steuerfrei und bewilligte die Steuern nicht aus eigenen, sondern aus fremden Taschen, während er die Gegenleistung, ohne zu erröthen, zu seinem ausschließlichen Nutzen verwendete. So geschah es auch im Jahre 1572, wo der Adel die Zahlung der Schulden des Fürsten im Betrage von 400000 Gulden durch Bewilligung einer Steuer dem Volke aufbürdete, wogegen die drei reichen Landesklöster Dobbertin, Malchow und Ribnitz zur christlichen Auferziehung inländischer Jungfrauen den Landständen überwiesen wurden. Es leidet keinen Zweifel, daß nach der Stiftungsurkunde die Klostergüter dem ganzen Lande, das den Kaufschilling aufgebracht hatte, zu Gute kommen und den Ständen nur die Verwaltung derselben zustehen sollte. Aber mit kühnem Griff eignete sich der Adel die Klöster als sein ausschließliches Eigenthum an. Eine Familienkaste, welche sich der „eingeborne Adel“ nennt, hat noch jetzt den alleinigen Genuß der Klostergüter mit einem Areal von 8 Quadratmeilen und einem Werthe von eben so vielen Millionen; nur ein kleiner Brosam ist der aus den Bürgermeistern der Städte bestehenden Landschaft zugeworfen, um ihren Einspruch gegen die widerrechtlichen Anmaßungen des Adels zu beseitigen. Fast 400 reiche und arme adelige Fräulein ziehen aus jenen Gütern eine jährliche Summe von 40000 Thlr.; außerdem verschaffen dieselben verschiedenen adeligen Rittern und deren Günstlingen reich dotirte Stellen. Mit dem Gelde des Bürger- und Bauernstandes sind die Klöster gekauft: aber kein

 

 

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bürgerliches Mädchen, mit Ausnahme einiger weniger, meistens Bürgermeistertöchter, hat einen Antheil an den Klosterstellen.

 

Wir haben gesehen, daß im 14. und 15. Jahrhundert fast aller Grund und Boden in den Händen der Bauern war, daß diese ihre Gehöfte, welche, verkäuflich und verschuldbar waren, meistens als erbliche Lehne, theilweise sogar als völlig freies Eigenthum, inne hatten und daß dagegen die Bauern ihren Grundherren zu bestimmten -- als Reallast auf dem Acker ruhenden --- Abgaben an Geld und Naturalien verpflichtet waren. Von Frohndiensten zur Bestellung des herrschaftlichen Aers konnte meistentheils nicht die Rede sein, weil eben solcher fast gar nicht existirte; nur die bei den Bauten zu leistenden Burgdienste wurden von ihnen verlangt. Mit dem allmähligen Aufhören des ritterlichen Raubhandwerks änderte sich aber die Sachlage. Die Erträge aus denselben hörten folgeweise auf, und die mäßigen Abgaben der Bauern genügten nicht, den Rittern einen standesmäßigen Unterhalt zu verschaffen. Ueberdies waren sie durch die voraufgehenden Kriege und Fehden, durch ihr schwelgerisches Leben, durch ihre Verschwendung und Spielwuth tief verschuldet. Sie mußten sich daher nach anderen Hülfsquellen umsehen. Zum Theil traten sie in den einheimischen und fremden Staatsdienst, aber dies waren doch verhältnißmäßig nur wenige. Die große Mehrzahl lungerte auf ihren Burgen und Schlössern herum, mit scheelen Blicken den mit der zunehmenden öffentlichen Sicherheit wachsenden Wohlstand der Bauern betrachtend. Konnten sie nicht mehr durch offene Gewalt sich fremden Guts bemächtigen, so mußte dies jetzt auf versteckte Weise geschehen. Zuerst beschränkten sie sich darauf, die von den Bauern zu leistenden Abgaben willkürlich zu erhöhen, wobei ihnen zu Statten kam, daß ein Theil der Bauern sich, um der Ausbeutung durch Raub zu entgehen, unter den Schutz der Räuber gestellt hatte. So z. B. war der Schutz des Dargun'schen Klosterguts Gielow dem Ulrich Maltzan auf Grubenhagen, etwa in der Mitte des 15. Jahrhunderts, übertragen, wogegen ihm die Bauern einige

 

 

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Abgaben, auch ihm einmal aus gutem Willen, wofür er ihnen reichlich Speise und Trank gab, Handdienste leisteten. Dies Schutzverhältniß ward später gekündigt, als die dasselbe veranlassenden Raubzüge aus der Mark und Priegnitz in das Mecklenburgische aufgehört hatten. Aber die Herren von Grubenhagen verzichteten nicht auf die Abgabe. Lütke Maltzan nahm ihnen ihr Vieh, als die Gielower Bauern mit Recht die fernere Entrichtung der Abgaben verweigerten, entriß dem Schulzen die Pacht, welche er dem Kloster überbringen wollte und legte den Bauern vier Tage Hofdienst auf. Dies geschah im Jahre 1454. Unter Lütke's Sohn, Wedego, wurden die vier Tage Hofdienst auf acht erhöht und den Bauern Frohnden auferlegt. Als im Jahre 1526 die Grubenhagen'schen Güter in vier Theile getheilt wurden, beanspruchte Dietrich Maltzan, der eine Erbe, drei Wochen Dienste, die andern drei Erben aber jeder eine Woche. Außerdem ward den Bauern auferlegt eine Fuhre nach Stettin, welche sie einmal dem Wedego bittweise geleistet hatten, eine Fuhre Wein von Havelberg und von Rathenow und Weinfuhren nach Lübeck. Ihre Abgaben an Hafer stiegen bald von 8 auf 20 Drömt. Im Jahre 1532 vermehrten sich ihre Herren noch um zwei Personen, welche ihrerseits wieder mannichfache Leistungen in Anspruch nahmen. Nach einem Zeugenverhöre aus dem Jahre 1568 waren die Maltzan früher nur zu drei Personen zur Hasenjagd gekommen, welche eine Tonne Bier und eine Mahlzeit erhielten, nachher aber kamen sie mit 20 Pferden und 20 bis 30 Bauern, welchen die Gielower vollauf geben mußten, und jagten dort bis an den dritten Tag. Im Jahre 1573 leisteten die Gielower Bauern an die Maltzan's 20 Gulden 10 Sch. Pacht, 15 Drömt Hafer, 1 fetten Ochsen, 4 Wochen Burgdienst, das Ablager, die niedere Gerichtsbarkeit, Fuhren nach Lübeck, Hamburg, Lüneburg und Braunschweig, um von dort Salz, Wein oder Bier zu holen, endlich noch die Zulage, wenn ein Maltzan seine Tochter verheirathete oder selbst Hochzeit hielt.

 

Dies ist nur eins von den vielen Beispielen, welche lehren,

 

 

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in welcher willkürlichen Weise die Ritter die Abgaben der Bauern erhöhten. Aber die Erhöhung der Abgaben genügte der Habsucht der ersteren nicht. Der steigende Werth des Grund und Bodens erweckte in ihnen das Verlangen, die Bauerhufe zu Hoffeld zu machen und dieses für eigene Rechnung bewirthschaften zu lassen. Eigene Arbeit und eigenes Kapital war nicht erforderlich. Der Bauer war ja da, um mit seiner Person und seinem Inventar den herrschaftlichen Acker zu bestellen. Der Junker konnte dann sein müßiges Leben fortsezen, während der Bauer für ihn arbeitete, und seine einzige Arbeit bestand darin, dem Bauer mit der Peitsche seine Pflichten auf den Rücken zu schreiben.

 

Die Einführung des Römischen Rechtes bot dem Junker die erste Handhabe zur Durchsetzung seines habsüchtigen Willens. Als das Faustrecht nicht mehr galt, bedurfte derselbe das Gewand einer Rechtsformel, um damit die Blöße des fehlenden Rechtsbodens zu verdecken. Der Schein mußte gewahrt werden. Dabei kamen ihm die im Römischen Recht ausgebildeten Juristen zu Hülfe, welche bei ihrer Unkenntniß der einheimischen Rechtsinstitute diese auf Römische Rechtsprincipien zurückführten und wo sie weder Merkmale des Eigenthums noch der Emphyteuse zu finden glaubten, allein die Analogie der Zeitpacht zur Anwendung brachten. Die Dinglichkeit des Rechtes an dem Bauerngut ward verneint und die bestehende Erblichkeit nur als eine faktische anerkannt.

 

Der große Konflikt, welcher nunmehr zwischen den Junkern und den Bauern ausbrach und mit der völligen Niederlage der letzteren endigte, begann damit, daß erstere verlangten, es sollten die Bauern ohne Vorwissen ihrer Obrigkeit ihre Hufen nicht zertheilen oder von einander reißen. Die Junker erreichten ihre Absicht durch die Polizeiordnung von 1562, in welche eine solche ausdrückliche Bestimmung aufgenommen ward. In der Polizeiordnung von 1572 ward diese Bestimmung mit dem wichtigen Zusatze wiederholt, es solle jedoch einer jeden Obrigkeit unbenommen sein, ihre Güter und Hufen nach ihrer Gelegenheit und Besten zu verändern; außerdem ward den Bauern verboten, ohne

 

 

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ihrer Obrigkeit Vorwissen ihre Güter zu verpfänden und zu veräußern. Römische Rechtslehrer, unter Anderen der Kanzler Hufanus und der Kanzler Cothmann, sowie später Mevius vertheidigten die ausgesprochenen Grundsätze. Aber die Bauern widersprachen jener Römischen Auffassung der bäuerlichen Verhältnisse und ihre Sachwälte nahmen ihre Vertheidigungswaffen wider die Klagen der Grundherrschaften gleichfalls aus dem Römischen Recht, indem sie ein dingliches und erbliches Recht an ihren Gütern beanspruchten und dieses auf die Römischen Grundsätze über die Emphyteuse und die Verjährung gründeten. Daß auch die mecklenburgischen Gerichte mit der Rechtsauffassung der Bauern übereinstimmten, beweist ein Reichshofrathsconclusum aus jener Zeit, in welchem dem Land- und Hofgerichte und den Justizkanzleien anbefohlen ward, die Landbegüterten zu Gunsten der Bauern nicht zu beeinträchtigen. Der Schutz, welchen die Gerichte den Bauern gewährten, rief eine Beschwerde der Stände auf dem Landtage von 1606 hervor, in welcher sie, auf frühere Constitutionen sich berufend, die Erneuerung derselben verlangten, damit den vielen Bauern, welche sich wegen dessen, was sie an Hufen eine Zeit her inne gehabt, sich des emphyteutischen Rechts rühmten, diese Einrede abgeschnitten werde. Hierauf erfolgte im Jahre 1608 eine im Allgemeinen günstige Antwort des Landesherrn, in welcher er anerkannte, daß die Bauern coloni und nicht emphyteutae wären, wenn auch gleich deswegen keine Verordnung wäre, doch müßten besondere Contracte mit denselben gelten. Weitere Verhandlungen über diesen Gegenstand erfolgten auf den Landtagen von 1609, 1610, 1620 und 1621. Das Ergebniß derselben enthält der berüchtigte 16. Artikel des Assecurations-Reverses vom Jahre 1621, in welchem verordnet ward, daß die Bauersleute ihre Hufen, Aecker und Wiesen, dafern sie keine Erbzinsgerechtigkeit oder dergleichen nachzuweisen vermöchten, den Eigenthums-Herren, auf vorhergehende Loskündigung, ohne Rücksicht auf unvordenkliche Verjährung, unweigerlich abzutreten und einzuräumen schuldig sein sollen.

 

 

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So ward denn den Bauern die bisherige unzweifelhafte Rechtsbasis, daß ihre Familien seit unvordenklichen Zeiten im Besitz der Hufen gewesen waren, widerrechtlich genommen und die in den früheren Rechtsverhältnissen begründete rechtliche Präsumtion für die Dinglichkeit und Erblichkeit ihres Rechtes willkürlich beseitigt. Die unvordenkliche Verjährung ist das für den Einzelnen, was das Gewohnheitsrecht für das Allgemeine. Die Berufung auf letzteres so wenig wie auf erstere darf der Gesetzgeber ausschließen, wenn er nicht mit den ersten Fundamentalsätzen des Rechts in Widerspruch gerathen will. Die Bauern sollten von nun an das erbliche und dingliche Recht an ihrer Hufe beweisen. Da schriftliche Contrakte in damaliger Zeit regelmäßig nicht existirten, so vermochte er seine Ansprüche fast nur durch die Berufung auf den unvordenklichen Besitz geltend zu machen, aber gerade diese ward ihm durch das Gesetz genommen. Damit war das Schicksal der Bauern der Gnade und Willkür ihrer Herren erbarmungslos preisgegeben. Die Geschichte der vorangegangenen Jahrhunderte legt Zeugniß davon ab, wie die Junker durch Raub und offene Gewalt an fremdem Eigenthum sich vergriffen haben. Aber der frechste und lohnendste communistische Griff war es, als sie, nicht mit den Waffen in der Hand und mit dem Rechte des Stärkeren, sondern als Gesetzgeber und mit niedriger List, durch den erwähnten Artikel 16 -- jenes schmachvolle Blatt in dem Buche der mecklenburgischen Geschichte -- den zahlreichen ritterschaftlichen Bauernstand seiner Rechte beraubten und die fast unbeschränkte Disposition über den durch die Arbeit des Bauern in Cultur gesetzten Grund und Boden gewannen. Der pure Eigennutz der Junker trat um so greller hervor, als sie in demselben Assecurationsreverse Artikel 29 ihren eigenen Grundbesitz durch 30jährige Verjährung vor aller Anfechtung sicher stellten, während der Bauer sich nicht einmal auf die unvordenkliche Verjährung berufen sollte. Diesem Widerspruche, welchen die Bauern ihren Herren vorwarfen, boten diese ohne Schaam

 

 

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die ritterliche Stirn mit dem hohnlachenden Worten: Ja, Bauer, das ist was anderes!

 

Dieser Eingriff in die geheiligten Rechte der Bauern konnte natürlich nicht ohne Mitwirkung des Landesherrn und der Städte, welche, repräsentirt durch ihre Bürgermeister, neben der Ritterschaft das Landstandschaftsrecht ausüben, bewerkstelligt werden. Aber die Geldverlegenheit des Fürsten ward auch hier wieder benutzt, um die Zustimmung desselben zu dem Willküract zu erreichen. Gegen Bewilligung von zehnmalhunderttausend Gulden zur Deckung seiner Schulden überlieferte der Fürst den Rittern die Bauern, und diese selbst mußten, da der Ritter steuerfrei war, in Gemeinschaft mit den Bürgern die Million, für welche sie verkauft wurden, aus ihren Taschen aufbringen. Die Bürgermeister in den Städten aber waren von jeher die gehorsamen Diener der Ritterschaft, sei es aus Kurzsichtigkeit, sei es aus Eigennutz. Jene betrachteten, zum großen materiellen Nachtheile ihrer Communen, die Conflikte der Ritter mit den Bauern als eine häusliche Angelegenheit ihres gefürchteten Mitstandes, in welche sie sich nicht zu mischen hätten. Die Bauern selbst waren damals so wenig, wie jetzt auf dem Landtage vertreten, und so mußte der Conflikt nothwendig zu ihren Ungunsten enden. Wie ganz anders entwickelten sich dagegen in der Mark Brandenburg zum ewigen Ruhme der Hohenzollern und der brandenburgischen Städte die Verhältnisse der Bauern! Auch dort ging das Bestreben der Ritterschaft dahin, die Bauern einzuziehen. Aber die Hohenzollern stützten sich seit dem Beginn ihrer Herrschaft auf den Bürger- und Bauernstand und brachen mit dessen Hülfe die Macht der Ritterschaft. Schon seit dem Anfange des 16. Jahrhunderts verhinderten sie durch wiederholte strenge Strafgesetze die Mehrbelastung der Bauerhöfe und das Einziehen derselben. Und die Städte stützten die Fürsten in ihren Bestrebungen für die Erhaltung des Bauernstandes, indem sie gegen die Absicht der Ritter, die Bauern einzuziehen, auf dem Landtäge feierlich protestirten, weil ihr Nahrungsstand darunter litte. --

 

 

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Die freie Verfügung über die Bauerhufen konnte aber den Rittern nichts helfen, wenn sie sich nicht zugleich der Person des Bauern versicherten. Die Arbeitskräfte des Hofgesindes reichten natürlich bei weitem nicht aus, um das durch das eingezogene Bauerngut vermehrte Hoffeld zu bestellen. Deshalb ward die Theorie, daß die Bauern an die Scholle gebunden seien und ungemessene Dienste zu leisten hätten, erfunden und zur praktischen Geltung gebracht. Während der Bauer sich für die Erblichkeit seines Rechtes an der von ihm bebauten Hufe auf den unvordenklichen Besitz berief, folgerte der Ritter gerade umgekehrt, daß der Bauer als Theil der Hufe zu betrachten sei. Die Anfänge der Leibeigenschaft und der damit verbundenen Verpflichtung zu Frohndiensten zwecks Bestellung des herrschaftlichen Ackers fallen in die Zeit, wo, wie wir vorhin gesehen, die Ritter das Schutzverhältniß, in welches ein Theil der Bauern sich zu seiner Sicherheit begab, zum Vorwande nahmen, um sich der Arbeitskräfte der Bauern in erhöhtem Maße zu bemächtigen. Aber die Leibeigenschaft war doch nur eine vereinzelte. Keinen Falls waren ursprünglich die eingewanderten deutschen Bauern derselben unterworfen und höchstens mögen die unterjochten und verachteten Slaven in einem solchen Verhältniß zu ihrem Grundherrn gestanden haben. Auch lag, so lange fast alles Grundeigenthum sich in den Händen der Bauern befand und der Ritter kein Hoffeld und keinen eigenen landwirthschaftlichen Betrieb hatte, kein Anlaß vor, die Bauern zu anderen Frohnden als Burgdiensten herbeizuziehen. Als aber die Ritter in Folge der angegebenen Ursachen sich dem Betriebe der Landwirthschaft für eigene Rechnung zuwendeten und die Hoffelder aus eingezogenen Bauerländereien errichteten, da bedurften sie der Frohndienste der Bauern zur Bestellung des Hoffeldes. Die Wirthschaft mit eigenen Arbeitern war damals den Rittern noch unbekannt. Der Bauer mußte die ihm geraubten und zu Hoffeld geschlagenen Ländereien mit Hand und Gespann selbst bestellen und die Früchte seiner Arbeit für seinen Herrn einernten. Die Herren zögerten nun

 

 

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nicht, von dem Artikel 16 einen umfassenden Gebrauch zu machen und mit Bauerngut ihr Hoffeld zu vergrößern. Noch mehr aber als der Artikel 16 der Reversalen wirkten die Verwüstungen des 30jährigen Krieges auf die Vergrößerung der Hoffelder. Ganze Dorfschaften wurden eingeäschert oder von den Besitzern verlassen und die Bevölkerung ward im Laufe des Krieges mehr als decimirt. Die herrenlosen Bauerhufen wurden entweder vom Fürsten in Besitz genommen oder den nächstbelegenen Ritterhöfen zugeschlagen. Auch andere Landgüter kamen in Folge des Krieges und der nach demselben massenhaft ausbrechenden Concurse in die Hände der größeren und reicheren Grundbesitzer. Auf diese Weise entstanden denn die großen Hofwirthschaften. Mit dem Wachsen der Höfe und der Verminderung der Bauern wuchsen aber gleichzeitig die Frohndienste der übrig bleibenden. Man suchte freilich hie und da durch Tagelöhner den durch den Krieg herbeigeführten Mangel an Arbeitskräften zu ersetzen. Aber dieselben genügten den vermehrten Anforderungen bei weitem nicht. Der Bauer ward deshalb bis zum äußersten Maß seiner Kräfte zur Bestellung der großen Hofäcker herangezogen.

 

Die den Bauern auferlegten harten Frohndienste hatten ihn thatsächlich bereits zum Leibeigenen seines Grundherrn gemacht. Aber auch die Gesetzgebung zögerte nicht, das, was thatsächlich schon bestand, zum formellen Recht zu erheben. Vor allem suchte sie die Gefahr zu beseitigen, daß der Bauer sich den Frohndiensten, die wegen des entstandenen Arbeitermangels einen erhöhten Werth erhalten hatten, durch die Flucht entzöge. Bereits in den Reversalen von 1621 ward verfügt, daß die in die herzoglichen Aemter ausgetretenen ritterschaftlichen Bauern ihren Herren wieder ausgeliefert werden sollten. Nachdem in den herzoglichen Verordnungen von 1633 und 1646 der Dienstzwang der Bauern, welcher nicht blos in dem Prügelrecht, sondern überhaupt in dem Rechte des Herrn bestand, die Dienste des Leibeigenen zu erzwingen und namentlich ihn aus der Fremde zu seiner ihn beherrschenden Scholle zurückzurufen, -- ausgesprochen war, ward

 

 

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in der Gesinde- und Tagelöhnerordnung von 1654 verordnet, daß die Bauersleute und Unterthanen sich ohne Vorwissen ihrer Obrigkeit nicht verloben oder verheirathen sollten, weil sie ihrer Herrschaft nach dem Landesgebrauch mit Knechtschaft und Leibeigenschaft sammt ihrem Weib und Kindern verwandt und daher ihrer Person selbst nicht mächtig seien; daß, da das heimliche Entlaufen der Unterthanen von Tag zu Tag mehr zunehme und solchem gottlosen, boshaftigen Wesen nicht länger zuzusehen sei, so sollten solche böse, meineidige Buben aus anderen Ländern wieder hereingebracht und mit Staupenschlage, nach Befinden mit Leib- und Lebensstrafen belegt werden.

 

So war denn“, wie Ernst Boll treffend hervorhebt, „die Sclavenkette geschmiedet, welche unsere Bauern bis vor wenigen Jahrzehnten zu schleppen hatten. Ihre Lage wurde nun so, wie Claudius dieselbe in dem „„Neujahrswunsch des lahmen Invaliden Görgel“" bezeichnet hat:

 

„„Gehn viele sehr gebückt, und welken
In Elend und in Müh,
Und andre zerren daran und melken,
Wie an dem lieben Vieh.

Und ist doch nicht zu defendiren
Und gar ein böser Brauch;
Die Bauern, gehn ja nicht auf Vieren,
Es sind doch Menschen auch.““

 

Sie hörten jetzt, von einem gewissen juristischen Standpunkte aus, in der That auf, als Menschen angesehen zu werden und wurden nur zu den Sachen gerechnet. Als solche durften sie mit dem Gute, welchem sie angehörten, verpfändet und verkauft werden, und ihr Loos war gesetzlich nur insofern günstiger als das der Negersclaven, daß es verboten war, sie einzeln, wie ein Stück Vieh, in öffentlicher Auction meistbietend zu verkaufen; unter der Hand geschah es aber nach der Versicherung des Mevius und Scharf (Mantze!), zweier Juristen, welche über die mecklenburgische Leibeigenschaft geschrieben haben, sehr gewöhnlich,

 

 

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daß man mit den Leibeigenen, wie mit Pferden und Kühen, Handel trieb. Sie waren fortan völlig besitzlos, denn die Hufe, das Gehöft und das Inventarium (Hofwehr) gehörten dem Grundherrn, und wenn auch grundsätzlich dasjenige, was der Bauer noch über die Hofwehr erwerben sollte, sein Eigenthum sein sollte, so wird man leicht ermessen können, auf welches Minimum dies zurückgeführt wurde, wenn man dabei erwägt, daß der Bauer verpflichtet war, nach eigenem Vermögen das ihm von seinem Herrn anvertraute Eigenthum im gehörigem Stande zu erhalten.“

 

Die Leibeigenschaft war schlimmer als die römische Sclaverei. Der Leibeigene verfiel der Scholle -- glebae adscribitur -- der römische Kriegsgefangene ward Sclave der Person. Dieser hatte seinen Herrn, der ihn ein für alle Mal freilassen konnte. Der Schollenbesitzer dagegen konnte dem Leibeigenen die Freiheit nur auf so lange geben, als er Grundherr war. Die Leibeigenschaft ergriff ihrer Entstehung nach die Familie, die römische Sclaverei nur die Person.

 

Die Dienste der Leibeigenen waren theils bestimmte, theils ungemessene. Die wesentlichen Beschränkungen der letzteren bestanden, wie der Jurist Tornow höchst gelehrt auseinandersetzt, für den Leibeigenen in der Möglichkeit, die verlangten Dienste zu leisten (ultra posse nemo obligatur), und in der Freilassung, für sich und die Seinigen den nothwendigen Lebensunterhalt zu erwerben, mindestens die Nachtruhe müsse ihm gelassen werden! Daß dem Bauern zum Theil kaum das nackte Leben gelassen ist, geht aus einer von dem Geschichtschreiber Klüver angestellten Berechnung über die Einnahmen und Ausgaben der Bauern hervor. Nach derselben wird die Einnahme aus einer Bauerhufe von 100 Scheffel Aussaat Rostocker Maß mit 20 Fuder auf 61 Thlr. 32 ß., die nothwendige Ausgabe aber, wobei die zu zahlende Contribution noch außer Anschlag bleibt und an Victualien nur 5 Thlr. für Häringe, Stockfische und Salz gerechnet werden, zu 63 Thlr. 40 ß. veranschlagt.

 

Rücksichtlich der bestimmten oder regelmäßigen Dienste, welche

 

 

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übrigens nicht überall gleichmäßig waren; ward angenommen, daß der Innehaber einer Hufe von der angegebenen Größe mit 4 Pferden, 2 Ochsen, 1 Knechte und 1 Dirne täglich zu Hofe dienen müsse. Ferien gab es für Gesunde nur an Sonn- und Festtagen. Die Ferien, welche sich bei Todesfällen und Geburten mißbräuchlich eingeschlichen hatten, wurden durch herzogliche Verordnungen wieder aufgehoben. Der die Bauern begünstigende Herzog Carl Leopold bestimmte, daß, wenn ein Hauswirth stirbt, die Wittwe und Kinder auf zwei Wochen von dem gewöhnlichen Hofdienste (jedoch mit Ausnahme der Ernte) befreit sein sollen; stirbt die Frau, so dauert die Dispensation nur eine Woche; stirbt aber ein Kind, so wird nur der Begräbnißtag freigegeben; kommt endlich die Frau ins Kindbett, so hat die Familie zwei freie Tage. Im Übrigen befreite nur Krankheit und Altersschwäche vom Dienste. Die Arbeitskraft der Frauen wurde aber noch länger ausgenutzt als die der alten Männer, indem man jene noch immer zum Spinnen von Heede verwenden konnte. Deshalb besingt denn auch die mecklenburgische Volkspoesie das Lob der Frauen mit den Worten:

 

'ne olde Frouw und 'ne olde Koh
de sind noch wortho; --
een olde Mann und 'n oldes Pierd,
de sind nichts mihr wierth!

 

Das Strafamt wider die im Dienste widersetzlichen und säumigen Bauern ward vom Herrn selbst ausgeübt: Er hatte das Recht, sie auszupeitschen und zu prügeln, sie einzustecken; auf den Esel zu setzen und sogar aus den Gehöften auszutreiben. Auch ein bei den Chinesen noch jetzt sehr beliebter Strafakt war nicht ungebräuchlich, das in die Ganten Legen; eine Art von Pranger, der sich dadurch charakterisirte, daß der Delinquent mit den Händen und Füßen in den Block gelegt und so zur Schau stellt ward.

 

Die so den Launen und der Willkür ihrer Herrn völlig preisgegebenen Bauern konnte das Gesetz, welches jede, tyrannische

 

 

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Behandlung der Leibeigenen verbot, kaum schützen. Juristen, wie Tornow, warnten noch dazu die Richter, den Klagen der Leibeigenen allzuleicht ihr Ohr zu leihen. „Aber wenn der Herr in der Bestrafung der Leibeigenen das Maaß überschreite, wenn er sie mit tödtlichen Waffen angreife, sie verwunde, sie zu hart körperlich züchtige, sie in scheußliche Gefängnisse sperre, sie strenger, als die Gerechtigkeit erlaube, bestrafe, ihre Frauen und Töchter nothzüchtige, oder andere ähnliche Exzesse begehe, -- dann müsse ihn allerdings eine Strafe treffen, obgleich die Strafe der Lehnsentziehung unzulässig erscheine.“

 

Nach einem noch vorhandenen Hufen- und Erbenverzeichniß existirten im Jahre 1628 in Mecklenburg, mit Ausschluß der Fürstenthümer Ratzeburg und Schwerin, mehr als 14,300 ritterschaftliche Bauern. Der Bericht des Engeren Ausschusses vom 17. September 1847 sagt zwar, daß dieser Hufencataster kein ganz zutreffender sei, weil derselbe nach dem Erachten des Engeren Ausschusses vom 7. September 1830 sich nur auf die Steuerverhältnisse und nicht auf die besetzten Hufen bezöge, deren sich oft mehrere in einer Hand befunden hätten, und weil die Hufenzahl in der Wirklichkeit eine geringere gewesen sei. Jener Bericht räumt aber selbst ein, es gehe doch so viel daraus hervor, daß die Zahl der damaligen Bauern sehr beträchtlich gewesen wäre. Die bereits erwähnte landschaftliche Erklärung vom Jahre 1821 und neuerdings der ministerielle „Norddeutsche Correspondent" veranschlagen die Zahl, der damaligen ritterschaftlichen Bauern auf mehr als 12,000. Nach dem „Norddeutschen Correspondenten“ von 1860 Nr. 184 waren mehr als 20 Jahre nach dem 30jährigen Kriege noch etwa 12,000 ritterschaftliche Bauerhufen vorhanden, woraus derselbe den Schluß zieht, daß die spätere erschreckliche Abnahme der Bauern durch Einziehung und nicht durch äußere Drangsale und Kriegsläufte herbeigeführt sei. Wir haben keinen Grund, die Richtigkeit dieser auf Actenstücke sich stützenden furchtbaren Anklage des Regierungsorgans wider die Ritter zu bezweifeln. Es ist allerdings richtig, daß

 

 

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der 30jährige Krieg die Zahl der Bauern in erheblicher Weise verringert hat. Aber ein Theil derselben wird schon im Jahre 1628 dahingerafft sein. Sodann ist zu beachten, daß der Krieg manche kriegslustige Leute von außen herbeizog, welche nach Beendigung desselben das Schwert mit dem Spaten vertauschten, daß die flüchtigen Bauern nach dem Frieden theilweise zurückkehrten und daß die Grundherren nach demselben alles gethan haben werden, um neue Arbeitskräfte wieder ins Land zu ziehen. Wir müssen immer festhalten, daß der Betrieb der Hofwirthschaft durch Tagelöhner den Rittern zu jener Zeit noch unbekannt war und daß diese Benutzungsart des Hofackers, wie die angezogene landschaftliche Erklärung sehr richtig bemerkt, dem Recht und der vaterländischen Verfassung, wonach der Grundherr das Gut nicht unmittelbar durch eigene Cultur, sondern nur mittelbar durch eigene Cultur benutzen konnte, entgegen war. Es lag daher damals auch gar nicht im Interesse der Grundherren, die Zahl der Bauern zu verringern, im Gegentheil, sie mußten darauf Bedacht nehmen, den durch den Krieg entstehenden Ausfall wieder zu decken, weil ohne die Bauern der Hofacker überall nicht bewirthschaftet werden konnte. Darum ward auch der ominöse Artikel 16 der Reversalen nicht dazu benutzt, die Bauern ganz zu vertreiben, sondern nur, ihnen einen Theil ihrer Aecker zu nehmen, um damit das Hoffeld zu vergrößern.

 

Ein entgegengesetztes Interesse aber hatten die Grundherren, als seit dem Anfange des 18. Jahrhunderts die verbesserte holsteinische Koppelwirthschaft, anstatt der bisherigen sogenannten Dreifelderwirthschaft, in Mecklenburg zur Geltung kam und dieselben zu der Erkenntniß gelangten, daß sie auch mit eigenen Arbeitern ihre Güter bewirthschaften konnten. Die Holsteinische Koppelwirthschaft, zuerst im Jahre 1700 durch den Oberforstmeister von der Lühe in Mecklenburg zur Anwendung gebracht, erhöhte den Ertrag des Grund und Bodens um das zwei- und dreifache des bisherigen Ertrages und ward hier im Laufe des 18. Jahrhunderts allgemein eingeführt. Dieser Fortschritt in der

 

 

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Ackerkultur war aber für die Bauern von verhängnißvoller Bedeutung. Durch den höheren Ertrag, welchen die neue Wirthschaftsmethode gewährte, ward die ritterliche Habsucht aufs äußerste angespornt, sich der Baueräcker zu bemächtigen. Die Bauern wurden nun auf Grund des Artikel 16 der Reversalen aus ihren Gehöften vertrieben, und diese wurden zum Hoffelde geschlagen, um damit dieses zu arrondiren und die erforderliche Größe für die Koppelschläge zu gewinnen. Entweder verlegte man die Bauern auf die schlechten Außenländereien, auch nach anderen Gütern, während die Frohndienste dieselben blieben, oder ihre Hufen wurden gänzlich eingezogen und sie selbst zu Tagelöhnern gemacht. Für die gänzliche Einziehung des Bauern und dessen Degradirung zum Tagelöhner kam der Kunstausdruck „Legung" oder quasi castratio auf. Diese Bezeichnung ward bildlich gebraucht. Wie man den Hengst zur castratio niederlegt, so legt man den Bauern, um durch quasi castratio einen Tägelöhner aus ihm zu machen. Vom Ende des 18. Jahrhunderts an nannte man dies Verfahren auch das „Abschlachten der Bauern“, ein Ausdruck, der zwar kein angenehmes Bild erweckt, aber die Brutalität und die rohe Willkür, mit welcher der Junker den Bauern gegenüber verfuhr, in treffender Weise bezeichnete. Die preußischen Junker mögen sich die wahre Bedeutung dieses Ausdrucks merken, den sie so oft in verkehrtem Sinne auf die ausgekauften Bauern in Preußen angewandt haben. Der preußische Bauer, welcher seine Hufe verkauft hat, ist dazu nicht gezwungen: er hat nur von dem ihm eingeräumten freien Verfügungsrecht Gebrauch gemacht, wenn er den offerirten Kaufpreis annahm. In Mecklenburg aber sind den Bauern ihre Hufen gewaltsam genommen, geraubt, kein Aequivalent ist ihnen dafür geboten. Das ist die wirkliche „Bauernschlächterei." Die Brüder der preußischen Junker, die mecklenburgischen Junker, das sind die wahren „Bauernschlächter!"

 

Nachdem in den 30er und 40er Jahren des 18. Jahrhunderts die Ritterschaft in ihren langjährigen Streitigkeiten mit dem Herzoge Carl Leopold mit Hülfe ihrer Intriguen in Wien und

 

 

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der Kaiserlichen Executionstruppen über den Herzog, der im Verein mit den Bauern die Ritterschaft bekriegte, triumphirt hatte, da fiel jeder Damm, welcher früher noch der praktischen Anwendung des Art. 16 entgegenstand. Die Legungen der Bauern geschahen so massenhaft, daß zur Zeit des Erbvergleichs von 1755 nur noch 4900 ritterschaftliche Bauern in Mecklenburg-Schwerin übrig blieben. Mehr als 7000 waren etwa in 50 Jahren abgeschlachtet und zu Tagelöhnern gemacht!

 

Jener Sieg des Feudalismus über die landesherrliche Macht ist für unsere gesammten staatlichen, insbesondere für unsere bäuerlichen Verhältnisse von entscheidendem Einfluß gewesen. Im übrigen Deutschland brach das monarchische System die Macht und die Vorrechte der kleinen Herren, wovon die Folge war, nicht allein, daß die Bauern von dem Untergange gerettet wurden, sondern auch, daß das Recht des Individuums zur Geltung kam und der Durchgangspunkt für den modernen Constitutionalismus geschaffen wurde. Umgekehrt hatte der Sieg des mecklenburgischen Junkerthums zur Folge, daß die Vorrechte desselben durch den Erbvergleich von 1755, in welchem die langen Streitigkeiten zwischen dem Landesherrn und den Ständen ihren Abschluß fanden, neu bekräftigt und die noch vorhandenen Bauern abermals ihren Unterdrückern wehrlos überliefert wurden.

 

Die Legungen der Bauern und die Einschreitungen Carl Leopolds zu deren Verhütung führten Differenzen herbei, welche durch das -Reichshofrathsconclusum vom 19. Oktober 1724 ihre Erledigung dahin erhielten, daß es, bei dem Artikel 16, der Reversalen das Bewenden behalte und die Gerichte angewiesen wurden, die Landbegüterten dem zuwider nicht zu beeinträchtigen. Verboten ward nur, daß Adelige und. Landbegüterte sofort eigenmächtig (propria authoritate et sine causae cognitione) die Bauern vertreiben und verstoßen. Diese in Beihalt der Reversalen. von 1621 gebildete Kaiserliche Entscheidung ist in den Erbvergleich von 1755 übergegangen und stimmt damit völlig überein. Außerdem wird in dem Erbvergleich das „landsittliche

 

 

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Eigenthumsrecht“ der Ritterschaft „über ihre Leibeigenen Gutsunterthanen und deren innehabendes Ackerwerk und Gehöfte" ausdrücklich anerkannt. Nur die eine Beschränkung wird hinzugefügt, daß die gänzliche Niederlegung der Dörfer und Bauernschaften aus welcher Verarmung und Verminderung der Unterthanen entsteht, ohne Vorwissen des Engeren Ausschusses und ohne Genehmigung des Landesherrn verboten sein soll. Ein in dem ersten Vergleichsplan enthaltener Zusatz, wonach jene Beschränkung auch „auf mehrere Hufen- und Hofstellen“ Anwendung finden soll, ward weggelassen.

 

Der 7jährige Krieg, der durch die Fälschungen der Münzen, deren Gehalt um hundert, ja theilweise um mehrere hundert Procent zu gering war, entstehende Verlust, die Calamität einer Viehseuche und der Luxus der Grundbesitzer stürzten diese dermaßen in Schulden, daß im Jahre 1768 ein Landesindult verkündigt ward. Um ihren zerrütteten Vermögensumständen wieder aufzuhelfen, mußten die Bauern herhalten. „Gemeiniglich haben diejenigen“ -- so heißt es in einem Bericht des im Jahre 1756 zur Regierung gelangten Herzogs Friedrich an den Kaiser -- „welche ihr Dorf oder ihre Bauerschaften gänzlich niederlegen, sich schon so tief in Schulden gesetzt, daß sie sich nicht mehr halten können, wofern sie nicht den unter ihnen stehenden Bauern das Brod nehmen.“ Deshalb suchten die Junker die ihnen lästige Beschränkung des Erbvergleichs durch Interpretation zu beseitigen, indem sie die betreffende Bestimmung ganz willkürlich dahin auslegten, daß nur dann die Legung von ganzen Dörfern verboten sei, wenn Verarmung oder Verminderung der Unterthanen daraus entstehe. Nach Schlözer's Staatsanzeiger wurden von Zeit des Abschlusses des Erbvergleichs bis zum 31. Dezember 1782 49 Dörfer mit 165 Bauern, wider die Bestimmung im Erbvergleich gelegt. Endlich ging der Herzog Friedrich mit fiscalischen Klagen wider die Uebertreter hervor und erwiderte im Jahre 1778 auf eine Beschwerde des Engeren Ausschusses, welcher eine authentische Interpretation der

 

 

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betreffenden Gesetzesstelle nachsuchte, daß es derselben nicht bedürfe, weil die streitigen Worte „aus welcher Verarmung und Verminderung der Unterthanen entsteht“ nicht eine Bedingung enthielten, sondern nur erklärend hinzugefügt seien. Der Reichshofrath, bei welchem die Stände sich darauf beschwerten, bestätigte die landesherrliche Entscheidung.

 

Aber die Ritter wußten trotz dieser Entscheidung die beschränkende Bestimmung des Erbvergleichs zu umgehen. Anstatt ein ganzes Dorf auf einmal zu legen, legte man in jedem Jahre einzelne Bauern und erreichte so allmälig seinen Zweck. Die öffentliche Meinung ward in Schriften zu Gunsten der Bauerlegungen bearbeitet und man suchte, die Vortheile der Legung ganzer Dörfer nicht allein für den Staat und Eigenthümer, sondern sogar für den Bauern, der allerdings nicht viel mehr zu verlieren hatte, vom wirthschaftlichen Standpunkte aus nachzuweisen. In dieser Beziehung zeichnete sich besonders ein Pastor Tiburtius aus, der seinen geistlichen Brüdern in den nordamerikanischen Südstaaten, welche die Nothwendigkeit der Sclaverei mit Bibelstellen vertheidigen, als wackeres Vorbild empfohlen werden kann. Nachdem er die Vortheile der Bauernlegungen aufgezählt hat, fügt er hinzu, es bemächtige sich der Bauern bei ihrer unfreiwilligen Verwandelung in Tagelöhner zwar eine, große Niedergeschlagenheit aber das käme nur von der Neuheit der Lage, sie würden es bald gewohnt etc.

 

Wenn in der ersten Zeit nach dem 7jährigen Kriege die Grundherren vorzugsweise durch die Noth zur Einziehung ihrer Bauern bestimmt wurden, so war es später die reine Gewinnsucht, welche sie zu diesem Schritte veranlaßte. Die Calamität, in welcher sie sich nach dem 7jährigen Kriege befanden, dauerte bis zu den Jahren 1775 und 1776, in welchem Zeitraum nicht weniger als der achte Theil aller Güter in Concurs gerieth. Von da an aber trat namentlich in Folge mehrerer guten Ernten, der Aufhebung des Indults, durch welchen aller Credit aufgehört hatte, des amerikanischen Krieges, welcher eine große Nachfrage nach

 

 

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Korn, Holz und Tabak schuf, und des immermehr in Aufnahme kommenden Kartoffelbaues, bei dem man viel Korn, was sonst für den eigenen Haushalt verwendet wurde, für den Verkauf ersparte, eine bessere Periode ein. Nach der französischen Revolution erreichten die Güterpreise eine fabelhafte Höhe. Der Brotmangel in Frankreich und die Nachfrage nach Korn in England hatte ein ansehnliches Steigen der Preise desselben veranlaßt. Geld strömte vom Auslande herbei, um in mecklenburgischen Landgütern angelegt zu werden. Namentlich sandten die zahlreichen nach Hamburg geflüchteten Franzosen und Holländer ihre großen Kapitalien nach Mecklenburg, um gegen Hypothek in ritterschaftlichen Gütern untergebracht zu werden. Das dadurch hervorgerufene Sinken des Zinsfußes und das Steigen der Kornpreise lockte die Spekulation an und diese trieb die Güter weit über ihren wahren Werth in die Höh. Es trat für Mecklenburg eine Zeit ein, welche dem Lawschen Schwindel in Frankreich in mancher Beziehung ähnlich war. In kurzer Zeit wechselten die Güter mehrmals ihre Besitzer und die Spekulanten gewannen oft in wenigen Tagen durch Kauf und Verkauf von Gütern fabelhafte Summen. Dieser Schwindel kam aber den armen Bauern theuer zu stehen. Sie wurden massenhaft gelegt, um höhere Preise aus den Gütern zu erzielen. Die Zahl der ritterschaftlichen Bauern, welche zur Zeit des Abschlusses des Erbvergleichs, wie angegeben, noch 4900 betrug, war im Jahre 1794 im Schwerinschen auf 2490 und mit Ausschluß der Bauern in den Klostergütern, den Kämmerei- und Oekonomiegütern und den rostocker Distriktsgütern auf 1953 zusammengeschmolzen. In dem kurzen Zeitraum von 1797 bis 1800 wurden 125 Bauerstellen vom Erdboden weggefegt. Im Strelitzschen existirten im Jahre 1798 nur noch 155 ritterschaftliche Bauern: „Nicht eine Schlacht, ein Schlachten war's zu nennen."

 

Unparteiische Zeitgenossen, deren Urtheile in Boll's Geschichte sorgfältig zusammengestellt sind, entwerfen ein schauerliches Bild von der Lage, in welcher sich die Bauern in der zweiten Hälfte des vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts befanden.

 

 

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von Engel, selbst ein mecklenburgischer adeliger Grundbesitzer, aber ein Aristokrat im besten Sinne des Worts, theilt in einer im Jahre 1783 veröffentlichten Schrift den Brief eines hannöverschen Kammer- und Finanzraths von K. mit, in welchem dieser sich beklagt, daß die Landwirthe in Mecklenburg ihren Bauern und Unterthanen zu viele Vortheile einräumten. Kein vernünftiger Mensch könne bezweifeln, daß die Unterthanen der Herren wegen da wären. Deshalb genüge es, wenn sie so viel hätten, als zur Erhaltung des Lebens, um ihnen die schuldigen Dienste zu leisten, unentbehrlich nothwendig sei. Denn hätten sie ein Mehreres, so würden sie frech und übermüthig. Was brauchten die Unterthanen weiter, als ein Stück grobes Brot, eine Kerbe gesalzenen Häring, Kartoffeln, Kohl und was etwa ein kleiner Garten sonst hervorbringe? Könnten sie sich dabei nur einiger Maßen mit einem alten Kleide bedecken, so wären sie hinlänglich versorgt. Herr von Engel bemerkt dagegen, daß der Herr Kammerrath sich irre, wenn er die zu große Nachsicht gegen Bauern und Unterthanen einen allgemeinen Fehler der mecklenburgischen Landwirthe nenne, gerade das Gegentheil sei der Fall, in den meisten Orten würde zu hart gegen dieselben verfahren. Das von ihm aufgestellte Princip, daß Unterthanen oder der gemeine Mann blos der Reichen und Begüterten wegen da seien und nur ein Stück schwarzes Brod beanspruchen dürften, wäre so ausschweifend, so abscheulich, daß es der Menschheit zur Schande gereiche, wenn es Menschen gäbe, die es hegten. „Aber leider, dieser Mann ist nicht der einzige solcher Art; ihm gleichen mehrere in und außer unserem Vaterlande.“

 

von Langermann, auch ein mecklenburgischer Gutsbesiter und Edelmann von ächtem Schrot und Korn, bezeugt in seiner im Jahre 1786 erschienenen Schrift: „Versuch über Verbesserung des Nahrungszustandes in Mecklenburg“ die kümmerliche Lage der ritterschaftlichen Bauern und Tagelöhner und bemerkt sodann: „Manche gestrenge Herren mögen nur deshalb abgeneigt sein, ihren Leibeigenen Freiheit und Eigenthum zu verleihen, weil

 

 

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sie mit dieser einzigen Handlung der Großmuth und Menschenliebe für immer die Gewalt verlieren würden, mit veziermäßiger Willkür über menschliche Rücken zu gebieten.“

 

Am schlimmsten haben es nach von Engel die Bauern bei den ritterschaftlichen Pächtern gehabt. Der Pächter, welchem die Dienste der Bauern verschrieben wären, kümmere sich nicht darum, ob der Bauer, seine Frau, sein Knecht, seine Magd, sein Pferd, sein Ochs krank sei, ob er durch irgend einen unverschuldeten Unglücksfall in seiner eigenen Wirthschaft zurückkomme. „Der Hofdienst ", so habe der Pächter raisonnirt, „ist mir in Anschlag zur Pacht gebracht und zu dem Ende, um sie zahlen zu können, verschrieben, folglich muß ich ihn haben; geht der Bauer darüber zu Grunde, so muß der Gutsherr ihm wieder aufhelfen." Doch noch auf eine andere Art würde der Bauer vom Pächter hart mitgenommen. Er müsse das Korn nach entlegenen Städten verfahren, weil es daselbst ein oder zwei Schillinge mehr gelte, als in der Nähe, wodurch sein Vieh ausgemergelt, Victualien, insonderheit das Fleisch doppelt consumirt, das Geld, welches er dem Knecht auf die Reise geben müsse, verzehrt und mit dem Futter der Dünger verschleppt würde. Die Hofdienste würden vom Pächter aufs Aeußerste ausgebeutet. „Ich will z. B. einen Fall merken, der mir an mehr als einem Orte vorgekommen ist. Der Pächter soll nämlich nach seinem Contrakte die ganze Ernte hindurch vom Bauern vier Menschen zum Dienst haben, und überdem noch den fünften zum Hungerharken und Aufhocken. Die Leute muß ihm der Bauer schicken, das Wetter sei zur Ernte bequem oder es regne, so lange als noch eine Garbe draußen ist. Es finden sich regnichte Tage, da der Pächter sie nicht einmal nützlich brauchen kann, aber auch das hindert nicht, die Leute müssen kommen, wie sehr er gleich mühsam darauf raffiniren muß, um eine Arbeit ausfindig zu machen, wo er sie anstellen kann. Doch auch dieses möchte gewissermaßen noch zu entschuldigen sein. Wenn aber, um den starken Hofdienst so viel länger auf andere Art zu nutzen, der Schluß der Ernte mit Bedacht verzögert

 

 

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wird, und man etwas weniges vom Getreide zu dem Ende draußen stehen läßt, so ist's, muß ich sagen, ein wahrer Gräuel.“ Hierauf schildert der humane Verfasser das Loos der ländlichen Arbeiter und hebt namentlich hervor, daß dieselben, wenn sie der Pächter braucht, einen bestimmten Tagelohn erhalten, daß sie aber, obwohl der Pächter sie nicht zu aller Zeit in seiner Arbeit nöthig habe, sich dennoch jeden Tag bereit halten müssen, dazu, so oft sie gefordert werden, zu erscheinen. „Ich habe mit eigenen Augen gesehen, daß Tagelöhner in der Ernte, da es regnicht Wetter war und der Pächter sie still sitzen ließ, aus Noth gedrungen auswärts Arbeit suchten, von dem Schließvogte gepeitscht wurden, weil sie an einem guten Tage nicht den Augenblick nach dem Befehl des Pächters in seine Arbeit traten. Ihre Einwendung, daß sie solchergestalt verhungern müßten, weil sie nur dann und wann zur Arbeit angesagt würden, half nichts; sie wurden bei Strafe von Karrenschieben verurtheilt, beim Pächter in Arbeit zu gehen, wie oft oder selten er sie dazu gebrauchte.“ Dies Schauergemälde, welches noch dadurch zu vervollständigen ist, daß dem Pächter auch contraktlich der „Dienstzwang mit Stock und Peitsche“ eingeräumt ward, ist, wie von Engel bemerkt, nur obenhin und in wenigen Zügen entworfen und nicht blos von Pächtern entlehnt. „Nein, auch mehr als ein Eigenthümer wird sein Contrefait darin finden.“

 

Der unerträglichen Tyrannei der Grundherren suchten sich manche Bauern durch Auswanderung zu entziehen. In der „Meckenburgischen Monatsschrift“ von 1794 wird mitgetheilt, daß die Bauern nicht gewagt hätten, den höheren Schutz wider gewissenlose Herren anzurufen, weil sie befürchtet; daß sie nachher noch ärger tyrannisirt werden möchten, sie „wählen lieber die Flucht, fahren wohl gar mit Pferd und Wagen, Frau und Kindern, Sack und Pack zum Lande hinaus und lassen ihrem ungnädigen Herrn das leere Nest.“ Schon viel früher hatten die Auswanderungen ihren Anfang genommen. Wir haben bereits auf das Auswanderungsverbot von 1654 hingewiesen. Die Auswanderungen erfolgten

 

 

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namentlich nach dem russischen Gouvernement Astrachan.

 

Einfügung:

Gerhard Bonwetsch [Oberlehrer in Berlin-Dahlem, Dr.], Geschichte der deutschen Kolonien an der Wolga. [Schriften des Deutschen Auslands-Instituts Stuttgart, hgb. von Walter Goetz und Julius Ziehen. 2] Stuttgart, J. Engelhorns Nachf., 1919. 132 S. 8°. M 3,20

mit folgenden Hauptabschnitten:

1. die Gründung der Wolgakolonien 1762 bis 1796

2. die Blütezeit 1797 bis 1845

3. die Zeit der großen Aussiedlung 1846 bis 1870

4. der Niedergang

 

Dieselben fanden in einem so großartigen Maßstabe statt, daß in den Jahren 1760, und 1763 wiederum scharfe Verbote erlassen wurden. Durch jene Verordnungen wurde urkundlich bestätigt, daß nicht nur „Lediglose, sondern auch sogar ganze leibeigene Familien, die doch nach unserem Landesrechte ihrer Leiber nicht mächtig sind, selbst mit der ihnen zuständigen Hofwehr sich ihren Herrschaften entzögen und heimlich entwichen, mithin, dafern diesem Unwesen nicht auf das Nachdrücklichste gesteuert würde, eine Entvölkerung unserer ohnehin von Menschen sehr entblößten Lande und die Zugrunderichtung aller Landbegüterten zu besorgen wäre.“

 

Der tiefste sittliche Verfall war die nothwendige Folge dieser Zustände. „Hört man nicht allenthalben“, so heißt es in den „Strelitzschen nützlichen Anzeigen“ vom Jahre 1765, „die bittersten Klagen über die Bosheit und nicht menschliche Denkungsart des Gesindes, der Unterthanen und anderer gemeinen Leute? Findet man bei dem größten Theile dieser Leute wohl eine Empfindung von der Religion, insoweit dieselbe im Innern und nicht in einigen äußerlichen Uebungen besteht, von Redlichkeit, von Treue, von Gewissenhaftigkeit, von Dankbarkeit, von Vergebung erlittenen Unrechts u. s. w.? Woher kommt diese wahre Brutalität, welche bei uns unter dem gemeinen Volke herrscht? Der Engländer Rugent, welcher Mecklenburg im Jahre 1766 bereist hat, referirt in seinen „Reisen“ ein Gespräch, welches er mit einem mecklenburgischen Gutsbesitzer, dem Hauptmann von der Kettenburg, geführt hatte. Unter den Gründen, welche dieser zu Gunsten der Leibeigenschaft anführte, war auch der: „das gemeine Volk wäre wenig besser, als wilde Thiere, deren Wuth man, wenn sie gleich in Fesseln und Ketten lägen, solange fürchten müsse, als sie noch knurrten und in ihre Ketten bissen, damit sie den Vorübergehenden nicht schaden könnten.“ In einer Schrift von Eggers „Gegenwärtige Beschaffenheit der Leibeigenschaft“ von 1784 wird die vernachlässigte Erziehung der Kinder der leibeigenen

 

 

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Unterthanen gerügt, „denn wer kümmert sich um Menschen, denen man nur einen geringen Grad über die unvernünftigen Geschöpfe einräumte? Funck spricht in einer im Jahre 1811 veröffentlichten Schrift „Mecklenburgs Regeneration“ von der schlechten Bevölkerung Mecklenburgs, der Armseligkeit, stumpfsinnigen Rohheit und Apathie seiner arbeitenden Klasse, vorzüglich der niedern Landleute. „Mecklenburg gleicht in vielen Stücken den schlechtesten Provinzen der cultivirten Erde. Mecklenburg, wahrlich ein herrlicher Strich Landes, ist weit schlechter bevölkert, als die Sandschollen der Mark Brandenburg -- und dennoch aus was für Menschen besteht der größte Theil dieser wenigen? Aus unmuthigen Leibeigenen, hungrigen Tagelöhnern, elenden Kossaten, wenigen ausgemergelten Bauern, und aus Handwerkern, von denen der hundertste wohlhabend ist.“ Karsten, Professor der Landwirthschaft in Rostock, schrieb im schwerinschen Kalender auf das Jahr 1816: „Der sogenannte gemeine Mann, der ohne Bildung, nicht viel besser, wie die Thiere, mit denen er umgeht aufgewachsen ist, gehorcht nur der Sclavenpeitsche seines Gebieters, und so lange er im Drucke der Armuth ist, schmiegt er sich und kriecht zu den Füßen seines Zuchtmeisters, sowie der Hund nach empfangenen Prügeln die Hand leckt, die ihn mißhandelte. Boshafter und tückischer wie dieser, wird er dann mit hämischer Freude jede Gelegenheit ergreifen, seinem Herrn zu schaden, wo er es ungestraft thun kann. Gebt aber diesem Menschen besseres Auskommen und Wohlstand, so wird er widerspänstig, trotzig, verwegen, faul; will man ihn durch Zwangsmittel bändigen, so widerstrebt er, denn das Gefühl von Pflicht ist in ihm ertödtet, und die Sprache des Gewissens kennt er nicht, er wird öffentlicher Ruhestörer, Empörer!“

 

Der Dichter Johann Heinrich Voß, bekanntlich ein Mecklenburger von Geburt, dessen Großvater ein Freigelassener und dessen Vetter noch leibeigen unter den Maltzanen zu Grubenhagen war, hatte in dem mecklenburgischen Gute Ankershagen das schreckliche Loos der ritterschaftlichen Bauern und Tagelöhner kennen gelernt. Seinem Zorn darüber gab er in dem im Göttinger

 

 

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Musenalmanach von 1794 erschienenen Gedicht „Die Leibeigenen“ Ausdruck. Wir entnehmen demselben folgende charakteristische Stelle:

 

Was, noch Treue verlangt der unbarmherzige Frohnherr?
Der mit Diensten des Rechts (sei Gott es geklagt) und der Willkür
Uns wie die Pferde abquält, und, kaum wie die Pferde beköstigt?
Der, wenn darbend ein Mann für Weib und Kinderchen Brodkorn
Heischt vom belasteten Speicher, ihn erst mit dem Prügel bewillkommt,
Dann aus gestrichenem Maß einschüttet den kärglichen Vorschuß?
Der auch des bittersten Mangels Befriedigung, welche der Pfarrer
Selbst nicht Diebstahl nennt, in barbarischen Marterkammern
Züchtiget und an Geschrei und Angstgebärden sich kitzelt?
Der die Mädchen des Dorfes mißbraucht, und die Knaben wie Lastvieh
Auferzöge, wenn nicht sich erbarmten Pfarrer und Küster?“

 

Außerdem machte Voß den Gutsbesitzern den Vorwurf, daß sie betriebsame Bauern, die ihre Hufe verbessert, von dieser ab auf eine schlechtere setzten, um auch diese in bessere Cultur zu bringen, sowie daß sie ihre Leibeigenen als Rekruten an die Franzosen verkauft hätten!

 

Der große preußische Staatsmann von Stein, welcher eine Geschäftsreise nach Mecklenburg gemacht hatte, fällte in einem Schreiben vom 2. April 1802 über die Bauernlegungen den charakteristischen Ausspruch, den wir als Motto, unserer Schrift vorangesetzt haben. Wir reihen daran den Ausspruch Ernst Moritz Arndt's, der mit den Zuständen in Mecklenburg, wie sie zu der geschilderten Zeit waren, aus eigener Anschauung bekannt, in einem über Mecklenburg in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" vom 29. Mai 1858 veröffentlichten Aufsatze von dem „schaurigen, ja schauderhaften Zustande“ dieses Landes redet, „worin man die letzten Reste des Gottlob meist entfeudalisirten Deutschland zu jammervoll erblicken kann.“

 

Dem Güterschwindel in den neunziger Jahren folgte die naturgemäße Reaction im Anfange dieses Jahrhunderts. In den Jahren 1798 und 1800 waren Mißernten, und Mecklenburg mußte Korn vom Auslande kaufen. Die fremden Kapitalien

 

 

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zogen sich aus dem Lande zurück. In Folge davon trat Geldmangel und ein erhebliches Sinken der Güterpreise ein. Die wiederholten Mißernten der Jahre 1803--1806 und der nachfolgende Krieg, der die Occupation des Landes durch die Franzosen, die Contributionen und die Continentalsperre zur Folge hatte, vervollständigten die Krisis und brachten unsere großen landwirthschaftlichen Fabriken um allen Credit. Die Concurse nahmen wieder überhand und unsere gesetzgeberischen Autokraten griffen abermals, um den Verlust von sich auf die Gläubiger zu wälzen, zu dem beliebten Mittel der Indulte, von denen der erste von 1806 bis 1808 und ein zweiter von 1812 bis 1828 dauerte. Die übermäßigen Bauernlegungen in den neunziger Jahren veranlaßten den Herzog Friedrich Franz, welcher schon im Jahre 1785 ein Verbot wider das Verpachten von Bauerngehöften an freie Leute erlassen hätte, zu dem Bescheide, daß Bitten um Legungen von Bauerschaften nicht mehr angenommen werden sollten. Dagegen ward von jeder beabsichtigten Niederlegung einzelner Bauern vorherige Anzeige verlangt und für die Niederlegungen überhaupt der Grundsatz aufgestellt, daß in jedem Dorfe höchstens die Hälfte der zur Zeit der Landesvermessung vorhandenen Bauern gelegt werden dürfe, daß allemal die drei größeren Bauern zu conserviren und daß die Nachbleibenden ganz unverändert in ihrem Besitze und in ihren Leistungen zu erhalten seien. Wirklich erlitten auch die Legungen in den folgenden Jahren einen Stillstand. Aber die Durchführung der herzoglichen Verfügungen ward wieder aufgegeben, als Regierung und Stände durch den Krieg in die größte Bedrängniß geriethen. Der Vernichtungskampf der Ritter wider die Bauern begann aufs Neue, und selbst die Freiheitskriege, in welchen auch der Bauer Gut und Blut für die Befreiung des Vaterlandes von fremdem Joche opferte, thaten demselben keinen Einhalt. Von 1801 bis 1813 wurden 125 Bauern und eine gleiche Anzahl von da bis 1823 abgeschlachtet.

 

Die Aufhebung der Leibeigenschaft ward im Jahre 1808,

 

 

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nachdem Preußen im Jahre vorher damit vorangegangen war, von dem Herzoge Friedrich Franz beantragt, die Stände aber schwiegen dazu. Im Jahre 1813, sicherte der Herzog allen denjenigen Leibeigenen, welche sich am Freiheitskampfe betheiligen würden, die Befreiung von der Leibeigenschaft zu. Der fürstlichen Zusicherung ward aber nicht allemal Folge geleistet. Ein Leibeigner, der drei Feldzüge mitgemacht hatte, und im Jahre 1818 aus der Garde entlassen und in sein Heimathsdorf zurückgekehrt war, wurde, trotz jener Zusicherung, von seinem Gutsherrn in der Nähe Rostock's als Leibeigener behandelt, und da er hiergegen keinen Schutz erlangen konnte, so ward er flüchtig und siedelte sich in Rügen an. Im Jahre 1815 stellte die Landschaft einen energischen Antrag auf Aufhebung dieser mittelalterlichen Barbarei. „Ist es noch länger zu dulden, daß der Mensch als Lastthier zur ungemessenen Frohnde verhandelt werde?" lautete die an die Ritterschaft gerichtete Frage. Aber erst auf dem Landtage von 1819 wurde die Aufhebung der Leibeigenschaft beschlossen, und das betreffende Gesetz ward im Schwerinschen am 18. Januar und im Strelitzschen am 22. Februar 1820 publicirt. Man würde indeß sehr irren, wenn man die Zustimmung der Ritterschaft zu der Aufhebung der Leibeigenschaft aus irgend welchen Humanitäts-Rücksichten erklären wollte. Es war das eigene Interesse, welches endlich die Ritterschaft zu dieser anscheinend humanen Maßregel bestimmte. Die Bevölkerung von Mecklenburg-Schwerin hatte sich nämlich, besonders in Folge der wohlfeileren und ergiebigeren Gewinnung der Nahrungsstoffe, von 1800 bis 1825 von 265000 auf 417000 Köpfe vermehrt. Einer so beträchtlichen Volksvermehrung entsprachen aber die wirthschaftlichen Verhältnisse des Landes nicht: die Nachfrage nach Arbeitskraft war nicht im Verhältniß, zu dem vermehrten Angebot derselben gewachsen. Es lag daher den Gutsherren daran, sich, der überschüssigen Arbeitskraft zu entledigen. Dies erreichten sie durch das Gesetz über die Aufhebung der Leibeigenschaft, welches die Kündbarkeit des Tagelöhners einführte. In Folge zweier reichen Ernten der Jahre

 

 

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1819 und 1820 und in Folge der englischen Kornscala standen die Kornpreise mehrere Jahre so niedrig, daß sie kaum die Kosten der Produktion deckten. Deshalb machten die Gutsherren von dem ihnen eingeräumten Kündigungsrecht einen massenhaften Gebrauch. Ein großer Theil der ritterschaftlichen Insassen ward auf diese Weise. entweder dem Domanium zugeschoben oder, wenn dieselben anderswo kein Unterkommen finden konnten, der Bestimmung des §. 12 des neuen Gesetzes gemäß aus ihren Wohnungen gerichtlich hinausgeworfen und mit den Ihrigen und ihrer Habe als Heimathlose in das Landarbeitshaus abgeführt. Ganz wohlhabende und arbeitsfähige Familien wanderten wegen Mangels an Wohnung dahin. Das Landarbeitshaus ward in dem Maße mit Heimathlosen bevölkert, daß der erwähnte §. 12. welcher nicht blos auf die vormaligen Leibeigenen, sondern auch auf die schon vor dem Gesetze freien Leute angewendet ward, so lange suspendirt werden mußte, bis ein neues Gesetz erlassen ward, welches den Gutsherren die Verpflichtung auferlegte, den Ausgeworfenen ein Obdach und Tagelöhnerarbeit gegen verhältnißmäßigen Lohn zu gewähren. Die Abführung ins Landarbeitshaus sollte fortan nur dann geschehen, wenn das „Individuum“ dreimal die angesagte Arbeit verweigert, oder dasselbe selbst oder seine Kinder bettelnd betroffen würden. Die Gutsherren müssen einen sonderbaren Begriff von Obdach gehabt haben, denn die Gesetzgebung sah sich nach einigen Jahren genöthigt, zu verordnen, daß das Obdach, da es Schutz gegen die Witterung gewähren soll, mindestens mit einem angemessenen Heerde und Ofen versehen sein müsse. Um aber nicht in den Ruf allzugroßer Liberalität zu kommen, wird sofort vom Gesetzgeber hinzugefügt, daß die Ortsobrigkeit für das zu gewährende Obdach bestimmte Arbeit verlangen könne. Die der Gutsherrschaft auferlegte Verpflichtung zur Armenversorgung hatte aber wieder zur Folge, daß der gekündigte Tagelöhner nirgend anders Arbeit und Unterkommen fand und thatsächlich an die Scholle gefesselt blieb. Der Leibeigene hatte ein Recht auf Arbeit und Unterhalt Seitens des Herrn. Der Freigelassene erhielt

 

 

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nur ein Recht auf Obdach und auf das Landarbeitshaus. Mit der Einführung der Kündigung hätte dem Tagelöhner als Aequivalent, für sein verlorenes Recht auf Arbeit, die Freizügigkeit, die Erweiterung der Erwerbsrechte und die Möglichkeit der Gewinnung von Grund und Boden zugestanden werden müssen. Man gab ihm die Freiheit, aber nicht die Möglichkeit sich zu ernähren, wenn das Band zwischen ihm und seinem Herrn gelöst wurde. Auf diese Weise gerieth er in eine viel größere Abhängigkeit von seinem Herrn, als dies je zuvor der Fall war. Die Leibeigenschaft hörte auf, aber die Heimathlosigkeit, den Armenkaten, das Exil und das Landarbeitshaus tauschte der Freigelassene dafür ein.

 

Das Gesetz wegen Aufhebung der Leibeigenschaft hielt im Allgemeinen die Bestimmungen des Erbvergleichs in Betreff der ritterschaftlichen Bauerhöfe aufrecht, nur daß auch den Bauern die Kündigungsbefugniß eingeräumt und daß für die Kündigung der Bauern durch die Gutsherren eine einjährige Frist gesetzt ward, reservirte aber am Schlusse eine Vorlage über die Regulirung der gesammten Bauernverhältnisse, welche durch eine fördersamst einzuberufende ständische Deputation vorbereitet und zur ständischen Beschlußnahme auf dem nächsten Landtage gestellt werden sollte. Die noch vorhandenen ritterschaftlichen Bauern hofften, daß nunmehr ihnen eine gesicherte und von der Willkür ihrer Grundherren unabhängige Stellung in Aussicht stände. Aber wie bitter wurden sie in ihren Hoffnungen getäuscht!

 

Noch im Jahre 1820 wurde die Einleitung zur Bearbeitung des wichtigen Gegenstandes getroffen und im Jahre 1821 beginnen die Verhandlungen darüber zwischen den großherzoglichen Commissarien und den ständischen Deputirten. Die Landschaft befürwortete aus Rücksicht auf die Nahrung der Städte die Nothwendigkeit der Selbstständigkeit eines möglichst zahlreichen und wohlhabenden Bauernstandes. Die Ritterschaft aber, getreu ihrem von jeher eingenommenen egoistischen Standpunkte, war nur darauf bedacht, die Bestimmungen des Erbvergleichs aufrecht zu erhalten, um auch die noch übrig gebliebenen Bauerhöfe einziehen

 

 

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zu können. Wenn sie keine Schwierigkeiten dagegen erhob, daß die freigewordenen Bauern, insoweit sie nicht gänzlich gelegt werden sollten, sogar zu Erbzinsleuten gemacht würden, so lag der Grund davon in der Absicht, zu ihrer Entschädigung dafür die Stellen möglichst klein einzurichten. Die Regierung hielt an den schon früher aufgestellten Principien fest und suchte außerdem einige Concessionen für die Bauern zu erreichen, namentlich, daß, was hie und da schon ausnahmsweise geschehen war, die Frohndienste der Bauern aufgehoben und nach angemessener Taxe in Geldpacht verwandelt würden. Die vollständige Beseitigung des in den Erbvergleich übergegangenen Artikel 16 der Reversalen ward nicht einmal proponirt. Aber selbst diese geringen Zugeständnisse, welche die Regierung von den Rittern für die Bauern verlangte, wurden verweigert. Die Verhandlungen führten zu keinem Ergebniß.

 

Im Jahre 1822 wurde aufs Neue eine ständische Deputation zwecks Erledigung dieser Sache nach Doberan gerufen. Aber nur mit Strelitz kam eine Einigung zu Stande, deren Ergebniß durch Gesetz vom 10. December 1824 publicirt ward. Freilich war in Strelitz die Zahl der ritterschaftlichen Bauern bereits auf 47 zusammengeschrumpft; wenigstens zählt der strelitzsche Staatskalender nur 11 Bauern, 31 Erbpachtbauern und 5 Kossaten auf. Die schwerinsche Ritterschaft aber blieb hartnäckig. Ein Bericht der Regierung an den Großherzog vom 27. November 1824 beleuchtet das Benehmen derselben in folgender Weise: „Umso unerwarteter ist es den Unterzeichneten gewesen, zu sehen, wie die Ritterschaft, welche Ew. K. H. Nachsicht und Gnade nur mit Dank erkennen sollte, immerhin noch neue Vortheile auf Kosten des Bauernstandes zu erhalten sucht, der bestimmten landesherrlichen Aufgabe, den nach so mühsamen Verhandlungen vorgelegten Gesetzentwurf, so wie er ist, entweder anzunehmen oder abzulehnen, ausweicht und immer neue, theils wesentlich nachtheilige, theils ins Kleinliche gehende Abänderungen verlangt und Bemerkungen vorbringt.“ Die letzten Streitigkeiten drehten sich darum, ob bei

 

 

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Veranschlagung der Grundstücke die Grundsätze der Domanialtaxe oder die des ritterschaftlichen Creditvereins zu Grunde gelegt, und ob die Regulirungen stets unter Zuziehung landesherrlicher Commissarien stattfinden sollten oder nicht. An diesen Differenzen brach sich die Hoffnung endlicher Vereinigung, und die jahrelangen Verhandlungen, bekannt unter dem Namen „Doberaner Verhandlungen“, wurden im Jahre 1829 vom Engeren Ausschusse definitiv abgebrochen. Die Regierung stellte nun aus dem Gesetzentwurf, wie er aus den Berathungen hervorgegangen, die Hauptgrundsätze, welche sich schon viel früher in vielfach durch reichskammergerichtliche Erkenntnisse bestätigter Anwendung befunden hatten, zusammen, um dieselben in Zukunft selbst dann anzuwenden, wenn jener Entwurf keine Gesetzeskraft erlangen würde. Der Großherzog billigte dies und der Regierungsfiscal ward dem entsprechend instruirt. Dem Engern Ausschuß aber ward angezeigt, daß der Großherzog befohlen habe, in den Bauernlegungs- und Bauernregulirungssachen wieder die rechtskräftig bestehenden früheren Grundsätze in Anwendung zu bringen. Ritterschaftlicher Seits aber ward behauptet, daß eine vertragsmäßige Grundlage für die Behandlung dieser Sache nicht zu Stande gekommen sei und daß daher immer noch das frühere Recht gelte. Diese rechtliche Auffassung ist auch die der Gerichte, welche den Doberaner Verhandlungen keine Gesetzeskraft beilegen. Dieselben hatten nur die Wirkung, daß seitdem in allen Fällen, wo Besitzer auf die dort aufrecht erhaltenen Grundsätze provocirten, diese bei der Regulirung durch landesherrliche Commissarien zur Anwendung gebracht wurden.

 

Mit den Ereignissen des Jahres 1848 schien endlich den ritterschaftlichen Bauern eine bessere Zukunft aufgehen und der noch nicht abgeschlachtete Rest derselben von dem jahrhundertelangen Joche ihrer Grundherren erlöst werden zu sollen. Die im Oktober 1848 zusammengetretene Abgeordnetenkammer nahm sich der Bauern kräftigst an, verlangte eine Wiederaufnahme der seit dem Jahre 1829 ruhenden Verhandlungen über die Regulirung der bäuerlichen Verhältnisse und beantragte die provisorische Beanstandung

 

 

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der Legung von ritterschaftlichen Bauernstellen. In Folge dessen wurde durch landesherrliche Verordnung vom 16. August 1849 jede nach dem bisherigen Rechte zulässige Legung von Bauernstellen, die nicht bereits genehmigt und in der Ausführung begriffen, bis zu dem Zeitpunkt, wo die bäuerlichen Verhältnisse durch ein baldmöglichst zu erlassendes allgemeines Gesetz regulirt sein würden, untersagt und für nichtig erklärt. Das Verbot ward auch auf die durch Heimfall und aus einem andern Grunde an den Grundbesitzer zurückgelangenden Bauernstellen ausgedehnt. Die Aufhebung der gemeinschaftlichen Benutzung des Bauernackers, sowie die Abrundung, Zusammenlegung und Verlegung desselben, und sonstige zum allgemeinen oder zum verhältnißmäßig gleichen Wohle der interessirenden Theile gereichende Veränderungen bestehender Bauernstellen sollten statthaft sein, jedoch nur mit Zustimmung der Regierung. Von dem Verbote waren nur ausgenommen diejenigen zum ritterschaftlichen Cataster steuernden Bauernstellen, welche ursprünglich auf Hofländereien errichtet waren.

 

Aber die Hoffnungen der Bauern auf eine bessere Zukunft sollten nur kurze Zeit dauern. Mit der durch die Einmischung Preußens und Oesterreichs herbeigeführten rechtswidrigen Wiederaufhebung des constitutionellen Staatsgrundgesetzes vom 10. October 1849 ward die Herrschaft des Feudalismus wiederhergestellt. Derselbe suchte nun sogleich den Bauernstand wieder in die alte Abhängigkeit zu bringen. Bereits durch die auf Antrag der restaurirten Stände erlassene Verordnung vom 17. November 1851 ward die Verordnung vom 16. August 1849 wieder aufgehoben und bestimmt, daß in Bezug auf Bauernlegungen diejenigen Rechtsnormen, welche vor dem Erlasse dieser Verordnung bestanden, wiederum in Kraft treten sollten.

 

Die Wiederherstellung dieser früheren Rechtsnormen setzte die Ritter in den Stand, ihr altes Handwerk des Abschlachtens der Bauern ganz offen wieder aufzunehmen. Wie weit die Naivetät der Junker bei Ausübung ihres Rechtes ging, ersieht man aus einem Bericht des Regierungsfiscals, nach welchem die Schwanseer

 

 

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Güter im Jahre 1843 von den Erben des verstorbenen Besitzers, Herrn von Häseler, mit der Clausel feil geboten wurden: „daß es in Schwansee noch Bauern abzuschlachten gebe.“ Im Jahre 1860 war nach Angabe des Staatskalenders die Zahl der ritterschaftlichen Bauern in Mecklenburg-Schwerin, welche im Jahre 1794 noch 1953 betrug, auf 1386 zusammengeschmolzen. Dabei ist zu beachten, daß der Staatskalender seinen Angaben über die Anzahl der Bauern die Einschränkung hinzufügt: „soweit deren Niederlegung bisher nicht bekannt geworden.“ Da die Ritter die Berechtigung in Anspruch nahmen, ihre Bauern ohne Consens der Regierung zu legen, so ist es nicht auffallend, daß eine Menge Niederlegungen nicht zur offiziellen Kenntniß gekommen und daher viele Bauern im Staatskalender aufgeführt sind, welche längst zu existiren aufgehört haben. Wir dürfen daher die Zahl der noch vorhandenen ritterschaftlichen Bauern in Mecklenburg-Schwerin auf nicht viel mehr als 1200 veranschlagen, denen noch die 47 ritterschaftlichen Bauern im Strelitzschen hinzuzurechnen sind. Mit den von uns gemachten Angaben über die Abnahme der ritterschaftlichen Bauern stimmen die actenmäßigen Nachweise des „Norddeutschen Correspondenten“ von 1860 Nr. 184 im Wesentlichen überein. Danach existirten von den im 17. Jahrhunderte noch vorhandenen 12000 ritterschaftlichen Bauern im Jahre 1755 nur noch ungefähr 5000, im Jahre 1860 nur noch 1300 bis 1400. Man erhält übrigens nur einen sehr schwachen Begriff von den unter den Bauern angerichteten Verwüstungen, wenn man lediglich die Zahl der gelegten Bauern berücksichtigt. Erst dann machen wir uns davon eine klare Anschauung, wenn wir uns die Quantität und die Qualität des den Bauern geraubten Ackers vergegenwärtigen. Es ist bereits nachgewiesen, daß in früheren Zeiten die Ritter fast gar kein Hoffeld besaßen und daß erst durch die Verkleinerung und Verlegung und endlich durch die völlige Legung der Bauern die großen Höfe entstanden sind. Nach dem ministeriellen Organ, sind allein von 1755 bis 1860 nicht weniger als 35 Millionen Quadratruthen ritterschaftlicher Bauerländereien

 

 

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theils mit theils ohne Consens der Regierung eingezogen und verschwunden. Davon sind nach Angabe desselben Organs seit den letzten 30 Jahren allein mit Consens 3½ Millionen und blos in den letzten 10 Jahren im Ganzen gegen 2 Millionen eingezogen. Wenn man nun mit Boll annimmt, daß die jetzt noch vorhandenen ritterschaftlichen Bauern, deren Zahl in runder Summe auf 1300 veranschlagt werden mag, durchschnittlich nicht mehr als 2000 bis 5000 Quadrathruthen oder ungefähr 20 bis 30 Magdeburger Morgen an Acker besitzen, so beträgt ihr gegenwärtiger Besitz kaum 5 Millionen Quadratruthen, so daß von den im Jahre 1755 noch vorhandenen 40 Millionen Quadratruthen nur der 8. Theil übrig geblieben ist.

 

Ob die auf dem Landtage von 1859 wieder aufgenommenen Steuerreformverhandlungen mit der Wiederaufnahme der Verhandlungen über die Regulirung der bäuerlichen Verhältnisse seitens der Regierung in irgend einem Zusammenhange gestanden, entzieht sich dem Blicke der Uneingeweihten. Thatsache ist aber, daß zu nicht geringem Schreck der Ritter plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, im Januar 1860, nachdem die Ritterschaft kurz vorher die Steuerreformvorlage der Regierung abgelehnt hatte, aus dem Ministerium des Innern Verfügungen an die betreffenden Gutsbesitzer ergingen, die nicht innerhalb der gesetzlichen Normen gelegten Bauern wiederherzustellen. Die Regierung beabsichtigte auf einmal nichts Geringeres, als sämmtliche Bauerstellen, welche soweit dies noch zu ermitteln war, seit hundert Jahren ohne landesherrlichen Consens gelegt waren, wieder aufzurichten. Es handelte sich um 200 bis 300 Bauerstellen, welche in 70 bis 80 Gütern wieder errichtet werden sollten. Diese Maßregel der Regierung, welche das den Bauern zugefügte Unrecht wieder gut machen sollte, war freilich an sich verfehlt: die Ausführung derselben hätte ihren Zweck nicht erfüllt, ein neues Unrecht zu dem alten hinzugefügt, und dem Credite des Landes geschadet. Es giebt nur einen Weg der Buße für die alten Sünden und der besteht darin, die Verhältnisse der Bauern, wie

 

 

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dies kürzlich in Kurland und Liefland geschehen ist, dahin zu regeln, daß sie ihre Hufen kaufen und freie Grundeigenthümer werden können. Immerhin war aber jene Maßregel eine Anerkennung des begangenen Unrechtes und ein Zugeständniß an den ritterschaftlichen Bauernstand, wenn auch im feudal-bureaukratischen Sinne und Geiste.

 

Der Engere Ausschuß erließ in Folge der Ministerial-Verfügungen ein Circular, in welchem er die betheiligten Gutsbesitzer zum Bericht über das Thatsächliche aufforderte, und beantragte darauf beim Großherzoge, das von dem Ministerium des Innern eingeleitete Verfahren bis nach dem Ablauf des nächsten Landtages zu sistiren. Denn, wenn die Bestimmungen des Erbvergleichs in früheren Zeiten übertreten sein sollten, so beruhe dies auf einer mangelnden Uebung des landesherrlichen Oberaufsichtsrechts, wofür doch die Nachfolger im Besitz nicht verantwortlich gemacht werden könnten.

 

Nachdem die Bitte um Sistirung abschlägig beschieden war, entwickelte der Engere Ausschuß in einem repräsentirenden Vortrage vom 3. Mai 1860, daß über die Berechtigung der Besitzer ritterschaftlicher Güter mit ihren Bauern Veränderungen vorzunehmen, schon seit der Polizeiordnung von 1572 Verschiedenheiten zwischen dem Landesherrn und den Ständen mehrfach entstanden wären, welche durch die Reversalen von 1621, durch ergangene landesherrliche Entscheidungen und durch die Bestimmungen des Erbvergleichs ihre Erledigung hätten finden sollen, aber diese noch immer nicht gefunden hätten. Ein landesherrliches Reskript vom 16. Mai 1860 wies die Bitte um Sistirung wiederum ab und entgegnete, daß Differenzen nicht beständen, sondern die wesentlichen gesetzlichen Vorschriften in rechtskräftiger, durch langjährige Anwendung befestigten Gültigkeit beständen. Der Großherzog wolle dem Engern Ausschuß das Recht zur Beantragung neuer gesetzlichen Bestimmungen nicht bestreiten, aber zu einer Initiative in dieser Hinsicht habe er sich um so weniger bewogen finden können, als er nach den gemachten Erfahrungen

 

 

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in dieser Angelegenheit, wo eine Verschiedenheit der Auffassung des öffentlichen Interesses, dem überdies starke Privatinteressen gegenüberständen, möglich sei, wegen des Erfolges einer nochmaligen Verhandlung über ein neues Gesetz nicht ohne einigen Zweifel wäre.

 

Wie ein Bienenschwarm war die Schaar der Ritter durch die unvermuthet ihnen drohende Gefahr aufgescheucht. Ihr Zorn machte sich in der Presse Luft. Auch diesmal zeigte sich, daß das Gottesgnadenthum und die Autorität des Landesherrn ihnen nur so lange heilig ist, als sie ihren Zwecken dienen und ihre Privilegien nicht antasten. Einer der Ritter, noch dazu ein Mitglied des Engern Ausschusses, ging so weit, daß er wegen Beleidigung des Ministeriums in Gefängniß- und Geldstrafe verurtheilt wurde, deren Vollstreckung nur durch die landesherrliche Gnade abgewendet ward.

 

Die Vertreter der Regierungsmaßregel vertheidiglen dieselbe damit, daß die auf göttlicher Ordnung ruhende ständische Gliederung, gekrönt in ihrer monarchischen Spitze, die Grundlage unserer staatlichen Verhältnisse bilde und folgeweise das ständische Princip der Kern und Mittelpunkt unserer Verfassung sei. Die Verletzung dieses Grundprincips unserer Verfassung durch die der natürlichen Entwickelung eines einzelnen Standes angethane Gewalt hätte -- auch abgesehen von dem auf jeder solchen öffentlichen Rechtskränkung ruhenden Unsegen -- auf das Gesammtwohl nachtheilig zurückwirken müssen. Leider hätten wir eine solche öffentliche Rechtskränkung zu beklagen in derjenigen Entwickelung, welche den bäuerlichen Verhältnissen seit dem 16. Jahrhundert gegen ihr geschichtliches Recht durch die Macht vieler zusammenwirkenden Umstände gegeben worden sei. Der Art. 16 der Reversalen von 1621 müsse als ein Act schwerer Ungerechtigkeit bezeichnet werden, und diejenigen welche ihn festgestellt hätten, träfe eine schwere Verantwortung für die Folge dieses beklagenswerthen Schrittes. Durch Anwendung eines fremden,

 

 

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im Erbvergleich auf's Neue bestätigten Rechts hätte der Bauernstand in Mecklenburg von der ihm ursprünglich zu seinem eigenen Gedeihen und im wohlverstandenen Gesammtinteresse gebührenden Freiheit, Macht und Bedeutung ganz unverhältnißmäßig, ja so sehr verloren, daß leider in einzelnen Theilen des Landes von einem tüchtigen und kräftigen Bauernstände kaum noch die Rede sein könne. „Diesem Uebelstande gegenüber hatte das landesherrliche Regiment schon seit längerer Zeit die schwere Aufgabe übernommen, dem Bauernstande allen nach den bestehenden Gesetzen nur möglichen Schutz angedeihen zu lassen. So gewiß es nun ist, daß das formelle Recht diesem seinem Streben nur sehr schwache Unterstüzung gewähren konnte, so läßt es sich doch auch nicht verkennen, daß es Pflicht desselben war und ist, dafür Sorge zu tragen, daß nicht der Buchstabe des Gesetzes in einer allem Rechtsgefühl widerstreitenden Weise zum schweren Schaden eines im Volksleben überaus wichtigen Faktors, des Bauernstandes, durchgeführt werde. Gerade aus dem Gesichtspunkte des ständischen Princips, in welchem der Nerv des mecklenburgischen Verfassungslebens ruht, mußte die Regierung nothwendig der Unterdrückung und Beseitigung des Bauernstandes mit allen ihr zu Gebote stehenden zulässigen Mitteln entgegentreten. Seit einem Jahrhundert etwa währt nun schon dieser zu vielfachen unerfreulichen Konflikten führende Zustand, und leider ist der vor mehr als 30 Jahren unternommene Versuch, denselben durch gesetzliche Regelung in den sogenannten Doberaner Verhandlungen zu beendigen an ständischem Widerspruch“ gescheitert. Die Vertheidigung der Regierung schließt mit den bitteren Worten: „Daß trotz alledem für die jetzt Betroffenen diese Angelegenheit eine sehr unangenehme sein muß, liegt auf der Hand. Aber den sie etwa treffenden Nachtheilen gegenüber erlauben wir uns zu erinnern an den schweren Schäden, der durch die widerrechtliche Beseitigung so mancher Bauern nicht nur diesen, sondern dem Wohle des ganzen Landes zugefügt ist,

 

 

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und meinen, daß diesem gegenüber jene geringen Nachtheile kaum in Betracht kommen.“

 

Das vorhin erwähnte Mitglied der Ritterschaft machte dagegen der Regierung den Vorwurf schwerer Härte und Ungerechtigkeit, erklärte das nach Angabe der Regierung in 20 Fällen erzielte „Einverständniß“ mit den betheiligten Gutsbesitzern für erpreßt, tadelte, daß man dieselben durch hohe Geldsummen, welche zu dem Object in keinem Verhältniß ständen, zur Abfindung gezwungen habe, und drohte schließlich mit Steuerverweigerung.

 

Auf dem Landtage von 1860 erklärte sich der Großherzog bereit, die im Jahre 1829 abgebrochenen Doberaner Verhandlungen wieder aufzunehmen. Demnächst erfolgten wegen der Regulirung der bäuerlichen Verhältnisse Verhandlungen der Regierung mit den ständischen Deputirten, woraus ein Gesetzentwurf hervorging, der dem Landtage von 1861 vorgelegt, von diesem mit verschiedenen wesentlichen Abänderungen im ritterschaftlichen Interesse angenommen und am 13. Januar 1862 publicirt ward.

 

Eine nähere Prüfung des Gesetzes vom 13. Januar 1862 wird ergeben, daß der kreisende Berg nicht einmal eine Maus hat gebähren können. Das Regierungsorgan hatte verkündet, daß die Entschädigungssumme, welche von den Grundherren für widerrechtliche Legungen beigetrieben werden würden, zur Errichtung neuer Bauerstellen verwandt werden sollten. Von der Ausführung eines solchen Planes ist indessen bisher nicht die Rede gewesen. Die Ritter haben aber durch das angeführte Gesetz einen vollständigen Sieg davongetragen, und der schwache Rest der ritterschaftlichen Bauern ist damit mehr, denn je, der Gnade und Barmherzigkeit seiner Herren preisgegeben.

 

Die Legung der Bauern, welche in neuester Zeit ganz außer Uebung gekommen war und noch unlängst von dem Landesherrn gehindert wurde, ist jetzt gesetzlich wieder eingeführt. Nach dem neuen Gesetz ist es denjenigen Gutsherren, welche mehr als drei Bauern in ihren Dörfern haben, gestattet, die Hälfte davon bei einer geraden Anzahl, und bei einer ungeraden Anzahl noch einen

 

 

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mehr zu legen, also von 9 Bauern 5, von 7 oder 8 vier, von 6 drei, von 5 oder 4 darf nur einer und von drei oder weniger Bauern eines Dorfes darf keiner niedergelegt werden.

 

Die drei größeren Bauern müssen bei Bestand bleiben. Dafür dürfen aber von den übrigen so viele gelegt werden, daß deren einzuziehende Grundstücke denen der bleibenden Bauern an Größe und Qualität gleichkommen; was dann noch übrig ist, davon darf die eine Hälfte gelegt und nur die andere Hälfte muß bei Bestand gelassen werden.

 

Die übrig bleibenden Bauern sollen ganz unverändert in ihren bisherigen Besitzungen und Leistungen gelassen werden. Aber sofort im nächsten Paragraphen wird die Einschränkung hinzugefügt, daß, wo dies nicht angeht und der Gutsherr eine Umlegung der Grundstücke der Bauern wünscht, diese, wenn sie nur im Durchschnitt eben so viel bekommen, als sie zuvor gehabt haben, auf andere Grundstücke versetzt werden können.

 

Bei Conservirung aller Bauern der Zahl nach dürfen Verkleinerungen der Stellen und mit landesherrlicher Genehmigung Versetzungen von einem Gute zum andern stattfinden, wenn nur der Gutsherr von den gesammten Stellen sich ein Mehreres nicht zueignet, als ihm nach den gedachten Bestimmungen zukommt und die Bauern durch diese Veränderung nicht so klein werden, daß sie nicht mit Sicherheit forthin als Bauern bestehen können.

 

Ergeben sich Differenzen über die Anwendung der vorerwähnten Vorschriften, dann entscheidet nicht ein Gericht, sondern das Ministerium des Innern.

 

Die rechtliche Lage der auf Grund des neuen Gesetzes regulirten Bauern und ihrer Nachkommen soll für die Folgezeit völlig sichergestellt sein, so daß nach einmal ausgeführter Umlegung oder Veränderung von neuen Umlegungen nicht weiter die Rede sein darf. Dasselbe gilt auch für die schon vorher mit landesherrlicher Genehmigung regulirten Bauern, unter welcher Bezeichnung diejenigen verstanden werden, welche Regulative mit

 

 

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der ausdrücklichen Zusicherung erhalten haben, daß, so lange sie Recht auf den Gehöften thun, ohne landesherrliches Vorwissen und ausdrückliche Genehmigung keine Veränderungen in ihren Besitzverhältnissen eintreten sollen. Die mit landesherrlicher Genehmigung regulirten Bauern, deren Regulative jene schützende Clausel nicht enthalten, und die ohne landesherrliche Genehmigung, durch bloße Vereinbarung zwischen den Betheiligten regulirten Bauern sind demnach in ihrem Bestande keineswegs gesichert. Ihre nach dem bisherigen Rechte für unantastbar gehaltenen Gehöfte können niedergelegt, umgelegt und verändert werden, soweit es die vorhin mitgetheilten allgemeinen Bestimmungen gestatten.

 

Von den Legungen sind die Kündigungen verschieden. Erstere sind mit einer Einziehung der Bauernstelle verbunden, während letztere zunächst nur bezwecken, das Verhältniß zwischen dem Grundherrn und dem dermaligen Innehaber der Bauernstelle aufzuheben. Die Kündigungen Seitens des Grundherren sind erweislich seit länger als 10 Jahren nicht vorgenommen. Schon nach dem aus den Doberaner Verhandlungen hervorgegangenen Gesetzentwurf, sollte alle Aufkündigung abseiten der Gutsherrschaft wegfallen. Das neue Gesetz führt aber die Kündigung wieder ein. Nur für die nach dem neuen Gesetz regulirten Bauern und für die früher mit landesherrlicher Genehmigung regulirten Bauern, deren Regulative die gedachte schützende Clausel enthalten, soll die Kündigung Seitens des Gutsherren fortfallen, wogegen sie im Übrigen zulässig sein soll. Das ministerielle Organ schleuderte im Jahre 1860 den Rittern die Anklage entgegen: „Nirgends ist es im Domanium geschehen, daß ein sittlich unverschuldeter Bauer von seiner Hufe vertrieben ist und genöthigt, Tagelöhner zu werden.“ Im Jahre 1861 giebt die Regierung ihren Consens dazu und publicirt es im Jahre 1862 als Gesetz, daß die verhältnißmäßig zahlreiche Klasse der nicht regulirten und der nicht durch ein landesherrliches Regulativ geschützten Bauern ohne allen Grund von ihrem Herrn gekündigt werden kann. Mit Recht sagte daher Pogge-Pölitz in einem Dictamen an die Landtagsversammlung

 

 

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vom 13. December 1862: „Wenn die Anschauung, daß nichtregulirte Bauern gekündigt werden können, allgemein würde, so wird der Besitzstand einer großen Anzahl von dem geringen Reste ritterschaftlicher Bauern auf das höchste gefährdet. Bis dahin waren die gutsherrlichen Befugnisse über die Bauern unklar und bestritten, und scheute namentlich in den letzteren Decennien sich jeder Grundbesitzer, an ihrem Besitzstand zu rütteln. Der Bauer fand darin gewissermaßen einen Schutz. Sowie aber die Befugniß der Loskündigung gesetzlich und gerichtlich festgestellt wird, so ist mit einem Schlage der Besitzstand der sämmtlichen oben bezeichneten nicht regulirten Bauern in einen solchen Zustand der Rechtlosigkeit und Abhängigkeit versetzt, daß der Bauer rein von der Gnade und dem Wohlwollen seines Grundherrn abhängt." Daraus ward der Schluß gezogen, daß es nicht die Absicht des Gesetzes habe sein können, den Bauern in eine so traurige Lage zu bringen, und damit der Antrag auf Declaration des Gesetzes motivirt. Sogar ein Mitglied der Landschaft hielt dafür, daß die Loskündigung ganz allgemein aufgegeben wäre, denn sonst seien die Bauern nach Erlaß des Gesetzes schlimmer daran, als vordem, indem nun aus dem Gesetze gefolgert werde, daß alle nichtregulirten Bauern gekündigt werden könnten, was sonst von der Regierung nicht anerkannt worden sei. Auf den Poggeschen Antrag ward vom Landtage der Beschluß gefaßt: der Engere Ausschuß solle zum nächsten Jahre über den Antrag berichten. Wir anerkennen die humanen Rücksichten, welche den Antragsteller zu seinem Antrage bewogen haben. Aber das Gesetz spricht gegen ihn und greift sogar noch über die Grenze der nichtregulirten Bauern hinaus. Der letzte Landtag hat sich nun auch, wie zu erwarten, ebenso wie bereits vorher die Regierung in einem der Ansicht des Antragstellers entgegengesetzten Sinne ausgesprochen.

 

Die Abmeierung des Bauern (d. h. die Entsetzung desselben von seiner Stelle) konnte früher der Regel nach nur für den Fall des Concurses und der Verarmung geschehen. Nach dem Doberaner

 

 

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Gesetzentwurf sind rechtliche Gründe zur Absetzung eines Bauern nur dann vorhanden:

 

a) wenn der Bauer nicht mehr in der Wehre ist, seine Verbindlichkeiten gegen die Gutsherrschaft erfüllen zu können, wobei jedoch ein vorübergehender Nothstand nicht ausreicht, und

 

b) wenn die rückständigen Leistungen an den Gutsherrn, sowie die Abgaben, falls er kein eigenes Inventarium hat, gar nicht, oder falls er solches besitzt nur durch den Verkauf so vieler Inventarienstücke beizutreiben sind, daß mit dem Reste nicht weiter fortgewirthschaftet werden kann;

 

c) wenn unheilbare körperliche oder Geisteskrankheit den Bauern unfähig macht, der Land- und Hauswirthschaft gehörig vorzustehen;

 

d) wenn er rechtskräftig zu einer Zuchthaus- oder Festungsstrafe von einem Jahr und darüber verurtheilt ist.

 

Nach dem Gesetze vom 13. Januar 1862 aber können alle ritterschaftlichen Bauern, einerlei ob regulirte oder nichtregulirte, mit Ausnahme derjenigen, welche durch landesherrliche Regulative speciell dagegen geschützt sind, für den Fall schlechter Wirthschaft und übler Führung abgemeiert werden, und haben sie die Entfernung von der Stelle, unter gänzlicher oder theilweiser Entziehung des Altentheils, insbesondere dann zu erwarten:

 

1. wenn sie durch eigenes Verschulden ihre Verbindlichkeit gegen die Gutsherrschaft nicht erfüllen können, mit dem Grundzinse, sowie mit den Zinsen und den Abträgen auf eine regulirte Schuld ein ganzes Jahr im Rückstande sind und überall, wenn eine Deterioration des Gehöftes, insbesondere der Gebäude und des Inventariums, sowie Defecte daselbst eintreten;

 

2. wenn sie ein wüstes Leben führen, als Verschwender oder aus sonst einem Grunde einer Curatel unterstellt werden und überhaupt ein Vermögensverfall, inbesondere ein Concurs wegen Allodial-Schulden stattfindet;

 

3. wenn sie sich thätliche Beleidigungen gegen ihren Gutsherrn zu Schulden kommen lassen oder wenn sie wegen Beeinträchtigung desselben durch Forstbruch, Veruntreuungen und Diebereien

 

 

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durch gerichtliche Entscheidung zweimal in Gefängnißstrafe oder auch nur einmal in solche auf mindestens vier Wochen rechtskräftig verurtheilt worden sind;

 

4. wenn wider sie wegen gemeiner Verbrechen rechtskräftig eine Zuchthausstrafe, gleichviel von welcher Dauer, verfügt wird.

 

Der Bauer wird vollständig dem willkürlichen Ermessen seines Herrn überliefert durch die im Gegensatz zu dem Doberaner Gesetzentwurf, welcher dem abzumeiernden Bauern den Rechtsweg eröffnet, getroffene Bestimmung, daß die Abmeierung zur Competenz der aus Einzelrichtern, welche von den Rittern angestellt und besoldet werden, bestehenden Patrimonialgerichte im administrativen Wege geschehen und daß gegen diese administrative Entscheidung nur ein Recurs an das Ministerium des Innern zulässig sein soll.

 

Um die harten und willkürlichen Bestimmungen wegen der Kündigungen und Abmeierungen einiger Maßen zu beschönigen, ist darauf hingewiesen worden, daß nach dem neuen Gesetze die Bauerhöfe, deren Besitzer gekündigt und abgemeiert sind, auf völlig gleiche Weise und ohne alle Nebenbedingungen unentgeltlich wieder besetzt werden müßten, daß folglich dem Gutsherrn aus der Kündigung oder Abmeierung kein materieller Nutzen erwachse. Aber mit Recht hat schon Pogge in der Landtagsversammlung daran erinnert, daß der Gutsherr das Bauerngehöft durch Wiederverleihung desselben an Leute, die ihm Dienste geleistet und denen er verpflichtet ist, hoch in seinem pekuniären Interesse ausnutzen könne. Wir fügen hinzu, daß, wenngleich das Gesetz die unentgeltliche Wiederverleihung gebietet, dasselbe doch keine hinlängliche Garantie gegen die Uebertretung dieser Vorschrift enthält. Die Nebenbedingungen sollen allerdings für den neuen Wirth unverbindlich sein, aber eine Strafe ist nicht darauf gesetzt, wenn der Gutsherr sich für die Wiederverleihung bezahlen läßt. Der neue Wirth aber, der in die vollständigste Abhängigkeit von seinem Herrn geräth und ebenfalls gekündigt und abgemeiert werden kann, wird sich hüten, den Zorn desselben dadurch zu reizen, daß er den gezahlten Preis zurückfordert.

 

 

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Nach dem ursprünglichen von der Regierung vorgelegten Gesetzentwurf ward, in Uebereinstimmung mit dem Doberaner Gesetzentwurf, die Erbberechtigung der Descendenten und Geschwister des letzten Besitzers in der Weise anerkannt, daß die Erstgeburt entscheiden sollte. Aber die ständische Committe opponirte dagegen und wollte den Bauern überall kein civilrechtlich klagbares Erbrecht zugestehen. Sie wäre damit einverstanden, daß die vorgeschlagene Nachfolgeordnung bei Wiederverleihung der Stelle beobachtet werde, aber die Verpflichtung dazu könne, ebenso wie alle anderen Bestimmungen dieses Gesetzes, den Gutsherren nur der Regierung gegenüber auferlegt werden. Wollte man dem Bauern an dem Eigenthum seines Gutsherrn ein Erbrecht zugestehen, so würde dies die jetzt bestehenden Rechtsverhältnisse geradezu umkehren. Die Regierung erklärte sich mit dieser Auffassung einverstanden; sie wolle nur einen geordneten Rechtsgang und nicht alles dem guten Glauben der Gutsherren überlassen. So geschah es, daß das Gesetz den Nachfolgern des Bauern kein Erbrecht zuspricht, sondern nur dem Gutsherrn hinsichtlich der Wiederverleihung, welche der Nachfolger mit dem Nachweise seiner persönlichen Befähigung zur Bewirthschaftung, bei Verlust seines Anspruches, innerhalb eines Jahres, von Erledigung seiner Stelle angerechnet, vom Gutsherrn zu erbitten hat, die Beobachtung gewisser Normen auferlegt. Und der geordnete Rechtsgang besteht darin, daß das Ministerium über unbedenkliche Fälle selbst entscheidet und im übrigen es seinem Ermessen anheimgestellt bleibt, die Entscheidung auf dem Rechtswege zu veranlassen. Auch alle übrigen im Gesetze stipulirten Verpflichtungen der Gutsherren sind diesen nicht den Bauern, sondern nur der Regierung gegenüber auferlegt.

 

Mit Rücksicht auf Vorstehendes müssen wir es für eine leere Phrase halten, wenn der Committenbericht sich dahin ausspricht, daß durch die neue Gesetzgebung ein gesunder, wirklicher Bauernstand geschaffen werde, im Gegensatz zu dem dadurch glücklich vermiedenen Erbpachtsystem, durch welches der Bauernstand nicht

 

 

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erhalten, sondern verdrängt werde, und daß Stände für eine solche Wohlthat alle Ursache hätten der Regierung dankbar zu sein. Wir können mit Recht das Gesetz vom 13. Januar 1862 als eine modernisirte Auflage des Artikel 16 der Reversalen bezeichnen. Bald wird die Zeit nahen, wo in Mecklenburg der letzte ritterschaftliche Bauer zu existiren aufgehört haben wird. Jenes Gesetz ist der Anfang zur völligen Exstirpation der ritterschaftlichen Bauern. Eine große Anzahl des geringen Restes derselben ist, wie nachgewiesen, durch das Gesetz selbst der Vernichtung ausgesetzt. Da überdies dem Bauern alles Recht seinem Herrn gegenüber abgesprochen ist, so bedarf es nur einer neuen Verständigung zwischen der Regierung und den Feudalständen, um demnächst auch den letzten Rest der ritterschaftlichen Bauern abschlachten zu können.

 

Vergebens haben einzelne bürgerliche Landstände, unter ihnen vor Allem Pogge, das ihrige gethan, um das drohende Unglück von dem Bauern abzuwenden. Mit Hohn und Invectiven ward den Vertheidigern der Rechte der Bauern Seitens der Junker und ihrer Vertreter geantwortet, und mit Ausfällen wider ihre unglücklichen Opfer. Selbst der Committenbericht beschuldigte den Bauern, daß er proceßlustig sei, welche gegen den ganzen Bauernstand gerichtete Beschuldigung Pogge für ungeeignet und unpassend erklärte, indem er mit Recht hinzusetzte: wenn der Bauer viele Processe geführt habe, so schließe er daraus, daß ihm viel Unrecht zugefügt sei. Als Pogge und seine politischen Freunde in der Landtagssitzung vom 9. December 1861 wider die willkürlichen Legungen, Kündigungen und Abmeierungen sprachen, da meinte der Bürgermeister von Grabow, Hofrath Flörke: „Man muß den Bauern nicht zu viel einräumen. Ich habe in vieljähriger Praxis bei Bauernlegungen die Erfahrung gemacht, daß mit den Bauern überhaupt eine Verständigung schwierig ist.“ Der Ritter von Oertzen-Lübberstorf entgegnete: „Die Bauern haben es hier sehr gut im Lande, sie sind aber eine übermüthige Gesellschaft und müssen strenge genommen werden. Jedesmal wenn sie in die Stadt kommen, benebeln sie sich. Ich habe mit

 

 

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einigen vierzig Bauern zu thun und fast alle machen es so.“ In der Landtagssitzung vom 12. December 1861 beantragte Pogge, die Bauern zu freien Eigenthümern zu machen und ihre Leistungen an den Grundherren mit dem 25fachen Betrage abzulösen. Aber der Landrath von Maltzan auf Rothenmoor erwiederte: „Das ist kein Bauernstand, der dadurch geschaffen wird. Ein Stand muß einen geschichtlichen Hintergrund haben." Als schließlich das Gesetz von den Ständen angenommen ward, gab Pogge die nachfolgende Erklärung zum Landtagsprotocoll: „Ich halte mich verpflichtet, bei dieser Gelegenheit darauf hinzuweisen, daß die ganze Bevölkerung aus den Verhandlungen über dieses Gesetz die Ueberzeugung gewinnen mußte, daß wir Stände nicht mehr im Stande sind, die öffentlichen Verhältnisse zum Wohle des Landes zu leiten. Das Gesetz ist von der Regierung nur aus Rücksicht auf die Ritterschaft, nicht aus Gründen der Zweckmäßigkeit gegeben. Ich hege die Hoffnung, daß der Landesherr aus den Zusätzen, welche die Stände dazu gemacht, Veranlassung nehmen wird, das ganze Gesetz zurückzuziehen." Diese würdige und treffende Erklärung versetzte die Gegner in den höchsten Zorn. „Solche Aeußerungen einzelner Mitglieder der Landtagsversammlung“, rief der Kammerherr von Oertzen-Kotelow, „müssen zurückgewiesen werden. Es liegt eine unerhörte Insolenz darin, den Ständen solches vorzuwerfen, und darf man sich dergleichen für die Zukunft nicht gefallen lassen.“ Der erwähnte Herr von Oertzen-Lübberstorf fügte hinzu: „Herr Pogge nimmt sich seit einiger Zeit heraus, der Landtagsversammlung auf eine solche Art Invectiven zu sagen, und muß dieselbe dagegen sichergestellt werden, es ist nicht anständig, sich solcher Aeußerungen zu bedienen“, und hierauf richtete er die Aufforderung an die Landmarschälle, für die Entfernung solcher Mitglieder zu sorgen.

 

Pogge ließ sich jedoch durch die „geselligen Gewohnheiten“ seiner Gegner nicht einschüchtern und behauptete seinen Platz. Aber das Gesetz ward nicht zurückgezogen, sondern, wie bemerkt,

 

 

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am 13. Januar 1862 publicirt. Die unglücklichen Folgen desselben haben auch nicht lange auf sich warten lassen. Von verschiedenen Seiten des Landes hört man bereits, daß Bauern ohne Grund gekündigt und von ihren Stellen vertrieben werden. Ein eclatanter Fall dieser Art ist bereits in den öffentlichen Blättern mitgetheilt. Im Dorfe Karchow bei Röbel, einem dem Herrn von Langermann-Erlenkamp gehörigen Besitzthum, befanden sich im Jahre 1755 noch 9 Bauern. Von diesen wurden 6 vor etwa 70 Jahren gelegt, und auf deren Acker ward der Hof Erlenkamp errichtet. Die drei noch übrig gebliebenen Bauern wurden damals vom Hofdienste befreiet und auf eine Pacht von jährlich 80 Thlr. N. 2/3 gesetzt, welche von dem im Jahre 1860 verstorbenen Vater des jetzigen Besitzers auf 100 Thlr. N. 2/3 erhöht ward. Die Familien dieser drei Bauern sind seit langer Zeit im Besitz ihrer Stellen gewesen und die jetzigen Innehaber derselben haben ihre Pacht stets richtig gezahlt und sind auch sonst ihren Verbindlichkeiten nachgekommen. Bei einem zufälligen Zusammentreffen des Baron von Langermann mit einem der Bauern im Mai 1861 theilte er demselben mit, daß er die Absicht habe, die drei Karchower Bauern auszubauen. Zu Pfingsten 1861 ließ er alle drei zu sich bescheiden und machte ihnen darüber die bittersten Vorwürfe, daß sie dem Kartenspiel ergeben seien. Er ermahnte sie darauf, davon abzulassen, und erklärte hinsichtlich zweier der Bauern, Bergholz und Elsholz, daß er noch nicht wisse, ob er sie behalten würde, da sie Spieler und Säufer wären, erging sich auch sonst noch in harten Worten. Dem Vorwurf wegen des Kartenspiels lag nur folgendes Factum zu Grunde. Die Bauern hatten im Winter am Sonntag Abend öfter über Maßnahmen in ihrer Wirthschaft berathen, wozu in dem Umstande, daß ihr Acker Stück zum Stück liegt, Veranlassung gegeben war und dann ihre Zusammenkünfte mit einem Kartenspiel (Dreikart, Fips oder Solo) geschlossen. An diesem Spiele, betheiligten sich zwei von den Bauern und einige andere Personen. Als Spielmünze pflegten sie Bohnen zu benutzen, wovon 16 auf einen

 

 

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Schilling gerechnet wurden. Daß die Bauern als Säufer bekannt seien, wird als vollkommen irrthümlich bezeichnet. Nachdem inzwischen mit ihnen auch noch über eine Verlegung ihrer Gehöfte verhandelt war, welche sie aber ablehnten, weil der ihnen zum Tausch angebotene Acker sehr bergig, kiesig und sandig war, wurden die beiden Bauern Bergholz und Elsholz Johannis 1861 vom Gutsherrn in der Weise gekündigt, daß sie Johannis 1862 abziehen sollten. In Folge dessen wandten sie sich an das Ministerium des Innern und demnächst an den Großherzog, erhielten aber den Bescheid, daß die Regulirung erst betrieben werden könne, wenn sie im Wege der Bitte an den Gutsherrn die Zurücknahme der Kündigung erwirkt hätten. Der von ihnen nunmehr gemachte Versuch, den Gutsherrn zur Zurücknahme der Kündigung zu bewegen, blieb aber ohne Erfolg. Sie wandten sich daher mit einem neuen Vortrag an das Ministerium, wurden aber unter dem 24. Januar 1862 von diesem dahin beschieden, daß sie in Ermangelung specieller Bestimmungen, wodurch ihr Verhältniß zur Gutsherrschaft geregelt worden, nur auf die für sie normirenden allgemeinen Landesgesetze, insbesondere auf Artikel 19 des Landesvergleichs verwiesen werden könnten. Vom Großherzoge, an welchen sie sich darauf wandten, wurden sie im Februar 1862 auf die ihnen vom Ministerium ertheilte Antwort verwiesen. Um Johannis 1862 fand sich das Patrimonialgericht ein, um die beiden Bauern zu vertreiben. Dieselben erklärten aber, daß sie die erhaltene Kündigung schon aus dem Grunde nicht für rechtsgültig anerkennten, weil ihr Grundherr zur Zeit ihrer Kündigung noch nicht den Homagialeid abgeleistet habe und folglich noch nicht zu Handlungen berechtigt gewesen sei, welche die landesherrliche Anerkennung seiner Grundherrschaft voraussetzten. Der Patrimonialrichter hielt diesen Einwand für begründet und stand daher einstweilen von der Exmittirung zurück. Die Kündigung ward erneuert und zugleich auch auf den dritten Bauern erstreckt.

 

Auch in der Gegend von Grevismühlen hat ein Gutsherr im verflossenen Johannis einen von ihm gekündigten Bauern

 

 

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ohne Weiteres von Haus und Hof weisen lassen. In der Regel aber entziehen sich solche Fälle der Oeffentlichkeit, und es ist daher mit Sicherheit anzunehmen, daß auf Grund des Gesetzes vom 13. Januar 1862 zahlreiche andere Fälle von Kündigungen und Exmittirungen stattgefunden haben oder in naher Aussicht stehen.

 

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Wir haben im Vorstehenden dem deutschen Volke die Schaubühne gezeigt, auf welcher der Feudalismus seine Rolle ohne alle Maske spielt.

 

Es giebt Romantiker, welche sich den Feudalismus idealisiren und die mittelalterlichen Zustände mit einem romanhaften Glorienschein umgeben. Historiker, unbekannt mit den furchtbaren practischen Consequenzen des Feudalsystems, haben aus Büchern ein Bild von demselben entworfen, das der Wirklichkeit gar nicht entspricht, und es als das Princip der individuellen Freiheit gegenüber dem nivellirenden Absolutismus gefeiert. Noch kürzlich hat ein mit den Lehren des Civilprozesses wohl vertrauter Professor bei seinem Abgange von Rostock in der an seine Schüler gehaltenen Abschiedsrede die politischen und socialen mecklenburgischen Verhältnisse als das Ergebniß ununterbrochener geschichtlicher Entwickelung bewundernd anerkannt und Mecklenburg mit seiner altständischen Verfassung und seinen corporativen Einrichtungen als ein wahres Musterland den andern deutschen Ländern mit ihren constitutionellen neumodischen Formen gegenübergestellt. Die Illusionen, welchen man sich in Bezug auf Mecklenburg und seine Zustände hie und da noch hingiebt, werden aber schwinden, wenn man sich unsere bäuerlichen Verhältnisse in ihrer geschichtlichen Entwickelung bis auf die neueste Zeit vergegenwärtigt.

 

Wer mit dem Wesen des Feudalismus bekannt ist, findet es begreiflich, daß die Junkerpartei in Preußen auf Seite der Communisten und Socialisten steht. Haben doch beide Parteien dasselbe Princip: Feudalismus und Communismus strecken beide

 

 

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die Hand nach fremdem Eigenthum. Aber der Communismus, so absurd und unausführbar an sich, steht doch auf einer viel höheren moralischen Stufe, als das Junkerthum. Denn er kämpft nicht für sein Privatinteresse, sondern für die große Masse der Arbeiter, welche nach ihm das Volk ausmacht, während das Junkerthum, von seinen Sonderinteressen geleitet, die große Mehrzahl zu Gunsten einer winzigen Minderheit ausbeutet. In Preußen beansprucht eine aus 68000 Köpfen bestehende Kaste die politische und sociale Herrschaft über ein Volk von 19 Millionen.

 

Schon anderweitig haben wir Gelegenheit gehabt, die mecklenburgischen Zustände zu schildern. Unsere Beweise haben wir mit Zahlen und Thatsachen erbracht. Das Junkerthum hat uns mit Phrasen widerlegen wollen. Aber Zahlen entfernt man nicht mit Phrasen und die Geschichte läßt sich nicht fälschen. Wir stehen auch mit unsern Ansichten keineswegs isolirt da. Wir haben bereits unparteiische geschichtliche Zeugen für uns reden lassen. Selbst in den Reihen unserer politischen Gegner fällt man das Verdammungsurtheil über unsere Zustände. Die „Deutschen Blätter", das Organ der Würzburger, haben dieselben mit einer schneidenden Schärfe beleuchtet und jegliche Gemeinschaft der conservativen Interessen mit den socialen Verhältnissen in Mecklenburg abgelehnt. Großdeutsche und Schutzzöllner haben dem mecklenburgischen Feudalismus den Krieg erklärt. Die Ultramontanen sind schon wegen des feindseligen Auftretens unserer feudalen Regierung wider den Katholicismus erbitterte Gegner unseres Systems. Nur die Organe der Junkerpartei preisen das Eldorado in Mecklenburg und gebehrden sich, als wenn nur „entartete Söhne des Vaterlandes" dessen Institutionen hassen. Dann müßten dazu aber auch die Angehörigen unserer orthodoxen Partei, ja selbst die hierarchische Spitze unserer Kirche, der Oberkirchenrath Kliefoth, gehören. Denn in einem Artikel der Hengstenbergischen „Evangelischen Kirchenzeitung" von 1859 S. 822, betitelt „Aus und über Mecklenburg-Schwerin“, geißelt ein frommer mecklenburgischer Landprediger unsere Zustände und ruft