Die ehemalige Kirche des heiligen Clemens in Königslutter

 

Nach P. J. Meier (1896) hatte Graf Bernhard d. Ä. v. Haldensleben um 1100 auf seinem Gut Lutter, das nach dem gleichnamigen Ort, bzw. dem oberhalb desselben entspringenden Flüsschen seinen Namen trug, ein Augustiner-Nonnenkloster gegründet, das sein gleichnamiger Sohn angeblich 1110 vollendete. Durch Erbschaft gelangte dieses in den Besitz Lothars von Süpplingenburg. Meibom und Merian nahmen an, daß die Pfarrkirche S. Clemens in Oberlutter mit einem Satteldach über aufgemauerten Giebeln im Norden und Süden, die Kirche des 1135 aufgehobenen Nonnenklosters gewesen sei. Diese Kirche wird zuerst 1327 ausdrücklich als solche bezeichnet. Doch bereits 1283 wird die Kapelle in Sunstedt als Filiale zur Clemenskirche geführt. Die Clemenskirche wurde 1752 mit Ausnahme ihres Turmes abgerissen, der Turm (Paalthoren genannt) erst 1821. Laut Angabe im Corpus Bonorum war die Kirche trotz ihres festen Mauerwerk seit der Zeit der Reformation in Verfall gekommen, durch die Stiftskirche ersetzt und nur in der kurzen Zeit der katholischen Restitution des Stiftes (1629-1631) von der Gemeinde wieder benutzt worden.

 

Es gibt in Deutschland sehr wenige Kirchen, die dem heiligen Clemens geweiht sind. Früher stand ein ihm geweihter Altar noch im Dom St. Blasii in Braunschweig.

 

Quelle: P. J. Meier: Die Bau und Kunstdenkmäler des Kreises Helmstedt. Wolfenbüttel Verlag von Julius Zwissler 1896. S. 204, 234

 

 

 

Zur Missionierung des heiligen Clemens auf der Krim:

 

„Kaiser Trajan verbannte Clemens der Legende aus dem 4. Jahrhundert zufolge mit vielen anderen Christen zur Zwangsarbeit in die Marmorsteinbrüche von Chersones - heute Ruinen bei Sewastopol auf der Halbinsel Krim -, wo alle schwer an Wassermangel litten. Clemens vereinte sich mit allen Christen zum inständigen Gebet, schaute ein Lamm, das mit dem rechten Fuß scharrte, grub an diesem Ort - es sprudelte eine Quelle. Zahlreiche Menschen ließen sich daraufhin taufen. Davon unterrichtet, ließ Trajan ihn mit einem Anker am Hals ins Meer stürzen und seine Mitchristen töten. Lange Zeit erschien am Jahrestag von Clemens‘ Tod sein Sarg in marmornem Tempel aus dem Wasser *)

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*) Die Episode beruht auf speziellen Ortsverhältnissen. Vor Chersones gibt es eine Untiefe im Meer, welche in den Wintermonaten bei Ebbe über den Wasserspiegel steigt. Das Martyrium des Clemens bestand darin, ihn auf dieser Insel anzuketten und dann dem Tod durch Ertrinken zu überlassen. So ist auch der Bericht von der Auffindung der Gebeine durch Cyrillus von Saloniki glaubhaft, welcher in Begleitung ortskundiger Bewohner eine Fahrt zu der Insel wagte. Die Auffindung der Gebeine geschah aller Wahrscheinlichkeit nach in der Nacht des 30. Januar 861 (Johannes Hofmann: Unser heiliger Vater Klemens. Ein römischer Bischof im Kalender der griechischen Kirche = Trierer Theologische Studien 54. Paulinus-Verlag Trier 1992, S. 60), welches Datum von verschiedenen Quellen angegeben wird. Die wichtigste Quelle ist die altkirchenslavische Übersetzung eines ursprünglich griechischen Berichtes, welcher die Auffindung der Gebeine bis in Einzelheiten beschreibt (Serhij Borysovyč Soročan: Vizantikskij Cherson v slove na perenesenie moščej preslavnogo Klimenta. [russisch = Das byzantinische Cherson in der Rede auf die Überführung der Gebeine des hochgerühmten Clemens.] In: Chazarskij al‘manach 15. 2017, S. 206 - 235, wo als Datum der Auffindung „Donnerstag, 3. Februar 861“ genannt wird)“

 

 

Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon. Clemens I. auch: Klemens, Clemens Romanicus

 

 

Die Passio sancti Clementis, eine römische Schrift, vermutlich aus dem 5. Jhdt.berichtet vom Leben und Martyrium des Clemens. Er war zur Zeit Trajans sehr erfolgreich bei der Missionierung von Juden und Heiden in Rom und wurde nach seiner Weigerung, den römischen Göttern zu opfern, von Kaiser Trajan nach Cherson auf der Krim am Schwarzen Meer verbannt. Cherson befand sich damals an der Grenze des römischen Reiches in Nachbarschaft zum Bosporenreich. Dort in Cherson missionierte Clemens erfolgreich weiter. Er gewann einen solchen Zufauf, dass man den Kaiser Trajan wiederum davon unterrichtete. Als sich Clemens dann ein zweites Mal weigerte, in Cherson den römischen Göttern zu opfern, ließ man ihn mit einem Boot auf das Meer hinaus fahren und mit einem Anker beschwert in Meer werfen. Die Passio sancti Clementis gibt für damals eine Zahl von 2000 Christen und 75 Kirchen in Cherson an.

 

Konstantin-Kyrill, der Slawenapostel, der 860/861 zu den Chasaren nach Cherson kam, suchte hier nach den Reliquien des Clemens und wurde auf einer bei Cherson gelegenen Insel fündig. Nach der Auffindung brachte man die Reliquien in die neu erbaute Clemenskirche in Cherson, dann in die Kirche des hl. Sozon und des hl. Leontius. Von Konstantin-Kyrill wurden davon Reliquien nach Rom überführt, ein Teil blieb in Cherson. Wahrscheinlich das Haupt des hl. Clemens wurde 988 vom hl. Großfürsten Wladimir von Cherson nach Kiew gebracht (siehe Nestorchronik). Bereits im 12. Jhdt. wurde diese Reliquie im Ergebnis der Mongoleninvasion zerstört.

 

Der heilige Clemens wird sowohl in der Katholischen Kirche als auch in der Byzantinischen Kirche verehrt. Dieser Heilige des christlichen Altertums ist für sie ein Bindeglied.

 

 

Weitere Informationen zum hl. Clemens finden sich im Artikel von Jochen Schmitt „Der heilige Märtyrerbischof Clemens von Rom. Leben, Martyrium und Werk“ in Theologisches. Katholische Monatsschrift Jg. 46 Nr. 01/02 Januar/Februar 2016 Sp. 71-84

 

 

 

 

Die Krim

Die Krim.

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Leipzig

I. A. Romberg‘s Verlag.

1854

 

Inhalt.

Erster Anblick der Küste der Krim.

Chersonesus Trachea.

Zugvögel. Südküste. Jailagebirge. Städte und Landgüter der Südküste. Hohe Preise des Bodens. Geographische Lage der Halbinsel. 1-6

Kertsch.

Ansehen der Stadt. Geschichtliches. Handelsverhältnisse. Mithridatesberg. Antikensammlung. Kurgane. Jenikaleh. 6-15

Feodosia.

Geschichte. Museum. Die Stadt und ihre wichtigsten Gebäude. Das Castell. Das Lazareth. Der Hafen. - Eski-Krim. 15-19

Fischfang und Fischarten an der Küste. 20-24

Schlammvulkane. - Landzunge Arabat. - Deutsche Colonien. - Zigeuner. 24-27

Die Bergtataren, ihr Aeußeres, ihr Wesen, ihre Sitten, Wohnorte und Jahreseintheilung. 27-30

Karasubazar.

Lebhafte Straße. Madscharas. 30-31

Simpheropol.

Alte und neue Stadt. Marktleben. Bevölkerung. Physikalisches. Hauptstraße von Norden nach Süden. 31-34

Der Tschadir-Dagh.

Besteigung desselben. Aussicht. Große Höhlen. Hirtenleben. Kate Girei. 34-36

Die Steppe.

Ihre Bodenbeschaffenheit. Ihre jetzige Benutzung und ihre Zukunft. 36-42

Die Rogai-Tataren. Abstammung. Körperbeschaffenheit und Kleidung. Ihre Verfassung. Opfer. Nomadenleben. Nahrungsmittel und Lebensweise. Schulen. Sitten und Gebräuche. Pferdezucht. Kameele. Verhalten gegen die Russen. 42-49

Weg nach Baktschiserai. - Griechische Colonie. Griechische Frauen. 50

Baktschiserai.

Lage. Zigeunerstadt. Kloster der heiligen Felsenmutter. Höhlen.

Tschuffutkaley.

Bild der Felsenstadt. Die Karaim, ihr Ursprung und ihre Geschichte. Kleidung der Frauen. Handel. Thal Josaphat. - Bauart Baktschiserai‘s. Verkehr und Leben in der Stadt. Palast der Khane. Die Tränenquelle und die sich daran knüpfende Geschichte. 50-65

Geschichte der Tataren und ihrer ehemaligen Staatsverfassung. Regelung der Unterthanenverhältnisse derselben zur russischen Regierung. 65-74

Weg nach Sewastopol. - Fruchtbare Gegend. 74

Sewastopol.

Kahle Küste. Erster Anblick und vortheilhafte Lage des Golfes und seiner Seitenbuchten. Die Stadt Sewastopol. Die Docks und deren Bewässerung. Ingenieur Hupton. Baumaterial. Severnaja. Leuchtthürme. Schwierigkeiten der Erhaltung einer guten Flotte. Bohrmuschel. Fortificationen. Ungesunde Luft. Inkermann. 74-82

Trümmer des alten Cherson.

Christliche Kirche. -

Salzseen von Sak. -

Koslof oder Eupatoria. -

Cap Parthenion.

Iphigenia in Tauris. 82-86

Balaklawa.

Günstiger Hafen. Die Stadt und ihre ehemalige Blüthe. Arnautencolonie. Genuesische Veste. Strandwache. 86-88

Das Beidarthal.

Das Innere tatarischer Wohnhäuser. Mahlzeiten. Wallfahrten nach Mekka. Russische Uebergriffe. 88-91

Laspi. -

Die berühmte Scala. - Kastropulo. - Kutschuk-Kui. - Kikineis. Bienencolonie. 91-93

Alupta.

Großartiger Bau. Michael Graf Woronzow. - Garten und Tatarendorf. - Landgüter russischer Großen. - Weinbau. 94-97

Oreanda.

Sonderbare Felsengestaltung. Kostspielige Unterhaltung. Mangel an Singvögeln. Frösche und Grillen. - Livadia. 97-100

Jalta.

Lage der Stadt und öffentliche Gebäude. Neue Kirche. - Derekoi. - Stille-Bogas. Reisegelegenheiten. Pferde. Sattel. Telegen. 100-103

Marsanda. -

Magaratsch. - Nikita. - Botanischer Garten. Einige Baumarten. – Artek. Bärenberg. - Pursuff. - Parthenite. Räubersagen. Fieber. - Bujuk-Lampat. 103-107

Aluschta.

Querthal durchs Gebirge. Strategische Lage. Alte Citadelle. - Sudak. Frühe Blüthe. Alte Befestigungen. Fruchtbares Thal. 107-109

Bevölkerung der Krim. - Klima. 110

Bedeutung Südrußlands für die Zukunft Europa‘s. Günstige Handelslage. Schnelle Bevölkerung. Zusammensetzung der Bevölkerung. - Vorzügliche Entwicklung der nichtrussischen Städte. Geringer Handwerkerstand. Fabriken. Märkte. 110-116

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Die Krim.

 

Wenn auf dem fast immer vom Sturme bewegten Pontus sich vom Abend her ein Schiff der taurischen Halbinsel nähert und der Reisende erwartungsvoll vom Verdeck nach Osten schaut, jenes Land zu erspähen, das auf so entgegengesetzter Bodengestaltung die entgegengesetztesten Nationalitäten birgt, jenes Land, dessen Geschichte bis in die fernsten Zeiten zurückgeht und wo fast alle auf einander gefolgten Völker Spuren und Denkmale ihres Besitzes hinterlassen haben, so sind es zuerst die gewaltigen Gebirgsmassen der Südküste der Krim, die mit ihren Spitzen sich mehr und mehr über die Wogen erheben, während das nördliche Steppenland der Halbinsel noch tief hinter dem Wasserspiegel ruht. Immer höher treten die zeltartigen Spitzen der mehr als 4000 Fuß hohen Bergkuppen des Jailagebirges mit den umgebenden Höhenzügen heraus und bald liegt auch das Uferland vor den erstaunten Blicken.

 

Der am meisten nach Westen gestreckte Theil, der Chersonesus Trachea der Alten ist ein vollkommen flaches Land, das sich von der Mitte der Halbinsel nach der Westspitze zu sanft bis zum Meeresspiegel herabneigt. Ziemlich enttäuscht blickt der Reisende nach den uninteressanten Gestaden, die sich ihm hier bieten und nur die südöstlich herüberschauenden Berge trösten ihn, Schöneres verheißend. Bis zu dem Leuchtthurm, der die äußerste Spitze des Chersones ziert, streicht man lange an öder Küste nach Süden hin, dem Hafen von Eupatoria und dem stark beschützten Eingange zur Bucht von Sewastopol vorüber. Da endlich hebt sich die Küste höher und malerischer, das alte Parthenion, das Vorgebirge der Jungfrau, tritt hervor, auf dem einst der Tempel des Orestes stand, und nachdem man dieses umschifft, erblickt man das an den Felsen geschmiegte Kloster des heiligen Gregorius an der Stelle, wo früher der Tempel der Diana gestanden, in dem

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die holde Iphigenia, die wohlthätige Retterin fremder Gäste, den Dienst als Priesterin versah. Nachdem man hierauf die Bucht von Balaklawa durchschnitten, über die genuesische Burgruinen herabschauen, befinden wir uns am Fuße der hohen Berge und an dem Westrande der so hoch gepriesenen Südküste.

 

Da liegt es denn vor uns das Land, wo auf griechischen Ruinen der deutsche Colonist friedlich neben dem Tataren, der jüdische und griechische Händler neben dem russischen Soldaten wohnt, wo der Götzendienst den Götterdienst verdrängte und wieder vom Glauben Mohammeds verdrängt ward, der nun auch dem Christenthume weichen muß; wo unweit der großartigen Residenz der pontischen Könige die öde Steppe sich dehnt, auf deren ebener Fläche man wiederum nicht ahnt, daß einige Meilen davon einer der mächtigsten Seekriegshäfen der Welt seine Tausende von Feuerschlünden aus ungeheuren Granitmassen übers Meer hinaus und über den von ihnen umgebenen Golf streckt, jedem Feinde das Andringen wehrend. Wir wollen an seiner Südküste nach Osten zu entlang fahren, um erst den allgemeinen Anblick derselben zu genießen und um vom östlichsten Ende, dem Sitze der ehemaligen pontischen Herrschaft, die Städte des Innern, Baktschiserai, die Residenz der Tatarenkhane, und Simpheropol, die jetzige Hauptstadt, dann die Seestädte mit ihren oft weit verbreiteten Handelsverbindungen und endlich das neue russische Bollwerk Sewastopol zu besuchen und dabei die Beschaffenheit dieser Orte und ihrer verschiedenartigen Bewohner, ihre oft merkwürdige Geschichte und ihre Bedeutung in der Jetztzeit kennen zu lernen.

 

Wer im Frühjahre die südwestliche Spitze der Krim umfährt, wird über die Massen der Zugvögel staunen, die in Schaaren von Kleinasien herüberkommen, da hier der schmalste Uebergangspunkt ist, um von hier über die Halbinsel nach den weiten Ebenen des Nordens zu ziehen. Sie umgehen das hohe Gebirge, das ihnen hier an der Südküste entgegensteht, indem sie sich zum Theil östlich wenden, um durch die Defileen und tiefen Querthäler, die in der Mitte beim Tschatir-Dagh das Gebirge durchbrechen, in die Steppen zu gelangen, zum Theil westlich über den niedrigen Chersones dahinfliegen. Das öde Tafelland des Westens gewinnt in dieser Zeit ein eigenes Leben und wenn des Nachts das einsame Licht des Leuchtthurmes in die Dunkelheit hinausstrahlt, ist dies Gebäude von den durch das Licht haufenweise angezogenen

 

 

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Vögeln umflattert. Wie auf die Schiffe, so fallen auf diesem Leuchtthurme die ermüdeten matten Kraniche nieder oder stürmen auch geradezu mit ihren langen Schnäbeln durch die Fensterscheiben in das Innere zu den Lampen hinan, so daß diese Leuchte wegen der vielen von den Zugvögeln zerbrochenen Fensterscheiben zu einer der kostspieligsten wird. *)

 

Die Südküste erscheint als ein von der übrigen taurischen Halbinsel ganz und gar abgesonderter Theil, sowohl was das Klima als auch die Verhältnisse der Bevölkerung anbelangt. Die Gebirge dieser Südgegend steigen von der nordischen Ebene allmälig auf, um dicht am Meere plötzlich steil abzufallen, so daß die höchsten Punkte dicht an der Küste sind, und der Theil, der sich vom Ufer aus schnell erhebt, dadurch ganz eigenthümliche Verhältnisse erlangt. Gegen alle rauhen Einflüsse des Nordens geschützt, liegt er den milden Seewinden offen und erhält dadurch ein so mildes Klima, daß der Wein, die Olive, der Lorbeer, die Granate, die Cypresse und fast alle andern Gewächse eines südlichen Himmelsstriches gut hier gedeihen können. Dieser günstige Boden war es daher vor Allem, der die Fremden von jeher anlockte und zum Schauplatz eines thätigen Anbaues wurde, der seine Erzeugnisse weithin versendete. Dabei schieden die hohen schroffen Bergwände diese Einsiedler immer von der Bevölkerung im Innern und während Griechen, Genueser und Türken an der Südküste pflanzten, trieben oben die nomadischen Urstämme ihre Heerden bis an den Rand des Gebirges hinan. So trennte sich diese Südgegend immer als besonderes geographisches Glied von der übrigen Halbinsel unter eigenem Namen und eigener Herrschaft und während sie von Chersones oder Cembalo aus regiert ward, waren die Horden des Innern bald den Gothen, bald den Alanen, Tataren oder Andern unterworfen. Einst bei den Griechen Kastra geheißen, wird von den Russen dieser Landstrich einfach „die Südküste“ genannt und dieses Wort wie von einem eigenen Lande angewendet; denn wenn man im Innern Rußlands sagt, „dieser Wein oder diese Früchte sind von der Südküste,“ so bedarf es keiner nähern Bezeichnung, daß man die Südküste der Krim damit meint. Aber nicht auf die ganze von Balaklawa bis zur Meerenge

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*) Kohl, Reisen in Südrußland

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von Jenikaleh reichenden Südostküste wird dieser Name ausgedehnt, sondern gilt nur bis dahin, wo bei Alutscha das Querthal das Gebirge durchschneidet. Nur diese Strecke besitzt die köstlichen Eigenschaften, die der Russe im Worte „Südküste“ ausdrückt. Oestlicher nach Sudak und Feodosia fallen die Berge schon sehr ab und die Verhältnisse des Bodens deuten schon auf ein nördlicheres Klima. *)

 

Die hohen Gebirgswände dieser Küste darf man aber nicht etwa mit dem Abfalle der Alpen nach Italien oder dem der Pyrenäen nach Frankreich zu vergleichen, denn die Bergkette der Krim ist weder so großartig, noch so verschieden in der Form, wie jene Gebirge; auch fehlen ihr die tiefen Thäler und Schluchten und der Schmuck reicher Waldmassen; sie zeigt immer nur ihre kahlen grauen Felsenpartien — und nur in der Nähe gesehen, wo die Einzelnheiten mehr ins Auge fallen, bieten sich schöne, oft sogar entzückende Landschaften.

 

Reizende Landsitze und großartige Besitzungen folgen nun an der Südküste, die oft paradiesisch gelegen, ihren Besitzern enorme Summen kosten. So folgen sich Simeis, Alupka, was dem Fürsten Woronzow gehört, das Mischkor der Narischkins, das obere Oreanda des Grafen Witt, das dem Kaiser gehörende untere Oreanda, das Livadia des Grafen Potocki, fast ein jedes in einem verschiedenen Geschmack erbaut und mit Weinpflanzungen und Cypressen, Maulbeer- und Wallnußbäumen umgeben. Der Ankauf solcher Ländereien kostet den russischen Großen darum so bedeutende Summen, weil nicht der landwirthschaftliche, sondern der ästhetische Werth des Bodens bezahlt wird, der nach der Hast, mit der man solchen schöngelegenen Plätzchen nachjagt, oft bis ins Ungeheure steigt. Während nördlich hinter den krim‘schen Bergen der Preis einer Dessätine Landes (109,782 Pariser Quadratfuß, oder doppelt so viel als ein sächsischer Acker) nur zwischen 10 bis 15 Rubel wechselt, erreicht derselbe an der Südküste die Höhe von 500 bis 1000 Rubel, es sind daselbst sogar schon 5000 bis 6000 für die Dessätine bezahlt worden. Die Tataren, zu deren Dörfern dieser Bodenbesitz gehört, machen ein gutes Geschäft beim Verkaufe und mancher derselben zieht sich als reicher Mann von dieser Gegend zurück. Auf diese Weise haben in den letzten Jahren an 400 tatarische Familien

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*) Kohl, Reisen in Südrußland.

 

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ihre hiesige Heimath verlassen und sich theils in die alte Tatarenresidenz Baktschiserai begeben, theils sind sie nach Anatolien hinübergeschifft. Aber auch die Speculation hat sich dieses Bodenverkaufs schon bemächtigt und mancher scharfblickende Deutsche oder Franzose damit einen Gewinn gemacht, daß er um möglichst niedrige Preise solche Stellen ankaufte, die zur Anlage eines Landsitzes besonders geeignet schienen, um sie dann um höhere Summen dem russischen Liebhaber loszuschlagen. Dabei werden diese Güter von ihren Besitzern so reich und prächtig ausgestattet, daß man in ihren Sälen nicht in der Nähe von Tatarenhorden, sondern in den größten Palästen St. Petersburgs sich in befinden glaubt. Der Luxus und die Verschwendung ist hier zu Hause und Mancher verzehrt hier jährlich einen Zuschuß von 50 bis 100,000 Rubeln. *)

 

Jalta mit seiner Bucht und seinen freundlichen Häusern, eine Hauptstation der Dampfschiffe, erscheint hierauf und nachdem man wieder an vielen Palästen und Landsitzen vorbeigefahren ist, Aluschta, in dessen Nähe zwar die Berge schon zurückzutreten beginnen, wo aber der Tschadir-Dagh (Zeltberg) sich am schönsten präsentirt. Er liegt hier vollkonnnen frei, scheint gleichsam aus der übrigen Kette herausgelöst und erhebt sich über 5000 Fuß. Dabei endet er nicht in einem spitzen Gipfel, sondern in einem 4 bis 5 Werst (anderthalb Stunde) langen Rücken, der nach den Seiten hin schnell abfällt, weshalb ihn die Tataren mit einem Zelte verglichen, welchen Namen die Russen durch Palata-Gora wörtlich in ihre Sprache übertrugen. Die Griechen, ihn mit einem Tisch vergleichend, nannten ihn „Trapeza,“ wohl auch „Berosus.“

 

Schnell eilt uns der kleine Handelsort Sudak vorüber, die weit zurückgetretenen Berge fallen ab, das Cap Kaffa und Feodosia wird sichtbar und nachdem wir wieder einige Zeit an niedriger Küste entlang gefahren, haben wir Kertsch an der Straße von Jenikaleh erreicht, den östlichen Endpunkt der kimmerischen Halbinsel, die in der Gestalt eines unregelmäßigen Vierecks ihre Ecken den vier Himmelsgegenden zukehrt und mit der nördlichen Spitze, der Landenge von Perekop mit den weitern Steppenländern Neurußlands zusammenhängt. Bedenkt man, daß die südlichste Spitze weit in das

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*) Kohl, Reisen in Südrußland.

 

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Meer vorsteht und dem Cap Indieh bei Sinope ziemlich gegenüber liegt, daß Ostende aber, indem es das große Becken des Asowschen Meeres gleichsam abschließt, mit der entgegenkommenden Halbinsel Taman eine nur von einem schmalen Wasserstreifen unterbrochene Brücke zu den kaukasischen Völkern bildet, so findet man in dieser geographischen Lage und in den Verbindungen alle historischen und politischen Erscheinungen erklärt. Wenn über den Isthmus des Perekop in allen Zeiten die neuen Bevölkerungen der krim‘schen Steppe herüberzogen, so war es der leichte Uebergang über den taurischen Bosporus, der das Beherrschen des Kaukasus und des Mäotis erleichterte. Welche wichtige Bedeutung die Südspitze mit dem nahgelegenen Sewastopol, von dem aus der große Spiegel des Pontus bewacht und unterjocht werden konnte, für Rußland hat, springt in die Augen. Nur das flache Westende, die Landzunge von Eupatoria streckte sich von jeher bedeutungslos in den Golf von Odessa hinaus.

 

Der Anblick von Kertsch vom Meere aus ist wahrhaft überraschend und imposant. Im Hintergrunde einer tiefen Bucht, die sich östlich nach dem kimmerischen Bosphorus öffnet, von der Strömung in denselben aber nicht beunruhigt wird, dehnt sich westlich die Stadt halbmondförmig auf der Hochebene aus, die den Golf in geringer Höhe umgiebt und wird sammt der ganzen Umgebung nur von einem Punkte beherrscht, dem letzten Ausläufer einer Reihe von Hügeln, der unmittelbar oberhalb der Stadt endet und neben derselben als bedeutende Höhe schroff ins Meerbecken abfällt. Es ist dies der Mithridatesberg, auf dem einst die Akropolis des alten Pantikapäon stand und der noch jetzt durch seinen weitsichtbaren Tumulus und den Tempel, der seinen Scheitel krönt, dem Fremden verkündet, daß er historisch-klassischen Boden betritt. Die Stadt selbst, die etwa 10,000 Einwohner besitzt, ist fast durchaus neu gebaut, hat ein gutes Steinpflaster, breite Trottoirs und gerade, breite und sich rechtwinklig kreuzende Straßen, so daß sie ganz modernen Ansprüchen genügt. Ihre Häuser haben aber kein gewöhnlich nüchternes Aussehen, sondern sind mit Bogengängen, Säulen, Balkons und allerhand Decorationen geziert, die zwar größtentheils dem neuen russischen Style entsprechen, von Weitem aber nicht wenig zum Schmucke der Stadt beitragen, sie nicht nur von andern Städten der Umgegend unterscheiden, sondern sogar in etwas an ihre altgriechische Entstehung erinnern. Sie besitzt in der Mitte einen großen Marktplatz, der mit Bogenwölbungen umgeben ist

 

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und von welchem regelmäßige Straßen auslaufen, darunter einige kürzere nach dem Meere. Die Hauptstraße, zugleich die belebteste und der Sitz des Handels, durchschneidet die Stadt von einem Ende bis zum andern und ist mehrmals mit einigen gleichlaufenden Straßen durch kleinere Gassen verbunden. Längs des Ufers des Meerbusens läuft ein schöner, breiter steinerner Kai, auf welchem sich mehrere großartige Gebäude befinden, wie die Wohnung des Gouverneurs von Kertsch und das umfangreiche Gebäude, worin sich die Zollverwaltung und die großen Waarenlager befinden. Der Hafen, der an seinem Eingange sehr tiefes Fahrwasser besitzt, wird nach dem Kai bei der Stadt zu seicht, so daß die Schiffe nicht dicht bei der Stadt anlegen können, sondern etwas östlicher, unter den Mauern des Lazareths Anker werfen müssen, was aber dem lebhaften Handel keinen Eintrag zu thun vermag.

 

Die Anlage einer Stadt auf diesem reizenden Punkte ist uralt und geht mehr denn 2000 Jahre zurück, ja es bestand hier vielleicht schon eine Stadt, als die Milesier vor mehr denn 500 Jahren vor Christus sich hier als Colonisten niederließen und Pantikapäon gründeten, von wo sie, wie von den von ihnen ebenfalls angelegten Colonien Theodosia und Cherson, altgriechisches Leben und Cultur um sich verbreiteten und einen lebhaften Handel eröffneten. Höher noch blühte das griechische Leben auf, als etwa hundert Jahre später die bosporischen Könige aus dem Stamme der Archäanaktiden den Sitz ihrer Herrschaft aus Phanagoria auf der Halbinsel Taman hierher nach Pantikapäon verlegten und in beständiger Cultur- und Handelsverbindung mit dem Mutterlande Hellas blieben. Aber nur etwas über hundert Jahre bestand dies Reich als ein selbstständiges, denn um 324 v. Chr. wurden seine Herrscher den Sarmaten und Tauriern tributpflichtig und übten nur noch ein Scheinregiment. Da erschien Mithridates Eupator, bemächtigte sich des kleinen Reichs, eroberte die Krim und fast sämmtliche Gestade des Pontus und verlegte seinen Regierungssitz ebenfalls nach Pantikapäon, von hier aus den gigantischen Plan verfolgend, mit Hilfe der ihm verbundenen nordischen Völker, der Scythen und Sarmaten, Roms Herrschaft zu vernichten. Die Größe seines Planes ward sein Verderben und als nach seiner Besiegung durch Pompejus sein eigner Sohn an ihm zum Verräther ward, wußte er als Held zu sterben. Sein letzter treuer Freund, der baltische Fürst Bitötus stieß ihm auf sein Verlangen das Schwert in das ehrgeizige Kriegerherz.

 

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Eine natürliche Folge war es, daß nun die bosporischen Könige Vasallen der Römer wurden und es bis ins vierte Jahrhundert unserer Zeitrechnung blieben, wo die mächtige Nebenbuhlerin Pantikapäons, die Republik Chersones dem Reiche ein Ende machte. Oft noch wechselte die schön gelegene Stadt ihre Beherrscher. Es kamen die wilden Hunnen, nach ihnen die Griechen, welche jene vertrieben, wobei die ganze Halbinsel durch Justinian dem oströmischen Kaiserreich einverleibt wurde und wenn auch nur dem Namen nach, ein Theil desselben bis ins 13. Jahrhundert verblieb. Die Milesier des Mittelalters, die kriegerischen und handelsbetriebsamen Genuesen, nahmen nach und nach alle Küstenstadte in Besitz, befestigten sie und führten in regem Handel ihre Producte der Heimath und die des Abendlandes den pontischen Gestaden zu. Es entstand nach den Verheerungen der Gothen und Mongolen eine neue Blüthenzeit für die Halbinsel und es würde dieses Land bald wieder zu einer bedeutenden Culturhöhe gelangt sein, wenn nicht die Türken von Stambul aus endlich auch diesen Punkt bezwungen hätten. Unter türkischer Herrschaft erhielt die Stadt den Namen Kertsch, eigentlich Ghieritsch, und besaß einen Pascha und eine Garnison. Dreihundert Jahre später, im Jahre 1774, fiel sie durch Vertrag an Russland, das einst von dieser Halbinsel das Christenthum empfangen, nun vom Norden her ihr wiederum Civilisation, feste Gesetze und Organisation zuführt, die diesem pontischen Lande eine Stelle im europäischen Staatenkreise für die Zukunft zu sichern scheinen.

 

Kertsch hat sich schon bedeutend gehoben; sein Hafen ist ausgezeichnet mit einer durchschnittlichen Tiefe von 12 bis 15 Faden guten Ankergrundes und die Lage so vortheilhaft, daß man nicht begreifen kann, wie es nicht schon jetzt ein zweites Odessa geworden ist. Aber der Welthandel ist eine eigne Macht, die ihre eignen Bahnen geht, ohne mit Bestimmtheit gelenkt werden zu können. Die leichte Verbindung mit dem Asow‘schen Meere, die gegenüberliegende Mündung des Kuban, der von den kaukasischen Bergen kommt, viele andere Vortheile der Lage, vorzüglich auch die rastlosen Bemühungen des Grafen Woronzow, des Gouverneurs von Neurußland, zum Besten der Stadt, schienen ihr ein schnelleres Emporblühen zu verheißen.

 

Baares Geld ist in Kertsch wenig im Umlaufe, doch werden bedeutende Geschäfte mittelst ausgebreiteten Credits gemacht. Besonderes beliebt sind die Moskauischen Fabrikate,

 

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während Colonialwaaren durch genuesische und ragusanische Schiffe eingeführt werden, die von hier als Rückfracht Getreide am Asow‘schen Meere oder in Kertsch Ladungen von Wolle, Seife und Thierhäuten einnehmen. Außerdem sind hier große Salzvorräthe, die aus den natürlichen Salzseen von Perekop kommen; in der letzten Zeit hat man auch für die Dampfschiffe eine Niederlage fremder Steinkohlen angelegt, was alles zahlreiche Beamte der Zollbehörden beschäftigt. Einen bedeutenden Erwerbszweig für den Kleinhandel bietet der reiche Fischfang der Küste. Wenn man die mannigfaltigsten Fleischarten und die schönen Gemüse erblickt, die hier zu Markte gebracht werden, so ist die Frage natürlich, wo kommen sie her? Denn wenn man den alten Namen Pantikapäon von Panti und Kapos (überall Garten) ableitet, so sucht man jetzt vergebens eine frühere Fruchtbarkeit. Nicht die kleinste Pflanzung, noch viel weniger ein Garten ist in der Umgegend zu erblicken.

 

Auf dem Mithridatesberge, der die Stadt Kertseh vollständig beherrscht, und von welchem man eine weite Rundsicht über die Meerenge, den Golf und die Stadt genießt, erhebt sich auf dem höchsten Punkte ein mit großen Felsenstücken bedeckter Grabhügel, das Grab des Mithridates genannt, an dessen Fuße sich ein Steinblock mit einer breiten Vertiefung, gleich einem kurulischen Stuhle befindet, der den Namen Sitz des Mithridates führt. Von diesem Sitze überschaute jener große pontische König seine ungeheure Flotte, als sie von hier auslief, den Römern die Weltherrschaft zu entreißen. Ueberall in der Umgebung lebt noch in den Trümmern die Erinnerung an das alte Pantikapäon und seinen großen König. Unweit dem Grabe des Mithridates ist ein modernes Grabmonument für einen verstorbenen Stadtgouverneur errichtet, das auf dünnen Säulen ruhend, im Style nicht ganz seinem Zwecke entspricht. Dicht an einem tiefen Einschnitte in den Berg, in welchem ganze hohe Schichten unter einander geworfener Knochen sichtbar sind, erhebt sich ein eben vollendeter griechischer Tempel, der ein historisches Museum von großem Werthe in seinen innern Räumen birgt, das aus einer ausgezeichneten Sammlung meist in Grabhügeln aufgefundener griechischer Alterthümer besteht. Von der Stadt aus führt eine neue Riesentreppe hinauf zu dem Museumstempel, die eine erstaunlich imposante Wirkung macht. Sie beginnt auf dem großen Marktplatze, erhebt sich breit zur Höhe des Berges und ist in ihrer Ausdehnung mit schönen Geländern und griechischen Masken,

 

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Trinkgeschirren und gut gezeichneten Greifen den heraldischen Zeichen Pantikapäons, geschmückt.

 

Welche reiche Fundgrube an Antiken, größer wie irgend eine der Städte Griechenlands, diese Stadt und Umgegend ist, beweist die Reichhaltigkeit der Antiken-Sammlung, trotzdem daß alle werthvollern Sachen, die transportabel waren, nach St. Petersburg gewandert sind oder wenn sie Metallwerth besaßen, von vandalischen Privatleuten zerstört und zerschmolzen wurden. Es läßt sich annehmen, daß neun Zehntheile der Antiken bisher auf diese Weise verloren gingen. Die Gegenstände, die in diesem Museum aufgestellt sind, zeigen sich indeß mehr interessant, als schön und haben mehr einen antiquarischen als wirklich höhern Kunstwerth. Die Bildsäulen, Gefäße und Zierrathen gehören nicht gerade einer hohen Kunstperiode an, sondern sind von minderm Kunstwerthe oder geringere Nachahmungen und man sieht, daß Pantikapäon nicht selbst eine Kunstmetropole, sondern nur eine reiche Provinzialstadt war. Selbst ein leichter Hauch des Barbarenlandes, der an die Umgebungen erinnert, liegt über diesen Arbeiten und daß es nicht das Mutterland der Kunst, sondern nur eine Colonie desselben war, verrathen auch schon die massig dazu verwendeten edlen Metalle, mit denen man den ästhetischen Werth ersetzen wollte. Einen außerordentlichen Werth für die Kunstgeschicbte besitzt die große Reichhaltigkeit an Goldgefäßen, Zierrathen, Masken u. s. w., da wir gerade von diesen Dingen sehr wenig aus der guten griechischen Zeit besitzen. In einer Reihe von Glasschränken, die nur Kennern als besondere Vergünstigung gezeigt werden, befinden sich vorzüglich kostbare Gegenstände, als Glasgefäße, goldene Ketten, Ringe, Medaillons und mannigfaltige Münzen. Die um Kertsch gefundenen hetrurischen Vasen sind ausgezeichnet in Form und Zeichnung, besonders aber haben auch die Inschriften einen hohen Werth, die aus allen Zeiten stammend hier aufgestellt und trotz ihrer großen Anzahl mit sorgfältigen russischen und französischen Uebersetzungen begleitet sind. Wir finden in ihnen die verschiedensten Sprachen wieder, die sich in dieser Gegend geltend machten, von der rein griechischen bis zu den abweichendsten Dialekten, von der Sprache des Homer bis zur tatarischen herab. Auf manchen dieser Leichensteine erscheint ein Tatar zu Pferde, mit Waffen und Allem, wie sie noch heut zu Tage hier anzutreffen sind. — Dabei ist die Unterhaltung des Museum ausgezeichnet und die chronologische Ordnung so weit berücksichtigt, als es der Umfang der Gegenstände gestattete.

 

 

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Der Metallreichthum vieler dieser Gegenstände ist oft ein ungeheurer, man fand allein in zwei Gräbern goldene Kunstsachen und Zierrathen, die zusammen 120 Pfund wogen, wovon aber leider nur 15 Pfund in das Museum abgeliefert wurden, das Uebrige aber unter den Händen verschwand. Ein anderes Grab im Kurgan Koledach enthielt über ein Pud Gewicht an Goldsachen. *)

 

Als der russische Kaiser im Jahre 1837 Kertsch besuchte, begab er sich nach der Besichtigung des Museums und der neuen Bauten, unter denen besonders eine prachtvolle Kirche im schönsten griechischen Style erwähnenswerth ist, in das in sehr edlem Geschmacke errichtete Gouvernementspalais, um die hier vom Fürsten Kherkhenlidzoff aufgestellten seltensten Gegenstände der pantikapäischen Sammlung, die später in die Museen St. Petersburgs wanderten, zu besichtigen. Hier befanden sich unter andern ein reicher Leichenschmuck, mit dem eine griechische Dame höchsten Ranges bekleidet gewesen war, sowohl die kostbarsten Edelsteine und ihr Alltagsstaat, als auch die zierlichsten Dinge einer feinern Toilette, wie auch das mit Gold und seltenen Steinen bedeckte Geschirr eines Lieblingspferdes. Die kostbarste Reliquie war aber eine Maske und ein Lorbeerkranz von Gold, welche auf dem Antlitze und der Stirn der erhabenen Leiche gefunden worden waren. Diese Maske war keine gewöhnliche Arbeit; sie mußte genau auf die Züge gepaßt haben, so sehr verrieth sie, auch in ihren Unvollkommenheiten, den Ausdruck der Gesichtszüge, wie er nur einem nach der Natur abgenommenen Abdrucke eigen ist. **) — Gehen wir nun von den gefundenen Sachen zu den Fundgruben, den Grabhügeln oder Kurganen selbst über.

 

Wenn der Steppenreisende oft jedes Leben um sich erloschen sieht und nichts über sich erblickt, als den Himmel und rings um sich her den unbegrenzten flach ausgebreiteten grünen Teppich, dann taucht bald hier bald da ein kleiner regelmäßig runder Hügel vor ihm auf, oder wenn leichte Bodenschwellungen und flache Höhenzüge die Steppe durchziehen, sieht er, meist in gleichen Entfernungen von einander, etwas größere konische Hügel sich erheben, auf denen hin und wieder plump gearbeitete 5 bis 8 Fuß hohe steinerne Bildsäulen sich befinden, die einsam, gleich Gespenstern über die Einöde hinschauen. Oft stehen diese Art Hügel gruppenweise in größerer Anzahl beisammen,

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*) A. v. Haxthausen, Studien über Rußland.

**) A. v. Demidoff, Reisen in Südrußland.

 

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einen ungeheuren Kirchhof bildend, bald ziehen sie sich, dann aber größer an Gestalt, in fortlaufenden Reihen über die Höhen, bald sieht man sie dem Blicke entschwinden und in langen Zwischenräumen hier und da wieder auftauchen. Diese Steppenhügel, Kurgane oder Mogillen genannt, unterscheiden sich jedoch sehr von allen andern Grabhügeln, die von den Celten, Germanen oder Slaven Europas hinterlassen worden sind, sie sind im Ganzen höher und regelmäßiger als diese und scheinen außerdem noch irgend eine mythologische oder religiöse Bedeutung zu haben, vielleicht selbst eine politische oder militärische, denn noch im vorigen Jahrhunderte finden wir z. B. bei den Türken die Gewohnheit, durch kleine aufgeworfene Erdhügel, die einer vom andern aus sichtbar sind, den Weg zu bezeichnen, den eine Armee genommen oder zu nehmen hatte. Eine eigenthümliche Erscheinung der Kurgane bleiben jedoch die Steinbilder, die gewöhnlich aus einer Steinart gearbeitet sind, die in der Gegend, wo sie stehen, gar nicht vorkommt und daß sie oft an Stellen sich befinden, die 100 Meilen im Umkreise keinen ähnlichen Stein haben. Die gewöhnlichsten Steinarten, die man zu diesen Denkmälern verwendet hat, sind Muschelkalk und grober Sandstein; die Bildsäulen selbst scheiden sich in männliche und weibliche und haben sämtlich das Gesicht nach Osten gekehrt. Alle halten mit den Händen vor dem Unterleibe einen schwer zu erkennenden Gegenstand, den Einige für einen Priapus, wieder Andere bald für ein Buch oder eine Schrift oder auch für ein Gefäß, eine Schale, ansehen, wie sie auch bei tibetanischen Götzenbildern vorkommen. Die Stellung der Figuren ist bald sitzend, bald stehend, die Füße vorn meistens nur hautreliefartig angedeutet, während der hintere Theil nach unten in einen plumpen viereckigen Stein ausgeht, der oft noch mehrere Fuß tief in die Erde hinabreicht. Die jetzt in der Nähe solcher Kurgaue wohnenden Völker wissen nichts von deren Ursprunge zu erzählen und obwohl die Mehrzahl der Bildfiguren mongolische Gesichtszüge haben und mongolischen Kopfputz tragen, so wissen doch die nomadisirenden Mongolen keine Deutung zu geben, zeigen keine Verehrung für sie und behandeln sie als ihnen vollkommen gleichgiltige Steine. Das Volk nennt diese Figuren schlechtweg Baba (alte Mütterchen). Die sich an dieses oder jene besonders auffallende Steinbild knüpfenden Sagen sind offenbar spätern Ursprungs und geben kein Licht. Und doch muß ihre Bedeutung eine großartige allgemeine gewesen sein,

 

 

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denn man findet sie im Norden weit über das Steppenland hinaus bis nach Kurk, im Süden bis in die Krim, an den nördlichen Abhängen des Kaukasus und in Dhagestan, westlich bis Bessarabien und im Osten in unbekannte Weite über den kaspischen See hinaus, so daß man das von ihnen eingenommene Territorium, so weit man es jetzt kennt, auf mehr als 30,000 Quadratmeilen angeben kann. Die Menge der Kurgane ist völlig unzählbar, aber auch die Zahl der noch stehenden Steinbilder geht in die Tausende und wie viele Tausende von ihnen mögen zerstört oder fortgeschafft worden sein, da gewiß schon seit vielen Jahrhunderten jede Bedeutung, jede religiöse Verehrung derselben aufgehört hat; sie bleiben daher, Hügel, wie Bilder, ein undurchdringliches Räthsel für den Geschichtsforscher. Ob sie jenem uralten Cultus der Höhen und Höhensäulen, der über ganz Nordasien verbreitet war und selbst in der Bibel, im 2. Buch der Könige 18, 4, erwähnt wird, angehörten oder mit den Bildern der Scythen zusammenhingen, die im Ramasseum des alten ägyptischen Theben unter dem Namen Scheta aufgestellt waren, läßt sich wohl vermuthen, aber es bleiben eben Vermuthungen. Der jetzige Name Kurgauy soll der tatarischen Sprache entlehnt und aus Gür, Kyr, Kur, Grab oder Hügel und Chane, Haus zusammengesetzt sein. Das wahrscheinlich aus dem Arabischen hergeleitete Wort Mogily, wie die Kleinrussen diese Erdkegel nennen, soll ebenfalls einen Hügel oder eine Rast bedeuten.

 

Höchst interessant sind die Kurgane bei Kertsch und nirgends giebt es so viele Erdhügel als in dieser Ecke des kimmerischen Landes. Diese Kegel enthalten größtentheils eine bedeutende Anzahl geschickt gemauerter, oft prächtiger Grabgewölbe mit schönen Marmorsarkophagen, griechischen Bildsäulen, künstlichen Gefäßen von Gold und andere Dinge, die an das bosporische Königreich erinnern. Da nun diese Kurgane von außen denen der Steppe völlig gleichen, mit denen der taurischen Steppen in Reihen zusammenhängen, in vielen auch keine griechischen Grabstätten gefunden werden, so ist daraus mit Gewißheit zu schließen, daß die Bewohner Pantikapäons die schon vorhandenen uralten Kurgane benutzten, ihre Grabstätten darin anzulegen und auszubauen, wie noch jetzt die jenseits der Meerenge von Jenikaleh wohnenden zaporogischen Kosaken ihre Häuptlinge in diesen Mogillen beisetzen. Oft enthält ein solcher Erdhügel bei Kertsch 3 bis 4 griechische Todtenstätten, seltener findet man dieselben in

 

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die natürlichen Berge hineingebaut, bisweilen sogar neben unbenutzten Kurganen. Einen der größten dieser Erdkegel, der 100 Fuß hoch ist und 150 Fuß im Durchmesser hält, nennt man das Grab des Mithridates, welches seinen Leichnam enthalten soll, während es doch bekannt ist, daß dieser König, obgleich in Pantikapäon gestorben, doch in Sinope begraben liegt. Die Grundfläche dieses Hügels ist mit großen Steinblöcken gleich den cyklopischen Mauern gemauert. Noch hat sich im Volk die Sage von ihm erhalten, daß jeden St. Johannistag eine Jungfrau auf seiner Spitze erscheine, die auf den warte, der die inliegenden Schätze mit ihr hebe und theile. Als man diesen Kurgan im Jahre 1833 aufdeckte, fand man ein 10 Fuß hohes, 4 Fuß breites und 60 Fuß langes Gewölbe, das jedenfalls schon früher einmal ausgegraben und beraubt worden war, denn es war vollkommen leer. Ein ursprünglicher Kurgan, den man im Jahre 1821 im Gouvernement Cherson aufdeckte, enthielt in der Hügelmasse nichts als leeren Sand und nur als man den Boden erreichte, fand man vier einander umgebende Kreise von 2 bis 3 Fuß hohen aufgerichteten Steinen, in deren innerster Rundung 5 Steine znsammenlagen. Im Ganzen hatte der Grund dieser Anlage einige Aehnlichkeit mit den Hünenringen, wie man sie an einigen Orten Norddeutschlands findet. *)

 

Ein steiler Abhang führt nach Jenikaleh (neue Veste), dem äußersten östlichen Punkte der taurischen Halbinsel, der mit seinen Flugsandufern weit in die Meerenge vortritt. Der Ort gleicht noch jetzt in seinen Gebäuden einem halb orientalischen, halb genuesischen Marktflecken und nur das etwas nördlicher gelegene Fort zeigt sich in seiner unbeholfenen Unregelmäßigkeit als rein türkisches Bauwerk. Es ist in letzterer Zeit durch mancherlei Ausbesserungen wieder in guten Vertheidigungszustand versetzt worden. Höchst malerisch ist die Mischung der Baustyle in der Stadt. Ein Thor ist bemerkenswerth durch rein morgenländische Architektur; unweit davon ein großer viereckiger genuesischer Thurm mit vier abgesondert ausgeführten kleinen Wachtthürmchen, und am Fuße des dicken Thurmes zwei von Türken gegründete Brunnen, von denen der eine zerstört, das Mauerwert verfallen und die Quelle versiegt ist, während der andere, noch wohlerhalten, seit mehrern Jahrhunderten in den umgekehrten Deckel eines griechischen Sarkophags sich ergießt,

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*) A. v. Haxtausen, Studien über Rußland etc.

 

 

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auf dem noch halbverwischte Reliefs sichtbar sind. Am Strande besteht ein immerwährender kleiner Handelsverkehr in einigen Buden, in denen Leinwand, Thee, Ruder u. s. w., besonders viele der hier gefangenen Fische verkauft werden.

 

Wenden wir uns nun einer andern milesischen Gründung, der Schwesterstadt Pantikapäons, dem eben so alten Feodosia zu, so finden wir, daß sie ungleich Kertsch, das noch immer etwas Griechisches in seinem Aeußern erhalten hat, mit ihren mittelalterlichen genuesischen Thürmen und Ruinen mehr einer italienischen Stadt ähnlich sieht. Sie wurde von den Griechen Theodosia, auch Theodosiopolis, von den Tataren Ardanda, die Stadt mit sieben Göttern, genannt, ging aber bald wieder unter und es scheint die Gegend lange wüste gelegen zu haben. Die Genuesen, die sie unter dem Namen Kaffa neu wieder aufführten, den Schwerpunkt ihrer Herrschaft hierher verlegten und von hier aus die Küste mit Ansiedelungen bevölkerten, erhoben die Stadt zur höchsten Blüthe, so daß sie der Sage nach im 14. Jahrhunderte 36,000 Häuser enthalten haben soll, weshalb man ihr den Namen Krim-Stambul gegeben. Bei der im Jahre 1475 durch Muhammed II. erfolgten Eroberung der Stadt durch die Türken wurden die von der Metzelei verschont gebliebenen Bewohner derselben nach Constantinopel abgeführt, wo sie die Vorstadt Pera bevölkerten, die Knaben aber sämmtlich zu Janitscharen erzogen. Feodosia blieb in türkischem Besitz, bis es bei der Unahhängigkeitserklärung der Tatarenkhane der Krim diesen im Jahre 1774 überlassen wurde, wobei der letzte Khan Schahie-Girei seine Residenz von Baktschiserai hierher verlegte, sich einen Palast, eine Münzstätte u. s. w. erbaute. Als Potemkin dem russischen Reiche die Krim unterwarf, ward auch Kaffa im Jahre 1783 eingenommen und bei dem Berennen desselben mehrere der schönsten alten Denkmäler, wie z. B. ein höchst interessanter genuesischer Thurm, zerstört. Aus der Unbedeutendheit, in welche sie hierauf versunken und aus dem Trümmerhaufen, der sie war, hat sie sich jetzt wieder erhoben und ist eine der schönsten Städte der Halbinsel mit 7000 Einwohnern.

 

Auch hier befindet sich ein Museum und zwar in der wohlerhaltenen Kuppel einer alten Moschee, das außer schönen griechischen viele interessante mittelalterliche Gegenstände enthält und immer durch neue Funde vergrößert wird. Der Verwaltung des Grafen Woronzow ist es sicher zu danken,

 

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daß die Nichtbeachtung und vandalische Zerstörung, welche diese Alterthütuer seit der russischen Besitznahme erfuhren, aufgehört hat, um das noch Vorhandene zu retten und zu sammeln.

 

Die werthvollsten Stücke der Sammlung, die zwar mit Geschmack, aber weniger zeitgerecht ausgestellt ist, sind vorerst zwei liegende, riesiges Löwen von weißem Marmor, beide den Kopf nach einer Seite gewendet, die gleichsam den Eingang des Museums bewachen. Sie sind sehr alt und waren zwischen Kertsch und Taman im Meeresgrunde versenkt, wurden daher von den Wellen abgerundet, doch kann man an den Seiten dieser kolossalen Gestalten noch die wohlgeformten Umrisse deutlich erkennen. Weiterhin erblickt man den Greif, den Pantikapäon in seinem Wappen führte, mit starken Füßen, ausgebreiteten Flügeln und ausgezacktem Kamme. Ein griechisches Fußgestell aus Anapa, mehrere genuesische Grabsteine sind bemerkenswerth. Besonders schön aber sind zwei große Amphoren von mehr als 5 Fuß Höhe, mehrere in Kurganen gefundene Sachen, wie ein kleiner goldener Stierkopf mit einem emaillirten Rändchen umgeben, mehrere kleine Figuren von gebranntem Thon, der Kopf und die Büste einer reizenden Venus, viele theils zerbrochene Thongefäße mit schöner Zeichnung und unverwüstlicher Glasur, und kostbare Münzen.

 

Die Bewohner der Stadt sind aus den verschiedensten Nationalitäten zusammengesetzt, den verschiedensten Religionsbekenntnissen angehörend und bestehen aus Russen, Tataren, Armeniern, Griechen, jüdischen Talmudisten und Karaim, Bulgaren und Deutschen. In den Häusern der Wohlhabenden ist bereits viel europäischer Luxus eingekehrt und das nationell eigenthümliche verdrängt worden, doch lassen sich noch immer unter den Geringern dieser verschiedenen Völker interessante Studien vornehmen, mehr aber noch an solchen Orten der Krim, wo manche dieser Nationen fast unvermischt die Hauptbevölkerung ausmachen, wie wir in der Folge sehen werden. Eine Wanderung durch die Stadt, deren umfangreiche Mauern noch die einstige Ausdehnung ahnen lassen, ist wegen ihrer mannigfaltigen Bauten von früher und jetzt höchst interessant. Sie war einst so unendlich schön, daß ihr der Beiname „Gabe Gottes“ gegeben wurde und hatte zu Ende der genuesischen Herrschaft, im 15. Jahrhundert eine solche Größe erreicht, daß sie von den Tataren nur Kutschuk-Stambul, d. i. Klein-Constantinopel genannt wurde;

 

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ihr Reichthum war sprichwörtlich geworden. Als die Stadt in die Hände der Mohammedaner übergegangen war, enthielt sie 100,000 Einwohner, hatte 171 Brunnen, die aus dem heißen Boden derselben die wohlthätigste Frische verbreiteten, 50 christliche Kirchen, 51 Moscheen, 3600 Häuser, 9 öffentliche Bäder, 2 große Plätze und 4 Friedhöfe. Sechs- bis achthundert Schiffe legten sich jährlich in ihrem Hafen vor Anker, um hier den größten Theil der Landesproducte einzunehmen. Das Andenken an frühere Größe lebt jetzt hauptsächlich in der untern Stadt fort, die noch ganz ein italienisches Gepräge hat und auch noch, was Wohnung und reges Treiben anbelangt, den eigentlichen Kern der Stadt bildet. Hier finden wir noch eine ganze lange Straße, die mit dem Meere gleichlaufend, sich weit hinzieht, in ächt italienischem Charakter, mit Bogengängen und Malereien gleich einer Straße Bologna‘s. Diese Bogengänge werden durch zahlreiche Buden eingeengt, in denen Armenier und karaitische Juden lebhaften Handel treiben, während in den obern Stockwerken der verzierten Häuser sich viele der Wohnungen der Beamten und Behörden befinden. Je höher man von diesem Stadttheile die amphitheatralisch und terrassenartig ansteigende Stadt durch die Verbindungsstraßen aufwärts steigt, desto mehr ändert sie ihren Charakter, denn über der genuesischen Stadt erreichen wir die russische Stadt und über dieser die tatarischen Vorstädte. Die sich ziemlich hoch belaufende griechische Bevölkerung bewohnt den mittlern Theil der Stadt in neuen oft sehr zierlichen Häusern, in denen jede Familie abgesondert lebt und von denen die Mehrzahl mit Gärten umgeben ist. Eine besonders auffällige Erscheinung bei diesen Griechen ist die wahrhaft oft antike Schönheit der Frauen, ja in manchen Familien hat sich die ernste Vollkommenheit des altgriechischen Typus fast unberührt erhalten. Bei der tatarischen Bevölkerung ersieht man bald, daß sie nicht mehr die Herren hier sind und sich den Sitten der andern Bewohner in etwas anbequemen mußten, denn ihre Häuser oder Hütten zeigen nicht das ihnen sonst Eigenthümliche und sind, was bei ihnen sonst nie vorkommt, hübsch in Reihe und Glied, gleich denen der untern Straßen, aufgestellt. Den obersten Theil der Stadt nehmen eine Menge von Windmühlen mit acht Flügeln ein, deren Mechanismus in einem so kleinen Raum enthalten ist, daß der ganze Bau oft zu einem tragbaren Maßstabe zusammenschrumpft. Auch Nogaitataren besuchen häufig die Stadt, aber nur gleichsam als Fuhrleute,

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da sie viele Artikel der Stadt zuführen und oft begegnet man ihren sonderbaren Wagen, die Transportraum und Wohnung zugleich bilden und von Dromedaren gezogen werden. Die handelsthätigen Armenier besitzen mehrere große Khans, wo sie über ihren Waarenniederlagen wohnen. — In der untern Stadt stoßen zwei bedeutende Plätze, von Häuserreihen getrennt, rechtwinklig an die italienische Straße, von denen der eine zum gewöhnlichen Marktplatze dient, auf welchem von der lärmenden Menge die verschiedenartigsten Lebensmittel und Fische im Ueberfluß verkauft werden. Hier finden wir auch die Deutschen, die von ihren benachbarten Ackerbaucolonien hereinkommen, um die für das verfeinerte Leben hier jetzt unentbehrlichen Dinge an Feldfrüchten zu bringen; besonders großen Gewinn ziehen sie aus dem Verkauf von Mehl und Milch. — Der andere Platz indes ist leer und still und enthielt vor wenigen Jahren noch Kaffas schönste Moschee, nach dem Originale der Sophiemoschee in Constantinopel, und prachtvolle Marmorbäder. Man hatte zwar früher die Idee, diese schönen Bauwerke zu erhalten, ließ sie aber dennoch wegreißen, um während eines strengen Winters den Armen Arbeit zu geben, so daß jetzt der Platz ziemlich geebnet ist und nur die noch vorhandenen Fundamente den ehemaligen Plan dieser Gebäude erkennen lassen, während die reichverzierten Marmorpfeiler der Moschee einer italienischen Schenke zu Stufen dienen. — Die meisten Moscheen der Stadt sind zu Kirchen der verschiedenen Glaubensbekenntnisse umgewandelt. Die weitläufigste ist die jetzige schöne armenisch-katholische Kirche, deren imposante Kuppel von einem vergoldeten Kreuze geziert wird, während das hohe Minaret an die Stelle seiner Galeriekrönung einen Glockenstuhl erhielt, über dem sich ein leichtes grünes Dach von Kupfer breitet. Eine andere Moschee ist, wie bereits erwähnt, zur Beherbergung der Alterthümer hergerichtet. — Eine griechische Kirche, eine armenische Kirche, eine Moschee, zwei Synagogen für karaibische und talmudistische Hebräer und einige hübsche Brunnen sind noch Reste alten Glanzes. Erwähnenswerth sind noch weitläufige Kasernen mit bedeckten Galerien versehen, unter denen die Soldaten sich wohl geschützt befinden und die zahlreichen Bäder mit türkischer Einrichtung. Welcher Luxus in Privatwohnungen anzutreffen ist, beweist das schöne und großartige Haus eines genuesischen Kaufmanns, des Herrn Amoretti, dessen große Säle, mit Frescomalereien überreich ausgestattet, dem russischen Kaiser bei seiner Durchreise zur

 

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Wohnung offerirt wurden. — Auf dem südlichen Vorgebirge befinden sich die Ruinen eines Castells, das einen so bedeutenden Umfang hatte, wie die Stadt selbst. Diese von den Genuesen erbaute Citadelle beschützte von diesem hohen Punkte sowohl die Stadt als die ganze Bucht. In den am Abhange des Hügels noch erhaltenen Gebäuden ist ein weitläufiges Lazareth errichtet worden, dessen Einrichtung eben so zweckmäßig als wohl gehalten ist. Es ist zugleich die Quarantäneanstalt und die hier Contumaz haltenden Fremden haben unter den Bäumen luftige und auf passende Weise abgesonderte Wohnungen mit der Aussicht aufs Meer, was ihnen das oft langweilige und unfreiwillige Gefangensein etwas mildert. Geräumige Magazine, zahlreiche Säle, um die Kaufmannsgüter zu lüften und zu reinigen, abgesonderte Räume für solche Unglückliche, die wirklich angesteckt sind und ein kleiner Friedhof vollenden die Anstalt. *)

 

Der Hafen von Feodosia, der unmittelbar unter der Stadt sich befindet, ist sehr geräumig, hat bei einer durchschnittlichen Tiefe von 15 Faden guten Ankergrund und darum für die Handelsschifffahrt großen Werth, daß er vor den fast beständig hier herrschenden Winden gesichert, nur dem Ost- und Südostwinde geöffnet ist. Er kann mehr denn 200 Schiffe aufnehmen, hat unterhalb der Stadt zwei Molen von Holz und Lichterschiffe zum Befrachten und ist nur nach dem Meere zu zu breit geöffnet, als daß man richtige Vertheidigungswerke zu seinem Schutze anlegen könnte.

 

Unweit von Feodosia landeinwärts liegt noch eine andere gesunkene Größe, die nicht im entferntesten mehr zeigt, daß sie eine Zeit lang die Hauptstadt der Halbinsel war. Es ist dies die Stadt Eski-Kritn (Altkrim) oder Staroi-Krim, deren Besuch vieles Interesse gewährt. Einst so groß und mächtig, daß keine Stadt der Krim mit ihr rivalisiren konnte, beherbergt sie jetzt eine kleine Colonie von Bulgaren, die sich gut oder übel in den Ruinen eingerichtet hat und hier in der Mitte unförmlicher Baureste zwischen Moscheen, Festungswerken und Gräbern wohnt. Die Thürme der ehemaligen Festung, die sich an beiden Seiten eines Grabens hinzogen, kann man noch zählen und als einigermaßen erhaltene Gebäude findet sich noch ein Bad und eine Moschee vor, die

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*) A. v. Demidoff, Reise i. d. südl. Rußland etc.
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einst prachtvoll gewesen sein muß und in welcher jetzt der Gottesdienst gehalten wird. Ein Beispiel ächt orientalischen Geschmacks, der sich hier in der zierlichsten Mannigfaltigkeit darstellt, stützen sechs elegante Pfeiler im Innern das Gewölbe dieser Moschee und der heiligen Nische, die von außen mit schönen Säulen, Arabesken und Inschriften reich verziert ist und deren Thüre bewundernswerthe Schnitzereien decoriren; auch kann man an einigen Stellen noch Spuren jener feinen und glänzenden Farben erkennen, mit denen das Gebäude bemalt gewesen ist. Als Zeugen einer vortatarischen Zeit findet man in Eski-Krim viele Kurgane, die geöffnet, ihres Inhaltes beraubt und wieder verschlossen worden sind. *) —

 

An allen Punkten, wo das süße Wasser der Ströme oder Limans sich mit dem Salzwasser des Meeres mengt, finden wir im Pontus die bedeutendsten Fischereien, denn es sammeln sich dort alle die größern Fische, die beide Arten des Wassers zu ihren Lebensverrichtungen bedürfen. Dies ist vornämlich auch an der Meerenge von Jenikaleh der Fall und wir finden an der Küste bis Kaffa vom Frühjahr bis zum Herbst die Leute emsig mit dem Fischfange beschäftigt. Wir nehmen daher hier Gelegenheit, das Wissenswertheste über die hier vorkommenden Fischarten und den Fang derselben mitzutheilen. An den für die Küstenfischerei günstigsten Punkten liegen theils feste Fischerdörfer, theils sogenannte Sawoden oder Fischereiunternehmungen, Etablissements, die im Frühlinge gegründet und im Herbste wieder abgebrochen werden. Es sind dies letztere Compagniegeschäfte, bei welchen irgend ein wohlhabender Russe oder Grieche das Geld dazu hergiebt, einen Strich der Küste von den Eigenthümern pachtet, Fischerkähne, Netze und was sonst nöthig ist, kauft und dann eine Anzahl Russen, Tataren, Griechen oder was er für Volk sonst findet, einladet, am Betriebe Theil zu nehmen. Haben sich etwa 12 bis 20 Theilnehmer zusammen gefunden und gilt die Gesellschaft für constituirt, so wählt sie einen Cassirer oder Buchführer, der dem Unternehmer, dem unter dem Namen Chosein (Wirth) ein größerer Theil des Gewinnes zugesichert ist, zur Seite steht und mit ihm das Geschäft leitet, wobei er das Interesse der Gesellschaft, dem Unternehmer gegenüber, vertritt. Die gefangenen Fische werden entweder frisch auf den nächsten Märkten verhandelt oder

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*) A. v. Demidoff, Reise i. d. südl. Rußland etc.

 

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eingesalzen und an Händler verkauft, welche weit aus dem Innern Rußlands, aus Polen, der Walachei u. s. w. hierher kommen und dieselben mit fortführen. Die Schilfhütten, die zu einer solchen vorübergehenden Ansiedlung errichtet werden, sind groß und geräumig und enthalten außer den Betten der oft zahlreichen Gesellschaft, die Fischbottige, die großen Salzfässer und eine mühlenartige Vorrichtung zum Zermalmen des Salzes. Ein Gegenstand, der nie vergessen wird, ist das Heiligenbild, das im Innern der Hütten über der Thür aufgehangen und bei Tage und bei Nacht durch eine kleine Lampe erleuchtet wird, die zugleich ihr Licht der dunkeln Hütte mittheilt. Die Russen und Griechen hängen so an diesem Bilde und dem brennenden Lämpchen, daß bei einem zufälligen Auslöschen des letztern der Tag als Unglückstag nicht zum Fischen verwendet wird. Dabei hängen an beiden Seiten der Thüre beständig gefüllte Wassereimer. Sie stellen diese Wohnorte zwar dicht ans Meerufer, aber doch immer so weit entfernt, daß die stärkste Brandung sie nicht erreichen kann. Das anfänglich kahle und öde Aeußere nimmt bald einen wohnlichern Charakter an, da sie unweit derselben einen Kochheerd errichten und meist einen wachsamen Kettenhund, eine Anzahl Hühner und bisweilen auch Schafe halten, um außer der gewöhnlichen aus Fischen bestehenden Nahrung, einmal Eier oder einen saftigen Braten haben zu können. Rund um die Hütte hängen die Netze, Angelgeräthschaften und andere nutzbare Dinge, dicht am Rande des Meeres aber ist ein sonderbares Observatorium errichtet, dessen augenblicklicher Bewohner den vor und in der Hütte schlafenden, spielenden, oder sich unterhaltenden Fischern das Heranziehen von Fischschaaren zu verkünden hat. Es besteht diese Vorrichtung aus einem hohen Mastbaume, der dicht an der Brandung in schiefer nach den Wellen zugeneigter Richtung eingerammt und am obern Ende mit einer Art von Mastkorb versehen ist, wo sich immer Einer von der Gesellschaft zum Beobachten des Wasserspiegels befindet. Es gehört hierzu eine genaue Kenntniß der sich zeigenden Merkmale und geübte Fischer entdecken die nahenden Fischzüge oft schon in großer Ferne und wissen, wenn sie die Thiere selbst noch nicht erblicken können, aus der Schattirung der Wasseroberfläche und aus dem Springen und Spielen der Fische genau die Art derselben zu unterscheiden. Aber auch die Richtung oder Aenderung des Windes ist beim Fischfange von großer Bedeutung und einem geübten Ohre verkünden zuweilen eigene rauschende Töne ein Umspringen des Windes in der Ferne.

 

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Sonderbar ist es, wie die Russen manche dieser Winde benennen. So heißt bei ihnen noch heute der Nordwind Tramudana, jedenfalls aus den genuesischen Zeiten herstammend, während sie den Südwind Anadolsky nennen.

 

Die Fische selbst werden von den Russen hauptsächlich in die zwei Klassen der „rothen und weißen“ eingetheilt. Unter den rothen Fischen begreift man die im schwarzen Meere so häufigen schönen Störarten, wie den Hausen, Sterlet, auch den Wels u. a., zu den weißen rechnet man hingegen die kleinern eßbaren Fische, wie Heringe, Barsche, Makrelen, Sander, Karpfen u. dgl. Außerdem giebt es noch andere größere unter diesen Bezeichnungen nicht begriffene Arten, wie Delphine, Haifische, Rochen und ähnliche. Besonders wichtig unter allen diesen Fischen ist den Fischern die Skumbria oder Makrele, da sie meist in großen Zügen anzutreffen ist, zur täglichen Nahrung dient und oft einen bedeutenden Gewinn abwirft. Je stärker der Winter war und je später der Frühling eintritt, desto fetter zeigt sich dieser Fisch, während er nach einem kurzen schlaffen Winter nicht viel werth ist. Am fettesten sind sie jedoch im Herbste, wo sie sich von den kleinen „Kapsa“ genannten und von ihnen stets verfolgten Fischchen förmlich gemästet und oft zolldicken Speck auf dem Rücken haben. In dieser Zeit schaut der Beobachter von seinem lustigen Sitze am eifrigsten nach ihnen aus, denn sie kommen oft plötzlich in ungeheuren Massen an der Küste daher, um sich ins offene Meer zurückzuziehen. Oft werden in dieser Zeit mit einem Fischzuge Hunderttausende gefangen. Die vermehrte Dampfschifffahrt scheint aber diese Fische zu verscheuchen, denn sie ziehen sich von den Orten, wo diese sehr lebhaft ist, mehr und mehr zurück. Wenn die Massen der gefangenen Fische den Bedarf der nächsten Märkte zu übersteigen anfangen, beginnt das Einsalzen. Da die Makrele, ein äußerst zarter Fisch, schnell nach der Tödtung verdirbt, so muß beim Einsalzen ein möglichst kurzes Verfahren beobachtet werden und sämmtliche Theilnehmer arbeiten sich dabei in die Hände. Ohne sie aufzuschneiden, reißen einige schnell mit einem geschickten Ruck die Eingeweide durch die Kiemenöffnung heraus, werfen sie in Körbe, in denen sie von Andern im Meere ausgewaschen werden und eine dritte Abtheilung besorgt hierauf das Einsalzen in Tonnen. Letzteres muß bisweilen wiederholt werden, da das Fett der Fische oft das ganze Salz verzehrt.

 

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Die verpackten Fässer werden dann in der Hütte aufgestapelt und erwarten die Händler, die sich gegen den Herbst einstellen. Eine Tonne hält gewöhnlich zwischen 1000—2000 Fische und das Tausend Sommerfische wird mit 15—20 Rubel, von den fettern Herbstfischen aber mit 40—50 Rubel verkauft. Der Hering erscheint selten oder nie im Osten des Pontus, sondern dringt nur bis zu den Donaumündungen vor. Sehr häufig, aber wenig beliebt und deshalb billig sind die Steinbutten. Der Haifisch, der im schwarzen Meere höchstens einige Ellen Länge erreicht und nicht sehr bösartig ist, wird viel gefangen, und trotz seines widerlichen Geschmacks von den Griechen gegessen. Die Russen nennen ihn Hund, wie sie den Delphin Schwein nennen und benutzen das Fett des Hai‘s als Medicin für die Pferde der Steppen. Auch die Delphine, die größten Fische des Pontus, von denen das Meer früher wie punktirt erschien, so häufig waren sie, ziehen sich wegen der vermehrten Schifffahrt von den Küsten zurück. Besonders wohlschmeckende und werthvolle Fische, die schon bei den Griechen und Genuesen hoch im Werthe standen, sind der Kephal (Kopf), der Patuch (Hahn) und der Lufar. Der Patuch hat seinen Namen von den schön in Roth, Gelb und Blau schillernden Brustflossen, die er beim Schwimmen gleich einem Pfauenschweif ausbreitet. Wenn sich der kleine Fisch, der Drache genannt wird, in den herausgezogenen Netzen befindet, so wird er von den Fischern sogleich mit einem zu diesem Zwecke zurecht gelegten Stocke getödtet und herausgeworfen, denn die nadelgleichen Stacheln seiner Flossen bringen beim Berühren eine gefährliche Geschwulst bei, da sie nach der Aussage der Fischer hohl sind und Gift enthalten. Außer den verschiedenen Arten der Meernadeln, die man von der Größe einer feinen englischen Nähnadel bis zu der einer Stopfnadel antrifft, gehören noch zu den auffälligen Fischen der Platwa, dessen Genuß Fieber erzeugt und dessen Verkauf deshalb polizeilich verboten ist und der Bitschki, der in den Höhlen des Uferrandes mit der Geschicklichkeit eines Vogels durch zusammengeschleppte Schilfhalme und Seegras sich ein kunstvolles Nest baut, seine Eier hinein legt und gleich einem brütenden Vogel dieselben bewacht. Die Jungen bleiben so lange bei der Mutter und in der Nähe des Nestes, bis sie groß genug sind, das Weite zu suchen. Dieser Fisch besitzt noch die Eigenthümlichkeit, daß er aus dem Wasser gezogen, die Farbe verändert. Das Schwarzgrün seiner Schuppen, so lange er im Wasser sich befindet,

 

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durchzieht sich, wenn er aufs Trockne gelegt wird, mit bunten Adern und Strichen, was ihm ein viel schöneres Ansehen giebt.

 

Ehe wir diesen östlichen Theil der Halbinsel verlassen, wollen wir noch zweier sonderbarer Erscheinungen Erwähnung thun, die sich hier vorfinden, der Schlammvulkane und der Landzunge von Arabat.

 

Unweit von Kertsch, in der Nähe des Meeres, begegnen wir mehrern Hügeln, die sich durch ihre konischen Gipfel wie durch die nackten, pflanzenlosen Abhänge von den andern Bodenerhebungen dieses Tieflandes auffällig unterscheiden. Es sind dies die sogenannten Schlammvulkane, von denen sich auch mehrere und größere auf der gegenüber liegenden Halbinsel Taman vorfinden. Aus den trichterartigen Kesseln, die sich auf den Gipfeln dieser Vulkane einsenken, erfolgen von Zeit zu Zeit Ausbrüche von Schlamm und Wasser, von Dampfsäulen und herauszüngelnden Flammen begleitet. Die Bewohner, die an dem unterirdischen Getöse, welches den Ausbrüchen vorhergeht und während derselben fortdauert, diese Eruptionen vorher wissen, fliehen diese Höllen, wie sie die Hügel nennen, weil die Schlammergießungen stets einen widerlichen und schädlichen Geruch verbreiten. Oft bemerkt man Nachts bläuliche Flammen, die dem kleinen Krater entsteigen, ja man hat bisweilen ähnliche Ausbrüche aus dem Meeresgrunde in der Nähe beobachtet. In neuerer Zeit scheinen aber diese Schlammeruptionen immer seltner und schwächer zu werden.

 

Eine zweite Straße, durch welche die Krim außer durch den Isthmus des Perekop mit dem Festlande im Norden und insbesondere mit der Nogaischen Steppe in Verbindung steht, ist die lange schmale Landzunge Zenike oder Arabat, die längs der ganzen Nordostküste der Halbinsel, ähnlich einer der Nehrungen in Preußen, fortläuft und nur durch eine enge Seestraße vom Festlande geschieden ist. Sie trennt dadurch den Siwasch oder das faule Meer von dem Asow‘schen Meere. Am Anfange derselben liegt die kleine, ehemals türkische Festung Arabat, die früher sehr verfallen war und keine Besatzung hielt. Da sie aber diese Nehrung bewacht und förmlich abschließen kann, so ist sie jedenfalls in neuerer Zeit in einen bessern Verteidigungszustand gesetzt worden. Wälle und Gräben sind noch wohl erhalten. Diese Festung, die im Jahre 1768 durch das Heer des Fürsten Dolgorucki mit Sturm genommen wurde, ist vieleckig und von einer Art

 

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Bastionen flankirt; auch finden sich Reste einer Poterne, die nach dem Asow‘schen Meere führt. Westlich von der Veste erstreckt sich eine Vertheidigungslinie bis dahin, wo das faule Meer eine gewisse Tiefe erreicht. Das Bemerkenswertheste in der kleinen Stadt, die sich durch ihren üblen Geruch auszeichnet und aus etwa 10 Häusern auf einem Flächenraume besteht, der im Abendlande 12,000 Menschen fassen könnte, sind eine große verfallene Moschee und ein ziemlich erhaltenes Bad, von dem man aber nicht begreift, woher es das Wasser für seine Thonröhren bezog. Die Nehrung selbst ist zwar 110 Werst oder 15½ Meilen lang, aber an vielen Stellen nur dreiviertel Stunden bis eine Stunde breit, so daß man beständig von ihrer Mitte den Seespiegel rechts und links überblicken kann. Der Weg auf derselben entlang, der sehr sicher ist, da sich nirgends ein Schlupfwinkel darbietet, ist beständig von großen Karawanen und einzelnen Reisenden belebt und führt immer längs der flachen Ufer über den mit Seemuscheln bestreuten Boden. Hier und da trifft man auch auf gute Viehweiden oder kleine Salzseen. In einer Entfernung von je 2—3 Meilen hat die russische Verwaltung auch für Erquickungen gesorgt, die in Rußland nirgends fehlen dürfen. Es sind dies Branntweinschenken, die von sogenannten Traiteuren unterhalten werden. Auch einige Casernen und Kosakenposten sind über die Landzunge vertheilt. Im Hochsommer ist eine Reise über diese Nehrung höchst unangenehm, denn dann verbreiten die Ausdünstungen des faulen Meeres einen solchen Gestank, daß ein nicht daran gewöhnter Reisender ihn kaum ertragen kann. An den Ufern wird eine große Menge Seesalz gewonnen, das theils angeschwemmt, theils durch Arbeiter in Haufen aufgeworfen, daliegt und über einen großen Theil von Rußland verfahren wird.

 

Wo sich die ersten östlichen Berge der krim‘schen Doppelkette erheben, befinden sich mehrere deutsche Colonien. Die erste derselben, Heilbronn, liegt etwa anderthalb Stunden von Feodosia, unter schattigen Baumgruppen mitten zwischen Tatarendörfen. Der Freiherr v. Haxthausen, der sie im Jahre 1845 besuchte, fand sie aber sehr verkümmert und die Leute klagten ihm, daß ihre Nachbarn ihnen das zur Bewässerung und Ueberrieselung ihrer Gärten unbedingt nöthige Wasser abschnitten und nicht zukommen ließen. Und doch bilden gerade die Gärten die eigentliche Grundlage ihrer Nahrung und Wirthschaft. Anderthalb Stunden von Heilbronn befindet sich die Schweizercolonie Zürichthal,

 

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am Abhange eines Hügels in sehr lieblicher Lage und fast mit lauter ächten Schweizern aus dem Canton Zürich bevölkert. Andere Colonien in der Nähe sind Neusatz, Rosenthal, Friedensthal, Kronthal, und auch auf dem Dilizer-Berg und in Oethus findet man deutsche Familien. Sie stehen, wie die deutschen Colonien des neurussischen Festlandes unter dem Comptoir von Ekatherinoslaw und haben einen Inspector und einen Secretär, die in Neusitz wohnen. Fast alle diese Colonien haben Kirchen und Schulen, Neusatz und Zürichthal evangelische und Rosenthal einen katholischen Prediger, welche außer den Orten, wo sie wohnen, auch die Religionsverwandten anderer Dörfer und der nächstliegenden Städte bedienen. Ein deutscher Reisender, der im Jahre 1825 wiederholt diese Colonien sah, fand sie in gutem Einvernehmen mit ihren Nachbarn, den Tataren, und in beständiger Verbindung mit ihnen, weswegen auch die meisten von den Colonisten gut tatarisch sprachen. Die Tataren halfen den Deutschen beim Bau der Häuser, bei der Ernte und bei ähnlichen Gelegenheiten. Die Colonien standen damals, bei ihrem fruchtbaren Boden, sehr gut, und der starke Betrieb des Ackerbaues, der Viehzucht, des Gartenbaues, der Obst- und Bienenzucht, hier und da mit Weinbau verbunden, gestattete ihnen, durch den guten Absatz des Getreides, von Butter, Käse und Gartengewächsen in den benachbarten Städten ein behäbiges Leben zu führen.

 

Auf dem Delizer-Berg, von wo aus man eine schöne Aussicht auf Feodosia und dessen Hafen, weit über das schwarze und Asow‘sche Meer, die Niederungen des Nordens und in die westlichen Gebirge hat, fand derselbe Reisende bei einer daselbst wohnenden deutschen Familie eine Erscheinung, die sich in den letzten Jahrzehnten auch in mehrern Orten Deutschlands wiederholt hat und die, so oft sie schon kritisirt, und in gelehrten Abhandlungen besprochen, doch nie ganz ergründet worden ist, noch je ergründet werden wird, da es dem menschlichen Geiste wohl nie gelingen kann, dieses physische und psychische Räthsel zu lösen. Es war diese Erscheinung eine Hellseherin (clairvoyante), die in der ganzen Insel und selbst bis auf das Festland hinüber großes Aufsehen erregte. Das sonst wenig der Rede mächtige und nicht besonders gebildete Mädchen hielt in ihrem magnetischen Schlafe lange, zusammenhängende Reden, gab helfende Mittel gegen Krankheiten an und sprach von Vielem, wovon sie im wachenden Zustande aus Unkenntniß nicht hätte sprechen können.

 

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Obwohl selbst manche der dort Wohnenden die Sache bespöttelten, galt sie doch Vielen für ein Orakel.

 

Alle nomadisirenden Völkerschaften haben sich in diesem Theile Rußlands an feste Wohnplätze gewöhnen müssen, nur die Zigeuner waren nie dahin zubringen und wenn sie auch elende Hütten aufwerfen und an diesem oder jenem Orte ein Dorf gründen, so verlassen sie es auch wieder oder brechen es ab, wenn sie der Gegend überdrüssig geworden sind oder besondere Vortheile sie in eine andere Gegend locken. Man kann auch nichts Elenderes, Schmutzigeres und Abschreckenderes sehen, als diese aus Erdhütten und lumpigen Zelten bestehenden Dörfer, deren man einige in der Umgebung Feodosias trifft, und so gewandte Leute und interessante Körper und Gesichtsbildungen man unter diesem Volke auch findet, so erlaubt doch der Schmutz und der üble Geruch nicht, das Innere ihrer Wohnungen zu besuchen.

 

Der Weg, der von Feodosia um das Gebirge und an dessen nördlicher Abdachung nach Sympheropol führt, bringt uns zugleich nach der Steppe und in ein Land, das andere Erinnerungen, andere Wohnsitze und andere Menschen zeigt. Wir betreten das Land der Tataren.

 

„Nie schließe deine Thür, nie öffne die Thür eines Andern und arbeite so viel, als du zum Unterhalte bedarfst,“ ein Spruch, womit von tatarischen Zunftältesten der Handwerksgeselle zum Meister erhoben wird, ist zugleich die beste Bezeichnung des tatarischen Charakters, das beste Symbol des tatarischen Volkes. Rechtlich, genügsam und nüchtern hat dies einst aus den nordöstlichen Steppen eingewanderte Volk sich diese guten Eigenschaften trotz der vielen Berührungen mit ganz entgegengesetzten Völkerschaften ziemlich unversehrt erhalten und übt noch jetzt die größte Gastfreundschaft. Und wenn auch an den Hauptstraßen, wo sich außer dem großen Verkehr allerhand Abentheurer herumtreiben und dieselbe oft mißbrauchen, diese löbliche Sitte etwas gelitten und abgenommen hat, so findet sie sich doch in den mehr im Gebirge gelegenen tatarischen Orten wohlerhalten. Nicht nur jeder Tatar nimmt den Fremden gern auf, sondern es befinden sich in allen solchen Dörfern sogenannte Odas oder eingerichtete Herbergen, in denen jeder fremde Tatar, aber auch Fremde von andern Nationen aufgenommen und aufs beste umsonst verpflegt werden. Meist ist es der reichste Tatar des Ortes oder der Mollah, der eine solche Oda einrichtet und unterhält.

 

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Die Tataren der Krim zerfallen in die beiden Abtheilungen der Bergtataren und der Steppentataren, welche letztern dem Stamme der Nogai angehören. Während diese klein und mager von Gestalt sind und in den Zügen mongolische Beimischnug des Blutes verrathen, haben die Bergtataren eine hohe, freie, leichte Gestalt und eine edle, graziöse Haltung. Ihr ausdrucksvolles Gesicht hat einen schönen Schnitt und feurige, charaktervolle, schwarze Augen, welche den Verstand und Geist und das Gefühl für Poesie errathen lassen, die ihnen innewohnen. Dabei drücken sie sich mit Leichtigkeit, Sicherheit und einem gewissen Adel der Gesinnung aus, selbst wenn sie von den gewöhnlichsten Dingen sprechen. So ein tatarischer Bauer sieht ganz anders und ungemein edler aus, als die meisten Bauern Europas und man kann sie fast den baskischen an die Seite stellen. Eine besonders lobenswerthe Eigenschaft dieses Volkes ist die außerordentliche Ehrlichkeit. Man kann alle seine Sachen frei bei ihnen herumliegen lassen, denn man kennt kein Beispiel, daß von ihnen etwas entwendet worden wäre. Man wirft ihnen, am meisten von Seiten ihrer neuen Herren, Faulheit vor, aber wer mag ihnen verdenken, daß sie ihren aufgedrungenen russischen Befehlshabern nur mit Unmuth die oft schweren Frohndienste verrichten, da sie doch gern und willig ihrem angeborenen Mursa jeden Dienst erzeugen. Wenn diese Südländer nicht mit der Emsigkeit eines nordischen Gewerbsmannes arbeiten, so ist dies ja ganz natürlich. Warum sollen sie es thun? Die freigebige Natur bietet bei wenig Mühe und Arbeit diesen höchst genügsamen Menschen mehr, als sie bedürfen, warum sollen sie Vorräthe sammeln, warum erwerben? Eben weil ihr Geist nicht von Nahrungssorgen und stetem Erwerbstriebe gequält wird, vermag er sich frei und stolz aufzurichten. Es ist eine interessante Erscheinung, diese männlich schönen Tataren mit den geistreichen Gesichtern unter einem Baume, an einer Quelle, vor einer Moschee oder auf den flachen Dächern ihrer niedrigen Häuser gruppenweise in stolzer Ruhe beisammen sitzen zu sehen, wie sie meist träumerisch die blauen Tabakswolken von sich hauchen, und sich schweigend dem Genusse der Natur um sie her und des tiefblauen Himmels über ihnen in stiller Contemplation ergeben. Kann man einem Volke Faulheit oder Trägheit vorwerfen, unter dem man nie einen Bettler findet? Sie haben zwar die alte schöne Freiheit verloren, aber noch drückt der starre Polizeistaat mit seinem Arbeits- und Erwerbszwange, mit seinen Eisenbahnen, Abgaben und

 

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Soldaten ihren Sinn nicht nieder und mögen sie das Leben genießen, bis diese dem Norden nothwendigen modernen Qualen auch sie erreichen werden. — Der Tatar ist zwar eifriger Bekenner des mohammedanischen Glaubens, dabei aber tolerant und ohne Fanatismns und wenn er auch den Russen meidet, der sich ihm zum Herrn anfgedrungen, so lebt er doch in großer Einigkeit und Freundschaft mit den benachbarten deutschen Colonisten und unterläßt es selten, seinen Bekannten unter ihnen am Bairamsfeste einen Braten vom Opferfleische zu senden, erwartet aber auch, daß dieser ihn ebenfalls als Zeichen fortdauernder freundschaftlicher Gesinnung zum Osterfest mit Kuchen beschenkt. In einer an einem Lederriemen hängenden Tasche trägt er stets den Koran mit sich herum, um immer in ihm lesen zu können, was auch die Frauen eifrig thun, die fast alle lesen, wenige aber schreiben können. — Diese Bergtataren haben schon seit frühen Zeiten ordentliche Handwerkszünfte, die jede ihr besonderes Fest feiert, wo die Gesellen zu Meistern erhoben werden. Dies geschieht unter religiösen Ceremonien, im Beisein des Mollah, wobei schließlich der älteste Zunftmeister zu dem Gesellen tritt und, nachdem Alle ein Gebet für den neuen Meister verrichtet haben, ihm einen Gürtel dreimal um den Leib windet und dabei jenen oben angeführten Spruch zu ihm sagt. — Noch jetzt sind diese Leute so gute Reiter, wie sie es je gewesen; nie begegnet man auf den Landstraßen einem Tataren zu Fuße und selbst der Tagelöhner reitet aufs Feld. Während er arbeitet, weidet das abgezäumte Pferd in der Nähe und entfernt sich niemals weit von ihm und nach vollbrachter Arbeit sieht man dann den Tataren Mittags und Abends vergnügt nach Hause traben. *)

 

Die Dörfer dieser Tataren im Gebirge gewähren trotz ihrer sonderbaren Bauart einen malerischen Anblick und gleichen einander in der Anlage und Einrichtung genau. Die unregelmäßig zerstreut aber doch nicht fern von einander liegenden Häuser sind von Steinen gebaut und sehr niedrig. Da sie immer neben und über einander an den Abhängen von Hügeln angelegt sind, so stößt die Rückseite des Hauses in den Berg hinein, und man kann gleich vom Abhange das platte Dach betreten, das mit einer dicken Schicht von Erde, in welche kleine Steine gemischt sind, bedeckt ist. Diese Plattform wird bisweilen durch ein walzenähnliches Instrument,

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*) Nach A. v. Haxthausen, Studien über Rußland etc.

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das sich immer auf ihr befindet, geebnet. Nach vorn ragt dies Dach als eine Art Galerie weit über den steinernen Unterbau vor und wird durch hölzerne Säulen unterstützt, was den unangenehmen Eindruck der glaslosen Fenster, die nur mit Holzstäbchen vergittert oder mit Papier verklebt sind, etwas mildert und im Verein mit den jedes Haus umgebenden Gruppen von Wallnuß-, Feigen- oder Maulbeerbäumen eben den malerischen Effect hervorbringt. Das Innere eines solchen Hauses besteht nur aus zwei Räumen, von denen der eine als Flur, der andere als Wohngemach dient und mit Kissen und Polstern nebst einigen kaum fußhoben Tischen möblirt ist, welche Möbeln nebst einigen oft schön antik geformteu irdenen Gefäßen den ganzen Hausrath mancher Tataren ausmachen. — In den Speisen mögen sich die Reichern der türkischen Kochkunst nähern und der bei ihnen vorsprechende Reisende bekommt eine Menge kleiner Schüsseln vorgesetzt, die aber sich täglich gleich bleiben; bei Allen aber spielt die eigenthümlich zubereitete saure Milch, die sie Jugurt nennen, eine große Rolle. Sie behaupten, Gott selbst habe die Bereitung dieses Lieblingsgetränkes dem Erzvater Abraham gelehrt.

 

Eigenthümlich bei diesem Volke ist auch die Art, wie sie die Zeit ihres Jahres eintheilen. Ihr Frühling beginnt den 23. April, führt den Namen Bahaar und dauert 60 Tage bis zum 22. Juni. Der nun beginnende nur 40tägige Sommer (Tochilla) endet den 1. August und wird vom 25tägigen Agostos gefolgt, der keine besondere Bedeutung für sie zu haben scheint. Der 60 Tage währende Herbst (Chous) endet den 26. October, um wieder einer 36tägigen unbestimmten Zeit Platz zu machen. Der große Winter (Kutschilla) beginnt mit dem 1. December und schließt den 4. Februar, worauf bis zum 1. April der Gudschukat und der Mart bis zum 23. April folgt. Der 23. April und 26. October scheinen Hauptgrenztage ihres Jahres zu sein und führen den Namen Kedreles. Im Mart erwarten sie immer noch drei kalte Perioden, den Altweiberwinter, den Staarenwinter und den Wiedehopfswinter. *)

 

Die erste tatarische Stadt, die wir auf dem Wege ins Innere des Landes antreffen, ist Karasubasar (Schwarzwasser-Bazar).

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*) Nach A. v. Haxthausen, Studien über Rußland etc.

 

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Aecht tatarischen Ursprungs hat sie sich trotz der spätern Ansiedelung von Russen und Griechen, die auch daselbst christliche Kirchen errichteten, ihr mohammedanisches Aussehen erhalten und die zahlreichen Moscheen, die schlanken zierlichen Minarets, die vielen Wasserleitungen, die als sprudelnde Brunnen enden oder zur Bewässerung der Gärten dienen, gewähren ein ganz morgenländisches Bild, wie es Kleinasien oder Arabien nur bieten kann. Die Stadt ist dabei ziemlich groß und hat bedeutende Märkte. Unweit derselben sieht man ein großes Schloß eine Anhöhe krönen. Hier war es, wo eine berühmte Frau, die Baronin von Krudener, starb, bald nachdem sie von der weiten Reise, die sie von St. Petersburg aus an die Wolga, dieselbe herab bis Sarepta, von da nach dem Don und über das Asow‘sche Meer bis in die Krim führte, hier angelangt war. Dicht neben dem Schlosse befindet sich ihr Grab.

 

Der Weg von dieser Stadt nach Sympheropol, der jetzigen Hauptstadt der Halbinsel, ist immer sehr belebt. Deutsche Colonisten mit kleinen Wagen und kleinen Pferden, die ihre Gartenerzeugnisse dorthin auf den Markt bringen, russische Soldaten, Juden, Griechen, Zigeuner, Tataren mit Kameelen, Alles begegnet dem Reisenden bunt durch einander. Das unleidige Knarren, welches die tatarischen Madscharas verursachen, verräth ihm schon von fern dieses Fuhrwerk, das sich eben nicht durch Bequemlichkeit oder Eleganz auszeichnet. Es besteht aus einem ungeheuren Korbe aus Weidengeflecht mit Querbalken, der zwischen vier unbeschlagenen oft schlecht zusammengefügten Rädern sitzt, die nie eingeschmiert werden. Die Bespannung dieses Wagens besteht aus zwei oder vier Büffeln, deren Treiber entweder vorn zwischen den Rädern sitzt oder mit seiner Gertenpeitsche nebenher geht, wobei er sich nicht im Laufen anzustrengen braucht, da die Büffel die knarrende Madschara nur sehr langsam fortschleppen.

 

Die Gouvernementshauptstadt Simpheropol, ziemlich im Mittelpunkt der Krim gelegen, liegt auf der Grenzscheide zwischen Gebirge und Steppe, denn während im Süden der Stadt sich unmittelbar an dieselbe schöne Hügelreihen mit Felspartien und Thälern mit reizenden Gartenanlagen anschließen, dehnt sich im Norden derselben von den letzten Häusern an die unabsehbare Steppe aus, auf der das Auge keinen Anhaltepunkt findet. Wie Berg und Steppe berühren sich hier aber auch großrussisches Wesen und alttatarische Genügsamkeit,

 

 

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denn an das frühere Städtchen Ametschet (weiße Moschee) haben die Russen eine moderne Stadt angebaut mit langen und breiten Straßen und hohen glatten Häusern, die durch ihre Säulenreihen und glänzenden Eisendächer den frühern Ort fast erdrücken. Die Tatarenstadt erscheint gegen die neue Stadt sehr ärmlich und selbst die weiße Moschee mit ihrem zierlichen Minaret nur als ein unbedeutendes Bauwerk. Nur der Bazar oder große Markt, der allwöchentlich zweimal gehalten wird, bietet ein Schauspiel, das unvergleichlich ist und wo in buntem Gewühl Abendland und Morgenland einander die Hand reichen und ihre Producte einander entgegenbringen. Während am äußern Rande Kameele, Büffel, Pferde, Madscharas und andere Wagen in langen Reihen aufgestellt sind, bewegen sich auf dem Markte selbst die verschiedensten Nationalitäten in den verschiedensten Trachten. In sechs bis acht verschiedenen Sprachen bietet man hier die schönsten Früchte, wie Aepfel, Nüsse, Melonen, Arbusen u. s. w., dort ausgezeichnete Arbeiten aus Leder, fertige Kleidungstücke in jeder Tracht, abendländische Fabrikwaaren und Aehnliches zum Verkaufe aus, und verhandelt dabei Alles so laut, man schwatzt, schreit und lärmt der Art, daß sich ein Nordeuropäer keinen Begriff davon machen kann. Aber auch gekochte Lebensmittel, große kochende Kessel mit Hammelfleisch und Kaffeebuden giebt es, seinen Hunger und Durst zu befriedigen und damit auch die Musik nicht fehle, läßt sich der eigenthümliche Gesang eines Zigeuners, begleitet vom klagenden Tone der Balaleika und das Gerassel des Tamburins vernehmen. Es ist ein so interessantes Ganze, wie es eben nur mancher Ort des Orientes bieten kann. — Von den 9000 Einwohnern Sympheropols sind die große Hälfte Tataren, 1800 etwa Russen, gegen 1000 Zigeuner und die übrigen Deutsche, Armenier, Griechen, Bulgaren und Juden. Die aus 40 bis 50 Familien bestehenden Deutschen, die auch eine hübsche Kirche besitzen, sind meist Handwerker, als Tischler, Uhrmacher, Drechsler, doch giebt es auch Maler, Aerzte, Gutsbesitzer unter ihnen. Sie stammen fast sämmtlich aus den benachbarten Colonien haben sich nach und nach in die Stadt übergesiedelt. Die Tataren der Stadt sind als Kupferschmiede, Sattler, Riemer, Schuster und in andern Handwerken thätig, die Russen hingegen treiben nur ihr „Promuischl“ (Handel und Wandel). Die Kartoffel, die im abendländischen Sättigungsprozesse eine so bedeutende Rolle spielt, ist auch hier eingewandert und von den

 

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deutschen Colonisten selbst schon zu den Tataren übergegangen, die sie sehr lieb gewonnen haben sollen.

 

Kohl, der auf seiner Reise durch die Krim den in Simpheropol wohnenden Staatsrath Stöven besuchte, der auch im Auslande als Naturforscher rühmlichst bekannt ist, erfuhr manche interessante Notiz über die hiesigen physikalischen und sonstigen Verhältnisse. Stöven war in frühern Zeiten Director des botanischen Gartens von Nikita, den er gegründet hat und stand nun dem ganzen Seidenbau in Südrußland als Chef vor. Seine Wohnung befand sich unweit der taurischen Hauptstadt in einem reizenden Garten des Salgirthales. Interessant waren die Tabellen, die er über die Masse des gefallenen Niederschlages angelegt hatte und die in den meisten Jahren nur zwischen 11 bis 18 Zoll schwankten, was auf eine bedeutende Trockeuheit schließen läßt. Von ihm erfuhr der bekannte Reisender noch, daß alle Cypressen, die man jetzt an der krim‘schen Südküste findet von zwei Exemplaren dieses Baumes abstammen, die Potemkin mit nach der Krim gebracht und die noch jetzt im Garten zu Alupka zu sehen sind. Von den Ruinen einer Stadt, die auf einem Felsenscheitel von der Stadt aus sichtbar sind, weiß kein Mensch etwas Bestimmtes, eben so wenig von einer langen Mauer, die sich übers Gebirge zieht und in der Nähe der Stadt an vielen Stellen verfolgt werden kann. Sie wird von den Tataren Kalanem-Baire genannt. Ein russischer Gelehrter, Herr von Köppen, hat sich zwar vor einem Jahrzehent der Arbeit unterzogen, alle derartigen alten Monumente der Halbinsel zu verzeichnen und zu erklären, aber seine historischen Angaben beruhen nur auf Vermuthungen.

 

Simpheropol liegt auf dem Mittelpunkte des Kreuzes, welches die beiden Hauptstraßen bilden, die die Krim durchschneiden. Die ostwestliche führt von Kertsch bis Sewastopol, die nordsüdliche von Perekop übers Gebirge nach Aluschta. Letztere Straße, die von neurussischem Festlande kommend auf der Landenge, die von den Tataren Orkapu, das goldene Thor, genannt wird, bei der kleinen Festung Perekop die Halbinsel berührt, führt gegen 20 Meilen weit, an dem kleinen Städtchen Armensky vorüber, über die niedere Steppenebene nach dem Gebirge zu und ist von jeher der Uebergangspunkt gewesen, auf dem die verheerenden Völkerzüge des Nordens auch diese Halbinsel überflutheten. Als Landverbindung mit dem Norden ist sie jetzt sehr belebt und beständig ziehen russische Karavanen und tatarische Wagen mit

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Büffeln, Pferden, Mauleseln und selbst mit Kameelen bespannt, Reiter, russische Soldatenabtheilungen und dergl. auf derselben entlang. Die Fortsetzung dieser Straße, die von Sympheropol nach der Südküste führt, durchschneidet das Gebirge in den Querthälern, die am Fuße des Tschadirdagh die von Ost nach West laufenden Bergmassen durchbrechen und der einzige Punkt sind, der durch eine bequeme Straße die Steppe mit der Südküste verbindet. Es wurden diese Defilees daher eben sowohl Zeugen des lebhaftesten Handelsverkehrs, wie vieler blutiger Schlachten. Ein Monument in diesem Passe bezeichnet die Stelle, wo einst das Blut des Feldmarschalls Kutusow floß und ein Obelisk auf dem höchsten Punkte des Ueberganges erzählt dem Vorüberziehenden, daß hier der Kaiser Alexander auf seiner Rundreise durch Taurien einmal der Ruhe genoß.

 

Der Reisende, der Simpheropol berührt, unterläßt es selten von hier aus den Tschadirdagh zu ersteigen. Der Weg führt im Thale des Salgir hinauf, des größten Flusses der Krim, der hier aber nur als seichter Bach erscheint, den man leicht überschreiten kann und einige Meilen über der Stadt als starke Quelle in einer Höhle entspringt. Unweit seines Ursprungs sind Steinbrüche, wo ein schöner Marmor gebrochen wird, der meistens röthlich mit weißen Streifen so reichlich hier vorhanden ist, daß man tausend der prachtvollsten Gebäude davon errichten könnte. Nur die Arbeit ist theuer, der Marmor selbst ist umsonst zu haben. Ueber kahle Kalksteinfelsen, zwischen denen man bisweilen ein malerisches Tatarendorf mit seinen Baumgrnppen und Wiesen hervorschauen sieht, erreicht man eine Hochebene, die mit grauem Grase und dicken tuchartigen Blättern bedeckt ist, welch letztere niemals welken. Von hier aus erhebt sich der eigentliche Kegel des Zeltberges, unten von mächtigen Buchen und Eichen und Wäldern der taurischen Pinie umgeben, über welchen Baumregionen die Bergmasse in drei terrassenförmigen Absätzen aufsteigt und oben eine Ebene von 2 Werst Länge und eine halbe Werst Breite bildet. Die Aussicht von dem höchsten Plateau ist großartig, reicht über die ganze Halbinsel hinaus weit ins Meer und in die nordischen Steppen und zeigt die größte Abwechselung. Die Küste mit ihren Städten, Dörfern, Thälern und Bächen, mit ihren Waldungen und Steppen, wie auch das nächstliegende Gebirgsland liegt wie eine Landkarte unter dem Beschauer und nur die Stadt Sewastopol und der Chersonesus Trachea werden

 

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durch vorspringende Bergkuppen verdeckt. Bei einer gewissen athmosphärischen Beschaffenheit soll man selbst über Aluschta hin am Rande des pontischen Wasserspiegels die Höhen bei Sinope erblicken.

 

Noch wenig bekannt aber höchst merkwürdig sind die Höhlen, die sich zwischen Buchenwaldung am Beginn des Kegels befinden. Die erste große Höhle, zu der man tief hinabsteigen muß, zeigt beim Scheine der nothwendigen Fackeln eine ungeheure fast regelmäßige Kuppelwölbung in weißem Steine. Aus ihr gelangt man in eine zweite Höhlung, die zwar minder groß, aber dadurch interessant ist, daß sie auf natürlichen Säulen sich wölbt und zwar mit einer Kühnheit, wie sie der geschickteste Architekt nicht zu ersinnen vermag. Seltsam geformte weiße und graue Stalaktiten hängen von den Decken herab und vollenden das eigenthümliche Schauspiel. Von dieser Höhle führt eine Oeffnung in eine dritte, aus dieser in eine vierte und so fort, und zwar in einer Ausdehnung, daß noch Niemand das Ende gefunden. Aber auch über einander scheinen sich die Höhlen zu wiederholen, denn man sieht in der einen ziemlich hoch oben eine Oeffnung, die wiederum zu solchen an einander liegenden Räumen führt.

 

Auf den Hochebenen um den Tschadirdagh stößt man auf Hirten, die truppweise beisammen leben und unter sich einen Anführer oder Ataman wählen. Eine solche Hirtengesellschaft zählt etwa 9 Mann, die mit einer Anzahl Hunde 1500 bis 2000 Schafe bewachen. Des Tages treiben sie auf die Höhen des Berges, wo es das beste Gras giebt, des Nachts aber ziehen sie herunter in die Schluchten und in die Waldregion. Wegen des gänzlichen Wassermangels auf der Höhe müssen sie bisweilen ihre Schafe in die tiefern Gegenden treiben, was aber der Umständlichkeit halber nur aller drei Tage geschieht. Sie selbst holen sich zur Stillung ihres Durstes Schnee aus den tiefen Löchern und Schluchten, den sie an der Sonne zergehen lassen. Sowohl die Küstenstrecken als auch die nordische Ebene haben wegen ihrer Zugänglichkeit vom Meere und vom Festlande aus bei den verschiedenen Eroberungszügen oft mit den Bewohnern gewechselt, indeß sich auf den Gebirgshöhen die ursprüngliche Bevölkerung länger erhielt; und während sich an der Südküste Griechen, Römer, Genueser und Türken folgten und vom Norden her ein barbarisches Volk in kurzen Zwischenräumen das andere verdrängte, blieben stets in den innern Gebirgen Reste früherer Stämme zurück. So hielt sich hier lange das Urvolk

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der Kimmerier, so die Gothen lange gegen die Hunnen und Chazaren und dann Reste dieser Völker und der Alanen lange gegen die Tataren. Besonders von Vermischung frei erhielten sich die Hirten auf den Jailas und einige Ansiedelungen in den obersten Bergregionen, so daß noch im 15. Jahrhunderte Alanen hier ihre Heerden geweidet haben sollen und Pallas am Ende des vorigen Jahrhunderts in einigen Gebirgsdörfern den unverkennbaren gothischen Typus gefunden haben will. Jetzt hat zwar Alles den Namen Tatar angenommen, selbst die einsamsten Hirten auf dem Tschadirdagh sind eifrige Mohammedaner und tragen ihren Koran in einem Täschchen auf der linken Brust; man würde aber gewiß mehr altes kimmerisches Blut in ihren Adern finden, als tatarisches, wenn man ihren Stammbaum untersuchen könnte. *) Sonderbarer Weise findet man auch gar keine oder nur sehr unbedeutende und nichts bekundende Traditionen unter diesem Volke und sie bekümmern sich um frühere Geschichten ihrer Vorältern so wenig, als ihnen die neue vom Norden gekommene Herrschaft, die sie oft kaum dem Namen nach kennen, Sorge macht.

 

Im Jahre 1825 fand der Reisende Schlatter, der zu wiederholten Malen Neurußland und die Krim besuchte und dem man viele der vorzüglichsten Notizen über diese Länder, vorzüglich über das Leben der Nogai-Tataren zu danken hat, in Simpheropol einen Abkömmling der alten Tatarenkhane der Krim, Namens Kate-Ghirei, der hier seine Pension verzehrte. Es war ein schöner Mann, der, nachdem er vom mohammedanischen Glauben zum Christenthume übergetreten, in England seine Ausbildung erhalten hatte und mit einer Engländerin verheirathet war.

 

Ehe wir diese Gegend verlassen und uns von der Steppe abwenden, möge hier eine Beschreibung dieser eigenthümlichen Bodenbeschaffenheit und ihrer Bewohner, der Nogai-Tataren, ihren Platz finden. Wir können dabei nicht besser thun, als im Auszuge den ausgezeichneten Studien zu folgen, die Freiherr A. v. Haxthausen über Rußland veröffentlicht hat.

 

Die ungeheuren Ebenen, die sich von China bis zu den Karpathen zweitausend Meilen weit hinziehen, werden von den Europäern mit dem allgemeinen Namen Steppen bezeichnet. Was die Steppen Europas, ihren Umfang und

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*) Kohl, Reisen in Südrußland etc.

 

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ihre Grenzen betrifft, so können dieselben jetzt nicht mehr mit Bestimmtheit angegeben werden, da große Theile derselben durch vollständigen Anbau und zahlreiche Bevölkerung ihren ächten Steppencharakter längst verloren haben. Nach dem, was sich geographisch über sie feststellen läßt, beginnen die Steppen in dem Winkel, den der Pruth, die Donau und das Meer bilden, ziehen sich durch Bessarabien und längs der pontischen Küsten in einer gewissen Breite durch Neurußland und nördlich sich erweiternd bis an den Ural und die Wolga, die sie von den asiatischen abscheiden, und bedecken endlich das Land, das zwischen dem Kaspischen See und dem Asow‘schen Meere liegt und südlich durch das Kaukasusgebirge begrenzt wird, im Ganzen eine Fläche von etwa 21,000 Quadrat-Meilen einnehmend. An der durch das schwarze Meer bedingten Grenze ist es nur das große Gebirge an der Südküste der Krim, das sich von der Steppe ausscheidet. — In geognostischer Hinsicht zerfällt die Steppe Europas in 5 Abtheilungen, und zwar in die der Formation des Tertiärkalkes in Bessarabien und Podolien, in die der Kreide im Norden bei Charkow, Woronesch, Tambow und einen Theil des Don‘schen Landes, dann in die auf Granit basirte längs des schwarzen und Asow‘schen Meeres, in die Schlammsteppe längs des Kuban und Terek und in die Salzsteppe zwischen dem Don und dem Kaspischen See. Erstere drei Formationen liegen bedeutend höher über dem Meeresspiegel als die Salz- und Schlammsteppe, welch letztere offenbar Meeresboden sind, über welchen früher das Wasser hinwegfluthete, das den Kaspischen See und den Pontus zu einem großen Meere verband. Die Fruchtbarkeit des Bodens dieser verschiedenen Bildungen ist nicht die gleiche, denn während die drei ersten Formationen mit einer ziemlich starken Humusdecke überzogen sind und auch die Schlammsteppe, wo sie nicht gar zu morastig auftritt, sehr fruchtbar ist, so ist dies die Salzsteppe nur wenig, doch läßt sich annehmen, daß auch aus ihrem Boden durch besondere Cultur die Fruchtbarkeit hervorgerufen oder doch erhöht werden kann. In einem Punkte begegnen sich aber sämmtliche Steppen, und dieser Punkt bezeichnet in ethnographischer Beziehung ihren wahren Charakter: es ist die vollständige Waldlosigkeit. Der Steppenboden bringt überall Gras und Kräuter hervor, niemals aber von selbst Wälder. Was man überhaupt unter Steppe versteht, sind nicht, wie es sich Manche noch denken mögen, unfruchtbare Gegenden, aus sandigem Boden mit einigen spärlichen

 

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schlechten Kräutern bestehend, oder gar Wüsten wie in der Mongolei und in Afrika, sondern es sind grasreiche Flächen, herrliche Viehweiden, auf denen, mit kleinen Unterbrechungen, ein hohes dichtes Gras und viele aromatische und kräftige Kräuter wachsen. Auch mit der Lüneburger Haide sind sie nicht zu vergleichen, sondern sie sind viel fruchtbarer und grasreicher und lassen sich bei gehöriger Benutzung in einen bedeutendern Culturzustand versetzen. Das Land, das die Nogaien inne haben, wozu auch der nördliche Theil der Krim zu rechnen ist, hat nicht nur vortreffliche Schafweide, sondern auch gute Weide für Rindvieh, welche am vorzüglichsten da ist, wo das wellenförmige Land Vertiefungen oder Schluchten bildet. Ein großer Theil der Steppe ist mit herrlichen bunten Blumen bedeckt, die im Frühjahr beim Aufblühen der Iris, der Tulpen und Narzissen das Land umher wie ein schöner farbiger Teppich schlucken; doch verbrennt sie die Julisonne bald und oft bedecken sie nach Regengüssen im November den Boden mit einem braunen Kothmorast, um ihn für‘s nächste Jahr zu düngen. Eins der häufigsten Kräuter ist der Thimian, der weit herum einen starken Geruch verbreitet. Auch sehr große Meerrettige findet man, besonders am Ufer des Asow‘schen Meeres, hier und da auch die Süßholzstaude. Auf dem Brachboden wächst allerlei Gesträuch, oft in Mannshöhe, doch ist es nicht holz-, sondern grasartig und ebenfalls im Frühjahr mit Blumen geschmückt.

 

Diese Steppen sind, soweit man die Geschichte zurückverfolgen kann, stets das Theater der hin- und herwogenden Nomadenvölker gewesen und die asiatischen sind es noch in diesem Augenblicke. Diese waldlosen Flächen waren die Straßen, auf welchen die Völkerstämme Asiens nach Europa zogen, vielleicht zuerst sich ansiedelnd, wie die Germanen und Slawen, später in den mehr historischen Zeiten, erobernd, verwüstend, plündernd, wie die Hunnen und Mongolen. Die pontischen Steppen bildeten gleichsam die letzte Station und waren sowohl wegen ihrer physischen Beschaffenheit als auch in ihrer geographischen Lage und Ortsstellung zur civilisirten Welt der interessanteste Theil derselben.

 

Schon in mythischen Zeiten waren die Küsten der pontischen Steppen den Griechen und ihre Einwohner als Scythen und Hyperboräer bekannt. In welcher Zeit jedoch die ersten griechischen Colonien an den Küsten und einige selbst im Innern des Landes gegründet wurden, ist schwerer zu bestimmen. Auch die Römer faßten die Steppenküste ins Auge,

 

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und sowohl das bosphorische Reich als auch die chersonesische Republik standen in Beziehung zu ihnen. Von den byzantinischen Kaisern übernahmen die Genuesen einen Theil der Küsten, überall ihre stolzen Burgen errichtend. Die Mongolen durchzogen nur die Steppe, die Tataren stifteten aber im Süden ein Reich, von dem aus sie lose ihre nomadisirenden Brüder in der Steppe beherrschten. Alle Beziehungen der europäischen Völker zu den Küstenpunkten blieben aber nur commercielle, die Civilisation ins Innere der Steppen zu tragen versuchten sie nie und es blieb dies den Russen vorbehalten, die vom Norden kommend, auf weniger friedlichem Wege als jene und selbst ihrer eignen Sicherheit wegen, diese Landstriche eroberten. Diese Eroberung war aber nicht wie die frühern eines Darius oder wie die der Mongolen eine flüchtige, sondern sie setzte sich fest und suchte dem unruhigen Hin- und Herziehen Einhalt zu thun und hierin leisteten die Kosaken den Russen einen trefflichen Dienst, indem sie bewiesen, daß es wirklich einen Uebergang vom Nomadenleben zur Ansässigkeit giebt.

 

Die einzige sichere äußere Basis der fortschreitenden Cultivirung eines Landes ist die landwirthschaftliche Bodencultur in allen ihren Richtungen und mit allen ihren Einrichtungen. Es hat auch das russische Gouvernement, dies wohl erkennend, große Anstrengungen gemacht, die Steppen landwirthschaftlich zu vervollkommnen und auf einigen Punkten blühende Colonien von Ausländern gegründet, in der Hoffnung, es werde sich von solchen Punkten aus die Cultur in immer weitern Kreisen verbreiten. Es hat ferner vieles Land an Privatleute verschenkt, mit der Bedingung, es durch Colonisten zu bevölkern und anzubauen.

 

Wenn wir nun aber sehen, daß ungeachtet des fruchtbaren Bodens, der höchst begünstigten Erwerbung desselben und der großen Anstrengnngen der russischen Regierung, den Landbau der Steppe zu begründen und zu heben, bisher noch keine recht günstigen Resultate erzielt worden sind, wenn wir beobachten, wie nur an den Küsten- und Flußrändern der Steppe die Bevölkerung sich verdichtet und der Anbau beginnt und von den ungeheuern Massen Getreides, die jährlich von Odessa ausgefahren werden, wenig oder nichts von den dazu wie geschaffenen Steppenflächen kommt, so muß ein tiefer liegender Grund als bloße Zufälligkeiten oder Abneigung der ursprünglichen Bevölkerung gegen den Ackerbau vorhanden sein. Die Hindernisse, die mit Entschiedenheit dem Fortschreiten

 

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der Bebauung im Innern der Steppen entgegen treten, sind die Ungunst des Klimas, der Mangel an Quellen und süßem Wasser und der Mangel an Wald.

 

Die pontischen Steppen, die mit Süddeutschland und Frankreich unter gleichen Breitengraden liegen, haben ein ganz anderes Klima und andere Bodenverhältnisse als diese Länder und es kommt Vieles zusammen, sie bedeutend rauher und kälter zu machen. Sie sind nirgends gegen die Windströmungen geschützt und diese lassen daher die Jahreszeiten ganz anders auftreten und erzeugen bald eine ungewöhnliche Hitze und Dürre, bald eine eben so große Kälte. Der Frühling beginnt mit einer kurzen Regenzeit; von dann an ziehen die Wolken stets in gleicher Höhe, Gewitter erscheinen sehr selten, im Herbste regnet es fast nie und auch der Winter bringt mehr Stürme und Wirbelwinde als tiefen Schnee. Die Sommerhitze steigt auf 30° Reaumur im Schatten und auf 56° in der Sonne, die Kälte im Winter oft auf 30°, und im Ganzen steht die mittlere Temperatur immer um einige Grade tiefer als in andern Gegenden Europas unter gleicher Breite. Man hat Beispiele, daß in Taurien während 20 Monaten (1832 und 1833) kein Tropfen Regen, keine Flocke Schnee herabgefallen ist, dann aber auch, daß im Jahre 1838 eine so anhaltend feuchte Witterung eintrat, daß die Erdschicht wochenlang zu einem Brei ward, in welchem das Wintergetreide verfaulte, das Vieh versank und kein Gras zu Heu gemacht werden konnte. Doch ist die Dürre im Allgemeinen vorherrschend und der Niederschlag durchschnittlich etwa ein Drittheil so stark wie in Berlin. Oft bleibt in trockener Witterung selbst der Thau monatelang aus; mehr als die Hälfte des Jahres weht ein trockener kalter Ost- oder Nordostwind und es fehlt auch nicht an einem dem Sirocco ähnlichen Winde, der bisweilen die Getreidefelder in wenigen Stunden versengt.

 

Der Steppenboden kann bei solchen Verhältnissen wenig Feuchtigkeit festhalten und dies ist eben so gut die Ursachen des anhaltenden trocknen Klimas, als es die Folge desselben ist. Läge das Steppenplateau nicht fast überall 100 – 150 Fuß über dem Meere, wäre es vor den austrocknenden Winden besser geschützt oder lägen auch an der Nord- und Nordostseite Meere, wäre das Innere durch Seen oder Teiche durchbrochen oder hinreichende Wälder vorhanden, die Feuchtigkeit aus der Atmosphäre anzuziehen und festzuhalten, so würde sich

 

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das Klima bald ändern und den gleich nördlich liegenden Ländern Europas ähnlich werden.

 

Quellen giebt es im Innern der Steppen sehr wenige und selbst durch das Graben der Brunnen ist nicht überall mit Bestimmtheit auf süßes Wasser zu rechnen. Es ist dies natürlich ein sehr großes Hinderniß für eine fortdauernde Cultur einzelner Striche der Steppe.

 

Das größte Hinderniß, das sich einer allgemeinen Cultur entgegen stellt, ist aber unbedingt der Mangel an Wäldern. Wären die Steppen ordentlich bewaldet, so würde das Klima ein anderes sein, es würden sich Quellen und Seen bilden, der Boden erhielte nachhaltige Feuchtigkeit und wäre der Bebauuug und Bevölkerung in einem Grade fähig, wovon man jetzt keine Ahnung hat. Die Erfahrung lehrt seit den ältesten Zeiten, daß durch die Kraft der Natur sich hier niemals von selbst Wälder bilden werden. Die Ursache hiervon liegt weder im Klima noch in der Bodenmischung, denn es möchte kaum eine Gegend in der Steppe geben, wo nicht eine oder die andere Baumart ganz gut fortkäme. In der Formation, wo der Granit die Basis unter den Erdschichten bildet, gedeihen vorzüglich die Bäume mit horizontalen Wurzeln, wie alle Pappelarten, der Maulbeerbaum u. s. w., dagegen auf den Kalk- und Kreidesteppen die mit tiefgehenden Wurzeln, wie Eschen, Eichen, Ahorn, Platanen. Von den Nadelhölzern scheinen nur die Kiefern in den Steppen fortzukommen. Es liegt also nicht darin, daß der Boden in seinen Bestandtheilen nicht den Holzsamen aufnehme, daß derselbe nicht wurzeln und treiben könnte, sondern es liegt in physischen Gesetzen.

 

Rings um die Steppen finden wir Wälder, die die Natur selbst hervor gebracht hat und die sich sogar längs der Flüsse in die Steppen hinein ziehen. Man sollte also meinen, diese Wälder müßten sich durch Selbstbesämung vergrößert haben und müßten nach und nach in die Steppe vorrücken. Dies ist aber nicht der Fall. Die physische Ursache der Waldlosigkeit liegt darin, daß die Grasvegetation die Baume verdrängt. Wir finden überall in der Pflanzenwelt diesen Kampf der Gewächse um die Herrschaft des Bodens. So werden die Kryptogamen von den Gräsern, diese von den Haiden, Sträucher von Blumen, eine Baumart von der andern verdrängt und wiederum die Bäume, die Riesen der Vegetation, müssen den Zwergen derselben, dem Grase weichen. Es handelt sich also bei fortgesetzter Colonisation der

 

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Steppen und deren Anbau hauptsächlich um die Frage, wie sind hier Wälder zu schaffen? Obgleich die meisten Ansiedler aus Ländern hierher kommen, wo das Holz reichlich vorhanden war und sich schwer daran gewöhnen, Stroh, Mist und getrocknetes Unkraut als Feuerungsmaterial zu verwenden, und das Holz hier als Luxusgegenstand anzusehen, der an manchen Orten den Preis der Metalle hat, sind es doch nur die Deutschen, und unter diesen wiederum die Mennoniten, die in neuerer Zeit Waldbepflanzungen und Waldbesämungen angelegt haben, vielleicht auch einige Privatbesitzer, aber diese mehr zum Vergnügen und aus Eitelkeit, als mit großem Effect. Es ist aber der Kenntniß des Gouvernements nicht entgangen, daß auf bloßem Privatwege bedeutende Waldanlagen nicht zu erwarten sind und es hat durch Aufmunterungen, Aufforderungen, Prämien und Belohnungen nachzuhelfen gesucht. Ein Ukas vom 14. September 1828 sichert jedem Kronbauern in Südrußland den Quadratfaden, auf welchem er einen Baum oder Weinstock pflanzt, als Eigenthum zu und gewährt ihm eine 10jährige Befreiung von allen Abgaben von dieser Stelle. In der Nähe der Stadt Odessa hat man unter der Leitung des berühmten Naturforschers Nordmann einen botanischen Pflanzenschulgarten angelegt, aus welchem alljährlich 30—40,000 junge Bäume in die Steppenwirthschaften zum Anpflanzen vertheilt werden. Es sind vorzüglich Akazien, Eschen, Eichen, Fichten, Maulbeer- und Ahornbäume, von denen die Akazie bis jetzt am meisten gedeiht. Welchen ungeheuern Werth diese Gegenden am schwarzen und am Asow‘schen Meere und welche herrliche Aussichten sie für Rußland haben müßten, wenn es gelänge, mit Ausdauer und richtigen Veranstaltungen durch Colonisation und Waldbau in der Steppe den gewünschten Erfolg zu erzielen, darauf werden wir bei der Besprechung des pontischen Handels noch einmal zurückkehren.

 

Das Volk der Nogai-Tataren, welche die Steppen der Krim und des Asow‘schen Meeres bewohnen, sind die letzten Ueberbleibsel jener ungeheuern Weltbewegung, in der die Mongolen im Mittelalter alles Land von China bis Schlesien, zwischen Sibirien und dem indischen Ocean erschütterten. Die Mongolen und Tataren stifteten in der Krim das westliche Mongolenreich, das noch bis Ende vorigen Jahrhunderts bestand, und oft Moskau und Polen vor sich erzittern ließ. Sie sind jetzt die letzten von den großen Nomadenvölkern im südöstlichen Europa und bereits auch so weit von der Alles überwältigenden abendländischen Cultur

 

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erfaßt worden, daß sie auch im Begriff stehen, ihr freies Hirtenleben und ihr Ungebundensein mit festen Wohnplätzen, mit Ackerbau und Gewerben zu vertauschen.

 

Stolz auf ihre Nationalität und vorzüglich auf persönliche Abstammung, schimpfen die Nogais gleich den Chinesen die Russen Rothköpfe und lassen noch nicht von ihrer ehemaligen Nationalfeindschaft gegen dieselben ab, obgleich sie dieselbe wenig offen zeigen. Aber auch die oben beschriebenen Bergtataren werden von den Nogais für entartet gehalten und nicht für ebenbürtig angesehen; nur die Türken lassen sie als ihres Gleichen gelten. Ihr Charakter zeigt eine eigenthümliche Mischung von Ehrlichkeit und Diebessinn, denn während sie gern Vieh, besonders Pferde, stehlen, werden sie doch nie einen Besucher ihres Hauses oder einen Colonisten, bei dem sie auf Arbeit sind, das Geringste entwenden oder gar Straßenraub üben. Sie sind dabei pünktlich und zuverlässig, arbeiten besser als die Russen und werden deshalb von deutschen Ansiedlern, besonders in der Ernte, sehr gesucht. Obgleich aufbrausend und zur Rache geneigt, sind sie auch wieder leicht versöhnt und befolgen willig das Gebot des Korans, das ihnen Barmherzigkeit gegen Feinde empfiehlt. Von Gestalt sind sie mittler Größe, gedrungen und untersetzt, haben aber gleich den Bergtataren eine edle Haltung, einen leichten Gang und ein gewandtes Wesen. Die Gesichtsbildung läßt die Mischung kaukasischer und mongolischer Race deutlich erkennen, besonders bei den Frauen, wo man bisweilen ächt tscherkessischen wie rein kalmükischen Gesichtern begegnet, obgleich der angesessene Nogaier kein Tscherkessenmädchen mehr kauft und selten eine Kalmükin heirathet. Selten und nur bisweilen bei Weibern findet man eine weiße Gesichtsfarbe, gewöhnlich ist sie braun, und je schwärzlicher sie ist, für desto edler gilt sie. Die schwarzen Augen haben noch ihr orientalisches Feuer, Nase und Mund sind wohlgebildet und die Zähne ausgezeichnet. Obwohl der Bart bei ihnen in der Regel schwach ist, so gilt doch einen langen Bart tragen für eine große Ehre und Jüngere tragen gewöhnlich einen Schnurrbart. Ihre Sinne haben noch ihre frühere Schärfe und vorzüglich das Gesicht und das Gehör sind so vortrefflich, daß ein Nogaier ein ihm gestohlenes Schaf ohne alle Abzeichen unter einer fremden Heerde unter hunderten heraus findet und das Blöcken seines Viehes unter Tausenden von fern schon unterscheidet. Die Kleidung der Männer ist malerisch und bequem, weder so weit wie die türkische, noch enge.

 

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Da sie das Haar scheeren und auch nur junge Leute einen einzelnen Büschel stehen lassen, so lieben sie warme Kopfbedeckung und tragen stets eine Pelzmütze. Ueber dem Hemde sitzt gewöhnlich ein anliegender kurzer Rock, bei Reichern ein Kaftan, den eine leinene Binde über dem Leibe zusammenhält. Hierzu kommen weite Hosen von Tuch oder Leinen und statt der Strümpfe Stiefelchen von Saffian ohne Sohlen; beim Ausgehen über diese noch Schuhe. Barfußgehen gilt für eine Schande. Dies ist die Sommerbekleidung, die im Winter noch bedeutend vervollständigt wird. Da wird über die kleine Pelzmütze noch eine größere und bei Sturm oder Schneegestöber noch der Baschlik, eine Art Kapuze, die aus Kaukasien stammt, gezogen, über dem Kaftan ein Schafpelz und über den Leinenhosen Pelzhosen getragen, bei starker Kälte über Alles noch der Schechbun, ein Mantel von Kameelhaaren gehangen. Statt der Schuhe werden alsdann rothe oder schwarze Stiefeln angezogen. Auch die Frauenkleidung ist bequem, ohne den Leib einzupressen und nur der Kopfputz, wenn er vollständig getragen wird, steif und überladen. Alle tragen einen langen weißen Schleier, womit sie sich in Gegenwart von Fremden den untern Theil des Gesichts bedecken, den sie aber unter Bekannten hinten frei herab hängen lassen. Ueber das Haar, das in langen Flechten herab fällt, winden die Frauen sehr malerisch ein buntfarbiges Tuch, dessen Enden ebenfalls herab hängen. Die Mädchen hingegen tragen eine hohe rothe Mütze, mit allerhand Tand, wie kleinen Korallen, großen und kleinen Geldmünzen behangen; sie tragen aber keinen Schleier, sondern wickeln um die Flechten ein weißes Tuch. Ueber ein weißes oder rothes Hemd ziehen sie einen Kaftan, der um die Lenden durch eine Binde, an der sich vorn eine große metallne, oft silberne Schnalle befindet, befestigt wird. Alle tragen weite Beinkleider, rothe oder gelbe Schuh und Ringe an den Fingern, um die Arme, in der Nase und sehr schwere in den Ohren; Bänder um den Hals, die mit silbernen Plättchen, geschliffnem Glas und andern Kleinigkeiten behangen sind, vollenden den vollständigen Anzug, den man in seinem ganzen Glanze besonders am Beiramsfeste bewundern kann. Der beschriebene Anzug, der meist die einzige Freude des Weibes ausmacht, kommt sehr theuer und wird vollständig nur von den Wohlhabendern getragen, indeß die Aermern oft sehr schlecht und dürftig gekleidet sind.

 

Die Nogaier sind sämmtlich Mohammedaner, in jedem

 

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größern Orte befindet sich eine Moschee und in jedem Dorfe wenigstens ein Bethaus, Metschet. Religion und Gerichtspflege vereint werden von dem Ober-Mufti in der Krim, Effendi-Mollahs, Unter-Mollahs und Kadis oder Richtern verwaltet. Während der Effendi-Mollah die Heirathscontracte und Ehescheidungen aufsetzt, Religionssachen und Privatstreitigkeiten nach dem Koran entscheidet, ruft der gewöhnliche Mollah zum Gebet, verrichtet die Gebete für die Kranken, ist bei Hochzeiten, Begräbnissen und Opfern zugegen und schlichtet mit Zuziehung der Aeltesten in der Gemeinde die Streitigkeiten mit Weibern und im Weiberhandel. Er erhält dafür den Zehnten von Getreide und das vierzigste Stück des Viehes. Die Kadis wirken noch im Volke als ein Rest der alten Verfassung, als Schiedsrichter, denn die Nogaier wenden sich fast niemals an russische Gerichte; doch sind diese Richter von der russischen Regierung nicht anerkannt. Die Beschneidung wird zwischen dem zehnten bis funfzehnten Jahre von einem Beschneider vorgenommen, der dies Amt in seiner Familie erblich hat. Die Wallfahrt nach Mekka, die von den Russen gewisser politischer Bedenken wegen höchst ungern gesehen wird, bringt den Rückkehrenden in besonderes Ansehen, doch kann sie auch durch Opfer und Almosen ersetzt werden. Bei jedem Feste oder jeder besondern Famlienangelegenheit wird geopfert, gewöhnlich ein Schaf, oder wenn mehrere zusammentreten, ein Rind geschlachtet und mit Zuziehung der Armen verzehrt. Nur von ältern Leuten wird das Fasten des Ramasan und das vorgeschriebene Beten, wobei sie sich des Rosenkranzes bedienen, streng gehalten, das jüngere Geschlecht, ist nicht dazu verpflichtet. Obgleich die Vielweiberei erlaubt ist, so hat doch mancher Nogaier nur eine Frau, zwei Weiber zu haben ist gewöhnlich, drei schon selten.

 

Ungleich den Bergtataren hat die religiöse Pflicht des Almosengebens bei den Nogais viele Bettler geschaffen, die meist zu Pferde von Haus zu Haus ziehen und die verschiedenen Gaben an Früchten und Fleisch in besondere dazu mitgebrachte Säcke stecken. Geld zu verabreichen ist nicht Sitte.

 

Wenn auch die Wohnungen einiger der Wohlhabenden sich dem Style der europäischen Wohnungen, wie sie die Ansiedler in ihrer Nähe bauen, nähern, so sind doch die der Meisten in Einrichtung und Form denen der Bergtataren ähnlich, nur daß sie nicht an Hügel angelehnt sind und frei stehen. Graf Maison, dem von 1809 an die Ansässigmachung der Nogaier übertragen war, gab sich außerordentliche Mühe,

 

 

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das Nomadenvolk an feste Wohnplätze zu gewöhnen und schien auch sein Ziel erreicht zu haben. Doch als er 1821 sein Amt niederlegte, verließen viele Nogaier ihre Häuser wieder, packten ihre Sachen auf ihre zweiräderigen Arbas und zogen wieder nomadisirend durch die Steppe. „Allah hat es so gewollt,“ meinen sie, „er gab dem Russen und Deutschen den Pflug, dem Armenier den Zähltisch und dem Nogai das Rad!“ Viele auch wohnen den Winter noch in Erdhütten und beziehen im Sommer ihre Filzgurten.

 

Dies Volk lebt dabei mehr von animalischen, als von vegetabilischen Speisen, sie ziehen aber Allem das Pferdefleisch vor, von dem sie behaupten, es wärme den Magen im Winter. Bei einem Nationalgericht, Turana genannt, das aus dünngeschnittenem Pferdefleisch besteht, dürfen die Frauen bei der Bereitung nicht mit helfen und es gilt als Zeichen der Brüderschaft und Freundschaft, zu demselben eingeladen zu werden. Ihre übrigen Speisen bestehen hauptsächlich aus Rind- und Schaffleisch, Wild und Geflügel und von Früchten essen sie besonders Melonen, wozu ihnen als Getränk die aus Hirse bereitete Bosa, Rührmilch mit Wasser, Stutenmilch und das aus letzterer bereitete Lieblingsgetränk, der berauschende Kommis dienen. Sehr beliebt ist bei ihnen auch der Thee, wozu sie sogenannten Ziegelthee verwenden. Brod wird in der Asche gebacken, doch lieben sie es wenig und essen es selten; auch das Weizenmehl wird nur zu Kuchen verwendet.

 

Ungeachtet der Vielweiberei und daß viele Kinder zu haben als Reichthum gilt, vermehrt sich das Volk nicht, die Bevölkerung nimmt sogar manches Jahr ab, was darin seinen Grund haben mag, daß viele Kinder unter dem dritten Jahre sterben. Auch ein hohes Alter ist bei ihnen selten und geht kaum bis zu 60 Jahren. Wenn sie von den am bösartigsten unter der andern Bevölkerung der Halbinsel herrschenden Fiebern, dem Gallen- und Nervenfieber verschont bleiben, so zeigen sich unter ihnen dagegen oft die Wassersucht, die Blattern, Wechselfieber und gewisse epidemische schlimme Krankheiten und richten um so mehr Verwüstung an, als sie sich keines ordentlichen Arztes bedienen und außer ihren Hausmitteln an Pfeffer, Alaun, Zucker und Honig zu dem Mollah und dessen Zaubermitteln ihre Zuflucht nehmen. Letztere bestehen theils im Hersagen von Gebeten, theils in allerlei Handbewegungen, die der Mollah über dem Kranken macht und die hauptsächlich im Betupfen des Körpers bestehen und wahrscheinlich in Folge des thierischen Magnetismus den Kranken in Schlaf

 

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versetzen, theils in Amuleten, die auf dem Rücken, an der Mütze oder am Halse getragen werden.

 

Die in den meisten Dörfern bestehenden Schulen werden nur von Knaben und meist nur von solchen besucht, die sich dem geistlichen Stande widmen wollen. Aus den arabischen, nur geschriebenen Büchern, die auch besondere Charaktere noch enthalten, lernen sie lesen, Gebete auswendig, aber nicht selbst schreiben. Da der Engel Gabriel dem Propheten den Koran vorgesungen, so muß alles religiöse Lesen singend geschehen. — Ihre mystische Zeitrechnung ist die der Mongolen und theilt sich in Perioden von 12 Jahren, von denen jedes den Namen eines Thieres führt; das Jahr hat 12 Monate und der Tag 12 Stunden, die durch 5 Betstunden abgetheilt werden.

 

Noch möge einiges Wenige zur Charakteristik dieses Volkes und seiner Sitten folgen. — Wie in jeder patriarchalischen Verfassung herrscht unter ihnen die größte Ehrfurcht vor dem Alter. Ein alter Mann wird von Allen bedient, Keiner würde sich vor ihm setzen, Keiner würde ihn schmähen und selbst im größten Zorne nicht schlagen. Ihre Gastfreundschaft geht so weit, daß sie den Gast, selbst wenn er Ausländer und Andersgläubiger ist, ehrfurchtsvoll gleich dem Herrn im Hause behandeln. Außer dem Schach, welches sie gern spielen, bestehen ihre Hauptbelustigungen im Pferderennen, in der Jagd und im gemüthlichen Beisammensitzen, wobei sie Mährchen und Sagen erzählen. Bei der Jagd bedürfen sie keiner Waffe, sondern sie hetzen das Wild so lange, bis es ermüdet ist und sie es mit dem Kantschu todt schlagen können. Sie haben viele Volkslieder, die sie beim Reiten oder bei Schenkgelagen singen und die Kuba, eine zweiseitige Leier. Die Tänze werden von Männern ausgeführt und bestehen nur in Mimik mit Kopf, Händen und Füßen. Am leidenschaftlichsten liebt der Nogaier das Tabakrauchen; Alles kann er entbehren, nur den Tabak nicht, den er nach seinem Ausdrucke nicht raucht, sondern trinkt. — Das Heirathen ist ein förmlicher Handel, da das Mädchen dem Vater abgekauft werden muß. Ist einer Willens zu heirathen, so läßt er sich von seinen Freunden eine Candidatin vorschlagen, wobei vorzüglich berichtet wird, wie hübsch rund und fett sie ist, wie ihr Gesicht und ihr Haarwuchs beschaffen sei. Am liebsten nimmt man eine Braut aus einem andern Dorfe, denn es gilt für anständiger, dieselbe vor der Hochzeit nicht gesehen zu haben. Hierauf wird mit dem Vater derselben um

 

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den Preis gehandelt und wenn derselbe gezahlt, beginnen die Hochzeitsfeierlichkeiten, die einfach darin bestehen, daß von beiden Theilen abgeschickte Bevollmächtigte sich im Namen der Brautleute die Hand reichen, worauf der Braut der Schleier angelegt und sie von den Weibern des Ortes ihrem zukünftigen Manne zugeführt wird und das Ganze ein großer Schmaus beschließt. Der Preis eines Mädchens wird in Kühen, dem Symbole des Vermögens, bedungen, wie auch alle übrigen Dinge nach Kühen berechnet werden. Eine Kuh gilt jetzt 2 Rubel Banko, ohne Rücksicht auf ihren veränderlichen Marktpreis, zwei Kühe gelten einen Ochsen oder ein Pferd, 8 Schafe gelten eine Kuh. Der gewöhnliche Preis eines nogaischen Mädchens ist 30 Kühe oder 60 R. B. selten mehr; junge Wittwen sind billiger. Dafür geben die Eltern der Braut allerhand Hausrath an Kleidern, Wäsche, Schmuck, der oft eben so viel oder mehr als der Kaufpreis beträgt. Das Mädchen muß den Eltern blindlings gehorchen, wird nie um ihre Einwilligung befragt und darf auch nach der Hochzeit mit Niemand, als mit ihrem Manne, ihren Eltern und Geschwistern und auch dann nur leise sprechen; ihr Schicksal ist als Frau kein beneidenswerthes. Sclavin des Mannes, muß sie ihm unbedingt gehorchen, die meisten Arbeiten verrichten und ein sehr eingezogenes Leben führen.

 

Von jeher war Viehzucht die liebste Beschäftigung der Nogaier, die nur mit Widerwillen zum Ackerbau übergingen, ob sie gleich nun einsehen, daß letzterer ihnen viel größere Vortheile gewährt. Vor allem widmeten sie sich gern der Pferdezucht und sind vortreffliche Reiter, die gern ihre Gewandtheit und die Schnelligkeit ihres Pferdes zeigen. Die Pferderennen sind daher bei ihnen etwas Gewöhnliches. Ein leichter Streit über die Vorzüge ihrer Pferde veranlaßt diese sogleich; sie wählen ihre Richter, stecken ein Ziel ab, setzen einen Preis und fort fliegen sie wie der Wind dem Ziele entgegen. Ihre Pferde, von kirgisischer Race, sind nicht groß und besonders zum Reiten gut, weniger zum Fahren. Von Farbe hat man sie im Braun in allen Schattirungen, auch Grauschimmel, keine Rappen. Der durchschnittliche Preis beträgt 30 bis 40 Rubel B., doch wird ein Reitpferd mit 60 bis 80 R. B. und ein guter Hengst selbst mit 400 bis 500 R. B. bezahlt. Dabei führt jedes Pferd seinen Namen und ist auf der Lende gezeichnet. Die Pferde, die in kleinen Trupps, jeder mit einem regierenden Hengste, im Freien auf der Steppe weiden, bleiben daselbst auch im Winter und müssen sich ihr Futter oft unter dem Schnee hervor suchen.

 

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Das Kameel oder Dromedar, welches früher bei den Nogaiern eine große Rolle spielte, ist bei den ansässigen ganz verschwunden und nur bei den nomadisirenden, vorzüglich in der Krim, sind sie noch als eins der nothwendigsten Hausthiere zu finden. Doch nicht zum Reiten oder Lasten zu tragen, wozu das Schiff der Wüste bestimmt zu sein scheint, wird es verwendet, sondern nur zum Ziehen.

 

Schon oben wurde erwähnt, daß die Tataren den Russen nicht besonders zugethan sind und ihre Anordnungen nur mit Widerstreben befolgen. Sie sind als eifrige Mohammedaner große Freunde der Türken und halten ihr Schicksal mit dem der Türken eng verknüpft. Wenn sie auch nicht murren oder sich gar gegen die Gesetze der russischen Regierung auflehnen, so sind ihre Blicke doch immer nach Stambul, das sie ihre Hauptstadt nennen, gerichtet, als erwarteten sie Hilfe und Befreiung von dort. Sie erschraken mächtig und zeigten sich lange sehr betroffen, als in einigen Dörfern der Nachbarschaft nach dem Tode des Kaisers Alexander Großfürst Constantin als Kaiser ausgerufen wurde, weil bei ihnen die Sage geht, daß, da unter einem Constantin das griechische Reich untergegangen und das türkische Reich mächtig geworden sei, so werde bei der Thronbesteigung eines Constantins in Russland dieses mächtig werden und das türkische Reich untergehen. Zu ihrem Troste war es aber ein Irrthum und Nikolaus der Erste bestieg den Thron des Czaren. Als Kaiser Alexander kurz vor seinem Tode Südrußland und die Krim bereiste, besuchte er auch die Tatarengegenden, gewiß in der Hoffnuug, dieses primitive Volk werde ihm als seinem Herscher ehrfurchtsvoll entgegen kommen. Aber nur Wenige begrüßten den Czar und fast Alles zog sich scheu zurück. Geschah dies nun aus wirklicher Abneigung gegen das Russenthum überhaupt oder entsprach der einfache Mann in seiner einfachen Kleidung nicht ihren Begriffen von dem Herrscher eines so ungeheuren Reiches? Sollte es je den Türken oder ihren Verbündeten gelingen, an den pontischen Küsten Fuß zu fassen, so werden sie in den Tataren keine Gegner finden.

 

Der Weg, der von Simpheropol in einigen Stunden nach Baktschiserai führt, hat anfänglich zur Linken die niedern Vorberge der großen Gebirgskette, während sich rechts noch eine Zeit lang die weite einförmige Steppe ausdehnt. Ziemlich in der Mitte zwischen beiden Städten liegt seitwärts im Gebirge eine griechische Colonie, die von Griechen gegründet wurde, die zur Zeit des griechischen Aufstandes im

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Peloponnes von Kleinasiens Küsten, vorzüglich aus der Gegend von Sinope, auf russischen Schiffen flüchteten, da ihr Leben und Eigenthum durch die Türken bedroht war. Sie gelangten etwa 150 an der Zahl nach der Krim, erhielten in der hiesigen Gegend von der russischen Regierung Ländereien angewiesen und befinden sich sehr wohl. Es gewährt einen prächtigen Anblick, ihnen zu begegnen, wenn sie mit ihren schönen Frauen in den geräumigen, offnen Wagen nach Baktschiserai zur Kirche oder zum Markte fahren. Die Frauen mit ihren feinen weißen Gesichtern und blendend schwarzen Haaren, die den Hauptsitz des Wagens einnehmen, sind dann staatsmäßig von oben bis unten in schwarze Seide gekleidet, auf der sich der Goldschmuck, den sie tragen, sehr vortheilhaft ausnimmt. Sie tragen gewöhnlich auf der Stirn ein goldenes Diadem, Goldstücke auf der Brust und an den Armen goldene Spangen mit aufgereihten Ducaten, Schätze, die sie noch aus ihrer frühern Heimath gerettet haben und gern zur Schau stellen. *)

 

Je mehr man sich der alten Stadt der Khane nähert, wird die Gegend gebirgiger und reicher Gartenbau zeigt sich überall, bei welchem man die mühsame, aber geschickte Leitung und Vertheilung der Bewässerung durch die Tataren bewundern muß. Ueberall hat man kleine Canäle an den Höhen hergeleitet, von denen das Wasser zur Ueberrieselung und Bewässerung in kleinen Rinnen nach den Wiesen, Gärten und selbst nach den Fruchtfeldern abfließt. Immer sind Männer und Frauen beschäftigt, hier das Wasser abzudämmen, Bretter und Steine vorzulegen, dort andere wegzuräumen, um das Wasser nach trocknen Orten zu leiten. Und dabei nivelliren die Tataren Alles nach dem bloßen Augenmaße ohne irgend Instrumente dazu zu haben, überall aber so geschickt, wie das Wasser nur bei der sorgsamsten Abwiegung benutzt werden kann.

 

Eigenthümlich ist die Lage von Baktschiserai (Gartenpalast), dieser alten Capitale der tatarischen Herrscher und es mußte eine eigene Veranlassung sein, die die Häupter des eingewanderten Nomadenvolkes bewog, sich in dieser Felsenschlucht niederzulassen. Auf ein schmales Thal beschränkt, dehnt sich die Stadt mit wenig Seitengassen in einer engen Hauptstraße über zwei Werst lang aus und hat sich so ihr
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*) Nach Kohl’s Reisen in Südrußland etc.

 

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früheres Ansehen und orientalisches Aeußere erhalten, daß man sich ein Jahrhundert zurückversetzt glaubt. Ziemlich in der Mitte der Stadt liegt an einem freien Platze von einem Wassergraben umgeben, über den eine Zugbrücke führt, die Hofburg der Tatarenkhane der Krim, mit ihren prächtigen Gebäuden, ihren vielen Höfen und weitläufigen Gärten, gleich einem Märchenbilde aus Tausend und einer Nacht. Man kann es beim Anblick dieses Palastes nicht glauben, daß er von seinen Besitzern schon so lange verlassen ist, da man auch selten einem andern Menschen als einem Tataren begegnet. Die Russen dulden nicht nur die Vorliebe dieses Volkes zu dem alten Herrschersitze, den sie nicht mehr zu fürchten brauchen, sondern sie leisten ihr sogar darin Vorschub, daß sie Baktschiserai den Tataren zum eigenthümlichen und ausschließlichen Wohnsitz überlassen haben, und außer den nöthigen von der russischen Regierung hierher versetzten russischen Beamten keinem Nichttataren die Niederlassung hier gestatten. Ueberhaupt hat Russland eine eigene Großmuth an dieser Stadt, von der so oft Raub- und Plünderungszüge nach Moskau ausgingen, geübt; ihr nichts von ihrem frühem Treiben entgelten lassen, sondern sie sogar mit gewissen Privilegien ausgestattet und den Palast ihrer Erbfeinde baulich erhalten und verziert. Doch ehe wir den Palast der Khane betreten oder uns in den engen Straßen der Stadt mit ihren vielen Kaufläden umsehen, wollen wir zwei Eigenthümlichkeiten des Orts, die für die Christen und Juden von besonderm Interesse sind, in Augenschein nehmen, das wundertätige Muttergottesbild und die Felsenstadt der Karaiten.

 

Nachdem man das Kalksteinthal mit seiner engen Häuserstraße, über deren Dächer überall die Felsen herein schauen, wohl eine Stunde lang aufwärts geschritten, gelangt man an den tatarischen Begräbnißplatz, dessen Gräber, jedes mit einer Säule geziert, die sich in einem Turban endigt, sich den Berg hinauf ziehen, und in die Zigeunervorstadt, ein merkwürdiges Nest, wo Elend, Schmutz und Armseligkeit sich den Vorrang streitig machen. Die von Figur wohlgebildeten aber schmutzigen dunkelbraunen Menschen, von denen die Erwachsenen mit einigen Lumpen bedeckt sind, Knaben und Mädchen aber bis zur Mannbarkeit in völlig nacktem Zustande bleiben, wohnen theils in den Höhlen, die das Wasser im weichen Kalksteine ausgewaschen, theils in schrecklichen Hütten vom Lehm, Strauchwerk und Schilf, die sich an den Felsen anlehnen. Ihr Unterhalt macht ihnen wenig Sorgen und

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die Männer verdienen leicht das Wenige, was sie zur Nahrung, außer den selbstgefangenen Igeln, einem Lieblingsgerichte, und dem Tabak, den beide Geschlechter leidenschaftlich rauchen, nöthig haben. Die meisten sind Schmiede, andere treiben das beliebte Geschäft des Pferdehandels und Viele durchziehen zur Qual europäischer Ohren als Musiker die Krim. Schon beim Betreten der Stadt am entgegengesetzten Ende empfängt jeden Reisenden ihre Musik, die aus Geigen, Pickelpfeifen und Handtrommeln besteht und sie verfolgt denselben durch die ganze Stadt und begegnet ihm an jedem interessanten Punkte derselben. Aber auch bei diesem Volke, wie bei allen gebildeten oder ungebildeten Völkern der Erde lieben es die Mädchen, sich zu schmücken und die Goldstücke, die sie an ihr rothes Feß nähen, zeigen trotz ihrer Lumpen ihre Eitelkeit.

 

Hinter diesem Schmutzwinkel wendet sich der Weg, an dem Mausoleum des tatarischen Khan Mengli-Gerai vorbei, rechts in ein herrliches Thal mit schönen Felsenpartien, dessen Wände überall von 5—6 Fuß hohen und 3—4 Fuß breiten Höhleneingängen durchbrochen sind. Hier inmitten des Thales befindet sich das sogenannte Kloster der Felsenmutter, das Uspenski-Monastir. Es war früher nur die größte der Felsenhöhlen, in der sich noch jetzt eine Capelle befindet, die 30 Fuß im Quadrat und 15 Fuß Höhe hat, an welche sich mehrere Zellen schließen, die etwa 10—12 Fuß im Durchmesser und eben so viel Höhe haben. In dieser Felsengrotte soll nach Aussage der Christen schon lange zur Tatarenzeit ein Bild der Mutter Gottes geruht haben, das aber erst bei der Einnahme der Stadt durch die Russen im Jahre 1783 aufgefunden wurde. Bald siedelten sich einige fromme Geistliche an, wohlhabende russische Kaufleute machten Stiftungen an Geld, schmückten die zur Kirche eingerichtete Höhle mit Altargeschenken und einer ließ sogar ein Haus an die Wand anbauen, das künstlich auf Balken ruht, die in den Felsen eingefugt sind und welche wieder ein anderer dadurch vervollständigte, daß er in einem Aquaducte Wasser herzu leiten ließ, welches jetzt oben ihm und der heiligen Maria zu Ehren sprudelt und die Pilger, die die Grotte erklommen haben, erquickt. Der Weg zu diesem mehr als hundert Fuß über dem Thale liegenden Kloster ist sehr beschwerlich und führt über eine in den Felsen gehauene Treppe zu einer Terrasse in halber Höhe und von da auf Leitern und hölzernen Treppen zur Höhe. Als das erste wunderthätige Bild der Krim und der umgebenden Lande steht diese Felsenmutter in hohem Rufe und

 

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alljährlich wallfahrten unzähliche Pilger hierher, die nicht nur aus der Krim, sondern aus Neurußland und selbst aus der Ukraine kommen. Der Tag der Auffindung, der 15. August, ist das Hauptfest und an diesem Tage das Herbeiströmen am größten. Mit jedem Jahre mehrt sich der Zudrang zu diesem Bilde, das man von dem kleinen balkonartigen Ausbau vor der Höhle über derselben in etwas gigantischem Maßstabe auf den Felsen gemalt erblickt. Die umgebende Felsenwand ist mit den Namen vieler Fremden bedeckt, unter denen sich auch die des Kaisers von Rußland und der ganzen kaiserlichen Familie befinden, ersterer durch kalligraphische Schönheit sich auszeichnend.

 

Staunen muß der Beobachter über die vielen überall ähnlichen oder gleichen Felsenhöhlen, die in diesem Thale, wie in der ganzen Krim, wo es Felsen giebt, zerstreut sind und die man oft zahlreich neben einander antrifft. Sie haben jede einzelne gewiß viel Mühe und bei ehemals unvollkommenen Instrumenten wohl jahrelange Arbeit gekostet, wo man in derselben Zeit viele Häuser hätte bauen können. Und nicht allein hier sind sie zu treffen, sondern von Thibet und Indien bis an den Pontus und das Mittelmeer und bisweilen, wie in der Nähe der Stadt Ghori in Grusien, zur völligen Stadt mit Palästen, Tempeln, Häusern und Bazar ausgeführt. Diese Höhlen sind so uralt, daß man sie keinem historisch bekannten Volke zuschreiben kann und gewiß die Arbeit eines Volkes, von dem die Geschichte nichts weiß. Alle Traditionen über Trogloditen sind unklar und unbestimmt.

 

Vom Kloster der Felsenmutter geht es einen schmalen steinigen Weg hinauf auf ein Plateau, an dessen felsigem Abhange Tschuffutkaleh (Judenstadt) liegt. Diese Stadt gleicht so wenig irgend einem Orte des übrigen Europa, daß wir bei deren Beschreibung genau dem Berichte Kohls folgen müssen, um das Bild getreulich wiederzugeben. Er sagt: „Wenn die Biber aus Stein und auf Felsenhöhen bauten, so würde ich mir etwa eine Biberstadt so denken. Auch die Cyklopen müssen ungefähr solche Städte gebaut haben, wenn diese nur nicht wieder zu groß waren.— Der Berg wird kurz vor dem Thore der Städt so steil, daß die Pferde mit Mühe auf den äußersten Spitzen der Füße hinaufklettern müssen. Das Thor gleicht dem einer Burg des Mittelalters und zu beiden Seiten desselben, über und neben einander, gähnen den Ankömmling zahlreiche finstre Höhlen an, ganz wie die Höhlen der gottlosen Einaugen des Odysseus, die nicht Jupiter und der Menschen Rechte kannten.

 

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Sie dienen den Karaiten zur Bergung ihres Viehes bei Nacht und bei Unwetter. Die Wohnhäuser sind klein, niedrig, ohne Fenster, mit platten Dächern versehen, alle aus großen Steinstücken aufgeführt. Da die Straßen dabei zwischen diesen Steinhäusern ganz schmal eingeengt sind und man immer auf den nackt hervorguckenden Felsen reitet, da ferner auch die Höfe mit großen Mauern eingefaßt sind, in welche man durch enge Steinthüren hineinschlüpft, so sieht Alles so aus, als bestände es nur aus mit Kunst nachgebildeten und auf der Oberfläche des Felsens zusammengesetzten Höhlen. Kein Baum, kein Strauch, ja nicht einmal ein einziger Grashalm wächst in den Straßen oder Höfen dieses merkwürdigen Felsennestes, um mit seinem grünen Lichte die graue Steinfarbe ein wenig anmuthig zu nüanciren. Die kleinen Straßen, eng, tief und krumm, wie sie sind, irren planlos hier und dort herum und verzweigen sich, als wenn Bäche über den Kopf des Felsens hinweggegangen wären und sie als ihre Betten zurückgelassen hätten.“

 

Eben so wenig wie Vegetation giebt es auch Wasser auf diesen Felsenhöhen und einige der Bewohner beschäftigen sich damit, das Wasser auf dem Rücken der Pferde heraufzuschaffen und zu verkaufen. Die dazu benutzten Eimer sind, damit ja nichts von dem edlen Naß verloren gehe und dasselbe nicht warm werde, bis auf eine kleine Klappe ganz verschlossen und das Wasser wird vermittelst eines Hebers herausgezogen.

 

Diese sonderbar gelegene und gebaute Stadt, die mit ungemein starken Befestigungen umgeben ist, wird durch ein Volk bewohnt, welches eben so räthselhaft in seinem Ursprunge ist, von der jüdischen Secte der Karaim; doch ist Tschuffutkaleh gewiß nicht von ihnen angelegt worden, sondern bei ihrer Niederlassung hier unter Batukhan oder auch früher schon von ihnen vorgefunden und benutzt worden.

 

Diese Karaim, die an verschiedenen Orten des Morgenlandes verstreut leben, haben sich auch vorzüglich in Südrußland, in Cherson und Taurien niedergelassen. Sie sind im Allgemeinen wohlhabend und tüchtige Handelsleute, deren Handel durch ganz Rußland verbreitet ist und selbst zur See nach der Türkei und nach England geht. Die bedeutendsten Gemeinden dieser Secte befinden sich außer Rußland und Galizien in Kairo, in Gita am Euphrat, in Jerusalem, wo sie eine unterirdische Synagoge besitzen und in Constantinopel.

 

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Ihre Umgangssprache hier ist die tatarische, in Constantinopel die griechische und in Palästina und Aegypten die arabische. In welcher Zeit die Karaim sich als besondere Secte von den andern Juden getrennt haben, ist bis jetzt nie ganz mit Bestimmtheit aufgeklärt worden. Die Anhänger des Talmud, ihre Gegner, leiten den Ursprung der Karaim von dem Rabbi Anan her, der im Jahre 750 nach Chr. G. gegen den Talmud auftrat und behaupten, daß erst nach dieser Zeit eine abgesonderte, Karäer genannte Secte sich gebildet habe, die, als man sie in Syrien verfolgt, sich nach Aegypten gewandt habe, wo später die Häupter derselben, die Nasi, später Hachami genannt, lange in Kairo lebten. Doch geben selbst die Talmudisten zu, daß der Geist, die Richtung und selbst die Hauptlehren der Karaim viel älter und schon bei den Sadducäern zu finden seien.

 

Sie selbst behaupten, sie wären eine Abtheilung des Stammes Juda, die aus der babylonischen Gefangenschaft nicht zurückgekehrt, sondern nach dem Norden gedrängt worden sei, wo sie von Armenien aus sich nach den nördlichen pontischen Küsten, nach Byzanz und selbst bis nach Marokko, Spanien und Portugal hin verbreitet hätten. Andere Abkömmlinge von den 10 Stämmen sind nach ihrer Meinung nach Ostasien verschlagen worden und leben gegenwärtig in China, die, ob sie gleich nicht mehr hebräisch verstehen, doch noch die fünf Bücher Moses in ihren Synagogen als Heiligthum aufbewahren. Sie sind also nach ihrer Ansicht nicht aus dem Judenthum herausgetreten, sondern vielmehr die ältesten ursprünglichen Juden geblieben. Der Talmud, der erst kurz nach der christlichen Zeitrechnung in seiner gegenwärtigen Gestalt sich gebildet hat, ist ihnen unbekannt, da sie die spätern Entwickelungen der Juden Palästinas nicht mit durchgemacht haben. Sie wissen von keinem angeerbten Haß oder Fanatismus gegen die Christen, da sie die Entstehung des Christenthums in Palästina nicht mit erlebt und diesen Glauben erst später kennen gelernt haben; sie hängen vielmehr mit einer gewissen Vorliebe an dem Propheten Jesus, da er ja, wie sie selbst, vom Stamme Juda sei.

 

Ueber die eigentliche Geschichte der Karaim und wann sie in die Krim gekommen sind, herrscht noch ein großes Dunkel und die Nachrichten, die geschrieben darüber existiren können, sind jedenfalls in den Gemeindearchiven so zerstreut, daß es schwer halten würde, etwas Zusammenhängendes daraus zusammenzutragen. Die Geschichte ihrer jetzigen Sitten

 

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und Verhältnisse beginnt jedenfalls erst mit Mohammed, denn es ist eine merkwürdige Thatsache, daß, so wie die talmudistischen Juden das Christenthum nach allen Ländern hin begleitet haben, auch die Karaim mit dem mohammedanischen Glauben immer gleichen Schritt hielten. So geht unter ihnen auch die Sage, der Lehrer Mohammeds sei ein Karaim gewesen uud der mohammedanische Glaube somit von ihnen ausgegangen. Die älteste Schrift, die sie besitzen, ist ein Privilegium, das ihnen Mohammed zur freien Ausübung ihres Glaubens verliehen haben soll. Der gelehrte Abraham Firkowitsch in Eupatoria besitzt historische Documente, die in 58 Grabschriften und in 51 Manuscripten bestehen. Das älteste dieser Documente ist von 640, das neueste von 1679 nach Chr. Geb. Die älteste Grabschrift ist die des Isaak Sangari im sogenannten Thale Josaphat bei Tschuffutkaleh vom Jahre 4727 nach Erschaffung der Welt oder 767 nach Chr. Geb. Diesem Sangari wird hauptsächlich die Bekehrung des Chazarenvolkes zugeschrieben, eines der sonderbarsten Ereignisse der Geschichte, das bis jetzt noch keine genügende Erklärung gefunden hat, denn es liegt so gar nicht in der Natur des Judenthums, andere Völker zu ihrer Religion herüberzuziehen und steht nebst der Bekehrung der Sabatniki ganz vereinzelt in der Geschichte da. Obgleich die Karaim behaupten, schon seit 1600 Jahren in Tschuffutkaleh zu wohnen, so ist doch nach dieser Grabschrift so viel gewiß, daß sie schon im achten Jahrhunderte in der Krim waren. Ihre Cultur mußte aber schon damals eine sehr vorgeschrittene sein, da es ihnen gelang, die wilden Horden der Chazaren zu ihrer Religion zu bekehren, ein Volk, vor dem die Herrscher Persiens, Constantinopels und Rußlands erzitterten. Aus mehrern Stellen dieser Manuscripte ersieht man, daß bei den Chazaren ein völlig kirchlich ausgebildetes und wohl organisirtes Judenthum bestand und daß dies Volk seine karaitischen Synagogen bereits vor der Einwanderung der Talmudisten in der Krim hatte. Es ist auch möglich, daß in Folge des hervortretenden Zwiespaltes zwischen den Talmudisten und den reinen Bibelgläubigen der Abfall der Chazaren vom Judenthume herbeigeführt wurde. Sie traten theils zu dem Mohammedanismus über und verloren sich unter den Völkern.

 

Die Karaiten, denen sonach die ganze spätere Entwickelung und Geschichte der Juden Palästinas fremd geblieben, auch die Entstehung des Christenthums lange verborgen war,

 

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theilten nicht das bürgerliche und sittliche Verderbniß, das jene traf und da sie nie nationalen Haß gegen das Christenthum oder den mohammedanischen Glauben zeigten, so wurden auch sie von keinem Hasse der Anhänger jener Glauben getroffen. Dabei ist ihre sittliche Haltung, ihre Treue und ihr Gehorsam gegen die Obrigkeiten der Länder, wo sie sich niedergelassen haben, ihr freundliches, wohlwollendes, aufrichtiges Benehmen der Art, daß ihnen überall volle Achtung zu Theil wird. Ueberall wird ihnen von den Behörden das größte Lob ertheilt und man hat kein Beispiel, daß einer von ihnen wegen eines bedeutenden Verbrechens von den russischen Behörden bestraft worden sei. Sie sind daher auch im Besitz großer Privilegien, die ihnen von Rußland verliehen und bestätigt wurden, die den Talmudisten nicht gegeben worden sind. Ein Rescript der Kaiserin Katharina II. vom 18. Januar 1795 besagt: „Die im taurischen Gouvernement wohnhaften Karaiten sollen von der doppelten Steuer befreit werden und zahlen eine derjenigen der Kaufleute und Bürger gleiche Steuer. Zugleich ist ihnen das Recht zu ertheilen, unbewegliche Güter besitzen zu dürfen, doch mit dem Verbote, rabbinistische Juden in ihren Gemeinden aufzunehmen.“ *)

 

Die wohlhabendsten Männer des Stammes leben in der ungefähr 800 Köpfe starken Colonie der Karaim in Eupatoria oder Koslow in der Krim. Unter ihnen befindet sich namentlich der jetzige karaitische Krösus, Schima Bobowitsch, dessen Name eine große Achtung unter seinem Volke genießt und der gleichsam als Haupt oder als der patriarchalische Vertreter desselben gilt. Er war es, der die kostbaren türkischen Pferde ankaufte, auf denen Kaiser Nikolaus bei seinem letzten Besuche der Krim das Gebirge bereiste und die werthvollen Teppiche und Pferdegeschirre zu dieser Reise von Constantinopel und Smyrna kommen ließ.

 

Die karaitische Kleidung ist genau die der Tataren und nur in der Art, wie sie den Bart wachsen lassen, weichen sie in der äußern Erscheinung von diesen ab. Sie rasiren sich bis auf den Lippenbart und einen äußerst schmalen Streifen Backenbart, der sich vom Kinn über die Kinnladen hinweg bis über das Ohr hinaufzieht, durch die Scheere aber immer so kurz in den Haaren gehalten wird, daß es nur gleichsam ein gemalter Streifen scheint. Diese Gewohnheit, deren Ursprung Niemand kennt,

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*) Nach H. von Haxthausen, Studien etc.

 

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findet sich seit früherer Zeiten wie noch jetzt bei allen Karaim ganz gleichmäßig.

 

Nichts gleicht aber der prunkenden Tracht, mit der sich die Frauen dieses Volkes kleiden. Das rothe Feß mit dem blauseidenen Büschel, das ihnen einen männlichen Anstrich giebt, ist mit Gold brodirt und mit hebräischer Schrift in Perlen gestickt, Bibelsprüche enthaltend. Bei verheiratheten Frauen windet sich das glänzend schwarze Haar in einer dicken Flechte um den untern Rand des Feß, bei Mädchen aber fällt es in 40—50 dünnen und gleichmäßig langen und zierlich geflochtenen Flechten, gleich Fransen, um den Kopf herab, in deren Enden Bänder eingeflochten sind. Die Matronen sind sämmtlich in den prachtvollsten Sammet gekleidet. Das etwas kurze Unterkleid besteht aus goldgesticktem, putpurrothen Sammet, worüber ein weites, langes, bis auf den Boden reichendes Oberkleid von demselben Stoffe, aber meist von violetter Farbe getragen wird, das vorn von oben bis unten geöffnet, den feurigen Schimmer des Unterkleides und den kostbaren Busenschmuck erblicken läßt. In letzterm kann sich so ganz der Reichthum und die Prachtliebe der schönen Karaitinnen entfalten. Die Reichern tragen große Kränze und Gewinde von Goldstücken um den Hals, die auf die Brust herabhängen. Ein paar Schnüre mit ganz kleinen türkischen Goldmünzen, dann ein paar mit holländischen Ducaten und zuletzt noch einige mit großen spanischen Dublonen oder türkischen Doppelzechinen befinden sich in Reihen über einander, und ihre Brust ist so stark bis tief herab mit solchen aufgereihten Goldstücken bedeckt, daß sie einen förmlichen Panzer bilden. Dicht um den Hals zieht sich außerdem noch ein Collier von Perlen, von dem über jenen Goldpanzer ein Perlennetz herabfällt und dessen Glanz vermehrt. *)

 

Tschuffutkaleh hat ungefähr 300 Häuser mit 1600 Einwohnern, die alle vom Handel leben. Jeder erwachsene männliche Karaim hat unten in der Stadt Baktschiserai seine Verkaufsbude und begiebt sich jeden Morgen zu Fuße oder zu Pferde hinab, um jeden Abend, nachdem er die Bude geschlossen und unter den besondern Schutz eines Tataren gestellt, zu seiner Felsenwohnnng zurückzukehren, wo ihn Weib und Kinder empfangen. Zur Zeit der Khane durften sie keine Nacht in Baktschiserai zubringen und jetzt, wo es ihnen nicht
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*) Kohl, Reisen in Südrußland.

 

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verwehrt ist, thun sie es nicht aus Gewohnheit. Die Synagoge dieser südrussischen Karaiten-Metropole ist mit besonderer Vorliebe ausgeschmückt und enthält außer einer großen Anzahl silberner Lampen von allen Größen und oft sonderbaren Gestalten mehrere sehr schön geschriebene und mit prächtiger Umhüllung versehene Exemplare des alten Testamentes. Inmitten der Steinstadt, zwischen den kleinen Höhlenhäusern befinden sich die Ruinen eines Mausoleums, das der einst so mächtige Khan der kleinen Tatarei, Toktamüsch, hier über dem Grabe seiner Tochter hat errichten lassen. Es ist ein schönes, in edlem Style errichtetes Bauwerk, von dem aber weder eine Tradition noch sonstiger Bericht den Grund angiebt, warum es der mächtige Khan seiner schönen Tochter gerade hier in Tschuffutkaleh, zwischen den Häusern Andersgläubiger habe erbauen lassen. Der große schöne Begräbnißplatz der Karaim, das Thal Josaphat, ist eine kleine Seitenvertiefung des größern Thales, auf dessen Rande die Judenstadt thront. Da die Karaiken ihre Todten schon seit ihrer ersten Niederlassnng hier begraben haben, so ist die kleine Thalmulde bereits bis zum obern Rande so voller Monumente und Hügel, daß man schon ins Hauptthal überzuschreiten gezwungen worden ist. Es ist ein herrlicher Ort, wo diese Todten liegen, und hat den großen Vorzug vor der Stadt der Lebenden, daß er mit den schönsten Eichen und andern dichten Laubbäumen bedeckt ist, unter denen die schönen sarkophagähnlichen Grabsteine von weißem Marmor enggereiht an einander liegen, von Fußsteigen durchschnitten, die es gestatten, zu jeder Gräbergruppe zu gelangen. Einige der ältern Gräber tragen die Jahrzahl 5009 (1249 nach Chr. Geb.)

 

Nach Baktschiserai zurückgekehrt, lohnt es sich der Mühe, die Stadt von einer Erhöhung des Thales, in welchern sie lang ausgestreckt liegt, zu betrachten, nur den ganzen malerischen Effekt und das ächt orientalische Gepräge derselben zu erfassen. Die lange Hauptstraße, von der nur ein paar kleine Nebenstraßen sich abzweigen, wird durch die schönen aber gewaltigen Gebäudemassen des Khanpalastes in zwei Hälften getheilt. Etwas isolirt von der Hauptstraße liegt eine Anzahl Gebäude lieblich zwischen Gärten, entfernt vom Geräusche des großen Verkehrs; dies sind Villen reicherer Tataren, die kein Gewerbe treiben, das sie an die Verkaufsläden fesselt. Was die Stadt ganz besonders schmückt und ihr ein mächtiges und weitläufiges Ansehen verleiht, sind die überall hervortretenden Moscheen und Bethäuser mit den

 

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vielen zierlichen schlanken Minarets, deren es wohl 30 giebt. Dabei hat jedes Haus einen oft 10 Fuß hohen und mit kleinen architektonischen Zierrathen geschmückten Schornstein, woraus ein Meer von unzähligen großen und kleinen Spitzen entsteht, was nicht wenig zu dem imposanten malerischen Ensemble beiträgt.

 

Welches Leben aber im Innern der Stadt und besonders an der Hauptpulsader des Verkehrs! In den Verkaufsladen ist Alles reichlich aufgestapelt, was tatarische Kunst und Industrie hervorzubringen vermag oder was von Constantinopel herüber bezogen werden kann und in den Läden der Handwerker, welche nach den Zünften beisammen wohnen, kann man sehen, wie die Gegenstände des hiesigen Gewerbfleißes fabricirt werden. Der Gewerbsmann sitzt meistens arbeitend vor seiner offnen Bude in der schmalen Straße oder arbeitet im innern Raume des schmalen Hauses. Ein solches Haus ist auf der ganzen vordern Seite mit Holzklappen versehen, die bei Nacht das nach vorn fensterlose Haus verschließen, am Morgen aber dergestalt geöffnet werden, daß der untere Theil der Klappe mit einem Fuße nach der Straße zu sich niederläßt und einen Tisch bildet, der oben aber abgenommen oder in die Höhe geschlagen wird. Hat dieses Oeffnen am Morgen stattgefunden, so kann man die ganze Straße entlang, hüben und drüben, überall in die ganz offenen Häuser hinein und dem Treiben der Handwerker und Händler zusehen. Es ist dies ein Theater, wie es nur das Morgenland bietet, wo Alle vor den Augen Aller wandeln und handeln. An einem Orte sieht man in die Bäckereien, sieht den Teig kneten und die Leute vor dem Backofen arbeiten, dessen hellloderndes Feuer selbst sichtbar ist; dann kommt man vielleicht an 20 oder mehr Häusern vorbei, wo in jedem der tatarische Schneider mit seinen Gesellen oder Lehrburschen arbeitet und sich ganz so geberdet und ganz so aussieht, wie alle Schneider der Welt. Bei den Messerschmieden liegen auf den Klapptischen Messer und andere Stahl- und Eiseninstrumente in bester Auswahl, während die Meister in emsiger Geschäftigkeit vor dem Heerdfeuer stehen. Die Stahlwaaren dieser Leute sind vortrefflich und die Rasirmesser so gut und so scharf, daß sich die meisten Tataren mit ihnen ohne Seife und nur mit kaltem Wasser rasiren. So sehen wir die Schuhmacher, die Mützenmacher, die öffentlichen Küchen, wo im Vorübergehen gleich Mittagstisch gehalten wird, die Bettdeckennäher, die Tabaksbuden mit den aufgethürmten Haufen

 

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fein geschnittenen türkischen Tabaks und den Pfeifenröhren jeder Art, die Läden, wo Sattelzeug und Lederwerk, oft sehr künstlich geflochten, zur Schau liegt, Obstbuden mit den schönsten Früchten und vorzüglich schönen Kürbis- und Melonenarten u. s. w. Welche Betriebsamkeit herrscht nicht in den Schmiedewerkstätten der Zigeuner, wo der Vater den schweren Hammer schwingt, die Mutter den Blasebalg tritt und die Kinder immer zulangen und Kohlen, Zangen und Wasser herbei schleppen. In den Verkaufsläden liegt jeder Gegenstand offen vor dem Beschauer, jedes Fläschchen, oder Büchschen, oder Schächtelchen ist sichtbar und leicht die Quantität wie die Qualität zu übersehen. Den Schluß machen die Kaffeehäuser, die hier wie überall im Orient nicht fehlen dürfen. Sie haben außer dem innern Raume nach der Straße heraus bedeckte Galerien, wo die auf den Straßen lebhaften und gesprächigen Tataren schweigsam sitzen, um auszuruhen und ihr Täßchen Kaffee schlürfen und ihre Pfeife rauchen. Nur manchmal wird die Stille dieser Orte dadurch unterbrochen, daß vorbeiziehende Zigeuner hinein treten, um zu musiciren, oder, was meist des Abends geschieht, ein Märchenerzähler mit lebhaften Gesticulationen seine Geschichten vorträgt. So verschiedenartig das Leben und Treiben in und vor den Häusern uud Werkstätten sich zeigt, so verschiedenartig ist die Menschenmenge, die sich fast beständig im Gedränge durch die engen Straßen selbst schiebt. Russische hier wohnende Beamte in ihren westeuropäischen Kleidungen, Russen der Umgegend in ihrer Nationaltracht mit ihren sehr buntscheckig gekleideten dicken Frauen, die auf einer Wallfahrt zur wunderthätigen Felsenmutter begriffen sind, die braunen und untersetzten Tataren der Steppe, die sich gleich von den Bergtataren unterscheiden, hier und da ein ächter Türke oder ein Hadschi mit seinem weißen Turban, Karaim und schwarzgekleidete, goldgeschmückte Griechinnen aus der nahen Colonie, Alles wogt bunt durch einander und wird oft sehr in die Enge getrieben, wenn sich weit ausschreitende Dromedare, mit Waaren beladen, Reiter auf ihren flinken Pferden oder die ewig bimmelnden russischen Troiken Platz durch die Menge brechen. Ein solches Schauspiel wieder zu geben, wäre die lohnendste Aufgabe für einen Genremaler.

 

Die Tataren erhielten von der Kaiserin Katharina II. ebenfalls ein Privilegium, daß von den Russen nur die nöthigsten Beamten zur obersten Verwaltung in Baitschiserai leben dürfen, kein anderer Russe aber festen Wohnsitz oder ein Gewerbe daselbst haben solle.

 

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Die ungefähr 12,000 Seelen betragende Bevölkerung von Baktschiserai mit der Zigeunervorstadt und Tschuffutkaleh enthält 8000 Tataren, 1500 Karaim, über 1000 Zigeuner, gegen 1000 Griechen und das Uebrige sind Armenier, Russen und europäische Fremde.

 

Der ehemalige Palast der Khane befindet sich, wie schon bemerkt, ziemlich in der Mitte der Stadt und wird von den Russen in gutem Zustande erhalten, aber nur der vordere Theil des weitläufigen Gebäudes ist von russischen Behörden bewohnt, alles Uebrige steht leer und verlassen. Vornehme Fremde oder Reisende mit besondern Empfehlungen versehen, finden in den prachtvoll ächt morgenländisch ausmöblirten Räumen Aufnahme und Wohnung während ihres Aufenthalts in der Stadt, müssen aber für ihre Bedienung und ihren Lebensunterhalt selbst sorgen. Nach außen in seinem ganzen Umfange durch hohe Mauern und das Gebäude, worin sich das Eingangsthor befindet, klosterähnlich abgeschlossen und mit Gräben umgeben, bietet der Palast keine besonders malerische Ansicht, wie alle ähnlichen Gebäude des Orients aus einer gewissen Periode. Desto gefälliger und in seinem ächt morgenländischen Charakter interessant ist aber das schön decorirte Innere. Das Gebäude, durch welches das Eingangsthor führt, bildet die vordere schmale Seite eines großen Parallelogramms und hat breite, lustige Treppen und Galerien, die in den zweiten Stock führen. Zur Linken des langen Hofes erblickt man das Bethaus des Schlosses, die größte Moschee in Baktschiserai, und nach diesem einige große Mausoleen, dem Andenken großer Tatarenherrscher gewidmet, und den Todtengarten der Khane. Zur Rechten dagegen erhebt sich das eigentliche Hauptgebäude der Hofburg mit den Zimmern der Khane, den Audiens- und Gerichtssälen u. s. w., an welches nach dem Hofe zu eine reizende Gartenterrasse sich anschließt, die eine ummauerte Erhöhung des Hofes bildet und mit Weinlauben, Blumenbeeten und Fontainen geziert ist. Diese Terrasse mit den in ihr liebliches Grün vortretenden Gartenzimmern war der Lieblingsaufenthalt der frühern Besitzer und ist noch jetzt der schönste Theil des Hofes. Der Vorderfronte gegenüber schließt eine hohe Mauer mit einem hübschen Springbrunnen den Hof, während an das Hauptgebäude rechts, durch zwei gewölbte Durchgänge mit dem großen Hofe verbunden, zwei andere Höfe mit Fontainen angrenzen und von den Zimmern der Khane aus mehrere Eingänge zu andern Höfen, Gärten und zu den Haremszimmern führen.

 

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Die vielen Springbrunnen, die dem Beschauer überall begegnen, und wie die Thore des Palastes jeder seinen besondern Namen führen und mit arabischen Inschriften verziert sind, verbreiten in der heißen Jahreszeit eine angenehme Kühle und tragen viel zur Ausschmückung und Belebung bei.

 

Die interessanteste dieser Fontainen wegen der Form und der Erinnerungen, die sich an dieselbe knüpfen, ist die Thränenquelle. Das hoch aus dem Marmor des Brunnens in ein großes Marmorbecken fallende Wasser fällt aus diesem in zwei kleinere und aus diesen wieder in mehrere kleinere und so fort, bis es die letzten untersten kleinen Becken nur als Tropfen oder Thränen erhalten. Die sich daran knüpfende Geschichte hat der berühmte Puschkin als Stoff zu dem schönen Gedichte: „Die Quelle von Baktschiserai“ verwandt. Diese Geschichte ist so tragisch-rührend, daß wir dieselbe für diejenigen, denen das Gedicht nicht bekannt sein sollte, nach Kohl‘s Erzählung hier folgen lassen.

 

Der junge, aber wilde und kriegerische Khan der Tataren, Menghli-Girei, fiel unverhofft in das Gebiet seiner bisherigen Freunde, der Polen, verwüstete Alles rings umher und erreichte so auch das Stammgut des vielbegüterten reichen Grafen Potocki. Auch dieses Schloß erlag dem Schicksale der benachbarten Städte und Burgen, ward nach tapferer Gegenwehr, wobei der Graf getödtet wurde, die Gräfin aber entfloh, eingenommen, geplündert und in einen Aschenhaufen verwandelt. Unter den geraubten Schätzen war aber ein Kleinod, das alle andern an Werth überbot. Dies war Maria Potocki, die 18jährige Tochter des gefallenen Grafen, in der schönsten Entwicklung jungfräulicher Blüthe. Das Herz des jungen Khans ward beim Anblicke der jungen Polin wie vom Blitze getroffen und erglühte alsbald von einer Liebe, wie er sie bisher weder gekannt, noch geahnt hatte. Der bisher wilde Herrscher ward ein sanfter Mann und der nachgiebigste Sclave seiner schönen, aber vom Schmerze gebeugten Gefangenen. Sogleich den Krieg beendigend, zog er nach Hause, machte die ihm so theure Polin zu seiner und des ganzen Heeres Herrin und gab ihr auch in der Hauptstadt nicht im Harem ihren Platz, sondern räumte ihr die schönsten Zimmer seines eigenen Palastes ein. Europäische Künstler mußten Alles aufs schönste für sie herrichten, prächtige Möbel wurden aus Stambul herbei geschafft, selbst ein Zimmer des Palastes ward als christliche Capelle für sie ausgeschmückt

 

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und gefangene Priester wurden zum Kirchendienste derselben bestimmt. Die Gärten ließ er für die Angebetete freundlich einrichten und gab ihr Sclavinnen in Fülle, ihre schöne Person zu bedienen; mit einem Worte, er that und gab ihr Alles, nur ein einziges nicht, denn sein ganzes Glück und Heil hing von dem Einen ab; dies Eine war es aber, wonach die Trauernde allein verlangte, die Freiheit und die Rückkehr ins theure Vaterland. Maria war gut und konnte den Khan nicht schelten, benahm sich auch freundlich gegen ihn und dankte ihm für seine Wohlthaten, nur eins konnte sie ihm nicht widmen, und doch war es nur das, was der Betrübte allein verlangte, nämlich Gegenliebe und einen zusagenden Blick. Während bald tiefe Melancholie ihn niederdrückte, bald wilde Schmerzen einer stürmisch tobenden Leidenschaft ihn peinigten, löste sie sich fast in Thränen auf und verzehrte sich in Gram. Beide rangen nach Rettung aus solchem Unglück, der Eine nach dem ersehnten Besitz der Theuern, das Mädchen nach Befreiung, ohne einen Weg aus dem Hause und durch die umliegenden Wüsten finden zu können. Wie lange sie in einem solchen Zustande der Qual lebten, ist nicht bekannt, und der Himmel weiß es, welches Ende dieses beiderseitige Ringen hätte nehmen können, wenn nicht eine unerwartete aber tragische Lösung dieser Wirren sich in den Gartenhäusern des Palastes, worin sich der Harem befand, vorbereitet hätte. Unter den Frauen des Tatarenfürsten befand sich eine schöne Grusierin, die der Khan vor seinem Zuge ins Polenland allen andern Frauen vorgezogen hatte, und die nun, verlassen und gedemüthigt, gegen die reizende Maria, ihre unschuldige Nebenbuhlerin, in Haß entbrannte und im Harem eine Verschwörung gegen sie anregte. Um so eifersüchtiger und rachgieriger, je weniger sie sich die hohe Schönheit der Polin verhehlen konnte, verband sie sich mit einigen vertrauten Genossinnen zum Untergange Mariens, in der Hoffnung, wenn sie jene Sonne vernichtet, werde der Abtrünnige zur Anbetung der frühern Sterne zurück kehren. Sie schlossen sich daher, ihre feindseligen Ansichten unter der Maske heuchlerischer Theilnahme verbergend, liebreich an das fremde Mädchen an, schmeichelten ihr und trockneten ihre Thränen. Alsdann luden sie sie freundlich in den Harem ein und gaben ihr dort glänzende Feste mit Tanz und Musik. Die heuchlerische Grusierin gewann auf diese Art nach und nach die Freundschaft der unglücklichen Maria Potocka, die sich in ihrer traurigen rettungslosen Lage gern einem weiblichen

 

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Wesen hingab und mit der kaukasischen Schönheit, der es nicht an Unterhaltungsgabe gebrach, vertraut die Abende hinbrachte. Eines Abends, als sie wie gewöhnlich in scheinbar traulichem Gespräche beisammen saßen, warf die Barbarin die Maske von sich und erdolchte das edle Polenmädchen, brachte sie mit Hilfe der Genossinuen vollends ums Leben und vergrub sie in dem Garten. So gewandt und schlau die Sache auch ausgeführt war, so schwer war sie zu verbergen. Der vom Schmerz überwältigte Khan ahnte das Geschehene und ruhte nicht eher, bis er den Mord entdeckte. Dann war aber auch seine Vergeltung schrecklich. Die Helferinnen ließ er einfach tödten, die schöne, ihm früher so liebe Grusierin aber von Pferden zerreißen. Seiner angebeteten Polin ließ er ein hohes Mausoleum errichten und ihre irdischen Ueberreste darin begraben; alsdann baute er ein Symbol seines und ihres Schmerzes, jenen Thränenbrunnen. Der Sage nach habe er das Mädcheu nie vergessen können und sich bald wieder in Kriege und Schlachten gestürzt, bis ihn endlich seine Leute aus einem dieser Kämpfe todt nach Hause gebracht hätten. Noch zeigt man das Mausoleum im großen Hofe, wie auch die Zimmer der Maria Potocka mit dem Steinkreuzchen über dem Kamin und der Kommode aus Constantinopel, in der sie ihre seidnen Kleider gehabt, und die Zimmer des Harems, in denen die Tochter Kaukasiens ihre Rachepläne geschmiedet habe.

 

Unweit der Zimmer der Maria befinden sich jene, die von Potemkin, nach der Eroberung der Krim, für den Empfang der Kaiserin Katharina II. prächtig ausgeschmückt wurden, und vor Kurzem noch eleganter in türkischem Geschmack, mit Vorhängen statt der Thüren, Teppichen, Ottomanen und anderm Polsterwerk möblirt waren, um die jetzige Kaiserin aller Reussen bei ihrem Besuche aufzunehmen.

 

Die Tataren, die noch jetzt mehr als zwei Drittheile der Bevölkerung ausmachen, sind erst im 13. Jahrhundert, als letztes der Wandervölker, mit den großen Mongolenzügen unter Dschingiskhan nach der Krim gekommen. Alle Reste von Bewohnern, die frühere Völkerwanderungen von Norden her auf dem nördlichen Theile der Halbinsel zurück gelassen, die Scythen, Hunnen, Gothen u. a. wurden von den nachfolgenden erdrückt oder gingen in ihnen auf und auch die Ansiedler und Eroberer der Süd- und Ostküste, die Griechen, Römer, Genuesen und Türken haben sich einander verdrängt und sind nicht mehr zu finden. Alle diese Nationalitäten sind

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untergegangen oder die letzten mit den Tataren verschmolzen. Dagegen haben sich unter der Herrschaft der Tataren die ewigen vagabundirenden Völker der Juden, Armenier und Zigeuner eingefunden und bilden jetzt keinen geringen Theil der Bevölkerung. Erst seit der russischen Herrschaft haben sich neue Colonien von Griechen, Russen, Bulgaren, Arnauten und Deutschen gebildet. Ob sich die Tataren der Krim vom Anfang an von Beimischung mongolischen Blutes rein erhalten oder die Mischungen mit den vorhandenen verschiedenen Volksstämmen in der Krim dasselbe wieder ausgetilgt haben, ist schwer zu entscheiden. Im ganzen Wesen der heutigen Tataren findet sich aber kein Anklang an das Mongolische mehr und die Körperbildung ist durchaus kaukasisch. Dies bezieht sich aber nicht auf die Nogaier, denn bei diesen ist mongolische Zumischung nicht zu verkennen.

 

Die Geschichte der großen von den Mongolen ausgegangenen Welterschütterung wird nimmer ganz anfgehellt werden. Zwei Völkermassen, die mongolische und die tatarische, bildeten die Basis der Herrschaft Dschingiskhans und während jene sich vorzugsweise nach dem Osten und Süden mögen gewälzt haben, waren es die Tataren, die sich nach Westen und Norden wandten. Wenigstens finden wir nach der Befestigung ihrer Herrschaft im Westen mit Ausnahme der wenigen mongolischen Kalmüken nur tatarische Volksstämme. Nach dem Tode Dschingiskhans zerfiel das weitläufige Reich bekanntlich in sechs Hauptstaaten, wovon der Theil, der die europäischen Besitzungen bis an den kaspischen See umfaßte, das Reich Kiptschak bildete, dessen Fürsten sich die Khane der goldnen Horde nannten. Auch dieses Reich zerfiel später in drei Theile, in Kasan, Astrachan und die kleine Tatarei oder Krim. Der Sitz der goldnen Horde an der Wolga fiel, als Astrachan und Kasan von den Moskowitern erobert wurden, nur das Reich der Krim erhielt sich und blühte bis ans Ende des vorigen Jahrhunderts.

 

Die Khane der Krim waren seit dem 14. Jahrhunderte ununterbrochen der erlauchten Familie der Girei oder Geray entsprossen, die sich directe Nachkommen Dschingiskhans zu sein rühmten und unleugbar auch waren. Im 15. Jahrhundert spalteten Zwietracht und Streitigkeiten wegen der Thronfolge diese Familie; Menghli Girei Khan, der die gerechtesten Ansprüche hatte, wurde vertrieben, flüchtete sich zuerst zu den Genuesen nach Mancup und wandte sich dann an den neuen Besitzer Constantinopels, Großsultan Mohammed II. um Hilfe.

 

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Diese ward ihm wohl zugesagt, aber unter der Bedingung, daß Menghli Girei sich als Vasallen der hohen Pforte bekenne, worauf ihn auch Mohammed wirklich in sein Reich einsetzte. Dieses Vasallenthum der krim‘schen Khane zur Pforte bestand ungestört über 300 Jahre und erhielt deren Macht, anstatt sie zu schwächen, in Ansehen, so daß es Rußland nicht wagte, sie anzutasten. Als aber im Frieden zwischen Rußland und der Pforte im Jahre 1774 auf Ansuchen der Khane und auf Betrieb Rußlands der Sultan das Vasallenverhältniß auflöste und den Herrschern der Krim ihre Unabhängigkeit wieder gab — hatte einige Jahre darauf ein Khanat der Krim aufgehört zu existiren.

 

Das Abhängigkeitsverhälniß der Khane zur Pforte war ein höchst eigenthümliches und beruhte auf dem Vertrage, der zwischen Menghli Girei und Mohammed II. abgeschlossen wurde. Nach diesem Vertrage besaß der Sultan das Recht, die Khane ein- und abzusehen, doch hatte er nur die Wahl unter den Prinzen des Hauses Girei. Unter keinem Vorwande konnte der Sultan jemals einen Fürsten dieses Hauses mit dem Leben strafen; dabei sollten die Länder des Khans für Jedermann ein sicheres und unverletzliches Asyl sein. Jede Bitte, die der Tatarenfürst bei der Pforte vorbringen würde, sollte ihm bewilligt werden, er solle nie eine Fehlbitte thun. Nach dem Gebete für den Großsultan, als dem Haupte der Gläubigen, mußte in den Moscheen auch für den Khan gebetet werden. Ueber die Zahl der Roßschweife, die dem Khan in der Armee vorgetragen werden sollten, ward lange debattirt, denn Girei hielt seine Abstammung für so edel, als die des Sultans; schließlich ward aber die Zahl auf fünf festgesetzt, da der Sultan nur sechs führt. Zur Unterhaltung der Leibwache des Khans in Kriegszeiten zahlte die Pforte jährlich 150 Beutel (56,200 Thlr.) und für die Mirsa Kapikulis 80 Beutel (ziemlich 30,000 Thlr).

 

Die Macht und der Einfluß des Khans am kaiserlich- türkischen Hofe war auffällig groß und wenn derselbe nach Constantinopel kam, mußten ihm königliche Ehren erwiesen werden. Nicht nur, daß ihm der Vezier und alle Großen vor die Stadt entgegenkamen und seinen feierlichen Einzug verherrlichten, er hatte auch allein das Recht, sich in Gegenwart des Sultans zu setzen und mit ihm Kaffee zu trinken, trug auch wie der Padischah die Agraffe am Turban.

 

Eine merkwürdige Sage, die unter den Türken und Tataren gleichverbreitet war, verkündete, daß, wenn jemals das

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Haus Osmans ausstürbe, die Herrschaft über beide Völker mit der Padischahwürde auf die Tatarenfürsten des Hauses Girei überginge.

 

Die Türkei besaß in dem kriegerischen Volke und in den immer schlagfertigen Fürsten des Khanats eine nachhaltige Vormauer gegen Rußland und Polen und die Pforte würde nie das russische Reich zu fürchten gehabt haben, wenn sie nicht von der Absetzbarkeit der Khane zu oft Gebrauch gemacht hätte, wodurch sie jene Fürsten zu förmlichen Spielwerken ihrer Laune herabwürdigte, während ihr Feldherr Baltadschi Mehemet-Pascha bei Pultawa seinen bestochenen Händen die edelste Beute entschlüpfen ließ, die jemals das Kriegsglück der Pforte überliefern konnte. Durch den öftern Wechsel der Personen im Khanat wurde Zwiespalt in die Familie Girei gebracht. Ehrgeiz und Mißgunst, Herrschsucht und Eigenliebe hegten Bruder gegen Bruder, den Sohn gegen den Vater und eben dieser Zwiespalt legte den Grund zum Untergange des Tatarenreiches, obwohl die letzten Kämpfe dieses Staates gegen den nordischen Erbfeind nur glückliche waren.

 

Im Jahre 1736 rückte ein russisches Heer von 100,000 Mann unter Graf Münnich nach der Krim, nahm die Landenge von Perekop mit Sturm und verfolgte die Tataren bis Akmetschet, dem heutigen Simpheropol. Doch drohte die heiße Jahreszeit den Russen in der Steppe mit einer Niederlage und sie zogen sich zurück. Die Tataren folgten aber den Russen auf dem Fuße und drangen verwüstend bis Kleinrußland vor. Ein zweiter Einfall der Russen war nicht viel glücklicher. Die Landenge von dem Khan in Person vertheidigt, war nicht zu bezwingen; man setzte daher über die Meerenge von Yenitsch nach der Landzunge von Arabat über, zog sich aber nach der Verbrennung von Steppendörfern wieder zurück. Ein kühner Angriff des Khan nöthigte den russischen Feldherrn zu einem dritten Einfalle und auch dieser endete mit einem erfolglosen Rückzuge. Ein Vertrag schloß im Jahre 1740 diesen Krieg. Ein Friede von 28 Jahren folgte dem Vertrage. Der damalige Khan Alim Girei wurde nach mehrmaligen innern Aufständen abgesetzt und Krim-Girei, ein vom Volke wegen seiner Eigenschaften hochgeachteter und beliebter Fürst bestieg den Thron. Er unternahm einen Zug nach Serbien zu Gunsten der Pforte, starb aber vergiftet durch einen Griechen zu Bender. Devlet, Kaplan und Selim Girei bekleideten nach und nach die höchste tatarische Macht

 

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und der Krieg entbrannte Serbiens wegen heftiger denn je. Dolgoruki überwältigte Perekop und nahm Arabat mit Sturm. Selim machte Frieden, floh aber, da er nach dem Bruch desselben, von den Russen besiegt, deren Rache fürchtete. Hierauf wurde Sahim Girei von den Tataren zum Fürsten ausgerufen; es war der Letzte. Durch Intriguen Rußlands und Versprechungen bewogen, schwächte er sein und das türkische Reich zugleich, indem er sich von der Pforte lossagte und unter den Schutz Katharinens II. begab. Durch diese Verbindung, die drei Festungen den Händen der Russen überlieferte, erhielt die Pforte einen herben Schlag; sie war zwar genöthigt, im Vertrage von Kutschuk- Kainardschi, im Juli 1774 die Unabhängigkeit der Tatarei anzuerkennen, half sich aber damit, Unruhen in der Krim anzustiften. Die russische Kaiserin legte am Asow‘schen Meere Colonien an, wohin sie Armenier und Juden zog, trat bei den überhand nehmenden Aufständen als kräftige Beschützerin des Khan auf und züchtigte das unruhige Kaffa und Baktschiserai durch blutige Zurechtweisungen. In allen diesen Unterstützungen Rußlands zeigte sich der Plan gänzlicher Eroberung des Tatarenreichs und dieser Plan war so geschickt angelegt, und ward durch die von der Pforte angeregten Aufstände so begünstigt, daß sich endlich Khan Sahim nicht anders zu helfen wußte, als seine Staaten ganz an Rußland abzutreten, welches dieselben durch den Vertrag vom 10. Juni 1783 ganz dem russischen Reiche einverleibte. Sahim, dem eine Pension ausgesetzt war, überlebte den Untergang des krim‘schen Tatarenreiches nicht lange; nach Constantinopel gelockt, büßte er die Abdankung durch die seidne Schnur.

 

Daß sein letzter Sprosse, der lange in England lebte, dort zum Christenthume überging, wurde bereits erwähnt; andere Nachkommen aus den Nebenlinien des Hauses Girei sollen noch als einfache Edelleute in der Krim leben.

 

Der wahre Umfang des Khanates läßt sich schwer bestimmen, da die Grenze der Steppe gegen Rußland eine sehr schwankende und auch die Herrschaft über die kaukasischen Länder eine sehr lose war und nicht von allen Tscherkessenstämmen anerkannt wurde. Doch es konnte an Land und Leuten nicht unbedeutend sein, da der Fürst für besondere Fälle 200,000 Reiter ins Feld stellen konnte. Merkwürdig gering waren aber die festen Einkünfte der Khane und Peysonnel, der auch die einzelnen Positionen derselben anführt, giebt die durchschnittliche Totalsumme nur auf 100,000 Thlr. an. Dafür besoldeten sie aber auch kein Heer

 

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und nur wenige Beamten und hatten in den bedeutenden Beuteantheilen in Kriegszeiten, wie auch in den Geschenken einen schönen Zuschuß, die sie von den türkischen Großen, vorzüglich von den abhängigen Hospodaren der Moldau und Walachei, ja selbst von fremden Mächten, wie von Rußland, Polen, Oesterreich, selbst Frankreich und England erhielten. In den Schreiben an fremde Mächte gab sich der Khan den Titel: „Wir von Gottes Gnaden N. Girei, Kaiser der Tataren, Tscherkessen und von Daghestan etc. etc.“ Die Prinzen des Hauses führten den Titel Sultan, durften nicht eingesperrt werden wie die türkischen, sondern lebten frei von Apanagen, die sie vom Khan und vom Sultan erhielten. Dabei war ihre Person heilig und der Khan konnte sie keiner Ursache wegen mit dem Tode bestrafen. Von den vorhandenen Nebenlinien hatte die von Hadschi Selim Girei die nächste Anwartschaft auf den Thron. Fast alle Söhne der tatarischen Herrscher wurden als Knaben zu den Tscherkessen geschickt und von dortigen Adeligen bei den ewigen Kriegszügen in dem Gebrauch der Waffen und der Kriegskunst unterrichtet. Die Töchter wurden an die vornehmsten, tapfersten, gewöhnlich aber an die ärmsten Edelleute verheirathet, die sich dann durch die reiche Aussteuer pecuniär hoben. Zu dieser Aussteuer gehörte das sonderbare Neunmalneun, d. h. neun mal neun Kleider, neun mal neun Matratzen, mit den kostbarsten goldenen, silbernen und seidenen Stoffen überzogen, neun mal neun Decken und neun mal neun Betttücher. Ebenfalls sonderbar war das Verhältniß der Khane zu ihren Frauen. Um durch legitime Gemahlinnen keinen Einfluß auf die Regierung oder die erwachsenen Kinder zu erhalten, hatten die Tatarenfürsten niemals wirklich gesetzmäßige Gemahlinnen, sondern nur tscherkessische oder georgische Sclavinnen. Bei aller Macht und allem Stolze war das Geschlecht der Khane zugleich ein sehr großmüthiges und freigebiges und niemals suchten sie Schätze für sich zu erwerben oder zu erhalten. Sie verschenkten Alles, was sie hatten. So hatte ein Sultan oft nur einen Anzug und verschenkte diesen sogleich, wenn er einen neuen anzog.

 

Obgleich mit den Türken von gleichem Stamme, gleicher Religion und Jahrhunderte lang mit ihnen verbunden, war doch die Staats- und Landesverfassung der Tataren eine ganz andere und ruhte auf ganz feudalen Grundlagen, war überhaupt der der von ihnen gehaßten germano-romanischen Völker sehr ähnlich. Die Macht des Khans im Staate selbst

 

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war keine unumschränkte, sondern durch den Einfluß der höchsten Beamten und des hohen Adels bedeutend eingeschränkt. Die erste Stelle nach dem Khan war die des Kalga, was ungefähr einem Vicekönig oder Majordomus entsprach. Er führte zwischen dem Tode eines Khans und dem Regierungsantritt des neuen, wie auch in Abwesenheit desselben die Regierung, hatte sein eigenes Fürstenthum und eine Hauptstadt Akmedschid, hatte einen eigenen Hofstaat, einen Vezier und hohe Beamten und hielt täglich einen Divan. In seinem Fürstenthume übte er fast alle Souverainetätsrechte und nur Todesurtheile mußte vom Divan des Khans bestätigte werden. Nach ihm kam sein Stellvertreter, der Nuradin, mit fast gleichen Rechten, nur hatte er keine Revenuendotation und kein eigenes Land, wie der Kalga. Die dritte Würde war die des Orbei, des Gouverneurs von Orkapi. Nach ihm kamen die drei Seraskier der drei großen Horden der Nogais, die deren Landstriche als Vicekönige regierten, ihren eigenen Hofstaat, ihre Verziers und ihren Divan hatten, der ohne Appellation in allen Civil- und Militärprozessen entschied, und von dem nur der Adel exempt war. Sie erhielten von jeder Horde ihre Einkünfte. Das Oberhaupt der Kirche war der Mufti, im Range gleich nach dem Prinzen kommend, dessen Urtheilsspruch den Kadis oder Richtern zur Richtschnur diente. Der Großvezier hatte ungefähr dieselbe Stelle wie der der Pforte, doch war er mehr Großkanzler, und durfte nie das Heer anführen. Nach diesen kamen noch eine Menge hoher Staatsbeamten, und hinter ihnen erst die Hofbedienten, unter denen der Mechter-Bachi, der Capellmeister mit seinen 12 Musikern, als Revenüen ein Kopfgeld von allen Zigeunern im Lande erhob. Die hohen Aemter, mit Ausnahme des Mufti und einigen andern, die große Gesetzkenntniß verlangten, konnten nur durch den Adel besetzt werden. Die Tataren theilten sich in Freie und Freigelassene; Leibeigenschaft unter ihnen selbst existierte nicht, wohl aber besaßen sie fremde Sclaven, kriegsgefangene und gekaufte.

 

Der Adel hatte eine stolze Haltung und eine hohe Meinung von sich, weshalb er Handel zu treiben für entehrend hielt und nur den Krieg für ein ehrenvolles Geschäft ansah. Er ward vom Volke hochgeehrt. Dieser Adel theilte sich wiederum in zwei Klassen, den Uradel, der mit in die Krim eingewandert und in die Kapikulis, den Dienstadel, der durch Verwaltung hoher Aemter sich Verdienste erworben. Der hohe Adel bestand in 5 Familien, die sich wieder in viele

 

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Seitenlinien spalteten. Die vornehmste dieser Familien, die Schirin, hielten sich den Girei gleich, da es ihr Ahnherr gewesen, der die Krim erobert hatte, und das Oberhaupt der Familie bildete in allen Zeiten eine Art Opposition gegen etwaige Uebergriffe des Khans. Der Schirin-Bey hatte seine Hofhaltung wie der Khan, sogar seinen Kalga und Nuradin, und nahm im großen Divan seinen Sitz neben den Prinzen. Die zweite Familie hieß Mansur-Oglu, die dritte Sedjewud, die vierte Arguin, die fünfte Baron. Keine dieser fünf Familien nahm ein Amt beim Khan an, außer denen der drei Seraskier der Nogai. Der niedere Adel stand beim Volke in geringerm Ansehen, wurde auch keiner Heirath in die Familie des Khans gewürdigt. Außer diesen beiden Arten des Adels gab es noch vier Familien, die einen gewissen geistlichen Adel bildeten; dies waren vier alte Ulemafamilien, auf deren Gütern Klöster von Derwischen oder Gräber tatarischer Heiliger sich befanden. Jeder Aelteste dieser Familien war zugleich Scheikh oder Abt des Familienklosters. Die Güter des Adels waren entweder Erbgüter oder Lehngüter, oder Güter, die mit gewissen Aemtern verbunden waren, und wurden theils durch Sclaven bebaut, theils an Vasallen, Freie oder Freigelassene übergeben.

 

Dieses einst so wohlorganisirte Reich ist nicht nur seit 1783 politisch verschwunden, auch das Volk hat zum großen Theile seine Heimath verlassen. Aller Milde ungeachtet, womit Rußland nach der Eroberung die Tataren behandelte und mit ihrem Schicksale auszusöhnen suchte, wanderte doch der größte Theil oder wenigstens der angesehenste des Adels aus, um sich nicht unter das russische Regiment zu beugen. Er schiffte fast sämmtlich nach Kleinasien hinüber, wohin ihm Tausende der Vasallen folgten und verließ so eine Heimath, wo er seit 1237 gelebt und in Ansehen gestanden hatte. Die Kriege und Unruhen, wie auch die verheerende Pest, die der Eroberung vorhergingen, hatten im Verein mit der spätern massenhaften Auswanderung die tatarische Bevölkerung der Krim am Ende des vorigen Jahrhunderts bis auf 50 bis 60,000 Seelen gemindert. Es ist die Kopfzahl jedoch seitdem wieder gewachsen, da viele der gemeinen Tataren aus der Türkei zurückgekehrt sind, so daß dieselbe in Südrußland überhaupt gegenwärtig auf 300,000 angegeben werden kann. -— Nach der Eroberung nahm die russische Regierung den ganzen Grund und Boden in Besitz, der den Khans als Eigenthum oder der Pforte und den Ausgewanderten angehört hatte.

 

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Viele Ortschaften waren auch dadurch herrenlos geworden, daß die Bewohner an der Pest gestorben oder der Ort während des Krieges selbst niedergebrannt worden war. Dieser so zugefallene Bodenbesitz ward nach der an Katharinas II. Hofe herrschenden Sitte größtentheils an russische Große verschenkt, von diesen aber nicht besonders geachtet und oft wieder verschleudert, während sie ihn jetzt oft zu ungeheuren Summen wieder aufkaufen.

 

Auf den an die Regierung und auf die reichen Russen übergegangenen Gütern herrschten aber sehr gemischte Verhältnisse. Auf vielen Khansgütern befanden sich Dörfer freier Tataren, auf manchen Gütern des ausgewanderten Adels waren Vasallen zurückgeblieben, viele wurden auch nur durch Sklaven bebaut. Diese sämmtlichen Bebauer wollten die neuen Herren nach Art der russischen Verhältnisse als russische Leibeigne behandeln, was zu starken Reibungen führte. Kaiser Alexander sendete daher eine Commission nach der Krim, die vorerst alle vorhandenen Eigenthumsverhältnisse, wie die verschiedenen Verpflichtungen und Leistungen constatiren mußte, worauf auf Grund derselben eine Feststellung erfolgte. Es ward dadurch anerkannt, daß die Tataren keine Leibeigne, sondern freie Leute seien; da aber viele nicht adelige Tataren behaupteten, der von ihnen angebaute Grund und Boden gehöre ihnen eigenthümlich, so ward festgesetzt, daß man dies nicht anerkennen könnte, wenn sie nicht schriftliche Beweise beibrächten. Die Frohnde wurde nach dem früher bei den Tataren bestehenden Grundsatze, dieselbe nach der Größe des überwiesenen Grund und Bodens zu bemessen, beibehalten und dabei festgesetzt, daß hiernach jedes barttragende Individuum einer auf solchen Grund und Boden angesiedelten Tatarenfamilie 12 oder 8 oder 6 Tage des Jahres für den Grundbesitzer arbeiten solle. Der Zehnte von Feld- und Gartenfrüchten solle beibehalten, auch wie früher von je 100 Stück des kleinen Viehs und Geflügels drei Stück an den Herrn abgegeben werden. Das unterhabende Land dürfe der Tatar ohne Erlaubniß des Herrn nicht verkaufen, das Grundstück oder Dorf, wo er zum Kopfgelde eingeschrieben sei, nicht verlassen. Diese Regulirung hat Ordnung in die Verhältnisse gebracht und die ansässigen Tataren sind nicht besonders durch Abgaben gedrückt. Der Regierung zahlen sie nichts als das mäßige allgemeine Kopfgeld und die gutsherrlichen Lasten sind auch nicht hoch. *)

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*) Nach A. v. Haxthausen, Studien etc. und Peysonnel.

 

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Wir hielten es für nöthig, Alles kurz zu erwähnen, was dies interessante Volk der Tataren, der Hauptbevölkerung der Krim, berührt, da es seinem Charakter und seiner hervorragenden Eigenschaften wegen gewiß bestimmt ist, noch eine Rolle in der Geschichte jenes Landes zu spielen oder wenigstens auf alle künftige Verhältnisse der Halbinsel nicht ohne Einfluß zu bleiben. Wir verlassen sie hier nebst ihrer merkwürdigen Hauptstadt, um zu einem der neuesten und großartigsten Etablissements der russischen Regierung am Pontus überzugehen, auf welches jetzt Aller Augen gerichtet sind und das der eben verlassenen Stadt in der äußern Erscheinung wie in den Verhältnissen so entgegengesetzt ist, als wenn es tausende von Meilen und nicht blos wenige Stunden davon trennten.

 

Die Straße von Baktschiserai nach Sewastopol führt immer durch die Vorberge des großen Kammes nach Westen und durch das Fruchtthal (Duwankoi) mit seinem langgestreckten Dorfe und das Obstthal (Belbeck), beide Orte wegen ihres bedeutenden Obstbaues in der Krim berühmt. Bald wird man das Meer ansichtig, je näher man ihm aber kommt, desto mehr stirbt die Vegetation ab und in der Nähe der Küste ist Alles baumlos und kahl.

 

Der erste Blick auf Sewastopol von den Höhen der Landseite ist höchst überraschend und großartig. Sowohl die ziemlich eng nach dem Meere geschlossene große Bucht, die über eine Meile in das auf beiden Seiten erhöhte Land einschneidet mit ihren vielen kleinen Nebenbuchten und der großartigen Garnirung der gewaltigsten und mannichfaltigsten Festungswerke, als auch die amphitheatralisch von der Bucht aufsteigende Stadt gewähren ein Bild, das um so überraschender ist, da man aus idyllischen Thälern hierher gekommen. Das berauschte Auge schweift von den stets bewegten Fluthen des Meeres zu dem stillen glatten Spiegel des gewaltigen Hafenbassins mit seinen Schiffen und von diesem zu den mannigfachen Bauwerken, die es umsäumen, ohne an dem neuen Schauspiele zu ermüden.

 

Der Hafen von Sewastopol ist einer der schönsten Kriegshäfen der Welt und zugleich einer der sichersten. Er dringt von Südwest nach Nordost eine Meile weit in das Land, hat an den meisten Stellen eine Viertelmeile Breite und ist eben so tief, geräumig und gegen Stürme geschützt, wie der Hafen von Toulon. Sein Fahrwasser hat fast überall eine Tiefe von 60 bis 70 Fuß. Was ihn besonders vortheilhaft auszeichnet und ganz für den Zweck geschaffen macht, den er jetzt erfüllt,

 

 

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sind die fünf kleinern Buchten, die sich von der Hauptbucht abzweigen, welche von der Natur gegebene Grundlage man mit vielem Verstand und großem Geschick zu benutzen verstanden hat. Die Hafenbauten sind das kolossalste, was man sich denken kann, die mehr als eine halbe Meile langen Kais sind prächtig. Ihre Unterlage im Wasser besteht aus großen Kalksteinquadern, der obere Theil aus Porphyr, die Brüstungen, Pilaren u. s. w. hingegen aus Granit, der vom Bug hierher transportirt worden, während der Porphyr von der Südküste der Krim geliefert wurde.

 

Mehr als die handelspolitische ist es die strategische Bedeutung dieses Hafens, die ihm seinen großen Werth verleiht und um eine richtige Uebersicht seiner Anlage wie der gewaltigen Befestigungen zu seinem Schutze zu erhalten, wollen wir seine Ufer einer fortlaufenden Besichtigung unterwerfen.

 

An der Südseite des großen Meerbusens, in dessen Becken sich kein gefährlicher Felsen, keine Klippe erhebt, öffnen sich nach und nach vier geräumige Buchten, die leicht zugänglich sind, und dabei noch eine solche Tiefe haben, daß eine derselben, die Korabelnaya-bukhta, den Dreideckern gestattet, sich ohne alle Gefahr bis auf drei Klaftern dem Ufer zu nahen. Die erste dieser Buchten, gleich links von der Einfahrt in den Golf, ist den Handelsschiffen als Stapelplatz angewiesen, und ist dabei ein so sicherer Ankerplatz, daß er der Schiffsmannschaft erlaubt, vermittelst eines Brettes vom Schiff ans Ufer zu gehen. Er war bisher immer sehr von den Schiffen der verschiedensten handeltreibenden Nationen besucht und wird durch das über ihm sich erhebende Fort Alexander geschützt. Dicht hinter diesem Handelshafen thronen die großen Massen des neu erbauten Forts Nikolaus, die sich in so kolossalen Dimensionen entfalten, daß sie eine Festung für sich bilden. Der Zweck dieser Veste ist, die Stadt Sewastopol zu schützen, die sich sehr vortheilhaft auf dem kleinen Vorgebirge erhebt, das sich zwischen der erstgenannten Bucht und einer zweiten östlichern nach dem Golf vorstreckt. Sie steigt die trockene Höhe vom Ufer aus aufwärts und breitet sich mit ihren regelmäßigen Straßen, ihren Häusermassen, Kirchen und Mauern etwas beschwerlich auf der Höhe aus. Sie ist, ungleich ihren sämmtlichen Schwestern der Halbinsel, eine ganz moderne Stadt, eine durchaus neurussische Schöpfung, die keinen Anspruch auf Geschichte oder antiquarische Ueberlieferungen machen kann, denn wenn auch einst bis zum obersten Theile der jetzigen Stadt sich die äußersten Gebäude des alten Cherson erstreckten,

 

 

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so war doch von diesem kein Rest mehr zu sehen und einige tatarische Hütten mit dem Namen Ak-Tiar (weißer Fels), die der Anlage der neuen Stadt weichen mußten, lieferten ihr keine geschichtliche Basis. So ist auch die Bevölkerung, einige Griechen ausgenommen, die sich als Kaufleute, Weinschenker hier niedergelassen haben, oder im Dienste der Flotte angestellt sind, eine rein russische. Den Tataren ist die Stadt verboten und Juden und Zigeuner dürfen sich nur unter gewissen Bedingungen und zu gewissen Zeiten hier aufhalten. So regelmäßig aber auch die Stadt gebaut ist und so stattlich einige Gebäude, wie die Kathedrale, der Admiralitätsthurm u. a. erscheinen, so fehlt ihr doch eine große Annehmlichkeit, die Zierde grüner Bäume und Gärten und man muß erst die langen, trockenen, staubigen Straßen bis auf den höchsten Punkt über die Stadt hinaus durchschreiten, um auf einige Gartenanlagen zu stoßen, in denen sich nette Häuser verstecken. Die Aussicht von dieser Höhe über den ganzen Golf und die Umgebung ist zwar ausgezeichnet, aber es ist zugleich ein beständiger Luftzug da oben, der oft zum heftigen Winde wird und dann über die Gärten und die tiefer gelegene Stadt den unvermeidlichen Flugsand hinwegführt.

 

Eine zweite Bucht östlich an der Stadt dient gewöhnlich alten abgetakelten Kriegsschiffen als Ankerplatz und ist ihrer Geräumigkeit wegen der Ort, wo zur Winterzeit die gesammte Kriegsflotte eine Zufluchtsstätte findet. Hier liegen die Schiffe ganz sicher, kein Windstoß, nicht die geringste Brandnng kann sie hier erreichen, während sie gegen einen feindlichen Angriff von außen sowohl durch die Landvorsprünge und die Stadt, als auch vorzüglich durch die starken Landbatterien und durch die Feuerschlünde der Forts Alexander, Nikolaus und Constantin gesichert sind. Wollte sie eine feindliche Flotte in diesem Versteck angreifen, falls die russische Flotte einen offenen Seekampf vermiede, so müßte sie sich erst den schwierigen Eingang in die Hauptbucht erzwingen und dann in ihr alle die großartigen Vertheidigungsanstalten mit den unzähligen Kanonen zum Schweigen bringen, ehe sie zu den russischen Schiffen in der Seitenbucht gelangen könnte. Eine vortretende Landzunge trennt diesen Kriegshafen von der dritten, östlich liegenden Bucht, woran sich die Docks befinden.

 

Diese Docks gehören unbedingt zu den bedeutendsten Werken der Art, die die Neuzeit geschaffen. Nachdem man die Wichtigkeit des Golfes von Sewastopol erkannt und ihn zum Kriegshafen bestimmt hatte, mußte man auch auf Anlagen denken,

 

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die Schiffe ausbessern zu können und man hat die dazu nöthigen Bauwerke mit der größten Ausdauer und mit gewaltigen Kosten hergestellt, aber auch wahre Meisterwerke geschaffen. Diese Docks sind so groß, daß an drei Linienschiffen und zwei Fregatten oder kleinern Schiffen in fünf verschiedenen Räumen zugleich gearbeitet werden kann. Durch einen Canal, der mit dem Golfe in Verbindung steht, können die Kriegsschiffe, die des Ausbesserns bedürfen, in das Dockbassin, das 30 Fuß Tiefe hat, gebracht und dann durch Schleußenthore nach außen abgesperrt werden. In diesem Bassin liegen in der vordern Reihe die getrennten Werkstätten für die Fregatten, dahinter die der Linienschiffe. Man kann in ihnen bequem die Schiffe auf die Seite legen und dann das Wasser durch einen unterirdischen Abzugscanal ablaufen lassen. Große Umstände und Schwierigkeiten verursachte bei der Anlage dieser Bassins die Vorrichtung, sie wieder füllen und die Schiffe zum Auslaufen flott machen zu können. Nur das kleine Flüßchen Tschärnaja-Rätschka (schwarzer Bach), das am Ende des Golfs bei Inkerman mündet, bot sich zu diesem Zwecke. Man leitet das Wasser desselben durch Canäle, in einem gegen 400 Fuß durch den Berg gestochenen Tunnel und über Aquaducte 2½ Meilen weit zu den Schleußen, deren Wasserspiegel 40 Fuß höher liegt als die Dockbassins. Um zugleich von dieser Süßwasserleitung das Trinkwasser für die Flotte zu erhalten, ward ein Reservoir angelegt, wo vermittelst Kohle und Sand das Wasser zu diesem Zwecke geklärt wird. Es ist höchst interessant, diese ganze Wasserleitung von ihrem Ursprunge bis zu den Bassins zu verfolgen. Das neue Flußbett ist bei seiner Ableitung in den Felsen geschnitten, den man vom untern Thale des Flüßchens über bequeme Stufen erreicht. Der Durchbruch des Tunnels kostete fünfzehn Monate Arbeit und ist durchaus mit Schlegel und Eisen bewerkstelligt worden. Der Durchschnitt hat eine Höhe von 10 Fuß und ist so breit, daß außer der Wasserleitnng zur rechten Seite noch Platz für einen Fußweg bleibt. Der ziemlich drei Meilen lange Canal hat an seinen Ufern elf Wachthäuser in Form von achteckigen Pavillons. Da man aber fürchtete, diese Zuleitung möchte nicht immer zur Speisung der Bassins zureichen, ward noch ein Pumpwerk erbaut, das vermöge einer Dampfmaschine von 60 Pferdekraft das Meerwasser in ein großes Reservoir bringt, von wo es in die Bassins geleitet werden kann.

 

Alle diese Bauten zeigen bei näherer Besichtigung große Verwandtschaft mit ähnlichen englischen Anlagen,

 

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unterscheiden sich von früher begonnenen durch größere Solidität. Es war auch ein englischer Ingenieur, Herr Hupton, der diese Arbeiten übernahm und nach dessen Plänen und unter dessen ausgezeichneter Leitung diese Werke erstanden sind. Hupton schloß über die zu leistenden Dienste auf eine Reihe Jahre einen Contract mit dem russischen Gouvernement, wollte aber dabei unabhängig bleiben und weder russischer Unterthan werden, noch in russische Dienste treten. Um ihm aber das nöthige Ansehen und Gewicht bei den ihm untergebenen Leuten zu sichern, war man genöthigt, ihm den Rang eines Obersten zu verleihen.

 

Auf der östlich an die Docks stoßenden Landspitze stehen Casernen und Hospitäler, hinter denen sich der Aquaduct der Süßwasserleitung befindet. Durch dessen Bogen erblickt man vom Golfe aus das einzige Wäldchen der sonst äußerst kahlen Umgegend und in der Mitte desselben einen geschmackvollen Pavillon. Hier ist es, wo die Bewohner der Stadt das Grün aufsuchen, um zu lustwandeln und ihre Feste im Freien zu feiern, unter denen das des ersten Mai das lebhafteste ist. Links an diese Landzunge stößt ein vierter Hafen, der nur zur Ausbesserung leichter Kriegsschiffe verwendet wird. Von diesem Becken bis an‘s Ende der großen Bucht, wo das Vorherrschen des süßen Wassers durch eine Menge Schilf angedeutet wird, wird das Wasser immer seichter und ist nur für flache Boote zu befahren. Längs der Kais, welche die Ufer des Golfs einfassen, erblickt man lange Linien von Kasernen, die für die Besatzung bestimmt sind. Doch waren diese Quartiere oft nicht hinreichend, die große Anzahl des Militärs zu fassen, das zu den Bauten und zur Garnison nöthig war, obgeich die Stadt allein 16- bis 20,000 Einwohner behergen kann.

 

Auf einer zwischen zwei Buchten vorspringenden Landspitze wird auf Befehl des jetzigen Kaisers, unter dessen Regierung die meisten der Hafen- und Befestigungsbauten erstanden sind, ein Admiralitätsgebäude im großartigsten Maßstabe errichtet. Man war gezwungen, zu diesem Zwecke den 60 bis 100 Fuß hohen Hügel des Vorsprungs bis zur Sohle abzutragen, welcher Aufgabe sich ein Kaufmann von Odessa, ein ehemaliger Offizier, für die Summe von 3,000,000 Rubel unterzog.

 

Das Baumaterial zu den Docks, zu den Kais, Forts und Marinegebäuden ist ein schöner fast schneeweißer Kalkstein,

 

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der äußerst nett aussieht, so lange er noch neu ist, aber auch bei Sonnenbeleuchtung das Auge ungemein blendet. Man nahm zu den Docks Quadern von einer solchen Größe, daß sich vierzig Leute anstrengen mußten, einen derselben fortzubewegen. Diese Steinart, die dem Muschelkalk sehr ähnlich ist, womit man in Odessa gebaut hat, ist äußerst nachgiebig und würde von den Kugeln wenig leiden, ist aber auch eben so leicht, wie sie sich brechen und bearbeiten läßt, dem Verwittern ausgesetzt und der Zahn der Zeit wird sie schnell zernagen. Man hat daher alle Gewände, Brüstungen u. dergl. aus Granit gefertigt.

 

An der Nordseite des Golfs bei dem Dorfe Severnaja befindet sich ein Hafen für Küstenfahrzeuge und auf den Kais vier ungeheure Getreidemagazine, die durch Landbatterien gedeckt sind. Da den mohammedanischen Tataren das Betreten der Stadt untersagt ist, so kommen sie mit ihren beladenen Wagen nach Severnaja und es ist hier den ganzen Tag ein reges Leben von kleinen Kaufleuten, die sich mit dem Feuerungsmaterial, den Lebensmitteln und andern Waaren hier versorgen, die von den Tataren verhandelt werden.

 

Die Hafeneinrichtung des ganzen Golfs vervollständigen zwei Leuchtthürme, die sich auf den höchsten Punkten des nördlichen Ufers, unfern der Einfahrt, befinden. Ihre gegenseitige Stellung dient den nächtlich Einfahrenden als Anhaltepunkt und die Schiffer müssen dabei ihren Cours so richten, daß das Licht des östlichen Thurmes durch den näherstehenden Thurm vollständig verdeckt wird. Diese Richtung nicht genau befolgen, hieße das Schiff großer Gefahr aussetzen, denn das Fahrwasser der Einfahrt ist so schmal, daß kaum zwei leichte Kriegsschiffe neben einander segeln können. Wenn dies ein Uebelstand für die russische Flotte selbst und ihr hinderlich ist, bei stürmischem Wetter leicht den Eingang zu gewinnen, so ist es in strategischer Hinsicht wieder ein großer Vortheil, denn es hindert eine feindliche Flotte, massenhaft anzudringen und zwingt sie, jedes Schiff einzeln dem Feuer des nordwestlich am Eingange liegenden runden Forts Constantin auszusetzen. Ueberdies kann die Einfahrt an ihrer schmalsten Stelle durch eine große Sperrkette geschlossen werden.

 

Die Erhaltung und Ergänzung einer schlagfertigen Flotte in diesem Hafen ist zugleich mit großen Schwierigkeiten verbunden, die sich in mancher Hinsicht kaum heben lassen. Eine dieser Schwierigkeiten liegt im Schiffbau selbst. Das Holz

 

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der Krim ist zu kurz, um zum Schiffbau zu dienen und es muß auf den großen Flüssen aus dem Innern Rußlands herbeigeschafft werden. Man hat daher den Schiffsbau selbst auf die Werften von Nikolajeff am Bug verlegt und beschränkt sich in Sewastopol blos auf das Kalfatern. Ein größerer Uebelstand als der Mangel an Material ist aber der Mangel an tüchtigen Seeleuten, besonders Matrosen. Die Handelsmarine ist nicht vermögend, hinreichende Matrosen zu ziehen. Viele von der Flottenbemannung sind Griechen, geborne Seeleute, aber sie reichen ebenfalls nicht aus und ergänzen sich seit der Entstehung des Königreichs Griechenland immer weniger. Diesen Mangel zu heben, hat nun Graf Woronzow die Verordnung veranlaßt, daß die Bewohner sämmtlicher Küstendörfer frei von jeder öffentlichen Abgabe sein sollen, dagegen alle jungen Leute 5 Jahre in der Marine dienen müssen. Man hofft hierdurch die Lust am Seedienste zu wecken und glaubt, diese Leute würden dann gern länger dienen und später einen Stamm geübter Seeleute bilden. —- Ein nicht zu bewältigender Feind der Schiffe im Golfe von Sewastopol ist die häufig vorkommende Bohrmuschel (Teredo navalis), ein kaum bemerkbarer kleiner Wurm, der das Holzwerk der Schiffe durchlöchert und dieselben endlich ganz seeuntüchtig macht. Er bringt die mittlere Dauer eines Kriegsschiffes auf acht Jahre herab, was ein großer Nachtheil für die russische Flotte ist, da man in der englischen und französischen Flotte die mittle Dauer eines Schiffes geringstens auf fünfzehn Jahre berechnet. Man glaubte in den Docks diesem Uebelstande dadurch zu begegnen, daß man süßes Wasser hinein leitete, aber man machte dadurch das Uebel nur ärger, da das schlammige Wasser des hereingeleiteten Flusses von diesen Bohrmuscheln wimmelt.

 

Den von der Natur sehr begünstigten und mit Geschick und gewaltigen Mitteln ausgeführten Hafeneinrichtungen schließt sich ein Vertheidigungssystem an, das in seiner Mannigfaltigkeit und großen Ausdehnung, wie auch in der günstigen Aufstellung den Platz zu einem unüberwindlichen zu machen scheint. Auf einer meilenlangen Strecke vom Eingange bis zum Arsenale sind alle Landvorsprünge der beiderseitigen Küsten mit Erdbatterien oder zweistöckigen kasemattirten Forts aus Stein bedeckt, deren Feuer den Eingang in den Golf bestreichen kann. Diese Anlage am Ufer wird durch die Werke auf den Höhen, durch ein verschanztes Lager von guter strategischer Form anderthalb Meilen von der Stadt und durch vier

 

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befestigte Casernen oberhalb des Marinegebäudes vervollständigt. Wenn man sich der Einfahrt nähert, welche zwischen den Riffen auf beiden Seiten nur eine Breite von vier Kabellängen hat, so ist das erste Vertheidigungswerk der Südseite ein Fort mit doppelter Reihe Erdbatterien, das 50 Stück grobes Geschütz besitzt und die große Batterie der Quarantaine mit 51 Kanonen. Die auf der westlichen Höhe der Quarantaine liegende Sternschanze hat die Bestimmung, das Feuer dieser Werke zu unterstützen und richtet ihre 50 Geschütze dem Eingange der Rhede zu. Beim Beginn dieser Batterien erhebt sich auf der Höhe das Fort Alexander, aus einem vorspringenden Thurm mit zwei kasemattirten Stockwerken und einer gleichmäßig gebauten Fronte zur Bestreichung des Fahrwassers bestehend, die mit den Geschützen der Plateform des Thurmes zusammen 64 Kanonen führen. Zwischen diesem Fort und der Stadt liegt die Nikolaifeste mit 196 Kanonen, die außer der auf beiden Seiten vorspringenden Katze noch mit zwei Forts versehen ist, von denen das eine die Einfahrt, das andere aber den Golf der Länge nach bestreicht. Oestlicher, das Arsenal schützend, befindet sich das Paulsfort mit 80 Geschützen. Auf der Nordseite, in der Nähe des Telegraphen, erblickt man zuerst eine Erdbatterie mit 17 Kanonen und über dieser die Constantinsfeste mit 104 Kanonen, weiter nach Morgen ein Fort mit doppelter Reihe kasemattirter Batterien von 90 Kanonen und zuletzt auf einer in den Golf vorspringenden Landzunge zwei Erdbatterien von 34 Geschützen, die ihr Feuer auf kurze Tragweite mit dem der Paulsbatterie kreuzen. Es ist sonach fast sämmtliches Geschütz auf den vordern Theil der Hauptbucht und die Einfahrt gerichtet und berechnet, dagegen das Ende des Golfs und die Landseiten strategisch vernachlässigt. Der obere Theil der Stadt beherrscht übrigens dermaßen die Befestigungsanlagen, daß, wer sich in den Besitz derselben und der umliegenden Höhen zu setzen vermöchte, bald auch Herr des Hafens würde. So ist dieser große Kriegshafen wohl ein bedeutender und fester Platz, aber durchaus nicht so unüberwindlich, wie die Russen rühmen. Man scheint jedoch in neuester Zeit die Vernachlässigung der Landseite gefühlt zu haben, denn man hat die Besatzung verstärkt und wirft Schanzen mit Batterien auf, einem Angriff vom Lande sich zu widersetzen. Die kasemattirten Forts sind sämmtlich nach einem Systeme von einem harten Stein aufgeführt, und mit dem erwähnten porösen Steine ausgefüllt, was dem Ganzen eine

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zweifelhafte Festigkeit verleiht. Die Wölbungen litten schon durch das Feuern von Salutschüssen Schaden. Die vordern Fronten sind jedoch gut ausgeführt und geben dem Ganzen ein furchtbares Aussehen. Die Kasematten sind zugleich zu Casernen eingerichtet und der Maß zwischen zwei Kanonen für je 10 Mann angewiesen, die ihre Schlafstätten hinter den Kanonen haben und die Räume im Winter durch Kohlenpfannen heizen können. Ein Gang läuft hinter den Kanonen durch die Länge der Batterie, in deren Mitte sich ein Ofen zum Glühendmachen der Kugeln befindet. Die Brustwehren der Forts haben eine Dicke von mindestes 6 Fuß, die Schießscharten sind jedoch so eng, daß es nicht möglich ist, rechts oder links zu zielen. Der überall durchgeführte Kasemattenbau hat zugleich den Nachtheil, daß die eindringenden Kugeln durch das Abschlagen von Steinsplittern größern Schaden anrichten und daß durch den in den Wölbungen beim Geschützfeuer sich häufenden Rauch die Mannschaft belästigt wird.

 

Obgleich sich in der Nähe Sewastopols keine Sümpfe befinden und die Seeluft Zugang hat, ist doch das Klima ungesund und die auf der Halbinsel herrschenden Krankheiten, vorzüglich das Wechselfieber, treten hier heftiger auf, so daß immer ein großer Theil der Mannschaften sich in den Hospitälern befindet. Besonders auch viele Augenleidende trifft man hier an, da der kalkige Staub und das blendende Weiß der Mauern den Augen sehr schadet.

 

Am äußersten Ende des Golfs von Sewastopol befindet sich der mit vielen Höhlen durchbrochene Kreidefelsen von Inkerman, der auf seiner Höhe noch Ueberreste von Mauern und Thürmen trägt. Nach Einigen soll hier schon eine alte griechische Pflanzstadt gestanden haben, Pallas dagegen schreibt die Trümmer den Genuesen zu. Unter den vielen Grotten, die sich reihenweise durch den steilen Felsen ziehen, ist vorzüglich eine bemerkenswerth, in der man noch Spuren von Spitzbogen sieht und die zur Kapelle diente. Eine Wendeltreppe neben ihr führt zu den Zellen dieses ehemaligen Höhlenklosters.

 

Südlich vom Eingange in den Hafen von Sewastopol öffnet sich die sogenannte Quarantainebucht und über derselben liegt die kleine Hochebene, die einst die berühmte Stadt Cherson trug. Diese griechische Colonie war jedenfalls von demselben dem Verwittern sehr ausgesetzten Kalkstein erbaut, denn an den herumliegenden Trümmern läßt sich nirgends mehr die Bearbeitung durch Menschenhand erkennen.

 

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Selbst die Form der Trümmer, ob es Säulen, Capitäle und dergl. waren, läßt sich nicht unterscheiden und nur manche in Form von Parallelogrammen liegende Reihen von Steinhaufen deuten auf Häuser oder Gehöfte. Auch sieht man an einigen Stellen den Lauf der alten Straßen an den in zwei Reihen höher liegenden Steinen. Nur Eines ist etwas besser erhalten und zwar das Souterrain einer Kirche, in das man durch eine runde Oeffnung des Gewölbes hinabblicken kann und worin man auf dem Schutt einen marmornen Säulenknauf erblickt. Auf der Oberfläche der Erde befinden sich ebenfalls noch Reste der Kirchenmauern und eine Säule mit einem ausgehauenen Kreuz. Da man ermittelt hat, daß diese Ruinen jener alten denkwürdigen Kirche angehören, in welcher Wladimir der Große zum Christenthum übertrat, so hat der Kaiser von Rußland, der auf seiner Reise durch die Krim die Ruinen von Cherson besuchte, den Befehl ertheilt, diese Kirche zum Andenken an jenes Ereigniß wieder aufzubauen. Von der alten Kirche sollen die alten chersonesischen und korsunschen Erzthüren sich herschreiben, die noch jetzt in der Sophienkirche zu Nowgorod die Aufmerksamkeit von Kennern auf sich ziehen. Auf einem kleinen Hügel, der den Steinen nach zu urtheilen, früher wahrscheinlich einen Tempel trug, kann man die ganze Trümmerwüste bis hinab an den Leuchtthurm und weit nach dem Lande hin überschauen. Eine Talgsiederei, die sich am Fuße dieses Hügels erhebt, wo derselbe nach einer kleinen Meeresbucht sich herabsenkt, ist der Ort, an dem fast sämmtliches Vieh für die Flotte geschlachtet wird.

 

Ehe wir uns nochmals der schönen Südküste der Halbinsel mit ihrer üppigen Fruchtbarkeit, ihren geschichtlichen Erinnerungen und ihrem modernen Leben zuwenden, müssen wir die Stadt Koslof besuchen, die nördlich von Sewastopol und 9 Meilen nordwestlich von Simpheropol an der Westküste liegt. Auf der Straße von letztgenannter Stadt bis Koslof findet man außer den Pfählen, die je eine Werst von einander entfernt sind, auf dem ganzen Wege, den die Kaiserin Katharina II. einschlug von 10 zu 10 Werst Säulen errichtet.

 

Die Salzseen von Sak, die man auf diesem Wege berührt, erfreuen sich seit einiger Zeit wegen ihrer Heilkraft eines großen Rufes und während des Juli und August halten sich hier viele Kranke auf, die durch das Eingraben in den Salzschlamm Genesung von Gicht und örtlichen Lähmungen erwarten und finden. Neben dem geringen tatarischen

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Dorfe, wo die Kranken wohnen, hat man jetzt auch ein größeres Curhaus errichtet.

 

Die Stadt Koslof kündigt sich schon von Weitem durch eine große Anzahl von Windmühlen an, die förmlich eine Vorstadt bilden. Diese Windmühlen haben acht Flügel, und es giebt viele darunter, wo die Flügel horizontal gelegt sind und vermittelst sechzehn aufrecht stehender Schaufeln in Bewegung gesetzt werden. Auch dieser Stadt, wie so vielen andern der Krim und Neurußlands, ward nach der Eroberung von der Kaiserin ein alter wohlklingender Name beigelegt, und aus dem tatarischen Guslow Eupatoria gemacht, zum Andenken einer Stadt gleichen Namens, die Mithridates Eupator an dem Orte gegründet haben soll, wo jetzt das Dorf Inkerman liegt.

 

Koslof war einst eine große blühende Tatarenstadt und Nebenbuhlerin von Baktschiserai und Karasubazar, in deren geräumigem Hafen stets zahlreiche Schiffe von Stambul die Producte des osmanischen Reiches gegen tatarische austauschten, obschon der schlechtgeschützte und oft gefährliche Hafen der Schifffahrt nicht besonders günstig war. Die schönen Moscheen und zwanzig schlanke Minarets deuten auf diese Blüthezeit hin; die Stadt hat eine bedeutende Ausdehnung, aber in den vielen engen und unregelmäßigen Straßen findet man vom alten Wohlstande wenig mehr als verfallene Mauern, unbenutzte Plätze und leere baufällige Häuser. Ein einziges Stadtviertel hat sich noch ziemlich erhalten mit seinen Bazars und Werkstätten und von ihm aus gelangen noch Maroquinarbeiten und Filzgewebe in den Handel. Als geschickte Juweliere sind die hier ansässigen Karaim bekannt, und ihre geschmackvollen Schmucksachen noch immer von tatarischen und jüdischen Frauen gern getragen. Die Abnahme des Handels und die dadurch erfolgte Verödung der Stadt mag wohl im Aufblühen Odessas und dessen Alles an sich reißendem Handelsverkehr und in der gesicherten Lage des Sewastopoler Handelshafens seine Erklärung finden, obwohl das Leben und viele Artikel in Koslof viel wohlfeiler wie in diesen beiden Städten sind. Das großartigste Gebäude der Stadt ist noch jetzt die Dschuma-Dschamai-Moschee, die im Jahre 1552 vom Khan Devlet-Girei gegründet wurde und im Allerheiligsten eine Urkunde aufbewahrt, die diese Gründung bestätigt und die Unterschriften der achtzehn Fürsten enthält, die von dieser Zeit an bis zur Aufhebung des Reiches auf dem Throne der krim‘schen Khane saßen. Dieses ansehnliche Gebäude, dessen

 

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dicke Mauern byzantinische Fensteröffnungen haben, wird von einer großen kühnen Kuppel überragt, welche von 16 kleinen Knppeln umgeben ist. Zwei Minarets, die früher dies Bauwerk vervollständigten, liegen vom Winde umgestürzt, in Stücke zerstreut am Boden. Um den Hafen, an dessen Ufern sich jetzt die schönsten Häuser befinden, etwas zu verbessern, hat man neuerdings einen bequemen Ausschiffungsplatz von Holz angelegt, der Schiffen von gewisser Größe gestattet, leicht ihre Ladung zu löschen oder an Bord zu nehmen, große Schiffe müssen jedoch weit von der Küste Anker werfen. Schon der Nordwestwind ist einer Landung großer Schiffe entgegen, besonders gefährlich aber sind der Süd- und Südwestwind.

 

Die Küste, die in verschiedenen Bogen und Vorsprüngen sich nördlich von Koslof bis ans todte Meer und die Landenge zieht, ist öde und ohne größere Ansiedelung und das Land nördlich und östlich von der Stadt ein Theil der großen Steppe, nur von einigen Tatarendörfern bedeckt.

 

Wenden wir uns nun zurück, um den Weg von dem alten Chersones südwestlich zu verfolgen.

 

Das Ende der kahlen Höhe, welche die südwestliche Ecke der Insel bildet, läuft als scharfe Spitze in das Meer hinaus und ist das Vorgebirge Parthenion der Alten und das Cap Fiorente der Genuesen. Diesem Vorgebirge zur Linken reiht sich ein großer Halbkreis von Felsen zu einem großartigen nach dem Meere zu abfallenden Amphitheater, das durch die pittoresken Formen der Felsen, wie durch die Abwechslung der üppigen Baumgruppen, die sich bis ans Wasser ziehen, einen prächtigen Anblick gewährt. Es ist der schönste Rahmen zu jenem großen griechischen Sagengemälde und so unberührt durch drei Jahrtausende in seinen Naturschönheiten geblieben, daß man die reizende Iphigenia zwischen den Bäumen wandelnd zu erblicken glaubt. Die Bühne des hehren Drama der Iphigenia in Tauris ist so vollkommen, daß man nicht zweifeln kann, hier habe der Tempel der Diana mit seinen blutigen Altären gestanden; es kann der Zweifel nicht aufkommen, dies ganze große uns vorgeführte Bild mit seinen erhabenen Figuren und seinem romantischen Hintergrunde sei nur die schöne Ausgeburt einer Dichterphantasie oder eine im Munde des Volkes ausgebildete Mythe. Noch ist der Brunnen zu sehen, an dem vorbei Iphigenia durch „den alten heilgen, dichtbelaubten Hain“ wandelte, das Bild der Göttin an das Meer zu tragen, noch ragen die Felsen unter dem Parthenion, wo sich Orestes und Pylades verbargen und

 

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doch von den Scythen entdeckt wurden. Je länger man an dieser Stelle weilt, desto mehr fühlt man, Sophokles wie Aeschylus haben Handlung und Scenerie nicht ersonnen, sie haben sie nur nachgezeichnet. Mitten in diesem felsigen und grünen Circus erhebt sich das Kloster St. Georg, dessen Kirche mit dem rothglänzenden Dache und dem vergoldeten Kreuze über die hübsch um dieselbe gruppirten Häuser weithin sichtbar ist. Auch dieses Kloster ist sehr alt und blühte schon zur Zeit, als Cherson noch stand, dessen christliche Gemeinde es an dem Orte errichtet haben soll, wo einst der heidnische Tempel prangte. Dies Kloster besteht, wie die meisten russischen Klöster, aus einer Menge Häuser und Capellen und ist gegen 600 Fuß über dem Seespiegel erhaben. Ein Plateau hinter dem Kloster gewährt eine prächtige Aussicht über die Laubkronen der Bäume auf den Pontus und die umgebenden Felshöhen und steht mit den Häusern durch eine gewölbte Treppe in Verbindung. Die Hauptkirche ist neu und reich mit Säulen verziert. Aus den Gärten unterhalb dringt das trauliche Geplätscher einer Quelle, welche rings um sich Leben und Fruchtbarkeit verbreitet und nach dem Strande hinab sich verläuft. Die Mönche, die hier unter einem Bischofe leben, der einst Metropolit, in einem Griechenaufstande aus der Türkei entfloh und hier ein Asyl fand, sind für den Dienst der Flotte bestimmt, die hier ihre Flottenpriester zieht, daher nur wenige für gewöhnlich im Kloster gegenwärtig, mehrere auf den Schiffen auswärts im Amte sind.

 

Von der Spitze des Parthenion erhebt sich nach Osten das Terrain in mehreren Absätzen, um nach und nach zu den Höhen der Jailas oder krim‘schen Alpen überzugehen. Von St. Georg führt ein Weg in zwei und einer halben Stunde über die Hochebene, an dem freundlichen Griechendorfe Kadikui vorbei, nach Balaklawa, das in einem lieblichen Thalkessel mit grünen Gärten und lachenden Baumpflanzungen liegt, dessen tiefer Boden ein Seebecken, den Hafen, bildet, das mit einer schmalen Einfahrt im Süden mit dem Pontus in Verbindung steht. Dieser Hafen von Balaklawa ist an der fast ununterbrochenen Südküste einzig in seiner Art, tief, klippenlos, ohne Sandbänke vor der Mündung und gewährt einen ganz sichern Ankerplatz für eine große Anzahl Schiffe, die in diesem zwischen Bergen versteckten, einem Landsee ähnlichen Becken vor jedem Sturm geschützt sind. Die Berge, die dies Becken amphitheatralisch umgeben, sind

 

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vier- bis fünfmal höher, als die Hügel um den Golf von Sewastopol und wenn dieser gürstige Ort bei der Anlage eines großen Kriegshafens nicht Sewastopol vorgezogen wurde, so lag jedenfalls der Grund in der geringern Ausdehnung des Hafens und in den beengten, ansteigenden Ufern desselben, die der Entfaltung einer großen Stadt mit all den für einen solchen Hafen nöthigen Bauwerken hinderlich sind. Trotz der günstigen Lage und dem einstigen blühenden Handel ist der Hafen jetzt verödet und nur Fischerbarken, selten ein größeres Schiff in ihm zu sehen. Die Griechen, denen die große Katharina diese Bucht als Niederlassung anwies, mochten die günstige Lage zu Schmuggeleien und Seeräubereien vortrefflich finden, denn die russische Regierung sah sich genöthigt, diesen Hafen allen größern Schiffen zu verschließen. Eine neuere Entscheidung des Grafen Woronzow mildert diese Härte so weit, daß er Schiffen, die sich in Gefahr befinden, den Zugang gestattet, denn es wäre unmenschlich, die Unglücklichen an dieser sonst buchtlosen Küste dem Untergange Preis zu geben, da ein sicherer Hafen sich in der Nähe bietet. Gleichwohl hat das allgemeine Verbot des Einlaufens den Handel der Stadt auf Null reducirt und die Einwohner auf den Landbau angewiesen, den die Griechen ungern und nur so weit betreiben, als ihn der Bedarf erheischt. Ihr Hauptbetrieb bleibt daher außer dem Ackerbau der Fischfang, denn die Bucht wimmelt von Fischen und wenn das Meer außen vom Sturm erregt ist, flüchten oft ganze Schaaren Delphine in dieselbe, um hier dem Tode entgegenzugehen, denn die Uferbewohner lauern ihnen auf, um sie mit Flinten zu erschießen.

 

Auch Balaklawa war einst eine Größe, die jetzt zum Nichts herabgesunken. Sie kommt im Alterthume als griechische Pflanzstadt unter dem Namen Symbolon vor und Strabo, der Geograph der Alten, erwähnt die Stadt als zu Cherson gehörig und daß die Häfen beider Städte, eine reine Unmöglichkeit, durch eine Mauer verbunden gewesen. Später ward der Name in Cembalo verwandelt, als die Genuesen, diese ritterlichen Kaufleute, im Mittelalter auch diesen Ort in Beschlag nahmen und zum Schutze des bald sehr lebhaften Handels eine ziemlich bedeutende Festung auf der östlichen Höhe des Eingangs zur Bucht errichteten, deren massive Trümmer noch jetzt herabschauen. Aus der Hand der Türken ging es in die der Russen und ward wieder zur griechischen Colonie, indem Katharina nach dem ersten Türkenkriege 2000 Arnauten hierher verpflanzte, die durch Empörung ihre Stellung in der Türkei compromittirt hatten.

 

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Diese Colonie wollte anfangs nicht recht gedeihen und schmolz nach und nach bis auf den vierten Theil zusammen, hat sich aber neuerdings gehoben und bewohnt außer der Stadt Balaklawa mit ihren verfallenen Häusern und leeren Buden, besonders das oben erwähnte Dorf Kadikui, wo sie ihre Felder und Gärten haben, da ihnen die felsige und enge Stadt nicht die Anlage eines Gärtchens gestattet. Die jungen Leute dieser Griechencolonie bilden ein Bataillon von 500 Mann und versehen unter einem Befehlshaber militärisch geordnet, sämmtliche Posten der Strandwache an der Südküste.

 

Die Thürme und Mauern der genuesischen Befestigung sind noch in ihren Ruinen höchst großartig, der Bergvorsprung, den sie bedecken, ist zugleich so steil und so schwierig zu erklimmen, daß man das Bedürfniß dieser gewaltigen Steinmassen nicht begreift. Dicht unter den höchsten Gebäuden fällt der Fels senkrecht nach dem Meere ab und nach der Hafenseite ist die Höhe nur durch einen schmalen Fußsteig zu erreichen. Der Thurm, der über alle Trümmer herausragt, birgt in seinem Innern eine geräumige Cisterne, bei welcher man noch alte Röhren von gebranntem Thone findet. Ein anderer noch zur Hälfte stehende Thurm besitzt in ziemlicher Höhe ein eingemauertes Relief von unbeholfener Ausführung, das in einem Felde einen Fisch, außerdem noch zwei Engelsfiguren, ein Kreuz und eine verwitterte Inschrift enthält. Große Steinblöcke bedecken das Innere des Forts und lassen aus die Festigkeit desselben schließen, wie überhaupt die ganze Lage und Ausführung zu Gunsten eines Volkes einnimmt, das seine Colonien und deren Handel so besorgt zu schützen trachtete. Ob der jetzige Name aus bella ciave, schöner Schlüssel, wie Einige meinen, entstanden sei oder vom tatarischen Worte Balusch, Fisch, herstammt, woraus jener Fisch im Relief deuten könnte, möchte schwer zu ermitteln sein. Ausgezeichnet schön ist die Aussicht vom alten Castell sowohl nach dem Hafen und der Stadt, als auch auf die Meeresküste und die umliegenden Höhen.

 

Der Weg an der Südküste der Krim entlang geht von Balaklawa nicht unten am Gestade fort, sondern hebt sich hinter der Stadt ins Gebirge und führt zunächst durch schöne Laubwaldungen und Schluchten nach dem Baidarthale, einem großen malerischen Bergkessel oder Becken, das unbedingt für einen der reizendsten, anmuthigsten Punkte gilt, die es giebt.

 

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Rings wird diese große Thalmulde aus der Höhe von Gruppen ungeheurer Nußbäume eingefaßt, die ihre runden Gipfel über die Bergränder erheben, während der Boden des Kessels zwölf Tatarendörfer enthält, die in den freundlichsten Zusammenstellungen zwischen Obstbaumpflanzungen, Eichenwäldchen und frischgrünen Wiesen liegen und von oben, wo die Straße die Höhe überschreitet, ein liebliches Bild gewähren. In diesem Thale entspringt auch das Flüßchen, das von den Tataren Kaseli-Uzen genannt, bei Sewastopol am Ende der Bai als Tschärnaja-Retschka mündet. Eigenthümlich liegen hier, ungleich dem gewöhnlichen moslimschen Gebrauch, die tatarischen Friedhöfe auf kahlen steinigen Abhängen, ohne den beliebten Schatten alter Bäume, ja selbst ohne Gras und Strauchwerk, während doch ringsherum die Vegetation höchst üppig ist. Das Hauptdorf des Thales ist Baidar, wo wie in den Nachbardörfern der Reisende sich wieder in das höchst gemüthliche und Jeden ansprechende Leben der Bergtataren versetzt sieht. Abgeschieden von der Außenwelt durch hohe Bergwände, die auch nach der Südküste hin sich vorbauen, sind sie doch durch eine gute Chaussee-ähnliche Straße sowohl mit dem Westende der Insel, als mit dem ganzen östlichen Zuge der Küste in Verbindung gesetzt. Bei aller Berührung mit durchreisenden Fremden ist aber die Gastfreundschaft und die ächt orientalische Ausstattung der Wohnungen von fremdem Einflusse unberührt geblieben. Die Zimmer sind rund herum mit schwellenden Polstern und weichen Teppichen belegt, während die Feuerstelle, die nirgends fehlen kann, in einer Ecke des Gemaches auf ebenem Boden sich befindet und in einem niedrigen von festgeschlagenem Lehm gemachten Herde besteht. Ueber diesem Herde senkt sich ein trichterförmiger Rauchfang herab und führt alle Dämpfe und jeden Qualm, ohne ihn ins Zimmer gelangen zu lassen, durch einen engen Schornstein über die Plateform auf der Hütte hinaus. Sind heirathsfähige Mädchen in einem Hause, so wird die innere Möblirung der Häuser gewöhnlich durch viele mit Silberdraht gesteppte Tücher vermehrt, die bei den Tataren Dschigeß geheißen, an beiden Enden und am Rande reich gestickt sind und großen Handtüchern gleichen. Die Tatarenmädchen machen sich viele dieser Tücher für ihren Hochzeitstag, werden auch wohl von Freundinnen damit beschenkt und verzieren dann mit diesen silberflimmernden Stoffen die Gemächer auf eine eigne Weise, indem sie sie auf die Deckbalken hängen, so daß die Enden

 

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auf beiden Seiten herabfallen. Aehnliche Tücher findet man zwar auch bei den Kleinrussen, doch ist bei ihnen die Zeichnung mit rothen Fäden eingesteppt. — Wer jemals einer tatarischen Mahlzeit bei einem der bemittelten Bewohner beiwohnte, wunderte sich gewiß über die Verschiedenartigkeit der aufgetragenen Speisen, wie über die Art, wie sie zusammen genossen werden. In der Mitte des niedrigen runden Tisches thront beständig ein förmlicher Thurm von Pillaw (gekochter Reis) und um ihn herum bilden große und kleine Schüsseln mit Schaffleisch, großen rothen Pfefferschoten, Schafkäse, Obstsyrup, saurer Milch und Alwa, einem beliebten Confect nebst vielen andern Speisen, eine Art Mosaik der eigenthümlichsten Art. In dieser bunten Mischung wird es auch verzehrt. Bald nimmt der Tatar ein Stück Brod, taucht es in den Syrup und ißt es zu einer Pfefferschote, bald dreht er sich vom Pillaw eine Kugel und mischt Confect hinein, bald langt er sich Käse zu und ißt gekochte Früchte nach. Gaumen und Magen müssen eigens organisirt sein, um solche Mischungen gut zu finden und zu vertragen. Der englischen Sitte entgegen, wo die Frauen sich beim Dessert entfernen, treten die tatarischen Weiber erst zu dieser Zeit herein und bleiben bei den Männern, wenn diese das „Confect der Ruhe“ verzehren und sich darauf die Tabakspfeifen anzünden. *)

 

Hier im Baidarthale stößt man bisweilen auf einen am weißen Turban kenntlichen Hadschi, obschon das Pilgern nach Mekka, bei der völligen Isolirnng der tatatischen Mohammedaner durch umwohnende Christen, nicht oft vorkommt. Sie sind nebst den Mollahs die einzigen unter den Tataren, die Turbane tragen. Die Reise nach den heiligen Stätten Arabiens geht über Constantinopel gewöhnlich nach einem syrischen Hafen und von da zu Fuße, dauert etwa anderthalb Jahr und kostet ungefähr 400 Thaler.

 

Dem bekannten Reisenden Kohl wurde von einem der Tataren erzählt, daß die Uebergriffe eines reichen Russen das ganze Thal in Sorge und Kummer versetzten. Dem Vater oder Großvater des jetzigen Grundbesitzers, Senators und Admirals ——w— in Petersburg, ward von der Kaiserin Katharina etwa 700 Morgen Landes in diesem Thale außer den Besitzungen außerhalb desselben geschenkt, die Urkunde darüber aber wahrscheinlich sehr undeutlich abgefaßt, denn er
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*) Nach Kohl, Reisen in Südrußland etc.

 

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hat von diesem kleinen Terrain unter allerhand Vorwänden so weit um sich gegriffen und sich so viele Nachbarwälder und Wiesen angeeignet, daß er jetzt bereits 20,000 Morgen besitzt. Nach des Tataren Aussage sind die frühern Besitzer des Thales, die Tataren, beinahe auf ihre Häuser und Gärten reducirt und selbst ihre Personen nicht sicher, denn der russische Herr behauptet, es sei in der Schenkung auch von gewissen Arbeiten die Rede, die die Bauern zu leisten hätten. Die Tataren haben darüber einen Proceß in Petersburg anhängig gemacht, hatten aber bis zu Kohl‘s Anwesenheit noch keine Entscheidung irgend einer Art erhalten. Es ist sehr weit von Petersburg bis in das abgelegene Baidarthal und das Recht geht in manchen Staaten sehr langsam, wenn es sich überhaupt in Bewegung setzt. Jener russische Besitzer hatte zu damaliger Zeit große Quantiäten Eichenholz nach Sewastopol für die Marine zu liefern.

 

Um zur Südküste zu gelangen, muß man die östlichen Anhöhen des Baidarthales ersteigen und ziemlich hoch ins Jailagebirge dringen, das sich hier höher und steiler nach Nordosten aufthürmt und an den breitesten Stellen nur einen etwa zweistündigen Raum zwischen seinen hohen Felswänden und der Küste übrig läßt, der oft steil, meist in belaubten Abhängen nach dem Gestade abfällt. Ein großartiges Gemälde gewährt von dem hohen Punkte, den man östlich von Baidar erreicht, das Amphitheater von Laspi, wo der weite Halbzirkel einer von Felsen umgebenen grünen Ebene von Gebüsch unterbrochen sich nach dem eine Stunde entfernten Strande von weißem Sande hinabsenkt. An diesem Abhange erglänzen inmitten eines kunstgerechten Anbaues zwei weiße Häuser, die von zwei Franzosen, den Gebrüdern Compère, als Verwaltern der dem französischen General Potier gehörenden Besitzung, bewohnt werden. Diese hochgebildeten Männer, von denen der Aeltere in der polytechnischen Schule zu Paris seine Studien gemacht, der Jüngere aber ein tüchtiger Oekonom ist, haben ihre Mußestunden zur Sammlung reicher Herbarien und der in der Nähe vorkommenden Mineralien glücklich verwendet. *)

 

Wer ohne das Thal von Laspi zu berühren die Küste erreichen will, übersteigt die nördlichen Höhen unmittelbar und gelangt zu einer Stelle, wo die Felsenwände nach

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*) A. v. Demidoff, Reisen in Südrußland etc.

 

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Südost senkrecht abfallen und jede Fortsetzung des Weges unmöglich erscheint. Es ist dieser Punkt aber einer der interessantesten und gehört zu den Wundern der Krim, denn die Menschen haben es doch möglich gemacht, an diesen Wänden und noch dazu bequem hinabzugelangen. An einer Stelle, wo zwei gigantische Felsen in einem Winkel zusammenstoßen, hat sich ein schmaler Weg ausgebildet, der in kurzen, kaum vier Schritte breiten Windungen sich an den Felsen herabläßt. Es ist dieser Felsenweg die berühmte Scala, deren Stufen bald aus dem Stein herausgehauen, bald von Baumstämmen gemacht, sich im Zickzack zu einer ungeheuren Tiefe hinabwinden und so eine Wendeltreppe bilden, an der kleine im Gestein wurzelnde Sträucher als Geländer dienen und die von jedem Punkte aus den Blick an den lothrechten Wänden hinab in die Tiefe und auf das Meer fallen läßt, das den Fuß der Felsen bespült. Und dabei ist die einfache Bauart dieser Stiege so geschickt ausgeführt, daß man den schwindelnden Weg zu Pferde zurücklegen kann. Die Reisenden können sich hier ganz auf die Sicherheit der Pferde verlassen, denn man hat noch nie von einem Unglücke auf diesem scheinbar höchst gefährlichen Wege gehört. Von den Tataren wird diese Felsenstiege „Merdwen“ genannt.

 

Unweit der untern Ausmündung dieses Weges liegt an einer vorspringenden Felsenmasse, die noch Spuren alter Befestigung zeigt, Castropulo, eine Besitzung, die vom Grafen Nikolaus Demidoff gegründet wurde, in höchst malerischer Umgebung. Seit 1829 ist hier eine großartige Weinpflanzung mit sorgfältiger Auswahl der Reben angelegt worden und die Lage der Pflanzung an dem steilen Bergabhange, der die glühenden Strahlen der Sonne den Pflanzen verstärkt zuwendet, läßt auf ein Product gleich den süßen Weinen Spaniens rechnen, doch ist der Erfolg bis jetzt noch kein ganz gelungener und ist vielleicht der Mangel an guten Winzern der Qualität hinderlich. Große weitläufige Kellereien mit einer großen Anzahl Tonnen sind wegen des ergiebigen Weinertrages angelegt worden.

 

An den Dörfern Kutschuk-Kui, wo noch Alles an den furchtbaren Bergsturz erinnert, der vor sechzig Jahren unter seinen herabrollenden Massen eine Menge Häuser und deren Bewohner begrub, und Kikineis, einem blühenden reichen Dorfe, dessen großer Quellenschatz die schönen Pflanzungen bewässert, vorbei, steigt man von der wieder erklommenen

 

 

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Höhe zum Meere herab, ersteigt noch einmal an der Seite des zerklüfteten Vorgebirges Limaine einen felsigen Weg und gelangt hierauf zu der Kunststraße, die nach Osten an der Südküste mit ihren malerischen Städten und großartigen Landhäusern entlang führt. Diese Straße, die einige hundert Fuß über dem Meere hinführt, hat an der andern Seite meist schroff zu den hohen Gebirgswänden aufsteigendes Terrain, wird aber, trotz der großen Schwierigkeiten ihres Baues fortgebaut, um auch die westlichern Orte mit Jalta zu verbinden. An dieser Straße finden wir an einer oben über derselben sich schroff erhebenden Felsenwand wieder eine eigenthümliche Erscheinung, an denen diese taurische Halbinsel so reich ist. Es ist dies eine ungeheure Bienencolonie, die einen großen, weiten und höhlenartigen Felsenriß ganz mit alten und neuen Wachsgehäusen angefüllt hat. Wenn die Sonnengluth die umgebenden Felsen erhitzt, fangen die Bienenzellen oft an zu schmelzen und erzeugen dann mit ihrem reichen Inhalte das eigene Schauspiel eines Honigquelles, der aus den Felsen hervorquillt und an ihren Wänden herabfließt. Ist nun die Krim mit ihrer großen Viehzucht, ihrem ungemein ergiebigen Weinbau und dieser Bienenhöhle nicht das wahre Land, wo Milch, Wein und Honig fließt? Obgleich diese reichen Honigkammern von unten unzugänglich sind, haben es doch die Tataren zu verschiedenen Zeiten möglich gemacht, zu ihnen zu gelangen und wiederholen noch oft dies gefährliche Experiment, wenn sie die Höhlen wohlversehen mit ihrem süßen Inhalte glauben. Sie lassen sich von einer Stelle, hoch über dem Spalte, an Seilen herab, bleiben aber, da der Fels oben ein Stück überhängt, in einiger Entfernung von dem Eingange schweben und es wird ihnen sehr schwer, hinein zu gelangen. Haben sie aber diesen Zweck erreicht, so ist ihr Gewinn ein großer, denn sie schaffen dann den Honig centnerweise heraus, sind aber auch der Gefahr ausgesetzt, trotz der dichtesten Verhüllungen, von den Millionen Bienen, die wüthend über sie herfallen, erstickt zu werden, so daß ihnen der glückliche Fang sehr sauer gemacht wird und mancher die Kühnheit des Unternehmens mit dem Tode büßte. Es schreckt zwar ein Unfall diese Schatzgräber von Süßigkeiten eine Zeit lang ab und giebt den Bienen oft einige Jahre Zeit, neue Schätze zu häufen bis der Schreck vergessen ist, dann aber verlockt die reiche Ausbeute zu neuem Wagniß.

 

Welche bewundernswürdige Scenerie entfaltet sich auf einmal vor unsern Augen?

 

 

 

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Was ist das für ein märchenhaftes Bauwerk, das gleich einem stolzen mittelalterlichen Schlosse, dem das Abendland wie das Morgenlaud ihre schönste Architektur geliehen, mit seinen Zacken, Zinnen und Thürmen, ernst und zugleich einladend, romantisch von seiner hochgelegenen breiten Terrasse über das üppige Baumgrün des Abhanges nach dem Meere herabschaut, während der mehr als 4000 Fuß hohe Ai-Petri mit seiner Zackenkrone ihm zu Häupten thront? Es ist Alupta, der Prachtpalast und reizende Landsitz des jetzigen Fürsten Woronzow, dessen Name und die Kunde von seinen großartigen Gebäuden, seiner romantischen Lage und seinen Gärten mit hesperidischer Pracht bereits durch ganz Rußland bekannt ist.

 

Dieser Palast oder das große Haus von Alupta, wie es der Besitzer bescheiden nennt, erhebt sich dicht über die üppigen Baumkronen auf einer weiten Terrasse und setzt sich mit seinen verschiedenartigen schönen Formen höchst malerisch von dem grauen felsigen Hintergrunde los. In einer geschickten Verbindung des byzantinischen und maurischen Styles bildet dies Gebäude in seinen kolossalen Dimensionen ein volles Rondell und die riesenhaften Steinblöcke, die in der Nähe gebrochen, gleich wie zu einem römischen Bauwerke dazu verwendet wurden, sichern ihm eine lange Dauer, welche alle die Zierrathen des Palastes die feinen Geländer, die zierlichen Schornsteine theilen werden, da diese oft Brabanter Spitzen ähnlich durchbrochenen Decorationen von dem haltbarsten Granit gearbeitet sind. Das Baumaterial des Ganzen ist ein feiner grünlicher Granit, der in gewissen Beleuchtungen durch seine duftige Färbung einen wahrhaft zauberischen Effect hervorbringt. Dieses Material gewann man von den großen Steinbrocken, die in der Gegend umher liegen und im Parke das Romantische der Anlage erhöhen, und welche einst vielleicht eine Erdrevolution von den Massen des Ai-Petri herabgestürzt hat. Die Kosten, die die Erbauung dieses Schlosses erforderte, betragen eine enorme Summe. Graf Woronzow ließ englische Architekten zur Besichtignug des Platzes hierher kommen, diese schickten ihre Berichte, von Zeichnungen und Beschreibungen begleitet, nach London zurück und dann erst gelangte der von einer Londoner Gesellschaft Baukundiger ausgeführte Plan nach Alupta, so daß die bloße Anfertigung des Planes schon über 60,000 Rubel gekostet haben soll. Noch war der Bau nicht ganz fertig, als die Ausgaben schon 7 Millioneu Rubel betrugen

 

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und jetzt in seiner Vollendung kostet er noch bedeutend mehr. Der englische Baumeister allein, der die Ausführung leitete, soll sich jährlich auf 20,000 Rubel gestanden haben. Dafür hat aber der Graf einen Palast erhalten, der in seinem Ensemble unvergleichlich ist und von dem ein neuerer Reisender, der Freiherr von Haxthausen, bekennt, daß es seinem Gefühle nach das schönste Gebäude sei, welches Rußland besitze. Das Innere dieser königlichen Wohnung entspricht in Ausführung und Ausstattung ganz dem Aeußern und der großartige Speisesaal sucht in gigantischen Dimensionen und dabei zierlichen Decorationen seines Gleichen. Noch vor der Vollendung beehrte die jetzige Kaiserin diesen Landsitz mit ihrer Gegenwart und der Graf ließ zu diesen Zwecke vorläufig durch schnell von Odessa herbeigeholte Arbeiter Alles, so weit es ging, in Stand setzen, was ihm mehrere Wochen lang eine Extraausgabe des Baues von täglich 8000 Rubel verursachte. Jetzt steht dieses magnistque Gebäude oft leer, da das thätige Leben seines edlen Besitzers, wie seine vielen Amtsgeschäfte ihm selten gestatten, hier auszuruhen.

 

Michael Graf Woronzow ward im Jahre 1782 geboren und in England erzogen, da sein Vater dort als Gesandter lebte. Er begann seine militärische Laufbahn als Lieutenant in der russischen Garde und war bei den Feldzügen in Georgien und im Kaukasus in den Jahren 1801 bis 1805, wo der oft von ihm bewiesene Muth seinen schönes militärischen Ruf begründete. Sein Auftreten in Hannover, Deutschland und der Türkei erwarben ihm bald die wohlverdienten Beförderungen und schon in dem Feldzuge in Frankreich stand er Napoleon bei Craonne als commandirender General gegenüber, erhielt auch bei der Besetzung des Königreichs den Befehl über alle dort stehenden russischen Truppen. Immer wird Maubeuge, was damals sein Hauptquartier war, das Andenken seines edlen, stets das Gepräge der strengsten Gerechtigkeit tragenden Verfahrens bewahren. Seine Hauptthätigkeit entwickelte er aber, als ihm in Jahre 1823 das Generalgouvernement von Neurußland anvertraut ward und vor Allem hat ihm Odessa einen großen Theil seiner jetzigen Blüthe, die meisten seiner großartigen Anlagen zu danken. Ueberall, wo er hinkam, kam mit ihm der wohlverstandene Fortschritt und alle Gegenden, die seiner Thätigkeit freien Spielraum ließen, besonders auch die Krim, waren und sind noch jetzt die besten Zeugen seines wohlthätigen und gesegneten Wirkens.

 

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Der Garten von Alupta ist zugleich ein schönes Abbild des Vegetationsreichthums wie der romantischen Partien der Umgebungen und die freigebige Natur hat schon so viel an Höhlen, Wasserfällen, klaren Teichen, Schluchten und dergleichen Sceneriestücken von selbst beigetragen, daß der Hand des Menschen zur Vollendung wenig übrig blieb. Die nördliche Einfassungsmauer dieses Gartens, wo in malerischer Gruppirung Lorbeeren, Oliven und Granaten mit einander abwechseln und ein Laubengang von mehrern hundert Sorten der schönsten Rosen gebildet wird, sind die wohl zwei Stunden entfernten Felsenwände des Ai-Petri. In einer der Schluchten hinter dem Palaste liegt das Tatarendorf Alupta ganz im Laubdickicht versteckt, über welches nur das schlanke Minaret seiner ebenfalls neu erbauten Moschee heraussteigt und diesen lieblichen Aufenthalt verrath. Die Häuser des Dorfes liegen pittoresk zerstreut zwischen und an den Felsen, von der neuen Moschee überragt, die ebenfalls Graf Woronzow an der Stelle der alten, die abgebrochen wurde, seinen Tataren im reinsten türkischen Styl errichten ließ. Aber auch der Theil des englischen Gartens, der vom Schlosse bis zur Küste hinabreicht, zeigt die reichste Abwechselung. Hier findet man freundliche Baumgruppen von frischem Rasen umgeben, sprudelnde Wasser und jede Höhe durch ein kleines Bauwerk gehoben. Bald ist es ein Thurm, bald eine Wache der Arnauten, bald ein Glashaus, ja selbst eine Gastwirthschaft fehlt nicht, die im italienischen Geschmack eingerichtet, dem Fremden ein gemüthliches Obdach bietet. Ein kleiner von Felsen geschützter Hafen, wo Fischerbarken und Lastschiffe ihren Ankerplatz haben, vollendet das großartige Ganze, von dem der Reisende wie berauscht scheidet.

 

Von Alupta bis nach Jalta führt die schöne Straße ebenfalls 400 bis 500 Fuß über dem Seespiegel erhaben, unter dem Felsrande des Jailagebirges hin, reizend von Wallnuß- und Maulbeerbäumen beschattet. Zuweilen berührt man ein tatarisches Dorf mit seinen säulengestützten Vordächern, häufiger noch begegnen wir aber großartigen Landsitzen russischer Großen, die zu beiden Seiten der Straße liegen und unter denen Mis khor, der Famile Narischkin gehörend, Koreis, eine Besitzung des Fürsten Gallizin, die beiden der Kaiserin und der Großfürstin Helene gehörenden Oreandas und das dem Grafen Potocki eigene Livadia die bedeutendsten sind.

 

An dem nach dem Meere sich hinabsenkenden Abhange reiht sich eine Weinpflanzung an die andere, in welchen ein

 

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guter Wein in bedeutender Menge erzeugt wird. Graf Woronzow hat viel zur Hebung und Verbesserung des Weinbaues durch Anregung und Anfmunternug gethan. Man hat Reben aus allen Gegenden der Welt hierher verpflanzt, hat Winzer aus den besten Pflegeorten Europas kommen lassen und der Erfolg ist ein ziemlich günstiger gewesen. Aber der Boden hat auch seinen Einfluß geübt und wenn er vorzüglich aus den rheinischen Reben ein vortreffliches Product erzeugte, das die ganze Tiefe und Kraft der Rheinweine und noch mehr Feuer besitzt, ohne dieselbe Säure zu haben, so behält dagegen der Muskatellerwein zwar seine Gluth und Kraft, verliert aber die große Süßigkeit. Ein Uebelstand, der der Geltung und größern Verbreitung der krim‘schen Weine bis jetzt Eintrag gethan hat, ist der Umstand, daß diese herrlichen Weine den Transport, namentlich zu Lande, nicht gut aushalten können und auf demselben leicht umschlagen. Mit jedem Jahre gewinnt der hier gebaute Wein einen selbstständigern Geschmack und verwischt mehr und mehr den Charakter seiner verschiedenen Abstammung. Er ist bereits unter dem Namen „Wein der Südküste“ über ganz Südrußland bis nach Moskau verbreitet und bildet eine der Haupteinkünfte der hiesigen Besitzungen. Auch zu moussirenden Getränken wird er verwendet und bereits haben sich mehrere Fabriken unter französischer Leitung etablirt, die einen feurigen, wohlschrneckenden Champagner fabriciren.

 

Oreanda hat sehr anmuthige Umgebungen und war früher eine Besitzung des Grafen Witt, von dem es der Kaiser kaufte. Da es der Kaiserin hier sehr gefiel, machte ihr der hohe Gemahl eine Schenkung damit und es ward beschlossen, einen neuen Palast zu erbauen, dessen Platz von dem Kaiser selbst gewählt wurde. Man hatte ihn anfangs unten am Meere, inmitten schönbelaubter Gartenpartien anlegen wollen, was der Wohnlichkeit sehr zu Gute gekommen wäre, aber der Monarch fand den Ort nicht vortheilhaft und bestimmte die vordere Stirn eines majestätischen Felsens zum Bauplatze, weil daselbst die Ansicht, wie auch die Aussicht großartiger sei. Die ganze Besitzung ist ein ziemlich kostspieliges Geschenk, denn ihre Einrichtung und die Umgestaltung hat bis jetzt jährlich 24,000 Rubel erfordert. Die Felsengestaltung gewährt diesem Orte einen eigenthümlichen Reiz. Aus der Hauptwand des Jailagebirges treten mehrere 500 bis 700 Fuß hohe Felsenmassen heraus und bilden höchst malerische Formen. Zwei dieser Massen reichen mit ihrem
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Rücken bis an den Meeresstrand, nach dem sie steil abfallen und schließen eine schöne Fläche ein, die sich sanft in breiten Absätzen nach dem Meere abdacht. Diese Terrassenfläche ward zur Anlage des Gartens benutzt und erhält eine schöne Unterbrechung durch eine dritte Felsenmasse, die von bedeutendem Umfange und höchst seltsam gestaltet ist. Auf der Seite nach dem Gebirge hin fällt sie schroff wie eine Wand ab, ist aber nach vorn in sechs große Terrassen abgetheilt, die mit Bäumen und Sträuchern reichlich bewachsen sind, und sich so regelmäßig wiederholen, als hätte die Kunst hier geordnet und dieselben so gleichmäßig abgesprengt. Der Director des Gartens ist ein Deutscher, der in einem anmuthigen, halb in asiatischem Geschmacke erbauten und rund von breiten Galerien umgebenen Hause wohnt, das auf dem ersten der weit vorspringenden Felsen thront. Was der Entfaltung der über 200 Dessätinen ausgedehnten Gartenanlagen großen Eintrag thut, ist der Mangel an hinreichendem Wasser, denn die Südseite der Jailas ist an manchen Orten überaus sparsam mit dem wohlthätigen Naß. Die Anlage und Unterhaltung der Gärten, wie die Errichtung großer Bauten an der Südküste wird aber auch dadurch sehr kostspielig, daß außer den Bausteinen Alles von anderwärts herbeigeschafft werden muß und selbst Mangel an tüchtigen Arbeitern, an Handwerkern und Gartengehilfen sich fühlbar macht. Das Holz der Umgegend kann nicht einmal gut zu Weinfässern, weniger noch zu Möbeln verarbeitet werden und wird das nöthige den Dniepr herab übers Meer hierher geführt. Das Brod ist theuer und erhöht daher den Arbeitslohn, der bei einem gewöhnlichen Arbeiter oft bis zu zwei Rubel und noch mehr für den Tag steigt, was nach und nach viele Arbeiter wegen des guten Verdienstes aus der Ferne und selbst Leute aus Anatolien herbeilockt. Letztere, die vorzüglich in den Gärten verwendet werden, sind leicht an den Turbans und der türkischen Tracht kenntlich und führen jeder ihren Firman in der Tasche mit sich. Sie kommen gewöhnlich zu sechs bis acht Mann in einem kleinen offenen Boote über den breiten Spiegel des Pontus gefahren und erreichen oft, wenn ihnen der Wind besonders günstig ist, in 24 Stunden die krim‘sche Küste, machen aber auch bisweilen wahrhaft odisseische Irrfahrten.

 

Ein anderer fühlbarer Mangel dieser schönen Gärten der Südküste sind die Singvögel, die durch ihren Gesang die Reize der Natur bedeutend heben und beleben würden und ohne die sich kein Deutscher einen idyllischen Wald, einen

 

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Laubgarten denken kann. Nur zur Frühjahrszeit kommen aus Kleinasien verschiedene gefiederte Sänger herüber, erfreuen eine kurze Zeit das Ohr der Bewohner, sind aber sogleich verschwunden, sobald im Juni die heißere Jahreszeit eintritt und höchstens erblickt dann das Auge bisweilen einen Habicht oder einen Adler, der sich vom hohen Gebirge nach dem Strande verirrt. Selbst der überall sonst heimische Sperling ist hier nicht zu finden, schon sein einfaches Zwitschern würde willkommen sein. Damit aber der Küste der Naturgesang nicht fehle, übernehmen die zahlreichen Laubfrösche, die überall in ganzen Schaaren zu finden sind und die Grillen das Concert. Dieses Froschgeschrei hat aber einen eigenthümlichen Ton und ähnelt ziemlich dem Geschrei der Dohlen. Es wird erst leise von einem Paar Vorsängern auf einem Baum begonnen, hierauf fallen mehrere andere Stimmen ein, bis sich das Gequak wie ein Lauffeuer über das ganze Thal verbreitet und endlich einen solchen Höhepunkt des Geschreies erreicht, daß oft die Leute ihr eigenes Wort nicht verstehen können. Plötzlich wird Alles wieder still, doch ist die Ruhe nur von kurzer Dauer, denn bald beginnt eine Wiederholung des Geschreies in demselben ansteigenden Grade und setzt sich mit Unterbrechungen den ganzen Tag fort. Gegen Abend stirbt diese Musikaufführung nach und nach ab und der etwas sanftere Gesang der Grillen tritt an ihre Stelle, um für die Nacht fortzudauern und die Menschen in Schlaf zu lullen.— Andere häufig vorkommende Thiere der Südküste sind der kleine schlaue Ameisenlöwe, dessen Sandtrichter oft zahlreich bei einander sichtbar sind und vielfache Arten von Schlangen und Eidechsen, letztere in großen und kleinen grünlichen Exemplaren in solcher Anzahl, daß oft beim warmen Sonnenschein das Gras förmlich davon wimmelt.

 

Livadia, das Gut des Grafen Potocki, besitzt, wie jede der großen Besitzungen, seine eigenen Reize, die hier in den weiten freundlichen Wiesenplätzen, einer großen Seltenheit dieses felsigen Gebietes, und in der vortrefflichen Aussicht auf die Stadt und Bucht von Jalta bestehen. Die Gebäude des Gutes bestehen aus einem hübschen Schweizerhause nebst dazu gehörigen Wirthschaftsgebäuden und werden von Gärten, Rasenplätzen und Cypressengruppen umgeben. Ein neues großes Palais, dessen Plan nach einem gewaltigen Maßstabe angelegt war, mußte, da die Kosten sich zu hoch steigerten, im Baue unterbrochen werden. Man vereinigte die bereits fertige Küche und den Flügel für Fremde zu einem Ganzen

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und ließ es hierbei bewenden. Der Verwalter dieser Besitzung ist aus der berühmten Familie der Tacher aus Basel, die aus Graubündten stammt und durch die Kaiserin Josephine mit Napoleon nahe verwandt wurde.

 

Wenige Orte haben eine so äußerst pittoreske Lage als Jalta, das seit einigen Jahren vom Grafen Woronzow zur Stadt erhoben wurde. Es füllt den ganzen nördlichen Raum einer ziemlich geräumigen Bucht, die als einzige Ausnahme des mittlern Theiles der Südküste die wenig abweichende Linie des Gestades unterbricht und sich zwischen dem nördlichen Vorgebirge von Nikita und dem Cap Ai-Todor gegen Mittag weit ins Land hinein erstreckt. Zwei liebliche Thäler setzen den Gebirgseinschnitt der Bucht tiefer ins Land fort und gewähren eine reiche Abwechslung in ihren verschiedenartigen Bergformen, ihrem Anbau, ihren griechischen und arabischen Dörfern und ihren freundlichen Landhäusern. Der von der schönsten Landschaft umgebene Hafen ist von einer Seite völlig geschützt, ist aber nach Südost den Winden und den oft hocherregten Wellen blosgestellt, worin er Odessa ähnlich ist. Noch lange, nachdem die Winde sich beruhigt haben, setzen die Wellen ihre Bewegung in der Bucht fort, was zwar ein schönes Schauspiel gewährt, der Schifffahrt aber nicht günstig ist. Der vom Grunde des Meeres aufgerührte Sand beginnt den ohnehin beengten Ankerplatz noch unbequemer zu machen, was selbst den Dampfschiffen nicht gestattet, nahe ans Ufer zu fahren. Gleichwohl ist die Lage der Stadt eine so günstige für die Dampfschifffahrt, wie kein Ort des schwarzen Meeres, indem sie auf der Mitte zwischen Odessa und der kaukasischen Westküste wie zur Hauptstation geschaffen scheint. Zugleich ist hier der Absteigeort für alle längs der Südküste wohnenden Notabilitäten, die während des Sommers mit zahlreicher Dienerschaft die Villen bevölkern und zum Herbste fast sämmtlich mit den Dampfschiffen sich wieder entfernen, um den Winter zu St. Petersburg oder einer andern großen Stadt zu verbringen. Die nicht große Stadt erhebt sich sehr freundlich über dem Strande, wo sie einen kleinen Hafendamm und Kai besitzt, und enthält in ihren neuen Häusern alle öffentlichen Anstalten, wie sie ein solcher Verkehrsort bedingt. Sie hat einige hübsche Kaufläden, die alle nothwendigen Handelsartikel, besonders die hier so beliebten Confitüren in reicher Auswahl führen, ein Zollamt, eine kleine Apotheke, an deren Thüre zwei Cypressen emporsteigen, ein Postamt auf der Höhe, mehrere kleine

 

 

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Gassen und drei Gasthäuser, von denen das größte, die Città di Odessa, über die Gasthäuser gewöhnlichen Schlages hoch heraustritt und Alles bietet, was ein verwöhnter Reisender nur beanspruchen kann und an dieser abgelegenen Ecke Europas an Comfort nicht zu finden glaubt. Auch dieses Gasthaus mit seiner eleganten Einrichtung ist auf den Betrieb des Grafen Woronzow erbaut worden und hat einen trefflichen Bewirthschafter in einem italienischen Bassisten, Signore Bartolucci, gefunden, der das Theater von Odessa verließ, um hier eine ganz neue Rolle zu übernehmen, die er bis jetzt zur größten Zufriedenheit des Publikums durchgeführt hat.

 

Die alte Kirche von Jalta befand sich auf dem einen Vorgebirge, ist aber nur noch an Ruinen kenntlich, während sich die neue stattlich auf einer Anhöhe bei der Stadt erhebt und in ihrer leichten Bauart ein freundliches Bild bietet. Der Eingang befindet sich in einem zierlichen Thurme, der in einer hohen Spitze ausläuft, indeß die Bedachung des Gebäudes aus einer größern orientalischen Kuppel von vier kleinern Kuppeln umgeben, besteht.

 

Die jetzige fast gänzlich neue Stadt ist deswegen keine neue Anlage, sondern an dem Orte errichtet, wo einst eine bedeutende griechische Stadt sich befand, die fast bei jeder der verschiedenen Eroberungsphasen zerstört, wegen der günstigen Handelslage immer wieder neu aufblühte und unter den verschiedenen Namen Dialita, Jalita, Yalti, Jalta in der Geschichte vorkommt.

 

Von Jalta macht der Reisende gewöhnlich verschiedene Excursionen in die Umgegend, die sich durch malerische Situationen und durch reiche Baumvegetation auszeichnet. Die beliebtesten und interessantesten Ausflüge sind der nach dem Tatarendorfe Derekoi und der nach der Höhe von Stille-Bogas. Der erstere Weg führt durch eins der reizenden Thäler aufwärts, die vom Ende der Bucht ausgehen und das von einem Flüßchen durchrauscht ist, das dicht am Thore von Jalta ins Meer fällt. Mannigfaltige berieselte Obstgärten, Weinpflanzungen, Landhäuser, Nußbaumwälder erfreuen wechselsweise den Blick, bis mehr zur Höhe gelangt, Pinien, Lerchenbäume und Wachholder die Thalwände zieren. Das Dorf selbst zieht sich an einem vorspringenden Berge in mehrern Terrassen hinauf und hat eine hübsche ganz unter Wallnußbäumen versteckte Moschee. Der Weg nach Stille-Bogas, zugleich der nächste aber sehr beschwerliche Weg durch‘s Gebirge nach Baktschiserai, führt ebenfalls anfangs eins der hintern Thaler aufwärts,

 

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windet sich dann aber auf Umwegen auf große, ganz abgerundete Hügel hinauf und so stufenweise fort, bis man die Hochebene erreicht, welche 2700 Fuß über dem Meere erhaben, eine grandiose Aussicht auf das Meer und die Bucht von Jalta, über einen langen Strich der Südküste und nördlich in majestätische Bergmassen gewährt, über die der hohe Tschadir-Dagh stolz heraussteigt. Je höher man nach diesem Plateau von Stille-Bogas heraufsteigt, desto häufiger, zuletzt in langgezogenen Waldungen, erscheint die schöne taurische Pinie, an Form so malerisch wie die italienische. Die schönsten Bäume dieser Art findet man in den Thälern und Schluchten, die dagegen, die die höchsten Punkte der Bergkegel krönen, sind durch den heftigen Wind und klimatische Einflüsse meist verkrüppelt.

 

Alle solche Ausflüge, wie überhaupt die meisten Reisen durch die Krim macht man zu Pferde, obgleich man schon viele Strecken im Lande bequem im Wagen zurücklegen kann, da die Russen nach mehrern Richtungen hin an ordentlichen Kunststraßen arbeiten und mehrere derselben, wie namentlich die von Jalta nach Simpheropol, bereits fertig sind. Man zieht aber doch meist das Reiten vor, da es oft seitwärts von der Straße etwas zu sehen giebt und sich jeder auf den sichern Tritt der Pferde, selbst an gefährlichen Stellen, verlassen kann. Auch ist für das Reiten auf der ganzen Halbinsel gut Sorge getragen und es sind gewisse tatarische Dörfer zu Stationen bestimmt, in denen der Ombaschi oder Dorfrichter dem Reisenden gegen Vorzeigung eines tatarisch geschriebenen Firmans die darin bestimmte Anzahl von Pferden zu liefern gehalten ist. Dieser Beamte und Postmeister zugleich führt allerhand Pferde vor, unter denen sich der Fremde die besten aussucht. Das Aussehen dieser Thiere ist sehr ärmlich; sie sind mager und klein, aber unermüdlich und nie entmuthigt auf der Reise. Die magerste Weide, die geringste Ruhe reicht hin, ihre Kräfte aufzufrischen. Sie gehen über steinige Abhänge, oft an Abgründen vorüber, so sicher wie auf den ebensten Wegen; langsam und bedächtig wenn es bergab geht, meist im Gallopp wenn es bergauf geht. Der tatarische Sattel, dessen man sich allgemein bedient, ist ein sonderbares Gestell, ein leichter aber fester Bock von Holz, auf den man ein oder mehre Lederkissen aufbindet, wodurch der Reiter sehr hoch zu sitzen kommt. Obwohl er keinen Schluß der Beine an den Seiten möglich machen kann, beherrscht er doch, durch lange Steigbügel unterstützt, das Thier vollkommen.

 

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Die Tataren sitzen auf diese Art sicher und fest, ein Fremder aber muß sich erst daran gewöhnen; doch bequemen sich selbst alle die vornehmen russischen Damen, bei denen eine Reise durch die Gebirge der Krim zu den Modesachen gehört, auf diese Art zu reiten. Der Transport von Effecten und Lebensmitteln geschieht dabei vermittelst eigener Doppelsäcke, die von den Tataren aus einem groben Wollenzeuge zweckmäßig verfertigt werden und den Pferden über den Nacken geworfen, an beiden Seiten wie große Pistolenhalfter herabhängen. Reichen die beiden Vordersäcke für die Bagage nicht aus, so wird noch ein Sack hinter dem Sattel auf die Croupe des Pferdes geschnallt, so daß ein solcher Reiter oft ein sonderbares Aussehen erhält.

 

Ein oft, aber meist nur aus Noth benutztes russisches Fuhrwerk, in dem Offiziere, Beamte, Couriere, seltner Vergnügungsreisende das Land durchfliegen, ist die Telega, der gewöhnliche Extrapostwagen. Er besteht aus einem engen Kasten mit Streu gefüllt und mit Mänteln und Decken statt der Kissen belegt, in dem nothdürftig zwei Personen Platz haben, die balancirend auf ihren freien Sitzen, von den Stößen des harten Wagens viel leiden müssen und denen der Mantel das einzige Schutzmittel gegen Sonnenschein, Staub, Regen und Schmutz ist. Auf dem Vordertheile dieser Telega dient ein einfaches Brettchen dem Kutscher zum Sitz, der nach russischer Manier beständig mit den Pferden redet und sie dabei fortwährend zu sausendem Galopp antreibt, wobei die Metallglocke an der Spitze der Deichsel ein unaufhörliches Läuten ertönen läßt, das nur durch Abnahme der Glocke, sobald man eine Stadt erreicht, unterbrochen wird.

 

Die Straße nach Aluschta ist in ihren schönen Landsitzen, ihren Obstgärten, Weinbergen, belaubten Bergabhängen und grotesken Felsenpartien eine Fortsetzung des von Alupta bis Jalta Gesehenen. An Marsanda, das hoch in den Bergen liegt und von der nun verstorbenen unendlich reichen Polin, Gräfin Branicka, dem jungen Grafen Woronzow geschenkt ward, und Magaratsch vorüber, welches noch vor 15 Jahren wüste Thal, das durch Parcellirung jetzt mit den hübschesten Landhäusern bedeckt ist, erreicht man das von Nußbäumen beschattete Dorf Nikita, das einen renommirten Namen durch den großen botanischen Garten erhalten hat, den die Krone im Jahre 1812 hier anlegte. Dieser interessante Garten enthält bei sorgfältiger Pflege, welche der milde Himmel und die ungemeine Fruchtbarkeit des Bodens begünstigt,

 

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alle möglichen großen und kleinen Pflanzen, die an der Küste selbst gedeihen, und alle diejenigen fremden, die auf dem hiesigen Boden fortkommen und eingeführt werden können. Inmitten der Cypressen, Oliven, Lorbeeren, Weinreben, Erdbeerbäume, Kapernsträucher und anderer Baumspecies, von den Blumen der verschiedensten Länder umgeben, erhebt sich ein einfaches Gebäude mit Säulen, von welchem man prächtige Aussichten nach verschiedenen Punkten hat und in welchem vom hohen Fußgestelle die Büste Linne‘s, jenes Gründers der Botanik, auf die Pflanzen herabschaut. Ein Herumwandeln in dem weitläufigen Garten gewährt besonders dem Pflanzenkundigen einen großen Genuß, denn er trifft außer vielem Fremden auch so viel Bekanntes, was sich hier oft zur Unkenntlichkeit verwandelt hat. Die Weincultur ist besonders reich an Species, die sich gegenwärtig bereits auf mehr als 300 belaufen, die man aber durch neue Vervollständigungen bis auf 400 Sorten zu bringen hofft. Von dem an vielen Orten der Krim vorkommenden wilden Weine ist es unentschieden, ob er ursprünglich einheimischer wilder Wein oder blos verwilderter ist. Die Stöcke sind niedrig und haben kleine aber süße Trauben. Einige andere interessante Erscheinungen der Pflanzenwelt sind folgende.

 

Der Erdbeerbaum, nur hier an der Südküste vorkommend, wächst zwischen Felsen, durch deren Spalten sich sein Stamm mit feuerrother Rinde, gleich einer Schlange hervorwindet, und sich mit den Aesten und Wurzeln an dem Gestein festhält. Er ist ziemlich hoch im Gebirge zu finden und wird nur von der taurischen Pinie überholt, die an den höchsten Punkten der Jailas vorkommt. Das feuchte, sehr fruchtbare Erdreich, das dieser Baum stets um seinen Stamm und Wurzeln ansammelt, wird von den Gärtnern der Südküste sehr gesucht und geschätzt und wo sie die Pinie leicht erreichen können, nehmen sie dies Erdreich, um es bei ihren Blumenbeeten zu verwenden. — Die Eiche der Halbinsel (quercus pubescus) läßt sich nicht mit dem majestätischen Baume vergleichen, den wir unter diesem Namen kennen, denn selbst die größten Eichen der Krim sind klein und besonders auffallend die außerordentliche Kleinheit ihrer Blättchen. Dagegen ist der Wachholder (Juniperus excelsa) nicht wie unserer, ein unbedeutender, struppiger und krüppeliger Strauch, der sich an der Erde hinwindet, sondern ein schöner stattlicher Baum. Ein nur hier vorkommender Baum ist der Pyramiden-Apfelbaum; wilde Therebintenbäume und wilde Feigenbäume

 

 

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erheben sich an vielen Stellen zwischen den Felsen und den kriechenden Kaperstrauch, dessen eßbare Knöpfe von Sudak und von Feodosia aus versandt werden, trifft man überall. Der Epheu scheint hier seine Heimath zu haben, denn er wächst zu mächtigen Stämmen an und entfaltet eine große Blättermasse an vielen schlangenartigen Aesten, die sich weit umher ausspannen. An allen Punkten der Südküste begegnet man dem ergiebigen Haselnußstrauche und dem Korneliuskirschbaum (Cornus escula), dessen säuerliche Frucht, von den Tataren „Kisil“ Rothbeere geheißen, eine bedeutende Größe erreicht. Der Haselnüsse giebt es mehrere Arten, kleine kugelartige, sehr lange und große und ungewöhnlich große von runder Form. Sie sind hier so häufig, daß sie in großen Massen versendet werden können und gewähren den Tataren eine gute und dabei auch eine leichte, bequeme Einnahme, denn sie haben blos die langen vollhängenden Zweige herabzubeugen und die Nüsse abzustreifen, um eine gute Ernte zu haben. Auch Tabakbau ist häufig anzutreffen und oft sieht man in den Dörfern die Häuser mit den zum Trocknen aufgereihten Blättern behangen. Das Product ist nicht übel und ähnelt sehr dem türkischen, wird auch wie dieser gezogen, präparirt, geschnitten und verkauft. *)

 

Zu Nikita wird auch im Garten, dicht am Meere, eine historische Merkwürdigkeit gezeigt, so zu sagen eine Pflanzenruine. Es sind dies uralte Stumpfe von Oelbäumen, die an manchen Orten kaum aus der Erde hervorragen, in einigen Stämmen einen großen Umfang besitzen und hier und da grüne Schößlinge treiben. Diese Baumreste stehen in ziemlich gleichen Entfernungen von einander und stammen wahrscheinlich von einem Olivengarten her, der hier von den Genuesen angelegt wurde; denn es ist bekannt, daß der Oelbaum sehr alt wird und vier- bis sechshundert Jahre ausdauert. **)

 

Bei Artek, einem arabischen Dorfe mit einem vortheilhaft gelegenen Landsitze, in welchem Manche das alte Kardiatrikon (Herztrost) der Griechen wiederfinden wollen, erreicht man den Bärenberg (Ayou-Dagh), der in seiner Form einem Bären mit gebogenem Rücken gleicht, der ins Meer hinaustritt, indeß zwei große Felsblöcke im Meere seinen Jungen gleichen. Auf der einen Seite dieses Bergrückens, gleichsam
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*) Kohl, Reisen in Südrußland etc.
**) Ebendaselbst.

 

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an der Lende des Bären, liegt Yursuff, eine ehemalige Festung Justinians, die von den später eingefallenen Slaven Gorzabita, der zersprungene Berg, genannt ward. Auch dieser Ort befand sich im Mittelalter in den Händen der Genuesen, wie sich aus den Ruinen ergiebt, die, wahrscheinlich auf den Grundlagen römischer Bauwerke, noch jetzt über dem Städtchen emporragen, das amphitheatralisch am Rande eines Baches aufwärts steigt und durch das elegant eingerichtete Landgut eines russischen Großen vergrößert wird.

 

Nachdem man den Berg überstiegen, erreicht man auf der Ostseite desselben das Dorf und Landgut Parthenite, wo mit Sorgfalt Flachs und der beste Tabak der Krim gebaut wird; auch ist der Boden dem Weinban besonders günstig. Die Landschaft hinter dem Ayou-Dagh, der, vom Jailagebirge getrennt, zwischen sich und der Hauptkette ein schönes geschütztes Thal bildet, durch welches die bewundernswerthe Kunststraße führt, erweckt manche Vergleichung mit den Scenerien der Schweiz, denn außer den großartig aufsteigenden Gebirgsmassen sind es seltsam geformte Felsen, Mühlen, kühn gespannte Brücken, in tosenden Wasserfällen herabstürzende Bäche, die ihr diese Aehnlichkeit mit einer Schweizerlandschaft verleihen. Und damit dem Romantischen das Pikante nicht fehle, so geht unter den Leuten, die oft diese Gegend passiren, namentlich unter den Postmeistern der Umgegend, den tatarischen Fuhrleuten, ja selbst unter den Feldjägern, diesen bewaffneten Couriren, die die Depeschen der Regierung sicher zu befördern haben, das Gerede, in den Schlupfwinkeln des Grundes sei es nicht geheuer und es gebe tatarische Wegelagerer, die mit ihrem Raube leicht in die Felslabyrinthe des Bärenberges entschlüpften. In Wirklichkeit kommt aber wenig an Räubereien vor und die Straße wird zur Tages- und Nachtzeit von Vielen ruhig passirt.

 

Was den Reisenden in diesen Gegenden unbedingt gefährlicher ist, namentlich in der heißen Jahreszeit, das ist das unbedachtsame Genießen der Früchte, die hier überall von Bäumen und Sträuchern einladend entgegenblicken. Man wird vor den Früchten der Krim gewarnt, da an ihnen das Gift des Fiebers hange, das gern die Fremden hier überfalle, während die Tataren oder die im Lande Geborenen wenig davon zu fürchten haben.

 

Die hier herrschenden Krankheiten sind vorzüglich das Wechselfieber, das Gallenfieber und das Nervenfieber. Das Wechselfieber überrascht den Fremden am leichtesten, befällt ihn sehr heftig

 

 

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und hat die Eigenthümlichkeit, daß es auch nach der Entfernung von hier und wenn er längst in die abendländische Heimath zurückgekehrt ist, sich wiederholt und zwar mit der ersten Heftigkeit. Auch vom Gallenfieber bleibt selten ein Fremder verschont und oft liegen sämmtliche Bewohner der Landgüter, mit Ausnahme der Tataren, darnieder. Das Nervenfieber äußert sich hier eigenthümlich und ist fast immer mit Gliederlähmung verbunden. Es kommt scheinbar ohne alle Veranlassung und befällt selbst die gesündesten Menschen. Plötzliches Unwohlsein und Schwindel sind die Vorboten, denen das Fieber in einer 30 bis 40tägigen Dauer folgt, wobei Lähmung in die Füße tritt, oft aber auch bis in den Kopf steigt. Die wahre Krisis ist schwer zu erkennen und die Folgen der Krankheit sind oft eben so schlimm als diese selbst, denn die folgende Schwäche zwingt lange an Krücken zu gehen und häufig gesellt sich noch Taubheit hinzu. Doch sind die Tataren von Krankheiten nicht verschont und kennen auch das Wechselfieber. Besonders häufig kommen bei ihnen Wassersucht, Gicht und Blattern vor. —-

 

Auf dem ganzen Wege nach Aluschta hat die Natur ihre größten Schönheiten ausgestreut und die wilde Pracht neben die lieblichsten Erscheinungen gestellt; selbst die Poststraße scheint nur eine lachende Allee inmitten eines reizenden Parks und es würde einem Maler an vielen Stellen beikommen, die Gegend nicht nur neben, sondern über die schönsten Italiens zu stellen.

 

Am Meeresstrande erblickt man Bujuk-Lampat, einst die griechische Colonie Lampas, deren Mauern den Schiffern wohlbekannt waren, obgleich die Rhede den vortheilhaften Handelsinteressen nicht entsprach, da die immer zahlreich hier ankernden Schiffe schlecht gegen ein Unwetter geschützt waren.

 

Aluschta liegt höchst malerisch am Ausgange einer weiten Schlucht, die sich hier aus dem Gebirge nach dem Meere öffnet. Das Vorland zwischen Gebirge und Meer hat sich hier bedeutend erweitert und wird mit der jenseits der Berge liegenden Steppe durch breite Querthäler verbunden. Das Jailagebirge, das fast immer einen wenig unterbrochenen Kamm von 4000 Fuß Höhe zeigt, fällt hier plötzlich eine Strecke weit auf 2000 Fuß herab, um sich weiter östlich plötzlich wieder zur vorigen Höhe zu erheben und noch lange gleich hoch fortzulaufen. Und als wollte das Gebirge seinen stattlichsten Riesen in seiner ganzen Erhebung sichtbar werden lassen, erhebt sich über dem breiten Einschnitte der mehr als

 

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5000 Fuß hohe Tschadir-Dagh mit seiner flachen Kuppe ganz freistehend. Wenn er sein Haupt in Wolken oder Nebeln verbirgt, gebrauchen die Tataren ganz dasselbe Bild wie die Schweizer und sagen: „Er setzt die Haube auf.“ Trotz der Einschnitte sind die Höhen jedoch immer noch hoch genug, um diesen Theil der Küste vor den unheilvollen Nordwinden zu schützen.

 

Ihrer strategischen Lage als Wachtposten der nördlichen Durchgangsthäler verdankt die Stadt ihre frühe historische Bedeutung. Jedenfalls schon eine milesische Gründung, ward hier zur Römerzeit im 5. Jahrhunderte vom Kaiser Justinian am Eingange des Hafens eine Festung zum Schutze gegen die Barbaren gebaut, die den Namen Phrurion erhielt. Die Stadt ward ein Bischofssitz unter den Byzantinern und vergrößerte sich noch bedeutend unter den Genuesen, wo die Bevölkerung sehr stark war. Wenn der Verkehr in der Krim ein mehr geregelter werden wird und alle Straßen beendet sein werden, die hier zusammenstoßen sollen, so ist diesem günstig gelegenen Punkte gewiß auch noch eine Zukunft größerer Blüthe als jetzt vorbehalten, denn gegenwärtig ist es nur ein unbedeutender Ort, der durch den ausgebreiteten Weinbau einige Bedeutung erhält. Der Boden der Umgegend ist dazu so günstig, daß die Dessätine Landes seit wenigen Jahren von 50 bis zu 800 Rubel gestiegen ist und auch zu diesem erhöhten Preise willige Käufer findet. Die starke justinianische Citadelle an der Ostseite der Thalschlucht ist ziemlich ganz verfallen und nur noch durch drei hohe und dicke Thürme repräsentirt, zwischen denen tatarische Hütten sich angesiedelt haben. Außer der Brief- und Pferdepost und dem Hauptzollamte bestehen die öffentlichen Gebäude des Ortes in einer ganz neuen Moschee, in mehrern Magazinen und einem außerhalb liegenden schönen Gasthause, das sehr groß und in astatischem Style errichtet, gleichwohl für Fremde außer dickem Kaffee wenig zu bieten vermag.

 

Ehe wir die Südküste und das Land selbst verlassen, müssen wir noch eines Ortes erwähnen, der zwischen Aluschta und Feodosia unweit der Küste liegt und einen historischen Namen und Reste großer Vergangenheit besitzt. Dies ist Sudak oder richtiger Su-Dagh (Wasserberg). Man bezeichnet mit diesem Namen sowohl das jetzt noch existirende Dorf, als auch das weite Thal, in dem viele zerstreute Landsitze und große Weinanlagen sich befinden. Das Dorf, das außer einigen Häusern eine nette Kirche und eine Art von Khan besitzt, in

 

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welchem zur Zeit der Weinlese die Kaufleute einkehren, nimmt die Nordseite des Thales ein, welches sich von hier bis ins Meer sanft absenkt und von dem Bache Souk-su (kaltes Wasser) durchströmt wird, der sehr zur Befruchtung der Umgegend beiträgt, und am Fuße eines Berges sich ins Meer ergießt, auf dem die stolzen Trümmer der alten genuesischen Veste sichtbar sind. Der Name ist jedenfalls ein sehr alter, denn er war schon zur Zeit der griechischen Ansiedelung bekannt und wurde nachmals in Soldaja oder Sougdaia verwandelt. Im neunten Jahrhunderte hatte die Stadt eine solche Blüthe erreicht, daß ihr Name auf alle griechischen Besitzungen der Halbinsel ausgedehnt wurde. Aufs Neue blühte sie unter der Herrschaft der handelsthätigen Genuesen empor und die großartigen Ruinen mit den noch wohl erhaltenen Mauern und festen Thürmen geben einen großen Begriff von der Macht dieser Colonie. Wenn man zu der zerstörten Stadt hinauf steigt, kommt man an einem türkischen Brunnen vorbei, den man durch das Einmeißeln eines heiligen Michael von grober Arbeit zu einem christlichen umgewandelt hat. Die Festung war ehemals mit Gräben umgeben, die die Zeit ausgefüllt hat, doch ist der Boden der Citadelle, ähnlich wie in Balaklawa, an einigen Orten steil abfallend, und da, wo die Mauern über den niedrigern Theil wegführen, war die Befestigung stärker, denn noch sieht man an diesen Orten Spuren größerer Bauwerke; unter ihnen zwei verfallene Casernen, die von den Trümmern früherer Befestigungen erbaut zu sein scheinen. Große Cisternen mit zweckmäßig angelegten Wasserleitungen, eine Moschee und einige neuere, aber ebenfalls verlassene Gebäude sind Alles, was von der großen reichen Stadt Su-Dagh, dem durch große Fruchtbarkeit sehr begünstigten Handelsorte übrig ge- blieben ist. Weinberge und Obstgärten gewähren jetzt den Bewohnern des Thales einen namhaften Ertrag und Handelszweig und wer das Thal in seiner größten Schönheit sehen will, muß es im Frühjahre besuchen, wo die Mandel- und Pfirsichbäume in ihrer Blüthe der Gegend einen eignen Reiz verleihen.

 

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Als Nachtrag mögen einige der allgemeinern Verhältnisse der Halbinsel hier noch Platz finden. Die Krim bildet einen Theil des Gouvernements Taurien und wird in vier Kreise eingetheilt, welche nach den Städten Simpheropol, Eupatoria, Feodosia und Perekop benannt sind.

 

Die Bevölkerung besteht zum größten Theile aus Tataren, die fast acht Neuntel der ganzen Bewohner ausmachen und fast in allen vier Provinzeu gleichmäßig vertheilt sind. Nach einer Tabelle, die Fürst A. v. Demidoff über die Bevölkerung vom Jahre 1837 in seinem Reisewerke veröffentlicht und die aus den sichersten Quellen geschöpft ist, zerfällt sie in folgende Zahlen:

 

Kreise

 

Priester

 

Bauern

 

Fremde

Im Ganzen

 

Edelleute

Mullahs

Griechen

Tataren

Russen

Colonisten

 

Simpheropol

365.

1540.

6.

27,444.

1572.

1128.

32,055.

Eupatoria

557.

1255.

-

17,503.

174.

-

19,489.

Feodosia

78.

1037.

14.

21,321.

959.

1755.

25,164.

Pereskop

123.

1536.

-

24,410.

146.

-

26,215.

 

1123.

5368.

20.

90,678.

2851.

2883.

102,923.

 

 

Hierzu kamen nach ungefährer Schätzung die Zahl des weiblichen Geschlechts mit . . . . 82,843.

Die karaitischen Juden . . . . . . . . . 1,383.

Die rabbinischen Juden . . . . . . . . 325.

Griechen und Armenier . . . . . . . . 2,589.

Es betrug sonach die Gesammtzahl der Einwohner der Halbinsel . . . . . . . 190,063.

 

Diese Zahl ist jedenfalls in den verflossenen siebzehn Jahren bedeutend gewachsen, doch jedenfalls weniger in den tatarischen, als besonders in den russischen Bewohnern und durch europäische Einwanderer. —

 

Was die Abwechselungen des Klimas betrifft, so werden diese selbst von ziemlich unterrichteten Personen übertrieben und Extravaganzen in Kälte und Wärme, wie sie nur das Steppenland im Norden der Halbinsel aufzuweisen vermag, als für das ganze Land gültig angenommen. Der Unterschied der mittlern Temperatur auf beiden Seiten der krim‘schen Gebirgskette, d. h. in der Gegend, wo wir fast sämmtliche Städte und fremde Colonisation antreffen, ist nicht so bedeutend; denn während in Nikita die mittlere Temperatur 10° durchschnittlich ist, beträgt dieselbe jenseits der Berge in Simpheropol durchschnittlich 8°.

 

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Der Herr Baron von Haxthausen hat in seinem Werke: Studien über Rußland etc. etc. Einiges über die Zukunft der russisch-pontischen Lande und über ihr Gewerbs- und Handelsleben gegeben, das wir seines besondern Interesses wegen hier im Auszuge nachfolgen lassen.

 

Es ist den pontischen Landstrichen für die Zukunft gewiß eine welthistorische Bedeutung für das übrige civilisirte Europa vorbehalten. Es wird einmal eine Zeit erscheinen, wo dieses Europa trotz des Aderlasses der Auswanderungen doch so übervölkert sein wird, daß es ohne Getreidezufuhren von außen seine betriebsamen Einwohner nicht wird ernähren können. Dann werden ihnen zunächst zwei Kornkammern zu Gebote stehen und Hilfe zu bringen vermögen, Nordamerika und das Land der schwarzen Erde im mittlern und südlichen Rußland. In diesem letztern liegen mit Inbegriff des noch nicht angebauten oft trefflichen Steppenbodens 20—25,000 Quadratmeilen des fruchtbarsten Landes, mit wenig Bevölkerung und auch ohne Aussicht, im nächsten Jahrhundert viel stärker bevölkert zu werden, da gewisse Hindernisse dies fast unmöglich machen. Hier werden sich nun unermeßliche Kornmagazine für Europa bilden, wenn erst die Verbindungsmittel nach der Steppe der Art organisirt sind, daß die Vorräthe zu jeder Jahreszeit und ohne zu großen Zeit- und Kostenaufwand in die Häfen des schwarzen und Asow‘schen Meeres gebracht werden können. Wenn dann der Handel, der ja bereits einen bedeutsamen Aufschwung zu nehmen scheint, sich geregelt und befestigt haben wird, werden bald noch andere Handelszweige und Verbindungen sich hier anknüpfen; es könnten sich Handelswege in das mittlere Asien eröffnen und selbst, wenn ordentliche Wege durch Sibirien geführt, der Don und die Wolga durch einen Canal oder eine Eisenbahn verbunden würden, ein Theil des chinesischen Handels den Weg zum schwarzen Meere finden und von hier weiter suchen. Welche Bedeutung haben aber diese Gegenden für Rußland selbst und wie läßt die Gegenwart ahnen, was sie zukünftig für das große Reich sein werden!

 

Sehen wir auf die Karte Rußlands. Der nördliche Theil, die Region der Wälder, führt seine Producte theils über Archangel dem Nordmeere, mehr aber noch auf den nördlichen und nordöstlichen Zuflüssen der Wolga zu, welche durch ihre Verbindungen mit Petersburg und der Ostsee sie nach Westen oder abwärts nach Süden bringt. Die gewerbfleißigen Gegenden Mittelrußlands bringen fast alle Producte

 

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auf diese Hauptlebensader des großen Landes und finden so bis über den kaspischen See hinaus und bis zur Ostsee ihre Abnahme. Die fruchtbaren Landstriche an der Wolga und ihren südlichen Zuflüssen bringen ihre Bodenerzeuguisse auf diesem Wasserwege zu den weniger fruchtbaren und gewerblichen Gegenden und schicken ihren Ueberfluß nach Petersburg und Astrachan. Nun aber giebt es eine ungeheuere Landfläche des fruchtbarsten Bodens unterhalb Pensa bis Kiew, deren sämmtliche Ströme nicht mehr dem Norden oder Osten zufließen, sondern sich dem Süden zuwenden und nur im schwarzen Meere den einzigen naturgerechten Abzugsweg für die Producte dieses Landes finden. — So lange die Küsten des Pontus und der Steppen noch nicht zu Rußland gehörten, konnten die trefflichen Landstriche des südlichen Binnenlandes nicht gedeihen und ihre Bebauung und Bevölkerung begann erst mit dem unangefochtenen Besitze der Südküsten bedeutend vorwärts zu schreiten. Aber nicht allein für die südrussischen Lande sind die pontischen Häfen ein unberechenbarer Vortheil, auch die polnischen Provinzen und Ostgalizien, die früher keine andern Wege für ihre Bodenproducte als jene nach den entfernten Häfen der Ostsee kannten, haben ihre Ausfuhr nach den Häfen des schwarzen Meeres gerichtet und alles Getreide, das noch vor 70 bis 80 Jahren nach Danzig, Königsberg, und Memel ging, geht gegenwärtig nach Odessa.

 

Wie günstig für den Handel die Häfen der Krim und der Nordküste des Pontus und des Asow‘schen Meeres gelegen sind, beweist am besten die Geschichte von den urältesten Zeiten an und alle Ansiedelungen der Griechen, Römer und Genuesen geschahen im Interesse des Handels. Nur unter der indolenten Herrschaft der Türken sanken alle die berühmten Handelsorte herab oder verschwanden ganz. — Kaum aber hatten die Russen diese Küsten in Besitz, so entstanden an allen Flüssen und Buchten neue Städte oder die herabgekommenen blühten neu empor. Ismail, Akjermann, Odessa, Nikolajew, Cherson, Eupatoria, Sewastopol, Jalta, Feodosia, Kertsch, Taganrog und Rostow am Meere und Kischenew und Jekaterinoslaw im Innern sind Zeugen des großartigen Handelsaufschwunges. Die zwölf Küstenstädte, von denen die früher bestehenden vor 80 Jahren nur wenige Hunderte von Einwohnern hatten, besitzen jetzt gegen 300,000 Einwohner, davon Odessa, das im Jahre 1792 durch Admiral Rivas gegründet wurde, allein 90,000. Hier hat Rußland Außerordentliches geleistet. Es wäre aber dem Gouvernement nimmermehr gelungen,

 

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diese Städte und ihren mächtigen Handel hervorzurufen, wenn nicht das große Bedürfnis; dieser Handelswege schon vorhanden gewesen, das kaum angeregt zu werden bedurfte, um sich in diese neuen Bahnen zu begeben. — Die Städte im Innern des südlichen Binnenlandes sind, wenn sie an Flüssen liegen, Märkte, Sammelorte und Zwischenträger für die Häfen oder sie sind blos Sitze für die Behörden und dann unbedeutend.

 

Die russisch-pontischen Handelsstädte, Odessa nicht ausgenommen, führen fast nur Rohprodukte aus, namentlich Getreide, Talg und Leder, während die Einfuhr europäischer Waaren und Fabrikate noch schwach und nicht besonders organisirt ist. Die Waaren Europas, besonders Luxusartikel sind nur in schlechter Auswahl und sehr theuer zu erhalten und die Hafen beherrschen ihr Handelsgebiet noch so schlecht, daß bis in die Steppen hinein jeder seinen Bedarf über St. Petersburg bezieht und doch den Freihafen von Odessa in der Nähe hat.

 

Betrachten wir die Zusammensetzung der Bevölkerung in diesen Handelsstädten, so finden wir, daß dieselben keine nationalrussischen Städte sind, die Russen in denselben sogar sowohl an Zahl, als besonders in socialer Bedeutung sehr in der Minorität bleiben. Es handelte sich anfangs bei der Regierung nur darum, diese Städte überhaupt zu bevölkern und man war daher nicht wählerisch in der Annahme der Ansiedler, die aus jeder Nation, von jedem Stande und ohne Bürgschaft ihrer Sittlichkeit aufgenommen wurden. Es zeigt sich daher an diesen Küstenpunkten das bunteste Gemisch aller Nationalitäten, zu dem die verschiedensten Länder Europas, Asiens, Afrikas und selbst Amerikas ihren Beitrag lieferten und unter ihnen jede Art von Glaubensbekenntnissen und Sekten. Odessa, das größere Spiegelbild der andern, besitzt Auswanderer aus den Alpen, den Pyrenäen und vom Ararat, aus Schweden, Malta, Aegypten, von den balearischen und von den Archipel-Inseln, aus New- York, Frankreich, Italien, Deutschland. Wir finden hier Slawen Groß- und Kleinrußlands, Ruthenen, Polen, Serben u. s. w., rabbinische und karaitische Juden in großer Anzahl und von großem Einflusse, Armenier und manche der kaukasischen Stämme. Wo diese Nationalitäten in großer Masse sich vorfinden, haben sie sich nach ihren Neigungen und Geschicklichkeiten in den Verkehr getheilt und wir sehen z. B. in Odessa die Dalmatier und Slawen als Hafenarbeiter, die Zigeuner als Schmiede,

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die Karaiten als Händler mit Tabak und orientalischen Waaren, die Talmudisten als Banquiers, Mäkler und Zwischenhändler, die Schweizer als Uhrmacher u. s. w. Der Haupthandel ist meist in den Händen der Griechen, Italiener und Deutschen.

 

Ob sich aus diesem Gewirre an den verschiedenen Orten einst eine bestimmte Nationalität ausprägen wird, ist schwer zu entscheiden, denn dies findet stets nur da statt, wo Einheit der Sprache oder gleiche Religionsansichten vorhanden sind. An den kleinern Orten wird stets das am zahlreichsten vertretene oder das handelsthätigste Volk die Oberhand haben. Ein bemerkenswerther Gegensatz besteht gegenwärtig zwischen der Bevölkerung und der Cultur der Handelsstädte und den Orten im Innern und läßt erstere als exotische Pflanzen in einem fremden Lande erscheinen.

 

Wenn wir nun die Entwickelung des Verkehrs, des Handels, Reichthums und überhaupt des gesellschaftlichen Lebens in Betracht ziehen, so stehen unbedingt die Städte voraus, wo das russische Element nicht vorherrscht. Wir finden den auswärtigen Handel fast ganz in den Händen der Ausländer. Die ausschließlich russischen Städte entwickeln sich so langsam und schwach, daß ein merkliches Fortschreiten kaum sichtbar ist; dies wird um so auffälliger, wenn wir russische Städte betrachten, die mit den von Fremden bewohnten Küstenhandelsstädten ganz gleiche Lage und Stellung haben. Vor allen Nationen sind es die Armenier, die sich durch ihre Handelstalente auszeichnen und besonders den Städten der innern Krim, in denen sie sehr verbreitet sind, einige städtische Bedeutung verleihen, die ohne sie ärmliche Tatarendörfer sein würden.

 

In allen den Handelsstädten ist es aber eben nur der Handel, und eigentlich auch nur der auswärtige, auf dem der gegenwärtige Wohlstand beruht. Das Handwerkswesen, sonst ein so wesentlicher Bestandtheil des Stadtlebens, tritt in den Städten Südrußlands ganz in den Hintergrund. In Mittel- und Westeuropa haben sich die Städte ruhig und langsam entwickelt, das Handwerkswesen war ihre Basis und nicht der Handel, und Handwerker galt und gilt gleichbedeutend mit Bürger. Der Handel hat etwas Aristokratisches, er ist eher ein Spiel, ein Wagniß, als eine Mühe und Arbeit. Der Handwerksstand ist in den alteuropäischen Städten die Hauptmasse der städtischen Bevölkerung, der Kaufmannsstand bildet nur die höhere, wenig zahlreiche Bewohnerklasse der Städte, nicht ihre Basis.

 

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Das germano-romanische Zunftwesen existirt in den südrussischen Städten fast gar nicht; es ist dem Charakter des slawischen Stammes nicht angemessen. Eine auffallende Erscheinung ist aber, daß in den Hafenstädten, die eine fremdländische Bevölkerung haben, das Handwerksleben nicht aufblühen will. In Odessa hat das Gouvernement das Zunftwesen eingerichtet, sonst wäre es nicht entstanden. Doch hat es bei seiner großen Volkszahl in 36 angeordneten Zünften nur 1035 Meister mit 3752 Gesellen. Um ein Beispiel aus der Krim zu nehmen, so hat das lebhafte Karasubazar bei 12,000 Einwohnern nur 244 Handwerker, Meister wie Gesellen. Aber auch ein etwas thätiges, großartiges Fabrikleben hat sich in jenen Gegenden noch nicht ausgebildet und nur in den größern Hafenstädten giebt es einige wenige Fabriken. In Kertsch z. B. bestehen nur drei ziemlich unbedeutende Fabriken. Karasubazar macht eine merkwürdige Ausnahme, denn es besitzt 97 kleine Fabriken mit 377 Arbeitern. Die Fabriken sind durchschnittlich sehr unbedeutend, genügen nur den gröbsten Lebensbedürfnissen der Orte selbst, ohne etwas in den Handel zu liefern und haben oft nur 5 bis 7 Arbeiter.

 

Die schöne und große Bestimmung, die Mittelpunkte des Verkehrs nach innen und außen, des Austausches von Arbeiten, Capitalien und Vortheilen für die Nachbarschaft zu sein, erfüllen daher die südrussischen Städte noch keineswegs und selbst der Handel nach außen steht noch in vielen Dingen nicht auf der Höhe der Zeit. Auch der Kleinhandel oder Kramhandel ist gering und viele Städte haben gar keine offenen Läden. Auch darin zeichnet sich Karasubazar aus; es besitzt 914 offene Läden, während Baktschiserai nur 542, Odessa 713 und Taganrog 426 bat. Die Jahrmärkte, die alle Städte haben, sind meist nur auf den innern Handel gerichtet und der Zuzug zu ihnen wie der Umsatz höchst unbedeutend.

 

Wenn nun, wie aus dem oben Angeführten ersichtlich ist, der Handel das schnelle Emporblühen der Hafenstädte bewirkt hat und überhaupt zu den Hauptquellen des Volkswohlstandes gehört, so ist doch auf ihn allein die wahre Cultivirung eines rohen Landes und zurückgesunkener Volksstämme nicht zu basiren. Schon seit Jahrtausenden blühte der Handel an den taurischen Küsten und doch war nichts zur Cultur der Steppen geschehen und als der Handel später gestört ward, verfiel Alles wieder in tiefe Barbarei und Nacht.

 

Will daher die russische Regierung diese Länder ihrer wahren Bestimmung entgegen führen,

 

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so kann es nur durch richtige landwirthschaftliche Bodencultur in allen ihren Richtungen und allen mit ihr zusammenhängenden Institutionen geschehen und wie wohl dies von dem Gouvernement erkannt worden, haben wir bereits durch die Aufmunterung und Unterstützung gesehen, die sie der Landwirthschaft und dem Garten-, Obst- und Weinbau angedeihen läßt.

 

 

 

Meißen,

Druck von A. C. Cato.

 

 

 

 

Quelle:

 

Serie/ Reihe: Europa‘s brennende Fragen. Beiträge zur Zeitgeschichte in ihren wichtigsten Ereignissen. Teil 4: Die Krim

Verlagsort: Leipzig | Erscheinungsjahr: 1854 | Verlag: Romberg | S. 1-116

 

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Signatur: Regensburg, Staatliche Bibliothek -- 999/Hist.pol.5,475

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