Auszug aus Ferdinand Eichwede "Beiträge zur Baugeschichte der Kirche des kaiserlichen Stiftes zu Königslutter"

"BEITRÄGE ZUR BAUGESCHICHTE DER KIRCHE DES KAISERLICHEN STIFTES ZU KÖNIGSLUTTER

DISSERTATION ZUR ERLANGUNG DER AKADEMISCHEN WÜRDE EINES DOKTOR-INGENIEURS
EINGEREICHT VON DIPL.-ING. FERDINAND EICHWEDE
GENEHMIGT VON DER KÖNIGL. TECHN. HOCHSCHULE ZU HANNOVER
REFERENT:           PROFESSOR H. STIER
KORREFERENT:  PROFESSOR Dr. HOLZINGER

HANNOVER DRUCK VON CARL KÜSTER. 1904


MEINEN LIEBEN ELTERN IN DANKBARKEIT GEWIDMET

Inhaltsverzeichnis.
1) Einführung.
2) Die Arbeiten des Meisters Nicolaus.
    A. in Ferrara                                                                              pag.  3
    B. in Verona
        a. am Dom                                                                                     4
        b. an San Zeno Maggiore                                                                 5
    C. in Modena                                                                                      6
3) Königslutter.
    I. Skulpturelles                                                                                    9
        a. Bogenfriese                                                                               12
        b. Blattbildungen                                                                            13
        c. Säulenkapitäle                                                                            14
        d. Säulenschäfte                                                                             16
        e. Menschliche Figuren und Köpfe                                                   19
        f. Portallöwen                                                                                21
        g. Die Inschrift an der Apsis der Stiftskirche zu Königslutter               23
     II. Architektonisches                                                                         28
4) Schluss                                                                                             37

Einführung.
      Künstlerischen Studien in der Lombardei nachgehend,
wurde ich gelegentlich der Betrachtung des Hauptportales
am Dome zu Verona auf gewisse dort vorkommende Motive
aufmerksam, welche in augenfälliger Ähnlichkeit in dem
ornamentalen Schmuck der Stiftskirche zu Königslutter ent-
halten sind.
       Nähere Studien dieses reichgeschmückten Portales wie
der Umstand, dass es laut Inschrift bereits im Jahre 1135,
also vor der Begründung der Stiftskirche zu Königslutter
erbaut worden ist, ergaben die überraschende Gewissheit,
dass wir in den Details dieses Portales Vorbilder für gewisse
Schmuckteile der Stiftskirche zu Königslutter zu suchen haben,
und es lag die Vermutung nahe, dass der in künstlerischer
Vollendung in Niedersachsen einzig dastehende Formen-
reichtum der Stiftskirche zu Königslutter in seinem ganzen
Umfange auf lombardische Vorbilder zurückzuführen sei.
       In weiterer Verfolgung dieser am Domportale zu
Verona aufgefundenen, mit Königslutter verwandten Spuren
an anderen Kirchenbauten dieser Zeit, zunächst in Verona
selbst und sodann im nördlichen Italien überhaupt, fand ich


2
in San Zeno Maggiore zu Verona eine Reihe von Einzel-
formen, die als Ergänzung zu dem am Dom dort Gefundenen
mich nunmehr jedes Zweifels behoben, dass von hier aus
direkteste Beziehungen zu Königslutter bestanden haben
mussten. Weitere besonders interessante Resultate lieferte
dann der Dom zu Ferrara, indem ich hier nicht allein
wieder neue verwandtschaftliche Formen mit denen von
Königslutter vorfand, sondern auch zu der Überzeugung ge-
langte, dass die fraglichen Arbeiten dieser drei italienisclıen
Kirchen, sowie der ganze bildnerische Schmuck von Königs-
lutter, nur ein und desselben Meisters Werk sein konnten.
Schliesslich liess sich die Tätigkeit dieses Meisters noch an
den Domen zu Modena und Piacenza erkennen. An dem
erstgenannten Bau, anscheinend seinem frühesten Arbeits-
felde, können wir ihn jedoch nur als Gehülfen vermuten.


Meister Nicolaus.*)
        An den Domen zu Ferrara, Verona und San Zeno
Maggiore zu Verona finden wir bei den hier in Frage
kommenden Arbeiten Inschriften eingemeisselt, die in eigen-
artiger Weise auf die Tätigkeit ihres Urhebers Bezug
nehmen. Als „Meister Nicolaus, der dies herrliche Werk
vollbracht hat und den wir alle loben sollen" - mit
solchen und ähnlichen Lobeserhebungen verkündet dieser
eigenartige Künstler an den genannten Bauten seinen Namen
und sucht seine Mitmenschen und die Nachwelt von dem
Werte seiner Leistungen in naiv origineller Weise zu über-
zeugen.
       Als frühestes Werk, an welchem die Tätigkeit des
Meisters Nicolaus durch Inschrift gesichert ist, müssen wir
den grossen Portalbau am Dom zu Ferrara ansehen. Ob
der als Baumeister der Kirche genannte Meister Nicolaus

*) Die Tätigkeit des Meisters Nicolaus in ltalien soll hier nur in-
soweit berücksichtigt werden, als es für das Verständnis der nachfolgenden
Betrachtungen erforderlich ist. Eine ausführliche Abhandlung über die
Arbeiten dieses Meisters bringt Zimmermann in „Oberitalische Plastik im
frühen und hohen Mittelalter, Verlag von A. G. Liebeskind, Leipzig 1897.

4
aus Ficarolo identisch ist mit unserem Meister Nicolaus, mag
dahingestellt bleiben; jedenfalls - und das ist für uns besonders
wichtig - ist der gesamte bildnerische Schmuck dieser Kirche,
selbstredend nur soweit der alte Bau noch vorhanden ist,
allein sein Werk und zum mindesten auch der Aufbau der
beiden grossen Löwenportale, die sich an der West- und
Südfront erheben (letzteres ist jetzt abgebrochen).
Aus der Inschrift am Westportale:
„ANNO MILLENO CENTENO TER QUOQUE DENO
QUINQUE SUPERLATIS STRUITUR DOMUS HEC
                                                PIETATIS
ARTIFICEM GNARUM QUI SCULPSERIT HEC NICO-
                                                LAUM
HUC CONCURRENTES LAUDENT PER SECULA
                                                GENTES“.
(Im Jahre eintausend einhundert dreissig
und noch dazu fünf wird erbaut dies Gotteshaus.
Den kundigen Künstler Nicolaus, der dies ausgehauen hat,
mögen alle Menschen, die hier zusammenkommen, durch
                                                Jahrhunderte loben.)
entnehmen wir den Abschluss seiner dortigen Tätigkeit mit
dem Jahre 1135.
            Wir müssen annehmen, dass nach Vollendung dieser
Arbeiten der Meister nach Verona übergesiedelt ist, wo ihm
bei den Umbauten des Domes und San Zeno Maggiore's,
die in diesen Jahren ausgeführt sein sollen, erneute Be-
schäftigung zuteil wurde.
            Der gewaltige Portalbau des Domes zu Verona, dessen
Erbauung dem Meister Nicolaus gelegentlich der Erweite-
rung des Domes gesondert übertragen zu sein scheint, zeigt


5
im Aufbau wie in den Details im wesentlichen dieselben
Formen wie das grosse Westportal des Domes zu Ferrara.
Die Freude am Ornamentieren der Bauglieder, ja aller
Flächen, tritt hier noch stärker hervor als dort, doch zeigt
sich hie und da schon mehr Klarheit und Zusammen-
hang in der Komposition der zur Darstellung gelangten
Szenen. Übrigens scheint die Errichtung dieses Portales mit
gewisser Hast betrieben zu sein, wenigstens hat der Meister
sich dazu verstanden, Werkstücke eines älteren Baues wieder
zu verwenden; besonders auffällig tritt uns dies bei den
zur Einwölbung des grossen unteren Tonnengewölbes zu-
sammengetragenen ornamentierten Friesstücken entgegen. -
Auch hier wieder eine Inschrift des Meisters, dessen Wort-
laut mit der zweiten Hälfte derjenigen des Domes zu Ferrara
wörtlich übereinstimmt:
„ARTIFICEM GNARUM QUI SCULPSERIT HEC NICO-
                                                   LAUM
HUC CONCURRENTES LAUDENT PER SECUIA
                                                   GENTES“.
An diese Arbeit wird sich vermutlich der Portalbau
von San Zeno Maggiore unmittelbar anschliessen. Wiederum
wird ihm hier die Ausgestaltung des Portalbaues an der
Westfacade anvertraut, der mit Recht als ein Meisterwerk der
Bildhauerkunst jener Tage weit und breit genannt wird.*)

*) An den seitlich des Portales befindlichen Figurenfeldern, auf
denen Szenen aus dem alten und neuen Testamente, sowie aus der
Tlıeoderich-Sage dargestellt sind, nennt sich ausser Meister Nicolaus noch
der Meister Wiligelmus. Ob dieser, wie von verschiedenen Seiten an-
genommen wird, mit dem am Dome zu Modena durch Inschrift ge-
nannten Meister Wiligelmus identisch ist, erscheint mir zweifelhaft.


6
Die Inschriften des Meisters Nicolaus im Tympanon und an
einer Darstellung des rechten Figurenfeldes lauten:
„ARTIFICEM GNARUM QUI SCULPSERIT HEC NlCO-
                                                   LAUM
OMNES LAUDEMUS CHRISTUM DOMINUMQUE RO-
                                                   GEMUS
CELORUM REGNUM SIBI DONET UT IPSE SUPERNUM“.
         (Den kundigen Künstler Nicolaus, welcher dies aus-
gehauen hat, lasst uns alle loben und Christum den Herrn
bitten, dass er selbst ihm das himmlische Reich schenken
möge.)
„HlC EXEMPLA TRA(H)l POSSUNT LAUD(I)S NlCOLAl“.
         (Hier kann man Beispiele für den Ruhm des Nicolaus
gewinnen.)
          Ausser diesem glänzend ausgestatteten Portalbau sind
ohne Frage von unserem Meister die bei der Verlängerung
des Langhauses erforderlich gewordenen vier Kapitäle aus-
geführt, die den herrlichsten Skulpturenschmuck im Inneren
der Kirche bilden. Schwerlich wohl vermag Italien diesen
Arbeiten in der Blütezeit der romanischen Kunst etwas
Gleiclıwertiges an die Seite zu stellen. - Im Jahre 1139
scheint der Umbau von San Zeno vollendet gewesen zu sein.
         Neben diesen drei grossen Werken des Meisters Nico-
laus, an denen seine Arbeit durch Inschriften gesichert ist,
habe ich noch am Dome zu Modena ornamentale Arbeiten
gefunden, die meines Erachtens seiner Hand zuzuschreiben
sind. Was der Meister hier geschaffeıı, ist ohne weiteres
nicht zu ersehen; wohl aber vermögen wir Rückschlüsse zu
ziehen, indem wir seine späteren Arbeiten, besonders die in

7
Ferrara und Verona, mit den Bildhauerarbeiten des Domes
zu Modena vergleichen. Wenngleich seinen späteren Leist-
ungen gegenüber das, was uns hier als seine Arbeiten an-
spricht, noch unreif und schülerhaft erscheint, so besitzen
diese doch schon vieles von der selbständigen Auffassuııg,
die seinen späteren Schöpfungen eigen ist. Dem damals
jedenfalls noch jungen Bildhauer hat man im wesentlichen
die Ornamentierung der Kapitäle an der äusseren Gallerie
zugewiesen. Ferner dürfte ihm die Ausbildung oder wenig-
stens doch die Ornamentierung des Südportales zuzuschreiben
sein; jedenfalls ist diese Anlage für seine späteren grossen
Portalbauten in Ferrara und Verona vorbildlich gewesen.
        Sowohl die genannten Kapitäle, wie die Säulen an den
Laibungen des Südportales zeigen unverkennbare Überein-
stimmungen mit gleichen Teilen der Dome zu Ferrara und
Verona (vergl. Tafel V, Abbildung 4 und 6

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-4-Modena-Dom-IMG-5864-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-6-Ferrara-Dom-IMG-6770-Foto-2013.jpg

 

und Tafel VI, Abbildung l, 2 und 3;

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VI-Abb-1-Modena-Dom-IMG-6030-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VI-Abb-2-Ferrara-Dom-IMG-6314-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VI-Abb-3-Verona-Dom-IMG-7872-Foto-2013.jpg

a, b und c), ferner deuten die Köpfe
Tafel VIII, Abbildung 7 und 8, wie auch 10 und 11 auf die
Hand desselben Meisters hin. (Vergl. auch die Profilbildungen
Abbildung 5 des Textes.)
        Die am Dome zu Modena erwähnte Jahreszahl 1099
dürfte den Beginn der Umbauten am Dome bezeichnen,
sodass wir die Erstehung seiner Arbeiten hier in die erste
Zeit des zwölften Jahrhunderts zu setzen haben.*)

*) In Handbüchern werden bei Besprechung des Domes zu Modena
als Meister der dortigen Skulpturen Wiligelmus und Nicolaus genannt,
auch auf Abbíldungen des Domes finden wir beide Namen verzeichnet;
doch habe ich den Namen „Nicolaus“ in einer Inschrift nicht feststellen
können.

8
Gewisse Beziehungen zu den Arbeiten des Meisters
Nicolaus haben ohne Frage auch die beiden Nebenportale
des Domes zu Piacenza, doch stehen diese Arbeiten nicht
auf der künstlerischen Höhe der hier besprochenen Portal-
bauten, sodass wir sie nicht als eigene Sclıöpfungen unseres
Meisters anzusprechen vermögen.


Königslutter.

I. Skulpturelles.
          Unser Pfad führt uns nunmehr nach Königslutter.
          Bei Anerkennung meiner vorstehenden Darlegungen
werden die über die Entstehungszeit der Stiftskirche und
insbesondere ihrer Ornamentik bisher geltenden Annahmen
eine erhebliche Verschiebung erfahren müssen.
          Da die Entstehungsgeschichte der Stiftskirche zu Königs-
lutter in der zweiten Abteilung dieses Abschnittes behandelt
werden soll, sei hier nur darauf hingewiesen, dass die Da-
tierung der Ornamentik gegen das Ende des 12. Jahrhunderts,
wie bisher geschehen, unhaltbar wird, weil wir mit dem
Lebensalter des Meisters Nicolaus zu rechnen haben, und
dieser bereits zu Anfang des 12. Jahrhunderts als Bildhauer
am Dome zu Modena tätig gewesen ist. - Er wird dem-
nach um die Mitte des 12. Jahrhunderts bereits ein Greis
von etwa 70 Jahren gewesen sein müssen.
         Gelangen wir aber zu der Überzeugung, dass wir auch
die ornamentale und bildnerische Ausgestaltung der Kirche
zu Königslutter unserm Meister zu danken haben, so müssen
wir annehmen, dass er bald nach Vollendung seiner Ar-
beiten in Verona nach Königslutter übersiedelt ist und dort
während der nächsten Jahre gearbeitet hat. - Die Ent-

10
stehungszeit der Ornamentik der Stiftskirche zu Königslutter
wird danach um etwa 40 Jahre früher als bisher zu da-
tieren sein.
          Nun zu seinem Werke selbst.
          Es scheint, dass der Meister, während der Bau der
Stiftskirche bereits iın Entstehen war, nach Königslutter be-
rufen worden ist, um diesen bedeutendsten niedersächsischen
Kirchenbau der Zeit, jene Stiftung Kaiser Lothars, mit reichem
bildnerischen Schmuck zu versehen. Freilich, die nüchternen
Bruchsteinwände einer niedersächsischeıı Basilika boten ihm
dazu wenig Gelegenheit. Weit bescheidener als bei den
italienischen Bauten waren hier die Dimensionen, besonders
mangelte es sehr an der Höhenentwickelung. Ihm fehlte
der schöne Veroneser Marmor; statt dessen stand hier allein
ein stark löcheriger grobstruktierter Kalkstein zur Verfügung,
in allem galt es also sich anpassen und einschränken. Der
Wert der Arbeiten musste auf wenige Einzelheiten konzen-
triert werden.
            Der Glanzpunkt der Stiftskirche zu Königslutter, ja das
Glanzwerk unseres Meisters überhaupt, ist seine Ausgestaltung
der Apsis, insbesondere der grosse Bogenfries. Vermissen
wir an seinen früheren Werken wohl mehr oder minder
den grossen einheitlichen Zug in der Komposition, und
ınacht sich an Stelle dessen der Hang zu äusserlicher
Dekoration geltend, so erleben wir hier eine künstlerische
Steigerung, die in klarbewusster Durchführung eines sinn-
reichen Grundgedankens, wie in massvoller und harmonischer
Verteilung der Ornamentik zur glatten Fläche, sich als eine
besonders abgeklärte Schöpfung darbietet. Ziehen wir dazu

11
das hohe technische Können, ein für damalige Zeit ausser-
ordentliches Formengefühl und vor allem eine solch glänzende
stilistische Auffassung des Meisters mit in Betracht, so müssen
wir uns hier zu einem Werke bekennen, dass sich zu einer
der vollendetsten Schöpfungen der romanischen Stilepoche
erhebt. ln dem künstlerischen Werdegange des Meisters
bedeutet dieses Werk zweifellos den Höhepunkt. Eine
Steigerung erscheint hier, abgesehen von kleinen, für den
Gesamtwert der Arbeit aber völlig unerheblichen Un-
beholfenheiten, kaum noch möglich.
           Es ist begreiflich, dass Kunstforscher, denen ein An-
halt über die Herkunft dieses Werkes fehlte, eine solche
ausgereifte Schöpfung in die späteste Zeit des romanischen
Stiles datierten, und somit deren Entstehungszeit an der
Schwelle des 13. Jahrhunderts allgemein anerkannt worden ist.
           Als weitere Arbeiten unseres Meisters an dieser Kirche
koııımen noch in Betracht das Löwenportal, ein Werk von
gleich künstlerischem Werte wie der herrliche Bogenfries,
eine stattliche Reihe reicher antikisierender Kapitäle im
Innern der Kirche, die mit reichen Akanthusblattrosetten
geschmückten Schlusssteine der Gewölbe und ferner der
doppelschiffige Kreuzgang am südlichen Seitensclıiff, der
sich einer hohen Berühmtheit erfreut.
           Auf den nachfolgenden Tafeln sind die uns interes-
sierenden Einzelformen der fünf in Frage kommenden Bauten
zusammengestellt, um einen genauen Vergleich zwischen den
italienischen und den Arbeiten zu Königslutter im einzelnen
durchführen zu können, und damit den Beweis für die Richtig-
keit meiner im Vorstehenden dargelegten Auffassung zu
erbringen.

12
Die Tafeln I und II zeigen den grossen Bogenfries an
der Apsis zu Königslutter und einen nämlichen vom Portale
des Domes zu Verona.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-II-Abb-1-Verona-Dom-IMG-7816-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-II-Abb-2-Verona-Dom-IMG-7820-Foto-2013.jpg


           Schon die Wiederkehr derselben, am Domportale zu
Verona zum Ausdruck gebrachten Idee, die Darstellung eines
Jagdzuges in den Öffnungen eines Bogenfrieses, ist auffällig
genug, um sofort an Königslutter erinnert zu werden; eine
Betrachtung der Einzelheiten dieses Frieses aber erbringt
bereits den augenfälligsten Beweis, dass zwischen diesen
Werken direkteste Beziehungen bestanden haben müssen.
Wir finden an beiden Friesen den auf dem Horn blasenden
Jäger, den verfolgenden Hund, den gejagten Hirsch und den
vom Hunde gepackten Hasen.
           Es sei hier erwähnt, dass unser italienischer Meister
ähnliche Darstellungen einzelner jagender und gejagter Tiere
an seinen beiden Portalbauten in Verona wiederholt ange-
bracht hat; auch diese tragen mehr oder minder denselben

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.1.jpg

Abb. 1. Domportal zu Verona

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Verona_1982.jpg

Einfügung: Aufnahme durch Otto Kruggel 1982 am Domportal zu Verona

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Koenigslutter_2012.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv Foto 2012

 

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.2.jpg

Abb. 2. Domportal zu Verona



Ausdruck wie die der beiden Friese. - In den Abbildungen
1 und 2 des Textes sind zwei dieser Tiere vom Domportale
zu Verona, ein Hund und ein Schwein, dargestellt, die beide
des Vergleiches mit Königslutter besonders wert sind.

13
Abwechselnd mit den Tierdarstellungen sind die Bogen-
felder der Friese durch reichausgebildete Rosetten geschmückt,
die der Meister schon am Dome zu Ferrara, wie auch an den
beiden Portalen zu Verona, ınit Vorliebe verwendet hat (vergl.
hierzu noch die Abbildung 3 des Textes).

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.3.jpg



Abb. 3.         (Ferrara.)                                    (Verona.)                                  (Königslutter.)

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Rosette_Koenigslutter_2012_.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv, Foto 2012

 


           Hervorgehoben seien auch die in den Bogenzwickeln
des Veroneser Frieses aus gewundenen Stielen hervorwachsen-
den Blätter und die fast genau gleichen Blattbildungen in den
Pilasterkapitälen zu Königslutter.
           Besonders frappierend erscheint ferner die Anbringung
der Inschriften, die in beiden Fällen über den Bögen des
Frieses hinlaufen. Näheres über die Inschrift zu Königslutter
am Sclılusse dieser Betrachtung.
           Auf den folgenden Tafeln III, IV und V findet sich
eine Reihe akanthisierender Blattformen. Zunächst sei über
deren charakteristische Eigentümlichkeit einiges vorausge-
schickt. (Vergl. hierzu Abbildınıg 4 des Textes.)


tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.4.jpg

                 a                                  b                                  c                                   d

Abb. 4.

14
          Offenbar zur Erreichung einer kräftigen Wirkung hat
der Meister zunächst ein dickfleischiges, ungegliedertes, in
Abbildung 4a dargestelltes Kernblatt angeordnet an
dessen Unterseite sich das eigentliche Blatt anschmiegt (Ab-
bildung 4b). Häufig ist dann das Kernblatt auf seinem
Überfall mit einer Mittelrippe versehen, wie in Abbildung 4a,
oder es wird auch dieser von einem meist palmenförmig
gestalteten Blatte überdeckt (vergl. Abbildung 4c). In diesem
Falle tritt das Kernblatt dann nur durch seine glatte Kante
in die Erscheinung.
          Schliesslich kommen noch Beispiele vor, bei denen
das Kernblatt zwischen den beiden umhüllenden Blättern
weggearbeitet ist, sodass anscheinend ein Hohlraum zwischen
letzteren gebildet wird (vergl. Abbildung 4d).
Wir finden diese Blattbildungen in Ferrara, Verona
und Königslutter, während Modena noch die sonst allgemein
üblichen Formen aufweist. - Die in Abbildung 4d dar-
gestellte Blattform findet sich nur in San Zeno zu Verona
und in Königslutter.
          Beim Vergleich der zusammengestellten Blattformen
sei noch auf die in Tafel III Abbildung 1 und 3 (Königs-
lutter) wiederkehrenden Halbblätter hingewiesen, ferner
auf ein die Mittelrippe des Akanthusblattes überdeckendes
schmales Blatt in den Abbildungen 5, 7 (Verona) und 8
und 9 (Königslutter) der Tafel III.
          Auf Tafel IV ist neben den Blattforınen in erster Linie
die Komposition der Kapitäle der Betrachtung wert, auch
auf den durch einen Blattkranz verzierten Wulst in Abbildung 3
(Ferrara) und in Abbildung 2 (Königslutter) sei besonders

15
aufmerksam gemacht. Das fähnchenartige Blatt (a) in Ab-
bildung 8 (Königslutter) kehrt auf Tafel V in Abbildung 1
(San Zeno, Verona)

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-1-Verona-S-Zeno-IMG-8595-Foto-2013.jpg

und Abbildung 3 (Königslutter) wieder.
          Tafel V zeigt uns zunächst in den Abbildungen 1, 2
und 3 eine Gruppe akanthisierender Blattkapitäle, bei denen
über die Eckblätter stilisierte Tierköpfe hervorluken.
          Bei der in den Abbildungen 4, 5, 6,

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-4-Modena-Dom-IMG-5864-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-5-Verona-Dom-IMG-7902-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-6-Ferrara-Dom-IMG-6770-Foto-2013.jpg

7 derselben Tafel
zur Darstellung gebrachten Gruppe von Kapitälen scheint
der Meister, von ähnlicher ldee ausgehend wie bei der
Bildung des besprochenen Akanthusblattes mittels eines
Kernblattes, durch Zusammensetzung vier solcher Kernformen
zur Entwickelung eines neuen interessanten Kapitäles ge-
langt zu sein. Die den Domen zu Modena, Ferrara und
Verona und der Stiftskirche zu Königslutter entnommenen
Kapitäle lassen in dieser Reihenfolge die Ausreifung dieser
ldee gut erkennen. Der ursprüngliche Gedanke der vier
dickfleischigen Kernblattformen, der diesen Kapitälen die
charakteristische Gestalt gibt, tritt an dem kleinen Kapitäl
vom Dom zu Modena. Abbildung 4 Tafel V,

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-4-Modena-Dom-IMG-5864-Foto-2013.jpg

noch unverhüllt in die Erscheinung. In Ferrara, Abbildung 6 Tafel V,

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-6-Ferrara-Dom-IMG-6770-Foto-2013.jpg


dagegen erkennen wir an Stelle des Kernblattes nur noch
dessen Form, die unter den vier Seiten der Kapitäl-Deck-
platte weit herausquillt, in den Diagonalansichten tiefe Kerben
bildet und durch dreimal vier Blätter gänzlich umhüllt ist.
Klarer noch tritt uns des Meisters ldee in den fast ganz
übereinstimmend gestalteten Kapitälen am Dom zu Verona
und an der Stiftskirche zu Königslutter entgegen (Abbildungen 5

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-5-Verona-Dom-IMG-7902-Foto-2013.jpg


und 7 Tafel V). Der Hauptunterschied zwischen diesen
und dem Kapitäle zu Ferrara besteht in der reicheren Aus-

16
bildung der grossen, die vier Kerben ausfüllenden Palmen-
blätter. In Ferrara finden wir unter diesen noch selbst-
ständige Kernblätter vor, deren Ueberschläge in die Er-
scheinung treten, während bei den beiden späteren Bei-
spielen in Verona und Königslutter die Spitzen der Palm-
blätter selbst nach aussen umgeschlagen sind und zur Aus-
füllung der hartwirkenden Kerben eine besonders kräftige
Ausgestaltung erfahren haben.
            Neben reicher Erfindungsgabe verrät der Meister ein
fein künstlerisches Gefühl in der Gestaltung dieser Kapitäle
als tragendes Element. Einen ganz besonderen Ausdruck
findet dieses noch dadurch, dass er den italienischen Kapitälen
in Rücksicht auf die dort vorwaltenden schlankeren Ver-
hältnisse flüssigere und leichtere Formen gibt, während er den
gedrungeneren Verhältnissen und den anscheinend grösseren
Belastungen in Könígslutter durch gedrungenere Gestaltung
der Kapitäle Rechnung trägt. Dass der Meister an diesen
Kapitälbildungen einen besonderen Gefallen gefunden hat,
und sich des Wertes seiner Leistungen voll bewusst ge-
wesen ist, bezeugt er dadurch, dass er allein in Königslutter
viermal dasselbe Kapital wiederholt hat. Ohne Zweifel ge-
hört diese Gruppe der Kapitälbildungen zu dem Reizvollsten
was die romanische Kunst je geschaffen hat, vor allem aber
liefert sie uns den untrüglichsten Beweis für die Identität
ilırer Urheber.
            Wir betrachten nun die Säulenschäfte.
            Eine ganz besondere Gelegenheit zur Ausbildung und
Schmückııng dieser Bauglieder hat sich unserm Meister bei
der Ausgestaltuııg der grossen italienischen Portalbauten der
Dome in Modena, Ferrara und Verona geboten.

17
            ln den Abbildungen 1, 2 und 3 der Tafel VI sind
Teile der Portallaibungen der drei genannten Dome wieder-
gegeben, deren Säulenschmuck wir in ganz gleicher Weise
an den vier Säulenschäften, Abbildungen 4, 5, 6 und 7
Tafel VI, des Kreuzganges zu Königslutter wieder begegnen.
Die über den Abbildungen 4, 5, 6 und 7 angebrachten
Buchstaben a. b. c. d. entsprechen den mit den gleichen
Buchstaben bezeichneten vier, in den Abbildungen 1, 2 und 3
Tafel VI vorkommenden Typen.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VI-Abb-1-Modena-Dom-IMG-6030-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VI-Abb-2-Ferrara-Dom-IMG-6314-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VI-Abb-3-Verona-Dom-IMG-7872-Foto-2013.jpg

- Die Typen a und b
finden wir auch an dem Löwenportale zu Königslutter.
            Besonders bemerkenswert ist auch hier die Wiederkehr
charakteristíscher Einzelheiten. So sei auf den am Fussende
der Säule, sowohl in Verona wie in Königslutter vor-
kommenden Blattkranz der Abbildungen 8 und 9 Tafel VI

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VI-Abb-8-Verona-Dom-IMG-7870-Foto-2013.jpg


hingewiesen, weiter auf das im Typus b an den italienischen
Bauten wie auch in Königslutter auftretende, in die Kehle
gelegte Blatt und das am Fusse der Säule befindliche kleine
halbellipsenförmige Plättchen im Typus a.
                Anmerkung: Der Säulenschaft, Abbildung 7 Tafel VI,
ist heute nicht mehr in Königslutter vorhanden. Die Zeichnung
ist einem alten, jedenfalls vor Restaurierııng der Kirche an-
gefertigten, im Besitze des Herrn Th. Massler zu Hannover
befindlichen Relief entnommen.
            Es sei hier noch einiger bemerkenswerter Details ge-
dacht, die in Abbildung 5, Seite 18 des Textes wieder-
gegeben sind.
            In besonders charakteristischer Weise behandelt unser
Meister die figürlichen Schmuckformen.
            Sowohl sein Tierornament wie die Darstellung mensch-
licher Köpfe und Figuren sind Schöpfungen von hoher

18
stilistischer Reife. Die individuelle Schaffenskraft tritt uns in
ihnen in hervorragendem Masse entgegen und verleiht diesen



tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.5.jpg

Abb. 5.

Arbeiten einen hohen Reiz. ln der Komposition höchst
originelle und phantastische Tierbilder, die sich in reiz-
vollster Linienführung miteinander verschlingen, zeigt uns
Tafel VII.

19
Auch hier begegnen wir der gleichen typischen Aus-
bildung sowohl an den in Frage stehenden italienischen
Bauten wie an der Stiftskirche zu Königslutter: ein schlangen-
artiger Rumpf, geflügelt und mit zwei Beinen behaftet, ein
Hundekopf, etwa dem eines Terriers gleichend, sind die
charakteristischen Bestandteile dieser seltsamen Tiergebilde.
           In wenigen Fällen nur finden wir an Stelle des Hunde-
kopfes den eines Löwen in stark stilisierter Form. Hals und
Schwanz sind meist durch Schuppen oder Rippen mit Perl-
schnüren verziert; einen ähnlichen stilistischen Schmuck
weisen die Flügel dieser Tiere auf.
          Charakteristisch ist auch die Verschlingung der Tiere
untereinander. Besonders gern umschlingen sie sich mit
ihren Hälsen, so in den Abbildungen 3, 7 und 8 am Dom
zu Ferrara,

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VII-Abb-3-Ferrara-Dom-IMG-7280-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VII-Abb-7-Ferrara-Dom-IMG-6798-Foto-2013.jpg

in Abbildung 1 in San Zeno zu Verona

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VII-Abb-1-Verona-S-Zeno-IMG-8613-Foto-2013.jpg

und in gleicher Weise in Königslutter in den Abbildungen 4 und 6.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VII Abb.4.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang   entspr.Tafel VII Abb. 4   Foto 2012


          Auf Tafel VIII ist eine Anzahl menschlicher Köpfe dar-
gestellt; auch in ihnen zeigt sich bei den italienischen
Arbeiten wie in Königslutter ein gleicher phantastischer
Zug. So finden wir in den Abbildungen 3 und 4 dieser
Tafel zwei höchst eigentümliche Köpfe in Ferrara und Königs-
lutter, widderartige Hörner tragend; ein Motiv, dem wir in
dieser Zeit schwerlich anderen Orts noch begegnen möchten.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII Abb.4.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv entspr. Tafel VIII Abb. 4  Foto 2012


          Die fast völlige Übereinstimmung der in den Ab-
bildungen 1 und 2 dargestellten Köpfe ist so augenfällig,
dass es kaum erforderlich erscheint darauf hinzuweisen.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII_Abb.2.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv entspr. Tafel VIII Abb. 2  Foto 2012


          Ebenso dürfte die Ähnlichkeit des Gesichtsausdruckes
und der Schmuckteile der in den Abbildungen 5 und 6

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII_Abb.6.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv entspr. Tafel VIII Abb. 6   Foto 2012

zur Anschauung gebrachten Köpfe ein und desselben Meisters
Hand verraten.

20
Auch die in den Abbildungen 7 - 11 wiedergegebenen
Köpfe, die sich als Konsolen am Dom zu Modena, Ferrara
und zu Königslutter finden, sind Arbeiten, die in der Zeit
ihrer Entstehung sicherlich zu den allerbesten und weitent-
wickelsten gehört haben. Mit besonderem Interesse vermögen
wir bei der letztgenannten Gruppe die fortschreitende künst-
lerische Entwicklung unseres Meisters zu verfolgen.
           Was ihm in Modena noch ein unbedeutendes Motiv
war, und was er in Ferrara angestrebt, das hat er in Königs-
lutter in fast künstlerischer Vollendung erreicht.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII_Abb.9.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv,  Aufnahme 2012  entspr. Tafel VIII Abb. 9

 

In der Stilisierung des menschlichen Kopfes hat das gesamte Mittel-
alter diesen Schöpfungen nur wenig Gleichwertiges an die
Seite zu stellen.
           Ein beliebtes Motiv des Meisters ist ferner, die mensch-
liche Figur als tragendes Bauglied künstlerisch auszuwerten
(vergl. die Abbildungen 12, 13 und 14 Tafel VIII).

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VIII-Abb-12-Ferrara-Dom-IMG-6298-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VIII-Abb-13-Verona-S-Zeno-IMG-8396-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII_Abb.14.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang entspr. Tafel VIII Abb. 14   Foto 2012

 


           Am Portale des Domes zu Ferrara hat er die Last des
Bogens mittels der Säulen durch zwei hockende Männer-
gestalten aufnehmen lassen, die ihrerseits auf dem Rücken
je eines Löwen ihren Platz finden (Abbildung 12).
           In ähnlicher Weise, jedoch direkt unter dem Bogen,
also oberhalb der Säulen, finden wir gleiche Männergestalten
am Dom und an San Zeno zu Verona (Abbildung 13).
           Auch an den beiden Nebenportalen des Domes zu
Piacenza sind die tragenden Männergestalten in ähnlicher
Weise wie am Domportale zu Ferrara angewendet.
           Die Wiederverwendung dieses Motives hat sich der
Meister auch in Königslutter nicht versagt (Abbildung 14).
Dort finden wir es im Kreuzgange an den Stirnwänden als

21
Stützen der Gewölbe wieder. Die Haltung des Körpers,
besonders aber die Behandlung des Gewandes, müssen auch
hier wieder überzeugend wirken. Besonders die Behandlung
der Ärmelfalten weicht in den drei wiedergegebenen Bei-
spielen um nichts von einander ab.
          Dass der Meister in diesen Figuren sein und seines
Gehülfen Bildnis hat darstellen wollen, scheint nicht ausge-
schlossen. Unter den drei oberitalienischen Arbeiten wenig-
stens lässt sich ein gewisser charakteristischer Gesiclıtstypus
wohl feststellen. Leider hat der Zahn der Zeit uııd brutale
Menschenhand den beiden Königslutterer Figuren derartig
mitgespielt, dass eine derselben bei der Restaurierung völlig
hat erneuert werden müssen, die andere aber genauere
Gesichtszüge nicht mehr erkennen lässt.
           Schliesslich haben wir uns noch mit den Portal-Löwen
zu beschäftigen.
           Wer die beiden wundervoll stilisierten Tiere des Nord-
portales der Stiftskirche zu Königslutter einer näheren Be-
trachtung unterzieht, der ınuss alsbald inne werden, dass
eine solch abgeklärte Schöpfung nicht das Werk einer freien
Erfindung sein kann, und es muss sich beim Anblick dieser
Tiere einem jeden unwillkürlich die Frage aufdrängen: nach
welchen Vorbildern hat der Schöpfer dieser Arbeit ge-
schaffen? - Deutschland vermag nichts aufzuweisen, was
sich diesen Leistungen auch nur entfemt an die Seite stellen
könnte. Hier also ist es zu natürlich, dass wir unsere
Blicke nach Oberitalien wenden, wo doch dieses Motiv an
fast jedem grösseren Kirchenbau vorzufinden ist. Es muss
dabei verwunderlich erscheinen, dass in den vielen, zum Teil

22
sehr engehenden Arbeiten über die Stiftskirche und ihre
Ornamentik nirgend der Beziehung zwischen den oberitalie-
nischen Arbeiten und denen von Königslutter gedacht
worden ist. - Nur C. W. Hase sagt in seinen Baudenk-
mälern Niedersachsens, gelegentlich der Bespreclıung dieser
Löwen, dass dem Meister die oberitalienischen Kirchen
bekannt gewesen sein müssten.*)

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.6.jpg


Abb. 6. (Königslutter.) Bild ersetzt durch Aufnahme von 2012


In Abbildung 6 des Textes habe ich einen der beiden
alten Original-Löwen von Königslutter, die jetzt im Innern
der Kirche Aufstellung gefunden haben, wiedergegeben; hier-
mit vergleiche man den in Abbildung 7, Seite 23 des Textes
dargestellten Portal-Löwen von San Zeno und ferner den
Greifen am Dom zu Verona (Abbildung 8, S. 24, des Textes).

* Vergl. Anmerkung Seite 38

23
            Die Tiere von Königslutter sind wegen der nur ge-
ringen verfügbaren Höhe gelagerter gestaltet als ihre ita-
lienischen Vettern; im übrigen ist auch hier wieder überall
denkbar grösste Ähnlichkeit zu verzeichnen. - Bei den ge-
legentlich der Restaurierung der Kirche nach den stark be-
schädigten Originalen ausgeführten Nachbildungen mussten,
besonders an den Köpfen, beträchtliche Ergänzungen vorge-
nommen werden, für die positive Belege nicht mehr vor-


tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Abb-7-Verona-S-Zeno-IMG-8414-Foto-2013.jpg

Abb. 7. (San Zeno, Verona.) Anmerkung: Zeichnung ersetzt durch Foto 2013

handen waren. Wenn die Veroneser und die Ferrareser
Arbeiten damals schon mit berücksichtigt worden wären,
würde sicherlich manches, besonders im Gesichtsausdruck
der Tiere, anders durchgebildet sein.
            Es sei jetzt noch der Inschrift an der Stiftskirche zu
Königslutter mit einigen Worten gedacht.
            Wie schon früher erwähnt, findet sich diese Inschrift

24


tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Abb-8-Verona-Dom-IMG-7782-Foto-2013.jpg

Abb. 8. (Dom zu Verona.) Anmerkung: Zeichnung ersetzt durch Foto 2013

25


tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Ersatz_Abb.9_2012.jpg

Abb. 9. (Königslutter, der Löwe ist erneuert. Ersatz mit Foto 2012)

26
an der Apsis zwischen dem Bogenfriese und der Akanthus-
welle, und zwar in Spiegelschrift.
             Von rechts nach links gelesen lautet diese Inschrift:
+HOC OPUS EXIMIUM VARIO CELAMINE MIRUM+SC(ulpsit...)
           (Dieses prächtige durch mannigfaches Relief aus-
gezeichnete Werk hat gemeisselt...)
             Auch hier unverkennbare Ähnlichkeit mit den er-
wähnten oberitalienischen Inschriften. - Die gleiche Art
der Anordnung, die gleiche Buchstabenbildung, auclı die
Anwendung der Kreuze wie bei den oberitalienischen -
kurz, alles lässt darauf schliessen, dass die in dieser Arbeit
angezogenen Inschriften von einer Hand stammen. Die
Eigentümlichkeit der Anwendung der Spiegelschrift wie der
Umstand, dass der Meister hier auf die offenbar beabsichtigte
Weiterführung der Inschrift verzichtet hat, legt uns die
Vermutung nahe, dass er durch die Bauleitung oder den
Klosterherrn daran gehindert worden ist, in nämlicher Weise
wie in Verona und Ferrara sich und sein Werk zu ver-
herrlichen; was übrigens nicht sehr verwunderlich erscheinen
mag, da in Deutschland etwas derartiges durchaus un-
gebräuchlich war.
              Damit beschliesse ich meine Vergleichsstudien über
den bildnerischeıı Schmuck der Stiftskirche zu Königslutter
und den oberitalienischen Bauten. lch will ohne weiteres
zugeben, dass das Studium der hier gebotenen Zeich-
nungen allein nicht genügen kann, um zu der von mir
gewonnenen Überzeugung zu gelangen, doch das sorgfältige
Studium der bildnerischen Werke selber, die genaue Be-

27
obachtung der Linienführung dieser Ornamentik und der
Art der Behandlung des Materials muss sie uns aufdrängen.
               Ich habe im Vorstehenden stets Wert darauf gelegt
nachzuweisen, dass der ornamentale Schmuck der Stifts-
kirche zu Königslutter von Meister Nicolaus' eigener Hand
geschaffen sei, und ich habe die feste Überzeugung, dass
dieses tatsächlich der Fall ist; reihen sich doch die Königs-
lutterer Arbeiten an die von diesem Meister in Oberitalien
geschaffenen so folgerichtig an, dass sie in dem Werdegang
dieses Künstlers gewissermassen die ausgereifte Frucht seines
Schaffens bilden.
               Aber, wenn auch diese meine gewiss wohl begründete
Annahme nicht zutreffend sein sollte, wenn also ein Schüler
und Mitarbeiter des Meisters Nicolaus, der dann jedenfalls
seines grossen Meisters in hohem Masse würdig gewesen sein
müsste, alles das, was wir am Schmuck der Stiftskirche zu
Königslutter bewundern, geschaffen haben sollte, so habe ich
doclı in dieser Arbeit nachgewiesen, dass die Ornamentik
dieser Kirche entlehnt ist aus Norditalien, dass wenigstens
ihr geistiger Urheber der Meister Nicolaus ist, dessen
herrliche Werke die Glanzzeit der romanischen Stilepoche
in Oberitalien bedeuten.



II. Architektonisches.
                Die Entstehungsgeschichte der Stiftskirche zu Königs-
lutter ist bereits zu Anfang dieser Arbeit flüchtig gestreift;
sie musste naturgemäss für mich ein ausserordentliches
Interesse gewinnen, weil meine Folgerungen nicht in Ein-
klang zu bringen waren mit der heute geltenden An-
schauung (vergl. Meyer, Die Bau- und Kunstdenkmäler des
Herzogtums Braunschweig), nach welcher zwar mit dem
Bau des flachgedeckten nüchtern ausgestatteten Langhauses
im Jahre 1135 begonnen sein soll, dagegen der mit dem
reichen hochentwickelten Ornament ausgestattete, in allen
Teilen gewölbte Ostbau einer Bauperiode des letzten Drittels
oder Viertels des 12. Jahrhunderts zugeschrieben wird. Es
soll also, und das sei hier besonders hervorgehoben, das
Langhaus zunächst und erst später der Ostbau aus-
geführt sein.
               Grund zu dieser Annahme ist einmal der Umstand
gewesen, dass Kaiser Lothar, der im Jahre 1135 selbst die
Veranlassung zur Erbauung der Kirche gab, mit der Be-
stimmung, dass sie dereinst als Grabeskirche für ihn dienen
sollte, schon, nachdem er am 5. Dezember 1137 auf seiner

29
Rückkehr von Italien in Breitenwang in Tyrol verstorben,
am letzten Tage desselben Jahres im Langhause der Kirche
beigesetzt worden ist; - man nahm also an, dass dieser
Bau bis dahin annähernd fertiggestellt war. - Zum andern
sah man sich veranlasst, worauf ich schon früher hingewiesen
habe, in Rücksicht auf die hohe Entwickelung der Orna-
mentik des Ostbaues und deren Ähnlichkeit mit Schmuck-
formen anderer zu Ende des 12. Jahrhunderts entstandener
Kirchenbauten Niedersachsens, den Ostbau der Stiftskirche
ebenfalls in die Entstehungszeit dieser Bauten zu datieren.
Vergl. Taf. IX. Man hatte sich hierbei noch mit dem Löwen-
portale abzufinden, das offenbar der Zeit des Ostbaues an-
gehörte, und hat die Ansicht vertreten, dass dieses später in
die bereits vorhandene Wand des Langhauses eingebaut sei.
              Dieser an sich ganz plausibel erscheinenden Begründung
der Annahme, dass der Ostbau der Kirche in das letzte
Drittel oder Viertel des 12. Jahrhunderts gehöre, konnte ich
aber meine auf eingehende Studien begründete Überzeugung,
dass auch der Ostbau in der ersten Hälfte des Jahr-
hunderts entstanden sei, nicht opfern, und so entschloss
ich mich, das gesamte Mauerwerk der alten Stiftskirche, so-
weit es ohne Gerüst und Naclıgrabung möglich war, einer
genauen Untersuchung zu unterziehen.
              Ich bin dabei zu folgenden Resultaten gelangt:
                     Zur Orientierung über die nachfolgenden Dar-
              legungen diene der in Abbildung 10, Seite 30 des
              Textes angeführte Grundriss der Stiftskirche, dessen
              Mauern zum Teil schwarz angelegt, zum Teil schraf-
              tiert sind.




tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.10.jpg




31
                1. Die Bauzeit der Kirche zerfällt in zwei Perioden,
die durch die verschiedene Anlegung der Grundrisszeichnung
gekennzeichnet werden.
                2. Abbildung 11 des Textes zeigt den Teil der nörd-
lichen Aussenwand des Seitenschiffes, an dem das Mauer-
werk der beiden Bauperioden aneinander schliesst. Die hier
ohne weiteres ins Auge fallende Abtreppungslinie der Quader
beweist deutliclı, dass der Ostbau der ältere ist.
                3. An den dem Langhause zugekehrten Seiten der
beiden westlichen Vierungspfeiler, und ebenfalls an den der
Bauperiode des Ostbaues angehörenden Teilen der Aussen-
mauern, befinden sich Dienste (vergl. den Grundriss), die
keinen anderen Zweck haben konnten als den, Schild- und
Gurtbögen der Gewölbe, die man hier wie im Querschiff
auszuführen beabsichtigte, aufzunehmen. - Ich schliesse auch
hieraus, dass man zunächst den Ostbau bis zu den ersten
Arkadenpfeilern, und zwar einschliesslich dieser Pfeiler, aus-
geführt und die Absicht gehabt hat, das später zu erbauende
Langhaus einzuwölben. Dass die ersten Arkadenpfeiler mit
dem Ostbau entstanden sind, nehme ich aus konstruktiven
Gründen an, da diese mittels der von ihnen nach den
Vierungspfeilern zu geschlagenen Gurtbögen den Schuh der
in ihrer Längsaxe liegenden Hauptgurten der Vierung auf-
nehmen mussten. Diese Arkadenpfeiler wurden dann bei
späterer Erbauung des Langhauses mit den Anschlussbögen
wohl entfernt, um sie den geringeren Abmessungen der
Langhaus-Arkaden anzupassen. Bei dieser Gelegenheit hat
man aber aus irgend welchem Grunde die von den
Vierungspfeilern ausgehenden Gurtbogen-Anfänger in


tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.11.jpg

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Einfuegung_EW_Abb.11_2012.jpg

Einfügung: Pfeilervorlage an der nördlichen Außenwand entspr. Abb. 11   Foto 2012

33
der alten Breite bestehen lassen und die neuen schmaleren
Gurtbögen dagegen gewölbt (vergl. Abbildung 12, S. 34 des
Textes). -- Nichts spricht so deutlich dafür, dass erst der
Ostbau und später das Langhaus entstanden ist, als
diese Bogenanfänger, denn, was hätte dazu veranlassen sollen,
diese Bogenanfänger breiter zu gestalten als die bereits
fertigen Gurtbögen der Langhaus-Arkaden, wenn das Lang-
haus früher als der Ostbau erbaut worden wäre?
                 Anmerkung: Einen ganz ähnlichen Fall finden wir
                 bei der zwei Jahre vor der Stiftskirche zu Königslutter ge-
                 gründeten St. Godehardikirche zu Hildesheim, deren Grundriss
                 des Ostbaues, wie C. W. Hase hervorhebt, mit dem von
                 Königslutter eine auffallende Aehnlichkeít zeigt. Auch hier
                 sind aus dem von mir für Königslutter angeführten Grunde
                 die ersten Langhaus-Arkaden mit dem zuerst erbauten Ostbau
                 errichtet, jedoch bei späterer Erbauung des Langhauses nicht
                 beseitigt.
         Es sei hier noch der kleinen Pfeilervorlage an der
nördlichen Aussenwand gedacht (vergl. Abbildung 11 des
Textes und den Grundriss). Es ist wohl nicht anzunehmen,
dass man bei späterer Erbauung des Ostbaues die Absicht
gehabt haben sollte, sich der mühevollen Arbeit zu unter-
ziehen, diese Pfeilerchen. die doch lediglich als dekoratives
Motiv anzusehen sind, an die Mauerflächen des fertigen
Langhauses anzublenden, vielmehr ist anzunehmen, dass
man bei späterer Erbauung des im Gegensatz zum Ostbau
sehr einfach gehaltenen Langhauses, sei es aus Sparsamkeits-
rücksichten oder um den Bau rascher vollenden zu können,
auf diesen Zierrat verzichtete.
         4. Das Löwenportal ist nicht, wie angenommen, später
eingebaut, sondern gleich beim Hochbau der Umfassungs-


34
mauern mit angelegt. Als Beweis hierfür dienen in erster
Linie die langen Werkstücke A und B (Abbildung 13 des
Textes) des Sockelgesimses zu beiden Seiten des Portales,
welche die Gehrungen des um das Portal gekröpften
Gesimses enthalten, und ferner der Umstand, dass die Fugen
des Portalgewändes sich korrekt denen des übrigen Mauer-

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.12_2012.jpg

Ersatz Abb. 12 durch Foto 2012


Werks anpassen. - Die spätere Einfügung der zu diesem
Portalbau gehörenden Werkstücke müsste im Äussern zu
erkennen sein. Keinenfalls würde man sich der Mühe
unterzogen haben, die erwähnten langen Werkstücke A und B
in das vorhandene Maueıwerk einzuschieben, sondern man


35
würde diese Steine vor den Gehrungen abgesetzt und die
Gehrungen des Gesimses an hochstehenden Gewändestücken
angehauen haben. Das über dem Portale befindliche, in
Abbildung 13 des Textes schraffierte Mauerwerk. welches
offenbar einer späteren Bauzeit als das Löwenportal an-
gehört, ist vermutlich in Zusammenhang zu bringen mit
einem späteren Aufbau der Türme; keinenfalls kann aus

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.13.jpg

Abb. 13.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Ergaenzung_EW_Abb.13_2012.jpg

Einfügung: Abb. 13  entsprechendes Foto 2012

 


diesem auf die spätere Einfügung des Löwenportales ge-
schlossen werden.
          5. Sämtliche fünf Apsiden haben eine nachträgliche
Verblendung der Aussenwände erhalten. Augenscheinlich
hat dem Meister, der während des Aufbaues der Chorpartie
berufen wurde, um diese mit ornamentalen Schmuck zu
versehen, das vorhandene schlichte Mauerwerk für seine
Zwecke nicht genügt.



36
Aus den unter 2, 3 und 4 niedergelegten Resultaten
meiner Forschungen geht für mich die unumstössliche Tat-
sache hervor, dass zunächst der Ostbau und erst
später das Langhaus der Kirche erbaut ist.
Bezüglich der Beisetzung des Kaisers Lothar wird man
sich mit der Tatsache, dass im Jahre 1135, wie jenerzeit all-
gemein üblich, zunächst mit dem Ostbau begonnen ist,
ebenso leicht abfinden als mit der bisherigen Annahme.
So ist es denkbar, dass, als die Leiche des Kaisers nach
Königslutter gebracht wurde, deren Beisetzung wegen der
in dem Ostbau vielleicht zur Zeit aufgestellten Rüstungen
auf dem Chor, wo eigentlich wohl der Begräbnisplatz hätte
sein sollen, nicht möglich gewesen ist, und man deshalb
dazu das damals noch nicht begonnene Langhaus gewählt
hat, das nun in grösster Eile fertiggestellt werden musste,
um für den kaiserlichen Herrn ein schützendes Dach zu
schaffen. Hieraus, und vielleicht auch aus dem weiteren
Umstande, dass nach dem Tode des hohen Gönners die
Mittel zur Fertigstellung des Langhauses knapper, als früher
angenommen, bemessen waren, liesse sich auch eine Er-
klärung dafür finden, dass man auf die Einwölbung des
Langhauses verzichtete und dieses im Gegensatz zu dem mit
weit reicheren Mitteln ausgestatteten Ostbau einfacher ge-
staltete.


Schluss.
              Habe ich nun in der letzten Abteilung     „Architek-
tonisches" nachgewiesen, dass der Bau der Stiftskirche zu
Königslutter mit dem Ostbau begonnen ist, so knüpft sich
an diesen die Jahreszahl 1135 als diejenige der Begründung
der Kirche, und es wird damit meine Annahme, dass Meister
Nicolaus bald nach Vollendung seiner Arbeiten in Verona
mit den Arbeiten in Königslutter begonnen hat, in das
Bereich der Möglichkeit gerückt.
              Wer aber die in Frage stehenden Werke aufmerksamer
Betrachtung unterzieht und sich davon überzeugt, wie diese
eigenartige Kunstrichtung von Modena bis Könígslutter sich
ganz folgerichtig entwickelt hat, der muss mit mir zu der
Überzeugung gelangen, dass diese Epoche den Werdegang
eines Meisters bedeutet, und dieser Meister kann nur Nico-
laus gewesen sein.
               Wie weit seine Persönlichkeit dabei in Betracht kommt
und welcher Anteil an diesen Arbeiten seinen Gehülfen oder
seinen Schülern zufällt, lässt siclı nicht unbedingt feststellen,
und doch meine ich, dass sich durch alle diese Arbeiten die
eigene Hand unseres Meisters wie ein roter Faden un-

38
verkennbar hindurchzieht, und es gibt gewisse Dinge, wie
die beiden Bogenfriese zu Verona und in Königslutter. die
ich seiner Hand allein zusprechen möchte.
Nun tritt aber die Stiftskirche zu Königslutter nicht nur
künstlerisch, sondern auch zeitlich in den Vordergrund der
niedersächsischen Kunstepoche jener Zeit. Es hat sich ohne
Frage hier eine Schule gebildet, deren Einfluss wir bald in
weitem Umkreise erkennen.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.1-Foto-2012.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Chor, Foto 2012, entspr. Abb. 1 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.2-Foto-2012.jpg

Einfügung: Hildesheim, St. Michael, Langhaus, Foto 2012, entspr. Abb. 2 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.3-Foto-2012.jpg

Einfügung. Braunschweig, Dankwarderode, Rittersaal, Foto 2012, entspr. Abb. 3 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.4-Foto-2012.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Foto 2012, entspr. Abb. 4 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.5-Foto-2012.jpg

Einfügung: Braunschweig, Dankwarderode, Foto 2012, entspr. Abb. 5 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.7-Foto-2012.jpg

Einfügung: Braunschweig, Dankwarderode, Foto 2012, entspr. Abb. 7 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.8-Foto-2013.jpg

Einfügung: Hecklingen, Kl.-Kirche, Foto 2013 entspr. Abb. 8 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.6-Foto-2012.jpg

Einfügung: Goslar, Neuwerkkirche, Foto 2012, entspr. Abb. 6 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.9-Foto-2012.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang, Foto 2012, entspr. Abb. 9 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb-18-Foto-2012.jpg

Einfügung: Braunschweig, Dom, Chorbrüstungsschranken, derzeit im BLM, Foto 2012 entspr. Abb. 17 auf Tafel IX

 

ln Hildesheim (St. Michael),
Braunschweig, Goslar, Hecklingen und Wunstorf (vergl.
Tafel IX) treten die Erfolge dieser Schule zutage, aber
man wird in den Arbeiten von Königslutter immer den
Meister erkennen - das schöne Ebenmass und die voll-
endete Durchbildung der Einzelformen, wie sie Königslutter
bietet, sind in den späteren Arbeiten nirgend zu finden.

             Anmerkung. Nach Abschluss dieser Arbeit ersehe ich,
dass Herr Professor P. J. Meyer in einer Betrachtung „Der
Meister von Königslutter in Italien" (Kunstchronik Jahrgang XII
No. 7) sich ebenfalls mit der Frage des Zusammenhanges
zwischen Kônigslutter und Verona beschäftigt hat, dabei jedoch
zu wesentlich anderen Schlüssen als ich gelangt.
             Auf die Einzelheiten dieser Arbeit glaube ich nicht ein-
gehen zu sollen, weil es sich, wie Herr Professor Meyer selber
bemerkt, dabei nur erst um einige „vorläufige Beobachtungen“
handelt und eine eingehende Untersuchung demnächst folgen soll."


Quelle:
Ferdinand Eichwede: "Beiträge zur Baugeschichte der Kirche des kaiserlichen Stiftes zu Königslutter"
Dissertation an der königl. techn. Hochschule zu Hannover 1904


Abbildungen auf der Homepage wurden soweit verfügbar zur Verbesserung der Verständlichkeit des Textes teilweise durch neuzeitliche Fotos verbesserter Auflösung ersetzt und direkt in den Text eingefügt.

 

 

 

Für Interessierte zum Thema sei auf einen im Programmheft Frühling Sommer 2012 im Kaiserdom Königslutter angekündigten Vortrag von Dr. Norbert Funke "Nicolaus von Ferrara im Kaiserdom zu Königslutter" verwiesen.

Termin war der 09.05.2012  19:00 Uhr

Veranstalter:  Italienisches Kulturinstitut Wolfsburg

LINK: http://www.iicwolfsburg.esteri.it/IIC_Wolfsburg/webform/SchedaEvento.aspx?id=335

 

Der Vortrag und die integrierte Führung waren außerordentlich informativ. Hr. Dr. Funke konnte die architektonischen und bildhauerischen Besonderheiten des elften und zwölften Jahrhunderts in Italien den Zuhörern sehr detailliert vermitteln. Die Bezüge zu Deutschland belegte er vor allem anhand von Bildmaterial. Seit seiner Dissertation ist Hr. Dr. Funke fachlich mit dieser Materie vertraut. Königslutter kann sich glücklich schätzen, im Hinblick auf den Kaiserdom von diesem bauhistorischen Erfahrungsschatz zu profitieren.

 

Weitere ausführliche Informationen zu den Veranstaltungen sind auch auf der Website des Kaiserdoms zu finden:

LINK:   http://www.kaiserdom-koenigslutter.de

 

 

 

 

 

 

P.J. Meiers Rezension zur Dissertation Eichwede 1904

Beiträge zur Baugeschichte der Kirche des kaiserlichen Stiftes zu Könıgslutter von Dipl.-Ing Ferdinand Eichwede; Doktordissertation der Königl. Technischen Hochschule in Hannover. 38 Seiten und 9 Doppeltafeln Hannover 1904

Es ist mit Freuden begrüßt worden, daß seit Einführung des Doktoringenieurs auf den deutschen Hochschulen diejungen Architekten beginnen, Arbeiten baugeschichtlicher Art für ihre Dissertationen zu verwerten. Eichwede hat dazu eigene Beobachtungen benutzt, die ihm den engsten Zusammenhang zwischen den dekorativ-plastischen Arbeiten an der Stiftskirche zu Königslutter und denen am Dom zu Ferrara und am Dom sowie S. Zeno in Verona bewiesen und hat in vortrefflíchen, durch Lichtdruck wiedergegebenen Tuschzeichnungen alle die Säulenkapitäle, Schäfte, Akanthusblattwellen und figürlichen Darstellungen aufgenommen, aus denen sich jener Zusammenhang auf das Überzeugendste ergibt, er hat aber seine vergleichenden Beobachtungen auf die Dome in Modena und Braunschweig, auf die Kirchen St. Michael in Hildesheim, Neumark und Frankenberg in Goslar, die in Wunsdorf und Hecklingen sowie schließlich auf die Burg Dankwarderode in Braunschweig - leider ohne die genaue Angabe, an welchen Teilen der Gebäude sich die betreffenden Zierstücke befinden - ausgedehnt und damit das Vorhandensein einer weit verzweigten Schule nachgewiesen. Erst nach Vollendung der Arbeit und gegen Ende ihrer Drucklegung hat der Verfasser dann erfahren, daß derselbe Beweis – bereits vom Referenten in der »Kunstchronik« N. F. XII, Nr. 7 erbracht war, freilich ohne das bildliche Material, das erst jetzt auch den Ungläubigsten überzeugen muß, und dessen Fehlen dem kleinen Aufsatze das Gepräge »vorläufiger Beobachtungen« aufdrücken mußte. Konnte ich somit die Veröffentlichung der Aufnahmen Eiclıwedes als eine erfreuliche und notwendige Ergänzung der eigenen Arbeit begrüßen, so muß ich doch bekennen, daß die Dissertation den schlagendsten Beweis für die Aufstellung Dehios in seinem viel angefochtenen Vortrage auf dem Erfurter Denkmalpflegetage liefert, daß die Technische Hochschule - von vereinzelten Ausnahmen abgesehen - nicht der Ort ist, wo die wissenschaftlich-methodische Forschung kunst- oder baugeschichtlicher Art gelehrt wird. Was der junge Architekt in der Regel dort nicht lernen kann, das vermager erst durch ein jahrelanges Selbststudium naehzuholen, aber er wird ebensowenig wie Eichwede sofort in der Lage sein, Beobachtungen zu einem systematischen Beweis zu verdichten. Das zeigt sich beim Verfasser besonders in der Art, wie er mit den zeitlichen Ansätzen umspringt;  er wirft hier wieder alles durcheinander, was, wie es schien, endgültig festgestellt war. Er geht nämlich von den beiden Tatsachen aus, daß der Dom von Ferrara das Weihejahr 1135 trägt, und daß Königslutler in demselben Jahre gegründet wurde, hat sich aber nicht im mindesten darum gekümmert, daß die anderen deutschen Bauten entweder durch vollkommen sichere Zeitangaben oder durch unzweifelhaft stilistische Eigentümlichkeiten in das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts verwiesen werden. Wenn die Chorbrüstungsschranken des 1173 begonnenen Braunschweiger Doms dieselben Akanthusblattwellen wie der Chor in Königslutter zeigen, wenn dann die Burg Dankwarderode wieder mit dem Dom und mit Königslutter víelfache stilistische Ubereinstimmungen besitzt und an einer Anzahl ihrer Kapitäle geperlte Bänder aufweist, wie sie eben das letzte Viertel des Jahrhunderts kennt, und wenn andererseits die Ostteile der Neuwerker Kirche in Goslar und das Langhaus von S. Michael in Hildesheim 1186 geweiht werden, so haben wir für die zeitliche Ansetzung der in diesen Bauten vertretenen Zierformen so viele Handhaben, wie man sie sich nur wünschen kann. Damit ist aber auch für die Ostteile und für den Kreuzgang in Königslutler das Urteil gesprochen. Und wie ist es möglich, daß ein Architekt glaubt, das schlichte Langhaus dort, das doch von Anfang an die Grabanlage Kaiser Lothars († 1137) enthalten sollte, wäre später errichtet als der reiche Kreuzgang, der sich doch erst an das Langhaus anlehnt. Auch was der Verfasser sonst für seine Meinung ins Feld führt, ist nicht stichhaltig, sondern läßt sich leicht auf andere Weise erklären. Es bleibt also bei dem, was ich vor drei Jahren niederschrieb: alle jene deutschen Arbeiten, mit ihnen aber auch die verwandten oberitalienischen Werke gehören dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts, bezw. der Zeit unmittelbar vorher an, und das Jahr 1135 bedeutet für Ferrara nur den Anfang des Neubaues, dessen Vollendungszeit wir nicht kennen. Es bleibt aber auch die weitere Aufgabe, festzustellen, wie weit sich der Einfluß des großen Meisters von Königslutter erstreckt hat. Eichwede hat hier noch lange nicht das Thema erschöpft.Der Kapitelsaal des Ägidienklosters in Braunschweig, der Chor der Zisterzienserkirche in Marienthal, der Chor der Klosterkirche in Schöningen sind Beispiele für die nächste Umgebung von Königslutter, die Ostteile der Stiftskirche in Gandersheim, die nördliche Vorhalle des Domes in Goslar, das Refektorium der Klosterkirche in Ilsenburg, die Bibliothek in Kloster Huyseburg, das Refektorium des Zisterzienserklosters in Michaelstein, die María-Magdalenen-Kapelle der Liebfrauenkirche in Halberstadt, der Zitter der Stiftskirche in Quedlinburg, der obere Kreuzgang der Stiftskirche in Gernrode zeigen uns den ganzen nördlichen Harzrand unter dem Einfluß von Königslutter, und wie die von Hildesheim abhängige Stiftskirche in Wunstorf den nordwestlichsten Ausläufer dieser Schule bedeutet, so findet sie im südlichen Kreuzgang des Doms in Magdeburg im Nordosten, in den Klöstern Wimmelburg und Sittichenbach bei Eisleben, sowie in der Doppelkapelle zu Landsberg bei Halle im Südosten ihre Grenze; aber alle diese zahlreichen und gewiß noch zu vermehrenden Beispiele halten sich zeitlich im Raum des letzten Viertels des 12. Jahrhunderts.

                                                             P..J. Meier

Veröffentlicht in:
Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe Neue Folge 16.Jg. 1904/1905 Nr. 2 vom 21.Oktober 1904  S. 21-23

P.J. Meier "Der Meister von Königslutter in Italien"

DER MEISTER VON KÖNIGSLUTTER IN ITALIEN. 1)

In seinem grundlegenden Buche »Oberitalische Plastik im frühen und hohen Mittelalter« fasst M. G. Zimmermann sein Urteil über den Meister Nikolaus, den Schöpfer der Portalbauten am Dom in Ferrara, am Dom und an S. Zeno in Verona (S. 84 f) dahin zusammen, dass jener in der Betonung des Gegenständlichen sich den älteren, stark nordisch fühlenden Bildhauem, besonders dem Meister Wilhelm in Modena eng anschlösse, dass er aber in der gleichzeitigen Beherrschung des Formalen sich als der erste wirkliche Italiener bekunde. ln der That wird man durch seine Werke – so ausschliesslich italienisch ist ihr Gesamteindruck – in formaler Beziehung nicht an deutsche Denkmäler erinnert, wie dies noch bei den Reliefs Wilhelms der Fall ist. Und doch lassen sich bei näherer Prüfung die engsten Beziehungen zwischen diesen Vorhallen und deutschen Werken nachweisen, Beziehungen, die auf jene ein nicht weniger helles Licht werfen, wie auf diese: ln der Werkstatt des ltalieners Nikolaus ist ein hervorragender deutscher Meister als Gehiife thätig gewesen, seinem Namen nach unbekannt, aber weithin berühmt durch sein Hauptwerk: der Meister von Königslutter, d. h. .der Meister, der zunächst den plastischen Schmuck der Ostteile, des Kreuzgangs und des Löwenportals der dortigen Stiftskirche 2) gearbeitet hat. Genau wie Nikolaus hat er unter die Säulen des erwähnten Eingangs kauernde Löwen, unter die Abschlussbogen im Kreuzgang sitzende Tragfiguren gestellt, und beide stimmen nicht allein in der allgemeinen Haltung, sondem auch in allen Einzelheiten, die Löwen selbst in jedem Büschel des Fells mit den Löwen und Greifen des Nikolaus, die eine der menschlichen Figuren selbst in den sonderbaren Falten am Ärmel
---------------------------
1) Ich gebe hier nur erst einige vorläufige Beobachtungen und behalte mir eine eingehende Untersuchung für später vor.
2) Vgl. meine Bau- und Kunstdenkmäler des Herzogtums Braunschweig I, 209 ff.

mit der Figur unter der nördlichen Säule der Ferrareser Vorhalle überein. Die konsolenartigen Köpfe an der Chorapsis in K. sehen genau so aus, wie die an derselben Vorhalle, und der bekannte Jagdfries dort findet sein Vorbild am Veroneser Dom. Dass sich in den Rosetten an den Gewölben und der Chorapsís, in der Akanthusblattwelle an der letzteren, in den korinthisierenden Kapitellen der Kirche, wie des Kreuzgangs in K. ein Studium antiker Vorbilder zeigt, war längst beobachtet worden. An einer Eigenart lässt sich aber jetzt noch bestimmter nachweisen, in welcher Umgebung der Meister diese klassischen Formen kennen lernte. Sowohl in K. wie in Verona und Ferrara sind die Akanthusblätter nicht mit jener antiken Kühnheit im Uberschlag dünn ausgearbeitet, sondem es legt sich auf das Hauptblatt zur Verstärkung von oben her ein zweites Blatt, so dass ein leerer Raum zwischen beiden zu liegen scheint. Man kann wohl auch sonst beobachten, dass die nur bossierten Akanthusblätter, die besonders im 11. Jahrhundert in Deutschland wie in den romanischen Ländem üblich waren, die Veranlassung zu dieser sonderbaren Abweichung von der Antike gaben. Aber genau solche Blätter, wie sie K. und die von ihm abhängigen Werke nördlich des Harzes zeigen, kommen sonst nur noch in den Portalbauten des Meisters Nikolaus vor. Die Übereinstimmung in allen diesen Dingen ist zu gross, als dass eine mehr oder weniger flüchtige Bekanntschaft des Meisters von K. mit den italienischen Werken zur Erklärung ausreichte. Der Deutsche hat vielmehr in der Werkstatt des ltalieners selbst den Meissel gehandhabt, den Schlegel geschwungen. Dass trotz der Gleichheit der Einzelformen der Eindruck des Ganzen hier ebenso deutschromanisch, wie dort italienisch ist, kann nicht Wunder nehmen. Säulen von der Schlankheit, Reliefs und Profile von der Flachheit der italienischen wären aus dem Gesamtbilde, das die Kirche in K. bot, einfach herausgefallen. Leichter noch erklärt sich, dass der Meister von K. als Gehilfe in dieser Beziehung keinen Einfluss auf den Italiener ausgeübt hat. Und doch ist es mir noch sehr zweifelhaft, ob nicht im einzelnen manches, was wir der Eigenart des ltalieners zuzuschreiben geneigt sind, auf die Rechnung des Deutschen kommt. In einem Kapitell am Veroneser Dom, dem südlichen der Vorhalle, spricht sich aber die deutschromanísche Formgebung trotz Verwendung des Akanthusblattes ganz besonders unzweideutig aus. Hier ist der scheinbar leere Raum zwischen den beiden übereinander gelegten Blättern so gross, dass seitwärts noch je ein weiteres Blatt zum Abschluss nötig wird; dabei springt diese eigenartige Blättergruppe auf den vier Seiten des Kapitells weit vor und es muss zur Ausfüllung der vier leeren Ecken dazwischen je ein knollenartiges Blatt dienen. Von klassisch südlichem Formengeist ist hier nichts zu spüren. Zugleich aber wiirde das Kapitell, auch wenn seine deutsche Eigenart angezweifelt werden sollte, mehr noch wie die oben erwähnten Figuren und Ornamente beweisen, dass der Meister von K. thatsächlich in Verona und Ferrara gearbeitet hat. Denn genau dasselbe so verzwickte, durch und durch individuelle Kapitell kehrt mit allen seinen Einzelheiten je zweimal am Löwenthor und im Kreuzgang in K. wieder 1), um dann im Gebiet des nördlichen Harzes noch weiterhin eine grosse Rolle zu spielen. Nur eine und dieselbe Hand kann dies Kapitell in Verona und in K. gearbeitet haben. Das zeigt allein schon der Umstand, dass weitaus die meisten nordharzischen Beispiele dieser Kapitellart, d. h. die, die nicht vom Meister von K. selbst herrühren, trotz aller Abhängigkeit von diesem auf den ersten Blick als Werke einer anderen Hand erkannt werden. Auch darf darauf hingewiesen werden, dass der deutsche Meister ausschliesslich unter dem Einfluss des Nikolaus steht, während andere Italiener ohne jede Wirkung auf ihn geblieben sind. Das künstlerische Verhältnis, das somit zwischen dem Deutschen und dem Italiener bestanden hat, ist für beide Teile gleich ehrenvoll und fruchtbar gewesen. Jeder hat seine Eigenart bewahrt, jeder dem andem, von dem er lernte, auch wieder reichlich gegeben. Denn auch das doppelte Akanthusblatt, dessen sich Nikolaus, so weit ich sehe, ausnahmslos bedient hat, lässt eher auf einen deutschen Erfinder, als auf einen italienischen schliessen. Die Bedeutung des deutschen Meisters,  die schon angesichts des plastischen Schmucks der Stiftskirche zu K. so klar hervortritt, lässt sich aber doch erst voll ermessen, wenn man beobachtet, wie dieses herrliche Werk den Ausgangspunkt für eine neue, ausserordentlich fruchtbare dekorative Schule in Niedersachsen gebildet hat, auf die ich hier nicht näher eingehen kann.

Dagegen muss ich schon in dieser vorläufigen Besprechung noch die zeitlichen Verhältnisse berühren. An Meister Nikolaus' Ferrareser Vorhalle steht die Jahreszahl 1135, nicht allerdings als die der Erbauung der Vorhalle selbst, sondern als die der Grundsteinlegung der ganzen Kirche. Aber es liegt nahe, sie doch mit Zimmermann auch für die zeitliche Ansetzung der Vorhalle zu verwerten. Das ist jetzt

--------------------------
1) Vgl. a. a. O. S. 213 und Taf. XXIV.

aber nicht mehr möglich. Die oben erwähnten Übereinstimmungen zwischen Ferrara-Verona und K. sind so gross, dass wir die betreffenden Teile der Stiftskirche in K. unmittelbar auf die italienischen Vorhallen folgen lassen müssen. Die Stiftskirche ist allerdings gleichfalls 1135 begonnen worden; aber Chor und Querhaus, Löwenportal und Kreuzgang gehören erst einer zweiten Bauperiode an, und diese lässt sich zeitlich ganz genau festlegen. lhr Beginn liegt vor dem Jahre 1186. Denn jenes Kapitell mit den vierfachen Akanthusblättern kehrt, vermutlich von der Hand des Meisters von K. selbst, in der Michaeliskirche zu Hildesheim und  von der Hand eines Schülers desselben, am Chor der Neuwerkskirche in Goslar wieder, und der Umbau der ersten, dem die herrlichen Säulen angehören, ist ebenso wie der Bau der östlichen Teile der zweiten in dem genannten Jahre geweiht worden. Andrerseils haben sich bei der Herstellung des Doms in Braunschweig, den Heinrich der Löwe 1173 begann, an dem aber im übrigen der Meister von K. nicht beschäftigt war 1), Reste einer Akanthusblattwelle gefunden, die von den Chorschranken herrührt, und die sich vollkommen mit der am Chor in K. deckt. In den siebziger und achtziger Jahren muss also der Meister in K.  u. s. w.  thätig gewesen sein. Die Vorhallen in Ferrara und Verona gehören daher auch erst der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts an, und es ist wahrscheinlich, dass nun auch die Reliefs des Meisters Wilhelm in Modena nicht unerheblich später anzusetzen sind, als der in der Künstlerinschrift genannte Beginn des Dombaus (1099).

                                                    P.J. Meier

Veröffentlicht in:
Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe. Neue Folge 12. Jahrgang 1900/1901 Nr. 7 vom 29.11.1900 S. 97-100

 

 

Auszug aus Erwin Kluckhohn "Die Kapitell-ornamentik der Stiftskirche zu Königslutter" - Teile I. und IV.



"ROMANIK IN NIEDER-SACHSEN

Dissertation Erwin Kluckhohn


DIE KAPITELLORNAMENTIK
DER STIFTSKIRCHE ZU KÖNIGSLUTTER.
Studien über Herkunft, Form und Ausbreitung.
VON ERWIN KLUCKHOHN.
ln den folgenden Untersuchungen soll die Entwicklung der beiden wichtigsten
Kapitelltypen von Königslutter durch einen Zeitraum von rund hundert Jahren verfolgt
werden. Beide Typen treten in der Nachfolge von Königslutter immer zusammen auf und
gehen, wie ich glaube zeigen zu können, auf eine gemeinsame Wurzel zurück.
Beim ersten der beiden Typen handelt es sich um ein korinthisierendes Kapitell,
das in Königslutter mehrfach abgewandelt wird (34--51),

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH_34_.jpg

Kaiserdom Königslutter, Chor

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-038-Kaiserdom-Koenigslutter-suedliches-Querhaus-.jpg

Kaiserdom Königslutter, südliches Querhaus

 

 

aber doch eine gleichbleibende
Eigenschaft hat: in der unteren Zone steigt hinter jedem Blatt noch ein zweites begleitendes
auf, das sich mit seiner Spitze über das vordere wölbt. Das hintere Blatt ist dabei entweder
eine kaum gegliederte Masse, oder es ist dem vorderen entsprechend durchgebildet; teil-
weise bleibt zwischen den beiden gezackten Blatträndern ein glatter Streifen stehen, teil-
weise wird dieser getilgt, so daß zwischen dem vorderen und dem hinteren Blatt für die
Vorstellung ein Hohlraum liegt.
Den anderen Kapitelltypus hat Weigert als „Palmettenfächerkapitell“ bezeichnet (52-55).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH_52_.png

Kaiserdom Königslutter, Löwenportal

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-053-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-054-Kaiserdom-Koenigslutter-Loewenportal-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Löwenportal

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-055-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

Der Name erklärt sich daraus, daß sich die Blätter an den Kapitellecken in halber
Höhe fächerförmig entfalten. Unter der Ecke der Deckplatte rollen sie sich zu einer Volute
ein, während ihre Stengel sich am Säulenhals mit den seitlichen Rändern der Blätter an
den Seitenmitten verbinden. Deren äußerste Spitzen berühren sich über den Stengeln der
Eckblätter; zugleich schmiegt sich der obere Blattrand an das Fächerblatt an. In der
Mitte begegnet ihm ein von oben herabkommendes Blatt, das unter der Deckplatte hervor-
quillt. Da die Eckblätter bis zu diesen Berührungspunkten vordringen, treffen hier vier
Blätter zusammen, die weit über die beim korinthisierenden Kapitell stets streng ein-
gehaltenen Blockgrenzen vortreten und das Schwergewicht des Kapitells von den Ecken
nach den Seitenmitten verlegen. P. J. Meier hat deswegen (in mündlicher Unterredung)
vorgeschlagen, statt „Palmettenfächerkapitell“ „Vierblattgruppenkapitell“ zu sagen, doch
wird sich bei der Untersuchung der Vorstufen zeigen, daß von den typischen Eigenschaften
dieses Kapitells das Fächerblatt früher deutlich ausgebildet wird als die Vierblattgruppe,
und deswegen werde ich bei dem von Weigert verwendeten Namen bleiben, obwohl er
das Kapitell nur unvollkommen umschreibt.
Herkunft und Ausbreitung dieser beiden Kapitelltypen gilt es also zu untersuchen.

 I. HERKUNFT.
A. DER STAND DER FORSCHUNG.
P. J. Meier hat zuerst auf die Beziehungen der Bauornamentik von Königslutter
zu einigen Bauten in Italien hingewiesen (Kunstchronik, N. F. 12, 1901, „Der Meister von
Königslutter in Italien“). Unabhängig davon hat Eichwede („Beiträge zur Baugeschichte
der Kirche des kaiserl. Stiftes zu Königslutter“, Diss. Hannover, 1904) nochmals diese Be-

36 Marburger Jahrbuch Bd. 11  1938/39
                                                                                                                                                                      527




ziehungen aufgezeigt und durch eine Fülle allerdings nicht immer zuverlässiger Zeichnungen
verdeutlicht. P. J. Meiers Beobachtungen sind damit vollauf bestätigt worden. Engere Be-
ziehungen waren erkannt zwischen Königslutter und Bauten in Ferrara und Verona. Auf-
gegriffen und in den weiteren Rahmen der sächsischen Bauornamentik im 12. Jahrhundert
gestellt sind diese Beziehungen von Adolph Goldschmidt in einer Rede auf dem Historikertag
in Berlin 1908 („Die Bauornamentik in Sachsen im 12.Jahrhundert", gedruckt in den Monats-
heften für Kunstwissenschaft 1910). Während P.J.Meier von einer Mitwirkung des deutschen
Meisters von Königslutter in der Werkstatt des Nikolaus von Ferrara gesprochen hatte,
und während Eichwede angenommen hatte, daß Meister Nikolaus persönlich nach Königs-
lutter gewandert sei, denkt Goldschmidt nur an eine Wanderung einiger italienischer Stein-
metzen von Ferrara nach Königslutter. Die Priorität der italienischen Formen ist nicht
bestritten worden, bis 1932 in einer Kölner Dissertation (Otto Gaul, Die romanische Bau-
kunst und Bauornamentik in Sachsen) jede Beziehung zwischen Italien und Sachsen im
12. Jahrhundert geleugnet worden ist. Hieran knüpft Weigert in seinem Aufsatz über „Das
Kapitell in der deutschen Baukunst des Mittelalters“ (Zeitschrift für Kunstgeschichte V, 1936)
an. Er erkennt zwar an, daß die Ansicht Gauls nicht zu halten ist, da die Formen in Italien
und Deutschland auch nach seiner Meinung zu sehr übereinstimmen; er versucht nun aber,
diese gemeinsamen Formen aus der deutschen Entwicklung zu erklären.
                   Weigerts These hält einer eingehenden Nachprüfung nicht stand. Die deutsche,
speziell die sächsische Kapitellornamentik vor Königslutter ist in ihrem Charakter so stark
unterschieden von der in Königslutter selbst, daß eine Erklärung des Königslutterer Stils
von hier aus kaum möglich ist. Man wird in der sächsischen Kapitellornamentik des 12.]ahr-
hunderts vergeblich suchen nach Vorstufen zu den für die Königslutterer Kapitelle typischen
Eigenschaften: die starke Auflockerung des Kapitellkerns nach der Tiefe bin, die Umsetzung
der Blockmasse in pflanzliches Geschehen, die lebendige, an antike Vorbilder angelehnte
Blattstruktur. Die sächsische Kapitellornamentik zeigt von der karolingischen Zeit an einen
stets gleichbleibenden Grundzug: die Entfernung vom korinthischen Urbild wird immer
größer; das Kapitell wird immer weniger als organische Einheit empfunden, die einzelnen
Teile verselbständigen sich mehr und mehr; sie werden in ihrem Wert entweder stark
gesteigert oder ganz vemachlässigt, während für den Gesamteindruck das Massenmäßige
des Kapitells entscheidend ist. Andererseits können wir in Italien beobachten, wie im
Anfang des 12.Jahrhunderts, von einem erneuten Anschluß an die Antike ausgehend, sich
Formen entwickeln, die der Königslutterer Ornamentik ganz unmittelbar verwandt sind.
Da diese die gleichen Blattzusammensetzungen zeigen wie die korinthisierenden Kapitelle
in Königslutter, und da sich hier außerdem das Palmettenfächerkapitell langsam heraus-
bildet, das dann in Königslutter fertig auftritt, kann über die Priorität Italiens kein Zweifel
sein. Deshalb verzichte ich auf eine eingehende Diskussion der Weigertschen These, die
durch die nachfolgenden Untersuchungen ihre überzeugende Widerlegung finden wird 1)

B. DIE VORSTUFEN IN ITALIEN.
1. Der Gang der Kapitellentwicklung.

Wie bereits P. I. Meier erkannt hat, liegen die unmittelbaren Voraussetzungen für
Königslutter in Ferrara und Verona. Die beiden Typen von Königslutter beherrschen bereits

1) Die von Weigert angeführten Vorstufen zum Palmettenfächerkapítell (Zeitschr. f Kunst-
gesch. V, S.31) reichen in keiner Weise zur Ableitung dieses wichtigen Kapitelltypus aus. Die Über-
setzung der ganz flächigen Darstellung ins Räumliche und das Vortreten der Seitenmitten bleiben bei
Weigert unerklärt.

528


die dortige Kapitellornamentik. Bei einer kritischen Durcharbeitung der oberitalienischen
Kapitelle habe ich die Überzeugung gewonnen, daß beide Typen auf Modena zurückgehen,
wo sich die Steinmetzen von Ferrara geschult haben müssen. Ich werde deswegen zunächst
die aus der Formanalyse abgeleitete Entwicklung der Kapitelle von Modena über Ferrara
nach Verona darstellen. In dem nachfolgenden Abschnitt über die Datierungen werde ich
mich dann mit den bisher in der Literatur vertretenen Ansichten auseinandersetzen.
                  Die oberitalienische Kapitellornamentik des späten 11. Jahrhunderts zeigt das Ende
eines langen Umbildungsprozesses des antiken Kapitells. Aufbau und Blattgliederung lassen
nur noch sehr im allgemeinen erkennen, daß hinter den Schöpfungen des 11. Jahrhunderts
als Vorbilder antike Werke stehen. Die Blätter sind entweder sehr stark durch übertrieben
bewegte Umrißformen des Blattrandes und erhabene Rippen auf dem Blattkörper zersetzt
oder aber zu unförmigen, ungegliederten Gebilden verfestigt. Demgegenüber finden wir
am Dom zu Modena einen ganz neuen Einsatz. Zwar sind die Kapitelle der Krypta noch
im Sinne des 11. Jahrhunderts gestaltet und ebenso die der Apsiden der Oberkirche 1).
An der Fassade aber begegnet uns ein neuer Stil, und zwar zusammen mit den Werken
des Bildhauers Wilhelm. Vitzthum 2) hat betont, wie stark die Arbeiten Meister Wilhelms
von der vorangehenden Zeit unterschieden sind, und wie hier plötzlich wieder das Auge
für die Antike offen ist, während man vorher antike Denkmäler nicht zum Vorbild genommen
habe. Auch Kautzsch 3) verweist darauf, daß in der Kapitellornamentik der Zeit um 1100
sich verschiedentlich eine enge Verbindung antiken Formguts mit „langobardischen“ Vor-
stellungen findet. Gerade in Modena treffen seiner Meinung nach ältere und jüngere Formen
zusammen: die langobardische Tradition zeigt sich in der Krypta, das Zurückgreifen auf
die Antike an der Fassade. Genau so kann man den brettartig platten Formen der Fenster-
umrahmungen an S. Abondio in Como die aus grundsätzlich neuem Geist geschaffene Ranke
Meister Wilhelms am Hauptportal in Modena gegenüberstellen.
                   Bei den Kapitellen am Vorbau des gleichen Portals (1, 2)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-001-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5844-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-002-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5848-Foto-2013.jpg

 

ist mit der Antike über-
einstimmend allerdings weniger die Blattstruktur als der Aufbau, der in beiden Fällen aus
Kranzblattreihe, Hochblattreihe und Doppelhelices auf jeder Seite besteht. Freilich sind
in Modena nur vier Kranzblätter und auch nur vier Hochblätter vorhanden, und die Helices
wachsen nicht hinter Hüllblättern auf, sondern entwickeln sich erst im oberen Teil des
Kapitells aus der Blockmasse heraus, ohne Verbindung mit den unteren Zonen. Die Hoch-
blätter haben dabei teilweise die Funktion der antiken Hüllblätter übernommen, sie schmiegen
sich an die Voluten an. Beim rechten Kapitell (1)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-001-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5844-Foto-2013.jpg

sind in Analogie zu den Blättern an den
Kapitellecken zur Stützung der inneren Voluten kleine Blätter gebildet, die zunächst unge-
gliedert über den Kranzblättern aufwachsen, dann aber durch ihren reich gestalteten Über-
schlag deutlich hervortreten. Der wesentlichste Unterschied gegenüber dern klassischen
Vorbild besteht darin, daß in der Heliceszone keine Kelchforrn sichtbar oder auch nur
fühlbar wird. Gerade diese obere Zone ist als Block empfunden, aus dem die Formen
herausgearbeitet sind, und der dabei unmittelbar sinnfällig bleibt. Der Block hat nämlich
nur an den Ansatzpunkten der Helices leichte Einziehungen, die der Gliederung der Deck-
platte entsprechen. Diese hat nicht die durchgehende Schwingung wie in der Antike;
vielmehr wird die Abacusblüte durch einen Klotz ersetzt, und während die Abacusecken
und der Klotz in einer gleichen vorderen Ebene liegen, sind zwischen ihnen Einziehungen


1) Die hier übliche Art der Blattbildung lebt außerdem fort an den Kapitellen vom Unter-
geschoß der Porta dei principi und, schon mit Elementen des neuen Stils durchsetzt, an der Porta della
pescheria. Auch später stirbt diese Richtung nie ganz ab.
2) Dıe Malerei und Plastik des Mittelalters in Italien, Handbuch der Kunstwissenschaft 1924, S. 78.
3) „Oberitalien und der Mittelrhein“, in L'ltalia e l'arte straniera, Roma 1922.
36*                                                                                                                                                529



in der Form regelmäßiger Kreissegmente gebildet. Dies bedeutet natürlich gegenüber
dem klassisch-korinthischen Kapitell eine starke Verblockung der Heliceszone, die dadurch
noch besonders hervorgehoben wird, daß in der Eckansicht die Voluten nicht aneinander-
stoßen, sondern an der Ecke ein unverziertes Blockstück stehenbleibt.
Dies Kapitell 1 enthält verschiedenartige Blattformen. Die Voluten zeigen nur in
ihrer äußersten Endigung die Vorstellung eines blattmäßigen Körpers. Etwas stärker ge-
gliedert sind die Eckblätter unter den Außenvoluten: der Blattrand bildet eine gleichmäßige
und nur wenig geschwungene Linie, die Oberfläche des Blattes ist glatt bis auf zwei er-
habene Rippen in der Längsrichtung. Von ähnlich geringer Gliederung sind die kleinen
fünffingrigen Palmetten am Säulenhals, dort, wo die Eckblätter ansetzen. Voll starker und
lebendiger Durchbildung sind dagegen die kleinen Blätter unter den Innenhelices: der
Blattrand schwingt in rhythmischem Wechsel stärker und schwächer; die stärkeren Ein-
ziehungen sind auf der Blattoberfläche durch kleine parallele Erhebungen hervorgehoben und
außerdem führen deutlich betonte Rippen zu ihnen hin; an den schwächer geschwungenen
Teilen des Blattrandes wird die Blattfläche durch parallele Riefelungen belebt, so daß also
ein reiches Bild entsteht, zumal das ganze Blatt aus der Tiefe herauswächst und sich über-
schlägt, denn auf diese Weise verlaufen alle Linien kurvig. - Die gleiche Blattbildung
finden wir bei den Kranzblättern wieder, allerdings hier weniger sinnfällig. Bei flüchtiger
Betrachtung haben wir den Eindruck großer, sich kräftig in den Raum vorwölbender
Blätter. In Wahrheit aber besteht jedes „Blatt“ aus mehreren Blättern, die sich um einen
festen Kern herumlegen, oder anders gesagt: ein Kern schiebt sich zwischen zwei auf-
wachsende Blätter und trennt deren seitliche Ränder voneinander. Da sich nun die seit-
lichen Blätter eng an den Kern anschmiegen und sich mit ihm zusammen nach vorn wölben,
so entsteht die Vorstellung, als ob es sich im ganzen um ein einheitliches Blatt handele.
Diese Vorstellung ist natürlich auch beabsichtigt, denn beim antiken Kapitell ist der hier
in Modena aufgespaltene Komplex als ein einheitliches Blatt gebildet.
Strenger antikisch sind die Kranzblätter am linken Kapitell des Portalvorbaus (2).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-002-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5848-Foto-2013.jpg
Hier herrscht deutlich die Vorstellung eines großen ungeteilten Blattes mit stark aus-
gebildeter Mittelrippe, doch schiebt sich auch hier ein fester Körper in das stark räumlich
empfundene Blatt hinein und bildet eine Stütze für den dünnen Blattkörper. In gleicher
Weise sind die Hochblätter gebildet. Zwischen ihnen aber befinden sich, gänzlich unantik,
keine aufwachsenden Blätter, sondern aus den Innenhelices entwickelt sich ein nach unten
fallendes Blatt. Der Rand dieses Blattes zeigt die gleiche Gliederung wie die Blätter unter
den Innenhelices beim Kapitell 1, nur werden die Endigungen der stärkeren Einziehungen
dadurch noch hervorgehoben, daß sie durch Bohrlöcher erweitert sind.
                   Ganz ähnlich den großen Blättem des Kapitells 2 sind die Eckblätter an einem
Zwerggaleriekapitell der Fassade gebildet (3).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-003-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5882-Foto-2013.jpg

Allerdings ist hier nicht so deutlich eine
feste Masse in das bewegte Blatt hineingeschoben; dafür wird die Lücke durch Blatteile
ausgefüllt, die mit der Volute zusammenhängen. Es bleibt auch hier die enge Bindung
eines gegliederten Blattes an einen anderen Körper bestehen. Dagegen ist in einem anderen
Kapitell der Zwerggalerie der Fassade (4)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-004-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5868-Foto-2013.jpg

nur das durchgeformte Blatt gewahrt, und es
tritt deutlich eine Auflockerung zwischen Blatt und Volute ein. Das Blatt selbst aber verrät
seine Herkunft von den Kranzblättern des Kapitells 2.
Die Kapitelle 3 und 4 stellen eine starke Vereinfachung des Formenapparates der
großen Portalkapitelle 1 und 2 dar. Die Kranzblattreihe und die Innenhelices samt ihren
Stützblättern sind getilgt, erhalten sind nur die Eckblätter mit den zugehörigen Voluten
und zwischen diesen ein schmales aufsteigendes Blatt, das dem zwischen den Voluten beim
Kapitell 2 ähnelt.

530


Einige andere Kapitelle in Modena (am Obergeschoß der Porta dei principi, Abb. 5 und 6)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-005-Modena-Dom-Porta-dei-principi-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5838-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-006-Modena-Dom-Porta-dei-principi-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5830-Foto-2013.jpg

geben den ursprünglichen Bestand des korinthischen Kapitells etwas vollständiger
wieder. Sie haben noch Kranz- und Hochblätter, aber die beiden Blattreihen sind fast zu
einer einzigen verschmolzen, indem die Spitzen der Kranzblätter bis zu den Hochblättern
hinaufgezogen sind. Andererseits aber ist die Fortlassung der lnnenhelices beibehalten.
Neu hinzugekommen ist die Rosette in der Mitte der oberen Zone; sie mutet wie eine
vergrößerte Deckplattenblüte der antiken Kapitelle an. Die Blätter sind etwas feinnerviger
als bei den Kapitellen der Fassade, ihr Rand hat eine fast erregte Art der Schwingung.
Beim linken Kapitell (5) haben die Kranzblätter neben ihrem Ansatz am Säulenhals noch
kleine begleitende Blätter, die wie Überbleibsel der an den Kern seitlich angelehnten
Blätter beim Kapitell 1 wirken. Beim rechten Kapitell (6) sind diese mit dem großen Blatt
zu einer Einheit zusammengewachsen, so daß sich das Blatt über die ganze Kapitellseite
ausbreitet und nur an der Ecke etwas Raum für die Stengel der Eckblätter läßt. Zugleich
ist eine für die Zukunft wichtige Veränderung vorgenommen: die beim Kapitell 5 noch
sehr massig gebildeten Voluten sind aufgelockert, indem die Einrollung kleiner geworden
ist und sich dadurch von den Eckblättern entfernt hat; zu diesen wird die Verbindung
durch ein kleines, aus der Volute herauswachsendes Blatt hergestellt. Beim Kapitell 1
waren in der Heliceszone die Ecken des Blockes stehengeblieben, ohne Rücksicht darauf.
daß zwischen Volute und Hochblatt eigentlich bis auf den Punkt, wo sie sich berühren,
Freiraum sein müßte. Diesem Blockstück wird nun eigenes Leben gegeben, und zugleich
bleibt die starke Festigkeit der Ecke gewahrt. Vorbereitet ist dieses Eckblatt bei den
Kapitellen 3 und 4; zu einem selbständigen Wert kommt es erst beim Kapitell 6.
               An diese Stufe in der Entwicklung des korinthisierenden Kapitells knüpfen die
Steinmetzen von Ferrara an. Allerdings ist der Gesamteindruck etwa bei einem Kapitell
der südlichen Zwerggalerie (7)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-007-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-6830-Foto-2013.jpg

wesentlich von dem des Kapitells 6 unterschieden. Das ist
bedingt durch Verschiebungen in den Proportionen und Änderungen der Blattstruktur. Die
Blätter der Kapitelle von Ferrara führen jedoch einen in Modena zuerst auftauchenden
Gedanken fort, nämlich die Festigung eines bewegten Blattes durch eine Folie. Diese
Folie hat in Modena nur ganz andeutungsweise den Charakter eines Blattes bekommen.
Im Grundsätzlichen ähnlich sind einige Blätter an den Kämpfern der Seitenportale an der
Ferrareser Domfassade gebildet (8).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-008-Ferrara-Dom-Fassade-rechtes-Seitenportal-IMG-7182-Foto-2013.jpg

Auch hier wird ein reich gegliedertes Blatt an eine
ruhige Masse angelehnt. Aber diese dient nicht mehr nur zur Stützung des vorderen
Blattes, sondern sie wird in ihrem Wert gesteigert, indem sie selbst den Charakter eines
Blattes bekommt, das sich mit seiner Spitze nach vorn wölbt. An dem mittleren Blatt des
Kämpfers hat der sich vorwölbende Körper deutlich blattmäßige Struktur. Eine weitere
Steigerung bedeuten die Blätter des Kapitells 7. Hier ist dem hinteren Blatt eine sehr
lebhafte Gliederung gegeben, der Blattrand ist nun genau so gezackt wie beim vorderen
Blatt, zwischen den beiden gezackten Rändern aber bleibt ein glatter Streifen stehen, der
die Funktion des ursprünglich hinteren Blattes übernommen hat, nämlich ruhige Folie für
den bewegten Rand zu sein. Bei einigen Kapitellen der Zwerggalerie (9 und 10)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-009-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6744-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-010-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-6764-Foto-2013.jpg

wird gelegentlich auch dieser glatte Streifen noch getilgt, und nun stoßen zwei gezackte
Ränder aneinander, und zwar so, daß für die Vorstellung zwischen beiden Blättern ein
Hohlraum bleibt, dessen Tiefe für das Auge nicht genau erfaßbar ist. Damit sind die
Blattzusammensetzungen erreicht, die, wie wir zu Beginn unserer Untersuchung sagten, für
Königslutter kennzeichnend sind.
Außer den Blattformen wird in Ferrara auch der Aufbau des Kapitells weiter-
gebildet. Das Kapitell 7 schließt an das Kapitell 6 in Modena an, nur sind die Proportionen
etwas breiter. Mit Modena verwandt ist auch ein Kapitell der nördlichen Zwerggalerie (9).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-009-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6744-Foto-2013.jpg



531



Allerdings sind hier nicht die Seitenmittelblätter, sondern die Eckblätter beherrschend für
den Gesamteindruck. Man kann sich an die starke Bedeutung der Eckblätter bei den
kleinen Kapitellen 3 und 4 erinnert fühlen, doch wird in Ferrara wegen der stärkeren
Breitenausdehnung des Kapitells an der Seitenmitte noch die Spitze eines aus der Tiefe
nach vorn kommenden Blattes zwischen die Eckblätter eingeschoben. - Die Helices dieses
Kapitells zeigen außerdem noch eine eigenartige Blattstruktur, die aus der Zusammen-
setzung des Blattes aus mehreren Einzelblättern entwickelt ist. Das nach der Ecke auf-
steigende Blatt hat nach oben hin einen stark gezackten Rand, der begleitet wird von
einem einfachen glatten Streifen. Goldschmidt hat, unter Hinweis auf ähnliche Formen in
der Buchmalerei 1), gezeigt, daß für uns auf diese Weise die Illusion eines aufgerollten
Blattes mit einem glatten und einem gezackten Rand entsteht. Diese Vorstellung lebt auch
in der Volute selbst weiter, nur bei dem hängenden Eckzapfen ist nicht klargelegt, wie
er sich aus dem Blattkörper des Eckblattes entwickeln kann. Vielleicht liegt in dem Neben-
einander des glatten und des gezackten Blattrandes eine Verquickung der klassischen Helices
mit ihren Hüllblättern vor, vielleicht ist die Form hier in Ferrara aber auch selbständig
entwickelt.
                 Dieses Kapitell 9

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-009-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6744-Foto-2013.jpg


ist unmittelbar maßgeblich geworden für Königslutter (36-38).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-036-Kaiserdom-Koenigslutter-suedwestlicher-Vierungspfeiler-.jpg

Kaiserdom Königslutter, südwestlicher Vierungspfeiler

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-037-Kaiserdom-Koenigslutter-nordoestlicher-Vierungspfeiler-.jpg

Kaiserdom Königslutter, nordöstlicher Vierungspfeiler

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-038-Kaiserdom-Koenigslutter-suedliches-Querhaus-.jpg

Kaiserdom Königslutter, südliches Querhaus

 


Dort werden aber auch noch andere Anregungen von Ferrara weitergebildet. Ein Kapitell
der südlichen Zwerggalerie in Ferrara (10)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-010-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-6764-Foto-2013.jpg

unterscheidet sich vor allem dadurch von dem
Kapitell 9, daß es stärker in die Fläche ausgebreitet ist. Außerdem sind die bei 9 nur
eben angedeuteten Blätter einer mittleren Zone hier auf Kosten der oberen Zone sehr
gesteigert. Teilweise verkümmern die Voluten dabei sehr, teilweise behalten sie ihre alte
Rundung, doch sind die Helices nicht als volle Blätter ausgebildet wie bei 9, sondern sind
nur dreirippige Stengel (wie in Königslutter bei 47 und 48).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-047-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-048-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

Das hängende Eckblatt gewinnt zugleich an Bedeutung, denn es hat nun den breiten Raum
von der Volute bis zu den unteren Eckblättern zu überbrücken.
                     Neben den Kapitellen von Ferrara sind für Königslutter auch die von Verona
bedeutungsvoll. Das Kapitell 7

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-007-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-6830-Foto-2013.jpg

lebt weiter in einem Kapitell im Langhans von S. Zeno in Verona. (11).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-011-Verona-S-Zeno-Langhaus-IMG-8601-.jpg


Die untere Zone ist unmittelbar verwandt bis auf kleine Abweichungen in
der Blattgliederung. Neuartig sind dagegen in der oberen Zone die Tierköpfe statt der
Voluten, die ebenso wie die kleinen im Winde spielenden Blätter an der Seitenmitte der
oberen Zone ihre Vorstufe an Zwerggaleriekapitellen von Ferrara haben. (Die Tierköpfe
kehren in Königslutter wieder bei den Kapitellen 34 und 35,

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-034-Kaiserdom-Koenigslutter-Chor-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Chor

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-035-Kaiserdom-Koenigslutter-noerdliches-Querhaus-.jpg

Kaiserdom Königslutter, nördliches Querhaus

 

das im Winde spielende Blatt am Kapitell 38.)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-038-Kaiserdom-Koenigslutter-suedliches-Querhaus-.jpg

Kaiserdom Königslutter, südliches Querhaus

 


           Eine andere Abwandlung des Kapitells 7 findet sich am Vorbau des Hauptportals
vom Veroneser Dom (12).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-012-Verona-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-7784-Foto-2013.jpg

Der ganz andersartige Eindruck ist durch die verflächigte Blatt-
struktur bedingt, aber auch durch die Umgestaltung der oberen Zone und die allgemeine
Streckung der Proportionen. Für Königslutter bedeutungsvoll wird die Einführung des
großen aufsteigenden Blattes in der Mitte der oberen Zone (39, 40, 43).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-039-Kaiserdom-Koenigslutter-suedoestlicher-Vierungspfeiler-.jpg

Kaiserdom Königslutter, südöstlicher Vierungspfeiler

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-040-Kaiserdom-Koenigslutter-Apsis-Untergeschoss-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Apsis Untergeschoss

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-043-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

Alle Blätter bleiben sehr eng an den Kern gebunden, jede Vorstellung einer freien Schwingung
oder gar eines von den Blättem eingeschlossenen Hohlraumes ist getilgt. Erreicht ist dadurch
eine sehr starke Geschlossenheit der Gesamtform.
Die für Königslutter entscheidenden italienischen Kapitelle sind hiermit genannt.
Wir haben uns jedoch noch kurz mit dem Nachleben dieser Kapitelle in Italien selbst zu
befassen, weil sich von hier aus Schlüsse auf die Übertragung der Formen nach Königs-
lutter ergeben werden.

1) „Die Bedeutung der Formenspaltung in der Kunstentwicklung“, Harvard University Press,
Cambridge, Massachusetts, 1937.

532



Dem Kapitell 12 in Verona in der starken Geschlossenheit verwandt ist eins am
Vorbau des rechten Seitenportals der Domfassade in Piacenza (13).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-013-Piacenza-Dom-rechtes-Seitenportal-der-Fassade-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5456-Foto-2013.jpg

Die starke Ausdehnung der Voluten bedingt eine Zusammenziehung der breiten Mittelblätter des Kapitells 12
zu schmalen Blättern, die an die Kapitelle 3 und 4 in Modena erinnern. Daß die gezackten
Blattränder an glatte angelehnt werden, ist bei diesem Kapitell kaum zu spüren, doch
zeigen andere Kapitelle der Domfassade deutlich Nachfolge der besonderen Form des
Kapitells 9 in Ferrara.

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-009-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6744-Foto-2013.jpg


                Ein reich gestaltetes Kapitell in der Krypta von Piacenza, das sich an das Ferrareser
Kapitell 7 anschließt, bildet Weigert ab (Abb. 53 auf Seite 34 der Zeitschrift für Kunst-
geschichte V, 1936). Hier zeigt sich eine deutliche Tendenz zur Formenhäufung. Zugleich
aber werden die Blätter in die Fläche gebunden wie beim Kapitell 13.

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-013-Piacenza-Dom-rechtes-Seitenportal-der-Fassade-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5456-Foto-2013.jpg

Typisch dafür ist das windbewegte Blatt an der Seitenmitte unter der Deckplatte.
               Eine deutliche Nachwirkung von Ferrara finden wir in einem Kapitell des Portals
am Dom in Cremona (14).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-014-Cremona-Dom-Hauptportal-IMG-5552-Foto-2013.jpg

Der Aufbau ist genau so einfach wie beim Kapitell 3 in
Modena, doch zeigt die Volute mit dem hängenden Eckblatt eine Fortbildung von Ferrara 9
und 10, und die Anlehnung der gezackten an glatte Blätter ist wie bei Ferrara 9 gebildet.
Außerdem tritt zusammen mit diesem Kapitell ein anderes auf (15),

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-015-Cremona-Dom-Hauptportal-IMG-5584-Foto-2013.jpg

das im Aufbau Nachwirkung eines Kapitells im Langhaus von S. Zeno in Verona erkennen läßt. Es besteht
aus zwei Reihen gleichmäßig übereinander angeordneter Blätter. Jedes „Blatt“ ist in zwei
Einzelblätter zerlegt; in der unteren Zone sind die jeweils hinteren Blätter ohne starke
Betonung, in der oberen Zone sind sie jedoch bestimmend. Hier wird die gleiche Illusion
eines Hohlraumes erweckt wie etwa beim Kapitell 10 in Ferrara.
                Am Kämpfer dieses Kapitells schmiegt sich eine Reihe nebeneinander angeord-
neter ganz fein gefiederter Blätter eng an die schwingende Platte an. Diese sehr differen-
zierte Art der Blattbildung weist auf eine verhältnismäßig späte Entstehungszeit innerhalb
der geschilderten Entwicklung; wir finden sie vielfach in Piacenza, und zwar am gleichen
Portal wie das Kapitell 13 mit seinen stark verfestigten Formen, dann an einem Kämpfer
des nördlichen Querschiffportals und an einigen kleinen Kapitellen am Fenster der mitt-
leren Apsis, vor allem aber im Langhaus des Domes.
              Die kleinen Kapitelle des Ostfensters in Piacenza führen unmittelbar hin zu einem
Kapitell am Vorbau des Domportals in Lodi (16),

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-016-Lodi-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-5324-Foto-2013.jpg

bei dem wir die überfeine Blattstruktur
besonders deutlich sehen, zugleich aber in der Zusammensetzung der Blattkomplexe aus
vorderem und hinterem Blatt immer noch die Herkunft aus Ferrara spüren. Ebenso
kennen wir das kleine windbewegte Blatt aus Ferrara und Verona. Auffallend ist nur die
Bildung des Helices und das Fehlen eigentlicher Voluten.
              Damit haben wir die Entwicklung des schulmäßigen Zusammenhangs der korin-
thisierenden Kapitelle mit Blattzusammensetzung von Modena an bis zu einem Endpunkt
in Lodi verfolgt und kennen jetzt die Stellung der für Königslutter wichtigen Werke
in Ferrara und Verona innerhalb dieser Reihe. Wir müssen nunmehr die Herkunft
und Fortbildung des anderen Kapitelltyps von Königslutter, des Palmettenfächerkapitells.
untersuchen.
              Eine so singuläre Form kann nicht unvermittelt erfunden werden, und tatsächlich
läßt sich auch ihre Entstehung aus dem korinthisierenden Kapitell verfolgen.
              Als ein wesentliches Element des Palmettenfächerkapitells hatten wir das fächer-
förmige Eckblatt bezeichnet. Wir finden es zum ersten Male in ausgeprägter Form beim
Kapitell 17 (an der Zwerggalerie der Domfassade in Modena).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-017-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5866-Foto-2013.jpg

In der Blattbildung am nächsten verwandt sind die Kranzblätter des Kapitells 2,

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-002-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5848-Foto-2013.jpg

allerdings gehören dort in der
Eckansicht die einzelnen Teile verschiedenen Blättern an; wenn man sie sich jedoch zu-

533



sammengefaßt denkt und zugleich die kleine Palmette an der Ecke zu einem längeren Blatt
vergrößert, so kommt man dem Eckblatt des Kapitells 17 sehr nahe. Andererseits kann
man sich bei dem an den Seitenmitten vortretenden Komplex an die Kranzblätter des Kapitells 1

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-001-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5844-Foto-2013.jpg

erinnert fühlen, denn auch hier strebten von beiden Seiten Blätter nach der
Seitenmitte hin zusammen; dort trat zwischen ihnen der Kern hervor, hier dagegen ist
diese Stelle mit einem schmalen Blatt verdeckt. Die Mittelrippe auf dem eingeschobenen
Blockstück erinnert hingegen am stärksten an das Kapitell 2. Beide Kapitelle vom Unter-
geschoß des Hauptportals sind also zur Erklärung des Kapitells 17 notwendig. Vom
Apparat des korinthischen Kapitells ist dabei eigentlich nur die untere Zone gegeben, und
die erstaunliche Leistung ist, daß dennoch eine gut schaubare Form entsteht. Wir hatten
in den Kapitellen 3 und 4 Vereinfachungsformen des korinthischen Kapitells gesehen; dort
aber waren die wesentlichen Elemente erhalten geblieben, hier dagegen fehlen die Teile,
die sonst die Überleitung vom Rund der Säule nach dem Quadrat der Deckplatte voll-
ziehen. Das Kapitell müßte um 45° gedreht werden, um sich der Deckplatte anzupassen.
             Wenn wir nach der Herkunft des Gedankens suchen, die Seitenmitten durch Her-
vortreten der Blattkomplexe stärker zu betonen als die Ecken, so müssen wir, wie ich
glaube, zum Kapitell 2 zurückgehen. Hier tritt nämlich zum ersten Male die Zusammen-
ziehung mehrerer ursprünglich nicht zusammenhängender Blätter zu einem einheitlichen
Komplex auf, indem die Innenhelices mit den darunter befindlichen Blättern verbunden
werden und diese sich aus den Voluten herausentwickeln 1). Das Motiv des hängenden
Blattes an der Seitenmitte wird weitergebildet an einem Kapitell am Obergeschoß des
Portals (18).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-018-Modena-Dom-Hauptportal-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5854-Foto-2013.jpg

Die beiden Zonen aufsteigender Blätter sind hier zu einer einzigen reduziert,
und da die Seitenmittelblätter die gleiche starke Ausladung haben wie die Kranzblätter
beim Kapitell 2, so muß das ihnen von oben begegnende Blatt nun ebenfalls in den
Raum vorstoßen. Daneben treten die Kapitellecken ganz zurück, es ist nur noch ein Rest
der Voluten vorhanden.
               Ähnlich ist ein Kapitell an der Zwerggalerie der Fassade gebildet (19).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-019-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5890-Foto-2013.jpg

Hier dringen die Seitenmitten noch weiter vor, denn nun ist das aufsteigende Mittelblatt auch noch
getilgt, und der Blattkomplex der Seitenmitte breitet sich noch mehr aus. Die Eckvoluten
sind ähnlich wie beim Kapitell 18 und werden durch schmale Blätter gestützt. An einem
späteren Kapitell der Zwerggalerie der Nordseite (20)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-020-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-5984-Foto-2013.jpg

sind auch diese aufgesogen von den
sich immer mehr ausdehnenden Mittelblättern, und die Volute ist nur noch ein Ableger
des Stengels dieser Blätter. An einem Kapitell der südlichen Zwerggalerie (21)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-021-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5972-Foto-2013.jpg

verschwindet die Volute sogar ganz. All diese Kapitelle zeigen. daß der Gedanke, die Seitenmitte statt
der Ecke zu betonen, in Modena vielfach abgewandelt wird, so daß das Kapitell 17 von
diesem Gesichtspunkt aus keine Einzelerscheinung ist. Zugleich erscheint bedeutungsvoll,
daß bei den Kapitellen 19 bis 21 zwar die Blattkomplexe der Seitenmitten am weitesten
vortreten, die wesentlichen Blätter aber von den Ecken aus hochwachsen. Auch darin
besteht Verwandtschaft zum Kapitell 17; dort bleibt freilich das an der Ecke aufwachsende
Blatt wirklich Eckblatt, während es sich bei den Kapitellen 19 - 21 nach der Seitenmitte
hinwendet und sich dort erst wirklich entfaltet.
                 Das Kapitell 17 erfährt nun eine Weiterhildung, die die in Ferrara auftretende
Form des Palmettenfächerkapitells vorbereitet. Dabei bleibt die starke Ausbreitung der
Fächerblätter bestehen, zugleich aber wird dem Fächerblatt eine Volute gegeben. Diese

1) Diese Blattzusammenziehungen leben weiter an den Vorbaukapitellen der Abteikirche in
Nonantola (Aufn. Marburg 681). Am rechten Kapitell tritt der dabei entstehende Blattkomplex weiter
vor als die Deckplatte, am linken Kapitell wird er durch eine Rosette ersetzt. Hier gewinnen zugleich
die Eckblätter stark an Bedeutung.

534



Stufe ist vertreten durch ein Kapitell der südlichen Zwerggalerie (22).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-022-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5978-Foto-2013.jpg

An einem anderen Kapitell dort (23)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-023-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5968-Foto-2013.jpg

sind zwar die Voluten weniger ausgebildet, dafür aber breitet sich nun
das beim Kapitell 17 noch ganz schmale Blatt an der Seitenmitte weiter aus. Zugleich
tritt der stützende Kern zurück. der aus dem Kapitell 2 übernommen war, und der Raum
zwischen den Blättern bleibt unter der Deckplatte unausgefüllt. Erst in Ferrara (25)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-025-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6732-Foto-2013.jpg

wird hier ein dem unteren Mittelblatt gleichwertiges Blatt eingeführt. Wir dürfen wohl an-
nehmen, daß dabei Kapitelle wie 18 bis 21 anregend gewirkt haben.
             Von den Palmettenfächerkapitellen von Ferrara steht eins in der südlichen Zwerggalerie (24)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-024-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-6770-Foto-2013.jpg

Modena noch sehr nahe. Wie beim Kapitell 17 ist das Fächerblatt ohne Volute
gebildet, sonst hat es die gleiche Schwingung wie bei 22. Die Struktur des unteren Mittel-
blattes erinnert am ehesten an die Eckblätter von 23, genauer gesagt haben wir hier die
klassische Blattstruktur vor uns, wie sie an den Portalen von Ferrara und besonders an
den korinthisierenden Kapitellen der Zwerggalerie ausgebildet ist 1).
                    Wesentlich ausgewogener als das Kapitell 24 wirkt ein Kapitell an der nördlichen Zwerggalerie (25),

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-025-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6732-Foto-2013.jpg

denn hier sind die Fächerblätter mit Voluten ausgestaltet, wie schon bei Modena 22;

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-022-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5978-Foto-2013.jpg

dadurch tritt eine stärkere Verbindung mit den Ecken der Deckplatte ein.
Außerdem ist die Blattstruktur der Fächerblätter durch stärkere Einziehungen und zugleich
natürlichere Schwingung des Blattrandes lebendiger geworden. Sehr wesentlich ist, daß
die Blattränder der Fächerblätter und der oberen Mittelblätter nicht ineinandergreifen wie
bei 24, sondern daß zwischen ihnen ein freier Raum bleibt. Ähnlich wie bei den Kapitellen 9
und 10, nur in sehr verstärktem Maße, wird hier für die Vorstellung von den Blättern ein
Hohlraum eingeschlossen. Dadurch ist das Gefühl der Schwere, das den Palrnettenfächer-
kapitellen 22 und 24; anhaftete, wieder aufgehoben. und der schwere Block bekommt für
das Auge Leichtigkeit der Erscheinung.
                  Ein kleines Kapitell der südlichen Zwerggalerie des Domes in Ferrara ist in den
Proportionen etwas schlanker als die bisher untersuchten Kapitelle. Alle Linien laufen
etwas steiler, und das Fächerblatt entfaltet sich nicht unmittelbar am Säulenhals. Die
oberen Seitenmittelblätter bekommen noch mehr Bedeutung.
                  Damit ist die unmittelbare Voraussetzung für ein Kapitell am Vorbau des Veroneser Domportals gegeben (26).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-026-Verona-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-7832-Foto-2013.jpg

Hier werden die bis jetzt noch isolierten Teile zusammen-
gezogen, indem sich die unteren Mittelblätter mit ihren seitlichen Ausstrahlungen über den
Stengeln der Fächerblätter berühren und diese Stengel außerdem mit den Randstücken
der Mittelblätter verbunden werden. Die Entfaltung des Fächerblatts beginnt erst in
halber Höhe des Kapitells. Damit ist ein Gedanke des Kapitells 23 in Modena und des
eben genannten Kapitells in Ferrara weitergedacht. Der Aufbau dieses Kapitells in Verona
bildet die unmittelbare Vorstufe für Königslutter.
                  Eine etwas andersartige Fortbildung des Ferrareser Typs finden wir an einem
Kapitell des rechten Seitenportals an der Domfassade zu Piacenza (27).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-027-Piacenza-Dom-rechtes-Seitenportal-der-Fassade-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5458-Foto-2013.jpg

Auch hier entfalten sich die Fächerblätter erst in halber Höhe des Kapitells, diesmal aber nicht über
den Berührungspunkten seitlicher Blattspitzen, sondern erst über einem kleinen neu ein-
geschobenen Blatt. An Modena erinnert die geringe Ausbildung des oberen Mittelblattes,
die wie ein Rückgriff auf die dortige Gestaltung wirkt. Dennoch wird man nicht sagen
können, daß dies Kapitell in Piacenza ohne Ferrara und Verona zu erklären sei, denn es
enthält die typische Eckknolle des Fächerblattes, wie sie in Ferrara entwickelt ist, und
außerdem zeigt das Portal, an dem sich dies Kapitell befindet, auch sonst Nachwirkungen

1) Dem Kapitell 24 verwandt sind zwei Kapitelle, die ursprünglich am Vorbau des Haupt-
portals standen und jetzt, stark zerstörl, in der Vorhalle aufgestellt sind. Am Portal befinden sich sehr
schlechte Nachbildungen (Restauration laut Inschrift 1830).

535


von Ferrara. Endlich enthält die Zwerggalerie der Hauptapsis am Dom zu Piacenza eine
fast wörtliche Wiederholung des Kapitells 26, nur sind die Einzelheiten etwas härter und
eckiger, die Linienführung des Umrisses ist etwas erregter, so wie an vielen Kapitellen in
Piacenza.
              Eine getreue Wiederholung des Kapitells 25 in Ferrara finden wir noch an einem
Kapitell in Cremona (14).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-014-Cremona-Dom-Hauptportal-IMG-5552-Foto-2013.jpg

Hier ist das obere Mittelblatt sehr stark betont und zeigt Verwandtschaft mit Verona.
              Die Palmettenfächerkapitelle von Piacenza und Cremona haben nicht nach Königs-
lutter weitergewirkt, sie zeigen uns nur, wie in Italien dieser Typus weiterlebt, nachdem
er in Ferrara und Verona seine reinste Ausprägung gefunden hat. Mit den hier genannten
Werken schließt die Entwicklung ab, während in Deutschland zahlreiche Umbildungen eine
längere Lebensdauer dieses Kapitelltyps zeigen.

2. Datierungen.
Wir haben versucht, innerhalb der Kapitellornamentik eine stilistische Entwick-
lung festzustellen, und haben bei den einzelnen Werken von einem „früher“ oder „später“
gesprochen. Die so gewonnene relative Chronologie ist nun in Einklang zu bringen mit
dem, was über die Geschichte der Bauten, an denen sich die Kapitelle befinden, bekannt ist.
Bei keinem der fraglichen Bauten können wir mit Sicherheit die Entstehungszeit
der Ornamentik angeben. Die Geschichte der oberitalienischen Architektur des 12. Jahr-
hunderts ist noch durchaus ungeklärt. Für die einzelnen Bauten sind uns meist eine An-
zahl Daten überliefert, aber es ist kaum möglich, sie bei den langen, mit vielfachem Plan-
wechsel verbundenen Bauzeiten stets richtig auf einzelne Bauteile zu beziehen. Daher ist
die Forschung hier noch voller Kontroversen, und es kann im folgenden auch nur ver-
sucht werden, mögliche Entstehungszeiten anzugeben. Dann muß sich ergeben, ob unser
Entwicklungsbild von dieser Seite aus haltbar ist.
                 Ich beginne mit dem Dom zu Ferrara, weil wir über diesen Bau verhältnismäßig
klar unterrichtet sind. Hier finden wir am Portal die Jahreszahl 1135 und die Angabe, daß
zu dieser Zeit der Dom im Bau war 1). Schon bei der Interpretation der Inschrift gehen
die Meinungen auseinander. P. J. Meier 2) hat, als er die Beziehung zwischen Ferrara und
Königslutter zuerst feststellte, nachdrücklich betont, daß es sich hier nur um die Grundstein-
legung des Domes handeln könne und die Jahresangabe für die wirkliche Entstehungszeit
des Portals nichts aussage. An dieser Meinung hält er, nach mündlicher Äußerung, auch
jetzt unbedingt fest. Die gleiche Ansicht wird neuerdings von Arturo Giglioli in der Festschrift
zur Jahrhundertfeier des Domes vertreten 3). In der gleichen Festschrift aber kommt Bertoni,
gestützt auf eine eingehende Interpretation der Portalinschrift und anderer Inschriften am
Dom (die jetzt nicht mehr erhalten, aber leidlich sicher überliefert sind), zu dem Ergebnis,
daß der Dom bereits vorher begonnen worden ist, und zwar 1132 auf Grund eines Breve
des Papstes Innozenz II., und daß bei der Weihe 1135 die unteren Teile der Fassade mit
dem Portal standen. Dies ist die in der wissenschaftlichen Literatur meist vertretene Meinung 4),

1) Die Inschrift lautet:
     ANNO MILLENO CENTENO TER QUOQUE DENO
     QUINQUE SUPER LATIS STRUITUR DOMUS HEC PIETATIS.
2) „Der Meister von Kônigslutter in Italien“, in Kunstchronik, N. F. 12, 1901.
3) A. Giglioli, Il duomo di Ferrara nella storia e neIl'arte. in: La Cattedrale di Ferrara, 1937.
4) Porter (Lombard Architecture, New Haven 1917, Bd. II, S. 407) spricht von einer Gründung
zwischen 1125 und 1133; Frankl (Die frühmittelalterliche und romanische Baukunst, Handb. d. Kunst-
wiss., 1926, S. 214) gibt ohne nähere Begründung das Jahr 1133 an.

536



und ich möchte nach dem Wortlaut der Inschrift annehmen, daß wir das Jahr 1135 wirklich
als Entstehungszeit des Portals ansehen müssen. Im übrigen wird die Datierung des Portals
auch bei einem Baubeginn 1135 nicht wesentlich verschoben, denn sicher hat man beim
Bau mit der Fassade angefangen. Zugleich aber wird im Osten gebaut worden sein, wie
eindeutig aus der unmittelbaren Übereinstimmung der Kapitellformen hervorgeht. Beim
Bau von Osten nach Westen zeigt sich bald ein Bruch, auf der Südseite nach der 7., auf
der Nordseite nach der 4. Zwerggaleriearkade. Bis zu diesen Bruchstellen ist die Zwerggalerie
mit einfachen Säulen versehen, von da aus nach Westen aber mit Doppelsäulen. Außerdem
findet sich auf der Nordseite noch eine deutliche Höhendifferenz der Zwerggaleriestücke,
aus der sich ergibt, daß zunächst vom Chor aus bis zu dieser Bruchstelle, dann aber von
der Fassade nach dem Chor hin gebaut worden ist. Die Verbindungsstücke zwischen der
Fassade und den östlichen Teilen zeigen eine Kapitellornamentik, die mit den von uns
untersuchten Formen kaum noch etwas zu tun hat: die Blätter der Kapitelle sind wesentlich
steifer, wenig gegliedert, teilweise bloß Zungenblätter. Nur wenige Einzelzüge scheinen von
den Werken der Fassade und der Ostteile übernommen zu sein. Wie lange die erste Bauzeit,
der alle von uns untersuchten Kapitelle angehören, gedauert hat, läßt sich nicht angeben.
Da wir den gleichen Meister Nikolaus, der laut Inschrift am Portal tätig gewesen ist und
in dessen Werkstatt die untersuchten Kapitelle entstanden sind, außer in Ferrara noch in
Verona tätig finden, so können wir von dort aus Rückschlüsse auf die Dauer der Tätigkeit
in Ferrara ziehen. Die Fortwanderung der Werkstatt von Ferrara wird hier wohl eine Baupause
verursacht haben, nach der dann mit anderen Steinmetzen und etwas verändertem Plan
weitergebaut worden ist. Eine Gesamtweihe des Domes ist für 1177 überliefert 1).
                         Für den Dom in Verona haben wir das Anfangsdatum 1139. 1153 wird der
Hochaltar erwähnt 2). Damals müssen also die Ostteile fertig gewesen sein, doch lassen
sich aus dieser Angabe noch keine Schlüsse für die Entstehungszeit des Langhauses und
der Fassade ziehen. Nun finden wir am Chor eine sehr flächige und zarte Ornamentik,
die an der Fassade in den Friesen links und rechts vom Portal in ganz ähnlichem Charakter
wiederkehrt. Hier muß also, wie in Ferrara, im Osten und Westen gleichzeitig gebaut worden
sein. Die feingliedrige Ornamentik unterscheidet sich grundsätzlich von der bedeutend
kräftigeren Modellierungsart am Portalvorbau, der die für Königslutter wesentlichen Kapitelle
enthält und außerdem einen Jagdfries (28, 29),

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-028-Verona-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-7816-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-029-Verona-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-7820-Foto-2013.jpg

 

der in Königslutter sehr ähnlich wiederholt wird 3). Da das gleiche Thema im Fries rechts vom Portal (30)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-030-Verona-Dom-Fassade-IMG-7912-Foto-2013.jpg

 

bereits dargestellt ist, ergibt sich eine unmittelbare Vergleichsmöglichkeit zwischen den älteren und den jüngeren Teilen.
Wir sind hiernach zu dem Schluß gezwungen, daß der Portalvorbau jünger ist als das
Mauerwerk der Fassade. Dies ist auch nach dem technischen Befund sehr wohl möglich.
Über dem Jagdfries am Portalvorbau findet sich in einer Inschrift der Meistername Nikolaus 4).
während die ganz ähnlich lautende Inschrift in Ferrara an der Umrahmung des Portal-
tympanons angebracht ist. Man könnte demnach denken, daß das Portal in Verona noch
ohne Mitwirkung des Nikolaus gearbeitet worden ist und daß erst auf seine Übersiedlung von
Ferrara nach Verona der Plan eines Vorbaus zurückgeht. Die Kapitelle des inneren Portals
haben mit Ferrara nämlich nichts zu tun, und in der Umrahmung des Portaltympanons

1) Am 8. Mai durch Papst Alexander III., vgl. Porter, Lomb. Arch. II, 5. 412.
2) Porter (Lomb. Arch. III, S. 469) bringt die überlieferten Daten.
3) Eichwede hat im Zusammenhang. mit seiner Arbeit über Kñnigslutter die Friese von Verona
und Königslutter zeichnerisch nebeneinandergestellt, zwar nicht in allen Einzelheiten zuverlässig. doch
im ganzen für Vergleiche brauchbar.
4) „ARTIFICEM GNARUM QUI SCULPSERIT HEC NICOLAUM
HUNC CONCURRENTES LAUDANT PER SECULA GENTES".

537


finden wir Ranken mit ganz frei und leicht über die Fläche verteilten Stengeln und Blättern (31),

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-031-Verona-Dom-Hauptportal-IMG-7842-Foto-2013.jpg


ähnlich wie an den Ostteilen des Domes, während im Portalvorbau die Ranken sehr muskulöse
und kräftig geschwungene Blätter haben (32).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-032-Verona-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-7862-Foto-2013.jpg

 

Nun zeigen aber die Figuren im Gewände
des Portals genau den gleichen Stil wie die entsprechenden Figuren im Gewände von
Ferrara. so daß also bereits hier Meister Nikolaus tätig gewesen sein muß 1). Dennoch müssen
wir annehmen, daß der Vorbau mit seinen Kapitellen und Friesen erst später als das innere
Portal begonnen worden ist. Die Ornamentik der Fassade zeigt also drei Stufen: 1. die
Friese links und rechts vom Portal, 2. das Portal selbst, 3. den Portalvorbau. Nur für die
erste Stufe gilt die Jahreszahl 1139 als Arbeitsbeginn. Das Portal muß zunächst schmucklos
geblieben sein. Meister Nikolaus arbeitet dann die Gewände mit den Figuren und die
Archivolten. Schließlich erfolgt die Übersiedlung der Kapitellomamentiker von Ferrara
nach Verona, und nun erst entsteht der Portalvorbau. Wir werden hier mit einer Ent-
stehungszeit rechnen müssen, die wesentlich später liegt als der Baubeginn 1139. Mir
scheint eine Ansetzung auf um 1150 angemessen. Damit ergibt sich zugleich für den
1. Bauabschnitt des Domes in Ferrara eine Zeit von rund 15 Jahren.
                      Zur gleichen Zeit wie am Dom in Verona ist dort an S. Zeno gearbeitet worden.
Diese Feststellung, die sich aus der Betrachtung der Kapitelle ergeben hatte, wird durch
die Baugeschichte bestätigt. S. Zeno ist nach 1123 begonnen worden, denn damals wurde
der Kreuzgang vollendet, der bestimmt älter ist als die wesentlichen Teile der Kirche (er
ist später, im 14. Jahrhundert, durch einen Neubau ersetzt worden, aber mit Benutzung
alter Teile). Der Bauvorgang ist von Simeoni in „La basilica di S. Zeno di Verona“ (Verona,
1909) genauer dargelegt worden. Dabei ergibt sich folgendes: An der Stelle der jetzigen
Kirche stand ein Bau des 11. Jahrhunderts, der eine etwas kürzere Ausdehnung nach
Westen hatte als der jetzige, und von dem im Osten noch Mauerteile für den Bau des
12. Jahrhunderts verwendet worden sind. Nach Vollendung des Kreuzgangs hat man mit
einer Vergrößerung der Kirche begonnen, und zwar hat man dabei etwas westlich der
alten Fassade eingesetzt. Dieser Bauteil, der aus Quadern aufgeführt wurde und im Gegensatz
zu den anderen Bauteilen keine Verwendung von Ziegeln zeigt, umfaßt das kurze erste
Joch vom Eingang aus und außerdem das folgende große dreiteilige Joch. Eine Inschrift
an der Südseite der Kirche gibt das Jahr 1138 als Datum der „Wiederherstellung der
Kirche“ an. Daß die Kapitelle dieses westlichen Bauteils damals wirklich fertig gewesen
sind, ist kaum anzunehmen. Die Übersiedlung der Steinmetzen von Ferrara nach Verona
wird nicht so früh stattgefunden haben; ohne sie aber ist das Kapitell 11 nicht zu erklären,
denn die Übereinstimmungen mit dem Kapitell 7 in Ferrara sind zu groß, als daß das Kapitell 11
unabhängig davon entstanden sein könnte. Wir werden hier also die gleichen Entstehungs-
zeiten vermuten dürfen wie beim Portalvorbau des Domes in Verona. Die Kapitelle des
Verlängerungsbaues sind aus weißem Marmor, während bei den späteren Kapitellen weiter
nach Osten, bei der Ersetzung des alten Baues durch einen neuen, roter Marmor verwendet
worden ist. Die Rotmarmorkapitelle zeigen die gleiche Bindung in die Fläche wie die
Kapitelle der westlichen Zwerggaleriestücke am Langhaus des F errareser Domes. Die Ver-
bindung zwischen beiden Bauten wird nicht abgerissen sein 2).

1) Die Portalanlage bedeutet eine Weiterbildung von Ferrara. Einige kleine Änderungen in der
Figurenverteilung sind als Korrekturen zu werten. Über die Beziehungen der figürlichen Plastik an
beiden Portalen vgl. Vitzthum, Die Malerei und Plastik..., S. 84, und Trude Krautheimer-Hess im
Marburger Jahrbuch IV, S. 258.
2) Eine andere Darstellung der Baugeschichte von S. Zeno ist kürzlich von Arslan gegeben
worden (L'Architettura Romanica Veronese, Verona 1939). Er bezieht das Datum 1138 auf den öst-
lichen Teil der Kirche (also auf die Rotmarmorkapitelle) und glaubt, daß der Verlängerungsbau erst im

538

Wir haben also in Ferrara und bei beiden Bauten in Verona eine leidlich sichere
Datierung der für unsere Untersuchung notwendigen Kapitelle gefunden. Von dieser festen
Basis aus können wir nun versuchen, uns mit der umstrittenen Baugeschichte des Domes
von Modena zu befassen.
               Hier sind uns durch Inschriften am Dom und durch einen zeitgenössischen Bericht
zwei wichtige Daten überliefert: 1099 als Baubeginn und 1100 als erste Weihe in Verbindung
mit der Überführung der Leiche des hl. Geminianus aus einem älteren Bau in die Krypta
des neuen 1). Es muß damals also mindestens die Krypta fertig gewesen sein, aber nach
dem Bericht werden wir annehmen können, daß bereits weitere Teile errichtet waren, denn
der Architekt weigert sich, weiterzubauen, ehe nicht die Leiche überführt sei. Als Grund
zu dieser Weigerung hat Frankl angegeben 2), daß gar nicht weitergebaut werden konnte,
ehe man nicht die ältere Kirche (in der die Leiche des Heiligen ruhte) abgerissen hatte,
denn die Ostteile der neuen Kirche stünden in nur geringer Entfernung von der alten und
an deren Mauern wäre man beim Bau angekommen. Nun wissen wir von der älteren Kirche
sehr wenig. Grabungen im jetzigen Dom (im Jahre 1913, Ausgrabungsbericht von Bertoni,
„La Cattedrale modenese preesistente all'attuale“, Modena, 1921) haben ein paar Pfeiler
freigelegt, aus deren Stellung die Achse der alten Kirche hervorgeht. Ihre Ausdehnung
aber ist nicht bekannt. Die wenigen Funde ergeben eine fünfschiffige Kirche, deren Fassade
vor der des jetzigen Domes gelegen haben muß. Im Osten dieses älteren Baues habe man
also 1099 begonnen, meint Frankl, gleichzeitig habe man die Fassade der alten Kirche
abgerissen und mit dem Bau einer neuen begonnen, um diese dann später mit den östlichen
Teilen zu verbinden. Der Bauverlauf scheint mir von Frankl richtig angegeben zu sein, denn
am altertümlichsten sind die Kapitelle der Krypta, die der Ostapsiden setzen diesen Stil
unmittelbar fort, unabhängig davon finden wir im Westen einen gänzlich anderen Stil,
dessen langsame Fortbildung von der Fassade nach Osten hin sich an den Kapitellen der
nördlichen und südlichen Zwerggalerie und ähnlich an den Emporenkapitellen im Langhans
ablesen läßt. Ungeklärt ist nur bis jetzt, wie der ältere Bau zu datieren ist. Frankl setzt
ihn, im Anschluß an Porter, in das frühe 11. Jahrhundert. Hamann hat wegen der Pfeilerform
(quadratischer Kern mit vier vorgelegten Halbsäulen) und der Wandvorlagen, die auf Kreuz-
gratgewölbe in den Seitenschiffen deuten, Bedenken gegen diese Datierung geäußert; er
vermutet, wie Frankl berichtet, daß wir in dem älteren Bau denjenigen vor uns haben,
der 1099 begonnen wurde und der dann durch das große Erdbeben von 1117 zerstört und
daraufhin durch den jetzigen Bau ersetzt worden ist. Diese Ansicht wird weiter vertreten
von Tr. Krautheimer-Heß 3). Sie stützt sich dabei auf ihre Untersuchungen der Plastik der
Ostlombardei und hält für das Modeneser Portal eine Datierung auf nach 1117 für wahr-

frühen 13. Jahrhundert aufgeführt worden sei. Dementsprechend ist seiner Meinung nach auch das
Kapitell 11 erst im 13. Jahrhundert entstanden. Mit dieser Ansicht werde ich mich in einer ausführ-
lichen Besprechung des Arslanschen Buches in der Zeitschrift für Kunstgeschichte auseinandersetzen. _
Zu den Kapitellen von Verona vgl. neuerdings auch Géza de Francovich: La corrente comasca nella
scultura rornanica europea, in Rivista del R. Istituto d`Archeologia e Storia dell`Arte, V, 1936, S. 267
und VI, 1937, S. 47.
1) Die Inschriften sind bei Bertoni, Atlante storico-paleografico del duomo di Modena (Modena
1908), Tafel I und II wiedergegeben. Der Bericht („Relatio aedificationis ecclesiae cathedralis Mutinensis
et translatiunis sancti Geminiani“) ist am zuverlässigsten publiziert von Bresslau, M. G. SS. XXX, II, 2,
S. 1308 bis 1313; auszugsweise bei Lehmann-Brockhaus, SchriftqueIlen..., Nr. 2262. Bei Bertoni und
Porter sind auch die Miniaturen abgebildet, die der Handschrift beigegeben sind und die Grundstein-
legung wie die Ausstellung der Gebeine des Heiligen zeigen. Das Original befindet sich im Archivio
Capitolare in Modena. Der Bericht ist als zeitgenóssisch sichergestellt, vgl. Bresslau, S. 1308.
2) Frankl, „Der Dom in Modena“, in Galls Jahrbuch 1927.
3) Marburger Jahrbuch IV, S. 244.

539



scheinlicher als die auf bald nach 1099. Auch rnir erscheint die spätere Datierung des
Gesamtbaues glaubhafter, denn es wäre merkwürdig, wenn die Kirche gar nicht unter dem
Erdbeben gelitten haben sollte, während in dem 9 km entfemten Nonantola der alte Bau
so weit beschädigt wurde, daß ein Neubau aufgeführt werden mußte 1).
            Für unsere Kapitelluntersuchung wichtiger ist die Widerlegung anderer von Frankl
vertretener Ansichten. Frankl meint nämlich, daß alle von uns herangezogenen Kapitelle
der Westfassade, sowohl die des Portalvorbaus wie die der Zwerggalerie, erst im 13. Jahr-
hundert entstanden seien. Damit würde die ganze von uns angenommene Kapitell-
entwicklung natürlich über den Haufen geworfen werden. Frankl rekonstruiert die Fassade
des frühen 12. Jahrhunderts ohne die Zwerggalerie mit ihren großen Halbsäulen (nur die
an den Ecken des Baues läßt er stehen), ohne Strebepfeiler, ohne Portalvorbau, ohne
Seitenportale, ohne Radfenster. Richtig ist, daß die Strebepfeiler ebenso wie die Seiten-
portale später eingefügt sind. Die Seitenportale stammen nach Aussage ihrer Kapitelle,
ebenso wie das Radfenster, aus dem frühen 13. Jahrhundert, und bei ihrer Anbringung
sind die Reliefs der Fassade teilweise aus ihrer alten Lage verschoben worden. Für die
übrigen Teile der Fassade läßt sich jedoch Zugehörigkeit zum ursprünglichen Bau nach-
weisen. Gegen Frankl hat Tr. Krautheimer-Heß betont 2), daß alle vier Halbsäulen der
Fassade sicher zum Urbau gehören, da ihre Kapitelle mit je zwei Tierkreisbildern dar-
stellungsmäßig zusammengehören. Von da aus hat sie erschlossen, daß die jetzigen Strebe-
pfeiler zwei alte Halbsäulen verdecken, deren Kapitelle die restlichen vier Tierkreiszeichen
enthalten haben müssen. Wenn nun diese Tierkreiskapitelle zum Urbau gehören, so gehören
dazu auch die Kapitelle der Zwerggalerie und damit die Zwerggalerie selbst. Ein kleines
Zwerggaleriekapitell zeigt nämlich ganz nahe Verwandtschaft mit einem Tierkreiskapitell
(Frankl, Abb. 4). In beiden Fällen handelt es sich um Köpfe, deren Haar pflanzlich stilisiert
ist und bei denen der Schnurrbart in merkwürdiger Weise aus den Nasenlöchern heraus-
wächst. Nicht nur die Motive sind übereinstimmend, sondern ebenso bis in Einzelheiten
hinein die Blattgliederung. Die unmittelbare Zusammengehörigkeit der Halbsäulenkapitelle
mit den Propheten des Portalgewändes hat Tr. Krautheimer-Heß betont 3). Ebenso läßt
sich die Verwandtschaft der Haarbehandlung bei den Köpfen der Tierkreiskapitelle und
denen der Genesisreliefs zeigen. Es besteht also kein Grund, an der Zugehörigkeit der
Halbsäulen und der Zwerggalerie zum ursprünglichen Bau zu zweifeln 4).
Auch die Franklsche Spätdatierung der Portalvorbaukapitelle läßt sich widerlegen.
Die Blätter unter den Innenhelices beim Kapitell 1, die wir bei der Analyse dieses Kapitells
eingehend untersucht haben, stimmen auf das genaueste rnit denen der Portalranke Meister Wilhelms (33)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-033-Modena-Dom-Hauptportal-IMG-5858-Foto-2013.jpg

überein; dort finden wir die gleiche Oberflächengliederung, die gleiche Bildung
des Blattrandes mit seinen kontinuierlichen Schwingungen und Bohrlöchern und die gleiche
Art, das Blatt aus der Tiefe herauskornmen und sich überschlagen zu lassen.  -  Zwischen
den Palmettenfriesen der Genesisreliefs und denen der Kapitelle 1 und 2 besteht keine un-
mittelbare Übereinstimmung, aber es ist keineswegs notwendig, einen größeren zeitlichen
Abstand anzunehmen. Die Motive sind nahe verwandt: in beiden Fällen wird das breit-

1) Dies besagt eine Portalinschrift, die bei Porter, Lomb. Arch. III, S. 104, abgedruckt ist.
2) Marburger Jahrbuch IV, S. 233.
3) Marburger Jahrbuch IV, S. 238.
4) Kürzlich ist von Kahl versucht worden, die Zwerggalerie spater zu datieren (Günther Kahl,
Die Zwerggalerie, Würzburg 1939). Die hierfür angeführten Gründe sind aber keineswegs stichhaltig.
Kahl hat den Bau niemals selbst gesehen und hat entsprechend unzureichende Vorstellungen; seine
Beobachtungen sind nur von Fotos gewonnen. Aus dem gleichen Grunde sind alle sonstigen Meinungen
Kahls über die oberitalienische Architektur haltlos.

540


entfaltete Blatt jederseits von einem halben Blatt begleitet, nur sind in den Reliefs die Ge-
samtproportionen etwas steiler. - Wir können auch auf die Ähnlichkeiten zwischen dem
Kapitell 2 am Portal

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-002-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5848-Foto-2013.jpg

 

und dem Kapitell 17 an der Zwerggalerie

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-017-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5866-Foto-2013.jpg

hinweisen, nachdem wir
für diese die Zusammengehörigkeit mit dem Urbau betont haben. Frankl hat bei den Portal-
vorbaukapitellen Anstoß genommen an den „allseitig dreidimensional geschwungenen Blättern“
mit dem „von der Ebene befreiten dreidimensionalen Krümmungsreichtum der Flächen“;
diese Eigenschaften gibt es seiner Meinung nach erst im 13. Jahrhundert. Nun haben wir
oben gesehen, daß die so stark in den Raum ausladenden Blätter der Kapitelle 1 und 2

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-001-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5844-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-002-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5848-Foto-2013.jpg


in Wahrheit Blattkornplexe sind, indem sich an einen festen Kern reicher durchgebildete
Blätter anlehnen. Diese Blätter bedürfen durchaus der Stützung durch den Kern, sie haben
noch keineswegs von sich aus die starke Kraft der Schwingung wie gotische Blätter.
Alle von uns untersuchten Kapitelle zeigen in ihren Blättern noch durchaus die starke
Bindung an den Block, die Frankl als romanisch gegenüber den gotischen Blättern des
Radfensters bezeichnet. Für das Radfenster trifft die Franklsche Charakteristik durchaus
zu, auch schon für die Kapitellzone der Porta regia. Dagegen sind die von Frankl be-
haupteten Übereinstimmungen zwischen den Kapitellen des Portalvorbaus und denen des
Radfensters einfach nicht vorhanden. Ein verhältnismäßig spätes Kapitell an der südlichen
Zwerggalerie (zwischen der Porta dei principi und der Porta regia) ist motivisch den
Kapitellen des Radfensters sehr verwandt, indem hier nur je ein Blatt an der Kapitellecke
aufwächst und sich unter der Deckplatte umschlägt, ohne sich zu einer Volute einzurollen.
Gerade hier wird die starke Gebundenheit an den Block im Gegensatz zu den sich ganz
frei bewegenden Blättern der frühen Gotik deutlich. Für das Kapitell 18,

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-018-Modena-Dom-Hauptportal-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5854-Foto-2013.jpg

das Frankl als Kelchblockkapitell bezeichnet und damit ins frühe 13. Jahrhundert setzt, haben wir oben
gezeigt, daß es in enger Verbindung mit einem Zwerggaleriekapitell der Fassade (19)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-019-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5890-Foto-2013.jpg

und mit einigen der Langseiten (20, 21) steht.

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-020-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-5984-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-021-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5972-Foto-2013.jpg

Auch an dem anderen Kapitell des Obergeschosses
bestehen die Blattkörper noch ganz im Sinne der Kapitelle des Untergeschosses aus der
Addition mehrerer Einzelblätter und sind keineswegs so gelöst wie die Blätter in der Ranke
des Radfensters. - Ich nehme also bei allen Kapitellen des Portalvorbaus an, daß sie in
engem Zusammenhang mit dem ursprünglichen Bau entstanden sind. Dabei ist es durchaus
möglich, daß die Fassade ohne den Portalvorbau begonnen worden ist und daß man ihn
erst hinzugefügt hat, als man beim Bau in der Höhe der Zwerggalerie angekommen war.
Durch die engen Beziehungen zum Portal selbst und zu der benachbarten Zwerggalerie
aber ergibt sich, daß seine Kapitelle in der gleichen Werkstatt gearbeitet sein müssen.
Berechtigt sind Frankls Einwände gegen eine Datierung ins frühe 12. Jahrhundert
jedoch bei den Löwen des Hauptportals. Sie unterscheiden sich durch ihre halbaufgerichtete
Stellung von allen Portallöwen des 12. Jahrhunderts, die immer liegend dargestellt werden
(an den anderen Portalen von Modena, in Ferrara, Verona u. a.). Sie sind ebenso stark
plastisch durchgebildet wie die auf ihrem Rücken sitzenden Konsolen, die mit den Kapitellen
der gleichen Säulen nichts zu tun haben. Ich nehme an, daß die jetzigen Löwen im 13. Jahr-
hundert an die Stelle älterer getreten sind, die vielleicht zerstört waren 1). Die ursprüng-

1) Ein ganz ähnlicher Löwe findet sich im Dom in Bologna neben dem Ausgang aus dem
rechten Seitenschitf nach dem Campanile hin. Hier ist auf die Rückenkonsole später statt der Säule
ein Weihwasserbecken aufgesetzt worden. Stilistisch gehört der Löwe zusammen mit zwei Löwen, die
jetzt innen neben dem Hauptportal stehen und die auf 1220 datiert sind. Vgl. hierzu I. B. Supino:
L'Arte nelle Chiese di Bologna, Bologna 1932 (mit Abb. der Löwen neben dem Hauptportal) uncl
A. Manaresi: La Porta dei Leoni nell'antica cattedrale di Bologna, Firenze 1911. - Damit ergibt sich
für die Modeneser Löwen eine Datierung auf um 1220 oder vielleicht auch etwas später. Zu ähnlichem
Ergebnis ist Frankl auf stilkritischem Wege gekommen (Der Dom in Modena, S. 43).

541


lichen Löwen denke ich mir ähnlich wie die in Nonantola (Abb. 18 bei Tr. Krautheimer-
Heß), also wesentlich kleiner als die jetzigen in Modena. Die Säulenschäfte werden wohl
noch aus dem 12. Jahrhundert stammen und die Verbindung zwischen ihnen und den alten
Löwen wird früher durch hohe Konsolen, wie in Nonantola, hergestellt worden sein. Keines-
wegs kann man aus dem Stil der jetzigen Löwen in Modena den Schluß ziehen, daß der
ganze Portalvorbau aus dern 13. Jahrhundert stammt. Er wird sicher noch in enger Ver-
bindung mit der Fassade selbst aufgeführt worden sein.
          Nachdem also für die von uns besprochenen Kapitelle ihre Entstehung im Zusammen-
hang mit dem ursprünglichen Bau nachgewiesen worden ist, kann nochmals auf die Datierung
des jetzigen Baues im Verhältnis zum älteren Bau eingegangen werden. Wenn tatsächlich
1099 mit dem jetzigen Bau begonnen worden ist, würden die von uns untersuchten Kapitelle
nach ihrer Stellung am Bau in die beiden ersten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts zu setzen
sein; wenn dagegen der jetzige Bau erst aus der Zeit nach dem Erdbeben 1117 stammt,
so kommen wir auf das dritte und vierte Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts. Gewichtige Gründe
sprachen für die spätere Datierung. Wir können nun auch die Kapitellformen heranziehen.
E ergibt sich nämlich ziemlich deutlich, daß man beim Bau von Westen nach Osten etwa
1135 auf der Höhe der Porta dei principi angekommen sein muß, denn genau an die dort
erreichte Entwicklungsstufe des Palmettenfächerkapitells und des korinthisierenden Kapitells
schließt die Bauhütte von Ferrara an, und außerdem erfährt das Palmettenfächerkapitell
dann in Modena nur noch eine unbedeutende Weiterbildung. Hier wird also eine Fort-
wanderung von Steinmetzen erfolgt sein. Gegen 1135 muß demnach in Modena tatsächlich
gearbeitet worden sein. Frankl dagegen meint, daß ein erster Bauabschnitt von 1099 bis
etwa 1120 reiche und dann erst wieder nach einer längeren Pause 1169 begonnen worden
sei. Die fraglichen Kapitelle. die für Ferrara Vorbedingung sind, wären 1135 also mindestens
15 Jahre alt gewesen; dann wäre es nicht ersichtlich, warum man sich gerade an die
Typen dieses bestimmten Bauteils angeschlossen hat. Wenn die Kapitelle dagegen in die
zweite Bauzeit gehörten, so müßten sie als Nachfolge von Ferrara bezeichnet werden, doch
gäbe das eine unmögliche Abfolge der Kapitellentwicklung, denn die Modeneser Kapitelle
sind deutlich die Vorstufen zu denen in Ferrara. Wenn jedoch bald nach 1117 begonnen
worden ist, so kann man 1135 sehr wohl gerade an dieser Stelle des Baues angelangt
gewesen sein. Eine eindeutige Entscheidung, ob die Franklsche oder die Hamannsche
These zu Recht besteht, ob wir also beim jetzigen Dom den Bau von 1099 vor uns haben
oder nicht, ist nicht möglich, solange wir nicht den älteren Bau genauer kennen.
                 Nun bleibt noch die Baugeschichte der auf Ferrara und Verona folgenden Bauten
zu untersuchen. Die nächsten Auswirkungen der dortigen Ornamentik hatten wir in Piacenza
gefunden. Für den dortigen Dom ist das Anfangsdatum 1122 überliefert, und zwar in einer
Inschrift an einem Portal der Fassade 1). Es wird hier sicher mit der Fassade begonnen
worden sein. Damit ist aber noch nichts über die für unsere Untersuchung wichtigen
Kapitelle ausgesagt, denn diese befinden sich an den Portalvorbauten, und aus dem Bau-
befund geht einwandfrei hervor, daß die Vorbauten nachträglich hinzugefügt sind: teilweise
sind die den eingefügten Steinen benachbarten Stücke roh abgemeißelt, teilweise finden sich
etwas erweiterte Fugen. Für die plastische Ausgestaltung der Portale hat Tr. Krautheimer-
Heß gezeigt 2), daß sich hier Auswirkungen von Ferrara finden. Damit ergibt sich eine
Datierung auf nach 1135. Auch die Portalvorbauten sind ohne Ferrara nicht zu denken,

1) Ausführliche Angaben hierüber und überhaupt über die überlieferten Baudaten bei Porter,
Lomb. Arch. III. S. 241ff. Vgl. außerdem Lehmann-Brockhaus, Nr. 2345.
2) Marburger Jahrbuch IV, S. 274 f.

542



denn die Atlantenfiguren zeigen den Stil des Meisters Nikolaus. Wir werden die Vorbauten
der seitlichen Fassadenportale (der mittlere Vorbau ist wesentlich jünger) frühestens in die
vierziger Jahre des 12. Jahrhunderts zu setzen haben. Etwa gleichzeitig wird die Krypta
mit dem bei Weigert abgebildeten Kapitell entstanden sein. Aus den überlieferten Baudaten
lassen sich keine Anhaltspunkte entnehmen. Um einiges später sind die Kapitelle der Zwerg-
galerie der mittleren Apsis anzusetzen, bei denen wir Nachfolge von Verona gesehen hatten.
                   Für Cremona ergibt sich aus den überlieferten Daten abermals keine sichere
Datierung der untersuchten Kapitelle 1). Gerade hier ist die Bauzeit sehr lang, und das
Portal setzt sich in seiner jetzigen Erscheinung aus verschiedenen Bauzeiten zusammen.
Wir sind bei der Datierung der untersuchten Kapitelle rein auf die Stilkritik angewiesen.
Da es sich um späte Nachfolge von Ferrara und Verona handelt, wird eine Ansetzung
auf um 1160 richtig sein.
                  Eine Bestätigung dieser Datierung entnehme ich aus einem Vergleich mit dem
Dom zu Lodi. Dort haben wir die gleichen stilistischen Tendenzen angetroffen wie in
Cremona, zugleich aber weitere Fortentwicklung von Ferrara und Verona. 1163 oder kurz
vorher wird der Bau in Lodi begonnen worden sein, denn damals wird die Leiche des
hl. Bassianus mit großem Pomp von Lodi vecchio nach dem neuen Lodi überführt. Zugleich
stiftet Kaiser Friedrich I. eine große Summe für die Kirche 2). Doch scheint der Bau, zumal
in den Westteilen, nur langsam fortgeschritten zu sein. So wird eine Datierung des Portals
auf etwa 1170 richtig sein. Wir können eher eine spätere als eine frühere Entstehungs-
zeit vermuten.
                  Die Ergebnisse dieses Abschnitts sind für uns in doppeltem Sinne bedeutungsvoll.
Einmal hat sich gezeigt, daß die skizzierte Entwicklungslinie der Ornamentik mit den
überlieferten historischen Daten vereinbar ist und durch sie gestützt wird, andererseits
läßt sich von hier aus angeben, wann die Übertragung der Formen nach Deutschland
stattgefunden haben kann. Maßgeblich für Königslutter sind vor allem die Kapitelle der
Zwerggalerie in Ferrara und am Portalvorbau des Domes in Verona. Von hier aus kann
in den fünfziger jahren des 12. Jahrhunderts die Übersiedlung der Werkstattmitglieder
von Italien nach Deutschland erfolgt sein. Die um 1160 entstandenen Kapitelle in Cremona
und die noch späteren in Lodi haben jedenfalls nicht mehr nach Deutschland weitergewirkt.“

.......

1) Die Daten sind zusammengestellt im Marburger Jahrbuch IV, S. 245, auf Grund der An-
gaben von Porter, Lomb. Arch. Il, S. 371f.
2) Über diese Ereignisse ist ein Bericht erhalten, abgedruckt  M. G. SS. XVIII, S. 642; aus-
zugsweise bei Lehmann-Brockhaus, Schriftquelleu . .. Nr. 2215. Außerdem ist zu vergleichen Porter, Lomb.
Arch. II, S. 485ff.

37 Marburger Jahrbuch Bd. 11


543


.......

I V.  D A S   S C H U L V E R H Ä L T N I S   Z U   I T A L I E N.
                  Bei der Untersuchung der von Königslutter abhängigen Werke ist vor allem deutlich
geworden, wie stark sich die meisten Kapitelle der Nachfolge von ihrem Vorbild unter-
scheiden. Dadurch wird die Verbindung von Königslutter mit Italien nur um so enger,
denn hier wie dort herrscht bei der Gestaltung des Kapitellblocks das gleiche Grundgefühl:
die vor einem Kern aufwachsenden Blätter bestimmen die Erscheinung des Kapitells. In
den auf Königslutter folgenden Werken geht die Konzeption von der Gesamtform aus,
der sich die Einzelheiten unterzuordnen haben. Deren Durchbildung erfolgt nicht vom
Gesichtspunkt organischen Wachstums aus, sondern nach rein ornamentalen Prinzipien.
Die Oberflächengestaltung der Blätter ist also erst das Sekundäre, die Gesamtform aber
das Primäre. Damit ist grundsätzlich das gleiche erreicht, was vor Königslutter in Quedlinburg
oder im Kreuzgang der Magdeburger Liebfrauenkirche schon vorhanden war. Die Ein-
gliederung in die einheimischen und gewohnten Vorstellungen ist also restlos vollzogen.
               Nun hatten wir bereits in Königslutter eine langsame Umdeutung der italienischen
Vorbilder beobachten können. Wir hatten erkannt, wie in den korinthisierenden Kapitellen
des Kreuzgangs der Block immer stärker wirksam wurde, wie ferner in den Kapitellen 56 und 57

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-056-Kaiserdom-Koenigslutter-noerdliches-Querhaus-.jpg

Kaiserdom Königslutter, nördliches Querhaus

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-057-Kaiserdom-Koenigslutter-noerdliches-Querhaus-.jpg

Kaiserdom Königslutter  nördliches Querhaus

 

schon sehr stark der Würfel spricht, und wie andere Stücke nur noch vereinzelte
Anregungen von den italienischen Kapitellen übernommen haben. Die damit verfolgte
Entwicklung liegt durchaus in der gleichen Richtung wie die nach Königslutter ganz stark
einsetzende Umdeutung. Jetzt wird noch zu untersuchen sein, ob nicht auch schon in
den Kapitellen, die wir unmittelbar neben die in Ferrara und Verona stellen konnten,
geringe Ansätze zu einer Umprägung zu beobachten sind, die die spätere Wandlung vor-
bereiten. Auf diese Weise wird es möglich, das Schulverhältnis zu Italien zu klären. Es
war nämlich bisher die Frage offengeblieben, ob wir in Königslutter mit der Tätigkeit
von Italienern rechnen müssen, oder ob es sich um deutsche Steinmetzen handelt, die sich
in Italien geschult und dann ihre Formen nach Deutschland übertragen haben. Diese Frage
ist grundsätzlich berechtigt, weil im Laufe des 12. Jahrhunderts mehrfach oberitalienische

570

Steinmetzen nach Deutschland gewandert sind und dort gearbeitet haben 1). Es wäre also
durchaus möglich, daß dies auch in Königslutter der Fall gewesen ist.
                 Ein genauer Vergleich des Gesamtaufbaus der Kapitelle in Italien und Deutschland
kann hier nicht zum Ziele führen. Wir müssen uns vielmehr in die Blattstruktur vertiefen.
Wir hatten die italienische Entwicklung bis nach Ferrara und Verona und dann nach Piacenza,
Cremona und Lodi verfolgen können, die einerseits Verfestigung, andererseits verfeinerte
Gliederung gebracht hatte. Fraglich ist bis jetzt geblieben, ob auch die Königslutterer
Kapitelle als konsequente Weiterbildung zu betrachten sind, ob ihre Blattformen also bei
gelegentlich etwas anderer Erscheinung doch grundsätzlich den gleichen Geist zeigen,
oder ob hier bereits eine Umdeutung beginnt, die auf einen veränderten Stilwillen zurück-
zuführen ist.
                Ich führe zunächst einen genauen Vergleich an den sich sehr ähnlichen Palmetten-
fächerkapitellen in Ferrara (25)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-025-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6732-Foto-2013.jpg

und Königslutter (54)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-054-Kaiserdom-Koenigslutter-Loewenportal-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Löwenportal

 

durch. Besonders klar erkennbar
ist die Struktur der aufsteigenden Seitenmittelblätter. Das Königslutterer Blatt ist am
Säulenhals durch tiefe Furchen gegliedert, die zwischen erhabenen Stegen liegen; der
mittlere Steg bildet den Ansatz des aufgelegten schmalen Blattes, während die seitlichen
Stege nur bis zu halber Höhe des Blattes vordringen, dort abbrechen und an ihre Stelle
eine Furche tritt, die die Blattlappen voneinander trennt; diese entwickeln sich aus den
Furchen am Säulenhals. Ebenso ist das Ferrareser Blatt aufgebaut, nur liegen dort die
erhabenen und vertieften Formen nicht hart nebeneinander, und die Blattlappen scheinen
sich aus dem Säulenhals heraus zu entwickeln. Das italienische Blatt zeigt mehr Elastizität
der Durchbildung. Das wird vor allem deutlich in Verona am Kapitell 26,

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-026-Verona-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-7832-Foto-2013.jpg

dessen Blätter noch stärker in diesem Sinne durchgeformt sind. Man kann über das italienische Blatt
sagen, daß es „wächst“, während das deutsche „ruht“. Das italienische Blatt scheint vor
unseren Augen aufzuwachsen, während das deutsche in seiner einmal festgelegten Lage
verharrt. Das bedeutet, daß das deutsche Blatt weniger organisch empfunden ist. Lebendigkeit
kann man ihm zwar nicht absprechen, aber es handelt sich mehr um eine ornamentale
als eine organische Lebendigkeit. Damit ist ein Unterschied angedeutet, der zwar in Königs-
lutter gegenüber allen späteren deutschen Schöpfungen gering erscheint, aber immerhin
vorhanden und grundsätzlich wichtig ist.
                 Wir können ihn an den fächerförmigen Eckblättern bestätigt finden. Sie sind in
Ferrara und vor allem in Verona voll weicher Elastizität, während sie in Königslutter
schwerfälliger und härter erscheinen. Diese Härte würde vor allem bei einer Darstellung
der Blattquerschnitte deutlich werden. Wir würden dann in Italien eine leicht gewellte
Linie erhalten, in Königslutter dagegen eine eckig gebrochene. Höhen und Tiefen sind
hier gleichwertig geworden. Das Blatt besteht also nicht mehr aus Schwellungen zwischen
vertieften Blattausstrahlungen, sondern es ist durch einen gleichmäßigen Wechsel von Rillen
und Stegen gegliedert. In Ferrara kommen die Rippen in weichem Schwung aus der

1) Sie lassen sich urkundlich in Regensburg nachweisen (vgl. Anna Landsberg, Die romanische
Bauornamentik in Südbayern, Frankfurter Diss., 1917). Die dort von ihnen mit Ornaınentik ausgestattete
Kirche ist zwar nicht mehr erhalten, aber an einer ganzen Reihe von Bauten in und um Regensburg
spüren wir deutlich, daß Italiener entweder selbst mitgearbeitet haben oder daß ihr Stil nachwirkt. Aus
stilistischen Gründen können wir einer anderen italienischen Steinmetzengruppe eine Reihe von Kapitellen
in Speyer und Mainz zuweisen, die ihrerseits zahlreiche Nachwirkungen am Mittelrhein, in Hessen und
am Niederrhein erkennen lassen (vgl. die Arbeiten von Kautzsch; außer dem S. 529, Anm. 3 genannten
Aufsatz seine Beiträge in der Zeitschr. f. Gesch. d. Arch., 7, 1919, und im Städeljahrbuch I, 1921).
Ebenfalls haben in Quedlinburg unzweifelhaft Italiener mitgearbeitet (vgl. A. Goldschmidt, Die Bau-
ornamentik in Sachsen im 12.  Jahrhundert, Monatshefte für Kunstwiss. III, 1910).

571

vertieften Mitte heraus, in Königslutter aber stoßen sie hart aneinander in den parallel
nebeneinander angeordneten Ansätzen. Dies wird besonders beim Kapitell 52 deutlich.

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-052-Kaiserdom-Koenigslutter-Loewenportal-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Löwenportal

 


                   Sehr wesentlich ist auch die schon früher erwähnte Anbringung der Bohrlöcher.
Bei den Kapitellen am Königslutterer Löwenportal liegen sie zwar an den Enden der
Blattrandeinziehung, doch sind sie hier eine ganz „abstrakte“ Form, während sie sich in
Ferrara organisch aus den Einschwingungen ergeben. In Königslutter ist nur noch die
Vorstellung der Aushöhlung vorhanden, sie ist „abgespalten“ aus dem Formenkomplex
des Ferrareser Kapitells und ist nun selbständig verwendet. Sie kann so selbständig werden,
daß das Bohrloch nicht mehr als Endpunkt der Blattrandeinziehung verstanden wird. Bei
den Kapitellen im Königslutterer Kreuzgang (53, 55)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-053-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-055-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

liegen die Bohrlöcher nämlich einfach
auf den Rippen, während der Blattrand nicht mehr zu ihnen einschwingt. Nur bei den
Voluten wird noch eine Verbindung zwischen dem Blattrand und den Löchern gesucht.
                  An den oberen Mittelblättern und den Voluten finden wir in Königslutter aufgelegte
Rippen, während sonst die Oberfläche glatt ist. In Italien sind zwar auch die Rippen
gegenüber den anderen Blatteilen erhaben, aber die Blattoberfläche schwingt neben ihnen
etwas zurück, so daß die Rippen kaum höherliegen als die übrigen Blatteile. Der Blattkörper
scheint die Rippen aus sich hervorzutreiben. In Königslutter wirken sie demgegenüber
als Zutat. Ganz allgemein läßt sich sagen, daß die Oberflächenstruktur sich in Italien jeweils
aus dem Wesen des Blattes ergibt, das Blatt sie also erzeugt, während sie in Königslutter
mehr auferlegt erscheint.
                  Ebenso wie an den Blättern des Palmettenfächerkapitells ließe sich der Vergleich
italienischer und deutscher Blattgestaltung auch an den korinthisierenden Kapitellen durch-
führen. Bei der Besprechung der einzelnen Kapitelle war oben darauf hingewiesen worden,
daß alle in Italien entwickelten Blattzusammensetzungen in Königslutter wiederkehren. All
diese Blätter aber zeigen die gleiche Auffassung vom Wesen des Blattes, wie sie bei den
Palmettenfächerkapitellen zu beobachten war. Während die italienischen Blätter organische
Gebilde sind, sind die deutschen abstrakt aufgefaßt; das italienische Blatt ist immer Gewächs,
das deutsche aber ist Ornament.
                 Es dürfte nun klar sein, daß der Unterschied, der zwischen den italienischen Kapitellen
und Königslutter festgestellt worden ist, in der Richtung liegt, in der dann in der Nach-
folge von Königslutter in verstärktem Maße eine Umprägung der italienischen Formen vor-
genommen wird. Die Königslutterer Kapitelle unterscheiden sich in grundsätzlichen Dingen
von denen in Ferrara und Verona und haben mit der dortigen Weiterentwicklung in Piacenza,
Cremona und Lodi nichts zu tun. Zu ihrer sprachlichen Charakterisierung mußten die gleichen
Worte gebraucht werden, wie sie zur Kennzeichnung der von Königslutter abhängigen
Kapitelle verwendet worden waren. Sie sind damit deutlich gegen die italienischen Werke
abgesetzt. Sie stehen den Werken der Nachfolge gesinnungsmäßig näher als jenen Stücken,
die als Ausgangspunkt gedient haben. In Königslutter können also nur Deutsche tätig gewesen
sein. Diese können die italienischen Formen nur in Ferrara und Verona kennengelernt
haben, weil es sonst nirgends verwandte Werke gibt. Sie müssen also nach Italien gewandert
sein. Bei den Arbeiten an den dortigen Domen werden sie kaum passive Zuschauer gewesen
sein, sondern sie werden mitgearbeitet haben, wie sich auch für die großen deutschen
Bildhauer des 13. Iahrhunderts eine Tätigkeit in Frankreich hat nachweisen lassen. Allerdings
will es nicht gelingen, ihre Werke in Ferrara und Verona herauszufinden. P. J. Meier hatte
die Konzeption des Palmettenfächerkapitells auf einen Deutschen zurückführen wollen 1).
Diese Ansicht ist nicht haltbar, nachdem die Vorstufen in Modena haben aufgewiesen

1) „Der Meister von Königslutter in Italien", Kunstchronik 1901.

572

werden können. Die deutschen Steinmetzen haben anscheinend in Italien nur Mitarbeit
geleistet und den Kapitellen nicht ihre endgültige Gestalt gegeben, während sie in Deutschland,
ganz auf sich gestellt, die übernommenen Vorstellungen mit eigenem Gedankengut durch-
drungen haben, so daß es bei noch so genauer Übertragung des Formenapparates doch
zu Umdeutungen in den Einzelheiten kommen mußte 1).
                  Besonders in die italienische Formenwelt eingelebt hat sich der Meister des Tierfrieses
an der Apsis in Königslutter. Der Veroneser Tierfries ist so ähnlich (28, 29),

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-028-Verona-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-7816-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-029-Verona-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-7820-Foto-2013.jpg

 

daß in beiden Fällen die gleichen Hände tätig gewesen sein müssen. Freilich soll nicht gesagt sein, daß
die Konzeption des Veroneser Frieses auf den Königslutterer Meister zurückgeht. Wir
werden diesen vielmehr als Gesellen in der italienischen Werkstatt anzusehen haben. Auch
hier läßt sich nämlich in Königslutter der Beginn einer Umdeutung nachweisen, vor allem
an der Akanthusblattwelle über dem Fries.
                  Von Italien aus gesehen erscheinen die Werke der deutschen Steinmetzen, vor
allem in der Nachfolge von Königslutter, weniger organisch, weniger durchempfunden,
vielleicht auch formloser. Das alles ist aber nur dadurch bedingt, daß die Deutschen andere
Dinge gewollt haben als die Italiener, es ist nur Folge der Umprägung, die verursacht
wird durch das Verlangen, das Massenmäßige des Kapitells hervorzuheben, den Umriß
sprechen zu lassen, oder auch die durchgebildete Masse zu geben, während auf der Ober-
fläche des Blocks die abstraktornamentale Linienphantasie sich auswirken kann. Hier be-
stätigt sich die alte Beobachtung, daß die Deutschen nichts von fremder Kunst über-
nommen haben, ohne ihm einen neuen Sinn zu geben und seine Gestalt zu ändern.

1) Einzelne Züge der Königslutterer Kapitelle, die zur Unterscheidung von den Vorbildern in
Ferrara und Verona genannt wurden (wie die Entfernung der Bohrlöcher vom Blattrand oder die ge-
ringere Lebendigkeit der Blätter), findet man gelegentlich auch an weniger qualitätvollen Werken in Italien,
etwa im Atrium von S. Ambrogio in Mailand. Deswegen wird man diese italienischen Werke natürlich
nicht deutschen Steinmetzen zuschreiben. Andererseits unterscheiden sich die Königslutterer Kapitelle
von ihren italienischen Vorbildern ja keineswegs durch geringere Qualität, und außerdem kommen eine
ganze Reihe von Unterschieden gegenüber den italienischen Werken zusammen, so daß der oben ge-
zogene Schluß auf nationale Zugehörigkeit der Steinmetzen doch wohl berechtigt sein wird."

573


Quelle:

Erwin Kluckhohn: "Die Kapitellornamentik der Stiftskirche zu Königslutter. Studien über Herkunft, Form und Ausbreitung."   Dissertation an der Universität Göttingen, veröffentlicht in Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft Bd. 11 S. 527-578; 138 Abbildungen auf Tafel 1-8

 

Abbildungen auf der Homepage wurden soweit verfügbar zur Verbesserung der Verständlichkeit des Textes teilweise durch neuzeitliche Fotos verbesserter Auflösung ersetzt und direkt in den Text eingefügt.

 

Weiterführende Informationen - Romanik als europäisches Projekt -

LINK: http://www.transromanica.com

 

VI.

 

Die Philosophie und die Philosophen des zwölften

und dreizehnten Jahrhunderts.

____

Von Friedrich von Raumer.

 

____

 

Es fehlt nicht an Werken, welche die Geschichte der neuern Philosophie, für größere Kreise der Liebhaber, oder kleinere Kreise der Eingeweihten darstellen. Die meisten derselben beginnen mit Kant, oder gehen höchstens bis Descartes, als dem vorgeblichen Anfangspunkt der neuern philosophischen Entwickelung zurück. Was zwischen der neuplatonischen Schule und ihm liegt, wird oft übergangen, oder auch wol obenein geschmäht; obgleich es selbst für manche Philosophen ein unbekanntes Land, eine terra incognita ist. Und doch unterliegt es für Jeden, der nur einmal in dieses Land hineingeblickt hat, gar keinem Zweifel: solch Ignoriren, oder von der Hand Weisen der Philosophie des Mittelalters, sei für unsere Zeit durchaus unzeitig, und sie verdiene vielmehr, daß man sie von Neuem ins Auge fasse, bearbeite und darstelle. Ungeachtet ihrer Einseitigkeiten, Lücken und Mängel, wird sich dann ergeben, wie großen Werth und Reichthum sie besitzt, und welche Einwirkung auf spätere Zeiten ihr beizulegen sei.

 

Das alte Vorurtheil: die Geschichte des Mittelalters zeige nichts als Barbarei, die Dichtkunst jener Zeit nichts als Monstruosität und Trivialität und dergl. mehr — ist längst ausgerottet. Aehnliche Berichtigungen bedürfen manche

 

 

____
466 Die Philosophie und die Philosophen

 

Urtheile über die Scholastik, unb mit den vielen ungegründeten Anklagen werden dann auch einzelne übertriebene Lobeserhebungen dahinfallen.

 

Sowie die Begriffe von Staat und Kirche, Verfassung und Verwaltung, Steuern und Kriegswesen, häuslichem und öffentlichem Leben, Baukunst und Dichtkunst und dergl. mehr sich erläutern, aufklären und reinigen, wenn wir das Mittelalter nach seinen Licht- und Schattenseiten mit unserer Zeit zusammenstellen, so wird bei ähnlichem Verfahren auch der Gewinn für die Philosophie nicht ausbleiben.

 

Möchten Neander und H. Ritter (diese Meister in ihren Fächern) die damaligen Systeme bald nach ihrem vollen Umfange und tiefsinnigern Zusammenhange so darstellen, wie es der jetzige Zustand der Wissenschaft erfordert. Der Verfasser nachstehenden Aufsatzes ist sehr entfernt, sich ein so großes, weit über seine Kräfte hinausgehendes Ziel zu stecken. Als bloßer Liebhaber der Philosophie, bezweckt er nur anderen Liebhabern (welche zu dem mühsamen Erforschen der Quellen weder Zeit noch Lust haben) eine möglichst kurze und verständliche Uebersicht des Ansprechendsten aus jenem vernachlässigten Zeitraume und zugleich eine Gelegenheit und Veranlassung zu geben, die spätere Entwickelung der Philosophie mit jener früheren zu vergleichen.

 

Die folgende Darstellung zerfällt in zwei Hauptabtheilungen. In der ersten werde ich Allgemeineres über Beschaffenheit und Inhalt der Philosophie des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts beibringen, und in der zweiten einige der wichtigsten Philosophen jener Zeit näher zu schildern versuchen.

 

 

____
467 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Kein einzelner, durch überwiegend große Anlagen und bewundernswürdige Werke hervorragender Mann bezeichnet den Anfang des thätigen und bewegten Zeitraumes, welchen die Geschichte der scholastischen Philosophie umfaßt. Der Name scholastisch weiset ganz richtig darauf hin, daß es eine Philosophie der Schule war, die von gemeinschaftlichem Lernen und Lehren ausging und in fremder Sprache betrieben ward, ohne daß man je ihre Ergebnisse in ansprechender Form zusammenstellte, um daraus eine Philosophie für das Volk zu bilden, oder dasselbe lebhaft anzuregen. Andererseits darf man nicht vergessen, daß sich die Schule über den Kreis des Lehrers und der unmittelbaren Schüler ebenso hinaus erstreckte, wie in unsern Tagen; obwol es damals mehr Arbeit und Ernst kostete einzudringen, als nach Erfindung der Buchdruckerkunst, der Journale, der Recensionen u. s. w.

 

Hingegen war das Latein im Mittelalter die Sprache der Wissenschaft überhaupt, und stellte sich anders als wenn Jemand in unsern Tagen ein philosophisches Buch lateinisch schreiben wollte. Das philosophische Latein des Mittelalters klingt allerdings höchst barbarisch, wenn man es mit dem ciceronianischen vergleicht; wiederum hat es sich eine Menge von Gedanken, nähern Bestimmungen, Wendungen und Unterscheidungen angeeignet und sich aneignen müssen *) , welche die alten Römer weder dachten, noch ausdrücken konnten. Zu dem neuen Inhalte gehörte also eine neue Form; aber freilich lernte man dieselbe nie

____

*) Z. B. haecceitas , potentia actubilis, aliquitas und dergl. Schröckh, XXIV. S. 437. Und Beispiele überkünstelter Streitsätze Heary Hist of England VIII. S. 176.

 

 

 

____
468 Die Philosophie und die Philosophen

 

vollständig ausbilden und künstlerisch beherrschen. Solch eine Vernachlässigung der Form straft sich an den Scholastikern durch eine bisweilen so weit gehende Vernachlässigung ihrer Werke, daß selbst Philosophen von Fach keinen Blick hineinthun und vom Inhalte gar keine Kenntniß nehmen.

 

Man hat gesagt *): „scholastisch sei diejenige Behandlung der Gegenstände a priori, wo nach Aufstellung der meisten für oder wider aufzutreibenden Gründe, in syllogistischer Form, die Entscheidung aus Aristoteles, den Kirchenvätern und dem herrschenden Lehrgebäude hergenommen wird." — Diese Erklärung deutet allerdings wichtige Punkte an, ohne jedoch das Wesentliche zu erschöpfen. So ist jene formale Behandlung zwar vorwaltend, aber keineswegs alleinherrschend. Anselm von Canterbury, Hugo von Rouen und Andere bedienten sich z. B. der dialogischen Form, Alanus von Ryssel schlägt (wie Spinoza) den Weg mathematischer Beweisführung ein; einige Mystiker verschmähen umgekehrt ganz diese Formen und Vorschriften u. s. w. — Ferner spielt Aristoteles in den merkwürdigen Schulen des 12. Jahrhunderts unmittelbar noch gar keine entscheidende Rolle, und wird selbst im 13. bekämpft, sobald seine Lehren mit den christlichen unverträglich erscheinen. Auch hatte Platon in Beziehung auf die Entwickelung des Inhalts der Philosophie kaum einen geringern Einfluß und Augustinus wol noch mehr Ansehen als beide zusammengenommen.

 

Ueberhaupt wirkte die Religion der Heiden niemals in dem Maße auf die Philosophie, wie die

____

*) Tiedemann Geist der speculativen Philosophie IV. S. 338.

 

 

____
469 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

christliche *); weshalb man vielleicht noch mehr von einer christlichen, als von scholastischer Philosophie sprechen sollte. Oder man könnte alle philosophischen Entwickelungen unter den neuern Völkern, so lange diese ihre wissenschaftliche Bildung an Christenthum und Kirchenthum anschlossen, der scholastischen Philosophie beizählen.

 

Zu der Gottes- und Geistesphilosophie, welche im Mittelalter vorherrschte, mußte sich allmälig die Naturphilosophie als zweiter Theil ausbilden. Sie ward oft wie ein feindlicher Gegensatz betrachtet, bis sich bei gründlicher Fortbildung weder die Verschiedenheit, noch die höhere Einigkeit dürfte ableugnen lassen.

 

Nachdem man sich während des 12. Jahrhunderts in verschiedenen einzelnen Richtungen versucht hatte, trat das Bedürfniß des Vollständigen, Systematischen immer mehr hervor. Sobald dasselbe im 13. Jahrhunderte befriedigt war, gerieth man in untergeordnete, aber darum nicht weniger heftige Streitigkeiten, bis das, was im 14. und 15. Jahrhunderte (tyrannischer noch als zuvor) eingewirkt und zusammengehalten hatte, durch die italienischen Philosophen und die Reformation auseinandergesprengt wurde. So ungemein verschieden Dichtkunst und Philosophie (besonders im Mittelalter) auch sind, zeigt sich doch ein gar merkwürdiger Parallelismus ihrer Entwickelung. Die Dichtkunst und die Dichter des 12. Jahrhunderts verhalten sich nämlich zu der Dichtkunst und den Dichtern des 13., genau wie die Philosophie und die Philosophen

____

*) Ritter, Begriff und Verlauf der christlichen Philosophie, in Gieseler‘s Studien 1833, S. 258.

 

 

____
470 Die Philosophie und die Philosophen

 

des ersten, zu denen des zweiten Zeitabschnittes. Dort das Rohere, aber auch Kräftigere, Einfachere und Natürliche *); hier das Ausgebildete, Gewandte, Glänzende, Scharfsinnige, daneben aber auch Willkürliches und Ueberkünsteltes.

 

Die drei großen Grundlagen oder Richtungen, welche bei jeder höheren philosophischen Entwickelung hervortreten und nothwendig zueinander und zur Bildung eines vollständigen Ganzen gehören, finden wir im 12. und 13., wie im 18. und 19. Jahrhunderte. Man geht aus vom Wissen und Erkennen, oder vom Fühlen und Glauben, oder vom Zweifeln und Leugnen, und so entstehen die großen Schulen der Dogmatiker, Mystiker, Skeptiker, mit mannichfachen Nebenrichtungen und Ausbeugungen. Nur treten dieselben im Mittelalter weniger scharf gesondert heraus, als in früheren und späteren Zeiten. Das Kirchliche wirkt überall ein, leitet mehr oder weniger das Dogmatische oder Mystische, und bezähmt das Skeptische. Uebrigens bahnen die Meister des 12. Jahrhunderts denen des 13. den Weg und stehen mit ihnen in wesentlicher Verbindung. So folgen den Dogmatikern des 12. Jahrhunderts (Anselm, Hildebert, Alanus u. A.) die des 13. (Wilhelm von Paris, Albert der Große, Thomas von Aquino). So bilden die Mystiker Bonaventura, Raymund und Andere das weiter, was Bernhard von Clairvaux, Hugo und Richard von S. Viktor begannen; so mußte auf Abälard, Duns Scotus folgen und Roger Bakon die spätere erperimentirende Naturphilosophie vorbereiten.

____

*) Auch in Bezug auf die Baukunst ließe sich dies durchführen.

 

 

____
471 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Wenn wir bedenken, daß den Philosophen jener Zeit der unermeßliche Reichthum fehlte, welchen Versuche und Erfahrungen geben, daß ihnen ferner die bedeutendsten literarischen Hülfsmittel und geschichtlichen Grundlagen nicht zu Gebote standen, so ist weniger Grund vorhanden Lücken und Mängel zu rügen, als über die außerordentliche Thätigteit, Tiefe und Kraft jener großen Geister zu erstaunen *).

 

Das übertriebene Vertrauen zu ihrer eigenen Geistestiefe hat aber (so wird oft geklagt) jene Männer vermocht den unnützesten, unlösbarsten, spitzfindigsten Fragen, thöricht eine große Wichtigkeit beizulegen und sie mit lächerlichem Ernste umständlich zu prüfen und zu beantworten. Unbegnügt z. B. mit der einfachen Unsterblichkeitslehre fragte man: werden die Fetten fett, die Magern mager, die Buckligen bucklig auferstehen? Werden die Auferstandenen alles Das wieder bekommen, was sie in diesem Leben verloren, z. B. Haare, Nägel und dergl. — Ist Christus mit seinen Kleidern gen Himmel gefahren? Ist er in der Hostie nackt, oder bekleidet u. s. w. **)? Ohne Zweifel bieten Fragen und Untersuchungen dieser Art in ihrer Vereinzelung Gelegenheit zu Spott und Scherz, ja sie lassen auf eine Ueberladung mit angeblich philosophischen Zierrathen, auf eine Ueberkünstelung im Ausbaue des Systems schließen. Hiermit ist aber die Beurtheilung noch gar nicht am Ziele.

____

*) Ebenso urheilt Rixner in seiner scharfsinnigen Geschichte der Philosophie II. S. 63.
**) Histoire littéraire XVI. S. 64.

 

 

____
472 Die Philosophie und die Philosophen

 

Wenn man die Feinheit der Aufgaben und Lösungen, — oder Nichtlösungen, in der Aristotelischen Metaphysik bewundert, darf man über Aehnliches in den Scholastikern nicht den Stab brechen, und Hegel, der dies thut, ist selbst nach Form und Inhalt mehr ein Scholastiker als irgend ein neuerer Philosoph.

 

Die wunderlichsten und auffallendsten Fragen und Untersuchungen jener Zeit stehen mit dem Wesentlichen der Systeme in unleugbarem Zusammenhange, und wachsen aus ihnen hervor. Sie haben Inhalt und Bedeutung für Jeden, welcher obigen Boden der Wissenschaft nicht von vorn herein verschmäht, oder Alles ausreutet, was er selbst anzubauen kein Behagen findet.

 

Wäre dies Entwickeln und Verfolgen vieler Fragen sogar nichts gewesen, als ein leeres Spiel, eine Art von nürnberger Tand; woher kommt es denn, daß keines der damaligen Systeme, keine Schule sie verschmähte *) oder verspottete und sich dadurch Waffen wider ihre Gegner bereitete. Die Antwort: es war eine allgemeine Krankheit, ein allgemeiner Schade, reicht um so weniger aus, da jede Schule diese Dinge eigenthümlich behandelte, und andere Wege, zu anderen Zwecken einschlug.

 

Jene, aus vielen andern beispielsweise herausgehobenen wunderlichen Fragen und Antworten, jene äußersten Blätter lassen bei genauerer Betrachtung leicht erkennen, auf welchem Baume der Speculation dieselben gewachsen sind. In späteren Zeiten pflückten klügere oder schlauere Gärtner diese Blätter zuweilen ab, um sich nicht dem Spotte

____

*) Nur Einzelne, welche außerhalb aller Schulen standen, versuchten oder wagten dies, wie etwa Johannes von Salisbury.

 

 

____
473 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

auszusetzen; die Scholastiker gingen ehrlicher vorwärts, plus ultra, bis an ein Aeußerstes; selbst auf die Gefahr kurzweg umkehren zu müssen. Zum Theil hing dies aber auch davon ab, daß sie die gesammte kirchliche Tradition ohne kritische Prüfung annahmen und auf den Boden der Philosophie verpflanzen, oder durch dieselbe bestätigen wollten. Wer z. B. gewisse Voraussetzungen oder Lehrsätze über Unsterblichkeit, Transsubstantiation und dergl. annimmt, wird nothwendig bis zu gewissen Endpunkten hingetrieben, oder er muß nach dem tel est notre bon plaisir einen willkürlichen Endpunkt setzen, ober er sieht sich genöthigt die Mangelhaftigkeit der Voraussetzungen und Lehrsätze anzuerkennen.

 

Was nun die Dogmatiker anbetrifft, so gingen sie mit Lust auf alle diese Dinge ein, in der Ueberzeugung, daß durch fortgesetzte, angestrengte Geistesarbeit das Auge immer schärfer werde, das Erkennen und Begründen sich immer weiter ausdehne, und Dinge oder objective Wahrheiten sich ergreifen und beherrschen ließen, deren Dasein die unphilosophische Menge nicht ahne, oder die sie mit flachem Spotte verhöhne.

 

Wo möglich mit noch mehr Schärfe und Künstlichkeit bewegten sich die Skeptiker in diesen Bahnen, jedoch nur, um die gefundenen Ergebnisse gegen einander aufzuheben und die Leerheit des dogmatischen Beweisens zu erweisen. Wo z. B. Thomas von Aquino mit einem dogmatischen Ueberschusse abschließt, läßt Duns Scotus gewöhnlich Null mit Null aufgehen.

 

Man sollte glauben, daß alle diese angeblichen Spitzfindigkeiten der Richtung der Mystiker ganz fremdartig, ja entgegengesetzt gewesen wären; und doch finden wir dieselben

 

 

____
474 Die Philosophie und die Philosophen

 

Fragen und Gegenstände der Forschung *). Nur was dort auf dem Wege des Verstandes, oder der speculativen Vernunft begründet oder zerstört werden sollte, steht hier in Verbindung mit Anschauung, Erleuchtung, Offenbarung, allegorischer und mystischer Deutung.

 

Nachdem ich so die Stellung und den Zusammenhang untergeordneter, scheinbar vereinzelter Fragen angedeutet habe, muß ich an einen andern Gegensatz erinnern, von welchem Manche behaupteten: er sei von den Scholastikern als der wichtigste betrachtet worden, habe aber ebenfalls keine Wichtigkeit, keinen echten Inhalt, sondern bleibe ein Streit mit Worten, um Worte. Ich rede von den Parteien der Nominalisten und Realisten **). Jene nahmen an: nur in den einzelnen Dingen ist Wahrheit; allgemeine Begriffe sind Erzeugnisse des abstrahirenden Verstandes, bloße Worte, ohne Wesenheit, ohne etwas Substantielles. — Die Realisten hingegen behaupteten: in den Universalien (den Ideen) ist allein wahre Wesenheit enthalten; in allem Einzelnen stellt sich nur ein und dasselbe Sein eine Wesenheit dar, und sie sind lediglich

____

') Selbst beim heiligen Bonaventura (Comment. In libros Sententiarum H. Dist. 19, 20, 24) finden wir Fragen erörtert wie die folgenden: An humores et intestina resurgant? An im emissione seminum in statu innocentiae fuisset delectationis imtentio? An quoties fuissent conjuncti, taties prolem genuissent etc.?
**) Meiners de Nominal. Et Real. initiis. Tennemann VIII. 1, S. 159. Buhle Lehrbuch V. S. 191. Schmid Mysticismus S. 179. Baumgarten-Crusius de Realium et Nominalium discrimine. Consin Einleitung zu Abälard‘s Werken.

 

 

____
475 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

durch Zufälligkeiten, Nebenbestimmungen, Accidenzen voneinander unterschieden.

 

Weil diese kurze Beschreibung oder Erklärung Manchem vielleicht nur Sophistik und leere Scholastik nachzuweisen scheint, sei es erlaubt noch etwas länger dabei zu verweilen. Roscelin, Stiftsherr zu Compiegne, welcher für den Gründer des Nominalismus gilt, forschte keineswegs über eine blos leere, fast lächerliche Schulfrage; sondern er (gleichwie seine Freunde und Gegner) brachten das, was früher und später die Philosophie wesentlich beschäftigte und erfüllte, nur in einer neuern Form und Färbung zur Sprache und zum Bewußtsein. Es handelt sich von der Möglichkeit der Einheit und Vielheit, dem Wesen der Persönlichkeit, dem Verhältnisse des Denkens zum Sein und des Einzelnen zum Ganzen und zu Gott. Es stehen hiermit in wesentlichem Zusammenhange die Lehren von Freiheit, Gnade, Zurechnung, Erbsünde, Auferstehung und ewigem Leben. Es war die Frage: ob diese Gegensätze in unlösbarer Feindschaft beharren, oder ineinander übergehen, und sich versöhnen könnten, ja müßten.

 

Wenn Roscelin sagte: nur die Individualitäten haben Wesenheit, und die Universalien sind blos Gedanken (Gattungsbegriffe), erschaffen durch den menschlichen Geist; so war dies nicht allein unvereinbar mit der christlichen Dogmatik, sondern auch mit der platonischen Ideenlehre; wie es denn überhaupt ungründlich ist, die Nominalisten kurzweg für Platoniker, und die Realisten für Aristoteliker auszugeben. Vielmehr stimmten die Realisten in Bezug auf ihre Lehre von den Universalien besser mit Platon,

 

 

____
476 Die Philosophie und die Philosophen

 

als mit Aristoteles *). Eher läßt sich im Nominalismus die Wurzel des Empirismus und der das Sichtbare ergreifenden Naturphilosophie nachweisen. Denn so hoch der menschliche Geist in jenem Systeme auch gestellt zu sein scheint, erhält er seinen Inhalt zuletzt doch nur durch Sinnlichkeit und Einbildungskraft; darüber hinaus ist lediglich Abstraction und Spiel der Sprache.

 

Dem Allen widersprechend lehrte Wilhelm von Champeaux: das Wesen der Persönlichkeit liegt in dem Allgemeinen, dem Universellen, und sofern Individualität vorhanden zu sein scheint, ist sie nur zufällig; sie beruht nur auf der Menge und Mannichfaltigkeit ihrer Zufälligkeiten oder Accidenzen.

 

Beide Systeme führen in ihrer Einseitigkeit und Getrenntheit nicht zum Ziele. Es gibt wahre und falsche Universalien und Individualitäten. In den Begriffen todter Abstraction liegt keine Wesenheit: sie sind das Gegentheil platonischer Ideen und christlicher Dogmatik; ebenso wenig kommt aber in der Atomistik vereinzelter Personen das Wesen und Geheimniß der Individualität zu Tage. Der Mensch ist nicht blos eine Person und Etwas durch seine Person, ohne Verbindung mit dem Ganzen und der Gottheit. Vom Standpunkte der alleinherrschenden, abgeschlossenen Persönlichkeit kommt man nie zu Gott, nie zu Staat und Kirche, sondern zu einem Kriege Aller gegen Alle, und einem anmaßenden und doch zuletzt hülflosen atomistischen Egoismus. Hobbes, Gassendi,

____

*) Auf den Unterschied der Realisten, welche Universalien in rem (aristoletisch und ante rem (platonisch) annehmen, kann ich hier nicht näher eingehen.

 

 

____
477 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Condillac liegen in einer, damals freilich noch ungekannten, Richtung des einseitigen Nominalismus.

 

Auf dem andern, ausschließend verfolgten Wege, geht mit der wesenhaften, lebendigen Person , auch der lebendige Gott verloren; er verwandelt sich in das Gespenst einer bloßen Substanz. Mithin liegt die Wahrheit und das Wesentliche nicht blos in einer dieser Richtungen. Geht das Universale und Individuelle nicht durch Alles hindurch, von Gott bis zu der kleinsten Persönlichkeit, so ist die Kette zerrissen und ohne Haltung, Hülfe und Nutzen. So viel Besprochenes (z. B. Recht, allgemeine Sinnesart, vox populi, öffentliche Meinung) erhält erst Wahrheit, Sinn und Verstand durch jene Durchdringung des Allgemeinen und Besonderen, des Göttlichen und Menschlichen; sowie ebenfalls manche Kapitel der kirchlichen Dogmatik Licht auf diesen philosophischen Boden werfen.

 

Abälard suchte eine neue Vermittlung und lehrte: die Universalien sind weder Sachen, noch Worte; sondern Conceptionen und Erzeugnisse des Geistes *). Diese Lösung ist jedoch ebenfalls ungenügend, oder doch weit entfernt von der Wesenheit platonischer Ideen, und von der Möglichkeit die Trinitätslehre zu erklären, welche damals für den Mittelpunkt des glaubenden Christenthums galt. Die Gegner Abälard‘s fühlten diesen Fehler heraus; das heißt: Abälard war (nach unserer Redeweise) unabwendbar auf dem Wege zum bloßen Rationalismus. Seine Lösung ist nur logischer, nicht ontologischer und metaphysischer Art.

____

*) Sofern Abälard in den einzelnen Dingen nur eine Mannichfaltigkeit der Accidenzen sah, nennt Bayle seine Lehre einen unentwickelten Spinozismus.

 

 

____
478 Die Philosophie und die Philosophen

 

Selbst Roscelin würde diesen Conceptualismus angenommen haben: denn hinter dem Worte liegt der Geist, und der Geist bildet das Wort. Hiemit ist aber getrennte Wesenheit noch gar nicht gegeben, oder die wichtige Frage beantwortet: woher stammt denn der individuelle Geist, dieser vorgeblich alleinige Schöpfer einer allgemeinen hindurchgehenden Wahrheit? In der That stand die kirchliche Dogmatik bereits höher als Abälard‘s Bemühungen; so nützlich dies auch (wie wir später sehen werden) in mancher andern Beziehung war. Obwohl im Allgemeinen Realist, traf Thomas von Aquino wohl am besten zum Ziele, wenn er sagte: das Wahre ist in den Dingen und in dem Geiste, und die Individualisirung widerspricht dem allgemein Geistigen und Universellen nicht *).

 

Ohne Bezug auf Christenthum wird der Realismus zum Pantheismus, und der Nominalismus wird empirischer Materialismus, und mit diesen auseinandergerissen Theorien steht eine gleich verdammliche Praxis in Verbindung. Dort nämlich erhebt sich kirchliche und weltliche Tyrannei, hier kommt man zur Atomisirung und Zerbröckelung von Staat und Kirche.

 

Noch wichtiger, allgemeiner, durchgreifender als der Gegensatz des Nominalismus und Realismus erscheint im 12. und 13. Jahrhunderte der Gegensatz der Religion und Philosophie. Man hielt es (und mit vollem Rechte) für eine unerläßliche Aufgabe: die Lehren der Philosophen durch das Christenthum zu widerlegen, oder mit demselben auszusöhnen; ihre Übereinstimmung, Brauchbarkeit und ihren Zusammenhang, oder umgekehrt, ihren Widerspruch

____

*) Op. VIII. 440 fg. Summa theol. I, art. 2. 3.

 

 

____
479 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

und ihre Unbrauchbarkeit nachzuweisen. Es hilft zu Nichts, wenn Philosophen und Theologen in diesen Beziehungen die Augen verschließen, oder den Kopf (wie der Vogel Strauß) in den Strauch stecken.

 

Die Scholastik suchte das Christliche als vernünftig und das wahrhaft Vernünftige als christlich zu erweisen *), wobei sich die Einwirkung der philosophischen Schulen des Alterthums, vorzüglich der peripatetischen gar nicht leugnen läßt. Umgekehrt wurden aber auch jene alten Schulen durch die christliche Philosophie wesentlich umgestaltet und verwandelt; wobei allerdings Spitzfindiges genug zum Vorschein kam. Oft aber nennt der Unglaube das spitzfindig, was ihm nicht zusagt; oder man vergißt, daß ohne rechtes Wissen und Erkennen, auch kein rechtes Wollen möglich ist, sondern Eines zum Andern gehört.

 

Daß hiebei weder die Kirche, und noch weniger Aristoteles unbedingt herrschten, oder tyrannisirten, geht einleuchtend schon aus dem Dasein der verschiedenen, oben angedeuteten Schulen hervor, und wird sich noch mehr bei der Schilderung einzelner Philosophen ergeben. Dogmatik, Skepsis und Mystik waren nothwendige Glieder und wesentliche Organe der gesammten Entwickelung. Ich wiederhole deshalb **): Ohne diejenigen, welche die Kirchenverfassung reinigen wollten, wäre sie noch schneller ausgeartet; ohne die Mystiker hätte sich die Religion in trocknes Floskelwesen der Schule aufgelöset; ohne die Bestrebungen der Dogmatiker und Skeptiker dürfte die kirchliche

____

*) Möhler, über Anselm von Canterbury. Tübinger theol. Quartalschrift 1828.

**) Hohenstaufen , Band III. S. 269.

 

 

____
480 Die Philosophie und die Philosophen

 

Theologie in noch größere Widersprüche mit dem Verstande gerathen sein; ohne die allgemeine, rechtgläubige Kirche endlich, nach ihrer belehrenden, ordnenden und verwaltenden Richtung, hätte sich damals die ganze Christenheit aufgelöset; — und gar leicht wären dann die Philosophirenden in eitelem Bestreben, die Mystiker in abergläubigem Dünkel und die an der Verfassung Künstelnden durch unhaltbare Gleichmacherei oder weltliche Uebermacht zu Grunde gegangen.

 

Die unwandelbare Richtung der scholastischen Philosophie auf die höchsten Gegenstände, auf Gott und sein Verhältniß zu den Menschen und der Welt, ist ihre wesentlich vortreffliche, erhabenste Seite, und wir begreifen nicht, wie eine völlige Trennung der Theologie von der Philosophie jemals beruhigend und genügend zu Stande gebracht werden kann, da der menschliche Geist das Bedürfniß beider und die Fähigkeit für beide besitzt und die wichtigsten Fragen und Lehrstücke beider Wissenschaften dieselben sind, wenn sie auch unter verschiedenen Namen und von verschiedenen Standpunkten aus behandelt werden. So haben ja z. B. die philosophischen Lehren von der Freiheit, von dem Verhältnisse des Einzelnen zum Ganzen, dem Guten und Bösen u. s. w., ihre theologischen Gegenstücke in den Abschnitten von der Vorherbestimmung, Gnadenwahl, den beiden Naturen in Christus, der Sünde u. s. w.

 

Nur eine schlechthin gottleugnende Philosophie wird in ihrem folgerechten Irrthume alle Theologie, nur eine schlechthin abergläubige und tyrannisirende Theologie allen Vernunftgebrauch verwerfen. Auf jeder Stufe diesseit dieser äußersten Punkte kann man wechselseitige Berührungen und Einwirkungen nicht leugnen und entbehren; man

 

 

____
481 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

darf die Frage nach dem Verhältnisse der theologischen und philosophischen Wahrheiten und Ergebnisse nicht von der Hand weisen. Wenn das Mittelalter beide Wissenschaften zu sehr vermischte und dadurch ihre natürliche und nothwendige Unabhängigkeit gefährdete, so hat die neuere Zeit auf einen unvermittelten, unbedingten Gegensatz derselben übertriebenen Nachdruck gelegt. Sofern jedoch im 12. und 13. Jahrhunderte das gesammte System der Kirchenlehre und Kirchenverwaltung von der mächtigsten Partei als unantastbare, höchste Wahrheit hingestellt wurde, geriethen besonders die Scholastiker, welche die arabische Philosophie ehrten, nicht selten in ein solches Gedränge, daß sie sich durch den Ausweg zu helfen suchten: Manches könne in der Philosophie wahr, in der Theologie aber falsch sein und umgekehrt; wogegen die Theologen (so Albert der Große und Thomas von Aquino) behaupteten: jener Gegensatz sei ein untergeordneter und es gebe nur eine und dieselbe Wahrheit. Wenn z. B. die Philosophie herausgrübele, es sei kein Gott, und die Theologie die entgegengesetzte Lehre an die Spitze stelle *): so müsse doch eins von beiden in höchster Stelle wahr und das andere falsch sein, und ohne Zweifel sei die göttliche Offenbarung diese höchste Stelle und die allen Irrthum hinwegnehmende Quelle der Wahrheit.

 

In der That kehren diese Fragen zu jeder Zeit wieder, und der Vorrang der Speculation vor der Offenbarung ist z. B. im 18. Jahrhunderte so laut behauptet, als in

____

*) Ums Jahr 1220 ward zu großem Anstoße Mehrer gestritten: de qualitate et certitudine propositionis, Deus est. Wadding ann. I. 364.

Hist. Taschenbuch. Neue F. I. 21

 

____
482 Die Philosophie und die Philosophen

 

jenen Zeiten geleugnet worden; und doch fühlt der Laie, was die Tiefsinnigsten unter den Theologen und Philosophen erkannten: es sei nicht Zwiespalt oder Unterjochuchung, sondern Aussöhnung und Frieden das wesentliche Verhältniß und letzte Ziel beider Ansichten, und sowie die tiefere Philosophie sich des festen Bodens der Offenbarung erfreut, oder ohne Offenbarung den Schlußstein ihres Gewölbes entbehrt, so ist die Offenbarung etwas ganz sinn- und wesenloses, wenn sie nicht ihren Samen in dem mit Vernunft begabten, zum Gebrauche der Vernunft erschaffen Menschen aussäen kann.

 

Die Päpste, ob sie gleich in der Regel Begünstiger der Wissenschaften und namentlich der Philosophie waren *) wurden doch mehremale über die Vorliebe für diese letzte Richtung bange und Gregor IX. schrieb an die Lehrer der Theologie in Paris **): „Zieht nicht aus Eitelkeit die Philosophie einer Wissenschaft vor, welche der wahre Geist des Lebens ist und vor Irrthum bewahrt. Trachtet nicht danach Scheingelehrte statt Gottesgelehrte zu sein , und wendet euch nicht von den himmlischen zu den niedrigen und dürftigen Elementen der Welt und Natur, denen der Mensch nur in seiner Kindheit diente. Die, welche eure Schulweisheit über die natürlichen Dinge ergreifen, bieten den Schülern nur Blätter der Worte, nicht Früchte; ihr Geist,

____

*) Urban IV. z. B. nahm Philosophen an seinen Tisch, gab ihnen Aufgaben zu gelehrten Gesprächen, veranlaßte mehre Uebersetzungen von Werken des Aristoteles: Tiraboschi Litt. IV, 155.

**) Regesta Gregor. IX., Jahr II, 105-109. - Aehnlich schreibt Stephanus Tornac. ep. 241: discipuli solis novitatibus applaudunt, et magistri gloriae potius invigilant, quam doctrinae.

 

 

____
483 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

gleichsam nur mit Schalen genährt, bleibt leer und unfähig, sich an größerer Fülle zu ergötzen. Irrig glauben jene Alles ergründet zu haben, während man um so durstiger wird, jemehr man aus jener Quelle trinkt, die keine Quelle der Gnade ist. Nicht die mageren Kühe sollen die fetten verschlingen, nicht die Königin gezwungen werden ihren Mägden zu dienen, nicht die schönste aller Frauen durch Freche mit erlogenen Farben geschminkt, nicht die von ihrem Bräutigam herrlich Geschmückte mit dem schlechten zusammengeflickten Gewande der Philosophen bekleidet werden.“

 

Wie man auch hierüber denke, darin wirkten die Päpste gewiß heilsam, daß sie die Religion nicht wollten in eine unzugängliche Wissenschaft verwandeln lassen. Ohnedies trat die Bibel um der Kirchenväter willen in den Hintergrund, und selbst diese wurden vernachlässigt, seitdem dogmatische Handbücher fast ausschließlichen Beifall gewannen. Deshalb bemerkten etliche Philosophen, so Alanus von Ryssel *): gegen Juden und Muhamedaner bedürfe man anderer, aus der Vernunft hergenommener Beweise für die Wahrheit der christlichen Lehren, und die Speculation müsse hier der Dogmatik zu Hülfe kommen.

 

Diese metaphysische, theologisirende Seite der Speculation, sowie die Sittenlehre, wurden häufiger, umfassender und scharfsinniger bearbeitet als die Politik, obwol das Christenthum ohne Zweifel für diese auch einen neuen und ganz eigenthümlichen Standpunkt darbot. Was hätte sich z. B. nicht daraus folgern oder daran reihen lassen, wenn Albert der Große sich an Ambrosius und Augustinus

____

*) Schröckh XXIV, 399.

 

 

____
484 Die Philosophie und die Philosophen

 

anschließend behauptete: Glaube, Liebe und Hoffnung sind die drei theologischen von Gott eingegebenen Tugenden, wogegen die vier erworbenen Cardinaltugenden nur die Gemüthsbewegungen regeln und ordnen.

 

Johann von Salisbury entwarf eine Art von Politik und Pflichtenlehre für die Fürsten mit vielen Beispielen aus dem Alterthume *). Sie dringt indeß nicht sehr tief ein und nur folgende Lehrsätze verdienen Erwähnung: Zwischen einem Tyrannen und einem Fürsten ist der Unterschied : daß dieser das Volk nach Gesetzen regiert, jener hingegen sich über dieselben hinaussetzt. Für die höchste und würdigste Art der Herrschaft muß die gelten, wo die Fürsten für Nutzen und Billigkeit wirken, obwol sie niedriger stehen als die Geistlichen und die Kirchenherrschaft. Nichts ist ruhmwürdiger als die Freiheit; die Tugend ausgenommen, wenn anders diese von der Freiheit getrennt werden kann. Ein guter Fürst ist ein Bild der Gottheit; ein böser ein Bild des Teufels und meist umzubringen (plerumque occidendus). Selbst nach der Bibel ist Tyrannenmord erlaubt und rühmlich, wenn nur der Thäter nicht zur Treue verpflichtet und sonst ein rechtlicher Mann ist.

 

Meist schloß man sich in jener Zeit genau der Politik des Aristoteles an, unbekümmert darum, daß Staat und Kirche geschichtlich etwas geworden waren, wovon das Alterthum gar keinen Begriff hatte. Von den Bemühungen des Thomas von Aquino auf diesem Boden wird weiter unten die Rede sein.

____

*) Policrat. IV, 1, 2, 3; VII, 25; VIII, 17, 20.

 

 

____
485 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Die speculative Seite der Naturphilosophie fehlte im Mittelalter keineswegs in dem Maaße, wie man gewöhnlich annimmt. Ueber Zeit, Raum, Ort, Bewegung, Erzeugung, Ernährung, Auflösung u. s. w. finden sich überall scharfsinnige Untersuchungen, und wiederum war Aristoteles hier Führer oder Vermittler. So erläuterten Thomas von Aquino und Duns Scotus seine Physik, Meteorologie, seine Schrift vom Himmel u. s. w. — Weit seltener folgte man dem löblichen Beispiele des Aristoteles in Hinsicht auf Naturbeobachtung und Versuche. Um so mehr verdient deshalb Erwähnung das Werk Hugo‘s von S. Victor über Thiere und Steine *), wobei er indessen mystische Deutungen anbringt, und Albert‘s des Großen umfassendere Darstellung der Thier- und Pflanzenwelt. Als echte Beobachter und Entdecker kann man aber fast allein Kaiser Friedrich II. und Roger Bakon bezeichnen. Im Allgemeinen hielt man (mit Gregor IX.) die Natur und Naturbetrachtung für etwas ganz Untergeordnetes, hinter der Philosophie des Geistes wesentlich Zurückstehendes. Sagt doch selbst die Einleitung zum Schwabenspiegel **) : „Alle diese Welt, Sonne, Mond und Sterne, die Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erdreich, die Vögel in den Lüften, die Fische im Wasser, die Thiere in den Wäldern, die Würmer in der Erde, Gold und Edelsteine, der edlen Gewürze süßer Geschmack, der Blumen lichte Farben, der Bäume Früchte und alle Geschöpfe: das hast du Herr Alles dem Menschen zu dienen und zu nützen geschaffen,

____

*) Opera II. 177.
**) Schwabenspiegel in Senkenberg Corp. Jur. German. Einleitung No. II.

 

 

____
486 Die Philosophie und die Philosophen

 

durch die Treue und durch die Liebe, die du zu den Menschen hegst.“ — Man sollte glauben, daß sich von diesem Standpunkte aus, durch leichte Wendung, ein Recht und eine Pflicht der Naturbetrachtung nachweisen und eine Neigung dafür entwickeln lasse; dennoch beharrte man fast ausschließlich bei der Philosophie des Geistes.

 

Auffallend ist es, daß sich zu einer Zeit, welche der Schönheit der Frauen so sehr huldigte und so ausgezeichnete Dichtungen hervorbrachte, gar keine Spur einer Kunstlehre oder Theorie des Schönen findet. Aber freilich standen die damaligen Philosophen ganz getrennt von dieser Welt, ja oft ihr feindlich gegenüber. Aus der großen Zahl von Männern, welche sich in dem von uns behandelten Zeitraume auszeichneten, können wir nur einige der vorzüglichsten näher schildern. Zur bequemeren Uebersicht möge hier ein Verzeichniß der Erwähnten oder noch zu Erwähnenden unter Angabe ihrer Todesjahre hier Platz finden.

 

Es starb

1109 Anselm von Canterbury.

1120 Roscelin.

1134 Hildebert von Tours.

1140 Hugo von S. Victor.

1142 Abälard.

1153 Bernhard von Clairvaux.

1164 Hugo von Rouen und Petrus Lombardus

1173 Richard von S. Victor.

1188 Guigo II.

1203 Alanus von Ryssel.

1249 Wilhelm von Paris.

1274 Bonaventura.

1274 Thomas von Aquino.

 

____
487 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

1280 Albert der Große.

1294 Roger Bakon.

1295 Heinrich Goethals.

1308 Duns Scotus.

1315 Raymundus Lullus.

 

1) Anselm *),

geboren 1033 in Aosta, gestorben 1109 als Erzbischof von Canterbury, ein Schüler Lanfranc‘s, verdient ohne Zweifel an dieser Stelle zuerst Erwähnung. Man betrachtet ihn oft als Begründer einer natürlichen Theologie, im Gegensatze zur positiven. Dieser Gegensatz war ihm jedoch kein unbedingter; vielmehr war er überzeugt, daß, wer nichts glaube, nicht zur vollen Ausbildung seiner Vernünftigkeit gelangen könne, schon weil der Glaube das einzige Mittel sei, den Geist zu reinigen und das Gemüth für das Göttliche empfänglich zu machen. Umgekehrt bleibe aber auch der auf halbem Wege stehen, welcher vom Glauben nicht zum Wissen vordringe. Anselm lehrte indessen nicht, daß Glauben und Wissen auf diesem Wege zuletzt völlig dasselbe würden, vielmehr behalte jedes seine Eigenthümlichkeit und das Wissen finde Schranken. Oder um es mit seinen Worten auszudrüken **): Sowie die rechte Ordnung verlangt, daß wir das Tiefsinnige der christlichen Lehre glauben, bevor wir unternehmen, es nach der Vernunft zu erörtern (discutere); so scheint es mir andererseits als Nachlässigkeit, wenn wir nach gehöriger Befestigung im Glauben uns nicht bestreben, das einzusehen oder zu verstehen (intelligere),

 

*) Histoire littér. De la France IX, 398.

**) Cur Deus homo I, c. 26.

 

 

____
488 Die Philosophie und die Philosophen

 

was wir glauben. — Und an einer anderen Stelle heißt es *): wer nicht glaubt, gelangt nicht zum Wissen. Denn wer nicht glaubt, wird keine Erfahrungen machen; und wer nicht erfährt, wird nicht wissen. Ohne Glauben und Gehorsam gegen die göttlichen Gebote bleibt der Geist nicht bloß verhindert sich zum Wissen der höheren Dinge emporzuschwingen, sondern die bereits gegebene Einsicht wild ihm ebenfalls entzogen, ja bei vernachlässigtem guten Gewissen geht selbst der Glaube zu Grunde: — Dieser und ähnlicher Aeußerungen halber behauptet Möhler **): Anselm‘s Argumentation über Gottes Dasein ist durchaus ein wissenschaftliches Orientiren, ein sich Zurechtfinden in der geglaubten Wahrheit, nicht aber ein Beweisen im untergeordneten Sinne.

 

Nach diesem unentbehrlichen Vorworte versuchen wir einen Auszug des Wesentlichen aus seinen verhältnißmäßig gutgeschriebenen Werten zu geben, insbesondere aus den Schriften über das Wesen der Wahrheit, den freien Willen, die Vorherbestimmung und das Dasein Gottes.

 

Eine Untersuchung über das Wesen der Wahrheit ist um so nothwendiger, da dies Wort in sehr verschiedenartiger Beziehung gebraucht und z. B. eine andere Wahrheit gefunden wird in den Worten, den Meinungen, dem Willen, den Handlungen, den Sinnen, in Gott ***). Die innere natürliche Wahrheit einer Rede beruht auf der richtigen Bezeichnung (so z. B. der Ausdruck: es ist Tag;

____

*) De fide trinit. c. 2.
**) Ueber Anselm S. 99.
***) Anselmi op. 109.

 

 

____
489 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderte.

 

ohne Rücksicht ob Tag oder Nacht sei); die zweite Frage geht dahin, ob auch vermittelte Wahrheit, das heißt Uebereinstimmung mit dem Bezeichneten vorhanden sei. — Ohne zureichenden Grund nennt man die Sache trügerisch: denn sie bieten nichts Anderes dar, als es ihre Natur und die der äußern Dinge nach innerer Nothwendigkeit herbeiführt. Es ist nunmehr Sache des Verstandes, jene zweite Art der Wahrheit und Angemessenheit zu erzeugen und zu erkennen. Jede Angemessenheit bezieht sich nämlich auf ein anderes Höheres, dem etwas angemessen ist, die vielfachen Angemessenheiten müssen aus einer höhern Wurzel hervortreiben, und so kommen wir zu einer Wahrheit, die in allen Dingen ruht, zu einer Angemessenheit, welche sich nur auf niedern Standpunkten spaltet und in scheinbar unlöslichen Gegensätzen hervortritt.

 

Man darf nicht sagen *): die freie Wahl sei das Vermögen zu sündigen, oder nicht zu sündigen: denn das Vermögen zu sündigen ist nie die Freiheit, oder ein Theil der Freiheit. Diese erscheint vielmehr größer, wo von der Möglichkeit zu fehlen gar nicht mehr die Rede ist; und die Freiheit, oder die freie Wahl heißt richtiger: das Vermögen, den Willen schlechthin auf das Rechte zu richten. Nur der Wille beherrscht und bestimmt den Willen; wo er den Versuchungen unterliegt, ist seine Kraft nicht angewandt. Der rechte Wille ist gleich dem Willen Gottes unzerstörbar, unabänderlich; der verkehrte Wille stammt aus der eigenen Macht und ist unstät und wandelbar, bis Gott, durch den jeder alles Wollen hat, ihn aufs Neue

____

*) De libero arbitrio 117. De concordia praescientiae Dei cum libero arbitrio 123.

 

 

____
490 Die Philosophie und die Philosophen

 

richtet und befestigt. — Gott weiß alles Künftige vorher: aber er weiß auch, daß Manches nicht nothwendig, sondem aus freier Wahl eintritt. Der Ausdruck: das Vorhergewußte geschieht dereinst nothwendig, heißt nur: was geschieht, kann nicht zugleich auch nicht geschehen, und bezieht sich auf die Ewigkeit, wo Alles wahr, gegenwärtig und unabänderlich ist; nicht auf die Zeit, in welcher unsere Handlungen weder alle schon gegenwärtig, noch nothwendig sind. Unsere Freiheit zeigt sich nur in der Uebereinstimmung mit dem Willen Gottes: von der Freibeit Gottes, der nicht sündigen kann, müssen wir aber freilich einen andern Begriff, als von der menschlichen zu fassen suchen.

 

Nur dem Wahren, dem Rechten kommt das Dasein zu: das Unrechte hat weder eine Beschaffenheit, noch irgend etwas Wesenhaftes. Jegliches Sein, jegliches Recht ist schlechthin von Gott: wir werden also, um unsere freie Willkür festzuhalten, nicht Gottes Gnade entfernen dürfen; sondern jene ist erst durch diese gegeben, und wir dürfen nicht den Willen recht nennen, weil er das Recht, will, sondern weil er recht ist, will er das Rechte. Dieses Rechtsein kann nicht vom Wollen abhängig gemacht werden: denn ohne es schon zu haben, kann man es nicht wollen. Dies Ursprüngliche, diese Richtigkeit des Wollens, welche wir vom Schöpfer bekommen haben, kann erhalten werden durch freies Beharren. Schwer ist dies Beharren allerdings, jedoch nicht unmöglich, denn durch Gottes Gnade gestärkt ist der Wille unbesiegbar.

 

Ueber das Dasein Gottes sagt Anselm im Wesentlichen Folgendes *): Hätte Jemand von Allem, was wir durch den

____

*) Monologium und Prologium.

 

 

____
491 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Glauben von Gott wissen, nichts erfahren; so müßte doch die eigene Kraft, wenn sie nur nicht ganz erschlafft ist, auf vielfache Weise zur richtigen Erkenntniß seines Wesens führen: — und welche Weise mir zur Klarheit geholfen hat, will ich euch nicht verhehlen. Ich sah um mich her Tausende von Geschöpfen, die mannichfachsten Erkenntnisse, die Zwecke verschieden wie die Wesen. Tiefer jedoch und dauernder als diese scheinbare Zerstreuung und Trennung, ergriff mich das Gemeinsame in allen, wodurch sie allein da, wodurch sie gut waren. Jede Güte, Größe, Ausdehnung u. a. mußte aus einer Wurzel entspringen; — kurz alles Dasein ist durch ein Einiges. Denn daß etwas aus und durch Nichts entstehe, kann als undenkbar bei Seite gesetzt werden, und es fragt sich nur: ob Alles sei durch Eines, oder durch Vielfaches. Dies Letzte wird entweder auf Eines bezogen, wodurch es ist; oder im Vielfachen sind mehre Einheiten für sich bestehend; oder die Einheiten sind durch sich selbst zur Vielheit geworden *). Im ersten Falle muß die höhere Einheit, durch welche das Vielfache erst geworden ist, an dessen Stelle gesetzt werden, und es verschwindet; im zweiten Falle erscheint die Kraft, welche das unabhängige Dasein begründet, wieder als das Höhere, Gemeinsame; der dritte Gedanke, daß Etwas dem Andern Dasein gebe und von diesem wiederum erst empfange, ist in sich unstatthaft: — es bleibt also die höchste Gewißheit, daß Allem ein Einiges zum Grunde liege, was sein Dasein durch sich hat, worauf sich alles abgeleitete Sein als auf das Höhere bezieht, in dem jede einzelne Bezeichnung einzelnen Daseins, z. B. Güte, Größe u. s. w. im höchsten

____

*) Per se invicem sunt.

 

 

____
492 Die Philosophie und die Philosophen

 

Grade begriffen ist. So gelangen wir, von niedern Gedanken aufsteigend, endlich zu einem letzten höchsten Gedanken, der alle andern unter sich begreift und in sich schließt. Dieser höchste Gedanke kann nicht als undenkbar verworfen werden, ohne alles Denken mit zu verwerfen: dieser Gedanke ist der Gedanke Gottes; das Nichtsein Gottes ist also undenkbar.

 

Wir dürfen außer Gott keinen Stoff annehmen, der, wir wüßten nicht, woher entstanden sein und von ihm nur umgestaltet werden sollte. Sowie aber in unserm Geiste das Bild eines Menschen unendlich tiefer, lebendiger dasteht, als die Bezeichnung durch Name und Wort es ausdrückt; sowie jenes Bild für alle Menschen allgemein und nothwendig erscheint, ohne Willkür der Töne und Sprache: so ist, in unendlich höherem Grade, die innere Anschauung in Gott nichts Anderes, als das Dasein aller Dinge selbst. — Von Gott läßt sich nichts durch Beziehung auf ein Anderes aussagen: er ist nicht groß in Beziehung auf ein Ausgedehntes, gerecht in Beziehung auf ein Gerechtes u. s. f., sondern unbedingt die Größe, die Gerechtigkeit u. s. w. selbst, und dennoch nur ein Einiges, nicht eine Anhäufung aus den Beschaffenheiten, die wir ihm, unserer Erkenntniß nach, beilegen.

 

Die Schwierigkeit, sich von der endlichen Ansicht los zu machen, ist der Grund so vieler Fragen und Zweifel über die göttliche Natur, die sich, bei der wahren Ansicht, von selbst zerstören. Sonst würde z. B. bald klar werden, daß die Frage über Gottes Anfang und Ende keinen Sinn hat, daß die Frage über das, was er kann oder nicht kann, sich nur aufwerfen läßt, wenn man vergißt, wie bei ihm Macht und Wesen niemals Verschiedenes ausdrückt. Wie

 

 

____
493 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

kann Gott, spricht ein Anderer, zum Theil an einem Orte sein, da er einig und untrennlich ist; wie kann er ganz dort sein, ohne für alle übrigen Orte abwesend genannt zu werden? Wie ist in ihm kein Wechsel, da der Fluß der Zeit als ewiger Wechsel erscheint? — Also ihr wollt ihn, der außer aller Zeit und allem Orte ist, durch Zeit und Ort beschränken und einschließen! Weil euer Dasein euch nur in Raum und Zeit verständlich erscheint, wollt ihr dem ein Maaß anlegen, der dem Maaße Entstehung gab! Euer Dasein, welches nur ein Hervorgehen aus dem Nichtsein, ein Hingehn zu dem Nichtsein ist und kaum ein Sein genannt werden kann, wollt ihr dem Ewigen, Unveränderlichen gleich stellen! — Das Wort Gottes, durch welches alle Dinge sind, ist nichts Anderes als sein Wesen selbst, sein Denken schließt nothwendig das Sein in sich. Wir erkennen nicht das Wesen, sondern nur die Bilder der Dinge. Je mehr indeß der Geist sich selbst und die Dinge zu erkennen strebt, um so mehr erkennt er von Gott; je mehr er Gott erkennt, desto seliger lebt er; je mehr er ihn liebt, desto fester wird die Ueberzeugung, daß dem Liebenden kein Untergang, kein Tod bereitet sein könne. So hat die Liebe ihren Lohn in sich, und das Streben nach Gott ist der wahre Glaube; ohne den Glauben ist kein Streben, ohne dies Streben kein Glaube. Wem dies Streben, Lieben, Glauben fehlt, dem ist bleibende Vereinzelung und Elend so gewiß, als dem Besitzenden die Seligkeit.

 

Gegen diese Schlußfolgen Anselm‘s machte ein Mönch Namens Gaunilo scharfsinnige Einwendungen, welche darauf hinausgehen: das Wesen Gottes sei zu verschieden von allen übrigen Gegenständen des Erkennens, als daß

 

 

____
494 Die Philosophie und die Philosophen

 

ein Uebergang möglich bleibe. Für die Ungläubigen habe der Gedanke Gottes keine Notwendigkeit, und aus dem Dasein im Verstande folge nicht das Dasein in der Wirklichkeit. Anselm hob in seiner Beantwortung dieser Einwendungen hervor: man könne bei dem höchsten Gedanken freilich nicht den ganzen Inhalt bei der Hand haben und auseinanderlegen, wie bei geringhaltigen Gegenständen: aber vom kleinsten Guten zum größten sei kein Sprung, sondem ein durchgehend Gleichartiges. Alles Einzelne lasse sich hinwegdenken, und vom Denken eines einzelnen Dinges lasse sich allerdings sein Dasein nicht folgern; wogegen das schlechthin alles Begreifende, Uranfängliche, Unendliche auf keine Weise hinweggedacht werden könne, und das Sein zweifelsohne das erste Erforderniß des höchsten Gedankens bleibe.

 

Gaunilo‘s (sowie später Kant‘s Einwendungen) haben großes Gewicht, sofern sie sich auf die logische Form beziehen; wogegen sich die tiefere Anschauung des Inhalts bei Anselm findet und bemerkt worden ist: er rede nicht von einem subjectiven Gedanken, sondern von einer ewigen und unwandelbaren Vernunftanschauung, die nothwendig aus sich Objectivität habe *).

 

2) Hildebert von Lavardin,

Erzbischof von Tours (geboren 1057, gestorben 1134), schrieb außer einem Handbuche der Theologie, auf dessen Inhalt wir nicht eingehen können, eine Moralphilosophie vom Sittlichen und Nützlichen **). Ob sie gleich weniger eigene und eigentlich wissenschaftliche Forschungen, als allgemein

____

*) Hegel‘s Encyclopädie 97.
**) Moralis Philosophia de honesto et utili. Opera p. 962.

 

 

____

495 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

verständliche Betrachtungen und Lehren enthält, gehört sie doch zu den ersten und deshalb doppelt merkwürdigen Versuchen, das Nachdenken auch auf diese damals meist vernachlässigte Seite der Philosophie zu richten.

 

Unter dem Sittlichen (honestum) begreift er die Tugend überhaupt mit ihren vier Haupttheilen: Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Die erste berathet und geht den übrigen handelnden als eine Leuchte voran; sie erkennt Gutes und Böses und unterscheidet beides von einander. Es ist besser sich von wenigen, praktischen Hauptlehren der Weisheit zu durchdringen, als Vieles wissen, dasselbe aber nicht zur Hand haben und seinen Gebrauch nicht kennen. Die Gerechtigkeit, durch welche geselliges Leben erst möglich wird, ist strafend, oder austheilend und ausgleichend. In letzter Beziehung gehört auch Wohlwollen, Milde und Dankbarkeit hieher. — Nachdem Hildebert in dieser Weise alle Zweige der Tugend, sowie der gegenüber stehenden Laster erklärt und näher bestimmt hat, handelt er in einem zweiten Abschnitte vom Nützlichen, und in einem dritten vom Widerstreite und der Rangordnung des Nützlichen und Sittlichen, meist nach der Anordnung des Cicero.

 

3) Abälard *),

geboren im Jahre 1079 zu Palais in Niederbretagne, ein Mann von sehr großen Anlagen, aber auch von ungemäßigtem Ehrgeize und heftigen Leidenschaften, war der berühmteste Lehrer der Theologie in Paris, bis er wegen seiner Ansichten mit der Kirche und

____

*) Bulaeus II, 168. Beck über Arnold von Brescia 56, 59. Schlosser‘s Abälard und Dulcin 122, 148, 173. Schmid Mysticismus 199.

 

____
496 Die Philosophie und die Philosophen

 

ihrem Vorfechter Bernhard von Clairvaux in Streit und durch sein Verhältniß zu Heloise in neues Unglück gerieth. Hierauf begab er sich in das Kloster zu Clugni, lebte (nach Peters des Ehrwürdigen Zeugnisse) demüthig und starb im Jahre 1142 eines milden und schönen Todes *).

 

Sein Hauptbestreben ging dahin, die Offenbarung und Kirchenlehre mit der Philosophie in Uebereinstimmung zu bringen und den Glauben (zur Abhaltung des Aberglaubens) auf Einsicht und Erkenntniß zu gründen. Wie sehr er aber hiebei von dem kirchlichen Systeme und auch von

 

den oben mitgetheilten Grundsätzen Anselm‘s von Canterbury abwich, geht daraus hervor, daß er die Behauptung an die Spitze seiner Untersuchungen stellte **): „man könne nichts glauben, wenn man es nicht vorher eingesehen habe.“ Und: „durch Zweifeln kommen wir zum Forschen, durch Forschen zur Wahrheit“ ***). — Ja das Wert, Ja und Nein betitelt, dem der letzte Satz entnommen ist, enthält das Für und Wider über alle Kirchenlehren ohne Entscheidung in einer Weise hingestellt, die ohne weitere Erläuterung rein skeptisch erscheinen mußte.

 

Bei dem Vorherrschen des Dogmatismus kann man das Einschlagen dieses Weges als ein erhebliches Verdienst betrachten; denn der Boden zu neuer geistiger Arbeit, zu löblichem Forschen und fördernden Kämpfen war damit

____

*) Petri Venerab. Epist. IV, 21.
**) Nec credi posse aliquid, nisi primitus intellectum. Bayle, Artic. Abaelard. - Dubitando ad inquisitionem venimus, inquirendo veritatem adspicimus. Sic et non p. 16.
***) Doch wollte er hiermit der Reliosität ungelernter Laien nicht zu nahe treten.

 

 

____
497 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

gegeben, oder doch bezeichnet. Natürlich ward aber sogleich, beim Anfange dieser Bahn, die wichtige Gegenfrage aufgeworfen: können denn die Zweifel (wollte man sie auch für Schlüssel zur Wahrheit gelten lassen) die Wahrheit selbst geben und in sich schließen? Wo ist der eine, hindurchgehende Geist ewiger Wahrheit und Gewißheit, und wo bleibt der Glaube, die fides, diese Lebensquelle der neuen christlichen Zeit?

 

Abälard schrieb unter dem Titel: „Kenne dich selbst“ *), eine Sittenlehre, welche die des Hildebert übertrifft, während umgekehrt die des Thomas von Aquino umfassender ist und tiefer eingeht. Die menschliche Natur (sagt Abälard) ist unvollkommen und wird dadurch zum Unsittlichen hingezogen. Dieses Sein, dieser Zustand ist jedoch an sich nicht Sünde, sondern gibt Gelegenheit zu Widerstand und Sieg. Das Laster beginnt mit der Neigung Böses zu thun, und die Zustimmung gegen Gottes Willen, die Verachtung desselben ist Sünde. Wir sollen unsern Willen dem göttlichen unterordnen, werden aber jenen nie ganz ausrotten, damit etwas übrig bleibe, wogegen wir zu kämpfen haben. Der Wunsch Böses zu thun, welcher oft aus der Naturbeschaffenheit herstammt, ist noch keine Sünde; auch wird durch die That selbst (operatio peccati) die Schuld und Verdammlichkeit vor Gott nicht gemehrt. Dieser erwägt nicht, was, sondern mit welcher Gesinnung (quo animo) etwas gethan wird. Nicht im Werke, sondern in der Absicht (in intentione) liegt das Verdienst, oder besteht das

____

*) Scito te ipsum, in Pezii Thesauro III, 626.

 

____
498 Die Philosophie und die Philosophen

 

Lob *). Kleine Vergehen werden oft härter bestraft als größere, nicht sowohl in Bezug auf das, was vorherging, als in Hinsicht auf die übeln Folgen, welche bei einer gelinderen Bestrafung entstehen dürften. — Der Mensch kann in verschiedenen Zeiten dasselbe thun, die Handlungen aber dennoch (nach Maaßgabe seiner Absichten) gut oder schlecht sein. Nicht deßhalb sind diese gut zu nennen, weil sie so erscheinen, sondern weil sie wirklich das sind, wofür man sie hält, und weil sie Gott wohlgefallen. Sonst hätten die Ungläubigen gute Werkt gleichwie wir; denn sie glauben auch dadurch Gott zu gefallen und selig zu werden. Zuletzt ist aber allerdings nur das Sünde, was dem Gewissen zuwiderläuft; nach dem Spruche: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun. — Unwissenheit ist an sich keine Verachtung Gottes, also keine eigentliche Sünde, und ebenso wenig Unglaube (infidelitas), obgleich er von der Seligkeit ausschließt. Will man aber Alles Sünde nennen, was man Verkehrtes thut und was der Seligkeit schadet, so fällt Unwissenheit und Unglaube allerdings auch unter diesen Begriff. Die Lehre einiger Philosophen, daß alle Vergehen und Sünden gleich groß wären, ist offenbar verkehrt.

 

Man hat, und mit Recht, lobend den Nachdruck hervorgehoben, welchen Abälard auf Reinheit und Sittlichkeit der Gesinnung legt, sowie, daß er gesinnungslosen Werken Verdienst abspricht. Dennoch enthielt seine Ethik

____

*) Cap. 3. Ebenso Epitome Theologiae p. 106: quemadmodum igitur omne peccatum in sola voluntate consistit, sic et meritum.

 

 

____
499 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

auch allerhand bedenkliche und verführerische Punkte: so z. B. daß Gott nicht alle bösen Handlungen habe verbieten können, weil es unmöglich sei sich vor jeder zu hüten; und daß, sobald der Werth einer Handlung lediglich nach der Absicht zu beurtheilen sei, die Wahl der Mittel eigentlich gleichgültig erscheine. Wenn man ferner dem Gewissen eines jeden die höchste Entscheidung zuspreche, so werde sich oft Ungewisses, eigenliebiges Meinen und schlecht begründete Ueberzeugung für das rechte Gewissen ausgeben, es werde diese subjective Meinung eine jede tiefere objective Untersuchung und Erkenntniß , sowie alle höheren und allgemeineren Lehren, Vorschriften und Stützen mit anmaßlichem Ungehorsam verwerfen. Die Lehre endlich, welche die Strafe nach möglichen Folgen abmesse, und sie lediglich zur Abschreckung Anderer aussprechen und vollziehen wolle, verlasse in Wahrheit ganz den ethischen Boden und begebe sich auf ein davon wesentlich verschiedenes Gebiet des Beurtheilens und Handelns.

 

Gleichwie andere Schriftsteller des 12. und 13. Jahrhunderts, verwahrte sich Abälard in seinen theologischen Werken, daß er nichts gegen den katholischen Kirchenglauben sagen wolle. Sofern sich nun damals ergab, daß ein aufgestelltes System wirklich in allem Wesentlichen mit jenem Glauben übereinstimmte, so beruhigte man sich wol über einzelne Bedenken. In einer Zeit jedoch, wo der Supernaturalismus nicht bloß theoretisch vorherrschte, sondern auch in Geist und Blut übergegangen war und das Denken, Fühlen und Glauben bestimmte, mußte ein davon in sehr wesentlichen Punkten abweichender Rationalist wie Abälard natürlich das größte Aufsehen erregen und den lebhaftesten Widerspruch hervorrufen. Schon die

 

 

____
500 Die Philosophie und die Philosophen

 

bereits erwähnte Art, wie er in seinem „Ja und Nein“ das Für und Wider über alle Kirchenlehren aufstellte ohne aus der Skepsis herauszutreten und in einer Richtung dogmatisch zu entscheiden, gab Anstoß, sofern sie ein ungewohntes Gewicht auf den menschlichen Scharfsinn des Forschens und Entwickelns zu legen, und dagegen Inhalt und Ergebniß leichtsinnig und als das Unbedeutendere zu behandeln schien.

 

Der Form nach verfährt Abälard allerdings anders in seiner christlichen Theologie *), obgleich auch die hier aufgestellten Behauptungen damals unmöglich ohne Rüge durchgehen konnten. So z. B. daß er alle Geheimnisse der christlichen Lehre als begreiflich darstellte, oder so lange daran deutete, bis die Vernunft allein sie schon finden und fassen könne. Die Dreieinheit verglich er deshalb mit den drei Theilen des Syllogismus; oder er brachte sie auf die Begriffe von Macht, Weisheit und Güte herab; oder er stellte die platonische Lehre von Gott, dem Verstande (νοΰς) und der Weltseele ihr gleich. Ja, er lehrte gerade heraus: das Wesentliche der Gotteserkenntniß und des Glaubens habe auch den Heiden nicht gefehlt, und es sei kein genügender Grund, sie von der Seligkeit auszuschließen. Ferner lehrte Abälard: Nichts ist in Gott, was nicht Gott wäre, und Nichts ist vorhanden durch sich selbst. Er wirkt Alles in allen Dingen; wir sind, leben und bewegen uns in ihm und er bedient sich unser als Werkzeuge. Was Gott thut, muß er thun und zwar aus

____

*) Theologia christiana in Martene Thes. Vol. V. Das Hauptwerk. Minder vollständig und eigenthümlich ist seine Introductio ad Theologiam (Opera 973), und Epitome Theologiae.

 

 

____
501 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Nothwendigkeit, so daß er weder mehr noch Besseres thun könnte, als er thut u. s. w. — Allerdings ließen sich diese Behauptungen so deuten, daß sie dem Christlichen nicht widersprachen; Abgeneigte hingegen konnten leicht pantheistische Lehren darin finden.

 

Durch nähere Erklärungen und Erläuterungen *) suchte Abälard den nahenden Sturm seiner Gegner abzulenken, und darzuthun: er stimme mit ihnen überein. Daß dies aber nicht der Fall war, ergibt wie das Obige, so auch das Folgende. Er sagt also: wenn wir Platon‘s Lehre von der Weltseele recht erforschen, so müssen wir erkennen, daß der heilige Geist darin aufs Vollständigste bezeichnet **) wird. Ueberhaupt ist die Lehre von der Dreieinheit durch Platon und die Platoniker großentheils angenommen und am sorgfältigsten beschrieben und entwickelt worden; obgleich sich Zeugnisse darüber auch bei andern Philosophen finden. — Das Gesetz der Natur und die Liebe des Ehrbaren hat nicht bloß alte Weltweise, sondern auch andere Heiden zu einer bewundernswerthen Höhe der Tugend erhoben. Ihr Leben und ihre Lehre drückt die evangelische Vollkommenheit aus, und sie weichen in dieser Beziehung wenig oder gar nicht vom Christenthume ab ***). Betrachten wir die Vorschriften des Evangeliums genau, so finden wir darin nur eine Reformation des von den Philosophen befolgten Naturgesetzes. In Erinnerung an

____

*) Theologia 1257, 1258. Introductio 974.
**) Integerrime designatus. Theologia 1176, 1192, 1197, 1205.
***) A religione christiana eos nihil aut parum recedere S. 1210, 1211.

 

 

____
502 Die Philosophie und die Philosophen

 

Platon, Cicero, die Scipionen, die Decier und so viel bewundernswerthe Vorbilder aus alten Zeiten, sollten die Aebte und Kirchenhäupter unserer Zeit erröthen, durch jene aufgeregt erwachen, und nicht viele und auserlesene Gerichte verschlingen, während ihre Brüder elende Nahrung wiederkäuen *). — Auch in Hinsicht der Keuschheit haben die alten Philosophen Manches gelehrt, was die Juden nicht verstanden, und was auf die Schönheit der christlichen Ansicht hinweiset. — So finde ich in den Schriften alter Weisen Bestätigung unseres Glaubens und leugne, daß irgend eine Wissenschaft vom Uebel sei **).

 

Wie man auch über diese und andere Lehren Abälard‘s denke, gewiß waren sie von großer Wichtigkeit und Eigenthümlichkeit, und standen schon damals mit abweichenden Grundsätzen in Verbindung über Beichte und Bußwesen, Werkheiligkeit, Macht und Rechte der Priester, der Kirche u. s. w. Allerdings erscheint Abälard‘s Rationalismus von dem späterer Jahrhunderte noch sehr verschieden ***). Nachdem aber einmal die Bahn gebrochen, für Vernunft und Wissenschaft eine andere und höhere Stellung gefordert und das heidnische Alterthum, der christliche Zeit und Lehre gegenüber, in einem abweichenden und glänzenden Lichte dargestellt war; so mußte man in dieser nunmehr unvertilgbaren Richtung allmälig zu einer

____

*) S. 1215, 1224.
**) Neque ullam scientiam malam esse concedimus. S. 1242.
***) DieDarstellung der Lehren Abälard‘s hat große Schwierigkeiten, weil innere Entwickelung und äußere Verhältnisse darauf wesentlich einwirkten, sie modificirten und das doppelte Element des Theologischen und Philosophischen gar eigenthümlich in einander greift, vielleicht wie in unseren Tagen bei Schleiermacher.

 

____
503 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

durchgreifenden Prüfung aller Dogmen, der gesammten Offenbarung, der biblischen Schriften, kurz zu allem Dem kommen, was der Rationalismus und die Neologie bis auf den heutigen Tag Wahres und Rühmliches, oder Unwahres und Unrühmliches behauptet oder geleugnet, bestritten oder erwiesen hat.

 

4) Bernhard von Clairvaux

 

mochte Abälard gegenüber auch auf einem einseitigen Standpunkte stehen und leidenschaftlichen Eifer zeigen, gewiß aber ward mit Unrecht behauptet: er habe um Nichts und wieder Nichts Lärm erhoben und seinen Gegner angeklagt. Ganz richtig fühlte er, daß es sich um einen der größten Gegensatze handele, welcher die Welt seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden theilt und bewegt. Ihm sind die Bibel und der heilige Augustin Hauptquellen aller Lehren und Ueberzeugungen, und seine Vorzüge wie seine Mängel gehen hervor aus einem bis zum Mysticismus gesteigerten Gefühle, aus dem Nachdrucke, welchen er auf das Praktische legt und aus seiner Verehrung des christlich Offenbarten und kirchlich Gegebenen. Auf jenem Wege Abälard‘s (lehrte Bernhard) wird das Unendliche in das Endliche hinabgezogen und nach endlichem Maaßstabe beurtheilt. Die Wissenschaft soll auf Frömmigkeit beruhen und der praktischen Religion dienen, nicht aber sich eigenmächtige Zwecke vorstecken und in neugierige Speculationen über göttliche Geheimnisse versteigen. Das Wissen ward Ursache des Sündenfalles und noch jetzt gehen die größten Sünden daraus hervor. Nicht die Erkenntniß, sondern der Wille erzeugt den Glauben: dieser ist eine Erfahrung des Göttlichen, durch Heiligkeit des Lebens. Ohne Gnade und höheren Beistand vermag der Mensch

 

 

____
504 Die Philosophie und die Philosophen

 

das Gute nicht zu vollbringen. Vermöge des freien Willens haben wir nur das Wollen frei, aber nicht das Können. Wenn aber der Wille von Gott stammt, dann auch das Verdienst; und so ist und bleibt die Gnade Anfang und Ende aller Besserung. Glauben ohne Werke, und Werke ohne Glauben sind Stückwerk; beide gehören zu einander, erzeugen und bewähren sich unter einander *).

 

5) Hugo von S. Victor

geboren 1097, gestorben 1140, stammte höchst wahrscheinlich aus dem Geschlechte der Herren von Blankenburg und lebte seit 1115 als Chorherr im Stifte zu S. Victor in Paris. Er erkannte so wie den Werth, so die Auswüchse und Gefahren der vereinzelten Dialektik und Mystik, und bezweckte deshalb eine Vermittlung und Durchdringung des Speculativen und Religiösen **). Diese wichtige und eigenthümliche Aufgabe, gleichwie die Art und Weise ihrer Lösung wird sich durch folgende Auszüge aus Hugo‘s Schriften näher erkennen und beurheilen lassen.

 

Gottes Werke sind zweifach ***): die der Erschaffung (conditionis) und die der Erlösung und Herstellung (restaurationis). Das erste Werk unterwarf den Menschen dem Dienste des Gesetzes; das zweite erhebt ihn aus seiner Schuld zum Heile. Jenes war in sechs Tagen, dieses wird in sechs Weltaltern vollbracht; von jenem handeln alle Bücher auf Erden, von diesem nur die heilige

____

*) Schmid, Mysticismus des Mittelalters 187, 189.
**) Liebner's Hugo von S. Victor. Schmid, a. a. O. S. 281.
***) De scripturia et scriptoribus sacris. Opera Vol. I. 1.

 

 

____
505 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Schrift. Es gibt drei Arten der Auslegung dieser heiligen Schriften: die erste ist die historisch-grammatische; die zweite ist die allegorische, wo das Unsichtbare durch das Sichtbare angedeutet wird; die dritte ist die anagogische, die aufwärts führende, wo das Unsichtbare durch das Sichtbare dargelegt und offenbart, ja zuletzt durch Anschauung eine unmittelbare Kenntniß des Religiösen gegeben wird *). Doch erlaubt nicht jede Stelle der heiligen Schrift eine solche Auslegung, auch muß wörtliches und geschichtliches Verständniß jeder anderen Auslegung vorhergehen und ihr zu Grunde liegen. Selbst die sieben freien Künste sind nützlich für das Verständniß der Bibel und ihre Auslegung.

 

Was weder Anfang noch Ende hat, heißt ewig **); was einen Anfang, aber kein Ende hat, heißt dauernd; was Anfang und Ende hat, heißt zeitlich. Nichts Wesentliches, Essentielles stirbt; die Veränderungen betreffen nur Gestalt, Zusammenhang u. s. w. Gott schafft aus Nichts; die Natur bringt Verborgenes zu Tage; die Kunst endlich verbindet Getrenntes und trennt Verbundenes. Die Natur zeigt bloß den seienden, die Gnade den wirkenden Gott. Alles Wissen begann mit dem bloßen Gebrauche, und erhob sich erst später zu Wissenschaft und Kunst: so sprach man vor Ausbildung der Grammatik, und dachte vor Ausbildung der Logik. Die Philosophie erforscht die Gründe aller göttlichen und menschlichen

____

*) Noch diesen Grundsätzen erläuterte Hugo mehre biblische Schriften.
**) Libri septem de studio legendi. Opera III. 1.
Hist. Taschenbuch. Neue F. I.

 

 

____
506 Die Philosophie und die Philosophen

 

Dinge; mithin hat sie gewissermaßen Theil an Jeglichem und bezieht sich auf Alles.

 

Glauben ist eine freiwillige (oder in der Richtung des Willens begründete) Gewißheit über abwesende Dinge, welche über das Meinen (opinio) hinausgeht, aber diesseit des Wissens steht. Es gibt eine Kennmiß (cognitio) des Glaubens, ohne allen Glauben, aber keinen Glauben ohne alle Kenntniß. Alle Erkenntniß beruht auf einem zweifachen Grunde: Vernunft und Offenbarung. Anfang und Grundlage aller Wissenschaft ist die Demuth und auf dem sittlichen Wege der Heiligung bereitet man sich am Besten zur Vereinigung mit Gott vor und wird ihrer würdig. Der Glaube ist an sich einer und derselbe, aber verschieden in den einzelnen Menschen nach Maaßgabe ihrer Kraft und Bildung. Er wächst durch fromme Beharrlichkeit und Kenntniß. Manche Christen wähnen: dem Glauben nicht widersprechen sei schon Glauben. Andere kommen aus dem Zweifel dahin, das vorzuziehen, was die katholische Kirche lehrt; noch Andere sind fest geworden in ihrem Glauben durch Wunder und innere Erleuchtung. Diese werden durch auferlegte Prüfungen nicht schwankend, sondem eingeübt.

 

Ein fünffaches sehr verschiedenes Joch (jugum) ist den Menschen auferlegt: das der Ungerechtigkeit, der Sterblichkeit, des Gesetzes, des eigenen Willens, der Liebe *). Dreierlei sind die Gaben Gottes : die der Natur, der Gnade und der Glorie. Es gibt drei Arten Hörer des Wortes Gottes: die Faulen hören und verachten das Gehörte; die Thätigen hören und gehorchen; die Betrachtenden

____

*) S. 48, 114, 180.

 

 

____
507 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

(contemplativi) ruhen im Genusse. Es gibt im Menschen ein dreifaches Leben: erstens lebt er das Leben der Natur, zweitens lebt die Sünde und drittens Christus in seinem Herzen. Es besteht ein dreifacher Weg des Lebens: aus Furcht nicht sündigen, wie die Sklaven; nicht sündigen wollen, wie gute Söhne; nicht sündigen können, wie die Seligen. Es gibt drei Grade des Stolzes: erstens zu wähnen das, was man sei, sei man durch sich selbst; zweitens, das Gute, was man besitzt, habe man durch eigene Verdienste erlangt; drittens, sich über alle Anderen zu erheben und diese zu verachten.

 

Die Offenbarung kommt von Innen, oder durch Lehre und That von Außen *). Der menschliche Geist, welcher sich selbst und seinen Anfang weiß und beides keineswegs Nichtwissen kann, erkennt auch Gott und die Welt durch bloße Vernunft. Das Gesetz des alten Bundes begründete den Glauben, sofern ein Messias und eine Erlösung versprochen ward; aber das Evangelium brachte erst die volle Offenbarung. In dem Glauben an Gott, den Schöpfer, Erlöser und Heiliger der Menschen liegt das gesammte Wesen des Christenthums, obgleich die Erkenntniß hiervon nicht bei Allen gleich entwickelt ist. — Es gibt nur einen Gott: denn gäbe es deren zwei, so würde jedem etwas fehlen; oder wenn Einer schon Alles in sich begreift, so ist der Andere überflüssig. Der freie Wille (liberum arbitrium) ist die Fähigkeit des vernünftigen Willens, das Gute zu erwählen unter Mitwirkung der Gnade, oder das Böse ohne dieselbe (ea deserente). Durch den freien Willen unterscheiden wir uns von den

____

*) Summa Sententiarum. Opera III. 186.

 

 

____
508 Die Philosophie und die Philosophen

 

Thieren. Er kann nie gezwungen werden: denn wo Zwang, da ist keine Freiheit, und wo keine Freiheit, da ist kein Verdienst.

 

Hugo‘s Werk von den Sakramenten umfaßt eigentlich die ganze Kirchenlehre und handelt in der ersten Hälfte von der Schöpfung bis zur Menschwerdung, in der zweiten von der Menschwerdung bis zum Weltende *). Gott (sagt Hugo) kann weder ganz, noch gar nicht gewußt werden. Der Mensch kommt zur Kenntniß Gottes durch sich, die Natur und die Offenbarung. Die natürlichen Wissenschaften dienen den göttlichen; die niedere Weisheit führt, wohlgeordnet zur höheren.

 

Eine andere Schrift Hugo‘s **) enthält eine Art von Encyclopädie, aus welcher ich einiges Eigenthümliche aushebe. Gott (heißt es gleich im Anfange) schuf den Menschen nach seinem Bilde zur Erkenntniß der Wahrheit und ihm ähnlich zur Liebe der Wahrheit. Diese Bildlichkeit, diese Aehnlichkeit und die ursprüngliche Unsterblichkeit des Leibes waren die drei dem Menschen verliehenen Hauptgüter. Die drei Hauptübel dagegen sind: Unwissenheit, Begier und Schwäche. Erkenntniß vertreibt die Unwissenheit, Tugend die Begier und Nothwendigkeit die Schwäche. Die theoretische Wissenschaft bezieht sich auf die Erkenntniß, die praktische auf die Tugend, die mechanische auf die Nothwendigkeit und die menschlichen Bedürfnisse; die logische endlich lehrt alle diese Wissenschaften schärfer, richtiger und in gebührender Form behandeln.

 

Die Theologie handelt von dem Wesen des Unsichtbaren,

____

*) Opera III. 218.
**) Liber excerptionum. Opera II. 151.

 

 

____
509 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

die Physik von den unsichtbaren Gründen der sichtbaren Dinge: sie erforscht die Wirkungen aus den Ursachen, und die Ursachen aus den Wirkungen. Die Mathematik beschäftigt sich mit den Quantitäten der sichtbaren Formen. Das Element der Arithmetik ist die Einheit, das Element der Musik der Einklang, der Geometrie ein Punkt, der Astronomie ein Augenblick (instans).

 

Ein Werk von der Seele legen Einige dem Hugo, Andere dem Mönche Alcher von Clairvaux bei *). Gewiß fällt es in diese Zeit und ist dem Geiste Hugo‘s nicht fremd; daher mag folgender Auszug hier Platz finden. Viele wissen Vieles, kennen sich aber selbst nicht, haben Acht auf Andere und vernachlässigen ihr Inneres. Jeder soll sich vom Aeußeren zum Inneren wenden, jeder vom Inneren zum Höheren aufsteigen und erkennen, woher er kömmt, was er ist, und wohin er geht. Selbsterkenntniß ist der Weg zur Gotteserkenntniß. Der menschliche Geist ist ein Bild Gottes und findet in sich Gedächtnis, Verstand (intelligentia) und Willen.

 

O Seele, bezeichnet mit Gottes Bilde, geschmückt mit seiner Ähnlichkeit, ihm verlobt durch Glauben, begabt mit Geist (spiritus), erlöset durch sein Blut, zugewiesen den Engeln, fähig der Seligkeit, Erbin der Güte, theilhaft der Vernunft; — was hast du zu schaffen mit dem Fleische? Warum leidest du dieses? Warum bist du hinabgestiegen in Sinnlichkeit, Eitelkeit und Verderbniß? Bedenke, was du warest vor deinem Aufgange, was du bist auf Erden bis zu deinem Niedergange, was du sein wirst nach demselben! Warum dient die Herrin der Magd?

____

*) Opera II. 65. Liebner 493.

 

 

____
510 Die Philosophie und die Philosophen

 

Die ganze Welt ist an Werth nicht einer Seele gleich; Gott hat sich nicht hingeben wollen für die Welt, wie er gethan hat für die menschliche Seele. — Sagst du: ich kann mein Fleisch nicht hassen und die Welt verachten; — so frage ich: wo sind die Freunde der Welt, die noch vor Kurzem unter uns lebten? Sie aßen, lachten, tranken, brachten ihre Tage hin guter Dinge, — und in einem Augenblicke stiegen sie hinab zur Hölle. Was half ihnen leerer Ruhm, kurze Freude, äußere Macht, Lust des Fleisches, falscher Reichthum, großer Anhang, üble Begierde? Wo ist Lachen, Scherz und Uebermuth geblieben? Welche Traurigkeit nach so großer Freude, wie schweres Elend nach so geringer Lust!

 

Prüfe täglich, was du seist, ob du Gott ähnlicher werdest, oder dich von ihm entfernest. Es ist besser und löblicher sich selbst erkennen , als den Lauf der Sterne, die Kräfte der Pflanzen, die Natur der Thiere, ja alle Wissenschaften inne zu haben, bei ungeordneter Seele und sündhaftem Wandel. Wer das Bild Gottes in sich auf sucht, findet es nächstdem auch in seinen Mitmenschen und erkennt es in ihnen. Siehest du dich, so siehest du zugleich auch mich, der ich nichts Anderes bin, als du. Liebst du Gott, so liebst du auch mich als Abbild Gottes, und in gleicher Weise liebe ich auch dich. So streben wir nach demselben Ziele und sind uns nahe durch Gott, in welchem wir uns lieben *). Immerwährend ist das menschliche Herz in Unruhe; wie eine Mühle mahlt, zerreibt, verarbeitet es Alles, was man auch aufschütte. Zur Ruhe und Einheit mit sich selbst kommt es nur durch Gott.

 

*) S. 68 - 70.

 

____
511 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Mit Gott aber kann man sich nur vereinigen durch Liebe, ihm unterwerfen nur durch Demuth, zur Demuth endlich gelangen nur durch Wahrheit und Selbsterkenntniß.

 

Die Seele ward geschaffen von Gott aus Nichts, und fähig sich zum Guten oder Bösen zu wenden. Sie ist sterblich, sofern sie durch Wahl des letzten ihre Natur verderben und Gott verlassen; sie ist unsterblich, sofern sie ihr Bewußtsein nicht verlieren kann. Es ist unmöglich, daß der menschliche Körper ohne vernünftige Seele könne geboren werden, oder leben; doch beginnt sein Dasein vor dem Einflößen der Seele. Diese lebt auf doppelte Weise, nämlich im Körper und in Gott. Das Sichtbare erkennt sie durch die Sinne, das Unsichtbare durch sich selbst. Sie ist zwar örtlich, an einem Orte; aber nicht körperlich, oder theilbar. Auch ihre Vorstellungen sind nicht körperlich *).

 

Die Seele ist nicht entnommen aus der Substanz Gottes, sonst könnte sie nicht veränderlich, lasterhaft, elend sein; sie ist nicht den Elementen entnommen, sonst wäre sie ein Körper. Durch den Körper sieht die Seele das Körperliche, durch den Geist (spiritus) das, was mit den Körpern Aehnlichkeit hat. Die dritte Stufe der Erkenntniß ist die intellectuelle, welche sich weder auf die Körper, noch auf deren Formen und Aehnlichkeiten bezieht. Diese Erkenntniß trügt nie. Sie ist entweder wahr, oder gar nicht vorhanden; wol aber können jene ersten Arten der Auffassung und Betrachtung täuschen.

 

Durch die Zeugung pflanzt sich Fleisch vom Fleische fort, wogegen der Geist nicht im Stande ist andere Geister hervorzubringen.

____

*) S. 72 - 75.

 

 

____
512 Die Philosophie und die Philosophen

 

Eben so geht die Erbsünde nur über durch das Fleisch und nicht durch den Geist, verbreitet sich dann aber auch über die Seele. Die Seelen der Thiere sind nicht substantiell, sondern entstehen mit dem Leben ihres Körpers und sterben mit seinem Tode *).

 

Viele trachten nach der Wissenschaft (scientia), aber nicht nach dem Gewissen (conscientia); und doch ist das nur die wahre Weisheit, was zugleich das Gewissen ausbildet.

 

 

6) Richard von S. Victor,

gestorben 1173, suchte die Ansichten seines Lehrers Hugo mit noch größerer Kühnheit und Schärfe auszubilden. Die Scholastik, als das Niedere, sollte ein Mittel werden, die Mystik als das Höhere zu vervollkommnen, und wiederum ist der Glaube die Grundbedingung um zur Erkenntniß zu gelangen. Der Weg zur Weisheit geht durch die Tugend, und eben so leitet das Streben nach Weisheit zur Tugend. Nur durch Weisheit kann die Tugend zur Vollendung gelangen und umgekehrt. Selbst die Tugenden werden Laster, wenn man sie nicht mit Ueberlegung lenkt.

 

Durch Demuth und Selbstverachtung wächst die Selbsterkenntniß und Liebe Gottes, und die Erkenntniß des Ewigen durch Contemplation soll schon während dieses Lebens eintreten. In der Freiheit des Menschen, dem liberum arbitrium, ist uns das Bild nicht bloß der Ewigkeit, sondern auch der göttlichen Majestät gegeben **). Jene

____

*) S. 80 - 84.
**) De statu interioris hominis I. c. 3, 13, 16, II. 2, 5.

 

 

____
513 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Freiheit verursacht, daß wir nicht gezwungen sind dem Guten oder Bösen beizustimmen; aber diese neutrale Freiheit ist und gibt noch keine Kraft. Nicht die Freiheit, sondern die Kraft ging durch die Sünde verloren. Das Können entspringt nicht aus und durch den Menschen, wir verdanken es lediglich dem Beistande Gottes. Laster ist die Schwäche, welche aus der natürlichen Verderbniß hervorgeht; Sünde ist verdammliches Beistimmen zu den Versuchungen der Schwäche und Verderbniß. Die Sünde zeigt sich als Gedanke, That und Gewohnheit.

 

Alles Gute hat seinen Ursprung in der Vernunft und in der Liebe *) (ratio, affectio). Die Einbildungskraft dient der Vernunft, die Sinnlichkeit dient der Liebe. Beide haben ihre Licht- und Schattenseiten. Zur Betrachtung des Himmlischen eröffnet die Einbildungskraft den ersten Weg, bis man zum rein Geistigen vordringt. Der Mensch bedarf einer Zucht (disciplina) der Sinne, des Herzens und des Geistes. Zur rechten Gottesbetrachtung (contemplatio Dei) kommt der Mensch nicht durch eigenen Fleiß; sie ist kein Verdienst des Menschen, sondern eine Gabe Gottes. Zur Klarheit des göttlichen Lichtes dringt Niemand durch Schlußfolgen und menschliche Beweisführungen **). Man ahnet Gott anders im Glauben, erkennt ihn anders durch die Vernunft, und sieht ihn anders durch Contemplation. Die erste Stufe ist unter der Vernunft, die letzte über derselben und wird nur erreicht, in dem der Geist aus sich heraustritt und über seine eigene Natur erhoben wird. Handeln, Denken, Beten sind drei

____

*) Benjamin minor c. 3, 5, 14, 32, 63.
**) Argumentando et humana ratiocinatione c. 74.

 

 

____
514 Die Philosophie und die Philosophen

 

Hauptmittel des Fortschrittes *). Jede Offenbarung und Erleuchtung, welche nicht in der Schrift ihre Bestätigung findet, ist verdächtig. Manches, was die Contemplation darbietet, ist über der Vernunft, aber nicht wider dieselbe; Anderes scheint dieser gradehin zu widersprechen, so z. B die Lehre von der Dreieinheit.

 

Das Beschauen und Betrachten richtet sich hieher und dorthin, fast ohne Arbeit und ohne Frucht **); das Denken ist Arbeit mit Frucht ; das Schauen Frucht ohne Arbeit. Es erhebt sich im freien Fluge mit bewundernswürdiger Leichtigkeit, wohin die Begeisterung es treibt (fert impetus). Das Beschauen und Betrachten leitet hinüber zum Denken, und das Denken bereitet vor zum Schauen. Das Beschauen gründet und bezieht sich auf das Sinnliche, führt aber (verbunden mit dem Denken) zum Uebersinnlichen. Ueber das der Vernunft Erreichbare führt die Offenbarung hinaus, ohne mit ihr in Widerspruch zu stehen. Wo dieser sich zeigt, betreten wir den Boden des Glaubens und der höchsten Contemplation. Die niedrigen Stufen menschlicher Thätigkeit. beziehen sich auf Sinnliches und Erschaffenes, die höheren auf Geistigees und Unerschaffenes. Man beginnt mit Auffassung der Erscheinung, und kommt dann zur Betrachtung der Ursachen und Wirkungen, sowie des Zusammenhanges aller Erscheinungen. Die weltliche Philosophie beschäftigt sich fast allein mit Erforschung und Aufdeckung der verborgenen Ursachen und Beschaffenheiten der sichtbaren Dinge. Beim Fortschritte zum Unsichtbaren stützt man sich auf körperliche Aehnlichkeiten,

____

*) Cap. 79, 81, 86.
**) Benjamin major I. 3, 6, 7, 10, 16.

 

 

____
515 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Analogien und den wunderbaren Zusammenhang von Leib und Seele.

 

Viele erheben sich niemals zu den höchsten Stufen der Contemplation, sondern bleiben (wie die Meisten zu meiner Zeit, sagt Richard) auf dem Boden des Schließens und Demonstrirens, und finden darin den höchsten Trost (maximam consolationem). Die Erforschung des eigenen Geistes steht höher, als die Erforschung der sichtbaren Außenwelt; und von da eröffnet sich erst Blick und Aussicht nach allen Seiten *). Der Geist ist der Sinn für die Erforschung anderer Geister und des Unsichtbaren; aber es gibt Aufgaben und Erkenntnisse, welche über die eigene Kraft des menschlichen Geistes hinausreichen und ohne Offenbarung Gottes selbst unerreichbar bleiben. Nur in dem Maaße, als in uns die Reinheit des Geistes und die Liebe wächst, werden wir der göttlichen Offenbarung und Gnade fähiger und zugänglicher.

 

 

7) Guigo.

Wenn bei Hugo und Richard von S. Victor die Mystik sich in Verbindung mit der Speculation zeigt, bei Bernhard von Clairvaux in Verbindung mit praktischen Zwecken und Kämpfen tritt, so offenbart sich bei Guigo, welcher im Jahre 1188 als Prior der Mutterkarthause zu Grenoble starb, das tiefe Gefühl und die edle Milde eines einfachen Gemüthes **).

____

*) II. 6 fg.

**) Mit minderer Demuth trat der Pantheismus Amalrich‘s von Bena auf und gab Veranlassung zu unsittlichen Folgerungen. Der Raum erlaubt nicht hier näher darauf einzugehen.

 

 

____
516 Die Philosophie und die Philosophen

 

Es gibt vier Stufen der Erhebung, sagt er in seiner Leiter für Mönche; sie sind fast unzertrennlich in einander geschlungen *): Lesen, Nachdenken, Gebet und Contemplation. Suchet durch Lesen und ihr werdet im Nachdenken finden, klopfet an mit Gebet, und es wird euch in der beschaulichen Betrachtung aufgethan werden. Das Lesen bringt die Speisen gleichsam zum Munde, das Nachdenken kaut und zerbricht sie, das Gebet erzeugt den Geschmack, aber die Contemplation ist die wahre Süßigkeit, welche erfreut und erneut. Sowie bei gewissen körperlichen Genüssen Seele und Geist fast ganz verloren gehen, und der Mensch bloß Körper wird: so werden bei der höchsten Contemplation alle körperlichen Bewegungen und Beziehungen so völlig von der Seele aufgehoben und vernichtet, daß das Fleisch dem Geiste nirgends widerspricht, und der Mensch gleichsam ganz und durchaus geistig wird.

 

Die Wahrheit geht über Alles und verdient selbst am Kreuze Anbetung; dennoch ist sie den Menschen unlieb und unangenehm. Mache sie nicht bitterer, als sie äußerlich erscheint, indem du sie ohne Liebe sagst! Wer die Wahrheit nicht aus Liebe zu ihr sagt, sondern um Jemanden zu beleidigen, verdient keinen Lohn, sondern die Strafe eines Schmähers. Durch die Wahrheit gelangt man zum Frieden; wer nur irdischen Frieden will, wird ihn nie finden; wer den himmlischen in sich trägt, hat Alles. Der Weg zur Wahrheit ist das Misfallen an der Falschheit.

____

*) Guigonia Scala claustralium und Meditationes. Tromby III, CXL.

 

 

____
517 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Der Weg zu Gott ist leicht, denn man schreitet in dem Maaße auf demselben fort, als man sich von allen Lasten erleichtert und sie wegwirft. Fliehe nur deine Laster, andere schaden dir nicht. Niemand wird beleidigt, als durch sich selbst. Willst du Jemanden hassen, so hasse dich: denn Niemand hat dir so viel geschadet, als du selbst. Das ist kein Verdienst, Frieden zu halten mit denen, die dir wohl wollen; sondern mit denen, welche keinen Frieden mit dir haben und haben wollen.

 

Sündigen und gestraft werden ist für den Gerechten nicht verschieden; mithin ist keine Sünde ohne ihre Strafe. Das Vergängliche, das am meisten reizt und ergötzt, ist am tödtlichsten. Nur weil du an innern Genüssen arm bist, suchst du die äußeren. Willst du dich an dem erfreuen, was den Thieren gefällt? Lieber möchte ich ihren Leib, als ihre Seele. Widerwärtigkeit und Unglück gibts nur für den, welcher die Geschöpfe statt des Schöpfers liebt; wer nichts Vergängliches liebt, ist dagegen unverwundbar, und kein christlich Gemüth irgendwo so sicher, als im Unglück. Ob ein Weib ihrem Manne treu sei, zeigt sich im Umgange mit andern Männern; bist du Gott treu, so werden irdische Güter dich nicht verführen. Wer da meint, er könne sich die Seligkeit selbst machen und geben, meint, er könne Gott machen; wer die Seligkeit leugnet, leugnet Gott.

 

Das ist die Weise der Könige und Fürsten, daß sie groß werden wollen nicht durch eigene Besserung, sondern durch Anderer Schaden und Erniedrigung. Und wenn nun Alles so erniedrigt und vernichtet wäre, daß Nichts übrig bliebe, was hättest du dadurch an Leib und Seele gewonnen? Du wünschest dir ein langes Leben, das heißt, eine lange Versuchung.

 

 

____
518 Die Philosophie und die Philosophen

 

Je länger deine Götzen dauern, desto länger und ärger bist du ihr Knecht. Was frommt überhaupt Liebe und Haß des Irdischen? War die Sonne und der Mond mehr, als man sie für Götter hielt? wären sie weniger, wenn man sie für Koth hielte?

 

Einige gehen nach Jerusalem; gehe du noch werter, bis zur Geduld und Demuth! Jenes liegt in, dieses außer der Welt. Deine Liebe richte sich auf alle Menschen. Wolltest du Einen allein lieben, du würdest Raub begehen an allen übrigen; aber die wahre Liebe richtet sich auf Gott. Wer also für sich Liebe und Ehre verlangt, stellt sich zwischen Gott und die Menschen. Welches Weib ist so unverschämt, daß sie zu ihrem Manne sagt: geh und suche mir einen andern, daß er bei mir liege! du gefällst mir nicht; und sprechen nicht die Menschen zu Gott: gib mir dies, erhalte mir das! — ihn selbst vernachlässigend und gegen ihn frevelnd?

 

Du willst deinen Bruder, dein Weib entlassen, um ihrer Fehler willen? Frage eine Mutter, ob sie ihr schwaches, gebrechliches Kind verlassen will? Spricht sie: nein, so gehe in dich und gesteh, du haßtest mit Unrecht. Die Engel leben mit Lasterhaften unverführt; aber das Höchste ist, nicht bloß unverführt bleiben, sondern zu heilen und herzustellen. Wenn du Liebe in dir trägst, das wird dich selig machen; aber du wirst nicht errettet, weil du von Menschen geliebt wirst. Liebst du nur, weil du geliebt wirst, oder weil du geliebt sein willst, so bist du nichts als ein Wechsler und hast deinen Lohn dahin.

 

 

8) Alanus von Ryssel.

Der höchste Gegensatz, besonders in Hinsicht auf die Form, zeigt sich bei einer Vergleichung der Werke des

 

 

____
519 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Alanus von Ryssel (geboren 1114, gestorben 1203) mit denen der Mystiker und auch der übrigen Philosophen. Damit keine Methode der Behandlung in jener Zeit reicher Entwickelung fehle, sucht Alanus in seinen fünf Büchern vom katholischen Glauben alle Lehrsätze desselben in strengster Form (wie später Spinoza auf seinem Boden) zu erweisen, und im Wege der Demonstration dasselbe zu finden, was der Glaube voraussetzt und offenbart.

 

___________________

Nachdem so im 12. Jahrhunderte alle Formen und jede Hauptrichtung der philosophischen Entwicklung erschöpft zu sein schienen, würde man vielleicht alle Kräfte nur auf Nebenuntersuchungen gerichtet, ober sich in encyclopädischer Zusammenstellung und bequemer Zurechtlegung des Erworbenen gefallen haben. Da traten mehre Ereignisse ein, deren Wichtigkeit und Werth sehr verschieden beurheilt worden ist, die aber jeden Falls den größten Einfluß ausübten. Erstens hatte die Dogmatik durch die Lehrbücher mehrer ausgezeichneter Männer, und vor Allem Peter‘s des Lombarden, allmälig eine solche bestimmte Ordnung, Vollständigkeit, und einen solchen Zusammenhang erhalten, daß man sie für abgeschlossen und für eine Alles beherrschende Macht und den Frieden zwischen Theologie und Philosophie für vollzogen hielt. Aber gerade in dieser selbigen Zeit wuchsen, außerhalb der philosophischen Schulen und fast unabhängig von eigentlicher Wissenschaft, die als ketzerisch bezeichneten Lehren besonders der Waldenser und Albigenser hervor und riefen, im Augenblicke eines scheinbar vollständigen Sieges der rechtgläubigen Kirche, zu neuen Forschungen und Kämpfen auf.

 

____
520 Die Philosophie und die Philosophen

 

Schon hierbei mußte die bisherige Philosophie irgend eine freundliche oder feindliche Stellung annehmen; noch weit mehr aber eröffnete die neue und erweiterte Kenntniß des Aristoteles und der Araber sehr eigenthümliche und oft ungeahnete Ansichten. Den Klagen über Tyrannei der Kirche, Willkür und Thorheit der Ketzer, Unchristlichkeit des Aristoteles und der Araber gegenüber, darf man behaupten: daß, wenn eines dieser großen, bewegenden Elemente gefehlt hätte, eine wesentliche Lücke entstanden und eine größere Einseitigkeit hervorgebrochen wäre. In so einseitigem Sinne untersagte die Kirche mehre Male den Gebrauch Aristotelischer, besonders seiner metaphysischen und physikalischen Schriften, ja sie befahl deren Verbrennung: und umgekehrt wollten übertriebene Verehrer des Aristoteles das Christliche, und übereifrige Ketzer das Kirchliche ganz unterjochen oder vernichten. Beides mislang glücklicherweise und auf den Reichthum der Aristotelischen, sowie der scholastischen Philosophie des 12. Jahrhunderts, sowie auf die christliche Dogmatik zugleich fußend, nahm der menschliche Geist einen neuen Aufschwung, begann nochmals die tiefsinnigsten Arbeiten und vollendete von Albert dem Großen bis Roger Bakon einen neuen Kreislauf philosophischer Entwickelung.

 

_____________

9) Albert von Bollstädt,

geboren ums Ende des 12. Jahrhunderts zu Lauingen an der Donau, studirte in Padua, stieg im Dominikanerorden bis zum Landschaftsmeister von Deutschland, wurde 1260 Bischof von Regensburg, legte aber (nach tüchtiger Verwaltung) diese Würde aus Liebe zu den Wissenschaften nieder

 

 

____
521 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

und starb im Jahre 1280 *). Von seinen dankbaren Zeitgenossen erhielt er nicht unverdient den Beinamen des Großen. Denn er umfaßte verschiedene Wissenschaften mit seltener Thätigkeit, brachte die zerstreuten Massen so mannichfacher Erkenntnisse zu einem Bewußtsein, ordnete, erläuterte, förderte nach allen Seiten und ward ein Mittelpunkt, von wo aus andere treffliche Männer weitere Bahnen ebneten und beherrschten. Blieben auch seine Kenntnisse in einigen Richtungen (z. B. der Geschichte der Philosophie) lückenhaft, war er auch nicht ein neuerfindender Geist ersten Ranges, so bleibt er doch der thätigste, wirksamste Polyhistor seiner Zeit und könnte (unter den angegebenen Beschränkungen) der Aristoteles oder Leibnitz jenes Jahrhunderts genannt werden.

 

Die Zahl seiner wissenschaftlichen Werke ist ungemein groß. Geistliche Reden, Erläuterungen der biblischen Schriften und des Petrus Lombardus, ein eigenes System der Dogmatik u. s. w. bilden nur die eine große Seite. Dann folgen Commentare zu Aristotelischen Schriften, welchen keineswegs eine eigene Form und Inhalt fehlt. Vielmehr fügen sie in lesbarem, klarem Latein Anziehendes genug hinzu und beschränken sich nicht (wie es nur zu oft geschah) darauf, des hochverehrten Meisters Worte phraseologisch zu wiederholen.

 

Auffallend ist es, daß weder Albert, noch andere Philosophen sich nicht gedrungen fühlten, der Aristotelischen gegenüber, eine christliche oder kirchlich wissenschaftliche aufzustellen und zu begründen,

____

*) Ueber seine Verdienste in Regensburg, Gemeiner Chronik S. 383. Tiraboschi IV. 45.

 

 

____
522 Die Philosophie und die Philosophen

 

sondern an jener festhielten, obgleich für die wichtigsten Hauptstücke, z. B. der Sklaverei, ihr alter Boden verloren war. Was sich geschichtlich entwickelt hatte und dastand, schien keiner weitern Begründung zu bedürfen, und den praktischen Streitigkeiten und Streitschriften jener Tage (etwa über das Verhältniß von Staat und Kirche) tritt kein eigentlicher wissenschaftlicher Kampf zur Seite, welcher auf die ersten Grundsätze zurückginge und darauf stützte.

 

In seiner Psychologie und Ethik zeigt sich Albert freier, eigenthümlicher und selbständiger als viele Andere, welche eine Mosaik aus Aristoteles und den Kirckenvätern geben. Mancherlei Bemerkungen über die Sinne, hören und sehen, tönende und nicht tönende, durchsichtige und nicht durchsichtige Körper und dergl. erweisen Aufmerksamkeit und Scharfsinn. — Der Geist, sagt Albert an einer Stelle, ist vielleicht an sich etwas Göttliches und nicht des Leidens Fähiges, was vom Körper getrennt wird und dann zu einem Erkennen anderer Art und andern Freuden übergeht *). — Die Unsterblichkeit der Seele gründet sich darauf, daß Gott sie unmittelbar nach seinem Bilde schuf und zur ewigen Seligkeit bestimmte. Weil Gottes Dasein der Grund aller Gewißheit ist, kann man es nicht direct erweisen, wol aber die Widersprüche darthun, welche aus dem Leugnen desselben nothwendig hervorgehen. Albert‘s Ethik handelt über Begriff, Werth, Form und Methode

____

*) Intellectus autemsecundum se forsitan est divinum aliquid et impossible quod separatur a corpore, et tunc habebit alteriumodi intelligere et alias delectationes. Opera III. S. 31.

 

 

____
523 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

dieser Wissenschaft, über das Wesen des höchsten Gutes und der Glückseligkeit, vom Verhältnisse des Glückes und der Tugend, von Handeln und Leiden, Freiheit und äußerer Bestimmbarkeit, von den einzelnen Tugenden und Lastern, von der rein geistigen Tugend und dem speculativen Geiste, von Wissenschaft und Kunst, theoretischer und praktischer Entwickelung, vom Verhältnisse geistiger und sittlicher Eigenschaften und Vollkommenheiten, vom Verhältnisse der Gesetze zur Entwickelung von innen heraus u. s. w.

 

Zu dem Allen tritt nun auf eine, in jener Zeit höchst seltene Weise hinzu, eine Reihe naturgeschichtlicher und naturphilosophischer Werke. Sie handeln vom Menschen und seiner Physiologie und Psychologie, Leben und Tod, Bewegung, Athem und Ernährung, von der Natur und dem Ursprunge der Seele. Von den Thieren, ihrem Bau und ihren Organen, von der Anatomie derselben und von der Thierarzneikunde. Eintheilung und Beschreibung der Thiergattungen, Lebensweise, Instinkt, Gewohnheiten, geistige Eigenschaften u. s. w. Geschlechter, Anatomie und Fortpflanzung der Pflanzen, Samen, Blätter, Blüthen, Vergleich mit den Thieren. Die Erde, ihre Beschaffenheit und Bewohnbarkeit, Länge und Breite, Erdbeschreibung, Sternkunde, und Verhältniß der Erde und der Menschen zum gesammten Weltall.

 

10) Wilhelm von Auvergne,

von 1228 bis 1249 Bischof von Paris, hinterließ eine große Sammlung mannichfacher und lehrreicher Schriften, welche theils Früheres darstellen und prüfen, theils in eigenthümlicher Weise darüber hinausgehen.

 

 

____
524 Die Philosophie und die Philosophen

 

So enthält das Werk vom Universum *) Vieles, was man heutiges Tages, ungeachtet seines umfassenden Titels, darin nicht suchen würde. Es gibt, sagt Wilhelm, nur einen Gott, und die Lehre der Manichäer von einem guten und einem bösen Urwesen ist irrig und verdammlich. Ebenso gibt es nur eine Welt, geschaffen von dem einen Gotte. Hierbei Widerlegung mancher Aristotelischen Lehren. — Erläuterung und Erklärung der Schöpfungsgeschichte. Von Sonnen, Planeten und den verschiedenen Himmeln. Von den Elementen, dem Paradiese, dem Fegefeuer, der Hölle, wo und wie sie sei. Von Zeit und Ewigkeit. Die Zeit ist schlechthin beweglich, fließend, theilbar, werdend, vergehend: die Ewigkeit hingegen unbeweglich, seiend, unvergänglich, untheilbar, zugleich, ohne Folge, ohne Anfang und Ende. Gegen Aristoteles wird erwiesen, daß die Welt nicht ewig sei; es wird das platonische Weltjahr, und, gegen Origenes, die Vernichtung der Körper geleugnet. Von der Auferstehung der Tobten und dem künftigen Leben, den Leibern der Seligen, und der Harmonie der Sphären. Ob es in jener Welt Zeit und Bewegung geben werde? Ueber die Sprache und Vollkommenheit der Stimme im künftigen Leben. Die Harmonie wird eine vollkommene sein; gewöhnliche Singerei und Tänze fallen weg. Vom jüngsten Gerichte und einer neuen Schöpfung. Von der Vorsehung und dem Vorherwissen (providentia, praescientia) Gottes. Jene erstreckt sich auch auf das Geringste. Vom Nutzen der Leiden und Schmerzen, der Armuth und des Todes. Gegen die Lehre von der Nothwendigkeit und dem Fatum.

____

*) Opera I. S. 593.

 

____
525 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Von der Wahrheit und den verschiedenen Bedeutungen dieses Wortes. Vom Sündenfalle und der Erbsünde. Ueber die Platonischen Ideen, die Weltseele und die Ansicht des Aristoteles vom Himmel. Von den Seelen, Geistern und Teufeln, von der Gabe der Weissagung und der Magie.

 

In der Schrift vom Glauben sagt Wilhelm: Die Religion ist die Grundlage aller anderen Erkenntnisse, und der Glaube die Grundlage der Religion. Der menschliche Geist ist beim Glauben zum Gehorsam verbunden; Glauben aus Beweisen verdient weder diesen Namen, noch schließt er Gehorsam in sich. Auf sich selbst ruhend, ist der menschliche Geist schwach und geräth in Zweifel, das heißt in wandelbare Beweglichkeit. Diese treibt ihn zu Erörterungen, Schlußfolgen und Beweisen, als Stützen seiner Schwäche. Die Demonstration ist gleichsam der Stab, auf welchem gestützt er weiter wandert oder vorwärts springt, ohne jemals unbedingte Festigkeit zu erreichen. Hingegen bedarf der Geist, welcher durch eigene Tüchtigkeit glaubt, jener Stützen nicht, und hat am unmittelbaren Glauben mehr, als an vermitteltem Beweise. Ein Mensch, welcher zweifelt und Beweise fordert, gleicht einem Verkäufer, der sich nach Pfand und Bürgschaft umsieht, weil ihm andere und bessere Sicherheiten fehlen; auch sind alle die aufgehäuften Pfänder nur Zeichen des Zweifels, der Schwäche und der Armuth. So wie zwei Krücken noch mehr den elenden Zustand der Beine erweisen, als eine Krücke, so wächst die Festigkeit des Geistes nicht, wenn er sich viele Krücken anschafft und abwechselnd darauf stützt. Leichtgläubigkeit solcher Art hilft nicht gegen Unglauben, und Beweise der Krankheit sind, oder erzeugen keine Gesundheit.

 

 

____
526 Die Philosophie und die Philosophen

 

Diejenigen, welche durch Erörterungen und Beweise zu Gott gelangen wollen, mögen in dieser philosophischen Art der Erkenntniß fortschreiten, aber sie beschimpfen Gott durch ihren Unglauben, kommen ab von der Religion und bleiben von der höheren Erkenntniß ausgeschlossen. Das größere, innigere Licht steigt von oben herab, nicht aufwärts von der Kreatur. Nur jenes gibt die höchste Gewißheit. Nichts nämlich ist gewisser, als der unmittelbare Glaube: er ist Gabe Gottes, ist Gnade.

 

Der erste Grund des Irrthums und der Gottlosigkeit ist die Unwissenheit über das Maaß und die Fähigkeit des menschlichen Geistes *). Wer nämlich meint: sein Geist begreife Alles, wird nothwendig ungläubig gegen Alles, was er in demselben nicht vorfindet. Höchstens sucht er in Beweisen eine Leiter, um aufwärts zu steigen; aber für Gegenstände des Glaubens gibt es eben keine Leiter durch Beweise **). Wilhelm‘s Schrift von den Tugenden beginnt mit Untersuchungen über die Natur und die Kräfte des Menschen, die Einheit oder Theilbarkeit der Tugend, Entwickelung von innen und Entwickelung von außen, über das Thun und Leiden der menschlichen Seele. Das Leben des Menschen (heißt es weiter) soll gereichen zur Ehre Gottes, würdig sein in Hinsicht auf ihn selbst, sowie nützlich und wohlthätig in Hinsicht auf seinen Nächsten. Laut Aristoteles ist die Tugend die Mitte zwischen zwei Aeußersten. Sie soll aber nicht etwa bloß so bezeichnet werden, sofern man die Extreme vermeidet,

____
*) Ignorantia mensurac et capacitatis mentis humanae.
**) De fide S. 8.

 

 

____
527 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

sondern weil die Mitte erwirbt und besitzt, was diesen fehlt. Eie hat also einen bessern, wesentlichen, positiven Inhalt, wodurch sie ihren Werth erhält, und an sich als das Gute selbst erscheint *).

 

Jedes Gut, nach dessen Erreichung wir noch weiter streben müssen, noch andere Zwecke vor uns erblicken, kann nicht das höchste sein. Die letzte Bestimmung des Menschen ist die ewige Seligkeit. Auf der niedrigsten Stufe erscheint das Gute als Nützliches, wo der Zweck außerhalb des ersten liegt; auf der zweiten Stufe zeigt sich Aehnlichkeit mit dem höchsten Gute; auf der dritten, wahre Theilnahme an demselben. Wer jedoch lediglich um sein Selbst willen, aus Eigenliebe und ohne Beziehung auf Gott, den Geber alles Guten, darnach strebt, wird dieses Guten nie theilhaftig. Des Menschen Wille ist vergleichbar einem Feldherrn; die Kenntnisse und Wissenschaften sind Rathgeber; die Sinne endlich Späher, Botschafter, Berichterstatter.

 

Natürliche Anlagen reichen nicht aus, das höchste Ziel der Menschheit zu erreichen; Gottes Gnade muß wirkend hinzutreten.

 

In einer andern Schrift von den Sitten **) werden die einzelnen Tugenden redend eingeführt und rühmen ihre Eigenschaften und ihre Trefflichkeit. Zum Theil unerwartet ist es, daß auch die Furcht, der Eifer (zelus), die Armuth das Wort nehmen, die vier Cardinaltugenden an dieser Stelle aber nicht hervortreten. — Betrachtungen

____

*) De virtutibus S. 110.
**) De moribus S. 119.

 

 

____
528 Die Philosophie und die Philosophen

 

über Laster und Sünden *) werden von Wilhelm mehr aus theologischem, als philosophischem Standpunkte angestellt. Seine göttliche Rhetorik **) handelt vom Gebete, sowie von der Natur und Anwendung der Rede in Beziehung auf Gott und göttliche Dinge; Alles in eigenthümlicher Weise.

 

Besondere Aufmerksamkeit verdienen Wilhelm‘s Schriften von der Seele und der Unsterblichkeit. Er sagt daselbst: Aristoteles behauptet: die Seele sei die Vollkommenheit eines physischen organischen Körpers, der Kraft des Lebens habe ***). Die letzten Worte lassen sich füglich nur von dem Körper verstehen, welcher nach dem Tode des lebenden Geschöpfes übrig bleibt: denn das Leben beruht nicht auf dem Körper, kommt zum Lebendigen nicht als eine Kraft, oder Fähigkeit, sondern gehört unabtrennlich zu seinem Wesen. Eine unkörperliche, lebendige Substanz ist als Königin des Körpers in demselben: er kann nur als Werkzeug für den beliebigen Gebrauch des Werkmeisters betrachtet werden. Ginge der Geist lediglich aus dem Körper hervor, so müßte er sich in jedem Körper befinden, und würde dann doch nur höchstens das Körperliche begreifen. Es ist unmöglich, daß der Mensch denke, seine Seele sei nicht vorhanden. Keine vernünftige Seele, keine denkende Substanz kann denken, glauben, oder zweifelnd meinen: sie sei nicht. Und diese Gewißheit von dem eigenen Sein ist die gewisseste

____

*) De vitiis et peccatia S. 260.
**) Rhetorica divina S. 356.
***) Perfectio corporis physici organici, potentia vitam habentis.

 

 

____
529 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Gewißheit, über welche hinaus es gar keine größere gibt *).

 

Hierauf widerlegt oder berichtigt Wilhelm die Ansichten und Lehren des Plato, Pythagoras, Philolaos und Heraklit über die Seelen, zeigt, daß sie nicht Ausflüsse himmlischer Körper sind, und erweiset nachmals ihre Unkörperlichkeit und Untheilbarkeit. Denken und Wissen sind durchaus keine körperlichen Handlungen oder Tätigkeiten, sondern geistige, und müssen deshalb aus geistigen Substanzen hervorgehen **). Sofern Aristoteles dies bestreitet, muß ihm die Seele ohne Körper unwissend und höchst elend, und ihre Fortdauer nach der Trennung von dem Körper überflüssig, ja unmöglich erscheinen.

 

Wenn man der Seele verschiedene Kräfte und Fähigkeiten beilegt, so hebt dies die Einheit ihrer Substanz nicht auf. Die Sinne geben unmittelbare Eindrücke, welche aber oft irrig sind, sobald man sie nicht einer geistigen Berichtigung unterwirft, woraus die Nothwendigkeit des Geistes ebenfalls hervorgeht ***).

 

Man muß sich verwundern, daß Aristoteles, sowie seine griechischen und arabischen Anhänger, ihre Untersuchungen fast nur auf die erkennende, aber nicht auf die

____

*) Non est possibile homini intelligere animam suam non esse. - Patefactum est nullam animam rationabilem vel aliam substantiam intelligentem intelligere posse vel credere, vel etiam dubitare se non esse. Unicuique animali rationali notum est suum esse, et nota ipsi sibi notitia certissima, qua certitudine nulla major. De anima, Opera II. 68, 72.
**) S. 81 f.
***) S. 93

Hist. Taschenbuch. Neue F. I.

 

 

____
530 Die Philosophie und die Philosophen

 

wollende und handelnde Seite der Seele gerichtet haben. Die Lehre von der Freiheit des Menschen gehört aber allerdings nicht bloß zur natürlichen, sondern auch zur göttlichen Wissenschaft. Jene erkennende Seite ist die untergeordnete, Hülfe leistende, und die Vollkommenheit des Willens steht der Vollkommenheit des Wissens voran, wie schon der Teufel mit seiner ganzen Schar beweiset, die im Wissen so hoch und im Wollen so niedrig stehen. Beides gehört indeß zusammen, und es gibt keinen Willen ohne alle Erkenntniß, und keine Erkenntniß ohne allen Willen. Man kann die Seele nicht einen Theil des Menschen nennen, aber ebenso wenig bei einer Definition des Menschen den Körper ganz übergehen.

 

Die Seelen werden nicht erzeugt durch die Seelen, auch nicht durch die Leiber, auch nicht durch die Wirkung beider zusammengenommen, auch nicht durch die Elemente, oder eine besondere schaffende Kraft, — sondern Gott schafft die Seelen und geußt sie ein *). Von Natur liebt die Seele mehr die geistigen und unsinnlichen, als die körperlichen und sinnlichen Dinge; denn das bloß Körperliche hemmt und schwächt sie und hält sie in Gefangenschaft. Doch bietet auch das Sinnliche Weg und Stoff zur Erkenntniß und Ehre Gottes. In dem Zustande ihrer Reinheit, Klarheit und Gesundheit erkennt die Seele deutlich ihre Unsterblichkeit, und daß ihr Leben nicht von dem des Leibes abhängt; daß das Werkzeug nicht das Erste ist, sondern das Auge sieht und das Ohr hört durch die lebendige Seele **). Darum kann auch diese

____

*) Infunditur anima S. 112.

**) S. 136 – 154.

 

 

____
531 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

nicht erdrückt werden, oder zu Grunde gehen durch das Werkzeug. Wohl aber kann Gott, sowie er die Seele erschaffen hat, so auch sie wieder vernichten. Sofern die Seele eines unendlichen Fortschrittes fähig ist und Sinn hat für das Göttliche und Ewige, ist sie auch einer unendlichen Dauer fähig, und sofern sie von Natur Gott liebt, wird sie einer solchen Dauer würdig. Die Güte, Gerechtigkeit, Gnade und Ehre Gottes erfordern, die Unsterblichkeit der Seele anzunehmen und daraus abzuleiten.

 

Die einleuchtendste und unmittelbare Erkenntniß des Schöpfers ist das wichtigste und edelste Geschäft des Geistes *). Könnte der Geist den Schöpfer nicht erreichen (apprehendere), so wäre er weder der Vervollkommnung noch der Seligkeit fähig. Die Wissenschaft von Gott ist die höchste Vollkommenheit der geistigen Kraft.

 

So kurz und unvollständig auch diese Auszüge sind, geben sie doch hinreichendes Zeugniß für die großen Anlagen Wilhelm‘s, und daß er scharfsinnig, ich möchte sagen mehre Aufgaben, Themata ausgesprochen hat, welche nachmals zu ganzen Systemen erweitert und ausgebildet worden sind. So bildet seine Aeußerung über die allerhöchste Gewißheit des denkenden Bewußtseins später den Mittelpunkt des Cartesischen Systems; die Lehre von dem Schauen oder Ergreifen Gottes erinnert an Malebranche; die Behauptungen über die Gewißheit des Glaubens und sein Verhältniß zur Demonstration stimmen ganz mit der Grundlage des Jacobischen Systems; die Lehre endlich, daß die Unwissenheit über das Maaß und die Fähigkeit des

____

*) Apprehensio creatoris videlicet lucidissima et immediata, praecipua est ac nobilissima operatio intellectus. S. 203.

 

 

____
532 Die Philosophie und die Philosophen

 

menschlichen Geistes Hauptquelle alles Irrthums sei, führt zu dem kritischen Systeme Kant‘s.

 

11) Thomas von Aquino, *)

geboren im Jahre 1224, besuchte die Schule von Montecassino, studirte in Neapel, Paris und in Köln unter Albert dem Großen, wurde gegen den Willen seiner Verwandten schon im 19. Jahre Predigermönch, 1257 Lehrer in Paris, 1260 Lehrer in Rom und starb im J. 1274. Allmälig erlangte er den höchsten Ruhm und bildete eine große Schule, welche in der katholischen Welt fast noch jetzt als die herrschende bezeichnet werden kann. Auch hat Keiner in jenen Zeiten mit solchem Fleiße und solchem Scharfsinne das Theologische und Philosophische so erforscht, verarbeitet und zu einem dogmatischen Ganzen ausgebildet. Nicht minder übertrifft seine Sittenlehre an Scharfsinn, Zusammenhang und Reichthum nicht allein die des Hildebert und Abälard, sondern die meisten ähnlichen Werke späterer Zeiten **). Fremde Lehren und Ansichten geben ihm allerdings den meisten Stoff her und er ist weit entfernt, sich selbst eitel in den Vordergrund zu drängen, obwol die Kraft und Tätigkeit seines eigenen Geistes nirgends zu verkennen ist. Wenngleich das Theoretische bei ihm so vorwaltet, daß sich die ganze Sittenlehre daran reiht, hat er doch keine Vorliebe für blos

 

spitzfindige Speculationen. Vielmehr sucht er durch

____

*) Acta Sanct. 7. März S. 653. Tirab. IV. S. 120. Paolo Pansa I. Gattula II. S. 480. Eberstein, Theologie der Scholastiker S. 230 und 243
**) Baumgarten-Crusius, de Theologia morali Scholasticorum S. 13.

 

 

____
533 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Wegschneiden aller unnützen Beiwerke und durch eine wesentlich verbesserte, wissenschaftliche Anordnung das Studium der Theologie und Philosophie zu erleichtern und zu versöhnen. Er nahm an, Sünde und Unwissenheit gehe Hand in Hand, zwischen Erkenntniß und Sittlichkeit finde ein wechselseitiges Verhältniß statt, und sowie der Verstand nach dem Wahren strebe, so der Wille nach dem Guten. Ueberhaupt könne das dem Menschen inwohnende Verlangen nach Wissenschaft unmöglich etwas Leeres und Grundloses sein, und die Metaphysik, welche sich mit der höheren Erkenntniß abgebe, müsse die sicherste Wissenschaft sein. Dennoch stehen ihm die Geheimnisse der geoffenbarten Religion obenan, und die stete Beziehung auf Gott gibt den einzelnen Theilen seiner Lehre Zusammenhang und Haltung. Dies Alles ergibt sich näher durch folgende Auszüge aus seinem systematisch geordneten Hauptwerke, der „Summa der Theologie“.

 

Außer den philosophischen Wissenschaften (welche von den durch die Vernunft erkennbaren Dingen handeln) gibt es eine Wissenschaft des von Gott Offenbarten, eine Theologie. Sie bietet theils eine Erkenntniß dar, welche über die gewöhnliche Vernunft hinausreicht, theils stellt sie das durch die Vernunft Erkennbare in ein neues Licht und betrachtet es von einem verschiedenen Standpunkte. Ihre Grundlage ist der Glaube, ohne daß sie dadurch den Charakter einer praktischen oder theoretischen Wissenschaft einbüßte. Sie übertrifft an Gewißheit und Würdigkeit des Gegenstandes alle anderen Wissenschaften, kann jedoch von diesen, als von geringeren, Hülfe annehmen und sich ihrer bedienen. Gott ist ihr Gegenstand, sowie alles Andere, sofern es von ihm ausgeht und sich auf ihn bezieht.

 

 

____
534 Die Philosophie und die Philosophen

 

Zum Beweise ihrer Grundlagen bedarf sie keiner Schlüsse und Argumentationen, bedient sich jedoch derselben gegen die Leugnenden und behufs größerer Verdeutlichung *).

 

Das Dasein Gottes läßt sich zwar nicht a priori (propter quid) erweisen, wol aber aus seinen uns bekannten Wirkungen. Hier bietet sich ein fünffaches Verfahren dar. Erstens muß alle Bewegung in der Welt ausgehen von einem ersten Bewegen; zweitens führen alle abgeleiteten Ursachen und Wirkungen nothwendig auf eine erste Ursache zurück; drittens gehört zu allem Zufälligen und Möglichen ein höchstes Nothwendiges; viertens weiset jeder niedere Grad, jede niedere Stufe, auf ein höchstes schlechthin Vollkommenes hin; fünftens erweiset die Zweckmäßigkeit der Welt ein höchstes liebendes Wesen: das heißt Gott.

 

Gott ist weder ein Körper, noch aus Form und Materie zusammengesetzt. Sein Wesen und sein Sein (essentia et esse) ist dasselbe und fällt zusammen. Er ist weder eine bloße Weltseele, noch das bloß formale Princip, noch die erste Materie der Dinge. Er kann nie Theil eines zusammengesetzten Dinges sein, wol aber ist er die erste, einfache, überall wirkende Ursache, der alle Vollkommenheiten in sich vereint, und von dem alle ausgehen. Er ist das Urseiende, Urgute und Urschöne zugleich. Die Geschöpfe sind Gott ähnlich nicht dem Wesen nach, sondern nur nach einer gewissen Analogie; hingegen

____

*) Pars I. Quaestio 1.

 

 

____
535 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

kann man nicht sagen, daß Gott den Geschöpfen ähnlich sei *).

 

Jedes Wesen (eus), sofern es wirklich ein Wesen ist, ist gut **). Das Gute läßt sich eintheilen in Ehrbares, Nützliches und Ergötzliches (delectabile). Da Gott allein die höchste Vollkommenheit besitzt, so ist er, seinem eigentlichsten Wesen nach, gut. Alles Gute geht von ihm aus, er ist dessen erster, wahrer Quell; obwol sich in abgeleiteter Weise in den einzelnen Dingen vielfaches Gute (multae bonitates) vorfindet. Gott ist seinem Wesm nach unendlich, alles Uebrige dagegen endlich und nur unendlich in gewisser Beziehung (secundum quid). Obgleich Gott, vermöge der Vollkommenheit seiner Natur, über Alles erhaben ist, ist er doch in Allem als Ursache, einwirkend und wissend. Er allein bleibt unveränderlich und ewig im höchsten Sinne. Das Wesen der Ewigkeit besteht in dem Zugleich auf einmal (tota simul); das der Zeit, in der Aufeinanderfolge. Eine Zeit ohne Anfang und Ende wäre noch keine Ewigkeit ***). Daß Gott ein einiger sei, fügt seinem Wesen nichts hinzu, sondern leugnet nur die Theilung. Die Seligkeit des Menschen besteht in seiner höchsten Wirksamkeit, und dies ist die des Geistes. Könnte er nun Gott nie erkennen, so würde er von der Seligkeit ausgeschlossen, oder diese anderswo als in Gott zu finden sein, was dem Glauben widerspricht. Da Gott unkörperlich ist, kann man nicht auf sinnliche Weise zu

____
*) Quaestio 2 – 4.
**) Dies erinnert an Hegel.
***) Quaest. 5 – 11.

 

 

____
536 Die Philosophie und die Philosophen

 

seiner Erkenntniß gelangen, auch nicht durch die bloße Kraft des Verstandes, sondern im Wege der Gnade, jedoch mit Hülfe und Zuthun des dem Menschen anerschaffenen Lichtes. Die Erkenntniß Gottes ist nicht in Allen gleich, und in Keinem ganz vollkommen. Während dieses sterblichen Lebens kann der bloße Mensch (homo purus) Gott nicht schauen. Da alle Dinge von Gott erschaffen sind, so kann der Mensch durch seine Natur, seine Sinne und das Sichtbare überhaupt zu Gott hingeführt werden, sein Dasein und sein Verhältniß zu den Geschöpfen begreifen, aber nicht sein Wesen erkennen. Jenes erreichen durch natürliches Licht sowol die Bösen als die Guten; dieses nur die Guten mit Hülfe der Gnade. Kein Gotte von Menschen beigelegter Name kann sein Wesen ganz ausdrücken und erschöpfen. Doch sind die Namen weder ganz gleichbedeutend, noch gleich würdig. Sie drücken meist nur analogisch das Verhältniß der Geschöpfe zu ihm aus. Gott erkennt und begreift sich und alles Andere vollkommen durch sich selbst. Da in Gott das Sein und Erkennen dasselbe ist, so verwirklicht er die Dinge durch sein Erkennen, unter dem Hinzutreten seines Willens. Sein Wissen erstreckt sich auf Alles und ist unveränderlich. In ihm sind alle Ideen im voraus vorhanden , nach deren Aehnlichkeit Alles gebildet ward *).

 

Vorzugsweise ist alle Wahrhnt im Geiste, nächstdem (secundarie) aber auch in den Dingen, sofern sie einen Bezug haben (aliquem ordinem) auf den Geist. Dies ist der Fall, entweder weil ihr Dasein vom Geiste abhängt, und sie nach göttlichen Ideen erschaffen sind, oder weil

____

*) Quaest. 12 - 15.

 

 

____
537 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

sie von einem Geiste erkannt werden. Zuletzt aber wurzelt alle Wahrheit in der Bezugnahme und dem Verhältnisse zu Gott.

 

Ferner liegt die Wahrheit in der Uebereinstimmung des Geistes und der Sache. Diese Uebereinstimmung und Erkenntniß geben keineswegs die Sinne für sich, sondern der Geist muß verbinden, trennen, urtheilen, mit einem Wothe thätig sein. Das Seiende und das Wahre ist im Geiste und in den Dingen, doch scheint diesen vorzugsweise das Sein, jenem das Erkennen zuzugehören. Das Nichtseiende hat nichts in sich, wodurch es erkannt würde; wol aber wird es erkennbar, sobald der Geist es erkennbar macht. Das Wesen des Nichtseienden gründet sich darauf, daß es ein Wesen der Vernunft ist und aufgefaßt durch die Vernunft. Das Wahre, welches sich auf das bloße Sein bezieht, ist es vor dem Guten, sofern dies eine besondere Beschaffenheit und einen Trieb nach dieser Beschaffenheit ausdrückt. Das Wahre ist Gegenstand des Erkennens, das Gute hingegen zugleich Gegenstand des Triebes, welcher jenem folgt. Doch ist zu bemerken: daß Wollen und Erkennen (vuluntas et intellectus) sich gegenseitig einschließen *); denn das Erkennen versteht den Willen und der Wille sucht die Erkenntniß zu begreifen. Die Gegenstände des Wollens und Erkennens sind dieselben, nur steht dort das Gute, hier das Wahre in der Reihe voran **).

 

Gottes Sein und Erkennen ist dasselbe, und sein Erkennen

____

*) Dies erinnert an Spinoza.

**) Quaest. 16.

 

 

____
538 Die Philosophie und die Philosophen

 

und Sein ist Maaß und Ursache alles anderen Seins und Erkennens: daher ist er die erste, höchste und unveränderliche Wahrheit. In den erschaffenen Geistern wechselt, steigt und sinkt dagegen das Maß der Erkenntniß und Wahrheit. Gott wirkt nach seinem Willen, nicht getrieben durch eine äußere Nothwendigkeit. Er will zunächst sich, dann behufs der Mittheilung des Guten auch Anderes; indessen läßt sich nicht sagen, daß sein Wille eine Ursache habe. Sowie er auf einmal (uno actu) Alles erkennt, so will er auch auf einmal. Sein Wille ist unveränderlich und geht immer in Erfüllung. Sein Wille legt indessen nur einigen, nicht allen Dingen eine Nothwendigkeit auf. Was nach Gottes Willen geschehen soll, geschieht: er will aber entweder unbedingt, woran sich die Nothwendigkeit knüpft, oder bedingt, wo dann Freiheit und Zufall (contingentia) hervortreten. Gott will weder, daß das Böse geschehe (etwa um angeblich dadurch Gutes zu bewirken), noch daß es nicht geschehe, sondern er will erlauben, daß das Böse geschehe *). Man kann Gott (und auch dem Menschen) nur in sofern einen freien Willen beilegen, als er etwas nicht nothwendig will **). Gott liebt das Gute in anderer Weise als der

____

*) Es kann hier nicht untersucht werden, ob Thomas bei strengem Fortschreiten auf dialektischem Wege nicht zu einem Leugnen der menschlichen Freiheit gekommen wäre, wenn ihn nicht sein unmittelbares und religiöses Bewußtsein davon zurückgehalten hätte. Man vergleiche z. B. summa theol. Quaest. XIX, artic. 8; XLVIII, 2, und CXVI, 1, wo er sagt: Ordinatio humanorum actuum, quorum principium est voluntas, soli Deo attribui debet.
**) Quaest. 19 – 20.

 

 

 

____
539

 

des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Mensch; nämlich dasselbe erschaffend und mittheilend. Da in Gott keine Leiden und Leidenschaften sind, können ihm auch gewisse Tugenden in menschlichem Sinne nicht beigelegt werden (z. B. empfangende Gerechtigkeit, Mitleiden). Seine Vorsehung ist nicht bloß eine allgemeine, sondern auch eine besondere; obwol dadurch nicht allen Dingen eine Nothwendigkeit auferlegt wird. Die Vorherbestimmung, welche von Ewigkeit her in Gottes Rathschluß stattfindet, hat ihren Grund nicht in den Handlungen des Erwählten oder Verworfenen. Sie erreicht gewiß und unfehlbar ihren Zweck, hat ihre Wirkung, legt aber doch keine Nothwendigkeit auf, so daß die Wirkung aus dieser hervorginge. Gott ist allmächtig in Bezug auf Thun, nicht auf Leiden, und seine Allmacht erstreckt sich auf alles Mögliche, nicht aber auf Unmögliches, in sich Widersprechendes. In ihm ist die höchste Seligkeit *).

 

Nachdem hierauf die Lehre von den drei Personen in der Gottheit, dann die Lehre von den Engeln, den Teufeln und der Schöpfung in bekannter Weise entwickelt worden, heißt es weiter: Gott erschafft aus Nichts. Die Ewigkeit der Welt ist möglich, aber nicht nothwendig. Ihr Anfang ist nicht zu erweisen, wol aber zu glauben **).

 

Die Seele ist kein Körper. Denn zu dem Wesen des Körpers gehört keineswegs das Leben, sonst müßte jeder Körper lebendig sein. Hätte der Geist etwas Körperliches an sich, so könnte er nicht alle Körper erkennen; doch besteht der Mensch aus Leib und Seele. — Man hat behauptet: so wie die Seele einen Anfang hat, hat sie,

____

*) Quaest. 20 – 26.
**) Quaest. 46.

 

 

____
540 Die Philosophie und die Philosophen

 

als vergänglich, auch ein Ende, und ihre Tätigkeit muß aufhören, sobald der Körper (dies unentbehrliche Werkzeug) zu Grunde geht. Zur Antwort: die Seele, dies intelligibele Princip des Menschen, kann als Kraft mit Thätigkeit durch sich selbst nicht zerstört werden. Zerstörung kann nur eintreten , wo ein Gegensatz (contrarietas) stattfindet, der feindlich aufeinanderwirkt; in der Seele gibt es aber keinen solchen, und was etwa so erscheint, ist nur ein Wissen und Erkennen von Gegensätzen. Hierzu kommt, daß jede Seele natürlich ihre stete Dauer wünscht, und ein solcher natürlicher Wunsch kann nicht leer sein. Die Seele entsteht keineswegs durch Zeugung, wie der Körper, unterliegt also nicht denselben Gesetzen, und von diesem getrennt, bleibt ihr eine andere Art der Erkenntnißweise. Durch die Seele überkommt der Körper das Leben, sie ist seine Form und die Wurzel seiner Thätigkeit *). Man muß also behaupten: die Seele sei nothwendig unzerstörbar **).

 

Es wird gesagt: die Zahl der Seelen vermehrt sich nicht nach Maaßgabe der Zahl der Körper; sonst würde auch eine gegenseitige Verminderung stattfinden; vielmehr gibt es nur einen Geist für alle Menschen, worauf zuletzt alle geistige Mittheilung und die Möglichkeit alles geistigen Verständnisses beruht. — Zur Antwort: ist die

_____

*) Quaest. 65 - 66.
**) Dicendum, quod necesse est omnino animam incorruptibilem esse. Opera XIV, S. 443. Und Anselm lehrte: Omnem animam sic creatam, ut possit et amare et contemnere summum bonum, immortalem esse oportet. Monol. Cap. 72.

 

 

____ 541

 

des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Seele die Form des Menschen, so kann sie nicht Allen gemein sein, ohne die Persönlichkeit zu vernichten, oder dieselbe auf ganz äußerliche Nebendinge hinabzubringen. Eben so wenig läßt sich die Sinnlichkeit als ein ganz gleichartiges, gemeinsames Geschäft bezeichnen. Die Seele ist die Form der Materie, und da diese theilbar ist, so gibt es viele Seelen derselben Art, welche nach Zerstörung der Körper in ihrem Wesen verharren. Das Gemeinsame der Erkenntniß und die Möglichkeit einer gemeinsamen Erkenntniß wird durch die Vielheit der Seelen einer Art nicht aufgehoben. Mag es aber auch einen oder viele Geister geben, so bleibt doch das zu Erkennende dasselbe.

 

Wäre die Seele mit dem Körper nur vereint als dessen Beweger, wäre sie nicht Form und bestimmte sie nicht das ganze Sein desselben, so könnte es neben der erkennenden noch eine sinnliche und vegetative geben. In Wahrheit übt eine Seele alle diese Tätigkeiten.

 

Man hat gefragt: ob die Verbindung der unverderblichen Seele mit dem verderblichen Körper nicht unpassend sei. Zur Antwort: die Seele gewinnt hierdurch die Organe sinnlicher Kenntniß, und durch Gottes Gnade ist gegen den Tod des Körpers ein Mittel gegeben.

 

Da keine einzelne Wirksamkeit der Seele ihre Substanz ausmacht und sie nicht immerwährend wirkt, so muß ihre Kraft (potentia) von ihrem Wesen und ihrer Substanz verschieden sein *). Oder vielmehr, es liegen in ihr verschiedene Kräfte, nach Maaßgabe der Gegenstände und Wirkungsarten. Sie sind nicht gleich an Würdigkeit, und die, welche allein in der Seele wurzeln, verbleiben

_____

*) Quaest. 67.

 

 

____
542 Die Philosophie und die Philosophen

 

ihr auch nach der Trennung von dem Körper; diejenigen, welche aus der Verbindung mit dem Körper hervorgehen bleiben hingegen nach dem Untergange desselben, nur der Fähigkeit und Möglichkeit nach.

 

Es gibt eine natürliche, unbedingte Nothwendigkeit (so z. B. daß die drei Winkel eines Dreiecks zweien rechten gleich sind); ferner eine Notwendigkeit des Mittels, um einen Zweck zu erreichen (was bisweilen auch Nutzen genannt wird), welche mit dem Willen zusammentrifft. Ferner eine Nothwendigkeit des Zwanges, im Widerspruche mit dem Willen. Von Natur will der Mensch vor Allem seine Seligkeit. Das, was nicht mit diesem Hauptzwecke zusammenfällt, oder doch wesentlich zusammenhängt, will der Mensch nicht aus Nothwendigkeit. Betrachtet man Erkennen und Wollen, an und für sich, so steht jenes seinem Gegenstande nach voran; doch kann auch dem letzten der Vorrang gebühren, sofern es sich insbesondere auf etwas Höheres richtet *).

 

Der freie Wille gehört nothwendig zum Wesen eines vernünftigen Menschen; es ist eine natürliche Kraft des Geistes vorhanden, vermöge welcher man sich zum Guten wie zum Bösen wenden kann.

 

Thomas gibt hierauf eine vollständige Theorie der menschlichen Erkenntniß, welche zugleich eine Prüfung der Platonischen Ideenlehre in sich schließt. Er leugnet, daß wir durch die Erfahrung und Kenntniß der körperlichen Dinge jemals zu einer vollkommenen Erkennniß der unkörperlichen Gegenstände gelangen können. Auch sei das Unkörperliche, oder Gott, nicht das Erste, was der

 

*) Quaest. 82 - 83.

 

 

____
543 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Mensch erkennt. — Die Seele ist von Gott erschaffen, gehört aber nicht zu seiner Substanz. Sie wird nicht früher erschaffen, als der Körper. Das Bild Gottes ist in jedem Menschen, sofern er sein Geschöpf ist; das Bild der Wiedergeburt aber nur in den Gerechten, und der Glorie in den Seligen *).

 

Alle Handlungen des vernünftigen, wollenden Menschen haben irgend einen Zweck, und alle Zwecke beziehen sich auf einen letzten und höchsten, nämlich Gott und die ewige Seligkeit. Die Menschen suchen diesen Zweck auf verschiedenen Wegen zu erreichen, oder halten Verschiedenes für den höchsten Zweck. Die Seligkeit des Menschen besteht nicht in Reichthum, Ehre, Macht oder körperlichen Genüssen. Um zur Seligkeit zu gelangen, ist der Seele die Vollkommenheit nöthig; diese vereint sich mit ihr und inhärirt ihr; aber das, worin die Seligkeit besteht und was beseligt, ist etwas außerhalb derselben. Die Ursache der Seligkeit ist unerschaffen, zur Seligkeit gehört aber auch Erschaffenes. Durch die bloßen Sinne kann der Mensch nicht zum unerschaffenen Guten gelangen, auch nicht durch ein bloßes Wollen, dessen Zweck außerhalb des Wollens liegt; mithin bezieht sich die Seligkeit vorzugsweise auf die erkennende Thätigkeit des Geistes, oder sie wurzelt vorzugsweise in der speculativen und nächstdem in der praktischen Thätigkeit. Doch gibt die Speculation, welche sich nicht über die Erkenntniß des Sinnlichen hinaus erstreckt, nie die volle Seligkeit. — Ohne rechten Willen kommt Niemand zur Seligkeit. Die höchste Seligkeit, welche im Schauen Gottes besteht, erlangt kein

____

*) Quaest. 90 – 93.

 

 

____
544 Die Philosophie und die Philosophen

 

Mensch durch natürliche Kräfte; sie wird von Gott verliehen. Durch seine eigene Natur ist nur Gott selig *). — Die leblosen Wesen bewegen sich nach einem nicht wahrgenommenen, die Thiere nach einem wahrgenommenen Zwecke; nur der vernünftige Mensch kann selbstthälig wegen eines Zweckes handeln **). In jedem Wesen kann nur so viel des Guten sein, als des Seins in ihm ist ***), deshalb ist nur in Gott, wie die Fülle (plenitudo) des Seins, so auch der Güte. Jedes Ueble oder Böse offenbart also auch einen Mangel des Seins, doch kann aus einer bösen Handlung mittelbar etwas Positives, Seiendes und Gutes hervorgehen. Die erste natürliche Güte entspringt aus der Form, dem Sein: die erste sittliche Güte aus der Materie, dem Gegenstande. Umstände und Verhältnisse (circumstantiae) gehören nun zwar nicht zum Wesen der Handlungen, doch bestimmt sich der Werth der letzten auch nach denselben und nicht bloß nach dem Gegenstande. Weiter kommt neben der natürlichen Güte, dem Gegenstande und den Verhältnissen auch der Zweck (finis) in Betrachtung, oder vielmehr die Absicht, als eigentlicher Gegenstand des innern Willens. Handlungen, welche gar Nichts in sich schließen, was sich auf die Vernunft bezieht, kann man gleichgültige nennen ****). Die Güte des Willens hängt ab von der Vernunft und von dem Gegenstände, und in der höchsten

____

*) Pars II. Sectio 1, Quaest. 1 – 5.
**) Stäudlin, Geschichte der Moralphilosophie S. 495 – 537.
***) Quaest. 18.
****) Quaest. 19.

 

 

____
545 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Stelle von dem ewigen Gesetze, das in Gott ist. Jedes Wollen, welches der richtigen oder irrenden Vernunft widerstreitet, ist böse; aber auch das mit der irrenden Vernunft zusammentreffende Wollen ist vom Uebel, sobald der Irrthum konnte und sollte vermieden werden. Güte des Willens, die sich auf einen Zweck bezieht, beruht auf der Absicht (intentio). Der Wille kann nie gut heißen, wenn die Absicht nichts taugt. Das Maaß der Güte folgt nicht immer der Quantität der guten Absicht; wol aber folgt das Maaß des Uebels der Quantität böser Absichten. Zuletzt hängt alle Güte des menschlichen Willens von seiner Uebereinstimmung mit dem göttlichen Willen ab, und eine Handlung ist gut, sofern sie mit den ewigen Gesetzen übereinstimmt. Gute und schlechte Handlungen sind nicht bloß in Bezug auf die Menschen, sondern auch vor Gott verdienstlich oder nicht verdienstlich (meritorii, vel demeritorii).

 

Sofern die Leidenschaften der Vernunft und dem Willen unterworfen sind, kann man sie in moralischer Beziehung gut oder schlecht nennen. Nur diejenigen Leidenschaften sind unmoralisch, welche der Vernunft widersprechen. Freude und Traurigkeit, Hoffnung und Furcht sind die vier Hauptleidenschaften der Seele *).

 

Da jede Tugend eine Uebung oder Angewöhnung (habitus) ist, wodurch der Mensch zum gut Handeln angetrieben und geschickt wird, so ist jede entweder intellectueller Art und bezieht sich auf den Geist und die Erkenntniß, ober moralischer Art und bezieht sich auf den

____

*) Quaest. 21 - 25.

 

 

____
546 Die Philosophie und die Philosophen

 

Trieb und die Neigungen (appetitus) *). Die moralische Tugend kann stattfinden ohne einige der geistigen Tugenden (z. B. ohne Weisheit, Wissenschaft und Kunst), aber nicht ohne Klugheit und ohne alle Einsicht. Umgekehrt können sich alle geistigen Vorzüge (mit Ausnahme der Klugheit) ohne moralische Tugenden vorfinden. Die moralische Tugend ist keine Leidenschaft, verträgt sich auch nicht mit den von der Vernunft gelöseten Leidenschaften; sie bezieht sich nicht ausschließlich auf die letzten. Es gibt vier Haupttugenden: Gerechtigkeit, Mäßigung, Klugheit (prudentia) und Tapferkeit. Außer diesen moralischen Tugenden für natürliche Zwecke sind dem Menschen nothwendig noch andere Tugenden eingeflößt (infusae), um einen übernatürlichen Zweck zu erreichen, welcher die menschliche Vernunft übersteigt. Diese theologischen Tugenden sind Glaube, Hoffnung und Liebe. In Bezug auf die Entstehung und Erzeugung, geht Glaube der Hoffnung und Hoffnung der Liebe voran; in Bezug auf Vollkommenheit ist die Liebe Wurzel und Form aller Tugenden. Die Natur gibt uns die Fähigkeit zur moralischen Tugend, aber damit nicht sogleich deren Vollendung. In noch höherem und unmittelbarerem Sinne wirkt Gott in uns durch die Gabe der theologischen Tugenden. Mit Recht sagt man, daß die moralische Tugend in einem Mittleren zwischen zwei Aeußersten, zweien Uebertreibungen bestehe. Betrachten wir unsere persönlichen Kräfte und Eigenschaften, so finden wir, daß zufällig (per accidens) auch die theologischen Tugenden in dieser Beziehung ein Maaß haben; an sich aber übersteigen sie alles Maaß. Der

____

*) Quaest. 58.

 

 

____
547 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Glaube bezieht sich auf die Wahrheit Gottes und regelt sich nach derselben, die Liebe auf seine Güte, die Hoffnung auf seine Macht und Milde. Niemand kann zu viel Gott lieben, zu viel glauben ober hoffen, von einem Uebermaaße also auf diesem Boden nicht die Rede sein. Die moralischen Tugenden sind, in ihrer Vollkommenheit gedacht, von einander unzertrennlich. Mit der Liebe werden dem Menschen auch die übrigen moralischen Tugenden eingeflößt; ebenfalls kann, ohne jene, Glaube und Hoffnung nicht zur Vollkommenheit gelangen. Wiederum kann die Liebe ohne Glauben und Hoffnung nicht Wurzel fassen.

 

An sich ist keine Tugend größer als die andere; wol aber kann in dem einzelnen Menschen eine mehr oder weniger hervortreten. Die Tugenden des Geistes (intellectuales) stehen nicht hinter den moralischen zurück; ja in Hinsicht auf den Gegenstand (dort die Vernunft, hier der Trieb) haben jene sogar den Vorrang. Die Weisheit, welche sich auf die Erkenntniß Gottes bezieht, ist die erste der geistigen Tugenden, und aus gleichem Grunde steht die Liebe den übrigen theologischen Tugenden voran, weil sie Gotte näher ist als Glaube und Hoffnung *).

 

Dem Wesen nach werden die moralischen und geistigen Tugenden dem Menschen auch in jener Welt verbleiben. Glaube und Hoffnung müssen sich alsdann umgestalten und in vieler Beziehung verschwinden, nur die Liebe bleibt (sofern sie nichts Unvollkommenes in sich trägt) auch den Seligen.

 

Die Tugenden, bei welchen der Mensch dem Gebote

____

*) Quaest. 61 - 66.

 

 

____
548 Die Philosophie und die Philosophen

 

und Antriebe seiner Vernunft folgt, sind verschieden von den Gaben (dona) des heiligen Geistes, welche den Menschen in anderer Weise bestimmen *). Bei den Tugend geht man immer von der Mehrheit zur Einheit, bei den Lastern von der Einheit zur Mehrheit. Unüberwindliche Unwissenheit ist keine Sünde, wol aber Unwissenheit dessen, was man wissen könnte und sollte. Gott ist niemals Urheber der Sünde, doch beharrt der Mensch in der Verblendung, sofern ihm Gott seine Gnade vorenthält. Der Teufel zwingt Niemanden zum Sündigen. Durch Adam‘s Sünde ist die menschliche Natur angesteckt worden. Nur wegen derjenigen Sünden, welche der Liebe zuwiderlaufen (caritati), tritt eine ewige Strafe ein. Jede Strafe bezieht sich auf eine Schuld. Das Gesetz ist Sache der Vernunft **).

 

Jedes Gesetz muß sich auf das allgemeine Beste beziehen, deshalb kann kein Einzelner es geben, sondern das ganze Volk, oder derjenige, oder diejenigen, welche dessen Stelle vertreten. Das ewige, weltregierende Gesetz ist in Gott; es gibt aber für die Menschen auch ein natürliches Gesetz, welches an dem göttlichen Theil hat und wornach jene Gutes und Böses unterscheiden. Durch menschliche Gesetze wird nach dem Gesetze der Natur das Einzelne angeordnet. Außer den natürlichen und menschlichen Gesetzen war endlich ein göttliches nothwendig, wodurch des Menschen übernatürliche Bestimmung, die ewige Seligkeit, geordnet und unfehlbar erreicht wird. Alle

____

*) Quaest. 68.

**) Quaest. 76 - 87.

 

 

____
549 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

natürlichen Gesetze beziehen sich zuletzt darauf, das Böse zu meiden und das Gute zu erreichen; sie erlauben jedoch Abänderungen und Verschiedenheiten, nach Maaßgabe der Zeiten und Völker. Nur sollen jene nicht leichtsinnig und nur dann vorgenommen werden, wenn wahrer und allgemeiner Gewinn daraus hervorgeht *).

 

Nachdem Thomas hierauf eine Entwickelung und Beurtheilung der gesammten alttestamentarischen Gesetzgebung gegeben hat, fahrt er fort:

 

Das Gesetz des neuen Bundes ist hauptsächlich die Gnade des heiligen Geistes, eingeschrieben in die Herzen der Gläubigen; nächstdem (secundarie) aber das geschriebene Gesetz, welches das enthält, was zur Gnade vorbereitet und sich auf ihren Gebrauch bezieht. Nicht was geschrieben stehet, rechtfertigt den Menschen, sondern dies thut die Gnade des heiligen Geistes. Das neue Gesetz des heiligen Geistes konnte erst eintreten, nachdem Christus die Sünde hinweggenommen hatte; es wird, als vollkommen, dauern bis ans Ende der Welt **). Im alten Bunde sind die Gesetze des neuen Bundes bildlich, verdeckt vorhanden, etwa wie der Baum im Samen. Das alte Gesetz ist härter als das neue durch die Menge äußerer Vorschriften; das neue strenger durch die Forderung der Beherrschung aller Gemüthsbewegungen. Das neue Gesetz ist das der wahren Freiheit und führt am sichersten und schnellsten zur ewigen Seligkeit. Durch natürliche Kräfte kann der Mensch natürliche Wahrheiten erkennen,

____

*) Quaest. 90 - 96.

**) Quaest. 106 - 107.

 

 

____
550 Die Philosophie und die Philosophen

 

Gutes erkennen und vollbringen; aber es fehlt ihm die höchste Triebfeder alles Handelns in höchster Verklärung, das heißt die Liebe; auch kann er ohne Gottes Gnade das ewige Leben nicht verdienen, oder erwerben, oder den durch die Sünde erlittenen Verlust ersetzen *).

 

In der zweiten Hälfte des zweiten Theiles handelt Thomas von den drei theologischen und den vier Cardinaltugenden, ihren Gegensätzen, den außerordentlichen Gaben Gottes, den Lebensarten und den Pflichten der Menschen (status et officia). Der formale Gegenstand des Glaubens ist die Wahrheit selbst, den materiellen Inhalt bildet das, was (der göttlichen Offenbarung halber) geglaubt wird. Die Erklärung und Feststellung der Glaubenslehren gegen einbrechende Irrthümer ist nothwendig, und vorzugsweise ein Geschäft des Papstes. Ihm sieht es auch zu Kirchenversammlungen zu berufen und deren Schlüsse zu bestätigen. Der Glaube entsteht durch die Gnade Gottes und nicht aus uns selbst. Da der Mensch mittelst seines natürlichen Lichtes gewisse Dinge nicht erkennen und durchdringen kann, so bedurfte er einer übernatürlichen Erleuchtung, welche man die Gabe des Geistes (donum intellectus) nennt. Sie ist vorzugsweise speculativ, richtet sich auf das Erkennen, und steht in Verbindung mit der Gnade und dem Glauben. Wissenschaft bezieht sich vorzugsweise auf menschliche, Weisheit auf göttliche Dinge.

 

Unglaube, negativ betrachtet, ist mehr eine Strafe als eine Sünde; positiv als Widerstand gegen den Glauben und als Trennung von Gott betrachtet, hingegen die

____

*) Quaest. 108, 109.

 

 

____
551 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

schwerste Sünde. Obgleich der Irrthum der Juden geringer ist, als der der Heiden, und das Irren der Ketzer minder umfassend als das der Juden, so sind die Juden als Misdeuter der eingehüllten Wahrheit schlimmer als die Heiden, und die Ketzer als Verderber der vollen Wahrheit sträflicher als die Juden. Heiden und Juden sollen nicht zum Glauben gezwungen weiden; Ketzer und Abtrünnige aber zur Erfüllung dessen, was sie versprochen haben. Auch Kinder der Ungläubigen sollen nicht wider Willen der Aeltern getauft werden; denn dies widerspricht der natürlichen Gerechtigkeit und könnte den Glauben in Gefahr bringen *). Ketzer, welche nach der zweiten Aufforderung nicht zum wahren Glauben zurückkehren, sind zu bannen und der weltlichen Gewalt zur Bestrafung, selbst mit dem Tode, zu übergeben; denn es ist ein viel größeres Verbrechen, den Glauben zu verfälschen, wovon das Leben der Seele abhängt, als falsche Münze zu schlagen, was blos den zeitlichen Verkehr stört. Abfall des Herrschers vom christlichen Glauben löset die Pflichten der Unterthanen **).

 

Seine Ansichten über Staat und Politik hat Thomas in zwei Schriften niedergelegt: von der Herrschaft und von der Erziehung der Fürsten. Doch bleibt es sehr zweifelhaft, ob und in wie weit die erste von ihm herrührt, denn Thomas starb 1274 und Buch III, C. 19 ist vom Tode Adolfs von Nassau die Rede, der 1298 umkam. Doch bleibt der Inhalt beider Schriften lehrreich, weßhalb ich folgende Auszüge mittheile: Weil nicht jeder einzelne Mensch

_____

*) Pars II. Quaest. 1 – 12.
**) Quaest. 12, 57. 182.

 

 

____
552 Die Philosophie und die Philosophen

 

(wie etwa das Thier) Alles selbst erreichen, lernen, ausüben kann, was in den Kreis menschlicher Thätigkeit und Bestimmung fällt, so muß Einer dem Andern helfen, jeder aber eine besondere angemessene Bahn einschlagen *). Damit aber dies Zerstreute, Auseinandergehende sich nicht ganz auflöse und verflüchtige, ist eine zusammenhaltende, das Gemeinsame hervorhebende Kraft und Leitung nothwendig. Dies erkennen wir an dem Baue und dem Zusammenhange des Weltalls, den verschiedenen Gliedern des Leibes und den Kräften der Seele. Der Einzelne gedenkt vorzugsweise seines eigenen Vortheils; die unentbehrliche heilsame Regierung bedenkt hingegen und bezweckt gleichmäßig den Vortheil Aller. Geschieht dies nicht, so wirkt sie tyrannisch und unheilbringend, mag nun die Gewalt in der Hand eines Menschen, oder Etlicher, oder Aller ruhen.

 

Der Hauptzweck aller geselligen Verbindung, nämlich Friede und Eintracht, läßt sich besser durch die Herrschaft eines, als vieler Menschen erreichen. So herrscht ein Herz über die Glieder des Leibes, eine Vernunft über die Kräfte des Geistes, ein Gott über die Welt. Wenn aber die Herrschaft eines Einzelnen, sobald sie trefflich ist, als die beste Regierungsform erscheint; so ist umgekehrt die Tyrannei eines Einzelnen, aus ähnlichen Gründen, die schlechteste und schädlichste. Daher verjagten die Römer ihre Könige und bewirkten im Gefühl für das Gemeinsame und durch Thätigkeit für das Oeffentliche erstaunenswürdige Dinge. Jede Mehrherrschaft ist aber der

____

*) De regimine principum opera, edit. Rom. Vol. XVII. S. 160. Lib. I.

 

 

____
553 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Ausartung ebenfalls ausgesetzt und endet fast immer in Tyrannei.

 

Man soll Mittel auffinden, wie man die Ausartung der Monarchie in Tyrannei verhindere, ober diese zur Gerechtigkeit zurückbringe; wobei man aber nicht leichtsinnig verfahren, und lieber Manches ertragen, als sich der Gefahr aussetzen muß, durch unpassende Gegenmittel, oder übertriebenen Argwohn, den Tyrannen noch mehr aufzureizen, in ärgeres Verfahren hineinzudrängen, oder ihm einen noch abscheulicheren Nachfolger zu geben. Jedenfalls sind gottlose Mittel gegen Tyrannen, z. B. Mord, durch Christi Lehre verboten; man soll lieber Unrecht leiden, als Unrecht thun, wie die Beispiele echter Märtyrer lehren.

 

In der Regel taugen die Einzelnen, welche sich mit Tyrannenmord befassen, selbst nichts, und ohne Zweifel ist es besser gesetzliche, formale Mittel dagegen aufzustellen und anzuwenden. Nicht Anmaßung der Einzelnen, sondern eine öffentliche Autorität soll dafür wirksam werden.

 

Hat das Volk hierbei ein gesetzliches Anrecht der Wahl oder Einsetzung, so braucht es dem Tyrannen, der seine Pflichten nicht erfüllt, auch die Gegenversprechungen nicht zu halten, sondern kann ihn absetzen. So geschah es dem Tarquinius, dem Domitian. Findet sich gar kein menschliches Mittel gegen einen Tyrannen, so muß man Gott vertrauen und zunächst die eigene Schuld und Sünde vertilgen, damit die Plage und Strafe der Tyrannei durch Gott aufgehoben werde.

 

Ruhm und Ehre ist weder der alleinige Lohn, noch der ausschließlich angemessene Zweck des Herrschers; vielmehr müssen die Könige ihren wahren und höchsten Lohn von Gott erwarten. Je größer Thätigkeit, Tugend und

____

Hist. Taschenbuch. Neue F. I.

 

 

____
554 Die Philosophie und die Philosophen

 

Verdienst, desto größer der Lohn und die künftige Seligkeit. Eine Tyrannei, welche der Menge verhaßt ist, kann nicht lange dauern; denn Furcht gewährt nur einen sehr schwachen Schutz, ja sie führt oft zur rücksichtslosen Verzweiflung. Gute Könige finden schon auf Erden reichlichen irdischen, sowie inneren Lohn, Tyrannen hingegen die verdiente Strafe. Der König soll seinem Reiche vorstehen, wie die Seele dem Körper und Gott der Welt.

 

Die geistliche Leitung, die Führung zum Himmel und zur Seligkeit ist nicht den Königen, sondern den Priestern und insbesondere dem Papste anvertraut, welchem also die weltlichen Herrscher untergeben sind. Umgekehrt war das heidnische Priesterthum dem Staate unterthan, weil es nur Irdisches und Zeitliches bezweckte.

 

Bei Gründung eines Staats ist wesentlich zu berücksichtigen *): gemäßigtes und gesundes Klima, Sicherheit, Fruchtbarkeit, Tauglichkeit zum Handel u. f. w. Kaufleute kann man aus einem Staate nicht ganz ausschließen, da es kein Land gibt, welches alle Gegenstände des Bedarfs und Verbrauchs selbst erzeugte, oder entbehrliche Dinge nicht zur Ausfuhr darböte. Der Herrscher bedarf zum guten Regieren eines bedeutenden eigenen Reichthums, damit nicht alles Erforderliche von den Unterthanen genommen werden müsse; eben so bedarf er eines Schatzes für ungewöhnliche Ausgaben.

 

Eine despotische Regierung, welche nur das Verhältniß von Herren und Knechten übrig läßt, ist verwerflich. In jedem Staate sind Beamte nothwendig, welche wie Glieder zum Haupte passen müssen. Bloß für Geld an

____
*) Lib. II.

 

 

____
555 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

angenommenen Beamten (mercenarii) liegt selten das allgemeine Wohl genügend am Herzen; für Lebenszeit, oder selbst für ihre Nachkommen verpflichtete Beamte (Grafen, Barone, Lehnsleute) sind davon verschieden. Festungen, gute Straßen, richtige Münzen, Maaß und Gewicht, Armenwesen, Gottesdienst u. s. w. sind Gegenstände der Sorgfalt und Aufmerksamkeit einer jeden Regierung.

 

So wie alle Dinge von einer ersten Ursache abhängen, so Regierung und Herrschaft zuletzt von Gott *). Es gibt viele Abstufungen der Herrschaft, von der über Thiere und natürliche Dinge aufwärts, bis zu der des Papstes, welche zugleich eine königliche und priesterliche ist, und jeder anderen weltlichen und geistlichen Herrschaft voransteht. Alle Herrscher sollen dem göttlichen Geiste nachfolgen, welcher erhält und beglückt. Wer hiervon abweicht, ist ein Tyrann, und sorgt schlecht zugleich für sich und seine Völker.

 

Weil die griechischen Kaiser die Kirche nicht gebührend schützten, übertrug der Papst seinem Rechte gemäß jene Würde auf die deutschen, und diese Einrichtung wird dauern, so lange sie der römischen Kirche für das Wohl der Christenheit nützlich erscheint.

 

In der zweiten Schrift von der Erziehung oder Belehrung der Fürsten **) heißt es: Ursprünglich waren die Menschen gleich und auf die Herrschaft über Fische, Vögel und andere Thiere angewiesen. Herrschaft der Menschen über Menschen ist nicht eine Sache der Natur, sondern

____

*) Lib. III.
**) De erudione principum, ed. Rom. XVII. S. 226.

 

 

____
556 Die Philosophie und die Philosophen

eine Folge der Schuld. Sie soll mehr gefürchtet als begehrt werden; obgleich man sie bisweilen nach Gottes anordnung und zum Nutze des Volkes übernehmen mag. Sie ist oft von kurzer Dauer, mehr ein Dienst als eine Oberleitung, gefahrvoll und lästig. Ein Herrscher erscheint zuletzt weniger frei, als seine Unterthanen: denn er soll Vielen, diese nur Einem dienen. Vor Allem thut ihm die Weisheit noth, da bloße Macht nicht zum Ziele führt, ja ohne löblichen Gebrauch zerstörend wirkt.

 

Ueber den Adel sind viele Irrthümer im Schwange. Niemand ist adelig um der Trefflichkeit seines Körpers willen, wenn sein Geist unadelig erscheint. Niemand ist adelig durch einen Andern, sowenig als er durch einen Andern weise sein kann. Niemand ist adelig durch Abkunft, denn von Adam her sind alle Menschen gleich adelig oder unadelig. Wir lesen nicht, daß Gott einen Menschen aus Silber erschaffen habe, von dem die Adeligen abstammten; und einen zweiten aus Koth, von dem die Unadeligen abstammten; alle Abkommen adams sind Brüder. Wol aber können von demselben Stamme gute und schlechte Früchte kommen; jene mögen dann adelig, diese unadelig heißen. Wäre Alles adelig, was von einem Adeligen ausgeht, so müßten auch Läuse und andere Ueberflüssigkeiten, die von ihnen ausgehen, adelig heißen. Nur der ist adeliger als ein Anderer, dessen Geist sich tüchtiger und zu allem Guten geeigneter erweiset. Wer seinem Leibe, seinen Lüsten und Leidenschaften dient, ist in Wahrheit ein Leibeigener, der echte Adelige dient Gott und seinen Nebenmenschen, ist fromm und milde, herablassend und freigebig, und gedenkt mehr des Geistigen und Himmlischen, als des Leiblichen und Irdischen.

 

 

____
557 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Es ist merkwürdig, daß in diesen politischen Schriften die Verschiedenheit des heidnischen und christlichen Priesterthums zwar nachgewiesen und das umfassende Recht des Papstes anerkannt ist, die übrigen Abstufungen und Organisationen der hierarchischen Welt aber mit Stillschweigen übergangen werden. Man könnte hierin vielleicht, neben dem Vorwalten des Monarchismus in jener Zeit, auch schon eine Hinneigung der Bettelmönchsorden zum Demokratischen erkennen. Unverkennbar spricht sich dieselbe wenigstens in der Betrachtung der Adelsverhältnisse aus. So reich sich dieselben im 12. und 13. Jahrhunderte auch ausgebildet hatten, so mächtig sie sich auch in vielen Abstufungen geltend machten, wird doch der Geburtsadel und seine politische Stellung verworfen, und nur dem Adel des Verdienstes Werth und Wahrheit beigelegt. Ein Beweis, daß diese Ansichten nicht erst (wie Manche wähnen) durch die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts in die Welt gekommen sind.

 

12) Johann Bonaventura.

Er war 1221 geboren zu Bagnarea im Florentinischen, stieg im Franciskanerorden bis zum General, ward Carbinalbischof und starb 1274 *). So wie Thomas von Aquino in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts Haupt der Dogmatiker war, so Bonaventura Haupt der ihnen oft entgegentretenden Mystiker. Ihm ist das theoretische Wissen dem Zwecke sittlicher Bildung untergeordnet, und er betrachtet die Liebe Gottes als das höchste Ziel aller vernünftigen Wesen. Die Seligkeit (so heißt es in seinem Wegweiser zu Gott)

____

*) Tirab. IV, 125. Ueber seine Verdienste im Orten s. Geschichte der Hohenst. III, 620.

 

 

____
558 Die Philosophie und die Philosophen

 

ist nichts Anderes als der Genuß des höchsten Gutes *). Da aber das höchste Gut über jedem ist, so kann er nur selig werden, wenn er auf geistige Weise über sich selbst hinaufsteigt. Niemand aber kann sich über sich selbst erheben, ohne eine höhere Kraft, ohne Beistand Gottes. Das Gebet ist die Vorbereitung zur Erhebung durch Gott, das Mittel um auf den rechten Weg zu kommen. Dann folgen drei Stufen der Erhebung: die erste ist die Betrachtung des Einzelnen, Aeußerlichen, Körperlichen und der sich hier offenbarenden Spuren der Gottheit; die zweite ist die Betrachtung unseres, nach dem Bilde Gottes erschaffenen Geistes; die dritte ist die Betrachtung der göttlichen Natur selbst. Aehnliches gibt die Betrachtung des Körperlichen, Geistigen und Göttlichen in Christus; ähnlich ist die dreifache Ansicht der Theologie. Die sinnbildliche bezieht sich auf das Sinnliche; die eigenthümliche (propria) auf die Erkenntniß (recte intelligibilia); die mystische erhebt zu dem Uebermenschlichen. So zeigt die erste Betrachtung der Dinge nur Maaß, Gewicht, Zahl; eine höhere bedenkt Anfang, Fortschritt und Ende; nach der dritten scheint Einiges nur zu sein, Anderes zu sein und zu leben, noch Höheres zu sein, zu leben und zu erkennen. — Alle Erinnerung und Gedächtniß ist nur ein zerstückter Abschein aus dem ewigen Sein, alles Erkennen nur möglich durch das Beziehen auf die ewige Wahrheit, alle Freiheit und Wahl begründet in dem Urguten und nur möglich in Beziehung auf dasselbe. Erkenntniß ist die Tochter des Gedächtnisses, und aus beiden entspringt die Liebe. — Das Licht der Natur und erlernter

____

*) Opera VII, 125.

 

 

____
559 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Wissenschaft gab die erste Leitung: allein das eigene Innere mit Licht zu durchdringen , sich selbst zu durchschauen und zu verklären, das ist erst möglich durch Glaube, Liebe und Hoffnung, durch Christus, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wer die Spuren der Gottheit in der Welt erkennt, steht in der Vorhalle; wer ihr Ebenbild in sich erkennt, steht im Tempel; wer durch höhere Erleuchtung Gott erkennt, steht im Allerheiligsten. Das Sein in Gott erkennen ist der niedere Grad, die Güte in ihm erkennen, der höhere; deshalb heißt es bei Moses: ich bin der ich bin; Christus aber sagt: Niemand ist gut, als der alleinige Gott.

 

Die menschliche Seele ist von Gott mit Unsterblichkeit begabt *); unvernünftige Seelen waren von Anfang an sterblich. Vernunft und Wille, oder Geist und Begier (affectus) sind verschiedene, aber nicht ihrem Wesen nach verschiedene Kräfte. Der freie Wille bezieht sich auf beides.

 

Auch eine Art speculativer Naturphilosophie findet sich bei Bonaventura: z. B. über die Natur des Lichtes, ob es körperlich und ein Ausfließen desselben anzunehmen sei **)? Ueber die Gestalt des Himmels, die Bestandtheile der thierischen Körper, die Gleichheit oder Verschiedenheit der Seele. Ueber Physiologie und Psychologie u. s. w.

 

13. Raymundus Lullus,

geboren 1234 auf der Insel Majorka, ward nach einem wilden Leben plötzlich belehrt und ein Schwärmer, besonders für die Bekehrung

____

*) Comment. in libr. Sentent. II, Diss. 19, 24.

**) Lib. II, Diss. 13 - 15.

 

 

____
560 Die Philosophie und die Philosophen

 

der Ungläubigen. Auffallend ist es, daß ein, freilich im ganzen unwissender, Schwärmer auf das äußerlichste und bloß mechanische Mittel verfiel, Kenntnisse zu erzeugen und zu mehren. Unter allen Werken Raimunds ist nämlich keines berühmter geworden, hat mehr Erklärer und Verehrer gefunden, als die nach ihm benannte große lullianische Kunst. Sie war ihrem Erfinder die Wurzel, der Grund, der Inbegriff alles Wissens; mit ihr sollten alle nur möglichen Gedanken, Ansichten, Ideenverbindungen vollkommen verzeichnet und auf dem Wege der Form an die Hand gegeben sein. Die Grundlage der lullianischen Kunst ist das nebenstehende Alphabet, wobei Raimund voraussetzt: daß die in der Tafel aufgestellten Fragen , Tugenden u. s. w. den Kreis des Einfachen erschöpfen und durch die mannichfachsten Verbindungen derselben, jede Idee u. s. w. zur Sprache gebracht werden müsse. Außer den Verbindungen, welche die Tafel selbst durch das Anreihen nach verschiedenen Richtungen ergibt, werden die meisten dadurch herbeigeführt, daß man die Buchstaben als Zeichen der Subjekte, Prädikate u. s. w. betrachtet. Dann verknüpft z. B. eine Tafel zwei und zwei Buchstaben BC, CD u. s. w., eine andere drei Buchstaben und so fort. Endlich wurden die Buchstaben auf dem Umfange eines unbeweglichen Kreises verzeichnet; innerhalb desselben bewegte sich ein zweiter auf gleiche Weise bezeichneter, wodurch die Buchstaben in die verschiedenartigste Verbindung kamen. Diese Verbindung , nach dem ausgedrückt, was die Buchstaben bezeichnen, gab Sätze wie die folgenden: die Güte ist groß, die Güte ist verschieden, die Güte ist übereinstimmend, oder: was ist große Güte, wo ist große Güte u. s. w. — Allerdings bringt dies

 

 

____
561 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

A

B

C

D

E

F

G

H

I

K

Prädikate Absolute

Güte

Größe

Ewigkeit (Dauer)

Macht

Weisheit

Wille

Tugend

Wahr-
heit

Ruhm

Prädikate
T Relationen

Verschie-denheit

Ueber-einstim-mung

Ent-
gegen-setzung

Ursprung

Mitte

Ende

Größe
majori-
tas

Gleich-
heit

Kleinheit
minoritas

Q Fragen

Ob
utrum

Was

Woher

Warum

Wieviel

Wie
quale

Wann

Wo

Auf welche
Weise
Womit

S Subjekte

Gott

Engel

Himmel

Mensch

Vorstel-lung

Empfin-
dung

Princip
d. Pflan-
zenreichs

Das Ele-
mentari-sche

Das Vermit-
telnde (Instru-
ment, Auge)

V Tugenden

Gerech-tigkeit

Klugheit

Tapfer-
keit

Mäßig-
keit

Glaube

Hoff-
nung

Liebe

Geduld

Frömmigkeit

W Laster

Geiz

Gefrä-ßigkeit

Wollust

Stolz

Verzagt-heit

Neid

Zorn

Lüge

Unbeständigkeit

 

 

____
562 Die Philosophie und die Philosophen

 

Verfahren eine erstaunliche Menge Sätze zum Vorschein, allein diese ohne Urtheil übereinandergestapelte, mechanisch erzeugte Menge erscheint um so unbrauchbarer und verwirrender, da die Bestandtheile des Alphabets mit loser Willkür nebeneinander gestellt sind, keineswegs das wahrhaft Einfache oder die höchsten Grundsätze enthalten, oder mit sinnvoller Kunst in eine ihrer Natur angemessene Wechselwirkung gebracht werden.

 

Raimund schrieb eine Rhetorik, welche nicht bloß Regeln für bestimmte Arten der Reden, sondern (weil über Alles geredet werden könne und solle) zum größern Theil eine Art von tabellischer Encyklopädie enthielt. Wie oberflächlich und unzureichend diese aber ist, zeigen folgende Beispiele. Die Tugend des Mannes, so heißt es daselbst, ist, in seinen Geschäften fleißig zu sein und Vorsicht zu gebrauchen; die Tugend der Frau, die häuslichen Angelegenheiten zu besorgen; die des Knaben, bescheiden zu sein und gute Anlagen zu zeigen; des Alten, im Rache durch guten Rath zu gelten. — Die bürgerliche Philosophie begreift drei Theile, sowie drei richtige und drei verderbte Arten. Der erste Theil bezieht sich auf die Vernunft, daher entstehen Philosophen; der zweite auf den Zorn, daher Soldaten; der dritte auf die Begierde (cupiditas), daher Handwerker. Die drei richtigen Arten sind: Monarchie, Aristokratie, Republik; die drei ausgearteten: Tyrannei, Oligarchie, Demokratie. Aus den Philosophen durch die Vernunft werden Bürgermeister, Rathsherrn, Magistratspersonen, Priester und Richter. Die Wissenschaft der letzten theilt sich in sieben Theile: Herkommen, Gerichte, Sachen, Hypotheken, Testamente, Besitz, Verträge. — Am Schlusse seiner Rhetorik gibt Raimund eine

 

____
563 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Rede, welche ihm nach Form und Inhalt für ein Muster gilt und zwar über den Satz: die Accidenzen machen aus einen großen Theil von dem, was etwas ist! Anziehender als Proben aus derselben dürfte es sein, das Wesentliche seiner Schrift: die Principien der Philosophie, mitzutheilen *).

 

Auf grüner Wiese , unter einem dichtbelaubten Baume, der von tausend Stimmen der Vögel ertönte, fand ich die Philosophie mit ihren zwölf Begleiterinnen, durch welche sie besteht, ohne welche sie nicht ist. Sie klagte, daß falscher Wahn sie für eine Feindin der Theologie ausgebe, und forderte ihre Begleiterinnen auf, nach der Reihe zu sprechen. Da hub die erste an: ich bin Forma, die Gestaltende, ursprünglich, ohne Bedingung und Schranke. Ich gebe den Dingen das Sein und bilde mit der Materie die eine, allgemeine Substanz des Universums. In mir ruht, durch mich besteht jedes Einzelne. Die Güte, Größe, Dauer, Macht, Wahrheit u. s. w. sind einzelne Strahlen, in denen sich mein Wesen abspiegelt. Nichts ist vergänglich an mir; was so erscheint, ist Wechsel und neue Bildung im Einzelnen durch neue Erzeugung. Ich bin die Gottähnliche, denn Gott ist das Gestaltende, Wirkende, nicht das Leidende. — Ich bin das Leidende, sprach Materia, die zweite Begleiterin. Unbedingt unterwerfe ich mich dem Urquelle alles Bildens, dem Gotte, dessen Werk ich schlechthin bin. Dadurch werde ich überall theilhaft der Größe, der Güte, der Vollkommenheit. Mein

____

*) In unserer Darstellung haben wir nur den Umfang verkürzt, und die Form zu verbessern gesucht; nicht aber am wesentlichen Inhalte etwas geändert.

 

 

____
564 Die Philosophie und die Philosophen

 

Wesen vereinigt sich mit dem Gestaltenden zu einer Substanz, die unvergänglich und ewig ist. — Die drirtte hub an: ich heiße die Zeugende. Aus dem Ursprünglichen, Einen, erscheint durch mich alles einzelne Dasein auf dreifache Weise. Zuerst bin ich der Kraft nach vorhanden in der Substanz; dann trete ich durch die Kraft hervor in die Wirklichkeit; dann erhalte, nähre und vermehre ich das Wirkliche. Der Zeugenden stehe ich entgegen, sprach die vierte, die Zerstörende: denn durch mich ist der Uebergang von allem Dasein zum Nichtsein, und dreifach bin auch ich vorhanden. Ruhend der Kraft nach schon im Samen, hervortretend bei Abnahme jeglicher Lebenskraft, siegreich beim Dahinsterben. Und wie die Zeugende neu belebt und hinwegführt zu einzelnem Dasein, so führe ich zurück zu dem großen Einen. Wechselnd erscheint Leben und Tod, feindlich wider einander gestellt: wer aber unsere Herrin recht erkennt, wird einsehen, wie wir beide ihre Begleiterinnen sein können und müssen. — Ich bin die Elementarische, sagte die fünfte: vierfach ist meine Gestalt, aber tausendfach wechseln und verknüpfen sich diese Grundbildungen. Das Feuer dringt zum Wasser, es erwärmt, es verdampft, in Wolken trägt es die Luft, auf die Erde stürzt es hinab zu neuem Vereine. — Durch mich, die Pflanzenbelebende, wird den Pflanzen die Seele eingehaucht; beim stillen Hinscheiden der einen trage ich sie freundlich zur andern. Wie möchte eine auch nur ganz vergehen, da aller Leben in mir ruht, und ich sie liebe und durch ihr Dasein wiederum nur selbst bin. Eines allein vermag ich anzunehmen von den unendlich reichen, ältern Schwestern, eines zu bilden, zu leiten: aber ich weiß in stillem Frieden, daß in der Wurzel alles Seins,

 

 

____
565 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

aus der auch ich entspringe, daß in Gott gleich groß ist das unendliche Dasein, das unendliche Denken *). —

Sensitiva bin ich, sprach die siebente, durch mich entsteht alles Empfinden, aber es spaltet sich aus einem Mittelpunkte in viele Strahlen, damit man sehe, höre, rieche, schmecke, fühle. Leiden und Thätigkeit sind immer in mir zu einer ruhigen Wirkung vereint. — Ich gehe aus von der Schwester Sensitiva, sprach die achte, und kann mich nie ganz von ihr trennen: Imaginativa ist mein Name. Auch in mir wohnen ursprüngliche Kräfte, ja ich stehe höher als Sensitiva: denn ohne Bande und Einschränkung gestalte ich das von ihr Gegebene, verknüpfe Getrenntes, löse Vereintes und bin so der Schwester Forma, sie der Materia ähnlich. — Ich bin die Bewegende, die neunte der Begleiterinnen, überall verbreitet und wenn auch nicht immer erscheinend, doch der Kraft nach vorhanden. Jede einzelne Bewegung gehört zu mir, bezieht sich auf mein einiges Wesen, sie sei im Elemente, der Pflanze, im Empfinden, in der Phantasie. Ich erscheine bewegend und bewegt: das Schiff wird vom Winde durch die Fluthen getrieben, es scheint selbst ruhig, im Schiffe bewegt sich die Mannschaft, der Steuermann gedenkt, wie er lenken möge, er fürchtet Gefahr, er hofft Rettung. Ueberall bin ich, unter vielfacher Gestalt. — Wenn ich mich, sprach die zehnte, zu den Schwestern geselle, welche im Menschen als körperliche Kräfte wirken, so geht erst ein höheres Ganzes hervor: denn ich bin die Geistige, Wissende, Verstehende, unmittelbar entsprossen aus

____

*) Est in tanto magnus per suum intelligere, quantum est magnus per suum existere. Vergleiche Spinozas Lehre.

 

____
566 Die Philosophie und die Philosophen

 

göttlichem Wesen. Alles Geistige, Wissende, gehört zu einem einzigen Geistigen, Allwissenden: die Spaltungen entstehen scheinbar durch Vereinigung des einzelnen Geistigen mit einzelnen Körpern, damit so die tiefere Wurzel in mannichfachen Zweigen desto herrlicher erkannt werde. Meinem Wesen nach würde ich ohne Fehl erkennen: da ich aber nur ein Theil des Menschen, nicht seine unbedingte Herrscherin bin, so werde ich von ihm gelenkt und getrieben. Wo ich nicht zum Erkennen hindurchdringen, die Zweifel nicht ganz zu lösen vermag, da wähle ich den Glauben; doch ist dieser nur zufällig in mir, das Wissen hingegen meine eigenste Natur. Richte ich meine Kraft und Thätigkeit auf Gegenstände, die Sensitiva oder Imaginativa mir bieten, so entsteht nur niederes Wissen von mechanischem und künstlerischem Bemühen, von sittlichem und unsittlichem Thun: das wahre höchste Wissen ist aber die Erkenntniß Gottes, und obgleich ich ihn nicht ganz zu erkennen vermag, da er unendlich ist und Alles in sich faßt, so kann und will ich doch ihm immer mehr angehören, da ich von ihm bin und nur durch ihn. — Sowie meine Schwester zweifaches Wissen bildete, so ich, die Wollende, zweifaches Wollen: einmal geleitet durch Sinn und Einbildungskraft, zum Frommen oder auch zum Schaden des Körpers, dem ich inwohne; dann gerichtet zum höchsten Zwecke, zur himmlischen Liebe. Bald beherrsche ich die Erkennende, daß sie den gewünschten Gegenstand mir darstelle; bald bin ich wiederum durch sie bestimmt. Wenn wir beide in Eintracht dem höchsten Gute nachstreben, ist es schon offenbart. Die Erkennende kann in Trägheit versinken, nicht aber gleich mir sich zum Bösen wenden, wozu ich als Dienerin des Menschen oft

 

 

____
567 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

gezwungen bin, weil dessen freie Wahl der göttlichen Gerechtigkeit erst den Weg zur Beseligung oder zur Strafe eröffnet. — Zu der Erkennenden und Wollenden gesellt ich, die zwölfte der Begleiterinnen, mich als die Erinnernde. Voran geht die Erkennende Neues erschaffend, begreifend; in der Mitte steht die Wollende bald nachdem Neuen, bald zurück nach mir gewendet: denn ich sammele die Schätze und halte sie bereit zu jeglichem Gebrauche. Wenn wir drei im innigsten Verhältnisse stehen, ist nicht nur der Augenblick der Gegenwart und der Fortschritt in die Zukunft aufs trefflichste begründet; sondern auch das Vergangene reihet sich als Gutes an, Alles ein Einiges in steter Beziehung auf das unendliche Gute. — So sprachen die Begleiterinnen der Philosophie, und ich will das Gehörte verkünden, und wie zwischen ihr und der Theologie nie kann Friede und Eintracht sein, wenn jene nur eine Magd heißen soll, wohl aber dann, wenn beide als Schwestern zu einander kommen: denn Gott ist das Ziel der einen, und der Gegenstand der andern.

 

14) Heinrich Goethals

aus Muda bei Gent, gestorben 1295, zeigte sich als ein Mann von entschiedenen philosophischen Anlagen und großem Scharfsinne, welcher sich besonders in seinen Quodlibeten offenbart, wo Fragen sehr mannichfaltiger Art, von den verschiedensten Seiten erörtert werden. Neben wichtigern Untersuchungen kommen auch die folgenden zum Vorscheine: Ob Paulus habe können vor seiner Bekehrung getödtet werden? Ob Jemand etwas höher verkaufen dürfe, als zum laufenden Preise? Ob man durch Wucher erworbenes Geld für Unterricht nehmen dürfe? Ob es einen Menschen geben könne, der gar nicht lächerlich (risibilis) sei.

 

 

____
568 Die Philosophie und die Philosophen

 

Ob ein Kind, geboren mit zwei Köpfen, bei der Taufe zwei Namen erhalten müsse? Ob Gott die Eva, ohne Zuthun anderen Stoffes, habe aus einer Rippe Adams schaffen können? Ob die Hölle im Mittelpunkte der Erde sei? Ob sich aus der Hostie Würmer erzeugen könnten? Ob Gott machen könne, daß ein leerer Raum sei? Ob man immerwährende Renten kaufen dürfe *)? u. s. w.

 

In manchen von diesen Aufgaben zeigt sich daw, was ich übertriebenen und geschmacklosen Schmuck allzukühner Scholastik nannte, der am wenigsten Bedeutung hat, wenn er im Einzelnen und getrennt von dem Zusammenhange mit irgend einem Ganzen vorgelegt wird.

 

So wie es aber einen zu blühenden Styl der Baukunst des Mittelalters gibt, unbeschadet der Grundformen und der Totalität des gesammten Gebäudes, so finden wir im Duns Scotus den untrennbaren Zusammenhang eines ganzen Systems, verbunden mit den künstlichsten Linien, Ausbeugungen, Arabesken und Verschnörkelungen, so daß sich mit ihm die scholastische Philosophie des 13. Jahrhunderts, nach Beendigung ihres Kreislaufes, wiederum abschließt.

 

15) Duns Scotus,

dessen Geburtsort, trotz seiner Berühmtheit, unbekannt ist, trat in den Franziskanerorden, lehrte am länsten zu Oxford und starb 1308. Sein außerordentlicher Scharfsinn, vielleicht mit einiger Eitelkeit vermischt, versenkte ihn in die größten Tiefen der Speculation, suchte zu alten Antworten neue Bestimmungen hinzuzufügen, und fand in

____
*) Utrum licerat emere redditus perpetuos?

 

 

____
569 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

den allerfeinsten Unterscheidungen und Gegensätzen noch Inhalt und Stoff für die höchste Wissenschaft. Einige Andeutungen über den Inhalt seiner Werke und die darin behandelten Gegenstände werden dies verdeutlichen.

 

In seinen, mit Bezug auf Aristoteles und Porphyrius angestellten logischen Untersuchungen *), sagt er: die Logik ist eine Wissenschaft, weil das, was sie lehrt, durch Demonstration erschlossen wird. Die Demonstration ist nämlich ein Syllogismus, der zum Wissen führt. Hieran reihen sich Fragen folgender Art: Was ist das Allgemeine, Universelle? Ist es ein Ding (ens) und für sich selbst erkennbar? Hat es Eigenschaften? Ruht es im Geiste, oder in den Dingen? (in re). Ist es die allgemein verbreitete, überall wirkende göttliche Macht? Wie unterscheidet sich Geschlecht von Art? Inwiefern sind viele Menschen ein Mensch? Was ist Verschiedenheit? Wie unterscheidet sich Eigenthümlichkeit von Zufälligkeit? Muß das Eigenthümliche immer vorhanden sein? Kann ein Accidens zu den Universalien gehören? Kann man von demselben Dinge Eigenthümliches und Zufälliges aussagen ? Gibt es Substanzen und Theile der Substanzen? Ist an dem Menschen etwas Substantielles? Kann Entgegengesetztes an demselben Dinge vorhanden sein? Bezeichnet ein Wort gleichmäßig ein Ding, dies mag vorhanden sein oder nicht? — Im Allgemeinen anerkennt Scotus, daß die Vernunft vermöge ihrer unbegrenzten Empfänglichkeit Vieles aufnehmen und sich aneignen könne, was sie aus eigenen Kräften hervorzubringen nicht im Stande

____

*) Quaestiones in universam Logicam. Opera edit. Lugdun. Vol. I.

 

 

____
570 Die Philosophie und die Philosophen

 

sei. In der Schrift: über den Ursprung oder das Princip aller Dinge, ward geprüft *): ob dies Princip nur ein Einiges sei, und die Mehrheit aus ihm ohne Veränderung hervorgehe? Ob Gott nothwendig erschaffe, und auch ein Geschöpf etwas erschaffen könne? Ob zu allem Geistigen ein Materielles gehöre? Ob die Seele von Gott, oder dem erzeugenden Menschen herstamme? Ueber den Sitz der Seele. Ueber Zeit und Bewegung. Ob die Zeil etwas sei, außerhalb der Seele des Menschen **).

 

In den meteorologischen Fragen und dem Commentar zur Physik des Aristoteles ***) kommt viel Naturphilosophisches zur Sprache, über Natur, Kunst, Bewegung, Raum, Zeit, Leere, Theilbarkeit und Untheilbarkeir, Ewigkeit u. s. w. — Ist die Bewegung oder das Licht Ursache der Wärme? Stehen die vier Elemente in einem stets gleichen Verhältnisse zu einander? Ueber die Nanur der Kometen, den Ursprung der Quellen und Flüsse, die Bewegung des Meeres, Blitz, Donner, Erdbeben. Ueber Sehen, Widerschein, Ursprung und Wesen der Farben, Regenbogen, Verdauung, Fäulniß u. s. w.

 

Ein Mann, der, wie Scotus, so große Anlage und Neigung zu den feinsten Entwicklungen der Metaphysik hatte, mußte dieser Wissenschaft den höchsten Werth zugestehen. Indem er jedoch dieselbe eigentlich nur Gott beilegte, blieb für die Menschen nur insofern ein Antheil übrig, als Gott sie damit begnadigte. Die Metaphysik beginnt mit Fragen und Zweifeln, bezweckt das Austreiben

____

*) Vol. 3.
**) vergl. Kant.
***) Vol. 2, 3.

 

 

____
571 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

der Unwissenheit und Verwunderung (admiratio) und sucht an deren Stelle die Gewißheit zu setzen*).

 

Des Scotus Commentar zu den Büchern der Sentenzen **) beginnt mit der skeptischen Untersuchung: ob der Mensch zur Erreichung seiner Bestimmung einer außerordentlichen Offenbarung bedürfe, die über seine Kräfte hinausgeht. Es wird gezeigt, daß sich die Ansichten der Philosophen und Theologen in dieser Hinsicht widersprechen. Jene sucht Scotus nicht sowol im Wege des Glaubens und Gefühls, oder nach Weise der Mystiker, als durch dialektische Schlußfolgen zu widerlegen; wobei er unter andern darauf aufmerksam macht: daß zufolge bloß natürlicher Erkenntniß, nicht immer Lohn dem Verdienste folge.

 

Nach beiden Seiten hin werden zwar verschiedene und entgegengesetzte Gründe aufgeführt und (wie es damals nicht anders erlaubt und möglich war) die Theologie mit hoher Achtung behandelt. Indem aber die gesammte Form der Untersuchung rein philosophisch gehalten, und der theologische Inhalt eigentlich nur auf dem philosophischen Boden gleichsam suppletorisch hingestellt wird, ist der Totaleindruck, daß das dialektisch Speculative durchaus das Uebergewicht habe: während bei S. Victor und Bonaventura der religiöse Glaube vorherrscht, und bei Thomas von Aquino das skeptische Element nur dazu dient, das Dogmatische zu Tage zu fördern. Ja in andern Schriften des Scotus ***) tritt eine höchst merkwürdige, durchgreifende

____

*) Commentar zur Metaphysik des Aristoteles IV. 17.
**) Vol. 5.
***) Theoremata, Collationes, Miscellanea, Vol. 3.

 

 

____
572 Die Philosophie und die Philosophen

 

Skepsis noch mehr hervor, und seine Lehre von der unbestimmten und unbestimmbaren Freiheit, sowie das Vorwalten eines subjectiven Moralprincips mußten ebenfalls dazu hindrängen *). So schien nur der Weg zur Annahme des kirchlichen Glaubens, — oder auch zur Verwerfung desselben offen und vorbereitet. Denn wenn man gleich den Scotus nicht einen Skeptiker in dem Sinne nennen kann, daß das Verneinen überall vorherrsche **), führt doch die Kühnheit und Freiheit seiner Untersuchung oft zum Zersprengen der dogmatischen Bande. Ich stelle, als näher bezeichnende Proben, Einiges aus den Schriften des Scotus über Gott und Unsterblichkeit zusammen ***) : Wir können Geistiges nicht anders erkennen, als durch Aehnlichkeit mit dem Körperlichen, was uns bekannt ist; — in welchem Satze sich schon ein Uebergang zum Empirismus und Materialismus ausspricht. — Durch natürliche Forschung können wir das Wesen Gottes nicht erkennen oder ergründen; immer gelangen wir zur Substanz nur durch das Accidens der Kreatur. Man trachtet nach einer einfachen Erkenntniß des einfachen Wesens, kommt aber nicht über Zusammengesetztes und Verwirrtes hinaus. Eine nähere Kenntniß von Gott haben wir nur durch Unwissenheit und Verneinung ****).

____

') Weil die Abstraction zum Allgemeinsten, Unbestimmtesten fortgehen kann, hält man das Absolut-Unbestimmte für das wahrhaft Unbedingte, für den Freiheitsbegriff selbst. F. H. Jacobi‘s Werke II. 81.
**) Baumgarten-Crusius. De Theologia Scoti, vortrefflich, wie alle Schriften des Verfassers über die Scholastiker.
***) Miscellanea III. 456.
****) Per ignorantum et negationem. Collationes III. 378.

 

 

____
573 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Gott allein ist unveränderlich, deshalb kann man ihm allein Unsterblichkeit beilegen *); die Unsterblichkeit der vernünftigen Seele läßt sich nicht beweisen. Es gibt dafür wahrscheinliche Gründe, aber keine demonstrirende, ja nicht einmal nothwendige **). Die Unsterblichkeit ist uns nicht natürlicher, sondem nur wahrscheinlicher Weise bekannt. Die Auferstehung läßt sich weder a priori, noch aus einem dem Menschen inwohnenden Principe, noch a posteriori durch natürliche Einsicht darthun; — man kann nur durch den Glauben daran festhalten ***).

 

Allerdings baute Scotus sein System in solcher Weise auf, daß er dessen Rechtgläubigkeit vertheidigen konnte; er hielt es auch wol selbst für rechtgläubig, wie dies neuere und neueste Philosophen mit ihren Systemen ebenfalls gethan haben. Sobald aber die unantastbare Heiligkeit jedes Dogmas nicht mehr anerkannt wird, oder die Furcht vor der Kirche verschwindet, müssen aus der Schule und in der Richtung des Scotus ganz andere Ergebnisse hervorwachsen, als aus den Schulen der oben genannten Meister. Daher erhub die katholische Kirche den Thomas und Bonaventura, nicht aber den Scotus unter ihre Heiligen, daher entstanden ganz natürlich zwischen den Thomisten (Dominikanern) und Scotisten (Franziskanern) gar viele wissenschaftliche, durch Ordenshaß leidenschaftlich erhöhte Streitigkeiten. Hätte zur Zeit des Scotus ein Mann gelebt von der Kraft und dem Einflüsse Bernhards von

____

*) Comment. Ad lib. I. Sentent. Diss. 8. S. 706. lib. II. Diss. 17, quaest. 1. Theoremata III. 286.
**) Opera X. 28; XII. 839, 840.
***) Non tenetur nisi per fidem Opera X. 35.

 

 

____
574 Die Philosophie und die Philosophen

 

Clairvaux; schwerlich wäre jener dem Schicksale Abälards entgangen.

 

Bei mancher Ähnlichkeit bleibt Scotus dessenungeachtet von Abälard wesentlich verschieden. Die angeblichen Ketzereien des Letzten gingen meist hervor aus einem lebendigen Gefühle, aus begeisterter Verehrung des Alterthums, aus Abneigung gegen unbedingte Vorschriften. Scotus hingegen ward auf diese Weise wenig oder gar nicht angeregt. Sein dialektischer Scharfsinn, der ihn da noch Verschiedenheiten und Gegenstände wichtiger Untersuchungen, sowie erheblichen Zweifels sehen ließ, wo den Meisten Hören und Sehen verging, diente allerdings bisweilen zum scheinbar wissenschaftlichen Erhärten des Dogmatischen, was Andere lediglich als Wunder und Offenbarung bezeichneten. Der wichtige Lehrsatz: „nichts Geglaubtes widerspricht den Schlußfolgen, welche sich aus richtigen Grundsätzen ergeben“ *), forderte aber (in Uebereinstimmung mit den ausgesprochenen Grundsätzen über Syllogistik und Dialektik) für den Vernunftgebrauch so große Rechte, daß kaum ein Kampf gegen Manches ausbleiben konnte, was die Kirche als zu Glaubendes hinstellte. Ueberhaupt mußte des Scotus anatomisches, zersetzendes, mikroskopisches Verfahren die natürliche und offenbarte Erkenntniß fast gleich sehen und die organische Totalität des Kirchenglaubens aufheben. Sein oder Nichtsein desselben schien wesentlich von dem Willen und der Macht des dialektischen Meisters abzuhängen. Freilich ist dies sehr verschieden von dem flachen Unglauben der Unwissenheit, oder dem frechen

____

*) Nullum vero creditum repugnat conclusioni sequenti e veris principiis. Ad Sent. I. Diss. 3, quaest. 8.

 

 

____
575 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

Leugnen der Gottlosigkeit, natürlich aber kam man im Ablaufe der Zeit, von den Untersuchungen des Für und Wider in Hinsicht einzelner Kirchenlehren, allmälig zu einer strengen Kritik der biblischen Bücher und aller Dogmen, — ja zuletzt zu einem Leugnen der Persönlichkeit Christi. Dies und Aehnliches wurzelt zum wenigsten schon im Mittelalter, so sehr sich dieses auch entsetzt haben würde, wenn es Jemand zum Bewußtsein gebracht und ausgesprochen hätte. Ist aber das Kind erzeugt, so muß es zuletzt auch geboren werden, und nicht Bücherverbote, oder gar die Flammen der Scheiterhaufen, sondern das Licht der Wissenschaft und die Wärme des Glaubens bieten die rechte Erziehung und führen zur Wahrheit.

 

Die Schärfe der Kritik des Duns Scotus und sein Leugnen eines demonstrativen Wissens unsinnlicher und übersinnlicher Dinge mußte zum Sinnlichen und zur Empirie hindrängen. Doch blieb er, wie es ihm seine Virtuosität vorschrieb, meist bei dem Allgemeinen und Abstracten stehen, und hatte keine Wahlverwandtschaft zu eigentlichen Versuchen und Erfahrungen. Hierfür brach neue Bahnen sein Zeitgenosse

 

16) Roger Bakon,

geboren 1214 zu Ilchester in Somersetshire, Mitglied des Flanziskanerordens, gestorben 1292 oder 1294. In seinem wichtigsten Werke, dem Opus major lehrt er: Das Hauptmittel gegen Irrthum und Unwissenheit aller Art ist, sich nicht mit dem zu begnügen und dabei zu beruhigen, was hergebracht, angewöhnt und anerkannt ist. Wir müssen vielmehr selbst aufs Genaueste (obwol mit Bescheidenheit) forschen, damit wir Lücken ausfüllen und

 

 

____
576 Die Philosophie und die Philosophen

 

Mangelhaftes verbessern. Dies ist der einzige Weg, Wahrheit und Vollkommenheit.

 

Wir sind so entfernt diese Wahrheit bereits in allen Dingen zu erkennen, daß auch der Weiseste nicht die Natur und Eigenschaften einer Fliege begreift, oder die Gründe anzugeben wüßte, warum sie diese Farbe und Gestalt, diese und nicht mehr, oder weniger Glieder hat u. s. w. — Weil nun der Mensch weit das Meiste, Größte und Schönste nicht weiß, ist es doppelter Unsinn, auf seine Weisheit stolz zu sein. Die Liebe zur Weisheit, die Philosophie, ist aber der göttlichen Weisheit keineswegs fremd, sondern in ihr eingeschlossen. Auch besteht die gesammte Entwickelung der Philosophie darin, daß der Schöpfer durch die Kenntniß der Geschöpfe besser erkannt werde, woraus hervorgeht, daß sie für Theologen und Christen nothwendig sei. Wir müssen in der Theologie philosophiren, und in der Philosophie vieles Theologische annehmen (assumere) , damit klar werde, wie in beiden dieselbe Weisheit hervorleuchte. Die christliche Philosophie kann und soll mehr von den göttlichen Dingen wissen, als die heidnische, ja das ganze Gebäude gewissermaßen neu begründen und aufführen.

 

Es gibt zwei Wege, zur Kenntniß zu gelangen: das Argument und das Experiment, der Schluß, und die Erfahrung. Auf jenem Wege erreichen wir wol ein Ziel, oder kommen zu einem Ende; aber nicht zu einer unzweifelhaften, beruhigenden Gewißheit, bevor die Erfahrung bestätigend hinzutritt. Leider ist aber der letzte Weg, die Erfahrungswissenschaft, den meisten Studirenden völlig unbekannt. Durch die Kraft der Wissenschaft (so schließt das Werk), welches Aristoteles dem Alexander einflößte, war

 

 

____
577 des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts.

 

diesem die Welt übergeben. Das sollte die Kirche bedenken, um gegen Ungläubige und Aufrührer Christenblut zu ersparen, vor Allem aber wegen der künftigen Gefahren in den Zeiten des Antichrists. Mit Gottes Gnade könnte man leicht diesen Gefahren entgegentreten, sobald Prälaten und Fürsten die Wissenschaft beförderten, und die Geheimnisse der Kunst und Natur erforschten.

 

Daß Bakon die Nothwendigkeit und Nützlichkeit einer grammatischen und geschichtlichen Prüfung der heiligen Schriften anerkannte, versteht sich von selbst; ja ihm blieb (bei aller Begeisterung für die Natur) die höchste Sittlichkeit so Zweck alles Strebens, daß er jede theoretische Wissenschaft, welche damit in gar keine Verbindung trete, für nutzlos erklärte. Unbegnügt mit einer Entwickelung blos allgemeiner Begriffe von Natur, Kraft Wesen, Zeugung, Geschlecht, Art, Thun, Leiden, Wirken, Einheit, Vielheit, Dichtigkeit, Leere, Raum, Körper, Geist u. s. w. studirte er Mathematik, Physik, Optik, Physiologie mit rastlosem Fleiße, und ward zugleich einer der größten Erfinder in seinem Fache. Denn was er z. B. über Brillen, Ferngläser, Brenngläser und Schießpulver sagt, ist so bestimmt und deutlich, daß im Gedanken das Schwierigste durch ihn überwunden erscheint *).

 

In Wahrheit wollte Bakon dem ganzen Studiren

____

*) Jebb, Vorrede zum Opus majus. Henry, History of England, VIII. 199, 216, 288. Daß man um 1138 Brenngläser kannte, ergibt ein Inventarium des Klosters Weihenstephan, wo es heißt: unus christallus, cum qua ignis acquirendus est a sole in parasceve. v. Hormayr, Taschenbuch für 1836. S. 317.
Hist. Taschenbuch. Neue F. I.

 

 

 

____
578 Die Philosophie und die Philosophen.

 

eine andere und inhaltsreichere Richtung geben, und das veranlaßte wol den meisten Anstoß. Gerade das, worin Bakon irrte, sein Glaube an Astrologie und den Stein der Weisen, ward in jener mitirrenden Zeit nicht gerügt; die Andeutungen und Erfindungen, womit er der Entwickelung der Wissenschaften vorausgriff, aber unbeachtet gelassen, oder misverstanden. — Betrachten wir Roger Bakon im Verhältnisse zu seiner Zeit, sehen wir, welch Märtyrerthum ihm (sowie später dem Galilei) um der Wissenschaft willen bereitet ward, so dürfen wir ihn für einen ebenso großen Geist und für einen reineren Charakter halten, als seinen Namensgenossen Franz Baton.

 

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

 

 

 

 

Quelle:

Historisches Taschenbuch Band N.F.1.1840, S. 463 – 578; Erscheinungsdatum 1840; Herausgegeben von Friedrich von Raumer. Leipzig: F. A. Brockhaus. Signatur in SLUB Dresden Eph.hist.408-1.1840

 

Das Werk liegt eingescannt vor unter dem folgenden Permalink:

http://digital.slub-dresden.de/id352910100-1840010/475

 

 

 

 

 

Brockhaus. Reise-Bibliothek. Eisenbahnen und Dampfschiffe.

Prospect.

 

Eisenbahnen und Dampfschiffe haben auf das Leben der Völker den unermeßlichsten Einfluß geübt und üben ihn fortwährend in immer gesteigertem Grade. Der Verkehr hat sich zu staunenswerther, früher kaum geahnter Höhe entwickelt. Jedermann reist jetzt zehn mal häufiger und weiter als sonst, Jeder erlebt weit mehr als früher in gleicher Zeit. Die Zeit hat dadurch erhöhten Werth erhalten: sie ist um so kostbarer geworden, je mehr sich in ihr erreichen läßt. Und doch, während bei der jetzigen raschen Art zu reisen so viel Zeit erspart und gewonnen wird, geht gerade dabei wiederum viel Zeit verloren! Auf den frühern langsamern und gemüthlichern Reisen wollte und konnte man von Beginn derselben an alles sich Darbietende ruhig genießen. Jetzt eilt man oft hunderte von Meilen durch wenig interessante oder oft gesehene Gegenden, um erst dann eine genußreiche Reise zu beginnen. Früher unterhielt sich die Reisegesellschaft viel mit einander, man schloß sich bald näher an seine Mitreisenden an. Jetzt ist ein längeres Gespräch auf der Eisenbahn bei dem Rasseln der Wagen fast unmöglich. Und wenn wir uns dann stumm gegenübersitzen, wenn die Reisegesellschaft uns nicht anregt, wenn schlechtes Wetter uns stundenlang in die Kajüte eines Dampfschiffs verbannt, werden wir da nicht von tödtlicher Langeweile geplagt, von Aerger erfüllt über den Verlust der kostbaren Zeit?

 

Aber es gibt ein Mittel gegen diese „kleinen Leiden“ des menschlichen Lebens und Reisens, die uns oft den ganzen Reisegenuß verleiden, und dies ist: interessante Reise-Lectüre.

 

Allerdings fehlte es bisher an Büchern, die den Geist während der Reise leicht und angenehm beschäftigen. Die wenigen aber, die dazu dienen könnten, empfehlen sich nicht durch angemessene äußere Ausstattung, handliches Format und deutlichen Druck.

 

In den Ländern, wo der durch den Dampf vermittelte Verkehr sich noch rascher als in Deutschland entwickelte: in England und Amerika, ja selbst in Frankreich, Belgien und Italien gibt es schon seit längerer Zeit besondere Reise-Bibliotheken, die alle den glänzendsten Erfolg haben. Fast Niemand reist dort ohne sich ein solches Buch mitzunehmen. In England wurden diese Reise-Bibliotheken zuerst durch den Scharfblick eines Macaulay angeregt und besonders von zweien der angesehensten Verleger, Longman und Murray, in verschiedener Weise ausgeführt. Sollte man nun nicht voraussetzen dürfen, daß das deutsche Publicum, das sich mit Recht vorzugsweise seiner literarischen Bildung rühmt, ein für Deutschland berechnetes, von den besten deutschen Schriftstellern unterstütztes derartiges Unternehmen mit lebhafter Theilnahme begrüßen und fördern werde? Die unterzeichnete Verlagshandlung ist dieser Ueberzeugung und hat deshalb ein Unternehmen begonnen, das dem reisenden Publicum Deutschlands geeignete Reise-Lectüre darbieten wird.

 

 

 

Was zunächst den Inhalt dieser Reise-Bibliothek betrifft, so wird besonders darauf gesehen werden, daß die zur Aufnahme in dieselbe bestimmten Schriften speciell zur Lectüre für Reisende geeignet, zugleich aber von so dauerndem Werthe sind, daß sie ein Aufbewahren auch nach der Reise verdienen. Ferner wird auf die sehr verschiedenen Bedürfnisse der Reisenden Rücksicht genommen werden: es wird ebensowol für Unterhaltung als für Belehrung, für Ernstes wie für Erheiterndes gesorgt sein.

 

Aus diesen Rücksichten wird die Reise-Bibliothek in zwei Hauptabtheilungen zerfallen, wovon die erstere Reisebücher in speciellerm Sinne, die zweite Schriften belehrenden und unterhaltenden Charakters umfaßt.

 

Was wird jeden Reisenden zunächst interessiren? Doch wol das Land, das er eben durchreist. An eigentlichen Reisehandbüchern ist auch in Deutschland kein Mangel und diese werden daher zunächst wenigstens von dem Plan des Unternehmens ausgeschlossen sein. Allein der gebildete Reisende verlangt gewiß mehr, als derartige „Führer“ ihm bieten können. Er möchte das Land, das er besucht, näher kennen lernen, über seine Geschichte, seinen Charakter etwas hören. Deshalb sollen in unsern Reisebüchern vor allem Schilderungen und Charakteristiken der von den verschiedenen Routen durchschnittenen oder berührten Gegenden und Ortschaften Deutschlands, ihrer Bevölkerungen, Sehenswürdigkeiten und historischen Erinnerungen gegeben werden. Solche topographisch-ethnographische Schilderungen können, ohne in eine bloße trockene Aneinanderreihung von Notizen zu verfallen, dem Publicum während der Reise in vielen Fällen gleichzeitig den Dienst von Reisehandbüchern leisten oder als Vorbereitung zu einer Reise benutzt werden; und auch nach derselben sollen sie als Erinnerung an das Gesehene und Erlebte Werth behalten. Durch Karten und Pläne soll, wo es nöthig ist, der Inhalt dieser Reisebücher erläutert werden.

 

Die zweite Hauptabtheilung der Reise-Bibliothek wird Schriften belehrenden und unterhaltenden Charakters umfassen, also solche, die, ohne specielle „Reisebücher“ zu sein, nur im Allgemeinen zur Unterhaltung der Reisenden dienen sollen. Diese Schriften werden, nach den verschiedenen Neigungen und Ansprüchen der Reisenden, theils belehrende, theils blos angenehm unterhaltende sein. Dahin gehören zunächst Novellen und Erzählungen aller Art, selbst einzelne poetische Werke. Dann aber auch populär -wissenschaftliche, namentlich naturwissenschaftliche, ferner biographische, historische, culturhistorische, criminalgeschichtliche, kriegs- und zeitgeschichtliche Schriften, kurz solche, deren Gegenstände in ethnographischer, sittengeschichtlicher oder psychologischer Hinsicht von Bedeutung sind und mit dem wirklichen Leben, besonders mit dem Leben des Tages, im Zusammenhang stehen. Die Schriften werden in der Regel speciell für die Reise-Bibliothek verfaßt; doch soll die Mittheilung älterer gediegener Schriften dieses Gebiets nicht ausgeschlossen sein.

 

 

Besonders glaubt die Verlagshandlung noch hervorheben zu müssen, daß das deutsche Publicum in beiden Hauptabtheilungen der Reise-Bibliothek wesentlich nur Originalschriften ausgezeichneter deutscher Schriftsteller von wirklichem literarischen Werthe zu erwarten hat. Die Auffoderung der Verlagshandlung, sich bei ihrer Reise-Bibliothek durch Beiträge zu betheiligen, ist zu ihrer Freude von einer Reihe der ausgezeichnetsten Schriftsteller Deutschlands sehr beifällig aufgenommen worden. Die am Schlusse dieses Bändchens verzeichneten Namen der Schriftsteller, welche Schriften für die Reise-Bibliothek zugesagt oder dieselben zum Theil schon ausgearbeitet haben, sind dem deutschen Publicum eine Gewähr, daß es Tüchtiges von dem Unternehmen zu erwarten hat.

 

Die bereits erschienenen oder zunächst rasch hintereinander erscheinenden Bändchen der Reise-Bibliothek sind am Schluß dieses Bändchens verzeichnet.

 

Neben dem Inhalt ist bei Schriften, die zum Gebrauch auf der Reise bestimmt sind, die Form, das Aeußere, von besonderer Wichtigkeit. Die Verlagshandlung hat deshalb bei ihrer Reise-Bibliothek zunächst für ein handliches Format Sorge getragen, dann für deutlichen, die Augen nicht anstrengenden Druck und für weißes Papier; endlich auch dafür, das die Bücher mit festem Umschlag (in gelbem Papier) versehen und bereits beschnitten sind. Der Umfang wird in der Regel 8–12 Bogen betragen und der Preis ist für jedes solches Bändchen auf 10 Silbergroschen festgesetzt.

 

Für den Vertrieb der Reise-Bibliothek sind von der Verlagshandlung die zweckmäßigsten Einrichtungen getroffen oder angebahnt worden: sie hofft, daß die Directionen der Eisenbahn- und Dampfschifffahrtsgesellschaften ihr sowie den betreffenden Sortimentshandlungen freundlich entgegenkommen werden, damit das Publicum die Reise-Bibliothek gleich auf den Bahnhöfen und an den Hauptstationen kaufen kann, wie dies bereits in andern Ländern stattfindet.

 

Schließlich macht die Verlagshandlung noch darauf aufmerksam, daß sie sich auch mit der Herausgabe von mehren für das reisende Publicum bestimmten kartographischen Werken beschäftigt, namentlich mit Städteplänen, Eisenbahnkarten für alle Eisenbahnrouten Deutschlands, Flußkarten etc., nebst Angabe der Abfahrtsstunden, Gasthöfe u. s. w., woraus sich zuletzt ein praktischer Reise-Atlas für ganz Deutschland gestalten wird. Diese kartographischen Werke werden eine wesentliche Ergänzung der Reise-Bibliothek bilden.

 

Leipzig.

 

F. A. Brockhaus.

 

____

 

Briefe aus Südrußland während eines Aufenthalts in Podolien, Volhynien und der Ukraine.

 

Von Marie Förster.

 

 

Leipzig: F. A. Brockhaus. 1856.

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis.

 

Seite

 

1. Allgemeine Bemerkungen über Natur- und Menschenleben in Volhynien, Podolien und der Ukraine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1

2. Reise durch Volhynien nach Podolien . . . . . . . . . . . . . . .77

Kordelowka in Podolien, Anfang Juni . . . . . . . . . . . . . . . .

3. Landleben in Podolien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85

1. Kordelowka in Podolien, Mitte Juni. . . . . . . . . . . . . .

2. Kordelowka in Podolien, Ende August. . . . . . . . . . . . . 96

3. Kordelowka in Podolien, Ende September. . . . . . . . . . 101

4. Kordelowka in Podolien, Anfang November. . . . . . . . . 103

5. Kordelowka in Podolien, Mitte December . . . . . . . . . . 117

4. Aufenthalt in Volhynien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120

1. Zytomierz, Mitte December . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

2. Zytomierz, Anfang Januar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

3. Zytomierz, Ende Februar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .130

4. Zytomierz, Anfang Mai. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134

5. Zytomierz, vom Mai bis Juli . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

6. Zytomierz, Ende August . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .148

7. Zytomierz, vom September bis Anfang November . . . 150

5. Die Ukraine. Kiew . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157

1. Kiew, Anfang März . . . . . . . . .

2. Kiew, Ende April . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .175

3. Kiew, Anfang Mai . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .186

4. Kiew, Ende Mai . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191

5. Kiew, Mitte Juni . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194

6. Kiew, Ende Juni . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204

 

 

 

 

1.
Allgemeine Bemerkungen über Natur- und Menschenleben in Volhynien, Podolien und der Ukraine.

 

Die Gegenden, aus denen die folgenden Briefe geschrieben wurden, sind die großen von Hügel- und Bergketten durchzogenen frucht- und waldreichen Ebenen, die sich im Süden des europäischen Rußland ausbreiten und vom Schwarzen Meere, dem ihre Ströme, Dniestr und Dniepr zueilen, nur durch die Steppen Neurußlands getrennt sind. Ihre Lage zwischen Altrußland, dem Königreich Polen, Galizien und den walachisch-moldauischen Staaten veranlaßt eine interessante Mischung und Begegnung des Charakteristischen im Natur- und Menschenleben jener Grenzländer und macht den Reisenden mit verschiedenen Auszweigungen des Slawenthums bekannt.

 

Diese Bemerkungen, die das in den Briefen Erzählte anschaulicher machen sollen, beziehen sich meist auf die Ukraine, Volhynien und Podolien zugleich. Wie diese Länder aber auch im Allgemeinen sich gleichen, ziemlich dieselben Bewohner, dasselbe Klima, dieselbe Fülle und Art der Producte haben, so hat dennoch die Naturphysiognomie jedes einzelnen ihre besondern Züge, und so begegnet das Auge in jedem

 

Förster, Südrusland.

 

 

____

2 Natur - und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

eigenthümlichen Landschaftsbildern. Im Hauptsächlichen sei diese Verschiedenheit hier angedeutet:

 

Podolien ist ein idyllisches Land – das Land der Hirten und Ackerbauer, der stilllieblichen Gegenden. Große blaue Seen, frischgrüne Eichen- und Birkenwälder, Dörfer und heitere Landsitze, von reichen Getreidefeldern und Obstwaldungen umgeben, kleine Wiesenthäler zwischen grünen Hügeln – dies sind die Bestandtheile der reizenden Landschaften.

 

In Volhynien sieht man nicht blos solche liebliche idyllische, sondern auch ernste, düstere Gegenden mit schwarzen Tannenhügeln, dunkeln Felsengründen und manche vom Zauber der Sage oder der Geschichte umschlungene Burg- oder Klosterruinen. Nicht blos Laubwälder wie in Podolien schmücken das Land, auch die dunkle Tanne und die schlanke Fichte, denen man dort selten begegnet, vermischen sich mit ihnen. Es gibt Bäche hier und viel schnelle kleine Flüsse, die aus Bergen kommen, durch Thäler rauschen und sich lieblich durch Wälder und Fluren winden; Podolien aber hat wenig solche reizende, lebendige, klangvolle Gewässer; die Ströme Bug und Dniestr, die ernst und langsam einen Theil des Landes durchziehen, haben nichts von der frischen jugendlichen Schönheit der volhynischen Flüsse, und die vielen großen Seen, die in jeder Landschaft als ihr schöner Spiegel ruhen und an denen fast alle Dörfer und Herrenhäuser liegen, können, wie lieblich sie sind, den Mangel nicht ersetzen; sie sind einer dem andern so gleich, daß sie am Ende den Gegenden eine große Einförmigkeit geben. Auch sind es nicht eigentliche Seen, sondern meist Arme des Bug, durch lange Dämme, über welche die Straßen führen, abgeschlossen und zerstückelt; ihr Grund ist schlammig und im heißen Sommer erfrischen sie nicht die Luft, sondern hauchen ungesunde Dünste aus. Obgleich man auch in Podolien, besonders am Ufer des Dniestr, manche wildschöne Berg- und

 

 

____

3 Naturleben. Landschaftlicher Charakter der Provinzen.

 

Felsengegend findet (wie die Hauptstadt Kaminiec z. B. herrlich in solch einer Gegend gelegen ist), so ist Volhynien doch im Ganzen weit malerischer und romantischer; die Wellenlinie herrscht in der Landschaft vor; man sieht mehr Zufälligkeit, reichere Abwechselung, hat mehr Ueberraschungen als in Podolien, wo das eine Landschaftsbild meist die Copie von hundert andern ist, wo die Ebenen sich weiter ausbreiten, die Hügel und Wälder in geraden Linien am Horizonte liegen und die Seen in einer gleichen Regelmäßigkeit wiederkehren. Diese größere Fülle des Malerischen sieht der auf den Nutzen Bedachte freilich von dem weit größern Getreide- und Früchtereichthum Podoliens aufgewogen; denn während man in Volhynien häufigen Sandboden findet, ist die Erde dort schwarz, locker, fett, sodas die Ländereien Podoliens einen weit höhern Ertrag geben als die Volhyniens und sich dort weit mehr Leute finden, die nur to make money Güter kaufen und bebauen, als in Volhynien, wo mehr als dort der höhere Adel lebt, der die Scholle schätzt und festhält, nicht wegen des hundertfachen Ertrags, sondern wegen des hundertjährigen Besitzes.

 

In der Gegend der Ukraine (der alte Name für die Gouvernements von Kiew, Pultawa und Charkow) findet man den Charakter jener beiden Provinzen vermischt und abwechselnd: liebliches, reichbebautes, mit Laub- und Tannenwald geschmücktes Hügelland, große Ebenen mit fruchtbaren Feldern oder großen dichten Wäldern, wilde kahle Berge, sandige, zerrissene Höhenzüge, Felsenklippen besonders am Dniepr, öde Steppengegenden, stille Seen und schnelle Flüsse, die alle zum Dniepr gehören, der seine mächtigen Wogen durch das Land rollt. Diese Länder sind die fruchtbarsten Rußlands; Podolien besonders und einige Theile der Ukraine bilden die Kornkammer des Reichs, deren goldene Schätze aus Odessas Hafen in

 

 

____

4 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

ferne ärmere Länder geführt werden. Ohne große Anstrengung gewinnt der Landmann die Fülle des Getreides, und man erinnert sich nur wenig schlechter Erntejahre. Groß ist besonders die Pracht der Weizenfelder, die sich wie ein Meer mit goldenen Wogen über das Land breiten. In der Nähe aller Güter sieht man im Spätsommer goldene Städte in der Sonne funkeln; denn da die Scheunen nur einen kleinen Theil des Ernteguts fassen können, so erheben sich bald ringsum phantastisch gestaltete Gebäude, aus den übereinandergeschichteten Garben aufgeführt – ein Anblick prächtiger als der manches stolzen Fürstenpalastes.

 

Aber nicht blos die Vornehmen haben ihren Theil am Segen des Jahres; auch neben der kleinsten Hütte erhebt sich in jener Zeit ein goldener Thurm von Getreide. Dann ist es eine Lust durch die Dörfer zu fahren: man fühlt die milde Hand des Herrn für Alle aufgethan und mit Wohlgefallen sättigen Alle, die leben! Zwischen den Getreidefeldern breitet der Flachs seinen blauen Blütenteppich aus; auch die Kartoffel- und Runkelrübenfelder nehmen weite Strecken ein, besonders im betriebsamen Podolien, wo eine Passion für die Fabrikation von Runkelrübenzucker herrscht.

 

Alles Land wird zum Acker-, keines zum Wiesenbau verwendet; das nöthige Gras findet man in den Wäldern, welche meist mit einer reichen Vegetation von Gras, Kräutern und Blumen bedeckt sind, sodas es entzückend ist, im Frühling oder zur Zeit der Heuernte in ihrem Duft und Schatten zu wandern.

 

Die Wälder sind die gewöhnlichen Weideplätze der Heerden, die den ganzen Sommer im Freien verleben. Die Dorfbewohner schicken ihre Thiere meist zusammen unter der Führung eines oder einiger Hirtenbuben hinaus; dichte Staubwolken zeigen am Abend von weitem die Rückkehr der Heerde

 

 

____

5 Ackerbau. Verschiedene Producte des Landes.

 

an; es ist ein unabsehbarer Zug, und man bewundert die Macht, welche der Mensch über die Thiere ausübt, wenn man den kleinen Hirten sieht und hinter ihm diese gewaltigen Ochsen, die dem Heere vorausziehen. Auch Pferde weiden in den Wäldern, und es ist herrlich, die edeln Thiere in ihrer Freiheit zu sehen, miteinander spielend, kämpfend, oder scheu mit fliegenden Mähnen davoneilend, wenn sich Menschen nahen. Wie groß der Reichthum an Pferden ist, sieht man im täglichen Leben. Alle irgend Vermögenden fahren vier- bis sechsspännig, wo man dann immer vier Pferde nebeneinanderspannt. Die Bauern haben viel einspännige Fuhrwerke, Telegas genannt, bei denen das Pferd unter einen von der Deichsel ausgehenden hölzernen Bogen eingespannt ist, was die Stetigkeit des Laufes befördert. Noch eigenthümlicher sieht das russische Dreigespann aus, dessen drei Pferde nach drei verschiedenen Richtungen zu gehen scheinen.

 

Die russischen Pferde sind kleiner, dennoch unermüdeter als die unsern. Man fährt mit Blitzesschnelle, keine Hindernisse achtend, durch unwegsame Strecken, was in den hölzernen federlosen Britschkas und Telegas sehr empfindlich ist. Auf weiten Reisen bedient man sich gewöhnlich der Tarantasset große unbehülfliche, aber leichte und tüchtige Wagen, deren Kasten auf zwei langen elastischen Stangen ruht, welche durch die Achsen verbunden sind. Die dienstreisenden Offiziere, Feldjäger u. s. w. fahren meist in den hölzernen Posttelegen, in denen sie trotz des unbequemen Sitzes auf einer harten Bank gerade über den Rädern im Fluge die weitesten Strecken durcheilen. Diese einfachen Fuhrwerke contrastiren mit dem gewöhnlichen stattlichen Attelage russe – den vier bis acht Pferden von gleicher ausgewählter Farbe und Größe vor eleganer Equipage, auf deren hohem Kutschersitz der Wagenleiter thront, im langen Kaftan, mit rother Schärpe, oder

 

 

____

6 Natur - und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

einem Silbergürtel, mit hoher pelzverbrämter Mütze, majestätisch anzusehen, besonders wenn er stehend die Pferde regiert, wobei ihm ein kleiner Vorreiter hilft, der in ähnlichem Costüm auf einem der Vorderpferde sitzt.

 

Die Kutscher und Bauern haben einen unendlichen Wörtervorrath für die Gespräche mit ihren Pferden. Sie reden unaufhörlich mit ihnen, haben tausend Scheltworte und noch mehr zärtliche, liebkosende Ausdrücke für sie; sie verwandeln jeden Augenblick die Stimme und gehen schnell von den weichsten, süßesten Schmeicheltönen zu den rauhesten Lauten des Zornes über. Die Bauern sind meist muthige Reiter, schwingen sich auf die wildesten Pferde, die den Sommer im Walde zugebracht haben, halten sich an den Mähnen fest und jagen ohne Sattel und Zeug davon. Die grünen, baumlosen Hügel, die Haidestrecken und die abgemähten Felder sind die Weideplätze der Schafe, von denen mehre Tausend Stück zu den meisten Gütern gehören. Vor allen aber sind diese Provinzen „the nursery of pigs“, würde Boz sagen, der so oft mit humoristischer Anschaulichkeit das Treiben jener verachteten Thiere beschreibt und der ein reiches Feld für seine Beobachtungen in diesen Dörfern voll niedlicher Ferkel finden würde, die zu Hunderten und in allen Farben überall laufen, um ihre häßlichen Mütter tanzen, zusammen spielen und sich in den Pfützen rollen, und die nicht blos eine charakteristische Staffage dieser Dörfer, sondern oft eine Quelle des Reichthums für deren Bewohner sind. Die Jagdlust findet weiten Spielraum in diesen Wäldern, wo nicht blos die Wölfe hausen und die Bären in fernen Verstecken wohnen, sondern wo der Hirsch mit stolzem Geweih durch die Eichen rauscht, wo das Reh neugierig hinter den Stämmen lauscht und die Fährte des wilden Ebers sich tief im Dickicht verliert, ja wo sogar der Auerochse, der Urbewohner

 

____

7 Jagd; Vegetation; Producte der Wälder.

 

unserer alten deutschen Wälder, noch eine letzte Heimat gefunden hat.

 

Honig und Wachs gehören zu den Hauptproducten dieser und der umliegenden Provinzen. Die Bienengärten mit ihren Linden und schirmartigen Bienenstöcken liegen in der Mitte der blumenreichen Wälder, zu deren Reiz dieses liebliche Summen der Bienen gehört. Auch wilde Bienen gibt es in Menge und die Bauern suchen sich wohl verhüllt oft ihren Honigvorrath in den hohlen Stämmen. Zwei andere diesen Wäldern eigenthümliche Producte sind die Trüffeln und der Birkenwein, den man durch Anbohren der besonders kräftigen Stämme im Frühjahr gewinnt.

 

Das Holz wird in den Wäldern ohne Ordnung und Regel geschlagen; eine Forstcultur wie bei uns existirt nicht für diese umfangreichen Wälder. So sieht man alte abgelebte Stämme oder von Blitz niedergeworfene herrliche Bäume wie Riesenleichen mitten im frischen Leben des Waldes liegen, sieht köstliche Wälder auf einmal niedersinken, wie es eben die Laune oder das Geldbedürfnis des Besitzers gebietet. Häufig und besonders in der Sommerhitze, wo das Holz ausgetrocknet ist, entstehen Waldbrände, die mit großer schnelligkeit Verwüstung verbreiten.

 

In den Nadelwäldern Volhyniens gewinnt man den Theer, der zu den Hauptproducten Südrußlands gehört und so viel bereitet und benutzt wird, daß der eigenthümliche Geruch, sobald man über die Grenze kommt, unangenehm auffällt. Auf allen Straßen begegnet man Zügen von Wagen, welche die hochaufgepackten Theer-, Pech- und Rußtonnen fortführen; überall sieht und riecht man den Dampf aus den gewölbten Theeröfen oder den großen offenen Pechkesseln, die über freiem Feuer stehen, oder aus den hölzernen langen Schornsteinen, unter denen man die übriggebliebene Pechkohle zu Ruß verbrennt,

 

 

____

8 Natur - und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

emporsteigen. Die Kleider und Hütten der Bauern sind von dem Geruch durchdrungen, und kommt man ihnen nahe, so trägt man ihn selbst auf lange mit sich fort.

 

Groß ist die Fülle des Obstes hier wie im übrigen Südrußland. Es gibt ganze Waldungen verschiedener Fruchtbäume; Aprikosen, Pfirsichen reifen an Spalieren, die Ananascultur wird von vielen Gutsbesitzern in großer Ausdehnung getrieben; die mächtigen alten Nußbäume geben reichlichen Ertrag. Die Wälder bieten im Sommer einen unerschöpflichen Reichthum an duftenden Erdbeeren, an Himbeeren, Heidelbeeren und den bei uns wenig gekannten Moosbeeren, Klukwa genannt, welche unter dem Schnee reifen und aus denen man ein liebliches Getränk bereitet. Eine diesen Pro inzen eigene Frucht ist die Wassermelone, eine Lieblingserfrischung Aller, auch der Armen, da man sie in großer Menge zieht; ebenso allgemein beliebt ist der türkische Weizen – Kukuruz –, die Gurke, Zwiebel, der Kohl, aus dem man die russische Lieblingssuppe –Tschi– bereitet, endlich der Grütze, der als Kascha tagtäglich auf der Vornehmen und Geringen Tische steht. Die Trauben reifen am Dniestr, aber auch die Tataren aus der Krim bringen sie in Menge herbei. Die Nähe jener glücklichen Halbinsel, wo die Mandel und die süße Kastanie gedeihen, und die Nähe Odessas, das Depot für die Producte Asiens, führt eine Fülle von Südfrüchten ins Land. Die Güte der eingemachten Früchte ist der Stolz jeder Gospodinja (Hausfrau); am berühmtesten sind die von Kiew und der Umgegend, wo sie einen vorzüglichen Industrie- und Handelszweig bilden.

 

 

Nicht blos den einheimischen Bäumen ist wohl in ihrem mütterlichen Boden; auch die ausländischen gedeihen. Unter den Kastanien und Linden ragt die italienische Pappel stolz empor, die Akazie erhebt ihr blütenweißes Haupt, die silbergrauen

 

 

____

9 Die Bäume des Landes; Früchte und Blumen.

 

Stämme der Platanen und das hellgrüne Laub der Maulbeerbäume leuchtet aus dem Dunkel und die Trauerweide taucht ihre Zweige in stille Gewässer.

 

Wie die Gärten und Wälder reich sind an Bäumen, so sind sie es auch an Blumen. Keine unserer Wiesenblumen fehlt in den Wäldern; selbst Blumen aus unsern Gärten wachsen unter den wilden Kindern des Waldes; es ist ein entzückender Anblick: hier ein Teppich aus Millionen bunter Sterne, Punkte und Glöckchen gestickt, dort die farbigen Decken nebeneinander ausgebreitet, blaue, goldige, purpurne Streifen, wie eben die Blumen von gleicher Art und Farbe in Massen nebeneinander aufgewachsen sind. Jeder Monat verändert die Schönheit: auf die goldenen Himmelsschlüssel, auf die Menge der Veilchen und Maiblumen, die im Frühling die Wälder durchduften, folgen die blauen Glocken, die im hohen Grase der Birkenwälder dicht gedrängt unter den schlanken silberweißen Säulen stehen wie Kinder, die im Tempel beten und mit blauen Augen gen Himmel sehen. Alle prächtigsten Blumen blühen in den Gärten und Parks der Reichen, von den Hyacinthen an, die der erste Frühlingshauch entfaltet, bis zu den Georginen, deren strahlende Schönheit noch die letzten Herbsttage schmückt.

 

Die Rosen scheinen hier zu Hause wie in den Rosenhainen von Damascus; nicht blos in den Gärten glühen und duften sie; auch in den Wäldern wohnen Kinder aus dem Stamme der königlichen Familie, und lieblich lächelt das Dornröschen unterm Schatten der Eichen und Birken. Selbst die Gewässer haben ihre schwimmenden Blumenteppiche: auf der Fläche des Sees ruht die breitblätterige Nymphaea und öffnet ihre weißen und goldigen Blüten dem Lichte, dem sie aus dunkler Wassertiefe so lange entgegenstrebte, bis sie ihre Wurzel dem Grunde entriß und nun haltlos, aber geküßt

 

 

____

10 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

vom Sonnenstrahle, auf den Wellen schwimmt. Auch die Ufer schmückt eine eigene üppige Vegetation: ganze Wälder von Schilf und Kalmus ragen da empor, zwischen denen wie ein Freundesgruß das Vergißmeinnicht lächelt, und über denen weiße Schmetterlinge und Libellen flattern.

 

Zahllos sind die gefiederten Bewohner dieser Seeufer und der weiten Wälder: wilde Enten schwimmen mit ihren Jungen auf der stillen Flut und schießen pfeilschnell in die Büsche zurück, wenn ein Nachen sich nähert; Wasservögel nisten im Ufergrün; wilde Schwäne rudern sorglos majestätisch in den einsamsten Seewinkeln; am Strande spaziert die Rohrdommel und der langbeinige Kranich, und im Frühjahr kommen als Gäste die Seeschwalben vom schwarzen Meere; mit ihnen kommen die Störche und ruhen von ihrer Reise in den Nestern hoch auf den Wipfeln der Eichen am Rande der Wälder.

 

Tausend Singvögel beleben im Frühling das Land, und es gibt dem Dichter Genüge und hat wie Rosen auch Nachtigallen im Ueberfluß. Sie singen nicht blos die Nächte lang, sondern den ganzen Tag, nicht blos an den einsamsten Stellen der Wälder, sondern an Wegen und Straßen mitten im Geräusch des Tages.

 

Die im Grunde der Erde verborgenen Schätze dieser Provinzen sind noch wenig bekannt; zu den bekanntesten gehört das Salz, das man häufig aus Seen gewinnt und in großen schwärzlich grauen Steinen zum Verkauf bringt. Es gibt Schiefer- und Kalkberge, viel Lehm- und Thonerde; man brennt sehr haltbare Ziegel, besonders in der Gegend von Kiew; Granitstein ragt häufig aus dem Boden hervor, bildet an den Flüssen oft hohe Felsenufer und in den höhern Gegenden romantische Felsenthäler.

 

Dunkelfarbigen Marmor bricht man in einigen Gegenden der Karpaten, deren Zweige von Galizien aus über die Grenze

 

 

____

11 Wälder und Seen; Producte des Mineralreichs; Klima.

 

streichen. Die kleinen Flüsse haben häufig Eisengehalt und sind stärkend beim Baden; auch warme eisenhaltige Quellen entspringen hier und da, unbenutzt und unbeachtet.

 

Die reiche Natur dieser Länder gibt einen Begriff von der Schönheit ihres Klimas; es gleicht einigermaßen dem des südlichen Mitteldeutschland; doch ist es beständiger und die Verschiedenheit der Jahreszeiten schärfer bezeichnet. Der Winter ist kälter und anhaltender als in unsern deutschen Gegenden gleicher Breite. Die Flüsse bleiben länger gefroren, der Schnee liegt tiefer und fester als bei uns zu Freude und Nutzen der Bewohner, für die er alle Fernen verbindet und mit Wunderschnelle die Reize der Eisenbahnen schafft. Wochenlang liegen die Fluren in fleckenloser Reinheit unter dem tiefblauen Himmel und glänzen die Wälder wie krystallene Zauberhallen. Leichte und schwere Schlitten, mit Menschen oder Waaren belastet, streichen in allen Richtungen durch das Land. Dennoch fürchtet man die Kälte mehr als bei uns und verwahrt sich gegen sie wie gegen einen schlimmen Feind; selbst die unverwöhnten Bauern tragen vom Herbst bis in den Frühling hinein ihre hohen Pelzstiefeln und ihre warmen Kaninchen- oder Schafpelze.

 

Schon im März sieht man wieder schwarze Erde, die sich bald grün färbt und mit Schneeglöckchen und Veilchen schmückt. Doch nicht in mildem Sonnenschein, sondern unter Sturm und Regen wird das schöne Frühlingskind geboren, und ein Chaos von Windesbrausen, aufgethauten Eismassen, Regengüssen, ausgetretenen Flüssen und Seen, zerstörten Dämmen und Straßen geht meist den sonnigen stillen Maitagen voraus. In jenen Monaten März und April ist das Reisen beschwerlich, oft fast unmöglich; denn da die Erde meist fett oder schlammig und lehmig ist, wird sie schnell und so gründlich erweicht, daß Wagen und Pferde mit ihren Passagieren oft

 

 

____

12 Natur - und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

tagelang im Schmuze stecken bleiben. Erst mehre Wochen voll Trockenheit und Sonnenwärme bringen Alles wieder ins Gleiche. Unterdessen haben sich die Wälder geschmückt: am frühesten schimmert das zarte Laub der Birke, am längsten steht die Eiche mit kahlem Haupt inmitten des Frühlingsgrüns. Noch unter der Schneedecke waren die Felder grün; nun stehen schon hohe Saaten. Die Lerche sang schon in den ersten Märztagen und rief Staar und Amsel auf, ihrem Beispiele zu folgen; nun in den kaum belaubten Büschen tönt schon das süße Lied der Nachtigall. Die Fülle der Blumen leuchtet in Wäldern und Gärten; die Luft ist mild und immer klar. Diese Monate – Mai und Juni – sind die schönsten, genußreichsten. In dem frischen reichen Boden wächst, knospet, blüht und verblüht Alles wunderbar schnell. Wenige Tage nach dem ersten Frühlingssprossen ist die Erde mit einer hohen üppigen Vegetation bedeckt; in rascher Folge geht Alles vorüber: der Blütenschnee der Obstwaldungen, die duftende Schönheit des Flieders und Jasmins, die Pracht der Rosen, und mit der welkenden Blüte der Linde, Anfang Juli, ist Alles vorbei und der Becher der Frühlingsfreuden ausgetrunken. Auch die Nachtigall hat ihre letzten Liebestöne gesungen und die Wälder verstummen.

 

Nun kommen die heißen Monate, die angreifendsten des Jahres, während welcher die Saaten golden werden und die Arbeit der Ernte beginnt. Das schöne Wetter ist beständig und selten von einem flüchtigen Gewitter unterbrochen; keine vorübergehende Wolke mildert auf Momente den blendenden Schein des tiefblauen Himmels; die Nächte sind heiß wie die Tage; kein kühler Hauch erfrischt die Luft; das Gras wird gelblich, das Laub der Bäume grau; die obern Erdschichten trocknen zu Staub aus, der bald die Luft erfüllt und vermehrt und verdichtet wird durch den Staub der Steppe, den

 

 

 

____

13 Klima; Charakter der Jahreszeiten.

 

heiße Winde herbeiführen; das Wasser der Flüsse verringert sich, man sieht ihren sandigen Grund; die Seen verschlammen, ihr niedriges getrübtes Wasser haucht ungesunde Dünste aus und erzeugt Insekten aller Art, darunter die Mosquitos, die alles Ausgehen verleiden und selbst in die Häuser dringen, eine Qual der Tage und Nächte; auch Taranteln gibt es, die jedes Ausruhen auf dem Erdboden gefährlich machen. Als Erquickung in dieser heißen Zeit reifen die mannichfachsten Früchte, unter ihnen die erfrischenden Wassermelonen.

 

Endlich, Anfang September, ziehen sich die angesammelten Dünste in schweren Wolken zusammen; auf einige heftige Gewitter folgen kühle stürmische Regentage, die oft wochenlang anhalten und schon jetzt einen Begriff vom November geben. Wenn sie vorüber sind ist die Erde wie verwandelt und lächelt erfrischt den klaren Herbsttagen entgegen. Die Blätter sind schon bunt gefärbt, aber neues Grün bedeckt den Boden, neue, der Jahreszeit eigene Blumen sprießen auf. Bald werden die letzten Früchte gepflückt, bald ziehen die Traubenwagen der Tataren in südlichere Gegenden zurück, und bald beginnen Störche und Schwalben ihre Reise. Der Himmel ist schöner als je, tiefblau oder mit Wolken von herrlichen Formen und Farben geziert. Das schönste in dieser Zeit aber sind die Mondnächte an den Ufern der Seen, in denen sich das sanfte Gestirn als zitternde Lichtsäule spiegelt, während rings die Wälder in duftigem Silberglanze schimmern. Schön ist's auch, im Mittagssonnenglanz durch die Gegend zu fahren und die goldenen Wälder und neubegrünten Felder zu sehen – Jugend- und Alter in schönem Verein.

 

Diesen sanften Tagen folgen die Novemberstürme, welche die letzten Blumen entblättern, die Wälder durchtosen, Aeste und Zweige niederschlagen, das welke Laub abschütteln und es hoch auf den Boden häufen; schon kommen die Wölfe aus

 

 

____

14 Natur - und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

ihren fernen Schlupfwinkeln hervor und schleichen in der Abenddämmerung hier und da am Wege zwischen den dunkeln Stämmen. Endlich legt sich die weiche weiße Schneedecke über alle Unordnung und Verwüstung und verhüllt sie bis zu den Tagen, wo Leben und Schönheit auferstehen.

 

_________

Doch nicht blos das Naturleben dieser Länder, auch das Menschenleben, das sich in dessen Mitte bewegt, ist reich und würde dem aufmerksamen geistreichen Beobachter tausendfachen Stoff zu ergreifenden Schilderungen geben. Nicht allein die Frage: wer bewohnt jene Länder, sondern auch die: wer hat sie bewohnt, würde einen solchen Beobachter beschäftigen. Hier sei die Antwort nur in ihren Hauptpunkten angedeutet: Wir suchen in der Weltgeschichte die Geschichte dieser den großen Schauplätzen der Begebenheiten ferner liegenden Gegenden und finden im Dunkel der alten Zeit nur den Namen der Scythen, der sie in die Reihe der von Menschen bewohnten Länder einführt. An diese Hauptbenennung der zahllosen Nomadenhorden, die wie alle Menschenstämme aus dem völkererzeugenden Asien kamen und im Norden des schwarzen Meeres zwischen Donau, Don, Dniepr und Dniestr wohnten, knüpft sich der Name der Sarmaten und endlich der der Slawen (Volk des Ruhms – slawa =Ruhm), welche in frühen Zeiten schon im nordöstlichen Europa umherzogen. Das Alterthum sendete ihnen keinen Strahl seiner Civilisation, und die griechischen Colonien, die im Norden des schwarzen Meeres und in den Gegenden des Dniestr entstanden, waren wie Lichtpunkte in der Nacht der Barbarei verstreut, ohne sie zu erhellen. Die zu den Tauriern verschlagene und unter ihnen lebende Iphigenia ist wol das einzige Moment im griechischen

 

 

____

15 Menschenleben. Geschichte der Bewohner.

 

Alterthum, wo scythischer Barbarismus und hellenische Civilisation in Berührung miteinander erscheinen. Aber auch die Römer gaben, als sie Herren der pontischen Länder wurden, weder ihnen noch ihren Nachbarländern einen Theil ihrer Bildung, und Ovid's Klagelieder, die von dorther ertönten, drückten das ganze Gefühl des Contrastes zwischen dem rauhen Naturzustande der östlichen und der hohen Civilisation der westlichen Völker aus. Uebrigens drang die Römerherrschaft nie bis jenseit des Dniestr, und die Anten, der slawische Stamm, der in jenem Theile Südrußlands zwischen Dniestr und Dniepr hauste, blieben frei, selbst als seit Trajan das südliche Grenzland Dacien römische Provinz geworden war. Einer andern Herrschaft aber mußten sie sich dennoch später unterwerfen, jener der Gothen, welche vom Baltischen zum Schwarzen Meere kamen, und als Ostgothen vom Don bis zum Dniepr, als Westgothen vom Dniepr bis zur Donau herrschten. Slawisches und gothisches Element mußte sich vielfach vermischen, die Slawen durch Theilnahme an den Kriegen ihrer Herren mit Rom und Byzanz, in Berührung mit der ihnen bis jetzt so fremden übrigen europäischen Welt kommen. Das Gothenreich wurde zerstört durch die Ankunft der Hunnen, und auch von deren Herrschaft befreite sie bald Attila's Tod. Von nun an aber wurden diese Länder das Bett für den großen Völkerstrom, der seine ewig sich erneuenden Wellen unaufhörlich von Osten nach Westen trieb. Das Gedränge der wandernden, weidenden, verheerenden Horden dauerte jahrhundertelang, bis die aus der vorübergezogenen Völkerströmung in den Heimatländern frei zurückgebliebenen Slawen am Dniepr den Grund zum russischen und zwischen Weichsel und Dniestr den Grund zum polnischen Reich legten. Beide Reiche entstanden ziemlich zu derselben Zeit, erhielten beinahe zu derselben Zeit Civilisation und Christenthum, aber das erste erhielt

 

 

____
16 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

sie aus Byzanz, das zweite aus Rom, jenem Punkte der Verschiedenheit, der die meisten Abweichungen, Unähnlichkeiten in der Entwickelungsgeschichte beider stammverwandten Völker erklärt.

 

Die folgenden Geschicke beider könnten nur insofern hier erwähnt werden, als sie die hier besprochenen Provinzen berühren, welche beide Völker abwechselnd beherrschten und um deren Besitz sie häufig kämpften. So besteht denn die Geschichte dieser Provinzen in der Geschichte dieser Kriege und der häufigen Kämpfe mit den Tataren, Kosacken, Türken, die abwechselnd hier einfielen, eroberten, siegten und besiegt wurden und den Boden mit Blut düngten. – Noch erinnern die Todtengebeine, die tatarischen Münzen und Waffen, die man hier und da beim Graben in der Erde findet, auch die hohen Grabhügel, die sich zerstreut auf der Ebene erheben, an jene rauhen Zeiten, die noch einmal wiederzukehren schienen, als das Waffengetöse der Napoleonischen Zeit sich bis hierher verbreitete und ein Theil der Armee des Welteroberers durch diese Provinzen seinem tragischen Geschick entgegenzog.

 

_______________

 

 

Gleich der Vergangenheit bietet die Gegenwart ein buntes Bild, zusammengesetzt aus den verschiedenen Classen und Nationalitäten, welche die Bevölkerung bilden.

 

Die Bauern, die slawischen Urbewohner des Landes, sind der Grundstoff dieser Bevölkerung. Sie wiederum sind großentheils Kleinrussen, ein kecker begabter Menschenschlag, in dem sich wol griechische und tatarische Elemente mit einander mischten; man findet, besonders unter den Frauen, schlanke Gestalten, liebliche ovale Gesichter mit dunkelm Auge und Haar, regelmäßigen weichen Zügen, und auch unter den Männern manche Erinnerung an den Typus der Schönheit des

 

 

____
17 Das Landvolk und dessen Verschiedenheit in Aussehen u. s. w.

 

classischen Landes; daneben aber hundert andere Gesichter mit niedriger Stirn, kleinen funkelnden Augen, breiten Backenknochen. Mannichfache Nuancen schon im äußern Ansehen dieser Bevölkerung werden durch die Nähe und Vermischung mit den Nachbarvölkern hervorgebracht. so erinnern die Bauern in Podolien an die ungarischen, walachischen Bauern, auch an die sogenannten Slowaken, die als Kesselflicker alle Länder durchziehen; sie haben wie diese einen halb wilden, halb melancholischen Ausdruck im Gesicht, wie diese träumerische Augen, durch die nur zuweilen ein Blitz von kindlicher Lust, von Intelligenz oder auch von List zuckt, und wie diese sind sie meist schmuzig und tragen die langen Haare und Bärte verworren und ungekämmt. Reinlicher, aufgeweckter, verständiger sehen meist die volhynischen Bauern aus, die mehr den polnischen und lithauischen gleichen. Den eigentlichen kleinrussischen Typus aber sieht man erst in der Ukraine, und Die, welche deren Bewohner genauer kennen, rühmen ihre geistige Begabung und körperliche Gewandtheit; sie sind geschickt für Alles – für Militärwesen, Handel, Gewerbe und finden sich in jedes Verhältnis. Talent für Musik, auch für plastische Kunst (besonders Holzschnitzerei) soll unter ihnen häufig sein. Sie haben die slawische Geschmeidigkeit, Elasticität, Fügsamkeit im vollen Maße, dabei aber auch als Contrast ein schnelleres Aufbrausen, einen heftigern Trotz als die Bewohner anderer Landestheile, und einen ihnen ganz eigenen Hang zur Unabhängigkeit, wie sich denn auch unter ihnen besonders mehre der Sekten, die im Schoose der griechischen Kirche entstanden sind, gebildet haben.

 

Auch findet man unter ihnen, als Zeugnis eines lebendigern Nationalgefühls, mehr Volkslieder als im übrigen Rusland; diese Lieder und ihre Melodien sind originell durch

Förster, Südrußland.

 

 

 

____
18 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

ein gewisses Gemisch von Keckheit und Melancholie: die Liebe und der Krieg, das Mädchen und der Feind (dieser ist meist der Kosack), auch das Pferd – das liebe, kleine, sanfte, muthige u. s. w. Pferd, haben die Hauptrolle in den Liedern –; auch das Land, die weite grüne Ebene, in der das kleine weiße Häuschen der Geliebten am Waldrand schimmert, oder die sonnige Steppe, durch die das schnelle Roß des Kosacken fliegt, wird in kurzen Worten geschildert, und ein bewustloses kindliches Gefühl für Naturschönheit, für Analogie zwischen Natur- und Seelenstimmung tritt oft in lieblich poetischen Bildern und Vergleichen hervor. Der Mond und der Stern, die Quelle und die Nachtigall, die Rosenwolke des Frühlings und die Silberflocke des Winters – alle die Edelsteine aus der allgemeinen Schatzkammer der Poesie, welche alle Völker in ihre Lieder streuen, schmücken auch diese einfachen Gesänge. Größer aber als die Verschiedenheit, die dem oberflächlichen Beobachter kaum sichtbar sein kann, ist die Aehnlichkeit im Leben, Charakter und in der Sitte des Landvolks dieser Länder. Man kann alle diese Bauern als große Kinder betrachten; ihre guten und schlimmen Eigenschaften besitzen sie meist unbewußt, es gehen diese gerade aus ihrer Natur hervor, durch keine Art von Erziehung geweckt oder gehemmt, und die ursprüngliche Güte dieser Natur wird dadurch bezeugt, daß trotz des Mangels der Erziehung, selbst des ausführlichen Religionsunterrichts, selten Verbrechen und meist nur im Affect – in Trunkenheit oder Zorn geschehen. In diesen Provinzen existiren noch keine schulen *) und man findet nur wenige

____

*) In den Dörfern des innern Rußland sind hier und da Schulen gegründet worden, auch ist der Sacristan in allen Dörfern verpflichtet, alle Die im Lesen und Schreiben zu unterrichten, die es zu lernen wünschen, und mehr und mehr solcher Lernbegierige sollen sich zeigen, mehr und mehr der Durst nach Kenntnissen erwachen.

 

 

____
19 Charakteristik der Kleinrussen; Zustand der Bauern.

 

Dorfbewohner, die durch Zufall, beim Herren- oder Kirchendienst, etwas lesen und schreiben gelernt haben. Auch die Popen bekümmern sich weniger um die religiöse Erziehung des Volks als um die strenge Einhaltung der Feste, des Fastens und Beichtens. So besteht Das, was an geistiger Ueberlieferung dem Volke zukommt und sein Eigenthum wird, außer in jenen Volksliedern, in einer Anzahl von Gebeten, welche die Kinder von den Aeltern lernen und welche Jeder auswendig wissen muß, um an den kirchlichen Mysterien theilnehmen zu können. Es zeugt aber für die ursprüngliche Begabung dieses Volks, daß es trotz der geringen äußern Anregung so geistig lebendig ist. Wenn auch bei Manchen alle Religion fast nur im regelmäßig wiederkehrenden meist gedankenlosen Hersagen dieser Gebete, in der Theilnahme an kirchlichen Ceremonien und im Einhalten der vorgeschriebenen Fasten besteht, wenn sich auch viele abergläubische Ideen mit den religiösen Begriffen mischen (wie man z. B. keine Taube tödtet und ißt, weil man sie nicht blos als Symbol des Heiligen Geistes verehrt, sondern denselben dann und wann in einer solchen verborgen glaubt), so findet man doch Unzählige, denen jene äußern Formen ein Ausdruck für tiefes inniges Gefühl sind, die ohne Anleitung über religiöse Dinge nachdenken und solch Denken oft in lieblichen wahren Aussprüchen offenbaren. Die Gewissenhaftigkeit, mit der sie früh und Abend die langen Gebete stehend nach Osten gewendet hersagen, ohne sich je von Müdigkeit oder Zerstreuungen verhindern zu lassen; der Eifer, mit dem sie diese Gebete ihren Kindern lehren, die man früh ins kirchliche Leben einweiht und schon in den ersten Jahren am Heiligen Abendmahl theilnehmen läßt; die Strenge, mit welcher selbst Kinder und junge Dienstmädchen, vor denen sonst keine Näscherei sicher ist, während der langen Fasten nur Brot und Gemüse mit Oel genießen; der

 

 

____
20 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Eifer, mit welchem sie sich während des Gottesdienstes bekreuzigen und vor jeder Kirche, jedem Crucifix am Wege die selben Zeichen der Verehrung wiederholen – Alles bezeugt, daß religiöse Gefühle tief im Herzen dieses Volks wurzeln. Ja man erkennt bei längerm Aufenthalte unter ihnen, daß diese Frömmigkeit leicht glühenden Enthusiasmus und religiösen Heldenmuth erzeugen kann und daß kein Volk so wie das russische bereit ist, für seinen Glauben Blut und Leben zu wagen. Jeder russische Bauer sieht sich als einen geborenen Soldaten des Herrn an. „Gott und der Zar!“ ist sein Feldgeschrei und jeder Krieg mit Fremden gilt ihm als heiliger Kampf für beide – für seine Religion und seinen Kaiser.

 

Das „heilige Rußland“ – so nennen die Russen ihr weites Vaterland, und es führt den Namen nicht mit Unrecht: der Gottgedanke heiligt rings die Erde; an allen Straßen und Feldwegen erheben sich Kreuze, die jeder Wanderer ehrerbietig grüßt; überall steigen die kleinen weiß und grünen Kirchen empor; ihre Glöckchen klingen zu allen Tagesabschnitten; Pilgerscharen durchziehen das Land und wandern aus weitester Ferne zu den heiligen Städten und Klöstern, besonders nach Kiew, dem slawischen Rom; Heiligenbilder sind der einzige Schmuck der armen Wohnungen, und eines derselben wenigstens leuchtet mit seinen grellen Farben und Goldverzierungen auch in der kleinsten Hütte aus einer Ecke des dunkeln Gemachs hervor. Tag und Nacht brennt eine Lampe vor diesem armen Bilde, daß jeder Eintretende mit dem Zeichen des Kreuzes und tiefem Verneigen begrüßt. Die Kirchen in Städten und Dörfern sind immer gefüllt, obgleich man während des stundenlangen Gottesdienstes stehen muß. Die Heiligenbilder und Crucifixe tragen die Spuren der glühenden Küsse, die ihnen die Andächtigen aufdrücken. Die großen

 

 

____
21 Kirchliches Leben; religiöse Feste.

 

Feste, alle durch lange Fasten vorbereitet, werden mit Andacht und Fröhlichkeit begangen und manche weltliche Freude mischt sich mit der kirchlichen Feier. Zu Ostern und Weihnachten findet ein mitternächtlicher Gottesdienst statt, an dem jeder Stand und jedes Alter theilnimmt und der in den Hauptstädten mit großer Pracht gefeiert wird. Ostern ist das höchste Fest und wirft einen Freudenglanz auf die ganze Bevölkerung. Mit dem Ausrufe: „Cristos woskräs!“ („Christus ist erstanden!“) begrüßt, beglückwünscht, küßt man sich in den Straßen und Häusern, nicht blos unter Verwandten und Freunden, auch unter Herren und Dienern, Vorgesetzten und Untergebenen; mit demselben Ausrufe beschenkt man sich gegenseitig mit buntgefärbten, oft kunstreich bemalten und verzierten Eiern. In jedem Hause ist ein reiches Ostermahl bereitet, das aus verschiedenen nationalen Gerichten und hohen Kuchen mit kleinen Osterlämmchen besteht und vom Priester gesegnet ist, und jeder Glückwünschende, auch die Diener und die Armen müssen davon genießen. Zu Pfingsten schmückt man Kirchen und Häuser mit jungen Birken, pflanzt sie auch im Freien um die Kirchen. In den Städten finden in der Oster- und Pfingstwoche Volksbelustigungen auf freien Plätzen statt, wo sich die Menge um die Schaukeln, Carrousels und Musikanten drängt. Zu Pfingsten errichtet man die beliebten Schaukeln auch auf dem Lande. Man sieht sie in den Birkenwäldern schwanken, einfach aus den Stämmen junger Bäume oder aus schlanken Aesten gebildet. Die jungen Mädchen schweben in den lauen Sommernächten darin auf und nieder; ihre weißen Oberkleider und die hellen elastischen Birkenäste, um die sie die Arme schlingen, schimmern im Mondlicht zwischen dem dunkeln Waldgrün. Die jungen Burschen setzen die Schaukel in Schwung; Kinder und Erwachsene stehen ringsum und warten, daß auch an sie die Reihe komme. Der

 

 

____
22 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Schlag der fernen Nachtigall mischt sich in das Lachen und Jauchzen, das die Frühlingsnacht durchtönt.

 

Auch im Sommer, im August, wird das Hauptfest der Jungfrau Maria durch große Fasten, viele Processionen, Pilgerfahrten und Gottesdienst feierlich begangen. Mitten im Winter aber glänzt ein anderes Hauptfest: der Tag der Taufe Christi, an welchem die Priester jedes Dorfes, die Geistlichkeit jeder Stadt in feierlichster Procession, von der ganzen Bevölkerung begleitet, zum nächsten Flusse ziehen, um das Wasser zu weihen. Unter einer aus Tannenreisern auf dem Eise errichteten Kapelle wird der Segen gesprochen und ein kolossales Kreuz in den starren Boden geschnitten, aus welchem sogleich das Wasser emporquillt, das die Menge mit Eifer schöpft und das ganze Jahr bewahrt und heilig hält.

 

Doch nicht blos religiöse Gefühle, auch warme treue Gefühle für Menschen leben im Herzen dieses unerzogenen Volks; Kinder- und Aelternliebe, Mitleid für Arme, Treue für ihre Herren. Nicht blos die Frauen, auch bärtige, rauh aussehende Männer pflegen, tragen, liebkosen die kleinen Kinder, ihre eigenen wie die fremden. Ueber die großen Kinder herrschen die Aeltern mit Strenge und erfahren den unterwürfigsten Gehorsam. Die Liebe innerhalb der Familie ist groß und bei Trennungen fließen heiße Thränen; beim Wiedersehen aber gibt es Umarmungen und Küsse ohne Ende. Abwesende Diener und Soldaten verwenden oft den größten Theil ihrer kleinen Einnahmen, um den Ihrigen Geschenke zu schicken, und tagelange Fußreisen macht man in Kälte oder Hitze, um die Seinigen für kurze Zeit wiederzusehen.

 

Jede Heirath, jeder Todes- oder Krankheitsfall, jede Ankunft oder Abreise u. s. w. erregt das allgemeine Interesse und wird in jeder Hütte besprochen. Die äußern Zeichen der Freundschaft sind weit lebhafter als bei uns; bei hohen Festen,

 

 

 

____
23 Besondere Eigenschaften der Bauern; Familiensinn.

 

Trennungen, Wiedersehen, umarmt und küßt sich Alles, und auch die Mädchen bieten offen und unbefangen den jungen Burschen ihre Wangen dar und küssen sich mit ihnen ernst und feierlich rechts und links wie nach einer vorgeschriebenen Regel.

 

Eine große Weichheit ist im Charakter dieser Bauern; der geringste Anlaß, eine traurige Erzählung, ein Abschied u. s. w. entlockt ihnen Thränen, und man kann bei einer solchen Gelegenheit selbst rauhe Männer von herculischer Gestalt mit langen wilden Haaren und Bärten wie Kinder weinen sehen. Neben dieser großen Erregbarkeit findet sich ein Zug von Resignation. Nicht blos bei einem von Gott verhängten Geschick, bei Krankheiten, Todesfällen u. s. w. verstummt die heftigste Klage bald und macht ruhiger Fassung Platz; auch im täglichen Leben, im Benehmen der Diener und Bauern gegen ihre Herren, kann man solche rasche Ergebung in einen stärkern Willen bemerken. Einen Augenblick vielleicht kämpft die innere freigeborene Natur mit dem Zwange der Verhältnisse, aber schnell legt sich dieser plötzliche Wellenschlag des Gemüths – man vergist was nicht zu ändern ist, fügt sich in das Unvermeidliche und erträgt es nach kurzem Klagen oder Murren mit Lachen und Scherzen. Der Gleichmuth und die Klaglosigkeit, mit welcher russische Bauern schwere Körperstrafen erleiden, ist von Andern viel erwähnt worden. Den selben Gleichmuth bewahren sie gegenüber der größten Gefahr, und am Rande des Todes selbst können sie noch ein philosophisches „Nitschevo“ („Es ist nichts!“) sich und ihren Unglücksgefährten zurufen. Der zum Soldaten bestimmte Bauer, der heute noch mit den seinen klagt, sieht morgen schon, wenn er einmal den Soldatenrock anhat, ganz zufrieden darin aus und lacht schon übermorgen mit den Kameraden.

 

Mit dieser Ergebung hängt das schnelle Vergessen einer

 

 

____
24 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. f. w.

 

empfangenen Beleidigung oder Strafe zusammen. Beispiele von Rache sind höchst selten. Nach härtester Züchtigung begegnen die Diener ihrem Herrn, als sei nichts vorgefallen, sind freundlich, dienstwillig, liebkosen seine Kinder wie früher. Hundert Fälle könnte man zum Beweise eines so schönen christlichen Vergebens anführen.

 

Wie groß bei ihnen das Organ der Ehrfurcht sein muß, zeigt sich nicht blos bei ihren religiösen Uebungen und in ihrem Benehmen gegen Höhere, sondern auch in dem gegen alle alten Leute, welche im Dorfe ein fast patriarchalisches Ansehen haben. Eine Art von verehrender Scheu zeigen sie auch gegen Geisteskranke und Blödsinnige, die sie pflegen und versorgen und ansehen wie von der Hand Gottes besonders gezeichnet.

 

Zu den schönen menschlichen Gefühlen, die so ursprünglich im Herzen dieses Volks leben, gehört vor allem die schon erwähnte große Heimatsliebe. Wenn sie in der Ferne von ihrem Dorfe sprechen, dann leuchten ihre Augen und man fühlt, daß sie es für den schönsten Ort der Welt halten. Den Militär und Herrendienst scheuen sie besonders darum, weil er sie ihrer Hütte, vielleicht auch weil er sie dem dolce far niente darin entführt. Wohin dieser Dienst sie auch versetze – in schönere Gegenden, große Städte – immer gehen ihre Gedanken in die Heimat zurück, und der Tag, der sie wieder zu ihr bringt, ist ihr Glückstag und macht sie schnell wieder zu Dem, was sie waren, ehe sie die Hütte verließen. Wie sich der Soldat im bunten Militärleben gefallen mochte, wie der Diener eitel auf eine glänzende Livrée war und alle Feinheiten der Toilette und des täglichen Lebens seiner Herren kennen und nachahmen gelernt und sich an manche Zerstreuung großer Hauptstädte gewöhnt hat – alle diese neuen Gewohnheiten weichen vor den alten, die ihn in seiner Hütte

 

 

 

____
25 Zufriedenheit; Frohsinn.

 

empfangen, in deren Rauch und Schmuz er sich wohlfühlt wie vordem.

 

 

 

So findet man auch unter den niedern Classen der Russen seltener als unter den unserigen jenes Beneiden der Güter und Bequemlichkeiten der Reichen; ja selbst jenes neugierige und verlangende Staunen, mit dem unsere Landbewohner häufig die Luxusgegenstände vornehmer Häuser betrachten, bemerkt man bei ihnen fast nie; sie bewundern mit verlangenden Blicken nur die bunten Bänder, die Ketten, Kreuze, rothen Schuhe, den bestickten Kaftan und andere solche Dinge, die in ihren eigenen kleinen Lebenskreis gehören.

 

Dieses Volk kennt noch nicht die Krankheit des übrigen Europa: das ewige Ringen nach mehr und mehr von den materiellen Gütern des Lebens, das heftige Drängen nach Vorwärts auf der Stufenleiter der Gesellschaft, die Eifersucht und Ungeduld – alle die bittern Früchte der Civilisation, die neben ihren heilsamen Früchten reifen und deren Genuß seit Adam Tausende aus dem Paradiese der Freude und des Friedens getrieben hat. Ruhig genießen diese Bauern Das, was ihnen das Leben schenkte und machen sich ihre Hütte nicht enger noch dunkler durch den Gedanken an den Palast des Reichen. Während bei uns die Leute aus untern Classen auf die Frage, wie es ihnen gehe, oft mit einer Klage, einem Wunsche des Besserwerdens antworten, erwidern die russischen Bauern meist bei solcher Gelegenheit fröhlichen Gesichts: „Slawa Bogu“ („Gesegnet sei Gott“), „Es geht gut“, „Ich bin wohl“ u. s. w.

 

Das Kind der Zufriedenheit ist die Fröhlichkeit; diese Bauern sind das vergnügteste Volk der Welt, immer bereit zum Lachen, Gesang und Tanz. Nichts quält sie lange, der Zorn legt sich bald, die Thränen trocknen schnell; aus jeder Arbeit machen sie eine Unterhaltung und thun sie con amore,

 

 

 

____
26 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

unter Lachen und Scherz, gar nicht wie man sich Leibeigene arbeiten denkt. Ein freundliches Wort, eine kleine Gabe macht ihre Gesichter vor Lust glänzen. Auch eine Ader von Humor findet man unter ihnen und hört sie zuweilen in kurzen Worten sehr witzige treffende Bemerkungen aussprechen. Mit dieser zufriedenen Sinnesart hängt freilich auch der Hang zur Bequemlichkeit und zum Müßiggang zusammen. Nur wenige treibt der Wunsch, ihre Lage zu verbessern, zu irgendeiner Anstrengung. Das Nothwendige und von Kindheit an Bekannte genügt nicht; und wenn sie sich das verschafft haben, dann denken sie nicht mehr an Arbeit, nur an Genuß.

 

Ihre Genüsse freilich sind sehr einfacher Art, und wenn man die Stufe der Civilisation, auf der ein Volk steht, eher nach seinen Vergnügungen, die eine freie Bethätigung seines Willens, ein ungezwungener Ausdruck seiner innersten Neigungen sind, als nach seinen Beschäftigungen ermessen wollte, welche mehr oder weniger von Zwang und Nothwendigkeit geboten werden - dann sehen wir diese Bevölkerung ziemlich niedrig auf jener Stufenleiter stehen: ihre liebste Erholung ist der Schlaf; ihm wird der größte Theil der Feiertage gewidmet; auch an Werktagen, wenn die nötigste Arbeit gethan ist, werfen sie sich in seine Arme, die sich überall für sie öffnen und denen kein Lärm sie entreißt, sodaß geräuschvolle Corridore und belebte Straßen ihnen angenehme Ruhestätten bieten können. Diese süße Selbstvergessenheit, oder auch diese dumpfe Gedankenlosigkeit, die sie im Schlafe finden, schöpfen sie aber auch aus andern Quellen, besonders aus der des Branntweins. Der Trunk bildet einen andern ihrer Lieblingsgenüsse, sodaß man nicht blos Männer, sondern häufig auch Frauen im traurigsten Zustande der Welt sieht und daß die Boutschniks (die Straßenaufseher in den Städten) viel beschäftigt sind, Betrunkene in ihre kleinen Wachthäuser am

 

 

 

____
27 Erholungen und Vergnügungen der Bauern.

 

Wege aufzunehmen. Obgleich fast alle Verbrechen durch die Trunkenheit veranlaßt werden, obgleich diese die Bauern häufig tagelang unbrauchbar zur Arbeit macht, thun die Gutsherren doch nichts gegen das Uebel, durch das ihre großen Branntweinbrennereien, welche die jüdischen Wirthe der Kartschmas versorgen, so gewinnreich sind.

 

Eine immer neugefüllte Branntweinflasche, die von Einem zum Andern geht und aus der Männer wie Frauen volle Züge thun, und eine elende Violine, das sind die Hebel der Fröhlichkeit bei allen Festen. Musik darf niemals fehlen – aber welche Musik! kaum kann man den schönen Namen den schrillenden Tönen geben, die dem uneingeweihten Hörer wie Jammerlaute klingen, den eingeweihten aber zum Tanze beleben, der freilich ebenso roh und regellos ist wie diese oft fast rhythmuslosen Klänge, und meist nur in einem wilden Hin- und Herspringen besteht, das je wilder wird, je länger die Branntweinflasche umhergeht. Dennoch fehlt ihnen der Sinn für gute Musik nicht und sie können einer solchen stundenlang begierig und entzückt lauschen; auch gibt es schöne Stimmen; man hört die Volkslieder mit Ausdruck singen, und diese Lieder selbst haben originelle Melodien, besonders im eigentlichen Kleinrußland und in den an Polen grenzenden Landstrichen, wo sie meist in der aus süßer Melancholie und feuriger Keckheit gemischten Cracoviennemelodie ertönen.

 

Tiefer im innern Rußland erklingen die schwermüthigen weichen Töne der zitherartigen Balalaika zur Begleitung anderer eigenthümlicher Volkslieder. Wie groß das Talent für Musik überhaupt unter den Russen ist, sieht man aus den Orchestern und kleinen Kapellen, die sich die reichen Gutsbesitzer aus ihren Bauern und Dienern bilden und die sogar oft classische Musikstücke gut und correct vortragen, und an der trefflichen Militär-, besonders der weltberühmten Hörnermusik,

 

 

 

____
28 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

welche von Soldaten, die nur kurze Zeit in der Behandlung ihres einen Instruments unterrichtet wurden, mit einer Präcision und Uebereinstimmung ausgeführt wird, wie man sie sonst nur an langgelehrten Musikern findet. Freilich ist der Prügelstock oft der Zauberstab, der die verborgenen Talente so schnell zutage fördert und einen ungelehrten Bauerknaben in wenig Monaten in ein brauchbares Orchestermitglied verwandelt, das keine Note und keinen Taktstrich versteht.

 

Doch jener Zauberstab, ja blos der Gedanke an ihn thut noch andere Wunder: er hilft die angeborene Trägheit überwinden, und wenn der Russe einmal die Arbeit angegriffen hat, thut er sie schnell und vortrefflich. Ueberhaupt ist dieses Volk, hat es einmal die ihm natürliche Bequemlichkeit besiegt und gelernt ein wenig über seinen Zustand hinaus zu denken, zu Allem tüchtig. Mit größter Schnelligkeit lernt es die Handgriffe der verschiedenen Handwerke; ein in ihm schlummernder Speculationsgeist, einmal geweckt, bahnt schnell die Wege zu reichem Erwerb, und es gibt hundert Fälle, wo Bauern durch glückliches Handeltreiben Millionäre geworden sind und sich durch Verheirathungen u. s. w. den vornehmsten Familien des Landes zugesellt haben. Doch auch in anderer Weise haben sich Unzählige von den niedrigsten Stufen der Gesellschaft emporgearbeitet und mancher General, mit Orden und Ehren geschmückt, erblickte das Tageslicht in der Hütte des Leibeigenen. Selbst die Poesie tritt dann und wann durch die dunkle Pforte und erweckt hohe Gedanken und stolze Träume in den Herzen der Niedriggeborenen und führt sie bis auf die Sonnenhöhen des Lebens, wo sie ihre Stirnen mit Lorber krönt. Manche russische Dichter, wie Lomonossow, der Sohn eines Fischers am Weißen Meere, Koslow, der Sohn eines Hirten, wurden unter niederm Binsendach geboren.

 

So ist der Leibeigene kein Paria; sein Stand trennt ihn

 

 

____
29 Verhältnis der Bauern zu ihren Herren.

 

nicht für ewig von einem andern; nicht unauflöslich ist er an seinen Herrn, seine Scholle gefesselt; er kann frei werden, er kann die Wege finden und gehen, auf denen man Das, was man die Schätze des Lebens nennt – Rang, Reichthum, Ruhm – gewinnt. Der Gedanke, daß alle diese Millionen Bauern Leibeigene sind, ist so traurig und quälend für den Menschenfreund, daß man es ihm verzeihen muß, wenn er sich selbst zum Troste die freundlichern Seiten dieses Zustandes aufsucht, den man mit Unrecht oft dem der Sklaven im so genannten Lande der Freiheit vergleicht, welche kein Gesetz vor der Willkür ihrer Herren schützt, welche außer der Gesellschaft stehen, keine Heimat haben und wie Waaren verkauft werden.

 

Die russischen Leibeigenen nennen ihren Herrn „Vater“; er nennt sie „Kinder“; das schon zeigt, in welcher Weise das Verhältnis, wenigstens großentheils besteht. Leider gibt es Ausnahmen genug; aber neben den Beispielen von übertriebener Strenge und Härte sieht man häufig ein patriarchalisches Verhältnis zwischen den Bauern und Herren und besonders zwischen diesen und ihren leibeigenen Dienern bestehen. sie nehmen theil am Glück oder Unglück der Familie, als deren Glieder sie sich betrachten, wie sie denn auch die Kinder des Hauses meist „Unser Kind“, „Unser Dimitri“, „Unser Nicola“ u. s. w. nennen. Ihre an solche Theilnahme gewöhnte Herrschaft macht sie meist mit allem Wohl und Wehe des Hauses bekannt und verbirgt ihre Freude und ihre Thränen nicht vor ihnen. Aber auch für ihre eigenen Kümmernisse, ihre Krankheit, ihre Verluste, für ihre Vergnügungen und ihren Putz interessirt man sich und bezeigt ihnen die Theilnahme, die man allerwärts für treue Diener hat. Der Herr weiß, daß sie ihm und seinem Hause gehören und darin bleiben werden; darum hat er für sie natürlich ein größeres Interesse

 

 

 

____
30 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s.w,

 

als für gemiethete Diener; darum auch erträgt er weit geduldiger ihre Fehler, sucht sie zu bessern, zu erziehen, für den Dienst tauglich zu machen; in der Krankheit läßt er sie sorgsam pflegen und erhält sie bis zum Tode, auch wenn sie das Alter unbrauchbar macht. Sie ebenfalls wurzeln fest in dem Hause, in dem sie aufgewachsen sind und aus dem sie keine Gebrechlichkeit entfernt. Sie leben sorgloser, fröhlicher in den Tag hinein als unsere Diener, die nicht wie sie ihres Unterhaltes bis ans Ende sicher sind. Ihr Lachen, Schwatzen, Singen durchtönt das ganze Haus und die große und unnöthige Zahl der Diener macht die Arbeit jedes einzelnen sehr gering und läßt ihnen nur zu viel Zeit zum Müßiggehen, Vergnügen und Schlafen. Dem letztern Genusse besonders geben sie sich am meisten und auf jeder beliebigen Stelle hin. Auch in der Nacht ruhen sie so nomadenhaft, da sie keine Betten (ein Luxus, den kein Bauer dieser Gegend kennt), ja selten einen bestimmten Wohnraum haben.

 

Das Verhältnis zwischen den Herren und Bauern bekommt auch dadurch einen patriarchalischen Anstrich, daß die Letztern jene nur mit ihren Vornamen, dem der des Vaters beigefügt ist, benennen: z. B. Alexander Iwanowitsch –Alexander, Sohn des Iwan; Maria Petrowna – Maria, Tochter des Peter u. s. w., und daß sie jeden Titel weglassen.

 

Dieses Verhältnis, das die Bauern selbst nicht als drückend, sondern als natürlich ansehen (Gott, dem Zar und ihrem Herrn dienen, erkennen sie als Inbegriff ihrer Pflichten und ihre Bestimmung auf Erden), haben mehre neuere Gesetze noch günstiger für die Unterthanen gestaltet, welche durch dieselben für eine künftige Freiheit vorbereitet werden sollen. Solche Gesetze sind z. B. folgende: Jeder, der eine gewisse Zahl Jahre Soldat war, ist frei; ebenso seine Frau. Kein Herr kann Dem die Freiheit verweigern, der sich loskaufen will, oder vielmehr,

 

 

 

____
31 Pflichten der Herren gegen ihre Unterthanen.

 

der das Land, das er vom Herrn erhält und für dessen Besitz er ihm dient, diesem abkaufen kann. Den Preis also, den er zu zahlen hat, zahlt er nicht für sich selbst, nicht für den Menschen, sondern für den Grund und Boden, der ein Theil von seines Herrn Gut ist. Der Bauer gehört zum Gute und kann nicht ohne dasselbe, nicht einzeln als eine Art von Waare verkauft werden; ebenso kann man das Gut nicht ohne ihn verkaufen. Niemand kann ihn aus seiner Hütte treiben, ihm sein Feld nehmen; er und seine Nachkommen sind für immer des Besitzes sicher.

 

In theurer Zeit ist der Gutsherr verpflichtet, nicht nur Getreide und Kartoffeln, sondern auch Korn zur nächsten Aussaat zu vertheilen. Eine Vernachlässigung dieser Pflicht wird streng, ja ist ein Todesfall durch Hunger bewiesen, mit sibirischem Exil bestraft. So müssen auch die Abgaben, die in jeder Provinz verschieden sind und sich nach dem Ertrag des Bodens und der Arbeit, die außerdem geleistet wird, richten, zur Zeit des Mangels erlassen werden, ganz verschieden von dem Verfahren in Irland z. B., wo man die Landleute, wenn sie in theurer Zeit unvermögend zur Bezahlung der Abgaben sind, von Haus und Hof vertreiben und dem Elende preisgeben kann. Auch die Strafen werden von der Regierung überwacht. Wegen einer ungerechten oder zu harten Strafe darf der Bauer den Herrn verklagen und dieser wird zu strenger Rechenschaft gezogen, ja hat in solchem Falle oft monatelang eine Gerichtscommission zu unterhalten, welche die Behandlung seiner Unterthanen beaufsichtigen soll, und muß, ist sein Unrecht erwiesen, die Direction seiner Güter der Regierung überlassen. Die Zahl der Wochentage, an denen der Leibeigene für seinen Herrn arbeiten muß, ist fest bestimmt und alle Arbeit, die außerdem geschieht, muß bezahlt werden.

 

 

 

____
32 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Als das Traurigste der Leibeigenschaft erscheint uns übrigen kosmopolitischen Europäern, die gern das Weltall als ihr Reich betrachten und nur zu rastlos umherschweifen, dieses Gebundensein an die Scholle, diese Unmöglichkeit, die Heimat zu verlassen, das Eigenthum mit einem fremden zu vertauschen; sie ist aber für dieses Volk, das fester als irgend ein anderes an seiner Scholle hängt und selten den Wunsch hat, sie zu verlassen, nichts Trauriges, sondern seiner Natur gemäß. Selten blicken diese Bauern über ihre Hütte, ihr Dorf, noch seltener über die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus; sie halten dasselbe für das schönste, glücklichste Land der Welt und erwähnen fremde Länder nur, um sich zu erzählen, daß Gott deren Bewohner nicht liebe wie sie, sondern ihnen hohe Berge hingesetzt habe, sodaß sie mit großer Mühe und spärlich nur ihre Nahrung gewinnen könnten, während er für sie die schöne Ebene, wo das Getreide so lustig wachse und sich so leicht säen und ernten lasse, ausgebreitet habe. Doch suchen und erhalten auch sie häufig die Erlaubnis ihrer Herren, in der Ferne zu dienen, oder Handel und Handwerke zu treiben, und in den großen Hauptstädten sieht man leibeigene Bauern aus allen Gegenden des Reichs, die als Lohnkutscher, Diener, Handwerker, Kaufleute da leben und oft Reichthum und neben bei großstädtische Bildung erwerben. Ebenso bezeugen die zahllosen Pilger, die oft von einem Ende des Reichs bis zum andern ziehen, ja die zuweilen Reisen nach Jerusalem unternehmen und mit denen jeder Wallfahrtsort und besonders die heilige Stadt Kiew überfüllt ist, daß diese Bauern nicht so unlösbar wie man glaubt an ihre Scholle gefesselt sind.

 

Alles was zum Leben, zur Nahrung, Kleidung u. s. w. dieses Volks gehört ist einfach, primitiv gleich ihm selber. Die Hütten, aus Lehm gebaut, sind niedrig und klein, haben hohe, weit hervorstehende Strohdächer, enge Fensteröffnungen

 

 

 

____
33 Leben der Bauern. Die Hütten und deren Umgebung.

 

mit trüben Glasscheiben, sodaß es im Innern dunkel und oft ziemlich schmuzig ist, da in dem einen kleinen Raume große Familien (zuweilen auch das Federvieh und junge vierfüßige Thiere) wohnen und schlafen, wozu sie ihre Pelze auf dem hockerigen Fußboden, den Bänken oder auf dem großen Ofen ausbreiten, der Sommer und Winter eine dem Fremden unerträgliche Hitze ausströmt. Das Fenster sieht man auch im Sommer niemals offen; nur durch die Thür dringt frische Luft in den Raum, den am Abend angezündete Kienspäne oder Eichenäste erhellen, welche den Dampf und Dunst im Gemach erhöhen. Von außen sehen die Hütten blendend rein aus, da sie jede Woche von neuem weiß angestrichen werden, was meist die Frauen besorgen, die überhaupt den größten Theil der häuslichen Arbeit statt ihrer so gern schlafenden und trinkenden Männer verrichten. *) Einige Kühe, Schafe, Schweine, Ziegen gehören auch zu der ärmsten Dorfwirthschaft und die Ställe für diese Thiere liegen dicht neben der Hütte, sind roh zusammengezimmert und so klein und niedrig als möglich, und neben ihnen erhebt sich der schon erwähnte Getreidethurm. Der poetische Blumen- und Rebenschmuck unserer Bauernhäuser fehlt ganz, obgleich die Bauermädchen sich so gern das Haar mit Blumen zieren; einige derselben schimmern hier und da in den Gärten wie verirrt zwischen den breiten Kürbis- und Arebusenblättern, dem hochstieligen Mais und den saftiggrünen Kohlköpfen, unter denen sich nur die buntglühenden Mohnkelche in Masse wie heimisch erheben. Reich an jenen Vegetabilien und an verschiedenen Obstbäumen sind die ziemlich großen Gärten, die sich an jede

____

*) Außerdem spinnen sie viel, außer für den eigenen Bedarf auch bestimmte Quantitäten Garn und Zwirn für die Herrschaft. In manchen Dörfern werden Decken und allerhand Zeuge gewebt.

 

Förster, Südrußland.

 

 

 

____
34 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Hütte schließen und von einem Zaun umgeben sind, der sehr ordentlich und tüchtig aus Birken- oder Weidenruthen zusammengeflochten ist. Ebenso rein und ordentlich sieht es meist auf dem Raum vor den Hütten und in den breiten Dorfstraßen aus *), und der Schmuz und die Unordnung, die man sich häufig als unzertrennlich von slawischen Ortschaften denkt, ist eigentlich nur in den von Juden bewohnten kleinen Städtchen sichtbar.

 

So wäre eine Wanderung durch diese oft sehr großen und weit über die Ebene oder die Hügel oder an der Länge eines schönen Sees hingebreiteten Dörfer mit ihren weißen Hütten und grünen baumreichen Gärten sehr angenehm, wenn man nicht unaufhörlich in Gefahr wäre von den bösen wolfsartigen Hunden, deren einer jede Hütte bewacht, angefallen zu werden. Nur mit Stöcken bewaffnet kann man sich in ihre Nähe wagen. Wenig sieht man in den Dörfern von dem Kinderjubel, den Kinderspielen, welche die unsern beleben; die kleinen Kinder sitzen und hocken in ihren groben Hemdchen in Haufen beisammen und scheinen wenig Erfindungsgeist für Spiele zu haben; die größern arbeiten schon, hüten das Vieh u. s. w., und benutzen wie die Erwachsenen die übrige Zeit gern zum Schlafen.

 

Jedes Dorf hat seine Kartschma, sein Wirthshaus, meist freigelegen und oft ein ganz hübsches, freundliches, vom Gutsherrn angelegtes Gebäude, dessen Vorderseite ein Gemach für die vornehmern Gäste, die übernachten wollen, und eins für die sonntäglichen oder hochzeitlichen Lustbarkeiten der Bauern enthält, und in dessen langen Seitengebäuden die zur Aufnahme der Pferde, Fuhrleute und Bauern bestimmten Räume sich

____

*) Außer zu der Regenzeit, wo sie fast ungehbar und unfahrbar sind.

 

 

____
35 Die Kartschmas. Kirchen; Begräbnis u. s. w.

 

befinden. Außer dem Futter für die Pferde kann man hier eigentlich nur Brot und Branntwein (in den ganz russischen Dörfern wol auch den bierähnlichen Kwas) erhalten; der Schenkwirth ist meist ein Jude und nimmt den Branntwein aus der Brennerei des Gutsbesitzers, der ihm die Kartschma verpachtete, und Beiden gereicht die schlimmste Leidenschaft des Volks zum Gewinn. Ein buntes Gewimmel ist oft in solcher Kartschma. Neben den vornehmen Reisenden: polnischen Gutsbesitzern, russischen Generalen, sieht man theerdurchduftete Bauern oder Fuhrleute, Handelsjuden, die Waaren oder Pferde zum Verkauf umherführen, durchmarschirende Soldaten, die zu kurzer Rast eingekehrt sind und oft eine Zahl Gefangene mit sich führen, wilde Gestalten, welche draußen unter strenger Bewachung sich gelagert haben. Fast in jedem Dorfe ist ein Haus zur Aufnahme kranker, bei der Cantonnirung oder dem Durchmarsch zurückgebliebener Soldaten bestimmt. Außerhalb des Dorfes oder in seiner Mitte auf einem Hügel oder freien Platze erhebt sich die meist hölzerne weiß angestrichene Kirche mit ihren drei grünen Kuppeln, daneben steht der Glockenthurm mit ähnlicher Kuppel und nahebei liegt der Kirchhof mit seinen buntbemalten Kreuzen; gleich diesen Kreuzen haben auch die Begräbnisse einen weniger düstern Charakter als bei uns; der meist offene Sarg ist bunt bemalt, oft von buntem Baldachin überragt, und die Priester folgen in farbigen Gewändern mit bunten Standarten und Heiligenbildern; oft liegt auf dem Sarge ein Brot und Salz, auch wol eine Münze – ein Rest uralter heidnischer Gewohnheiten.

 

In den Hütten der Bauern finden sich wenig Geräthe; der ungeheure, auch im Sommer geheizte Ofen nimmt den meisten Raum ein; ein hölzerner Tisch und einige Bänke stehen daneben. Ein paar hölzerne Löffel, einige irdene Schüsseln, Töpfe, einige Krüge von ganz classischer Form, pompejanischen

 

 

 

____
36 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Krügen ähnlich, bilden die Küchengeräthe; die Sauerkohlsuppe, der grobe Grütze, der Kwas, aus gegohrenen Brotrinden bereitet, und ganz schwarzes grobes Brot, das oft mit Zwiebeln genossen wird, sind die vorzüglichsten Nahrungsmittel. Ebenso einfach ist die Kleidung: die Männer tragen im Sommer Kaftane von grauem oder braunem groben Friestuch mit langen weiten Aermeln und einer Kapuze, die sie bei Regen über den Kopf ziehen und so das Ansehen von Mönchen haben; im Winter ziehen sie über diesen oft buntausgenähten Rock noch einen dicken Schafpelz an, dem ein breitübergeschlagener wolliger Kragen ein noch wärmeres Ansehen gibt; um den Leib schlingen sie eine rothe wollene Schnur oder Schärpe, und eine hohe Pelzmütze und große Pelzstiefeln vervollständigen den Winteranzug. Auch die Frauen, deren Anzug dem der Männer fast ganz ähnlich ist, tragen im Winter solche Männerstiefeln; außerdem ist die Fußbekleidung sehr primitiv: Frauen und Männer umwickeln sich die Füße mit alten Stücken Zeug oder tragen Sandalen aus Holz oder Bastgeflecht, die mit Bindfaden an die Füße gebunden sind und denen gleichen mögen, welche der göttliche Sauhirt Homer's trug. Nur an sehr festlichen Tagen tragen die Mädchen ein Mieder und einen bunten Rock mit Band oder Goldborden verziert unter dem Kaftan. Auch an den polnischen Bauer- und Bürgermädchen sieht man solche farbige Oberkleider aus Kattun oder Wollenzeug. Unter einem groben grauen oder weißen Leinentuch verbergen die Frauen ihr Haar und dürfen es nie unverhüllt zeigen; die Mädchen aber tragen es frei und in Zöpfen, welche um den Kopf gelegt und mit Bändern durchflochten, auch im Sommer mit vielen Blumen besteckt sind. Den Hauptschmuck aber bilden die bunten Bänder, deren sie eine Menge hinten am Haar befestigen und lang über den Rücken herabhängen lassen. Auch Ketten von

 

 

 

 

____
37 Kleidung der Bauern; ihr Putz, Brautanzug u. s. w.

 

Glasperlen, an denen oft Kreuze oder kleine Heiligenbilder befestigt sind, tragen sie gern um den Hals geschlungen. Die festlichsten Kleider, Blumen, Bänder legt vor allem ein Brautpaar an, wenn es der Landessitte gemäß einige Tage vor der Hochzeit zu dem Herrn und zu allen Verwandten und Bekannten im Dorfe geht, um sie um Erlaubnis und Segen zur Heirath zu bitten. Es sieht hübsch aus, wenn sie an der spitze eines langen Zuges Hand in Hand herankommen, Beide in den faltigen offenen Kaftanen, die Braut mit den langen flatternden Bändern im aufgelösten fliegenden Haar, der Bräutigam mit einem großen Blumenstrauß, der am Kaftan befestigt ist. In feierlich demüthiger Weise drücken sie ihre Bitte um Segen aus, indem sie sich nicht blos vor dem Herrn und jedem Gliede seiner Familie, sondern auch vor den Dienstleuten und allen den Dorfbewohnern, die sie besuchen, drei mal auf die Knie werfen und wiederholt die Gewänder Derer küssen, denen sie solche Ehre erweisen.

 

Dabei werden symbolische Gaben vertheilt: kleine viereckige Stücken Leinenzeug oder weiße Tücher, Brot, Salz und grüne Zweige. Diesem Umgange des Brautpaars, der sich am Hochzeittag, gleich nach der Trauung, wiederholt, schließen sich außer den Dorfbewohnern einige Musikanten an und vor jeder Hütte erklingt die Geige und tanzt man in lustigen Sprüngen, am längsten im Hofe des Herrenhauses, wo die Vertheilung von Kwas oder Branntwein die Fröhlichkeit erhöht, die endlich ihre lebhafte Fortsetzung in der Kartschma findet.

 

_______________

 

 

Auch Bauern aus dem innern Rußland sieht man viel in diesen Provinzen, wo sie als Fuhrleute, als Maurer, Zimmerleute sich ihr Brot verdienen oder verschiedenen Handel treiben. Von den einheimischen Bewohnern unterscheiden sie sich

 

 

____
38 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

in ihrem Aeußern ebenso wie die nördlichen Einwohner an derer Länder von den südlichen. Ihre Haare, ihr Bart, beides kürzer geschnitten als bei den Kleinrussen, sind hell, ihre Augen blau, die Gesichtsfarbe roth und frisch, der Ausdruck offen, fröhlich, verständig. Sie sehen weit civilisirter als die südlichen Bewohner aus und machen einen weit gemüthlichern heimatlichern Eindruck als jene fremdartigern Erscheinungen mit den verwilderten dunkeln Bärten und Haaren, den bräunlichen oder bleichen Gesichtern, dunkeln blitzenden, oder blassen träumerischen Augen. Der Fleiß jener nördlichen Bauern soll größer, ihre Leidenschaft für Schlaf und Trunk kleiner sein als die der südlichen Bevölkerung. Sie sind immer fröhlich und man wird heiter durch den Blick auf ihre frischen, muntern, guten Gesichter. Sie singen bei jeder Arbeit mit heller Stimme und auch ihre Lieder klingen fröhlicher als die der südlichen Bewohner. Man fühlt, daß ihre Vorfahren nicht in dem Maße wie die der Südrussen von der Despotenherrschaft der mongolischen Eroberer berührt wurden und daß sie in den Jahrhunderten, wo jene vom Joche niedergebeugt waren, fröhlich, unvermischt mit Fremden in ihren weiten Wäldern lebten. Sie zeigen in jedem Gespräch einen natürlichen gesunden Verstand. Unter den Kaufleuten in den Städten, deren große Redlichkeit allgemein bekannt ist und die sich untereinander die größten Summen ohne Schein anvertrauen, gibt es viele Bauern aus dem Innern. In ihren Gewölben ist Alles sauber, ihre Waaren sind gut, sie selbst höchst beweglich bei ihrem Handel und gefällig und gesprächig mit ihren Käufern. Oft springen sie aus ihren Läden, um die Vorübergehenden anzuhalten und zum Kaufen zu laden. Ihre Tracht und die der reichern Bauern gleicht dem Sonntagsstaat unserer Landleute; ebenso rein und nett ist der Anzug ihrer Frauen, dessen Haupttheil in einer Art Kassawaika,

 

 

____
39 Großrussische Bauern; ihr Aeußeres; ihr Charakter u. s. w.

 

einer buntseidenen Jacke mit langen weiten Schößen und breitem übergelegten Kragen besteht; dazu kommt eine runde glatte Haube von buntem Zeug und ein weiter faltiger, meist seidener Rock. Die Fuhrleute – Yämtschiki – tragen rothe leinene Hemden, über welche zierliche schwarze Sammetwesten gezogen sind, schwarze weite Pantalons und kleine schwarze aufgekrämpte Hütchen mit einer Feder oder einem Blumenstrauß geschmückt; sie singen und pfeifen den ganzen Tag und sprechen zärtlich mit ihren Pferden. Sehr malerisch ist die eigentliche Tracht der russischen Bäuerinnen aus dem Innern, welche die von dort kommenden Herrschaften als Dienerinnen, Kinderwärterinnen begleiten. Sie tragen weite bunte, mit breitem Sammet- oder Goldband besetzte Röcke, bunte oder schwarze Mieder und ein Unterhemd mit weißen weiten Aermeln; das Haar hängt in zwei langen, mit buntem Band durchflochtenen Zöpfen über die Schultern herab und um die Stirn tragen sie den nationell-russischen Kopfputz – Kakoschnik oder Pawownik, eine Art von Krone oder Diadem mit buntem Seidenstoff überzogen und mit Gold- oder Silberborde verziert. Diese Großrussen sprechen ein reines Russisch, während die Kleinrussen und die Volhynier und Podolier eine aus Russisch und Polnisch gemischte Sprache reden, die besonders im Munde der Frauen und Mädchen sehr weich und lieblich klingt.

 

__________________

 

 

Fast ebenso zahlreich wie die bäuerische Bevölkerung ist das eingewanderte Volk der Juden, das seit Jahrhunderten in diesen Südprovinzen heimisch ist, doch deren Grenzen nicht überschreiten darf. Diese russisch-polnischen Länder aber haben sie fast wie Eroberer eingenommen: alle Dörfer, Städte sind von ihnen erfüllt, ja es gibt zahllose, nur von ihnen bewohnte Ortschaften: auf allen Wegen gehen und fahren sie

 

 

____
40 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

und sind die Hauptstaffage der Straßen. Das heimatlose Volk scheint hier sein Vaterland wiedergefunden zu haben und kann durch die Toleranz der Regierung in völliger Freiheit seiner Religion, seinen uralten Gebräuchen leben, die man vielleicht nirgends in ihrer ursprünglichen Gestalt so kennen lernt wie hier. Sie leben unter der übrigen Bevölkerung durch Handel und Wandel in steter Berührung mit ihr und sind doch aufs äußerste von ihr geschieden und halten mit eiserner Consequenz an ihren Gesetzen und Gewohnheiten fest. Sie allein im ganzen Reich haben einen dem russischen verschiedenen Kalender und feiern z. B. ihr Ostern, Passah, ihren Neujahrstag u. s. w. einige Wochen früher als die christliche Bevölkerung. Alle ihre vielen Feste halten sie streng mit allen uralten Gebräuchen, bauen sich am Laubhüttenfest in ihren kleinen schmuzigen Höfen Lauben aus Weidenzweigen und anderm Blätterwerk, die sie mit Lampen erleuchten und in denen sie während sieben Tagen ihre heiligen Opfermahlzeiten halten, bestreichen am Passahfest Thürpfosten und Schwellen mit dem Blute des Osterlammes und essen es des Nachts, um die Lenden gegürtet, mit Stäben in der Hand, wie zur Reise gerüstet nach Moses' Gebot. Während der vieltägigen Dauer ihrer Feste enthalten sie sich jeder Arbeit, jedes Geschäfts; ebenso streng begehen sie den Sabbath, und nichts in der Welt würde sie, die sonst so Erwerbbegierigen, vermögen, während seiner Dauer irgend Handel und Gewerbe zu treiben. *) Von Freitag Abend bis zum Sonnabend Abend sind ihre Läden geschlossen und die Straßen, sonst durch ihr Treiben so lärmend und schmuzig, rein und still. An diesen Sabbathvorabenden ist jede, auch die ärmste Judenwohnung gesäubert und geordnet

____

*) Der christliche Sonntag im Gegentheil wird durch ihr dann von neuem beginnendes Handelstreiben wahrhaft entheiligt.

 

 

 

____
41 Das Leben der Juden in diesen Provinzen.

 

und mit vielen Kerzen erleuchtet, bei deren Schein man die bestimmten Gebete hersagt und die bestimmten geweihten Speisen genießt. Man glaubt, wenn man an dem Abend durch ein solches Städtchen fährt, eine allgemeine Illumination zu sehen.

 

Ihre Trauungs- und Begräbnisceremonien, die Einrichtung ihrer Synagogen, ihr Ritus, ihre Kirchhöfe mit den ordnungslos durcheinandergeworfenen Grabsteinen, Alles soll hier nach den strengsten Vorschriften des Gesetzes ganz wie in den uralten Zeiten des Judenthums bestehen. Ebenso streng werden alle Satzungen, die in das häusliche tägliche Leben eingreifen und aus demselben gleichsam eine fortgesetzte Erneuerung des Bundes mit dem Herrn machen, erfüllt; die täglichen Waschungen und Reinigungen, die Gebete und Anrufungen, die der Lehrer vom Sinai den seinen vorschrieb, findet man hier noch täglich ganz in der alten Weise wiederholt. Die patriarchalische Herrschaft der Aeltern über ihre Kinder, der ehrfurchtsvolle Gehorsam derselben gegen ihre Aeltern findet sich hier noch wie zu den Zeiten der alttestamentarischen Urväter. Die Heiligkeit der Ehen ist wie in jener alten Zeit aufrechtgehalten; ebenso werden diese früh geschlossen wie damals und nur durch den Willen der Aeltern, der sich selten um die Neigung der zu Verlobenden kümmert, welche häufig noch halbe Kinder sind und sich oft erst bei oder kurz vor der Trauungsceremonie kennen lernen. Aber nicht blos für die Wahl der jungen Leute, sondern für ihre Verheirathung selbst sorgen die Aeltern oder Gemeindevorsteher, und der ehelose Stand wird ungern geduldet. Diese Vorsteher überhaupt üben altpatriarchalische Autorität über die Gemeinden aus, überwachen die Erfüllung der religiösen und moralischen Vorschriften und die Sorge für die Armen. Wirkliche Armuth soll es daher in diesen Gemeinden selten geben, trotz

 

 

 

____
42 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

des Schmuzes und anscheinenden Elends der meisten Judenwohnungen, das, wie man sagt, oft zur Schau gestellt wird, um den Gedanken an den Besitz von Reichthümern fernzuhalten.

 

Auch die Tracht der Vorväter, den weiten stattlichen Kaftan und den würdevollen langen Bart haben sie großentheils bewahrt und oft durch bedeutende Geldopfer sich erhalten, da ihnen von der Regierung die gewöhnliche bürgerliche Tracht und vor allem das Abschneiden des Bartes geboten ist; so modernisirt sieht man denn auch häufig die jüngern Leute. Das altjüdische Costüm der Frauen, zu dem Schleier, Stirnbinde u. s. w. gehören, kann man nur bei besondern Festlichkeiten, Trauungen u. s. w. sehen. (Hier besteht auch noch die alte Sitte, den Bräuten vor der Trauung die Haare zu rasiren und ihnen das Haupt, das sie fortan kahl erhalten müssen, mit einer falschen Haartour zu verunstalten.) Dennoch erkennt man die jüdischen Frauen leicht an den besonders bunten Farben ihrer Kleider und Tücher, bei denen häufig brennendes Roth und Gelb nebeneinander leuchten, und an den Sabbathtagen an ihren Goldhauben, ihren Ketten, Ringen und Steinen, mit denen sie sich oft in großer Ueberladung schmücken. An solchen Tagen kommen auch die verborgenen Schätze ans Licht; denn neben dem falschen Schmuck glänzen oft wirkliche Diamanten und echte Perlen am Hals und im Haar von Judenfrauen, welche die Woche lang in einem engen schmuzigen Laden Stecknadeln und Band verkauften; ebenso sieht man an den Sabbathvorabenden oft in ganz elenden halbverfallenen Hütten Kronleuchter und Lampen von gediegenem Gold und Silber schimmern, seit Jahrhunderten vielleicht Eigenthum der Familie und heilig von allen Generationen bewahrt.

 

Die den Israeliten in Moses' Gesetz verbotenen Lebensmittel

 

 

____
43 Mäßigkeit der Juden; ihr Handeltreiben.

 

sind ihnen jetzt noch ungenießbar; auch Branntwein und andere geistige Getränke vermeiden sie nach dem alten Verbot. In diesem Lande, wo das Laster der Trunkenheit soviel verbreitet ist, sieht man nie einen berauschten Juden; darum sind sie die sichersten Kutscher, Boten u. s. w. Ihre Mäßigkeit und Enthaltsamkeit sollen überhaupt groß sein und einige Zwiebeln einem Israeliten oft zur Nahrung für den ganzen Tag hinreichen. Für ihre großen Feste bereiten sie ganz besondere Gerichte, von denen sie dann häufig ihren christlichen Handelsfreunden schicken, wie sie es auch mit den ungesäuerten Broten ihres Osterfestes thun. sie selbst würden um nichts in der Welt von Christen zubereitete Speisen genießen.

 

Doch nicht blos in ihrem religiösen und häuslichen Leben ist den Israeliten die größtmöglichste Freiheit gelassen, auch in ihrem Erwerb sind sie durch keine Gesetze wie in andern christlichen Staaten beschränkt; ungehindert können sie Gewerbe und Handel ausüben, den Gastwirthschaften, ja auch den Posthaltereien vorstehen, können Land und Häuser besitzen und sind in den Städten nicht wie häufig im übrigen Europa in bestimmten Bezirken und Straßen eingeschlossen. Diese große Freiheit im Handel und Gewerbe haben die Juden, hier wie überall thätig, klug, geschmeidig, zähe, sich reich zunutze gemacht; sie sind den übrigen Bewohnern unentbehrlich, ja beherrschen sie fast; der Handel ist fast allein in ihren Händen; der Bauer wie der reiche Edelmann kauft, was er bedarf, vom Juden, und er ist es, der ihnen die Erzeugnisse ihres Bodens, ihrer Fabriken in Geld verwandeln hilft. Der Handel nach auswärts, besonders der großartige Getreidehandel dieser Südprovinzen wird nur durch die Juden geleitet. Aller Geldumsatz wird durch sie besorgt; die Geschäfte jeder Art – Tausch, Borg, Kauf und Verkauf (auch von Gütern, Häusern u. s. w.), Wohnungsmiethung – gehen durch ihre

 

 

 

____
44 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Hände. Ohne sie, ohne ihren Rath, ihre Hülfe unternimmt man nichts. Vom reichen Edelmann, dem sie Wechselbriefe von vielen Tausenden schreiben, bis zu dem Bauer, dem sie den Taback und Branntwein verkaufen, sind alle Glieder der verschiedenen Gesellschaftsstufen ihrer bedürftig und haben sie gewöhnt, sich in Alles zu mischen, mit Auge und Ohr überall zu sein. Ueber das ganze Land verbreitet, in der Hütte wie im Herrenhause gleich bekannt, ewig hin- und herwandernd und doch untereinander zusammenhängend wie die Fäden eines großen Netzes, sind sie lebendige Zeitungen und Telegraphen, die schnell alle Nachrichten verbreiten. Durch sie erfährt man nicht blos die politischen, sondern auch alle möglichen Familienneuigkeiten. Todes- und Krankenfälle, Heiraths- und Geburtsnachrichten, Berichte über verlorene, gefundene und gestohlene Sachen, kurz Alles, was die Intelligenzblätter sonst füllt, machen sie bekannt und ersetzen so deren Mangel. Doch nicht blos die der Oeffentlichkeit bestimmten Dinge wissen und erzählen sie, sondern auch alle Geheimnisse der Familien. Schon dieser reiche Vorrath an Neuigkeiten thut ihnen alle Thüren auf und vermehrt so jenen Schatz, der sie oft mehr als ihre Waaren und übrigen Dienste (zu denen auch die des Schneiderns und Barbierens gehören) willkommen und unentbehrlich in diesen Gegenden macht. Daher kommt es, daß der jüdische Handelsmann nicht blos bis in die Schreibstube der Herren, sondern bis in das Boudoir der Damen dringt, und daher fahren diese Letztern so gern in die schmuzigsten, elendesten kleinen Städte und besorgen selbst ihre Einkäufe in den engen dunkeln Buden unter dem sinnverwirrenden Bieten, Feilschen und Lärmen dieses orientalischen Volks. Obgleich man den Juden eine Art Theil an der Civilisation der Bauern zuschreiben könnte, die sie mit allerlei Erfindungen der Neuzeit, mit allerlei Hausgeräth, Spiegel, Leuchter, Gläsern,

 

 

 

____
45 Verkehr der Juden mit der christlichen Bevölkerung.

 

Feuerzeug u. s. w. bekannt gemacht haben, obgleich sie den Verkehr, den Geldumschwung, die Mittheilung befördernd, der Bevölkerung sich tausendfach nützlich machen, so sind sie ihr doch auch in mancher Weise nachtheilig. Denn sie verleiten nicht nur die Bauern zu verschiedenen unnützen Ausgaben, bieten ihnen Gelegenheit, ihrer Neigung zum Trunke nachzuhängen, sondern verhindern auch, indem sie ihren Mangel an Speculationsgeist und Erwerbslust sich selbst zunutze machen, deren Erwachen. Das dunkle Gefühl dieses Nachtheils und nicht religiöser Fanatismus allein veranlaßt wol auch die Ausbrüche von Verachtung oder Spott, die sich hin und wieder Leute aus den niedern Classen gegen die Juden erlauben und die jene meist mit bewundernswürdiger Ruhe, ohne Erwiderung oder Zornesausdruck ertragen, obwol sie im Stillen mit ähnlicher Verachtung bezahlen mögen, zu der sie schon durch die vom Gesetz gebotene Vermeidung aller Gemeinschaft mit den Christen geleitet werden.

 

Aber nicht blos die Bauern, auch die Güterbesitzer würden, wie ihnen auch die Nähe der Juden und ihre Bereitwilligkeit und Fähigkeit zu den verschiedensten Diensten bequem ist, sich besser ohne sie befinden, denn eben die Leichtigkeit, mit welcher sie von ihnen Geld zu den höchsten Zinsen borgen können, ist der Hauptgrund der so häufigen Verschuldung und Vermögenszerrüttung des Adels, der von seinen Landproducten, weil er sie meist durch den Juden verkauft, nicht den Gewinn hat, den ihm ein unmittelbarer Vertrieb gewähren würde. Trotz dieses, sich mit Klugheit aller Vortheile bemächtigenden Speculationsgeistes, den man den russisch-polnischen Juden zugestehen muß, kann man sie doch einer Neigung zum Betrug nicht beschuldigen, könnte im Gegentheil mannichfache Beispiele von ihrer Ehrlichkeit in Handels-

 

 

 

____
46 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

und Geldgeschäften, ihrer Zuverlässigkeit bei einmal eingegangenen Contracten (als Lohnkutscher u. s. w.) anführen, ja Züge von Aufopferung und Hingebung bei diesen oder jenen übernommenen Verpflichtungen erzählen.

 

Es ist merkwürdig und ein neuer Beweis vom israelitischen Conservatismus, daß alle hier lebenden und wie ihre Aeltern und Vorältern hier geborenen Juden untereinander nicht Russisch oder Polnisch, sondern die Sprache ihrer vor Jahrhunderten aus deutschen Ländern eingewanderten Ahnen reden; ihr Deutsch freilich ist wie eine Caricatur des echten und klingt deutschen Ohren fast unverständlich und wie eine Profanation ihrer schönen Sprache.

 

Nichts sieht trauriger aus als die nur von Juden bewohnten Städte und Dörfer. In den letztern stehen kleine stallartige Hütten, nicht weiß und rein wie die der Bauern, weit voneinander, keinen Baum, keinen Strauch erblickt man und statt des Gartens ist jede von einem See von Schlamm und Unreinigkeit umgeben. Malerisch zwar beim ersten Anblick erscheinen die jüdischen Städte durch die bunt durcheinandergestreuten unregelmäsig gebauten, oft halb zerfallenen Häuser und Hütten mit theilweise zerbrochenen Außentreppen, gesenkten Balconen und Thüren, losen Dächern, schiefen Galerien, fragmentarischen Schornsteinen und Fenstern, an denen schmuzige Wäsche hängt und zerbrochene Geschirre stehen; im Ganzen aber sind sie wenig annehmlicher als die Dörfer, meist ungepflastert, im Sommer voll Staub, im Frühling voll grenzenlosen Schmuzes und nur im Winter, wenn die Schneedecke Unordnung und Unrath umhüllt, erträglich. Auch die kleinste Stadt belebt etwas Handeltreiben und bietet den ländlichen Bewohnern der Umgegend in vielen schmuzigen, von den verschiedensten und heterogensten Waaren erfüllten Kaufläden die Befriedigung ihrer meisten Bedürfnisse. Trotz dieser äußern

 

 

 

____
47 Geistige Begabung der Juden. Der polnische Adel.

 

Unordnung soll in den Familien selbst häusliche Ordnung herrschen; die Frauen und sogar die kleinen Mädchen sieht man fast immer beschäftigt und, den müßigen Gewohnheiten der übrigen Bevölkerung entgegen, strickend oder nähend vor ihren Wohnungen sitzen.

 

Fast in jeder Stadt befindet sich eine Synagoge und jüdische Schule; auch lernen viele jüdische Knaben in den christlichen Gymnasien. Man kann das Talent und den Fleiß dieser in so elenden Umgebungen aufgewachsenen Kinder nicht genug loben, kann überhaupt nicht leugnen, daß, wie auch Armuth, Verachtung, Unwissenheit und Erwerbsucht das Aeußere und Innere dieses Volks entstellen, seine ursprüngliche geistige Begabung ebenso wenig gänzlich verloren ist wie der Typus seiner orientalischen Urschönheit, der hier und da in jugendlichen Frauen- oder ehrwürdigen Greisengesichtern von neuem erscheint.

 

__________________

Zu diesem Leben der Bauern und Juden bietet die Existenz des polnischen Adels, dem fast alle Güter dieser Provinzen gehören, den höchsten Contrast, nicht blos weil sich diese Existenz meist im Schooße des Reichthums und Luxus bewegt, sondern weil sich überhaupt die Polen durch geistige Bildung, feine gesellige Sitte, äußere Eleganz unter jeder andern Bevölkerung auszuzeichnen wissen.

 

Ihr Geschick hat die Polen gleich jenem heimatlosen orientalischen Volke über alle Länder zerstreut und man kann ihren Charakter in Paris, London, in Neuyork und Konstantinopel ebenso gut studiren wie in ihrem eigentlichen Vaterlande. Wol wird man in diesem Charakter die Hauptursache ihres Geschickes finden und doch wieder durch die Theilnahme, welche dieses Geschick erregt, geneigt werden, alle Nationalcharakterschwächen

 

 

____
48 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

zu idealisiren und zu vergessen. Nicht auf ihnen, sondern auf der ideellen Seite des Polencharakters mag zuerst unsere Betrachtung weilen.

 

Die Liebe für das Vaterland, jedem Polen angeboren, ein Theil seines innern Wesens, ist das idealste Gefühl in ihm, denn das Vaterland, dem die Polen ihre Liebe weihen, hat keinen irdischen Boden und ist von geistigen Elementen allein, von Religion, Literatur, Sprache gebildet. In dieser geistigen Welt nur kann der Pole das Vaterland wiederfinden und lieben, das er hier verlor. Dort nur kann er dessen Gegenwart und Zukunft suchen, dort auch lebt die Vergangenheit mit allen großen Erinnerungen, die sich in den Schriften und Gesängen der Polen spiegeln. Gleich dem Epheu, der die Ruine umrankt und mit seinem Blättergrün die Trümmer freundlich umhüllt, so umschlingt der Pole mit den tausend Ranken seiner Liebe und Verehrung die graue Vergangenheit und verhüllt seinem eigenen Blicke, was in ihr blutig und traurig war, bis sie als helles frisches Bild, schöner als sie in der Wirklichkeit erschien, in seinem Geiste lebt.

 

Die Religion, das vorzüglichste Element jenes idealen Vaterlandes, ist den Polen ein heiliges Gut. Unter ihnen erscheint der Katholicismus in einer reinen schönen Gestalt. Die Armuth der Kirchen und Klöster, der Kleidung der Geistlichen, die einfache Ausschmückung der Altäre, die Abwesenheit aller blendenden Pracht beim Gottesdienste, wodurch die Bedeutung der Ceremonien deutlicher hervortritt, das fromme, oft streng ascetische Leben und Aussehen der Priester – Alles erinnert an die ersten Zeiten der christlichen Kirche. Unter den Priestern selbst sieht man Gestalten und Gesichter, so tiefsinnig ernst, so edel erhaben und sanft resignirt, als seien sie aus der Leinwand eines Fiesole, Giotto, Fra Bartolommeo oder Francia hervorgetreten; man fühlt, daß dieser oder jener

 

 

 

____
49 Polnische Geistlichkeit.

 

unter ihnen nicht blos dem Maler als Modell irgendeines heiligen Märtyrers dienen, sondern daß er in der Wirklichkeit wie ein solcher zu leben und zu sterben vermöchte. Wenn man aus dem Lärm und Schmuz einer mit Juden erfüllten russisch-polnischen Stadt in eine der ruh- und dämmervollen katholischen Kirchen tritt und im scheine der Altarkerzen die weißgekleideten Priester und Chorknaben die heiligen Ceremonien ausüben sieht, dann meint man wirklich eines der Bilder jener altitalienischen Meister zu sehen, wo in hundert verschiedenen Jünglings- und Greisenangesichtern die gleiche innige demüthige Frömmigkeit und schwärmerische Andacht glänzt und wir hinblicken wie in eine aus verschiedenen Strahlen gebildete Lichtglorie, und unsere Seele erwärmt und emporgetragen fühlen in die Welt der Reinheit und Klarheit.

 

Das Leben der meisten Geistlichen in diesen Provinzen ist ein Leben der Aufopferung, Entbehrung, der gänzlichen Hingebung an die Pflichten ihres heiligen Berufs. Viele der Priester sind aus vornehmem Stande und haben Reichthum und Bequemlichkeit einer mühseligen arbeitsvollen Existenz geopfert. Die meisten haben nicht blos religiöse, sondern auch hohe wissenschaftliche, viele eine feine gesellige Bildung und daher einen doppelt bedeutenden Einfluß in allen Kreisen der Gesellschaft. Man findet unter ihnen Erscheinungen, in denen sich der Charakter des liebenswürdigen Weltmannes mit dem des Priesters vereint, die jeden geselligen Kreis durch Geist und Bildung schmücken und ebenso an ihrer Stelle sind in der Hütte des Armen, als Tröster an Kranken- und Sterbebetten und in ihrer eigenen Zelle, wo sie oft ein streng ascetisches Leben führen. Es gibt ausgezeichnete Talente, Schriftsteller, Redner unter ihnen. Nicht blos auf der Kanzel, im Beichtstuhl, sondern bei jeder Gelegenheit sind sie bereit, das heilige Feuer, das in ihrer Seele glüht, andern

 

Förster, Südrußland.

 

 

____
50 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

mitzutheilen. Die Zahl der Kirchen und Klöster, sonst sehr groß, ist bedeutend verringert; eine Menge derselben stehen leer, verfallen, oder sind zu andern Zwecken verwendet. Auch der Schmuck der Wände und Altäre ist ziemlich dürftig, obgleich die Pietät der Reichen Das, was in der Zeit der Unruhen verlorenging, durch Geschenke von Bildern, Altargeräth, Teppichen und Decken von schönen Händen gestickt zu ersetzen sucht. In den Klöstern, deren Zahl verringert ist und die sich meist nur von milden Spenden erhalten, sieht man nichts von dem mönchischen Wohlleben anderer Länder, und nicht blos das Gelübde, sondern die Nothwendigkeit gebietet die Armuth; trotz derselben aber oder vielmehr wegen derselben, wegen der Freudigkeit und Demuth, mit der man sie erträgt, machen diese Klöster einen erhebenden Eindruck.

 

Da die Bauern fast durchgängig der griechischen Religion angehören, gibt es blos in den Städten katholische Kirchen; nur auf manchen Gütern ist das Bestehen einer Kapelle und der regelmäßige Gottesdienst in derselben gestattet, sodaß die polnischen Landbewohner oft viele Meilen weit reisen, um einem solchen beizuwohnen, was ihnen bei ihrer Beweglichkeit kein Opfer ist. Vornehme wie Niedere sind eifrige Kirchgänger; beide Geschlechter lassen häufig der geistlichen Anleitung eines Priesters Raum in ihrem Leben und füllen einen Theil desselben mit religiösen Uebungen aus. Die aus der Kindheit mitgebrachten schönen Gewohnheiten des kniend gesprochenen Morgen- und Abendgebets, des Bezeichnens mit dem heiligen Kreuz beim Beginne und Schlusse der Mahlzeiten, beim Abreisen und Ankommen u. s. w., werden von Allen durch das ganze Leben bewahrt. Die kleinen Kreuze und Medaillons mit dem Bilde der heiligen Jungfrau, welche Vater- und Mutterhände um den Hals des Kindes in der Wiege hängen, findet man noch auf der Brust des Greises.

 

 

 

____
51 Katholische Kirchen, Klöster. Religiöse Uebungen u. s. w.

 

Die Fasten, besonders die, welche der Osterzeit vorangehen, werden streng gehalten, und groß ist der Contrast zwischen dem geräuschvollen Carneval und der feierlich stillen Fastenzeit.

 

Den Priestern bezeugt man hohe Ehrfurcht, begrüßt sie mit dem Kusse der Hand oder des Gewandes und betrachtet ihren Besuch als segenbringend für die Familie. Gleich den Russen bezieht man keine Wohnung, ohne sie durch Priestersegen weihen zu lassen, und gleich ihnen vereint man sich vor dem Beginn jeder Reise, jeder besondern Unternehmung zu einem gemeinschaftlichen stillen Gebet; gleich den Russen segnet man seine Kinder vor dem Schlafengehen oder Abschiednehmen durch das heilige Kreuzzeichen oder die Berührung mit einem Crucifix.

 

Jede Handlung – heilige wie profane – thun die Polen mit größter Lebhaftigkeit, und mit derselben leidenschaftlichen Erregung, mit der sie gestern die Mazurka tanzten, sieht man sie heute vor dem Altar sich niederwerfen, sich während des Betens – oft unter Seufzen und Thränen – an die Brust schlagen. Vornehme verwöhnte Damen, deren Füße sonst nur die Parquets der Salons und Ballsäle betreten, unterbrechen zuweilen ihre Weltfreuden und suchen sie abzubüßen durch tagelange Wallfahrten, die sie zu Fuß, ja barfuß machen. Oft thun Frauen in Krankheit oder Gefahr das Gelübde, ihre Kinder immer in eine gleiche Farbe –weiß oder blau u. s. w. – oder in Klostertracht zu kleiden, welche Gelübde streng gehalten werden zum Unbehagen der armen Kleinen, die als Miniaturmönche und -Nonnen sehr sonderbare Figuren auf Schaukel und Steckenpferd abgeben.

 

Neben diesen und ähnlichen Uebertreibungen sieht man die wahre Frömmigkeit sich tausendfach in verschiedensten Lebenskreisen bethätigen: sie lenkt die Schritte edler Frauen in niedere Hütten und läßt sie Hülfe den Armen, Trost den Kranken

 

 

____
52 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

und Sterbenden bringen; sie läßt sie mit Mutterliebe für verlassene Waisen sorgen und mit heiligem Eifer arme Kinder unterrichten. Man kann nicht großartiger und dabei anspruchloser wohlthätig sein wie hier. Die Mittel zur Wohlthätigkeit sind groß; aber auch rasch erregt ist die Lust, sie zu benutzen. Der reiche Menschenfreund braucht wenig Ueberlegung, um Tausende für einen guten Zweck hinzugeben. Viele streuen ihre Wohlthaten fast so bewußtlos in die Welt, wie der Baum seine Blüten in den Wind streut. Kein ausposaunendes Journal mit einer Liste von Gebern und Gaben ist hier wie oft in andern Ländern der Sporn zur Mildthätigkeit. Es gibt fast keine nur einigermaßen bemittelte Familie, in der nicht einige Pflegekinder wie die eigenen erzogen werden; in reichen Häusern findet man oft bis zwölf und mehr solcher in jeder Weise wohlversorgter Zöglinge; ja es gibt manche edle Frau, die, ihre Zeit und ihr Vermögen den heiligsten Zwecken weihend, auf ihrem Landsitze ein großartiges Erziehungsinstitut angelegt, ihr eigenes Haus in ein Pensionat verwandelt hat, in welchem oft 40 – 50 Töchter armer gebildeter Familien eine sorgfältige Erziehung erhalten, nach deren Vollendung sie als Lehrerinnen, Erzieherinnen untergebracht oder im Falle der Verheirathung reichlich ausgestattet werden.

 

Als in der Cholerazeit so viele Kinder älternlos geworden waren, entstand ein wahrer Wettstreit unter den Vielen, die den Kindern die verlorenen Väter und Mütter ersetzen wollten. Häufiger als irgendwo werden den Wohl habenden neugeborene Kinder von armen namenlosen Aeltern zugesendet, und solcher Geschenke sucht man sich nie zu entledigen, sondern betrachtet sie als eine Schickung Gottes und als eine Verheißung seines besondern Segens und erzieht so ein fremdes Kind liebevoll wie die eigenen. Auch durch das Pathenamt verpflichtet man sich, für das Kind, von dessen

 

 

 

____
53 Romantisch-ritterliches Element im Charakter der Polen.

 

Taufe man Zeuge war, gleich den nächsten Verwandten zu sorgen, ja beim Tode der Aeltern deren Stelle zu vertreten.

 

Die Krankensäle der wenigen Klöster, die noch existiren, werden viel von edeln Frauen besucht und ihre Gegenwart erhellt manches leidende Antlitz.

 

Die Frömmigkeit, die sich in so vielfacher Thätigkeit offenbart, muß und darf sich auch in Worten aussprechen. Ein Gespräch über Gegenstände der Religion offenbart bei den Meisten den tief verborgenen innern Lebensquell. Die Saite einmal berührt und das bis dahin vielleicht stumme Instrument erklingt in vollen Tönen. Man sieht ein Antlitz, das bisher nur der Spiegel heitern Weltsinns war, plötzlich vom Strahle heiliger Begeisterung erleuchtet; man ahnt, wie diese das Verschiedenste umfassenden, so leicht entzündlichen Menschen nur eines Schrittes aus dem bunten Irrgarten der Welt in die stille Klosterzelle bedürfen, ja wie sie unaufhörlich unter der Oberfläche ihres Wesens, auf welcher Weltsinn, Leidenschaft, kleinliche Tagesinteressen wie flüchtige Regenbogenfarben widerstrahlen, ein reges Gefühl für das Erhabene, Geheimnisvolle, Wunderbare bewahren und sich schnell von jener Welt losreißen und in diese tief-innere versenken können. Den Typus der Kreuzritter, der enthusiastisch thatenlustigen Helden könnte man hier finden. Ueberall treten uns Gestalten aus dem Mittelalter entgegen, wo man das Irdische so leicht mit dem Himmlischen verband, wo der Mönch und Priester dann und wann das Kreuz mit dem Schwerte vertauschte, wo der Ritter auf den Waffenrock das Kreuz heftete, wo man nicht blos irdischen Wesen liebende Verehrung erwies und dem Minnedienst, den man den Frauen weihte, die letzte Verherrlichung im Cultus der Maria gab; wo der Dichter heute das heitere Lied von Liebe, Wein und Frühling sang und sich morgen in die Welt der Sage und Symbolik versenkte und

 

 

 

____
54 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

tiefsinnige Gesänge zurückbrachte, und wo mitten im tönenden Dichterwald der Minnesänger und Troubadours die Scholastik über unlösbaren Geheimnissen brütete und sich in den Irrgängen der Mystik verlor.

 

Dieses ganze Wesen des Mittelalters mit seinen hellen flüchtigen Lichtern und tiefen Schatten findet sich theilweis im Wesen der Polen wieder, die in ihrem Charakter wie in ihrer äußern Erscheinung wol das ritterlichste Volk der jetzigen Zeit genannt werden können. Auch durch ihre Literatur geht dieser mittelalterliche Geist: eine Neigung zu religiöser Schwärmerei, zu Mysticismus und Symbolik findet sich in fast allen polnischen Dichtern und bildet neben dem überall durchklingenden Schmerz um das verlorene Vaterland ihre nationelle Eigenthümlichkeit.

 

Vor allem offenbart sie Mickiewicz, der Hauptrepräsentant der polnischen Literatur, in dessen Dichtungen *) etwas vom erhabenen, mystisch-schwärmerischen Geiste Dante's und Wolfram von Eschenbach's weht, und mehr oder weniger sind die Schöpfungen aller frühern und spätern Dichter demselben Ouell von Gefühlen und innern Anschauungen entsprungen. Aus der Vergangenheit bis in die neueste Gegenwart zieht sich mitten durch verworrene blutige Zeiten, wie ein goldener Faden durch ein dunkles Gewebe, diese Dichterreihe. Auf Kochanowski, den polnischen Pindar, auf die gefühlvollen Lyriker Zimorowicz und Grochowski folgten gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die edeln melodien- und empfindungsreichen

____

*) „Konrad Wallenrod“ (episches Gedicht, eine Episode aus dem Kriege zwischen den Deutschen Rittern und Lithauern behandelnd), „Die Ahnen“ (ein religiös-mystisches, legendenartiges Gedicht), „Herr Thaddaeus“, das häusliche Leben der Lithauer schildernd, ferner Sonette, Lieder, Psalmen u. s. w.

 

 

 

____
55 Polnische Dichter. Allgemeine Liebe für Poesie.

 

Dichter: Trembecki und Karpinski, der geniale Krasicki, der mit Naruszewicz das polnische Epos schuf, die feurigen Kozmian und Brodzinski, die Lyriker Morawski, Felinski und Kropinski, der kühne, erhabene Woronicz, die Satiriker Korsak und Gorecki. An diese und zahllose andere aus der Ferne noch leuchtende Sterne reihen sich als neue glänzende: Bohdan Zalewski, wol einer der größten unter den jetzt lebenden europäischen Dichtern, der, wie ein französischer Kritiker sagt, „seine Feder in die Strahlen der Morgenröthe zu tauchen und beim Klange von Aeolsharfen zu schreiben scheint“ – der Dichter der Ukraine, der die Scenerie und die Seele der Natur seiner Heimat in lieblicher tiefpoetischer Weise schildert. Ferner Gaszynski, voll Phantasie und Farbenreichthum (so in seinem „Schlos Kaniow“), der Balladendichter Odyniec, der philosophische Garcynski, der kräftige ernste Slowacki; Malczewski mit seinem lieblichen beschreibenden Gedicht „Marie“; Krasinski vor allem, der tiefsinnige hochpoetische Dichter von „Irydion“, und viele Andere“), sodaß die Polen sich vor allen Völkern großer lebender Dichter rühmen können. Und sie rühmen sich ihrer und fühlen, daß sie in ihren Schöpfungen besonders als Nation weiterleben; ihre schönsten Stellen sind im Mund und Herzen eines Jeden und werden bei jeder Gelegenheit recitirt. Aber auch im eigenen Dichten erfreut man sich. Jeder, „dem Gesang gegeben“, singt, und fast Allen ist er gegeben. In Deutschland selbst ist die Sangeslust nicht größer als hier, wo sie sich in ihrem eigenen schönsten Element: Religion und Liebe, bewegt und bezeugt, daß die stete Richtung dieses Volks auf ein ideales, immer mehr sich vergeistigendes

____

*) Unter den in Volhynien lebenden Dichtern sind Graf Olizar, Verfasser vieler frommer, inniger Lieder, Jesierski, Kraszewski, der Sänger von „Witoloranda“, und der Dramatiker Korzeniowski zu nennen.

 

 

 

____
56 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Vaterland ihm zur Aegide wider den erkältenden blasirenden Geist der Zeit geworden ist. *)

 

Eines der Elemente, die jenes ideale Vaterland bilden, ist außer der Religion und Literatur – die Sprache, die wohltönendste unter den slawischen Sprachen, zwar nicht ganz so orignell, urkräftig, so wie Wald, Wind und Meer klingend wie die russische, aber weicher, melodischer als diese und neben eigenthümlichen Reizen doch auch geschmückt mit Worten und Lauten aus mancher fremden, besonders der lateinischen und italienischen, Sprache, sodaß sie uns nicht ganz so fremdartig wie jene erscheint. Wol erkennen die Polen ihren Werth und ihre Schönheit und halten sie heilig als das Erbe ihrer Väter, und obwol auf Universitäten und Schulen im Russischen gelehrt und in allen amtlichen Verhältnissen Russisch gesprochen wird, und obgleich man in der Gesellschaft, besonders weil diese häufig auch aus Russen und Deutschen besteht, die Unterhaltung meist französisch führt, so ist das Polnische doch die Sprache der Familie, des Gebets und der Poesie.

 

________________

Alles vorher Gesagte bezieht sich mehr auf die ideale Seite des Charakters der Polen, die man erst durch reiferes Eindringen in edlere Naturen kennen lernt. Ein ganz Anderer

____

*) Noch ein Hauptzug findet sich außer jenem Religiös-Romantischen in der polnischen Literatur, ein Zug, der an eine ähnliche Richtung in der englischen Literatur erinnert: es ist die Liebe und Bewunderung für die Natur, das Gefühl ihrer äußern Schönheit und ihres seelisch-Charakteristischen, das sich dort wie hier in frischen Schilderungen ausspricht und nur aus dem häufigen Aufenthalte auf dem Lande und einem fortgesetzten Leben in und mit der Natur hervorgehen kann. Fast alle polnischen Dichter leben auf dem Lande, oder sind da geboren und erzogen.

 

 

 

____
57 Widersprüche und Gegensätze im Charakter der Polen.

 

erscheint oft der Pole bei flüchtiger Bekanntschaft. Nicht blos scheinen seine Eigenschaften dann häufig mit jenen ideellen höhern im Widerspruch, sondern bilden auch unter sich oft auffallende Contraste, aus denen freilich die Menschennatur überhaupt, aber die slawische insbesondere besteht; aus ihnen entsteht jene ihr so eigene Elasticität, die sich allen Verhältnissen anpaßt, alle Einflüsse aufnimmt, allen Eindrücken nachgibt und keinem unterliegt. Alle die sich untereinander widersprechenden Eigenschaften – Trotz und Unterwerfung, Eifer und Nachlässigkeit, Nachgeben und Widerstand, Begeisterung für die Freiheit und Beschützung der Sklaverei, die in der Geschichte der Polen hervortreten, ja diese Geschichte zum Theil gemacht haben, zeigen sich mit vielen ähnlichen noch immer im Leben der Gegenwart. Nachlässig heiter dahinleben und dann plötzlich alle Kräfte für irgendeinen Zweck zusammen nehmen und für Momente energisch handeln – gleichgültig obenhin Menschen, Gegenstände betrachten und auf einmal in Haß oder Liebe emporflammen – jetzt einen Fasttag voll Gebet und Betrachtung, morgen einen rauschenden Carneval voll Lust und Taumel feiernd – heute sorglos über eine Kränkung, ein Versehen hinweggleiten und morgen über Geringes in Zorn entbrannt – heute begeistert für Freiheit und Menschenrechte sprechend und morgen vielleicht sie selber unbedacht in der Behandlung der Diener und Unterthanen verletzend – jetzt wie für die Ewigkeit in einer Häuslichkeit, einer regelmäßigen Thätigkeit eingerichtet, dann auf einmal von Wanderlust ergriffen, Alles aufgebend und rastlos umher schweifend: so in ewigen Contrasten bewegt sich das Leben der Polen. Man hat sie häufig les Français du Nord genannt, sollte sie aber eher mit den Italienern vergleichen; bei ihnen findet man dieselbe Neigung zum dolce far niente, dasselbe nachlässige Lebensgenießen bis zu dem Augenblicke, wo

 

 

 

____
58 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

ein plötzlicher Impuls oder eine äußere Anregung die schlummernden Kräfte oder Leidenschaften weckt und den ganzen Menschen verwandelt; bei diesen wie bei jenen ist mit jenem sorglosen passiven Dahinleben die große Lebhaftigkeit im Gespräch, die häufige Uebertreibung irgendeines Gefühlsausdrucks verbunden. Rasch wie jene werden diese durch irgendeine Schöpfung oder Darstellung der Kunst zum Enthusiasmus entzündet, und kein Volk wol drückt seine Bewunderung für den Künstler mit stürmischerm Applaus als diese beiden aus. Beide lassen schöne Kräfte ungenützt liegen oder setzen sie an kleinliche Dinge und haben eine gleich große Abneigung gegen eine regelmäßige, andauernde Thätigkeit. Bei diesen wie bei jenen verbindet sich die Richtung auf Weltlust und Lebensgenuß mit der Neigung zu religiöser Schwärmerei und übertriebenen Andachtsübungen. Diese wie jene haben etwas Kindliches in ihrer Natur eben in der Sorglosigkeit, mit der sie für den Moment allein leben können, in der Genußfähigkeit, dem schnellen Ergriffensein vom Angenehmen und Unangenehmen und dem schnellen Vergessen beider. Dieser leichte Sinn, oft auch Leichtsinn, der sich über Alles hinwegsetzt, den Hauch der trüben Eindrücke schnell von der Seele streift, nicht vor dem künftigen Augenblick bangt und den vergangenen nicht bedauert, die Kränkung – oft auch die Wohlthat – schnell vergißt, das Unbequeme und Unangenehme lächelnd erträgt, leicht bonne mine au mauvais jeu macht und sich in verschiedenste Lagen und Umgebungen schickt – ist das besondere Erbtheil der Polen und macht das tägliche Leben mit ihnen leicht und angenehm. Die Verwöhntesten unter ihnen ertragen die Unbequemlichkeiten einer Reise, die Mängel einer schlechten temporären Wohnung, die Versehen ihrer Diener, die Zudringlichkeit jüdischer Händler und Wirthe und tausend Dinge mehr, welche die Bewohner anderer Länder zur Verzweiflung

 

 

 

____
59 Geselliges Leben der Polen; ihre Beweglichkeit u. s. w.

 

bringen würden, mit der liebenswürdigsten Laune; sie amusiren sich an Dem, was jene ärgern würde und machen sich das Beschwerliche zum Scherz. In ihren eigenen Häusern mit allem möglichen Luxus umgeben, meist weitgereist, mit den raffinirtesten Genüssen und Bequemlichkeiten Europas bekannt, spazieren sie recht con amore in den kleinen elenden Judenstädtchen, kaufen in den engen schmuzigen Buden, wohnen in den unsaubern comfortlosen jüdischen Wirthshäusern oder übernachten in den ärmlichen öden Kartschmas der Dörfer, fahren tageweit in harten unelastischen Britschken auf schlechten Straßen, amusiren sich in den dunkeln Theatern, die man hier und da in den größern Städten findet, an den tragikomischen Aufführungen irgendeiner herumziehenden Truppe oder am ohrenzerreißenden Spiel irgendeines ambulanten Virtuosen hundertster Classe – Alles mit so viel Natürlichkeit, Liebenswürdigkeit, Heiterkeit, als kennten sie das Bessere nicht, oder vielmehr als verständen sie Blumen auch da zu pflücken, wo Andere nur eine dürre Oede sehen.

 

Mit dieser der slawischen Natur vor allem eigenen Elasticität hängt auch die Rastlosigkeit zusammen, die man bei den meisten Polen findet, die sie nie lange an einer Stelle bleiben läßt, sie von der Stadt aufs Land, von einem Orte zum andern führt, ihnen eine ewige Reiselust gibt, ja sie sogar im Innern ihres Hauses häufig die Bestimmung der Zimmer, die Stellung der Möbel verändern läßt und so ewig an die ursprüngliche Nomadennatur der Slawen erinnert. Auch gehört zu den Folgen jenes leichten Sinnes die große Offenheit im Reden, mit welcher sie so schnell ihre innersten Gedanken aussprechen, und die Leichtigkeit, mit welcher sie ihr Geld ausgeben, die Großmuth, mit der sie, plötzlichen Impulsen folgend, sorglos große Summen für Anderer Freude oder Unterstützung opfern, aber auch für eigene Luxuslaunen verschwenden,

 

 

 

____
60 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

und die Unbesonnenheit, mit der sie im Spiele wagen und verlieren.

 

Diese Leidenschaft für das Spiel und die dann und wann wol auch zum Uebermaß gesteigerte Leidenschaft für Wein und Champagnerfreuden bilden die Schattenseiten im Charakter der Polen wie der meisten slawischen Völker. *) Das geschäfts- und interesselose Leben in der Provinz und auf dem Lande weckt und erhöht die Leidenschaft für das Spiel, die nicht nur oft das Vermögen und häusliche Glück der Familien zerstört, sondern auch den bessern Freuden der Geselligkeit, der allgemeinen Unterhaltung, der Musik u. s. w. in den Weg tritt. Oft sogar unterdrückt sie eine andere weit poetischere Leidenschaft, die für den Tanz, die den Polen angeboren scheint, die er aus der Jugend in das Alter mitnimmt, und die lebensmüde Füße noch beflügeln kann für den rauschenden Wirbel der Mazurka, die so recht der volle Ausdruck der erregbaren stürmischen Polennatur ist.

 

Die Grazie, welche die Polen im Tanze mit der feurigen Lebhaftigkeit verbinden, findet sich mehr oder minder in all ihrem Bewegen und Thun; sie ist vor allem das Eigenthum der polnischen Frauen, die im Ganzen höher als die Männer stehen und mit äußerer Liebenswürdigkeit meist eine tiefere Bildung, größere Willensstärke und Festigkeit verbinden, so das ein französischer Schriftsteller wol nicht ganz ohne Grund meint: der Ruf Finis Polonia! würde nie getönt haben, wären die polnischen Männer ihren Frauen gleich gewesen. Im Aeußern aber sieht man diese wie jene gleich bevorzugt; etwas Edles, Elegantes, Ritterliches findet man an den meisten

____

*) Nicht blos die Herren im Salon, auch die Diener im Vorsaal, die Soldaten auf der Straße vor ihren Kasernen und Wachthäusern lagernd, sieht man mit Karte und Würfel spielen.

 

 

 

____
61 Leidenschaften. Classification der polnischen Aristokratie.

 

Persönlichkeiten, ja meist an denen selbst, die sich nie in höhern Gesellschaftskreisen bewegten; bei fast Allen findet man einen Ausdruck von Unabhängigkeit und Selbständigkeit, der an die Zeit erinnert, wo selbst der ärmste Edelmann im Lande auf die Krone hoffen konnte. Gewiß trägt zu diesem äußern frischen freien Wesen und Bewegen das häufige Landleben und Walten auf großen Gütern unter vielen Unterthanen, die Vorliebe für Reiten, Jagen und das viele Reisen bei. Auch der bekannte persönliche Muth der Polen, den sie in den alten Kriegszeiten so oft glänzend offenbarten, ist ihnen geblieben und braucht um sich zu zeigen nur die Gelegenheit, deren häufigste und traurigste durch das Duell gegeben wird.

 

__________________

Alle in diesen Provinzen wohnenden Polen rechnen sich zu dem Adelstande; doch bestehen in diesem die verschiedensten Abstufungen, und es ist eine weite Entfernung von den Höhen der Aristokratie bis zu den Niederungen der Schlachtitzen, denen viele der Gewerb-, ja der Landleute angehören, sodaß man hier und da auf den Gütern nicht blos Inspectoren, Schreiber u. s. w., sondern Stallgehülfen, Brauer, Jäger antrifft, die sich ihrer adeligen Abkunft rühmen. Ueberhaupt liebt man so hoch - und gutgeboren als möglich zu erscheinen *); wol nirgends gibt es soviel Grafen und Prinzen wie hier, und Viele mögen solche Titel mehr aus Liebhaberei als aus Recht führen.

 

Der besitzende Adel wohnt meist auf dem Lande zerstreut auf den großen und kleinen Gütern, die oft ganze kleine Reiche bilden, oft auch unter mehre Besitzer getheilt sind. Diese Güter,

____

*) Ossolinski schrieb einst, bei Unterzeichnung eines Vertrags, seinen Namen unter die vielen Prinzen und Grafen des Römischen Reichs und darunter: Nobilis Polonus, his omnibus par.

 

 

____
62 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

zu denen weite Felder, Wälder, Fluren, Dörfer, die sich oft stundenlang ausdehnen, oder kleine Judenstädte gehören, haben zum Mittelpunkt häufig ein ganz unscheinbares weißes Landhaus mit niedern Fenstern, dessen Inneres freilich dem Aeußern nicht immer entspricht, sondern mit allen Erzeugnissen des Luxus und Comfort, mit Büchern, Kunstwerken u. s. w. ausgestattet ist. Feste, für Jahrhunderte gebaute Schlösser wie in Deutschland, England, Frankreich sieht man fast nirgends, und auch dies wieder zeigt die Nomadennatur des Volks, die sich nicht wie für die Ewigkeit an eine Scholle binden will; fast alle großartigern Gutsgebäude sind in Palast- oder Villenstil gebaut. In diesen größern Etablissements findet man oft reiche Bibliotheken und Kunstsammlungen; Gewächshäuser und herrliche Parks, Alles was ein Landleben angenehm und großartig machen kann, gehört dazu. Die meisten Besitzer haben auf ihren Gütern außer den Brennereien, Brauereien, Schäfereien auch verschiedene Fabriken (Tuch-, Zucker-, Papier-, Glasfabriken) angelegt, die oft eine Quelle des Gewinns, öfter des Verlustes sind. Die meisten Dirigenten und Aufseher aller solcher industriellen Geschäfte sind Fremde, häufig Deutsche, sodaß mit dem unmittelbar an die Familie sich schließenden Personal von Erziehern und Lehrern, mit den Schreibern und Verwaltern und der meist übertrieben zahlreichen Dienerschaft ein solches Gut eine ganze eigene Welt umfaßt.

 

Manche dieser Landedelleute sind bloße Landwirthe, nur beschäftigt mit der Cultur ihres Bodens, dem Betrieb ihrer Fabriken, dem Verkaufe ihres Getreides u. s. w., selten hinausblickend über den Kreis ihrer Thätigkeit oder Ruhe, unbekannt oder entwöhnt der Eleganz und feinen Sitte der großen Welt, im Besuchen und Besuchempfangen einiger Nachbarn, im vielen Rauchen und Kartenspielen und im Genusse der Bequemlichkeit und Alleinherrschaft in ihrem Gebiete alle

 

 

 

____
63 Landleben des Adels.

 

Lebensfreuden findend. Andere Landbewohner im Gegentheil repräsentiren vollständig die polnische Liebenswürdigkeit, Grazie und Bildung, kennen halb Europa, seine verschiedenen Sprachen und Literaturen, leben mit seinen Interessen fort und bilden – in welcher ländlichen Abgeschiedenheit sie auch leben mögen, einen Theil seiner hohen Gesellschaft. In der Frauenwelt besteht dieselbe Verschiedenheit, und es wäre eine Galerie mannichfachster Charakterbilder aufzustellen von der Dame an, die nichts als eine gute Gospodinja (Hauswirthin) ist und sein will, die Haus und Hof durchwandert, mit dem Schlüsselbund am Gürtel und der langen Pfeife im Mund, zuweilen auch dem Gebetbuch in der Hand, aus dem sie mitten unter dem Anordnen und Schelten die Tagesgebete liest – bis zu jenen edeln Frauen, welche reich an Liebenswürdigkeit und hoher Bildung in jedem Kreise, mag er der großen Welt oder dem stillländlichen Leben angehören, wie helle Sterne glänzen. Die meisten Edelleute bewohnen ihre Güter mit vielen Unterbrechungen und suchen, da die Pässe in das Ausland theuer und schwer zu erlangen sind, die verschiedensten Zerstreuungen im Lande selbst, bringen den Januar in Kiew zu, wo die Contracte – d. h. die Güterverkäufe, Vertauschungen und andere Verhandlungen den Vorwand zu einer Reihe von Lustbarkeiten geben; suchen Carnevalsfreuden in Zytomir, Kaminiec, Krzemienice und selbst in Warschau, finden später bei den Electionen in den Haupt- und Districtstädten neue Gelegenheit zum Amusiren, verleben die letzten Sommermonate in Odessa, um neben Seebädern und Seeluft Opern-, Ball und Salonfreuden zu genießen und haben zwischen all diesen Hauptvergnügungsepochen noch Zeit genug, ihre Freunde auf den verschiedenen Gütern zu besuchen, oder allerhand Geschäfte, mit denen sich immer allerhand Amusements verbinden, in den jüdischen Städten, besonders der Haupthandelsstadt Berditschew

 

 

 

____
64 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

abzumachen. Die jungen unverheiratheten Männer vor allem sind ewig unterwegs, immer bereit wie ein Kometenschweif irgendeiner reichen Erbin nachzuziehen, die jenem flüchtigen Meteore gleich, meist nur kurz am Himmel der Gesellschaft glänzt und bald von irgendeinem Glücklichen auf einen fernen Landsitz als Gattin entführt wird.

 

Um die bekannte Gastfreundschaft dieser Provinzen zu rühmen, braucht man nicht von der großartigen Weise zu sprechen, in welcher sie die reichsten Familien des Landes ausüben, welche wochenlang Scharen vornehmer Gäste mit ihren Dienerschaften beherbergen und durch Bälle, tableaux vivants, durch Jagden, Pferderennen, Regattas und durch Alles, was ihre Schlösser und Parks an Luxus und Comfort bieten, unterhalten, sondern man braucht von der nur zu erzählen, die überall im Palast wie im bescheidenen Landhaus herrscht. Da wie dort ist man immer bereit, ganze Familien mit ihrem Train von Dienern und Pferden aufzunehmen, die eigene gewohnte Bequemlichkeit aufzugeben, um selbst den überzähligen Gästen Raum zu schaffen und mit der gewöhnlichen polnischen Liebenswürdigkeit und Leichtigkeit Alles einzurichten, wo auf jedem Mittagstisch Couverts für unerwartete Gäste liegen und man selbst dem halbfremden Durchreisenden gern das beschwerliche Rasten in der Kartschma erspart. So ist durch diese Gastfreundschaft, durch die Menge der Güter, die in meist geringen Entfernungen voneinanderliegen und nur Besitzern Eines Standes gehören, durch die Leichtigkeit, mit welcher bei den vielen Pferden und schnellem Fahren die weitesten Wege zurückgelegt werden, das Landleben in jenen Gegenden belebter vielleicht als in unsern deutschen Ländern.

 

Jene Gastfreundschaft verlangt auch, daß die Tagesordnung auf dem Lande fast überall dieselbe sei, sodaß Jeder sicher ist, um 8 oder 9 Uhr die Familie beim Frühstück, um 12

 

 

 

____
65 Stadtleben des Adels.

 

beim Diner, um 5 beim Thee und um 8 oder 9 Uhr beim Souper versammelt zu finden. In den Städten lebt man anders und rückt die Diner- und Theezeit um mehre Stunden vor. Selten verlebt man den ganzen Winter, noch seltener das ganze Jahr in der Stadt; daher hat man auch hier meist nur gemiethete Wohnungen und in ihnen wenig von der Bequemlichkeit und dem Luxus der Landhäuser, denen jene bessern weißen Häuser der Stadt gleichen mit den hellgrauen oder grünen Dächern, dem oft mit Blumen geschmückten Perron, dem Frontispice, von hölzernen Säulen getragen, durch welche man in das Rez-de-chaussée mit den fensterreichen, meist nur weißangestrichenen kleinen Zimmern tritt, über dem sich selten noch ein Stockwerk befindet. Das sommerliche Aussehen dieser Häuser wird durch die Baumgruppen und Gärten erhöht, die sie umgeben und voneinander trennen, und an denen seitwärts die ebenso netten weißen Gebäude für Stallung und Diener stehen. so liegen diese heitern Etablissements wie Oasen mitten in der Wüste der kleinen lärmerfüllten Judenstädte, zu deren Treiben das elegante, reiche Leben, das sie umschließen, einen eigenen Contrast bieten. Denselben Contrast zeigt Alles, was von diesem Leben hinaus in die schmuzigen Straßen und deren bärtige Bevölkerung tritt: die eleganten Reiter auf schönen Pferden, die vier- und sechsspännigen Equipagen mit Dienern und Vorreitern, die leichten Droschken, die glänzenden Cavalcaden, auch hier und da einige, von den jüdischen ärmlichen Kaufläden abstechende reiche Magazine, in denen sich alle Luxusgegenstände vom kostbarsten Flügel bis zu den kleinsten Toilettengegenständen (Alles zu übertriebenen Preisen) findet. *) Zwischen den Judenhütten und diesen weißen kleinen Cottages der neuern

____

*) In den größern Städten, wie Kiew, Odessa, ist natürlich Alles anders: die Straßen sind reinlich, die Häuser mehrstöckig und eleganter und meist in italienischer Weise mit niedern oder flachen Dächern, auch mit Balkonen und Jalousien versehen.

 

Förster, Südrußland.

 

 

 

____
66 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Zeit sieht man hier und da in den altpolnischen Städtchen Reste der Vergangenheit, zerstörte Paläste, Klosterruinen, verfallene Kirchen.

 

Nur schwer entschließen sich die polnischen jungen Männer in den Staatsdienst zu treten, obgleich ihnen alle Wege und Gelegenheiten dazu offenstehen. Höchstens dienen sie einige Jahre, um irgendeinen Civil- oder Militärgrad zu erlangen, der ihnen eine Autorität gegenüber den niedern Beamten in der Provinz verleihe, und verlassen dann die angefangene Carrière, um zu jenem unsteten Leben des Vergnügens und der Phantasie zurückzukehren, in dem so viele edlere Naturen untergehen.

 

Ganz verschieden in dieser Hinsicht ist der Geist in der russischen Gesellschaft, welche die amt- und zwecklos Lebenden kaum als ihr angehörend betrachtet und selbst die durch Geburt und Reichthum Unabhängigen, die durch poetisches oder künstlerisches Talent individuell Ausgezeichneten, zwingt, sich einer bestimmten öffentlichen Civil- oder Militärthätigkeit zu widmen und die von der höhern oder niedern Geburt ganz unabhängige Stufenleiter des Ranges zu ersteigen, und welche Jeden fühlen läßt, daß er als Einzelner nur groß sein kann durch das Aufgehen in einem großen Ganzen. Die dem dauernden abhängigen Geschäftsleben so abholden Polen streben dennoch eifrig nach gewissen Ehrenämtern, zu denen die Wahl ihrer Standesgenossen sie berufen kann. Wie nämlich jede Bauerngemeinde im russischen Reiche das Recht und die Verpflichtung hat, sich seine Häupter (golowa), seine Aeltesten aus eigener Mitte durch Stimmenmehrheit zu wählen, so ist dasselbe Recht auch dem Adelstande im ganzen Lande gegeben und jede Provinz hat ihre durch Abstimmung

 

 

 

 

 

____
67 Die Polen im Staatsdienst. Wahl der Marschälle u. s. w.

 

für eine gewisse Zeit gewählten Gouvernements- und Districtsmarschälle und Vicemarschälle; ebenso erwählt sie Präsidenten und Beisitzer dieser und jener Deputirten- und Gerichtskammer, welche alle die innern (nicht polizeilichen oder rein gouvernementalen) Angelegenheiten des Adels der Provinz – Processe, Vergleiche, Ehescheidungsfälle und andere Rechtssachen, Bittstellungen an die Regierung u. s. w. – überwachen und leiten. Die Erwählung zu einem solchen Amte ist als Beweis des allgemeinen Vertrauens natürlich eine Ehrensache, aber auch der damit verbundene Titel ist Manchem anziehend und man entsagt ihm nicht, wenn die Zeit des Amtführens längst vorüber ist, sodaß die Provinzen an diesen Marschällen reich sind. Diese Wahlen, die alle drei oder vier Jahre in den Gouvernements- und Districtsstädten stattfinden, setzen den ganzen Adel der Provinz in Bewegung und man kann sich an den Electionstagen selbst einen Begriff von dem Ungestüm und der brausenden Heftigkeit machen, durch welche die Königswahlen einst so stürmisch wurden. Diese Electionen beginnen durch einen feierlichen Actus in der Kirche, wo alle adeligen Grundbesitzer der Provinz in ihren Uniformen erscheinen und vor dem kaiserlichen Generalgouverneur den Schwur einer gewissenhaften und loyalen Wahl ablegen und wo das Gebet des Priesters sie für ihr Vorhaben segnet. Dieses selbst wird durch eine Rede des Generalgouverneurs im Wahlsaale eingeleitet; meist kommt man erst nach zehn bis zwölf Tagen zum Ziele und unterbricht die Wahlgeschäfte durch zahlreiche Diners und Soupers, bei denen die Weinbegeisterung oft schneller als alle Berathung auf die Entscheidung wirkt, welche durch Ballotirung herbeigeführt wird. Diesen wichtigsten Tagen folgt meist eine Reihe von Lustbarkeiten. Der Generalgouverneur, der abgehende und der neuerwählte Marschall und wer irgend Local, Vermögen und Verbindlichkeit

 

 

 

____
68 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

hat, gibt Bälle, die mit Concerten, Cavalcaden, Festen im Freien u. s. w. abwechseln. Aus der Nähe und Ferne sind die vornehmen Familien herbeigekommen; die Stadt ist überfüllt; für die kleinste Wohnung zahlt man die höchsten Preise; man entfaltet soviel Luxus und Reichthum als möglich an Toilette, Pferden, Wagen, Dienern; junge Mädchen mit ihren Aeltern, aus ferner Landeinsamkeit gekommen, erscheinen zum ersten male mit hoffnungsglänzendem Blicke in der größern Welt, alte Damen, die sie seit Jahren verlassen haben, betrachten sie noch einmal mit erinnerungsschwerem Auge. Liebesahnungen regen sich, Leidenschaften erglühen; auch die Intrigue spinnt ihre Netze und die Verleumdung regt ihre giftige Zunge. Rosenknospen entfalten sich froh im Sonnenlicht und ahnen den giftigen Hauch nicht, der ihre schöne Blüte verderben möchte. Junge Schönheiten werden bewundert und bekrittelt; alte Freundschaften werden erneuert, neue werden geschlossen; manches Geschäft wird begonnen oder beendigt, mancher Streit geschlichtet; Wiedersehen werden gefeiert; lange sich suchende Herzen finden sich hier; für ganz andere Wahlen, als die officiellen der Marschälle, sind Viele gekommen. Manches Lebensschicksal entscheidet sich hier; aber nicht blos vor dem Throne der Schönheit und der Güte und des Geistes neigt man sich bewunderungsvoll, sondern wendet öfter noch den begehrenden Blick zum Throne des Mammons und läßt die Rosenknospe ungepflückt, weil sie nichts als ihren Duft und ihre Lieblichkeit bieten kann. Alle Interessen, alle Leidenschaften, die auf den großen Schauplätzen der Geselligkeit unter der glänzenden Oberfläche allgemeiner Fröhlichkeit durcheinanderwogen, finden sich auch in dieser kleinen Welt. Die stille Stadt scheint ganz verwandelt; es ist als habe sich ein Strom mit glänzenden Wogen plötzlich über sie ergossen und ihr früheres Leben überschwemmt; aber schnell, wie er

 

 

 

____
69 Die großrussischen Bewohner der Provinzen.

 

gekommen, verschwindet er und nach wenig Tagen ist der Ort öde, ja in Erinnerung des Vergangenen noch öder als zuvor. Die eleganten Equipagen und Reiter sind verschwunden und wieder weilt das Auge allein auf den müßig auf- und abschleichenden Juden, den bärtigen Bauern und grauröckigen Soldaten, den Kühen und andern vierfüßigen Spaziergängern, die ungestört in den Straßen wandern. Reisewagen ziehen in allen Richtungen den fernen Landsitzen zu und manche Seufzer der Hoffnung oder Enttäuschung fliehen zurück zum Schauplatze der vergangenen Freuden.

 

_________________________

Die wenigen nichtpolnischen Gutsbesitzer in diesen Provinzen sind meist Kleinrussen, deren Charakteristisches schon besprochen ist. Von den verschiedenen gebildeten Classen des nördlichen Rußland finden sich allein Vertreter in der Beamten- und Militärwelt. Wenn man die Polen in vieler Hinsicht mit den Italienern und die Kleinrussen mit den Neugriechen vergleichen könnte, so dürfte man im Charakter und Wesen der gebildeten Classen des Nordens manche Aehnlichkeit mit den Engländern finden und oft daran erinnert werden, daß sich dort von Rurik's Zeit her normannisches Element mit dem slawischen mischte. Im Vergleiche zu den südlichen Bewohnern des Reichs besonders fällt die größere körperliche und geistige Solidität und Kraft auf, der größere Ernst, die größere Ruhe, Mäßigung, Ordnung, das Reellere, Positivere in Erscheinung und Wesen. Auch die Neigung und Fähigkeit für das active Leben, für öffentliche regelmäßige Thätigkeit, die Strenge und Genauigkeit, mit der auch die äußern Formen der Religion beobachtet werden, kurz eine Menge nur dem aufmerksamen Beobachter bekannte Eigenschaften haben die Nordrussen mit den Engländern gemein.

 

 

 

____
70 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Mit all Diesem verbindet sich die slawische Impressionabilität und Elasticität, und obgleich die französische Erziehung noch fast durchgängig herrschend, auch die Gesellschaftssprache eine Mischung von Französisch und Russisch ist, dennoch haftet der esprit français nur an der Oberfläche, durchdringt nur die Form und nicht das innere Wesen der Gesellschaft, die ihren eigentlichen Beruf: den Nationalgeist veredelt und in seiner höchsten Bedeutung darzustellen, immer mehr begreift. *)

 

Daß alle genannten Eigenschaften sich oft nur in schwachen Anklängen und oft gar nicht unter der in den Provinzen verstreuten Welt der Beamten (Tschinowniks) findet, die man wol häufig mit Recht des Eigennutzes und der Bestechlichkeit beschuldigt, das läßt sich denken, kann aber die Ansicht über die gebildeten Classen nicht bestimmen; es muß sich diese nach dem bessern und besten Theile der Gesellschaft, nach ihren edelsten und besten Gliedern richten.

 

Unter den Offizieren der in allen Provinzen des russischen Reichs vertheilten Regimenter der Armee, besonders unter denen der Cavalerie, die meist reichen, vornehmen Familien angehören **), findet man viele feingebildete Männer, die sich wissenschaftliches Interesse und manches künstlerische Talent erhalten mitten im Nomadenleben der Armee, die wie ein groses Meer

____

*) Wie denn auch die neuern russischen Dichter: Puschkin, Schoukowski, Lermontow, Koslow, Baratynski, Maikow, Gogol, Solohoupe, Pawlow, Benedictow u. A. in ihren Poesien den Nationalgeist offenbaren, ganz anders als die ältern Dichter, die mehr oder weniger unter französischem Einflusse standen.

**) Die „Armee“, so nennt man alles im Innern des Reichs vertheilte Militär zum Unterschiede von den in Petersburg und den nächstliegenden Orten stationirenden Regimentern der Garde, in der meist nur sehr Vermögende oder durch persönliche Vorzüge Ausgezeichnete dienen.

 

 

 

____
71 Leben der Offiziere in den Provinzen.

 

über das grüne Rußland hin- und herwogt und dessen Regimenter in wechselnder, durch die politischen Bewegungen im übrigen Europa oft veränderter Bestimmung unaufhörlich die Standquartiere vertauschen, vom Osten nach Westen, vom Innern an die Grenzen rücken, im Winter in den Städten und den ihnen benachbarten Dörfern einquartiert sind, im Sommer aber zu den großen Revuen und Exercitien (denen häufig der Kaiser beiwohnt) auf dem Lande campiren und cantonniren. Die verheiratheten Offiziere führen ihre Frauen, Kinder und Dienerschaft mit sich und man kann sich die Unbequemlichkeiten eines solchen militärischen Familienlebens denken, das seinen Schauplatz vielleicht jetzt in Tiflis, dann in Kiew, in Zytomierz, jetzt in Woronesch an den Ufern des Don, dann in irgendeiner polnischen Stadt am Weichselstrande hat. Die Decoration des Schauplatzes wechselt gleich ihm. Man quartiert die Offiziere und ihre Familien in die gerade leer stehenden Häuser (gegen Bezahlung) ein und die, welche in der einen Stadt elegante herrschaftliche Räume bewohnten, müssen sich in der andern mit einer ärmlichen düstern Bürgerwohnung begnügen. Doch lebt man da wie dort fast in derselben Weise, sucht soviel Vergnügen als möglich und ist bemüht, sich à tout prix zu amusiren. Man macht Bekanntschaft mit den vornehmern Einwohnern, arrangirt Bälle, spielt Komödie, verliebt, verlobt sich. Die Herren haben als Hauptressource die Karten; die Damen beschäftigen sich mit ihrer Toilette und machen oder empfangen Besuche, um diese zu zeigen; man gefällt sich, lebt sich ein, macht immer neue Vergnügungsprojecte: da plötzlich kommt die Marschordre; nach wenigen Tagen ertönen die Hörner, und mit klingendem Spiel zieht das Regiment aus den Thoren. Bald folgen die schwerfälligen Familienequipagen, die Wagen mit Dienerschaft, Matratzen, Küchengeräth beladen. Das kaum angefangene

 

 

 

____
72 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Gewebe zufälliger Freuden ist plötzlich zerrissen; doch nicht entmuthigt, beginnt man an einem andern Orte von neuem die losen Fäden anzuknüpfen. – Gleich der Geselligkeit wird auch das äußere Ansehen einer Stadt durch die militärische Einquartierung bunt belebt, denn die Offiziere dürfen ihre Uniform niemals ablegen, und so sieht man letztere überall unter den Civiltrachten schimmern und überall die Gold- und Silberhelme funkeln. Die gemeinen Soldaten tragen in der Provinz gewöhnlich lange Oberröcke von grobem grauen Wollenzeug und kleine plattgedrückte Mützen auf dem kurzgeschnittenen Haar. Auch die Volontärs oder Junker in der Armee tragen diese unscheinbare Kleidung, mit welcher helle Glacéhandschuhe und parfümirte Battisttücher oft sonderbar contrastiren.

 

________________

Unter den Offizieren, den Beamten, den Lehrern der Gymnasien und Professoren der Universität (deren es in diesen Provinzen nur eine, die von Kiew, gibt) befinden sich viele Deutsche aus den Ostseeprovinzen, deren deutsche Gemüthlichkeit, Einfachheit, Bedächtigkeit, Sparsamkeit, ernste Solidität inmitten der slawischen Flüchtigkeit, Sorglosigkeit und Verschwendungssucht doppelt hervortreten. Auch gibt es hier viele aus Deutschland selbst Eingewanderte: Lehrer (die Musiklehrer sind großentheils Böhmen; auch findet man viel herumziehende böhmische und deutsche Musikanten), Aerzte, Apotheker, Architekten, Kaufleute, Uhrmacher u. s. w. – besonders viele Handwerker, welche, wie sie auch über das Leben in diesem Lande klagen, über den Mangel an ihren gewohnten sonntäglichen Vergnügungen, über die hochmüthige Behandlung ihrer vornehmen Kunden (welche die Niedern meist mit „Du“ anreden), dennoch gern in dem Lande bleiben, wo sich ihre Rubel so schnell vermehren und wo sie übertriebene Preise

 

 

 

____
73 Die Deutschen in Südrußland und die Ausländer überhaupt.

 

für ihre Arbeit fodern können, da hier wie anderwärts die Neigung herrscht, daß Fremde dem ebenso brauchbaren und viel billigern Einheimischen vorzuziehen.

 

Fast in allen diesen Provinzen gibt es deutsche Colonien, deren Bewohner sich von Acker- und Gemüsebau, Viehzucht u. s. w. nähren und in Dörfern wohnen, die durch ihre Häuser mit buntbemaltem Gebälk, mit Blumen vor den Fenstern und kleinen freundlichen Gärten nach Deutschland versetzen. Diese Colonisten verheirathen sich fast immer untereinander und sprechen, ob sie auch alle meist schon im Lande geboren sind, die deutsche Sprache, ja den Dialekt jener deutschen Provinzen, aus denen ihre Groß- oder Urgroßältern kamen.

 

Fast alle diese Deutschen sind Lutheraner und können, wenigstens in den Hauptstädten der Provinzen, einen Gottesdienst in ihrer Confession finden, der aber meist in Bethäusern oder Privatwohnungen gehalten wird, jedoch von einem von der Regierung besoldeten Prediger, welcher Seelsorger der ganzen Provinz ist und daher häufig von jener Hauptstadt durch Berufsreisen entfernt wird.

 

Noch muß man zu den temporären Bewohnern dieser Gegenden die Menge der fremden Lehrer, Bonnen, Gouvernanten und Gouverneurs zählen, welche alle Provinzen des großen Reichs überfluten. Die meisten derselben kommen aus Frankreich und der Schweiz und sind wol nur selten ihren gewählten Beschäftigungen gewachsen: meist geneigter und befähigter, sich selbst Silberrubel zu sammeln, als für Andere die Goldkörner des Wissens und der Bildung auszustreuen. Es ist unbegreiflich, daß die russischen und polnischen Familien zu Erziehern ihrer Kinder meist diese Fremden wählen, von deren Herkunft, Erziehung, früherer Lebensart sie wenig oder nichts wissen, die so oft ohne Bildung und Beruf für ihre heiligen Pflichten sind und diese nur als Nebensache

 

 

 

____
74 Natur- und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

und die Sammlung eines Capitals als Hauptsache ihres Aufenthalts in Rußland betrachten, und die, sollten sie auch im glücklichen Falle die moralische Reinheit ihrer Zöglinge nicht gefährden, sie doch häufig dem eigenen Lande entfremden und sie mit ihm und ihrer Umgebung unzufrieden machen. Doppelt thöricht erscheint diese Passion für das Fremde, da man nicht blos treffliche einheimische, im Lande selbst gebildete Lehrer *), sondern unter den ärmern Zöglingen der kaiserlichen Fräuleininstitute (deren eines sich in jeder Gouvernementsstadt befindet) auch Erzieherinnen finden kann, welche durch einen meist neunjährigen Aufenthalt in diesen ausgezeichneten Anstalten für ihre Bestimmung vollkommen vorbereitet sind, auch weit geringere pecuniäre Ansprüche machen als die Fremden, denen man in der Vorliebe für alles Ausländische die übertriebensten Foderungen erfüllt. Die Regierung ist so weise, dieser Vorliebe hindernd in den Weg zu treten und jenen männlichen und weiblichen Pädagogen den Eintritt in das Land zu erschweren, Prüfungen von ihnen zu verlangen u. s. w., und gewiß kann die Verminderung ihrer Zahl der echten Nationalbildung nur förderlich sein.

 

Auch nichteuropäischen Fremdlingen begegnet man häufig in diesen Ländern, und außer den Kosacken, die mit langen Piken in der Hand und niedern spitzen pelzverbrämten Mützen über dem schnurrbärtigen Antlitz auf schnellen Rossen einzeln dahersprengen oder in ganzen Regimentern die Gegend durchziehen, sieht man manchen schlanken, schwarzäugigen, dunkelhaarigen Tscherkessen mit lebhaften, ausdrucksvollen Zügen,

____

*) Unter den vielen vom Kaiser Nikolaus gegründeten öffentlichen Anstalten soll eine der trefflichsten das große Lehrerseminar in Petersburg sein.

 

 

 

____
75 Fremde Nationalitäten.

 

angethan mit dem kurzen, breit ausgenähten Waffenrock, in dessen Silberhalftern über dem Gürtel die Pistolen stecken, sieht dann und wann einen Perser in buntem Kaftan und dem Feß über dem bräunlichen, klugen Angesicht, sieht vor allem häufig die Tataren mit kleinen, funkelnden, listigen Augen, den breiten Backenknochen, den weißen Zähnen, die unter dem dunkeln Schnurrbart blendend schimmern, die Kinder der Steppe, die ewig wandern zwischen dem Osten und Westen, die aus der Krim die Trauben und von Odessas Märkten kleinasiatische Früchte holen und auf ihren obstbeladenen Wagen sitzen mit der Pfeife im Munde und dem Dolch im Gürtel, oder die noch kostbarere Waare des Orients, Teppiche, Shawls, Seidenzeuge den europäischen Käufern bringen und diesen als schlaue, betrügerische Kaufleute bekannt sind.

 

Auch von dem Wandervolke, dessen Geschichte so dunkel und geheimnisvoll ist wie die des Pyramidenlandes, aus dem es stammen will, sind zahlreiche Horden über diese weiten grünen Lande verstreut. Hier und da lagern sie am Wege, die dunkeläugigen Zigeuner, mit den langen schwarzen Haaren, dem gelblichen Angesicht, den zerlumpten Kleidern und dem wilden, brennenden Blick. Oft ist eine ganze Schar vereinigt und hat ihr Lager aufgeschlagen in einer einsamen Steppen oder Waldgegend, oder in der Nähe der Dörfer, wo man, voll Furcht vor ihrem Diebssinn, ihr selten lange Rast gestattet. Wenn man am Abend durch die stille Gegend fährt, dann taucht oft plötzlich ein Bild aus dem Zigeunerleben wie ein dunkles Räthsel aus der Dämmerung auf: elende Zelte, magere Pferde, in der Nähe weidend, schmuzige Karren, Alles wild und grau durcheinandergemischt, finstere Männer mit wildem Haar müßig am Boden liegend, rauchend oder schlafend, Frauen in grellfarbigen, um den Kopf geschlungenen

 

 

 

____
76 Natur - und Menschenleben in Volhynien u. s. w.

 

Tüchern, dazwischen braune, zerlumpte Kinder, die Gnomen gleich schreiend, streitend hin- und herfahren – Alles dann und wann grell von der aufflackernden Glut des Feuers beleuchtet, an dem die Frauen die Wäsche trocknen und die Suppe im schwärzlichen Kessel kochen.

 

Für diese und verschiedene andere Völkerstämme, die im weiten Reiche wohnen und wandern, ist Rußland gastfrei im vollen Sinne des Wortes, läßt sie nicht blos ungekränkt ihren eigenen Sitten und Gewohnheiten, sondern ungestört ihren eigenen Religionen leben. Und gastlich, gleich seinen Herrschern, empfängt das Land selbst Alle, die es betreten. Es bietet in seinen unermeßlichen Wäldern, seinen weiten grünen Fluren und grenzenlosen Steppen nicht blos Raum den verschiedenen in ihm heimischen Völkern, sondern könnte noch Unzählige aufnehmen und säen und ernten lassen in unbenutzten, unbewohnten Gefilden. Hier findet man noch frische junge Erde, noch reine freie Luft; hier kann man sich noch da und dort zurückdenken in die Urtage des Menschengeschlechts; hier hat „der Mensch mit seiner Qual“ noch nicht alle Stellen in Besitz genommen und noch ist „die Theilung der Erde“ hier nicht ganz geschehen. Ja selbst der Dichter kommt noch nicht zu spät und braucht nicht klagend zum Olymp zu fliehen.

 

Er findet hier noch liedervolle Stellen,
Noch tiefe dunkle Waldeseinsamkeit,
Noch ungekannte, ungetrübte Quellen,
Noch Fluren, die kein Menschenfuß entweiht,
Wo Pan noch ruht im Mittagssonnenschein,
Den Waldbach noch, wo die Najade wohnt,
Und noch den heilig stillen Eichenhain,
Wo frei und froh der Gott der Lieder thront,
Des Stimme herrlich durch die Wipfel rauscht
Und wo er süß entzückt dem Klange lauscht

 

 

 

____
77 Reise durch Volhynien nach Podolien.

 

Und in den wohlbekannten Klang verloren,
Das fremd er in der Fremde weilt, vergißt,
Und selig fühlt, daß, wo er auch geboren,
Die ganze Welt des Dichters Heimat ist!

 

2. Reise durch Volhynien nach Podolien.

 

Kordelowka in Podolien, Anfangs Juni.

 

Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident!“ Diese Worte des Dichters, die ein hochverehrter Freund mir beim Abschied zugerufen, klingen immer durch meine Seele. Wie schön ist's auch in Rußland, oder vielmehr wie schön und reich ist's auf der Erde! Das Ziel ist erreicht und hier und auf der ganzen Reise habe ich tausend Ueberraschungen gefunden, denn nach den Vorstellungen, die man sich bei uns von Rußland macht, konnte ich die Lieblichkeit nicht ahnen, die mich auch hier umgibt.

 

Betrübt nahm ich vor kurzem vom reizenden Stremilce, seinen Rosen und Linden, Abschied und erreichte von neuem Brody, bis dahin von den lieben Gastfreunden begleitet; mir war, als hätte ich eine glückliche Insel verlassen, um ins unbekannte Meer hinauszuschiffen; alles Unfreundliche, was man uns je von Rußland erzählt, kam mir ins Gedächtnis; mir war, als ginge ich in das Land, from whose bourns no traveller returns; ich hätte allen Planen entsagen und wieder umkehren mögen: aber der Reisewagen stand schon vor der Thür, die vier weißen Pferde wieherten lustig, der Kutscher

 

 

 

____
78 Reise durch Volhynien nach Podolien.

 

war ungeduldig, also kein Bedenken – nur vor-, nicht rückwärts geblickt. Lebt wohl! lebt wohl! Die Welt ist überall des Herrn!

 

Wir fuhren durch eine kurze Strecke Fichtenwald, dann kam das österreichische Grenzhaus und ein kurzer Aufenthalt. Ein russischer Kosack setzte sich neben den Kutscher, ein anderer ritt neben her, und so großartig escortirt nahten wir der Grenze, die ein Schlagbaum mit den russischen Farben, dahinter einige kleine Gebäude mit Schildwachen bezeichneten. Oben wölbte sich der Himmel in unermeßlicher gleicher Bläue, helle Wolken zogen ungefesselt über Rußland nach Deutschland hin oder lagerten in lieblicher Ruhe über beiden Grenzen; ich versenkte meine Blicke in das weite unbegrenzte Reich des Lichtes, und als ich wieder herabsah, erschienen mir die Schildwachen da drüben so zwerghaft, der Schlagbaum ein Kinderspiel und kindisch die Menschen und ihre Anstalten, die Lande der Erde, die ein und dasselbe Grün bedeckt, ein und derselbe blaue Himmel überwölbt, voneinander zu scheiden und zu umgrenzen und die Bürger Einer Welt, die sich als Brüder lieben sollen, voneinander zu trennen.

 

Das Unangenehme der Visitation des Gepäcks wurde gemildert durch die Artigkeit und Höflichkeit der Beamten.

 

So war ich denn in Rußland und nach einer Viertelstunde im Grenzstädtchen Radziwilow unter weißen kleinen Häusern mit freundlichen Gärtchen. Im Posthause, wo man Nachtlager bekommt (einige Kissen und Decken auf lederüberzogenen Wandbänken) finde ich Deutsch sprechende gemüthliche Bewohner und einen kleinen Garten voll Rosen- und Akazienduft. Doch war ich froh, als mich am andern Morgen vier muthige Rosse der Einsamkeit entführten. Die Postklingel an dem einen Pferde die in Rußland das Posthorn ersetzt, begleitete mich mit ein förmigem Getön. Der Weg führte zuerst durch meist sandige

 

 

 

____ 79 Abend in Radziwilow. Fahrt nach Krzemienice.

 

Gegenden mit düstern Fichten- und Tannenwäldern; einsame Wirthshäuser (Kartschmas), vor denen bärtige Juden und Bauern standen, lagen in weiten Entfernungen voneinander; hier und da sah man öde Haidestrecken, auf denen große Pferdeheerden weideten. Nach und nach erheben sich die Gebirge –Zweige der Karpaten; waldbedeckte Höhen liegen im Vordergrunde, am Fuße kleine Dörfer verstreut, ein Kloster schimmert in der Ferne von einer Bergspitze; es ist ein berühmter katholischer Wallfahrtsort in der Nähe von Krzemienice; näher der Straße zeigt sich ein trauriger Anblick: die Ruinen eines prächtigen, kürzlich durch eine Feuersbrunst zerstörten Schlosses, vom verwüsteten Parke umgeben. Wir fahren in die Berge hinein und sehen in einem schönen Thale unter uns Krzemienice, romantisch, Karlsbad ähnlich, gelegen. Hohe und niedere Berge umschließen es von allen Seiten; zwischen sie und an sie hinan sind die Häuser gebaut, unregelmäßig durcheinanderliegend, mit malerischen Galerien, Außentreppen, vor springenden Dächern: dunkler Laubwald zieht sich von den Höhen bis dicht an die Wohnungen; mehre schöne Kirchen erheben sich mit ihren Thürmen, auf dem nächsten höchsten Berge, fast mitten in der Stadt, liegt die Ruine des Schlosses der Königin Bona. Das Innere der Stadt ist wenig romantisch; überall herrscht der Schmuz und Lärm der jüdischen Bevölkerung, mit deren elenden hölzernen Häusern die eleganten Wohnungen mehrer polnischer Familien, die sich hier und da mitten unter ihnen erheben, sonderbar contrastiren. In einer der letztern, dem Hause der Gräfin O., finde ich die gastlichste, gütigste Aufnahme. Von der Blumenterrasse, auf die man aus den heitern Salons tritt, blickt man durch die blühenden, duftenden Gewächse fremder Zonen auf die enge Judenstrase, die schmuzigen Hütten, die schreienden, lärmenden Bewohner; man träumt einen lieblichen Traum mitten in der grellen

 

 

 

____
80 Reise durch Volhynien nach Podolien.

 

Wirklichkeit; auch die Vergangenheit drängt ihre Erinnerungen hinein, denn gerade gegenüber erhebt sich, die Straße verdunkelnd, der kahle Bergesgipfel mit dem zerstörten Schlosse der bösen leidenschaftlichen Königin. Den Nachmittag brachte ich im Hause des Baron Dz. aus Dresden zu, der, an eine polnische Dame verheirathet, hier in der reizendsten Umgebung lebt. Seine schöne Villa liegt auf einem Abhange, der sich mit Rasenplätzen, Blumen- und Baumgruppen, duftenden Akazien-, Rosen- und Jasminsträuchen bis ins Thal hinunterzieht. Das weiße Gebäude zeichnet sich hell von dem Hintergrunde der schwarzen Tannen ab, die den Waldberg bedecken, an den es sich lehnt, und von seinen Balkonen und Fenstern und jedem Punkte im Garten wandert das Auge entzückt über das schöne Thal mit der malerisch gelegenen Stadt und die wilden grünen Berge ringsum. Am Abend fand ich zahlreiche Gesellschaft bei der Gräfin O., ein liebenswürdiger polnischer Kreis, interessante geistvolle Unterhaltung; man konnte sich eher in einem pariser Salon, als in dem eines kleinen russischen Städtchens glauben.

 

Am andern Vormittag gingen wir in die katholische Kirche, die, ein kleines niederes Gebäude, eigentlich nur eine Kapelle, auf einem Hügel außerhalb der Stadt liegt. Der Raum war zu eng für die Menge, die sich hier zusammendrängte, und die Vielen, welche in der Kirche nicht Platz fanden, knieten draußen auf dem grünen Vorplatze, nur um von fern dem Klange des Glöckchens beim Gange der Messe zu folgen.

 

Die großen katholischen Kirchen der Stadt, die sie mit hohen Thürmen und reicher Architektur noch jetzt schmücken, sind geschlossen, oder für den griechischen Gottesdienst eingerichtet; auch verödete Klostergebäude stehen da und dort. Die Bibliothek, das gelehrte Gymnasium, vom Grafen Czacki, dem edeln Wohlthäter Volhyniens, einst hier gegründet, existiren nicht

 

 

 

____
81 Ein Tag in Krzemienice. Weiterreise durch Volhynien.

 

mehr und man kann sich kaum denken, daß diese Stadt, die jetzt die Juden allein zu besitzen scheinen, einst das Athen Volhyniens war und das sich hier die Blüte seiner Jugend versammelte.

 

Mittag sagte ich den gütigen Gastfreunden Lebewohl und fuhr weiter mit der Equipage aus Kordelowka, die mich hier erwartete. Gleich nach Krzemienice verschwand die Romantik der Gegend; den schönen Bergen folgte theils sandiges, theils gutbebautes Hügelland. Nachmittag mußten die Pferde eine Stunde in einem Judenstädtchen rasten; ich ging unterdessen mit der deutschen Kammerfrau, die mir entgegengeschickt war, in der Gegend umher. Wir lagerten uns auf einem Hügel, der mit duftenden Kräutern und Haideblumen bewachsen war. Neben uns erhob sich eine kleine russische Kirche mit ihren drei grünen Kuppeln, von einem Breterzaun und einigen Bäumen umgeben! Der Pope, in schwarzem Bart und Haar, ging, sein kleines Töchterchen an der Hand, bedächtig den Hügel hinab. Schafe weideten am Abhange; ein kleiner Hirte, in eine braune Decke gehüllt, lagerte daneben; still ruhten rings die einsamen Thäler zwischen den kahlen oder mit dunkelm Nadelholz bedeckten Hügeln; ein Fluß wand sich langsam an ihrem Fuße hin und Mühlen und kleine Dörfer lagen an seinen Ufern. Auf den Wegen wanderten und fuhren Bauern zum Sonntagstanz und aus dem Wirthshause unter uns tönten die schrillenden Klänge einiger Geigen.

 

Nach mehrstündiger Fahrt durch die erquickende Abendkühle kehrten wir zur Nachtruhe in einer einsamen Kartschma ein. Diese Wirthshäuser haben alle dasselbe Aussehen: ein Säulen getragenes Vordach, unter dem sich der Haupteingang befindet, innen und außen weiß angestrichene Wände, ein Gang, der die Mitte des Gebäudes durchzieht und an dessen einer Seite sich

 

Förster, Südrußland.

 

 

 

____
82 Reise durch Volhynien nach Podolien.

 

die Räume für die Reisenden und an der andern die Ställe befinden. Es dauerte lange, ehe das uns angewiesene kahle Gemach durch gehöriges Reinigen und durch Ausbreitung der mitgebrachten Matratzen, Decken, Servietten, Theegeräthe ein etwas wohnliches Ansehen erhielt. Nur Wasser zum Thee, Kohlen für den Samovar und Futter für die Pferde erhält man in diesen Wirthshäusern und muß alle nöthigen Lebensmittel mit sich bringen.

 

Am andern Morgen führte uns der Weg durch eine menschenleere, aber kornreiche Gegend, in der nur wenige Dörfer verstreut lagen.

 

Mittag blieben wir in einer Judenstadt –Konstantinow; die bärtigen zudringlichen Krämer, die sich in unsere Stube drängten, vertrieben mich daraus, ich suchte frische Luft und einen Ausweg ins Freie; so ließ ich mich verleiten, die Stadt in einigen Richtungen zu durchgehen. „Da unten aber war's fürchterlich!“ Ich kam in ein „grauses Gemisch“ von schmuzigen, halbzerfallenen Hütten, Haufen von faulem Gemüse, Eierschalen u. dergl., zwischen denen sich zerlumpte Kinder und Ferkel im Staube wälzten. Alte Weiber, häßlich wie die Hexe von Endor, stritten sich mit gleich schmuzigen Handelsleuten über ihre Waaren – es war ein Chaos von Lärm, Elend, Schmuz! Ohne Dante'sche Phantasie konnte man hier einen neuen Höllenkreis erdenken. Endlich gelangte ich aus den engen Gassen auf einen freien Platz. Eine Kirche von schöner Architektur mit hohen Thürmen und offener Pforte lud mich ein, in ihrem heiligen Raume Vergessen der traurigen Eindrücke zu suchen. Ich trat ein: der Vorhof war mit Gras und Nesseln bewachsen, die Kirchthür aus den Angeln gehoben, das Innere mit Staub und Schmuz bedeckt. Ich entfloh dem entstellten Heiligthum und war froh, als ich wieder im Wagen saß und die freie schöne Welt im Sommerabendglanze

 

 

 

____
83 Steppengegend. Erster Blick auf Podolien.

 

vor mir lag. Auch das einsame kleine Dorf am blauen See zwischen den grünen Hügeln, wo wir zur Nacht blieben, war lieblich nach der Herberge des Mittags. Zur Abwechselung fanden wir in diesem Bauernwirthshause reinliche, sogar ein wenig möblirte Zimmer mit Lithographien an den Wänden. Am andern Tage bekam ich einen Begriff von der Steppe: vom frühesten Morgen bis zum Nachmittag fuhren wir in der größten Einsamkeit durch eine hügelige Ebene, die uns wie ein grünes Meer umgab; nirgends fand das Auge eine menschliche Wohnung, außer dann und wann, in weitesten Entfernungen, eine einsame Kartschma. Auch die Straße war ganz menschenleer. Nur einmal kam, wie eine Erscheinung aus einer andern Welt, eine Gesellschaft eleganter Damen und Herren zu Pferde, die irgendeinem entfernten Landsitze zueilte, querfeldein über den Weg gesprengt.

 

Auch diese einsame Steppengegend hatte ihre Reize, denn über uns jubelten die Lerchen in blauen Lüften und um uns dufteten, von Bienen und Schmetterlingen umflogen, tausend liebe bekannte Blumen. Unser Mittagsmahl hielten wir unter diesen Blumen, auf einem kleinen Hügel gelagert, von dem wir weit über die endlose schöne Einsamkeit blicken konnten. Am Nachmittage wird die Gegend belebter und bebauter. Wir fahren wieder durch ein armes kleines Judenstädtchen an einem waldumkränzten See, und als wir es verlassen, sehen wir vor uns ein liebliches freundliches Land, vielen deutschen Gegenden ähnlich; bewaldete Höhen ziehen sich in der Ferne hin; freundliche Dörfer sind an ihrem Fuße und inmitten der Ebene zwischen grünen Feldern und frischen Laubwäldern verstreut; da und dort liegen schöne Gutsgebäude, von blühenden Gärten umgeben, und viele blaue Seen schimmern zwischen dem Grün. Ein flüchtiger Gewitterregen macht Alles noch frischer und duftender. Tausend Regentropfen auf Blumen und Blättern

 

 

____
84 Reise durch Volhynien nach Podolien.

 

funkeln in der Sonne; ein Regenbogen wölbt sich wie ein Paradiesthor über der grünen lächelnden Landschaft; zwischen dem dunkeln Grün der Eichenwälder schimmern die zarten duftenden Blüten der wilden Rosensträuche; alle Pfade sind belebt; Bauern mit Sicheln und Harken kommen von den Feldern zurück; sie sehen wie Mönche aus mit ihren langen Bärten und langen weiten Röcken von dunkelbraunem Fries, die manche noch vom Regen her über den Kopf gezogen haben. Daneben gehen hübsche Mädchen in weißen wollenen, vorn offenen Kaftanen, die ihre Haarflechten kronenartig um den Kopf gelegt und Kornblumen und Rosen darein gesteckt haben. Kinder klettern an den begrasten Gräben der Felder und haben die aufgehobenen Röckchen mit Kornblumen gefüllt.

 

Wir kommen aus einem duftenden Birkenwäldchen ins Freie: vor uns liegt eine heitere helle Villa mit breiter Treppe und offener Säulenhalle auf einem grünen Hügel, der sich als weit ausgedehnter Garten mit Blütensträuchern und jungen Bäumen bis zum blauen See hinunterzieht, an dessen jenseitigem Ufer ein Eichenwald dunkeln Schatten verbreitet. Die Häuser eines großen Dorfes, die drei grünen Kuppeln einer Kirche schimmern nahe der schönen Villa aus dem Grün vieler Obstbäume hervor. Der Wagen fährt durch das Gartenthor und hält vor der breiten Treppe; liebliche Gestalten eilen herbei, holde freundliche Gesichter, bekannte liebe Stimmen begrüßen mich; Heimatsluft umweht mich mitten im fremden Lande. Kordelowka, das Ziel der Reise, ist erreicht und liegt vor mir wie ein Buch, dessen erstes Blatt schon mir das Gute und schöne verspricht, das ich darin zu lesen hoffe.

 

 

 

____
85 Erster Eindruck von Podolien. Ankunft in Kordelowka.

 

3. Landleben in Podolien.

 

1.
Kordelowka in Podolien, Mitte Juni.

 

Noch sind wir nicht in Sommers Mitte, noch ist Maienfrische in der Luft und Maiengrün auf Feld und Wald. Noch erscheint uns die Natur in aller ihrer angeborenen Lieblichkeit und wir genießen sie in vollen Zügen.

 

Ich fühle mich der Heimat nicht fern; findet man sie nicht überall, wo Schönheit, Güte, Jugend, Frühling ist? Alles hier ist herrlich, wie es jetzt bei uns ist. Hier wie dort hat Gott den großen Gedanken seiner Schöpfung von neuem lebendig gemacht, und wer die Schönheit dieser Schöpfung fühlt und liebt, kann nirgends in der Fremde sein; die alten Freunde – Bäume und Blumen, Sterne und Wolken findet er überall; überall wird dasselbe Herz von derselben Welt berührt, mit denselben Gefühlen der Liebe, Bewunderung und Andacht erfüllt.

 

Darum auch, weil Alles ebenso schön ist wie in der Heimat, kann ich euch nur wenig Neues beschreiben. Nicht Blüten von fremdartigen Gewächsen kann ich für euch pflücken, sondern nur einen einfachen Strauß von blauen Glocken- und Maiblumen, wie sie auch in unsern Wäldern wachsen. Aber ich schicke ihn doch; ich schildere euch die langbekannten Bilder, gerade damit ihr euch das Land so vorstellt, wie es ist, so frühlingsduftig lächelnd, so mit einfach lieblichen Reizen geschmückt, wie die heitersten Gegenden unserer Heimat. Unser Leben hier ist heiter wie das Land und die Jahreszeit: die wärmern Stunden der Vor- und Nachmittage bringen wir

 

 

 

____
86 Landleben in Podolien.

 

mit unsern Beschäftigungen im Hause zu. Ueberall drängt sich ein Theil von Frühling und Natur herein. Durch die hohen offenen Glasthüren sieht man den blauen See und den jenseitigen Eichenwald; bis zu uns dringt der leise Lufthauch, in dem sich die Birken träumerisch neigen und der den Rosen ihre Düfte entführt. Alles lockt hinaus, wo uns tausend Freuden erwarten; ihr Schauplatz ist verschieden; heute ist es der sonnige See, morgen der schattige Wald. Dieser See liegt wie der Spiegel der freundlichen Gegend zu Füßen des Gartenhügels, auf dem sich die helle Villa erhebt; gleich ihr spiegelt sich der dunkelschöne Eichenwald vom jenseitigen Ufer in dem Gewässer, den links ein Damm mit einer belebten Straße, die zum Süden führt und rechts die reich bebaute Ebene begrenzt, aus der sich das weiße Schloß unserer nächsten Nachbarn über dunkeln Wald erhebt.

 

Auch viele der kleinen weißen Häuser des Dorfes haben sich an den See gedrängt, wie um ihr verschönertes Bild darin zu erblicken.

 

Im Weidengebüsch am Ufer liegt ein kleiner grüner Kahn. Wir machen die Kette los: Adine sitzt am Steuer, Marie rudert, und es ist ein herrliches Vergnügen, über die blaue Fläche zu gleiten, geführt von den lieblichen Schifferinnen. Vorüber an kleinen Schilfinseln, auf denen rothe Blumen blühen, Bienen und Käfer summen und weiße Wasservögel nisten, die bei unserm Ruderschlag emporfliegen, fahren wir bis hin auf in den fernsten Winkel des Sees, wo ganze Wälder von Schilf emporsteigen, eine Wohnstätte der wilden Schwäne, die, vor uns fliehend, zwischen den Binsen mit ihren Flügeln rauschen, und wo die Nymphäen schwimmen einzeln und in ganzen Eilanden zusammenhängend und wir uns niederbeugen und die weißen und gelben Blüten, die wie träumend auf den breiten Blättern ruhen, emporziehen und unsern Kahn damit

 

 

 

____
87 Der Juni in Podolien. Fahrten auf dem See.

 

füllen. Hier und da drängt sich der Wald bis an das Wasser und mancher Baum senkt seine Zweige wie dürstend in die stille Flut; Erlen, Weiden, Schilf, zwischen denen Guirlanden von weißen Winden herabhängen, und rothe Wasserblumen bekränzen das Ufer und bilden manchen schattigen Winkel, in dem wilde Wasserenten nisten, die zuweilen in die Sonne schwimmen, umgeben von einer Schar kleiner gelber Nestlinge. Weiße Schmetterlinge und bläuliche Libellen umflattern die Büsche, Schwalben schießen pfeilschnell über das Wasser hin und hoch in den Lüften kreist die Lerche und offenbart in einem Jubelton die Lust und Seligkeit, die die Welt erfüllt. Alles ist still um uns; nur da und dort sieht man einen kleinen Bauerkahn, einfach primitiv aus einem hohlen Baumstamme gebildet; man hört auch wol Glöckchen von Heerden, die am Ufer weiden, oder hört, ist es Sonntag, die Töne der Kirchenglocke weit hin über den See zittern. Nur nahe dem Dorfe ist's belebter; man führt Pferde in das Wasser; hier und da sitzt ein Fischer mit seiner Angel und an vielen Stellen baden sich Kinder jubelnd und lachend. schön ist es hier am Morgen, wenn noch blauduftige Nachtfrische leise die Gegend umschleiert und Thautropfen auf allen Gräsern und Schilfhalmen schimmern und die Wellen selbst so kühl scheinen, als hätten sie alle Frische der Nacht in sich getrunken; schön am Abend, wenn ein leiser Wind die stille Flut zu leichten Wellen kräuselt und goldene Wolken über dem Walde im Westen ruhen und die Wasserfläche unter uns im Rosenlichte schimmert; schöner noch in den späten Stunden, wenn alle Farben erblaßt, alle Töne verstummt sind, wenn die Wälder ruhen, in ihre eigenen Schatten gehüllt, gleich Menschen versunken in die Traumgedanken ihrer Seele, wenn Sterne über uns und unter uns wie Freundesaugen grüßen und der Mond endlich emporschwebt höher und höher, bis auch er sein Antlitz

 

 

 

____
88 Landleben in Podolien.

 

in die Tiefe des Sees senkt und duftige Silberschleier über alle Wälder legt.

 

Ebenso schöne Stunden blühen uns in den Wäldern, die sich da und dort in der großen Fläche ausbreiten. Es sind keine düster-ernsten Fichten- und Tannenwälder, auch keine feierlichen Buchenhaine, in die man mit geheimnisvollem Schauer wie in einen hochgewölbten gothischen Dom tritt; es sind Birkenwälder voll Licht und Heiterkeit und blumenreiche Eichenwälder voll Glanz und Frische. Oft in der Morgenfrühe gehen wir in den Birkenwald, der nahe dem Hause liegt. Vor ihm breitet sich ein reicher Teppich aus, aus tausend Blumen gestickt, mit feuchtschimmernden Perlen und Diamanten bestreut; über ihn schreitet man wie zu einem Feste in den Wald, in dem schon Staar und Amsel und Pirole jubeln. Wie ein griechischer Tempel hell und heiter mit schlanken glänzenden Säulen steigt er empor, durch das zarte grüne zitternde Laubgewebe lächelt der blaue Himmel, strahlt das goldene Licht und spielt mit den Schatten am Boden. So weit das Auge in die Tiefe des Waldes dringt, sieht es diese silberweisen Säulen und unter ihnen die großen blauen Glockenblumen, die dicht aneinandergedrängt aus dem thaufrischen Grase empor ins Licht schauen gleich einer Schar blauäugiger Kinder, die im hellen Tempel beten.

 

Das Ziel unserer Abendspaziergänge ist der entferntere Eichenwald, der sich zwischen unserm und dem Nachbargute ausbreitet und einem herrlichen Parke gleicht. Schmale Pfade führen in das Dickicht und locken, verborgene Schönheit aufzusuchen. Hier erhebt sich der Boden zu einem bebuschten Hügel, dort senkt er sich und wird ein kleines Thal voll Blumen und Sträucher; einsame Waldwiesen liegen wie verborgene Paradiese mitten im Dickicht mit einzelnen alten Bäumen, auf

 

 

____
89 Sommerfreuden im Walde. Birken- und Eichenwälder.

 

deren Wipfeln Störche ihr Nest gebaut haben und unter denen Heerden lagern. Wir wandern, froh der Sommerfreiheit des Landes, singend auf dem Pfade, der den Wald durchschneidet, und athmen in vollen Zügen seine Frische ein. Von allen Seiten lächeln uns aus dem Grün blaue Glocken und purpurrothe Waldnelken an: darüber erheben sich Spireenbüsche mit ihren gefiederten Blütenzweigen und tief im Grase sind Erdbeeren verborgen und verrathen sich durch ihren Duft.

 

So kommen wir zum schönsten Punkte des Waldes, einem freien Platz, auf dem sich zerklüftete Felsen erheben, mit Kräutern und Blumen, mit duftendem Thymian und wilden Rosengebüschen bewachsen. Birken streben aus den Spalten empor; ihr Laub und die Ranken der Rosensträucher beben im Abendwinde. Da sitzt man hoch auf dem Geklüft und sieht in die schon dunkeln Eichen hinein, die den stillen Ort umschließen. Durch die Kronen glänzt das Gold der Abendsonne und über ihren Wipfeln ziehen weiße und rosa Wölkchen und sehen wie Engelsangesichter auf uns nieder. Hier – so fühlt man – ist eine der tausend Wohnungen des schönen Liedergeistes, der Dem, der ihn versteht, Worte zuflüstert und Melodien vorsingt. selten bleiben wir einsam in unserm kleinen Paradies. Meist treffen wir hier eine Karavane vom Nachbargute: Lehrer und Kinder zu Pferde und Wagen, eine fröhliche Gesellschaft, mit der wir den Wald in allen Richtungen durchziehen, bis uns die Abenddämmerung oder der Mond, der durch die Zweige blickt, an den Rückweg erinnern.

 

Oft fahren wir in unserer Britschka stundenlang durch die Waldungen, von einer zur andern, über Fluren und Triften; in fliegender Eile geht es über Stock und Stein, Wurzeln und Strauchwerk; wir durchschneiden die Luft, das sie uns scharf entgegenweht, Baumzweige schlagen uns ins Gesicht; wir sausen dahin,

 

 

 

____
90 Landleben in Podolien.

 

als wollten wir die Welt erobern, oder als gehöre sie uns schon. Andere male kommen wir mit unsern Büchern, lagern uns ins Gras unter die Birken oder in einen der hohen Heuhaufen, die sich schon hier und da in den Wäldern erheben und auf deren Höhe wir hoch über den Blumen thronen und in das wehende Laub über uns und den blauen Himmel blicken, in dem lichte Wölkchen in die Ferne ziehen. Wir wollten lesen, aber das Buch fällt aus der Hand, wir fühlen, das um uns die Quelle selbst rauscht, aus der die Dichter schöpften. Um mich ist Frühlingsleben, frische fröhliche Jugend und in mir fühle ich das Echo von Allem!

 

Keine tiefe Landeinsamkeit herrscht in der Gegend; sie ist bevölkert und bebaut und von belebten Straßen durchzogen. Fahren wir auf der, die nach Berditschew, oder der, die nach dem südlichen Podolien und weiter nach Odessa führt, so haben wir immer neue Begegnungen: Wagen kommen mit Salzstücken, Holz- oder Theertonnen, begleitet von bärtigen Fuhrleuten mit bräunlichen Gesichtern, dunkeln Kaftanen, die eine rothe Schärpe umgürtet. Judenkarren rasseln vorüber, dicht gefüllt mit Männern in dunkeln Röcken mit schwarzem Haar und Bart, funkelnden Augen und mit Frauen in grellbunten Tüchern und Kleidern, welche alle mit lebhaften Geberden lachen und sprechen und die vorüberfahrenden Bauern anrufen und von ihnen mit Witz- oder auch mit Schmähworten verfolgt werden. Dann wieder kommen Soldaten mit glattgeschorenem Haar, braunen Gesichtern, langen Knebelbärten und der nachlässig auf der Achsel ruhenden Flinte; in ihrer Mitte gehen kettenbelastete Gefangene; einige Juden, die den Kopf hängen und mit schlauen Blicken vor sich hinschauen, und einige wildaussehende Männer, denen das Laster auf die Stirn geschrieben ist. Eine Britschka fährt vorbei, in der ein würdiger langbärtiger Pope sitzt neben seiner bürgerlich gekleideten

 

 

 

____
91 Bevölkerung der Gegend. Begegnungen auf den Landstraßen.

 

Frau und umgeben von einer großen Kinderschar. Die vor übergehenden Bauern grüßen ihn ehrerbietig, ziehen aber so gleich ein wenig Heu oder Stroh aus ihrem Wagen und werfen es hinter sich, um nicht Unglück durch die geistliche Begegnung zu haben. Von weitem hört man die Schellen der Britschka des Handelsjuden, der in behaglicher Ruhe zwischen seinen Kisten und Kasten sitzt. Bauern kommen in großen Scharen von der Arbeit zurück und grüßen mit tiefem Verneigen die Herrschaft; sie haben etwas Nachlässiges, Verwildertes in ihrem Aussehen, nichts von der Freundlichkeit in den Gesichtern der wirklich russischen Bauern, von denen mehre sich als Arbeiter im Dorfe befinden, auch nichts von dem frommen sanften Ausdruck der galizischen Landleute an der Grenze. Hübscher und lebhafter erscheinen die Frauen und Mädchen, die fast die gleichen Kaftans wie die Männer tragen und ebenso nachlässig wie die Männer neben ihnen schlendern.

 

Dann und wann kommt ein bestaubter eleganter Reisewagen vorüber, noch öfter eine offene einsitzige Telega, in welcher Feldjäger oder Offiziere, in die gewöhnlichen grauen Militärmäntel gehüllt, sehr unbequem auf hölzernen Bänken placirt sind.

 

Selten trifft man einen Bettler, wenigstens keinen, der dem Dorfe angehört, denn die Bauern sorgen meist mildthätig für einander; aber bisweilen begegnet man einer Schar Pilger, die von Kiew kommen oder dahin gehen; meist sind es Frauen mit weißen oder grauen Tüchern über dem Kopfe, einem kleinen Säckchen mit ihrem wenigen Proviant auf dem Rücken und einem Stock in der Hand: sie singen einförmige Lieder und bitten die Vorübergehenden um Almosen.

 

Viele große Güter liegen in der Nähe und die weißen Landhäuser schimmern da und dort aus dem Grunde der Parks.

 

Am ersten Sonntag schon lernte ich einen Theil der zahlreichen

 

 

 

____
92 Landleben in Podolien.

 

Nachbarn kennen im Hause der Gräfin Ch..... .... auf Janow, wohin wir zur Feier des Fronleichnamsfestes fuhren. Es war ein herrlicher Morgen und dies Podolien mit seinen Eichenwäldern und blauen Seen, in denen sich die kleinen Dörfer und Waldhügel spiegeln, erschien mir wie ein Garten, vom Schöpfer in göttlichem Schönheitsgefühl angelegt.

 

Wir langten an der alten lindenbeschatteten Kapelle an, als schon die Procession im Gange war; sie versetzte mich plötzlich nach Süddeutschland und ich sah das Fest so lieblich wie dort gefeiert. Hier wie dort sind blumengeschmückte Altäre im Freien errichtet, langsam zieht die Procession von einem zum andern, voran die Priester mit dem Allerheiligsten, dann Chorknaben mit Kirchenfahnen und Weihrauchbecken, Herren und Damen, geschmückte Landleute, Alle Kerzen tragend und Psalmen singend. Vor jedem Altare kniet man in stillem Gebet; nur der Ton des Meßglöckchens und der Lufthauch in den Linden unterbrechen die feierliche Stille.

 

Das Schloß, in das wir uns begaben, ist eines der wenigen im Lande, die einer mittelalterlichen Burg gleichen; es trägt Thürme und Zinnen; und noch sieht man Reste der Wälle, der Zugbrücke und der festungsartigen Mauern. Die Besitzer empfangen ihre Gäste mit liebenswürdiger Gastfreundschaft; ihre ganze Umgebung zeugt von feiner kosmopolitischer Bildung. Bücher und neueste Journale in allen Sprachen, Kupferstichsammlungen und Musikalien bedecken die Tische der Salons, deren Glasthüren sich auf eine Terrasse öffnen, von welcher Blumendüfte, Vögelgesang und Sonnenstrahlen herein dringen.

 

Zahlreich ist die Gesellschaft beim Diner, das unter fröhlicher Tafelmusik in einem der obern Säle gehalten wird, von dessen Wänden viele Ahnen des Hauses, stattliche Männer in altpolnischer Tracht, auf uns niederschauen. Die vier Priester

 

 

 

____
93 Fest im Schlosse von Janow.

 

sind mit bei Tische und sehen in ihren langen schwarzen Röcken und ihrem weißen Haar ehrwürdig unter der eleganten belebten Gesellschaft aus.

 

Reizend sind die Mittag- und Abendstunden auf der Salonterrasse, die mit ihren alten schattigen Kastanien und Linden, unter denen Orangenbäume duften und seltene Blumen in Fülle blühen, einer der lieblichsten Plätze der Welt scheint. Auf einer Seite blickt man über die Mauerzinnen in den Schloßgarten, der mit alten dunkeln Bäumen, dichtverwachsenem Gesträuch feucht und düster vor uns liegt; an die andere grenzt der von hohen Gebäuden umschlossene, mit Blumenanlagen geschmückte Schloßhof – und an der dritten blickt man auf die kleine Judenstadt, die weit genug entfernt ist, um durch ihr buntes Handelsgewühl kein widriges, sondern ein heiteres Bild zu geben. Das hübscheste Bild aber ist die Terrasse selbst; da wandelt man unter Blumen, da sitzen verschiedene Gruppen im Schatten der Kastanien und blättern in den Albums und Kupferwerken; die Klänge des jetzt im Freien placirten Orchesters übertönen die heitern Gespräche; der Abendwind löst alle schönen Düfte von den Blumen; Erdbeeren und Ananas, Feigen und Datteln werden mit dem Thee gereicht, und nicht blos diese Früchte, sondern Alles, was uns umgibt, versetzt uns in schöne südliche Länder.

 

Unsere nächsten Nachbarn sind die von Z . . . . . . auf Czerygaczynze, nur eine halbe Stunde von uns entfernt; auch dort wie überall zeigt man dem Fremden freundlichstes Wohlwollen. Gleich in der ersten Woche meines Hierseins verlebten wir da einen heitern festlichen Nachmittag; Alles war fröhlich durch eine Geburtstagsfeier belebt und ich fühlte mich schnell heimisch auch in dem Kreise, der groß ist durch die Hausbewohner allein, die halberwachsenen Kinder und ihre, verschiedenen Nationen angehörenden Lehrer und Erzieher. Wir nahmen den

 

 

 

____
94 Landleben in Podolien.

 

Thee und die Früchte (die immer zu diesem gereicht werden) in einem Zelte unter den alten Linden im Garten, gingen in der Abendkühle im anstoßenden Walde spazieren und soupirten auf einem andern reizenden Punkte, einem offenen Platze in der Mitte des Gartens, von einem Walde der herrlichsten blühenden Sträucher und Bäume umschlossen; die einheimischen Rosen mischen ihre Farben und Düfte mit denen der Orangen und Granatblüten und anderer Gewächse fremder Zonen, die unter diesem dunkelblauen Sommerhimmel gar nicht erotisch erscheinen. Hinter den hellen Blumenbüschen ragen die dunkeln Linden empor und Nachtigallentöne klingen von da zu uns her. Dieser Garten voll der schönsten alten Bäume, die hier dichte Gruppen, dort lange Alleen bilden, zieht sich weit an der einen Seite des Schlosses hin, das sich auf einem grünen Hügel über dem See erhebt, an dessen jenseitigem Ufer das große Dorf mit seinen weißen Hütten unter Bäumen liegt. Terrassen mit Bäumen, Blumen, Bänken führen vom Hügel und Garten zum See hinab, an dessen Rande ein Kahn zum Fahren auf der vom Abendroth gefärbten Fläche ladet. Das Innere des Schlosses, elegant wie alle diese Paläste, Villen und Cottages eingerichtet, hat als schönsten Schmuck viele Bilder von guten alten Meistern und mehre antike Sculpturen. Aehnliche Schätze, von den kunstliebenden Polen von ihren Reisen ins Ausland mitgebracht, findet man in vielen dieser einsamen Landsitze, und man hat vor diesen Bildern und Statuen, die aus weiter Ferne hier her entführt sind, eine Empfindung wie der Seefahrer, zu dem ein Wind vom Lande plötzlich den Blütenduft ferner glücklicher Gestade trägt.

 

Uczinze, das andere Gut des Herrn von K., liegt nur zwei Stunden von dem, was wir bewohnen, und dennoch in einer sehr verschiedenen Gegend, die reich ist an Bächen, Waldhügeln

 

 

 

____
95 Landsitze in der Nachbarschaft. Gegenden am Bug.

 

und grünen Weideplätzen. Das Schloß oder Palais mit seiner breiten Avenue und Vortreppe sieht ganz deutsch aus; es liegt auf felsigem Ufer, über dem breiten Bug, der so voll kleiner Inseln, Schilfwälder, Wasserpflanzen und schwimmender Baumstämme ist, daß nur kleine Kähne hindurchgleiten können. Es ist schön, aus den Fenstern des Schlosses auf diesen dunkeln Strom zu blicken, der in Einsamkeit durch die grüne Ebene zieht; im Westen scheint er sich in das Purpurmeer der Abendröthe zu ergiesen, im Osten verliert er sich in bläulichem Duft; der Abendwind seufzt durch die Schilfwälder; weiße Wasservögel fliegen darüber hin; Heerden lagern still am jenseitigen Ufer; Alles trägt den Ausdruck tiefer, einsamer Ruhe. Die ganze Welt scheint ausgestorben und wir allein zurückgeblieben.

 

Ein Park voll hoher dunkler Bäume, mit dicht verwachsenem Gesträuch und düstern Alleen zieht sich neben dem Schlosse längs des Flusses hin. Auch über ihm liegt ein Hauch von Traurigkeit, ebenso über den öden unbewohnten Zimmern. Spuren, daß auch sie einst fröhlicher belebt waren, finden wir in den dunkeln Vorrathskammern des obersten Stockwerks, in denen allerlei Geräthe und Kleider aus frühern Zeiten von ehemaligen Besitzern des Schlosses aufgehäuft sind: alterthümliche Waffen und Trinkgefäße, Reste altpolnischer Herrentrachten, altmodische Hofdegen und Hofkleider, uralte Familienporträts, dazwischen Priestergewänder, Altardecken und verschiedene Geräthe der ehemaligen Hauskapelle, Alles mit Staub und Moder bedeckt. Man fühlt sich wie in einer Todtenkammer und sehnt sich hinaus in die frische Welt, wo alles Abgetragene, Abgenutzte mit dem letzten Herbstwind zerfällt und sich spurlos mit Wind und Wellen mischt, um neues Leben zu nähren. Nur was die Menschenhand schuf, enthält nicht den Keim des ewig neuen Lebens, den wir Tod nennen; ihre nichtigsten Gebilde,

 

 

 

 

____
96 Landleben in Podolien.

 

ihre flüchtigsten Gewebe überdauern das längste Erdendasein göttlicher Geschöpfe und umgeben die Nachgeborenen wie häßliche Larven und leere Chrysaliden. Zu dem Eindruck des Ganzen paßte der ehemalige Besitzer des Schlosses, der noch einen Theil desselben bewohnt – ein geisteskranker Alter, den wir in langem braunen Gewande, mit weißem Haar und Bart und ausdruckslosen Gesichtszügen unbeweglich in der Vorhalle sitzen sahen und von dem der Geist der Melancholie, der über der Umgebung lag, auszugehen schien.

 

 

 

2.
Kordelowka in Podolien, Ende August.

 

Der ganze August ist vorübergegangen. Es war ein heißer Monat, der die Natur und die Menschen ermattete. Weite Spaziergänge waren selten möglich, auch nicht schön wie früher, da die Hitze bis in die Wälder gedrungen ist und das Laub seine Frische und der Boden seine schönsten Blumen verloren hat. Der See war unsere einzige Zuflucht. Am frühesten Morgen oder späten Abend ruderten wir auf der spiegelglatten Fläche und fuhren oft, wenn Gäste kamen, in großer Gesellschaft den ganzen Vormittag an der schattigen Seite des Ufers hin. Auch die Nächte wurden nicht kühl, und oft bis nach Mitternacht blieben wir auf dem Balkon, sahen die Sterne auf- und untergehen und fühlten keinen frischen Hauch. Für die Bauern besonders war diese Zeit der Hitze und der Ernte eine mühevolle Zeit. Wer arbeiten konnte, arbeitete im Schweiße des Angesichts von früh bis spät; denn erst wenn das Getreide des Herrn eingebracht ist, kann der Bauer das seine schneiden. Oft sind wir am frühen Morgen auf die

 

 

 

____
97 Erntezeit. Das Treiben der Dienerschaft.

 

Felder gefahren und haben der Arbeit der Schnitter und Schnitterinnen zugesehen, die in langen Reihen aneinander stehen und ihr Werk mit Gesang begleiten und zu deren Füßen die Aehren und schönen Kornblumen wie die herabgerissene goldene Krone des Sommers liegen. Nun sind die Felder schon öde; zwei Wochen lang gehen die Reihen der Erntewagen, hoch mit Garben beladen, von weißen Ochsen gezogen, von früh bis Abend zu den Scheuern, neben denen dieser Reichthum des goldenen Weizens nun zu phantastischen Gebäuden aufgethürmt ist, unter denen man wandelt wie in einer glänzenden Märchenstadt.

 

Auch viel herrliche Früchte sind schon nacheinander reif geworden und die Wassermelonen, die hier in so großer Menge gezogen werden, haben uns in den heißen Tagen erquickt. Aber der Himmel selbst hat uns und der Natur nun die beste Erfrischung gesandt: einen wohlthätigen tagelangen Regen, der allen Staub abgespült und das frische Grün erneut hat. Alles im Hause athmet auf; auch die Diener, die träge umherschlichen und soviel als möglich schliefen, sind wieder lebendig geworden. Diese überflüssige Menge von Dienern, die unaufhörlich schwatzen, lachen, durch Gänge und Zimmer laufen und so wenig als möglich arbeiten, scheinen mir die größte Schattenseite des häuslichen Lebens dieses Landes; den Ruf: „Patische!“ (seid still!) und „sapri twäri!“ (Wacht die Thür zu!) muß man unaufhörlich an sie richten.

 

Die im Hause dienenden Landmädchen sind hübsch gekleidet: sie tragen weiße Oberhemden bis hoch an den Hals mit langen weiten Aermeln, bunte Röcke, weiße Schürzen und über diesem Costüm häufig noch den offenen weißen oder grauen Kaftan; die mit rothem Band durchflochtenen Zöpfe sind kronenartig um den Kopf gelegt und mit frischen Blumen besteckt; um den Hals tragen sie mehre Reihen rother Perlen,

 

Förster, Südrußland.

 

 

 

____
98 Landleben in Podolien.

 

oft die getrockneten rothen Beeren des Vogelbeerbaums; überhaupt lieben sie jeden Schmuck, freuen sich wie Kinder an bunten und glänzenden Dingen und durch das Beschenken mit Glasperlen und Bändern kann man ihr Herz gewinnen, wie das der amerikanischen Indianer. Es gibt manche hübsche, ja schöne Gesichter unter ihnen; die Köpfe sind meist klein, Haare und Augen dunkel. Ihre aus Russisch und Polnisch zusammengesetzte Sprache klingt weich und lieblich, auch sind sie geschickt, sich dem Fremden durch Mienen und Gesten verständlich zu machen und dessen Geberdensprache zu verstehen. Sie sind freundlich und dienstfertig, aber die Lust am Schlafe und dolce far niente kämpft oft mit ihrem Eifer. Des Nachts liegen sie auf ihren Pelzen in den Corridors und wählen ihr Lager, das sie sich nomadenhaft frei in jeder beliebigen oder warmen Ecke aussuchen und nicht gern mit einem Bett vertauschen.

 

Vom eigentlichen „Zu Hause“ der Bauern habe ich noch wenig gesehen, da uns die halbwilden Hunde, welche oft die Vorübergehenden anfallen, die Spaziergänge durchs Dorf verleiden. Dieses hat ein recht freundliches Ansehen: die Wege sind breit und rein; die Hütten mit grauen Binsendächern und immer frisch geweißten Wänden, sehen von außen recht nett aus, besonders da neben jeder ein Garten mit Obstbäumen, Mais, Kürbissen u. dergl. liegt und jetzt auch ein hoher Getreidethurm sich erhebt. Im Innern dieser Hütten, die meist einen einzigen Raum enthalten, herrscht durch das immer brennende Feuer und die am Abend angezündeten Kienspäne oder Fichtenäste ein ewiger Rauch; dabei strömen so unangenehme Gerüche heraus, daß man vom Eintreten abgehalten wird. Keiner dieser Hüttenbewohner kennt den Luxus eines Bettes; man schläft, liegt krank, stirbt auf der bloßen Diele. Aerzte werden bei Krankheiten selten herbeigerufen;

 

 

 

 

____
99 Dorfleben. Das Innere der Hütten. Landschaftliches.

 

die Juden theilen dann und wann Rathschläge und Medicin aus; am liebsten aber holt man sich solche von Leuten, die im Rufe der Zauberei stehen und in solchen Ruf meist durch ein besonders abschreckendes Aeußere kommen. Fröhliches Dorfleben, Kinderspiele u. dergl. wie bei uns, sieht man wenig hier; auch Gesang hört man selten, noch weniger Flöten- oder Zitherklänge wie in unsern Bergen; weiter im Innern ertönt die Balalaika, ein zitherartiges Instrument mit einfach lieblichen Klängen; hier hört man nur am Sonntag schrillende Geigentöne die wilden Tänze der Bauern begleiten. In den Häusern der Vornehmen aber wird viel musicirt. Auch einem Balle haben wir schon jetzt im Sommer beigewohnt. Abgerechnet eine etwas größere Tanzlust, eine etwas geringere Blasirtheit der Herren für das Vergnügen, glich jene soirée dansante jeder andern in gebildeter und vornehmer Gesellschaft und man kann sich kaum das Land draußen mit den bärtigen Bauern und Juden denken. Doch möchte ich gern Bekanntschaft mit diesen, den eigentlichen Landeskindern, machen, habe aber bisjetzt noch wenig Mittel dazu, da ich für sie noch „njemetzk“ bin, d. h. zugleich deutsch und stumm. So fremd mir leider die Menschen noch bleiben mußten, so vertraut erscheint mir die ganze Gegend; auf jedem Ausfluge begegne ich Stellen, die mir so ganz bekannt und heimatlich erscheinen; einmal sind es grünbewaldete Berge, die sich mit den kleinen Dorfhütten zu ihren Füßen in einem blauen Flusse spiegeln; dann eine Bergschlucht voll Buchenschatten und Dornensträuchen, bemoosten Felsenstücken und Farrnkräutern und endlich von einem hellen Bach durchzogen und von Hügeln begrenzt, auf deren Hängen Ziegen weiden und Kirschbäume mit reifen lockenden Früchten stehen; solche Gegenden voll lieblicher Abwechselung finden sich meist weiter im Süden in der Nähe des Bug, denn in der nächsten Nachbarschaft

 

 

 

____
100 Landleben in Podolien.

 

ist das Land eben, mit dem immer gleichen, doch immer schönen Schmuck der grünen Wälder und blauen Seen.

 

Ihr werdet euch freuen, daß auch wir in dem fernen östlichen Lande den Tag gefeiert haben, an dem vor hundert Jahren der Dichter geboren wurde, der nicht blos uns, in deren Sprache er sang, von Kindheit an theuer ist, sondern Allen angehört, deren Herz warm für das Schöne schlägt, und dessen Name auch hier von Vielen mit Liebe und Verehrung genannt wird. Einen schönen Platz hatten wir für unsere „Goethe-Feier“ gewählt: Ihr kennt unsern Eichenwald und die wildbewachsenen Felsen in seiner Mitte; dort wollten wir den Dichter feiern, in dessen Liedern der Hauch des Waldes weht, der die Stimme der Natur verstand und dessen Geist dort in seiner eigenen Welt uns näher schien. So trafen wir uns mit unsern Nachbarn auf unserm Lieblingsplatze, den schon feierliche Abendstille umgab. Dort auf das höchste Gestein stellten wir die Büste des Dichters unter Blumen und Eichenzweigen auf und von demselben Felsen herab sprach oder las Jedes ein Goethe'sches Gedicht, sodaß fast alle unsere liebsten Lieder nacheinander in die schöne Welt hinaustönten, aus der sie in des Dichters Seele gedrungen waren. Die Stätte schien durch die lieben bekannten Töne und Worte geweiht und beseelt, und es war, als wandle der hohe Dichtergeist im Abendschatten durch die Bäume, als segne er auch dieses Land und verkündige laut, daß „die Welt“ des Dichters Heimat sei! Auf derselben Felsenspitze zündeten wir zuletzt aus grünen Aesten und Zweigen ein mächtiges Feuer an, das bald warm und leuchtend wie ein großer Menschengeist zum Himmel emporstieg. Wir lagerten uns auf die nahen Felsenstücke und ließen den materiellen Theil unserer Feier, unser Mahl von Ananas und Pfirsichen, folgen und riefen mit klingenden Gläsern des Dichters Namen durch den Wald. Zuletzt pflanzten

 

 

 

____
101 Die Goethe-Feier im Walde. Sommerfestlichkeiten im Freien.

 

wir eine junge Pappel auf die stelle als grünes leben diges Denkmal unserer Feier und als symbol der Liebe für den Dichter, die auch unter fremdem Volke wurzeln und wach sen möge wie der Baum aus fernem mildern Lande im frem den Felsenboden unter eingeborenen Eichen!

 

 

 

3.
Kordelowka in Podolien, Ende September.

 

schon naht sich das Ende dieses schönen Sommers; aber wir haben ihn recht voll genossen, keine Blume ungepflückt verblühen, keinen Sommertag ungenutzt vergehen lassen. Wir haben Namenstage gefeiert, zu denen weit und breit die Nachbarn herbeikamen, haben Musik im Freien, theatralische Vorstellungen und lebende Bilder gehabt. Das Hübscheste dabei waren die Proben, die wir bei gutem Wetter meist im Freien an den bekannten Felsen oder im Eichenwalde jenseit des Sees hielten. Da fühlte man sich unter den lieblichen oder grotesken Gestalten in abenteuerlicher oder malerischer Tracht, die vor dem Hintergrunde der dunkeln Bäume und Felsen ihre Stellungen probirten und ihre Verse declamirten und verschiedene Gruppen bildeten, wie in einer bunten Märchenwelt. Es war wie eine Scene aus dem „Sommernachtstraum“ –„this green plot shall be our stage, this hawthorn-brake our tyring-house . . .“ und wol konnte man sich denken, daß Titania im Gebüsche lausche und das Puck der rettende Geist es sei, der mit plötzlichem Windstoße eine Perücke zerzauste, einen Schleier verwickelte oder geschriebene Verse entführte.

 

Nicht blos zu diesen Festen, auch an andern Tagen sind häufige Besuche gekommen, sodaß ich nun fast die ganze Nachbarschaft kenne. Oft kommen ganze Familien an mit Sechsgespann, Dienern, Vorreitern, Kammerfrauen, Bonnen u. s. w.

 

 

 

____
102 Landleben in Podonien

 

und erfüllen zuweilen mehre Tage lang das Haus mit Lärm und Unruhe. So kann man sich denken, daß solche Besuche nicht immer zu den Freuden des Landlebens gehören, sondern oft wie feindliche Bomben in das Haus fallen und manche Plane und die Freuden und Geschäfte des täglichen Stilllebens zerstören, auch bei tagelangem Bleiben die Unterhaltungsgabe und freundschaftliche Verstellungskunst der Wirthe auf eine harte Probe stellen. Aber es erscheinen auch oft solche Besuche, welche nicht die Länge, sondern die Flüchtigkeit der Zeit bedauern lassen und lange in der Erinnerung nachklingen; es gibt so viele geistreiche und liebenswürdige Männer und Frauen unter diesen Landedelleuten, daß man sich in den meisten Kreisen wohl und heimatlich fühlen muß. Viele der Männer haben auf deutschen Universitäten studirt und sich mit deutscher Philosophie und Poesie bekannt gemacht, und auch unter den Frauen gibt es viele, die eine feine gesellige Bildung haben und die Literatur, die Sprachen, die Kunst- und Naturschätze verschiedener Länder kennen. So müssen sich die Fremden heimisch fühlen unter Denen, die das Beste ihrer Heimat kennen und lieben und die ihnen selbst mit freundlichster Gastfreundschaft und Theilnahme begegnen.

 

Im Anfange dieses Monats hatten wir viel Regen. Nun sind die Nebelschleier gefallen und wie neugeboren liegt das Land mit jungen Saaten und glänzendem Rasen vor uns; das Laub der Wälder ist noch ungefärbt; nur hier und da hat eine zarte Birke nicht wie die kräftigen Eichen den Stürmen des Lebens widerstehen können und neigt frühgealtert ihr welkes Laub. Schon fangen die Wölfe an, ihre Schlupfwinkel in der Tiefe der Wälder zu verlassen und zeigen sich dreist da und dort in der Nähe der Dörfer; schon fängt man an, schreckliche Geschichten von ihnen zu erzählen; hier und

 

 

 

____
103 Moralischer Zustand der Bauern. Herbstanfang.

 

da sollen sie in die Ställe und Hütten gebrochen sein und Thiere, ja sogar kleine Kinder gewürgt haben. Manches Märchen mag mit der Wahrheit gemischt und den armen Wölfen ungerechterweise aufgebürdet werden. Diese Wolfsgeschichten sind aber auch den Winter lang der Hauptgesprächsstoff der Bauern und für sie Das, was das Politisiren für die unserigen ist. Haltet sie darum aber nicht für so viel weiter zurück in der Civilisation als die unsern; ist auch ihr Wissen von der Welt und ihren Gebräuchen geringer, sind sie auch ohne Unterricht aufgewachsen, so scheint doch die Natur selbst manche schöne Eigenschaft des Verstandes und Herzens in ihnen entwickelt zu haben, und aus Allem, was ich sehe und höre, erkenne ich, daß Gehorsam der Kinder gegen Aeltern, Ehrfurcht für das Alter, Mitleid für Arme und Kranke, Zufriedenheit, Dankbarkeit, Demuth gegen Höhere, Rechtsgefühl und doch Vergebung des erlittenen Unrechts und manche andere schöne sittliche Regung sich unter diesem unerzogenen, ununterrichteten Volke finden.

 

 

 

4.
Kordelowka in Podolien, Anfangs November.

 

Dieser Herbst soll schöner und wärmer sein, als man sie seit lange hier erlebte. Die Regengüsse, die sonst um diese Zeit das Land überfluten, sind ausgeblieben; die Luft ist warm und blau, die Erde grün; aber die Wälder sind blätterlos, die Fluren blumenleer, die Tage kurz, die Lüfte stumm, von keinem Vogelgesange mehr belebt, und das Landleben sieht mich, nun ihm die Reize des Sommers genommen sind, mit einem traurigen Antlitz an. Die Einförmigkeit der Gegend, die Ruhe, das Schweigen der Natur haben oft etwas Bedrückendes und man sehnt sich schon manchmal nach

 

 

 

____
104 Landleben in Podolien.

 

einem erneuten Blick in die Welt, die immer weiter in die Ferne zu rücken scheint.

 

Ganz regungslos haben wir aber doch nicht die Blätter fallen sehen, sondern einige interessante weitere Ausflüge gemacht, zuerst, in Mitte vorigen Monats, nachdem eine halbe Tagereise entfernten Berditschew.

 

Große, herbstlich gefärbte Eichenwälder, steppenartige Fluren, aus denen sich hier und da grauer Felsenboden erhob, einzelne Kartschmas am Wege, Dörfer und kleine Seen, Judenstädtchen mit schmuzigen Hütten und irgendeinem verfallenen Kloster- oder Gutsgebäude bildeten die Landschaften, die unter dem ausnahmsweise grauen kalten Herbsthimmel melancholisch an uns vorüberzogen. Im Dunkeln kamen wir in die Stadt und freuten uns fast, nach langer Zeit einmal viele helle Fenster, einige Straßenlaternen und viele Menschengestalten zu sehen, viele Stimmen, Schritte und Wagengerassel zu hören. Die Freude dämpfte sich aber, als wir in unser Quartier kamen. Das beste Gasthaus dieser ziemlich großen und reichen Handelsstadt ist höchstens so gut wie eine unserer schlechtesten Dorfherbergen: man findet ungewaschene Dielen, geschwärzte Wände, schmuzige Tische, zerbrochene Stühle und Spiegel, dazu Spinnengewebe und unangenehme Gerüche; selbst die mitgenommenen Decken, Teppiche u. dergl. können den Aufenthalt nicht angenehm machen; auch Matratzen, Betten, Theegeschirre u. s. w. müssen bei jeder kleinen Reise mitgeführt werden, wodurch eine solche umständlicher wird als eine von Deutschland nach Amerika. Bis spät in die Nacht und wieder vom frühesten Morgen belagern die jüdischen Händler unsere Thür, sehen durch die Fenster herein und schreien mit ihren scharfen Stimmen durcheinander. So hatten wir auf einmal genug Menschentreiben um

 

 

 

____
105 Fahrt nach Serditschew. Das Straßenleben in dieser Stadt.

 

uns, und als wir am Morgen durch das Juden-, Bauern und Soldatengewühl der Straßen und des Marktes fuhren und alle die bunten Trachten, die bärtigen bräunlichen Gesichter mit funkelnden Augen und weißen Zähnen, die grotesken fremdartigen Gestalten im Sonnenlichte durcheinanderwogten und schimmerten, als die vielen Hundert Menschen- und Thierstimmen, das Gerassel der Wagen, Droschken, Karren uns umtoste, da fühlte ich mich wie in einem Fiebertraume. Die Stadt selbst paßte zu diesem Treiben; die Straßen sind krumm und bergig, die Häuser stehen unordentlich durcheinander und sind oft halb verfallen, mit schwankenden Dächern und Galerien, das Pflaster ist uneben und mit Schmuz und Stroh bedeckt; längs der Häuser ziehen sich Kaufbuden hin mit allen möglichen Waaren und anrufenden jüdischen Verkäufern; auch in den Straßen sind die Händler dicht gedrängt und mit Shawls, Stoffen, Bändern, Schmucksachen, mit Pelzen und Sonnenschirmen, oder mit Holzschuhen, Thonpfeifen, Spiegeln, Tabacksbeuteln u. s. w. beladen, welche verschiedene Dinge sie mit orientalischer Beredtsamkeit preisen und den Vorübergehenden aufzudringen suchen. Dazwischen sieht man Bauern weniger aufgeregt in philosophischer Ruhe die Käufer ihrer Gemüse und Früchte abwarten; rauchend liegen sie auf dem Boden ausgestreckt neben ihren Karren und Pferden, oft in tiefen Schlaf versunken, als ginge sie der ganze Handel nichts an. Häßliche, halbwilde Hunde laufen und liegen in Menge umher und kämpfen miteinander um Knochen und abgefallene Fleischstücke; auch Kühe und Ziegen spazieren zwischen den Menschen und nähren sich von alle den umhergestreuten Gemüseblättern, Schalen und Halmen. Dann und wann ziehen Soldaten mit klingendem Spiel durch die Straßen oder sprengen Offiziere auf schnellen Rossen vorüber. Betäubt und verwirrt von dem Gewühl flüchteten wir uns in die hochgelegene

 

 

 

____
106 Landleben in Podolien.

 

katholische Kirche, die mit ihrer alterthümlichen Bauart, ihrer feierlichen Stille, ihrem Altarbilde von einem italienischen Meister, mit den wenigen Betenden, dem alten Priester, der so einfach würdevoll die Messe las, dem Weihrauchduft und Orgelklang und geheimnisvollem Halbdunkel, eigen mit der Welt draußen contrastirte.

 

Diesem heiligen Eindrucke folgte ein ganz verschiedener, der einer Militärrevue, zu der uns General M., der mit seinem Regiment hier cantonnirt, gebeten hatte. Die Bühne des interessanten Schauspiels war eine große grüne Fläche, rechts von einem Eichenwalde, links von einem Birkenhaine begrenzt, während sich auf einer andern Seite die Thürme und Häuser der Stadt und auf der vierten die Kreuze eines Kirchhofs zwischen Linden und Pappeln erhoben, recht im Contrast zu der lebensvollen Scene im Vordergrunde. Die Waffen und Helme der Dragoner, die hoch zu Roß in unbeweglicher Ordnung ihren Chef erwarteten, glänzten in der Morgensonne; es waren lauter hohe, kräftige Gestalten und schön und kräftig wie sie waren ihre Pferde, von denen eines dem andern in Farbe und Größe täuschend ähnlich war. Die Musiker auf weißen Pferden, zum Unterschiede von den schwarzen des Regiments, waren seitwärts aufgestellt, und bald erklang die Hörnermusik mit kräftigen, lebensvollen Tönen durch die klare Morgenluft. Die Offiziere galoppirten vor den Fronten, ein hundertstimmiges Hurrah! ertönte, die Säbel zuckten aus den Scheiden und blitzten wie viele Hundert Silberstrahlen in der Sonne, die Pferde flogen mit Windeseile über die grüne Fläche und ein Schlachtgemälde entrollte sich plötzlich vor unsern Augen, ein Funkeln der Waffen, ein Kampf, ein Sieg, Alles wie ein Kunstwerk schnell, sicher, präcis und doch so lebensvoll ausgeführt.

 

Zwischen diesem interessanten Schauspiel und unserer Rückfahrt

 

 

 

____
107 Fahrt nach Vinnica.

 

am Nachmittag hatten wir noch Zeit, von dem widerwärtigen Treiben und Schreien in der Stadt ganz ermattet zu werden, aber auch ihre hübsche Lage auf Hügeln zwischen Wäldern und einem kleinen Flusse anzuerkennen und ihre eleganten Magazine einiger deutschen Kaufleute zu bewundern. Sie hält jährlich vier Messen und ist der Haupthandelsplatz aller dieser Provinzen; darum durfte ich wol ausführlich Das, was wir in ihr erlebten, beschreiben.

 

Unsere zweite Ausfahrt ging an einem der letzten Octobertage nach Vinnica, einer kleinen Stadt weiter im Süden Podoliens. Der letzte Theil des Weges, dessen erste Hälfte uns nur durch die großen parkähnlichen Eichenwälder erfreute, geht am Bug hin. Da liegt hoch auf Felsen am jenseitigen Ufer das Schloß des Grafen Gr . . . , das mit weißen Säulenhallen hell und heiter aus dem Park im Hintergrunde emporragt. Auf beiden Seiten schauen die kleinen weißen Dorfhäuser aus den röthlich gefärbten Obstwäldern hervor und eine schöne katholische und zwei griechische Kirchen erheben sich über die Bäume. Unten am Fuße des bewaldeten Felsenufers führt eine Brücke über den Fluß, wie alle Wege umher belebt von Bauern im Sonntagsputz, von Fuhrleuten, Wagen und Pferden. Die Glöckchen klingen von den Kirchen, ein Hochzeitszug mit Violine und singenden Brautführerinnen kommt vorüber; weiter hin auf einem Felsenvorsprunge zwischen den Bäumen liegt eine kleine Kapelle und spiegelt sich im Flusse, dessen Windungen wir folgen, bis er uns in ein liebliches, aus bewaldeten Hügeln gebildetes Thal führt, in dessen Mitte Vinnica mit seinen reinen kleinen weißen Häusern und freundlichen Gärten liegt, ganz einem kleinen deutschen Badeorte gleichend. Wir fahren in die Kapuzinerklosterkirche, die recht heimlich unter Bäumen liegt, und kommen noch zeitig genug, um einer mir leider unverständlichen polnischen Predigt nebst einer

 

 

 

____
108 Landleben in Podolien.

 

Messe mit ziemlich guter Orgelbegleitung beizuwohnen und eine Procession zu sehen, deren Haupttheilnehmer, die Kapuzinermönche, wie sicilische oder spanische Mönche aussehen; es sind hohe kraftvolle Gestalten mit energischen prononcirten Gesichtern, schwarzen Haaren und Bärten und dunkeln Gewändern und Kapuzen. Sie waren mir keine neuen Bekannten, denn hin und wieder ist Einer nach K. gekommen mit Wanderstab und großem Sack, um Brot oder Almosen zu erbitten. Ein trefflicher Obstwein, den diese Kapuziner bereiten, ist weit und breit berühmt. Die Kirche war mit Menschen gefüllt, eine Menge Equipagen hielten vor der Thür. Ueberhaupt ist das Leben in der Provinz hier anders als bei uns, wo sich aller Reichthum, alle Eleganz in den Hauptstädten concentrirt, während hier alles Land ringsum von Gütern der Vornehmen übersäet ist, die sie das Jahr durch bewohnen und zu Sitzen eines gebildeten luxuriösen Lebens machen. Bei der Entfernung der größern Hauptstädte bieten nun diese kleinen Ortschaften den reichen Landbewohnern alle Luxusartikel, die sie bedürfen, und überall sieht man elegante Kaufgewölbe, Conditoren u. dergl. Der nächste Tag, der letzte October, war ganz frühlingshaft, sodaß wir am Morgen in leichter Kleidung in die Felder spazieren und ein kleines verstecktes Wiesenthal entdecken, den Nachmittag im Garten zubringen und später eine lange Fahrt in der lauen Vollmondnacht machen konnten.

 

Und schön wie dieser letzte Tag war der ganze Monat gewesen. Zum ersten male habe ich hier inmitten der Laubwälder den Herbst in seiner ganzen Schönheit gesehen. Diese goldenen unabsehbaren Wälder, die frühlingsgrünen Felder, die weißen Dörfer im Kranze röthlicher Fruchtbäume, der dunkelblaue Himmel, der das Ganze mit sanftem Glanze umhaucht – Alles ist so herrlich, daß man

 

 

 

____
109 Im Herbste. Ausflüge zu den Nachbarn.

 

begreift, wie die Indianer sich ihr Paradies mit ewigem Herbst und bunten Wäldern denken.

 

Oft zogen wir und unsere Nachbarn in fröhlicher Karavane zu Pferde und Wagen weit in das Land hinaus, schwelgend in seiner Farbenherrlichkeit. Nähere und entferntere Bekannte wurden auf einsamen Landsitzen besucht; jeder hatte seinen eigenen Charakter: bald war es ein idyllischer Wohnplatz im Thale, von eichenbewachsenen Hügeln umschlossen, auf den Abhängen weiden Heerden, in der Tiefe rauscht ein Bach über Felsenstücke und ein Garten mit hellen Blumen ist zwischen die waldigen Hügel gedrängt; bald war es eine Steppeneinsamkeit – einzelne kleine Wohnhäuser zerstreut auf sandiger Fläche an einem stillen traurigen See, von kahlen Hügeln umgeben, welche das nahe grüne Land verbargen. Dann wieder war es ein Bild voll Heiterkeit und Leben: ein freundliches Haus auf baum- und blumenreicher Höhe unter alten Linden mit einem Blick auf die fruchtbare Ebene, die sich jenseit des kleinen Sees mit Dörfern und Wäldern ausbreitete.

 

Ueberall herrscht Gastfreundschaft, empfangen uns freundliche Gesichter, gemüthliche Zimmer, ein brausender Samovar, frischer Kuchen, treffliche Butter und Sahne, Confituren, in deren Bereitung die guten Gospodinen miteinander rivalisiren, und alle die Früchte, die der Herbst in reicher Fülle gibt und zu denen auch die Trauben gehören, die man vom Dniestr oder aus der Krim hierherbringt.

 

Scheint es mir schon unmöglich, den Glanz, die Farbenpracht dieser herbstlichen Tage zu schildern, so scheint es mir noch unmöglicher, euch eine Idee von der Schönheit unserer Rückfahrt durch die mondhellen Nächte zu geben. Man fährt wie in einer Zauberwelt: jetzt liegt hinter uns ein See wie eine Silberfläche im Glanze des schönen Gestirns; nun umgibt

 

 

 

 

____
110 Landleben in Podolien.

 

uns ein Wald, feenhaft erhellt von den milden Strahlen, die das durchsichtige Laub durchdringen und mit seinem Schatten auf dem Boden spielen; das Halbdunkel öffnet sich und ein neuer See liegt vor uns in träumerischer Ruhe und in ihm eine zitternde, schwankende, oft in tausend goldene Perlen sich auflösende Lichtsäule, das irdische Abbild der himmlischen Welt, die in stiller Ruhe über ihr schwebt – nun fahren wir hinaus in die Ebene und sie umgibt uns wie ein weites Meer in geisterhafter gleicher Helle; es ist, als träume man von der Ewigkeit, als blicke man in die unendlichen Fernen eines neuen Lebens – und Phantasie, Erinnerung, Sehnsucht werden mächtig und bevölkern den endlosen Raum mit Geistergestalten und man kommt nach Haus wie berauscht, wie eingesponnen in ein Netz wunderbarer Eindrücke, und er kennt sich und die alten Umgebungen kaum wieder.

 

Auch die Dörfer in der Nähe haben wir genauer kennen lernen; viele sind sehr groß, oft von mehr als 6000 Familien bewohnt (von der Zahl der Unterthanen – der Seelen, wie man hier sagt, hängen wegen der Steuer, die jeder dem Herrn zahlt, dessen Haupteinkünfte ab). Die Häuser, auf den Hügeln und an den Seen zerstreut, schimmern wie weiße Blumen zwischen den Bäumen. Meist seitwärts auf einer Höhe, vom Gebüsch und von den buntbemalten Kreuzen des Kirchhofs umgeben, liegt die weiße Kirche mit ihren drei grünen Kuppeln und dem einzeln stehenden Glockenthurm. Weiß und Grün, unsere freundlichen sächsischen Farben, scheinen auch im großen Kaiserreiche geliebt zu sein und zeigen sich nicht nur an fast allen Kirchen und Häusern, sondern selbst an den Kanonenkästen, den Fouragewagen u. s. w. Jede Hütte wird am Sonnabend frisch angestrichen, meist von den Frauen, die überhaupt mehr und unaufhörlicher beschäftigt scheinen als die Männer, die sich, wenn sie die Arbeit für den Herrn und

 

 

 

____
111 Die Dörfer in der Umgegend. Lustbarkeiten der Bauern.

 

ihre eigene nothwendigste Feldarbeit gethan haben, meist schlafen legen und das Uebrige ihren Weibern überlassen. Jetzt, wo die arbeitsvollste Zeit des Jahres, die Ernte, vorüber ist, werden unzählige Hochzeiten gefeiert und fast täglich kann man da und dort vor den Dorfhütten tanzende Hochzeitgesellschaften sehen. Außer daß die Mädchen einige Blumen, einige flatternde Bänder in das Haar gesteckt und soviel Ketten als möglich um den Hals geschlungen haben, sieht man keinen besondern Putz an den Gästen, die alle, Frauen wie Männer, auch beim Tanze ihre grauen oder braunen wollenen Kaftans selten ablegen. Nur zuweilen leuchtet der lustigere Anzug irgendeines zufällig anwesenden und geladenen großrussischen Bauern, das rothe oder rosa Hemd auf schwarzen Pantalons, unter den übrigen düstern Trachten der Landleute hervor. Von den schrillenden Tönen einer Geige, eines Hackebrets oder einer soi-disant Flöte begleitet, machen sie auf einem engen Raume, so breit wie die Breite der kleinen Hütten, die sonderbarsten Sprünge, Jeder verschieden, selten einem Rhythmus, sondern der eigenen Phantasie folgend, zuweilen ganz allein, zuweilen zu Zwei, Drei, Vier zusammen im Kreise sich drehend oder herumhüpfend wie ausgelassene kleine Kinder, ja manchmal, wenn die Lustigkeit wilder wird, wie Wahnsinnige anzusehen. Von Grazie, wahrer Fröhlichkeit und irgendeinem national-geistigen Ausdrucke, wie man ihn in den Tänzen der polnischen und echtrussischen Bauern finden soll, ist hier keine Spur. Die festliche Bewirthung besteht in nichts als dem Branntweinkrug, der unaufhörlich von Einem zum Andern geht und von Frauen wie Männern mit gleicher Begierde geleert wird, sodaß man häufig diese wie jene im traurigsten Zustande sieht. Es war traurig, sich zu sagen, daß dies die Fest- und Ehrentage, die Lichtpunkte im Leben dieser Menschen seien.

 

 

 

____
112 Landleben in Podolien.

 

Nur am Hochzeittage selbst dürfen die Mädchen tanzen, am zweiten oder dritten (denn das Fest dauert tagelang fort) nur die verheiratheten Frauen, die zum Unterschiede von jenen ein grobes weißes Tuch um die Haare geschlagen haben, welche von ihrem Hochzeitstage an verhüllt bleiben müssen. Am Abend vor der Trauung (auch noch einmal nach der selben) kommt der Hochzeitszug in das Herrenhaus. Dann ist das Haar der Braut aufgelöst und mit Bändern und Blumen besteckt. Vor Jedem im Hause wirft sich das Paar drei mal zur Erde und bittet, Hände und Kleider küssend, um Glückwünsche für die Ehe – eine sehr asiatische Scene, welche solche, die, wie ich, an dergleichen Kniefälle nicht gewöhnt sind, in große Verlegenheit versetzt.

 

__________________

Auch die Ukraine habe ich nun mit eigenen Füßen be treten, das Land, das ich bis dahin nur aus Karl's XII. abenteuerlicher Geschichte und aus den lieblich frischen Liedern des ukrainischen Dichters Bohdan Zaleski kannte. An einem der letzten sonnigen Octobertage begannen wir unsern Ausflug dahin. Eine Fahrt von wenigen Stunden brachte uns aus den podolischen Fluren in die neue Provinz, die sich im Landschaftlichen nur wenig von der eben verlassenen unterscheidet. Große, herbstlich gefärbte Eichen- und Birkenwälder ziehen sich da und dort über die einsame Fläche; kahle Hügel umgeben stille Seen, an denen zerstreute weiße Hütten liegen, deren Bewohner selten sichtbar werden. Die Straße, ja die ganze Gegend scheint menschenleer; hier und da steht ein einsames Wirthshaus mit dem üblichen Frontispice über weißgekalkten Säulen, umgeben von einer schmuzigen, von Ochsen und Pferden aufgewühlten Erdmasse. Auch fahren

 

 

 

____
113 Bauernhochzeiten. Ausflug in die Ukraine.

 

wir durch einige elende jüdische Ortschaften voll schmuziger Kinder, Ziegen und Ferkel, umgeben von kahlem Anger. Nach und nach wird die Gegend malerischer, der Boden wellenförmiger, da und dort zeigen sich freundliche Herrensitze, deren Mittelpunkt meist ein einfaches weißes im Grün des Parks fast verstecktes Landhaus ist. Eines derselben prägte sich unserm Gedächtnis besonders ein, theils durch seinen märchenhaften Namen Susulinze, theils auch durch sein lieblich einsames Aussehen; es war ein alterthümliches graues Haus mit kleinen Thürmen, unter alten Ulmen und Linden auf einer Inselhöhe in der Mitte eines hellen Sees gelegen und darüber hinaus von grünen Waldhöhen umschlossen. Andere solche Gutsgebäude hatten ein mehr schloßähnliches Ansehen mit einer stattlichen Umgebung von Wirthschaftshäusern, Orangerien und Parks. Aber auch sie verschwanden rasch wieder in der weiten Ebene, deren Oede dann um so fühlbarer wurde. Nur einzelne Heerden von Rindvieh und Pferden belebten sie hier und dort; es war schön, die letztern in ihrer wilden Freiheit zu sehen, wie sie hier über die Hügel jagten oder dort einen freien Waldraum mit geflügeltem Huf durcheilten. Auch Schafe, gleich den Pferden ein Hauptproduct der Ukraine, weideten auf den Abhängen, während einsame Hirten, in dunkle Decken gehüllt, am Wege standen oder an kleinen Feuern am Waldrand lagerten. Auch manche Schöne und manchen Mächtigen des Waldes hatten wir im Vorübereilen zu bewundern, manche hochgewachsene Birke nämlich mit weißem Stamm und gelblichem Laub, wie eine junge Fürstin in Gold und Silber gekleidet, und manchen gewaltigen Eichbaum mit stolzem Wipfel, keck aufstrebend zu den Wolken, während sich die dunkeln Aeste wie segnend oder gebietend weit ausstrecken über die andern Bäume des Waldes.

 

Gegen Abend gewann die Gegend einen ganz eigenthümlichen Reiz

 

Förster, Südrußland.

 

 

 

____
114 Landleben in Podolien.

 

und der Weg wand sich zwischen dunkeln Waldbergen hin, die sich geheimnisvoll rings um uns her durcheinanderschlangen; die Sonne, die sie eben noch rosig färbte, war gesunken; Alles um uns her lag in tiefer Stille. Es dämmerte schon, als wir unser Ziel, das kleine Gut und Dörfchen Smarcinze erreichten. Wir hielten vor einem niedrigen grauen mit Binsen gedeckten Hause, das wie ein Vögelchen im Neste unter alten Bäumen und dichtverwachsenen Sträuchern lag; ringsum erhoben sich waldige Hügel, während sich vor uns das Thal erweiterte, um in einiger Entfernung mit einer blauen Höhenlinie abzuschließen. In der Tiefe des Thals ruhen arme Hütten zwischen Bäumen mit welkem Laub; eine kleine altersgraue russische Kirche erhebt sich über sie; das arme Dörfchen hat ihr statt der üblichen drei Kuppeln nur eine einzige geben können und der verwitterte Glockenthurm neben ihr scheint sich vor Altersschwäche zur Seite zu neigen. Der gelbbraune Hauch des Herbstes auf Wald und Flur vermischt sich mit dem Grau der Dämmerung; die Luft ist feucht und still; kein fallendes Blatt, kein Menschentritt zu hören; Alles scheint wie in Traum und Schlaf begraben, so süß und tief, wie ihn die Welt nicht hat. .. die Welt!... wo ist die Welt? wir träumten wol einmal von ihr? breite Straßen und Plätze, Kriege und Feste, Eisenbahnen, Dampfschiffe, Musik und Tanz – existirt das Alles wirklich? oder waren es nur Gebilde der Phantasie? und die Menschen draußen und Alle, die wir unter ihnen lieben, sind sie Alle gestorben und wir allein zurückgeblieben in der tiefen Einsamkeit?

 

Die Bewohner des stillen Hauses waren ausgegangen, bald kamen sie, uns freudig begrüßend, herbei; sie schienen wie geschaffen für ihre Umgebung. Frau von P., eine Witwe, leidend, bleich, Resignation in allen Zügen; die ältere Tochter,

 

 

 

____
115 Ausflug in die Ukraine.

 

ein heiteres, thätiges, stillzufriedenes Wesen; Felicia, die jüngere, mit einem jugendfrischen Antlitz, in welchem der Ausdruck ruhigen Denkens lag und dessen tiefe dunkelblaue Augen die Dichterseele verriethen. Dieses junge Mädchen, das sich in der ländlichen Einsamkeit allein erzogen hat, schreibt Briefe so voll eigener großer Gedanken, so voll Phantasie und wunderbarer Ahnung des Lebens der Menschheit, daß man von neuem mit Wonne fühlt, wie der Strahl der Poesie gleich dem der Sonne überall hindringen und in tiefster Einsamkeit Seelen finden und entzünden kann.

 

Von der ganzen Welt geschieden, allein mit einer Magd und einem alten Diener, leben diese Damen in ihrem Waldhäuschen und offenbaren doch in Gespräch und Wesen alle edlere Bildung der Welt, die ihnen so fern liegt. Im Augenblick war der kleine Kreis durch einen Sohn vermehrt, der, eben aus dem ungarischen Kriege zurückgekehrt, ein Echo des fernen Weltgeräusches in diese Einsamkeit brachte, mit der die bunten Schilderungen seines kriegerischen Lebens seltsam contrastirten.

 

Wir verbrachten einen traulichen Abend in den kleinen Zimmern; aber erst als die Lichter verlöscht und Alle zur Ruhe gegangen waren, erschien mir der Ort recht eigen fremdartig. Rings um das Schlafstübchen rauschten die schwarzen blätterlosen Bäume des Gartens; vom blassen Mond beleuchtet, sahen sie geisterhaft durch die vier kleinen unverhangenen Fenster herein. Zuweilen gingen Wolken über den Mond und er selbst schien dann mit ihnen zu fliehen; es ward auf Augenblicke dunkel, dann wieder strömte das bleiche Licht herein; ferne Windesseufzer zogen durch die Wälder; Alles war so wundersam schauerlich. Tieck's Märchen vom blonden Eckbert wurde um mich lebendig; es war als sei dies die Waldhütte und als riefe die Stimme des Zaubervogels jenes Lied von

 

 

 

____
116 Landleben in Podolien.

 

der Waldeinsamkeit durch die Nacht... Am Morgen weckte uns heller Sonnenschein. Wir spazierten nach dem Frühstück im Garten, der sich mit alten Linden und wilden Rosensträuchern, mit Geisblattlauben und Moosbänken bis an die Waldhügel hinzog. Jetzt lagen die welken Blätter gleich gestorbenen Sommerfreuden am Boden und rauschten unter unsern Tritten; man konnte durch die gelichteten Zweige alle fernen Birken- und Eichenwälder sehen. Die Ranken der Rosenbüsche und Lauben schwankten blüten- und blätterlos im Morgenwinde. Später machten wir noch eine Spazierfahrt weiter ins Land hinein, über die nächsten Berge, an Wäldern mit alten dichtverwachsenen Bäumen vorüber, in ein neues einsames Thal mit einem andern stillen Dorfe. Von da ging es wieder zur Höhe; wir stiegen aus und lagerten uns auf einem der kahlen Berghänge und blickten weithin über diese wasser-, wälder - und bergreiche Ukraine. Alles machte den Eindruck unendlicher Einsamkeit: die Berge lagen weit auseinandergestreckt, die Seen unbeweglich ruhig zu ihren Füßen; kahle Flächen und baumlose Höhen zogen sich dazwischen hin und nur wenige kleine schweigende Dörfer schimmerten hier und da zwischen den Stoppelfeldern, über welche der Morgenthau glänzende Netze gesponnen hatte. Die seltenen Rauchwolken, die aus den weißen Hütten aufstiegen, verriethen allein das Dasein der Bewohner, welche zur Zeit der Ernte- und Feldarbeiten wol etwas mehr Leben in diese Gegenden bringen mögen. Auch einige einsame Landsitze sahen wir in der Ferne liegen; so in einem versteckten Bergwinkel die Besitzung der Fürstin Wittgenstein. Noch weiterhin zeigte man uns die Gegend, in welcher Balzac auf dem Gute der Frau von Theinska lebt, die ihm bald als seine Gattin nach Paris folgen wird. *)

____

*) Was kurz vor dem Tode des Schriftstellers geschah.

 

 

 

____
117 Rückkehr nach Kordelowka. Wintertage.

 

Nach Tische traten wir den Rückweg an, der bei dem sommerlichen Wetter sehr lieblich war. Die Felder schimmerten in neuem Grün am Rande der goldenen Wälder; Heerden weideten auf allen Abhängen; überall lächelten kleine stille Dörfer. Alles war so heimlich und freundlich, daß ich eher in einer bekannten lieben deutschen Gegend zu fahren meinte als in der fernen einsamen Ukraine. Bald schimmerte die Abendröthe durch die durchsichtigen Birkenwälder und umhauchte die silbernen Stämme mit rosigem Duft; dann legte sich ein feuchter Nebel und endlich der noch dunklere Schleier der Nacht über die Gegend, sodaß wir unvermerkt aus der Ukraine nach Podolien zurück und an unser Ziel gelangten, das mir nach dieser ersten längern Abwesenheit schon ganz heimatlich erschien. Dies waren die letzten freundlichen Eindrücke des scheidenden Jahres. Heute schon ist die Scene verwandelt: Sturm und Regen schütteln die letzten Blätter von den Bäumen und die wenigen Blumen im Garten neigen sich mit erblassenden Farben. – Wol im nächsten Briefe schon kann ich euch von einem russischen Winter erzählen.

 

5.
Kordelowka in Podolien, Mitte December.

 

Die schöne Jahreszeit ist unter schweren Kämpfen von uns geschieden, unter Windesseufzen, Sturmesächzen und Strömen von Regen; die Wege waren unfahrbar und nur einmal konn ten wir noch den Eichenwald und unsere Felsen besuchen; wir fanden Alles traurig verwandelt: die Bäume waren kahl oder trugen wenige Reste bräunlichen Laubes, welke feuchte Blätter bedeckten den Boden; junge Stämme waren entwurzelt, zur Erde geworfen, ihre Aeste und Zweige herabgerissen, – alle Ordnung und Schönheit war zerstört, Alles verwüstet, als

 

 

 

____
118 Landleben in Podolien.

 

seien Hunnen und Vandalen durch den Wald gezogen. Die guten Geister, die sonst unter diesem grünen Laubdach herrschten – Lust, Gesang und Poesie –, waren entflohen; die Wölfe hatten Besitz vom verödeten Reiche genommen und wir kehrten traurig zurück.

 

Endlich hörten die Stürme auf und es kamen die geisterhaft stillen Tage, wo der Schnee in dichten Flocken niederfiel, leise, langsam und doch in solcher Menge, daß es schien als wolle er eine Mauer zwischen uns und der übrigen Menschheit aufbauen und uns auf ewig von ihr trennen. Die kleinen Dorfhütten, die Wälder selbst mit ihren weißen Häuptern schienen in die lockere Masse zu versinken, der See war verschwunden, rings um uns nur noch eine einförmige traurige Oede,

 

Aber auch in dieser traurigen Oede läßt das endlich er scheinende Sonnenlicht neue Wunder erblühen und schmückt sie mit ungeahntem Zauber. Mit dem ersten Sonnenstrahl kam neues Leben in die winterliche Landschaft; zahllose Schlitten bahnten und glätteten die Wege, auf denen auch wir nach kurzem Zögern ins Land hineinflogen wie in eine neue Welt. In des Winters eigenstem Reiche meinten wir zu sein, in seiner kostbarsten Wohnung, einem Schloß aus Silber und Krystall und funkelnden Edelsteinen erbaut und die Neuheit des Anblicks ließ uns für Momente die Frühlings- und Sommerpracht der Erde vergessen. Die Ebene war eine glänzende Fläche geworden, auf der Millionen Diamanten und grüne und goldene Sterne funkelten, während in Gärten und Wäldern alle Bäume, Blumen und Kräuter der Feenmärchen emporgewachsen schienen. Eine neue Pflanzenwelt, aus Silber und Krystall gebildet, umgab uns; jeder Halm und Dorn, jede Ranke, jedes kleinste Blatt strahlte dem Blick entgegen. Die Wipfel der Bäume schimmerten wie duftige Marabouts

 

 

 

____
119 Winterlandschaften. Schlittenfahrten.

 

in der Sonne; das Gezweig glänzte im Grunde des blauen Himmels wie ein durchsichtiges Silbergewebe oder eine feenhafte Stickerei. All dieses weiße gefiederte Laub war von ebenso mannichfacher Gestaltung wie einst das grüne, jeder Baum ebenso unterschieden vom andern wie früher. Die Eichen erhoben sich stolz im glänzenden Schmuck, die Birken neigten sich anmuthig unter der Last; an sonnigen Stellen erglänzte Alles in tausend Farben, während über die schattigen Räume ein sanfter blauer Hauch ergossen war. Besonders herrlich war es, durch die Birkenwälder zu fahren, die mit ihren tausend weißen Stämmen, dem durchsichtigen krystallenen Gezweig, dem Teppich des Bodens, aus weißen flimmernden Sternen gewebt, und dem dunkelblauen Himmel, der die glänzenden Säulen überwölbte, wie wahre Feentempel erschienen.

 

So war es in der goldenen Mitte des Tages. Aber ebenso schön, fast noch schöner war es, wenn die Abendröthe ein Rosenlicht auf die weißen Hügel und Baumwipfel und schneeigen Dächer goß, gleich wie wenn ein Greisenantlitz sanft erröthet bei süßem Jugendangedenken.

 

Schön war es auch, wenn wir am späten Abend von einem späten Ausfluge heimkehrten; ein Diener, eine weit strahlende Fackel in der Hand, ritt neben unserm Schlitten und ließ den rothen Schein grell auf die weiße Fläche fallen, so das einzelne Theile der Landschaft, hier eine Baumgruppe, dort eine alte beschneite Weide oder eines der hohen Kreuze, die überall am Wege stehen, plötzlich wie weiße Geistergestalten aus der Dunkelheit hervortraten. Auch die einige Wochen unterbrochene Geselligkeit wurde durch die Schlittenbahn neu belebt; fast täglich stiegen aus den beflügelten Fuhrwerken liebe Gäste, in dichte Pelze eingehüllt. Die Wärme und der Comfort des Hauses erschienen doppelt lieblich, nachdem man

 

 

 

____
120 Aufenthalt in Volhynien.

 

einige Stunden in Schneegestöber oder kaltem Wind verlebt hatte. Wenn man dann in den hellerleuchteten Salons unter Epheulauben, Blumen, Kunstwerken fröhlich beieinander saß oder unter heitern Gesprächen auf- und abwandelte, hier Kupferstiche, dort ein Album betrachtete, die neuen Journale durchblätterte oder das Ohr den melodischen Klängen lieh, die vom Flügel her das Gemach durchtönten, während das Kamin hell leuchtete und der Samovar lustig brauste – dann konnte man sich die kalte Welt draußen kaum mehr vorstellen und meinte von den diamantenen Ebenen und den Eisblumen und krystallenen Wäldern nur geträumt zu haben.

 

 

4.
Aufenthalt in Volhynien.

 

1.
Zytomierz, Mitte December.

 

Wir haben den Landbewohnern, den Schneefeldern, Eispalästen und Wölfen Lebewohl gesagt und sind in die Stadt gezogen. An einem grauen Decembermorgen verließen wir das Gut; eingetretenes Thauwetter hatte die Wege verdorben und ließ uns trotz vielfachen Gespannes nur langsam vorwärtskommen. Die bekannten Gegenden, durch die wir bis Berditschew fuhren, uns liebgeworden in der Sommerschönheit ihrer Wälder, erschienen jetzt in der winterlichen Umhüllung fremd und traurig; die Straße war öde, nur dann und wann

 

 

 

____
121 Winterreise nach Zytomierz in Volhynien.

 

von einem jüdischen Fuhrwerk belebt. Von der schmuzigen, häßlichen, nur von Juden bewohnten Stadt sahen wir zum Glück wenig, da wir im Dunkeln ankamen und in der Morgendämmerung wieder abreisten.

 

Schon waren wir in Volhynien und erkannten den neuen Charakter der Landschaft trotz ihres Schneegewandes. Der Boden wurde ungleich und zeigte Höhen und Tiefen; Tannenwälder erhoben sich aus dem Schnee, Berge mit Nadelholz bedeckt zogen uns zur Seite hin und ein Fluß, in dem Eisschollen trieben, belebte das öde Land. Die kleinen Dörfer lagen da, still wie im Schnee erstarrt; Alles hatte sich in die Hütten verborgen und nur wenn unsere Karavane von Schlitten und Pferden anlangte, schien etwas Leben zu erwachen: Männer, Frauen, Kinder in Schafpelzen und großen Stiefeln stellten sich um die Wagen, während wir vor einer Schmiede oder einem Posthaus hielten, und betrachteten nicht uns, sondern die Pferde, interessirten sich für das Ab- und Anspannen und legten hülfreiche Hand dabei an, ohne eine Belohnung zu erwarten.

 

Auf einer Fähre gelangten wir durch die Eisschollen an das jenseitige Ufer des Teterew; einige beschneite Thürme, die sich vor uns erhoben, verkündeten die Nähe der Stadt, auf welche keine Anlagen, Landhäuser oder Lustörter, wie man sie in Deutschland im Umkreis der kleinsten Ortschaft findet, vorbereiten.

 

Unser Haus, nahe an der Barriere gelegen, empfing uns mit seinen hellen freundlichen Räumen wie ein alter Bekannter, oder wie ein neuer, bei dessen Anblick man ahnt, daß er uns theuer werden kann. Auch beim ersten Blick aus Fenster und Balconthüren über die beschneiten Bäume des Gartens auf die Kuppeln und Thürme des Klosters und die tannenbewachsenen Berge im Hintergrunde war es uns, als

 

 

 

 

____
122 Aufenthalt in Volhynien.

 

sähen wir auf allen Punkten tausend noch verhüllte Freuden uns erwarten.

 

Am andern Tage lernten wir diese unsere einstweilige Heimat Zytomierz, die Hauptstadt Volhyniens, näher kennen. Gleich allen russischen Städten umfaßt sie mit ihren auseinandergestreuten Häusern einen großen Raum; sie zieht sich weit auf der Bergebene hin an den Abhängen und in den Schluchten hinunter bis an den Teterew, an dessen jenseitigem Ufer die Berge wieder emporsteigen. An der Straße, die wir bewohnen, und noch in einigen andern ebenso langen und breiten Straßen liegen hübsche weiße kleine Häuser mit grauen oder grünen Dächern, meist nur aus einem Rez-de-Chaussée bestehend, zu dem eine kleine Vortreppe führt. Jedes ist nur für eine Familie eingerichtet und bildet mit Nebengebäude, Hof, Garten ein kleines abgeschlossenes Etablissement. Ueber die niedrigen Dächer erheben sich zahlreiche alte Bäume, theils schlanke Pappeln, theils hochgewachsene Birken, die selbst mit blätterlosen Zweigen anmuthsvoll erscheinen. Man ahnt aus dem Ganzen die Sommerlieblichkeit der Stadt; jetzt aber im Winter, mit diesen breiten öden Straßen und den vielen kahlen Bäumen und Gärten erscheint sie wie ein verlassener Badeort. Man müßte die Bewohner aller dieser luftigen kleinen Sommerhäuser bedauern, wüßte man nicht, daß diese Wohnungen, durchaus geheizt, mit doppelten bis zum Frühling festgeschlossenen Fenstern, keinen Hauch des Winters einlassen.

 

An der Hauptstraße, die zur Barriere von Kiew führt, zeigte man uns das Haus des Generalgouverneurs, ebenfalls nur ein weißes luftiges Gebäude mit grünem Dach und grünen Jalousien, nur in der Mitte zu einem Stockwerk erhoben, die niedern Seitenflügel aber weit von den Bäumen des Gartens überragt. Andere ähnliche Gartenhäuser in der Nähe nannte man uns als Wohnungen des Vicegouverneurs und

 

 

 

____
123 Lage, Straßen, Plätze, Kirchen u. s. w. von Zytomierz.

 

des Gouvernementmarschalls. Alles sah so anspruchlos, so gemüthlich heiter und einfach aus, das man sich leicht ein an ziehendes Bild von den Bewohnern dieser kleinen Häuser und ihrem Leben machen konnte.

 

Hier und da erhoben sich zwischen den einfachen Wohnungen neue elegante mehrstöckige Häuser, anzusehen wie verirrte, aus München oder Berlin hierherverschlagene Wanderer. Neben den von der vornehmen Welt bewohnten größern und reinlichen Straßen ziehen sich viele andere hin mit dicht aneindergebauten Häusern und halbzerfallenen Hütten, die durch Unreinlichkeit, Lärm und zahllose Kinder ihre jüdischen Bewohner ankündigen. In der Mitte dieser regellosen Wohnungen steht auf einer Anhöhe die katholische Hauptkirche, die mit vier Thürmen die ganze Stadt überragt; auf einem an dern Felsenhügel erhebt sich ein weißes schloßartiges Gefängnisgebäude. Auf einem offenen öden Platze, über den der Steppenwind von Osten her bläst, steht eine große russische Kirche, weiß mit drei großen grünen Kuppeln; ähnliche kleinere Kirchendome ragen da und dort über die Häuser empor. Am Marktplatz, in der Mitte eines grasbewachsenen Vorhofs, ladet die zweite katholische Kirche mit einer offenen Pforte uns in ihren heiligen Raum. Neben der Kathedrale auf der Höhe liegt das einfache Wohnhaus des Bischofs und das katholische Seminar, dessen schwarzgekleidete Zöglinge dann und wann langsam durch die Straßen ziehen. Vor den russischen Kirchen und vor den Wohnungen russischer Priester sieht man häufig eine große Menge wilder Tauben versammelt, welchen hier täglich reichliches Futter ausgestreut wird. Der russische Bischof bewohnt in unserer Straße ein großes, einsam zwischen hohen Bäumen gelegenes Haus, dessen grünes Dach ein goldenes Kreuz überragt und vor dem man immer einige russische Mönche in schwarzen Gewändern auf- und abwandeln sieht.

 

 

 

____
124 Aufenthalt in Volhynien.

 

An den meisten einstöckigen Häusern des Marktplatzes ziehen sich Verkaufshallen hin, der Gostinoi-Twor, der in keiner russischen Stadt fehlt. Dort verkaufen die bärtigen russischen Kaufleute in stattlichem Kaftan, mit rothen freundlichen Gesichtern in einzelnen Läden verschiedene Fabrikate, besonders Eisen-, Kupfer- und Pelzwaaren, Alles ziemlich solide tüchtige Producte des Inlandes, während die jüdischen Händler meist Erzeugnisse des Auslandes von alter verlegener Beschaffenheit feilbieten, theils in kleinen Läden, theils auf offener Straße, in der sie langsam, mit ihren Waaren bepackt, auf und niederschleichen. Mitten unter diesen ärmlichen Kaufläden haben einige polnische oder ausländische Modistinnen, Conditoren, Musikalien- und Buchhändler u. s. w. elegante Magazine etablirt, sodaß man sich selbst hier mit den verschiedensten Luxusgegenständen versehen kann. Auch ein Theatergebäude gibt es, nicht eben schlechter, als die Thespishallen unserer Provinzialstädte zu sein pflegen, und sogar mit einem griechischen Porticus versehen, der aber dem Einsturz ziemlich nahe scheint. Den Winter durch spielt hier eine stehende Truppe täglich in polnischer Sprache vor einem oft sehr vornehmen eleganten Publicum, das mit dem schmuzigen matterleuchteten Hause seltsam contrastirt. Gegenüber steht ein größeres Gebäude, in dem der volhynische Adel seine Marschälle wählt und seine Bälle feiert. Dasselbe hat ebenfalls ein etwas verfallenes Ansehen; vom Frontispice ist der Anstrich theilweise abgelöst, sodaß hinter dem kaiserlichen Adler ein Stück des altpolnischen Wappens hervorschimmert.

 

Die Fußgänger in den Straßen bestehen fast allein aus langbärtigen Juden, Bauern und glattrasirten Soldaten, zwischen denen Kühe, Ziegen und noch weniger ästhetische Vierfüßler langsam dahinwandeln. Mit diesem gehenden Publicum contrastirt das fahrende und reitende, das auf schönen

 

 

 

____
125 Marktplatz, Gostinoi-Twor, Theater in Zytomierz.

 

Pferden, in eleganten Droschken und vier- und sechsspännigen Equipagen durch die schmuzigen Straßen und über die öden Plätze fliegt.

 

Nach dem langen Aufenthalt auf dem Lande freuen wir uns doppelt wieder so viel Menschenleben um uns zu sehen. „Und wo ihr's packt, da ist's interessant“ fühlen wir mit dem Dichter und denken, das Dem nur die Einsamkeit ge nügen kann, der sich in sie mit einer grosen Idee, einem grosen Glücke oder einem grosen schmerze flüchtet. Wir freuen uns, wieder in der Welt zu sein, in der man sich ja auch mit jedem tiefern Athemzuge des Gedankens Einsamkeit schaffen kann, – freuen uns, uns selbst widerzuspiegeln in tausend Gestalten, in allen uns wiederzufinden, tausendfach carikirt oder idealisirt: der Handelnde und Leidende, der Glückliche und Traurige, das Genie und die Narrheit, der sündige und Tugendhafte – in Allem siehst du Das, von dem etwas deine wie jede Menschennatur entwickelt oder im Keime verbirgt!

 

__________________________

 

 

Seitdem der Schnee von neuem die Straßen bedeckt, sind sie von vielen Schlitten belebt; zierliche kleine zweisitzige, mit weichen Pelzdecken belegt, fliegen zu Hunderten vorbei; hinter den Pferden sind farbige Netze ausgespannt, grün, roth oder goldgelb, wie Sonnenstrahlen anzusehen. Darüber thronen die Kutscher in pelzbesetztem Kaftan, mit langem Bart und hohem Hut, und rufen ohne Unterlaß: „Na prawa“, rechts! „Na lewa“, links! Unaufhörlich eilen diese kleinen Schlitten aneinander vorüber und trotz ihrer Menge und der Schnelligkeit des Fahrens ereignen sich selten Unglücksfälle, was man der strengen Aufsicht, unter der die Kutscher stehen, und den harten Strafen, die ihnen bei solchen Unfällen drohen, zuschreiben muß.

 

 

 

____
126 Aufenthalt in Volhynien.

 

Schwerfälliger ziehen die großen Reiseschlitten mit den dicht in Pelz gehüllten Pferden und Dienern vorbei und die Lastschlitten der Bauern, welche mit beschneitem Holz und Feldfrüchten oder festgefrorenem Wild und Fischen beladen sind; diese kommen am zahlreichsten des Sonntags, wo hier, wie in Süddeutschland, der Hauptmarkt gehalten wird und auch die Juden ihre Waaren in größter Menge ausbieten, wodurch die Stadt jedes festliche Aussehen verliert; bis an die Kirchthüren drängt sich das Handeltreiben und mit dem Trödelkram alter Kleider und Geräthe verkaufen die Juden auch Heiligenbilder, Crucifixe und Rosenkränze; freilich macht die Kirche dann mit ihrem Orgelklang, Weihrauchduft und ihren weißgekleideten Priestern einen doppelt feierlichen Eindruck und erscheint wie ein Asyl mitten im Weltgewühl.

 

Bei den Wegen durch die Straßen wird man häufig in den Orient versetzt, nicht blos durch die vielen Juden in ihren dunkeln Kaftanen, sondern auch durch die Tscherkessen, Perser und Kosacken, die dann und wann in malerischen Trachten erscheinen. In den kalten Tagen sind alle Trachten wenn nicht malerisch, doch immer grotesk. Man sieht die sonderbarsten Verhüllungen und die Bauern tragen alle ihre Kleidungsstücke, ihre Kaftans und Pelze übereinander, dazu große Pelzstiefeln und Pelzmützen, sodaß sie ganz unförmlich erscheinen; die Frauen verhüllen sich außerdem Kopf und Gesicht mit Tüchern, sodaß nur die Augen freibleiben. Auch die Vornehmen verbergen sich gleich ängstlich in ihren kostbaren Pelzen, und die Herren, denen man in der Straße begegnet, gleichen in ihren Mänteln mit weitem zottigen Kragen und der haarigen Kopfverhüllung eher Bären und Wölfen als Menschen. Alles ist gegen den Winter gerüstet und gepanzert wie gegen den schlimmsten Feind; die Häuser sind gleich Festungen gegen sein Eindringen verwahrt und bei weitem

 

 

 

____
127 Bevölkerung von Zytomierz. Straßenleben im Winter.

 

wärmer als die unserigen, sodaß solch ein russischer Winter sich leichter erträgt als einer im Süden, wo man es noch nicht gelernt hat, oder nicht der Mühe werth hält, mit ihm zu kämpfen; auch die Diener haben in den durchaus geheizten Häusern weniger als die unsern zu leiden und selbst die ärmste Hütte ist reich an Holz und Wärme.

 

Wie sich hier überall der Luxus, die Civilisation und ihre Contraste begegnen, so trägt man, um die widersprechendsten Eindrücke zu vermehren, die Todten unbedeckt mitten durch das bunte Leben. Da gibt es zuweilen die ergreifendsten Begegnungen! Wir hören einen dumpfen Gesang, der Schlitten hält an, wir blicken zur Seite und sehen plötzlich neben uns hoch über den Schultern der Träger eine starre Gestalt, ein bleiches Todtenantlitz. Priester, die das Crucifix und gemalte Heiligenbilder tragen, begleiten die Leiche, der nach uraltem Gebrauch Brot und Salz mit in die Gruft gegeben wird.

 

__________________

Zur Stadt gehört ein Elisabethinerkloster, das am Rande der Bergebene liegt, hoch über dem Teterew, umgeben von Linden und dunkeln Tannen, die seine Kuppeln und Thürme überragen. Wir fahren oft zur Frühmesse in die Kapelle, wo uns der Gesang der Nonnen und ihrer kleinen Zöglinge erfreut und wo eine gute Copie der sixtinischen Madonna uns vom Hochaltar hernieder wie eine liebe Bekannte grüßt. Die 14 Nonnen, deren Zahl nicht erneut und vermehrt werden darf, sind mit der Erziehung armer Kinder und der Pflege von Kranken verschiedener Religionen beschäftigt. In Küche, Waschhaus, Krankensälen, Garten, Apotheke, Todtenkammer sind sie unaufhörlich thätig; die unter weißer steifer Haube verborgenen Gesichter sehen mild und freundlich aus. Ein Theil des Klostergebäudes dient zu einer russischen Erziehungsanstalt für arme Kinder,

 

 

 

____
128 Aufenthalt in Volhynien.

 

die hier in großen reinlichen warmen Sälen in Religion, Elementarkenntnissen und allerhand Arbeiten unterrichtet, dabei einfach und gut genährt und gekleidet werden. Die kleinen Mädchen nähen, stricken, fertigen Kleider so hübsch und elegant, daß die meisten Damen der Stadt hier für ihre Toilette arbeiten lassen. An der hohen Tanne vorüber, die bei einem Besuch Kaiser Alexander's I. am Bergrand gepflanzt wurde, kommt man zu einem niedern strohbedeckten, von alten Bäumen umschlossenen Hause, in dem ein ehrwürdiger heiliger Mann lebt: der Seelsorger des Klosters, der Abbé O., ein wahres Ideal von Priester, der sein Vermögen wie seine Kenntnisse, die sich über alle Reiche des Wissens erstrecken, am Altare Gottes niedergelegt und sein ganzes Leben dessen Dienste geweiht hat. In dunkler Morgenfrühe geht er durch Schnee und Kälte zum Kloster, um dort die Messe zu lesen; dann fährt er in ärmlicher, mit strohgefüllter Britschka da- und dorthin, zu Reichen und Armen, um Kranke und Sterbende zu trösten, Rathlosen zu helfen, Unwissende zu belehren. Dünnes Silberhaar bedeckt sein Haupt, Nachtwachen, Arbeit und Entbehrung haben sein Gesicht durchfurcht; aber ein höheres Licht als das der Jugendfrische ist darüber ausgegossen; es ist, als ob im Antlitz selbst etwas von jenem Heiligenschein strahle, der, sonst im Bilde das Haupt der Auserwählten Gottes umgibt.

 

2.
Zytomierz, Anfang Januar.

 

Die zwei großen Kirchenfeste des Winters sind vorüber. Das erste derselben, das Weihnachtsfest, wird zwölf Tage später als das unsere und eigentlich nur in der Kirche gefeiert und ist nicht durch Lichter und Kinderjubel verschönt wie bei uns. Die deutschen Christbäume leuchten nur in einigen mit

 

 

 

 

____
129 Das Weihnachtsfest. Einsegnung der Gewässer am 6. Januar.

 

der Fremde bekannten Familien. Dennoch schmücken auch hier einige liebliche Gewohnheiten das Fest. sobald der erste Stern erscheint und die Glocken das Ende des Fasttags und das Nahen der heiligen Nacht verkünden, bricht man in allen polnischen Häusern die geweihten Oblaten, theilt sie mit Verwandten und Freunden und begrüßt sich gegenseitig mit Glückwünschen. Ein Festmahl ist bereitet aus Fischen und süßen Speisen und Heu und Stroh ist unter das Tischtuch gebreitet, zur Erinnerung an das erste Lager des Christkindes, dessen Geburt um Mitternacht von allen Glocken verkündigt und durch Messen in allen Kirchen gefeiert wird.

 

Diesem heiligsten Feste folgt das der Taufe des Herrn, am 6. Jan., das durch die Einsegnung aller Gewässer im Reiche gefeiert wird. Wir fuhren, die Ceremonie mit anzusehen, an das Ufer des Teterew. Es war ein kalter heller Wintertag. Alle Wege, die zum Flusse führten, alle beschneiten Höhen an beiden Ufern waren mit Menschen bedeckt; Kinder saßen da und dort auf den kahlen Aesten der Bäume; die Helme der Militärs, die bunten Festkleider der Bürger und Bauern glänzten in der Sonne. Das dichteste Gedränge fand auf dem gefrorenen Flusse selbst statt, in dessen Mitte unter einem Tempel aus Tannenzweigen der Bischof eben den Segen ausgesprochen und die Form des heiligen Kreuzes in die Eisrinde geschnitten hatte. Als wir kamen, war die Ceremonie schon zu Ende; die Procession kehrte zurück; voran schritt der Bischof, ein ehrwürdiger Greis, mit langem weißen Barte in prachtvoller Kleidung, auf dem Haupt eine hohe, mit Edelsteinen besetzte Mütze; ihm folgten viele Priester in Gold- und Silbergewändern, mit langen Bärten und langem über die Stirn gescheiteltem Haar, einige mit farbigen, andere mit schwarzen hohen Mützen, andere in bloßem Haupt: es waren Greise und junge Männer und Alle Modelle zu den

 

Förster, Südrußland.

 

 

 

____
130 Aufenthalt in Volhynien.

 

verschiedensten Apostelgestalten. Das Crucifix glänzte in ihrer Mitte, Kirchenfahnen wehten und Standarten mit in byzantinischer Weise gemalten Heiligenbildern und Christusköpfen ragten hoch über die Menge empor, die Psalmen singend den Berg hinanzog. Der größte Theil des Volks aber drängte sich zu jener geweihten Stelle auf dem Flusse, wo das emporquellende Wasser schon das Zeichen des Kreuzes zu überfluten begann. Erwachsene und Kinder, Bürger, Bauern, Soldaten, Alle kamen mit Krügen, Flaschen, Töpfen, um das geheiligte Wasser zu schöpfen, das sich jahrelang frisch erhalten soll. Jeder wollte zuerst zur Stelle, als fürchte er, der Fluß könne ausgetrunken werden; mit Heftigkeit leerte man die Krüge, als sei man durch die quellenlose Wüste gewandert. Hier bot Einer dem Andern seinen Krug; die Aeltern setzten ihn an die Lippen der kleinen Kinder, und Alle, die sich an dem eisigen Wasser sattgetrunken hatten und heimkehrten mit Tannenreisern und gefüllten Gefäßen, sahen so fröhlich aus, als hätten sie aus der Quelle der ewigen Jugend geschöpft.

 

3.
Zytomierz, Ende Februar.

 

Doch nicht blos von kirchlichen, auch von weltlichen Festen kann ich euch erzählen, denn wir haben als Zuschauerinnen schon mehren Bällen des Adelscasino beigewohnt und uns von unserer Loge aus an dem bunten Schauspiel amüsirt, an der Leidenschaftlichkeit, in welcher Alle – Junge wie Alte – von den rauschenden Klängen der Mazurka fortgerissen werden, welche den Greisen im Silberhaar und den Damen, deren Frühling seit lange verblühte, noch einmal Jugendgefühle gibt. Beim bloßen Zuschauen fühlten wir das Entflammende, Aufregende dieses Tanzes, der so ganz den polnischen Nationalcharakter ausdrückt.

 

 

 

____
131 Geselliges Leben in Zytomierz. Elemente der Gesellschaft.

 

Die Leidenschaftlichkeit dieses Charakters zeigt sich auch beim Kartenspiel, welches den männlichen Theil der Gesellschaft Nächte durch an die grünen Tische fesseln und ganze große Vermögen oft in einer solchen Nacht fast dämonisch zerstören soll.

 

Das Haus hier ist ein sehr geselliges; wöchentlich einmal gibt uns eine Soirée dansante Gelegenheit, mehr und mehr mit der hiesigen Welt bekannt zu werden. Wir sind überrascht, in dieser fernen Provinzialstadt eine so auserwählte, gebildete und elegante Gesellschaft zu finden, die während des Carnevals immer zahlreicher geworden ist, da fast alle vornehmen Familien dieser und auch der benachbarten Provinzen sich wenigstens für einige Wochen hier etabliren. Auch die in der Gegend einquartierten höhern Offiziere kommen dann und wann mit ihren Familien und vermehren den militärischen Theil der Gesellschaft. Es ist in ihr ein ewiges Kommen und Gehen, eine stete Bewegung und Verwandlung fast wie in einem Badeort. Da weder Politik noch Theater und Oper Gesprächsgegenstände bieten können, so bewegt sich die Unterhaltung im Allgemeinen nur um die flüchtigsten Interessen des Tages. Doch wehen auch manche frische Winde, und mancher Genus, den poetische und musikalische Talente oder geistreiche Gespräche geben, läßt ein Echo in der Seele zurück. Die Polen, aus denen der größte Theil der Gesellschaft besteht, besitzen jene angenehmen äußern Formen, jenen Hauch von Vornehmheit und Eleganz, die Frauen jene liebliche Grazie, die Männer jene ritterliche Artigkeit, die der Geselligkeit so besondern Reiz verleihen. Auch die russischen Offiziere, theils Deutsche aus den Ostseeprovinzen, und ihre Damen sind durch Bildung und gesellige Formen angenehme Gesellschafter. Die Meisten sind nur momentan, Viele erst seit kurzem hier. Alle kennen mehr von der Welt als den kleinen Schauplatz, der sie eben umgibt. Die Polen sind großentheils Touristen und

 

 

 

____
132 Aufenthalt in Volhynien.

 

können von halb Europa, die militärischen Herren und ihre Damen wenigstens von den verschiedenen Gegenden des großen russischen Reichs erzählen, in dem sie hin- und herziehen. Man wird durch ihre Schilderungen mit den Wundern von Petersburg und Moskau, mit den Schönheiten des fernen Kaukasus und mit den italischen Reizen der Krim vertraut. Alle diese vielgewanderten Menschen haben etwas Beflügeltes in ihrem Wesen: gewohnt das Leben leicht zu nehmen, den Schaum der Dinge flüchtig zu genießen, haben sie alles schwerfällige abgestreift und verleihen der ganzen Geselligkeit eine gewisse Frische.

 

Die ausgezeichnetsten Erscheinungen in der Gesellschaft sind, auch abgesehen von ihrem hohen Range, der Fürst Wassiltschikow und seine Gemahlin. Fürst Wassiltschikow, der Generalgouverneur von Volhynien *), dessen einfaches, ernstes, mildes Wesen jedes Herz gewinnen muß, wird von allen Bewohnern der Provinz, allen Ständen und Nationalitäten mit Dank und Verehrung genannt, während seine schöne geistreiche Gemahlin wie ein heller Stern nicht blos in den geselligen Kreisen, sondern auch in den Hütten der Armen leuchtet. Beide geben einen höchst günstigen Begriff von der Liebenswürdigkeit und Bildung der russischen Aristokratie.

 

Das interessanteste aller Ballfeste war der von der Fürstin Wassiltschikow arrangirte Bal costumé, der die ganze Provinz in Aufregung versetzte und lange vor- und nachher alle Gespräche erfüllte. Er bot ein glänzendes Schauspiel durch die malerischen prächtigen Toiletten und die Masse von Diamanten, mit denen Haare und Gewänder übersäet waren, sodaß manches liebliche Wesen einer mit Thautropfen bedeckten Blume glich. Die Fürstin Wassiltschikow, die mit künstlerischem Geiste das Ganze geordnet,

____

*) Jetzt Generalgouverneur von Kiew, Volhynien und Podolien.

 

 

 

____
133 Geselliges Leben in Zytomierz; Ballfeste u. s. w.

 

die Paare und ihre Costüme bestimmt hatte, machte in ihrer Beduinentracht, die so ganz mit ihrer und ihres ähnlich costümirten Cavaliers pikanter Schönheit harmonirte, einen Eindruck so voll Poesie und charakteristischer Wahrheit, daß man sich beim Anschauen wie vor einem Bilde von Horace Vernet fühlte und im Hintergrunde die ganze Wüste mit Palmen und Karavanen erblickte. Nächst ihr war die lieblichste Erscheinung Alexandrine von K., als Bergère in weiß und rosa Atlas mit Rosen im Haar, mit Schäferhut und Stab – selbst eine morgenfrische Rose.

 

Häufig finden in der Gesellschaft dramatische Vorstellungen statt. Es werden zum Besten der Armen russische, polnische und französische Stücke vortrefflich aufgeführt, wiederum unter der liebenswürdigen Intendanz der Fürstin Wassiltschikow, welche mit Grazie und künstlerischer Begabung selbst manche Rollen spielt.

 

Ergötzlich ist es, Vorstellungen der öffentlichen Theatertruppe oder öffentlichen Concerten durchreisender Virtuosen unterster Classe beizuwohnen, weil man bei solcher Gelegenheit die heitere Leichtigkeit, mit der die Slawen das Leben erfassen, ihre unzerstörbare Laune, ihre Fähigkeit, in jeder Blume Honig zu finden, so recht kennen lernt. Diese vornehmen, eleganten, selbst künstlerisch gebildeten oder mit den Kunstgenüssen großer Städte bekannten Personen hören mit fröhlicher Bonhommie den schlechtesten Productionen zu, applaudiren aus Güte oder Scherz, amüsiren sich über Alles: über die Mistöne, die düstern kalten Räume und über sich selbst, die in ihnen Unterhaltung suchen.

 

Endlich hat die Stille der Fastenzeit all diesen Freuden ein Ende gemacht. Auch der Winter bereitet sich zum Abschied. Schon ergraut der Schnee; schon haben wir eine Lerche gehört, die, hoch über den weißen Feldern schmetternd,

 

 

 

 

____
134 Aufenthalt in Volhynien.

 

das Nahen des Frühlings verkündigt, der heute in zarten flockigen Wölkchen herunterzuschweben scheint, willkommen wie ein lieber lang verlorener Freund. Bald wird er seine goldenen Pfeile wider die Eisdecke der Gewässer richten, bald wird er uns Quellen, Blumen und Vögel, Hoffnungen und Träume, alle süßen Jugendgefühle wiedergeben.

 

4.
Zytomierz, Anfang Mai.

 

Diese letzten zwei Wochen glänzen wie ein helles Kleinod in meiner Erinnerung: die neuerwachten Frühlingsfreuden und die rührenden kirchlichen Feierlichkeiten vereinten sich, um aus ihnen ein so harmonisch schönes Ganze zu bilden, daß es mir schwer scheint, es wieder in Details aufzulösen und davon zu erzählen. Kaum weiß ich, ob ich zuerst von den Gärten und Thälern voll Blumen und Vögelgesang oder von den Kirchen voll Weihrauchduft und Orgelklang reden soll. Eins gehörte zum Andern und verschönerte und heiligte das Andere, und der beseligende Gedanke der Auferstehung war hier wie dort lebendig.

 

Acht Tage vor der Osterwoche beginnen die Vorbereitungen, welche der Abbé O. im Kloster für einen großen Kreis von jungen Mädchen und Kindern hält. In früher Morgenstunde versammeln sich Alle am Bergrand vor dem Kloster und erwarten das Kommen des ehrwürdigen Lehrers. Alles sieht heiter und poetisch aus: der blaue Fluß zu unsern Füßen glänzt in der Morgensonne, das junge Grün schimmert auf den nahen und fernen Bergen und goldiges zartes Laub an manchen Bäumen. Ueber uns singen Lerchen, unter uns in den knospenden Eichen Pirolen und Amseln. Die Kinder pflücken Blumen auf dem Berghang und überall zwischen den dunkeln Stämmen schimmern ihre hellen Gewänder. Alle die

 

 

 

____
135 Vorbereitungen auf das Osterfest.

 

Zerstreuten vereinigen sich, als der Abbé aus der Pforte seines nahen kleinen Hauses tritt, und Kinder und Erwachsene eilen ihm mit frohen Grüßen entgegen. Der ehrwürdige Greis mit dem gütigen Lächeln und heitern Antlitz unter spärlichem Silberhaar ist im Einklang mit dem Frühlingsmorgen und die ganze Umgebung erscheint geheiligt durch seine Erscheinung. Alle folgen ihm ins Kloster, wo er im Saale der Priorin die religiösen Uebungen und Prüfungen hält. Diese Vorbereitungen dauern bis Ende der Woche, wo die meisten dieser jungen Mädchen mit den Nonnen vereint am heiligen Mahle theilnehmen und auch die Kinder ihre ersten Beichten halten. Es ist ein rührender Anblick, wenn der ehrwürdige Priester im weißen Gewande sein silberhaariges Haupt zum blonden Lockenköpfchen eines kleinen Mädchens neigt, das, im Beichtstuhl kniend, ihm ihr kindliches Bekenntnis zuflüstert. Es ist wie ein Bild vom guten Hirten, der auch für das Kleinste seiner Heerde liebend sorgt.

 

Die Blumen und Kerzen auf dem Altar unter dem schönen Abbild unserer sixtinischen Madonna, die kleinen Chorknaben, welche weiße Opfertücher halten, die gleich hellen Wolkenstreifen zwischen dem Priester und den Knienden schwanken, der Gesang der Nonnen, die Andacht und Rührung der Kinder – Alles ist so schön poetisch wie ein Traum aus einer andern Welt.

 

Auch in den übrigen katholischen und in den griechischen Kirchen finden wochenlange Vorbereitungen für die heiligste Feier statt, vor welcher Familienglieder und Bekannte sich gegenseitig um Vergebung bitten und nach welcher sie sich mit freudigen Glückwünschen begrüßen. Die russischen Dienstleute sind unermüdet im Besuche dieser täglichen stundenlangen Vorbereitungen und bei aller sonstigen Eßlust und Gourmandise äußerst streng in der Beobachtung der langen Fasten, die

 

 

 

 

____
136 Aufenthalt in Volhynien.

 

ihnen nur Brot und in Oel gekochte Gemüse und Fische zur Nahrung gestatten. In der Osterwoche werden täglich in den katholischen Kirchen die uralten Lamentationen gesungen, in denen das Weh der ganzen Welt widerzuklingen scheint.

 

Am Charfreitag ist das Tabernakel unter Blumen, Zierath und Kerzen ausgestellt, ein bunter, nicht zu der heiligen Trauer des Tages stimmender Eindruck. An den Kirchthüren wird von je einer Dame und einem Herrn aus der Gesellschaft für die Armen gesammelt.

 

Sonnabend Nachmittag wird die Sventzone oder Pasqua im größten Zimmer des Hauses aufgestellt und von einem Priester gesegnet und mit Weihwasser besprengt. Dies Ostermahl mit seinen eigenthümlich nationalen Fleischspeisen und Bäckereien, mit den hohen Torten (babas), auf denen Osterlämmchen thronen, mit seinem Schmuck von Blumen und grünen Zweigen, bleibt während der Feiertage in allen Häusern stehen und ladet jeden Besuchenden zum Genus. Um Mitternacht ertönen alle Glocken und rufen zur Auferstehungsfeier, die in allen Kirchen gehalten wird und in den russischen Gotteshäusern, wo sich die Geistlichkeit in aller Pracht und Militär und Beamte in besten Uniformen versammeln, bis zum Morgen dauert. In der Frühe des ersten Feiertags beginnen die glückwünschenden Besuche, die man seinen Vorgesetzten und allen Bekannten nothwendig abstatten muß, sodaß für Viele diese Feiertage beschwerlichste Arbeitstage sind. Der Ostergruß: „Cristos woskres!“ („Christus ist auferstanden!“) durchtönt Straßen und Häuser. Vornehme und Geringe, Freunde, Verwandte, Diener und Herren begrüßen sich mit dem Rufe und küssen sich gegenseitig mehre male auf beide Wangen. Auch seinen Untergebenen und Dienern gibt der russische Herr an dem Tage der Freude den Bruderkuß. Alles scheint in Liebe und Glück verbunden. Nicht blos Küsse, auch Geschenke

 

 

 

____
137 Die Passionswoche. Feier des Osterfestes.

 

werden ausgetheilt. Diener und Dienerinnen bringen am Morgen mit dem Gruße „Cristos woskres“ buntbemalte Eier und erhalten Bänder, Tücher oder Geld als Gegengeschenk. Auch die Vornehmen beschenken sich gegenseitig mit Eiern, die oft schön bemalt und verziert sind. Mit den nächsten Bekannten theilt und ißt man Eier unter gegenseitigen Glückwünschen, sowie man zu Weihnachten die geweihten Oblaten zusammen genoß.

 

Die ganze Stadt hat ein festliches Ansehen, da dieses Jahr auch die Juden zu jetziger Zeit ihr Passahfest haben und ihre Läden geschlossen halten und geputzt umhergehen. Ueberall erblickt man bunte helle Kleider, die Bauern tragen ihre besten Kaftans, die Bauermädchen haben ihr Haar mit Blumen geschmückt und mit ihren besten bunten Bändern, die lang über den Rücken herabhängen. Die Goldhauben und Ketten der Jüdinnen, die Helme und Uniformen der Offiziere glänzen in der Sonne, die kleinen schnellen Droschken und die reichen Equipagen rollen unaufhörlich durch die Straßen, die heute in noch ungesehener Reinheit glänzen. Am zweiten Feiertag beginnen die Volksbelustigungen, welche die ganze Woche durch fortdauern. Auf einem freien Platze vor der Stadt ist ein buntes Gedränge; Schaukeln fliegen empor, andere schwingen sich wie Räder im Kreise. Hackbret und Geigen klingen in unmelodischen Tönen; auf den Tanzplätzen drehen sich die Mädchen und Burschen in ihren eigenthümlichen Nationaltänzen, für die sie wenig Raum brauchen, da sie meist in Springen und Umdrehen auf einer Stelle bestehen. Krüge mit Kwas und Branntwein gehen von Einem zum Andern; auch Nüsse, Aepfel, Orangen, braune Pfefferkuchen und harte weiße Bretzeln werden an vielen Tischen verkauft, an andern würfelt man und gewinnt Glasperlen, Bänder, Spiegel und Zuckerwerk. Die Bauern und Bäuerinnen der Umgegend

 

 

____
138 Aufenthalt in Volhynien.

 

legen ihre braunen und grauen Kaftans auch beim Tanzen nicht ab; die lustigsten Tänzer sind die Jemtschiks, die großrussischen Fuhrleute, von weit hierhergekommen, deren rothe oder rosa Hemden über schwarzsammetnen Unterkleidern von den dunkeln Kaftans der Andern abstechen; fröhliche frische Gesichter wie sie zeigen die großrussischen Bäuerinnen, die man hier und da in schönen hellseidenen Jacken oder Kassawaikas, weiten Röcken und bunten Kopftüchern unter der Menge sieht; sie Alle und ihre Männer sind meist blond und blauäugig und haben ein deutsches Aussehen, während die volhynischen und podolischen Bauern mit dunklern Augen und Haar, weniger frischer Gesichtsfarbe und weniger heiterm offenen Ausdruck mehr den Böhmen und Ungarn gleichen.

 

Aber nicht blos in Kirchen, Häusern und Straßen war es festlich; die ganze Natur erschien gehüllt in Frühlingsduft und Sonnenschein und gerade in diesen Tagen erblühten uns ungeahnte Schönheiten in der Gegend. Nicht blos Blumen und Gräser, sondern Wälder, Thäler, Felsen, Wasserfälle, deren Dasein die dichte Schneehülle verborgen hatte, erstanden plötzlich im neuen Sonnenschein und verwandelten die Welt die uns umgibt. Am schönen Ostersonntag stiegen wir zum ersten mal von der Bergfläche, auf der die Stadt sich ausbreitet, durch den knospenden Eichenhain hernieder ins reizende Thal des Teterew, das wie ein geöffnetes Paradies vor uns lag. sanftgewellte Berge mit grünen Abhängen, waldigen Schluchten und Felsenvorsprüngen ziehen sich zu beiden Seiten des Flusses hin, der kleine Inseln und Felsenblöcke umrauscht und höher oben mit glänzenden Schaumwellen über ein breites Wehr sich stürzt. Grüne Hütten sind auf den Höhen und am Ufer zerstreut, Kähne gleiten über die Wellen; von den Bergen rechter Hand sieht man die Thürme der Stadt schimmern und näher dem Abhang erheben sich die großen Gebäude

 

 

 

 

____
139 Frühlingsanfang.

 

des Klosters; Mühlen, Felsenblöcke und alte Weiden schmücken hier und da die Ufer; das Thal erscheint so lieb und wohl bekannt wie alles Schöne. Wir überblicken es von der Höhe eines Abhangs, auf dem Veilchen und Primeln blühen, und sehen dahin wie auf ein neugeschenktes Reich. Unsere Augen folgen den Windungen des blauen Flusses, der sich rechts, mit der ihm entgegenschäumenden Kamionka verbunden, in ein neues waldiges Felsenthal verliert und links zwischen sonnigen Höhen hinzieht, auf denen kleine Dörfer und junge Saaten schimmern. Weiden und Birken lächeln im ersten goldigen Grün, Ziegen klettern auf den Höhen und suchen Frühlingskräuter; am Ufer und auf den Bergpfaden leuchten die hellen Kleider vieler Spaziergänger. Aus der Stadt tönen Vesperglocken, aus der Luft Gesänge der Lerchen und vom Flusse leise Ruderschläge. – Alles ist froh im Frühlingssonnenglanz und geheiligt von der Feiertagsruhe. Es war Festtag – Auferstehungstag – auch wir neugeboren mit der neugeborenen Welt –„Hoffnung und Glück im Thal“ und in unsern Herzen!

 

5.
Zytomierz, vom Mai bis Juli.

 

Alle Herrlichkeit, die uns eben umgibt, umhaucht, umtönt und heute und seit vielen Wochen glücklich macht, möchte ich euch in diesem Briefe schicken, alle Worte damit durchdringen, um euch eine Idee von diesem russischen Mai zu geben, der so schön ist wie unser deutscher.

 

Schon im Winter ahnten wir die Reize dieser Gegend, aber nun sie der Frühling wirklich erweckt hat, übertreffen sie alle unsere Erwartungen und wir sind ebenso freudig erstaunt, wie wenn ein Mensch, mit dem wir lange in gleichgültigem

 

 

 

____
140 Aufenthalt in Volhynien.

 

Umgang lebten, uns auf einmal seine Seele und in ihr einen ungeahnten Reichthum von Poesie und Liebe eröffnet.

 

Ganz wunderbar hat sich die Gegend verwandelt und ohne den Ort verlassen zu haben, sind wir plötzlich in ein kleines Paradies versetzt. schon die nächste Umgebung bietet tausendfache Schönheit: aus den Zimmern treten wir in den Garten voller Blütenbäume und Blumen, mit denen das dunkle Buchengrün der Thalschlucht contrastirt, die diesen Garten begrenzt und uns wenige Schritte vom Hause die erquickendste Waldeinsamkeit bietet. Hier ist das Reich der Nachtigallen und vom Abend bis zum Morgen hören wir dies tausendfache Tönen voll Lust und Sehnsucht. Die Nächte sind so still und lau, daß wir oft, von Sternen und Nachtigallen gefesselt, bis nach 12 Uhr im Garten bleiben, dessen Blüten im Mondlicht wie Silber schimmern. Mit dem Duft dieser Blüten mischt sich der der Birken und Pappeln, er dringt aus dem Garten in die Zimmer und man fühlt auch da den Frühling. Nicht blos unsere Wohnung, sondern fast alle Häuser der Stadt umgibt er mit seiner Schönheit: die hohen Pappeln und sanftgeneigten Birken, die alten Linden und Kastanien, die Obstbäume und Akazien sind nun mit Laub geschmückt, beschatten die niedern Dächer und bestreuen sie mit Blüten; Blumen duften auf allen Perrons; überall grünen Gärten, Waldvögel singen mitten in der Stadt; Regen, Wind und Sonne haben die Straßen gereinigt und getrocknet; selbst in die elenden Judengassen dringt etwas von den Düften und Tönen, und die ärmste Hütte hat der Frühling umarmt.

 

Da die Stadt auf einer von Spalten und Rissen durchbrochenen Bergfläche erbaut ist, so gehen viele Häuser, die an einer öden häßlichen Straße liegen, von der Rückseite auf eine Berg- oder Waldschlucht oder auf ein liebliches Thal. Diese Schluchten und Thäler sind in kleine Gärten verwandelt, die

 

 

 

____
141 Maienlust. Zytomierz im Frühling.

 

mit ihren Blumenterrassen, ihren Quellen und Lauben, ihren Bienen und Vögeln und den alten Bäumen, die das junge Blütenleben überschatten, wie verborgene Paradiese mitten im Treiben der Stadt liegen. Bei Spaziergängen in der Nähe und Ferne wird man an die Neckar-, Lahn- und Nahegegenden erinnert; Alles ist anmuthig lächelnd wie dort. Von allen Punkten im Thal und auf den Höhen sieht man das Elisabethinerkloster mit seinem weißen Gemäuer, seinen Kuppeln und seinem hohen Thurm weithin in der Sonne glänzen. Wir gehen gern in seiner Nähe spazieren, freuen uns der Aussicht auf den hellen Fluß und die Waldberge gegenüber, freuen uns an der Lust der armen Pflegekinder des Klosters, die auf dem Rasen spielen, und an dem Wohlbehagen, mit dem einige halbgenesene Kranke im warmen Sonnenschein spazieren, freuen uns vor allem an den Nonnen selbst, von denen einzelne hin- und hergehen mit den freundlichen stillen Gesichtern, welche die großen weißen Hauben nicht ganz verbergen.

 

Viele Pfade führen von hier zwischen den Eichen und Buchen, die den Berghang bedecken, hinab zum Fluß, der kleine Fischerkähne trägt, dann und wann über ein Wehr schäumt und weiterhin die Kamionka aufnimmt, einen zweiten glänzenden Fluß, der zwischen Tannenhügeln hervorstürzt und an dem ein Theil der Stadt in malerischer Unordnung liegt. Wir aber gehen dem Teterew nach bis ins enge kühle Felsenthal, aus welchem er, von seiner fernen Quelle kommend, hineinrauscht in die offenere Gegend. Felsentrümmer ruhen in seiner Mitte, von den klaren grünen Wellen umspült und von Birken überhangen, die aus den Spalten hervorgewachsen sind. Zu beiden Seiten steigen die Felsen empor, wild zerklüftet und dunkel das Wasser beschattend, das dicht an sie heranrauscht. Alles ist so einsam, still und kühl und man denkt sich im Thal der Genoveva oder Euryanthe. Auch oben

 

 

 

 

____
142 Aufenthalt in Volhynien.

 

am Rande der Felsen ist es schön zu gehen; hier am ersten Vorsprung sehen wir das ganze heiter belebte Thal vor uns liegen, die sonnigen Berge, das Kloster auf grüner Höhe und die hellen rings verstreuten Häuser, und wenige Schritte weiter finden unsere Augen nur die einsamen Felsen, die Schluchten voll Tannen und Birken und tief unten den Fluß so dunkelgrün im Felsenschatten. Wir athmen entzückt die Wald- und Bergluft ein und den Duft des Thymian und der weißen Blüten der Clematissträucher, die auf den Abhängen wachsen, und vergessen Alles, was nicht rein und frisch ist wie die Welt, die uns umgibt.

 

Ebenso reizend ist es, auf der andern Seite der Stadt den Windungen des Teterew bis zu den fernen blauen Bergen zu folgen. Auch da geht man in einem stillen kühlen Thale zwischen sanftruhenden Bergen mit Birkenwäldern geschmückt, deren Frühlingsschönheit unbeschreiblich ist. so lustig streben die weißen glänzenden Stämme zum Himmel empor, so lieblich senken sich die hellbelaubten Zweige zur Erde. Viele dieser anmuthigsten Bäume des Waldes stehen in einzelnen Gruppen auf den Abhängen, zueinandergeneigt und flüsternd wie fröhliche Kinder. Da und dort schimmert ein Dörfchen aus dem Waldgrün hervor; nur selten gleitet ein Fischerkahn über die Wellen, die Menschenstimmen sind verstummt; aber die Natur ist laut in tausend Klängen: die Lüfte scheinen von Gesang belebt und aus den Tiefen der Wälder dringen die süßen Töne der Nachtigallen. Auch das Wasser ist voll Leben: auf seiner Oberfläche blitzen gleich tausend Silberfunken oder Sternen die Köpfchen der Fische, die neugierig in die Sonne schauen. Tiefer in den Bergen mischen sich dunkle Tannen mit dem zarten Grün der Birken und dazwischen schimmern die weißen Blüten der wilden Birnbäume und man geht dahin ganz berauscht von Düften und Tönen.

 

 

 

____
143 Maienfeste im Freien.

 

Der Mai, der Marienmonat, ist hier wie in allen katholischen Ländern eine festliche Zeit: täglich finden in den Kirchen Processionen und Predigten zu Ehren der heiligen Jungfrau statt und jeden Abend ruft das Avegeläute zu feierlichem Gottesdienst. Aber auch in anderer Weise feiert man den schönen Blütenmonat: Alles gibt Maienfeste im Freien, „Maijufken“ genannt. Da ziehen gegen Abend die Geladenen zu Pferde und Wagen nach irgendeinem nahen Wald oder Berghang, wo sie die Wirthe empfangen, wo Zelte aufgeschlagen, Teppiche auf den Rasen gebreitet, Tische, Sessel und reiche Erfrischungen bereit sind. Musik klingt durch den Wald und bald schweben viel anmuthige Gestalten in hellen Gewändern durch das dunkle Grün. Da und dort lagern Gruppen unter den Bäumen, heitere Paare wandeln in der Einsamkeit auf entferntern Pfaden; die Jüngsten machen Spiele; Reifen und Ball fliegen durch die blaue Luft; Alles ist voll Scherz und Lust. Am Abend blitzen bunte Lampen von allen Bäumen und werfen eine magische Helle auf die nächste Umgebung, während die Ferne mit Bergen und Wäldern im sanften Dämmerlichte des Mondes wie ein Traumland ruht. Raketen sprühen auf, Leuchtkugeln steigen empor und sinken nieder, wie zurückgewiesen von den Sternen, zu deren Nähe sie strebten.

 

Auch einfachere Maienfeste werden gefeiert: fast auf jedem Spaziergang sieht man fröhliche Gruppen von Bürgerfamilien da und dort auf dem Rasen am Flusse oder am Waldrand gelagert; der Samovar dampft in der Mitte, Körbe voll Kuchen und Früchten werden ausgepackt; Jeder genießt und freut sich des Lebens; Lieder im schönen Laute der polnischen Sprache, oft mehrstimmig gesungen, verkünden von weitem die heitere stimmung der Gesellschaft. so sucht sich Jeder selbst seinen Lustort da, wo es ihm eben gefällt, und diese improvisirten Vergnügungsplätze mitten in der frischen fröhlichen

 

 

____
144 Aufenthalt in Volhynien.

 

Natur haben Reize, die man an unsern öffentlichen Cafés und Concertgärten voll Lärm und Gedränge nicht kennt.

 

Eine andere gesellige Vereinigung bieten die von der Fürstin Wassiltschikow arrangirten Cavalcaden. Es ist eine Lust, daran theilzunehmen. Alles versammelt sich in den Salons und der grünen Veranda der Fürstin; nach kurzer Weile eilt man zu Roß und Wagen. Die Reiter und Reiterinnen sprengen voran; die Equipagen folgen und vergrößern durch ihr vielfaches Gespann den Zug, den die Diener und Grooms beschließen. Es ist ein bunter fröhlicher Anblick durch die eleganten Toiletten der Damen in den Equipagen, die reichen Uniformen der Offiziere und vor allem durch die schönen Reiterinnen, deren schönste die Fürstin Wassiltschikow ist, die, immer dem Zug voran, auf ihrem schwarzen Araberroß über die Ebene fliegt, bergauf bergab über Gräben und Hecken eilt, Alles mit so lieblicher Anmuth und so glänzendem Ausdruck der Freude im sonnigen Antlitz. Es ist wie eine Erscheinung aus einem Persergedicht oder einem orientalischen Märchen. Man zieht durch Wiesen und Felder, dann durch dunkeln Tannenwald zum schönen Thale der Kamionka, dem frischen Bergfluß, der über Felsenstücke rauscht und da, wo sich das Thal erweitert, einen kleinen See bildet, dessen Silberfläche Tannenwälder umschließen. Auf einer Stelle des felsigen Ufers steht ein freundliches Landhaus im Schatten uralter Linden; eine Mühle liegt im Grün versteckt am Wasser und das Geräusch ihrer Räder unterbricht allein die Stille. Die Hügel zu beiden Seiten sind mit lichtgrünen Birken und Eichen und dunkeln Tannen bedeckt und unter den Bäumen blühen rothe Nelken und wilde Maiblumen in Fülle. Wir ersteigen einen dieser Hügel und blicken von oben weit ins Land hinein, im Westen auf zerrissene Berge und Waldschluchten und im Osten auf eine Ebene, die sich mit maiengrünen

 

 

 

____
145 Umgebung von Zytomierz. Waldberge und Thäler.

 

Feldern und Wäldern bis in weite Ferne ausdehnt wie ein smaragdenes Meer, in dem die einzelnen Hütten und Dörfer wie weiße Segel in der Sonne schimmern. Viele Wege und Pfade winden sich durch das Grün und nahebei führt die große Landstraße nach Warschau, der meine Blicke folgen bis wo sie sich im Gold und Purpur des Abendroths verliert.

 

Weiter geht es dann zu Roß und Wagen durch Wälder, Berge, Felsenthäler, über kleine Flüsse und Waldbäche, auf ungebahnten Wegen, immer folgend der schönen unermüdeten Führerin. Hier und da liegen kleine Hütten, und erstaunt blicken ihre armen Bewohner dem Zuge nach, der plötzlich wie ein glänzender Traum durch ihre Stille Welt zieht. Die Abendröthe durchdringt den Wald und fließt wie ein Purpurstrom zwischen den dunkeln Stämmen; von einer Kapelle auf der Höhe klingt das Aveglöckchen gleich einem Engelsgruß hernieder. Endlich öffnen sich die Waldhügel und vor uns, jenseit des Flusses auf Felsen und Bergen liegt die Stadt mit durcheinandergestreuten Häusern, Gärten und Baumgruppen, mit den weißen hohen Thürmen der katholischen, und den grünen Kuppeln der russischen Kirchen – ein malerisch schöner Anblick. Den Fluß, der sich unten um die Felsen windet, beleben Fischerkähne und badende Kinder. Auf einer niedrigen Stelle gehen Equipagen und Pferde hinüber und selbst die engen Judenstraßen, durch die wir in die Stadt eindringen, sehen lustig aus im Abendsonnenschein. Die elenden Häuser, die Gruppen vor den Thüren, die spielenden Kinder, die strickenden Frauen, die handelnden Männer – Alles ist verschönert durch die Rosenfarbe des Abends.

 

So ist schön und flüchtig der Frühling vorübergezogen; jede verschwindende Freude wurde durch eine neue ersetzt; den Blüten der Obstbäume folgten die des Hollunders und Jasmins; dann glühten die Rosen in tausendfacher Pracht; nun duften die Weinreben,

 

Förster, Südrußland.

 

 

 

____
146 Aufenthalt in Volhynien,

 

die unser Haus umranken, und die Linden in allen Gärten der Stadt. Auch die Geselligkeit hat sich mit neuen Freuden geschmückt: Ende Mai versammelten die Electionen, die Wahlen der Adelsmarschälle, den größten Theil des Adels dieser und der Nachbarprovinzen in unserer Stadt. Von allen Seiten kamen die schwerbepackten Reisewagen herbei; alle Wohnungen der Stadt wurden in Beschlag genommen und theuer bezahlt. Schneider, Putzmacherinnen und Köche waren viel beschäftigt. Man glaubte sich durch die Menge der Equipagen, Reiter, Fußgänger und schnell improvisirter großer Kaufgewölbe plötzlich in eine große Hauptstadt versetzt. Feste reihten sich an Feste und das Interesse für diese vermischte sich mit dem für die Wahlen der neuen Marschälle, Präsidenten u. s. w.

 

An einem dieser schönen Morgen zogen die wählenden Herren in ihren Adelsuniformen in die katholische Kirche, wo Messe, Rede, feierliche Eidesleistung vor dem Generalgouverneur und bei alledem ein großes Gedränge stattfand. Auch in den Wahlsaal blickten wir einmal von der Galerie und hörten die Herren durcheinander rufen, stürmen, Ruhe erbitten, feurige Reden halten, applaudiren, pochen, einer den andern überschreien, sahen sie auf Stühle und Tische steigen und dachten uns dabei lebhaft die alten polnischen Königswahlen und fühlten, daß noch das Blut der Vorfahren in den Adern später Nachkommen rollte. Ebenso stürmisch soll es bei den großen Herrendiners hergegangen sein, die täglich die Wähler vereinigten und bei denen sie in der Wein- und Champagnerbegeisterung schneller zu ihren Beschlüssen kamen als bei den officiellen Verhandlungen.

 

Die hübschesten der Feste waren die im Freien, so z. B. ein Ball, den der abgehende Marschall Hr. v. V. in dem Birkenhain der Dombrowka gab. Die laue Mondnacht, in der man bis gegen Morgen in leichten Kleidern im Freien

 

 

 

____
147 Geselligkeit im Sommer. Theaterabende im Freien,

 

bleiben konnte, die Lampen, die das duftende Birkenlaub beleuchteten, die Pechfackeln am Eingange und in den Alleen, der helle Glaspavillon, der seinen Lichtglanz weit durch den Garten verbreitete und hinter dessen durchsichtigen Wänden man von fernher die Tanzenden schweben sah, die Musik, die von hier den Wald durchklang, die Gruppen der im Freien Wandelnden und Ruhenden, die geschmückten Tafeln unter den Bäumen, die um Mitternacht die Gäste vereinten, die bunte Fröhlichkeit – durch Lichter, Duft und Töne belebt – Alles war zauberisch schön!

 

Auch das Ballfest beim Fürsten Wassiltschikow hatte Haus und Garten zum Schauplatz, beides illuminirt, durch Gäste und Musik belebt und von lauer Nachtluft durchdrungen.

 

In demselben Garten fanden die von der Fürstin arrangirten Theaterabende statt. Die Bühne war auf einem Rasenplatz zwischen den Bäumen errichtet; die Sitze der Zuschauer umschloß ein grünes Dickicht von Linden, Buchen und Birken, deren einzelne Partien und hervorreichenden Aeste die überall vertheilten Lampen zauberisch beleuchteten. Es war eine italienische Nacht. Die Lampen brannten ruhig, kein Windhauch bewegte das Laub, Musik tönte in den Pausen durch die laue Luft und die Sterne blickten still auf das frohe Leben nieder. Bis nach Mitternacht dauerten diese Feste, schöne unvergeßliche Sommernachtsträume!

 

Einige mal sind wir in erster Frühe schon auf dem Klosterberg gewesen und haben die Sonne hinter den Waldhöhen aufgehen und die Morgennebel zerstreuen sehen. Auch in späten Abendstunden standen wir dort und sahen den Vollmond über den Bergen schweben und niederschauen auf sein glänzendes Abbild im Flusse.

 

Bis in die Kirchen ist der Sommer gedrungen; neulich zu Pfingsten waren sie alle in grüne Lauben verwandelt und

 

 

 

____
148 Aufenthalt in Volhynien.

 

auch außen die Pforten gleich den Thüren der Häuser und Hütten mit Birken und Ahornbäumen geschmückt.

 

Ebenso heiter war die Feier des Fronleichnamsfestes. Die Kathedrale auf dem Berge konnte nicht alle Andächtige aufnehmen und eine bunte Menge von Herren und Damen, geputzten Bürgern und Bauern drängte sich auf dem grünen Vorplatz im Schatten der alten Linden; Viele waren unter den Bäumen in Gruppen gelagert, beteten aus ihren Büchern, oder plauderten und genossen mitgebrachte Erfrischungen. Vier Kapellen waren längs der Mauern dieses Vorhofs aus Blumen und Zweigen errichtet und viele Betende knieten darin vor den kleinen Altären. Man hörte den Orgelklang aus der Kirche und mit ihm vermischt das Flüstern des Laubes. Endlich tönen die Glocken und aus der Kirche kommt die Procession. Unter lateinischen Gesängen ziehen sie von einem Altar zum andern und als die einförmigen ernsten Psalmentöne verklungen sind, als man den Vorhof voll Linden- und Weihrauchduft verläßt, fühlt man sich wie aus sanftem Traum erweckt und gibt sich ungern von neuem den lauten und bunten Eindrücken des Straßenlebens hin.

 

6.
Zytomierz, Ende August.

 

Eine Reise nach Podolien und ein kurzer Aufenthalt dort auf dem Lande hat eine neue Abwechselung in unser Sommerleben gebracht. In mehren Equipagen zogen wir durch das sommergrüne Land, das ich zuletzt so ganz anders in der traurigen Winterhülle gesehen hatte. Mit der herrlichen Natur contrastirten die kleinen schmuzigen Judenstädte, in welche nichts von des Sommers Reiz gedrungen war.

 

Die blauen Seen, die Birken- und Eichenwälder, die ihr schon kennt, hießen uns auch diesmal freundlich willkommen

 

 

 

____
149 Ausflug nach Podolien.

 

und der Garten empfing uns mit duftender Rosenpracht. Alle Freuden des vorigen Jahres genossen wir noch einmal in flüchtiger Wiederholung; wir fuhren auf dem See, an den Schilfinseln, den goldigen Nymphäen, den wilden Schwänen vorüber, suchten unsere Lieblingsplätze in den Wäldern auf und fanden uns überall bekannt, wie begrüßt von den Geistern hier verlebter schöner Stunden. Auch in die Nachbarschaft machten wir Ausflüge, an die einsamen waldigen Ufer des Bug, wo der Abendwind im hohen Schilfe seufzt und weiße Wasservögel über die dunkle Fläche gleiten und in die Steppe, wo nur Blumen und Vögel und Schmetterlinge leben und der Mensch sich nur da und dort eine kleine einsame Hütte gebaut hat,

 

So vergingen die Tage schnell, aber doch war ich froh, als uns das heimatlichere Volhynien wieder umgab mit seinen dunkeln Tannenwäldern, seinen schnellen Flüssen und seiner reizenden Abwechselung von Berg und Thal; denn wie lieblich und fruchtbar auch Podolien ist, doch ermüdet das ewige Einerlei der Seen und Wälder und die Wellenlinie thut wohl nach den immer gleichen Linien der Ebene.

 

Die vornehmen Bewohner der Stadt setzen ihr fröhliches Sommerleben fort. Bald ist ein enges Felsenthal, bald ein grüner Berghang der Salon, in dem sich die Gesellschaft versammelt. Ein solches Fest im Freien fand neulich auf dem schönsten Aussichtspunkte der Umgegend statt, auf einem Berge, der den Blick in drei verschiedene Thäler bietet, das eine gebildet von den grünen Höhen, auf denen ein Theil der Stadt und das Kloster liegt und zu deren Füßen der Teterew in lieblichen Windungen hinzieht, das andere von Felsen und Tannengründen umschlossen, und das dritte begrenzt von dunkeln Waldbergen, auf deren einem ein einsamer Kirchhof liegt, dessen Kreuze im Abendlichte schimmern.

 

 

 

____
150 Aufenthalt in Volhynien.

 

Alle diese Sommerfreuden werden durch das schönste Wetter begünstigt; vom April bis jetzt – Ende August – war ein Tag wie der andere sonnig heiter, alle Nächte lau und sternenklar; häufige kurze Gewitter erfrischen die Luft und die Erde, die noch fast maigrün ist. Auch unser Garten ist noch mit Glanz und Frische geschmückt; die Nachtigallen singen nicht mehr, aber andere Gäste beleben das Thal und wir erfreuen uns an den zierlichen Sprüngen der Eichhörnchen, die zwischen den Buchenästen auf- und niederklettern und die Menschennähe nicht fürchten.

 

So nahen die letzten Sommertage; es ist mir, als läse ich die letzte Seite in einem herrlichen Buche. Das Buch ist zu Ende – die Zeit ist vorüber; aber Das, was wir darin gelesen, Das, was sie in unsere Seele gelegt hat, bleibt als Nachklang ewig in ihr zurück.

 

7.
Zytomierz, vom September bis Anfang November.

 

Nicht von den feuchten trüben Herbsttagen und den melancholischen Stimmungen, die sie begleiten, will ich euch erzählen, sondern wie immer nur von den schönsten Stunden, die ja auch die Erinnerung viel lieber und sicherer festhält als die traurigen Momente. Nach lang anhaltenden Regengüssen kamen die sanften Tage, von denen Uhland singt, wo der Himmel in reinem Blau und die Erde in frischem Grün erglänzt. Wir beginnen von neuem unsere Spaziergänge auf den grünen Bergen und in den stillen Felsenthälern und sehen an dem goldenen Schimmer, der sich schon über die Wälder verbreitet, daß die Zeit vom Frühling bis jetzt doch nicht so kurz war, wie sie uns erschien. Immer entdecken wir neue schöne Punkte in der Umgegend. Neulich folgten wir dem Laufe der Kamionka, die sich unterhalb der Stadt in den

 

 

 

____
151 Herbstspaziergänge in der Umgegend von Zytomierz.

 

Teterew ergießt, und kamen in eine reizende Einsamkeit von Waldhöhen und Felsenklippen, in welcher das rauschende Flüßchen Leben verbreitet; rückwegs war es schön zu sehen, wie es aus der Einsamkeit ins helle Leben hinauszog, wie Häuser und Hütten sich in seiner Flut spiegelten, wie es Fischerkähne trug und lustig die Räder einer Mühle bewegte. Weiterhin umschlingt es die Bergklippe, auf welcher sich die Kathedrale und ein Theil der Stadt erhebt, und wir, die wir jenseits stehen, sehen mit Entzücken das schöne Bild – den dunkeln Felsen über den blauen Fluß, auf den er tiefe Schatten wirft, die hellen Gebäude zwischen dem regenfeuchten Waldgrün, Thürme, Kreuze und Fenster vergoldet vom Abendsonnenglanz, seitwärts Wälder von Tannen, deren Wipfel in Purpur getaucht sind, und ganz im Hintergrunde die Alpenwelt des Himmels – die Wolkenberge mit weißen, vom Abend roth umglühten Spitzen.

 

Ein andermal wanderten wir auf der einsamen, wild bewachsenen Fläche der Berge, welche das Teterewthal umschließen. Es war ein düsterer Abend; dunkel lagen die Wolken über der vom Haidekraut röthlich gefärbten Fläche, auf welcher einzelne Ziegen zwischen den umhergestreuten Felsenblöcken und einsamen Tannen weideten, die ihre schwarzen Arme gen Himmel streckten. Die Wolken senkten sich tiefer und ergossen sich endlich in Strömen und trieben uns über die öde Fläche, die nirgends eine Zuflucht bot; da war ein Rauchwölkchen, das aus einer Tannenschlucht am jenseitigen Abhange emporstieg, eine erfreuliche Erscheinung. Wir folgten ihm nach tief ins Dickicht des Waldes und sahen uns plötzlich vor einer reizenden Einsiedelei, wo uns deutsche Worte begrüßten. Ein biederer Oesterreicher hatte sich dies kleine Paradies mitten unter Wald und Felsen gegründet und bewohnte es mit seiner Frau und zwei Töchtern, die selbst wie schöne Blumen in der Wildnis blühten.

 

 

 

____
152 Aufenthalt in Volhynien.

 

Wir traten in das freundliche nach Schweizerart gebaute Haus und fühlten drinnen den Hauch stiller glücklicher Häuslichkeit und draußen auf den Balconen und hölzernen Galerien den Geist der Romantik und Poesie, dessen Stimme in den flüsternden Tannenwipfeln und im Rauschen des Waldstroms erklang. Der Regen hörte auf und Diamanten glänzten im Sonnenlicht auf allen Tannennadeln und Gräsern. Ehe wir schieden, sahen wir den kleinen Zaubergarten im Thalgrund hinter dem Hause, vom Walde verborgen, mit dessen Dunkel die tausendfache Farbenpracht der Georginen und verschiedenster seltener Blumen und Gewächse gar lieblich contrastirte; kleine Pfade winden sich durch diese glänzenden Blumenwälder, die sich in Terrassen bis zum jenseitigen Berghang emporziehen, zahme Rehe lauschen da und dort am Wege, eine Quelle sprudelt hell aus der Felsenwand, gleitet zwischen den Blumen hin und verliert sich im Gebüsch des Thalgrundes und ringsum blicken die schwarzen Tannen so ernst herein, als bewachten sie den Garten, der wie ein Wunder plötzlich in der Wildnis vor uns erblühte.

 

Manche schöne Nachmittagsstunden verlebten wir auch jetzt im Herbste auf den Felsenhängen des Teterewthales zwischen duftenden Kräutern gelagert vor den Bergen und Wäldern, und dem silberglänzenden Fluß und dem Kloster auf dem Felsen mit Kuppeln und flachen Dächern, von schlanken Pappeln überragt – Alles leuchtend lächelnd im Sonnenglanz, Alles so unaussprechlich heiter liebewarm wie ein Bild aus dem fernen Süden.

 

Oft brachten wir ganze Stunden in diesem schönen Felsenthale zu, saßen auf den Steinen am Wasser und hörten mit Lust sein Rauschen und das Flüstern des Windes in dem goldigen Laube der Birken und den Zweigen der wilden Rosensträucher, deren purpurne Früchte in der blauen Luft glänzen;

 

 

 

____
153 Spaziergänge im Teterewthal. Tatarische Traubenverkäufer.

 

dann gingen wir weiter in das Thal hinein, dessen Felsen sich bald dicht an den Fluß drängen, bald auseinandertreten und sich mit grünen Matten und Tannenwäldern schmücken, die von den Höhen bis zum Ufer niederziehen. Unsere Einsamkeit wurde selten gestört, da Niemand hier spazieren geht. Nur auf bekannten und gebahnten Wegen fährt man durch das Land und läßt sich nicht von seinen verborgenen Reizen locken. So hatten wir die Welt ganz für uns und theilten unsere Freuden höchstens einmal mit einem Trupp kleiner Gymnasiasten, die mit Schmetterlingsnetzen und grünen Botanisirbüchsen über die Berge ziehen und denen gewöhnlich ein Pfefferkuchen- oder Bretzelverkäufer in verführerischer Nähe folgt.

 

Alle seine Schätze bot der Herbst hier in Ueberfluß. Der Reichthum an Früchten ist unbeschreiblich; nicht alle sind in dieser Gegend gereift; man bringt sie vom südlichen Podolien und von weiter herbei; ganze Wagen voll Melonen und Wassermelonen wurden von den Bauern in die Stadt gefahren und für niedrigste Preise verkauft. Auch Tataren aus der Krim kamen und brachten köstliche dunkelblaue großbeerige Trauben, hochaufgethürmt in kleinen Wagen, vor denen die Männer mit den bräunlichen Gesichtern, den kecken dunkeln Augen saßen und mit unverständlichen Worten zum Kaufen luden und das kurze dolchartige Messer aus dem Gürtel zogen, um die aneinanderhängenden Trauben zu trennen.

 

Bei unsern Spazierfahrten kommen wir zuweilen durch deutsche Colonistendörfer, und ehe man die Herkunft der Bewohner ahnt, fühlt man sich wie in der Heimat, wenn man ringsum die netten weißen Hütten sieht mit bemaltem Gebälk und Fensterläden, mit wohlgehaltenen kleinen Gärten, Blumentöpfen vor den Fenstern und Bänken vor den Thüren, auf denen da und dort ein Alter mit einer Pfeife im Munde, eine Frau mit einem Strickstrumpf sitzt, neben denen kleine

 

 

 

____
154 Aufenthalt in Volhynien.

 

reinliche Kinder spielen. Auch im Innern sieht es nett und heimlich aus; nahe der Thür pickt eine alte Schwarzwälder Wanduhr; im Winkel steht eine buntbemalte Truhe; auf dem Fensterbret neben dem Geranium- und Lavendelstöcken liegt die alte deutsche Bibel und das Gesangbuch. Grüne irdene Krüge und Milchnäpfe stehen auf dem Sims, mit Sprüchen in deutscher Sprache verziert. So sorgsam, wie man diese Andenken aus der Heimat, welche die Urgroßältern einst ins ferne Land mitgenommen haben, bewahrt hat, so treu hat man auch ihre Sprache sich erhalten. Die meisten dieser Hüttenbewohner haben Deutschland nicht gesehen und wissen nur durch Tradition, aus welcher Gegend ihre Vorfahren kamen, und doch sprechen sie noch vollkommen den Dialekt dieser Gegend, sodaß man im ersten Gespräch mit ihnen die Schlesier, Schwaben, Sachsen u. s. w. erkennt.

 

Auch kleiden sie sich in ihre deutschen Trachten und nicht gleich den hiesigen Bauern, von denen sie ganz gesondert leben, sich nie mit ihnen verheirathen und zu denen sie durch ihren Fleiß, ihre Ordnungsliebe und Reinlichkeit einen auffallenden Contrast bilden.

 

Auch ihre Religion bleibt ihnen theuer, wie fern sie auch von Kirche und Prediger leben, und sie gehen meilen-, ja tageweit, um dann und wann einem deutschen Gottesdienste beizuwohnen.

 

Die hiesigen polnisch-russischen Bauern sehen geistvoller und lebhafter aus als die in Podolien; man sieht wahrhaft edle Physiognomien unter ihnen; auch sind viele von ihnen Schlachtschitzen –Adelige, die durch Armuth zum Bauernleben gezwungen sind.

 

In den letzten Herbstwochen war die Provinz in lebhafter Bewegung durch die großartige Revue, die bei Bjelo-Zerkiew, dem Gute des Grafen Branitzki, stattfand. Man hat uns viel

 

 

 

____
155 Vorbereitungen auf die Ankunft des Kaisers.

 

von den Bällen und Festlichkeiten, zu denen sie Veranlassung gegeben, und von der Gegenwart des Kaisers, die sie verherrlichte, erzählt. Auch Zytomierz hat dieser auf der Durchreise berührt und schon Wochen vorher machte man für diese Ankunft Vorbereitungen, die sehr praktischer Natur und vortheilhaft für Alle waren: man besserte die Landstraßen aus, pflasterte die Straßen der Stadt an vielen Stellen von neuem, schaffte alle Unreinigkeit fort, reparirte Brücken und Barrieren, gab Häusern und Geländern frischen Anstrich und befestigte auf jedem Dache die vom Gesetze gebotenen, aber hier und da dennoch fehlenden Feuereimer. So traut man dem Auge des Herrschers eine wunderbare Kraft zu, bis in die verborgensten Winkel zu schauen und alle kleinsten Mängel zu entdecken. Lange vor dem Tage, an welchem man seine Ankunft erwartete, zogen zahllose Menschen an der Straße hin und her, auf der er kommen mußte, Viele nur um das Angesicht ihres verehrten Zaren zu sehen, ihres „Väterchens“, wie ihn die Bauern nennen, eine große Zahl auch, um Bittschriften darzureichen.

 

Viele alte Frauen, die solche übergeben und den Augenblick der Ankunft nicht versäumen wollten, hatten sich ganz häuslich am Wege niedergelassen, ruhten des Nachts auf Kissen und Decken unter freiem Himmel trotz der feuchten Herbstluft und strickten am Tage auf ihrem Posten. Auch vornehme Damen hatten sich in Lehnsesseln nahe der Barriere placirt und erwarteten zu gleichem Zwecke, in gleicher Spannung, den wichtigen Moment.

 

Wenn man so viele Hoffende und Bittende sah und sich dachte, daß ein Wort, ein Federstrich so tausend heiße Wünsche erfüllen, so Viele beglücken konnte – dann schien es herrlich, ein Kaiser zu sein! Auch sollen viele dieser Bittschriften Erhörung gefunden

 

 

 

____
156 Aufenthalt in Volhynien.

 

haben, obgleich sie der Kaiser nicht in Zytomierz, das er des Nachts durchfuhr, sondern einige Tage später, in Kiew, empfangen konnte. Der Kaiser, dessen großartige Heldengestalt wir so gern wieder erblickt hätten, kam leider Nachts hier durch; seinen Sohn aber, den Thronfolger Alexander, der auch in diesem Herbst auf einer Reise nach dem Süden die Stadt berührte, sahen wir bei Tageslicht und in einem er greifenden unvergeßlichen Moment. Es war vor der katholischen Hauptkirche, wo sich die Geistlichkeit in feierlichen Gewändern zum Empfange des Herrschersohnes versammelte, den die russische Priesterschaft soeben in gleicher Weise vor der griechischen Hauptkirche begrüßt und gesegnet hatte. Die offene Reisekalesche des Großfürsten, dem eine einzige zweite folgte, hielt eben vor der Pforte des Vorhofs; der Bischof, ein ehrwürdiger silberhaariger Greis in langem weißen Gewand, trat heran und reichte segnend das Crucifix dem jungen schönen Manne, der sich im Wagen erhob und es mit beiden Händen inbrünstig umfaßte, es andächtig mit den Lippen berührte und darauf mit demuthsvoller Verneigung den Segen des Priesters empfing. Der graue Reisemantel war zurückgefallen und ließ die edle hohe Gestalt erkennen, und die Sonne, die eben durch die Wolken brach, beleuchtete ein schönes bleiches Antlitz und ließ uns in den ernsten, milden, geistvollen Zügen die Verheißung von Rußlands schöner Zukunft lesen.

 

Nach den freundlichen Herbsttagen, an denen wir von allen unsern Lieblingspunkten in der Gegend Abschied nehmen und Maigefühle haben konnten, wenn wir an sonnigen Morgen durch neubegrünte Felder fuhren, kamen die trüben Tage, wo rauhe Winde die letzten welken Blätter von den Bäumen wehten und die heimkehrenden Störche gleich schwarzen Wolken über uns hinzogen, wo dichter Nebel die Fernen verhüllte und uns eine Vorahnung von dem Schneegewand gab, das

 

 

 

____
157 Durchreise des Kaisers und des Thronfolgers. Letzte Herbsttage.

 

bald die Erde bedecken wird. Da kehrten jene Gedanken an Tod und Vergänglichkeit wieder, jene trüben Stimmungen, die wir jährlich von neuem durchleben. Aber auch sie werden vorübergehen und Auferstehungsgedanken und neue Jugendgefühle werden mit dem neuen Frühling wiederkommen – und wir danken Gott für dies stetige Gehen und Kommen in der Natur, diesen regelmäßigen Wechsel in der schönen Welt des Lichts und der Farben, für dieses Etwas, das uns sicher bleibt im Wandel unsers irdischen Daseins, in dem soviel dahingeht ohne Wiederkehr, soviel veraltet ohne neue Blüte!

 

_________________________

5.
Die Ukraine. Kiew.

 

1.
Kiew, Anfang März.

 

Seit einer Woche sind wir in Kiew, der originellen wunderbaren Stadt, von der eine Beschreibung nur schwer eine rechte Vorstellung geben kann. Schon ihre Lage zwischen dem Gebirge und der Steppe, durch welche der Dniepr seine mächtigen Wogen rollt, ist ganz eigen schön. Nicht eine einzige Stadt, sondern eine Vereinigung von Städten scheint sie zu sein, ein Chaos von Menschenwohnungen, auf den Höhen und kahlen Abhängen, in den Thälern und Schluchten verstreut. In jedem Stadttheil wird man an einen andern wunderbaren Ort der Welt erinnert. Tief unten, zu Füßen der Berge, auf einer Fläche, die sich wie eine Landzunge in den

 

 

 

____
158 Die Ukraine. Kiew.

 

blauen Strom erstreckt, liegt die niedere oder Thalstadt Podol (dol =Thal), mit ihren weißen und grünen Häusern, Kuppeln und Thürmen, ihren Gärten, Plätzen, Kais, ihrem Walde von Masten, die noch im Eise unbeweglich ruhen, ihrem Kranz von Klöstern, Kirchen und Häusern auf den Bergen im Hintergrunde amphitheatralisch erhoben – an Konstantinopel oder Neapel erinnernd.

 

Ueber dieser Thalstadt ragt auf den sonnigen Flächen kahler Berge das „Alte Kiew“ – Stare Kiew – empor, neu und glänzend trotz des Namens, mit zahllosen Gold- und Silberdomen, mit alten weißangestrichenen byzantinischen Kirchen und modernen großen Gebäuden von röthlicher Färbung, im griechischen Stil, mit auseinandergestreuten Gruppen neuer Häuser, mit jungen Anlagen und Gärten und weiten sandigen Strecken – eine Erinnerung an Edinburg oder Neu-Athen. Gegenüber diesen Höhen liegt das Petscherski, die Höhlenstadt (von petschera =Höhle, weil sich hier die Katakomben befinden), mit den neuen gelblich schimmernden Gebäuden der Citadelle, die in gothisch-normannischem Stile, mit zinnengekrönten Mauern und runden Thürmen, einzeln in weiten Zwischenräumen aufgeführt, mittelalterlichen Burgen gleichen, hinter denen sich als Contrast die alten byzantinischen Kirchen und Kuppeln und der hohe Thurm des alten Lawraklosters erheben, während im Vordergrunde reizende elegante Villen, Gärten, Baumgruppen die Abhänge bedecken und ein sonnig heiteres Bild von italienischem Charakter geben.

 

Zwischen diesen Bergen, in dem Thale, das sich zum Podol hinabzieht, liegt der vierte Stadttheil – Krestschatek – die Kreuzesstadt, die den heiligen Namen von der nahen Stelle am Strome hat, wo das erste Kreuz sich erhob und Wladimir die Taufe empfing. Sie sieht aber nicht geistlich aus, sondern gleicht mit ihren weißen schönen Gebäuden auf

 

 

 

____
159 Erster Eindruck von Kiew. Die vier Stadttheile u. s. w.

 

den Höhen, ihren hellen Häusern und Villen in der Tiefe, ihren Gärten, Bosquets und Springbrunnen einem freundlichen eleganten Badeorte, eine Aehnlichkeit, die erhöht wird durch die vielen Cafés, Conditoreien, Modeläden, Equipagen, die man hier, wo die vornehme Welt wohnt, vorzugsweise sieht.

 

So könnt ihr euch vorstellen, welche Fülle von Ansichten der Stadt und Aussichten über das Land jeder Schritt hier bietet. Am meisten fesseln meine Augen die goldenen, silbernen und grünen Kupeln, die glänzend von allen Höhen und Tiefen in den blauen Himmel emporragen. In Gruppen, gleich ganzen Wäldern, sind sie zusammengedrängt, oft funkeln sechs, acht bis zwölf über einer Kirche, ein Anblick, der noch tausend mal eigener und schöner ist, weil sich diese Kirchen nicht blos nebeneinander in der Ebene, sondern über-, untereinander auf den hohen und niedern Bergen erheben. Wie Christbäume mit goldenen und silbernen Früchten aus einer Weihnachtsbescherung ragen diese Kirchen mit ihren glänzenden Domen über die hellen Häuser mit den grünen Dächern in die blaue Luft empor. Alles sieht strahlend heiter aus wie bereitet für ein Fest. Alles erinnert an das Morgenland, nicht blos die Kuppeln und minaretartigen einzelnen Glockenthürme, auch diese lustigen Häuser oft mit flachen Dächern, mit Balkonen, Säulen, grünen Jalousien, nicht in regelmäßige Straßen gereiht, sondern malerisch zwischen Gärten und Bäumen durcheinandergestreut. Herrlich ist diese Weite, diese Freiheit, dies Athmen der Bergluft, dies Erblicken der Natur mitten in der Stadt! Keine engen Gassen gibt es hier, keine dunkeln Winkel und kellerartigen finstern Häuser, kein Versteck für das Laster, keine verborgene Höhle für menschliches Elend wie in andern großen Hauptstädten; die reine Luft durchdringt Alles; das klare Auge der Sonne sieht überall hin!

 

 

 

____
160 Aufenthalt in Kiew.

 

Eine Menge großartiger Privat- und Gouvernementsgebäude, häufig im griechischen Stil, zeichnen sich unter den übrigen aus und werden durch ihre Lage, meist auf freien Höhen, weithin gesehen. Alles ist so neu, wie eben aus der Erde emporgewachsen; man meint in einem frischen Frühlingsgarten zu gehen; selbst die Kuppeln scheinen heute zum ersten mal die Sonnenstrahlen widerzuspiegeln. Auch werden sie häufig neu vergoldet, wie auch alle Häuser jährlich neuen Anstrich erhalten.

 

Die größte Ordnung und Reinlichkeit schmücken die Stadt, uns doppelt auffallend nach einem langen Aufenthalt in Zytomierz. Unaufhörlich sieht man die Straßen kehren, leider freilich von Gefangenen mit rasselnden Ketten; kein Grashälmchen wächst zwischen den schmalen glatten Ziegeln, aus denen die Trottoirs zusammengesetzt sind.

 

Auf allen großen Plätzen sprudeln Brunnen und Fontainen, um die sich das Volk drängt, elegante Laternenpfähle und die kleinen Häuser der Boutschniks sind in regelmäßigen Entfernungen angebracht. Ueber den reichausgestatteten Magazinen steht häufig: „de Paris“, „de Vienne“, „de Pétersbourg“, u. s. w. Französische Tailleurs und Coiffeurs scheint es in Masse zu geben. Hier sieht man das attelage russe in vollem Glanze, zahllose reiche Equipagen, mit vier, sechs und acht schönen Pferden, mit Vorreiter und bärtigem Kutscher in altrussischer Tracht. Alles ist voll Eleganz und Reichthum, auch die Toiletten der Damen und der vielen hübschen Kinder, die man in den Straßen sieht.

 

Jetzt erst fühle ich mich in einem fremden Lande; hier erst ist das wirkliche Rußland, ja vielleicht nirgends so wie hier, in der Wiege seiner Religion, dem Ziele seiner Pilger, dem slawischen Rom. – Wohl verdient Kiew diesen Namen, auch wegen seiner Lage, seiner Umgebung. Dort die weite

 

 

 

____
161 Kiew, das slawische Rom.

 

unabsehbare unbewohnte Steppe, in deren Mitte die Stadt thront wie eine einsame Wüstenkönigin – das ist die Campagna, jene blauen Berge, mit manchem Kloster und Gemäuer gekrönt, sind die Albaner Berge – und wie die Ewige Stadt sich auf ihre sieben Hügel, so hat auch diese sich mit Kirchen und Häusern auf die kahlen Höhen gelagert. Hier wie dort hört man Tag und Nacht die Glocken von hundert Kirchen und Klöstern, hier wie dort ziehen unaufhörlich Pilgerscharen durch die Straßen und lagern vor den Kirchen und an den Brunnen, und hier auch wandeln aller Orten Nonnen und bärtige Mönche in dunkler Verhüllung, und um sich noch lebhafter in die Siebenhügelstadt zu denken, sieht man da und dort Bauern mit Körben am Arm und auf dem Rücken, in denen hochaufgethürmt Orangen glänzen, so goldig frisch, als wären sie in den einheimischen Gärten gepflückt.

 

Menschen, Sprache, Alles ist fremdartiger hier als in Volhynien. Ein bärtiges Volk umgibt uns, aber nur wenig Juden sind darunter; dafür sieht man Tataren, Kosacken, Tscherkessen, schwarzgekleidete Mönche und Nonnen in Menge, viel Militär und – als traurigste Erscheinung – viele Gefangene, die in die Festung transportirt oder von da zu den Straßenarbeiten herabgeführt werden, sodaß man ebenso viel Kettenklirren wie Glockenläuten hört. Wir bewohnen ein Haus im Krestschatek, gegenüber dem Kaiserlichen öffentlichen Garten, der sich mit Anlagen, Wald- und Baumgruppen auf den Höhen und in den Schluchten, die jenseits zum Dniepr hinab gehen, ausbreitet und im Sommer der Hauptspazierort der Stadt ist. Zwischen diesen Gartenhügeln zur Rechten und einem kahlen Bergrücken zur Linken, auf dem die katholische Kirche steht und das Stare Kiew beginnt, blicken wir auf den Dniepr und die Steppe jenseits, während wir mehr rückwärts auf unserer Seite das helle großartige Gebäude des

 

Förster, Südrußland.

 

 

 

____
162 Aufenthalt in Kiew.

 

Fräuleininstituts auf einer mit Gärten und Bäumen bedeckten Höhe über der Straße leuchten sehen.

 

Unter unsern Fenstern ist ein ewiger Lärm von Wagen, Pferden, Karren, Reitern, Militär, Bauern, Verkäufern, die mit lautem Rufe Eis und Kwas und Bäckerwaaren ausbieten. Bei jedem Schritt aus dem Hause umgeben uns neue Bilder, und um keines derselben zu vergessen, will ich euch von jedem bisjetzt hier verlebten Tage erzählen. Unser erster Ausgang führte uns nach dem Petscherski, zu dem wir aus der uns zunächstliegenden breiten, mit neuen Häusern und vielen Kaufläden eingefaßten Straße emporstiegen. Auch die Bergstraßen sind breit und von schönen Häusern und Gärten begrenzt, und rückwärts blickend sehen wir jenseits auf den Höhen die Gebäude der Universität und des Gymnasiums und viele goldene Kirchendome glänzen, während in der Tiefe und rings um uns die hellen Häuser wie weiße Blumen ausgestreut sind. Im Petscherski gehen wir durch regelmäßige Straßen zwischen schönen Häusern und Gärten bis an den Rand der Bergfläche und sehen weithin über die Steppe, die sich, in blauen Duft gehüllt, bis zum Horizont erstreckt. Wie ein Theil von ihr ruht der Dniepr noch erstarrt zu unsern Füßen; nur ein schmaler ungefrorener Streifen windet sich wie ein blaues Band am Rande hin. Neben uns erhebt sich eines der Festungsgebäude mit Thürmen, Zinnen, schmalen Bogenfenstern, einem hochgewölbten Thor, zu dem eine Zugbrücke über die Schlucht führt, welche die Höhe von einer andern trennt. Der Doppeladler schwebt über dem Portal, alle Ornamente, Säulenknäufe, die Brücke u. s. w. sind von Gußeisen – Alles neu, prächtig, großartig. Man fühlt hier und überall, daß man sich im Lande eines großen reichen Kaisers befindet. Von fern winkt über andern Festungsgebäuden emporragend das goldene Haupt des Lawrathurms, des höchsten im Reiche.

 

 

 

 

____
163 Das Wladimirmonument im Krestschatek.

 

Durch eine andere breite Bergstraße gehen wir wieder in das Krestschatek zurück, das mir beim Hinuntersteigen mit seinen Villen und Gärten und elegantem Leben wie Baden-Baden erschienen wäre, wenn nicht jenseits wieder auf andern Bergen die goldenen fremdartigen Kuppeln geglänzt hätten.

 

Am andern Morgen gehen wir in den Park gegenüber, dessen Sommerschönheit wir uns trotz der öden Alleen und der kahlen durchsichtigen Waldpartien denken können. Wir gehen bis an den Bergrand, wo man vom Balcon eines kapellenartigen Sommerhauses über die weite Steppe und den mächtigen Strom sieht, ein melancholischer Anblick trotz des Sonnenscheins, der Alles verklärt und beengend trotz der unendlichen Weite. „Alles ist so leer und einsam in ihr; man sieht kein Dorf, keine Spur menschlicher Wohnung, keine belebte Landstraße; wie eine plötzliche Erscheinung ruht das Podol, das wir mit seinen Thürmen und Kuppeln von hier zu unsern Füßen sehen, in der Einöde. Lange gehen wir auf den einsamen Pfaden bergauf bergab und sehen bald die anmuthigen Häuser des Krestschatek lächelnd vor uns liegen, bald die Goldkuppeln des Stare Kiew durch die kahlen Bäume glänzen. später spazieren wir auf einer breiten, großartig angelegten Straße, die in Windungen aus dem Krestschatekthal in das tiefergelegene Podol hinabführt. Rechts vom Wege zieht sich in Schluchten und Spalten der Berghang zum Dniepr nieder, und hier war es, wo Wladimir im Jahre 1000 hinab stieg und von griechischen Bischöfen die heilige Taufe empfing; hier war es, wo ihm, der Sage nach, das verlorene Augenlicht im Augenblick der Christenweihe wunderbar wiederkehrte, hier auch, wo seine Unterthanen von fern und nah sich sammelten und nach dem Beispiel und Gebet des Herrschers durch das Wasser des geheiligten Stromes für ein neues Leben geweiht wurden. Ein sehr einfaches altes Monument, ein unschöner schwerfälliger

 

 

____
164 Aufenthalt in Kiew.

 

Obelisk, der auf einem hallenartigen Unterbau ruht, unter welchem sich früher eine Art Taufbecken befand, und der auf seiner Spitze ein Kreuz trägt, bezeichnet die Stelle, wo die Sonne des Glaubens, der Bildung und religiösen Gesittung zuerst für Rußland aufging. Im Podol empfängt uns mehr Leben als in der übrigen Stadt, denn hier wohnen die Handwerker, die russischen Kaufleute, und Alles regt sich in Handel und Betriebsamkeit. Lastwagen fahren, Ambose und Hämmer dröhnen. Die Kaufleute mit bärtigen frischen freundlichen Gesichtern stehen, zum Kaufen ladend, an ihren großen Magazinen, in denen wenig elegante, aber wie es scheint sehr tüchtige Waare, besonders in Eisen und Leder, aufgehäuft ist. Die Straßen sind gerade und regelmäßig, obgleich viele Gärten die Reihen der Häuser unterbrechen, die hier bis an den Fuß des Berges, dort bis an den Dniepr gehen, dessen Nähe ihnen durch häufige Ueberschwemmungen gefährlich ist; in der Mitte der Stadt liegt ein weiter Marktplatz und wiederum in dessen Mitte der Bazar oder Gostinoi-Twor, ein großes, aus doppelten Reihen von Verkaufsläden und Hallen gebildetes Viereck, der Hauptmittelpunkt des Handels der einheimischen kiewer Kaufleute. Der Marktplatz für die Gemüse, Früchte und andern Landproducte befindet sich hinter diesem Kaufhause. Auch Klöster und Kirchen liegen zahlreich in der Mitte dieses bunten Lebens, alle von großen Vorhöfen umgeben. Wir treten in einen derselben, der zur Kirche der Bratzki gehört; es ist so still feierlich darin; Vögel zwitschern in den kahlen Bäumen; zur Seite ziehen sich Klostergebäude hin mit doppelten hochgewölbten offenen Galerien, in denen die schwarzen Gestalten der Seminaristen oder Mönche auf- und abwandeln; es sieht aus wie ein italienisches Kloster und hat früher den Jesuiten gehört. In der Mitte des Hofes steht die Kirche

 

 

 

____
165 Die Bratzki- und die Andreaskirche.

 

schweigend verschlossen; aber selbst die verschlossene Thür fesselt uns durch ihre goldenen Zierathen und die byzantinischen darein gefügten Malereien, unter denen ganz liebliche sanfte Engelsköpfe uns anlächeln. Nun steigen wir die Berge hinter dem Podol empor, mächtig gezogen von einer lieblichen Kirche, die schon während des ganzen Weges uns zu sich emporwinkte. Wie hingehaucht in die blaue Luft leuchtet sie auf der Bergesspitze, diese schöne Andreaskirche mit ihren fünf schlanken graziösen Thürmen, deren einer höchster sich inmitten der vier andern erhebt, und mit den einfach eleganten Ornamenten und leichten Kuppeln. Anmuthig luftig bildet sie einen Contrast zur schwerfälligen Bauart der andern Kirchen, die unter und neben ihr mit ihren massiven goldenen Domen ruhen, wie alte Königinnen in überladenem Schmuck neben einer lieblichen Fee. Alles an ihr, Formen wie Farben, ist einfach schön; zu dem weißen Gemäuer hat man ihr Silberkuppeln und Verzierungen aus dunkler Bronze gegeben. So schwebt sie wie eine weiße Taube, ein Bild des Friedens über der Stadt und ist das schönste, was wir bis jetzt in dieser gesehen haben. Auch ihre Lage ist eigenthümlich herrlich: von der Straßenseite sieht man sie auf dem Kloster stehen, das in den Berg hineingebaut ist, der sich auf der andern Seite mit Klippen und Spalten bis ins Podol hinunterzieht; eine breite prächtige eiserne Treppe führt von dieser Straße empor bis zu der ebenfalls mit Eisen belegten Plateforme, die das Dach des Klosters bildet und die Kirche umgibt. Diese Plateforme ist der schönste Aussichtspunkt in Kiew. Ueber uns liegt das heitere Podol, weiter der Strom und die Steppen; auf der andern Seite ziehen sich Berge mit Felsenhängen und Schluchten hin, die Spitzen sind mit Kirchen und Klöstern gekrönt, die Abhänge mit Häusern bedeckt und malerische Hütten in den kahlen oder waldigen

 

 

 

____
166 Aufenthalt in Kiew.

 

Thälern verstreut. Menschenbelebte Pfade winden sich die Höhe hinab und bis in weite Ferne sieht man Klöster und Kapellen auf den Bergen längs des Dniepr glänzen. Eine wahre Paradiesesluft umweht uns, der reine frische Hauch aus Osten! Die liebliche Kirche, unter der St.-Andreas begraben ist, hat keine Glocken, keinen eigenen Glockenthurm wie alle andern Kirchen, und heißt darum auch „die Klanglose“. In der Ferne aber und nahe unter uns läuten die Vesperglocken und die ganze Luft scheint von heiligen Klängen belebt.

 

 

 

Wir steigen hinab in die alte Kirche, aus der die mächtigen Töne klingen; es ist die der Sta.-Barbara, die zum Michaelkloster gehört, ein schwerfälliges Bauwerk, das einen Wald von Goldkuppeln trägt. Im Vorhof werden Heiligenbilder, Kreuze, Amulets verkauft und an dessen Mauern sehen wir alte Fresken, von denen die Zeit nur theilweise die neuern Malereien abgelöst hat, welche sie bis vor kurzem bedeckten. Es sind Gruppen von sterbenden Heiligen, trauernden Frauen und Männern, tröstenden Engeln; darunter manche zarte liebliche Köpfe, fast wie aus Bildern von Giotto und Fiesole. In der Kirche selbst herrscht dunkle geheimnisvolle Pracht; die Wände sind bis zur Wölbung mit Gold und Silber bedeckt; zwischen den phantastischen Arabesken sieht man von der Zeit geschwärzte, von Juwelen umgebene Heiligenbilder. Die einzelnen Lampen, die nur in ihrer Nähe einige Helle verbreiten, heben das Dunkel des übrigen Raumes noch mehr hervor. Gott scheint sich unter dieser geheimnisvollen Pracht zu verbergen. Noch schwärzer sind die Seitenkapellen, in deren eine wir treten, von feierlich düsterm Gesang gezogen. In der Mitte ist das Grabmonument der Heiligen, schwarzbedeckt, von goldenen Bogen überwölbt. Erst nach und nach gewöhnen sich unsere Augen an das Dunkel

 

 

 

____
167 St.-Barbarakirche. Mönche. Universitätsplatz.

 

und sehen an den vier Ecken des Katafalks vier Mönchsgestalten aus der Nacht hervortreten; Alles an ihnen außer die Gesichter ist schwarz, die Talare, die hohen Mützen, die Tücher oder Schleier, die von diesen herabwallen, die langen Haare, Bärte und die Augen mit dem eigenthümlichen fanatischen oder schwärmerischen Blick. Man meint zu träumen und in einer andern Welt zu sein, aus der alle Tagesgestalten, alles der Sonne Bek