Auszug aus Ferdinand Eichwede "Beiträge zur Baugeschichte der Kirche des kaiserlichen Stiftes zu Königslutter"

"BEITRÄGE ZUR BAUGESCHICHTE DER KIRCHE DES KAISERLICHEN STIFTES ZU KÖNIGSLUTTER

DISSERTATION ZUR ERLANGUNG DER AKADEMISCHEN WÜRDE EINES DOKTOR-INGENIEURS
EINGEREICHT VON DIPL.-ING. FERDINAND EICHWEDE
GENEHMIGT VON DER KÖNIGL. TECHN. HOCHSCHULE ZU HANNOVER
REFERENT:           PROFESSOR H. STIER
KORREFERENT:  PROFESSOR Dr. HOLZINGER

HANNOVER DRUCK VON CARL KÜSTER. 1904


MEINEN LIEBEN ELTERN IN DANKBARKEIT GEWIDMET

Inhaltsverzeichnis.
1) Einführung.
2) Die Arbeiten des Meisters Nicolaus.
    A. in Ferrara                                                                              pag.  3
    B. in Verona
        a. am Dom                                                                                     4
        b. an San Zeno Maggiore                                                                 5
    C. in Modena                                                                                      6
3) Königslutter.
    I. Skulpturelles                                                                                    9
        a. Bogenfriese                                                                               12
        b. Blattbildungen                                                                            13
        c. Säulenkapitäle                                                                            14
        d. Säulenschäfte                                                                             16
        e. Menschliche Figuren und Köpfe                                                   19
        f. Portallöwen                                                                                21
        g. Die Inschrift an der Apsis der Stiftskirche zu Königslutter               23
     II. Architektonisches                                                                         28
4) Schluss                                                                                             37

Einführung.
      Künstlerischen Studien in der Lombardei nachgehend,
wurde ich gelegentlich der Betrachtung des Hauptportales
am Dome zu Verona auf gewisse dort vorkommende Motive
aufmerksam, welche in augenfälliger Ähnlichkeit in dem
ornamentalen Schmuck der Stiftskirche zu Königslutter ent-
halten sind.
       Nähere Studien dieses reichgeschmückten Portales wie
der Umstand, dass es laut Inschrift bereits im Jahre 1135,
also vor der Begründung der Stiftskirche zu Königslutter
erbaut worden ist, ergaben die überraschende Gewissheit,
dass wir in den Details dieses Portales Vorbilder für gewisse
Schmuckteile der Stiftskirche zu Königslutter zu suchen haben,
und es lag die Vermutung nahe, dass der in künstlerischer
Vollendung in Niedersachsen einzig dastehende Formen-
reichtum der Stiftskirche zu Königslutter in seinem ganzen
Umfange auf lombardische Vorbilder zurückzuführen sei.
       In weiterer Verfolgung dieser am Domportale zu
Verona aufgefundenen, mit Königslutter verwandten Spuren
an anderen Kirchenbauten dieser Zeit, zunächst in Verona
selbst und sodann im nördlichen Italien überhaupt, fand ich


2
in San Zeno Maggiore zu Verona eine Reihe von Einzel-
formen, die als Ergänzung zu dem am Dom dort Gefundenen
mich nunmehr jedes Zweifels behoben, dass von hier aus
direkteste Beziehungen zu Königslutter bestanden haben
mussten. Weitere besonders interessante Resultate lieferte
dann der Dom zu Ferrara, indem ich hier nicht allein
wieder neue verwandtschaftliche Formen mit denen von
Königslutter vorfand, sondern auch zu der Überzeugung ge-
langte, dass die fraglichen Arbeiten dieser drei italienisclıen
Kirchen, sowie der ganze bildnerische Schmuck von Königs-
lutter, nur ein und desselben Meisters Werk sein konnten.
Schliesslich liess sich die Tätigkeit dieses Meisters noch an
den Domen zu Modena und Piacenza erkennen. An dem
erstgenannten Bau, anscheinend seinem frühesten Arbeits-
felde, können wir ihn jedoch nur als Gehülfen vermuten.


Meister Nicolaus.*)
        An den Domen zu Ferrara, Verona und San Zeno
Maggiore zu Verona finden wir bei den hier in Frage
kommenden Arbeiten Inschriften eingemeisselt, die in eigen-
artiger Weise auf die Tätigkeit ihres Urhebers Bezug
nehmen. Als „Meister Nicolaus, der dies herrliche Werk
vollbracht hat und den wir alle loben sollen" - mit
solchen und ähnlichen Lobeserhebungen verkündet dieser
eigenartige Künstler an den genannten Bauten seinen Namen
und sucht seine Mitmenschen und die Nachwelt von dem
Werte seiner Leistungen in naiv origineller Weise zu über-
zeugen.
       Als frühestes Werk, an welchem die Tätigkeit des
Meisters Nicolaus durch Inschrift gesichert ist, müssen wir
den grossen Portalbau am Dom zu Ferrara ansehen. Ob
der als Baumeister der Kirche genannte Meister Nicolaus

*) Die Tätigkeit des Meisters Nicolaus in ltalien soll hier nur in-
soweit berücksichtigt werden, als es für das Verständnis der nachfolgenden
Betrachtungen erforderlich ist. Eine ausführliche Abhandlung über die
Arbeiten dieses Meisters bringt Zimmermann in „Oberitalische Plastik im
frühen und hohen Mittelalter, Verlag von A. G. Liebeskind, Leipzig 1897.

4
aus Ficarolo identisch ist mit unserem Meister Nicolaus, mag
dahingestellt bleiben; jedenfalls - und das ist für uns besonders
wichtig - ist der gesamte bildnerische Schmuck dieser Kirche,
selbstredend nur soweit der alte Bau noch vorhanden ist,
allein sein Werk und zum mindesten auch der Aufbau der
beiden grossen Löwenportale, die sich an der West- und
Südfront erheben (letzteres ist jetzt abgebrochen).
Aus der Inschrift am Westportale:
„ANNO MILLENO CENTENO TER QUOQUE DENO
QUINQUE SUPERLATIS STRUITUR DOMUS HEC
                                                PIETATIS
ARTIFICEM GNARUM QUI SCULPSERIT HEC NICO-
                                                LAUM
HUC CONCURRENTES LAUDENT PER SECULA
                                                GENTES“.
(Im Jahre eintausend einhundert dreissig
und noch dazu fünf wird erbaut dies Gotteshaus.
Den kundigen Künstler Nicolaus, der dies ausgehauen hat,
mögen alle Menschen, die hier zusammenkommen, durch
                                                Jahrhunderte loben.)
entnehmen wir den Abschluss seiner dortigen Tätigkeit mit
dem Jahre 1135.
            Wir müssen annehmen, dass nach Vollendung dieser
Arbeiten der Meister nach Verona übergesiedelt ist, wo ihm
bei den Umbauten des Domes und San Zeno Maggiore's,
die in diesen Jahren ausgeführt sein sollen, erneute Be-
schäftigung zuteil wurde.
            Der gewaltige Portalbau des Domes zu Verona, dessen
Erbauung dem Meister Nicolaus gelegentlich der Erweite-
rung des Domes gesondert übertragen zu sein scheint, zeigt


5
im Aufbau wie in den Details im wesentlichen dieselben
Formen wie das grosse Westportal des Domes zu Ferrara.
Die Freude am Ornamentieren der Bauglieder, ja aller
Flächen, tritt hier noch stärker hervor als dort, doch zeigt
sich hie und da schon mehr Klarheit und Zusammen-
hang in der Komposition der zur Darstellung gelangten
Szenen. Übrigens scheint die Errichtung dieses Portales mit
gewisser Hast betrieben zu sein, wenigstens hat der Meister
sich dazu verstanden, Werkstücke eines älteren Baues wieder
zu verwenden; besonders auffällig tritt uns dies bei den
zur Einwölbung des grossen unteren Tonnengewölbes zu-
sammengetragenen ornamentierten Friesstücken entgegen. -
Auch hier wieder eine Inschrift des Meisters, dessen Wort-
laut mit der zweiten Hälfte derjenigen des Domes zu Ferrara
wörtlich übereinstimmt:
„ARTIFICEM GNARUM QUI SCULPSERIT HEC NICO-
                                                   LAUM
HUC CONCURRENTES LAUDENT PER SECUIA
                                                   GENTES“.
An diese Arbeit wird sich vermutlich der Portalbau
von San Zeno Maggiore unmittelbar anschliessen. Wiederum
wird ihm hier die Ausgestaltung des Portalbaues an der
Westfacade anvertraut, der mit Recht als ein Meisterwerk der
Bildhauerkunst jener Tage weit und breit genannt wird.*)

*) An den seitlich des Portales befindlichen Figurenfeldern, auf
denen Szenen aus dem alten und neuen Testamente, sowie aus der
Tlıeoderich-Sage dargestellt sind, nennt sich ausser Meister Nicolaus noch
der Meister Wiligelmus. Ob dieser, wie von verschiedenen Seiten an-
genommen wird, mit dem am Dome zu Modena durch Inschrift ge-
nannten Meister Wiligelmus identisch ist, erscheint mir zweifelhaft.


6
Die Inschriften des Meisters Nicolaus im Tympanon und an
einer Darstellung des rechten Figurenfeldes lauten:
„ARTIFICEM GNARUM QUI SCULPSERIT HEC NlCO-
                                                   LAUM
OMNES LAUDEMUS CHRISTUM DOMINUMQUE RO-
                                                   GEMUS
CELORUM REGNUM SIBI DONET UT IPSE SUPERNUM“.
         (Den kundigen Künstler Nicolaus, welcher dies aus-
gehauen hat, lasst uns alle loben und Christum den Herrn
bitten, dass er selbst ihm das himmlische Reich schenken
möge.)
„HlC EXEMPLA TRA(H)l POSSUNT LAUD(I)S NlCOLAl“.
         (Hier kann man Beispiele für den Ruhm des Nicolaus
gewinnen.)
          Ausser diesem glänzend ausgestatteten Portalbau sind
ohne Frage von unserem Meister die bei der Verlängerung
des Langhauses erforderlich gewordenen vier Kapitäle aus-
geführt, die den herrlichsten Skulpturenschmuck im Inneren
der Kirche bilden. Schwerlich wohl vermag Italien diesen
Arbeiten in der Blütezeit der romanischen Kunst etwas
Gleiclıwertiges an die Seite zu stellen. - Im Jahre 1139
scheint der Umbau von San Zeno vollendet gewesen zu sein.
         Neben diesen drei grossen Werken des Meisters Nico-
laus, an denen seine Arbeit durch Inschriften gesichert ist,
habe ich noch am Dome zu Modena ornamentale Arbeiten
gefunden, die meines Erachtens seiner Hand zuzuschreiben
sind. Was der Meister hier geschaffeıı, ist ohne weiteres
nicht zu ersehen; wohl aber vermögen wir Rückschlüsse zu
ziehen, indem wir seine späteren Arbeiten, besonders die in

7
Ferrara und Verona, mit den Bildhauerarbeiten des Domes
zu Modena vergleichen. Wenngleich seinen späteren Leist-
ungen gegenüber das, was uns hier als seine Arbeiten an-
spricht, noch unreif und schülerhaft erscheint, so besitzen
diese doch schon vieles von der selbständigen Auffassuııg,
die seinen späteren Schöpfungen eigen ist. Dem damals
jedenfalls noch jungen Bildhauer hat man im wesentlichen
die Ornamentierung der Kapitäle an der äusseren Gallerie
zugewiesen. Ferner dürfte ihm die Ausbildung oder wenig-
stens doch die Ornamentierung des Südportales zuzuschreiben
sein; jedenfalls ist diese Anlage für seine späteren grossen
Portalbauten in Ferrara und Verona vorbildlich gewesen.
        Sowohl die genannten Kapitäle, wie die Säulen an den
Laibungen des Südportales zeigen unverkennbare Überein-
stimmungen mit gleichen Teilen der Dome zu Ferrara und
Verona (vergl. Tafel V, Abbildung 4 und 6

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und Tafel VI, Abbildung l, 2 und 3;

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a, b und c), ferner deuten die Köpfe
Tafel VIII, Abbildung 7 und 8, wie auch 10 und 11 auf die
Hand desselben Meisters hin. (Vergl. auch die Profilbildungen
Abbildung 5 des Textes.)
        Die am Dome zu Modena erwähnte Jahreszahl 1099
dürfte den Beginn der Umbauten am Dome bezeichnen,
sodass wir die Erstehung seiner Arbeiten hier in die erste
Zeit des zwölften Jahrhunderts zu setzen haben.*)

*) In Handbüchern werden bei Besprechung des Domes zu Modena
als Meister der dortigen Skulpturen Wiligelmus und Nicolaus genannt,
auch auf Abbíldungen des Domes finden wir beide Namen verzeichnet;
doch habe ich den Namen „Nicolaus“ in einer Inschrift nicht feststellen
können.

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Gewisse Beziehungen zu den Arbeiten des Meisters
Nicolaus haben ohne Frage auch die beiden Nebenportale
des Domes zu Piacenza, doch stehen diese Arbeiten nicht
auf der künstlerischen Höhe der hier besprochenen Portal-
bauten, sodass wir sie nicht als eigene Sclıöpfungen unseres
Meisters anzusprechen vermögen.


Königslutter.

I. Skulpturelles.
          Unser Pfad führt uns nunmehr nach Königslutter.
          Bei Anerkennung meiner vorstehenden Darlegungen
werden die über die Entstehungszeit der Stiftskirche und
insbesondere ihrer Ornamentik bisher geltenden Annahmen
eine erhebliche Verschiebung erfahren müssen.
          Da die Entstehungsgeschichte der Stiftskirche zu Königs-
lutter in der zweiten Abteilung dieses Abschnittes behandelt
werden soll, sei hier nur darauf hingewiesen, dass die Da-
tierung der Ornamentik gegen das Ende des 12. Jahrhunderts,
wie bisher geschehen, unhaltbar wird, weil wir mit dem
Lebensalter des Meisters Nicolaus zu rechnen haben, und
dieser bereits zu Anfang des 12. Jahrhunderts als Bildhauer
am Dome zu Modena tätig gewesen ist. - Er wird dem-
nach um die Mitte des 12. Jahrhunderts bereits ein Greis
von etwa 70 Jahren gewesen sein müssen.
         Gelangen wir aber zu der Überzeugung, dass wir auch
die ornamentale und bildnerische Ausgestaltung der Kirche
zu Königslutter unserm Meister zu danken haben, so müssen
wir annehmen, dass er bald nach Vollendung seiner Ar-
beiten in Verona nach Königslutter übersiedelt ist und dort
während der nächsten Jahre gearbeitet hat. - Die Ent-

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stehungszeit der Ornamentik der Stiftskirche zu Königslutter
wird danach um etwa 40 Jahre früher als bisher zu da-
tieren sein.
          Nun zu seinem Werke selbst.
          Es scheint, dass der Meister, während der Bau der
Stiftskirche bereits iın Entstehen war, nach Königslutter be-
rufen worden ist, um diesen bedeutendsten niedersächsischen
Kirchenbau der Zeit, jene Stiftung Kaiser Lothars, mit reichem
bildnerischen Schmuck zu versehen. Freilich, die nüchternen
Bruchsteinwände einer niedersächsischeıı Basilika boten ihm
dazu wenig Gelegenheit. Weit bescheidener als bei den
italienischen Bauten waren hier die Dimensionen, besonders
mangelte es sehr an der Höhenentwickelung. Ihm fehlte
der schöne Veroneser Marmor; statt dessen stand hier allein
ein stark löcheriger grobstruktierter Kalkstein zur Verfügung,
in allem galt es also sich anpassen und einschränken. Der
Wert der Arbeiten musste auf wenige Einzelheiten konzen-
triert werden.
            Der Glanzpunkt der Stiftskirche zu Königslutter, ja das
Glanzwerk unseres Meisters überhaupt, ist seine Ausgestaltung
der Apsis, insbesondere der grosse Bogenfries. Vermissen
wir an seinen früheren Werken wohl mehr oder minder
den grossen einheitlichen Zug in der Komposition, und
ınacht sich an Stelle dessen der Hang zu äusserlicher
Dekoration geltend, so erleben wir hier eine künstlerische
Steigerung, die in klarbewusster Durchführung eines sinn-
reichen Grundgedankens, wie in massvoller und harmonischer
Verteilung der Ornamentik zur glatten Fläche, sich als eine
besonders abgeklärte Schöpfung darbietet. Ziehen wir dazu

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das hohe technische Können, ein für damalige Zeit ausser-
ordentliches Formengefühl und vor allem eine solch glänzende
stilistische Auffassung des Meisters mit in Betracht, so müssen
wir uns hier zu einem Werke bekennen, dass sich zu einer
der vollendetsten Schöpfungen der romanischen Stilepoche
erhebt. ln dem künstlerischen Werdegange des Meisters
bedeutet dieses Werk zweifellos den Höhepunkt. Eine
Steigerung erscheint hier, abgesehen von kleinen, für den
Gesamtwert der Arbeit aber völlig unerheblichen Un-
beholfenheiten, kaum noch möglich.
           Es ist begreiflich, dass Kunstforscher, denen ein An-
halt über die Herkunft dieses Werkes fehlte, eine solche
ausgereifte Schöpfung in die späteste Zeit des romanischen
Stiles datierten, und somit deren Entstehungszeit an der
Schwelle des 13. Jahrhunderts allgemein anerkannt worden ist.
           Als weitere Arbeiten unseres Meisters an dieser Kirche
koııımen noch in Betracht das Löwenportal, ein Werk von
gleich künstlerischem Werte wie der herrliche Bogenfries,
eine stattliche Reihe reicher antikisierender Kapitäle im
Innern der Kirche, die mit reichen Akanthusblattrosetten
geschmückten Schlusssteine der Gewölbe und ferner der
doppelschiffige Kreuzgang am südlichen Seitensclıiff, der
sich einer hohen Berühmtheit erfreut.
           Auf den nachfolgenden Tafeln sind die uns interes-
sierenden Einzelformen der fünf in Frage kommenden Bauten
zusammengestellt, um einen genauen Vergleich zwischen den
italienischen und den Arbeiten zu Königslutter im einzelnen
durchführen zu können, und damit den Beweis für die Richtig-
keit meiner im Vorstehenden dargelegten Auffassung zu
erbringen.

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Die Tafeln I und II zeigen den grossen Bogenfries an
der Apsis zu Königslutter und einen nämlichen vom Portale
des Domes zu Verona.

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           Schon die Wiederkehr derselben, am Domportale zu
Verona zum Ausdruck gebrachten Idee, die Darstellung eines
Jagdzuges in den Öffnungen eines Bogenfrieses, ist auffällig
genug, um sofort an Königslutter erinnert zu werden; eine
Betrachtung der Einzelheiten dieses Frieses aber erbringt
bereits den augenfälligsten Beweis, dass zwischen diesen
Werken direkteste Beziehungen bestanden haben müssen.
Wir finden an beiden Friesen den auf dem Horn blasenden
Jäger, den verfolgenden Hund, den gejagten Hirsch und den
vom Hunde gepackten Hasen.
           Es sei hier erwähnt, dass unser italienischer Meister
ähnliche Darstellungen einzelner jagender und gejagter Tiere
an seinen beiden Portalbauten in Verona wiederholt ange-
bracht hat; auch diese tragen mehr oder minder denselben

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Abb. 1. Domportal zu Verona

 

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Einfügung: Aufnahme durch Otto Kruggel 1982 am Domportal zu Verona

 

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Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv Foto 2012

 

 

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Abb. 2. Domportal zu Verona



Ausdruck wie die der beiden Friese. - In den Abbildungen
1 und 2 des Textes sind zwei dieser Tiere vom Domportale
zu Verona, ein Hund und ein Schwein, dargestellt, die beide
des Vergleiches mit Königslutter besonders wert sind.

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Abwechselnd mit den Tierdarstellungen sind die Bogen-
felder der Friese durch reichausgebildete Rosetten geschmückt,
die der Meister schon am Dome zu Ferrara, wie auch an den
beiden Portalen zu Verona, ınit Vorliebe verwendet hat (vergl.
hierzu noch die Abbildung 3 des Textes).

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Abb. 3.         (Ferrara.)                                    (Verona.)                                  (Königslutter.)

 

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Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv, Foto 2012

 


           Hervorgehoben seien auch die in den Bogenzwickeln
des Veroneser Frieses aus gewundenen Stielen hervorwachsen-
den Blätter und die fast genau gleichen Blattbildungen in den
Pilasterkapitälen zu Königslutter.
           Besonders frappierend erscheint ferner die Anbringung
der Inschriften, die in beiden Fällen über den Bögen des
Frieses hinlaufen. Näheres über die Inschrift zu Königslutter
am Sclılusse dieser Betrachtung.
           Auf den folgenden Tafeln III, IV und V findet sich
eine Reihe akanthisierender Blattformen. Zunächst sei über
deren charakteristische Eigentümlichkeit einiges vorausge-
schickt. (Vergl. hierzu Abbildınıg 4 des Textes.)


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                 a                                  b                                  c                                   d

Abb. 4.

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          Offenbar zur Erreichung einer kräftigen Wirkung hat
der Meister zunächst ein dickfleischiges, ungegliedertes, in
Abbildung 4a dargestelltes Kernblatt angeordnet an
dessen Unterseite sich das eigentliche Blatt anschmiegt (Ab-
bildung 4b). Häufig ist dann das Kernblatt auf seinem
Überfall mit einer Mittelrippe versehen, wie in Abbildung 4a,
oder es wird auch dieser von einem meist palmenförmig
gestalteten Blatte überdeckt (vergl. Abbildung 4c). In diesem
Falle tritt das Kernblatt dann nur durch seine glatte Kante
in die Erscheinung.
          Schliesslich kommen noch Beispiele vor, bei denen
das Kernblatt zwischen den beiden umhüllenden Blättern
weggearbeitet ist, sodass anscheinend ein Hohlraum zwischen
letzteren gebildet wird (vergl. Abbildung 4d).
Wir finden diese Blattbildungen in Ferrara, Verona
und Königslutter, während Modena noch die sonst allgemein
üblichen Formen aufweist. - Die in Abbildung 4d dar-
gestellte Blattform findet sich nur in San Zeno zu Verona
und in Königslutter.
          Beim Vergleich der zusammengestellten Blattformen
sei noch auf die in Tafel III Abbildung 1 und 3 (Königs-
lutter) wiederkehrenden Halbblätter hingewiesen, ferner
auf ein die Mittelrippe des Akanthusblattes überdeckendes
schmales Blatt in den Abbildungen 5, 7 (Verona) und 8
und 9 (Königslutter) der Tafel III.
          Auf Tafel IV ist neben den Blattforınen in erster Linie
die Komposition der Kapitäle der Betrachtung wert, auch
auf den durch einen Blattkranz verzierten Wulst in Abbildung 3
(Ferrara) und in Abbildung 2 (Königslutter) sei besonders

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aufmerksam gemacht. Das fähnchenartige Blatt (a) in Ab-
bildung 8 (Königslutter) kehrt auf Tafel V in Abbildung 1
(San Zeno, Verona)

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-1-Verona-S-Zeno-IMG-8595-Foto-2013.jpg

und Abbildung 3 (Königslutter) wieder.
          Tafel V zeigt uns zunächst in den Abbildungen 1, 2
und 3 eine Gruppe akanthisierender Blattkapitäle, bei denen
über die Eckblätter stilisierte Tierköpfe hervorluken.
          Bei der in den Abbildungen 4, 5, 6,

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7 derselben Tafel
zur Darstellung gebrachten Gruppe von Kapitälen scheint
der Meister, von ähnlicher ldee ausgehend wie bei der
Bildung des besprochenen Akanthusblattes mittels eines
Kernblattes, durch Zusammensetzung vier solcher Kernformen
zur Entwickelung eines neuen interessanten Kapitäles ge-
langt zu sein. Die den Domen zu Modena, Ferrara und
Verona und der Stiftskirche zu Königslutter entnommenen
Kapitäle lassen in dieser Reihenfolge die Ausreifung dieser
ldee gut erkennen. Der ursprüngliche Gedanke der vier
dickfleischigen Kernblattformen, der diesen Kapitälen die
charakteristische Gestalt gibt, tritt an dem kleinen Kapitäl
vom Dom zu Modena. Abbildung 4 Tafel V,

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-4-Modena-Dom-IMG-5864-Foto-2013.jpg

noch unverhüllt in die Erscheinung. In Ferrara, Abbildung 6 Tafel V,

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dagegen erkennen wir an Stelle des Kernblattes nur noch
dessen Form, die unter den vier Seiten der Kapitäl-Deck-
platte weit herausquillt, in den Diagonalansichten tiefe Kerben
bildet und durch dreimal vier Blätter gänzlich umhüllt ist.
Klarer noch tritt uns des Meisters ldee in den fast ganz
übereinstimmend gestalteten Kapitälen am Dom zu Verona
und an der Stiftskirche zu Königslutter entgegen (Abbildungen 5

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-V-Abb-5-Verona-Dom-IMG-7902-Foto-2013.jpg


und 7 Tafel V). Der Hauptunterschied zwischen diesen
und dem Kapitäle zu Ferrara besteht in der reicheren Aus-

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bildung der grossen, die vier Kerben ausfüllenden Palmen-
blätter. In Ferrara finden wir unter diesen noch selbst-
ständige Kernblätter vor, deren Ueberschläge in die Er-
scheinung treten, während bei den beiden späteren Bei-
spielen in Verona und Königslutter die Spitzen der Palm-
blätter selbst nach aussen umgeschlagen sind und zur Aus-
füllung der hartwirkenden Kerben eine besonders kräftige
Ausgestaltung erfahren haben.
            Neben reicher Erfindungsgabe verrät der Meister ein
fein künstlerisches Gefühl in der Gestaltung dieser Kapitäle
als tragendes Element. Einen ganz besonderen Ausdruck
findet dieses noch dadurch, dass er den italienischen Kapitälen
in Rücksicht auf die dort vorwaltenden schlankeren Ver-
hältnisse flüssigere und leichtere Formen gibt, während er den
gedrungeneren Verhältnissen und den anscheinend grösseren
Belastungen in Könígslutter durch gedrungenere Gestaltung
der Kapitäle Rechnung trägt. Dass der Meister an diesen
Kapitälbildungen einen besonderen Gefallen gefunden hat,
und sich des Wertes seiner Leistungen voll bewusst ge-
wesen ist, bezeugt er dadurch, dass er allein in Königslutter
viermal dasselbe Kapital wiederholt hat. Ohne Zweifel ge-
hört diese Gruppe der Kapitälbildungen zu dem Reizvollsten
was die romanische Kunst je geschaffen hat, vor allem aber
liefert sie uns den untrüglichsten Beweis für die Identität
ilırer Urheber.
            Wir betrachten nun die Säulenschäfte.
            Eine ganz besondere Gelegenheit zur Ausbildung und
Schmückııng dieser Bauglieder hat sich unserm Meister bei
der Ausgestaltuııg der grossen italienischen Portalbauten der
Dome in Modena, Ferrara und Verona geboten.

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            ln den Abbildungen 1, 2 und 3 der Tafel VI sind
Teile der Portallaibungen der drei genannten Dome wieder-
gegeben, deren Säulenschmuck wir in ganz gleicher Weise
an den vier Säulenschäften, Abbildungen 4, 5, 6 und 7
Tafel VI, des Kreuzganges zu Königslutter wieder begegnen.
Die über den Abbildungen 4, 5, 6 und 7 angebrachten
Buchstaben a. b. c. d. entsprechen den mit den gleichen
Buchstaben bezeichneten vier, in den Abbildungen 1, 2 und 3
Tafel VI vorkommenden Typen.

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- Die Typen a und b
finden wir auch an dem Löwenportale zu Königslutter.
            Besonders bemerkenswert ist auch hier die Wiederkehr
charakteristíscher Einzelheiten. So sei auf den am Fussende
der Säule, sowohl in Verona wie in Königslutter vor-
kommenden Blattkranz der Abbildungen 8 und 9 Tafel VI

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VI-Abb-8-Verona-Dom-IMG-7870-Foto-2013.jpg


hingewiesen, weiter auf das im Typus b an den italienischen
Bauten wie auch in Königslutter auftretende, in die Kehle
gelegte Blatt und das am Fusse der Säule befindliche kleine
halbellipsenförmige Plättchen im Typus a.
                Anmerkung: Der Säulenschaft, Abbildung 7 Tafel VI,
ist heute nicht mehr in Königslutter vorhanden. Die Zeichnung
ist einem alten, jedenfalls vor Restaurierııng der Kirche an-
gefertigten, im Besitze des Herrn Th. Massler zu Hannover
befindlichen Relief entnommen.
            Es sei hier noch einiger bemerkenswerter Details ge-
dacht, die in Abbildung 5, Seite 18 des Textes wieder-
gegeben sind.
            In besonders charakteristischer Weise behandelt unser
Meister die figürlichen Schmuckformen.
            Sowohl sein Tierornament wie die Darstellung mensch-
licher Köpfe und Figuren sind Schöpfungen von hoher

18
stilistischer Reife. Die individuelle Schaffenskraft tritt uns in
ihnen in hervorragendem Masse entgegen und verleiht diesen



tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.5.jpg

Abb. 5.

Arbeiten einen hohen Reiz. ln der Komposition höchst
originelle und phantastische Tierbilder, die sich in reiz-
vollster Linienführung miteinander verschlingen, zeigt uns
Tafel VII.

19
Auch hier begegnen wir der gleichen typischen Aus-
bildung sowohl an den in Frage stehenden italienischen
Bauten wie an der Stiftskirche zu Königslutter: ein schlangen-
artiger Rumpf, geflügelt und mit zwei Beinen behaftet, ein
Hundekopf, etwa dem eines Terriers gleichend, sind die
charakteristischen Bestandteile dieser seltsamen Tiergebilde.
           In wenigen Fällen nur finden wir an Stelle des Hunde-
kopfes den eines Löwen in stark stilisierter Form. Hals und
Schwanz sind meist durch Schuppen oder Rippen mit Perl-
schnüren verziert; einen ähnlichen stilistischen Schmuck
weisen die Flügel dieser Tiere auf.
          Charakteristisch ist auch die Verschlingung der Tiere
untereinander. Besonders gern umschlingen sie sich mit
ihren Hälsen, so in den Abbildungen 3, 7 und 8 am Dom
zu Ferrara,

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VII-Abb-3-Ferrara-Dom-IMG-7280-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VII-Abb-7-Ferrara-Dom-IMG-6798-Foto-2013.jpg

in Abbildung 1 in San Zeno zu Verona

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VII-Abb-1-Verona-S-Zeno-IMG-8613-Foto-2013.jpg

und in gleicher Weise in Königslutter in den Abbildungen 4 und 6.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VII Abb.4.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang   entspr.Tafel VII Abb. 4   Foto 2012


          Auf Tafel VIII ist eine Anzahl menschlicher Köpfe dar-
gestellt; auch in ihnen zeigt sich bei den italienischen
Arbeiten wie in Königslutter ein gleicher phantastischer
Zug. So finden wir in den Abbildungen 3 und 4 dieser
Tafel zwei höchst eigentümliche Köpfe in Ferrara und Königs-
lutter, widderartige Hörner tragend; ein Motiv, dem wir in
dieser Zeit schwerlich anderen Orts noch begegnen möchten.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII Abb.4.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv entspr. Tafel VIII Abb. 4  Foto 2012


          Die fast völlige Übereinstimmung der in den Ab-
bildungen 1 und 2 dargestellten Köpfe ist so augenfällig,
dass es kaum erforderlich erscheint darauf hinzuweisen.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII_Abb.2.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv entspr. Tafel VIII Abb. 2  Foto 2012


          Ebenso dürfte die Ähnlichkeit des Gesichtsausdruckes
und der Schmuckteile der in den Abbildungen 5 und 6

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII_Abb.6.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv entspr. Tafel VIII Abb. 6   Foto 2012

zur Anschauung gebrachten Köpfe ein und desselben Meisters
Hand verraten.

20
Auch die in den Abbildungen 7 - 11 wiedergegebenen
Köpfe, die sich als Konsolen am Dom zu Modena, Ferrara
und zu Königslutter finden, sind Arbeiten, die in der Zeit
ihrer Entstehung sicherlich zu den allerbesten und weitent-
wickelsten gehört haben. Mit besonderem Interesse vermögen
wir bei der letztgenannten Gruppe die fortschreitende künst-
lerische Entwicklung unseres Meisters zu verfolgen.
           Was ihm in Modena noch ein unbedeutendes Motiv
war, und was er in Ferrara angestrebt, das hat er in Königs-
lutter in fast künstlerischer Vollendung erreicht.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII_Abb.9.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Jagdfriesmotiv,  Aufnahme 2012  entspr. Tafel VIII Abb. 9

 

In der Stilisierung des menschlichen Kopfes hat das gesamte Mittel-
alter diesen Schöpfungen nur wenig Gleichwertiges an die
Seite zu stellen.
           Ein beliebtes Motiv des Meisters ist ferner, die mensch-
liche Figur als tragendes Bauglied künstlerisch auszuwerten
(vergl. die Abbildungen 12, 13 und 14 Tafel VIII).

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VIII-Abb-12-Ferrara-Dom-IMG-6298-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Tafel-VIII-Abb-13-Verona-S-Zeno-IMG-8396-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Tafel_VIII_Abb.14.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang entspr. Tafel VIII Abb. 14   Foto 2012

 


           Am Portale des Domes zu Ferrara hat er die Last des
Bogens mittels der Säulen durch zwei hockende Männer-
gestalten aufnehmen lassen, die ihrerseits auf dem Rücken
je eines Löwen ihren Platz finden (Abbildung 12).
           In ähnlicher Weise, jedoch direkt unter dem Bogen,
also oberhalb der Säulen, finden wir gleiche Männergestalten
am Dom und an San Zeno zu Verona (Abbildung 13).
           Auch an den beiden Nebenportalen des Domes zu
Piacenza sind die tragenden Männergestalten in ähnlicher
Weise wie am Domportale zu Ferrara angewendet.
           Die Wiederverwendung dieses Motives hat sich der
Meister auch in Königslutter nicht versagt (Abbildung 14).
Dort finden wir es im Kreuzgange an den Stirnwänden als

21
Stützen der Gewölbe wieder. Die Haltung des Körpers,
besonders aber die Behandlung des Gewandes, müssen auch
hier wieder überzeugend wirken. Besonders die Behandlung
der Ärmelfalten weicht in den drei wiedergegebenen Bei-
spielen um nichts von einander ab.
          Dass der Meister in diesen Figuren sein und seines
Gehülfen Bildnis hat darstellen wollen, scheint nicht ausge-
schlossen. Unter den drei oberitalienischen Arbeiten wenig-
stens lässt sich ein gewisser charakteristischer Gesiclıtstypus
wohl feststellen. Leider hat der Zahn der Zeit uııd brutale
Menschenhand den beiden Königslutterer Figuren derartig
mitgespielt, dass eine derselben bei der Restaurierung völlig
hat erneuert werden müssen, die andere aber genauere
Gesichtszüge nicht mehr erkennen lässt.
           Schliesslich haben wir uns noch mit den Portal-Löwen
zu beschäftigen.
           Wer die beiden wundervoll stilisierten Tiere des Nord-
portales der Stiftskirche zu Königslutter einer näheren Be-
trachtung unterzieht, der ınuss alsbald inne werden, dass
eine solch abgeklärte Schöpfung nicht das Werk einer freien
Erfindung sein kann, und es muss sich beim Anblick dieser
Tiere einem jeden unwillkürlich die Frage aufdrängen: nach
welchen Vorbildern hat der Schöpfer dieser Arbeit ge-
schaffen? - Deutschland vermag nichts aufzuweisen, was
sich diesen Leistungen auch nur entfemt an die Seite stellen
könnte. Hier also ist es zu natürlich, dass wir unsere
Blicke nach Oberitalien wenden, wo doch dieses Motiv an
fast jedem grösseren Kirchenbau vorzufinden ist. Es muss
dabei verwunderlich erscheinen, dass in den vielen, zum Teil

22
sehr engehenden Arbeiten über die Stiftskirche und ihre
Ornamentik nirgend der Beziehung zwischen den oberitalie-
nischen Arbeiten und denen von Königslutter gedacht
worden ist. - Nur C. W. Hase sagt in seinen Baudenk-
mälern Niedersachsens, gelegentlich der Bespreclıung dieser
Löwen, dass dem Meister die oberitalienischen Kirchen
bekannt gewesen sein müssten.*)

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.6.jpg


Abb. 6. (Königslutter.) Bild ersetzt durch Aufnahme von 2012


In Abbildung 6 des Textes habe ich einen der beiden
alten Original-Löwen von Königslutter, die jetzt im Innern
der Kirche Aufstellung gefunden haben, wiedergegeben; hier-
mit vergleiche man den in Abbildung 7, Seite 23 des Textes
dargestellten Portal-Löwen von San Zeno und ferner den
Greifen am Dom zu Verona (Abbildung 8, S. 24, des Textes).

* Vergl. Anmerkung Seite 38

23
            Die Tiere von Königslutter sind wegen der nur ge-
ringen verfügbaren Höhe gelagerter gestaltet als ihre ita-
lienischen Vettern; im übrigen ist auch hier wieder überall
denkbar grösste Ähnlichkeit zu verzeichnen. - Bei den ge-
legentlich der Restaurierung der Kirche nach den stark be-
schädigten Originalen ausgeführten Nachbildungen mussten,
besonders an den Köpfen, beträchtliche Ergänzungen vorge-
nommen werden, für die positive Belege nicht mehr vor-


tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Abb-7-Verona-S-Zeno-IMG-8414-Foto-2013.jpg

Abb. 7. (San Zeno, Verona.) Anmerkung: Zeichnung ersetzt durch Foto 2013

handen waren. Wenn die Veroneser und die Ferrareser
Arbeiten damals schon mit berücksichtigt worden wären,
würde sicherlich manches, besonders im Gesichtsausdruck
der Tiere, anders durchgebildet sein.
            Es sei jetzt noch der Inschrift an der Stiftskirche zu
Königslutter mit einigen Worten gedacht.
            Wie schon früher erwähnt, findet sich diese Inschrift

24


tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW-Abb-8-Verona-Dom-IMG-7782-Foto-2013.jpg

Abb. 8. (Dom zu Verona.) Anmerkung: Zeichnung ersetzt durch Foto 2013

25


tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Ersatz_Abb.9_2012.jpg

Abb. 9. (Königslutter, der Löwe ist erneuert. Ersatz mit Foto 2012)

26
an der Apsis zwischen dem Bogenfriese und der Akanthus-
welle, und zwar in Spiegelschrift.
             Von rechts nach links gelesen lautet diese Inschrift:
+HOC OPUS EXIMIUM VARIO CELAMINE MIRUM+SC(ulpsit...)
           (Dieses prächtige durch mannigfaches Relief aus-
gezeichnete Werk hat gemeisselt...)
             Auch hier unverkennbare Ähnlichkeit mit den er-
wähnten oberitalienischen Inschriften. - Die gleiche Art
der Anordnung, die gleiche Buchstabenbildung, auclı die
Anwendung der Kreuze wie bei den oberitalienischen -
kurz, alles lässt darauf schliessen, dass die in dieser Arbeit
angezogenen Inschriften von einer Hand stammen. Die
Eigentümlichkeit der Anwendung der Spiegelschrift wie der
Umstand, dass der Meister hier auf die offenbar beabsichtigte
Weiterführung der Inschrift verzichtet hat, legt uns die
Vermutung nahe, dass er durch die Bauleitung oder den
Klosterherrn daran gehindert worden ist, in nämlicher Weise
wie in Verona und Ferrara sich und sein Werk zu ver-
herrlichen; was übrigens nicht sehr verwunderlich erscheinen
mag, da in Deutschland etwas derartiges durchaus un-
gebräuchlich war.
              Damit beschliesse ich meine Vergleichsstudien über
den bildnerischeıı Schmuck der Stiftskirche zu Königslutter
und den oberitalienischen Bauten. lch will ohne weiteres
zugeben, dass das Studium der hier gebotenen Zeich-
nungen allein nicht genügen kann, um zu der von mir
gewonnenen Überzeugung zu gelangen, doch das sorgfältige
Studium der bildnerischen Werke selber, die genaue Be-

27
obachtung der Linienführung dieser Ornamentik und der
Art der Behandlung des Materials muss sie uns aufdrängen.
               Ich habe im Vorstehenden stets Wert darauf gelegt
nachzuweisen, dass der ornamentale Schmuck der Stifts-
kirche zu Königslutter von Meister Nicolaus' eigener Hand
geschaffen sei, und ich habe die feste Überzeugung, dass
dieses tatsächlich der Fall ist; reihen sich doch die Königs-
lutterer Arbeiten an die von diesem Meister in Oberitalien
geschaffenen so folgerichtig an, dass sie in dem Werdegang
dieses Künstlers gewissermassen die ausgereifte Frucht seines
Schaffens bilden.
               Aber, wenn auch diese meine gewiss wohl begründete
Annahme nicht zutreffend sein sollte, wenn also ein Schüler
und Mitarbeiter des Meisters Nicolaus, der dann jedenfalls
seines grossen Meisters in hohem Masse würdig gewesen sein
müsste, alles das, was wir am Schmuck der Stiftskirche zu
Königslutter bewundern, geschaffen haben sollte, so habe ich
doclı in dieser Arbeit nachgewiesen, dass die Ornamentik
dieser Kirche entlehnt ist aus Norditalien, dass wenigstens
ihr geistiger Urheber der Meister Nicolaus ist, dessen
herrliche Werke die Glanzzeit der romanischen Stilepoche
in Oberitalien bedeuten.



II. Architektonisches.
                Die Entstehungsgeschichte der Stiftskirche zu Königs-
lutter ist bereits zu Anfang dieser Arbeit flüchtig gestreift;
sie musste naturgemäss für mich ein ausserordentliches
Interesse gewinnen, weil meine Folgerungen nicht in Ein-
klang zu bringen waren mit der heute geltenden An-
schauung (vergl. Meyer, Die Bau- und Kunstdenkmäler des
Herzogtums Braunschweig), nach welcher zwar mit dem
Bau des flachgedeckten nüchtern ausgestatteten Langhauses
im Jahre 1135 begonnen sein soll, dagegen der mit dem
reichen hochentwickelten Ornament ausgestattete, in allen
Teilen gewölbte Ostbau einer Bauperiode des letzten Drittels
oder Viertels des 12. Jahrhunderts zugeschrieben wird. Es
soll also, und das sei hier besonders hervorgehoben, das
Langhaus zunächst und erst später der Ostbau aus-
geführt sein.
               Grund zu dieser Annahme ist einmal der Umstand
gewesen, dass Kaiser Lothar, der im Jahre 1135 selbst die
Veranlassung zur Erbauung der Kirche gab, mit der Be-
stimmung, dass sie dereinst als Grabeskirche für ihn dienen
sollte, schon, nachdem er am 5. Dezember 1137 auf seiner

29
Rückkehr von Italien in Breitenwang in Tyrol verstorben,
am letzten Tage desselben Jahres im Langhause der Kirche
beigesetzt worden ist; - man nahm also an, dass dieser
Bau bis dahin annähernd fertiggestellt war. - Zum andern
sah man sich veranlasst, worauf ich schon früher hingewiesen
habe, in Rücksicht auf die hohe Entwickelung der Orna-
mentik des Ostbaues und deren Ähnlichkeit mit Schmuck-
formen anderer zu Ende des 12. Jahrhunderts entstandener
Kirchenbauten Niedersachsens, den Ostbau der Stiftskirche
ebenfalls in die Entstehungszeit dieser Bauten zu datieren.
Vergl. Taf. IX. Man hatte sich hierbei noch mit dem Löwen-
portale abzufinden, das offenbar der Zeit des Ostbaues an-
gehörte, und hat die Ansicht vertreten, dass dieses später in
die bereits vorhandene Wand des Langhauses eingebaut sei.
              Dieser an sich ganz plausibel erscheinenden Begründung
der Annahme, dass der Ostbau der Kirche in das letzte
Drittel oder Viertel des 12. Jahrhunderts gehöre, konnte ich
aber meine auf eingehende Studien begründete Überzeugung,
dass auch der Ostbau in der ersten Hälfte des Jahr-
hunderts entstanden sei, nicht opfern, und so entschloss
ich mich, das gesamte Mauerwerk der alten Stiftskirche, so-
weit es ohne Gerüst und Naclıgrabung möglich war, einer
genauen Untersuchung zu unterziehen.
              Ich bin dabei zu folgenden Resultaten gelangt:
                     Zur Orientierung über die nachfolgenden Dar-
              legungen diene der in Abbildung 10, Seite 30 des
              Textes angeführte Grundriss der Stiftskirche, dessen
              Mauern zum Teil schwarz angelegt, zum Teil schraf-
              tiert sind.




tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.10.jpg




31
                1. Die Bauzeit der Kirche zerfällt in zwei Perioden,
die durch die verschiedene Anlegung der Grundrisszeichnung
gekennzeichnet werden.
                2. Abbildung 11 des Textes zeigt den Teil der nörd-
lichen Aussenwand des Seitenschiffes, an dem das Mauer-
werk der beiden Bauperioden aneinander schliesst. Die hier
ohne weiteres ins Auge fallende Abtreppungslinie der Quader
beweist deutliclı, dass der Ostbau der ältere ist.
                3. An den dem Langhause zugekehrten Seiten der
beiden westlichen Vierungspfeiler, und ebenfalls an den der
Bauperiode des Ostbaues angehörenden Teilen der Aussen-
mauern, befinden sich Dienste (vergl. den Grundriss), die
keinen anderen Zweck haben konnten als den, Schild- und
Gurtbögen der Gewölbe, die man hier wie im Querschiff
auszuführen beabsichtigte, aufzunehmen. - Ich schliesse auch
hieraus, dass man zunächst den Ostbau bis zu den ersten
Arkadenpfeilern, und zwar einschliesslich dieser Pfeiler, aus-
geführt und die Absicht gehabt hat, das später zu erbauende
Langhaus einzuwölben. Dass die ersten Arkadenpfeiler mit
dem Ostbau entstanden sind, nehme ich aus konstruktiven
Gründen an, da diese mittels der von ihnen nach den
Vierungspfeilern zu geschlagenen Gurtbögen den Schuh der
in ihrer Längsaxe liegenden Hauptgurten der Vierung auf-
nehmen mussten. Diese Arkadenpfeiler wurden dann bei
späterer Erbauung des Langhauses mit den Anschlussbögen
wohl entfernt, um sie den geringeren Abmessungen der
Langhaus-Arkaden anzupassen. Bei dieser Gelegenheit hat
man aber aus irgend welchem Grunde die von den
Vierungspfeilern ausgehenden Gurtbogen-Anfänger in


tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.11.jpg

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Einfuegung_EW_Abb.11_2012.jpg

Einfügung: Pfeilervorlage an der nördlichen Außenwand entspr. Abb. 11   Foto 2012

33
der alten Breite bestehen lassen und die neuen schmaleren
Gurtbögen dagegen gewölbt (vergl. Abbildung 12, S. 34 des
Textes). -- Nichts spricht so deutlich dafür, dass erst der
Ostbau und später das Langhaus entstanden ist, als
diese Bogenanfänger, denn, was hätte dazu veranlassen sollen,
diese Bogenanfänger breiter zu gestalten als die bereits
fertigen Gurtbögen der Langhaus-Arkaden, wenn das Lang-
haus früher als der Ostbau erbaut worden wäre?
                 Anmerkung: Einen ganz ähnlichen Fall finden wir
                 bei der zwei Jahre vor der Stiftskirche zu Königslutter ge-
                 gründeten St. Godehardikirche zu Hildesheim, deren Grundriss
                 des Ostbaues, wie C. W. Hase hervorhebt, mit dem von
                 Königslutter eine auffallende Aehnlichkeít zeigt. Auch hier
                 sind aus dem von mir für Königslutter angeführten Grunde
                 die ersten Langhaus-Arkaden mit dem zuerst erbauten Ostbau
                 errichtet, jedoch bei späterer Erbauung des Langhauses nicht
                 beseitigt.
         Es sei hier noch der kleinen Pfeilervorlage an der
nördlichen Aussenwand gedacht (vergl. Abbildung 11 des
Textes und den Grundriss). Es ist wohl nicht anzunehmen,
dass man bei späterer Erbauung des Ostbaues die Absicht
gehabt haben sollte, sich der mühevollen Arbeit zu unter-
ziehen, diese Pfeilerchen. die doch lediglich als dekoratives
Motiv anzusehen sind, an die Mauerflächen des fertigen
Langhauses anzublenden, vielmehr ist anzunehmen, dass
man bei späterer Erbauung des im Gegensatz zum Ostbau
sehr einfach gehaltenen Langhauses, sei es aus Sparsamkeits-
rücksichten oder um den Bau rascher vollenden zu können,
auf diesen Zierrat verzichtete.
         4. Das Löwenportal ist nicht, wie angenommen, später
eingebaut, sondern gleich beim Hochbau der Umfassungs-


34
mauern mit angelegt. Als Beweis hierfür dienen in erster
Linie die langen Werkstücke A und B (Abbildung 13 des
Textes) des Sockelgesimses zu beiden Seiten des Portales,
welche die Gehrungen des um das Portal gekröpften
Gesimses enthalten, und ferner der Umstand, dass die Fugen
des Portalgewändes sich korrekt denen des übrigen Mauer-

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.12_2012.jpg

Ersatz Abb. 12 durch Foto 2012


Werks anpassen. - Die spätere Einfügung der zu diesem
Portalbau gehörenden Werkstücke müsste im Äussern zu
erkennen sein. Keinenfalls würde man sich der Mühe
unterzogen haben, die erwähnten langen Werkstücke A und B
in das vorhandene Maueıwerk einzuschieben, sondern man


35
würde diese Steine vor den Gehrungen abgesetzt und die
Gehrungen des Gesimses an hochstehenden Gewändestücken
angehauen haben. Das über dem Portale befindliche, in
Abbildung 13 des Textes schraffierte Mauerwerk. welches
offenbar einer späteren Bauzeit als das Löwenportal an-
gehört, ist vermutlich in Zusammenhang zu bringen mit
einem späteren Aufbau der Türme; keinenfalls kann aus

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/EW_Abb.13.jpg

Abb. 13.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Ergaenzung_EW_Abb.13_2012.jpg

Einfügung: Abb. 13  entsprechendes Foto 2012

 


diesem auf die spätere Einfügung des Löwenportales ge-
schlossen werden.
          5. Sämtliche fünf Apsiden haben eine nachträgliche
Verblendung der Aussenwände erhalten. Augenscheinlich
hat dem Meister, der während des Aufbaues der Chorpartie
berufen wurde, um diese mit ornamentalen Schmuck zu
versehen, das vorhandene schlichte Mauerwerk für seine
Zwecke nicht genügt.



36
Aus den unter 2, 3 und 4 niedergelegten Resultaten
meiner Forschungen geht für mich die unumstössliche Tat-
sache hervor, dass zunächst der Ostbau und erst
später das Langhaus der Kirche erbaut ist.
Bezüglich der Beisetzung des Kaisers Lothar wird man
sich mit der Tatsache, dass im Jahre 1135, wie jenerzeit all-
gemein üblich, zunächst mit dem Ostbau begonnen ist,
ebenso leicht abfinden als mit der bisherigen Annahme.
So ist es denkbar, dass, als die Leiche des Kaisers nach
Königslutter gebracht wurde, deren Beisetzung wegen der
in dem Ostbau vielleicht zur Zeit aufgestellten Rüstungen
auf dem Chor, wo eigentlich wohl der Begräbnisplatz hätte
sein sollen, nicht möglich gewesen ist, und man deshalb
dazu das damals noch nicht begonnene Langhaus gewählt
hat, das nun in grösster Eile fertiggestellt werden musste,
um für den kaiserlichen Herrn ein schützendes Dach zu
schaffen. Hieraus, und vielleicht auch aus dem weiteren
Umstande, dass nach dem Tode des hohen Gönners die
Mittel zur Fertigstellung des Langhauses knapper, als früher
angenommen, bemessen waren, liesse sich auch eine Er-
klärung dafür finden, dass man auf die Einwölbung des
Langhauses verzichtete und dieses im Gegensatz zu dem mit
weit reicheren Mitteln ausgestatteten Ostbau einfacher ge-
staltete.


Schluss.
              Habe ich nun in der letzten Abteilung     „Architek-
tonisches" nachgewiesen, dass der Bau der Stiftskirche zu
Königslutter mit dem Ostbau begonnen ist, so knüpft sich
an diesen die Jahreszahl 1135 als diejenige der Begründung
der Kirche, und es wird damit meine Annahme, dass Meister
Nicolaus bald nach Vollendung seiner Arbeiten in Verona
mit den Arbeiten in Königslutter begonnen hat, in das
Bereich der Möglichkeit gerückt.
              Wer aber die in Frage stehenden Werke aufmerksamer
Betrachtung unterzieht und sich davon überzeugt, wie diese
eigenartige Kunstrichtung von Modena bis Könígslutter sich
ganz folgerichtig entwickelt hat, der muss mit mir zu der
Überzeugung gelangen, dass diese Epoche den Werdegang
eines Meisters bedeutet, und dieser Meister kann nur Nico-
laus gewesen sein.
               Wie weit seine Persönlichkeit dabei in Betracht kommt
und welcher Anteil an diesen Arbeiten seinen Gehülfen oder
seinen Schülern zufällt, lässt siclı nicht unbedingt feststellen,
und doch meine ich, dass sich durch alle diese Arbeiten die
eigene Hand unseres Meisters wie ein roter Faden un-

38
verkennbar hindurchzieht, und es gibt gewisse Dinge, wie
die beiden Bogenfriese zu Verona und in Königslutter. die
ich seiner Hand allein zusprechen möchte.
Nun tritt aber die Stiftskirche zu Königslutter nicht nur
künstlerisch, sondern auch zeitlich in den Vordergrund der
niedersächsischen Kunstepoche jener Zeit. Es hat sich ohne
Frage hier eine Schule gebildet, deren Einfluss wir bald in
weitem Umkreise erkennen.

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.1-Foto-2012.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Chor, Foto 2012, entspr. Abb. 1 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.2-Foto-2012.jpg

Einfügung: Hildesheim, St. Michael, Langhaus, Foto 2012, entspr. Abb. 2 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.3-Foto-2012.jpg

Einfügung. Braunschweig, Dankwarderode, Rittersaal, Foto 2012, entspr. Abb. 3 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.4-Foto-2012.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Foto 2012, entspr. Abb. 4 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.5-Foto-2012.jpg

Einfügung: Braunschweig, Dankwarderode, Foto 2012, entspr. Abb. 5 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.7-Foto-2012.jpg

Einfügung: Braunschweig, Dankwarderode, Foto 2012, entspr. Abb. 7 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.8-Foto-2013.jpg

Einfügung: Hecklingen, Kl.-Kirche, Foto 2013 entspr. Abb. 8 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.6-Foto-2012.jpg

Einfügung: Goslar, Neuwerkkirche, Foto 2012, entspr. Abb. 6 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb.9-Foto-2012.jpg

Einfügung: Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang, Foto 2012, entspr. Abb. 9 auf Tafel IX

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Europa - Dissertation Eichwede/Diss-Eichwede-Tafel-IX-Abb-18-Foto-2012.jpg

Einfügung: Braunschweig, Dom, Chorbrüstungsschranken, derzeit im BLM, Foto 2012 entspr. Abb. 17 auf Tafel IX

 

ln Hildesheim (St. Michael),
Braunschweig, Goslar, Hecklingen und Wunstorf (vergl.
Tafel IX) treten die Erfolge dieser Schule zutage, aber
man wird in den Arbeiten von Königslutter immer den
Meister erkennen - das schöne Ebenmass und die voll-
endete Durchbildung der Einzelformen, wie sie Königslutter
bietet, sind in den späteren Arbeiten nirgend zu finden.

             Anmerkung. Nach Abschluss dieser Arbeit ersehe ich,
dass Herr Professor P. J. Meyer in einer Betrachtung „Der
Meister von Königslutter in Italien" (Kunstchronik Jahrgang XII
No. 7) sich ebenfalls mit der Frage des Zusammenhanges
zwischen Kônigslutter und Verona beschäftigt hat, dabei jedoch
zu wesentlich anderen Schlüssen als ich gelangt.
             Auf die Einzelheiten dieser Arbeit glaube ich nicht ein-
gehen zu sollen, weil es sich, wie Herr Professor Meyer selber
bemerkt, dabei nur erst um einige „vorläufige Beobachtungen“
handelt und eine eingehende Untersuchung demnächst folgen soll."


Quelle:
Ferdinand Eichwede: "Beiträge zur Baugeschichte der Kirche des kaiserlichen Stiftes zu Königslutter"
Dissertation an der königl. techn. Hochschule zu Hannover 1904


Abbildungen auf der Homepage wurden soweit verfügbar zur Verbesserung der Verständlichkeit des Textes teilweise durch neuzeitliche Fotos verbesserter Auflösung ersetzt und direkt in den Text eingefügt.

 

 

 

Für Interessierte zum Thema sei auf einen im Programmheft Frühling Sommer 2012 im Kaiserdom Königslutter angekündigten Vortrag von Dr. Norbert Funke "Nicolaus von Ferrara im Kaiserdom zu Königslutter" verwiesen.

Termin war der 09.05.2012  19:00 Uhr

Veranstalter:  Italienisches Kulturinstitut Wolfsburg

LINK: http://www.iicwolfsburg.esteri.it/IIC_Wolfsburg/webform/SchedaEvento.aspx?id=335

 

Der Vortrag und die integrierte Führung waren außerordentlich informativ. Hr. Dr. Funke konnte die architektonischen und bildhauerischen Besonderheiten des elften und zwölften Jahrhunderts in Italien den Zuhörern sehr detailliert vermitteln. Die Bezüge zu Deutschland belegte er vor allem anhand von Bildmaterial. Seit seiner Dissertation ist Hr. Dr. Funke fachlich mit dieser Materie vertraut. Königslutter kann sich glücklich schätzen, im Hinblick auf den Kaiserdom von diesem bauhistorischen Erfahrungsschatz zu profitieren.

 

Weitere ausführliche Informationen zu den Veranstaltungen sind auch auf der Website des Kaiserdoms zu finden:

LINK:   http://www.kaiserdom-koenigslutter.de

 

 

 

 

 

 

P.J. Meiers Rezension zur Dissertation Eichwede 1904

Beiträge zur Baugeschichte der Kirche des kaiserlichen Stiftes zu Könıgslutter von Dipl.-Ing Ferdinand Eichwede; Doktordissertation der Königl. Technischen Hochschule in Hannover. 38 Seiten und 9 Doppeltafeln Hannover 1904

Es ist mit Freuden begrüßt worden, daß seit Einführung des Doktoringenieurs auf den deutschen Hochschulen diejungen Architekten beginnen, Arbeiten baugeschichtlicher Art für ihre Dissertationen zu verwerten. Eichwede hat dazu eigene Beobachtungen benutzt, die ihm den engsten Zusammenhang zwischen den dekorativ-plastischen Arbeiten an der Stiftskirche zu Königslutter und denen am Dom zu Ferrara und am Dom sowie S. Zeno in Verona bewiesen und hat in vortrefflíchen, durch Lichtdruck wiedergegebenen Tuschzeichnungen alle die Säulenkapitäle, Schäfte, Akanthusblattwellen und figürlichen Darstellungen aufgenommen, aus denen sich jener Zusammenhang auf das Überzeugendste ergibt, er hat aber seine vergleichenden Beobachtungen auf die Dome in Modena und Braunschweig, auf die Kirchen St. Michael in Hildesheim, Neumark und Frankenberg in Goslar, die in Wunsdorf und Hecklingen sowie schließlich auf die Burg Dankwarderode in Braunschweig - leider ohne die genaue Angabe, an welchen Teilen der Gebäude sich die betreffenden Zierstücke befinden - ausgedehnt und damit das Vorhandensein einer weit verzweigten Schule nachgewiesen. Erst nach Vollendung der Arbeit und gegen Ende ihrer Drucklegung hat der Verfasser dann erfahren, daß derselbe Beweis – bereits vom Referenten in der »Kunstchronik« N. F. XII, Nr. 7 erbracht war, freilich ohne das bildliche Material, das erst jetzt auch den Ungläubigsten überzeugen muß, und dessen Fehlen dem kleinen Aufsatze das Gepräge »vorläufiger Beobachtungen« aufdrücken mußte. Konnte ich somit die Veröffentlichung der Aufnahmen Eiclıwedes als eine erfreuliche und notwendige Ergänzung der eigenen Arbeit begrüßen, so muß ich doch bekennen, daß die Dissertation den schlagendsten Beweis für die Aufstellung Dehios in seinem viel angefochtenen Vortrage auf dem Erfurter Denkmalpflegetage liefert, daß die Technische Hochschule - von vereinzelten Ausnahmen abgesehen - nicht der Ort ist, wo die wissenschaftlich-methodische Forschung kunst- oder baugeschichtlicher Art gelehrt wird. Was der junge Architekt in der Regel dort nicht lernen kann, das vermager erst durch ein jahrelanges Selbststudium naehzuholen, aber er wird ebensowenig wie Eichwede sofort in der Lage sein, Beobachtungen zu einem systematischen Beweis zu verdichten. Das zeigt sich beim Verfasser besonders in der Art, wie er mit den zeitlichen Ansätzen umspringt;  er wirft hier wieder alles durcheinander, was, wie es schien, endgültig festgestellt war. Er geht nämlich von den beiden Tatsachen aus, daß der Dom von Ferrara das Weihejahr 1135 trägt, und daß Königslutler in demselben Jahre gegründet wurde, hat sich aber nicht im mindesten darum gekümmert, daß die anderen deutschen Bauten entweder durch vollkommen sichere Zeitangaben oder durch unzweifelhaft stilistische Eigentümlichkeiten in das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts verwiesen werden. Wenn die Chorbrüstungsschranken des 1173 begonnenen Braunschweiger Doms dieselben Akanthusblattwellen wie der Chor in Königslutter zeigen, wenn dann die Burg Dankwarderode wieder mit dem Dom und mit Königslutter víelfache stilistische Ubereinstimmungen besitzt und an einer Anzahl ihrer Kapitäle geperlte Bänder aufweist, wie sie eben das letzte Viertel des Jahrhunderts kennt, und wenn andererseits die Ostteile der Neuwerker Kirche in Goslar und das Langhaus von S. Michael in Hildesheim 1186 geweiht werden, so haben wir für die zeitliche Ansetzung der in diesen Bauten vertretenen Zierformen so viele Handhaben, wie man sie sich nur wünschen kann. Damit ist aber auch für die Ostteile und für den Kreuzgang in Königslutler das Urteil gesprochen. Und wie ist es möglich, daß ein Architekt glaubt, das schlichte Langhaus dort, das doch von Anfang an die Grabanlage Kaiser Lothars († 1137) enthalten sollte, wäre später errichtet als der reiche Kreuzgang, der sich doch erst an das Langhaus anlehnt. Auch was der Verfasser sonst für seine Meinung ins Feld führt, ist nicht stichhaltig, sondern läßt sich leicht auf andere Weise erklären. Es bleibt also bei dem, was ich vor drei Jahren niederschrieb: alle jene deutschen Arbeiten, mit ihnen aber auch die verwandten oberitalienischen Werke gehören dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts, bezw. der Zeit unmittelbar vorher an, und das Jahr 1135 bedeutet für Ferrara nur den Anfang des Neubaues, dessen Vollendungszeit wir nicht kennen. Es bleibt aber auch die weitere Aufgabe, festzustellen, wie weit sich der Einfluß des großen Meisters von Königslutter erstreckt hat. Eichwede hat hier noch lange nicht das Thema erschöpft.Der Kapitelsaal des Ägidienklosters in Braunschweig, der Chor der Zisterzienserkirche in Marienthal, der Chor der Klosterkirche in Schöningen sind Beispiele für die nächste Umgebung von Königslutter, die Ostteile der Stiftskirche in Gandersheim, die nördliche Vorhalle des Domes in Goslar, das Refektorium der Klosterkirche in Ilsenburg, die Bibliothek in Kloster Huyseburg, das Refektorium des Zisterzienserklosters in Michaelstein, die María-Magdalenen-Kapelle der Liebfrauenkirche in Halberstadt, der Zitter der Stiftskirche in Quedlinburg, der obere Kreuzgang der Stiftskirche in Gernrode zeigen uns den ganzen nördlichen Harzrand unter dem Einfluß von Königslutter, und wie die von Hildesheim abhängige Stiftskirche in Wunstorf den nordwestlichsten Ausläufer dieser Schule bedeutet, so findet sie im südlichen Kreuzgang des Doms in Magdeburg im Nordosten, in den Klöstern Wimmelburg und Sittichenbach bei Eisleben, sowie in der Doppelkapelle zu Landsberg bei Halle im Südosten ihre Grenze; aber alle diese zahlreichen und gewiß noch zu vermehrenden Beispiele halten sich zeitlich im Raum des letzten Viertels des 12. Jahrhunderts.

                                                             P..J. Meier

Veröffentlicht in:
Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe Neue Folge 16.Jg. 1904/1905 Nr. 2 vom 21.Oktober 1904  S. 21-23

P.J. Meier "Der Meister von Königslutter in Italien"

DER MEISTER VON KÖNIGSLUTTER IN ITALIEN. 1)

In seinem grundlegenden Buche »Oberitalische Plastik im frühen und hohen Mittelalter« fasst M. G. Zimmermann sein Urteil über den Meister Nikolaus, den Schöpfer der Portalbauten am Dom in Ferrara, am Dom und an S. Zeno in Verona (S. 84 f) dahin zusammen, dass jener in der Betonung des Gegenständlichen sich den älteren, stark nordisch fühlenden Bildhauem, besonders dem Meister Wilhelm in Modena eng anschlösse, dass er aber in der gleichzeitigen Beherrschung des Formalen sich als der erste wirkliche Italiener bekunde. ln der That wird man durch seine Werke – so ausschliesslich italienisch ist ihr Gesamteindruck – in formaler Beziehung nicht an deutsche Denkmäler erinnert, wie dies noch bei den Reliefs Wilhelms der Fall ist. Und doch lassen sich bei näherer Prüfung die engsten Beziehungen zwischen diesen Vorhallen und deutschen Werken nachweisen, Beziehungen, die auf jene ein nicht weniger helles Licht werfen, wie auf diese: ln der Werkstatt des ltalieners Nikolaus ist ein hervorragender deutscher Meister als Gehiife thätig gewesen, seinem Namen nach unbekannt, aber weithin berühmt durch sein Hauptwerk: der Meister von Königslutter, d. h. .der Meister, der zunächst den plastischen Schmuck der Ostteile, des Kreuzgangs und des Löwenportals der dortigen Stiftskirche 2) gearbeitet hat. Genau wie Nikolaus hat er unter die Säulen des erwähnten Eingangs kauernde Löwen, unter die Abschlussbogen im Kreuzgang sitzende Tragfiguren gestellt, und beide stimmen nicht allein in der allgemeinen Haltung, sondem auch in allen Einzelheiten, die Löwen selbst in jedem Büschel des Fells mit den Löwen und Greifen des Nikolaus, die eine der menschlichen Figuren selbst in den sonderbaren Falten am Ärmel
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1) Ich gebe hier nur erst einige vorläufige Beobachtungen und behalte mir eine eingehende Untersuchung für später vor.
2) Vgl. meine Bau- und Kunstdenkmäler des Herzogtums Braunschweig I, 209 ff.

mit der Figur unter der nördlichen Säule der Ferrareser Vorhalle überein. Die konsolenartigen Köpfe an der Chorapsis in K. sehen genau so aus, wie die an derselben Vorhalle, und der bekannte Jagdfries dort findet sein Vorbild am Veroneser Dom. Dass sich in den Rosetten an den Gewölben und der Chorapsís, in der Akanthusblattwelle an der letzteren, in den korinthisierenden Kapitellen der Kirche, wie des Kreuzgangs in K. ein Studium antiker Vorbilder zeigt, war längst beobachtet worden. An einer Eigenart lässt sich aber jetzt noch bestimmter nachweisen, in welcher Umgebung der Meister diese klassischen Formen kennen lernte. Sowohl in K. wie in Verona und Ferrara sind die Akanthusblätter nicht mit jener antiken Kühnheit im Uberschlag dünn ausgearbeitet, sondem es legt sich auf das Hauptblatt zur Verstärkung von oben her ein zweites Blatt, so dass ein leerer Raum zwischen beiden zu liegen scheint. Man kann wohl auch sonst beobachten, dass die nur bossierten Akanthusblätter, die besonders im 11. Jahrhundert in Deutschland wie in den romanischen Ländem üblich waren, die Veranlassung zu dieser sonderbaren Abweichung von der Antike gaben. Aber genau solche Blätter, wie sie K. und die von ihm abhängigen Werke nördlich des Harzes zeigen, kommen sonst nur noch in den Portalbauten des Meisters Nikolaus vor. Die Übereinstimmung in allen diesen Dingen ist zu gross, als dass eine mehr oder weniger flüchtige Bekanntschaft des Meisters von K. mit den italienischen Werken zur Erklärung ausreichte. Der Deutsche hat vielmehr in der Werkstatt des ltalieners selbst den Meissel gehandhabt, den Schlegel geschwungen. Dass trotz der Gleichheit der Einzelformen der Eindruck des Ganzen hier ebenso deutschromanisch, wie dort italienisch ist, kann nicht Wunder nehmen. Säulen von der Schlankheit, Reliefs und Profile von der Flachheit der italienischen wären aus dem Gesamtbilde, das die Kirche in K. bot, einfach herausgefallen. Leichter noch erklärt sich, dass der Meister von K. als Gehilfe in dieser Beziehung keinen Einfluss auf den Italiener ausgeübt hat. Und doch ist es mir noch sehr zweifelhaft, ob nicht im einzelnen manches, was wir der Eigenart des ltalieners zuzuschreiben geneigt sind, auf die Rechnung des Deutschen kommt. In einem Kapitell am Veroneser Dom, dem südlichen der Vorhalle, spricht sich aber die deutschromanísche Formgebung trotz Verwendung des Akanthusblattes ganz besonders unzweideutig aus. Hier ist der scheinbar leere Raum zwischen den beiden übereinander gelegten Blättern so gross, dass seitwärts noch je ein weiteres Blatt zum Abschluss nötig wird; dabei springt diese eigenartige Blättergruppe auf den vier Seiten des Kapitells weit vor und es muss zur Ausfüllung der vier leeren Ecken dazwischen je ein knollenartiges Blatt dienen. Von klassisch südlichem Formengeist ist hier nichts zu spüren. Zugleich aber wiirde das Kapitell, auch wenn seine deutsche Eigenart angezweifelt werden sollte, mehr noch wie die oben erwähnten Figuren und Ornamente beweisen, dass der Meister von K. thatsächlich in Verona und Ferrara gearbeitet hat. Denn genau dasselbe so verzwickte, durch und durch individuelle Kapitell kehrt mit allen seinen Einzelheiten je zweimal am Löwenthor und im Kreuzgang in K. wieder 1), um dann im Gebiet des nördlichen Harzes noch weiterhin eine grosse Rolle zu spielen. Nur eine und dieselbe Hand kann dies Kapitell in Verona und in K. gearbeitet haben. Das zeigt allein schon der Umstand, dass weitaus die meisten nordharzischen Beispiele dieser Kapitellart, d. h. die, die nicht vom Meister von K. selbst herrühren, trotz aller Abhängigkeit von diesem auf den ersten Blick als Werke einer anderen Hand erkannt werden. Auch darf darauf hingewiesen werden, dass der deutsche Meister ausschliesslich unter dem Einfluss des Nikolaus steht, während andere Italiener ohne jede Wirkung auf ihn geblieben sind. Das künstlerische Verhältnis, das somit zwischen dem Deutschen und dem Italiener bestanden hat, ist für beide Teile gleich ehrenvoll und fruchtbar gewesen. Jeder hat seine Eigenart bewahrt, jeder dem andem, von dem er lernte, auch wieder reichlich gegeben. Denn auch das doppelte Akanthusblatt, dessen sich Nikolaus, so weit ich sehe, ausnahmslos bedient hat, lässt eher auf einen deutschen Erfinder, als auf einen italienischen schliessen. Die Bedeutung des deutschen Meisters,  die schon angesichts des plastischen Schmucks der Stiftskirche zu K. so klar hervortritt, lässt sich aber doch erst voll ermessen, wenn man beobachtet, wie dieses herrliche Werk den Ausgangspunkt für eine neue, ausserordentlich fruchtbare dekorative Schule in Niedersachsen gebildet hat, auf die ich hier nicht näher eingehen kann.

Dagegen muss ich schon in dieser vorläufigen Besprechung noch die zeitlichen Verhältnisse berühren. An Meister Nikolaus' Ferrareser Vorhalle steht die Jahreszahl 1135, nicht allerdings als die der Erbauung der Vorhalle selbst, sondern als die der Grundsteinlegung der ganzen Kirche. Aber es liegt nahe, sie doch mit Zimmermann auch für die zeitliche Ansetzung der Vorhalle zu verwerten. Das ist jetzt

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1) Vgl. a. a. O. S. 213 und Taf. XXIV.

aber nicht mehr möglich. Die oben erwähnten Übereinstimmungen zwischen Ferrara-Verona und K. sind so gross, dass wir die betreffenden Teile der Stiftskirche in K. unmittelbar auf die italienischen Vorhallen folgen lassen müssen. Die Stiftskirche ist allerdings gleichfalls 1135 begonnen worden; aber Chor und Querhaus, Löwenportal und Kreuzgang gehören erst einer zweiten Bauperiode an, und diese lässt sich zeitlich ganz genau festlegen. lhr Beginn liegt vor dem Jahre 1186. Denn jenes Kapitell mit den vierfachen Akanthusblättern kehrt, vermutlich von der Hand des Meisters von K. selbst, in der Michaeliskirche zu Hildesheim und  von der Hand eines Schülers desselben, am Chor der Neuwerkskirche in Goslar wieder, und der Umbau der ersten, dem die herrlichen Säulen angehören, ist ebenso wie der Bau der östlichen Teile der zweiten in dem genannten Jahre geweiht worden. Andrerseils haben sich bei der Herstellung des Doms in Braunschweig, den Heinrich der Löwe 1173 begann, an dem aber im übrigen der Meister von K. nicht beschäftigt war 1), Reste einer Akanthusblattwelle gefunden, die von den Chorschranken herrührt, und die sich vollkommen mit der am Chor in K. deckt. In den siebziger und achtziger Jahren muss also der Meister in K.  u. s. w.  thätig gewesen sein. Die Vorhallen in Ferrara und Verona gehören daher auch erst der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts an, und es ist wahrscheinlich, dass nun auch die Reliefs des Meisters Wilhelm in Modena nicht unerheblich später anzusetzen sind, als der in der Künstlerinschrift genannte Beginn des Dombaus (1099).

                                                    P.J. Meier

Veröffentlicht in:
Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe. Neue Folge 12. Jahrgang 1900/1901 Nr. 7 vom 29.11.1900 S. 97-100

 

 

Auszug aus Erwin Kluckhohn "Die Kapitell-ornamentik der Stiftskirche zu Königslutter" - Teile I. und IV.



"ROMANIK IN NIEDER-SACHSEN

Dissertation Erwin Kluckhohn


DIE KAPITELLORNAMENTIK
DER STIFTSKIRCHE ZU KÖNIGSLUTTER.
Studien über Herkunft, Form und Ausbreitung.
VON ERWIN KLUCKHOHN.
ln den folgenden Untersuchungen soll die Entwicklung der beiden wichtigsten
Kapitelltypen von Königslutter durch einen Zeitraum von rund hundert Jahren verfolgt
werden. Beide Typen treten in der Nachfolge von Königslutter immer zusammen auf und
gehen, wie ich glaube zeigen zu können, auf eine gemeinsame Wurzel zurück.
Beim ersten der beiden Typen handelt es sich um ein korinthisierendes Kapitell,
das in Königslutter mehrfach abgewandelt wird (34--51),

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH_34_.jpg

Kaiserdom Königslutter, Chor

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Kaiserdom Königslutter, südliches Querhaus

 

 

aber doch eine gleichbleibende
Eigenschaft hat: in der unteren Zone steigt hinter jedem Blatt noch ein zweites begleitendes
auf, das sich mit seiner Spitze über das vordere wölbt. Das hintere Blatt ist dabei entweder
eine kaum gegliederte Masse, oder es ist dem vorderen entsprechend durchgebildet; teil-
weise bleibt zwischen den beiden gezackten Blatträndern ein glatter Streifen stehen, teil-
weise wird dieser getilgt, so daß zwischen dem vorderen und dem hinteren Blatt für die
Vorstellung ein Hohlraum liegt.
Den anderen Kapitelltypus hat Weigert als „Palmettenfächerkapitell“ bezeichnet (52-55).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH_52_.png

Kaiserdom Königslutter, Löwenportal

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Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

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Kaiserdom Königslutter, Löwenportal

 

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Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

Der Name erklärt sich daraus, daß sich die Blätter an den Kapitellecken in halber
Höhe fächerförmig entfalten. Unter der Ecke der Deckplatte rollen sie sich zu einer Volute
ein, während ihre Stengel sich am Säulenhals mit den seitlichen Rändern der Blätter an
den Seitenmitten verbinden. Deren äußerste Spitzen berühren sich über den Stengeln der
Eckblätter; zugleich schmiegt sich der obere Blattrand an das Fächerblatt an. In der
Mitte begegnet ihm ein von oben herabkommendes Blatt, das unter der Deckplatte hervor-
quillt. Da die Eckblätter bis zu diesen Berührungspunkten vordringen, treffen hier vier
Blätter zusammen, die weit über die beim korinthisierenden Kapitell stets streng ein-
gehaltenen Blockgrenzen vortreten und das Schwergewicht des Kapitells von den Ecken
nach den Seitenmitten verlegen. P. J. Meier hat deswegen (in mündlicher Unterredung)
vorgeschlagen, statt „Palmettenfächerkapitell“ „Vierblattgruppenkapitell“ zu sagen, doch
wird sich bei der Untersuchung der Vorstufen zeigen, daß von den typischen Eigenschaften
dieses Kapitells das Fächerblatt früher deutlich ausgebildet wird als die Vierblattgruppe,
und deswegen werde ich bei dem von Weigert verwendeten Namen bleiben, obwohl er
das Kapitell nur unvollkommen umschreibt.
Herkunft und Ausbreitung dieser beiden Kapitelltypen gilt es also zu untersuchen.

 I. HERKUNFT.
A. DER STAND DER FORSCHUNG.
P. J. Meier hat zuerst auf die Beziehungen der Bauornamentik von Königslutter
zu einigen Bauten in Italien hingewiesen (Kunstchronik, N. F. 12, 1901, „Der Meister von
Königslutter in Italien“). Unabhängig davon hat Eichwede („Beiträge zur Baugeschichte
der Kirche des kaiserl. Stiftes zu Königslutter“, Diss. Hannover, 1904) nochmals diese Be-

36 Marburger Jahrbuch Bd. 11  1938/39
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ziehungen aufgezeigt und durch eine Fülle allerdings nicht immer zuverlässiger Zeichnungen
verdeutlicht. P. J. Meiers Beobachtungen sind damit vollauf bestätigt worden. Engere Be-
ziehungen waren erkannt zwischen Königslutter und Bauten in Ferrara und Verona. Auf-
gegriffen und in den weiteren Rahmen der sächsischen Bauornamentik im 12. Jahrhundert
gestellt sind diese Beziehungen von Adolph Goldschmidt in einer Rede auf dem Historikertag
in Berlin 1908 („Die Bauornamentik in Sachsen im 12.Jahrhundert", gedruckt in den Monats-
heften für Kunstwissenschaft 1910). Während P.J.Meier von einer Mitwirkung des deutschen
Meisters von Königslutter in der Werkstatt des Nikolaus von Ferrara gesprochen hatte,
und während Eichwede angenommen hatte, daß Meister Nikolaus persönlich nach Königs-
lutter gewandert sei, denkt Goldschmidt nur an eine Wanderung einiger italienischer Stein-
metzen von Ferrara nach Königslutter. Die Priorität der italienischen Formen ist nicht
bestritten worden, bis 1932 in einer Kölner Dissertation (Otto Gaul, Die romanische Bau-
kunst und Bauornamentik in Sachsen) jede Beziehung zwischen Italien und Sachsen im
12. Jahrhundert geleugnet worden ist. Hieran knüpft Weigert in seinem Aufsatz über „Das
Kapitell in der deutschen Baukunst des Mittelalters“ (Zeitschrift für Kunstgeschichte V, 1936)
an. Er erkennt zwar an, daß die Ansicht Gauls nicht zu halten ist, da die Formen in Italien
und Deutschland auch nach seiner Meinung zu sehr übereinstimmen; er versucht nun aber,
diese gemeinsamen Formen aus der deutschen Entwicklung zu erklären.
                   Weigerts These hält einer eingehenden Nachprüfung nicht stand. Die deutsche,
speziell die sächsische Kapitellornamentik vor Königslutter ist in ihrem Charakter so stark
unterschieden von der in Königslutter selbst, daß eine Erklärung des Königslutterer Stils
von hier aus kaum möglich ist. Man wird in der sächsischen Kapitellornamentik des 12.]ahr-
hunderts vergeblich suchen nach Vorstufen zu den für die Königslutterer Kapitelle typischen
Eigenschaften: die starke Auflockerung des Kapitellkerns nach der Tiefe bin, die Umsetzung
der Blockmasse in pflanzliches Geschehen, die lebendige, an antike Vorbilder angelehnte
Blattstruktur. Die sächsische Kapitellornamentik zeigt von der karolingischen Zeit an einen
stets gleichbleibenden Grundzug: die Entfernung vom korinthischen Urbild wird immer
größer; das Kapitell wird immer weniger als organische Einheit empfunden, die einzelnen
Teile verselbständigen sich mehr und mehr; sie werden in ihrem Wert entweder stark
gesteigert oder ganz vemachlässigt, während für den Gesamteindruck das Massenmäßige
des Kapitells entscheidend ist. Andererseits können wir in Italien beobachten, wie im
Anfang des 12.Jahrhunderts, von einem erneuten Anschluß an die Antike ausgehend, sich
Formen entwickeln, die der Königslutterer Ornamentik ganz unmittelbar verwandt sind.
Da diese die gleichen Blattzusammensetzungen zeigen wie die korinthisierenden Kapitelle
in Königslutter, und da sich hier außerdem das Palmettenfächerkapitell langsam heraus-
bildet, das dann in Königslutter fertig auftritt, kann über die Priorität Italiens kein Zweifel
sein. Deshalb verzichte ich auf eine eingehende Diskussion der Weigertschen These, die
durch die nachfolgenden Untersuchungen ihre überzeugende Widerlegung finden wird 1)

B. DIE VORSTUFEN IN ITALIEN.
1. Der Gang der Kapitellentwicklung.

Wie bereits P. I. Meier erkannt hat, liegen die unmittelbaren Voraussetzungen für
Königslutter in Ferrara und Verona. Die beiden Typen von Königslutter beherrschen bereits

1) Die von Weigert angeführten Vorstufen zum Palmettenfächerkapítell (Zeitschr. f Kunst-
gesch. V, S.31) reichen in keiner Weise zur Ableitung dieses wichtigen Kapitelltypus aus. Die Über-
setzung der ganz flächigen Darstellung ins Räumliche und das Vortreten der Seitenmitten bleiben bei
Weigert unerklärt.

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die dortige Kapitellornamentik. Bei einer kritischen Durcharbeitung der oberitalienischen
Kapitelle habe ich die Überzeugung gewonnen, daß beide Typen auf Modena zurückgehen,
wo sich die Steinmetzen von Ferrara geschult haben müssen. Ich werde deswegen zunächst
die aus der Formanalyse abgeleitete Entwicklung der Kapitelle von Modena über Ferrara
nach Verona darstellen. In dem nachfolgenden Abschnitt über die Datierungen werde ich
mich dann mit den bisher in der Literatur vertretenen Ansichten auseinandersetzen.
                  Die oberitalienische Kapitellornamentik des späten 11. Jahrhunderts zeigt das Ende
eines langen Umbildungsprozesses des antiken Kapitells. Aufbau und Blattgliederung lassen
nur noch sehr im allgemeinen erkennen, daß hinter den Schöpfungen des 11. Jahrhunderts
als Vorbilder antike Werke stehen. Die Blätter sind entweder sehr stark durch übertrieben
bewegte Umrißformen des Blattrandes und erhabene Rippen auf dem Blattkörper zersetzt
oder aber zu unförmigen, ungegliederten Gebilden verfestigt. Demgegenüber finden wir
am Dom zu Modena einen ganz neuen Einsatz. Zwar sind die Kapitelle der Krypta noch
im Sinne des 11. Jahrhunderts gestaltet und ebenso die der Apsiden der Oberkirche 1).
An der Fassade aber begegnet uns ein neuer Stil, und zwar zusammen mit den Werken
des Bildhauers Wilhelm. Vitzthum 2) hat betont, wie stark die Arbeiten Meister Wilhelms
von der vorangehenden Zeit unterschieden sind, und wie hier plötzlich wieder das Auge
für die Antike offen ist, während man vorher antike Denkmäler nicht zum Vorbild genommen
habe. Auch Kautzsch 3) verweist darauf, daß in der Kapitellornamentik der Zeit um 1100
sich verschiedentlich eine enge Verbindung antiken Formguts mit „langobardischen“ Vor-
stellungen findet. Gerade in Modena treffen seiner Meinung nach ältere und jüngere Formen
zusammen: die langobardische Tradition zeigt sich in der Krypta, das Zurückgreifen auf
die Antike an der Fassade. Genau so kann man den brettartig platten Formen der Fenster-
umrahmungen an S. Abondio in Como die aus grundsätzlich neuem Geist geschaffene Ranke
Meister Wilhelms am Hauptportal in Modena gegenüberstellen.
                   Bei den Kapitellen am Vorbau des gleichen Portals (1, 2)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-001-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5844-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-002-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5848-Foto-2013.jpg

 

ist mit der Antike über-
einstimmend allerdings weniger die Blattstruktur als der Aufbau, der in beiden Fällen aus
Kranzblattreihe, Hochblattreihe und Doppelhelices auf jeder Seite besteht. Freilich sind
in Modena nur vier Kranzblätter und auch nur vier Hochblätter vorhanden, und die Helices
wachsen nicht hinter Hüllblättern auf, sondern entwickeln sich erst im oberen Teil des
Kapitells aus der Blockmasse heraus, ohne Verbindung mit den unteren Zonen. Die Hoch-
blätter haben dabei teilweise die Funktion der antiken Hüllblätter übernommen, sie schmiegen
sich an die Voluten an. Beim rechten Kapitell (1)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-001-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5844-Foto-2013.jpg

sind in Analogie zu den Blättern an den
Kapitellecken zur Stützung der inneren Voluten kleine Blätter gebildet, die zunächst unge-
gliedert über den Kranzblättern aufwachsen, dann aber durch ihren reich gestalteten Über-
schlag deutlich hervortreten. Der wesentlichste Unterschied gegenüber dern klassischen
Vorbild besteht darin, daß in der Heliceszone keine Kelchforrn sichtbar oder auch nur
fühlbar wird. Gerade diese obere Zone ist als Block empfunden, aus dem die Formen
herausgearbeitet sind, und der dabei unmittelbar sinnfällig bleibt. Der Block hat nämlich
nur an den Ansatzpunkten der Helices leichte Einziehungen, die der Gliederung der Deck-
platte entsprechen. Diese hat nicht die durchgehende Schwingung wie in der Antike;
vielmehr wird die Abacusblüte durch einen Klotz ersetzt, und während die Abacusecken
und der Klotz in einer gleichen vorderen Ebene liegen, sind zwischen ihnen Einziehungen


1) Die hier übliche Art der Blattbildung lebt außerdem fort an den Kapitellen vom Unter-
geschoß der Porta dei principi und, schon mit Elementen des neuen Stils durchsetzt, an der Porta della
pescheria. Auch später stirbt diese Richtung nie ganz ab.
2) Dıe Malerei und Plastik des Mittelalters in Italien, Handbuch der Kunstwissenschaft 1924, S. 78.
3) „Oberitalien und der Mittelrhein“, in L'ltalia e l'arte straniera, Roma 1922.
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in der Form regelmäßiger Kreissegmente gebildet. Dies bedeutet natürlich gegenüber
dem klassisch-korinthischen Kapitell eine starke Verblockung der Heliceszone, die dadurch
noch besonders hervorgehoben wird, daß in der Eckansicht die Voluten nicht aneinander-
stoßen, sondern an der Ecke ein unverziertes Blockstück stehenbleibt.
Dies Kapitell 1 enthält verschiedenartige Blattformen. Die Voluten zeigen nur in
ihrer äußersten Endigung die Vorstellung eines blattmäßigen Körpers. Etwas stärker ge-
gliedert sind die Eckblätter unter den Außenvoluten: der Blattrand bildet eine gleichmäßige
und nur wenig geschwungene Linie, die Oberfläche des Blattes ist glatt bis auf zwei er-
habene Rippen in der Längsrichtung. Von ähnlich geringer Gliederung sind die kleinen
fünffingrigen Palmetten am Säulenhals, dort, wo die Eckblätter ansetzen. Voll starker und
lebendiger Durchbildung sind dagegen die kleinen Blätter unter den Innenhelices: der
Blattrand schwingt in rhythmischem Wechsel stärker und schwächer; die stärkeren Ein-
ziehungen sind auf der Blattoberfläche durch kleine parallele Erhebungen hervorgehoben und
außerdem führen deutlich betonte Rippen zu ihnen hin; an den schwächer geschwungenen
Teilen des Blattrandes wird die Blattfläche durch parallele Riefelungen belebt, so daß also
ein reiches Bild entsteht, zumal das ganze Blatt aus der Tiefe herauswächst und sich über-
schlägt, denn auf diese Weise verlaufen alle Linien kurvig. - Die gleiche Blattbildung
finden wir bei den Kranzblättern wieder, allerdings hier weniger sinnfällig. Bei flüchtiger
Betrachtung haben wir den Eindruck großer, sich kräftig in den Raum vorwölbender
Blätter. In Wahrheit aber besteht jedes „Blatt“ aus mehreren Blättern, die sich um einen
festen Kern herumlegen, oder anders gesagt: ein Kern schiebt sich zwischen zwei auf-
wachsende Blätter und trennt deren seitliche Ränder voneinander. Da sich nun die seit-
lichen Blätter eng an den Kern anschmiegen und sich mit ihm zusammen nach vorn wölben,
so entsteht die Vorstellung, als ob es sich im ganzen um ein einheitliches Blatt handele.
Diese Vorstellung ist natürlich auch beabsichtigt, denn beim antiken Kapitell ist der hier
in Modena aufgespaltene Komplex als ein einheitliches Blatt gebildet.
Strenger antikisch sind die Kranzblätter am linken Kapitell des Portalvorbaus (2).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-002-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5848-Foto-2013.jpg
Hier herrscht deutlich die Vorstellung eines großen ungeteilten Blattes mit stark aus-
gebildeter Mittelrippe, doch schiebt sich auch hier ein fester Körper in das stark räumlich
empfundene Blatt hinein und bildet eine Stütze für den dünnen Blattkörper. In gleicher
Weise sind die Hochblätter gebildet. Zwischen ihnen aber befinden sich, gänzlich unantik,
keine aufwachsenden Blätter, sondern aus den Innenhelices entwickelt sich ein nach unten
fallendes Blatt. Der Rand dieses Blattes zeigt die gleiche Gliederung wie die Blätter unter
den Innenhelices beim Kapitell 1, nur werden die Endigungen der stärkeren Einziehungen
dadurch noch hervorgehoben, daß sie durch Bohrlöcher erweitert sind.
                   Ganz ähnlich den großen Blättem des Kapitells 2 sind die Eckblätter an einem
Zwerggaleriekapitell der Fassade gebildet (3).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-003-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5882-Foto-2013.jpg

Allerdings ist hier nicht so deutlich eine
feste Masse in das bewegte Blatt hineingeschoben; dafür wird die Lücke durch Blatteile
ausgefüllt, die mit der Volute zusammenhängen. Es bleibt auch hier die enge Bindung
eines gegliederten Blattes an einen anderen Körper bestehen. Dagegen ist in einem anderen
Kapitell der Zwerggalerie der Fassade (4)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-004-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5868-Foto-2013.jpg

nur das durchgeformte Blatt gewahrt, und es
tritt deutlich eine Auflockerung zwischen Blatt und Volute ein. Das Blatt selbst aber verrät
seine Herkunft von den Kranzblättern des Kapitells 2.
Die Kapitelle 3 und 4 stellen eine starke Vereinfachung des Formenapparates der
großen Portalkapitelle 1 und 2 dar. Die Kranzblattreihe und die Innenhelices samt ihren
Stützblättern sind getilgt, erhalten sind nur die Eckblätter mit den zugehörigen Voluten
und zwischen diesen ein schmales aufsteigendes Blatt, das dem zwischen den Voluten beim
Kapitell 2 ähnelt.

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Einige andere Kapitelle in Modena (am Obergeschoß der Porta dei principi, Abb. 5 und 6)

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tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-006-Modena-Dom-Porta-dei-principi-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5830-Foto-2013.jpg

geben den ursprünglichen Bestand des korinthischen Kapitells etwas vollständiger
wieder. Sie haben noch Kranz- und Hochblätter, aber die beiden Blattreihen sind fast zu
einer einzigen verschmolzen, indem die Spitzen der Kranzblätter bis zu den Hochblättern
hinaufgezogen sind. Andererseits aber ist die Fortlassung der lnnenhelices beibehalten.
Neu hinzugekommen ist die Rosette in der Mitte der oberen Zone; sie mutet wie eine
vergrößerte Deckplattenblüte der antiken Kapitelle an. Die Blätter sind etwas feinnerviger
als bei den Kapitellen der Fassade, ihr Rand hat eine fast erregte Art der Schwingung.
Beim linken Kapitell (5) haben die Kranzblätter neben ihrem Ansatz am Säulenhals noch
kleine begleitende Blätter, die wie Überbleibsel der an den Kern seitlich angelehnten
Blätter beim Kapitell 1 wirken. Beim rechten Kapitell (6) sind diese mit dem großen Blatt
zu einer Einheit zusammengewachsen, so daß sich das Blatt über die ganze Kapitellseite
ausbreitet und nur an der Ecke etwas Raum für die Stengel der Eckblätter läßt. Zugleich
ist eine für die Zukunft wichtige Veränderung vorgenommen: die beim Kapitell 5 noch
sehr massig gebildeten Voluten sind aufgelockert, indem die Einrollung kleiner geworden
ist und sich dadurch von den Eckblättern entfernt hat; zu diesen wird die Verbindung
durch ein kleines, aus der Volute herauswachsendes Blatt hergestellt. Beim Kapitell 1
waren in der Heliceszone die Ecken des Blockes stehengeblieben, ohne Rücksicht darauf.
daß zwischen Volute und Hochblatt eigentlich bis auf den Punkt, wo sie sich berühren,
Freiraum sein müßte. Diesem Blockstück wird nun eigenes Leben gegeben, und zugleich
bleibt die starke Festigkeit der Ecke gewahrt. Vorbereitet ist dieses Eckblatt bei den
Kapitellen 3 und 4; zu einem selbständigen Wert kommt es erst beim Kapitell 6.
               An diese Stufe in der Entwicklung des korinthisierenden Kapitells knüpfen die
Steinmetzen von Ferrara an. Allerdings ist der Gesamteindruck etwa bei einem Kapitell
der südlichen Zwerggalerie (7)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-007-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-6830-Foto-2013.jpg

wesentlich von dem des Kapitells 6 unterschieden. Das ist
bedingt durch Verschiebungen in den Proportionen und Änderungen der Blattstruktur. Die
Blätter der Kapitelle von Ferrara führen jedoch einen in Modena zuerst auftauchenden
Gedanken fort, nämlich die Festigung eines bewegten Blattes durch eine Folie. Diese
Folie hat in Modena nur ganz andeutungsweise den Charakter eines Blattes bekommen.
Im Grundsätzlichen ähnlich sind einige Blätter an den Kämpfern der Seitenportale an der
Ferrareser Domfassade gebildet (8).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-008-Ferrara-Dom-Fassade-rechtes-Seitenportal-IMG-7182-Foto-2013.jpg

Auch hier wird ein reich gegliedertes Blatt an eine
ruhige Masse angelehnt. Aber diese dient nicht mehr nur zur Stützung des vorderen
Blattes, sondern sie wird in ihrem Wert gesteigert, indem sie selbst den Charakter eines
Blattes bekommt, das sich mit seiner Spitze nach vorn wölbt. An dem mittleren Blatt des
Kämpfers hat der sich vorwölbende Körper deutlich blattmäßige Struktur. Eine weitere
Steigerung bedeuten die Blätter des Kapitells 7. Hier ist dem hinteren Blatt eine sehr
lebhafte Gliederung gegeben, der Blattrand ist nun genau so gezackt wie beim vorderen
Blatt, zwischen den beiden gezackten Rändern aber bleibt ein glatter Streifen stehen, der
die Funktion des ursprünglich hinteren Blattes übernommen hat, nämlich ruhige Folie für
den bewegten Rand zu sein. Bei einigen Kapitellen der Zwerggalerie (9 und 10)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-009-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6744-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-010-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-6764-Foto-2013.jpg

wird gelegentlich auch dieser glatte Streifen noch getilgt, und nun stoßen zwei gezackte
Ränder aneinander, und zwar so, daß für die Vorstellung zwischen beiden Blättern ein
Hohlraum bleibt, dessen Tiefe für das Auge nicht genau erfaßbar ist. Damit sind die
Blattzusammensetzungen erreicht, die, wie wir zu Beginn unserer Untersuchung sagten, für
Königslutter kennzeichnend sind.
Außer den Blattformen wird in Ferrara auch der Aufbau des Kapitells weiter-
gebildet. Das Kapitell 7 schließt an das Kapitell 6 in Modena an, nur sind die Proportionen
etwas breiter. Mit Modena verwandt ist auch ein Kapitell der nördlichen Zwerggalerie (9).

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Allerdings sind hier nicht die Seitenmittelblätter, sondern die Eckblätter beherrschend für
den Gesamteindruck. Man kann sich an die starke Bedeutung der Eckblätter bei den
kleinen Kapitellen 3 und 4 erinnert fühlen, doch wird in Ferrara wegen der stärkeren
Breitenausdehnung des Kapitells an der Seitenmitte noch die Spitze eines aus der Tiefe
nach vorn kommenden Blattes zwischen die Eckblätter eingeschoben. - Die Helices dieses
Kapitells zeigen außerdem noch eine eigenartige Blattstruktur, die aus der Zusammen-
setzung des Blattes aus mehreren Einzelblättern entwickelt ist. Das nach der Ecke auf-
steigende Blatt hat nach oben hin einen stark gezackten Rand, der begleitet wird von
einem einfachen glatten Streifen. Goldschmidt hat, unter Hinweis auf ähnliche Formen in
der Buchmalerei 1), gezeigt, daß für uns auf diese Weise die Illusion eines aufgerollten
Blattes mit einem glatten und einem gezackten Rand entsteht. Diese Vorstellung lebt auch
in der Volute selbst weiter, nur bei dem hängenden Eckzapfen ist nicht klargelegt, wie
er sich aus dem Blattkörper des Eckblattes entwickeln kann. Vielleicht liegt in dem Neben-
einander des glatten und des gezackten Blattrandes eine Verquickung der klassischen Helices
mit ihren Hüllblättern vor, vielleicht ist die Form hier in Ferrara aber auch selbständig
entwickelt.
                 Dieses Kapitell 9

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-009-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6744-Foto-2013.jpg


ist unmittelbar maßgeblich geworden für Königslutter (36-38).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-036-Kaiserdom-Koenigslutter-suedwestlicher-Vierungspfeiler-.jpg

Kaiserdom Königslutter, südwestlicher Vierungspfeiler

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Kaiserdom Königslutter, nordöstlicher Vierungspfeiler

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-038-Kaiserdom-Koenigslutter-suedliches-Querhaus-.jpg

Kaiserdom Königslutter, südliches Querhaus

 


Dort werden aber auch noch andere Anregungen von Ferrara weitergebildet. Ein Kapitell
der südlichen Zwerggalerie in Ferrara (10)

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unterscheidet sich vor allem dadurch von dem
Kapitell 9, daß es stärker in die Fläche ausgebreitet ist. Außerdem sind die bei 9 nur
eben angedeuteten Blätter einer mittleren Zone hier auf Kosten der oberen Zone sehr
gesteigert. Teilweise verkümmern die Voluten dabei sehr, teilweise behalten sie ihre alte
Rundung, doch sind die Helices nicht als volle Blätter ausgebildet wie bei 9, sondern sind
nur dreirippige Stengel (wie in Königslutter bei 47 und 48).

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Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-048-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

Das hängende Eckblatt gewinnt zugleich an Bedeutung, denn es hat nun den breiten Raum
von der Volute bis zu den unteren Eckblättern zu überbrücken.
                     Neben den Kapitellen von Ferrara sind für Königslutter auch die von Verona
bedeutungsvoll. Das Kapitell 7

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lebt weiter in einem Kapitell im Langhans von S. Zeno in Verona. (11).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-011-Verona-S-Zeno-Langhaus-IMG-8601-.jpg


Die untere Zone ist unmittelbar verwandt bis auf kleine Abweichungen in
der Blattgliederung. Neuartig sind dagegen in der oberen Zone die Tierköpfe statt der
Voluten, die ebenso wie die kleinen im Winde spielenden Blätter an der Seitenmitte der
oberen Zone ihre Vorstufe an Zwerggaleriekapitellen von Ferrara haben. (Die Tierköpfe
kehren in Königslutter wieder bei den Kapitellen 34 und 35,

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-034-Kaiserdom-Koenigslutter-Chor-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Chor

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-035-Kaiserdom-Koenigslutter-noerdliches-Querhaus-.jpg

Kaiserdom Königslutter, nördliches Querhaus

 

das im Winde spielende Blatt am Kapitell 38.)

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Kaiserdom Königslutter, südliches Querhaus

 


           Eine andere Abwandlung des Kapitells 7 findet sich am Vorbau des Hauptportals
vom Veroneser Dom (12).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-012-Verona-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-7784-Foto-2013.jpg

Der ganz andersartige Eindruck ist durch die verflächigte Blatt-
struktur bedingt, aber auch durch die Umgestaltung der oberen Zone und die allgemeine
Streckung der Proportionen. Für Königslutter bedeutungsvoll wird die Einführung des
großen aufsteigenden Blattes in der Mitte der oberen Zone (39, 40, 43).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-039-Kaiserdom-Koenigslutter-suedoestlicher-Vierungspfeiler-.jpg

Kaiserdom Königslutter, südöstlicher Vierungspfeiler

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Kaiserdom Königslutter, Apsis Untergeschoss

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-043-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

Alle Blätter bleiben sehr eng an den Kern gebunden, jede Vorstellung einer freien Schwingung
oder gar eines von den Blättem eingeschlossenen Hohlraumes ist getilgt. Erreicht ist dadurch
eine sehr starke Geschlossenheit der Gesamtform.
Die für Königslutter entscheidenden italienischen Kapitelle sind hiermit genannt.
Wir haben uns jedoch noch kurz mit dem Nachleben dieser Kapitelle in Italien selbst zu
befassen, weil sich von hier aus Schlüsse auf die Übertragung der Formen nach Königs-
lutter ergeben werden.

1) „Die Bedeutung der Formenspaltung in der Kunstentwicklung“, Harvard University Press,
Cambridge, Massachusetts, 1937.

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Dem Kapitell 12 in Verona in der starken Geschlossenheit verwandt ist eins am
Vorbau des rechten Seitenportals der Domfassade in Piacenza (13).

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Die starke Ausdehnung der Voluten bedingt eine Zusammenziehung der breiten Mittelblätter des Kapitells 12
zu schmalen Blättern, die an die Kapitelle 3 und 4 in Modena erinnern. Daß die gezackten
Blattränder an glatte angelehnt werden, ist bei diesem Kapitell kaum zu spüren, doch
zeigen andere Kapitelle der Domfassade deutlich Nachfolge der besonderen Form des
Kapitells 9 in Ferrara.

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-009-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6744-Foto-2013.jpg


                Ein reich gestaltetes Kapitell in der Krypta von Piacenza, das sich an das Ferrareser
Kapitell 7 anschließt, bildet Weigert ab (Abb. 53 auf Seite 34 der Zeitschrift für Kunst-
geschichte V, 1936). Hier zeigt sich eine deutliche Tendenz zur Formenhäufung. Zugleich
aber werden die Blätter in die Fläche gebunden wie beim Kapitell 13.

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-013-Piacenza-Dom-rechtes-Seitenportal-der-Fassade-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5456-Foto-2013.jpg

Typisch dafür ist das windbewegte Blatt an der Seitenmitte unter der Deckplatte.
               Eine deutliche Nachwirkung von Ferrara finden wir in einem Kapitell des Portals
am Dom in Cremona (14).

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Der Aufbau ist genau so einfach wie beim Kapitell 3 in
Modena, doch zeigt die Volute mit dem hängenden Eckblatt eine Fortbildung von Ferrara 9
und 10, und die Anlehnung der gezackten an glatte Blätter ist wie bei Ferrara 9 gebildet.
Außerdem tritt zusammen mit diesem Kapitell ein anderes auf (15),

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das im Aufbau Nachwirkung eines Kapitells im Langhaus von S. Zeno in Verona erkennen läßt. Es besteht
aus zwei Reihen gleichmäßig übereinander angeordneter Blätter. Jedes „Blatt“ ist in zwei
Einzelblätter zerlegt; in der unteren Zone sind die jeweils hinteren Blätter ohne starke
Betonung, in der oberen Zone sind sie jedoch bestimmend. Hier wird die gleiche Illusion
eines Hohlraumes erweckt wie etwa beim Kapitell 10 in Ferrara.
                Am Kämpfer dieses Kapitells schmiegt sich eine Reihe nebeneinander angeord-
neter ganz fein gefiederter Blätter eng an die schwingende Platte an. Diese sehr differen-
zierte Art der Blattbildung weist auf eine verhältnismäßig späte Entstehungszeit innerhalb
der geschilderten Entwicklung; wir finden sie vielfach in Piacenza, und zwar am gleichen
Portal wie das Kapitell 13 mit seinen stark verfestigten Formen, dann an einem Kämpfer
des nördlichen Querschiffportals und an einigen kleinen Kapitellen am Fenster der mitt-
leren Apsis, vor allem aber im Langhaus des Domes.
              Die kleinen Kapitelle des Ostfensters in Piacenza führen unmittelbar hin zu einem
Kapitell am Vorbau des Domportals in Lodi (16),

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-016-Lodi-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-5324-Foto-2013.jpg

bei dem wir die überfeine Blattstruktur
besonders deutlich sehen, zugleich aber in der Zusammensetzung der Blattkomplexe aus
vorderem und hinterem Blatt immer noch die Herkunft aus Ferrara spüren. Ebenso
kennen wir das kleine windbewegte Blatt aus Ferrara und Verona. Auffallend ist nur die
Bildung des Helices und das Fehlen eigentlicher Voluten.
              Damit haben wir die Entwicklung des schulmäßigen Zusammenhangs der korin-
thisierenden Kapitelle mit Blattzusammensetzung von Modena an bis zu einem Endpunkt
in Lodi verfolgt und kennen jetzt die Stellung der für Königslutter wichtigen Werke
in Ferrara und Verona innerhalb dieser Reihe. Wir müssen nunmehr die Herkunft
und Fortbildung des anderen Kapitelltyps von Königslutter, des Palmettenfächerkapitells.
untersuchen.
              Eine so singuläre Form kann nicht unvermittelt erfunden werden, und tatsächlich
läßt sich auch ihre Entstehung aus dem korinthisierenden Kapitell verfolgen.
              Als ein wesentliches Element des Palmettenfächerkapitells hatten wir das fächer-
förmige Eckblatt bezeichnet. Wir finden es zum ersten Male in ausgeprägter Form beim
Kapitell 17 (an der Zwerggalerie der Domfassade in Modena).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-017-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5866-Foto-2013.jpg

In der Blattbildung am nächsten verwandt sind die Kranzblätter des Kapitells 2,

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-002-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5848-Foto-2013.jpg

allerdings gehören dort in der
Eckansicht die einzelnen Teile verschiedenen Blättern an; wenn man sie sich jedoch zu-

533



sammengefaßt denkt und zugleich die kleine Palmette an der Ecke zu einem längeren Blatt
vergrößert, so kommt man dem Eckblatt des Kapitells 17 sehr nahe. Andererseits kann
man sich bei dem an den Seitenmitten vortretenden Komplex an die Kranzblätter des Kapitells 1

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-001-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5844-Foto-2013.jpg

erinnert fühlen, denn auch hier strebten von beiden Seiten Blätter nach der
Seitenmitte hin zusammen; dort trat zwischen ihnen der Kern hervor, hier dagegen ist
diese Stelle mit einem schmalen Blatt verdeckt. Die Mittelrippe auf dem eingeschobenen
Blockstück erinnert hingegen am stärksten an das Kapitell 2. Beide Kapitelle vom Unter-
geschoß des Hauptportals sind also zur Erklärung des Kapitells 17 notwendig. Vom
Apparat des korinthischen Kapitells ist dabei eigentlich nur die untere Zone gegeben, und
die erstaunliche Leistung ist, daß dennoch eine gut schaubare Form entsteht. Wir hatten
in den Kapitellen 3 und 4 Vereinfachungsformen des korinthischen Kapitells gesehen; dort
aber waren die wesentlichen Elemente erhalten geblieben, hier dagegen fehlen die Teile,
die sonst die Überleitung vom Rund der Säule nach dem Quadrat der Deckplatte voll-
ziehen. Das Kapitell müßte um 45° gedreht werden, um sich der Deckplatte anzupassen.
             Wenn wir nach der Herkunft des Gedankens suchen, die Seitenmitten durch Her-
vortreten der Blattkomplexe stärker zu betonen als die Ecken, so müssen wir, wie ich
glaube, zum Kapitell 2 zurückgehen. Hier tritt nämlich zum ersten Male die Zusammen-
ziehung mehrerer ursprünglich nicht zusammenhängender Blätter zu einem einheitlichen
Komplex auf, indem die Innenhelices mit den darunter befindlichen Blättern verbunden
werden und diese sich aus den Voluten herausentwickeln 1). Das Motiv des hängenden
Blattes an der Seitenmitte wird weitergebildet an einem Kapitell am Obergeschoß des
Portals (18).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-018-Modena-Dom-Hauptportal-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5854-Foto-2013.jpg

Die beiden Zonen aufsteigender Blätter sind hier zu einer einzigen reduziert,
und da die Seitenmittelblätter die gleiche starke Ausladung haben wie die Kranzblätter
beim Kapitell 2, so muß das ihnen von oben begegnende Blatt nun ebenfalls in den
Raum vorstoßen. Daneben treten die Kapitellecken ganz zurück, es ist nur noch ein Rest
der Voluten vorhanden.
               Ähnlich ist ein Kapitell an der Zwerggalerie der Fassade gebildet (19).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-019-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5890-Foto-2013.jpg

Hier dringen die Seitenmitten noch weiter vor, denn nun ist das aufsteigende Mittelblatt auch noch
getilgt, und der Blattkomplex der Seitenmitte breitet sich noch mehr aus. Die Eckvoluten
sind ähnlich wie beim Kapitell 18 und werden durch schmale Blätter gestützt. An einem
späteren Kapitell der Zwerggalerie der Nordseite (20)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-020-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-5984-Foto-2013.jpg

sind auch diese aufgesogen von den
sich immer mehr ausdehnenden Mittelblättern, und die Volute ist nur noch ein Ableger
des Stengels dieser Blätter. An einem Kapitell der südlichen Zwerggalerie (21)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-021-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5972-Foto-2013.jpg

verschwindet die Volute sogar ganz. All diese Kapitelle zeigen. daß der Gedanke, die Seitenmitte statt
der Ecke zu betonen, in Modena vielfach abgewandelt wird, so daß das Kapitell 17 von
diesem Gesichtspunkt aus keine Einzelerscheinung ist. Zugleich erscheint bedeutungsvoll,
daß bei den Kapitellen 19 bis 21 zwar die Blattkomplexe der Seitenmitten am weitesten
vortreten, die wesentlichen Blätter aber von den Ecken aus hochwachsen. Auch darin
besteht Verwandtschaft zum Kapitell 17; dort bleibt freilich das an der Ecke aufwachsende
Blatt wirklich Eckblatt, während es sich bei den Kapitellen 19 - 21 nach der Seitenmitte
hinwendet und sich dort erst wirklich entfaltet.
                 Das Kapitell 17 erfährt nun eine Weiterhildung, die die in Ferrara auftretende
Form des Palmettenfächerkapitells vorbereitet. Dabei bleibt die starke Ausbreitung der
Fächerblätter bestehen, zugleich aber wird dem Fächerblatt eine Volute gegeben. Diese

1) Diese Blattzusammenziehungen leben weiter an den Vorbaukapitellen der Abteikirche in
Nonantola (Aufn. Marburg 681). Am rechten Kapitell tritt der dabei entstehende Blattkomplex weiter
vor als die Deckplatte, am linken Kapitell wird er durch eine Rosette ersetzt. Hier gewinnen zugleich
die Eckblätter stark an Bedeutung.

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Stufe ist vertreten durch ein Kapitell der südlichen Zwerggalerie (22).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-022-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5978-Foto-2013.jpg

An einem anderen Kapitell dort (23)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-023-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5968-Foto-2013.jpg

sind zwar die Voluten weniger ausgebildet, dafür aber breitet sich nun
das beim Kapitell 17 noch ganz schmale Blatt an der Seitenmitte weiter aus. Zugleich
tritt der stützende Kern zurück. der aus dem Kapitell 2 übernommen war, und der Raum
zwischen den Blättern bleibt unter der Deckplatte unausgefüllt. Erst in Ferrara (25)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-025-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6732-Foto-2013.jpg

wird hier ein dem unteren Mittelblatt gleichwertiges Blatt eingeführt. Wir dürfen wohl an-
nehmen, daß dabei Kapitelle wie 18 bis 21 anregend gewirkt haben.
             Von den Palmettenfächerkapitellen von Ferrara steht eins in der südlichen Zwerggalerie (24)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-024-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-6770-Foto-2013.jpg

Modena noch sehr nahe. Wie beim Kapitell 17 ist das Fächerblatt ohne Volute
gebildet, sonst hat es die gleiche Schwingung wie bei 22. Die Struktur des unteren Mittel-
blattes erinnert am ehesten an die Eckblätter von 23, genauer gesagt haben wir hier die
klassische Blattstruktur vor uns, wie sie an den Portalen von Ferrara und besonders an
den korinthisierenden Kapitellen der Zwerggalerie ausgebildet ist 1).
                    Wesentlich ausgewogener als das Kapitell 24 wirkt ein Kapitell an der nördlichen Zwerggalerie (25),

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-025-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6732-Foto-2013.jpg

denn hier sind die Fächerblätter mit Voluten ausgestaltet, wie schon bei Modena 22;

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-022-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5978-Foto-2013.jpg

dadurch tritt eine stärkere Verbindung mit den Ecken der Deckplatte ein.
Außerdem ist die Blattstruktur der Fächerblätter durch stärkere Einziehungen und zugleich
natürlichere Schwingung des Blattrandes lebendiger geworden. Sehr wesentlich ist, daß
die Blattränder der Fächerblätter und der oberen Mittelblätter nicht ineinandergreifen wie
bei 24, sondern daß zwischen ihnen ein freier Raum bleibt. Ähnlich wie bei den Kapitellen 9
und 10, nur in sehr verstärktem Maße, wird hier für die Vorstellung von den Blättern ein
Hohlraum eingeschlossen. Dadurch ist das Gefühl der Schwere, das den Palrnettenfächer-
kapitellen 22 und 24; anhaftete, wieder aufgehoben. und der schwere Block bekommt für
das Auge Leichtigkeit der Erscheinung.
                  Ein kleines Kapitell der südlichen Zwerggalerie des Domes in Ferrara ist in den
Proportionen etwas schlanker als die bisher untersuchten Kapitelle. Alle Linien laufen
etwas steiler, und das Fächerblatt entfaltet sich nicht unmittelbar am Säulenhals. Die
oberen Seitenmittelblätter bekommen noch mehr Bedeutung.
                  Damit ist die unmittelbare Voraussetzung für ein Kapitell am Vorbau des Veroneser Domportals gegeben (26).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-026-Verona-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-7832-Foto-2013.jpg

Hier werden die bis jetzt noch isolierten Teile zusammen-
gezogen, indem sich die unteren Mittelblätter mit ihren seitlichen Ausstrahlungen über den
Stengeln der Fächerblätter berühren und diese Stengel außerdem mit den Randstücken
der Mittelblätter verbunden werden. Die Entfaltung des Fächerblatts beginnt erst in
halber Höhe des Kapitells. Damit ist ein Gedanke des Kapitells 23 in Modena und des
eben genannten Kapitells in Ferrara weitergedacht. Der Aufbau dieses Kapitells in Verona
bildet die unmittelbare Vorstufe für Königslutter.
                  Eine etwas andersartige Fortbildung des Ferrareser Typs finden wir an einem
Kapitell des rechten Seitenportals an der Domfassade zu Piacenza (27).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-027-Piacenza-Dom-rechtes-Seitenportal-der-Fassade-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5458-Foto-2013.jpg

Auch hier entfalten sich die Fächerblätter erst in halber Höhe des Kapitells, diesmal aber nicht über
den Berührungspunkten seitlicher Blattspitzen, sondern erst über einem kleinen neu ein-
geschobenen Blatt. An Modena erinnert die geringe Ausbildung des oberen Mittelblattes,
die wie ein Rückgriff auf die dortige Gestaltung wirkt. Dennoch wird man nicht sagen
können, daß dies Kapitell in Piacenza ohne Ferrara und Verona zu erklären sei, denn es
enthält die typische Eckknolle des Fächerblattes, wie sie in Ferrara entwickelt ist, und
außerdem zeigt das Portal, an dem sich dies Kapitell befindet, auch sonst Nachwirkungen

1) Dem Kapitell 24 verwandt sind zwei Kapitelle, die ursprünglich am Vorbau des Haupt-
portals standen und jetzt, stark zerstörl, in der Vorhalle aufgestellt sind. Am Portal befinden sich sehr
schlechte Nachbildungen (Restauration laut Inschrift 1830).

535


von Ferrara. Endlich enthält die Zwerggalerie der Hauptapsis am Dom zu Piacenza eine
fast wörtliche Wiederholung des Kapitells 26, nur sind die Einzelheiten etwas härter und
eckiger, die Linienführung des Umrisses ist etwas erregter, so wie an vielen Kapitellen in
Piacenza.
              Eine getreue Wiederholung des Kapitells 25 in Ferrara finden wir noch an einem
Kapitell in Cremona (14).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-014-Cremona-Dom-Hauptportal-IMG-5552-Foto-2013.jpg

Hier ist das obere Mittelblatt sehr stark betont und zeigt Verwandtschaft mit Verona.
              Die Palmettenfächerkapitelle von Piacenza und Cremona haben nicht nach Königs-
lutter weitergewirkt, sie zeigen uns nur, wie in Italien dieser Typus weiterlebt, nachdem
er in Ferrara und Verona seine reinste Ausprägung gefunden hat. Mit den hier genannten
Werken schließt die Entwicklung ab, während in Deutschland zahlreiche Umbildungen eine
längere Lebensdauer dieses Kapitelltyps zeigen.

2. Datierungen.
Wir haben versucht, innerhalb der Kapitellornamentik eine stilistische Entwick-
lung festzustellen, und haben bei den einzelnen Werken von einem „früher“ oder „später“
gesprochen. Die so gewonnene relative Chronologie ist nun in Einklang zu bringen mit
dem, was über die Geschichte der Bauten, an denen sich die Kapitelle befinden, bekannt ist.
Bei keinem der fraglichen Bauten können wir mit Sicherheit die Entstehungszeit
der Ornamentik angeben. Die Geschichte der oberitalienischen Architektur des 12. Jahr-
hunderts ist noch durchaus ungeklärt. Für die einzelnen Bauten sind uns meist eine An-
zahl Daten überliefert, aber es ist kaum möglich, sie bei den langen, mit vielfachem Plan-
wechsel verbundenen Bauzeiten stets richtig auf einzelne Bauteile zu beziehen. Daher ist
die Forschung hier noch voller Kontroversen, und es kann im folgenden auch nur ver-
sucht werden, mögliche Entstehungszeiten anzugeben. Dann muß sich ergeben, ob unser
Entwicklungsbild von dieser Seite aus haltbar ist.
                 Ich beginne mit dem Dom zu Ferrara, weil wir über diesen Bau verhältnismäßig
klar unterrichtet sind. Hier finden wir am Portal die Jahreszahl 1135 und die Angabe, daß
zu dieser Zeit der Dom im Bau war 1). Schon bei der Interpretation der Inschrift gehen
die Meinungen auseinander. P. J. Meier 2) hat, als er die Beziehung zwischen Ferrara und
Königslutter zuerst feststellte, nachdrücklich betont, daß es sich hier nur um die Grundstein-
legung des Domes handeln könne und die Jahresangabe für die wirkliche Entstehungszeit
des Portals nichts aussage. An dieser Meinung hält er, nach mündlicher Äußerung, auch
jetzt unbedingt fest. Die gleiche Ansicht wird neuerdings von Arturo Giglioli in der Festschrift
zur Jahrhundertfeier des Domes vertreten 3). In der gleichen Festschrift aber kommt Bertoni,
gestützt auf eine eingehende Interpretation der Portalinschrift und anderer Inschriften am
Dom (die jetzt nicht mehr erhalten, aber leidlich sicher überliefert sind), zu dem Ergebnis,
daß der Dom bereits vorher begonnen worden ist, und zwar 1132 auf Grund eines Breve
des Papstes Innozenz II., und daß bei der Weihe 1135 die unteren Teile der Fassade mit
dem Portal standen. Dies ist die in der wissenschaftlichen Literatur meist vertretene Meinung 4),

1) Die Inschrift lautet:
     ANNO MILLENO CENTENO TER QUOQUE DENO
     QUINQUE SUPER LATIS STRUITUR DOMUS HEC PIETATIS.
2) „Der Meister von Kônigslutter in Italien“, in Kunstchronik, N. F. 12, 1901.
3) A. Giglioli, Il duomo di Ferrara nella storia e neIl'arte. in: La Cattedrale di Ferrara, 1937.
4) Porter (Lombard Architecture, New Haven 1917, Bd. II, S. 407) spricht von einer Gründung
zwischen 1125 und 1133; Frankl (Die frühmittelalterliche und romanische Baukunst, Handb. d. Kunst-
wiss., 1926, S. 214) gibt ohne nähere Begründung das Jahr 1133 an.

536



und ich möchte nach dem Wortlaut der Inschrift annehmen, daß wir das Jahr 1135 wirklich
als Entstehungszeit des Portals ansehen müssen. Im übrigen wird die Datierung des Portals
auch bei einem Baubeginn 1135 nicht wesentlich verschoben, denn sicher hat man beim
Bau mit der Fassade angefangen. Zugleich aber wird im Osten gebaut worden sein, wie
eindeutig aus der unmittelbaren Übereinstimmung der Kapitellformen hervorgeht. Beim
Bau von Osten nach Westen zeigt sich bald ein Bruch, auf der Südseite nach der 7., auf
der Nordseite nach der 4. Zwerggaleriearkade. Bis zu diesen Bruchstellen ist die Zwerggalerie
mit einfachen Säulen versehen, von da aus nach Westen aber mit Doppelsäulen. Außerdem
findet sich auf der Nordseite noch eine deutliche Höhendifferenz der Zwerggaleriestücke,
aus der sich ergibt, daß zunächst vom Chor aus bis zu dieser Bruchstelle, dann aber von
der Fassade nach dem Chor hin gebaut worden ist. Die Verbindungsstücke zwischen der
Fassade und den östlichen Teilen zeigen eine Kapitellornamentik, die mit den von uns
untersuchten Formen kaum noch etwas zu tun hat: die Blätter der Kapitelle sind wesentlich
steifer, wenig gegliedert, teilweise bloß Zungenblätter. Nur wenige Einzelzüge scheinen von
den Werken der Fassade und der Ostteile übernommen zu sein. Wie lange die erste Bauzeit,
der alle von uns untersuchten Kapitelle angehören, gedauert hat, läßt sich nicht angeben.
Da wir den gleichen Meister Nikolaus, der laut Inschrift am Portal tätig gewesen ist und
in dessen Werkstatt die untersuchten Kapitelle entstanden sind, außer in Ferrara noch in
Verona tätig finden, so können wir von dort aus Rückschlüsse auf die Dauer der Tätigkeit
in Ferrara ziehen. Die Fortwanderung der Werkstatt von Ferrara wird hier wohl eine Baupause
verursacht haben, nach der dann mit anderen Steinmetzen und etwas verändertem Plan
weitergebaut worden ist. Eine Gesamtweihe des Domes ist für 1177 überliefert 1).
                         Für den Dom in Verona haben wir das Anfangsdatum 1139. 1153 wird der
Hochaltar erwähnt 2). Damals müssen also die Ostteile fertig gewesen sein, doch lassen
sich aus dieser Angabe noch keine Schlüsse für die Entstehungszeit des Langhauses und
der Fassade ziehen. Nun finden wir am Chor eine sehr flächige und zarte Ornamentik,
die an der Fassade in den Friesen links und rechts vom Portal in ganz ähnlichem Charakter
wiederkehrt. Hier muß also, wie in Ferrara, im Osten und Westen gleichzeitig gebaut worden
sein. Die feingliedrige Ornamentik unterscheidet sich grundsätzlich von der bedeutend
kräftigeren Modellierungsart am Portalvorbau, der die für Königslutter wesentlichen Kapitelle
enthält und außerdem einen Jagdfries (28, 29),

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-028-Verona-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-7816-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-029-Verona-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-7820-Foto-2013.jpg

 

der in Königslutter sehr ähnlich wiederholt wird 3). Da das gleiche Thema im Fries rechts vom Portal (30)

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bereits dargestellt ist, ergibt sich eine unmittelbare Vergleichsmöglichkeit zwischen den älteren und den jüngeren Teilen.
Wir sind hiernach zu dem Schluß gezwungen, daß der Portalvorbau jünger ist als das
Mauerwerk der Fassade. Dies ist auch nach dem technischen Befund sehr wohl möglich.
Über dem Jagdfries am Portalvorbau findet sich in einer Inschrift der Meistername Nikolaus 4).
während die ganz ähnlich lautende Inschrift in Ferrara an der Umrahmung des Portal-
tympanons angebracht ist. Man könnte demnach denken, daß das Portal in Verona noch
ohne Mitwirkung des Nikolaus gearbeitet worden ist und daß erst auf seine Übersiedlung von
Ferrara nach Verona der Plan eines Vorbaus zurückgeht. Die Kapitelle des inneren Portals
haben mit Ferrara nämlich nichts zu tun, und in der Umrahmung des Portaltympanons

1) Am 8. Mai durch Papst Alexander III., vgl. Porter, Lomb. Arch. II, 5. 412.
2) Porter (Lomb. Arch. III, S. 469) bringt die überlieferten Daten.
3) Eichwede hat im Zusammenhang. mit seiner Arbeit über Kñnigslutter die Friese von Verona
und Königslutter zeichnerisch nebeneinandergestellt, zwar nicht in allen Einzelheiten zuverlässig. doch
im ganzen für Vergleiche brauchbar.
4) „ARTIFICEM GNARUM QUI SCULPSERIT HEC NICOLAUM
HUNC CONCURRENTES LAUDANT PER SECULA GENTES".

537


finden wir Ranken mit ganz frei und leicht über die Fläche verteilten Stengeln und Blättern (31),

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ähnlich wie an den Ostteilen des Domes, während im Portalvorbau die Ranken sehr muskulöse
und kräftig geschwungene Blätter haben (32).

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-032-Verona-Dom-Hauptportal-Vorbau-IMG-7862-Foto-2013.jpg

 

Nun zeigen aber die Figuren im Gewände
des Portals genau den gleichen Stil wie die entsprechenden Figuren im Gewände von
Ferrara. so daß also bereits hier Meister Nikolaus tätig gewesen sein muß 1). Dennoch müssen
wir annehmen, daß der Vorbau mit seinen Kapitellen und Friesen erst später als das innere
Portal begonnen worden ist. Die Ornamentik der Fassade zeigt also drei Stufen: 1. die
Friese links und rechts vom Portal, 2. das Portal selbst, 3. den Portalvorbau. Nur für die
erste Stufe gilt die Jahreszahl 1139 als Arbeitsbeginn. Das Portal muß zunächst schmucklos
geblieben sein. Meister Nikolaus arbeitet dann die Gewände mit den Figuren und die
Archivolten. Schließlich erfolgt die Übersiedlung der Kapitellomamentiker von Ferrara
nach Verona, und nun erst entsteht der Portalvorbau. Wir werden hier mit einer Ent-
stehungszeit rechnen müssen, die wesentlich später liegt als der Baubeginn 1139. Mir
scheint eine Ansetzung auf um 1150 angemessen. Damit ergibt sich zugleich für den
1. Bauabschnitt des Domes in Ferrara eine Zeit von rund 15 Jahren.
                      Zur gleichen Zeit wie am Dom in Verona ist dort an S. Zeno gearbeitet worden.
Diese Feststellung, die sich aus der Betrachtung der Kapitelle ergeben hatte, wird durch
die Baugeschichte bestätigt. S. Zeno ist nach 1123 begonnen worden, denn damals wurde
der Kreuzgang vollendet, der bestimmt älter ist als die wesentlichen Teile der Kirche (er
ist später, im 14. Jahrhundert, durch einen Neubau ersetzt worden, aber mit Benutzung
alter Teile). Der Bauvorgang ist von Simeoni in „La basilica di S. Zeno di Verona“ (Verona,
1909) genauer dargelegt worden. Dabei ergibt sich folgendes: An der Stelle der jetzigen
Kirche stand ein Bau des 11. Jahrhunderts, der eine etwas kürzere Ausdehnung nach
Westen hatte als der jetzige, und von dem im Osten noch Mauerteile für den Bau des
12. Jahrhunderts verwendet worden sind. Nach Vollendung des Kreuzgangs hat man mit
einer Vergrößerung der Kirche begonnen, und zwar hat man dabei etwas westlich der
alten Fassade eingesetzt. Dieser Bauteil, der aus Quadern aufgeführt wurde und im Gegensatz
zu den anderen Bauteilen keine Verwendung von Ziegeln zeigt, umfaßt das kurze erste
Joch vom Eingang aus und außerdem das folgende große dreiteilige Joch. Eine Inschrift
an der Südseite der Kirche gibt das Jahr 1138 als Datum der „Wiederherstellung der
Kirche“ an. Daß die Kapitelle dieses westlichen Bauteils damals wirklich fertig gewesen
sind, ist kaum anzunehmen. Die Übersiedlung der Steinmetzen von Ferrara nach Verona
wird nicht so früh stattgefunden haben; ohne sie aber ist das Kapitell 11 nicht zu erklären,
denn die Übereinstimmungen mit dem Kapitell 7 in Ferrara sind zu groß, als daß das Kapitell 11
unabhängig davon entstanden sein könnte. Wir werden hier also die gleichen Entstehungs-
zeiten vermuten dürfen wie beim Portalvorbau des Domes in Verona. Die Kapitelle des
Verlängerungsbaues sind aus weißem Marmor, während bei den späteren Kapitellen weiter
nach Osten, bei der Ersetzung des alten Baues durch einen neuen, roter Marmor verwendet
worden ist. Die Rotmarmorkapitelle zeigen die gleiche Bindung in die Fläche wie die
Kapitelle der westlichen Zwerggaleriestücke am Langhaus des F errareser Domes. Die Ver-
bindung zwischen beiden Bauten wird nicht abgerissen sein 2).

1) Die Portalanlage bedeutet eine Weiterbildung von Ferrara. Einige kleine Änderungen in der
Figurenverteilung sind als Korrekturen zu werten. Über die Beziehungen der figürlichen Plastik an
beiden Portalen vgl. Vitzthum, Die Malerei und Plastik..., S. 84, und Trude Krautheimer-Hess im
Marburger Jahrbuch IV, S. 258.
2) Eine andere Darstellung der Baugeschichte von S. Zeno ist kürzlich von Arslan gegeben
worden (L'Architettura Romanica Veronese, Verona 1939). Er bezieht das Datum 1138 auf den öst-
lichen Teil der Kirche (also auf die Rotmarmorkapitelle) und glaubt, daß der Verlängerungsbau erst im

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Wir haben also in Ferrara und bei beiden Bauten in Verona eine leidlich sichere
Datierung der für unsere Untersuchung notwendigen Kapitelle gefunden. Von dieser festen
Basis aus können wir nun versuchen, uns mit der umstrittenen Baugeschichte des Domes
von Modena zu befassen.
               Hier sind uns durch Inschriften am Dom und durch einen zeitgenössischen Bericht
zwei wichtige Daten überliefert: 1099 als Baubeginn und 1100 als erste Weihe in Verbindung
mit der Überführung der Leiche des hl. Geminianus aus einem älteren Bau in die Krypta
des neuen 1). Es muß damals also mindestens die Krypta fertig gewesen sein, aber nach
dem Bericht werden wir annehmen können, daß bereits weitere Teile errichtet waren, denn
der Architekt weigert sich, weiterzubauen, ehe nicht die Leiche überführt sei. Als Grund
zu dieser Weigerung hat Frankl angegeben 2), daß gar nicht weitergebaut werden konnte,
ehe man nicht die ältere Kirche (in der die Leiche des Heiligen ruhte) abgerissen hatte,
denn die Ostteile der neuen Kirche stünden in nur geringer Entfernung von der alten und
an deren Mauern wäre man beim Bau angekommen. Nun wissen wir von der älteren Kirche
sehr wenig. Grabungen im jetzigen Dom (im Jahre 1913, Ausgrabungsbericht von Bertoni,
„La Cattedrale modenese preesistente all'attuale“, Modena, 1921) haben ein paar Pfeiler
freigelegt, aus deren Stellung die Achse der alten Kirche hervorgeht. Ihre Ausdehnung
aber ist nicht bekannt. Die wenigen Funde ergeben eine fünfschiffige Kirche, deren Fassade
vor der des jetzigen Domes gelegen haben muß. Im Osten dieses älteren Baues habe man
also 1099 begonnen, meint Frankl, gleichzeitig habe man die Fassade der alten Kirche
abgerissen und mit dem Bau einer neuen begonnen, um diese dann später mit den östlichen
Teilen zu verbinden. Der Bauverlauf scheint mir von Frankl richtig angegeben zu sein, denn
am altertümlichsten sind die Kapitelle der Krypta, die der Ostapsiden setzen diesen Stil
unmittelbar fort, unabhängig davon finden wir im Westen einen gänzlich anderen Stil,
dessen langsame Fortbildung von der Fassade nach Osten hin sich an den Kapitellen der
nördlichen und südlichen Zwerggalerie und ähnlich an den Emporenkapitellen im Langhans
ablesen läßt. Ungeklärt ist nur bis jetzt, wie der ältere Bau zu datieren ist. Frankl setzt
ihn, im Anschluß an Porter, in das frühe 11. Jahrhundert. Hamann hat wegen der Pfeilerform
(quadratischer Kern mit vier vorgelegten Halbsäulen) und der Wandvorlagen, die auf Kreuz-
gratgewölbe in den Seitenschiffen deuten, Bedenken gegen diese Datierung geäußert; er
vermutet, wie Frankl berichtet, daß wir in dem älteren Bau denjenigen vor uns haben,
der 1099 begonnen wurde und der dann durch das große Erdbeben von 1117 zerstört und
daraufhin durch den jetzigen Bau ersetzt worden ist. Diese Ansicht wird weiter vertreten
von Tr. Krautheimer-Heß 3). Sie stützt sich dabei auf ihre Untersuchungen der Plastik der
Ostlombardei und hält für das Modeneser Portal eine Datierung auf nach 1117 für wahr-

frühen 13. Jahrhundert aufgeführt worden sei. Dementsprechend ist seiner Meinung nach auch das
Kapitell 11 erst im 13. Jahrhundert entstanden. Mit dieser Ansicht werde ich mich in einer ausführ-
lichen Besprechung des Arslanschen Buches in der Zeitschrift für Kunstgeschichte auseinandersetzen. _
Zu den Kapitellen von Verona vgl. neuerdings auch Géza de Francovich: La corrente comasca nella
scultura rornanica europea, in Rivista del R. Istituto d`Archeologia e Storia dell`Arte, V, 1936, S. 267
und VI, 1937, S. 47.
1) Die Inschriften sind bei Bertoni, Atlante storico-paleografico del duomo di Modena (Modena
1908), Tafel I und II wiedergegeben. Der Bericht („Relatio aedificationis ecclesiae cathedralis Mutinensis
et translatiunis sancti Geminiani“) ist am zuverlässigsten publiziert von Bresslau, M. G. SS. XXX, II, 2,
S. 1308 bis 1313; auszugsweise bei Lehmann-Brockhaus, SchriftqueIlen..., Nr. 2262. Bei Bertoni und
Porter sind auch die Miniaturen abgebildet, die der Handschrift beigegeben sind und die Grundstein-
legung wie die Ausstellung der Gebeine des Heiligen zeigen. Das Original befindet sich im Archivio
Capitolare in Modena. Der Bericht ist als zeitgenóssisch sichergestellt, vgl. Bresslau, S. 1308.
2) Frankl, „Der Dom in Modena“, in Galls Jahrbuch 1927.
3) Marburger Jahrbuch IV, S. 244.

539



scheinlicher als die auf bald nach 1099. Auch rnir erscheint die spätere Datierung des
Gesamtbaues glaubhafter, denn es wäre merkwürdig, wenn die Kirche gar nicht unter dem
Erdbeben gelitten haben sollte, während in dem 9 km entfemten Nonantola der alte Bau
so weit beschädigt wurde, daß ein Neubau aufgeführt werden mußte 1).
            Für unsere Kapitelluntersuchung wichtiger ist die Widerlegung anderer von Frankl
vertretener Ansichten. Frankl meint nämlich, daß alle von uns herangezogenen Kapitelle
der Westfassade, sowohl die des Portalvorbaus wie die der Zwerggalerie, erst im 13. Jahr-
hundert entstanden seien. Damit würde die ganze von uns angenommene Kapitell-
entwicklung natürlich über den Haufen geworfen werden. Frankl rekonstruiert die Fassade
des frühen 12. Jahrhunderts ohne die Zwerggalerie mit ihren großen Halbsäulen (nur die
an den Ecken des Baues läßt er stehen), ohne Strebepfeiler, ohne Portalvorbau, ohne
Seitenportale, ohne Radfenster. Richtig ist, daß die Strebepfeiler ebenso wie die Seiten-
portale später eingefügt sind. Die Seitenportale stammen nach Aussage ihrer Kapitelle,
ebenso wie das Radfenster, aus dem frühen 13. Jahrhundert, und bei ihrer Anbringung
sind die Reliefs der Fassade teilweise aus ihrer alten Lage verschoben worden. Für die
übrigen Teile der Fassade läßt sich jedoch Zugehörigkeit zum ursprünglichen Bau nach-
weisen. Gegen Frankl hat Tr. Krautheimer-Heß betont 2), daß alle vier Halbsäulen der
Fassade sicher zum Urbau gehören, da ihre Kapitelle mit je zwei Tierkreisbildern dar-
stellungsmäßig zusammengehören. Von da aus hat sie erschlossen, daß die jetzigen Strebe-
pfeiler zwei alte Halbsäulen verdecken, deren Kapitelle die restlichen vier Tierkreiszeichen
enthalten haben müssen. Wenn nun diese Tierkreiskapitelle zum Urbau gehören, so gehören
dazu auch die Kapitelle der Zwerggalerie und damit die Zwerggalerie selbst. Ein kleines
Zwerggaleriekapitell zeigt nämlich ganz nahe Verwandtschaft mit einem Tierkreiskapitell
(Frankl, Abb. 4). In beiden Fällen handelt es sich um Köpfe, deren Haar pflanzlich stilisiert
ist und bei denen der Schnurrbart in merkwürdiger Weise aus den Nasenlöchern heraus-
wächst. Nicht nur die Motive sind übereinstimmend, sondern ebenso bis in Einzelheiten
hinein die Blattgliederung. Die unmittelbare Zusammengehörigkeit der Halbsäulenkapitelle
mit den Propheten des Portalgewändes hat Tr. Krautheimer-Heß betont 3). Ebenso läßt
sich die Verwandtschaft der Haarbehandlung bei den Köpfen der Tierkreiskapitelle und
denen der Genesisreliefs zeigen. Es besteht also kein Grund, an der Zugehörigkeit der
Halbsäulen und der Zwerggalerie zum ursprünglichen Bau zu zweifeln 4).
Auch die Franklsche Spätdatierung der Portalvorbaukapitelle läßt sich widerlegen.
Die Blätter unter den Innenhelices beim Kapitell 1, die wir bei der Analyse dieses Kapitells
eingehend untersucht haben, stimmen auf das genaueste rnit denen der Portalranke Meister Wilhelms (33)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-033-Modena-Dom-Hauptportal-IMG-5858-Foto-2013.jpg

überein; dort finden wir die gleiche Oberflächengliederung, die gleiche Bildung
des Blattrandes mit seinen kontinuierlichen Schwingungen und Bohrlöchern und die gleiche
Art, das Blatt aus der Tiefe herauskornmen und sich überschlagen zu lassen.  -  Zwischen
den Palmettenfriesen der Genesisreliefs und denen der Kapitelle 1 und 2 besteht keine un-
mittelbare Übereinstimmung, aber es ist keineswegs notwendig, einen größeren zeitlichen
Abstand anzunehmen. Die Motive sind nahe verwandt: in beiden Fällen wird das breit-

1) Dies besagt eine Portalinschrift, die bei Porter, Lomb. Arch. III, S. 104, abgedruckt ist.
2) Marburger Jahrbuch IV, S. 233.
3) Marburger Jahrbuch IV, S. 238.
4) Kürzlich ist von Kahl versucht worden, die Zwerggalerie spater zu datieren (Günther Kahl,
Die Zwerggalerie, Würzburg 1939). Die hierfür angeführten Gründe sind aber keineswegs stichhaltig.
Kahl hat den Bau niemals selbst gesehen und hat entsprechend unzureichende Vorstellungen; seine
Beobachtungen sind nur von Fotos gewonnen. Aus dem gleichen Grunde sind alle sonstigen Meinungen
Kahls über die oberitalienische Architektur haltlos.

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entfaltete Blatt jederseits von einem halben Blatt begleitet, nur sind in den Reliefs die Ge-
samtproportionen etwas steiler. - Wir können auch auf die Ähnlichkeiten zwischen dem
Kapitell 2 am Portal

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-002-Modena-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5848-Foto-2013.jpg

 

und dem Kapitell 17 an der Zwerggalerie

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-017-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5866-Foto-2013.jpg

hinweisen, nachdem wir
für diese die Zusammengehörigkeit mit dem Urbau betont haben. Frankl hat bei den Portal-
vorbaukapitellen Anstoß genommen an den „allseitig dreidimensional geschwungenen Blättern“
mit dem „von der Ebene befreiten dreidimensionalen Krümmungsreichtum der Flächen“;
diese Eigenschaften gibt es seiner Meinung nach erst im 13. Jahrhundert. Nun haben wir
oben gesehen, daß die so stark in den Raum ausladenden Blätter der Kapitelle 1 und 2

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in Wahrheit Blattkornplexe sind, indem sich an einen festen Kern reicher durchgebildete
Blätter anlehnen. Diese Blätter bedürfen durchaus der Stützung durch den Kern, sie haben
noch keineswegs von sich aus die starke Kraft der Schwingung wie gotische Blätter.
Alle von uns untersuchten Kapitelle zeigen in ihren Blättern noch durchaus die starke
Bindung an den Block, die Frankl als romanisch gegenüber den gotischen Blättern des
Radfensters bezeichnet. Für das Radfenster trifft die Franklsche Charakteristik durchaus
zu, auch schon für die Kapitellzone der Porta regia. Dagegen sind die von Frankl be-
haupteten Übereinstimmungen zwischen den Kapitellen des Portalvorbaus und denen des
Radfensters einfach nicht vorhanden. Ein verhältnismäßig spätes Kapitell an der südlichen
Zwerggalerie (zwischen der Porta dei principi und der Porta regia) ist motivisch den
Kapitellen des Radfensters sehr verwandt, indem hier nur je ein Blatt an der Kapitellecke
aufwächst und sich unter der Deckplatte umschlägt, ohne sich zu einer Volute einzurollen.
Gerade hier wird die starke Gebundenheit an den Block im Gegensatz zu den sich ganz
frei bewegenden Blättern der frühen Gotik deutlich. Für das Kapitell 18,

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-018-Modena-Dom-Hauptportal-Obergeschoss-des-Vorbaus-IMG-5854-Foto-2013.jpg

das Frankl als Kelchblockkapitell bezeichnet und damit ins frühe 13. Jahrhundert setzt, haben wir oben
gezeigt, daß es in enger Verbindung mit einem Zwerggaleriekapitell der Fassade (19)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-019-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Fassade-IMG-5890-Foto-2013.jpg

und mit einigen der Langseiten (20, 21) steht.

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-020-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-5984-Foto-2013.jpg

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-021-Modena-Dom-Zwerggalerie-der-Suedseite-IMG-5972-Foto-2013.jpg

Auch an dem anderen Kapitell des Obergeschosses
bestehen die Blattkörper noch ganz im Sinne der Kapitelle des Untergeschosses aus der
Addition mehrerer Einzelblätter und sind keineswegs so gelöst wie die Blätter in der Ranke
des Radfensters. - Ich nehme also bei allen Kapitellen des Portalvorbaus an, daß sie in
engem Zusammenhang mit dem ursprünglichen Bau entstanden sind. Dabei ist es durchaus
möglich, daß die Fassade ohne den Portalvorbau begonnen worden ist und daß man ihn
erst hinzugefügt hat, als man beim Bau in der Höhe der Zwerggalerie angekommen war.
Durch die engen Beziehungen zum Portal selbst und zu der benachbarten Zwerggalerie
aber ergibt sich, daß seine Kapitelle in der gleichen Werkstatt gearbeitet sein müssen.
Berechtigt sind Frankls Einwände gegen eine Datierung ins frühe 12. Jahrhundert
jedoch bei den Löwen des Hauptportals. Sie unterscheiden sich durch ihre halbaufgerichtete
Stellung von allen Portallöwen des 12. Jahrhunderts, die immer liegend dargestellt werden
(an den anderen Portalen von Modena, in Ferrara, Verona u. a.). Sie sind ebenso stark
plastisch durchgebildet wie die auf ihrem Rücken sitzenden Konsolen, die mit den Kapitellen
der gleichen Säulen nichts zu tun haben. Ich nehme an, daß die jetzigen Löwen im 13. Jahr-
hundert an die Stelle älterer getreten sind, die vielleicht zerstört waren 1). Die ursprüng-

1) Ein ganz ähnlicher Löwe findet sich im Dom in Bologna neben dem Ausgang aus dem
rechten Seitenschitf nach dem Campanile hin. Hier ist auf die Rückenkonsole später statt der Säule
ein Weihwasserbecken aufgesetzt worden. Stilistisch gehört der Löwe zusammen mit zwei Löwen, die
jetzt innen neben dem Hauptportal stehen und die auf 1220 datiert sind. Vgl. hierzu I. B. Supino:
L'Arte nelle Chiese di Bologna, Bologna 1932 (mit Abb. der Löwen neben dem Hauptportal) uncl
A. Manaresi: La Porta dei Leoni nell'antica cattedrale di Bologna, Firenze 1911. - Damit ergibt sich
für die Modeneser Löwen eine Datierung auf um 1220 oder vielleicht auch etwas später. Zu ähnlichem
Ergebnis ist Frankl auf stilkritischem Wege gekommen (Der Dom in Modena, S. 43).

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lichen Löwen denke ich mir ähnlich wie die in Nonantola (Abb. 18 bei Tr. Krautheimer-
Heß), also wesentlich kleiner als die jetzigen in Modena. Die Säulenschäfte werden wohl
noch aus dem 12. Jahrhundert stammen und die Verbindung zwischen ihnen und den alten
Löwen wird früher durch hohe Konsolen, wie in Nonantola, hergestellt worden sein. Keines-
wegs kann man aus dem Stil der jetzigen Löwen in Modena den Schluß ziehen, daß der
ganze Portalvorbau aus dern 13. Jahrhundert stammt. Er wird sicher noch in enger Ver-
bindung mit der Fassade selbst aufgeführt worden sein.
          Nachdem also für die von uns besprochenen Kapitelle ihre Entstehung im Zusammen-
hang mit dem ursprünglichen Bau nachgewiesen worden ist, kann nochmals auf die Datierung
des jetzigen Baues im Verhältnis zum älteren Bau eingegangen werden. Wenn tatsächlich
1099 mit dem jetzigen Bau begonnen worden ist, würden die von uns untersuchten Kapitelle
nach ihrer Stellung am Bau in die beiden ersten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts zu setzen
sein; wenn dagegen der jetzige Bau erst aus der Zeit nach dem Erdbeben 1117 stammt,
so kommen wir auf das dritte und vierte Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts. Gewichtige Gründe
sprachen für die spätere Datierung. Wir können nun auch die Kapitellformen heranziehen.
E ergibt sich nämlich ziemlich deutlich, daß man beim Bau von Westen nach Osten etwa
1135 auf der Höhe der Porta dei principi angekommen sein muß, denn genau an die dort
erreichte Entwicklungsstufe des Palmettenfächerkapitells und des korinthisierenden Kapitells
schließt die Bauhütte von Ferrara an, und außerdem erfährt das Palmettenfächerkapitell
dann in Modena nur noch eine unbedeutende Weiterbildung. Hier wird also eine Fort-
wanderung von Steinmetzen erfolgt sein. Gegen 1135 muß demnach in Modena tatsächlich
gearbeitet worden sein. Frankl dagegen meint, daß ein erster Bauabschnitt von 1099 bis
etwa 1120 reiche und dann erst wieder nach einer längeren Pause 1169 begonnen worden
sei. Die fraglichen Kapitelle. die für Ferrara Vorbedingung sind, wären 1135 also mindestens
15 Jahre alt gewesen; dann wäre es nicht ersichtlich, warum man sich gerade an die
Typen dieses bestimmten Bauteils angeschlossen hat. Wenn die Kapitelle dagegen in die
zweite Bauzeit gehörten, so müßten sie als Nachfolge von Ferrara bezeichnet werden, doch
gäbe das eine unmögliche Abfolge der Kapitellentwicklung, denn die Modeneser Kapitelle
sind deutlich die Vorstufen zu denen in Ferrara. Wenn jedoch bald nach 1117 begonnen
worden ist, so kann man 1135 sehr wohl gerade an dieser Stelle des Baues angelangt
gewesen sein. Eine eindeutige Entscheidung, ob die Franklsche oder die Hamannsche
These zu Recht besteht, ob wir also beim jetzigen Dom den Bau von 1099 vor uns haben
oder nicht, ist nicht möglich, solange wir nicht den älteren Bau genauer kennen.
                 Nun bleibt noch die Baugeschichte der auf Ferrara und Verona folgenden Bauten
zu untersuchen. Die nächsten Auswirkungen der dortigen Ornamentik hatten wir in Piacenza
gefunden. Für den dortigen Dom ist das Anfangsdatum 1122 überliefert, und zwar in einer
Inschrift an einem Portal der Fassade 1). Es wird hier sicher mit der Fassade begonnen
worden sein. Damit ist aber noch nichts über die für unsere Untersuchung wichtigen
Kapitelle ausgesagt, denn diese befinden sich an den Portalvorbauten, und aus dem Bau-
befund geht einwandfrei hervor, daß die Vorbauten nachträglich hinzugefügt sind: teilweise
sind die den eingefügten Steinen benachbarten Stücke roh abgemeißelt, teilweise finden sich
etwas erweiterte Fugen. Für die plastische Ausgestaltung der Portale hat Tr. Krautheimer-
Heß gezeigt 2), daß sich hier Auswirkungen von Ferrara finden. Damit ergibt sich eine
Datierung auf nach 1135. Auch die Portalvorbauten sind ohne Ferrara nicht zu denken,

1) Ausführliche Angaben hierüber und überhaupt über die überlieferten Baudaten bei Porter,
Lomb. Arch. III. S. 241ff. Vgl. außerdem Lehmann-Brockhaus, Nr. 2345.
2) Marburger Jahrbuch IV, S. 274 f.

542



denn die Atlantenfiguren zeigen den Stil des Meisters Nikolaus. Wir werden die Vorbauten
der seitlichen Fassadenportale (der mittlere Vorbau ist wesentlich jünger) frühestens in die
vierziger Jahre des 12. Jahrhunderts zu setzen haben. Etwa gleichzeitig wird die Krypta
mit dem bei Weigert abgebildeten Kapitell entstanden sein. Aus den überlieferten Baudaten
lassen sich keine Anhaltspunkte entnehmen. Um einiges später sind die Kapitelle der Zwerg-
galerie der mittleren Apsis anzusetzen, bei denen wir Nachfolge von Verona gesehen hatten.
                   Für Cremona ergibt sich aus den überlieferten Daten abermals keine sichere
Datierung der untersuchten Kapitelle 1). Gerade hier ist die Bauzeit sehr lang, und das
Portal setzt sich in seiner jetzigen Erscheinung aus verschiedenen Bauzeiten zusammen.
Wir sind bei der Datierung der untersuchten Kapitelle rein auf die Stilkritik angewiesen.
Da es sich um späte Nachfolge von Ferrara und Verona handelt, wird eine Ansetzung
auf um 1160 richtig sein.
                  Eine Bestätigung dieser Datierung entnehme ich aus einem Vergleich mit dem
Dom zu Lodi. Dort haben wir die gleichen stilistischen Tendenzen angetroffen wie in
Cremona, zugleich aber weitere Fortentwicklung von Ferrara und Verona. 1163 oder kurz
vorher wird der Bau in Lodi begonnen worden sein, denn damals wird die Leiche des
hl. Bassianus mit großem Pomp von Lodi vecchio nach dem neuen Lodi überführt. Zugleich
stiftet Kaiser Friedrich I. eine große Summe für die Kirche 2). Doch scheint der Bau, zumal
in den Westteilen, nur langsam fortgeschritten zu sein. So wird eine Datierung des Portals
auf etwa 1170 richtig sein. Wir können eher eine spätere als eine frühere Entstehungs-
zeit vermuten.
                  Die Ergebnisse dieses Abschnitts sind für uns in doppeltem Sinne bedeutungsvoll.
Einmal hat sich gezeigt, daß die skizzierte Entwicklungslinie der Ornamentik mit den
überlieferten historischen Daten vereinbar ist und durch sie gestützt wird, andererseits
läßt sich von hier aus angeben, wann die Übertragung der Formen nach Deutschland
stattgefunden haben kann. Maßgeblich für Königslutter sind vor allem die Kapitelle der
Zwerggalerie in Ferrara und am Portalvorbau des Domes in Verona. Von hier aus kann
in den fünfziger jahren des 12. Jahrhunderts die Übersiedlung der Werkstattmitglieder
von Italien nach Deutschland erfolgt sein. Die um 1160 entstandenen Kapitelle in Cremona
und die noch späteren in Lodi haben jedenfalls nicht mehr nach Deutschland weitergewirkt.“

.......

1) Die Daten sind zusammengestellt im Marburger Jahrbuch IV, S. 245, auf Grund der An-
gaben von Porter, Lomb. Arch. Il, S. 371f.
2) Über diese Ereignisse ist ein Bericht erhalten, abgedruckt  M. G. SS. XVIII, S. 642; aus-
zugsweise bei Lehmann-Brockhaus, Schriftquelleu . .. Nr. 2215. Außerdem ist zu vergleichen Porter, Lomb.
Arch. II, S. 485ff.

37 Marburger Jahrbuch Bd. 11


543


.......

I V.  D A S   S C H U L V E R H Ä L T N I S   Z U   I T A L I E N.
                  Bei der Untersuchung der von Königslutter abhängigen Werke ist vor allem deutlich
geworden, wie stark sich die meisten Kapitelle der Nachfolge von ihrem Vorbild unter-
scheiden. Dadurch wird die Verbindung von Königslutter mit Italien nur um so enger,
denn hier wie dort herrscht bei der Gestaltung des Kapitellblocks das gleiche Grundgefühl:
die vor einem Kern aufwachsenden Blätter bestimmen die Erscheinung des Kapitells. In
den auf Königslutter folgenden Werken geht die Konzeption von der Gesamtform aus,
der sich die Einzelheiten unterzuordnen haben. Deren Durchbildung erfolgt nicht vom
Gesichtspunkt organischen Wachstums aus, sondern nach rein ornamentalen Prinzipien.
Die Oberflächengestaltung der Blätter ist also erst das Sekundäre, die Gesamtform aber
das Primäre. Damit ist grundsätzlich das gleiche erreicht, was vor Königslutter in Quedlinburg
oder im Kreuzgang der Magdeburger Liebfrauenkirche schon vorhanden war. Die Ein-
gliederung in die einheimischen und gewohnten Vorstellungen ist also restlos vollzogen.
               Nun hatten wir bereits in Königslutter eine langsame Umdeutung der italienischen
Vorbilder beobachten können. Wir hatten erkannt, wie in den korinthisierenden Kapitellen
des Kreuzgangs der Block immer stärker wirksam wurde, wie ferner in den Kapitellen 56 und 57

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-056-Kaiserdom-Koenigslutter-noerdliches-Querhaus-.jpg

Kaiserdom Königslutter, nördliches Querhaus

 

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Kaiserdom Königslutter  nördliches Querhaus

 

schon sehr stark der Würfel spricht, und wie andere Stücke nur noch vereinzelte
Anregungen von den italienischen Kapitellen übernommen haben. Die damit verfolgte
Entwicklung liegt durchaus in der gleichen Richtung wie die nach Königslutter ganz stark
einsetzende Umdeutung. Jetzt wird noch zu untersuchen sein, ob nicht auch schon in
den Kapitellen, die wir unmittelbar neben die in Ferrara und Verona stellen konnten,
geringe Ansätze zu einer Umprägung zu beobachten sind, die die spätere Wandlung vor-
bereiten. Auf diese Weise wird es möglich, das Schulverhältnis zu Italien zu klären. Es
war nämlich bisher die Frage offengeblieben, ob wir in Königslutter mit der Tätigkeit
von Italienern rechnen müssen, oder ob es sich um deutsche Steinmetzen handelt, die sich
in Italien geschult und dann ihre Formen nach Deutschland übertragen haben. Diese Frage
ist grundsätzlich berechtigt, weil im Laufe des 12. Jahrhunderts mehrfach oberitalienische

570

Steinmetzen nach Deutschland gewandert sind und dort gearbeitet haben 1). Es wäre also
durchaus möglich, daß dies auch in Königslutter der Fall gewesen ist.
                 Ein genauer Vergleich des Gesamtaufbaus der Kapitelle in Italien und Deutschland
kann hier nicht zum Ziele führen. Wir müssen uns vielmehr in die Blattstruktur vertiefen.
Wir hatten die italienische Entwicklung bis nach Ferrara und Verona und dann nach Piacenza,
Cremona und Lodi verfolgen können, die einerseits Verfestigung, andererseits verfeinerte
Gliederung gebracht hatte. Fraglich ist bis jetzt geblieben, ob auch die Königslutterer
Kapitelle als konsequente Weiterbildung zu betrachten sind, ob ihre Blattformen also bei
gelegentlich etwas anderer Erscheinung doch grundsätzlich den gleichen Geist zeigen,
oder ob hier bereits eine Umdeutung beginnt, die auf einen veränderten Stilwillen zurück-
zuführen ist.
                Ich führe zunächst einen genauen Vergleich an den sich sehr ähnlichen Palmetten-
fächerkapitellen in Ferrara (25)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-025-Ferrara-Dom-Zwerggalerie-der-Nordseite-IMG-6732-Foto-2013.jpg

und Königslutter (54)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-054-Kaiserdom-Koenigslutter-Loewenportal-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Löwenportal

 

durch. Besonders klar erkennbar
ist die Struktur der aufsteigenden Seitenmittelblätter. Das Königslutterer Blatt ist am
Säulenhals durch tiefe Furchen gegliedert, die zwischen erhabenen Stegen liegen; der
mittlere Steg bildet den Ansatz des aufgelegten schmalen Blattes, während die seitlichen
Stege nur bis zu halber Höhe des Blattes vordringen, dort abbrechen und an ihre Stelle
eine Furche tritt, die die Blattlappen voneinander trennt; diese entwickeln sich aus den
Furchen am Säulenhals. Ebenso ist das Ferrareser Blatt aufgebaut, nur liegen dort die
erhabenen und vertieften Formen nicht hart nebeneinander, und die Blattlappen scheinen
sich aus dem Säulenhals heraus zu entwickeln. Das italienische Blatt zeigt mehr Elastizität
der Durchbildung. Das wird vor allem deutlich in Verona am Kapitell 26,

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-026-Verona-Dom-Hauptportal-Untergeschoss-des-Vorbaus-IMG-7832-Foto-2013.jpg

dessen Blätter noch stärker in diesem Sinne durchgeformt sind. Man kann über das italienische Blatt
sagen, daß es „wächst“, während das deutsche „ruht“. Das italienische Blatt scheint vor
unseren Augen aufzuwachsen, während das deutsche in seiner einmal festgelegten Lage
verharrt. Das bedeutet, daß das deutsche Blatt weniger organisch empfunden ist. Lebendigkeit
kann man ihm zwar nicht absprechen, aber es handelt sich mehr um eine ornamentale
als eine organische Lebendigkeit. Damit ist ein Unterschied angedeutet, der zwar in Königs-
lutter gegenüber allen späteren deutschen Schöpfungen gering erscheint, aber immerhin
vorhanden und grundsätzlich wichtig ist.
                 Wir können ihn an den fächerförmigen Eckblättern bestätigt finden. Sie sind in
Ferrara und vor allem in Verona voll weicher Elastizität, während sie in Königslutter
schwerfälliger und härter erscheinen. Diese Härte würde vor allem bei einer Darstellung
der Blattquerschnitte deutlich werden. Wir würden dann in Italien eine leicht gewellte
Linie erhalten, in Königslutter dagegen eine eckig gebrochene. Höhen und Tiefen sind
hier gleichwertig geworden. Das Blatt besteht also nicht mehr aus Schwellungen zwischen
vertieften Blattausstrahlungen, sondern es ist durch einen gleichmäßigen Wechsel von Rillen
und Stegen gegliedert. In Ferrara kommen die Rippen in weichem Schwung aus der

1) Sie lassen sich urkundlich in Regensburg nachweisen (vgl. Anna Landsberg, Die romanische
Bauornamentik in Südbayern, Frankfurter Diss., 1917). Die dort von ihnen mit Ornaınentik ausgestattete
Kirche ist zwar nicht mehr erhalten, aber an einer ganzen Reihe von Bauten in und um Regensburg
spüren wir deutlich, daß Italiener entweder selbst mitgearbeitet haben oder daß ihr Stil nachwirkt. Aus
stilistischen Gründen können wir einer anderen italienischen Steinmetzengruppe eine Reihe von Kapitellen
in Speyer und Mainz zuweisen, die ihrerseits zahlreiche Nachwirkungen am Mittelrhein, in Hessen und
am Niederrhein erkennen lassen (vgl. die Arbeiten von Kautzsch; außer dem S. 529, Anm. 3 genannten
Aufsatz seine Beiträge in der Zeitschr. f. Gesch. d. Arch., 7, 1919, und im Städeljahrbuch I, 1921).
Ebenfalls haben in Quedlinburg unzweifelhaft Italiener mitgearbeitet (vgl. A. Goldschmidt, Die Bau-
ornamentik in Sachsen im 12.  Jahrhundert, Monatshefte für Kunstwiss. III, 1910).

571

vertieften Mitte heraus, in Königslutter aber stoßen sie hart aneinander in den parallel
nebeneinander angeordneten Ansätzen. Dies wird besonders beim Kapitell 52 deutlich.

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-052-Kaiserdom-Koenigslutter-Loewenportal-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Löwenportal

 


                   Sehr wesentlich ist auch die schon früher erwähnte Anbringung der Bohrlöcher.
Bei den Kapitellen am Königslutterer Löwenportal liegen sie zwar an den Enden der
Blattrandeinziehung, doch sind sie hier eine ganz „abstrakte“ Form, während sie sich in
Ferrara organisch aus den Einschwingungen ergeben. In Königslutter ist nur noch die
Vorstellung der Aushöhlung vorhanden, sie ist „abgespalten“ aus dem Formenkomplex
des Ferrareser Kapitells und ist nun selbständig verwendet. Sie kann so selbständig werden,
daß das Bohrloch nicht mehr als Endpunkt der Blattrandeinziehung verstanden wird. Bei
den Kapitellen im Königslutterer Kreuzgang (53, 55)

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-053-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kapitelle Dissertation Kluckhohn/KH-055-Kaiserdom-Koenigslutter-Kreuzgang-.jpg

Kaiserdom Königslutter, Kreuzgang

 

liegen die Bohrlöcher nämlich einfach
auf den Rippen, während der Blattrand nicht mehr zu ihnen einschwingt. Nur bei den
Voluten wird noch eine Verbindung zwischen dem Blattrand und den Löchern gesucht.
                  An den oberen Mittelblättern und den Voluten finden wir in Königslutter aufgelegte
Rippen, während sonst die Oberfläche glatt ist. In Italien sind zwar auch die Rippen
gegenüber den anderen Blatteilen erhaben, aber die Blattoberfläche schwingt neben ihnen
etwas zurück, so daß die Rippen kaum höherliegen als die übrigen Blatteile. Der Blattkörper
scheint die Rippen aus sich hervorzutreiben. In Königslutter wirken sie demgegenüber
als Zutat. Ganz allgemein läßt sich sagen, daß die Oberflächenstruktur sich in Italien jeweils
aus dem Wesen des Blattes ergibt, das Blatt sie also erzeugt, während sie in Königslutter
mehr auferlegt erscheint.
                  Ebenso wie an den Blättern des Palmettenfächerkapitells ließe sich der Vergleich
italienischer und deutscher Blattgestaltung auch an den korinthisierenden Kapitellen durch-
führen. Bei der Besprechung der einzelnen Kapitelle war oben darauf hingewiesen worden,
daß alle in Italien entwickelten Blattzusammensetzungen in Königslutter wiederkehren. All
diese Blätter aber zeigen die gleiche Auffassung vom Wesen des Blattes, wie sie bei den
Palmettenfächerkapitellen zu beobachten war. Während die italienischen Blätter organische
Gebilde sind, sind die deutschen abstrakt aufgefaßt; das italienische Blatt ist immer Gewächs,
das deutsche aber ist Ornament.
                 Es dürfte nun klar sein, daß der Unterschied, der zwischen den italienischen Kapitellen
und Königslutter festgestellt worden ist, in der Richtung liegt, in der dann in der Nach-
folge von Königslutter in verstärktem Maße eine Umprägung der italienischen Formen vor-
genommen wird. Die Königslutterer Kapitelle unterscheiden sich in grundsätzlichen Dingen
von denen in Ferrara und Verona und haben mit der dortigen Weiterentwicklung in Piacenza,
Cremona und Lodi nichts zu tun. Zu ihrer sprachlichen Charakterisierung mußten die gleichen
Worte gebraucht werden, wie sie zur Kennzeichnung der von Königslutter abhängigen
Kapitelle verwendet worden waren. Sie sind damit deutlich gegen die italienischen Werke
abgesetzt. Sie stehen den Werken der Nachfolge gesinnungsmäßig näher als jenen Stücken,
die als Ausgangspunkt gedient haben. In Königslutter können also nur Deutsche tätig gewesen
sein. Diese können die italienischen Formen nur in Ferrara und Verona kennengelernt
haben, weil es sonst nirgends verwandte Werke gibt. Sie müssen also nach Italien gewandert
sein. Bei den Arbeiten an den dortigen Domen werden sie kaum passive Zuschauer gewesen
sein, sondern sie werden mitgearbeitet haben, wie sich auch für die großen deutschen
Bildhauer des 13. Iahrhunderts eine Tätigkeit in Frankreich hat nachweisen lassen. Allerdings
will es nicht gelingen, ihre Werke in Ferrara und Verona herauszufinden. P. J. Meier hatte
die Konzeption des Palmettenfächerkapitells auf einen Deutschen zurückführen wollen 1).
Diese Ansicht ist nicht haltbar, nachdem die Vorstufen in Modena haben aufgewiesen

1) „Der Meister von Königslutter in Italien", Kunstchronik 1901.

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werden können. Die deutschen Steinmetzen haben anscheinend in Italien nur Mitarbeit
geleistet und den Kapitellen nicht ihre endgültige Gestalt gegeben, während sie in Deutschland,
ganz auf sich gestellt, die übernommenen Vorstellungen mit eigenem Gedankengut durch-
drungen haben, so daß es bei noch so genauer Übertragung des Formenapparates doch
zu Umdeutungen in den Einzelheiten kommen mußte 1).
                  Besonders in die italienische Formenwelt eingelebt hat sich der Meister des Tierfrieses
an der Apsis in Königslutter. Der Veroneser Tierfries ist so ähnlich (28, 29),

 

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daß in beiden Fällen die gleichen Hände tätig gewesen sein müssen. Freilich soll nicht gesagt sein, daß
die Konzeption des Veroneser Frieses auf den Königslutterer Meister zurückgeht. Wir
werden diesen vielmehr als Gesellen in der italienischen Werkstatt anzusehen haben. Auch
hier läßt sich nämlich in Königslutter der Beginn einer Umdeutung nachweisen, vor allem
an der Akanthusblattwelle über dem Fries.
                  Von Italien aus gesehen erscheinen die Werke der deutschen Steinmetzen, vor
allem in der Nachfolge von Königslutter, weniger organisch, weniger durchempfunden,
vielleicht auch formloser. Das alles ist aber nur dadurch bedingt, daß die Deutschen andere
Dinge gewollt haben als die Italiener, es ist nur Folge der Umprägung, die verursacht
wird durch das Verlangen, das Massenmäßige des Kapitells hervorzuheben, den Umriß
sprechen zu lassen, oder auch die durchgebildete Masse zu geben, während auf der Ober-
fläche des Blocks die abstraktornamentale Linienphantasie sich auswirken kann. Hier be-
stätigt sich die alte Beobachtung, daß die Deutschen nichts von fremder Kunst über-
nommen haben, ohne ihm einen neuen Sinn zu geben und seine Gestalt zu ändern.

1) Einzelne Züge der Königslutterer Kapitelle, die zur Unterscheidung von den Vorbildern in
Ferrara und Verona genannt wurden (wie die Entfernung der Bohrlöcher vom Blattrand oder die ge-
ringere Lebendigkeit der Blätter), findet man gelegentlich auch an weniger qualitätvollen Werken in Italien,
etwa im Atrium von S. Ambrogio in Mailand. Deswegen wird man diese italienischen Werke natürlich
nicht deutschen Steinmetzen zuschreiben. Andererseits unterscheiden sich die Königslutterer Kapitelle
von ihren italienischen Vorbildern ja keineswegs durch geringere Qualität, und außerdem kommen eine
ganze Reihe von Unterschieden gegenüber den italienischen Werken zusammen, so daß der oben ge-
zogene Schluß auf nationale Zugehörigkeit der Steinmetzen doch wohl berechtigt sein wird."

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Quelle:

Erwin Kluckhohn: "Die Kapitellornamentik der Stiftskirche zu Königslutter. Studien über Herkunft, Form und Ausbreitung."   Dissertation an der Universität Göttingen, veröffentlicht in Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft Bd. 11 S. 527-578; 138 Abbildungen auf Tafel 1-8

 

Abbildungen auf der Homepage wurden soweit verfügbar zur Verbesserung der Verständlichkeit des Textes teilweise durch neuzeitliche Fotos verbesserter Auflösung ersetzt und direkt in den Text eingefügt.

 

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