C. W. Hase: Die St. Peterskirche auf dem Frankenberge zu Goslar

Die St. Peterskirche auf dem Frankenberge zu Goslar.

Mitgetheilt von C. W. Hase in Hannover.

(Zu den Darstellungen des Grundrisses der Durchschnitte und der Ansichten sind die Aufmessungen des Baumeisters Hotzen benutzt.)

(Mit Abbildungen auf den Blättern 150 – 159.)

 

Geschichtliches.

Der Name Frankenberg, die bergartige Erhöhung am westlichen Ende Goslars, auf dessen höchstem westlich belegenen Gipfel die Peterskirche liegt, führt auf die sagenhafte Entstehungsgeschichte Goslars zurück. Schon unter Otto I. Soll der Bergbau auf Silber im Rammelsberge begonnen, und die Kaiser sollen sich der Jagd auf Bären und Hirsche wegen einen Palast dortselbst erbaut haben. Urkundlich kommt Goslar zuerst wohl in einer vom 4. November 979 datirten Urkunde vor, in welcher Otto II. zu Goslar das Dorf Aschaffa der Kirche zu Aschaffenburg schenkt. Eine andere Sage legt die Entstehung Goslars später unter Heinrich II., der hier häufig zur Jagd ging, bei einem dort angesiedelten Manne (einem geborenen Franken) oft aß, trank und schlief, und stets das Bezahlen vergaß, bis der Franke Gundelcarl sich vor Heinrich niederwarf, und, weil sein Hab und Gut durch die Bewirthungen verloren gegangen, um eine Belohnung bat. Heinrich sagte, er möge nur einen Wunsch aussprechen, und Gundelcarl erbat sich den Rammelsberg. Heinrich sagte, er möge sich Besseres aussuchen, da aber Gundelearl beharrte, schenkte Heinrich ihm den Rammelsberg. Gundelcarl eilt nach Franken und holt Landsleute herüber, mit denen er die Silber-, Kupfer- und Bleiadern des Rammelsberges aufschloß.

Der Ort, an welchem sich die Franken anbauten, war der nach ihnen benannte Frankenberg. Thalwärts bauten sich

____

94

bald die Sachsen an, da hier rasch kaufmännisches Leben und der Goslarsche Markt entstand. Daß Franken zur Betreibung des Bergbaues hieher kamen, bleibt wohl nicht zu bestreiten, indeß, wann dies geschah? bleibt zweifelhaft. In der weiteren Entwickelung Goslars wurde die Zahl der Sachsen der der Franken überlegen; gleichwohl gab es viele Reibereien und blutige Auftritte zwischen den Sachsen und den übermüthigen Franken, bis endlich ein Versöhnungsfest zu Stande kam, das sich alljährlich bis in unser Jahrhundert wiederholt hat.

Die fränkischen Bergleute hatten anfangs eine dem heil. Augustinus geweihte Kapelle. Die wachsende Zahl der Bergleute mag die Erbauung einer neuen Kirche erfordert haben; wann dies geschehen, ist bis jetzt unbekannt; dagegen ist bekannt, daß Bischof Udo von Hildesheim sich· veranlaßt sah, im Jahre 1108 am 13. Mai der St. Petrikirche auf dem Frankenberge einen Pfarrbezirk beizulegen, und zwar erhielt sie den ganzen westlichen Theil Goslars von der Berings-Warnhers, Biermannsstraße bis zur Kapelle des Königs (am Kaiserpalaste von St. Godehard angelegt) und der heil. Maria. Früher wird die Kirche nicht erwähnt.

Die nächste Nachricht, die für die Kirche von Interesse ist, bezieht sich auf die Errichtung eines Klosters der büßenden Schwestern (Monasterium S. Mariae Magdalene) in unmittelbarer Nachbarschaft an der Nordseite der Kirche (die Mauern des nächsten Gebäudes liegen etwa 10 Schritte von der Kirche). Im Jahre 1284 stiftete Bischof Konrad II. ein

____

95

solches als Zeitbedürfnis sich herausstellendes Kloster in Hildesheim, und obgleich nichts Schriftliches darüber vorhanden ist, scheint ganz gleichzeitig, vielleicht schon etwas früher·(nach Heineccius schon 1225), das Kloster auf dem Frankenberge entstanden zu sein. Im Jahre 1234 schon kauft unter Probst Rudolf daselbst der Convent Ländereien und erhielt schon 1235 päpstliche Bestätigung. Im Jahre 1242 schenkt Bischof Konrad II. dem Propst Peter den Altar der Frankenberger Kirche und im Jahre 1246 bestätigt Konrad die im Jahre 1245 vorgenommene Uebertragung der alten Peterskirche auf dem Frankenberge von Seiten der Parochianen an das Kloster, d. h. sie übertrugen das Patronatsrecht dem Kloster, jedoch wohl nur in der Weise, daß sie nur ein Ordensmitglied zum Pfarrer wählen wollten. Das Kloster hatte nach alten Nachrichten einen Chor in der Frankenberger Kirche, der aber 1529 abgebrochen und aus der Kirche entfernt wurde.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war die Frankenberger Kirche schon mit von den Goslarschen Stadtmauern umschlossen.

Wenn die Kirche anfangs nur Peterskirche genannt wird, so unterliegt es keinem Zweifel, daß sie auch dem heil. Paulus geweiht ist, wie bildliche Darstellungen in und an der Kirche und die Kirchensiegel beweisen.

Die Nachrichten über die baulichen Begebenheiten der Kirche sind damit zu Ende; sie geben nicht viel Klarheit über die verschiedenen an der Kirche wahrzunehmenden Vorgänge; daher müssen wir, wie gewöhnlich, die Steine reden lassen.

 

Baubeschreibung.

Wie die Abbildungen zeigen, besteht die Kirche aus einem dreischiffigen Langhause, einem Querschiffe, Fortsetzung des Mittelschiffes über das Querschiff hinaus und Schluß des Chores in voller Breite und Höhe des Langhauses durch eine halbkreisförmige Apsis. Diesem Kirchenbau schließt sich westlich ein Doppelthurmbau in, dem Grundrisse nach, normaler Form der niedersächsisch romanischen Weise an. Wenn diese allgemeine Beschreibung ein ziemlich normales Bild einer romanischen Basilika verspricht, so lehrt doch ein Blick auf die beigegebenen Zeichnungen, daß wir einen Bau vor uns haben, der viele Wandlungen durchlebt hat; ja die Betrachtung des Bauwerkes selbst überzeugt uns bald, daß kaum noch in zuverlässiger Weise auf die ursprüngliche Form aus dem vorhandenen zurückzuschließen und die Geschichte der allmählichen Umwandlungen wird festzustellen sein.

Der Gewölbebau ist eine spätere Zugabe, das Querschiff ist selbst im nördlichen Flügel von abnormer Form und hat im südlichen Flügel noch abweichendere Formen angenommen.

Die Fenster des Mitterschiffes haben theils einen unregelmäßigen Stand, und ebendeshalb ist auch die Säulentheilung im Aeußern an der Mittelschiffwand eine nicht gleichmäßige.

____

96

Der Bogenfries ist nur am Mittelschiffe und an der nördlichen Apsis, nicht aber an den Kreuzflügeln sichtbar. Am Langhause zeigt sich oberhalb des Bogenfrieses ein ungewöhnlich hoher Aufbau, und das dann folgende Hauptgesims ist sehr niedrig. Der Bogenfries zeigt sehr überhöhte Halbkreise und die Konsolen desselben haben höchst alterthümliche Formen, während die Kapitäle der dazu gehörigen Säulen sehr entwickelte Formen des Romanismus zeigen.

Alle diese Eigenthümlichkeiten erfordern volle Beachtung, um die allmählichen Hergänge am Kirchenbau auseinander zu schälen.

Wenn wir in der vorliegenden Kirche noch erhebliche Reste jener alten, im Jahre 1108, wie wir annehmen müssen, nach längerem Bestehen, einer großen Gemeinde Goslars überwiesenen Kirche zu sehen glauben wollen, so muß vor Allem die Kirche eine Basilika mit Balkendecke gewesen sein. Das Letzte ist allerdings dadurch erwiesen, daß die Gewölbedienste in das ältere Mauerwerk eingebunden, und die mit den Diensten versehenen Pfeiler erneuert und verbreitert sind, so daß die Arkaden, welche in ihrer alten Gestalt belassen sind, wie nachstehendes Bild zeigt, hinter den Diensten sich auf den Kämpfer setzen, so daß die Bogenanfänger bei allen vier Pfeilern gleich breit sind.

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Pfeiler-Sp-96-IMG-0593.jpg

 

Die Zwischenpfeiler sind 0,74 m, die Hauptpfeiler 0,825 m breit, das Zurücktreten des Bogens hinter die Pfeilerbreite beträgt also nur . . . . 0,825 – 0,74 = 0,085 : 2 = 0,042

also gut 4 cm.

____

97

Die Gewölbe haben starke Schildbogeu, die sich bei den stärkeren Pfeilern auf die Nebendienste, am Thurme und an der Vierung auf ausgekragte Konsolen setzen, wie nachstehender Holzschnitt verdeutlicht; unser Längenschnitt (Bl. 154) ist in dieser Beziehung nicht ganz richtig.

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Schildbogen-Sp-97-IMG-0598.jpg

 

Aber auch ein anderer Umstand beweist in schlagender Weise, daß die Gewölbe der ursprünglichen Balkendecken-Basilika hinzugefügt sind. Bei der in den letzten Jahren ausgeführten Restauration der Kirche haben sich nämlich Wandgemälde an den oberen Mittelschiffwänden gefunden, die sich durch die Gewölbezwickel hindurchziehen, und im Dachboden oberhalb der Gewölbe wieder zum Vorschein kommen, ein Umstand, der jeden Zweifel an der ursprünglichen Form der Kirche als Balkendecken-Basilika ausschließt. Auch der Umstand, daß der Bogenfries sehr niedrig sitzt, und das Mauerwerk oberhalb desselben aus großen Sandsteinstücken besteht, während unter dem Bogenfriese die ganze Kirche aus flachen Kalkbruchsteinen gemauert ist, zeigt an, daß der obere Theil nur der Herstellung der Gewölbe wegen, die eine größere Höhe verlangten, in späterer Zeit ausgemauert ist.

Die Hauptmasse des südlichen Querschiffflügels ergiebt sich nach kurzer Untersuchung als ein in die gothische Periode fallender Erweiterungsbau, wenn auch die westliche Grenzlinie desselben als einer älteren Anlage angehörend nicht zurückgewiesen werden kann. Dagegen tritt der Giebel des nördlichen Kreuzesarmes als im Zusammenhange mit dem Hauptbau

____

98

aufgeführt hervor. Seine Höhe ist zwar jetzt derjenigen des ganzen Hauptschiffes gleich, aber an seiner nordwestlichen Ecke sitzt ein ausladender Stein mit einem Profile, welches (dem Hauptgesimse der St. Godehardskirche in Hildesheim genau entsprechend) muthmaßlich der Rest des einstigen über

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Gesimsreste-Nordseite-Sp-98-IMG-0598.jpg

 

dem Bogenfriese angebracht gewesenen Hauptgesimses sein dürfte. Wie vorstehendes Bild zeigt, ist die Unterkante des gedachten Steines der Oberkante der Bogenfriessteine in ihrer Höhenlage völlig entsprechend. Daraus ist wenigstens zu entnehmen, daß dieser Giebel harmonisch zu dem Langhause schon vor der Einwölbung der Kirche aufgeführt ist. Aber beide Giebel, sowohl dieser als auch der südliche haben nie den Bogenfries desLanghauses gehabt, obgleich (s. Bl. 151) der Chor wiederum denselben Bogenfries zeigt.

Am geraden Theile der Südseite des Chores sieht man indeß keinen Bogenfries; dagegen ist daselbst der Rest eines alten rundbogigen Fensters vorhanden, in welches die östliche spätgothische Seitenwand des Kreuzflügels hineinschießt. Der kleine Fensterrest ist natürlich zugemauert, so aber, daß man die vertikale Kante und den entsprechenden Theil der Fensterüberwölbung noch sieht. Dies Fenster liegt etwa in der Höhe der übrigen Fenster des Mittelschiffes. Neben diesem Fenster rechts sieht man ein altes schmales sehr gering vorspringendes Lisenenstück, in dem Charakter der zart vorspringenden Lisenen der Frühzeit des Romanismus (wie einzelne Reste von Lisenen

11

____

99

sich an der Moritzberger Kirche zu Hildesheim erhalten haben, 1050). Ueber diesem Fenster sieht man wieder die aus großen Sandsteinen wegen Ausführung der Gewölbe hergestellte Erhöhung der Mittelschiffsmauer. Das Fenster sitzt übrigens so hoch, daß der Bogenfries zwischen ihm und der Sandsteinübermauerung nicht mehr hat stattfinden können. Dies Stück Fenster und Lisene dürfte vielleicht der einzige Rest der Kirche

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Fensterrest-und-Lisene-Chorsuedseite-Sp-99-IMG-0606.jpg

 

sein, welche 1108 existirte, als man die Gemeindegrenzen der Kirche wesentlich erweiterte. Die Gründe dafür dürften im Folgenden zu finden sein. Betrachten wir sämmtliche Details des Langhauses und des nördlichen Kreuzflügels, so finden wir durchweg gute Formen des entwickelten Romanismus, sowohl in den Gliedern, wie im Ornamente. Auf Bl. 154 sehen wir über den Arkaden als Arkadensims den sogenannten Würfelfries in jener lothrechten Verbindung mit den Pfeilern genau wie in der St. Godehardskirche in Hildesheim, wenn zwar über vier Bögen später abgemeißelt, aber über dem fünften noch völlig intakt, während dort wenigstens die Quader des Würfelfrieses noch erkennbar sind. Auch der eben citirte ausladende Stein am nördlichen Kreuzflügel außen entspricht

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Profil-des-Hauptgesimses-Sp-99-IMG-0607.jpg

 

genau dem Profile des Hauptgesimses der Godehardskirche. Wir können daher nicht irren, wenn wir diese Details den

____

100

30er Jahren des 12 Jahrhunderts zuschreiben, und somit würden Langhaus, Vierung und nördlicher Kreuzflügel dieser Zeit des 12. Jahrhunderts angehören. Aber man könnte auch ebenso wahrscheinlich eine bedeutende Restauration der ältesten Kirche um diese Zeit annehmen, und das scheint aus mancherlei Gründen richtiger zu sein. - Ebenso gut, als man im 13. Jahrhundert bei der Aufführung der Gewölbe die Haupttragpfeiler erbreiterte, konnte man auch im 12. Jahrhunderte die Pfeiler ändern, oder was noch wahrscheinlicher ist, sämmtliche Pfeiler wurden bei der Einwölbung erneut.

Vielleicht hat die alte Kirche gar kein Querhaus gehabt, war auch wohl kürzer als die jetzige Kirche, und ihr Schiff fing östlich da an, wo jetztdie Chorrundung beginnt. Für den letzteren Umstand spricht die Thatsache, daß an der Südseite, an der Stelle, wo die Chorrundung beginnt, eine mit Quadern gemauerte Ecke mit jenem Rundbogenfenster und jener Lisene (11. Jahrh.) durch sehr altes Bruchsteinmauerwerk in Verbindung stehend, sich noch vorfindet. *)

Würden wir hierauf weiter fußen, so finden wir es erklärt, daß die Kreuzflügel keine Bogenfriese haben. Bei der angenommenen Verlängerung der alten Kirche und ihrer Erweiterung durch die Kreuzflügel verwandte man so viel von dem alten vorhandenen, durch die Kreuzflügel theils weggefallenen Bogenfriese, als man eben hatte. Die Fenstertheilung wurde eine andere, den unteren Arkaden entsprechende, und statt der alten Lisenen unter den Bogenfriesen wandte man Halbsäulen mit neuen Kapitälen an, welche letztere wie eben schon hervorgehoben, in der That der Zeit von 1130 - 1140 entsprechen, während die Konsolen und die Formen des Bogenfrieses alterthümlicher erscheinen. So erklärt sich auch die eigenthümliche Gruppirung der Säulen zwischen den Fenstern und an der nördlichen Chorseite und der Mangel des Bogenfrieses an den Kreuzflügeln.

Mit der aus der Arkadenaxe gerückten Stellung der beiden dem Thurme zunächst stehenden Fenster des Mittelschiffes (s. Bl. 154 und 159) hat es aber noch eine eigene Bewandnis.

Auf Bl. 159 sehen wir dem Thurme zugewandt auf beiden Seiten des Langhauses je eine Figur neben das Fenster gemalt. Diese Figuren müssen so wichtig gewesen sein, daß man ihretwegen das Fenster verrückte. Daraus mag auch wohl die Gruppirung der Säulen, wie wir sie auf Bl. 152 um das Fenster nahe dem Kreuzflügel und nahe dem Thurme sehen, hervorgegangen sein.

Wenn wir also eine Vermuthung über die älteste Kirche (vor 1108) aussprechen dürfen, so wäre es die, daß sie da begann, wo die Rundung des Chores anfängt, und sich auf nicht zu bestimmende Strecke in das jetzige Langhaus hinein erstreckte, und daß man diese Kirche um 1130 - 1140 verlängerte, mit

____

*) Vergl. obiges Bild: „Chor-Südseite.“

____

101

Kreuzflügeln und dem jetzigen Thurmbau, wie er in seinen unteren Theilen noch steht, versah.

Die Wölbung der Kirche ist, wie mehrfach erwähnt, späteren Datums, und dürfte in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts fallen. Mit ihr bekam der Chor seinen halbrunden Abschluß in der ganzen Breite des Chores, wie nicht zu bezweifeln ist. Daß die Gewölbedienste im Mittelschiffe vorgelegt, und mühsam in das ältere Mauerwerk eingebunden sind, ist wohl schon oben erwähnt. Im nördlichen Kreuzflügel ist die Einwölbung dadurch ermöglicht, daß man große Konsolen in der Höhe der Vierungskempfer auskragte, auf welche man Schildbögen und Gewölbe aufsetzte.

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-ausgekragte-Konsolen-im-noerdlichen-Kreuzfluegel-Sp-101-IMG-0611.jpg

 

Der südliche Kreuzflügel ist unzweifelhaft noch im 13. Jahrhundert angelegt, oder erweitert, wie das noch jetzt in demselben vorhandene Portal mit nebenstehender schöner Gliederung bezeugt. Dasselbe hat noch die in romanischer Zeit übliche, durch die äußere Gliederung erzeugte rechtwinklige Einrahmung (siehe Bl. 152). Der obere Aufbau ist aus späterer Zeit, und zur Erhaltung des alten Tympanums eines Portals aufgeführt. Die Darstellung des Tympanums zeigt in der Mitte Christus, und zu·beiden Seiten Heilige (wahrscheinlich die Kirchenheiligen Paulus und Petrus), alle drei mit dem Evangelium in den Händen. Auch dies Tympanum erinnert sehr lebhaft durch Inhalt und Stil der Plastik an das Tympanum der nordwestlichen Thür der St. Godehardskirche in Hildesheim, welches in der Mitte Christus und zu beiden Seiten die Heiligen Godehard und Bernward darstellt.

Im 15. Jahrhundert hat, den Formen nach zu urtheilen, der südliche Kreuzflügel die noch größere Erweiterung mit der angehängten Kapelle erhalten.

Die im Grundrisse Bl. 150 angedeuteten, und in den übrigen bezüglichen Blättern gezeichneten nördlichen Anbauten vor dem nördlichen Quer- und Seitenschiffe stammen aus dem 15. Jahrhundert und waren muthmaßlich hauptsächlich für den Gebrauch der büßenden Schwestern bestimmt. Da sie sehr verfallen waren, sind sie auf Veranlassung des Kirchenvorstandes bei der neuerdings stattgehabten Restauration entfernt.

Die Thürme, deren oberer alter Aufbau später durch das in den Abbildungen dargestellte zopfige Machwerk ersetzt ist, haben an künstlerischen Formen nichts aufzuweisen, außer einer in dem Mittelbau sich an das Mittelschiff der Kirche anlehnenden, lieblichen, gewölbten und mit reizvollen Arkaden versehenen Empore. Wir sehen dieselben im Längenschnitt Bl. 154.

____

102

Zwei reizvoll an Basen, Schäften und Kapitälen ausgestattete Säulen tragen drei Bögen, welche das Tympanum eines großen Gurtes, der sich von Thurm zu Thurm spannt, tragen. Die auf Löwen ruhenden Säulen sind abgebildet auf Bl. 155 und die beiden Seiten des Tympanums auf Bl. 158. Die beiden Felder des Tympanums enthalten Malereien, welche in den Farben schwach, in den Konturen jedoch ziemlich gut erhalten sind. Kirchenwärts sind die alttestamentlichen Opfertypen „Abrahams Opfer, Melchisedek und Kain und Abel“, oben darüber Christus mit der segnend erhobenen Rechten, und in der Linken ein aufgeschlagenes Buch mit der Inschrift: Ego sum via veritas et vita dargestellt.

Innerhalb, der Empore zugewandt, finden sich die Darstellungen von dem Englischen Gruß, der Kreuzigung mit Maria und Johannes, der Auferstehung und in der Mitte Christus auf dem Regenbogen thronend, und in der Linken das aufgeschlagene Buch haltend, mit den Buchstaben: E. S. A. Ω. (Ich bin das A und das Ω.) Die Zeichnung ist noch stark byzantinisirend.

An den Wänden des Langhauses fanden sich zwischen allen Fenstern, wie schon oben mitgetheilt, ebenfalls Malereien, jedoch nur in rothen schwachen Konturen, und ohne Zurücklassung irgend einer Farbenspur.

Die Malereien der nördlichen Wand finden wir dargestellt auf den Blättern 158 und 156. Den thronenden Salomo auf dem Felde zwischen dem ersten und zweiten Fenster von der Vierung abgerechnet, das Urtheil Salomo's zwischen dem dritten und vierten Fenster. Die durch die Gewölbe größtentheils verdeckten Felder zwischen den Fenstern sind ausgefüllt durch Draperien, welche sich an drei vertikal und schräg gestellten Lanzen halten.

Die Spitzen dieser trophäenartigen Komposition zeigen sich noch heute oberhalb der Gewölbe unter dem Dachboden sichtbar.

An der gegenüberliegenden Seite (südlich) ist zwischen dem zweiten und dritten Fenster vom Thurme abgerechnet, der Kampf Goliaths und Davids, zwischen dem vierten und fünften die Salbung Davids zum Könige. In den Gewölbezwickeln sind auch hier wieder trophäenartig Lanzen und Draperien angeordnet.

Dem Stile dieser Malereien völlig entsprechend fanden sich ferner mitten über dem Platze, wo neben den Thürmen eigentlich die Fenster mitten über den Arkaden sitzen sollten, die Darstellungen (s. Bl. 159): nördlich, des Erzengels Michael mit Schild und Schwert, südlich, des Erzengels Gabriel mit dem Lilienstabe. Beide Bilder sind nur Brustbilder und Medaillons

Die Fenster können nie unter den Medaillons gesessen haben, weil der einfassende runde Rand unzerstört ist. Die unterhalb dieser Medaillons auf den durch die Verrückung der Fenster erzielten Flächen gemalten, und auf Bl. 159 dargestellten Figuren gehören ihrem Stile nach dem eben besprochenen

____

103

Kreise der Darstellungen nicht an, sind vielmehr späteren Datums; es ist aber möglich und wahrscheinlich, daß ursprünglich hier die Maria und Petrus mit zu dem Bildercyklus gemalt, später aber entfernt und mit, zu einem andern gleich näher zu besprechenden Bildercyklus gehörenden anderen Figuren übermalt wurden.

Die eben besprochenen Bilder sind auf einem sehr feinen gut geglätteten Gipsstuck gemalt; dieser Stuck hat sich in der Kirche nur an den von den hier in Rede stehenden Bildern eingenommenen Stellen vorgefunden.

Schon die Größe dieser Bilder hat etwas sehr ungewöhnliches; aber auch die Haltung dramatischer Aktion dürfte ebenso befremdend und ungewöhnlich sein, wie die Wahl der Gegenstände. Die Bilder sind genau gepaust, nach den Pausen photographirt, und so hier zur Darstellung gebracht. Jedenfalls bieten die Bilder, trotz der Manierirtheit und der Schwächen an vielen Theilen der Zeichnung, großes Interesse. - Diese Bilder dürften also der Bau- resp. Restaurationsperiode von 1130 - 1150 angehören; jedenfalls sind sie vor der Einwölbung entstanden, die in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zu rechnen sein dürfte.

Endlich ist die dritte Gruppe von Bildern zu erwähnen, welche in die Zeit nach der Einwölbung fällt.

Betrachten wir die auf Bl. 155 rechts oben dargestellten Kapitäle der Gewölbedienste, so dürfte selbst unter dem Einflusse des hier am nördlichen Harzrande länger andauernden Romanismus die Wölbung noch vor der Mitte des 13. Jahrhunderts ausgeführt sein.

Wir finden diese Malereien auf Bl. 159 dargestellt.

Die Hauptdarstellung findet sich auf dem Schildbogenfelde der Westwand (am Thurme). Das Bild ist in den Spitzbogen der Wölbung hinein komponirt, und zeigt in der Mitte den thronenden Christus; zu seiner Rechten sitzt Petrus (der erste Patron der Kirche) und noch weiter rechts tritt Maria gebeugt heran; wir dürfen Maria hier wohl annehmen, da sie mit derselben Krone auf dem Haupte dicht daneben an der durch das verschobene Fenster der Südwand frei gewordenen Stelle mit dem Lilienstabe und dem Christkinde steht. Zur Linken Christi kniet

____

104

Paulus in bittender Stellung; über ihm stößt ein Engel in die Posaune, und tiefer im Bogenzwickel kniet eine Heilige, in ihrer Linken eine Bischofsmütze haltend und mit dem Gesichte sich abwendend, gleichsam als sehe sie nach dem, dicht neben ihr an der Wand des Mittelschiffes, der Mutter Maria gegenüber gemalten heiligen Bischof oder Abt. Wir haben bis jetzt die Bedeutung dieser dargestellten Scene nicht ergründen können, und geben die Lösung Kundigeren anheim. Die Heilige dürfte vielleicht die Magdalena sein, der 1225 oder etwas später neben der Kirche das Kloster der büßenden Schwestern gewidmet war.

Andere Malereien fanden sich bei der kürzlich stattgehabten Restauration der Kirche in den Arkadenzwickeln; sie stellten Heilige in schreitender Stellung nach Westen zu gewandt dar, und zwar an der Südwand männliche, an der Nordwand weibliche. Die Zeichnung verrieth die späte Zeit des 15. Jahrhunderts. Da sie so sehr defekt waren, daß an eine Restauration nicht zu denken war, sind sie bei der Restauration beseitigt. Auch unterhalb in den Laibungen der Arkaden haben sich, auf die Arkadensteine gemalt, einige Figuren in sehr kleinem Format gefunden, die erhalten sind. Veranlaßt durch die alten Vorgänge haben alle späteren Jahrhunderte ihre Malerkünste in der Kirche versucht, und so fanden sich an Gewölben Pfeilern und Wänden Malereien des 16., 17., 18. Jahrhunderts, die indeß alle sehr defekt und werthlos waren. Ein kleines Stück derartiger Malerei haben wir in dem Gloria in excelsis Deo mitgetheilt, woraus hervorgehen möchte, daß einst unterhalb dieser Stelle die Orgel stand.

Schließlich brauchen wir wohl kaum zu erwähnen daß die Fenster des runden Chortheiles der Zeit des 15. Jahrhunderts·angehören. Im Chore steht ein sehr reich geschnitzter Altar des 17. Jahrhunderts. Auch die Kanzel dürfte derselben Zeit angehören, und eine vom südöstlichen Theile des Querschiffes in Chor und Querschiff ausgekragte Empore mit Darstellungen Luthers und dessen Zeitgenossen mag noch dem 16. Jahrhundert angehören. Großen Werth haben indeß alle diese Holzarbeiten nicht.

 

 

Quelle: Uebersicht der mittelalterlichen Baudenkmäler Niedersachsens. Bd 3 Sp. 93-104, Bl. 150-159. Hannover, Schmorl & Seefeld 1883

 

 

 

Weltkulturerbe im Geopark - Exkursion zu einem mittelalterlichen Bergwerk im Alten Lager auf dem Rammelsberg

Die Führung vom 14.09.2013 wurde vom Förderkreis Heimathaus Alte Mühle Schladen e.V. in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Montanarchäologie des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege organisiert. Frau Dorothee Schacht und Herrn Dr. Lothar Klappauf mit seinem Grabungsteam sei an dieser Stelle für die gelungene Führung zu den mittelalterlichen Bergbauarbeitsplätzen gedankt.

 

Der Visionär des Kraftpakets Harz


Landeskonservator Reinhard Roseneck starb im Alter von 62 Jahren - Ideengeber des Welterbes

Von Martin Jasper


Der Mann war ein echter Visionär. Wer ihn erlebt hat, konnte sich kaum dem Sog der Begeisterung entziehen, der von ihm ausging. Engagiert, eloquent, manchmal geradezu beschwörend warb er vor dem Hintergrund eines profunden historischen Wissens für seine Ideen.


Wollte man die Vision des im Alter von 62 Jahren verstorbenen Landeskonservators Professor Dr. Reinhard Roseneck auf den Punkt bringen, hieße der: Den Harz neu denken.


Der Harz galt und gilt ja bisher eher als wanderbares Mittelgebirge mit etwas verstaubtem Charme, biederer Gastronomie und bestenfalls stagnierendem Tourismus. Roseneck aber sah ihn darüber hinaus als historisches Phänomen: Als riesiges ehemaliges Industriegelände, als eine Art Ruhrgebiet des Mittelalters, als innovative High-Tech-Zone vorindustrieller Epochen. Da waren über Jahrhunderte ungeheure Kräfte am Werk, die im Wortsinne Berge versetzten und durchlöcherten, Wälder anlegten und riesige Wasserlandschaften schufen. Roseneck betonte die Einheit von Natur und Kultur: „Man erlebt ein einmaliges Kulturerbe und kann sich dabei zugleich wunderbar erholen!“


Dabei gelang es ihm stets, Momente von Modernität freizulegen. Als Gestalter des Weltkulturerbes Rammelsberg inszenierte er das Goslarer Bergwerk als Quelle eines Reichtums, der im Mittelalter Ursprung von Kultur war und Politik machte. Als er im Kloster Walkenried ein Zisterzienser-Museum einrichtete, zeichnete er den Mönchsorden als Mega-Konzem mit cleveren Strategien der Innovation, Investition und Corporate Identity.


Der logische Schritt von dort führte zum größten Erfolg des Visionärs: Denn die Mönche von Walkenried legten 1225 die ersten Teiche und Kanäle an, um mit Wasser Hüttenöfen zu betreiben. Daraus erwuchs über Jahrhunderte das Oberharzer Wasserwirtschafts-System.


2010 gelang es Roseneck in ebenso enthusiastischer wie akribischer Überzeugungsarbeit, diese auf den ersten Blick unscheinbare, aber geradezu umwälzende Ingenieursleistung in die Welterbe-Liste der Unesco zu bringen.


Auch hier ist die Idee wieder eine moderne: Wie der Mensch in seinem Fortschrittsdrang ganze Landschaften umbaut und den Lauf der Elemente zu seinem Nutzen lenkt.


Die Begeisterung im Oberharz brachte Osterodes Landrat Bernhard Reuter damals auf den Punkt: „Bestätigt zu bekommen, dass man auf Augenhöhe mit den Pyramiden von Gizeh steht, das ist Balsam für die geschundene Seele der Harzer.“


Zu der Vision Rosenecks gehörte folgerichtig auch, dass das „Kraftpaket Harz“ sich als Einheit begreift und seine historischen Alleinstellungsmerkmale gemeinsam vermarktet. Da fühlte er sich mitunter von der „Kleinstaaterei“ verschiedener Gebietskörperschaften gebremst. Dass ihn die Stadt Goslar 2003 als Leiter des Rammelsbergs wegen angeblicher Misswirtschaft entließ, hat ihn geschmerzt. Doch vor Gericht wurde er entlastet.


Unsere Region hat Reinhard Roseneck viel zu verdanken.



Incl. Archiv-Foto: Jasper   Reinhard Roseneck im Juli 2006 in der Kirchenruine des Klosters Walkenried.


Veröffentlicht in:
Braunschweiger Zeitung vom 11. September 2012