C. W. Hase: Die St. Peterskirche auf dem Frankenberge zu Goslar

Die St. Peterskirche auf dem Frankenberge zu Goslar.

Mitgetheilt von C. W. Hase in Hannover.

(Zu den Darstellungen des Grundrisses der Durchschnitte und der Ansichten sind die Aufmessungen des Baumeisters Hotzen benutzt.)

(Mit Abbildungen auf den Blättern 150 – 159.)

 

Geschichtliches.

Der Name Frankenberg, die bergartige Erhöhung am westlichen Ende Goslars, auf dessen höchstem westlich belegenen Gipfel die Peterskirche liegt, führt auf die sagenhafte Entstehungsgeschichte Goslars zurück. Schon unter Otto I. Soll der Bergbau auf Silber im Rammelsberge begonnen, und die Kaiser sollen sich der Jagd auf Bären und Hirsche wegen einen Palast dortselbst erbaut haben. Urkundlich kommt Goslar zuerst wohl in einer vom 4. November 979 datirten Urkunde vor, in welcher Otto II. zu Goslar das Dorf Aschaffa der Kirche zu Aschaffenburg schenkt. Eine andere Sage legt die Entstehung Goslars später unter Heinrich II., der hier häufig zur Jagd ging, bei einem dort angesiedelten Manne (einem geborenen Franken) oft aß, trank und schlief, und stets das Bezahlen vergaß, bis der Franke Gundelcarl sich vor Heinrich niederwarf, und, weil sein Hab und Gut durch die Bewirthungen verloren gegangen, um eine Belohnung bat. Heinrich sagte, er möge nur einen Wunsch aussprechen, und Gundelcarl erbat sich den Rammelsberg. Heinrich sagte, er möge sich Besseres aussuchen, da aber Gundelearl beharrte, schenkte Heinrich ihm den Rammelsberg. Gundelcarl eilt nach Franken und holt Landsleute herüber, mit denen er die Silber-, Kupfer- und Bleiadern des Rammelsberges aufschloß.

Der Ort, an welchem sich die Franken anbauten, war der nach ihnen benannte Frankenberg. Thalwärts bauten sich

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bald die Sachsen an, da hier rasch kaufmännisches Leben und der Goslarsche Markt entstand. Daß Franken zur Betreibung des Bergbaues hieher kamen, bleibt wohl nicht zu bestreiten, indeß, wann dies geschah? bleibt zweifelhaft. In der weiteren Entwickelung Goslars wurde die Zahl der Sachsen der der Franken überlegen; gleichwohl gab es viele Reibereien und blutige Auftritte zwischen den Sachsen und den übermüthigen Franken, bis endlich ein Versöhnungsfest zu Stande kam, das sich alljährlich bis in unser Jahrhundert wiederholt hat.

Die fränkischen Bergleute hatten anfangs eine dem heil. Augustinus geweihte Kapelle. Die wachsende Zahl der Bergleute mag die Erbauung einer neuen Kirche erfordert haben; wann dies geschehen, ist bis jetzt unbekannt; dagegen ist bekannt, daß Bischof Udo von Hildesheim sich· veranlaßt sah, im Jahre 1108 am 13. Mai der St. Petrikirche auf dem Frankenberge einen Pfarrbezirk beizulegen, und zwar erhielt sie den ganzen westlichen Theil Goslars von der Berings-Warnhers, Biermannsstraße bis zur Kapelle des Königs (am Kaiserpalaste von St. Godehard angelegt) und der heil. Maria. Früher wird die Kirche nicht erwähnt.

Die nächste Nachricht, die für die Kirche von Interesse ist, bezieht sich auf die Errichtung eines Klosters der büßenden Schwestern (Monasterium S. Mariae Magdalene) in unmittelbarer Nachbarschaft an der Nordseite der Kirche (die Mauern des nächsten Gebäudes liegen etwa 10 Schritte von der Kirche). Im Jahre 1284 stiftete Bischof Konrad II. ein

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solches als Zeitbedürfnis sich herausstellendes Kloster in Hildesheim, und obgleich nichts Schriftliches darüber vorhanden ist, scheint ganz gleichzeitig, vielleicht schon etwas früher·(nach Heineccius schon 1225), das Kloster auf dem Frankenberge entstanden zu sein. Im Jahre 1234 schon kauft unter Probst Rudolf daselbst der Convent Ländereien und erhielt schon 1235 päpstliche Bestätigung. Im Jahre 1242 schenkt Bischof Konrad II. dem Propst Peter den Altar der Frankenberger Kirche und im Jahre 1246 bestätigt Konrad die im Jahre 1245 vorgenommene Uebertragung der alten Peterskirche auf dem Frankenberge von Seiten der Parochianen an das Kloster, d. h. sie übertrugen das Patronatsrecht dem Kloster, jedoch wohl nur in der Weise, daß sie nur ein Ordensmitglied zum Pfarrer wählen wollten. Das Kloster hatte nach alten Nachrichten einen Chor in der Frankenberger Kirche, der aber 1529 abgebrochen und aus der Kirche entfernt wurde.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war die Frankenberger Kirche schon mit von den Goslarschen Stadtmauern umschlossen.

Wenn die Kirche anfangs nur Peterskirche genannt wird, so unterliegt es keinem Zweifel, daß sie auch dem heil. Paulus geweiht ist, wie bildliche Darstellungen in und an der Kirche und die Kirchensiegel beweisen.

Die Nachrichten über die baulichen Begebenheiten der Kirche sind damit zu Ende; sie geben nicht viel Klarheit über die verschiedenen an der Kirche wahrzunehmenden Vorgänge; daher müssen wir, wie gewöhnlich, die Steine reden lassen.

 

Baubeschreibung.

Wie die Abbildungen zeigen, besteht die Kirche aus einem dreischiffigen Langhause, einem Querschiffe, Fortsetzung des Mittelschiffes über das Querschiff hinaus und Schluß des Chores in voller Breite und Höhe des Langhauses durch eine halbkreisförmige Apsis. Diesem Kirchenbau schließt sich westlich ein Doppelthurmbau in, dem Grundrisse nach, normaler Form der niedersächsisch romanischen Weise an. Wenn diese allgemeine Beschreibung ein ziemlich normales Bild einer romanischen Basilika verspricht, so lehrt doch ein Blick auf die beigegebenen Zeichnungen, daß wir einen Bau vor uns haben, der viele Wandlungen durchlebt hat; ja die Betrachtung des Bauwerkes selbst überzeugt uns bald, daß kaum noch in zuverlässiger Weise auf die ursprüngliche Form aus dem vorhandenen zurückzuschließen und die Geschichte der allmählichen Umwandlungen wird festzustellen sein.

Der Gewölbebau ist eine spätere Zugabe, das Querschiff ist selbst im nördlichen Flügel von abnormer Form und hat im südlichen Flügel noch abweichendere Formen angenommen.

Die Fenster des Mitterschiffes haben theils einen unregelmäßigen Stand, und ebendeshalb ist auch die Säulentheilung im Aeußern an der Mittelschiffwand eine nicht gleichmäßige.

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Der Bogenfries ist nur am Mittelschiffe und an der nördlichen Apsis, nicht aber an den Kreuzflügeln sichtbar. Am Langhause zeigt sich oberhalb des Bogenfrieses ein ungewöhnlich hoher Aufbau, und das dann folgende Hauptgesims ist sehr niedrig. Der Bogenfries zeigt sehr überhöhte Halbkreise und die Konsolen desselben haben höchst alterthümliche Formen, während die Kapitäle der dazu gehörigen Säulen sehr entwickelte Formen des Romanismus zeigen.

Alle diese Eigenthümlichkeiten erfordern volle Beachtung, um die allmählichen Hergänge am Kirchenbau auseinander zu schälen.

Wenn wir in der vorliegenden Kirche noch erhebliche Reste jener alten, im Jahre 1108, wie wir annehmen müssen, nach längerem Bestehen, einer großen Gemeinde Goslars überwiesenen Kirche zu sehen glauben wollen, so muß vor Allem die Kirche eine Basilika mit Balkendecke gewesen sein. Das Letzte ist allerdings dadurch erwiesen, daß die Gewölbedienste in das ältere Mauerwerk eingebunden, und die mit den Diensten versehenen Pfeiler erneuert und verbreitert sind, so daß die Arkaden, welche in ihrer alten Gestalt belassen sind, wie nachstehendes Bild zeigt, hinter den Diensten sich auf den Kämpfer setzen, so daß die Bogenanfänger bei allen vier Pfeilern gleich breit sind.

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Pfeiler-Sp-96-IMG-0593.jpg

 

Die Zwischenpfeiler sind 0,74 m, die Hauptpfeiler 0,825 m breit, das Zurücktreten des Bogens hinter die Pfeilerbreite beträgt also nur . . . . 0,825 – 0,74 = 0,085 : 2 = 0,042

also gut 4 cm.

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Die Gewölbe haben starke Schildbogeu, die sich bei den stärkeren Pfeilern auf die Nebendienste, am Thurme und an der Vierung auf ausgekragte Konsolen setzen, wie nachstehender Holzschnitt verdeutlicht; unser Längenschnitt (Bl. 154) ist in dieser Beziehung nicht ganz richtig.

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Schildbogen-Sp-97-IMG-0598.jpg

 

Aber auch ein anderer Umstand beweist in schlagender Weise, daß die Gewölbe der ursprünglichen Balkendecken-Basilika hinzugefügt sind. Bei der in den letzten Jahren ausgeführten Restauration der Kirche haben sich nämlich Wandgemälde an den oberen Mittelschiffwänden gefunden, die sich durch die Gewölbezwickel hindurchziehen, und im Dachboden oberhalb der Gewölbe wieder zum Vorschein kommen, ein Umstand, der jeden Zweifel an der ursprünglichen Form der Kirche als Balkendecken-Basilika ausschließt. Auch der Umstand, daß der Bogenfries sehr niedrig sitzt, und das Mauerwerk oberhalb desselben aus großen Sandsteinstücken besteht, während unter dem Bogenfriese die ganze Kirche aus flachen Kalkbruchsteinen gemauert ist, zeigt an, daß der obere Theil nur der Herstellung der Gewölbe wegen, die eine größere Höhe verlangten, in späterer Zeit ausgemauert ist.

Die Hauptmasse des südlichen Querschiffflügels ergiebt sich nach kurzer Untersuchung als ein in die gothische Periode fallender Erweiterungsbau, wenn auch die westliche Grenzlinie desselben als einer älteren Anlage angehörend nicht zurückgewiesen werden kann. Dagegen tritt der Giebel des nördlichen Kreuzesarmes als im Zusammenhange mit dem Hauptbau

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aufgeführt hervor. Seine Höhe ist zwar jetzt derjenigen des ganzen Hauptschiffes gleich, aber an seiner nordwestlichen Ecke sitzt ein ausladender Stein mit einem Profile, welches (dem Hauptgesimse der St. Godehardskirche in Hildesheim genau entsprechend) muthmaßlich der Rest des einstigen über

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Gesimsreste-Nordseite-Sp-98-IMG-0598.jpg

 

dem Bogenfriese angebracht gewesenen Hauptgesimses sein dürfte. Wie vorstehendes Bild zeigt, ist die Unterkante des gedachten Steines der Oberkante der Bogenfriessteine in ihrer Höhenlage völlig entsprechend. Daraus ist wenigstens zu entnehmen, daß dieser Giebel harmonisch zu dem Langhause schon vor der Einwölbung der Kirche aufgeführt ist. Aber beide Giebel, sowohl dieser als auch der südliche haben nie den Bogenfries desLanghauses gehabt, obgleich (s. Bl. 151) der Chor wiederum denselben Bogenfries zeigt.

Am geraden Theile der Südseite des Chores sieht man indeß keinen Bogenfries; dagegen ist daselbst der Rest eines alten rundbogigen Fensters vorhanden, in welches die östliche spätgothische Seitenwand des Kreuzflügels hineinschießt. Der kleine Fensterrest ist natürlich zugemauert, so aber, daß man die vertikale Kante und den entsprechenden Theil der Fensterüberwölbung noch sieht. Dies Fenster liegt etwa in der Höhe der übrigen Fenster des Mittelschiffes. Neben diesem Fenster rechts sieht man ein altes schmales sehr gering vorspringendes Lisenenstück, in dem Charakter der zart vorspringenden Lisenen der Frühzeit des Romanismus (wie einzelne Reste von Lisenen

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sich an der Moritzberger Kirche zu Hildesheim erhalten haben, 1050). Ueber diesem Fenster sieht man wieder die aus großen Sandsteinen wegen Ausführung der Gewölbe hergestellte Erhöhung der Mittelschiffsmauer. Das Fenster sitzt übrigens so hoch, daß der Bogenfries zwischen ihm und der Sandsteinübermauerung nicht mehr hat stattfinden können. Dies Stück Fenster und Lisene dürfte vielleicht der einzige Rest der Kirche

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Fensterrest-und-Lisene-Chorsuedseite-Sp-99-IMG-0606.jpg

 

sein, welche 1108 existirte, als man die Gemeindegrenzen der Kirche wesentlich erweiterte. Die Gründe dafür dürften im Folgenden zu finden sein. Betrachten wir sämmtliche Details des Langhauses und des nördlichen Kreuzflügels, so finden wir durchweg gute Formen des entwickelten Romanismus, sowohl in den Gliedern, wie im Ornamente. Auf Bl. 154 sehen wir über den Arkaden als Arkadensims den sogenannten Würfelfries in jener lothrechten Verbindung mit den Pfeilern genau wie in der St. Godehardskirche in Hildesheim, wenn zwar über vier Bögen später abgemeißelt, aber über dem fünften noch völlig intakt, während dort wenigstens die Quader des Würfelfrieses noch erkennbar sind. Auch der eben citirte ausladende Stein am nördlichen Kreuzflügel außen entspricht

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-Profil-des-Hauptgesimses-Sp-99-IMG-0607.jpg

 

genau dem Profile des Hauptgesimses der Godehardskirche. Wir können daher nicht irren, wenn wir diese Details den

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30er Jahren des 12 Jahrhunderts zuschreiben, und somit würden Langhaus, Vierung und nördlicher Kreuzflügel dieser Zeit des 12. Jahrhunderts angehören. Aber man könnte auch ebenso wahrscheinlich eine bedeutende Restauration der ältesten Kirche um diese Zeit annehmen, und das scheint aus mancherlei Gründen richtiger zu sein. - Ebenso gut, als man im 13. Jahrhundert bei der Aufführung der Gewölbe die Haupttragpfeiler erbreiterte, konnte man auch im 12. Jahrhunderte die Pfeiler ändern, oder was noch wahrscheinlicher ist, sämmtliche Pfeiler wurden bei der Einwölbung erneut.

Vielleicht hat die alte Kirche gar kein Querhaus gehabt, war auch wohl kürzer als die jetzige Kirche, und ihr Schiff fing östlich da an, wo jetztdie Chorrundung beginnt. Für den letzteren Umstand spricht die Thatsache, daß an der Südseite, an der Stelle, wo die Chorrundung beginnt, eine mit Quadern gemauerte Ecke mit jenem Rundbogenfenster und jener Lisene (11. Jahrh.) durch sehr altes Bruchsteinmauerwerk in Verbindung stehend, sich noch vorfindet. *)

Würden wir hierauf weiter fußen, so finden wir es erklärt, daß die Kreuzflügel keine Bogenfriese haben. Bei der angenommenen Verlängerung der alten Kirche und ihrer Erweiterung durch die Kreuzflügel verwandte man so viel von dem alten vorhandenen, durch die Kreuzflügel theils weggefallenen Bogenfriese, als man eben hatte. Die Fenstertheilung wurde eine andere, den unteren Arkaden entsprechende, und statt der alten Lisenen unter den Bogenfriesen wandte man Halbsäulen mit neuen Kapitälen an, welche letztere wie eben schon hervorgehoben, in der That der Zeit von 1130 - 1140 entsprechen, während die Konsolen und die Formen des Bogenfrieses alterthümlicher erscheinen. So erklärt sich auch die eigenthümliche Gruppirung der Säulen zwischen den Fenstern und an der nördlichen Chorseite und der Mangel des Bogenfrieses an den Kreuzflügeln.

Mit der aus der Arkadenaxe gerückten Stellung der beiden dem Thurme zunächst stehenden Fenster des Mittelschiffes (s. Bl. 154 und 159) hat es aber noch eine eigene Bewandnis.

Auf Bl. 159 sehen wir dem Thurme zugewandt auf beiden Seiten des Langhauses je eine Figur neben das Fenster gemalt. Diese Figuren müssen so wichtig gewesen sein, daß man ihretwegen das Fenster verrückte. Daraus mag auch wohl die Gruppirung der Säulen, wie wir sie auf Bl. 152 um das Fenster nahe dem Kreuzflügel und nahe dem Thurme sehen, hervorgegangen sein.

Wenn wir also eine Vermuthung über die älteste Kirche (vor 1108) aussprechen dürfen, so wäre es die, daß sie da begann, wo die Rundung des Chores anfängt, und sich auf nicht zu bestimmende Strecke in das jetzige Langhaus hinein erstreckte, und daß man diese Kirche um 1130 - 1140 verlängerte, mit

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*) Vergl. obiges Bild: „Chor-Südseite.“

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Kreuzflügeln und dem jetzigen Thurmbau, wie er in seinen unteren Theilen noch steht, versah.

Die Wölbung der Kirche ist, wie mehrfach erwähnt, späteren Datums, und dürfte in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts fallen. Mit ihr bekam der Chor seinen halbrunden Abschluß in der ganzen Breite des Chores, wie nicht zu bezweifeln ist. Daß die Gewölbedienste im Mittelschiffe vorgelegt, und mühsam in das ältere Mauerwerk eingebunden sind, ist wohl schon oben erwähnt. Im nördlichen Kreuzflügel ist die Einwölbung dadurch ermöglicht, daß man große Konsolen in der Höhe der Vierungskempfer auskragte, auf welche man Schildbögen und Gewölbe aufsetzte.

 

tl_files/Fotos/Goslar/Hase-1883-St-Peterskirche-auf-dem-Frankenberge-zu-Goslar-ausgekragte-Konsolen-im-noerdlichen-Kreuzfluegel-Sp-101-IMG-0611.jpg

 

Der südliche Kreuzflügel ist unzweifelhaft noch im 13. Jahrhundert angelegt, oder erweitert, wie das noch jetzt in demselben vorhandene Portal mit nebenstehender schöner Gliederung bezeugt. Dasselbe hat noch die in romanischer Zeit übliche, durch die äußere Gliederung erzeugte rechtwinklige Einrahmung (siehe Bl. 152). Der obere Aufbau ist aus späterer Zeit, und zur Erhaltung des alten Tympanums eines Portals aufgeführt. Die Darstellung des Tympanums zeigt in der Mitte Christus, und zu·beiden Seiten Heilige (wahrscheinlich die Kirchenheiligen Paulus und Petrus), alle drei mit dem Evangelium in den Händen. Auch dies Tympanum erinnert sehr lebhaft durch Inhalt und Stil der Plastik an das Tympanum der nordwestlichen Thür der St. Godehardskirche in Hildesheim, welches in der Mitte Christus und zu beiden Seiten die Heiligen Godehard und Bernward darstellt.

Im 15. Jahrhundert hat, den Formen nach zu urtheilen, der südliche Kreuzflügel die noch größere Erweiterung mit der angehängten Kapelle erhalten.

Die im Grundrisse Bl. 150 angedeuteten, und in den übrigen bezüglichen Blättern gezeichneten nördlichen Anbauten vor dem nördlichen Quer- und Seitenschiffe stammen aus dem 15. Jahrhundert und waren muthmaßlich hauptsächlich für den Gebrauch der büßenden Schwestern bestimmt. Da sie sehr verfallen waren, sind sie auf Veranlassung des Kirchenvorstandes bei der neuerdings stattgehabten Restauration entfernt.

Die Thürme, deren oberer alter Aufbau später durch das in den Abbildungen dargestellte zopfige Machwerk ersetzt ist, haben an künstlerischen Formen nichts aufzuweisen, außer einer in dem Mittelbau sich an das Mittelschiff der Kirche anlehnenden, lieblichen, gewölbten und mit reizvollen Arkaden versehenen Empore. Wir sehen dieselben im Längenschnitt Bl. 154.

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Zwei reizvoll an Basen, Schäften und Kapitälen ausgestattete Säulen tragen drei Bögen, welche das Tympanum eines großen Gurtes, der sich von Thurm zu Thurm spannt, tragen. Die auf Löwen ruhenden Säulen sind abgebildet auf Bl. 155 und die beiden Seiten des Tympanums auf Bl. 158. Die beiden Felder des Tympanums enthalten Malereien, welche in den Farben schwach, in den Konturen jedoch ziemlich gut erhalten sind. Kirchenwärts sind die alttestamentlichen Opfertypen „Abrahams Opfer, Melchisedek und Kain und Abel“, oben darüber Christus mit der segnend erhobenen Rechten, und in der Linken ein aufgeschlagenes Buch mit der Inschrift: Ego sum via veritas et vita dargestellt.

Innerhalb, der Empore zugewandt, finden sich die Darstellungen von dem Englischen Gruß, der Kreuzigung mit Maria und Johannes, der Auferstehung und in der Mitte Christus auf dem Regenbogen thronend, und in der Linken das aufgeschlagene Buch haltend, mit den Buchstaben: E. S. A. Ω. (Ich bin das A und das Ω.) Die Zeichnung ist noch stark byzantinisirend.

An den Wänden des Langhauses fanden sich zwischen allen Fenstern, wie schon oben mitgetheilt, ebenfalls Malereien, jedoch nur in rothen schwachen Konturen, und ohne Zurücklassung irgend einer Farbenspur.

Die Malereien der nördlichen Wand finden wir dargestellt auf den Blättern 158 und 156. Den thronenden Salomo auf dem Felde zwischen dem ersten und zweiten Fenster von der Vierung abgerechnet, das Urtheil Salomo's zwischen dem dritten und vierten Fenster. Die durch die Gewölbe größtentheils verdeckten Felder zwischen den Fenstern sind ausgefüllt durch Draperien, welche sich an drei vertikal und schräg gestellten Lanzen halten.

Die Spitzen dieser trophäenartigen Komposition zeigen sich noch heute oberhalb der Gewölbe unter dem Dachboden sichtbar.

An der gegenüberliegenden Seite (südlich) ist zwischen dem zweiten und dritten Fenster vom Thurme abgerechnet, der Kampf Goliaths und Davids, zwischen dem vierten und fünften die Salbung Davids zum Könige. In den Gewölbezwickeln sind auch hier wieder trophäenartig Lanzen und Draperien angeordnet.

Dem Stile dieser Malereien völlig entsprechend fanden sich ferner mitten über dem Platze, wo neben den Thürmen eigentlich die Fenster mitten über den Arkaden sitzen sollten, die Darstellungen (s. Bl. 159): nördlich, des Erzengels Michael mit Schild und Schwert, südlich, des Erzengels Gabriel mit dem Lilienstabe. Beide Bilder sind nur Brustbilder und Medaillons

Die Fenster können nie unter den Medaillons gesessen haben, weil der einfassende runde Rand unzerstört ist. Die unterhalb dieser Medaillons auf den durch die Verrückung der Fenster erzielten Flächen gemalten, und auf Bl. 159 dargestellten Figuren gehören ihrem Stile nach dem eben besprochenen

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Kreise der Darstellungen nicht an, sind vielmehr späteren Datums; es ist aber möglich und wahrscheinlich, daß ursprünglich hier die Maria und Petrus mit zu dem Bildercyklus gemalt, später aber entfernt und mit, zu einem andern gleich näher zu besprechenden Bildercyklus gehörenden anderen Figuren übermalt wurden.

Die eben besprochenen Bilder sind auf einem sehr feinen gut geglätteten Gipsstuck gemalt; dieser Stuck hat sich in der Kirche nur an den von den hier in Rede stehenden Bildern eingenommenen Stellen vorgefunden.

Schon die Größe dieser Bilder hat etwas sehr ungewöhnliches; aber auch die Haltung dramatischer Aktion dürfte ebenso befremdend und ungewöhnlich sein, wie die Wahl der Gegenstände. Die Bilder sind genau gepaust, nach den Pausen photographirt, und so hier zur Darstellung gebracht. Jedenfalls bieten die Bilder, trotz der Manierirtheit und der Schwächen an vielen Theilen der Zeichnung, großes Interesse. - Diese Bilder dürften also der Bau- resp. Restaurationsperiode von 1130 - 1150 angehören; jedenfalls sind sie vor der Einwölbung entstanden, die in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zu rechnen sein dürfte.

Endlich ist die dritte Gruppe von Bildern zu erwähnen, welche in die Zeit nach der Einwölbung fällt.

Betrachten wir die auf Bl. 155 rechts oben dargestellten Kapitäle der Gewölbedienste, so dürfte selbst unter dem Einflusse des hier am nördlichen Harzrande länger andauernden Romanismus die Wölbung noch vor der Mitte des 13. Jahrhunderts ausgeführt sein.

Wir finden diese Malereien auf Bl. 159 dargestellt.

Die Hauptdarstellung findet sich auf dem Schildbogenfelde der Westwand (am Thurme). Das Bild ist in den Spitzbogen der Wölbung hinein komponirt, und zeigt in der Mitte den thronenden Christus; zu seiner Rechten sitzt Petrus (der erste Patron der Kirche) und noch weiter rechts tritt Maria gebeugt heran; wir dürfen Maria hier wohl annehmen, da sie mit derselben Krone auf dem Haupte dicht daneben an der durch das verschobene Fenster der Südwand frei gewordenen Stelle mit dem Lilienstabe und dem Christkinde steht. Zur Linken Christi kniet

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Paulus in bittender Stellung; über ihm stößt ein Engel in die Posaune, und tiefer im Bogenzwickel kniet eine Heilige, in ihrer Linken eine Bischofsmütze haltend und mit dem Gesichte sich abwendend, gleichsam als sehe sie nach dem, dicht neben ihr an der Wand des Mittelschiffes, der Mutter Maria gegenüber gemalten heiligen Bischof oder Abt. Wir haben bis jetzt die Bedeutung dieser dargestellten Scene nicht ergründen können, und geben die Lösung Kundigeren anheim. Die Heilige dürfte vielleicht die Magdalena sein, der 1225 oder etwas später neben der Kirche das Kloster der büßenden Schwestern gewidmet war.

Andere Malereien fanden sich bei der kürzlich stattgehabten Restauration der Kirche in den Arkadenzwickeln; sie stellten Heilige in schreitender Stellung nach Westen zu gewandt dar, und zwar an der Südwand männliche, an der Nordwand weibliche. Die Zeichnung verrieth die späte Zeit des 15. Jahrhunderts. Da sie so sehr defekt waren, daß an eine Restauration nicht zu denken war, sind sie bei der Restauration beseitigt. Auch unterhalb in den Laibungen der Arkaden haben sich, auf die Arkadensteine gemalt, einige Figuren in sehr kleinem Format gefunden, die erhalten sind. Veranlaßt durch die alten Vorgänge haben alle späteren Jahrhunderte ihre Malerkünste in der Kirche versucht, und so fanden sich an Gewölben Pfeilern und Wänden Malereien des 16., 17., 18. Jahrhunderts, die indeß alle sehr defekt und werthlos waren. Ein kleines Stück derartiger Malerei haben wir in dem Gloria in excelsis Deo mitgetheilt, woraus hervorgehen möchte, daß einst unterhalb dieser Stelle die Orgel stand.

Schließlich brauchen wir wohl kaum zu erwähnen daß die Fenster des runden Chortheiles der Zeit des 15. Jahrhunderts·angehören. Im Chore steht ein sehr reich geschnitzter Altar des 17. Jahrhunderts. Auch die Kanzel dürfte derselben Zeit angehören, und eine vom südöstlichen Theile des Querschiffes in Chor und Querschiff ausgekragte Empore mit Darstellungen Luthers und dessen Zeitgenossen mag noch dem 16. Jahrhundert angehören. Großen Werth haben indeß alle diese Holzarbeiten nicht.

 

 

Quelle: Uebersicht der mittelalterlichen Baudenkmäler Niedersachsens. Bd 3 Sp. 93-104, Bl. 150-159. Hannover, Schmorl & Seefeld 1883

 

 

 

Weltkulturerbe im Geopark - Exkursion zu einem mittelalterlichen Bergwerk im Alten Lager auf dem Rammelsberg

Die Führung vom 14.09.2013 wurde vom Förderkreis Heimathaus Alte Mühle Schladen e.V. in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Montanarchäologie des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege organisiert. Frau Dorothee Schacht und Herrn Dr. Lothar Klappauf mit seinem Grabungsteam sei an dieser Stelle für die gelungene Führung zu den mittelalterlichen Bergbauarbeitsplätzen gedankt.

 

Der Visionär des Kraftpakets Harz


Landeskonservator Reinhard Roseneck starb im Alter von 62 Jahren - Ideengeber des Welterbes

Von Martin Jasper


Der Mann war ein echter Visionär. Wer ihn erlebt hat, konnte sich kaum dem Sog der Begeisterung entziehen, der von ihm ausging. Engagiert, eloquent, manchmal geradezu beschwörend warb er vor dem Hintergrund eines profunden historischen Wissens für seine Ideen.


Wollte man die Vision des im Alter von 62 Jahren verstorbenen Landeskonservators Professor Dr. Reinhard Roseneck auf den Punkt bringen, hieße der: Den Harz neu denken.


Der Harz galt und gilt ja bisher eher als wanderbares Mittelgebirge mit etwas verstaubtem Charme, biederer Gastronomie und bestenfalls stagnierendem Tourismus. Roseneck aber sah ihn darüber hinaus als historisches Phänomen: Als riesiges ehemaliges Industriegelände, als eine Art Ruhrgebiet des Mittelalters, als innovative High-Tech-Zone vorindustrieller Epochen. Da waren über Jahrhunderte ungeheure Kräfte am Werk, die im Wortsinne Berge versetzten und durchlöcherten, Wälder anlegten und riesige Wasserlandschaften schufen. Roseneck betonte die Einheit von Natur und Kultur: „Man erlebt ein einmaliges Kulturerbe und kann sich dabei zugleich wunderbar erholen!“


Dabei gelang es ihm stets, Momente von Modernität freizulegen. Als Gestalter des Weltkulturerbes Rammelsberg inszenierte er das Goslarer Bergwerk als Quelle eines Reichtums, der im Mittelalter Ursprung von Kultur war und Politik machte. Als er im Kloster Walkenried ein Zisterzienser-Museum einrichtete, zeichnete er den Mönchsorden als Mega-Konzem mit cleveren Strategien der Innovation, Investition und Corporate Identity.


Der logische Schritt von dort führte zum größten Erfolg des Visionärs: Denn die Mönche von Walkenried legten 1225 die ersten Teiche und Kanäle an, um mit Wasser Hüttenöfen zu betreiben. Daraus erwuchs über Jahrhunderte das Oberharzer Wasserwirtschafts-System.


2010 gelang es Roseneck in ebenso enthusiastischer wie akribischer Überzeugungsarbeit, diese auf den ersten Blick unscheinbare, aber geradezu umwälzende Ingenieursleistung in die Welterbe-Liste der Unesco zu bringen.


Auch hier ist die Idee wieder eine moderne: Wie der Mensch in seinem Fortschrittsdrang ganze Landschaften umbaut und den Lauf der Elemente zu seinem Nutzen lenkt.


Die Begeisterung im Oberharz brachte Osterodes Landrat Bernhard Reuter damals auf den Punkt: „Bestätigt zu bekommen, dass man auf Augenhöhe mit den Pyramiden von Gizeh steht, das ist Balsam für die geschundene Seele der Harzer.“


Zu der Vision Rosenecks gehörte folgerichtig auch, dass das „Kraftpaket Harz“ sich als Einheit begreift und seine historischen Alleinstellungsmerkmale gemeinsam vermarktet. Da fühlte er sich mitunter von der „Kleinstaaterei“ verschiedener Gebietskörperschaften gebremst. Dass ihn die Stadt Goslar 2003 als Leiter des Rammelsbergs wegen angeblicher Misswirtschaft entließ, hat ihn geschmerzt. Doch vor Gericht wurde er entlastet.


Unsere Region hat Reinhard Roseneck viel zu verdanken.



Incl. Archiv-Foto: Jasper   Reinhard Roseneck im Juli 2006 in der Kirchenruine des Klosters Walkenried.


Veröffentlicht in:
Braunschweiger Zeitung vom 11. September 2012

 

 

Adelbert Hotzen 1871: Das Kaiserhaus zu Goslar

 

 

DAS KAISERHAUS ZU GOSLAR.

 

Vortrag gehalten in der IV. Hauptversammlung des

Harz-Vereins für Geschichte und Alterthumskunde

am 30. Mai 1871 zu Goslar

von dem die Restauration des Kaiserhauses leitenden Architekten

 

Adelbert Hotzen.

 

Mit einer Steinzeichnung und fünf in den Text gedruckten Holzschnitten.

 

Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses. 1872.

 

 

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III

Vorwort.

 

Die nachstehenden, für einen engeren Kreis bestimmten Mittheilungen über die alte Kaiserpfalz zu Goslar wurden von dem Harz-Verein für Geschichte und Alterthumskunde geeignet erachtet, auch in weiteren Kreisen Verständniss für dieses grossartige Denkmal aus der Geschichte unseres Volkes und damit Liebe und Theilnahme für dasselbe zu verbreiten. Zu dem Ende ward Seitens des Vereins gegenwärtiger Abdruck beschlossen. Da demselben jedoch die Beihülfe von dem sinnlichen Eindrucke des ehrwürdigen Gebäudes selbst, sowie des Modells und der Zeichnungen nicht mit auf den Weg gegeben werden konnte, auf welche der mündliche Vortrag sich wesentlich stützte, so wurde zum Ersatz durch die beigefügten Holzschnitte versucht, den muthmasslich ehemaligen Zustand der Pfalz zu vergegenwärtigen, so wie er auf Grund sorgsamer Untersuchungen in meinem Restaurationsprojecte zur Anschauung gebracht worden.

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IV

 

Die mir hier gebotene Gelegenheit der Veröffentlichung ist mir um so erwünschter, als erst vor Kurzem in der Leipziger Illustrirten-Zeitung ein Aufsatz mit Zeichnungen über das Kaiserhaus in Goslar erschien, welcher ohne meine Autorisation und ohne Nennung meines Namens mein Project in unvollständiger Weise veröffentlichte.

 

Goslar, im Juni 1871.

 

Der Verfasser.

 

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Festschrift des Harz-Vereins für Geschichte und Alterthumskunde

 

 

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Meine Herren! Von dem Vorstande unseres Vereins ist mir der ehrenvolle Auftrag ertheilt, Ihnen einige Mittheiluugen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Kaiserhauses zu Goslar zu machen. Bei dieser schwierigen Aufgabe kommt mir wenigstens das Eine zu Statten, dass ich zu Ihnen von einem Gebäude zu sprechen habe, dem Sie gewiss das lebhafteste Interesse schenken. Die Gunst der Verhältnisse hat unserm alten Kaiserhause nach einer Pause von Jahrhunderten wiederum das Interesse in weitesten Kreisen zugewendet. Ja man kann fast sagen, dass die Augen von ganz Deutschland, wie sie schon früher einmal auf dieses merkwürdige Haus gerichtet waren, sich jetzt wiederum demselben zuwenden. Sollte da nicht in einer Versammlung, wie die gegenwärtige, von Freunden der Geschichte und Alterthumskunde dieser in Stein gehauenen Urkunde von einstiger Grösse unseres Volkes das vollste, wärmste Interesse entgegengetragen werden? Es bedarf kaum mehr als der Nennung des Namens, um unser Herz schon für dieses ehrwürdige Monument unserer Geschichte schlagen zu lassen, denn hier sehen wir ja ein Haus, in dem die Heroen aus unserer grossen Kaiserzeit gewohnt haben. Nicht allein Interesse, nein wahre Liebe ist es, die uns für dieses alte Bauwerk schon im Voraus erfüllt.

 

Wie mag es nur aussehen, dieses wunderbare Haus? wird mancher unter Ihnen gefragt haben. Natürlich, in dem Glanze jener Zeit,

 

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wo die Hofhaltung eines Heinrichs III. seine Säle und Hallen belebte, dürfen wir es nicht zu finden erwarten. Nein man will gerecht sein, denn volle acht Jahrhunderte sind es ja, denen diese steinernen Bildungen trotzen mussten, um unseren unkundigen Blicken directe und unmittelbare Kunde aus jener grossen Zeit zu bringen. Aber selbst bei dieser resignirten Stimmung, in welcher Sie dem Hause gegenüber traten, werde ich mich schwerlich irren, wenn ich annehme, dass es Ihnen, meine Herren, ähnlich ergangen sei wie den meisten Besuchern unsrer alten Pfalz. Dieses langgestreckte, schlichte und magazinartige Gebäude soll die stolze Kaiserburg der Salier und Hohenstaufen sein? Wo bleibt da der romantische Zauber, den die Ruinen so mancher kleineren Ritterburg mit ihren Thürmen, Zinnen und Erkern unwiderstehlich auf unser Gemüth ausüben und womit sie es in die wunderbare Zeit des Ritterthums und der Minnesänger versetzen? Nichts von alle dem, was unsere Phantasie zu beflügeln vermöchte, die an den lang gezogenen, ja - gestehen wir es uns nur - an den langweiligen graden Linien dieses Hauses erlahmt. Enttäuscht und ernüchtert tritt die Kritik bei Ihnen wieder in ihr Recht und Sie fragen befremdet: Was ist denn dieses s. g. Kaiserhaus eigentlich? was haben wir uns unter demselben zu denken? Und, meine Herren, das grade ist die richtige Stimmung, welche die Betrachtung dieses Baues erfordert. Sie können sicher sein, das alte Kaiserhaus fürchtete Ihre Kritik nicht. Es hat den oft nicht sehr freundlichen Rezensionen von acht Jahrhunderten zu begegnen gewusst und darunter jenen Jahrhunderten der fanatischen Renaissance- und Zopfzeit, die in den Gebilden der deutschen Kunst nur sinnlose Barbarei zu erkennen vermochte. Man hat dasselbe nach einander zum Gefangenhause, Jesuitenkolleg, Krankenhause, zum Schauspielhause und Magazin entwürdigt, ohne ihm seine Hoheit ganz nehmen zu können und es wird, wie wir hoffen, seine steinerne Stirn noch den Stürmen kommender Jahrhunderte entgegen setzen, wenn wir und unsere Namen längst verschollen sind.

 

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Dem kritischen Suchen nach Licht über diesen fremdartigen Bau will ich mich nun bestreben im Folgenden einige Fingerzeige zu geben. Die erste Antwort, die ich Ihnen auf ihre Frage der Enttäuschung: Was ist denn dieses Kaiserhaus, was haben wir uns unter demselben zu denken? gebe, lautet: Das Kaiserhaus zu Goslar ist der älteste Profanbau Deutschland‘s! Und damit wird Ihnen sofort klar werden, dass wir nicht berechtigt sind, an ihm den glänzenden Zierath der entwickelten gothischen Architektur zu suchen. Wir haben es mit einem frühromanischen Bau zu thun und wie ich schon sagte, einem Bau, für den es uns an Anknüpfungspunkten zu Vergleichen mit andern Bauten fehlt. Denn ich wiederhole es: wir haben in ganz Deutschland keinen zweiten Profanbau, der diesem an Alter gleich steht! Aus seinem hohen Alter also entspringt dieses unbeschreibliche Etwas in seiner Erscheinung, das uns durch seine - fast möchte ich sagen - Hausbackenheit Anfangs abstösst und gleichzeitig durch seine Grossartigkeit und majestätische Ruhe in Geheim anzieht. Ja, meine Herren, es ist ein Haus was wir vor uns haben und nicht etwa eine in phantastischen Spitzen, Thürmchen und Zinnen in die Wolken aufsteigende Burg des 14ten Jahrhunderts; ein Haus, wie wir es uns unter den Königssitzen im Gudrunliede und den übrigen Sagen des deutschen Nordens denken, und dessen Urtypus wir in gewisser Weise in dem alten nieder-sächsischen Bauernhause noch bis auf den heutigen Tag erhalten sehen. Aber gleichzeitig ein Haus, welches in dem höchsten Glanze der Kaiserzeit von dem mächtigsten Kaiser, der je auf dem deutschen Kaiserthrone sass, von einem Heinrich III., jenem viel gefürchteten, viel geliebten und viel besungenen Henricus niger, für seine glänzende Hofhaltung schon im Jahre 1050 erbaut worden ist. Und seine Baumeister haben es verstanden, bewusst oder unbewusst, jenes Gefühl der Ehrfurcht und der Bewunderung vor der ruhmgekrönten Macht dieses mächtigen Herrschers und vor dem Glanze, mit dem damals das heilige Römische Reich deutscher Nation die Welt erfüllte, in der steinernen Schöpfung ihres Geistes zum Ausdrucke zu bringen.

 

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Es liegt ein Hauch von der Grösse jener Zeit auf dieser Façade und gleichzeitig ein Abglanz von dem Zauber der Antike, die aus dem Vaterlande unserer Cultur, aus dem schönen Italien, über die Alpen dem Gebilde des nordischen Harzes zugelächelt hat.

 

Ueber die Grenzen dieses Vortrages würde es hinausgehen, wenn ich an den Formenbildungen im Einzelnen die Begründung dieses Ausspruches nachzuweisen versuchen wollte, aber dem aufmerksamen Beobachter wird die Wahrheit desselben aus der Façade selbst entgegentreten. Die Ruhe der festgeschlossenen Mauermassen des Erdgeschosses und darüber der durch die fortlaufende Wiederholung der in sich zurückkehrenden Bogenlinie der Fensterarcaden entstehende gleichmässige Rythmus der Formen des Hauptgeschosses wirkt, bei den mächtigen Dimensionen, in der Weise der antiken Kunst, trotzdem dass in den verdoppelten Dimensionen des Mittelfensters die der deutschen Auffassung eigenthümliche Gruppenbildung schon mächtig hervortritt.

 

Aber auf Ihre Frage: „Was haben wir uns unter dem Kaiserhause zu denken?“ werden Sie eine eingehendere Antwort erwarten als die gegebene, dass es der älteste Profanbau Deutschlands ist, und ich bitte Sie deshalb, mir die kurze Beschreibung und Eintheilung des Baues in seinen Hauptbestandtheilen gestatten zu wollen, um mich klar ausdrücken zu können.

 

Die ganze Anlage, wie sie jetzt, theils erhalten, theils in Trümmern, noch vor uns steht, lässt sich im Wesentlichen in sechs Theile zerlegen:

 

1. Saalbau.

2. Die Doppel-Capelle St. Ulrich.

3. Der Verbindungsbau zwischen Saal und Capelle oder südlicher Wohnflügel.

 

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Restaurierter Situationsplan der Kaiserpfalz mit Umgebung.

 

1. Kaiserhaus.

a. Ulrichscapelle.

b. Südlicher Wohnflügel.

c. Saalbau.

d. Nordlicher Wohnflügel.

e. Anbau nach dem Hofe.

2. Unsrer lieben Frauen Kirche.

3. Stallung.

4. Richterstuhl des Kaisers.

5. Treppenanlage zwischen Kaiserhaus und Dom.

6. Dom.

7. Noch erhaltene Vorhalle.

8. Stiftsgebäude des Domes.

9. Ehemaliges Kaiserthor.
10. Stadtmauer.

11. Das Kaiserbeet.

 

NB. Die heller schraffirten Bauten sind nicht mehr vorhanden.

 

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4. Der Wohnflügel nördlich vom Saalbau.

5. Unserer Lieben-Frauen-Kirche.

6. Anlagen zwischen Kaiserhaus und Dom.

 

1. Der Saalbau. Er war der hervorragendste Theil jeder Pfalz und grösseren Burg, er ist in unserm Falle der glücklicherweise am besten erhaltene Theil. Der Saalbau war, ausser den Thürmen, fast immer der einzige zweigeschossige Bau der Pfalzen und Burgen.

 

 

Grundriss des Erdgeschosses der Pfalz.

 

a und b Systeme unterirdischer Heizcanäle.

 

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Längenschnitt durch den Saalbau

 

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Ueber die herkömmliche Anlage und Einrichtung des Saalbaues lassen Sie mich kurz Folgendes Ihnen in Erinnerung bringen.

 

Die unveränderliche Anlage bildet ein Parallelogramm von 2 Stockwerken. Das untere Stockwerk, welches in unserem Falle noch eine flache Holzdecke hatte, war in späteren Jahrhunderten meist gewölbt. Durch die im Kaiserhause jetzt vorhandenen aus dem 14ten Jahrhunderte stammenden spitzbogigen Tonnengewölbe des Erdgeschosses dürfen Sie sich nicht irre machen lassen; die Reste der ursprünglichen Anlage, welche eine flache Balkendecke verrathen, sind von mir wieder aufgefunden. Diese Reste sind für die lange unentschiedene Frage nach dem Zwecke und der Einrichtung des Erdgeschosses solcher Bauten von grosser Wichtigkeit, da sie die Annahme, nach der das Erdgeschoss eine grosse, ungetheilte Halle für das Gefolge oder die Dienerschaft gebildet habe, in vollstem Maasse bestätigen. Ausser freistehenden Pfeilern hat sich hier auch nicht die Spur einer Unterabtheilung in demselben gefunden.

 

Das Erdgeschoss des Saalbaues bildete daher eine grosse von Pfeilern und Bögen gestützte flach gedeckte Halle für das niedere Gefolge. Eine directe innere Verbindung zwischen dem unteren und oberen Geschosse des Palastes fand nicht Statt. Man gelangte vielmehr in das obere Geschoss nur durch äussere s. g. Freitreppen. In den zum Vertheidigungskampfe eingerichteten Burgen bestanden diese Treppen, falls sie nicht, wie z. B. bei dem Landgrafenhause der Wartburg, in den innern Hof führten, meistens aus Holz und waren zum Aufziehen eingerichtet. Nicht so bei den kaiserlichen Pfalzen, die wir uns durchaus als offene Paläste zu denken haben. Bei ihnen sind diese Treppen, wie die Beispiele von Goslar, Seligenstadt und Gelnhausen beweisen, steinerne Prachttreppen, die, doppelarmig und oft an beiden Enden des Saales angelegt, auf den freien Platz vor den Palast hinabführten und dem Gebäude in nicht unbedeutendem Maasse den Ausdruck einladender königlicher Pracht verliehen. In dieser Weise werden wir uns z. B. auch die Treppen zu denken haben, von denen im Nibelungenlied

 

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die Rede ist bei der Beschreibung des Kampfes, den die in dem Saal eingeschlossenen Burgunden gegen die zu Tausenden die Stiege hinaufstürmenden Hunnen zu bestehen haben und wo der grimme Hagen später mit Volker dem Spielmann im Hofe die nächtliche Wacht für seine im Saale schlafenden Waffenbrüder hält, während das Blut der Erschlagenen von der Stiege herabrieselt.

 

Den Saal selbst schildert Raumer in seinem Aufsatze über Burgen und Burgeinrichtuugen etwa folgendermassen: „Der Fussboden des Saales bestand gewöhnlich aus einem Estrich. In der Rosenzeit wurde er mit Rosen, sonst mit frischen Binsen bestreut, bei feierlichen Gelegenheiten aber mit Teppichen belegt. Die Wände waren oft mit Teppichen (Rückelachen) behangen. Rings an den Wänden befanden sich Bänke mit weichen Federkissen (Plumitten) oder Matrazen (Kultern) versehen. Da der Saal oft sehr breit war, so wurde seine Decke durch Säulenreihen getragen. Die Erwärmung des Saales geschah durch Kamine, sowie die Fackeln und Kerzen der Kron-, Wand- und Tischleuchter. Die Kemenaten in der Nähe des Saales waren oft noch prächtiger als der Saal selbst ausgestattet und mit herrlichen Teppichen, Spanbetten und kostbarem Estrich versehen.“ Soweit Raumer. - Bezüglich des grossen Saales der Kaiserpfalz zu Goslar habe ich diesem Bilde nur noch hinzuzufügen, dass hier die Kamine fehlten, denn die Erwärmung des Saales wie der grossen Halle zu ebener Erde erfolgte durch zwei Centralheizanlagen, deren vollständige Anlage mit gewölbten Heizkammern und einem ganzen Systeme kleiner sich verzweigender Heizcanäle, die bis zum Saale hinaufführen, von mir unter dem Fussboden der unteren Halle wieder aufgefunden worden ist. Bei der Verwunderung, welche das Auftreten dieser complizirten Heizanlage, die wir gewohnt sind für eine Erfindung der neuesten Zeit zu halten, in so früher Zeit bei uns erregt, müssen wir uns erinnern, dass dieselbe direct von den Römern den Deutschen überkommen war, welche dieselben in ihren Thermen und Palastbauten bereits in grossem Maassstabe, wenn auch nach anderm Constructionsprincipe, anwandten.

 

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Was in dieser Weise also an den schönen wohnlichen Kaminen der inneren Einrichtung unseres Saales abgehen mochte, ward jedoch wieder ersetzt durch die Anlage der s. g. Brücke oder des Thronplatzes, der in der Weise eines Querschiffs den Saal durchschnitt und durch seine höchst originelle und sinnvolle Ausbildung einen besonderen Reiz desselben ausmachte, und ferner durch eine Fensteranlage so eigenthümlicher, grossartiger und herrlicher Weise, wie sie weiter kaum von einem anderen Saale bekannt geworden ist. Solche architektonische Effecte lassen sich nicht in Worten beschreiben, sie müssen gesehen werden. Selbst in dem jetzigen Zustande trostlosesten Verfalls, bei welchem das grösseste mittlere Fenster ganz fehlt, macht diese Reihe mächtiger mit Säulen besetzter Bogenfenster einen Eindruck von Pracht, wie er durch nichts sonst zu erzielen ist. Man fühlt sich in dem 53‘ tiefen Saale fast wie auf einer offenen Gallerie und es ist dem Baumeister gelungen, hier die äussere Scenerie der Landschaft mit zur inneren Decoration des Saales zu verwenden.

 

 

Grundriss des Reichssaales.

 

Der Saal war es, auf dem sich das Leben des ganzen Tages für die mittelalterlichen Bewohner der Burgen und Pfalzen abspielte. Des Morgens nach der Frühmesse ward hier der erste Imbiss genommen. Was an Geschäften während des Morgens zu erledigen war, konnte nur hier geschehen. Damals lag noch nicht der Schwerpunkt des Geschäftslebens in den kleinen Commissions-Zimmern. Hier aber auch wurden Spiel- und Fechtübungen gehalten,

 

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wenn es im Freien nicht geschehen sollte. Zu Mittag versammelte sich hier wieder der Kaiser mit den ihn begleitenden Fürsten und dem übrigen Gefolge zur Tafel und Nachmittags erschienen meist auch die sonst weniger sichtbaren Frauen auf dem Saale und gaben dem geselligen Verkehr durch die schönen Künste des Tanzes und der Musik eine zartere Färbung, bis am Abend die Nachtmahlzeit wieder die Männerwelt ausschliesslich versammelte und mit dieser der Tag beschlossen wurde, falls nicht durch Bankettiren und Zechen die Geselligkeit sich bis in die Nacht ausdehnte. Aber auch während der Nacht musste der Saal, besonders bei den durch das zahlreiche Gefolge der Kaiser meist stark besetzten Pfalzen, als Schlafraum dienen, wo dann Ritter und Knappen an den an den Wänden hinlaufenden Bänken ausruhten, bis die Frühmesse sie alle in der Kirche wieder versammelte.

 

Als zweiten Haupttheil unserer Pfalz habe ich Ihnen ferner die Haus-Capelle St. Ulrich genannt. Die Lage derselben ist Ihnen bekannt. Ueber sie will ich mich kurz fassen. Sie ist eine s. g. Doppelcapelle d. h. eine zweigeschossige Kirche, deren oberes Geschoss mit dem unteren durch eine grosse Oeffnung im Fussboden verbunden ist und auf die Weise eine Loge für den Burgherrn bildet, von welcher aus er dem im Erdgeschosse abgehaltenen Gottesdienste beiwohnen konnte, die aber zu gleicher Zeit die grosse Annehmlichkeit hatte, dass sie in unmittelbarer Verbindung mit seinen Wohnräumen oder Kemenaten stand.

 

 

Grundriss des oberen Geschosses der St. Ulrichs-Capelle.

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Die Capelle St. Ulrich ist in künstlerischer Beziehung der vollendetste und reizvollste Theil der ganzen Anlage: sie mochte eine Nachbildung des Aachener Münsters im Kleinen vorstellen sollen, doch wollte man die geheiligte Kreuzform für die Gestalt des Grundrisses nicht wie dort entbehren und legte das untere Geschoss, die eigentliche Kirche, daher in Kreuzform an. Da aber die Bestimmung des zweiten Geschosses, als einer um die mittlere Verbindungsöffnung umlaufenden Gallerie, das Festhalten dieser Form unmöglich machte, so ward jetzt ein Uebergang von der Kreuzform ins Octogon erfunden in einer so schönen und doch so originellen, effectvollen Weise, dass er allein schon eine seltene Meisterschaft jenes kaiserlichen Baumeisters verräth, als welcher uns Benno genannt wird, später Bischof von Osnabrück, ein Schüler des ebenso edlen als gelehrten Hermannus contractus.

 

Gestatten Sie mir hier eine kurze Abschweifung, um diesen für uns so wichtigen Mann, den muthmasslichen Erbauer unseres Kaiserhauses, etwas näher ins Auge zu fassen. Einen sicheren Anhaltspunkt bietet uns hierzu die von Norbert in lateinischer Sprache verfasste Lebensbeschreibung Bennos. Aus ihr erfahren wir, dass Heinrich III. den jungen Kleriker Benno aus dem als Architektenschule so berühmten Kloster Hirschau in Schwaben nach Goslar brachte und ihn mit der Besorgung der Bauten daselbst beauftragte, unter denen auch der Dom genannt wird. Nach dem 1056 erfolgten Tode Heinrichs III. und dem dadurch veranlassten Stillstande der von ihm in dieser seiner Lieblingsstadt in so grossartigem Maassstabe entfalteten Bauthätigkeit ward Benno von dem Bischof Azelinus von Hildesheim nach dieser Stadt gezogen, ward hier Domprobst und im Jahre 1068 Bischof von Osnabrück. Azelinus‘ Nachfolger, dem Bischof Hezilo, ward der baukundige Dompropst besonders wichtig bei seinem berühmten Dombau und der Erbauung seiner Lieblings- und Grabes-Kirche, des Moritz-Klosters vor Hildesheim. Dem mit dem romanischen Basilikenbau Niedersachsens vertrauten Archäologen ist dieser kunstsinnige Schwabe durch eine Eigenthümlichkeit

 

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der Moritzberger Kirche wohl bekannt. Er war es nämlich, welcher die in seinem Schwaben heimische Form der Säulenbasilika hier zuerst in Niedersachsen zur Anwendung brachte, wo das System der Säulen-Pfeilerbasilika seine Heimath hat. Die feinen Verhältnisse und die Originalität der ganzen Anlage geben das beredteste Zeugniss von der hohen Meisterschaft Bennos. Wahrscheinlich ist es auch eines seiner Werke, welches augenblicklich durch die Ausgrabungen auf dem Petersberge vor Goslar dem Dunkel der Vergessenheit entzogen wird und welches Sie selbst in Augenschein zu nehmen Gelegenheit haben werden. Es war dieses die stattliche dreithürmige Klosterkirche des von Heinrich III. und seiner Gemahlin Agnes gegründeten Peters-Stifts. Wie die Ausgrabungen es ausweisen, war dieses Bauwerk ebenfalls eine Säulenbasilika und bildet somit ein nicht unwichtiges Glied in der Kette der Bennoschen Bauten.

 

Nach dem Mitgetheilten haben wir also nicht nur in dem uns erhaltenen Bau der Kaiserpfalz ein Zeugniss für die hohe Meisterschaft ihres Erbauers, sondern umgekehrt besitzen wir auch ein geschichtliches Zeugniss, dass unser Kaiserhaus einen der berühmtesten Baumeister des Mittelalters zum Urheber hat. Und nicht nur in der Kirchenbaukunst, wie wir oben sahen, war er ein anerkannter und weit berühmter Meister, sondern sein Biograph erzählt uns weiter, dass sein erfindungsreicher Geist von Heinrich IV. bei dessen umfangreichen Festungsbauten gegen die aufständischen Sachsen genutzt wurde. Der Kaiser machte den hildesheimer Dompropst zum Leiter dieser wichtigen und weit sich ausdehnenden Bauten auf dem Gebiete des Kriegswesens: wahrlich ein bedeutendes Zeugniss für das Genie dieses Mannes.

 

Kehren wir jetzt zu dem Bau der Kaiserpfalz zurück, so war die dritte der oben genannten Hauptabtheilungen der Verbindungsbau zwischen der Ulrichs-Capelle und dem Saalbau. Dieser Verbindungsbau ist bis auf einen kleinen schuppenartigen Rest und bis auf die glücklich wieder zu Tage geförderten Fundamente des Erdgeschosses jetzt vollständig verschwunden. Dass derselbe jedoch zweigeschossig gewesen sein muss,

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ist mit Sicherheit daraus zu erkennen, dass auf dem einen Ende desselben Thüren von dem zweiten Geschoss des Saalbaues nach diesem Flügel hinführten, die jetzt noch erhalten, und dass auf dem anderen Ende sich das zweite Geschoss der Ulrichs-Capelle daran anlehnte. Da nun die jetzt bei der Ulrichs-Capelle vorhandene Treppe nicht der ursprünglichen Anlage angehört, so würde der Zugang zu dem oberen Geschosse derselben ganz gefehlt haben, wenn er nicht durch das zweite Geschoss des hier befindlichen Wohnflügels hergestellt worden wäre. Ich nenne diesen Verbindungsbau absichtlich Wohnflügel, denn nur hier und an dem sich dem nördlichen Ende des Saalbaues ansetzenden Flügel können sich die Kemenaten für die Wohnung des Kaisers und seiner Familie, sowie der an seinem Hofe anwesenden Fürsten, Geistlichen und Beamten befunden haben. Denn wir dürfen uns nicht denken, dass die Kaiser sich hier etwa nur auf wenige Tage zur Abhaltung von Fürsten- und Reichstagen aufhielten. Wir haben geschichtliche Nachrichten, dass sie hier oft lange verweilten, wie denn der unglückliche Heinrich IV. in diesem Hause geboren wurde: und von seinem Sohne, dem verrätherischen Heinrich V., erzählt der Chronist, dass er bei einem längeren Aufenthalte hier Nachts durch einen Blitzstrahl fast erschlagen wäre, welcher dicht neben seinem Lager einschlug und das Reichschwert schmolz. Besonders aber wurden hier die hohen Feste des Jahres mit grosser Pracht gefeiert, und Goslar stand zur Zeit der salischen und hohenstaufischen Kaiser in so hohem Ansehen, dass es von dem Chronisten clarissimum regni domicilium genannt wird.

 

Schon erwähnt ist von mir der vierte Haupttheil der Pfalz, der sich gegen Norden an den Saalbau anschliessende Wohnflügel. An dieser Stelle sehen wir jetzt zwar ein grosses magazinartiges Gebäude stehen, aber nur die nördliche Giebelwand desselben kann dem ursprünglichen Bau angehören, sowie die hier erhaltene Kelleranlage, denn die nach Osten oder nach vorn gerichteten Aussenwand, datirt aus dem Jahre 1822 und die entgegengesetzte westliche aus dem Jahre 1523. Dahingegen sind die nördliche Giebelwand und die Scheidewand zwischen diesem

 

 

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Flügel und dem Saalbau alt. Dass hier stets eine Verbindung zwischen beiden Gebäuden bestanden hat, beweisen die diese Wand in beiden Geschossen durchbrechenden alten Thüren.

 

Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts befand sich in östlicher Richtung, rechtwinklig gegen das Kaiserhaus an dieser Stelle ein Bau, welcher mit der Bezeichnung „die Rudera des Jesuiten-Collegii“ auf alten Ansichten von Goslar versehen ist. Nach Erlassung des Restitutions-Edicts ward den Jesuiten das Kaiserhaus überwiesen. Sie begannen damit, dasselbe zu einem Colleg einzurichten und führten zu diesem Zwecke einen neuen Flügelbau an dieser Stelle auf. Indessen kamen sie mit der Ausführung ihres Vorhabens nicht zu Stande, da sie nach dem Einrücken der Schweden im Jahre 1632 die Stadt auf immer verlassen mussten. Leider haben die von ihnen hier ausgeführten Bauten die Spuren der ursprünglichen Anlage stark verwischt.

 

Als fünfter Theil der Pfalz ist jetzt noch die in westlicher Richtung sich an diesen nördlichen Wohnflügel anschliessende zweite Kirche der Pfalz, die ehemalige Marien-Kirche, zu nennen oder die Kirche Unserer lieben Frauen, wie sie auch heisst, und von der noch bis auf den heutigen Tag diese Stelle den Namen Liebfrauenberg führt. Sie war mit zwei hohen Thürmen geschmückt, welche steinerne Treppen enthielten und, wie der Chronist, der ihren Einsturz berichtet, sagt, die Kaiserthürme genannt wurden. Zu Anfang vorigen Jahrhunderts, etwa ums Jahr 1714, stürzte ein Theil derselben ein und ward sie dann ganz abgebrochen. Eine Reliquie ist jedoch von ihr erhalten, ein schön geschnitztes spätgothisches Flügelaltarblatt, welches nach langen Irrfahrten endlich in den Besitz eines unserer Vereinsmitglieder übergegangen ist, wo ich selbst Gelegenheit hatte, dasselbe zu sehen.

 

Einige wenige Mauerreste deuten nur noch die Stelle an, wo diese zweite und offenbar bedeutende Kirche der Pfalz ehemals stand. Auf der Ansicht aber, die uns Merian von der freien Reichsstadt Goslar giebt, finden wir sie noch, wie sie mit ihren beiden stolzen Kaiserthürmen die Pfalz überragt und schmückt.

 

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Den sechsten, letzten Haupttheil machen endlich die auf dem Kaiserbleek vor dem Reichpalaste sich ausdehnenden Anlagen aus, welche zunächst in einem mächtigen, sich vermuthlich vor der ganzen Front ausdehnenden Perron oder Altan bestanden, von dem nicht unbedeutende Reste der Grundmauer wieder aufgefunden sind. Ausserdem aber befand sich hier eine grossartige Treppenanlage, welche von der Burg vermuthlich bis zu dem jetzt leider verschwundenen Kaiserdom hinabführte. Um sich ein Bild von der Grossartigkeit dieser ganzen Schöpfung Heinrichs III. zu machen, muss man sich den von ihm gleichzeitig errichteten Dom im Geiste wieder aufbauen, der mit seinem westlichen Thurmpaar der Pfalz grade gegenüber lag. Zwischen diesen beiden Westthürmen öffnete sich die Vorhalle oder das Paradies mit einem rundbogigen Portal, auf welches in grader Linie der breite herrliche Treppengang von der Pfalz herab hinführte. Hier öffnet sich für unsere Phantasie nun ein weiter Spielraum, in welcher Weise dieser Zugang zum Capitol weiter ausgeführt gewesen sein mag. Dass derselbe aber nicht ein einfacher Plattenweg gewesen, wird man wohl annehmen dürfen, auch wenn die Mittheilung des Chronisten nicht vorhanden wäre, nach welcher der Kaiser in einem bedeckten Gange von seinem Palast zum Dom gehen konnte. Nach andern chronistischen Nachrichten befand sich hier zwischen dem Dome und dem Kaiserpalaste ein grosses, metallenes Wasserbecken mit fliessendem Wasser, welches wir uns vielleicht in der Art zu denken haben wie das schöne s. g. Marktbecken auf dem Markte zu Goslar.

 

Von den Schweden soll jenes Wasserbecken vor dem Dome zu Kanonengut eingeschmolzen sein.

 

In den Bereich dieser Anlagen gehört auch der Platz, auf dem der Kaiser unter freiem Himmel vor seiner Pfalz zu Gericht sass. Der berühmte französische Architekt Violet le Duc giebt in seinem Dictionaire raisonné de l‘architecture eine sehr eingehende Untersuchung über diesen Theil der Paläste des Mittelalters. Er führt aus, dass die Sitte, nach der der Souverain von einem erhöhten Platze vor seinem Wohnsitze

 

 

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öffentlich unter freiem Himmel Recht sprach, eine allen nordischen Völkern gemeinsame war. Er geht dabei bis auf die Scythen zurück, giebt dann Nachweise von derartigen Gerichten, die Karl der Grosse in dieser Weise abgehalten, und so fort bis in die spätesten Zeiten des Mittelalters, wo die Könige von Frankreich solche Gerichte vor ihrem Palais abhielten.

 

Hier in Deutschland hat sich diese Sitte am längsten bei den Rathhäusern der Städte erhalten, wo die offenen Gerichtslauben noch Erinnerungen an diese öffentliche Gerichtspflege liefern. Wir werden nicht zweifeln dürfen, dass unsere Kaiser, von denen an verschiedenen Stellen nachgewiesen ist, dass sie solche öffentliche Gerichtssitzungen unter freiem Himmel abhielten, dasselbe vor dieser Goslarschen Pfalz thaten. Ja es hat sich eine Art Fortsetzung dieser Gerichte grade auf dieser Stelle vor dem Kaiserhause erhalten, die uns einen nicht unwichtigen Beleg für diese Annahme bietet. Das Kaiserbleek nämlich gehört zu den Plätzen, wo nach den alten Harzer Berggesetzen eines der drei Forstgerichte jährlich abgehalten wurde. Die Stelle heisst: Der Drier en scall man hegen unde sitten vor des Rikes Palenze to Goslar. Die Anlage eines derartigen erhöhten Richter-Sitzes, wohl in der Mitte vor dem Palaste, wird man sich also an dieser Stelle auch zu denken haben, wenn man sich ein vollständiges Bild von der Umgebung der Pfalz machen will. Diese Platt-Form war geschmückt mit Balustraden und Bildsäulen und in der Tiefe unter derselben wurden häufig wilde Thiere, besonders Bären, wie in einem offenen Zimmer gehalten. Etwas Gewisses bin ich zwar, nach dem jetzigen Stande meiner Untersuchungen, nicht in der Lage Ihnen hierüber mitzutheilen, und diese Angaben sollen nur dazu dienen, Ihnen, meine Herren, einige Anhaltspunkte zu geben, sich die ganze Anlage im Geiste zu reconstruiren und Ihnen zu zeigen, dass wir uns dieselbe kaum grossartig genug ausmalen können und das trübselige Bild ganz vergessen müssen, welches uns jetzt in der Wirklichkeit von dem Kaiserhause in Goslar vor Augen steht.

 

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Welch herrliche grossartige Königsburg muss sich auf jenem sanften Hügel erhoben haben mit ihren weiten Saal-Fenstern, den Flügelbauten zu beiden Seiten, ihren beiden Kirchen, dem Perron und den bis zum Dom hinabziehenden Treppenanlagen, welch letzteren mit seinen bedeutenden Nebenbauten, als Curie, Capellhaus, Kreuzgang u. s. w., man durchaus in das Bereich dieses ganzen Bildes wird hineinziehen müssen!

 

Das würde nun in kurzen Zügen meine Antwort sein auf Ihre Frage: Was wir uns unter dem Kaiserhause zu Goslar zu denken haben, wenn wir unsern Blick in die Vergangenheit früherer Jahrhunderte versenken. Lenken wir sie jetzt aber zur Gegenwart zurück, so schrumpft die stolze Königsburg unserer Kaiser zu einer unkenntlichen Karrikatur ihrer früheren Herrlichkeit zusammen. Erlassen Sie es mir, Ihnen dieses im Einzelnen auszumalen, Sie haben es ja selbst gesehen. Sind wir aber gewiss berechtigt zu sagen, dass der jetzige Zustand derselben kaum trostloser und unwürdiger sein kann, wie er ist, so will ich doch nicht versäumen, Sie darauf hinzuweisen, dass, wenn wir Vergleiche mit allen andern Pfalzen der deutschen Kaiser anstellen, wir dennoch Grund haben, uns zu beglückwünschen, dass überall noch so viel erhalten ist. Bis etwa auf die Burg zu Nürnberg, die aber wieder um mehrere Jahrhunderte jünger ist als das Kaiserhaus und die man kaum berechtigt ist eine Kaiserpfalz zu nennen, sind die deutschen Kaiserpfalzen alle vom Erdboden verschwunden, oder es ragen nur obdachslose Ruinen davon als wehmüthige Zeugen früheren Glanzes und als stumme Kläger der Undankbarkeit, Pietätlosigkeit und Rohheit unseres Volkes gen Himmel. Denn nicht der Zahn der Zeit, sondern die Zerstörungswuth der Menschen hat sie vernichtet. Glücklich, im Vergleiche damit, steht es um die Pfalz zu Goslar. Hier haben wir einen bis auf den heutigen Tag unter Dach und Fach erhaltenen Bau und, meine Herren, das kann ich Ihnen als das Ergebniss meiner jetzt schon Jahre lang fortgesetzten Durchforschung und des Studiums dieses merkwürdigen Baues vertrauen, haben sich unter jenen zwar unschönen, aber schützenden Dächern mehr

 

 

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Reste und Spuren früherer Schönheit erhalten, als man bei einem einmaligen, ja mehrmaligen Besuche des Kaiserhauses zu hoffen und zu ahnen wagt. Ein hoher Ruhm der alten freien Reichsstadt Goslar ist es aber, dass sie, als die treue Hüterin dieses ihr anvertrauten Reichs-Palastes, ihn uns zu erhalten gewusst hat bis auf den heutigen Tag. Möchte ihr diese Treue belohnt werden dadurch, dass ihr Streben, denselben im alten Glanze wieder erstehen zu sehen, mit Erfolg gekrönt wird. Denn, wie Ihnen bekannt, stehen wir jetzt im Beginne der Restauration der Goslarschen Kaiserpfalz und damit sind wir in die volle Gegenwart gerückt, die uns zugleich den Blick in die Zukunft eröffnet.

 

Derjenige, welcher zuerst den hochherzigen Gedanken fasste, diesen grossartigen Kaiserbau aus den Banden seiner Entwürdigung und Verwahrlosung zu befreien und ihn neu verjüngt der Pietät des deutschen Volkes wieder zu geben, war Se. Majestät der König Georg V. von Hannover. Auf seinen Befehl erwarb die königl. hannoversche Regierung dieses Gebäude mit seiner Umgebung käuflich von der Stadt Goslar. Es ward auf Verlangen der Stadt ausdrücklich in die Kauf-Urkunde der Passus aufgenommen, dass sie dasselbe unter der Voraussetzung einer würdigen und stylgemässen Wiederherstellung abtrete. Der König Georg V. liess auch sofort zum Beginn der Arbeiten die Summe von 7500 Thlr. anweisen, die Restaurationsarbeiten sollten beginnen, als die Katastrophe des Jahres 1866 eintrat.

 

Seitdem hat die königl. preussische Regierung die genannten Gelder, ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäss, zum Beginn des Restaurationswerkes verwendet. Etwa vor einem Jahre, um die Zeit des Ausbruches des letzten französischen Krieges war es, wo diese Mittel erschöpft waren, und sehr erklärlich musste auch dieses Werk des Friedens mit so vielen andern vor dem Donner der blutigen und glorreichen Schlachten und vor den unerhörten Opfern ruhen, die ein frevelhaft uns aufgezwungener Kampf gebieterisch forderte. Seitdem sind glücklichere Tage wiedergekehrt, und als wir in der grossen Zeit, die wir durchlebten, den

 

 

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Traum und die Hoffnung langer Jahre mit der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches in Erfüllung gehen sahen, als wir nach 70jähriger Unterbrechung wiederum einen deutschen Kaiser das Scepter ergreifen und mit mächtiger Hand das Reichsschwert schwingen sahen, da musste sich bei Allen, die das Geschick unserer alten Kaiserpfalz mit seinem Wohl und Wehe auf ihrem Herzen tragen, die schöne und zuversichtliche Hoffnung regen, dass jetzt eine Zeit herauf steigen werde, in der sich das ganze neu geeinigte deutsche Volk mit Begeisterung der Erhaltung und Wiederherstellung dieser Reliquie aus der höchsten Blüthe der deutschen Kaiserzeit zuwenden werde. Solche Betrachtungen waren es auch wohl, welche die Behörden der Stadt Goslar in ihrer Liebe zu dem ihnen so lange vertraut gewesenen Kaiserhause veranlassten, sich mit einer Petition um Bewilligung der erforderlichen Mittel zur Wiederaufnahme der unterbrochenen Restaurationsarbeiten an den Reichstag zu wenden.

 

Sie Alle werden das Schicksal dieser Petition mit lebhaftem Interesse verfolgt haben und auch das von dem Reichstage ausgesprochene Vertrauen theilen, dass die königliche Regierung die erforderlichen Schritte zur Fortsetzung des begonnenen wichtigen Werkes thun wird, und so könnte ich hier meinen Vortrag mit der frohen Aussicht auf den glücklichen Tag schliessen, wo die Schaar der kunstgerechten Steinmetzen und Maurer dem jetzt so einsam harrenden Kaiserhause wieder zuströmt und der grüne Maibaum auf der Spitze des höchsten Rüstbaumes angenagelt wird zum Zeichen, dass hier wieder frisches frohes Leben aus den verlassenen Ruinen sprosst.

 

Nur einen Wunsch lassen Sie mich noch aussprechen, den nämlich, dass die zu bewilligenden Mittel nicht zu knapp bemessen sein möchten, denn wir haben es hier mit einem Königsbau, nein, gar mit einem Kaiserbau zu thun, und die alten kaiserlichen Architekten sind bei ihrem Werke, das sieht man ihm heute noch an, erfüllt gewesen von dem vollen Bewusstsein, dass bei diesem Bau der Gesichtspunkt der möglichsten Billigkeit und Sparsamkeit der Ausführung zurück zu treten habe vor der wichtigeren Rücksicht,

 

 

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dass es hier ein Monument deutscher Kunst von höchstem Range zu schaffen gelte. Wehe also uns, wenn wir an diese monumentalen Reste mit der Sorge herantreten, wie wir sie am billigsten ergänzen wollen. Nein monumental und ganz und würdig muss die Wiederherstellung sein, wie es der ursprüngliche Bau war.

 

Zum Schluss sende ich noch einen letzten weiteren Blick in die Zukunft, der Ihnen allen gewiss schon Sorge gemacht und Seufzer ausgepresst hat, denn wer von Ihnen wäre wohl nicht schon durch eine etwas vorwitzige Stimme des eigenen Innern und noch vielmehr durch derartige oft sehr zudringliche und etwas spöttische Stimmen von aussen her gefragt worden: „Ja, wenn es nun aber fertig ist das Kaiserhaus, was soll denn schliesslich damit gemacht werden, denn der Kaiser wird ja in Goslar doch nicht wohnen sollen? Wozu soll es denn verwendet werden? wie will man es später benutzen?“ Ich gestehe Ihnen, dass diese malitiösen Fragen mich sehr gequält haben, denn alle Antworten, welche ich darauf zu geben versuchte, wie z. B. Einrichtung einer forst- und bergmännischen Sammlung für den Harz, Aufstellung des Fenkner‘schen Museums, ja sogar Anlegung einer Bier- und Weinwirthschaft in den schönen kühlen Räumen und wie die abenteuerlichen Pläne alle lauten möchten, sie klangen mir doch immer wie Spott, wenn ich an die grosse Geschichte dieser Räume dachte, in denen einst Deutschlands Fürsten und Völker tagten und wo die Könige von Ungarn, Polen, von Böhmen, von Dänemark, Frankreich und Burgund vor unsern mächtigen Kaisern Hülfe und Recht suchend erschienen sind. Nein, meine Herren, die Frage nach der Verzinsung der Baukosten ist hier unberechtigt, das Kaiserhaus zu Goslar muss restaurirt werden, weil es unser Kaiserhaus ist, unser deutsches Capitol, und wenn die Ungunst der Verhältnisse es selbst verhindern sollte, dass unser Kaiser überall dasselbe betreten würde, so ist es nichts desto weniger unsere alte Kaiserpfalz, die wir erhalten müssen, weil es ein Schimpf für uns wäre, wenn wir das nicht thäten!

 

 

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Und so, meine Herren, empfehle ich dieses wichtige und grossartige Monument deutscher Geschichte und Kunst Ihrer warmen Liebe und Fürsorge, indem ich Ihnen zum Schluss die Worte unseres treuherzigen alten Freundes zurufe:

 

So steht ihm bei in seiner Noth

Und sprecht für ihn‘s, gesegn‘ es Euch Gott! -

 

 

 

Quelle: DAS KAISERHAUS ZU GOSLAR. Vortrag gehalten in der IV. Hauptversammlung des Harz-Vereins für Geschichte und Alterthumskunde am 30. Mai 1871 zu Goslar von dem die Restauration des Kaiserhauses leitenden Architekten Adelbert Hotzen. Halle, Buchdruckerei des Waisenhauses 1872