Clemens Schwarte 1905: Die neunte Kur und Braunschweig-Wolfenbüttel

MÜNSTERSCHE BEITRÄGE ZUR GESCHICHTSFORSCHUNG

 

IN VERBINDUNG MIT DEN MÜNSTERSCHEN FACHGENOSSEN


HERAUSGEGEBEN VON DR. ALOYS MEISTER,


PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT ZU MÜNSTER

 

NEUE FOLGE. VII. (DER GANZEN REIHE 19. HEFT).

 

DIE NEUNTE KUR UND BRAUNSCHWEIG-WOLFENBÜTTEL

 

VON DR. CLEMENS SCHWARTE.

 

1905. COPPENRATHSCHE BUCHHANDLUNG, MÜNSTER (WESTF.)

 

 

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Vorliegende Arbeit stützt sich auf Archivalien der Staatsarchive zu Hannover und Münster, sowie des Herzoglichen Braunschweig. - Lüneburg.

Landeshauptarchives zu Wolfenbüttel, deren Leitern und Beamten ich an dieser Stelle meinen besten Dank abstatte. Nicht unerwähnt möchte ich dabei lassen, daß Herr Archivrat Dr. Zimmermann-Wolfenbüttel die große Güte hatte, mir auch brieflich manche Erläuterung und Aufklärung zu geben. Ganz besonders bin ich aber Herrn Prof. Dr. Meister verpflichtet, der mich zu dieser Arbeit anregte und mir mit seinem Rate zur Seite stand.

 

Bei der Benutzung des wolfenb. Materials habe ich einiges beiseite lassen können, wenn mir die hannoverschen Archivalien schon eine einwandsfreie Information boten. Trotz der Fülle der einschlägigen Quellen in Hannover und Wolfenbüttel glaubte ich aber die im Königl. Staatsarchiv zu Münster befindlichen Akten und Korrespondenzen betreffend die neunte Kur einsehen zu müssen, weil mir hier wichtige Aufschlüsse über die Stellung der deutschen Kirchenfürsten zur hannoverschen Kur geboten wurden. Die Beteiligung der geistlichen Kurfürsten und Fürsten an der Opposition wurde indes nur in soweit in Betracht gezogen, als es zum Verständnis des allgemeinen Verlaufes des Kurstreites notwendig war, und vor allem die nahen Beziehungen der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel zu dem Bischof von Münster es erforderten.

 

Mit Bezug auf die dänische Politik gegenüber der hannoverschen Kur gab mir die Korrespondenz Münsters mit Dänemark einige Winke. Im übrigen empfand ich den Mangel an dänischen Quellen in gleicher Weise, wie A. Schulte („Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden.“ Karlsruhe 1692. 1, 168, Anmerkung 3.) Über die wichtigen Verbindungen

 

 

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des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel zu Ludwig XIV. hoffe ich auf Grund der wolfenbüttelschen Archivalien hinreichende Aufklärung geben zu können. Ziel und Zweck dieser Arbeit aber legten mir nicht nur in diesem Punkte, sondern auch im allgemeinen oft weitgehende Beschränkungen auf.

 

Bei den näher mitgeteilten Schriftstücken habe ich womöglich den alten Wortlaut genau wiedergegeben, jedoch habe ich bei manchen -- vornehmlich Abschriften -- einige unbedeutende Korrekturen in der Interpunktion und Orthographie vornehmen müssen. Was die Angabe der Archivalien betrifft, so habe ich besonders vermerkt, ob Sie Konzepte oder Abschriften sind; fehlt dieser Hinweis, so sind es meistens Originale.

 

 

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Abkürzungen:

 

H. St. = Hannov. Staatsarchiv.

M. St. = Münst. Staatsarchiv.

W. L. = Wolfenbütt. Landeshauptarchiv.

Z. d. hist. Ver. f. Nieders = Zeitschrift des histor. Vereins für Niedersachsen.

 

R. d. I. = Recueil des instructions données aux ambassadeurs et ministres de France depuis les traités de Westphalie jusqu‘ à la revolution française. Paris 1884 ff.

 

 

Übersicht über das benutzte ungedruckte Material:

 

Königl. Staatsarchiv zu Hannover: Calbg. Br. Des. 24. Wolfenbüt Nr. 121 (1692/93), Nr. 122 (1692/97), Nr. 123 (1692--1706), Nr. 124 (1694), Nr. 125 (1695), Nr. 126 (1698), Nr. 127 (1698-1702), Nr. 128 (1698--1703), Nr. 129 (1699-1700), Nr. 130 (1699--1701), Nr. 140--143 (1702), Nr. 147 (1703), Nr. 149 (1703/04), Nr. 152 (1705/06), Nr. 153 (1706), Nr. 155 (1706), Nr. 156 (1706/07), Nr. 157 (1706/08), Nr. 161 (1707).

 

Calbg. Br. Arch. Des. 11. Nr. 586, 588, 589, 591, 593, 596 (1692), Nr. 600, 601 (1692/93).

 

Celle Br. Arch. Des. 68 (Konferenzprotokolle). Nr. 55 (1690-1699), Nr. 56 (1700-1705).

 

Königl. Staatsarchiv zu Münster: M. L. A. 473 (Reichssachen Nr. 103, 104 (1692), Nr. 105, 106 (1693), Nr. 107, 108 (1693), Nr. 109, 110, (1694), Nr. 111, 113 (1696), Nr. 113--116 (1696/97), 116, 117 (1698/99), Nr. 118--125 (1700), Nr. 126--127 (1701--1708).

 

F. M. (Verträge): Nr. 4761 (1691), Nr. 4769 (1692), Nr. 4770 (1692), Nr. 4771, 4774 (1693), Nr. 4780 (1694), Nr. 4780 (1694), Nr. 4782--4784 (1695), Nr. 4798 (1698), Nr. 4805 (1699).

 

Herzogl. Braunschw.-Lüneburg. Landeshauptarchiv. „Neunte Kur“ Nr. 5 (1692), Nr. 7 (1692--1697), Nr. 8 (1693/94), Nr. 10 (1682, 1697), Nr. 11 (1692--1697), Nr. 14 (1693-1694), Nr. 15 (1694-1696), Nr. 16 (1694), 17 (1694-1695), Nr. 19 (1696--1696), Nr. 21 (1696-1698), Nr. 22 (1697), Nr. 23 (1697), Nr. 24 (1697--1698), Nr. 26 (1698), Nr. 29 (1698), Nr. 30 (1700), Nr. 31 (1700), Nr. 32 (1701), Nr. 33 (1700), Nr. 34 (1700/01), Nr. 35--38 (1701), Nr. 39, 45 (1702), Nr. 46 (1704), Nr. 47 (1692--1703), Nr. 48 (1705), Nr. 49 (1705-1712), Nr. 50 (1692-1708), Nr. 52 (1707/08).

 

 

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Inhalt.

 

Einleitung.

Die Primogenitur und die Kurwürde im hannoverschen Fürstenhaus . . 1

 

I. Von der Verleihung der Kurwürde bis zur Investitur Ernst Augusts . . 10

1. Die ersten Auseinandersetzungen im Welfenhause wegen der Kur . . 10

2. Der wolfenb. Hof findet Unterstützung beim Fürstenstande . . 18

 

Il. Von der Investitur bis zum Tode Ernst Augusts . . 35

1. Die Folgen der Investitur: Declaratio nullitatis, Fürstenverein . . 35

2. Umschwung der kaiserlichen Politik . . 37

3. Bündnisse der Hauptopponenten und der Streit um Ratzeburg . . 39

4. Englische-holländische Mediation und Schwanken der wolfenb. Herzöge . . . . 42

5. Der Fürstenkongreß zu Frankfurt . . 49

6. Die Abnahme der Opposition und kleinere diplomatische Aktionen . . 57

 

III. Vom Regierungsantritt Georg Ludwigs bis zur Introduktion Hannovers . . . 69

1. Erneute Versöhnungsversuche im braunschweig. -lüneburgischen Fürstenhause . . 69

2. Wiederbelebung der Opposition im Reiche und völliger Anschluß Wolfenbüttels an Ludwig XIV. . . . 72

3. Die Neubelehnung Georg Ludwigs, die Fürstenkongresse zu Goslar und Frankfurt, sowie die Requisition der Garanten des Westfälischen Friedens . . . 79

 

 

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VIII

 

4. Die kriegerischen Verwicklungen im Norden Deutschlands und das Vorhaben Herzog Anton Ulrichs . . 91

5. Herzog Anton Ulrich und die französische Neutralitätspartei im spanischen Erbfolgekrieg . . . 95

6. Invasion der wolfenbüttelschen Lande . . . 108

7. Beilegung der Streitigkeiten im Welfenhause und Anerkennung der neunten Kur im Reich . . . 114

 

Schluß: Die Gründe für die lange Dauer des Streites um die neunte Kur und die Bedeutung der Teilnahme der wolfenbütt. Herzöge an der Opposition . . . 129

 

 

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Einleitung.

 

 

Die Primogenitur und die Kurwürde im hannoverschen rstenhaus.

 

Von den deutschen Fürstengeschlechtern hat das Welfenhaus am meisten unter der Uneinigkeit seiner Mitglieder zu leiden gehabt. 1) Der dreißigjährige Krieg ließ die Fürsten der braunschweigisch-lüneburgischen Lande zu einer besseren Einsicht kommen, denn nur durch ein einträchtiges Zusammenarbeiten konnte das Land von den Schlägen des unglückseligen Krieges geheilt werden.

 

Der Staatsstreich Johann Friedrichs aber fachte den Hader im fürstlichen Gesamthause wieder an. Glücklicherweise kam in dem Vertrag von Hildesheim am 2.12. September 1665 eine Einigung zustande : Georg Wilhelm erhielt das Fürstentum Celle mit den Grafschaften Diepholz und und Hoya, während Johann Friedrich Calenberg, Göttingen und Grubenhagen zuerkannt wurden.

 

Nach dem Tode Johann Friedrichs (1679) erlangte Ernst August die Regierung im Fürstentum Calenberg und den dazu gehörigen Gebieten. Mit scharfem Blick erkannte er, wie sehr die beständigen Teilungen die Macht des braunschweigisch-lüneburgischen Hauses zersplittert hatten. Deshalb

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1) Vergleiche: Havemann: „Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg.“ Göttingen 1857, III, 200 ff., 284 ff.

Köcher: „Geschichte von Hannover und Braunschweig.“ Leipzig 1884. I, 343 ff.

Heinemann: „Geschichte von Braunschweig und Hannover.“ Gotha 1892. III, 102 ff.

Klopp: „Die Werke von Leibniz.“ Hannover 1866. V. Einltg.

 

 

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strebte Ernst August eine Einigung und Vergrößerung seines Besitzes mit großer Energie und starrer Konsequenz an.

 

Die Verwirklichung seiner Pläne wurde ihm wesentlich durch das Entgegenkommen und die Willfährigkeit seines älteren Bruders Georg Wilhelm erleichtert. Die beiden Brüder hatten manche Charaktereigenschaften gemeinsam, wenn auch Georg Wilhelm im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder der Ehrgeiz fehlte. Von Natur aus leichtlebig und genußsüchtig, jedoch eines ritterlichen Sinnes nicht entbehrend, schlossen die Fürsten desto leichter treue Freundschaft für das Leben. Einen Beweis seiner brüderlichen Liebe gab Georg Wilhelm mit dem Versprechen, keine standesgemäße Heirat einzugehen, so daß nach seinem Tode der cellische Besitz Ernst August anheimfallen mußte.

 

Als der Herzog von Celle später trotz dieser Verpflichtung seine Heirat mit der Eleonore d'Olbreuse von seiner Familie anerkannt wissen wollte, räumte er ausdrücklich Ernst August und dessen Nachkommen die Nachfolge in seinen Landen ein (14. Juni 1680). 1) Bald darauf gab er auch seine Zustimmung zu der Primogenitur in den nach seinem Tode zu vereinenden beiden Fürstentümern (21. Oktober 1682) 2). Eine Heirat seiner Tochter Sophie Dorothea mit dem Erbprinzen von Calenberg sollte die Bande zwischen den beiden fürstlichen Familien noch enger knüpfen, während die kaiserliche Garantie des Primogeniturstatuts das erlassene Hausgesetz gegen etwaige Angriffe sichern sollte (1. Juli 1683).

 

Die Notwendigkeit dieser Maßnahme zeigte sich, als die jüngeren Söhne Ernst Augusts, die nur mit Apanagen bedacht worden waren, das Übereinkommen ihres Vaters mit Georg Wilhelm anfochten. Der Widerstand der Prinzen drohte um so gefährlicher zu werden, da sie von der älteren Linie Braunschweig-Wolfenbüttel in ihrem Unternehmen ermutigt wurden.

 

In die Regierung des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel teilten sich seit 1685 die Herzöge Rudolf August und

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1) Havemann: III, 288 ff. 2) ebenda S. 295 ff.

 

 

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Anton Ulrich. 1) Beide Fürsten hatten von ihrem Vater, Herzog August dem Jüngeren, die Liebe zu gelehrten Studien geerbt. Sonst waren die Brüder von Charakter grundverschieden. Rudolf August fand Freude an einem stillen, ruhigen Leben und überließ deshalb am liebsten die aufregenden Regierungsgeschäfte seinem jüngeren Bruder, der ihn körperlich und geistig weit übertraf.

 

Schon die äußere Erscheinung Herzog Anton Ulrichs verriet den Regenten. Die scharfen Züge um die Lippen und das starke Kinn wiesen auf Tatkraft und Entschlossenheit, seine schöne, hohe Stirn auf Klugheit und Verstand hin, während sein Auge forschend und scharf blickte. 2). Seine stattliche Gestalt, sein selbstbewußtes und doch liebenswürdiges Benehmen, seine gewandte, vielseitige Unterhaltungsgabe nahmen den Besucher des wolfenbüttelschen Hofes gefangen. 3) In regem, geistigen Verkehr stand der Fürst mit Leibniz, dem er die Bibliothek zu Wolfenbüttel unterstellte. 4) Durch seine eigene, bedeutende literarische Tätigkeit aber wurde Anton Ulrich bald weit über die engen Grenzen seines Fürstentums hinaus bekannt. 5)

 

Ein noch größeres Interesse brachte der hochtalentierte Herzog dem glänzenden Hofleben und den verschlungenen Pfaden der Diplomatie entgegen. In seiner Jugend hatte Anton Ulrich mehrere Monate am Hofe Ludwigs XIV. zugebracht und die französische Staatskunst, Galanterie und Verschwendung kennen gelernt. Das Leben und die Anschauungen zu Versailles nahm er nun in manchen Punkten zum Vorbild; all' sein Sinnen war auf glänzende Herrschermacht

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1) Siehe: Köcher, Havemann, Heinemann und Klopp an den schon erwähnten Stellen.

2) Nach einem Porträt Herzog Ant. Ulrichs im herzogl. Residenzschloß zu Braunschweig. Vergleiche ferner Sonnenburg: „Herzog Anton Ulrich von Braunschweig als Dichter.“ Berlin 1896. S. 94 ff.

3) Gregoire Leti: „Abregé de l'histoire de la Maison Serenissime et Electorale de Brandebourg.“ Amsterdam 1687. S. 354.

4) Bodemann: Leibnizens Briefwechsel mit dem Herzog Anton Ulrich.“ Z. d. hist. Ver f. Nieders. 1888.

5) Sonnenburg a. a. O.

 

 

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gerichtet. Ein unbändiger Ehrgeiz ließ Anton Ulrich stets auf die Vergrößerung seines Hauses bedacht sein, wodurch er von selbst in eine feindliche Stellung zum Herzog Ernst August geriet, der für die jüngere Linie dasselbe Ziel verfolgte. Die in Aussicht stehende Vereinigung von Hannover und Celle erregte in hohem Maße seinen Neid, zumal er auf dem besten Wege gewesen war, sich die reiche cellische Erbschaft durch eine Heirat seines ältesten Sohnes August Friedrich mit der einzigen Tochter Georg Wilhelms zu sichern. Durch den frühen Tod des hoffnungsvollen Prinzen und die beschlossene Verbindung des hannoverschen Erbfolgers mit Sophia Dorothea ging der wolfenbüttelschen Linie die Aussicht auf die Erwerbung von Celle verloren. Anton Ulrichs Erbitterung wandte sich nun um mehr gegen Ernst August von Hannover, da er glaubte, daß dieser die Einwilligung seines Bruders zu der Heirat erlistet habe. 1)

 

Gesteigert wurde sein Groll noch durch einige Vorkommnisse, wie die Anbringung des wolfenbüttelschen Wappens in den gemeinsamen Städten des Harzes unter dem hannoverschen und zum Teil auch seine völlige Entfernung, Ereignisse an und für sich nicht von großer Bedeutung, die aber die wahren Absichten Ernst Augusts kennen ließen. Kurze Zeit nachher überbrachte ein cellischer Abgesandter dem wolfenbüttelschen Hofe den Vorschlag, die Altersrechte gegen eine Abfindungssumme der jüngeren Linie auf immer zu überlassen. 2)

 

Nun war es Herzog Anton Ulrich völlig klar, daß eine Erstarkung der Macht des hannoverschen Fürstenhauses nur auf Kosten der älteren Linie geschehen konnte und sollte. Dieses Opfer aber wollte der tatkräftige Fürst seinen Verwandten nicht bringen, er war vielmehr darauf bedacht, bei Zeiten seine Gegenmaßregeln zu treffen.

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1) Köcher: „Die Prinzessin von Ahlden.“ Sybels hist. Zeitschr. Bd. 48.

2) Hoeck: „Anton Ulrich und Elisabeth Christine.“ Wolfenbüttel 1845. S. 40.

 

 

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Unter diesen Umständen fanden die jüngeren hannoverschen Prinzen mit ihren Klagen über die durch das Primogeniturgesetz erlittene Zurücksetzung bei Anton Ulrich bereitwillig Gehör. Der Fürst nahm keinen Anstand, für die Söhne Ernst Augusts einzutreten und zu erklären, daß er auf Grund des Testaments von Herzog Georg und des von seinem Vater garantierten Vergleichs von Hildesheim die Primogenitur, die Vereinigung der beiden Herzogtümer und die von den Prinzen geforderte eidliche Verzichtleistung in seinem Gewissen nicht gutheißen könne. 1) Der kindliche Gehorsam -- so ließ sich Anton Ulrich weiter vernehmen -- ginge nicht soweit, daß man sich zum Nutzen seiner Brüder unterdrücken lassen sollte. 2)

 

Solche Worte erregten in Hannover natürlich die größte Entrüstung. Jedoch gelang es Rudolf August, seinen Bruder zu dem Versprechen zu bewegen, sich in die häuslichen Angelegenheiten der Vettern nicht einzumischen und dem Prinzen Friedrich August zur Unterwerfung unter den väterlichen Willen zu raten. 3)

 

An diese Verpflichtung hielt sich Anton Ulrich bald nicht mehr. Mit allen Mitteln unterstützte er nach dem Tode des Prinzen Friedrich August den Protest des drittältesten Sohnes des Herzogs von Hannover, Maximilian Wilhelm. Der wolfenbüttelsche Sekretär Blume und der Oberstleutnant Moltke vermittelten die Korrespondenz des Prinzen mit seinem Oheim. Auch der Oberjägermeister Otto Friedrich v. Moltke war in die Verschwörung verwickelt. Man gedachte die Hülfe des Auslandes zu requirieren und Maximiliar Wilhelm durch Vermittlung des dänischen Königs eine Pension Ludwigs XIV. zu verschaffen. Der Plan wurde entdeckt, der Sekretär Blume in Haft genommen, der Oberjägermeister Moltke hingerichtet, während Anton Ulrich „der Mitanstifter und Direktor“ natürlich nicht zu fassen war. Letzterer verlor

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1) Havemann III, 300.

2) Klopp V, 114/115. Anderseits gestand Anton Ulrich, daß er nicht den Mut gehabt hätte, so gegen den eigenen Vater aufzutreten, wie die Söhne Ernst Augusts es getan hätten. (ebenda.)

3) Havemann III, 301.

 

 

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in dieser kritischen Situation nicht einen Augenblick seine Fassung. Jede Teilnahme an dem Anschlage stritt er ab und verlangte mit eindringlichen Worten die Auslieferung des Sekretärs und seine Vernehmung in Wolfenbüttel in Gegenwart eines hannoverschen Abgesandten. 1)

 

Herzog Ernst August von Hannover aber hatte den Widerstand gegen die Primogenitur glücklich gebrochen, jedoch sollte dieses wichtige neue Hausgesetz nur die Vorstufe bilden zu einem weit größeren Unternehmen -- der Erwerbung der Kurwürde für Hannover.

 

Die Errichtung einer hannoverschen Kur hatten bei der steigenden Macht und Bedeutung des braunschweigisch-lüneburgischen Fürstenhauses schon lange einsichtsvolle Staatsmänner vorausgesehen. 2) Eine greifbarere Gestalt nahm diese Frage an, als im Jahre 1685 die protestantische Kurstimme von Pfalz-Simmern an die katholische Linie von Pfalz-Neuburg kam, und den protestantischen Kurfürsten die Übertragung einer neuen Kur an einen ihrer Glaubensgenossen nicht nur erwünscht, sondern auch notwendig

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1) „Extract deßen was in der Primogenitursache, soviel Anthon Ulrichs Dchlt. betrifft, passiret . . .“ (H. St.) Beglaubigte Erkl. Anton Ulrichs im wolf. Geheimen Rat 22./1. 1694. (W. L.): Anton Ulrich versicherte auch jetzt noch, daß er seinem Versprechen gemäß mit Friedrich August nicht mehr korrespondiert habe, obwohl ich -- so fuhr der Herzog fort -- auf sein Ansuchen Ihm einen Advocaten zugewiesen, der die vom Kayser Ihm zur Beantwortung communicirte Schrift refutiren möchte, so hab Ich Ihm doch dazu keinen Raht gegeben, wiewohl Ich dazumahl, da dieses geschehen, an mein Wort auch so stricte nicht mehr gebunden gewesen, da Bekannter maßen der Herzog von Hannover sein gegenversprechen gar wenig beobachtet, sondern zu völliger abaissirung meines Hauses die Chur schon zu Augspurg gesuchet.“ Auch den Prinzen Maximilian Wilhelm habe er nicht unterstützt, sondern seine Klagen nur angehört, wie die eidlichen Aussagen des Sekretärs Blume es bestätigten. Vergleiche auch: Havemann III, 302 ff.

2) Erdmannsdörffer: „Deutsche Geschichte vom westfäl. Frieden bis zum Regierungsantritt Friedrichs des Grossen.“ Berlin 1892. 1, 168. Schaumann: Geschichte der Erwerbung der neunten Kur für die hannoverschen Lande.“ Z. d. hist. Ver. f. Nieders. 1874.

 

 

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erschien. Unter anderen riet deshalb der Große Kurfürst dem Herzog von Hannover sich um die Kurwürde zu bewerben, da durch die Einführung eines neuen katholischen Kurfürsten die evangelische Religion gefährdet werde. 1)

 

In der Tat hielt Ernst August auf dem Reichstag zu Augsburg 1689 1690 bei Gelegenheit der Königswahl um die Kurwürde an. Die Majorität der Mitglieder des Kurfürstenkollegiums war dem Gesuch günstig gestimmt. Der kaiserliche Bescheid vom 22. Januar 1690 war jedoch ausweichend. 2) Er gestand dem Herzog von Hannover weder die Kurwürde zu, noch schlug er sie ihm ab. Die Bedenken Leopolds I. wurden zum Teil durch die ablehnende Haltung Georg Wilhelms dem Kurgesuche seines Bruders gegenüber hervorgerufen. 3) Hinzu kam noch, daß, wie nicht anders zu erwarten war, der wolfenbüttelsche Hof nichts von einer Erhebung Hannovers zur Kur wissen wollte. Ernst August sah nun wohl ein, daß er vor allem seinen Bruder gewinnen mußte, bevor er an einen neuen Vorstoß in der Kursache denken konnte.

 

Ende November 1691 berieten sich die beiden Brüder in der Kurfrage zu Harburg und Hamburg, und schon im folgenden Monat gab Georg Wilhelm seine Zustimmung. 4)

 

Die politische Konstellation war zu dieser Zeit einem erneuten Bemühen Hannovers um die Kurwürde günstig. Der Wiener Hof war nämlich in großer Besorgnis wegen der Bildung einer sogenannten französischen „dritten“ Partei

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1) Schaumann a. a. O.

2) Klopp VI, Einleitung S. 51

3) Der Kaiser an Cöln 27. Mai 1692 (M. St. Absch.)

4) Schaumann in dem schon erwähnten Aufsatz stellt die Sache so dar, als wenn eine befriedigende Einigung zwischen Georg Wilhelm und Ernst August Ende des Jahres 1689 erfolgt sei. Daß die ersten Unterhandlungen Hannovers in der Kurfrage zum Teil an der Uneinigkeit der Brüder scheiterten, vermerkt er gar nicht, wie überhaupt ein ganz einseitiger hannoverscher Standpunkt den Artikel kennzeichnet. Havemann III, 327 setzt die Verständigung zwischen den beiden Herzögen Ende November 1691 an. Zu diesem Zeitpunkt fanden in der Tat nähere Besprechungen statt; die eigentliche Entscheidung Georg Wilhelms erfolgte aber erst im Dezember 1691. (Georg Wilhelm an Wolfenbüttel Juli 1692. H.St. Absch.)

 

 

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und der Türkengefahr in Ungarn. Ernst August und Georg Wilhelm ließen daher im Januar 1692 durch ihre Unterhändler dem Kaiser eine ansehnliche Hülfe gegen die Türken anbieten und um Verleihung der Kurwürde an Hannover bitten.

 

Die Mehrzahl der Mitglieder des kaiserlichen Geheimen Rates sprach sich für die Annahme der hannover-cellischen Anträge und die Erfüllung des Wunsches Ernst Augusts aus, obgleich einige umsichtige Ratgeber, wie der Graf Öttingen und der Fürst Salm schwere Bedenken äußerten, wie sie tatsächlich später dem Kaiser fast genau so von den opponierenden Fürsten unterbreitet wurden. 1) Die letzten Zweifel Leopolds wurden aber durch theologische Gutachten zerstreut, zumal das Oberhaupt des Reiches hoffte, Hannover vielleicht für den Katholizismus gewinnen zu können, und außerdem England sowohl wie Holland für das Welfenhaus eintraten. 2)

 

Im Februar 1692 waren die Verhandlungen soweit diehen, daß die hannoverschen Minister in einer gemeinsamen Konferenz den cellischen Kollegen den Entwurf des Haupttraktats mit dem Kaiser vorlegen und sich mit ihnen über die Kostenfrage und die Führung des cellischen Votums im Fürstenkollegium weiter beraten konnten. 3)

 

Am 22. März 1692 kam der Vertrag mit Leopold I. zu Stande. 4) Dem Herzoge von Hannover und dessen männlichen Nachkommen wurde die Kurwürde verliehen, die mit den Fürstentümern Celle, Calenberg und Grubenhagen nebst den zugehörigen Ländern verbunden sein sollte. Dafür versprachen Hannover-Celle dem Kaiser, für die nächsten beiden Feldzüge 6000 Mann auf eigene Kosten zu stellen und 500000 Gulden als Unterstützung zu zahlen. In einem

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1) A. Schulte: „Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden.“ Karlsruhe 1892 Il, No. 4.

2) ebenda. 3) Conferenzprotokoll 6. Februar 1692. (H. St.)

4) M. St. Absch. Abgedruckt im „Theatrum Europaeum“ XIV, 313 ff.; Lünig, Reichsarchiv. Pars spec. V, 167 etc.

 

 

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dritten Rezeß sagten Sich beide Teile ewige Freundschaft und gegenseitige Hülfe zu. Hannover stellte ferner dem Kaiser seine Unterstützung in dem etwaigen Streit um die spanische Krone in Aussicht und verpflichtete sich, seine Curstimme stets für das Haus Habsburg abzugeben. In religiöser Hinsicht war Ernst August den Wünschen des kaiserlichen Hofes schließlich weniger entgegengekommen. Der Herzog von Hannover versprach nur, keinen Gewissenszwang in seinem Lande dulden und den Katholiken die Ausübung ihrer Religion und den Bau von Kirchen gestatten zu wollen.

 

 

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I. Von der Verleihung der Kurwürde bis zur Investitur Ernst Augusts.

 

Die Verhandlungen um die Kurwürde waren von der hannover-cellischen Diplomaten mit der größten Heimlichkeit geführt worden. Die Herzöge von Wolfenbüttel hatten nicht das geringste von der nochmaligen Bewerbung Ernst Augusts um das Elektorat gewußt. Man war in Wolfenbüttel um so weniger hierauf gefaßt, da man glaubte, daß Georg Wilhelm noch immer diesbezüglichen Wünschen seines jüngeren Bruders entgegen sein werde. 1) Erst durch private Nachrichten von Wien und aus dem Haag wurden die wolfenbüttelschen Vettern von der vollzogenen Tatsache in Kenntnis gesetzt. 2)

 

Mit heftigen Worten beschwerten sich nun Rudolf August und Anton Ulrich bei Georg Wilhelm, dem Inhaber des Seniorats im braunschweigisch-lüneburgischen Fürstenhause. 3)

 

Über die Art und Weise, wie Hannover das Ziel zu erreichen gewußt hatte, gaben sie ihrer Entrüstung lauten Ausdruck. Obschon sie nicht auf Grund der Bestimmungen der Hausverträge eine gemeinsame Beratung in der Kurangelegenheit fordern konnten, 4) so mußte nichtsdestoweniger

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1) Wolfenbüttel an Celle 9. Mai 1692. (H. St. Absch.)

2) Wolfenbüttel an Celle 26. März 1692. (H. St. Absch.)

3) Correspondenz zwischen Celle und Wolfenb. März-Sept. 1692 (H. St. Absch.)

4) Wolf. an Celle 15. Juni 1692. Sie gestanden zu, daß „der gegenwärtige casus ad literam in den pactis domus nicht enthalten sei.“

 

 

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die vollständige Geheimhaltung der Unterhandlungen und die Tatsache, daß dem nahverwandten wolfenbüttelschen Hof auch nach geschehener Kurverleihung die Mitteilung hiervon erst von dritter Hand gemacht wurde, die Herzöge verletzen und mißtrauisch machen. In der Tat glaubten sie durch diese Handlungsweise von Hannover und Celle vor den Augen der ganzen Welt und des Kaisers herabgesetzt zu sein. 1) Herzog Anton Ulrichs leidenschaftlicher Ehrgeiz aber erlitt durch die Ausschließung der älteren Linie von der Kurwürde einen noch stärkern und empfindlicheren Schlag als durch die frühere Festsetzung der Vereinigung der cellischen mit den hannoverschen Landen.

 

Der Leiter der wolfenbüttelschen Politik war es aber gerade gewesen, der die hannoversch-cellische Regierung zu diesem Vorgehen gezwungen hatte. Sein Widerstand gegen das Primogeniturgesetz und vor allem seine gefährlichen Quertreibereien mit den jungen hannoverschen Prinzen hafteten den leitenden Staatsmännern in Hannover und Celle noch frisch im Gedächtnisse. Anderseits hatte Anton Ulrich aus seiner Abneigung gegen eine Verleihung der Kurwürde an Ernst August kein Hehl gemacht und sich offen dahin geäußert, 2) „daß er besonders die Erhebung Hannovers zur Kur als den äußersten und inevitablen Ruin der wolfenbüttelschen Linie, wobei selbe nicht bestehen könnte, noch würde, ansehen müßte.“ 3) Wollte sich daher die Gegenseite bei den erneuten Versuchen, die Kurwürde zu erlangen, vor

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1) Wolf. an Celle 9. Mai. Ihnen könne nichts Empfindlicheres passieren, als sich „coram facie Imperatoris und des ganzen kayserlichen Hofes meprisirt zu sehen.“ Ferner 15. Juni:

Sie wollten es dem Urteile eines Unpassionierten überlassen, ob sie durch ein solches Verfahren „nicht coram facie Imperatoris und überall, wo die Sache bekandt worden, einen mépris und despect erlitten,“ ja ob sie nicht „endlich auf solche weise bey männiglichen die concept verfallen mögten,“ als wenn sie nicht mehr nach ihrem Recht, „sondern andere über sich disponiren und herrschen lassen müßten.“

2) Celle an Wolf. 24. Mai.

3) Dieser Äußerung wußte sich Anton Ulrich nicht mehr zu erinnern; er gab aber sonst seine feindliche Stellung zur hannoverschen Kur zu. (Wolf. an Celle 15. Juni.)

 

 

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einem lästigen Widersacher bewahren so mußte Sie das größte Stillschweigen über ihr Vorhaben gerade vor eigenen Verwandten üben. 1)

 

Mehr noch als ihre Ignorierung bei dem Kurgeschäft verletzte die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel die Tatsache, daß Hannover bei dem Übereinkommen mit den Wiener Hof zu der dem Kaiser als Lohn für die Verleihung der Kurwürde versprochenen Truppenhülfe 1000 Mann wolfenbüttelscher Truppen gerechnet hatte. Wolfenbütte hatte sich zwar verpflichtet, diese Truppenzahl mit der hannoverschen und cellischen Regimentern nach Ungarn zu schicken, jedoch war der hannoversche Gesandte v. Bothmer, der die Interessen des gesamten Welfenhauses in Wien wahrnahm, ausdrücklich angewiesen worden, in ihrem Namen die Unterstützung anzubieten und gewisse Bedingungen hieran zu knüpfen. 2) Man war nun am wolfenbüttelschen Hofe nicht wenig entrüstet, als in den Kurtraktaten von dem wolfenbüttelschen Truppenangebot und den näheren Vorbehaltungen nicht das geringste zu finden war, Ernst August aber offenbar seine neue Würde, wenn auch zum geringen Teil, mit ihren Mannschaften bezahlt hatte. Bestärkt wurden die Herzöge in ihrem Verdacht, daß Bothmer die Truppen in ihrem Namen am kaiserlichen Hofe gar nicht offeriert habe, als es zum Vorschein kam, daß der Abgesandte Leopolds, Graf Breuner, der die braunschweigisch-lüneburgischen Truppen abholen sollte, keine Instruktion hatte, wolfenbüttelsche Truppen in Empfang zu nehmen. Die Herzöge von Hannover und Celle bestritten dies und wiesen

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1) Wie die hannover-cellischen Staatsmänner gehandelt hatten, die Herzöge von Wolfenbüttel nicht mit ins Vertrauen zu ziehen, erhellt am besten aus den eigenen Worten Anton Ulrichs und Rudolf Augusts:

(Wolf. an Celle 9. Mai) Also haben wir nicht unbillig zu beklagen, daß wir durch unsere confidence allem ansehen nach das tempo verloren, darinnen wir den Electorat entweder hatten abwenden helfen, oder bey dessen erlangung für unß undt unßere posterität vigiliren können.“

2) Wolf. an Celle 7. Januar 1692. (H. St. Absch.)

 

 

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darauf hin, daß der Graf seine Bevollmächtigung erst nach dem Passieren von Wolfenbüttel bekommen habe. Dann suchten Sie den Sachverhalt durch den Umstand zu erklären, daß die Anweisungen von dem kaiserlichen Hofkriegsrat, dem allerdings Bothmer von der von ihren Vettern versprochenen Hülfe keine Mitteilung gemacht habe, erlassen eien. 1)

 

Dieser Erklärung brachten Rudolf August und Anton Ulrich berechtigte Zweifel entgegen. Noch ungläubiger verhielten sie sich zu der Ausrede, daß v. Bothmer den beiden Kanzlern in Wien zwar Mitteilung von dem besonderen wolfenbüttelschen Truppenangebot gemacht habe, die Minister sich jedoch dieses Anerbieten im Drange der Geschäfte „aus dem Sinne hätten fallen lassen“. 2) Sie waren vielmehr der Meinung, daß der Bevollmächtigte erst nach ihrer Beschwerde den leitenden Staatsmännern in Wien ihr Hülfskontingent speziell offeriert habe. 3)

 

Auf jeden Fall läßt sich in diesem Punkte die Berechtigung der Beschwerden der wolfenbüttelschen Regierung nicht bestreiten. Die hannoverschen Minister gestanden auch selbst in einem Schreiben an die cellischen Räte, die 6000 Mann, ohne Wolfenbüttels Erwähnung zu tun, dem Kaiser versprochen zu haben 4) und mußten sogar einige „Versehen“ und „Culpae“ ihres Gesandten in Wien anerkennen. 5)

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1) Celle an Wolf. 9. Mai. Der wolfenbüttelsche Hof berief sich auf die Aussagen Breuners, das Zeugnis der kaiserlichen Minister und ein Antwortschreiben vom Kaiser. (Wolf. an Celle 9. Mai.)

2) Celle an Wolf. 24. Mai.

3) Wolf. an Celle 15. Juni.

4) Hannover an Celle 19. April 1692: Den Kaiser zu bitten, die von Wolfenbüttel nach dem Rhein bestimmten Truppen nicht anzunehmen hielten Sie nicht für nützlich, weil der kaiserliche Hof entweder dadurch irre gemacht würde oder wie billig darauf bestehen würde, daß, gleichwie von ihnen beiderseits allein und ohne Wolfenbüttels zu gedenken, die 6000 Mann versprochen worden, der kaiserliche Hof sich auch blos an dieselben zu halten habe. (Gekürzt.)

5) Celle an Wolf. 24. Mai.

 

 

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Erregte schon das Verfahren der hannover-cellischen Diplomaten bei den Kurverhandlungen den größten Unwillen der wolfenbüttelschen Herzöge, so erschien ihnen die Auszeichnung Ernst Augusts mit der Kurwürde Selbst als eine unheilvolle Schädigung ihrer Interessen. Sicherlich hätten sie die Übertragung der Kurstimme an Hannover mit allen Mitteln zu hindern versucht, wenn sie von den schwebenden Beratungen rechtzeitig Kenntnis bekommen hätten. Jetzt, wo sie sich einem fait accompli gegenüber sahen, hüteten sie sich wohl, sofort eine schroffe, ablehnend Stellung zu dem vom Oberhaupt des Reiches errichteten Kurwerk einzunehmen. Sie begnügten sich vorerst damit, auf die Gefahr hinzuweisen, die eine solche Stärkung der hannoverschen Macht für ihr Haus mit sich führen müsse, denn Ernst August werde sich mit dem errungenen Vorteil nicht zufrieden geben, sondern versuchen, die Vorrechte, die der älteren Linie zuständen sowohl in Reichs-, Kreis- und Lehnssachen, wie auch im Vorsitz bei den Beratungen des Gesamthauses, zu schmälern. 1) Hiergegen glaubten sie unbedingte Sicherheit notwendig haben zu müssen.

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1) Schon am 26. März (H. St.) Schrieben die wolfenbüttelschen Herzöge, die zu dieser Zeit noch nicht den genauen Inhalt des hannoverschen Kurtraktates kannten: „Wir hingegen, dem numehrigen ansehen nach, sowoll durch die etablirende künftige zusammenziehung aller Zell- und Hannoverischen Lande, als auch durch der, zweifelsohn mit Unßer exclussion gesuchten Electorat, unß und unßerer Posterität in einen solchen Standt reduziren lassen sollen, wobey wir unß des genußes der alten rechte Unseres Hauses und mithin der effectuum dignitatis et Senii nicht gesichert finden, sondern im gegentheill darob alle die ungelegenheiten und bedrückungen, so die praepotenz eines mächtigen Nachbarn mit sich zu führen pfleget, zu befürchten haben müßen, gestalt wir dann, daß wir einiges gutgemeinte absehn für Unß und Unßere Posterität hierbey geführet werde, um so weniger vermuhten können.“ Wolf. an Celle 15. Juni: Sie wollten es dem Urteile jedes Unpassionierten überlassen, ob sie nicht fürchten müßten, „daß dieses Hauß (Hannover) nach etablirtem Electorat und zusammengesetzten landen sich über ihr Hauß erheben, undt wie vorhin in vielen Stücken angefangen, alßo auch künftig bey habender praepotentz daßelbe desto mehr drücken und sich aller habenden Gelegenheiten gebrauchen mögte.“

 

 

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Anstatt aber klugerweise sich ruhig und streng sachlich mit den Verwandten deswegen auseinanderzusetzen, ließen sich die beiden Fürsten von ihrer Leidenschaft immer weiter fortreißen.

 

Den leitenden Kreisen in Hannover und Celle kam es sehr auf die Stellung der wolfenbüttelschen Hülfstruppen zu dem Feldzuge gegen die Türken an, weil sie einerseits hierdurch Kosten sparten, und anderseits eine Verzögerung der dem Kaiser versprochenen Unterstützung die sonstigen getroffenen Vereinbarungen mit dem Wiener Hof rückgängig machen konnte. Ein Entgegenkommen Wolfenbüttels diesem Punkt hätte eine Verständigung zwischen den beiden Häusern erleichtert. Rudolf August und Anton Ulrich aber faßten den Entschluß, ihr Truppenkontingent nach dem Rhein zu schicken, 1) „damit -- wie sie später verlauten ließen 2) -- man am kaiserlichen Hofe und an anderen Orten wisse und sehe, daß sie noch in der Welt seien.“ Ferner benachrichtigten sie den Bevollmächtigten des Welfenhauses am Kaiserhofe, Bothmer, daß er sich nicht mehr für sie zu bemühen brauche, da er ihre Aufträge nicht ausgeführt habe. 3)

 

Die jüngere Linie ließ es an Versuchen, die Bedenken der Verwandten zu zerstreuen, nicht fehlen. Georg Wilhelm wandte sich in mehreren Schreiben an die Vettern und suchte in versöhnendem Sinne auf sie einzuwirken. 4) Am 10. April 1692 trafen sich cellische und wolfenbüttelsche Minister zur gemeinsamen Beratung in Burgdorf. 5)

 

Die Bevollmächtigten Georg Wilhelms bemühten sich, die Handlungsweise ihrer und der hannoverschen Regierung

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1) Die wolfenbüttelschen Räte an die cellischen. 4. April 1692. (H. St. Absch.) 2) Wolf. an Celle 16. Juni 1692.

3) Wolf. an Bothmer 4. April 1692. (H. St Absch.)

4) Die schon oft zitierte Korrespondenz zwischen Celle und Wolfenbüttel.

5) Conferenzprotokoll (H. St.) Celle war bei dieser Konferenz durch die Geheimen Räte Bernstorff und Fabricius, ferner durch den Oberhofmarschall Bülow vertreten. Von Wolfenbüttel war anwesend der Großvoigt Hammerstein und der Kanzler Wendhausen.

 

 

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zu rechtfertigen und wiederholten mehrmals die Versicherung, daß die alten Hausgesetze, wie Wolfenbüttel befürchte, von ihnen nicht verletzt werden würden. Sie verlangten von den wolfenbüttelschen Räten eine genaue Erklärung, ob ihre Herren es bei der festgesetzten Vereinigung von Hannover und Celle bewenden lassen, gegen das Kurwerk nicht mehr opponieren und sich an der vereinbarten, gemeinsamen Sendung der Truppen nach Ungarn beteiligen wollten. Die Antwort der Vertreter Rudolf Augusts und Anton Ulrichs war ausweichend. Mit Bezug auf die beiden ersten Punkte beteuerten sie, ihnen hierin keinen Widerstand leisten zu wollen, wenn ihnen nur ihre alten Rechte in genügender Weise gesichert würden. Die Angelegenheit der Truppensendung aber wollten sie gern den Herzögen nochmals unterbreiten.

 

Auf einer zweiten Konferenz 1) setzte der hannoversche Minister Graf Platen die Unterhandlungen fort, indem er erklärte, man könne sich weiter verständigen, wenn Wolfenbüttel die zuerst nach Ungarn bestimmten Truppen, anstatt zum Rhein, mit den ihrigen nach den Niederlanden schicke. Hannover sah die Erfüllung dieser Forderung als eine conditio sine qua non an und erschwerte hierdurch von vornherein eine Aussöhnung mit den Verwandten. Der wolfenbüttelsche Hof lehnte den Vorschlag des Grafen Platen ab, da der Kaiser die Sendung ihrer Truppen nach dem Rhein schon angenommen habe, und der Marsch ihres Kontingents nicht mehr geändert werden könne. 2)

 

Dieser abschlägige Bescheid steigerte das gespannte Verhältnis zwischen beiden Parteien noch mehr.

 

Die schriftlichen Auseinandersetzungen Rudolf Augusts und Anton Ulrichs mit Georg Wilhelm nahmen beiderseits einen immer gereizteren Ton an, 3) zumal nun Wolfenbüttel

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1) Pro Memoria, Burgdorf 4. Mai 1692; Wolf. an Celle 15. Juni 1692. (H. St. Absch.)

2) ebend.

3) Wolf. an Celle 15. Juni 1692: Auf ihr letztes Schreiben hätten, sie eine Antwort „voller wiedriger empfindungen*“ erhalten, die gegen sie „in so harten terminis* gerichtet sei, daß, wiewohl sie gern von weiterer Korrespondenz abstrahieren wollten, sie sich dennoch genötigt sähen, in einem und anderen freundvetterlich zu antworten. Georg Wilhelm seinerseits (Schreib. vom Juli 1692) tadelte in der Erwiderung der wolfenbüttelschen Herzöge einige Ausdrücke als „ziemlich herbe“ mit denen man „ihn billig zu verschonen“ hätte.

 

 

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auf die früheren, unerquicklichen Vorkommnisse zwischen beiden Familien zurückgriff und die Erledigung dieser Beschwerden zur Grundlage für weitere Verhandlungen über die Kurangelegenheit nahm. 1)

 

Man kann es den hannover-cellischen Ministern nicht verübeln, wenn sie diese Forderungen: Mitteilung der Blumeschen Prozeßakten und Aufhebung der Kommunion der Bergwerke am Harz und des Herzogtums Lauenburg abschlugen. Durch die Übersendung der Prozeßakten hätte man nämlich nur die bedauerlichen, intimen Familienverhältnisse wieder aufgefrischt und noch mehr Stoff zu gereizten Debatten und neuen Zänkereien geboten. Auch muß man ihnen Recht geben, wenn sie weitere Grenzregulierungen und die Aufhebung der gemeinsamen Verwaltung der Bergwerke nicht für dringend hielten, denn man hatte trotz dieser so viele Jahre in Frieden gelebt, und Wolfenbüttel früher selbst die großen Schwierigkeiten der Ordnung dieser Angelegenheit zugestanden. 2)

 

Diese Verquickung der ehemaligen Streitobjekte mit den Verhandlungen über die neunte Kur mußte der hannover-cellischen Regierung immer mehr den Glauben an den guten Willen der wolfenbüttelschen Herzöge zu einer Versöhnung nehmen. Berechtigte Zweifel mußten sich Ernst August und Georg Wilhelm aufdrängen, ob ihre Vettern inzwischen nicht anderweitige Verpflichtungen eingegangen waren, die eine völlige Aussöhnung mit ihnen nicht mehr zuließen. Deshalb richteten sie an ihre Verwandten die Anfrage, ob sie noch im stande seien, eine volle Union mit

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1) Correspondenz zwischen Celle und Wolf. 9. Mai, 24. Mai, 15. Juni etc.

2) Conferenzprotokolle vom 27., 31. Juli 1692. (H. St.) In dem letzteren Punkte aber wollten Hannover und Celle geeignete Vorschläge entgegennehmen.

 

 

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ihnen einzugehen, und welche Sicherheit sie ihnen dafür bieten könnten. 1)

 

Mit diesem Schritt hatte man den wunden Punkt der ganzen Verhandlungen berührt, denn Rudolf August und Anton Ulrich hatten sich inzwischen der hochgehenden Bewegung im Reiche gegen die Errichtung der neunten Kur angeschlossen. Die führende Stellung, die sie in der Opposition der Fürsten bald eingenommen hatten, machte ihnen in der Tat einen einseitigen, völligen Vergleich mit Hannover und Celle unmöglich. Wolfenbüttel hütete sich wohl, dies dem Gegner einzugestehen. Die Versöhnungsveruche hatten jedoch hiermit vorläufig auf beiden Seiten ihr Ende erreicht. -- --

 

Als die Herzöge von Wolfenbüttel sich im März 1692 den zwischen ihren Verwandten und Kaiser Leopold I. geschlossenen Verträgen gegenüber sahen, waren sie nicht mehr in der Lage, die Erhebung Hannovers zur Kur hindern zu können. Mit um so größerer Eile suchten sie sich nun für die künftigen harten Differenzen mit der jüngeren Linie zu rüsten.

 

Schon am 6. April 1692 schlossen sie mit Dänemark ein Bündnis, in dem beide Teile sich gegenseitig Hülfe zusagten. 2) In einem Geheimartikel versprach der Kopenhagener Hof den Herzögen die im Hauptvertrage festgesetzte Hülfe auch für den Fall, daß bei einem Versuche Hannovers, alle cellischen und hannoverschen Lande unter eine Herrschaft zu bringen, Wolfenbüttel in die entstehenden Unruhen verwickelt werden sollte. Kurze Zeit darauf sicherte sich der wolfenbüttelsche Hof auch die Unterstützung Brandenburgs gegen etwaige Angriffe und Bedrückungen seitens der Verwandten. 3)

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1) ebend.

2) 6. April 1692. (H. St. Absch.)

3) 11./21. April 1692. (Moerner: „Kurbrandenburgs Staatsverträge“ Berlin 1867. S. 567/568.) In einer besonderen Convention zw. Kurf. Friedr. III. u. Ant. Ulr. versprach Brandenburg, „jedwedes Attentat auf die Festungen Braunschweig u. Wolfenb. mit aller Macht zu verhindern“.

 

 

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Inzwischen erhoben sich im Reiche mehr und mehr Stimmen gegen die neunte Kur. Der Kaiser, der den Kurfürsten in einem Rundschreiben Mitteilung von der Verleihung der Kurwürde an Hannover machte, rechnete auf ihre einmütige Zustimmung ohne ordnungsgemäße Verhandlung der Kurangelegenheit in den Reichskollegien. Es lag Leopold viel an einer raschen Erledigung der Sache, weil Ernst August von Hannover erst nach vollzogener Investitur die versprochenen Truppen abliefern wollte. 1)

 

Leopold I. hatte sich aber geirrt. Die Kurfürsten waren mit dem Vom Reichsoberhaupt angewandten Verfahren durchaus nicht einverstanden und verlangten einen förmlichen Kollegialbeschluß. Selbst diejenigen, die einer Vermehrung der Zahl der Kurstimmen an und für sich nicht abgeneigt waren, stellten diese Forderung auf. Am günstigsten sprach sich noch Brandenburg aus, denn Friedrich Wilhelm versicherte dem neuen Kurfürsten seine Bereitwilligkeit, sich „mit allem möglichen Eifer“ des Kurwerkes anzunehmen. 2)

 

Nächst Brandenburg zeigten Sachsen und Baiern das größte Entgegenkommen. 3) Die übrigen katholischen Kurfürsten machten aber schwerwiegende Einwände geltend,

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1) Pribram: „Oesterreich und Brandenburg 1688--1700“. Prag. Leipzig 1885. S. 92,

2) Brandenburg an Hannover 9. Juni 1692. (H. St. Absch.) Friedrich Wilhelm dankt für die Mitteilung von der Kurverleihung und fügt hinzu: „Ich werde denmehro, gleichwie Ich schon bey dem jüngsten Wahltage zu Augsburg und sonsten in anderer occasion gethan, mich des Werks mit allem möglichen Eifer annehmen und mir nichts lieber seyn laßen als wan es damit bald zu einem solchen ende und ausschlag, wie es Ew. Ld. selbsten wünschen, wird können gebracht werden.“ Seine wahre Absicht aber war, selbst mit Waffengewalt die Investitur Hannovers zu verhindern, wenn die ihm noch unbekannten Abmachungen Ernst Augusts mit dem Wiener Hofe seine Interessen gefährdeten. (Pribram a. a. O.)

3) Relation v. d. Schulenburgs Sept. 1692. (W. L.) Vergl. f. d. Folg.: Bodemann: „Jobst Hermann von Ilten Z. d. hist. Ver. f. Nieders. 1879. Schaumann a. a. O. Pribram a. a. O. S. 92 ff. Schulte a. a. O. I, 163 ff.

 

 

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denn durch die Einführung eines neuen protestantischen Kurfürsten hielten sie bei dem etwaigen Aussterben der katholischen Linien von Kurbaiern und Kurpfalz ihr Übergewicht im Kurfürstenkollegium für gefährdet.

 

Sie baten daher den Kaiser um Aufklärung, wie ihre Bedenken gegen die neunte Kur gehoben werden könnten. 1) Leopold beruhigte sie und gab ihnen die Versicherung, er habe das Interesse ihrer Religion wohl im Auge und wolle den Katholiken die Majorität im kurfürstlichen Kollegium erhalten. Er bat sie aber, ihre Gegenforderungen erst nach der Investitur des neuen Kurfürsten zu stellen.

 

Schroffer gingen die Mitglieder des Fürstenkollegiums zu Werke, 2) obschon Sie bei der ersten Bewerbung Ernst Augusts um die Kurwürde keinen Protest erhoben hatten. 3) Die katholischen Fürsten waren nun ebenfalls wegen der vermeintlichen Benachteiligung ihrer Religion in großer Sorge. Ihre protestantischen Kollegen waren mit ihnen aber in dem Gedanken einig, daß durch eine Vermehrung der Zahl der Kurfürsten die Freiheiten und Rechte des Fürstenkollegiums mit der Zeit eine Beeinträchtigung erleiden würden. Zu diesen Befürchtungen glaubten sie besonderen Grund zu haben, weil der Kaiser entgegen den Bestimmungen der Goldenen Bulle, des Westfälischen Friedens und früherer Erklärungen seiner Vorgänger die Kurwürde an Hannover eigenmächtig verliehen habe. Ihre Entrüstung steigerte sich noch, als Leopold nachträglich die Zustimmung der Kurfürsten einholte, ohne auch jetzt im geringsten das Kollegium der Fürsten zu Rate zu ziehen. Bei manchen mußte sich auch wohl Unmut und Neid regen, daß gerade der Fürst mit der Kurwürde ausgezeichnet wurde, der bis dahin in ihren Reihen am meisten gegen die kurfürstliche „Präeminenz“ gefochten hatte, und an dem sie nun einen mutigen Vorkämpfer der fürstlichen Rechte und Privilegien verloren.

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1) Trier an d. Kaiser 4. Aug.; desgl. Köln 21. Aug. 1692.

2) Relationen Weselows Juni-Dez. 1692. (H. St.) Siehe ferner die Belege S. 19, Anmerkung 3.

3) Regensburg. Relat. Sept. 1692. (H. St. Absch.)

 

 

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Diese Stimmung in den Kreisen der alten Fürstengeschlechter war den Herzögen von Wolfenbüttel hoch willkommen, denn an ihnen mußten sie in ihrem Widerstande gegen die hannoversche Kur einen starken Rückhalt finden. Der wolfenbüttelsche Hof nahm zuerst enge Fühlung mit den Hauptstützen der französischen „dritten“ Partei, Münster und Dänemark, 1) die durch ihre Vertreter in Regensburg am heftigsten gegen die Erhebung Hannovers zur Kur hatten Einspruch erheben lassen.

 

Die Vorschläge, die der wolfenbüttelsche Abgesandte v. Krossigk 2) dem Bischof von Münster unterbreitete, waren äußerst scharf. So empfahl er eine Erklärung „der Illegialität oder Nullittät der auf den Neunten Elektorat gerichteten Praetension,“ die Anrufung Schwedens als Garanten des westfälischen Friedens und Agitation bei den noch schwankenden Fürsten. Wenn auch der günstige Augenblick für die Ausführung der beiden ersten Maßnahmen noch nicht gekommen war, so mußte doch dieses rücksichtslose Vorgehen der eigenen Verwandten des Herzogs von Hannover die übrigen Fürsten in ihrer Opposition bestärken, zumal Wolfenbüttel sich nun auch in Regensburg immer heftiger gegen die hannoversche Kur vernehmen ließ.

 

Schon im Juni 1692 hatten Rudolf August und Anton Ulrich den Geheimen Rat Stisser v. Wendhausen zum Reichskonvent gesandt. Dieser war beauftragt, „in allem, was circa modum agendi und sonst zur Hintertreibung solches affektierten neunten Elektorats gutgefunden werden

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1) Münster hatte am 6. April 1691 mit Ludwig XIV. eine Neutralitätsallianz geschlossen, die am 16. Dez. 1692 erneut wurde. (F. M. 4761 u. 4770 M. St.) Auch Dänemark unterhielt die engsten Beziehungen mit Frankreich. (R. d. J. . . .“ XIII. Danemark).

2) Instruktion 14. Juli 1692. (W. L. Absch.)

Der Gesandte sollte ihre Meinung über die neunte Kur dahin erklären, „daß dieselbe absque suffragio et consensu Imperii und in specie Principum gantz nulliter intendiret würde, und wegen solches essentiellen defects nimmer zu einiger legalitet und perfection kommen könte.“

 

 

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möchte, beizutreten, und besonders mit Münster vertrauliche Korrespondenz zu pflegen.“ 1)

 

Der wolfenbüttelsche Bevollmächtigte trat denn auch sofort nach seiner Ankunft in Regensburg mit den dortigen fürstlichen Gesandten in private Beratungen ein. 2) Der sachsen-gothasche und der hessen-kasselsche Vertreter teilten ihm nun den Operationsplan der Opponenten mit. In einem feierlichen Protest wollten sie den Kaiser und die Kurfürsten auf den Widerspruch der hannoverschen Kur mit den Bestimmungen der Reichsverfassung verweisen, zugleich aber selbst Anspruch auf die Kurwürde erheben, da Ernst August sich im letzten Kriege und sonst um das Reich keine größeren Verdienste erworben habe, als die übrigen Fürsten. 3)

 

Wenn hierin auch tatsächlich Wahres enthalten war, so mußte dieses Vorgehen an sich doch alles eher als Erfolg versprechen, denn taktisch wäre es ein schwerer Fehler gewesen, einerseits auf Grund der Reichsgesetze die Unzulässigkeit der neuen Kur festzustellen, anderseits die angefochtene Würde selbst zu beanspruchen.

 

Der wolfenbüttelsche Hof erkannte dies sofort und wies seinen Vertreter in Regensburg an, vor allem darauf zu dringen, daß die Frage der Notwendigkeit eines Reichskonsenses bei der Vermehrung der Kurstimmen dem Reichskonvent unterbreitet oder wenigstens im Fürstenrate bejaht werde. Im letzteren Falle solle man dem Reichskonvent und der kaiserlichen Kommission die Unvollkommenheit der hannoverschen Kur zu erkennen geben. Wollten einige Fürsten privatim die Kurwürde für sich beanspruchen, so stehe ihnen das frei, jedoch seien beide Unternehmen scharf von einander zu trennen. 4) Herzog Anton Ulrich, dem Leiter

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1) Enthalten in der Instruktion an Krosigk 14. Juli 1692.

2) Relationen Wendhausens Juni u. Juli 1692. (W. L. Absch.)

3) Der hess.-kasselsche Gesandte erklärte Wendhausen auch im höchsten Vertrauen, daß dem Bischof von Münster von Wien aus geraten sei, in dieser Weise vorzugehen. Die münsterschen Akten enthalten aber hierüber nichts Näheres.

4) Instruktion an Wendhausen 23. Juni 1692. (W. L. Absch.)

 

 

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der wolfenbüttelschen Politik, kam es also hauptsächlich darauf an, daß der gesamte Fürstenstand durch einen Majoritätsbeschluß dem sich die Minderheit fügen mußte, zum Träger der Opposition gemacht und vornehmlich das willkürliche Vorgehen des Reichsoberhauptes scharf hervorgehoben wurde.

 

Die Opponenten führten die vom wolfenbüttelschen Gesandten in Vorschlag gebrachte Taktik tatsächlich aus, wenn auch nicht direkt alle Punkte des Angriffsplanes Anton Ulrichs zur Ausführung gebracht wurden. Von einer „multitudo praetendentium“ ließen die Fürsten nichts mehr verlauten 1); sondern sie begnügten sich damit, auf die Ermahnungen des Kaisers bei seiner Kommission in Regensburg, sowie bei Leopold selbst darauf hinzuweisen, daß die Notwendigkeit für die Errichtung einer neuen Kur nicht vorhanden sei und selbständige Maßnahmen des Reichsoberhauptes dieser Richtung die Grundgesetze des Reiches verletzen würden. 2)

 

Dieselben Gedanken brachte am 22. August ein Majoritätsbeschluß des Fürstenkollegiums unter dem Direktorium Salzburgs zum Ausdruck, der aber zugleich eine Beratung über die Kurangelegenheit in allen drei Reichskollegien mit Nachdruck verlangte. 3) In einem feierlichen Protest hatten die Herzöge von Wolfenbüttel schon kurz vorher Leopold erklären lassen. „keine Kurwürde und Präeminenz“ in ihrem Hause anerkennen zu wollen. 4)

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1) Nur vom Bischof Friedrich Christian von Münster hieß es später noch, daß er nach der Kurwürde trachte, denn zu Hannover glaubte man „die ganz gesicher Nachricht“ zu haben, „daß der Bischof von Münster für sich die Kurwürde verlange und solches am kaiserlichen Hofe zu erkennen gegeben, auch darauf wirklich habe antragen lassen.“ Instruktion an Weselow 13. Sept. 1692. (H. St. Ccpt.) Die münsterschen Archivalien gaben mir hierüber keinen Aufschluß.

2) Schreiben an den Kaiser 23. Juli 1692; 16. Juli 1692. (H. St. Absch.)

3) Relation Weselows 25. August 1692. (H. St.)

4) Rudolf August und Anton Ulrich an den Kaiser 11./21. Aug. 1692. (W. L. Absch.)

 

 

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Die hannover-cellischen Staatsmänner gaben trotz alledem die Hoffnung auf eine Verständigung mit den Opponenten nicht auf. Sie wurden zu wiederholten Malen bei den Kurfürsten vorstellig und suchten die obwaltenden Bedenken auf jede Weise zu zerstreuen. Der Vertreter Ernst Augusts in Regensburg, Weselow, unterließ es nicht, den dortigen kurfürstlichen Gesandten reiche Belohnungen in Aussicht zu stellen. 1) Von großem Vortei aber war es für Hannover, daß Kurfürst Friedrich von Brandenburg in einer persönlichen Unterredung mit Ernst August den Inhalt des Kurvertrages kennen lernte und von nun an für die Ansprüche seines Schwiegervaters mit Entschiedenheit eintrat. 2)

 

In Wien war man ebenfalls nicht müßig. Leopold hatte schon verschiedentlich die Kurfürsten zu einer Entscheidung in der Kurfrage aufgefordert 3) und seine Kommission in Regensburg angewiesen, Rücksprache mit den kurfürstlichen Bevollmächtigten zu nehmen. Wenn nicht bald -- so lautete schließlich die Instruktion 4) ein Beschluß im Kurfürstenkollegium erzielt werde, so könne man es ihm nicht verdenken, wenn er nichtsdestoweniger die Investitur Hannovers vornehmen werde. Die opponierenden Fürsten aber machte Leopold darauf aufmerksam, daß er Hannover den Vorrang vor seinem eigenen Hause überlasse, weil die Not der Christenheit und die Wohlfahrt des Reiches dieses Opfer forderten. Zugleich spielte er darauf an, daß ihr Protest gegen die neue Kur auf Machinationen auswärtiger Mächte zurückzuführen sei.

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1) Instr. an Weselow 7./8., 25./8. 1692. (H. St. Ccpt.)

2) Pribram a. a. O. S. 94 ff., Relation des cellischen Gesandten Schrader 15. Sept. 1692. (H. St.) Durch das Bündnis mit Hvr.-Celle vom 13./23. Dez. 1692 (Moerner a. a. O. 577/578) brach Brandenburg vollständig mit den Opponenten.

3) Leopold an Mainz 22./6., 17./7. 1692, desgl. an die übrigen Kurfürsten Juli 1692 etc. (H. St. Absch.)

4) Relation aus Regensburg 5. Sept. 1692. (H. St. Absch.)

 

 

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Diese Worte verfehlten die beabsichtigte Wirkung auf die Opponenten, 1) der Hinweis aber auf die Hülfe des Auslandes erregte böses Blut. Die fürstlichen Gesandten beriefen sich auf frühere kaiserliche Verpflichtungen bei Gegenheit der Festsetzung der achten Kurwürde und suchten die von dem kaiserlichen Vertreter vorgebrachten Gründe zu widerlegen.

 

Wirklich gelang es ihnen, durch heftige Drohungen den kaiserlichen Konkommissarius einzuschüchtern. Dann wandten sie alles auf, den kurmainzischen Bevollmächtigten von der Proponierung der „quaestio an“ im Kurfürstenkollegium abzuhalten, indem sie versicherten, ihre Herren würden nach einem etwaigen Beschluß der Kurfürsten in betreff der hannoverschen Kur ohne Befragen des fürstlichen Kollegiums das mainzische Direktorium nicht mehr anerkennen und ihre Hülfstruppen vom Rhein zurückziehen. 1)

 

Von Tag zu Tag nahm die Zahl der opponierenden Fürsten zu, und vorzüglich waren die Verwandten des neuen Kurfürsten bemüht, der Opposition immer mehr Anhänger zuzuführen. So waren wolfenbüttelsche Abgesandte aufs eifrigste in Dresden und Mecklenburg tätig. 2) nicht minder Wendhausen in Regensburg, der hier an dem dänischen Gesandten Piper eine gute Stütze fand; denn dieser verstand es ausgezeichnet, die Vertreter der Fürsten anzufeuern. 3) In Regensburg kursierten die verschiedensten Gerüchte. Da hieß es, Hannover habe dem Kaiser wichtige Konzessionen gemacht. Jesuiten und andere katholische Ordensleute würden nun ihren Einzug in die hannoverschen Lande halten, und Ernst August werde später für die Errichtung einer zehnten, katholischen Kur stimmen. Auch gaben die Verträge Hannovers mit dem Ausland und einigen

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1) Relationen aus Regensburg 5. u. 8. Sept. 1692. (H. St. Absch.)

2) Instruktionen an v. der Schulenburg (Sept. 1692) und v. Steinberg (1. Okt. 1692.) (W. L.)

3) Relation Weselows 1. Sept. 1692. (H. St)

 

 

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deutschen Fürsten Anlaß zu großen Übertreibungen und Befürchtungen. 1)

 

So steigerte sich die Erregung der Fürsten immer mehr. 2) Ihre Bevollmächtigten kamen täglich zu Beratungen zusammen und verpflichteten sich sogar, über ihre Verhandlungen Stillschweigen zu bewahren. Dem Kaiser sowohl wie den Kurfürsten und den noch schwankenden Fürsten trugen sie beständig ihre Bedenken gegen die neunte Kur vor. 3) In der Tat fand man kaum einen Fürsten, der mit den opponierenden Standesgenossen nicht wenigstens sympathisiert hätte. 4) Beim Ausland aber fand die Opposition, abgesehen vom König von Dänemark, der als Fürst der holsteinischen Lande seine Rechte wahrnahm, vorläufig keine Unterstützung; denn England und Holland hatten sich mit Hannover aufs engste verbündet, 5) während der König von Schweden seinen Gesandten in Regensburg angewiesen hatte, alles zur Beförderung des Kurwerke zu tun. 6)

 

Die hannover-cellischen Diplomaten hatten sich indessen alle erdenkliche Mühe gegeben, die Zustimmung der Kurfürsten zu erlangen. Sämtliche Mitglieder des Kurfürstenkollegiums zu gewinnen, erschien ihnen aber immer aussichtsloser, daher griff man auf den Vorschlag zurück, 7) den Grote, der gewandte hannoversche Gesandte am Wiener

 

1) Die hannoverschen Diplomaten hatten vollauf zu tun, allen diesen Gerüchten entgegen zu treten. Unermüdlich war Weselow tätig, die fürstlichen Gesandten aufzuklären. Nach Dresden und Berlin wurden v. dem Busch und Ilten gesandt. (Instruktion an Weselow 24. u. 29. Sept. 1692. H. St. Ccpt.)

2) Relationen Weselows Sept. 1692. (H. St.)

3) Relationen Weselows. (H. St.); Schreiben an den Kaiser 4. Sept 1692, (W. L. Absch.)

4) Relation Weselows 1. Sept. 1692. Sogar der kaiserliche Konkommissarius gestand ein, daß er kaum einen Fürsten finde, „der nicht ein penchant zu der kontradizirenden Partei habe.“

5) Vertrag vom 30. Juni 1692. (W. L. Absch.)

6) Schweden an Hannover 29. Juni 1692. (W. L. Absch.)

7) Pribram a. a. O. S. 94 ff.

 

 

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Hof, schon im August gemacht hatte: Die Beratungen im Kurfürstenkollegium zu eröffnen und durch einen Majoritätsbeschluß eine Erledigung des hannoverschen Kurgesuches herbeizuführen. Für diesen Ausweg war auch Brandenburg. 1) Eberhard v. Danckelmann wandte daher im Verein mit Grote alles auf, die einflußreichen Minister am Kaiserhofe Strattmann, Königsegg und Kinsky dem neuen Plane günstig zu stimmen. Vergebens aber waren ihre Bemühungen bei dem Fürsten Salm und dem Grafen Öttingen.

 

So schnell, wie man erwartet hatte, 2) kam man auch jetzt noch nicht zum Ziele, denn der Kurfürst von Mainz, auf den es hauptsächlich ankam, machte noch einige Schwierigkeiten. Trotz aller Anstrengungen und Drohungen der Gegenseite gelang es aber Hannover, seine Unterhandlungen mit Mainz glücklich zu Ende zu führen. 3) Am 13. Oktober wurde die „quaestio an“ vom mainzischen Direktorium dem Kurfürstenkollegium unterbreitet. Die Bevollmächtigten der Kurfürsten von Trier, Köln und Pfalz verlangten jedoch einen weiteren Aufschub der Angelegenheit und verließen die Sitzung, als ihnen dies abgeschlagen wurde. Die übrigen setzten die Beratungen fort und sprachen sich für die Belehnung und Investitur Hannovers mit der Kurwürde aus. Ausdrücklich wurde aber die Bedingung aufgenommen, daß eine neue katholische Kur errichtet werden sollte, falls die katholischen Linien von Baiern und Pfalz ausstürben oder auch sonst die Majorität im Kurfürstenkollegium an die Protestanten überginge. 4) Die opponierenden Kurfürsten blieben auf diesen Beschluß die Antwort nicht schuldig:

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1) ebenda

2) Hannover hatte den 19. oder 20. Sept. 1692 für die Investitur in Aussicht genommen. Hvr. an Celle 26. Aug. 1692.

3) Instruktionen an Weselow Sept.1692. (H. St. Ccpt.); Schaumann:

Geschichte der Erwerbung der neunten Kur . . .“; Pribram a. a. O. S. 97.

4) Kollegialgutachten vom 17. Okt. 1692. (W. L.)

 

 

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Sie erklärten ihre Rechte für verletzt und Einstimmigkeit für unbedingt erforderlich. 1)

 

Auch die Mitglieder des Fürstenkollegiums waren über das Vorgehen der hannoverschen Partei entrüstet und hatten schon vor der eigentlichen Entscheidung des Kurfürstenkollegiums bekannt gegeben, daß sie die geschehene „Proposition, deliberationes und weiteren Ergebnisse für unkräftig, unbündig, null und nichtig“ hielten. 2) Auch dem Kaiser selbst wurden vom wolfenbüttelschen Oberhofmeister v. Imhoff, der schon seit Monaten mit anderen fürstlichen Gesandten eine heftige Agitation am Wiener Hofe führte, gleichlautende Proteste überreicht. 3) Im übrigen betonten die Opponenten von neuem mit heftigen Worten, Sie seien verpflichtet, für die fundamentalsten Reichsgesetze einzutreten. Auch drohten sie wieder mit der Abberufung ihrer Hülfskontingente vom Oberrhein, worauf der Kurfürst von Brandenburg nicht verfehlte, ihnen eine scharfe Erwiderung zu geben. 4) Tatsächlich trugen sich einige Fürsten schon jetzt ernstlich mit dem Gedanken, die Garanten des Westfäl. Friedens um Schutz ihrer Rechte zu bitten. 5)

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1) Trier an Münster 30. Okt. 1692. (M. St.) Pfalz an Münster 19. Okt., 5. Nov. 1692. (M. St.)

2) Protestatio et Declaratio Nullitatis 5./15. Okt. 1692. (W. L. Absch.)

3) Drei fürstliche Schreiben dem Kaiser durch Imhoff überreicht. 17. Okt. 1692. (W..L. Absch.)

4) Erklärung Brandenburgs in der kurfürstlichen Gesandtenkonferenz. Regensburg 26. Okt. 1692. (M. St. Absch.) Kurbrandenburg und Kursachsen besäßen noch die Macht, die Truppen der Opponenten zu ersetzen. Sie würden dadurch für sich und die Evangelischen das meritum erwerben, „daß, da einige Kath. Bischöfe auß einem unzeitig resentiment ihr Vaterland so viel an ihnen sey, unter das frantzösische joch bringen wolten, die Evangelischen Churfürsten selbiges mit Göttlicher Hülf davon liberirt und frey gemachet.“

5) Münster an den wolfenb. Hofmarschall v. Krosigk 6. Nov. 1692: „es würden die außwärtige Potentaten, die den Westphatischen Friedensschluß zu garantiren übernohmmen, die garantie woll in der Thaat prästiren, und dörften solchen falls im Reich nicht geringen beyfall finden.“

 

 

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Vorläufig aber glaubten sie zu diesem Schritt ihre Zuflucht noch nicht nehmen zu brauchen, da der Mehrheitsbeschluß des Kurfürstenkollegiums noch der Bestätigung des Kaisers unterlag. An diesen wandten sie sich nun mit der Bitte, das hannoversche Kurgesuch, wenn nicht gänzlich abzuweisen, so doch wenigstens auf eine tunlichere Zeit zu verschieben. 1) Zugleich boten sie alles auf, die Kurfürsten von Trier, Köln und Pfalz in ihrer ablehnenden Haltung zu bestärken. 2) Die geistlichen Fürsten, die schon vorher beim päpstlichen Nuntius in Wien Vorstellungen erhoben hatten, schrieben auch an den Papst. Dieser sollte sich beim Kaiser verwenden und Mainz sowie anderen der hannoverschen Kur günstig gestimmten Fürsten zu Gemüte führen, was sie ihrer Kirche, der Religion, der Wohlfahrt des Reiches und sich selbst zu tun schuldig seien. 3)

 

Den opponierenden Fürsten mußte es indes darauf ankommen, ihre Reihen fest zu schließen, damit nicht der eine oder andere von den Gegnern durch Drohungen oder Versprechungen leichter Hand gewonnen, und der Widerstand gegen das verhaßte Kurwerk mit um so größerem Nachdruck geführt werden konnte. Wolfenbüttel, Münster und Dänemark hielten daher vor allem einen Fürstenverein für unbedingt notwendig und faßten auch eine Defensivallianz sämtlicher Opponenten ins Auge. 4) Herzog Anton Ulrich betrieb die Agitation hierfür mit aller Macht. Er wies sogar Wendhausen in Regensburg an, unter der Hand für die Bildung zweier fürstlichen Armeen zu werben. 5)

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1) Schreiben an den Kaiser von den Gesandten mehrerer Fürsten und Stände. 13. 23. Nov. 1692. (W. L. Absch.)

2) Münster an Trier und Pfalz 11. Sept. 1892, desgl. an Trier, Köln und Pfalz 21. Okt. 1692. (M. St. Cept.)

3) Theat. Europ. XIV, S. 329 ff.

4) Korrespondenz Münsters mit Dänemark Nov./Dez. 1692; Münster an Bamberg, Würzburg, Hildesheim und Paderborn 14. Nov. 1692 (M. St.)

5) Instruktionen an Wendhausen 20. u. 24. Okt. 1691 (W. L. Absch.); Mémoire presenté à Mons. B. R. 27. August 1693. (W. L. Absch.)

 

 

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Auf diese Weise glaubte der Fürst die französischen Staatsmänner, die durch die Sendung des wolfenbüttelschen Truppenkontingents zum Rhein verstimmt waren, zu versöhnen und zu einem Eingreifen in den Kurstreit zu bewegen. 1)

 

Die Verwirklichung all' dieser Pläne stieß aber auf große Schwierigkeiten. Nach langen, mühevollen Unterhandlungen und Beratungen 2) verständigte man sich schließlich nur über die Bestimmungen des Fürstenvereins, die am 18. Dezember 1692 von dem sachsen-gothaschen Bevollmächtigten Schönberg, dem wolfenbüttelschen Wendhausen, dem dänischen Pieper und dem münsterschen Plettenberg zu Regensburg unterzeichnet wurden. 3)

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1) ebenda.

2) Schon im November 1692 überreichte der wolf. Abgesandte v. Alvensleben dem Bischof von Münster ein Projekt des Fürstenvereines und drang zugleich auf Unterzeichnung der besonderen Defensivallianz. Münster war hierzu nicht bereit. Deshalb kam man überein, die Verhandlungen von den Gesandschaften in Regensburg weiter führen zu lassen und vor allem eine Verständigung über den Hauptvertrag herbeizuführen. (Münst. an Dänemark 19. Nov. 1692. M. St. Absch.)

3) F. M. 4769 Original (M. St.) Soweit ich aus der einschlägigen Literatur konstatieren kann, ist bisher die Tatsache nicht bekannt, daß der Fürstenverein auf den Rezeß vom 18. Dez. 1692 zurückgeht. Die Vereinbarungen, die hier getroffen wurden, stimmen mit dem Inhalt, zum Teil sogar mit dem Wortlaut des Bündnisses vom 1./11. Febr. 1693 überein. Als Unterschied ist aber zu erwähnen, daß in dem Rezeß vom 18. Dez. nicht ausdrücklich der frühere Fürstenverein erwähnt, sondern nur allgemein festgestellt wurde, ein Fürstenverein sei nach den Reichsgesetzen erlaubt und von den Vorfahren schon errichtet. Dem Kaiser sagten sie ihre Unterstützung zur Aufrechthalt seiner Ehren, Rechte und Autorität zu und versprachen auch, ihm „mit allen Kräften und Vermögen“ gegen diejenigen beizustehen, „so zu deren schmähler- und unterbrechung etwas vorzunehmen sich unterfangen möchten.“ Dieser Passus wurde in dem späteren Übereinkommen ausgelassen, ein Zeichen wie sehr inzwischen die Erbitterung gegen den kaiserlichen Hof zugenommen hatte. Bemerkenswert ist ferner in dem Vertrage vom 18. Dez. noch das Versprechen, nach Ratifikation des Fürstenvereins „eine auf den effect solcher Vereyn gerichtete defensiv-Alliantz oder schutz-Verfassung biß auf allerseiten genehmhaltung concertiren zu lassen.“ Auch diese Bestimmung wurde in den Hauptrezeß nicht als direkte Verpflichtung aufgenommen. Über die in den beiden Traktaten übereinstimmenden Vereinbarungen vergleiche S. 37. -- Welche Stimmung in den Kreisen der kathol. Fürsten herrschte, ersehen wir am besten aus einem Briefe des Bischofs von Münster an Bamberg, Würzburg, Paderborn und Hildesheim 14. Nov. 1692. (M. St. Ccpt.) Durch die etwaige Investitur Hannovers werde „tota Imperii facies et forma auffeinmahl über hauffen geworffen, denen Churfürstlichen daß arbitrium rerum gerundarum allein zugespielet, und den übrigen Reichs Ständen nur ein bloßer schatten gelaßen. Diese aber einem solchen unwesen mit stillsitzen zuzusehen ohne verletzung ihrer ehren auch vor der werthen posterität ohne hinterlaßung einiger ewigen blame nicht verantworten können, sondern dergleichen zu veracht- und unterdrückung deß Fürstenstandtes gereichende fatale neuerungen und immerwehrendt ohnwiederbringliche praejudicia Wir Catholische und Geistliche umb so mehr mit allen Kräfften zu verhindern und abzukehren vor Gott und im gewißen verbunden alß gewiß und ohnaußbleiblich der Religion auch denen Ertz- und Stiftern darauß die schädlichste consequentz früe oder spaht zu befahren.“

 

 

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Inzwischen zögerte Leopold I., die Investitur Hannovers vorzunehmen in der Hoffnung, die opponierenden Kurfürsten für den Majoritätsbeschluß des Kurfürstenkollegiums doch noch gewinnen zu können. 1) Im Anfang Dezember ließ er Trier, Köln und Pfslz durch seine Kommission in Regensburg nochmals zur Einwilligung in die Belehnung und Investitur Hannovers mit der Kur auffordern. Auch dem Fürstenstande wurden wieder beruhigende Versicherungen zu teil. Alle Bemühungen der kaiserlichen Minister fruchteten aber nichts; 2) sie sahen vielmehr ein, daß, je länger man die Investitur aufschob, desto größer nur die Schwierigkeiten einer Verständigung mit der Opposition wurden; denn nun verlautete auch, daß Frankreich Anstalten treffe, sich in den Kurstreit einzumischen, und der Papst ebenfalls Stellung zu der neuen protestantischen Kur nehmen wolle. 3)

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1) Pribram a. a. O. S. 98 ff.

2) Theatr. Europ. XIV, S. 332 ff.

3) Pribram a. a. O.; die Befürchtungen des Kaisers waren in dieser Hinsicht tatsächlich nicht unbegründet; denn die französische Diplomatie schickte sich Ende des Jahres 1692 an, den durch hannoverschen Kurstreit vorgerufenen Hader für ihre Interessen auszunutzen. (R. d. J. II, 169.)

 

 

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Für die Vornahme der Investitur sprach ferner der Umstand, daß die hannover-cellischen Truppen auch für das nächste Jahr unentbehrlich waren. Anderseits glaubte der Wiener Hof, die opponirenden Kurfürsten dächten an keinen ernsthaften Widerstand und von den Mitgliedern des Fürstenkollegiums sei das Äußerste nicht zu befürchten. Im Ernstfalle hoffte man aber leichter mit ihnen fertig werden zu können, als mit der mächtigen hannoverschen Partei. Auch die Tatsache, daß nur vier Kurfürsten für die hannoversche Kur gestimmt hatten, rief bei den Kaiserlichen Ratgebern kein allzugroßes Bedenken hervor, konnten sie doch nun um so leichter eventuell noch einen katholischen Fürsten in das Kurfürstliche Kollegium bringen. 1)

 

Alle diese Erwägungen waren für Kaiser Leopold maßgebend, als er Mitte Dezember den Entschluß faßte, dem neuen Kurfürsten die Investitur zu erteilen. Erst zwei Tage vor dem für den feierlichen Aktus anberaumten Termin gab man das Vorhaben des Kaisers bekannt, um jedem weiteren Widerspruche der Opponenten vorzubeugen. Die Gegenseite war aber auf ihrer Hut, und noch am Morgen der Investitur legten der wolfenbüttelsche, dänische und münstersche Bevollmächtigte zu Wien Verwahrung ein und baten das Reichsoberhaupt, wenigstens auf einige Wochen der Investitur Aufschub zu geben. 2) Zu jedem Opfer waren sie bereit und sogar willens, die hannoverschen Truppen zu ersetzen, falls Ernst August sie bei unterbleibender Investitur zurückziehen würde. 3) Die Opposition war auch der Meinung, daß der Kaiser wegen der nicht erfolgten Zustimmung des Reiches an sein Versprechen nicht gebunden sei. Direkten Schaden werde Hannover nicht erleiden, weil die für die Verleihung der Kurwürde versprochenen Geldsummen erst nach der Investitur zahlbar seien. Sollte sich der

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1) Pribram a. a. O. S. 98 ff.

2) Theatr. Europ. XIV. Schon am 18. Dez. (W. L. Absch.) hatte Imhoff dem Kaiser ernste Vorstellungen gemacht. Vergl. ferner Relat. Imhoffs 10./20. Dez. 1692. (W. L.)

3) Die Gesandten Dänemarks, Münsters und Wolfenbüttels an Stahremberg 2./12.. Okt. 1692. (W. L. Absch.)

 

 

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Herzog von Hannover aber dann von neuem zu der französischen Partei schlagen, so sei er als Reichsfeind zu behandeln. 1)

 

Leopold blieb jedoch in seinem Enschlusse fest und vollzog am 9./19. Dez. 1692 in feierlicher Weise an den hannnoverschen Gesandten Grote und Limbach als Stellvertretern des neuen Kurfürsten die Investitur 2).

 

Wenn hiermit auch nicht alles erreicht war, und vor allem die Einführung Ernst Augusts in das Kurfürstenkollegium noch ausstand, so konnten die hannover-cellischen Staatsmänner mit dem Erfolge wohl zufrieden sein. Besonnen und energievoll hatten hatten sie inmitten der vielen Intriguen ihr Ziel verfolgt und ein scharfes Vorgehen gegen die Opponenten vermieden, um nicht deren Widerspruch noch mehr hervorzurufen. 3) Auch jetzt nach der geschehenen Investitur reizten sie die unterlegenen Gegner nicht, sondern ließen ihnen erklären, sie seien bereit das Vorgefallene zu vergessen und die Ruhe im Reiche, sowie besonders ein gutes Einvernehmen zwischen den beiden höheren Reichskollegien allen anderen Rücksichten nachzusetzen. 4)

 

Solche versöhnliche Gedanken aber hegte die Gegenpartei nicht, vielmehr war der Hauptleiter der Opposition, Herzog Anton Ulrich, mit dem Bischof von Münster ganz einverstanden, „daß man besagter Investitur halber an einiger Redressirung des Werks nicht zu desperiren, noch die Hände dabei sinken zu laßen habe.“ 5) Der wolfenbüttelsche

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1) Diese Gedanken geben: „Wolfenbüttels unmaßgebliche sentiments über einige Punkte“ wieder. Dieselben Anschauungen waren wohl in den Kreisen der Mitopponenten maßgebend. Jedoch ist es zweifelhaft, ob die übrigen Reichsstände mit dem wolfenbüttelschen Vorschlag übereinstimmten, Hannover statt der Kurwürde die erbherzogliche Würde zu verleihen. (ebenda)

2) Theat. Europ. XIV, S. 333 ff.

3) Instruktion an Weselow 25. August 1692. (H. St. Ccpt.)

4) desgl. 29. Dez. 1692.

5) Ant. Ulrich an Bischof Friedrich Christian 29. Dez. 1692 (M. St.)

 

 

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Hof konnte auch mit Vertrauen den weiteren Ereignissen entgegen sehen, denn seine seit Monaten mit Eifer betriebenen Rüstungen waren nahezu vollendet und seine Bundesgenossen zu tatkräftiger Hülfe bereit. 1)

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1) ebenda:

. . . wobey E. Ld. wir versichern können, daß Wir mit Unser defensionsverfassung nun in ziemlichem stande seyn, und zum wenigsten eine Zeitlang abwarten können, was der lauff der conjuncturen Uns für mesures zu nehmen veranlaßen werde, jedoch wollen Wir Uns dabey allenfalls E. Ld. kräftigen astistenz ohnzweiffentlich versehen, gleich Uns dann auch Ihre Königl. May. zu Dennemark der Ihrigen zuverläßig versichern laßen.“

 

 

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II. Von der Investitur bis zum Tode Ernst Augusts.

 

Ernst August von Hannover wurde nach der Investitur von vielen Seiten in seiner neuen Würde anerkannt. Graf Breuner überbrachte die Glückwünsche des Reichsoberhauptes. Englische und holländische Botschafter, sowie bayrische, sächsische und einige fürstliche Minister statteten die Gratulation ihrer Herren ab. Auch der König von Schweden empfing den Bevollmächtigten Hannovers als kurfürstlichen Gesandten und versicherte Ernst August seines weiteren Beistandes. 1)

 

Um so mehr Grund hatten nunmehr die opponierenden Fürsten, ihre Anstrengungen zu verdoppeln. In Regensburg ging es unter den Opponenten äußerst lebhaft her. Die fürstlichen Gesandten hielten sich den Beratungen des Reichskonvents völlig fern und waren desto eifriger in ihren eigenen Versammlungen tätig, in denen sich bald alles politische Leben konzentrierte. Hin und her beriet und debattierte man über energische Maßnahmen gegen die hannoversche Partei, wofür natürlich vornehmlich Wolfenbüttel, Münster und Dänemark eintraten. Die wolfenbüttelschen Herzöge bemühten sich in dieser Hinsicht um so mehr, da sich der leitende Minister von Celle, Graf Andreas Gottlieb v. Bernstorff, zu einigen Repressalien gegen die wolfenbüttelsche Regierung hinreißen ließ, indem er den cellischen Untertanen die Holz- und Kornausfuhr nach den wolfenbüttelschen

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1) Theat. Europ. XIV, 507 ff.

 

 

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Landen verbot. Rudolf August und Anton Ulrich gerieten in große Aufregung und glaubten, daß ihre Verwandten hierdurch den offenen Kampf mit ihnen einleiten wollten. In bewegten Worten schilderten Sie daher ihren Bundesgenossen ihre Not und baten sie, Hülfstruppen bereitzuhalten. 1) Glücklicherweise sah Celle seinen Fehler noch rechtzeitig ein und hob den übereilten und unklugen Erlaß auf Vorhaltungen Brandenburgs und Englands schon bald wieder auf. 2) Nichtsdestoweniger mußte dies Vorkommnis die Spannung zwischen den nahverwandten Höfen noch steigern und bei den übrigen Fürsten Besorgnisse wegen eines bewaffneten Einschreitens der hannoverschen Partei gegen die Opponenten wachrufen. Desto leichter waren diese nun zu einem geschlossenen Vorgehen gegen Hannover zu bewegen. Gemeinsam legten die angesehensten Mitglieder des deutschen Fürstenstandes gegen die Investitur Hannovers Einspruch ein, da doch ein solches Verfahren wegen der nicht erfolgten Zustimmung des Fürstenkollegiums gegen die Reichsverfassung verstoße und eine Nichtigkeitserklärung ihrerseits zur Wahrung des höchsten fürstlichen Rechtes, des „juris liberi suffragii“ erfordere. 3) Hessen-Kassel 4) und

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1) Wolf. an Brandenburg 14./1. 1693. (H. St. Absch.) Desgl. an Münster 14. u. 25. Jan. 1693. (M. St.)

2) Brandenburg an Celle 17./27 Jan., desgl. an Hvr. 18./28. Jan. ferner Celle an Brandenburg 21. Jan. 1693. (H. St.)

3) Declaratio Nullitatis. 15./25. Jan. 1693 unterzeichnet von Dänemark, Münster, Sachs.-Gotha, Wolfb. und Hessen-Kassel. (W. L. Absch.) Die „declaratio nullitatis“ wurde der kaiserlichen Kommission, dem Reichshofrat und Reichskammergericht unterbreitet. Da man überall die Annahme verweigerte, und die Opponenten die Schriftstücke nicht zurücknehmen wollten, begab sich ein kaiserlicher Kanzleidirektor in die Wohnung des dänischen und baden-badischen Gesandten in Regensburg und zerriß die übersandten Erklärungen. Die fürstlichen Bevollmächtigten ließen darauf die zerfetzten Schriftstücke dem kaiserlichen Abgesandten wieder vor die Tür legen, von wo der Wind Sie in alle Richtungen zerstieb. (Relation aus Regensburg 14. April 1693. H. St. Absch.)

4) Ant. Ulrich an Münst. 29. Dez. 1692 (M. St.); Instruction Ant. Ulrichs an Imhoff 20. Jan. 1693, Relat. Lüdeckes aus Cassel. Mitte Januar 1693. (W. L.)

 

 

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Sachsen-Gotha traten nun dem Fürstenverein bei, dessen Bestimmungen noch einmal durchgesehen, erweitert und auch von den alten Mitgliedern wieder unterzeichnet wurden: In dem Rezeß vom 1.11. Februar 1693 1) erneuerte man den Verein vom Jahre 1662 zur alleiniger Aufrechthaltung der fürstlichen Freiheiten und Rechte und wiederholte das frühere Versprechen, sich gegenseitig mit Rat und Tat beizustehen, falls Hannover sich die Kurwürde öffentlich anmaßen und mit Hinzuziehung auswärtiger Mächte zu behaupten trachten werde. In berechnender Weise hatte man die Vereinbarungen auch diesmal so gehalten, daß die dem Kaiser ergebeneren Mitglieder des Fürstenkollegiums kein großes Bedenken haben konnten, sich dem Fürstenverein anzuschließen. In der Tat mußte sogar ein kaiserlicher Abgesandter gestehen, daß mit Ausnahme eines Abschnittes selbst der Kaiser als Erzherzog den Rezeß unterschreiben könne. 2)

 

Am kaiserlichen Hof regten sich allmählich doch schwere Bedenken und Sorgen wegen der Haltung der Opposition, denn der Streit um die hannoversche Kur hatte nicht allein die Reichsmaschine ins Stocken gebracht, sondern auch die Einigkeit unter den deutschen Fürsten selbst bedroht, die in dem schwebenden Reichskriege gegen Frankreich so hoch not tat. An der Donau sah man aber wohl ein, daß ohne Konzessionen an die Opponenten eine Verständigung in der Kursache nicht zu erzielen war. Die „drei Väter der neunten Kur“, die Minister Strattmann, Kinsky und Königseck, glaubten am besten den opponierenden katholischen Kurfürsten entgegenkommen zu können und stellten zu diesem Zwecke als neue Forderung auf: die Zulassung Böhmens -- das bis jetzt nur an der Kaiserwahl teilnahm -- zu den Reichsberatungen und die eventuelle Errichtung einer neuen katholischen Kur. Diese Schwenkung der kaiserlichen

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1) M. St. Münster (Plettenberg), Sachsen-Coburg und Wolfenbüttel (Wendhausen), Sachsen-Gotha und Dänemark (Piper), Hessen-Cassel (Malsburg).

2) A. Schulte a. a. O. I, 169.

 

 

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Politik führte im Kurfürstenkollegium eine Einigung nicht herbei; im Gegenteil, man hatte es jetzt auch mit den protestantischen Kurfürsten verdorben, deren Unterstützung man bis dahin sicher gewesen war, die aber solche Zugeständnisse ihren katholischen Kollegen doch nicht machen wollten. 1)

 

Noch größer war der Fehler der kaiserlichen Ratgeber, daß Sie die übrigen Forderungen der Opponenten mit der Erklärung glaubten abtun zu können, die Verleihung der Kurwürde an Hannover sei als eine vollendete Tatsache hinzunehmen und könne keinen Gegenstand der Diskussion mehr bilden. 2) Wenn sie dabei auch die Versicherung gaben, jeder berechtigten Klage Abhilfe zu verschaffen, so waren die Opponenten über diese Worte mit Recht höchst ungehalten und nun natürlich den aufreizenden Reden der Hauptschürer noch zugänglicher.

 

Unklugerweise gaben dabei die österreichischen Diplomaten von vornherein jeden Versuch einer Verständigung mit Wolfenbüttel, Münster und Dänemark auf. 3) Bemühungen in dieser Richtung waren gewiß nicht leicht, aber ein Gebot der Notwendigkeit; denn nur dadurch, daß man diese maßgebenden Opponenten von einander trennte, konnte man darauf rechnen, die übrigen Fürsten zu beruhigen und zufrieden zu stellen und die Gefahr einer starken französischen Partei, die niederzuhalten man Hannover ja gerade mit der Kur ausgezeichnet hatte, zu beseitigen. So aber setzten diese erbitterten Gegner unbehelligt ihre Agitation bei den An- gehörigen des Fürstenstandes fort, hetzten stets von neuem die Kurfürsten von Trier, Köln und Pfalz gegen den Kaiser auf und suchten Unterstützung bei Ludwig XIV. 4)

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1) A. Schulte a. a. O. I, 168 ff. Arneth: „Graf Guido Starhemberg“. Wien 1853, S. 146 ff.

2) ebenda.

3) ebenda.

4) Münster an Bamberg und Würzburg 3. April 1693; desgl. an Trier 13. April 1693; Korrespondenz zw. Mst. u. Dänemark April/Mai 1693. (M. St.)

 

 

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Die kaiserlichen Gesandten Starhemberg, Hohenlohe und Zeil, die die deutschen Fürstenhöfe für das neue Programm des Ministeriums in Wien gewinnen sollten, fanden denn auch, daß eine Einigung mit den Opponenten von Tag zu Tag schwerer wurde. 1) Starhemberg, der nach Trier und Düsseldorf geschickt wurde, vermochte hier nicht, eine bindende Zusage zu erlangen. Hohenlohe und Zeil aber bemühten sich vergebens, den Landgrafen von Hessen-Kassel und den Markgrafen von Baden-Baden von der Opposition abzubringen. Die Bevollmächtigten Leopolds waren nur im Stande, den fränkischen Kreiskonvent vom Anschluß an den Gegner abzuhalten. Sie konnten nicht verhindern, daß Bayreuth, Bamberg, Eichstädt und sogar der kaiserliche Generalleutnant Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden die Bestimmungen des Fürstenvereins unterschrieben. Dann folgte noch Württemberg und Baden-Durlach. Nur Schweden weigerte sich beharrlich, der „declaratio nullitatis“ zuzustimmen und Mitglied des Fürstenvereins zu werden. 2)

 

Mittlerweile brachten die Herzöge von Wolfenbüttel ihre Unterhandlungen mit den übrigen Hauptopponenten zwecks einer besonderen Defensivallianz glücklich zum Abschluß. Am 1. März 1693 3) verpflichteten sich die wolfenbüttelschen Herzöge und der König von Dänemark, zum gegenwärtigen Kriege des Reiches gegen Frankreich keine Truppen und Geldmittel mehr zu liefern und sich gegenseitig mit 6000 Mann beizustehen, falls sie wegen ihres Widerstandes gegen die neunte Kur „molestiert“ werden sollten. Ähnliche Vereinbarungen trafen Wolfenbüttel und Dänemark mit Hessen-Kassel. 4) Von größter Wichtigkeit

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1) A. Schulte a. a. O. I, 169 ff.; Arneth a. a. 0. S. 147 ff.

2) Instruktion an den Schwed. Gesandten Snoilsky 11. Februar 1693. (M. St. Absch.)

3) W. L. Absch.)

4) Defens.-Allz. zw. Dänemark und Hess.-Kassel 3. März 1693, desgl. zw. Wolf. u. H.-Kass. 19. Mai 1693. (M. St. Absch.) Die Verhandlg. Wolfenb. mit H.-Kassel hatten Imhoff (Instr. 20. Jan. W. L.) u. Lüdecke (Instr. 2. Mai W. L.) geführt. Aber auch Herzog Ant. Ulr. hatte in pers. Unterredung den Landgrafen „bearbeitet“. (Protokoll vom 27. April 1693. M. St.)

 

 

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jedoch war es, daß Frankreich am 1. März 1693 dem Vertrage Dänemarks mit Wolfenbüttel beitrat und versprach, die Interessen der wolfenbüttelschen Herzöge im künftigen Frieden mit dem Reiche gegen deren Vettern zu schützen und die hannoversche Kurwürde nicht eher anzuerkennen, als bis ein einmütiger Reichsbeschluß sie angenommen habe. Anton Ulrich schloß Sich jetzt völlig der „dritten“ Partei an und bezog durch Vermittlung des Kopenhagener Hofes französische Subsidien. 1) Ein paar Wochen später trat Bischof Friedrich Christian von Münster den Abmachungen zwischen Wolfenbüttel und Dänemark bei. 12000 Mann wollten nun diese drei Fürsten in steter Bereitschaft halten. 2)

 

Der Widerstand der Fürsten gegen die neunte Kur war hiermit in ein neues Stadium getreten. Die Opposition fand jetzt nicht nur in dem Fürstenverein, sondern auch in den besonderen Verträgen der hartnäckigsten Verfechter der Fürstenrechte eine festgeschlossene Organisation, die wiederum an Frankreich eine sichere Rückendeckung hatte.

 

In der Tat schien es schon bald zu einem ernsten Kampf kommen zu sollen. 3) Das braunschweig-lüneburgische Fürstenhaus hatte nämlich das Erbe der Sachsen-lauenburgischen Herzöge angetreten und in Ratzeburg starke Befestigungen anlegen lassen. Hierüber gerieten Hannover und Celle mit Dänemark hart aneinander. Da bei diesem Streite sich nun die Hauptgegner in der hannoverschen Kursache trafen, so lag die Gefahr nahe, daß die auf beiden Seiten aufgespeicherte Erbitterung zu schweren, kriegerischen Verwicklungen führen würde. In Wolfenbüttel war man auch entschlossen, einem Angriff Dänemarks auf die Verwandten untätig zuzusehen. 4) Zum Glück war aber der Bischof von

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1) Extr. Tract. (W. L.) Siehe ferner S. 45/46 (nebst Anmerkungen).

2) Vertrag vom 14./24. März 1693. (M. St.)

3) Bodeman: „Jobst Hermann v. Ilten.“ Z. d. hist. Ver. f. Nieders. 1879. Havemann III, 337 ff.

4) Vertrag zw. Dänemark u. Wolfb. 10. März 1693. Ww.

 

 

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Münster nicht willens, den Bundesgenossen bei seinem Unternehmen zu unterstützen, wiewohl er sich sonst mit scharfen Worten über die „unordentliche ambition und Begierde“ der Herzöge von Hannover und Celle äußerte. 1) Auch der wolfenbüttelsche Hof wurde bald wegen der Nähe des Kriegsschauplatzes um die Sicherheit und den Wohlstand des eigenen Landes besorgt und riet dem dänischen König, den Streit auf friedliche Weise zu schlichten. Schließlich legten sich der Kaiser, die Seemächte, Schweden und Brandenburg ins Mittel und ihren gemeinsamen Bemühungen gelang es, die Differenzen beizulegen. 2)

 

Durch die drohende Kriegsgefahr im Norden war die Agitation für oder gegen die neunte Kur für eine kurze Zeit unterbrochen worden. Beide Parteien nahmen nun ihre Propaganda in Wien und im Reiche wieder auf. Diesmal versuchten die hannoverschen Gesandten es beim Kaiser Leopold mit dem Hinweis, daß Ernst August für die Readmission Böhmens stimmen werde, sobald er seinen Sitz im Kurfürstenkollegium einnehmen könne. Diesem Argumente trat die Opposition mit Geschick entgegen, denn die Möglichkeit sei nicht ausgeschlossen, daß die übrigen protestantischen Mitglieder des Kurfürstenkollegiums nach Einführung Hannovers die Wiederaufnahme Böhmens hintertreiben würden. 3) Vor allen anderen zeichnete sich wiederum Herzog Anton Ulrich aus. Im Verein mit Münster und Hessen-Kassel sandte er Imhoff nach Stockholm, der hier für den Fürstenverein agitieren und über zwei in Aussicht genommene fürstliche Armeen nähere Vereinbarungen treffen sollte. 4) Sein Intimus, der Geh. Rat Hertel, war in derselben Absicht in Anhalt tätig, 5) während Wendhausen sich in Regensburg bemühte, die Mitglieder des Fürstenkollegiums auch fernerhin

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1) Münst. an Dänemark 5. Juni 1693. (M. St.)

2) Havemann III, 338.

3) Korrespdz. Münsters mit Trier und Pfalz. Dez. 1693. (M. St.)

4) Instruktion an Imhoff von Rudolf August und Anton Ulrich. 22. Juni 1693 (W. L.); desgl. von Wolf. und Münst. 3. Sept. 1693 (M. St. Ccpt.)

5) Instr. u. Relat. Hertels Okt.-Dez. 1693 (W. L.)

 

 

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von einer Teilnahme an den Reichsberatung abzuhalten und den französischen Friedensvorschlägen geneigt zu machen. 1)

 

Trotzdem so die wolfenbüttelsche Regierung den rührigsten Anteil an den Quertreibereien der opponierenden Fürsten nahm, so regten sich doch in Kopenhagen und Münster Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit, 2) denn der ältere Regent, Herzog Rudolf August, zeigte sich endlich den Anträgen der Seemächte geneigt, die sich seit langem um eine Versöhnung im Welfenhause bemüht hatten. 3) Schon im Dezember 1692 boten englische und holländische Gesandte ihre Vermittlung zur Beilegung der Differenzen an. 4) Die jüngere Welfenlinie acceptierte die Mediation, und auf Anraten des hannoverschen Hofes wurde Brandenburg zu den Verhandlungen hinzugezogen. 5) Die hannover-cellischen Staatsmänner waren sicherlich zum Frieden geneigt, wie aus ihrem ganzen Verhalten nach der Investitur klar hervorgeht. 6) Sie stellten auch auf Wunsch der Mediatoren die schriftliche Erklärung aus, nichts „via facti et armorum“ gegen ihre Verwandten zu unternehmen. Diese sollten aber die nämliche Verpflichtung eingehen, zugleich die Truppenwerbungen einstellen und nicht mehr als 2000 Mann im Lande halten. 7)

 

Die wolfenbüttelschen Herzöge konnten die Vorschläge der befreundeten Mächte nicht rundweg ablehnen, weil sie hierdurch dem Gegner den offenbaren Beweis geliefert hätten,

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1) Instruktion an Wendhausen 19. Okt. 1693 (W. L. Absch.).

2) Korrespondenz zwischen Münster und Dänemark Nov. und Dez. 1693 (M. St.).

3) Die Triebfeder hierzu war Wilhelm III. von England, den aufrichtige Freundschaft mit den Herzögen von Hannover und Celle verband. Der Hauptumstand aber, der England und Holland zu den Verständigungsversuchen veranlaßte, war die Weigerung sowohl der hannover-cellischen als auch der wolfenb. Regierung bei den gespannten Verhältnissen im fürstlichen Gesamthause den Seemächten Hilfstruppen zu überlassen. (Siehe die folg. Belege.)

4) Konferenzprotokolle 22. und 23. Dez. 1692 (H. St.).

5) Brandenburg an Hannover 31. Dez. 1692 (H. St.).

6) S. S. 33.

7) Celle an Hannover 5./1, 9./1., 12./1. u. s. w. 1693; Konferenzprotokoll 22. Jan. 1693 (H. St.).

 

 

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daß es ihnen um eine Verständigung nicht zu tun sei. Deshalb gingen sie auf Unterhandlungen mit den Mediatoren wohl ein, machten aber die Einschränkung, über die Kur und die dabei in Frage stehenden Rechte des Fürstenstandes sich nicht einseitig mit den Verwandten auseinandersetzen zu können. 1) Bei einer solchen Haltung der wolfenbüttelschen Regierung war an eine Versöhnung nicht zu denken; denn ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Familien konnte doch nur in einer Einigung über die Kurfrage, die den erneuten Streit im Welfenhause heraufbeschworen hatte, begründet werden. Noch deutlicher aber zeigten die leitenden Kreise in Wolfenbüttel ihre geringe Neigung zu einer Verständigung mit Hannover-Celle, als sie wieder auf die früheren, von der Gegenseite schon abgelehnten Forderungen 2) zurückgriffen. 3)

 

Die cellischen Zwangsmaßregeln 4) gaben Anton Ulrich dann den gewünschten Grund, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen und den engen Zusammenschluß der deutschen Fürsten gegen die neunte Kur herbeizuführen. 5) Ein Zurück von der Opposition, deren eigentlicher Führer er war, gab es nun nicht mehr für Anton Ulrich, wenn er

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1) Wolf. an England und Holland 12./22. Jan. 1693 (H. St. Absch.), „Was Wir -- so erklärten die wolf. Herzöge den Mediatoren -- mit denen gesampten Stenden des Heyl. Röm. Reichs, insonderheit aber mit dem Churf. Collegio in dem punct wegen vermehrung der Churfürsten und praetendirten Neunten Chur Würde gemein haben, Wir alß in einer Sache, daran des Reichs und deßen glieder hohe Vorrechte sehen und Freyheiteniten theils hangen, vor unß allein und ohne der anderen Reichsfürsten und Stände einwilligung nicht das geringste, wodurch solche gemeinsahme Sache einigen anstoß leiden konte, zu thun oder zu laßen vermogen, dahero Unß auch in keinerley wege ermächtigen konnen, Solche newe Chur Würde ehe und bevohr was durch deren praetendirten einführung vornehmlich circa modum agendi bewolten Churf. Collegio für eintrag und prejuditz zugefuget, vollig repariret und dem nechst die Sache an sich von denen Reichß Gesetzen fundirten herkohmen gemäß approbiret worden, zu agnosciren“.

2) S. S. 17

3) Actum in Consilio 2. Januar 1693 (W. L.).

4) S. S. 35/36.

5) S. S. 35 ff., 39 ff.

 

 

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nicht seine Ehre und sein Ansehen beim gesamten Fürstenstande aufs Spiel setzen wollte. Daran dachte der Herzog auch nicht im mindesten, vielmehr war er entschlossen, alle weiteren Bemühungen der Mächte ein für allemal zum Scheitern zu bringen.

 

Dieses war ihm um so leichter, da Rudolf August, der persönlich eine Aussöhnung mit den Verwandten wohl gewünscht hätte, die Entscheidung seinem Bruder überließ. Anton Ulrich lehnte nun die verlangte schriftliche Erklärung ab, und auf die Frage des Bevollmächtigten der Generalstaaten, ob er denn nach Erfüllung ihrer alten Forderungen die hannoversche Kur und Primogenitur anerkennen und die deswegen geschlossenen Bündnisse aufheben würde, gab er eine ausweichende Antwort. Auch weigerte er sich entschieden, die wolfenbüttelsche Truppenmacht zu verringern, da er glaubte, daß die hannoversche Partei es hierbei nur auf ihre Entwaffnung abgesehen hätte. 1) Als die Mediatoren jedoch mit ihren Vorstellungen nicht nachließen, beantragte Anton Ulrich die Hinzuziehung Dänemarks zu den Beratunge 2). Ihren erbittertsten Gegner und den Verbündeten Wolfenbüttels konnten Hannover und Celle als Vermittler denn doch nicht annehmen. 3) Zur Genüge war ihnen und den vermittelnden Mächten aber hierdurch klar geworden, daß Anton Ulrich eine Verständigung mit seinen Verwandten weder möglich noch erwünscht war.

 

Die letzten Zweifel über die wahre Gesinnung der wolfenbüttelschen Regierung wurden dem holländischen Unterhändler Hopp durch die schriftlichen Beschwerden genommen, die Rudolf August und Anton Ulrich ihm einhändigen ließen. 4) Mit den schärfsten Worten wiederholten die Herzöge in diesem Schriftstück die alten Anklagen gegen die jüngere

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1) Protokoll vom 3. April 1693; „Anmerkungen bey dem an Chur-Fürst Durchl. zu Br. . . . . von Hertzogen zu B.-L.-W. sub dato 14. Febr. abgesandten Schreiben“ 15. Apr. 1693 (H. St.).

2) Auszug aus d. Protokoll des wolf. Geh.-Rats vom 3. April 1693 (H. St.)

3) Actum Hannover 5. April 1693 (H. St.).

4) 15. April 1693 (H. St. Absch.)

 

 

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Linie und bestanden auf der Forderung der Übersendung der Moltkeschen Prozeßakten, denn durch die erwähnten „abominablen Beschuldigungen“ seien Anton Ulrich „eine solche Ignorie, Schmach und blâme zugefüget, die nicht größer noch herber auf der Welt vorkommen könnten.“ Klar und deutlich gaben Rudolf August und Anton Ulrich nun auch ihre Meinung bekannt, daß die Verzichtleistung ihres Großvaters auf das Lüneburgische auf „eines ungetreuen Dieners listige Persuasion und Verleitung“ zurückzuführen und mithin nicht als rechtskräftig anzusehen sei. Sie verlangten daher, „daß es mit dem Fürstentum Celle und dessen Regierung, soviel die diesseitigen Rechte erforderten, in den vorigen alten Stand gesetzt und ihnen der Besitz und Genuß ihrer völligen Rechte und ihres wahren Erbteiles eingeräumt werden möchte.“ Anton Ulrich, der allein hinter all dem steckte, hatte hiermit seine Maske abgeworfen und rückhaltlos seine Gedanken offenbart. Die Seemächte gaben daher ihre Bemühungen vorläufig auf.

 

Da es ihnen jedoch hauptsächlich auf die wolfenbütteschen Truppen ankam, so knüpften sie schon nach kurzer Zeit neue Unterhandlungen an. Diesmal war ihnen das Glück günstiger. Anton Ulrich hatte nämlich eine Versöhnung mit den Verwandten in der sicheren Erwartung ausgeschlagen, daß Ludwig XIV. ihn in seinen Ansprüchen unterstützen und dem Versprechen gemäß, die Kosten für seine verstärkte Truppenmacht ersetzen werde. Die Teilnahme des wolfenbüttelschen Kontingents an den Operationen am Rhein aber hatte die französischen Staatsmänner arg verstimmt und sie veranlaßt, die Zahlung der Hilfsgelder einzustellen. Der Leiter der wolfenbüttelschen Politik tat zwar alles, den französischen König zu versöhnen und ihn seiner Treue und Ergebenheit zu versichern. 1) Da alle seine Bemühungen

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1) Der Geh. Rat Hertel (Mémoire présenté à Mons. B. R. à Remsbourg. 27. Aug. 1693. W. L.) suchte den französ. Gesdt. Bonrepos zu überzeugen, daß seine Herren gezwungen gewesen seien, dem Reich das schuldige Truppenkontingent zu stellen. Er erinnerte B. R. aber daran, in welcher Weise Anton Ulrich in dem vergangenen Winter für die Interessen der französischen Krone eingetreten sei, wie Holland der wolfenbüttelschen Regierung noch jüngst hohe Summen für einige Mannschaften angeboten habe und dieser Vorschlag, sowie hannoverschen Verständigungsversuche im Vertrauen auf den Beistand Frankreichs zurückgewiesen seien. Hertel betonte dann ferner, daß der wolfenbüttelsche Hof eine Wahrung seiner Rechte Hannover und Celle gegenüber bei den demnächstigen Friedensverhandlungen von Frankreich erwarte und zu einem festen und „ewigen“ Bündnis mit Ludwig XIV. nach dem Frieden bereit sei. Diese Vorstellungen hatten aber ebenso wenig Erfolg, wie die Bemühungen Imhoffs, den Vertreter Frankreichs in Stockholm Comte d'Avaux für einen Vorschuß von 100000 Th. zu gewinnen. (Wijnne: „Négociations de Monsieur Comte d'Avaux.“ Utrecht 1882, I, S. 440 ff.)

 

 

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aber nichts nutzten, so mußte sich Anton Ulrich nach einem anderen Ausweg umsehen, das Manko seiner Kriegskasse zu decken. England und Holland rieten ihm von neuem, einen Teil seiner Truppen in ihre Dienste zu stellen. Anton Ulrich wies diesen Vorschlag nach wie vor ab, sein älterer Bruder aber, mit dem sich die gewandten holländischen Diplomaten während seiner Anwesenheit in den Niederlanden in Verbindung gesetzt hatten, sprach sich jetzt entschieden für die Anträge der Seemächte aus. 1)

 

Unter diesen Umständen lenkte Frankreich ein und war bereit, den früheren Vereinbarungen mit Wolfenbüttel nachzukommen, verlangte jedoch, daß die Herzöge sich von neuen verpflichteten, der französischen Friedenspartei beizutreten. Anton Ulrich traute indes den französischen Staatsmännern nicht recht und lehnte ihre Forderung ab, 2) zumal der ganze wolfenb. Geheime Rat diesmal auf Seiten des der älteren Regenten stand; daher ließ sich Anton Ulrich auch nicht auf die Vermittlungsvorschläge Dänemarks ein, 3) sondern stellte

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1) Korresp. zw. Münst. u. Dänem. Nov. 1693 bis Febr. 1694. (M. st.)

2) Anton Ulrich glaubte, daß daß „expedient der verlangten ate bloß zum schein in Vorschlag gekommen, da denn Frankreich schon alles, was es dardurch intendirten, in dem näheren tractat mit Unß (Dänemark) stipulirt hätte“ (Instr. an d. dänisch. Gesdt. Menken 4. Febr. 1694. M. St. Absch.)

3) Der dänische König wollte „Frankreich dahin disponiren, sich mit herzog Anthon Ulrichs alleinige acte und fürstlicher parole zu begnügen.“ (ebenda.)

 

 

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vielmehr den Räten die definive Entscheidung anheim und erklärte, daß er, falls sie den Zeitpunkt für eine Versöhnung mit Hannover geeignet hielten, bereit sei, „die Rechte der Fürsten zu abandonneren, die neunte Kur anzuerkennen, die cell- und hannoverschen Beschimpfungen geduldig hinzunehmen und sich also für den Frieden zu sacrificieren.“ 1)

 

Die gerade das Gegenteil besagenden Äußerungen Anton Ulrichs noch kurz vorher lassen den Schluß zu, daß es ihm mit diesen Worten nicht Ernst war. 2) Sicherlich war der Herzog überzeugt, daß seine ihm völlig ergebenen Ratgeber einen solchen totalen Bruch mit der Vergangenheit nicht gutheißen würden. Er hatte sich auch nicht getäuscht: die wolfenbüttelschen Minister waren für eine weitere Teilnahme an der Opposition, lehnten die Anträge Ludwigs XIV, ab und beschlossen, die Verhandlungen mit England und Holland weiter zu führen. 3) Zu diesem Zwecke begab sich der Kanzler Wendhausen wieder nach dem Haag und brachte den Vertrag auch glücklich zu Stande. Wolfenbüttel überließ den Seemächten einige Regimenter und verpflichtete sich, seine Widersacher nicht mit den Waffen anzugreifen und für einen Frieden mit Frankreich ohne Zustimmung Englands und Hollands nicht tätig zu sein. Letztere wollten hingegen

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1) Beglaubigte Abschrift der Erklärung Anton Ulrichs im Geh. Rat. 22. Jan. 1694. (W. L.)

2) Anton Ulrich an Münster 24. Dez. 1693 (M. St.): „So habe Ew. Ld. Ich hierdurch versichern wollen, daß bey denen einmahl Concertirten guten Principiis man alhier beständig verharren, und denen errichteten Bündnißen unverbrüchlich nachgehen, auch darvon abzusein Sich durch nichts bewegen lassen werde, allermaßen denn zu deroselben ich mich ebenmäßiger Beständigkeit, und daß Sie durch die etwan spargirende wiedrige Berichte sich nicht werden troubliren laßen, sicherlich versehe, und ohnaußsätzlich verharre.“ Desgl. am 2. Jan. 1694. (M. St.) „Wir werden zu keiner demarche schreiten, so der von Uns so angelegentlich mit befoderten Fürsten-Verein und dem mit E. Ld. besonders etablirten guten Vernehmen, und der darauf gegründeten sowoll Unserer Beyderseits alß anderer Unser mit-Reichs-Fürsten Wolfahrt im geringsten abbrüchig seyn könte.“

3) Korrespondenz zwischen Münst. und Dänem. Febr. 1694 (M. St.).

 

 

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für die Rechte der wolfenbüttelschen Herzöge eintreten und auch in Zukunft unparteiisch zwischen den beiden verfeindeten Linien des Welfenhauses vermitteln. 1)

 

Inzwischen hatte auch Kaiser Leopold die günstige Gelegenheit wahrgenommen und durch seinen Gesandten am englischen Hof, Graf Auersperg, Anton Ulrich versichern lassen, er wolle ihm und den Anderen Mitgliedern des Fürstenkollegiums gern jede Genugtuung verschaffen und ihre diesbezüglichen Vorschläge entgegennehmen. Zugleich bat Auersperg aber den Herzog, neue Hilfstruppen zum Reichskrieg gegen Frankreich zu stellen. Anton Ulrich lehnte es ab, sich über den ersten Punkt zu äußern, da dies eine Angelegenheit sei, die den ganzen Fürstenstand betreffe. Zur Erfüllung der zweiten Forderung war er erst geneigt, als Auersperg nicht mißzuverstehende Anspielungen auf die Entdeckung einer „dritten“ Partei machte und unter Vorzeigung hierfür besonders erteilter Instruktionen durchblicken ließ, daß man bei Verweigerung des schuldigen Reichskontingents den Kaiser zu anderen Entschlüssen zwingen werde. 2)

 

Durch die dem Reiche in dem Kriege gegen Frankreich nun von neuem gewährte Unterstützung und vor allem durch den Vertrag mit den Seemächten hatten die wolfenbüttelschen Herzöge sich in etwa der kaiserlichen Partei genähert. Anton Ulrich, der sich nur unter dem Druck der Umstände hierzu verstanden hatte, war aber nicht im mindesten gesonnen, die Verpflichtung des Bündnisses einzuhalten und sich nicht mehr für den Frieden des Reiches mit Frankreich zu bemühen, wie vielweniger mit Ludwig XIV., bei dem er auf die Dauer doch den besten Beistand gegen die hannover-cellischen Vettern zu finden hoffte, völlig zu brechen. Vorläufig konnte er aber nichts anderes tun, als das Mißtrauen Dänemarks und Münsters zu zerstreuen und diesen ergebenen Anhängern der französischen Krone zu zeigen, daß er nach wie vor

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1) Vertrag vom 24. Mai/3. Juni 1694. (W. L. Absch.)

2) Anton Ulrich an Münster 16. März 1604. (M. St.)

 

 

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entschlossen sei, die Rechte und Freiheiten des deutschen Fürstenstandes zu verteidigen und der „dritten“ Partei treu zu bleiben. 1) Noch vor der Ratifikation des Abkommens mit England und Holland erneuerten daher Anton Ulrich und Rudolf August ihre Bündnisse mit Dänemark und Münster und versprachen, diesen Vereinbarungen zuwiderlaufende Anerbietungen und Vorschläge anderer Mächte ablehnen zu wollen. 2) Nun herrschte bald wieder das beste Einverständnis unter den Opponenten und vertrauensvoll erwogen die dänischen und münsterschen Staatsmänner mit ihren wolfenbüttelschen Kollegen weitere Schritte gegen Hannover und seinen Anhang. -- - - -

 

Im kaiserlichen Ministerium zu Wien hatte in den letzten Monaten die hannoversche Partei durch den Tod des Hofkanzlers Strattmann und des Reichsvizekanzlers Königseck Stützen verloren. 3) Nichtsdestoweniger blieb der Wiener Hof Hannover günstig gesinnt, und die Hoffnung der Opponenten in dieser Richtung erfüllte sich nicht. Im Kurfürstenkollegium aber war nach wie vor keine Einigung zu erzielen, 4) und die Reichsberatungen wurden durch die Opposition weiterhin vollständig lahm gelegt. Dabei verbitterten die häufigen Auseinandersetzungen und Zänkereien die Gemüter auf beiden Seiten immer mehr. 5) In einem Schreiben an den Kaiser wies daher Kurfürst Friedrich von Brandenburg nicht mit Unrecht darauf hin, daß durch den Kurstreit das Vaterland bedroht und das Ansehen des Reichsberhauptes geschmälert werde. 6)

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1) Korrespondenz zwischen Münster und Dänemark Jan.-- Mai 1694. (M. St.)

2) 14./24. Mai 1694. (M. St.)

3) A. Schulte: „Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden.“ I, 233 ff.

4) Schreiben des pfälzischen u. des trierschen Kanzlers vom 16. und 21. März 1694. (M. St.), in denen diese sich zugleich für das ihnen seitens der Opposition präsentierte Geschenk von 1000 Tal. bedanken.

5) Besonders geriet Brandenburg mit den Opponenten hart aneinander. (W. L. „Neunte Kur“ 15.)

6) Bodemann: Jobst Hermann v. Ilten.“

 

 

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Diese Befürchtungen waren um so begründeter, da die Opposition sich zu einem neuen Vorstoß rüstete. Der Plan Dänemarks, Wolfenbüttels und Münsters ging dahin, auf einem Kongreß zu Frankfurt den ganzen Fürstenverein auf die Seite Frankreichs zu ziehen und ein gemeinsames Heer, zu dem jedes Mitglied ein bestimmtes Truppenkontingent oder wenigstens Subsidien beisteuern sollte, aufzustellen. Auf diese Weise glaubten sie, die Rechte des Fürstenstandes besser schützen und den Frieden des Reiches mit Frankreich erzwingen zu können. 1)

 

Der kaiserliche Hof verhehlte sich nicht, was in Frankfurt auf dem Spiele stand, und wollte das Zustandekommen des Fürstentages verhindern. Aus diesem Grunde ließ sich Leopold zu der Erklärung herbei, er werde nichts den Rechten der Fürsten Nachteiliges beschließen und sich vor der Introduktion Hannovers mit den Opponenten über einen solchen Ausweg zu einigen suchen, der sie völlig befriedigen werde. 2) Dieses Entgegenkommen des Kaisers kam den Veranstaltern des Kongresses äußerst ungelegen, denn nun mochten manchem Fürsten die Frankfurter Beratungen überflüssig erscheinen. Sie beeilten sich daher, die Mitglieder des Fürstenstandes darauf aufmerksam zu machen, daß man den kaiserlichen Versicherungen keinen Glauben beimessen könne, da sie „in ganz weitläufigen und fast unverbindlichen Ausdrücken“ gehalten seien. 3)

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1) Korrespondenz zwischen Münster u. Dänemark, desgl. Zwisch. Münster u. Wolfenbüttel Juli--August 1694 M. St.). Die Neutralitätsarmee sollte bis spätestens Ende Februar 1695 vor der Eröffnung des Feldzuges gegen Frankreich an einem gewissen, allerseits beliebten Ort am Oberrhein zusammengezogen werden. (Instr. an Lüdecke 26. Nov. 1694. W. L. Ccpt.)

2) Der Kaiser an den badischen Gesandten v. Greiffen. 7. Aug. 1694. (M. St. Absch.)

3) Münster an Wolfenb. 30. Aug. 1694. (M. St. Absch.) Falls Leopold aber die hannoversche Kurangelegenheit dem Fürstenkollegium zur Beratung überweisen werde, wollten sie auf die Notwendigkeit einer einmütigen Zustimmung bestehen und vorher auf Genugtuung wegen der dem Fürstenstande durch die Zerreißung der Nullitätsdeklaration (Siehe S. 36) zugefügten Beleidigung dringen. (Instr. an Wendhausen 13. Aug. 1694. M. St. Absch.)

 

 

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Die beruhigenden Worte des Reichsoberhauptes machten trotzdem auf viele Opponenten großen Eindruck und hielten manchen von der Beschickung des Konventes ab. Notgedrungen mußte daher die auf den 16./26. Sept. angesetzte Zusammenkunft verschoben werden. An diesem Tage fand sich zum Erstaunen der wenigen anwesenden fürstlichen Bevollmächtigten der kaiserliche Gesandte von Boyneburg in Frankfurt ein, der den Fürstenkongreß beobachten und eine Verletzung der kaiserlichen Autorität verhind sollte. 1)

 

Die Leiter der Opposition ließen sich aber weder hierdurch, noch durch die geringe Teilnahme der Fürsten einschüchtern. Geschickt legten Sie vielmehr die Anwesenheit Boyneburgs in Frankfurt dahin aus, daß der Kaiser ihnen nun auch anscheinend das Recht zu eigenen Beratungen und Bündnissen bestreiten wolle. 2) Herzog Anton Ulrich war vor allen anderen rastlos tätig und scheute weder Mühe noch Last. Persönlich begab er sich nach Gotha und gewann die dortigen Minister für den Kongreß, 3) während Vertrauter, Rudolf Christian von Imhoff, mit dem Bischof von Münster eifrig Rat hielt. In Münster kam man überein, am 7./17. Dez. die Verhandlungen in Frankfurt zu eröffnen. 4) Man war aber doch in banger Sorge, daß durch eine allzu geringe Beteiligung dem Kaiser und seinen Anhängern die Schwäche der Opposition ersichtlich würde. Diese Blöße wollte man sich auf keinen Fall geben und deshalb bei einer nicht genügenden Anzahl Teilnehmer vorschützen, nur zu einer Vorbesprechung über die Beratungsgegenstände der späteren Hauptversammlung zusammengekommen zu sein. 5)

 

In der Tat traf der wolfenbüttelsche Abgesandte, der Geheime Rat Lüdecke, zu dem festgesetzten Termin nicht einen einzigen speziell zu den Beratungen beauftragten

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1) Relation vom 27. Sept. 1694. (M. St. Absch.)

2) Wolf. an Münster 15. Okt. 1694. (M. St.)

3) Instruktion an Imhoff 29. Okt. 1694. (W. L.)

4) Relation Imhoffs 17./27. Nov. 1694. (W. L.)

5) Instruktion an Cochenheim 31. Dez. 1694. (M. St.)

 

 

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Minister in Frankfurt an. 1) Nach und nach fanden sich jedoch die Vertreter von Sachsen- Coburg, Sachsen-Meiningen, Dänemark und Münster ein. Diese beschlossen nun der Verabredung gemäß, vorläufig nur die Präliminarien festzustellen und die noch nicht durch Abgesandte vertretenen Fürsten durch gemeinsame Schreiben zur Teilnahme aufzufordern. 2) Die Aussichten der Opposition in Frankfurt besserten sich aber von Tag zu Tag, denn es kamen noch Bevollmächtigte von Sachsen-Gotha, Bayreuth und Baden-Durlach an und auch der Markgraf von Baden-Baden sagte seine Teilnahme an den Konferenzen bestimmt zu. Unter diesen Umständen war das Zustandekommen des Kongresses gesichert, und Mitte Januar 1695 traten die Teilnehmer vornehmlich auf die Bemühungen des wolfenbüttelschen und dänischen Gesandten hin in die eigentlichen Beratungen ein.

 

Bei den nun frisch in Angriff genommenen Verhandlungen arbeiteten die Bevollmächtigten von Wolfenbüttel, Münster und Dänemark einmütig zusammen. 3) Die Führung übernahm Cochenheim, der geschickte Vertreter des Bischofs Friedrich Christian. Die Anhänger Ludwigs XIV. deckten ihren mehr kaiserlich gesinnten Kollegen nicht sofort ih Hauptplan auf. Sie knüpften vielmehr an die früheren Beschlüsse an und gingen dann zu den Verletzungen der Fürstenrechte im allgemeinen über: den Übergriffen der Kurfürsten, der Benachteiligung an Titel und Würden, ferner der Gefahr, die dem Fürstenstande bei den künftigen Friedensverhandlungen drohe, und schließlich der hannoverschen Kurangelegenheit. Die erforderlichen militärischen Maßnahmen,

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1) Für den Frankfurter Kongreß habe ich die Instruktionen und Relationen sowohl des wolfenbüttelschen, als auch des münsterschen Bevollmächtigten benutzt. (W. L.: „Neunte Kur“ 16 und M. St :- M. L. A. 110-112.)

2) Nur der König von Schweden hatte schon bestimmt abgesagt, da „durch eine solche gehässige Opposition und Verwerfung aller gütlichen Mittel der Sache nicht geraten werde.“ Erklärung des Schwed. Gesandt. in Regensburg Jan 1695. M. St.)

3) Lüdecke war besonders angewiesen worden, sich an die Vorschläge des münstersch. Bevollmächt. zu halten. (Instr. vom26. Nov. 1694. W. L. Ccpt.)

 

 

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auf die es im Grunde allein ankam, brachten Sie so erst zu allerletzt zur Sprache. Auf diese Weise gelang es ihnen tatsächlich, die alten und neuen Beschwerden der Fürsten so geschickt zu gruppieren und in das rechte Licht zu rücken, daß sich den übrigen Bevollmächtigten von selbst der Gedanke aufdrängen mußte, daß man zu einem energischen Vorgehen gezwungen sei. Sehr rasch einigte man sich daher über die Bestimmungen eines neuen Rezesses, der auf die Nachricht von der bevorstehenden Ankunft eines kaiserlichen Abgesandten von den Teilnehmern des Konventes unter Vorbehalt unterzeichnet wurde. 1)

 

An den den getroffenen Vereinbarungen hatte man aber sehr viel auszusetzen. Vor allem war die hannoversche Kurangelegenheit mit allen möglichen anderen Angelegenheiten verknüpft worden, eine notwendige Folge der angewandten Taktik, den Kreis der Beratungen möglichst weit zu ziehen. Ferner mußte Bedenken erregen, daß in dem Entwurf des Vertrages eine eventuelle gemeinsame militärische Aktion und sogar ein besonderes fürstliches Unionskollegium in Regensburg unter dem Direktorium von Salzburg in Aussicht genommen waren. 2) Die Leiter der Opposition sahen indes immer mehr ein, daß der neue Hauptrezeß wiederum so gefaßt werden mußte, daß jeder Reichsstand sich ohne großes Bedenken anschließen konnte. Unter diesem Gesichtspunkt mußte die Bestimmung über das Unionskollegium fallen, denn hierdurch wäre „mehr schädliche Derision und Jalousie erweckt, als Gutes gestiftet worden“. 3) Auch durfte man in dem Hauptrezeß keine näheren Abmachungen inbetreff der militärischen Maßnahmen treffen. Hatten die Fürsten aber einmal den Paragraphen des Hauptvertrages zugestimmt, so mußte es nicht allzuschwer sein, Unterschrift für einen Nebenrezeß zu erlangen, der die Einzelheiten eines gewaltsamen Vorgehens enthielt.

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1) Relationen Cochenheims u. Lüdeckes. Febr. 1695.

2) ebenda.

3) Relation Cochenheims. 8. Febr.

 

 

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Diese Gedanken waren maßgebend bei der Umarbeitung des Hauptabkommens, das schon nach kurzer Zeit den Fürsten wieder zur Begutachtung eingesandt wurde. Zu den Teilnehmern des Kongresses gesellten sich nun noch ein hessen-kasselscher und ein darmstädtscher Gesandter, 1) denen man zuerst den Präliminarrezeß vorlegte, um sich nicht direkt „mit dem Nebenrezeß bloßzugeben“. 2) Weit wichtiger aber war, daß Mitte Februar der Markgraf von Baden-Baden tatsächlich einen Vertreter nach Frankfurt gesandt hatte. Die Teilnahme des kaiserlichen Generalleutnants war der größte Triumph der Opponenten. Plittersdorff, der Minister Markgraf Ludwig Wilhelms, hatte jedoch keine Vollmacht, die vom Konvent gefaßten Beschlüsse sofort zu unterschreiben, sondern mußte sie erst seinem Herrn unterbreiten. Die Vollziehung der Rezesse mußte daher auf kurze Zeit verschoben werden.

 

Am Hofe zu Hannover war man über den Frankfurtert Kongreß aufs höchste beunruhigt. Schon bei der ersten Nachricht von dem Vorhaben der Fürsten hatte sich Ernst August sogleich an die ihm gewogenen Kurfürsten und Fürsten mit der Bitte gewandt, sich seiner anzunehmen und den Konvent zu verhindern. Seinem Gesandten Limbach erteilte er den Befehl, beim Kaiser auf eine „tumultuarische“ Introduktion zu dringen, da dies das einzige noch übrige Mittel sei, die Beratungen in Frankfurt zu stören. Nach der Einführung Hannovers in das Kurfürstenkollegium würden sich die Differenzen schon leichter beilegen lassen. So vernahmen wenigstens die Opponenten mit banger Sorge. 3) Ihre Beunruhigung und Erbitterung steigerte sich in noch höherem Maße, als das Gerücht zu ihnen drang, die kaiserliche

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1) Relation des dänisch. Gesdt. Piper 9./19. Febr. (W. L.)

2) Relation Cochenheims 3. März.

3) Relation aus Regensburg. (Beilage der Relation Cochenheims vom 2./12. Jan. 1695.) Limbach solle der Kaiserlichen Kommission erklären, „daß im fall Kays. Maj. dem h. Hertzoge von Hannover, Nachdem Er Seiner Seiths alles adimpliret durch der unirten Fürsten zu Frankfurth haltende conferentz in eine so große prostitution setzen laßen wolte, Niemandt in der weldt Kays. May. in etwas mehr fidem adhibiren könte.“

 

 

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Kommission in Regensburg habe die Ordre empfangen, daß mit oder gegen den Willen der Fürsten gleichsam mit Gewalt und ohne Zeitverlust mit der Introduktion Hannovers vorgegangen werden sollte. 1) Nun schwanden auch letzten Bedenken der noch zaudernden Fürsten. Selbst Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden erklärte sich mit den Maßnahmen des Kongresses einverstanden und erhob am kaiserlichen Hofe Remonstrationen. 2) Am 14. März 1695 3) wurde der Hauptrezeß von Münster, Koburg und Meiningen, Gotha, Wolfenbüttel, Baden-Durlach, Baden-Baden, Dänemark und Bayreuth unterzeichnet: Der Fürstenverein von 1693 wurde erneuert und der Kaiser gebeten, den „hannoverschen Kuranmaßungen“ Einhalt zu tun und die Introduktion bis nach völliger Genugtuung des Fürstenstandes zu verschieben. Die getrennten Beratungen wollte man auch in Zukunft weiter pflegen, keiner den anderen im Stiche lassen, sondern sich gegenseitig auch fernerhin mit Rat und Tat beistehen. Ein paar Tage darauf kam in einem Nebenrezeß tatsächlich auch ein Defensivbündnis zu stande, wonach Dänemark 5000, Münster 4000, Wolfenbüttel, Hessen-Kassel und Württemberg je 3000, Darmstadt, Baden-Baden und Durlach je 1000 Mann zu stellen sich verpflichteten. Den Oberbefehl sollte der Fürst führen, der zuerst angegriffen werde. 4)

 

Hiermit war der Wunsch der Anhänger Frankreichs erfüllt worden. Die Bestimmungen waren aber doch anders ausgefallen, als man im Anfange erwartet hatte. Der Vertrag vom 17. März setzte nur eine gemeinsame militärische Aktion bei einem Angriffe auf ein Mitglied des Fürstenvereins fest, wogegen die Veranstalter des Frankfurter Kongresses

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1) A. Schulte: „Markgraf Ludwig Wilhelm.“ I, 241,

2) ebenda.

3) M. St. Absch.

4) 7./17. März 1695. (M. St. Absch.) Ferner wurde beschlossen, (Actum Frankfurt 9/19. März M. St.) am 8./18. Sept. die Beratungen weiter zu führen , die Bildung einer gemeinsamen Kasse und eifrige Agitation für den Fürstenverein. Man verständigte sich auch noch über einige Schreiben an den Kaiser, den König von England und die und die Kurtürsten von Trier, Köln und Pfalz.

 

 

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anfangs die direkte Aufstellung einer Neutralitätsarmee bei der Wiederaufnahme der der Feindseligkeiten des Reiches gegen Frankreich ich ins Auge gefaßt hatten. 1)

 

Am 19. März traf endlich der schon lang erwartete Abgesandte Kaiser Leopolds, Graf Goeß, in Frankfurt ein. 2)

 

Dieser trat sofort mit den Teilnehmern des Kongresses in Fühlung und überzeugte sich bald, daß er an den Beschlüssen nichts mehr ändern konnte. Er wandte deshalb alle Mühe an, wenigstens einige Fürsten von der Ratifikation der Rezesse abzuhalten. Bei den Rädelsführern, den Gesandten Wolfenbüttels, Münsters und Dänemarks aber hielt Versuche in dieser Richtung von vornherein für aussichtslos. 3) Bei den übrigen aber brachte Goeß ernste Vorstellungen und Ermahnungen an. Niemals habe man in Wien beabsichtigt, Hannover auf jeden Fall, ohne sich an den Fürstenstand zu stören, in das Kurfürstenkollegium einzuführen.

 

Ein Solcher Befehl sei an die kaiserliche Kommission keineswegs ergangen. Ebensowenig habe das Oberhaupt des Reichs die Berechtigung der Fürsten zu separaten Verhandlungen und Bündnissen in Frage gestellt. 4) Der Kaiser richtete seinen Unwillen hauptsächlich gegen den Markgrafen von Baden-Baden. 5) Die Vorwürfe gegen diesen waren nicht ganz unberechtigt, denn Markgraf Ludwig Wilhelm hatte vom Kaiser eine beruhigende Erklärung erhalten, von der er aber erst auf dem Konvente zu Frankfurt den Vertretern der Fürsten Mitteilung machen ließ, zu einem Zeitpunkte, wo sie den gehofften Zweck und die erwartete Wirkung verfehlen mußte. Man versteht daher die Gereiztheit Kaiser Leopolds, als er seinem Generalleutnant, der sich

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1) Instruktion an Lüdecke 26. Nov. 1694.

2) Relationen Cochenheims und Lüdeckes. März 1695.

3) Relation Cochenheims 24. März: „so haben der Dhänisce, Wolfenbüttelsche undt ich fast dafür halten müßen, daß Wir mit solchen remonstrationen umb deßwillen allein verschonet worden, weillen Mann geglaubet, daß solche bey Uns wenig oder gar nicht fruchten dörfften.“

4) A. Schulte a. a. O. I, 241.

5) ebenda I, 240 ff.

 

 

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nicht scheute, dem Wiener Hof ein Schreiben des Kongresses, dessen Annahme Graf Goeß verweigert hatte, selbst zu überreichen, antworten ließ, er könne die opponierenden Fürsten, die ihn mit 24000 Mann bedrohten, nach dem Frieden schon zur Vernunft bringen. 1)

 

Zu Gewaltmaßregeln brauchte der Kaiser jedoch gar nicht seine Zuflucht zu nehmen, denn nach der hochgehenden Bewegung auf dem Fürstentage trat von selbst die Reaktion ein. Den Opponenten war es nur mit großer Anstrengung gelungen, Hessen-Darmstadt und Kassel unter Zubillung gewisser Reservationen zur Unterzeichnung der Frankfurter Beschlüsse zu überreden. 2); jetzt ernüchterten die Bedenken, die von allen Seiten gegen die Frankfurter Rezesse erhoben wurden, und die Vorstellungen der kaiserlichen Gesandten die aufgeregten Gemüter immer mehr. Große Aktionen erfolgten daher in der nächsten Zeit nicht, vielmehr beschränkte sich die Opposition darauf, in aller Stille die Maulwurfsarbeit fortzusetzen. An den größeren und kleineren Fürstenhöfen wurde mit diplomatischen Intriguen und Ränkespielen bisweilen aber noch erbitterter gefochten, als in früheren Redeschlachten zu Regensburg und Frankfurt. – - - -

 

Die Mehrzahl der Fürsten besaß keine Neigung, die auf den 8./18. Sept. festgesetzte neue Konferenz zu beschicken. Die wolfenbüttelschen Herzöge aber hielten eine Fortsetzung der Beratungen für durchaus notwendig, um die früheren Beschlüsse auszuführen und Vereinbarungen für die in Aussicht stehenden Friedensverhandlungen des Reiches mit Frankreich treffen zu können. 3) Auch Dänemark war entschlossen, sich an einem neuen Kongreß zu beteiligen. 4) Der Bischof von Münster äußerte Bedenken und schlug daher vor, entweder die Verhandlungen in Regensburg fortzuführen oder nähere

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1) ebenda S. 242/243.

2) Den hess.-kasselschen Gesandten bearbeiteten der dänische und münstersche Bevollmächtigte „mit guten und bösen Worten.“ (Relation Cochenheims 3. April 1695.)

3) Wolf. an Münster 12. Aug. 1695. (M. St.)

4) ebenda.

 

 

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Erklärungen der übrigen Fürsten abzuwarten. 1) Man mußte wohl oder übel mit dem letzteren Vorschlag einverstanden sein, denn zu Regensburg wären die Gesandten bei ihren Beratungen zu sehr der Belästigung und Agitation der Gegenpartei ausgesetzt gewesen, 2) zumal die Höfe von Wien und Hannover die Ruhe nach dem Sturm zu neuen Unterhandlungen mit den Kurfürsten und Fürsten benutzten. Es war den kaiserlichen und hannoverschen Staatsmännern schon im Juni 1694 gelungen, Kursachsen für die Readmission Böhmens zu gewinnen. 3) Im Dezember darauf gab der Kurfürst von Brandenburg hierzu seine Zustimmung, da er sonst „eine glänzliche Collision und Zerrüttung im Reich, ja einen innerlichen Krieg“ befürchtete. 4) Fast ein Jahr später folgte Mainz diesem Beispiele unter der Bedingung, daß vor der Introduktion Hannovers eine neue zehnte katholische Kur ernannt und festgestellt werden sollte. Desto eifriger versuchten nun die kaiserlichen Gesandten von neuem, auch die übrigen Kurfürsten zur Einwilligung in die Forderung des Reichsoberhauptes zu überreden. 5)

 

Die Gegenpartei sah diesem Treiben des Gegners nicht müßig zu. Wolfenbüttelsche Unterhändler waren in Wien und an den kurfürstlichen Höfen tätig. So agitierte Imhoff am kaiserlichen Hof 6) und der Geheime Rat v. der Schulenburg in Brüssel, beim Kurfürsten von Baiern. 7) Beide diplomatische Sendungen brachten der Opposition geringen Gewinn ein. Erfolgreicher waren die Bemühungen Hertels beim pfäzischen Kurfürsten, denn dieser beharrte nach wie vor bei der Meinung, daß man das bei der neunten Kur angewandte

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1) Münster an Wolf. 26. Sept., desgl. speziell an Ant. Ulrich 22. Okt. 1695. (M. St. Ccpt.)

2) Münster an Wolf. 6. Nov. 1695 (M. St. Ccpt.)

3) Bodemann: „Jobst Herm. v. Ilten.“

4) Erklärung vom 15./25. Dez. 1694. (M. St. Absch.)

5) Münster an Wolf. 6. Nov.; desgl. Correspondenz zw. Dänemark und Münster, Nov./Dez. 1695. (M. St.)

6) W. L. „Neunte Kur“

7) Relation v. d. Schulenburgs 16/26. Jan. 1696. (W. L.)

 

 

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Verfahren „in seinem Gewissen nicht billigen“ könne, und war fest entschlossen, sich auf die Vorschläge Leopolds keineswegs einzulassen. 1) Dieselbe Stimmung herrschte in Köln und Trier, wohin Hertel sich ebenfalls begab. 2)

 

Herzog Anton Ulrich lenkte nun auch seine Aufmerksamkeit dem Dresdener Hofe zu. 3) Hier hatte nach dem Tode Georgs IV. eine Hannover feindliche Strömung die Oberhand erhalten, die sich um den einflußreichen Feldmarschall v. Schöning zusammenfand, der Ernst August bitter haßte. Der eigentliche Grund der Verstimmung zwischen Hannover und Dresden lag aber in der Königsmarker Angelegenheit und der Lauenburgschen Frage. Bei dem letzten Punkte setzte Anton Ulrich ein und erbot sich, den wolfenbüttelschen Anteil am Lauenburgischen an August II. abzutreten,falls dieser die Introduktion Hannovers hindern und gegen die Vereinigung Hannovers und Celles Stellung nehmen wollte.

 

Die Unterhandlungen Anton Ulrichs mit dem sächsischen Hofe schienen den hannoverschen Staatsmännern besonders gefährlich, da Wolfenbüttel von Schöning eifrig unterstützt

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1) Instruktionen und Relationen Hertels; Nov. 1695 bis Mai 1696. (W. L.)

2) Schon im Nov. 1694 hatten sich einige geistliche Fürsten wiederum an den Papst gewandt. (W. L. „Neunte Kur“ 18.) In Köln war man nun gesonnen, diesen Schritt zu wiederholen. Man legte dem päpstl. Nuntius den Wunsch nah, der Papst möchte „die geistl. Fürsten“, die „gar eingeschläfert“ schienen, durch ein Breve zu einem schärferen Vorgehen ermahnen. Dieser befürchtete aber, daß ein solches öffentliches Eingreifen des Papstes in den Kurstreit zu „Glossen“ Anlaß geben werde. Private Ermahnungen wollte er wohl vom Papste erbitten. Er riet ihnen auch, durch einen Vertreter dem Papste persönlich die Sache vorzustellen und seine Interposition beim Kaiser anzurufen. (Relation Hertels 19./29. Nov. 1695.) Ob die katholischen Fürsten diesen Vorschlag ausgeführt haben, konnte ich nach den mir vorliegenden Akten nicht feststellen.

3) Für die folgenden Abschnitte sind benutzt: Bodemann „Jobst Hermann v. Ilten“; „Hertels Korrespondenz mit v. Schöning und seine Abschickung nach Dresden.“ Aug. 1694 bis Dez. 1695 (W. L) „Punkte über die Hertel und Imhoff zu befragen.“ „Memorial für Fabricius.“ Mai 1695. (H. St.)

 

 

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wurde und auch dänische und münsterische Gesandten ihren wolfenbüttelschen Freunden hilfreich zur Hand gingen. In nicht geringe Aufregung wurden Sie aber versetzt, als Anton Ulrich dem Kurfürsten von Sachsen im geheimen den Vorschlag machen ließ, Lauenburg durch einen Gewaltstreich in Besitz zu nehmen. Am sächsischen Hof plante man tatsächlich einen Angriff auf Ratzeburg; man erwog eine Inspizieirung der Festungsanlagen durch einen sächsischen Offizier und hielt Rat über den Plan, den Kommandanten und die Besatzung der Stadt. Der hannoversche Gesandte in Dresden v. Ilten hatte den Machinationen Schönings und seiner Anhänger gegenüber wahrlich keinen leichten Stand. Mit Geschick arbeitete er aber den Umtrieben der Gegner entgegen, wobei der brandenburgische und der englische Gesandte es an Unterstützung nicht fehlen ließen. Herzog Anton Ulrich war jedoch guten Mutes und rechnete auf vollen Erfolg. Anfang Januar 1696 traf der Fürst selbst und der Däne Rumohr mit dem sächsischen Kurfürsten in Leipzig zusammen. Den Hauptvertrag beabsichtigte Anton Ulrich seines Bruders wegen „in generalen und innocenten terminis“ zu halten. In einem Sekretartikel aber wollte er mit Sachsen in der Lauenburgischen- und der Kurangelegenheit die notwendigen Vereinbarungen treffen. Die Sächsischen Minister lehnten indes, durch den gewandten Ilten bewogen, die wolfenbüttelschen Vorschläge ab.

Schmerzlicher noch empfand es Anton Ulrich, daß der alte Geist immer mehr aus den Reihen der Opposition zu weichen schien. 1) In Regensburg konnten sogar die Reichsberatungen wieder aufgenommen werden, die seit zwei Jahren gestockt hatten. Brandenburg und Schweden unterbreiteten der Opposition bei dieser Gelegenheit Vermittlungsvorschläge. 2) Die Unterhandlungen führten aber zu keinem

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1) Münster an Wolf. 9. Jan. 1696. (M. St. Cept.) Bischof Friedrich Christian spricht sein Bedauern aus, daß man das Kurwerk „noch immer mit der größten Indifferenz ansehe und sich darum fast nichts bemühe.“

2) Schaumann: Geschichte der Erwerbung der neunten Kur.“ Schweden schlug vor, den Fürsten die Erklärung auszustellen, daß das Geschehene keinem zum Praejudiz gereichen, künftig aber kein Kurfürst wieder ohne Zustimmung aller Fürsten gewählt werden sollte.

 

 

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Resultat, obschon die hannoverischen Staatsmänner sich eifrig um eine Verständigung bemühten und manchen Taler springen ließen. Schwere Einbuße erlitt die Opposition jedoch durch die Annäherung Dänemarks an die Gegner.

 

Schon früher hatten die kaisSerlichen Staatsmänner versucht, den dänischen König durch Überlassung des Elbzolles von der Opposition zu trennen. Das Unternehmen aber war nicht geglückt. 1) Das Kunststück brachten Ende des Jahres 1696 die englischen und holländischen Diplomaten fertig, denn Dänemark sowohl wie die Seemächte hatten großes Interesse daran, den Streit um die hannoversche Kur vor der Eröffnung der Friedensverhandlungen mit Frankreich beigelegt zu sehen. Der Kopenhagener Hof verpflichtete sich nun, die Opponenten von Feindseligkeiten bei Verfolgung ihrer Ansprüche abzuhalten und sie zur Annahme der kaiserlichen Vorschläge zu bewegen. Nach der Einführung Hannovers ins Kurfürstenkollegium war der dänische König auch bereit, Ernst August in seiner neuen Würde anzuerkennen. Eine völlige Verständigung mit Hannover wollten dann die Seemächte gern in die Wege leiten. 2) Die wolfenbüttelschen Herzöge und der Bischof von Münster wollten der Nachricht von dem Abfall des Bundesgenossen anfangs keinen rechten Glauben beimessen und sandten den bewährten und mit dem dänischen Hofe wohl vertrauten Imhoff nach Kopenhagen. 3) Die dänischen Minister stritten diesem aber entschieden ab, in dem Bündnisse mit den Seemächten den opponierenden Fürsten

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1) Der Bischof von Münster hatte sich bei dieser Gelegenheit um Aufklärung an den Fürsten Salm gewandt. Der beiderseitige Briefwechsel (M. St. 25. 5. ,16. 6. 1695) zeigt, welche Stütze die Opposition in der Person dieses Ministers am Kaiserhofe besaß.

2) Extract des Sekretartikels 3. Okt. 1696. (H. St.)

3) Münster an Wolf. 27. Nov. 1696. (M. St. Ccpt.) Instruktion an Imhoff 24. Dez. 1696. (M. St.)

 

 

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Nachteiliges eingegangen zu sein und beteuerten, ihr königlicher Herr wolle lieber die Hälfte seines Reiches verlieren, als bundesbrüchig werden. Eine Mitteilung der näheren Bestimmungen des Vertrages lehnten sie aber ab, da die Ratifikation noch nicht vollzogen sei. 1) Christian V. suchte indes selbst das Mißtrauen seiner Verbündeten zu zerstreuen, indem er in einem Briefe an Anton Ulrich 2) das Gerücht seines Abfalles von der Opposition „als ein bloßes artificie und invention“ bezeichnete. Mit diesen Versicheungen mußte sich der wolfenbüttelsche und der münstersche Hof zufrieden geben. Man hatte kein Mittel in der Hand, das Gegenteil der Aussagen zu beweisen, da Dänemark seine Abmachungen mit den Seemächten auch fernerhin streng geheimhielt. Schon die nächste Zukunft zeigte aber, wie sehr der Verdacht begründet war, denn der König von Dänemark ließ immer mehr in seinem früheren Eifer für die Opposition nach.

 

Es stand dabei um die Sache der Fürsten um so schlimmer, da die hannoversche Partei den Kaiser von neuem mit ihren Anträgen bestürmte. So energisch hatten die hannoverschen Staatsmänner noch nie auf endliche Vornahme der Introduktion gedrängt. 3) Die hannover-cellische Diplomatie unterließ es aber zu ihrem eigenen Nachteil, die von den Seemächten angebahnte Verständigung mit Dänemark weiter durchzuführen und durch ein eigenes Bündnis mit dem Kopenhagener Hof die Opposition dieser wichtigen Stütze vollends zu berauben. In Hannover und Celle traute man nämlich dem dänischen König ebensowenig, wie Herzog Anton Ulrich. 4) Man gedachte auf eine andere Weise der Gegenpartei Abbruchzu tun.

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1) Relation Imhoffs 10./20. Jan. 1697. (M. St.)

2) Januar 1697. (M. St. Absch.)

3) Extract aus dem Protokoll einer Konferenz zwischen Hannover und Celle 15. August 1696. (H. St.); Münster an Trier 12. April 1697 (M. St.)

4) Instruktion an Limbach 26. Jan 1697. (H. St. Ccpt.)

 

 

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Man verhehlte sich nicht, daß, solange die wolfenbüttelschen Vetter die führende Stellung bei der Opposition inne hatten, an eine Verständigung mit dem Fürstenkollegium nicht zu denken sein werde. Die hannoverschen Räte glaubten nun, Wolfenbüttel die Teilnahme an der Opposition erschweren zu können, daß sie die bisherige Einigkeit in der älteren Welfenlinie störten. Zu diesem Zweck wollten sie dem wolfenbüttelschen Erbprinzen die Gefahr und den Schaden der Zwietracht für das Welfenhaus schildern und ihn so gegen seinen Vater, den Anstifter der Zerwürfnisse , aufhetzen. 1) Über die moralischen Bedenken eines solchen Vorgehens mochten Sich die hannoversche Staatsmänner vielleicht desto leichter bei dem Gedanken an den Unfrieden, den Anton Ulrich in der eigenen Fürstenfamilie angestiftet hatte, hinwegsetzen.

 

Der hannoversche Hof muß schon in den ersten Monaten des Jahres 1697 versucht haben, den Prinzen August Wilhelm zu einer Anerkennung der Kurwürde zu überreden, denn um diese Zeit wurde von Hannover aus das Gerücht verbreitet, der wolfenbüttelsche Erbnachfolger habe seinen Vater im Stich gelassen und sich mit seinen Verwandten verständigt. Anton Ulrich geriet über diese Nachricht in große Erregung und schenkte anfangs den Gerüchten Glauben. Sein Sohn beteuerte zwar mit beredten Worten die Unwahrheit der verleumderischen Aussagen; es es gelang ihm jedoch erst allmählich, seinen Vater von seiner Unschuld zu überzeugen und den Stachel des Mißtrauens aus seinem Herzen zu entfernen. Unsäglich aber hatte der junge Prinz unter dem schweren Verdachte seines Vaters gelitten. 2)

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1) Schreiben an den Präsidenten v. Goerz in Mainz 9. Juni 1697 (Hl. St. Ccpt.) Wolfenbüttel könne bei der Animosität gegen die Primogenitur und Kur nichts Empfindlicheres begegnen, „alß wan man ihrerseits etwa den ältesten Prinzen zu Braunschweig vom Hause Bevern an sich ziehen und durch appugirung dessen interesse dem Hause Wolfenbüttel innerliche ungelegenheit erwecken würde.“

2) „E. Gnaden -- so schrieb August Wilhelm seinem Vater am 30. Mai 1697 (W. L. „Neunte Kur“ 23) -- werden mich hoffentlich nicht verdencken, daß ich umb alles verdachts, welcher bey E. Gn. der mir imputirten agnition der Hannoverschen Chur annoch übrig bleiben mochten, vollig entlediget zu werden, und E. Gn. Meines kindlichen gehorsamß und tragenden schuldigsten respects desto mehr zu versichern, dehro als meines gerechtesten und gütigsten herrn und Vaters justice wieder diejenigen, welche diese mordliche calumnie gegen mich erfunden, anruffe, in Hoffnung E. Gn. werden mich deßelben rechts, welches Sie den geringsten von dehro untertanen nicht zu versagen pflegen, geniesen laßen; den in was betrübniß und chagrin ich eine Zeithero zugebracht, weis der, der die Hertzen kennet, und solte ich über alles vermuhten ohne beystand mich also ferner zu verlaßen sehen, mus solches meinen Thott befodern, den ich mir auch solcher gestalt lieber als ein so mühsames und verdrießliches leben wünsche, und kan ich mich bey solchem zustande der gedanken und furcht nimmer endschlagen, daß sofern meine feinde dergleichen offenbahre handgreifliche lügen und schandthaten wieder mich zu erdichten, und E. Gn. davon beglaubt zu machen, Sie vielmehr capable und mächtig seyn werden, auff andre ahrt und weise E. Gn. wieder mich in continuirlichem mistrauen, allerley verdrus und ungnaden zu erhalten.“ . . . „Ich wiederhohle dennoch voriege meine untertanige bitte, mir nemlich wieder meine feinde und angebers gndigst und nachdrucklich beyzustehen, und als ein Vatter, von den ich leben, Stand und Ehre habe, sich meiner in soweit anzunehmen, und diese sache gründlich untersuchen zu laßen, damitt zu gantzlicher confusion und decreditionirung meiner verfolgerer in E. Gn. wahrheitsliebenden gemühte meine unschuld sowoll als Ihre bosheit an den Tag kommen möge.“ In der Antwort Anton Ulrichs (W. L. eunte Kur“ 23.) heißt es unter anderem: „Die Justice, so ich E. L. hierin soll wieder fahren laßen, kann meines ermeßens nirgends in bestehen, alß in dieser declaration, daß ich E. L. wil unschuldig halten. Gegen E. L. feinden Ihr Justice zu schaffen stehet nicht in meinen kräften, dan diese seind feinde, fürnemlich auch die mer hierunter mich, alß wie E. L. verfolgen und ist hierbey die verachtung und die gedult das beste Mittel allen solchen verfolgungen obzusiegen und es nicht auf das gramen und Chagriniren zu legen, so mich längst unter die Erde würde gebracht haben, wenn ich mich denen ergeben wollen.“

 

 

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Die hannoverschen Diplomaten glaubten aber, den Erbprinzen doch noch gewinnen zu können, denn im Juni 1697 bot sich hierzu eine günstige Gelegenheit. 1) Der älteste

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1) Schreiben an den Präsidenten v. Goerz 9. Juni 1696. Per discursum solle Chauvet erwähnen, wie durch die Uneinigkeit viel Gutes für die Interessen des Gesamthauses und jedes einzelnen Mitgliedes verhindert werde und man nicht wisse, was ferner daraus entstehen könne. Nun würde die Gesinnung des Prinzen sich schon zu erkennen geben. Dann könne er hinzufügen, was dies und seinen Bruder anginge. Wenn der Prinz zeigen werde, daß er keinen Anteil an dem Hader nehmen wolle, so werde ihm dies niemand verdenken können, sondern als ein Zeichen eines sonderbaren Verstandes nehmen. „Wir würden dem Printzen freundschaft erweisen, und würde er sein avantage zweifelsohn alhie finden können.“ Es müsse aber scheinen, als wenn alles dies von der eigenen Zuneigung des Feldmarschalls herrühre. (Gekürzt.)

 

 

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Sohn Anton Ulrichs weilte zu dieser Zeit wieder am Rhein, wo er das Kommando über das wolfenbüttelsche Truppenkontingent führte. Der cellische Generalfeldmarschall Chauvet sollte nun den Prinzen zu überreden suchen und ihn der Freundschaft des hannoverschen Hofes und seines Vorteiles, den er dabei finden werde, versichern. August Wilhelm war indes schon mit seinen Truppen aufgebrochen, so daß Chauvet seinen Auftrag nicht ausführen konnte. 1)

 

Als auch dieses Vorhaben gescheitert war, wandte man in Hannover um so mehr sein Augenmerk auf die Friedensverhandlungen zu Ryßwick. 2) Man glaubte, mit Hülfe der Seemächte und des Kaisers einen Artikel über die hannoversche Kur und Primogenitur unter der Garantie der bei den Beratungen beteiligten europäischen Großmächte durchsetzen zu können; die opponierenden Kurfürsten und Fürsten würden dann unfraglich das von fast ganz Europa Anerkannte annehmen müssen. Trotzdem Hannover sich mit den Generalstaaten über diesen Punkt einigte und Sachsen sowohl wie Brandenburg um Unterstützung auf dem Friedenskongreß anging, wurden dennoch die Wünsche Ernst Augusts in Ryßwick durch die französische Diplomatie durchkreuzt.

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1) Goerz an Hannover 22. Juni/2. Juli 1697. (H. St.) Ob Hannover später Versuche in dieser Richtung erneuert hat, ist mir unbekannt. Von einer Anerkennung der hannoverschen Kur seitens des wolfenbüttelschen Erbprinzen verlautete aber später nicht das geringste mehr. August Wilhelm stand vollständig auf der Seite seines Vaters und übernahm selbst diplomatische Sendungen nach Stockholm und Paris. (Instruktion an v. d. Busch 3. Aug. 1699. (H. St.); Schreiben ohne nähere Adresse. 21. März 1701. (W. L. Ccpt.)

2) Schaumann: „Geschichte der Erwerbung der neunten Kur.“

 

 

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Der Friede von Ryßwick hatte indes auch für Herzog Anton Ulrich nicht viel Erfreuliches. 1) Nach Beendigung des Krieges sah er sich gezwungen, da er seine Truppenmacht auf keinen Fall verringern wollte, die bisher an England und Holland gegen Barzahlung überlassenen Regimenter wieder auf eigene Kosten zu unterhalten. Anton Ulrich hatte nun gehofft, daß Frankreich ihn hierzu durch Subsidien in den Stand setzen werde. Alle Vorstellungen seines intimen Ratgebers Hertel bei dem französischen Gesandten Bonrepos waren aber erfolglos. Mit tiefer Erbitterung mußte es Anton Ulrich auch erfüllen, daß trotz seines unermüdlichen Schürens die Opposition zu einem energischen Vorgehen durchaus nicht zu bewegen war, ja immer gleichgültiger die Kurangelegenheit betrachtete. Dabei schlugen ferner seine beständigen Bemühungen, die bisherigen Anhänger Hannovers, wie vor allem den König von Schweden aufzustacheln, völlig fehl. 2) Nicht wenig mußte es Anton auch kränken, daß sich Hannover und Celle inzwischen ohne Hinzuziehung der Vettern mit Sachsen in der lauenburg Frage verständigt hatten. 3)

 

Es ist uns daher verständlich, wenn Anton Ulrich Ende des Jahres 1697 mit Sorgen in die Zukunft sah und ihn trübe Ahnungen quälten. Sollte er alle die Aufregungen und Mühen der letzten Jahre umsonst durchgemacht haben und

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1) Hierüber unterrichtet uns: „Hertels Abschickung nach Stockholm und Copenhagen nebst Anton Ulrichs vertrauliche Briefe. Juli 1697 bis Jan. 1698.“ (W. L. „Neunte Kur“ 24.) Am 22. Okt. 1697 schrieb Anton Ulrich an Hertel: „Die Franzosen haben sich bei allen Teutschen stinkend gemacht, es ist aber ein unglück, das Sie nichts darnach fragen.“ „Was bekom ich für ein recompens, das ich wegen Frankreich hab (eig. Konj.) soviel austehen müßen. Mr. Bonrepos kann darnach gefragt werden, ob der desfalls keine ordres hat. Die Strasburgische Canonicaten gehen auch fort, die uns gleichwol der König sonder seinen Schaden wol laßen oder erlauben können, solche an Catholische zu verkaufen.“

2) Instruktion an Hertel 5. Juli 1697. Correspondenz Ant. Ulrichs mit Hertel Oktob. 1697. (W. L.)

3) Bodemann: „Jobst Hermann von Ilten“.

 

 

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die Waffen vor den Verwandten Strecken! 1) Trotz seiner 64 Jahre hatte sich der Fürst aber seine Tatkraft und sein Selbstvertrauen zu wahren verstanden, und neue Pläne und Hoffnungen regten sich bald in ihm. Für einen Vergleich mit Hannover und Celle war Anton Ulrich selbst bei den für die Opposition eingetretenen ungünstigen Verhältnissen nicht zu haben. 2)

 

Die hannover-cellischen Vettern kannten seinen unversöhnlichen Sinn genau und hatten schon seit Jahren erneute Versöhnungsvorschläge befreundeter Mächte abgewiesen. In den letzten Monaten des Jahres 1694 hatte sich Brandenburg um die Wiederherstellung eines guten Einvernehmens im Welfenhause bemüht. Da Hannover aber kein Entgegenkommen zeigte, stand Eberhard v. Danckelmann von seinem Vorhaben ab, „um sich nicht verdächtig zu machen, als wenn er einen guten wolfenbüttelschen Magen habe“. 3) Später schob er den holstein-gothaschen Gesandten du Cros vor. Die unbestimmten Anträge dieses Abenteurers hielten die hannoverschen Räte einer weiteren Beachtung nicht wert. 4) Einer ernsteren Prüfung mußten sie die Vermittlungsvorschläge des holländischen Gesandten in Wien Hermskerken unterziehen. Dieser wies im November 1695 auf den günstigen Augenblick einer Aussöhnung mit den wolfenbüttelschen Herzögen hin. 5) Die Bevollmächtigten der beiden Gegner am Kaiserhofe sollten die Vorverhandlungen in aller Heimlichkeit führen. Im Falle einer Verständigung sollte das Resultat dem hannoverschen und dem wolfenbüttelschen Hof mitgeteilt, zugleich die Seemächte um die Mediation gebeten werden. 6) Die hannoverschen Minister ließen sich auch auf

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1) Ant. Ulrich an Hertel 22. Okt. 1697.

2) ebenda.

3) Relation des hannoverschen Sekretärs Bauermeister aus Berlin. 24. Nov. 1694. (H. St.)

4) du Cros an Hannover 4./14. April 1696 u. s. w.; Relationen des hannoverschen Gesandten aus Berlin 25. April/5. Mai, 2./12. Mai 1696 (H. St.) Vergleiche auch Bodemann a. a. O.

5) Instruction an Oberg 26. Nov. 1695. (H. St. Ccpt.)

6) Relation an Oberg 21. Dez. 1695.

 

 

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diese Vorschläge nicht ohne weiteres ein, sondern verlangten wiederum von den wolfenbüttelschen Herzögen zuvor eine Erklärung, ob sie Ernst August als Kurfürsten anerkennen wollten und zu einem Vergleich mit ihnen überhaupt noch imstande seien. 1) Dem Vertreter der Generalstaaten war es nicht möglich, den hannoverschen Räten auf diese Frage eine völlig befriedigende Antwort zu verschaffen. 2) Ebenso erfolglos blieben die Vorschläge, die Limbach in Regensburg gemacht wurden: Hannover lehnte ein Bündnis mit Dänemark ab und hielt ebenfalls den anderen Antrag, Wolfenbüttel durch Abtretung einiger Ämter zu versöhnen, für unerfüllbar. 3)

 

Auch in der Folgezeit vollzog sich keine Annäherung zwischen der jüngeren und älteren Linie des braunschweigisch-lüneburgischen Fürstenhauses. Anton Ulrich fehlte es hierzu an ernstlichem Willen, während Ernst August sicherlich zu einer Aussöhnung geneigt war, da seine Krankheit keine Hoffnung auf Besserung mehr zuließ und er gern vor seinem Tode noch die Introduktion Hannovers vollzogen gesehen hätte. Diese Freude sollte dem ersten Kurfürsten von Hannover nicht beschieden sein. Am 24. Januar 1698 setzte der Tod seinem trüben Lebensabend ein Ende.

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1) Instruktion an Oberg 2. Jan. u.24. Febr. 1696; desgl. an Bothmer 19. Febr. 1696. (H. St. Ccpt.)

2) Relation Bothmers 8./18. Febr. 1696. (Absch.) Relation Obergs 11./21. März 1696 (H. St.); Relation Imhoffs 11./21. März 1696. (W. L.) Am kaiserlichen Hofe trieben die beiden Parteien untereinander verwegene Intriguen, an denen sich auch die Madame Hemskerken und die Gemahlin des kaiserlichen Ministers Windischgrätz eifrig beteiligten (H. St.)

3) Relat. und Instrukt. Limbachs Januar 1697. (H. St.)

4) Bodemann a. a. O.

 

 

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III. Vom Regierungsantritt Georg Ludwigs bis zur Introduktion Hannovers.

 

Dem Nachfolger Ernst Augusts eröffnete sich beim Antritt der Regierung wahrlich keine rosige Zukunft. Das Gespenst des Streites um die spanische Krone erhob sich immer drohender. Der lange, mühselige Kampf aber, den sein Vater um die völlige Anerkennung seiner Kurfürstenwürde vergebens geführt hatte, mußte Georg Ludwig für die Folgezeit das Schlimmste befürchten lassen, zumal die nun notwendig gewordene Neubelehnung die Opposition wieder beleben mußte. Den jungen, verschlossenen, wortkargen Regenten zeichnete aber ebenfalls ein hohes Maß von Energie aus, das ihn mutig das von seinem Vorgänger unvollendete Werk in Angriff nehmen ließ. Mit Vertrauen mußte es Georg Ludwig dabei erfüllen, daß Herzog Georg Wilhelm von Celle die treue Ergebenheit und Opferwilligkeit, die er seinem Vater stets erwiesen hatte, auch auf ihn übertrug. So verpflichtete Georg Wilhelm bald nach dem Tode Ernst Augusts die cellischen Landstände von neuem auf die jüngst vereinbarten Hausverträge. 1) Er hielt sogar die Zeit für gekommen, wiederum Schritte zur Wiederherstellung der Eintracht im fürstlichen Gesamthause zu tun.

 

Georg Wilhelm sandte zu diesem Zwecke seinen Sekretär Stambke nach Braunschweig, 2) der sich aber ausschließlich

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1) Havemann III, 356 ff.; vergl. S. 2.

2) „Akten der Geh. Räte zu Hannover betr. die Absendung des Fürstl. Cellischen Sekretärs Stambke an Herzog Rudolf August von Wolfenb.“ 1898; „Manualakten des Cellischen Sekretärs Stambke . . . .“ 1698--1703. (H. St.)

 

 

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an den älteren Regenten wenden sollte. Rudolf August empfing den cellischen Abgesandten aufs freundlichste und war nicht abgeneigt, auf Wunsch Georg Wilhelms die im Jahre 1686 inbetreff der Primogenitur abgegebene Erklärung zu wiederholen. 1) Nur widerstrebte es ihm, diese Erklärung unter die Garantie der befreundeten auswärtigen Mächte zu stellen, weil man darin ein offenbares Zeichen von Mißtrauen erblicken müsse. Der Vertreter Georg Wilhelms suchte diese Bedenken zu zerstreuen, indem er auf die Umtriebe Anton Ulrichs hinwies. 2) Stambke wurde jedoch bald um seine Sicherheit am braunschweigischen Hofe besorgt, als sich Anton Ulrich, der von seiner Anwesenheit Kenntnis erhalten hatte, drohend vernehmen ließ, er werde ihn an einen anderen Ort bringen lassen, aus dem er sobald nicht herauskommen sollte. 3) Als die Äußerungen des leidenschaftlichen Herzogs immer heftiger wurden und er Stambke an das Schicksal des wolfenbüttelschen Sekretärs Blume erinnerte, den man unschuldig in Hannover sieben Monate gehalten habe, 4) verließ der cellische Gesandte unverzüglich Braunschweig. Rudolf August war über die Flucht Stambkes nicht wenig erstaunt und betroffen. Er sandte ihm eiligst einen Boten nach, um ihn zur Umkehr zu bewegen. 5)

 

Nach einiger Zeit kehrte Stambke auch nach Braunschweig zurück. 6) Anton Ulrich ließ sich aber durch nichts zu der Erneuerung der Erklärung bringen, sondern wetterte und tobte, daß man nicht in allem nach seinem Willen

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1) Relation Stambkes 11. Febr. 1698.

2) Relation Stambkes 15. Febr. 1698.

3) ebenda.

4) Stambke an Rud. Aug. 18./28. Febr., desgl. an den wolfenb. Intendanten Lautenbach 21. Febr. 1698. Vergl. ferner: Havemann III, 363.

5) Rudolf August an Stambke 17./27. Febr. 1698. Er habe nicht gut daran getan, durch falsche Reden sich einschüchtern zu lassen. Der Brief schließt: „findet Er dieses etwa noch zu Ohof, so thue Er so wol und kehre er wieder umb; ich habe alles so incamiret, daß ich an guten Success nicht zweifel.“

6) Instruktion an Stambke 24. Febr. 1698.

 

 

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verfuhr. 1) Der geängstigte Rudolf August konnte deshalb vorläufig nur dem cellischen Unterhändler versichern, daß er Zeit Seines Lebens für Frieden und Einigkeit sorgen und zu keinem feindlichen Beginnen seine Einwilligung geben werde. 2) Auf seine beständigen Vorstellungen und Ermahnungen hin erfüllte Anton Ulrich aber schließlich doch den Wunsch Hannovers. 3) Im Mai desselben Jahres gaben dann die beiden Brüder dem englischen Gesandten Cresset ihren Wunsch nach völliger Aussöhnung mit ihren Verwandten kund. Sie baten den König von England nicht allein um Übernahme der Mediation, sondern waren sogar bereit, sich seinem Schiedsspruch zu unterwerfen. Anton Ulrich unterließ es nicht, dabei besonders hervorzuheben, daß er jetzt „freie Hände“ habe. 4)

 

Bei solchen Beteuerungen konnte der englische Hof mit Recht an den Erfolg weiterer Unterhandlungen glauben. Er übernahm deshalb bereitwilligst wieder die Vermittlung und setzte als ersten Beratungsgegenstand eine Verständigung über die Kur und Primogenitur fest. 5) Nicht wenig aber war man überrascht, als Anton Ulrich doch wieder Schwierigkeiten machte. Der Fürst erinnerte Cresset daran, daß ihm die Mediation seines königlichen Herrn stets angenehm sein werde; er habe sich aber nicht verpflichtet, die ganze Angelegenheit seiner völligen und ausschließlichen Entscheidung anheimzustellen.“ 6) Der englische Gesandte

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1) Relation Stambkes 27. Febr. 1698.

2) Relation Stambkes 5. März 1698

3) April 1698. Havemann III, 364.

4) Cresset an Platen 11. Mai 1698. Relation von Schütz aus London 17./27. Mai 1698. (H. St.)

5) Relation von Schütz aus London 17./27. Mai 1698. (H. St.)

6) Anton Ulrich an Cresset, 4. und 28. Juni 1698. (H. St. Absch.) Anton Ulrich fügte noch hinzu, solche Ausdrücke wie „compromis, juge et arbitre, la condition exclusive d'autres puissances,“ die er in seiner Relation an den König, erwähnt habe, seien in ihrer Unterredung niemals gebraucht worden. Als Diplomat müsse er wissen, daß solche Sachen von Bedeutung in einem Gespräche nicht abgeschlossen werden könnten, bei dem durch verschiedene Ausdrücke besonders in einer fremden Sprache leicht Mißverständnisse eintreten könnten.

 

 

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beteuerte vergebens bei seiner Ehre, Anton Ulrich habe sich zu allem bereit erklärt und anfänglich kein Streitobjekt zwischen den Verwandten von den Beratungen ausgeschlossen. 1) In Wahrheit waren die Worte des Fürsten nur leere Ausflüchte, um die Verhandlungen wieder abbrechen zu können, denn die Verhältnisse im Reich hatten sich inzwischen zu seinen Gunsten verschoben, so daß er wohl hoffen konnte, den Kampf gegen seine Vettern mit Erfolg fortsetzen zu können. 2) Den hannoverschen und cellischen Hof erfüllte es aber mit um so größerem Ärger, daß man sich wiederum, wenn auch mit großem Mißtrauen, auf die „Grimacen und Verstellungen“ des Gegners eingelassen hatte. 3)

 

Herzog Anton Ulrich fand in der Tat mittlerweile alles nach seinen Wünschen vor. Kaum hatte Ernst August die Augen geschlossen, da erneuerten seine jüngeren Söhne den Protest gegen die Durchführung des Primogeniturgesetzes. 4) Brandenburg und Dänemark boten den jungen Prinzen diesmal ihre Hilfe an. Anton Ulrich nahm daher trotz noch jüngst wiederholten Versprechens mit dem Prinzen Maximilian wieder Fühlung. Er trug auch nach einiger Zeit kein Bedenken, einem Abkommen des Königs von Dänemark mit dem Prinzen Maximilian seine Zustimmung zu geben, wodurch letzterem eine jährliche Unterstützung von

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1) Relation Wendhausens an Ant. Ulrich 27. Juli 1698. (W. L.)

2) Siehe die folgenden Abschnitte und Belege.

3) Instruktion an Schütz 15. Juni 1698. (H. St.) Sie wüßten, „daß alles waß S. Ld. (A. Ulr.) von dero gutem Willen zur Wiedervereinigun mit ihnen vorgäben, nur Grimacen und Verstellungen wären, wodurch Sie den Fremden weiß zu machen beabsichten, als ob Sie Inklination zum Frieden, Einigkeit und Billigkeit hätten und dadurch Sie alles Odium auf Sie wälzen wollten.“ Wilhelm III. von England war der Meinung, „daß Ant. Ulrich sich in dieser Occasion solcher Gestalt decouvrirt habe, daß man fürderhin schwerlich einigen Glauben demjenigen Werke beimessen könne, was von ihm komme.“ (Nach einer Relat. von Schütz aus Loo. 8./18. Juli 1698. H. St.)

4) Brandenburg entzog Dank der Bemühungen Iltens den Prinzen schon bald wieder seine Unterstützung. (Bodemann: „Jobst Hermann von Ilten.“)

 

 

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20000 Talern gesichert wurde, selbst für den Fall, daß sein Unternehmen scheitern sollte. Auch den übrigen Prinzen wurden reiche Geldmittel in Aussicht gestellt, wenn sie diesem Vertrage beitreten würden. 1)

 

Mit großer Genugtuung mußte Anton Ulrich auch den sich allmählich wieder regenden Widerstand im Reiche gegen die hannoversche Kur begrüßen. Die opponierenden Mitglieder des Kurfürstenkollegiums beharrten bei ihren alten Forderungen. 2) Der Fürstenstand hielt sich jedoch anfänglich noch ziemlich ruhig, trotzdem Imhoff schon Ende Januar in Wien eifrig bemüht war, seine Kollegen zu energischen Maßregeln gegen die Neubelehnung Hannovers zu überreden. 3) Es war aber ein großer Gewinn für Anton Ulrich, daß Dänemark nun durch keine anderweitigen Verpflichtungen von der Opposition mehr zurückgehalten zu werden schien und zu einer Erneuerung der früheren Allianzen mit Münster und Wolfenbüttel bereit war. 4) Anton Ulrich konnte jetzt wieder mit größerem Vertrauen seinen Verwandten die Spitze bieten, und wohl im Hinblick hierauf durchkreuzte er die Bemühungen Englands um eine Aussöhnung im Welfenhause. Bestärkt wurde er in diesem Verhalten, da er endlich auch bei Frankreich größeres Entgegenkommen fand und auf eine Unterstützung von dieser Seite immer mehr rechnen durfte. 5) Freilich war dieser Umschwung am Versailler Hofe weniger auf das Verdienst Anton Ulrichs zurückzuführen, als auf die

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1) Vertrag vom 23. Mai 1699. (W. L. Absch.)

2) Münster an Wolf. 14. Jan. 1698. (M. St. Cpt.)

3) Instruktion an Imhoff 27. Jan. 1698. (W. L.)

4) Rezeß vom 10./20. Juni 1698. (M. St. M. 4798). Frankreich hatte Anton Ulrich hierzu angetrieben, wie aus der Korrespondenz des Fürsten mit dem Domdechanten von Paderborn ersichtlich ist. (M. St. 21. 3., 16./4. 1698): „Ich (A. U.) habe nachricht aus Frankreich, das man daselbst die endschaft dieser tractaten auch wünschet und bin ich von dorther angemahnet worden, sie zu befodern das Er mir dan seines ohrtes wird Zeugnis geben, daß ich sie bisher stets betrieben.“

5) Briefe an Hertel von französischen Unterhändlern April--Dez.1698. (W. L.)

 

 

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durch den drohenden Streit um das spanische Erbe veränderte politische Konstellation.

 

Vergegenwärtigen wir uns die Situtation im Herbst 1698. 1) Auf dem Friedenskongreß zu Ryßwick hatte man es nicht zu ernsten Verhandlungen über die spanische Erbfolgefrage kommen lassen. Im März des folgenden Jahres aber hatte Frankreich sich auf diplomatischem Wege mit den Seemächten zu einigen gesucht. Es war denn auch bald ein Abkommen zwischen den Mächten zu stande gekommen, das den Kurprinzen von Baiern als Haupterben der spanischen Monarchie einsetzte, Ludwig XIV. Unteritalien und dem Kaiser Mailand zuwies. Obschon die erste Kriegsgefahr hierdurch abgewendet war, so trafen die französischen Staatsmänner doch alle Vorbereitungen für den Ernstfall. Eifrig waren sie darauf bedacht, den durch den Kurstreit im Reich entstandenen Hader zu schüren und die Opponenten für strikte Neutralität beim Ausbruch des Krieges zu verpflichten. Ludwig XIV. ließ daher den Mitgliedern des Fürstenkollegiums immer wieder zu Gemüte führen, bei der spanischen Erbfolgefrage sei nur der Kaiser persönlich interessiert, Leopold werde aber bei einer Beteiligung des Reiches nur noch bessere Gelegenheit zur völligen Unterdrückung und Beschneidung ihrer Freiheiten und Rechte finden, während Frankreich auf den Frieden bedacht sei und die Privilegien der Fürsten stets schützen werde. Die französische Regierung betonte dabei natürlich ihre Bereitwilligkeit, die hannoversche Kur erst nach einem einmütigen Reichsbeschluß anzuerkennen. 2)

 

Die Mehrzahl der deutschen Fürsten nahm diese Versicherungen jedoch mit Mißtrauen auf. Vor allem waren die evangelischen Reichsstände wegen der Ryßwicker

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1) Noorden: „Europäische Geschichte im 18. Jahrh.“ I. Der Spanische Erbfolgekrieg. Düsseldorf 1870 S. 97 ff., 107 ff.

2) Korrespondenz Hertels 21. Juni 1698 (W. L.): „Sa Majesté (Louis XIV.) donnera une protection particuliére à touts les Princes Protestants désirant, de rétablir avec eux l'ancienne amitié et bonne correspondance dont on s'est si bien trouvé cy-devant.“ Anton Ulrich solle sich bemühen, daß die übrigen protest. Fürsten ihre Opposition gegen die Bestimmungen des Ryßwickschen Friedens aufgeben möchten. Desgl. 12. Juli: „Sa majesté vent bien soutenir les opposans au 9me electorat comme estant une innovation opposée mesme au traite de Westphalie“, ferner 29. Juli u. s. w. Vergleiche ferner: „R. d. J.“ (Autriche) S. 139 ff.; II. (Suède) S. 189 ff.; XIII. (Danemark) S. 85 ff.; XVI. (Prusse) S. 237 ff.

 

 

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Religionsklausel gegen Ludwig XIV. erbittert. Unter diesen Umständen war es für Frankreich von hohem Wert, sich die Hilfe Herzog Anton Ulrichs, des Führers und Organisators der Opposition, zu sichern. Der Fürst konnte mit Anerbietungen, die ihm Ludwig XIV. auf schriftlichem Wege unterbreiten ließ, wohl zufrieden sein. 1) Die Unterhandlungen kamen aber in besseren Fluß, seitdem du Heron als französischer Bevollmächtigter in Wolfenbüttel weilte. 2) Diesem war der Auftrag zu teil geworden, vornehmlich sich mit dem jüngeren Regenten weiter zu beraten, denn die Abneigung Rudolf Augusts gegen Frankreich war wohl bekannt. Falls Rudolf August zu dem beabsichtigten engeren Bündnis nicht zu bewegen sein werde, so sollte du Heron mit Anton Ulrich die näheren Vereinbarungen allein treffen und es diesem überlassen, seinen Bruder zu der Ratifikation des Vertrages zu überreden. 3) Genau nach dieser Anweisung verfuhr der französische Gesandte und schon im Anfange September brachte er ein Bündnis auf drei Jahre zu stande, das auf wolfenbüttelscher Seite vom Kanzler Wendhausen und Geheimen Rat Lüdecke unterzeichnet wurde. 4) Beide Teile wollten den Westfälischen, Nymwegischen und Ryßwickschen

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1) Korrespondenz Hertels 29. Juli 1698; Projet des conditions 13. Jul. 1698. (W. L.)

2) Beglaubigung du Herons 12. August 1698. (W. L.)

3) Korrespondenz Hertels 12. Juli 1698. (W. L.) du Heron habe den Befehl erhalten, „qu'au cas que mons. le duc Rudolphe ne soit pas disposé à conclure un tel tracte que cependant mons. du Heron ne laisse pas de le conclure en particulier avec V. A. S. (Ant. Ulr.) laissant à V. A. S. de prendre son temps pour le faire agréer et ratifier à Ms. le Duc Rudolphe.“

4) 30. Aug./9. Sept. 1698, ratifiziert am 28. Sept. 1698. (W. L.)

 

 

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Frieden aufrecht halten. Louis XIV. dagegen wiederholte sein früheres Versprechen, die Kurwürde Hannovers nach völliger Befriedigung der wolfenbüttelschen und ordnungsmäßiger Beratung in den Reichskollegien anzuerkennen, während Rudolf August und Anton Ulrich sich ohne die Billigung und Zustimmung 1) Frankreichs auf keinen Vergleich mit ihren Verwandten einlassen wollten. Die Herzöge wollten ferner ihre Beschwerden gegen ihre Vettern Ludwig unterbreiten, damit dieser über die notwendige Unterstützung sicherer urteilen könne. Obschon ihnen im Vertrage auch die Möglichkeit, ihr schuldiges Truppenkontingent dem Reiche zur Verfügung zu stellen, zuerkannt wurde, so zielte diese Bestimmung doch nur darauf hin, dem reichstreugesinnten Rudolf August Sand in die Augen zu streuen. Zwischen den Zeilen liest man, daß eine solche Verpflichtung gegen den Kaiser aufhören sollte, sobald die französischen Anhänger im Reich sich den Plänen des Reichsoberhauptes widersetzen und für den Frieden eintreten würden. Die wahren Absichten waren indes so geschickt verschleiert, daß Rudolf August keinen Anstand nahm, die getroffenen Vereinbarungen zu ratifizieren, von den Subsidien aber, die seinem Bruder in einem Sekretartikel von Ludwig XIV. zugestanden wurden, erfuhr er nichts. 2) Rudolf August war sich sicherlich auch nicht recht klar darüber, daß durch die Bestimmung, die sowohl evangelischen wie katholischen Reichsständen den Beitritt zu diesem Bündnisse ermöglichte, der Grund zu einer franösischen Neutralitätspartei bei einem etwaigen Bruch zwischen dem Reiche und Frankreich gelegt war.

 

Vorläufig kam es Anton Ulrich in erster Linie darauf an, seinem Verbündeten zu einem Eingreifen in den Kurstreit

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1) Die Worte „agrément et consentemant“ wurden bei der Ratifikation durch „intervention et concurrence“ ersetzt, da die erstere Fassung bei einigen Fürsten Skrupeln erregen würde. (Erklärung der wolf. Räte v. 28. Aug. 1698. W. L.)

2) Briefliche Mitteilung des Herrn Archivrats Dr. Zimmermann-Wolfenbüttel nach wolfenbüttler Archivalien.

 

 

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zu verhelfen. 1) Schon vor der Unterzeichnung des Vertrages hatten die wolfenbüttelschen Räte du Heron erklärt, sie seien entschlossen, im Verein mit anderen gleichgesinnten Fürsten Ludwig XIV. als Garanten des Westfälischen Friedens zum Schutze ihrer Rechte und Privilegien anzurufen. 2) Anton Ulrich eröffnete für diesen Plan nun bei den Mitgliedern des Fürstenvereins eine lebhafte Agitation. Wie früher fand er aber nur bei Dänemark Zustimmung. 3) Die übrigen Fürsten hatten noch ernste Bedenken, obschon man zu ihrer Beruhigung erklärte, daß natürlich auch Schweden als Mitgarant des Westfälischen Friedens angegangen werden sollte. Zu denen, die sich ablehnend verhielten, gehörte der Bischof von Münster und der Landgraf von Hessen-Kassel. 4) Der erstere riet den vertrauteren Mitopponenten, noch einmal beim Kaiser vorstellig zu werden, denn einerseits sichere man sich hierdurch auch fernerhin die Gewogenheit der dem Kaiser ergebeneren Mitglieder des Fürstenvereines, andererseits sei man nach erneuten, vergeblichen Bemühungen am Wiener Hofe desto besser für die Zuhilfenahme auswärtiger Mächte entschuldigt. 5) Diesen zutreffenden Erwägungen konnte sich Anton Ulrich nicht entziehen. Die Schwierigkeiten aber, die seine Vertreter bei der Ausführung des münsterschen Vorschlages machten, bewiesen zur Genüge, wie wenig ihr Herr mit der Fortsetzung solcher milden Maßnahmen zufrieden war. 6) Anton Ulrich hielt in der Tat aus zwei Gründen ein ganz energisches Vorgehen für durchaus notwendig. Einmal trieb der hannoversche Gesandte v. Oberg in aller Stille den kaiserlichen Hof zur baldigen Vornahme der Neubelehnung an; 7) dann stand die Heirat König Josephs mit der

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1) Wolf. an Münster 17. Okt. 1698. (M. St.)

2) Erklärung der wolf. Minister, 28. August 1698. (W. L.)

3) Instruktion an den dänischen Gesdt. in Regensburg Oktober 1698. (M. St. Absch.)

4) Münster an Wolf. 18. Nov. 1698. (M. L. Ccpt.); Hessen-Kassel an Wolf. 6. Nov. 1698. (W. L.)

5) ebenda.

6) Wolf. an Münster 13. Dez. 1698, desgl. Münster an Wolf. 15. Dez. 1698. (M. St.)

7) Wolf. an Münster 29. Okt. 1698 (M. St.)

 

 

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hannoverschen Prinzessin Wilhelmine Amalie bevor, wodurch die Position der hannoverschen Partei am Kaiserhofe nicht wenig verstärkt wurde. Gerade durch den letzteren Umstand hatte seine Abneigung gegen seine Verwandten noch reichere Nahrung erhalten, zumal er in rücksichtsloser Weise Jahre lang alles in Bewegung gesetzt hatte, die Heirat zu hintertreiben. 1) Herzog Anton Ulrich und der König von Dänemark beeilten sich denn auch, die beiden Garanten wenigstens in ihrem Namen um Schutz der fürstlichen Rechte zu ersuchen. 2) Die französischen Staatsmänner zauderten aber, diesem Wunsche direkt nachzukommen, ohne von einer größeren Anzahl deutscher Fürsten darum gebeten worden zu sein. 3)

 

Ende Dezember brachten die übrigen Fürsten glücklich ihren schriftlichen Vortrag bei der Kaiserlichen Kommission in Regensburg an. Lange hatte sich dies verzögert, da es unter den Vertretern der Fürsten wegen des Vortrittes untereinander zu heftigen Reibungen gekommen war. 4) Schließlich war man aber doch noch erfreut, als im Vergleich zu früher eine ungewöhnlich große Anzahl Mitglieder des Fürstenkollegiums das Memorial unterzeichnet hatte 5) und ihnen

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1) Korrespendenz Anton Ulrichs mit Kurpfalz, Dänemark und Sachsen-Meiningen Nov. 1696 bis Jan. 1698. (W. L.) Hier heißt es in einigen Briefen: Die hannoversche Prinzessin werde „zu des Vaterlandes Ruin und gänzlicher Zerrüttung“ auf den Thron kommen. „Der unterdrückte Fürstenstand werde dann noch mehr unterdrückt werden, daß des Kaisers Gnade von ihnen weiche, durchaus gegen ihre Religion zunehme und tausend andere Inkonvenientien hiernächst sich hervortun würden, die jetzo noch nicht abzusehen seien.“

2) Ob Rudolf August hiervon gewußt hat, konnte ich nicht konstatieren, da mir hierüber nur eine Relation Wendhausens aus Regensburg vom 4./14. Dez. 1698 (W. L.) vorlag. Nach dieser trugen Wendhausen und der Däne Lewenkron dem franz. Gesdt. beim Reichstage am 29. Nov./9. Dez. ihre Bitte vor.

3) Vorher hatte Frankreich eine öffentliche Erklärung gegen die neunte Kur in Aussicht gestellt, wenn nur ein Mitglied des Fürstenkollegiums die Requisition der Garanten nachsuchen werde. (Beilage eines Schreib. Wolf. an Münst. 29. Okt. 1698. M. St.)

4) Wolf. an Münster 23. Okt., desgl. Münster an Wolf. 15. Dez. 1698. (M. St.)

5) Münster an Wolf. 18. Nov. 1698. (M. St. Ccept.)

 

 

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vom Kaiser der Bescheid zu teil wurde, daß er die Kurangelegenheit nur mit allseitiger Zustimmung der Reichsstände zum Austrag bringan werde. 1)

 

Leopold gedachte aber nicht, die Investitur Georg Ludwigs zu verzögern, vielmehr nahm er sie schon am 9. Jan. 1699 vor, obschon im letzten Augenblick die jüngeren hannoverschen Prinzen nochmals Einspruch erhoben. 2) Die korrespondierenden Fürsten -- dieser Name kam nun immer mehr auf -- waren hierüber bestürzt und erbittert, da sie den jüngsten Versicherungen des kaiserlichen Kommissars vollen Glauben beigemessen und eine vorherige Beratung der Kurangelegenheit in allen drei Reichskollegien erwartet hatten. In feierlichem Protest wandten sie sich wieder an das Reichsoberhaupt und erklärten sowohl die frühere, wie jetzige Investitur für nichtig. 3) Wolfenbüttel und Dänemark aber trugen von neuem den beiden Garanten des Westfälischen Friedens ihre Beschwerden vor. 4) Im übrigen wurden jedoch weitere Schritte der Opposition durch die mehr um sich greifenden Ceremonialstreitigkeiten gehemmt. Hierbei zeichnete sich vor allem der münstersche, hessen-kasselsche und sachsen-gothasche Gesandte aus, denen der Däne Lewenkron wegen ihrer „Somnia und albernen Tändeleien“ heftige Vorwürfe machte. 5) Aber auch der Verkehr der kaiserlichen und kurfürstlichen Gesandten mit denen der Opponenten wurde täglich gespannter, da sich die ersteren um gewisse Prärogativen der fürstlichen Bevollmächtigten nicht mehr kümmerten. 6) Dieses sah der Reichsfürstenstand als einen neuen Schritt zur völligen Unterdrückung seiner Rechte an, und von Tag zu Tag nahm

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1) Schreiben der fürstl. Gesandten den Kaiser. Regensburg 1699. (W. L. Absch.) Siehe auch: „Theat. Europ.“ XV., 601 ff

2) Theat. Europ. 601 ff.

3) (W. L. Absch.) Schreib. der fürst. Gesandt. an den Kaiser 1699 (ohne näh. Dat.)

4) Theat. Europ. XV, 603.

5) Der dänische Gesandte an Wolf. 15./25. März 1699. (M. St. Absch.)

6) Capita deliberanda, ad April. 1699.

 

 

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die Erregung wieder zu. Am lautesten gab wie immer Anton Ulrich seiner Entrüstung Ausdruck. Er hielt den vertrauten Fürsten die Notwendigkeit eines neuen gemeinsamen Konventes vor, auf dem man zu den letzten Ereignissen entschieden Stellung nehmen müsse; die Stadt Goslar sei wegen ihrer abgelegenen Lage zur Abhaltung der geheimen Beratungen wohl geeignet. Die meisten Mitglieder des Fürstenvereins zeigten aber noch keine Geneigtheit, den Vorschlag Anton Ulrichs auszuführen. 1)

 

Kaiser Leopold hatte inzwischen seine Verhandlungen mit den Kurfürsten von Trier, Köln und Pfalz eifrig fortgesetzt. Im September 1699 schrieb er nun an Mainz, er habe nie die Absicht gehabt, die Rechte und vor allem das „jus suffragii“ der opponierenden Kurfürsten im geringsten zu schmälern. Auch sei ihm genehm, wenn zu ihrer Beruhigung die „quaestio an“ dem Kurfürstenkollegium nochmals unterbreitet werde. 2) Gleichzeitig benachrichtigte Leopold das Fürstenkollegium, den Privilegien und Rechten der Fürsten solle ebenfalls kein Abbruch geschehen, er sei vielmehr gesonnen, die Kurangelegenheit den Reich zur Beratung und Beschlußfassung zu überweisen. Auch der Kurfürst von Mainz verfehlte nicht, den Mitgliedern des Fürstenstandes zu versichern, er werde darauf sehen und kraft seines Direktorialamtes beantragen, daß ihre Wünsche erfüllt würden. 3)

 

Entgegen allen diesen Versicherungen und Beteuerungen ließ Kaiser Leopold aber durch Kurmainz im November desselben Jahres den opponierenden Kurfürsten allein die frühere Erklärung wiederholen, der sich die übrigen Mitglieder des Kurfürstenkollegiums anschlossen. Darauf wurde die „quaestio an“ nochmals zur Beratung gestellt und einstimmig bejahend beantwortet. 4)

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1) Correspondenz zw. Münst. u. Wolf. Sept. 1699. (M. St.)

2) Der Kaiser an Mainz 14. Sept. 1699. (M. St. Absch.)

3) „Theat. Europ.“ XV, 605.

4) Protocoll vom 8./18. Nov. 1699. (M. St. Absch)

 

 

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Ein Sturm der Entrüstung erhob sich hierüber unter den korrespondierenden Fürsten. Ihre Anklagen richteten sich nicht nur gegen das Reichsoberhaupt, sondern auch ebensosehr gegen den Kurfürsten von Mainz, von dem man sich schmählich hintergangen wähnte. Allgemein hielt man nun einen neuen Fürstenkongreß für unerläßlich; 1) Sachsen-Gotha und Hessen-Kassel aber pflichteten nun Anton Ulrich und dem dänischen König bei, die Hülfe Frankreichs und Schwedens sofort in Anspruch zu nehmen. 2) Der Bischof von Münster gab jedoch sicherlich die Meinung der Mehrheit des Fürstenkollegiums wieder, indem er darauf aufmerksam machte, daß man durch einen voreiligen Beschluß in dieser Richtung den Kaiser und die Kurfürsten zu einer desto schnelleren Erledigung der Introduktion Hannovers treiben werde. 3)

 

Diese beiden Strömungen in der Opposition trafen auf dem Konvente in Goslar zusammen, der Ende Januar 1700

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1) Sachs.-Gotha an Wolf. 24. Nov. 1699. Desgl. Hess.-Kassel an Wolf. 27. Nov. 1699. (M. St. Absch.)

2) ebenda.

3) Instruktion an Cochenheim 17. Jan. 1700. (M. St. Ccpt.) Ant. Ulrich hatte alles versucht, Münster zu der Requisition zu überreden, schrieb er doch am 28. Nov. 1699 (M. St.): „Aus dem Beischlusdes des geheimen Rahtsdirektoris von Gotha geruhen E. E. zu ersehen, das selbigen hofes gedancken anietzo dahin ziehlen, Franckreich auf die garantie des Westphälischen friedens zu requiriren, da Wir den unseren Geheimbten Raht Ludecken sofort dahin abreisen laßen selbigen hertzog bei so guten Sentiment zu erhalten und stellen E. E. anheimb, ob Sie nicht heilsame mittel angreiffen und ohne zeitverlust bei dem de Charmoy durch ihren gesanten zu Regensburg solches wollen verrichten laßen. Es haben E. E. bisher sich so ruhmblich der nohtleiden des fürstenstandes angenommen, das ich nicht zu zweifeln, Sie werden, da es nunmehr auf das äußerste kommen, die Hände nicht sinken laßen, und sich also dieses meines ermeßens noch eintzig übrigen hülf und rettungs Mittels bedienen, und also den gäntzlichen untergang helfen verwehren, dafür die posteritet E. E. ewigen Danck wißen wird, und werde ich und meine familie E. E. stets insonderheit höchst verbunden dafür verbleiben.“

 

 

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eröffnet wurde. 1) Der wolfenbüttelsche Hof war wieder durch den Geheimen Rat Lüdecke vertreten. Dieser hatte die Instruktion, auf jeden Fall die Requisition der Garanten des Westfälischen Friedens durchzusetzen, wenn nicht vom gesamten Kongreß, so doch wenigstens von einigen Fürsten. Der wolfenbüttelsche Bevollmächtigte war ferner angewiesen, ein noch engeres Bündnis der Fürsten nach Anleitung der ehemaligen rheinischen Allianz zu stande zu bringen. 2) Lüdecke wandte im Verein mit dem dänischen Gesandten Lewencron in diesem Sinne alles auf. Der münstersche Vertreter Cochenheim arbeitete ihnen aber diesmal mit Erfolg entgegen. Durch ihn behielt das gemäßigte Element bei den Beratungen die Oberhand: Die Majorität der fürstlichen Gesandten lehnte eine sofortige Hinzuziehung des Auslandes ab und erklärte sich für eine nochmalige nachdrückliche Wiederholung der Beschwerden am Kaiserhofe. Anton Ulrich war hiermit durchaus nicht einverstanden, denn er befürchtete nicht mit Unrecht, daß nach einer auch nur in etwa günstigen Erwiderung Leopolds die meisten Mitglieder des Fürstenvereins auf die Hilfe der beiden Garanten verzichten würden. Lüdecke erhielt daher Befehl, auf der Requisition Frankreichs und Schwedens zu bestehen; 3) er konnte indes mit seinem Vorschlage nicht durchdringen und mußte zufrieden sein, daß in den Rezeß die Bestimmung aufgenommen wurde, wonach man die Garanten des Westfälischen Friedens interpellieren wollte, falls vom Kaiser keine zuverlässige Erklärung erfolgen werde. 4)

 

Wenn so die Beschlüsse zu Goslar auch nicht im entferntesten allen Wünschen und Hoffnungen Anton Ulrichs

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1) Auch für die Goslarer Beratungen habe ich die münsterschen (M. St.: M. L. A. 473 No. 118--123) und die wolfenbüttelschen (W. L.: „Neunte Kur“ 31) Instruktionen und Relationen eingesehen.

2) Instr. an Lüdecke 8. Jan. 1700.

3) Instruktionen an Lüdecke 22. u. 30. Jan. 1700.

4) Rezeß vom 5./15. Febr. 1700. (M. St.) Ferner wurden die Fürstenvereine von 1693 und 1695 erneuert, der Beschluß gefaßt, den Reichsberatungen weiterhin fernzubleiben, Einstimmigkeit für die Annahme des hannov. Kurgesuches zu verlangen und am 15. April die Beratungen in Nürnberg fortzusetzen.

 

 

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entsprachen, so konnte der Veranstalter des Fürstentages mit der Beteiligung der deutschen Fürsten an dem Konvente wohl zufrieden sein, denn selbst der Bruder der Kaiserin, der Hofmeister des deutschen Ordens, ferner Worms, Ellwangen, Würzburg, Konstanz, Fulda und das anhaltinische Fürstenhaus waren dem Fürstenverein beigetreten. 1) Der kaiserliche Hof war über die geheimen Goslarer Verhandlungen wohl unterrichtet und machte seinem Ärger vornehmlich gegen den Deutschmeister und den Markgrafen von Baden-Baden Luft. 2) Aber auch die übrigen Teilnehmer, wie Dänemark, Münster, Würzburg und andere bekamen von Leopold harte Ermahnungen und Drohungen, 3) die aber nichts fruchteten; vielmehr protestierte man fürstlicherseits energisch gegen die scharfen Verweise, die sonst nur an Reichsfeinde gerichtet würden. 4)

 

Der Hof von Wolfenbüttel war mittlerweile immer mehr unter französischen Einfluß gelangt. Du Heron verstand es ausgezeichnet, sich zu einem beliebten und gern gesehenen Gast zu machen. Als im April 1700 Bonac an seine Stelle trat, 5) blieb Anton Ulrich mit ihm in regem Briefwechsel. 6) Auch das persönliche Verhältnis der wolfenbüttelschen Herzöge zum Hofe von Versailles gestaltete sich inniger, denn sowohl Anton Ulrich als auch Rudolf August richteten an Ludwig XIV. und den Dauphin Schreiben, in denen sie ihre Dankbarkeit und Ergebenheit bekundeten. 7) Die französischen Staatsmänner drangen aber immer von neuem in Anton Ulrich, die Requisition Frankreichs bei den Opponenten durchzusetzen. 8) Vorläufig aber konnte dieser nur den

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1) ebenda

2) A. Schulte a. a. O. I, 538 ff.

3) Würzburg an Münster 7. April 1700; der Kaiser an Münster 26. Jan. 1700. (M. St.)

4) Protest des dänischen Gesandten 16. Mai 1700. (W. L. Absch.)

5) Beglaubigung Ludwigs XIV. 8. April 1700. (W. L.)

6) W. L. „Neunte Kur“ 35.

7) Schreiben vom 14. u. 19. April 1700. (W. L. Ccpt.)

8) Relation Cochenheims aus Wien 26. Mai 1700. (M. St.)

 

 

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beiden vom Goslarer Konvent nach Wien entsandten Vertretern ans Herz legen, sich nicht mit den kaiserlichen Ministern in weitläufige Konferenzen einzulassen, weil sonst eine schließliche Verständigung doch noch erzielt werden könnte. 1) Er brauchte indes um ein allzu großes Entgegenkommen der fürstliche Bevollmächtigten nicht besorgt zu sein, denn sein Vertrauter, der Oberhofmeister v. Imhoff, war für diese wichtige diplomatische Sendung von der Opposition mit ausersehen worden. Im Mai 1700 begab sich dieser zusammen mit Cochenheim nach Wien, um sich des ihnen vom Goslarer Konvent gegebenen Auftrags zu entledigen. Die beiden Abgesandten versuchten nun am kaiserlichen Hofe eine bestimmte Erklärung auf ihre Beschwerden hin zu erlangen. Sie fanden jedoch die kaiserlichen Minister wohl zu allen möglichen Versicherungen bereit, mit einer präzisen Antwort hielten diese wohlweislich zurück. 2)

 

Die hannoverschen Staatsmänner versuchten in diesem wichtigen Augenblick durch eine Annäherung an Frankreich weiteren Schritten der Opposition vorzubeugen. Ludwig XIV. wollte sich aber nicht eher auf die von Hannover angebotene Allianz einlassen, bis der Nürnberger Fürstenkongreß sich entschieden hatte. 3) Dieser hatte schon im April seinen Anfang genommen. Der kaiserliche Hof hatte geglaubt, bei der Wiederaufnahme der Beratungen durch den Kurfürsten von Mainz sich mit der Opposition noch einigen zu können. Die Vorschläge des mainzischen Gesandten wies man indes mit Entrüstung zurück, da die Fürsten alles Vertrauen zu Kurmainz verloren hatten. 3) Mit Ungeduld

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1) Instruktion an Lüdecke 13. April 1700; Ant. Ulrich an Münster14. April 1700. (M. St.)

2) Gemeinsame Relation der beid. Gesandt. 22. Mai 1700, desgl. 26. Mai. (M. St. Absch.)

3) Relation Cochenheims Juni 1700. (M. St.)

4) Relationen Lüdeckes 4. u. 8. Mai 1700. (W. L.); „Ohnverfängliche Gedanken über die von Ihrer Chur-Fürstl. Gnd. zu Mayntz zu Beruhigung Derer correspondirenden Reichs-Fürsten in der IX. Chur-Sache geschehene Vorschläge.“ Gedr. 1700. (M. St.): a) Ausstellung eines „decretum de non praejudicando“ seitens des Kaisers. b) Beratung der Kurangelegenheit in den Reichskollegien. Künftig sollte ohne Zustimmung der Fürsten und Stände keine neue Kur eingeführt werden.

 

 

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erwartete der Konvent vielmehr das Resultat der Verhandlungen in Wien, nachdem man Mitte Juli 12000 Mann zu gegenseitiger Unterstützung bereit zu halten beschlossen hatte. 1)

 

Imhoff und Cochenheim setzten am Kaiserhofe eifrig ihre Bemühungen fort. 2) Der Fürst von Salm und Pater Wolf, der Vertraute Leopolds, waren den Fürsten wohl gewogen. Auch auf den Kaiser verfehlten die erneuten Vorstellungen der Opponenten nicht jeglichen Eindruck. 3) Zu Zugeständnissen an den Reichsfürstenstand ließ er sich jedoch nicht bewegen. Er verwies die Opponenten vielmehr in dem Bescheid, der ihnen endlich nach monatelangem Warten im Anfang August gegeben wurde, von neuem an den Kurfürsten von Mainz. Im übrigen war er gern bereit, ihre weiteren Wünsche zu hören und beim Kurfürstenkollegium vermitteln zu helfen. 4)

 

Die Verweisung der opponierenden Fürsten an das Kurfürstenkollegium war ein geschickter Schachzug der kaiserlichen Politik, denn hierdurch mußten die Kurfürsten sich geehrt fühlen und vielleicht mehr als bisher für die neunte Kur interessiert und gewonnen werden. Die korrespondierenden Fürsten waren desto weniger mit der kaiserlichen

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1) Rezeß vom 15. Juli 1700. (M. St.)

2) Gemeins. Relationen Imhoffs und Cochenheims Mai-Juli 1700. (M. St. Absch.)

3) Relation Cochenheims 3. Juli 1700. (M. St.): „Imperator habe sich -- so teilte Pater Wolf den Gesandten mit -- dabei heraußgelaßen, er wolle an Hannover schreiben, daß er ihn vieler wichtiger considerationen halber mit dem Gesuch der introduktion verschonen müße biß dahier daß reich undt der Fürstenstandt wieder in statum tranquillitatis gesetzet, und die gemüther hierunter vereiniget seyn würden.“ Fürst Salm stimmte den Gesandten zu, daß ihnen kein anderes Mittel neben der Union als die Requisition Frankreichs und Schwedens übrig sei. (Relat. Cochenheims 13. Juli 1700. M. St.)

4) 3. August 1700. (M. St. Absch.)

 

 

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Erwiderung zufrieden. 1) Die Ausflüchte und die leeren Versicherungen, mit denen der Wiener Hof die Gesandten so lange hinhielt, hatten sie mit steigender Erbitterung erfüllt. 2) In Wien, so hatte sich schon Ende Juli der mit den Ansichten der leitenden Kreise an der Donau wohlvertraute Markgraf von Baden-Baden vernehmen lassen, könne man auf ein Entgegenkommen nicht rechnen. Deshalb sei er entschlossen, die Hülfe der Garanten der fürstlichen Freiheiten und Rechte nachzusuchen. Als die Voraussage des Markgrafen nun wirklich eintrat, stimmten ihm unverzüglich Würzburg, Münster, Sachsen-Koburg und Gotha, Wolfenbüttel, Baden-Durlach, Holstein-Glückstadt und Anhalt zu. 3). Die übrigen Fürsten zauderten noch. Da ließ Markgraf Ludwig Wilhelm ihnen durch seinen Vertreter in Nürnberg bekannt geben, daß er entschlossen sei, unter Umständen auch allein das „Instrumentum requisitionis“ zu unterzeichnen, und als der letzte für die Rechte seines Hauses und des deutschen Fürstenstandes einzutreten. 4) Diese energischen Worte des kaiserlichen Generalleutnants machten tiefen Eindruck. Sachsen-Eisenach, Brandenburg- Onolzbach und Hessen-Kassel schlossen sich nun an, und Ende August wurde die Requisition den Garanten zugeschickt. 5)

 

Durch diesen Schritt wurde die Kluft zwischen kaiserlich-hannoverschen Partei und der Opposition noch vergrößert, ja fast unüberbrückbar. Die kaiserliche Ungnade richtete sich vornehmlich wieder gegen den Markgrafen von Baden-Baden, während Herzog Anton Ulrich, der von Anfang an doch den Reichsfürstenstand auf diese Maßnahme hingewiesen und hingedrängt hatte, 6) unbehelligt blieb. Bei dem letzteren hielt Leopold wohl alle weiteren Remonstrationen

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1) Relation Plettenbergs 13. Aug. 1700. (M. St.)

2) Instruktionen an Lüdecke und den Dänen Lewencron 3. Juli 1700. (W. L. Ccpt.)

3) Relation Plettenbergs 6. Aug. 1700. (M. St.)

4) Dictatum Nürnberg 19. Aug. 1700. (M. St.); A. Schulte a. a. O. I, 540 ff.

5) 25. August 1700. (M. St. Absch.)

6) S. S. 21, 50, 81, 82.

 

 

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für erfolglos, seinen Generalleutnant aber glaubte er wohl noch umstimmen zu können. Alle Verweise und Ermahnungen des Wiener Hofes verfehlten aber bei dem Markgrafen ihren Zweck. Er bestritt entschieden, sich eines Vergehens gegen Kaiser und Reich schuldig gemacht zu haben, denn der vom Kaiser beschworene Westfälische Frieden habe ihnen den Weg zu den Garanten gewiesen. Auch dulde der Kaiser ja, daß England und Holland die Ansprüche Hannovers unterstützten. Lieber wollte er aber auf seine militärische Charge verzichten, als die Fürstensache aufgeben und „ein verächtlicher Sklave der Herren Kurfürsten werden“. 1)

 

Diese Worte sind so recht charakteristisch für die Stimmung im Fürstenkollegium. Einen solchen Hader hatte der verhängnisvolle Streit um die hannoversche Kur im Reiche gestiftet, daß selbst die ergebensten Anhänger des Kaisers mit Unmut und Erbitterung erfüllt waren, zu einer Zeit, wo das Reichsoberhaupt nicht die Hilfe eines einzigen entbehren konnte; denn immer drohender stieg das Unwetter am politischen Horizont herauf. Wohl hatten sich Frankreich und die Seemächte nach dem Tode des jungen bayrischen Prinzen über das spanische Erbe wieder geeinigt, jedoch weigerte sich der Kaiser entschieden, der getroffenen Vereinbarung beizutreten. Der bevorstehende Tod des dahinsiechenden Karls II. rückte die definitive Entscheidung immer näher heran. 2) Mit Freuden begrüßte daher Ludwig XIV. das Schreiben der korrespondierenden Fürsten, denn hierdurch erhielt er die lang ersehnte Gelegenheit, die Zwietracht im Reiche noch mehr schüren zu können. Den französischen Gesandten in Regensburg, Wien und an den kurfürstlichen Höfen ging sofort der Befehl zu, Protest gegen die neunte Kur einzulegen. 3) Dem Fürstenkongreß in Nürnberg überbrachte dann der französische Gesandtschaftssekretär Fromont die nähere Antwort seines königlichen Herrn.

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1) Schulte a. a. O. I, 541 ff.

2) Noorden: „Europäische Geschichte im 18. Jahrh.“ I, 111 ff.

3) Actum Nürnberg. 30.Sept. 1700. (M. St.); „R. d. J.“ VII, 113.

 

 

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Ludwig XIV. wollte den durch den Westfälischen Frieden erworbenen fürstlichen Rechten vollen Schutz angedeihen lassen und war bereit, die Opponenten auf jede Weise zu unterstützen, sobald er hierum angegangen würde. 1)

 

Diese Botschaft wurde mit Freuden aufgenommen. Die eingeweihteren Kreise in Nürnberg mochten aber doch wohl schärfere Maßnahmen von seiten Frankreichs erwartet haben. 2) Ludwig XIV. hatte sich gehütet, energisch die Sache selbst in die Hand zu nehmen, da er der überwiegenden Majorität des Fürstenkollegiums durchaus nicht sicher war. Wie leicht konnte es dem Kaiser doch noch gelingen, den einen oder anderen umzustimmen! Ferner kam für die französischen Diplomaten in Betracht, daß -- wie wir noch sehen werden -- Dänemark von der Opposition abgedrängt war und der Kurfürst von Sachsen nach wie vor zu Hannover hielt. Aus diesen Gründen machten sie alle weiteren Entschlüsse von der eigenen Initiative der korrespondierenden Fürsten abhängig, die ihnen weder zuverlässig, noch stark

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1) Relation Plettenbergs 28. Sept. 1700 (M. St.). Der französische Gesandte erklärte ferner, Marquis de Torcy habe ihm gesagt, „daß Ihro Maj. selbst genau examinirt und überzahlet hatten die nahme derjenigen H. Fürsten, welcher wegen die requisitionsacte wehren unterzeichnet worden, undt daß diejenigen, so derahn kein theil genohmen, oder noch nehmen würden, vielleicht deßen künftighin eine reu tragen dörfften : die formalia lauthen, qu'ils pourroient bien s'en repentir: den es wehre dero gnädigste Intention, alles dasienige fürkehren zu wollen, was bey Ihro die Herr. Reichsfürsten selbsten an handt geben würden.“

2) Fromont gab den vertrauten Gesandten insgeheim noch zu verstehen, „wie daß Ihro Königl. Mayst. in Franckreich noch sehr zweifelten, ob die herren fürsten bey der Correspondentz beständig verharren, und nicht etwa durch Kays. güetliche oder harte persuasiones sich trennen lassen würden, undt dies wehre die ursach, worumb Sie das memoriale so hetten dressiren lassen, daß Sie der herrn Fürsten resolutiones und liaisons souteniren, undt also dero garantie auf dasjenige qualificiren wollten, was die fürsten selbst verlangen undt unternehmen würden. Wan man aber die Correspondentz beständig machen wolte, so wehre Ihrer Mayst. meynung, daß man die Crohn Dennemark wieder gewinnen, und annebens auch mit dem König in Pohlen auff gewisse maaß sich zu allyren hette, massen solchem nach ein mehrer undt besserer effect von der praestation der garantie gehofft werden köndte.“ (ebenda.)

 

 

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genug zu sein schienen. Die Führer der Opposition mußten es daher für ihre nächste Aufgabe halten, diese Bedenken der französischen Staatsmänner zu zerstreuen und sie zu überzeugen, daß man an den Opponenten treue und ergebene Anhänger hatte. Vor allem mußte sich eine größere Anzahl Fürsten für völlige Neutralität bei den unabwendbar kriegerischen Verwicklungen zwischen Frankreich und dem Kaiser verpflichten.

 

Herzog Anton Ulrich lag dieser enge Anschluß der korrespondierenden Fürsten an Ludwig XIV. besonders am Herzen. Er begab sich selbst an die benachbarten Fürstenhöfe, um für die Neutralitätspartei zu werben. Der Fürs traf sogar incognito von Gotha beim Nürnberger Kongreß ein und nahm hier mit verschiedenen fürstlichen Gesandten Rücksprache. 1) Der Hauptzweck seiner Anwesenheit in Nürnberg war eine persönliche Zusammenkunft der angesehensten Fürsten in dem nahegelegenen Fürth zu veranstalten und mit Hilfe des Markgrafen von Baden-Baden den Herzog von Württemberg zum Beitritt des Fürstenvereins und zur Unterzeichnung der Requisition der Garanten zu überreden. Anton Ulrich leitete hierbei der Gedanke, daß der schwäbische Kreis sicherlich dem Beispiele des Herzogs von Württemberg folgen und sich Frankreich anschließen werde. Die Zusammenkunft in Fürth kam aber nicht zu stande, da Markgraf Ludwig Wilhelm, auf den es dabei am meisten ankam, am Erscheinen verhindert war. 2) Anton Ulrich mußte dies um so mehr bedauern, da er zweifellos geglaubt hatte, in einer mündlichen Auseinandersetzung mit den maßgebendsten Fürsten auch weitere Schritte im Verein mit den Garanten gegen die hannoversche Kur besser überlegen und die Neutralitätsfrage aufrollen zu

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1) Relation Plettenbergs 28. Sept., 13. Okt. 1700. (M. St.)

2) ebenda; ferner Relation Imhoffs 5. Okt. 1700 (W. L.). Imhoff gibt als Grund für das Nichterscheinen des Markgrafen „Unpäßlichkeit“, Plettenberg Familienangelegenheiten an. Tatsächlich hielt sich der Markgraf doch wohl mit Absicht der Konferenz fern, da seiner ausgesprochen reichsdeutschen Gesinnung jedes Paktieren mit dem Verbündeten Ludwigs XIV. zuwider war.

 

 

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können. Anton Ulrich muß dies beim Konvent in Fürth im Auge gehabt haben, denn bei den Beratungen, die er kurz vorher in Corvey mit dem Domdechanten von Paderborn gepflogen hatte, 1) waren diese beiden Punkte vornehmlich diskutiert worden: der Vertreter des Bischofs von Münster war damit einverstanden, Imhoff als gemeinsamen Bevollmächtigten nach Paris zu schicken, die von Frankreich erbetene Gutheißung der geschehenen Teilung Spaniens und seiner Nebenländer abzulehnen, beim Ausbruch des Kriege neutral zu bleiben und auf Reichs- und Kreistagen dafür zu sorgen, daß das Reich sich nicht an dem Streit beteilige. Anton Ulrich hätte auch gern gesehen, daß schon jetzt ein Oberbefehlshaber der fürstlichen Truppen ernannt und diese gemustert und vereidet würden, damit Frankreich den guten Willen der Opponenten erkenne. Münster befürchtete aber, daß dies ein zu großes Aufsehen erregen würde. Gegen die übrigen Vorschläge Anton Ulrichs hatte der münstersche Bevollmächtigte nichts einzuwenden, wie den König von Polen durch Übernahme der Garantie seiner sächsischen Lande zu gewinnen und den Nürnberger Konvent zu verlängern.

 

Der letzte Punkt war vorläufig der wichtigste, da durch die Fortsetzung der separaten Beratungen des Fürstenkollegiums dem Kaiser die größte Unannehmlichkeit bereitet wurde. Der französische Bevollmächtigte Charmoy wandte sich daher aus schon früher erwähnten Gründen 2) energisch gegen den von einigen Fürst geäußerten Vorschlag, die Konferenzen in Regensburg fortzusetzen. 3) Die meisten Vertreter der Fürsten verließen aber doch allmählich Nürnberg und die noch anwesenden zeigten große Lust, dem Beispiele ihrer Kollegen zu folgen. Der französische Resident in Regensburg bat den dänischen, sachsen-gothaschen und münsterschen Gesandten, trotz alledem den Kongreß in die Länge zu ziehen. Chamoy betonte auch von neuem, daß

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1) 16. Sept. 1700 (M. St.) a) Namenlose Schrift, b) Puncta so bei der Conferenz vorgekommen, c) Resolutiones.

2) S. S. 58.

3) Relationen Plettenbergs Okt./Nov. 1700 (M. St.). „R. d. J.“ VII, 113.

 

 

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Ludwig XIV. eine besondere Gesandtschaft der korrespondierenden Fürsten sehr willkommen sein werde. 1) Obschon die drei fürstlichen Vertreter von diesen Vorschlägen nicht sehr erbaut zu sein schienen, so brachte der Däne Lewencron sie doch in Nürnberg vor. Seine Anträge fanden lebhafte Unterstützung beim wolfenbüttelchen Gesandten Imhoff, der auf der Reise nach Paris begriffen war. Dieser erklärte sich sofort bereit, die Kreditive der übrigen korrespondierenden Fürsten mitzuübernehmen. Der Kongreß war zwar nicht abgeneigt, dem König von Frankreich für sein Entgegenkommen geziemenden Dank abstatten zu lassen, zu einer Mitakkreditierung Imhoffs am Versailler Hofe entschlossen sich aber nur Würzburg, Münster und Sachsen-Gotha. 2) Hiermit war die Geduld der Kongreßmitglieder vollends erschöpft. Trotz aller Bemühungen des französischen Gesandten löste sich der Konvent Mitte November auf. 3) --

 

Auf dem Fürstentage zu Nürnberg hatte noch eine andere Angelegenheit, die wir schon mehrmals gestreift haben, hohes Interesse und ernste Befürchtungen wachgerufen. Friedrich IV. von Dänemark war in die Gebiete des Herzogs von Holstein-Gottorp, des Verbündeten Karls XII. von Schweden, eingebrochen. Hannover und Celle sahen sich nun auf Grund eines früheren Vertrages in den Streit verwickelt. 4) Dänemark bot daher alles auf, die korrespondierenden Fürsten zu einem Eingreifen zu bewegen. Lewencron fand in Nürnberg jedoch nur Geneigtheit beim wolfenbüttelschen und würzburgischen Bevollmächtigten. Die übrigen wollten mit der holsteinisch-dänischen Angelegenheit nichts zu tun haben und verwiesen sie an die Fürsten selbst, die indes nicht gesonnen waren, für Dänemark die Kastanien aus

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1) Relationen Plettenbergs Nov. 1700 (M. St.); desgl. Imhoffs Nov. 1700. (W. L.)

2) Relationen Plettenbergs Nov. 1700. Instruktion an Imhoff 8. Nov. 1700.

3) Relationen Plettenbergs u. Lüdeckes Nov. 1700.

4) Havemann III, 358 ff. Bodemann: „Jobst Hermann v. Ilten.“

 

 

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dem Feuer zu holen. 1) Nur in Wolfenbüttel war man zu tatkräftiger Hilfeleistung bereit.

 

Schon im Februar 1696 hatten sich die wolfenbüttelsct Herzöge verpflichtet, einen etwaigen Angriff auf Dänemark wegen der holsteinschen Angegenheiten als „casus foederis“ anzusehen. Im Anfange des Jahres 1700 versprachen sie dem Dänenkönig sogar, ihn bei einem Einfall in Holstein indirekt zu unterstützen. Die näheren Vereinbarungen aber waren wieder einmal so getroffen, daß Rudolf August die wahren Absichten seines Bruders verborgen blieben. 2) Anton Ulrich glaubte nämlich, nun den entscheidenden Schlag im Bunde mit Dänemark gegen die hannover-cellischen Verwandten führen und ihnen einige Gebietsteile entreißen zu können. Er nahm daher keinen Anstand, mit dem Könige von Dänemark noch weitere geheime Abmachungen hierzu zu treffen. Anton Ulrich war willens, die wolfenbüttelschen Truppen mit sächsischen und anderen dänischen Hilfskontingenten zu vereinigen, den Verbündeten den Durchzug durch wolfenbüttelsches Gebiet zu gestatten und treu zu Dänemark zu halten. Als Lohn hierfür sollten Anton Ulrich die eroberten Orte der lüneburgischen Lande vermöge „alter Rechte“ zufallen. Auch sollte der dänische General bei seinen Operationen dem Herzog in allem gehorchen. 3)

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1) Relationen Lüdeckes Juli/Aug. 1700 (W. L.)

2) Rezeß vom 16. Jan. 1700. (W. L. Ccpt.) Die Herzöge wollten in Braunschweig und Wolfenbüttel so starke Besatzungen halten, daß die benachbarten Fürsten Rücksicht darauf nehmen müßten. Sollten diese sich dem widersetzen und Wolfenbüttel mit Gewalt zur Neutralität zu zwingen suchen, so wollte Dänemark polnische und andere Hilfstruppen in wolfenb. Gebiet schicken. Für den Unterhalt dieser Truppen versprach Dänemark das Geld zu liefern. Die Defensivoperationen sollten bis zur völligen Genugtuung der beiden Verbündeten fortgeführt werden. (Gekürzt.)

3) Schriftl. Versicherung Friedrichs IV. 23. Januar 1700. (W. L. Absch.) Erklärung Ant. Ulrichs 16. Febr. 1700. (W. L. Ccpt.) Für das ihm durch den Separatvertrag vom dänischen König erwiesene Vertrauen verspricht Anton Ulrich, sich die dänischen Interessen treulich angelegen sein zu lassen, „damit nicht allein auf erheischendem fall und ergehende requisition denen Königl. Sächsisch. Trouppen der transitus durch die hiesigen lande verstattet, sondern auch, wan hiesige Nachbahrn zu der assistentz für gottorff sich moviren werden, so viel Wappen, alß ohnmercklich hiesiger vestungen detachiret werden können, mit den Königl. Sächs. Conjugiret, und im übrigen alles, was die Alliance erfordert, aufrichtig prästiret werden soll.“

 

 

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Mit Eifer betrieb Anton Ulrich jetzt die weiteren Vorbereitungen zum Kriege. In Braunschweig wurden große Proviantmagazine errichtet, zu denen Dänemark das Geld gab. Am Berliner Hofe war der wolfenbüttelsche Geheime Rat v. Alvensleben bemüht, die Erlaubnis zu Kornausfuhren aus dem Halberstädtischen und Magdeburgischen zu erwirken und womöglich Preußen zu einer Teilnahme an dem Kampf zu bewegen. 1) Über die eigentlichen militärischen und strategischen Maßnahmen hielt ein dänischer General mit den wolfenbüttelschen Räten eifrig Rat, wobei Anton Ulrich von neuem versicherte, den Vereinbarungen aufrichtig nachzukommen. 2)

 

Die hannover-cellischen Staatsmänner waren über die Pläne Anton Ulrichs völlig im klaren. Auf die Nachricht von dem geheimen Abkommen Anton Ulrichs entschlossen sie sich, dem älteren Regenten rückhaltlos die Wahrheit aufzudecken. Zu dieser wichtigen diplomatischen Sendung wurde der hannoversche Berghauptmann von dem Busch ausersehen, da er sich bei Rudolf August eines hohen Vertrauens erfreute. 3) Von dem Busch entledigte sich mit Geschick seiner schwierigen Aufgabe und schilderte dem Fürsten mit eindringlichen Worten die ernste Gefahr, in der das ganze Welfenhaus sich befände. Rudolf August blieb aber bei seinen früheren Versicherungen, daß ihr Bündnis mit Dänemark keinen offensiven Charakter trage. Er war um so weniger den Worten des hannoverschen Abgesandten zugänglich, da er glaubte, daß man in Hannover und Celle einen Anschlag auf die Verwandten plane. Auch trat sein

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1) Instruktionen und Relationen v. dem Buschs. Febr. 1700. (H. St.)

2) Konferenzprotokoll vom 9. Febr. 1700. (W. L.)

3) Instruktionen und Relationen v. dem Buschs. Jan./Aug. 1700.

 

 

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Schwiegersohn, der Herzog von Holstein-Ploen, mit heftigen Worten für den dänischen König ein. 1) Als der Gesandte indes mit Nachdruck immer wieder auf geheime Abmachungen Anton Ulrichs und die Kriegsrüstungen in Braunschweig hinwies, regte sich doch allmählich Rudolf Augusts Mißtrauen gegen seinen Bruder. Verschiedentlich gab er nun die schriftliche Erklärung ab, er wolle unentwegt zu seinen Vettern stehen und fremden Truppen keinen Durchzug gestatten. 2) Daß es dem Fürsten mit dieser Versicherung wirklich ernst war, sollten schon die nächsten Ereignisse erhärten.

 

Im Juni brach in der Tat der dänische General Ahlefeld mit würzburgischen und polnisch-sächsischen Hilfstruppen in cellisches Gebiet ein. Die Angreifer wurden mit blutigen Köpfen heimgeschickt und als sie sich auf wolfenbüttelsches Gebiet begaben, ließ Rudolf August die Pässe mit Infanterie besetzen und ihnen den Durchzug wehren. 3) Der dänische Resident am wolfenbüttelschen Hof drang mit Ungestüm in Anton Ulrich, sein Versprechen einzuhalten und den Truppen Passage und Unterkommen zu gewähren. Anton Ulrich vermochte aber bei seinem Bruder nichts auszurichten; auch alle Bitten und Hinweise des Dänen selbst auf die schriftliche Verpflichtung der wolfenbüttelschen Regierung wies Rudolf August mit harten Worten ab. 4) Als dieser schließlich drohte, im Notfalle cellische Regimenter zu Hilfe zu nehmen, gab Anton Ulrich nach und mußte sogar eine Verfolgung des Feindes durch cellische Truppen im Wolfenbüttelschen gestatten. 5)

 

Inzwischen kamen Hannover und Celle dem bedrängten Bundesgenossen zu Hilfe. Sie besetzten Altona und zogen

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1) Relation v. dem Buschs 16. Febr. 1700.

2) Relation v. dem Buschs. April/Mai 1700.

3) Rud. Aug. an v. dem Busch 1./12. Juli 1700. Relation v. dem Buschs 13. Juli 1700. (H. St.)

4) Relation v. dem Buschs 9. Aug. 1700. Eine solche Zusage, bemerkte Rud. Aug., könnte nur „ein Schelm“ getan haben. Wenn Anton Ulrich etwas versprochen hätte, so möchte er sich an ihn halten.

5) Relation v. dem Buschs 25. Aug. 1700.

 

 

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mit einem starken Heere ins Holsteinsche, ohne daß es ihnen gelang, den Feind zu einer Schlacht zu zwingen. Die kühne Landung Karls XII. auf Seeland brachte aber die Entscheidung herbei. 1) Bei den Friedensverhandlungen richtete der unterlegene Gegner all' Sein Bemühen darauf, die hannoversche Kurfrage aus dem Kreis der Beratungen auszuscheiden. Der Fürstenkongreß in Nürnberg nahm sich jetzt Dänemarks an und wandte sich um Unterstützung an Ludwig XIV. Diese Bemühungen erfolgten aber zu spät; Friedrich IV. hatte schon in dem Frieden von Travendahl die Rechte des Herzogs von Holstein anerkennen und den Widerstand gegen die hannoversche Primogenitur und Kurwürde aufgeben müssen. 3) In Hannover und Celle konnte man mit diesem Ergebnis wohl zufrieden sein; denn man hatte einen der erbittertsten Gegner und lautesten Agitatoren, wenn auch nicht völlig zum Schweigen gebracht, so doch empfindlich gedemütigt. Anton Ulrich hatte dabei seinen Verwandten seine Karten vollständig aufgedeckt. Den hannover-cellischen Räten mußte sich aber die Überzeugung aufdrängen, daß sie auch in Zukunft von ihrem rücksichtslosen Feind nur das Schlimmste zu erwarten hatten. Diesmal hatte Rudolf August die Gefahr noch rechtzeitig abgewandt. Zweifelhaft war es jedoch, ob der ältere Regent auch fernerhin seinen Bruder an der Ausführung seiner gefährlichen Pläne zu hindern im stande sein werde. Die bittere Notwendigkeit zwang sie daher, sich immer mehr mit dem Gedanken vertraut zu machen, selbst den wolfenbüttelschen Verwandten gegenüber Gewalt mit Gewalt zu begegnen.

 

Die nächste Zukunft zeigte schon, daß Anton Ulrich das Heft wieder in Händen hatte. Was ihm im Verein mit Dänemark nicht gelungen war, gedachte er nun mit Hilfe Ludwigs XIV. verwirklichen zu können. Die Zeitverhältnisse kamen ihm hierbei außerordentlich zu statten. Am

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1) Havemann III, 359 ff.

2) Relation Plettenbergs Aug. 1700. (M. St.)

3) Havemann III, 359.

 

 

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1. November 1700 trat nämlich das Ereignis ein, dem die ganze zivilisierte Welt mit Spannung entgegensah der Tod Karls II. von Spanien. 1) Die letzten Verfügungen des Herrschers hatten dem Herzog von Anjou den spanischen Thron zuerkannt und die Hoffnungen des Kaisers und der Seemächte zerstört. Die Entscheidung konnten jetzt allein die Waffen bringen. Die weiteren diplomatischen Verhandlungen benutzten beide Parteien lediglich zu dem Zweck, die Vorbereitungen zu dem gewaltigen Ringen zu Ende zu führen. In Norddeutschland schlossen sich Friedrich I. von Preußen und das hannover-cellische Fürstenhaus dem Kaiser an. In Mitteldeutschland waren die hessischen Fürsten und das waldecksche Haus die ergebensten Anhänger Leopolds. Am Rhein unterstützten die Kurfürsten von Trier und von der Pfalz, ferner der Markgraf von Baden-Baden und der Herzog von Württemberg das Reichsoberhaupt. Im September 1701 schloß die „Große Allianz“ den Kaiser und die Seemächte eng zusammen. 2)

 

Aber auch Ludwig XIV. war nicht untätig, vielmehr boten die deutschen Fürstenhöfe den Schauplatz der heftigsten Agitation der zahlreichen französchen Gesandten. Durch die rheinischen geistlichen Kurfürsten, einige nord- und süddeutsche Fürsten und die angesehensten Kreise gedachte man eine Barriere aufrichten zu können, die den Kaiser an Truppensendungen zum Rhein und gemeinsamer Aktion mit den Holländern hindern sollte. 3) Die Wittelbacher kamen vor allem der französischen Krone bei diesen Unterhandlungen entgegen. 4) Kurfürst Joseph Clemens von

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1) Noorden a. a. O. I, 114 ff.

2) Noorden I, 223 ff.

3) „R. d. J.“ VII, 108: „Elle (Sa Maj.) sera contente qu'ils (les princes) prennent leur mesure, de manière que l'Empereur trouve une barrière suffisante au passage des trouppes qu'il voudroit envoyer vers le Rhin; l'association des cercles et l'union des deux electeurs ecclesiastiques produira ce bon effet.“

4) Vergleiche für diesen Abschnitt: Ennen: „Der spanische Erbfolgekrieg und der Kurfürst Joseph Clemens von Köln.“ Jena 1851 52 ff. Noorden a. a. O. I, 125ff.

 

 

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Köln verpflichtete sich Ludwig im Februar 1701. Sein Bruder, Max Emmanuel von Bayern, der zugleich Statthalter der spanischen Niederlande war, lieferte den französischen Truppen die belgischen Festungen aus, schloß dann mit Frankreich ebenfalls ein Neutralitätsbündnis und traf mit Hilfe französischer Subsidien die umfangreichsten Rüstungen. Im Osten und Norden Deutschlands setzten die französischen Staatsmänner auf August II. von Polen-Sachsen und die wolfenbüttelschen Herzöge die größte Hoffnung; denn deren vereinigte Truppenmacht konnte gegebenen Falles Hannover, Preußen und andere kaiserliche Verbündeten in Schach halten. 1) Den Hauptstützpunkt fand Ludwig XIV. indes an Herzog Anton Ulrich, da der polnische König von den nordischen Angelegenheiten in Anspruch genommen wurde. Die Beziehungen Anton Ulrichs zu Frankreich wurden immer enger, seitdem Imhoff als wolfenbüttelscher Bevollmächtigter am Hofe zu Versailles weilte. Imhoff überreichte Ludwig ein Schreiben des Nürnberger Konventes 2) und stattete ihm auch mündlich den Dank der korrespondierenden Fürsten für die Übernahme der Garantie ihrer Rechte und die „generose Deklaration“ gegen die neunte Kur ab. Zugleich

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1) „R. d. J.“ IV. (Pologne) S. 247. VII. (Bavière etc.) S. 115.

2) Schreiben der fürstlichen Bevollmächtigten zu Nürnberg an Ludwig XIV. 8. Nov. 1700 (W. L.):

Votre Majesté a fait voir en cette occasion à toute la terre, qu'Elle sçait soutenir l'authorité d'un veritable garant, en tenant la main à l'execution exacte des traittés de Westphalie, dont la Conservation inviolable est aussi avantageuse à toute Europe, qu'Elle est necessaire pour maintenir la tranquillité generale, que la Paix de Riswick a restablie et qui seront infalliblement troublés, si l'on continuoit à blesser la forme de Gouvernement de l'Empire, par la pretendue erection du neuvieme Electorat, qui n'est nullement necessaire, ny en aucune façon utile, comme Votre Majesté la fait remarquer dans la declaration publiée dans toutes les Cours d'Allemagne sur ce sujet. Les Princes, nos Maitres, Sire, sont infinement redevables à Votre Majesté de ces marques evidentes de son affection et de sa generosité ordinaire envers ceux, qui ont recours à Elle, ainsi Ils nous ont ordonné tres expressement d'en rendre leurs très humbles actions de grace à Votre Majesté et de l'assurer, qu'ils n'oubliront jamais des bienfaits si considerables, dont Elle vient de les combler . . . . „

 

 

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ersuchte er die französische Regierung nochmals, den Kurfürsten von Hannover zur Niederlegung seiner Würde zu nötigen und fügte seitens der wolfenbüttelschen Herzöge die Bitte bei, falls Hannover sich mit den Waffen bei der Kurwürde behaupten wolle, „den beleidigten und alsdann zur wirklichen Defension gedrängten Reichsfürsten“ mit zureichender Macht beizustehen. 1) Der Hauptauftrag aber, den Imhoff von seinen Herren hatte, betraf die Erneuerung der früheren Allianz. Es kam dem wolfenbüttelschen Hof dabei vornehmlich auf eine Erhöhung der französischen Subsidien an, um die weiteren Kriegsrüstungen ausführen zu können. Eine starke Armatur Wolfenbüttels aber war auch für Frankreich von vitalster Bedeutung. Daher gelang es dem gewandten wolfenbüttelschen Gesandten, schon Anfang März die Verhandlungen glücklich zum Abschlusse zu bringen. 2) Wolfenbüttel verpflichtete sich für zehn Jahre zu strikter Neutralität, Ludwig XIV. aber zu einer jährlichen Subsidienzahlung von 240000 Talern, die die wolfenbüttelschen Herzöge in stand setzen sollten, 8000 Mann auf den Beinen zu halten. Über die Verwendung dieser Truppen wollten beide Teile gemeinsam entscheiden, wenn ihre Bemühungen, den Frieden zu erhalten, vergebens sein würden oder die wolfenb. Herzöge sie zu ihrer eigenen Verteidigung nötig hätten. Der französische König wollte sich ferner als nunmehriger Garant des Hildesheimer Vertrages 3) der jüngeren hannoverscherschen Prinzen in jeder Weise annehmen. Sollten diese aber auf ihre Rechte verzichten, so wollte Ludwig die Ansprüche Wolfenbüttels nach Prüfung ihrer Berechtigung sekundieren. Auch stellte er den Beitritt des Königs von Spanien zu diesem Abkommen und dessen öffentliche Erklärung gegen die hannoversche Kur in Aussicht.

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1) Instructio particularis (ohne Dat. und Unterzeichnung) wahrsch. von Ant. Ulrich allein gegeben. (W. L.)

2) Hauptrezeß 4. März 1701 (W. L.) Sekretartikel 4. März 1701. (W. L. Absch.)

3) S. S. 1.

 

 

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Im Dienste Frankreichs spannte Anton Ulrich nun alle seine Kräfte an. Dänemark und Polen für die Neutralitätspartei zu gewinnen, hielt er für seine nächste Aufgabe, da Ludwig XIV. hiervon weitere Maßnahmen gegen die hannoversche Kur abhängig gemacht hatte. 1) In einem Handschreiben setzte er daher Friedrich IV. von Dänemark von den mit Frankreich getroffenen Abmachungen in Kenntnis und bat ihn, sich der bewaffneten Neutralität anzuschließen und auch in Zukunft die Fürstenrechte zu verteidigen. 2) Dann schickte Anton Ulrich den Geheimen Rat Hertel nach Kopenhagen, die Verhandlungen an Ort und Stelle weiterzuführen. Dieser gewiegte Diplomat konnte aber mit den dänischen Staatsmännern keine Verständigung erzielen. 3) Hertel suchte dann mit demselben Eifer die schon früher angeknüpften Unterhandlungen mit Polen-Sachsen zu Ende zu bringen. Seine Bemühungen schienen hier bessere Aussicht auf Erfolg zu haben, da ihm der französische Gesandte du Heron hilfreich zur Seite stand. 4)

 

Inzwischen waren auch beim deutschen Fürstenstand französische Agenten eifrig an der Arbeit. Sie stellten den Fürsten reiche Subsidien in Aussicht und suchten sie für den Vorschlag zu gewinnen, mit Gewalt die Anhänger des

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1) Siehe S. 88.

2) Ant. Ulrich an Dänemark 30. April 1701. (W. L. Ccpt.) „Ich halte mich für schuldig,“ so schrieb Ant. Ulrich, „Ew. Königl. Maj. nicht nur vertraulich zu entdecken, das mit Ih. König. Mayst. von Frankreich, meines bruders Ld. und ich numehr eine auf die maintenue des Teutschen friedens und derobehuef bey der Hispanischen Successionssache zu haltenden exacten neutralité eingerichtete alliance geschloßen, vermöge deren wir zu jetzt gewoltem Zweck ein Corps von 8000 Man würklich auf den Beinen halten, undt zu verpflegung deshalb einigen Zuschuß zu empfangen haben, sondern auch deroselben die nachricht zu geben, wie ich bei letzter Pariser post versichert worden, das man am Königl. Hofe daselbst jetzo mehr alß jemahlen verlange den mit Ew. Königl. May. angefangenen tractat ohnverzüglich zu schließen.“

3) Korrespondenz Anton Ulrichs mit Hertel April--Juli 1701. (W. L.)

4) Sendung Hertels nach Warschau 1700/1701. Relationen Lüdeckes März--Nov. 1701. (W. L.); „R. d. J.“ IV. (Pologne) S. 247. Korrespondenz Ant. Ulrichs mit du Heron April--Aug. 1701. (W. L.)

 

 

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Kaisers zu strikter Neutralität zu zwingen. Natürlich betonten sie dabei, man werde nur im äußersten Notfalle mit den Waffen einschreiten, wenn alle friedlichen Bemühungen vergeblich seien. 1) So geschickt die französischen Diplomaten auch zu Werke gingen, einen so beredten Anwalt sie auch an Herzog Anton Ulrich hatten, großen Erfolg erzielten sie mit ihren Vorschlägen nicht. Selbst die früheren ergebensten Anhänger Frankreichs lehnten die Anträge ab: der Bischof von Münster wagte nicht aus Furcht vor dem nachbarten Holland, sich Ludwig XIV. anzuschließen, 2) während der König von Dänemark gegen Überlassung des Elbzolles zur kaiserlichen Partei trat. 3) Nur der Anton Ulrich befreundete Herzog von Sachsen-Gotha verpflichtete sich für strikte Neutralität und empfing von Frankreich als Lohn hierfür versprochenen Unterstützungsgelder. 4)

 

Die französischen Staatsmänner glaubten indes noch auf eine Verstärkung der Neutralitätspartei rechnen zu dürfen, da ihnen die schon im März in Frankfurt wiederaufgenommenen Konferenzen der fürstlichen Gesandten die beste Gelegenheit zu erneuter Propaganda boten. 5) Die Zahl der Teilnehmer an dem Konvent blieb aber anfänglich wiederum so gering, daß man glaubte, „mit Schimpf und Schande unverrichteter Sache“ auseinandergehen zu müssen. Wie bei früheren Gelegenheiten stellten sich jedoch die übrigen Gesandten nach und nach ein. Auch ein Bevollmächtigter Ludwigs XIV. erschien in Frankfurt und überreichte dem Kongreß sein Kreditiv, das die Eingeweihten vor dem hessen-kasselschen, dem badischen und anderen Vertretern

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1) Projekt an Dänemark, Gotha und Münster (ohne Datum. W. L. Absch. „Neunte Kur“ 35.)

2) Sonderprojekt an Münster (W. L.) „R. d. J.“: VII. Bavière etc.) S. 115.

3) Havemann III, 360 ff.

4) Siehe die Belege S. 105.

5) Für den zweiten Frankfurter Kongreß haben mir die Relationen des münsterschen Gesandt. Plettenberg (M. St.: M. L. A. 126) und des wolfenb. Gesandt. Lüdecke (W. L.: „Neunte Kur“ 32) vorgelegen.

 

 

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kaiserlich gesinnter Fürsten verbargen. 1) Der Wiener Hof hatte diesmal rechtzeitig den Reichshofrat Graf Binder nach Frankfurt entsandt. Dieser legte den Kongreßmitgliedern mit Freimut dar, dem Kaiser sei wohl bekannt, welche Pläne die Anhänger Frankreichs zu verwirklichen gedächten. Nachdrücklich betonte er dann, das Reichsoberhaupt wolle nach wie vor ohne eine vorherige Verständigung mit dem Fürstenkollegium die Introduktion Hannovers nicht vollziehen und der Opposition gern jede tunliche Genugtuung geben. Er sei daher bereit, die näheren Vorschläge der Fürsten entgegenzunehmen, falls ihnen die seitens des Kurfürsten von Mainz unterbreiteten nicht genügten. Binder ermahnte zum Schluß die fürstlichen Gesandten, ihre Beratungen in Regensburg fortzusetzen, da die separaten Zusammenkünfte „die Gemüter mehr alienirten und zwischen Kurfürsten und Fürsten Mißtrauen erweckten.“ 2) Dem Reichshofrat kam es sehr zu statten, daß der Vertreter des Markgrafen von Baden-Baden, der bei allen anderen Konventen eine so hervorragende Rolle gespielt hatte, seine Bemühungen unterstützte und versicherte, der Kaiser beabsichtige nicht, wegen der Requisition des Auslandes und des bisherigen Vorgehens der Fürsten Gewalt anzuwenden; zugleich machte der Gesandte nicht mißzuverstehende Anspielungen auf „privat emolumenta“ einiger Fürsten, die die Wohlfahrt und Ruhe des Reiches bedrohten.

 

Unter dem Druck aller dieser Vorstellungen traten selbst der wolfenbüttelsche und der würzburgische Gesandte für eine Verweisung der Kongreßberatungen nach Regensburg ein 3) Diesem Antrage widersetzten sich der französische

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1) Relation Plettenbergs 5. Mai (M. St.); Creditiv Obrechts 21. April 1701. (M. St. Absch.)

2) Beilage 1 der Relation Plettenbergs 2. Juni 1701.

3) Schon früher waren der wolfenbüttelsche, würzburgische und münstersche Gesandte zu der Überzeugung gekommen, daß selbst bei einer Beratung in den Reichskollegien noch sichere Aussicht vorhanden sei, das Kurwerk zu vernichten. Sie hofften nämlich, die Kurfrage als eine reine Religionsangelegenheit zu behandeln und dann die „amicabilis compositio“ leicht unmöglich machen zu können. Dem münst. Bevollmächtigten mochten nun doch wohl Bedenken gegen diesen Plan aufsteigen. (Relat. Plettenbergs 12./5., desgl. Lüdeckes 4./6., 8./6., 11.6. 1701.)

 

 

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und der münstersche Bevollmächtigte mit aller Macht. In Regensburg werde man die Opposition bald „einschläfern“ und trennen, alsdann versuchen, ohne zulängliche Genugtuung an den Reichsfürstenstand einen Majoritätsbeschluß durchzusetzen. 1) Mit dieser Ansicht drangen sie jedoch nicht durch. Die Mehrheit des Konventes ging schließlich 2) auf die kaiserlichen Wünsche ein und entschloß sich, die Antwort des Reichsoberhauptes in Frankfurt entgegenzunehmen. 3) Diese wurde den Opponenten eher zu teil, als man sonst gewohnt war; denn dem Kaiser mußte eine Auflösung des Konventes je eher, desto lieber sein. 4) Von neuem beteuerte Leopold I. seine Geneigtheit, die opponierenden Fürsten zufrieden zu stellen und verwies sie wiederum auf die mainzischen Vermittlungsvorschläge. Eine Entscheidung hierüber stand indes den Gesandten nicht zu. Sie verließen daher Frankfurt, um ihren Herren Bericht zu erstatten und ihnen die weiteren Schritte zu überlassen.

 

Obschon so die französische Partei auf dem Frankfurter Konvent Fiasko erlitten hatte, blieben Wolfenbüttel und Sachsen-Gotha nichtsdestoweniger der französischen Krone treue Bundesgenossen. Herzog Anton Ulrichs Eifer für die Interessen Ludwigs XIV. wurde durch die jüngsten Erfolge des hannoverschen Fürstenhauses noch mehr angestachelt: Kurfürst Georg Ludwig war es nämlich gelungen, seine jüngeren Brüder mit den durch das Primogeniturgesetz geschaffenen Verhältnissen auszusöhnen. Mit welchem Neid

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1) Instruktion an Plettenberg 10. Juni 1701.

2) Die Antwort, die Binder zuerst zugestellt wurde, enthielt nur die zum Überfluß bekannten Beschwerden des Fürstenstandes ohne eine nähere Erklärung, ob man auf die Vorschläge von Kurmainz eingehen und alles weitere auf dem Reichskonvent erledigen wolle. Graf Binder weigerte sich daher, diese Erklärung anzunehmen und bat um eine kürzere Angabe ihrer eigentlichen Wünsche.

3) Relation Plettenbergs 23. Juni.

4) Kais. Resolution 8. Aug. 1701. (W. L.)

 

 

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mußte es aber Anton Ulrich erfüllen, als der jüngeren Linie des Welfenhauses nun sogar die Nachfolge auf dem englischen Königsthron gesichert wurde! 1) Je länger er wartete, desto weniger konnte er sich der steigenden Macht seiner Verwandten erwehren. Frankreich allein aber konnte ihm behilflich sein, seine mit der kaiserlichen Partei verbündeten Verwandten noch zu demütigen. Anton Ulrich war deshalb darauf bedacht, Ludwig XIV. einen sicheren Beweis seiner Ergebenheit zu bieten und schickte zu diesem Zwecke seinen ältesten Sohn zum VerSailler Hofe. 2) Im Juli sowohl, wie im November wurde dann das Bündnis Wolfenbüttels mit Frankreich auf weitere zehn Jahre erneuert. 3)

 

Eine fieberhafte Tätigkeit entwickelte Anton Ulrich nun, alles für den Entscheidungskampf in gehöriger Bereitschaft zu haben. 4) Fleißig wurden die wolfenbüttelschen Truppen einexerziert, die Landmilizen zu Übungen herangezogen, die Festungsanlagen besichtigt, schadhafte Stellen ausgebessert und die alten Landwehren wiederhergestellt; den Einwohnern von Wolfenbüttel befahl man sogar, sich mit einem Proviant für wenigstens drei Monate zu versehen. Wohl erwog man anfangs im wolfenbüttelschen Geheimen Rat, einen deutschen General an die Spitze der Truppen zu stellen; jedoch nahm diesen verantwortungsvollen Posten bald ein Franzose, der

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1) „Ursachen warumb das Haus Braunschweig-Lüneburg Cellischer Linie gegen die vom Hause Braunschweig-Lüneburg Wolf.-Linie vorgenommene ungemeine Armatur seine Sicherheit zu beobachten und dem von solcher Armatur antrohendem Unheil vorzubauen gemüssigt wurden.“ Eine Gegenschrift Wolfenbüttels lautete: „Fürstlich Braunschweig-Wolf Widerlegung der Ursachen . . .“ (H. St.)

2) Ein Schreiben ohne nähere Adresse 21. März 1701 (W. L. Ccpt.); Relationen v. dem Buschs 24. Jan., 5. April 1701: In Hannover verlautete auch, Anton Ulrich sei willens gewesen, durch den Erbprinzen dem Herzog von Anjou zu seiner Erhebung zum spanischen Königsthron zu gratulieren, wenn man ihn offiziell hiervon in Kenntnis gesetzt hätte.

3) Allianzen vom 22. Juli und 3. November 1701. (W. L.)

4) Conclusum in Consilio 16. Aug. 1701 (W. L.), an dem außer den Räten Anton Ulrich, der wolf. Erbprinz und der Herzog von Holstein-Ploen teilnahmen.

 

 

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Offizie

 

Marquis d'Usson, ein. Offiziell führte dieser zwar nicht das Kommando, da Rudolf August sich dem entgegengestellt hatte, vielmehr weilte er als französischer Geschäftsträger in Wolfenbüttel. Tatsächlich inspizierte d'Usson die Befestigungen und Truppen in Braunschweig und Gotha, zog sorgfältige Nachrichten über die strategische Lage und Eigentümlichkeiten der Lande ein und traf die letzten Rüstungen. 1)

 

Rudolf August ahnte nicht, welches gefährliche Unternehmen sein Bruder im Bunde mit Frankreich plante. Es gelang sogar der französischen Clique an seinem Hofe, ihn zu der Erklärung zu überreden, alle in seiner Abwesenheit vom Geheimen Rat gefaßten Beschlüsse gutzuheißen. Nun glaubte Anton Ulrich, keinen lästigen Einspruch seines Bruders in der entscheidenden Stunde mehr fürchten zu brauchen 2) und suchte sich mit seinen Bundesgenossen über den eigentlichen Operationsplan zu einigen.

 

Den französischen Staatsmännern mußte der Gedanke nahe liegen, eine Verständigung zwischen der nord- und süddeutschen Neutralitätspartei herbeizuführen und durch eine gemeinsame Aktion der Verbündeten den Kampf einzuleiten. Im Anfang des Jahres 1700 hatten sie der Tat einen ausführlichen Kriegsplan hierzu entworfen.

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1) Hannover: „Ursachen warumb . . . „Relationen v. dem Buschs Okt. 1701. (H. St.)

2) Lettre du Roy à Msr. le Marquis d'Usson 24. Nov. 1701. (W. L. Absch.)

Jay receu vos lettres du premier et du 8. de ce mois; la premiere confirme ce que je remarque depuis la Paix de Ryswijck des bonnes intentions du Duc Antoine Ulrick. Je n'ay jamais le mesme fonds sur le Duc Rodolphe Auguste, mais j'ay lieu de croire que sa facilite à changer de sentiment ne pourra nuire au bien des affaires depuis la deliberation qu'il a signée de souscrire desormais a tout ce qui seroit arreté dans le Conseil, quand il n'y auroit pas assisté. Vous marques, que le Chancelier de Wolf. à contribute à luy faire signer cette deliberation et comme le Duc Antoine Ulrick croit, qu'il est bon et pour le bien des affaires, et meme pour es propres interets d'attacher encor d'avantage le Chancelier par une pension de 3000 livres, je veux bien l'accorder. Le Sr. Imhoff en avoit deja parlé. Vous luy direz que je les ferey payer avec les subsides.“

 

 

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10000 Mann wolfenbüttelscher Infanterie mit einem Zug Artillerie sollten durch Grubenhagen, über den Harz ziehen und sich in den Ebenen zwischen diesem Gebirge und dem Thüringer Wald mit der sachsen-gothaschen Streitmacht vereinigen. Die Festungen Braunschweig und Wolfenbüttel würden wohl im stande sein, sich mit 2000 Mann regulärer Truppen und der Miliz gegen einen vereinten Angriff von Hannover-Celle und Brandenburg zu halten. Sollten die kaiserlichen Verbündeten aber alle Truppen zu einem Angriffe auf die wolfenbüttel-gothasche Hauptmacht zusammenziehen, so sollte letztere durch bayrischen Zuzug bis auf 35000 Mann verstärkt werden. Von Dänemark habe man nichts zu befürchten, während Brandenburg von Schweden in Schach gehalten werde. 1)

 

So verlockend und leicht auszuführen dieser Operationsplan schien, so basierte er doch auf einem genauen und zuverlässigen Zusammenarbeiten der Verbündeten. Die großen Schwierigkeiten einer tatkräftigen Unterstützung von Bayern aus erregten aber in Wolfenbüttel und Gotha Bedenken. Auch war man im Osten gegen etwaige Bedrohungen von Polen-Sachsen noch nicht gesichert. Last not least mochten die eigenen Streitkräfte im März 1701 zu einem solchen Unternehmen noch nicht ausreichend erscheinen. Im Dezember desselben Jahres waren Wolfenbüttel und Sachsen-Gotha ebenfalls noch gegen eine Kooperation mit dem Kurfürsten von Bayern. Auf einer Konferenz zu Volkerode tauschten der gothasche Generalleutnant v. Wartensleben und Geheime Rat v. Aremann mit dem wolfenb. Bevollmächtigten Lüdecke ihre Gedanken hierüber aus. 2) Durch ein Bündnis mit Bayern eine direkte Vereinigung der bayrischen Streitkräfte mit den ihrigen festzusetzen, hielten sie nach wie vor für bedenklich und wegen der weiten Entfernung der Lande von geringem Wert. Vorteilhaft erschien

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1) W. L. („Neunte Kur“ 35) „Memoire sur ce qui se peut faire en Allemagne en cas de ruptur (Diesem Schriftstück hat Imhoff selbst die Bemerkung beigefügt: „Projet de France qu'on a refuse entierement.“

2) Actum Volkerode 10. Dez. 1701. (W. L.)

 

 

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ihnen jedoch eine nähere Vereinbarung mit dem bayrischen Kurfürsten inbetreff der Neutralität und der demnächstigen Beratungen zu Regensburg über die Teilnahme des Reiches am spanischen Erbfolgekriege. 1)

 

Die Unterhandlungen, die nun Imhoff mit dem bayrischen Gesandten in Paris, Graf Monasterol, eröffnete, gingen über die Verabredungen der Volkerodschen Konferenz nicht hinaus. In dem Vertrage vom Januar 1702, 2) der solange dauern ollte, bis die Ruhe im Reich völlig gesichert sei, versprachen sich Bayern und Wolfenbüttel gegenseitige Hilfe; von einer direkten gemeinsamen Aktion aber war keine Rede. 3) Sie wollten indes den Reichsständen die ernste Gefahr und die Folgen des Krieges schildern und sie von einer Teilnahme daran abhalten. Alles Interesse der Verbündeten konzentrierte sich nun auf die Unterhandlungen mit Polen. Du Herons und Hertels Bemühungen in Warschau aber führten nicht zum Ziel, 4) ebensowenig waren die Konferenzen des französischen Hofes mit dem polnischen Gesandten Jordan in Paris erfolgreich. Am 16. Januar 1702 schloß sich August II. von Polen-Sachsen dem Kaiser an. 5)

 

Durch den Beitritt Polens zur kaiserlichen Partei hatte sich die Lage zu Ungunsten der französischen Anhänger im Reiche verschoben. An einer Kriegserklärung des Reiches war nicht mehr zu zweifeln, vor allem aber hatten Wolfenbüttel und Sachsen-Gotha jetzt einen gefährlichen Gegner im Rücken. In Wolfenbüttel befürchtete man auch, daß nunmehr

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1) Zu einer Kriegserklärung des Reiches Sei ihrer Meinung nach keine „ratio necessitatis, utilitatis vel iustitiae et honestatis“ vorhanden.

2) 13. Januar 1702. (W. L. Absch.)

3) „on s'engage reciproquement de tenir un corps de trouppes suffisant tousjours pret pour l'assistance mutuelle.“ (§ 2.)

promettant d'ailleurs de se procurer reci quement tout le bien possible et detourner le mal les uns des autres . . .“ (§ 6.)

4) Anton Ulrich hatte den polnischen König besonders noch darauf hingewiesen, er sei zur kräftigen Hilfeleistung stets bereit und werde die in seinem Vertrage mit Frankreich festgesetzte Truppenmacht auf Befehl sofort ausrücken lassen. (Anton Ulrich an den König von Polen 30. Juni 1701. (W. L. Ccpt.)

5) „R. d. J.“ IV. (Pologne) S. 265.

 

 

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die kaiserliche Partei schon vor der eigentlichen Kriegserklärung des Reiches die Anhänger Frankreichs mit Gewalt zur Aufgabe der Neutralität zwingen würde. Imhoff wurde daher angewiesen, 1) dem französischen Hofe die Frage vorzulegen, wie Bayern, Gotha und Wolfenbüttel unter diesen Umständen neutral bleiben und sich behaupten könnten. Zugleich sollte der Gesandte hinzufügen, ihr Entschluß sei, gestützt auf französische Subsidien auch fernerhin treu zu Frankreich zu halten, selbst wenn sie dem Reich das schuldige Truppenkontingent zu stellen gezwungen würden.

 

Der Marquis de Torcy der französische Minister der auswärtigen Angelegenheiten, dem Imhoff die Sachlage auseinanderlegte, 2) war indes guten Mutes und hoffte noch, Polen gewinnen zu können. Er war auch bereit, die wolfenbüttelschen Truppen auf 20000 Mann zu verstärken, damit die Herzöge auch nach der Kriegserklärung die Neutralität wahren könnten. Frankreich rechnete dabei auf ein einmütiges Zusammenarbeiten seiner Verbündeten und wollte Bayern beständig mahnen, Wolfenbüttel in der Not zu Hilfe zu kommen. Falls Polen sich gegen Sachsen-Gotha wenden würde, sollte Max Emanuel Truppen gegen die obersächsische Grenze marschieren lassen. Die wolfenbüttelschen Herzöge sollten hauptsächlich ihre Aufmerksamkeit auf die hannover-cellischen Truppen richten, da Preußen durch Schweden in Anspruch genommen werde. Französische Truppen aber sollten den Gegner am Ober- und Unterrhein bedrängen und bei den Operationen die Verbündeten Ludwigs XIV. im Auge behalten.

 

Hiermit gab sich Anton Ulrich jedoch nicht zufrieden; er beabsichtigte vielmehr, Frankreich zu einer sofortigen Diversion vom Niederrhein zum Schutz seiner Verbündeten zu veranlassen. Französische Hilfstruppen sollten durch das Kölnische, Westfälische zum Hildesheimschen heranrücken während er durch die Besetzung von Goslar, Osterode und

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1) Instr. Imhoffs 21. Febr. 1702. (W. L. Absch.)

2) Relat. Imhoffs 7. März 1702. (W. L.)

 

 

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Duderstadt die Verbindungslinie zwischen dem französischen Hauptheer und der wolfenbüttel-gothaschen Truppenmacht offen halten wollte .Gemeinsam wollte man dann den Kampf gegen die kaiserlichen Verbündeten, vornehmlich Hannover-Celle. aufnehmen. -- -- -- --

 

Die hannover-cellischen Räte waren von dem Vorhaben des Führers der Opposition wohl unterrichtet. Man muß ihnen zugestehen, daß sie es an gütlichen Versuchen, die von Anton Ulrich im Verein mit Frankreich drohende Gefahr zu beseitigen, nicht haben fehlen lassen. Schon seit den Vereinbarungen Wolfenbüttels mit Frankreich im Sept. 1698 hatten sie beständig versucht, Rudolf August über die wahren Absichten seines Bruders aufzuklären. Der Berghauptmann von dem Busch hatte sich wiederum mit Geschick dieser Aufgabe unterzogen, wobei ihm der wolfenbüttelsche Hofrat Seidensticker und der Intendant Lautenbach, ferner die Gemahlin Rudolf Augusts, „Madame Rudolphine“, zur Seite standen. 1) Vergebens aber wies der hannoversche Abgesandte den älteren Regenten auf die geheimen Abmachungen und Subsidienverträge Anton Ulrichs mit Ludwig XIV. hin. Rudolf August brach in Klagen über sein Los aus, blieb aber dabei, daß ihre Bündnisse unverfänglich seien. Allmählich regte sich doch sein Verdacht gegen den Kanzler Wendhausen. Er stellte diesen zur Rede und forderte von ihm Aufklärung. Der Kanzler beteuerte indes mit beredten Worten, daß Sie keine Subsidien von Frankreich bezögen, wenigstens ihm hiervon nichts bekannt sei. In gleicher Weise hielt der französische Gesandte mit der Wahrheit zurück und bemühte sich, das Mißtrauen Rudolf Augusts zu zerstreuen, indem er ihn daran erinnerte, daß sein königlicher Herr von etwaigen Subsidien an Anton Ulrich keinen Nutzen habe und deshalb nicht so töricht sein werde, für nichts und wieder nichts Gelder an ihn auszuzahlen. Diese Worte beruhigten Rudolf August wieder,

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1) Manualakten des Berghauptmanns von dem Busch 1698 bis 1702. (H. St.)

 

 

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als bald nachher der kaiserliche Hofkriegsrat von Rappach ihn ernstlich warnte, nahm er seinen Bruder entschieden in Schutz und sprach die Hoffnung aus, Kaiser Leopold möge mehr auf die von Anton Ulrich und ihm so oft bewiesene Ergebenheit zu Kaiser und Reich sehen, als „allerhand widrigen traductiones“ Gehör schenken. 1)

 

Man hätte aber meinen sollen, daß die Aufdeckung der gefährlichen Machinationen Anton Ulrichs mit Dänemark im August 1700 2) Rudolf August veranlaßt hätte, nun auch auf die Beziehungen seines Bruders zur französischen Krone ein schärferes Auge zu halten und seinen Umtrieben ein für allemal ein Ende zu machen. Weit gefehlt! Dem schwachen Regenten gebrach es dazu völlig an Einsicht und Kraft. Man kann es ihm zwar nicht verübeln, daß auch er für eine Requisition Frankreichs zum Schutz der Fürstenrechte war; einen Tadel jedoch kann man ihm nicht ersparen, daß er bei den überzeugendsten Beweisen und den eindringlichsten Worten von dem Buschs, 3) sich nicht zu einer energischen Untersuchung der schweren Verdächtigungen seines Bruders aufraffte, sondern sich immer mehr in die Intriguen der französischen Partei an seinem Hofe verstricken ließ.

 

Aber nicht nur die ernsten Vorhaltungen seiner eigenen Verwandten, sondern auch die anderer Fürsten verfehlten jeglichen Eindruck auf Rudolf August. So ermahnte ihn Wilhelm III. von England, sich offen dem Vorhaben Anton Ulrichs zu widersetzen, das er unmöglich billigen und das

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1) Relat. v. d. Buschs 31. Aug. 1699.

2) Siehe S. 92 ff.

3) Instr. an v. d. Busch 24. Jan. 1701. „In Summa, wenn H. Anth. Ulrich ein französ. Minister oder Vasal were, so würde er nicht mit mehrem fleiß und Eyfer sich angelegen seyn lassen können, Frankreich zum Meister und Oberherrn in Teutschland zu machen, alß er thäte.“ v. d. Busch sollte ferner vorstellen: „Wie die Teutsche Freyheit, die Evangel. Religion, das gewissen eines Ihrer Kayserlichen Maj. und dem Reich mit pflichten verwandten Fürsten, und die allgemein auch Unseres Gesambt Hauses besondere Wollfahrt bey dergleichen würde bestehen können, auch wie es um die Reichsfürsten stehen würde, wan Frankreich das dominium über gantz Europa erlangen sollte.“

 

 

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so traurige Folgen nach sich ziehen könne. Er allein sei noch im Stande, die so verhängnisvollen Verbindungen seines Bruders zu lösen und das daraus entstehende Unheil von seinem Fürstenhause abzuwenden. 1) Diese Worte des großen Oraniers richteten ebensowenig aus, wie die Bemühungen Friedrichs I. von Preußen. 2)

 

Unter diesen Umständen konnten nur noch die Waffen die Entscheidung bringen. In Hannover und Celle hatte man bei der Aussichtslosigkeit eines Eingreifens Rudolf Augusts schon seit Monaten den Plan erwogen, den unversöhnlichen Gegner mit Gewalt unschädlich zu machen. Schon im März 1700 schlug Celle energische Maßnahmen mit Hilfe des Kaisers gegen Wolfenbüttel vor. Die hannoverschen Räte hielten indes die Zeit noch nicht für gekommen. 3) Der verwegene Anschlag Anton Ulrichs im August 1700 mußte die letzten Bedenken der leitenden Kreise in Hannover gegen ein bewaffnetes Einschreiten zerstreuen. Man wartete jetzt nur mit Ungeduld auf eine günstige Gelegenheit, den vernichtenden Schlag gegen Anton Ulrich auszuführen. Im Juli 1700 kamen die hannoverschen und cellischen Räte überein, die wolfenbüttelsche Kavallerie aufzuheben und die Verwandten zu zwingen, einige Regimenter in den Dienst des Kaisers zu stellen.Vorerst wollten Sie jedoch hierzu die Zustimmung des Kaisers und des englischen Königs einholen. 4) Im Februar 1702 waren die letzten Vorbereitungen getroffen. Von großem Nutzen war es für Hannover, daß man den Herzog von Holstein-Ploen, den Schwiegersohn Rudolf Augusts, für den Plan gewonnen hatte. Dieser wurde von Kaiser Leopold zum kaiserlichen Kommissar ernannt und mit Mandaten gegen die wolfenbüttelschen Herzöge versehen. 5)

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1) Schreiben vom 20. Dez. 1701. (W. L.)

2) Havemann III, 371.

3) Konferenzprotokoll 10. März 1701. (H. St.)

4) Konferenzprotokoll 2. Juli 1701. (H. St.)

5) Kaiserliche Mandate vom 8. Febr. 1702. (W. L.)

 

 

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Mitte März 1) begab sich dann der Herzog von Holstein-Ploen nach Braunschweig, teilte Rudolf August die kaiserlichen Befehle mit und forderte ihn auf, seinen Bruder von der Regierung auszuschließen. Anfangs war Rudolf August hierzu bereit, jedoch brachten ihn die Vertrauten Anton Ulrichs bald wieder von diesem Entschlusse ab. Auch die drohenden Worte des englischen Gesandten Cresset blieben wirkungslos. Der Augenblick zum Einschreiten war nun für die hannover-cellischen Staatsmänner gekommen. In der Nacht vom 19. auf den 20. März 1702 brachen cellische Truppen von ihren angrenzenden Gebieten und hannoversche Regimenter von der Weser und dem Grubenhagschen aus in die wolfenbüttelschen Lande ein. Die zerstreut liegenden Truppen wurden mit geringer Mühe aufgehoben, Peine und Goslar besetzt, sowie Braunschweig und Wolfenbüttel eingeschlossen. Nirgends fand man Widerstand, denn der Gegner war vollständig überrumpelt worden.

 

Während dieser Vorgänge weilte Anton Ulrich in heiterer Tafelrunde in Wolfenbüttel. 2) Auf das Gerücht von dem

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1) Für diesen Abschnitt habe ich folgende Quellen benutzt: „Unmaßgeblicher Aufsatz fürstlichen Holstein-Ploenschen Schreibens an Kaiserl. Majestät“ (H. St. Ccpt.) Daß der Bericht des kaiserl. Kommissars von den hannoverschen Staatsmännern entworfen wurde, zeigt, wie sehr der Herzog auf der Seite der jüngeren Welfenlinie stand. In dem Aufsatz selbst wird die Sache so dargestellt, als wenn dieser von dem Vorhaben Hannovers und Celles nichts gewußt habe. Man habe wolf. Lande besetzt, um den Verhandlungen des kaiserl. Bevollmächtigten größeren Nachdruck zu geben. Ferner Bericht des Überfalles von einem ungenannten Autor 30. März 1702 (W. L.) der die Vorgänge mit scharfen Ausfällen gegen Hannover und Celle schildert. Vergleiche auch: Havemann III, 373 ff.

2) Wie sehr Anton Ulrich überrascht wurde, ersehen wir aus einem Briefe, den er Du Heron zwei Tage vorher sandte (17. März 1702 W. St.): Der Wiener Hof scheine mit seinen Verhandlungen mit Polen doch noch auf Schwierigkeiten zu stoßen; ferner verlaute, daß Polen nicht für den Krieg stimmen werde. Vorgestern Abend habe der Herzog von Ploen in Begleitung Cressets seinen Bruder bearbeitet. Er und d'Usson hätten mit Ploen deswegen Rücksprache genommen, der, wie es scheine, des Franzosen Anerbietungen nicht verworfen habe. Als Cresset mit einem Briefe an seinen Bruder gekommen sei, habe er erklärt, daß er sich nicht verraten lasse. Hoffentlich würden die Versuche bei Rudolf August nicht gelingen. (Gekürzt.)

 

 

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Überfall begab er sich in höchster Eile nach Braunschweig. Auf dem Wege dorthin traf er einen hannoverschen Trompeter, der dem cellischen Oberst ein Schreiben des englischen Gesandten Cresset bringen sollte, worin dieser gebeten wurde, den jüngeren Herzog, da Rudolf August gewonnen sei, festzunehmen und durch Einschüchterung zum Frieden zu zwingen; denn Anton Ulrich könne nur noch Hilfe vom „Empire de la lune“ erwarten. Mit Mühe entging Anton Ulrich der Gefangennahme. Als er Braunschweig erreichte, mußte der englische Bevollmächtigte sofort die Stadt verlassen. Hier hatte inzwischen der Herzog von Holstein-Ploen das an die wolfenbüttelschen Untertanen gerichtete kaiserliche Mandat veröffentlicht, in dem diese aufgefordert wurden, Anton Ulrich keine Teilnahme an der Regierung mehr zu gestatten. 1) Rudolf August dachte nicht an einen ernsthaften Widerstand und hatte die Ordre gegeben, nichts gegen den Feind zu unternehmen. Anton Ulrich aber wollte sich bis zum Äußersten verteidigen. Auch der Marquis d'Usson drang mit Ungestüm darauf, die Ruhestörer von den Wällen mit Kugeln zu empfangen. Selbst in der braunschweigischen Bürgerschaft wurden Stimmen laut, den Kampf mit dem Feinde aufzunehmen. Rudolf August wollte von all' dem nichts wissen, und grollend mußte sich Anton Ulrich schicken. 2)

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1) Da der Kommissar indes einen Aufstand und arge Mißhandlungen befürchtete, so ließ er es dabei bewenden, daß das Mandat den Geh. Räten, der Miliz und Landschaft übergeben wurde, deren Deputierte aber es Rud. Aug., ohne den kais. Befehl gelesen zu haben, wieder einhändigten. (Bericht des Überfalles . . . .)

2) Die Darstellung des ungenannten Autors, die beiden Brüder seien „nie einiger als jetzo miteinander gewesen“, und hätten sich entschlossen „bis auf den letzten Blutstropffen beyeinander zu halten“, kann keinen Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben. Gewiß ist nur, daß die Herzöge beim Kaiser gemeinsam gegen das Verfahren des Gegners protestierten (Beschwörungsschreiben an den Kaiser 20. März 1702. W. L. Ccpt.)

 

 

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Man kann sich lebhaft vorstellen, in welchem Gemütszustande der leidenschaftliche Herzog war. Unter dem überwältigenden Eindruck seines Unglücks mochte er für den Augenblick geneigt sein, ohne weiteres die Flinte ins Korn zu werfen und sein Heil in der Flucht zu suchen. Doch bald faßte er sich wieder und schaute der Sache ruhiger und kühler ins Antlitz. Noch war ja nicht alles verloren, noch konnte ihn Ludwig XIV. und die übrigen Verbündeten aus der mißlichen Lage befreien. Sein regsamer Geist hatte bald einen neuen Plan entworfen. Seinen Bruder und dessen Anhänger wollte er festnehmen, um freie Hand zu haben und sich auf den Gegner stürzen zu können. In Paderborn gedachte er dann die wolfenbüttelsche und die gothasche Streitmacht nit französischen Hilfstruppen zu vereinigen, während Bayern von Süden aus die Operationen unterstützen sollte. 1)

 

Eiligst wandte sich Anton Ulrich daher an den Marquis de Bouflers, den Befehlshaber der französischen Armee am Rhein und in Holland. 2) Auch seinen königlichen Gönner selbst ging er um Hilfe und Schutz an. Wenn er im Streit unterliegen werde, so empfehle er ihm seine Kinder und seine untröstliche Frau. Er sehe voraus, daß die Freiheit Deutschlands, die Ludwig XIV. allein wiederherstellen könne,

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1) „Lettre de Monsieur d'Usson à Mons. le Marechal de Bouflers le 14. d'Avril 1702.“ (W.L. Absch.) „ . . . Je Sçai Monsgr., que je puis vous confier toutes choses; le dessein de Mons. le Duc Antoine Ulric est de faire arreter Mons. le Duc Rod. Auguste, et toutes ses Creatures et ainsi ces deux Places (Wolf. und Braunschg.) et 18000 hommes qu'on pourroit joindre aux 20000 françois feroient trembler l'Empire, Mons. l'Electeur de Baviere agissant de son côté, et toutes les troupes des Alliez de l'Empereur et des Hollandois reviendroient au milieu de l'Empire ou le Roi trouveroit plus d'Alliez que l'Empereur n'en a trouvés.“ Zu den 18000 Mann rechne er 6000 gothasche Truppen. Der gothasche Minister v. Schleinitz versichere ihm, daß sein Herr festbleiben wolle, wenn Frankreich Hilfe senden werde. „Monsieur le Duc Ant. Ulric est dans le meme sentiment et doutant que le Roy veuille, ou le puisse secourir, il a ete sur le point de passer tout seul en France deguisé, tant il est prevenu du mauvais Traittement que l'Empereur lui feroit, s'il tomboit entre ses mains.“

2) ebenda.

 

 

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mit ihm untergehen werde. 1) Zugleich setzte Anton Ulrich im Verein mit seinem Bruder die Mitglieder des Fürstenvereins von allem in Kenntnis und bat sie um Unterstützung. 2)

 

Anton Ulrich aber sah sich in seinen Erwartungen bitter getäuscht. Er konnte es nicht wagen, Rudolf August für kurze Zeit von der Regierung zu drängen, da die hannover- cellischen Truppen die wolfenbüttelschen Lande und Festungen besetzt hielten. In Güte jedoch vermochte er jetzt bei seinem Bruder nichts auszurichten, obschon sich der Geheime Rat Anton Ulrich anschloß und der Meinung war, daß man die Verpflichtungen der französischen Bündnisse einhalten müsse. 3) Aber gerade Frankreich ließ seinen Bundesgenossen völlig im Stich. Auch die übrigen Fürsten, wie Sachsen-Gotha, Münster, Dänemark und andere, rieten zum Vergleich, während Preußen und Hessen-Cassel sich sogar als Vermittler anboten. Rudolf August nahm die Mediation an und hielt es für seine Pflicht, sich mit dem Gegner möglichst rasch zu einigen, um nur die Okkupationstruppen aus seinem Lande los zu werden. 4)

 

Der Bevollmächtigte Ludwigs XIV., Marquis d'Usson, tat sein möglichstes, Rudolf August aufzumuntern und zur Aufnahme des Kampfes zu überreden. Er verfehlte auch nicht den Herzog darauf aufmerksam zu machen, daß er ohne Einwilligung Frankreichs und Anton Ulrichs keine Vereinbarung

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1) Schreiben ohne nähere Datierung (Ccpt. W. L.):

Je supplie V. M. de m'assister de son Conseil et de sa protection de la manière qu'elle le jugera convenable à sa gloire, à ses interets et à ma consolation, supposé que celle-cy lui importe quelque chose. Si je succombe je recommende à V. M. mes enfans et une femme (Eig. Konj.) desolée. Je prevois que la liberté d'Allemagne perira avec moy. V. M. en pourra estre le seul restaurateur, je ne souhaite de survivre ces malheurs que pour faire connoitre au monde que je luy dois ma vie et mon tout qui serait eternellement devoir à son service et je mourriray glorieusement, si je me conserve la qualité d'estre

Sire de V. M . . . .“

2) Schreib. vom 27. März 1702. (W. L. Ccpt.)

3) Schreib. vom 21. März 1702. (W. L.)

4) Schreib. Brandenburgs 29./3., “Kassels 3./4., Dänemarks 8./4., Münsters 8./4. 1702 u. s. w. (W. L.)

 

 

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mit dem Feinde treffen dürfe. Dem Franzosen war es dabei hauptsächlich um die wolfenbüttelschen Truppen, die mit französischem Gelde angeworben waren, zu tun. 1) Rudolf August war auch gern bereit, die Regimenter Ludwig XIV. zurückzugeben, wenn der Gegner es gestattet hätte. Im übrigen blieb er dabei, daß er der äußersten Not weichen müsse, und nahm keinen Anstand, den wolfenbüttelschen Räten aufzutragen, fernerhin den Befehlen seines Bruders keine Folge zu leisten. 2) Es gelang Marquis d'Usson indes noch, die Unterhandlungen Rudolf Augusts mit dem Gegner durch die Erklärung auf einige Zeit hinzuhalten, die französischen Truppen seien nunmehr auf dem Marsche begriffen, und Ludwig wolle die wolfenbüttelschen Herzöge und ihre Untertanen den erlittenen Schaden entschädigen. 3) Als entgegen diesen Versicherungen keine Hilfe von Frankreich eintraf, unterzeichnete Rudolf August den Vertrag mit seinen Verwandten. In diesem trat er zwei Regimenter Infanterie und fünf Regimenter Kavallerie an die kaiserliche Partei ab. Die Invasionstruppen sollten sofort das Land räumen und die im Wolfenbüttelschen erhobenen Kontributionen zurückgezahlt werden. Anton Ulrich gab man eine Bedenkzeit von zwei Monaten. Wenn er nach Ablauf dieser Frist nicht dem Abkommen seines Bruders beigetreten sei, sollte er keinen Anteil an der Regierung mehr haben. Anfang Mai trat Rudolf August der „Großen Alliance“ bei. 4)

 

Anton Ulrich war aber nicht im mindesten gesonnen, den Vertrag zu unterzeichnen. Den Kampf gegen das hannoversche Fürstenhaus und alle Verkleinerer der Rechte und Privilegien des deutschen Fürstenstandes bis zum letzten Atemzuge fortzusetzen, war er fest entschlossen. Da ihm in seinem eigenen Lande aber fürs erste alle Hände gebunden waren, so begab er sich nach Gotha, um von hier aus die weiteren Schritte zu tun. Der französische Hof billigte seine Flucht,

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1) d'Usson an Rudolf Aug. 3., 5., 7., 11., 15. April 1702. (W. L.)

2) Rud. August an d'Usson April 1702. (W. L.)

3) Rud. August an d'Usson 14. April 1702. (W. L.)

4) Vertrag vom 19. April 1702. (H. St. Absch.)

 

 

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denn dem gewandten und tatkräftigen Herzog konnte es nicht schwer fallen, seine vertrauten Gesinnungsgenossen aufzustacheln und zu einem Eingreifen zu bewegen. Ludwig XIV. aber konnte sich an Imhoff und dem wolfenbüttelschen Erbprinzen schadlos halten, falls man sich in der Abwesenheit Anton Ulrichs an dem französischen Gesandten in Wolfenbüttel vergreifen würde. 1) Anderseits war Frankreich selbst nicht in der Lage, seinem Verbündeten mit Truppen zu Hilfe zu eilen, da alle seine Kräfte am Rhein, in Holland und in Italien ausschließlich in Anspruch genommen wurden. Nur mit reichen Geldmitteln konnte man dem bedrängten Verbündeten unter die Arme greifen. 2)

 

Anton Ulrich mußte indes bald die traurige Wahrnehmung machen, daß auch von den übrigen Bundesgenossen keiner bereit war, das Schwert für ihn in die Wagschale zu werfen: die harte Bestrafung des Führers der Opposition hatte auf die korrespondierenden Fürsten lähmend gewirkt. Hinzu kam noch, daß der Kaiser inzwischen Anstalten getroffen hatte, mit Hilfe holländischer und brandenburgischer Truppen die festen Plätze des Kölner Erzstiftes zu besetzen und den Kurfürsten Joseph Clemens zur Raison zu bringen. 3) Fast gleichzeitig mit der Auseinandersprengung der französischen Liga im Norden waren auch die kleineren Reichsstände in Süddeutschland der Agitation Bayerns entzogen worden. Am 20. März schlossen sich der fränkische, schwäbische, österreichische, Kur- und oberrheinische Kreis zu einer festen Assoziation zusammen. Kurze Zeit darauf traten

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1) Relat. Imhoffs aus Paris 28. April 1702. (W. L.)

2) Anton Ulrich an seinen Bruder 1. Sept. 1702. (W. L.) Anton Ulrich verwahrt sich gegen den Vorwurf, von Frankreich weiterhin Subsidien angenommen zu haben. Er habe sieben Wechsel zu je 20000 Taler zurückgeschickt, wie auch einige, die Ludwig XIV. ihm aus besonderer Zuneigung zugesandt habe. Rudolf August gab sich mit dieser Erklärung zufrieden: „Der liebe Gott wird alles wohl schicken, daß noch alles gut werde.“ (Schreib. Vom 22. Aug./2. Sept. 1702. W. L.)

3) Ennen: „Der spanische Erbfolgekrieg und der Kurf. Joseph Clemens von Cöln“, Jena 1851 S. 88.

 

 

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sie der „Großen Allianz“ bei und am 28. September erfolgte die Kriegserklärung des Reiches an Frankreich. 1)

 

Mit tiefer Erbitterung mußte Anton Ulrich alle seine Hoffnungen scheitern sehen. Die bewegten Bitten der wolfenbüttelschen Landstände, dem Vertrage seines Bruders zuzustimmen, 2) blieben daher nicht ohne Eindruck auf ihn. Auch der Geheime Rat redete dem Fürsten nun ernstlich ins Gewissen, seinen Widerstand aufzugeben. Er erinnerte Anton Ulrich daran, daß er von anderen, besonders von Frankreich keine Hilfe zu erwarten und die täglich stärker werdende kaiserliche Partei gegen sich habe. Bei einem unerwarteten Tode seines kränkelnden Bruders könne man ihm aber härtere Bedingungen stellen, und der Kaiser sogar Veranlassung nehmen, bis zur völligen Verständigung mit ihm den hannover-cellischen Verwandten das Land zur Administration zu überweisen. 3)

 

Diese Erwägungen schlugen bei dem Fürsten durch. Anton Ulrich kehrte aus seinem freiwillig erwählten Exil zurück und unterzeichnete am 16. Mai 1702 den früheren Vertrag. 4) Die beiden Brüder machten dem Reichsoberhaupt hiervon Mitteilung mit der Bitte, die kaiserliche Ungnade aufzuheben und die Garantie über das Abkommen zu

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1) Noorden: „Europäische Geschichte . . .“ I, 235.

2) Schreiben vom 2. Mai 1702. (W. L.)

3) Aktum des wolf. Geh. Rates 15. Mai 1702 (W. L.): Frankreich werde ihm keinen Vorwurf machen können, denn es habe selbst ja erklären lassen, „daß wenn man auch noch 4 Wochen die Traktaten trainiret hätte, der secours wohl schwerlich hätte anlangen können.“

4) Anton Ulrich an Ludwig XIV. (Ccpt. ohne Datierung, W. L.)

Sire,
Ce n'est que sur les advis et sollicitations de Mr. N. (Marquis d'Usson), l'Envoyé de V.M. et les prieres tres humbles de mes Etats que je me suis porte à la fin de revenir de mon exil; le Ministre de V. M. ayant creu que je pouvois etre plus utile à V. M. icy, que si je continuois d'errer dans le monde. Il aura au reste representé sans doute à V. M. tout ce qui s'est passé depuis et entre autres l'etat malheureux auquel l'on m'a reduit à la fin. Ce qui me console est que j'espere que la vive representation de mon desastre aura touché V. M. qui sa trop genereuse, je le sçay, que de refuser à un Prince malheureux la continuation de ses bonnes graces, qui d'ailleurs est tres parfaitement etc.“

 

 

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übernehmen. 1) Leopold kam diesem Wunsche gern nach; 2) Hannover war jedoch mit der von Anton Ulrich ausgestellten Erklärung nicht zufrieden und wünschte eine Aufnahme des Wortlautes des früheren Vergleiches mit Rudolf August samt den Nebenartikeln in die Ratifikationsakte. 3) Unter dem Druck cellischer Truppenzusammenziehungen kam Anton Ulrich auch diesem Begehren nach. Aber auch hiermit waren die hannoverschen Staatsmänner noch nicht zufrieden, denn eine Garantie über diese neue Form der Erklärung glaubten sie den Garanten nicht zumuten zu können, da ihnen die darin enthaltenen Nebenartikel nicht vorgelegen hätten. 4) Auf Zureden seines Bruders stellte Anton Ulrich eine dritte Ratifikationsakte seiner früheren Erklärung und des Hauptvertrages Rudolf Augusts aus. 5) Der hannoversche Hof mochte durch diese Vorsicht einem Vertragsbruch auf alle Fälle vorbeugen wollen, es waren aber empfindliche Nadelstiche für den unterlegenen Gegner. 6)

 

Anton Ulrich hoffte in der Tat, sich von seinem tiefen Fall wieder erholen zu können und seinen Verwandten alle die Schmach und Unbill, die er erlitten, wieder zu vergelten. Er gab aus diesem Grunde seine Beziehungen zu Ludwig XIV. keineswegs auf, ließ ihm vielmehr erklären, mit demselben

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1) Schreiben vom 30. Mai 1702. (W. L. Ccpt.) Zugleich führten sie Beschwerde über die hannover-cellischen Truppen, die „sechs ganze Wochen in ihren Landen nach Willen gelebt, ihre Unterthanen durch gewaltsame Exactionen an Geld, Viktualien, Korn und Fourage ruiniert, auch an teils Orten mit Niederschießen, Rauben und anderen verderblichen Aktionen verfahren hätten.“

2) Leopold an Wolf. 3./4. Juli 1702. (W. L.)

3) Georg Wilhelm an die cellisch. Räte 21. Mai 1702. (H. St. Ccpt.)

4) Hannover an Celle 6. Juni 1702. (H. St. Ccpt.)

5) Rud. Aug. an Georg Wilh. 24. Juli 1702. (W. St. Ccpt.)

6) Hannover versuchte dann noch, die beiden Imhoffe -- den wolf. Kammerpräsidenten und den vielfach genannten Gesandten -- und den Kanzler Wendhausen vom wolfenb. Hofe zu entfernen. Mit diesem Plan hatten die hannoverschen Diplomaten aber kein Glück. (Relat. v. d. Buschs 12./5., Obergs 28./5. 1702. H. St.)

 

 

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Eifer wie früher für seine Interessen eintreten zu wollen. 1) Marquis d'Usson verließ indes den wolfenbüttelschen Hof, und Imhoff wurde von Paris abberufen. Anton Ulrich wagte auch nicht mehr, sich gegen die Anordnungen seines älteren Bruders aufzulehnen -- der „Großen Allianz“ aber beizutreten, weigerte er sich beharrlich. 2)

 

Rudolf August war es um eine völlige Aussöhnung und einen dauernden Frieden mit den Verwandten aufrichtig zu tun. Letztere hatten sich wohlweislich gehütet, die Notlage der wolfenbüttelschen Herzöge auszunutzen und sie zur Anerkennung der Kurwürde zu zwingen, denn hierdurch hätten sie dem Verdachte neue Nahrung gegeben, den Gegner vorwiegend aus diesem Grunde überfallen zu haben, und die ganze Schar der opponierenden Fürsten gegen sich aufgebracht. Man war daher nur übereingekommen, auch über die alten Differenzen später in Beratungen einzutreten. 3) Nachdem nun Anton Ulrich seinen Widerstand gegen den Vertrag aufgegeben hatte, hielt Rudolf August den Zeitpunkt zu neuen Unterhandlungen mit den Verwandten für günstig. Er selbst scheute trotz seiner Krankheit die Strapazen der

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1) Der wolfenbüttelsche Gesandte Imhoff an Ludwig XIV. (Ccpt. ohne nähere Datierung, W. L.)
„Le Prince, Sire, Supplie V. M. que, comme sa conduite a l'avenir et l'attachement inviolable qu'il aura toute sa vie pour les interets de V. M. fera connoitre de plus en plus son innocence, il plaise à V. M. de continuer à honorer sa personne et ses heritiers de sa haute Protection, a laquelle il met toute sa confiance, pour se remettre un jour et relever sa maison de la chute qu'elle vient je faire, assurant de plus V. M. que son malheur n'empechera point qu'il n'ait toute l'attention possible pour tout ce qui pourra regarder les services de V. M. et qu'il m'agisse avec la meme vivacité comme cy devant pour ses interets.“

2) Rud. August an den Kaiser 16. Juni 1702; Paß für Imhoff 30. Mai 1702. (W. L.); Holstein-Ploen an Fabricius 21. Juli 1702 (H. St. Absch.) „ . . . Au reste tout va bien à Brunswick. Mon Beau-Père ordonne et dispose tout à sa fantaisie, et l'autre accorde tout, les Ministres, qui ont le mal français, seront tout chassés, et on verra en peu de temps beaux yeux . . . “

3) Vertrag vom 19. April 1702. (H. St. Absch.)

 

 

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Reise nicht und suchte Georg Wilhelm auf, um durch eine mündliche Aussprache eine völlige Aussöhnung anzubahnen.

 

Obgleich die Zusammenkunft der beiden bejahrten Fürsten aufs beste verlief, so nahmen die hannover-cellischen Räte doch nicht sofort weitere Beratungen mit den wolfenbüttelschen Kollegen in Angriff. 1) Die alte Animosität und das geringe Entgegenkommen Anton Ulrichs, auf den es doch hauptsächlich ankam, mochten sie von Versuchen in dieser Richtung abhalten. Rudolf August geriet aber wegen dieser Verzögerung in große Unruhe und befürchtete einen neuen Überfall seitens seiner Verwandten. 2) Glücklicherweise kamen die Unterhandlungen zwischen den beiden Linien des Welfenhauses wegen der noch schwebenden Streitobjekte im Anfang des Jahres 1703 in Fluß. Am 22. April versprach Rudolf August, sich nicht der hannoverschen Primogenitur zu widersetzen und die Kurwürde anzuerkennen. Ferner verzichtete er auf seinen Anteil am Lauenburgischen gegen eine jährliche Entschädigung von 10000 Talern. 3)

 

Anton Ulrich bestätigte diesen neuen Vergleich nicht, trotzdem die wolfenbüttelschen Stände und sein Bruder ihn inständig darum baten. 4) Er fuhr vielmehr aufs eifrigste mit seiner Agitation gegen Hannover fort und ging mit dem Plane um, Preußen, Dänemark, Hessen-Kassel, Sachsen-Gotha und Münster zu einem neuen Bunde gegen seine Verwandten zusammenzuschließen. Am preußischen Königshofe fand er tatsächlich lebhafte Unterstützung. Anton Ulrich eilte daher selbst nach Oranienburg und sicherte sich hier in einem Vertrage die Hilfe Friedrichs I. Er trug dabei kein Bedenken, die Verpflichtung einzugehen, ohne Preußens Gutbefinden sich nicht mit seinen Verwandten auszusöhnen. 5) Vorläufig

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1) Schreiben aus Ebsdorf 9. Okt. 1702. (H. St.)

2) Instrukt. u. Relat. v. d. Buschs, Aug., Okt., Dez. 1702. (H. St.)

3) Vertrag vom 22. Apr. 1703. (H. St. Absch.)

4) Schreib. der wolf. Landstände 3. Mai 1703; Relat. von Fabricius 12. Mai 1703. (H. St.)

5) Ant. Ulrich an seinen Bruder 24. April u. 24. Mai 1703. (W. L.) Im letzteren Briefe heißt es: „Was mich betrifft, so hat die conduite, die man nun über Jahr und tag mit mir geführet, mich bewogen, das ich die vom Könige von Preußen ultro mir angebothene Freundschaft und assistentz angenommen, und da einmahl mit Ihr. Maj. die ver- bündliche abrede genommen worden, das ich mich mit Zell und Hannover vor der hand ohne des Königes guttfinden nicht einlaßen wolle, so werde und mus ich solches abwarten, und kan mich ehe, ohne des Königes amitié zu verliehren, weder in dem einen noch dem anderen, so den vergleich betrifft, nicht auslaßen.“ Ferner: Friedrich I. an Ant. Ulrich 18. März 1703 (W. L. Absch.): „ . . . alßo versichere Ich auch dieselbe (Ew. Lbd.) hingegen, daß Sie in allen Ihren angelegenheiten und absonderlich wan man Ihn in dem Consortio der dortigen Landesregierung einigen Eintrag thun, oder sie davon gar verdrängen wolte, Ich mich Ihrer nach anweisung der mit deroseiben habenden Alliantz dargegen nachdrücklich annehmen und sie nebst Meinen anderen Alliirten, die sich auß Ew. Lbd. conservation gewiß ein sonderbahres Interesse machen, darwieder allemahl kräftig, und in der That appuyiren werde.“ Brandenburg war schon Ende des Jahres 1697 wieder auf die Seite Wolfenbüttels getreten und hatte gegen „jede Kränkung, Beeinträchtigung, Angriff des Hauses Hannover“ seine Hilfe zugesagt. (Mörner: Brandenburgs Staatsverträge S. 637.)

 

 

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mußten sich die beiden Verbündeten indes darauf beschränken, die Verminderung der wolfenbüttelschen Streitkräfte zu verhindern. Ihre Quertreibereien verzögerten auch den Abmarsch der den Generalstaaten versprochenen Truppen. Infolge der Vorstellungen und Mahnungen der hannover-cellischen Abgesandten von dem Busch und Fabricius blieb Rudolf August aber seinem Bruder gegenüber fest und setzte schließlich seinen Willen durch. 1)

 

Um so weniger war Anton Ulrich nun gesonnen, dem zweiten Vertrag seines Bruders mit den hannover-cellischen Vettern seine Zustimmung zu geben. 2) Bei einer neuen Konferenz cellischer und wolfenbüttelscher Minister ließ er durch letztere die Erklärung abgeben, er könne keinen Anteil an den Verhandlungen und Vereinbarungen nehmen, da die früheren Beratungen einseitig mit seinem Bruder gepflogen seien und mit ihm auch wegen seiner Ansprüche auf Lauenburg

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1) Instr. und Relat. von Fabricius Mai 1703. (H. St.)

2) Relat. von Fabricius Juni 1703. (H. St.)

 

 

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keine Rücksprache genommen sei. 1) Diese Gründe ließ Anton Ulrich dann öffentlich im Lande bekannt geben. 2)

 

Es konnte ihm daher nur höchst willkommen sein, daß schon in kurzer Zeit das freundschaftliche Verhältnis zwischen seinem Bruder und der jüngeren Welfenlinie wieder getrübt wurde. Hierbei handelte es sich um den Vorrang, den Rudolf August dem Kurfürsten von Hannover eingeräumt hatte. Ersterer behauptete, seinem Verwandten als Kurfürsten die „Präzedenz“ zugestanden zu haben; im übrigen aber, wo dieser nur als braunschweigischer Herzog auftrete, müsse es bei den Bestimmungen der Hausverträge bleiben. 3) Georg Wilhelm suchte ihn zwar zu überzeugen, daß es doch nicht angängig sei, dem Kurfürsten in der eigenen Familie die ihm zustehenden Rechte vorzuenthalten, wie ja auch in den übrigen kurfürstlichen Stammeshäusern die Inhaber der Kurwürde die ihnen durch ihre Stellung zukommenden Prärogativen genössen. Rudolf August ließ sich aber eines Besseren nicht belehren. 4) Alle Bemühungen des cellischen Sekretärs Stambke waren umsonst, und selbst dem geschickten Grafen Bernstorff gelang es nicht, ihn zum Nachgeben zu überreden. Daher hielten Hannover und Celle den letzten Vertrag nicht mehr für bindend und bestanden auf Rückgabe des Amtes Campen. Die schriftlichen Auseinandersetzungen zwischen Georg Wilhelm und Rudolf August wurden wieder von Tag zu Tag schärfer und verbitterten beiden Fürsten den kurzen Lebensabend, der ihnen noch beschieden

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1) Auszug a. d. Konferenzprotokoll 17. Juli 1703. (H. St.)

2) „Instrumentum Publicum Super exhibitis Protestationibus des durchläuchtigsten Fürsten und Herrn Anth. Ulrich . . . an die lauenburg. Landdrosten und Räte, das wolf. Consistorium, die Ritter und Landschaft 24. Juli 1703. H. St.)

3) Georg Wilh. an Rud. August 6. Sept. 1703. Der betr. Artike lautete: „Die Präzedenz wird von Wolfenb. Hannover alß Electori gelaßen. Im übrigen allen bleibt es bei denen Pactis Sermi. domus und denen darin auf der observanz gegründeten Juribus Senii und denen effectibus . . .“ (Rud. Aug. an Georg Wilh. 17. Sept. 1703. H. St. Absch.)

4) Korrespondenz zw. Georg Wilh. und Rud. Aug. Sept., Okt. 1703. (H. St. Absch.)

 

 

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war. 1) Die heftigen Aufregungen und beständigen Sorgen, die Rudolf August in den letzten Jahren durchzukämpfen hatte, zehrten seine durch Krankheiten ohnedies angegriffenen Lebenskräfte auf. Am 20. März 1704 starb er und hinterließ seinem Bruder die Regierung. 2)

 

Da Anton Ulrich nun völlig freie Hand hatte, so nahm er um so eifriger die Unterhandlungen mit anderen Fürsten zwecks eines größeren Bundes gegen die Verwandten wieder auf. Vornehmlich dachte er dabei an seinen alten Intimus den König von Dänemark. 3) Es war jedoch verlorene Mühe! Die ehemals so heftige Opposition des deutschen Fürstenstandes gegen die hannoversche Kur vermochte Anton Ulrich nicht mehr anzuschüren. Das gewaltige Ringen des Reiches und der Seemächte gegen die Bourbonen drängte den Kurstreit vollends in den Hintergrund und ließ die Mehrzahl der Opponenten alle Kräfte gegen den gemeinsamen Feind anspannen. Anton Ulrich kam es immer mehr zum Bewußtsein, daß der Verfall des von ihm errichteten Bundes der korrespondierenden Fürsten nicht aufzuhalten war. Der weitere Verlauf des spanischen Erbfolgekrieges nahm ihm auch jede Aussicht auf eine Unterstützung der französischen Krone und ihrer Verbündeten. Der glänzende Sieg des Prinzen Eugen und Marlboroughs bei Höchstädt, „die erste große Niederlage Ludwigs XIV.“ 4), mußte seine Hoffnungen in dieser Richtung völlig begraben. Hinzu kam noch ein rein persönliches Moment. Sicherlich hatte der Tod seines Bruders Anton Ulrich schmerzlich getroffen

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1) Georg Wilh. an Rud. Aug. 29. Nov. Er bitte ihn, „demjenigen, welche für ihn hierunter die Feder führe, zu bedeuten, daß er bei Abfassung seiner Schriften sich in terminis halten und wenigstens das decorum, so Herrn ihres Standes und so nahe Verwandte zu observiren pflegen, hinfüro besser beobachten möge.“ Rud. August 15. Dez.: Die beanstandeten Ausdrücke seien Georg Wilh.'s eigene Worte aus früheren Briefen. Auf den Vorwurf „gekünstelter“ Interpretation antwortete er: „Wer warheit und recht liebet und sucht, hat nicht ursach sich Kunsteleven zu gebrauchen.“

2) Havemann III, 190.

3) Instruktion an Hertel 11. Febr. 1704. (W. St.)

4) Noorden: „Europäische Geschichte . . .“ I, 569.

 

 

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und ihn vielleicht sogar das schwere Unrecht, das er dem Verstorbenen angetan, erkennen lassen. Einige Tage nachher hatte er aber an der Bahre seiner Gemahlin gestanden. 1) Diese Schicksalsschläge mußten Anton Ulrich weicher stimmen. Ferner, auch der im übrigen noch körperlich und geistig so rüstige Fürst mußte dem zunehmenden Alter seinen Tribut zahlen: Ruhiger und leidenschaftslose lernte er nun die Beziehungen seines Hauses zu den Verwandten beurteilen.

 

Im August 1705 starb Herzog Georg Wilhelm und die Kombination der beiden Fürstentümer vollzog sich ohne weitere Hinderung seitens Anton Ulrichs. An Georg Wilhelm aber verlor dieser den beständigen Vermittler mit den hannoverschen Hof. Nun drohte ein völliger Abbruch jeglicher Beziehungen zwischen den beiden verfeindeten Linien des Welfenhauses einzutreten. So weit konnte es Anton Ulrich allein schon seiner Kinder wegen doch nicht kommen lassen. 2) Entscheidend war für Anton Ulrich jedoch folgender Umstand. Als gewiegter Staatsmann sah er bald ein, daß bei der veränderten politischen Lage nur ein Zusammengehen mit dem Kaiser seine Interessen fördern konnte. Er schloß sich daher der kaiserlichen Partei an, zumal die geplante Verbindung seiner Enkelin Elisabeth Christine mit Karl, dem jüngeren Sohne Leopolds I., seinem Ehrgeize hohe Befriedigung bot. Leicht aber wurde Anton Ulrich die Annäherung an das Haus Habsburg nicht gemacht, verlangte doch der Wiener Hof vorerst eine Aussöhnung des Fürsten mit seinen Verwandten. 3)

 

Aus allen diesen Gründen finden wir Anton Ulrich Mitte des Jahres 1705 zu einer Verständigung mit Hannover bereit. Im August kamen die hannoverschen Geheimen Räte Bernstorff und Fabricius mit den wolfenbüttelschen Vertretern, dem Kanzler Wendhausen und Geh. Rat Stein, zu näheren

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1) Havemann III, 194 ff.

2) Ant. Ulrich an die Mitglieder des Fürstenvereines 3. Febr. 1706. (W. L. Absch.)

3) Hoeck: „Anton Ulrich und Elisabeth Christine.“ Wolfenb. 1845.

 

 

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Beratungen zusammen. 1) Die Bevollmächtigten Anton Ulrichs eröffneten in einem eingereichten Projekt die Vorschläge ihres Herrn. Anton Ulrich wollte die hannoversche Kurwürde anerkennen und sich auf keine Weise dem Primogeniturgesetz und der Vereinigung von Hannover und Celle widersetzen. Der Fürst war auch willens, Hannover den Vorrang zu lassen, doch sollte bei Verhandlungen im Gesamthause, sowie auf den Reichs- und Kreistagen die „Präzedenz“ dem Hause zustehen, bei dem das Senium sei. Schließlich wollte er seinen Anteil an Lauenburg abtreten, zwar für einen höheren Preis, als sein Bruder gefordert hatte.

 

Mit diesen Anträgen konnte die Gegenpartei wohl zufrieden sein und eine weitere Verständigung versuchen. Hannover beanstandete eine besondere Anerkennung der Primogenitur und der Kombination der beiden Fürstentümer, weil beides schon in Kraft sei und ein Zweifel darüber nicht bestehen könne. Man war auch nach wie vor der Meinung, daß dem Kurhause überall und vornehmlich auf den Kreistagen der Vortritt gebühre. Ferner sah man die für Lauenburg geforderte Entschädigung für zu hoch an. Die weiteren Einwände der hannoverschen Minister waren von geringerer Bedeutung und boten keine Schwierigkeit zu rascher Einigung. 2)

 

Über die „Präzedenz“ Hannovers konnte man sich indes nicht verständigen. Daher beantragten die wolfenbüttelschen Räte, diese Frage auszuscheiden und erst die Verhandlungen über die Kur und Lauenburg zu Ende zu führen. Dies lehnte Hannover ab, da es dem Ansehen der Kurwürde schaden und bei den Verwandten den Eindruck erwecken könne, als ob man in diesem wichtigen Punkte zu Eingeständnissen bereit sei. Trotzdem wurden auf Veranlassung Anton Ulrichs die Beratungen fortgesetzt. Aber erst eine mündliche Auseinandersetzung Bernstorffs mit Anton Ulrich

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1) Konferenzprotokoll 17. Aug. 1705 (H. St.)

2) Instrukt. für Bernstorff und Fabricius 13. Okt. 1705. (H. St.)

 

 

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führten eine Verständigung herbei. 1) Im Januar 1706 wurde der denkwürdige Vertrag unterzeichnet, der dem langjährigen Streit und der erbitterten Feindschaft im Welfenhause ein Ende setzte: Die alten Gegner wollten den früheren Hader vergessen, in Zukunft wahre Freundschaft pflegen und etwaige Differenzen nach Anleitung der alten Hausverträge schlichten. Diese und die damit verbundenen Rechte und „Prärogativen Senii“ sollten unverändert in Kraft bleiben. Anton Ulrich erkannte die Kurwürde Hannovers an, behielt sich jedoch das Recht vor, im Verein mit den übrigen Fürsten für die Rechte des Fürstenstandes einzutreten. Hannover versprach dagegen, für die Aufnahme der Seitenlinie in die Kurbelehnung bei der nächsten Erneuerung der Investitur Sorge tragen zu wollen. Mit Bezug auf die Präzedenz“ Hannovers fand man einen Ausweg dahin, daß diese im Prinzip dem Kurfürsten zugestanden wurde, jedoch sollte Wolfenbüttel im Fürstenkollegium Stimme und Sitz vor den Verwandten führen, wenn bei ihm das Senium Sei. Anton Ulrich wollte aber auf seine Rechte beim niedersächsischen Kreiskonvent verzichten, falls Hannover von einem der abwechselnden Mitdirektoren der Vorsitz überlassen werde. Schließlich gab Wolfenbüttel seine Ansprüche auf Lauenburg gegen das frühere hannoversche Angebot 2) und gegen eine einmalige Barzahlung von 20000 Talern auf. 3)

 

Anton Ulrich setzte nun die Mitglieder des Fürstenvereins von seinem Schritte in Kenntnis, jedoch keine Entrüstung ließ sich in ihren Reihen vernehmen. Früher hätte die Anerkennung der neunten Kur den Herzog um alles Ansehen beim Fürstenstande gebracht. So war die Stimmung jetzt abgeflaut! 4)

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1) Relat. der hannov. Gesandten 17. Okt., desgl. Instrukt. vom 20. Nov. 1705 und 4. Jan. 1706. (H. St.)

2) S. S. 120.

3) Vertrag vom 17. Jan. 1706 (H. St. Absch.), ratifiziert am 5. Febr. 1706 (H. St.).

4) Schreib. Ant. Ulrichs vom 3. Febr. 1706; Antwortschreiben verschiedener Fürsten Febr./März 1706. (W. L.)

 

 

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Zwei Jahre dauerte es noch, bis Kurfürst Georg Ludwig die Anerkennung des Reiches erhielt. Im Juli 1706 brachte ein Kommissionsdekret Kaiser Josephs I. die hannoversche Kurangelegenheit an das Fürstenkollegium. Anton Ulrich stachelte die Fürsten nicht zu erneutem Widerstande auf. Er lehnte sogar anfangs den Vorschlag einiger Fürsten ab, seine Zustimmung auf dem Reichstag von der Mitbelehnung

der wolfenbüttelschen Linie abhängig zu machen. 1) Als aber die Katholiken aus den schon oft erwähnten Gründen eine genügende Bürgschaft zur Wahrung der Parität im Kurfürstenkollegium verlangten, die Evangelischen aber um gleichmäßige „Substitutio“ einer evangelischen Kur einkamen, hielt es Anton Ulrich für seine Pflicht, für sein Haus die Mitbelehnung zu fordern, weil sonst andere ihm in dieser Hinsicht zuvorkommen würden. 2) Georg Ludwig bat aber seinen Verwandten dringend, von seiner Forderung abzustehen, da er sonst die schwebenden Unterhandlungen zum Scheitern bringen werde. Der hannoversche Kurfürst wies dabei Anton Ulrich darauf hin, daß die Ansprüche der Katholiken wohl berechtigt seien, denn diese hätten „aus freiem, guten Willen gegen das Interesse ihrer Religion“ die Errichtung einer neuen protestantischen Kur gebilligt. 3)

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1) Schreib. der wolfenb. Räte an die cellischen 10. Nov. 1706. (H. St.)

2) Ant. Ulrich an Hannover 18. April 1707. (H. St.)

3) Georg Ludwig an Ant. Ulrich 25. April 1704. (H. St. Ccpt.) Die Forderungen der Katholiken seien berechtigt, „inmaßen das Fundament der sache darin bestehet, daß die Katholischen aus freyem guten willen gegen das interesse Ihrer religion bei der einführung unserer als einer gantz neuen Evangel. Chur consentiret. Die Catholischen seyn also nicht zu verdenken, wan sie zum besten und sicherheit ihrer religion dagegen hinwiderumb etwas fordern und auf deßen feststellung ihren consens in unserer Chur conditioniren, vielmehr hat man Evangelischer seiten ursache, mit Catholicis zufrieden zu seyn, daß Sie zur compensation desjenigen ersprieslichen (Lesart zweifelhaft) gegenwärtigen und realen vortheils, welchen die Evangelischen durch unsre Evang. neunte Chur erlangen, nicht auch die erigirung einer neuen Cath. Chur von neuem ausstipuliren (Lesart zweifelhaft), sondern sich damit begnügen wollen, daß alsdann erst eine neue Cathol. Chur zu substituiren, wan die bezeigte Churlinie wird abgegangen mithin auch die Pfälzische Chur auf eine Evangelische Pfalzgräfliche Linie gekommen seyn, welche beide casus existentz zusammen so ungewiß und weit entfernt ist, daß sie sich vielleicht nimmer begeben könte.“

 

 

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Anton Ulrich stand aber von seinem Anspruch nicht ab, ging verschiedene Fürsten um Unterstützung an und befahl seinen Vertretern in Regensburg und Wien, die Mitbelehnung zu beantragen.

 

In dieser Haltung Anton Ulrichs hat man keine Veranlassung, ein Aufflackern seines alten Grolles gegen Hannover zu suchen. Man kann vielmehr mit Berechtigung annehmen, daß der Herzog für seine Familie nur das beanspruchen wollte, was nach seiner Meinung sonst einem anderen zuerkannt werden würde. 1) Tatsächlich gerieten jedoch die Kurverhandlungen wieder für Monate ins Stocken. Anton Ulrich gab dann seine Forderung auf, als andere protestantische Fürstenhäuser mit keinem diesbezüglichen Anspruch hervortraten. Er unterstützte von jetzt an die hannoverschen Gesandten in jeder Weise, verfehlte aber auch nicht, nachdrücklichst für die fürstlichen Rechte einzutreten. 2) Alle drei Reichskollegien sprachen sich bald darauf zu Gunsten der hannoverschen Kur aus und am 30. Juni 1708 setzte ein gemeinsamer Beschluß der drei Reichskollegien fest, daß, falls die pfälzische Kur an die protestantische Linie kommen sollte, den Katholiken ein „votum Supernumerarium“ gestattet werden sollte. 3) Dieser Beschluß wurde vom Kaiser bestätigt und am 7. September 1708 fand die Einführung Böhmens und Hannovers in das Kurfürstenkollegium in feierlicher Weise statt. 4)

 

1) Ulrich an Hannover 5. Mai, desgl. an verschied. Fürsten 2. Mai 1707. (H. St.)

2) Ant. Ulrich an Hannover, 16. Juni 1707. (H. St.)

3) Protokoll vom 30. Juni 1708. (W. L.)

4) Schaumann: „Geschichte der Erwerbung der neunten Kur . . .“ Der neue Kurfürst erhielt das Reichserzschatzmeisteramt, da gegen das zuerst in Aussicht genommene Amt eines Reichsbannerherrn der Herzog von Württemberg protestiert hatte.

 

 

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Schluß.

 

Neunzehn 1) Jahre lang hatte der oft maßlos erbitterte Streit um die neunte Kur gewährt! Suchen wir uns die Gründe hier noch einmal zu vergegenwärtigen und dabei den Teil, der den Herzögen von Braunschweig-Wolfenbüttel zukommt, im Zusammenhange festzustellen.

 

Es sind die Jahre tiefer Erniedrigung für das deutsche Volk. Die französische Staatskunst hatte die größten Triumphe feiert, und mit unermüdlichem Eifer suchte das Ausland den Stachel der Zwietracht im deutschen Reiche zu schärfen. So bot auch die Opposition gegen die hannoversche Kur den fremden Mächten willkommene Gelegenheit zur Ausführung ihrer eigennützigen Pläne. Der Streit um die neunte Kur wurde immer mehr in den Bereich der übrigen politischen Ereignisse gezogen und hierdurch heillos verwirrt. Vor allem verstand es die französische Diplomatie vortrefflich, aus dem leidenschaftlichen Kampfe der streitenden Parteien für ihre Interessen Kapital zu schlagen und die Reichsstände zu immer neuen Angriffen auf das Haupt des Reiches zu hetzen. Nicht minder war Dänemark tätig; denn ein starkes hannoversches Fürstenhaus bedrohte direkt seine Stellung. Das Eintreten Schwedens, Englands und Hollands für den neuen Kurfürsten machte den Kurstreit vollends zu einem internationalen.

 

Dem Auslande wurde es um so leichter, sich in diese innerdeutsche Angelegenheit zu mischen, weil das alte Reichsgebäude immer mehr aus den Fugen zu gehen drohte. Der Westfälische Frieden hatte den Schutz der deutschen

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1) Gerechnet von den Unterhandlungen zu Augsburg 1689/1690.

 

 

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Fürstenrechte Frankreich und Schweden übertragen. Unter den deutschen Fürsten selbst war der religiöse Hader nicht verstummt, und mit eifersüchtigem Auge achtete jede Konfession auf den geringsten Vorteil der anderen. Einig nur war der gesamte Fürstenstand, wo es sich um Wahrung seiner alten Freiheiten und Privilegien handelte. In diesem Punkte kannten die alten Fürstenhäuser weder den „Herren“ Kurfürsten, noch dem Kaiser gegenüber die geringste Nachsicht. Mit unerbittlicher Rücksichtslosigkeit verlangten sie vom Oberhaupt des Reiches, sein Hannover gegebenes Versprechen zu brechen oder ihnen völlige Genugtuung widerfahren zu lassen. Dem Kaiser aber im letzteren Falle auf halbem Wege entgegenzukommen und ihm so den Rückmarsch zu erleichtern, daran dachten sie nicht im geringsten.

 

Der Kampf um die hannoversche Kur hätte zweifellos ein früheres Ende genommen, wenn ein anderer als Leopold I. den Kaiserthron inne gehabt hätte. 1) Mit Geistesgaben nur mäßig ausgestattet, war er argwöhnisch und abergläubisch, in seinen Entschlüssen langsam und zaudernd. „Am liebsten gefiel er sich in unbestimmten Äußerungen, die eine Hintertüre oder dergleichen offen ließen.“ 2) War er aber einmal zu einem Entschlusse gekommen, so vermochte ihn nichts von demselben abzubringen, zumal wenn geistlicher Zuspruch ihn darin bestärkte.

 

In der hannoverschen Kursache sehen wir ihn nach diesen Gesichtspunkten verfahren. Nach langem Zögern sprach er sich für die Errichtung einer neunten Kur aus, nachdem seine religiösen Bedenken von den Theologen zerstreut waren. Nun blieb er seinem gegebenen Worte treu, mochte die Opposition im Reiche zu scharfen Deduktionen, entrüsteten Protesten, drohenden Resolutionen und gefährlichen Bündnissen ihre Zuflucht nehmen. Statt auf die berechtigten Wünsche des Fürstenkollegiums einzugehen,

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1) Gädeke: „Die Politik Österreichs in der spanischen Erbfolgefrage“ Leipzig 1877 II, 58 ff. Noorden a. a. O. I, 150; Edmannsdörffer a. a. O. II, 209.

2) Gädeke a. a. O. II, 59.

 

 

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gedachte er auf Umwegen sein Ziel zu erreichen. Diesem Zwecke diente die Forderung der Readmission Böhmens zum Kurfürstenkollegium und der eventuellen Errichtung einer zehnten Katholischen Kur, wodurch die Einigung nur erschwert wurde. Die fürstlichen Opponenten wurden indes mit vagen Versicherungen so lange hingehalten, bis sie alles Vertrauen zum kaiserlichen Hofe verloren hatten, späteren wirklich ernstgemeinten und reellen Versöhnungsvorschlägen berechtigte Zweifel entgegenbrachten und sich dem Ausland in die Arme warfen.

 

Zu der Hartnäckigkeit Leopolds I. in der neunten Kursache trug aber nicht wenig bei, daß Ernst August und später auch sein Sohn sich nicht einen Augenblick durch den heftigen Widerstand der Fürsten beirren ließen, sondern mit frischem Mut und fester Energie durch die aufgeregten Wogen zu steuern verstanden. Hatte sich der Sturm in etwa wieder gelegt, dann bedrängten sie Leopold von neuem mit Bitten und Vorstellungen, erinnerten den persönlich frommen Herrscher an seine Verpflichtung und boten ihm immer von neuem Truppen an. Sicherlich wäre es den tatkräftigen und umsichtigen hannover-cellischen Staatsmännern, die weder Mühe noch Geld sparten, auch gelungen, eher die Introduktion durchzusetzen und eine Einigung mit den Opponenten zu erzielen, wenn nicht gerade die eigenen Verwandten des neuen Kurfürsten so energisch gegen die Auszeichnung Hannovers angekämpft und die übrigen Fürsten sich hierdurch um so mehr in ihrem Widerstande berechtigt und bestärkt gefühlt hätten.

 

An Herzog Anton Ulrich traf die kaiserlich-hannovers Partei einen Gegner, der an Energie und Ausdauer keinem nachstand. Er ist der eigentliche Organisator und Führer der Opposition gewesen. Anton Ulrich hat zuerst lebhaftere Bewegung in die Reihen der Reichsfürsten gebracht und hat auch im Verein mit dem Bischof von Münster die opponierenden katholischen Kurfürsten immer von neuem aufgereizt. Die Nichtigkeitserklärungen, der Verein der korrespondierenden Fürsten und die Fürstenkonvente sind vorwiegend sein Werk. Die Hineinziehung Frankreichs in den Kurstreit hat

 

 

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Anton Ulrich nicht nur zuerst angeregt, sondern dank seiner beständigen Propaganda auch zu erreichen gewußt. Beim Beginn des spanischen Erbfolgekrieges nahm er dann, gestützt auf ein schlagfertiges Heer, starke Befestigungen und eine von Frankreich gefüllte Kriegskasse, eine für Kaiser und Reich äußerst gefährliche Stellung ein. Wie, wenn es ihm gelungen wäre, den französischen Truppen im Westen oder Max Emmanuel von Bayern zum vernichtenden Schlage die Hände zu reichen!

 

Anton Ulrich ist psychologisch eine sehr interessante Persönlichkeit. Auf den ersten Blick scheinen in seinem Charakter nicht zu vereinende Widersprüche nahe bei einande zu liegen. Zur Zeit, als er durch seine maßlose Agitation gegen die hannoversche Kur das Reich in so großer Spannung hielt und die Leidenschaften der Parteien anfachte, trug er sich zusammen mit Leibniz mit dem Gedanken, -- die religiöse Einigkeit, eine Wiedervereinigung der Katholiken und Protestanten herzustellen. 1) Wenn der große Philosoph aus uneigennützigen Gründen, aus Liebe zum Menschentum diesen Plan verfocht, so war bei Anton Ulrich das Motiv wirksam, unter dem er Zeit seines Lebens stand, -- die Befriedigung seines schrankenlosen Ehrgeizes. 2) Nur selbstsüchtige Beweggründe waren auch maßgebend bei seinem Lebenswerk, dem Ankämpfen gegen das aufstrebende hannoversche Fürstenhaus. Gerade weil sein hochgespannter Ehrgeiz sich durch die Verwandten so empfindlich gekränkt

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1) Bodemann: „Leibnizens Briefwechsel mit dem Herzoge Anton Ulrich.“ Z. d. hist. Ver. f. NiederSachsen 1879. Klopp: „Die Werke von Leibniz“ VIII, Einleitung S. 18 ff.

2) Gewiß mochte der Fürst bei diesen religiösen Einigungsbestrebungen wegen seiner Abneigung gegen alles orthodoxe Kirchentum in hohem Maße interessiert sein, machte er sich doch oft über die „Ortho-Ochsen“ -- so nannte Anton Ulrich die Orthodoxen – lustig, aber im Grunde dachte er wohl nur hierdurch sich höheres Ansehen und größeren Ruhm zu erwerben. In welcher Weise er die Religion seinen ehrgeizigen Plänen dienstbar machte, zeigte sein späterer Übertritt zur Katholischen Kirche. (Siehe Bodemann und Klopp an den erwähnten Stellen.)

 

 

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und beleidigt fühlte, führte er die Opposition gegen die neunte Kur mit solcher Erbitterung, wenn nicht mit Haß.

 

Erschwerend fällt dabei für Anton Ulrich der Umstand ins Gewicht, daß sein Tun und Handel eigener Initiative zum größten Teil entsprang. Persönlich ersann und leitete er alles selbst. Seine Minister waren im wahren Sinne des Wortes nur Ratgeber. Gewiß hörte er auf die Meinungen und Vorschläge der beiden Imhoffe, des Geheimen Rates Hertel, des Kanzlers Wendhausen und vor allem der französischen Gesandten an seinem Hofe. Aber nicht einen Augenblick konnte sich einer dieser Vertrauten eines ausschließlichen Einflusses auf Anton Ulrich rühmen. 1) Mit scharfem Blick wußte dieser vielmehr jeden seiner Ratgeber auf den Posten zu stellen, der ihm nach seinen Fähigkeiten und Neigungen zukam. Durch reiche Geschenke spornte er ihren Eifer an und in geselliger Tafelrunde suchte er ihre persönliche Zuneigung zu gewinnen. 2) Stets war Anton Ulrich aber darauf bedacht, seinen eigenen Willen durchzusetzen, und nach der Katastrophe im Jahre 1702 sehen wir ihn nicht nur in scharfem Gegensatz wie immer zu seinem Bruder, sondern auch entgegen der Ansicht des ihm völlig ergebenen Geheimen Rates und selbst der Stimmung der wolfenbüttelschen Landstände eine Zeitlang seine eigenen Pläne weiter verfolgen. Seine herrische, impulsive Natur konnte alles eher, als Widerspruch vertragen. Wehe dem Ratgeber, der sich seiner Meinung und seinem Vorhaben aufzulehnen wagte. In einem solchen Augenblick kannte seine Leidenschaft keine Grenze und konnte ihn fast so

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1) In der Beischrift des Testamentes Anton Ulrichs (Havemann: Geschichte . . .“ III, 587 ff.) heißt es: „Laß dich nie durch Andere regieren, denn es ist einem Fürsten keine größere Schande, als wenn man von ihm glaubt, daß Einer bei ihm Alles vermöge.“

2) Ebenda rät Anton Ulrich seinem Sohn: „Sei gegen treue Diener freigiebig, damit sie nicht kaltsinnig werden; gönne ihnen zuweilen eine Lustbarkeit und fetten Mund bei Hofe. Sei gastfrei, so gewinnst du viele Herzen.“ Vergleiche dort ebenfalls die kurze, aber vortreffliche Charakterisierung der wolf. Minister, die eine vorzügliche Menschenkenntnis voraussetzt.

 

 

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weit bringen, daß er den armen Minister einfach vor die Türe warf. 1)

 

Geistreich, gewinnend, ausdauernd, verschlossen in seinen Plänen und rasch in der Ausführung, besaß Anton Ulrich die wahren Eigenschaften eines Parteiführers, der es nicht verschmähte, auf Seitenwegen sein Ziel zu erreichen und die Hilfe von Frauen bei Staatsgeschäften in Anspruch zu nehmen. 2) In meisterhafter Weise verstand er es, für eine Sache zu werben und Gleichgesinnte um sich zu scharen. Wenn trotz alledem die meisten seiner Pläne fehlschlugen, und er vor allem die Opposition gegen die neunte Kur nicht zu vollem Erfolge führen konnte, so lag die Schuld nicht an ihm, sondern an den für Hannover günstigen Zeitverhältnissen und an seinem Bruder, der ihm in allen entscheidenden Augenblicken die Hände band.

 

Anton Ulrichs Verhältnis zu dem eigentlichen Regenten der wolfenbüttelschen Lande und den hannoverschen Verwandten bildet den dunklen Fleck seines Lebens. In skrupelloser Weise stiftete er Unfrieden in der Familie Ernst Augusts und veranlaßte die hannoverschen Staatsmänner zu

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1) Rudolf August klagte dem cellischen Sekretär Stambke gegenüber oft über die Heftigkeit seines Bruders: Anton Ulrich habe sich nicht anders angestellt, als wenn er ganz toll wäre. Die Minister wären übel mit ihm daran, wenn er ihnen nicht den Rücken hielte, müßten sie abdanken. Wenn das Geringste Anton Ulrich vorgebracht würde, das nicht nach seinem Kopfe wäre, so emportiere er sich wie ein Unsinniger und wolle sofort Arm und Bein entzwei schlagen. (Gekürzt. Relat. Stambkes 27. Febr. 1698. H. St.) Mit seinem Bruder sei nichts auszurichten. Er stelle sich an, als wenn er halb toll wäre. Gestern habe er den Kanzler aus der Kammer jagen wollen. (Relation Stambkes 5. März 1698.) Anton Ulrich sei ein wunderlicher Mensch, und könne keiner von seinen Leuten mit ihm zurecht kommen. (Relat. Stambkes 4. März 1698.)

2) „Beunruhigen wichtige Angelegenheiten dein Gemüth, so schütte dein Herz gegen niemand aus als deine Gemahlin; da bleibt das Geheimniß am sichersten verwahrt und ist der Frauen Rath nicht immer zu verwerfen. Gönne ihr auch wohl, wie ich es gethan, mitunter einen kleinen Antheil an den Geschäften; laß durch sie zuweilen Andern den Kopf zurecht rücken, was die Frauen am besten verstehen.“ (Testament Anton Ulrichs.)

 

 

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ebenso tadelnswerten, unerquicklichen Gegenaktionen. Um seine Pläne zur völligen Vernichtung des verhaßten Kurwerkes verwirklichen zu können, scheute Anton Ulrich nicht, seinen Bruder in grober Weise zu hintergehen. Die wolfenbüttelschen Gesandten erhielten von ihm Sonderinstruktionen und sandten ihm auch eigene Relationen ein, während in den offiziellen Berichten nur das Unverfängliche, das Rudolf August wissen durfte, mitgeteilt wurde. Noch Schlimmer täuschte er das Vertrauen seines älteren Bruders durch seine einseitigen Abmachungen mit deutschen und fremden Fürsten. 1)

 

Dieses gelang Anton Ulrich um so leichter, da die ganze Leitung der Geschäfte vorwiegend bei ihm ruhte. Havemann 2) verzeichnet mit Befriedigung, daß Rudolf August von den Umtrieben seines Bruders nur teilweise Kenntnis bekommen habe. Gewiß, für das Gegenteil läßt sich kein Beweis erbringen. Rudolf August hatte auch im Gegensatz zu seinem Bruder eine ausgesprochene Abneigung gegen alles Französische und hielt viel auf seine Treue zu Kaiser und Reich. 3) Es muß aber dabei in Betracht gezogen werden, daß Rudolf August ebenso wie sein Bruder über die Erhebung Hannovers zur Kurwürde höchst erbittert war und die Proteste, Fürstenvereine, Kongresse und Bündnisse gegen die Verwandten

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1) Die Belege hierfür siehe an den betreffenden Stellen in den Hauptkapiteln nach. Wie früh aber Anton Ulrich schon eine eigene Korrespondenz mit den von beiden Herzögen bevollmächtigten Ministern unterhielt, zeigt folgender eigenhändiger Brief Anton Ulrichs, wahrscheinlich an Hertel gerichtet. (2. Okt. 1693. W. L.) „Monsieur. Sein Schreiben ist mir wohl geworden und hat niemand als ich, obgleich es andere gesehen deßen inhalt verstanden. Er kan nun jeh eh jeh lieber wieder herkommen und mündlich berichten, was Er alda ausgerichtet, was den mir allein nur gesaget werden, wird Er in seiner öffentlichen relation schon auslaßen. Ich verbleibe etc.“

2) a. a. O. III, 366 ff.

3) Rudolf Augusts zweite Gemahlin äußerte sich zu v. dem Busch (Relation 31. Aug. 1699, H. St.) dahin, dem Fürsten seien die französischen Weisen so zuwider, daß er noch jüngst gesagt habe, „wenn er wüßte, daß er einen Blutstropfen hätte, der franzögisch wäre, so wolle er sich das ganze Blut abzapfen lassen.“

 

 

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entschieden gebilligt hat. Auch war er mit der Requisition der Garanten des Westfälischen Friedens einverstanden. Ihm waren ferner die späteren Hauptverträge des wolfenbüttelschen Hofes mit Ludwig XIV. wohl bekannt. Die Vorschläge Anton Ulrichs zwecks eines Anschlages auf Hannover-Celle aber wollte er „nicht mal anhören, vielweniger annehmen, so inständig dieser ihn auch darum bat.“ 1)

 

Zweifellos wäre es aber nicht zu der Katastrophe beim Beginn des spanischen Erbfolgekrieges gekommen, wenn Rudolf August von Anfang an es mit seinen Regentenpflichten ernst genommen hätte. An den aufregenden Staatsgeschäften fand er kein großes Gefallen. Erst als die verhängnisvolle Politik Anton Ulrichs schwere Verwicklungen heraufbeschwor und er vernahm, daß sein Bruder zur leichteren Durchführung seiner ehrgeizigen Pläne an den fremden Höfen hatte erklären lassen, Rudolf August habe nichts mehr mit der Regierung zu tun und alles ihm übergeben, wandte er den Staatsangelegenheiten größere Aufmerksamkeit zu. Er vermochte aber vorläufig nicht viel auszurichten, geschweige denn der wolfenbüttelschen Politik sofort einen anderen Kurs zu geben, denn fast der ganze Geheime Rat stand auf Anton Ulrichs Seite. Erhob der ältere Fürst, wenn es ihm nicht nach Wunsch ging, bei den Ministern Beschwerde, so zogen diese die Achseln und „keiner wollte den Fuchs beißen“. 2) Wohl kam es dann zwischen den beiden Brüdern zu scharfen Auseinandersetzungen, aber Rudolf August überließ doch dem Jüngeren das Steuer des Staates. Zeitweilig beschränkte sich der Verkehr der Herzöge, wenn sie zusammen in Wolfenbüttel oder Braunschweig weilten, auf das allernotwendigste, wobei

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1) Testament Anton Ulrichs nach einer brieflichen Mitteilung des Herrn Archivrats Dr. Zimmermann.

2) Relat. v. dem Buschs 4. März 1698. (H. St.) Rudolf August gestand dann selbst, daß man ihn als „solem occidentem“ und seinen Bruder als „solem splendentem“ ansehe. Der Erbprinz sei „sol oriens“, dürfe sich indes nicht blicken lassen. Er habe zwar Zutritt zu den Beratungen, müsse aber dabei sitzen, als wenn er aufs Maul geschlagen wäre.

 

 

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sie es vermieden, über Staatsgeschäfte zu sprechen, aus Furcht, „sich bei den Köpfen zu kriegen“. 1)

 

Herzog Rudolf August mangelte es jedoch sowohl an Einsicht wie auch an Tatkraft. Über die verhängnisvollsten Bestimmungen der wolfenbüttelschen Bündnisse mit anderen Mächten war es ein leichtes, ihn hinwegzutäuschen. Blieben ihm dabei gewisse Befürchtungen, so begnügte er sich damit, die Angelegenheit auf den Schutz des Allerhöchsten zu stellen und seine Bedenken in der Form eines frommen Wunsches zu äußern. 2) Nur in einem Punkte ließ er nicht mit sich spaßen, -- wenn es sich um Frieden oder Kampf handelte. Jedem kriegerischen Unternehmen war er abhold und vor gefährliche Situationen gestellt, griff er unerbittlich in die Ausführung der Pläne seines Bruders ein. In dem entscheidenden Augenblick konnte sich Rudolf August zu einer Entschlossenheit aufraffen, die man sonst an ihm zu sehen nicht gewohnt war. Weder die Bitten Anton Ulrichs, noch die Vorstellungen und Drohungen fremder Gesandten vermochten ihn dann zu beeinflussen. Mit Energie und Konsequenz aber den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen, seinen Bruder zum völligen Aufgeben seiner gefährlichen Pläne zu zwingen, um hierdurch die Quelle alles Unheiles ein für alle Male zu verstopfen, dazu fehlte ihm doch die ausdauernde Kraft. War die erste Gefahr beseitigt, so verfiel er bald wieder in seine alte Schwäche. Dann gab er sich wieder zufrieden, indem er dem Lenker aller Geschicke die Entscheidung überließ und von ihm Hilfe erwartete, ohne selbst mutig das Werk in Angriff zu nehmen. 3)

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1) Relat. v. dem Buschs 17. April 1700. (H. St.

2) Ganz charakteristisch sind hierfür die Worte mit denen Rudolf August den inhaltsschweren Rezeß mit Dänemark zeichnete (S. S. 92) unterzeichnete (W. L. neunte Kur“ 44), abgedruckt bei Havemann III, 366. Siehe ferner: „Anton Ulrich und Elisabeth Christine“. S. 49, Anmerkung 3.

3) Rudolf August an den Kanzler Wendhausen 31. März/11.April 1703 (W. L.): „Ich verwundere mich über die Pharaonische Verstockung, bitte Gott, daß Er meinen Bruder bekehren, oder wenns nicht anders seyn kann, mir eine Hilfe schaffen wolle auß diesem Labyrinth zu kommen.“ Rud. Aug. an seinen Bruder 14./25. April 1703 (W. L.): „Gott erbarme sich über Euere große blindheit, bekehre Euch, und laße Frieden und Treue in unserm Vaterlande zu unsern Zeiten seyn.“

 

 

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Der Widerspruch Rudolf Augusts genügte aber, um die entscheidenden Schläge Anton Ulrichs gegen die Verwandten zu verhüten. Während die regierenden Fürsten in Hannover und Celle mit der größten Einmütigkeit ihrem Gegner begegneten scheiterte der Ansturm des braunschweigisch-wolfenbüttelschen Hauses auf die hannoversche Kur an der Zwietracht der beiden Herzöge, die in dem verschiedenen Charakter und in dem ungleichen Temperament der Brüder begründet lag. Nicht mit Unrecht setzte daher Anton Ulrich an erster Stelle in seinem Testament seinen Söhnen eine Ermahnung zu brüderlicher Eintracht, hinsichtlich derer er „ein betrübtes Exempel an sich selbst verspürt“. 1)

 

Der Widerstand gegen die neunte Kur hatte aber auch für die inneren Verhältnisse der braunschweigisch-wolfenbüttelschen Lande schwere Folgen. Die Schuldenlast, die der Vater den beiden Herzögen hinterlassen hatte, wurde durch die ungeheuren Ausgaben, die der Streit mit den hannover-cellischen Verwandten erforderte, sehr gesteigert. Die über jedes Maß der Leistungsfähigkeit des Landes vermehrte Wehrmacht verschlang riesige Summen obschon ein großer Teil durch die französischen Subsidien gedeckt wurde. Aber auch die Neubefestigungen des Landes, die durch den Zwiespalt mit den Verwandten nötig gewordene eigene Vertretung des wolfenbüttelschen Hofes an Orten, wo früher ein gemeinsamer Gesandter die Geschäfte des ganzen Welfenhauses wahrgenommen hatte, ferner die oft monatelangen besonderen diplomatischen Sendungen wolfenbüttelscher Minister an die deutschen Fürstenhöfe und ins Ausland stellten große Ansprüche an die Staatskasse. Die doppelte Hofhaltung, die infolge des mit der Zeit immer

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1) Anton Ulrich fährt in seinem Testament fort: „Mir liegt dieser Punkt desto schwerer am Herzen, da ich aus kläglicher Erfahrung gelernt, daß Wohl und Wehe davon abhängt; könnte auch nicht ruhig sterben, bis ich ihn zuvor einem Jeden in's Besondere mündlich zu Gemüthe geführt.“

 

 

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mehr schwindenden Einverständnisses der beiden Herzöge trotz früherer Abmachungen aufrecht gehalten wurde, und zugleich die Prachtliebe Anton Ulrichs konnten nur durch neue Anleihen und Besteuerungen bestritten werden. 1) So gibt die Opposition der wolfenbüttelschen Herzöge gegen die hannoversche Kur den Grund mit ab für die am Anfang des 18. Jahrhunderts überall zu Tage tretende Verarmung ihrer Lande. Für die Mitglieder des braunschweigisch-wolfenbüttelschen Fürstenhauses wie auch für ihre Untertanen zeitigte der Kampf Rudolf Augusts und Anton Ulrichs gegen die Erhebung der verwandten jüngeren Linie zur Kurwürde nur die nachteiligsten Folgen.

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1) Havemann III, 592. Heinemann III, 162 ff.

 

Berichtigungen.

Lies S. 8 „cellischen“ statt „celzlischen“, S. 27 „Strattmann“ statt ( „Stratmann“, S. 71 „König“ statt „Königs“, S. 93 „Magdeburgischen“ statt „Magdeburgischem“.

 

 

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Druck der Westfälischen Vereinsdruckerei vorm. Coppenrathschen Buchdruckerei, Münster i. W.

 

 

 

 

 

Quelle:

Die neunte Kur und Braunschweig-Wolfenbüttel / von Clemens Schwarte

Verfasser Schwarte, Clemens

Erschienen Münster (Westf.) : Coppenrath, 1905

Serie Münsterische Beiträge zur Geschichtsforschung; 19 = N.F. 7

Das Buch ist als eingescannte Online-Ausgabe der Univ.- und Landesbibliothek Münster unter der URN urn:nbn:de:hbz:6:1-147106 verfügbar.

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