[ Neue Freie Presse - 19120309 - Seite 24 -25] Wien, Samstag 9. März 1912

 

 

 

Kunstblatt.

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Hofrat Strzygowski.

 

Von Cornelius Gurlitt.

 

Am 7. März feierte der Wiener Universitätsprofessor Josef Strzygowski seinen 50. Geburtstag, bekanntlich einer der meistgenannten deutschen Kunstgelehrten. Die Reihe seiner Schriften aufzuführen ist nicht meine Aufgabe. Darüber geben die Handbücher und Konversationslexika genügende Auskunft. Für den weiteren Kreis der Kunstfreunde ist Strzygowskis Name mit der Erforschung Vorderasiens in engster Beziehung. Ich möchte hier nur erwähnen, da es so in der Welten Lauf liegt, die Menschen zum Spezialistentum zwingen zu wollen, daß der Orient nicht das einzige Arbeitsgebiet des Wiener Professors ist. Er hat Bücher über die Kunst der Renaissance, des Barock, der Moderne herausgegeben, sich also im weitesten Umkreis der Kunstbetrachtung bewegt.

 

Strzygowski gehört zu jenen Gelehrten, über die man sehr verschiedener Meinung ist, über die man streitet. Von Zeit zu Zeit wird er „wissenschaftlich vernichtet“. Das scheint ihm aber recht gut zu bekommen, so daß sich mir der Eindruck aufdrängt, es gehöre zu seinen Lebensgewohnheiten.

 

Ich weiß nicht, ob es ihm nicht ganz recht ist und ob er nicht die Gründe seiner Gegner im stillen anerkennt. Keiner von diesen wird meinen, Strzygowski wisse in der Kunstgeschichte und besonders in dem Gebiete, das ihn besonders gepackt hat, in der Geschichte und Formenwelt altchristlicher Kunst, nicht ausgezeichnet Bescheid. Seit Jahren sind wir gewöhnt, in der „Byzantinischen Zeitschrift“ Berichte von ihm über die Literatur dieses und der benachbarten Gebiete zu lesen, die von einer ungewöhnlichen Sachkenntnis, von einem weiten Ueberblick über die wissenschaftliche Produktion aller Kulturvölker Kunde geben. Nicht minder wird irgendwer leugnen wollen, daß Strzygowski das Viele was er tatsächlich weiß, in erstaunlicher Weise bei der Arbeit zur Verfügung steht. Denn beim wissenschaftlichen Arbeiten kommt es nicht darauf an — zum mindesten nicht hauptsächlich — wohlgefüllte Zettelkasten mit sorgfältig geprüften Notizen im Studierzimmer stehen zu haben, sondern darauf, daß der Kopf selbst ein solcher Zettelkasten ist und daß der abwägende Verstand in den dort bewahrten Notizen Bescheid weiß und die eben jetzt brauchbare auch zur rechten Minute findet. Nicht minder wird niemand ihm einen erstaunlichen Fleiß und eine außerordentlich produktive Kraft abzusprechen geneigt sein.

 

Im Gegenteil. Die Vorwürfe treffen zumeist den Umstand, daß er mit „heißer Feder“ schreibe, daß er nicht abwarte, bis sich außer ihm und in ihm eine Frage geklärt habe, bis sie zu ihrem vollen Ende durchgedacht und durchgearbeitet sei. Strzygowski hat manche Anfechtung in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gefunden, weil er sich selbst widersprach, andere Ansichten heute, andere morgen verkündete, ja, sich selbst und seinen Entwicklungsgang zergliedernd, die verschiedenen Phasen seiner Erkenntnis nebeneinander stellte.

 

Das tut nun freilich der brave Normalprofessor nicht, der gibt unter keinen Umständen zu, daß er jemals sich geirrt habe, ja daß es überhaupt möglich sei, daß er irre. Denn er spricht seine Ansicht erst dann aus, wenn sie zur unumstößlichen Gewißheit geworden ist - wenigstens ihm selbst!

 

Strzygowski gehört, obgleich er Oesterreicher von Geburt ist, der Kunsthistorikerschule Anton Springers an, der, selbst ein Oesterreicher, seinerzeit die Leipziger Universität zum Zielpunkt aller Vorwärtsstrebenden machte. Eine Reihe von Arbeiten zur italienischen Renaissance beweisen für die Zeit, in der er in Wien Privatdozent, in Graz Professor der neueren Kunstgeschichte war, da er mit so vielen anderen bemüht war, die mehr oder minder großen Lücken in der Erkenntnis durch sorgfältige Kleinarbeit füllen zu helfen. Berufungen an die Universitäten Breslau und Halle, endlich nach Wien lieferten die deutlichen Beweise der Anerkennung der Fachkreise. Seine eigentliche Bedeutung und seine Eigenart trat jedoch erst hervor, als er 1901 sein Werk „Orient oder Rom“ ver- öffentlichte.

 

Die Frage, die damals aufgeworfen wurde, ging dahin, ob Rom tatsächlich, wie sowohl die klassischen Archäologen als die Kenner der altchristlichen Kunst behaupten, das leitende Zentrum der Entwicklung gewesen sei, oder ob die hauptsächlichen Anregungen vom Orient gekommen seien, wie Strzygowski damals annahm, von Byzanz. Er brach mit einer liebgewordenen wissenschaftlichen Tradition, die bisher die Köpfe völlig beherrscht hatte. Wer den wissenschaftlichen Betrieb kennt, der weiß, wie übel die erbeingesessene Gelehrtenwelt es nimmt, wenn einer mit solchen Umsturzideen in ihren Kreis hineintritt, die schöne Ruhe und Uebereinstimmung stört, in der jeder einzelne sich so wohl geborgen fühlt. Nun aber lenkte Strzygowski die Aufmerksamkeit zahlreicher vorwärts strebender Forscher auf die Wichtigkeit dieser Frage, namentlich auf die Lösung des großen Rätsels: „Worin besteht die eigene Leistung Roms für die Kunst in der Zeit des Kaiserreiches und der wachsenden Macht des Papsthums ?“

 

Aus sehr vielen Gründen sah man schon in der Fragestellung eine Anmaßung. Die Kunstgeschichte lag ja fertig vor. Da kamen auf das Kapitel: Griechische Kunst, die Kapitel: Römische Kunst, Altchristliche und Byzantinische Kunst, jede mit einem feststehenden Anfang und Ende. Die große Mehrzahl der Kunstgeschichten arbeitet noch heute mit diesem Schema.

 

Aber alle die, die sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, erkennen, daß hier eine arge Geschichtsklitterung vorliegt. Es sei mir erlaubt, ein paar Worte zur Sache über mich selbst hinzuzufügen. Ein Jahr nach Strzygowskis „Orient oder Rom“ erschien meine „Geschichte der Kunst“, die, ein Werk von anderthalbtausend Seiten, natürlich nicht im Handumdrehen entstehen konnte. Das, was Strzygowski aussprach, deckte sich mit Anschauungen, die ich seit Jahren meinen Schülern vorgetragen hatte. Nur mit dem Unterschied, daß ich nicht in Byzanz den Mittelpunkt der Anregungen sah, sondern in einer allgemeinen Bewegung, die bald nach dem wegöffnenden Vorstoß Alexanders des Großen und der Seleukidenkönige gegen den fernen Osten, rückläufig von Osten gegen Westen, vordrang. Mir verdichtete sich die Anschauung dahin, daß ich das Bestehen einer „Römischen Kunst“ überhaupt leugne, nur von einer im wesentlichen orientalischen und hellenistischen Kunst in Rom spreche, so wie die Archäologen dies seitens der Bildhauerei selbst längst anerkannt haben. In die Fragen der Architektur übertragen heißt dies: der Uebergang vom Steinbalkenstil zum Wölbstil vollzog sich nicht, wie die landläufige Kunstgeschichte lehrt, in Rom, aber auch nicht, wie 1901 Strzygowski lehrte, in Byzanz, sondern im Orient, in Syrien und seinem noch ungenügend erforschten Hinterland.

 

Seither folgte eine Schrift Strzygowskis der anderen. Mit der außerordentlichen Regsamkeit, die ihn auszeichnet, fand er Mittel und Mitarbeiter, um weiter in der Erkenntnis zu schreiten: Kleinasien wurde das Ziel seiner Untersuchungen, dann Syrien. Daß im Berliner Museum die merkwürdige Fassade des syrischen Wüstenschlosses Mschatta steht, ist im wesentlichen Strzygowskis Verdienst.

 

Einfügung: LINK zum Wüstenschloss Mschatta im Berliner Museum für islamische Kunst

https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/museum-fuer-islamische-kunst/sammeln-forschen/forschung-kooperation/qasr-al-mschatta-das-fruehislamische-wuestenschloss-mschatta-jordanien-dokumentation-und-deutung.html

 

Die Untersuchung der koptischen Altertümer der Museen von Kairo ist ihm anvertraut worden; wohl kein Forschungsreisender, der im Orient nach neuer Erkenntnis sucht, versäumt es, sich mit dem Wiener Gelehrten in Verbindung zu setzen. Und dieser ist ununterbrochen am Werke, zu sammeln, nicht nur für das von ihm geleitete kunsthistorische Institut an der Wiener Universität, sondern für die Wissenschaft im allgemeinen.

 

Und da ergibt sich denn, daß die Meldungen aus den Expeditionen der verschiedenen Nationen nur zu oft nicht mit dem übereinstimmen, was man auf Grund von Hypothesen vermutet hatte, solcher Hypothesen, die erst die Anregung zum Erforschen gaben. Wenn nun Strzygowski an der Grundansicht der orientalischen Herkunft der wichtigsten Gedanken der Spätkunst der Antike sowie der Frühkunst des Christentums aus einer Quelle, dem Orient, festhielt, ja fortschritt, so zögerte er doch nie, dort, wo sich ihm bessere Erkenntnis aufdrängte, dieser Folge zu geben, also sich selbst zu widersprechen: Hätte er gewartet, bis die Wissenschaft „fertig“ vorlag, so hätten uns all die vielseitigen Anregungen gefehlt, die gerade der Streit der Meinungen so mächtig förderte.

 

Und diese Anregungen waren dringend nötig und bleiben ein dauerndes Verdienst! Denn neben der Kunstgeschichte und nicht zum geringen Teil durch die Kunstgeschichte schreitet die Religionsgeschichte vorwärts und schlägt die großen Probleme auf, die wohl den wesentlichsten Teil des Inhaltes des Denkens der kommenden Zeit ausmachen werden. Es wird da noch vieles in unserem Meinen und Folgern umgestürzt werden. Und wir werden noch manchen Mann von der Art Strzygowskis brauchen, Leute von der Biegsamkeit des Denkens, daß sie die Fragen neu aufstellen und neu beantworten können, sobald neues Material zur Erforschung der Wahrheit beigebracht ist.

 

Ob aber der österreichische Staat genug solche Männer hat, um diese Bestrebungen zu fördern? So oft hört man das schöne Wort von der „Ostmark“, von der durch den Namen des Staates schon angedeuteten Richtung a den Osten. Ist es ein Denkfehler von uns Reichsdeutschen, wenn wir der Meinung sind, eigentlich müsse nicht nur ein einzelner Gelehrter Oesterreichs, sondern der Staat selbst in seinen öffentlichen wissenschaftlichen Bestrebungen uns in der Erforschung des Orients voraus sein!

 

Vielleicht gibt der 50. Geburtstag Strzygowskis den maßgebenden Kreisen Anlaß über diese Aufgaben nochmals nachzudenken.

 

 

Quelle:

 

Neue Freie Presse. Wien, Samstag 9. März 1912. Seite 24 -25

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beilage zu Nr. 297 der „Wiener Abendpost“ vom 29. Dezember 1903.

 

Kleinasien, ein Neuland der Kunstgeschichte.

 

[ Wiener Zeitung - 19031229 - Seite 21 ]

 

 

Wenn F. X. Kraus in seiner „Geschichte der Christlichen Kunst“ (9. Buch) sagt: Die „byzantinische Frage“ liegt seit langer Zeit wie eine dunkle Wolke über unserer Kunstwissenschaft, so hat er die Wichtigkeit dieser Frage und das schwierige Problem ihrer Lösung mit wenigen lapidaren Worten charakterisiert. Die „byzantinische Frage“ gehört zu jenen Schmerzenskindern, wenn ich so sagen darf, deren die meisten Wissenschaften eines besitzen und die gewöhnlich für Generationen von Forschern einen Stein des Anstoßes bilden, über den sie schwer hinwegkommen – sie umgehen ihn denn oder, besser gesagt, täuschen sich darüber hinweg. Es ist allerdings unbestreitbar, daß gerade Forschungen der letzten Jahre diese Frage ihrer Lösung bedeutend näher gebracht haben. Vor allem aber muß konstatiert werden, daß wir in Hinkunft von einer „byzantinischen Frage“ im bisherigen Sinne des Wortes überhaupt nicht mehr werden sprechen können. Es handelt sich nicht in erster Linie um das Wesen der byzantinischen Kunst und ihrer Einwirkung auf das Abendland, sondern um das Wesen der verschiedenen Kunstströmungen in den Ländern des östlichen Mittelmeerbeckens, als da sind Griechenland, Macedonien, Byzanz, Klein-Asien, Syrien mit seinem gesamten Hinterland und Ägypten in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten; um die Frage der gegenseitigen Beeinflussung aller dieser Kunstströmungen untereinander sowohl wie auf die gesamte spätantike und frühmittelalterliche Kunst des Abendlandes. Die Kunstwissenschaft wird in Hinkunft treffender von einer „orientalischen Frage“ sprechen, wie dies Strzygowski in dem Titel seines vor zwei Jahren erschienenen Buches „Orient oder Rom“ bereits angedeutet hat. Die Frage ist demnach wohl in ein neues Fahrwasser gelangt und wir haben dies in erster Linie dem eben genannen, mit kühner Initiative vorgehenden Forscher auf dem Gebiete der spätantiken und frühchristlichen Kunst zu verdanken; endgültig gelöst wird sie aber noch lange nicht sein, das zeigt gerade Strzygowskis neues Buch, *) über dessen Inhalt hier referiert werden soll. Das Endresultat: der Ursprung der romanischen Kunst des Abendlandes müsse im Orient gesucht werden, wird gewiß einen neuen Kampf heraufbeschwören.

 

Doch kommt dies erst in zweiter Linie in Betracht. Der Hauptteil des Buches beschäftigt sich mit der Vorführung der christlichen Kunstdenkmäler Kleinasiens, eines Ländergebietes also, das die Geschichte der frühchristlichen Kunst bisher so gut wie unbeachtet gelassen hatte und das uns, wie wir sehen werden, speziell auf dem Gebiete der Kirchenarchitektur Neues von außerordentlicher Bedeutung bietet.

 

Das Buch ist, wie der Verfasser im Vorwort sagt, durch internationale Arbeit zu stande gekommen. Nur dadurch, daß Strzygowski neben der wissenschaftlichen Ausbeute, die er selbst von eigenen Studienreisen in Syrien und Teilen von Kleinasien heimgebracht hat, auch Aufnahmen J. W. Crowfoots, J. J. Smirnovs, Dr. Max Freiherrn von Oppenheims u. a., ferner der isaurischen Expedition der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen benützen konnte, war es ihm möglich, eine einigermaßen erschöpfende Abhandlung über die Kirchenbauten dieses kolossalen Ländergebietes zu geben. Sind auch die Photographien zum größeren Teile befriedigend, so lassen, wie Strzygowski ausdrücklich hervorhebt, einige Grundrisse sehr zu wünschen übrig. „Wenn ich trotzdem auch sie — und zwar ohne sie irgendwie zu verschönern — reproduziere, so geschieht es aus der Erfahrung heraus, daß eine Skizze immer noch mehr wirkt als alle Worte. Und dann soll ja dieses Buch überhaupt nichts Fertiges bringen, sondern gerade durch den Gegensatz seiner Unvollkommenheit und der hohen Bedeutung der darin behandelten Denkmäler dazu anregen, daß wir endlich einmal anfangen auch dem christlichen Orient Mittel und Kräfte zuzuwenden.“

 

Im ersten Abschnitte werden im Anschlusse an die Aufnahmen Crowfoots die Bauten von Binbirkilisse, Jedikapulu und Ütschafak vorgeführt. Der Name Binbirkilisse — der Ort liegt zwei Tagereisen südöstlich von Ikonium — heißt zu deutsch „Tausend und eine Kirche“ und spricht an sich für die eminente kunsthistorische Bedeutung dieser Stätte. Aus den einundzwanzig Kirchenbauten von Binbirkilisse, die von Crowfoot und Smirnov aufgenommen wurden, läßt sich ein Durchschnittstypus feststellen, der deshalb von weitgehendem Interesse ist, weil er völlig von dem uns von Rom her bekannten Typus abweicht und fast identisch ist mit dem romanischen Kirchenbau: die Basilika, die immer gewölbt ist und deren Bogen auf Pfeilern mit Halbsäulen ruhen. Die innen stets runde Apsis hat gewöhnlich hufeisenförmigen Grundriß, eigenartig ist auch der Abschluß an der Westseite. Dem Mittelschiffe legt sich eine offene Halle vor, die sich mit einer Tür nach dem Schiffe öffnet, während die Seitenschiffe in zwei sonst nach allen Seiten geschlossenen quadratischen Kammern münden, die, in den Ecken der Fassade gelegen, die Eingangshalle zwischen sich nehmen. Nach den syrischen Parallelen tragen sie Turmbauten. Neben der dreischiffigen Basilika treffen wir in Binbirkilisse und Jedikapulu, einer Kirchenruine am oberen Halys, den Typus des einschiffigen Saalbaues. Utschajak wiederum zeigt eine Doppelkirche aus Ziegeln erbaut, mit Blendarkaden als äußeres Dekorations-Motiv.

 

Im zweiten Hauptabschnitte des Buches bespricht Strzygowski die kleinasiatischen Bautypen, deren vier unterschieden werden: die Basilika, das Oktogon, die Kuppelbasilika und die Kreuzkuppelkirche. Aus den basilikalen Formen hebt der Verfasser zwei Haupttypen hervor: den hellenistischen und den orientalischen. Der erstere, mit Holzdach und Atrium, hat seine zahlreichen Vertreter an der West- und Südküste von Kleinasien und in Rom, der zweite im Innern des Landes. Dieser orientalische Typus wird hauptsächlich durch die Bauten von Binbirkilisse charakterisiert. Dazu kommen die isaurischen Basiliken und andere im Innern Kleinasien bisher vereinzelt gefundene Kirchen.

 

Auch das Oktogon ist unter den Bauten von Binbirkilisse in höchst eigenartiger Weise vertreten durch ein Achteck, das in den Diagonalen von einem Kreuz durchsetzt ist. Die Endigungen des Kreuzes sind äußerlich sichtbar gemacht durch drei portalartige Vorbauten, die vor jede zweite Ecke des achteckigen Kernbaues gesetzt sind. Dazu tritt ein weiterer Faktor, der diesem Bau einem pikanten Reiz verleiht. Durch die vier anderen frei gebliebenen Ecken des oktogonalen Kernbaues sind Fenster gebrochen; sie stehen also übereck. Daß derartige, vom Kreuze durchsetzte Oktogone als Grabmäler oder Martyrien von Heiligen gebaut wurden, wissen wir durch einen Brief, den Gregor von Nyssa zwischen zirka 379 und 394 an den Bischof Amphilochios von Ikonium schrieb. Strzygowski teilt diesen bisher so gut wie unbeachtet gebliebenen Brief im Original und Übersetzung (von Bruno Keil) mit. Gregor nennt den beabsichtigten Bau ausdrücklich Martyrion und beschreibt seinem Amtsbruder Amphilochios auf das genaueste, wie er sich den Aufbau denkt, damit ihm dieser geeignete Arbeiter aus Ikonium sende. Die Rekonstruktion des Grundrisses, welche nach der eingehenden Beschreibung mit annähernder Genauigkeit möglich ist, ergibt eine dem Oktogon von Binbirkilisse ganz ähnliche Bauform. Andere Oktogone von teils einfacher, teils reicherer Form reihen sich den beiden angeführten Bauten an. Strzygowski bespricht im ganzen acht Oktogonalbauten, abgesehen von den Rundbauten und knüpft an die Tatsache, daß dieselben durchaus keinen einheitlichen Typus, sondern verschiedene individuelle Lösungen desselben in der kleinasiatisch-armenisch-nordsyrischen Ecke wurzelnden Baugedankens aufweisen, den berechtigten Schluß, daß an einen römischen Ursprung dieses Bautypus, den manche noch immer verfechten, nicht gedacht werden kann.

 

Zu den schwierigsten Problemen, die sich der Verfasser in diesem Buche stellt, und zu lösen versucht, gehört die Frage nach Wesen und Ursprung der Kuppelbasilika und der Kreuzkuppelkirche. Zunächst werden die bisher im Wortschatze der Architekturgeschichte noch unbekannten Bezeichnungen auffallen. Die ungeheure Mannigfaltigkeit im Grundrisse und Aufbau der zahlreichen kleinasiatischen Kuppelbauten bewog den Verfasser zur Einführung dieser beiden neuen Unterabteilungen, wodurch dem Kunsthistoriker in Hinkunft die Sichtung auf diesem schwierigen Felde bedeutend erleichtert sein wird.

 

Unter dem Kollektivnamen der Kuppelbasilika faßt Strzygowski jene Kirchenbauten zusammen, in denen der basilikale Grundtypus trotz der Überdachung eines Teiles des Hauptschiffes mit einer Kuppel deutlich durchschlägt. Die ursprüngliche gleichmäßige Reihung der Stützen wie sie in der altchristlichen Basilika gang und gäbe ist, erhält jetzt eine rhythmische Unterbrechung — die vier Hauptstützen der Kuppel müssen naturgemäß eine stärkere Betonung erhalten. Man erzielte dadurch zweierlei: einerseits ergab sich eine Erweiterung des Presbyteriums durch Vorlegung eines rechteckigen Raumes vor die Apsis, der schon rein konstruktiv nicht mehr dem Hauptschiffe angehörte, andererseits erhielt das Hauptschiff durch die Kuppelfenster die Beleuchtung wieder, welche durch die Anbringung von Emporen bedeutend abgeschwächt worden war. Und Tatsache ist, daß die Kirchen vom Typus der Kuppelbasilika fast ausnahmslos Emporenkirchen sind. Strzygowski sieht den Typus der Kuppelbasilika für späthellenistisch an im Gegensatze zum byzantinischer der Kreuzkuppelkirche. Als byzantinisch kann diese letztere allerdings auch nur insoferne angesehen werden, als sie durch die Apostelkirche, die Konstantin der Große in seiner Residenz erbaute und die auch sein Mausoleum wurde, als Mustertypus einer Kreuzkuppelkirche Schule machte. Auch die Apostelkirche hat ihre Vorgänger, die tief in der hellenistischen Kunst wurzeln. Die Grundform der Kreuzkuppelkirche, ein Quadrat, das sich auf allen vier Seiten mittels offener Tonnengewölbe nach Nebenräumen öffnet, finden wir schon in den orientalischen Felsengräbern vorbereitet. Auch ein rein äußerlicher religiös-symbolischer Umstand trug zur Verbreitung der Kreuzkuppelkirche bei: es sollte durch die zu Tage tretende Kreuzform der Sieg der christlichen Religion hervorgehoben werden.

 

Aus den Typen des Oktogons, der Kuppelbasilika und der Kreuzkuppelkirche heraus, als reife Frucht, gezeitigt durch die Errungenschaften der verschiedenen hellenistischen Großstädte, erwuchs endlich, wie der Verfasser ausführt, das wunderbare Gesamtkunstwerk der Sophien-Kirche in Konstantinopel.

 

Wie schwierig es ist, hinsichtlich der Datierungsfragen, mit denen sich Strzygowski im dritten Abschnitte des Buches beschäftigt, zu klaren Ergebnissen zu kommen, erhellt schon daraus, daß keiner der kleinasiatischen Bauten, die vorgeführt wurden, mit Ausnahme etwa der späten Höhlenkirchen von Soanlydere, eine Datierungs-Inschrift trägt. Das allgemeine Vorkommen der Martyrien im 4. Jahrhundert ist allerdings gesichert. Für die drei anderen Haupttypen kleinasiatischer Kirchenbauten lassen sich jedoch, wie der Verfasser betont, endgültige Datierungsresultate noch kaum geben.

 

Wir haben den fundamentalen Unterschied zwischen den Basiliken des kleinasiatischen Inlandes und der Küstenstädte kennen gelernt. Der Frage der gegenseitigen Berührung und Beeinflussung verschiedener Kunstkreise, wie sie sich im obigen Beispiel zeigt, tritt der Verfasser im nächsten Abschnitt näher, den er „Kleinasien zwischen Orient, Hellas, Rom und Byzanz“ betitelt. Daß Beziehungen zwischen den christlichen Bauten Kleinasiens und Syriens und den altorientalischen Bauten bestanden haben, hat Puchstein für einen der eigenartigsten Züge der syrisch-kleinasiatischen Hinterlands-Basilika zu zeigen versucht, indem er die Bildung der Fassade mit einer offenen Halle zwischen zwei turmartigen Eckbauten in Zusammenhang brachte mit dem Ulam des Tempels zu Jerusalem und dem hethitischen Chilani. Daß der oft gebrauchte Hufeisenbogen ausschließlich orientalischen Ursprunges ist, wissen wir längst; dessen Verbreitungsbezirke werden vom Verfasser des Buches neuerlich in Untersuchung gezogen. Von Interesse ist es jedenfalls dieselbe Zweiteilung, die zur Erklärung der Verschiedenheiten im, kleinasiatischen Basilikenbau gemacht wurde, auch von maßgebendster theologischer Seite aufgestellt zu sehen. „A. Harnack begründet die Tatsache, daß Kleinasien das christliche Land ϗατ‘ έξχήν in vorkonstantinischer

 

 

[ Wiener Zeitung - 19031229 - Seite 22 ]

 

 

Zeit gewesen ist, einerseits damit, daß hier der Hellenismus eine Form der Ausbildung gewonnen habe, die ihn dem Christentum besonders zugänglich machte, und es andererseits Provinzen gegeben hätte, die, von ihm noch weniger berührt, nur eine schwache Kultur besaßen, also ein frischer Boden waren.“ In diesen zentralen und östlichen Provinzen gelangte eben einheimische, orientalische, künstlerische Tradition obenauf, und auf diesem Wege erklärt sich Strzygowski einerseits den Eingang der Basiliken von Binbirkilisse mit denen des zentralen Syrien, andererseits das völlig andere Bild, das diese Bauten denen von Rom und Byzanz gegenüber bieten. „Die Kunst“, sagt der Verfasser hinsichtlich Hellas und Roms, „bleibt in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus ebenso hellenistisch wie in dem gleichen Zeitraume vor Christus. Der Unterschied besteht nur darin, daß vonAlexander bis auf Christi Geburt Hellas den Orient erobert, von da an bis auf Konstantin aber der Orient diese hellenistische Kunst wieder zu durchsetzen beginnt und zu bedeutenden lokalen Differenzierungen führt. Kleinasien zeigt in der Kaiserzeit wesentlich andere Kunstformen als Syrien, bleibt mehr im Fahrwasser des vorchristlichen Hellenismus, während Syrien und mit ihm zum Teile Ägypten sehr entschieden mit orientalischen Formen und Ausdrucksmitteln zu arbeiten beginnen. Rom verhält sich diesen Gebieten gegenüber aufnehmend, durchsetzt aber die hellenistische Invasion dauernd oder zeitweilig mit individueller Eigenart, so auf dem Gebiete der Architektur durch den Gebrauch des Kreuzgewölbes und im Rahmen der Plastik durch Prägung einer gewissen Amtsmiene in den Porträtköpfen und einer vordringlichen Betonung der Tracht. Manche Gestalt wird so zur Darstellung der Toga oder einer anderen römischen Amtstracht. Nur die Malerei scheint sich in den Bahnen des reinen Hellenismus gehalten zu haben.“

 

Seit Konstantin bilden die von ihm geschaffenen Typen die vorwiegend gültige Richtschnur bis auf die Zeit, wo Byzanz die Führung übernimmt, was verhältnismäßig spät geschieht. Als eine bahnbrechende Schöpfung muß die sogenannte Nea gelten, die wir nur aus Beschreibungen kennen. Der Typus der rein byzantinischen Kirche ist mit ihr geschaffen. Sie wurde von Basileios I. (867 bis 886) gebaut, dem ersten Kaiser der armenischen Dynastie. Dieser letztere Umstand gibt über ihren Ursprung zu denken !

 

Im Schlußkapitel: „Der Ursprung der romanischem Kunst des Abendlandes“ kommt Strzygowski zu einem der interesstantesten Ergebnisse seiner Forschungen. Schon andere Gelehrte, wie Vogüe, Choisy u. a. haben syrische und kleinasiatische Einflüsse auf die Kunst der West-Goten in Spanien, der Merovinger und die romanische Kunst des Abendlandes hervorgehoben. F. Leitschuh hat in seiner Geschichte der Karolingischen Malerei einige Quellen zusammengefaßt, welche uns den Verkehr der Syrer im Merovinger-Reich deutlich vor Augen rücken: „Als Guntram nach Orleans kam, sangen auch die Syrer in ihrer Landessprache sein Lob. Ein syrischer Kaufmann erlangte durch reiche Geschenke den Bischofsstuhl von Paris und besetzte alle kirchlichen Stellen mit Syrern.“ Strzygowski faßt die verschiedenen Eigenheiten kleinasiatischen Kirchenbaues, die wir kennen gelernt haben, zusammen und kommt zu dem unabweisbaren Schlusse, daß sie die später charakteristischen Motive des Romanischen enthalten. Die Studien auf dem Gebiete der Karolingischen Miniatur Malerei führen zu ähnlichen, auf den Orient hinweisenden Ergebnissen, wie schon Janitschek erkannt hat. „Worauf es ankommt“, führt der Verfasser aus, „ist, daß wir aufhören, uns die Linie Ravenna, Mailand, Marseille als ein Geleise vorzustellen, auf dem römische Kunstformen allmählich nach dem Norden überführt werden. Ganz das Gegenteil ist wahr: diese Städte legen sich wie ein Wall zwischen den Norden und Rom, ein Wall, der seine Front direkt gegen Rom richtet und seine Tore, eben jene drei Städte, offen läßt für das Eindringen der Kunstformen des Orients. Seit Griechen aus der Gegend von Smyrna Massalia gegründet hatten, war die Verbindung mit Kleinasien unter Umgehung von Athen und Rom hergestellt. Sie wurde andauernd genährt durch die zwischen Rom und Ober-Italien eingeschobenen Etrurier, deren Beziehungen zum Orient auf dem Gebiete der bildenden Kunst klar liegen.“

 

Kleinasien war in den letzten Jahren ein Tummelplatz ausländischer und ganz besonders deutscher Gelehrten- und Forscherarbeit auf historischem, geographischem und wirtschaftlichem Gebiet. Der wichtige Bahnbau Konstantinopel-Bagdad hat nicht wenig zu allen diesen Forschungen angeregt. Und so müssen wir, wie ich glaube, dem Verfasser des vorliegenden Buches dankbar sein, daß er uns in demselben die Kunsttätigkeit dieses Landes zu einer Zeit vorgeführt hat, in der es in kultureller Hinsicht noch blühte. Kein geringerer als W. M. Ramsay, der älteste, jetzt lebende Forscher auf diesem Gebiet, spricht dem Buche epochemachende Bedeutung zu. („Athenäum“ Nr. 3968, November 1903.) Und wenn nunmehr, durch die Wichtigkeit der Sache gedrängt, auch andere Gelehrte sich diesem wichtigen Kapitel unserer Kunstwissenschaft zuwenden, so steht zu erwarten, daß wir bald über die wichtige Periode des Überganges der altorientalischen und antiken Kunst in die christliche und sogenannte romanische genauere Aufschlüsse erlangen. Der erste entschiedene Schritt dazu ist durch das vorliegende Buch gemacht.

 

 

Ernst Diez.

 

*) „Kleinasien, ein Neuland der Kunstgeschichte“, von Josef Strzygowski. Mit 162 Abbildungen. Leipzig 1903, J. C. Hinrich‘sche Buchhandlung geb. 24 M.

 

Quelle: Beilage zu Nr. 297 der „Wiener Abendpost“ vom 29. Dezember 1903.

 

 

 

 

 

 

I. Jahrgang. Heft 6. März 1908.

 

Bauspäne von einer anatolischen Reise.

 

Von Hans Rott-Heidelberg.

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Mit der Einrichtung des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin hat die herrliche Prachtfassade der Meschatta ihren Weg aus dem sonnigen Ostjordanland in unsern deutschen Norden gefunden. Das Denkmal besitzen wir zwar, hinsichtlich der vollen kunstgeschichtlichen Würdigung jedoch steht unsere Wissenschaft noch in den Anfängen. Eine andere Überraschung brachte für die monumentale Malerei des frühen Mittelalters das Fürstenschloß von Kusejr ‘Amra, und mit der Auffindung der Nekropolen bei Ghirza in der tripolitanischen Wüste durch Méhier de Mathuiseulx gewinnen wir einen weitern, sichern Einblick in die Entstehung und Herkunft der Altarziborien unserer mittelalterlichen Kirchen. 1) Für klassische und christliche Archäologie wie für die vergleichende Kunstwissenschaft haben sich somit weite Perspektiven eröffnet, freilich auch ein Heer neuer und ungeahnter Probleme erhoben. Es handelt sich heute um nichts Geringeres als die Fragen nach der Genesis und dem eigentlichen Wesen der parthischen, sassanidischen, koptischen wie arabisch-persisch-islamischen Kunst und Kultur. Die Untersuchungen über die Meschatta, ihre Vorstufen und verwandten Baudenkmäler haben für jeden ruhig Prüfenden bewiesen, wie wenig Sicheres wir noch über die Kunstzentren der östlichen Mittelmeervölker und ihrer angrenzenden Hinterländer wissen, wie unklar unser Blick ist über Zusammenhang und gegenseitiges Verhältnis von spätrömischer und byzantinischer Kunst zur vorderasiatischen in ihren jeweiligen Phasen.

 

Als Ardeschir Babegan 226 die Sassanidendynastie begründete, da lebte zu gleicher Zeit der Feuerkult der alten Perser wieder auf. Mit der Verlegung des Herrschersitzes nach Mesopotamien beginnt auch für die Architektur die Gegenströmung des Orients gegenüber dem Abendland. Der Überreichtum des Ornamentalen brach sich

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1) Nouvelles Archives des missions scientif. et litt. XII. 1904.
Zeitschrift für Geschichte der Architektur. I. 19

 

 

 

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142 Hans Rott - Heidelberg.

 

zunächst Bahn, dann folgten die neuen Bauformen, die Kuppel- und Tonnensysteme mit ihren im Oriente gegebenen Bedingungen und Problemen. Von den Bauten der ersten Renaissance orientalischer Architektur, wie sie sich am Euphrat entfaltete, bis zur Hagia Sophia am Bosporus wird sich eine Entwicklungsreihe herstellen lassen, je mehr wir unsere Blicke vom Mittelmeer ablenken und zur morgenländischen Welt hinwenden.

 

Um dies im einzelnen nachzuweisen, fehlte uns bislang die eingehende Kenntnis der orientalischen Denkmälerwelt, vor allem der sichere Überblick über den Entwicklungsgang der gesamten byzantinischen Kunst. Ja, was das Schlimmste ist, wir wissen zur Zeit kaum, was wir inhaltlich eigentlich alles unter diesem Begriff, sehen wir von der vulgären Auffassung ab, zusammenfassen sollen. Soviel ist wenigstens sicher, daß alles, was im Formenkreis der östlichen Kunsterscheinungen während der Herrschaft von Ostrom als unbyzantinisch nachgewiesen werden kann, am ersten zur Klärung des Begriffes „byzantinisch“ beitragen wird. Denn dieses liegt immer noch wie eine große Kompilationsmasse da, bei der wir erst, um historisch zu sprechen, die Quellenscheidung vorzunehmen haben. Der Architekturhistoriker hat zu fragen, woher die Probleme und Lösungen der Kuppelwölbung stammen, welchem Volk wir den Gestaltungssinn vindizieren sollen, wie er sich in der Raumbewältigung etwa der Hagia Sophia offenbart. Die Forschung ist bereits zur Einsicht gekommen, daß hier in Zukunft zunächst der kunsttopographische Weg eingeschlagen werden muß. Wie die Bauschulen des Mittelalters, so werden wir in der Folgezeit die Provinzialkunst Ostroms aufzusuchen und dort schon zeitlich einzusetzen haben, wo die Strömung des Orients nach dem Okzident merklich anhebt, mit der Epoche des Kaisers Diokletian. So müht man sich, die Kunstzentren der gleichzeitigen orientalischen Malerei einstweilen mangels anderer Quellen an der Hand der Miniaturen zu erforschen, wobei die in alle Länder zerstreuten Denkmäler wieder in Beziehung zu ihrer Kunst und ihrem ursprünglichen Kreis gebracht werden. Leichter ist es, für die Architektur bestimmte Lokalzentren abzugrenzen. Die Bauten von Syrien und Ägypten beginnen allmählich sich von denen der Nachbargebiete abzuheben, daß wir hier schon mit den Begriffen von Einwirkung und Abhängigkeit operieren können. So ist jüngst die Selbständigkeit der koptischen Kunst als Ausfluß des national-ägyptischen Christentums gegenüber Byzanz mit Recht betont worden. Und zur Zeit ist man am Werk, die spätrömischen und mittelalterlichen Monumente der kleinasiatischen Halbinsel an den Tag zu ziehen und die lokalen Kunstkreise auf dem Gebiet der Architektur, der Malerei und Plastik zu bestimmen und kunstwissenschaftlich einzugliedern. Ich erinnere nur an die jüngsten Expeditionen von W. Ramsay und Miß Gertrude Bell, Cumont und Gregoire, Guyer und Sterret, die von Mut und Hingebung für eine wissenschaftliche Pflicht unserer Tage zeugen. 1)

 

Ich spreche von der Pflicht unserer Tage. Denn die Forschungen über das Märchenschloß Meschatta haben das Resultat erbracht, daß das derzeitig verfügbare Vergleichsmaterial über sie selbst aufgearbeitet ist und daß wir ohne völlig neue und umfänglichere Denkmälerkenntnis über die jetzigen Aufstellungen — ich meine nicht die historischen — nicht hinauskommen, sie weder bejahen, geschweige denn an eine Korrektur denken können. Wir müssen den Rahmen unserer konservativ-klassischen

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1) Wie weit Anatolien sich als Stammland der byzantinischen Kunst erweisen wird, bleibt einstweilen noch eine offene Frage. Die entscheidenden Taten geschahen jedenfalls in dem alles auf erstaunliche Weise veralgamierenden Byzanz und den von ihm zehrenden großen Seestädten.

 

 

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143 Bauspäne von einer analtonischen Reise

 

Anschauung sprengen und unsere Abscheu gegenüber allem, was nicht römisch, nicht hellenisch ist, überwinden. So lange fehlt uns die Einsicht in die großen kulturellen Gesamtzusammenhänge und der Maßstab für eine gerechte Würdigung auch der orientalischen Welt und ihrer Mission zur Zeit, da die Jungbrunnen von Rom und Hellas aufhörten zu sprudeln. Freilich ist es auf keinem Gebiet der Kunstwissenschaft so notwendig, daß der Historiker im weitern Sinn, der Orientalist, der Theologe und Architekt zusammenarbeiten.

 

Schon seit vielen Lustren kämpft der Grazer Kunstgelehrte Strzygowski mit staunenswertem Eifer und Konsequenz für die Verbreitung und Anerkennung ganz ähnlicher Ideen. Nachdem er in seinem „Kleinasien“ neuerdings versucht hat, die Wurzeln der romanischen Kunst bis in den Orient zurückzuverfolgen, ja die Genesis für einzelne charakteristische Erscheinungen dieses Stils, wie die Doppelchöre, das Querschiff, die trikonche Chorbildung, daselbst zu finden, ist die Kunstwissenschaft gezwungen, diesen Problemen abend- und morgenländischer Zusammenhänge näher zu treten.

 

Freilich ist die Arbeit, die hier zu leisten ist, keine neidenswerte. Beispielshalber fehlt es auf dem ganzen Gebiet der byzantinischen Baukunst, von Kirchen wie die Hagia Sophia, Daphni, Hosios Lucas, die Koimesis zu Nicäa u. a. abgesehen, an jeder technisch zuverlässigen Aufnahme von Architekturdenkmälern allererster Ordnung. Größtenteils sind die Forscher, sowohl für das europäische Festland wie Anatolien, noch immer auf die unzuverlässigen Darbietungen eines Pulgher, eines Texier, eines Couchaud und selbst eines Salzenberg angewiesen. Auch die der Kunstwissenschaft so förderliche Topographie, namentlich des kirchenreichen Konstantinopel, macht im Vergleich etwa zu Rom nur langsam Fortschritte, und der frühe Tod Pargoires im verflossenen Jahr war ein herber Verlust für die Denkmälerstatistik am Bosporus. 1) Leugnen kann die Mißstände hierin nur, wer seine Freude am zufällig Zusammengerafften, am Kleinbetrieb der Forschung oder gar am Wust von Irrtümern und Widersprüchen findet, die sich hier mit der Zeit angehäuft haben und deren Spuren sich noch in den heurig erschienenen Handbüchern finden. Die systematischen Untersuchungen eines Kondakoff, Millet, Strzygowski, Wulff, Choisy und Butler stehen, im Lichte der baugeschichtlichen Forschung betrachtet, vereinzelt da, und die Beschäftigung mit den byzantinischen Denkmälern vollzieht sich immer noch „clam, vi et precario“.

 

Mangelhaft ist die Kenntnis der Denkmäler von Salonik, der ersten Kunstmetropole im Ostreich nach Konstantinopel. Seit den Tagen Texiers hat kein zünftiger Architekt bei der Analysierung von Bauwerken wie Hagios Georgios und Hagia Sophia das Wort ergriffen. Wie eminent wichtig und zugleich dringlich diese Arbeit wäre, beweist das Beispiel der letztern Kirche. Über sie herrschen zur Zeit zwischen den wenigen „Kennern von Augenschein“ die entgegengesetzten Ansichten hinsichtlich ihrer Entstehung. Der eine läßt sie samt der ganzen Kuppelwölbung der Sophienkirche am Bosporus voraufgehen, der andere nachfolgen. Trotzdem bleibt von den unter sich verschiedenen Stützen bis hinauf zur eigenartigen Kuppel für den ruhigen Betrachter alles noch fraglich, was um so bedauerlicher ist, als das nächste Erdbeben dem Denkmal völlige Vernichtung bereiten kann, nachdem ein Brand in den 90er Jahren dasselbe zu einer baufälligen Ruine verwandelt hat. Das einzig brauchbare Anschauungsmaterial

 

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1) Manches, was vor 16 Jahren nach dieser Hinsicht in der Byz. Zeitschr. I. 1892, p. 61 f. ausgesprochen wurde, besteht heute noch zu Recht.

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über diese und die übrigen Kirchen von Salonik bietet bis jetzt immer nur das Werk Rivoiras über die Architektur der Lombardei.

 

In Konstantinopel und Mazedonien muß einmal gründlich und systematisch begonnen werden, wobei vor allem der Architekt nicht fehlen darf. Das gefürchtete „olmas“ ist im Türkenreich, bei näherer Einsicht und Kenntnis der Verhältnisse betrachtet, gar nicht so schlimm, und was sich Russen und Engländer in Stambul erlauben, dürfte sich doch wohl der Deutsche, „der Bruder des Osman“, schon gestatten. In kleinern Dingen weiß schon der kundige Orientforscher, was für Bakschisch nicht alles durchzusetzen ist. In mittelbyzantinischer Architektur sind in Griechenland noch reiche Schätze zu heben, wo dem Arbeiter nicht das geringste Hindernis in den Weg gelegt wird und griechischerseits schon bequeme Handlangerdienste zur Verfügung stehen.

 

In erster Linie gilt es, die Werke der Monumentalplastik von der römischen Kaiserzeit bis in die Epoche der Komnenen zu sammeln, die in Museen, Konaks, auf Mesarlyks, an Straßenecken, an Brunnen, Moscheen und Häusern versteckt, vermauert und eingegraben sind. Denn auf ihnen hat sich die Geschichte der byzantinischen Bildhauerkunst aufzubauen, sie allein führen uns meist zu Schlüssen hinsichtlich der Datierung der Bauten. Die bislang veröffentlichten Stücke oströmischer Plastik fänden Raum im kleinsten Museum unseres Vaterlandes. Und doch wäre im Kaiser-Friedrich-Museum für künftigen Platz und Würdigung genügend gesorgt.

 

Wie ganz anders gehen unsere Stammverwandten im Westen ans Werk! Im verflossenen Jahr ist die zweite große amerikanische Expedition unter Butlers und Littmanns Leitung mit reichen Resultaten aus Syrien heimgekehrt. Bereits hat die Carnegie Institution of Washington die Ausführung einer neuen Sterretschen Reise, die auf eine systematische Erforschung Kleinasiens, Syriens und der Kyrenaika im großartigen Stile ausgeht, mit Summen ins Werk gesetzt, denen gegenüber allerdings die bisherigen europäischen wissenschaftlichen Unternehmungen im Schatten verschwinden. 1) Dabei bauen wir Deutsche zur Zeit bereits die Schienenlager über den hohen Taurus und rühmt man die deutsche Technik, welche die glänzende Leistung vollbringt, in Serpentinen und Kehrtunnels die berühmten Pylen zu ersteigen, durch die einst die unzähligen Heere, von den Persern bis zu den Scharen Ibrahims, zogen. Der Deutsche dürfte auch auf gelehrtem Gebiet schon mehr Spuren seines Daseins in Anatolien zurücklassen, namentlich wo er heute bis zur höchsten Jaila hinauf das vollste Vertrauen des Moslem besitzt.

 

Wir warten immer noch auf die Veröffentlichungen der österreichischen Expedition, welche vor Jahren das an kirchlichen Denkmälern so reiche Isaurien durchquert hat und die hoffentlich die Versäumnisse der in den 80er Jahren glänzend durchgeführten Lanckoronskischen Forschungsreise nachholen wird, die ziemlich gleichgültig an den Denkmälern christlicher Epoche vorbeiging. 2) Wann wird endlich der Spaten die großen Basiliken zu Ephesus freilegen, wo Justinian die Johanneskirche nach dem Muster der großen Apostelkirche in Byzanz erbauen ließ? In Hierapolis konnte ich, von einer Meute wilder Hunde angefallen, doch so viel feststellen, daß der von Hübscha 3)

 

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1) Der Plan ist jedenfalls freudig zu begrüßen, und ich habe deshalb auch meinerseits auf die Anfrage der Gesellschaft von Smyrna aus derselben alle Denkmäler, die zu meiner Kenntnis gekommen sind und die ich auf meiner letztjährigen Reise in Anatolien unerledigt lassen mußte, bereitwilligst mitgeteilt.

2) Man lese den „Vorläufig. Bericht einer archäol. Expedition in Kleinasien“ 1903 von Jüthner und Swoboda.
3) Hübsch, p. 83, Taf. 35, und Holzinger, p. 105.

 

 

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veröffentlichte Plan des Rundbaues oberhalb des Theaters, an dem Humann noch neuerdings stumm-geringschätzig vorüberschritt, hinter der Wirklichkeit weit zurückbleibt. Und von Ajasoluk, wo fleißig gearbeitet wird, ist es bis nach der berühmten Bäderstadt, die ohnehin durch ihre Naturwunder reichlich belohnt, nur ein Sonntagsausflug. Freilich ist jede Aufnahme gerade byzantinischer Denkmäler ohne scharfes, architektonisch-technisches Eindringen, namentlich jede Darbietung auf Grund von Photographien ohne persönliche Kenntnis des Baues halbe Arbeit und trägt nur zur Verwirrung auf dem Gebiet der Architektur bei. Gerade das Studium der Gewölbe, der Kuppel und Restaurationen setzt im Orient dem Forscher oft die größten Schwierigkeiten entgegen, von den vielen barbarischen Umgestaltungen in türkischer Zeit ganz abgesehen. 1)

 

Und wahrlich, es ist hohe Zeit, daß wir uns endlich ans Werk machen. Der allgemeine Aufschwung Anatoliens (auch im Innern) in den letzten Jahrzehnten und die neuen Verkehrswege des Dampfes setzen den Baudenkmälern, namentlich an der Küste und in der Nähe der Bahnen, in erschreckender Weise zu. Anläßlich einer Forschungsreise durch das Innere Kleinasiens im Jahre 1906 konnte ich allein für die alte Provinz Kappadokien, also das Kulturgebiet des mittleren Halys, feststellen, daß von dem Reichtum an Bauwerken wie literarischen Denkmälern in Stein, die der einheimische Gelehrte Levidis noch kannte und in seinen seltenen Schriften namhaft macht, seit dem letzten Menschenalter der weitaus größere Teil für immer durch Abbruch und Einsturz vernichtet ist. Im lykischen Antiphellus, unfern der Stätte, wo dem heiligen Nikolaus eine der größten Basiliken im Orient errichtet wurde, traf ich von dem bekannten Rundbau 2) keinen Stein mehr; in Kilikien am Südabhang des Taurus von den ansehnlichen Kirchen, die Langlois um Manaz herum erwähnt und teilweise in Zeichnung bringt, kaum mehr die Fundamentmauern. Aus dem übrigen Material haben sich die reichen Bürger von Tarsus und Mersina eine Sommerjaila erbaut, in die sie sich zur Zeit der herrschenden Fieber zurückziehen. Man lese weiter, was der Schweizer Guyer im gleichen Jahr von einer wissenschaftlichen Reise an der Küste der Cilicia Tracheia von Zerstörung und Barbarismus berichtet. 3)

 

Wer heute von Smyrna aus mit der englischen Bahn die einst umfangreichen Stadtanlagen von Laodicea und Colossä und anderer Städte des Altertums zu besichtigen gedenkt, der trifft statt dessen ein von Ruinen abgedecktes und durchwühltes Gelände vor. Die herrlichen Quader gewaltiger Bauten sind dem Bahnbau zum Opfer gefallen. In dem handelsstolzen Side, östlich von Adalia, fand ich eine kleine Kolonie flüchtiger Kreter, die sich vor kurzen Jahren mitten in den riesigen Ruinenbauten der berühmten Sklavenstadt eingenistet hat. Dort zählte ich über ein Dutzend großer Kalköfen, in denen der herrlichste Marmor, die schönen Reliefplatten des Theaters, des Septizoniums und der Basilika bereits zu Kalk verbrannt waren. Die Reliefs sind nun für immer dahin, da die Aufnahmen unserer Vorgänger, Heberdey und Wilhelm, im Wetter zugrunde gegangen waren.

 

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1) Arbeiten, wie diejenigen des deutschen Ingenieurs Holtzmann an der anatolischen Bahn über die Kirchenbauten im Karadagh (Binbirkilisse), sind sehr zu begrüßen. Doch dürfen sie kein Tummelplatz für subjektive Rekonstruktionen werden. Das tatsächlich Feststellbare muß die einzige Grundlage und der Zweck solcher Aufnahmen sein.

2) Hübsch, p. 83, Taf. 35.

3) Züricher Zeitung 1906, p. 1 ff.

 

 

 

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Als ich im vorletzten November in wehmütiger Stimmung, wie es der Anblick entweihter, historisch geheiligter Orte mit sich bringt, zu Tyana hinaus dem Tauruspaß zuzog, da mußte ich es mit ansehen, wie die Barbaren die schönsten monolithen Säulenstämme aus Marmor, die vielleicht das mächtige Dachgebälk eines Zeus Asmabäus trugen, weit hinausgeschleppt hatten und sie eben dutzendweise zur Stückung der neuangelegten Straße zu den Pylen hin in Stücke zerschlugen.

 

Seit den trefflichen Arbeiten des Franzosen De Vogué in Syrien ist die Kirche von Turmanin 1), von Dana, das Prätorium von Musmije vom Erdboden verschwunden. Im Jahr 1895 ist die Omajjadenmoschee zu Damaskus mit ihrem alten, wertvollen Mosaikenschmuck niedergebrannt, und kurz vorher hat eine Feuersbrunst die schon erwähnte Hagia Sophia zu Salonik in eine baufällige Ruine verwandelt. So sah auch ich von den Kirchen des pisidischen Antiochiens wie von Nazianz, wo Gregors Vater das aus des Sohnes Trauerrede bekannte Oktogon errichten ließ, an Ort und Stelle nur noch kärgliche Reste, das übrige zum Häuserbau verwandt. An andern Stellen, bekannten Bischofsitzen des frühen Mittelalters, ist dichter Wald über der Ruinenstätte emporgeschossen, und üppige Wildnis hat die Mauern von Kirchen gesprengt, deren Lage und ungefähre Gestalt noch aus altern topographischen Werken zu erkennen war.

 

Traurig ist es, wenn wir heute den Verfall und Untergang der herrlichen Seldschuken- und Osmanenbauten mitansehen müssen, jener stolzen Marksteine und Wegweiser orientalischer Romantik und mittelalterlicher Handelsblüte. Noch sind sie zahlreich, jene Ruinen von Palästen, Moscheen, Medresen, Tekken, Grabbauten, Türben und Chanen, die von Brussa bis zum Antitaurus und darüber hinaus sich ausdehnen, an deren Untergang jedoch die jetzt herrschende Dynastie, die Feindin ihrer ehemaligen Rivalin, schier Gefallen zu finden scheint. Wie verdienten nicht zum wenigsten die Chane vom Untergang gerettet oder doch genau aufgenommen zu werden, deren kunsthistorische und architekturgeschichtliche Bedeutung für die Kenntnis des orientalischen Palastbaues, des mittelalterlichen Kloster- und Xenodochienwesens und der gleichzeitigen Schloßanlagen erst erkannt werden wird, wenn sie nur noch im Märchen der anatolischen Hirten leben. Nicht allein für den Inschriftenkodex, sondern auch für die Geschichte der antiken und mittelalterlichen Handels- und Verkehrswege würde ihre Publikation reichen Ertrag abwerfen. Aber ein großer Teil dieser Baugattung ist selbst topographisch noch gar nicht entdeckt. Generalkonsul Dr. Loytvet in Konia hat die Seldschukendenkmäler dieser Stadt und ihrer Umgebung samt den Inschriften gesammelt, in herrlichen, jedes gerechte Baumeisterauge entzückenden Aufnahmen, und wartet nur auf den opferfreudigen Verleger, um dann die begonnenen Arbeiten als trefflicher Kenner von Land und Leuten fortzusetzen.

 

Inzwischen geht die stolze Taschmedrese zu Akschehr, der Stadt des türkischen Eulenspiegels Nasr Eddin Chodja, still ihrem Untergang entgegen, wie andere sagenumsponnene Bauten daselbst. In Eregli und Adalia liegen eine Reihe von Moscheen mit entzückenden Stalaktitenportalen in Ruinen, und von den Denkmälern Konias, dem alten Seldschukensitz, möchte man am liebsten schweigen. Sieht man von dem Hügel, wo angeblich des Amphilochius Kirche stand, auf die Stadt hinab, auf die vielen geborstenen Minarets, die stumpf zum Himmel ragen, auf die eingestürzten Kuppeln, so möchte der Betrachter sicher glauben, der Herrschersitz eines Kai Kaus wäre wirklich

 

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1) Noch bei Borrmann-Neuwirth, Geschichte der Baukunst II, 1904, p. 24.

 

 

 

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kraft Gesetz oder durch ein ehernes Fatum dem Untergang verschrieben. Die Osmanengräber vor den Toren Cäsareas, hochragende, treffliche Bauten, sind allmählich so weit heruntergekommen, daß sie demnächst an einen wucherischen Armenier auf Abbruch vergeben werden können, was für einen mäßigen Bakschisch möglich ist.

 

Von dem jüngsten Einsturz eines ehrwürdigen Restes aus der ältesten Zeit, als das Reich von Ikonium blühte, ist im ersten Heft dieser Zeitschrift bereits berichtet worden. Kunstjägernde Reisende und Liebhaber sorgen unter der Hand dafür, daß der keramische Schmuck behutsam von den Portalen und Nischen gelöst wird. 1) Bauspekulanten entblößen die verlassenen Ruinen ihrer Quaderverkleidung. Auf einem Ritt von Newschehr nach Akserä kam ich an dreien solcher „Steinbrüche“, mit denen auch die Straßen unterhalten werden, vorüber, alles einstens stattliche Chane für Kamelskarawanen, von denen der eine an imponierender Erscheinung und Ausdehnung dem größten derartiger Seldschukendenkmäler, dem Sultanchan in der Steppe zwischen Konia und dem Salzsee, wenig nachgibt.

 

Immerhin ist neben der Masse des Verschwundenen oder bereits dem Untergang Geweihten für den Architekturhistoriker noch genug in Kleinasien wie auch in seinen Hinterländern Syrien und Mesopotamien erhalten und aufrecht oder doch wenigstens in leidlichen Ruinen. Es müßte doch zur Arbeit aufmuntern, wenn wir in dem Bericht des Freiherrn von Oppenheim über seine Reise nach Ostsyrien und in das Euphrat- und Tigrisgebiet (1899) lesen, welche Mengen von Kirchenruinen — von andern Baudenkmälern und Archäologischem ganz abgesehen — in der ‘Alah, östlich der Linie Aleppo-Hamah und in der Umgebung von Urfa, dem auch kirchengeschichtlich so interessanten Edessa, noch in ansehnlichen Resten vorhanden sind. 2) Wir brauchten ja nur den Spuren der demnächstigen Bagdadbahn zu folgen, durch die zweifellos manches Denkmal zu unserer Kenntnis gelangen und verschwinden wird.

 

Noch wissen wir ja so wenig von den in bezug auf die Ziegeltechnik so wichtigen Bauten des obern Euphrat- und Tigristales wie des persischen Hochlandes. Von welchem Ertrag wäre es für die Geschichte der Architektur, wenn eine rege Forschung sich den alten Kultur- und Geisteszentren der orientalischen Welt, Antiochien, Apamea, Edessa, Nisibis, Palmyra, Amida-Diabekr, Seleucia-Ktesiphon, zuwenden würde, Stätten, wo uns auch die historischen Quellen manchen interessanten Fingerzeig geben würden. Die Freilegung der Mönchskolonie im Karadagh mit ihrer Auslese der verschiedensten Spielarten interessanter Kirchentypen, die Aufdeckung der Klosteranlagen auf dem Hassandagh, von Sura bei Myra, die projektierte von Meriamlik oberhalb des kilikischen Seleucia, wo die H. Thekla wie Gregor von Nazianz der Askese lebten, die Ausgrabung der hochinteressanten Basiliken von Aladja Jaila in Lykien, von Perge in Pamphylien, von Gülbaghtsche, Sardes, Hierapolis und Philadelphia an der Westküste, Bauten, die dem IV. und V. Jahrhundert noch angehören, eine gründliche Aufnahme der kirchlichen Bauten von Angora, die neben dem „Monumentum Ancyranum“ doch auch Denksteine vergangener Kultur sind, all dies wäre für die frühmittelalterliche Baugeschichte jedes für sich eine

 

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1) Konstruktiv und aus der Anlage wird der Architekt, wenn die mittelalterlichen Baudenkmäler des Islam in genauen Aufnahmen vorliegen, vieles lernen können, dekorativ in unserm sonnenarmen Norden kaum.

2) Byz. Zeitschr. XIV, p. 1 f.: v. Oppenheim und H. Lukas, Griechische und lateinische Inschriften aus Syrien, Mesopotamien und Kleinasien.

 

 

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Tat ersten Ranges. Von dem bis jetzt fast einzig dastehenden Backsteinbau der Doppelkirche zu Ütscli Ajak (von der Klemenskirche u. a. sehe ich einstweilen ab), den ich für eine der bedeutendsten Schöpfungen des kleinasiatischen Mönchtums ansehe, würden wir hinübergewiesen zur armenischen Kirchenkunst, zu den Bauten von Ani, über deren Geschichte wir noch so wenig wissen.

 

Die volle Kenntnis der Bischofsitze Anatoliens, das kritische Eindringen in die Apostel-, Märtyrer- und Heiligenakten 1), die bislang noch kaum herangezogen wurden, würden uns zu manchem, bis jetzt verkannten oder unbekannten Denkmal christlicher Baukunst leiten. Im Hinterland sind die eigenartigen, reineren, weil lokalen Typen zu erwarten, im westlichen Kleinasien hat, von der Stilmischung abgesehen, die Zerstörung den Denkmälern viel schlimmer zugesetzt, und dieselben haben auch zu einem großen Teil, infolge des Vorrats an überkommener Erbschaft, mit den Spolien hellenistischer Bauten stark gewirtschaftet, so daß hier meistens nur die Plananlage näher interessieren kann.

 

Man möchte fast uns Menschen des XX. Jahrhunderts fragen, warum wir eher und lieber in die Erde graben, um Zeugen vergangener Kulturen mühsam und kostenschwer ans Licht zu ziehen, wenn noch so viele beredte Denkmäler überirdisch stehen, die in der Gesamtheit der menschlichen Geisteskultur und Kräfteerscheinungen gleich schwer ins Gewicht fallen und deren Studium wegen des inneren Zusammenhanges mit der christlich-abendländischen Baukunst des Mittelalters doch ebenso, ja näher liegen sollte.

 

Einstweilen muß der Architekturhistoriker, will er hier tätig sein, für manchen Strich dieser östlichen Gebiete noch mit dem Archäologen und dessen Pionier, dem Geographen, wandern. Da gibt es keine Denkmälerstatistik. Aus der Masse besserer und schlechterer, alter und neuer Reiseschilderungen eines ganzen Jahrhunderts muß er sich mühsam eine Topographie vorbereitend aufstellen und viele Bauwerke erst entdecken oder mit gut Glück und Zufall finden. Für Kleinasien ist es nicht wenig zu bedauern, daß seit Mommsens, des weitschauenden, Tod das Interesse für die Erforschung Anatoliens ruht und uns das Schicksal in Gelzer den Meister entrissen hat, der daran war, nach lang vorbereitender Arbeit uns historisch-geographisch eine Bahn auf dem dunkeln Geschichtspfad des byzantinischen Anatoliens vorzubrechen. Aus einem Aufsatz Ramsays, des zur Zeit besten Kenners der Halbinsel, über die Kriege zwischen Byzanz und Islam, können wir indirekt sehen, daß wir über die innere Entwicklung dieses Landes, über seine Kultur und Wirtschaftsgeschichte nach der bisherigen Kenntnis der literarischen Quellen so gut wie nichts wissen. 2) Deshalb versprechen die Architekturdenkmäler am ersten, neben den Inschriften der altern Zeit, greifbare „geschichtliche Steine“ dem Historiker liefern zu können, der einstweilen noch mit den dürftigen

 

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1) Ich erwähne nur beispielshalber die für die kirchlichen Bauten des Mäandertales wichtigen Akten über den Erzengel Michael, ed. M. Bonnet, Narratio de miraculo a Michaele Archangelo Chonis patrato. Paris 1890.

2) W. Ramsay, The war of Moslem and Christian, in den „Studies in the history and art of the eastern provinces of the Roman empire“, 1906, p. 281. Hiernach wäre Kleinasien noch im Mittelalter eines der reichsten und am höchsten zivilisierten Länder gewesen. Und die weiten Salzsteppen, die wasserarmen Hochländer, die undurchdringlichen Striche im Taurus und die Schilderung eines Strabo, eines einheimischen Geographen?

 

 

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Nachrichten byzantinischer und arabischer Chronisten und Heiligenlegenden zu arbeiten hat, einer vielfach ungeordneten Materialsammlung.

 

In erster Linie wäre es Aufgabe der österreichischen Kommission zur Herstellung der auf sie entfallenden kleinasiatischen Inschriftbände des Corpus Inscriptionum auch die Baudenkmäler, wenigstens statistisch in den Bereich ihrer Sammelarbeit zu ziehen. Dies wäre nicht minder wichtig als die Aufspürung von Tausenden monotoner Grabinschriften, von denen ein nicht kleiner Teil ihren Wert nur im Index erkennen läßt. Freilich können die Österreicher kaum diese Riesenarbeit allein durchführen, abgesehen davon, daß über der Aufnahme der Schriftdenkmäler in den einzelnen Provinzen an sich noch Jahrzehnte wohl verstreichen werden. Deutschland müßte da helfend der Schwester an die Seite treten, um auch dieses wichtige Programm einer Denkmälerstatistik im historisch weitesten Sinn durchzubringen. So frevelhaft der Satz für Fernerstehende oder nur im Klassizismus Befangene klingen mag: Es wäre jetzt bereits an der Zeit, unsere auswärtigen Institute, ich meine nicht etwa das athenische, allmählich nach Smyrna, Beirut, Kairo, Stambul oder Bagdad vorzuschieben, wie es andere Länder bereits getan, und diese von vornherein im universalgeschichtlichen Stil einzurichten, wo mindestens der Historiker im weitern Betracht, das heißt auch der Kunstgelehrte oder Architekturhistoriker, selbständig neben dem Archäologen arbeiten würde. Dann würden wir allmählich in den Stand kommen, auch die Geschichte der Baukunst im Osten während der Herrschaft Roms, Byzanz‘ und des Halbmondes zu schreiben.

 

Bei eindringenderer Beschäftigung mit dem frühmittelalterlichen Orient wird es sich immer mehr herausstellen, daß das morgenländische Mönchtum einer der Hauptträger jener evolutionistischen Strömungen war, die mit Justinians Zeit in der Architektur namentlich nach ihrer plastisch-ornamentalen Seite hin nachhaltig nach dem Westen vordrangen. Diese internationale Gesellschaft förderte jene Unterbewegung, welche die Kräfte jeder autochthonen, selbständigen Provinzialkunst in die römische Welt überleitete. Wieviel im einzelnen die spätrömische wie auch ihre Erbin, die Kunst von Byzanz, davon aufnahm, verschlang oder umwandelte und abstieß, bedarf einstweilen noch mancher Untersuchungen und vorurteilsloser Betrachtung der lokalen Eigenstile, vor allem eine Kenntnis der Auswanderungswege, welche die Formen der Hauptzentren nach der Kapitale des West- und Ostreiches nahmen. In gleichem Sinn eröffnet die Geschichte der Bewegungen und Wechselwirkungen des orientalischen Mönchtums in den einzelnen Ländern einen Einblick in den Wandel und Gang der frühorientalischen, christlichen Baukunst. Aus ihr werden wir dann auch das bunte Bild der langen Chronik des Klosterbauwesens erfahren mit seinen, dem jeweiligen Land und Himmel sich anpassenden Eigentümlichkeiten. 1)

 

Was an Eigenartigem und Mannigfaltigem so eine einzige Provinz aufzuweisen vermag und wie weit hin die Wege auswärts gingen, welche der Fuß des Mönches wanderte, will ich in wenig Beispielen an einem Land wie Kappadokien in Kleinasien zu zeigen versuchen. Es ist ein Gebiet, von dem einer seiner größten Söhne, Gregor von Nyssa, kühnlich behauptete, daß es vielleicht die kirchenreichste Landschaft der

 

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1) Wichtig für die Kenntnis des orientalischen Klosterlebens, namentlich des ältern, ist die Arbeit von W. Nissen, Die Regelung des Klosterwesens im Rhomäerreich. Hamburg 1897. Für die spätere Epoche das russisch geschriebene von J. Sokolow, Zustand des Klosterwesens in der byzantinischen Kirche vom IX. bis XIII. Jahrhundert. 1894.

Zeitschrift für Geschichte der Architektur. I. 20

 

 

 

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damaligen Welt sei. Trotz der Rhetorik scheint er fast recht zu haben, namentlich wenn er zum Gotteshaus die Unmasse von Felskirchen rechnete, die schon zu seinen Tagen in Einöden und Bergeinsamkeiten angelegt wurden. 1) Bereits während der Maximinischen Verfolgungen durch den Statthalter Serenianus im Jahre 236 wird berichtet, daß viele Kirchen in diesem Land zerstört wurden. Und von den kaiserlichen Prinzen Gallus und Julian erzählen uns Geschichtsschreiber und Gregor von Nazianz, daß sie wetteifernd Gotteshäuser am Argäus erstehen ließen, darunter auch ein Martyrion über dem Grab des H. Mamas zu Makellon am Südabhang jenes Gebirges. 2)

 

Abbildung 1. Torfassade von Amman (Philadelphia).

 

Daß entfernte Länder wie Persien und Mesopotamien bis ins Innere Kleinasiens, bis nach Kappadokien, einer Diaspora der griechisch-römischen Kunstwelt, hineinwirkten, veranschaulicht eine Vergleichung bereits bekannter Bauten jener Hinterländer mit Fassadenanlagen, die ich im Gebiet des mittleren Halys aufnahm.

 

Durch Dieulafoys L‘art antique de la Perse diesem lagen allerdings nur die unzuverlässigen Zeichnungen von Mauß, dem Restaurator des Heiligen Grabes in Jerusalem, vor wie durch die Neuaufnahmen von B. Schulz kennen wir jetzt das Wüstenschloß von Amman, dem alten Philadelphia, östlich vom Jordan 3) (Abbildung 1). Das Torgebäude

 

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1) Gregorii Nysseni epist. II, in Migne, Patr. Gr. XLVI, 1011: „"Οσα γάρ έρτιν έν τούτοις ϑυσιαστήρια, δι‘ ών τό όνομα τοϋ κυρίου δοξάζεται; ούκ άν τις πάσης σχεδόν τής οίκουμένης έξαριϑμήσαιτο ϑυσιαστήρια“. —
2) Oberhummer-Zimmerer, Durch Syrien und Kleinasien, p. 191; Sozomenus, Kirchengeschichte V, cap. 2. —
3) Dieulafoy V, 99f.; Jahrb. der pr. Kunstsamml., 1904, p. 350f., Abb. 116 und Taf. XII. — Hiernach die Abbildung 1 oben entlehnt.

 

 

 

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der rechteckigen Anlage, die sich in vier tonnenüberwölbten Armen nach dem Binnenhof öffnet, ist durch Blendarkaturen in der Weise geschmückt, daß Dreiviertelsäulchen mit Hufeisenbogen darüber immer ein vertieftes Feld einschließen, welches seinerseits wieder durch ornamentalen Schmuck reich verziert ist. Um die Bogenfelder läuft ein charakteristischer Zickzackfries; das Ganze ist in dauerhaftem Werkstein aufgeführt. Damit vergleiche man nun die beiden hier veröffentlichten Felsenfassaden, die eine nahe am Ufer des gelben Halys, die andere im Gebiet der alten Metropole Cäsarea-Mazaka gelegen.

 

Abbildung 2. Texiers Zeichnung einer Fassadenwand im Gereme (Kappadokien).

 

Die letztere ist bereits durch den Franzosen Texier, den Verfasser der „Description de l‘Asie Mineure“ und der „Architecture Byzantine“, aufgenommen, aber in so frei phantastischer Zeichnung wiedergegeben worden, daß zwischen Original und Nachbildung nur eine entfernte Ähnlichkeit besteht (Abbildung 2). Diese interessante Fassade ist wegen der frühen Anwendung des Hufeisenbogens als wichtiges Beweismittel noch in den allerneuesten architekturgeschichtlichen Arbeiten aufgenommen worden. 1)

 

Die hier veröffentlichten Fassaden von Gereme und Atschyk Serai (Abbildungen 3 und 4) bilden die Rückseite eines von drei Felswänden umschlossenen, künstlich hergestellten tiefen Hofes, deren Tuff von den Einsiedlermönchen zu Wohnungen,

 

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1) Z. B. Franz Pascha, Die Baukunst des Islam, p. 12, und Strzygowski, Kleinasien, p. 30.

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Abbildung 3. Felsfassade im Tal Gereme (Kappadokien).

 

Abbildung 4. Arkadenwand zu Atschyk Serai (Kappadokien).

 

 

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Kirchen, Kapellen, Totenkammern und Vorratsräumen ringsum ausgehauen wurde. Die gleichen Zierfassaden finden wir allenthalben in dem Troglodytenlande Kappadokien, besonders im sogenannten Soandere, zu Urgüb-Gereme und in den Schluchten des Hassandagh. Interessant ist ein Vergleich mit den unterirdischen Bauten und Felsanlagen im Hauran und in der arabischen Wüste. Die bereits bekannten und durch Reber in trefflicher Weise behandelten Felsenbauten des phrygischen Berglandes sind ebenso eigenartig in ihren Formen, von den kappadokischen jedoch sehr verschieden und auch der Zeit nach meist älter. 1) Bei den letztern liegen hinter dem Portal lange, rechteckige Kammern nach dem Berginnern, die als Refektorien oder Kapitelsäle, immer jedoch als Versammlungsräume dienten. Pilaster und Gesimsbänder deuten vertikal wie horizontal die Raumeinteilung der Anlage an. Leider ist bei dem hohen Portal in der Schlucht von Gereme der ganze obere Teil desselben, der loggienartige Überbau mit der arkadengeschmückten Brüstungswand, vor einer Reihe von Jahren wohl infolge eines Erdbebens herabgestürzt, so daß heute die dahinter ausgehauene kleine Kuppelkirche frei zu Tage liegt. Im Innern, dessen Decke öfters mit einem mächtigen Balkenkreuz geziert ist, laufen vielfach an den Wänden Nischenarkaden entlang, die vom Hufeisenbogen geschlossen werden, ein System der Wandbelebung, das schon die Paläste der Achämeniden kennen und sich in der Epoche der Sassaniden beispielshalber beim Palast zu Firuz-Abad ähnlich erhalten hat (Abbildung 5). Zweifellos liegen unsern Felsenanlagen untergegangene Freibauten zu Grunde mit der gleichen Belebung der Portalflächen.

 

Wir bemerken hier, wiewohl das Wetter das meiste zerstört hat, dieselben Zickzackeinfassungen wie am Tor von Amman. Statt der daselbst verwendeten Bogenfüllungen mit gemusterten Achteckfeldern in Stein sind zu Gereme griechische Kreuze, auch Rosetten und anderer Zierat in malerischer Ausführung, rot auf grünem Grunde, gezeichnet. Wie ich an anderer Stelle nachzuweisen suchte, stammen die meisten dieser originellen Höhlenbauten Kappadokiens aus dem VI.—IX. Jahrhundert und sind der greifbare Niederschlag einer abgeschlossenen mönchischen Kunstbetätigung, bei der man trotz des lokalen Stils verschiedene fremde Einflüsse beobachten kann. 2) Zwischen diesen malerischen Fassaden und Felsbauten wie dem rätselhaften Jagdschloß Amman an der Grenze der arabischen Wüste bestehen ohne Zweifel nähere kunstgeschichtliche wie historische Beziehungen. Mit Recht hat deshalb wohl Dieulafoy dasselbe in die Zeit

 

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1) Reber, in den Abh. der bayr. Akad. d. W., III. Kl., XXI. —
2) H. Rott, Kleinasiatische Denkmäler (Studien über christl. Denkmäler, herausgegeb. von J. Ficker V/VI) passim.

 

 

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154 Hans Rott-Heidelberg.

 

der Sassanidenherrschaft, spätestens in die Epoche der Hedschra datiert, während die neueste Forschung diesen Bau möglicherweise noch im XII. und XIII. Jahrhundert entstanden sein läßt, freilich mit dem bedeutsamen Zusatz, daß wir über die gassanidische, sassanidische und frühislamische Baukunst zur Zeit zu wenig wissen.

 

Das Zickzackmuster weist nach Mesopotamien. Dort haben wir in der gewaltigen Tage Kesra, der bekannten Palastfassade von Ktesiphon (Abbildung 6), eine in Backstein ausgeführte Parallele zu unsern Fassadenarkaturen, nur daß dort statt des Hufeisenbogens der Rundbogen herrscht, während sonst die gleiche Flächenaufteilung durch horizontale und vertikale Glieder und Verwendung von Blendarkaden durchgeführt ist. 1) Dieulafoy war geneigt, dies Bauwerk mit seiner vorgestellten Kulissenwand der Mitte

 

Abbildung 6. Palastruine von Ktesiphon. (Nach Dieulafoy.)

 

des VI. Jahrhunderts, der Regierung Kosraus I., zuzuweisen. Bekannt ist die alte Tradition, daß die Zierglieder der Riesenfassade einst vergoldet gewesen sind. Auch darin würde sich also ein Zusammenhang mit den bemalten Felsenportalen offenbaren.

 

Das gleiche Prinzip der Wandflächenbelebung durch Bogenblenden ist weiterhin an dem persischen Palast zu Firuz-Abad, an der Straße von Schiras nach dem persischen Golf, angewandt, dessen nördliche Fassade von zwei Reihen Blendarkaden eingenommen wird, wie auch die Langseiten durch Wandpfeiler und Blendbogen gegliedert sind. Es ist wohl ausgeschlossen, daß römische Vorbilder, etwa Aquarien, Theaterfassaden und Septizonien, hier zu Grunde lagen. Auch bei diesem Bauwerk zeigt sich die Unsicherheit in der Datierung: Verlegt der Architekt Dieulafoy diesen Palast in altpersische Zeit, so

 

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1) Dieulafoy l. c. IV, p. 22; V, PI. III, p. 63. Abbildung auch bei R. Borrmann, Geschichte der Baukunst I, 305, Fig. 242.

 

 

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rücken ihn Perrot und Chipiez bis in das erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung, die französischen Reisenden Flandin und Coste bis in die Sassanidenepoche herab. 1)

 

Den angeführten Beispielen stelle ich ein weiteres Denkmal dieser Mönchskunst gegenüber. Es ist die nördliche Querschiffwand einer großen, aus dem Tuffeis gehauenen

 

Abbildung 7. Nördliche Querschiffwand der Doghaliklisse im Gereme.

 

Klosterkirche, ebenfalls im einsamen Tal von Gereme, die einst völlig mit umfänglichen Heiligengeschichten ausgemalt war, welche heute meist verraucht oder verblichen sind

 

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1) E. Flandin et P. Coste, Voyage en Perse (1851), I, PI. 40 f.; Dieulafoy l. c. V, 97. — Vergl. auch Jahrb. d. pr. Kunstsamml. 1904, p. 354.

 

 

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156 Hans Rott-Heidelberg.

 

(Abbildung 7). Man möchte denken, der Bildhauer-Architekt habe in verdeckter Weise das Innere einer Hagia Sophia mit seinen rohen Mitteln nachahmen wollen. Über den Arkadendurchgängen im Hufeisenbogen, welche zu einem kleinen Seitenschiff leiten, sehen wir einen Bilderfries, dem ikonographisch die Mosaikzyklen vorlagen, darüber eine lange, ringsumlaufende Inschrift und oberhalb desselben die kreuzgeteilte Lunette, deren Unterfelder in Blendnischen mit eingestellten Heiligenfiguren in Überlebensgröße aufgelöst sind, während die Felder der obern Segmente wieder Darstellungen aus der H. Geschichte bringen. Die Südwand gegenüber ist genau in der gleichen Weise behandelt.

 

Statt noch einmal an den üppigen Schmuck der Torfassade von Amman zu erinnern, der auch unsere Kirchenwand mit Figuren und Ornamenten reich übersponnen hat, möchte ich selbst aus der Hauptstadt des oströmischen Reiches ein verwandtes Sujet heranziehen, das Prachttor Theodosius‘ II. am Propyläon der Porta Aurea. Dort ist das doppelgeschossige Portal durch Pilaster und Säulchen in Flachnischen gegliedert, in welche einst Reliefplatten eingelassen waren. 1) Und am Ende dieser Reihe stände die fränkische Torhalle in Lorsch mit ihrem

 

Abbildung 8. Portalwand im Peristrema (Hassandagh).

 

spitzgiebligen Arkadenschmuck und der Betonung des Malerischen durch den buntfarbigen Materialwechsel der Wandfelder.

 

Höchst wahrscheinlich ist es, daß die sogenannten Kanonesbogen der Miniaturmalerei jene Zierarchitekturen orientalischer Fassaden und Interieurs zum Vorbild haben, wie ja auch schon früher Janitschek mit Recht hinsichtlich ihrer Provenienz auf Syrien hingedeutet hat. Nicht genug, daß diese Hufeisenbogen-Arkaden im Innern den Wänden entlang aus dem Fels gehauen sind; ich fand diesen Wandschmuck öfters in Farbe unter den Bilderzyklen gewissermaßen als Träger gemalt.

 

In einer grausigen Schlucht des Hassandagb im südwestlichen Kappadokien stieß ich auf eine bedeutende Mönchsniederlassung mit Nekropolen, Kapellen und Wohnungen, einst alles bis auf den letzten Fleck bemalt. Hier hausten die Jünger

 

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1) Koldeweys Rekonstruktion bei Strzygowski im Jahrb. des D. Arch. Inst. VIII (1893), p. 20, Abb. 13-16.

 

 

 

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eines Gregor und Basilius in einer asketischen Romantik, von der uns die Briefe der beiden Kirchenväter auch literarisch berichten, deren Schilderung noch einen Humboldt entzückte. Durch überhängende, schauerliche Felswände sind die Bauanlagen vielfach geschützt und gut erhalten. Das hier abgebildete Portal, welches in wilde Umgebung herabschaut, macht den Eindruck, als wäre es erst in jüngster Zeit entstanden (Abbildung 8). Schon die Geschichte der unaufhörlichen Razzien der Araber und die Nähe der kilikischen Pforte bedingen es, daß diese Gegenden mit dem Ende des ersten Jahrtausends für immer von ihren Bergheiligen verlassen wurden, abgesehen von den Fingerzeichen, die uns die Freskenmalerei daselbst an die Hand gibt. Vor den fünf Toren, welche zu tiefen Versammlungsräumen ins Innere leiten, baut sich eine Scheinarchitektur auf, deren Verdachung über gegliederten Wandpfeilern ein durchgehender Arkadenfries ziert. Dieser weist uns wieder den Weg, wo wir die Freibauten und den Typus solcher auf Felswände

 

Abbildung 9. Kämpferkapitäle am Bisutun bei Kermanschah.

 

übertragener Anlagen zu suchen haben. Flandin und Coste haben auf ihrer persischen Reise östlich von Bagdad am Bisutunberg bei Kermanschah, unfern der bekannten Reliefs des Tak-i-Bostan, Kämpferkapitäle gefunden, die an ihrem obern Rand fast genau denselben Arkadenkranz wie unser Felsentor aufweisen (Abbildung 9). Sie werden im allgemeinen in die Sassanidenzeit, die Periode Chosraus II. (590-628), datiert. 1) Wieviel an lokaler, bodenständiger Architektur diese eine Provinz in frühbyzantinischer Zeit aufzuweisen hat, wird erst recht an den Freibauten dieses Landes deutlich. Was mir bei den Aufnahmen von Kirchen zunächst auffiel, war die durchgehende, prinzipielle Verwertung der Hufeisenform, sowohl in der Plananlage wie konstruktiv im Aufriß (nur bei zwei basilikalen Bauten stellte ich den gestelzten Bogen im Chor fest), die peinliche Ostorientierung, die ausschließliche Verwendung der trefflichen Trachytquader, eine Gesteinsart, die der vulkanische Boden des Landes in bequemster Weise lieferte, die vorherrschende Richtung des kreuzförmigen Kirchentypus in der T-Form oder crux commissa, wobei der Chor direkt an den Transsept anschließt, und endlich die Einschiffigkeit des Langbaues mit polygonalem, meist 5/8 Chorschluß. Die Einheitlichkeit

 

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1) E. Flandin und P. Coste l. c. I, 419, Pl. 17b. — Dieulafoy l. c. V, 97. Dieser bringt nur Nachzeichnungen von Fl. und C. und nennt sie irrigerweise Kapitäle von Ispahan, indem er sie mit den von diesen Reisenden auf Pl. 27 reproduzierten verwechselt. Leider hat Sarre dieselben auf seiner jüngsten Forschungsreise nicht mehr auffinden können. Jahrb. d. pr. Kunstsamml. 1904, p. 356.

Zeitschrift für Geschichte der Architektur. I. 21

 

 

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des Typus kommt nicht zum wenigsten in dem allenthalben gleichen Dachgebälk zur Geltung, das immer aus einem Zungenfries mit einem weit ausladenden Konsolengesims darüber besteht. Nebenher geht vereinzelt die einschiffige Saalkirche mit Vertretern zu Soandere, Uluatsch, Jedikapulu und Halvadere neben unzähligen tonnenüberwölbten Kapellen der Höhlenbauten; die zweischiffige Anlage, in welcher ich die eigentliche Grabkirche Kappadokiens erkenne, von der ich noch weiter nachher handeln werde, und schließlich die dreischiffige flach- oder tonnengedeckte Basilika. Die Kuppelkirchen im Kreuz sind fast immer durch Längs- und Quertonnen mit Quadern gewölbt,

 

Abbildung- 10a. Die Kirche der 40 Märtyrer bei Skupi.

 

und ihre Durchschneidung krönt die Kuppel. Soweit ich sehen konnte, waren diese Zentralanlagen von Anfang an in dieser Weise abgedeckt, und zwar aus zwingenden Gründen. Schon der Geograph Strabo, ein Kleinasiate, sagt von der kappadokischen Provinz, daß sie holzarm sei, und der Reisende bekommt am qualmenden Kuhmistfeuer die Wahrheit dieser Tatsache sattsam zu schmecken. Ebenso erklärt sich aus dem Mangel an harten Gesteinssorten im zentralen Kappadokien das auffallende Fehlen von Freistützen wie die Einschiffigkeit selbst der größeren Zentralbauten.

 

Die Kuppelkirchen im Kreuz, nicht zu verwechseln mit den Bauten, welche nur im Innenraum die Kreuzform zum Ausdruck bringen, bilden hier eine einheitliche Klasse. Nur in Sizilien sind mir zwei versprengte Bauten von gleichem Charakter bekannt: Die beiden kleinen byzantinischen Kirchen bei Syrakus, die sogenannte Vigna de Mare

 

 

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im Gebiet des alten Cancana und die benachbarte, Bagno de Mare genannt, welche der rührige sizilianische Forscher Paolo Orsi in der Byzant. Zeitschrift veröffentlicht hat. 1) Querschiffigkeit an sich bietet nun für Anatolien nichts Besonderes mehr. Ich fand den Transsept in den beiden großangelegten Basiliken von Sagalassus in Pisidien und einer umfänglichen Kirche zu Perge in Pamphylien, die alle zweifellos noch in das IV. Jahrhundert fallen. Eine sporadische Einwirkung Roms ist dabei abzulehnen, und der Ursprung des Querschiffes wird in Zukunft im Osten gesucht werden müssen. 2) Die besondere Leistung unseres kappadokischeu Gebietes ist die Verschweißung von Längs- und Querraum zum Zentralbau und zwar nach der bisherigen Denkmälerkenntnis in ungeahnt früher Zeit. Ich habe die hervorragenden Denkmäler dieser Klasse in jener Provinz wegen ihrer konstruktiven und stilistischen Einheitlichkeit alle ins V. Jahrhundert datiert. Andere mögen immerhin die Korrektur vornehmen, wenn sie es an der Hand von gesicherten Bauwerken vermögen.

 

Zwei Beispiele sollen diesen Kirchenstil und zugleich den Prozeß, der zum reinen Typus B führte, veranschaulichen. In der Kirche bei Skupi östlich von Cäsarea-Mazaka sehen wir die Bedingungen zur Zentralanlage als latent deutlich gegeben (Abbildungen 10a und 10b). Sie baut sich in vier Pilasterordnungen auf, die durch ebenso viele umlaufende, verkröpfende Gesimse den Bau horizontal gliedern.

 

Abbildung 10b. Plan der 40 Märtyrer-Kirche.

 

Ein durchgehendes Satteldach mit Flachdecke, wie die Balkenlöcher der Westmauer es deutlich erweisen, deckte den einschiffigen Naos, während das gleichzeitige Querschiff, das mit seiner steingewölbten Tonnendecke gerade bis zur Sohlbank der obern Fensterflucht des Langhauses hinaufreicht, nur wie ein niedriger Anbau äußerlich erscheint. Wir erkennen hier den tastenden Versuch zur Zentralisierung auch in dem umlaufenden Gesimsband. Erst späterhin wurde der ganze Längsraum durch eine Gewölbetonne geschlossen, die über Mauerpfeilern einem Pfeilerrost vor den Innenwänden errichtet wurde. Hätte man dann auch die tonnengedeckten Querflügelbauten bis zum Kranzgesims erhöht, dann wäre die Kuppelbasilika der letzte, folgerichtige Abschluß geworden. Die spätern Anbauten seitlich der Apsis, das Diakonikon, die Prothesis wie das Paraklission, sind

 

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1) Byz. Zeitschr. VII (1898), p. 3 f., Chiese bizantine del territorio di Siracusa; auch an S. Nazaro in Ravenna ist zu denken, obwohl jedesmal der Chor rechteckig abschließt.

2) Ebenso O. Wulff in der Byz. Zeitschr. XII, p. 554.

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ein sprechender Beweis für die allmählich reichere Ausgestaltung der Liturgie im griechischen Gottesdienst und ein Fingerzeig für das Alter der Kirche.

 

Der Prozeß liegt fertig vor uns bei der Zentralkirche von Tomarza im östlichen Kappadokien (Abbildungen IIa und IIb). Da streben die Schildmauern der Vierung über der Durchschneidung des gleich hohen Längs- und Querschiffes bis zu ansehnlicher Höhe empör und sind in ihren Achsen von vier großen Fenstern durchbrochen. Ein Gesimsband umzieht den viereckigen Mantel (fiktiven Tambour), ihm folgte noch höher das Dachgebälk auf vier Wandkapitälen, von denen das eine erhaltene mit durchbrochenen Kreuzreliefs

 

Abbildung 11 a. Die Kirche der Panagia zu Tomarza.

 

und Vögeln, altchristlichen Motiven, geschmückt ist. Eine Hängekuppel von leichtem Vulkangestein schloß die Vierung, die nach oben hin wohl durch ein prismatisches Holzdach geschützt war. Längs- und Querhaus wölbte eine Tonnendecke aus Quadergestein. Für ein hohes Alter des Bauwerks sprechen neben seiner vortrefflichen Konstruktionsweise man sieht noch Krampenlöcher und Eisenverklammerung der ornamentale Schmuck der Türen, die von Astragalschnur, Blattwerk und umlaufendem Tierfries eingefaßt und leider durch das Wetter sehr zerstört sind. Der Vierungsturm erinnert an einen andern trefflichen Quaderbau im südlichen Taurus, an Kodscha Kalesi, das neuerdings mit Recht noch dem IV. Jahrhundert vindiziert wurde. 1) Die Kuppelkonstruktion

 

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1) Headlam, Eccles. sites in Isauria. Suppl. papers of the hell. society. 1892, und Strzygowski, Kleinasien, p. 109, 162; Wulff in Byz. Zeitschr. XII, p. 560.

 

 

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der Kirche von Tomarza wie der gleich zu erwähnenden von Siwri Hissar im Hassandagh erbringen den nahezu sichern Beweis, daß die Basilika von Kodscha Kalesi, wie unlängst in Anlehnung an ägyptische Vorbilder richtig vermutet wurde, ebenfalls mit einer Kuppel in ihrem turmartigen Tambour zu rekonstruieren ist.

 

Hellenistisch ist bei diesen Kirchenbauten die Betonung der Fassade und der Horizontalen, die symmetrische Teilung der Wandflächen durch Pilaster und Gesimse, die regelmäßige Anordnung der großen Fenster namentlich im Chor und die vorzügliche Bauweise. Provinziell ist dagegen die Verwendung von Zwerchpilastern am Chorabschluß, die mit ihren plumpen Kapitälen von dreiteiligem Akanthus die proportionale Wirkung des Gesamtbaues nicht wenig beinträchtigen. Lokal ist die polychrome Behandlung der Gesimse, Friese und Kapitäle, die einst mit blau und rot bemalt waren. Auch im Wechsel von helleren und dunkeln Werksteinen suchte man eine malerische Wirkung der Außenwände zu erzielen.

 

Was am meisten bei den kappadokischen Kirchen, ob nun Basilika oder Kuppelbau, auffällt, ist das durchgängige Fehlen des bei dem griechischen Katholikon so typischen Narthex. Erst nachträglich wurde bei der Mehrzahl ein Notbau vor dem Portal errichtet, der jedoch heute meist wieder bis auf die Fundamente herab verschwunden ist. Dafür erhellt immer ein mächtiges Fassadenfenster von Westen her das Innere der Kirchen. Das weitere Merkmal dieser Bauten ist der Wegfall von Diakonikon und Prothesis.

 

Abbildung-11b. Plan der Panagia zu Tomarza.

 

Ziehen wir die in jüngster Zeit bekannt gewordenen zahlreichen Kirchenruinen des benachbarten Lykaonien, die Basiliken von Binbirkilisse und Daule wie diejenigen Isauriens zum Vergleiche mit unsern Denkmälern heran. Da überrascht uns die Tatsache, daß in der kaum eine Tagereise entfernten Nachbarschaft der rein basilikale Typus, sehen wir von kleinern Anlagen dabei ab, fast ausschließlich herrscht. Nur sporadisch finden sich hier noch bis zum Beischehr See hin die kreuzförmigen Kuppelkirchen Kappadokiens. 1) Die Form der Hufeisen wird seltener, namentlich im Aufriß, die Chöre enden meist im Halbrund resp. gestelzten Bogen, und die architektonische Gliederung und Plastik ist an Mauern und Kapitälen äußerst sparsam verwandt. Was diese Basiliken aber in direkten Gegensatz zu den Kirchen des kappadokischen Hochlandes setzt, ist die Vorhalle resp. die rechteckigen Kammern an der Westfront seitlich des Einganges. Die hohen Chorfenster sind hier durch gekuppelte Öffnungen vertreten, und nur die Quadertechnik,

 

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1) Briefliche Mitteilung von Miß Gertrude Lowthian Bell. Man lese ihre sehr beachtenswerten kleinasiatischen Forschungen in der Bevue archéol. 1906/07.

 

 

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das Fehlen der Emporen und der seitlichen Chorkammern bildet das verbindende Glied auch dieser Kirchenbauten mit denjenigen der östlichen Provinz.

 

Fassen wir alles kurz zusammen: Die ausschließliche Verwertung des Hufeisenbogens im Grund und Aufriß, die auffallende Größe des Querschiffes, die Anwendung der Tonnenwölbung mit Kuppel bei einschiffigem Hauptraum, der im Osten fast immer im 5/8 schließt, das System der Pilaster und Gesimse, die polychrome Behandlung tektonischer Glieder, die Dominante in der Fassade mit ihrem hohen Fenster, der Mangel dagegen an einem Atrium und Pronaos, das Fehlen der Nebenkammern seitlich der Apsis wie dasjenige von Emporen stempeln diesen Basilikentypus zu einem lokalen Provinzialstil, der in der Gesamtheit seiner Formen sich nicht in den gewohnten Schematismus byzantinischer Architektur einordnen läßt.

 

Daß dieses Land in frühchristlicher Zeit neben den Kuppelkirchen auch den reinen Zentralbau pflegte, beweist, von literarischen Quellen abgesehen, ein Oktogon von Suwasa östlich vom Salzsee, in einer Gegend, wo zweifellos das alte Nyssa gesucht werden muß (Abbildungen 12 a und 12 b). Der Hufeisenbogen liegt wieder im Plan und Aufriß zu Grunde.

 

Abbildung 12 a. Oktogon von Suwasa.

 

Zeugen zweier diesem Denkmal vorangegangener Kulturen sind eine hettitische Inschrift und eine Götterstatue, höchstwahrscheinlich des Zeus Stratios, die ich daselbst noch vorfand. Ein christliches Martyrium, dies unser Oktogon, scheint die Heiligkeit des Orts übernommen und weitergeführt zu haben. An den Innenmauern sind altchristliche Inschriften unter dem abfallenden Stuck zu Tage getreten, auf dem sehr zerstörte Malereien erhalten sind, die nach einer noch lesbaren Beischrift der Regierungszeit des Kaisers Johann Dukas Vatatzes angehören.

 

Plan und Abbildung ersetzen eine ausführliche Beschreibung. Chorhaus samt Außenhalle sind tief verschüttet, nur das erstere konnte ich teilweise freilegen. Da weit und breit keine Ruinen eines Monumentalbaues anzutreffen waren, so können wir

 

 

 

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die Säulentrümmer im nahen Dorfe samt den dort zerstreuten Kapitälen zur Rekonstruktion des Portikus in Anspruch nehmen. Er trug ein Holzdach, dessen Sparren in die deutlich sichtbaren Balkenlöcher der Obermauern des Oktogons eingriffen. Der schon bei den besprochenen Kirchen verwendete Zungenfries schmückt auch die Pfeilerkapitäle der Durchgänge. Aus Quadern war die zur Hälfte jetzt eingestürzte Flachkuppel trefflich konstruiert, welche ohne Vermittlung aus dem achteckigen Mantel in den Kreis überging. Dachplatten in Ziegelform deckten sie oben ab, zwischen denen -förmige Keilsteine als Imbrices eingeschoben wurden. Eigenartig ist auch die Fensterbekrönung mit den Konsolen, welche den Holzstil imitieren.

 

Dem Polygonalbau von Suwasa ganz nah verwandt ist das Oktogon von Ulu Bunar, dem alten Isaura, das während der österreichischen Expedition in diese Provinz durch den Architekten Fr. Knoll aufgenommen wurde. 1) Nur schließt hier der überhöhte (?) Chor direkt an die Ostseite an, den Durchgängen des Oktogons zu Suwasa entsprechen gekuppelte Fenster, und durch Säulenstellung war ein innerer Umgang hergestellt.

 

Abbildung 12b. Grundriß des Oktogons von Suwasa.

 

Die solide Quaderkonstruktion wie die Verwertung des Hufeisenbogens im Aufriß finden wir dann bei dem achteckigen Zentralbau von Binbirkilisse im Karadagh, einem Unikum orientalischen Kirchenstils 2), für das sich wohl kaum mehr eine Parallele wird finden lassen. Nach dem Rundbau von Suwasa können wir nunmehr seinen obern zerstörten Abschluß rekonstruieren als Hängekuppel in einem achteckigen Mantel mit einem flachen Zeltdach darüber, wie es bereits die ungenaue Zeichnung De Labordes aus dem Jahre 1826 zeigt. 3) Etwa 6 Stunden südlich von Suwasa, wo ich glaube das alte Bistum Sobeson nachgewiesen zu haben, lag das ehemalige Nazianz, die Wirkungsstätte des großen Gregor. In der Trauerrede, welche der Kirchenvater 374 auf den Tod seines Vaters hielt 4), kommt er auch auf dessen kirchliche Stiftung, die Errichtung eines Oktogons, zu sprechen. Der Sohn berichtet u. a., daß dasselbe von äußern achteckigen Wandelhallen umgeben und die Mauern auch aus trefflichem, wohlgefügtem Gestein des Landes errichtet waren. Das Oktogon von Suwasa

 

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1) Seine Beschreibung und Abbildung bei Strzygowski, Kleinasien, p. 91.

2) Abbildung ib., p. 24, 141.

3) De Laborde, Voyage de l‘Asie Mineure 1, Tafel LXVI, LXVII.
4) Migne, Patr. Gr. XXXV, 103.

 

 

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164 Hans Rott-Heidelberg

 

ist eine Miniatur dieses einst sicherlich prächtigen Bauwerks. Bei meinem Aufenthalt zu Sorsovu, dem alten Nazianz, fand ich die Stätte von Schwemmland bedeckt, die einstigen Kirchen bis auf die Grundmauern abgerissen und den reichlichen Marmor dieser Anlagen allenthalben in die schmutzigen Lehmhütten verbaut. Noch jetzt wissen die biedern Türken daselbst, daß das herrliche Marmorgestein im unfernen Melendizdagh gebrochen wurde. Erst in dem letzten Menschenalter sind diese Bauten Zeuge ist der einheimische Gelehrte Levidis dem Erdboden gleichgemacht worden.

 

Abbildung 13a. Die Kizilkilisse von Siwri Hissar (Hassandagli).

 

Wird einst die immer noch unbekannte Lage von Nyssa entdeckt werden, die nicht sehr fern von Suwasa zu suchen wäre, so ist zu hoffen, daß wir daselbst jenen kreuzdurchsetzten interessanten Zentralbau finden werden, den Gregor der Theologe plante und höchstwahrscheinlich auch ausführte. Für die Stützen des Oktogons wollte er sogar prokonnesische Säulen kommen lassen. Längst kennen wir den schon so oft zitierten Brief, den er in dieser Angelegenheit an Amphilochius, seinen Nachbarkollegen in Ikonium, schrieb, mit genauen Angaben über das projektierte Bauwerk.

 

Und endlich komme ich, um die Mannigfaltigkeit dieser einst so denkmälerreichen Landschaft zu erschöpfen, zum Typus der zweischiffigen Memorienkirche (Abbildungen 13a, 13 b und 13c). Zu Siwri Hissar im Hassandagh, wo ich das alte Arianz, das Heimatsdorf Gregors von Nazianz, vermute, steht durch einen seltsamen Aberglauben

 

 

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geschützt inmitten eines kleinen Ruinenfeldes eine zweischiffige Kuppelkirche, wegen der rötlichen Leuchtfarbe ihrer Quadermauern Kizilkilisse genannt. Sie ist mit ihrer Vierungskuppel in Anbetracht des sonstigen Denkmälerzustandes noch gut erhalten, nur die Tonnenwölbung des Lang- und südlichen Querhauses ist eingestürzt. In der Weise von Tomarza und Kodscha Kalesi oder der verwandten altchristlichen Kirchen der Schenuteklöster in Oberägypten, Anba Schenute und Anba Bischoi 1), steigen über den Tragbogen der Durchschneidung von Längs- und Quertonne die Schildmauern empor und werden vermittels Trompen in den Ecken allmählich ins Achteck und in den Kreis des Kuppelauflagers übergeführt. Außen vermitteln sphärische Widerlager vom Viereck zum Achteck des Mantels hin, den oben ein Konsolengesims und Zeltdach abschließt. Diese Kuppellösung durch Trompen deutet auf neupersische Technik; ich brauche nur an das bereits erwähnte Firuz-Abad und das Schloß von Sarvistan zu erinnern, das angeblich von Sapor II. (309 bis 380) erbaut wurde. Überhaupt weisen auch hier die unverjüngten Säulen der Arkaden wie auch sonstige Ziermotive bei den kappadokischen Kirchenbauten auf Mesopotamien oder Syrien hin, so der Zickzack an den Kapitälen, die Weinranken und der Tierfries an den Türen, der hochstengelige Akanthus und struktiv die Anwendung der umbrechenden Gesimsbänder. 2)

 

Abbildung 13 b. Plan der Kizilkilisse.

 

Die aus einem Guß erbaute Kizilkilisse hat eine basilikale Parallele zu Till, einen Tagesritt nordöstlich von Siwri Hissar, und in den vielen zweischiffigen Höhlenkirchen des Landes, von denen ich eine einfache reproduziere (Abbildung 14). Hier wie in der Doppelkirche zu Till liegen die Gräber im Nebenschiff reihenweis nebeneinander. Der vollendete Typus dieser einfachem Grabeskirche ist nach meiner Kenntnis die bedeutende, bei Kirschehr in Nordkappadokien in Ruinen liegende Doppelkirche von Ütsch Ajak, ein für dieses Land ungewöhnlicher Backsteinbau, der schon seit den 40er Jahren durch Ainsworth bekannt gemacht wurde und leider immer noch ungenügend publiziert ist. 3)

 

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1) De Bock, Matériaux pour servir à l‘archéologie de l‘Égypte chrétienne. 1901, p. 49 f.; Strzygowski l. c, p. 109. 113 f., und Wulff in der Byz. Zeitschr. XII, 500.

2) Die Weinranke auch an der Tür zu Daghören südwestlich vom Hassandagh bei Ramsay, Studies in the hist. and art., p. 174 und 266, wo er auf Syrien hinweist. — Byz. Zeitschr. XIV (1905), p. 42, Abb. 7, Kasr el Andarin, datiert 559. — Vogué, p. 69 f., Pl. 116, 117, 119, 140, 150 und Jahrb. der pr. Kunstsamml. 1904, p. 251.

3) W. F. Ainsworth, Travels and researches in Asia Minor. London 1842. I, 162 mit Zeichnung. — Neuerdings öfters behandelt von Strzygowski in seinem Kleinasien, in den Untersuchungen über die Rocellata, wo das Auge des Architekten wohl das Richtigere gesehen hat. Gute Abbildungen jetzt auch bei v. d. Schweinitz, Ein Ritt durch Kleinasien. 1906.

Zeitschrift für Geschichte der Architektur. I. 22

 

 

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Die Technik mag von außen, höchstwahrscheinlich aus dem Euphrattal (Samosata?) entlehnt sein, der doppelschiffige Typus scheint mir eine einheimische, mit dem Überreichtum an Heiligen und Märtyrern daselbst in Verbindung stehende Gepflogenheit zu sein, die durch das Mönchtum aufkam. Vielleicht hängt der kreuzförmige Kirchenstil des Landes überhaupt mit den altchristlichen Memorien und Martyrien gerade hier nahe zusammen. Doch einstweilen müssen wir das Bekanntwerden weiterer Denkmäler, namentlich auch im Norden des Halys abwarten.

 

Es ist nicht verwunderlich, wenn wir bei den Bauten dieser Provinz bemerken, wie so manches nach Syrien, Mesopotamien und selbst Ägypten hinüberweist. Der innige Verkehr der Mönche innerhalb dieser Landstriche und der reiche Klosteraustausch und Klosterbesuch erklärt dies hinlänglich. Basilius, der große Regenerator des morgenländischen Mönchtums, hatte Syrien und Ägypten bereist, richtete nach den daselbst gemachten Beobachtungen und Erfahrungen das Mönchs- und Zönobitenleben zu Hause ein und gab ihm die berühmte Verfassung. Sein Bruder, Gregor von Nyssa, zog in Arabien und Palästina umher, um daselbst die kirchlichen Verhältnisse zu ordnen, und auch der große Kirchenvater Gregor von Nazianz unternahm Wanderungen nach Palästina und Ägypten. Die regen Beziehungen des Klemens Alexandrinus zu den Kappadokiern sind bekannt. Große Mönchswesen wie dasjenige bei Edessa oder wie die Lauren am Berg Sigoron bei Nisibis waren zweifellos vorbildlich für die Monasterien am Halys, am Iris und am Hassandagh. Zu den Einsiedlern und Zönobiten gesellten sich dann die blutig verfolgten Paulizianer, die nachweislich in den Höhlen und Schluchten Kappadokiens ihre Wohnungen aufschlugen.

 

Abbildung 13 c Kuppelkonstruktion der Kizilkilisse.

 

Wie weit schließlich antike Anlagen auf die frühmittelalterlichen Felsbauten einwirkten, entzieht sich heute unserer Beobachtung, da die christlichen Kappadokier bereits auf die roheste Weise die überkommenen Denkmäler zerstörten. Gegen hundert Epigramme schleuderte schon Gregor von Nazianz gegen seine grabschänderischen Landsleute und gebot ihnen in heiligem Zorn Schonung der heidnischen Ruhestätten und Grabtempel.

 

Lassen wir zum Schluß den Blick vom kappadokischen Hochland herab in die Ferne schweifen. Zu Banos im Lande der Hidalgos liegt eine Kirche des Johannes Baptista, die im Grund- und Aufriß uns den Hufeisenbogen weist und ursprünglich höchstwahrscheinlich wie S. Maria de Naranco zu Oviedo durch eine Halbtonne eingedeckt war. 1) Im obern Ebrotal steht bei Logrono die Klosterkirche San Millan de la Cogulla von Suso mit Hufeisenbogenarkaden auf schwerfälligen, leider verputzten Säulenkapitälen. Der spanische

 

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1) Junghändel-Gurlitt, Die Baukunst Spaniens, p. 35, Bl. 153, 158.

 

 

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167 Bauspäne von einer anatolischen Reise.

 

Kunstgelehrte Madrazo, der diesen Stil den lateinisch-byzantinischen oder westgotischen nennt, verlegt diese Kirche, wie auch die stilistisch sich anschließende der Ermita von Banos ins VII. Jahrhundert. Wir sind bis jetzt allerdings über die frühesten Bauten Spaniens schlecht unterrichtet, namentlich wissen wir nichts über die zweifellos nicht unbedeutende Bauentwicklung der Westgoten im VI. und VII. Jahrhundert. Und doch haben die Kirchenkonzilien des VII. Säkulums die Baukunst in Spanien mächtig gefördert. Interessant wäre es, an den Tag zu bringen, ob die Basilianermönche, die vom Orient nach Sizilien und Süditalien kamen und dort ihre Spuren in kirchlichen Denkmälern und in einer der kappadokischen sehr verwandten Freskenmalerei ihrer Höhlenkapellen hinterließen, die Vermittler der Hufeisenbogenform nach dem fernen Westen waren oder ob lediglich das Reitervolk der Araber dieselbe „auf ihrem Sattel“ nach Spanien brachte. Daß sie ihn nicht erfunden haben können, beweisen ja auch diese neuen Denkmäler aus den Gegenden jener uralten Hettiter.

 

Übersteigen wir die Pyrenäen, so treffen wir in Südfrankreich die herrlichen Gewölbebauten, die tonnenüberdeckten Saalkirchen, die einschiffigen, kreuzförmigen Kuppelbasiliken mit weit ausladendem Querschiff, mit dem öftern 5/8 Chorschluß. Wir wissen nicht, wie ihre Vorgänger in der merowingischen und frühkarolingischen Epoche aussahen. Warum haben die Kuppelkirchen gerade in Aquitanien Anwendung gefunden und anderswo nicht? fragt ein hervorragender moderner Historiker der Baukunst. Für die frühromanische Zeit wird heute wenigstens „ein größerer byzantinischer Einfluß“ in diesen Ländern zugestanden. Wer kühn mit Jahrhunderten zu rechnen versteht, wird keck auf die Goten weisen, die ihre Kultur von den Ufern des Schwarzen Meeres mitbrachten, auf ihren großen Plünderungszug durch Kappadokien im III. Jahrhundert, wobei auch die Eltern ihres größten Apostels Ulfilas, geborene Kappadokier, mit fortgeschleppt wurden, um so die Kette von Kleinasien bis zur Garonne zu schließen. Doch da verliert sich der sichere Pfad der Geschichte. Ein anderer mag mit mehr Recht in den einfachen Kreuzkuppelkirchen des kleinasiatischen Hochlandes die Prototypen der großen, untergegangenen Apostelkirche am Bosporus erkennen und die rote Linie bis S. Nazaro Grande in Mailand und selbst bis San Marco ziehen. Wer mag die Wurzeln und Fäden aller Erscheinungen verfolgen? Schließlich bleibt doch die Weise, wie das Überkommene und Übernommene verwertet und zum Fertigen, Vollkommenen ausgestaltet wurde, die Hauptsache, die künstlerische Tat auch in der Geschichte der Baudenkmäler.

 

Abbildung 14. Grundriß einer Höhlenkapelle im Soandere.

 

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Quelle: Zeitschrift für Geschichte der Architektur Heft 6 (März 1908) S. 141-167.

Dieser Jahrgang der Zeitschrift liegt in den Heidelberger historischen Beständen digitalisiert vor und ist unter folgendem LINK zugänglich:
Zitierlink: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zga1907_1908

URN: urn:nbn:de:bsz:16-diglit-192182

Hier sind auch die Abbildungen dieses Artikels zu finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Orientalistische Literaturzeitung 1914 Nr. 1. Sp. 10 - 14

 

Die Bedeutung der Fels-Architektur.

Von E. Brandenburg.

 

Ich habe in der OLZ schon öfters über Funde im Gebiet der F. A. berichtet, die ich in Anatolien gemacht hatte; sie stehen mit ähnlichen aus Etrurien, Sizilien, Mazedonien und auch Syrien in entwicklungsgeschichtlichem Zusammenhange 2) Durch mehrjährige Beschäftigung mit dieser Materie ist es mir jetzt wenigstens einigermassen möglich geworden,

 

2) Eine diesbezügliche grössere und Zusammenfassende Arbeit wird im nächsten Jahr in den MVAG erscheinen. Ein näheres Eingehen auf meine letzten Funde in Syrien ist an dieser Stelle nicht möglich, da die Publikation der Palästina Forschungs Gesellschaft, in deren Auftrag die Reise gemacht wurde, zusteht.

 

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die Abhängigkeit der verschiedenen Regionen und ihre wechselseitigen Beziehungen zu ermitteln; ich weiss natürlich sehr gut, dass noch grosse Lücken vorhanden sind, die auszufüllen, wenn es überhaupt je ganz möglich sein sollte, noch manches Jahr Arbeit nötig wäre. Das gilt auch speziell von Persien, und überhaupt dem vorderen Orient, wo noch viel zu finden wäre. Hoffen wir, dass Herzfeld, der diese Gegenden gut kennt, uns bald etwas darüber bringt. Vor allem muss man sich darüber klar werden, dass es sich um ein relativ ganz neues Gebiet handelt, dessen systematische Bearbeitung kaum vor Anfang dieses Jahrhunderts, - und dann immer nur beschränkte Bezirke umfassend, begonnen hat. Aus diesem Grunde ist das Spezialfach der F. A. (mit Ausnahme der Katakomben, von denen aber die eigentlichen kaum dazugehören) in grösseren Kreisen wenig bekannt. Seinen Wert und seine Wichtigkeit an der Hand der bisher gewonnenen und, wie schon gesagt, allerdings noch durchaus nicht abschliessenden Ergebnisse darzulegen, soll die Aufgabe des Folgenden sein. Allein schon die schematische Aufzählung des Stoffes zeigt das in gewisser Weise; wir können ihn einteilen in

 

1. Grotten zu Wohn- Kult- und Grabzwecken.

2. Kalehs, d. h. natürliche Festungen, mit verschiedenen Einrichtungen zu Verteidigung, Flucht, Gängen usw. Den Uebergang zwischen beiden bilden die sog. Fluchtgrotten.

3. Felsfassaden meist im Zusammenhange mit Gräbern, wobei die eigentliche Grabkammer öfters aber mehr „nebensächlich“ behandelt ist. Sie imitieren hauptsächlich Holzarchitektur; andere sind auch mit figürlichen Darstellungen geschmückt. Hierher würden auch Felsaltäre und Felsreliefs gehören, die Götter usw. darstellen.

 

Die Grotten hatte man bisher meistens in Bausch und Bogen als Gräber betrachtet, wurden sie näher untersucht, so war dies hauptsächlich in der Erwartung geschehen, in ihnen Kleinfunde zu machen, ihre „Inneneinrichtung“ wurde kaum beachtet. Grotten, die von Uergüb z. B., galten mehr als Reisekuriosität. Und doch bieten gerade sie, wenn man eine grössere Anzahl gesehen und studiert hat, ein anschauliches Bild einer troglodytisch lebenden uralten Bevölkerung: gewisse Details kennzeichnen sie deutlich als Wohnstätten, als Ställe; andere haben zum Kult gedient, von dem sonst nur Spuren noch in alten Sagen vorhanden sind. Wir können berechnen, wieviel Vieh man dort unterstellte, wie gross also der Besitzstand der Bauern war, wieviel in einem Felsdorf zusammenlebten; die Kalehs boten Schutz in unruhigen Zeiten gegen feindliche Einfälle. Zu ihrer Anfertigung und Verteidigung war ein Zusammenwirken aller nötig. So ergibt sich aus diesen anscheinend so unbedeutenden „Löchern“ usw. nicht nur ein Bild der religiösen Anschauungen (Kultgrotten) sondern geradezu die Rekonstruktion des Lebens und der sozialen Verhältnisse einer weitverbreiteten Bevölkerung vor etwa 4000 Jahren 1). Die Gräber wurden etwas näher untersucht, besonders als Ergänzung der äusseren Fassade; Hirschfeld und später Leonhard bereisten zu diesem Zweck Paphlagonien, Perrot Phrygien; ihm folgten Ramsay und Reber, Benndorf arbeitete in Lykien. Allerdings galt das Hauptinteresse aller dieser, mit Ausnahme von Leonhard, mehr dem äusseren Schmuck und rein stilistischen Fragen, man kann sie gewissermassen als Vorläufer betrachten. Die folgende, jüngere Generation fasste das Problem weiter, mehr entwicklungsgeschichtlich auf: Lehmann-Haupt sprach als erster nach seinen Reisen in Armenien und Griechenland vom Kulturkreis der Felsenbauten, Leonhard stellte die Frage nach Herkunft des griechischen Tempels in einer Weise, wie man es vorher nicht gewagt hatte. Macalister und Vincent untersuchten Kultgrotten in Syrien, Dalman erschloss Petra der Wissenschaft, ohne allerdings die weiteren Vergleiche und Konsequenzen zu ziehen. Ich arbeitete in Anatolien und Italien usw. und konnte letzteres Land auch dem Kulturkreis der F.A. angliedern. Nach meiner letzten Reise in Syrien bin ich auch zum Schluss gelangt, dass dieses Land was den Kult anbelangt, viel stärker von Klein-Asien abhängig ist, als man bisher annahm. Malta, Sardinien, Sizilien und auch Teile von Italien (d. h. dem Festlande) wären noch genauer zu untersuchen; es existieren zwar eine Reihe von Arbeiten darüber, die aber in kleinen Lokalpublikationen verstreut und deshalb schwer benutzbar sind. Ehe wir nun zu den Resultaten der oben erwähnten Forscher übergehen, noch kurz ein Wort, warum gerade die F. A. so gutes, die übrigen Zweige der Archäologie umfangreich ergänzendes Material liefert, und nicht etwa bloss ein steriles Spezialgebiet ist: Es liegt in ihrer Eigentümlichkeit, d. h. dass der lebende Fels als Stoff verwendet wurde, dass sich die so geschaffenen Grotten, Felsaltäre und Reliefs besser erhalten haben, als freistehende Bauten etwa, die, wenn sie aus Stein waren, zerstört

 

1) Aus technischen Gründen glaube ich mit ziemlicher Gewissheit schliessen zu können, dass der Beginn der Grotten-Architektur in Anatolien etwas nach 2600, in Syrien etwas früher anzusetzen ist. Im übrigen verweise ich auf die in der ersten Anmerkung erwähnte Arbeit.

 

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oder zum Aufbau anderer benutzt wurden; von den natürlich viel schneller vergänglichen Holzbauten in Kleinasien würden wir ohne die phrygischen und lykischen Fassaden überhaupt nichts mehr wissen. Tempel konnten durch den Fanatismus einer neuen Religion niedergerissen werden, Kultgrotten sind ausser etwa durch starkes Erdbeben, fast unzerstörbar. Felsreliefs werden sich besser erhalten, als Platten oder Statuen, besonders auf dem Hochplateau von Anatolien, das nicht wie z. B. Aegypten vieles im trockenen Lande erhalten konnte. So ist denn ein relativ grosses, wenn auch noch nicht im nötigen Umfang genügend beachtetes Material vorhanden, das Leonhard erlaubte, die Frage des griechischen Tempels umfassend anzuschneiden; das Lehmann-Haupt die Beweise und Gegenstücke zu den sprachlichen Hypothesen Ficks finden liess. Ich dehnte das auf Etrurien aus und fand so eine Bestätigung der wohl angefochtenen, aber bisher noch nicht widerlegten Ansichten Modestows über die Herkunft der Etrusker. Meine letzten Funde in Syrien zeigen den weitgehenden Einfluss religiöser Ideen der Hettiter bis nach Palästina und wohl auch bis nach Petra hinab, in Wechselwirkungen mit ägyptischen. Die Schlüsse, die man auf Leben und soziale Verhältnisse einer bronzezeitlichen Bevölkerung in einer Epoche, von der keine Kunde zu uns gedrungen ist, machen, sie sogar rekonstruieren kann, sind oben kurz gestreift worden. Aus den Wohngrotten und Kalehs ist das ableitbar; die Kultgrotten zeigen uns den Dienst einer Gottheit, die wir wohl als Magna Mater bezeichnen können. Die phrygischen Fassaden überliefern uns getreu die verschiedene Holzarchitektur, ergänzen sich mit den paphlagonischen und deuten auf die Heimat einer der sublimsten Bauformen der Griechen hin. Die Felsenskulptııren und Inschriften gaben den ersten Anstoss zur Erforschung der Hettiter, die in den epochalen Funden Wincklers gipfeln; durch sie sind indirekt die Grabungen von Sendschirli, Tell Halaf u. a. angeregt worden, die uns, wenn vollständig bearbeitet, erst assyrische und frühgriechische Kunst vollständig erklären werden, mit ihrem Einfluss auf die klassische (Poulsen), deren Wirkungen sich bis auf unsere Zeit erstrecken. Das sind in gedrängtester Kürze die Hauptresultate dieses relativ neuen Spezialfaches, sie alle ausführlich aufzuzählen geht weit über den Rahmen dieser Zeilen hinaus. Natürlich sind noch viele Fragen gar nicht oder halb gelöst; trotzdem kann man aus dem Angeführten die Wichtigkeit dieser Disziplin ersehen, und dass es dringend not tut sich damit in Zukunft noch weit intensiver zu beschäftigen, als es bisher geschehen ist, indem Forscher auch mancher unscheinbaren Grotte und nicht nur effektvollen Ausgrabungen usw. ihre Aufmerksamkeit schenken. Wenn diese Zeilen eine kleine Anregung dazu wären, so ist ihr Zweck erfüllt.

 

Neapel, Okt. 1913.

 

 

 

Quelle: Orientalistische Literaturzeitung 17. Jg. 1914 Nr. 1. Sp. 10 – 14. Monatsschrift für die Wissenschaft vom vorderen Orient und seine Beziehungen zum Kulturkreise des Mittelmeeres. Herausgegeben von Felix E. Peiser. Leipzig. J. C. Hinrichs‘sche Buchhandlung.

 

 

 

 

 

IRAN, ASIENS HELLAS

VON JOSEF STRZYGOWSKI

 

 

Die wissenschaftlichen Akademien haben dem Gelehrten wie einem Stück ungebändigen Herden Tieres einen Klotz um den Hals gehängt, damit er in seiner freien Beweglichkeit behindert und leicht eingefangen werden könnte: den sog. Humanismus, d.h. den Mittelmeerglauben, der u.a. den Nordmenschen blind in die Arme der Romanen treibt. Tatsache ist, dass das, was wir Geisteswissenschaft nennen, die Erforschung über die einzelnen Lebenswesenheiten des menschlichen Seins, Denkens und Handelns, seit der Renaissance als wichtigstes Hilfsmittel der Macht erkannt und demgemäss nach Staat, Religion und Akademie angeblich “wissenschaftlich” ausgebildet und in deren Dienst gestellt wurde. Aus den Jesuitenschulen gingen die Universitäten hervor, Louis XIII. gründete die erste der wissenschaftlichen Akademien und diesen ist es bis heute nicht gelungen, ihre ihnen von der Macht angelegten Scheuklappen loszuwerden. Das aber verhindert in erster Reihe eben der Mittelmeerglaube, der im Machtsinne darin gipfelt, zu behaupten, alle Wege führten nach Rom. Heute endlich ermannt sich der Norden, löst den Latinismus von sich ab und beginnt zu sehen, was ihm alles an Eigenkraft durch diesen genommen worden ist.

 

Zugleich aber wittert die altsprachlich und geschichtlich im Machtsinne überfütterte Jugend Morgenduft, erkennt hinter der Trugspiegelei von gestern das nordische Gestirn, das allein imstande ist, ihr die durch Gesetze, Gebote, Wissen und Technik abgelistete Seele wieder zu geben. Bisher war es Hellas, das in seiner einfachen und schlichten Sachlichkeit die Ahnung eines Menschentums vermitteln konnte, das fern von den Machtgelüsten der Dynastien, Kirchen und Schriftgelehrten sich tummelte und dem in der bildenden Kunst die Schönheit in stiller Einfalt und Grösse Glaubensbekenntnis war; jetzt kommt von Asien her ein anderer solcher Hort zum Vorschein, einer, den wir bisher über den vorderasiatischen Machtstaaten nicht zu sehen vermochten. Es taucht im Osten hinter Mesopotamien und Persien das Herz Asiens in einem ähnlichen Sinne auf wie Hellas im Westen: das kleine Iran, das freilich nicht die Schönheit, sondern den Glauben, die Sittlichkeit zur durchschlagenden Kraft gemacht hat, einmal für Asien selbst, aber in Auswirkungen auch für Europa. Dabei muss von vornherein gebeten werden, Iran nicht mit Persien zu verwechseln, es verhält sich dazu etwa wie das alte Hellas zu Rom.

 

I. Kunde. Wir klammern uns in der Geistesforschung krampfhaft an das Wissen, das die Historiker und Philologen allmählich aus den Steindenkmälern mit ihrer Schrift und den Darstellungen in Menschengestalt im Mittelkreise herausgedeutet haben und ahnen gar nicht, was uns, insbesondere den Nordmenschen, entgeht, wenn wir blind alle jene Kunde von der Geschichte fernhalten, die Aufschluss über die Voraussetzungen dieser in der Erd- und Menschengeschichte jüngsten und geistig engsten Menschengruppe des Mittelmeerkreises bringen könnte. Ist der Weg zur Kenntnis von Macht und Besitz der Höfe und Dynastien, von Kirchen und gelehrter Rechtgläubigkeit mit allen Mitteln der sog. Weltweisheit gepflastert, so dass man nächstens nicht mehr wissen wird, wo noch im Gebiete der

 

 

 

43 IRAN, ASIENS HELLAS

 

Mittelmeermächte zu graben wäre, so überlässt man das Wissen von der eigenen nordischen Heimat aus Trotz und Bequemlichkeit dem Zufall, will nicht wahr haben, dass es neben der Machtblüte am Mittelmeere einen eigenen Norden gegeben habe, der seelisch bedeutender war als alles, was uns an äusserlich verführerischer Lebenshaltung von den Mittelmeervölkem wie den Wilden der Schnaps übermittelt worden ist.

 

Es war leicht, Wissenschaft auf Grund des in Stein Erhaltenen zu treiben und alles andere als primitiv und barbarisch zu vernachlässigen. So hat man Europa, das ursprüngliche Europa nämlich, in einer Versenkung verschwinden lassen, weil es in Holz baute und Asien, das eigentliche Asien, weil es in seinem Wesen durch den Rohziegel und das Zelt bestimmt wurde. Erhalten ist leider freilich weder von den alten Holz-, noch von den Rohziegel- und Zeltdenkmälern etwas bzw. nur so geringe und junge Spuren, dass es einer ganz anders in Forschungsrichtungen, Verfahren und Tatsachen aufgebauten wissenschaftlichen Arbeit bedarf, um Geschichte vom Nordstandpunkt schreiben zu können, als das bisher vom Mittelmeerglauben aus der Fall war. Das alte Hellas wurde im 18. Jahrhundert entdeckt, man wird jetzt endlich anfangen müssen, das Herz Asiens, Iran, daneben zu stellen.

 

Ort. Iran, ein dem landläufigen Kunsthistoriker völlig unbekanntes Land, wenn man ihn nämlich darauf aufmerksam macht, dass es nicht verwechselt werden darf mit Persien, das sich zum alten Iran etwa so verhält, wie die Machtkunst nach Alexander, die griechische Werte für die Verherrlichung der Macht benutzt, zur Kunst des alten Griechenland. Iran, das mit Transoxanien zusammen Westasien, nicht zu verwechseln mit Vorderasien, bildet, liegt im Herzen Asiens, da, wo das eigentliche Asien sich von dem vorgelagerten und halb zum Mittelmeerkreise gehörigen Vorderasien trennt, das Vorland des Pamir, die Kreuzungsstelle aller Strassen, die vom Norden, Osten und Westen kommen und nach Indien führen. Dort kreuzen sich schon die ältesten Völkerwanderungsstrassen wie die amerasiatische und die indogermanische. 1) Wir wissen nichts über diese Urzeit, wohl aber fangen wir an zu sehen, dass der Pamir mit seinen Eiszeitgletschern die Ostvölker von Iran fernhielt, so dass an der Grenze der geschichtlichen Zeit der Norden den Ausschlag gab und später erst, als die Pamirpässe gangbar wurden, Türken und Ostasiaten auf den Plan traten und die alte nordische Gesinnung durch die der Wanderhirten noch verstärkten.

 

Zeit. Unsere zeitlichen Massstäbe, für die Geisteswissenschaften durch die Historiker und Philologen in haltloser Weise durch Aufrichtung eines Schlagbaumes mit Eintritt der “Schrift” festgelegt, sind in den letzten Jahrzehnten gründlich andere geworden; die paar Jahrtausende, die wir, ohne nach dem Woher zu fragen, seit Jahrhunderten in den Vordergrund stellten, spielen im Wesen und Werden des Menschentums gar keine entscheidende Rolle, es sei denn, dass man Macht und Besitz für des Menschen höchste Güter erklärt, wie das ja alle tatsächlich tun, die sich wie wilde Tiere um die Macht reissen. Für die Menschheit aber ist wichtiger zu erfahren, was sie war, bevor Macht und Besitz die entscheidenden

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1) Vgl. meinen Vortrag auf dem Kongresse für iranische Kunst und Archaeologie in Leningrad und Moskau, 1935.

 

 

 

44 JOSEF STRZYGOWSKI

 

Güter wurden. Die sog. Prähistoriker haben nur einen halben Schritt über die Historiker hinaus getan, indem sie sich an das hielten, was aus der vorhergehenden Zeit erhalten ist. Die Wissenschaft aber kennt keine solchen Grenzen, sie muss lernen, auch mit dem rechnen, was nicht erhalten ist. Sie geht bis auf die Anfänge zurück, sucht also das Werden des Menschengeistes nicht in einer willkürlich begrenzten Zeit, sagen wir vom Einsetzen der bisher beachteten Schrift bis etwa dreissig Jahre vor der Gegenwart zu erfassen, sondern geht von der Geburt des Menschen über die Gegenwart hinweg in die fernste Zukunft, soweit es sich um Wesens- und Entwicklungsfragen handelt, wobei Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, das Rechnen mit dem Unbekannten also notwendig wird. Das nennt man Wissenschaft und in ihr spielt Iran in der Zeit vor und nach der sog. Antike eine so entscheidende Rolle, dass es kein ehrlich denkender Vertreter der Geisteswissenschaften ebensowenig übergehen kann, wie den Norden selbst, die Amerasiaten, Atlantiker und Indogermanen. 2)

 

Gesellschaft. Der Hochmut der Abendländer, nur solche Völker als geschichtswürdig anzusehen, die sich der Machtgesinnung des Mittelmeerkreises einfügten und alle anderen als Barbaren und Primitive zurückzustellen, hat die Geschichtsschreibung zwar sehr bequem vereinfacht, aber zugleich die Nordvölker und vor allem auch die Europas um ihren Wesenskern und den Einblick in ihre entwicklungsgeschichtliche Bedeutung betrogen. Indem man den Norden aus der Geschichtsforschung ausschloss, die Nordvölker, ob in Asien, Europa oder Amerika als Wilde, sog. Naturvölker oder Barbaren unbeachtet liess, soweit sie nicht von Herodot oder Tacitus genannt wurden, schied man aus dem Menschentum und der Geschichte der Menschheit gerade die entscheidenden Völker aus und versteifte sich bequem auf die Vertreter einer verfeinerten Lebenshaltung, denen seelische Tiefe immer mehr abging, wie wir als deren Zwangserben heute mit schwer verwundetem Gemüte erkennen. Und auch da noch will man uns im Wege des humanistischen Gymnasiums von aller Nordgesinnung möglichst fernhalten. Statt Rom zurückzudrängen und Hellas mit Iran und Indien zusammen zum Ausgangspunkt der Kunde vom Norden zu machen, hält man hartnäckig am alten Oriente und Rom fest, gibt dem Nordmenschen keine Möglichkeit, sich die eigene Seele da zu erfrischen, wo ihre hinter Macht und Besitz versunkenen Schätze liegen. Hellas kennen wir zur Not, obzwar auch da alles getan wird, um den Zusammenhang mit dem Norden nicht Bedeutung gewinnen zu lassen, von Iran weiss man überhaupt nichts, verwechselt es höchstens mit den machtgierigen Persern, den Schülern der altorientalischen Gewaltmacht, die seit dem unklugen Vorstoss Alexanders über Europa mehr Einfluss gewinnen, als wir vorläufig zugeben wollen.

 

Über die Gesellschaftskreise hinweg, wie sie erst die Macht geschaffen hat, werden wir auf die ältesten Volksgemeinschaften achtenlernen müssen, die sich in den auf die Eiszeit zurückgehenden Gürteln und Strömen erkennen lassen. Davon unter Entwicklung. Ich behandle meiner Krisis der Geisteswissenschaften, 1923, Forschung und Erziehung, 1928, und Geistige Umkehr, 1936 entsprechend zuerst die Kunde und das Wesen und nach der Entwicklung dann zum Schluss den Beschauer.

 

2) Vgl. darüber “Drei Kunströme aus nordischen Zwischeneiszeiten,” Forschungen und Fortschritte, XI, 1935, S. 65 ff., englisch Research and Progress, I, 1935, pp. 160 ff.

 

 

 

45 IRAN, ASIENS HELLAS

 

II. Wesen. Wir haben uns in den letzten Jahrhunderten darauf versteift, ein einziges Wesen, in welcher geistigen Lebenswesenheit es auch immer sei, gelten zu lassen, das sog. europäische, das seine Wurzel im alten Oriente hat und über den Hellenismus und Rom bzw. Byzanz auf Europa übergegangen ist. Das war unser Massstab, nach dem wir alles andere beurteilten und u. a. auch den Norden als barbarisch und den äquatorialen Süden als primitiv ablehnten. Für uns gab es nur ein gültiges Wesen, eben dasjenige, das uns von der Schule her mit dem Mittelmeerglauben eingedrillt wurde, jener Wahn, wonach nur die Macht, wie sie Hof, Kirche und rechtgläubige Bildung ausübten, die Menschheit von dem Übel, Mensch zu sein, retten könnte. Dem Menschentum wurden Zügel angelegt, eine von Höfen, Kirchen und Akademien zurechtgeschnittene Zwangsjacke, die den Menschen nach bestimmt vorgeschriebenen Regeln leben, seine Eigenseele aber verkümmern liess.

 

Heute erst fangen wir an, jenes andere Wesen zu suchen, dem die Seele wichtiger ist als Macht und Besitz. Wir glauben, das müsste erst in Zukunft errungen werden und wissen nicht, dass es längst da war und die eigene Heimat, der Norden, das ursprüngliche Europa sowohl wie das eigentliche Asien es noch an der Grenze des Überganges von der Antike zum Christentum besassen. Einer der wichtigsten Punkte, an denen dieses seelisch vertiefte Menschentum am längsten und fruchtbarsten zeugend ausgehalten hat, bevor es in der Blüte der christlichen Kunst des Nordens (Gotik) wieder aufblühte, ist Iran. Deshalb ist es so wichtig, es in Zukunft neben Hellas und der Gotik in den Vordergrund zu rücken. Es wird sogar viele geben, denen Iran wichtiger erscheint als Hellas, weil es den seelischen Schwerpunkt nicht in die Schönheit, sondern in die Sittlichkeit legte und wahrscheinlich der Ausgangspunkt aller jener Religionen geworden ist, die wir als Buddhismus, Christentum und Islam kennen und, ohne den schöpferischen Mazdaismus und das Indogermanentum zu beachten, Weltreligionen nennen. Die Bildende Kunst gibt in dieses nordisch-iranische Grundwesen und sein Werden einen guten Einblick. Betrachten wir zunächst das Wesen nach der für die wissenschaftliche Arbeit geltenden Einteilung nach Handwerk (Rohstoff und Werk) und geistigen Werten (Zweck und Gegenstand, Gestalt, Form und Gehalt).

 

Handwerk. In Asien hat das Handwerk an sich hohe künstlerische Werte aus dem Rohstoff herauszuholen gewusst, nirgends so überreich wie in dem Rohziegelgebiete von Iran, in das mit dem amerasiatisch-türkischen Vorstoss auch noch die Welt des Zeltbaues einmündete. Man kann sich wohl kaum einen grösseren Unterschied denken, als den des hellenischen Marmors gegenüber dem Lehm, der in Iran den Ausschlag gab. Aus diesem Rohstoffgegensatz allein schon versteht sich von vornherein der Grundunterschied im Wesen der griechisch-europäischen und der iranisch-asiatischen Kunst. Immerhin ist das nur einer, der vom Handwerk ausgehende Wesensgegensatz, der sich später schon in christlicher Zeit in dem Siege der Mosaikmalerei über die Marmorplastik schicksalhaft geradezu ausleben sollte, noch mehr allerdings zuletzt in der islamischen Kunst.

 

Die iranische Eigenart erklärt sich daraus, dass Iran beim Bauen kein wachsendes Gebilde, Glieder aus Holz etwa, sondern durch Rohziegel auch in der Decke Raumgrenzen herstellte und diese Mauern aussen und innen gegen die Einwirkung der Witterung gesichert werden mussten. So kam in das Bauen jener Geist des Verkleidens, der der griechischen

 

 

 

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Art, wie später der Gotik, so völlig entgegengesetzt ist. Die Ausstattung der Wände mit Sinnbildern, in weiche Verkleidungsstoffe geschnitten, wurde entscheidend, “Zierate,” die nicht wie die griechischen Bildwerke in Licht und Schatten modelliert, sondern ein farbiges Muster vom Grunde abgehoben zeigen. Dazu kamen allgemein nordasiatische Neigungen, wie die zu Durchbruch und Schrägschnitt, und es entstand so eine Fülle gemischter Werkarten, wie sie sich auf dem Kreuzungspunkt nordischer und hochasiatischer Wanderzüge erwarten lassen, deren Nachwirkungen noch zu allem Bodenständigen hinzukamen.

 

Geistige Werte. Die Bedeutung Irans aber liegt nicht so sehr in dieser allgemein asiatischen Hochwertigkeit des Handwerkes, sie liegt wie in Hellas viel mehr in den hohen geistigen Werten die von da aus ganz Asien und schliesslich auch Europa befruchteten. Diese sind es vor allem, die Weltbedeutung erlangten, wie schon bei Erwähnung der Weltreligionen angedeutet wurde.

 

Zweck und Gegenstand. Die künstlerischen Werte des alten Iran sind vor allem Bedeutungswerte gewesen. Das All, Sonne, Mond und Sterne bestimmten Glauben und Denken. Ursprünglich im Freien, später unter dem Einfluss des mittleren Machtgürtels in Tempeln wurde das Feuer verehrt das ursprünglich im Norden selbst Haus und Leben gegen die Strenge des Winters sicherte. Haus und Kleidung müssen dort im Norden in ganz anderem Sinne als später in Indien und selbst in Hellas Ausgangspunkt der Bildenden Kunst gewesen sein. Sogleich im Bauen uns haben Humanisten gelehrt, neuere Kunstgeschichte wie eine Art Geschichte der römischen Basilika zu schreiben; es kommt uns gar nicht zum Bewusstsein, dass ganz Osteuropa davon nichts weiss und der strahlenförmige Kuppelbau dort den gleichen Zweck erfüllt, wie im Westen die langgestreckte Basilika. Hinter diesem Kuppelbau aber steht der Feuertempel, der seine Voraussetzungen im Holzbaus des Nordens hat, obwohl er dann in Iran aus Rohziegeln errichtet werden musste. Der Innenraum, in dem das Feuer gehütet wird, scheint dann allmählig Wesen und Entwicklung der Nordkunst zu bestimmen.

 

Im übrigen richten sich Zweck und Gegenstand in Iran, soweit dort überhaupt die Darstellung in Betracht kommt, auf die Ausstattung von Feuertempel und Avesta so, dass alle Bedeutungsvorstellungen schliesslich im Tempel und den heiligen Büchern des Mazdaismus ihren Ausgangspunkt haben. Man lese darüber mein Ursprung der christlichen Kirchenkunst, 1920, und Asiatische Miniaturenmalerei, 1933, und Ars Islamica nach. Von Hvarenah und Paradies wird gleich die Rede sein. Im übrigen sind es Sinnbilder, die wir für Zierate ansehen, um die es sich zumeist handelt und die ja schliesslich auch reine Schmuckbedeutung erhielten.

 

Gestalt. Die Griechen scheinen es gewesen zu sein, die als erste unter den nach dem Süden gezogenen Nordvölkern unter dem Einflüsse der Geistestätigkeit des Mittelmeerkreises Götter und noch dazu solche in Menschengestalt einführten. Der Iranier kannte nur Natur und Welt, sah beide in der Landschaft bzw. in all den Lebewesen, die diese füllen. In der Bildenden Kunst zeigt daher Iran eine so ausgesprochen der Gestalt nach andere Welt als Hellas, geschweige denn die altorientalischen Machtstaaten, dass wir darin wie noch im Islam am stärksten das Andersartige empfinden und dafür nach einer Erklärung durch

 

 

 

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die Entwicklungsforschung verlangen. Die Einheit zwischen Hellas und Iran liegt eben nicht in den sachlich an die wechselnde Umgebung gebundenen Werten von Zweck, Gegenstand und Gestalt, sondern, wie wir sehen werden, in Form und Gehalt. Der Gegensatz spitzt sich besonders der Gestalt nach zu. Wir werden in der Vorstellung vom griechischen Tempel erzogen; in Zukunft müssen wir, um dem Begriffe Tempel gerecht zu werden, vollkommen umsatteln. Vorläufig vertragen sich Säulen- und Giebeltempel in keiner Weise mit dem Kuppeltempel und doch kommt es im Sinne des Nordens gerade darauf an, sich beide nebeneinander als aus verschiedenen Werkarten desselben Rohstoffes hervorgegangen vorzustellen. Der “Tempel” an sich ist eine südliche Neuerung, die Griechen gehen dazu über vom Holzhause mit Pfettendach, die Iranier zwar ebenso vom Blockbaue, aber vom osteuropäischen Holzhause mit dem Übereckdache, aus dem im Rohziegelbaue die Kuppel über dem Quadrat wird, in das Rund übergeleitet durch die Trichternische.

 

Nicht viel anders liegen Einheit und Gegensatz der griechischen und iranischen Kunst in den Gestalten, mit denen mittelbar verständliche Zeichen einer Art Darstellung geschaffen werden. Hellas verwendet dafür ebenso Sinnbilder wie Iran; davon später, soweit die Bedeutung an sich in Betracht kommt. Der Erscheinung nach aber besteht der grösste Gegensatz insofern, als das, was der Grieche durch die menschliche Gestalt andeutet, der Iranier aus der Landschaft nimmt, wobei in deren Rahmen neben Tier und Pflanze auch der Mensch auftreten kann. Niemals ist er, soweit nicht die Machtkunst eingreift, an sich und um seiner selbst willen wie im griechischen Gegenstand der Darstellung.

 

Das wichtigste Kennzeichen der Landschaft in der Bildenden Kunst des Nordens muss ursprünglich der Fels gewesen sein. Wir lernen das von Iran aus so eindringlich kennen, dass wenn die Italiener bis auf Leonardo keine andere Landschaft als die Felslandschaft verwenden, wir allmählich genau sehen, woher sie diese Art haben: vom Norden über Iran und den Hellenismus, zuerst vermittelt durch die Grossmalerei und das Mosaik, später durch die Handschriftenmalerei.

 

Die Gestalt ist schon aus diesem Grunde nie naturnahe, sie dringt nicht als Wirklichkeit durch das Auge allein in die Kunst, sondern geht immer den Weg der Vorstellung durch das eigene Innere. Wenn den Felsen oder Bäumen etwas Gleichförmiges anhaftet, so ist das eben aus der im Vordergründe stehenden Zeichensprache zu erklären.

 

Form. Wir sind in Europa kaum noch imstande, die Form von der Gestalt loszulösen, so sehr hat uns die naturalistische Übertreibung der Italiener irre gemacht. Wir wissen gar nicht mehr, dass eine Kunstform reine Form ohne Gestalt, vor allem ohne menschlich naturwahre Gestalt sein kann und müssen darauf erst wieder durch scheinbare Unarten der Bildenden Kunst der Gegenwart aufmerksam gemacht werden. Das Spiel freier Rhythmen in Punkt Linie, Fläche, Körper und Farbe, eher begreiflich von der Landschaft als jemals von der menschlichen Gestalt aus, das entscheidet in der eigentlich asiatischen Kunst. Darin ist Ostiran d. h. Westasien das feste Bollwerk gegen die völlig anders im Sinne des Mittelkreises ausgebildete Kunst Vorderasiens.

 

Wir halten das, was wir die geometrische Form nennen, für minderwertig und verraten damit am deutlichsten, wie sehr wir unserer eigenen europäischen Nordnatur, wie sie ursprünglich

 

 

 

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im Einklänge mit dem eigentlichen Asien war, entfremdet wurden. Iran neigt darin zur geraden Linie, im Gegensatz zu den alten Amerasiaten und Türkvölkern, die die geschwungene Linie man könnte fast sagen, geschaffen und überallhin bis zu den Spielereien des La Tène-Rokoko verbreitet haben. 3) Es wäre zu erwarten, dass wenn sich die europäische Kunstgeschichte schon auf die Formprobleme der Machtkunst versteift, sie wenigstens eine Ahnung hätte von der anderen Art, die man Norden nennt und die ihren wichtigsten Zeugen gerade in dem Auswanderer kreuzungspunkte hat, den wir Iran nennen. Insbesondere sollte Iran in dem Werte, den wir für das Um und Auf der Bildenden Kunst überhaupt halten, in der Raumfrage nachdrücklich Beachtung finden; das würde uns von dem Wahne heilen, Perspektive, d. h. Raumdarstellung für die einzig richtige Art zu halten, künstlerisch Raumwirkung zu erzielen. Die Iranier bauen ihre Landschaft nicht in die Tiefe, sondern in die Höhe.

 

Gehalt. Man hört immer öfter aussprechen, Europa fehle die Seele, man müsste sie in China, in Indien suchen; Europa habe seine Religion von gewissen primitiven Stämmen in Syrien bezogen und es sei höchste Zeit, dass es sich Chinas und Indiens so bewusst werde, wie jetzt Italiens, Griechenlands, Ägyptens und selbst des alten Assyriens. Glücklicherweise haben wir einen etwas kürzeren Weg, um hinter diese Lücke zu kommen und sie auszufüllen, brauchen nicht erst nach Indien und China zu gehen, sondern können uns, was wir brauchen, wie die Schönheit von Hellas, so die Sittlichkeit und den Glauben von Iran holen, das, was es vom Norden empfangen, nach Indien und China weitergegeben hat, ähnlich wie Griechenland seine Kunst weiter nach Europa gab.

 

Darauf spitzt sich letzten Endes der Unterschied zwischen Hellas und Iran, wie von Europa und Asien überhaupt zu: die dem Irdischen zugewandte Schönheit, schliesslich verkörpert in der menschlichen Gestalt einerseits und drüben jene Versunkenheit in die letzten sittlichen Lebensfragen, die der Ich-Verleugnung im eigenen Körper gleichkommt und in dem völligen Versunkensein des Yima bzw. des Buddha ihren vollkommensten Ausdruck gefunden hat. Aber wir wollen ja nicht sehen, dass, was Dürer in seiner Melancholie oder die Manessische Handschrift als Leitgestalt für den Dichter gegeben hat und was mit der bekannten Dichtung Walters von der Vogelweide übereinstimmt, die Seele des Nordens ist, ob nun von einem deutschen oder iranisch-buddhistischen Meister gegeben.

 

Und dabei ist nicht einmal die menschliche Gestalt in der Bildenden Kunst des Nordens Träger des Ausdrucks, nur für uns wird erst in ihr, der in die Kunst der Nordvölker vom Mittelmeere her eingedrungenen Gestalt des Menschen, verständlich, was gemeint ist. Wir haben eben, im Mittelmeerglauben erzogen, keine Ahnung vom Norden. Entscheidend ist im Hinblick auf den seelischen Gehalt der sinnbildliche Ausdruck; darin liegt die Einheit der für die Schicksale der Bildenden Kunst entscheidenden beiden arischen Hauptströme; ob in Hellas die menschliche Gestalt, in Iran die Landschaft verwendet ist, immer bleibt das der Natur entnommene Zeichen Sinnbild, wird in ewiger Tugend nicht mit der von der Macht eingeführten Rangordnung bekleidet. Für den Nordmenschen gibt es nur eine einzige

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3) Vgl. Altai-Iran und Völkerwanderung, Leipzig, 1917, und jetzt auch “Der Amerasiatische Kunststrom,” Ostasiatische Zeitschrift, 1935, XI, S. 169 ff.

 

 

 

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seelische Einheit, die die im All wurzelt, nicht wie in der Machtkunst des alten Orients, in Hellenismus und Rom eine Vielheit, die in der Folge Gott, Herrscher und Untertan wurzelnd, jedem eine andere Gesinnung vorschreibt.

 

Wir haben ganz verlernt, Sinnbilder zu sehen, es fehlt daher von vornherein das Verständnis für den Norden und das Iranische im besonderen, von dem noch aus seinen Ausbreitungsgebieten her mehr erschlossen werden kann, als vom Norden selbst aus, weil im Süden Rohstoffe verwendet wurden, die erhalten blieben, während der Norden leider in vergänglichen Rohstoffen arbeitete.

 

III. Entwicklung. Als vor Jahrzehnten “Dilettanten” aufstanden und uns den Wert des Ariers klarzumachen versuchten, glaubten wir, man wolle uns etwas, womöglich im gegenjüdischen Sinne einreden. Heute sieht die Sache allmählich doch etwas anders aus. Wir sehen in den Romanen und ihrem Anhange in Afrika, den Negern, keine geringere Gefahr als in den Juden, ahnen, dass wenn wir uns nicht bald zusammennehmen und auf die eigene Seele besinnen, der Untergang des Abendlands besiegelt sei. Nordbesinnung tut not, wir dürfen uns nicht länger geistig in den Händen der Humanisten und Romanen lassen, müssen dem Vordringen der äquatorialen Lebensgier mit aller Entschiedenheit die nordische Seele entgegenhalten. Die Nordvölker sollten sich aufraffen, auch die Nordamerikaner, sonst geht es ihnen allen an den Kragen. Der Nordmensch muss zur alten Einheit, die Asien mitumfasste, zurückkehren. Mit der völligen Unterjochung Europas durch die Machtgesinnung und den damit verbundenen Mittelmeerglauben ist dem Norden jede Vorstellung von dem verloren gegangen, was ich als Beharrung bezeichne, jene in Lage, Boden und Blut verwurzelten Kräfte, die das Werden der Menschheit seelisch bestimmten, bevor im Mittelgürtel zwischen Nord und Süd das entstand, was wir die politische Macht nennen, eine Bewegungserscheinung, die sich über alle Gegebenheiten von Lage, Boden und Blut hinwegsetzt. Wir glauben jetzt nach jahrtausendelanger Herrschaft der Machtunnatur gar nicht mehr an die Möglichkeit eines natürlichen Seins, verwechseln Glaube mit Konfession und Ordnung mit Macht, Geist mit humanistischer Bildung; darüber ist uns die Seele abhanden gekommen. Kann die Entwicklung wieder in ihr uraltes Bett zurückkehren, aus dem Europa durch die Ketten von Rom und Byzanz abgezogen worden ist?

 

Zusammenfassend lässt sich nach dem oben über das Wesen der iranischen Kunst Vorgebrachten sagen, dass sie für das eigentliche Asien der seelische Brennpunkt war in ähnlicher Art, wie es Hellas im Westen wurde; nur vertritt Iran das alte Indoariertum reiner in der bildenden Kunst insofern, als es der Machtkunst des Mittelmeerkreises entrückt und für die Nachschübe vom Norden und Osten offen, die menschliche Gestalt auf die Dauer fernhielt, dafür aber alles, was Zierat war, in sich, die alte Rohziegelbaukunst mit ihrer sinnbildlichen Verkleidung, aufnahm. Irans Gottesvorstellung blieb rein von Vermenschlichung, die Natur, die Landschaft, die einzelnen Tiere und Pflanzen, die sie beleben, blieben die sinnbildlichen Zeichen, durch die das Einssein der Seele mit dem All ausgedrückt wurde; nur am persischen Hofe, in Berührung mit dem alten Oriente und dem Hellenismus nach Alexander bildete sich eine Machtkunst aus, die im Dienste von Hof, Kirche und Bildung stand und das Vorbild des spätantiken und christlichen Rom und Byzanz wurde.

 

 

 

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Beharrung. Den in der humanistischen Überlieferung Erzogenen, der womöglich nur Hellas als auffallend beharrende Kraft in der europäischen Überlieferung gelten lässt, überrascht es ungemein, wenn er ein ähnlich zähes Beharrungsvermögen im inneren Asien im Vorlande des Pamir, jenem Ostiran oder Westturkestan erkennen muss, das im Nordisch-Volkstümlichen beharrt, während im Süden der persische Hof nur zu willig dem Vorbilde der altorientalischen Monarchien folgt. Es ist das ostiranisch-transoxanische Dreieck zwischen Kaspi- und Aralsee in der Grundlinie, mit der Spitze am Induslaufe, das Asien seelisch nach allen Richtungen hin befruchtet und sich bewunderungswürdig zäh im Festhalten der indoarischen Überlieferung bewährt hat. Es ist dieses Kerngebiet, in dem die Veden ebenso wie die Kämpfe der Mahabarata zu Hause sind und das nach allen Stürmen, die Türkenvölker, Hellenismus und Islam über das Land brachten, an der Geburtsstätte und dem Schaffensgebiete zugleich des Zarathustra doch wieder einen Firdusi und das Schahname entstehen liess. Avesta und Feuertempel haben von hier aus ihre Weltbedeutung errungen und ebenso die westlichen Weltreligionen den Kuppelbau über dem Quadrat und den sinnbildlichen Schmuck der Pergamenthandschriften über Europa verbreitet. Darin liegt eine zäh beharrende Kraft, die selbst den Stürmen der Hunnen und Mongolen, wie (künstlerisch wenigstens) sogar der Bilderfeindlichkeit des Islam gewachsen war. 4)

 

Lage. Iran ist nicht wie Hellas oder Indien eine in den Süden bzw. den mittleren Machtgürtel hineinragende Halbinsel, sondern der im Norden des gebirgigen Rückgrates gelegene Kreuzweg von ganz Asien, als solcher in dessen Mitte gelegen. Die Folge davon ist, dass es sich nicht so eng wie Indien oder Hellas mit dem Süden oder dem mittleren Machtgürtel berührt hat. Wüsten und Gebirge schliessen es gegen Süden ab, während der Norden wie ein Trichter sich nach dem Vorlande des Pamir öffnet. Infolge davon ist dieser Westen des eigentlichen Asien ausgesprochenes Nordland geblieben. Nur Persien, das sich bis an das südliche Meer vorschob, verfiel wie gesagt dem altorientalischen Machtwahne. Aus solchen Überlegungen heraus versteht man auch, warum Iran (nicht Persien als Macht) immer wieder den grössten Einfluss auf den Norden Europas, die Slaven wie die Germanen ausgeübt hat, wie vorher schon als sich auf seinem Boden Amerasiaten und Indogermanen trafen. Das “Dach der Welt,” wie die Gegend auch heisst, kennzeichnet als Schlagwort gut die Bedeutung der Lage.

 

Boden. Die künstlerisch entscheidende Kraft Irans liegt in dem Rohstoffe, der allein für das Hochland der Wüste und Steppe, wie für das Zweiströmeland des Oxus und Jaxartes (Amu- und Syrdarja) in Betracht kommt. Aus ihm heraus ist viel von der Eigenart jenes Bauens sowohl wie des Ausstattens zu verstehen, das für Westasien bis Mesopotamien herein so überaus kennzeichnend ist: der Lehm. Man würde vom Mittelmeerstandpunkt aus urteilend, ein Bauen in der Art der Paläste Mesopotamiens erwarten; das ist aber nicht der Fall, einmal weil die volkstümlichen Voraussetzungen in Iran selbst doch andere und dem Machtwillen gegenüber als eine zähen Widerstand leistende Kraft wirkten und dann weil, wie ich schon in meinem Armenienwerke herausarbeiten musste, der von den Indoariern aus Europa mitgebrachte Holzbau auf Iran entscheidenden Einfluss gewann und, in

 

 

 

4) Vgl. meine Asiatische Miniaturenmalerei, Klagenfurt, 1933.

 

 

 

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den Rohziegelbau übersetzt, andere Grundformen zeitigte als im Palastbau Mesopotamiens, der ja auch z. T. den Rohziegel und etwas verwendet, das in Iran ausgesprochenes Heimatsrecht besitzt, die Verkleidung der Lehm Wände durch edlere Baustoffe, darunter in erster Reihe die Fliesse.

 

Wenn die Kunstgeschichte bisher auf diese Dinge nicht achtete, so geschah es, weil sie auf die Kräfte des Bodens an sich überhaupt nichts gab und leichtfertig nur dem Erhaltenen nachging. Vom Rohziegelbau können aber wie vom Holz- und Zeltbau nur die jüngsten Schichten erhalten sein, die Kunstgeschichte wird eben nicht rein geschichtlich vorgehen, d. h. nicht nur mit dem Steinbau rechnen dürfen. Im eigentlichen Asien liegen die Dinge ganz anders als im Mittelmeerkreise und den Ländern, in denen die Macht Stein verwendete. Dort kommt zu dem auch im ursprünglichen Europa entscheidenden Holze der Rohziegel und seit das durch Hebung des Bodens umgebildete Hochasien wieder besiedelt wurde, das Zelt.

 

Ich sehe das alles durch jahrzehntelange Beobachtung meines Arbeitsstoffes, der Denkmäler der Bildenden Kunst, indem ich sie nicht einfach “historisch” nach dem auf uns Gekommenen ordne, sondern dazu gedrängt werde, dem Nicht-Erhaltenen mehr oder weniger den Vorrang zu geben und in die eigentlich wissenschaftliche Arbeit dadurch einzutreten, dass ich von der Geschichte auf Wesen und Entwicklung übergehe, daher notgedrungen nach den Anfängen und dem Unbekanten forschen muss.

 

Erhalten ist uns vom alten Holzbau Asiens ebensowenig, wie vom alten Rohziegelbau und dem Zeltbaue. Aber wir haben Verfahren, um vor allem durch Rückschluss auf die Anfänge kommen zu können nicht zuletzt von der islamischen Kunst aus. Einige Beispiele. Da sind einmal die Kurgane mit versenkten Zelten oder Häusern, in Anau Siedlungen, aus denen wir dem Rohziegelbau in seiner ursprünglichen Art werden beikommen können. Über den Holzbau habe ich die ersten Versuche dieser rückschliessenden Art für Asien bereits in meinem Armenienwerke 1918 gemacht. Mit Bezug auf Iran im besonderen wird man erst dann eine feste Forschungsgrundlage gewinnen, wenn wir endlich anfangen, die grösste bestehende Lücke der Geschichte der Baukunst auszufüllen, die Geschichte der Kuppel über dem Quadrat in Anschluss an das nordische Haus bzw. den iranischen FeuertempeL Er wurde im Osten ebenso massgebend wie im Westen die Basilika. Die längst in Iran angefertigten Aufnahmen der Feuertempelreste sollten nicht länger zurückgehalten werden.

 

Blut. Entscheidend in der Blutfrage ist die Einwanderung von Nordvölkern, Amerasiaten und Indogermanen, in das Vorpamirland und dass die Türkvölker doch frühestens gegen die dort ansässig gewordenen Völker in der Zeit vorgingen, die wir in Europa als La Tène bezeichnen, d. h. also etwa in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends vor Christus, soweit in solchen Fragen der Kunstforscher mitreden kann. Es müsste das also etwa in der Zeit geschehen sein, als die persische Macht im Nordosten des Landes die Einfälle der Nordvölker und hochasiatischen Hirten nicht mehr aufhalten konnte und der Vorstoss Alexanders in dem geschwächten Lande vollendete, was nun für über ein halbes Jahrtausend darauf lastete: Fremdherrschaft. Den Sasaniden gelang es zwar, gegen die Parther das Persertum wieder aufzurichten, aber die Entscheidung lag doch schliesslich beim Islam und dass dieser

 

 

 

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Glaube, die ausgesprochene Wüstenreligion, Türken und Perser friedlich zur Durchdringung brachte. Die Türken setzten sich mit ihrem Zelt nicht gegen den Rohziegel durch, sie gewannen nur Einfluss auf die farbige Ausstattung.

 

Wären die Makedonier statt erobernd mit Machtansprüchen als Brudervolk zu den Iraniern gekommen, dann hätten sie den Zusammenschluss dieser Iranier mit den Griechen fördern können. Statt eines Helliranismus, der richtigen Kallokagathia, entstanden gnostische Übergänge, die das Christentum wie den Islam im Gefolge hatten und statt zur Einheit zur Trennung auf Jahrtausende führten. Ob aus der heute dämmernden Erkenntnis, dass Iran sich seelisch besser mit dem Norden für die Zukunft Nutzen entstehen kann? Wenn die europäischen Nordvölker sich heute mit den alten Griechen und Iraniern verwandt zu fühlen beginnen, statt immer wieder dankbar die Hand zu küssen, die sie von Rom oder Byzanz aus unterworfen hat, so kann das für die Zukunft fruchtbar werden wenn, die indogermanische Völkerwanderung jene beharrende Kraft bewährt, die den Norden Europas immer wieder über die baltische Brücke und Osteuropa mit der Mitte Asiens in innigster Verbindung zeigt, nicht nur auf Handelswegen, sondern vor allem in seelischer Beziehung.

 

Machtwille. Wie man Hellas in seinem Zusammenhänge mit dem Norden nicht verstehen kann und nicht verstand, solange man es mit dem kaiserlichen Rom und den altorientalischen Monarchien zusammen in einen Topf wirft, so konnte man auch nicht ahnen, was Iran für Europa und Asien bedeutet, solange man es nicht von Persien lostrennte, vielmehr glatt zum “Orient” rechnete. Iran ist aber nicht Orient, sondern Norden; die wiederholt auftauchende Nötigung, Europa bis zum Pamir reichen zu lassen, hat darin seine Begründung. Dabei handelt es sich natürlich immer nur um das ursprüngliche Europa, nicht um den von Rom und Byzanz der Macht unterworfenen Erdteil. Die Macht hat Iran niemals ganz zu überwältigen vermocht, das Land lag zu fern vom Süden und dem mittleren Machtgürtel und war dem Norden und bald auch Hochasien zu nahe, lag für beide schliesslich zu offen da. Das ostiranische Dreieck hat immer wieder jeder vordringenden Macht gespottet, nirgends ist die alte Indoarierüberlieferung so sehr im Volke entscheidend wirksam geblieben wie in dem Lande, das den Glauben ebenso wie die Sagen und Kämpfe der Arier immer wieder zum Aufflammen brachte — in Zeiten noch, in denen Hellas längst tot war, ein Opfer der Mittelmeermächte, wie bald auch ganz Europa. Iran hat am längsten widerstanden, von dort und Indien aus lässt sich vielleicht heute noch der Einstieg in die Nordfragen trotz des Islam eher finden als von Hellas aus.

 

Bewegung. Als Kreuzweg Asiens war Iran, ich meine seine Nordostecke, die asiatische Bewegungsmitte schlechtweg. Die entscheidenden Bewegungsachsen, die sich hier gegenseitig durchsetzten, waren erstens alle jene Durchbrüche, die vom Norden Europas und Asiens her hier am Ende der Sibirien und Hochasien trennenden Gebirge vom Pamir bis zum Kaspischen Meere erfolgten und zweitens später alle die Vorstösse, die Hochasiaten nach dem Westen vollführten. Wir könnten das eine Achsenpaar kurz das amerasiatisch-indogermanische, das andere das türkisch-mongolische nennen, jedenfalls sind damit die für das geistige Wesen der bodenständigen iranischen Kunst wichtigsten Einschläge angedeutet. Auf dem der Beharrung nach ausgesprochenen Lehmziegelboden Irans gewinnt die nordeuropäische

 

 

 

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Holzbauweise, das Blockquadrat mit dem Übereckdache ebenso Boden wie in der Ausstattung die Buntfarbigkeit der nordasiatischen Zeltkunst. Die persische Macht hat dazu noch Altmesopotamisches und Aegyptisches ebenso wie Indisches in sich aufgenommen, ihr verdankt ein Luxus seine Eigenart, der sich im Handwerk und nicht zuletzt auch in der reichgemusterten Ausstattung der Pergamenthandschriften äussert. Das sind einige Beispiele der Einflüsse, die in die iranische Kunst eingedrungen waren.

 

Andererseits die Ausbreitung der iranischen Kunst: sie hat eine so grosse, vorläufig noch so völlig ungeahnte Bedeutung, dass man sagen kann, Feuertempel und Avesta hätten in Europa wie Asien mehr als Basilika und Bibel gewirkt in der Zeit bevor Rom, zuerst das kaiserliche und dann das päpstliche Rom sich mit dem Steinbau durchsetzten und Byzanz im Osten zuerst und dann die Russen nach dem Mongolensturm einen Wall gegen Asien aufrichteten. Dann geht der Weg freilich nicht mehr unmittelbar den Donau- oder gar den Nordweg selbst, sondern wird beschränkt auf das, was über das Mittelmeer zuströmt. Seit dieser Zeit hat sich die Meinung festgesetzt, als wenn es einen Nordweg überhaupt nie gegeben hätte. Und doch ist er in der Übertragung der Avestaausstattung auf Pergament nach dem Norden Europas ebenso greifbar, wie im Ursprung und der Ausbreitung der Leitgestalt des Feuertempels, d. h. der Kuppel auf vier Pfeilern über dem Quadrat.

 

Wir sind heute überzeugt davon, dass die Leitgestalten des griechischen Bauens ganz Europa für sich gewonnen habe; in ähnlicher Weise dürften wir allmählich zur Einsicht kommen, dass iranische Sinnbilder in ganz Asien übernommen wurden, am eindringlichsten kommt das wohl zur Geltung in der altchinesischen Landschaftsmalerei: was wir Philosophenlandschaft nennen, die Spiegelung des Alls in einem zumeist von einem geduldigen Diener begleiteten Beschauer, ist dafür kennzeichnend. Das alles wird noch lebendig greifbar sein, solange die Schiene und das Flugzeug die Karawane nicht ganz verdrängt haben.

 

Am stärksten hat Iran auf die islamische Kunst gewirkt, nachdem zuerst die Ṭūlūniden und später die Fātimiden in Aegypten über die syrischen und koptischen Christen als Bauhandwerker hinweg iranisches Kunstgut zur Geltung gebracht hatten. Das bewährte sich zuerst als man in Sāmarrā ausgrub und dort das Vorbild für die Ibn Ṭūlūn in Kairo fand und ist jetzt erst recht durch die in der grossen Moschee zu Damaskus aufgedeckten Mosaiken, wie früher schon durch die in Jerusalem bestätigt worden.

 

IV. Beschauer. Es ist noch gar nicht lange her, dass ein Gelehrter sich fast um die Fähigkeit, an einer Universität vortragen zu dürfen, brachte, wenn er glaubte nachweisen zu können, dass z. B. Miltiades von Abstammung Perser gewesen sei; so minderwertig schätzt man das indoarische Brudervolk der Griechen, die Iranier ein. Die alten Griechen als westliche Indogermanen haben darin grössere Achtung aufgebracht als die Gelehrten von heute, indem sie seit Alexander mehr als man jetzt zugibt, von den östlichen Indogermanen übernahmen; ich erwähne nur Platos Wandlung und was ich Hellas in des Orients, d. h. Irans Umarmung nenne. Die Weisen von heute ahnen noch gar nicht, dass hinter Persien Iran steckt; so bleibt ihnen verschlossen, was als seelische Voraussetzung dessen, was an Persien wertvoll ist gegenüber dem alten Oriente, das nordische Indogermanentum ausschlaggebend in Betracht kommt.

 

 

 

Quelle: Ars Islamica V. 1 (1937) S. 42-53. Detroit Institut of Arts; University of Michigan. Research Seminary of Islamic Art. University of Michigan Press

 

Dieser Artikel von Joseph Strzygowskis kann im Internet unter folgendem Link eingesehen werden:

https://library.si.edu/digital-library/book/arsislamica41937detr

 

 

 

 

 

Rezension: The Zend-Avesta and Eastern Religions

The Zend-Avesta and Eastern Religions. Comparative Legislations, Doctrines and Rites of Parseeism, Brahmanism and Buddhism; bearing upon Bible. Talmud. Gospel, Koran, their Messiah - Ideal and Social Problems. By Maurice Fluegel, Baltimore U. S. A. 1898. Bespr. v. Eugen Wilhelm.

 

Herr Maurice Fluegel hat sich die hohe Aufgabe gestellt, in den verschiedensten Religionssystemen, welchen er eingehendes Studium gewidmet hat, von den ältesten Zeiten herab bis auf die Neuzeit den allen zu Grunde liegenden gemeinsamen Kern nachzuweisen. *) Der uns vorliegende Band beschäftigt sich hauptsächlich mit der Darstellung der Religion des Avesta, der Bibel der heutigen Parsen, unter stetem Hinweis auf das, was die Bücher des Alten Testaments mit den einzelnen Teilen des Avesta, der Pentateuch besonders mit dem Vendidâd Gemeinsames bieten. Im Verlaufe seiner Studien hat Herr Fluegel gefunden, dass diese „beiden Bibeln des Ostens und des Westens“ Jahrhunderte lang nebeneinander existiert haben müssen, sich gegenseitig beeinflussend, mit einander übereinstimmend oder sich widersprechend, und dass beide harmonisch zusammen gewirkt haben, um die rohen Mythologieen der Juden und Griechen zu bekämpfen. Das Ergebnis seiner Untersuchungen ist kurz folgendes. Im allgemeinen scheint es, dass der Zoroastrismus eine Reformation des Hinduismus und die mosaisch-prophetische Lehre eine weitere und radikalere Reformation der vereinigten Mythologieen des Ostens und Westens, des medisch-persischen Reiches, Griechenlands, Kleinasiens, Aegyptens und Europas war, und dass diese beiden Reformationen in noch früherer Zeit sich in Chaldäa die Hände gereicht und ihren gemeinsamen Mittelpunkt und Herd in der Epoche der biblisch-patriarchalischen Religion gefunden haben. So mögen Ur der Chaldäer, Haran, Hebron, Ramah, Jerusalem etc. die Glieder gewesen sein, welche die vielen Ringe der Kette gereinigten metaphysisch-ethischen Denkens zwischen dem äussersten Osten und dem äussersten Westen der zivilisierten Welt des Altertums zusammenhielten. Die häufigen Polemiken des Deuteronomium, Elias, Jesaia II etc. bezeugen unzweifelhaft diesen doppelten Charakter der mosaischen Reformation. Diese beiden Reaktionen gegen frühere Mythologieen begannen in sprachhistorischer Zeit; die östliche begann mit dem Zarathushtra des Avesta, die westliche mit dem Abraham des Pentateuch. Jeder dieser zwei ethischen Ströme hatte eine rationalistische und eine mystische Phase. Das Avesta enthält beide Anschauungsweisen, die rationalistische und die geheimnisvoll-dunkle, die logische, raisonnierende und die übernatürliche. Der Pentateuch enthält vorwiegend die rationalistische, aber seine Weiterentwickelungen, der Talmud auf der einen Seite und das Neue Testament auf der andern zeigen beide Phasen, die rationalistische und die übernatürliche. Diese letzteren Elemente, die mystischen, welche sich auf Glauben und Intuition gründen, aber im Laufe der Jahrhunderte ausserordentlich zunahmen, fanden ihren vollen Ausdruck und ihre Verkörperung in der späteren Kabbala und ihrer Bibel, dem Zohar. Das Buch ist offenbar für einen grösseren Leserkreis bestimmt und kann einen solchen mit Recht erwarten. Auch wenn man sich durch die Ausführungen des Herrn Verfassers nicht durchweg überzeugen lassen kann, wenn man ferner an der behaglichen Breite der Darstellung und öfteren Wiederholungen Anstoss nimmt, so wird man ihm doch für das, was er gewollt, und für das, was er erreicht hat, gerechte Anerkennung nicht versagen dürfen. Wohlthuend berührt die Wärme, mit welcher der tief religiös angelegte Verfasser sein Thema behandelt, und der Zug der Toleranz, welcher das ganze Buch durchweht.

 

Jena.

 

*) Vergl. folgende Schriften des Verf.: Thoughts on Religious Rites and Views — Spirit of Biblical Legislation — Messiah-Ideal Vol. I.: Jesus of Nazareth Vol II.: Pacel and the New Testament — Mohammed and the Koran.

 

 

Quelle: Orientalische Litteratur-Zeitung. Dezember 1899. Sp. 403-404

 

 

 

 

Zdenko Ritter Schubert v. Soldern 1898: Die Baudenkmale von Samarkand

DIE BAUDENKMALE VON SAMARKAND.

 

ARCHITEKTONISCHER REISEBERICHT

 

VON PROF. ZDENKO RITTER SCHUBERT v. SOLDERN.

 

SEPARAT-ABDRUCK AUS DER „ALLGEM. BAUZEITUNG“ HEFT 2, 1898.

MIT 149 IN DEN TEXT GEDRUCKTEN ABBILDUNGEN UND 12 TAFELN.

 

WIEN 1898. SPIELHAGEN & SCHURICH. VERLAGSBUCHHANDLUNG.

 

I., KUMPFGASSE 7.

 

 

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EINLEITUNG.

 

Eine Reise nach Bochara und Samarkand war noch vor dreißig Jahren eines der gefährlichsten Wagestücke, das ein Mann unternehmen konnte, insbesondere aber wirkte die im Jahre 1841 erfolgte unbegründete Inhaftierung, lange Gefangenschaft und der schließliche martervolle Tod der beiden Engländer Oberst Charles Stoddart und Capitän Arthur Conolly abschreckend auf die Reiseabsichten aller Europäer. Da unternahm der kühne ungarische Gelehrte H. Vambery im Jahre 1863, als Derwisch verkleidet, eine Reise nach diesen Ländergebieten. Er musste, zu Fuß die Wüste durchwandernd, alle Schrecknisse derselben durchmachen; dafür war er aber nach langer Zeit der erste Europäer, welcher trotz der furchtbaren Mühsale und trotz der steten, sehr ernsten Gefahr, erkannt zu werden, authentische Berichte aus Central-Asien in seine Heimat brachte. Dann kamen die Russen, eroberten das Land trotz der unglaublichen Schwierigkeiten, die ihnen die Märsche durch die wasserlose Wüste und die Tapferkeit der an Zahl vielfach überlegenen Feinde bereiteten. Kaum dass sie den größten Theil des Landes in Besitz genommen, begannen sie ihre civilisatorische Thätigkeit und brachten es in verhältnismäßig kurzer Zeit dahin, wilde Völkerschaſten, die sich früher bloß vom Raube genährt hatten, in friedliche Ackerbauer umzugestalten.

 

Hand in Hand damit gieng der Bau einer Eisenbahn, die, vom Kaspischen See beginnend, die Wüstengebiete und Oasen durchschneidend, im Laufe von wenigen Jahren bis Samarkand geführt wurde. Durch den Ausbau dieser Bahn wurde es auch gewöhnlichen Reisenden ermöglicht, die bisher so wenig bekannten Gebiete von Central-Asien zu erforschen. Auch ich

 

 

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machte mir diesen Umstand zunutze und beschloss, eine Reise nach Bochara und Samarkand zu unternehmen. Die Reisevorbereitungen wären soweit bald gemacht gewesen, doch zeigte sich schon hierbei gleich anfangs ein Übelstand, und dieser bestand in dem Mangel an guten Reisehandbüchern. Einen Bädeker für Central-Asien gibt es nicht, der englische Murray aber bringt sehr wenig und nicht immer Verlässliches über dieses Land, so dass es den Reisenden wenig Nutzen bringt, am besten konnte ich noch das Buch von unserem Landsmann Dr. Max v. Proskowetz: „Vom Newastrand nach Samarkand“ gebrauchen ; aber auch dieses reichte mir nicht aus, da es sich mehr mit ethnographischen, national-ökonomischen und militärischen Angelegenheiten beschäftigt und die architektonischen ziemlich vernachlässigt. Da es aber damals keine anderen Werke für meine Zwecke gab, packte ich diese zwei Bücher ein und fuhr ab. Erst als ich wieder heimatlichen Boden betrat, hörte ich, dass ein Buch von Dr. Max Albrecht erschienen ist, das den Titel „Russisch Central-Asien“ führt und sehr eingehende und wertvolle Aufschlüsse über Land und Leute, sowie die wichtigsten historischen Daten über die bedeutendsten Baudenkmale enthält. Wenn es mir auch nicht vergönnt war, dieses Buch auf der Reise selbst zu verwenden, so konnte ich doch wenigstens den historischen Theil desselben bei der Verfassung dieser Abhandlung benützen. Ich habe diesen Theil so genommen, wie ich ihn fand, da ich mich natürlich nicht mit einer kritischen Beurtheilung von historischen Daten befassen konnte. Dr. Albrecht, dessen persönliche Bekanntschaft ich in Baku machte, spricht vorzüglich russisch und hat ohne Zweifel bei Verfassung seines Buches die besten russischen Autoren benützt, ich aber habe in allen Fällen, wo ich ausführlichere Notizen aus Dr. Albrechts Werk genommen, seinen Namen in der Klammer beigefügt.

 

Da ich aber meines Wissens unter den österreichischen und deutschen Fachmännern im Bauwesen der erste war, der Central-Asien bereiste, war mir sehr daran gelegen, gute Abbildungen für meine beabsichtigten Publicationen nachhause zu bringen; ich versah mich daher mit einem größeren

 

 

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photographischen Stativ-Apparat und einem kleinen Hand-Apparat (Bulls-eye) für Details und Momentbilder, und vergaß auch nicht, einen handlichen Zeichenblock für architektonische Aufnahmen mit Maßangaben mitzunehmen.

 

So ausgerüstet fuhr ich dann über Odessa nach der Krimm und von da über Wladikawkas und die grusinische Heerstraße nach Tiflis und Baku, und dann weiter nach Usun-ada an der Ostküste des Kaspisees. Von letzterem Orte an begann meine central-asiatische Reise, ich fuhr direct zwei Tage und zwei Nächte und erreichte gegen Abend Bochara, an welchem Orte ich beschloss, längeren Aufenthalt zu nehmen. Bochara, das noch von einem Emir aus heimischem Geschlechte regiert wird, zeigt ein so hochinteressantes, unverfälschtes echt orientalisches Gepräge, wie man es kaum mehr in einer zweiten Stadt des Orientes finden dürfte; es hat aber eine sehr fanatische Bevölkerung aufzuweisen, so dass der reisende Europäer mit einiger Vorsicht auftreten muss. So war es mir nicht gestattet, irgend eine Moschee zu betreten, und auch manche andere Gebäude blieben mir verschlossen. Unter diesen Umständen war an ein zeichnerisches Aufnehmen der Gebäude nicht zu denken, ich musste mich mit einigen Arbeiten mit meinem photographischen Apparate begnügen. Als ich dann nach Samarkand kam, fand ich dort ganz andere Verhältnisse. Diese Stadt ist vollständig im Besitze der Russen, und konnte ich hier ungehindert in jedes mohamedanische Bethaus eintreten und photographieren und zeichnen, was ich wollte, außerdem sind die Baudenkmale von Samarkand von viel größerer Bedeutung als jene von Bochara, welcher Umstand mich namentlich veranlasste, die wichtigsten architektonischen Studien am ersteren Orte vorzunehmen. Auf dem Rückwege hielt ich mich dann in Alt-Merw auf; hier gewahrt der Reisende eine große, von Ringmauern umgebene alte, verlassene Stadt, die eine so große Ausdehnung hat, dass sie entweder zu Wagen oder zu Pferd besichtigt zu werden pflegt. Fast alle Gebäude liegen in Trümmern, von welchen der größte Theil bereits fortgeräumt wurde, heute grasen friedliche Schäflein an Orten, die von den furchtbarsten Greuelthaten früherer Zeiten berichten könnten; nur einzelne Monumente von

 

 

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größerer Bedeutung ragen aus der schutterfüllten Ebene empor und zeigen noch in ihrem ruinenhaften Zustand von altasiatischer Pracht und Macht.

 

 

Die Denkmale.

 

Das sagenhafte Samarkand wird in der blumenreichen Sprache der Orientalen „das Paradies der Welt -- das Antlitz der Erde -- der Garten der Gott Wohlgefälligen“ genannt. Samarkand ist aber auch eine der ältesten Städte der Welt, ihre Gründung reicht in die graueste Vorzeit, und haben sich über dieselbe die mannigfachsten Sagen und Mythen erhalten. Nach einer dieser Sagen soll der mächtige Patriarch Feridun, welcher zur Zeit Abrahams gelebt und der sechste Patriarch seit Erschaffung der Welt gewesen sein soll, sein ungeheures Reich, das die ganze Erde umfasste, bei seinen Lebzeiten unter seine drei Söhne Tur, Salm und Iradsch getheilt haben. Letzterer erhielt Iran, Salm bekam das römische Reich, Magreb (Afrika) und Frengistan (Europa), Tur aber erhielt Turan, das heißt, Turkestan nebst China und der Mongolei. Feridun wollte seinem Sohne Tur eine wohlbefestigte Hauptstadt errichten, und da gründete er auf den Ruinen einer alten Stadt, die er an den Ufern des Sarafschan fand (Afrosiab?) Samarkand. (Dr. Max Albrecht.)

 

Nach einer anderen Volkssage soll Samarkand durch den uralten König Afrosiab, der zur Zeit Moses, nach anderen Quellen circa 4000 Jahre v. Ch. gelebt haben soll, gegründet worden sein.

 

Was den Namen anbelangt, berichtet Krestowski, dass Samar im Turanischen soviel wie fruchtbar bedeutet, während Kend eine Ansiedlung bezeichnet; darnach würde Samarkand die „fruchtbare Stadt“ bedeuten.

 

Erst als Alexander der Große im 4. Jahrh. v. Ch. Samarkand einnahm, lässt sich von einer Geschichte der Stadt sprechen. Damals aber stand sie an derselben Stelle, wo sich heute noch das alte Samarkand befindet, nur führte es bei den alten Griechen den Namen Miranda oder Moracanda und war die Hauptstadt von Sogdiana, das heißt dem Gebiete am Sogd. Mit dem Namen Sogd aber wurde der heutige Fluss Sarafschan bezeichnet. Nach

 

 

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Quintus Curtius soll Moracanda damals mit einer Mauer von siebzig Stadien Länge umgeben gewesen sein und in der Mitte eine Burg besessen haben, die durch besondere Mauern befestigt erschien. Diese Burg entspricht der im Jahre 1868 von den Russen geschleiften alten Festung. Noch heute sieht man in der nächsten Umgebung von Samarkand sich Hügel hinziehen, die Afrosiab Kala genannt werden und uralte Begräbnisstätten bildeten ; das Alter derselben dürfte in die graueste Vorzeit reichen. Wenn die Russen einmal an dieser Stelle umfangreichere Ausgrabungen anstellen werden, dürften Sie durch die Resultate die ganze gebildete Welt in Erstaunen setzen, denn dies ist die Stätte, wo bereits vor Jahrtausenden die verschiedenartigsten Völker, die dieses Gebiet auf ihren Kreuzzügen betraten, ihre Todten zu bestatten pflegten. Bartschewski, der oberflächliche Ausgrabungen unternommen, soll Gegenstände aus den verschiedensten Perioden gefunden haben, so namentlich Steinwerkzeuge, alte steinerne Pfeilspitzen, dann wieder Objecte unzweifelhaft griechischer Abkunft, insbesondere Lampen, Thränenkrüge, Schmucksachen, Gesichtsmasken u. s. w. Schreiber dieses fand bei einem Besuche dieser Lehmhügel, auf der Oberfläche liegend, ein altes Steinwerkzeug, bunt bemalte Thonscheiben verschiedenster Art, alte Glasstücke und eine durchlöcherte Münze.

 

Samarkand hat eine sehr bewegte Vergangenheit hinter sich. Im Jahre 643 n. Chr. wurde Sie von Schamar, dem Regenten der arabischen Provinz Jamena erobert und blieb bis gegen Ende des 9. Jahrhundert im Besitze der Araber. Hierauf wurde sie Hauptstadt von Transoceanien oder Maurounnagr. Im 11. Jahrhundert wurde das Gebiet um Samarkand zu einer Provinz der Seldschukken gemacht. Am schlimmsten ergieng es aber der Stadt im Jahre 1221, da kam wie ein Sturmwind der grausame Mongolenführer Tschingis-Chan mit seinen Scharen und eroberte die wohlbefestigte Stadt trotz ihrer heldenmüthigen Vertheidigung. Dafür brach im 14. Jahrhundert das goldene Zeitalter für Samarkand herein; es geschah dies, als der weise und kunstsinnige Timur 1369 Samarkand zu seiner Haupt- und Residenzstadt erhob. Aus dieser glanzvollen Periode stammen die bedeutendsten Monumente, die heute unser Interesse erregen. Ende

 

 

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des 15. Jahrhundert wurde Samarkand von Scheibani-Mehmet-Chan, dem ersten Scheibaniden eingenommen und verblieb unter der Herrschaft dieses Geschlechtes, bis dasselbe im Jahre 1784 durch die bucharische Dynastie der Mangiten ersetzt wurde. Endlich wurde Samarkand nach vielen blutigen Kämpfen 1868 russisch und ist heute die Hauptstadt des General-Gouvernements Turkestan. (Dr. M. Albrecht.)

 

Durch die Einnahme durch die Russen und durch den Bau der transkaspischen Bahn, deren Endpunkt heute noch Samarkand ist, wenn auch an dem Weiterbau bis Taschkend fleißig gearbeitet wird, hat sich der orientalische Charakter der Stadt zum Theile geändert. Heute befindet sich neben der alten Sartenstadt noch ein russisches Viertel, und ist der an asiatische Verhältnisse gewöhnte Reisende nicht wenig über die schönen, breiten Straßen, die zu beiden Seiten mit prächtigen Akazien und Ulmen bepflanzt sind, erstaunt. Rechts und links erheben sich reinliche, weißgetünchte Häuser, die in der Regel nur aus einem Parterregeschoss, zuweilen aber auch aus einem daraufgesetzten Stockwerke bestehen. Auf den Straßen herrscht ein reges Leben, zahlreiche Wägen, die am meisten an die Wiener Fiaker erinnern und ziemlich reinlich sind, fahren rasch an den Fußgängern vorüber, daneben sieht man Sarten in ihrer malerischen Tracht hoch zu Ross, die kleine Nagaika (Peitsche) schwingend, an dem ärmeren Theil der Bevölkerung, die oft zu zweien auf einem kleinen Esel sitzen, vorbeireiten. Außerdem gewahrt man Lastwagen (Arben), die zwei ungeheuere Räder aufzuweisen haben und zuweilen mit einem Leinwanddache überspannt sind und zu den kleineren vierräderigen Wagen der Mongolen in starken Contrast treten, zu welchen sich noch verschiedene Gefährte russischer Herkunft hinzugesellen. Samarkand besitzt aber auch einen schönen Stadtpark, in welchem die russische Militärmusik zu gewissen Zeiten heitere Weisen spielt und russische Militär- und Civilbeamte mit ihren Familien lustwandeln und sich der kühleren Abendluft erfreuen. In diesem Stadtpark erhebt sich auch etwas versteckt ein leicht gebautes Theater, das aus Holz und Brettern errichtet ist und zu gewissen Zeiten die schaulustige Menge herbeilockt. Ein Palast

 

 

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des Gouverneurs, ein Militär-Casino, eine russische Kirche und einige recht gute Gasthäuser vervollständigen das Bild des russischen Viertels. Einen wesentlich anderen Charakter hat die Stadt der Eingebornen -- man trifft hier nicht das hochinteressante, echt orientalische Bazarleben wie in Bochara, das sich in kleinen, engen, mit nothdürftigen Dächern versehenen Straßen abspielt; die Sartenstadt Samarkand ist bereits modernisiert, hier gibt es breite, reinliche Straßen, die zu beiden Seiten mit zumeist neuen Häusern eingefasst erscheinen, in denselben haben die Eingebornen ihre Läden, Werkstätten, Theeschänken und Wohnungen aufgeschlagen. Nur in den entfernteren Theilen gewahrt man noch Stadtviertel, die ihre orientalischen Eigenthümlichkeiten bewahrt haben. Für den Europäer hat aber Samarkand der hervorragenden Baudenkmale wegen eine große Bedeutung, und während mir in Bochara der Zutritt zu jeder noch so unbedeutenden Moschee verwehrt wurde, konnte ich in Samarkand in jedes muselmännische Bethaus mit dem Hute am Kopf und in staubigen Stiefeln eintreten. Samarkand hat weitaus die bedeutendsten Baudenkmale von Central-Asien aufzuweisen, die zum Theile noch wohl erhalten sind und alle mit dem großen Herrscher Timur und seinen Nachfolgern in Verbindung stehen.

 

Timur, dieser große asiatische Eroberer, ist 1336 zu Sebz in der Provinz Ketsch geboren. Der Name Timur bedeutet soviel wie Eisen, und da er hinkte, wurde er Timur-Leng, das heißt der lahme Timur, oder zusammengezogen und abgekürzt Tamerlan genannt. Er eroberte in kurzer Zeit Mittel-Asien, Persien, Indien, Bagdad, Damascus und nahm den türkischen Sultan Bajesid I. bei Angora im Jahre 1402 gefangen. Timur starb 1405 inmitten der Vorbereitungen zu einem großen Zuge gegen China. Tamerlan war zwar ein strenger und harter Mann, aber zugleich ein eifriger Förderer von Kunst und Wissenschaft und namentlich darauf bedacht, sein Andenken durch Errichtung von glänzenden Bauwerken der Nachwelt zu erhalten. Zu diesem Zwecke ließ er aus allen Theilen seines weiten Reiches die besten Werkmeister und Künstler kommen, gab ihnen reichlich Arbeit und bezahlte sie

 

 

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glänzend. Die ausgezeichnetsten Baumeister und Mosaikbildner kamen aus Schiras, Bildhauer aus Indien, Töpfer aus Kaschan und Stuccaturer aus Ispahan und Damascus. Durch diese Männer, die reichlich Gelegenheit hatten, ihr Können zu verwirklichen, erstand ein neuer Stil, der weit über Central-Asien hinaus seinen Einfluss übte. Die so geschaffenen Bauwerke sind heute noch wenig bekannt und nicht genügend durchforscht, sie sind aber so eigenartig und imposant, dass eine Besichtigung derselben in hohem Grade das Interesse der gebildeten Welt erregen muss.

 

Dr. Albrecht theilt in seinem Werke einen Bericht des kastilianischen Gesandten mit, welcher Timurs Residenz im Jahre 1403 besuchte. Dieser berichtet, dass Samarkand damals 150.000 Einwohner gehabt haben soll und sich namentlich durch prächtige Gärten und darin befindliche schöne Schlösser und Paläste ausgezeichnet haben soll. Der Berichterstatter erzählt namentlich von fünf schönen Lustschlössern, die insbesondere für Timurs Frauen errichtet worden sind, wovon einer dieser Schlossgärten so schön gewesen sein soll, dass er der Garten des Paradieses genannt wurde. Noch berühmter war der im Süden der Stadt gelegene Garten, Bagi-Tschinar, der hundertjährige, kunstvoll beschnittene Platanen von besonderer Größe und Schönheit aufzuweisen hatte. Inmitten dieses Gartens stand ein Schloss im syrischen Stile, innen mit Fresken und Mosaiken von märchenhafter Pracht geschmückt. Die besten Baumeister aus Persien, Bagdad und Damascus hatten die Pläne zu diesem Prachtbau geliefert, und Astrologen mussten die für den Beginn des Neubaues glücklichste Stunde bestimmen. An der nördlichen Stadtgrenze hatte Timur einen Empfangspalast erbaut, dessen Ecken in Marmor aus Tabris angefertigt wurden, während der Hof mit Marmor und Jaspis-Quadern gepflastert erschien. Der untere Theil der Wände war innen und außen mit Kachelbelag versehen, der obere, innere Theil aber al fresco gemalt.

 

Um die Bauweise dieser Ländergebiete zu verstehen, muss bemerkt werden, dass der größte Theil von Central-Asien eine ebenso gefährliche Sandwüste ist, wie die Wüste Sahara in

 

 

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Afrika, auch hier herrscht zur Sommerzzeit eine unerträgliche Hitze, die bis zu 60° R. steigt, auch hier kommen zu Zeiten furchtbare Stürme vor, welche große Massen von Sand hoch in die Lüfte treiben und beim Niederfallen durchziehende Karawanen verschütten können, nachdem sie oft in kurzer Zeit Sandhügel von mehreren Metern Höhe bilden, die bis zum nächsten Sturm in Ruhe verbleiben. Diese Sandwüste wird nur von Zeit zu Zeit durch mehr oder weniger große Oasen durchsetzt, in welchen die Vegetation namentlich an den Grenzen in stetem Kampfe mit dem alles erstickenden Sande steht. Es dürfte leicht einzusehen sein, dass in einem solchen Lande das Bepflanzen mit Bäumen mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, und in der That besitzt Central-Asien keine Wälder in unserem Sinne, und ist infolgedessen auch größeres Bauholz sehr schwer zu beschaffen. Es hat dieses Land aber auch kein Gebirge in seinem Innern aufzuweisen, so dass auch kein brauchbarer Baustein vorhanden ist. Ist Central-Asien nun auch holz- und steinarm, so besitzt es in den besiedelten Theilen dennoch ein Baumaterial, das bereits in den ältesten Zeiten mit Vorliebe verwendet wurde, es ist dies der Lehm. Bloß aus an der Luft getrockneten Lehmziegeln wurden seit mehreren Jahrhunderten, wahrscheinlich sogar seit mehreren Jahrtausenden weitaus die meisten Bauten ausgeführt, eine Bauweise, die auch noch heute in voller Verwendung steht, da sie den Verhältnissen des Landes am meisten entspricht. Central-Asien hat in dieser Beziehung die größte Ähnlichkeit mit dem alten Babylon. Auch dieses Land war schon vor mehr als viertausend Jahren darauf angewiesen, seine Bauten aus Luftziegeln zu errichten, da dasselbe ebenfalls kein Holz und keinen Stein aufzuweisen hatte; nur Gebäude, die eine besondere Dauer haben sollten, wurden hier wie dort aus gebrannten Ziegeln erbaut. Aber auch die Decorativn zeigt die größte Verwandtschaft, und bestand dieselbe in Babylon wie in Central-Asien entweder aus Mosaik oder aus glasiertem Kachelbelag, Techniken, die ihren Ursprung ebenfalls aus der Lehmformerei ableiten. Bloß die Paläste der Herrscher, namentlich ihre officiellen Empfangsräume, erschienen hier wie dort mit kostbaren Steinplatten

 

 

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incrustiert, die sie mit großen Kosten aus entfernten Gegenden herbeischaffen ließen.

 

Samarkand war allerdings von jeher etwas besser daran gewesen, es hat zwar auch keine Wälder und ist ebenfalls steinarm, aber es befindet sich nicht mehr im Gebiete der Sandwüste und sind bedeutende Felsengebirge nicht allzuweit gelegen. Durch diese eigenthümlichen Verhältnisse ergibt sich zum Theile von selbst der Charakter der Architektur dieser Länder und dessen Decoration. Es dürfte einleuchtend sein, dass zum mindesten hier nicht der Ort für eine ausgebildete Säulen-Architektur sein konnte, und kann ich mich auch in der That nicht erinnern, eine einzige Steinsäule in Central-Asien gesehen zu haben; aber auch die Holzsäulen kamen nicht allzu häufig vor, sie befinden sich namentlich in den Vorhallen kleiner Moscheen und in den reicher ausgestatteten Hofanlagen der begüterten Sarten, haben dann aber meist einen kandelaberartigen Charakter. Der Umstand, dass gebrannte und ungebrannte Ziegel das herrschende Baumaterial bilden, hat die Baumeister dem Gewölbebau zugeführt, und in der That sind alle monumentalen Bauwerke in mehr oder weniger bedeutenden Gewölbeconstructionen durchgeführt. Dabei ist der Formenreichthum kein allzu großer; von den Gewölben wurde insbesondere der Kuppelbau mit besonderer Vorliebe gepflegt und hierin Großartiges geleistet. Über den Moscheen oder Grabdenkmalen erheben sich oft imposante Kuppeln von mächtigen Spannweiten, die auf einem hohen Tambour aufzusitzen pflegen und außen am häufigsten sich als sogenannte Melonenkuppeln charakterisieren. Aber auch größere Gänge setzen sich nicht selten aus einer Reihe von kleineren Flachkuppeln zusammen. Außer der Kuppel ist ein sehr charakteristisches Motiv der central-asiatiscchen Baukunst die Nische, sie kommt namentlich häufig in kolossalen Dimensionen als Portalnische (Pischtak) bei Moschee- und Hochschul-Anlagen vor oder bildet die wichtigste Gliederung der Außenwände, und noch häufiger jene der inneren Hofanlagen. Charakteristisch ist hierbei der Umstand, dass die Nische fast durchgängig durch einen Kielbogen, seltener durch einen Spitzbogen nach oben zu abgeschlossen wurde.

 

 

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Sehr originell ist aber der Schmuck, den fast alle bedeutenden Bauten von Central-Asien erhielten; er bestand in einer wirkungsvollen Bekleidung von Mosaik oder eines Kachelbelages. Die Mosaik besteht aus länglichen oder quadratischen, ganz kleinen Ziegeln, die an der Außenseite mit einer farbigen Glasur versehen sind und mit ebenso gestalteten, unglasierten Ziegeln abwechselnd in Verwendung treten. Die Farben sind vorherrschend dunkelblau und lichtblau, dann grün und weiß; letztere werden namentlich zu Inschriften benützt, und zwar in der Weise, dass die Schrift weiß und der Grund dunkelblau ist. Die Befestigung dieser Steine, die ziemlich tief eingreifen, erfolgt durch Einbettung in Mörtel.

 

Die zweite Decorationsmethode besteht in dem Kachelbelag; zu diesem Ende wird die zu verzierende Fläche mit in verschiedenen Farben glasierten und mit mannigfaltigen plastischen Ornamenten verzierten Kacheln belegt, die sich in größeren, verschieden geformten Stücken aneinander reihen und ebenfalls in Mörtel an die Wand befestigt erscheinen. Hierbei ist zu erwähnen, dass es Bauten gibt, die bloß durch Mosaik, solche, die bloß durch Kachelbelag und solche, die durch beide Methoden gleichzeitig verziert wurden. Mosaik und Kachelbelag hat sich insbesondere in Samarkand an vielen Denkmalen ganz vorzüglich erhalten, während diese Decoration in Bochara häufig im Laufe der Zeit sehr gelitten hat und an einzelnen Bauwerken fast gänzlich abgefallen ist. Wahrscheinlich besitzt Samarkand einen weit besseren Mörtel, und wurden zu den Arbeiten verlässlichere Arbeiter verwendet.

 

Außerdem gibt es noch eine dritte Art der Incrustation, die ich namentlich in Alt-Merw angetroffen habe; sie besteht in einer Aneinanderfügung von zumeist quadratischen, kleinen Platten, die aus Thon oder aus einem feineren, porzellanartigen Materiale hergestellt sind und kein plastisches, sondern bloß ein gemaltes Ornament als Schmuck erhielten, welche Platten ebenfalls mit einer durchsichtigen Glasur überzogen wurden. Während aber der Vordertheil der Platten ganz flach oder schwach eingebaucht erscheint, bekam der in der Mauer steckende Theil einen ringförmig vortretenden Vorsprung, der ohne Zweifel zur

 

 

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besseren Befestigung durch Mörtel an der Wandfläche angefügt wurde. Scherben von diesen Platten liegen allenthalben in dem großen Gebiete von Alt-Merw umher, dabei kann man auch noch wohlerhaltene ganze Platten antreffen; hingegen habe ich diesbezügliche, noch an der Wand befestigte Incrustationen nicht gesehen, da dort äußerst wenig Wandflächen noch ihren ursprünglichen Belag aufzuweisen haben.

 

Die ersterwähnte, in ganz Central-Asien gebräuchliche Mosaik macht den Eindruck einer im großen Stile in Kreuzstich auf einem mächtigen Stramingrund ausgeführten Stickerei, während die beiden letzterwähnten Decorationsarten in ihrer äußeren Erscheinung, trotz der verschieden geformten oder gemalten Ornamente an unsere schönen alten Kachelöfen erinnern.

 

Bevor ich zur Besprechung der eigentlichen Baudenkmale übergehe, sei es mir noch gestattet, im allgemeinen ein Wort über die Bauten in Central-Asien hinzuzufügen und namentlich zu betonen, dass es drei Gattungen von Bauten sind, mit welchen wir es hier hauptsächlich zu thun haben werden, und zwar: Grabdenkmale, Moscheen und Hochschulanlagen.

 

Die Grabdenkmale nehmen in Central-Asien eine sehr hervorragende Stellung ein, da der Mohamedaner der letzten Ruhestätte seiner verstorbenen Angehörigen, namentlich aber jener seiner Heiligen und Herrscher eine besondere Verehrung angedeihen lässt; sie sind zum Theil architektonisch sehr bedeutende Werke der Baukunst, und sind die hervorragendsten namentlich in Samarkand anzutreffen.

 

Dagegen scheinen die Moscheen keine so große Bedeutung zu haben, wie in der europäischen oder asiatischen Türkei, sie bilden entweder selbständige Bauten oder sind den großen Grabanlagen oder Hochschulbauten angefügt. Selbstständige Moschee-Anlagen von größerer Bedeutung haben sich in Samarkand überhaupt nicht erhalten, und auch in Bochara sind sie nicht häufig anzutreffen; dagegen gibt es kaum einen Hochschulbau oder eine hervorragende Grabanlage in Central-Asien, die nicht einen großen Betraum aufzuweisen hätte. Die Bezeichnung Moschee ist weder in Central-Asien, noch in der

 

 

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Türkei gebräuchlich , in Central-Asien heißen alle mohamedanischen Bethäuser ohne Ausnahme Medschid, während man in der Türkei zwischen Djami und Medschid einen großen Unterschied macht; erstere sind vom Sultan selbst oder einem Großwürdenträger gestiftet und haben gewisse Vorrechte, während die letzteren als gewöhnliche Bethäuser zu bezeichnen sind.

 

Eine ganz eigenartige Stellung aber nehmen in Central-Asien die Hochschulen ein, die Medressee oder kurzweg Medress genannt werden. Sie haben eine ähnliche Organisation wie unsere Universitäten und gliedern sich in mehrere Facultäten, doch scheint das Studium des Korans die Grundlage ihres Wissens zu bilden. Die Studierenden erhalten in der Schule selbst ihre Zelle angewiesen, die von einem großen Hofraum Licht und Luft erhält, und führen im übrigen ein eingezogenes, klösterliches Leben. Derartige Schulen gab es in Samarkand mehrere, und in Bochara gibt es noch heute eine größere Anzahl davon, die von verschiedenen Herrschern und reichen Wohlthätern gut dotiert wurden, so dass die Professoren ein reichliches Gehalt genießen und die Studierenden zumeist alle durch Stipendien genügend versorgt sind. Die Medresseen von Bochara bilden noch heute einen Centralpunkt der wissenschaftlichen Bestrebungen des östlichen Islams und werden von zahlreichen Hörern besucht, die oft von weither kommen, um an diesem Born der mohamedanischen Wissenschaften in vollen Zügen zu trinken.

 

Wenn wir uns nun den Baudenkmalen Samarkands zuwenden wollen, wird es angemessen sein, mit dem alten Palaste Timurs zu beginnen, dessen Reste sich heute in der Festung der Stadt befinden. Es hat für einen Fremden stets einige Schwierigkeiten, in eine russische Festung zu gelangen, ich musste mich zum Festungs-Commandanten in die Stadt begeben, der mir nach längerem Parlamentieren endlich die Bewilligung gab, die historischen Sehenswürdigkeiten der Citadelle am nächsten Tage zu besichtigen. Ich wurde dann von einem Corporal in den eigentlichen Thronsaal Tamerlans geführt, in welchem sich der berühmte Thronstein, Kok-Tasch (blauer Stein) genannt,

 

 

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befindet (Fig. 1). Der Thron des allmächtigen Herrschers bestand aus einem rechtwinkeligen, grauschwarzen Marmorblock, in dessen Ecken kleine geriefte Halbsäulchen eingemeisselt sind, während die Seiten Arabesken in flachem Relief ausgeführt aufzuweisen haben. Die Ausstattung ist eine verhältnismäßig einfache, sie konnte es sein, weil bei feierlichen Gelegenheiten dieser Thron sicherlich mit kostbaren Teppichen bedeckt gewesen ist.

 

Figur 1.

 

 

KOK-TASCH, DER THRONSTEIN TAMERLANS.

 

Der Thronstein stand in einem von Gallerien umgebenen großen Hof, Talari Timur genannt, in welchem die großen Ceremonien stattfanden, namentlich der Treuschwur der bezwungenen Fürsten abgelegt wurde. Die Füsse Tamerlans ruhten bei solchen feierlichen Gelegenheiten auf den Rücken von Gefangenen von hoher Herkunft, die knieend ihres Amtes zu walten hatten. Außerdem wurden, nach ihrem Range geordnet, seine Vasallen in diesem Saale aufgestellt, während

 

 

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berittene Herolde die Worte des allmächtigen Herrschers nach den entfernteren Punkten des großen Raumes verbreiteten.

 

Bei den Aschtarchaniden, den Nachfolgern Tamerlans, die im 16. Jahrhundert regierten, war es bei ihrer Thronbesteigung eine unerlässliche Ceremonie, sich auf den Kok-Tasch zu setzen, damit kein Zweifel an ihrer Legitimität aufkommen könne. Bevorzugte Personen legten dann bei der Thronbesteigung eine weiße Filzdecke auf den Boden, setzten den erwählten Herrscher darauf, hoben die Decke sammt dem Fürsten vorsichtig an den vier Ecken auf und legten sie auf den Thronstein, der vorher mit kostbaren Teppichen bedeckt worden war. (Dr. Albrecht.)

wesen ist.

Hierauf wurde ich noch zu einem Stein geführt, der sich im Boden befestigt befand und eine Ausgussöffnung hatte; hier soll sich Tamerlan gewaschen haben, während er sich in einem zweiten großen ausgehöhlten Steinblock gebadet haben soll. Im übrigen dürfte es heute schwer sein, sich ein entsprechendes Bild des Thronsaales oder Prachthofes zu bilden, da der Raum zum Theil zerstört, zum Theil umgestaltet worden ist. Der Kok-Tasch steht am oberen Ende des Saales, und ist dieser Theil mit einer alten Holzdecke bedeckt, die durch hölzerne Säulen gestützt erscheint, während sich hinter dem Thronstein eine flache Nische befindet, die Ansätze zu Stalaktitengewölben aufzuweisen hat.

 

Ein architektonisch viel bedeutenderes und weit besser erhaltenes Werk ist das Mausoleum Timurs, das er sich selbst, 34 Jahre vor seinem Tode, erbaut haben soll, es wird das „Grab des Herrschers -- Gur-Emir“ genannt. Wir haben hier eine sehr große und prächtige Anlage vor uns, die leider zum großen Theile Ruine geworden ist, bloß das eigentliche Grabmal ist verhältnismäßig sehr gut erhalten.

 

Einem mohamedanischen Gebrauche zufolge ist mit dem Grabmonument eines Mannes von großer Bedeutung in der Regel eine Moschee in Verbindung gebracht; wahrscheinlich war das auch hier der Fall.

 

Dann haben wir uns den Moscheebau, der sicherlich räumlich viel bedeutender gewesen sein dürfte als das Grab selbst

 

 

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und ohne Zweifel von einer imposanten Kuppel überdeckt worden war, seitlich angeordnet zu denken, dort wo die Ruine einer großen Nische an das Mausoleum anstößt.

 

Es pflegen aber auch die mohamedanischen Bethäuser und Grabdenkmale nicht direct von der Straße aus zugänglich zu sein, vielmehr betritt der Besucher zuerst einen Vorhof, hier soll der rechtgläubige Muselmann seine Gedanken sammeln, und zumeist ist ein Brunnen in der Mitte des Raumes aufgestellt, wo er die vorgeschriebenen Waschungen und körperlichen Reinigungen vornehmen kann. Auch vor dem Grabdenkmal Timurs befindet sich ein geräumiger Vorhof und in der Hauptachse desselben ein noch ziemlich wohl erhaltenes, mäßig hohes Portal, das den Zugang zum Hofe bildet, links davon sind noch einige kleine, mit nach außen sichtbaren Kuppeln bedeckte Räume vorhanden, während sich an der äußeren linken Ecke des Hofes heute eine kleine Moschee einschiebt, die keinen Kuppelbau aufzuweisen hat und eine Vorhalle besitzt, deren Architrav durch hölzerne Säulen gestützt erscheint. Die primitive Anlage der Moschee lässt schließen, dass sie ein späterer Anbau ist, während die im übrigen streng symmetrische Anordnung des Hofes zu der Annahme berechtigt, dass das Grabmal einen Hofraum für sich hatte, der wahrscheinlich unabhängig von der Hauptmoschee und einem etwa vor derselben sich hinziehenden Hofraume gewesen sein mag. Von der rechten Seite des Hofraumes ist nichts mehr erhalten, und befindet sich jetzt daselbst ein modernes, abschließendes Ziegelgemäuer. Der Fußboden des Hofraumes ist theilweise vertieft, theilweise erhöht, zeigt aber eine symmetrische Anlage, die ebenfalls auf einen ursprünglich separaten Hofraum vor dem Grabmale hinweist. Rechts und links von dem Eingangsportale sind Wendeltreppen angeordnet, die auch nur dann einen Sinn haben, wenn beiderseits höhere Baulichkeiten angeordnet waren, die dadurch zugänglich gemacht wurden. Diese Erwägungen veranlassten mich, die beiliegende Reconstruction des Grabdenkmales mit dem dazu gehörenden Hofraume anzufertigen. (Fig. 2.) Die äußeren Ecken der Umfassungsmauer dürften durch niedrige runde Thürmchen markiert worden sein, wie dies in Samarkand

 

 

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vielfach zu sehen ist, die wahrscheinlich nicht hoch giengen, um die imposanten Minarets, die sich zu beiden Seiten des Grabdenkmales befanden,

 

Figur 2.

 

 

GRUNDRISS DES VORHOFES ZUM GRABDENKMALE TIMURS.

 

Restaurations-Versuch des Verfassers.

 

in ihrer Wirkung nicht zu beeinträchtigen. Von diesen Minarets ist eines fast vollständig erhalten, während sich das zweite bloß in den Ruinen feststellen lässt. Auf die

 

 

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Frage über die Anordnung der zu diesem Grabe gehörenden Moschee weiter einzugehen, dürfte ziemlich zwecklos sein, da sich gar nichts mehr davon erhalten hat und aller Schutt hiervon weggeräumt 'worden ist. Es muss sogar der Umstand, ob hier überhaupt eine größere Moschee gestanden hat, einer späteren, gründlicheren Forschung überlassen werden.

 

Figur 3.

 

 

GRUNDRISS DES GRABMALES TIMURS.

 

Originalaufnahme des Verfassers

 

Wir wollen nun zu einer kurzen Besprechung des wohlerhaltenen Grabdenkmales Timurs selbst übergehen. Wenn wir nun zunächst die Gesammtanlage (Fig. 3) ins Auge fassen, haben wir zu constatieren, dass sich ein hoher Kuppelbau über einem quadratischen Grundriss von 10m Seitenlänge erhebt. In den vier Seiten sind 2,75m tiefe Nischen angeordnet, die

 

 

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prächtige Stalaktitengewölbe aufzuweisen haben. Durch Überwölbung der Ecken entsteht aus dem Quadrat nach oben zu ein Achteck, aus welchem sich der hohe kreisrunde Tambour und die Kuppel entwickeln. Der bedeutende Seitenschub der Gewölbe wird von mächtigen Mauermassen aufgefangen, die aber nicht massiv gestaltet sind, sondern verschiedene größere oder kleinere rechtwinkelige Räume in ihrem Inneren enthalten. Der Haupteingang befand sich früher offenbar in der Hauptachse des Baues, und ist derselbe außen durch eine mächtige Nische, sowie durch Anordnung von mehreren Stufen ausgezeichnet. Heute betritt man das Grabmal zunächst durch die linksseitige Seitenthüre, gelangt in einen mit Kuppeln überwölbten corridorartigen Raum, in welchem sich die Mullahs befinden, die diese geheiligte Stätte Tag und Nacht bewachen, und kommt hierauf durch die in der linken Seitennische angebrachte Thüre in den inneren Kuppelraum. Hier gewahrt man zunächst, dass der mittlere Theil des Fußbodens durch schöne Marmorschranken abgetheilt ist, und dass sich innerhalb derselben acht Grabsteine befinden, während ein neunter in der rechten Seitennische angeordnet wurde. In einer Ecke ist eine kleine Treppe angebracht, die zu einem Raume führt, der sich unterhalb des Fußbodens des großen Kuppelraumes befindet und mit einem kühnen Flachkuppelgewölbe überspannt erscheint. In dieser schwach erleuchteten Krypta ruhen wieder neun Grabsteine, unter welchen sich die eigentlichen Reste der Verstorbenen befinden sollen, während in dem oberen Raume bloß die Schaugrabsteine aufgestellt wurden. Der Grabstein Tamerlans befindet sich in der Mitte und besteht aus einem Block von dunkelgrünem Nefrit. Auf dem Stein sind in arabischer und persischer Schrift die Genealogie Timurs und Tschingis-Chans und der Todestag des ersteren angegeben. Tamerlan starb im Jahre 1405 im 70. Lebensjahre. Die übrigen Grabsteine, welche alle eine einfache, rechtwinkelige Gestalt besitzen, enthalten: die Überreste des besten Freundes Timurs, Mir-Saïd-Berke mit Namen, des älteren Sohnes Timurs, der Muhamed Dschagangir hieß, des Sohnes dieses Mannes, Muhamed Sultan genannt, eines jüngeren Sohnes Timur's, namens Miranschach, des

 

 

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Ministers Kumar-Jnak, des Ministers Attum-Umar und zweier Kinder Saïd-Berkes. (Dr. Albrecht.) Am oberen Ende dieser Grabsteine befindet sich auf einem würfelförmigen Block ein kleiner, mit durchbrochenen Steingittern und einer Miniaturkuppel versehener Aufbau, in welchen an bestimmten Tagen zum Andenken an die Verstorbenen Kerzen angezündet und eingestellt werden. Hinter diesem Todtenleuchter erheben sich zwei hohe, rohe Stangen, von welchen die eine den Rosschweif, die andere eine weiße Fahne trägt, es sind dies den mohamedanischen Gebräuchen nach unerlässliche äußere Zeichen, welche den Zweck haben, den Rang und die Heiligkeit des Verstorbenen anzudeuten. (Taf. 1.)

 

Die Kostbarkeit der inneren Ausstattung des Mausoleums entspricht der hohen Bedeutung des weltbeherrschenden Timur, und hat sich dieselbe verhältnismäßig gut erhalten, trotz der an manchen Stellen durchgeführten rohen und ungeschickten Ausbesserungen. Die Wände erscheinen ringsum mit einem Sockel versehen, der sich aus achteckigen Alabasterplatten zusammensetzt, hierauf kommt ein breiter Streifen, welcher ein eigenthümliches, schuppenartiges Ornament aufzuweisen hat und als oberster Abschluss dieses Sockels aufzufassen ist. Darauf setzt sich ein Band aus grünlichem Jaspis, welches in arabischer Schrift über die Genealogie und die Thaten Timurs Bericht erstattet und sich ringsherum zieht. Über diesem Bande erhebt sich ein glatter niedriger, vielleicht früher bemalt gewesener Wandtheil, während die obere Partie der Wand durch ornamentale Wandstreifen eine Gliederung und Theilung erhält, wobei sich das auf diese Weise Eingefasste, wie es scheint, aus polygon gestalteten Steinen zusammensetzt. Gerade in den oberen Theilen hat der Zahn der Zeit manches verwischt, und ist es in der That bei der mangelhaften Beleuchtung oft recht schwer, die ursprüngliche Decoration herauszufinden. Einen Hauptschmuck des Inneren aber bilden die vier Nischen; diese erscheinen zunächst durch einen schmalen ornamentalen Streifen rechtwinkelig eingerahmt, die Zwickel sind mit eigenthümlichen Ornamenten verziert, während der Bogen die Gestalt eines Kielbogens annimmt. Von hohem Reize aber ist das prächtige Stalaktitengewölbe selbst,

 

 

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das den ganzen Innenraum der Nische ausfüllt und mit seinem phantastischen und plastischen Formenspiel sehr zur Belebung des Baues beiträgt. In der inneren Wand der Nische befindet sich ein im Kielbogen geschnittenes Fenster, das sich ebenfalls in einen rechteckigen Rahmen einsetzt. Bloß die Nische, die den Haupteingang enthält, erhielt unter dem Fenster eine rechtwinkelige, kunstvoll geschnitzte hölzerne Thüre mit alterthümlichem Schlosse und Behängen eingefügt.

 

Auch das Äußere dieses Grabdenkmales erfreut sich einer leidlich guten Erhaltung. Wenn der Beschauer in alten Zeiten durch das eingangs erwähnte Portal den Hofraum betrat, musste er in der That einen sehr imposanten Anblick gehabt haben. Zu dem Haupteingange führten einige Stufen, und darüber erhob sich eine große, 6m breite Nische, die ohne Zweifel kühn im Kielbogen geschwungen war, und über welcher sich ein rechtwinkeliger Rahmen spannte. Etwas zurücktretend kam dann der hohe Tambour zum Vorschein, auf welchem sich eine imposante Melonenkuppel aufsetzte. In gemessener Entfernung von der Haupteingangs-Nische erhoben sich zu beiden Seiten je ein schlankes Minaret, so hoch und kühn gebaut, dass es die Kuppel noch überragte. Ist nun diese symmetrisch-architektonische Anordnung eine imposante und klar disponierte zu nennen, so wurde die Wirkung noch wesentlich durch die prächtige Decoration der Bautheile erhöht, die sich hier noch ziemlich gut erhalten hat; so besitzt das eine noch gut erhaltene Minaret eine Mosaik, die aus einem Mäander-Ornament besteht, welches sich spiralförmig um den runden Bau herumzieht. Oben sind einige ringförmige schmale Wülste angebracht, während die eigentliche Bekrönung fehlt. Die Mosaik setzt sich aus blauen, grünen und weißen Steinen zusammen. Auch an mehreren Mauertheilen der Hauptansicht sind die musivischen Arbeiten zum Theile noch recht gut erhalten. Der interessanteste Bautheil des Äußeren aber ist die Kuppel, ihre Umrisslinie nähert sich dem Kielbogen, und erscheint sie durch eine große Anzahl kleiner Wülste gegliedert, die das Gewölbe in einer ähnlichen Weise umziehen wie die Erhöhungen einer Melone, weshalb alle so gestaltete Kuppeln den Namen Melonenkuppeln erhielten. Diese Wülste erscheinen dort, wo sie auf

 

 

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den Tambour aufstoßen, durch consolenartig vortretende, aber wenig ausladende Bauglieder gestützt, die in ihrem Charakter an den unteren Theil der Stalaktitengewölbe erinnern. Die Mosaik der Melonenkuppel hat sehr gelitten und ist zum größten Theile herabgefallen, immerhin aber lässt sich noch das Vorhandensein einer musivischen Arbeit hier constatieren. Am besten hat sich der Beleg auf dem hohen Tambour erhalten, in welchem auch einige kleine Fenster angebracht sind, welche mit durchlöcherten Steinplatten geschlossen wurden. Nach oben zu hat der Tambour zwei friesartige Mosaikstreifen aufzuweisen, die sehr verschiedene Muster zeigen, während der Haupttheil durch eine große kufische Inschrift ausgezeichnet ist, die in weißen Steinchen auf blauem Grunde ausgeführt erscheint. Außerdem ist dieser Haupttheil oben und unten durch ein schmales ornamentiertes Band umsäumt (Taf. 2). Von dem Äußeren des Grabmales habe ich die hier beigefügte photographische Aufnahme gemacht, ich musste den Bau von dieser Seite aufnehmen, da er sich hier am vortheilhaftesten ausnimmt, wenn auch ein Theil desselben durch die in letzter Zeit emporgeschossenen Bäume verdeckt erscheint.

 

Ein anderer, sehr hervorragender Bau ist die Bibi-Chanim- Medressee, seinerzeit wohl die größte und am reichsten ausgestattete Hochschule in Central-Asien; sie wurde von Timur im Jahre 1399, seiner Lieblings- und Hauptfrau zu Ehren errichtet. Der Name Bibi-Chanim bezeichnet die erste und älteste Frau des Herrschers; die in Rede stehende Gattin war eine chinesische Prinzessin, die sich der Liebe ihres mächtigen Gatten in hohem Grade erfreute und von dem Volke als Wohlthäterin der Armen verehrt wurde.

 

Dr. Albrecht berichtet in seinem Werke, dass Timur, als er von seinem siegreichen Feldzuge aus Indien zurückkehrte, unermessliche Schätze, namentlich Gold, Türkise, Smaragde und andere kostbare Steine mitbrachte, die auf den Rücken von 91 Elefanten verladen waren. Da beschloss er denn, die eben erwähnte Medressee zu erbauen und in derselben eine Moschee von der Größe zu errichten, dass sie alle Rechtgläubigen der Hauptstadt in ihren Mauern aufnehmen könne. 500 Mann mussten

 

 

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in den Bergen hierzu die Steine brechen, 200 Arbeiter ließ er aus Indien, Persien und Aserbeidschan kommen und 95 Karawanen von Elefanten waren mit der Herbeischaffung der Steine und anderen Materiales beschäftigt. Fürsten von Geblüt standen an der Spitze dieser Transporte, während Timur selbst den Fortgang der Arbeiten mit großem Interesse beaufsichtigte. Dafür war aber auch das Äußere und Innere dieses Baues mit bisher unbekannter Pracht ausgestattet, insbesondere erscheinen die Incrustationen der Wände mit Marmor besonders erwähnt, sowie die reichen Arbeiten an Kanzel und Pult namentlich hervorgehoben. Auch soll diese Moschee eine kostbare Eingangsthüre aus Bronze besessen haben, sowie sehr bemerkenswerte und kunstvoll gearbeitete eiserne Träger, die in den Nischen der Moschee aufgestellt waren.

 

Von all dieser Pracht ist fast nichts mehr erhalten, und die Baulichkeiten selbst sind zum großen Theile Ruinen, und zwar in einem Zustande, dass der weitere Einsturz, namentlich der Hauptkuppel, jeden Augenblick erwartet werden kann.

 

Was die Gesammtanlage anbelangt, so besaß die Medressee zunächst einen Hofraum von 88m Länge und 70m Breite. In der Hauptachse dieses Hofes befand sich an dem einen Ende der Straße zugekehrt ein imposantes Portal, während sich am anderen Ende dieser Achse die bereits erwähnte große Moschee erhob; aber auch in der Querachse des Hofes befanden sich zwei zwar kleinere, aber immerhin recht bedeutende Kuppelbauten. Der Raum zwischen diesen Hauptbauten wird ohne Zweifel mit den Zellen der Hörer ausgefüllt gewesen sein, weil in dieser Weise alle Medresseen angelegt zu sein pflegten (Fig. 4).

 

Von dieser großen Anlage sind die Baulichkeiten, welche die Zellen enthielten, im Laufe der Jahre gänzlich zerstört und der Schutt fortgeräumt worden, so dass bloß die Hauptbauten in mehr oder weniger gutem Zustande zurück geblieben sind.

 

Das große Hauptportal, das in die Medressee führt, ist heute eine malerische Ruine (Taf. 3), es bestand aus einem kolossalen Bogen mit der Eingangsthüre, aus zwei seitlich angebauten Minarets, wovon das eine noch den größten Theil seiner schönen Mosaikbekleidung behalten hat, und aus den

 

 

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Resten der sich daran anschließenden Zellenanlagen der Schüler. Der den Eingang umrahmende Bogen hat so kolossale Dimensionen, dass sich eine darunter stehende Person wie ein Zwerg

 

Figur 4.

 

 

GESAMMTANLAGE DER MEDRESSEE BIBI-CHANIM.

Restaurations-Versuch des Verfassers.

 

ausnimmt; es dürfte dies wohl die größte Bogenspannung in Central-Asien sein, was umsomehr zu bedeuten hat, als gerade in diesem Lande ganz ungewöhnlich große Bogenbildungen zu finden sind; ich bedauere nur, dass ich nicht die wichtigsten diesbezüglichen Maße abgenommen habe.

 

 

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Die in der Querachse liegenden beiden Kuppelbauten sind verhältnismäßig gut erhalten und dienen heute als Museen für die abgenommenen und heruntergefallenen Mosaik-Decorationen und anderen ornamentalen Resten der Medressee. Ihren Dimensionen und ihrer Ausstattung nach scheinen Sie keine besonders hervorragende Bestimmung gehabt zu haben.

 

Das ganze Wissen und Können der damaligen Zeit scheint sich jedoch auf den Bau der Hauptmoschee dieser Hochschule concentriert zu haben, und zeichnet sich diese Anlage durch ganz ungewöhnlich große Dimensionen und eine hervorragende Pracht der Ausstattung aus. Zunächst gewahrt der Besucher einen kolossalen Kielbogen von 16m Breite und circa 56m Höhe, er ist wie der ganze Bau aus gebrannten Ziegeln errichtet, und kann man an demselben sowohl die Construction, als auch die Incrustation mit färbigen Ziegeln noch sehr wohl erkennen (Taf. 4). In den Untertheil des Bogens sind, um scharfe Kanten zu vermeiden, in die Ecken schlanke Säulchen gestellt, während sich in angemessener Entfernung hievon zwei hohe achteckige Minarets erheben. Die achteckige Form dieser Thürme ist eine sehr ungewöhnliche, da in Central-Asien in der Regel runde und glatte Minarets vorzukommen pflegen. Jede Fläche derselben erscheint in mehrere, verschieden große und vertiefte Felder getheilt, welche noch eine weitere Gliederung durch zarte Blindbögen erhielten; dabei sind alle Füllungen und einrahmenden Theile mit einer wirkungsvollen Mosaik bedeckt, die sich verhältnismäßig gut erhalten hat. Aber auch die beiden Wandflächen, welche die Minarets und den Bogen verbinden, haben eine ähnliche Gliederung und musivische Decoration aufzuweisen.

 

Die Mosaik setzt sich hier zumeist aus drei Arten von Steinen zusammen, und zwar aus rohen, röthlichen kleinen Backsteinen ohne Glasur und aus dunkelblau und lichtblau glasierten Steinen. Der rohe Backstein bildet den Grund des Ornamentes, während die gefärbten Steine die Zeichnung herstellen; an passenden Orten erscheinen auch weißglasierte Steine eingefügt. Inschriften wurden auch hier zumeist aus weißen Steinen auf dunkelblauem Grunde angefertigt.

 

 

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Der Abschluss des Bogens nach hinten zu erfolgt durch eine gerade Wand, welche die eigentliche Eingangsthüre, die nach oben zu ebenfalls durch einen Kielbogen abgeschlossen erscheint, enthält, während sich ein ähnlich gewölbtes kleines Fenster über derselben befindet. Der untere Theil dieser Wand erscheint von dem oberen durch einen Fries getrennt, der eine große Inschrift in weißen Lettern aufzuweisen hat. Die Gliederung und Ausschmückung ist im übrigen eine ähnliche wie bei den bereits besprochenen Wandtheilen, nur scheint hier der ganze Obertheil durch ein großes ungetheiltes Teppichmuster geschmückt gewesen zu sein. Leider fehlt ein großer Theil der Oberwand, und gewahrt der Besucher durch die so entstandene große Öffnung das Äußere der Kuppel, die sich in mancher Beziehung von jener des Grabdenkmales Timurs unterscheidet. Zunächst ist hier die äußere Kuppelfläche glatt und hat somit nicht die Melonenform angenommen, dann aber trennt sie sich von dem hohen Tambour durch ein weit plastischeres und wirkungsvolleres Gesimse, das sich aus stalaktitenförmigen Elementen zusammensetzt. Der Tambour hingegen zeigt viel Ähnlichkeit mit jenem von Gur Emir, auch hier sind nach oben zu zwei Mosaikfriese angeordnet, während der Haupttheil durch eine kolossale Inschrift in kufischen Lettern ausgefüllt erscheint.

 

Wenn wir nun das Innere betreten, müssen wir zunächst den ruinenhaften Zustand der Moschee, namentlich aber den der Kuppel mit Bedauern constatieren. Im übrigen ist diese Moschee ein räumlich sehr bedeutender und interessanter Bau mit einer sehr einfachen und klaren Grundriss - Disposition (Fig. 5). Die Kuppel erhebt sich über einem Quadrate von 13,5m Seitenlänge, jede der vier Seitenwände besitzt eine hohe, rechtwinkelige, mäßig tiefe Nische, die nach oben zu im Kielbogen geschlossen ist und eine rechtwinkelige Einrahmung aufzuweisen hat. Die östliche Nische bildet den Haupteingang, der die ganze Nische ausfüllt; die Nischen rechts und links haben außer kleineren Thüren noch über denselben angebrachte Fenster aufzuweisen, während die Nische, die dem Eingang gegenüber steht, eine kleine tiefe Nische mit Stalaktiten und ein oberhalb angebrachtes Fenster aufnimmt. Alle Thür- und Fensteröffnungen sind mit

 

 

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dem hier allgemein üblichen Kielbogen abgeschlossen. Die übrigbleibenden Wandflächen sind zunächst mit einem Sockel von Marmor incrustiert, worüber sich ein Teppichmuster in musivischer Arbeit erhebt.

 

Dieser nach oben zu zunächst noch immer quadratisch

 

Figur 5.

 

 

GRUNDRISS DER MOSCHEE DER MEDRESSEE BIBI-CHANIM.

Originalaufnahme des Verfassers.

 

bleibende Theil ist mit einem breiten Fries bekrönt, welcher mit einer Inschrift in kufischen Buchstaben verziert erscheint. Um nun aus diesem quadratischen Theil in den kreisförmigen der Kuppel gelangen zu können, spannt sich über jede Ecke ein Kielbogen und tritt entsprechend vor; in der Mitte der Wand zeigt sich ein ebenso breiter Bogen angeordnet, der aber nur ganz unbedeutend vorspringt; auf diese Weise wäre der

 

 

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Baumeister aus dem Quadrate in das Achteck gekommen, da er aber überdies noch zwischen zwei der acht größeren Bögen je einen kleinen einschaltet, hat er den Übergang aus dem Quadrate in ein Sechzehneck bewerkstelligt. Diese Constructionsweise ist an den meisten Samarkander Bauten anzutreffen, und scheint

 

Figur 6.

 

 

DAS INNERE DER MEDRESSEE-MOSCHEE BIBI-CHANIM.

Nach einer Originalaufnahme des Verfassers.

 

überhaupt die am meisten gebräuchliche in ganz Central-Asien gewesen zu sein. Hierauf kommt ein breiter Fries mit einer Inschrift, auf welchen sich die Kuppel unmittelbar aufsetzt. Die Kuppel selbst zeigt eine Gliederung durch Streifen der Höhe nach und war, wie die Reste der Ornamentierung zeigen, mit vorwiegend hellblauer Mosaik verziert (Fig. 6).

 

 

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Im Hofe der Medressee steht ein Riesen-Koranständer (Fig. 7) aus weißem Marmor, er hat eine Länge von 2,3m und eine Breite von 2m und besteht aus einer großen Platte, die von mehreren schmucklosen Füßen gestützt erscheint, auf welcher sich zwei riesige keilförmige Steine befinden, die als Unterlagen für einen aufgeschlagenen Riesenkoran zu dienen hatten. Der Koran selbst hat in der Moschee Schah-Sinda heute ein entsprechendes

 

Figur 7.

 

 

RIESEN-KORANSTÄNDER DER MOSCHEE BIBI-CHANIM.

 

Unterkommen gefunden. Früher stand der Ständer in der Moschee Bibi-Chanim, wurde aber, als die Kuppel einzustürzen drohte, auf den Hof gebracht. Dem Ständer wird von den Sarten eine heilende Kraft zugeschrieben. Rückenmarkleidende legen sich eine Zeit lang unter denselben und glauben dadurch gesund zu werden; dasselbe thun auch unfruchtbare Frauen, die nach dem Verlassen reichen Kindersegen erhoffen.

 

In der Nähe dieser Medressee ließ Timur seiner Lieblingsfrau ein Mausoleum errichten; es ist ein Kuppelbau von

 

 

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mäßigen Dimensionen, welcher gegenwärtig seinem gänzlichen Zerfall entgegensieht. Im Inneren befinden sich fünf Grabsteine, von welchen der mittelste die Überreste der Bibi-Chanim verdecken soll.

 

Aber auch seinen nächsten Anverwandten ließ Timur prächtige Grabstätten errichten, von welchen einige zu den schönsten und interessantesten Bauwerken Central-Asiens gehören; sie befinden sich auf einem Gräberhügel, der den Namen Schach-Sinda führt. Es sind hier eine ganze Reihe von Denkmalen aus verschiedenen Zeiten errichtet worden, die sich circa 3 Werst von der Medressee Bibi-Chanim befinden und sich bis zu den Hügeln von Afrosiab erstrecken.

 

Schach-Sinda heißt so viel als „der lebende König“ und knüpft sich an diesen Namen eine alte Sage. Darnach soll Kassim, ein Vetter des Propheten, mit einem großen Heere von Rechtgläubigen nach Sogdiana gekommen sein, um die hier wohnenden Feueranbeter zu besiegen, und zu bekehren. Sein Heer aber wurde gänzlich vernichtet und er selbst suchte allein und verlassen eine Zuflucht in den Hügeln von Afrosiab, sein Pferd fiel vor Entkräftung, er warf seine Peitsche auf den Boden, da wuchs alsbald aus dem Stiele derselben ein Baum, der heute noch gezeigt wird. Allah aber ließ dem Kassim durch einen Engel eine unterirdische Höhle anweisen, wo er verborgen vor seinen Feinden blieb und der Sage nach bis zum heutigen Tage dort noch lebend verweilt und seine Zeit mit Fasten und Beten verbringt. (Dr. Albrecht.)

 

Dieser ganze Gräberhügel ist von Mauern begrenzt, und führt zu denselben ein großes, reich ausgestattetes Portal; dasselbe wird wie gewöhnlich durch eine mächtige Nische gebildet, die im Spitzbogen gewölbt ist, während die eigentliche Eingangsthüre mit einem Kielbogen abgeschlossen erscheint. Jeder dieser Bögen ist rechtwinkelig eingerahmt, die zu beiden Seiten sich bildenden Wandflächen sind in Felder getheilt, welche wieder blinde Bögen als Füllungen aufweisen, und so wie der ganze Bau, in überaus reicher Weise mit musivischen Arbeiten decoriert erscheinen. In die Kante der großen Nische sind schlanke, polygon gebildete und mit Mosaik verzierte Säulchen eingelegt.

 

 

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Zu beiden Seiten des Einganges sind niedrige Ruhebänke für die das Innere bewachenden Mullahs angebracht. Dieses Prachtportal soll nicht von Timur, sondern im Jahre 1434 von einem seiner Nachfolger, Ulug Beg, errichtet worden sein (Taf. 5). Wer das Innere betritt, gelangt zunächst auf einen breiten Weg, dann eine größere Anzahl Stufen hinauf, zu einem Pfad der sich etwas verengt und in einer Nische seinen Abschluss findet. Rechts und links hiervon sind mehr oder weniger bedeutende Grabdenkmale errichtet, es dürften circa achtzehn größere Bauten vorhanden sein, wovon acht mit Kuppeln überdeckt erscheinen; außerdem wären eine größere Anzahl von Grabsteinen und Nischen zu erwähnen, die sich zerstreut angeordnet vorfinden. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, alle diese Gräber näher zu beschreiben; es wird genügen, wenn nur die bedeutendsten eine etwas ausführlichere Besprechung erhalten.

 

Gleich hinter dem Portal erhebt sich rechts eine halb verfallene kleine Medressee, während links eine unbedeutende Moschee angebaut erscheint. Das erste Grabdenkmal von einiger Bedeutung ist links oberhalb der Stiegenanlage gelegen, es ist das Grab der Amme Timurs, mit Namen Oldscha-Aïm, welches ihr der mächtige Herrscher selbst errichten ließ (vgl. Taf. 5, die hohe Kuppel links). Auf einem quadratischen Unterbau, der ziemlich unvermittelt in ein Achteck übergeht, erhebt sich ein hoher Tambour mit reicher Mosaikverzierung, worauf eine Kuppel aufsitzt, welche die Form eines spitzen Kielbogens im Profile annimmt. Timur soll dieses Grab so hoch gebaut haben, damit es trotz seiner etwas niedrigeren Lage der Höhe nach nicht hinter jenen Grabdenkmalen zurückstehen möge, die höher oben errichtet wurden.

 

Es folgt dann ein Grabdenkmal einer Schwester Timurs und etwas höher gelegen die einander gegenüberliegenden Mausoleen zweier Brüder Tamerlans mit recht bemerkenswerten musivischen Arbeiten verziert.

 

In decorativer Beziehung weitaus die bedeutendsten sind aber die nun folgenden zwei, ebenfalls einander gegenüberliegenden Grabdenkmale zweier Schwestern Timurs. Das linke

 

 

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Grab birgt die Überreste seiner Schwester Dschuschuk Bika und dreier ihrer Kinder. Dieses Monument zeigt eine typische Form, die sich an mehreren Grabmalen von Schach-Sinda mit einigen Veränderungen wiederholt und seines Schmuckes wegen eine ausführlichere Besprechung verdient. Der Grundplan des Inneren bildet ein Quadrat von 6,25m Seitenlänge,

 

Figur 8.

 

 

GRABMAL DER SCHWESTER TIMURS ZU SCHACH-SINDA

Originalaufnahme des Verfassers.

 

und erscheinen auch hier die Seitenwände durch nicht sehr tiefe Nischen von 2m Breite gegliedert. Um aus dem Quadrate in das Achteck übergehen zu können, spannen sich über die Ecken kleine Bögen, die unterhalb mit reizenden Stalaktitengewölben verziert erscheinen. Aber auch hier legen sich, wie bei den Kuppeln der Moschee Bibi-Chanim, zwischen zwei Achteckseiten noch kleinere Bögen ein, so dass auch hier

 

 

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der Übergang aus dem Quadrat in ein Sechzehneck und dann weiter in die runde Kuppelform in gleicher Weise gelöst erscheint (Fig. 8).

 

Die Kuppel selbst ist im Halbkreise gewölbt und mit einer überaus reichen Mosaik verziert (Fig. 9), und zwar wird

 

Figur 9.

 

 

KUPPEL-MOSAIK VOM GRABE DER SCHWESTER TAMERLANS ZU SCHACH-SINDA.

 

sie durch ziemlich breite Bänder in acht Felder getheilt, die mit vier verschiedenen Mosaikmustern ausgefüllt wurden; gegen die Mitte zu kreuzen sich die Bänder und bilden hier einen achteckigen Stern, während in dem Mittelpunkt ein kreisförmiges Ornament angeordnet erscheint. Aber auch die Mitte der acht Felder wurde durch eigenthümlich gestaltete rundliche Formen verziert. Die inneren Wandflächen sind ebenfalls mit einer sehr beachtenswerten Mosaik, die sich größtentheils erhalten hat, decoriert.

 

 

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Als ein wahres decoratives Prachtstück muss aber die Eingangsthüre sammt der sie umgebenden Nische bezeichnet werden (Taf. 6 und 7). Letztere hat eine Breite von 2,27m, ist im Kielbogen geformt und weist ein reizendes aus Kacheln gebildetes und mit den feinsten Ornamenten verziertes Stalaktitengewölbe auf. Die Eingangsthüre ist rechtwinkelig geschnitten und führen zu derselben einige roh geformte, wohl aus neuerer Zeit stammende Stufen empor. Diese Nische und die sie umgebenden Wände sind in so reicher und origineller Weise decoriert, dass sie zu den hervorragendsten ornamentalen Arbeiten Central-Asiens gerechnet werden müssen. Von einem sichtbaren Backsteingrund ist hier nicht mehr die Rede; vielmehr erscheinen alle Flächen durch nebeneinander gelegte größere oder kleinere Kachelplatten incrustiert. Die Kacheln haben ein ungemein zartes plastisches Ornament aufzuweisen, das in Verbindung mit kräftigen Farben einen reichen und prächtigen Eindruck erzeugt. Sehr geschickt erscheinen die Wände in einrahmende Theile und Füllungen gegliedert, und ist alles dies durch feine Arabesken geschmückt, die sich theils aus Pflanzenformen, theils aus Bandverschlingungen zusammensetzen. Namentlich hervorzuheben wäre die reizende Decoration der inneren Nischenflächen und die mit den feinsten Ornamenten geschmückten Säulchen der inneren Ecke, deren Schaft, wie es Scheint, aus einem Stücke gebildet worden ist, während die etwas kräftigeren Säulchen in den äußeren Ecken sich deutlich aus mehreren Stücken zusammensetzten. Was die Farbengebung anbelangt, so herrschen auch hier zumeist die dunkeln und lichtblauen Farben vor, die zuweilen durch weiß durchsetzt erscheinen, daneben aber finden sich auch Zusammensetzungen von gelben, braunen und grünen Kacheln, und hat sogar echtes Gold hier Verwendung gefunden. Die Farben haben eine Glasur von so großer Güte erhalten, dass diese ganze Decoration so farbenfrisch und unberührt aussieht, als wäre sie gestern aufgestellt worden.

 

Nach Dr. Albrecht sind an dieseEEE EENm Bau folgende Inschriften angebracht worden. Über dem Eingang: „Glaube nicht an das gegenwärtige irdische Leben, gedenke des zukünftigen jenseits des Grabes“. Das um den Eingang herumlaufende Band

 

 

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enthält links die Inschrift: „Die Stunden und Minuten des gegenwärtigen Lebens sind Dir von Gott zum Gebet gegeben“. Rechts dagegen steht: „Der Prophet sprach: Das irdische Leben bringt keinen Nutzen nur das zukünftige“. Der obere Fries trägt folgende Inschrift: „Gebaut durch sie selbst, für sich selbst im Jahre 773 (1371)“. Und schließlich meldet eine Inschrift, dass

 

Figur 10.

 

 

DAS ÄUSSERE DES GRABES DER SCHWESTER TAMERLANS ZU SCHACH-SINDA

 

dieser Bau die Arbeit der Meister Schamoeddin und Seïneddin sei. Die eigentliche Prachtdecoration beschränkt sich auf die Façade und das Innere, während die allerdings nur von weitem sichtbare rechte Seitenfaçade in rohem Backstein belassen worden ist. Auch die äußere Kuppel, die wieder die Melonenform annimmt, ist ohne besonderen Schmuck aufgebaut (Fig. 10). Schließlich möchte ich noch bemerken, dass ich sehr bedauere,

 

 

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keine Aufnahme der ganzen Façade erhalten zu haben, die Straße ist aber hier so enge, dass ich nur mit Mühe den Apparat in einer entsprechenden Entfernung aufstellen konnte.

 

Diesem Denkmal gegenüber befindet sich das Grabmal einer jüngeren Schwester Timurs, Schirin-Bika-Aka mit Namen. In der Anlage zeigt es große Ähnlichkeit mit dem vorher beschriebenen Bau, das Äußere ist ebenfalls mit sehr bemerkenswertem musivischen Schmuck und Kachelbelag versehen, der nur um weniges dem vorigen Beispiel nachsteht, dagegen erscheint das Innere bloß al Fresco ausgemalt. Nach einer Inschrift soll dasselbe im Jahre 1385 errichtet worden sein.

 

Weiterschreitend gewahrt der Besucher rechts und links noch einige mehr oder weniger bedeutende Grabdenkmale, von welchen die meisten schöne Mosaikbekleidungen aufzuweisen haben; wir wollen sie aber, um nicht zu weitläufig zu werden, übergehen und uns zu einigen Bauwerken wenden, die nahezu am Ende des Weges stehen und von einem bedeckten Vorbau aus zugänglich gemacht worden sind. Links befindet sich hier eine alte Moschee, Dschuma genannt, von verhältnismäßig geringerer Bedeutung, rechts aber gewahrt man ein großes mohamedanisches Heiligthum, das Grabmal des Schach-Sinda mit einer bemerkenswerten vorgebauten Moschee. Der Besucher gelangt zu diesem Bau durch eine sehr alte und schöne Thüre aus Nussbaumholz, welche prächtige Schnitzereien und originelle bronzene Hänge an dem Schlosse aufzuweisen hat, dann betritt er einen corridorartigen, schmucklosen Raum, aus welchem eine Thüre in die Moschee im engeren Sinne führt (Taf. 8). Dieser Raum ist gewölbt, und erscheint das Gewölbe durch Bandverschlingungen, die Sterne und Polygone bilden und in Stuck ausgeführt sind, verziert. Von der Decke hängt ein origineller vielarmiger Bronzeleuchter herab, während gegen die Fensterecke ein Raum durch ein Holzgitter abgeschlossen erscheint, welcher dem Riesenkoran von der Moschee Bibi-Chanim ein Unterkommen gewährt hat, es ist ein Buch von nahezu 2m Länge und Breite, mit in großen arabischen Schriftzügen beschriebenen Seiten aus Pergament. Vor dem Holzgitter befinden sich zwei kleine Bücher, ebenfalls Korane, wovon das

 

 

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eine zu den kleinsten gerechnet werden kann, da es bloß eine Länge von 18cm besitzt. In der Nähe dieser Bücher erhebt sich die nicht uninteressante Gebetnische, deren Seitenwände über und über mit Inschriften verziert erscheinen. Am anderen Ende der Wand befindet sich der Eingang zu einer Kapelle, welche ziemlich finster ist, der Boden ist hier mit kostbaren Teppichen bedeckt, während von der Decke ein alter Kronleuchter herabhängt. Das ist aber nicht die eigentliche Ruhestätte des Heiligen, in diese kann man durch eine alte schöne Gitterthür gelangen, die sich an der Längswand der Kapelle befindet; der Zutritt ist aber nur wenigen Personen mohamedanischen Glaubens gestattet. Durch das Gitter erblickt man zunächst einen Sarkophag, der vollständig mit Teppichen und kostbaren Geweben bedeckt ist, welche die reichen und mächtigen Bekenner des Islams, die hierher gepilgert kamen, als Geschenke zurückließen. Es kommen aber auch viele Kranke und Bresthafte hierher um Heilung von ihren Leiden zu erflehen. Als ich mich entfernte, traf ich im Vorraum einige dicht verschleierte Mohamedanerinnen an, die auf unser Fortgehen warteten, um zur Grabstätte zu eilen und hier wahrscheinlich Kindersegen zu erflehen. Die wirklichen Überreste des Heiligen Chasret-Kassim-Ibn-Abbas liegen aber in einem finsteren unterirdischen Raume, der sich unterhalb des Sarkophages befindet und der von den auserwählten Rechtgläubigen, denen der Besuch gestattet wird, nur kniend und rutschend erreicht werden soll. Krestowsky, dem es trotz der großen Schwierigkeiten dennoch gelang, in dieses unterirdische Grab zu kommen, berichtet, dass er daselbst einen frommen Büßer antraf, der sich bereits 40 Tage an diesem unheimlichen Orte aufgehalten und diese Zeit mit Beten und Fasten zugebracht hat, er aß nur jeden zweiten Tag ein kleines Brot und trank täglich einen Krug Wasser. Als Krestowski eintrat, wurde er von ihm gar nicht bemerkt, so schwach und entkräftet war er bereits. (Dr. Albrecht.)

 

Wenn der Besucher diese Moschee verlässt, bleibt ihm noch ein kleines Stück des Weges bis zur abschließenden Wand übrig, namentlich links gibt es noch einige bemerkenswerte Grabmäler

 

 

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von verhältnismäßig hohem Alter und auch zum Theil schöner Arbeit, aber die meisten gehen dem gänzlichen Verfalle entgegen; so befindet sich hier ein kleines Mausoleum, Scha-Arap genannt, dessen Kuppel bereits eingestürzt ist, das aber einer Inschrift nach das älteste Denkmal in den Gräberhügeln von Schach-Sinda sein dürfte, es ist von Timur im Jahre 1360 erbaut worden.

 

Die bedeutendsten bisher besprochenen Bauwerke sind von Timur selbst errichtet worden, die Periode, in der dieser Herrscher wirkte, muss als die höchste Blütezeit Samarkands bezeichnet werden, aber auch seine Nachfolger haben in seinem Sinne weitergewirkt und hochbedeutende Baudenkmale geschaffen.

 

Zu den Bauten, die am meisten geeignet sind, ein vortreffliches Bild der nachtamerlanischen Zeit zu bieten, gehören die Werke der Baukunst, die den Registan zieren, es ist dies der Haupt- und Festplatz von Samarkand, er ist circa 70m lang und 60m breit und mit großen Steinen gepflastert. Der Registan ist ein ganz eigenthümlicher Platz, der mit keinem Platze der Welt verglichen werden kann; an den beiden Längsseiten ziehen sich zwei Straßen entlang, außerdem werden drei Seiten desselben durch die imposanten Façaden von drei großen Medresseen eingefasst, während die vierte Seite Kaufläden enthält (Fig. 11). Hier spielt sich ein echt orientalisches Volksleben ab, hier werden Weintrauben, Brot, Melonen, Arbusen und kleine Kürbisflaschen verkauft, auch geht ein Mann mit einem Tschilim (centralasiatische Tabakspfeife) herum, der jedermann gegen eine kleine Münze einen Zug daraus thun lässt, wobei die Meisten einen leichten Hustenanfall bekommen; hier haben sich auch Garköche etabliert, die allerhand köstliche Gerichte schmoren und braten, während die Barbiere sich ein schattiges Plätzchen ausgesucht haben, um mit Ruhe die Köpfe der sich ihnen anvertrauenden Sarten glatt zu rasieren; hier versammeln sich auch die Leute, um Märchenerzählern zuzuhören oder Taschenspielern und Derwischen zuzusehen. Zu jeder Tageszeit ist eine größere Anzahl von Personen hier anzutreffen, am Freitag aber ist der Platz so voll, dass er die frommen Mohamedaner kaum

 

 

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zu fassen vermag. Der Registan war auch der Ort, wo auf hohen Stangen die abgeschlagenen Köpfe der Feinde als Kriegstrophäen aufgestellt zu werden pflegten, noch im Jahre 1868 wurden die Köpfe der erschlagenen Russen der neugierigen Volksmenge auf diese Weise gezeigt.

 

Figur 11.

 

 

SITUATIONSPLAN DES REGISTANS.

 

A Registan. G Fahrstraßen.

B Medressee Schir-Dar. H Topfbazar.

C Medressee Tillja-Kari. I Bassin.

D Medressee Ulug-Beg. K Verschiedene Bazare.

E Kaufbuden. L. Gedeckter Durchgang.

F Grabdenkmal eines Heiligen. M Sogen. Mützen-Tempel.

 

Der schönste, größte und imposanteste Schulbau von ganz Central-Asien ist die an der Ostseite des Registan befindliche Schir-Dar-Medressee. Wir wollen dieses Denkmal etwas ausführlicher besprechen und haben dann damit die charakteristischesten Eigenthümlichkeiten aller Medresseen bekannt gegeben, da dieselben zumeist alle nach derselben Grundidee errichtet zu sein pflegen. Diese Medressee ist im Jahre 1610 erbaut worden, und zeichnet sich insbesondere die Façade durch

 

 

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überaus reichen musivischen Schmuck aus (Taf. 9). Den Mittelpunkt der Vorderfront bildet eine colossale Nische, Pischtak genannt, von circa 18m Spannweite und circa 23m Höhe. Die Nische ist so groß, dass die in ihr sich aufhaltenden Menschen wie ein Kinderspielzeug erscheinen. Diese mächtige Nische ist im Kielbogen nach oben zu geschlossen und erscheint durch einen Rundstab, der die Form eines gedrehten Taues annimmt, eingefasst. Das Innere der Nische ist durch eine flache Wand abgeschlossen, der obere Theil derselben ist durch ein reiches Teppichmuster in Mosaik decoriert, während der untere Theil eine Gliederung durch kleinere Nischen aufzuweisen hat. Alle Nischen sind durch Kielbögen abgeschlossen, die größte mittlere Nische bildet aber nicht den Eingang, dazu dienen vielmehr die beiden seitlich angebrachten Öffnungen. Auch führen diese Eingänge nicht direct in den Hofraum, der Besucher muss vielmehr einen knieförmig gebogenen Corridor passieren, um dorthin zu gelangen. Der Pischtak ist durch einen rechtwinkeligen Rahmen eingefasst, welcher durch eine Art Mäanderverzierung geschmückt erscheint, während die sich auf diese Weise bildenden Zwickel einen seltenen Schmuck aufzuweisen haben; dieser besteht nämlich in der musivischen Darstellung von zwei Luchsen (daher der Name Schir-Dar), welche leider so sehr gelitten haben, dass sich die Gestalt dieser Thiere schwer mehr feststellen lässt. Es muss aber als eine große Ausnahme betrachtet werden, dass hier Thiergestalten zur Nachbildung gelangten, nachdem bekanntlich die Mohamedaner die Darstellung von Thier- und Menschenformen bei allen Cultusbauten streng auszuschließen pflegen. An die große Nische erscheinen außerdem nach rechts und links Seitentheile angefügt, dieselben sind in Felder getheilt, in welche sich blinde Bögen von geringer Tiefe einsetzen, während die Ecken auch hier durch Wülste markiert sind, die durch ein spiralförmig gedrehtes Ornament verziert erscheinen. Außerdem sind die Füllungen und das Rahmenwerk mit verschiedenartigen Mustern von Mosaikdarstellungen in reichster Weise geschmückt. m

 

An diesen imposanten hohen Mittelbau lehnen sich zu beiden Seiten weit niedrigere Mauertheile an, die eine ähnliche

 

 

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Gliederung durch Rahmenwerk, Füllungen und Blindbögen erhielten und durch eine ähnliche musivische Decoration ausgezeichnet erscheinen wie der Mittelbau. Diese Mauern bilden zugleich den Vordertheil von Moscheen oder Grabdenkmalen, deren hohe Kuppel zwar etwas zurücktritt, aber wesentlich zu dem bedeutsamen Eindruck, den die Façade macht, beitragen hilft. Die Kuppeln zeigen manche der bereits an der Kuppel des Grabes des Tamerlan betonten Eigenthümlichkeiten. Zunächst sind dieselben ebenfalls Melonenkuppeln, deren Umfangslinie einen spitzen Kielbogen bildet, nur sind die Wülste dicker und lassen einen breiten, flachen Streifen zwischen sich sichtbar werden. Jede Wulst endet nach unten zu in getrennten stalaktitförmigen Ansätzen, während sich bei der Kuppel von Gur Emir ein schwach vortretendes, zusammenhängendes Gesimse bildete. Bei der Medressee Schir-Dar erheben sich beide Kuppeln, wie allgemein üblich, über einem hohen Tambour, der durch Mosaikbänder und einen großen Inschriftenfries ausgezeichnet erscheint.

 

Den Abschluss nach rechts und links dieser höchst originellen Façade bildet je ein rundes Minaret, das nahezu die Höhe des Mittelbaues erreicht, und dessen Capitäl aus einem Kranze von Stalaktiten besteht, während der sich nach oben zu verjüngende Schaft mit einer reichen Teppichmosaik verziert erscheint. Was die Art der Mosaik dieser Façade anbelangt, habe ich in der Erinnerung, dass sowohl ein Belegen mit Kacheln, als ein Zusammensetzen aus kleineren Steinen zur Verwendung kam. Der bei weitem größte Theil aber des musivischen Schmuckes dieser, sowie der drei übrigen Façaden besteht aus dunkelblauen und lichtblauen Steinen, die in Verbindung mit solchen Steinen treten, welche die Naturfarbe des Backsteines ohne Glasur beibehalten haben.

 

Trotz dem Umstand, dass dieser Bau ringsum freistehend ist, hat doch bloß die Vorderfaçade eine architektonische Gliederung und Anordnung, während die beiden Seitenfaçaden, sowie die Rückfaçade nur glatte, mit Mosaik verzierte Flächen aufweist, in welche von Zeit zu Zeit ganz unregelmäßig angeordnet kleine Fenster durchbrochen wurden. Außerdem erscheint die Rückseite

 

 

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durch zwei hohe Minarets an den Ecken verziert. Es lag offenbar im Geiste dieser Zeit, bloß die Ansicht gegen den Platz zu imposant zu gestalten, während die damaligen Baumeister eine Gliederung der Seitenansichten für unnöthig erachteten, vielleicht auch hierfür keine passenden Vorbilder besaßen. Sie thaten

 

Figur 12.

 

 

GRUNDRISS DER MEDRESSEE SCHIR-DAR.

Originalaufnahme des Verfassers.

 

dies umsomehr, als im Orient jedes den wohnlichen Bedürfnissen gewidmete Gebäude bloß nach dem Hofe zu architektonisch ausgestattet erscheint, während das Äußere nacktes Mauerwerk ohne Fensterdurchbrechungen zu sein pflegt.

 

Sehr bemerkenswert aber ist die prächtige Hofanlage dieser Medressee (Fig. 12), sie bildet nahezu ein Quadrat von circa 36m

 

 

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Seitenlänge. Jede Hoffaçade besitzt in der Mitte eine hohe, mit einem Kielbogen abgeschlossene Nische, wobei die in der Hauptachse gelegenen Nischen nach innen zu einen rechtwinkeligen, die in der Querachse gelegenen einen polygonen Abschluss erhielten (Fig. 13). Diese Nischen werden in den heißen Sommermonaten häufig als Vortragssäle benützt, und sah ich wiederholt in denselben den Herrn Professor, von einem kleinen Häuflein Schüler umgeben,

 

Figur 13.

EN GEES

 

ANSICHT DES HOFRAUMES DER MEDRESSEE SCHIR-DAR.

 

mit unterschlagenen Beinen auf Matten sitzend , sich der höheren Wissenschaft widmen. Die Höfe sind verhältnismäßig kühl, eine von den Nischen ist stets im Schatten und so sehr geeignet, in diesen heißen Klimaten einen angenehmen Aufenthaltsort zu bieten. Zuweilen erscheinen diese Nischen, die oft etwas erhöht sind, durch Gitter abgegrenzt zu sein, in anderen Fällen sind sie zu wirklichen Moscheen umgestaltet und dann nach vorne zu vollständig abgeschlossen.

 

 

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Zu bemerken wäre ferner, dass in der Medressee Schir-Dar die beiden Eingänge an der Hauptfaçade aus dem Grunde auf die Seite gelegt wurden, um die große Nische an der Hofseite in gleicher Weise gestalten zu können wie die gegenüberliegende, dass so die Symmetrie hier vollkommen hergestellt erscheint. Rechts und links jeder Hauptnische befinden sich in zwei Etagen je drei kleinere Nischen angeordnet, die ebenfalls Kielbögen aufzuweisen haben. Jede dieser Nischen bildet einen kleinen Vorraum und besitzt eine Thür, die in die zumeist finstere und recht dürftig ausgestattete Zelle eines Studierenden führt. Zuweilen ist über der Thüre noch ein Fenster angebracht, um etwas mehr Licht in das Innere zu bringen. In der Mitte des Hofes, der sauber gehalten und mit großen Steinen gepflastert ist, befindet sich ein ziemlich unscheinbarer Brunnen, der für die rituellen Waschungen bestimmt ist, zuweilen aber auch die Reste eines Heiligen in seinem Inneren birgt, dann pflegt dieser Umstand durch eine kleine weiße aufgepflanzte Fahne bemerkbar gemacht zu sein. Auch einzelne Bäume sind in diesen Höfen gepflanzt, die einen wohlthuenden Schatten unter sich ausbreiten. Sämmtliche Wände dieses Hofraumes, sowie das Innere der großen und kleinen Nischen sind in prächtigster Weise mit Mosaik-Ornamenten verziert, die im reichsten Spiel der Phantasie in Form und Farbe die mannigfaltigsten Muster erstehen lassen (Fig. 14). Auch ist die Erhaltung dieser Mosaik-Bekleidung eine recht gute und wo sie abgefallen ist, wurde die Stelle sorgfältig abgeputzt, um weiteren Schaden zu verhüten.

 

Zum Schlusse dieser Betrachtung sei es mir noch gestattet, eine Eigenthümlichkeit der Samarkander Bauten zu erwähnen, und diese besteht darin, dass kein Minaret senkrecht ist, sondern stets eine leichte Neigung nach Außen hat. Die Photographie auf Taf. 9 zeigt diesen Umstand allerdings nicht nur nicht angedeutet, sondern könnte eher als Beweis der gegentheiligen Neigung dienen, ich konnte aber leider keinen weiteren Standpunkt für meine Aufnahme finden und hatte kein passendes Objectiv, weshalb die Linien der Façade überhaupt nicht senkrecht stehen, vielmehr ein Streben aufweisen, sich in der Mittelachse zu vereinen.

 

 

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An der nördlichen Seite des Registan steht eine zweite Medressee, Tillja-Kari (die vergoldete Moschee) genannt, die nahezu in derselben Zeit erbaut sein soll wie die

 

Figur 14.

 

 

ECKE DES HOFES DER MEDRESSEE SCHIR-DAR MIT BRUNNEN.

 

eben besprochene. In der Hauptanlage zeigen beide Bauten eine große Ähnlichkeit; dennoch aber findet der Beschauer bei näherer Besichtigung nicht unwesentliche Verschiedenheiten. Schon die Façade der Medressee Tillja-Kari ist anders gestaltet (Taf. 10), zunächst sind die Dimensionen geringer, und

 

 

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dann besitzt der immerhin noch sehr imposante Pischtak eine Nische, die nach innen zu einen polygonen Abschluss aufweist, der durch sechs, in zwei Geschossen vertheilten kleineren Nischen gegliedert erscheint. An diesen Mittelbau lehnen sich zu beiden Seiten Flügelbauten an, welche ebenfalls Nischenbildungen enthalten, welche die größte Ähnlichkeit mit der Anlage der Hofnischen von Schir-Dar besitzen und ebenfalls die Eingänge in

 

Figur 15.

 

 

ECKBILDUNG DER MEDRESSEE TILLJA-KARI UND DENKMAL EINES HEILIGEN AM REGISTAN.

 

die Zellen der Studenten enthalten; diese Anordnung ist als eine Ausnahme anzusehen, da die centralasiatischen Baumeister nur ungern Thüren und Fenster der eigentlichen Wohnräume nach außen münden lassen. Der Abschluss der Façade nach rechts und links erfolgt durch zwei unbedeutende runde Minarets,. die wenig über die Seitenflügel emporragen und oben Fensteröffnungen aufzuweisen haben (Fig. 15). Auch die Façade dieses Baues war mit prächtigen Mosaikdecorationen verziert, die sich

 

 

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aber hier verhältnismäßig schlecht erhalten haben, insbesondere ist die rechtwinkelige Einfassung der Hauptnische fast gänzlich ihres Schmuckes beraubt worden, während die Flügelanbauten zum größten Theil noch ihre musivische Decoration besitzen. Der Hof zeigt eine sehr ähnliche Anlage wie der der Medressee Schir-Dar, auch hier sind die Zellen der Schüler ringsherum angeordnet und besitzen kleine Vorräume, die sich nach außen zu Nischen umgestalten. Auf der westlichen Seite aber befindet sich ein hoher Kuppelbau, der sich über einer, mit kostbarem Materiale verkleideten Moschee erhebt. Der Sockel ist aus Marmor hergestellt und erscheint derselbe an den Ecken durch Säulchen, in den Flächen durch seichte Nischen gegliedert, darüber erhebt sich ein Fries, der aus zwei über einander gestellten Reihen von ganz kleinen Rundbogenstellungen gebildet wird, während sich darauf ein durch Flachornamente verziertes Band aufsetzt. Die Wände zeigen verschieden gestaltete farbige Decorationen mit Goldornamenten, desgleichen soll auch die Kuppel sehr reiche Vergoldungen aufzuweisen gehabt haben, weshalb sie den Namen die „vergoldete Moschee“ erhielt. Der innere Raum ist ziemlich leer, nur einige Stufen führen zu einer Kanzel von wenig Bedeutung.

 

An der westlichen Seite des Registan, der Medressee Schir-Dar gerade gegenüber, befindet sich die älteste der drei Hochschulbauten, sie wird nach ihrem Erbauer, dem Enkel Timurs mit Namen Mirsa-Ulug-Beg, der ein berühmter Astronom gewesen war, die Ulug-Beg-Medressee genannt, ihr Bau soll im Jahre 1434 vollendet worden sein. Dieses Gebäude hat verhältnismäßig am meisten gelitten und zeigt im übrigen in der Hauptsache die gleiche Anordnung wie die beiden vorherbesprochenen Medresseen. In der Mitte der Façade erhebt sich auch hier ein hoher Pischtak, der Bogen ist ebenfalls in Kielform gewölbt, und befindet sich darüber eine große Inschrift, die mit hellblauen und weißen Steinen hergestellt erscheint. Dieses Portal ist zu beiden Seiten durch Seitenflügel flankiert, die durch Bogenstellungen gegliedert werden und an ihren Enden je ein etwas schief stehendes Minaret aufzuweisen haben. Auch die Decoration ist durch Mosaik und Kachelbelag in der bereits

 

 

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beschriebenen reichen Weise durchgeführt und zeigt ebenfalls die mannigfaltigsten Muster.

 

Der quadratische Hof enthält eine größere Anzahl von Zellen, denen Vorräume, welche Nischen bilden und durch Thüren mit einander verbunden sind, vorgebaut wurden; ebenso ist die Mitte jeder Hoffaçade durch hochgebaute Nischen ausgezeichnet. In der Nähe dieses Baues steht die Ruine eines großen Thurmes, welcher als das Observatorium Ulug-Begs bezeichnet wird.

 

Auf dem Registan selbst, in der Nähe der Schir-Dar-Medressee, befindet sich ein kleines, mit feinen Ornamenten verziertes Denkmal eines Heiligen, das auch hier, wie allgemein üblich, durch einen auf einer hohen Stange angebrachten Rosschweif ausgezeichnet wurde (s. Fig. 15).

 

Der Registan ist auch heute als der Centralpunkt der Sartenstadt aufzufassen und zum Theil von den bedeutendsten Bazaren umgeben, doch hat die Hand der russischen Regierung viel moderne und namentlich sanitäre Maßregeln ergriffen, die sich in der Folge als sehr wohlthätig erwiesen haben, die aber dennoch den einen Nachtheil haben, dass das originelle orientalische Gepräge dieser Stadt verloren gieng. Die früher ebenfalls engen und bedeckten Bazarstraßen sind gefallen, statt dessen durchziehen heute breite offene Straßen die alte Sartenstadt, die überall dem Lichte und der Luft freien Zutritt gestatten. Rechts und links erheben sich neue aus leichten Riegelwänden erbaute Häuschen, die zugleich Werkstatt und Laden oder Theeschänken sind und zuweilen einen Oberstock aufgesetzt erhielten. Einer der hübschesten Punkte ist der Topfbazar (Taf. 11). Die Verkaufsläden sind noch etwas primitiv, dagegen pflegt hier ein recht reger Verkehr zu herrschen und sieht man hier fast zu allen Tageszeiten zahlreiche Sarten zu Fuß, zu Esel oder Pferd diese Straße passieren, zu welchen sich russische Soldaten, Mongolenwägen oder auch ganze Kameel-Karawanen hinzugesellen. Auch hat man von hier einen hübschen Blick auf einen Theil der Schir-Dar-Medressee. Den regsten Verkehr aber findet der Besucher unmittelbar hinter dieser Hochschule (Taf. 12), und zwar gewahrt man auf der

 

 

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hier angeführten Abbildung links einen Theil des Eckthurmes der Rückseite der Medressee Schir-Dar mit seiner Mosaikverkleidung, rechts die Verkaufsläden mit eigenthümlichen Holzstützen und Capitälen und in der Mitte das Durcheinander der Käufer und Passanten in ihrer malerischen Tracht; im Hintergrunde ragt ein kuppelförmiger Bau hervor, dies ist der sogenannte Mützentempel, in welchem die färbigen Mützen, welche die Central-Asiaten auf dem nackten Kopfe unter dem Turban tragen, verkauft werden, sie erscheinen in großer Zahl, hoch hinauf und rings um den Kuppelraum aufgehängt. Diese Kuppel ist noch ein Rest der alten Bazaranlage; es ist nämlich in Central-Asien allgemein Gebrauch gewesen, dort, wo mehrere Bazarstraßen zusammenstoßen, einen derartigen Kuppelbau zu errichten, der ebenfalls als Verkaufsraum verwendet wurde und zugleich einen passenden Ort zum Ausweichen für größere Fuhrwerke bildete. In diesem Theil Samarkands sind noch weitere Bazarstraßen anzutreffen, die nach verschiedenen Richtungen gehen und zum Theil auch noch die alten steinernen Karawanserais enthalten, zum Theil aus ganz neuen Holzbauten bestehen. Am Ende der Hauptstraße gewahrt man rechts den Viehmarkt, auf welchem an Markttagen große Mengen von Kameelen, Pferden, Eseln, Schafen und Ziegen verkauft werden, links dagegen zieht sich der große Getreide- und Mehlmarkt hin, auf welchem die verschiedenartigsten Landesproducte, namentlich Getreide, Mehl, Obst, Flügelvieh, Steinsalz und Alaun in großen Quantitäten zum Verkaufe ausgeboten werden, und ist hier an gewissen Tagen der Woche ein großes Gedränge und Menschengewoge anzutreffen.

 

Neben den bisher besprochenen, sehr bedeutenden Baudenkmalen gibt es in Samarkand noch ein paar immerhin ganz bemerkenswerte Werke der Architektur, die nicht unerwähnt bleiben können, doch wollen wir uns über diese nur in aller Kürze aussprechen.

 

In der Nähe des Registan befindet sich ein alter Friedhof, Tschil-Duchtar genannt, auf welchem über 40 Könige begraben liegen sollen; es sind hier eine große Anzahl von marmornen Grabsteinen aufgestellt, mit zum Theil sehr alten

 

 

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Inschriften, die für die archäologische Forschung von großem Interesse sein dürften.

 

Im Hofe der Scheibani-Medressee, die architektonisch ganz unbedeutend ist und zwischen Registan und Medressee Bibi-ChaEEE NEnim liegt, befindet sich das Grabdenkmal Scheibani-Chans, das früher auf der Straße stand, später aber in diesen Hof kam, da es den Russen bei der Straßenregulierung im Wege stand. Dasselbe besteht aus einem rechtwinkeligen Marmorsockel, welcher einestheils auf zwei Stufen aufsteht und anderntheils durch ein mäßig vorspringendes Gesimse bekrönt wird. Auf

 

Figur 16.

 

 

SCHEIBANI-CHANS GRABDENKMAL.

 

diesem Denkmal ruhen 31 Grabsteine, die von den letzten Ruhestätten der Verwandten Scheibani-Chans herrühren (Fig. 16).

 

Von den außerhalb Samarkands liegenden Denkmalen ist das bedeutendste das Grabmal und die Medressee Chodscha-Achrars, die circa 4 Werst vom russischen Viertel in südwestlicher Richtung gelegen ist. Auf einer staubigen

 

 

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Landstraße, die theils zwischen Feldern und Gärten, theils zwischen Mauern und Wohngebäuden entlang führt, gelangt der Reisende mit den schnellfahrenden Wägen in einer halben Stunde zu der wohnlichen Ansiedelung, die sich in der Nähe des Heiligthumes gebildet hat. Chodscha-Achrar, ein Mann, dessen Weisheit und Frömmigkeit in der ganzen mohamedanischen Welt anerkannt und verehrt wurde, übersiedelte, wie die Berichte lauten, im 15. Jahrhundert von Taschkent nach Samarkand und gründete hier eine Medressee, die zahlreiche Schüler aus ganz Central-Asien anzog. Nach seinem im Jahre 1489 erfolgten Tode wurde er als Heiliger verehrt. (Dr. Albrecht.) Nach den Berichten Ewarnitzkys soll die Medressee, sowie das Grab Chodscha-Achrars erst nach dessen Tode von Nadir-Muhamed-Divan-Begi erbaut worden sein. Die Medressee zeigt die übliche Anlage, ein großes Eingangsportal führt in einen geräumigen Hof, welcher die Zellen der Studierenden enthält, die ebenfalls in Räumen untergebracht sind, die sich hinter nicht sehr tiefen Nischen befinden und nur aus einem Parterregeschoss ohne Oberstock bestehen (Fig. 17). Jede Zelle ist durch eine Thüre zugänglich und wird durch ein oberhalb angebrachtes Fenster beleuchtet; in der Mitte jeder Hoffaçade erhebt sich auch hier eine große Nische, die dem Portal gegenüberliegende bildet den Eingang in eine große Moschee. Auch diese Moschee war einst mit einer schönen Kuppel überdeckt, heute aber liegt alles in Trümmern; ein furchtbares Erdbeben hat den Einsturz des Baues bewirkt. Die noch erhaltenen ornamentalen Formen lassen auf eine prächtige Ausstattung der ganzen Anlage schließen, insbesondere wären die feinen Stuck-Ornamente hervorzuheben, die neben Stalaktiten, sowie färbigem Mosaik und Kachelbelag eine bedeutungsvolle Zierde der Wände bildeten. Der Schutt ist noch in der Mitte des Hofes deponiert, während Stücke von Kachelbelag auf der Erde herum liegen; ich hob ein hübsches Kachelstück auf und beauftragte einen Jungen, es in meinen Wagen zu bringen. Das aber hat ein Mullah gesehen, gieng auf den Jungen zu, ließ ihn mit harten Worten an und veranlasste ihn, das Stück wieder auf den Schutthaufen zu werfen; der Gouverneur hat nämlich streng verboten, dass irgend

 

 

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etwas, und wäre es noch so unbedeutend, aus den alten Denkmalen fortgeschleppt werde.

 

In nächster Nähe dieser Medressee befindet sich das Grabdenkmal des Heiligen. Auf einer von Stufen gebildeten Plattform erhebt sich das marmorene Denkmal in rechtwinkeliger Gestalt und nimmt einen verhältnismäßig großen Raum ein, der Mitteltheil desselben ist durch steinerne Füllungen gegliedert,

 

Figur 17.

 

 

HOFRAUM DER MEDRESSEE CHODSCHA-ACHRAR.

 

steht auf einer wenig vortretenden Plinthe und wird durch eine ebenfalls fast ungegliederte Platte bekrönt. Auf dem Grabmal liegen verschiedene Steine, einzelne aufrecht gestellte Säulenstücke, sowie Widderhörner, die auf den Gräbern der Heiligen nicht zu fehlen pflegen. Verschiedene Inschriften berichten in Kürze über den Lebenslauf der hier beerdigten Personen. Neben dem Grabe Chodscha-Achrars sind zwei Stangen aufgepflanzt, wovon die eine eine weiße Fahne, die andere einen

 

 

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Rosschweif aufnimmt (Fig. 18). Hinter diesem Denkmal befindet sich ein ähnlich gestaltetes kleines Monument, und noch weiter nach rückwärts erstreckt sich ein alter Friedhof. Vor diesem Denkmal gewahrt der Besucher zwei kleine Höfe mit schönen, schattenspendenden Bäumen bepflanzt und einen Brunnen, sowie eine kleine Moschee neueren Datums. Das Ganze macht einen sehr friedlichen und ruhigen Eindruck, wie es die Stätte verehrter Todten machen soll.

 

Figur 18.

 

 

GRABDENKMAL DES CHODSCHA-ACHRAR.

 

In der weiteren Nachbarschaft der Medressee Chodscha- Achrar soll sich noch ein bemerkenswerter Bau befinden, die Moschee Namasga, eine Ruine mit eingestürzter Kuppel, die ich der vorgeschrittenen Zeit wegen nicht mehr besuchen konnte.

 

Wenn der Reisende die entgegengesetzte nordöstliche Richtung gegen Afrosiab-Kala zu einschlägt, gelangt er zu weiteren Merkwürdigkeiten. Zunächst fährt man an einem primitiven Grabmal

 

 

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eines unbedeutenden Heiligen vorbei, das aber immerhin ziemlich typisch für derartige Bauten ist; dasselbe besteht aus einem Kuppelraum und einer Vorhalle, deren Decke von eigenthümlichen Holzsäulen gestützt erscheint, während ein Holzgitter den unteren Theil einschränkt; außerdem ist ein zweiter, kleinerer Raum an die Kuppel angebaut, der ohne Zweifel die Wohnung des Wächters enthält (Fig. 19). Dann geht es über trostlosen Lehmboden, der im Frühjahr mit dem

 

Figur 19.

 

 

GRABMAL EINES HEILIGEN AM WEG NACH AFROSIAB-KALA.

 

herrlichsten Grün bedeckt sein soll, weiter einer Schlucht zu, die von einem Arm des Sarafschan, dem Canal Aryks Siob, durchzogen erscheint. Hier befindet sich das sehr merkwürdige Grabdenkmal des Propheten Daniar oder Daniel, welches keine geringere Länge als die von 18m besitzt; es ist im übrigen ziemlich schmucklos, unten rechtwinkelig, oben rund abgeschlossen und an dem Kopfende mit einer hohen Stirnwand versehen. Als ich dieses Denkmal besuchte, waren Maurer gerade damit beschäftigt, einen hausartigen Bau über dem Denkmal zu errichten. In nächster Nähe stand ein kleines Thürmchen, das sich nach

 

 

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oben zu verjüngte, Nischen für die Opferkerzen enthielt und mit einer Miniaturkuppel bedeckt erschien. Außerdem befinden sich am oberen Ende mehrere Stangen, an welchen Tücher und Rosschweife befestigt sind. Der Grund der ungewöhnlichen Länge dieses Grabdenkmales lässt sich nicht leicht ermitteln, da man aber nicht annehmen kann, dass ein Mensch, und wenn er selbst ein alter asiatischer Heiliger wäre, 18m misst, wird die Annahme am meisten berechtigt sein, dass sich hier ein paar Heilige, der Länge nach, hinter einander bestatten ließen und dann ein gemeinschaftliches Grabdenkmal erhielten.

 

In der steilen Bergwand, die sich über diesem sonderbaren Monument erhebt, gewahrt man Öffnungen in den Felsen, die in den ältesten Zeiten den Eingang zu Höhlenwohnungen bildeten, die durch Gänge mit einander verbunden waren und in einen großen Höhlensaal führen sollen. Ein tieferes Eindringen in diese Gänge war einigen unternehmenden Russen, die dies versuchten, der schlechten Luft wegen unmöglich gemacht worden. Im weiteren Verlaufe der Schlucht befinden sich noch einige Reismühlen, die, von Wasserkraft getrieben, durch ein primitives, aber originelles Klappwerk das Enthülsen des Reises bewirken.

 

Verfolgt der Reisende die Poststraße nach Taschkent weiter, so gewahrt er in der Ferne einen 800m hohen Berg Tschupan-Ata genannt; auf der Spitze befindet sich das Grabdenkmal eines weiteren mohamedanischen Heiligen mit Namen Tschupan, welcher insbesondere als Schutzpatron der Hirten verehrt wird. Dieses Monument, das stets verschlossen ist, bildet einen quadratischen Unterbau, welcher von einer einfachen Kuppel überwölbt erscheint. Wenn der Besucher dann auf der Straße weiter fährt, so gelangt er zum linken Arm des Sarafschan, Kara-Darja, genannt, über welchen eine sehr alte Brücke führt, sie soll in nachtamerlanischer Zeit erbaut worden sein, wird aber allgemein als die Brücke Tamerlans bezeichnet. Es war früher ein imposanter Bau von 16 Bögen, von welchen sich aber bloß zwei erhalten haben; sie sind im Spitzbogen gewölbt und nehmen eine rechtwinkelige Stellung zu einander ein. Der Übergang über diese Brücke ist nicht mehr möglich,

 

 

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vielmehr muss derselbe durch eine nahebei gelegene Furt durch den reißenden Arm des Sarafschan erfolgen.

 

* * *

 

So habe ich denn getreulich berichtet von all dem, was ich in Samarkand gesehen, und von manchem, was ich dort erlebt, ich hoffe, dass der geehrte Leser meinen Aufsatz, der aus einem guten Stück Arbeit nach mancher Hinsicht hin besteht, trotzdem aber bloß als orientierender Reisebericht aufzufassen ist, einer gütigen Beurtheilung unterziehen wird.

 

 

Druck von R. v. Waldheim in Wien.

 

 

Tafel 1. Das Innere des Grabes Tamerlans

 

Tafel 2. Das Äußere vom Grabe Tamerlans

 

Tafel 3. Die Ruinen des Hauptportals der Medressee Bibi-Chanim sammt Straße

 

Tafel 4. Das Äußere der Hauptmoschee de Medressee Bibi-Chanim

 

Tafel 5. Haupt-Portal zu den Gräberhügeln Schach-Sinda

 

Tafel 6. Kachelmosaik der Eingangsnische des Grabes der Schwester des Tamerlan zu Schach-Sinda.

 

Tafel 7. Kachelmosaik der Eingangsnische des Grabes der Schwester des Tamerlan zu Schach-Sinda.

 

Tafel 8. Inneres der Moschee Schach-Sinda mit dem großen Koran.

 

Tafel 9. Façade der Schir-Dar-Medressee am Registan

 

Tafel 10. Façade der Medressee Tillja-Kari am Registan

 

Tafel 11. Topfbazar mit Aussicht auf die Schir-Dar-Medressee

 

Tafel 12. Bazar hinter der Schir-Dar-Medressee mit dem Mützentempel

 

 

 

 

 

Quelle:

Die Baudenkmale von Samarkand : architektonischer Reisebericht / von Zdenko Ritter Schubert v. Soldern

 

SEPARAT-ABDRUCK AUS DER »ALLGEM. BAUZEITUNG« HEFT 2, 1898.

WIEN 1898. SPIELHAGEN & SCHUÜRICH. VERLAGSBUCHHANDLUNG.

 

Dieser Reisebericht wurde einschließlich der Abbildungen durch die Universitäts- und Landesbibliothek Tirol eingescannt und ist unter folgender URN digital verfügbar: urn:nbn:at:at-ubi:2-14076

Link: https://diglib.uibk.ac.at/ulbtirol/content/titleinfo/3464716

 

 

 

 

Zur Geschichte des Christentums in Mittel-Asien bis zur mongolischen Eroberung

Bartolʹd, Vasilij Vladimirovič.
Zur Geschichte des Christentums in Mittel-Asien bis zur mongolischen Eroberung.

 

Berichtigte und vermehrte deutsche Bearbeitung nach dem russischen Original

 

herausgegeben von

 

Dr. Rudolf Stübe.

 

Tübingen und Leipzig
Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1901.

 

 

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Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die Verlagsbuchhandlung vor.

 

Druck von H. Laupp jr in Tübingen.

 

 

____

III

 

Vorwort.

 

Die Herausgabe der vorliegenden Arbeit ist zunächst durch ein wissenschaftliches Interesse an ihrem Gegenstande veranlasst worden. Bis zur arabischen Eroberung ist das Christentum für das Culturleben der westasiatischen Länder vielleicht die bedeutsamste Erscheimung. Bei dem Bestreben, die Ausbreitung des Christentums in den weiteren Zusammenhängen der allgemeinen geschichtlichen Verhältnisse zu verstehen, haben sich mir die Grenzen -- räumlich wie zeitlich -- fast unbemerkt verschoben.

 

Die Ausbreitung des Nestorianismus, für Jahrhunderte der lebenskräftigsten, führenden Macht im orientalischen Christentum, führte zunächst geographisch weit über Syrien und seine nächsten Grenzgebiete hinaus. Die Wege, auf denen sich überhaupt der Culturaustausch zwischen Ost- und Westasien vollzog, sind auch die Bahnen des Christentums gewesen; sie aber führten immer weiter nach Osten durch Persien und Turkestan bis nach China. Und gerade in Inner-Asien und China ist diesen fernsten Zweigen des syrischen Christentums noch ein langes, historisch mannigfach wirkungsvolles Leben beschieden gewesen.

 

 

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IV

 

Damit war auch längst die zeitliche Abgrenzung überschritten, durch die man etwa das orientalische Mittelalter vom Altertum scheiden kann. Das überraschende Bild von der Ausdehnung und Bedeutung des Christentums in Ostasien, wie es Marco Polo giebt, zeigt das Ergebnis einer Entwickelung, die etwa 8 Jahrhunderte umfasst. Mit der mongolischen Zeit erfolgt dann eine vollständige Umwälzung; mit ihr endet ein Zeitraum, den man wohl als die erste Hälfte des orientalischen Mittelalters bezeichnen darf. Diese Periode umschliesst einen vielgestaltigen Reichtum geschichtlichen Lebens. Das Gebiet aber, in dem sich die Bahnen der verschiedenen Kulturen kreuzen, ist Turkestan. Seine historische Bedeutung ist durch seine centrale geographische Lage bedingt; hier sind syrische, chinesische, indische und persiche Kultureinflüsse zur Geltung gelangt und haben in mannigfachen Wechselwirkungen höchst eigenartige und complicierte Kulturverhältnisse geschaffen. Sven Hedins Entdeckungen haben ein ganz überraschendes und zugleich an Problemen reiches Bild der centralasiatischen Kulturverhältnisse enthüllt.

 

Aus der Fülle der historischen Beziehungen, die hier zusammentreffen, ergiebt sich für die Forschung die Notwendigkeit eines Zusammengehens sehr verschiedener Wissenschaften. Unter denen, die an der historischen Erforschung dieser Gebiete beteiligt gewesen sind, wird man in erster Reihe die Namen der Sinologen Stan. Julien, Pauthier, Henry Yule, Friedr. Hirth und Ferd. von Richthofen als Geographen nennen müssen, deren Arbeiten die Grundlagen geschaffen haben.

 

In neuester Zeit sind sodann namentlich russische

 

 

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V

 

Gelehrte mit sehr wertvollen Beiträgen zur Kenntnis Centralasiens hervorgetreten. Im Zusammenhange der soeben angedeuteten historischen Forschungen ist mir eine Arbeit meines verehrten Freundes Dr. Wilh. Barthold in St. Petersburg besonders wertvoll gewesen, die aus zwiefachem Grunde wohl nur wenig deutschen Gelehrten bekannt geworden ist. Sie ist in russischer Sprache geschrieben und unter dem Titel О христіанствҍ въ Туркестанҍ въ до-монгольскіи періодъ. (Das Christentum in Turkestan in der vormongolischen Periode) erschienen in den von Baron Rosen herausgegebenen „Записки восточнаго отдҍленія Ӏмператорскаго Русскаго Археологическаго Общества.“ (Mitteilungen der oriental. Abteilung der Kaiserl. russ. archäolog. Gesellschaft“). Bd. VII. St. Petersburg , 1894. p. 1--32. Schon wegen der Sprache wird diese Arbeit nicht vielen zugänglich sein. Ueberdies steht sie an einer für uns schwer erreichbaren Stelle; denn die genannten Veröffentlichungen sind in Deutschland meines Wissens nur an wenigen Bibliotheken vorhanden.

 

Bei dem reichhaltigen Material, das die vorliegende Arbeit umfasst, glaubte ich annehmen zu dürfen, dass es keine verlorene Mühe sein würde, sie Historikern und Theologen in deutscher Gestalt leichter zugänglich zu machen. Die Genehmigung dazu erbat ich von Herrn Dr. Barthold, der sie mir freundlichst gewährte. Die vorliegende deutsche Ausgabe weist jedoch dem russischen Original gegenüber neben einer Anzahl kleinerer Berichtigungen auch nicht unbeträchtliche Ergänzungen auf, so dass sie in einzelnen Punkten als eine Neubearbeitung gelten darf. Das ist der fördernden Teilnahme Herrn

 

 

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VI

 

Dr. Bartholds zu danken, der mir die besondere Freundlichkeit erwies, meine Uebersetzung im Manuscript nachzuprüfen. Dabei sind nicht nur einige Ungenauigkeiten der Uebersetzung berichtigt worden; Herr Dr. Barthold hat auch die Ergebnisse seiner ausgedehnten Forschungen seit 1896 in die deutsche Bearbeitung eingefügt, indem er auf Grund neuer Erkenntnisse teils einzelne frühere Aufstellungen berichtigen, teils mancherlei neue Mitteilungen geben konnte. Für diese freundliche Teilnahme spreche ich auch an dieser Stelle Herrn Dr. Barthold meinen herzlichsten Dank aus. Zugleich darf ich hier darauf hinweisen, dass die hier vorliegende Arbeit, die nur bis zur mongolischen Eroberung reicht, soeben von W. Barthold selbst in umfassender Weise auch für die mongolische Periode fortgeführt worden ist mit seinem grossen, ebenfalls russisch geschriebenen Werke „Turkestan in der Zeit des Mongolen-Einfalls“ (Туркестанҍ въ эпоху монгольскаго нашествія) Bd. I. Texte. Bd. II. Untersuchungen. St. Petersburg, 1898 und 1900.

 

Ueber meinen eignen Anteil an der Arbeit, die für mich ein Glied in dem oben skizzierten weiteren Zusammenhange bildete, brauche ich hier nur zu bemerken, dass ich eine Reihe der hier im Frage stehenden Probleme in eigner Arbeit vielfach erwogen habe. Soweit ich hier Einzelnes hinzufügen konnte, sind diese Beiträge durch eckige Klammern bezeichnet.

 

Ich lasse diese Arbeit, die mir reiche Belehrung geboten hat, mit dem Wunsche ausgehen, dass sie auch anderen in ähnlicher Weise dienen möge. Zugleich mag sie als ein bescheidener Beitrag dazu helfen, eine Vermittelung

 

 

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VII

 

zwischen der wissenschaftlichen Arbeit in Russland und Deutschland herzustellen, die notwendig geworden ist, nachdem das Russische auf der Grundlage einer grossen Nationallitteratur auch die Sprache der Wissenschaft geworden ist.

 

Gerade die Kenntnis des Orients hat die russische Forschung auf den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten durch eine Fülle wertvoller Arbeiten gefördert. Durch die russischen Gelehrten, die über ein reiches, uns kaum zugängliches Material verfügen, können wir hier manche wertvolle Bereicherung unseres Wissens gewinnen. Wenn diese uns freilich oft schwer zugänglich ist, so tragen die sprachlichen Schwierigkeiten daran nicht die geringste Schuld.

 

Leipzig. im Nov. 1900. R. Stübe.

 

 

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I.

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Von den nestorianischen Inschriften, die im Jahre 1886 im Gebiete von Semirjetschie 1) entdeckt wurden, sind bis jetzt 206 untersucht und nach ihrem Sprachcharakter bestimmt worden durch Prof. D. A. Chwolson und den Akademiker W. W. Radloff 2). Dieser

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1) [Die Provinz Semirjetschie liegt im südlichen Sibirien. Im Süden bildet der Thienschan die Grenze gegen China, im Norden geht die Grenze durch den Balkasch-See. Im Osten liegt das chinesische Gebiet von Kuldscha, im Westen reicht sie bis an den Syr-Darja. Der Mittelpunkt ist die Stadt Wjernij. Im Süden des Gebietes liegt der See Issyk-kul, der keinen Abfluss hat. Der Hauptstrom der Provinz, der Tschu, entspringt im Thien-schan, geht 6 Kilom. westlich vom Issyk-kul vorbei und entsendet einen kleinen Strom (Kutemaldy) nach dem See. In den Balkasch-See ergiesst sich der Ili. -- Die Fundorte der Inschriften sind die alten Kirchhöfe der Dörfer Pischpek und Tokmak. Sie liegen im Thale des Tschu nördlich von der Alexander-Kette etwa 55 Kilom. von einander entfernt. Bis zur Mongolenzeit ist dies Gebiet reich bevölkert gewesen und hat eine eigene Cultur gehabt.]

 

2) [D. Chwolson, Vorläufige Nachricht über die in dem Gebiete Semirjetschie aufgefundenen syrischen Grabinschriften, (= Mémoires de l'Academie Impériale des Sciences de St. Pétersbourg, VIIe. Série t. XXXIV. No. 4) 1886.] -- Syrisch-Nestorianische Grabinschriften aus Semirjetschie, herausgegeben und erklärt von D. Chwolson. Nebst einer Beilage über das türkische Sprachmaterial dieser Grabinschriften vom Akademiker Dr. W. Radloff. Mit drei phototypischen Tabellen und einer ebensolchen, von Prof. Dr. Julius Euting ausgearbeiteten Schrifttafel. St.-Pétersbourg 1890 (= Mémoires de l'Academie Impériale des Sciences de St.-Pétersbourg, VIIe. Série, t. XXXVII. No. 8). [Dazu: Th. Noeldeke in ZDMG Bd. 44 p. 520--528.] Ferner noch: Syrisch-Nestorianische Grabinschriften aus Semirjetschie. Neue Folge. Herausgegeben und erklärt von D. Chwolson, St.-Pet. 1897. -- [D. Хвольсонъ, Сирїискотюркскїя несторіанскія надгобныя надписи XIII и XIV столѣтіи, наиденныя въ Семирѣчьѣ. in: „Восточныя замѣтки“. Санкт-петербургъ 1895, p. 115--129.]

 

Barthold-Stübe, Christentum in Mittel-Asien.

 

 

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2

 

Arbeit ist eine Abhandlung des Prof. Chwolson über die Verbreitung des Nestorianismus in Mittelasien beigefügt, in der annähernd alles gesammelt ist, was auf diesem Gebiete von europäischen Gelehrten gearbeitet worden ist. Indes erschöpfen die Forschungen der europäischen Gelehrten bei weitem noch nicht das Material, das wir bei den orientalischen Schriftstellern finden. Wir haben einige Monographien über die Christen in Mittelasien, die jedoch alle entweder von theologischer oder sinologischer Seite stammen und sich mehr auf das östliche Asien beziehen. Die muslimischen Nachrichten sind dagegen bisher von niemand gesammelt, und mit Ausnahme der Angabe des Rašid-ed-din über die Keraiten 1) wurden sie selten angeführt. Im Hinblick auf diese Sachlage scheint es uns nicht unwichtig, die Angaben darüber zu sammeln und sie mit den Nachrichten über die sonstigen Cultureinflüsse, die sich in jenen Gegenden

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1) Die Keraiten wohnten in der Mongolei östlich vom Orchon; über ihre Annahme des Christentums vgl. weiter unten. Die Worte Rašid-eddin's über die Keraiten sind zuerst von Saint-Martin (Mémoires historiques et géographiques sur l'Arménie, Paris 1818--19, t. II, p. 280) angeführt und seitdem häufig citirt worden.

 

 

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3

 

geltend gemacht haben, zu verbinden.

 

Die ältesten Nachrichten über das Gebiet von Semirjetschie finden sich bei den Chinesen. Die erste chinesische Gesandtschaft in das westliche Turkestan fällt in das Jahr 140 v. Chr.; seit dieser Zeit haben zwischen den Chinesen und den turkestanischen Völkern Beziehungen bis zur Mitte des 2. Jahrh. n. Chr. bestanden, wo sie auf volle drei Jahrhunderte unterbrochen wurden. Semirjetschie war zu dieser Zeit von dem Nomadenstamme der U-sun bewohnt. Aus den chinesischen Nachrichten über die U-sun ist ersichtlich, dass sie sich nach der Höhe ihrer Culturentwickelung nicht von den anderen schamanistischen Nomaden unterschieden. Ihre Gegend war reich an Weideplätzen und Tannenwäldern, aber sehr regnerisch und kalt 1).

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1) Pater Hyacinth (Bitschurin), Собраніе о народахъ, обитавтихъ въ СреднеиАзіи въ древнія времена. (Sammlung von Nachrichten über die Völker, welche in den ältesten Zeiten in Mittelasien gewohnt haben). St. Petersburg, 1851. Bd. III, p. 64. Die Stelle ist der „Geschichte der älteren Han“ (Tsien-Han-šu) entnommen und lautet wörtlich (nach Bitschurin's Uebersetzung) : „Die Gegend ist flach und mit Gras bedeckt; das Land ist zu regnerisch und kalt. Auf den Bergen ist viel Tannenwald. Die Usun beschäftigen sich weder mit Ackerbau noch mit Gartenbau, sondern wandern mit ihren Heerden von Ort zu Ort, wo sie genügend Gras und Wasser finden. Ihre Sitten gleichen denen der Hiong-nu (Hunnen). Ihr Gebiet besitzt eine grosse Zahl von Pferden; reiche Leute haben bis 4000 und 5000 Stück. Das Volk ist grausam, habgierig, treulos und unternimmt gern Raubzüge.“ Der spätere Commentator Sï-ku (VII. Jahrh.) fügt hinzu: „Die Usun unterscheiden sich durch ihr Aussehen bedeutend von den übrigen fremden Völkern des Westens. Von ihnen stammen die blauäugigen, rothbärtigen, affengleichen Türken ab.“ Anders in der französischen Uebersetzung von Vivien des St.-Martin, Les Huns Blancs ou Ephthalites, Paris 1849, p. 32: „Ils avaient les yeux bleus (ou verdâtres), la barbe rousse, et assemblaient à des singes, dont ils tiraient leur origine“. Die deutsche Uebersetzung von Fr. Hirth (Sitzungsb. der k. bayer. Akad. der Wiss. 1899, Bd. II, Heft II, S. 276) stimmt zu der von Bitschurin.

 

 

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Der Haupthandelsweg aus dem östlichen nach dem westlichen Turkestan 1) ging über Kaschgar und Ferghana (Kokan), sodass Semirjetschie noch abseits von der Culturbahn lag 2).

 

Die Beziehungen der Chinesen zum „Lande des Westens“, die um die Mitte des 2. Jahrh. n. Chr. aufgehört hatten, erneuerten sich erst im 5. Jahrh. Die Wandelungen, die sich seitdem in jenem Gebiet vollzogen hatten, waren sehr bedeutend. Nach der „Geschichte der nördlichen Dynastien“ „verschlangen sich die westlichen Fürstenthümer in dieser Periode gegenseitig, und die Ereignisse, die dabei stattfanden, kann man sich

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1) Hyacinth, l. c. III, 63 (aus dem Tsien-Han-šu): „Durch Su-le (Kaschgar) führt die grosse Strasse nach Westen -- nach Ta-yuen (Du-wan, Ferghana), K'ang-kü und zu den grossen Yüe-tschï“.

2) Die Usun werden zuletzt im 5. Jahrh. erwähnt. Grigorieff (Ueber das scythische Volk der Saken, (russisch) St.-P. 1871, S. 148) findet ihre Ueberreste im kirgisischen Stamm der Uïsun, der in der Dsungarei sitzt. Ein Zweig derselben, die Sary-Uïsun, betrachten sich als die Ueberreste eines ehemals grossen, starken Volkes. In demselben (VIII.) Bande der „Zapiski“ (S. 150) macht Petrowski darauf aufmerksam, dass die drei Kirgisenhorden noch heute die Namen Altschin, Argyn und Usun führen. Radloff (Das Kudatku-Bilik, Einleitung, S. LVIII, LXXXI) hält die Usun für einen „westtürkischen Stamm“; vgl. auch die Ansichten von Aristow, wiedergegeben in den Mitth. des Seminars für orientalische Sprachen, Ostasiatische Studien 1, 200), und die entgegengesetzte Ansicht von E. H. Parker (A thousand years of the Tartars, Lond. 1895, p. 254)].

 

 

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unmöglich klar vorstellen“ 1).

 

Die chinesischen Geschichtsschreiber des VI.-X. Jahrhunderts geben uns über die Cultur der mittelasiatischen Völker viel reichere Nachrichten als ihre Vorgänger. Wir finden jetzt zwei Culturcentren, das eine in Transoxanien, das andere in Uïgurien 2), die ihre Bedeutung bis zum Ende des Mittelalters behauptet haben. In Semirjetschie hat sich -- wie wir ferner sehen -- die transoxanische Cultur sehr viel früher als die uïgurische verbreitet. Culturhistorisch ist eine Mitteilung von Interesse über das Nomadenvolk des Jue-han, das nordwestlich von den U-sun sass. Anscheinend waren es Türken, da die Chinesen sie als Nachkommen der Hunnen bezeichnen und sagen, dass ihre Gebräuche und ihre Sprache mit denen der Kao-kü (Uïguren) übereinstimmten. Aber sie unterschieden sich von den übrigen Nomadenvölkern durch Reinlichkeit und wuschen sich täglich dreimal 3).

 

Im VII. Jahrhundert wird zuerst ein neuer Weg aus dem östlichen nach dem westlichen Turkestan durch Semirjetschie erwähnt, obgleich der frühere Weg über Ferghana und Kaschgar kürzer und bequemer war. Die Veränderung des Handelsweges lässt sich aus verschiedenen Ursachen erklären. Zunächst lag Semirjetschie an der Strasse zu den Herrschersitzen der türkischen Chane (um den Altai), deren Herrschaft sich über das

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1) Hyacinth, l. c. III, 137.

2) Hyacinth, l. c. III, p. 149--158 und p. 181-189.

3) Ibid. III, 163. Vgl. dieselbe Stelle in kürzerer Fassung bei Radloff, Das Kudatku-Bilik, Einleitung S. LXI, auch Fr. Hirth, l. c., S. 274. Die einheimische Form des von den Chinesen als Jue-han umschriebenen Volksnamen ist bis jetzt unbekannt.

 

 

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ganze mittlere Asien und einen Teil des östlichen Europa ausdehnte. Die Zeltlager solcher Nomadenherrscher hatten immer die Bedeutung von Mittelpunkten des Handels. Nach dem Jahre 581 zerfiel die Herrschaft der Türken im zwei Hälften. Die Chane der westlichen Türken lebten vorzugsweise in dem ehemaligen Gebiete der U-sun 1). Dadurch musste Semirjetschie noch mehr Anziehungskraft auf die Kaufleute ausüben. Endlich kann man hier noch auf die Wirkung der Unruhen hinweisen, die im VII. Jahrh. in Ferghana ausbrachen und nach den Angaben von Hinen-Thsang mehrere Jahrzehnte andauerten 2). Der Betrieb der neuen Handelswege konnte auf die Ausbreitung der Sesshaftigkeit und Civilisation nicht ohne Einfluss bleiben.

 

Die zuverlässigsten Nachrichten über die Cultur im westlichen Turkestan bietet Hiuen-Thsang, der um das Jahr 629 3) in jenem Gebiet war. Von Aksu aus ging er unter grossen Schwierigkeiten über den Thien-schan, offenbar über den Pass Bedel 4). Nachdem er die Strecke am südlichen Ufer des Sees Issyk-kul entlang zurückgelegt hatte, langte er am Flusse Su-je (= Tschu) an. Hier

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1) Hyacintbh, I, 341. Parker, A thousand years, p. 235.

2) Mémoires sur les contrées occidentales, traduites par M. Stanislas Julien, T. I. p. 17.

3) Im russischen Text ist irrtümlich das Datum 648 angegeben -- das Datum der Abfassung des Reiseberichtes. Die Reise des Hinuen-Thsang dauerte 16 Jahre (629-645), die er grösstentheils in Indien zugebracht hat. Vgl. St. Julien, Histoire de la vie de Hiouen-Thsang, Paris 1853, préf. p. VII.

4) Dieser Pass hatte schon zu dieser Zeit den gleichen Namen (bei den Chinesen: „das Gebirge Pa-ta“). Deguignes, Histoire des Huns, I. sec. partie, p. LXV giebt die Angaben der chinesischen Geographen aus dem Anfang der Han-Dynastie.

 

 

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fand er eine Stadt 1), in der sich die Kaufleute aus den verschiedenen Gegenden versammelten. Westlich davon befanden sich einige getrennt legende Städte, von denen jede ihren eignen, von den anderen unabhängigen Anführer hatte. Alle Häuptlinge aber waren den Türken unterworfen. Von der Stadt am Flusse Tschu bis zur Herrschaft Kie-šuang-no wurde die Gegend Su-li genannt. Die Einwohner trugen den gleichen Namen, mit dem auch ihre Schrift und ihre Sprache bezeichnet wurde. Das Alphabet bestand aus 32 Zeichen. Es gab bei ihnen historische Aufzeichnungen und sie erklärten einander die Schriften. Die Bücher wurden von oben nach unten gelesen. Ueber das Aeussere der Bewohner wird nur berichtet, dass sie von hohem Wuchs waren. Ihre Kleidung bestand aus Baumwolle, Wolle und Leder; grösstenteils flochten sie die Haare und liessen den Wirbel frei. Zuweilen rasierten sie den Kopf vollständig und bedeckten die Stirn mit einem Stück Seide. Sie zeichneten sich aus durch Charakterschwäche, Neigung zur Lüge, Hinterlist, Habgier und zu allen Betrügereien. Die Reicheren unter ihnen genossen ein höheres Ansehen; äusserlich aber unterschieden sich die Reichen von den Armen in keiner Weise. Die eine Hälfte der Bewohner beschäftigte sich mit Ackerbau, die andere mit Handel 2).

 

Die Herrschaft des Kie-šuang-no (bei den Muslim Saganian, bei den Chinesen zuweilen einfach Schï) 3), lag

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1) Der einheimische Name dieser Stadt war Sujab (vgl. unten).

2) Memoires gur les contrees occidentales, 1, 12-13.

3) s. Hyacinth, III, 246-247. Tomaschek, Sogdiana, S. 119.

 

 

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südlich von Samarkand 1). Der Bericht des Hiuen-Thsang nötigt somit zu der Annahme einer culturellen Einheit für die Gegend zwischen den Flüssen Amu-Darja und Tschu. Das Centrum dieser Cultur war aller Wahrscheinlichkeit nach Samarkand. Nach den Angaben des Hiuen-Thsang waren die Bewohner von Samarkand für ihre Nachbarn hinsichtlich der Gesetze der Sittlichkeit und des Anstands 2) massgebend. Aus den Berichten chinesischer Schriftsteller ist auch ersichtlich, dass Samarkand einen bedeutenden politischen Einfluss ausübte 3).

 

Die Reiselinie des Hiuen-Thsang ist offenbar mit derjenigen identisch, die in der „Geschichte der Dynastie T'ang“ angegeben wird 4).

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1) Mémoires sur les contrées occidentales. T. II, p. 283 wird dies Gebiet mit dem mittelalterlichen Kesch, dem heutigen Hissar, identificiert. Diese irrtümliche Bestimmung ist schon von Petrowski in den Zapiski (VIII, p. 150) berichtigt worden. Bekanntlich ist Kesch mit dem heutigen Šahrisebz, nicht mit Hissar, identisch. Ueber Saganian oder Čaganian vgl. Tomaschek, Sogdiana, S. 38; über Kie-šuang-na oder Kesch (alte Form Kiss) noch Marquart, Die Chronologie der alttürkischen Inschriften, Leipzig 1898, S. 56--57.

2) s. Memoires T. I p. 19.

3) Hyacinth, III, 182. Wortlaut (aus der „Geschichte der nördlichen Dynastien“): „K'ang ist ein mächtiges Reich; ihm hat sich die Mehrzahl der westlichen Herrschaften unterworfen, wie Mi, Šï, Tsao, Ho, das kleine 'An (Siau-'An), Na-so-po, Wu-na-o, Mu.“ Näheres über diese Gebiete bei Marquart, Die Chronologie der alttürkischen Inschriften, S. 58–64.

4) Deguignes, Histoire des Huns. T. I. seconde partie, p. LXVI ist in den folgenden Angaben genau wiedergegeben. Vgl. dasselbe Itinerar bei Hirth, Nachworte zur Inschrift des Tonjukuk, S. 72--73 (in Radloff's „Die alttürkischen Inschriften der Mongolei,“ zweite Folge).

 

 

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Vom See Issyk-kul ab (nach Westen)

von dort 40 Li liegt die Stadt Turg,

von dort 110 1) Li liegt die Stadt Ho-la,

von dort 30 Li liegt die Stadt Yé-tschi.

 

Wenn man das Thal durchschreitet, erreicht man die Mündung des Flusses Sui-sche-tschuen 2).

Von dort 80 Li liegt die Stadt Fi-lo-tsian-kiun 3)

Von dort 20 4) Li LIEGT DIE Stadt Sui-yé

im Westen von der vorigen.

 

Nördlich von ihr fliesst der Fluss Sui-yé-schui. Nördlich von diesem Flusse liegt in einer Entfernung von 40 Li das Gebirge Kié-tan, der Sitz der türkischen Chakane 5).

 

Von Sui-yé nach Westen in einer Entfernung von 10 6) Li liegt die Stadt Mi-kou 7),

 

von dort 30 Li liegt die Stadt Sin,

von dort 60 Li liegt die Stadt Tun-kién,

von dort 50 Li liegt die Stadt A-schï-fou-lai,

von dort 70 Li liegt die Stadt Kü-lan,

von dort 10 Li liegt die Stadt To-kien 8),

von dort 50 Li liegt die Stadt Ta-lo-sï (Talas oder Taras).

 

Wir werden noch Gelegenheit haben, auf diese Reiselinie

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1) Nach Hirth 130.

2) Nach Hirth kommt man „aus dem Engpass heraus in die Mündung des Sin-yé-Thales“.

3) Nach Hirth „Stadt des Generals P'ei-lo, deren Lage der Gegend des heutigen Tokmak entsprochen haben dürfte.

4) Nach Hirth 40.

5) Nach Hirth „der Ort, wo der Kakhan der zehn Stämme zum Führer erhoben zu werden pflegt“.

6) Nach Hirth 40.

7) Nach Hirth „Stadt des Landes Mi“,

8) Nach Hirth Schui-kién.

 

 

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zurück zu kommen. Die chinesischen Historiker bezeichnen die Bewohner von Transoxanien als Buddhisten 1). Jedoch verdienen die chinesischen Angaben über die Religionen anderer Völker überhaupt nur wenig Vertrauen; denn in ihnen werden bisweilen solche Religionen verwechselt, zwischen denen überhaupt keine Aehnlichkeit besteht 2). Doch haben wir über den Buddhismus in Transoxanien auch noch andere Nachrichten. Nach den Angaben des Al-Nadîm waren die Buddhisten hier die Vorgänger der Manichäer 3). An einer andern Stelle des Firist wird gesagt: „An diesen Glauben (Buddhismus) hielt die Mehrzahl der Bewohner von Ma-wera'-nahr vor dem Islam und im Altertum fest“ 4). Aus

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1) Hyacinth, III, 183: „Sie verehren den Buddha“ (über die Bewohner des Landes K'ang, aus der „Geschichte der nördlichen Dynastien“).

2) E. Bretschneider, Mediaeval Researches from Eastern Asiatic Sources. London, 1888. Vol. II, p. 294. [Chinesische Angaben im Ming-shi, die sich auf muhammedanische Gebiete Westasiens, z. B. auf Azerbeidjan, beziehen, geben öfter an, „dass die Bewohner dem Buddha Verehrung erweisen“. Sogar der Koran wird einmal als Fo-king d. i. „Buch Buddhas“ bezeichnet. Hirth, China and the Roman Orient, p. 284.]

3) Flügel, Mani, Seine Lehre und seine Schriften. Leipzig, 1862, p. 105. [Nach Turkestan flüchteten die Manichäer in der Verfolgung durch die persischen Könige. Vor ihnen werden die Samanäer als fremde Ansiedler erwähnt. Wenn der Name der Σαμαναῖοι oder Σαρμᾶναι (Clem. Alex. Strom. I, 15) vom sanskr śraman d. i. Asket, Bettelmönch, speciell der buddhistische Mönch, abzuleiten ist, so sind sie Buddhisten gewesen. Darauf führt die Angabe Masûdî's, ihr Meister hiesse Budasp. Kitâb al-Fihrist, ed. Flügel, I, p. 345 (vergl. Bd. II, p. 180) wird XXXXXXX als XXXXX XXX erwähnt. Unter Bûdâsf oder Bûdâsp ist Buddha zu verstehen.]

4) Kitâb al-Fihrist, herausgegeben von G. Flügel. I. Band: Den Text enthaltend von Dr. Joh. Roediger. Leipzig, 1871. S. XXXX, Z. 14: XXXX XXXX XXXX XXXX

 

 

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diesen Worten brauchen wir wohl noch nicht zu schliessen, dass der Buddhismus unmittelbar vor der arabischen Erorberung die herrschende Religion in Transoxanien war. Hiuen-Thsang verweilt bei allen Gebieten, die er durchreist hat, ausführlich bei den buddhistischen Stûhas (Steindenkmälern), Klöstern und dergleichen; vom Buddhismus in Transoxanien aber sagt er kein Wort, abgesehen von den Gebieten, die unmittelbar am Amu-Darja liegen. In der chinesischen Biographie des Hiuen- Thsang 1) wird lediglich gesagt, dass der Herrscher und das Volk von Samarkand nicht an die Lehre des Buddha glaubten, und dass ihre Religion in der Anbetung des Feuers bestand. Es gab hier allerdings noch zwei buddhistische Klöster; aber sie standen vollständig leer. Wenn fremde Einsiedler im ihnen eine Zuflucht suchten, vertrieb sie das Volk mit Feuerbränden. Doch gelang es dem Hiuen-Thsang, in dieser Gegend dem Buddbismus Boden zu gewinnen. Der Fürst selbst trat auf seine Seite; beide Klöster füllten sich aufs neue miteingefügt worden, noch um 400 ist es eine blühende buddhistische Stadt. Sicher ist aber der Buddhismus weit älter als die Beziehungen zu China, wie die beiden buddhistischen Ruinenstädte, die Sven Hedin in der Takla-Makan-Wüste entdeckt hat, beweisen (Durch Asiens Wügsten. 11, 59--79). Zur chinegischen Zeit scheint diese Cultur bereits durch Versandung untergegangen zu Sein. Die chi- negischen Berichte geben bereits Sagen von dem untergegangenen Reiche Tu-ho-lo (= Takla) und wigsen von einer im Sande be- grabenen Stadt Ha-lao-lo-kia. Ganz eigenartig gind die von Sven Hedin in Chotan aufgefundenen Manuscripte, deren Schrift jeden- falls kaum den indigchen Schriftformen zuzurechnen ist, und deren Wegen bisher überhaupt nicht bestimmt ist, Vergl. Sven Hedin, 11, 52. Seit 632 n. Chr. hören wir nichts mehr vom Buddhismus in Ostturkestan. Die arabischen Eroberer gind nie weiter als bis Kaschgar gekommen und auch dieges Gebiet ist nur von einem Beutezug (715 n. Chr.) heimgesgucht worden (vergl. darüber Ta- bari Annales IL 1275--1279). Die Majorität der türkischen Be- herrscher des Landes Scheint den Islam im Jahre 249 K. (960 n. Chr.) angenommen zu haben ; vergl. Ibn-el-Athiri Chronicon VII, 396 und dazu W. Barthold, Die alttürkischen Inschriften und die arabischen Quellen, 8. 28 (in Radloff's, Die alttürkischen In- Schriften der Mongolei, Zweite Folge). Während Sich die archaeo- logischen Denkmäler aus Boragan, Chotan und den Ruinenstädten der Wügste in die historische Entwickelung einordnen lasgen, Sind die paläographischen Funde noch nicht mit Sicherheit nach ihrer gegchichtlichen Beziehung zu bestimmen.] Mönchen. Aber seine nur kurze Zeit andauernde Thätigkeit konnte kaum irgend welche Spuren hinterlassen. Aus seiner Beschreibung ist ferner ersichtlich, dass im östlichen Turkestan eine indische Schrift verbreitet war, im Westen irgend ein anderes Alphabet 2). Die chinesischen

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1) Histoire de la vie de Hiouen-Thsang et de ses voyages dans I'Inde, trad. par Stanislas Julien. Paris, 1853, p. 59--60.

2) [Ueber die buddhistische Cultur in Ost-Turkestan haben wir nähere Nachrichten durch die chinesische Chronik Thai-tsching-jih-tung-tschi, übers. von Abel Rémusat, Histoire de la ville Khotan. Seit etwa 100 v. Chr. besteht eine Beziehung zwischen China und Chotan; 73 n. Chr. ist Chotan dem chinesischen Reiche eingefügt worden, noch um 400 ist es eine blühende buddhistische Stadt. Sicher ist aber der Buddhismus weit älter als die Beziehungen zu China, wie die beiden buddhistischen Ruinenstädte, die Sven Hedin in der Takla-Makan-Wüste entdeckt hat, beweisen (Durch Asiens Wüsten. II, 59--79). Zur chinesischen Zeit scheint diese Cultur bereits durch Versandung untergegangen zu sein. Die chinesischen Berichte geben bereits Sagen von dem untergegangenen Reiche Tu-ho-lo (= Takla) und wissen von einer im Sande begrabenen Stadt Ha-lao-lo-kia. Ganz eigenartig sind die von Sven Hedin in Chotan aufgefundenen Manuscripte, deren Schrift jedenfalls kaum den indischen Schriftformen zuzurechnen ist, und deren Wesen bisher überhaupt nicht bestimmt ist. Vergl. Sven Hedin, II, 52. Seit 632 n. Chr. hören wir nichts mehr vom Buddhismus in Ostturkestan. Die arabischen Eroberer sind nie weiter als bis Kaschgar gekommen und auch dieses Gebiet ist nur von einem Beutezug (715 n. Chr.) heimgesucht worden (vergl. darüber Tabari Annales II. 1275--1279). Die Majorität der türkischen Beherrscher des Landes scheint den Islam im Jahre 249 K. (960 n. Chr.) angenommen zu haben; vergl. Ibn-el-Athiri Chronicon VIII, 396 und dazu W. Barthold, Die alttürkischen Inschriften und die arabischen Quellen, S. 28 (in Radloff's, Die alttürkischen Inschriften der Mongolei, Zweite Folge). Während sich die archaeologischen Denkmäler aus Borasan, Chotan und den Ruinenstädten der Wüste in die historische Entwickelung einordnen lassen, sind die paläographischen Funde noch nicht mit Sicherheit nach ihrer geschichtlichen Beziehung zu bestimmen.]

 

 

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Historiker berichten von der Verbreitung indischer Schriften im östlichen Turkestan und in Afghanistan; aber für die Bezeichnung der transoxanischen und uigurischen Schrift gebrauchen sie ein anderes Wort Hu-šu („barbarische Schrift“).

 

Ueber die transoxanischen Schriftzeichen haben wir eine Nachricht des Al-Nadîm, nach dessen Angabe die Einwohner von Ma-wera-nahr (d. h. Transoxanien) und Samarkand in ihren Büchern manichäische Schriftzeichen gebrauchten 1).

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1) Flügel, Mani, 166-167. [Mani soll danach seine Bücher in einer aus der persischen und syrischen abgeleiteten Schrift geschrieben haben. „Mit dieser Schrift schreiben die Manichäer ihre Evangelien und ihre Gesetzbücher. Die Bewohner Transoxaniens und Samarkands bedienen sich dieses Schriftcharakters in ihren Religionsbüchern, weshalb er bei ihnen als „Schrift der Religion“

 

(XXXX XXXX) bezeichnet wurde.“]

 

 

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Da die Anhänger der verschiedenen dualistischen Sekten im römischen, wie persischen Reiche den gleichen Verfolgungen ausgesetzt waren, so begannen sie bereits im 3. Jahrhundert sich in Transoxanien anzusiedeln. Unter ihnen waren die Manichäer zahlreicher als die anderen Secten; auch verlieh ihnen eine straff ausgebildete Organisation das Uebergewicht. Auf Grund aller dieser Verhältnisse gewannen sie die beherrschende Stellung. Was die anderen Dualisten betrifft, so waren die Deiṣâniten bis nach Churâsân und China verbreitet; aber sie lebten zerstreut und hatten keine Tempel 1).

 

Die Mazdakiten siedelten sich nach der Angabe des Schahrastânî 2) in Samarkand, Al-Schâsch und Ilâk an. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie in dem Gebiet zwischen dem Syr-Darja und Tschu die ersten Verbreiter der Cultur waren und dass sie ebenfalls unter dem Einfluss der Manichäer, denen Sie an Zahl bei weitem nachstanden, unterworfen waren. -- Ein analoges Beispiel finden wir in der muslimischen Periode: In den Gebieten der Samaniden waren die Hanifiten die herrschende Sekte, während die nördlichen Grenzländer des Gebietes von

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1) Flügel, l. c., 161---162.

2) Abu'l-Fath Muhammad asch-Schahrastânî's Religionspartheien und Philosophenschulen. Uebers. von Theodor Haarbrücker. Halle 1850. Teil I. 293.

 

 

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Schafiten 1) bewohnt waren, die anscheinend die ersten Verbreiter des Islam unter den benachbarten Türken waren. Dieser Umstand hinderte aber nicht, dass die Richtung der Hanifiten unter den Türken zur Herrschaft kam. -- Im übrigen übten die mazdakitischen Ideen, wie wir weiter hinsehen werden, auf die Bevölkerung von Transoxanien einen starken und andauernden Einfluss aus.

 

Im 4. Jahrhundert beginnt sodann das Vordringen des Christentums nach dem Osten in einer Massenbewegung, nachdem einzelne Missionare schon früher dorthin gegangen waren. Im Jahre 334 finden wir einen christlichen Bischof in Merw. Aber die Ausbreitung der Christen stand weit hinter der der dualistischen Religionen zurück. Die Verfolgung von Seiten der persischen Könige begann erst, als das Christentum bereits im römischen Reich die herrschende Religion war, sodass die Christen des westlichen Persien, wo sie natürlich in viel grösserer Anzahl sassen als in den östlichen Grenzgebieten, sich leicht in das römische Reich retten konnten. Ausserdem wurde die Verbreitung haeretischer Sekten, wie überall, weit heftiger verfolgt als die Pro- paganda einer fremden Religion. Die Buddhisten, Christen sowie die Marcioniten fanden einen Zufluchtsort in Chorasan 2). Die Deiṣâniten, Manichäer und Mazdakiten

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1) Mukaddasi, Bibliotheca Geogr. Arab. ed. de Goeje, Pars III, p. XXX.

2) Ueber den Buddhismus s. den Artikel von Baron Rogen in Записки восточнаго отдҍленія Ӏмператорскаго Русскаго Археологическаго Общества., III, 161 Bar. Rosen beruft sich hier auf Bêrûni; vgl. Alberuni's India, ed. in the arabic original by Dr. Sachau, p. 10--11; Alberuni's India, english edition by Dr. E. C. Sachau (In Trübner's Oriental Series), London 1888 I, 21. Dort ist übrigens gesagt, dass die Buddhisten sich in die Gegend „östlich von Balch“ zurückziehen mussten. Ueber die Marcioniten vergl. Flügel, Mani, 160.

 

 

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mussten sich ausserhalb der Grenzen des Reiches der Sasaniden ansiedeln. Hiuen-Thsang sagt, dass die transoxanischen Schriftzeichen Su-li genannt werden. Höchst wahrscheinlich ist darunter die syrische Schrift (XXXXX) zu verstehen 1). Es ist bekannt, dass jede dieser in Persien verbreiteten Religionsgemeinschaften ihr eignes Alphabet hatte; das Vorbild oder die Grundlage aller dieser Schriften ist die syrische. Aus arabischen Quellen wissen wir, dass die heiligen Bücher der Manichäer grösstenteils in syrischer Sprache geschrieben waren 2). Auch die Zahl der Buchstaben, die von Hiuen-Thsang angegeben wird, deutet mehr auf die Manichäer als auf Christen hin. Das Alphabet der christlichen Syrer enthält bekanntlich 22 Buchstaben; nur die Grammatik des Elias von Tirhan zählt deren 30, indem sie die sechs Aspirata und griechisches γ und π als besondere Laute mitzählt 3). Das manichäische Alphabet dagegen war reicher;

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1) Die Aehnlichkeit dieses Wortes mit dem kaschgarischen Suli. worauf unter andern Gutschmid hinweist (Kleine Schriften, III, 280) ist wohl zufällig, ebenso die Aehnlichkeit mit Sūrīk (XXXX und XXXX) im Bundeheš (Tomaschek, Centralasiat. Studien I. Sogdiana, p. 13 [= Wiener Sitzungsber. 1887. Bd. 87, p. 77.] Vergl. die Ansicht von Marquart (Die Chronologie der alttürkischen Inschriften, S. 56) über Sūlīk = Soghd und die Entgegung von Barthold (Die alttürkischen Inschriften und die arabischen Quellen, S. 22 n. 1.).

2) Dem Mani gelbst wurden 7 grosse Schriften zugeschrieben, von denen 6 syrisch und eine persisch geschrieben waren. Flügel, Mani 102.

3) E. Nestle, Syrische Grammatik p. 2.

 

 

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es hatte nach Angabe des Al-Nadim mehr Buchstaben als das arabische, d. h. mehr als 28 Zeichen 1).

 

Wir haben über die Verbreitung des Christentums in Transoxanien zur Zeit der Sasaniden keine einzige Nachricht, die als Grundlage einer historischen Untersuchung dienen könnte 2), es ist nur die Vermutung ausgesprochen worden -- von der später noch die Rede sein wird --, dass die Christen schon im VI. Jahrhundert einen Bischof in Samarkand hatten.

 

II.

 

Im VIII. Jahrhundert zerstörten die unaufhörlichen Kriege zwischen den verschiedenen türkischen Stämmen jede Sicherheit in der Gegend. Nach chinesischen Berichten gingen die Ackerbauer, die zur Stadt Talas gehörten, „in Panzern, und schleppten sich gegenseitig in die Sklaverei“ 3). Im Beginn des VIII. Jahrhunderts setzten sich die Araber durch die Eroberungen des Kuteiba

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1) Flügel, Mani 166--167.

2) In den ostsyrischen Synodalcanones über die nestorianischen Bischöfe, die an Synoden der Jahre 410--677 teilnahmen (herausg. von Guidi, ZDMG. 43, p. 388-414) finden wir keine transoxanischen Eparchen. Im Jahre 577 wird der Bischof einer Stadt XXXX (so die Hs. in Mosul) erwähnt. Guidi hat dabei an Samarkand gedacht. Doch hat die römische Hs. XXXX [Guidi conjiciert dafür XXXXX. Die Ortsnamen sind in diesen Canones öfter entstellt]. Interessant ist die Angabe aus dem Jahre 533 über den Bischof von XXXX, wohl für das spätere XXXX XXXX heute Merutschak am Murghab. Andere Nachrichten über diese Eparchie haben wir nicht.

3) Hyacinth III, 245. Vgl. jetzt die deutsche Uebersetzung von Hirth, Nachworte zur Inschrift des Tonjukuk, S. 71.

 

 

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dauernd in Transoxanien fest, obgleich die endgültige Unterwerfung der Gegend bedeutend später unter dem Chalifen Mutassim (833--842) erfolgte 1). Die Schlacht am Flusse Talas (im Juli 751) machte dem chinesischen Einfluss im westlichen Turkestan eim Ende 2).

 

Im folgenden Jahrzehnt unterwarfen die türkischen Karluken (bei den Chinesen Ko-lo-In, bei den Arabern XXXX, XXXX) Semirjetschie und den Gstlichen Teil des Syr-DarJa-Gebietes 3).

 

Die Handelsbeziehungen der Araber zu den mittelasiatischen Völkerschaften begannen schon im 8. Jahrhundert. Ausser dem früheren Wege nach China finden wir jetzt noch einen neuen Handelsweg, der früher nicht genannt wird. Nach den chinesischen Nachrichten liessen die arabischen Kaufleute ein Mal in drei Jahren

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1) Beladsori, ed. de Goeje, p. XXX).

2) Ueber diese Schlacht haben wir arabische (Ibn al-Athir V, 344; Tabari und Beladsori erwähnen sie nicht) und chinesische Berichte. (Klaproth, Tabl. histor. p. 213; vgl. jetzt auch Hirth, Nachworte zur Inschrift des Tonjukuk, S. 82.) In der Abhandlung von Karabacek (Mitteilungen aus der Sammlung des Papyrus Erzherzog Rainer, Bd. I u. III, p. 113) ist fälschlich da Jahr 755 angegeben.

3) Hyacinth I, 372; Marquart, Die Chronologie der alttürkischen Inschriften, S. 25. Es ist auffallend, dass bei Ibn al-Athir (V, XXX) die Karluk schon im Jahre 119 d. H. (= 737) in der Gegend von Tocharistan erscheinen. Dieselbe Nachricht findet sich schon bei Tabari II, 1612; es war wohl ein besonderer Zweig der Karluk. Vgl. Barthold, Die alttürkischen Nachrichten und die arabischen Quellen S. 27. Bei denselben Orten, aber im Norden des Amu-Darja, erwähnt Hiven-Thsang (I, 26) den Türkenstamm der Hi-su oder Ho-su. Tomaschek (Centralas. Stud. I, 40 = Wiener Sitzungsber. Bd. 87, p. 104) spricht die Vermutung aus, dass dies die Ghozz sind.

 

Barthold-Stübe, Christentum in Mittel-Asien.

 

 

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Karawanen mit Seide aus Kutscha nach den Quellen des Jenissei in die Hauptstadt der Kirgisen abgehen. Denselben Weg benutzten die Tibetaner. Unterwegs hielten die Kaufleute im Lande der Karbuken an, wohin die Kirgisen ihnen eine Begleitung zum Schutze gegen die Ueberfälle der Uiguren schickten 1). Diese Handelswege benutzten höchst wahrscheinlich auch die Missionare der verschiedenen Religionen.

 

Die dualistischen Lehren behaupteten sich in Transoxanien ziemlich lange, und die Erhebungen der Dualisten konnten nur mit grosser Mühe unterdrückt werden. Die Anführer der Aufstände riefen die benachbarten Türken zu Hülfe; bisweilen gingen sie selbst zu diesem Zwecke zu den Nomaden und verbreiteten unter diesen ihre Lehre 2). Der Aufstand des Mukanna', die letzte starke Bewegung der Dualisten, wurde um das Jahr 780 unterdrückt. Seine Lehre hatte anscheinend mazdakitischen Charakter, da die Frauen als gemeimsam betrachtet wurden. Nach dem Tode des Mukanna' blieb seine Sekte bestehen. Ihre Anhänger nannten sich Muslime; aber sie beobachteten weder die islamischen Vorschriften des Gebets, noch die Waschungen und Fasten. Die Frauen waren noch ebenso wie früher allen gemeimsam 3).

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1) Damit ist der nördliche Stamm dieses Volkes gemeint, der am Orkhon sass und von dort seine Eroberungen weit nach Westen ausgedehnt hat. Ueber die Handelsbeziehungen vergl. Hyacinth I, 449; Klaproth, Tab. histor. p. 172; E. H. Parker. A thousand years of the Tartars p. 259.

2) Fihrist, I, p. XXX. Al-Bêrûnî, Chronologie oriental. Völker, herausg. von Ed. Sachau, p. XXX. Al-Bêrûnî, The Chronology of eastern nations, transl. by E. Sachau, p. 193-194.

3) Nerchakhy, ed. Ch. Schefer (Desceription topographique de Boukhara, Paris 1892, p. XXX.

 

 

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Nach den Angaben von Makdisi trugen sie weisse Kleidung, und in ihrer religiösen Anschauung näherten Sie sich den „Zendiku“ 1). Noch zur Zeit des Ahmad ibn Muhammad, des Uebersetzers des Nerschachi (die Uebersetzung ist im Jahre 522 H. = 1128 verfasst), war diese Sekte im Gebiet von Kesch und Nachschab sowie in einigen bucharischen Dörfern verbreitet 2). Vielleicht lassen sich einzelne Bräuche, die von neueren Reisenden im nördlichen Teile von Afghanistan und im Quellgebiet des Amu-Darja beobachtet worden sind, noch aus dem Einfluss mazdakitischer Ideen erklären. El-phinstone erzählt von den Hezara (Volk im nördlichen Afghanistan), dass ein Mann, der an der Thür seiner Frau ein Paar Pantofieln findet, sich sofort entfernt 3). Dasselbe berichtet Ahmad ibn Muhammad von den

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1) Wir brauchen die Form Makdisi, da die Benennung von Jerusalem von den Orientalisten jetzt XXXX XXXX und nicht XXXX XXXX (wie früher), gelesen wird. Vgl. jetzt de Goeje's Einwendungen gegen den Gebrauch der Form Makdisi im Journal Asiatique (9, XIV, p. 367). Dem gegenüber machen wir darauf aufmerksam, dass im XXXX XXXX des Sam'ani (Handschr. des As. Mus. 543a, f. 417b) nur die Form Makdisi (nicht Mukaddasi) erwähnt wird. Ueber die verschiedenen Bedeutungen des Wortes XXXX s. die Abhandlung von Baron Rosen, Записки восточнаго отдҍленія Ӏмператорскаго Русскаго Археологическаго Общества, T. VI, 336--340. Hier wird darauf aufmerksam gemacht, dass der Terminus XXXX zuweilen auch zur Bezeichnung von Buddhisten gebraucht wurde.

2) Nerchakhy, l. c.

3) N. Minayeff, Свҍдҍнія о странахъ по веховьямъ Аму-Дарьи [Nachrichten über die Gegenden an den Quellen des Amu-Darja], St. Petersburg 1879, p. 185. Nach Elphinstone, An account of the kingdom of Caubul vol. II, p. 102-214.

 

 

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transoxanischen Haeretikern 1).

 

Aus dem Werke von Nerschakhi können wir am besten ersehen, wie langsam sich der Islam im Transoxanien verbreitet hat. Die heftigsten Gegner des Islam waren die Reichen; die Armen wurden besonders dadurch gewonnen, dass die Araber für jeden Besuch der Moschee je zwei Dirhem bezahlten. Die erste Hauptmoschee in Buchara war von Kuteiba im Jahre 94 H. (= 712/13) erbaut worden; im Jahre 154 H (= 771) erbaute man die zweite Moschee, obwohl die Mehrzahl der Einwohner in jener Gegend noch ungläubig war 2). Die Herrschaft des Islam in ganz Transoxanien begann jedenfalls nicht vor der endgültigen Unterwerfung jener Gegend durch die Araber; dieselbe erfolgte aber, wie wir gesehen haben, erst um die Mitte des IX. Jahrhunderts.

 

Ueber die Propaganda, die der Islam zu dieser Zeit unter den türkischen Völkern übte, finden wir nur bei Jāḳūt Mitteilungen 3). Der Chalif Hischam ibn Abdu'l-Malik (724--743) schickte an den Sultan der Türken einen Gesandten mit der Aufforderung, den Islam anzunehmen. Der Gesandte teilte dem Sultan die Grundsätze des muslimischen Glaubens mit. Darauf veranstaltete der Sultan in Gegenwart des Gesandten eine Heeresmusterung und sagte sodann zu dem Dollmetscher: „Sage diesem Gesandten, dass er seinem Herrn melden möge, dass unter diesen weder Barbiere noch Schmiede

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1) Nerchakhy l. c.

2) Nerchakhy,p. XX, XX, XX.

3) Jacuts, Geograph. Wörterbuch, herausgeg. von F. Wüstenfeld I, 839.

 

 

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noch Schneider sind. Wenn sie Muslime werden und den Vorschriften des Islam folgen, woher sollen sie sich dann Mittel zum Leben verschaffen ?“

 

Für diese Periode haben wir bereits muhammedanische Nachrichten über das Christentum in Transoxanien. Al-Nadim führt die Worte eines „zuverlässigen Zeugen“ (XXXXX) an, nach denen die Bewohner von Sogdiana Dualisten und Christen waren 1). Da hier nichts von Muslimen gesagt wird, so bezieht sich diese Angabe offenbar auf die erste Zeit der arabischen Herrschaft. Nerschakhi (l. c. p. XXX) berichtet, dass in Buchara an derselben Stelle, wo zu seiner Zeit die Moschee

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1) Fihrist, I, p. XXX Das Suffix XXX kann sich übrigens auch auf XXXXX beziehen. Al-Nasafi (XXXXX XXXX = Handschriften des Asiat. Museums in St. Petersburg aa 574 ag, Blatt 8 und abb 574 ag, Blatt 3; in beiden Hss. steht XXXX) schreibt die Gründung dieser Stadt dem Fürsten XXXX von Samarkand, dem Zeitgenossen des Kuteiba, zu. (Die Herausgeber des Tabarî nehmen die Lesart XXXX an; doch ist XXXX zu lesen, wie die chines. Transscription U-le-kia zeigt; vgl. Marquart, Die Chronologie der alttürkischen Inschriften, S. 8, nach Tomaschek, Sogdiana p. 78.) Der Fürst schenkte diese Stadt seinem Bruder. Es ist sehr wohl möglich, dass nach der Eroberung von Samarkand die Aristokraten, die den Islam nicht annehmen wollten, ausgewandert sind und eine neue Stadt gegründet haben. Dasselbe geschah in Buchara (Nerchakhy, ed. Schefer, pp. XXX, XXX). Die Angabe des Al-Madim, dass die Stadt XXXX von Türken bewohnt war, weist auf die Herrschaft einer türkischen Dynastie in Samarkand hin, eine Annahme, für die noch andere Zeugnisse sprechen. Es ist überall XXXX XX zu lesen; näheres über die Stadt s. W. Barthold, Die alttürkischen Nachrichten und die arabischen Quellen, S. 22.

 

 

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des arabischen Stammes der XXXX XX stand, früher eine christliche Kirche (XXXX XXXX) gestanden habe.

 

Die Nachrichten, die die Nestorianer selbst über die Geschichte ihrer Kirche geben, zeigen vielfach Widersprüche und Unbestimmtheit. Die Gründung der Metropolitanen von Herat, Samarkand und China schreiben einige dem Patriarchen Salibazakha (701/2--729/30) zu; andere nennen den Achai (411--415/6), noch andere den Šilā (504–520) 1). Yule meint, dass aus diesen Angaben zu schliessen sei, dass durch Achai ein Bischof -- aber kein Metropolit -- in Herat, und in Samarkand ein Bischof durch Šilā eingesetzt worden sei, während durch Salibazakha die Bischöfe zu Metropoliten erhoben worden seien 2). Aus der Liste der ostsyrischen Bischöfe, die Guidi herausgegeben hat, ist indes ersichtlich, dass Herat bereits im Jahre 430 einen Bischof, und schon 588 einen Metropoliten hatte.

 

Für die Ausbreitung des Christentums unter den centralasiatischen Völkern, die von den Arabern nicht unterworfen waren, wirkte scheinbar besonders lebhaft der nestorianische Patriarch Timotheus (780--819). Von ihm wurde der Missionar Subchaljesu in das Gebiet am Kaspischen Meer entsandt; von dort aus drang er tief

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1) Assemani, Bibliotheca orientalis, Tomus III, pars II, p. 426. Zu den chronologischen Angaben folgen wir den Ansetzungen von Abbeloos und Lamy in ihrer Ausgabe der kirchlichen Chronik des Gregorius Abulfarağ (Gregorii Barhebraei chronicon ecclesiaticum. I-- III Lovenii, 1872-77), die sich auf die Chronik des Elias von Nisibis stützen.

2) Yule, Cathay and the way thither; being a collection of mediaeval notices of China. London, 1866. Vol. I. Preliminary Essay, p. XC-XCI.

 

 

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in Innerasien vor und gelangte bis nach China. Bekanntlich war in China schon von 636 n. Chr. ab eine von O-lo-pen gegründete nestorianische Gemeinde 1). Wenn man den Berichten der Syrer glauben darf, so erhielt der Patriarch Timotheus von dem Chakan der Türken und anderen Königen, die er für das Christentum gewonnen hatte, Briefe 2).

 

Um eine Vorstellung von der culturellen Bedeutung des Christentums in Mittelasien zu gewinnen, wollen wir kurz die Hauptzüge der syrischen Kirche verfolgen.

 

Gegen Ende des 5. Jahrhunderts n. Chr. schützten die Sâsâniden die Nestorianer und trugen durch bewaffnete Macht mit zur Ausbreitung des Nestorianismus unter den persischen Christen bei. Die Vorherrschaft des Nestorianismus in Persien endigte zugleich mit der Herrschaft der Jakobiten in Byzanz. Kaiser Justin I. (518 bis 527) brachte die Bestimmungen des Concils von Chalcedon wieder zur Geltung und vertrieb die Jakobiten. Seitdem hatten die persischen Könige keinen Grund mehr, sie zu verfolgen. Das Uebergewicht war, durch verschiedene Umstände bedingt, bald auf Seiten der Nestorianer, bald auf Seiten der Jakobiten. In Inner-Asien erscheinen jakobitische Bischöfe erst seit der Zeit des Patriarchen Maruthas (624-649), der die Bischöfe von Segestana und Herat ernannte 3). Die

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1) Assemani, Bibl or. III, II, p. 478 ff. [s. Hirth, China and the Roman Orient ; besonders wichtig unter den Quellen die Inschrift von Si-ngan-fu. Vergl. Yule, Marco Polo II, 22 ff. Panthier, De l'authenticité de l'Inscription Nestorienne. 1857, Ders., l'inscription syro-chinoise de Si-ngan-fou. 1858].

2) Ibid. p. 482. 3) Barhebraeus, Chron. eccles. III, 126 f. Assemani, Bibl. or. II, 420.

 

 

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letzten Spuren der Orthodoxie verschwanden in Persien unter Chosrau II. (590-628) 1); erst nach der arabischen Eroberung erhielten die Orthodoxen (Melkiten) aufs neue Zufluss nach Persien und Mittelasien. Zur Zeit des Al-Bêrûnî finden wir einen orthodoxen Metropoliten in Merw 2). Der Streit der verschiedenen kirchlichen Parteien dauerte noch bis in die Zeit der arabischen Herrschaft fort. Die Araber ergriffen meist die Partei der Nestorianer. Unter dem nestorianischen Patriarchen Sabarješu III (1062-1072) war vom Chalifat aus die Bestimmung erlassen worden, dass die Bischöfe der Jakobiten und Melkiten dem Katholikos der Nestorianer untergeordnet und zur Befolgung seiner Edikte verpflichtet sein sollten 3). Zu jener Zeit aber war der Nestorianismus einer strengeren Kontrolle seitens der Staatsregierung unterworfen als die anderen Christen. Seit dem Jahre 987 wurde der Katholikos vom Chalifen -- auch gegen den Willen der Bischöfe-- eingesetzt und unterstützt 4). Erst im Jahre 1142 fand die Versöhnung zwischen dem Katholikos Ebed-Jesu III und dem Maphrian Dionysius statt, wodurch die Streitigkeiten zwischen den Nestorianern und Jakobiten ein Ende fanden 5). Seitdem erweisen sich die Häupter der beiden Kirchen bei jeder Gelegenheit Zeichen der gegenseitigen Anerkennung. Auch in der mongolischen Zeit zeichneten sich

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1) Barhebraeus l. c. I, 266-268.

2) Albêrûnî, Chronologie, ed. Sachau, p. XXX = Chronology, transl. by Sachau p. 283.

3) Assemani, Bibl or. III, II, p. IC f.

4) Barhebraeus, Chron. eccl. III, 256.

5) Ibid. III, 332.

 

 

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die Nestorianer vor den Katholiken durch Toleranz gegenüber anderen christlichen Glaubensgemeinschaften aus 1).

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1) Moshemius, Historia Tartarorum ecclesiastica. Helmstadii, 1741. Appendix XII, p. 48. In einem Briefe eines der mongolischen Chane an Ludwig den Heil. von Frankreich, erhalten in der lateinischen Uebersetzung des Dominicaners Andreas de Longinmello (l. c. p. 51 f.) im Missionsbericht des Bischofs Odo von Tusculum an Innocenz IV, heisst es: „Venimus cum potestate et mandato, ut omnes Christiani sint liberi a servitute et tributo, et angaria, et paedagogiis et consimilibus, et sint in honore et reverentia, et nullus tangat possessiones eorum . . . . . Ita praecepit, quod in lege Dei non sit differentia inter Latinum, et Graecum et Armenicum, Nestorinum, Jacobinum, et omnes, qui adorant crucem. Omnes enim sunt unum apud nos.“ Bemerkenswert sind auch die Beziehungen der Nestorianer zu dem Franziskaner Rubruk, vergl. dessen Reisebericht im Recueil de voyages et de mémoires, publié par la Sociéte de géographie, t. IV, Paris 1839, p. 337. Nestorini occurerunt processionaliter nobis; p. 339: Magna multitudo christianorum hungarorum, alanorum, rutenorum, georgianorum, hermenorum, qui omnes non viderunt sacramentum ex quo fuerunt capti, quia ipsi Nestorini nolebant eos admittere ad ecclesiam suam nisi rebaptizarentur ab eis. Nobis nullam mentionem fecerunt super hoc: immo confitebantur quod Ecclesia Romana esset caput omnium ecclesiarum, et quod ipsi deberent recipere patriarcham a papa, si vie essent aperte. Durch die Gunst, welche die nestorianischen Minister und der Mongolenchan Gujuk (1246 bis 1248) selbst den Christen (offenbar ohne Unterschied der Confession) erwiesen, waren Geistliche verschiedener Nationen an den mongolischen Hof hingezogen. Vergl. d'Ohsson, Histoire des Mongols, II, 235 und den Wortlaut des persischen Textes von Dschuweini in meiner Arbeit Туркестанҍ въ эпоху монгольскаго нашествія (Turkestan im Zeitalter des Mongoleneinfalls), Theil I, Texte, S. 111. Alles dies widerlegt durchaus die Beschuldigung des Johannes de Monte Corvino gegen die Nestorianer: „Nestoriani quidam Christianitatis titulum praeferentis, sed a Christiana religione plurimum deviantes, tantum invaluerunt in partibus istis, quod non permittant quempiam Christianum alterius ritus habere, quantumlibet parvum oratorium nec aliam quam Nestorianam publicare doctrinam.“ (Moshemins, l. c. App. XXXXIIII p. 114 f.). Der katholische Verfasser des „Buches vom grossen Chan“ erklärt den Hass der Nestorianer gegen Monte Corvino daraus, dass er sie zu überreden suchte, sich mit der römischen Kirche zu vereinen, und gesagt hat, dass sie nicht anders selig werden könnten. (Nouv. Journ. asiatique, Tome VI, Paris 1830 p. 69.

 

 

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Bis jetzt hat die Thatsache wenig Beachtung gefunden, dass die Hauptschöpfer der syrischen Cultur persischer Herkunft waren. Dies ist zum Teil durch ihre Namen nachweisbar, teilweise wird es auch direkt durch die syrischen Historiker verbürgt. Unter den Katholici finden sich folgende Perser: Pâpas, Schâhdost, Maanes oder Magnes, Mârabocht, Babuaeus (der Hauptverteidiger der Orthodoxie) und Aba I., der bedeutendste von den Katholici der sasanidischen Zeit. Die beiden letzten waren bis zur Annahme des Christentums Magier. Ausserdem gehört hierher Farhad oder Aphraates, einer der bedeutendsten syrischen Schriftsteller des IV. Jahrhunderts; ferner Narses, der Gründer der Schule von Nisibis, Philoxenus, der Uebersetzer der heiligen Schriften und Hauptbegründer der Lehre der syrischen Jakobiten, endlich der Philosoph Paulus 1) (VI. Jahrh.). Die Cultur der Nestorianer hatte hauptsächlich in drei Städten ihren Mittelpunkt, nämlich in Nisibis, Gundê-Schâpûr 2) und Merw. Am erstgenannten Orte hatte die

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1) Alle diese Angaben stammen aus Barhebraeus, Chronic. ecclesiast.

2) [Der sasanidische Name der bedeutendsten Stadt von Susiana (Chusistan), östl von Susa gelegen, identisch mit den syrischen Beth Lâpâth (im Talm. XXXX), das als Sitz des nestorianischen Metropoliten von Susiana erwähnt wird, wo die arab. Quellen Gundê-Schâpûr haben. Ebenso bei Procop, Bell. Goth. 4, 10 πόλις Βηλαπατῶν. Zur Geschichte der Stadt s. Nöldeke. Tabari, p. 41. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten persischer Märtyrer, p. 41. Ueber ihre Lage: Rawlinson, Journ. Geogr. Soc. of London IX, 72 und Layard, ibid. XVI, 64.]

 

 

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theologische Schule ihren Sitz, deren Gründer -- wie wir oben sahen -- einen persischen Namen trug. Die medicinische Schule von Gundê-Schâpûr hatte für die Entwickelung der arabischen Medicin eine hohe Bedeutung. Auch dies hatten, wie Tabari berichtet, die Nestorianer dem Orient zu verdanken. Unter Schapur II (309 bis 379) kam ein bedeutender indischer Arzt nach Susa; die Einwohner übernahmen seine Kunst und wurden die besten Aerzte in Persien 1). Merw endlich war unter den Sasaniden -- wie bekannt -- eine der bedeutendsten Culturstätten 2).

 

Auch in der arabischen Zeit dauerte die Entwickelung der syrischen Cultur fort. Ausser den Theologen finden wir hier Philosophen, Mediciner, Juristen, Historiker, Grammatiker. Und die nestorianischen Mediciner waren bekanntlich die Lehrer der grossen arabischen Naturforscher und Philosophen, wie auch die Araber den syrischen Uebersetzungen ihre Bekanntschaft mit der griechischen Litteratur verdanken. Die nestorianischen Aerzte der Chalifen hatten sogar einen gewissen politischen Einfluss. Dazu kam, dass die Chalifen auch verschiedene untergeordnete Aemter an Christen übertrugen. Die sittlichen Zustände der Kirche waren aber höchst bedauerlich; grobe Unsittlichkeit und gemeine Habgier waren selbst unter den Mitgliedern der höchsten Hierarchie

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1) Geschichte der Perser und Araber zur Zeit der Sasaniden. Aus der arabischen Chronik des Tabari übergetzt von Th. Nöldeke, p. 67.

2) Istachri, Bibliotheca Geograph. Arab I. p. XXX.

 

 

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gewöhnliche Erschemungen.

 

Indes ist hier noch mit einigen Worten auf das nestorianische Asketentum einzugehen, das für das Leben des mittelasiatischen Christentums von grosser Bedeutung war.

 

Im fünften Jahrhundert machte sich in der nestorianischen Kirche eine Bewegung gegen das Asketentum geltend, wozu der Anstoss von Barsumas ausging. Nach den Concilserlassen vom Jahre 485 erhielten die Mönche das Recht, in die Ehe zu treten, wenn sie sich nicht zu beherrschen vermöchten. Auf dem Concil von 499 wurde festgesetzt, dass die Patriarchen und Bischöfe sich einmal verheiraten dürften; den gewöhnlichen Geistlichen wurde dagegen gestattet, eine zweite Ehe einzugehen. Dies letzte Recht wurde in der folgenden Zeit nur für die Weltgeistlichkeit bewahrt. Dagegen begann schon im 6. Jahrhundert die Reaction, die sich gegen die Ehe der höheren geistlichen Würdenträger richtete. Auf der Synode von 545 unter dem Patriarchen Aba I. (518 bis 552) wurde verboten, verheiratete Personen zu Bischöfen oder Patriarchen zu wählen. Zu Beginn desselben Jahrhunderts wurde der mesopotamische Mönch Abraham aus Kaschkar in Mesopotamien nach Aegypten gesandt; nach seiner Rückkehr in die Heimat führte er nach dem Vorbilde der ägyptischen Ordnung eine strengere Klosterregel ein. Deswegen erhielt er den Beinamen „Vater der Mönche“ 1). Kosmas Indicopleustes erwähnt Einsiedler in Central-Asien 2). Später finden wir bei den

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1) Bibl orient. Tom III, pars II, pp. 872-873.

2) Ibid. p. 92: „Itemque apud Bactros, Hunnos, reliquos Indos, Persarmenos, Medos, Elamitas, atque in tota Pergidis regione Ecclesiae infinitae sunt, Episcopi item, Christianique populi magno numero, Martyres multi, Monachi et Hesychastae.“ Dieselbe Stelle auch p. 872.

 

 

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Nestorianern ein stark ausgebildetes Asketentum. Bei Schachrastani 1) finden wir eine Angabe, nach der es unter den Nestorianern eine besondere Klasse der „Beter“ gab, die sich des Fleischgenusses und aller sinnlichen Vergnügungen enthielten in der Hoffnung, auf diese Weise vollkommene Reinheit des Geistes zu erlangen, sich dadurch zum Himmel zu erheben, Gott zu schauen und alles Verborgene zu erkennen.

 

 

III.

 

Im 9. Jahrhundert dringen die muslimischen Dynastien persischer Herkunft vor. Von grösster Bedeutung ist die Dynastie der Samaniden (874-999), die in Chorasan und Transoxanien, zeitweise auch im westlichen Persien herrschte. Ihre Herrschaft war nach dem Vorbilde der Monarchie der Sasaniden eingerichtet. Das Persische war sogar die Sprache der officiellen Urkunden 2); aber die herrschende Religion blieb der Islam. Die dualistischen Sekten hatten indes immer noch eine grosse Zahl von Anhängern. Wir haben oben die Mitteilungen über die „Zendiker“ unter der Landbevölkerung angeführt.

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1) Religionsgemeinschaften etc., I, p. 267.

2) Mukaddasi: Bibl. Geogr. Arab. III, p. XXX, Zeile 12--13. Im XXX XXX sagt Hamdulla-Mustaufi-Kazwini, dass Ahmed ibn Ismail (907-914 XI) aus Frömmigkeit von neuem die Verfügung erliess, dass die officiellen Urkunden in arabischer Sprache zu schreiben seien statt in persischer (Nerchakhy, ed. Schefer p. XXX, in dem Kapitel über die Semaniden aus dem XXX XXX, das der Ausgabe Schefers beigefügt ist).

 

 

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Nach dem Untergange der Sasaniden wandten sich die Manichäer zum Teil nach dem westlichen Asien; unter dem Chalifen Muktadir (908-932) waren Sie von neuem genötigt, sich nach Osten zu entfernen, wo sie sich den gleichen Verfolgungen von Seiten der Samaniden aussetzten und nur durch den Schutz, den ihnen der Chākān der Tughuzghuz 1) gewährte, Rettung fanden. Seit dieser Zeit hatte das Haupt der Manichäer seinen Sitz in Samarkand 2).

 

Ueber das Christentum in den Gebieten der Samaniden haben wir einige Nachrichten. Am wichtigsten ist die Mitteilung des Ibn Haukal 3) über die Christen in Samarkand. In der Umgebung von Samarkand zeichnete sich besonders der Berg Sawdar 4) im Süden der Stadt durch Fruchtbarkeit und gesunde Luft aus, von hier aus hatte man einen Blick auf einen grossen Teil von Soghd. Der Berg war mit Feldern und Fruchtgärten bedeckt und mit künstlicher Bewässerung versehen. Hier lagen die Ansiedelungen der Christen, ihre Klosterzellen und der Versammlungsort ihrer Gemeinde. Ibn Haukal sah dort einige Christen

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1) Ueber den Namen vergl. weiter unten.

2) Flügel, Mani, pp. 105--106.

3) Bibl Geogr. Arab. II, XXXX.

4) So hiess damals das Gebirge, welches die Südgrenze des Zerrfschan-Gebietes bildet; in späteren Zeiten (seit dem XII. Jahrhundert) wurde mit diesem Namen die ganze Gegend südlich von Samarkand bis zum Gebirge bezeichnet. Vergl. meinen Artikel in der Festschrift zu Ehren von Bar. Rogen (XXXXX. Сборникъ статеи улепикол бар. Б. Р. Розена, Спб. 1897), S. 15 (Auszug aus Hafiz-i-Abrû) und Memoirs of Baber, transl. by Erskine,p. 54 (wo irrthümlich Shâdwâr statt Shâwdâr).

 

 

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aus Irâk, die durch das herrliche Klima und die Fruchtbarkeit der Gegend dorthin geführt waren. Der Name dieser Ansiedelung wird in den Handschriften verschieden überliefert (XXX XXX XXXX). Ausserdem erwähnen Ibn Haukal 1) und Jakût 2) eine christliche Ansiedelung (XXXX XXX XXX XXX) an der Grenze des Gebietes von Taschkent.

 

Auch dieser Name wird in verschledenen Formen überliefert (vgl. unten Anm. 1 und 2). Endlich spricht Istachri 3) von einer christlichen Kirche bei Herat. Wie bedeutend die Metropolis von Merw war, kann man daraus ersehen, dass Al-Bêrûnî den chorasanischen Metropolitan mehrmals „Katholikos“ nennt. Die Zahl der Christen war im übrigen nicht gross. Nach dem Bericht von Makdisi 4) sassen im Herrschaftsgebiet der Samaniden viele Juden und wenige Christen.

 

Die Samaniden unternahmen selten Feldzüge ins Gebiet der Türken, sie beschränkten sich meist auf die Verteidigung ihrer eignen Besitzungen 5). Nur einige angrenzende Städte waren von ihnen besetzt worden. So nahm Nub ibn-Asad (unter dem Chalifen Mutasim 833-842) den Türken das Gebiet von Isfidjab 6), welches einst von den Arabern erobert, später wieder verloren

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1) Bibl. Geogr. Arab. p. XXX, Zeile 12: XXX, (XXX,XXX, XXX, XXX, XXX).

2) Ed. Wüstenfeld, III, XXX. Zeile 8: xxx

3) Bibl. Geogr. Arab. I, XXX. 4) Ibid. III, XXX,

5) Ibid. VI, 204 (Kudama).

6) Heute das Dorf Sairam, in der Umgebung der Stadt Tschimkent.

 

 

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war 1). Im Jahre 280 d. H. (= 893/94) nahm Isma'il ibn Ahmad Talas 2). Im 10. Jahrhundert nahmen die Samaniden den Türken den Ort Heft-deh (= XXXX = „Sieben Dörfer“), der an der Grenze von Ferghana lag 3).

 

Die Handelsbeziehbungen der muslimischen Völker zu den ostasiatischen Völkern waren in jener Zeit sehr ausgedehnt; das östliche Thor von Samarkand hiess „das chinesische“ 4). Der Weg nach China führte durch den Herrschaftsbereich dreier türkischer Völker: der Ghozz, der Karluk und Tughuzghuz 5). Die ersten wohnten in

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1) Beládsori, ed. de Goeje, XXX.

2) Nerchakhy, ed. Schefer, p. XXX.

3) Bibl. Geogr. Arab. II, XXX (Ibn Haukal).

4) Bibl. Geogr. Arab. II, XXX.

5) Dieser Volksname (bei den Arabern XXX) ist zuerst Taghazghaz gelesen worden; Grigorieff hat zuerst die Lesung Toghuzghur = Tokus Uigur vorgeschlagen, welche Lesung von den meisten Gelehrten, u. A. von de Goeje (noch im VI. Bande der Bibl. Geogr. Arab.), angenommen war. Im Vorwort zum VII. Bande derselben Sammlung (p. VIII) wird Nöldekes Ansicht mitgeteilt, wonach der Name dieses Volkes XXX XXX nicht XXX XXX -- zu lesen ist. Nöldeke berief sich auf einen Pehlewi-Text des IX. Jahrhunderts (Brief des Mânôčihr, persischen Oberpriesters, der 881 lebte) (West, Pahlavi-Texts II = The Sacred Books of the East, ed. M. Müller, Vol. XVIII. p. 329) wo „in absolut deutlicher Pâzend-Schrift“ geschrieben ist: Tughzghuz. In dem erwähnten Texte werden über dieses Volk keinerlei Nachrichten gegeben, aus denen wir ersehen könnten, ob wir es hier mit den arabischen XXX XXX oder irgend einem Teil der Ghozz zu thun haben. Durch den Gebrauch der Bezeichnung Tokuz-Oghuz in den Orchon-Inschriften wird jedoch Nöldeke's Ansicht vollkommen bestätigt; vgl. Barthold, Die historische Bedeutung der alttürkischen Inschriften, S. 8 und Derzelbe, Die alttürkischen Inschriften und die arabischen Quellen, S. 28.

 

 

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der Gegend des Kaspischen Meers bis zum Distrikt von Isfidjab (um Tschimkent); die zweiten hatten das Gebiet ostwärts von den arabischen Besitzungen in Ferghana in einer Ausdehnung von 30 Tagesreisen inne; die dritten hatten die übrigen Gebiete bis China besetzt 1). Es sassen hier natürlich auch andere Nomaden, aber ihrer Bedeutung nach traten sie weit hinter den erwähnten Völkern zurück.

 

Die ausführlichste Beschreibung des Weges aus dem westlichen Turkestan nach dem östlichen finden bei Ibn-Churdādbeh und Kudāma 2). Die Lesung der Städtenamen bietet bei der Eigentümlichkeit der arabischen Schrift grosse Schwierigkeiten; de Goeje liest sie folgendermassen:

 

Von der Stadt Tarâz nach Unter-Nušağân = 3Paras.

 

von dort nach Kasra-bâs = 2 Paras

von dort nach Kul-Šub = 4 Paras

von dort nach Ğul-Sub 3) = 4 Paras

von dort nach Kulân = 4 Paras

von dort nach Birki (Mirky) = 4 Paras

von dort nach Asbara = 4 Paras

von dort nach Nûzkat = 8 Paras

von dort nach Charanğawân = 4 Paras

von dort nach Ğul = 4 Paras

von dort nach Sârig = 7 Paras

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1) Bibl. Geogr. Arab. II, XX-XX.

2) Bibl. Geogr. Arab. VI, arab. Text p. 28--29, 205---206; Uebers. p. 157-158.

3) Bei Kudâma, wird diese Stadt nicht erwähnt; die Entfernung von Kul Šub bis Kulân wird auf 4 Paras. bestimmt.

 

Barthold-Stübe, Christentum in Mittel-Asien.

 

 

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von dort bis zum Sitz des türkischen Châķân =4 Paras.

von dort bis XXXX 1) = 2 Paras

von dort bis Newäket = 2 Paras

von dort bis Banğiket = 1 Paras

von dort bis Sujâb = 2 Paras

 

Von Sujâb erreichten die Karawanen in 15 Tagen (die türkische Post in 3 Tagen) Ober-Nušağân.

 

Unmittelbar nördlich von dieser Strasse begann die sandige Steppe; im Süden zog sich ein Gebirge entlang, nämlich die Alexander-Kette. In Kașrâ-Bâs waren die Winterquartiere der Karluken, unweit davon die Winterquartiere der Kalağen. Zur rechten Seite des Weges zwischen Kașrâ-Bâs und Kul-Šub lag ein Berg, auf dem Klee, Gemüse und Früchte in reicher Fülle wuchsen. Bedeutendere Punkte bis zu Newâket waren Kulân und Mirki. Newâket war eine grosse Stadt; von dort ging ein gerader Weg nach Ober-Nušagân. Die Stadt Sujâb zerfiel in zwei Hälften: in Kobâl und Sâgur-Kobâl.

 

Diese Reiselinie hat Tomaschek 2) in seiner Recension von de Goeje, De Muur van Gog en Magog erörtert und mit der obenangeführten chinesischen Route aus der „Geschichte der Dynastie T'ang“ (T'ang-šu) zusammengestellt. Auf diese Weise sucht er die überlieferten Namen der Städte zu bestimmen und kommt zu folgenden Ergebnissen:

 

1) Tarâz ist zu identificieren mit dem 5 Farsang südlich von Aûlié-atâ gelegenen Talas (in arab. Zeit ist dort Šilği bezeugt 3)).

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1) Wie dieser Name zu lesen ist, weiss man nicht.

2) WZKM III, 103--108.

3) Die arabischen Nachrichten zeigen deutlich, dass die in den Bergen gelegene Stadt Šilği von der Handelsstadt Tarâz durchaus verschleden war; vgl. besonders Bibl. G. A. III, 284---275. Tarâz lag wahrscheinlich an der Stelle des heutigen Aulie-Ata. Vergl. darüber und über die folgenden Stationen die Ausführungen des Obersten Kallaur, wiedergegeben in den Mitteil. des Seminars für orientalische Sprachen, Westasiatische Studien, I, 167.

 

 

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2) Kasra-bâs könnte die im Schâh-nâmeh zweimal erwähnte Türkenfestung XXX XXX (Kâčâr-bâši) sein ; wahrscheinlich lag es an der Stelle von Aûlié-atâ 1).

3) Kûlân XXXX ist der heutige Posten Tarty; bei den Chinesen heisst der Ort Kiu-lân (70 Li westlich von Ašpara, 140 2) Li östlich von Ta-lo-sse).

4) Ašpara XXXX (chines. 'O-ssï-po-lai) an dem Bache Asbara, wo heute Tschaldawar liegt. Nach Scheref ed-dîn liess Timur 1406 die östlich vom Berge Kû-lân gelegene Festung Ašpara neu aufbauen.

5) Der Name Nûz-kat -- bei Muķaddasi Nûškat -- ist auf Grund der chinesischen Schreibung Tung-kiën vielleicht XXXXX (Tûm-kat) zu lesen; es liegt am Aksu; vielleicht identisch mit dem heutigen Ak-su.

6) Ğûl XXXX fällt auf das heutige Pišpek. Nach Rašid ed-dîn lag Ğûl 3) zwischen den Naïman im Norden und den Buri-Tibet im Süden. Edrîsî erwähnt einen Weg, der von Akhsî-kat im Ferghâna ausgeht, in 6 Tagen zu einem hohen Bergpass, dem Kara-kol in der Alexanderkette, und von dort in 3 Tagen nach Ğûl führt.

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1) Nach Kallaur an der Stelle der Ruinen Achyr-Tasch.

2) So bei Tomaschek; im T'ang-šu nur 60 (vgl. oben S. 11).

3) Dieses Ğul (das Wort heisst bekanntlich „Steppe“) hat je- denfalls mit dem Ğul der Araber nichts zu thun.

 

 

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7) Für Sârig XXXX (türk. sargh = gelb) kann auf Grund des chinesischen Mie-kuë vielleicht XXXX Mârgh („Grassplatz“?) gelesen werden.

8) Den Sitz des Châķân der Karluken nennt Hiuen-Thsang Suï-ye-šuï, „einen Sammelplatz der Kaufleute aus allen benachbarten Reichen“ 1). Der Fluss Suï-ye-šuï ist der Tschu; die heutigen Ruinen bei Toķmak bezeichnen den Ort. Hier fanden sich auch zahlreiche Grabsteine der türkischen Christen.

9) Sûï-âb (statt XXX liest Tomaschek XXX oder XXX = Konâk oder Katâk) ist bereits am Westende des Issyk-Kul zu suchen 2).

 

Für XXX Nušağân zieht Tomaschek die Lesung XXX Bars-chân vor. Er verbindet es mit dem Namen einer der Quellflüsse des Naryn (d. b. des oberen Jax-artes) - Barskaun. So heisst auch der in der Nähe liegende Bergpass 3).

 

Die Identificierung der chinesischen Bezeichnungen mit den arabischen wird dadurch erschwert, dass die

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1) Vgl. die oben angeführte chinesische Reiseroute, aus der ersichtlich ist, dass die Stadt am Sui-yé mit Sujab, nicht mit dem Sitze des Türkenchans identisch ist.

2) Der Tschu tritt indes überhaupt nicht aus dem See Issyk-kul aus.

3) Diese Ansicht von Tomaschek wird jetzt durch die vom persischen Schriftsteller Gardizi (XI. Jahrh.) angeführte Volksetymologie bestätigt. Vgl. den persischen Text in meinem „Bericht über eine Reise nach Mittelasien zu wissenschaftlichem Zweck“ [russisch], Спб 1897, p. 89: XXXX XXXX XXXX XXXX („man gab ihm den Namen Barskhan, d. h. Herrscher von Fars“).

 

 

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ersten zum grössten Teil in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts zurückgehen, die letzten aus dem Ende des 9. Jahrhunderts Stammen. In 2½ Jahrhunderten aber können sich nicht nur die Namen der Städte ändern, sondern auch die Richtung des Karawanenweges.

 

Die Chinesen rechnen von Kulan bis Talas 60 Li, bis Ašpara 70 Li, die Araber geben die erste Strecke auf 17, die zweite auf 8 Farsangen an. Unter diesen Verhältnisszen kann uns die chinesische Transcription kaum sichere Hinweise geben. Es wird vorläufig das sicherste sein, die Lesarten von de Goeje beizubehalten, nicht als ob sie für absolut sicher gelten könnten, sondern weil wir keine ausreichenden Gründe haben, sie aufzugeben.

 

Als ganz sicher kann die Lage von Mirki oder Merke angesehen werden, das seinen Namen bis heute behalten hat 1). Ebenso steht die Lage von Ašpara an dem Flusse desselben Namens fest, es ist das heutige Tschaldawar 2). Von Tschaldawar bis Merke werden 26 Werst gerechnet 3). Danach kommt ein Farasang bei Ibn Churdādbeh und Kudāma etwa 6 Werst (6½ Kilometer) gleich. Nusket entspricht nach der Ortslage thatsächlich der Station Bielowodsk (russischer Name für Aksu, 50 Werst von Tschaldawar). Ğul lag wahrscheinlich etwas östlicher als Pischpek, das von der Station Bielowodsk etwa 40 Werst entfernt ist, was für 8 Farasangen

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1) [Merke liegt nördlich von der Alexanderkette (unter 43° n. Br.), Andree, Handatlas Nr. 131/132.]

2) [Stieler, Handatlas, Nr. 59 u. 60, wenig östl. von Merke.]

3) Die Entfernungen sind den officiellen „Handbüchern für das Verkehrswesen des russischen Reiches“, St. Petersburg, 1888. Mit Nachträgen von 1889, 90. 91. entnommen.

 

 

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zu wenig ist!), Saryg kann man bei Tokmak ansetzen (58 Werst von Pischpek), die Hauptstadt des türkischen Khans bei Alt-Tokmak (17 Werst vom vorigen); Newaket bei der Station Džil-Aryk (26½ Werst von Alt-Tokmak). Letztere Stadt wird uns noch vorkommen; sie wird bei Ibn al-Athîr 2) schon unter dem Jahre 119 = 737 erwähnt. Wenn die von den arabischen Geographen angegebenen Entfernungen richtig sind, so muss Sujab 3) noch erheblich weiter nach Westen als der Issyk-kul liegen. Die Entfernung zwischen dem Oberlauf des Tschu und Barskaun ist für einen Karawanenweg von 15 Tagen oder eine Postfahrt von 3 Tagen zu unbedeutend 4).

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1) Wie ich mich später mit eigenen Augen überzeugen konnte, ging der Handelsweg im Mittelalter etwas südlicher als die heutige Poststrasse. Die Lage des alten Ğul bezeichnen wahrscheinlich die Ruinen beim Dorfe Alamedyn, wenig südlich von Pischpek, wo sich auch die christlichen Grabsteine befinden. Vgl. meinen Отчетъ о поѣздки въ Срединю Азію, S. 25, 31.

2) Vol. V, p. XXX. Auch bei Tabari (II, 1593).

3) Bei Tabari, II, XXXX unter dem J. 103 = 72½.

4) Die Angaben der arabischen Geographen sind damals von Tomaschek und auch von mir falsch verstanden worden. Ober-Barschan lag in der That am See Issyk-Kul, am südöstlichen Ufer; der nächste Weg dorthin führte von Newaket (etwas östlich vom heutigen Tokmak) längs dem Tschu, durch die Schlucht Buam und längs dem Südufer des Sees. Ein anderer Weg führte von Newaket nach Norden durch Sujab; diese Stadt lag nach den chinesischen Angaben südlich vom Tschu, wurde 758 von den Chinesen zerstört und, wie das Itinerar des Gardîzi zeigt, später nördlich vom Tschu, unmittelbar südlich vom Pass Kastek wieder aufgebaut. Der Weg von Sujab nach Ober-Barschan ist mit dem Wege über den Pass Kastek nach dem heutigen Wjernij und von da über den Tschilik und den Pass San-Tasch identisch. Dadurch wird die Angabe, dass die Karawanen diesen Weg in 15 Tagen zurücklegen, vollständig erklärt. Vgl. meinen Отчетъ о поѣздки въ Срединю Азію, S. 89--90, 102, und meine Abhandlung „Die alttürkischen Inschriften und die arabischen Quellen, S. 18, Anm.

 

 

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Es gab noch einen Weg aus Ferghana nach Ober- Barschan. Von Usgen (in Ferghana) bis zur „'Akaba“ (Bergpass) rechnete man eine Tagereise, und ebensoviel von der 'Akaba bis zu der Stadt Atbasch, die auf einem hohen Hügel gelegen war, von dort bis Ober-Barschan 6 Tage. Zwischen diesen Städten waren Weideplätze und Quellen, aber kein einziges Dorf 1). Die Stadt Atbasch lag offenbar am Flusse Atbasch, der auf dem Gebirgszuge gleichen Namens entspringt, unweit der Grenze zwischen dem russischen und chinesischen Gebiet. Die Entfernung zwischen Usgen und dem Flusse Atbasch (über 200 Werst) ist für zwei Tagereisen zu gross, besonders bei dem gebirgigen Charakter der Gegend; wahrscheinlich hat sich hier ein Fehler eingeschlichen, da nach der Angabe Kudāma's Atbasch, gleichweit von Tibet (d. h. dem tibetischen Gebiet), Ferghana und Barschan 2) entfernt lag.

 

Einer der Hauptgegenstände des Handels der Araber mit den mittelasiatischen Völkern war Moschus, der von verschiedenen Seiten zugeführt wurde: aus Tibet, Indien, China, von den Tughuzghuz, Kirgisen und anderen Seiten;

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1) Bibl. Geogr. Arab. VI, p. 22, 160.

2) Ibid. p. 160. Der Weg von Oltbasch nach Usgen durch das Thal des Arpa und über den Pass Jassy wird in der Geschichte Timurs erwähnt. Pétis de la Croix, Histoire de Timur-Bec, I, 255-256. Zafarnamah, ed. by Maulavi Muhammad Ilahdad, Calcutta, 1887; I, 256–258.

 

 

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als der beste galt der tibetische 1). Die Kirgisen lebten damals nördlich von den Tughuzghuz; ihr Gebiet grenzte nach Ibn Hauķal an die Länder der Tughuzghuz 2), der Kimak, der Karluk, der Ghozz und an das Meer.

 

Wir mussten so lange bei der Feststellung der Handelswege verweilen, weil sie die Bahnen sind, auf denen sich auch die religilöse Propaganda bewegen musste. Wir haben bereits gesehen, dass die Türken sehr früh der Propaganda der verschiedenen dualistischen Sekten, besonders der Manichäer zugänglich waren. Wenn man Masdi glauben dürfte, so hätten sich im 10. Jahrhundert nur die Tughuzghuz zum Manichäismus bekannt ?); doch stimmt das nicht mit anderen Nachrichten überein. Ibn al-Faķîh sagt, dass die Türken grösstenteils Zendiken waren 4). Al-Bêrûnî hält den grösseren Teil der Osttürken, die Chinesen, Tibeter und einen Teil der Inder für „Manichäer“ 5). Die Worte Masdis sind warscheinlich so zu verstehen, dass der Manichäismus seine volle Entfaltung nur bei der (den Tughuzghuz unterworfenen) sesshaften Bevölkerung von Ostturkestan fand, die natürlich weit höher cultiviert war, als die übrigen Türken. Die Nomaden dagegen bewahrten

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1) Bibl. Geogr. Arab. VII, XXXX (Al-Ja'kûbî), II, XXXX (Ibn Haukal). Statt XXXX (VII, XXXX) ist vielleicht XXXX zu lesen.

2) Bibl. Geogr. Arab. II, XXXX, Zeile 17--18.

3) G. Flügel, Mani, p. 387.

4) Bibl. Geogr. Arab. V, XXXX, Zeile 10.

5) Chronologie ed. Sachau, p. XXXX Chronology, transl. by Sachau, p. 191. Hierbei liegt wohl eine Verwechslung vor; die Angaben sind auf den Buddhismus zu beziehen.

 

 

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bei Annahme einer neuen Religion immer die meisten ihrer schamanistischen Gebräuche und religiösen Vorstellungen. Uebrigens ergiebt sich aus dem Bericht des arabischen Reisenden Temim ibn Bahr al-Mutanna'i 1), dass die Manichäer nur in der Hauptstadt der Tughuzghuz die Mehrzahl der Bevölkerung bildeten, in den übrigen Teilen des Landes aber die Anhänger Zoroasters. Die uigurischen Manichäer verbreiteten ihre Religion sogar bis nach China 2). Danach ist es kaum wahrscheinlich, dass ihre religiöse Propaganda auf die ihnen stammverwandten Völker überhaupt keinen Einfluss gehabt haben sollte 3).

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1) Jâkût, I, 840. Ebenso bei Kudama (Bibl Geogr. Arab. VI, Text p. 262; falsche Uebersetzung bei de Goeje, ib. Trad. p. 203).

2) In der „Geschichte der Dynastie der T'ang“ (T'ang-šu) ist nach der Uebersetzung von Hyacinth I, 415 gesagt, dass die uigurischen Manichäer (Moni) zuerst 806 nach China gekommen seien. Vgl. auch Parker, A thousand years of the Tartars, p. 280. Aber Palladij, der sich auf dieselbe „Gesch. der Dynastie T'ang“ beruft, sagt, dass die Manichäer schon im 6. Jahrhundert in China bekannt waren, dass 768 in der Hauptstadt und andern Städten Klöster für die uigurischen Moni erbant waren (Wostočnij Sbornik I, 51).

3) Der Verfasser ist noch jetzt der Ansicht, dass die Zusammenstellung der arabischen Nachrichten mit den chinesischen notwendig zu dem Schlusse führt, dass die Manichäer in der Geschichte Mittelasiens eine grosse Rolle gespielt haben, obgleich diese Thatsache in den letzten Jahren bestritten worden ist. Vgl. Dutreuil de Rhins, Mission scientique dans la Haute Asie 1890 --1895 II, Le Turkestan et le Tibet, par F. Grenard, Paris 1898, p. 69 und die ausführliche, aber meiner Ansicht nach nicht stichhaltige Beweisführung von Chavannes (Journ. Asiat. 9, IX 76 f.), dass die Chinesen mit dem Namen Mo-ni die Muhammedaner bezeichnet hätten. Radloff (Das Kudatku-Bilik, Einleitung, S. LXIX) hielt die Mani (sic) für Christen.

 

 

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Wenden wir uns jetzt dem Christentum zu. Chwolson teilt mit, dass W. D. Smirnow ihn darauf hingewiesen hat, dass Seldschuk einen Sohn namens Michael, den Vater Togrul-begs, hatte. Daraus darf man schliessen - wie auch Smirnow meint --, dass das Christentum unter den Ghozz, aus deren Mitte die Seldschukken hervorgingen, verbreitet war; denn die Muhammedaner tragen diesen Namen niemals 1). Diese Vermutung Smirnows wird dadurch bestätigt, dass Kazwînî die Ghozz geradezu als Christen bezeichnet 2). Er erwähnt auch einen Felsen im Gebiete der Kimaken, in dem Spuren von den Füssen und Knien eines Menschen, der hier niedergekniet war, sichtbar waren, ausserdem die Fussspuren eines Kindes und die von Eselshufen. Die Ghozz schrieben diese Spuren Jesus zu (Flucht aus Aegypten als legendarisches Motiv ?) und erwiesen ihnen Verehrung 3). Die Kimaken lebten nördlich von den Karluken, zwischen den Gebieten der Slaven, Ghozz und Kirgisen 4); übrigens berührten sich ihre Gebiete im Süden mit muslimischen Gebieten 5); ihre Hauptstadt war 81 Tagereisen von Talas (Tarâz) entfernt 6). Die Kosmographie Kazwînî's ist allerdings im 13. Jahrhundert geschrieben; aber sie enthält -- wie alle arabischen Compilationen -- viele Anachronismen. Dazu gehören auch seine Mitteilungen

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1) Chwolson, Syrisch-nestorian. Grabinschriften, p. 107. Im Wörterbuch des Jâkût (I, 524) wird jedoch ein XXXX erwähnt. [Vgl. noch Tâğ al-'arûs VIII, XXX s. v. XXX Rosen.]

2) Kosmographie, ed. Wüstenfeld, II, XXX

3) Ibid. III, XXX

4) Bibl. Geogr. Arab. II, XXX. 5) Ibid. III, XXX

6) Ibid. VI, 21. 160.

 

 

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über die Religion der Ghozz, die zu seiner Zeit schon längst den Islam angenommen hatten 1), Chwolson bemerkt, dass das Christentum ohne Zweifel zu den Osttürken „wenigstens zum teil“ durch die Nestorianer gebracht worden ist 2); daraus erhellt, dass er hier auch das Einwirken von Christen anderer Confessionen vermutet. Und in der That konnten byzantinische Missionare zu den Ghozz gelangt sein, die, wie bekannt, unter ihren westlichen Nachbarn, den Chazaren, wirkten. Ausserdem muss man die Nachbarschaft der Ghozz zu Chwarezm 3) berücksichtigen, wo ebenfalls nicht-nestorianische Christen sassen. Am 4. Ijar (Mai) begingen nach AI-Bêrûnî 4) die chwarezmischen Christen das „Rosenfest“, bei dem man frische Rosen in die Kirche brachte; nach der Ueberlieferung hatte die Mutter Gottes an diesem Tage der Mutter Johannes des Täufers eine Rose gebracht. Zur Zeit Haithons 5) (Anfang des XIV. Jahrhunderts)

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1) Raverty, Tabakāt-i-Nāsirï, p. 961 schreibt dem Ibn Churdadbeh die Nachricht zu, dass es unter den Ghozz (XXXX) Christen (XXXX), Buddhisten und andere gab. Davon findet sich im gedruckten Texte des Ibn Churdādbeh nichts. Aus den Worten XXXX und XXXX ist ersichtlich, dass Raverty irgend eine persische Uebersetzung benutzt hat. Der von Raverty citierte Passus findet sich auch bei Gardîzi (vgl. meinen Отчетъ о поѣздки въ Срединю Азію, S. 91), der ebenfalls den Ibn-Churdādbeh benutzt hat; nur werden hier nicht die Ghozz, sondern die Tughuzghuz genannt.

2) Syrisch-nestorian. Grabinschriften, loc. cit.

3) Darüber s. Bibl. Geogr. Arab. I, XXX

4) Chronologie, ed. Sachau, p. XXX. Chronology, transl. by Sachau p. 292.

5) Vgl. über diesen Historiker Yule, Cathay and the way thither, vol. I, prelim. essay p. CXXXI und sein Capitel über Cathay in demselben Werke, prelim. essay p. CXCV f. Das Werk von Haithon ist bereits 1671 in Brandenburg gedruckt worden: Marci Pauli Veneti de regionibus orientalibus libri III. Accedit propter cognationem materiae, Haithoni Armeni Historia orientalis quae de Tartaris inscribitur; itemque Andreae Mulleri, Greiffenhagii, de Chataja disquisitio. Coloniae Brandenburgicae anno MDCLXXI. Worte des Haithon: In armis sunt ferocissimi, qui vocantur Soldini, et habent propriam linguam, literas atque ritum Graecorum, et modo Graecorum conficiunt corpus Christi, et sunt obedientes patriarchae Antiocheno.

 

 

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waren die chwarezmischen Christen den Patriarchen von Antiochia unterstellt, woraus man schliessen kann, dass sie nicht Nestorianer, sondern Melkiten oder Jakobiten waren. Nach den Angaben Abu Dulafs hatten die Ghozz einen Tempel, aber ohne Bilder 1).

 

Abu Dulaf berichtet, dass es unter dem Stamm der Djikil wenige Christen gab 2). Diese Nachricht kann man, wie Grigorjew bemerkt 3), auf zwiefache Art verstehen : „so, dass in ihrem Lande eine kleine Anzahl fremdländischer Christen sass oder so, dass ein kleiner Teil der Djikil selbst sich zum Christentum bekannte.“ In jedem Falle steht das eine im engen Zusammenhang

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1) Jâķût, III, 448; vgl. Yule, Cathay and the way thither, vol. I, prelim. essay, p. CLXXXVIII. Letzterer Umstand kann für die Annahme sprechen, dass die Ghozz Jakobiten waren. Der Stifter der jakobitischen Sekte Philoxenus wandte sich gegen eine bildliche Darstellung des heil. Geistes und Christi und liess alle derartigen Bilder aus den Kirchen entfernen. (Neander, Allgem. Gesch. der christl. Religion und Kirche. 3. Aufl. Gotha, 1856, I, p. 573). Noch heute verwerfen die indischen Jakobiten die Bilder. (Hunter, Imperial Gazetteer of India. Vol. VI sec. edit. London, 1886, p. 243.)

2) Jâķût, III, 446.

3) Ueber den arabischen Reisenden des X. Jahrh. Abu-Dolef. St. Petersburg, 1872. p. 27--28 (russ.).

 

 

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mit dem andern. Grigorjew bezweifelt die Existenz der Djikil als eines besonderen Volkes, weil sie -- nach seinen Worten -- bei den arabischen Schriftstellern vor Abu Dulaf nicht erwähnt werden, die späteren aber nur das berichten, was sich bei diesem Autor findet. Ueberdies „erscheinen in arabischen Handschriften die Eigennamen oft im höchsten Grade entstellt“. Aber die Djikil werden bei Ibn al-Athîr als Söldner des Sultans Malikschah erwähnt 1); die Stadt Djikil wird bei arabischen Geographen des X. Jahrhunderts erwähnt, die überhaupt, soweit das bei der arabischen Schrift möglich ist, die türkischen Eigennamen mit grosser Genauigkeit wiedergeben. Makdisi setzt Djikil ½ Meile von Taras (Talas) an 2).

 

Auch in Talas selbst gab es Christen. Als der Emir Isma'il im J. 280 (89¾) die Stadt einnahm, wurde die Hauptkirche (XXXX) in die Hauptmoschee verwandelt. Der Emir von Talas nahm mit vielen Dihkanen den Islam an 3). Die Hauptmoschee der Stadt

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1) Chronicon X, XXX.

2) Bibl. Geogr. Arab. III, pp. XXXX; über das Wort XXXX s. ibid. IV, p. 283 (Glossar). Es scheint, dass der Stamm Djikil nicht bei der Stadt gleichen Namens, sondern um den See Issyk-kul wohnte. Vgl. Gardîzi in meinem Отчетъ о поѣздки въ Срединю Азію, p. 90: XXXXXXXXXXXX

3) Nerchakhy, ed. Schefer, p. XXX. Die Dihkane sind bekanntlich die Ritterschaft in Persien und Mittelasien. Vergl. u. a. meine Abhandlung „Die alttürkischen Inschriften und die arabischen Quellen“, S. 9.

 

 

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Merke war früher eine Kirche gewesen 1).

 

Was das Christentum in Ostturkestan anlangt, so haben wir nur die Angabe Abu Dulafs, dass in dem Orte XXX Christen waren 2). Nach der Ansicht Yules ist XXX = Baï, zwischen Aksu und Kutscha 3).

 

Die Ausbreitung des Islam konnte sich einerseits im Zusammenhange mit den Eroberungen der Samaniden, andrerseits durch die Handelsverbindungen vollziehen. Die Samaniden siedelten in ihrem Gebiet einen Teil der Ghozz und Karluken (etwa 1000 Familien) an, die den Islam annahmen, und die Grenze gegen Angriffe verteidigten 4). Diese Türken sind warscheinlich identisch mit den muslimischen „Turkmenen“ bei Makdisi 5). Muhammedanische Kaufleute waren natürlich zahlreicher als die anderen; sie lebten vorzugsweise in den wichtigsten Handelsstädten; in der Stadt Seldji -- nach der Ansicht Tomascheks 6) in der Nähe des Bergpasses Karabura und des Berges Gümüschtan (am oberen Talas) -- lebten nach Angabe Makdisi's 7)

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1) Bibl. Geogr. Arab. III, XXXX. Das Wort XXX kann im X. Jahrh. nur „Kirche“ (syr. XXXX) oder „Synagoge“ (hebr. XXXX) bedeuten. In letzter Bedeutung bei Al-Bêrûnî, Chronol. p, XXX. Nach den geschichtlichen Analogien ist die Umwandlung einer Kirche in eine Moschee wahrscheinlicher.

2) Jâķût, III, 450.

3) Yule, Cathay and the way thither, I, Prelim. Essay, p. CXC. Der Ort Bai liegt am Musart-darja, einem nördl Nebenfluss des Tarim.

4) Bibl. Geogr. Arab. II, XXX

5) Ibid. III, XXX.

6) WZKM III, 106.

7) Bibl. Geogr. Arab. III, XXX, Zeile 8.

 

 

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etwa 10000 Isfahaner. Fast in allen Städten auf dem Handelswege gab es Moscheen; an einigen Punkten hatten die Muhammedaner die Herrschaft erlangt, obwohl die Bevölkerung vorzugsweise aus Ungläubigen bestand 1). Dort, wo die Herrschaft in den Händen der Christen geblieben war, waren die muslimischen Kaufleute mit eimer Steuer belegt 2).

 

 

IV.

 

Zu Ende des X. Jahrhunderts entwickelte sich die Herrschaft der muslimischen Türken unter der Dynastie der Ilek-Khane oder Karachaniden, die in Ost- und Westturkestan herrschte. Es ist unbekannt, ob Sie Uiguren waren, wie Deguignes, Frähn, Reinaud, Bretschneider 3) und Radloff 4) annahmen, oder Karluken, wie Grigorjew 5) und Lerch 6) meinten. Ihre Residenz hiess Balasagun; sie lag im Gebiet von Semirjetschie; wir finden diesen Namen zuerst bei Makdisi 7). Aus chinesischen Berichten des XIII. Jahrh. wissen wir, dass Balasaghun auf dem Wege von Almalyk (bei Kuldscha) nach Talas lag, der über Wjernij, durch den Pass Kaslek nach Tokmak

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1) Bibl Geogr. Arab. III, Zeile 16.

2) Kazwînî, II, p. XXX. Ibn al-Athîr, IX, p. XXX.

3) Bretschneider, Mediaeval Researches, I, 252.

4) Kudatku Bilik, Theil I (Text in Transscription), Einleit p. LXXVIII.

5) Караханиды въ Мавераннагрѣ, p. 59 (= Труды Bосточнаго Oтдҍленія Ӏмператорскаго Русскаго Археологическаго Общества. Tom. XVII.)

6) Sur les monnaies des Boukhâr-Khoudahs, p. 4. (= Travaux de la 3e session du Congr. internat. des Oriental. II, 420.)

7) Bibl. Geogr. Arab. III, XXXX. M. bez Jâķût eichnet Balasaghun als eine „grosse, volkreiche, reiche“ Stadt.

 

 

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führte, zudem an Ufer des Flusses Tschu 1). (Der heutige Weg von WJernij nach Pischpek existiert erst seit 1871 2)). Auf Grund dessen wird man die Ansicht Grigorjews 3) teilen müssen, wonach Balasaghun mit der „Stadt des türkischen Khans“ identisch ist, die bei Ibn Churdādbeh und Kudāma er Jâķût wähnt wird, obgleich nach Jaķut die Stadt Farab oder „Otrar“ weit von Schasch in der Näbe von Balasaghun lag 4). Semirjetschie gehörte im X. Jahrhundert den Karluken: aber ihre Hauptstadt lag, wenn Ibn Churdādbeh und Kudama Glauben verdienen, nicht am Tschu, sondern bei Aulie-ata (am Westende der Alexanderkette) 5). Die Uiguren schrieben sich selbst die Gründung Balasaghuns zu 6).

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1) Bretschneider, Mediaeval Resgearches, I, p. 18.

2) Kostenko, Очерки Семирѣнскаго края, p. 163.

3) Караханиды, p. 21.

4) Jâķût, III, 833. Dem widerspricht Jaķuts eigne Angabe, I, 708, wonach Balasagun unweit von Kaschgar lag.

5) Nach den chinesischen Angaben befand sich der Hauptort der Karluken schon seit 766 am Tschu (Hyacinth I, 372; vgl. auch Marquart, Die Chronologie der alttürkischen Inschriften, S. 25.) Die Gegend um Aûlié-atâ eignet sich mehr zu Sommer- als zu Winterwohnsitzen; nach Hiuen-Thsang lag hier der Sommersitz (Jailak) des Khans. (Mémoires sur les contrées occidentales, I, 14.) Heute liegen die Winterquartiere der Kirgisen nur am unteren Lauf des Talas (Kostenko, Туркестанскіи краи, I, 266).

6) Die uigurische Ueberlieferung von der Gründung Balasaghuns ist angeführt bei Ğuweini, Ta'rich-i-gahângušai. Text und Uebersetzung bei Radlof, Kudatku Bilik (Transscription), Einleitung, p. XLV. Es ist übrigens sehr zweifelhaft, ob diese Sage sich wirklich auf Balasaghun in Semiretschje bezieht; wie man aus dem Bericht des Ğuweini sieht, ist der Stein, welcher die Sage enthält, am Orchon in der Mongolei gefunden worden. Wahrscheinlich hat Ğuweini irrtümlich das Wort Balgassun (Stadt) mit dem Namen der Stadt Balasaghun verwechselt.

 

 

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Nachrichten über eine Eroberung des Gebietes der Karluken durch die Uiguren giebt es nicht; aber Zusammenstösse zwischen den Karluken und ihren östlichen Nachbarn haben stattgefunden, wie sich aus den Worten Kudāmas schliessen lässt, dass 10 Tughuzghuz mit 100 Karluken fertig werden könnten 1). Andrerseits finden wir keine Uiguren in den Staaten der Karachaniden; dagegen spielten die Karluken darin annähernd dieselbe Rolle wie die Ghozz in den Gebieten der Seldschuken 2). Ueberhaupt muss diese Frage, wie uns scheint, vorläufig unentschieden bleiben. In jedem Falle herrschten die Karachaniden schwerlich über das eigentliche Uigurien (d. h. die Gegend, wo heute die Städte Turfan und Urumtsi liegen), da sie sonst auch dort den Islam verbreitet hätten; die Uiguren waren jedoch noch im XIII. Jahrhundert die erbittertsten Gegner der Muslime 3).

 

Der Ahnherr dieser Dynastie, Kara-khan, sah nach der Erzählung Ibn al-Athîr's 4) im Traum einen Menschen, der ihm in türkischer Sprache befahl, den Islam anzunehmen, was er auch that. Einer von seinen Nachfolgern Boghra-khan bemächtigte sich im Jahre 383 = 99¾ 5)

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1) Bibl. Geogr. Arab. VI, 203.

2) Ibn al-Athîr XI, XXXX.

3) Vergl. den Bericht von Dschuweini bei Radloff, Kudatku Bilik, Einleitg. p. XLVIII. Es ist auch die Vermutung ausgesprochen worden, dass die Karachaniden Ghozz waren; diese Ansicht teilte auch A. von Gutschmid (Kleine Schriften, III, 227. 239), der sich auf Neschri beruft.

4) Ibn al-Athîr, XI, XXX.

5) So bei Ibn al-Athîr; nach früheren und zuverlässigeren Quellen schon im Rebi I 382 (Mai 992; vgl. Baihaki ed. Morley p. 234; dasselbe Datum findet sich auch bei Gardîzî in meinem Туркестанъ въ эпоху монгольскаго нашествія, Texte, S. 12).

 

Barthold-Stübe, Christentum in Mittel-Asien.

 

 

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Buchara's, musste aber im selben Jahre zurückweichen und starb 1). Sein Nachfolger Ilek-khan eroberte im Jahre 389 = 999 endgültig Transoxanien und vernichtete die Herrschaft der Samaniden 2). Ilek-khan führte einen Glaubenskrieg gegen die ungläubigen Türken 3). Die massenhaſte Bekehrung der Türken zum Islam verlegt Ibn al-Athîr 4) in den Safar 435 (9. Sept.--8. Okt. 1043), wo die Bewohner von 10000 (nach Abufeda 5) von 5000) Zelten den Islam annahmen und zur Feier 20 000 Stück Vieh als Opfer schlachteten. Diese Türken nomadisierten im Sommer in der Nähe des Landes der Bulgaren, im Winter um Balasaghun. Etwas früher hatte sich Seldschuk mit seiner Horde von den Ghozz getrennt, hatte den Islam angenommen und war als Verteidiger seiner Glaubensgenossen gegen seine Stammesgenossen aufgetreten. Der Khan der Ghozz nahm von den Muhammedanern Tribut, die in der Stadt Ğend (unweit der Mündung des Syr-Darja) wohnten; Seldschuk befreite sie von diesem Tribut und vertrieb die türkischen Statthalter 6).

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1) Ibid. IX, XXXX

2) Ibid. XXX vergl. auch Записки восточнаго Ӏмператорскаго Русскаго Общества. II, 272--75, wo Bar. V. Rosen den Bericht des Hilal al-Sâbi (XI. Jahrh.) über den Fall von Buchara (nach der Hdschr. des Brit. Mus. Add. 19. 360) mitteilt.

3) Ibn al-Athîr, IX, XXXX.

4) Ibid. XXXX-XXX

5) Ed. Reiske-Adler, III, 120.

6) Ibn al-Athîr, IX, XXXX.

 

 

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Vámbéry vermutet 1), dass seit dem XI. Jahrhundert das Christentum im Vergleich zum Islam in Ostturkestan nur eine untergeordnete Stellung einnahm, und dass die Christen nur in dem Gebiet nördlich vom Thi Туркестанъ въ эпоху монгольскаго нашествія en-Schan weniger unter den Glaubenskriegen Boghra-khans und seiner Nachfolger zu leiden hatten. Doch scheint es, dass die Christen im Reiche der Karachaniden nicht unterdrückt wurden; wenigstens sagen die christlichen Schriftsteller nichts davon. Samarkand blieb der Sitz eines nestorianischen Metropoliten 2). Bisweilen tritt noch der Einfluss der Dualisten bervor. Einer der Karachaniden, Ahmed-khan von Samarkand, musste für sein Bekenntnis zur „Lehre der Zendiken“ sogar mit dem Leben büssen (488 = 1095) 3). Die Angabe Ibn al-Athîr's, dass nach 1043 nur die Tataren und Chitaier (die Kitan der Chinesen) ungläubig blieben, ist zweifellos übertrieben. Wir werden sehen, dass bis zur Zeit dieses Historikers nicht einmal alle Westtürken den Islam angenommen hatten.

 

Im Jahre 1007 erfolgte durch den Einfluss nestorianischer Kaufleute die Bekehrung der Keraiten zum Christentum. Darauf sandte der Metropolit von Merw Priester in die Mongolei zu ihnen 4).

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Während der Herrschaft der Karachaniden hatte das Land unter inneren Streitigkeiten zu leiden, von

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1) Das Türkenvolk in seinen ethnologischen und ethnographischen Beziehungen geschildert. Leipzig, 1885, p. 325.

2) Abulfarağ führt einen Brief des Metropoliten von Samarkand an den Katholikos an, der im J. 1046 geschrieben ist. Oppert, Der Presbyter Johannes, p. 91.

3) Ibn al-Athîr, X, XXXX.

4) Vgl. darüber Oppert, Der Presbyter Johannes, p. 88--90.

 

 

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denen Ibn al-Athîr viel erzählt. Im Jahre 435 = 1043/4 teilte der Khan Scheref ed-daula das Reich unter seine Verwandten, indem er für sich Kaschgar, Balasaghun und die Oberhoheit über die übrigen Länder behielt 1). Bald mussten die Karachaniden die Herrschaft der seldschukkischen Sultane über sich anerkennen; zu Anfang des XIII. Jahrhunderts setzte der Sultan Sandschar die Khane in Samarkand ein und ab 2). Die Herrschaft der Seldschukken wurde durch die Kara-kital vernichtet die 1141 das Heer Sandschar's schlugen und die Karachaniden unterwarfen. Das Gebiet der Kitai 3) reichte im Westen bis zum Kaspischen Meer, im Osten bis zur Wüste Gobi; die östlichen und westlichen Gebiete wurden von besonderen Gewalthabern regiert, die zu den kitanischen Gurchanen im Vasallenverhältnis standen. Diese Stellung nahmen auch die Karachaniden in Transoxanien ein, ebenso die Chorezm-Schahe, die Karlukenkhane im nördlichen Teile von Semirjetschie und die uigurischen

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1) Ibn al-Athîr, IX, XXXX. Diese Angabe des Ibn al-Athîr ist mindestens nicht ganz genau, wie die Nachrichten früherer Quellen (namentlich 'Otbi und Baihaki) zeigen, war das Reich der Karachaniden schon viel früher im mehrere Fürstentümer zerfallen, welche nicht immer die Oberherrschaft des in Kaschgar regidierenden Hauptes der Dynastie anerkannten. Scheref-ad-daula (Sein eigentlicher Name war Arslan-Chan Suleiman b. Jusuf) konnte höchstens die thatsächlich vorhandene Teilung des Reiches durch seine Bestätigung sanctionieren. Vgl. näheres über die Karachaniden in meinem Buche Туркестанъ въ эпоху монгольскаго нашествія, passim.

2) Ibid. XI, XXXX.

3) Wie die Orchon-Inschriften zeigen, war der eigentliche Name dieses Volkes Kitai oder Kitanj; vgl. Radloff. Die alttürkischen Inschriften der Mongolei, Zweite Folge, S. 39.

 

 

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Idikut 1).

 

Für die Kultur des Gebietes war das Eindringen der Kitan zweifellos günstig. Zum Heere der Kitan gehörten gewiss auch halbwilde Völkerschaften; aber die Kitan selbst hatten sich bereits alle Früchte der chinesischen Cultur angeeignet. Ihr Gurchān -- die Chinesen nennen ihn Ye-lü(h) Ta-ših, die Muhammedaner XXXX XXXX oder XXXX 2) -- stand bei seinen Unterthanen in hohem Ansehen und verbot ihnen Raub und Gewaltthaten; nur Ehebruch wurde nicht bestraft 3). Die Kitan zerstörten keine Städte, sondern gründeten vielmehr neue. Ğuweini schreibt ihnen die Erbauung des später bekannten Imil (beim heutigen Tschugutschak) zu 4). Wenn sie sich einer Stadt bemächtigt hatten, so plünderten sie die Einwohner nicht, sondern nahmen von jedem Hause je einen Dinar. Der erste Gurchan stellte unter den Befehl eines einzelnen niemals mehr als 100 Reiter, auch verteilte er sein Gebiet nicht 5). Auch in der Folgezeit. zerfiel das Reich der Kitan, im Gegensatz

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1) Ueber den Titel Idikut vgl. Radloff, Das Kudatku-Bilik, Einleitung, S. XXVII, XXXIX. Nach Dschuweini war auch in Kaschgar ein besonderer Khan. Manuscript der Kaiserl. öffentl. Bibliothek IV, 2, 34, f. 22; D'Ohsson, Histoire des Mongols, I, 170. In Kaschgar regierte ein Zweig der Karachaniden; vgl. mein Buch Туркестанъ въ эпоху монгольскаго нашествія, Theil 1, Texte, p. 132–133.

2) Nerchakhy, ed. Schefer, p. XXXX (aus dem XXXXX); Raverty, The Tabaķāt-i-Nāsirï, p. 913.

3) Ibn al-Athîr, XI, XXX-XXXX.

4) Vgl. die Uebersetzung von Dschuweini's Bericht bei d'Ohsson, Histoire des Mongols, I, 442.

5) Ibn al-Athîr, XI, XXXX.

 

 

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zu den Reichen der türkischen und mongolischen Nomaden, nicht in Teilreiche. Aus einer Erzählung bei Ibn al-Athîr sehen wir, dass sie sich bemühten, die unruhigen Nomaden an den Ackerbau zu gewöhnen 1).

 

Weit ausführlichere Nachrichten über Ackerbau und städtisches Leben bei den Türken als bei den Geographen des X. Jahrhunderts finden wir in dem Werke des Idrisi. Leider sind sie äusserst verworren. Bekanntlich trägt das Werk des Idrisi rein kompilatorischen Charakter; wie in allen arabischen Kompilationen sind dabei die Nachrichten, die sich auf verschiedene Zeiten beziehen, durchaus nicht scharf unterschieden; überdies sind die Eigennamen bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Kitanen werden bei Idrisi nicht erwähnt, doch wird Grigorjew richtig erkannt haben 2), dass Idrisi die Kitan mit den Kimaken verwechselt, die von ihm ganz anders, als bei den früheren Geographen geschildert werden. Nach Abu Dulaf 3) lebten sie in Zelten von Tierfellen; ihr Land brachte halb-schwarze, halb-weisse Trauben (?) hervor; sie besassen Gold und Edelsteine und hatten einen Stein, um Regen zu erzeugen. Sie hatten weder einen Herrscher, noch einen Tempel. Nach Idrisi 4) kleidete sich der Fürst der Kimaken in goldgestickte Gewänder, trug eine goldene Krone und zeigte sich dem Volke viermal im Jahre. Das Reich regierte der erste

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1) Ibid. XXXX., Auffallenderweise nennt Ibn al-Athîr an anderer Stelle (XII, XXXX) die Kitan Nomaden.

2) Ueber Abu-Dulef (russ.), p. 31.

3) Jâķût, III, 448. Vgl. Yule, Cathay and the way thither, I, prelim. essay, p. CLXXXVII.

4) Geographie d'Edrisi trad. par Jaubert, II, 222–223.

 

 

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Minister. Es gab Schlösser, grosse Gebäude und Vergnügungsorte. Der Fürst zeichnete sich durch Weisheit und Grossmut aus (an einer Stelle wird gesagt, dass er sehr kriegerisch war und fast immer mit den Nachbarn kämpfte) 1). Die Einwohner der Hauptstadt kannten weder Sorge noch Not und waren die reichsten und glücklichsten Menschen im ganzen Lande. Die Stadt war von starken, mit eisernen Thoren versehenen Mauern umgeben und von einem starken und tapferen Heere besetzt. Die Vornehmen trugen seidene Gewänder von roter und gelber Farbe; nur die Grossen aber hatten hatten das Recht, solche Gewänder zu tragen. Strassen, Bazare und der grössere Teil der Häuser waren mit Wasserleitung versehen. Die Einwohner bekannten sich zum sabäischen Glauben. (XXXX XXXX), auch verehrten sie die Sonne und die Engel (XXXX) 2).

 

Im Jahre 1145 gelangte das Gerücht von dem Feldzuge des „Presbyters Johannes“, des nestorianischen Herrschers, nach Europa, der die Muhammedaner von Osten her bedränge und die „Brüder Samiard“ 3) geschlagen habe. Dieses Gerücht entstand unfraglich infolge des Krieges Yelü(h)-Ta-ših's gegen Sandschar. Doch darf man daraus kaum schliessen, dass Yelü(h) Ta-ših und die Kitan Nestorianer waren. Wahrscheinlich verwechselten

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1) Ibid. I, 501.

2) An anderer Stelle (II, 221) sagt Idrisi, dass die Kimaken Ungläubige und Feueranbeter waren, unter ihnen Leute ohne jeglichen Glauben, die sich von Kräutern nährten und in Wäldern lebten. [Die Schilderung bei Idrisi zeigt in ihren einzelnen Zügen unverkennbar Einflüsse chinesischer Cultur.]

3) Im Text: Persarum et Medorum reges fratres, Samiardos dictos; vgl. Oppert, Der Presbyter Johannes, S. 13.

 

 

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die Nestorianer ihn mit den gleichzeitigen keraitischen Khan. Der Begründer der Macht der Keraiten war der Grossvater des Ong-khan, Marguz-khan. Chronologisch ist es durchaus möglich, dass er ein Zeitgenosse Ye-lü(b)-Ta-ših's war. Es ist allerdings auch sehr wohl möglich, dass im Heere des Gurchan einige christliche Elemente waren, und dass daher die Nestorianer diesen mit dem ihnen bekannten christlichen Herrscher verwechselten. Wenn aber alle Kitan Christen gewesen wären, so würde diese Thatsache von christlichen und muhammedanischen Historikern erwähnt worden sein. Ibn al-Athîr nennt den ersten Gurchān einen Manichäer 1). Die Angaben Idrisis über die Tracht des kimakischen Adels weisen eher auf den Buddhismus hin; wir werden in der That noch sehen, dass später bei den Muhammedanern die Annahme des Buddhismus mit der Annahme der kitanischen Tracht verknüpft war. Im Hinblick hierauf wird Opperts Ansicht, dass der Name „Presbyter Johannes“ aus dem Titel Gurchān (Oppert las Korkhan) durch ausfallen des r entstanden sei. (Ibn al-Athîr

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1) XI, XXXX. Dort wird auch gesagt, dass die kitanischen Herrscher einen langen Schleier [XXXX] trugen. Der Verfasser des Buches XXXX XXXX sagt, dass der Gurchān die Güter- und Weibergemeinschaft anerkannte, wie sie ähnlich bei den Mazdakiten bestand. Nerchakhy, ed. Schefer, p. XXXX. Wie ich später gefunden habe, ist das XXXX XXXX mit dem Tarikt-i-Haideri des Haidar Razi identisch; näheres über dieses Werk bei Pertsch, Verzeichnis der persischen Handschriften, No. 418 (S. 410) und Rieu, Catalogue of the Persian Manuscripts of the British Museum, Supplement, pp. 20-21, wo sich auch der Titel XXXX XXXX findet.

 

 

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schreibt oft XXXX), kann haltbar sein 1). Andrerseits ist es unmöglich nach dem Vorgange Ritters 2) diesen Namen aus den Wörtern Ong-chan (chin. Wang-chan) zu erklären, da diesen Titel, der nach einer Bemerkung Pauthiers erblich war 3), erst der letzte der keraitischen Herrscher trug. Wie wir aus den Inschriften von Semirjetschie wissen, trugen viele türkische Christen zwei Namen, eimen türkischen und einen christlichen. Es ist natürlich, dass sie solche christlichen Namen wählten, die bei ihnen aus irgend einem Grunde besondere Verbreitung gefunden hatten. Eine solche Rolle konnte bei den Keraiten der Name Johannes spielen als der Name des Patriarchen, zu dessen Zeit sie das Christentum angenommen hatten.

 

Die Kitan erwiesen ebenso wie die Chinesen allen Religionen in gleicher Weise ihren Schutz, unter anderen auch dem Islam. Muhammedanische Geschichtsschreiber loben die Gerechtigkeit der Gurchāne 4); und gerade dies zeigt besser als alles andere, dass die Gurchāne keine Nestorianer waren. Dennoch mussten die Muslime ihre beherrschende Stellung verlieren, und die Anhänger

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1) Der Presbyter Johannes, pp. 134--135; Vorrede, p. V. Die Ansicht Opperts, ausführlicher entwickelt durch Zarncke, Abh. der phil.-hist. Classe der königl.-sächs. Gesellsch. der Wissenschaften, VIII, No. 1), ist von vielen Gelehrten, so von Peschel, Geschichte der Erdkunde, p. 153 und von Gutschmid, Kleine Schriften, III, p. 609 angenommen worden.

2) Oppert, l. c. pp. 11--12; Ritter, Asien I, 291.

3) Revue de l'Orient, XIII, 305.

4) The Tabaqáti Násiri of Aboo-Omar Minháj al-din Othman ibn-Siráj-al-din al-Jawzjáni, ed. by Capt. W. Nassau Lees and Mawlawis Khádim Hosain and 'Abd-al-Hai. Calcutta, 1864, p. XXXX -- Raverty, The Tabakāt-i-Nāgirï, p. 912.

 

 

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anderer Religionen blieben vor dem muhammedanischen Fanatismus sicher. Daher konnte sich hier das Christentum auch freier ausbreiten als unter den Karachaniden. Der Patriarch Elias III. (1176--1190) gründete eine nestorianische Metropolie in Kaschgar 1), eine der Residenzen der Gurchane; die andere Residenz war Balasaghun. In der Bischofstafel Amr's wird der Metropolit von Kaschgar als „Metropolit Kaschgars und Newakets“ bezeichnet 2); mithin gehörte auch Semirjetschie zur Metropolie von Kaschgar. Was den Einfluss der Christen auf die herrschende Dynastie anlangt, so wissen wir nur, dass die Tochter des letzten Gurchāns von den Nachkommen Ye-lü(h)-Ta-ših's, die Gemahlin des Usurpators Kuschluk (richtiger Kütschlük), Christin war. Aber auch diese Nachricht ist nur bei späteren Kompilatoren erhalten 3).

 

Der Periode der Kitan-Herrschaft gehören höchst wahrscheinlich die älteren Inschriften aus Semirjetschie an. Auf einem der Steine glaubt Chwolson die Zahl 1406 (syrischer Aera = 1095 n. Chr.) zu erkennen 4). In diesem Falle würde die Inschrift noch der Zeit der

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1) Bibl. orient. III, pars II, p. 502.

2) Ueber die Stadt Newâket vergl. oben S. 38. Oppert, Der Presbyter Johannes, p. 83.

3) Zuerst bei Šeref ed-din im Vorwort (XXXXX) zu seinem XXX XXX: Manuscr. des Asiat. Museum. b. 568, p. 79. Raverty, Tabakāt-i-Nāsirï, p. 927, nennt -- vielleicht infolge eines Versehens -- die Frau des ersten Gurchān, eines Manichäers, eine Christin.

4) Syrisch-nestorian. Grabinschriften, p. 95. Die Buchstaben, die das Datum bezeichnen, sind nach Chwolsons Angabe fast gänzlich verwischt.

 

 

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Karachaniden angehören. Jedenfalls gehört sie einer früheren Periode an, als die andern, d. h. der vormongolischen Zeit, da sie eine ältere, grössere Schriftform aufweist 1).

 

Unmittelbar vor dem Einbruch der Mongolen nahmen die Kangly das Gebiet zwischen Talas und dem Issyk-kul ein 2); zu ihnen gehörten aller Wahrscheinlichkeit nach die Nestorianer in Semirjetschie. Ein genügend sicherer Beweis lässt sich dafür allerdings nicht führen, da wir keine Nachrichten über die Religion der Kangly haben. Der Chorezm-Schah Tekesch-khan heiratete eine Kangly-Prinzessin, Turkan-Chatun 3), die auf ihren Sohn Muhammad grossen Einfluss hatte. Ihre Verwandten siedelten nach Chorezm über, nahmen den Islam an, und erhielten von Muhammad verschiedene Ehrenämter. Um diese Zeit war der Islam bei den Westtürken schon längst verbreitet. Hätten die Kangly in dieser Beziehung eme Ausnahme gebildet, so würde dieser Umstand wohl beachtet werden müssen. Aber diese ausführlichen Angaben finden wir erst bei Abulghazi; die Historiker

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1) Später hat Chwolson noch 400 Inschriften aus Semirjetschie erhalten, die er dem Verf. in freundlicher Weise mitteilte. Unter ihnen ist auch eine Inschrift aus der vormongolischen Periode, nämlich aus dem Jahre 1201. Vgl. jetzt Chwolson, Syrisch- nestorianische Grabinschriften, Neue Folge, S. 6 (No. 2).

2) Abulghazi, ed. Desmaisons, T. II (traduction), p. 37--38.

3) Al- Ğuzğani (so zu lesen für Jawzjani der gedruckten Ausgabe und Jurjani bei Raverty) nennt sie eine Tochter des kipčakischen Kadr-khān (Raverty, p. 254). Wie dem auch sei, das Ansehen der Kangly am Hofe Muhammads ist schon daraus zu ersehen, dass in der Geschichte des Krieges Dschingis-Khans mit dem Chorezm-schah die Kangly oft als Befehlshaber der Städte erwähnt werden.

 

 

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des XIII. Jahrhunderts sagen bei der Erzählung von der Ankunft der Kangly bei Muhammad nichts von ihrer Bekehrung zum Islam 1). Die Sprache der türkischen Inschriften steht dem Uigurischen äusserst nahe; nach einer Bemerkung Radloffs 2) giebt es kein Wort und keine Form, die sich nicht mit der entsprechenden uigurischen identificieren liessen; ein Unterschied besteht nur in einigen lautlichen Eigentümlichkeiten. Ueber die nahe Verwandtschaft der Kangly mit den Uïguren kann kein Zweifel bestehen; die chinesische Benennung Kao-kü = „hohe Wagen“ hat man längst mit dem Namen der Kangly in Verbindung gebracht 3). Sowohl die Kangly wie die Uïguren lebten ausser in ihren eigenen Gebieten noch im Lande der Naïman, d. h. im westlichen Teile der heutigen Mongolei 4). Aus den Inschriften ist ersichtlich,

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1) Die Stammnamen Kangly und Kiptschak scheinen fast identisch zu sein. Nicht nur aus Abulghazi, sondern auch aus den offiziellen Documenten, die während der Regierung des Tekesch verfasst worden sind, ist ersichtlich, dass die Kiptschak (oder Kangly ?), die am untern Lauf des Syr-Darja sassen, sich damals nicht zum Islam bekannten ; vgl. mein Туркестанъ въ эпоху монгольскаго нашествія, Theil I, Texte, S. 79. Ueber die von Abulghazi erwähnten Kangly in der Gegend zwischen dem Talas und dem See Issyk-Kul haben wir leider keine früheren Nachrichten finden können.

2) Bei Chwolson, Syrisch-nestorian. Grabinschr., p. 157.

3) Rašid ed-din in der Uebersetzung von Beregin, Einleitung pp. 221-222. Radloff verwirft diese Zusammenstellung; s. Kudatku Bilik (Transscription), Einl. p. VII.

4) Ueber die Kangly s. die „Einleitung“ zu Rašid ed-din in der Uebersetzung von Beresin, p. 108. Ueber die Uiguren: ibid. p. 125; ebenso Itinerarium des Wilhelmus de Rubruk [= Ruysbroek], Recueil de voyages et de mémoires, T. IV, P- 288.

 

 

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dass die Christen in Semirjetschie in enger Verbindung mit Almalyk standen, wo im XIII. Jahrhundert die Kangly herrschten.

 

Der letzte Gurchān -- bei den Muhammedanern XXXXX 1) oder (XXXXX 2), bei den Chinesen Čï-lu-ku genannt -- musste einen schwierigen Krieg mit dem Chorezm-Schah Muhammad führen, der Transoxanien eroberte (609 = 1212/3). Mirchond schildert den Chorezm-Schah als Befreier der Muhammedaner von den Ungläu- bigen 3). Aber diese Eroberung hatte die Vernichtung der Karachaniden zur Folge und war für die Einwohner ein schweres Unglück. Jâķût 4), den man keinesfalls der Feindseligkeit gegen den Chorezm-Schah verdächtigen kann, beschreibt die unglückliche Lage des verwüsteten Landes in ergreifenden Worten 5).

 

Um dieselbe Zeit erstarkten im Osten die Mongolen; der Karluken-khān Arslan und der uigurische Idikut Baurtschik sagten sich von den Kitan los und erklärten sich für Vasallen Dschingis-khāns. Arslan-Chan war Muhammedaner 6) und herrschte über den nördlichen Teil von Semirjetschie mit der Stadt Kyjalyk (bei dem

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1) Nerchakhy, ed. Schefer, p. XXXX (aus dem XXXX XXXX).

2) Raverty, p. 928.

3) Oppert, Der Presbyter Johannes, p. 151.

4) I, 249; III, 234.

5) Ibn-al-Athir (XII, XXX) sagt, Muhammad habe die angrenzenden Gebiete (Ferghana, Schasch, Isfiğab u. a.) verwüsten lassen. damit sie nicht Kusluk zufielen.

6) Tabaqáti-Násiri, ed. Lees, p. XXX; Raverty, The Tabaķāt-i-Nāsiri, p. 1004.

 

 

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Kopal). Nach dem Zeugnis des Abulghazi trieben die Karluken Viehzucht und Ackerbau 1). Die Naimanen, die zwischen dem oberen Irtysch und dem Orchon sassen, wurden von den Mongolen unterworfen; ihre Ueberbleibsel gingen unter der Führung Kuschluks zum Gurchān, der sie gut aufnahm und Kuschluk seine Tochter zur Frau gab 2). Jedoch verbündete sich Kuschluk mit dem Schah von Chorezm gegen seinen Schwiegervater; zuerst wurde er zwar geschlagen, dann aber bemächtigte er sich durch Verrat Balasaghuns und nahm den Gurchān gefangen.

 

Kuschluk nahm darauf selbst den Titel Gurchān an: aber die Grenzen seines Reiches verengerten sich beträchtlich. Ueber Transoxanien gebot der Schah von Chorezm, die Herrscher der Uiguren und Karluken waren Vasallen der Mongolen; ausserdem entstand zu Anfang des XIII. Jahrhunderts eine neue Herrschaft zu Almalyk.

 

Nach dem Bericht des Abulghazi gingen 50--60 000 Kangly zum Schah von Chorezm über. Die Zahl der an den Ufern des Talas und Tschu zurückgebliebenen

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1) Ed. Desmaisons, Traduct. p. 38.

2) Die Nachricht über diese Heirat des Kuschluk findet sich nur bei Rašid-eddin Труды Вост. Отд. XV, 35, pers. Text S. 56: XXX XXX XXX XXX) und bei späteren Compilatoren. Bei Dschuweini steht nur, dass Kuschluk nach der Besiegung des Gurchan die Tochter eines Befehlshabers der Kitan, die frühere Braut des Gurchan, zur Frau nahm. Persischer Text:

 

XXXX XXXX

XXXXXXX XXXX

XXX

 

 

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giebt Abulghazi auf 10000 Zelte an 1). Zu ihnen gehörte wahrscheinlich der Räuber Ozar 2), der -- nach Dschuweini -- aus dem Stamme der Kangly hervorgegangen war. Mit seiner Bande plünderte er lange die Händler; endlich gewann er eine so beträchtliche Macht, dass er sich Almalyks und einiger anderer Städte zu bemächtigen vermochte. Wie die Uïguren und Karluken schloss auch er ein Bündnis mit Dschingiz-khan gegen Kuschluk, dem es jedoch gelang, ihn auf der Jagd gefangen zu nehmen. Kuschluk zog dann gegen Almalyk; die Einwohner schlossen ihm aber die Thore. So begann er denn die Belagerung, zog aber beim Herannahen eines Mongolenheeres ab und liess seinen Gefangenen unterwegs töten. Dschingiz-khan übergab Almalyk dem Suknak-tegin, einem Sohne Ozar's.

 

Nach dem Berichte Dschuweinis zeichnete sich Ozar, obgleich er Räuber war, durch grosse Frömmigkeit aus und erwies den Mönchen (Einsiedlern? XXXX XXXX) viele Wohlthaten. Einstmals erschien bei ihm ein Mensch in der Tracht eines Sufi und sagte: „Ich komme zu dir im Auftrag des Allerhöchsten (XXXX XXXX XXXX); meine Botschaft besteht darin, dass unsere Kasse leer ist; gieb uns eine Summe als Darlehen, die deinen Kräften entspricht und uns erhalten könnte.“ Ozar stand auf, verneigte sich vor dem Eingiedler, hiess ihm einen Balyš

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1) Leider finden wir in früheren Quellen keine Bestätigung (auch keine Widerlegung) dieser wichtigen Angabe.

2) So bei Dschuweini; Dschemal Karschi (Anfang des XIV. Jahrh.), welcher dem Herrscherhause von Almalyk viel näher stand, Schreibt Bujar. Vgl. Туркестанъ въ эпоху монгольскаго нашествія, Theil I, Texte, S. 135, 140.

 

 

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geben und entliess ihn mit den Worten: „Gieb das Almosen (der Gemeinde) und richte (ihr) meine aufrichtige Ergebenheit aus“ 1).

 

In den Gebieten Kuschluks waren die Muhammedaner grossen Bedrängnissen ausgesetzt. Nach den Angaben Dschuweinis 2) war Kuschluk, wie auch die Mehrzahl der Naimanen, ursprünglich Christ, liess sich aber darauf von einem kitanischen Mädchen bestimmen, sich zum Götzendienst -- d. i. wahrscheinlich zum Buddhismus 3) -- zu bekehren. Kuschluk verlangte von den Muhammedanern, dass sie sich von ihrer Religion lossagten

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1!) Vgl. jetzt den Text von Dschuweini in meinem Buch Туркестанъ въ эпоху монгольскаго нашествія, Teil 1, Texte, S. 107-- 108. Es ist zweifelhaft, ob Ozar zu dem Stamme Kangly oder zu dem Stamme Karluk gehörte; in der Handschrift der Kais. öff. Bibl. IV, 2, 34, f. 26 steht XXXXX, im Zafar-nameh des Scheref-ed-din nach der Hdschr. des As. Mus. C 568, p. 80 XXXX (ohne Zweifel für XXXX). Dagegen steht XXXX in zwei anderen Handschriften von Dschuweini, von denen die eine (Sammlung Chanykow in der Kais. öff. Bibl., No. 71, f. 20) sehr alt und zuverlässig ist, und ebenso bei Wassâf. -- Ueber die Nachfolge des Ozar (oder Bujar) vgl. Туркестанъ въ эпоху монгольскаго нашествія, Theil I, Texte, S. 140. Diese Angaben lassen keinen Zweifel darüber übrig, dass wir es mit einem muhammedanischen Herrscherhause zu thun haben; dasselbe wird durch die Worte des chinesischen Reisenden des XIII. Jahrh. Čang-Chan bestätigt; vgl. Bretschneider, Mediaeval Reseaches from eastern asiatic sources, vol. I, p. 70.

2) Manuscr. der Kaiserl. öffentl. Bibl. IV, 2, 34 f. 22.

3) Diese Vermutung hat Oppert, Der Presb. Johannes, p. 159 ausgesprochen. D'Ohsson, Histoire des Mongols I, 171, verwechselt dieses Mädchen mit der Tochter des Gurchān. Ohne Zweifel ist hier die frühere Braut des Gurchān gemeint; vgl. oben S. 62 Anm. 2.

 

 

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und liess ihnen dabei die Wahl zwischen Christentum und Götzendienst. Im letzteren Fall mussten sie die kitanische Tracht annehmen 1). Die Nichtgehorchenden bestrafte er mit Einquartierungen, einer Massregel, die völlig den Dragonaden Ludwigs XIV. entspricht. Die Frau Kuschluk's, die Tochter des Gurchän, war nach Angabe Scheref ed-din's *) und Mirchond's 3) Christin und teilte völlig die Feindschaft ihres Mannes gegen den 1IsSlam. Der Imam Ala-ed-din von Chotan wurde wegen Widerstandes gegen Kuschluk an die Thür seiner eigenen

 

1) Diese Auffassung bei Rašid-ed-din (Труды Bосточнаго Oтдҍленія Ӏмператорскаго Русскаго Археологическаго Общества., XV, 39, pers. Text p. 61) und in späteren Quellen ebenso bei d'Ohsson (Histoire des Mongols I, 171); nach Dschuweini verlangte Kuschluk yon seinen muhammedanischen Unterthanen Abschwörung ihrer Religion und Annahme des Christentums oder des Buddhismus, oder wenigstens Annahme der kitanischen Tracht. Letztere Forderung musste erfüllt werden; der öffentliche Gottesdienst und der Unterricht in der Medrese wurde eingestellt. Persischer Text:

 

4 Zeilen persischer Text

(Sure 2, 168)

3 Zeilen persischer Tect

 

2) Manuscr. des Asiat. Museums, 6568, p. 79.

3) Oppert, Der Presb. Joh. p. 159. Mirchond hat diese Nachricht wahrscheinlich aus Scheref ed-din entnommen; woher letzterer sie hat, ist unbekannt. Rašid-ed-din und Dschuweini sagen nichts darüber.

 

Barthold-Stübe, Christentum in Mittel-Asien.

 

 

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Moschee genagelt. Die Grausamkeit Kuschluk's beförderte die mongolische Eroberung. Dschebe-noïon erklärte, als er die Gegend betrat, jeder könne „in seinem Glauben verbleiben und die Wege der Väter und Grossväter innehalten“. Die Einwohner gingen schnell zu den Mongolen über und vernichteten die Truppen Kuschluk's, die in ihren Häusern einquartiert waren. Fast ohne Widerstand zu finden bemächtigten sich die Mongolen des Gebietes (1218). Kuschluk floh nach Süden und wurde erst in Badachšan von den Mongolen eingeholt und getötet 1). Balasaghun erhielt von den Mongolen den Namen Go-balyk, d. h. „gute Stadt“ 2). Diese Benennung zeigt auch, dass die Residenz Kuschluks ohne Widerstand genommen wurde. Die Städte, die sich den Mongolen freiwillig ergaben, erhielten die Benennung „gut“ (z. B. die Festung Zernuk) 3). Besonders hartnäckigen Widerstand leistende

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1) Rašid ed-din in der Uebersetzung von Berezin, Geschichte Dschingiz-khāns. (russ.) = Труды Bосточнаго Oтдҍленія Ӏмператорскаго Русскаго Археологическаго Общества.. XV, p. 38-40 (nach Dschuweini).

2) Salemann schreibt XXXX Gyr-balik (Kudatku Bilik, Transscription, Einleitung, p. XLV), indem er sich auf die Lesart der Handschriften stützt. Aber im Mongolischen lautet das betreffende Wort goa (nach einer Mitteilung von A. O. Iwanowski). Die Erklärung des Namens Go-balyk findet ich nur bei Mirchond (Vie de Djenghiz-Khan, Paris 1841, p. 91).

3) Abulghazi, in der Uebersetzung Demaison's, p. 109. Die Nachricht findet sich schon bei Dschuweini, vgl. dessen Bericht bei Schefer, Chrestomathie persane, II, 120. 121. Wie die Beschreibung des letzten Feldzuges von Pimur (Petis de la Croix, Histoire des Timur-Bec IV, 216) zeigt, lag Zernuk auf dem Wege von Samarkand nach Otrar (die Trümmer der letzten Stadt befinden sich bekanntlich bei der Mündung des Arys in dem Syr-Darja), wenig westlich vom Syr-Darja.

 

 

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Städte erhielten die Benennung „böse, schlecht“; so z. B. Bamian 1) und das russische Kozelsk.

 

Die Geschichte des Christentums während der Mongolenzeit bietet ein grösseres Interesse, aber auch weit grössere Schwierigkeiten. Nach der treffenden Bemerkung Gutschmids 2) hatte die mongolische Eroberung einen Aufschwung des Landverkehrs zur Folge, wie ihn die Welt weder vorher noch nachher gesehen hat. Infolgedessen waren auch die Kulturelemente, die in dieser Zeit nach Mittelasien gelangt waren, mit einander in ständiger Berührung; um eines von ihnen zu begreifen, muss man auch alle anderen gründlich erforschen. Eine derartige Untersuchung würde Vorarbeiten von grösserem Umfange erfordern.

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1) Abulghazi p. 122, ebenfalls nach Dschuweini (Schefer, Chrestomatie persane, II, 142--143). Am Westende des Hindukusch gelegen.

2) Kleine Schriften, III, 609.

 

 

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Anhang.

 

Der See Issyk-kul.

 

In der „Geschichte der Dynastie T'ang, finden wir folgende Beschreibung des Weges von Aksu zum Issyk-kul 1):

 

Das Gebiet von Ku-me oder Bālu-kia (Aksu); nordwestlich davon fliesst der Po-huang-[ho]; etwas entfernt davon liegt die Stadt Siao-če.

 

Von dort 20 Li: der Fluss Hu-lin-[ho], an der Grenze des Reiches von Chotan.

 

Von dort 60 Li die Stadt Ta-tsche (auch Yu-tscho oder Wen-so-tscheu genannt).

Nach den Geographen aus der Zeit der älteren Han (206 v. Chr., bis 25 n. Chr.) lag der Ort 270 Li von Ku-me.

 

Von dort 30 Li gelangt man nach So-leu-fong (Stadt?)

 

Von dort 40 Li überschreitet man den Berg Pa-ta.

Er gehört zu dem nördlich von Ak-su gelegenen Gebirge, das Sun-schan genannt wurde. Unter der T'ang-Dynastie bildete es die Grenze Chinas.

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1) Deguignes, I, sec. partie, p. LXV. S. auch Hyacinth, III, 223 f. Vgl. jetzt noch Hirth, Nachworte zur Inschrift des Tonju-kuk, S. 72.

 

 

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Von dort 50 Li lag die Stadt Tun-to-, das alte Tsch'i-san oder Tsch'i-ko, die Hauptstadt der U-sun 1).

 

Von dort 30 Li überschritt man den Fluss Tschön- tschu-ho 2). Ma-tuan-lin, ein Compilator des XIII. Jahrhunderts, sagt, dass dieser Fluss zusammen mit einem andern, namens Tschï-ho 3), nach Nordwest floss. Im Nordwesten überschreitet man das Gebirge Fa-i-ling.

 

Von dort 50 Li liegt das Süé-hai-(Schneemeer). Nach Ma-tuan-lin sind die umliegenden Berge mit Schnee bedeckt.

 

Von dort 30 Li: Sul-pu-šu am Ufer des Flusses Sui-pu-šui 4).

 

Von dort 50 Li: der See Yö-hai, den die Bewohner des Landes selbst Issyk-kul nennen.

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1) Anmerkung von Hirth: „Die Stelle scheint anzudeuten, dass der Verfasser des Itinerars die alte Hauptstadt der Wu-sun noch im Gebirge suchte; dagegen vertritt Sü-Sung in seinem für die Kenntnis der alten Geographie Centralasiens höchst wichtigen Kommentar zum Ts'ien-han-schu, dem Han-schu-si-yü-tschuan-putschu (Kap. 2, p. 1) die Ansicht, dass die Wu-sun ursprünglich am Südabhang des T'ién-schan im Tarimbecken sassen und erst später sich in das Gebirge zurückzogen. Er sucht demgemäss auch die alte Hauptstadt Tsch'ï-schan vor dem T'ién-schan. Dem scheint das vorliegende Itinerar der T'ang-Periode zu widersprechen.“

2) Nach Hirth ist dies „der Naryn als Oberlauf des Syr Darja in der Gegend von Narynsk.“

3) Nach Hirth (cf. cit. S. 70) ist im T'ang-šu „nur von einem Fluss die Rede, dem diese beiden Namen angehören.“

4) Nach Hirth „wohl das im Kaschkar-Thal fliessende Quellgebiet des Sul-yé-Flusses“ (d. h. des Tschu).

 

 

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(Ueber die folgenden Stationen s. oben S. 9.)

 

Die Erwähnung des Berges Pa-ta zeigt am besten, dass der chinesische Historiker den Weg über den Pass Bedel meint. Durch denselben Pass, aber nicht durch den Muzart -- wie Schuyler fälschlich annimmt 1) – ging Hiuen-Thsang. Die von ihm überlieferte Beschreibung dieses Weges 2) kann man mit der ausführlichen Marschroute des Stabscapitains Sunargulow vergleichen, der 1877 dort gewesen ist 3).

 

Der Verfasser der „Geschichte der Dynastie der T'ang“ bringt die Namen der Städte vom Pass Bedel bis zum Issyk-kul. Hiuen-Thsang sagt von solchen nichts. Nach den klimatischen Bedingungen ist in dieser Gegend ein Vorhandenszein wirklicher Städte undenkbar. Die von den Chinesen erwähnten Orte waren gewiss nur Nomadenlager. Ein Interesse aber hat es, die Lage der Hauptstadt der Usun zu bestimmen. Die zwei Flüsse, die die Chinesen erwähnen, entsprechen wahrscheinlich dem Kara-šai und Ğau-ğurek (beides Quellflüsse des Naryn). Die Hauptstadt der Usun muss etwas weiter südlich, vielleicht auf der Hochebene Kara-giru gelegen haben. Das „Schneemeer“ = dem Bergsee Bel-kul, liegt unmittelbar südlich vom Bergpass Kascha-su. 4)

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1) Turkistan, London, 1876, I, 391 und II, 134.

2) Hiuen-Thsang, Mémoires sur les contrées occidentales, trad. par Stanislas Julien, I, 11-12, Histoire de la vie de Hiouen-Thsang, trad. par St. Julien, p. 53-54.

3) Kuropatkin, Kaschgarien, St. Petersburg, 1879, p. 297-310 (russ.). Kostenko, Das turkestanische Gebiet, II, 231-234 (russ.).

4) Wo Sunargulow von diesem See spricht, nennt er ihn nicht. Der Name ist der Karte entnommen, die dem Buche A. N. Kurapatkin's beigefügt ist.

 

 

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Nachdem Hiuen-Thsang am See Issyk-kul angelangt war, zog er 500 Li am Ufer des Sees entlang his zu einer Stadt am Flusse Sui-ye (= Tschu). Daraus ist ersichtlich, dass er zuerst an das Südostufer des Sees gelangt war. Noch mehr wird das durch seine Angabe bestätigt, dass hier eine Menge Flüsse in den See münden. Am Ufer des Issyk-kul entlang führte wahrscheinlich auch die Reiseroute, die oben S. 9 aus der „Geschichte der Dynastie T'ang“ angeführt ist. Der hier Suï-šé genannte Fluss entspricht wohl dem Fluss Sui-yé bei Hiuen-Thsang. Nur ist die Entfernung bei den chinesischen Historikern auf 280 (nach Hirth 320), nicht auf 500 Li, bestimmt 1). Die Städte Tung, Ho-la, Yé-tschï und Fi-lo-tsian-kiun (oder Stadt des P'ei-lo), die bei Hiuen-Thsang ebenfalls nicht genannt werden, müssen am südlichen Ufer des Sees liegen 2).

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1) Ueberhaupt sind die in der analysierten Reiseroute angeführten Entfernungen mehr als zweifelhaft; der oben S. 34 f. dargelegte Widerspruch zwischen den arabischen und chinesischen Quellen ist so bedeutend, dass er nicht durch eine Veränderung des Handelswegs erklärt werden kann. Um zu bestimmen, wie genau die Entfernungen bei Deguignes angegeben sind, war die Marschroute im Original zu prüfen, was durch Hirth geschehen ist. Leider zeigt die Arbeit dieses Sinologen , dass die falschen Angaben über die Entfernungen sich in der That im chinesischen Original befinden.

2) Wenn nämlich die Voraussetzung richtig ist, dass Hiuen-Thsang und der Verfasser des T'ang-šu denselben Weg beschreiben. Für diese Voraussetzung sprechen die Namen der Städte Tung, Ho-la und Ye-tschï, welche den bei Gardizi (vgl. meinen Отчетъ о поҍздки въ Срединю Азію, S. 89-90) erwähnten Orten XXXX, XXXX und XXXX zu entsprechen scheinen. Der erste Name hat sich bis auf den heutigen Tag in dem Namen des Flusses Ton, in dessen Thal sich bedeutende Ruinen befinden, erhalten. Wenn die Reisenden das Ufer des Issyk-kul östlich vom Ton erreichten, müssen natürlich Hirth's Ansichten über die Ueberschreitung des Naryn bei Narynsk und über den Fluss Sui-pu fallen; doch lag die „Stadt des P'ei-lo“ jedenfalls schon im Thale des Tschu.

 

 

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Der See Issyk-kul wird, wie erst seit kurzem bekannt ist, bei muslimischen Schriftstellern der vormongolischen Zeit mehrfach erwähnt. Aus der Litteratur der vormongolischen Zeit kennen wir bereits drei Geographen, bei denen sich Nachrichten über den Issyk-kul finden: 1. der ungenannte Verfasser des XXXX (X. Jahrhundert; vgl. darüber Mitteil. des orient. Seminars, Westas. Studien I, S. 153 f.); 2. Gardizi und 3. der Verfasser des XXXX (vgl. Mitt. des Orient. Sem. ibid. und den persischen Text in meinem Туркестанъ въ эпоху монгольскаго нашествія, Theil I, Texte, S. 81). Bei späteren Schriftstellern finden sich einige Mitteilungen über ihn sowie über die gleichnamige Stadt 1); aber über ihre Lage geben sie keinerlei Hinweise. Nur Ibn Arab-schah 2) spricht von „dem kleinen Wohnort“ inmitten des Sees, d. h. auf einer Insel. Auf der katalonischen Karte (Carta Catalana) vom Jahre 1375 ist die Stadt Issyk-kul (Yssicol) am nördlichen Seeufer angegeben 3). Dort ist auch die Nachricht angeführt, dass in dieser

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1) Notices et extraits, XII, 226-231.

2) Ahmedis Arabsiadae vitae . . . Timuri . . . historia. Ed. Manger, Leovardiae, 1772, T. II, p. 392-393. Das Wort XXXX ist wahrscheinlich ein Appellativum und kein Eigenn Отчетъ о поҍздки въ Срединю Азію ame, wie der Herausgeber annahm (nach einem Hinweis von Bretschneider).

3) Notices et Extraits, XV, part. II, p. 132--133. Ueber dieselbe Karte vgl. noch Yule, Cathay and the way tither, vol. I, prelim. essay p. CCXXIII. Schuyler, Turkistan II, 130 verlegt fälschlich Stadt und Kloster an das südliche Ufer.

 

 

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Stadt ein armenisches Kloster war. Jetzt liegen noch die Trümmer einer alten Stadt unter dem Wasser, bei den Mündungen der Flüsse Tup und Koi-Su. Inseln giebt es heute im Issyk-kul nicht, wohl aber viele Sandbänke 1). Das Ufer des Sees bildet an den Mündungen der erwähnten Flüsse eine Halbinsel, die freilich ehemals eine Insel gewesen sein kann 2).

 

Am Ufer des Sees sind viele alte Geräte und dergl. gefunden worden. Besonders interessant ist eine kleine Lampe mit einer Inschrift in einem gänzlich unbekannten Alphabet; ein Buchstabe erinnert nach der Meinung Lerch's stark an die manichäische Schrift). Die oben mitgeteilten historischen Nachrichten über die Verbreitung des Manichäismus in Mittelasien machen diese Vermutung sehr wahrscheinlich.

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1) Kostenko, Das turkestanische Gebiet, I, 177 (russisch).

2) Vgl. darüber meinen Отчетъ о поҍздки въ Срединю Азію S. 46--50. Hier wird die Angabe von Muhammed-Haidar im Tarich-i-Račidi angeführt, nach welcher noch im 15. Jahrhundert auf der im Issyk-kul gelegenen Insel Koi-su eine Festung erbaut worden ist (vgl. den persischen Text im Отчетъ S. 50 und die englische Uebersetzung im Tarikh-i-Rashidi of Mirza Muhammad Haidar, english version, ed. by N. Elias, the translation by E. D. Ross, Lond. 1895, p. 78-79). Da Muhammed Haidar, welcher im XVI. Jahrh. kein Wort über das Verschwinden der Insel sagt, auch in seiner ausführlichen Beschreibung des Sees der Ziegelsteine und der andern Trümmer, welche jetzt in grosser Zahl an das Land gespült werden , nicht erwähnt, ist der Schluss berechtigt, dass die Insel erst in neuester Zeit, wahrscheinlich in Folge eines Erdbebens, verschwunden ist. Die Existenz von Mauern und Trümmern einer Stadt unter dem Wasser ist zweifelhaft.

3) Schuyler, Turkistan, II, 130. Leider ist es mir bis jetzt nicht gelungen, zu erfahren, wo sich diese Lampe gegenwärtig befindet.

 

 

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Druckfehler,

 

S. 10 Anm. 3 l. XXXX statt XXXXXX

 

 

 

 

 

Quelle:

Bartolʹd, Vasilij Vladimirovič, Zur Geschichte des Christentums in Mittel-Asien bis zur mongolischen Eroberung. Hrsg. Rudolf Stübe. Tübingen und Leipzig Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1901.

 

Hinweis: Persische und arabische Worte sind im Text mit XXXX bezeichnet und können bei Bedarf der Originalschrift entnommen werden. Die Arbeit „О христианстве в Туркестане в домонгольский период“ wurde in den „Записки Восточного Отдела Императорского Русского Археологического Общества“, т. VIII (1893 — 94), veröffentlicht.

 

Der folgende Artikel:

Бартольд В. О христианстве в Туркестане в домонгольский период. (По поводу семиреченских надписей) // Записки Восточного Отделения Императорского Русского Археологического Общества. Том восьмой. 1893—1894. Выпуски I—II. СПб.: Типография Императорской Академии Наук, 1893. С. 1—32.

kann online vom der russischen Akademie der Wissenschaften – Institut für östliche Manuscripte (St. Petersburg) als pdf-File eingesehen werden:

http://www.orientalstudies.ru/rus/images/pdf/journals/ZVORAO_8_1893_1894_02_barthold.pdf

 

 

Die deutsche Übersetzung „Zur Geschichte des Christentums in Mittel-Asien bis zur mongolischen Eroberung“ erschien in Tübingen 1901.

Ein Exemplar der deutschen Übersetzung und erweiterten deutschen Bearbeitung ist über openlibrary.org zugänglich:

https://openlibrary.org/books/OL26243517M/Zur_Geschichte_des_Christentums_in_Mittel-Asien_bis_zur_mongolischen_Eroberung

 

 

 

 

Chinesisch Turkistan und seine Bedeutung für die Kulturgeschichte


DEUTSCHE LITERATURZEITUNG.
Nr. 10. XXIX. Jahrgang. 7. März 1908.


Chinesisch Turkistan und seine Bedeutung für die Kulturgeschichte.

Von Prof. Dr. Albert Grünwedel, Direktor an der ethnologischen Abteilung des Museums für Völkerkunde, Berlin.

Chinesisch Turkistan steht heute in der Mitte des wissenschaftlichen Interesses durch die unerhörten Entdeckungen der letzten Jahre, die für die Kulturgeschichte des Ostens wie des  Westens von Asien die reichste und vielseitigste Ausbeute geliefert haben. Fast sämtliche orientalische Literaturen erhielten aus dem Sande der in den Wüsten begrabenen alten Städte, aus dem Schutte der Tempel und Höhlen altes literarisches Material von der grössten Bedeutung, Reste untergegangener Literaturen tauchten wieder auf, neue Sprachen, die erst wieder konstruiert werden müssen, kamen hinzu, und endlich gewann die Kunstgeschichte neue Schichten unbekannter Monumente von beachtenswerter Vielseitigkeit des Stiles, die die geahnte Verbindung der Kunstübungen des fernen Ostens mit der römischen Provinzialkunst deutlich erweisen, zugleich aber für die Kultur der Iranier unschätzbares Material liefern.

Das weite Gebiet des heutigen chinesischen Turkistan umfasst ein Areal von mehr als 20,000 Quadrat M.; es liegt zwischen 36-43° N. Breite, 73--92° Östl. L. von Gr. oder zwischen den Randgebirgen Tibets im S., dem Tien-Shan im N., dem Alai und Pamir-Plateau im W., während im O. das Land in die Wüste Gobi ausläuft. Bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. war es in Blüte, eine reiche Kultur indischen und persischen Urprungs verschönerte die Oasen, die herrschende Religion war der Buddhismus. Ausführliche Berichte aus jener Zeit verdanken wir chinesischen Pilgern, in erster Linie dem gefeierten Hsüan-tsang, der durch Zentralasien nach Indien sich begab, um buddhistische Bücher, Bilder und Reliquien zu holen. Herr M. A. Stein hat auf seiner denkwürdigen, im Jahre 1900--1901 ausgeführten Reise mit grossem Gewinn für die Wissenschaft den Weg des »grossen Mönches« verfolgt und sich bemüht, die in seinen Berichten erwähnten Lokalitäten nachzuweisen. Seine Resultate liegen nunmehr in zwei stattlichen Bänden vor uns 1); nachdem er früher in einem prächtigen Reisebuch und in seinem Vorbericht (Preliminary Report) orientierendes Material gebracht hatte.

Äusserlich zerfällt Chinesisch Turkistan in zwei grosse Kulturlinien, welche den zwei Hauptstrassen entlang liegen, einer nördlichen, die von Kashghar über Aksu, Bai, Kutsha nach Toksun, von Toksun über Turfan nach Hami (Komul) führt, und einer südlichen, die von Yarkand
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1) M. Aurel Stein, Ancient Khotan, detailed report of Archaeological Explorations in Chinese Turkistan carried out and described under the orders of H. M. Indian Government.
Vol. I. Text with descriptive list of antiques by F. H. Andrews, seventy two illustrations in the text, and appendices by L. D. Barnett, S. W. Bushell, E. Chavannes, A. H. Church, A. H. Francke, L. de Lóczy, D. S. Margoliouth, E. J. Rapson, F. W. Thomas.
Vol. II. Plates of photographs, plans, antiques and mss. with a map of the territory of Khotan from original surveys.
Oxford, Clarendon Press (London, Henry Frowde), 1907. XXIV u. 621 S.; 119 Illustr. u. 1 Karte. 4*. Geb. $ 33,75.


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583 7. März. DEUTSCHE LITERATURZEITUNG 1908. Nr. 10. 584

über Karghalyk, Khotan nach Niya und bis zur Oase Tshertshen führt. Inmitten dieser beiden Strassen liegt heute die Wüste, im Altertum aber vermittelten Flüsse die Verbindung, so etwa wie sie heute noch südlich von Kutsha die beiden Strassen verbinden.

Der erste, der auf die ungewöhnliche Bedeutung der Altertümer des Landes hinwies, war Sir T. D. Forsyth (1873), nachdem schon W. H. Johnson (1867) und Shaw (1870) von Altertümern berichtet hatten. Neben den Entdeckungen der reisenden Russen im Norden, wie besonders auch im Süden von Chinesisch Turkistan war es vor allem der langjährige Russische General-Konsul in Kashghar Nikolaj Fedorovič Petrovskij, der durch Sammeln von Notizen, Handschriften und Altertümern jeder Art immer und immer wieder auf die Bedeutung des unberührten Gebietes aufmerksam machte, aber leider, da die Berichte russisch geschrieben waren, im übrigen Europa wenig Interesse fand. Ungemein interessante literarische Reste brachte die Reise von Dutreuil de Rbias und F. Grenard (1890 -- 95), neue Notizen über vom Sand verwehte Städte Sven Hedin (1898).

Es würde zu weit führen, in einem kurzen Aufsatze die Bibliographie der ganzen neuerdings allgemein in Fluss gekommenen wissenschaftlichen Bewegung aufzuführen: es genügt hier darauf hinzuweisen, dass die Unternehmungen der britischen Gelehrten, welche an der tätigen Unterstützung und Sammeltätigkeit des britischen Political agent in Kashghar, Macartney, eine mächtige Hilfe hatten, zunächst auf den Süden, d. h. auf die Oase Khotan und die ihr benachbarten Gebiete gerichtet waren. Für M. A. Stein war, wie er selbst sagt, der Anlass zur Reise gegeben in dem Funde des Bower-Manuskripts in der Nähe von Kutsha 1891. Die Erwerbung eines buddhistischen Manuskripts durch Dutreuil de Rhins in der Umgebung von Khotan und die Arbeiten Dr. Hörnles über Erwerbungen von Altertümern und Manuskripten aus dem Süden kamen hinzu. Die Reise wurde auf Kosten der Bengal-Regierung unternommen und sorgfältig vorbereitet. Stein ging im Mai 1900 über Gilgit und Hunza, über den Tâghdumbâsh Pâmir den alten, grosses historisches Interesse bietenden Weg N vom Volur-See über das Tal der oberen Kisangangâ. Nachdem er Kashghar erreicht hat, untersucht er die Altertümer in der Nähe der Stadt und geht dann wieder den Weg der Altertümer über Yarkand, Karghalyk, Gûma Bazar, Zangûya, Piâlma nach Khotan. Hauptpunkte seiner Tätigkeit sind die Oasen von Khotan, Keriya, Niya bis Endere, so dass auf dieser Reise noch Tshertshen ausserhalb seines Arbeitsgebietes bleibt.

In den ersten Kapiteln seines Buches (I, Sec. I-III) skizziert nun Stein die historischen Verbindungen Gilgits mit China von der Mitte des 8. Jahrhunderts an nach den chinesischen Annalen und Hsûan-tsang. Nach dem Sturze des Reiches der Westtürken 658-9 n. Chr. bekam China Ost- und West-Turkistan. Den Chinesen traten aber bald (670 -- 692) die Tibeter entgegen, welche Kashghar und das Tarim-Bassin besetzten. Das Vordringen der Araber (705-715) zwang die kleinen Staaten am Oxus und in Sogdiana, Hilfe bei China zu suchen. Ihnen gegenüber verbanden sich Araber und Tibeter, doch kämpft Kaiser Hsüan-tsung (713-755) mit Erfolg gegen beide. Gilgit (Klein-P'o-Iü) wird ein wichtiger strategischer Punkt für die Chinesen. Im 4. Abschnitt des 1. Kapitels folgt nunmehr eine Besprechung der Altertümer in Gilgit und Hunza. Zunächst ist es ein Steinrelief bei dem Dorfe Naupur, welches schon Col. Biddulph beschrieben hatte -- eine kolossale Buddhafigur. Stein weist mit Recht auf die Form des Fonds der Figur, welcher Kâsmîrî-Stilformen nachahmt, als verhältnismässig jung hin. Ein zerstörter Stûpa bei Thôl im Hunza-Tal ist, wie Stein hervorhebt, verwandt mit tibetischen Formen, nicht aber mit denen Turkistans. Wichtig sind die eingestreuten Notizen über die Bevölkerung des Tales, wo das eigentümliche Burisheski gesprochen wird (S. 19), ferner über die Sarikoli's (S. 26) und über den Bergstamm der Pakhpo, die noch eine besondere Sprache haben, die auch von den Sarikoli's verstanden wird. Aus den folgenden Partien des Buches ist besonders interessant die stete Bezugnahme auf Hsüen-tsangs Reise, so gelegentlich der Stadt Tâshkurghân (S. 35) und der Lokalisierung der Arhat-Legende (S. 44) auf dem Muztâgh-Ata, der ein ungeheures, selbstentstandenes (svayambhû) Stûpa bildet, in welchem der Heilige begraben liegt.

In Kap. III S. 47 folgt nun eine eingehende Besprechung der alten Namen von Kashghar (Sha-le, Su-le, K'a-sba), eine Skizze der Geschichte der Stadt unter der Han-Dynastie. S. 52 weist Stein in sehr überzeugender Weise auf die dominierende Lage des jetzigen russischen Grenzortes Irkeshtam hin und nimmt zugleich seine früher ausgesprochene Gleichsetzung von Tâshkurghân und λίθινος πύργος zurück. Mir wurde erzählt, dass man beim Bau des jetzigen russischen Zollhauses auf alte Bauten stiess, und dass dort in beträchtlicher Tiefe grosse Mengen von Eberzähnen gefunden worden seien. Ferner


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hörte ich, dass an einer Felswand bei Ulughdschat ein Relief eines Mannes »Buddhafigur« vorhanden sei, das die Kirghisen aber stets mit Steinen und Schutt versteckten -- vielleicht ein ähnliches Relief, wie der von Stein besprochene Buddha bei Naupur. Stein macht darauf aufmerksam, dass der alte Weg den Wakshâb-Fluss hinauf bis Karategin (Komedi) nach dem Alai-Plateau nach Irkeshtam führt, und dass hier die alte Verbindung von Baktrien mit Kashghar (2. Jahrhundert n. Chr.) stattgefunden hat. Von Baktrien aus wurde der Buddhismus nach Kashghar gebracht, nicht von Khotan nach Kashghar (S. 56/7). Es folgt die Skizzierung der Geschichte Kashghars bis zur Zeit der T'ang-Dynastie: der Zerfall der chinesischen Macht unter Kaiser An-ti (107--125 n. Chr.), die Revolte der Uiguren bei Turfan und Komul, die Wiedervereinigung Chinas unter Kaiser Wu-ti (265-290) und sein Versuch, die chinesische Macht wieder im Tarim-Gebiete herzustellen. Unter Wên-chîng-ti (452 --466) gelangt eine Gesandtschaft des Königs von Shu-le mit einem unverbrennbaren Buddhagewand nach China. Das Hephthalitenreich im Oxusbassin umfasst auch Gandhâra und Karashahr, zwischen 563--567 geht ihr Reich aber zugrunde durch den Khâkân Istämi (T'u-chüeh king), den Beherrscher der Westtürken. 618 beginnt eine neue glorreiche Periode, die Verbindung der Chinesen mit den Westtürken gegen die nördlichen Türkstämme. 630 werden diese bewältigt, die Teilfürsten der Westtürken werden einzeln unterworfen. 652--8 werden endlich alle unterworfen, nachdem schon 644 der König von Karashahr gefangen genommen worden war. Nun folgen im 8. Jahrhundert die Einfälle der Araber und Tibeter. 758--59 herrschen die Tibeter in Kansu, und dadurch hört die Verbindung mit China auf (S. 63). 860--873 bewältigen endlich die Uiguren die Tibeter. Bald darauf erscheint der Islâm im Lande.

In Kap. IV behandelt Stein die Altertümer in der Nähe von Kashghar. Zu dem auf S. 81 Note 5 erwähnten Bericht Petrovskijs möchte ich nachtragen, dass dieser Bericht (betitelt Zamětki o drevnostjach Kašgara: Zapiski vostočnago otdělenija Imp. Russk. Archeolog. obščestva IX, 147 ff.) auf drei Tafeln: Taf. VI, I eine Abbildung des »Stûpa« = M. A. Stein, I, Fig. 14, des Kaptarkhâna VI, 2 = Stein, I, Fig. 17; Taf. VII, I Muri-tim in Khânui = Stein, I, Fig. 13 Mauri Tim


Einfügung: Fig. 13 Ruined stupa and mound of Mauri-Tim, seen from south-west.
Fig. 14 Ruined stupa of Kurghan-Tim, seen from North.
Link: National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project - Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
http://dsr.nii.ac.jp/toyobunko/VIII-5-B2-7/V-1/page/0115.html.en

Einfügung: Fig. 17 Kaptar-Khana ruin near Khan-Ui, Besh-Karim.
Link: National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project - Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
http://dsr.nii.ac.jp/toyobunko/VIII-5-B2-7/V-1/page/0157.html.en

und auf Taf. VIII Proben seiner Funde enthält, unter denen die dort zahlreich vorkommenden gläsernen, nagelförmigen Gebilde auffallen, die Petrovskij für die Stiele von Lotusblumen hält, deren Blumenblätter abgebrochen seien.

Von Kashghar aus begab sich M. A. Stein auf sein eigentliches Arbeitsgebiet.

Der erste Punkt ist Yotkan, das schon Grenard mit dem alten Khotan identifizierte; von hier aus gewinnt er eine Reihe von Ortschaften, heiligen Orten und Tempeln, die Hsüan-tsang erwähnt. Zunächst gibt er eine ausfürliche Darstellung des historischen Materials über Khotan, worauf die Besprechung der tibetischen Legenden, welche Rockhill behandelt hat, sich anschliesst. Die mit diesem historischen und legendenhaften Material identifizierten Lokalitäten sind: Gośŗinga identisch mit dem heutigen Kohmari (S. 189), So-mo-ye identisch mit dem 'Gum-stir der tibetischen Quellen und dem beutigen Somiya (S. 223). Was die von Hsüan-tsang bezüglich So- mo-ye erzählte Legende betrifft, so könnte man als Anhaltspunkt der Entstehung der Legende von dem Mönche, der den Stûpa hochhebt, an eine bildliche Darstellung eines Stifters denken, der ein Stûpamodell in der Hand hielt. Ich habe derartige Bilder gesehen, und tatsächlich kommen u. a. unter den offiziellen Darstellungen der fünfhundert Arhats derartige Attribute vor. Weiterhin gelingt Stein die Identifizierung der Orte Ti-chia-p'o-fu-na, des Klosters, zu dem eine Buddhastatue aus Kutsha der Legende zufolge ihren gläubigen Verehrer besuchend kam (S. 225), die Lokalisierung einer Legende von der Verheiratung eines Ministers mit einer Nâgî mit dem Schutthügel Naghâra-khâna (S. 227), die Identifizierung von Hsüan-tsangs Lu-Shê-Kloster gegründet von der Frau eines Königs, der die Tradition die Einführung der Seidenkultur im Lande zuschrieb, und einiger anderer aus Hsüan-tsang bekannten heiligen Orten. Interessant ist es besonders, dass es Stein gelang, Darstellungen einiger der alten Legenden zu finden, wie die Erzählung von der Einführung der Seidenkultur durch die Begründerin des Lu-shê-sanghârâma und die von den heiligen Ratten. Unter den Funden, die Stein an diesen Orten gemacht hat (vgl. S. 206 ff.), sind hervorzuheben Terrakotten, darunter die schon aus früheren Berichten bekannten grotesken Äffchen; dann aber offenbar aus Gandhâra stammend: Miniaturreliefs: Geburt Buddhas, Mâras Attacke, ferner Intaglios mit Darstellung eines stehenden Eros und anderen auf die römische Provinzialkunst weisenden Darstellungen.

Der zweite Punkt ist die alte, schon von Sven Hedin erwähnte Stadt Dandan Uilik (Kap. IX, 236ff.). Die Ausgrabungen dort ergaben Fresken, Holzbrettchen mit gemalten Darstellungen, Figuren


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und Handschriften in Sanskrit und einer unbekannten Sprache und chinesische Fragmente. Besonders wichtig ist aber, dass Stein auf Grund eines Dokumentes das Datum der Aufgabe der Stadt in das 8. Jahrhundert setzen kann. Zu dem merkwürdigen Fresko in der kleinen Cella von D II (Dandan Uilik vgl. II pl. Il), welches eingehend auf S. 253 ff. besprochen ist, möchte ich einige Bemerkungen machen.


Einfügung: Plate II. Fresco and stucco relief in small cella of shrine D. II, Dandan-Uiliq
Link: National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project - Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books
http://dsr.nii.ac.jp/toyobunko/VIII-5-B2-7/V-2/page/0015.html.en

Zunächst scheint es mir misslich, eine kleine Ecke eines Wandbildes zu erklären, wenn über die Dekoration der ganzen Wand, die Raumverteilung der einzelnen Szenen oder der in Streifen und besondere Felder zu zerlegenden Komposition sich wenig mehr feststellen lässt. Nehmen wir den Fall an, das Mittelfeld der Wand hätte ein grosser Buddha eingenommen, unter welchem ein kleinerer Streifen sitzender Religiosen, Bodhisattvas und Mönche sich befand, von denen dann nur zwei unter der linken Seite des Hauptbildes sitzende erhalten sind -- während andere unter der rechten Seite, die Köpfe den erhaltenen Figuren zugewandt, das Gegenstück bildeten (so oder ähnlich muss doch das Wandbild disponiert gewesen sein), so bleibt immerhin die Möglichkeit, dass auf der anderen Ecke des Bildes, der Göttin, welche im Wasser steht, entsprechend, eine Szene vorhanden war, die die Legende vervollständigte und so die ganze Erzählung zum Hintergrunde des Parivâra des Mittelbildes machte. Es blieb dann die Möglichkeit, unten eine kleine Reihe von Wallfahrern, Stiftern usw. anzunehmen, deren zur Seite stehende Pferde links noch erhalten wären. Ich spreche nach Analogien allgemeiner Art, die ich in den Höhlen gesehen habe -- Analogien allerdings, von denen nicht behauptet werden kann, dass sie zwingend sind, solange nicht die Kompositionsgesetze der zentralasiatischen Malerei festgestellt sind. Immerhin aber wird man die Fresko-Malerei der Umgebung von Kutsha usw. nicht, ohne die südlichen Altertümer zu vergleichen, behandeln können. Die folgenden Einzelheiten zeigen den Zusammenhang. Der merkwürdige Kettengürtel mit Glöckchen und dem eigenartigen »Feigenblatt«, den die Göttin trägt, kommt in Kyzyl mehrfach vor. Derselbe Kettengürtel mit dem Feigenblatt findet sich aber auch bei den Gandhâra-Skulpturen, vollbekleidete Tänzerinnen tragen ihn über der Gewandung, vgl. A. Foucher, L'art gréco-bouddhique du Gandhâra I, S. 227 Abb. 106. Was die Wandgemälde in den Höhlen bei Kyzyl betrifft, so erscheint er da auch immer nur bei Tänzerinnen oder Dienerinnen; nur einmal (2. Anlage bei Kyzyl) trägt ihn die thronende Gattin des Königs Adshâtaśatru, als Varshika (Tib. d Byar-byed), kommt, um ihm das Bild zu zeigen, das den Tod des Buddha ihm schonend mitteilen soll, vgl. Asiatic Researches XII, I, 1836. Aber der Maler dieser Replik liebte das Nackte - er hat sogar die Mâyâ mit völlig entblösstem Oberkörper dargestellt. In den anderen Repliken derselben Komposition ist sowohl die Gattin Adshâtaśatrus als Buddhas Mutter vollbekleidet dargestellt. Nâgî-Mädchen habe ich nie mit diesem Gürtel gesehen. Allein, um hier zu entscheiden, müssen wir erst über die Kompositionsgesetze der einzelnen Lokalitäten klar werden. Ich will hier nur meine Beobachtungen notieren, ohne direkt Steins sonst so hübsche Erklärung ablehnen zu wollen. Sie festzuhalten, ist aber schwierig.

Weiter möchte ich den Zusammenhang des Südens mit den Höhlengemälden des Nordens auch in einer anderen Richtung betonen. Im Parivâra des Buddha, welches in den Höhlen von Kyzyl erscheint, tritt auch eine figurenreiche Hindû-Mythologie auf. In der Zahl dieser Götter habe ich dort mehrmals einen dreiköpfigen (einmal einköpfigen) vielarmigen (vier- oder sechsarmigen) hellblauen Gott gesehen, begleitet von einem weissen Stier, mit Tigerfell als Lendentuch, der in seinen oberen Armen deutlich Sonne und Mond hält -- die Identität des Gottes mit dem merkwürdigen Bild auf einem Votivbrettchen bei Stein, II, pl. LX (Dandan Uilik) ist nicht zu verkennen.


Einfügung: Plate LX Obverse of painted panel D. VII. 6 from ruined dwelling. Dandan -Uiliq.
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Als die äussersten Ausläufer dieser Gestalten sind die zweifellos śivaitischen Gottheiten in zwei Höhlen von Bezeklik (Murtuk), welche auch für die Seitenwände (Mittelstreifen) der Cella von α in Idykutshahrî anzunehmen sind, zu betrachten. Dort in Bezeklik finden sich verschiedene Formen Mahâkâla's, sogar auch Kârtikeya vielarmig und immer mit Sonne und Mond in den erhobenen hinteren Armen. Es scheint mir, dass wir hier (vgl. auch II, pl. LXIV, D. X, 3)


Einfügung: Plate LXIV Painted panel from shrine D. X. Dandan-Uiliq.
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http://dsr.nii.ac.jp/toyobunko/VIII-5-B2-7/V-2/page/0139.html.en

eine Mythologie vor uns haben, die in Turkistan selbst eigenartig weitergelebt und schliesslich zu Bildungen wie Taf. XVII, Fig. 2a meines Berichts über Idykutshahri geführt hat: Formen, die im Foismus und Taoismus Chinas weiterleben. Ich möchte daher in den Bildern auf Pl. LX und LXIV nur Schutzgötter (dharmapâla's) erkennen, keine Bodhisattvas. Die von Stein so hübsch rekonstruierten Statuen der Lokapâla's besonders Vaiśravana's, der in der legendenhaften Geschichte des Landes eine so grosse Rolle spielt, sind auch in den Ruinen des N. vorhanden. Ich benutze hierbei die Gelegenheit, nachzutragen, dass die in meinem Berichte über Idykutshahri Taf. XIII Fig. 3 und 4 abgebildeten


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589 7. März. DEUTSCHE LITERATURZEITUNG 1908. Nr. 10. 590

kleinen Dämonenköpfe wahrscheinlich ebensolchen Figuren angehörten, welche zu den Füssen der Lokapâla's, denen die Köpfe Fig. 1 und 2 angehörten, lagen.

Eine sehr hübsche Lösung hat die von mir im »Handbuche« 2. Aufl. S. 190 Note 94 zu S. 54 beanstandete Form der Panzer gefunden, vergl. S. 252 und XVI. Dass kein Versehen vorliegen kann, davon habe ich mich unterdessen ebenfalls überzeugt. Denn ein grosses Bild, das den Angriff des Heeres des Mâra auf Buddha in einer Höhle bei Kumtura darstellt und das durch seine stark antiken Reminiszenzen direkt als eine Weiterbildung des bekannten Gandhârareliefs gelten muss, zeigt die aufwärts liegenden Panzerschuppen ebenfalls.

S. 247 weist M. A. Stein bei der Erwähnung der Darstellung der »tausend Buddhas« darauf hin, dass die Abbildungen mit Pausen hergestellt sein dürften. Es ist dies zweifellos richtig. Beim Durchpausen von Figuren über den Wandgemälden von Kyzyl habe ich selbst zu meinem Erstaunen entdeckt, dass eine abgenommene Pause auf ein anderes Bild genau passte, doch so dass man dann gewisse Einzelheiten: Handstellung, Schmuck, Attribute usw. bei der Konturierung oder Untermalung variierte. Ja man hat sogar wahrscheinlich Pausen kombiniert! d. h. man nahm bestimmte Typen mit verschiedenen Pausen und setzte Sie nach Belieben neu zusammen. Also in der Malerei derselbe Betrieb, wie ich von den Gandhâraskulpturen glaube, dass sie aus Modellfigürchen -- mehr oder weniger je nach der Kasse des Bestellers -- zusammengestellt sind. Für Toyok Mazar ist die Methode, mit Pausen zu arbeiten, durch den Fund des Herrn Bartus in der Ruine neben der Mühle am Tojoksu bestätigt. Die gefundenen Stücke aus starkem Papier sind genau wie die modernen der Lama's. Mit Nadeln sind die Konturen durchstochen, durch welche Russ oder steife Tusche durchgerieben wurde.

Es ist nicht zu leugnen, dass das Studium des Lamaismus die archäolögischen Arbeiten ausserordentlich fördert. Denn abgesehen davon, dass die angeblich sekundäre Literatur mehr als einmal Material schafft, das gerade hier unschätzbar ist 1), ehen wir auch im Betrieb der Klöster Analogien.

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1) Ich erwähne nur die Legende vom Hunde Taudiya, die auf einem Gandhârarelief vorkommt, vergl. A. Foucher, L'art gréco-bouddhique S. 525, übrigens auch Bastian Festschrift S. 477, ferner die Legende vom Affen mit der Honigwabe, A. Foucher, l. c. S. 512; die Legende von dem zum Tod verurteilten Räuber, Alt- und Neuind. Kunstgegenstände aus Prof. Leitners Sammlung, Wien 1883, welches Relief F. Müller nach dem Uligerun dalai bestimmte; ferner die Legende von der Sumâgadhâ, welche wohl ein halbdutzendmal in den Höhlen von Kyzyl auf die Plafonds gemalt ist. Gerade hier ist die tibetische Fassung derartig erzählt, dass Schiefner (Lebensbeschr. des Câkyamuni S. 53 und Note) genialer Weise bildliche Vorlagen vermutete und deshalb den Originaltext in den Noten mitabdruckte.


Man vergleiche z. B. zu dem von M. A. Stein Mitgeteilten die eingehenden Bemerkungen Pozdněevs über den Geschäftsbetrieb der mongolischen Klosterverwaltungen: Očerki byta buddijskich monastyrej v Mongolii S: 4 ff.

Der dritte Punkt der Arbeiten M. A. Steins war Rawak, N. von Dandan Uilik (Kap. X S. 304 ff.) Während Stein dort arbeitete -- die Ausbeute war u. a. ein besonders interessantes Brâhmî-Schriftstück auf einem Brettchen -- brachten ihm Arbeiter noch in Dandan Uilik gefundene Altertümer, dabei ein jüdisch-persisches Dokument, welches, wenn die von dem Bearbeiter Margoliouth angenommene Gleichung Ispahbud = Yazïd richtig ist, aus dem Jahre 718 n. Chr. stammt, vergl. S. 306 ff.

Der vierte Punkt der Arbeiten Steins war Niya (Kap. XI, S. 316 ff.). Hier fand er zahlreiche Dokumente in Kharoshțhî-Schrift auf Holz und Leder, welche bald nach dem vierten Jahrhundert verfasst sein müssen, in ganzen Lagen, Schriftstücke von ungewöhnlichem historischen Wert. Die von Hsüan-tsang gehörte und auch in den tibetischen Legenden, die Rockhill bearbeitet hat, erwähnte Tradition, dass von Taxila aus arische Inder nach Khotan gekommen seien, wird durch die Sprache: Prâkrit und durch die Schrift: Kharoshțhi bestätigt. Diese offenbar einem königlichen Archiv angehörigen und an einem Kultorte aufbewahrten Dokumente, die in höchst ingeniöser Weise mit Schutzdeckeln versehen sind, tragen auch Siegel mit antiken Darstellungen, der häufigste Typ ist eine Pallas Athene mit Schild und Ägis, dann auch ein Eros und etwas plumpe Porträtköpfe.

Der fünfte Punkt endlich war Endere (Kap. XII, 417 ff.), wo auch Handschriften: Brâhmî in unbekannter Sprache, aber auch tibetische Handschriften aus der Mitte des achten Jahrhunderts gefunden wurden: Tib. Text des Sâlistambasûtra usw. Merkwürdig ist, dass diese ältesten tibetischen Handschriften dieselbe Schrift zeigen, wie die heutigen. Ferner wurden dort interessante tibetische und chinesische Sgraffitti (S. 428) entdeckt; darunter ein datiertes (719 n. Ch.) chinesisches;


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591 7. März. DEUTSCHE LITERATURZEITUNG 1908 Nr. 10. 592

ferner Brâhmî-Fragmente auf Birkenrinde (S. 427) und chinesische Schriftstücke.

Der sechste Punkt war Karadong -- das alte P'i-mo des Hsüan-tsang, Marco Polo's Pein S. 443 ff. und endlich die Ruinen von Hanguya Tati = Tib. Hang-gu-jo (Kap. XIV. S. 470 ff.), Aksipil und des Stûpa von Rawak (S. 486 ff.), dessen Hof eine Unmasse von Skulpturen, Tonfiguren von Buddhas und Bodhisattvas brachte. Besonders bemerkenswert ist die Buddhastatue von der inneren südlichen Ecke des Stûpahofes. Das ganze Aureol der Figur ist strahlenförmig mit kleinen Buddhastatuen ausgefüllt: eine Darstellung, die bis jetzt unbekannt ist. Hierzu möchte ich bemerken, dass ich in Kyzyl in einer Höhle der Hauptschlucht, welche sich durch eigenartigen Stil auszeichnet, an den Seitenwänden der Vorhalle zwei mächtige gemalte Buddhafiguren gesehen habe, umgeben von Mönchen, Göttern und jungen Brâhmanas, deren Aureol ebenso strahlenförmig mit stehenden Buddhafiguren ausgefüllt war. S. 490 verweist Stein auf den Buddhatypus der Udayana-Statue. Sicher war diese Statue die Vorlage der bez. Repliken; auch die Reste von Buddhakolossen, die ich in Kumtura und Shortshuk sah, zeigen deutlich den Udayanatypus. Es ist gewiss nicht gleichgültig, dass das im Tibetischen Tandschur erhaltene Werk »Art und Weise, wie der Sandelholz-Buddha nach China gelangte« (Fol. 85 Nr. 2931 des Schillingschen Index) aus dem Chinesischen ins Uigurische und aus dem Uigurischen ins Tibetische übersetzt worden ist.

Besonderes Verdienst hat sich M. A. Stein erworben durch die Überführung des Manuskriptfälschers Islâm Âkhûn durch die chinesische Behörde (S. 508 ff.), er erhielt auch Holzblöcke, mit denen Islâm Âkhûn seine »Bücher in unbekannter Schrift« hergestellt hatte.

Den Schluss des Buches bilden eine Reihe wichtiger Appendices: App. A die Bearbeitung der chinesischen Dokumente usw. durch Édouard Chavannes S. 521--47; App. B die tibetischen Schriftstücke und Sgraffitti durch L. D. Barnett und A. H. Francke S. 548-69; App. C die Übersetzung des judaeo-persischen Dokuments durch D. S. Margoliouth; App. D ein Inventar der Münzen von S. W. Bushbell und E. J. Rapson. Hiebei möchte ich nicht vergessen zu erwähnen, dass auch die Ruinen in der Umgebung von Turfan massenhaft Münzen mit der Prägung K'ai-yuen's boten. Es folgen im App. E Auszüge aus tibetischen Quellen über Khotan von F. W. Thomas: I. Notizen über die von Rockhill bearbeiteten Texte, II. über das Gośŗinga-vyâkarana. In bezug auf die Wunderkräfte, welche dem Dîpañkarabilde in diesem Texte zugeschrieben werden, ist von Interesse, dass in zahlreichen Ruinen der Umgebung von Turfan, aber auch in Shortshuk bei Karashahr das Dîpañkaradshâtaka abgebildet ist. Zu S. 584 möchte ich bemerken, dass Tib. Sai sñiñ-po Skt. Kshitigarbha ist, Nam-mk'a-sñiñ-po dem Skt. Âkâśagarbha, sMan-gyi rgyal-po dem Skt. Bhaișa- dshyarâdsha entspricht. Es folgt noch ein App. F über alten Stuck von A. H. Church und App. G über Sand- und Lössproben von L. de Lóczy.

Ein so grundlegendes, ausserordentlich reichhaltiges Werk, wie das vorliegende, ist schwer zu besprechen. Ich habe im Obigen nur eine kurze Inhaltsskizze versucht, manche wichtige Frage aber trotzdem nicht berühren können. Die Umsicht, mit welcher Stein alle Gebiete zu umfassen bemüht war, ist wahrhaft bewunderungswürdig. Besonders wertvoll ist die stete Behandlung der ethnographischen Fragen und der Lokalgeschichte, gerade dieser Methode verdankt er seine glänzenden Resultate. Es ist wahrhaftig nicht unsere Aufgabe, bloss Beute zu machen, Handschriften und Fresken wegzuschleppen, sondern wir müssen an Ort und Stelle Alles tun, was das alte Kulturbild herstellen kann. Die Ansichten, welche er S. IX darüber ausspricht und die ihm den Entschluss gebracht haben, alle Kräfte anzuspannen, berühren höchst sympathisch. Sind doch diese Arbeiten in der Tat geradezu faszinierend!

Besonders ehrt den Verfasser der glänzende Ruf als Reisender, den er im Lande selbst zurückgelassen hat. So bleibt also nur, ihm Glück zu wünschen zu dem gelungenen Werke, das in der Hauptsache abgeschlossen und höchst handlich und durchsichtig eingerichtet vor uns liegt, und hier also öffentlich die Wünsche zu wiederholen, die ihm zu senden mir noch in Turkistan vergönnt war.




Quelle: DEUTSCHE LITERATURZEITUNG. Nr. 10. XXIX. Jahrgang. 7. März 1908. Sp. 581-592.
Hinweis: Das Buch von M. Aurel Stein, Ancient Khotan, das Prof. Dr. Albert Grünwedel rezensierte, wurde im National Institute of Informatics - Digital Silk Road Project - Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books – digitalisiert und ist dort online einsehbar.
Link zu Vol. 1: http://dsr.nii.ac.jp/toyobunko/VIII-5-B2-7/V-1/page/0001.html.en
Link zu Vol. 2: http://dsr.nii.ac.jp/toyobunko/VIII-5-B2-7/V-2/page/0001.html.en
Die von Prof. Grünwedel direkt erwähnten Fotos von M. A. Stein wurden als Links direkt in den Text eingefügt und kursiv dargestellt.




Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage. 1)

Von Josef Strzygowski.

 

Jene Männer, die einst die wissenschaftliche Forschung über bildende Kunst begründeten, trachteten zweierlei durchdacht zu haben, bevor sie sich bestimmten Gebieten zuwandten: das Wesen der Kunst im allgemeinen und das Verhalten der verschiedenen Teile der Erde in dieser Richtung. So entstand seit 1843 Karl Schnaases „Geschichte der bildenden Künste“, deren zweite Auflage, gerade die geographisch angeordneten Teile bis zum Eintritte der Renaissance umfassend, der Meister († 1873) noch selbst leiten konnte. Man muß die Literaturangaben nachsehen, um zu staunen, mit welcher Hingabe damals der Gesamtkreis der Erde auf Grund der Reiseberichte in die kunstgeschichtliche Forschung einbezogen wurde. Seit den Siebzigerjahren erst ist es üblich geworden, sich auch als Kunstforscher von vornherein in einem kleinen, womöglich rein europäischen Gebiete geschichtlich einzuspinnen, ja es gilt heute fast für unwissenschaftlich, dies nicht zu tun. Museum und heimische Denkmalpflege haben die Oberhand gewonnen, beide verlangen Sonderkenntnisse und die volle sprachliche und
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1) Der Verfasser folgt mit diesem Aufsatz einer Einladung der Schriftleitung, das Buch von Dr. Ernst Diez: „Die bildende Kunst der islamischen Völker“ (Handbuch der Kunstwissenschaft, herausgegeben von F. Burger, Berlin-Neubabelsberg, Akad. Verlagsgesellsch. Athenaion, 1915) zu besprechen. Er zieht bei dieser Gelegenheit noch andere Neuerscheinungen heran, vor allem Karl Woermann: „Geschichte der Kunst aller Zeiten und Völker“, Bd. 11. 2. Aufl. (Farbige Völker und Islam), Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut, 1915, und einige Bände der „Arbeiten des kunsthistorischen Instituts der Wiener Universität (Lehrkanzel Strzygowski)“.

 

 

 

21 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

geschichtliche Beherrschung des Kreises, dem sie, beziehungsweise die einzelnen Abteilungen der Museen, gewidmet sind. So hat sich der Gesichtskreis des einzelnen in einer Weise verengt, die den Bestand des Gesamtfaches ernstlich gefährdet. Es ist Zeit, daß die Kunstforschung sich wieder auf das Ganze ihrer von der Sprache unabhängigen Denkmälerwelt besinnt, erkennt, wie auf dem historisch-philologischen Wege nur die Vorstellung eines Nebeneinanders, nie jene die Tatsachen der bildenden Kunst nach ihrem Wesen gegeneinander abwägende Gesamteinsicht entstehen kann, die zum Bestande des Faches gehört. Sie müßte Voraussetzung und Ziel der Arbeit sein, also den Rahmen der Einzelforschung abgeben, soll diese als im Rahmen eines selbständigen Faches betrieben gelten. Die erste Forderung dabei ist eine Einigung der Forscher über Wesen und Begriffe — das geht alle in gleicher Weise an —, die zweite, daß es eine Gruppe von Denkern gebe, die bei aller Verpflichtung zu eindringlicher Forschung auf einem Sondergebiete, doch den Einblick in das Ganze als ihre wichtigste Aufgabe betrachtet und über die historisch-philologische Einengung hinaus die Kenntnis der Denkmälerwelt des Erdkreises anstrebt. Das aber scheint eine Forderung, die in erster Linie von den Vertretern an Hochschulen erfüllt werden müßte, einmal weil nur da diese Einstellung amtlich überhaupt möglich ist (Museum und Denkmalpflege können sie nicht erfüllen) und dann weil nur an den mit den Lehrkanzeln zu vereinigenden Forschungsinstituten jene Arbeitsbehelfe beschafft und gesichtet nebeneinander bereit gehalten werden können, die es dem Vertreter der Lehrkanzel unter steter Mitwirkung der Abteilungsleiter ermöglichen, das Gesamtfach zu vertreten 2). Der Einzelne wird sich freilich zu der hier geforderten Höhe von Wissen und Einsicht nur im Laufe eines arbeitsreichen Lebens durchringen können und auch dann noch der steten Mitarbeit von Sonderforschern bedürfen, die, im Gesamtbetriebe des Faches neben dem Führer aufwachsend, seine Bemühungen einst weiterführen. Solche Arbeitsstätten der Forschung über bildende Kunst werden daher grundsätzlich zwei Richtungen
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2) Vgl. meinen Aufsatz: „Das Kunsthistorische Institut der Wiener Universität.“ Die Geisteswissenschaften, I (1913) , S. 12 f.

 

 

 

22 Josef Strzygowski.

 

nebeneinander zu pflegen haben: einmal die Erforschung der geographisch geordneten Einzelgebiete des Erdkreises, auf die Feststellung geschichtlicher Tatsachen, das was war, ausgehend, zum zweiten die nach künstlerischen Werten geordnete planmäßige Wesensforschung, die aus den geschichtlich aufgewiesenen Möglichkeiten heraus das was ist zu verstehen sucht. In diesem Rahmen sollten die Fachmänner herangebildet werden, seien es nun solche, die an Sammlungen, solche die in die Denkmalpflege übergehen oder solche, die an dem Gesamtaufbau des Faches mit aller Selbstverleugnung und Hingabe lebenslang weiter arbeiten wollen. Die erstere Gruppe wird immer an Geschichte und Philologie der einzelnen Kulturkreise eine feste Stütze haben, die letztere muß sich ihren Weg allein bahnen und darf weder Irrtum noch Zurücksetzung scheuen, um der Einseitigkeit zu steuern und zu erkennen, was die Wesenheit „Bildende Kunst“ für die Menschheit eigentlich bedeutet.

 

Die Erde als Ganzes zu betrachten und diesen Gesichtskreis auch in der Einzelforschung nicht aus dem Auge zu verlieren, ist in der Kunstgeschichte nicht mehr üblich. Ich sage: nicht mehr; man findet diese Richtung wohl noch in den Handbüchern über bildende Kunst, am besten in Woermanns Geschichte der Kunst aller Zeiten und Völker. Aber da ist sie eben nicht eine neue, aus dem Drängen der Gegenwart hervorgegangene Tat, sondern mehr ein glücklich bis auf unsere Tage verbliebener Rest jenes glänzenden Zeitalters, in dem zuerst Kugler, dann Schnaase, endlich Lübke ihre Handbücher schrieben, Weltgeschichten entstanden und die indogermanische Sprachforschung sich Bahn brach. Woermann will „die Entwicklung des künstlerischen Geistes und der künstlerischen Formensprache der Menschheit“ geben. Dazu wäre meines Erachtens eine Einteilung des Stoffes nach dem Wesen des Künstlerischen notwendig, nicht lediglich ein Nebeneinanderstellen der Kunst nach Zeiten und Völkern. Erst der Vergleich könnte ein Bild der künstlerischen Entwicklung der Menschheit bieten.

 

Und doch zeigt gerade Woermanns „Geschichte der Kunst“ einen beachtenswerten Fortschritt, sobald man die erste Auflage mit den beiden bis jetzt vorliegenden Bänden

 

 

 

 

23 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

der zweiten Auflage vergleicht. Dort begann das Werk mit einem Buche, das die Kunst der Ur-, Natur- und Halbkulturvölker behandelte, also auf die Vorführung der vorgeschichtlichen Urzeit unmittelbar die Natur- und Halbkulturvölker folgen ließ, um dann landläufig mit der alten Kunst des Morgenlandes, weiter dem Griechisch-Römischen zu beginnen und sich über ein in den Zusammenhängen unklares Zwischengebiet von heidnisch-europäischer, ostasiatischer und islamischer Kunst durchzuschlagen, zu dem schön dahin dahinfließenden Strome der christlichen Kunst in Europa, der zwei von den drei Bänden füllte. In der zweiten Auflage ist zwar in der Grundeinteilung das Verhältnis der europäischen Kunst historischer Zeit zu allem übrigen das gleiche geblieben, nur sind ihr vier von sechs Bänden gewidmet. Aber die ersten beiden Bände verzeichnen doch einen sehr bedeutenden Fortschritt: die Kunst der Urzeit und der Naturvölker ist auseinander gerissen, erstere im ersten Bande verbunden mit der alten Kunst Ägyptens, Westasiens und der Mittelmeerländer, letztere im zweiten mit der „der übrigen nicht- christlichen Kulturvölker, einschließlich der Kunst des Islams“. Ich möchte die beiden Bände einzeln auf diese Anordnung hin etwas genauer ansehen. Hätte Woermann den entscheidenden Grund, warum die Urzeit mit Afrika und dem Mittelmeer ebenso zusammengehört wie der Islam mit einer anderen Gruppe, dann würde er die Einteilung noch entschiedener durchgeführt haben. Es sei nur kurz bemerkt, daß dem Kunstforscher die altägyptische Kunst als unmittelbare Fortsetzung steinzeitlichen Kunstschaffens u. a. darin erscheint, daß in ihr die Neigung zur „Darstellung“ entscheidet. Sie wird auch von Hellas übernommen und ist so in den europäischen Körper der bildenden Kunst übergegangen.

 

1. Eurasiatische Kunst.

Mit Bezug auf die geographische Grundlage ist wichtiger, was über die Einteilung des zweiten Bandes zu sagen ist. Woermann betont mit Recht, daß die Zusammenfassung, die er darin biete, die erste in ihrer Art sei. Man bedenke nur, was dieser Band alles umfaßt: Die Naturvölker,

 

 

 

24 Josef Strzygowski.

 

die Völkerwanderungskunst, Indien, Ostasien und den Islam, also eigentlich den gesamten Erdkreis mit Ausnahme des Mittelmeeres und unserer christlichen Kunst. Geht es nun aber an, diese Gebiete gleichberechtigt nebeneinander zu ordnen? Ich lasse das erste Buch, die Kunst der Naturvölker, der Halbkulturvölker und der altamerikanischen Kulturvölker ganz beiseite, obwohl manche Regungen der Kunst des Stillen Ozeans im Zusammenhänge mit Ostasien zu behandeln sind; mir liegt an dieser Stelle daran, die Einteilung der eurasiatischen Kunstströme im besonderen ins Auge zu fassen. Zwingen nicht die geographischen Voraussetzungen zu einer anderen Gruppierung als sie Woermann getroffen hat?

 

In meinem Werke „Altai-Iran und Völkerwanderung“ wurde zu zeigen gesucht, daß die eurasiatische Landmasse sich nach dem geistigen Zustande der Völker im ersten Jahrtausend nach Christus — in dem die ostasiatische und indische Kunst ebenso ihre Blüte erlebten wie die unter dem Namen der Völkerwanderung gehende Welt und die islamische Kunst —gegliedert werden sollte in einen Nord- und Südkreis, beide getrennt durch den vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean quer durchlaufenden Streifen von Wüsten und Steppen, der von Wanderhirten bewohnt wird.

 

Geblendet von dem Glanze der griechischen Kunst, haben wir übersehen, daß sie, entstanden durch den Eintritt eines arischen Volkes in die älteren Südkulturen, den Bestand eines Gegensatzes zur Voraussetzung hat. Es ist eben der des Nordens und Südens, über den uns der Humanismus bis jetzt hinweggetäuscht hat. Die Prähistoriker erst haben den Norden wieder entdeckt, jene auf dem Handwerk fußende Kunst, die ohne engere Fühlung mit Ägypten und Mesopotamien nicht wie die Griechen die Darstellung kennen lernte und sie sich ganz zu eigen machte, sondern dauernd beim flächenfüllenden Zierat blieb. Von der Kunst ihres Holzbaues hätten wir kaum eine anschauliche Vorstellung, wenn nicht die Griechen sie einst in ihrem Tempel in Stein übertragen hätten und die alten Stabkirchen Skandinaviens ihre Art nicht noch am Beginne der christlichen Zeit festgehalten zeigten. Auf asiatischem Boden ist das Vordringen

 

 

 

25 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

des Nordens deutlicher zu beobachten, weil dort nicht unmittelbar die Berührung mit den Südkulturen wie am Mittelmeere stattfand, sondern die Steppenzone, die überschritten werden mußte, die Verbindung einige Zeit aufhielt.

 

An dieser Grenze hörte das Holzhaus auf und begann die Herrschaft des Zeltes. Die Baukunst der nach dem Süden über den Kaukasus und um das Kaspische Meer herum vordringenden Arier erfuhr hier eine einschneidende Änderung. In Iran und Indien wurde eine aus kurzen Holzbalken durch fortgesetzte Übereckung gebildete Art von Kuppel üblich, die in Gegenden, in denen der luftgebrannte Ziegel verwendet wurde, überging in das Übereckgewölbe. Dieses wieder wurde der Ausgangspunkt der Entwicklung der altchristlichen Kuppelkirche Armeniens und damit zum guten Teile des Kuppelbaues überhaupt 3).

 

Wichtiger als auf dem Gebiete des Bauens wurde das Vordringen der nordischen Art in der Zierkunst. Denn hierin berührte sich der nordische Geschmack auf das engste mit dem der Wanderhirten. Auch sie kannten keine Darstellung, wendeten die menschliche Gestalt höchstens als Schmuck oder Symbol an. Dafür aber war auch bei ihnen der flächenfüllende Schmuck herrschend, nicht in Holz, sondern in Faserstoffen. Das Zelt vor allem erforderte u. a. jene uralte Werktätigkeit, die wir heute noch z. B. in den orientalischen Teppichen bewundern.

 

Hatte die Nordkunst sich mit den Wanderungen der Arier nach dem Süden gezogen, so erfolgte mit dem Vorstoß türkischer Stämme die Übertragung der Zierkunst der Wanderhirten nach dem Westen. Beide Ströme kreuzten sich an der Ecke Altai-Iran. Dort erblühte ein reiches Kunst Kunstleben, dessen Art wir im Islam nachleben sehen. Nach diesen kurzen Bemerkungen kehre ich wieder zum zweiten Bande von Woermanns Geschichte der Kunst zurück. Das zweite Buch behandelt „die heidnische Kunst Europas, Vorder- und Hochasiens seit der Völkerwanderungszeit (375—900 n. Chr.)“, und zwar 1. Germanen und Slawen, 2. Arsakiden und Sasaniden in Persien, 3. die Gandhara- kunst an der Nordgrenze Indiens, endlich 4. die frühmittelalterliche
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3) Vgl. darüber vorläufig mein „Die bildende Kunst des Ostens”, S. 28 f.

 

 

 

 

26 Josef Strzygowski.

 

Kunst Ostturkestans. Dann folgt das dritte Buch über Indien, das vierte über Ostasien und zum Schluß als fünftes das über den Islam. Man sieht, der Zusammenhang des letzteren mit der Völkerwanderung ist bei Woermann nicht erkannt, ebensowenig, daß es sich in Indien und Ostasien um Treibhauskulturen wie in Ägypten und Mesopotamien handelt, in die zum Teil wie beim Griechischen am Mittelmeere arisches Blut eingemündet war. Ich meine, die Anschauung, die von Woermann, S. 462, bekämpft wird, die ganze Blütenwelt der Kunstgeschichte aus einem einzigen Samenkorn ableiten zu wollen, darf nicht zur entgegengesetzten Übertreibung führen, die Tatsachen ohne jede Berücksichtigung der natürlichen Zusammenhänge nebeneinander zu stellen. Die am meisten ausschlaggebenden Grundlagen der bildenden Kunst sind die einfachen geographischen, also die Voraussetzungen der Erde. Der Norden ließ eine Treibhausentwicklung nicht zu. Seine karge Natur verlangsamte den Fortschritt und begründet jene Sehnsucht nach dem Süden, die die Arier aus dem eigenen Lande trieb. So kann man tatsächlich Germanen, Slawen und Perser zusammenbringen, muß aber diesen Zusammenschluß im Islam ausmünden lassen beziehungsweise in jener osteuropäischen Unterschicht, die heute noch als Volkskunst lebt, nicht in Gandhara, bei den Sasaniden und in Chinesisch-Turkestan, wo überall griechischer oder der Einschlag anderer Treibhauskulturen, wie der ostasiatischen oder indischen vorliegt, die Woermann auch noch trennend zwischen den Norden und den Islam stellt.

 

Unsere Humanisten haben über die Renaissance eine Brücke zu Hellas und Rorn geschlagen, neben der sie keinen Forschungsweg anerkennen, er sei denn zum mindesten auf ihrer historisch-philologischen Methode aufgebaut, die von der Sprache ausgeht. Nun ist aber die bildende Kunst im Gegensätze zur Sprache freizügig, mehr noch als Staat und Kirche, die mit Gewalt arbeiten, wo die Sprache versagt. Die bildende Kunst eilt nur zu oft diesen beiden die natürlichen, d. h. geographisch gegebenen Wege von Handel und Wirtschaft voraus und dringt in Gebiete, in die ihr die Sprache niemals zu folgen vermochte. Ein Beispiel ist eben die Kunst des Islams, deren stark arischer Einschlag bisher ebenso unbemerkt

 

 

27 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

blieb — es sei denn, daß man auch sie fälschlich mit Hellas und Rom in Verbindung brachte — wie der frühe türkische, chinesische und indische, deren gleichzeitige Kenntnisnahme an der Universität erst im Kunsthistorischen Institute einer Wiener Lehrkanzel — wenn auch mit sehr bescheidenen Mitteln und Zielen — ermöglicht wurde. Das Institut suchte nun auch nach jenen Gebieten Forschungsreisen zu veranstalten, von denen zwei, eine nach Chorasan, die andere nach Japan — von Armenien hier abgesehen — schon vor dem Kriege zur Durchführung gelangten. Die erstere führte Assistent Dr. Ernst Diez aus, die letztere die Herren Oskar Vonwiller und Karl With 4). Eine dritte nach China (Dr. Wachsberger) wurde im Augenblicke der Ausreise durch den Krieg verhindert. Dagegen wurde 1916/17 ein einjähriger Aufenthalt des Assistenten Dr. Heinrich Glück in Konstantinopel ermöglicht 5), der leider nicht zur erstrebten dauernden Niederlassung führte.

 

Immerhin haben die bisherigen Institutsarbeiten zu ganz neuen Anschauungen über die bildende Kunst im ersten Jahrtausend nach Christus geführt, der entschiedene Rückschlag auch auf den Betrieb der eng begrenzten europäischen Kunstgeschichte wird nicht lange auf sich warten lassen 6). Es sei hier der Frage nach Art und Ursprung der islamischen Kunst etwas nähergetreten im Anschluß an das ebenfalls von Wien ausgegangene Werk von Ernst Diez, „Die Kunst der islamischen Völker“. Woermann hatte noch den Standpunkt eingenommen, daß den inneren Zusammenhang
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4) Die Bearbeitung dieser Reise ist unter dem Titel „Buddhistische Plastik in Japan bis zum Beginne des 8. Jahrhunderts“ mit 190 Tafeln im Druck als Bd. XI der Arbeiten des Instituts.
5) Als Ergebnisse dieses Aufenthaltes erschienen „Türkische Kunst“ (Mitteilungen des ungarischen wissenschaftlichen Institutes in Konstantinopel, Heft 1, 1917) und „Die beiden sasanidischen Drachenreliefs (Grundlagen seldschukischer Skulptur)“, Bd. IV der Publikationen der kaiserlich osmanischen Museen, Konstantinopel 1917. Als Band XII der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes ist ein Werk über das türkische Bad, Ursprung und Ausbreitung seiner Bauform, in Fertigstellung.
6) Vgl. zunächst den im Druck befindlichen Aufsatz: Strzygowski, „Leonardo-Bramante-Vignola im Rahmen der vergleichenden Kunstforschung“ (Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz, 1918).

 

 

 

 

28 Josef Strzygowski.

 

der verschiedenen asiatischen Kunstübungen, an die die „arabische“ Kunst anknüpfe, der hellenistisch-römische Einschlag bilde (S. 367). Man weiß, daß Riegl darin noch weiter gegangen war und den Standpunkt der Einheitlichkeit der Kunstentwicklung überhaupt auf griechisch-römischer Grundlage vertrat. Übertrumpft wird diese Auffassung durch den römischen Patrioten Rivoira, der, wenn er könnte, auch die griechische von der römischen Kunst herleiten würde und tatsächlich in seiner Architettura muselmana 1914 die islamische Kunst im Gegensätze zu meinen Arbeiten über Mschatta und Amida im wesentlichen vom Mittelmeere und den Südkulturen überhaupt herkommen läßt.

 

Ich nenne den Standpunkt dieser Forscher den historischen und stelle ihm gegenüber den geographischen. Der Gegensatz ist gerade an der Frage des Aufkommens der islamischen Kunst gut zu beleuchten. Der Historiker sieht als einzig mögliche Wurzel die spätantik-byzantinische, d. h. jene Kunst an, „die in allen diesen über drei Weltteile sich erstreckenden Ländern beim Aufkommen des Islam die herrschende war“ 7). Riegl sieht nicht, daß die Neigung zur Darstellung der Naturgestalt, die den Südkulturen eigen ist. überwunden wird durch das Vordringen des Nordens, sondern läßt den für diese Zeit bezeichnenden Übergang zur Geo- metrisierung als letzte Tat des antiken „Kunstwollens“ erscheinen, wobei der Umwandlungsprozeß nach Ländern wechsle: „hier wird die Schematisierung der Motive mehr gefördert, dort diejenige der Rankenführung, wie es eben auf einem so weit ausgedehnten Gebiete zwischen Pyrenäen und Hindukusch nicht anders geschehen konnte“. Einen Beleg dieses historischen Standpunktes hat noch 1909 der klassische Archäologe H. Thiersch in seinem Pharosbuche geliefert, in dem er das Minaret wie den abendländischen Glockenturm gleicherweise von der Antike herleiten wollte. Ich habe diese Art bereits in den Neuen Jahrbüchern für
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7) Riegl, Stilfragen, S. 318. Ich darf wohl diese Arbeit aus dem Jahre 1892 anführen. Riegl hat diese Überzeugung bis zu seinem Tode vertreten, nur war er von Rom allmählich mehr auf das Oströmische übergegangen. Seine und Wickhoffs Schüler stehen ja heute noch unverändert auf diesem Standpunkte.

 

 

 

29 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

das klassische Altertum, Bd. XXIII (1909, I), S. 354 f., beleuchtet und brauche hier nicht weiter darauf einzugehen. Womit diese Historiker immer rechnen, ist, daß sie glauben, in der Zeit des Aufkommens des Islams bestehe noch die alte hellenistische Welt ungebrochen. Sie haben keine Ahnung davon, wie befreiend das Christentum auf den Orient gewirkt hatte, soweit er nicht gerade näher an die Küsten des Mittelmeeres anstieß und der unmittelbaren Machtwirkung von Rom und Byzanz ausgesetzt war. Aber wie klein sind diese Gebiete im Verhältnisse zu den Hinterländern und dem großen Asien, das mit dem Islam nur vollendet, was es in den nationalen Kirchen begonnen und schon im späten Hellenismus klärlich eingeleitet hatte 8). Ich werde Gelegenheit haben, an dem Beispiel der armenischen Kirchenbaukunst zu zeigen, wie ausschlaggebend die Rolle einer solchen nationalen Kirche sein konnte, wenn sie, wie in Armenien, einen durch die Arsakiden aus Chorasan und Transoxanien genommenen Versammlungsraum, den quadratischen Kuppelsaal, auf die Kirche übertrug und sich durch alle Versuche vom Mittelmeere her, auch in Armenien die Basilika zur Geltung zu bringen, nicht anfechten ließ. Sie blieb dadurch dauernd im Gebiete der Baukunst die zweite Macht und siegte mit ihren Grundsätzen durch Leonardo, Bramante und Vignola endgültig 9).

 

Ich setze also dem einseitigen historischen Standpunkt aus ganz klarer Erkenntnis und Überzeugung den geographischen gegenüber, der die Erde und ihre unwandelbaren Voraussetzungen für die Geschichte der bildenden Kunst in den Vordergrund stellt. Mein Altai-Iran-Werk gibt den lebendigen Beleg der allmählichen Entwicklung dieses Standpunktes. Heute schon könnte ich manches schärfer fassen als es dort geschehen ist. In meinem Armenienwerke wird das geschehen,
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8) Vgl. mein „Hellas in des Orients Umarmung“, Beilage zur Münchener Allgem. Zeitung, 1902, Nr. 40, und „Die Schicksale des Hellenismus in der bildenden Kunst“, Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum, XV (1905), S. 19 f.
9) Vgl. mein im Druck befindliches Werk „Der altchristliche Kuppelbau der Armenier, Vier Bücher Geschichte arischer Kunst“ (Bd. X der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes der Universität Wien).

 

 

 

 

30 Josef Strzygowski.

 

die reichste Ausbeute aber würde eine planmäßig auf das Wesen gerichtete Erforschung der islamischen Kunst liefern.

 

Ich hatte 1907 die Aufgabe übernommen, die Baukunst des Islam für das Handbuch der Architektur zu bearbeiten. Wie seinerzeit Julius Franz ausgehend von Ägypten, hatte ich schon bei Bearbeitung der koptischen, wie eben auch bei den dortigen islamischen Denkmälern die feste Überzeugung gewonnen, daß Ägypten in diesen Jahrhunderten nur der empfangende Teil war. Die Entwicklung spielt nicht am Mittelmeere, sondern im Osten 10), Ägypten erscheint in koptischer Zeit merkwürdig eng verbunden mit jehnem aramäischen Städtebezirk, in dem Edessa und Nisibis Mittelpunkte waren. Es übernimmt dazu seit der Tulunidenzeit meso- potamisch-persische, später türkische, indische und ostasiatische Einschläge. Meine Ärbeit über Mschatta 11) und Amida wies den Weg, die Forschungsreise nach Churasan sollte 12) die erwarteten Belege bringen. Da ich diese Reise nicht selbst unternehmen konnte, betraute ich den Assistenten Dr. Diez mit dem Unternehmen. Die Ergebnisse auf dem Gebiete des Ornaments sind herangezogen in meinem „Altai-Iran und Völkerwanderung“, die architektonischen werden, soweit die christliche Baukunst in Betracht kommt, im Armenienwerke verwertet werden 13); Diez selbst hat eben seine zusammenfassende Bearbeitung „Churasanische Baudenkmäler“ in Druck gegeben 14). Mit allen diesen Arbeiten dürften auf den Gebieten, die der zweite Band Woermanns behandelt und insbesondere mit Bezug auf die herrschende Ansicht über Werden und Entwicklung der islamischen Kunst, wie sie zuletzt noch Rivoira vertrat, neue Wege gebahnt sein.

 

Wie die griechische Kunst nicht verstanden werden kann als Anhang zur ägyptischen, so ist die ganz anders geartete „islamische“ Kunst nicht zu verstehen, wenn man sie mit dem Mittelmeere oder den Sasaniden zusammenbringt und übersieht, daß in sie bestimmte Strömungen von
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10) Calalogue gen. du musée du Caire „Koptische Kunst“, S. XXIII f.
11) Jahrbuch d. k. preuß. Kunstsammlungen, XXV (1904), S. 225 f.
12) Vgl. Mitteil. d. Geogr. Gesellsch. in München, VIII (1913), S. 185 f.
13) Vgl. inzwischen „Die bildende Kunst des Ostens“, 1915.
14) Bd. VII der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes.

 

 

 

31 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

ganz Asien einmünden. Auch die christliche Kunst wurde bisher zum Schaden der Einsicht von zu engem Gesichtskreis aus betrachtet. Immer wieder sind es die geographischen Voraussetzungen, deren genaue Kenntnis als Grundbedingung des Verständnisses fehlt 15). Wir haben nicht den Mut, den ganzen Umkreis Asiens ins Auge zu fassen, weil Historiker und Philologen verlangen, daß wir sämtliche Sprachen kennen, die dazu gehören. Und doch kann nur aus der Wechselwirkung der Wissenschaften der Fortschritt und die Erkenntnis des Ganzen entspringen. Man wird von jedem Fachmann verlangen — nach wie vor —, daß er ein Gebiet nach jeder Richtung genau kenne, also vor allem auch dessen Sprache und Geschichte; aber über diese auf historisch-philologischem Boden arbeitende Sondereinstellung hinaus muß gerade der Kunstforscher unentwegt das Ganze im Auge behalten, von dorther Ziel und Richtung nehmen, nicht von den Historikern und Philologen. Es geht sonst das Beste und Wertvollste: die Erkenntnis dessen, was die Erde an sich und der ihren Bedingungen hingegebene Mensch leistet, verloren. Die bildende Kunst klärt darüber gut auf; denn sie ist auch heute noch abhängig vom Boden und seinen Stoffen, wie die Natur selbst, und zugleich vom Menschen, der darauf in der Kunst nicht nur sein Handwerk gründet, sondern in diese Voraussetzungen künstlerischen Schaffens hinein auch seinen Geist legt, den wir uns gewöhnt haben, immer wieder nur durch die Sprache erfassen zu wollen. Die bildende Kunst ist uns immer noch ein Buch mit sieben Siegeln: wir freuen uns an der schönen Außenseite, bemühen uns aber nicht ernstlich, ihre Rätsel zu lösen.

 

So ist u. a. die islamische Kunst — wie jeder ohne- weiters zugeben dürfte — eine so einzigartige Erscheinung, daß es wohl dafür steht, den Versuch zu wagen. Wie die griechische Kunst das verkörperte Mittelmeer, so ist die islamische ein Rest jener nord- und mitteleurasiatischen Welt, der nachzugehen wir über dem Humanismus vergessen
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15) Vgf. u. a. die Beweisführung im Bd. VI der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes der Universität Wien (Lehrkanzel Strzygowski): Heinrich Glück, Der Breit- und Langhausbau in Syrien auf kulturgeographischer Grundlage. Heidelberg 1916 (Heft 14 der „Zeitschrift für Geschichte der Architektur“).

 

 

 

 

32 Josef Strzygowski.

 

haben, trotzdem uns das als einem lebendigen Teile dieser nordischen Welt, im eigenen Interesse am Herzen liegen sollte. Die islamische Kunst ist die Kunst der Nomaden und Nordvölker in den Süden versetzt, ein Wunderwesen also, das wir kaum zu begreifen vermögen.

 

Das Werk von Diez, „Die Kunst der islamischen Völker“ ist der erste von einem Kunsthistoriker unternommene Versuch, dieser Wunderblume als Ganzes beizukommen. Es zeichnet sich aus durch eine sorgfältige Durcharbeitung der gesamten bisherigen Literatur, insbesondere der schwerer zugänglichen. Außerdem hat Diez im Zusammenhänge mit seiner Churasanreise, die er von Teheran aus durch den Elburs nach Churasan antrat, die wichtigsten Quell- und Ausbreitungsgebiete der islamischen Kunst besucht. Durch die Salzwüste ging er dann zurück nach Ispahan und auf meinen Wunsch nach Mesopotamien. Die Rückreise wurde über Indien angetreten. Die Mittelmeergebiete kennt Diez schon von früheren Reisen her. Auch hatte er während seiner Amtstätigkeit an dem königlichen Museum in Berlin engere Fühlung mit den Denkmälern der Kleinkunst genommen, wie seine Arbeit über bemalte Elfenbeinkästchen und Pyxiden der islamischen Kunst bezeugt 16). So konnte er für eine Gesamtdarstellung im Handbuch der Kunstwissenschaft als wohlvorbereitet gelten.

 

Ich hatte während Diez‘ Reise die Bearbeitung für das Handbuch der Architektur zurückgelegt, weil eben die Ergebnisse der Churasanfahrt abzuwarten, vor allem aber daraufhin erst einmal planmäßig nach dem Wesen der islamischen Kunsterscheinungen zu forschen war. Das sollte gelegentlich der Verarbeitung des für das Institut gesammelten Materials geschehen und es ist zu bedauern, daß nicht diese Bearbeitung, sondern das Handbuch den Vortritt bekam. Das Institutsinteresse hätte unbedingt ersteres gefordert. Wir waren darauf eingestellt, wurden daher enttäuscht. Das kunsthistorische Institut legt gerade auf die Verarbeitung des nachgewiesenen Denkmalstoffes den Nachdruck, ja begnügt sich womöglich damit, nur diese Bearbeitung zu liefern,
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16) Jahrbuch der k. preuß. Kunstsammlungen, XXXI (1910), S. 231 f. und XXXII (1911), S. 117 f.

 

 

 

33 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

wenn auch das Material selbst von anderen zusammengetragen wurde 17). Im gegebenen Falle lag die Sache freilich so, daß mir infolge der Einseitigkeit, mit der von Berlin (Sarre-Herzfeld) aus immer nur das dauernd unter hellenistischem Einfluß gebliebene südpersische Gebiet abgesucht wurde, daran lag, die nordostpersische Ecke bereisen zu lassen, weil ich dort die entscheidenden Belege für die Entwicklung der Kunst zum Mittelalter vermutete. Es ist also nicht in meinem Sinne, wenn Diez in seinem Handbuche Julius Franz gegenüber, der die islamische Kunst einseitig von Ägypten aus ansah, seinen Stoff unter gleich einseitiger Betonung von Persien aus einteilt. Er geht zwar erst nach der Zeitfolge der Denkmäler vor, behandelt also bis etwa 1258 ohne örtliche Trennung Omajjaden und Abbasiden; dann aber wird Persien vorangestellt und gleich bis ins 18. Jahrhundert hinein abgehandelt, während die entscheidenden Denkmäler des 12. und 13. Jahrhunderts, die der Seldschuken und Ajubiden zurückgedrängt und überdies durch die jüngeren osmanischen Denkmäler getrennt behandelt werden. Den Schluß bilden Indien und zwei flüchtige Abschnitte über die Kleinkunst. Der den Problemen nachsinnende Fachmann geht da etwas anders vor. Er arbeitet zuerst den neuen Stoff planmäßig seinem Wesen nach durch und wagt es dann erst, Geschichte zu schreiben. Historiker und Philologen haben sich freilich bisher erlaubt, Geschichte zu schreiben, ohne in irgend einer Wesenheit des geistigen Lebens Sonderforscher zu sein; der Fachmann darf das nicht tun. Er muß zwischen die Denkmäler und ihre Geschickte die planmäßige Wesensforschung einschieben, also zunächst den handwerklichen Voraussetzungen und dann den geistigen Werten, den sachlich gegebenen, sowohl Gegenstand und Gestalt, wie den persönlich freien, Form und Inhalt nachgehen. Dabei dürfen weder Geschmacksurteile den Ausschlag geben, noch einseitig hingeworfene Einzelbeobachtungen. Die Kunstforschung wird erst dann als ein selbständiges Fach gelten können, wenn
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17) Vgl. des Verfassers Kleinasien und Amida, ferner Bd. II der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes: Artur Wachsberger, Stilkritische Studien zur Wandmalerei Chinesisch-Turkestans. Berlin 1916, und Glücks oben genanntes Werk über den Breit- und Langhausbau in Syrien. Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. 1918. Heft 1/2.

 

 

 

34 Josef Strzygowski.

 

sie System und Methode dieser ihrer eigensten Arbeitsart festgestellt und für alle bindend zur Anerkennung durchgesetzt hat. Ausgangspunkt ist dabei das Denkmal, nicht irgendeine Schriftquelle. Wie der Historiker diese letztere lesen und verstehen lernen muß, so der Kunstforscher die Denkmäler der bildenden Kunst.

 

Nachfolgend seien, planmäßig geordnet, einige wesentliche Werte der islamischen Art besprochen, einmal um auch dem Fernerstehenden den Gang dieser Art von Forschung darzulegen und dann um Gegensätze und Irrtümer, an deren Aufklärung beziehungsweise Berichtigung mir liegt, nicht anstehen zu lassen, weil ja das Diezsche Handbuch in engem Zusammenhänge mit meinem Institut entstanden ist (vgl. das Vorwort). Über das System, nach dem ich dabei vorgehe, vergleiche man Altai-Iran, S. 302 f., und zuletzt im Hinblick auf seine Anwendung für das Gebiet der Kunst überhaupt Jahrbücher für das klassische Altertum, XL (1917), II, S. 209 f.

 

2. Islamische Kunst.

Der Islam geht, geographisch genommen, von Arabien aus und erobert die gesamte „Alte Welt“, setzt sich aber nicht nur in Ländern von hoher Kultur, wie Syrien, Ägypten, Mesopotamien und Iran durch, sondern auch in den dazwischen liegenden Steppen und Wüsten, deren Ausdehnung nach Osten und Westen zugleich den Umfang seiner weitesten Ausbreitung bezeichnet. Das spricht besonders entscheidend im Osten mit, wo die nordiranischen und transoxanischen Steppengebiete sehr bald zum entscheidenden Kern der islamischen Kultur wurden. Diese Sachlage ist nur verständlich aus dem gesellschaftlichen Bande, das Arabien mit diesen Wüstengebieten verbindet. Die Beduinen, d. h. die Erreger des Islams, waren Nomaden. Sie nahmen nicht die Kunst der Byzantiner oder Sasaniden, d. h. der damaligen Machthaber von Konstantinopel und Ktesiphon an, sondern knüpften erst da ein enges geistiges Band, wo die wirtschaftlichen Gewohnheiten denen der arabischen Heimat verwandt waren: bei den Nomaden zwischen Altai und Iran. Die Entwicklung Firdausis gibt den Schlüssel, nicht die neuen Hauptstädte, zuerst Damaskus, dann Baghdad. Die Verkehrsstraßen

 

 

 

 

 

35 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

blieben nicht die alten der Flußtäler und zur See; in den Vordergrund trat vielmehr der Wüstenweg. So entstand ein Weltverkehr, wie ihn nicht einmal die Zeit nach Alexander gekannt hatte. Es ist bezeichnend, daß er von den Grenzen Chinas und Indiens bis an das Atlantische Meer reichte, sich also tatsächlich in der vollen Ausdehnung der Norden und Süden trennenden Wüsten- und Steppenzone abspielte. Dieser durch Karawanen geregelte Verkehr brachte Formen von den Hochebenen Irans nach Spanien, ebenso wie vorher die im Gefolge der Goten vom Schwarzen Meere nach Westen ziehenden armenischen Künstler den europäischen Landweg und die Phöniker einst den Seeweg gegangen waren.

 

Stoff und Werk (Material und Technik). Die Schaffung von Ausbreitungskarten der dem Handwerk von der Natur gebotenen Stoffe für Bau- und Kleinkunst ist eine unerläßliche Voraussetzung für die Bearbeitung der islamischen Kunst. Diese bodenständigen Stoffe, unter denen der Stein lange zurück- tritt, entscheiden viel stärker als am Mittelmeere deshalb, weil der Stoff an sich geschätzt wird, nicht nur die Ornamente oder die Darstellung, die er trägt. Dieser Wert, den die bildende Kunst der Gegenwart geradezu wieder entdeckt, beherrscht zum guten Teil das islamische Kunstschaffen. Die für Baukunst und Kleinhandwerk zur Verfügung stehenden Stoffe sind in der weiten Ausdehnung von der chinesischen Grenze bis Spanien von einer Mannigfaltigkeit, von der wir uns an der Hand der abendländischen Kunst kaum eine Vorstellung zu machen vermögen. Das Zelt und der Rohziegelbau fallen in der europäischen Baukunst überhaupt weg. Das Kunsthandwerk verfügt im Osten über die unendliche Fülle all der Edelstoffe, die seit jeher von Asien nach Europa eingeführt wurden. Dazu tritt, daß diese Stoffe von Land zu Land wechseln, ja sich womöglich gegenseitig ausschließen. Es kommt nicht darauf an, einleitend das Mörtelwerk als reichsrömische Segnung hinzustellen — was es übrigens gar nicht ist —, sondern darauf, den Kreis des Rohziegelwerkes womöglich kartenmäßig zu trennen von den Zelt-, Holz- und Steinländern und den Stätten, in denen der gebrannte Ziegel den Ausschlag gibt, wozu immer die größeren Stadtsiedelungen gehören. Seltsamerweise gibt bei

 

 

 

36 Josef Strzygowski.

 

alldem in der islamischen Kunst häufiger als begreiflich die Decke aus kurzen Hölzern den Ausschlag. Das fällt besonders in Spanien (Alhambra) auf, wo schon die Westgoten den Gewölbebau eingeführt hatten. Dazu kommt in der Wüste selbst das Zelt mit seinen auf Schritt und Tritt bemerkbaren Nachwirkungen. Die Araber gingen davon ebenso aus wie die Türken und die Nomaden Irans. Ich kann die lockere Art der islamischen Bauweise nur verstehen, wenn ich dieser Tatsache und daneben den iranischen Kuppeldörfern nachgehe. Nicht auffallende Einzelheiten, wie die Beibehaltung der Zatteln im Ziegelbau (Altai-Iran, S. 173, Diez, S. 73) oder etwa die Anlage der Paläste in der Art eines Zeltlagers (Diez, S. 28) geben dabei den Ausschlag, sondern die dem Islam mangelnde Schätzung der einheitlichen Baumform. Davon später. Diese bedeutsame Mannigfaltigkeit der Baustoffe führt bei Wanderung der in ihnen entstandenen Kunstformen zu bemerkenswerten Tatsachen. Ursprüngliche Holzformen in Rohziegel umgebildet, haben ganz neue Bildungen zur Folge (Übereckgewölbe), ebenso Stoff-, Stuck-oder Fliesenverkleidung in Stein übertragen (Mschattafassade). Solche Wandlungen bieten oft den Schlüssel des Verständnisses.

 

Noch bedeutsamer wird der Stoffwechsel in der Kleinkunst. Ich habe in meinem Altai-Iran zu zeigen gesucht, wie eine alte Bronzekunst am Altai und Jenissei den Schrägschnitt zugleich mit der geometrischen Ranke zur Geltendmachung spiegelnder Glanzflächen erfindet und diese Art dann, in die Teppich- und Stückarbeit übernommen, allmählich zur sogenannten Arabeske wird. Eine andere Reihe beginnt mit der arischen Vorliebe für das mehrstreifige Band, das auf Bronze in Linien, auf Holz im Schrägschnitt auftritt und, in alle möglichen Baustoffe übertragen, schließlich ausmündet in den strahlenförmigen Mustern ohne Ende, die neben der Arabeske als sogenanntes „Vieleckornament“ die islamische Zierkunst beherrschen. Wenn der für Bronze erdachte Schrägschnitt durch Holzmodel zur Stucktapete umgewandelt wird, dann haben wir einen typischen Fall des Stoffwechsels. Diez hat S. 65 f. das Ornamentchaos, wie er den Reichtum nennt, noch in einem gemeinsamen Kunstwollen der orientalischen Völker gesucht und

 

 

 

37 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

die Leiturgien verantwortlich gemacht: in Wirklichkeit sind es neben den großen Rassenströmen, die sich kreuzen, die Voraussetzungen der Erde und der Wechsel des Baustoffes, die die unerhörte Mannigfaltigkeit erklären. Das Eindringen handwerklich-kleinkünstlerischer Übung in die Baukunst spielt dabei insofern mit, als weder die Zeltnomaden noch die Arier mit ihrem fahrbaren Hause eine mit dem Boden verwachsene Großbaukunst kannten, auf diese vom Süden zu ihnen vordringende Neuerung dann aber freilich die gewohnten Zierformen um so mehr übertrugen, als es sich im Islam immer um Verkleidung der Wände, nie um Wachstum von Baugliedern handelt, auch dann noch, wenn die Bauten in ein reines Steinland vordringen. Wachsende Architektur hatten die Griechen überallhin gebracht. Das ändert sich mit der von Altai-Iran ausgehenden Bewegung, besonders dem Islam.

 

Die türkischen Tuluniden bringen den mesopotamischen Ziegelbau, die persischen Fatimiden den syrischen Steinbau. immer mit Holzdecke, nach Kairo. Was alles zuerst nach Damaskus, dann nach Bagdad und anderen Großstädten an Baustoffen und Kunstformen eingeführt worden ist, läßt sich jetzt noch gar nicht überblicken, Byzanz mußte nach den Angaben der islamischen Schriftsteller überall dabei sein. Denn an seinem Maßstabe wurde in der Werdezeit die Höhe der künstlerischen Leistung gemessen, wie in den letzten Jahrhunderten Paris für Europa den Ausschlag gab. Dabei war Byzanz ebenso unfähig von sich aus Formen zu schaffen, wie die islamischen Sitze der Macht und des Besitzes. Sie steigern die Größenverhältnisse zu verblüffender Wirkung, aber die künstlerischen Mittel dazu nehmen sie von überall her (vgl. dazu auch Diez, S. 102, über die Timuriden).

 

Gegenstand. Wir sprechen von islamischer Kunst und bringen damit die Kunst aller jener Völker unter einen Hut, die der Lehre Muhammeds folgten. Hat also die gemeinsame Religion die Einheit der Kunst im Gefolge, soweit nicht die beiden Sekten der Schiiten und Sunniten Träger besonderer Kunstformen geworden sein mögen (Diez, S. 91 und 99)? Man bedenke, daß Semiten die Gründer und ersten Gefolgsleute sind, in Iran und Indien Arier den kulturellen Kern liefern und endlich altaische Völker, Türken und Mongolen

 

 

 

38 Josef Strzygowski.

 

in der Ausbreitung hervorragende Träger des Islams werden. Wir sehen darin eine andere Seite der asiatischen Natur entscheidend eingreifen, die Vielheit der Rassen. Vielleicht ist nur auf diesem Wege zu begreifen, d. h. indem man die Arier, die der Islam in sich aufnahm, im Osten wahrnimmt, daß die Blüte des geistigen Zustandes im Islam von Ostiran ausging und der Entwicklungsstrom in der bildenden Kunst, verstärkt durch die Bewegung vom Altai her, ein ostwestlicher blieb, nicht wie die religiöse Lehre am Anfange wenigstens vom Mittelmeere nach Osten ging. Hätte das christliche Hellas mit Rom irgendwie im Islam den Ausschlag gegeben — wie man gern annimmt — dann hätten die Moslims in der Baukunst den Innenraum, nicht den Hof angenommen und ebenso die menschliche Gestalt statt des Zierates. Die Nordperser aber, die den Ausschlag gaben, waren entgegen den Griechen in der Kunst Nordarier geblieben und hatten diese Richtung noch durch die Art der Wanderhirten entgegen der Mittelmeerkunst weiter ausgebildet. So kann von Gegenständen der bildenden Kunst im Islam, der Darstellung Gottes etwa, der Heiligen, einer Mythologie und dergleichen nicht die Rede sein. Das in diesem Sinne tatsächlich bestehende Bilderverbot wurde nur da durchbrochen, wo es sich auf weltlichem Gebiete um ostasiatische oder indische Einflüsse handelte. Das Griechische des Mittelmeeres hat keinerlei dauernd entscheiden Einfluß auf die bildende Kunst des Islams genommen.

 

Von den Zwecken der islamischen Baukunst seien nur einige wenige genannt. Die Moschee ist zwar wie die Kirche Versammlungsraum; aber sie ist nicht zugleich Haus Gottes. Den Mittelpunkt bildet vielmehr — wie einst der jüdische Tempel — Mekka; man nimmt beim Gebete Richtung dorthin. Das tat schon Muhammed. Die Moschee, die typisch wurde, hat Hofform, also nicht die des vorher üblichen Gebetraumes, der persisch als Stützenhalle aufgebauten Mussalla, sondern die des Wohnhofes, wie ihn Muhammed im eigenen Hause benutzte. So entstand ein Heiligtum ohne geschlossenen Innenraum. Die Annahme dieser in der Nomadenzone üblichen Zweckform hat gewiß nicht wenig zur raschen Ausbreitung beigetragen.

 

 

 

39 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

Durch die Wendung nach Mekka, die Muhammed in Medina einführte und die mit der Wallfahrt ein Grundgesetz des Islams wurde, erscheinen die geographisch zwischen dem Stillen und Atlantischen Ozean auseinander gezogenen Gebiete heute noch geeint. Das Christentum kam zur Wendung nach Osten, einem Unbestimmten zu. Mekka bildet — wie einst Jerusalem im Judentum — den einigenden Mittelpunkt der gesamten islamischen Welt.

 

Es läßt sich denken, daß in Gebieten, in denen der christliche Kirchenbau stark entwickelt war, der Versuch von seiten christlicher Architekten oder des nachstrebenden Islams selbst gemacht wurde, einen Ausgleich zu schaffen. So entstanden schon in den aramäischen Gebieten Mischformen. Als die Omajjaden Mekka verdrängen wollten, er errichteten sie einen Kuppelbau über dem Felsen (die Kubbet es Sachra), der nichts mit der Bauform der Moschee zu tun hat. Und wenn man Walid in Medina den Vorwurf macht, er habe die Moschee nach Art der Kirchen gebaut, so trifft das für den Typus der Moschee von Damaskus zu, den ich Amida, S. 326 f. verfolgt habe und heute mit dem Taq Iwan (Dieulafoy, V, S. 80) vergleichen würde. Hier greift eine andere Zweckform in die Entwicklung ein, wie später bei den Osmanen in Konstantinopel die Sophienkirche. Beide Reihen müssen also streng aus dem Hoftypus ausgeschieden werden, sonst entsteht entwicklungsgeschichtlich Unklarheit.

 

Ebenso nimmt in Persien eine ältere Zweckform Einfluß auf die Entwicklung, der in den Palästen von Hatra und Ktesiphon auftretende Iwanbau. Ich verstehe daher eigentlich nicht, warum Diez in dieser Richtung zu einer sehr kühnen Annahme greift. Es handelt sich um die Bauform der Medrese. Bin ich geneigt, den Ursprung des Klosterwesens am Mittelmeere zum Teil vom Osten über Iran und Nordmesopotamien herzuleiten 18), so glaubt Diez die Bauform der Medrese auf das gleich ungeheuer ausgebreitete buddhistische Klosterwesen zurückführen zu können. Er versäumt aber, die Bauform im Indischen nachzuweisen und würde wohl über die Anlage in Form eines Hofes, etwa wie in der Certosa oder S. Maria degli Angeli, nicht hinaus gekommen sein.
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18) Amida, S. 111.

 

 

 

 

40 Josef Strzygowski.

 

Die Wihara entbehrt durchaus der in den Achsen angeordneten, die Ecken trennenden Iwane. Das eine Beispiel, das Diez (S. 99) zitiert, ist ein nestorianisches Kloster. Es zeigt, wie man sich beim Vergleich der Abbildung Diez, S. 153, mit den russischen Aufnahmen (nachgedruckt im Globus 1904) überzeugen kann, nicht einmal den Hof in der Mitte, sondern eine Kuppel, ist also als Beleg ganz hinfällig und könnte eher für die Herleitung des Kuppeltypus der Jeschil Dschami in Brussa verwendet werden.

 

Die Grundlage für die Forschung über die Bauform der Medrese hat van Berchem nicht erst Corpus arab. I, S. 254 f. sondern schon in den Notes d‘archéologie arabe, monuments et inscriptions fatimides 1891 (Journal asiatique) gelegt. Ich habe dazu Mschatta, S. 352, Stellung genommen. Es rächt sich, daß Diez die Seldschuken und Ajjubiden nach den Timuriden behandelt, nicht von ihren älteren Werken entwicklungsgeschichtlich zurückschließt.

 

In der islamischen Kunst spielt, ähnlich wie in der italienischen, der Palastbau eine große Rolle; nur handelt es sich im Osten nicht vorwiegend um Fassadenbau in Straßenfluchten, sondern (Alhambra) um freiliegende Baugruppen, die rund oder rechteckig zusammengefaßt sind und sich wie die Moschee um einen (oder mehrere) Höfe zusammenschließen. Es ist geographisch beachtenswert, wie ich Deutsche Literaturzeitung, 1913, Sp. 466 f., bemerkte, daß der Typus bis nach Peking zu verfolgen ist. Diez, S. 28, nennt ihn eine Monumentalisierung des Beduinenlagers und läßt ihn vom Stillen bis zum Atlantischen Ozean herrschen. Wir hätten dann (vgl. Mschatta S. 225) eine Kunstform der Nomadenvölker vor uns, das Zeltlager in festen Baustoff übersetzt. Diese Art Palastbau hat auch Einfluß auf das Abendland gewonnen. So scheint Leonardo einen Typus des kreuzförmigen Kuppelthronsaales (z. B. in Balkuwara und in armenisch-georgischen Palästen) in seinem Schlosse Chambord ebenso angewendet zu haben, wie die Bauform des auf Raumteilung eingestellten Bades in seinen Entwürfen aus der Mailänder Zeit.

 

Sind Fassaden in Straßenfluchten auch nie so ausschlaggebend im Islam geworden wie im Abendlande, so sind doch die ältesten Beispiele von richtigen derartigen Schauseiten,

 

 

 

41 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

bei den Fatimiden in Kairo und bei den Seldschuken in Kleinasien zu finden, dort so auffallend typisch in reicher Entwicklung: Portalwand, Flügel, Minarets, daß damit wohl als einer bedeutsamen Erscheinung zu rechnen ist. Die ,,Fassade“, besser das auf eine Schauseite eingestellte Bauen, ist schon in Mschatta da. Sie hat dort nichts Architektonisches, sondern ist reine Zierform (Diez, S. 59 f.). An Hatra läßt sich das Auftreten der anderen Art beobachten.

 

Im allgemeinen kann gesagt werden, daß der Gegenstand, d. h. die durch den geistigen Zustand der Zeit gebundene Bedeutung, in keiner Kunstströmung so wenig bestimmend zur Geltung kommt wie im Islam. Es fehlt eben die Darstellung und die Zierkunst geht mehr allgemein künstlerische Wege, d. h. solche der Form, als daß sie im Dienste der Idee wechselte. Der Zweck äußert sich dagegen bestimmter: Palast, Moschee, Schule und Rasthaus, Grab und Brunnen geben streng voneinander getrennte Bauformen. Nur setzt sich zumeist der Hof dem Innenraum gegenüber herrschend durch.

 

Gestalt. Sie ist zwar wie der Gegenstand und Zweck ebenfalls sachlich gegeben, aber der Künstler ist in der Wahl der Zeichen, durch die er eine dem Beschauer verständliche Erscheinung schafft, doch freier als in den durch seine Zeit gebundenen Voraussetzungen der Bedeutung. Im Gebiete der Baukunst kennt er die abgrenzende und tragende Mauer, dazu den Freiraum; seltener wird die Kuppel als Innenraum verwendet. Das schon bezeichnet die Eigenart gegenüber der Mittelmeerkunst seit christlicher Zeit. Es sind nicht die verständlichen Zeichen des Wachstums von Stütze und Last, in denen er denkt, sondern mehr die der Raumbegrenzung. Noch ausgesprochener geht die islamische Kunst in Malerei und Plastik eigene Wege, indem sie nie — das läßt sich für die ältere Zeit geradezu als Gesetz aufstellen — mit den bekannten Zeichen der Natur, dem Menschen, dem Tier oder der Pflanze arbeitet, durch sie dem Beschauer also nie eine Empfindung vormacht. Sie gibt vielmehr immer das Gefühl selbst in künstlerischer Form, d. h. durch Linien, Flächen, Farben und dergleichen, schiebt nie die Natur als Träger ein. Daher ist es so verfehlt, wenn man die von Edhem

 

 

 

42 Josef Strzygowski.

 

Pascha in seiner „Ottomanischen Baukunst“, S. 71 f., auf den Architekten Ilias Ali zurückgeführte Benutzung der Erbsenstaude womöglich zur Grundlage der Entstehung der Arabeske machen möchte 19).

 

Ich bleibe zunächst bei der Baukunst. Der Freiraum ist selbstverständlich nicht erst vom Islam in den Baublock eingeführt. Aber ihn im Islam aus dem antiken Atrium herleiten wollen, heißt doch den Spieß umdrehen und eine Wohnform des Südens, die ebensogut im Orient wie am Mittelmeer üblich war, im Orient vom Mittelmeere herleiten wollen. Dazu kommt, daß wir — wie ich Amida, S. 326, zeigte — ganz bestimmt wissen, das Haus des Religionsstifters habe ihm und seinen Nachfolgern als Versammlungsraum für das Gebet gedient. Die Lage war ähnlich wie vorher schon bei den Juden, die ihre Synagogen nach dem Tempel in Jerusalem einstellten, aber ihn nicht nachahmten, sondern dafür eine typische, der Basilika ähnliche Gestalt annahmen. Wenn der Islam die Zweckform seines religiösen Versammlungsraumes entlehnt hätte, würde er die Anleihe beim Judentum gemacht haben; daß er den Hof dafür nahm, ist ein Zeichen bodenständig arabischen Ursprunges.

 

Ganz andere Wege ist im Islam der Kuppelbau gegangen, den man womöglich auch aus dem Hellenismus herleiten möchte. Es ist ein Hauptergebnis der von Diez im Aufträge des Instituts ausgeführten Forschungsreise, daß er die Bedeutung Ostirans für die Entstehung des Kuppelbaues endgültig nachgewiesen hat 20). Dieses Ergebnis ist auch schon in seinem Handbuche, S. 78 f., in der Geschichte des islamischen Kuppelbaues verwertet. Ich kann hinzufügen, daß die für Europa fruchtbarsten Folgerungen aus der im Wohn-, Nutz- und Palastbaue vorherrschenden iranischen Trompenkuppel in Armenien dadurch gezogen wurden, daß es — bevor noch am Mittelmeere die Basilika für den Kirchenbau den Ausschlag gab — die Kuppel als einzige Form der Kirche angenommen hatte. So durchgreifend war diese nationale Tat der Arsakiden, eines Gregor und Trdat, daß sie auch nicht
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19) Supka, Uj Elet (Neues Leben), 1912, S. 585 und sonst.
20) Vgl. darüber meinen Aufsatz in der Zeitschrift für Geschichte der Architektur, VII (1915), S. 51 f., und „Die bildende Kunst des Ostens“, S. 31 f.

 

 

 

43 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

verdrängt werden konnte, als die seit dem 5. Jahrhundert von Griechen und Syrern mit gierigen Augen betrachtete armenische Kirche versuchte, auch in Armenien den tonnengewölbten Längsbau durchzusetzen. Davon in meinem Armenienwerke.

 

Mit welchem Hohn und Spott wurde ich seinerzeit von Berlin aus überschüttet, als ich die Trompenkuppel, d. h. die Kuppel, in der das Quadrat durch eine Trichternische, nicht durch Hängezwickel (Pendentifs), in das Rund der Kuppel übergeleitet wird, als im besonderen persisch hinstellte 21). Heute wird kein Mensch an dieser Tatsache zweifeln. Diez geht darauf S. 80 f. näher ein.

 

Im Islam macht die Kuppel seltsame Schicksale durch. Sie, das ausgesprochenste Merkmal des Innenraumes, liegt der Mitte mit dem offenen Hofe durchaus fern. Und doch sind die Moscheen von Konstantinopel ganze Kuppelberge, die Moschee in Damaskus heißt nach der Kuppel Adlermoschee und auch in unserer Vorstellung der transoxanischen und indischen Bauten spielt die Kuppel eine durchschlagende Rolle. War der Hof die Siedlungsform der Nomaden, so ist die Kuppel die Wohnzelle, die in den festen Siedlungen Irans vorherrscht. Von dort ist sie in den islamischen Grabbau ebenso übergegangen wie schon in die armenischen Kirchen des 4. Jahrhunderts. Beiden Kreisen wurde auf diese Art das auch im Abendland durch die Wanderungen der Goten und vom Süden her durch Hellenismus und Islam bekannt gewordene Motiv der Trichternische gemeinsam.

 

Was die Einzelgestalten der Baukunst anbelangt, so scheint es möglich, ihren Ursprung nach den grundlegenden Landes- und Volksteilen, die sich im Islam vereinigten, zu bestimmen. Der „Perserbogen“ heißt so wegen seines Ursprunges und wenn Diez, S. 54, den Kielbogen vielleicht eher türkischen als persischen Ursprunges sein läßt, so zeigt das nur, wie sehr geographische und Rassenfragen in der Kunst Mittelasiens eine Rolle spielen. Immer wieder
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21) Zeitschr. f. d. Geschichte der Architektur, III (1911), S. 1 f., und Amida, S. 177. Dazu Orientalistische Literaturzeitung, XIV (1911), Sp. 506 f. Die Behauptungen, die dort widerlegt wurden, waren ein Grund, daß ich auf der Durchführung der Forschungsreise nach Churasan bestand.

 

 

 

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stößt der Forscher auch auf Spuren von Zusammenhängen, die er glaubt mit der alten Holzbaukunst der arischen Wanderung zusammenbringen zu können. Ich werde darauf in meinem Armenienwerke genauer einzugehen haben. Meine „Bildende Kunst des Ostens“ schon weist darauf in kurzen Worten hin. Auch bei Diez tauchen solche Spuren auf Schritt und Tritt auf, ohne daß ihre Deutung im vorgeschlagenen Sinne ausgesprochen würde. Ich verweise auf die Bildung der Schauseiten mit Blendbogen in Hufeisenform (S. 62) und die Bildung der Kuppel in Indien (S. 160 f.).

 

Was die Zierkunst anbelangt, so steht bei Diez S. 124 der Satz: „Das ganze Altertum bis in die Blütezeit der abbasidischen Weltherrschaft schöpften die europäischen Länder auch im Norden ihre Kunst aus dem hellenistisch-orientalischen Kunststrom des Südens.“ Gerade die islamische Zierkunst bietet den Schlüssel zur Widerlegung solcher Anschauungen. Der Abschnitt, in dem der Satz steht, über den Bauschmuck der Seldschuken, ist aber derart mit allerhand Einfällen, die Armenisches, Indisches und Chinesisches betreffen, durchsetzt, daß man merkt, Diez weise nur darauf hin, ohne ernstlich verglichen zu haben. Im übrigen ist der Begriff des Klassischen (S. 112) in einer Kunstströmung, die zwischen Mittelmeer, Indien und China eingebettet ist, zu vermeiden, er war schon verfehlt den Großen der italienischen Kunst gegenüber (Wölfflin). Am ehesten könnte man die Bezeichnung für die „hellenistische Säulenagora“ anwenden, wenn diese überhaupt an der Wiege der Moschee Pate gestanden hätte oder wenn später in Konstantinopel in den Vorhöfen eine kühle, einheitliche Form aus neuen Werkstücken platzgreift. In Kleinasien und Ägypten ist das am wenigsten der Fall.

 

Die Zeichen, durch die sich der islamische Handwerker beziehungsweise Künstler verständlich macht, sind andere als wir sie in Europa gewohnt sind — soweit sich unsere Kultur irgendwie mit dem Mittelmeere berührt. Wir lesen im Grunde genommen auch Werke der bildenden Kunst — soweit sie darstellen. Die islamische Kunst nun kennt zum mindesten keine religiöse Darstellung. Das ist nur geographisch zu verstehen. Nicht so sehr die Abneigung der semitischen Nomaden, als

 

 

 

45 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

die der Nomaden und Nordvölker überhaupt gibt dabei den Ausschlag, sie alle kennen keine Kunst, in der im Wetteifer mit der Natur die Gefahr unkünstlerischer Probleme eintreten könnte wie zu allen Zeiten im Gebiete des Mittelmeeres. Die islamische Kunst lebt sich im geometrischen Zierat, einer Kunstform aus, die, wie die Musik, reiner Ausdruck ist. Wo sich Annäherungen an Pflanzenformen bemerkbar machen, liegen sicher Einflüsse von den Treibhauskulturen, also vom Mittelmeere, aus Indien oder China vor: So weit muß der Rahmen der Untersuchung geographisch gesteckt werden. Ich habe versucht, die islamische Zierkunst von der Ecke Altai-Iran aus zu erfassen, wo sich die Hauptströme, der ostarische und der türkische, mit dem Mittelmeerstrome kreuzen.

 

Die christliche und die islamische Kunst hatten ursprünglich örtlich fast die gleiche Wurzel. Daß die eine der Südkunst des Mittelmeeres, die andere der Art der Nord- und Wandervölker anheimfiel, hat nichts mit der Religion zu tun. Im Christentum entschied — soweit wir es heute überhaupt kennen, also im Westen — die Mittelmeerkunst, im Islam der mit der Völkerwanderung vordringende Norden und Osten. Ein Mittelding zwischen beiden scheint die armenische Kunst. Sie kennt den Innenraum, aber keine Darstellung. Ihre Kirchen sind wie die Moscheen ausschließlich mit Zieraten ausgestattet gewesen; Bilder, die das Religiöse durch die menschliche Gestalt für den Nichtschriftkundigen lesbar machen, kommen in Armenien erst durch Syrer und Griechen auf. Doch das gehört nicht hierher. Die Ablehnung der Naturgestalt in der bildenden Kunst tritt natürlich nicht erst mit dem Islam auf. Ich habe darüber ausführlich „Altai-Iran“ gehandelt. An der Grenze steht die Prachtfassade von Mschatta, die ich in der Festschrift zur Eröffnung des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin 1904 bearbeitete. Diez führt gegen meine ausgesprochene Überzeugung Mschatta, den chanartigen Prachtbau jenseits des Toten Meeres, mit Eingangsräumen, Hof und dreischiffigem Trikonchos in der Mitte, unter den islamischen Denkmälern an, ja er legt sogar gerade darauf besonderen Nachdruck, indem er eines der Dreieckfelder vor das Titelblatt des ganzen

 

 

 

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Werkes setzt und im Text die Zeitstellung noch besonders betont. Die Omajjaden und Jezid II (720—724) sollen dafür in Betracht kommen. Ich habe mich schon in der Mschattaarbeit 22) und immer wieder in dem Streite entschieden gegen einen so späten Ansatz ausgesprochen 23). Mschatta hat mit dem Islam überhaupt nichts zu tun, es wird also durch die ausdrückliche Betonung ein ganz falsches Licht auf diesen Kunststrom geworfen. Da es sich um eine grundsätzlich wichtige Frage handelt, bei der in erster Linie auch der geographische Gesichtspunkt mitspricht, sei auf diese Angelegenheit hier mit einem Worte eingegangen. Mschatta ist zunächst eine Schöpfung, die mit dem Moab, in dem sie steht, künstlerisch nichts zu tun hat. Es ist in Bauart und Ausstattung zweifellos von einem geographisch weit abgelegenen Kunstkreise bestritten worden. Das ist das eine. Das andere ist, daß die Historiker (Lammens, Herzfeld) behaupten, in der Zeit vor dem Islam sei ein Palastbau in dieser Gegend unmöglich, während anderseits der Kunstforscher sagen muß, in der Zeit der Omajjaden ist eine derartige Formengebung ausgeschlossen. Man beachte, daß hier glücklicherweise einmal nicht die Eselsbrücke einer Inschrift vorliegt, sondern beide Forschungsrichtungen Farbe bekennen müssen. Wenn nun Diez Stellung auf Seite der Historiker nimmt, so ist das sehr zu bedauern, denn er steigert dadurch mit seinem weitverbreiteten Handbuche die Verwirrung aufs Äußerste schon deshalb, weil er dem Institute angehört und die Meinung entstehen könnte, als wenn ich selbst die Überzeugung geändert hätte. Daß das nicht geschah, muß daher ausdrücklich betont werden. Altai-Iran, S. 73, gibt darüber Aufschluß und S. 151 ist außerdem Diez’ Einfall wegen Herleitung des Dreieckmusters widerlegt. Im Armenienwerke wird auf die Bauform von Mschatta in seiner Gesamtanlage einzugehen sein.

 

Form. Die Eigenart der religiösen Baukunst des Islams wird, wie gesagt, durch etwas bestimmt, das ursprünglich
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22) Jahrbuch der k. preuß. Kunstsammlungen, XXV (1904), S. 363 f. 23) Vergleiche zuletzt v. Berchem, Journal des savants, 1909, S. 31, und Brünnow, Zeitschrift für Assyriologie, 1912, S. 1289 f.

 

 

 

 

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auch in der christlichen Kunst eine nebensächliche Bedeutung hatte, den Hof. Er hat nur eine Umwallung, nicht auch Decke und Dach, die im Christlichen geradezu den Ausschlag in der Bauentwicklung gaben. Die Folge davon ist, daß alle die Wesensfragen der Form nach Masse, Raum, Licht und Farbe ganz anders gerichtet sind als in Europa.

 

Raum. Im islamischen Moscheehof ist als Freiraum die Umgrenzung durch Hallen und Mauern das Bestimmende, nicht die Einteilung eines Innenraumes und dessen Verhältnis in Höhe und Breite. Die Moschee ist das, was wir einen Platz nennen und es ist möglich, daß die Betonung der Achsen durch hohe Iwanbauten zum Teil — neben der Zweckbestimmung und der gestaltlichen Gegebenheit durch die volkstümliche Bauweise — dem Bedürfnis entsprach, die Platzwand wenigstens an ihrer sprechendsten Stelle aufragend in ein Verhältnis zur Weite zu bringen. In den großen Freitagsmoscheen Irans ist diese Aufgabe packend und befriedigend zugleich gelöst. Alle anderen Ländergebiete der islamischen Kunst zeigen Versuche beachtenswerter Art, aber keine großzügig aus einer starken Baugesinnung zur Einheit geläuterte Raumform.

 

Masse. Die Queriwane, als mächtige Baublöcke in die Mitte der Platzwände gelegt, bilden zugleich die Massen, die den Blick an den bevorzugten Stellen auffangen und den Bezug der Richtungen aufeinander herstellen.

 

In Mesopotamien und Ägypten überwiegt die Hofmoschee mit Längsiwanen, die Seldschuken bauen Medresen mit verkümmerten Queriwanen. So tritt ein geographisch wechselndes Bild zutage, das erst recht eigenartig wird, als sich die Osmanen im Umkreis des Marmarameeres festsetzten. Es ist auffallend, daß sie den Hoftypus so gut wie ganz aufgaben und den Kuppelbau auch für die Moschee anwendeten. Das Zurückgreifen auf die Art der Sophienkirche ist dabei die überraschendste Tatsache. Es ist bisher kaum genügend gewürdigt worden, daß damit, gleichzeitig etwa wie in Italien, eine Renaissance einsetzte, die in der Baukunst nicht ohne Einfluß auf den Westen blieb. Hatte seit jeher die armenische Kuppelkirche auf das christliche Abendland gewirkt, so wurde dieser Einfluß des Ostens jetzt namhaft verstärkt

 

 

 

48 Josef Strzygowski.

 

durch die Erfahrungen, die Künstler wie Michelozzo, Leonardo u. a., in den über dem Quadrat errichteten Kuppelbauten und den über dem Achteck angelegten Bäderkuppeln von Konstantinopel und in der kilikischen Ecke machten. Die einen gingen auf Raumeinheit los, die anderen blieben, dem Zweck entsprechend, bei der Raumteilung. Leonardos Arbeiten zeigen beide Richtungen nebeneinander 24).

 

Licht und Schatten. Es läßt sich verstehen, daß die Moschee als Freiraum den Wert von Licht und Schatten kaum in einer irgendwie mit der europäischen verwandten Art baukünstlerisch anwenden wird. Will man Vergleichsmöglichkeiten erlangen, so muß man nicht von einzelnen Bauwerken, sondern vom Stadtbilde ausgehen. Nur wo die Moschee in Straßenfluchten steht, z. B. in Kairo und Kleinasien, kommen dazu Schauseiten, in denen durch das Motiv der ,,Hohen Pforte“ Licht- und Schattenwerte gliedernd in das Ganze eingreifen. Auch ist unleugbar, daß die Zellennischen und -gewölbe (Stalaktiten) vornehmlich auf solchen Licht- und Schattenwirkungen aufgebaut sind. Sie kommen aber in ganz anderer Art zur Geltung als Tonwerte in Europa angewendet erscheinen: Der Islam kennt die weichen Übergänge der Modellierung, die für die griechische Kunst so bezeichnend sind, außer bei Profilierungen nicht, weil er seine Zierformen in die Fläche legt, sie umrahmt und entweder in mehreren Flächen übereinander oder auf tiefem, dunklem Grunde zeigt. Im übrigen ist bereits gesagt worden, daß beim Mangel darstellender Gestalten die rein künstlerischen Werte, also die geometrische Form in ihrer rein sinnlichen Wirkung die ausschlaggebende Rolle spielt. Linie und Fläche, Hell und Dunkel, der Gegensatz in Muster und Grund, der gleichgewichtige Aufbau und das Muster ohne Ende usf., das sind die Formen, die ganz unmittelbar und auf sich gestellt, nicht getragen durch irgend eine Naturgestalt, wirken müssen. Ich will dieses ungeheuere Gebiet hier nur angedeutet haben — Diez führt ja manches im einzelnen aus. (Schluß folgt.)
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24) Vgl. den oben, S. 27, Anm. 6, angeführten Aufsatz über Leonardo-Bramante-Vignola im Rahmen der vergleichenden Kunstforschung.

 

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Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

Von Josef Strzygowski. (Schluß.)

 

Farbe. Die islamische Kunst kennt den Wert des einfarbigen Lichtes zur Erzielung künstlerischer Wirkungen weniger als jede andere Kunst, eben weil sie nicht vom Innen-, sondern vom Freiraum ausgeht. Ihr verwandte Richtungen der Altai-Iran-Ecke mögen dadurch auch auf die anläßlich der Mschattafassade erörterte Einführung des Tiefendunkels an Stelle von Licht und Schatten gekommen sein. Damit aber war schon der Weg zur Farbe gewiesen. Tiefendunkelarbeiten sind solche in Schwarz und Weiß. Außerdem mag die Farbenfreude des Islams in den bunten Faserstoffen der Zeltnomaden eine ihrer Quellen haben. Die besonders in Persien auffallende Neigung, die Wände außen und innen mit farbiger Tonware zu verkleiden, weist auf solchen Ursprung um so mehr, als auch die Muster diesen Zusammenhang bekunden. Zudem ist es der Islam, der zuerst die später in der Gotik zu so hoher Entwicklung gelangte farbige Verglasung von Maßwerkfenstern durchgeführt hat. Es ist sehr auffallend, daß die Moscheen mit offenem Hofe auch in den wenig tiefen Seiteniwanen solche Fenster aufweisen. Das Maßwerk ist gewöhnlich aus schräg für den Lichteinfall ausgeschnittenem Stuck hergestellt und diese durchbrochenen Muster sind dann mit Stücken bunten Glases gefüllt.

 

Inhalt. Es steht außer Zweifel, daß die islamische Kunst eine seelische Einheit von so ausgesprochener Eigenart gegenüber der Kunst aller anderen Weltreligionen ausdrückt, daß man sie kaum mit einer anderen vergleichen kann, außer

 

 

 

154 Josef Strzygowski.

 

etwa der chinesischen vor den Han, die wir aus den hieratischen Bronzen kennen. Man muß die Zusammenhänge mit den ältesten eurasiatischen Kunstströmen im Norden und in den Steppen und Wüsten erkannt haben, um diese Eigenart verstehen zu können. Es ist jene volkstümliche, von der nordischen Völkerwanderung her bekannte Freude am Schaffen flächenfüllenden Schmuckes, die unserer schnelllebigen Zeit allmählich abhanden kommt, jener sinnige Zustand zwischen Spiel und Ernst, der uns tausendmal das gleiche Zeichen liebevoll und mit Gedanken stimmungsvoll umhegt in irgend einer Werkart wiederholen läßt. Die Religion des Islam hat damit an sich freilich wenig zu tun. Die Kultgebäude bieten lediglich einen Rahmen, in dem sich die schweifende Phantasie an Wänden, Geräten, Gefäßen und auf Handschriftblättern auslebt. Die Seele des Nordländers und Nomaden klingt in der bildenden Kunst des ersten Jahrtausends ähnlich wie in der Kunst des Islams, mit der sie durch die Berührung im Gebiete von Altai-Iran verknüpft erscheint. Es ist gewiß nicht zufällig, daß wir im Profanbau immer wieder auf die Formen des Zeltlagers stoßen und die Füllung gegebener Flächen als das bescheidene Ziel aller Kunsttätigkeit angestrebt sehen.

 

Der Islam ist von den großen Weltreligionen die jüngste. Trotzdem hat seine Kunst weder mit dem Buddhismus noch dem Christentum, seinen Vorgängern und Mitlebenden, viel gemein. Das religiöse Gebäude wird nicht von anderen Gebäuden getrennt erbaut oder durch Stufen gehoben. Zwar umgeben Mauern den heiligen Bezirk und Gebetrufertürme überragen das Häusermeer, aber da, ursprünglich wenigstens, der Innenraum fehlt und das Heiligtum nur durch die Richtung angedeutet wird, bleibt der Hof Waschraum und die Iwane Versammlungshallen, also reine Zweck Zweckbauten. Erst spät, besonders bei den Osmanen, wird die Kuppel, in Konstantinopel ganze Kuppelberge, das religiöse Wahrzeichen, obwohl sie vorher nur das Grab kennzeichnete. Der religiöse Ausdruck scheint also in der Baukunst zurückgedrängt gegen die Zweckmäßigkeit — selbst in den Größenverhältnissen, die sonst besonders in der Höhenentwicklung die stärkste Befriedigung des Gefühls bedeuten. Da der

 

 

 

155 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

Innenraum und damit die Möglichkeit der Höhenentfaltung fehlt, geht dieser stärkste Stimmungsausdruck, soweit er sich nicht in der Anlage hoher Iwan- oder Vorbauten und Minarets befriedigt, verloren.

 

Ähnlich fehlt die Möglichkeit, durch die menschliche Gestalt religiöse Stimmungen zu verwirklichen, wie es die antike, christliche und buddhische Kunst bis zur Plattheit getan haben. Das Ornament ist zwar ebensogut Träger von Inhaltswerten, aber rein im Sinne der Musik. Es löst Stimmung aus, die nicht durch die Unterschiebung der menschlichen Gestalt als Schauspieler schwarz auf weiß ausgedeutet werden kann. Und nun denke man rein geographisch die Weite der islamischen Welt und wird sich vorstellen können, welche Fülle von Zierformen hier nebeneinander und sich gegenseitig durchdringend Platz gefunden haben und wie schwierig die Aufgabe des Forschers sein mag, der versucht, in dieser scheinbar undurchdringlichen Welt Richtwege zu schlagen. Der Islam hat Semiten, Arier und Türken verschiedenster Färbung unter einen Hut gebracht. Man kann sich denken, daß die Rassengegensätze bei näherem Zusehen gerade in inhaltlichen Fragen deutlich werden müssen. Die ursprünglich geographisch getrennten Verschiedenheiten sind nie ganz verschwunden.

 

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Die bildende Kunst des Islams verlangt einen Forscher, der die asiatische Welt genau kennt. Die muhammedanische Bewegung setzt am Ende einer Zeit ein, in der zuerst der Hellenismus die alten Treibhauskulturen des vorderen Orients zu einer Einheit verschmilzt, bis zuletzt das Christentum sie wieder auflöst. Die neuen Verbände aber waren andere als die vor Alexander. Den Kern der islamischen Kultur bildeten nicht mehr Ägypten, Mesopotamien oder das Mittelmeer, sondern der Nordosten des iranischen Hochlandes, jener Kreuzweg, in dem sich die Straßen vom Mittelmeere her, aus Indien und China begegneten mit den Nomadenwegen, die nach dem Norden vermittelten. Von hier aus versteht man die Kunst der Völkerwanderung ebenso, wie durch das Mittelglied des christlichen Armeniens manches selbst in der

 

 

 

 

156 Josef Strzygowski.

 

abendländischen Kunst des Mittelalters erst dadurch klar wird. Wir täuschen uns, wenn wir Byzanz oder das Mittelmeer für die Schicksale der Kunst in der Zeit des frühen Mittelalters verantwortlich machen wollen, wie es so häufig für das Abendland geschieht und für den Osten selbst bei Diez noch da und dort durchschlägt. Schon die christliche Kunst Vorderasiens hat nichts mit Byzanz zu tun 23). Auf diesem Boden entstehen vielmehr nationale Kirchen, die jenes internationale machtgierige Wesen, das Rom, Byzanz und Ktesiphon aufrecht hielt, nicht kannten. Nur so war es möglich, daß in Armenien die bahnbrechende Tat entstehen konnte, die den Kuppelbau zu einer neben der Bauform des Mittelmeeres bestehenden und ihr im Osten übergeordneten Bauweise der Kirche werden ließ. Es ist von ungeheuerer Bedeutung geworden, daß nicht auch der germanische Norden schon damals die Kraft zu einer nationalen Bewegung im Rahmen des Christentums fand. Der Islam kreuzte diese Welt und pochte drohend vom Osten und Süden an ihre Tore. Auch zum Verstehen der europäischen Kunstentwicklung ist also die Kenntnis dieser asiatischen Bewegung notwendig.

 

Es darf nicht wundernehmen, in einer Kulturwoge, die von Arabien ausgeht, Altai-Iran den Ausschlag geben zu sehen. Der Stifter des Islams kannte die bildende Kunst kaum dem Namen nach. Diese war vielmehr bei dem raschen, siegreichen Vordringen des Islams der Art der einzelnen Landesgebiete überlassen, bis der Islam eben auf ein Gebiet stieß, dessen Gesinnung, der seinigen verwandt, eine lebendige Formkraft besaß, die dann die islamische schlechtweg wurde. Wir hätten also die in Betracht kommenden Landgebiete daraufhin zu prüfen, ob irgendwo die Art der islamischen Kunst schon in vorislamischer Zeit heimisch war.

 

Das ist nun in keinem der Länder der Alten Welt, weder in Ägypten, Syrien, Mesopotamien, noch auch im sassanidischen Iran der Fall. Die Einleitung von Dr. Glück über die sasanidische Plastik kann daher in Diez’ Buch nur als Voranstellung des Gegensatzes gefaßt werden oder
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23) Vgl. meine Aufsätze ,,Die sasanidische Kirche und ihre Ausstattung“ (Monatshefte f. Kunstwissensch., VIII, 1915, S. 349 f.) und über den persischen Hellenismus im laufenden Jahrgange des Repertoriums für Kunstwissenschaft.

 

 

 

157 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

ist ein rein historischer Einschlag, weil dem Islam in Persien das Sasanidische unmittelbar vorangeht. Im übrigen hat die islamische mit der sasanidischen Reichskunst nichts zu tun. Vielmehr ist die islamische Kunst ausgesprochen Nomadenkunst und nur deshalb in ihrem entschiedenen Gegensatz zur Kunst des Hellenismus und des Alten Orients möglich geworden, weil die arabischen Nomaden sehr bald Anschluß an die Wandervölker Mittelasiens gewannen und die iranischen Nordvölker Persiens eine ähnliche Richtung verfolgten.

 

So lag die Entscheidung nicht bei Vorderasien; der Islam bewegt sich zwar radial von Medina aus, aber seine bildende Kunst nimmt sehr bald die entgegengesetzte Richtung vom Osten her. Es ist daher falsch, die syrische, die mesopotamische oder die ägyptische Kunst als ausschlaggebend und im Islam schöpferisch einmündend sehen zu wollen. Die Ausbreitung des Islams erfolgte so schnell und die Verbindung mit Mittelasien so unvermittelt, daß für die Entwicklung der islamischen Kunst alle anderen lokalen Ansätze zurücktreten. Dieser Vorgang mußte statt einer geschichtlichen Einleitung geschildert werden, ihn begreiflich zu machen, wäre Sache jener wissenschaftlichen Erkenntnis, die ich seit Jahren vertrete. Diez hat sich zwar von dieser Strömung mitreißen lassen, opfert auf Grund des erhaltenen und bisher bekannten Denkmälervorrates die beliebte Annahme des Ganges der Entwicklung vom Westen nach Osten, greift aber bisweilen zu Annahmen, die ich nicht gern auf dem Kerbholze meines Institutes belassen möchte. Irrtümer im einzelnen sind immer möglich; was beunruhigt ist die Art, wie Diez sich Freiheit im Aussprechen von Ansichten gönnt. Aber daran werden ja, wie im Handbuch der Kunstwissenschaft überhaupt, auch in dem Rande über die islamische Kunst spätere Auflagen manches verbessern können. Man vergesse nicht, daß es sich um den ersten zusammenfassenden Versuch eines kunstgeschichtlich gerichteten Sonderforschers handelt. Schon die planmäßige Bearbeitung der Ergebnisse der Forschungsreise des Institutes nach Churasan wird darin vorwärts helfen. Die erste Auflage des Diezschen Handbuches aber bleibt eine dankenswerte Tat, schon um der reichen Quellennachweise, die sie auch dem geschulten Fachmanne bietet.

 

 

 

158 Josef Strzygowski.

 

Ich habe hier an einigen Beispielen zu zeigen gesucht, auf welchen Wegen etwa eine planmäßige Wesensforschung, d. h. eigentliche Facharbeit gegenüber dem historisch-philologischen Vielwissen sich zu bewegen haben wird. Die Lebenswesenheit bildende Kunst bietet durch ihren anschaulichen Arbeitsstoff einen festeren Anhalt zur Ausbildung einer solchen Methode als andere Geisteswissenschaften. Irrtümer und Fehlwege werden am Anfänge unvermeidlich sein, aber der aufrichtig um den Fortschritt und die Selbständigkeit seiner Wissenschaft bemühte Fachmann wird vor ihnen ebensowenig zurückschrecken, wie vor der Drohung, von der herrschenden Partei lächerlich gemacht, ja verfolgt zu werden 26). Im vorliegenden Falle habe ich mich lediglich auf die islamische Kunst beschränkt. Das wichtigste an der planmäßigen Wesensforschung ist aber, daß sie für den Vergleich mit anderen auch geographisch weit auseinanderliegenden Kunstkreisen einen sachlichen Maßstab zu gewinnen gestattet, an welchem die Eigenart einer an Boden oder Volk haftenden Formkraft gemessen werden kann.

 

Ich komme nun nochmals auf Woermanns Absicht zurück, „die Entwicklung des künstlerischen Geistes und der künstlerischen Formensprache der Menschheit“ geben zu wollen. Dazu gehört neben der sachlichen Grundlage der Denkmälerkenntnis nach ihrer geographischen Verteilung eine ebenso sachlich gegliederte Einteilung des künstlerischen Wesens, das den Vergleich ermöglicht. Über die seltsamerweise gern als „Weltgeschichten“ bezeichneten zusammenfassenden Darstellungen der kunstgeschichtlichen Tatsachen des Erdkreises, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren, werden wir mit dem Ziele einer Entwicklung des künstlerischen Geistes nur hinauskommen, wenn wir fachmännisch vergleichend auf geographischer Grundlage arbeiten.
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26) Ein Wiener Musterbeispiel wird in den Monatsheften für Kunstwissenschaft, 1918, Aprilheft, unter dem Titel „Der Zustand unserer fachmännischen Beurteilung“ besprochen werden.

 

 

 

 

Quelle: Mitteilungen der k. k. Geographischen Gesellschaft 1918 Heft 1/2 S. 20-48; 153-158. Josef Strzygowski: Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage