[ Neue Freie Presse - 19120309 - Seite 24 -25] Wien, Samstag 9. März 1912

 

 

 

Kunstblatt.

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Hofrat Strzygowski.

 

Von Cornelius Gurlitt.

 

Am 7. März feierte der Wiener Universitätsprofessor Josef Strzygowski seinen 50. Geburtstag, bekanntlich einer der meistgenannten deutschen Kunstgelehrten. Die Reihe seiner Schriften aufzuführen ist nicht meine Aufgabe. Darüber geben die Handbücher und Konversationslexika genügende Auskunft. Für den weiteren Kreis der Kunstfreunde ist Strzygowskis Name mit der Erforschung Vorderasiens in engster Beziehung. Ich möchte hier nur erwähnen, da es so in der Welten Lauf liegt, die Menschen zum Spezialistentum zwingen zu wollen, daß der Orient nicht das einzige Arbeitsgebiet des Wiener Professors ist. Er hat Bücher über die Kunst der Renaissance, des Barock, der Moderne herausgegeben, sich also im weitesten Umkreis der Kunstbetrachtung bewegt.

 

Strzygowski gehört zu jenen Gelehrten, über die man sehr verschiedener Meinung ist, über die man streitet. Von Zeit zu Zeit wird er „wissenschaftlich vernichtet“. Das scheint ihm aber recht gut zu bekommen, so daß sich mir der Eindruck aufdrängt, es gehöre zu seinen Lebensgewohnheiten.

 

Ich weiß nicht, ob es ihm nicht ganz recht ist und ob er nicht die Gründe seiner Gegner im stillen anerkennt. Keiner von diesen wird meinen, Strzygowski wisse in der Kunstgeschichte und besonders in dem Gebiete, das ihn besonders gepackt hat, in der Geschichte und Formenwelt altchristlicher Kunst, nicht ausgezeichnet Bescheid. Seit Jahren sind wir gewöhnt, in der „Byzantinischen Zeitschrift“ Berichte von ihm über die Literatur dieses und der benachbarten Gebiete zu lesen, die von einer ungewöhnlichen Sachkenntnis, von einem weiten Ueberblick über die wissenschaftliche Produktion aller Kulturvölker Kunde geben. Nicht minder wird irgendwer leugnen wollen, daß Strzygowski das Viele was er tatsächlich weiß, in erstaunlicher Weise bei der Arbeit zur Verfügung steht. Denn beim wissenschaftlichen Arbeiten kommt es nicht darauf an — zum mindesten nicht hauptsächlich — wohlgefüllte Zettelkasten mit sorgfältig geprüften Notizen im Studierzimmer stehen zu haben, sondern darauf, daß der Kopf selbst ein solcher Zettelkasten ist und daß der abwägende Verstand in den dort bewahrten Notizen Bescheid weiß und die eben jetzt brauchbare auch zur rechten Minute findet. Nicht minder wird niemand ihm einen erstaunlichen Fleiß und eine außerordentlich produktive Kraft abzusprechen geneigt sein.

 

Im Gegenteil. Die Vorwürfe treffen zumeist den Umstand, daß er mit „heißer Feder“ schreibe, daß er nicht abwarte, bis sich außer ihm und in ihm eine Frage geklärt habe, bis sie zu ihrem vollen Ende durchgedacht und durchgearbeitet sei. Strzygowski hat manche Anfechtung in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gefunden, weil er sich selbst widersprach, andere Ansichten heute, andere morgen verkündete, ja, sich selbst und seinen Entwicklungsgang zergliedernd, die verschiedenen Phasen seiner Erkenntnis nebeneinander stellte.

 

Das tut nun freilich der brave Normalprofessor nicht, der gibt unter keinen Umständen zu, daß er jemals sich geirrt habe, ja daß es überhaupt möglich sei, daß er irre. Denn er spricht seine Ansicht erst dann aus, wenn sie zur unumstößlichen Gewißheit geworden ist - wenigstens ihm selbst!

 

Strzygowski gehört, obgleich er Oesterreicher von Geburt ist, der Kunsthistorikerschule Anton Springers an, der, selbst ein Oesterreicher, seinerzeit die Leipziger Universität zum Zielpunkt aller Vorwärtsstrebenden machte. Eine Reihe von Arbeiten zur italienischen Renaissance beweisen für die Zeit, in der er in Wien Privatdozent, in Graz Professor der neueren Kunstgeschichte war, da er mit so vielen anderen bemüht war, die mehr oder minder großen Lücken in der Erkenntnis durch sorgfältige Kleinarbeit füllen zu helfen. Berufungen an die Universitäten Breslau und Halle, endlich nach Wien lieferten die deutlichen Beweise der Anerkennung der Fachkreise. Seine eigentliche Bedeutung und seine Eigenart trat jedoch erst hervor, als er 1901 sein Werk „Orient oder Rom“ ver- öffentlichte.

 

Die Frage, die damals aufgeworfen wurde, ging dahin, ob Rom tatsächlich, wie sowohl die klassischen Archäologen als die Kenner der altchristlichen Kunst behaupten, das leitende Zentrum der Entwicklung gewesen sei, oder ob die hauptsächlichen Anregungen vom Orient gekommen seien, wie Strzygowski damals annahm, von Byzanz. Er brach mit einer liebgewordenen wissenschaftlichen Tradition, die bisher die Köpfe völlig beherrscht hatte. Wer den wissenschaftlichen Betrieb kennt, der weiß, wie übel die erbeingesessene Gelehrtenwelt es nimmt, wenn einer mit solchen Umsturzideen in ihren Kreis hineintritt, die schöne Ruhe und Uebereinstimmung stört, in der jeder einzelne sich so wohl geborgen fühlt. Nun aber lenkte Strzygowski die Aufmerksamkeit zahlreicher vorwärts strebender Forscher auf die Wichtigkeit dieser Frage, namentlich auf die Lösung des großen Rätsels: „Worin besteht die eigene Leistung Roms für die Kunst in der Zeit des Kaiserreiches und der wachsenden Macht des Papsthums ?“

 

Aus sehr vielen Gründen sah man schon in der Fragestellung eine Anmaßung. Die Kunstgeschichte lag ja fertig vor. Da kamen auf das Kapitel: Griechische Kunst, die Kapitel: Römische Kunst, Altchristliche und Byzantinische Kunst, jede mit einem feststehenden Anfang und Ende. Die große Mehrzahl der Kunstgeschichten arbeitet noch heute mit diesem Schema.

 

Aber alle die, die sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, erkennen, daß hier eine arge Geschichtsklitterung vorliegt. Es sei mir erlaubt, ein paar Worte zur Sache über mich selbst hinzuzufügen. Ein Jahr nach Strzygowskis „Orient oder Rom“ erschien meine „Geschichte der Kunst“, die, ein Werk von anderthalbtausend Seiten, natürlich nicht im Handumdrehen entstehen konnte. Das, was Strzygowski aussprach, deckte sich mit Anschauungen, die ich seit Jahren meinen Schülern vorgetragen hatte. Nur mit dem Unterschied, daß ich nicht in Byzanz den Mittelpunkt der Anregungen sah, sondern in einer allgemeinen Bewegung, die bald nach dem wegöffnenden Vorstoß Alexanders des Großen und der Seleukidenkönige gegen den fernen Osten, rückläufig von Osten gegen Westen, vordrang. Mir verdichtete sich die Anschauung dahin, daß ich das Bestehen einer „Römischen Kunst“ überhaupt leugne, nur von einer im wesentlichen orientalischen und hellenistischen Kunst in Rom spreche, so wie die Archäologen dies seitens der Bildhauerei selbst längst anerkannt haben. In die Fragen der Architektur übertragen heißt dies: der Uebergang vom Steinbalkenstil zum Wölbstil vollzog sich nicht, wie die landläufige Kunstgeschichte lehrt, in Rom, aber auch nicht, wie 1901 Strzygowski lehrte, in Byzanz, sondern im Orient, in Syrien und seinem noch ungenügend erforschten Hinterland.

 

Seither folgte eine Schrift Strzygowskis der anderen. Mit der außerordentlichen Regsamkeit, die ihn auszeichnet, fand er Mittel und Mitarbeiter, um weiter in der Erkenntnis zu schreiten: Kleinasien wurde das Ziel seiner Untersuchungen, dann Syrien. Daß im Berliner Museum die merkwürdige Fassade des syrischen Wüstenschlosses Mschatta steht, ist im wesentlichen Strzygowskis Verdienst.

 

Einfügung: LINK zum Wüstenschloss Mschatta im Berliner Museum für islamische Kunst

https://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/museum-fuer-islamische-kunst/sammeln-forschen/forschung-kooperation/qasr-al-mschatta-das-fruehislamische-wuestenschloss-mschatta-jordanien-dokumentation-und-deutung.html

 

Die Untersuchung der koptischen Altertümer der Museen von Kairo ist ihm anvertraut worden; wohl kein Forschungsreisender, der im Orient nach neuer Erkenntnis sucht, versäumt es, sich mit dem Wiener Gelehrten in Verbindung zu setzen. Und dieser ist ununterbrochen am Werke, zu sammeln, nicht nur für das von ihm geleitete kunsthistorische Institut an der Wiener Universität, sondern für die Wissenschaft im allgemeinen.

 

Und da ergibt sich denn, daß die Meldungen aus den Expeditionen der verschiedenen Nationen nur zu oft nicht mit dem übereinstimmen, was man auf Grund von Hypothesen vermutet hatte, solcher Hypothesen, die erst die Anregung zum Erforschen gaben. Wenn nun Strzygowski an der Grundansicht der orientalischen Herkunft der wichtigsten Gedanken der Spätkunst der Antike sowie der Frühkunst des Christentums aus einer Quelle, dem Orient, festhielt, ja fortschritt, so zögerte er doch nie, dort, wo sich ihm bessere Erkenntnis aufdrängte, dieser Folge zu geben, also sich selbst zu widersprechen: Hätte er gewartet, bis die Wissenschaft „fertig“ vorlag, so hätten uns all die vielseitigen Anregungen gefehlt, die gerade der Streit der Meinungen so mächtig förderte.

 

Und diese Anregungen waren dringend nötig und bleiben ein dauerndes Verdienst! Denn neben der Kunstgeschichte und nicht zum geringen Teil durch die Kunstgeschichte schreitet die Religionsgeschichte vorwärts und schlägt die großen Probleme auf, die wohl den wesentlichsten Teil des Inhaltes des Denkens der kommenden Zeit ausmachen werden. Es wird da noch vieles in unserem Meinen und Folgern umgestürzt werden. Und wir werden noch manchen Mann von der Art Strzygowskis brauchen, Leute von der Biegsamkeit des Denkens, daß sie die Fragen neu aufstellen und neu beantworten können, sobald neues Material zur Erforschung der Wahrheit beigebracht ist.

 

Ob aber der österreichische Staat genug solche Männer hat, um diese Bestrebungen zu fördern? So oft hört man das schöne Wort von der „Ostmark“, von der durch den Namen des Staates schon angedeuteten Richtung a den Osten. Ist es ein Denkfehler von uns Reichsdeutschen, wenn wir der Meinung sind, eigentlich müsse nicht nur ein einzelner Gelehrter Oesterreichs, sondern der Staat selbst in seinen öffentlichen wissenschaftlichen Bestrebungen uns in der Erforschung des Orients voraus sein!

 

Vielleicht gibt der 50. Geburtstag Strzygowskis den maßgebenden Kreisen Anlaß über diese Aufgaben nochmals nachzudenken.

 

 

Quelle:

 

Neue Freie Presse. Wien, Samstag 9. März 1912. Seite 24 -25

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beilage zu Nr. 297 der „Wiener Abendpost“ vom 29. Dezember 1903.

 

Kleinasien, ein Neuland der Kunstgeschichte.

 

[ Wiener Zeitung - 19031229 - Seite 21 ]

 

 

Wenn F. X. Kraus in seiner „Geschichte der Christlichen Kunst“ (9. Buch) sagt: Die „byzantinische Frage“ liegt seit langer Zeit wie eine dunkle Wolke über unserer Kunstwissenschaft, so hat er die Wichtigkeit dieser Frage und das schwierige Problem ihrer Lösung mit wenigen lapidaren Worten charakterisiert. Die „byzantinische Frage“ gehört zu jenen Schmerzenskindern, wenn ich so sagen darf, deren die meisten Wissenschaften eines besitzen und die gewöhnlich für Generationen von Forschern einen Stein des Anstoßes bilden, über den sie schwer hinwegkommen – sie umgehen ihn denn oder, besser gesagt, täuschen sich darüber hinweg. Es ist allerdings unbestreitbar, daß gerade Forschungen der letzten Jahre diese Frage ihrer Lösung bedeutend näher gebracht haben. Vor allem aber muß konstatiert werden, daß wir in Hinkunft von einer „byzantinischen Frage“ im bisherigen Sinne des Wortes überhaupt nicht mehr werden sprechen können. Es handelt sich nicht in erster Linie um das Wesen der byzantinischen Kunst und ihrer Einwirkung auf das Abendland, sondern um das Wesen der verschiedenen Kunstströmungen in den Ländern des östlichen Mittelmeerbeckens, als da sind Griechenland, Macedonien, Byzanz, Klein-Asien, Syrien mit seinem gesamten Hinterland und Ägypten in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten; um die Frage der gegenseitigen Beeinflussung aller dieser Kunstströmungen untereinander sowohl wie auf die gesamte spätantike und frühmittelalterliche Kunst des Abendlandes. Die Kunstwissenschaft wird in Hinkunft treffender von einer „orientalischen Frage“ sprechen, wie dies Strzygowski in dem Titel seines vor zwei Jahren erschienenen Buches „Orient oder Rom“ bereits angedeutet hat. Die Frage ist demnach wohl in ein neues Fahrwasser gelangt und wir haben dies in erster Linie dem eben genannen, mit kühner Initiative vorgehenden Forscher auf dem Gebiete der spätantiken und frühchristlichen Kunst zu verdanken; endgültig gelöst wird sie aber noch lange nicht sein, das zeigt gerade Strzygowskis neues Buch, *) über dessen Inhalt hier referiert werden soll. Das Endresultat: der Ursprung der romanischen Kunst des Abendlandes müsse im Orient gesucht werden, wird gewiß einen neuen Kampf heraufbeschwören.

 

Doch kommt dies erst in zweiter Linie in Betracht. Der Hauptteil des Buches beschäftigt sich mit der Vorführung der christlichen Kunstdenkmäler Kleinasiens, eines Ländergebietes also, das die Geschichte der frühchristlichen Kunst bisher so gut wie unbeachtet gelassen hatte und das uns, wie wir sehen werden, speziell auf dem Gebiete der Kirchenarchitektur Neues von außerordentlicher Bedeutung bietet.

 

Das Buch ist, wie der Verfasser im Vorwort sagt, durch internationale Arbeit zu stande gekommen. Nur dadurch, daß Strzygowski neben der wissenschaftlichen Ausbeute, die er selbst von eigenen Studienreisen in Syrien und Teilen von Kleinasien heimgebracht hat, auch Aufnahmen J. W. Crowfoots, J. J. Smirnovs, Dr. Max Freiherrn von Oppenheims u. a., ferner der isaurischen Expedition der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen benützen konnte, war es ihm möglich, eine einigermaßen erschöpfende Abhandlung über die Kirchenbauten dieses kolossalen Ländergebietes zu geben. Sind auch die Photographien zum größeren Teile befriedigend, so lassen, wie Strzygowski ausdrücklich hervorhebt, einige Grundrisse sehr zu wünschen übrig. „Wenn ich trotzdem auch sie — und zwar ohne sie irgendwie zu verschönern — reproduziere, so geschieht es aus der Erfahrung heraus, daß eine Skizze immer noch mehr wirkt als alle Worte. Und dann soll ja dieses Buch überhaupt nichts Fertiges bringen, sondern gerade durch den Gegensatz seiner Unvollkommenheit und der hohen Bedeutung der darin behandelten Denkmäler dazu anregen, daß wir endlich einmal anfangen auch dem christlichen Orient Mittel und Kräfte zuzuwenden.“

 

Im ersten Abschnitte werden im Anschlusse an die Aufnahmen Crowfoots die Bauten von Binbirkilisse, Jedikapulu und Ütschafak vorgeführt. Der Name Binbirkilisse — der Ort liegt zwei Tagereisen südöstlich von Ikonium — heißt zu deutsch „Tausend und eine Kirche“ und spricht an sich für die eminente kunsthistorische Bedeutung dieser Stätte. Aus den einundzwanzig Kirchenbauten von Binbirkilisse, die von Crowfoot und Smirnov aufgenommen wurden, läßt sich ein Durchschnittstypus feststellen, der deshalb von weitgehendem Interesse ist, weil er völlig von dem uns von Rom her bekannten Typus abweicht und fast identisch ist mit dem romanischen Kirchenbau: die Basilika, die immer gewölbt ist und deren Bogen auf Pfeilern mit Halbsäulen ruhen. Die innen stets runde Apsis hat gewöhnlich hufeisenförmigen Grundriß, eigenartig ist auch der Abschluß an der Westseite. Dem Mittelschiffe legt sich eine offene Halle vor, die sich mit einer Tür nach dem Schiffe öffnet, während die Seitenschiffe in zwei sonst nach allen Seiten geschlossenen quadratischen Kammern münden, die, in den Ecken der Fassade gelegen, die Eingangshalle zwischen sich nehmen. Nach den syrischen Parallelen tragen sie Turmbauten. Neben der dreischiffigen Basilika treffen wir in Binbirkilisse und Jedikapulu, einer Kirchenruine am oberen Halys, den Typus des einschiffigen Saalbaues. Utschajak wiederum zeigt eine Doppelkirche aus Ziegeln erbaut, mit Blendarkaden als äußeres Dekorations-Motiv.

 

Im zweiten Hauptabschnitte des Buches bespricht Strzygowski die kleinasiatischen Bautypen, deren vier unterschieden werden: die Basilika, das Oktogon, die Kuppelbasilika und die Kreuzkuppelkirche. Aus den basilikalen Formen hebt der Verfasser zwei Haupttypen hervor: den hellenistischen und den orientalischen. Der erstere, mit Holzdach und Atrium, hat seine zahlreichen Vertreter an der West- und Südküste von Kleinasien und in Rom, der zweite im Innern des Landes. Dieser orientalische Typus wird hauptsächlich durch die Bauten von Binbirkilisse charakterisiert. Dazu kommen die isaurischen Basiliken und andere im Innern Kleinasien bisher vereinzelt gefundene Kirchen.

 

Auch das Oktogon ist unter den Bauten von Binbirkilisse in höchst eigenartiger Weise vertreten durch ein Achteck, das in den Diagonalen von einem Kreuz durchsetzt ist. Die Endigungen des Kreuzes sind äußerlich sichtbar gemacht durch drei portalartige Vorbauten, die vor jede zweite Ecke des achteckigen Kernbaues gesetzt sind. Dazu tritt ein weiterer Faktor, der diesem Bau einem pikanten Reiz verleiht. Durch die vier anderen frei gebliebenen Ecken des oktogonalen Kernbaues sind Fenster gebrochen; sie stehen also übereck. Daß derartige, vom Kreuze durchsetzte Oktogone als Grabmäler oder Martyrien von Heiligen gebaut wurden, wissen wir durch einen Brief, den Gregor von Nyssa zwischen zirka 379 und 394 an den Bischof Amphilochios von Ikonium schrieb. Strzygowski teilt diesen bisher so gut wie unbeachtet gebliebenen Brief im Original und Übersetzung (von Bruno Keil) mit. Gregor nennt den beabsichtigten Bau ausdrücklich Martyrion und beschreibt seinem Amtsbruder Amphilochios auf das genaueste, wie er sich den Aufbau denkt, damit ihm dieser geeignete Arbeiter aus Ikonium sende. Die Rekonstruktion des Grundrisses, welche nach der eingehenden Beschreibung mit annähernder Genauigkeit möglich ist, ergibt eine dem Oktogon von Binbirkilisse ganz ähnliche Bauform. Andere Oktogone von teils einfacher, teils reicherer Form reihen sich den beiden angeführten Bauten an. Strzygowski bespricht im ganzen acht Oktogonalbauten, abgesehen von den Rundbauten und knüpft an die Tatsache, daß dieselben durchaus keinen einheitlichen Typus, sondern verschiedene individuelle Lösungen desselben in der kleinasiatisch-armenisch-nordsyrischen Ecke wurzelnden Baugedankens aufweisen, den berechtigten Schluß, daß an einen römischen Ursprung dieses Bautypus, den manche noch immer verfechten, nicht gedacht werden kann.

 

Zu den schwierigsten Problemen, die sich der Verfasser in diesem Buche stellt, und zu lösen versucht, gehört die Frage nach Wesen und Ursprung der Kuppelbasilika und der Kreuzkuppelkirche. Zunächst werden die bisher im Wortschatze der Architekturgeschichte noch unbekannten Bezeichnungen auffallen. Die ungeheure Mannigfaltigkeit im Grundrisse und Aufbau der zahlreichen kleinasiatischen Kuppelbauten bewog den Verfasser zur Einführung dieser beiden neuen Unterabteilungen, wodurch dem Kunsthistoriker in Hinkunft die Sichtung auf diesem schwierigen Felde bedeutend erleichtert sein wird.

 

Unter dem Kollektivnamen der Kuppelbasilika faßt Strzygowski jene Kirchenbauten zusammen, in denen der basilikale Grundtypus trotz der Überdachung eines Teiles des Hauptschiffes mit einer Kuppel deutlich durchschlägt. Die ursprüngliche gleichmäßige Reihung der Stützen wie sie in der altchristlichen Basilika gang und gäbe ist, erhält jetzt eine rhythmische Unterbrechung — die vier Hauptstützen der Kuppel müssen naturgemäß eine stärkere Betonung erhalten. Man erzielte dadurch zweierlei: einerseits ergab sich eine Erweiterung des Presbyteriums durch Vorlegung eines rechteckigen Raumes vor die Apsis, der schon rein konstruktiv nicht mehr dem Hauptschiffe angehörte, andererseits erhielt das Hauptschiff durch die Kuppelfenster die Beleuchtung wieder, welche durch die Anbringung von Emporen bedeutend abgeschwächt worden war. Und Tatsache ist, daß die Kirchen vom Typus der Kuppelbasilika fast ausnahmslos Emporenkirchen sind. Strzygowski sieht den Typus der Kuppelbasilika für späthellenistisch an im Gegensatze zum byzantinischer der Kreuzkuppelkirche. Als byzantinisch kann diese letztere allerdings auch nur insoferne angesehen werden, als sie durch die Apostelkirche, die Konstantin der Große in seiner Residenz erbaute und die auch sein Mausoleum wurde, als Mustertypus einer Kreuzkuppelkirche Schule machte. Auch die Apostelkirche hat ihre Vorgänger, die tief in der hellenistischen Kunst wurzeln. Die Grundform der Kreuzkuppelkirche, ein Quadrat, das sich auf allen vier Seiten mittels offener Tonnengewölbe nach Nebenräumen öffnet, finden wir schon in den orientalischen Felsengräbern vorbereitet. Auch ein rein äußerlicher religiös-symbolischer Umstand trug zur Verbreitung der Kreuzkuppelkirche bei: es sollte durch die zu Tage tretende Kreuzform der Sieg der christlichen Religion hervorgehoben werden.

 

Aus den Typen des Oktogons, der Kuppelbasilika und der Kreuzkuppelkirche heraus, als reife Frucht, gezeitigt durch die Errungenschaften der verschiedenen hellenistischen Großstädte, erwuchs endlich, wie der Verfasser ausführt, das wunderbare Gesamtkunstwerk der Sophien-Kirche in Konstantinopel.

 

Wie schwierig es ist, hinsichtlich der Datierungsfragen, mit denen sich Strzygowski im dritten Abschnitte des Buches beschäftigt, zu klaren Ergebnissen zu kommen, erhellt schon daraus, daß keiner der kleinasiatischen Bauten, die vorgeführt wurden, mit Ausnahme etwa der späten Höhlenkirchen von Soanlydere, eine Datierungs-Inschrift trägt. Das allgemeine Vorkommen der Martyrien im 4. Jahrhundert ist allerdings gesichert. Für die drei anderen Haupttypen kleinasiatischer Kirchenbauten lassen sich jedoch, wie der Verfasser betont, endgültige Datierungsresultate noch kaum geben.

 

Wir haben den fundamentalen Unterschied zwischen den Basiliken des kleinasiatischen Inlandes und der Küstenstädte kennen gelernt. Der Frage der gegenseitigen Berührung und Beeinflussung verschiedener Kunstkreise, wie sie sich im obigen Beispiel zeigt, tritt der Verfasser im nächsten Abschnitt näher, den er „Kleinasien zwischen Orient, Hellas, Rom und Byzanz“ betitelt. Daß Beziehungen zwischen den christlichen Bauten Kleinasiens und Syriens und den altorientalischen Bauten bestanden haben, hat Puchstein für einen der eigenartigsten Züge der syrisch-kleinasiatischen Hinterlands-Basilika zu zeigen versucht, indem er die Bildung der Fassade mit einer offenen Halle zwischen zwei turmartigen Eckbauten in Zusammenhang brachte mit dem Ulam des Tempels zu Jerusalem und dem hethitischen Chilani. Daß der oft gebrauchte Hufeisenbogen ausschließlich orientalischen Ursprunges ist, wissen wir längst; dessen Verbreitungsbezirke werden vom Verfasser des Buches neuerlich in Untersuchung gezogen. Von Interesse ist es jedenfalls dieselbe Zweiteilung, die zur Erklärung der Verschiedenheiten im, kleinasiatischen Basilikenbau gemacht wurde, auch von maßgebendster theologischer Seite aufgestellt zu sehen. „A. Harnack begründet die Tatsache, daß Kleinasien das christliche Land ϗατ‘ έξχήν in vorkonstantinischer

 

 

[ Wiener Zeitung - 19031229 - Seite 22 ]

 

 

Zeit gewesen ist, einerseits damit, daß hier der Hellenismus eine Form der Ausbildung gewonnen habe, die ihn dem Christentum besonders zugänglich machte, und es andererseits Provinzen gegeben hätte, die, von ihm noch weniger berührt, nur eine schwache Kultur besaßen, also ein frischer Boden waren.“ In diesen zentralen und östlichen Provinzen gelangte eben einheimische, orientalische, künstlerische Tradition obenauf, und auf diesem Wege erklärt sich Strzygowski einerseits den Eingang der Basiliken von Binbirkilisse mit denen des zentralen Syrien, andererseits das völlig andere Bild, das diese Bauten denen von Rom und Byzanz gegenüber bieten. „Die Kunst“, sagt der Verfasser hinsichtlich Hellas und Roms, „bleibt in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus ebenso hellenistisch wie in dem gleichen Zeitraume vor Christus. Der Unterschied besteht nur darin, daß vonAlexander bis auf Christi Geburt Hellas den Orient erobert, von da an bis auf Konstantin aber der Orient diese hellenistische Kunst wieder zu durchsetzen beginnt und zu bedeutenden lokalen Differenzierungen führt. Kleinasien zeigt in der Kaiserzeit wesentlich andere Kunstformen als Syrien, bleibt mehr im Fahrwasser des vorchristlichen Hellenismus, während Syrien und mit ihm zum Teile Ägypten sehr entschieden mit orientalischen Formen und Ausdrucksmitteln zu arbeiten beginnen. Rom verhält sich diesen Gebieten gegenüber aufnehmend, durchsetzt aber die hellenistische Invasion dauernd oder zeitweilig mit individueller Eigenart, so auf dem Gebiete der Architektur durch den Gebrauch des Kreuzgewölbes und im Rahmen der Plastik durch Prägung einer gewissen Amtsmiene in den Porträtköpfen und einer vordringlichen Betonung der Tracht. Manche Gestalt wird so zur Darstellung der Toga oder einer anderen römischen Amtstracht. Nur die Malerei scheint sich in den Bahnen des reinen Hellenismus gehalten zu haben.“

 

Seit Konstantin bilden die von ihm geschaffenen Typen die vorwiegend gültige Richtschnur bis auf die Zeit, wo Byzanz die Führung übernimmt, was verhältnismäßig spät geschieht. Als eine bahnbrechende Schöpfung muß die sogenannte Nea gelten, die wir nur aus Beschreibungen kennen. Der Typus der rein byzantinischen Kirche ist mit ihr geschaffen. Sie wurde von Basileios I. (867 bis 886) gebaut, dem ersten Kaiser der armenischen Dynastie. Dieser letztere Umstand gibt über ihren Ursprung zu denken !

 

Im Schlußkapitel: „Der Ursprung der romanischem Kunst des Abendlandes“ kommt Strzygowski zu einem der interesstantesten Ergebnisse seiner Forschungen. Schon andere Gelehrte, wie Vogüe, Choisy u. a. haben syrische und kleinasiatische Einflüsse auf die Kunst der West-Goten in Spanien, der Merovinger und die romanische Kunst des Abendlandes hervorgehoben. F. Leitschuh hat in seiner Geschichte der Karolingischen Malerei einige Quellen zusammengefaßt, welche uns den Verkehr der Syrer im Merovinger-Reich deutlich vor Augen rücken: „Als Guntram nach Orleans kam, sangen auch die Syrer in ihrer Landessprache sein Lob. Ein syrischer Kaufmann erlangte durch reiche Geschenke den Bischofsstuhl von Paris und besetzte alle kirchlichen Stellen mit Syrern.“ Strzygowski faßt die verschiedenen Eigenheiten kleinasiatischen Kirchenbaues, die wir kennen gelernt haben, zusammen und kommt zu dem unabweisbaren Schlusse, daß sie die später charakteristischen Motive des Romanischen enthalten. Die Studien auf dem Gebiete der Karolingischen Miniatur Malerei führen zu ähnlichen, auf den Orient hinweisenden Ergebnissen, wie schon Janitschek erkannt hat. „Worauf es ankommt“, führt der Verfasser aus, „ist, daß wir aufhören, uns die Linie Ravenna, Mailand, Marseille als ein Geleise vorzustellen, auf dem römische Kunstformen allmählich nach dem Norden überführt werden. Ganz das Gegenteil ist wahr: diese Städte legen sich wie ein Wall zwischen den Norden und Rom, ein Wall, der seine Front direkt gegen Rom richtet und seine Tore, eben jene drei Städte, offen läßt für das Eindringen der Kunstformen des Orients. Seit Griechen aus der Gegend von Smyrna Massalia gegründet hatten, war die Verbindung mit Kleinasien unter Umgehung von Athen und Rom hergestellt. Sie wurde andauernd genährt durch die zwischen Rom und Ober-Italien eingeschobenen Etrurier, deren Beziehungen zum Orient auf dem Gebiete der bildenden Kunst klar liegen.“

 

Kleinasien war in den letzten Jahren ein Tummelplatz ausländischer und ganz besonders deutscher Gelehrten- und Forscherarbeit auf historischem, geographischem und wirtschaftlichem Gebiet. Der wichtige Bahnbau Konstantinopel-Bagdad hat nicht wenig zu allen diesen Forschungen angeregt. Und so müssen wir, wie ich glaube, dem Verfasser des vorliegenden Buches dankbar sein, daß er uns in demselben die Kunsttätigkeit dieses Landes zu einer Zeit vorgeführt hat, in der es in kultureller Hinsicht noch blühte. Kein geringerer als W. M. Ramsay, der älteste, jetzt lebende Forscher auf diesem Gebiet, spricht dem Buche epochemachende Bedeutung zu. („Athenäum“ Nr. 3968, November 1903.) Und wenn nunmehr, durch die Wichtigkeit der Sache gedrängt, auch andere Gelehrte sich diesem wichtigen Kapitel unserer Kunstwissenschaft zuwenden, so steht zu erwarten, daß wir bald über die wichtige Periode des Überganges der altorientalischen und antiken Kunst in die christliche und sogenannte romanische genauere Aufschlüsse erlangen. Der erste entschiedene Schritt dazu ist durch das vorliegende Buch gemacht.

 

 

Ernst Diez.

 

*) „Kleinasien, ein Neuland der Kunstgeschichte“, von Josef Strzygowski. Mit 162 Abbildungen. Leipzig 1903, J. C. Hinrich‘sche Buchhandlung geb. 24 M.

 

Quelle: Beilage zu Nr. 297 der „Wiener Abendpost“ vom 29. Dezember 1903.

 

 

 

 

 

 

I. Jahrgang. Heft 6. März 1908.

 

Bauspäne von einer anatolischen Reise.

 

Von Hans Rott-Heidelberg.

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Mit der Einrichtung des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin hat die herrliche Prachtfassade der Meschatta ihren Weg aus dem sonnigen Ostjordanland in unsern deutschen Norden gefunden. Das Denkmal besitzen wir zwar, hinsichtlich der vollen kunstgeschichtlichen Würdigung jedoch steht unsere Wissenschaft noch in den Anfängen. Eine andere Überraschung brachte für die monumentale Malerei des frühen Mittelalters das Fürstenschloß von Kusejr ‘Amra, und mit der Auffindung der Nekropolen bei Ghirza in der tripolitanischen Wüste durch Méhier de Mathuiseulx gewinnen wir einen weitern, sichern Einblick in die Entstehung und Herkunft der Altarziborien unserer mittelalterlichen Kirchen. 1) Für klassische und christliche Archäologie wie für die vergleichende Kunstwissenschaft haben sich somit weite Perspektiven eröffnet, freilich auch ein Heer neuer und ungeahnter Probleme erhoben. Es handelt sich heute um nichts Geringeres als die Fragen nach der Genesis und dem eigentlichen Wesen der parthischen, sassanidischen, koptischen wie arabisch-persisch-islamischen Kunst und Kultur. Die Untersuchungen über die Meschatta, ihre Vorstufen und verwandten Baudenkmäler haben für jeden ruhig Prüfenden bewiesen, wie wenig Sicheres wir noch über die Kunstzentren der östlichen Mittelmeervölker und ihrer angrenzenden Hinterländer wissen, wie unklar unser Blick ist über Zusammenhang und gegenseitiges Verhältnis von spätrömischer und byzantinischer Kunst zur vorderasiatischen in ihren jeweiligen Phasen.

 

Als Ardeschir Babegan 226 die Sassanidendynastie begründete, da lebte zu gleicher Zeit der Feuerkult der alten Perser wieder auf. Mit der Verlegung des Herrschersitzes nach Mesopotamien beginnt auch für die Architektur die Gegenströmung des Orients gegenüber dem Abendland. Der Überreichtum des Ornamentalen brach sich

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1) Nouvelles Archives des missions scientif. et litt. XII. 1904.
Zeitschrift für Geschichte der Architektur. I. 19

 

 

 

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142 Hans Rott - Heidelberg.

 

zunächst Bahn, dann folgten die neuen Bauformen, die Kuppel- und Tonnensysteme mit ihren im Oriente gegebenen Bedingungen und Problemen. Von den Bauten der ersten Renaissance orientalischer Architektur, wie sie sich am Euphrat entfaltete, bis zur Hagia Sophia am Bosporus wird sich eine Entwicklungsreihe herstellen lassen, je mehr wir unsere Blicke vom Mittelmeer ablenken und zur morgenländischen Welt hinwenden.

 

Um dies im einzelnen nachzuweisen, fehlte uns bislang die eingehende Kenntnis der orientalischen Denkmälerwelt, vor allem der sichere Überblick über den Entwicklungsgang der gesamten byzantinischen Kunst. Ja, was das Schlimmste ist, wir wissen zur Zeit kaum, was wir inhaltlich eigentlich alles unter diesem Begriff, sehen wir von der vulgären Auffassung ab, zusammenfassen sollen. Soviel ist wenigstens sicher, daß alles, was im Formenkreis der östlichen Kunsterscheinungen während der Herrschaft von Ostrom als unbyzantinisch nachgewiesen werden kann, am ersten zur Klärung des Begriffes „byzantinisch“ beitragen wird. Denn dieses liegt immer noch wie eine große Kompilationsmasse da, bei der wir erst, um historisch zu sprechen, die Quellenscheidung vorzunehmen haben. Der Architekturhistoriker hat zu fragen, woher die Probleme und Lösungen der Kuppelwölbung stammen, welchem Volk wir den Gestaltungssinn vindizieren sollen, wie er sich in der Raumbewältigung etwa der Hagia Sophia offenbart. Die Forschung ist bereits zur Einsicht gekommen, daß hier in Zukunft zunächst der kunsttopographische Weg eingeschlagen werden muß. Wie die Bauschulen des Mittelalters, so werden wir in der Folgezeit die Provinzialkunst Ostroms aufzusuchen und dort schon zeitlich einzusetzen haben, wo die Strömung des Orients nach dem Okzident merklich anhebt, mit der Epoche des Kaisers Diokletian. So müht man sich, die Kunstzentren der gleichzeitigen orientalischen Malerei einstweilen mangels anderer Quellen an der Hand der Miniaturen zu erforschen, wobei die in alle Länder zerstreuten Denkmäler wieder in Beziehung zu ihrer Kunst und ihrem ursprünglichen Kreis gebracht werden. Leichter ist es, für die Architektur bestimmte Lokalzentren abzugrenzen. Die Bauten von Syrien und Ägypten beginnen allmählich sich von denen der Nachbargebiete abzuheben, daß wir hier schon mit den Begriffen von Einwirkung und Abhängigkeit operieren können. So ist jüngst die Selbständigkeit der koptischen Kunst als Ausfluß des national-ägyptischen Christentums gegenüber Byzanz mit Recht betont worden. Und zur Zeit ist man am Werk, die spätrömischen und mittelalterlichen Monumente der kleinasiatischen Halbinsel an den Tag zu ziehen und die lokalen Kunstkreise auf dem Gebiet der Architektur, der Malerei und Plastik zu bestimmen und kunstwissenschaftlich einzugliedern. Ich erinnere nur an die jüngsten Expeditionen von W. Ramsay und Miß Gertrude Bell, Cumont und Gregoire, Guyer und Sterret, die von Mut und Hingebung für eine wissenschaftliche Pflicht unserer Tage zeugen. 1)

 

Ich spreche von der Pflicht unserer Tage. Denn die Forschungen über das Märchenschloß Meschatta haben das Resultat erbracht, daß das derzeitig verfügbare Vergleichsmaterial über sie selbst aufgearbeitet ist und daß wir ohne völlig neue und umfänglichere Denkmälerkenntnis über die jetzigen Aufstellungen — ich meine nicht die historischen — nicht hinauskommen, sie weder bejahen, geschweige denn an eine Korrektur denken können. Wir müssen den Rahmen unserer konservativ-klassischen

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1) Wie weit Anatolien sich als Stammland der byzantinischen Kunst erweisen wird, bleibt einstweilen noch eine offene Frage. Die entscheidenden Taten geschahen jedenfalls in dem alles auf erstaunliche Weise veralgamierenden Byzanz und den von ihm zehrenden großen Seestädten.

 

 

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143 Bauspäne von einer analtonischen Reise

 

Anschauung sprengen und unsere Abscheu gegenüber allem, was nicht römisch, nicht hellenisch ist, überwinden. So lange fehlt uns die Einsicht in die großen kulturellen Gesamtzusammenhänge und der Maßstab für eine gerechte Würdigung auch der orientalischen Welt und ihrer Mission zur Zeit, da die Jungbrunnen von Rom und Hellas aufhörten zu sprudeln. Freilich ist es auf keinem Gebiet der Kunstwissenschaft so notwendig, daß der Historiker im weitern Sinn, der Orientalist, der Theologe und Architekt zusammenarbeiten.

 

Schon seit vielen Lustren kämpft der Grazer Kunstgelehrte Strzygowski mit staunenswertem Eifer und Konsequenz für die Verbreitung und Anerkennung ganz ähnlicher Ideen. Nachdem er in seinem „Kleinasien“ neuerdings versucht hat, die Wurzeln der romanischen Kunst bis in den Orient zurückzuverfolgen, ja die Genesis für einzelne charakteristische Erscheinungen dieses Stils, wie die Doppelchöre, das Querschiff, die trikonche Chorbildung, daselbst zu finden, ist die Kunstwissenschaft gezwungen, diesen Problemen abend- und morgenländischer Zusammenhänge näher zu treten.

 

Freilich ist die Arbeit, die hier zu leisten ist, keine neidenswerte. Beispielshalber fehlt es auf dem ganzen Gebiet der byzantinischen Baukunst, von Kirchen wie die Hagia Sophia, Daphni, Hosios Lucas, die Koimesis zu Nicäa u. a. abgesehen, an jeder technisch zuverlässigen Aufnahme von Architekturdenkmälern allererster Ordnung. Größtenteils sind die Forscher, sowohl für das europäische Festland wie Anatolien, noch immer auf die unzuverlässigen Darbietungen eines Pulgher, eines Texier, eines Couchaud und selbst eines Salzenberg angewiesen. Auch die der Kunstwissenschaft so förderliche Topographie, namentlich des kirchenreichen Konstantinopel, macht im Vergleich etwa zu Rom nur langsam Fortschritte, und der frühe Tod Pargoires im verflossenen Jahr war ein herber Verlust für die Denkmälerstatistik am Bosporus. 1) Leugnen kann die Mißstände hierin nur, wer seine Freude am zufällig Zusammengerafften, am Kleinbetrieb der Forschung oder gar am Wust von Irrtümern und Widersprüchen findet, die sich hier mit der Zeit angehäuft haben und deren Spuren sich noch in den heurig erschienenen Handbüchern finden. Die systematischen Untersuchungen eines Kondakoff, Millet, Strzygowski, Wulff, Choisy und Butler stehen, im Lichte der baugeschichtlichen Forschung betrachtet, vereinzelt da, und die Beschäftigung mit den byzantinischen Denkmälern vollzieht sich immer noch „clam, vi et precario“.

 

Mangelhaft ist die Kenntnis der Denkmäler von Salonik, der ersten Kunstmetropole im Ostreich nach Konstantinopel. Seit den Tagen Texiers hat kein zünftiger Architekt bei der Analysierung von Bauwerken wie Hagios Georgios und Hagia Sophia das Wort ergriffen. Wie eminent wichtig und zugleich dringlich diese Arbeit wäre, beweist das Beispiel der letztern Kirche. Über sie herrschen zur Zeit zwischen den wenigen „Kennern von Augenschein“ die entgegengesetzten Ansichten hinsichtlich ihrer Entstehung. Der eine läßt sie samt der ganzen Kuppelwölbung der Sophienkirche am Bosporus voraufgehen, der andere nachfolgen. Trotzdem bleibt von den unter sich verschiedenen Stützen bis hinauf zur eigenartigen Kuppel für den ruhigen Betrachter alles noch fraglich, was um so bedauerlicher ist, als das nächste Erdbeben dem Denkmal völlige Vernichtung bereiten kann, nachdem ein Brand in den 90er Jahren dasselbe zu einer baufälligen Ruine verwandelt hat. Das einzig brauchbare Anschauungsmaterial

 

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1) Manches, was vor 16 Jahren nach dieser Hinsicht in der Byz. Zeitschr. I. 1892, p. 61 f. ausgesprochen wurde, besteht heute noch zu Recht.

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über diese und die übrigen Kirchen von Salonik bietet bis jetzt immer nur das Werk Rivoiras über die Architektur der Lombardei.

 

In Konstantinopel und Mazedonien muß einmal gründlich und systematisch begonnen werden, wobei vor allem der Architekt nicht fehlen darf. Das gefürchtete „olmas“ ist im Türkenreich, bei näherer Einsicht und Kenntnis der Verhältnisse betrachtet, gar nicht so schlimm, und was sich Russen und Engländer in Stambul erlauben, dürfte sich doch wohl der Deutsche, „der Bruder des Osman“, schon gestatten. In kleinern Dingen weiß schon der kundige Orientforscher, was für Bakschisch nicht alles durchzusetzen ist. In mittelbyzantinischer Architektur sind in Griechenland noch reiche Schätze zu heben, wo dem Arbeiter nicht das geringste Hindernis in den Weg gelegt wird und griechischerseits schon bequeme Handlangerdienste zur Verfügung stehen.

 

In erster Linie gilt es, die Werke der Monumentalplastik von der römischen Kaiserzeit bis in die Epoche der Komnenen zu sammeln, die in Museen, Konaks, auf Mesarlyks, an Straßenecken, an Brunnen, Moscheen und Häusern versteckt, vermauert und eingegraben sind. Denn auf ihnen hat sich die Geschichte der byzantinischen Bildhauerkunst aufzubauen, sie allein führen uns meist zu Schlüssen hinsichtlich der Datierung der Bauten. Die bislang veröffentlichten Stücke oströmischer Plastik fänden Raum im kleinsten Museum unseres Vaterlandes. Und doch wäre im Kaiser-Friedrich-Museum für künftigen Platz und Würdigung genügend gesorgt.

 

Wie ganz anders gehen unsere Stammverwandten im Westen ans Werk! Im verflossenen Jahr ist die zweite große amerikanische Expedition unter Butlers und Littmanns Leitung mit reichen Resultaten aus Syrien heimgekehrt. Bereits hat die Carnegie Institution of Washington die Ausführung einer neuen Sterretschen Reise, die auf eine systematische Erforschung Kleinasiens, Syriens und der Kyrenaika im großartigen Stile ausgeht, mit Summen ins Werk gesetzt, denen gegenüber allerdings die bisherigen europäischen wissenschaftlichen Unternehmungen im Schatten verschwinden. 1) Dabei bauen wir Deutsche zur Zeit bereits die Schienenlager über den hohen Taurus und rühmt man die deutsche Technik, welche die glänzende Leistung vollbringt, in Serpentinen und Kehrtunnels die berühmten Pylen zu ersteigen, durch die einst die unzähligen Heere, von den Persern bis zu den Scharen Ibrahims, zogen. Der Deutsche dürfte auch auf gelehrtem Gebiet schon mehr Spuren seines Daseins in Anatolien zurücklassen, namentlich wo er heute bis zur höchsten Jaila hinauf das vollste Vertrauen des Moslem besitzt.

 

Wir warten immer noch auf die Veröffentlichungen der österreichischen Expedition, welche vor Jahren das an kirchlichen Denkmälern so reiche Isaurien durchquert hat und die hoffentlich die Versäumnisse der in den 80er Jahren glänzend durchgeführten Lanckoronskischen Forschungsreise nachholen wird, die ziemlich gleichgültig an den Denkmälern christlicher Epoche vorbeiging. 2) Wann wird endlich der Spaten die großen Basiliken zu Ephesus freilegen, wo Justinian die Johanneskirche nach dem Muster der großen Apostelkirche in Byzanz erbauen ließ? In Hierapolis konnte ich, von einer Meute wilder Hunde angefallen, doch so viel feststellen, daß der von Hübscha 3)

 

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1) Der Plan ist jedenfalls freudig zu begrüßen, und ich habe deshalb auch meinerseits auf die Anfrage der Gesellschaft von Smyrna aus derselben alle Denkmäler, die zu meiner Kenntnis gekommen sind und die ich auf meiner letztjährigen Reise in Anatolien unerledigt lassen mußte, bereitwilligst mitgeteilt.

2) Man lese den „Vorläufig. Bericht einer archäol. Expedition in Kleinasien“ 1903 von Jüthner und Swoboda.
3) Hübsch, p. 83, Taf. 35, und Holzinger, p. 105.

 

 

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veröffentlichte Plan des Rundbaues oberhalb des Theaters, an dem Humann noch neuerdings stumm-geringschätzig vorüberschritt, hinter der Wirklichkeit weit zurückbleibt. Und von Ajasoluk, wo fleißig gearbeitet wird, ist es bis nach der berühmten Bäderstadt, die ohnehin durch ihre Naturwunder reichlich belohnt, nur ein Sonntagsausflug. Freilich ist jede Aufnahme gerade byzantinischer Denkmäler ohne scharfes, architektonisch-technisches Eindringen, namentlich jede Darbietung auf Grund von Photographien ohne persönliche Kenntnis des Baues halbe Arbeit und trägt nur zur Verwirrung auf dem Gebiet der Architektur bei. Gerade das Studium der Gewölbe, der Kuppel und Restaurationen setzt im Orient dem Forscher oft die größten Schwierigkeiten entgegen, von den vielen barbarischen Umgestaltungen in türkischer Zeit ganz abgesehen. 1)

 

Und wahrlich, es ist hohe Zeit, daß wir uns endlich ans Werk machen. Der allgemeine Aufschwung Anatoliens (auch im Innern) in den letzten Jahrzehnten und die neuen Verkehrswege des Dampfes setzen den Baudenkmälern, namentlich an der Küste und in der Nähe der Bahnen, in erschreckender Weise zu. Anläßlich einer Forschungsreise durch das Innere Kleinasiens im Jahre 1906 konnte ich allein für die alte Provinz Kappadokien, also das Kulturgebiet des mittleren Halys, feststellen, daß von dem Reichtum an Bauwerken wie literarischen Denkmälern in Stein, die der einheimische Gelehrte Levidis noch kannte und in seinen seltenen Schriften namhaft macht, seit dem letzten Menschenalter der weitaus größere Teil für immer durch Abbruch und Einsturz vernichtet ist. Im lykischen Antiphellus, unfern der Stätte, wo dem heiligen Nikolaus eine der größten Basiliken im Orient errichtet wurde, traf ich von dem bekannten Rundbau 2) keinen Stein mehr; in Kilikien am Südabhang des Taurus von den ansehnlichen Kirchen, die Langlois um Manaz herum erwähnt und teilweise in Zeichnung bringt, kaum mehr die Fundamentmauern. Aus dem übrigen Material haben sich die reichen Bürger von Tarsus und Mersina eine Sommerjaila erbaut, in die sie sich zur Zeit der herrschenden Fieber zurückziehen. Man lese weiter, was der Schweizer Guyer im gleichen Jahr von einer wissenschaftlichen Reise an der Küste der Cilicia Tracheia von Zerstörung und Barbarismus berichtet. 3)

 

Wer heute von Smyrna aus mit der englischen Bahn die einst umfangreichen Stadtanlagen von Laodicea und Colossä und anderer Städte des Altertums zu besichtigen gedenkt, der trifft statt dessen ein von Ruinen abgedecktes und durchwühltes Gelände vor. Die herrlichen Quader gewaltiger Bauten sind dem Bahnbau zum Opfer gefallen. In dem handelsstolzen Side, östlich von Adalia, fand ich eine kleine Kolonie flüchtiger Kreter, die sich vor kurzen Jahren mitten in den riesigen Ruinenbauten der berühmten Sklavenstadt eingenistet hat. Dort zählte ich über ein Dutzend großer Kalköfen, in denen der herrlichste Marmor, die schönen Reliefplatten des Theaters, des Septizoniums und der Basilika bereits zu Kalk verbrannt waren. Die Reliefs sind nun für immer dahin, da die Aufnahmen unserer Vorgänger, Heberdey und Wilhelm, im Wetter zugrunde gegangen waren.

 

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1) Arbeiten, wie diejenigen des deutschen Ingenieurs Holtzmann an der anatolischen Bahn über die Kirchenbauten im Karadagh (Binbirkilisse), sind sehr zu begrüßen. Doch dürfen sie kein Tummelplatz für subjektive Rekonstruktionen werden. Das tatsächlich Feststellbare muß die einzige Grundlage und der Zweck solcher Aufnahmen sein.

2) Hübsch, p. 83, Taf. 35.

3) Züricher Zeitung 1906, p. 1 ff.

 

 

 

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Als ich im vorletzten November in wehmütiger Stimmung, wie es der Anblick entweihter, historisch geheiligter Orte mit sich bringt, zu Tyana hinaus dem Tauruspaß zuzog, da mußte ich es mit ansehen, wie die Barbaren die schönsten monolithen Säulenstämme aus Marmor, die vielleicht das mächtige Dachgebälk eines Zeus Asmabäus trugen, weit hinausgeschleppt hatten und sie eben dutzendweise zur Stückung der neuangelegten Straße zu den Pylen hin in Stücke zerschlugen.

 

Seit den trefflichen Arbeiten des Franzosen De Vogué in Syrien ist die Kirche von Turmanin 1), von Dana, das Prätorium von Musmije vom Erdboden verschwunden. Im Jahr 1895 ist die Omajjadenmoschee zu Damaskus mit ihrem alten, wertvollen Mosaikenschmuck niedergebrannt, und kurz vorher hat eine Feuersbrunst die schon erwähnte Hagia Sophia zu Salonik in eine baufällige Ruine verwandelt. So sah auch ich von den Kirchen des pisidischen Antiochiens wie von Nazianz, wo Gregors Vater das aus des Sohnes Trauerrede bekannte Oktogon errichten ließ, an Ort und Stelle nur noch kärgliche Reste, das übrige zum Häuserbau verwandt. An andern Stellen, bekannten Bischofsitzen des frühen Mittelalters, ist dichter Wald über der Ruinenstätte emporgeschossen, und üppige Wildnis hat die Mauern von Kirchen gesprengt, deren Lage und ungefähre Gestalt noch aus altern topographischen Werken zu erkennen war.

 

Traurig ist es, wenn wir heute den Verfall und Untergang der herrlichen Seldschuken- und Osmanenbauten mitansehen müssen, jener stolzen Marksteine und Wegweiser orientalischer Romantik und mittelalterlicher Handelsblüte. Noch sind sie zahlreich, jene Ruinen von Palästen, Moscheen, Medresen, Tekken, Grabbauten, Türben und Chanen, die von Brussa bis zum Antitaurus und darüber hinaus sich ausdehnen, an deren Untergang jedoch die jetzt herrschende Dynastie, die Feindin ihrer ehemaligen Rivalin, schier Gefallen zu finden scheint. Wie verdienten nicht zum wenigsten die Chane vom Untergang gerettet oder doch genau aufgenommen zu werden, deren kunsthistorische und architekturgeschichtliche Bedeutung für die Kenntnis des orientalischen Palastbaues, des mittelalterlichen Kloster- und Xenodochienwesens und der gleichzeitigen Schloßanlagen erst erkannt werden wird, wenn sie nur noch im Märchen der anatolischen Hirten leben. Nicht allein für den Inschriftenkodex, sondern auch für die Geschichte der antiken und mittelalterlichen Handels- und Verkehrswege würde ihre Publikation reichen Ertrag abwerfen. Aber ein großer Teil dieser Baugattung ist selbst topographisch noch gar nicht entdeckt. Generalkonsul Dr. Loytvet in Konia hat die Seldschukendenkmäler dieser Stadt und ihrer Umgebung samt den Inschriften gesammelt, in herrlichen, jedes gerechte Baumeisterauge entzückenden Aufnahmen, und wartet nur auf den opferfreudigen Verleger, um dann die begonnenen Arbeiten als trefflicher Kenner von Land und Leuten fortzusetzen.

 

Inzwischen geht die stolze Taschmedrese zu Akschehr, der Stadt des türkischen Eulenspiegels Nasr Eddin Chodja, still ihrem Untergang entgegen, wie andere sagenumsponnene Bauten daselbst. In Eregli und Adalia liegen eine Reihe von Moscheen mit entzückenden Stalaktitenportalen in Ruinen, und von den Denkmälern Konias, dem alten Seldschukensitz, möchte man am liebsten schweigen. Sieht man von dem Hügel, wo angeblich des Amphilochius Kirche stand, auf die Stadt hinab, auf die vielen geborstenen Minarets, die stumpf zum Himmel ragen, auf die eingestürzten Kuppeln, so möchte der Betrachter sicher glauben, der Herrschersitz eines Kai Kaus wäre wirklich

 

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1) Noch bei Borrmann-Neuwirth, Geschichte der Baukunst II, 1904, p. 24.

 

 

 

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kraft Gesetz oder durch ein ehernes Fatum dem Untergang verschrieben. Die Osmanengräber vor den Toren Cäsareas, hochragende, treffliche Bauten, sind allmählich so weit heruntergekommen, daß sie demnächst an einen wucherischen Armenier auf Abbruch vergeben werden können, was für einen mäßigen Bakschisch möglich ist.

 

Von dem jüngsten Einsturz eines ehrwürdigen Restes aus der ältesten Zeit, als das Reich von Ikonium blühte, ist im ersten Heft dieser Zeitschrift bereits berichtet worden. Kunstjägernde Reisende und Liebhaber sorgen unter der Hand dafür, daß der keramische Schmuck behutsam von den Portalen und Nischen gelöst wird. 1) Bauspekulanten entblößen die verlassenen Ruinen ihrer Quaderverkleidung. Auf einem Ritt von Newschehr nach Akserä kam ich an dreien solcher „Steinbrüche“, mit denen auch die Straßen unterhalten werden, vorüber, alles einstens stattliche Chane für Kamelskarawanen, von denen der eine an imponierender Erscheinung und Ausdehnung dem größten derartiger Seldschukendenkmäler, dem Sultanchan in der Steppe zwischen Konia und dem Salzsee, wenig nachgibt.

 

Immerhin ist neben der Masse des Verschwundenen oder bereits dem Untergang Geweihten für den Architekturhistoriker noch genug in Kleinasien wie auch in seinen Hinterländern Syrien und Mesopotamien erhalten und aufrecht oder doch wenigstens in leidlichen Ruinen. Es müßte doch zur Arbeit aufmuntern, wenn wir in dem Bericht des Freiherrn von Oppenheim über seine Reise nach Ostsyrien und in das Euphrat- und Tigrisgebiet (1899) lesen, welche Mengen von Kirchenruinen — von andern Baudenkmälern und Archäologischem ganz abgesehen — in der ‘Alah, östlich der Linie Aleppo-Hamah und in der Umgebung von Urfa, dem auch kirchengeschichtlich so interessanten Edessa, noch in ansehnlichen Resten vorhanden sind. 2) Wir brauchten ja nur den Spuren der demnächstigen Bagdadbahn zu folgen, durch die zweifellos manches Denkmal zu unserer Kenntnis gelangen und verschwinden wird.

 

Noch wissen wir ja so wenig von den in bezug auf die Ziegeltechnik so wichtigen Bauten des obern Euphrat- und Tigristales wie des persischen Hochlandes. Von welchem Ertrag wäre es für die Geschichte der Architektur, wenn eine rege Forschung sich den alten Kultur- und Geisteszentren der orientalischen Welt, Antiochien, Apamea, Edessa, Nisibis, Palmyra, Amida-Diabekr, Seleucia-Ktesiphon, zuwenden würde, Stätten, wo uns auch die historischen Quellen manchen interessanten Fingerzeig geben würden. Die Freilegung der Mönchskolonie im Karadagh mit ihrer Auslese der verschiedensten Spielarten interessanter Kirchentypen, die Aufdeckung der Klosteranlagen auf dem Hassandagh, von Sura bei Myra, die projektierte von Meriamlik oberhalb des kilikischen Seleucia, wo die H. Thekla wie Gregor von Nazianz der Askese lebten, die Ausgrabung der hochinteressanten Basiliken von Aladja Jaila in Lykien, von Perge in Pamphylien, von Gülbaghtsche, Sardes, Hierapolis und Philadelphia an der Westküste, Bauten, die dem IV. und V. Jahrhundert noch angehören, eine gründliche Aufnahme der kirchlichen Bauten von Angora, die neben dem „Monumentum Ancyranum“ doch auch Denksteine vergangener Kultur sind, all dies wäre für die frühmittelalterliche Baugeschichte jedes für sich eine

 

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1) Konstruktiv und aus der Anlage wird der Architekt, wenn die mittelalterlichen Baudenkmäler des Islam in genauen Aufnahmen vorliegen, vieles lernen können, dekorativ in unserm sonnenarmen Norden kaum.

2) Byz. Zeitschr. XIV, p. 1 f.: v. Oppenheim und H. Lukas, Griechische und lateinische Inschriften aus Syrien, Mesopotamien und Kleinasien.

 

 

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Tat ersten Ranges. Von dem bis jetzt fast einzig dastehenden Backsteinbau der Doppelkirche zu Ütscli Ajak (von der Klemenskirche u. a. sehe ich einstweilen ab), den ich für eine der bedeutendsten Schöpfungen des kleinasiatischen Mönchtums ansehe, würden wir hinübergewiesen zur armenischen Kirchenkunst, zu den Bauten von Ani, über deren Geschichte wir noch so wenig wissen.

 

Die volle Kenntnis der Bischofsitze Anatoliens, das kritische Eindringen in die Apostel-, Märtyrer- und Heiligenakten 1), die bislang noch kaum herangezogen wurden, würden uns zu manchem, bis jetzt verkannten oder unbekannten Denkmal christlicher Baukunst leiten. Im Hinterland sind die eigenartigen, reineren, weil lokalen Typen zu erwarten, im westlichen Kleinasien hat, von der Stilmischung abgesehen, die Zerstörung den Denkmälern viel schlimmer zugesetzt, und dieselben haben auch zu einem großen Teil, infolge des Vorrats an überkommener Erbschaft, mit den Spolien hellenistischer Bauten stark gewirtschaftet, so daß hier meistens nur die Plananlage näher interessieren kann.

 

Man möchte fast uns Menschen des XX. Jahrhunderts fragen, warum wir eher und lieber in die Erde graben, um Zeugen vergangener Kulturen mühsam und kostenschwer ans Licht zu ziehen, wenn noch so viele beredte Denkmäler überirdisch stehen, die in der Gesamtheit der menschlichen Geisteskultur und Kräfteerscheinungen gleich schwer ins Gewicht fallen und deren Studium wegen des inneren Zusammenhanges mit der christlich-abendländischen Baukunst des Mittelalters doch ebenso, ja näher liegen sollte.

 

Einstweilen muß der Architekturhistoriker, will er hier tätig sein, für manchen Strich dieser östlichen Gebiete noch mit dem Archäologen und dessen Pionier, dem Geographen, wandern. Da gibt es keine Denkmälerstatistik. Aus der Masse besserer und schlechterer, alter und neuer Reiseschilderungen eines ganzen Jahrhunderts muß er sich mühsam eine Topographie vorbereitend aufstellen und viele Bauwerke erst entdecken oder mit gut Glück und Zufall finden. Für Kleinasien ist es nicht wenig zu bedauern, daß seit Mommsens, des weitschauenden, Tod das Interesse für die Erforschung Anatoliens ruht und uns das Schicksal in Gelzer den Meister entrissen hat, der daran war, nach lang vorbereitender Arbeit uns historisch-geographisch eine Bahn auf dem dunkeln Geschichtspfad des byzantinischen Anatoliens vorzubrechen. Aus einem Aufsatz Ramsays, des zur Zeit besten Kenners der Halbinsel, über die Kriege zwischen Byzanz und Islam, können wir indirekt sehen, daß wir über die innere Entwicklung dieses Landes, über seine Kultur und Wirtschaftsgeschichte nach der bisherigen Kenntnis der literarischen Quellen so gut wie nichts wissen. 2) Deshalb versprechen die Architekturdenkmäler am ersten, neben den Inschriften der altern Zeit, greifbare „geschichtliche Steine“ dem Historiker liefern zu können, der einstweilen noch mit den dürftigen

 

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1) Ich erwähne nur beispielshalber die für die kirchlichen Bauten des Mäandertales wichtigen Akten über den Erzengel Michael, ed. M. Bonnet, Narratio de miraculo a Michaele Archangelo Chonis patrato. Paris 1890.

2) W. Ramsay, The war of Moslem and Christian, in den „Studies in the history and art of the eastern provinces of the Roman empire“, 1906, p. 281. Hiernach wäre Kleinasien noch im Mittelalter eines der reichsten und am höchsten zivilisierten Länder gewesen. Und die weiten Salzsteppen, die wasserarmen Hochländer, die undurchdringlichen Striche im Taurus und die Schilderung eines Strabo, eines einheimischen Geographen?

 

 

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Nachrichten byzantinischer und arabischer Chronisten und Heiligenlegenden zu arbeiten hat, einer vielfach ungeordneten Materialsammlung.

 

In erster Linie wäre es Aufgabe der österreichischen Kommission zur Herstellung der auf sie entfallenden kleinasiatischen Inschriftbände des Corpus Inscriptionum auch die Baudenkmäler, wenigstens statistisch in den Bereich ihrer Sammelarbeit zu ziehen. Dies wäre nicht minder wichtig als die Aufspürung von Tausenden monotoner Grabinschriften, von denen ein nicht kleiner Teil ihren Wert nur im Index erkennen läßt. Freilich können die Österreicher kaum diese Riesenarbeit allein durchführen, abgesehen davon, daß über der Aufnahme der Schriftdenkmäler in den einzelnen Provinzen an sich noch Jahrzehnte wohl verstreichen werden. Deutschland müßte da helfend der Schwester an die Seite treten, um auch dieses wichtige Programm einer Denkmälerstatistik im historisch weitesten Sinn durchzubringen. So frevelhaft der Satz für Fernerstehende oder nur im Klassizismus Befangene klingen mag: Es wäre jetzt bereits an der Zeit, unsere auswärtigen Institute, ich meine nicht etwa das athenische, allmählich nach Smyrna, Beirut, Kairo, Stambul oder Bagdad vorzuschieben, wie es andere Länder bereits getan, und diese von vornherein im universalgeschichtlichen Stil einzurichten, wo mindestens der Historiker im weitern Betracht, das heißt auch der Kunstgelehrte oder Architekturhistoriker, selbständig neben dem Archäologen arbeiten würde. Dann würden wir allmählich in den Stand kommen, auch die Geschichte der Baukunst im Osten während der Herrschaft Roms, Byzanz‘ und des Halbmondes zu schreiben.

 

Bei eindringenderer Beschäftigung mit dem frühmittelalterlichen Orient wird es sich immer mehr herausstellen, daß das morgenländische Mönchtum einer der Hauptträger jener evolutionistischen Strömungen war, die mit Justinians Zeit in der Architektur namentlich nach ihrer plastisch-ornamentalen Seite hin nachhaltig nach dem Westen vordrangen. Diese internationale Gesellschaft förderte jene Unterbewegung, welche die Kräfte jeder autochthonen, selbständigen Provinzialkunst in die römische Welt überleitete. Wieviel im einzelnen die spätrömische wie auch ihre Erbin, die Kunst von Byzanz, davon aufnahm, verschlang oder umwandelte und abstieß, bedarf einstweilen noch mancher Untersuchungen und vorurteilsloser Betrachtung der lokalen Eigenstile, vor allem eine Kenntnis der Auswanderungswege, welche die Formen der Hauptzentren nach der Kapitale des West- und Ostreiches nahmen. In gleichem Sinn eröffnet die Geschichte der Bewegungen und Wechselwirkungen des orientalischen Mönchtums in den einzelnen Ländern einen Einblick in den Wandel und Gang der frühorientalischen, christlichen Baukunst. Aus ihr werden wir dann auch das bunte Bild der langen Chronik des Klosterbauwesens erfahren mit seinen, dem jeweiligen Land und Himmel sich anpassenden Eigentümlichkeiten. 1)

 

Was an Eigenartigem und Mannigfaltigem so eine einzige Provinz aufzuweisen vermag und wie weit hin die Wege auswärts gingen, welche der Fuß des Mönches wanderte, will ich in wenig Beispielen an einem Land wie Kappadokien in Kleinasien zu zeigen versuchen. Es ist ein Gebiet, von dem einer seiner größten Söhne, Gregor von Nyssa, kühnlich behauptete, daß es vielleicht die kirchenreichste Landschaft der

 

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1) Wichtig für die Kenntnis des orientalischen Klosterlebens, namentlich des ältern, ist die Arbeit von W. Nissen, Die Regelung des Klosterwesens im Rhomäerreich. Hamburg 1897. Für die spätere Epoche das russisch geschriebene von J. Sokolow, Zustand des Klosterwesens in der byzantinischen Kirche vom IX. bis XIII. Jahrhundert. 1894.

Zeitschrift für Geschichte der Architektur. I. 20

 

 

 

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damaligen Welt sei. Trotz der Rhetorik scheint er fast recht zu haben, namentlich wenn er zum Gotteshaus die Unmasse von Felskirchen rechnete, die schon zu seinen Tagen in Einöden und Bergeinsamkeiten angelegt wurden. 1) Bereits während der Maximinischen Verfolgungen durch den Statthalter Serenianus im Jahre 236 wird berichtet, daß viele Kirchen in diesem Land zerstört wurden. Und von den kaiserlichen Prinzen Gallus und Julian erzählen uns Geschichtsschreiber und Gregor von Nazianz, daß sie wetteifernd Gotteshäuser am Argäus erstehen ließen, darunter auch ein Martyrion über dem Grab des H. Mamas zu Makellon am Südabhang jenes Gebirges. 2)

 

Abbildung 1. Torfassade von Amman (Philadelphia).

 

Daß entfernte Länder wie Persien und Mesopotamien bis ins Innere Kleinasiens, bis nach Kappadokien, einer Diaspora der griechisch-römischen Kunstwelt, hineinwirkten, veranschaulicht eine Vergleichung bereits bekannter Bauten jener Hinterländer mit Fassadenanlagen, die ich im Gebiet des mittleren Halys aufnahm.

 

Durch Dieulafoys L‘art antique de la Perse diesem lagen allerdings nur die unzuverlässigen Zeichnungen von Mauß, dem Restaurator des Heiligen Grabes in Jerusalem, vor wie durch die Neuaufnahmen von B. Schulz kennen wir jetzt das Wüstenschloß von Amman, dem alten Philadelphia, östlich vom Jordan 3) (Abbildung 1). Das Torgebäude

 

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1) Gregorii Nysseni epist. II, in Migne, Patr. Gr. XLVI, 1011: „"Οσα γάρ έρτιν έν τούτοις ϑυσιαστήρια, δι‘ ών τό όνομα τοϋ κυρίου δοξάζεται; ούκ άν τις πάσης σχεδόν τής οίκουμένης έξαριϑμήσαιτο ϑυσιαστήρια“. —
2) Oberhummer-Zimmerer, Durch Syrien und Kleinasien, p. 191; Sozomenus, Kirchengeschichte V, cap. 2. —
3) Dieulafoy V, 99f.; Jahrb. der pr. Kunstsamml., 1904, p. 350f., Abb. 116 und Taf. XII. — Hiernach die Abbildung 1 oben entlehnt.

 

 

 

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der rechteckigen Anlage, die sich in vier tonnenüberwölbten Armen nach dem Binnenhof öffnet, ist durch Blendarkaturen in der Weise geschmückt, daß Dreiviertelsäulchen mit Hufeisenbogen darüber immer ein vertieftes Feld einschließen, welches seinerseits wieder durch ornamentalen Schmuck reich verziert ist. Um die Bogenfelder läuft ein charakteristischer Zickzackfries; das Ganze ist in dauerhaftem Werkstein aufgeführt. Damit vergleiche man nun die beiden hier veröffentlichten Felsenfassaden, die eine nahe am Ufer des gelben Halys, die andere im Gebiet der alten Metropole Cäsarea-Mazaka gelegen.

 

Abbildung 2. Texiers Zeichnung einer Fassadenwand im Gereme (Kappadokien).

 

Die letztere ist bereits durch den Franzosen Texier, den Verfasser der „Description de l‘Asie Mineure“ und der „Architecture Byzantine“, aufgenommen, aber in so frei phantastischer Zeichnung wiedergegeben worden, daß zwischen Original und Nachbildung nur eine entfernte Ähnlichkeit besteht (Abbildung 2). Diese interessante Fassade ist wegen der frühen Anwendung des Hufeisenbogens als wichtiges Beweismittel noch in den allerneuesten architekturgeschichtlichen Arbeiten aufgenommen worden. 1)

 

Die hier veröffentlichten Fassaden von Gereme und Atschyk Serai (Abbildungen 3 und 4) bilden die Rückseite eines von drei Felswänden umschlossenen, künstlich hergestellten tiefen Hofes, deren Tuff von den Einsiedlermönchen zu Wohnungen,

 

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1) Z. B. Franz Pascha, Die Baukunst des Islam, p. 12, und Strzygowski, Kleinasien, p. 30.

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Abbildung 3. Felsfassade im Tal Gereme (Kappadokien).

 

Abbildung 4. Arkadenwand zu Atschyk Serai (Kappadokien).

 

 

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Kirchen, Kapellen, Totenkammern und Vorratsräumen ringsum ausgehauen wurde. Die gleichen Zierfassaden finden wir allenthalben in dem Troglodytenlande Kappadokien, besonders im sogenannten Soandere, zu Urgüb-Gereme und in den Schluchten des Hassandagh. Interessant ist ein Vergleich mit den unterirdischen Bauten und Felsanlagen im Hauran und in der arabischen Wüste. Die bereits bekannten und durch Reber in trefflicher Weise behandelten Felsenbauten des phrygischen Berglandes sind ebenso eigenartig in ihren Formen, von den kappadokischen jedoch sehr verschieden und auch der Zeit nach meist älter. 1) Bei den letztern liegen hinter dem Portal lange, rechteckige Kammern nach dem Berginnern, die als Refektorien oder Kapitelsäle, immer jedoch als Versammlungsräume dienten. Pilaster und Gesimsbänder deuten vertikal wie horizontal die Raumeinteilung der Anlage an. Leider ist bei dem hohen Portal in der Schlucht von Gereme der ganze obere Teil desselben, der loggienartige Überbau mit der arkadengeschmückten Brüstungswand, vor einer Reihe von Jahren wohl infolge eines Erdbebens herabgestürzt, so daß heute die dahinter ausgehauene kleine Kuppelkirche frei zu Tage liegt. Im Innern, dessen Decke öfters mit einem mächtigen Balkenkreuz geziert ist, laufen vielfach an den Wänden Nischenarkaden entlang, die vom Hufeisenbogen geschlossen werden, ein System der Wandbelebung, das schon die Paläste der Achämeniden kennen und sich in der Epoche der Sassaniden beispielshalber beim Palast zu Firuz-Abad ähnlich erhalten hat (Abbildung 5). Zweifellos liegen unsern Felsenanlagen untergegangene Freibauten zu Grunde mit der gleichen Belebung der Portalflächen.

 

Wir bemerken hier, wiewohl das Wetter das meiste zerstört hat, dieselben Zickzackeinfassungen wie am Tor von Amman. Statt der daselbst verwendeten Bogenfüllungen mit gemusterten Achteckfeldern in Stein sind zu Gereme griechische Kreuze, auch Rosetten und anderer Zierat in malerischer Ausführung, rot auf grünem Grunde, gezeichnet. Wie ich an anderer Stelle nachzuweisen suchte, stammen die meisten dieser originellen Höhlenbauten Kappadokiens aus dem VI.—IX. Jahrhundert und sind der greifbare Niederschlag einer abgeschlossenen mönchischen Kunstbetätigung, bei der man trotz des lokalen Stils verschiedene fremde Einflüsse beobachten kann. 2) Zwischen diesen malerischen Fassaden und Felsbauten wie dem rätselhaften Jagdschloß Amman an der Grenze der arabischen Wüste bestehen ohne Zweifel nähere kunstgeschichtliche wie historische Beziehungen. Mit Recht hat deshalb wohl Dieulafoy dasselbe in die Zeit

 

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1) Reber, in den Abh. der bayr. Akad. d. W., III. Kl., XXI. —
2) H. Rott, Kleinasiatische Denkmäler (Studien über christl. Denkmäler, herausgegeb. von J. Ficker V/VI) passim.

 

 

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154 Hans Rott-Heidelberg.

 

der Sassanidenherrschaft, spätestens in die Epoche der Hedschra datiert, während die neueste Forschung diesen Bau möglicherweise noch im XII. und XIII. Jahrhundert entstanden sein läßt, freilich mit dem bedeutsamen Zusatz, daß wir über die gassanidische, sassanidische und frühislamische Baukunst zur Zeit zu wenig wissen.

 

Das Zickzackmuster weist nach Mesopotamien. Dort haben wir in der gewaltigen Tage Kesra, der bekannten Palastfassade von Ktesiphon (Abbildung 6), eine in Backstein ausgeführte Parallele zu unsern Fassadenarkaturen, nur daß dort statt des Hufeisenbogens der Rundbogen herrscht, während sonst die gleiche Flächenaufteilung durch horizontale und vertikale Glieder und Verwendung von Blendarkaden durchgeführt ist. 1) Dieulafoy war geneigt, dies Bauwerk mit seiner vorgestellten Kulissenwand der Mitte

 

Abbildung 6. Palastruine von Ktesiphon. (Nach Dieulafoy.)

 

des VI. Jahrhunderts, der Regierung Kosraus I., zuzuweisen. Bekannt ist die alte Tradition, daß die Zierglieder der Riesenfassade einst vergoldet gewesen sind. Auch darin würde sich also ein Zusammenhang mit den bemalten Felsenportalen offenbaren.

 

Das gleiche Prinzip der Wandflächenbelebung durch Bogenblenden ist weiterhin an dem persischen Palast zu Firuz-Abad, an der Straße von Schiras nach dem persischen Golf, angewandt, dessen nördliche Fassade von zwei Reihen Blendarkaden eingenommen wird, wie auch die Langseiten durch Wandpfeiler und Blendbogen gegliedert sind. Es ist wohl ausgeschlossen, daß römische Vorbilder, etwa Aquarien, Theaterfassaden und Septizonien, hier zu Grunde lagen. Auch bei diesem Bauwerk zeigt sich die Unsicherheit in der Datierung: Verlegt der Architekt Dieulafoy diesen Palast in altpersische Zeit, so

 

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1) Dieulafoy l. c. IV, p. 22; V, PI. III, p. 63. Abbildung auch bei R. Borrmann, Geschichte der Baukunst I, 305, Fig. 242.

 

 

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rücken ihn Perrot und Chipiez bis in das erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung, die französischen Reisenden Flandin und Coste bis in die Sassanidenepoche herab. 1)

 

Den angeführten Beispielen stelle ich ein weiteres Denkmal dieser Mönchskunst gegenüber. Es ist die nördliche Querschiffwand einer großen, aus dem Tuffeis gehauenen

 

Abbildung 7. Nördliche Querschiffwand der Doghaliklisse im Gereme.

 

Klosterkirche, ebenfalls im einsamen Tal von Gereme, die einst völlig mit umfänglichen Heiligengeschichten ausgemalt war, welche heute meist verraucht oder verblichen sind

 

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1) E. Flandin et P. Coste, Voyage en Perse (1851), I, PI. 40 f.; Dieulafoy l. c. V, 97. — Vergl. auch Jahrb. d. pr. Kunstsamml. 1904, p. 354.

 

 

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156 Hans Rott-Heidelberg.

 

(Abbildung 7). Man möchte denken, der Bildhauer-Architekt habe in verdeckter Weise das Innere einer Hagia Sophia mit seinen rohen Mitteln nachahmen wollen. Über den Arkadendurchgängen im Hufeisenbogen, welche zu einem kleinen Seitenschiff leiten, sehen wir einen Bilderfries, dem ikonographisch die Mosaikzyklen vorlagen, darüber eine lange, ringsumlaufende Inschrift und oberhalb desselben die kreuzgeteilte Lunette, deren Unterfelder in Blendnischen mit eingestellten Heiligenfiguren in Überlebensgröße aufgelöst sind, während die Felder der obern Segmente wieder Darstellungen aus der H. Geschichte bringen. Die Südwand gegenüber ist genau in der gleichen Weise behandelt.

 

Statt noch einmal an den üppigen Schmuck der Torfassade von Amman zu erinnern, der auch unsere Kirchenwand mit Figuren und Ornamenten reich übersponnen hat, möchte ich selbst aus der Hauptstadt des oströmischen Reiches ein verwandtes Sujet heranziehen, das Prachttor Theodosius‘ II. am Propyläon der Porta Aurea. Dort ist das doppelgeschossige Portal durch Pilaster und Säulchen in Flachnischen gegliedert, in welche einst Reliefplatten eingelassen waren. 1) Und am Ende dieser Reihe stände die fränkische Torhalle in Lorsch mit ihrem

 

Abbildung 8. Portalwand im Peristrema (Hassandagh).

 

spitzgiebligen Arkadenschmuck und der Betonung des Malerischen durch den buntfarbigen Materialwechsel der Wandfelder.

 

Höchst wahrscheinlich ist es, daß die sogenannten Kanonesbogen der Miniaturmalerei jene Zierarchitekturen orientalischer Fassaden und Interieurs zum Vorbild haben, wie ja auch schon früher Janitschek mit Recht hinsichtlich ihrer Provenienz auf Syrien hingedeutet hat. Nicht genug, daß diese Hufeisenbogen-Arkaden im Innern den Wänden entlang aus dem Fels gehauen sind; ich fand diesen Wandschmuck öfters in Farbe unter den Bilderzyklen gewissermaßen als Träger gemalt.

 

In einer grausigen Schlucht des Hassandagb im südwestlichen Kappadokien stieß ich auf eine bedeutende Mönchsniederlassung mit Nekropolen, Kapellen und Wohnungen, einst alles bis auf den letzten Fleck bemalt. Hier hausten die Jünger

 

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1) Koldeweys Rekonstruktion bei Strzygowski im Jahrb. des D. Arch. Inst. VIII (1893), p. 20, Abb. 13-16.

 

 

 

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eines Gregor und Basilius in einer asketischen Romantik, von der uns die Briefe der beiden Kirchenväter auch literarisch berichten, deren Schilderung noch einen Humboldt entzückte. Durch überhängende, schauerliche Felswände sind die Bauanlagen vielfach geschützt und gut erhalten. Das hier abgebildete Portal, welches in wilde Umgebung herabschaut, macht den Eindruck, als wäre es erst in jüngster Zeit entstanden (Abbildung 8). Schon die Geschichte der unaufhörlichen Razzien der Araber und die Nähe der kilikischen Pforte bedingen es, daß diese Gegenden mit dem Ende des ersten Jahrtausends für immer von ihren Bergheiligen verlassen wurden, abgesehen von den Fingerzeichen, die uns die Freskenmalerei daselbst an die Hand gibt. Vor den fünf Toren, welche zu tiefen Versammlungsräumen ins Innere leiten, baut sich eine Scheinarchitektur auf, deren Verdachung über gegliederten Wandpfeilern ein durchgehender Arkadenfries ziert. Dieser weist uns wieder den Weg, wo wir die Freibauten und den Typus solcher auf Felswände

 

Abbildung 9. Kämpferkapitäle am Bisutun bei Kermanschah.

 

übertragener Anlagen zu suchen haben. Flandin und Coste haben auf ihrer persischen Reise östlich von Bagdad am Bisutunberg bei Kermanschah, unfern der bekannten Reliefs des Tak-i-Bostan, Kämpferkapitäle gefunden, die an ihrem obern Rand fast genau denselben Arkadenkranz wie unser Felsentor aufweisen (Abbildung 9). Sie werden im allgemeinen in die Sassanidenzeit, die Periode Chosraus II. (590-628), datiert. 1) Wieviel an lokaler, bodenständiger Architektur diese eine Provinz in frühbyzantinischer Zeit aufzuweisen hat, wird erst recht an den Freibauten dieses Landes deutlich. Was mir bei den Aufnahmen von Kirchen zunächst auffiel, war die durchgehende, prinzipielle Verwertung der Hufeisenform, sowohl in der Plananlage wie konstruktiv im Aufriß (nur bei zwei basilikalen Bauten stellte ich den gestelzten Bogen im Chor fest), die peinliche Ostorientierung, die ausschließliche Verwendung der trefflichen Trachytquader, eine Gesteinsart, die der vulkanische Boden des Landes in bequemster Weise lieferte, die vorherrschende Richtung des kreuzförmigen Kirchentypus in der T-Form oder crux commissa, wobei der Chor direkt an den Transsept anschließt, und endlich die Einschiffigkeit des Langbaues mit polygonalem, meist 5/8 Chorschluß. Die Einheitlichkeit

 

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1) E. Flandin und P. Coste l. c. I, 419, Pl. 17b. — Dieulafoy l. c. V, 97. Dieser bringt nur Nachzeichnungen von Fl. und C. und nennt sie irrigerweise Kapitäle von Ispahan, indem er sie mit den von diesen Reisenden auf Pl. 27 reproduzierten verwechselt. Leider hat Sarre dieselben auf seiner jüngsten Forschungsreise nicht mehr auffinden können. Jahrb. d. pr. Kunstsamml. 1904, p. 356.

Zeitschrift für Geschichte der Architektur. I. 21

 

 

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des Typus kommt nicht zum wenigsten in dem allenthalben gleichen Dachgebälk zur Geltung, das immer aus einem Zungenfries mit einem weit ausladenden Konsolengesims darüber besteht. Nebenher geht vereinzelt die einschiffige Saalkirche mit Vertretern zu Soandere, Uluatsch, Jedikapulu und Halvadere neben unzähligen tonnenüberwölbten Kapellen der Höhlenbauten; die zweischiffige Anlage, in welcher ich die eigentliche Grabkirche Kappadokiens erkenne, von der ich noch weiter nachher handeln werde, und schließlich die dreischiffige flach- oder tonnengedeckte Basilika. Die Kuppelkirchen im Kreuz sind fast immer durch Längs- und Quertonnen mit Quadern gewölbt,

 

Abbildung- 10a. Die Kirche der 40 Märtyrer bei Skupi.

 

und ihre Durchschneidung krönt die Kuppel. Soweit ich sehen konnte, waren diese Zentralanlagen von Anfang an in dieser Weise abgedeckt, und zwar aus zwingenden Gründen. Schon der Geograph Strabo, ein Kleinasiate, sagt von der kappadokischen Provinz, daß sie holzarm sei, und der Reisende bekommt am qualmenden Kuhmistfeuer die Wahrheit dieser Tatsache sattsam zu schmecken. Ebenso erklärt sich aus dem Mangel an harten Gesteinssorten im zentralen Kappadokien das auffallende Fehlen von Freistützen wie die Einschiffigkeit selbst der größeren Zentralbauten.

 

Die Kuppelkirchen im Kreuz, nicht zu verwechseln mit den Bauten, welche nur im Innenraum die Kreuzform zum Ausdruck bringen, bilden hier eine einheitliche Klasse. Nur in Sizilien sind mir zwei versprengte Bauten von gleichem Charakter bekannt: Die beiden kleinen byzantinischen Kirchen bei Syrakus, die sogenannte Vigna de Mare

 

 

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im Gebiet des alten Cancana und die benachbarte, Bagno de Mare genannt, welche der rührige sizilianische Forscher Paolo Orsi in der Byzant. Zeitschrift veröffentlicht hat. 1) Querschiffigkeit an sich bietet nun für Anatolien nichts Besonderes mehr. Ich fand den Transsept in den beiden großangelegten Basiliken von Sagalassus in Pisidien und einer umfänglichen Kirche zu Perge in Pamphylien, die alle zweifellos noch in das IV. Jahrhundert fallen. Eine sporadische Einwirkung Roms ist dabei abzulehnen, und der Ursprung des Querschiffes wird in Zukunft im Osten gesucht werden müssen. 2) Die besondere Leistung unseres kappadokischeu Gebietes ist die Verschweißung von Längs- und Querraum zum Zentralbau und zwar nach der bisherigen Denkmälerkenntnis in ungeahnt früher Zeit. Ich habe die hervorragenden Denkmäler dieser Klasse in jener Provinz wegen ihrer konstruktiven und stilistischen Einheitlichkeit alle ins V. Jahrhundert datiert. Andere mögen immerhin die Korrektur vornehmen, wenn sie es an der Hand von gesicherten Bauwerken vermögen.

 

Zwei Beispiele sollen diesen Kirchenstil und zugleich den Prozeß, der zum reinen Typus B führte, veranschaulichen. In der Kirche bei Skupi östlich von Cäsarea-Mazaka sehen wir die Bedingungen zur Zentralanlage als latent deutlich gegeben (Abbildungen 10a und 10b). Sie baut sich in vier Pilasterordnungen auf, die durch ebenso viele umlaufende, verkröpfende Gesimse den Bau horizontal gliedern.

 

Abbildung 10b. Plan der 40 Märtyrer-Kirche.

 

Ein durchgehendes Satteldach mit Flachdecke, wie die Balkenlöcher der Westmauer es deutlich erweisen, deckte den einschiffigen Naos, während das gleichzeitige Querschiff, das mit seiner steingewölbten Tonnendecke gerade bis zur Sohlbank der obern Fensterflucht des Langhauses hinaufreicht, nur wie ein niedriger Anbau äußerlich erscheint. Wir erkennen hier den tastenden Versuch zur Zentralisierung auch in dem umlaufenden Gesimsband. Erst späterhin wurde der ganze Längsraum durch eine Gewölbetonne geschlossen, die über Mauerpfeilern einem Pfeilerrost vor den Innenwänden errichtet wurde. Hätte man dann auch die tonnengedeckten Querflügelbauten bis zum Kranzgesims erhöht, dann wäre die Kuppelbasilika der letzte, folgerichtige Abschluß geworden. Die spätern Anbauten seitlich der Apsis, das Diakonikon, die Prothesis wie das Paraklission, sind

 

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1) Byz. Zeitschr. VII (1898), p. 3 f., Chiese bizantine del territorio di Siracusa; auch an S. Nazaro in Ravenna ist zu denken, obwohl jedesmal der Chor rechteckig abschließt.

2) Ebenso O. Wulff in der Byz. Zeitschr. XII, p. 554.

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ein sprechender Beweis für die allmählich reichere Ausgestaltung der Liturgie im griechischen Gottesdienst und ein Fingerzeig für das Alter der Kirche.

 

Der Prozeß liegt fertig vor uns bei der Zentralkirche von Tomarza im östlichen Kappadokien (Abbildungen IIa und IIb). Da streben die Schildmauern der Vierung über der Durchschneidung des gleich hohen Längs- und Querschiffes bis zu ansehnlicher Höhe empör und sind in ihren Achsen von vier großen Fenstern durchbrochen. Ein Gesimsband umzieht den viereckigen Mantel (fiktiven Tambour), ihm folgte noch höher das Dachgebälk auf vier Wandkapitälen, von denen das eine erhaltene mit durchbrochenen Kreuzreliefs

 

Abbildung 11 a. Die Kirche der Panagia zu Tomarza.

 

und Vögeln, altchristlichen Motiven, geschmückt ist. Eine Hängekuppel von leichtem Vulkangestein schloß die Vierung, die nach oben hin wohl durch ein prismatisches Holzdach geschützt war. Längs- und Querhaus wölbte eine Tonnendecke aus Quadergestein. Für ein hohes Alter des Bauwerks sprechen neben seiner vortrefflichen Konstruktionsweise man sieht noch Krampenlöcher und Eisenverklammerung der ornamentale Schmuck der Türen, die von Astragalschnur, Blattwerk und umlaufendem Tierfries eingefaßt und leider durch das Wetter sehr zerstört sind. Der Vierungsturm erinnert an einen andern trefflichen Quaderbau im südlichen Taurus, an Kodscha Kalesi, das neuerdings mit Recht noch dem IV. Jahrhundert vindiziert wurde. 1) Die Kuppelkonstruktion

 

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1) Headlam, Eccles. sites in Isauria. Suppl. papers of the hell. society. 1892, und Strzygowski, Kleinasien, p. 109, 162; Wulff in Byz. Zeitschr. XII, p. 560.

 

 

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der Kirche von Tomarza wie der gleich zu erwähnenden von Siwri Hissar im Hassandagh erbringen den nahezu sichern Beweis, daß die Basilika von Kodscha Kalesi, wie unlängst in Anlehnung an ägyptische Vorbilder richtig vermutet wurde, ebenfalls mit einer Kuppel in ihrem turmartigen Tambour zu rekonstruieren ist.

 

Hellenistisch ist bei diesen Kirchenbauten die Betonung der Fassade und der Horizontalen, die symmetrische Teilung der Wandflächen durch Pilaster und Gesimse, die regelmäßige Anordnung der großen Fenster namentlich im Chor und die vorzügliche Bauweise. Provinziell ist dagegen die Verwendung von Zwerchpilastern am Chorabschluß, die mit ihren plumpen Kapitälen von dreiteiligem Akanthus die proportionale Wirkung des Gesamtbaues nicht wenig beinträchtigen. Lokal ist die polychrome Behandlung der Gesimse, Friese und Kapitäle, die einst mit blau und rot bemalt waren. Auch im Wechsel von helleren und dunkeln Werksteinen suchte man eine malerische Wirkung der Außenwände zu erzielen.

 

Was am meisten bei den kappadokischen Kirchen, ob nun Basilika oder Kuppelbau, auffällt, ist das durchgängige Fehlen des bei dem griechischen Katholikon so typischen Narthex. Erst nachträglich wurde bei der Mehrzahl ein Notbau vor dem Portal errichtet, der jedoch heute meist wieder bis auf die Fundamente herab verschwunden ist. Dafür erhellt immer ein mächtiges Fassadenfenster von Westen her das Innere der Kirchen. Das weitere Merkmal dieser Bauten ist der Wegfall von Diakonikon und Prothesis.

 

Abbildung-11b. Plan der Panagia zu Tomarza.

 

Ziehen wir die in jüngster Zeit bekannt gewordenen zahlreichen Kirchenruinen des benachbarten Lykaonien, die Basiliken von Binbirkilisse und Daule wie diejenigen Isauriens zum Vergleiche mit unsern Denkmälern heran. Da überrascht uns die Tatsache, daß in der kaum eine Tagereise entfernten Nachbarschaft der rein basilikale Typus, sehen wir von kleinern Anlagen dabei ab, fast ausschließlich herrscht. Nur sporadisch finden sich hier noch bis zum Beischehr See hin die kreuzförmigen Kuppelkirchen Kappadokiens. 1) Die Form der Hufeisen wird seltener, namentlich im Aufriß, die Chöre enden meist im Halbrund resp. gestelzten Bogen, und die architektonische Gliederung und Plastik ist an Mauern und Kapitälen äußerst sparsam verwandt. Was diese Basiliken aber in direkten Gegensatz zu den Kirchen des kappadokischen Hochlandes setzt, ist die Vorhalle resp. die rechteckigen Kammern an der Westfront seitlich des Einganges. Die hohen Chorfenster sind hier durch gekuppelte Öffnungen vertreten, und nur die Quadertechnik,

 

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1) Briefliche Mitteilung von Miß Gertrude Lowthian Bell. Man lese ihre sehr beachtenswerten kleinasiatischen Forschungen in der Bevue archéol. 1906/07.

 

 

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das Fehlen der Emporen und der seitlichen Chorkammern bildet das verbindende Glied auch dieser Kirchenbauten mit denjenigen der östlichen Provinz.

 

Fassen wir alles kurz zusammen: Die ausschließliche Verwertung des Hufeisenbogens im Grund und Aufriß, die auffallende Größe des Querschiffes, die Anwendung der Tonnenwölbung mit Kuppel bei einschiffigem Hauptraum, der im Osten fast immer im 5/8 schließt, das System der Pilaster und Gesimse, die polychrome Behandlung tektonischer Glieder, die Dominante in der Fassade mit ihrem hohen Fenster, der Mangel dagegen an einem Atrium und Pronaos, das Fehlen der Nebenkammern seitlich der Apsis wie dasjenige von Emporen stempeln diesen Basilikentypus zu einem lokalen Provinzialstil, der in der Gesamtheit seiner Formen sich nicht in den gewohnten Schematismus byzantinischer Architektur einordnen läßt.

 

Daß dieses Land in frühchristlicher Zeit neben den Kuppelkirchen auch den reinen Zentralbau pflegte, beweist, von literarischen Quellen abgesehen, ein Oktogon von Suwasa östlich vom Salzsee, in einer Gegend, wo zweifellos das alte Nyssa gesucht werden muß (Abbildungen 12 a und 12 b). Der Hufeisenbogen liegt wieder im Plan und Aufriß zu Grunde.

 

Abbildung 12 a. Oktogon von Suwasa.

 

Zeugen zweier diesem Denkmal vorangegangener Kulturen sind eine hettitische Inschrift und eine Götterstatue, höchstwahrscheinlich des Zeus Stratios, die ich daselbst noch vorfand. Ein christliches Martyrium, dies unser Oktogon, scheint die Heiligkeit des Orts übernommen und weitergeführt zu haben. An den Innenmauern sind altchristliche Inschriften unter dem abfallenden Stuck zu Tage getreten, auf dem sehr zerstörte Malereien erhalten sind, die nach einer noch lesbaren Beischrift der Regierungszeit des Kaisers Johann Dukas Vatatzes angehören.

 

Plan und Abbildung ersetzen eine ausführliche Beschreibung. Chorhaus samt Außenhalle sind tief verschüttet, nur das erstere konnte ich teilweise freilegen. Da weit und breit keine Ruinen eines Monumentalbaues anzutreffen waren, so können wir

 

 

 

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die Säulentrümmer im nahen Dorfe samt den dort zerstreuten Kapitälen zur Rekonstruktion des Portikus in Anspruch nehmen. Er trug ein Holzdach, dessen Sparren in die deutlich sichtbaren Balkenlöcher der Obermauern des Oktogons eingriffen. Der schon bei den besprochenen Kirchen verwendete Zungenfries schmückt auch die Pfeilerkapitäle der Durchgänge. Aus Quadern war die zur Hälfte jetzt eingestürzte Flachkuppel trefflich konstruiert, welche ohne Vermittlung aus dem achteckigen Mantel in den Kreis überging. Dachplatten in Ziegelform deckten sie oben ab, zwischen denen -förmige Keilsteine als Imbrices eingeschoben wurden. Eigenartig ist auch die Fensterbekrönung mit den Konsolen, welche den Holzstil imitieren.

 

Dem Polygonalbau von Suwasa ganz nah verwandt ist das Oktogon von Ulu Bunar, dem alten Isaura, das während der österreichischen Expedition in diese Provinz durch den Architekten Fr. Knoll aufgenommen wurde. 1) Nur schließt hier der überhöhte (?) Chor direkt an die Ostseite an, den Durchgängen des Oktogons zu Suwasa entsprechen gekuppelte Fenster, und durch Säulenstellung war ein innerer Umgang hergestellt.

 

Abbildung 12b. Grundriß des Oktogons von Suwasa.

 

Die solide Quaderkonstruktion wie die Verwertung des Hufeisenbogens im Aufriß finden wir dann bei dem achteckigen Zentralbau von Binbirkilisse im Karadagh, einem Unikum orientalischen Kirchenstils 2), für das sich wohl kaum mehr eine Parallele wird finden lassen. Nach dem Rundbau von Suwasa können wir nunmehr seinen obern zerstörten Abschluß rekonstruieren als Hängekuppel in einem achteckigen Mantel mit einem flachen Zeltdach darüber, wie es bereits die ungenaue Zeichnung De Labordes aus dem Jahre 1826 zeigt. 3) Etwa 6 Stunden südlich von Suwasa, wo ich glaube das alte Bistum Sobeson nachgewiesen zu haben, lag das ehemalige Nazianz, die Wirkungsstätte des großen Gregor. In der Trauerrede, welche der Kirchenvater 374 auf den Tod seines Vaters hielt 4), kommt er auch auf dessen kirchliche Stiftung, die Errichtung eines Oktogons, zu sprechen. Der Sohn berichtet u. a., daß dasselbe von äußern achteckigen Wandelhallen umgeben und die Mauern auch aus trefflichem, wohlgefügtem Gestein des Landes errichtet waren. Das Oktogon von Suwasa

 

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1) Seine Beschreibung und Abbildung bei Strzygowski, Kleinasien, p. 91.

2) Abbildung ib., p. 24, 141.

3) De Laborde, Voyage de l‘Asie Mineure 1, Tafel LXVI, LXVII.
4) Migne, Patr. Gr. XXXV, 103.

 

 

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164 Hans Rott-Heidelberg

 

ist eine Miniatur dieses einst sicherlich prächtigen Bauwerks. Bei meinem Aufenthalt zu Sorsovu, dem alten Nazianz, fand ich die Stätte von Schwemmland bedeckt, die einstigen Kirchen bis auf die Grundmauern abgerissen und den reichlichen Marmor dieser Anlagen allenthalben in die schmutzigen Lehmhütten verbaut. Noch jetzt wissen die biedern Türken daselbst, daß das herrliche Marmorgestein im unfernen Melendizdagh gebrochen wurde. Erst in dem letzten Menschenalter sind diese Bauten Zeuge ist der einheimische Gelehrte Levidis dem Erdboden gleichgemacht worden.

 

Abbildung 13a. Die Kizilkilisse von Siwri Hissar (Hassandagli).

 

Wird einst die immer noch unbekannte Lage von Nyssa entdeckt werden, die nicht sehr fern von Suwasa zu suchen wäre, so ist zu hoffen, daß wir daselbst jenen kreuzdurchsetzten interessanten Zentralbau finden werden, den Gregor der Theologe plante und höchstwahrscheinlich auch ausführte. Für die Stützen des Oktogons wollte er sogar prokonnesische Säulen kommen lassen. Längst kennen wir den schon so oft zitierten Brief, den er in dieser Angelegenheit an Amphilochius, seinen Nachbarkollegen in Ikonium, schrieb, mit genauen Angaben über das projektierte Bauwerk.

 

Und endlich komme ich, um die Mannigfaltigkeit dieser einst so denkmälerreichen Landschaft zu erschöpfen, zum Typus der zweischiffigen Memorienkirche (Abbildungen 13a, 13 b und 13c). Zu Siwri Hissar im Hassandagh, wo ich das alte Arianz, das Heimatsdorf Gregors von Nazianz, vermute, steht durch einen seltsamen Aberglauben

 

 

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geschützt inmitten eines kleinen Ruinenfeldes eine zweischiffige Kuppelkirche, wegen der rötlichen Leuchtfarbe ihrer Quadermauern Kizilkilisse genannt. Sie ist mit ihrer Vierungskuppel in Anbetracht des sonstigen Denkmälerzustandes noch gut erhalten, nur die Tonnenwölbung des Lang- und südlichen Querhauses ist eingestürzt. In der Weise von Tomarza und Kodscha Kalesi oder der verwandten altchristlichen Kirchen der Schenuteklöster in Oberägypten, Anba Schenute und Anba Bischoi 1), steigen über den Tragbogen der Durchschneidung von Längs- und Quertonne die Schildmauern empor und werden vermittels Trompen in den Ecken allmählich ins Achteck und in den Kreis des Kuppelauflagers übergeführt. Außen vermitteln sphärische Widerlager vom Viereck zum Achteck des Mantels hin, den oben ein Konsolengesims und Zeltdach abschließt. Diese Kuppellösung durch Trompen deutet auf neupersische Technik; ich brauche nur an das bereits erwähnte Firuz-Abad und das Schloß von Sarvistan zu erinnern, das angeblich von Sapor II. (309 bis 380) erbaut wurde. Überhaupt weisen auch hier die unverjüngten Säulen der Arkaden wie auch sonstige Ziermotive bei den kappadokischen Kirchenbauten auf Mesopotamien oder Syrien hin, so der Zickzack an den Kapitälen, die Weinranken und der Tierfries an den Türen, der hochstengelige Akanthus und struktiv die Anwendung der umbrechenden Gesimsbänder. 2)

 

Abbildung 13 b. Plan der Kizilkilisse.

 

Die aus einem Guß erbaute Kizilkilisse hat eine basilikale Parallele zu Till, einen Tagesritt nordöstlich von Siwri Hissar, und in den vielen zweischiffigen Höhlenkirchen des Landes, von denen ich eine einfache reproduziere (Abbildung 14). Hier wie in der Doppelkirche zu Till liegen die Gräber im Nebenschiff reihenweis nebeneinander. Der vollendete Typus dieser einfachem Grabeskirche ist nach meiner Kenntnis die bedeutende, bei Kirschehr in Nordkappadokien in Ruinen liegende Doppelkirche von Ütsch Ajak, ein für dieses Land ungewöhnlicher Backsteinbau, der schon seit den 40er Jahren durch Ainsworth bekannt gemacht wurde und leider immer noch ungenügend publiziert ist. 3)

 

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1) De Bock, Matériaux pour servir à l‘archéologie de l‘Égypte chrétienne. 1901, p. 49 f.; Strzygowski l. c, p. 109. 113 f., und Wulff in der Byz. Zeitschr. XII, 500.

2) Die Weinranke auch an der Tür zu Daghören südwestlich vom Hassandagh bei Ramsay, Studies in the hist. and art., p. 174 und 266, wo er auf Syrien hinweist. — Byz. Zeitschr. XIV (1905), p. 42, Abb. 7, Kasr el Andarin, datiert 559. — Vogué, p. 69 f., Pl. 116, 117, 119, 140, 150 und Jahrb. der pr. Kunstsamml. 1904, p. 251.

3) W. F. Ainsworth, Travels and researches in Asia Minor. London 1842. I, 162 mit Zeichnung. — Neuerdings öfters behandelt von Strzygowski in seinem Kleinasien, in den Untersuchungen über die Rocellata, wo das Auge des Architekten wohl das Richtigere gesehen hat. Gute Abbildungen jetzt auch bei v. d. Schweinitz, Ein Ritt durch Kleinasien. 1906.

Zeitschrift für Geschichte der Architektur. I. 22

 

 

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Die Technik mag von außen, höchstwahrscheinlich aus dem Euphrattal (Samosata?) entlehnt sein, der doppelschiffige Typus scheint mir eine einheimische, mit dem Überreichtum an Heiligen und Märtyrern daselbst in Verbindung stehende Gepflogenheit zu sein, die durch das Mönchtum aufkam. Vielleicht hängt der kreuzförmige Kirchenstil des Landes überhaupt mit den altchristlichen Memorien und Martyrien gerade hier nahe zusammen. Doch einstweilen müssen wir das Bekanntwerden weiterer Denkmäler, namentlich auch im Norden des Halys abwarten.

 

Es ist nicht verwunderlich, wenn wir bei den Bauten dieser Provinz bemerken, wie so manches nach Syrien, Mesopotamien und selbst Ägypten hinüberweist. Der innige Verkehr der Mönche innerhalb dieser Landstriche und der reiche Klosteraustausch und Klosterbesuch erklärt dies hinlänglich. Basilius, der große Regenerator des morgenländischen Mönchtums, hatte Syrien und Ägypten bereist, richtete nach den daselbst gemachten Beobachtungen und Erfahrungen das Mönchs- und Zönobitenleben zu Hause ein und gab ihm die berühmte Verfassung. Sein Bruder, Gregor von Nyssa, zog in Arabien und Palästina umher, um daselbst die kirchlichen Verhältnisse zu ordnen, und auch der große Kirchenvater Gregor von Nazianz unternahm Wanderungen nach Palästina und Ägypten. Die regen Beziehungen des Klemens Alexandrinus zu den Kappadokiern sind bekannt. Große Mönchswesen wie dasjenige bei Edessa oder wie die Lauren am Berg Sigoron bei Nisibis waren zweifellos vorbildlich für die Monasterien am Halys, am Iris und am Hassandagh. Zu den Einsiedlern und Zönobiten gesellten sich dann die blutig verfolgten Paulizianer, die nachweislich in den Höhlen und Schluchten Kappadokiens ihre Wohnungen aufschlugen.

 

Abbildung 13 c Kuppelkonstruktion der Kizilkilisse.

 

Wie weit schließlich antike Anlagen auf die frühmittelalterlichen Felsbauten einwirkten, entzieht sich heute unserer Beobachtung, da die christlichen Kappadokier bereits auf die roheste Weise die überkommenen Denkmäler zerstörten. Gegen hundert Epigramme schleuderte schon Gregor von Nazianz gegen seine grabschänderischen Landsleute und gebot ihnen in heiligem Zorn Schonung der heidnischen Ruhestätten und Grabtempel.

 

Lassen wir zum Schluß den Blick vom kappadokischen Hochland herab in die Ferne schweifen. Zu Banos im Lande der Hidalgos liegt eine Kirche des Johannes Baptista, die im Grund- und Aufriß uns den Hufeisenbogen weist und ursprünglich höchstwahrscheinlich wie S. Maria de Naranco zu Oviedo durch eine Halbtonne eingedeckt war. 1) Im obern Ebrotal steht bei Logrono die Klosterkirche San Millan de la Cogulla von Suso mit Hufeisenbogenarkaden auf schwerfälligen, leider verputzten Säulenkapitälen. Der spanische

 

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1) Junghändel-Gurlitt, Die Baukunst Spaniens, p. 35, Bl. 153, 158.

 

 

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167 Bauspäne von einer anatolischen Reise.

 

Kunstgelehrte Madrazo, der diesen Stil den lateinisch-byzantinischen oder westgotischen nennt, verlegt diese Kirche, wie auch die stilistisch sich anschließende der Ermita von Banos ins VII. Jahrhundert. Wir sind bis jetzt allerdings über die frühesten Bauten Spaniens schlecht unterrichtet, namentlich wissen wir nichts über die zweifellos nicht unbedeutende Bauentwicklung der Westgoten im VI. und VII. Jahrhundert. Und doch haben die Kirchenkonzilien des VII. Säkulums die Baukunst in Spanien mächtig gefördert. Interessant wäre es, an den Tag zu bringen, ob die Basilianermönche, die vom Orient nach Sizilien und Süditalien kamen und dort ihre Spuren in kirchlichen Denkmälern und in einer der kappadokischen sehr verwandten Freskenmalerei ihrer Höhlenkapellen hinterließen, die Vermittler der Hufeisenbogenform nach dem fernen Westen waren oder ob lediglich das Reitervolk der Araber dieselbe „auf ihrem Sattel“ nach Spanien brachte. Daß sie ihn nicht erfunden haben können, beweisen ja auch diese neuen Denkmäler aus den Gegenden jener uralten Hettiter.

 

Übersteigen wir die Pyrenäen, so treffen wir in Südfrankreich die herrlichen Gewölbebauten, die tonnenüberdeckten Saalkirchen, die einschiffigen, kreuzförmigen Kuppelbasiliken mit weit ausladendem Querschiff, mit dem öftern 5/8 Chorschluß. Wir wissen nicht, wie ihre Vorgänger in der merowingischen und frühkarolingischen Epoche aussahen. Warum haben die Kuppelkirchen gerade in Aquitanien Anwendung gefunden und anderswo nicht? fragt ein hervorragender moderner Historiker der Baukunst. Für die frühromanische Zeit wird heute wenigstens „ein größerer byzantinischer Einfluß“ in diesen Ländern zugestanden. Wer kühn mit Jahrhunderten zu rechnen versteht, wird keck auf die Goten weisen, die ihre Kultur von den Ufern des Schwarzen Meeres mitbrachten, auf ihren großen Plünderungszug durch Kappadokien im III. Jahrhundert, wobei auch die Eltern ihres größten Apostels Ulfilas, geborene Kappadokier, mit fortgeschleppt wurden, um so die Kette von Kleinasien bis zur Garonne zu schließen. Doch da verliert sich der sichere Pfad der Geschichte. Ein anderer mag mit mehr Recht in den einfachen Kreuzkuppelkirchen des kleinasiatischen Hochlandes die Prototypen der großen, untergegangenen Apostelkirche am Bosporus erkennen und die rote Linie bis S. Nazaro Grande in Mailand und selbst bis San Marco ziehen. Wer mag die Wurzeln und Fäden aller Erscheinungen verfolgen? Schließlich bleibt doch die Weise, wie das Überkommene und Übernommene verwertet und zum Fertigen, Vollkommenen ausgestaltet wurde, die Hauptsache, die künstlerische Tat auch in der Geschichte der Baudenkmäler.

 

Abbildung 14. Grundriß einer Höhlenkapelle im Soandere.

 

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Quelle: Zeitschrift für Geschichte der Architektur Heft 6 (März 1908) S. 141-167.

Dieser Jahrgang der Zeitschrift liegt in den Heidelberger historischen Beständen digitalisiert vor und ist unter folgendem LINK zugänglich:
Zitierlink: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zga1907_1908

URN: urn:nbn:de:bsz:16-diglit-192182

Hier sind auch die Abbildungen dieses Artikels zu finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Orientalistische Literaturzeitung 1914 Nr. 1. Sp. 10 - 14

 

Die Bedeutung der Fels-Architektur.

Von E. Brandenburg.

 

Ich habe in der OLZ schon öfters über Funde im Gebiet der F. A. berichtet, die ich in Anatolien gemacht hatte; sie stehen mit ähnlichen aus Etrurien, Sizilien, Mazedonien und auch Syrien in entwicklungsgeschichtlichem Zusammenhange 2) Durch mehrjährige Beschäftigung mit dieser Materie ist es mir jetzt wenigstens einigermassen möglich geworden,

 

2) Eine diesbezügliche grössere und Zusammenfassende Arbeit wird im nächsten Jahr in den MVAG erscheinen. Ein näheres Eingehen auf meine letzten Funde in Syrien ist an dieser Stelle nicht möglich, da die Publikation der Palästina Forschungs Gesellschaft, in deren Auftrag die Reise gemacht wurde, zusteht.

 

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die Abhängigkeit der verschiedenen Regionen und ihre wechselseitigen Beziehungen zu ermitteln; ich weiss natürlich sehr gut, dass noch grosse Lücken vorhanden sind, die auszufüllen, wenn es überhaupt je ganz möglich sein sollte, noch manches Jahr Arbeit nötig wäre. Das gilt auch speziell von Persien, und überhaupt dem vorderen Orient, wo noch viel zu finden wäre. Hoffen wir, dass Herzfeld, der diese Gegenden gut kennt, uns bald etwas darüber bringt. Vor allem muss man sich darüber klar werden, dass es sich um ein relativ ganz neues Gebiet handelt, dessen systematische Bearbeitung kaum vor Anfang dieses Jahrhunderts, - und dann immer nur beschränkte Bezirke umfassend, begonnen hat. Aus diesem Grunde ist das Spezialfach der F. A. (mit Ausnahme der Katakomben, von denen aber die eigentlichen kaum dazugehören) in grösseren Kreisen wenig bekannt. Seinen Wert und seine Wichtigkeit an der Hand der bisher gewonnenen und, wie schon gesagt, allerdings noch durchaus nicht abschliessenden Ergebnisse darzulegen, soll die Aufgabe des Folgenden sein. Allein schon die schematische Aufzählung des Stoffes zeigt das in gewisser Weise; wir können ihn einteilen in

 

1. Grotten zu Wohn- Kult- und Grabzwecken.

2. Kalehs, d. h. natürliche Festungen, mit verschiedenen Einrichtungen zu Verteidigung, Flucht, Gängen usw. Den Uebergang zwischen beiden bilden die sog. Fluchtgrotten.

3. Felsfassaden meist im Zusammenhange mit Gräbern, wobei die eigentliche Grabkammer öfters aber mehr „nebensächlich“ behandelt ist. Sie imitieren hauptsächlich Holzarchitektur; andere sind auch mit figürlichen Darstellungen geschmückt. Hierher würden auch Felsaltäre und Felsreliefs gehören, die Götter usw. darstellen.

 

Die Grotten hatte man bisher meistens in Bausch und Bogen als Gräber betrachtet, wurden sie näher untersucht, so war dies hauptsächlich in der Erwartung geschehen, in ihnen Kleinfunde zu machen, ihre „Inneneinrichtung“ wurde kaum beachtet. Grotten, die von Uergüb z. B., galten mehr als Reisekuriosität. Und doch bieten gerade sie, wenn man eine grössere Anzahl gesehen und studiert hat, ein anschauliches Bild einer troglodytisch lebenden uralten Bevölkerung: gewisse Details kennzeichnen sie deutlich als Wohnstätten, als Ställe; andere haben zum Kult gedient, von dem sonst nur Spuren noch in alten Sagen vorhanden sind. Wir können berechnen, wieviel Vieh man dort unterstellte, wie gross also der Besitzstand der Bauern war, wieviel in einem Felsdorf zusammenlebten; die Kalehs boten Schutz in unruhigen Zeiten gegen feindliche Einfälle. Zu ihrer Anfertigung und Verteidigung war ein Zusammenwirken aller nötig. So ergibt sich aus diesen anscheinend so unbedeutenden „Löchern“ usw. nicht nur ein Bild der religiösen Anschauungen (Kultgrotten) sondern geradezu die Rekonstruktion des Lebens und der sozialen Verhältnisse einer weitverbreiteten Bevölkerung vor etwa 4000 Jahren 1). Die Gräber wurden etwas näher untersucht, besonders als Ergänzung der äusseren Fassade; Hirschfeld und später Leonhard bereisten zu diesem Zweck Paphlagonien, Perrot Phrygien; ihm folgten Ramsay und Reber, Benndorf arbeitete in Lykien. Allerdings galt das Hauptinteresse aller dieser, mit Ausnahme von Leonhard, mehr dem äusseren Schmuck und rein stilistischen Fragen, man kann sie gewissermassen als Vorläufer betrachten. Die folgende, jüngere Generation fasste das Problem weiter, mehr entwicklungsgeschichtlich auf: Lehmann-Haupt sprach als erster nach seinen Reisen in Armenien und Griechenland vom Kulturkreis der Felsenbauten, Leonhard stellte die Frage nach Herkunft des griechischen Tempels in einer Weise, wie man es vorher nicht gewagt hatte. Macalister und Vincent untersuchten Kultgrotten in Syrien, Dalman erschloss Petra der Wissenschaft, ohne allerdings die weiteren Vergleiche und Konsequenzen zu ziehen. Ich arbeitete in Anatolien und Italien usw. und konnte letzteres Land auch dem Kulturkreis der F.A. angliedern. Nach meiner letzten Reise in Syrien bin ich auch zum Schluss gelangt, dass dieses Land was den Kult anbelangt, viel stärker von Klein-Asien abhängig ist, als man bisher annahm. Malta, Sardinien, Sizilien und auch Teile von Italien (d. h. dem Festlande) wären noch genauer zu untersuchen; es existieren zwar eine Reihe von Arbeiten darüber, die aber in kleinen Lokalpublikationen verstreut und deshalb schwer benutzbar sind. Ehe wir nun zu den Resultaten der oben erwähnten Forscher übergehen, noch kurz ein Wort, warum gerade die F. A. so gutes, die übrigen Zweige der Archäologie umfangreich ergänzendes Material liefert, und nicht etwa bloss ein steriles Spezialgebiet ist: Es liegt in ihrer Eigentümlichkeit, d. h. dass der lebende Fels als Stoff verwendet wurde, dass sich die so geschaffenen Grotten, Felsaltäre und Reliefs besser erhalten haben, als freistehende Bauten etwa, die, wenn sie aus Stein waren, zerstört

 

1) Aus technischen Gründen glaube ich mit ziemlicher Gewissheit schliessen zu können, dass der Beginn der Grotten-Architektur in Anatolien etwas nach 2600, in Syrien etwas früher anzusetzen ist. Im übrigen verweise ich auf die in der ersten Anmerkung erwähnte Arbeit.

 

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oder zum Aufbau anderer benutzt wurden; von den natürlich viel schneller vergänglichen Holzbauten in Kleinasien würden wir ohne die phrygischen und lykischen Fassaden überhaupt nichts mehr wissen. Tempel konnten durch den Fanatismus einer neuen Religion niedergerissen werden, Kultgrotten sind ausser etwa durch starkes Erdbeben, fast unzerstörbar. Felsreliefs werden sich besser erhalten, als Platten oder Statuen, besonders auf dem Hochplateau von Anatolien, das nicht wie z. B. Aegypten vieles im trockenen Lande erhalten konnte. So ist denn ein relativ grosses, wenn auch noch nicht im nötigen Umfang genügend beachtetes Material vorhanden, das Leonhard erlaubte, die Frage des griechischen Tempels umfassend anzuschneiden; das Lehmann-Haupt die Beweise und Gegenstücke zu den sprachlichen Hypothesen Ficks finden liess. Ich dehnte das auf Etrurien aus und fand so eine Bestätigung der wohl angefochtenen, aber bisher noch nicht widerlegten Ansichten Modestows über die Herkunft der Etrusker. Meine letzten Funde in Syrien zeigen den weitgehenden Einfluss religiöser Ideen der Hettiter bis nach Palästina und wohl auch bis nach Petra hinab, in Wechselwirkungen mit ägyptischen. Die Schlüsse, die man auf Leben und soziale Verhältnisse einer bronzezeitlichen Bevölkerung in einer Epoche, von der keine Kunde zu uns gedrungen ist, machen, sie sogar rekonstruieren kann, sind oben kurz gestreift worden. Aus den Wohngrotten und Kalehs ist das ableitbar; die Kultgrotten zeigen uns den Dienst einer Gottheit, die wir wohl als Magna Mater bezeichnen können. Die phrygischen Fassaden überliefern uns getreu die verschiedene Holzarchitektur, ergänzen sich mit den paphlagonischen und deuten auf die Heimat einer der sublimsten Bauformen der Griechen hin. Die Felsenskulptııren und Inschriften gaben den ersten Anstoss zur Erforschung der Hettiter, die in den epochalen Funden Wincklers gipfeln; durch sie sind indirekt die Grabungen von Sendschirli, Tell Halaf u. a. angeregt worden, die uns, wenn vollständig bearbeitet, erst assyrische und frühgriechische Kunst vollständig erklären werden, mit ihrem Einfluss auf die klassische (Poulsen), deren Wirkungen sich bis auf unsere Zeit erstrecken. Das sind in gedrängtester Kürze die Hauptresultate dieses relativ neuen Spezialfaches, sie alle ausführlich aufzuzählen geht weit über den Rahmen dieser Zeilen hinaus. Natürlich sind noch viele Fragen gar nicht oder halb gelöst; trotzdem kann man aus dem Angeführten die Wichtigkeit dieser Disziplin ersehen, und dass es dringend not tut sich damit in Zukunft noch weit intensiver zu beschäftigen, als es bisher geschehen ist, indem Forscher auch mancher unscheinbaren Grotte und nicht nur effektvollen Ausgrabungen usw. ihre Aufmerksamkeit schenken. Wenn diese Zeilen eine kleine Anregung dazu wären, so ist ihr Zweck erfüllt.

 

Neapel, Okt. 1913.

 

 

 

Quelle: Orientalistische Literaturzeitung 17. Jg. 1914 Nr. 1. Sp. 10 – 14. Monatsschrift für die Wissenschaft vom vorderen Orient und seine Beziehungen zum Kulturkreise des Mittelmeeres. Herausgegeben von Felix E. Peiser. Leipzig. J. C. Hinrichs‘sche Buchhandlung.

 

 

 

 

 

IRAN, ASIENS HELLAS

VON JOSEF STRZYGOWSKI

 

 

Die wissenschaftlichen Akademien haben dem Gelehrten wie einem Stück ungebändigen Herden Tieres einen Klotz um den Hals gehängt, damit er in seiner freien Beweglichkeit behindert und leicht eingefangen werden könnte: den sog. Humanismus, d.h. den Mittelmeerglauben, der u.a. den Nordmenschen blind in die Arme der Romanen treibt. Tatsache ist, dass das, was wir Geisteswissenschaft nennen, die Erforschung über die einzelnen Lebenswesenheiten des menschlichen Seins, Denkens und Handelns, seit der Renaissance als wichtigstes Hilfsmittel der Macht erkannt und demgemäss nach Staat, Religion und Akademie angeblich “wissenschaftlich” ausgebildet und in deren Dienst gestellt wurde. Aus den Jesuitenschulen gingen die Universitäten hervor, Louis XIII. gründete die erste der wissenschaftlichen Akademien und diesen ist es bis heute nicht gelungen, ihre ihnen von der Macht angelegten Scheuklappen loszuwerden. Das aber verhindert in erster Reihe eben der Mittelmeerglaube, der im Machtsinne darin gipfelt, zu behaupten, alle Wege führten nach Rom. Heute endlich ermannt sich der Norden, löst den Latinismus von sich ab und beginnt zu sehen, was ihm alles an Eigenkraft durch diesen genommen worden ist.

 

Zugleich aber wittert die altsprachlich und geschichtlich im Machtsinne überfütterte Jugend Morgenduft, erkennt hinter der Trugspiegelei von gestern das nordische Gestirn, das allein imstande ist, ihr die durch Gesetze, Gebote, Wissen und Technik abgelistete Seele wieder zu geben. Bisher war es Hellas, das in seiner einfachen und schlichten Sachlichkeit die Ahnung eines Menschentums vermitteln konnte, das fern von den Machtgelüsten der Dynastien, Kirchen und Schriftgelehrten sich tummelte und dem in der bildenden Kunst die Schönheit in stiller Einfalt und Grösse Glaubensbekenntnis war; jetzt kommt von Asien her ein anderer solcher Hort zum Vorschein, einer, den wir bisher über den vorderasiatischen Machtstaaten nicht zu sehen vermochten. Es taucht im Osten hinter Mesopotamien und Persien das Herz Asiens in einem ähnlichen Sinne auf wie Hellas im Westen: das kleine Iran, das freilich nicht die Schönheit, sondern den Glauben, die Sittlichkeit zur durchschlagenden Kraft gemacht hat, einmal für Asien selbst, aber in Auswirkungen auch für Europa. Dabei muss von vornherein gebeten werden, Iran nicht mit Persien zu verwechseln, es verhält sich dazu etwa wie das alte Hellas zu Rom.

 

I. Kunde. Wir klammern uns in der Geistesforschung krampfhaft an das Wissen, das die Historiker und Philologen allmählich aus den Steindenkmälern mit ihrer Schrift und den Darstellungen in Menschengestalt im Mittelkreise herausgedeutet haben und ahnen gar nicht, was uns, insbesondere den Nordmenschen, entgeht, wenn wir blind alle jene Kunde von der Geschichte fernhalten, die Aufschluss über die Voraussetzungen dieser in der Erd- und Menschengeschichte jüngsten und geistig engsten Menschengruppe des Mittelmeerkreises bringen könnte. Ist der Weg zur Kenntnis von Macht und Besitz der Höfe und Dynastien, von Kirchen und gelehrter Rechtgläubigkeit mit allen Mitteln der sog. Weltweisheit gepflastert, so dass man nächstens nicht mehr wissen wird, wo noch im Gebiete der

 

 

 

43 IRAN, ASIENS HELLAS

 

Mittelmeermächte zu graben wäre, so überlässt man das Wissen von der eigenen nordischen Heimat aus Trotz und Bequemlichkeit dem Zufall, will nicht wahr haben, dass es neben der Machtblüte am Mittelmeere einen eigenen Norden gegeben habe, der seelisch bedeutender war als alles, was uns an äusserlich verführerischer Lebenshaltung von den Mittelmeervölkem wie den Wilden der Schnaps übermittelt worden ist.

 

Es war leicht, Wissenschaft auf Grund des in Stein Erhaltenen zu treiben und alles andere als primitiv und barbarisch zu vernachlässigen. So hat man Europa, das ursprüngliche Europa nämlich, in einer Versenkung verschwinden lassen, weil es in Holz baute und Asien, das eigentliche Asien, weil es in seinem Wesen durch den Rohziegel und das Zelt bestimmt wurde. Erhalten ist leider freilich weder von den alten Holz-, noch von den Rohziegel- und Zeltdenkmälern etwas bzw. nur so geringe und junge Spuren, dass es einer ganz anders in Forschungsrichtungen, Verfahren und Tatsachen aufgebauten wissenschaftlichen Arbeit bedarf, um Geschichte vom Nordstandpunkt schreiben zu können, als das bisher vom Mittelmeerglauben aus der Fall war. Das alte Hellas wurde im 18. Jahrhundert entdeckt, man wird jetzt endlich anfangen müssen, das Herz Asiens, Iran, daneben zu stellen.

 

Ort. Iran, ein dem landläufigen Kunsthistoriker völlig unbekanntes Land, wenn man ihn nämlich darauf aufmerksam macht, dass es nicht verwechselt werden darf mit Persien, das sich zum alten Iran etwa so verhält, wie die Machtkunst nach Alexander, die griechische Werte für die Verherrlichung der Macht benutzt, zur Kunst des alten Griechenland. Iran, das mit Transoxanien zusammen Westasien, nicht zu verwechseln mit Vorderasien, bildet, liegt im Herzen Asiens, da, wo das eigentliche Asien sich von dem vorgelagerten und halb zum Mittelmeerkreise gehörigen Vorderasien trennt, das Vorland des Pamir, die Kreuzungsstelle aller Strassen, die vom Norden, Osten und Westen kommen und nach Indien führen. Dort kreuzen sich schon die ältesten Völkerwanderungsstrassen wie die amerasiatische und die indogermanische. 1) Wir wissen nichts über diese Urzeit, wohl aber fangen wir an zu sehen, dass der Pamir mit seinen Eiszeitgletschern die Ostvölker von Iran fernhielt, so dass an der Grenze der geschichtlichen Zeit der Norden den Ausschlag gab und später erst, als die Pamirpässe gangbar wurden, Türken und Ostasiaten auf den Plan traten und die alte nordische Gesinnung durch die der Wanderhirten noch verstärkten.

 

Zeit. Unsere zeitlichen Massstäbe, für die Geisteswissenschaften durch die Historiker und Philologen in haltloser Weise durch Aufrichtung eines Schlagbaumes mit Eintritt der “Schrift” festgelegt, sind in den letzten Jahrzehnten gründlich andere geworden; die paar Jahrtausende, die wir, ohne nach dem Woher zu fragen, seit Jahrhunderten in den Vordergrund stellten, spielen im Wesen und Werden des Menschentums gar keine entscheidende Rolle, es sei denn, dass man Macht und Besitz für des Menschen höchste Güter erklärt, wie das ja alle tatsächlich tun, die sich wie wilde Tiere um die Macht reissen. Für die Menschheit aber ist wichtiger zu erfahren, was sie war, bevor Macht und Besitz die entscheidenden

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1) Vgl. meinen Vortrag auf dem Kongresse für iranische Kunst und Archaeologie in Leningrad und Moskau, 1935.

 

 

 

44 JOSEF STRZYGOWSKI

 

Güter wurden. Die sog. Prähistoriker haben nur einen halben Schritt über die Historiker hinaus getan, indem sie sich an das hielten, was aus der vorhergehenden Zeit erhalten ist. Die Wissenschaft aber kennt keine solchen Grenzen, sie muss lernen, auch mit dem rechnen, was nicht erhalten ist. Sie geht bis auf die Anfänge zurück, sucht also das Werden des Menschengeistes nicht in einer willkürlich begrenzten Zeit, sagen wir vom Einsetzen der bisher beachteten Schrift bis etwa dreissig Jahre vor der Gegenwart zu erfassen, sondern geht von der Geburt des Menschen über die Gegenwart hinweg in die fernste Zukunft, soweit es sich um Wesens- und Entwicklungsfragen handelt, wobei Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, das Rechnen mit dem Unbekannten also notwendig wird. Das nennt man Wissenschaft und in ihr spielt Iran in der Zeit vor und nach der sog. Antike eine so entscheidende Rolle, dass es kein ehrlich denkender Vertreter der Geisteswissenschaften ebensowenig übergehen kann, wie den Norden selbst, die Amerasiaten, Atlantiker und Indogermanen. 2)

 

Gesellschaft. Der Hochmut der Abendländer, nur solche Völker als geschichtswürdig anzusehen, die sich der Machtgesinnung des Mittelmeerkreises einfügten und alle anderen als Barbaren und Primitive zurückzustellen, hat die Geschichtsschreibung zwar sehr bequem vereinfacht, aber zugleich die Nordvölker und vor allem auch die Europas um ihren Wesenskern und den Einblick in ihre entwicklungsgeschichtliche Bedeutung betrogen. Indem man den Norden aus der Geschichtsforschung ausschloss, die Nordvölker, ob in Asien, Europa oder Amerika als Wilde, sog. Naturvölker oder Barbaren unbeachtet liess, soweit sie nicht von Herodot oder Tacitus genannt wurden, schied man aus dem Menschentum und der Geschichte der Menschheit gerade die entscheidenden Völker aus und versteifte sich bequem auf die Vertreter einer verfeinerten Lebenshaltung, denen seelische Tiefe immer mehr abging, wie wir als deren Zwangserben heute mit schwer verwundetem Gemüte erkennen. Und auch da noch will man uns im Wege des humanistischen Gymnasiums von aller Nordgesinnung möglichst fernhalten. Statt Rom zurückzudrängen und Hellas mit Iran und Indien zusammen zum Ausgangspunkt der Kunde vom Norden zu machen, hält man hartnäckig am alten Oriente und Rom fest, gibt dem Nordmenschen keine Möglichkeit, sich die eigene Seele da zu erfrischen, wo ihre hinter Macht und Besitz versunkenen Schätze liegen. Hellas kennen wir zur Not, obzwar auch da alles getan wird, um den Zusammenhang mit dem Norden nicht Bedeutung gewinnen zu lassen, von Iran weiss man überhaupt nichts, verwechselt es höchstens mit den machtgierigen Persern, den Schülern der altorientalischen Gewaltmacht, die seit dem unklugen Vorstoss Alexanders über Europa mehr Einfluss gewinnen, als wir vorläufig zugeben wollen.

 

Über die Gesellschaftskreise hinweg, wie sie erst die Macht geschaffen hat, werden wir auf die ältesten Volksgemeinschaften achtenlernen müssen, die sich in den auf die Eiszeit zurückgehenden Gürteln und Strömen erkennen lassen. Davon unter Entwicklung. Ich behandle meiner Krisis der Geisteswissenschaften, 1923, Forschung und Erziehung, 1928, und Geistige Umkehr, 1936 entsprechend zuerst die Kunde und das Wesen und nach der Entwicklung dann zum Schluss den Beschauer.

 

2) Vgl. darüber “Drei Kunströme aus nordischen Zwischeneiszeiten,” Forschungen und Fortschritte, XI, 1935, S. 65 ff., englisch Research and Progress, I, 1935, pp. 160 ff.

 

 

 

45 IRAN, ASIENS HELLAS

 

II. Wesen. Wir haben uns in den letzten Jahrhunderten darauf versteift, ein einziges Wesen, in welcher geistigen Lebenswesenheit es auch immer sei, gelten zu lassen, das sog. europäische, das seine Wurzel im alten Oriente hat und über den Hellenismus und Rom bzw. Byzanz auf Europa übergegangen ist. Das war unser Massstab, nach dem wir alles andere beurteilten und u. a. auch den Norden als barbarisch und den äquatorialen Süden als primitiv ablehnten. Für uns gab es nur ein gültiges Wesen, eben dasjenige, das uns von der Schule her mit dem Mittelmeerglauben eingedrillt wurde, jener Wahn, wonach nur die Macht, wie sie Hof, Kirche und rechtgläubige Bildung ausübten, die Menschheit von dem Übel, Mensch zu sein, retten könnte. Dem Menschentum wurden Zügel angelegt, eine von Höfen, Kirchen und Akademien zurechtgeschnittene Zwangsjacke, die den Menschen nach bestimmt vorgeschriebenen Regeln leben, seine Eigenseele aber verkümmern liess.

 

Heute erst fangen wir an, jenes andere Wesen zu suchen, dem die Seele wichtiger ist als Macht und Besitz. Wir glauben, das müsste erst in Zukunft errungen werden und wissen nicht, dass es längst da war und die eigene Heimat, der Norden, das ursprüngliche Europa sowohl wie das eigentliche Asien es noch an der Grenze des Überganges von der Antike zum Christentum besassen. Einer der wichtigsten Punkte, an denen dieses seelisch vertiefte Menschentum am längsten und fruchtbarsten zeugend ausgehalten hat, bevor es in der Blüte der christlichen Kunst des Nordens (Gotik) wieder aufblühte, ist Iran. Deshalb ist es so wichtig, es in Zukunft neben Hellas und der Gotik in den Vordergrund zu rücken. Es wird sogar viele geben, denen Iran wichtiger erscheint als Hellas, weil es den seelischen Schwerpunkt nicht in die Schönheit, sondern in die Sittlichkeit legte und wahrscheinlich der Ausgangspunkt aller jener Religionen geworden ist, die wir als Buddhismus, Christentum und Islam kennen und, ohne den schöpferischen Mazdaismus und das Indogermanentum zu beachten, Weltreligionen nennen. Die Bildende Kunst gibt in dieses nordisch-iranische Grundwesen und sein Werden einen guten Einblick. Betrachten wir zunächst das Wesen nach der für die wissenschaftliche Arbeit geltenden Einteilung nach Handwerk (Rohstoff und Werk) und geistigen Werten (Zweck und Gegenstand, Gestalt, Form und Gehalt).

 

Handwerk. In Asien hat das Handwerk an sich hohe künstlerische Werte aus dem Rohstoff herauszuholen gewusst, nirgends so überreich wie in dem Rohziegelgebiete von Iran, in das mit dem amerasiatisch-türkischen Vorstoss auch noch die Welt des Zeltbaues einmündete. Man kann sich wohl kaum einen grösseren Unterschied denken, als den des hellenischen Marmors gegenüber dem Lehm, der in Iran den Ausschlag gab. Aus diesem Rohstoffgegensatz allein schon versteht sich von vornherein der Grundunterschied im Wesen der griechisch-europäischen und der iranisch-asiatischen Kunst. Immerhin ist das nur einer, der vom Handwerk ausgehende Wesensgegensatz, der sich später schon in christlicher Zeit in dem Siege der Mosaikmalerei über die Marmorplastik schicksalhaft geradezu ausleben sollte, noch mehr allerdings zuletzt in der islamischen Kunst.

 

Die iranische Eigenart erklärt sich daraus, dass Iran beim Bauen kein wachsendes Gebilde, Glieder aus Holz etwa, sondern durch Rohziegel auch in der Decke Raumgrenzen herstellte und diese Mauern aussen und innen gegen die Einwirkung der Witterung gesichert werden mussten. So kam in das Bauen jener Geist des Verkleidens, der der griechischen

 

 

 

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Art, wie später der Gotik, so völlig entgegengesetzt ist. Die Ausstattung der Wände mit Sinnbildern, in weiche Verkleidungsstoffe geschnitten, wurde entscheidend, “Zierate,” die nicht wie die griechischen Bildwerke in Licht und Schatten modelliert, sondern ein farbiges Muster vom Grunde abgehoben zeigen. Dazu kamen allgemein nordasiatische Neigungen, wie die zu Durchbruch und Schrägschnitt, und es entstand so eine Fülle gemischter Werkarten, wie sie sich auf dem Kreuzungspunkt nordischer und hochasiatischer Wanderzüge erwarten lassen, deren Nachwirkungen noch zu allem Bodenständigen hinzukamen.

 

Geistige Werte. Die Bedeutung Irans aber liegt nicht so sehr in dieser allgemein asiatischen Hochwertigkeit des Handwerkes, sie liegt wie in Hellas viel mehr in den hohen geistigen Werten die von da aus ganz Asien und schliesslich auch Europa befruchteten. Diese sind es vor allem, die Weltbedeutung erlangten, wie schon bei Erwähnung der Weltreligionen angedeutet wurde.

 

Zweck und Gegenstand. Die künstlerischen Werte des alten Iran sind vor allem Bedeutungswerte gewesen. Das All, Sonne, Mond und Sterne bestimmten Glauben und Denken. Ursprünglich im Freien, später unter dem Einfluss des mittleren Machtgürtels in Tempeln wurde das Feuer verehrt das ursprünglich im Norden selbst Haus und Leben gegen die Strenge des Winters sicherte. Haus und Kleidung müssen dort im Norden in ganz anderem Sinne als später in Indien und selbst in Hellas Ausgangspunkt der Bildenden Kunst gewesen sein. Sogleich im Bauen uns haben Humanisten gelehrt, neuere Kunstgeschichte wie eine Art Geschichte der römischen Basilika zu schreiben; es kommt uns gar nicht zum Bewusstsein, dass ganz Osteuropa davon nichts weiss und der strahlenförmige Kuppelbau dort den gleichen Zweck erfüllt, wie im Westen die langgestreckte Basilika. Hinter diesem Kuppelbau aber steht der Feuertempel, der seine Voraussetzungen im Holzbaus des Nordens hat, obwohl er dann in Iran aus Rohziegeln errichtet werden musste. Der Innenraum, in dem das Feuer gehütet wird, scheint dann allmählig Wesen und Entwicklung der Nordkunst zu bestimmen.

 

Im übrigen richten sich Zweck und Gegenstand in Iran, soweit dort überhaupt die Darstellung in Betracht kommt, auf die Ausstattung von Feuertempel und Avesta so, dass alle Bedeutungsvorstellungen schliesslich im Tempel und den heiligen Büchern des Mazdaismus ihren Ausgangspunkt haben. Man lese darüber mein Ursprung der christlichen Kirchenkunst, 1920, und Asiatische Miniaturenmalerei, 1933, und Ars Islamica nach. Von Hvarenah und Paradies wird gleich die Rede sein. Im übrigen sind es Sinnbilder, die wir für Zierate ansehen, um die es sich zumeist handelt und die ja schliesslich auch reine Schmuckbedeutung erhielten.

 

Gestalt. Die Griechen scheinen es gewesen zu sein, die als erste unter den nach dem Süden gezogenen Nordvölkern unter dem Einflüsse der Geistestätigkeit des Mittelmeerkreises Götter und noch dazu solche in Menschengestalt einführten. Der Iranier kannte nur Natur und Welt, sah beide in der Landschaft bzw. in all den Lebewesen, die diese füllen. In der Bildenden Kunst zeigt daher Iran eine so ausgesprochen der Gestalt nach andere Welt als Hellas, geschweige denn die altorientalischen Machtstaaten, dass wir darin wie noch im Islam am stärksten das Andersartige empfinden und dafür nach einer Erklärung durch

 

 

 

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die Entwicklungsforschung verlangen. Die Einheit zwischen Hellas und Iran liegt eben nicht in den sachlich an die wechselnde Umgebung gebundenen Werten von Zweck, Gegenstand und Gestalt, sondern, wie wir sehen werden, in Form und Gehalt. Der Gegensatz spitzt sich besonders der Gestalt nach zu. Wir werden in der Vorstellung vom griechischen Tempel erzogen; in Zukunft müssen wir, um dem Begriffe Tempel gerecht zu werden, vollkommen umsatteln. Vorläufig vertragen sich Säulen- und Giebeltempel in keiner Weise mit dem Kuppeltempel und doch kommt es im Sinne des Nordens gerade darauf an, sich beide nebeneinander als aus verschiedenen Werkarten desselben Rohstoffes hervorgegangen vorzustellen. Der “Tempel” an sich ist eine südliche Neuerung, die Griechen gehen dazu über vom Holzhause mit Pfettendach, die Iranier zwar ebenso vom Blockbaue, aber vom osteuropäischen Holzhause mit dem Übereckdache, aus dem im Rohziegelbaue die Kuppel über dem Quadrat wird, in das Rund übergeleitet durch die Trichternische.

 

Nicht viel anders liegen Einheit und Gegensatz der griechischen und iranischen Kunst in den Gestalten, mit denen mittelbar verständliche Zeichen einer Art Darstellung geschaffen werden. Hellas verwendet dafür ebenso Sinnbilder wie Iran; davon später, soweit die Bedeutung an sich in Betracht kommt. Der Erscheinung nach aber besteht der grösste Gegensatz insofern, als das, was der Grieche durch die menschliche Gestalt andeutet, der Iranier aus der Landschaft nimmt, wobei in deren Rahmen neben Tier und Pflanze auch der Mensch auftreten kann. Niemals ist er, soweit nicht die Machtkunst eingreift, an sich und um seiner selbst willen wie im griechischen Gegenstand der Darstellung.

 

Das wichtigste Kennzeichen der Landschaft in der Bildenden Kunst des Nordens muss ursprünglich der Fels gewesen sein. Wir lernen das von Iran aus so eindringlich kennen, dass wenn die Italiener bis auf Leonardo keine andere Landschaft als die Felslandschaft verwenden, wir allmählich genau sehen, woher sie diese Art haben: vom Norden über Iran und den Hellenismus, zuerst vermittelt durch die Grossmalerei und das Mosaik, später durch die Handschriftenmalerei.

 

Die Gestalt ist schon aus diesem Grunde nie naturnahe, sie dringt nicht als Wirklichkeit durch das Auge allein in die Kunst, sondern geht immer den Weg der Vorstellung durch das eigene Innere. Wenn den Felsen oder Bäumen etwas Gleichförmiges anhaftet, so ist das eben aus der im Vordergründe stehenden Zeichensprache zu erklären.

 

Form. Wir sind in Europa kaum noch imstande, die Form von der Gestalt loszulösen, so sehr hat uns die naturalistische Übertreibung der Italiener irre gemacht. Wir wissen gar nicht mehr, dass eine Kunstform reine Form ohne Gestalt, vor allem ohne menschlich naturwahre Gestalt sein kann und müssen darauf erst wieder durch scheinbare Unarten der Bildenden Kunst der Gegenwart aufmerksam gemacht werden. Das Spiel freier Rhythmen in Punkt Linie, Fläche, Körper und Farbe, eher begreiflich von der Landschaft als jemals von der menschlichen Gestalt aus, das entscheidet in der eigentlich asiatischen Kunst. Darin ist Ostiran d. h. Westasien das feste Bollwerk gegen die völlig anders im Sinne des Mittelkreises ausgebildete Kunst Vorderasiens.

 

Wir halten das, was wir die geometrische Form nennen, für minderwertig und verraten damit am deutlichsten, wie sehr wir unserer eigenen europäischen Nordnatur, wie sie ursprünglich

 

 

 

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im Einklänge mit dem eigentlichen Asien war, entfremdet wurden. Iran neigt darin zur geraden Linie, im Gegensatz zu den alten Amerasiaten und Türkvölkern, die die geschwungene Linie man könnte fast sagen, geschaffen und überallhin bis zu den Spielereien des La Tène-Rokoko verbreitet haben. 3) Es wäre zu erwarten, dass wenn sich die europäische Kunstgeschichte schon auf die Formprobleme der Machtkunst versteift, sie wenigstens eine Ahnung hätte von der anderen Art, die man Norden nennt und die ihren wichtigsten Zeugen gerade in dem Auswanderer kreuzungspunkte hat, den wir Iran nennen. Insbesondere sollte Iran in dem Werte, den wir für das Um und Auf der Bildenden Kunst überhaupt halten, in der Raumfrage nachdrücklich Beachtung finden; das würde uns von dem Wahne heilen, Perspektive, d. h. Raumdarstellung für die einzig richtige Art zu halten, künstlerisch Raumwirkung zu erzielen. Die Iranier bauen ihre Landschaft nicht in die Tiefe, sondern in die Höhe.

 

Gehalt. Man hört immer öfter aussprechen, Europa fehle die Seele, man müsste sie in China, in Indien suchen; Europa habe seine Religion von gewissen primitiven Stämmen in Syrien bezogen und es sei höchste Zeit, dass es sich Chinas und Indiens so bewusst werde, wie jetzt Italiens, Griechenlands, Ägyptens und selbst des alten Assyriens. Glücklicherweise haben wir einen etwas kürzeren Weg, um hinter diese Lücke zu kommen und sie auszufüllen, brauchen nicht erst nach Indien und China zu gehen, sondern können uns, was wir brauchen, wie die Schönheit von Hellas, so die Sittlichkeit und den Glauben von Iran holen, das, was es vom Norden empfangen, nach Indien und China weitergegeben hat, ähnlich wie Griechenland seine Kunst weiter nach Europa gab.

 

Darauf spitzt sich letzten Endes der Unterschied zwischen Hellas und Iran, wie von Europa und Asien überhaupt zu: die dem Irdischen zugewandte Schönheit, schliesslich verkörpert in der menschlichen Gestalt einerseits und drüben jene Versunkenheit in die letzten sittlichen Lebensfragen, die der Ich-Verleugnung im eigenen Körper gleichkommt und in dem völligen Versunkensein des Yima bzw. des Buddha ihren vollkommensten Ausdruck gefunden hat. Aber wir wollen ja nicht sehen, dass, was Dürer in seiner Melancholie oder die Manessische Handschrift als Leitgestalt für den Dichter gegeben hat und was mit der bekannten Dichtung Walters von der Vogelweide übereinstimmt, die Seele des Nordens ist, ob nun von einem deutschen oder iranisch-buddhistischen Meister gegeben.

 

Und dabei ist nicht einmal die menschliche Gestalt in der Bildenden Kunst des Nordens Träger des Ausdrucks, nur für uns wird erst in ihr, der in die Kunst der Nordvölker vom Mittelmeere her eingedrungenen Gestalt des Menschen, verständlich, was gemeint ist. Wir haben eben, im Mittelmeerglauben erzogen, keine Ahnung vom Norden. Entscheidend ist im Hinblick auf den seelischen Gehalt der sinnbildliche Ausdruck; darin liegt die Einheit der für die Schicksale der Bildenden Kunst entscheidenden beiden arischen Hauptströme; ob in Hellas die menschliche Gestalt, in Iran die Landschaft verwendet ist, immer bleibt das der Natur entnommene Zeichen Sinnbild, wird in ewiger Tugend nicht mit der von der Macht eingeführten Rangordnung bekleidet. Für den Nordmenschen gibt es nur eine einzige

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3) Vgl. Altai-Iran und Völkerwanderung, Leipzig, 1917, und jetzt auch “Der Amerasiatische Kunststrom,” Ostasiatische Zeitschrift, 1935, XI, S. 169 ff.

 

 

 

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seelische Einheit, die die im All wurzelt, nicht wie in der Machtkunst des alten Orients, in Hellenismus und Rom eine Vielheit, die in der Folge Gott, Herrscher und Untertan wurzelnd, jedem eine andere Gesinnung vorschreibt.

 

Wir haben ganz verlernt, Sinnbilder zu sehen, es fehlt daher von vornherein das Verständnis für den Norden und das Iranische im besonderen, von dem noch aus seinen Ausbreitungsgebieten her mehr erschlossen werden kann, als vom Norden selbst aus, weil im Süden Rohstoffe verwendet wurden, die erhalten blieben, während der Norden leider in vergänglichen Rohstoffen arbeitete.

 

III. Entwicklung. Als vor Jahrzehnten “Dilettanten” aufstanden und uns den Wert des Ariers klarzumachen versuchten, glaubten wir, man wolle uns etwas, womöglich im gegenjüdischen Sinne einreden. Heute sieht die Sache allmählich doch etwas anders aus. Wir sehen in den Romanen und ihrem Anhange in Afrika, den Negern, keine geringere Gefahr als in den Juden, ahnen, dass wenn wir uns nicht bald zusammennehmen und auf die eigene Seele besinnen, der Untergang des Abendlands besiegelt sei. Nordbesinnung tut not, wir dürfen uns nicht länger geistig in den Händen der Humanisten und Romanen lassen, müssen dem Vordringen der äquatorialen Lebensgier mit aller Entschiedenheit die nordische Seele entgegenhalten. Die Nordvölker sollten sich aufraffen, auch die Nordamerikaner, sonst geht es ihnen allen an den Kragen. Der Nordmensch muss zur alten Einheit, die Asien mitumfasste, zurückkehren. Mit der völligen Unterjochung Europas durch die Machtgesinnung und den damit verbundenen Mittelmeerglauben ist dem Norden jede Vorstellung von dem verloren gegangen, was ich als Beharrung bezeichne, jene in Lage, Boden und Blut verwurzelten Kräfte, die das Werden der Menschheit seelisch bestimmten, bevor im Mittelgürtel zwischen Nord und Süd das entstand, was wir die politische Macht nennen, eine Bewegungserscheinung, die sich über alle Gegebenheiten von Lage, Boden und Blut hinwegsetzt. Wir glauben jetzt nach jahrtausendelanger Herrschaft der Machtunnatur gar nicht mehr an die Möglichkeit eines natürlichen Seins, verwechseln Glaube mit Konfession und Ordnung mit Macht, Geist mit humanistischer Bildung; darüber ist uns die Seele abhanden gekommen. Kann die Entwicklung wieder in ihr uraltes Bett zurückkehren, aus dem Europa durch die Ketten von Rom und Byzanz abgezogen worden ist?

 

Zusammenfassend lässt sich nach dem oben über das Wesen der iranischen Kunst Vorgebrachten sagen, dass sie für das eigentliche Asien der seelische Brennpunkt war in ähnlicher Art, wie es Hellas im Westen wurde; nur vertritt Iran das alte Indoariertum reiner in der bildenden Kunst insofern, als es der Machtkunst des Mittelmeerkreises entrückt und für die Nachschübe vom Norden und Osten offen, die menschliche Gestalt auf die Dauer fernhielt, dafür aber alles, was Zierat war, in sich, die alte Rohziegelbaukunst mit ihrer sinnbildlichen Verkleidung, aufnahm. Irans Gottesvorstellung blieb rein von Vermenschlichung, die Natur, die Landschaft, die einzelnen Tiere und Pflanzen, die sie beleben, blieben die sinnbildlichen Zeichen, durch die das Einssein der Seele mit dem All ausgedrückt wurde; nur am persischen Hofe, in Berührung mit dem alten Oriente und dem Hellenismus nach Alexander bildete sich eine Machtkunst aus, die im Dienste von Hof, Kirche und Bildung stand und das Vorbild des spätantiken und christlichen Rom und Byzanz wurde.

 

 

 

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Beharrung. Den in der humanistischen Überlieferung Erzogenen, der womöglich nur Hellas als auffallend beharrende Kraft in der europäischen Überlieferung gelten lässt, überrascht es ungemein, wenn er ein ähnlich zähes Beharrungsvermögen im inneren Asien im Vorlande des Pamir, jenem Ostiran oder Westturkestan erkennen muss, das im Nordisch-Volkstümlichen beharrt, während im Süden der persische Hof nur zu willig dem Vorbilde der altorientalischen Monarchien folgt. Es ist das ostiranisch-transoxanische Dreieck zwischen Kaspi- und Aralsee in der Grundlinie, mit der Spitze am Induslaufe, das Asien seelisch nach allen Richtungen hin befruchtet und sich bewunderungswürdig zäh im Festhalten der indoarischen Überlieferung bewährt hat. Es ist dieses Kerngebiet, in dem die Veden ebenso wie die Kämpfe der Mahabarata zu Hause sind und das nach allen Stürmen, die Türkenvölker, Hellenismus und Islam über das Land brachten, an der Geburtsstätte und dem Schaffensgebiete zugleich des Zarathustra doch wieder einen Firdusi und das Schahname entstehen liess. Avesta und Feuertempel haben von hier aus ihre Weltbedeutung errungen und ebenso die westlichen Weltreligionen den Kuppelbau über dem Quadrat und den sinnbildlichen Schmuck der Pergamenthandschriften über Europa verbreitet. Darin liegt eine zäh beharrende Kraft, die selbst den Stürmen der Hunnen und Mongolen, wie (künstlerisch wenigstens) sogar der Bilderfeindlichkeit des Islam gewachsen war. 4)

 

Lage. Iran ist nicht wie Hellas oder Indien eine in den Süden bzw. den mittleren Machtgürtel hineinragende Halbinsel, sondern der im Norden des gebirgigen Rückgrates gelegene Kreuzweg von ganz Asien, als solcher in dessen Mitte gelegen. Die Folge davon ist, dass es sich nicht so eng wie Indien oder Hellas mit dem Süden oder dem mittleren Machtgürtel berührt hat. Wüsten und Gebirge schliessen es gegen Süden ab, während der Norden wie ein Trichter sich nach dem Vorlande des Pamir öffnet. Infolge davon ist dieser Westen des eigentlichen Asien ausgesprochenes Nordland geblieben. Nur Persien, das sich bis an das südliche Meer vorschob, verfiel wie gesagt dem altorientalischen Machtwahne. Aus solchen Überlegungen heraus versteht man auch, warum Iran (nicht Persien als Macht) immer wieder den grössten Einfluss auf den Norden Europas, die Slaven wie die Germanen ausgeübt hat, wie vorher schon als sich auf seinem Boden Amerasiaten und Indogermanen trafen. Das “Dach der Welt,” wie die Gegend auch heisst, kennzeichnet als Schlagwort gut die Bedeutung der Lage.

 

Boden. Die künstlerisch entscheidende Kraft Irans liegt in dem Rohstoffe, der allein für das Hochland der Wüste und Steppe, wie für das Zweiströmeland des Oxus und Jaxartes (Amu- und Syrdarja) in Betracht kommt. Aus ihm heraus ist viel von der Eigenart jenes Bauens sowohl wie des Ausstattens zu verstehen, das für Westasien bis Mesopotamien herein so überaus kennzeichnend ist: der Lehm. Man würde vom Mittelmeerstandpunkt aus urteilend, ein Bauen in der Art der Paläste Mesopotamiens erwarten; das ist aber nicht der Fall, einmal weil die volkstümlichen Voraussetzungen in Iran selbst doch andere und dem Machtwillen gegenüber als eine zähen Widerstand leistende Kraft wirkten und dann weil, wie ich schon in meinem Armenienwerke herausarbeiten musste, der von den Indoariern aus Europa mitgebrachte Holzbau auf Iran entscheidenden Einfluss gewann und, in

 

 

 

4) Vgl. meine Asiatische Miniaturenmalerei, Klagenfurt, 1933.

 

 

 

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den Rohziegelbau übersetzt, andere Grundformen zeitigte als im Palastbau Mesopotamiens, der ja auch z. T. den Rohziegel und etwas verwendet, das in Iran ausgesprochenes Heimatsrecht besitzt, die Verkleidung der Lehm Wände durch edlere Baustoffe, darunter in erster Reihe die Fliesse.

 

Wenn die Kunstgeschichte bisher auf diese Dinge nicht achtete, so geschah es, weil sie auf die Kräfte des Bodens an sich überhaupt nichts gab und leichtfertig nur dem Erhaltenen nachging. Vom Rohziegelbau können aber wie vom Holz- und Zeltbau nur die jüngsten Schichten erhalten sein, die Kunstgeschichte wird eben nicht rein geschichtlich vorgehen, d. h. nicht nur mit dem Steinbau rechnen dürfen. Im eigentlichen Asien liegen die Dinge ganz anders als im Mittelmeerkreise und den Ländern, in denen die Macht Stein verwendete. Dort kommt zu dem auch im ursprünglichen Europa entscheidenden Holze der Rohziegel und seit das durch Hebung des Bodens umgebildete Hochasien wieder besiedelt wurde, das Zelt.

 

Ich sehe das alles durch jahrzehntelange Beobachtung meines Arbeitsstoffes, der Denkmäler der Bildenden Kunst, indem ich sie nicht einfach “historisch” nach dem auf uns Gekommenen ordne, sondern dazu gedrängt werde, dem Nicht-Erhaltenen mehr oder weniger den Vorrang zu geben und in die eigentlich wissenschaftliche Arbeit dadurch einzutreten, dass ich von der Geschichte auf Wesen und Entwicklung übergehe, daher notgedrungen nach den Anfängen und dem Unbekanten forschen muss.

 

Erhalten ist uns vom alten Holzbau Asiens ebensowenig, wie vom alten Rohziegelbau und dem Zeltbaue. Aber wir haben Verfahren, um vor allem durch Rückschluss auf die Anfänge kommen zu können nicht zuletzt von der islamischen Kunst aus. Einige Beispiele. Da sind einmal die Kurgane mit versenkten Zelten oder Häusern, in Anau Siedlungen, aus denen wir dem Rohziegelbau in seiner ursprünglichen Art werden beikommen können. Über den Holzbau habe ich die ersten Versuche dieser rückschliessenden Art für Asien bereits in meinem Armenienwerke 1918 gemacht. Mit Bezug auf Iran im besonderen wird man erst dann eine feste Forschungsgrundlage gewinnen, wenn wir endlich anfangen, die grösste bestehende Lücke der Geschichte der Baukunst auszufüllen, die Geschichte der Kuppel über dem Quadrat in Anschluss an das nordische Haus bzw. den iranischen FeuertempeL Er wurde im Osten ebenso massgebend wie im Westen die Basilika. Die längst in Iran angefertigten Aufnahmen der Feuertempelreste sollten nicht länger zurückgehalten werden.

 

Blut. Entscheidend in der Blutfrage ist die Einwanderung von Nordvölkern, Amerasiaten und Indogermanen, in das Vorpamirland und dass die Türkvölker doch frühestens gegen die dort ansässig gewordenen Völker in der Zeit vorgingen, die wir in Europa als La Tène bezeichnen, d. h. also etwa in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends vor Christus, soweit in solchen Fragen der Kunstforscher mitreden kann. Es müsste das also etwa in der Zeit geschehen sein, als die persische Macht im Nordosten des Landes die Einfälle der Nordvölker und hochasiatischen Hirten nicht mehr aufhalten konnte und der Vorstoss Alexanders in dem geschwächten Lande vollendete, was nun für über ein halbes Jahrtausend darauf lastete: Fremdherrschaft. Den Sasaniden gelang es zwar, gegen die Parther das Persertum wieder aufzurichten, aber die Entscheidung lag doch schliesslich beim Islam und dass dieser

 

 

 

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Glaube, die ausgesprochene Wüstenreligion, Türken und Perser friedlich zur Durchdringung brachte. Die Türken setzten sich mit ihrem Zelt nicht gegen den Rohziegel durch, sie gewannen nur Einfluss auf die farbige Ausstattung.

 

Wären die Makedonier statt erobernd mit Machtansprüchen als Brudervolk zu den Iraniern gekommen, dann hätten sie den Zusammenschluss dieser Iranier mit den Griechen fördern können. Statt eines Helliranismus, der richtigen Kallokagathia, entstanden gnostische Übergänge, die das Christentum wie den Islam im Gefolge hatten und statt zur Einheit zur Trennung auf Jahrtausende führten. Ob aus der heute dämmernden Erkenntnis, dass Iran sich seelisch besser mit dem Norden für die Zukunft Nutzen entstehen kann? Wenn die europäischen Nordvölker sich heute mit den alten Griechen und Iraniern verwandt zu fühlen beginnen, statt immer wieder dankbar die Hand zu küssen, die sie von Rom oder Byzanz aus unterworfen hat, so kann das für die Zukunft fruchtbar werden wenn, die indogermanische Völkerwanderung jene beharrende Kraft bewährt, die den Norden Europas immer wieder über die baltische Brücke und Osteuropa mit der Mitte Asiens in innigster Verbindung zeigt, nicht nur auf Handelswegen, sondern vor allem in seelischer Beziehung.

 

Machtwille. Wie man Hellas in seinem Zusammenhänge mit dem Norden nicht verstehen kann und nicht verstand, solange man es mit dem kaiserlichen Rom und den altorientalischen Monarchien zusammen in einen Topf wirft, so konnte man auch nicht ahnen, was Iran für Europa und Asien bedeutet, solange man es nicht von Persien lostrennte, vielmehr glatt zum “Orient” rechnete. Iran ist aber nicht Orient, sondern Norden; die wiederholt auftauchende Nötigung, Europa bis zum Pamir reichen zu lassen, hat darin seine Begründung. Dabei handelt es sich natürlich immer nur um das ursprüngliche Europa, nicht um den von Rom und Byzanz der Macht unterworfenen Erdteil. Die Macht hat Iran niemals ganz zu überwältigen vermocht, das Land lag zu fern vom Süden und dem mittleren Machtgürtel und war dem Norden und bald auch Hochasien zu nahe, lag für beide schliesslich zu offen da. Das ostiranische Dreieck hat immer wieder jeder vordringenden Macht gespottet, nirgends ist die alte Indoarierüberlieferung so sehr im Volke entscheidend wirksam geblieben wie in dem Lande, das den Glauben ebenso wie die Sagen und Kämpfe der Arier immer wieder zum Aufflammen brachte — in Zeiten noch, in denen Hellas längst tot war, ein Opfer der Mittelmeermächte, wie bald auch ganz Europa. Iran hat am längsten widerstanden, von dort und Indien aus lässt sich vielleicht heute noch der Einstieg in die Nordfragen trotz des Islam eher finden als von Hellas aus.

 

Bewegung. Als Kreuzweg Asiens war Iran, ich meine seine Nordostecke, die asiatische Bewegungsmitte schlechtweg. Die entscheidenden Bewegungsachsen, die sich hier gegenseitig durchsetzten, waren erstens alle jene Durchbrüche, die vom Norden Europas und Asiens her hier am Ende der Sibirien und Hochasien trennenden Gebirge vom Pamir bis zum Kaspischen Meere erfolgten und zweitens später alle die Vorstösse, die Hochasiaten nach dem Westen vollführten. Wir könnten das eine Achsenpaar kurz das amerasiatisch-indogermanische, das andere das türkisch-mongolische nennen, jedenfalls sind damit die für das geistige Wesen der bodenständigen iranischen Kunst wichtigsten Einschläge angedeutet. Auf dem der Beharrung nach ausgesprochenen Lehmziegelboden Irans gewinnt die nordeuropäische

 

 

 

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Holzbauweise, das Blockquadrat mit dem Übereckdache ebenso Boden wie in der Ausstattung die Buntfarbigkeit der nordasiatischen Zeltkunst. Die persische Macht hat dazu noch Altmesopotamisches und Aegyptisches ebenso wie Indisches in sich aufgenommen, ihr verdankt ein Luxus seine Eigenart, der sich im Handwerk und nicht zuletzt auch in der reichgemusterten Ausstattung der Pergamenthandschriften äussert. Das sind einige Beispiele der Einflüsse, die in die iranische Kunst eingedrungen waren.

 

Andererseits die Ausbreitung der iranischen Kunst: sie hat eine so grosse, vorläufig noch so völlig ungeahnte Bedeutung, dass man sagen kann, Feuertempel und Avesta hätten in Europa wie Asien mehr als Basilika und Bibel gewirkt in der Zeit bevor Rom, zuerst das kaiserliche und dann das päpstliche Rom sich mit dem Steinbau durchsetzten und Byzanz im Osten zuerst und dann die Russen nach dem Mongolensturm einen Wall gegen Asien aufrichteten. Dann geht der Weg freilich nicht mehr unmittelbar den Donau- oder gar den Nordweg selbst, sondern wird beschränkt auf das, was über das Mittelmeer zuströmt. Seit dieser Zeit hat sich die Meinung festgesetzt, als wenn es einen Nordweg überhaupt nie gegeben hätte. Und doch ist er in der Übertragung der Avestaausstattung auf Pergament nach dem Norden Europas ebenso greifbar, wie im Ursprung und der Ausbreitung der Leitgestalt des Feuertempels, d. h. der Kuppel auf vier Pfeilern über dem Quadrat.

 

Wir sind heute überzeugt davon, dass die Leitgestalten des griechischen Bauens ganz Europa für sich gewonnen habe; in ähnlicher Weise dürften wir allmählich zur Einsicht kommen, dass iranische Sinnbilder in ganz Asien übernommen wurden, am eindringlichsten kommt das wohl zur Geltung in der altchinesischen Landschaftsmalerei: was wir Philosophenlandschaft nennen, die Spiegelung des Alls in einem zumeist von einem geduldigen Diener begleiteten Beschauer, ist dafür kennzeichnend. Das alles wird noch lebendig greifbar sein, solange die Schiene und das Flugzeug die Karawane nicht ganz verdrängt haben.

 

Am stärksten hat Iran auf die islamische Kunst gewirkt, nachdem zuerst die Ṭūlūniden und später die Fātimiden in Aegypten über die syrischen und koptischen Christen als Bauhandwerker hinweg iranisches Kunstgut zur Geltung gebracht hatten. Das bewährte sich zuerst als man in Sāmarrā ausgrub und dort das Vorbild für die Ibn Ṭūlūn in Kairo fand und ist jetzt erst recht durch die in der grossen Moschee zu Damaskus aufgedeckten Mosaiken, wie früher schon durch die in Jerusalem bestätigt worden.

 

IV. Beschauer. Es ist noch gar nicht lange her, dass ein Gelehrter sich fast um die Fähigkeit, an einer Universität vortragen zu dürfen, brachte, wenn er glaubte nachweisen zu können, dass z. B. Miltiades von Abstammung Perser gewesen sei; so minderwertig schätzt man das indoarische Brudervolk der Griechen, die Iranier ein. Die alten Griechen als westliche Indogermanen haben darin grössere Achtung aufgebracht als die Gelehrten von heute, indem sie seit Alexander mehr als man jetzt zugibt, von den östlichen Indogermanen übernahmen; ich erwähne nur Platos Wandlung und was ich Hellas in des Orients, d. h. Irans Umarmung nenne. Die Weisen von heute ahnen noch gar nicht, dass hinter Persien Iran steckt; so bleibt ihnen verschlossen, was als seelische Voraussetzung dessen, was an Persien wertvoll ist gegenüber dem alten Oriente, das nordische Indogermanentum ausschlaggebend in Betracht kommt.

 

 

 

Quelle: Ars Islamica V. 1 (1937) S. 42-53. Detroit Institut of Arts; University of Michigan. Research Seminary of Islamic Art. University of Michigan Press

 

Dieser Artikel von Joseph Strzygowskis kann im Internet unter folgendem Link eingesehen werden:

https://library.si.edu/digital-library/book/arsislamica41937detr

 

 

 

 

 

Rezension: The Zend-Avesta and Eastern Religions

The Zend-Avesta and Eastern Religions. Comparative Legislations, Doctrines and Rites of Parseeism, Brahmanism and Buddhism; bearing upon Bible. Talmud. Gospel, Koran, their Messiah - Ideal and Social Problems. By Maurice Fluegel, Baltimore U. S. A. 1898. Bespr. v. Eugen Wilhelm.

 

Herr Maurice Fluegel hat sich die hohe Aufgabe gestellt, in den verschiedensten Religionssystemen, welchen er eingehendes Studium gewidmet hat, von den ältesten Zeiten herab bis auf die Neuzeit den allen zu Grunde liegenden gemeinsamen Kern nachzuweisen. *) Der uns vorliegende Band beschäftigt sich hauptsächlich mit der Darstellung der Religion des Avesta, der Bibel der heutigen Parsen, unter stetem Hinweis auf das, was die Bücher des Alten Testaments mit den einzelnen Teilen des Avesta, der Pentateuch besonders mit dem Vendidâd Gemeinsames bieten. Im Verlaufe seiner Studien hat Herr Fluegel gefunden, dass diese „beiden Bibeln des Ostens und des Westens“ Jahrhunderte lang nebeneinander existiert haben müssen, sich gegenseitig beeinflussend, mit einander übereinstimmend oder sich widersprechend, und dass beide harmonisch zusammen gewirkt haben, um die rohen Mythologieen der Juden und Griechen zu bekämpfen. Das Ergebnis seiner Untersuchungen ist kurz folgendes. Im allgemeinen scheint es, dass der Zoroastrismus eine Reformation des Hinduismus und die mosaisch-prophetische Lehre eine weitere und radikalere Reformation der vereinigten Mythologieen des Ostens und Westens, des medisch-persischen Reiches, Griechenlands, Kleinasiens, Aegyptens und Europas war, und dass diese beiden Reformationen in noch früherer Zeit sich in Chaldäa die Hände gereicht und ihren gemeinsamen Mittelpunkt und Herd in der Epoche der biblisch-patriarchalischen Religion gefunden haben. So mögen Ur der Chaldäer, Haran, Hebron, Ramah, Jerusalem etc. die Glieder gewesen sein, welche die vielen Ringe der Kette gereinigten metaphysisch-ethischen Denkens zwischen dem äussersten Osten und dem äussersten Westen der zivilisierten Welt des Altertums zusammenhielten. Die häufigen Polemiken des Deuteronomium, Elias, Jesaia II etc. bezeugen unzweifelhaft diesen doppelten Charakter der mosaischen Reformation. Diese beiden Reaktionen gegen frühere Mythologieen begannen in sprachhistorischer Zeit; die östliche begann mit dem Zarathushtra des Avesta, die westliche mit dem Abraham des Pentateuch. Jeder dieser zwei ethischen Ströme hatte eine rationalistische und eine mystische Phase. Das Avesta enthält beide Anschauungsweisen, die rationalistische und die geheimnisvoll-dunkle, die logische, raisonnierende und die übernatürliche. Der Pentateuch enthält vorwiegend die rationalistische, aber seine Weiterentwickelungen, der Talmud auf der einen Seite und das Neue Testament auf der andern zeigen beide Phasen, die rationalistische und die übernatürliche. Diese letzteren Elemente, die mystischen, welche sich auf Glauben und Intuition gründen, aber im Laufe der Jahrhunderte ausserordentlich zunahmen, fanden ihren vollen Ausdruck und ihre Verkörperung in der späteren Kabbala und ihrer Bibel, dem Zohar. Das Buch ist offenbar für einen grösseren Leserkreis bestimmt und kann einen solchen mit Recht erwarten. Auch wenn man sich durch die Ausführungen des Herrn Verfassers nicht durchweg überzeugen lassen kann, wenn man ferner an der behaglichen Breite der Darstellung und öfteren Wiederholungen Anstoss nimmt, so wird man ihm doch für das, was er gewollt, und für das, was er erreicht hat, gerechte Anerkennung nicht versagen dürfen. Wohlthuend berührt die Wärme, mit welcher der tief religiös angelegte Verfasser sein Thema behandelt, und der Zug der Toleranz, welcher das ganze Buch durchweht.

 

Jena.

 

*) Vergl. folgende Schriften des Verf.: Thoughts on Religious Rites and Views — Spirit of Biblical Legislation — Messiah-Ideal Vol. I.: Jesus of Nazareth Vol II.: Pacel and the New Testament — Mohammed and the Koran.

 

 

Quelle: Orientalische Litteratur-Zeitung. Dezember 1899. Sp. 403-404

 

 

 

 

Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage. 1)

Von Josef Strzygowski.

 

Jene Männer, die einst die wissenschaftliche Forschung über bildende Kunst begründeten, trachteten zweierlei durchdacht zu haben, bevor sie sich bestimmten Gebieten zuwandten: das Wesen der Kunst im allgemeinen und das Verhalten der verschiedenen Teile der Erde in dieser Richtung. So entstand seit 1843 Karl Schnaases „Geschichte der bildenden Künste“, deren zweite Auflage, gerade die geographisch angeordneten Teile bis zum Eintritte der Renaissance umfassend, der Meister († 1873) noch selbst leiten konnte. Man muß die Literaturangaben nachsehen, um zu staunen, mit welcher Hingabe damals der Gesamtkreis der Erde auf Grund der Reiseberichte in die kunstgeschichtliche Forschung einbezogen wurde. Seit den Siebzigerjahren erst ist es üblich geworden, sich auch als Kunstforscher von vornherein in einem kleinen, womöglich rein europäischen Gebiete geschichtlich einzuspinnen, ja es gilt heute fast für unwissenschaftlich, dies nicht zu tun. Museum und heimische Denkmalpflege haben die Oberhand gewonnen, beide verlangen Sonderkenntnisse und die volle sprachliche und
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1) Der Verfasser folgt mit diesem Aufsatz einer Einladung der Schriftleitung, das Buch von Dr. Ernst Diez: „Die bildende Kunst der islamischen Völker“ (Handbuch der Kunstwissenschaft, herausgegeben von F. Burger, Berlin-Neubabelsberg, Akad. Verlagsgesellsch. Athenaion, 1915) zu besprechen. Er zieht bei dieser Gelegenheit noch andere Neuerscheinungen heran, vor allem Karl Woermann: „Geschichte der Kunst aller Zeiten und Völker“, Bd. 11. 2. Aufl. (Farbige Völker und Islam), Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut, 1915, und einige Bände der „Arbeiten des kunsthistorischen Instituts der Wiener Universität (Lehrkanzel Strzygowski)“.

 

 

 

21 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

geschichtliche Beherrschung des Kreises, dem sie, beziehungsweise die einzelnen Abteilungen der Museen, gewidmet sind. So hat sich der Gesichtskreis des einzelnen in einer Weise verengt, die den Bestand des Gesamtfaches ernstlich gefährdet. Es ist Zeit, daß die Kunstforschung sich wieder auf das Ganze ihrer von der Sprache unabhängigen Denkmälerwelt besinnt, erkennt, wie auf dem historisch-philologischen Wege nur die Vorstellung eines Nebeneinanders, nie jene die Tatsachen der bildenden Kunst nach ihrem Wesen gegeneinander abwägende Gesamteinsicht entstehen kann, die zum Bestande des Faches gehört. Sie müßte Voraussetzung und Ziel der Arbeit sein, also den Rahmen der Einzelforschung abgeben, soll diese als im Rahmen eines selbständigen Faches betrieben gelten. Die erste Forderung dabei ist eine Einigung der Forscher über Wesen und Begriffe — das geht alle in gleicher Weise an —, die zweite, daß es eine Gruppe von Denkern gebe, die bei aller Verpflichtung zu eindringlicher Forschung auf einem Sondergebiete, doch den Einblick in das Ganze als ihre wichtigste Aufgabe betrachtet und über die historisch-philologische Einengung hinaus die Kenntnis der Denkmälerwelt des Erdkreises anstrebt. Das aber scheint eine Forderung, die in erster Linie von den Vertretern an Hochschulen erfüllt werden müßte, einmal weil nur da diese Einstellung amtlich überhaupt möglich ist (Museum und Denkmalpflege können sie nicht erfüllen) und dann weil nur an den mit den Lehrkanzeln zu vereinigenden Forschungsinstituten jene Arbeitsbehelfe beschafft und gesichtet nebeneinander bereit gehalten werden können, die es dem Vertreter der Lehrkanzel unter steter Mitwirkung der Abteilungsleiter ermöglichen, das Gesamtfach zu vertreten 2). Der Einzelne wird sich freilich zu der hier geforderten Höhe von Wissen und Einsicht nur im Laufe eines arbeitsreichen Lebens durchringen können und auch dann noch der steten Mitarbeit von Sonderforschern bedürfen, die, im Gesamtbetriebe des Faches neben dem Führer aufwachsend, seine Bemühungen einst weiterführen. Solche Arbeitsstätten der Forschung über bildende Kunst werden daher grundsätzlich zwei Richtungen
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2) Vgl. meinen Aufsatz: „Das Kunsthistorische Institut der Wiener Universität.“ Die Geisteswissenschaften, I (1913) , S. 12 f.

 

 

 

22 Josef Strzygowski.

 

nebeneinander zu pflegen haben: einmal die Erforschung der geographisch geordneten Einzelgebiete des Erdkreises, auf die Feststellung geschichtlicher Tatsachen, das was war, ausgehend, zum zweiten die nach künstlerischen Werten geordnete planmäßige Wesensforschung, die aus den geschichtlich aufgewiesenen Möglichkeiten heraus das was ist zu verstehen sucht. In diesem Rahmen sollten die Fachmänner herangebildet werden, seien es nun solche, die an Sammlungen, solche die in die Denkmalpflege übergehen oder solche, die an dem Gesamtaufbau des Faches mit aller Selbstverleugnung und Hingabe lebenslang weiter arbeiten wollen. Die erstere Gruppe wird immer an Geschichte und Philologie der einzelnen Kulturkreise eine feste Stütze haben, die letztere muß sich ihren Weg allein bahnen und darf weder Irrtum noch Zurücksetzung scheuen, um der Einseitigkeit zu steuern und zu erkennen, was die Wesenheit „Bildende Kunst“ für die Menschheit eigentlich bedeutet.

 

Die Erde als Ganzes zu betrachten und diesen Gesichtskreis auch in der Einzelforschung nicht aus dem Auge zu verlieren, ist in der Kunstgeschichte nicht mehr üblich. Ich sage: nicht mehr; man findet diese Richtung wohl noch in den Handbüchern über bildende Kunst, am besten in Woermanns Geschichte der Kunst aller Zeiten und Völker. Aber da ist sie eben nicht eine neue, aus dem Drängen der Gegenwart hervorgegangene Tat, sondern mehr ein glücklich bis auf unsere Tage verbliebener Rest jenes glänzenden Zeitalters, in dem zuerst Kugler, dann Schnaase, endlich Lübke ihre Handbücher schrieben, Weltgeschichten entstanden und die indogermanische Sprachforschung sich Bahn brach. Woermann will „die Entwicklung des künstlerischen Geistes und der künstlerischen Formensprache der Menschheit“ geben. Dazu wäre meines Erachtens eine Einteilung des Stoffes nach dem Wesen des Künstlerischen notwendig, nicht lediglich ein Nebeneinanderstellen der Kunst nach Zeiten und Völkern. Erst der Vergleich könnte ein Bild der künstlerischen Entwicklung der Menschheit bieten.

 

Und doch zeigt gerade Woermanns „Geschichte der Kunst“ einen beachtenswerten Fortschritt, sobald man die erste Auflage mit den beiden bis jetzt vorliegenden Bänden

 

 

 

 

23 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

der zweiten Auflage vergleicht. Dort begann das Werk mit einem Buche, das die Kunst der Ur-, Natur- und Halbkulturvölker behandelte, also auf die Vorführung der vorgeschichtlichen Urzeit unmittelbar die Natur- und Halbkulturvölker folgen ließ, um dann landläufig mit der alten Kunst des Morgenlandes, weiter dem Griechisch-Römischen zu beginnen und sich über ein in den Zusammenhängen unklares Zwischengebiet von heidnisch-europäischer, ostasiatischer und islamischer Kunst durchzuschlagen, zu dem schön dahin dahinfließenden Strome der christlichen Kunst in Europa, der zwei von den drei Bänden füllte. In der zweiten Auflage ist zwar in der Grundeinteilung das Verhältnis der europäischen Kunst historischer Zeit zu allem übrigen das gleiche geblieben, nur sind ihr vier von sechs Bänden gewidmet. Aber die ersten beiden Bände verzeichnen doch einen sehr bedeutenden Fortschritt: die Kunst der Urzeit und der Naturvölker ist auseinander gerissen, erstere im ersten Bande verbunden mit der alten Kunst Ägyptens, Westasiens und der Mittelmeerländer, letztere im zweiten mit der „der übrigen nicht- christlichen Kulturvölker, einschließlich der Kunst des Islams“. Ich möchte die beiden Bände einzeln auf diese Anordnung hin etwas genauer ansehen. Hätte Woermann den entscheidenden Grund, warum die Urzeit mit Afrika und dem Mittelmeer ebenso zusammengehört wie der Islam mit einer anderen Gruppe, dann würde er die Einteilung noch entschiedener durchgeführt haben. Es sei nur kurz bemerkt, daß dem Kunstforscher die altägyptische Kunst als unmittelbare Fortsetzung steinzeitlichen Kunstschaffens u. a. darin erscheint, daß in ihr die Neigung zur „Darstellung“ entscheidet. Sie wird auch von Hellas übernommen und ist so in den europäischen Körper der bildenden Kunst übergegangen.

 

1. Eurasiatische Kunst.

Mit Bezug auf die geographische Grundlage ist wichtiger, was über die Einteilung des zweiten Bandes zu sagen ist. Woermann betont mit Recht, daß die Zusammenfassung, die er darin biete, die erste in ihrer Art sei. Man bedenke nur, was dieser Band alles umfaßt: Die Naturvölker,

 

 

 

24 Josef Strzygowski.

 

die Völkerwanderungskunst, Indien, Ostasien und den Islam, also eigentlich den gesamten Erdkreis mit Ausnahme des Mittelmeeres und unserer christlichen Kunst. Geht es nun aber an, diese Gebiete gleichberechtigt nebeneinander zu ordnen? Ich lasse das erste Buch, die Kunst der Naturvölker, der Halbkulturvölker und der altamerikanischen Kulturvölker ganz beiseite, obwohl manche Regungen der Kunst des Stillen Ozeans im Zusammenhänge mit Ostasien zu behandeln sind; mir liegt an dieser Stelle daran, die Einteilung der eurasiatischen Kunstströme im besonderen ins Auge zu fassen. Zwingen nicht die geographischen Voraussetzungen zu einer anderen Gruppierung als sie Woermann getroffen hat?

 

In meinem Werke „Altai-Iran und Völkerwanderung“ wurde zu zeigen gesucht, daß die eurasiatische Landmasse sich nach dem geistigen Zustande der Völker im ersten Jahrtausend nach Christus — in dem die ostasiatische und indische Kunst ebenso ihre Blüte erlebten wie die unter dem Namen der Völkerwanderung gehende Welt und die islamische Kunst —gegliedert werden sollte in einen Nord- und Südkreis, beide getrennt durch den vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean quer durchlaufenden Streifen von Wüsten und Steppen, der von Wanderhirten bewohnt wird.

 

Geblendet von dem Glanze der griechischen Kunst, haben wir übersehen, daß sie, entstanden durch den Eintritt eines arischen Volkes in die älteren Südkulturen, den Bestand eines Gegensatzes zur Voraussetzung hat. Es ist eben der des Nordens und Südens, über den uns der Humanismus bis jetzt hinweggetäuscht hat. Die Prähistoriker erst haben den Norden wieder entdeckt, jene auf dem Handwerk fußende Kunst, die ohne engere Fühlung mit Ägypten und Mesopotamien nicht wie die Griechen die Darstellung kennen lernte und sie sich ganz zu eigen machte, sondern dauernd beim flächenfüllenden Zierat blieb. Von der Kunst ihres Holzbaues hätten wir kaum eine anschauliche Vorstellung, wenn nicht die Griechen sie einst in ihrem Tempel in Stein übertragen hätten und die alten Stabkirchen Skandinaviens ihre Art nicht noch am Beginne der christlichen Zeit festgehalten zeigten. Auf asiatischem Boden ist das Vordringen

 

 

 

25 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

des Nordens deutlicher zu beobachten, weil dort nicht unmittelbar die Berührung mit den Südkulturen wie am Mittelmeere stattfand, sondern die Steppenzone, die überschritten werden mußte, die Verbindung einige Zeit aufhielt.

 

An dieser Grenze hörte das Holzhaus auf und begann die Herrschaft des Zeltes. Die Baukunst der nach dem Süden über den Kaukasus und um das Kaspische Meer herum vordringenden Arier erfuhr hier eine einschneidende Änderung. In Iran und Indien wurde eine aus kurzen Holzbalken durch fortgesetzte Übereckung gebildete Art von Kuppel üblich, die in Gegenden, in denen der luftgebrannte Ziegel verwendet wurde, überging in das Übereckgewölbe. Dieses wieder wurde der Ausgangspunkt der Entwicklung der altchristlichen Kuppelkirche Armeniens und damit zum guten Teile des Kuppelbaues überhaupt 3).

 

Wichtiger als auf dem Gebiete des Bauens wurde das Vordringen der nordischen Art in der Zierkunst. Denn hierin berührte sich der nordische Geschmack auf das engste mit dem der Wanderhirten. Auch sie kannten keine Darstellung, wendeten die menschliche Gestalt höchstens als Schmuck oder Symbol an. Dafür aber war auch bei ihnen der flächenfüllende Schmuck herrschend, nicht in Holz, sondern in Faserstoffen. Das Zelt vor allem erforderte u. a. jene uralte Werktätigkeit, die wir heute noch z. B. in den orientalischen Teppichen bewundern.

 

Hatte die Nordkunst sich mit den Wanderungen der Arier nach dem Süden gezogen, so erfolgte mit dem Vorstoß türkischer Stämme die Übertragung der Zierkunst der Wanderhirten nach dem Westen. Beide Ströme kreuzten sich an der Ecke Altai-Iran. Dort erblühte ein reiches Kunst Kunstleben, dessen Art wir im Islam nachleben sehen. Nach diesen kurzen Bemerkungen kehre ich wieder zum zweiten Bande von Woermanns Geschichte der Kunst zurück. Das zweite Buch behandelt „die heidnische Kunst Europas, Vorder- und Hochasiens seit der Völkerwanderungszeit (375—900 n. Chr.)“, und zwar 1. Germanen und Slawen, 2. Arsakiden und Sasaniden in Persien, 3. die Gandhara- kunst an der Nordgrenze Indiens, endlich 4. die frühmittelalterliche
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3) Vgl. darüber vorläufig mein „Die bildende Kunst des Ostens”, S. 28 f.

 

 

 

 

26 Josef Strzygowski.

 

Kunst Ostturkestans. Dann folgt das dritte Buch über Indien, das vierte über Ostasien und zum Schluß als fünftes das über den Islam. Man sieht, der Zusammenhang des letzteren mit der Völkerwanderung ist bei Woermann nicht erkannt, ebensowenig, daß es sich in Indien und Ostasien um Treibhauskulturen wie in Ägypten und Mesopotamien handelt, in die zum Teil wie beim Griechischen am Mittelmeere arisches Blut eingemündet war. Ich meine, die Anschauung, die von Woermann, S. 462, bekämpft wird, die ganze Blütenwelt der Kunstgeschichte aus einem einzigen Samenkorn ableiten zu wollen, darf nicht zur entgegengesetzten Übertreibung führen, die Tatsachen ohne jede Berücksichtigung der natürlichen Zusammenhänge nebeneinander zu stellen. Die am meisten ausschlaggebenden Grundlagen der bildenden Kunst sind die einfachen geographischen, also die Voraussetzungen der Erde. Der Norden ließ eine Treibhausentwicklung nicht zu. Seine karge Natur verlangsamte den Fortschritt und begründet jene Sehnsucht nach dem Süden, die die Arier aus dem eigenen Lande trieb. So kann man tatsächlich Germanen, Slawen und Perser zusammenbringen, muß aber diesen Zusammenschluß im Islam ausmünden lassen beziehungsweise in jener osteuropäischen Unterschicht, die heute noch als Volkskunst lebt, nicht in Gandhara, bei den Sasaniden und in Chinesisch-Turkestan, wo überall griechischer oder der Einschlag anderer Treibhauskulturen, wie der ostasiatischen oder indischen vorliegt, die Woermann auch noch trennend zwischen den Norden und den Islam stellt.

 

Unsere Humanisten haben über die Renaissance eine Brücke zu Hellas und Rorn geschlagen, neben der sie keinen Forschungsweg anerkennen, er sei denn zum mindesten auf ihrer historisch-philologischen Methode aufgebaut, die von der Sprache ausgeht. Nun ist aber die bildende Kunst im Gegensätze zur Sprache freizügig, mehr noch als Staat und Kirche, die mit Gewalt arbeiten, wo die Sprache versagt. Die bildende Kunst eilt nur zu oft diesen beiden die natürlichen, d. h. geographisch gegebenen Wege von Handel und Wirtschaft voraus und dringt in Gebiete, in die ihr die Sprache niemals zu folgen vermochte. Ein Beispiel ist eben die Kunst des Islams, deren stark arischer Einschlag bisher ebenso unbemerkt

 

 

27 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

blieb — es sei denn, daß man auch sie fälschlich mit Hellas und Rom in Verbindung brachte — wie der frühe türkische, chinesische und indische, deren gleichzeitige Kenntnisnahme an der Universität erst im Kunsthistorischen Institute einer Wiener Lehrkanzel — wenn auch mit sehr bescheidenen Mitteln und Zielen — ermöglicht wurde. Das Institut suchte nun auch nach jenen Gebieten Forschungsreisen zu veranstalten, von denen zwei, eine nach Chorasan, die andere nach Japan — von Armenien hier abgesehen — schon vor dem Kriege zur Durchführung gelangten. Die erstere führte Assistent Dr. Ernst Diez aus, die letztere die Herren Oskar Vonwiller und Karl With 4). Eine dritte nach China (Dr. Wachsberger) wurde im Augenblicke der Ausreise durch den Krieg verhindert. Dagegen wurde 1916/17 ein einjähriger Aufenthalt des Assistenten Dr. Heinrich Glück in Konstantinopel ermöglicht 5), der leider nicht zur erstrebten dauernden Niederlassung führte.

 

Immerhin haben die bisherigen Institutsarbeiten zu ganz neuen Anschauungen über die bildende Kunst im ersten Jahrtausend nach Christus geführt, der entschiedene Rückschlag auch auf den Betrieb der eng begrenzten europäischen Kunstgeschichte wird nicht lange auf sich warten lassen 6). Es sei hier der Frage nach Art und Ursprung der islamischen Kunst etwas nähergetreten im Anschluß an das ebenfalls von Wien ausgegangene Werk von Ernst Diez, „Die Kunst der islamischen Völker“. Woermann hatte noch den Standpunkt eingenommen, daß den inneren Zusammenhang
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4) Die Bearbeitung dieser Reise ist unter dem Titel „Buddhistische Plastik in Japan bis zum Beginne des 8. Jahrhunderts“ mit 190 Tafeln im Druck als Bd. XI der Arbeiten des Instituts.
5) Als Ergebnisse dieses Aufenthaltes erschienen „Türkische Kunst“ (Mitteilungen des ungarischen wissenschaftlichen Institutes in Konstantinopel, Heft 1, 1917) und „Die beiden sasanidischen Drachenreliefs (Grundlagen seldschukischer Skulptur)“, Bd. IV der Publikationen der kaiserlich osmanischen Museen, Konstantinopel 1917. Als Band XII der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes ist ein Werk über das türkische Bad, Ursprung und Ausbreitung seiner Bauform, in Fertigstellung.
6) Vgl. zunächst den im Druck befindlichen Aufsatz: Strzygowski, „Leonardo-Bramante-Vignola im Rahmen der vergleichenden Kunstforschung“ (Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz, 1918).

 

 

 

 

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der verschiedenen asiatischen Kunstübungen, an die die „arabische“ Kunst anknüpfe, der hellenistisch-römische Einschlag bilde (S. 367). Man weiß, daß Riegl darin noch weiter gegangen war und den Standpunkt der Einheitlichkeit der Kunstentwicklung überhaupt auf griechisch-römischer Grundlage vertrat. Übertrumpft wird diese Auffassung durch den römischen Patrioten Rivoira, der, wenn er könnte, auch die griechische von der römischen Kunst herleiten würde und tatsächlich in seiner Architettura muselmana 1914 die islamische Kunst im Gegensätze zu meinen Arbeiten über Mschatta und Amida im wesentlichen vom Mittelmeere und den Südkulturen überhaupt herkommen läßt.

 

Ich nenne den Standpunkt dieser Forscher den historischen und stelle ihm gegenüber den geographischen. Der Gegensatz ist gerade an der Frage des Aufkommens der islamischen Kunst gut zu beleuchten. Der Historiker sieht als einzig mögliche Wurzel die spätantik-byzantinische, d. h. jene Kunst an, „die in allen diesen über drei Weltteile sich erstreckenden Ländern beim Aufkommen des Islam die herrschende war“ 7). Riegl sieht nicht, daß die Neigung zur Darstellung der Naturgestalt, die den Südkulturen eigen ist. überwunden wird durch das Vordringen des Nordens, sondern läßt den für diese Zeit bezeichnenden Übergang zur Geo- metrisierung als letzte Tat des antiken „Kunstwollens“ erscheinen, wobei der Umwandlungsprozeß nach Ländern wechsle: „hier wird die Schematisierung der Motive mehr gefördert, dort diejenige der Rankenführung, wie es eben auf einem so weit ausgedehnten Gebiete zwischen Pyrenäen und Hindukusch nicht anders geschehen konnte“. Einen Beleg dieses historischen Standpunktes hat noch 1909 der klassische Archäologe H. Thiersch in seinem Pharosbuche geliefert, in dem er das Minaret wie den abendländischen Glockenturm gleicherweise von der Antike herleiten wollte. Ich habe diese Art bereits in den Neuen Jahrbüchern für
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7) Riegl, Stilfragen, S. 318. Ich darf wohl diese Arbeit aus dem Jahre 1892 anführen. Riegl hat diese Überzeugung bis zu seinem Tode vertreten, nur war er von Rom allmählich mehr auf das Oströmische übergegangen. Seine und Wickhoffs Schüler stehen ja heute noch unverändert auf diesem Standpunkte.

 

 

 

29 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

das klassische Altertum, Bd. XXIII (1909, I), S. 354 f., beleuchtet und brauche hier nicht weiter darauf einzugehen. Womit diese Historiker immer rechnen, ist, daß sie glauben, in der Zeit des Aufkommens des Islams bestehe noch die alte hellenistische Welt ungebrochen. Sie haben keine Ahnung davon, wie befreiend das Christentum auf den Orient gewirkt hatte, soweit er nicht gerade näher an die Küsten des Mittelmeeres anstieß und der unmittelbaren Machtwirkung von Rom und Byzanz ausgesetzt war. Aber wie klein sind diese Gebiete im Verhältnisse zu den Hinterländern und dem großen Asien, das mit dem Islam nur vollendet, was es in den nationalen Kirchen begonnen und schon im späten Hellenismus klärlich eingeleitet hatte 8). Ich werde Gelegenheit haben, an dem Beispiel der armenischen Kirchenbaukunst zu zeigen, wie ausschlaggebend die Rolle einer solchen nationalen Kirche sein konnte, wenn sie, wie in Armenien, einen durch die Arsakiden aus Chorasan und Transoxanien genommenen Versammlungsraum, den quadratischen Kuppelsaal, auf die Kirche übertrug und sich durch alle Versuche vom Mittelmeere her, auch in Armenien die Basilika zur Geltung zu bringen, nicht anfechten ließ. Sie blieb dadurch dauernd im Gebiete der Baukunst die zweite Macht und siegte mit ihren Grundsätzen durch Leonardo, Bramante und Vignola endgültig 9).

 

Ich setze also dem einseitigen historischen Standpunkt aus ganz klarer Erkenntnis und Überzeugung den geographischen gegenüber, der die Erde und ihre unwandelbaren Voraussetzungen für die Geschichte der bildenden Kunst in den Vordergrund stellt. Mein Altai-Iran-Werk gibt den lebendigen Beleg der allmählichen Entwicklung dieses Standpunktes. Heute schon könnte ich manches schärfer fassen als es dort geschehen ist. In meinem Armenienwerke wird das geschehen,
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8) Vgl. mein „Hellas in des Orients Umarmung“, Beilage zur Münchener Allgem. Zeitung, 1902, Nr. 40, und „Die Schicksale des Hellenismus in der bildenden Kunst“, Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum, XV (1905), S. 19 f.
9) Vgl. mein im Druck befindliches Werk „Der altchristliche Kuppelbau der Armenier, Vier Bücher Geschichte arischer Kunst“ (Bd. X der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes der Universität Wien).

 

 

 

 

30 Josef Strzygowski.

 

die reichste Ausbeute aber würde eine planmäßig auf das Wesen gerichtete Erforschung der islamischen Kunst liefern.

 

Ich hatte 1907 die Aufgabe übernommen, die Baukunst des Islam für das Handbuch der Architektur zu bearbeiten. Wie seinerzeit Julius Franz ausgehend von Ägypten, hatte ich schon bei Bearbeitung der koptischen, wie eben auch bei den dortigen islamischen Denkmälern die feste Überzeugung gewonnen, daß Ägypten in diesen Jahrhunderten nur der empfangende Teil war. Die Entwicklung spielt nicht am Mittelmeere, sondern im Osten 10), Ägypten erscheint in koptischer Zeit merkwürdig eng verbunden mit jehnem aramäischen Städtebezirk, in dem Edessa und Nisibis Mittelpunkte waren. Es übernimmt dazu seit der Tulunidenzeit meso- potamisch-persische, später türkische, indische und ostasiatische Einschläge. Meine Ärbeit über Mschatta 11) und Amida wies den Weg, die Forschungsreise nach Churasan sollte 12) die erwarteten Belege bringen. Da ich diese Reise nicht selbst unternehmen konnte, betraute ich den Assistenten Dr. Diez mit dem Unternehmen. Die Ergebnisse auf dem Gebiete des Ornaments sind herangezogen in meinem „Altai-Iran und Völkerwanderung“, die architektonischen werden, soweit die christliche Baukunst in Betracht kommt, im Armenienwerke verwertet werden 13); Diez selbst hat eben seine zusammenfassende Bearbeitung „Churasanische Baudenkmäler“ in Druck gegeben 14). Mit allen diesen Arbeiten dürften auf den Gebieten, die der zweite Band Woermanns behandelt und insbesondere mit Bezug auf die herrschende Ansicht über Werden und Entwicklung der islamischen Kunst, wie sie zuletzt noch Rivoira vertrat, neue Wege gebahnt sein.

 

Wie die griechische Kunst nicht verstanden werden kann als Anhang zur ägyptischen, so ist die ganz anders geartete „islamische“ Kunst nicht zu verstehen, wenn man sie mit dem Mittelmeere oder den Sasaniden zusammenbringt und übersieht, daß in sie bestimmte Strömungen von
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10) Calalogue gen. du musée du Caire „Koptische Kunst“, S. XXIII f.
11) Jahrbuch d. k. preuß. Kunstsammlungen, XXV (1904), S. 225 f.
12) Vgl. Mitteil. d. Geogr. Gesellsch. in München, VIII (1913), S. 185 f.
13) Vgl. inzwischen „Die bildende Kunst des Ostens“, 1915.
14) Bd. VII der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes.

 

 

 

31 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

ganz Asien einmünden. Auch die christliche Kunst wurde bisher zum Schaden der Einsicht von zu engem Gesichtskreis aus betrachtet. Immer wieder sind es die geographischen Voraussetzungen, deren genaue Kenntnis als Grundbedingung des Verständnisses fehlt 15). Wir haben nicht den Mut, den ganzen Umkreis Asiens ins Auge zu fassen, weil Historiker und Philologen verlangen, daß wir sämtliche Sprachen kennen, die dazu gehören. Und doch kann nur aus der Wechselwirkung der Wissenschaften der Fortschritt und die Erkenntnis des Ganzen entspringen. Man wird von jedem Fachmann verlangen — nach wie vor —, daß er ein Gebiet nach jeder Richtung genau kenne, also vor allem auch dessen Sprache und Geschichte; aber über diese auf historisch-philologischem Boden arbeitende Sondereinstellung hinaus muß gerade der Kunstforscher unentwegt das Ganze im Auge behalten, von dorther Ziel und Richtung nehmen, nicht von den Historikern und Philologen. Es geht sonst das Beste und Wertvollste: die Erkenntnis dessen, was die Erde an sich und der ihren Bedingungen hingegebene Mensch leistet, verloren. Die bildende Kunst klärt darüber gut auf; denn sie ist auch heute noch abhängig vom Boden und seinen Stoffen, wie die Natur selbst, und zugleich vom Menschen, der darauf in der Kunst nicht nur sein Handwerk gründet, sondern in diese Voraussetzungen künstlerischen Schaffens hinein auch seinen Geist legt, den wir uns gewöhnt haben, immer wieder nur durch die Sprache erfassen zu wollen. Die bildende Kunst ist uns immer noch ein Buch mit sieben Siegeln: wir freuen uns an der schönen Außenseite, bemühen uns aber nicht ernstlich, ihre Rätsel zu lösen.

 

So ist u. a. die islamische Kunst — wie jeder ohne- weiters zugeben dürfte — eine so einzigartige Erscheinung, daß es wohl dafür steht, den Versuch zu wagen. Wie die griechische Kunst das verkörperte Mittelmeer, so ist die islamische ein Rest jener nord- und mitteleurasiatischen Welt, der nachzugehen wir über dem Humanismus vergessen
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15) Vgf. u. a. die Beweisführung im Bd. VI der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes der Universität Wien (Lehrkanzel Strzygowski): Heinrich Glück, Der Breit- und Langhausbau in Syrien auf kulturgeographischer Grundlage. Heidelberg 1916 (Heft 14 der „Zeitschrift für Geschichte der Architektur“).

 

 

 

 

32 Josef Strzygowski.

 

haben, trotzdem uns das als einem lebendigen Teile dieser nordischen Welt, im eigenen Interesse am Herzen liegen sollte. Die islamische Kunst ist die Kunst der Nomaden und Nordvölker in den Süden versetzt, ein Wunderwesen also, das wir kaum zu begreifen vermögen.

 

Das Werk von Diez, „Die Kunst der islamischen Völker“ ist der erste von einem Kunsthistoriker unternommene Versuch, dieser Wunderblume als Ganzes beizukommen. Es zeichnet sich aus durch eine sorgfältige Durcharbeitung der gesamten bisherigen Literatur, insbesondere der schwerer zugänglichen. Außerdem hat Diez im Zusammenhänge mit seiner Churasanreise, die er von Teheran aus durch den Elburs nach Churasan antrat, die wichtigsten Quell- und Ausbreitungsgebiete der islamischen Kunst besucht. Durch die Salzwüste ging er dann zurück nach Ispahan und auf meinen Wunsch nach Mesopotamien. Die Rückreise wurde über Indien angetreten. Die Mittelmeergebiete kennt Diez schon von früheren Reisen her. Auch hatte er während seiner Amtstätigkeit an dem königlichen Museum in Berlin engere Fühlung mit den Denkmälern der Kleinkunst genommen, wie seine Arbeit über bemalte Elfenbeinkästchen und Pyxiden der islamischen Kunst bezeugt 16). So konnte er für eine Gesamtdarstellung im Handbuch der Kunstwissenschaft als wohlvorbereitet gelten.

 

Ich hatte während Diez‘ Reise die Bearbeitung für das Handbuch der Architektur zurückgelegt, weil eben die Ergebnisse der Churasanfahrt abzuwarten, vor allem aber daraufhin erst einmal planmäßig nach dem Wesen der islamischen Kunsterscheinungen zu forschen war. Das sollte gelegentlich der Verarbeitung des für das Institut gesammelten Materials geschehen und es ist zu bedauern, daß nicht diese Bearbeitung, sondern das Handbuch den Vortritt bekam. Das Institutsinteresse hätte unbedingt ersteres gefordert. Wir waren darauf eingestellt, wurden daher enttäuscht. Das kunsthistorische Institut legt gerade auf die Verarbeitung des nachgewiesenen Denkmalstoffes den Nachdruck, ja begnügt sich womöglich damit, nur diese Bearbeitung zu liefern,
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16) Jahrbuch der k. preuß. Kunstsammlungen, XXXI (1910), S. 231 f. und XXXII (1911), S. 117 f.

 

 

 

33 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

wenn auch das Material selbst von anderen zusammengetragen wurde 17). Im gegebenen Falle lag die Sache freilich so, daß mir infolge der Einseitigkeit, mit der von Berlin (Sarre-Herzfeld) aus immer nur das dauernd unter hellenistischem Einfluß gebliebene südpersische Gebiet abgesucht wurde, daran lag, die nordostpersische Ecke bereisen zu lassen, weil ich dort die entscheidenden Belege für die Entwicklung der Kunst zum Mittelalter vermutete. Es ist also nicht in meinem Sinne, wenn Diez in seinem Handbuche Julius Franz gegenüber, der die islamische Kunst einseitig von Ägypten aus ansah, seinen Stoff unter gleich einseitiger Betonung von Persien aus einteilt. Er geht zwar erst nach der Zeitfolge der Denkmäler vor, behandelt also bis etwa 1258 ohne örtliche Trennung Omajjaden und Abbasiden; dann aber wird Persien vorangestellt und gleich bis ins 18. Jahrhundert hinein abgehandelt, während die entscheidenden Denkmäler des 12. und 13. Jahrhunderts, die der Seldschuken und Ajubiden zurückgedrängt und überdies durch die jüngeren osmanischen Denkmäler getrennt behandelt werden. Den Schluß bilden Indien und zwei flüchtige Abschnitte über die Kleinkunst. Der den Problemen nachsinnende Fachmann geht da etwas anders vor. Er arbeitet zuerst den neuen Stoff planmäßig seinem Wesen nach durch und wagt es dann erst, Geschichte zu schreiben. Historiker und Philologen haben sich freilich bisher erlaubt, Geschichte zu schreiben, ohne in irgend einer Wesenheit des geistigen Lebens Sonderforscher zu sein; der Fachmann darf das nicht tun. Er muß zwischen die Denkmäler und ihre Geschickte die planmäßige Wesensforschung einschieben, also zunächst den handwerklichen Voraussetzungen und dann den geistigen Werten, den sachlich gegebenen, sowohl Gegenstand und Gestalt, wie den persönlich freien, Form und Inhalt nachgehen. Dabei dürfen weder Geschmacksurteile den Ausschlag geben, noch einseitig hingeworfene Einzelbeobachtungen. Die Kunstforschung wird erst dann als ein selbständiges Fach gelten können, wenn
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17) Vgl. des Verfassers Kleinasien und Amida, ferner Bd. II der Arbeiten des Kunsthistorischen Institutes: Artur Wachsberger, Stilkritische Studien zur Wandmalerei Chinesisch-Turkestans. Berlin 1916, und Glücks oben genanntes Werk über den Breit- und Langhausbau in Syrien. Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. 1918. Heft 1/2.

 

 

 

34 Josef Strzygowski.

 

sie System und Methode dieser ihrer eigensten Arbeitsart festgestellt und für alle bindend zur Anerkennung durchgesetzt hat. Ausgangspunkt ist dabei das Denkmal, nicht irgendeine Schriftquelle. Wie der Historiker diese letztere lesen und verstehen lernen muß, so der Kunstforscher die Denkmäler der bildenden Kunst.

 

Nachfolgend seien, planmäßig geordnet, einige wesentliche Werte der islamischen Art besprochen, einmal um auch dem Fernerstehenden den Gang dieser Art von Forschung darzulegen und dann um Gegensätze und Irrtümer, an deren Aufklärung beziehungsweise Berichtigung mir liegt, nicht anstehen zu lassen, weil ja das Diezsche Handbuch in engem Zusammenhänge mit meinem Institut entstanden ist (vgl. das Vorwort). Über das System, nach dem ich dabei vorgehe, vergleiche man Altai-Iran, S. 302 f., und zuletzt im Hinblick auf seine Anwendung für das Gebiet der Kunst überhaupt Jahrbücher für das klassische Altertum, XL (1917), II, S. 209 f.

 

2. Islamische Kunst.

Der Islam geht, geographisch genommen, von Arabien aus und erobert die gesamte „Alte Welt“, setzt sich aber nicht nur in Ländern von hoher Kultur, wie Syrien, Ägypten, Mesopotamien und Iran durch, sondern auch in den dazwischen liegenden Steppen und Wüsten, deren Ausdehnung nach Osten und Westen zugleich den Umfang seiner weitesten Ausbreitung bezeichnet. Das spricht besonders entscheidend im Osten mit, wo die nordiranischen und transoxanischen Steppengebiete sehr bald zum entscheidenden Kern der islamischen Kultur wurden. Diese Sachlage ist nur verständlich aus dem gesellschaftlichen Bande, das Arabien mit diesen Wüstengebieten verbindet. Die Beduinen, d. h. die Erreger des Islams, waren Nomaden. Sie nahmen nicht die Kunst der Byzantiner oder Sasaniden, d. h. der damaligen Machthaber von Konstantinopel und Ktesiphon an, sondern knüpften erst da ein enges geistiges Band, wo die wirtschaftlichen Gewohnheiten denen der arabischen Heimat verwandt waren: bei den Nomaden zwischen Altai und Iran. Die Entwicklung Firdausis gibt den Schlüssel, nicht die neuen Hauptstädte, zuerst Damaskus, dann Baghdad. Die Verkehrsstraßen

 

 

 

 

 

35 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

blieben nicht die alten der Flußtäler und zur See; in den Vordergrund trat vielmehr der Wüstenweg. So entstand ein Weltverkehr, wie ihn nicht einmal die Zeit nach Alexander gekannt hatte. Es ist bezeichnend, daß er von den Grenzen Chinas und Indiens bis an das Atlantische Meer reichte, sich also tatsächlich in der vollen Ausdehnung der Norden und Süden trennenden Wüsten- und Steppenzone abspielte. Dieser durch Karawanen geregelte Verkehr brachte Formen von den Hochebenen Irans nach Spanien, ebenso wie vorher die im Gefolge der Goten vom Schwarzen Meere nach Westen ziehenden armenischen Künstler den europäischen Landweg und die Phöniker einst den Seeweg gegangen waren.

 

Stoff und Werk (Material und Technik). Die Schaffung von Ausbreitungskarten der dem Handwerk von der Natur gebotenen Stoffe für Bau- und Kleinkunst ist eine unerläßliche Voraussetzung für die Bearbeitung der islamischen Kunst. Diese bodenständigen Stoffe, unter denen der Stein lange zurück- tritt, entscheiden viel stärker als am Mittelmeere deshalb, weil der Stoff an sich geschätzt wird, nicht nur die Ornamente oder die Darstellung, die er trägt. Dieser Wert, den die bildende Kunst der Gegenwart geradezu wieder entdeckt, beherrscht zum guten Teil das islamische Kunstschaffen. Die für Baukunst und Kleinhandwerk zur Verfügung stehenden Stoffe sind in der weiten Ausdehnung von der chinesischen Grenze bis Spanien von einer Mannigfaltigkeit, von der wir uns an der Hand der abendländischen Kunst kaum eine Vorstellung zu machen vermögen. Das Zelt und der Rohziegelbau fallen in der europäischen Baukunst überhaupt weg. Das Kunsthandwerk verfügt im Osten über die unendliche Fülle all der Edelstoffe, die seit jeher von Asien nach Europa eingeführt wurden. Dazu tritt, daß diese Stoffe von Land zu Land wechseln, ja sich womöglich gegenseitig ausschließen. Es kommt nicht darauf an, einleitend das Mörtelwerk als reichsrömische Segnung hinzustellen — was es übrigens gar nicht ist —, sondern darauf, den Kreis des Rohziegelwerkes womöglich kartenmäßig zu trennen von den Zelt-, Holz- und Steinländern und den Stätten, in denen der gebrannte Ziegel den Ausschlag gibt, wozu immer die größeren Stadtsiedelungen gehören. Seltsamerweise gibt bei

 

 

 

36 Josef Strzygowski.

 

alldem in der islamischen Kunst häufiger als begreiflich die Decke aus kurzen Hölzern den Ausschlag. Das fällt besonders in Spanien (Alhambra) auf, wo schon die Westgoten den Gewölbebau eingeführt hatten. Dazu kommt in der Wüste selbst das Zelt mit seinen auf Schritt und Tritt bemerkbaren Nachwirkungen. Die Araber gingen davon ebenso aus wie die Türken und die Nomaden Irans. Ich kann die lockere Art der islamischen Bauweise nur verstehen, wenn ich dieser Tatsache und daneben den iranischen Kuppeldörfern nachgehe. Nicht auffallende Einzelheiten, wie die Beibehaltung der Zatteln im Ziegelbau (Altai-Iran, S. 173, Diez, S. 73) oder etwa die Anlage der Paläste in der Art eines Zeltlagers (Diez, S. 28) geben dabei den Ausschlag, sondern die dem Islam mangelnde Schätzung der einheitlichen Baumform. Davon später. Diese bedeutsame Mannigfaltigkeit der Baustoffe führt bei Wanderung der in ihnen entstandenen Kunstformen zu bemerkenswerten Tatsachen. Ursprüngliche Holzformen in Rohziegel umgebildet, haben ganz neue Bildungen zur Folge (Übereckgewölbe), ebenso Stoff-, Stuck-oder Fliesenverkleidung in Stein übertragen (Mschattafassade). Solche Wandlungen bieten oft den Schlüssel des Verständnisses.

 

Noch bedeutsamer wird der Stoffwechsel in der Kleinkunst. Ich habe in meinem Altai-Iran zu zeigen gesucht, wie eine alte Bronzekunst am Altai und Jenissei den Schrägschnitt zugleich mit der geometrischen Ranke zur Geltendmachung spiegelnder Glanzflächen erfindet und diese Art dann, in die Teppich- und Stückarbeit übernommen, allmählich zur sogenannten Arabeske wird. Eine andere Reihe beginnt mit der arischen Vorliebe für das mehrstreifige Band, das auf Bronze in Linien, auf Holz im Schrägschnitt auftritt und, in alle möglichen Baustoffe übertragen, schließlich ausmündet in den strahlenförmigen Mustern ohne Ende, die neben der Arabeske als sogenanntes „Vieleckornament“ die islamische Zierkunst beherrschen. Wenn der für Bronze erdachte Schrägschnitt durch Holzmodel zur Stucktapete umgewandelt wird, dann haben wir einen typischen Fall des Stoffwechsels. Diez hat S. 65 f. das Ornamentchaos, wie er den Reichtum nennt, noch in einem gemeinsamen Kunstwollen der orientalischen Völker gesucht und

 

 

 

37 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

die Leiturgien verantwortlich gemacht: in Wirklichkeit sind es neben den großen Rassenströmen, die sich kreuzen, die Voraussetzungen der Erde und der Wechsel des Baustoffes, die die unerhörte Mannigfaltigkeit erklären. Das Eindringen handwerklich-kleinkünstlerischer Übung in die Baukunst spielt dabei insofern mit, als weder die Zeltnomaden noch die Arier mit ihrem fahrbaren Hause eine mit dem Boden verwachsene Großbaukunst kannten, auf diese vom Süden zu ihnen vordringende Neuerung dann aber freilich die gewohnten Zierformen um so mehr übertrugen, als es sich im Islam immer um Verkleidung der Wände, nie um Wachstum von Baugliedern handelt, auch dann noch, wenn die Bauten in ein reines Steinland vordringen. Wachsende Architektur hatten die Griechen überallhin gebracht. Das ändert sich mit der von Altai-Iran ausgehenden Bewegung, besonders dem Islam.

 

Die türkischen Tuluniden bringen den mesopotamischen Ziegelbau, die persischen Fatimiden den syrischen Steinbau. immer mit Holzdecke, nach Kairo. Was alles zuerst nach Damaskus, dann nach Bagdad und anderen Großstädten an Baustoffen und Kunstformen eingeführt worden ist, läßt sich jetzt noch gar nicht überblicken, Byzanz mußte nach den Angaben der islamischen Schriftsteller überall dabei sein. Denn an seinem Maßstabe wurde in der Werdezeit die Höhe der künstlerischen Leistung gemessen, wie in den letzten Jahrhunderten Paris für Europa den Ausschlag gab. Dabei war Byzanz ebenso unfähig von sich aus Formen zu schaffen, wie die islamischen Sitze der Macht und des Besitzes. Sie steigern die Größenverhältnisse zu verblüffender Wirkung, aber die künstlerischen Mittel dazu nehmen sie von überall her (vgl. dazu auch Diez, S. 102, über die Timuriden).

 

Gegenstand. Wir sprechen von islamischer Kunst und bringen damit die Kunst aller jener Völker unter einen Hut, die der Lehre Muhammeds folgten. Hat also die gemeinsame Religion die Einheit der Kunst im Gefolge, soweit nicht die beiden Sekten der Schiiten und Sunniten Träger besonderer Kunstformen geworden sein mögen (Diez, S. 91 und 99)? Man bedenke, daß Semiten die Gründer und ersten Gefolgsleute sind, in Iran und Indien Arier den kulturellen Kern liefern und endlich altaische Völker, Türken und Mongolen

 

 

 

38 Josef Strzygowski.

 

in der Ausbreitung hervorragende Träger des Islams werden. Wir sehen darin eine andere Seite der asiatischen Natur entscheidend eingreifen, die Vielheit der Rassen. Vielleicht ist nur auf diesem Wege zu begreifen, d. h. indem man die Arier, die der Islam in sich aufnahm, im Osten wahrnimmt, daß die Blüte des geistigen Zustandes im Islam von Ostiran ausging und der Entwicklungsstrom in der bildenden Kunst, verstärkt durch die Bewegung vom Altai her, ein ostwestlicher blieb, nicht wie die religiöse Lehre am Anfange wenigstens vom Mittelmeere nach Osten ging. Hätte das christliche Hellas mit Rom irgendwie im Islam den Ausschlag gegeben — wie man gern annimmt — dann hätten die Moslims in der Baukunst den Innenraum, nicht den Hof angenommen und ebenso die menschliche Gestalt statt des Zierates. Die Nordperser aber, die den Ausschlag gaben, waren entgegen den Griechen in der Kunst Nordarier geblieben und hatten diese Richtung noch durch die Art der Wanderhirten entgegen der Mittelmeerkunst weiter ausgebildet. So kann von Gegenständen der bildenden Kunst im Islam, der Darstellung Gottes etwa, der Heiligen, einer Mythologie und dergleichen nicht die Rede sein. Das in diesem Sinne tatsächlich bestehende Bilderverbot wurde nur da durchbrochen, wo es sich auf weltlichem Gebiete um ostasiatische oder indische Einflüsse handelte. Das Griechische des Mittelmeeres hat keinerlei dauernd entscheiden Einfluß auf die bildende Kunst des Islams genommen.

 

Von den Zwecken der islamischen Baukunst seien nur einige wenige genannt. Die Moschee ist zwar wie die Kirche Versammlungsraum; aber sie ist nicht zugleich Haus Gottes. Den Mittelpunkt bildet vielmehr — wie einst der jüdische Tempel — Mekka; man nimmt beim Gebete Richtung dorthin. Das tat schon Muhammed. Die Moschee, die typisch wurde, hat Hofform, also nicht die des vorher üblichen Gebetraumes, der persisch als Stützenhalle aufgebauten Mussalla, sondern die des Wohnhofes, wie ihn Muhammed im eigenen Hause benutzte. So entstand ein Heiligtum ohne geschlossenen Innenraum. Die Annahme dieser in der Nomadenzone üblichen Zweckform hat gewiß nicht wenig zur raschen Ausbreitung beigetragen.

 

 

 

39 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

Durch die Wendung nach Mekka, die Muhammed in Medina einführte und die mit der Wallfahrt ein Grundgesetz des Islams wurde, erscheinen die geographisch zwischen dem Stillen und Atlantischen Ozean auseinander gezogenen Gebiete heute noch geeint. Das Christentum kam zur Wendung nach Osten, einem Unbestimmten zu. Mekka bildet — wie einst Jerusalem im Judentum — den einigenden Mittelpunkt der gesamten islamischen Welt.

 

Es läßt sich denken, daß in Gebieten, in denen der christliche Kirchenbau stark entwickelt war, der Versuch von seiten christlicher Architekten oder des nachstrebenden Islams selbst gemacht wurde, einen Ausgleich zu schaffen. So entstanden schon in den aramäischen Gebieten Mischformen. Als die Omajjaden Mekka verdrängen wollten, er errichteten sie einen Kuppelbau über dem Felsen (die Kubbet es Sachra), der nichts mit der Bauform der Moschee zu tun hat. Und wenn man Walid in Medina den Vorwurf macht, er habe die Moschee nach Art der Kirchen gebaut, so trifft das für den Typus der Moschee von Damaskus zu, den ich Amida, S. 326 f. verfolgt habe und heute mit dem Taq Iwan (Dieulafoy, V, S. 80) vergleichen würde. Hier greift eine andere Zweckform in die Entwicklung ein, wie später bei den Osmanen in Konstantinopel die Sophienkirche. Beide Reihen müssen also streng aus dem Hoftypus ausgeschieden werden, sonst entsteht entwicklungsgeschichtlich Unklarheit.

 

Ebenso nimmt in Persien eine ältere Zweckform Einfluß auf die Entwicklung, der in den Palästen von Hatra und Ktesiphon auftretende Iwanbau. Ich verstehe daher eigentlich nicht, warum Diez in dieser Richtung zu einer sehr kühnen Annahme greift. Es handelt sich um die Bauform der Medrese. Bin ich geneigt, den Ursprung des Klosterwesens am Mittelmeere zum Teil vom Osten über Iran und Nordmesopotamien herzuleiten 18), so glaubt Diez die Bauform der Medrese auf das gleich ungeheuer ausgebreitete buddhistische Klosterwesen zurückführen zu können. Er versäumt aber, die Bauform im Indischen nachzuweisen und würde wohl über die Anlage in Form eines Hofes, etwa wie in der Certosa oder S. Maria degli Angeli, nicht hinaus gekommen sein.
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18) Amida, S. 111.

 

 

 

 

40 Josef Strzygowski.

 

Die Wihara entbehrt durchaus der in den Achsen angeordneten, die Ecken trennenden Iwane. Das eine Beispiel, das Diez (S. 99) zitiert, ist ein nestorianisches Kloster. Es zeigt, wie man sich beim Vergleich der Abbildung Diez, S. 153, mit den russischen Aufnahmen (nachgedruckt im Globus 1904) überzeugen kann, nicht einmal den Hof in der Mitte, sondern eine Kuppel, ist also als Beleg ganz hinfällig und könnte eher für die Herleitung des Kuppeltypus der Jeschil Dschami in Brussa verwendet werden.

 

Die Grundlage für die Forschung über die Bauform der Medrese hat van Berchem nicht erst Corpus arab. I, S. 254 f. sondern schon in den Notes d‘archéologie arabe, monuments et inscriptions fatimides 1891 (Journal asiatique) gelegt. Ich habe dazu Mschatta, S. 352, Stellung genommen. Es rächt sich, daß Diez die Seldschuken und Ajjubiden nach den Timuriden behandelt, nicht von ihren älteren Werken entwicklungsgeschichtlich zurückschließt.

 

In der islamischen Kunst spielt, ähnlich wie in der italienischen, der Palastbau eine große Rolle; nur handelt es sich im Osten nicht vorwiegend um Fassadenbau in Straßenfluchten, sondern (Alhambra) um freiliegende Baugruppen, die rund oder rechteckig zusammengefaßt sind und sich wie die Moschee um einen (oder mehrere) Höfe zusammenschließen. Es ist geographisch beachtenswert, wie ich Deutsche Literaturzeitung, 1913, Sp. 466 f., bemerkte, daß der Typus bis nach Peking zu verfolgen ist. Diez, S. 28, nennt ihn eine Monumentalisierung des Beduinenlagers und läßt ihn vom Stillen bis zum Atlantischen Ozean herrschen. Wir hätten dann (vgl. Mschatta S. 225) eine Kunstform der Nomadenvölker vor uns, das Zeltlager in festen Baustoff übersetzt. Diese Art Palastbau hat auch Einfluß auf das Abendland gewonnen. So scheint Leonardo einen Typus des kreuzförmigen Kuppelthronsaales (z. B. in Balkuwara und in armenisch-georgischen Palästen) in seinem Schlosse Chambord ebenso angewendet zu haben, wie die Bauform des auf Raumteilung eingestellten Bades in seinen Entwürfen aus der Mailänder Zeit.

 

Sind Fassaden in Straßenfluchten auch nie so ausschlaggebend im Islam geworden wie im Abendlande, so sind doch die ältesten Beispiele von richtigen derartigen Schauseiten,

 

 

 

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bei den Fatimiden in Kairo und bei den Seldschuken in Kleinasien zu finden, dort so auffallend typisch in reicher Entwicklung: Portalwand, Flügel, Minarets, daß damit wohl als einer bedeutsamen Erscheinung zu rechnen ist. Die ,,Fassade“, besser das auf eine Schauseite eingestellte Bauen, ist schon in Mschatta da. Sie hat dort nichts Architektonisches, sondern ist reine Zierform (Diez, S. 59 f.). An Hatra läßt sich das Auftreten der anderen Art beobachten.

 

Im allgemeinen kann gesagt werden, daß der Gegenstand, d. h. die durch den geistigen Zustand der Zeit gebundene Bedeutung, in keiner Kunstströmung so wenig bestimmend zur Geltung kommt wie im Islam. Es fehlt eben die Darstellung und die Zierkunst geht mehr allgemein künstlerische Wege, d. h. solche der Form, als daß sie im Dienste der Idee wechselte. Der Zweck äußert sich dagegen bestimmter: Palast, Moschee, Schule und Rasthaus, Grab und Brunnen geben streng voneinander getrennte Bauformen. Nur setzt sich zumeist der Hof dem Innenraum gegenüber herrschend durch.

 

Gestalt. Sie ist zwar wie der Gegenstand und Zweck ebenfalls sachlich gegeben, aber der Künstler ist in der Wahl der Zeichen, durch die er eine dem Beschauer verständliche Erscheinung schafft, doch freier als in den durch seine Zeit gebundenen Voraussetzungen der Bedeutung. Im Gebiete der Baukunst kennt er die abgrenzende und tragende Mauer, dazu den Freiraum; seltener wird die Kuppel als Innenraum verwendet. Das schon bezeichnet die Eigenart gegenüber der Mittelmeerkunst seit christlicher Zeit. Es sind nicht die verständlichen Zeichen des Wachstums von Stütze und Last, in denen er denkt, sondern mehr die der Raumbegrenzung. Noch ausgesprochener geht die islamische Kunst in Malerei und Plastik eigene Wege, indem sie nie — das läßt sich für die ältere Zeit geradezu als Gesetz aufstellen — mit den bekannten Zeichen der Natur, dem Menschen, dem Tier oder der Pflanze arbeitet, durch sie dem Beschauer also nie eine Empfindung vormacht. Sie gibt vielmehr immer das Gefühl selbst in künstlerischer Form, d. h. durch Linien, Flächen, Farben und dergleichen, schiebt nie die Natur als Träger ein. Daher ist es so verfehlt, wenn man die von Edhem

 

 

 

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Pascha in seiner „Ottomanischen Baukunst“, S. 71 f., auf den Architekten Ilias Ali zurückgeführte Benutzung der Erbsenstaude womöglich zur Grundlage der Entstehung der Arabeske machen möchte 19).

 

Ich bleibe zunächst bei der Baukunst. Der Freiraum ist selbstverständlich nicht erst vom Islam in den Baublock eingeführt. Aber ihn im Islam aus dem antiken Atrium herleiten wollen, heißt doch den Spieß umdrehen und eine Wohnform des Südens, die ebensogut im Orient wie am Mittelmeer üblich war, im Orient vom Mittelmeere herleiten wollen. Dazu kommt, daß wir — wie ich Amida, S. 326, zeigte — ganz bestimmt wissen, das Haus des Religionsstifters habe ihm und seinen Nachfolgern als Versammlungsraum für das Gebet gedient. Die Lage war ähnlich wie vorher schon bei den Juden, die ihre Synagogen nach dem Tempel in Jerusalem einstellten, aber ihn nicht nachahmten, sondern dafür eine typische, der Basilika ähnliche Gestalt annahmen. Wenn der Islam die Zweckform seines religiösen Versammlungsraumes entlehnt hätte, würde er die Anleihe beim Judentum gemacht haben; daß er den Hof dafür nahm, ist ein Zeichen bodenständig arabischen Ursprunges.

 

Ganz andere Wege ist im Islam der Kuppelbau gegangen, den man womöglich auch aus dem Hellenismus herleiten möchte. Es ist ein Hauptergebnis der von Diez im Aufträge des Instituts ausgeführten Forschungsreise, daß er die Bedeutung Ostirans für die Entstehung des Kuppelbaues endgültig nachgewiesen hat 20). Dieses Ergebnis ist auch schon in seinem Handbuche, S. 78 f., in der Geschichte des islamischen Kuppelbaues verwertet. Ich kann hinzufügen, daß die für Europa fruchtbarsten Folgerungen aus der im Wohn-, Nutz- und Palastbaue vorherrschenden iranischen Trompenkuppel in Armenien dadurch gezogen wurden, daß es — bevor noch am Mittelmeere die Basilika für den Kirchenbau den Ausschlag gab — die Kuppel als einzige Form der Kirche angenommen hatte. So durchgreifend war diese nationale Tat der Arsakiden, eines Gregor und Trdat, daß sie auch nicht
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19) Supka, Uj Elet (Neues Leben), 1912, S. 585 und sonst.
20) Vgl. darüber meinen Aufsatz in der Zeitschrift für Geschichte der Architektur, VII (1915), S. 51 f., und „Die bildende Kunst des Ostens“, S. 31 f.

 

 

 

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verdrängt werden konnte, als die seit dem 5. Jahrhundert von Griechen und Syrern mit gierigen Augen betrachtete armenische Kirche versuchte, auch in Armenien den tonnengewölbten Längsbau durchzusetzen. Davon in meinem Armenienwerke.

 

Mit welchem Hohn und Spott wurde ich seinerzeit von Berlin aus überschüttet, als ich die Trompenkuppel, d. h. die Kuppel, in der das Quadrat durch eine Trichternische, nicht durch Hängezwickel (Pendentifs), in das Rund der Kuppel übergeleitet wird, als im besonderen persisch hinstellte 21). Heute wird kein Mensch an dieser Tatsache zweifeln. Diez geht darauf S. 80 f. näher ein.

 

Im Islam macht die Kuppel seltsame Schicksale durch. Sie, das ausgesprochenste Merkmal des Innenraumes, liegt der Mitte mit dem offenen Hofe durchaus fern. Und doch sind die Moscheen von Konstantinopel ganze Kuppelberge, die Moschee in Damaskus heißt nach der Kuppel Adlermoschee und auch in unserer Vorstellung der transoxanischen und indischen Bauten spielt die Kuppel eine durchschlagende Rolle. War der Hof die Siedlungsform der Nomaden, so ist die Kuppel die Wohnzelle, die in den festen Siedlungen Irans vorherrscht. Von dort ist sie in den islamischen Grabbau ebenso übergegangen wie schon in die armenischen Kirchen des 4. Jahrhunderts. Beiden Kreisen wurde auf diese Art das auch im Abendland durch die Wanderungen der Goten und vom Süden her durch Hellenismus und Islam bekannt gewordene Motiv der Trichternische gemeinsam.

 

Was die Einzelgestalten der Baukunst anbelangt, so scheint es möglich, ihren Ursprung nach den grundlegenden Landes- und Volksteilen, die sich im Islam vereinigten, zu bestimmen. Der „Perserbogen“ heißt so wegen seines Ursprunges und wenn Diez, S. 54, den Kielbogen vielleicht eher türkischen als persischen Ursprunges sein läßt, so zeigt das nur, wie sehr geographische und Rassenfragen in der Kunst Mittelasiens eine Rolle spielen. Immer wieder
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21) Zeitschr. f. d. Geschichte der Architektur, III (1911), S. 1 f., und Amida, S. 177. Dazu Orientalistische Literaturzeitung, XIV (1911), Sp. 506 f. Die Behauptungen, die dort widerlegt wurden, waren ein Grund, daß ich auf der Durchführung der Forschungsreise nach Churasan bestand.

 

 

 

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stößt der Forscher auch auf Spuren von Zusammenhängen, die er glaubt mit der alten Holzbaukunst der arischen Wanderung zusammenbringen zu können. Ich werde darauf in meinem Armenienwerke genauer einzugehen haben. Meine „Bildende Kunst des Ostens“ schon weist darauf in kurzen Worten hin. Auch bei Diez tauchen solche Spuren auf Schritt und Tritt auf, ohne daß ihre Deutung im vorgeschlagenen Sinne ausgesprochen würde. Ich verweise auf die Bildung der Schauseiten mit Blendbogen in Hufeisenform (S. 62) und die Bildung der Kuppel in Indien (S. 160 f.).

 

Was die Zierkunst anbelangt, so steht bei Diez S. 124 der Satz: „Das ganze Altertum bis in die Blütezeit der abbasidischen Weltherrschaft schöpften die europäischen Länder auch im Norden ihre Kunst aus dem hellenistisch-orientalischen Kunststrom des Südens.“ Gerade die islamische Zierkunst bietet den Schlüssel zur Widerlegung solcher Anschauungen. Der Abschnitt, in dem der Satz steht, über den Bauschmuck der Seldschuken, ist aber derart mit allerhand Einfällen, die Armenisches, Indisches und Chinesisches betreffen, durchsetzt, daß man merkt, Diez weise nur darauf hin, ohne ernstlich verglichen zu haben. Im übrigen ist der Begriff des Klassischen (S. 112) in einer Kunstströmung, die zwischen Mittelmeer, Indien und China eingebettet ist, zu vermeiden, er war schon verfehlt den Großen der italienischen Kunst gegenüber (Wölfflin). Am ehesten könnte man die Bezeichnung für die „hellenistische Säulenagora“ anwenden, wenn diese überhaupt an der Wiege der Moschee Pate gestanden hätte oder wenn später in Konstantinopel in den Vorhöfen eine kühle, einheitliche Form aus neuen Werkstücken platzgreift. In Kleinasien und Ägypten ist das am wenigsten der Fall.

 

Die Zeichen, durch die sich der islamische Handwerker beziehungsweise Künstler verständlich macht, sind andere als wir sie in Europa gewohnt sind — soweit sich unsere Kultur irgendwie mit dem Mittelmeere berührt. Wir lesen im Grunde genommen auch Werke der bildenden Kunst — soweit sie darstellen. Die islamische Kunst nun kennt zum mindesten keine religiöse Darstellung. Das ist nur geographisch zu verstehen. Nicht so sehr die Abneigung der semitischen Nomaden, als

 

 

 

45 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

die der Nomaden und Nordvölker überhaupt gibt dabei den Ausschlag, sie alle kennen keine Kunst, in der im Wetteifer mit der Natur die Gefahr unkünstlerischer Probleme eintreten könnte wie zu allen Zeiten im Gebiete des Mittelmeeres. Die islamische Kunst lebt sich im geometrischen Zierat, einer Kunstform aus, die, wie die Musik, reiner Ausdruck ist. Wo sich Annäherungen an Pflanzenformen bemerkbar machen, liegen sicher Einflüsse von den Treibhauskulturen, also vom Mittelmeere, aus Indien oder China vor: So weit muß der Rahmen der Untersuchung geographisch gesteckt werden. Ich habe versucht, die islamische Zierkunst von der Ecke Altai-Iran aus zu erfassen, wo sich die Hauptströme, der ostarische und der türkische, mit dem Mittelmeerstrome kreuzen.

 

Die christliche und die islamische Kunst hatten ursprünglich örtlich fast die gleiche Wurzel. Daß die eine der Südkunst des Mittelmeeres, die andere der Art der Nord- und Wandervölker anheimfiel, hat nichts mit der Religion zu tun. Im Christentum entschied — soweit wir es heute überhaupt kennen, also im Westen — die Mittelmeerkunst, im Islam der mit der Völkerwanderung vordringende Norden und Osten. Ein Mittelding zwischen beiden scheint die armenische Kunst. Sie kennt den Innenraum, aber keine Darstellung. Ihre Kirchen sind wie die Moscheen ausschließlich mit Zieraten ausgestattet gewesen; Bilder, die das Religiöse durch die menschliche Gestalt für den Nichtschriftkundigen lesbar machen, kommen in Armenien erst durch Syrer und Griechen auf. Doch das gehört nicht hierher. Die Ablehnung der Naturgestalt in der bildenden Kunst tritt natürlich nicht erst mit dem Islam auf. Ich habe darüber ausführlich „Altai-Iran“ gehandelt. An der Grenze steht die Prachtfassade von Mschatta, die ich in der Festschrift zur Eröffnung des Kaiser-Friedrich-Museums in Berlin 1904 bearbeitete. Diez führt gegen meine ausgesprochene Überzeugung Mschatta, den chanartigen Prachtbau jenseits des Toten Meeres, mit Eingangsräumen, Hof und dreischiffigem Trikonchos in der Mitte, unter den islamischen Denkmälern an, ja er legt sogar gerade darauf besonderen Nachdruck, indem er eines der Dreieckfelder vor das Titelblatt des ganzen

 

 

 

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Werkes setzt und im Text die Zeitstellung noch besonders betont. Die Omajjaden und Jezid II (720—724) sollen dafür in Betracht kommen. Ich habe mich schon in der Mschattaarbeit 22) und immer wieder in dem Streite entschieden gegen einen so späten Ansatz ausgesprochen 23). Mschatta hat mit dem Islam überhaupt nichts zu tun, es wird also durch die ausdrückliche Betonung ein ganz falsches Licht auf diesen Kunststrom geworfen. Da es sich um eine grundsätzlich wichtige Frage handelt, bei der in erster Linie auch der geographische Gesichtspunkt mitspricht, sei auf diese Angelegenheit hier mit einem Worte eingegangen. Mschatta ist zunächst eine Schöpfung, die mit dem Moab, in dem sie steht, künstlerisch nichts zu tun hat. Es ist in Bauart und Ausstattung zweifellos von einem geographisch weit abgelegenen Kunstkreise bestritten worden. Das ist das eine. Das andere ist, daß die Historiker (Lammens, Herzfeld) behaupten, in der Zeit vor dem Islam sei ein Palastbau in dieser Gegend unmöglich, während anderseits der Kunstforscher sagen muß, in der Zeit der Omajjaden ist eine derartige Formengebung ausgeschlossen. Man beachte, daß hier glücklicherweise einmal nicht die Eselsbrücke einer Inschrift vorliegt, sondern beide Forschungsrichtungen Farbe bekennen müssen. Wenn nun Diez Stellung auf Seite der Historiker nimmt, so ist das sehr zu bedauern, denn er steigert dadurch mit seinem weitverbreiteten Handbuche die Verwirrung aufs Äußerste schon deshalb, weil er dem Institute angehört und die Meinung entstehen könnte, als wenn ich selbst die Überzeugung geändert hätte. Daß das nicht geschah, muß daher ausdrücklich betont werden. Altai-Iran, S. 73, gibt darüber Aufschluß und S. 151 ist außerdem Diez’ Einfall wegen Herleitung des Dreieckmusters widerlegt. Im Armenienwerke wird auf die Bauform von Mschatta in seiner Gesamtanlage einzugehen sein.

 

Form. Die Eigenart der religiösen Baukunst des Islams wird, wie gesagt, durch etwas bestimmt, das ursprünglich
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22) Jahrbuch der k. preuß. Kunstsammlungen, XXV (1904), S. 363 f. 23) Vergleiche zuletzt v. Berchem, Journal des savants, 1909, S. 31, und Brünnow, Zeitschrift für Assyriologie, 1912, S. 1289 f.

 

 

 

 

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auch in der christlichen Kunst eine nebensächliche Bedeutung hatte, den Hof. Er hat nur eine Umwallung, nicht auch Decke und Dach, die im Christlichen geradezu den Ausschlag in der Bauentwicklung gaben. Die Folge davon ist, daß alle die Wesensfragen der Form nach Masse, Raum, Licht und Farbe ganz anders gerichtet sind als in Europa.

 

Raum. Im islamischen Moscheehof ist als Freiraum die Umgrenzung durch Hallen und Mauern das Bestimmende, nicht die Einteilung eines Innenraumes und dessen Verhältnis in Höhe und Breite. Die Moschee ist das, was wir einen Platz nennen und es ist möglich, daß die Betonung der Achsen durch hohe Iwanbauten zum Teil — neben der Zweckbestimmung und der gestaltlichen Gegebenheit durch die volkstümliche Bauweise — dem Bedürfnis entsprach, die Platzwand wenigstens an ihrer sprechendsten Stelle aufragend in ein Verhältnis zur Weite zu bringen. In den großen Freitagsmoscheen Irans ist diese Aufgabe packend und befriedigend zugleich gelöst. Alle anderen Ländergebiete der islamischen Kunst zeigen Versuche beachtenswerter Art, aber keine großzügig aus einer starken Baugesinnung zur Einheit geläuterte Raumform.

 

Masse. Die Queriwane, als mächtige Baublöcke in die Mitte der Platzwände gelegt, bilden zugleich die Massen, die den Blick an den bevorzugten Stellen auffangen und den Bezug der Richtungen aufeinander herstellen.

 

In Mesopotamien und Ägypten überwiegt die Hofmoschee mit Längsiwanen, die Seldschuken bauen Medresen mit verkümmerten Queriwanen. So tritt ein geographisch wechselndes Bild zutage, das erst recht eigenartig wird, als sich die Osmanen im Umkreis des Marmarameeres festsetzten. Es ist auffallend, daß sie den Hoftypus so gut wie ganz aufgaben und den Kuppelbau auch für die Moschee anwendeten. Das Zurückgreifen auf die Art der Sophienkirche ist dabei die überraschendste Tatsache. Es ist bisher kaum genügend gewürdigt worden, daß damit, gleichzeitig etwa wie in Italien, eine Renaissance einsetzte, die in der Baukunst nicht ohne Einfluß auf den Westen blieb. Hatte seit jeher die armenische Kuppelkirche auf das christliche Abendland gewirkt, so wurde dieser Einfluß des Ostens jetzt namhaft verstärkt

 

 

 

48 Josef Strzygowski.

 

durch die Erfahrungen, die Künstler wie Michelozzo, Leonardo u. a., in den über dem Quadrat errichteten Kuppelbauten und den über dem Achteck angelegten Bäderkuppeln von Konstantinopel und in der kilikischen Ecke machten. Die einen gingen auf Raumeinheit los, die anderen blieben, dem Zweck entsprechend, bei der Raumteilung. Leonardos Arbeiten zeigen beide Richtungen nebeneinander 24).

 

Licht und Schatten. Es läßt sich verstehen, daß die Moschee als Freiraum den Wert von Licht und Schatten kaum in einer irgendwie mit der europäischen verwandten Art baukünstlerisch anwenden wird. Will man Vergleichsmöglichkeiten erlangen, so muß man nicht von einzelnen Bauwerken, sondern vom Stadtbilde ausgehen. Nur wo die Moschee in Straßenfluchten steht, z. B. in Kairo und Kleinasien, kommen dazu Schauseiten, in denen durch das Motiv der ,,Hohen Pforte“ Licht- und Schattenwerte gliedernd in das Ganze eingreifen. Auch ist unleugbar, daß die Zellennischen und -gewölbe (Stalaktiten) vornehmlich auf solchen Licht- und Schattenwirkungen aufgebaut sind. Sie kommen aber in ganz anderer Art zur Geltung als Tonwerte in Europa angewendet erscheinen: Der Islam kennt die weichen Übergänge der Modellierung, die für die griechische Kunst so bezeichnend sind, außer bei Profilierungen nicht, weil er seine Zierformen in die Fläche legt, sie umrahmt und entweder in mehreren Flächen übereinander oder auf tiefem, dunklem Grunde zeigt. Im übrigen ist bereits gesagt worden, daß beim Mangel darstellender Gestalten die rein künstlerischen Werte, also die geometrische Form in ihrer rein sinnlichen Wirkung die ausschlaggebende Rolle spielt. Linie und Fläche, Hell und Dunkel, der Gegensatz in Muster und Grund, der gleichgewichtige Aufbau und das Muster ohne Ende usf., das sind die Formen, die ganz unmittelbar und auf sich gestellt, nicht getragen durch irgend eine Naturgestalt, wirken müssen. Ich will dieses ungeheuere Gebiet hier nur angedeutet haben — Diez führt ja manches im einzelnen aus. (Schluß folgt.)
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24) Vgl. den oben, S. 27, Anm. 6, angeführten Aufsatz über Leonardo-Bramante-Vignola im Rahmen der vergleichenden Kunstforschung.

 

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Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

Von Josef Strzygowski. (Schluß.)

 

Farbe. Die islamische Kunst kennt den Wert des einfarbigen Lichtes zur Erzielung künstlerischer Wirkungen weniger als jede andere Kunst, eben weil sie nicht vom Innen-, sondern vom Freiraum ausgeht. Ihr verwandte Richtungen der Altai-Iran-Ecke mögen dadurch auch auf die anläßlich der Mschattafassade erörterte Einführung des Tiefendunkels an Stelle von Licht und Schatten gekommen sein. Damit aber war schon der Weg zur Farbe gewiesen. Tiefendunkelarbeiten sind solche in Schwarz und Weiß. Außerdem mag die Farbenfreude des Islams in den bunten Faserstoffen der Zeltnomaden eine ihrer Quellen haben. Die besonders in Persien auffallende Neigung, die Wände außen und innen mit farbiger Tonware zu verkleiden, weist auf solchen Ursprung um so mehr, als auch die Muster diesen Zusammenhang bekunden. Zudem ist es der Islam, der zuerst die später in der Gotik zu so hoher Entwicklung gelangte farbige Verglasung von Maßwerkfenstern durchgeführt hat. Es ist sehr auffallend, daß die Moscheen mit offenem Hofe auch in den wenig tiefen Seiteniwanen solche Fenster aufweisen. Das Maßwerk ist gewöhnlich aus schräg für den Lichteinfall ausgeschnittenem Stuck hergestellt und diese durchbrochenen Muster sind dann mit Stücken bunten Glases gefüllt.

 

Inhalt. Es steht außer Zweifel, daß die islamische Kunst eine seelische Einheit von so ausgesprochener Eigenart gegenüber der Kunst aller anderen Weltreligionen ausdrückt, daß man sie kaum mit einer anderen vergleichen kann, außer

 

 

 

154 Josef Strzygowski.

 

etwa der chinesischen vor den Han, die wir aus den hieratischen Bronzen kennen. Man muß die Zusammenhänge mit den ältesten eurasiatischen Kunstströmen im Norden und in den Steppen und Wüsten erkannt haben, um diese Eigenart verstehen zu können. Es ist jene volkstümliche, von der nordischen Völkerwanderung her bekannte Freude am Schaffen flächenfüllenden Schmuckes, die unserer schnelllebigen Zeit allmählich abhanden kommt, jener sinnige Zustand zwischen Spiel und Ernst, der uns tausendmal das gleiche Zeichen liebevoll und mit Gedanken stimmungsvoll umhegt in irgend einer Werkart wiederholen läßt. Die Religion des Islam hat damit an sich freilich wenig zu tun. Die Kultgebäude bieten lediglich einen Rahmen, in dem sich die schweifende Phantasie an Wänden, Geräten, Gefäßen und auf Handschriftblättern auslebt. Die Seele des Nordländers und Nomaden klingt in der bildenden Kunst des ersten Jahrtausends ähnlich wie in der Kunst des Islams, mit der sie durch die Berührung im Gebiete von Altai-Iran verknüpft erscheint. Es ist gewiß nicht zufällig, daß wir im Profanbau immer wieder auf die Formen des Zeltlagers stoßen und die Füllung gegebener Flächen als das bescheidene Ziel aller Kunsttätigkeit angestrebt sehen.

 

Der Islam ist von den großen Weltreligionen die jüngste. Trotzdem hat seine Kunst weder mit dem Buddhismus noch dem Christentum, seinen Vorgängern und Mitlebenden, viel gemein. Das religiöse Gebäude wird nicht von anderen Gebäuden getrennt erbaut oder durch Stufen gehoben. Zwar umgeben Mauern den heiligen Bezirk und Gebetrufertürme überragen das Häusermeer, aber da, ursprünglich wenigstens, der Innenraum fehlt und das Heiligtum nur durch die Richtung angedeutet wird, bleibt der Hof Waschraum und die Iwane Versammlungshallen, also reine Zweck Zweckbauten. Erst spät, besonders bei den Osmanen, wird die Kuppel, in Konstantinopel ganze Kuppelberge, das religiöse Wahrzeichen, obwohl sie vorher nur das Grab kennzeichnete. Der religiöse Ausdruck scheint also in der Baukunst zurückgedrängt gegen die Zweckmäßigkeit — selbst in den Größenverhältnissen, die sonst besonders in der Höhenentwicklung die stärkste Befriedigung des Gefühls bedeuten. Da der

 

 

 

155 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

Innenraum und damit die Möglichkeit der Höhenentfaltung fehlt, geht dieser stärkste Stimmungsausdruck, soweit er sich nicht in der Anlage hoher Iwan- oder Vorbauten und Minarets befriedigt, verloren.

 

Ähnlich fehlt die Möglichkeit, durch die menschliche Gestalt religiöse Stimmungen zu verwirklichen, wie es die antike, christliche und buddhische Kunst bis zur Plattheit getan haben. Das Ornament ist zwar ebensogut Träger von Inhaltswerten, aber rein im Sinne der Musik. Es löst Stimmung aus, die nicht durch die Unterschiebung der menschlichen Gestalt als Schauspieler schwarz auf weiß ausgedeutet werden kann. Und nun denke man rein geographisch die Weite der islamischen Welt und wird sich vorstellen können, welche Fülle von Zierformen hier nebeneinander und sich gegenseitig durchdringend Platz gefunden haben und wie schwierig die Aufgabe des Forschers sein mag, der versucht, in dieser scheinbar undurchdringlichen Welt Richtwege zu schlagen. Der Islam hat Semiten, Arier und Türken verschiedenster Färbung unter einen Hut gebracht. Man kann sich denken, daß die Rassengegensätze bei näherem Zusehen gerade in inhaltlichen Fragen deutlich werden müssen. Die ursprünglich geographisch getrennten Verschiedenheiten sind nie ganz verschwunden.

 

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Die bildende Kunst des Islams verlangt einen Forscher, der die asiatische Welt genau kennt. Die muhammedanische Bewegung setzt am Ende einer Zeit ein, in der zuerst der Hellenismus die alten Treibhauskulturen des vorderen Orients zu einer Einheit verschmilzt, bis zuletzt das Christentum sie wieder auflöst. Die neuen Verbände aber waren andere als die vor Alexander. Den Kern der islamischen Kultur bildeten nicht mehr Ägypten, Mesopotamien oder das Mittelmeer, sondern der Nordosten des iranischen Hochlandes, jener Kreuzweg, in dem sich die Straßen vom Mittelmeere her, aus Indien und China begegneten mit den Nomadenwegen, die nach dem Norden vermittelten. Von hier aus versteht man die Kunst der Völkerwanderung ebenso, wie durch das Mittelglied des christlichen Armeniens manches selbst in der

 

 

 

 

156 Josef Strzygowski.

 

abendländischen Kunst des Mittelalters erst dadurch klar wird. Wir täuschen uns, wenn wir Byzanz oder das Mittelmeer für die Schicksale der Kunst in der Zeit des frühen Mittelalters verantwortlich machen wollen, wie es so häufig für das Abendland geschieht und für den Osten selbst bei Diez noch da und dort durchschlägt. Schon die christliche Kunst Vorderasiens hat nichts mit Byzanz zu tun 23). Auf diesem Boden entstehen vielmehr nationale Kirchen, die jenes internationale machtgierige Wesen, das Rom, Byzanz und Ktesiphon aufrecht hielt, nicht kannten. Nur so war es möglich, daß in Armenien die bahnbrechende Tat entstehen konnte, die den Kuppelbau zu einer neben der Bauform des Mittelmeeres bestehenden und ihr im Osten übergeordneten Bauweise der Kirche werden ließ. Es ist von ungeheuerer Bedeutung geworden, daß nicht auch der germanische Norden schon damals die Kraft zu einer nationalen Bewegung im Rahmen des Christentums fand. Der Islam kreuzte diese Welt und pochte drohend vom Osten und Süden an ihre Tore. Auch zum Verstehen der europäischen Kunstentwicklung ist also die Kenntnis dieser asiatischen Bewegung notwendig.

 

Es darf nicht wundernehmen, in einer Kulturwoge, die von Arabien ausgeht, Altai-Iran den Ausschlag geben zu sehen. Der Stifter des Islams kannte die bildende Kunst kaum dem Namen nach. Diese war vielmehr bei dem raschen, siegreichen Vordringen des Islams der Art der einzelnen Landesgebiete überlassen, bis der Islam eben auf ein Gebiet stieß, dessen Gesinnung, der seinigen verwandt, eine lebendige Formkraft besaß, die dann die islamische schlechtweg wurde. Wir hätten also die in Betracht kommenden Landgebiete daraufhin zu prüfen, ob irgendwo die Art der islamischen Kunst schon in vorislamischer Zeit heimisch war.

 

Das ist nun in keinem der Länder der Alten Welt, weder in Ägypten, Syrien, Mesopotamien, noch auch im sassanidischen Iran der Fall. Die Einleitung von Dr. Glück über die sasanidische Plastik kann daher in Diez’ Buch nur als Voranstellung des Gegensatzes gefaßt werden oder
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23) Vgl. meine Aufsätze ,,Die sasanidische Kirche und ihre Ausstattung“ (Monatshefte f. Kunstwissensch., VIII, 1915, S. 349 f.) und über den persischen Hellenismus im laufenden Jahrgange des Repertoriums für Kunstwissenschaft.

 

 

 

157 Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage.

 

ist ein rein historischer Einschlag, weil dem Islam in Persien das Sasanidische unmittelbar vorangeht. Im übrigen hat die islamische mit der sasanidischen Reichskunst nichts zu tun. Vielmehr ist die islamische Kunst ausgesprochen Nomadenkunst und nur deshalb in ihrem entschiedenen Gegensatz zur Kunst des Hellenismus und des Alten Orients möglich geworden, weil die arabischen Nomaden sehr bald Anschluß an die Wandervölker Mittelasiens gewannen und die iranischen Nordvölker Persiens eine ähnliche Richtung verfolgten.

 

So lag die Entscheidung nicht bei Vorderasien; der Islam bewegt sich zwar radial von Medina aus, aber seine bildende Kunst nimmt sehr bald die entgegengesetzte Richtung vom Osten her. Es ist daher falsch, die syrische, die mesopotamische oder die ägyptische Kunst als ausschlaggebend und im Islam schöpferisch einmündend sehen zu wollen. Die Ausbreitung des Islams erfolgte so schnell und die Verbindung mit Mittelasien so unvermittelt, daß für die Entwicklung der islamischen Kunst alle anderen lokalen Ansätze zurücktreten. Dieser Vorgang mußte statt einer geschichtlichen Einleitung geschildert werden, ihn begreiflich zu machen, wäre Sache jener wissenschaftlichen Erkenntnis, die ich seit Jahren vertrete. Diez hat sich zwar von dieser Strömung mitreißen lassen, opfert auf Grund des erhaltenen und bisher bekannten Denkmälervorrates die beliebte Annahme des Ganges der Entwicklung vom Westen nach Osten, greift aber bisweilen zu Annahmen, die ich nicht gern auf dem Kerbholze meines Institutes belassen möchte. Irrtümer im einzelnen sind immer möglich; was beunruhigt ist die Art, wie Diez sich Freiheit im Aussprechen von Ansichten gönnt. Aber daran werden ja, wie im Handbuch der Kunstwissenschaft überhaupt, auch in dem Rande über die islamische Kunst spätere Auflagen manches verbessern können. Man vergesse nicht, daß es sich um den ersten zusammenfassenden Versuch eines kunstgeschichtlich gerichteten Sonderforschers handelt. Schon die planmäßige Bearbeitung der Ergebnisse der Forschungsreise des Institutes nach Churasan wird darin vorwärts helfen. Die erste Auflage des Diezschen Handbuches aber bleibt eine dankenswerte Tat, schon um der reichen Quellennachweise, die sie auch dem geschulten Fachmanne bietet.

 

 

 

158 Josef Strzygowski.

 

Ich habe hier an einigen Beispielen zu zeigen gesucht, auf welchen Wegen etwa eine planmäßige Wesensforschung, d. h. eigentliche Facharbeit gegenüber dem historisch-philologischen Vielwissen sich zu bewegen haben wird. Die Lebenswesenheit bildende Kunst bietet durch ihren anschaulichen Arbeitsstoff einen festeren Anhalt zur Ausbildung einer solchen Methode als andere Geisteswissenschaften. Irrtümer und Fehlwege werden am Anfänge unvermeidlich sein, aber der aufrichtig um den Fortschritt und die Selbständigkeit seiner Wissenschaft bemühte Fachmann wird vor ihnen ebensowenig zurückschrecken, wie vor der Drohung, von der herrschenden Partei lächerlich gemacht, ja verfolgt zu werden 26). Im vorliegenden Falle habe ich mich lediglich auf die islamische Kunst beschränkt. Das wichtigste an der planmäßigen Wesensforschung ist aber, daß sie für den Vergleich mit anderen auch geographisch weit auseinanderliegenden Kunstkreisen einen sachlichen Maßstab zu gewinnen gestattet, an welchem die Eigenart einer an Boden oder Volk haftenden Formkraft gemessen werden kann.

 

Ich komme nun nochmals auf Woermanns Absicht zurück, „die Entwicklung des künstlerischen Geistes und der künstlerischen Formensprache der Menschheit“ geben zu wollen. Dazu gehört neben der sachlichen Grundlage der Denkmälerkenntnis nach ihrer geographischen Verteilung eine ebenso sachlich gegliederte Einteilung des künstlerischen Wesens, das den Vergleich ermöglicht. Über die seltsamerweise gern als „Weltgeschichten“ bezeichneten zusammenfassenden Darstellungen der kunstgeschichtlichen Tatsachen des Erdkreises, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren, werden wir mit dem Ziele einer Entwicklung des künstlerischen Geistes nur hinauskommen, wenn wir fachmännisch vergleichend auf geographischer Grundlage arbeiten.
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26) Ein Wiener Musterbeispiel wird in den Monatsheften für Kunstwissenschaft, 1918, Aprilheft, unter dem Titel „Der Zustand unserer fachmännischen Beurteilung“ besprochen werden.

 

 

 

 

Quelle: Mitteilungen der k. k. Geographischen Gesellschaft 1918 Heft 1/2 S. 20-48; 153-158. Josef Strzygowski: Vergleichende Kunstforschung auf geographischer Grundlage