Christof Römer "Die Klosteranlage"

Auszug aus Veröffentlichung: „SONDERDRUCK AUS GERMANIA BENEDICTINA Band VI: NORDDEUTSCHLAND KÖNIGSLUTTER“
von Dr: Christof Römer
Herausgegeben zur 850-Jahr-Feier des Kaiserdomes Königslutter 1985


„Bau- und Kunstgeschichte
...

Die Klosteranlage: Die gesamte Klosteranlage, nicht nur die übliche Klausur, entwickelte
sich südlich der Kirche. Nord- und ostwärts behinderten St. Clemens und die Vogteige-
bäude die Ausdehnung. Vom Kreuzgang sind nur der an die Kirche angelehnte, zweischif-
fige Nordflügel und der Westflügel erhalten. Die gurtlosen Kreuzgratgewölbe des Nordflü-
gels ruhen auf reichgestalteten Säulen und Kapitellen (korinthischer Typ, mit Palmettenfä-
chem). Dieser Teil des Kreuzganges, ein Höhepunkt der romanischen Kunst Norddeutsch-
lands im 12. Jh., fand Nachfolge u. a. in der Klausur von St. Aegidien in -›Braunschweig.
Der Kreuzgangwestflügel, aus dem späten 13. Jh., mit Kreuzgratgewölben, hat ein Brun-
nenhaus mit einem 1490 erbauten Obergeschoß. An diesen Flügel grenzt noch heute das
zweischiffige, vierjochige Refektorium aus dem 15. Jh. Hier befindet sich auch das Kalk-
steinrelief einer Kreuzigungsgruppe aus der gleichen Zeit. Nur noch zu rekonstruieren sind
die damit verbundenen anderen Gebäude (vgl. die Rekonstruktion nach einem Grundriß
von 1662 bei RÖHR, 1956, S. 16). Danach lehnten sich an den Ostflügel zwei Kapellen an, die
„Kapelle zu den neuen Pfeilern" und die „]ohanneskapelle”. Im Obergeschoß des Ostflü-
gels befand sich das Dormitorium. An den Südflügel grenzte die sogenannte „Neue Abtei"
(als „Abtshaus" in verbauter Form noch erhalten). Hier wohnten die lutherischen Äbte des
17. und 18. Jh.s. Südlich des Abtshauses erstreckte sich der Wirtschaftshof."

 

Herausgegeben von der
BAYERISCHEN BENEDIKTINER-AKADEMIE MÜNCHEN
in Verbindung mit dem
ABT-HERWEGEN-INSTITUT MARIA LAACH

 



Der Kapitelsaal des Klosters Königslutter

Kenner des Klosterwesens wissen längst, daß der "Grundriß
des Benediktinerstifts Königslutter" viele Fehler enthält.
Der als Kapelle "Zum Neuen Pfeilern" bezeichnete Raum süd-
lich der Sakristei war selbstverständlich der Kapitelsaal.
Seit 1000 Jahren hat dieser Hauptraum benediktinischer
Klausuren an dieser Stelle seinen Platz.
Die eigenartige Bezeichnung "Kapelle zum Neuen Pfeilern"
wurde unkorrekt und unverstanden aus dem Klosterinventar
von 1662 übernommen, das im Staatsarchiv Wolfenbüttel auf-
bewahrt wird. Dort steht eindeutig "Kapelle zu den neurı
Pfeilern".
Demjenigen, der nach dieser Beschreibung den Grundriß des
Klosters zu rekonstruieren versuchte, war demnach ebenso-
wenig wie dem Schreiber von 1662 das Klosterwesen vertraut.
Auch die vier Bogenschilde an der Südwand der Sakristei
waren ihm entweder nicht aufgefallen, oder er erkannte ih-
ren Sinn nicht.
Sie zeigen, daß sich hier ein tieferliegender gewölbter
Raum mit vier Jochen befand. Im NO-Eck ragt der Bogenan-
fänger noch aus dem Mauerwerk. Bei vier Gewölbejochen u.
neun Pfeilern ergibt sich ein vierschiffiger Raum.
Einen vierschiffigen romanischen Kapitelsaal mit vier Jo-
chen und neun Freistützen fand ich nicht noch einmal!
Wahrscheinlich war die Säule bzw. der Rundpfeiler mit dem
Achteckkapitell, dessen Teile in der südlichen Querhaus-
apside liegen, eine der neun Stützen.
Der Raum war bereits damals "zum halben Theile ein Stein-
haufen". Über dem Kapitelsaal und den ehemals südlich an-
schließenden "Kammern" lag laut Angabe des Inventars und
dem benediktinischen Klosterschema entsprechend das "Schlaf-
haus" (Dormitorium) der Mönche. Von dort gelangten sie trepp-
ab in der südlichen Querhauswand in die Kirche, wo nach der
Benediktsregel bereits zwei Stunden nach Mitternacht die
Vigilien begannen.
Ein stufenloser Dormitoriumfußboden erforderte ein Vertie-
fen des Kapitelsaalniveaus um die Dicke des Gewölbes. Der
Zugang vom Kreuzgang her führte meist drei Stufen abwärts
und wurde von Maueröffnungen mit Zierarkaden flankiert.
Wie prächtig müssen sie bei diesem einmaligen Kapitel-
saal von Königslutter gewesen sein!

Otto Kruggel
1991

Veröffentlicht in:  Der Dombote 7. Jahrgang Nr. 35  Januar/Februar 1993 S. 10-11

 

Grundriß des Benediktinerstifts Königslutter

Der Stille Garten von Königslutter



Wenn zur Neuweihe des Kaiserdomes nach der großen Restaurierung auch das Umfeld,

bes. der Stille Garten der ehem. Klausur angemessen dargeboten werden soll, müßte

mit der nötigen Gestaltung und Interpretation bald begonnen werden.

Sicherlich ist eine würdige Gestaltung dieses Zentrums der Klausur bereits

vorgesehen. Dazu folgende Hinweise:

 

Auch zur Anlage und Pflege eines Gottesgartens ist Wasser nötig.

Ursprünglich könnte es die übliche zentrale Brunnenanlage auch hier ge-

geben haben. Das Kloster hatte eine großartige Wasseranlage. Vielleicht

die großartigste aller deutschen Klöster oder gar aller Klöster überhaupt !

 

Zwei akademische Wünschelrutengänger stellten in der Mitte des Qua-

drums Steinsetzungen im Boden fest. Eine andere Wasserzufuhr erhielt es

neben den Traufen durch die Abflußöffnung des Brunnenhauses. die jetzt

vermauert ist.

 

Wegen der Zapfstelle im Quadrum schrieb ich bereits 1999 den Oberkon-

servator Jung an.

 

Durch Skelettfunde im Jahre 1994 ist bewiesen, dass dieser Stille Garten

ursprünglich wie üblich Bestattungsplatz der Mönche war. Laut Kloster-

inventar von 1662 befand sich ein Fischheller in ihm.

 

Selbstverständlich gehört die belegende, erläuternde und vergleichende

Literatur zu den Aktivitäten dieser Umfeldsanierung.

 

Otto Kruggel

15.03.2007

 

 

 

Christof Römer "Bibliotheksgeschichte des Benediktinerklosters zu Königslutter"

Auszug aus Veröffentlichung: „SONDERDRUCK AUS GERMANIA BENEDICTINA Band VI: NORDDEUTSCHLAND KÖNIGSLUTTER“
von Dr: Christof Römer
Herausgegeben zur 850-Jahr-Feier des Kaiserdomes Königslutter 1985

"Bibliotheksgeschichte

Die Bibliothek lag einstmals in einem Obergeschoß über dem westlichen Kreuzgang und
dem Refektorium. Sie scheint recht umfangreich gewesen zu sein. Die Räume hießen noch
in einem 1613 erstelltem Inventar „Auff der Liberey", wurden aber nur noch als Aufbewah-
rungsort für Bettzeug u. ä. verwandt (Nds. StA Wolfenbüttel, 11 Alt Königs. 52). Zu diesem
Zeitpunkt befand sich die Klosterbibliothek in den Räumlichkeiten der sog. „Neuen Abtei",
die sich an den Südkreuzgang anlehnt (Des Closters Bücher, so in den neben Cämmerlein
bey der newen Abtey gestanden). Ob es sich bei diesem Bücherbestand noch um die bene-
diktinische Klosterbibliothek gehandelt hat, läßt sich nicht entscheiden. Während der Re-
formationszeit sollen neben Urkunden und Kopiaren auch Bücher in das Halberstädter
Johannisstift in Sicherheit gebracht worden sein. Ihr Verbleib ist nicht bekannt.
1613 umfaßte die Bibliothek 41 Foliobände, 18 Werke in Quart und 28 Werke in Oktav,
dabei im Folioformat deutsche und lateinische Bibeln, Episteleditionen (Capitula Epistolarum
S. Hieronimi ex Epistola Damasii papae ad Hieronimum), Postillen verschiedenster Art (Postilla
super Psalterium D. Hugonis Cardinalis S. Sabina), Schriften zu den Dekretalien (Compilatio
Decretalium Gregorii, Casus longi Bernhardi super Decretales), Werke von Augustin (De civitate
Dei), Tertullian (Opera Tertulliani) und Aristoteles (Libri octo. . .), aber auch den Liber Come-
diarum Terentii und eine Ducis Leonis vita. Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts sind mit
Luthers und Melanchthons Werken vertreten, daneben stehen Kommentare aus Löwen
(Explicationes articulorum facultatis Theologicae generalis studii Lauahemsis tomus primus oder eine
Concordia de anno 36). Bei den Quartbänden ist neben der Institutio principis Christiani per
Erasmum Rotterodamum, dem Pastorale Lutheri teutsch, der Cithara Lutheri Teutsch, dem „Be-
richt von der Erbsünde Iacobi Andreae”, der Wolfenbüttelschen und der Sächsischen
Kirchenordnung auch philosophisches Schrifttum wie die Theses disputationis M. Guntheri
Professoris philosophíae Aristotelicae Ethices oder das Astrolabium Iohannes Crabii und ein Calen-
darium Oeconomicum Johannis Coleri Teutsch zu verzeichnen.
Die Oktavbände enthalten lateinische und deutsche Bibeln, Psalterien, Episteln, Postillen,
Sermones, Ennarationes überwiegend von Autoren des 16. Iahrhunderts, soweit von den
genannten Titeln ausgegangen werden kann. Hervorzuheben ist „Eine Regula Benedictii,
so der Propst zu S. Lorentz (in Schöningen) von Herrn Abt seeligen entlehnt hatt".
Insgesamt befanden sich 1613 also noch 87 Werke - verhältnismäßig gut ausgewogen zwi-
schen vor- und nachreformatorischem Schrifttum - in der Klosterbibliothek. Ob dies der
gewachsene benediktinische Bestand war, ist schwer zu entscheiden. Handschriften bzw.
Drucke sind im Verzeichnis von 1613 nicht gekennzeichnet. 1626 sollten die Bücher des
Klosters sicherheitshalber in die Stadt Braunschweig verlagert werden; auf dem Transport
kam es zu schweren Verlusten. Bis jetzt ist das weitere Schicksal der Klosterbibliothek
ungeklärt."



Herausgegeben von der
BAYERISCHEN BENEDIKTINER-AKADEMIE MÜNCHEN
in Verbindung mit dem
ABT-HERWEGEN-INSTITUT MARIA LAACH