Samuel Hahnemann in Königslutter

"1796 ist das Geburtsjahr der Homöopatie.

Hahnemann veröffentlicht in Königslutter seine Arbeit "Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen nebst einigen Blicken auf die bisherigen" (1796 Königslutter, Hufelands Journal BD. II).

Diese Arbeit ist Grundlage für das "Organon der rationellen Heilkunde" (Leipzig 1810)."

 

Zitiert aus:

Freie Heilpraktiker e.V. (Berufs- und Fachverband) "Zum 250. Geburtsjahr Dr. med Christian Friedrich" von Markus Acker (Heilpraktiker)

Link: http://www.freieheilpraktiker.com/X-Ablage-X/X-2Ablage2-X/Samuel-Hahnemann/_jobid-4895

 

Der Inhalt der Veröffentlichung Samuel Hahnemanns von 1796 in Hufelands Journal zur praktischen Wundheilkunst 2. Band, 3. Stück s. 391-439 und 4. Stück S. 465-561 ist unter folgendem Link für Interessierte einsehbar:

http://www.homeoint.org/articles/mickler/hufeland.htm

 

Die Stadt Königslutter hat in Würdigung der Verdienste Samuel Hahnemanns eine Straße nach ihm benannt.

 

 

 

Friedrich Christian Samuel Hahnemann

Gustav Hartwig

 

Friedrich Christian Samuel Hahnemann.

Der Begründer der Homöopathie als Arzt in Gommern

 

Am 5. Dezember 1982 jährte sich zum 200. Male der Tag, an dem der berühmte „Begründer der Homöopathie“, Doktor Christian Friedrich Samuel Hahnemann, seine Praxis in Gommern eröffnete, mit der gleichzeitig das Amtsphysilat verbunden war. Ein kleiner Platz an der Straßengabelung Salzstraße und Friedrich-Ebert-Straße ist noch heute nach ihm benannt. Seine Praxis befand sich in einem heute nicht mehr vorhandenen Gebäude zwischen der Konsumgenossenschaft und der Gärtnerei Schippan.

 

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Abb. 1

Samuel Hahnemann 1782-1843

 

Die weltweite Bedeutung dieses von einer großen Idee besessenen Arztes und sein Wirken in Gommern sind Veranlassung, seinen Werdegang als Arzt und Vorkämpfer einer neuen Heilkunde aufzuzeigen.

 

Geboren in Meißen am 10. April 1755 als Sohn eines Porzellanmalers der Kurfürstlichen Manufaktur, wirkt der 25jährige Hannemann zunächst als Arzt in Hettstedt. Er isr tief unzufrieden mit sich und seinem Beruf,

 

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weil er nicht helfen kann, wie er helfen möchte. Lange Jahre der Entbehrung liegen hinter ihm, die er mittellos in Leipzig und Wien durchhungerte. Er kennt die Freude an genauer Arbeit und sauberer Leistung. Er sollte Kaufmann werden, der Vater steckte ihn in einen Laden, doch er flüchtete. Mit genau 20 Talern in der Tasche beginnt die Irrfahrt dieses, wie einmal gesagt wurde, „Bettelmönches der Arzneilehre“. Zunächst studierte er in Leipzig Medizin, doch an dieser Universität wird damals nur geredet; es gibt nicht ein einziges Krankenbett. Er ging nach Wien, wo er im Spital der Barmherzigen Brüder mit den ersten Kranken in Berührung kam. Am Ende seines Studienweges stand Erlangen, wo er sein Examen machte und enttäuscht war, denn „was man nicht weiß, das eben braucht man, und was man weiß, kann man nicht brauchen.“ 1

 

In Hettstedt erlebt er die schwere Not des ärztlichen Gewissens; er stand an den Betten sterbender Bergarbeiter und konnte keine Hilfe bringen in einer Zeit, in der die damalige Heilkunde wenig mehr als den Aderlaß kannte. Hier wurde er zum Rebellen der Heilkunde seiner Zeit, zu einem wilden Fechter gegen Tod und Teufel, zu einem Abtrünnigen, über den die Mediziner, die Herren der Aderlässe, der Klistiere und der Latwerge ihr Haupt schüttelten und das Urteil sprachen. Ruhelos wurde Hahnemann durch Deutschland gehetzt und mehr als einmal traf man ihn in unseren heutigen Bezirken Magdeburg und Halle. Allein in vier Jahrzehnten, von 1780 - 1821, wohnte und wirkte dieser hochbegabte Arzt, nie zur Ruhe kommend, in härtester Arbeit für den Unterhalt einer großen Familie schuftend, oft hungernd und frierend in Hettstedt, Dessau, Gommern, Dresden, Leipzig, Georgenthal b. Gotha. Molschleben, Pyrmont, Braunschweig, Wolfenbüttel, Königslutter, Hamburg, Mölls, Eilenburg, Wittenberg, Torgau, Köthen, nochmals Leipzig und wieder Köthen, wo er im Juni 1821 eintraf. Aus diesem Leben seien nur einige wenige tiefgreifende Ereignisse geschildert, die bestimmend waren für die Entwicklung Hahnemanns und seiner Heillehre. In Dessau wurde er mit Häseler, dem Apotheker, bekannt, in dessen Laboratorium er alle Apothekerkünste seiner Zeit kennen und durchschauen lernte. Er hat sie gewogen und zu leicht befunden.

 

Doch hier begegnete er auch Häselers Tochter, seiner späteren ersten Frau Henriette, die ihm, der in vierzig Jahren zwanzig Mal zum Wanderstab greifen muß, und mit Kind und Kegel, Sack und Pack von Ort zu Ort zieht, nicht weniger als elf Kinder schenkt. Es ist in Gommern, wo auch das erste Kind, eine Tochter geboren wird, und wo der junge Amtsphysikus Hahnemann aus eigener Anschauung zum erstenmal das „Narrenhaus“ der damaligen Zeit erlebet, die ganze unmenschliche Behandlung der Irren mit Ketten und Peitsche. Er ist tieferschüttert über die Mißhandlungen, die ihren Ursprung letzten Endes im Dämonenglauben und den Austreibungsmethoden mittelalterlicher Inquisatoren haben. Patienten hat Hahnemann zu jener Zeit nur wenige. Mühsam ernährt er seine Familie mit Übersetzungen und schreibt in zwei Jahren zwölf Bände, Nacht für Nacht, weil am Tage der Lärm der Kinder ihn nicht ruhig arbeiten läßt. So ist notgedrungen aus dem praktischen Arzt zunächst ein medizinischer Fachschriftsteller geworden, der sich 1789 in Leipzig, der Stadt der Verleger, niederläßt.

 

Mit Hahnemanns Zuzug nach Gommern verhält es sich so: Einen ortsansässigen Arzt hatte es hier bis dahin nicht gegeben. Zu Anfang des Jahres 1782 wenden sich die „Deputierten der Stadt- und Landschaft Gommern“ mit einer Bittschrift an ihren Landesherrn, den Herzog Friedrich August zu Sachsen. Die Bevölkerung verlangt einen praktischen Arzt, damit er „viele durch die Dummheit und Einfalt der im Notfalle sich allhier bedienenden Pfuscher und Medicaster ohnfehlbar zum Tode bestimmte Kranke rette“, denn nur bemittelte Einwohner können sich einen Arzt aus Magdeburg oder Zerbst holen lassen. Wenn die Eingabe recht hat, und es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, so wäre ein Drittel der in Stadt und Land Gommern jährlich vorkommenden Todesfälle zurückzuführen auf die Unwissenheit der „Pfuscher und Medicaster” auch ‚.Scharfrichter und Leineweber“, oder aber auch auf die „Vernachlässigung ihrer Krankheiten, die man dem Schicksal und ihrer guten Natur überlässet“. Ein Arzt ist also dringend nötig; aber das ist den Deputierten schon von vornherein klar, es kann sich nur jemand in dem kleinen Gommern niederlassen, wenn er neben seinem Honorar noch von Staats wegen ein „kleines Gehalt” erhält, also das Amtsphysikat übernimmt. Man hat auch gleich einen diesbeggl. Vorschlag bereit:

 

„50 Rtl. bar

24 Scheffel Roggen, Dresdner Maß,

24 Scheffel Hafer zur Haltung eines Reitpferdes,

8 Klafter Scheitholz,

8 Schock Bundholz“ 2

 

Soweit die Bittschrift. Der Landesherr ist nicht abgeneigt. Die Deputierten sollen Vorschläge machen. Man hat mehrere Kandidaten bereit, darunter auch einen „ebenfalls in gutem Ruf stehenden Doktor, namens Hahnemann zu Dessau, der, weil dort mehrere Doktores wären, und gar keine Besoldung daselbst zu geniessen habe, das Amtsphysikat allhier auch nicht ausschlagen dürfte“. 3 Der Bittschrift wird stattgegeben. Am 1. November 1782 richtet der Amtsmann von Gommern an Hahnemann die Frage, ob er einverstanden sei.

Die Antwort erfolgt schon nach wenigen Tagen, eigenhändig, und ist so liebenswürdig ihrem Inhalte nach und auch so sympathisch in ihren Schriftzügen, wie eben die ganze Persönlichkeit des jungen Mannes gewesen sein muß:

 

„Der gültige Antrag ... ist mir so schmeichelhaft als angenehm. Ich erkenne das mir hierunter gegönnte Zutrauen mit dem verbindlichstem Danke und nehme diesen Ruf meines lieben Vaterlandes mit aller Bereitwilligkeit an ...” 4

 

Hahnemann trat sein neues Amt in Gommern dann schon am 5. Dezember 1782 an. Die eidliche Verpflichtung erfolgt vor dem Amt. Da ist zunächst die umfangreiche Dienstanweisung zu unterschreiben, die sich am allerwenigsten mit den Berufspflichten des neuen Amtsarztes beschäftigt, vielmehr mit seiner religiösen und politischen Einstellung. Es folgt der Amtseid selbst:

 

„Alles was ich geredet und gelobt, wie mir das mit unterschiedlichen Worten und Punkten fürgelesen und fürgesaget, von mir auch wohl verstanden worden, das will ich stets fest und unverbrüchlich, getreulich und ohne Gefehrde halten, als mir Gott helfe ...” 5

 

Ja, Hahnemann war nun Kurfürstlicher Amtsarzt, selbständig, mit verhältnismäßig großem Wirkungskreis und mit dem besten Eifer und Willen,

 

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Gutes und Großes zu leisten. Und er war wieder in seiner sächsischen Heimat und führte bald dazu noch eine junge Frau heim. Trotzdem blieb Gommern für ihn eine Enttäuschung. Zunächst das Gehalt. Man hatte ihm nicht das bewilligt, was seinerzeit die Deputation vorschlug, vielmehr oder besser vielweniger nur:

 

35 Tlr. bar,

24 Scheffel Roggen,

24 Scheffel Hafer,

8 Klafter Weichholz.

8 Schock Bundholz.  6

 

Hahnemann versuchte zwar noch etwas mehr herauszuschlagen, jedoch vergeblich. Er schreibt später darüber „... Der etwas ansehnlichere Gehalt bewog mich, bessere Einnahmen und Beschäftigung hinter dieser Stelle zu suchen, als ich in den 2 3/4 Jahren fand, die ich daselbst zugebracht habe. Es hatte in diesem kleinen Ort noch nie ein Arzt existiert; man hatte keinen Sinn für ihn.“  7

 

Das Amt urteilt ähnlich in einem Schreiben an den Kurfürsten „...Dass Hahnemann schon so glücklich gewesen sei, vielen hier angetroffenen Patienten durch seine Gegenwart und geleisteten Beistand nützlich zu werden, gleichwohl er im Anfang nicht so viel verdienet, als er zu seinem notdürftigen Unterhalt benötiget.“ 8 Es war eben in Gommern nicht anders als in dem benachbarten Burg, wo Hahnemanns Kollege über die eigene Praxis und über die Bevölkerung urteilt: „Ehe sie den von Gott geschaffenen und verordneten Medikum gebrauchen, sie lieber dahinsterben.“ 9 Und doch, sagt Hahnemann weiter, „fing ich da zuerst an, etwas mehr die unschuldigen Freuden des Hauses neben den Süßigkeiten der Geschäfte zu genießen in Gesellschaft der gleich beim Antritte des Amtes geehelichten Gefährtin meines Lebens, Henriette Küchlerin, Stieftochter des Herrn Apothekers Häseler in Dessau.“ 10

 

Wenn Hahnemann froh ist, wieder Heimatboden unter seinen Füßen zu haben, so dachte die Heimat anders über diesen neuen Arzt. Der Amtsschimmel reitet gegen ihn in Gestalt der medizinischen Fakultät in Wittenberg. Man ist dahintergekommen, daß Hahnemann Arzt ist und – man denke -, in Erlangen promovierte. Das bedeutet: Im Ausland! Und die abgelegten Examina sind in Sachsen, wie sich das gehört, natürlich ungültig.

 

So muß sein Landesherr, der ihm soeben noch huldvollst und gnädigst zu Amt und Würden verholfen, feststellen lassen, daß der neue Amtsarzt nicht nur gar kein gültiges Examen abgelegt hat, sich ferner nicht nur weigert, dies in Wittenberg nachzuholen, sondern auch tatsächlich zu dem festgesetzten Termin nicht erschien.

 

Hahnemann erscheint darauf „alleruntertänigst" im Amt Gommern, im Besitz eines Zeugnisses über seine Leipziger Studienzeit und einem Schreiben an den Landesherrn: „Die Kosten für die Reise hierher, Etablissement in Gommern, einem Orte, wo alle zum Leben so nötigen Dinge so rar und schwer anzuschaffen sind, ist teuer zu stehen gekommen... frei gestehen, dass mein Vermögen geradezu schon dergestalt erschöpft wurden ist, dass ich als auswärtiger Promotus an neue Unkosten eines Studiums an einer inländischen Universität keineswegs hätte denken können, wenn es nicht schon vorher längstbesagte vorliegende Abschrift bei der Hochl. med. Fakultät zu Leipzig geschehen wäre... Ich glaube übrigends", fährt Hahnemann fort, „als ein Mann von Ehre, auf meine Handlungen in der Stadt Hettstedt im Mannsfeldischen, wo ich anderthalb Jahre praktiziert, auf mein zweijähriges Verhalten in Dessau und selbst auf mein neunmonatiges hiesiges Betragen hinweisen zu dürfen, wo man mir durchgehends das Zeugnis eines brauchbaren Arztes auf keinen Fall versagen wird.“ 11

 

Hahnemann weist zum Schluß wieder auf seine schlechten Einkünfte hin, die nicht einmal zum Lebensunterhalt ausreichen, und daß er sich nicht entschließen kann, noch an neue unerschwingliche Unkosten zu einer nochmaligen Promotion und dazu nötigen kostbaren Reise zu denken und bittet, ihn davon „gnädigst“ zu dispensieren. Was daraus geworden ist, ist nicht bekannt. Damit endet das Material über Hahnemanns Gommerner Zeit. Es ist nur noch ein Schriftstück vom 20. 1. 1785 vorhanden: Die Kündigung an das Amt Gommern, zugleich der Abschiedsbrief an den Amtsmann und die Bevölkerung. 12 Zum Osterfest des Jahres 1785 verließ Hahnemann den Ort, der ihn in mancher Beziehung enttäuschte, und das ihm trotzdem liebgewordene Städtchen Gommern.

 

In Leipzig, wohin er sich nun wandte, tritt der große Umschwung in seinem Leben ein. Hier empfängt er die Idee seiner neuen Heillehre, der Homöopathie, die Krankheiten mit Mitteln zu heilen sucht, die bei den gesunden Menschen ein der Krankheit ähnliches Bild erzeugen. Damit wendet Hahnemann ein ganz neues, in der bisherigen sterilen Schulmedizin ganz unbekanntes und allein schon darum von ihr verpöntes Prinzip des Forschens und Heilens, an: Gleiches mit Gleichem zu heilen. Ein Prinzip, das bald auch bei der Bekämpfung von Krankheiten durch Impfen angewendet wird. Der Auftakt ist sein berühmter Chininversuch. Bei Cullens, dem schottischen Medizingewaltigen, liest er, die Chinarinde wirke mittels ihrer auf den Magen ausgeübten stärkenden Kraft. Das kann nach seiner Auffassung nicht stimmen, das weiß Hahnemann genau, denn als junger Student hat er oft an Wechselfieber gelitten und viel Chinarinde geschluckt, die seinen Magen absolut nicht gestärkt. Jetzt beginnen seine Selbstversuche. Tag für Tag nimmt er Chinarinde und notiert peinlich genau die Wirkung: Rauschen in den Ohren, Blutandrang zum Kopf, Benommenheit, Ängstlichkeit, Schüttelfröste, Durst – kurz, alle Erscheinungen des ihm so gut bekannten Wechselfiebers. Da kommt ihm plötzlich die Erleuchtung und er erkennt: Stoffe, die eine Art Fieber erregen, sind imstande, ebensolche Fiebererkrankungen auszulöschen, zu heilen. Chinarinde, die im gesunden Körper die Anzeichen des Fiebers hervorruft, bekämpft auch das Fieber. Fieber heilt Fieber. Das ist die Geburtsstunde der Homöopathie, der Heillehre, die Gleiches mit Gleichem heilen will. Damit war der Sucher Hahnemann unerwartet zum Finder geworden.

Hahnemanns Frau Henriette trägt das fünfte der elf Kinder, die sie ihrem Manne schenkt; es ist in Stötteritz bei Leipzig. Der Winter steht vor der Tür. Hahnemann schleppt Holz und Wasser herbei; der Hunger nagt; durcharbeitete Nächte, lärmende Tage, zermürbendes Zusammengepferchtsein in enger Stube, Jahre hindurch mit welchselnden Schauplätzen, stets das gleiche Bild in tiefster Not. Daß er nicht unterliegt, ist nur verständlich aus dem Antrieb, den er immer wieder von seiner Lehre empfängt, kranke Menschen nach seiner Lehre zu heilen.

Das „Narrenhauserlebnis“ von Gommern, wie er es nennt, tief eingebrannt

 

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in seine Seele, läßt Hahnemann 1792 Direktor einer Heilanstalt für Wahnsinnige „Standespersonen” in Georgenthal bei Gotha werden. Tatsachlich meldet sich auch eine „wahnsinnige Standesperson“, der Geheime Kanzleirat Glockenbring aus Hannover, der nach Jahresfrist „geheilt“ entlassen werden kann, und aus ist es mit dem Direktor der Irrenanstalt ohne Irre.

 

Inzwischen hat sich Hahnemann nicht nur die Ärzte, sondern auch die Apotheker zu Feinden gemacht, da er ihren Künsten nicht traut und seine Arzneien selbst herstellt. Selbstverständlich wird der Klage der Ärzte und Apotheker stattgegeben. Hahnemann erhält ein Verbot, Arzneimittel herzustellen und zu verkaufen. Er verschwindet , von dem Schauplatz, der diesmal Königslutter heißt. 13

 

Im Jahre 1812 sehen wir den 57jährigen Kämpfer an der Universität Leipzig von Katheder aus Schüler für seine Lehre werben. Doch seine Schüler sind zunächst verfemt wie er. Allmählich allerdings wachsen seine Erfolge, dankbare Patienten schlagen die Trommel seines Ruhmes, und seine neue Heillehre findet immer mehr Anhänger. Doch überall wiederholt sich das alte Spiel: Anzeige der Ärzte und Apotheker. Kesseltreiben gegen Hahnemann auf der ganzen Linie mit dem immer gleichen Enderfolg. Von Leipzig aus verzieht er im Januar 1821 wieder nach Köthen. Diese Stadt wird nunmehr für 14 Jahre sein Wohnort und seine Wirkungsstätte. Er erwirbt ein eigenes Haus und kann seine Arzneien selbst herstellen.

 

1830 geht Henriette Hahnemann, die Dessauer Apothekerstochter, die 67jährige tapfere Frau, müde vom ewigen Kampf an der Seite dieses Mannes, aus der Welt. Die beiden jüngsten Töchter führen dem Vater - inzwischen zum Hofrat ernannt – in Köthen den Haushalt. Die Ehen dreier Töchter sind geschieden. Zwei Töchter sind ermordert worden, eine andere Tochter ist bereits über 20 Jahre tot, der einzige Sohn aber ist in der weiten Welt irgendwo verschollen. Jetzt ist es sehr einsam geworden um den alten Mann, der tief verbittert wilde Streitschriften verfaßt, selbst gegen seine treuesten Anhänger, die er Halbhomöopathen nennt. Da ruft den Kämpfer Hahnemann die Cholera wieder auf den Plan. Hier interessieren weniger die Arzneien, die er verordnet, als der sichere ärztliche Blick, der ihn die unerbittliche Forderung strengster hygienischer Maßnahmen, Absperrungen, Desinfektionen usw. stellen läßt. Seine Zeitgenossen, selbst der große Hufeland, halten die Cholera für eine gewissen „Epilepsie des Darmes“, andere glauben, sie sei auf Einflüsse aus dem Weltall zurückzuführen. Allein Hahnemann trifft das nach seiner Auffassung einzige Richtige, er schreibt über das „Cholera-Miasma”, das wahrscheinlich in einem unseren Sinnen entfliehenden Wesen menschenmörderischer Art besteht, das sich an die Haut, die Haare usw. der Menschen oder an deren Bekleidung hängt und so von Mensch zu Mensch übergeht. Kann man das Wesen von Bakterien, die damals noch gar nicht bekannt waren, kann man die Heimtücke von Krankheitserregern besser kennzeichnen, als Hahnemann es hier vorausahnend getan hat.! 14

 

Das tragische Leben Hahnemanns schließt mit einem nicht alltäglichen Ereignis. Der 80jährige vermählt sich am 18. 1. 1835 mit der fast 50 Jahre jüngeren Französin Melanie d'Hervilly, die in unbändigem Drang‚ den Verfasser des berühmten Buches „Organon der Heilkunde“ kennenzulernen, in Männerkleidern von Paris nach Köthen reist, in die Einsiedelei des Verfechters einer großen Idee. Am 13. Juli 1835 fährt das ungleiche Paar nach Paris, dem Paris des Bürgerkönigs Louis Philipp von Orleans. Der französische Unterrichtsminister Guizot erteilt Hahnemann die Erlaubnis zu praktizieren. In feierlicher Sitzung wird der deutsche Arzt zum Ehrenvorsitzenden der französischen Homöopathie ernannt. Auch in Paris bleibt der Angriff der

 

 tl_files/Fotos/Samuel Hahnemann/Abb-2-Hahnemanns-Grabmal-auf-dem-Pere-Larchaisein-Paris-Magdeburger-Blaetter-1983-S53.jpg

Abb. 2

Hahnemanns Grabmal auf dem Père Lachaise in Paris

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Ärzte auf Hahnemann nicht aus. Doch das Ministerium entscheidet sich für Hahnemann. Im übrigen halten die geschickten Hände Melanies, ihr Reichtum und ihr Einfluß, dem alten Mann alle Sorgen fern. Hier in Paris erlebt er nach seiner Auffassung noch die „echte, die klassische Homöopathie". Das häusliche Leben sieht hier auch ganz anders aus als in Köthen. Diener und Zofen schwirren durch die eleganten Räume seiner Wohnung. An arbeitsfreien Abenden besuchen viele Freunde den berühmten Arzt, Maler und Bildhauer, Literaten und Musiker, vor allem Künstler, denen sich Hahnemann mit ganzer Seele zugehörig weiß. Ähnlich wie viele andere, die im bürgerlichen Frankreich die Enge der halbfeudalen Zustände der deutschen Fürstenstaaten hinter sich lassen oder ihrer demokratischen oder sozialistischen Vorstellungen wegen von dort fliehen mußten, findet Hahnemann in diesem damals fortschrittlichen Land Aufnahme und Anerkennung seiner Leistungen.

 

Einer der letzten Aussprüche vor seinem Tod gilt der klugen Mitstreiterin, der zweiten Frau. „Ich habe lange einen Mann gesucht, und ich habe ihn erst in meiner Frau gefunden“, schreibt Hahnemann in seinen Erinnerungen.” 15

 

Das Leben Hahnemanns ist am 2. Juli 1843 abgelaufen. An diesem Tag schließt ein genialer Arzt, ein von einer großen Idee besessener Mensch, ein unermüdlicher Kämpfer für immer die Augen. Mag auch die von ihm begründete Heillehre „Homöopathie“ teilweise umstritten sein, so haben seine in mühevoller entbehrungsreicher Kleinarbeit gewonnenen Erkenntnisse und Lehren noch heute weltweite Bedeutung, und kein Geringerer als der große Berliner Kliniker August Bier hat einmal gesagt: „Als ich seit dem Jahre 1920 anfing, die Quellenwerke der Homöopathie zu studieren, mußte ich mir sagen, daß ich mir viele Irrtümer, viele Umwege und Irrwege erspart hätte, wenn ich mit diesem Studium 30 Jahre früher begonnen hätte.“ 16

Hahnemann fand seine letzte Ruhestätte auf dem Pariser Friedhof „Pere’ Lachaise“. Ein würdiges Grabmal kennzeichnet noch heute seine Grabstätte. Die von ihm gewünschte Inschrift lautet: „Ich habe nicht umsonst gelebt.“

 

 

 

Anmerkungen

 

1 Derstroff: Der Arztrebell Samuel Hahnemann, o.O.o.J.

2 Staatsarchiv Magdeburg, Sign. D. Gommern XVII, Nr. 6

3 Rausch: Samuel Hahnemann als Amtsarzt in Gommern, Staatsarchiv Gommern. Sign. II/41.

4-12 Siehe Anmerkung 2

13 Fritsche, H.: Hahnemann: Die Idee und Wirklichkeit der Homöopathie, Berlin 1944.

14-16 Siehe Anmerkung 1.

 

 

Veröffentlicht in:

Magdeburger Blätter. Jahresschrift für Heimat- und Kulturgeschichte im Bezirk Magdeburg 1983 S. 50-54

 

 

 

 

Otto Griepenkerls Untersuchungen über die örtlichen Ursachen des Typhus und der Cholera in Königslutter 1867

Die örtlichen Ursachen des Typhus und der Cholera in Königslutter (Braunschweig).
Vom Physicus Dr. O. Griepenkerl.
Hiezu ein Plan von Königslutter.


Schon bald nach dem Erscheinen des Pettenkofer’schen Werkes über die Verbreitungsart der Cholera erkannte ich, dass gerade an dem Orte, an welchem ich die ärztliche Praxis ausübe, bei seinen ganz eigenthümlichen Bodenverhältnissen in seltener Weise viele Umstände sich vereinigen, welche ihn zu einem höchst günstigen Felde für das Studium der neuen Theorie gestalten. Mit ganz besonderer Rücksicht auf die Frage, in wie weit die von Pettenkofer für die Cholera aufgestellten Sätze auch auf den Typhus Anwendung finden, habe ich seit jener Zeit unausgesetzt dieses Ziel vor Augen gehabt und stelle die Ergebnisse meiner bis in die speciellsten localen Verhältnisse sich erstreckenden Untersuchungen, so weit sie allgemeineres Interesse beanspruchen dürfen, in folgenden kurzen Notizen zusammen.
Der Ort Königslııtter zählt 3500 Einwohner und besteht aus der Stadt gleiches Namens und zwei dicht daran grenzenden Dörfern, Stift und Oberlutter. Er liegt am nördlichen Abhange des Elms, einer in der Richtung von Südost nach Nordwest 2½ Meilen sich hinziehenden, dem Beaumont'schen Hebungssysteme der Pyrenäen angehörenden Hügelkette, deren mit Buchen bewaldete Höhen sich bis zu 1000 Fuss über die Meeresfläche erheben, von den verschiedenen Gliedern der Muschelkalkformation gebildet und rings vom Keuper umlagert werden. Die Quellen , welche am Fusse dieser Berge aus grösserer Tiefe entspringen, sind meistens so reich
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Die örtlichen Ursachen des Typhus etc. Von Dr. O. Griepenkerl

an Kalk, dass das Wasser, nachdem es eine Strecke weiter geflossen ist und an der Luft einen Theil seiner Kohlensäure verloren hat, beträchtliche Mengen desselben fallen lässt und die Gegenstände, mit welchen es in Berührung kommt, mit der Zeit incrustirt. Diess gilt auch von der Lutter, einem 4-6 Fuss breiten Bache, welcher 485' ü. M. am Ausgangs eines Thales entspringt und den ganzen Ort in einer Länge von circa 5000' durchfliesst. Das Terrain, auf welchem der Ort liegt, fällt von Süden nach Norden circa l00' auf eine gerade Entfernung von circa 3800' und zwar ist das Fallen des Bodens am stärksten in der Mitte der ganzen Länge, in der Oberlutter-Hauptstrasse und vom Stobenberge zum Sack und zur Herrenmühle. Die Lutter treibt auf ihrem Wege durch den Ort fünf Mühlen und zwei Wasserhebemasclıinen an der Zobel'schen Brennerei und an der Irrenanstalt.

 

Bei letzterer sind . . . . . 8' Gefälle
von da bis zur Lustmann`schen Mühle . 4' "
bei Lustmann`s Mühle . . . . . 22' "
von da bis Koch . . . 0' "
bei Koch`s Mühle . . . . . 8' "
von da bis zur Herrenmühle . 1' "
bei der Herrenmühle . . . . 24' "
von da bis Zobel . . . 0' "
bei Zobel`s Brennerei . 3' "
von Zobel bis Prelle . . 0' "
bei Prelle`s Mühle . 16' "
von Prelle bis Böwig . . 0' "
bei Böwig`s Mühle . . . 10' "
  -------- -----------
  96' Gefälle

 
Aus diesen Zahlen ist ersichtlich, dass die Lutter fast nur bei den Mühlen Gefäll hat, und dass sie an vielen Stellen, namentlich vor den Mühlen höher gehalten ist, als die dem gleichmässigeren Abfallen des Bodens sich anschliessenden Sohlen der benachbarten Häuser. Die übrigen kleineren Wasserleitungen, welche den Ort durchziehen, bestehen in l-2' breiten offenen Canälen, welche bei vermehrtem Wasserzuflusse leicht übertreten und auch nicht überall
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Die örtlichen Ursachen des Typhus und der Cholern etc.

dicht halten. Diese sowohl, wie auch die Lutter sind durch polizeiliche Vorschriften möglichst vor Verunreinigungen geschützt und versorgen die meisten Gehöfte mit vortrefflichem fliessenden Wasser.
Mit sehr wenigen Ausnahmen am äussersten Ostrande des Ortes stehen hier sämmtliche Häuser auf einem 20-25' mächtigen Lager von Kalktuff, welches in seinen ältesten Theilen vielleicht in`s Diluvium zurückreichend sich im Laufe der Jahrtausende aus dem Lutter-Wasser abgesetzt hat, noch in fortwährender Weiterbildung begriffen ist und, ähnlich wie bei Cannstadt in Württemberg, viele versteinerte Reste von Pflanzen und Thieren der jetzigen Weltepoche einschliesst. Man findet darin Land- und Süsswasserschnecken, Knochen des Bären, Auerochsen, Equus adamiticus, Elenn, von Hirschen, Rehen, Schweinen, Dachsen, verschiedenen Nagern, Federn und Eier von Vögeln, höchst selten Menschenknochen. Die incrustirten Blätter, Schilfe, Moose, Charen, Algen und stalaktitische Gebilde gruppiren sich oft in sehr zierlichen Formen und werden in der Umgegend viel zur Ausschmückung der Gärten verwandt.
Der Kalktuff hat überall eine nahezu gleiche chemische Zusammensetzung, so rein, dass der daraus gebrannte Aetzkalk von den chemischen Fabriken sehr geschätzt wird. Er ist theils fest und zusammenhängend, als sogenannter Dukstein, ein ausgezeichnetes und weithin verfahrenes Baumaterial, theils sandig und bröckelig, stets sehr porös und saugt das Wasser wie ein Schwamm ein. Er wird durchsetzt von vielen Höhlungen, welche in verschiedenen Tiefen unter dem Orte der Länge nach sich hinziehen und zu Sagen von unterirdischen Gängen Veranlassung gegeben haben. Viele derselben sind augenscheinlich Ueberreste uralter durch die Versinterung stellenweise geschlossener und desshalb verlassener Lutter-Betten; andere mögen durch Fortspülen weicherer innerhalb und unterhalb des festen Duksteins befindlicher Lager entstanden sein. Sie communiciren häufig mit den Brunnen und auch hie und da mit der Erdoberfläche durch Löcher und Vertiefungen, welche Tagewässer aufnehmen. So z. B. verläuft das Wasser der sogenannten Conventsgarten-Rinne, eines von der Lutter abgeleiteten Canales, im Garten der Forstmeisterei durch 2 Löcher in den Erdboden, ohne irgendwo merklich wieder zum Vorscheine
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zu kommen. Nahe der südlichen Gartenmauer der Irrenanstalt, wo 3300 Fuss von der Quelle entfernt das Kalktufflager beginnt, befindet sich eine Vertiefung, durch welche man früher häufiger als jetzt das durch schadhafte Stellen des Lutter-Bettes ausgetretene Wasser mit strudelnder Bewegung einziehen sehen konnte. Man will bemerkt haben, dass zu solchen Zeiten manche Keller im Orte sich mit Wasser füllten; doch hat ein Causalzusammenhang zwischen beiden Vorkommnissen nicht nachgewiesen werden können. Diese unterirdischen Rinnsale mögen mitunter durch Weiterführen eingedrungener Düngertheile und Verunreinigung der Brunnen schaden; auf der andern Seite haben sie aber den unverkennbaren Nutzen, dass sie den Abfluss des Wassers erleichtern, wie eine grossartige Drainage wirken und erhebliche Schwankungen im Niveau des Grundwassers verhindern. Unter dem Kalktuff liegt eine wasserdichte Thonschicht, welche theils der Lettenkohlengruppe des Keupers angehört, theils aııfgeschwemmt ist. Zwischen Tuff und Thon finden sich stellenweise unterbrochene schwache Lager von Muschelkalk-Geröllen, bis zu welchen die meist guten Brunnen hinabreichen. Nur an wenigen Stellen nahe den Rändern der Ablagerung liegt der Tuff unmittelbar auf den nicht wasserdichten bunten Keupermergeln; hier stammt das Brunnenwasser aus den letztern und die Brunnen sind bedeutend tiefer.
Zufolge der beschriebenen Bodenbeschaffenheit sind hier von Alters her allerlei der Gesundheit nachtheilige Uebelstände eingebürgert. Unter Anderem haben sich als gefährliche Miasmenheerde wiederholt die Gerbereien und Schlächtereien gezeigt, welche ihre flüssigen Abgänge mittelst grosser Schwindgruben, hier sogenannter Verliesse, in die Erde ziehen lassen. In kleinerem Maassstabe zum Abführen der im Haushalte verbrauchten Flüssigkeiten sieht man ein gleiches Verfahren bei sehr vielen Wohnungen, auch im Keller, so dass man oft durch das ganze Haus hindurch den Verwesungsgeruch wahrnehmen kann. Weil das Wasser so leicht einzieht, trifft man auch verhältnissmässig selten und nur bei den intelligenteren Wirthen Vorrichtungen an, um die flüssigen Düngerbestandtheile aııfzııfangen und das Regenwasser abzuleiten. Meistens, besonders auf engen Höfen, fliesst letzteres in die Düngergrube
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zusammen und zieht dann rasch in den Boden ab, wie es unter Anderen im Sacke in hohem Maasse der Fall ist. Mitunter geschieht letzteres durch ein besonderes Abzugsloch, welches sich von selbst in der Grube gebildet hat und welches man nach Bedürfniss öffnen und schliessen kann, so z. B. bei dem Hause Nr. 195 vor dem Helmstedter Thore, wo das abgelassene mit Düngertheilen verunreinigte Wasser den nächsten nördlich belegenen Häusern in die Keller fliesst. Alle diese Umstände sind um so wichtiger, da in Königslutter fast alle Hausbesitzer und auch viele Inquilinen Ackerbau und Viehzucht treiben und daher zu Zeiten, namentlich im Spätsommer, der Dünger sich massenhaft auf den Höfen ansammelt.
Bei vermehrtem Wasserzuflusse nach Regengüssen und Schneeschmelzen, und wenn die Müller nicht rechtzeitig die Schleusen öffnen, hebt sich der Wasserspiegel in der Lutter sehr bald zu einer Höhe, wo die Wände des Bettes nicht mehr dicht halten. Ohne gerade immer über die Ufer zu treten, zieht sich dann das Wasser durch den lockeren Boden, dringt den in der Nähe Wohnenden in die Höfe und Keller, trübt die Brunnen und spült Düngertheile unter das Haus. Natürlich leiden dabei diejenigen Wohnungen, welche oberhalb einer Mühle liegen, am meisten, zumal wenn sie so gebaut sind, dass das Wohnhaus das tiefere Niveau einnimmt, etwas höher dahinter Düngerstätte, Viehställe und Abort sich befinden und hinter diesen in wieder etwas höherem Niveau die Lutter fliesst, wie solches die folgende schematische Zeichnung veranschaulicht:

tl_files/Fotos/Geologie_Griepenkerl/Abb-S.374-.jpg
Schema einer Typhus- und Cholera-Localität, z. B. breite Strasse in Oberlutter.


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Von Dr. O. Griepenkerl.
a a  Thonschicht, welche das Wasser nicht durchlässt, der Lettenkohlengruppe angehörend.
b b  Unterbrochene Lager von Muschelkalkgeröllen. Region des Brunnenwassers.
c c  Poröses Kalktufflager. Absatz aus dem Wasser der Lutter.
d d  Höhlungen.
e  Wohnhäuser-Reihe mit viel Typhus und Cholera
f  Brunnen.
g  Viehstall oder Abort.
h h  Düngerstätten, in welche meist das Regenwasser zusammenläuft.
i  Strasse.
k  Querschnitt des Lutterbettes.
l  Wohnhäuser-Reihe ohne oder mit seltenem Typhus resp. Cholera.
Die Pfeile bezeichnen die Richtung in den Bewegungen der eindringenden Tagewässer.
Was den Typhus betrifft, so habe ich durch mehrjähriges sorgfältiges Beobachten in drei nicht unbedeutenden Epidemien die Ueberzeugung gewonnen, dass das eigentliche Grundwasser im engeren Sinne d. h. dasjenige Wasser im Boden, dessen Spiegel wir in den Brunnen sehen, mit seinem Steigen und Fallen und seinen Verunreinigungen nur stellenweise als schädliches Agens auftritt, nämlich am Rande des Tufflagers, wo die wasserdichte Thonschicht der Oberfläche näher liegt, und der Tuff entweder ganz fehlt oder nur in einer Mächtigkeit von wenigen Fussen vorhanden ist. Dies ist z. B. in der Driebe der Fall, noch mehr auf dem Stobenberge, wo der von der Lutter abgehende Graben sehr undicht ist und viel zur beständigen Ueberfeuchtung des Bodens beiträgt. Hier schwankt der Spiegel in den Brunnen zwischen 5 und 8 Fuss unter Tage, das Wasser hebt sich nicht selten bis in die Keller und hat sogar bei dem im Winkel zwischen dem Graben und der Lutter belegenen Hause Nr. 52 die Anlage eines Kellers unmöglich gemacht. Auf dem bei weitem grössten Theile des Beobachtungsfeldes steigt aber nach den bis jetzt vorliegenden Messungen, welche sehr geringe Schwankungen ergaben, weder das
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Grundwasser von unten so hoch, noch dringen die thierischen Abgänge so tief ein, dass beide einander begegnen. Hier sind es mehr die eindringenden Tagewässer, welche auf ihrem Wege von der Erdoberfläche durch den sehr gut filtrirenden Kalktuff bis zur Brunnenwassertiefe die in den obern Schichten vorhandenen Düngertheile eine Strecke weiter und unter die Häuser spülen. Es ist gewiss nicht ohne praktische Wichtigkeit, sich dieses Unterschiedes im einzelnen Falle immer klar bewusst zu bleiben, denn das vor unsern Augen in die Erde ziehende Wasser - das Grundwasser von oben - wird stets für Maassregelungen zugänglicher sein, als das tiefere Grundwasser mit seinen meist verborgenen oder unerreichbaren Zuflüssen. Die Südseite der breiten Strasse in Oberlutter, deren Hintergebäude mit Viehställen, Aborten und Düngerstätten der höher liegenden Lutter zugewandt sind, so dass die flüssigen Abgänge dem Wohnhause zufliessen, hat sehr viel vom Typhus zu leiden, während die Nordseite derselben Strasse, wo umgekehrt die Abgänge von den Wohnhäusern fort bergab ziehen, fast ganz frei bleibt. Ebenso wird die Ostseite der Marktstrasse häufiger befallen, als ihre Westseite, auf der neuen Strasse dagegen die Westseite mehr als die Ostseite. Die nördliche Hälfte der neuen Strasse hat mehr zu leiden als die südliche, was wohl nicht geringen Theils auf die in der Mitte belegene Lohgerberei mit ihrem grossen Verliesse zu schieben ist. Die Abdominaltyphus-Epidemie des Jahres 1865 begann im März schon vor dem grossen Schneefall bei sehr bemerklichem Wassermangel. Als in jener Gerberei und in der Schlächterei im Kattreppeln, wo ein ehemaliger Brunnen als Verliess benutzt wird, die ersten vier Erkrankungen vorkamen, konnte ich mit aller Entschiedenheit voraussagen. dass bald in der Nachbarschaft in der Richtung bergab weitere Fälle nachfolgen würden. Meine Prophezeiung ist pünktlich eingetroffen, und dies würde wahrscheinlich in noch weit überraschenderem Maasse der Fall gewesen sein, wenn nicht im April in Folge des Schmelzens der angehäuften Schneemassen die gefährlichen Bodenschichten mit ihren faulenden Materien wieder unter Wasser gesetzt ıınd dadurch eine Zeit lang unsclıädlicher gemacht worden wären. Bei allen Wohnungen, in welche der Typhus häufig einkehrt, konnte ich das obige
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Schema immer wieder erkennen, nur dass die Stelle der Lutter (k) öfter durch eine der kleineren Wasserleitungen oder auch nur durch Zusammenfluss von Regenwasser vertreten wird. Man sieht, dass die Rechnungen von Buhl und Seidel, nach welchen in München die Häufigkeit und Gefährlichkeit des Typhus mit dem Steigen und Fallen des Grundwassers und der Regenmenge in umgekehrtem Verhältnisse steht, ınit den vorgetragenen Thatsachen vollkommen stimmen.
Die Cholera, welche unsern Ort nur einmal aber sehr heftig im Jahre 1850 heimgesucht hatte, konnte ich hier noch nicht beobachten. Ich habe mir jedoch alle in jener Zeit an der Cholera Gestorbenen - binnen zwei Monaten 162 von damals 3000 Einwohnern, also 5,4 Procent - in den Kirchenbüchern aufgesucht und dieselben, nachdem ich die Häuser, in welchen sie erkrankt waren, ermittelt hatte, mit schwarzen Punkten an den entsprechenden Stellen eines Situationsplanes verzeichnet. Ueberblicke ich dieses Bild 1), so markiren sich sofort alle die in einer zehnjährigen Praxis mir bekannt gewordenen Typhusherde, und ich kann nicht umhin, anzunehmen, dass bei uns beide Seuchen den nämlichen localen Bedingungen gehorchen. Wer auf dem Plane die Unterschiede zwischen der Nord- und Südseite der Western- und der breiten Strasse, der Ost- und Westseite der Marktstrasse vergleicht, der kann sich auch, ohne die Oertlichkeiten aus eigener Anschauung zu kennen, der Einsicht nicht entziehen, dass das obige Schema auch auf die Cholera passt. Grundwasser-Messungen liegen natürlich aus jener Zeit noch nicht vor. Der erste Fall kam in der Stadt vor, nachdem schon eine Zeit lang Durchfälle geherrscht hatten. Ein junger Nadler, der in einem Braunschweiger Hause, in welchem der Cholera schon mehrere Opfer gefallen waren, conditionirte, reiste am 8. August schon krank mit der Post hierher zu seinen Eltern und starb noch in der nämlichen Nacht. Dies geschah in dem Eckhause, an welchem die Marktstrasse und die nach dem Gerichte
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1) Siehe den beiliegenden skizzirten Plan (Tafel VIII.) Die Irrenanstalt, die Häuser am hohlen Wege, im Norden des Glockencamps, an der Dragonerkuhle, im Norden der Fallersleberstrasse und die ganze Elmstrasse waren im Jahre 1850 noch nicht gebaut.
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führende Gasse zıısammentreffen, in einer sehr belebten Gegend und an einer Stelle. welche wir als einen für die Weiterentwickelung der Seuche höchst günstigen Boden erkennen müssen. Acht Tage nachher folgten zwei Fälle in der Nachbarschaft und bald noch mehrere vorzugsweise in den bergabwärts gelegenen nächsten Häusern. Aber schon am 16. August tauchten auf einmal vier neue Heerde auf, im nördlichen Theile der neuen Strasse, im Sack, in dem schon erwähnten Hause Nr. 195 vor dem Helmstedter Thore und am Stobenberge; am 19. schlossen sich auch der Kattreppeln und die Twente an, lauter Gegenden, welche sich bei Typhus-Epidemien bemerklich machen. Vom Stobenberge und vom Kattreppeln aus drang die Krankheit nach Oberlutter vor und zwar gleichzeitig durch die Driebe, die breite Strasse und die Hauptstrasse. Am 2l. wurde das mit sechs Todesfâllen bezeichnete Haus an der Brücke befallen. Hier starb binnen 17 Tagen bis auf ein Kind eine ganze Familie aus in einer Wohnung, unter welcher damals gerade der hart an der Lutter und tiefer als diese belegene Keller voll Wasser stand. Der einzige Fall auf der Renne passirte in einem der aıısgesprochensten Typhushäuser. Der Hof ist so angelegt, dass Düngergrube und Viehställe gerade in dem durch zwei undichte Wasserkanäle gebildeten Winkel und von hier aus wenige Schritte in der Richtung nach Nordwest und bergabwärts die Wohnräume sich befinden. In der Stiftsgemeinde sind nur fünf Fälle verzeichnet, von welchen einer neben der Schule die Todtenwäscherin und ein anderer im Armenhause den bei den Leichen auf dem Kirchhofe angestellten Wächter betraf. Der Todtenfrau folgten am 2. und 25. Tage darauf zwei Kinder in einer unmittelbar abwärts und nördlich belegenen Wohnung, und dabei hatte es sein Bewenden. Ein 6. Fall kam in einem nicht mehr vorhandenen Hause vor, welches in dem jetzigen südlichen Garten der Irrenanstalt an der damals anders verlaufenden Lutter lag. Die Irrenanstalt, welche erst seit dem Herbst 1865 bewohnt wird, ist sowohl von Cholera als auch von der letzten Typhus-Epidemie unberührt geblieben. Ein Blick auf den Plan lehrt, dass sie die allergünstigste Lage hat, weil sie keine unreinen Zuflüsse von oben her zu fürchten braucht. Die Bedenken, welche vor dem Baue mehrfach auftauchten und davon hergenommen wurden, dass bei uns bekanntermaassen
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häufig Epidemien einkehren. können auf diese Stelle keine Anwendung finden. Man sieht sogleich. dass unser Ort in einen obern gesunden und einen untern minder gesunden Theil zerfällt, und dass da, wo seine Länge durch die in veränderter Richtung von West nach Ost zwischen Lustmann`s und Koch`s Mühle fliessende Lutter quer durchschnitten wird, die Grenze zwischen beiden liegt. Hier ist zugleich die Gegend, wo der Kalkabsatz aus dem Lutter-Wasser am stärksten vor sich geht, und der Dukstein, auf welchem die Häuser stehen, am compaktesten ist.
Nach allen solchen Erfahrungen ist es nicht schwer, anzugeben, was geschehen müsste, um Königslutter in einer den Anforderungen der öffentlichen Gesundheitspflege mehr entsprechenden Wohnplatz umzuwandeln. Vor Allem müsste das Bett der Lutter überall wasserdicht hergestellt werden, ebenso die übrigen kleineren Wasserleitungen, die Düngerstätten, die Aborte, der Boden unter den Viehställen; es müsste für eine zweckmässige Ableitung des Regenwassers gesorgt, die Verliesse müssten fortgeschafft und die Stellen mit hohem Grundwasserstande durch Drainirung trockener gelegt werden. Dass dies Alles unausführbar und nicht wenigstens annähernd zu erreichen sei.,wird Niemand im Ernst behaupten wollen; aber freilich gehört dazu neben der Einsicht auch Zeit, Geld, guter Wille und das einmüthige Zusammenwirken Vieler. Die medicinische Wissenschaft thut das Ihrige, wenn sie nicht müde wird, die Quellen so unsäglicher Leiden aufzudecken und die Mittel der Abhilfe zu bezeichnen.



Veröffentlicht in:
Griepenkerl, O(tto): Die örtlichen Ursachen des Typhus und der Cholera in Königslutter.
Zeitschrift für Biologie von L. Buhl, M. v. Pettenkofer, L. Radlkofer, C. Voit
Professoren an der Universität München
III. Band S. 370-379; München 1867
Verlag von R. Oldenbourg

 

Diese Veröffentlichung Otto Griepenkerls erfolgte in der gerade erst in München erschienenen neuen Zeitschrift für Biologie, die vom ersten Direktor des Instituts für Hygiene 1865 Max von Pettenkofer mitbegründet wurde. Dieses Institut war damals in Deutschland einmalig. Max von Pettenkofer wurde als "Pionier der Hygiene und der öffentlichen Gesundheit" weit über die Stadt München bekannt. Nähere Informationen dazu finden sich unter:

http://www.mvp.uni-muenchen.de

 

Plan von Königslutter mit Cholera-Todesfällen im Jahr 1850 (Kolorierung durch Heinrich Medefind)

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