Das Löwenportal am Kaiserdom von Königslutter

Kaiserdom Königslutter Löwenportal
Kaiserdom Königslutter Löwenportal

1 Kor 2.14
Das Löwenportal am Kaiserdom von Königslutter

Die Werbung zum Jahr der Romanik vermehrte die Zahl der Besucher des Kaiserdomes in Königslutter. Doch die meisten davon gehen an den bedeutendsten Bildwerken dieses "Parthenons der deutsch-romanischen Baukunst" achtlos vorüber. In der Fachliteratur, auch im Reisehandbuch "Wege in die Romanik", ist nur wenig darüber zu finden, und manches davon ist gar gräßlich oder peinlich falsch. Da wird z.B. nach den nazistischen Mißdeutungen nun erneut behauptet,"daß der von ihm (Kaiser Lothar) geförderte Kirchbau ausschließlich mit profanen Bildern geschmückt wurde." Th. Weigel, Das Rätsel des Königslutterer Jagdfrieses, S.186.) Selbstverständlich ist alles Bildwerk dieses gediegenen Münsters christlich, und das Wort zum Bild in der Bibel und ihrer damaligen Auslegung zu finden. ,Scrutamini scripturas"(Suchet in den Schriften), fordert Johannes (5.39) die auf, die sein Wort nicht in sich wohnend haben. Honorius Augustodunensis, der damalige "Mittler allen Wissens zum Volke hin", schrieb um 1120: "Das Portal wird sowohl Sperre wie Eingang genannt. Die Tür, die die Feinde abwehrt und eintretenden Freunden Zugang gewährt, ist Christus, der in seiner Gerechtigkeit Ungläubigen den Zugang zu seinem Hause verwehrt und die Gläubigen durch die Tür der Glaubensverheißung geleitet. " (De gemmae animae, PL 172,587) Dies ist die ikonographische Erklärung für das Kirchenportal im allgemeinen, die für das Löwenportal von Königslutter ganz klar und eindeutig zutrifft. Ihr liegen die Bibelworte Joh. 10.7  "Ich bin die Tür zu den Schafen" und 10.9  "Ich bin die Tür, wer durch mich eingeht, wird selig werden", zugrunde.
Zwei Löwen haben sich vor das Portal gelagert (1 Mo 49.9). Sie symbolisieren Christus, den Löwen, "der da ist vom Geschlecht Juda, aufzutun das Buch des Lebens." (Offb. 5.5) Der linke packt den Menschen, der sich wider ihn auflehnen (1 Mo 49.9), ihm nicht folgen will, deshalb das Gotteshaus nicht betreten darf und nicht im Buch des Lebens verzeichnet ist, Der rechte beschützt das Schaf, das aus der Erde kommt, und symbolisiert damit die Auferstehung. Die Hörner des Schafes symbolisieren die beiden Testamente der Bibel, mit denen allein der Mensch sich verteidigen soll. Man kann dies als die klarste und zugleich majestätischste Symbolisierung des steten Kampfes zwischen Gut und Böse, des kategorischen Imperativs der Christenheit und der religio als bindende und hindernde Macht in der deutschen Romanik bezeichnen.
lm Westportal der gleichfalls hirsauischen Kirche des gleichzeitig gegründeten Klosters Thalbürgel wurde dieser Sinn nicht bildlich dargestellt, sondern mit den Worten eingemeisselt: AD PORTAM CELI PRIOR EST HEC PORTA FIDELI"- Der Himmelstür vorgelagert ist diese Tür der Gläubigen. Friedrich Möbius schreibt dazu:"Ich kenne kein zweites mittelalterliches Kirchenportal, an dem die Programmatik der christlichen Heilslehre in solch lehrbuchhafter Klarheit und so eindringlich-pädagogisch formuliert worden ist."
In Königslutter ist das, zumal für die lateinunkundige Allgemeinheit, durch sensationelle Anschaulichkeit viel eingänglicher, einprägsamer und weit wirkungsvoller formuliert.
Seit mehr als 2000 Jahren wurden steinerne Löwen als Wächterfiguren vor Tempeln und Palästen im Orient und Mittelmeerraum verwendet. Durch die Protorenaissance des 12. Jhs. fanden sie Aufnahme in der christlichen Baukunst. Rupert von Deutz forderte 1130: "Man darf etwas Neues weder sagen noch lehren, das durch die Autorität der Schrift nicht gedeckt ist." Hier ist diese Neuerung voll durch die Schrift gedeckt und ganz ohne Beiwerk in klarster Form ausgeprägt. Wiederholt und zu recht wurde dieses Portal als zu dürftig für dieses großartige Bauwerk empfunden. Ein Blick auf das ursprüngliche Gliederungssystem, das außen nur bis zum ersten Seitenschiffjoch ausgeführt wurde, lehrt, daß dieses 7.10 m breite Portal das auf die Jochbreite von 4.80 m angelegte Gliederungssystem zerrissen hätte. Es wurde also für die ungegliederte Wand entworfen und übernahm die für die ursprüngliche Portalkonzeption geschaffenen Löwen. Diese Konzeption läßt sich rekonstruieren, da ihre Elemente vorhanden und die Maßverhältnisse ablesbar sind.
Die Löwen wurden 1890 vom Bildhauer Scheppelmann nachgebildet. Die Originale liegen im südlichen Seitenschiff. Der rechte Löwe erscheint als Abschluß des Gesamtbildwerkes über der Apsis wieder und beschützt den auferstandenen und im Jüngsten Gericht erwählten Gläubigen, der dem Paradies (1 Mo 2.8) entgegenschaut.

Otto Kruggel 1993

Veröffentlicht in: Der Dombote 7. Jahrgang Nr. 39 Sept./Oktober 1993 S. 11-12

Anmerkungen zum Löwenportal von Königslutter

Die Dreibogenöffnung erscheint in der abendländischen Architektur erstmals deutlich in den römischen Triumphbögen. Sie ist eine Verbindung von kaiserlicher Repräsentation und damaliger Stadtbaukunst. Die Erbauer der Maxentiusbasilika übernahmen dieses Trivelium in die Sakralarchitektur. Es wurde in der Folgezeit als gemäßeste Portalform für Fassaden im basilikalen Querschnitt variationsreich entwickelt wie keine andere Eingangsarchitektur. Löwenfiguren wurden seit Beginn der historischen Zeiten als Symbole weltlicher wie religiöser Macht in den Gebieten verwendet, in denen der Löwe als stärkstes Lebewesen galt. In der christlichen Kunst erscheinen Löwendarstellungen erstmals und besonders häufig in der Zeit der Protorenaissance. Aus dieser Fülle sind in Italien viele an Portalen, Kanzeln, Kathedren, Taufsteinen und liturgischem Gerät erhalten. Von dort kam auch der Steinmetz, der das Bildwerk der einzigen kaiserlichen Klosterkirche der Hirsauer in Königslutter schaffen sollte. Nikolaus von Verona konnte es nicht sein, da er zur Zeit der ersten Bauphase von 1135 -1141 in Italien an drei Kirchen umfangreiche Arbeiten ausführte. Ich deute die Buchstaben SC, die als einzige im Namensdrittel der unvollendeten Signatur an der Apsis stehen, als Sasso Comacini. Nikolaus konnte auch am Bildwerk von Saint-Gilles nicht mitgewirkt haben, da dieses später enstand. Die bewußt Reformmönchen und nicht Domherren anvertraute kaiserliche Gründung nahe der wasserreichsten echten Quelle Deutschlands, deren reines Wasser zusammen mit dem Titel des Stifters namengebend für sie wurde, sollte wahrscheinlich die Aula regia der Residenz des Reiches werden, aber trotzdem war sie nicht als bewußte Demonstration des Machtanspruchs des Kaisers konzipiert.

Nach einem bekannten Wort Pinders bedeutete der Dom von Speyer das Nein gegen Cluny, das monumentale Ja zum deutsch-römischen Kaisertum. Die kaiserliche Klosterkirche der deutschen Cluniazenser sollte das Ja zu Cluny und zum deutsch-römischen Kaisertum werden! Nicht monologisches Machtwort war die notwendige Sprache nach dem Wormser Konkordat, sondern förderlicher Dialog. Die historischen Abläufe beweisen, daß dies die Maxime des Handelns des altersweisen Kaisers war.
In den reichen Städten der Lombardei waren während des Wiederaufbaus nach den Erdbeben von 1117 manche Architekturformen neu oder weiterentwickelt worden. Einiges davon sollte in Königslutter mit dem Typ der hirsauischen Klosterkirche verbunden die genannte Maxime des Kaisers proklamieren und den neuen Weg erläutern. Durch die Konzeptänderung nach dem Tode des Kaisers und der Kaiserin wurde das geplante Königsportal nicht realisiert und statt dessen eine Lösung gesucht, in die die bereits gefertigten Löwen einbezogen werden konnten. Diese Lösung war das Zusammenziehen des Dreibogenportals zu einer Einheit, in deren Seiten die Löwen wandparallel gelagert wirkungs- und sinnvoll Platz fanden.

Meine noch nicht abgeschlossene Suche nach Vorformen blieb bisher ergebnislos. Im Giebel der Kathedrale von Troia in Apulien ist eine ähnliche Ausführung wahrscheinlich 1169 entstanden. Die Löwen liegen dort abgewinkelt unter Doppelsäulen. In der Goslarer Domvorhalle wurde um 1150 das zusammengezogene Dreibogenportal, allerdings ohne Löwen und Säulen, ebenfalls als Seitenportal und an gleicher Stelle wie in Königslutter gebaut. Ein Löwe liegt unter der Hartmannussäule im Vorhalleneingang. Da alle Elemente des Löwenportals von Königslutter dort vorhanden sind und beide Portale etwa gleichzeitig entstanden, ist ein ganz enger Bezug zwischen ihnen anzunehmen.

 

Otto Kruggel
20.02.02