Wann starb Kaiser Lothar III.?


Von Otto Kruggel

Das Todesdatum Lothars von Süpplingenburg ist zwar eindeutig überlie-
fert und durch die Angabe der Regierungszeit des Herrschers zusätzlich be-
legt, dennoch entstanden bald unterschiedliche Auffassungen darüber, die
sich vereinzelt bis heute gehalten haben. Bei den Angaben zu Geburt und
Heirat des Herrschers verhält es sich ähnlich.
            In Breitenwang am Lech, dem Sterbeort Lothars III., gilt der 3. De-
zember 1137 als dessen Todestag. Dort hat Herzog Leopold Friedrich von An-
halt 1867 zu Ehren seines Ahnen eine eiserne Gedenktafel an der westlichen
Außenwand der Kirche anbringen lassen1).
           Giesebrecht, der auf diese Tafel verweist, folgt ihr auch hinsichtlich des
Todesdatums2). Bernhardi hingegen schreibt: „Der Tod trat am 4. Dec. (II
Non. Dec.) wahrscheinlich in den ersten Morgenstunden ein, während es noch
Nacht war, da dieser Tag in der Angabe der Regierungszeit Lothars auf der in
seinem Grabe gefundenen Bleiplatte nicht mitgerechnet wird.“3) Er nennt
dann die Quellen zu beiden und weiteren Tagesangaben und entscheidet:
„Den Ausschlag gibt die in Lothars Grab gefundene Bleitafel . . . Sie zeigt das
Datum: II Nonas Decembris.“ Dies wird durch die besagte Tafel, die 1618 oder
1620 mit anderen Beigaben dem Grabe Lothars entnommen wurde und sich
jetzt im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig befindet, bestätigt4).
             Hartmut Ehrentraut5) kommt in seiner Dissertation, die Inschrifttafeln

1) Adolf L ü d e r s, Der Kaiserdom zu Stift Königslutter (1904) 9 Anm. 1.
2) Wilhelm G i e s e b r e c h t, Geschichte der deutschen Kaiserzeit IV 2
(1875) 150.
3) Wilhelm B e r n h a r d i, Lothar von Supplinburg (Jahrbücher der deut-
schen Geschichte, 1879) 786 ff.
4) Sie gehörte jetzt allerdings mit dem gleichen Recht in das Kaiserdom-
Museum in Königslutter, mit dem Braunschweig das Löwenstandbild auf dem
Burgplatz für sich beansprucht!
5) Hartmut E h r e n t r a u t, Bleierne Inschrifttafeln aus mittelalterlichen
Gräbern (Diss. masch. Bonn 1951).

in mittelalterlichen Gräbern gewidmet ist, zu dem gleichen Ergebnis wie
Bernhardi. Schramm – Mütherich6) bieten ein älteres Foto der Bleiplatte, das
diese noch in einem besseren Erhaltungszustand als heute (Abb. 1) zeigt. Der
rechte Plattenrand war damals noch gradlinig und hatte nur eine etwa dreiek-
kige Fehlstelle zwischen Zeile 5 und 7, durch die kein Text verlorenging. Die
vorliegende Zeichnung (Abb. 2) berücksichtigte dieses ältere Foto und über-
nahm von dort die Formen der Endbuchstaben von Zeile 11 und 12.
          Der Text lautet nach Ergänzung seiner durch Beschädigung der Platte
verlorengegangenen Teile:
LOTHARIVS DI GRA / ROMANORV(M) IMPERA / TOR AVGVSTVS / REG-
NAVIT ANNOS / XII MENSES III DI / ES XII OBIIT AVTEM / II NONAS
DECEM / BRIS VIR IN XPO FIDELIS / SIM'(VS) VERAX CONSTA(N)S PA /
CIFICVS MILES IMP(ER)TERRITVS / REDIENS AB APVLIA SAR / RA-
CENIS OCCISIS ET E / IECTIS
          Dies heißt eindeutig: Lothar, von Gottes Gnaden römischer Kaiser, Au-
gustus, regierte zwölf Jahre, drei Monate, zwölf Tage und starb am 4. De-
zember, ein Christus treuester Mann, wahrredend, beständig, friedenstiftend,
ein furchtloser Kämpfer, aus Apulien zurückkehrend, wo er die Sarazenen ge-
schlagen und vertrieben hatte.
              Die knappe und klare Aussage ließ in 850 Jahren keine wesentlichen
Auffassungsunterschiede aufkommen. Wenn aber II Nonas Decembris mit
„am 3. Dezember“ übersetzt wird, dann ist das einfach falsch.
          Kalenderdaten werden mit Ordnungszahlen durchnumeriert. Diese be-
ginnen mit eins: es gibt weder ein Jahr noch einen Tag Null, und die Ka-
lenden, Nonen und Iden des julianischen Kalenders, auf die rückläufig ge-
zählt wird, haben die Numerierung I. Der Tag davor hat die Nummer II. Bei
voller Schreibweise heißt das im Falle der Angabe von Lothars Tod ante diem
II nonas decembris. Es erübrigt sich, hier näher auf den römischen Kalender
und seinen Gebrauch in der Kanzlei der römisch-deutschen Kaiser des Mittel-
alters einzugehen7).
            Doppelt falsch ist es, wenn als Originaltext III nonas decembris und der
4. Dezember in der Übersetzung genannt werden, obwohl am Ende das rich-
tige Datum von Lothars Tod steht. Die Umrechnung der römischen Datie-
rung, an der laut Ehrentraut8) bis 1297 festgehalten wurde, führte offensicht-
lich in allen Zeiten zu Fehlern.
            Bernhardis Entscheidung für das auf der Bleitafel verzeichnete und von
ihm richtig umgerechnete Datum fand nicht überall Anerkennung. Schien
ihm doch selbst die angegebene Regierungszeit damit nicht in Einklang zu
stehen. Rechnet man vom 4. Dezember 1137 zwölf Jahre, drei Monate und
zwölf Tage zurück, ergibt das den 24. August 1125 als Tag des Regierungsan-
tritts König Lothars. Zwar fiel die Entscheidung bei der Mainzer Königswahl

6) Percy Ernst S c h r a m m - Florentine M ü t h e r i c h, Denkmale der
deutschen Könige und Kaiser (Veröffentl. d. Zentralinstituts f. Kunstge-
schichte in München 2, 1962) 1, 179.
7) Vgl. dazu vor allem Harry B r e ß l a u, Handbuch der Urkundenlehre
für Deutschland und Italien 1 (31958) 822 ff.
8) Wie Anm. 5, S. 9.


von 1125 erst am 30. August, aber der von Erzbischof Adalbert I. einberufene
Hoftag begann am 24. August, dem Bartholomäustag. Im nächsten Umkreis
des Herrschers galt 1137 also dieser Tag des „mittelsten in der heiligen Zahl
der Zwölfboten“9) als Datum des Regierungsantritts. Somit stimmen die An-
gaben zur Regierungszeit und das Datum des Todestages auf diesem authen-
tischen Denkmal überein: Lothar von Süpplingenburg regierte vom Bartholo-
mäustag 1125 bis zum Barbaratag 1137.
            Die Entscheidung des Herrschers, die anni regni nicht vom Tage der
Krönung in Aachen, dem 13. September 1125, an zu zählen10), könnte - drei
Jahre nach dem Wormser Konkordat - als besondere Betonung der Vorran-
gigkeit des Fürstenvotums vor dem kirchlichen Zeremoniell gewertet werden.
Bei einem Kandidaten, der vor allem von den kirchlichen Reformkreisen for-
ciert wurde, eine wenig wahrscheinliche Haltung. Doch bleibt diese demon-
strative Zählung der Königsjahre beachtenswert, wenn sie auch noch nichts
erweist. Ersichtlich ist jedenfalls, daß mos et consuetudo, die in diesem Be-
reiche bestimmend waren, gewahrt wurden11).
            Durch Scheibelreiters Untersuchungen zum Regierungsantritt Lot-
hars III.12) erfährt man diesbezüglich nicht mehr, als daß der Charakter der
Vielzahl zeitlich und örtlich getrennter Akte der Königserhebung - Designa-
tion, Wahl, Krönung, Huldigung, Umritt, Servitium regis usw. - bald konsti-
tutiver, bald deklarativer Natur war.
            Schließlich sei noch auf die strikte Beachtung des attemperate nach
dem Kirchenkalender bei Lothars Terminierungen hingewiesen. Immer
waren Ankündigung, in seinem Sinne zu handeln, und Anruf um seinen
Schutz und Segen mit der Wahl des Tages eines bestimmten Heiligen zu Be-
ginn eines Unternehmens verbunden. Dadurch galten die großen Unterneh-
mungen dieser Zeit nicht als Wunsch oder Vorhaben der Herrschenden, son-
dern als Gottes Gebot. So war man auch neben den persönlichen Bindungen
durch den Heiligenkalender vereint und ständig einbezogen in das große
Heilsgeschehen, das das irdische Leben von der Schöpfung bis zum Jüngsten
Gericht bestimmt. Zu Lothars Zeiten konnte die Festsetzung der Königswahl
auf den Tag eines bestimmten Heiligen als Kern dessen gewertet werden,
was heute Regierungserklärung genannt wird.
             In der Praefatio des ambrosianischen Lobgesanges heißt es zu Bartholo-
mäus: „Oh, wie müssen wir diesen wunderbaren Apostel loben, dem die
Herzen der nächsten Völker nicht genügen, das Wort Gottes zu säen, sondern
der mit gleichsam geflügeltem Fuß zu den Indern zog ans Ende der Welt . . .“.
Die Fürsten des Reiches, allen voran Erzbischof Adalbert I. von Mainz, hatten
also mit der Wahleinladung zum Tag des Apostels Bartholomäus die wich-
 
9) Die Legenda aurea deutsch; übersetzt v. Richard B e n z (1984) 624 ff.
10) So tut es etwa Johann Friedrich B ö h m e r, Regesta Chronologico-di-
plomatica regum atque imperatorum Romanorum inde a Conrado I. usque ad
Heinricum VII. (1831) 108.
11) Die Urkunden Lothars III. und der Kaiserin Richenza. Herausg. v.
Emil von O t t e n t h a l und Hans H i r s c h (MGH DD 8, 1927) XV.
12) Georg S c h e i b e l r e i t e r, Der Regierungsantritt des römisch-deut-
schen Königs (1056-1138), in: MIÖG 81 (1973) 33 ff.

 


tigste Aufgabe des zu wählenden Königs zur heiligen Pflicht machen wollen,
und Lothar nahm dies an. Der Appell aus dieser Entscheidung konnte damals
nur lauten: Die Grabstätte des Heiligen in Benevent, das ehemalige Reichsge-
biet im Süden Italiens muß dem Reich zurückgewonnen werden. Kaiser
Lothar kam der übernommenen Verpflichtung nach. Am 1. September 1137
hörte Kaiserin Richenza in der Kirche des heiligen Bartholomäus in Bene-
vent die Messe und stiftete auf seinem Altar ein kostbares Gewand und ein
Pfund Silber13).
           Nachdem die Richtigkeit der Regierungszeitangabe erwiesen wurde,
bleibt die Frage zu beantworten, worauf die bei vielen Interpreten geäußerte
Meinung zurückzuführen ist, jene sei fehlerhaft. Die Zählung der zwölf Tage
machte dabei offensichtlich mehr Schwierigkeiten als die Übertragung des
Datums aus der römischen in die fortlaufende Zählweise. Da die genannten
zwölf Tage über das Ende des Monats November oder des August gezählt
werden können, ergibt sich eine Differenz von einem Tag, da der August
einen Tag mehr hat als der November. Eine Vermutung, man habe den To-
destag nicht mitgerechnet, kann diese Differenz verdoppeln. Tatsächlich
finden sich aber größere Unterschiede in jenen Interpretationen und man-
cherlei unhaltbare Begründungen.
             Verbreitet ist die These, auf der Bleiplatte hätte ursprünglich III nonas
Decembris gestanden. Der äußere Einerstrich der Zahl III sei verlorenge-
gangen und daher zu ergänzen. Ein Blick auf die Inschrifttafel zeigt, daß ein
dritter Strich am Anfang der sechsten Zeile diese aus dem randlosen Schrift-
block und damit über die Schnittkante der Bleiplatte hinausragen ließe. Gie-
sebrecht ändert die Anzahl der auf der Platte genannten Tage von zwölf auf
drei: Das kann ein Versehen sein oder der Versuch, auf den 30. August 1125
als Beginn der Herrschaft Lothars zu kommen. Da keine Version ganz über-
zeugte, schien der Kompromiß mit der Datumsangabe 3./4. Dezember als die
beste Lösung.
            Die Angabe Breitenwangs als Sterbeort wird heute nicht mehr in Frage
gestellt. Auch über die Datierung der Beisetzung in Königslutter zum 31. De-
zember 1137 gibt es keine anderslautenden Meinungen. Wiederholt angezwei-
felt wurde die Mitteilung Ottos von Freising14), daß der Kaiser in einer äu-
ßerst ärmlichen Hütte (vilíssima casa) starb. Wenn nicht auf dem ganzen Weg
von Trient nach Breitenwang, so doch von Nassereith oder Lermoos her, zog
die Eskorte mit dem kranken Kaiser auf der Via Claudia Augusta, einer lang
bewährten, ausgebauten Römerstraße. Eine Kette von Burgen und Klöstern
sicherte die Alpenübergänge. Vilissimae casae hätte man derartige Bauten
wohl nicht nennen können. Doch brachte man den totkranken Herrscher si-
cher nicht in eine ganz ärmliche Hütte, sondern wahrscheinlich in das beste
Haus des Ortes, der demnach ohne Adelssitz gewesen wäre. Ob letzteres zu-
trifft, muß bezweifelt werden. Immerhin ist für Breitenwang bereits 1094 eine

13) Vgl. dazu Charlotte K u c k, Das Itinerar Lothars von Supplinburg
(Diss masch. Greifswald 1945) 47.
14) Chronicon sive de duabus civitatibus VII 20 (ed. Heinrich Hofmeister)
MGH SS rer. German. in us. schol. (45) 318.


Kirche urkundlich erwähnt, die als Urpfarre des ganzen Gebiets anzusehen
ist15).
            Zu untersuchen wäre auch, ob Lothar am Silvestertage (nicht in der Sil-
vesternacht!) 1137 an der Stelle beigesetzt wurde, wo man 1978 seinen Sarko-
phag fand und er heute noch liegt. Genannt wird diese Stelle entgegen dama-
liger Übung nicht. Da bis zur Bestattung nur der Ostteil der Kirche errichtet
oder im Bau war, wäre die Beisetzung an jenem Ort auf ungeweihtem Boden
erfolgt: Geradezu auf einem Bauplatz! Solches hat nicht einmal Heinrich V.
mit den Gebeinen seines Vaters getan, die er so lange in der ungeweihten St.
Afra-Kapelle des Speyerer Doms abstellen ließ, bis der über Heinrich IV. ver-
hängte Bann aufgehoben worden war.
            In Chroniken des Stiftes Königslutter wird die Beisetzung der Kaiser-
tochter Gertrud in der Johanneskapelle des Stiftes erwähnt. Dem Chronisten
war also nicht bekannt, daß Gertrud - aufgrund ihrer zweiten Ehe mit dem
Babenberger Heinrich II. Jasomirgott - zunächst in Klosterneuburg und
später in Heiligenkreuz bei Wien beigesetzt wurde. Vorausgesetzt, der Sach-
verhalt einer Beisetzung eines Mitglieds der Herrscherfamilie ist richtig, in
der falschen Zuschreibung aber noch ein Reflex ursprünglicher Wahrheit ent-
halten, so könnte doch Lothar III. selbst gemeint gewesen sein. Die Gertrud-
überlieferung wäre dann eine Konstruktion, die das Fehlen der Grablege der
Kaisertochter im Dom erklären sollte. Bei den Ausgrabungen im Bereich der
ehemaligen Johanneskapelle wurden keine Gräber gefunden.
           Die Berichte über die Öffnung der Fürstengräber im Jahre 1978 setzen
die Tradition der Unklarheiten und Widersprüche in der Lothargeschichte
fort. Es mutet eigenartig an zu hören, daß die um 1095 geborene und 1141 ge-
storbene Richenza 50 bis 65 Jahre alt geworden sein soll16). Die auffällig un-
terschiedliche „hellere Braunfärbung bei nicht so ausgedehntem Kristallbe-
wuchs der Skeletteile Lothars“ im Vergleich zu jenen Richenzas und Hein-
richs des Stolzen könnte ganz einfach die Folge unterschiedlicher Bestat-
tungsarten sein. Solche sind durchaus anzunehmen. Die weite Entfernung
zwischen Sterbe- und Begräbnisort erforderte bei Lothar die in solchen Fällen
bei Fürsten übliche Mehrfachbestattung. Unter den Berichten über derartige
Bestattungen gibt es einen mit auffallender und vielleicht aufschlußreicher
Parallelität. Thietmar von Merseburg berichtet in seiner Chronik über das
Leichengeleit und -begängnis Ottos III., der am 24. Januar 1002 in Paterno
starb und am 5. April, dem Ostertag dieses Jahres, mitten im Chor des Aache-
ner Münsters beigesetzt wurde: „Dux vero cum his Augustanam attingens
urbem, dilecti senioris intestina duabus lagunculis prius diligenter reposita in
oratorio sancti presulis Othelrici, quod in honorem eius Liudulfus, eiusdem
aecclesiae episcopus, construxit, in australi parte monasterii sanctae martyris
Afrae sepulturae honorabili tradidit et ob animae remedium suae C mansos

15) Siehe dazu Reclams Kunstführer Österreich. Baudenkmäler 2
(1961) 53.
16) Wolfgang P e t k e, Kanzlei, Kapelle und königliche Kurie unter
Lothar III. (1985) 413 Anm. 46. - Ausgrabungen in Niedersachsen. Archäolo-
gische Denkmalpflege 1979-1984. Herausg. v. Klemens W i l h e l m i (1985)
287 ff.


propriae hereditatis concessit. Deindeque dimissa cum pace magna multitu-
dine ad civitatem suam, quae Nova vocatur, corpus cesaris prosequitur“17).
          Die Leiche Lothars wurde von Breitenwang bis Neuburg sicher auf dem
gleichen Wege befördert. In Augsburg, das Otto von Freising als einzige Sta-
tion des Leichengeleits nennt, wurde nach der - freilich späten Überliefe-
rung - dem Toten ein Öffentliches Amt gehalten18). Nun waren die Bezie-
hungen des Kaisers zu Augsburg nicht besonders gut19); dennoch entspräche
dem ganzen Geschehen auch die Beisetzung der inneren Organe Lothars, der
sich als Fortsetzer ottonischer Politik sah. Es gibt zwar keinerlei Zeugnis für
die Beisetzung der intestina Lothars III. in Augsburg, aber eine derartige An-
nahme würde die Lücke, die die Geschichtsschreibung hinsichtlich des angeb-
lichen Totenamtes für den Kaiser in Augsburg hinterließ, am sinnvollsten
schließen. Man kann diese Vermutung als gebotenen und gerechtfertigten
Analogieschluß betrachten, wenn man die zeitlichen Umstände, die gewöhn-
liche Übung und die Eigenart Lothars in Rechnung stellt.
            Auf solche Hypothesen werden wir immer angewiesen sein, um dem
Mangel an Nachrichten entgegenzuwirken, der durch den Herrschafts-
wechsel nach dem Tode Lothars entstand. Damit ging auch die sächsische Ge-
schichtsschreibung zurück. Die jetzt an vorderste Stelle tretende staufische
beeinflußte das Bild der deutschen Geschichte stark und vernachlässigte
Kaiser Lothar von Süpplingenburg in gleichem Maße.
           Der Herrscher, der nach Otto von Freising durch seine Tüchtigkeit und
Beharrlichkeit dazu beitrug, der Krone des Reiches das frühere Ansehen wie-
derzugeben20), hat 850 Jahre nach seinem Tod noch immer nicht die entspre-
chende Wertung in der Geschichtsschreibung gefunden21).

17) Chronicon IV 51 (ed. Robert Holtzmann, 1935) MGH SS N.S. 5, 190.
18) Davon berichtet erst Johann Fabricius, Johannis Letzneri ...Be-
schreibung . . .des Stifftes Königslutter (1715) 24.
19) Er hatte 1132 die Stadt plündern und zerstören lassen. Bei seiner
Rückkehr von der Kaiserkrönung im August 1133 mied Lothar Augsburg of-
fensichtlich. Selbst zur Bestätigung der Wahl des während seines ersten Ita-
lienzuges nominierten Bischofs Walter von Augsburg ging er nicht dorthin.
20) Wie Anm. 14: cuius virtute et industria corona imperii ad pristinam
dignitatem reduceretur.
21) Trotz einiger Ansätze bei Odilo E n g e l s, Beiträge zur Geschichte der
Staufer im 12. Jahrhundert I, in: Deutsches Archiv 27 (1971) bes. 329 ff., 408.

 

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kaiser_Lothar_und_Kaiserin_Richenza/Abb.1_Schrifttafel.gif

Abb.1: Schrifttafel aus den Grabbeigaben Kaiser Lothars III. Blei, 203 x 189 mm. Herzog Anton
                               Ulrich-Museum Braunschweig. Museumsfoto: B. P. Keiser.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kaiser_Lothar_und_Kaiserin_Richenza/Abb.2_Zeichnung_Otto_Kruggel.gif

Abb. 2: Schrifttafel aus den Grabbeigaben Kaiser Lothars III. Blei,
203 x 189 mm. Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig. Zeichnung:
                                      Otto Kruggel

 


Veröffentlicht in:
MITTEILUNGEN DES INSTITUTS FÜR
ÖSTERREICHISCHE GESCHICHTSFORSCHUNG
MIÖG Bd. 97/3-4  (1989) S. 427-434