Herrmann 1843 zur Entwicklung der Hanse und über die Verbindung zwischen Lübeck, Nowgorod und Wisby

Beiträge zur Geschichte des russischen Reiches.

 

 

Von

 

Dr. Ernst Herrmann.

 

I. Ueber die Verbindung Nowgorods mit Wisby und der Deutschen mit den Russen.

 

II. Des Freiherrn Schoulz von Ascheraden Geschichte der Reduction in Livland.

 

III. Tagebuch des Generalfeldmarschalls Grafen von Münnich, mit 2 Beilagen und Einleitung.

 

 

JCHB

 

 

Leipzig, 1843. Verlag der J. C. Hinrichsschen Buchhandlung.

 

 

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Dem Herrn Geheimen Rath
Dr. Friedrich Albert von Langenn

und dem Herrn Professor
Leopold Ranke

aus Hochachtung, Dankbarkeit und Liebe gewidmet.

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Vorwort.

 

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Vor einigen Monaten wurde mir ein in der Bibliothek des königlich-sächsischen Hauptstaatsarchivs aufbewahrtes Manuskript bekannt, das von archivalischer Hand den Titel „Russisch-türkischer Krieg unter Münnich, 1735 ff.“ erhalten hat. Auf die durch den Herrn Geheimen Archivar Dr. Tittmann an das hohe königlich-sächsische Gesammtministerium gemachte Unterlegung wurde es mir verstattet, von diesem Manuskript eine Abschrift zu nehmen, deren unverzögerte Veröffentlichung sich, wie ich hoffe, selbst rechtfertigen soll. Nur Behufs einer vorläufigen Uebersicht des Hauptinhalts und zur Ermittelung der ohne Zweifel dem Grafen Münnich selbst zuzuschreibenden Verfasserschaft habe ich diesem Münnichschen Tagebuch noch eine besondere Einleitung hinzuzufügen für nöthig erachtet. Ueberall ist es das Bild des Selbsterlebten und des Selbstgethanen was in demselben uns anspricht.

 

Die Aufgabe des Verfassers von dem ersten der dem Leser hier dargebotenen Beitrage war das Auffassen eines der allgemeinsten welthistorischen Verhältnisse. Sein Wunsch war durch die Einsicht in die sich aus der Berührung zweier großer Nationalitäten ergebenden Resultate, seinem Gegenstande genug zu thun. Bei Aufgaben dieser Art kann das Maaß der Vollständigkeit der Natur der Sache nach immer nur ein sehr relatives sein. Wenn aber bei Fragen des politischen Lebens, die in der Geschichte wurzeln, die Welt der Gegenwart in dem trüben Dunstkreis ihres beschränkten Horizontes sich gebärdet , als wenn es nicht Sonne und nicht Sterne gäbe, von denen sie Licht und Bewegung erhält, dann scheint es mir wohl an der Zeit zu sein, auf die in der Geschichte zu Tage liegenden normalen Grundverhältnisse zurückzuweisen. Ich habe daher keinen Anstand genommen diese Andeutungen über ein so wesentliches, Jahrhunderte lang in der russischen Geschichte sich hindurchziehendes Moment,

 

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IV

 

Vorwort.

 

unverändert, wie ich sie bereits vor vier Jahren niedergeschrieben, jetzt herauszugeben, weil vielleicht schon mit der beabsichtigten Anregung zu einer besonnenen Erwägung desselben etwas gewonnen ist. Im Einzelnen aber kommt wenig darauf an, ob diese oder jene Wendung mehr oder weniger stark die Reflexe von den Stimmungen und Richtungen des Jetzt oder des Damals an sich trägt; das Ganze weiter auszuführen, fehlte es dem Verfasser, der erst neuerlich sich entschlossen hat, den slavischen Osten zum besondern Gegenstand seiner Studien zu machen, früher an fortgesetzter Veranlassung, gegenwärtig, bei den viel umfassenderen Grundlagen, welche die Geschichte von Rußland erfordert, an Muße.

Die dieser Abhandlung beigefügten Ausschriften aus des Freiherrn Schoulz von Ascheraden „Versuch einer Geschichte von Livland und dessen Staatsrecht“ schließen sich ihrem Inhalt nach, an das in der ersteren „schwedische Herrschaft“ überschriebene Capitel an; vergl. S. 77, und können zugleich als historische Unterlage der bei Otto Wigand, Leipzig 1841 erschienenen Schrift „der Landtag zu Wenden 1692“ angesehen werden, vergl. die Anmerkung zu Seite 107. Der größte Theil der hier mitgetheilten Proben ist übrigens nicht durchaus unbekannt, denn das Meiste davon ist bereits von Gadebusch in seinen livländischen Jahrbüchern, wenn gleich untermischt mit seitenlangen Notizen sehr heterogenen Stoffes benutzt worden, aber nach Gadebuschs Excerpten ein unentstelltes Bild zusammenzusetzen und sich einen unverfälschten Gesammteindruck des Schoulz‘schen Originals zu verschaffen, möchte ein fruchtloses und wenig dankenswerthes Bemühen sein, und es ist daher um so mehr zu wünschen, daß die Herausgeber der Monumenta Livoniae antiquae eine vollständige Ausgabe desselben dem Publicum nicht zu lange vorenthalten mögen.

 

Dresden, den 23. April 1843.

Dr. Ernst Herrmann

 

 

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Inhaltsübersicht.

 

 

 

Vorwort S. V.
Einleitung des Herausgebers zu dem Münnichschen Tagebuch. S. XV - XXVI.

 

I. Ueber die Verbindung zwischen Nowgorod und Wisby und den Deutschen mit den Russen S. 1 - 80.

 

Einleitung. S. 3 - 9. Nowgorod, der einzige Punct, von wo aus das alte Russland mit dem westlichen Europa in Verbindung kommt, S. 4; zuerst mit den Warägern auf feindliche Weise, S. 5, dann von der Insel Gothland aus auf dem Wege des Handels.

 

Erste Abtheilung. Die hanseatische Zeit des Mittelalters. S. 9 – 52.

 

Erstes Capitel. Gothlands Erhebung zum Mittelpunct des nordeuropäischen Welthandels. S. 9 - 16. —
Alte Sage der Gothländer über ihre frühesten Unternehmungen nach dem Auslande, ihre Berührung mit Rußland, S. 10., ihre politischen Beziehungen zu Schweden, S. 11, und Annahme des ihnen von dorther zugeführten Christenthums. S. 12. Hierauf eintretende engere Verbindung der Gothländer mit den Deutschen durch die Begünstigungen Kaiser Lothars des Sachsen und Heinrichs des Löwen. S. 12 – 14. Ihre Vereinigung zu Wisby auf Gothland. S. 14. — Die Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns zu Wisby. S. 15.

 

Zweites Kapitel. Zustand Nowgorods bis zur Begründung des gothländischen und des deutschen Hofs in dieser Stadt. S. 16 - 20. Wichtigkeit der nationalen Verschmelzung des slavischen Nowgorod mit den Warägern. S. 17. Nowgorods unabhängige Stellung zu dem rurikschen Fürstenhause, S. 18. 19., durch die vom Großfürsten Jaroslaw verliehenen Berechtigungen befestigt. S. 20.

 

Drittes Capitel. 1. Handelsverbindung Nowgorods mit den Gothländern und den Deutschen. 2. Hof der Deutschen und der Gothländer zu Nowgorod. 3. Verhältnis der Deutschen zu den Russen. 4. Verfassung von Nowgorod. S. 20 - 35. Activer Seehandel der Russen nach dem Auslande. S. 21. Verhältniß des gemeinen Kaufmanns zu den Städten der deutschen Hanse. S. 24. Seine Abhängigkeit von den Städten. S. 24. Wahl der Oldermänner des Hofs durch den gemeinen Kaufmann. S. 25. Geschäftskreis des Oldermanns von S. Peter. Verwaltung des Hofs. S. 26. 27. 2) Vertrag zwischen dem Großfürsten Jaroslaw und den Nowgorodern mit den Deutschen und Gothen vom Jahr 1269. S. 28 - 30. 3) Rechte und Pflichten des Fürsten von Nowgorod.

 

 

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Inhaltsübersicht.

 

S. 31 - 32. Possadnik und Tussädski, Recht der Volksversammlung S. 33 und 34.

 

Viertes Capitel. Folgen der Verbindung Nowgorods mit Wisby S. 35 - 46. 1) Colonisation von Livland. — Das erste Castell in Livland durch den Augustinermönch Meinhard angelegt im Jahre 1186. S. 36. Riga vom Bischof Albert gegründet im Jahr 1201. S. 37. Neue Handelsverbindungen von Riga aus mit Pleskow und Plotzk angeknüpft 1206 und 1209. Vertrag mit Smolensk 1229. S. 38. 2) Förderung des in der deutschen Hanse liegenden welthistorischen Moments. S. 29. Unterordnung der Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns unter die Autorität der hanseatischen Städte. S. 40 und 41. Die Wahl der Oldermänner auf die Bürger der vorsitzenden Städte Lübeck und Wisby beschränkt und von den von den Städten hiezu abgesandten Wahlmännern abhängig S. 42. Erhöhte Macht des Oldermanns des Hofs. S.42. Bündniß der wendischen Städte gegen König Waldemar III. von Dänemark vom Jahr 1361. S. 44. Verbindung der Hansestädte zu Köln gegen Waldemar III. vom Jahr 1367. S. 45.

 

Fünfter Capitel. Absonderungsprincip und Oberhand der Sonderinteressen. S. 46 - 52. — Eifersucht zwischen Wisby und Lübeck. Uebergewicht Lübecks S. 46. Mißverhältnisse zwischen Lübeck und den wendischen Städten mit Riga und den livländischen Städten. S. 45 und 48. Zwiespalt zwischen den wendischen und den niederländischen Städten. S. 49. Vernichtung des nowgorodischen Freistaats 1478; Bruch zwischen den wendischen und den niederländischen Städten. S. 50.

 

Zweite Abtheilung. Neue Anfänge. Livlands Anschluß an die östlichen Großmächte: Polen, Schweden, Rußland S. 52 - 80. Tendenz des russischen Absolutismus. S. 53 und 54. Bedeutung der deutschen Ostseeprovinzen des russischen Reichs. S. 55.

 

Erster Capitel. Abfall Livlands von der deutschen Hanse und Untergang des livländischen Ordensstaates. S. 56 - 62. Die livländischen Städte umgehen die hansischen Statute zu Gunsten der Holländer und Engländer, schließen im Jahr 1509 einen einseitigen Vertrag mit Wassilii IV. Iwanowitsch ab, S. 57, und stellen die Hanseaten in eine Kategorie mit den übrigen Gästen, 1540. S. 57. Riga gegen die Wiedererrichtung des Comptoirs zu Nowgorod. S. 58. Inneres Zerwürfniß der livländischen Stände. S. 59. Rußlands autokratisches Erheben. S. 59. 60. Iwans IV. Versuch Livland zu erobern. S. 60. Errichtung des Herzogthums Kurland 1561. Livlands Anschluß an Polen, Ehstlands an Schweden. S. 61.

 

Zweites Capitel. Polnische Herrschaft. S. 62 - 71. Das Privilegium Sigismundi Augusti. S. 62 und 63. Livland erhält in der Person des Johann Chodkiewiez einen politischen Gouverneur,

 

 

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1567. S. 64. Polnische Anmaßungen und jesuitische Bestrebungen unter dem König Stephan Bathori, S. 65 und 66, unter dem König Sigismund aus dem Hause Wasa. S. 67, 68, 69. Das Herzogthum Ehstland schließt sich dem Herzog Karl von Südermanland an, 1600. S. 68. Sein Vordringen in Livland. S. 69. Besitznahme Livlands durch Gustav Adolf. S. 70.

 

Drittes Capitel. Schwedische Herrschaft. S. 71 - 77. Gustav Adolfs Fürsorge für Liv- und Ehstland. S. 72. Die schwedischen Donatarien, ein heterogenes Element im livländischen Landstaat. S. 73. Karl X. Gustav S. 73. Karls XI. Generalconfirmation vom Jahr 1678 gegen willkürliche Beeinträchtigungen der livländischen Verfassung. S. 74. Dem zuwiderlaufende Einführung der Reduction in Livland. S. 75. Bittschrift der Ritterschaft an den König vom 30. Mai 1692. S. 76. Schlußbetrachtung. S. 77 - 80. Peters des Großen Verdienste um die Ostseeprovinzen und die Europäisirung der Russen. S. 78. Fortdauernder Einfluß der Deutschen auf die Russen. S. 79. Aussichten in die Zukunft. S. 80.

 

II. Des Freiherrn K. Fr. Schoulz von Ascheraden Geschichte der Reduction in Livland unter der Regierung Karls XI., Königs von Schweden. S. 81 - 116.

 

Lebensnachricht über den Freiherrn Karl Friedrich Schoulz von Ascheraden S. 82.

 

Karl XI. sucht für sein Mißgeschick im Kriege durch die Güterreduction sich an seinen Unterthanen zu entschädigen S. 83. Staatsrechtliche Ansichten des Verfassers. S. 84. 85. Karl XI. von Johann Güldenstern und Claus Flemming zu der Reduktion angereizt. 85. Grund des Hasses gegen den Adel. S. 86. Weshalb der König den Adel zu stürzen suchte. S. 87. Beschluß der übrigen Reichsstände in Betreff der Reduction. S. 88. Die Reductions-, die Liquidations- und die Observationscommission S. 89. Instruction des Generalgouverneurs Lichton, die Reduction in Livland auch ohne Zustimmung der Landräthe zu vollziehen, 1681. S. 91.

 

Königliche Proposition dem Landtage zu Riga 1681 vorgelegt. S. 92. Weigerung der Ritterschaft, sich den schwedischen Reichstagsbeschlüßen zu unterwerfen. S. 93. Beisteuer der Ritterschaft zur Krönung des König. S. 94. Vermeintliche durch eine königliche Jagdordnung aus den Domainen zu ziehende Vortheile. S. 95.

 

1684. Excesse des Major Emmerling bei der Taxation des Landes. — Landtag. Klagen der Ritterschaft über das eigenmächtige Verfahren des Generalgouverneurs. S. 96.

 

1685. Die Reduction wird ausgeführt, auch wo es dazu an scheinbaren Gründen fehlt. S. 97.

 

1686. Die Revenüen der zu reducirenden Güter werden vom Jahre 1681 an in Abrechnung gebracht. S. 98. Suppligue vom Landtag auf

 

 

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Vorstellung des Landraths Gustav Mengden an den König angefertigt. S. 99. Graf Hastfer wird zum Generalgouverneur ernannt. S. 99. 100.

 

1687. Landtag. Königliche Propositionen: (die perpetuelle Arrende und das Tertial) S. 101. Erklärung der Ritterschaft auf dieselben. S. 102.

 

1688. Die Reduction in die Ordenszeit zurückgesetzt. S. 103.

 

1689. Der Adel käuflich. S. 104.

 

1690. Landtag. Der Landrath Gustav Mengdens und der Capitän Johann Reinhold Patkul als Deputirte der Ritterschaft Behufs der Revision des Corporis privilegiorum nach Stockholm gesandt. S. 105.

 

1691. Ihr Verhalten daselbst. S. 106. Patkul des Königs Begleiter. S. 107.

 

1692. Landtag zu Wenden. Supplique an den König. S. 108.

 

1693. Zurechtweisung der Ritterschaft wegen ihrer auf dem Landtag 1692 gethanen Schritte. Landtag. S. 108. Der Landtag aufgelöst. Verwahrung der Ritterschaft. S. 109. Bietinghoff, Budberg und Mengden gehen nach Stockholm, wo man ihnen das crimen laesae majestatis Schuld giebt. S. 110. Ihre und Patkuls Verurtheilung. — Dissolution der livländischen Verfassung. S. 112.

 

1695. Merkwürdiger Eingang zu den Propositionen des neuen Scheinlandtags. S. 112.

 

1697. Tod des Königs Karls XI. S. 113. Rückblick auf die Resultate der Reduction. S. 114.

 

1698. Fiscalische Belangung der Adelsdeputirten.

 

1699. Bedeutungslosigkeit der nach Riga einberufenen Versammlung der Gutsbesitzer, der Geistlichkeit und der Bürgerschaft S. 115. 116.

 

III. Tagebuch des russisch-kaiserlichen Generalfeldmarschalls Burchard Christoph Grafen von Münnich über den ersten Feldzug des unter ihm in den Jahren 1735 - 1739 geführten russische türkischen Krieges. S. 117 - 229.

 

Historische Grundlage. S. 119 - 126. Veranlassung zum Kriege mit der Pforte. S. 119. Machterweiterung des Zaren Alexei Michailowitsch. Mahmud IV. Gegenanstalten. Befestigung von Asow, Anlegung der Castelle oder Calantschi und des Schlosses Luttik am Don, der Festungen Kinburn, Otschakow und Cissikermen am Dnepr. S. 120. — Nothwendige Richtung Rußlands gegen die Krim. Zug gegen die Krim vom Jahre 1684 mißglückt durch den Geiz des Fürsten Gallizin S. 121. Peters I. Unternehmungen gegen die Pforte. S. 122 —125. Seine Verbindung mit den Hospodaren der Moldau und Wallachei, Kantimir und Kantakusen. Anlegung der türkischen Festung Yenikale im Jahre 1706 oberhalb Kertsch. 122. Pruthischer Vertrag. Kühnheit des englischen Capitän Simon. 123. Ueble Folgen des Pruthischen Vertrages. 124. Peters weitere Pläne. — Katharina und Menschikow. Menschikow einem Kriege mit der Pforte abgeneigt. S. 125. Die Dolgorukis unter Peter II. machen Frieden mit Persien,

 

 

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S. 126, — suchen in Verbindung mit den Gallizins durch Beschränkung der Regierungsgewalt der Kaiserin Anna die Macht in Händen zu behalten. S. 126. Politik der Kaiserin Anna. S. 126. Anlegung der Festung S. Anna am Don, neun Meilen oberhalb Asow. S. 127. Plan die Grenzen vom Jahre 1701 wieder herzustellen, S. 128, wird durch die Revolution des Tachmaskulichan in Persien begünstigt. Glücklicher Zeitpunct für Rußland zum Beginn des Krieges, S. 129, kann wegen des Todes Augusts II., Königs von Polen noch nicht benutzt werden. Der Tartarchan Kaplan Giray auf seinem Zuge nach Dagestan vom Prinzen von Hessen-Homburg geschlagen. S. 129. Frankreichs Intriguen gegen Rußland. Zustand der Pforte. Abneigung des Großvesirs Ali Pascha zum Friedensbruch S. 130. Der neue Großvesir Ismail Pascha von den Franzosen gewonnen. Der Tartarchan kann keine Diversion gegen Persien machen, ohne den russischen Boden zu betreten. S. 131. Ostermanns Drohung. S. 132. Der alte Chan Kaplan Giray bricht dennoch auf Befehl der Pforte nach Persien auf, Juli 1735. S. 133. Beschaffenheit des Petersburger Cabinets. Ostermann ist dafür, Münnich nicht die völlige Direction des Krieges, sondern nur die Belagerung von Asow, dem Grafen Weisbach aber die Expedition gegen die Krim zu übertragen. S. 134. Münnichs Feindschaft mit Weisbach. Münnich erhält Befehl nach Pawlow zu gehen. S. 135. Beschaffenheit der Vorbereitungen zum Kriege. — Weisbachs Tod. Münnich drei Wochen krank in Pultawa S.136. Münnich erhält das Generalcommando über die Armeen am Dnepr und Don. M. ist für einen sofortigen Angriff auf die Krim, und Aufschiebung der Belagerung Asows aufs folgende Jahr. S. 137. Gründe dafür: der talmükische Fürst Donduc Ombo hat sich unter russische Botmäßigkeit begeben. Tartaren der kleinen Nagai. Die türkische Armee bei Erivan geschlagen. S. 138.

 

Aufbruch der Armee unter dem Generallieutenant Lewontiew, 1. Oct. 1735. Scharmützel mit den Nagaischen Tartaren S. 139. Das weitere Verfolgen der erlangten Vortheile durch die sechs Wochen anhaltende Kälte verhindert. S. 140. Verluste des Chans bei seinem trotz der Kälte versuchten Aufbruch aus der Kabarda. — Friedensbruch von beiden Seiten. S. 141. Verstellte Friedensneigung der Pforte, S. 142, deren Schein sich auch Rußland giebt; worüber der Pascha von Asow die Pforte eines Andern belehrt; Graf Bonneval im Divan um Rath gefragt. S. 143.

 

Münnich beschließt zu Anfang des Jahres 1736 die Belagerung von Asow einzuleiten, um sodann am 1. April 1736 die Dnepr-Armee gegen die Krim zu führen. — Ostermanns diesem Plan zuwiderlaufendes Gutachten Münnich zur Beantwortung zugeschickt. S. 144 - 149. Münnichs Antwort auf das Gutachten des Grafen Ostermann. S. 149 – 159.

 

M. geht vom Isum Ende Februar nach S. Anna. Angriff auf die Kalantschi S. 159, dem Generalmajor Sparreuter anvertraut. S. 160. M. setzt den Pascha von Asow von seiner Ankunft in Kenntniß.

 

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XII

 

Inhaltsübersicht.

Zurückhalten der Abgeschickten des Pascha von Asow. S. 161. Kriegslist zur Eroberung der Kalantschi ersonnen. Einnahme des ersten, S. 162, und Capitulation des andern Kalantschi in M‘s. Beisein. Die Besleen (leichte türkische Reiterei) bei Asow. S. 163. Unachtsamkeit des Starschin Krasna-Schoka. Der Starschin Iwan Wassiljewitsch Frolow. Verwirrung in Asow. S. 164. Der Pascha von Asow zur Uebergabe aufgefordert. S. 165. Blocade von Asow, S. 166, von M. geleitet, S. 167. — Der Generalmaior Sparreuter erhält Befehl , das Schloß Luttik anzugreifen. Der Commandant von Luttik gefangen genommen. S. 168. Asow beschossen. S. 169. Schreiben des Pascha von Asow. — M. übergiebt dem General Lewaschew das Commando, nebst dem Plan, nach dem die Belagerung geführt werden soll. Lewaschews Bestechlichkeit; seine Eifersucht auf den Feldmarschall Laçy S. 170. Mißverständnisse zwischen M. und Laçy. Münnichs mit Laçy verabredeter Operationsplan. S. 171. Laçy in Gefahr von den Nagaischen Tartaren aufgehoben zu werden. S. 172. Musterung der Truppen bei Zaritzinka, Nachlässigkeit des Generalproviantmeisters. S. 173. Mittel sich in Respect zu setzen. — Dienstunordnung unter den hettmanschen und slobodischen Kosaken. S. 174. Münnichs Vorschlag zur Deckung der Grenzen durch den Eigennutz des Knäs Shukowskoi hintertrieben. S. 175.

 

Ausmarsch der Truppen nach Perekop. S. 175. Marschordnung. S. 176. Der Chan von der Krim erwartet 100,000 Mann stark die russische Armee bei Tschornoja Dolina (Schwarzthal). Der Oberste Witte wird mit den Tartaren handgemein. Fermor. Spiegel. Weisbach. S. 177. Feigheit der hettmanschen Kosaken. S. 178. 179. Die Tartaren schneiden den Generalmajor Spiegel von Witte ab. Verspätung des Generallieutenant Lewontiew. Münnich begleitet vom Generalmajor Stoffel und Professor Juncker will den Stand der Dinge recognosciren und geräth in Lebensgefahr; sein Sprüchwort S. 178. Der Ingenieuradjutant Zimmermann fällt. S. 179. Phlegma des Generals Spiegel. Münnichs Rückzug. Succurs von Lewontiew und Stoffel. S. 180. Tartarische Kriegsführung. 240 Dragoner gegen 15,000 Tartaren. — Fortgesetzter Marsch nach Perekop in Quarre S.181. — Die Tartaren 200,000 Mann stark. Bewaffnete Tartarenweiber. S. 182. Tartarische Kriegsführung. Die Tartaren fliehen nach Perekop und hinter die große Linie. S. 183. Die russische Armee vom Chan nicht angegriffen, weil sie zu wohl commandirt sei. S. 184. Localität von der Festung Or-Capi und der Linie von Perekop. S. 184, 185, 186. Die Sclaven, Christen und Juden müssen an der Ausbesserung der Linie arbeiten. Der Chan achtet nicht auf den Befehl des Sultans nach der Cuban überzusetzen. S. 186. Anstalten gegen Perekop. S. 187. M. besteht auf unverweilten Angriff von Perekop. Widerspruch des Prinzen von Hessen-Homburg. Stoffel recognoscirt die Linie. Angriff auf Perekop. Rechenberg und ein Regimentspriester unter den Ersten auf dem Wall, der ohne Sturmleitern erstiegen wird. S. 189. Die Russen haben nur 7 Mann Todte und 170 Verwundete. Capitän Manstein verliert seinen Haarzopf. S. 190.

 

 

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Der Chan muß seinen Wagen und was er bei sich hat, im Stiche lassen. S. 191. Die Schußlöcher von den Castellen zu eng. S. 191 Der Ort der Attaque von Stoffel ungemein wohl ausgesucht. Die Stadt Perekop der Armee Preis gegeben. S. 192. Der Janitscharen-Aga Ibrahim capitulirt mit M. und hat zu ihm als einem Deutschen das Vertrauen, daß er räsonabler mit ihnen verfahren werde. Türkische Eidesformel. Generalmajor Karl Magnus von Biron. S. 193. Weshalb die Besatzung sich nicht länger gehalten hat. S. 194. Sie bleibt so lange in Arrest, bis der Chan die im vorigen Winter zurückgehaltenen russischen Kaufleute würde ausgeliefert haben. Uebermuth des Chans. Dankfest wegen der Eroberung von Perekop und Or-Capi. S. 195. M. der Erste, der eine feindliche Armee in die Krim gebracht. Bericht des russischen Residenten Wischniakow. Consternation in der Krim. Fehler der russischen Politik in Ansehung der nagaischen Tartaren. — Mangel an Proviant und Pferden. M. giebt deshalb sein dessein nach Yenikale und Kertsch zu marschiren auf und wendet sich nach Koslow. Seine Absicht, die Tartaten an der Aussaat und dem Export für das künftige Jahr zu hindern. S. 197. Hungersnoth in der Krim. Die Linie und Or-Capi erhalten eine russische Besatzung zur Sicherung der Convois aus der Ukraine. Weitläufigkeit der russischen Sachen. Oberst Dewitz. M. läßt Lewontiew, Stoffel und Tarakanow nach Kinburn marschiren, um die Budsakischen Tartaren und die Türken zu verhindern, den Krimischen zu Hilfe zu kommen, S. 198, und um sich durch die Eroberung von Kinburn der passage des Dnepr-Stroms für die künftige Campagne zu bemeistern. Münnichs Liebe bei den Soldaten. Der Kalga Sultan versucht eine Hauptattaque auf die Armee. S. 199. Feigheit der Kosaken. Generalmajor Hein wird gegen das feindliche Lager abgeschickt S. 200. Sein Ungehorsam auf Einrathen des Obersten Boy, des Schwiegersohnes von Laçy. Ermahnung des Starschin Iwan Wassiljewitsch Frolow. Der auszuführende Coup von solcher Wichtigkeit, daß er den Ausschlag zu geben vermochte, wer Meister von der Krim sein solle. S. 201. Hein nach Sibirien geschickt. Getrockneter Kuhmist S. 202. Leibgarde von 1200 Mann dem Chan vom Sultan unterhalten. Die Stadt Koslow vom Feind verlassen. S. 203. Die Türken haben sich nach Constantinopel retirirt. Raubsucht der Nagaier. Koslow eine der ältesten Städte in der Krim. Beschreibung dieser Stadt. Der Chan zieht aus ihr 20,000 Rubel Zolleinkünfte. Ausfuhr von Schafen und Getreide. Der Generalmajor Lesly von der gesammten Macht des Feindes angegriffen. S. 205. Schreiben des Kapudan Pascha aus Caffa an Münnich. S. 206. Münnichs Antwort. Windmühlen. M. aus Mangel an Mehl genöthigt, nach Baktschisarey aufzubrechen. S. 207. Generallieutenant Ismailow und Lesly zerstreuen den Feind. S. 208. Marsch nach Backtschisarey. S. 209. Localität des Defilée vor B. Der Sudacker Wein einem guten Schieler von dem meißener sehr gleich. Beschreibung von B. S. 210. Mission der Jesuiten in B. Juden bei

 

 

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H. Münnich vor B. Die Stadt geplündert. Wie die Tartaren und Janitscharen die Kosaken angreifen. S. 211. Die Janitscharen von M. zurückgetrieben. Tapferkeit eines russischen Lieutenants. Einzige avantage, welche der Feind in der ganzen Campagne erhalten. Gewohnheit der Tartaren, ihre Todte und Verwundete mit sich fortzuschleppen. S. 212. Baktschisarey von den Kanonen in Brand gesteckt. - Der französische Consul Adam Eworka und der polnische Edelmann Andreas Butowski, Abgeschickte an den Chan, von Münnich über die krimischen Sachen befragt. Eworta‘s Aussagen. S. 213. Seine Commission, sich der römisch-katholischen Christen vorzüglich anzunehmen. - Geschenke von der Pforte dem Chan überschickt. Die Tartaren in vier Classen eingetheilt. S. 214. — Producte der Krim. Kriegsstaat. Eintheilung in 40 Cantons. Revenüen des Chans. Der Kalga Sultan. S. 215. Der Sultan Nuradin. Der Sultan Orbay. Bukowskis Aussagen. S. 216. Unwahrscheinlichkeit derselben. Die Horde des Chans auf 30,000 Mann zusammengeschmolzen. M. wird durch eine epidemische Krankheit und den Abgang an Pferden genöthigt, statt nach Caffa zu marschiren, nach Perekop zurückzukehren. S. 217. Abfertigung des Prinzen von Hessen-Homburg. S. 218. Münnichs Mißhelligkeiten mit dem Prinzen. S. 219. Die Stadt Achmet-Schet oder Sultan-Sarey in Brand gesteckt. Fortgesetzter Rückmarsch nach Perekop. S. 220. Einnahme von Asow und Kinburn. S. 221. Stoffels Plan Otschatow einzunehmen durch die Saumseligkeit der Generale Lewontiew und Taratanow vereitelt. S. 222. Gründe der verzögerten Einnahme von Asow. S. 222 - 223. Expostulation zwischen Ostermann und Münnich S. 223. Die verspätete Einnahme von Asow verursacht in dem ganzen Systeme der vorgenommenen Operationen eine Aenderung. S. 223. Ankunft bei Perekop. Aussicht zur Unterwerfung der nagaischen Tartaren. M. sieht sich zu Perekop in seinen Erwartungen getäuscht. S. 224. Laçy giebt in seinen Briefen und Antworten an den Feldmarschall Münnich zu erkennen, dass er weder mit frischen Truppen noch Proviant zur bestimmten Zeit werde zu ihm kommen können. Unmittelbare von Münnich an Laçy bewirkte Ordre der Kaiserin. Pagenstreich. S. 225. Mangel an Lebensmitteln und Pferden in Pereskop. Beschwerde Münnichs bei dem Oberkammerherrn Biron über die Aufführung seines Vetters, des Generalmajors Karl Magnus von Biron. Mystification des Publicums. S. 226. Münnich genöthigt in die Winterquartiere zurückzukehren. Schlechte Landcharten. S. 227. General Spiegel entdeckt die Furth durch die faule See. Beschluß Perecop und Or-Capi zu sprengen. Kinburn durch Lewontiew in Schutt verwandelt. S. 229.

Beilage Nr. I. zu Seite 210. Description du Palais du Chan de la Crimée et de la ville de Backtschisarey, sa Residence. S. 230 - 234.

Beilage Nr. II. Supplement zu dem Tagebuch des russisch-kais. Generalfeldmarschalls Grafen von Münnich u. s. w. S. 235 - 243.

 

 

 

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Einleitung des Herausgebers zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Die Darstellung dieses ersten unter dem Generalcommando des Feldmarschalls Grafen Münnich vom Herbst des Jahres 1735 bis zum Herbst des Jahres 1736 gegen die Tartaren und die Pforte geführten Feldzuges zieht durch die Klarheit und unvergleichliche Anschaulichkeit der geschilderten Begebenheiten unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die politische Einsicht und diplomatische Kenntniß, der strategische Blick, der feine Beobachtungstact und der unbefangene Humor, womit in den tartischen, ethnographischen und socialen Beziehungen sämmtliche hieher gehörigen Verhältnisse, wesentliche Zustände, wie zufällige Umstände aufgefaßt und behandelt werden, zeigen, daß sie von einem Verfasser herrührt, der seines Gegenstandes Meister ist.

 

Von Seite 119 - 126 wird uns zuvöderst „um den rechten Zusammenhang der Sachen zwischen Rußland und der Pforte gründlich einzusehen“ als Basis und Einleitung zu den Ereignissen des von der Kaiserin Anna gegen die Pforte unternommenen Krieges eine treffende Uebersicht der politischen Stellung Rußlands zu der Pforte von der Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch bis zum Regierungsantritt der Kaiserin Anna gegeben. Die schon unter dem genannten Zaren die sinkende Pforte überwachsende Machterweiterung Rußlands veranlaßte den Sultan Mohammed IV. geeignete Vorkehrungen zu treffen, um die Russen vom schwarzen Meere abzuhalten. Am Ausfluß des Dons ließ er Asow befestigen und den Strom weiter aufwärts legte er die Castelle oder Calantschi und das Schloß Luttik, so wie am Dnepr die Festungen Otschakow und Cissikermen an, S. 120 Die Russen aber konnten umso weniger von ihren Eroberungsplänen abstehen, da nicht nur die mercantilen Beziehungen ihres erstarkenden Staates die Gewinnung der Küste des schwarzen Meeres erheischten, sondern

 

 

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XVI

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

auch die Sicherstellung der Grenzprovinzen vor dem von den Crimischen und Cubanischen Tartaren fortwährend verübten Menschenraub kaum auf anderem Wege, als durch den Besitz von Asow und die Eroberung der Krim zu erlangen war. Der gegen die letztere im Jahre 1684 unternommene Zug scheiterte an dem Eigennutz des Fürsten Gallizin. — Peter I. eroberte im Jahre 1696 die Kalantschi, im Jahre 1697 Asow und legte am nördlichen Ufer des asowschen Meeres, um die im Jahre 1700 durch den Frieden von Constantinopel (3/14. Juli) erlangten Grenzen sicher zu stellen *), das Fort Semenowski, den Hafen Taganrok und die Festung Samara am gleichnamigen Fluß, so wie Kamennoi-Saton am Dnepr an. Die Niederlage am Pruth aber hatte im Frieden zu Hübsch (12/23. Juli 1711) den Verlust der erhaltenen Vortheile zur Folge **), und Menschikow unter der Kaiserin Katharina I., so wie die Dolgorukis unter Peter II. wendeten sich zu sehr der Befriedigung der eigenen Interessen zu, um sich den Blick für eine den gegebenen Verhältnissen des Staats angemessene Politik ungetrübt zu erhalten.

 

Den Begehrnissen der russischen Großen trat die Kaiserin Anna entgegen. Sie zerriß die ihr aufgedrungene Capitulation. Sie faßte den Entschluß, die Entwürfe Peters I., ihres Oheims, auszuführen — „und sich mehr auf die Redlichkeit und Capacität der Ausländer, und besonders der Deutschen als der geborenen Russen zu stützen.“ S. 127. Ostermann und Münnich standen ihr zur Seite.

 

Da die Rußland nothwendige Gebietserweiteruug zunächst die Macht der Osmanen feindlich berühren mußte, so war gleicher Zeit die Wiederherstellung friedlicher Verhältnisse mit Persien wünschenswerth. Neun Meilen aufwärts von Asow wurde die Festung

 

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*) Dieser Frieden setzte fest: „Die Festen Tawan, Cissikermen, Nustredkermen und Sahiekermen werden geschleift, ihr Land aber verbleibt der Pforte; Asow dagegen mit seinem Gebiete und die dazu gehörigen Ortschaften, wird mit dem freien Handel im schwarzen Meere Rußland gesichert.“ Rußlands Territorialvergrößerung von der Alleinherrschaft Peters des Großen bis zum Tode Alexanders des Ersten, geschichtlich dargestellt von Julius von Hagemeister. Riga und Dorpat, Ed. Frantzens Buchhandlung, 1834 S. 3.

 

**) „Der Friede zu Hübsch gebot die Abtretung Asows mit seinem Gebiete, die Schleifungen der Festungen Taganrok, Kamennoi-Saton, und aller Schanzen an der Shamara, auch sollte der Zar sich nicht mehr in die Angelegenheiten Polens, wie der von den Krimischen Taktaren abhängigen Kosaken mischen.“

Hagemeister im a. W. S. 7.

 

 

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XVII

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

St. Anna am Don angelegt. — Dem im geheimen Conseil (1734) gefaßten Entschluß die Grenzen vom Jahre 1700 wieder herzustellen, arbeitete die Revolution des Nadirkulichan in Persien vor. Um bei seinen Absichten gegen die Pforte an Rußland eine Stütze zu finden, trug dieser kriegerische Usurpator letzterem ein Schutz- und Trutzbündniß an. Aber um den Krieg zu beginnen mußte man russischer Seits, ungeachtet der besten Vorbereitungen zuvor seine Stellung gegen den Westen wahren, und vor Allem nach dem Tode Augusts II. die Angelegenheiten in Polen ordnen. Dies gelang dem Grafen Münnich durch die glücklich ausgeführte Belagerung Danzigs, das die Partei des Stanislaus Lescinsky ergriffen, in kürzerer Zeit als man erwartet hatte.

 

Inzwischen versäumte Frankreich keine Gelegenheit, um die Pforte, die sich von den in den Jahren 1716 und 1717 bei Peterwardein und Belgrad erlittenen Niederlagen noch immer nicht erholen können, gegen Rußland aufzureizen S. 131; und so gelang es dem Gesandten Villeneuve dieselbe dahin zu bewegen, daß sie dem alten Tartarchan Kalgan Giray Befehl ertheilte, nach Persien aufzubrechen (Juli 1735), um sich dort mit dem Serasker Topal Osman zu verbinden, wiewohl Ostermann erklärt hatte, daß Rußland jede Diversion des Chans gegen Persien, bei der, wie es nicht zu vermeiden war, der russische Boden betreten würde, für einen Friedensbruch von Seiten der Pforte ansehen werde. — Hierauf erhielt Münnich Befehl von Polen aus nach Pawlow zu gehn, wo er die für die Belagerung von Asow bestimmten Regimenter in Bereitschaft finden würde. Die bei weitem wichtigere Expedition gegen die Krim sollte nach Ostermanns Dafürhalten dem mit Münnich verfeindeten Grafen von Weisbach übertragen werden S. 134. Auch hatte dieser gleichfalls sich bereits zu seinen Truppen in die Ukraine begeben, als er Münnich sehr gelegen plötzlich starb, der nun das Generalcommando über die Don- und Dnepr-Armee erhielt.

 

Der kalmükische Fürst Donduc Ombo war wieder unter russische Botmäßigkeit getreten; von den Tartaren der kleinen Nagai stand ein Gleiches zu erwarten; Radirschah hatte die türkische Armee bei Eriwan geschlagen. Diese günstigen Umstände dachte Münnich sofort durch einen Angriff auf die Krim zu benutzen, die Belagerung von Asow aber aufs folgende Jahr zu verschieben.

 

 

 

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XVIII

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Demnach fand der Aufbruch der Armee am 1. October a. St. 1735 unter dem Generallieutenant Lewontiew statt, aber die über die nagaischen Tartaren erhaltenen Vortheile weiter zu verfolgen, wurde durch die alsbald eintretende ungewöhnlich strenge und sechs Wochen lang anhaltende Kälte unmöglich gemacht. S. 140.

 

Nachdem so von beiden Seiten ohne Kriegserklärung *) der Friede gebrochen war, wiewohl die Pforte es nicht so angesehen wissen wollte, beschloß Münnich, den die Kaiserin selbst bevollmächtigt hatte, den Feldzug Wann, Wie und Wo er es für gut fände, zu eröffnen, zu Anfang des Jahres 1736 die Belagerung von Asow einzuleiten, und am 1. April die Dnepr-Armee gegen die Krim zu führen.

 

Diesem Plan entgegen sollte man sich nach einem dem Feldmarschall Münnich zur Beantwortung zugeschickten Gutachten Ostermanns fürs Erste mit einer Belagerung von Asow begnügen, zugleich aber mit der Pforte durch die fremden Mächte, die Holländer, Engländer und den römischen Kaiser, zu vermittelnde Friedensunterhandlungen anknüpfen, und wegen der schwer zu bewirkenden Eroberung der Krim es im Fortgang des Krieges nur auf die gänzliche Verheerung und Verwüstung derselben absehen.

 

Hieraus erwiederte Münnich in einer aus die Lage der Dinge sachlich eingehenden Entgegnung: Die Steppen seien keine Wüsten, für hinreichende Proviantirung der Armee könne durch geeignete Maßregeln gesorgt werden; die Befürchtung, daß die Türken noch vor der Ankunft der Russen in die Krim sich hinter der Linie oder dem Paß von Perecop festsetzen könnten, sei grundlos. Eine noch günstigere Gelegenheit zu der Expedition abzuwarten sei nicht rathsam; russischer Seites habe man sich seit Jahren, die Pforte kaum einige Monate vorbereitet; die russische Armee komme siegreich vom Rhein und habe mit den übrigen Mächten Frieden; die Pforte führe Krieg mit Persien und befände sich in der größten Verwirrung; sie sei mit dem Chan von der Krim und dieser mit der Pforte nicht zufrieden. — Statt der Verwüstung der Krim müsse man durch gute Behandlung die Tartaren zu freiwilliger Unterwerfung zu bewegen suchen, und im Fall einer Eroberung durch die bewaffnete Macht, das neuerworbene Gebiet unter der

 

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*) Sie erfolgte russischer Seits erst am 12/23. April 1786, Rousset supplément au corps diplomatique II. P. II, 569.

 

 

 

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XIX

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Leitung seines uninteressirten Mannes von Verstand und Herz colonisiren und durch Befestigung von Yenikale, Kertsch, Caffa, Balaklawa und Koslow die Grenzen desselben sicher stellen. Diese Pläne auszuführen, dazu gehöre nebst Gottes Segen nichts als Standhaftigkeit und Entschlossenheit; man habe daher keine Ursache Rußlands Wohlfahrt dem Interesse der fremden Mächte als Vermittlern in die Hände zu geben. S. 149 - 159.

 

Demnach begab sich Münnich von Isum, wo er elfwöchentliche Winterquartier gehalten, Ende Februar nach der Grenzfestung St. Anna. Den Angriffs auf die Calantschi vertraute er dem Generalmajor von der Artillerie, Sparreuter an. Ihre Einnahme wurde in Münnichs Beisein glücklich ausgeführt und alsbald auch die Uebergabe des Schlosses Luttik gleichfalls durch Sparreuter bewirkt. Hierdurch hatte man auf zwei Armen des Stroms die freie Passage in die See erlangt. Der Feldmarschall trug dafür Sorge, daß der Feind auch auf dem dritten, an welchem Asow liegt, keinen Succurs in die Stadt bringen könnte. S. 169. — In Asow war man in der größten Bestürzung. Münnich selbst machte sich an die Blocade dieser wichtigen Festung und übertrug die Fortführung derselben nach dem von ihm entworfenen Plan bis zu der zu erwartenden Ankunft des Feldmarschalls Laçy dem General Lewaschew. Aber Lewaschew, nicht gesonnen, einem Andern die Früchte seiner Anstrengungen zu überlassen, zeigte wenig Eifer, und da Laçy, dem es an zureichender Kenntniß des Ingenieurwesens fehlte, S. 222 sich von dem Generalquartiermeister de Brigny verleiten ließ, von dem mit Münnich verabredeten Plan (S. 171) abzugehen, wurde die Einnahme Asows um ein Bedeutendes verspätet und das ganze System der für diesen Feldzug berechneten Operationen in Schwanken gebracht.

 

Münnich hatte indessen nach der Generalmusterung seinen Truppen bei Zaritzinka den Befehl zum Ausmarsch gegen Perekop ertheilt. Mit großer Lebendigkeit werden die nun folgenden bei der Armee sich ereignenden Vorgänge geschildert. Sehr charakteristisch spricht sich in der Kriegsführung der Tartaren und den Gefechten mit den Russen die Eigenthümlichkeit ihrer Nationalität aus S. 177 - 184.

 

Die Beschreibung von Perekop und der Festung Or-Capi, die Anstalten gegen Perekop, der Angriff und die Eroberung des

 

 

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Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch

 

Walls und der Festung ordnen sich zu einer zweiten Hauptgruppe in dem Gemälde dieses Feldzugs gegen die Krim zusammen, S.184 - 195

 

Das nächste Ziel ist die Eroberung der Stadt Koslow S. 197 - 207.

 

Einfügung: Khanpalast von Baktschisarey

 

Der Marsch nach Baktschisarey, die Topographie des Dorfes vor Baktschisarey und von der Stadt selbst, die Beschreibung ihrer Einnahme und Plünderung sind reich an interessanten Einzelheiten S. 207 - 212; und die Aussagen des französischen Consuls Adam Eworka und des polnischen Edelmanns Andreas Bukowski, S. 213 - 217 bieten zu einem Exkurs allgemeineren Inhalts über die krimischen Zustände willkommene Gelegenheit.

 

Aber es ist für unsern Zweck nicht nöthig in die Einzelnheiten dieser und der noch folgenden Hauptbegebenheiten des Rückmarsches nach Perekop S. 217 - 220 und in die Ukraine S. 220 - 229 hier weiter einzugehen, außer in so fern sich aus ihnen die leitenden Gesichtspuncte zur Charakteristik ihres Verfassers hervorheben lassen.

 

Zugleich als Staatsmann und als Krieger zeigt sich derselbe eben so sehr mit den feinsten Fäden der inneren Politik wie, vornehmlich der Pforte und Persien gegenüber, mit den auswärtigen Verhältnissen vollkommen vertraut. Des Einflußes, den Ostermann auf die Leitung des Krieges auszuüben suchte, wurde mehrfach gedacht S. 132, 134, 144; auch am andern Stellen fehlt es nicht an treffenden Bemerkungen sowohl über die Regierung S. 121, 125, 134 als besonders über die Art und Weise der unteren militärischen Verwaltung, S. 170, 173 ff. 222.

 

Ueberall aber ist es bei der Erwähnung von wichtigen Angelegenheiten des Staates und für den Gang des Krieges bedeutender Entscheidungen die persönliche Beziehung, der Antheil den Münnich an ihnen gehabt hat, was vorzugsweise in Betracht gezogen wird. So ist mehrmals von besonderen Befehlen der Kaiserin an Münnich oder von directen Berichten des letzteren an jene die Rede, S. 128, 135, 137, 144, 171, 174, 187, von denen man nicht wohl absieht, wie ein anderer als Münnich selbst so genaue Kenntniß von ihnen haben konnte.

 

Der übrigen Theilnehmer am Kriege wird so gedacht, daß Münnich überall zwar nicht über Gebühr, aber doch mit nicht zu

 

 

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Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

verkennender Absichtlichkeit in den Vordergrund gestellt ist, und daß zugleich keiner von jenen bei dem was auf seine Rechnung kommt, weder geschont, noch verkürzt und übersehen zu werden scheint, wie letzteres leichter der Fall sein konnte, wenn ein Augenzeuge untergeordneten Ranges ein Tagebuch über dieselben Begebenheiten aufgezeichnet hätte. - Eine persönliche Gereiztheit blickt durch in der Art und Weise, wie Münnichs Stellung zu den Grafen Ostermann S. 223, Weisbach S. 142 und Lacy S. 171, 222, zum Generalmajor Biron S. 226, und zum Prinzen von Hessen-Homburg S. 219, ins Licht gesetzt wird.

 

Sehr häufig geschieht der Person Münnichs selbst, wie sich dafür auf jeder Seite Belege finden lassen, unter so individuellen Beziehungen Erwähnung, S. 143, 149, 184, wie es einem Dritten über ihn zu berichten nicht wohl möglich war; namentlich wenn von dem die Rede ist, was er nur gedacht hat, was seine Pläne, und „Intentionen“ waren; S. 160, 163, 178, 184, 217, 220, und das Anführen seiner eigenen Worte, der ihm gewöhnlichen Redensarten und Sprichwörtern, S. 178, 180, 188, 199, würde wenigstens eine vertrautere Bekanntschaft mit ihm voraussetzen lassen.

 

Wie sich aber bei aufmerksamem Lesen der einzelnen Züge noch viele finden, die alle zu bestätigen scheinen, daß der Feldmarschall Münnich selbst der Verfasser dieses Tagebuchs ist, so stimmt auch sehr wohl mit dieser Ansicht die Anlage und die Haltung der ganzen Darstellung überein, welche in der durchgehend deutlichen Hervorhebung der Motive begründet ist, sowohl bei der Einleitung zu der Veranlassung des Krieges gegen die Pforte, wie bei der Ausführung der einzelnen Hauptunternehmungen. Ein Feldherr kann keine bessere Rechtfertigung seines Feldzuges geben, als wenn er zeigt, wie sein spähendes Auge nichts außer Acht gelassen, wie es nichts dem Zufall überlassen hat, wie die Unfälle nicht zu vermeiden, wie das Glück kein blindes gewesen. Ein solches Falkenauge war Münnich. Seine Soldaten nannten ihn so *). Sein Auge spricht aus dieser Darstellung; ihr Stil ist seine That.

 

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*) „Den Falken,“ von Halem, Lebensbeschreibung des Russisch-Kaiserlichen General-Feldmarschalls B. C. Grafen von Münnich, Oldenburg, 1803. S. 93.

 

 

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Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch

 

Von der Motivirung und Haltung des Ganzen wird die Färbung des Einzelnen bedingt; sie entspricht jener vollkommen. Es ist Alles und Jedes an seiner Stelle. Die Meisterschaft historischer Darstellung zeigt sich in der Ausführlichkeit, die nie an das Zuviel streift. Mag aber nun von den Tatarenamazonen, S. 182, oder von der Flucht des Chans, S. 191, oder von dem Haarzopf des Capitän Manstein, S. 190, die Rede sein; wir werden keinen von diesen charakteristischen Zügen missen wollen, keinen für überflüssig halten. Sie interessiren uns jeder für sich und wenn wir all‘ die gelegentlichen Bemerkungen, die über die übrigen Mitstreiter, Generale, Offiziere und Soldaten, über ihren persönlichen Antheil am Kampfe, über ihren Charakter und die Triebfedern ihrer Handlungen beigebracht werden, wie über Lewaschew, S. 170, den Fürst Trubetzkoi, S. 174, die hettmanischen und slobodischen Kosaken, S. 174, 178, 200, den Fürst Shukowskoi, S. 175, den Krasna-Schoka, den Starschin Iwan Wassiljewitsch Frolow, S. 134, u. a. m. zusammengehalten, dann glauben wir nicht zu viel zu sagen, wenn wir behaupten, daß diese einzelnen Bemerkungen zusammengenommen auch für sich ein unverwerfliches Zeugniß dafür ablegen, daß sie nur von einem Verfasser kommen konnten, der durch Muth und Einsicht mit seiner ordnenden Hand die Begebenheiten leitete, deren Erzählung den Inhalt dieses von uns dem Feldmarschall Münnich zuerkannten Tagebuchs ausmacht.

 

Die inneren Gründe, die für unsere Ansicht zu sprechen scheinen, werden durch äußere Beweise zur unumstößlichen Gewißheit erhoben. Am Schluß nämlich unseres handschriftlichen Tagebuchs, das bis zum 4. August 1736 reicht, heißt es, von da ab sei „der Marsch längst dem Dniepr fortgesetzt, die Armee ohne fernere Beunruhigung in die Winterquartire nach der Ukraine zurückgebracht und also die Campagne diesmahl beschlossen“ worden. „Wie daher“, fährt der Verfasser fort, „während der Zeit nichts mehr vorgefallen, das eine besondere Anmerkung verdienen könnte, also ist das übrige Wenige, was hieher annoch gehört, bereits in dem zu S. Petersburg in Druck öffentlich ausgegebenen Journal zu befinden.“ In der Fassung dieses letzten Satzes scheint angedeutet zu sein, daß die besonderen Anmerkungen und weiteren Ausführungen dieses Feldzuges, wie sie in unserer Handschrift enthalten sind und die in dem angeführten

 

 

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Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Journal enthaltenen, noch hieher gehörigen Berichte von einem und demselben Verfasser herrühren. Was sofort zur öffentlichen Kunde kommen kann und soll, hat er bereits öffentlich in Druck ausgeben lassen, das Uebrige zu seiner eigenen Genugthuung zwar zu Papier gebracht, zur Zeit aber noch zurückbehalten. Und wie zu Anfang der ganzen Darstellung dieselbe gleichfalls als eine Ergänzung des bisher durch den Druck öffentlich bekannt Gemachten bezeichnet wird *), so wird noch in einer andern Stelle ausdrücklich auf die nähere Beziehung des Verfassers unserer Handschrift zu dem Verfasser der officiellen Berichte mit den Worten: „dem Publico gab man indessen zur Ursache an“ S. 226, hingewiesen. Sehen wir uns aber nach dem erwähnten Journal um, so kann dies wohl kein anderes sein, als die „Nachricht von denen gegen die Türken und Tartaren in diesem 1736. Jahre vorgefallenen Kriegs-Operationen der Rußisch-Kaiserl. Armee.“ Diese „Nachricht“, die mit anderen Nachrichten von dem Kriegsschauplatze der russischen Armee aus dem Jahre 1737 in einem Quartband zusammengebunden in der königlichen Bibliothek zu Berlin zu finden ist, enthält auf siebzig fortlaufend paginirten Seiten ihrem Titel entsprechende officielle Kriegsberichte der russischen Armee. Von diesen habe ich als Probe des Ganzen und als Supplement zu unserem Tagebuch aus dem Abschnitt S. 49 - 64, welcher die Ueberschrift führt: „St.-Petersburg d. 18. Sept. 1736. Fortsetzung des Journals von allen dem, was bey der Rußisch Kayserl. Armee nach derselben am 6. Jul. 1736 geschehenen Zurückkunft bey Perekop vorgegangen“, Seite 55 - 64 in der zweiten Beilage wörtlich abdrucken lassen. Es käme nun darauf an, den Verfasser dieses officiellen Berichts zu kennen, um daraus auf den Verfassers des handschriftlichen Tagebuchs zurückschließen zu können. Als solcher wird ausdrücklich in dem unter demselben Datum ausgegebenen Vorbericht S. 48. der Graf von Münnich angegeben, indem es heißt: „Nach den letzten von dem Herrn General-Feld-Marschal Grafen von Münnich den 6. Sept. erhaltenen Nachrichten ist er mit der Armee unweit Samara angelanget, wie aus folgender Fortsetzung des Journals zu ersehen ist.“

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*) S. 119. „So viele triftige Bewegungsursachen auch immer in den öffentlichen Schriften angegeben sind.“ u. s. w.

 

 

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XXIV.

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

Ein anderer Bericht, S. 9 – 12, wird bezeichnet als „Extract aus des General-Feld-Marschals Grafen von Münnichs eingeschickten Bericht von 20. May 1736 datirt auf der Wahl-Stadt innerhalb der Linie von Perecop und S. 13 – 16. in der „Fortsetzung des Journals von denen Kriegs-Operationen der Russisch-Kayserl. Armee wieder die Türcken und Tatarn“ ist bemerkt, daß „aufs neue von obgedachtem General-Feld-Marschall – folgende Nachricht eingeschickt worden.“ Eben so wird von dem Petersburg den 26. Juli ausgegebenen Bericht gesagt, daß er durch einen Cabinetscourir vom Feldmarschall Münnich eingesandt sei.

 

Außerdem kommen in dem officiellen Journal noch einige Stücke vor, die auch von anderen Generalen eingeschickte Nachrichten enthalten; so wird S. 28. eines Berichts vom Generalmajor Knäs Trubetzkoi gedacht, eines andern vom Generallieutenant Lewontiew, S. 52; vom Generalfeldmarschall Laçy werden kürzere und umständlichere Nachrichten mitgetheilt, S. 30, S. 31, 32, 33 – 36; und aus dem Cuban S. 19 – 22, S. 67 – 70. Für unseren Zweck haben wir uns jedoch nur an die Münnichschen Berichte zu halten. Genügt nun schon nach dem oben Bemerkten das von uns unserem Tagebuch beigefügte Supplement für sich allein, um die Vermuthung, daß Münnich selbst der Verfasser desselben ist, zum höchsten Grade der Wahrscheinlichkeit zu bringen, so wird dieselbe durch die theilweise wörtliche Uebereinstimmung der übrigen Berichte mit dem handschriftlichen Tagebuch zur augenscheinlichen und unbestreitbaren Gewißheit erhoben. Um die Vergleichung des officiellen, auch in der „Neuen Europäischen Fama 1736“ wieder abgedruckten Journals *) mit dem handschriftlichen Tagebuch zu erleichtern, sind in diesem sämmtliche, mit jenem gleichlautende einzelne Wörter und vollständige Sätze mit Zurückweisung auf die betreffenden Stellen durch gesperrte Schrift bemerklich gemacht worden. Aus dieser Vergleichung ergiebt sich, daß längere Stellen, die sich

 

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*) Im zwanzigsten Theile der Neuen Europäischen Fama heißt es zu Anfang des Abschnitts der von Rußland handelt (S. 758 – 781) ausdrücklich: „in der Absicht unsern Lesern den völligen Zusammenhang der Campagne zu zeigen, hatten wir ein vollständiges Journal von alle dem, was bey der Rußischen Armee bis auf den 17. Julii n. St. vorgefallen, eingerückt. Da uns nun nachgehends die Continuation desselben zu Händen kommen, so befinden wir uns genöthigt, unsern Lesern diesfalls in der Ordnung nicht zu unterbrechen, selbige auch beyzufügen.“

 

 

 

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XXV.

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

eben ganz für den officiellen Gebrauch eigneten in der „Nachricht“ wörtlich beibehalten worden sind, während an anderen Stellen die Verwandtschaft beider Journale nur in einzelnen Ausdrücken wieder zu erkennen ist. Daß aber offenbar unser Tagebuch die Grundlage von diesen Berichten gewesen, und daß es nicht etwa als spätere Erweiterung der letztern angesehen werden kann, geht aus der nicht zu verkennenden größeren Sorgfalt hervor, die in dem officiellen Journal beiden gleichlautenden Stellen an den wenn auch geringfügigen stilistischen Modificationen einzelner Ausdrücke sichtbar wird. Auch finden sich in dem letzteren einzelne Zusätze und Ergänzungen, von denen nicht wohl anzunehmen ist, daß der Verfasser des „Tagebuchs“ sie nicht mit aufgenommen hätte, wenn ihm bei der Aufzeichnung desselben jenes zur Grundlage diente, während sie als Erweiterungen des im Tagebuch gegebenen ganz an ihrer Stelle sind. Wir können daher unmöglich daran zweifeln, das Münnich selbst der wahre Verfasser des letztern ist; viel eher hingegen könnte noch gegen die unbedingte Echtheit der unter Münnichs Namen ausgegebenen officiellen Berichte Bedenken erhoben werden; ob sie nämlich unmittelbar in der Form, wie wir sie haben, auch von ihm selbst verfaßt worden sind. Darauf indessen kommt wenig an. Mochte die letzte Redaction derselben einem Dritten überlassen sein, oder nicht; immer ist die noch übrige Uebereinstimmung beider Journale Beweises genug dafür, daß unser Tagebuch nur Münnich selbst zum Verfasser haben kann.

 

Der Werth dieser Schrift ist um so höher anzuschlagen, je seltener, zumal in der Kriegsgeschichte der früheren Zeiten die Beispiele sind, daß die Feldberrn selbst ihrer Thaten Darsteller waren, und es möchte diese neue Quelle für die Geschichte des unter der Leitung des Feldmarschalls Münnich geführten russisch-türkischen Krieges leicht das Bedeutendste sein, was bis jetzt bekannt worden ist. Denn wiewohl uns der General Manstein, damals Capitän bei der russischen Armee und Adjutant des Feldmarschalls Münnich in seinen Memoiren sehr dankenswerthe Mittheilungen über diesen Krieg macht, die nach der Versicherung eines anderen Augenzeugen, des Grafen Ludwig Friedrich zu Solms-Wildenfels *), das Beste und Richtigste enthielten,

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*) In seinen zur Widerlegung einiger durch den Grafen Dadich verbreiteter falscher Nachrichten in Woltmanns Zeitschrift „Geschichte und Politik“ Bd. II. S. 180 – 188 bekannt gemachten Erinnerungen aus Münnichs Feldzügen sagt der Graf Solms (Münnichs Schwiegersohn und im russisch-türkischen Kreg sein Generaladjutant): „Da ich in Ansehung der Feldzüge ganz sicher auf Mansteins Nachrichten verweisen darf, welche er unter dem Titel: „mémoires de Russies écrites par un officier qui a été plusieurs années dans ce service“ geschrieben und mir selbst übergeben, um sie aufzuheben und vor des Grafen Münnichs Tode nicht bekannt werden zu lassen, so kann ich auf diesen Blättern die starken Irrthümer des Grafen Dadich, welche sonderlich den Feldzug in die Krimm und vor Oczakof betreffen, nicht ausführlich widerlegen, sondern bloß was bei der Mansteinschen Erzählung mir beifällt, zur Rettung der Wahrheit anmerken. “

 

 

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XXVI.

 

Einleitung zu dem Münnichschen Tagebuch.

 

was über diese Ereignisse bis zu seiner Zeit bekannt gemacht worden, so verhalten sie sich doch uns zu Münnichs Tagebuch wie kärgliche Notizen zu einem vollständig ausgeführten Bilde. Keralio *) aber bietet für die Geschichte dieses Feldzuges nichts Neues. Er hält sich wörtlich an Manstein.

 

Gewiß wäre es wünschenswerth, nachweisen zu können, wann, durch wen, und auf welche Veranlassung dieses ohne Zweifel auf gesandtschaftlichem Wege acquirirte Tagebuch des Grafen Münnich in das königlich sächsische Hauptstaatsarchiv gekommen ist. Hierüber etwas Näheres zu ermitteln, ist mir bis jetzt noch nicht gelungen. Möglich wäre es, daß man durch solche Bemühungen noch einer weitern handschriftlichen Hinterlassenschaft des ausgezeichneten Mannes auf die Spur käme. Seines Briefwechsels mit Biron erwähnt er im Tagebuch, S. 142. Während seines Aufenthalts in Sibirien schrieb er an einer ,,pragmatischen Geschichte Rußlands“ **), die er um der Gefahr zu entgehen, staatsverbrecherischer Pläne angeschuldigt zu werden, selbst ins Feuer zu werfen sich gezwungen sah ***). Nach der Rückkehr aus der Verbannung setzte er auf den Wunsch der Kaiserin Katharina II. Denkwürdigkeiten seines eigenen Lebens mit Eifer fort (1766), die er schon vor Jahren zu schreiben angefangen hatte. Ein Ergebniß solcher Bemerkungen ist die im Jahre 1774 zu Kopenhagen erschienene „Ebauche pour donner une idée de la forme du Gouvernement de l‘Empire de Russie.“ Nach seinem Tode sind die vorgefundenen Manuskripte wahrscheinlich alle in das Cabinetsarchiv geliefert worden ).

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*) Histoire de la guerre des Russes et des Imperiaux contre les Turcs en 1736, 1737, 1738 et 1739 et de la paix de Belgrade qui la termina. A Paris 1780.

**) Woltmann, „Geschichte und Politik.“ II. S. 46.

***) von Halem, Lebensbeschreib. d. Generalfeldmarschalls Münnich.

) Halem im a. W. S. 246.

 

 

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Ueber die Verbindung zwischen Nowgorod und Wisby und den Deutschen mit den Russen.

 

 

Andeutungen über den Einfluß der Deutschen auf die Russen im Mittelalter und die Stellung der Ostseeprovinzen zum russischen Reich.

 

 

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Leerseite

 

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Einleitung.

 

Der electrische Funken, durch den das Licht des Fortschritts in der Cultur, im gesammten Staatsleben, in Wissenschaften und Künsten sich über das Leben der Völker ausbreitet, wird geweckt und angefacht durch wechselseitige Berührung und Verbindung verschiedener Nationalitäten. Ist nun der Handel ein Hauptmittel zu dieser Verbindung der Völker und Staaten, so wird die Handelsgeschichte eines Volks, abgesehen von ihrer nationalöconomischen Seite, auch in Bezug auf die intellectuelle Ausbildung desselben, von welthistorischer Bedeutung sein.

 

In höherem Grade als bei irgend einer andern enropäischen Nation ist dies mit der russischen der Fall, denn die übrigen Nationen der christlichen Aera hatten seit dem Anbeginn ihrer historischen Entwicklung außer dem materiellen Hebel des Handels noch zwei andere, die als Grundlagen ihrer intellektuellen Bildung anzusehen sind, mit einander gemein, die Kirche und das Feudalrecht. Die Russen aber, letzteres schon im ersten Keime erstickend, und einem stationären Cultus huldigend, seit Entstehung ihres Reichs vom westlichen Europa getrennt und später durch die Herrschaft der Mongolen gewaltsam von ihm abgeschnitten, standen mit demselben einzig und allein auf dem Wege des Handels in Gemeinschaft und zwar vorzugsweise durch Handelsverbindungen, welche sie im Norden ihres Reichs, wo Nowgorod den Centralpunct bildete, von dieser Metropole aus, über die Ostsee hin mit den westlich gelegenen Ländern unterhielten.

 

Aus diesem Grunde ist es unerläßlich, vor Allem unser Augenmerk auf die Handelsgeschichte Nowgorods zu richten, wenn wir den Gang der Culturentwicklung in Ausland bis zu dem Zeitpunkt,

 

 

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Einleitung.

 

wo dieses Reich sich zum mächtigsten im europäischen Continent erhob, historisch verfolgen wollen. Um aber hier zuvörderst auf die ältesten Verbindungen Nowgorods mit dem Auslande zurückzugehen, so verlieren diese sich vor der Zeit der Waräger in Rußland in ein so unbestimmtes Dunkel, daß wir mit historischer Gewißheit durchaus nichts Sicheres über sie ermitteln können.

 

Anders verhält es sich mit den Zeiten der Waräger- oder Normannenherrschaft.

 

Es ist bekannt, wie diese kühnen Eroberer, seit dem Anfange des neunten Jahrhunderts, nachdem Karl der Große die Macht der Sachsen gebrochen und auch die Dänen aus ihrer ursprünglichen Heimath aufgestört hatte, sich der Herrschaft zur See bemächtigten, alle Küsten Europas umschwärmten und durch ihre Kriegszüge die entferntesten Gegenden dieses Welttheils in eine nähere Berührung mit einander setzten *). Kein Meer ließen sie unbefahren, keinen Strom unbesucht, an den entferntesten Küsten landeten sie, die Flüsse aufwärts drangen sie ins Innere der Länder ein; so trugen sie Schrecken und Verheerung an die Ufer der Elbe, des Rheins und der Schelde, der Seine und der Themse, so wie an die Gestade der Loire, der Rhone **) und des Arno ***) hin.

 

Nicht so scheinen die Ströme, welche in die Ostsee münden,

 

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*) Venerunt etiam legati Graecorum a Theophilo imperatore directi. - Misit etiam cum eis quosdam, qui se, id est gentem suam, Rhos vocari dicebant, quos rex illorum, Chacanus vocabulo, ad se amicitiae, sicut asserebant, causa direxerat, petens per memoratam epistolam, quatenus benignitate imperatoris (Ludovici) redeundi facultatem atque auxilium per imperium suum totum habere possent, quoniam itinera, per quae ad illum Constantinopolim venerant, inter barbaras et nimiae feritatis gentes immanissimas habuerant, quibus eos, ne forte periculum inciderent, redire noluit. Quorum adventus causam imperator diligentius investigans, comperit eos gentis esse Suconum, exploratores potius regni illius nostrique quam amicitiae petitores ratus, penes se – retinendos judicavit.
Annal. Bertinian. P. II. Ann 839. V. Pertz Monum. I. p. 434.

**) Piratae Dauorum longo maris circuitu, inter Hispanias videlicet et Africam navigantes, Rhodanum ingrediuntur, depopulatisque quibusdam civitatibus ac monasteriis, in insula, quae Camaria dicitur, sedes ponunt. ib. Ann. 859 p. 453.

***) Dani qui in Rhodano fuerant, Italiam petunt, et Pisas civitatem aliasque capiunt, depracdautur atque devastant. ib. Ann. 860 p. 454.

 

 

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5

 

Einleitung

 

sie an sich gezogen zu haben, obgleich diese ihnen die nächsten waren; wenigstens ist das Oder- und Weichselgebiet, wenn wir von den späteren Eroberungen der Dänen absehen, den Raubzügen der Normannen weniger ausgesetzt, wohl aber finden wir sie an der Düna und Newa nicht nur während des neunten Jahrhunderts, wie davon noch heut zu Tage die in jenen Gegenden des Nordens aufgefundenen Münzen ein sprechendes Zeugniß ablegen, sondern noch viel weiter zurück, bis in die erste Hälfte des sechsten Jahrhunderts, lassen sich Wäringerzüge nach Constantinopel durch Rußland mit der größten Wahrscheinlichkeit nachweisen *). Gewiß aber waren es zuerst nicht sowohl die uncultivirten und unwirthbaren Gegenden dieser Flußgebiete selbst, die sie lockten, sondern es mußten diese Ströme, wie im Süden Dnepr und Wolga, ihnen nur als Verbindungslinien mit den reicheren Ländern des Südens, mit dem byzantinischen Reich und sogar mit Persien dienen.

 

Wie an den Küsten Frieslands, wie im nördlichen Frankreich, England und Neapel, so gelang es ihnen denn auch in Rußland, eigene Niederlassungen zu gründen, dauernde Herrschaften zu errichten. Wie sich aber in all‘ diesen Reichen die normannischen Ankömmlinge auf eine überraschende Weise mit den vorgefundenen Bewohnern dergestalt zu einem Volke verschmelzten, daß sie sogar die eigene Sprache aufgaben, so mußte dies im großen russischen Reich um so leichter geschehen, als hier die normannische Bevölkerung der Waräger im Verhältniß zu der slawisch-finnischen Landbevölkerung gewiß eine viel geringere war, als die der neugegründeten Normannenstaaten im westlichen Europa.

 

Dennoch blieben diese Herrschaften nicht ohne directen Einfluß auf die Entwicklung und den welthistorischen Fortschritt europäischer Cultur. Zwei von den Elementen, die wir oben als die Hauptfactoren europäischer Culturentwicklung bezeichnet haben, kamen vornehmlich durch diese Normannen in Aufnahme, das Lehnssystem und der Handel. Jenes wurde nirgends mit solcher Strenge und Consequenz durchgeführt, wie gerade in den normannischen Staaten; dieser verdankte im ganzen Norden Europas hauptsächlich den Normannenzügen sein Aufblühen, weil er zu wahrer Blüthe nur erst gelangen konnte, seitdem er zur See geführt wurde,

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*) Vgl. Geijer Geschichte Schwedens B. I. S. 37 ff.

 

 

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6

 

Einleitung

 

und weil sich eine engere Verbindung der nördlichen Länder zur See erst seit und durch diese Züge auf dauernde Weise anknüpfte, so daß sie in späteren Zeiten nicht wieder gelöst werden konnte.

 

Diese beiden Elemente zeigten sich auch in Rußland wirksam, wenn gleich sie zu keiner vollständigen Entwicklung kamen. Der Adel und die Bojarenherrschaft in Rußland verdanken unmittelbar der Eroberung der Waräger ihre Entstehung; nicht minder ist der Ursprung und das Emporkommen der Städte Rußlands, der Stapelplätze des Handels, nach dem Zeugnisse des ältesten nationalen Berichterstatters russischer Geschichten zum großen Theil den Niederlassungen der Waräger zuzuschreiben *).

 

Von all‘ den Städten aber, welche die Producte des inneren Reichs sammelten, war Nowgorod die einzige, welche sie gegen das Ausland austauschte. Hier strömten alle Schätze des Reiches zusammen.

 

Einfügung: Nowgorod

 

Nowgorod wurde das Haupt des nordischen Kolosses. Auch hier war es ohne Zweifel ursprünglich die warägische Einwohnerschaft, welche die Verbindung mit ihren überseeischen Nachbaren unterhielt. Denn wie lange die russischen Waräger und ihre urväterlichen Stammesgenossen noch der alten Gemeinschaft eingedenk waren, sehen wir, um nur Eins anzuführen, daraus, daß noch zu Wladimirs und Jaroslaws Zeiten (980 - 1054) sogar die Familienverbindungen zwischen den russischen vornehmen Warägern und den überseeischen nicht erloschen waren **).

 

Suchten die Waräger in früheren Zeiten durch Raubzüge aus Feindesland sich gewaltsam zu verschaffen, was sie vorzugsweise anlockte,

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*) Vgl. Schlözers Nestor Theil III. S. 43. 44. 67. „Alle (Mscpte) außer Archl. Dieser Oleg fing an (Voskr. in ganz Rußland) Städte zu errichten.“ Theil V. S. 202. 210.

**) Wladimir selbst ging von Nowgorod aus vor seinem Bruder Jaropolk fliehend über Meer und kehrte im Jahre 980 mit einem Heere von Warägern zurück. Schlözers Nestor Theil V. S. 194 und 196. Er warb um Rognied die Tochter Rogwalds, der von jenseits des Meeres gekommen war und über Polotzk herrschte, und nahm sie zum Weibe nachdem er den Vater erschlagen. Ebendas. S. 198.

Jaroslaw war mit Ingigerd oder Anna, des Schwedenkönigs Olaf Tochter vermählt. Karamsin Geschichte des russischen Reiches, deutsche Uebersetzung Band II. S. 20 und Anmerk. 25. „Ingigerd übergab ihrem Verwandten, dem Jarl Rogenwald die Regierung von Aldeigaburg.“

 

 

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Einleitung.

 

so mußte, nachdem sie sich selbst im Slavenlande angesiedelt hatten, der friedliche und rechtliche Weg des Handels ihnen ein viel gefahrloseres und leichteres Mittel gewähren, zur Befriedigung ihrer Wünsche zu gelangen. Die geeignetesten Stapelplätze des Handels boten die Inseln des baltischen Meeres dar. Unter diesen Inseln hatte Gothland für den Handel die glücklichste Lage, da sie weder den Schweden noch den Russen und den Deutschen allzuentfernt, für diese drei Nationen einen wie von der Natur dazu bestimmten Vereinigungspunct bildete. Alle drei hatten hier ihre Niederlassungen; doch übten die scandinavischen Gothländer, als Bewohner und Besitzer der Insel über die fremden Nationen ein natürliches Uebergewicht aus. Sie waren die Speditionshändler zwischen Deutschen, Schweden, Russen und Ehsten. Wie aber Gleichheit des Rechts die Grundlage alles freien und gedeihlichen Handels ist, so erfreuten sich Deutsche und Russen desselben Rechts, unmittelbar ihre Waaren auf der Insel Gothland gegen einander auszutauschen, kraft dessen die Gothländer ungehindert die deutschen Häfen so wie Nowgorod besuchen durften, und die Russen konnten von Gothland aus eben so gut, ohne sich der Zwischenhand der Gothländer zu bedienen, ihren Weg unmittelbar nach den deutschen Häfen fortsetzen, wie die Deutschen von hier aus sich an die östliche Küste und nach Nowgorod begaben. Doch ist wohl zu merken, daß wenn auch die genannten drei Nationen dem Rechte nach in mercantiler Beziehung gleich gestellt waren, sich faktisch doch auch hier jeder Zeit eine Nation vor der andern geltend zu machen wußte.

 

Von den Russen finden sich nur wenig Spuren, daß sie

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Olaf Tryggveson aus norwegischem Königsgeschlechte im Jahre 973 ? geboren, wurde in Russland erzogen. Aus Rußland ging er im Jahre 985 mit einer großen Kriegmacht auf die See. Dahin kehrte er, nachdem er die wendischen Küsten heimgesucht, nach dreijährigem Aufenthalte zurück und noch einmal kam er von dorther um Gotland, Schonen und Dänemark zu plündern, bis er im Jahre 995 König von Norwegen wurde. Ludwig Giesebrecht, wendische Geschichten Theil I. S. 227. 230. 234. Der norwegische Jarl Erich aber, den Olaf Tryggveson verdrängt hatte, verließ Gotland (in Schweden), wohin er geflüchtet war „und zog wie Eyolf der Skalde singt, um Waldemars Land, d. i. die russische Küste durch den Feuerbrand des Speersturms zu veröden, brach auch die Aldeigaburg (am Ladogasee) unter hartem Gefechte.“ Giesebrecht im a. W. S. 240.

 

 

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Einleitung.

 

selbst von Gothland aus den Activhandel nach Deutschland hin betrieben haben; in späterer Zeit werden sie ganz von demselben zurückgebracht. Die Gothländer hingegen verstanden es, in Nowgorod immer größeren Einfluß zu gewinnen, und die Deutschen blieben nicht zurück; vielmehr erlangten diese zu Wisby, der sich auf Gothland stolz emporhebenden Stadt, bald auch über die Gothländer das Uebergewicht, nachdem sie durch eine Reihe der blühendsten Colonien in den heutigen deutschen Ostseeprovinzen Rußlands dem russisch-deutschen Handel eine noch festere Basis gegeben, und dadurch ihrem hanseatischen Städtebund unter dem Vorsitz Lübecks das Monopol des einträglichen Handels mit dem russischen Reich erworben hatten, welchem sie die Blüthe ihrer Jahrhunderte lang die Meere des Nordens beherrschenden Macht verdankten, wie denn andererseits durch sie, die Deutschen, auch den Russen die Pforten europäischer Cultur eröffnet wurden.

 

 

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Erste Abtheilung.


Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Erstes Capitel.

 

Gothlands Erhebung zum Mittelpunct des nordeuropäischen Welthandels.

 

Wenn wir dies nur nach seinen Hauptumrissen flüchtig hingeworfene Bild durch eine genauere Ausführung seiner charakteristischen Züge uns klarer vor Augen stellen, um Schritt vor Schritt den Weg nachweisen zu können, wie durch die im Mittelalter angeknüpfte Handelsverbindung Nowgorods mit den Deutschen, die schon seit mehr als hundert Jahren bestehende Einigung der russischen Nation mit der deutschen angebahnt wurde; müssen wir zuvörderst auf die Geschichte der aus ihrer Unscheinbarkeit sich zum Centralpunct nordeuropäischen Welthandels erhebenden Insel Gothland zurückgehen. Denn nur aus den allgemeinen Verhältnissen und Normen, die sich hier feststellten, kann die gegenseitige Stellung der einzelnen an diesem Handel Theil nehmenden Nationen verstanden werden.

 

Wie aber Gothland durch seine locale Beschaffenheit vorzugsweise zum Vereinigungspunct des nordeuropäischen Handels geeignet war, ist bereits oben von uns angedeutet worden. Jetzt werden wir die Hauptmomente, durch welche die von dieser Insel ausgehende Entwicklung ins Leben trat, hervorzuheben haben.

 

Bis auf die frühesten Zeiten historischer Erinnerung zurück betrachteten sich die Gothländer als frei und von fremder Herrschaft unabhängig. Gleicher Abstammung mit den scandinavischen Normannen, wurden sie wie diese durch gleiche Lebensverhältnisse darauf hingewiesen, durch die weite Welt auf Abentheuer auszuziehen. Die alte einheimische Sage der Gothländer *), führt nach Art der Sagengeschichte die ursprüngliche Eintheilung des

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*) Guta-Lagh, das ist der Insel Gothland altes Rechtsbuch, herausgegeben von Schildener, Greifswalde 1818, S. 106 – 115.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Landes in drei Theile auf die drei Söhne des ersten Bewohners der Insel, des Thielvar zurück, welcher mit dem Gebrauch des Feuers den ersten Keim menschlicher Cultur nach Gothland brachte, wie Solches die Sage in ihrer naiven Gestalt folgendermaßen erzählt: (Cap. I.) „Gothland fand zuerst der Mann, welcher Thielvar heißt; da war Gothland so unscheinbar, daß es Tages untersank und Nachts oben war, aber der Mann brachte zuerst Feuer auf das Land und seitdem sank es niemals.“ Und von den Söhnen Thielvars, deren jedem ein Drittheil der Insel zufiel, heißt eo: „darauf ward von diesen Dreien das Volk auf Gothland nach langem Zeitenlauf so vermehrt, daß das Land nicht vermochte sie zu ernähren. Da loos‘ten sie fort vom Lande jegliches dritte Haupt, so daß diese alles das Ihrige, was sie über der Erden hatten, „ (ihr bewegliches Gut), „behalten und mit sich fortnehmen sollten,“ und zwar wird ins Besondere auch darauf hingedeutet, wie schon ihre ersten Unternehmungen diese kühnen Seehelden nach Rußland, und gleich den übrigen Normannen, durch dieses Reich ins byzantinische Kaiserthum führten.

 

„Von den Farinseln *) ,“ lautet es in unserer Quelle weiter, „zogen sie fort zu einer Insel, Ehstland gegenüber, welche heißt Dagaithi (Dagden) und bauten sich an und machten eine Burg, welche noch sichtbar ist. Da vermochten sie sich auch nicht zu halten, sondern zogen das Wasser hinauf, welches heißt Düna, und weiter hinauf durch Rußland - und so weit zogen sie, daß sie nach Griechenland kamen.“

 

Also schon durch ihre frühesten Unternehmungen wurden die Gothländer, ihrer heimischen Sage zu Folge, im Osten und in Rußland bekannt, wo sie für ihre Handelsthätigkeit bald einen so weiten Spielraum finden sollten. In Bezug aber auf die politisch-religiöse Gestaltung Gothlands ist uns die Verbindung dieser Insel mit Schweden von noch größerer Wichtigkeit. Trotz der geringen Entfernung von diesem Reich glückte es ihr doch, während der ganzen Zeit, wo der Handel ihrer noch als eines Stützpunctes und Stapelplatzes durchaus bedürftig war, bis über die zweite Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts hinaus, ihre politische Unabhängigkeit sich zu bewahren. (Cap. II.) „Viele Könige stritten

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*) Diese Inseln, schwedisch Farö genannt , liegen au der nordöstlichen Spitze von Gothland.

 

 

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Erstes Cap. Gothlands Erhebung zum Mittelpunct etc.

 

gegen Gothland, so lange es heidnisch war, doch behielten die Gothländer ununterbrochen die gleichen Sitten und ihr Recht.“ Indeß, mit Berücksichtigung der die Unabhängigkeit dieses Eilandes begünstigenden Lage mußten die Könige von Schweden es für vortheilhafter achten, mit Gothland in ein Schutzbündniß zu treten, als durch fortwährende Kriegszüge im Zustande der Unsicherheit zu verharren. So sagt denn auch ferner unsere Erzählung aus, „darnächst schickten die Gothländer viele Gesandte nach dem Reiche Schweden, aber keiner von ihnen erhielt Frieden, bis auf Awair Strabain aus Alfsta Kirchspiel; der machte den ersten Frieden mit dem Schwedenkönig. Demnach brachte er unter des Landes Rath, bevor er von Hause fuhr, ein regelmäßiges Rechtsverhältniß mit dem Schwedenkönig zu Stande: sechzig Mark Silber jegliches Jahr; das ist Gothlands Schoß.“ Und zwar wird der Zweck dieser Abkunft mit folgenden Worten angegeben: „so begaben sich die Gothländer freiwillig unter den Schwedenkönig, darum daß sie möchten frei und unbeschwert ins schwedische Reich kommen können, an jeden Ort, ohne Zoll und Abgabe.“ Eben so können auch Schweden fortan nach Gothland kommen, ohne Getreidesperre oder sonstiges Verbot. Schutz und Hülfe sollte der König den Gothländern zukommen lassen, wenn sie derselben bedurften und darum anhielten.

 

Auf solche Weise sicherten sich die Gothländer als Grundlage ihrer Existenz eine politisch-mercantile Unabhängigkeit gegen Schweden. Doch das Bedürfnis selbst nach einem ausgebreiteteren und auf rechtlichen Grundlagen ruhenden Handelsverkehr, das Bedürfnis sich auch die erhöhten Genüsse materiellen Lebens zu eigen zu machen, ging erst aus dem Keim der Bildungsfähigkeit und des Fortschritts hervor, der durch die Annahme des Christenthums in sie gepflanzt ward.

 

Im dritten Capitel der alten Erzählung heißt es: „als die Gothländer Heiden waren, da segelten sie in Handelsgeschäften nach allen Ländern, sowohl christlichen als heidnischen. Da sahen die Kaufleute christliche Sitten in christlichen Ländern und ließen manche allda sich taufen, und brachten nach Gothland einen Priester.“ Zur völligen Annahme aber des Christenthums trug das Meiste der Schwedenkönig bei. (Cap. II.) „Hierauf kam der König fliehend von Norwegen mit Schiffen, und legte in dem Hafen an, welcher Akergarn heißt. Da lag der heilige Olaf (Schooßkönig, 1008)

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

lange; - da fuhren Ormika von Hainaim und mehr reiche Männer zu ihm mit ihren Gaben; - da nahm Ormika das Christenthum an, nach des heiligen Olafs Unterweisung, und baute sich ein Bethaus, an selbiger Stelle, wo jetzt die Kirche von Akergarn steht.“ Die Annahme des Christenthums mußte zuvörderst das nationale Band der Sprache und der Abstammung , das die Gothländer mit den Schweden vereinigte, noch durch das Band der gleichmäßig fortschreitenden Gesittung befestigen, und so schlossen sich denn auch die Gothländer der Diöcese des Bischofs von Linköping an.

 

(Cap. III.) „Bevor noch Gothland für beständig einen Bischof annahm, kamen Bischöfe nach Gothland, Pilgrime zum heiligen Lande Jerusalem, die von dannen (durch Griechenland und Rußland) nach Hause fuhren. Nachdem nun fortan die Gothländer sich zum Christenthum wendeten, sandten sie Sendboten zum höchsten Bischof in Linköping, weil er ihnen der nächste war, auf daß er nach einer bestimmten Ordnung auf Gothland käme.“

 

Aber auch mit den übrigen europäischen Nationen konnten die Gothländer erst von der Zeit an, wo sie sich dem Christenthum zuwandten, sich auf einen gleichen Fuß des Rechts und des Vertrages stellen; erst jetzt konnte der Handel aufblühen, erst jetzt da sie nicht mehr Heiden waren, hörte der natürliche Zustand der Feindschaft auf, erst jetzt konnten sie als Freunde gern in den benachbarten Ländern geduldet werden, und ihrerseits gern die Bewohner dieser Länder bei sich aufnehmen. So traten sie nach dieser Zeit namentlich mit den Deutschen in engere Verbindung.

 

 

 

Einfügung: Kaiser Lothar III. und sein Enkel Herzog Heinrich der Löwe am Altstadtrathaus in Braunschweig

 

Kaiser Lothar der Sachse, verlieh ihnen ausgedehnte Rechte und Handelsprivilegien. Im Jahre 1163 aber bestätigte und erweiterte Herzog Heinrich der Löwe ihnen eben diese Rechte, und bedung sich für seine Unterthanen dieselben Rechte in Gothland aus, die er ihnen in seinen Landen gewährte, indem er es ihnen zur besonderen Bedingung machte, seinen Hafen Lübeck fleißig zu besuchen *), der sich bald neben Gothland als das Haupt des aus dieser Verbindung emporkeimenden Welthandels erheben sollte.

 

Erst von dieser Zeit an konnte sich ein städtisches Leben auf Gothland entwickeln, das die allgemeinen Beziehungen und Verhältnisse in denen diese Insel zu den übrigen Ländern stand, in sich ordnete

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*) Sartorius urkundliche Geschichte des Ursprungs der deutschen Hanse, herausgegeben von Lappenberg, Bd. I. S. 12.

 

 

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Erstes Cap. Gothlands Erhebung zum Mittelpunkt etc.

 

und ihre politisch-mercantile Weltstellung repräsentirte. Denn erst durch die Annahme des Christenthums erhielten die allgemeinen Interessen so sehr über die particulären das Uebergewicht, daß die gothländischen Bewohner von Wisby sich von ihren eigenen Stammesbrüdern und ihrem Particularismus lossagend und die natürliche Feindschaft gegen ihre entfernteren Stammesgenossen aufhebend, wie sie früher in kirchlicher Beziehung sich mit den Schweden verbanden, jetzt in mercantiler Beziehung in eine städtische Gemeinde, zu gleichen Zwecken, durch gleiches Recht, mit den Deutschen zusammentraten, die unter allen germanischen Stammgenossen vermittelst ihrer europäischen Weltstellung in allen allgemeinen Lebensverhältnissen am weitesten vorgeschritten waren.

 

In gemeinschaftlicher Verfolgung dieser allgemeinen Interessen sonderten sich die städtischen Gothländer nicht nur von den Bewohnern des flachen Landes ab, die an dem alten particulären Zustand ihrer Verfassung und Gesetze festhielten, wie dies überall das Volk im Gegensatz zu den gebildeten Ständen zu thun pflegt, sondern sie geriethen auch mit diesem mit der Zeit immer mehr in feindliche Opposition und in die ernstlichsten Conflicte. Die ausführlichen Betrachtung dieser letzteren können wir jedoch um so eher bei Seite liegen lassen, als es uns hier lediglich um die Entwicklung jener allgemeinen Interessen zu thun ist. Wir wenden demnach unsere Aufmerksamkeit wieder der durch Kaiser Lothar zuerst begründeten und unter dem Schutz der schwedischen Beherrscher befestigten Vereinigung Gothlands mit den Deutschen zu.

 

Die Vorrede zu dem alten Rechtsbuch der Stadt Wisby hebt also an *): „Das sei zu wissen, daß als sich die Leute von mancherlei Zungen auf Gothland sammelten, da schwur man den Frieden, daß ein jeglicher rings um das Land herum sollte frei haben den Vorstrand, acht Faden hinauf in das Land, es möchten Acker oder Wiese davor liegen, damit ein jeglicher seinem Gut desto besser zu Hülfe kommen möchte. So denn auch jemand käme an das Land, um vor Anker zu liegen, der sollte sein unter dem geschworenen Frieden. — Und da dies kam und die Stadt zunahm, da entstand von mancherlei Zungen viel große Zwietracht, Mord und Verrätherei. Da sandte man an Herzog

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*) Wisby Stad Lag pä Gotland, herausgegeben von Joh. Hadorph, Stockholm, 1688.

 

 

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14 Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Heinrich“ (den Löwen) „einen Herzog von Baiern und Sachsen, der bestätigte uns dies Recht, wie es sein Großvater, Kaiser Lothar, gegeben hatte. — Nachher aber, als sich großer Zwist erhob zwischen Stadt und Land, sandte man an den König Magnus von Schweden. Der bestätigte uns da unser Recht und Freiheit; darnach König Virger von Schweden, Herzog Erich, Herzog Woldemar von Schweden, und hierauf erneuerte und bestätigte uns König Magnus von Schweden, von Norwegen und Schonen (1319—1362) unser Recht und unsere Freiheit und gab uns die Vorschrift: daß wir zwei Bücher haben sollten, eines auf gothisch und eines auf deutsch, beide von einem Sinn und Rechtsinhalt, über alle insgesammt, Gothländer und Deutsche. Und käme eine neue Rechtsfrage auf, die in dem Buche nicht beantwortet wäre, die sollte man entscheiden, wie es recht sei und es schreiben in beide Bücher unverändert.“

 

Hiernach wird ausdrücklich die politisch-mercantile Selbstständigkeit der Stadt Wisby jener durch Kaiser Lothar und Herzog Heinrich bewerkstelligten Vereinigung der Deutschen mit den Gothländern in Wisby zugeschrieben. Ferner zeigt sich, wie aus derselben sogleich jener natürliche Gegensatz zwischen dem mobilen städtischen Element und dem stationären des Landes hervorging. Endlich sehen wir, wie die der letzten Partei stammverwandten scandinavischen Könige, weit entfernt das fremde Element zu unterdrücken, den bis dahin nur locker vorhandenen Zusammenhang zu einem festen Bestand der Freiheit und Gleichheit zwischen beiden städtischen Elementen im Gegensatz zur Landgemeine zusammenfügten.

 

Wie aber diese Vereinigung der Gothländer mit den Deutschen nicht eine willkürlich gemachte, sondern eine dem wirklichen Bedürfniß entsprechende war, so erhielt sie sich auch fortwährend dadurch in lebendiger Kraft, daß in den Handhabern und Ausübern des Rechts und der Ordnung beide Elemente auf gleiche Weise vertreten wurden. Hierüber lautet es im ersten Capitel des Gesetzbuches also: „Im Rathe sollen 36 von beiden Zungen sein und nicht mehr. Der Vögte sollen zwei sein, ein gothischer und ein deutscher, die sollen das Recht bewahren auf dem Markt.“

 

Solchergestalt waren die Deutschen in Wisby heimisch geworden, indem sie hier einen Freihafen für alle ihre deutschen

 

 

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Erstes Cap. Gothlands Erhebung zum Mittelpunkt etc.

 

Landsleute fanden, wo das kaufmännische Interesse sich ungestört von jedem fremdartigen Eingriffe entwickeln konnte. Hierdurch wurde Wisby der Mittelpunct aller besonderen Handelsverbindungen, welche die westlichen Städte Deutschlands schon früher einzeln für sich im Auslande, in England, Flandern und den scandinavischen Reichen angeknüpft hatten. Es mußte den deutschen Handelsgesellschaften die größten Vortheile gewähren, wenn die einzelnen Privilegien, die sie sich erwarben, indem sie sich alle als zu einer gemeinschaftlichen Gesellschaft gehörig betrachteten, für sie alle, in so fern die Privilegien den einzelnen Gesellschaften als Gliedern der allgemeinen, verliehen wurden, gleiche Gültigkeit erhielten. Und so finden wir denn auch in der That, daß sich die Kaufleute aller nach dem Norden Handel treibenden deutschen Städte unter dem gemeinschaftlichen Namen „des gemeinen Kaufmanns“ (des mercator communis oder der societas Gutlandorum und der universi, omnes oder Romani imperii mercatores) ihre Privilegien ertheilen ließen *), und erst seitdem die Deutschen ihres Rechtes sich bedienend, sich auf Gothland niedergelassen hatten, kam der Handel der nordischen Staaten in größere Aufnahme und Blüthe. Denn fand auch schon früher ein reger Verkehr zwischen dem westlichen Deutschland und England von Köln aus statt, so bekam doch eben dieser Handel einen neuen Aufschwung, seitdem er durch die Gothländer mit dem Osten in Verbindung gesetzt wurde. Die Vortheile, die aus diesem größeren Umschwunge für alle Theilnehmer erwuchsen, brachten zu Wege , daß auch in den westlichen Ländern die Kaufleute von Gothland mit besonderen Privilegien und Rechten ausgezeichnet wurden. „So befreiete im Jahre 1237 Heinrich der III., König von England, die Kaufleute zu Gothland von den Abgaben bei der Einfuhr aus Gothland und der Ausfuhr aus England nach Gothland, und im Jahre 1252 ertheilten die Gräfin Margarethe von Flandern und ihr Sohn Guido, auf die Bitte aller Kaufleute des römischen Reichs, die Gothland besuchten, diesen Kaufleuten mehrere Freiheiten.“ **)

 

Aus diesen dem gemeinen Kaufmanne gemeinschaftlichen Rechten ging zunächst eine politisch-mercantile Verbrüderung der an ihnen Theil habenden Kaufleute hervor, welche ferner wieder eine

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*) Lappenberg, urkundl. Geschichte d. d. Hanse, S. 10 und folgende.
**) Lappenberg, urkundl. Geschichte d. d. Hanse, S. 6 und 8.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

politisch-merkantile Verbindung der Städte selbst, denen diese Kaufleute angehörten, zur Folge hatte. Kraft dieser Verbindung hatten die Deutschen das Monopol des gesammten nordischen Handels in Händen. Ehe nur die westlichen Nationen wegen der Unvollkommenheit und Unsicherheit der Schifffahrt daran denken konnten, sich selbst mit den Producten Rußlands zu versehen, ehe die Russen dazu kamen, sich einen durch eigene Comptoire gesicherten Handel zu eröffnen, um sich selbst die Fabricate des Westens abzuholen, trat schon die Gesellschaft des gothländisch-deutschen Kaufmanns zu Wisby als Vermittler des Ostens mit dem Westen auf. Die zunftgemäße corporative Verfassung, wie sie sich zu Wisby in der Verwaltung des Stadtraths sowohl, wie in der von diesem unabhängigen Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns organisch herausgebildet hatte, war überall die Grundbedingung ihres Bestehens, ihres Wachsthums und ihrer Größe. Wie ihre Ausbreitung im Westen vor sich ging, liegt uns nicht ob, hier weiter auszuführen; desto wichtiger ist es uns, darzuthun, wie sich erst durch diese Gesellschaft ein civilisirter Handel mit dem Osten und mit Nowgorod als dem Mittelpuncte desselben gebildet hat und hiedurch die Gesammtentwicklung nicht nur der deutschen Nation, sondern auch der russischen, in ihren wesentlichsten Interessen gefördert und gehoben wurde.

 

Zweites Capitel.

 

Zustand Nowgorods bis zur Begründung des gothländischen und des deutschen Hofs in dieser Stadt.

 

Haben wir gesehen, unter welchen Umständen und Bedingungen in Gothland eine freie Gesellschaft sich constituirte, die durch Nationalcharakter, Localverhältnisse und Zeitumstände alle Elemente in sich vereinigte, um sich zu einer für den Handel welthistorischen Bedeutung zu erheben; so müssen wir jetzt, indem wir auf die ältere Geschichte des nowgorodschen Freistaates zurückgehen, den Grund und Boden untersuchen, welcher der Hauptquell ihrer Nahrung und ihres Gedeihens wurde, und zwar liegt uns zunächst ob, gleicher Weise zu prüfen, in wiefern auch diese Stadt durch Localverhältnisse, Zeitumstände und Nationalcharakter ihrer Bewohner sich zu einer dem gemeinsamen Fortschritt der

 

 

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Zweites Cap. Zustand Nowgorods etc.

 

deutschen und der slawischen Nation günstigeren Lage emporhob, indem sie, was sich durch Gebrauch und Herkommen im Lauf der Zeiten herausstellte, durch Gesetz und Verfassung befestigte und ordnete.

 

Diese für seine eigene Geschichte, wie für die allgemeinen Verhältnisse des Handels und der Cultur bedeutende Stellung erlangte Nowgorod, wie in der Einleitung angedeutet wurde, erst seitdem seine slawischen Bewohner von den Warägern bezwungen, sich mit diesen zu einer Nation zu verbinden und zu einem Ganzen zu verschmelzen angefangen hatten. Zwar hatte es sich auch bis zu diesem Zeitpunkt von fremder Herrschaft frei zu erhalten gewußt, denn „der Chasaren Herrschaft erstreckte sich in Russland nicht weiter, als bis zum Okastrom, die Nowgoroder, die Kriwitschen waren bis zum Jahre 859 frei“; allein seine Lebensrichtung war noch eine zu beschränkte, seine Bedürfnisse zu einfach, als daß es von seiner für den Handel so vortheilhaften Lage besondere Vortheile gezogen und dadurch zu einer erheblichen Macht gelangt wäre. Von dieser Zeit an aber hob es sich rasch empor. Es ward das Herz des sich neu bildenden Staatskörpers. Wie jedoch diese Verschmelzung sich, allmälig vollzog , wäre wohl eine Aufgabe, die genauer untersucht zu werden verdiente, wenn sich nur aus den leider zu mangelhaften Quellen noch etwas Erhebliches hierüber ermitteln ließe. Als Hauptresultat jedoch der Verbindung des slawischen Nowgorod mit den Warägern ist festzuhalten: daß die Nowgoroder zwar sehr wohl die Vortheile dieser Verbindung wahrzunehmen verstanden, trotz dem aber sich vor den Nachtheilen, die ihnen aus derselben erwachsen konnten, zu hüten wußten; daß sie, mit andern Worten, die ihnen durch die Localität ihrer Stadt gebotene und durch die Waräger eröffnete überseeische Verbindung unterhielten und mit der Zeit immer mehr erweiterten; nichts desto weniger aber ihre Unabhängigkeit vor den ganz andere Bestrebungen ins Werk setzenden Kriegshelden und Fürsten zu wahren wußten, indem sie auf dem Wege des Friedens und der Güte zu erlangen suchten, was jene nur durch Mittel der Gewalt, des Kriegs und der Eroberung erreichen konnten. Denn wie sich überall das Vernünftige geltend macht und den Sieg davon trägt, so mußte auch Nowgorod die durch seine Verhältnisse ihm gebotene, zur freien

 

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Bewegung des Handels nothwendige und unmittelbar aus dieser hervorgehende Unabhängigkeit erlangen, so lange die Fürsten den Handel, dieses so wichtige Lebenselement des Staats, noch so gut wie unbeachtet ließen, noch nicht in den Kreis ihrer Fürsorge einschlossen. Es mußte sich als ein Selbstständiges für sich, den ihm fremden Tendenzen des damaligen Fürstenthums gegenüber geltend machen.

 

Die früheren Fürsten des rurikschen Stammes sahen das ihnen untergebene Land fast durchweg als Einzelherrschaft, als Privateigenthum an; Krieg und Eroberung war ihr Leben und ihre Lust. Die übrigen allgemeinen Beziehungen des Lebens, deren Wahrnehmung die Aufgabe des modernen Staats ist, mußten erst allmälig in die Erscheinung treten, ehe dieselben von jenen in Obhut genommen werden konnten. Sobald dies geschehen war, konnte Nowgorod sich in seiner einseitig democratischen Richtung nicht mehr halten, und mußte unter die Hand des Herrscherarms zurückfallen, der neben den besonderen Interessen des Fürstenthums die allgemeinen des Staats, wenn auch nur in despotisch-tyrannischer Weise erkennend, das Bild seiner ethisch wie physisch immer noch unfreien Nation als Einheit in sich darstellte und repräsentirte.

 

In diesem Sinne ist die Geschichte Nowgorods von Rurik an bis auf Iwan III. Wassiljewitsch zu fassen. Von da an bis auf Peter den Großen beginnt auch Rußland die Keime des modernen Staates in sich aufzunehmen, bis Peter der Große zur Lösung dieser Ausgabe festere Fundamente legte, auf denen die nachfolgenden Regierungen den großen Bau des mächtigen Reichs mit Muth und Kraft fortgeführt haben.

 

Den eben angedeuteten Tendenzen des Krieges und der Eroberung und „dem Geist des Heldenthums einer Nation gemäß, deren erstes Bedürfniß Sicherheit nach außen und eine Achtung gebietende Stellung gegen ihre Nachbaren ist“, schlug gleich der Nachfolget Ruriks, unbekümmert um die innere Entwicklung der ihm unterworfenen Ortschaften, mit seinen Schaaren den Sitz der Herrschaft in dem bald so mächtig sich erhebenden Kiew auf. Von hier aus stand diesen unternehmenden Männern des Nordens ein ganz anderes Feld des Ruhmes und erwünschter Thätigkeit offen. — Aus den mit dem griechischen Reiche abgeschlossenen

 

 

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Zweites Cap. Zustand Nowgorods etc.

 

Verträgen und fester begründeten Handelsverbindungen mußte indeß auch Nowgorod für seinen nordischen Verkehr nicht geringen Vortheil ziehen. Auch unter den Nachfolgern Ruriks bis auf Swätoslaw (964—972) einem verhältnißmäßig nur geringen Tribut unterworfen, welchen es den einzig zu diesem Zweck ihnen zugesandten Statthaltern entrichtete, ohne daß dieselben im Einzelnen sich um die innere Verwaltung der Stadt gekümmert hätten, bildete es in der Stille friedlichen Verkehrs seine ursprünglich freie Gemeindeverfassung bei steigendem Wohlstande zu einem auch politisch bedeutenden und fast nur noch dem Namen nach von dem alten Fürstenhause abhängigen Stadtregiment aus *) — So wuchs Nowgorod, bis auf Swätoslaw von Statthaltern regiert, an Kraft und Macht.

 

Einfügung: Stadtansicht von Nowgorod

 

„Da dieser Fürst zuerst den Gebrauch einführte, seinen Söhnen besondere Fürstenthümer zu verleihen,“ **) so erhielt Nowgorod hiedurch ein neues Mittel, seine Unabhängigkeit zu behaupten. Schon in der Forderung, welche die Nowgoroder an Swätoslaw stellten, er solle ihnen einen eignen Fürsten geben, noch mehr aber in der Drohung, würde ihre Verlangen nicht Genüge geleistet, sich selbst einen Fürsten zu wählen, spricht sich das Gefühl ihrer Selbstständigkeit aus ***). Sie erhielten was sie wünschten. Der von einer slawischen Mutter geborene Wladimir wurde ihr Oberhaupt. Aber schon war der democratische Eigenwille der Nowgoroder so erstarkt, daß sie auch diesem selbstgewählten Fürsten nicht bis an sein Ende treu blieben. Unter dem eigenen Sohn Wladimir des Großen, Jaroslaw, „dem die Verwaltung von Nowgorod seit 1012 übertragen war und der sich weigerte 2000 Griwnen an den Großfürsten zu zahlen“, empörten sie sich. — Wir ehemals Wladimir seine Herrschaft durch den Beistand der Waräger befestigt und von Nowgorod aus zur Alleinherrschaft gelangt war, so war auch jetzt Jaroslaw im Begriffe, mit Hülfe seiner überseeischen Stammgenossen das Schwert gegen den eigenen Vater zu kehren: da erhoben sich noch einmal die slawischen Bewohner gegen die lästigen Eindringlinge. Vergebens sich bei Jaroslaw über die Waräger,

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*) Siehe Neumanns Verfassung von Nowgorod in „Ewers Studien“; Dorpat 1830.

**) Karamsin, russische Geschichte Thl. I. S. 146.

***) Neumann im angeführten Werk.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

seine Lieblinge, beschwerend, „die in frechem Uebermuth der Russen keusche Frauen beleidigten“, griffen die Slawen zur Selbstrache und erschlugen einen großen Theil der Waräger, vielleicht im Vertrauen auf den nahenden Beistand des sich zur Rache rüstenden Wladimir. Doch ehe noch der zürnende Vater verdiente Strafe an des Sohnes Ungehorsam nehmen konnte, starb er (1015 ).

 

Durch den Mord, den Jaroslaw hierauf an den vorzüglichsten Theilnehmern des Aufstandes zu vollstrecken kein Bedenken trug, aller Hülfe blos, mußte er, kein anderes Schicksal vor Augen habend, als das, welches sein Bruder Boris bereits von dem nach der Alleinherrschaft strebenden Swätopolk erlitten hatte, des Sturzes seiner Herrschaft gewärtig sein. Da schritt er zu einer letzten entscheidenden Maaßregel. „Durch Gewährung großer Vortheile für die ganze Gemeinheit und durchgängige Gleichstellung der Slawen mit den Warägern vor dem Gesetz“ *), versicherte er sich aufs Neue der Treue und des Beistandes des beleidigten Volks; durch die zu Stande gebrachte Versöhnung aber des slawischen Elements mit dem warägischen, legte er den festesten Grund zu Nowgorods politischer Unabhängigkeit und Freiheit. —

 

So konnte Nowgorod, nicht unmittelbar betheiligt bei den fortwährenden Parteikriegen, die ihm inwohnende Tendenz als vermittelndes Glied mit dem Auslande durch den Handel sich zu erheben, nach eigenem Belieben und Maßgabe seiner Meiste zur Entwickelung bringen.

 

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Drittes Capitel.

 

Handelsverbindung Nowgorods mit den Gothländern und den Deutschen. Hof der Deutschen und der Gothländer zu Nowgorod. Verhältnis der Deutschen zu den Russen. Verfassung von Nowgorod.

 

Allerdings hatten auch schon in der eben betrachteten Periode der russischen Geschichte, in welcher der Einfluß der Waräger auf die politische Gestaltung Nowgorods von so großer Bedeutung war, die Handelsverhältnisse zwischen dieser Stadt und dem Auslande durch die Vermittelung der Scandinavier sich zu einer für den Wohlstand derselben nicht geringen Wichtigkeit erhoben.

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*) Karamsin, russische Geschichte Thl. II. S. 52.

 

 

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Drittes Cap. Handelsverbindung Nowgorods etc.

 

Dies ergiebt sich aus einer dem Großfürsten Jaroslaw zugeschriebenen Verordnung über den Brückenbau, in welcher die Angabe enthalten ist *), „daß die Deutschen (Niemzi) oder Waräger, die Gothen oder Gothländer, welche der Handel nach Nowgorod zog, in besonderen Straßen wohnten.“ Auch spricht für die Stetigkeit und Gegenseitigkeit dieses Verkehrs, daß nicht nur die Deutschen in Nowgorod, sondern auch die Russen in Gothland ihre eigene Kirche hatten **). Ja, die letzteren standen beim ersten Beginnen des Seehandels der Ostseeländer so wenig hinter den Deutschen zurück, „daß wir sie schon um das Jahr 1134 in den dänischen Staaten, also sogar jenseits Gothlands erscheinen“ ***) sehen, — und noch weiter westlich finden wir sie selbst schon mit dem seit dem Anfange des zwölften Jahrhunderts emporkommenden Lübeck in Verkehr ). — Zu seiner wahren Blüthe aber konnte der Handel in Nowgorod erst gelangen, als, wie wir oben sahen, in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts Gothländer und Deutsche in eine engere Verbindung mit einander getreten waren, indem Deutschland erst der eigentliche Markt für den Absatz nowgorodischer Producte wurde. Fortan konnten auch die Russen ihre Seefahrten nach den norddeutschen Häfen ausdehnen; wenigstens ließen Herzog Heinrich der Löwe (1163) und Kaiser Friedrich I. (1184) ihnen dieselben Privilegien angedeihen, durch welche sie Lübeck und Gothland zu heben suchten. Diese Begünstigungen mußten von einem um so glücklicheren Erfolg gekrönt werden, da um dieselbe Zeit die drei bis dahin bedeutendsten Handelsstädte der Ostsee dem Untergange nahe gebracht wurden. „Das alte, im neunten Jahrhundert schon berühmte Schleswig kam im Jahre 1157 um seinen ganzen Flor, als es von dem vertriebenen dänischen König Svend IV. hart belagert wurde; auch Julin sank um diese Zeit in dem wendischen Kriege und Schwedens Sigtuna konnte sich nie wieder von dem Schaden erholen, den es durch die russischen Karelen erlitt (1187)“ ††).

 

Wiewohl aber Deutsche und Russen, man kann nicht anders sagen,

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*) In Karamsins Geschichte von Rußland Thl. II. S. 52.

**) Ewers‘ russische Geschichte, S. 132. ; Lappenberg, urkundliche Geschichte der deutschen Hanse Thl. I. S. 104.

***) Lehrbergs Untersuchungen S. 267.

) Vgl. Ludwig Giesebrecht, Wendische Geschichten Thl. I. S. 31.

††) Lehrbergs Untersuchungen, S. 268.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

als mit gleichen Waffen gegen einander in die Schranken traten, da ja die Nowgoroder schon seit länger als hundert Jahren einer fast absolut freien Verfassung genossen und also in ihrer Fortentwicklung lediglich dem inneren Triebe ihres Volksgeistes überlassen waren; so werden wir doch bald sehen, wie verschieden, eben aus der Verschiedenheit des Volksgeistes beider Nationen, sich die Verhältnisse zwischen Deutschen und Russen gestalteten. Aus dem ächt germanischen Corporationsgeist, der durch angestammte Treue, einen ehrenfesten Charakter und Redlichkeit gehalten wird, war die Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns zu Wisby hervorgegangen. Etwas Aehnliches hatten die Russen den Deutschen nicht entgegenzusetzen. Dies ist der Hauptgrund, warum die Russen bald den Activhandel aufgeben und gegen die Deutschen gänzlich zurückstehen mußten, diese aber in Nowgorod immer fester Fuß faßten, und bald den Alleinhandel der russischen Producte an sich rissen. Auch so noch waren die Folgen ihrer Verbindung von ungeheuerer Bedeutung, materieller und intellectueller, allein die intellectuelle war fast ganz auf Seiten der Deutschen, oder sollen wir es noch ausdrücklich zum Ueberfluß erwähnen, wie sehr die deutsche Freiheit auf der Entwicklung der Städte beruht, und welchen Antheil an dieser der nordische Handel hatte? Als aber, wie überall, so auch hier, die Formen der mittelalterlichen Zeit einem schwungreicheren Kreise neuer Lebensbeziehungen und Bedürfnisse den nöthigen Raum sich auszubreiten versagten und mehr drückend als schützend unter den Weltstürmen zusammenbrachen, unter denen sich der herannahende Frühling der Neuzeit verkündigte; da bildete sich der städtisch-mercantile Geist, von dem die deutsche Hanse ausgegangen war, bald neue, passendere Formen an; die große Republik aber fiel in ihr Nichts zusammen, und um die russische Nation zu europäisiren, mußte ein anderer Weg eingeschlagen werden, da dieselbe, so lange es auf die Wahl ihres eigenen Entschlusses angekommen war, es zu einer eigenthümlich nationalen Schöpfung nicht hatte bringen können.

 

Dieser Gang der Entwicklung tritt uns nirgends schärfer entgegen, als wenn wir das Leben der Deutschen und Russen in Nowgorod, ihre Einrichtungen, Sitten und Verfassungen mit kurzen Zügen einander gegenüberstellen.. Hier zeigt sich als Grundlage der mercantilen Größe Nowgorods,

 

 

 

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Drittes Cap. Hof der Deutschen zu Nowgorod.

 

die fast unumschränkte Handelsfreiheit, deren sich beide Theile, Russen wie Deutsche, zu erfreuen hatten. — Für die Deutschen schloß diese Freiheit die Befugniß in sich, daß sie, ohne irgend einer Einmischung und Beschränkung von Seiten der Russen unterworfen zu sein, behufs ihrer Handelsverbindung, auf deutsche Weise sich konstituiren konnten. Ohne als Herren in Nowgorod besitzlich zu sein, erhielten sie doch das zur Sicherheit des Handels in damaliger Zeit so nothwendige Schutzrecht, auf dem ihnen angewiesenen Bezirk, auf ihrem Hof als eine freie Gemeinde zu bestehen, wo sie, gesetzlich vor Willkür geschützt, für die Sicherheit der Person und des Eigenthums nicht Sorge zu tragen brauchten, und wo es ihnen verstattet war, für die Organisation ihrer eigenen Verhältnisse und für die Ordnung unter sich selbst nach eigenem Gutbefinden Anstalten zu treffen. — Durch diese den Deutschen eingeräumte Freiheit, verbunden mit der strengsten Absonderung von den Russen, wurden letztere aller Vortheile einer freien Handelsverbindung theilhaftig, ohne wie die Schweden ihr städtisches Regiment mit den Deutschen theilen zu müssen, und dadurch in Gefahr zu gerathen in ihrer Nationalität beeinträchtigt zu werden, was stets der Fall sein muß, wo politische Rechte einem cultivirten Volke bei einem weniger cultivirten eingeräumt werden. Die Deutschen selbst aber benutzten diese ihnen von den Russen eingeräumte Freiheit, um die zu Wisby in Gemeinschaft mit den Gothländern auf Grundlage gleichen Interesses eingegangene Verbindung nach den gleichen Grundsätzen und Normen auch nach Nowgorod zu übertragen, und durch die größere Ausdehnung, die sie ihr gaben, noch fruchtbringender zu machen.

 

1) Hof der Deutschen und der Gothländer zu Nowgorod.

 

Gehen wir nun an die Beschreibung der von den Deutschen zu Nowgorod getroffenen Einrichtungen und Verfügungen, wobei wir uns vornehmlich an die ins zweite Viertel des dreizehnten Jahrhunderts zu setzende Skra oder Verordnung des deutschen Hofs in Nowgorod halten werden; so haben wir vor Allem das Verhältnis ins Auge zu fassen, in dem der gemeine Kaufmann zu den Städten steht. Da nämlich in der späteren und gerade

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

in der berühmtesten Zeit seines Bestehens der Bund der deutschen Hanse ein Bund der zu ihm gehörigen Städte war, dieser Städtebund aber erst von der Verbindung oder Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns ausgegangen ist, wie dieses Verhältniß zuerst Lappenberg vollständig erwiesen hat *); so geht hieraus von selbst hervor, daß einer der wesentlichsten Punkte in der Entwicklungsgeschichte der Hanse gerade in der Darlegung des Uebergangs von dem individuellen Moment dieser Gesellschaft in das weitergreifende des städtischen Vereins enthalten sein muß. Und hier haben wir zu bemerken, daß wenn auch der gemeine Kaufmann, d. h. die aus verschiedenen deutschen Städten in Gothland zusammentreffenden Kaufleute, ursprünglich für sich allein das Recht und die Befugniß hatte, die ihm für den Handel zweckmäßigen Anordnungen und Gesetze zu machen, Verträge und Bündnisse zu schließen; doch schon in der früheren Zeit ihres Bestehens die Wechselwirkung zwischen der Gesellschaft und den Städten, denen die einzelnen Mitglieder derselben angehörten, auf das politische Leben beider Theile, nicht zu verkennen ist. Hiefür spricht eine lübische Urkunde „vom Jahr 1263, durch welche der Vogt, der Rath und die Gemeinde von Lübeck dem lübischen Vogt zu Gothland ihren daselbst sich aufhaltenden Mitbürgern und dem gemeinen Kaufmann bekannt machen, daß sie auf die Bitte ihrer Freunde zu Salzwedel, dieselben auf ihre Bank und in ihren Verein zu Wisby aufnähmen und sie zu dem gleichen Genuß der Rechte wie die Ihrigen daselbst zuließen.“ Denn in dieser Erklärung liegt zunächst, nach der Meinung Lappenbergs, „daß die Kaufleute der größeren Städte, die sich in Wisby des Handels wegen aufhielten, und den gemeinen Kaufmann zu Gothland bildeten, hier wieder ihre Unterabtheilungen in Landsmannschaften hatten, mit ihrem Vogt oder Advocaten an der Spitze; daß die kleineren, weniger vermögenden, die keinen selbstständigen Verein daselbst bildeten, weil ihre Bürger seltener hier erschienen, und die Kosten eines besonders zu haltenden Vogts scheueten, an die größeren sich anschlossen;“ **) zugleich aber scheint uns eben diese Urkunde auch dafür ein passendes Beispiel zu sein, um nachzuweisen,

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*) S. besondere im Vorwort zu der urkundlichen Geschichte der deutschen Hanse p. XII ff.

**) Lappenberg, hansisches Urkundenbuch S. 90.

 

 

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Drittes Cap. Hof der Deutschen zu Nowgorod

 

in welcher großen Abhängigkeit von den Städten schon zu jener Zeit die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns standen, indem das sich zum Haupt des Bundes erhebende Lübeck, ohne zuvor die Gesellschaft um ihre Einwilligung zu befragen, von sich aus neue Mitglieder in dieselbe aufnimmt, die an allen ihren Rechten Theil haben sollen.

 

Auch schon in der Abfassung der ältesten nowgorodischen Skra spricht sich der bedeutende Einfluß aus, welchen die Städte auf den gemeinen Kaufmann ausübten, wenn gleich, wie aus ihrem Inhalte hervorgeht, die freie unabhängige Wahl und Besetzung der Aemter und Würden des Hofe zu Nowgorod der Gesellschaft noch unbenommen war. Die aus dem gemeinen Kaufmann bestehende Gesellschaft nämlich, „welche den Hof zu Nowgorod bildete und nach der Dauer des Aufenthalts ihrer Mitglieder sich in Sommerfahrer und Winterfahrer, nach der Art und Weise ihrer Reise in Wasserfahrer und Landfahrer theilte, wählte selbst, sobald sie mit ihren Schiffen in die Newa kam, ihre Vorsteher oder Oldermänner, deren es zwei gab, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, aus welcher Stadt sie sein mochten. Doch hatten die Wasserfahrer den entschiedensten Vorzug vor den Landfahrern, so daß, wenn der Oldermann der Wasserfahrer bei seiner Ankunft in dem Hof einen Oldermann der Landfahrer vorfand, dieser mit seiner Oldermannschaft jenem weichen mußte. — Der Oldermann des Hofs rief die allgemeinen Versammlungen zusammen, auf der alle Anwesende, Meister und Knappen zu erscheinen verbunden waren. Er war oberster Richter und hatte das Recht zu richten über Hals und Hand, eine Gewalt, die sonst fast nirgends und nur höchst selten den deutschen Kaufleuten von fremden Herrschern eingeräumt worden ist; kurz er war der höchste Vorsteher des Ganzen, der die Ordnung erhielt und alle auch bei den Russen vertrat. — Zu Gehülfen wählte er sich sofort vier Männer, die ihm am tauglichsten schienen; keiner durfte bei Strafe die auf ihn gefallene Wahl ablehnen, niemand durfte bei Strafe es ausschlagen, bei Verhandlungen mit den Russen, vom Oldermann dazu aufgefordert, ihn zu begleiten“.

 

„Der Oldermann von S. Peter, (des Hofes und der Kirche Schutzpatron) war mit der Haushaltung beauftragt. Er hatte den Königsschoß, der wenn nicht ganz , doch großen Theils zum Besten des Hofe verwendet wurde,

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

so wie die übrigen Gemeindeabgaben zu erheben und die Strafgefälle einzutreiben, welche vom Oldermann des Hofs erkannt worden; er besorgte die gemeinsamen Ausgaben, und hatte die Casse, die Schriften des Hofs, so wie die Kleinodien, welche derselbe besaß, in seine Verwahrung zu nehmen.

 

„Die längere oder kürzere Zeit auf dem Hof zu Nowgorod verweilenden Kaufleute, Diener und Schiffer waren wie auf den übrigen Comptoiren einer strengen Disciplin und klösterlichen Zucht und Ordnung unterworfen. Die Knappen waren ihrem Meister zum strengsten Gehorsam verpflichtet, und demselben zu Nutzen und in Nöthen beizustehen verbunden, und konnten ohne freies Uebereinkommen zwischen beiden Theilen dem Dienste sich nicht entziehen; so wie andererseits ein Meister, der einen Knappen zur Wasserfahrt nach Nowgorod mitgenommen hatte, ihn nicht entlassen durfte, bevor er ihn nicht wieder dahin gebracht hatte, woselbst er ihn angenommen hatte, wenn er anders nicht aus rechtlichen Gründen ihn zu entlassen befugt war. — Die jungen Leute, die um die russische Sprache zu erlernen, auf den Hof kamen, hatten ihre eigenen Vorsteher. So heißt es von diesen, den Jungen: gerathen sie während der Essenszeit in Streit miteinander, schimpfen sie sich, so mögen sie unter einander vor ihrem Vorstande oder Oldermann die Sache beilegen; schlagen oder verwunden sie sich aber unter einander, so gehört die Sache vor des Hofes Oldermann *).“

 

Sehen wir nun auf die Art und Weise der financiellen Verwaltung dieser so ansehnlichen Niederlage zu Nowgorod, so können alle Bedürfnisse der Erhaltung des ganzen Dienstpersonals und der Gebäude des Hofe auch nicht gering gewesen sein. Die größten Ausgaben aber wurden durch die häufigen und kostbaren Legationen veranlaßt, welche man aussenden mußte, bald um das Comptoir zu visitiren und zu reformiren, bald, um von den Russen, bei denen nie ohne bedeutende Geschenke etwas auszurichten war, einen neuen Frieden oder Vergleich, oder eine Erneuerung der Privilegien und Freiheiten zu erhalten.

 

„Einen Theil dieser Ausgaben deckten die Geldstrafen; doch waren sie nicht hinreichend. Ein Schoß, der auf dem Comptoir

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*) Lappenbergs urkundliche Geschichte d. d. Hanse, Bd. I. 125 u. 126

 

 

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Drittes Cap. Hof der Deutschen zu Nowgorod.

 

und zuweilen auch wohl in den benachbarten livländischen Communen erhoben und von Zeit zu Zeit erhöht ward; ferner ein Pfundzoll, der in Livland oder in der Nachbarschaft zu Wiedererstattung der gehabten Ausgaben für die deutschen Factoreien in Rußland aufgenommen wurde, mußten den entstandenen größeren Bedürfnissen abhelfen.“ *) Namentlich heißt es, was diesen Punct anbetrifft, in unserer Skra: zur Bestreitung der allgemeinen öffentlichen Ausgaben zahlen die Winterfahrer, welche zu Schiffe in die Newa kommen, einen Ferding von 100 Mark ihres Gutes S. Peter als Schoß, und eben so viel der Meister für Hausmiethe. Wer als Sommerfahrer in die Newa kommt, zahlt dasselbe, nur für Hausmiethe zahlt der Meister weniger, nämlich eine Mark Kunen. Auch soll der Winterfahrer des Königs Schoß entrichten. Diesen zahlen die Landfahrer nur ein Mal, im Sommer oder im Winter. Welcher Deutsche aus dem Lande (dem nowgorodischen Gebiete) kommt, der sich zu deutschem Rechte hält, er fahre durch oder kehre wieder, ist den halben Schoß S. Petern zu geben verbunden. „Endlich heißt es, was von des Hofes Einkommen jährlich übrig bleibt, das soll nach alter Sitte und dem Beschlusse der gemeinen Deutschen aus allen Städten, nirgends anders hin als nach Gothland geführt werden, woselbst es in S. Peters Kasten in der St. Marienkirche niedergelegt werden soll; wozu vier Schlüssel gehören, welche von vier Städten aufbewahrt werden, der eine durch den Oldermann von Gothland, der andere durch den von Lübeck, der dritte durch den von Soest und der vierte durch den von Dortmund“.

 

Einfügung: Gewinnsteigerung im Handel

 

Dieser Schluß nun, durch den die Beaufsichtigung und Controlle des Ueberschusses der Einnahme den Vorstehern gewisser, ein für alle Mal hiezu bestimmter und berechtigter Städte übertragen wird, zusammengehalten mit dem weiter unten angeführten Schreiben Wisbys an den Magistrat von Osnabrück, in welchem die Obrigkeit dieser Stadt ausdrücklich als Gründer und Mitstifter des Hofs zu Nowgorod genannt wird, scheint uns nicht undeutlich darauf hinzuweisen, daß, wie wir bereits andeuteten, schon in jener früheren Zeit des Aufkommens der deutschen Hanse, die Entschließungen des gemeinen Kaufmanns in Bezug auf die ganze Einrichtung

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*) Sartorius Geschichte des hanseatischen Bundes, Thl. II. S. 413.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

seines umfassenden Handelsverkehrs nicht unbedingt von der Einwirkung der zu ihm gehörigen Städte unabhängig gewesen sind, welche letzteren später, als der nordische Verkehr eine immer allgemeinere, ausgedehntere und auch politisch einflußreichere Bedeutung erhielt, die ganze Leitung desselben an sich reißen. Doch ehe wir daran gehen, auch diese durchgreifende Umwandlung, durch welche die deutsche Hanse erst als solche, d. h. auch unter dem Namen eines großen zusammenhängenden Städtebundes auftritt, auseinanderzusetzen, geben wir billig zuvor einen Ueberblick über die Art und Weise, in der sich der gemeine Kaufmann in seinen Beziehungen nach außen, den Russen gegenüber constituirte, da diese für die wechselseitige Entwicklung beider Nationen von nicht geringerer Wichtigkeit sind, als es für die der deutschen Städte, für sich allein genommen, ihre innere Constituirung war.

 

 

2) Verhältniß der Deutschen zu den Russen.

 

Der älteste auf uns gekommene im Jahr 1269 zwischen den Deutschen und Nowgorodern abgeschlossene Vertrag *), lautet in seinen für die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Deutschen und Russen wesentlichen Bestimmungen wie folgt:

 

Ich, König (Großfürst) Jaroslaw, Jaroslaws Sohn, habe mit dem Burggrafen (Possadnik), mit dem Herzog, Herren Ratibor und mit allen Nowgorodern und mit den deutschen Boten, Heinrich Ullenpund von Lübeck, mit Ludolf Dobriciken und Jacob Kuringe, dem Gothen, geprüft, und bestätigt den alten Frieden Euch deutschen Söhnen und Gothen und allen Lateinern:

 

1) Für die Fahrt auf der Newa von Ketlingen (der Insel, auf welcher jetzt Kronstadt liegt) bis nach Nowgorod und von da zurück, steht der Gast unter dem Schutz des Königs und der Nowgoroder,

 

Einfügung: Route nach Nowgorod

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*) Da die von Lehrberg irrthümlich ins Jahr 1201, von Krug aber mit mehr Wahrscheinlichkeit ins Jahr 1231 gesetzte Vertragsurkunde zwischen den Nowgorodern und Deutschen nach der überzeugenden Auseinandersetzung Lappenbergs (Urkundenbuch S. 33) in der That nicht für die Urkunde eines wirklich abgeschlossenen Vertrags, sondern nur für ein von den Deutschen abgefaßter Entwurf zu einer solchen gelten darf; so kann derselbe für uns keinen andern Werth haben, als dass wir durch sie ein schon früher durch schriftliche Abfassung wenigstens in so weit beglaubigtes Gewohnheitsrecht zwischen den Deutschen und Russen erhalten, als sie mit der späteren Urkunde vom Jahr 1269 übereinstimmt. Weil sie jedoch, um mich so auszudrücken, der Gegenzeichnung russischerseits ermangelt, werden wir im Text uns nur an die letztere, hier, wie an vielen anderen Stellen, Lappenbergs urkundlicher Geschichte folgend, zu halten haben.

 

 

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Drittes Cap. Verhältniß der Deutschen zu den Russen.

 

welche den Sommergästen für allen Schaden haften, der ihnen begegnen könnte. Die Wintergäste, sollen gleichfalls nach dem alten Frieden ungehindert in das Land kommen dürfen, und nowgorodische Boten und Kaufleute zu sich nehmen, die sie begleiten und bei ihrer weiteren Fahrt behülflich sind.

 

2) Fahren Deutsche oder Gothen des Verkehrs wegen zu den Karelen, so stehen ihnen die Nowgoroder nicht für den Schaden den sie erleiden können.

 

3) Bedarf der Gast, wenn er in die Newa kommt, Holzes oder eines Mastes, so ist es ihm erlaubt, an beiden Seiten des Wassers dieselben zu fällen.

 

4) Streitigkeiten zwischen den Gästen und den Nowgorodern werden auf dem S. Johannishof vor dem Burggrafen, dem Herzog (Tussädski) und vor den fremden Kaufleuten geschlichtet. — Verwundet ein Russe Einen im Hof der Deutschen oder Gothen, der soll, ergriffen, vor dem russischen Gerichte nach seinem Verbrechen gerichtet werden. Dasselbe soll geschehen, wenn die Thüren oder Zäune des Hofs niedergehauen werden. Und wo der Zaun vor Alters um den Hof gewesen ist, da soll man, wenn man den alten Zaun abnimmt, auch den neuen wieder aufrichten und da nicht übergreifen. — Im Besitz ihrer Wiesen sollen die Deutschen und die Gothen gelassen werden, wie sie dieselben als ihnen gehörig angeben werden.

 

5) Die Sommerfahrer haften den Russen für die von den Winterfahrern begangenen Verbrechen nicht, eben so wenig die Letzteren für die der Ersteren.

 

6) Wo der Streit zwischen Russen und Deutschen entsteht, da soll er auch geschlichtet werden. Kann derselbe nicht geschlichtet werden, so findet im ersten und zweiten Jahre keine Pfändung statt, aber im dritten Jahr soll sie zulässig sein.

 

 

Einfügung: Kerbholz

 

7) Schulden halber soll weder der Nowgoroder in Gothland, noch der Deutsche oder Gothe in Nowgorod ins Gefängniß gesetzt, noch sollen gemeine Gerichtsdiener gegen sie gesandt werden, um die Schuldner beim Kleide fest zu nehmen; dieses (wenn der Schuldner nicht zahlt, oder keinen Bürgen stellt) ist allein dem Boten des Herzogs erlaubt.

 

8) Hat eine Frau für ihren Mann sich verbürgt und bleibt die

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Schuld unberichtigt, so fallen beide dem Gläubiger als eigen zu; hat sie sich nicht verbürgt, so bleibt sie frei von jedem Anspruche.

 

9) Die Uebereinstimmung zweier Zeugen, deren Einer ein Russe, der Andere ein Ausländer ist, entscheidet, sind sie nicht einig, so giebt das Loos zwischen beider Meinung den Ausschlag.

 

10) Das Erschlagen eines Boten, eines Oldermannes oder Priesters wird mit 20 Mark Silber, das eines Kaufmanns mit 10 Mark gebüßt.

 

11) Wage und Gewicht, womit Silber und andere Dinge auf Wagschalen gewogen werden, sollen gleich und recht gehalten werden.

 

12) Im Fall eines Krieges der Nowgoroder mit ihren Nachbaren sollen die Gäste ungehindert zu Wasser wie zu Lande reisen dürfen; wer über die Newa ankommt, kehrt über dieselbe auch zurück, und wer zu Lande ankommt, kehrt wieder zu Lande zurück mit aller Sicherheit *).

 

Hiernach erhielten Deutsche und Gothländer gleiche Freiheiten, „beide hatten ihre geschützten Höfe in Nowgorod; die ihnen zugestandenen oder bestätigten Rechte waren eigentlich nichts weiter als Bewilligungen des Schutzes und Sicherung einer freien Fahrt im nowgorodschen Gebiete, ein befreiter Gerichtsstand, Schutz der persönlichen Freiheit und des freien Verkehrs, ohne daß besondere Abgaben oder Zölle von ihnen gefordert wurden“ **).

 

Diese ihnen ertheilten Rechte benutzten die Deutschen bald dazu, sich die Alleinherrschaft im Handel zu Nowgorod zu erwerben, indem sie eben so sehr die Russen an dem directen Verkehr mit dem Auslande zu behindern bemüht waren, wie sie die übrigen Nationen von der Theilnahme an den Rechten des Hofs zu Nowgorod auszuschließen suchten und wirklich ausschlossen. Schon in der zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts erlassenen lübischen Skra heißt es: „Kein deutscher Kaufmann soll Gut von einem Russen borgen (auf Credit nehmen) bei Strafe von zehn von hundert des Werths dieses Gutes, und bei funfzig Mark, wenn er sein Gut in Gesellschaft (Compagnie) mit einem Russen hat, oder dessen Güter weiter fährt, (ihnen als Commissionair oder

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*) Lappenberg, urkundliche Geschichte d. d. Hanse, Thl. I. S. 117-119. Thl. II. S. 95-101.

**) Derselbe im angeführten Werk Thl. I. S. 119.

 

 

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Drittes Cap. Verhältnis der Deutschen zu den Russen.

 

Spediteur dient),“ *) und nach dem Beschluß des gemeinen Kaufmanns vom Jahr 1346 durfte „keiner, der Gut von den Russen erhielt, eher den Russen ganz abbezahlen, bis er die von ihnen ausbedungene Waare, vollständig erhalten hatte. Auch haftete der Russe für die verkaufte Waare, bis sie in den Hof gekommen war, die Deutschen hingegen hafteten den Russen wegen der von ihnen erkauften Güter nicht über die Schwelle des Hofs hinaus.“ **). Und in Bezug auf die übrigen Fremden wurde gleichfalls schon zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts beschlossen, daß kein Deutscher Engländern, Flämmingern, oder Walen (Wallonen) als Commissionair oder Spediteur Dienste leisten dürfe. Die Nowgoroder aber, indem sie den Activhandel gänzlich den Deutschen überließen, kamen dem immer weitergehenden Umsichgreifen derselben auf alle Weise zuvor.

 

In dieser Beziehung konnte die freie Verfassung ihres Staats; den Deutschen nur im höchsten Grade ersprießlich sein. Eine andere Frage ist es, in wie fern die Nowgoroder selbst es verstanden, sich durch dieselbe zu einer eigenen selbstständig-nationalen Bildung zu erheben. Um dies zu sehen, wollen wir die wesentlichen Puncte ihrer Verfassung kurz zusammenstellen.

 

3) Verfassung von Nowgorod.

 

Einfügung: Stadtplan von Nowgorod

 

Die Freiheit der Nowgoroder bestand in der möglichst großen Beschränkung ihrer Fürsten. — Die vertragsmäßig gewählten Fürsten hatten gegen billige Entschädigung und angemessene Einkünfte eine doppelte Verpflichtung, die der Vertheidigung des nowgorodischen Gebiets gegen äußere Feinde und die der Handhabung der Gerechtigkeit zur Aufrechthaltung des inneren Friedens. In beiden Beziehungen hatte der Fürst lediglich nur das Interesse der Nowgoroder, abgesehen von seinen eigenen Vortheilen, wahrzunehmen.

 

Daher waren die Nowgoroder durchaus nicht verpflichtet, an den Privatkriegen der Fürsten Theil zu nehmen, wie denn in einer Urkunde vom Jahr 1305 ausdrücklich festgesetzt wurde, daß der Fürst ohne Einwilligung der Nowgoroder keinen Krieg anfangen sollte, und wiewohl ihm das Recht zustand, die Statthalter, welche

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*) Derselbe, ebendaselbst. S. 133.

**) Derselbe, ebendaselbst. S. 146.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

die zu Nowgorod gehörigen Gebiete verwalteten, einzusetzen, so bedurfte es doch auch hiebei der ausdrücklichen Zustimmung des Possadniks von Nowgorod. Auch durften nur einheimische Nowgoroder dazu ernannt werden, und entsetzen konnte er sie nicht nach Willkür, sondern nur nach überwiesener Schuld. Ja, die Nowgoroder wachten mit solcher Eifersucht über ihr, so zu sagen, landstaatisches Interesse, daß selbst der Fürst auf den ihm als Fürsten zufallenden Besitzungen keine neuen Dörfer und Flecken anlegen, noch viel weniger aber einer seiner Diener Dörfer im nowgorodischen Gebiete besitzen durfte.

 

Eben so war der Fürst, was die Handhabung der Gerechtigkeit anbetraf, streng an die nowgorodische Verfassung gebunden. — Er durfte nur in Nowgorod selbst richten und von seinem gewöhnlichen Sitz aus keinen Nowgoroder vor sich bescheiden und auch keine Gerichtsdiener in die nowgorodischen Gebiete schicken. (Urkunden von den Jahren 1265, 1270 und 1305). — Streitigkeiten der Nowgoroder unter sich selbst richtete ihr Possadnik mit dem Fürsten oder mit dem Stellvertreter desselben. (Urk. vom J. 1305 und 1307). Erst zur Zeit des Untergangs der Republik wurde festgesetzt, daß der Possadnik mit den Stellvertretern des Großfürsten richten solle, nach altem Herkommen, und daß er ohne diese Stellvertreter keine Rechtssache beendigen solle. (Urkunde vom J. 1471) *).

 

Durch diese Bestimmungen gelang es den Nowgorodern ihre politische Unabhängigkeit zu bewahren, deren sie nicht entrathen konnten, wenn sie freie Hand für die einem gedeihlichen Handel nothwendigen Verfügungen behalten wollten. Zu diesen gehörte denn vor Allem: 1) daß der Fürst keine Zölle anlegen durfte; 2) daß den Gästen, wie schon erwähnt, während des Krieges den Handel ungestört fortzutreiben, verstattet war; 3) daß der Fürst mit den Deutschen in Nowgorod nur vermittelst der Nowgoroder handeln durfte; 4) daß er, in die den Deutschen verliehenen Rechte, keine Eingriffe machen, ihren Hof nicht zuschließen und sie durch seine Gerichtsdiener nicht laden durfte **).

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*) Auszüge aus Neumanns mehrmals angeführter Abhandlung, in Ewers‘ Studien, S. 291 bis 298.

**) Vgl. auch Schlözer zu Nestors Annalen beim Jahre 1264 Thl. III. S. 88. und ebendaselbst beim Jahr 1270. „Ja diesem Jahre setzten die Nowgoroder Jaroslaw III. wieder feierlich ab, unter anderm auch deswegen, weil er die Deutschen, die sich bei ihnen niedergelassen hatten, weggejagt habe. Scerb. 113.“

 

 

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Drittes Cap. Verfassung von Nowgorod.

 

Unter dem Schutze dieser Gesetze und Einrichtungen dehnten die Nowgoroder die Grenzen ihres Reichs über den ganzen Norden des heutigen Rußlands aus, zu einer Zeit, wo ihre slawischen Nachbaren unter dem Joch tartarischer Herrschaft schmachteten. Bis nach Sibirien hin reichten die Quellen ihrer Handelsverbindungen; von hier holten sie die kostbaren Pelzwaaren, durch die sie nebst den übrigen rohen Materialien im Austausch mit den verarbeiteten Producten des Auslandes zu dem beneidenswerthesten Wohlstand und Reichthum gelangten. — Allein zu ihrem Unglück gebrach es ihrer Gemeindeverfassung an organischer Gestaltung, an einer festen Basis lebendigen Rechts, das seinen Quell in den Herzen, in der Gesinnung der Menschen haben muß, wenn es zu wahrer Geltung gelangen soll.

 

Trotz der schützenden Maßregeln gegen die Gewalt der Fürsten, gereichte den Nowgorodern die schrankenlose Willkür des Volks nicht minder oft zum Verderben. „In 190 Jahren nach Wladimir I. regierten in Nowgorod drei und dreißig Fürsten; einige mehre Male; die meisten wurden entsetzt; die wenigsten blieben bis zum Tode.“ *).

 

Wie gesetzliche Freiheit auch in städtischen Republiken bestehen konnte, haben wir wohl an deutschen, freien Städten gesehen; allein diese ist nur da möglich, wo es nicht der Zuchtruthe bedarf, um durch Furcht Ordnung zu erhalten, sondern wo Recht und Sitte schon dem Stand und Gewerbe selbst inwohnen. Von dem aber, was wir Stände nennen, war in Nowgorod nichts als das natürliche Material vorhanden und — schwer wird es den Staatskünstlern, geistige Prinzipe, die nie durch Nachahmung sich erreichen lassen, einzuimpfen.

 

„Anfangs gab es nur zwei Classen in Nowgorod, Bojaren und gemeine Leute. Aus den Bojaren oder den vornehmen Geschlechtern wurden die angesehensten städtischen Beamten, Possadnik und Tussädski, gewählt. Es ist wahrscheinlich; daß der Possadnik sie bei allen wichtigen Angelegenheiten zu Rathe zog. Unter den einzelnen Geschlechtern fanden beständige

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*) Ewers‘ Geschichte der Russen, S. 98.

 

 

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Am Meisten vermochte in Nowgorod das Volk in seiner allgemeinen Versammlung. Diese hatte das Recht die Fürsten und die Beamten einzusetzen und abzusetzen, Geldbußen aufzulegen; das Vermögen zu confisciren, am Leben zu strafen! Durch den Kampf der Parteien nahm die Macht des Volkes zu. — Schon früh waren die gemeinen Leute nach verschiedenen Abtheilungen unter sich verbunden; denn es werden schon früh die Unterabtheilungen der Straßen mit ihren Starosten oder Aeltesten und als Hauptabtheilung die Viertel, deren fünf waren, erwähnt. Allmälig bildeten sich unter den gemeinen Leuten die Classen der seßhaften Leute (begüterten Bürger), der Kaufleute und der schwarzen Leute,“ (der eigentlichen Plebs ). — „Der oberste Verwalter und Regierer aller Gemeindeangelegenheiten, so weit solche nicht vor die Competenz der Volksversammlung gehörten, oder dem Fürsten vorbehalten waren, war der Possadnik. Er wurde auf der Volksversammlung gewählt und entsetzt, nach Gutbefinden des Volks auch ohne Grund. —

 

Der Tussädski wurde gewählt und entsetzt wie der Possadnik. Er zog immer mit in den Krieg, oft zugleich mit dem Possadnik. Er war offenbar Befehlshaber im Kriege und wahrscheinlich Befehlshaber über die Reiterei.“ *).

 

Volk und Bojaren lagen unter sich und mit ihrem Fürsten stets in Zwietracht und Hader; auch Possadnik und Tussädski beide gleich sehr von der Laune der Volksgunst abhängig, vermochten nicht zwischen den verschiedenen Parteien Einigkeit und Ordnung zu begründen.

 

So trug die freie Republik den Keim des Untergangs in sich und mußte zerfallen, sobald die russische Nation, sich vom fremden Joch erhebend, die Einheit ihrer autokratischen Herrschaft wiederherstellte; Reichthum, Wohlstand, Glanz und Pracht verschwanden aus dem alten Nowgorod, und trostlose Erstarrung, öde Verwüstung traten an die Stelle bewegten Lebens und des ausgebreitetsten Völkerverkehrs.

 

Wie hätten wohl die Fremden, wie hätte der Hof der Deutschen sich inmitten dieses gewaltsamen Wechsels der Dinge behaupten können? Oder mußte nicht vielmehr auch der Bau der deutschen Hanse,

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*) Neumann in Ewers‘ Studien S. 306, 310, 324, 325, 354.

 

 

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Viertes Cap. Folgen der Verbindung Nowgorods etc.

 

einer größeren Zeit nicht gewachsen, unter der Gewalt der von außen anstürmenden Fluthen zusammenbrechen? Doch wissen wir, dass in der That, wo irgend einmal ein großartiges Lebenselement sich hervorgethan hat, dasselbe unvertilgbar ist. —

 

Zum Glück für das russische Reich hatten sich durch die deutsche Hanse schon gleichzeitig mit dem Aufkommen der nowgorodischen Macht, festere und bleibendere Verhältnisse angeknüpft, welche nicht blos auf die Zufälligkeit localer Vortheile und temporärer Begünstigung fußend, sondern durch die unzerstörbare Kraft gesetzlicher und rechtlicher Grundsätze und durch den nationalen Charakter deutscher, angestammter Treue und Beständigkeit getragen, dem gesammten russischen Reich dieselben Vortheile bleibend und in größerem Maßstabe zusicherten, die durch die, unmittelbare Verbindung der Deutschen mit den Russen zu Nowgorod erst vorbereitet waren, und nur mangelhaft und auf indirecte Weise sich hatten geltend machen können. Wir sprechen hier von der Bedeutung der deutschen Ostseeprovinzen für das russische Reich.

 

 

Viertes Capitel.


Folgen der Verbindung Nowgorods mit Wisby.

 

1) Colonisation von Livland

 

Aus der Verbindung Nowgorods mit Wisby war die Niederlage des deutschen Hofs zu Nowgorod hervorgegangen, und dieser zu Reichthum und Wohlhabenheit, so wie die Stadt Nowgorod selbst zu Ansehen, Macht und Unabhängigkeit gelangt. Doch eine noch viel höhere Bedeutung sollte in ihren weiteren Folgen diese Verbindung haben, sowohl in Bezug auf die Entwicklung deutschen Lebens, wie auf die des russischen Reichs und auf den Gang der Weltgeschichte überhaupt; für jenes durch den politischen Verband der Hanse, für Russland durch die Gründung und das Aufblühen der deutschen Ostseeprovinzen: es liegt uns also, um unsere Aufgabe zu lösen, ob, den Zusammenhang dieser Ereignisse darzuthun.

 

Fand die Handelsthätigkeit des gemeinen Kaufmanns ihren Mittelpunct und den Hauptquell ihrer Nahrung in Nowgorod, so blieb doch diese Stadt nicht der einzige Ausgangspunct des russischen Handels. — Es ist hinlänglich bekannt, wie außer dem

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Weg durch den finnischen Meerbusen, schon seit den ältesten Zeiten auch der Weg auf und längs der Düna ins Innere von Rußland von Warägern und Gothländern besucht wurde. Von hieraus erhielten die Gothländer eben sowohl wie auf jenem anderen Wege die Handelsproducte des innern Rußlands. So wurde denn auch durch sie der deutsche Kaufmann, zu eben der Zeit, als er sich mit den Gothländern in Wisby vereinigte, an den Gestaden der Düna bekannt, wie in dem mächtigen Nowgorod. Mit dem Gewerb- und Handelsstand wetteiferten damals noch die beiden anderen Grundkräfte des mittelalterlichen Staates, Adel und Geistlichkeit, in dem sich fühlenden Uebermuth schöpferischer Lust, und noch wurden sie alle drei, sich selber unbewußt, von der ihnen gemeinsamen phantastischen Verehrung und Hochachtung der idealen Macht des Papst- und Kaiserthums zu einem nationalen Ganzen zusammengehalten. So wurde die Bildung neuer Staaten möglich in einer Zeit, wo es an jeder leitenden Einheit fehlte und die verschiedenen Elemente, die den Staat ausmachten, noch in ihrer ganzen Schroffheit einander gegenüber standen. —

 

Nicht umsonst erbaten sich Bischöfe und geistliche Ritterorden ihre Privilegien von Papst und Kaiser. Die ganze Christenheit wird zu ihrer Hülfe aufgeboten. Wie rühmlich ist in dieser Beziehung die weitgreifende Thätigkeit Innocenz III., Honorius III., Gregors IX. — In Livland war es der Augustinermönch Meinhard aus dem Kloster Sigeberg, der mit einer Admiralschaft, einem Geschwader erwerbthätiger Kaufleute, um des heiligen Wortes willen in dem unwirthbaren Lande sich niederließ (1186). Mit Hülfe gothländischer Handwerker und Steinhauer legte er an der Düna, ohnweit ihres Ausflusses, das erste Castel für die der Befestigungskunst unkundigen und den Gebrauch des Mörtels noch nicht kennenden, schwarzröckigen Liven in dem Dorfe Uexkull an, um dieselben durch den Schutz, den er ihnen gegen ihre Feinde gewährte, zur Annahme des alleinseligmachenden Glaubens zu bewegen. Freilich begegneten die Deutschen nicht überall einer so naiven Unerfahrenheit ihres Feindes, wie hier, wo die Lettgallen mit Schiffstauen die neuaufgeführten Mauern in den vorbeifließenden Strom hinabzuziehen bemüht waren. Doch vermochten weder Letten, noch Liven und Ehsten auf die Dauer den ritterlichen Waffen der deutschen Krieger Trotz zu bieten.

 

 

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Viertes Cap. Colonisation von Livland.

 

Einfügung: Christianisierung des Ostseeraums

 

Geduldig mußten sie sich von den in kurzer Zeit emporthürmenden Schlössern und Burgen aus beherrschen lassen, denn bald war von den Ufern der Düna bis zur Narowa hin ein Netz von Zwingern ausgespannt, das die sämmtlichen dazwischen liegenden Ostseeländer unter der Gewalt der deutschen Ansiedler zusammenhielt; den Urbewohnern aber wurde von Allem, was sie ihr eigen nennen konnten, nichts gelassen, als die Sprache, fortan ein Zeichen der Unterwürfigkeit. Desto beharrlicher waren die Deutschen im Verfolgen der eingeschlagenen Richtung. Albert, Livlands dritter Bischof und Gründer von Riga (1201), hatte den Gedanken gefaßt, durch Stiftung eines geistlichen Ritterordens die rohe Kraft des Schwertes in diesen Gegenden vermittelst religiösen Zwanges in Zaum zu halten, und durch die corporative Gemeinschaft, die er dem Orden gab, die Unterwerfung des Landes mit systematischer Strategie zu Stande zu bringen. So wurde das mit Hülfe des weltlichen Schwerts eroberte und behauptete Land durch die Geistlichen bekehrt, und der Kaufmann leitete die Lebensquellen des neuerworbenen durch die neuerbauten Städte auf die Wege des allgemeinen Handel- und Völkerverkehrs. Alljährlich kamen und gingen über das vielbesuchte Gothland neue Schaaren von Pilgrimen und Rittern, die ein jeder sein Theil von dem Ruhm des großen Unternehmens davon zu tragen trachteten. Vornehmlich Sachsen und Dänen bevölkerten das Land, nur die Schweden nahmen wenig oder gar nicht Theil. Sie hatten ihren eigenen Kreuzzug nach dem benachbarten Finnland gerichtet, wo sie um dieselbe Zeit anfingen, sich auszubreiten, als Livland von den Deutschen entdeckt ward. Im Jahr 1160 fiel der schwedische König Erich selbst im Kampfe gegen die finnischen Heiden. Auch den Russen und Deutschen drohten sie die Wasserstraße durch den finnischen Meerbusen abzuschneiden. Darüber kam es im Jahre 1188 zwischen Nowgorodern und Schweden zum Kriege. „Die Nowgoroder (berichtet eine nowgorodische Chronik bei diesem Jahr) verhafteten die auf Gothland einheimischen Waräger in Choruschka und Nowoi-Torshok; sie ließen im nächsten Frühjahr keinen der Ihrigen übers Meer ziehen, schickten den Warägern keine Gesandten zu und entließen die Verhafteten in Unfrieden“ *).

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*) Lehrbergs Untersuchungen S. 261.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Das Bedürfniß, neue Handelswege sich nach Rußland zu bahnen, mußte den Deutschen jetzt sich um so unabweisbarer aufdrängen, da der bisherige Wasserweg bis zu dem erst im Jahre 1201 wiederhergestellten Frieden zwischen Nowgorod und Schweden dreizehn Jahre lang gesperrt und somit aller Handelsverkehr so gut wie abgeschnitten war. Der Versuch dazu ward in der That noch während eben dieses Krieges gemacht, wie wir aus dem Bericht Heinrichs des Letten erfahren. Beim Jahre 1206 erzählt dieser älteste Chronist livländischer Geschichten: „in dieser Zeit wurde der Priester Alobrand, nebst einigen anderen, nach Ungannien geschickt, um die Güter der Kaufleute zurück zu verlangen, welche denselben früher, noch vor der Erbauung Rigas, als sie zu Wagen von der Düna aus nach Pleskow sich begaben, von den Unganniern auf den Rath der Liven geraubt worden waren, und deren Werth sich auf wenigstens 1000 Mark belief;“ *) — Nicht lange darauf sehen wir auch schon den zweiten Hauptweg eröffnet, der auf und längs der Düna von Riga aus nach Russland führte. Beim Jahre 1209 nämlich heißt es, „in diesem Jahre wurden der Schwertritter Arnold und seine Gefährten zum König (Fürsten) von Plotzk nach Rußland geschickt, um ihn zum Frieden zu stimmen und den rigischen Kaufleuten den Zutritt in sein Land auszumitteln, was ihnen auch zugestanden wurde, doch unter der Bedingung, daß die Liven oder der Bischof an ihrer Statt den schuldigen Tribut jährlich entrichten sollten.“ Zwei Jahre später kam es zu einem anderen Vertrage, durch den die freie Fahrt auf der Düna den Kaufleuten für immer zugesichert, von dem früher ausbedungenen Tribut aber gänzlich abgesehen wurde **), und noch achtzehn Jahre später schlossen die Stadt Riga und die Kaufleute auf Gothland mit dem russischen Fürsten Mistislaw von Smolensk den wichtigen Vertrag vom Jahre 1229 ab, der beiden Theilen die in demselben auf dem Grundsatz der Gleichheit ausbedungenen Handelsfreiheiten bestätigend aufs Neue festsetzte, daß „der rigaische Bischof, das Haupt der Gottesritter, und alle Landesherren den Dünafluß freigäben, von oben bis unten zum Meere, sowohl zu Wasser, als auf dem Ufer, allen Lateinern und allen Russen.

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*) Origines Livoniae ed. Gruber p. 57
**) Ebendaselbst S. 70. u. S. 86.

 

 

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Viertes Cap. Colonisation von Livland.

 

Wer nur ein wirklicher Kaufmann sei, dem werde männiglich die Freiheit gegeben, die Düna herauf und hinab zu fahren.“ *)

 

Einfügung: Vertrag von Smolensk (1229) im Europäischen Hansemuseum in Lübeck

 

Erst durch diesen von den deutschen Colonien Livlands aus mit Russland eingeschlagenen Verkehr erhielt der Handel mit Rußland eine feste und unumstößliche Basis. Erst hierdurch wurde die Berührung der deutschen und der russischen Nation eine unmittelbare und ihre Verbindung eine durch die gegenseitige Lage ihrer Länder und durch die Bedürfnisse ihrer Bewohner nothwendig bedingte und von ihrem beiderseitigen Wohl und Gedeihen untrennbare. Denn erhielt auch der Deutsche in Nowgorod als Vermittler mit dem Auslande ein fast unumschränktes und lange dauerndes Schutzrecht; so war es doch lediglich nur das Interesse des Handels, was ihn dort mit dem Russen verband. Nie konnte er dort völlig Wurzel fassen, nie heimisch werden. Die Nationen selbst blieben streng von einander geschieden. Selbst dieser Hauptzweck ihrer Verbindung erlitt nur zu häufig durch die schroffe Berührung der einander fremden Nationalitäten empfindliche Störungen und beiden Theilen nachtheilige Unterbrechungen — Nur durch Anlegung der deutschen Colonien in Livland konnten die Vortheile dieser Verbindung, mit Vermeidung der eben angedeuteten Gefahren, gesichert werden. Hier trat den Deutschen keine politisch-selbstständige Nationalität entgegen; hier konnten sie sich ihren eigenen Heerd und Hof bauen; statt eines bloßen Handelscomptoirs konnten sie hier förmliche Handelscolonien stiften, die aus den eigenen Provinzen, in denen sie lagen, einen verhältnismäßig geringen Theil ihrer Nahrungsquellen schöpfend, als großartige Erweiterung des nowgorodischen Hofs betrachtet werden müssen.

 

So verdankten nebst Riga, das jedoch den größten Theil seiner Ausfuhr durch die Düna erhielt, Dorpat, Pernau, Reval, und das erst in späterer Zeit sich hebende Narwa die Blüthe ihres Wohlstands ihrem Handelsverkehr mit Nowgorod.

 

 

2) Förderung des in der deutschen Hanse liegenden welthistorischen Moments.

 

Das Aufblühen dieser livländisch-deutschen Städte führt uns, um dem Keim ihres innern Lebens auf den Grund zu kommen,

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*) Ewers und Engelhardt, Beiträge zur Kenntniß Rußlands und seiner Geschichte, I. 327 ff.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

wieder der Betrachtung der anderen Seite des oben von uns berührten welthistorischen Momentes zu, welche eben so, wie die Ausbreitung deutschen Lebens an den östlichen Küstenländern des heutigen russischen Reichs hauptsächlich durch die Verbindung Nowgorods mit Wisby zur Entwicklung kam: die hanseatischen Verhältnisse und die durch den hansischen Handel hervorgerufene politisch-mercantile Städteverbindung sind es, die wir zu berücksichtigen haben; doch nur in so weit, als es zur Aufklärung des Verhältnisses, in dem Livland und die Deutschen zu Nowgorod und Russland standen, unumgänglich erforderlich ist.

 

Wir gehen hier wieder von der Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns aus. Je mehr diese sich ausbreitete, je weiter der Kreis von Städten sich ausdehnte, die der gemeine Kaufmann in sein Interesse zog, um so mehr erkannten diese, wie sehr ihr eigener Vortheil es erheische, daß sie die Sache der Gesellschaft zu ihrer eigenen machten. Kamen doch die Freiheiten, die man dieser ertheilte, auch jenen zu Gute, wie auch häufig gewissen Städten und dem gemeinen Kaufmann gemeinschaftliche Privilegien ausgestellt wurden. Der Kaufmann selbst konnte ohne den Schutz und den Beistand der Städte auf eine größere Zunahme des Verkehrs nicht rechnen. Bei allen allgemeinen, den Handel betreffenden Beschlüssen kam es daher bald noch mehr auf die Entscheidung der Städte, als auf die Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns an. So wendet sich im Jahre 1268 Konrad von Mandern, Meister des deutschen Ordens in Livland, im Namen aller Machthaber dieses Landes, gemeinschaftlich an die Bürger von Lübeck und den gemeinen Kaufmann, um durch sie, zu Gunsten Livlands, einen den nowgorodischen Handel betreffenden allgemeinen Beschluß zu bewirken *); und auf gleiche Weise statten im Jahr 1278 Johann, Erzbischof von Riga, Ernst, Meister des deutschen Hauses in Livland, und Simon, Ritter von Oberg, dänischer Hauptmann zu Reval und Wirland, gemeinschaftlich dem Vogt und den Rathmännern zu Lübeck, nebst allen Kaufleuten, die die Ostsee befahren, ihren Dank dafür ab, daß sie ihren Wünschen gemäß den Handel in Rußland untersagt hätten **).

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*) Hansisches Urkundenbuch, herausgegeben von Lappenberg, S. 95.
**) Ebendaselbst S. 111.

 

 

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Viertes Cap. Förderung des welthistorischen Moments.

 

Im Gefühl der Unzulänglichkeit seiner Mittel, begab sich der gemeine Kaufmann aus freien Stücken seiner autonomischen Selbstständigkeit. In dieser Beziehung ist ein Schreiben vom Jahre 1329 merkwürdig, durch welches der gemeine Kaufmann, d. h. alle deutschen Kaufleute, die nach Ellenbogen in Schonen fahren, den Rath von Lübeck bitten, in Betracht ihrer fortdauernden Unterwürfigkeit, ihrer in Ellenbogen gestifteten Gesellschaft Beistand zu leisten, weil ohne solche Hülfe die Gesellschaft nicht sich in gedeihlichem Zustand zu erhalten vermochte. In dem Antwortschreiben Lübecks aber sieht dieses seine Herrschaft über den gemeinen Kaufmann als eine schon gewohnte und durchaus begründete an, indem es dem gemeinen Kaufmann die Statuten seiner in Ellenbogen gestifteten Gesellschaft bestätigt und vornehmlich den Bürgern von Lübeck, welche zu ihr gehören, dieselben wohl zu halten einschärft, da im Uebertretungsfall gegen jeden, wer es auch sei, und gegen seine aufsätzigen Bürger so eingeschritten werden würde, daß Andere ein Beispiel der Furcht und des Schreckens daran haben sollten *).

 

Ganz entschieden endlich wird die Abhängigkeit des gemeinen Kaufmanns und des Hofs zu Nowgorod von den Städten in dem Receß der Abgeordneten der Seestädte zu Lübeck vom 24. Juni 1366 ausgesprochen, wo es heißt: „von dem Wisbyschen und Lübischen Drittel ist beschlossen worden, daß die Kaufleute, welche sich in Nowgorod befinden, ohne Vorwissen und Einwilligung Lübecks, Wisby’s und der übrigen Städte, an die sie vorher deshalb schreiben müssen, keine großen, gewichtigen und viel umfassenden Einrichtungen machen sollen.“ **) — Eben dieses allgemeine Gesetz wurde unter demselben Datum, „den Oldermännern und dem gemeinen Kaufmann der deutschen Hanse zu Nowgorod,“ zur Nachachtung bekannt gemacht ***). Aber schon viel früher hatte sich dasselbe für besondere Fälle practisch geltend gemacht, wie wir aus einer Verordnung des Hofs zu Nowgorod vom Jahre 1332 ersehen, in welcher es heißt: daß von dem Oldermann des Hofs,

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*) Ebendaselbst S. 321 und 323.
**) Ebendaselbst S. 582.
***) Ebendaselbst S. 583.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

seinen Weisesten und dem gemeinen deutschen Kaufmann in ihrer allgemeinen Versammlung beschlossen worden sei, bei Verlust von S. Peters Recht das Kaufen verfälschten Gutes zu verbieten, „nach dem Gebote, also die Städte in den Hof zu Nowgorod geboten hatten.“ *)

 

War auf diese Weise der gemeine Kaufmann erst factisch, dann auch gesetzlich, um seine politische Selbstständigkeit gekommen, so mußte die Umwandlung der Verfassung des Hofs sich zunächst an den Befugnissen und Rechten, die den Vorstehern desselben, den Oldermännern zustanden, bemerkbar machen. Früher war, wie wir sahen, die Wahl der Oldermänner frei gewesen, gleich viel, aus welchen Städten sie sein mochten; allein das Herkommen hatte mit sich gebracht, daß sie aus den vornehmsten Handelsstädten, Wisby und Lübeck, gewählt wurden, und da sie nun selbst dieser Städte Mitbürger waren, mochten sie sich um so weniger dem übergreifenden und auf Kosten der Gesellschaft sich geltend machenden Einfluß derselben entgegensetzen. So kam es schon im Jahre 1346 zu einem Beschluß, durch den nicht nur die Wahl der Olderleute auf die Bürger der genannten beiden Städte beschränkt, sondern überdies noch festgesetzt wurde, daß diese Wahl nur durch die von den Städten hiezu abgesandten Wahlmänner vorgenommen werden sollte **). Und zwar sollte des Hofs Oldermann wechselsweise ein Mal aus Lübeck, das andere Mal von Gothland erkoren werden; zugleich aber wurde die Macht dieses Oldermanns bedeutend erhöht, um die Freiheit des Hofs um so mehr herabzudrücken. Sobald nämlich der Oldermann des Hofs sein Amt antrat, mußten S. Peters Elterleute (deren es jetzt zwei gab) ihm die Schlüssel übergeben, alle Aemter hörten auf und ihm stand es zu, sie aufs Neue zu vertheilen und zu besetzen. Ja sogar die Elterleute S. Peters erhielt er Gewalt zu ernennen, und zwar mußten diese gleichfalls von Lübeck und von Gothland sein, und nur wenn keine Lübecker und Gothländer gegenwärtig wären, sollte man dazu Leute ernennen, die sich zufällig im Hofe befänden, doch nicht auf längere Zeit, als bis Jemand von Lübeck und von Gothland käme, dann gleich sollten die

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*) Ebendaselbst S. 282.
**) Ebendaselbst S. 275 und 276.

 

 

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Viertes Cap. Förderung des welthistorischen Moments.

 

Weisesten von ihnen ernannt werden *). Endlich im Jahre 1363 erhöhete man die Macht des Oldermanns des Hofs auch noch dadurch, daß seine Unabsetzbarkeit erklärt wurde.

 

Hatten so die Städte die Verwaltung des Hofs an sich gebracht, so konnten zugleich auch erst jetzt, durch die Art, wie die Elterleute gewählt wurden, Lübeck und Wisby, als alleinige Beherrscher des Hofs, über die übrigen Mitstädte einen durchgreifenderen Einfluß ausüben. Da aber ein Theil dieser Städte, vornehmlich die livländischen nicht immer gleiches Interesse mit den wendischen theilte, so mußte das gebieterische Ansehen, das sich Lübeck anmaßte, nothwendig Unzufriedenheit und Widerspruch bei jenen hervorrufen. Riga ließ es daher auch an Reclamationen gegen die einseitige Besetzung der Olderleute durch Lübeck und Wisby nicht fehlen; allein es wurde von dem gemeinen Kaufmann zu Nowgorod überstimmt, der allerdings Recht haben mochte, wenn er sagte, daß die Aeltesten unter ihnen sich nicht erinnerten, daß die Rigaer jemals zu Olderleuten erwählt worden seien, unmöglich aber konnte es geneigt sein, dem gemeinen Kaufmann in der Erklärung beizustimmen: Lübeck stets unterwürfig zu sein und jeden zum Oldermann anzunehmen, den diese Stadt nebst Gothland definitiv dazu bestimmen werde **). Nichts desto weniger setzte sich, trotz des Widerspruchs Einzelner, fest, was in der Natur der Dinge begründet war. Lübeck und Wisby als Vorstände aller behufs des nordischen Handels mit einander verbundenen Städte, für die auch jetzt erst der gemeinschaftliche Name der deutschen Hanse aufkommt ***) (1330), theilten sich in die Herrschaft, die sie vorzüglich bei der Leitung und Regierung des Hofs zu Nowgorod geltend machten, und nur dadurch, daß die schwächeren Städte untergeordneten Ranges sich den stärkeren und bedeutenderen anschlossen, nur durch das gemeinschaftliche, feste Zusammenhalten aller ins Gesammt, wurde es möglich, allgemeinere Maßregeln zum Schutz und Gedeihen des Handels in Ausführung zu bringen. „Erwerbung gemeinschaftlicher Rechte und Freiheiten im Auslande, Schutz des Verkehrs zu Wasser wie zu Lande, Erhaltung der Einigkeit und Ordnung unter den

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*) Ebendaselbst S. 276.
**) Ebendaselbst S. 221 und 222.
***) Lappenberg, urkundl. Gesch. der deutschen Hanse, S. 47.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Gliedern des Bundes, Bestrafung der den Beschlüssen desselben nicht Folge leistenden Städte; diese und ähnliche Zwecke waren es, welche die Abgeordneten der Städte jetzt zu ihren besonderen Vereinen und aus ihren allgemeinen, gewöhnlich in Lübeck gehaltenen Tagsatzungen zusammenführten“; das glückliche Erreichen dieser Zwecke aber war es, was zu einer Zeit, wo Willkür und wildes Faustrecht die Grundlagen der Staaten zu zertrümmern drohten, die hanseatischen Städte zu einer Macht erhob, welche zur See und zu Lande und zwar durch die Förderung großer Interessen herrschend, die Culturentwicklung der neuern Zeit so wesentlich begünstigt hat.

 

Diese Umwandlung der hanseatischen Verwaltung, die so von dem kaufmännischen Verein in den Gesammtverein der Städte übergegangen war, konnte durch nichts sich glänzender rechtfertigen und ihre innere Nothwendigkeit großartiger bethätigen, als durch das einmüthige Zusammenhalten sämmtlicher Hansestädte gegen den König Waldemar III. von Dänemark, der durch die Eroberung Wisbys, des Mittelpuncts ihrer Vereinigung, sie alle an ihrer Ehre und Existenz gekränkt und angegriffen hatte. — Im Jahre 1361 traten die wendischen Städte zu einem Bündniß zusammen, zu dessen Förderung auch die preußischen Städte wenigstens allen Handel mit Dänemark aufgaben. Ihnen gesellten sich noch in demselben Jahre Hamburg, Bremen und Kiel bei, desgleichen auch der Graf Heinrich von Holstein und der Herzog von Mecklenburg, und unter Anführung des Grafen von Holstein und des Bürgermeisters Johann von Wittenberg gelang es ihnen alsbald dem Könige Gothland wieder zu entreißen und seine Flotte zu schlagen. Als aber ein paar Jahre darnach der König Waldemar sich für die abgesetzten Könige von Schweden, Magnus und Hakon, erklärte, den von den Hansen unterstützten Herzog Albrecht von Mecklenburg aber nicht anders als König in Schweden anerkennen wollte, als wenn er ihm aufs Neue Gothland und Oeland abträte, „da sahen die Städte wohl ein, daß von der Art der Beendigung dieser verschiedenen Verwirrungen, ihr Ansehen, ihr Handel, ihre Freiheit abhingen. Sie verbanden sich daher im Jahre 1367 mit einander zu Köln, um mit den Waffen ihre Widersacher zu bekämpfen, in einer größeren Ausdehnung als es bisher geschehen war. Alle östlich und westlich an den deutschen Küsten belegenen Städte traten

 

 

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Viertes Cap. Förderung des welthistorischen Moments.

 

bestimmter, als es je zuvor der Fall war, gegen die beiden Könige Waldemar von Dänemark und Hakon von Norwegen in eine Verbindung zusammen, die zu Köln im Jahre 1367 von den daselbst versammelten Abgeordneten einiger Städte der Ost- und Westsee, wie es scheint, Namens Aller, wie sie an den Küsten von Livland und Preußen bis zum Zuidersee, Holland und Seeland lagen, abgeschlossen ward“. *). Hakon zwangen sie zur Anerkennung Albrechts und Bestätigung aller Privilegien, die sie in Norwegen inne hatten, (in den Jahren 1369 und 1370) indem sie auf den Küsten dieses Landes einfielen, Kirchen und Klöster plünderten und 200 Dörfer in Asche legten. — Noch glücklicher waren sie gegen Dänemark. Im Jahre 1365 eroberten sie Kopenhagen, Helsingoer, den Schlüssel des Sundes; auch Nykiobing und Falsterbo fielen in ihre Hände; sie konnten den Frieden dictiren: auf 15 Jahre blieben die Hansen im Besitz aller festen Plätze in Schonen und aller dazu gehörigen Landstrecken. **).

 

Allein trotz dieses glücklichere Resultats des einigen Zusammenhaltens der Städte, traten doch die Differenzen innerhalb des Bundes nach Beseitigung der gemeinsamen Gefahr, wieder um so offener hervor, da die verschiedenen und auseinandergehenden Interessen der einzelnen Bundesglieder selbst; immer mehr zum Vorschein kommen mußten, je weiter sich ihre Handelsthätigkeit entwickelte.

 

Jene großen, gemeinsamen, schöpferischen Elemente, welche in dem Bunde der deutschen Hanse, so wie in der Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns lagen, hatten nebst der Gründung des Hofs zu Nowgorod auch die Colonisation von Livland herbeigeführt: der deutschen Hanse, so wie den Deutschen überhaupt hatte Russland seine erste Verbindung mit dem civilisirten Europa zu verdanken gehabt. Mußte nicht hinwiederum auch das Moment der Trennung, welches den Untergang der Hanse verursachte, dem deutschen Leben in den Ostseeprovinzen Tod und Verderben bringen, und die durch die letzteren vermittelte Verbindung Rußlands mit den Deutschen der Vernichtung entgegen führen?

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*) Lappenberg, urkundliche Geschichte d. d. Hanse, S. 61 und 62.
**) Ebendaselbst S. 65.

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters." .

 

Fünftes Capitel.

 

Absonderungsprincip und Oberhand der Sonderinteressen.

 

Hier ist es Vor Allem die Eifersucht der um die Vorherrschaft buhlenden Städte des Bundes selbst, Lübecks und Wisbys, von wo wir auszugehen haben. War Wisby, so lange die Gesellschaft des gemeinen Kaufmanns die Blüthe der hanseatischen Macht vorbereitete, durch seine insularische Lage sowohl, wie durch seine geringere Entfernung von Nowgorod, der Mittelpunct des gesammten nordischen Handelsverkehrs und das eigentliche Haupt der an diesem Handel Theil habenden Städte geworden; so mußte in eben dem Verhältniß als die Herrschaft der Städte sich hob, das Ansehen des gemeinen Kaufmanns aber in Verfall gerieth, Lübeck in der Mitte sämmtlicher den Bund der Hanse bildenden Städte des Festlandes gelegen, ein immer entschiedeneres Uebergewicht über Gothland erhalten. — Dieser sich allmälig von selbst geltend machende Einfluß Lübecks über die übrigen Städte der Hanse hatte zu Wege gebracht, daß eine große Anzahl hansischer Städte sich mit lübischem Recht bewidmen ließ. Nichts war daher natürlicher, als daß diese Städte auch in streitigen Fällen sich an Lübeck wandten und daß dieses hinwiederum hierauf ein ausschließliches Recht auf die Herrschaft des Hofs zu begründen suchte. So brach schon zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts zwischen Lübeck und Wisby ein heftiger Zwist über die Vorherrschaft des Hofs aus. Ein großer Theil der sächsischen, wendischen, preußischen und westphälischen Städte traten Lübeck bei, namentlich Köln, Dortmund, Paderborn, Minden, Lemgo; ferner Magdeburg, Halle, Braunschweig, Goslar, Hildesheim, Hannover und Lüneburg, Rostock, Stralsund, Wismar, Greifswald, Kiel, Stade und endlich auch Riga nach anfänglicher Weigerung; dahingegen Danzig, Elbingen, Hamburg, Münster, Soest, Osnabrück und Bremen; sodann Reval, Dorpat, Pernau, Königsberg, Thorn, Kulm und Braunsberg, Anklam, Demin und Stettin nebst vielen andern hielten zu Wisby. Noch ist uns ein eindringliches Schreiben Wisbys an den Magistrat von Osnabrück erhalten, um das Jahr 1294, durch welches diesem dafür gedankt wird, daß es Lübecks Aufforderung nicht gefolgt sei, die Freiheiten und Rechte der Gothland und den Hof zu Nowgorod

 

 

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Fünftes Cap. Absonderungsprincip u. Sonderinteressen.

 

besuchenden Kaufleute aus Lübeck zu übertragen und mit lübischem Recht zu vertauschen. Zugleich wird ihm eingeschärft nicht zu vergessen, daß seine Vorfahren es ja gewesen, die vor uralten Zeiten, diese Freiheiten als derselben Urheber und Mitstifter zuerst in den Hof von Nowgorod gebracht hätten, und wie dieselben von dem gemeinen Kaufmann auf dem Hof sowohl wie in Gothland auch von jeher bis auf die gegenwärtige Zeit einmüthig gehalten worden seien. Es scheine den Kaufleuten daher höchst befremdend, daß jeder Kaufmann, der sich in Nowgorod oder Gothland aufhalte, mit Zurücklassung seiner Güter sich nach Lübeck begeben solle, um zu seinem Recht zu gelangen, und darum werde der Magistrat von Osnabrück gebeten, ohne Einwilligung der östlichen Städte der Aufforderung Lübecks auch in Zukunft nicht Folge zu leisten *).

 

Solchen Bemühungen und der Eifersucht der übrigen Städte auf Lübecks Uebermacht hatte Wisby es zu verdanken, daß es neben diesem die Mitherrschaft des Hofs bis ins funfzehnte Jahrhundert hinein behauptete; nachdem es aber durch die Eroberung vom Jahre 1361 seinen alten Glanz eingebüßt hatte, konnte es nie recht zu Kräften kommen, bis es zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wieder zu gänzlicher Unscheinbarkeit hinabsank.

 

Auch andere Städte des Bundes mußten zu ähnlichen Beschwerden wie Wisby Veranlassung finden, da zu allen Zeiten die gleichmäßige Vertheilung der Macht unter die mit einander verbundenen politischen Gemeinheiten zu den schwierigsten Räthseln der Staatskunst gehört hat. Ueber beide, die östlichen wie die westlichen Theile des Bundes suchte Lübeck nebst den übrigen wendischen Städten seinen Einfluß weiter auszudehnen, als es mit dem Vortheil und Wohl der ersteren verträglich war. — Wie wenig Riga damit zufrieden war, daß Lübeck die ausschließliche Leitung des Hofs zu Nowgorod an sich riß, hatten wir schon oben Gelegenheit zu bemerken **). Riga aber und die livländischen Städte überhaupt konnten mit Recht Anspruch darauf machen, mit besonderer Rücksicht behandelt zu werden, da die

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*) Wigand‘s Archiv der Geschichte und Alterthumskunde Westphalens, B. I. Heft 4· S. 18.

**) S. S. 42 f.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

Hanse in ihrem nowgorodischen Handel fast ganz von den livländischen Ostseeprovinzen abhängig war, seitdem die Schweden durch die Eroberung von Karelien und die Erbauung Wiburgs (im Jahre 1293) die Wasserfahrt durch die Newa beherrschten, welche bei den fortwährenden Kriegen mit den Russen, trotz der ab- und zu erneuerten Privilegien auf eine freie Fahrt durch die Newa nach Nowgorod, doch immer wieder aufs Neue bedroht wurde. Man sah sich daher genöthigt, die livländischen Seestädte zu den eigentlichen Hafenstädten Nowgorods zu machen, und zu diesem Zweck mußten sie mit besonderen Privilegien ausgestattet werden. So gewährte schon im Jahre 1294 König Erich von Dänemark den Bürgern von Lübeck und von Gothland und den Kaufleuten aller Seestädte, die die Ostsee befahren wollten, auf ihre Bitte die freie Fahrt durch ganz Ehstland und Wirland der Narowa entlang bis nach Nowgorod zu, *) und im Jahre 1346 wurde ausdrücklich (zugleich mit der Absicht die hansesche Verwaltung einer stärkeren Controle zu unterwerfen) von den Vorstehern des Hofs zu Nowgorod und dem gemeinen Kaufmann der Beschluß gefaßt, Niemand solle sein Gut auf verbotenen Wegen, sei es durch Preußen, Kurland, Oesel oder Schweden, führen, sondern allein über Riga und Pernau.

 

Auch Riga mußte nun ein größerer Einfluß auf die Verwaltung des Hofs zu Nowgorod eingeräumt werden. Allein die Vortheile jener Maßregeln, deren Ausführung in späterer Zeit immer schwieriger ward je mehr die Handelsthätigkeit auch unter den fremden Nationen zunahm, wurden auf eine für die freie Entwicklung der Ostseeprovinzen unerträgliche Weise großentheils dadurch wieder aufgehoben, daß Lübeck nebst den übrigen wendischen Städten den Zwischenhandel zwischen den östlichen und westlichen Gliedern des Bundes auch da noch sich allein vorbehalten wollte, als diese solcher Hülfe nicht mehr bedurften, und die Niederländer die direkte Fahrt nach Livland eben so gern unternahmen, wie die Livländer, vornehmlich seit den letzten Jahrzehnden des vierzehnten Jahrhunderts, es an Versuchen, von der Ostsee aus die Westsee zu befahren, nicht fehlen ließen.

 

Zwischen den wendischen und den niederländischen Städten

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*) Cassel, Sammlung ungedruckter Urkunden, S. 7.

 

 

 

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Fünftes Cap. Absonderungsprincip u. Sonderinteressen.

 

brach die Handelseifersucht schon in den ersten Jahrzehnden des funfzehnten Jahrhunderts zu offenbarem Krieg aus. Während des neunjährigen Krieges, den jene mit Erich von Dänemark (1426 — 1435) führten, hielten diese, um neue Handelsvortheile und Ersatz für die erlittene Zurücksetzung zu erlangen, sich zu dem Feinde der Hanse. Hierdurch kam es zum völligen Bruch, indem mehrere Statute erlassen wurden, in denen es hieß: „daß keiner von den Niederländern auf einem hansischen Comptoir zugelassen, keinem die russische Sprache in Livland gelehrt, keines ihrer Schiffe von Hansen nach Livland befrachtet und kein holländisches Tuch, wie es wenigstens bisweilen geboten ward, in den Bundesstädten verkauft werden sollte“. *)

 

Nach diesem Kriege kam es zu einer dauernden Versöhnung nie wieder, nur einige von den unbedeutenderen Städten der Niederländer blieben noch fernerhin mit dem Bunde in Gemeinschaft.

 

Etwas länger zwar als mit den niederländischen, erhielt sich noch zwischen den wendischen und den livländischen Städten ein leidliches Vernehmen, allein mit dem gänzlichen Ausschluß der Niederländer, wie auch der Engländer von der Ostsee, konnten die livländischen Städte unmöglich einverstanden sein, so sehr auch die Beschränkungen, denen die Niederländer und die Engländer als Gäste unterworfen waren, in ihrem eigenen Interesse lagen; vielmehr sahen sie, die Livländer, es nicht ungern, „daß sie durch die Ankunft dieser Fremden die ausländischen Waaren wohlfeiler erhielten, ihre und die durch ihre Hände gehenden polnischen, lithauischen und russischen Güter schneller und bequemer umsetzen konnten, als wenn sie, wie es bisher zum Theil der Fall war, der westlich belegenen Hansestädte zu diesem Zweck sich bedienten“.

 

Noch näher aber wurden die Livländer bei diesem Treiben der wendischen Städte betheiligt, als diese auch sie nicht mehr den Sund wollten passiren lassen, sondern verlangten, sie sollten mit ihren Schiffen blos, wie das sonst der Fall gewesen sei, auf die Trawe kommen. **) So bedurfte es auch hier nur eines

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*) Sartorius Geschichte der hansischen Bundes, Thl. II. S. 278 flg. und S. 395.
**) Ders. im. a. W., Thl. III. S. 196, Thl. II. S. 294.

 

 

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Erste Abtheil. Die hanseatische Zeit des Mittelalters.

 

äußeren Anlasses, um die schon vorhandene Spaltung zwischen den livländischen und den wendischen Städten zu einer vollkommenen Trennung zu bringen. Diese war in der Vernichtung des nowgorodischen Freistaats durch Iwan III. Wasseljewitsch (1478), so wie in der durch denselben Autokraten im Jahre 1498 vollzogenen Aufhebung des deutschen Hofs zu Nowgorod gegeben. — Durch diesen doppelten Akt der Selbstherrschaft ward eine große Vergangenheit zum Abschluß gebracht. Viele Hunderte von angesehenen Bürgern mußten in die Verbannung wandern, die nicht durch gewaltsam aus anderen Gegenden des Reichs an ihre Stelle gesetzte Unterthanen ersetzt werden konnten. — Eben diejenigen, durch die allein der alte Wohlstand sich wieder herstellen ließ, die deutschen Kaufleute des Hofs zu Nowgorod, wurden, statt ihre Vorrechte dem Bedürfniß der Zeit gemäß auf das billige Maß des Rechts zurückzuführen, ihrer Güter und ihrer persönlichen Freiheit beraubt. Somit war die bisher durch den deutschen Hof gesetzlich garantirte Verbindung der Deutschen mit Nowgorod aufgelöst, der Staat auf dem die Vermittlung Rußlands mit dem europäischen Westen beruhte, in Verfall gerathen und „der Brunnquell“ der hansischen Macht versiegt. — Fruchtlos waren die Bemühungen Lübecks, den nicht zu verschmerzenden Verlust durch Herstellung des Hofs zu Nowgorod wieder gut zu machen. — Ohne die hierauf bezüglichen Wünsche und Forderungen der Hanse sonderlich zu beachten, schlossen die livländischen Städte mit dem Beherrscher von Rußland einseitige, ihren besonderen Vortheil wahrende Verträge ab, begünstigten fortwährend den verbotenen Verkehr mit Engländern und Holländern und hoben factisch allen Verband mit dem Bunde auf, so daß dieser eines Gliedes nach dem anderen beraubt, macht- und kraftlos dastand, Livland aber selbst sich, als es im Jahre 1558 von Iwan IV. Wassiljewitsch mit Krieg überzogen ward, von unvermeidlichem Ruin bedroht sah.

 

Waren nun wirklich alle Fäden eines vernünftigen Zusammenhanges zwischen der in so vielen Beziehungen großen Vergangenheit des Mittelalters und der zunächst bevorstehenden Zukunft sinnlos abgeschnitten; hatte Rußland wirklich auch die Anfänge seiner Cultur wieder eingebüßt, sollte es auch die ihm benachbarten, es zu seiner Europäisirung führenden Culturländer

 

 

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Fünftes Cap. Absonderungsprincip u. Sonderinteressen

 

in die Barbarei und bodenloses Elend mit sich hinabziehen, war auch in diesen deutschen Communen selbst jenes großartige welthistorische Moment der Entwicklung von dem Particularismus so durch und durch zersetzt, so ganz und gar ertödtet; oder läßt sich nicht vielmehr auch hier jene ewige Metamorphose des stets aus dem Tode neues Leben gebärenden allwaltenden Weltgeistes nachweisen, der die wirksamen Urkräfte, die das Leben erzeugen, dem nur das Oberflächliche schauenden Auge im geheimnißvollen Moment der Schöpfung entzieht, um sie bald verjüngt in vollkommenerer Gestalt an das Licht emporzusenden?

 

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Zweite Abtheilung.

 

Neue Anfänge. Livlands Anschluß an die östlichen Großmächte: Polen, Schweden, Rußland.

 

 

 

Zweifelnd mag der Leser Bedenken tragen über den historischen Optimismus des Verfassers, wenn er die Resultate, zu denen wir jetzt gelangt sind, doppelte Auflösung, innere Zerrüttung des blühendsten Reichs im alten Rußland, Verfall der Hanse und des deutschen Hofs zu Nowgorod und Zerstörung der deutschen Ostseeprovinzen, mit dem zusammenhält, was von uns verheißen ward, als wir zuerst den Untergang von Nowgorod berührten: durch die deutschen Ostseeprovinzen zu erwartende Regeneration der durch die nowgorod-wisbysche Verbindung nur erst angebahnten und vorbereiteten Verhältnisse; er wird aber ohne Weiteres durch das factische Resultat der Gegenwart die Ansicht des Verfassers gerechtfertigt finden, wenn er erwägt, wie schon seitdem sie dem russischen Reiche einverleibt wurden, seit mehr als 100 Jahren diese deutschen Ostseeprovinzen die in ihnen liegende Bestimmung immer erfreulicher und bedeutungsvoller zu entwickeln und herauszustellen fortgefahren haben. Diese factische Gewißheit überhebt uns der trostlosen Aufgabe, dem anderthalb Jahrhundert, die ganze Zwischenzeit hindurch, vom Ende der Ordensherrschaft bis zur Vereinigung Livlands mit Rußland, währenden Gährungsproceß dieses isolirten Küstenlandes in all‘ seinen Einzelheiten nachzuspüren, und ebenso wenig verstatten uns die hier gesteckten Grenzen, ausführlich auf die von Iwan IV. Wassiljewitsch an, bis auf Peter den Großen, wenn auch nur spärlich sich kund thuenden Zeichen einer modernen Staatsbildung in Rußland aufmerksam zu machen; genug: auch die Zeit der Noth und der Drangsale war eine Zeit des Uebergangs; aus dem Untergang vergangener Größe gingen die Geburtswehen einer reicheren, vielumfassenderen Neuzeit hervor, und selbst der Despotismns, wenn er das Moment der Bewegung

 

 

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Zweite Abtheil. Neue Anfänge.

 

und des Fortschritts in sich schließt, ist besser, als eine in sich verdumpfte republicanische Anarchie.

 

Nowgorod wenigstens hatte seine Ausgabe schlecht gelöst und ein auffallendes Beispiel seiner nationalen Unmündigkeit und seiner geistigen Unfreiheit gegeben. Wenn irgendwo in Rußland, hätte sich in Nowgorod eine der europäischen Cultur sich annähernde nationale Bildung erzeugen müssen; durch den lebendigsten Verkehr mit dem Auslande mußten von allen Seiten die vorhandenen Keime geistiger Eigenthümlichkeit angeregt und zu eigenen Productionen geweckt werden; allein nicht einmal in den materiellen Gewerbszweigen, da doch der Russe sonst zu allen mechanischen Fertigkeiten ein angeborenes Talent besitzt, machte der Nowgoroder bedeutende Fortschritte; anstellig und gewandt im Handel und Verkehr, ließ er sich doch von dem Deutschen, dem alleinigen Herrn des Großhandels auf den Kleinhandel beschränken. Auch die Kirche blieb bei ihren griechisch-starren Formen, die selbst einer nur scholastischen Gelehrsamkeit entbehrten.

 

So zeigte sich, wie diese Nation nur durch eine strenge Zucht und Erziehung von oben aus allmälig auf den Weg geführt werden konnte, der als ein nothwendiger und unerläßlicher sämmtlichen Nationen vorgezeichnet zu sein scheint, die sich dem Christenthum als der Religion der Bewegung und des Fortschritts angeschlossen haben. — Keine Nation darf in ihrer natürlichen Gestalt, als solche, sich denjenigen ebenbürtig achten im Geiste, die zu Vorkämpfern der Geschichte sich dadurch erhoben, daß sie sämmtliche Culturstufen der Vergangenheit in sich aufnahmen, bis auch sie diese, durch das Heraustreten aus ihren nationalen Beschränktheiten sich angeeignet hat.

 

Das Streben diese Culturmomente der Vergangenheit ihrem noch unmündigen Volke mitzutheile, hat den Beherrschern von Rußland die absoluteste Macht verliehen, die je existirte und zugleich auch die stärkste, in so weit sich ihr Absolutismus lediglich auf das Princip der Bewegung und des Fortschritts begründete, und nicht, wie das anderen absoluten Staaten zum Vorwurf gemacht worden ist, wo der Absolutismus von der Geistlichkeit ausging, auf das der Retardation und Rückschritts. Auch hat dieser Staat, von Anfang seiner Erhebung an, dadurch vor allen westlichen Staaten einen außerordentlichen Vorsprung gehabt, daß

 

 

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Zweite Abtheil. Neue Anfänge.

 

er durch die ungeheuere Kluft der Intelligenz, durch die sich die Regierung über die Masse der nationalen Bevölkerung erhob, eine Kraft und Energie entwickelte, zu der es die westlichen Staaten, wegen der noch nicht in Einklang gebrachten ständischen Unterschiede und wegen ihrer freieren, organischen, daher langsam und stufenweise von innen heraus zum Leben gedeihenden, nachhaltigen Entwicklung noch nicht zu bringen vermochten. Die gesammte materielle Volkskraft war der russischen Regierung disponibel, indem sie allein die Intelligenz repräsentirte.

 

Das ist der Vorzug, den dieser Staat durch seine dem Westen entlehnte Bildung vor allen westlichen Staaten voraus hat, wodurch er sie alle an concentrirter Einheit und in seinen Beziehungen nach außen an Thatkraft überflügelt hat. Allein es findet auch noch ein anderer Hauptunterschied zwischen ihm und den westlichen Staaten statt, welcher den letzteren hinwiederum, wiewohl diese bei einer ihrem Wesen nach viel complicirteren Organisation nur viel langsamer zu wirkungsreicher Ruhe gelangen können, einen Vorzug vor jenem einräumt, der nicht minder zu beachten ist.

 

Es ist nicht zu leugnen, daß in Rußland im Grunde nur die Regierung den Staat ausmacht; sie allein ist im Besitz der Intelligenz, was sie für gut hält, kann daher nur auf mechanischem Wege durchgeführt werden *). Diese selbst, die Regierung, hat keine andere Garantie als die Macht, während bei den westlichen Staaten alles Dasjenige, was durch das Wort Staat bezeichnet wird,

 

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*) Dieser Satz, daß in Rußland der Staat von der Regierung ausgeht, mag in der folgenden die Herrschaft Iwans IV. charakterisirenden Stelle eines gleichzeitigen Chronisten seine Erläuterung und historische Begründung finden: „Leges, quibus utantur, paucas admotum habent, eamque fere solam, ut Principis voluntatem pro lege observent. De eo ita illis persuasum est, Metropolitis maxime opinionem hanc eorum iuvantibus, per Principem tamquam interpretem Deum suum coniungi, ac prout de Deo meriti sint, ita Principem vel benignum in se vel asperum esse. Itaque voluntati eius non secus ac divinae, seu turpia scu homesta, seu mala seu bona iubeat, omnibus in rebus parendum pro fidei decreto habent, illeque vitae ac necis omniumque rerum summam in suos potestatem obtinet. Quod ut ad potentiam comparandam conficiendaque bella maximum habet momentum, unum omnibus rebus summa cum auctoritate praeesse, omnia imperia solum administrare, eundem et consiliorum dominum et rerum omnium nuctorem esse; exiguo temporis spatio copias quam maximas cogere posse, fortinis civium ad potentiam suam stabiliendam pro suis uti; et quemadmodum iis rebus maxime auctoritas ac opes Mosci creverunt, ita crudelitas quoque eius ac dominandi asperitas vehementer confirmata est. Heidensteinii de bello Moscovitico Lib. I. Starczewski historiae Ruthenicae scriptores exteri, Vol. II. p. 95.

 

 

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Zweite Abtheil. Neue Anfänge.

 

nicht nur durch die Regierung repräsentirt wird, sondern mit dem Leben des Volkes selbst verwachsen ist. Es ist nicht zu verkennen, daß die russische Regierung unwillkürlich diesen Mangel an Gleichheit aufzuheben sich stets gedrungen gefühlt und das noch aufzuklärende Volksbewußtsein mit ihren europäisirenden Bestrebungen in Uebereinstimmung und Einklang zu bringen sich, gewissermaßen genöthigt gesehen hat. Dies geht deutlich aus ihren Bemühungen hervor, von Anfang an, als sie sich der Aufgabe bewußt wurde, die ihr als Repräsentantin des Staates oblag, nicht nur Ausländer, vornehmlich Deutsche, Künstler und Gelehrte, Staats- und Geschäftsmänner, Handwerker und freie Landleute mit allen Rechten ihrer ausländischen Unterthanschaft ins Land zu ziehen, um die noch mangelnde Volksbildung anzuregen, sondern daß sie vorzüglich auch darnach trachtete, gerade die Provinzen, durch welche bisher die Ausgleichung mit dem cultivirten Auslande statt gefunden hatte, die Ostseeprovinzen, dem russischen Staatskörper einzuverleiben, mit Zusicherung und Garantie aller Rechte und Privilegien, kurz der gesammten Verfassung, durch welche dieselben sich zu einer von der russischen Nation noch nicht erreichten Culturstufe erhoben hatten.

 

Durch diese staatskluge Maxime der russischen Regierung gewannen die Ostseeprovinzen, die während der langen Zuckungen und Krämpfe, unter denen in ganz Europa die Geburten der neuen Staaten aus dem aufgelösten Zustande des Mittelalters hervorgingen, sich selbst verloren zu haben schienen, auf einmal eine neue, würdigere Stellung. Anfangs war es allerdings zweifelhaft, ob ihnen von Rußland dieses ihr natürliches Recht würde gehalten werden; darum sträubten sie sich anderthalb Jahrhunderte lang, die ihnen von der Natur selbst angewiesene Stellung einzunehmen, und mit Recht: denn die bis dahin so heterogen sich abstoßenden Theile mußten erst Zeit gewinnen, ihre gegenseitige Stellung zu einander zu begreifen, und die Möglichkeit einer harmonischen Vereinigung vorzubereiten.

 

Die endlich durch Peter den Großen durchgesetzte Vereinigung Rußlands mit den Ostseeprovinzen als Basis einer vernünftigen Zukunft angenommen, läßt sich die Zeit von der beginnenden Trennung Livlands von der Hanse und vom Untergange des Ordensstaates bis zur Vereinigung mit Rußland, als eine Zeit

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

der Versuche das Rechte zu finden, ansehen, und sowohl um diese Ansicht zu rechtfertigen, als auch um die Nothwendigkeit dieser Versuche selbst darzuthun und durch das Chaos der Zerstörung den Gang der Fortentwicklung nachzuweisen, mag es uns verstattet sein, die so bezeichnete Uebergangsepoche der livländischem Geschichte, wenn auch nur nach ihren Hauptumrissen, dem Leser ins Gedächtniß zurückzurufen.

 

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Erstes Capitel.

 

Abfall Livlands von der deutschen Hanse und Untergang des livländischen Ordensstaates.

 

 

Der Untergang des livländischen Ordensstaates, durch den Verfall der Hanse veranlaßt, stand mit dem damaligen Zustande des deutschen Reichs in nahem Zusammenhang. Bei der allgemeinen Umgestaltung der Dinge trat während des Uebergangs vom Mittelalter in die neuere Zeit das Neue mit dem Alten in so schroffen Gegensatz, daß das deutsche Reich darüber, statt wie die übrigen neuen Staaten sich in seiner nationalen Einheit zusammenzufassen, wie es schien, für immer auseinanderbrach. Und so mußte auch dort, wo die mittelalterlichen Gegensätze am ausgebildetesten sich gegenüber standen, ohne durch ein angestammtes Oberhaupt vermittelt zu werden, im deutschen Osten, in Preußen und in Livland das Reich die ersten schmerzlichen Wunden erhalten. Preußen war zum Theil einer fremden, auch slawischen Macht anheim gefallen, Livland aber wurde das Opfer mehrerer, und verschwindet, auf eine lange Reihe von Jahren, durch vernichtenden Krieg in seiner Existenz bedroht und in beständiger Schwankung zwischen den es umzingelnden Hauptmächten gehalten, aus der Reihe der in der europäischen Staatenentwicklung einen selbstständigen Platz behauptenden Länder. Und wie durch seine unmittelbare Berührung mit dem Auslande der Handelsstand den Pulsschlag des sich neu entwickelnden europäischen Lebens zuerst in sich empfinden mußte, so nahm auch die Auflösung der alten Verhältnisse mit ihm ihren Anfang. Da das Monopol, das die Hanse im Hofe zu Nowgorod ausgeübt hatte, natürlich von den fremden Holländern und Engländern nicht beachtet wurde, und diese, statt der den Hansen bei Verlust von Ehre, Gut und hansischem Recht gebotenen Fahrt durch Livland, den verbotenen Weg

 

 

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Erstes Cap. Untergang des livländischen Qrdensstaates.

 

über Wiburg und Stockholm einschlugen, und die Deutschen selbst anfingen, ihre hansischen Statute zu umgehen, so machten die Livländer bald keinen Unterschied mehr zwischen Hansen und Fremden, sondern gingen einzig und allein ihrem Vortheil nach. Die hansischen Beschlüsse gemeinsamer Gesandtschaften an den russischen Großfürsten, welche die Wiederherstellung der Niederlage zu Nowgorod bezweckten, ließen sie sich nicht sehr angelegen sein *); dagegen brachten im Jahre 1509 Meister, Bischöfe und Städte von Livland mit Wasilii Iwanowitsch einen einseitigen Vertrag zu Stande, zu Folge dessen sicheres Geleit im Verkehr für die Unterthanen beider Theile ausbedungen wurde, die Russen aber, namentlich die Nowgoroder und die Pleskower, bei der Ausfuhr aus Livland nur einer kleinen Abgabe unterworfen werden sollten. Aehnliche Verträge schlossen die Livländer auch in den Jahren 1517 und 1521, ohne Einwilligung der übrigen Städte, mit Nowgorod und Pleskow ab, und im Jahre 1540 fingen sie sogar an den Grundsatz, daß Gast mit Gast in Livland nicht handeln dürfe, ganz gegen alles Herkommen auch auf die Hanseaten auszudehnen, „indem diese fernerhin nicht mehr unmittelbar bei ihnen mit den Russen verkehren, sondern gleich allen anderen Fremden von den Kaufleuten der livländischen Städte abhängig sein und ihrer Zwischenhand sich bedienen sollten, wodurch die letzteren dann Herren des Preises und des ganzen Verkehrs wurden.“ **) Als aber im Jahre 1549 von den Hanseaten aufs Neue eine Gesandtschaft wegen Errichtung des Comptoirs zu Nowgorod beschlossen ward, deren Kosten durch einen Pfundzoll in Livland zusammengebracht werden sollten, setzten sich vornehmlich Riga und Dorpat entschieden dagegen, indem sie erklärten, „im russischen Staate sei keine Ordnung, die Großen beraubten die Fremden, und die russischen Kaufleute kauften jetzt selbst von den Bauern das Pelzwerk; man werde nicht mehr vermögen, daß

 

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*) S. die Recesse von den Jahren 1506, 1507, 1511, 1525 und 1538 bei Sartorius Gesch. des hanseatischen Bundes, Thl. III. S. 192, 197 und 198. Auch der Brief, den die wendischen Städte im Jahre 1539 an die livländischen Städte und an den Zaar von Rußland schrieben, blieb ohne Erfolg. In demselben baten sie im Namen der 73 Hansestädte um Wiederherstellung der Niederlage zu Nowgorod, „da diese dem russischen Reiche so ersprießlich gewesen, und auch den russischen Namen in fremden Landen bekannt gemacht habe.“ Sartorius, Thl. III. S. 198.

**) Ebendas. S. 199.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

die Russen die Waaren auf die wieder zu errichtende Niederlage zu Nowgorod brächten. — Nicht aus Eigennutz widersetze es sich, gab Riga vor: es habe wenig Handel nach Nowgorod, mehr nach Pleskow und Smolensk.“ Und eben so widerstrebend äußerte sich diese Stadt in den Jahren 1553 und 1554 im Namen aller livländischen Städte, „sie, die Livländer, könnten keinen Pfundzoll bei sich zugeben, da so viel fremde Nationen, die bei ihnen des Handels wegen erschienen, dadurch aufgebracht werden würden. Sie widerriethen eine Gesandtschaft nach Rußland, da dort kein Recht gelte. Sie sprächen gegen die Errichtung des Comptoirs, da die von Smolensk und Pleskow ohnehin ungehindert mit ihren Gütern nach Livland kämen, und da, wenn jene Niederlage auch wirklich wieder errichtet würde, man dennoch die Russen nicht werde vermögen können, dahin vorzugs- oder ausschließungsweise ihre Güter zu bringen, indem sie über Polen mit den Oberdeutschen, namentlich den Augsburgern und Nürnbergern, einen Handel angeknüpft hätten.“ Und weit entfernt, den Hanseaten, auf ihr wiederholt ausgesprochenes Verlangen, in Livland selbst eine Erleichterung im russischen Verkehr zu verstatten, zwangen sie dieselben vielmehr, „wenn sie mit ihren Gütern bei ihnen anlangten, diese zu bestimmten, ihnen vorgeschriebenen Preisen zu verkaufen. Hamburg klagte, daß man den Ihrigen den freien Salzhandel störe, daß sie einen Verlust von 100,000 Gulden auf diese Weise erlitten hätten. Alle Vorstellungen aber, welche die Hanse bei den Städten und dem Meister von Livland gegen dies unerhörte, unbrüderliche Verfahren machten, blieben fruchtlos.“ *) Denn wirklich waren die livländischen Städte bei diesem Versuche, sich von den für die Fortentwicklung der neueren Zeit nicht mehr passenden und in einen mittelalterlichen Kastenzwang ausartenden mercantilen Verhältnissen und Interessen zu emancipiren, nicht schlecht gefahren; vielmehr waren sie auf dem besten Wege ihr Ziel zu erreichen. „Der Handel,“ so meldet ein gleichzeitiger Berichterstatter, „schlug sich also, nach der Zerstörung des Comptoirs von Nowgorod, wieder nach Riga, Reval und Dörpt, wodurch die Städte bis zum Jahre 1550 sehr angewachsen.“ **)

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*) Derselbe S. 202, 204 und 205.
**) Nyenstädt‘s Livländische Chronik in den Monumentis Livoniae Antiquae, Band II. S. 40. Arndt, Livl. Chronik. Thl. II. S. 158.

 

 

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Erstes Cap. Untergang des livländischen Ordensstaates.

 

Allein viel schwieriger sah es mit der Reorganisation der inneren Verhältnisse in diesen Provinzen aus. Schon von dem Ursprunge ihrer Colonisation an schrieben sich hier die inneren Zerwürfnisse zwischen der Geistlichkeit und dem Ritterorden her. Das Verhältniß beider Stände zu einander war von Hause aus ein verfehltes, während es in Preußen in umgekehrter Weise sich herausstellte, indem hier durch die Machtsprüche der Päpste selbst der Stand, auf dem die Erhaltung des Staates vorzugsweise beruhte auch dem anderen, dem geistlichen übergeordnet wurde. Neuen Zündstoff hatte zu dem schon glimmenden Brande das Licht der neuen Lehre hinzugetragen. Zu groß war die innere Gährung, als daß diese nur durch ihren Handel blühenden Küstenländer dem drohenden Andrang einer großen Landmacht hätten widerstehen können.

 

Schon im Jahre 1480 hatte Iwan III. Wassiljewitsch einen Einfall in Livland gemacht, Fellin und Tarwast erobert, viele Bewohner in die Gefangenschaft geführt und die ganze Gegend weit und breit verwüstet. Im Jahre 1499 erneuerten die Russen ihre Raubzüge um Narwa, Dorpat und Oesel herum *). Doch damals stand Livlands ruhmgekrönter Meister, der ritterliche Walther von Plettenberg, dem geängstigten Lande als rettender Beschützer zur Seite (1494 - 1535) und zeigte mit seinen „eisernen Männern“ was Einsicht, Kraft und Muth über die ungeordnete Masse vermag.

 

In Folge seines glänzenden Sieges bei Pleskow **) (13. September 1502) wurde dem livländischen Ordensstaate ein funfzigjähriger Friede zu Theil. Während dieser Ruhezeit fuhr Wassilii IV. Iwanowitsch, in derselben strengen Weise seines Vaters fort, den neuen Staat durch Sicherstellung vor äußeren und inneren Feinden und durch Aufnahme europäischer Bildungselemente zu befestigen. „Pskow wurde auch des Schattens von Freiheit beraubt, welchen ihm wegen bereitwilliger Unterwerfung sein Vater noch gelassen hatte“ ***) (1509). Durch die Eroberung von Smolensk (1514)

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*) Arndt S. 159 und 175.

**) In dieser Schlacht standen 7000 Mann Reiterei, 1500 deutsche Knechte, 5000 kurische und lettische und einige hundert ehstnische Bauern 90,000 Mann Russen gegenüber, von denen 40,000 geblieben sein sollen. Gadebusch, livländische Jahrbücher Thl. I. Absch. II. S. 263.

***) Ewers, Geschichte der Russen, S. 203.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

stärkte der Großfürst sich gegen Polen, und mit der Unterwerfung des Fürsten von Severien verschwand das letzte Theilfürstenthum in Rußland (1523). Des mit Livland abgeschlossenen Handelsvertrages ist bereits Erwähnung geschehen; auch mit anderen Fürsten des Auslandes wurden Verbindungen angeknüpft und die Dänen im Handel den deutschen Hansestädten gleich gestellt *).

 

Wenn nun dieser schon damals riesenhafte Staat, in dem nur ein Wille existirte, seine ganze Kraft nach außen wandte und unverrückt sein Ziel verfolgte, mußte er nicht durch das bloße Schrecken der Macht siegen, noch ehe seine Heerschaaren sich in Bewegung setzten, den Feind zu erdrücken?

 

Iwan IV. Wassiljewitsch, der Grausame, brach schon als vierzehnjähriger Jüngling mit energischer Strenge den aristokratischen Uebermuth seiner Großen (1544). Als er hierauf, mit Hülfe des von ihm errichteten stehenden Heeres der Strelitzen Kasan erobert (1552) und Astrachan in Besitz genommen hatte (1554), rückte er, um seinem lang verhaltenen Groll Luft zu machen, drohend gegen die Küsten der Ostsee heran.

 

Mit Recht argwöhnend, daß der russische Zaar die Bemühungen, sein Reich emporzubringen, einseitig zunächst nur den Zweigen der Cultur zuwenden werde, die sich unmittelbar zur Vermehrung der ihnen gefährlichen Macht benutzen ließen, hatten die Livländer durch Hermann von Brugeney, Plettenbergs Nachfolger, bei dem Kaiser Karl V. die Erlaubniß ausgewirkt, daß den Gelehrten, Künstlern und Handwerkern, welche sich Iwan IV., 300 an der Zahl, aus Deutschland verschrieben hatte, die denselben schon ausgefertigten Pässe in Lübeck wieder abgenommen würden (1547). Hiezu kam das Verbot des deutschen Kaisers, Metalle, Panzer oder andere Kriegsbedürfnisse nach Rußland einzuführen (1553). Als daher die Livländer den Bedingungen des im Jahre 1554 durch ihre Gesandten auf 15 Jahre erneuerten Waffenstillstandes nicht nachkamen, indem der Bischof von Dorpat sich weigerte, den nach drei Jahren zu zahlenden Glaubenszins mit den rückständigen Schulden abzutragen, wurde durch Iwan IV., der mit gewaltiger Heeresmacht raschen Schritts Narwa (12. Mai 1558), Neuhausen, Wesenberg, Oberpahlen, Ringen und Dorpat (19. Juli) eroberte *), die sofortige Auflösung des gealterten Ordensstaats herbeigeführt.

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*) Ewers im a. W. S. 204

 

 

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Erstes Cap. Untergang des livländischen Ordensstaates.

 

 

Nicht im Stande, sich selbst zu erhalten, denn so eingewurzelt war der tödtliche Haß zwischen dem Erzbischof von Riga und dem Ordensmeister von Livland, daß auch die drohendste Gefahr den Ausbruch des bürgerlichen Krieges nicht verhindert hatte (1556), blieb den livländischen Ständen nichts anderes übrig, als sich den fremden Nachbaren freiwillig in die Arme zu werfen, von denen sie mehr Schutz und Gerechtigkeit glaubten erwarten zu dürfen, als vom russischen Zaar, welcher Dorpat bei seiner Unterweisung zwar all‘ seine Privilegien und Rechte vollkommen anerkannte, nichts destoweniger aber wenige Jahre darnach die angesehensten Bürger dieser Stadt wegen Verdachts der Untreue nach Sibirien, Kasan und Astrachan abführen ließ **) (1564).

 

Schon im August 1559 schloß Gotthard Kettler, der letzte Herrmeister, mit dem König Sigismund August von Polen zu Wilna einen vorläufigen Vertrag ab, vermöge dessen er sich selbst mit seinem Orden und seinen Ordensländern in des Königs Schutz begab; im folgenden Jahre verkaufte der Bischof Münchhausen von Oesel und Pilten seine Bisthümer an den Herzog Magnus von Holstein, den Bruder des Königs Friedrich II. von Dänemark, wodurch die Insel Oesel bis zu ihrer im Frieden zu Bremsebrö (1645) erfolgten Abtretung an Schweden mit der Krone Dänemark verbunden ward, und am 4. und 6. Juni desselben Jahres, leisteten, unter Zusicherung ihrer Rechte und Verfassung, die Ritterschaft des Herzogthums Ehstland und die Bürgerschaft der Stadt Neval Gustav Wasa‘s Sohn, Erich XIV., König von Schweden, die Huldigung. — Hierauf kamen auch die durch Kettler, den Erzbischof von Riga, Wilhelm Markgraf zu Brandenburg, und die Abgeordneten der Städte und Stände Livlands auf dem Reichstag zu Wilna mit dem König von Polen erneuerten Unterhandlungen am 19. October 1561 zum Abschluß. Der Ordensmeister Gotthard erhielt als erblicher Herzog von Kurland und Semgallen das am diesseitigen Ufer der Düna gelegene Ordensland, Sigismund August aber die noch übrigen Länder des Ordens am rechten Ufer der Düna. —

 

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*) Arndt, Livl. Chronik, Thl. II. S. 282. Gadebusch, Livl. Jahrb., I. S. 430
**) Kelch, livländische Historia, S. 235.

 

 

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62

 

Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

So also war das alte Livland, worunter man während der Ordensherrschaft die drei heutigen Tages unter dem Namen der deutschen Ostseeprovinzen des russischen Reichs zusammengefaßten Provinzen zu verstehen pflegte, in fünf verschiedene Herrschaften zerfallen, von denen die drei wichtigsten, Polen, Schweden und Russen, ihre Ansprüche auf alleinigen Besitz gegenseitig geltend zu machen suchten. — Am meisten hatte während des Wechsels der nun folgenden Kämpfe, das eigentliche Livland zu leiden. Diese Provinz, in der Mitte zwischen Kurland und Ehstland gelegen und durch ihren Handel bedeutender als ihre beiden Schwestern, machte von jeher den Mittelpunkt der diesen drei Provinzen gemeinsamen Landesgeschichte aus. Darum werden wir auch fernerhin nur an diese Provinz in der weiteren Entwicklung unserer Aufgabe uns vorzugsweise halten können.

 

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Zweiter Kapitel.

 

Polnische Herrschaft.

 

Am 28. November des Jahres 1561 unterschrieb und beschwor Sigismund August II., König von Polen, das nach ihm seinen Namen tragende Privilegium Sigismundi Augusti. Da dasselbe von der Zeit seiner Ertheilung an, bis auf den heutigen Tag, von Herrschern und Beherrschten als der Grund- und Eckstein der livländischen Landesverfassung angesehen worden ist, halten wir es nicht für überflüssig, den Leser auf die Hauptpuncte desselben ausdrücklich aufmerksam zu machen:

 

I. Die Ritterschaft bittet: daß unangetastet und unverletzlich gelassen werde die Religion, welche sie nach den evangelischen und apostolischen Schriften der reinen Kirche, nach den Beschlüssen der nicänischen Kirchenversammlung und nach der augsburgischen Confession bisher bewahrt habe, und daß sie niemals durch irgend ein Gebot, Censurspruch oder Hinzusetzung einer geistlichen oder weltlichen Gerichtsbarkeit, darin bedrückt oder beunruhigt werde; widrigenfalls sie sich vorbehalte, nach der Regel der heiligen Schrift, welche will, daß man Gott mehr gehorchen soll, als den Menschen,

 

 

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Zweites Cap. Politische Herrschaft.

 

ihre Religion und die gewohnten Kirchengebräuche aufrecht zu erhalten, und aus keinem Grunde davon im Geringsten abzuweichen.

 

IV. Da nichts das gemeine Wesen so sehr erschüttern kann, als Veränderung der Gesetze, Gewohnheiten und Gebräuche, so haben Ew. K. M. schon im Voraus durch den Fürsten Nic. Radzivil die schriftliche Versicherung ertheilt, daß die Provinz und alle Stände bei deutscher Obrigkeit und eigenem deutschen Rechte (jura Germanorum propria et consueta) erhalten werden solle. Ueberdies aber wird gebeten, daß, zur Abfassung eines eigenen Provinzialrechts aus den Gewohnheiten, Privilegien und gefällten Urtheilen, im Rechte Wohlbewanderte durch den König erwählt werden, welche den von ihnen abgefaßten Entwurf nach Beistimmung der gemeinsamen Stände Livlands dem Könige zur Anerkennung, Bestätigung und Bekanntmachung unterlegen.

 

V. Nur Eingeborenen und Wohlbesitzlichen sind Würden, Aemter und Hauptmannschaften zu übertragen.

 

VI. Wiewohl das Mittel der Appellation an den königlichen Thron ein Hoheitsrecht ist, so wäre es wünschenswerth und wird gebeten, daß um der Bequemlichkeit willen ein höchster Gerichtshof für ganz Livland in Riga durch von der Ritterschaft aus Eingeborenen zu erwählende, vom Könige aber zu bestätigende Richter gebildet werde, von dem nur in sehr wichtigen Sachen an den König unmittelbar, bei Strafe der frivole appellantes, gegangen werden dürfe.

 

VIII. Die Eingesessenen erhalten das Recht, Gesammthandsverträge (Erbverbrüderungen) zu errichten, wie überhaupt ungehinderter Disposition über ihre Besitzungen.

 

X. Der eingesessene Adel erhält das Erbfolgerecht in gerader und Seitenlinie, auf männliche und weibliche Anverwandte.

 

XI. Der König übernimmt die Livländer bei dem römischen Kaiser und dem deutschen Reiche zu vertreten, ne censura Imperii publica aliave infami nota vexemur etc.

 

XVIII. Kein Fürst, keine Behörde darf ohne richterliche Entscheidung nach vorgängigem ordentlichen Proceß adelige oder andere Einwohner ihres Vermögens u. s. w. berauben , sondern jeder

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

soll sein Recht vor dem ordentlichen Gerichte oder Landtage betreiben *).

 

Durch diese Zusicherungen und durch die übrigen Bestimmungen des ertheilten Privilegiums vor aller Willkür geschützt, so wie durch Anschluß an ein großes und mächtiges Reich, das bald, durch Stephan Bathoris sieggekrönten Feldzug, wieder in den Besitz des ganzen Stromgebiets der Düna kam, auch in seinen mercantilen Interessen sicher gestellt, hätte Livland einer neuen Blüthe der Cultur und des Wohlstandes entgegenreifen müssen; allein wie ließe sich wohl erwarten, daß Fremde Aufrechthaltung ihres angeborenen Rechts bei einer Nation finden würden, welche weder aus Pietät für einen angeerbten Herrscher zu willenlosem Gehorsam geneigt, noch durch die Ehrfurcht vor dem Gesetz in sich selbst einen Halt findend, die Eitelkeit einer sich selbst genügenden, beschränkten Nationalität und Individualität bis zu dem Grade steigerte, daß sich sogar die Willkür des Einzelnen, sich über den Willen des Ganzen zu setzen, gesetzlich für befugt hielt?

 

Im richtigen Vorgefühl der unabwendbaren Beeinträchtigungen wußte Riga zwar fast zwanzig Jahre lang, bis zu der am 14. Januar 1581 erfolgten Unterwerfung als freie Stadt die polnische Oberherrschaft von sich abzuwehren, doch länger vermochte es, alleinstehend, nicht dem allgemeinen Loos zu entgehen, das die Provinz, freilich nicht ohne selbst die erste Veranlassung und Gelegenheit dazu gegeben zu haben, schon seit längerer Zeit erduldete. Denn mit der Verwaltung des Herzogs von Kurland, Gotthard Kettlers, unzufrieden, hatte der Adel im Jahre 1567 den König um einen polnischen Gouverneur gebeten, der ihm alsbald in der Person des Großmarschalls von Litthauen, Johann von Chodkiewicz gegeben wurde. Und nun blieben auch die Folgen von diesem Schritte nicht lange aus. Mit dem polnischen Gouverneur zogen auch polnische Verwaltung und Regierungsweise in Livland ein, und während Polen, Schweden und Russen sich mit ausgesuchter Grausamkeit bekriegten, hatte das unglückliche, doppelt und dreifach gepeinigte Land alle Marter einer herrschsüchtigen, argwöhnischen, sich ihrer Herrschaft nicht sicher fühlenden

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*) S. „Die livländischen Landesprivilegien und deren Confirmationen,“ S. 28 - 32, und Arndt‘s livländische Chronik, Thl. II. S. 279 – 289.

 

 

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Zweites Cap. Polnische Herrschaft

 

Regierung zu erdulden, und wiewohl zu Folge des im Jahre 1580 zwischen Stephan Bathori mit seinem Schwager, dem Könige Johann III. von Schweden, geschlossenen Bündnisses der weit um sich greifende Zaar von Nußland, bald wieder zurückgedrängt, auch Wesenberg, Habsal, Narwa und Iwangorod an Schweden verlor und Dorpat den Polen räumen mußte, so traten doch diese nun erst mit ihren Anmaßungen um so frecher hervor.

 

Auch in Livland zeigte sich die durch die Jesuiten herbeigeführte Reaction des restaurirten Katholicismus wirksam. Der tapfere und gelehrte König Stephan war in dieser Beziehung mit dem Schein eines eifrigen Proselyten ganz den Wünschen seiner Polen zu Willen. In dem am 10. Januar 1582 zwischen Stephan und Iwan IV. zu Sapolski abgeschlossenen Frieden, durch welchen Rußland auf alle seine livländischen Besitzungen zu Gunsten Polens verzichtete, wurde auf Betreiben des berechnenden Jesuiten Possevin auf die kriegsgefangenen Livländer als Ketzer, und um den Adligen unter ihnen nicht ihre Güter wieder einräumen zu müssen, keine Rücksicht genommen. Viele von ihnen starben im Elende, hunderte siedelten sich später, da ihnen dies zur Bedingung der Freiheit gemacht wurde, im Innern von Rußland an.

 

Kaum hatte hierauf der König Stephan (12. März 1582), gefolgt von dem Großkanzler Zamoisky, vielen Senatoren und anderen polnischen und lithauischen Großen seinen Einzug in Riga gehalten, als er ohne Scheu mit seinen entnationalisirenden Plänen hervortrat. Die Jacobikirche mußte den Polen eingeräumt werden , das Marien-Magdalenenkloster wurde in ein Jesuitencollegium verwandelt, Jesuiten mußte man auch in Kokenhufen und Dorpat aufnehmen, und in Wenden ließ der König sogar sein neues , katholisches Bisthum einrichten und ausstatten *).

 

Behufs einer consequenten Durchführung seiner Maßregeln wurde alsbald durch die livländischen Satzungen, vom 4. December 1582 (constitutiones Livoniae) das Land nach polnischer Weise in Woiwodschaften und Starosteien eingetheilt und die Handhabung der Justiz im gemeinen Leben den Castellanen zu Wenden, Pernau und Dorpat übertragen, wogegen die Rechte

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*) Vgl. auch „die livländischen Landesprivilegien und deren Confirmation“ ; S. 41

 

 

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

des Adels auf den Landtagen und in den Landgerichten eine genauere Erörterung und engere Begrenzung erlitten. — Im März des folgenden Jahres endlich (1583) eröffnete im Namen des Königs der Gouverneur Radziwil, Cardinal und zeitheriger Bischof von Wilna, dem auf dem Landtage zu Riga versammelten Adel und sämmtlichen Ständen: daß seine königliche Majestät die Belehnungen, Verschenkungen und Verpfändungen der Schloßhöfe und Dörfer in Livland, die von dem Administrator Joh. Chodkiewicz ausgegangen seien, nicht gedächten für gültig und genehm zu halten, doch sollten alle älteren Belehnungen der Erzbischöfe zu Riga und der Herrmeister bestätigt werden, bis auf die, welche der letzte Erzbischof, Wilhelm, Markgraf zu Brandenburg, und der letzte Herrmeister, Gotthard Kettler, ertheilt hatten. Als hierauf im Januar 1584 die livländischen Deputirten sich nach Wilna begaben, um auf dem Reichstag daselbst über diese ihnen drohenden und die schon erlittenen, verletzenden Beeinträchtigungen ihrer Landesrechte, ihres Eigenthums, ihrer Personen und ihres Glaubens Beschwerde zu führen , mußten sie, statt Recht zu finden, noch den Hohn erdulden, daß der Sohn des Großschatzmeisters von Lithauen, ein zehnjähriger Knabe, in einer zierlich gesetzten Willkommensrede den König also anredete: „Se. Majestät möge doch jetzt nach rühmlichst erlangtem Frieden mit den Russen, nicht länger säumen, Dasjenige ins Werk zu setzen, wovon ihn der russische Krieg bisher zurückgehalten habe, und die ketzerischen Transmarinos, so sich in Livland gesammelt hätten, gänzlich auszurotten und wieder übers Meer treiben, um die Lithauer und Polen in den Besitz dieses schönen Landes zu setzen.“ In dem Sinn dieser Rede wurde die auf dem oben erwähnten livländischen Landtage gleichfalls schon von dem Cardinal Radziwil angekündigte allgemeine Revision der Landgüter in Ausführung gebracht. — Vorzüglich hatte der König Stephan es darauf abgesehen, die Güter der im dörptschen Kreise während der russischen Zwischenherrschaft aus ihren Besitzthümern vertriebenen Edelleute zur königlichen Domänenverwaltung zu schlagen; aber auch viele polnische und lithauische Große erhielten aus Gnade und Gunstbezeigung bedeutende Schenkungen.

 

Während so das Land das Aergste erfahren mußte, ging es

 

 

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Zweites Cap. Polnische Herrschaft.

 

in den Städten nicht besser her. Im höchsten Grade zog die Bürgerschaft von Riga den Zorn des Königs auf sich, als sie durch die polnisch-katholischen Umtriebe zu tumultuarischen Excessen verleitet, am 27. Juni und am 1. Juli 1586 den Secretair Tastius und den Stadtsyndiens Welling hatte enthaupten lassen, weil diese sich von dem Verdachte, Urheber und Anstifter von der Uebergabe der Jacobikirche gewesen zu sein, nicht hatten reinigen können. Stephan erklärte den dieser Umtriebe wegen nach Grodno beschiedenen Deputirten der Stadt rund heraus (26. November), daß all‘ ihre Transacten und Privilegien null und nichtig und ihnen hinfüro alle Hoffnung, zu Gnade zu kommen, benommen sein solle, als er, in Folge eines epileptischen Anfalls, eines raschen Todes starb, am 2. December 1586 *).

 

Als hierauf am 20. Juni 1587 sämmtliche Stände auf dem Reichstage zu Warschau zur Wahl eines neuen Königs zusammen traten, ergriffen die livländischen Städte und die Abgeordneten des Adels auch diese Gelegenheit, über die heillosen Eingriffes in ihre Landesrechte Klage zu erheben. Besonders die letzteren führten die energischste Sprache, indem sie erklärten, vor Gericht sei ihnen die Zunge gebunden, im eigenen Vaterlande zwänge man sie als Vertriebene umherzuirren, die deutsche Nation und Sprache in Livland suche man zu unterdrücken und auszurotten, doch werde nichts sie schrecken, ihre Noth und ihre Qual ungescheut und offen vorzutragen, zumal die Redefreiheit nicht das geringste Stück der politischen Freiheit sei **). - Doch erfolglos verhalten ihre Worte. - In Riga schritten hierauf Giese und Brinken tollkühn zur That, und trieben Jesuiten zum Thore hinaus, während in Warschau Sigismund, der katholisch erzogene Sohn Johanns III. von Schweden, durch die Bemühungen seiner Mutterschwester, der verwittweten Königin Anna von Polen, und des Großkanzlers Zamoiski, über seinen Mitbewerber, Maximilian von Oestreich, den Sieg davontrug. — Was Schweden von diesem Sigismund fürchtete, hatte Livland in der That unter seiner Regierung in vollem Maße zu erdulden. Nicht nur in Riga wurden die Jesuiten wieder eingesetzt (1591), auch auf dem Lande vertrieb man lutherische Prediger, um ihre Kirchen

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*) Kelch, livländesche Historia, S. 421.
**) Kelch, livländische Historia, S. 426.

 

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

katholischen Pfaffen einzuräumen, die, hiermit nicht begnügt, auf den Bau neuer Kapellen drangen. In Bezug auf den Güterbesitz aber war schon im März 1589 auf dem Reichstage zu Warschau beschlossen worden, daß sowohl eingeborene Livländer, wie auch Andere, die ihnen geschenkten Domänengüter auf Lebenszeit behalten, die übrigen vom Adel jedoch nur im Besitz der Güter, mit welchen sie bis auf die Zeit des Erzbischofs Wilhelm belehnt worden, bestätigt werden sollten. —

 

Das Verkehrte hielten die Polen und ihr König für das Rechte, und in ihrer Verkehrtheit schienen sie nicht begreifen zu wollen, dass eine Regierung, deren Witz nur im Zerstören des nationalen Lebens besteht, dessen Organ sie sein soll, sich selbst aufhebt. — Nach dem Tode Johanns III. (17. November 1592) vereinigte Sigismund die Reiche Schweden und Polen, deren Grenzen durch die zu beiden gehörigen Provinzen Ehst- und Livland sich berührten. Doch des angeerbten Reiches Schweden ging der gewählte Polenkönig, den seine religiösen Grundsätze das wahre Bedürfnis seiner Nation verkennen ließen, durch die entscheidende Schlacht von Stangbrö (1598) verlustig, und nun mußte sich der Krieg unmittelbar auf die Nebenländer hinübenspielen. Nachdem Karl von Südermanland, der im Jahre 1594 von den schwedischen Ständen zum Reichsvorsteher ernannte Oheim des Königs Sigismund, auch die in Finnland dem letzteren noch ergebene Partei auf seine Seite gebracht hatte, nahm er sofort Narwa in Besitz (1599), und im folgenden Jahre erklärte, wiederholt dazu aufgefordert, ganz Ehstland nebst der Stadt Reval, sich von dem Reiche Schweden nicht trennen zu wollen, wogegen dem ehstländischen Adel am 13. September die (später von Gustav Adolf aufs Neue den 17. September 1613 und den 24. November 1613 bekräftigte) völlige Bestätigung aller adeligen Freiheiten, Privilegien, Gerichte, Gerechtigkeiten, Recesse und löblichen Landesgewohnheiten von dem Herzog Karl ertheilt ward *). Doch nicht einmal jetzt, zur Zeit der drohendsten Gefahr mochten die Polen sich mäßigen in ihrer Habsucht. Durch die im Jahre 1599 vom König Sigismund niedergesetzte Revisionscommission wurde eine nicht geringe Anzahl livländischer Edelleute, welchen

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*) Friebe, Handbuch der Geschichte Liv-, Ehst- und Kurlands, Bd. IV. S. 122.

 

 

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Zweites Cap. Polnische Herrschaft

 

man bisher noch ihr Eigenthum gelassen, ihrer Güter beraubt; zu Grunde gerichtet wie sie waren, suchten und fanden sie Schutz bei Boris Godunow, dem Zaar von Rußland *). Wie weit aber die Barbarei gegangen sein muß, läßt sich daraus abnehmen, daß im dörptschen Kreise, dem, wie schon bemerkt, am ärgsten mitgespielt war, „kaum fünf oder sechs eingeborene Livländer, laut den noch vorhandenen Protokollen, Güter besaßen, welche sie durch Dokumente, die ihr Kauf- oder Erbrecht bewiesen, den gierigen Händen der Polen entrissen hatten. Alles übrige waren königliche Domänen oder verschenkte Güter“ **).

 

Unter solchen Umständen konnte es dem Herzog Karl nicht schwer fallen, auch in Livland sich Anhang zu verschaffen. Seine Armee wuchs, kurze Zeit nachdem er mit ihr die Grenzen dieses Landes betreten hatte, aufs Doppelte an, die Stadt Pernau und die Schlösser Salis, Oberpahlen, Lais und Fellin mußten sich ergeben, und einem dreimaligen Sturm konnte auch Dünaburg nicht widerstehen. Bald darauf fielen Wenden, Wolmar, Lemsal, Uerkull und Dorpat (1. Januar 1601) in die Hände der siegreichen Schweden. Doch trotz dieser anfänglich so günstigen Erfolge, war es dem Herzog Karl, der im März 1604 endlich die mehrmals ausgeschlagene Krone von den Ständen annahm, nicht vorbehalten, das begonnene Werk zu Ende zu führen. Die Polen zogen neue Verstärkungen an sich, nahmen in den Jahren 1602 und 1603 unter ihren Feldherren Zamoiski und Chodkiewicz fast ganz Livland wieder in Besitz und hätten nach der bedeutenden Niederlage, welche Karl IX. bei Kirchholm erlitt (27. September 1605), die Schweden mit leichter Mühe selbst aus Ehstland verdrängen können, wenn nicht alle ihre Kräfte, durch die in Rußland nachdem Absterben des rurikschen Mannsstammes ausbrechenden dimitrischen Verwirrungen, wären in Anspruch genommen worden. Nachdem aber auch die Russen sich der Polen erledigt und den inneren Frieden durch Erhebung Michael Feodorowitsch Romanows (1613) wieder hergestellt hatten, war auf dem schwedischen Thron Karl IX. Gustav Adolf gefolgt, der zur Entscheidung der größten Weltgeschicke berufen, in dem wieder aufgenommenen Kriege mit Rußland und Polen der Welt zeigte,

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*) Kelch, livländische Historia, S. 470.
**) Friebe im a. W., Bd. III. S. 305.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

was die Zukunft von ihm zu erwarten habe. Durch sein entschlossenes Vordringen und die Belagerung von Pleskow erzwang sich der junge König den vortheilhaften Frieden von Stolbova (18. Februar 1617), zu Folge dessen Kerholm und Ingermanland an Schweden kamen, Ehstland also mit Finnland in unmittelbare Verbindung gesetzt; die Russen aber von den Küsten der Ostsee gänzlich ausgeschlossen wurden. Von dieser Seite sicher gestellt, benutzte Gustaf Adolf die gewonnene Kraft, sich gegen seinen persönlichen Erbfeind, Sigismund von Polen, zu rüsten, und da dieser einen billigen Frieden hartnäckig verweigerte, ließ er im Jahre 1621 eine Armee von 20,000 Mann bei Dünamünde landen, mit welcher er nach fünfwöchentlicher Belagerung Riga zur Uebergabe zwang (16. September). So sehr aber auch diese Stadt sowohl jetzt, wie schon früher, die Besitznahme Livlands den Schweden durch ihre tapfere Gegenwehr erschwert hatte; so ließ ihr neuer Beherrscher sie den geleisteten Widerstand doch nicht anders entgelten, als daß er bei der Bestätigung der Privilegien die huldreiche Mahnung hinzufügte, es möge dieselbe mit gleicher Treue, wie sie an Polen gehalten, fortan auch der schwedischen Krone sich ergeben zeigen. — Als hierauf Sigismund, trotz der erlittenen Verluste, sich nicht milder stimmen ließ, sondern sogar Anstalten traf, von Danzig aus nach Schweden überzusetzen (1622), erschien Gustav Adolf im Jahre 1625 aufs Neue in Livland, und jetzt gelang es ihm, in kurzer Zelt, nach der Eroberung Dorpats (18. August) und einiger kleinen Flecken und Schlösser, sich in Besitz fast der ganzen Provinz zu setzen.

 

Um jedoch diese Eroberung als eine gesicherte, der schwedischen Krone bleibende, ansehen zu können, dazu sollten erst die nicht weniger glücklichen Erfolge führen, welche des Königs Kriegsunternehmungen in Preußen begleiteten. Denn nachdem er im Juli des Jahres 1626 mit 26,000 Mann bei Pillau gelandet war und, ehe sich die Polen dessen versahen, Braunsberg, Frauenburg, Elbingen, Marienburg, Derschau, Stumm und Christberg in seine Gewalt gebracht hatte, erlangte er durch den drei Jahre darauf im December 1629 bei Altmark in Westpreußen auf sechs Jahre geschlossenen Waffenstillstand, daß, gegen Rückgabe eines Theiles der genannten Städte Preußens, die Schweden Alles, was sie in Livland besaßen, behalten sollten.

 

 

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Drittes Cap. Schwedische Herrschaft.

 

Somit würden wir, da den letzteren dieser Besitz für die gänzliche Räumung der preußischen Eroberungen durch den im Jahre 1635 den 12. September erneuerten, sechs und zwanzigjährigen Waffenstillstandes zu Stummsdorf gelassen, durch den Frieden von Oliva im Jahre 1660 aber förmlich anerkannt wurde, das genannte Jahr 1629 als das der factischen Verzichtsleistung der Polen auf Livland zu bezeichnen haben, wenn gleich die recht- und vertragsmäßige Vereinigung des Herzogthums Livland mit Schweden, schon von der am 12. und 13. Juli 1602 durch den Herzog Karl von Südermanland den gesammten Ständen von Livland zugesicherten und confirmirten Landesverfassung zu datiren ist *).

 

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Drittes Capitel.

 

Schwedische Herrschaft.

 

Fragen wir nun nach dem Unterschied zwischen der neuen Herrschaft und der politischen, so stellt sich dieser keineswegs in einem zu Gunsten der ersteren besonders vortheilhaften Lichte heraus. Schwedens großer König zwar, der Livland seinem Reiche einverleibte, that für den Wohlstand dieser Provinz, was er konnte; allein der Glanz seines Ruhmes riß die ihm nachfolgenden Regenten in einer Bahn fort, in der sie weder sich noch ihr Reich zu halten vermochten. Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts lag allenthalben, so weit die Wirkungen und Gegenwirkungen des Reformationswerkes reichten, die Aristokratie im Kampf auf Leben und Tod mit der obersten Staatsgewalt. Auch Schweden, in seiner inneren Organisation von der gefährlichsten Krisis bedroht, und außer Stande, für die fremden Theile des Reichs uneigennützige Sorge zu tragen, sog den neueroberten Ländern, die erst zu einem Ganzen mit ihm verwachsen sollten, die letzten Kräfte aus, statt ihnen mit gesundem und frischem Blut neue Lebenswärme zuzuführen. — Gustav Adolf freilich hatte das Eine, worauf es vor Allem ankam, wohl in Obacht genommen. Sitte, Recht und Wissenschaft sollten im

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*) Vgl. die livländischen Landesprivilegien etc., S. 55 ff.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

verwilderten Livland das gesunkene, in seinen Grundfesten zerrüttete Leben wieder emporbringen. Noch während seiner dortigen Anwesenheit ließ er es sich angelegen sein, die Instandsetzung der Kirchen in Liv- und Ehstland pflichtgetreuen Behörden und ihren Vorständen, den neuerrichteten Consistorien mit ihren Superintendenten anzuvertrauen. Durch eine verbesserte Gerichtsordnung half er nicht minder einem tief gefühlten Bedürfniß ab. Im Jahre 1630 wurde zu Dorpat ein Hofgericht niedergesetzt, das nebst dem Präsidenten und Vicepräsidenten mit sechs adeligen und eben so viel bürgerlichen Beisitzern besetzt ward. Diesem untergeordnet wurden nach der Zahl der damaligen Kreise vier Landgerichte in Riga, Wenden, Dorpat und Pernau, und drei Schloßgerichte in Riga, Kokenhusen und Dorpat. Nachdem endlich in den Jahren 1630 und 31 durch Errichtung von Gymnasien und Bürgerschulen zu Reval, Riga und Dorpat auch das heranwachsende Geschlecht väterlich bedacht war, unterzeichnete Gustav Adolf, der Glaubensheld in Wort und That, um diesen Bestrebungen den Schlußsteins aufzusetzen, noch wenige Monate vor seinem Tode am 30. Juni 1632 im Feldlager bei Nürnberg, wo er Wallenstein gegenüber stand, den Fundationsbrief der Universität Dorpat, welche in allen Stücken der ersten Universität des Reichs Upsala, gleich gestellt, bald darauf eröffnet wurde.

 

Allein trotz dieser wohlthätigen Maaßregeln, hatte unter eben dieser Regierung ein schon von den Polen verschuldetes Uebel noch tiefer Wurzel fassen können, das nicht anders auszurotten war, als indem man die Axt an den Baum legte, mit dem Sturz der Schwedenherrschaft. — Weder Sitte und Recht noch Wissenschaft können bestehen und gedeihen, wenn sie nicht auf dem ungemischten Boden einer unverletzbaren Nationalität angebaut werden. Gustav Adolf aber hatte ein durchaus fremdes Element in den livländischen Landstaat gebracht, indem er fast alle Domänen schwedischen Grafen und Freiherrn schenkte, und während Christinens Minderjährigkeit nahm dieser Uebelstand noch dadurch zu, daß auch die noch übrigen Domänen ebenfalls (und zwar nach dem norkiobingischen, dem Privilegium Sigismund Augusts durchaus zuwiderlaufenden Reichstagsschluß vom Jahre 1604) verlehnt oder verschenkt wurden, so daß zu ihrer Zeit die Hälfte oder gering gerechnet der dritte Theil von Livland

 

 

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Drittes Cap. Schwedische Herrschaft.

 

aus schwedischen Grafschaften und Baronieen bestand. — Diese schwedischen Donatarien *) standen, als stimmfähige Mitglieder der schwedischen Reichsversammlung von der jetzt (1637) zu einer engeren Vereinigung zusammentretenden Corporation der livländischen Ritterschaft getrennt, völlig außerhalb der Verfassung des Herzogthums Livland, welches dem Olivaer Frieden gemäß auch fernerhin auf Grundlage seiner Privilegien einen eigenen und abgesonderten „Landstaat“ bilden sollte. Und sogar auch an den gemeinschaftlichen Lasten weigerten diese Donatarien sich Theil zu nehmen; nicht einmal der gewöhnliche auf ihren Gütern lastende Roßdienst und die sogenannte Station, eine Abgabe an Korn und Heu, war von ihnen zu erlangen, die Kosten aber des Festungsbaues in Riga bürdeten sie den Livländern allein auf.

 

Solcher von der schwedischen Aristokratie ausgehenden Unordnung, welche durch die ohnehin schon große, aus den kostspieligen Kriegen entstandenen Finanznoth in Schweden noch immer mehr gesteigert wurde, mußte durch energische Mittel abgeholfen werden. Schon beim Regierungsantritte Karl Gustavs (1655) war daher von den schwedischen Reichsständen beschlossen worden, daß der Adel den vierten Theil der Güter, welche er seit dem Tode Gustav Adolfs an sich gerissen hatte, wieder herausgeben sollte. Nur die grossen Kriegsunternehmungen dieses kühnen Königs ließen es nicht zur Ausführung des gefaßten Beschlusses kommen, der überdies in den deutschen Besitzungen und in Liv- und Ehstland nur nach Maßgabe der besonderen, diesen Ländern ertheilten Privilegien in Anwendung gebracht werden sollte; wenn gleich Karl Gustav trotz dieser Bestimmung auch hierin seinem eigenen Sinn folgen zu wollen schien. — Während er im Begriff stand das polnische Reich umzustürzen, fiel der Zaar Alexei Michailowitsch mit einer Armee von 120,000 Mann in Ehst- und Livland ein, rückte mit 60,000 Mann vor Riga, das sich mit einer Besatzung von 5000 Mann sechs Wochen lang mit dem rühmlichsten Erfolge vertheidigte (vom 21. August bis zum 5. October) und zwang Dorpat zur Uebergabe. Als man aber in dieser Noth Karl Gustav um Hülfe und Beistand bat und zugleich um die Bestätigung der Privilegien nachsuchte,

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*) Friebe im a. W. Bd. IV. S. 178 und 179.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

antwortete er: „Schweden habe jetzt so viele Feinde, daß es nicht an Livland allein denken könne, was die Privilegien beträfe, so wäre es auch Zeit sie nach erfolgtem Frieden zu bestätigen, wenn dem Könige vorher der Eid der Treue wäre geleistet worden“ *).

 

Den höchsten Grad aber erreichten die unerträglichen Bedrückungen der Gouverneure, die unerschwinglichen Auflagen der Regierung, das unerhört rechtswidrige System des Königs unter Karl XI., der über den Staat dachte, nicht wie nach ihm Friedrich der Große, sondern wie mit ihm Ludwig XIV. Doch freilich ist auch dieses System untadelhaft und unangreifbar, wenn die höchste Regierungsweisheit in einem abstracten, schlechthin unbedingten Gehorsam der Unterthanen ihren Schwerpunkt hat. — Nach der Niederlage, die ihm der große Kurfürst bei Fehrbellin beigebracht hatte (1675), unternahm dieser König es, die Macht der Regierung auf Kosten des Wohlstandes seiner Unterthanen zu begründen. Dem schwedischen Adel nahm er mit Bewilligung der übrigen Stände, der Bauern, der Bürger und der Geistlichkeit, welche nichts dabei zu verlieren hatten, die Güter weg, die jener unter den früheren Regierungen, Theils durch Kauf an sich gebracht, Theils geschenkt erhalten hatte. — An diesen schwedischen Reichstagsschluß war der livländische Landstaat nicht gebunden. Auch hatte der König überdies im Jahre 1678 den livländischen Deputirten, welche über die von den schwedischen Donatarien ausgehenden Bedrückungen der kleineren Gutsbesitzer Beschwerde führten, und um Nachlaß der zu den bewilligten Abgaben noch dazu verlangten Hälfte aller Erndteeinkünfte baten, eine Generalconfirmation über alle Erb-Lehn und Pfandgüter so wie über sämmtliche Privilegien, Rechte und Freiheiten, Immunitäten, Gewohnheiten und Ritterrechte ertheilt und ins Besondere zu versichern geruht, daß keine in Schweden von dortigen Ständen bewilligte Reduction, mit der man die Livländer bedrohen möchte, in Livland vorgenommen, daß alle Landesbedienungen blos von Eingeboenen besetzt werden und dass überhaupt nichts Anderes geschehen sollte, als was mit der Ritterschaft in Livland besonders würde abgehandelt werden **). Nichts destoweniger ging der König hier noch weiter als in Schweden. Doch konnte anfänglich, als auch in Livland,

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*) Friebe im a. W., Bd. IV. S. 242.
**) Rechtliches Responium in peinlichen Sachen wider Etiche von der Liefländischen Ritterschaft, und in Sonderheit wider Herrn Capitain Joh. Reinhold Patkul, gedruckt im Jahre 1701, S. 8.

 

 

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Drittes Cap. Schwedische Herrschaft.

 

aber nur mit den Besitzungen der schwedischen Grafen und Barone die Reduktion vorgenommen wurde, die livländische Ritterschaft hiegegen nichts einzuwenden haben. Indessen erging alsbald ein Decret, daß überhaupt alle Besitzer der Lehngüter, welche nach norkiobingischem Beschluß verschenkt waren, ihre Güter räumen sollten und zwar auch dann, wenn die gegenwärtigen Besitzer diese Güter durch Kauf oder Pfandschaft aus den Händen des ersten Besitzers an sich gebracht hatten, nur daß diesen die zehnjährige Nutzung ihrer Güter bis zu der dann förmlich erfolgenden Abtretung an die schwedische Krone, als Ersatz für den Werth derselben anzusetzen, verstattet sein sollte.

 

Und doch hatten viele livländische Edelleute schon während der Regierung der Königin Christine gegen Erlegung einer bestimmten Summe ihre Güter für allodial erklären lassen *). Die Ritterschaft machte daher zu wiederholten Malen (1681, 1685, 1687) die gemessensten Vorstellungen gegen diese erzwungene Entäußerung ihres Eigenthums, doch wurden diese entweder gar nicht beachtet oder mit den Zeichen und den Worten der höchsten Ungnade zurückgewiesen, und statt der zu erwartenden Ermäßigung ließ Karl XI. vielmehr ohne vorhergegangene Mittheilung an den livländischen Adel im Jahre 1688 einen Befehl ergehen, kraft dessen alle Güter ohne Ausnahme, die zu irgend einer Zeit dem Staat gehört hätten (d. h. alle die überhaupt seit der Lehnsherrschaft des Ritterordens existirten) der Reduction unterworfen werden sollten. Als daher im folgenden Jahre der König von der Ritterschaft verlangte, sie solle Behufs einer Revision der Privilegien ihre Deputirten nach Stockholm senden, wurden zu diesem Ende der Landrath Gustav Budberg und der Capitain Reinhold Patkul ernannt und nebst der Wahrung der Landesrechte ins Besondere gegen die vorgenommene Reduction der Güter aufs Neue nach bestem Vermögen Einsprache zu thun, beauftragt. Zum Empfang mußten diese Deputirten von den Ministern des Königs vernehmen: daß das Privilegium Sigismund Augusts,, das im Frieden von Oliva aufs Neue in Kraft getreten war, ein nichtiges Document sei und nächstens ganz und

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*) Friebe im a. W. Bd. IV. S. 196.

 

 

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gar kassirt werden würde. — Bei dieser Erklärung konnte freilich die Klage der Deputation nicht in Betracht kommen, daß nicht allein die alten Tafelgüter, sondern auch der größte Theil der Privatgüter und also wirklich fünf Sechstheile des Landes zur Domäne geschlagen würden, und daß, wenn die Reduction angedeuteter Maßen annoch in polnische und herrmeisterliche Zeiten zurückgesetzt werden sollte, bald ohne Ausnahme Niemand mehr in seinem Eigenthum verbleiben könnte *). Bei diesem Stand der Sachen ließ die Ritterschaft am 30. Mai 1692 eine auf allgemeinem Landtag beschlossene und von den Landräthen und dem Landmarschall unterschriebene Bittschrift nach Stockholm an den König abgehen, in der es unter Anderem heißt: „die Noth und das Elend ihres armen Vaterlandes sei so groß, daß sie (die Edelleute) sich schämten ihren Zustand zu erzählen; ihr Elend erwachse daraus, daß man sie nicht allein ihres durch Geld, getreue Dienste, Blut und Leben erworbenen Eigenthums beharrlich entsetze, sondern daß man ihnen sogar unter solchen Verhängnissen auch sämmtliche Mobilien wegnehme und nicht einmal so viel von dem Verlorenen lassen wolle, daß sie Leib und Leben erhalten könnten. — Mancher, der Güter wohl mehr denn 20,000 Thaler an Werth besessen und solche durch die Reduction verloren habe, könne sich nicht einmal die Arrende dieser Güter auswirken, wenn er gleich so gut wie ein Anderer das Ausbedungene leisten könne und wolle, — und mit Thränen müßten sie versichern, welchergestalt einer nach dem Andern sich aus seinem Vaterlande, darinnen er und seine Vorfahren seit vielen Jahrhunderten her in Ehren und Wohlstand gesessen, sich wegzubegeben und die benachbarten Grenzen zur Sicherheit und Unterhalt seines Lebens mit Weib und Kindern zu suchen, genöthigt werde. Zudem werde die Arrende so hoch angerechnet, daß wenn einer, nur um unter Dach zu sein, sich sein reducirtes Gut zur Arrende erbäte, auch das noch von Jahr zu Jahr zusetzen müsse, was er an Mobilien besitze, und zu ihrem Gram müßten sie ferner hören, daß ihr Elend manchem unbedachtsamen Menschen ein Liedlein in ihren Zusammenkünften sei, und man sich nicht scheue öffentlich zu sagen, daß in zehn Jahren kein Deutscher mehr in diesem Lande sein werde.

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*) Rechtliches Responsum u. s. w. S. 18.

 

 

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Drittes Cap. Schwedische Herrschaft.

 

Dergestalt könnten sie nicht mithin zu bekennen, daß der Ritterschaft hinfüro bei so anwachsenden mannichfaltigen Drangsalen, Beides, in dem Zeitlichen und Ewigen, ihr Vaterland fast ein Ekel werden müsse. Sie schlossen endlich diese trübselige Eingabe mit der Versicherung, daß sie alle ins Gesammt, wenn sie diese ihnen bis an die Seele gehenden schweren Lasten und Unglücksfälle betrachteten, nichts Anderes vor Augen hätten, als Auswandern aus dem Vaterlande, wozu ja bereits schon so viele wären gebracht worden. Ja sie könnten Sr. Königl. Maj. allerunterthänigst versichern, daß, wenn ihnen der allerhöchste Gott die Wahl hätte anheim stellen wollen, entweder schwere Kriege von den sonst benachbarten Feinden, oder diese kummervollen Zeiten zu ertragen, sie nach der Erfahrung von Beidem nicht wüßten, ob sie nicht jene für diese zu erwählen würden Ursache gehabt haben.

 

Und was war der Erfolg dieser Vorstellung? — daß die energischsten Vertheidiger vaterländischer Rechte als Hochverräther behandelt wurden, die Ritterschaft aber ihrer althergebrachten, wohlbegründeten Verfassung und aller Rechte eines freien und selbstständigen Standes verlustig ging (1694). Das waren unter Karl XI. von Schweden Livlands Geschicke. Der für die livländischen Zustände damaliger Zeit theilnehmende Leser mag aus den von uns dieser Abhandlung beigefügten Ausschriften des Freiherrn Schoulz von Ascheraden trefflichem, immer noch ungedruckten „Versuch über die Geschichte von Livland und dessen Staatsrecht“ ausführlichere Kunde schöpfen *). Was erfolgte, ist bekannt. Bald nach Karls XI. Tode (1697) kam es zur völkerrechtlichen Entscheidung. Der patriotische Patkul zwar fiel als Opfer seiner ehrenfesten Standhaftigkeit, Karl der Zwölfte aber, der ritterlich für den Ruhm eines großartigen Heldenmuths sein Reich aufs Spiel setzte, mußte Beides, Lohn und Verlust, hinnehmen , wie seine Thaten es verdienten.

 

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Schlußbetrachtung.

 

Russische Herrschaft.

 

Peter der Große erreichte das Ziel, welchem seit mehr denn zwei Jahrhunderten die Beherrscher von Russland nachgestrebt hatten.

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*) S. das Vorwort.

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

Wie in der Geschichte des Mittelalters das Reich der Franken das erste ist, welches von Chlodwig an durch seine Tendenz nach außen die Möglichkeit einer europäischen Gesammtstaatsentwicklung vorbereitete, bis Karl der Große durch Zusammenfassung seines Reichs die Einheit der romanisch-germanischen Völkerentwicklung zuerst factisch, im Großen darstellte, so schien es von Iwan III. Wassiliewitsch an, die Aufgabe der Regenten Rußlands zu sein, in dem slawischen Osten die diesem abgehenden mittelalterlichen Culturmomente durch Aufnahme und Bevorzugung westeuropäischer Ansiedler nachträglich hineinzuschaffen und das nicht zur Entwicklung gekommene, durch die Tartarenherrschaft völlig absorbirte Warägerthum durch neue Fermente zu ersetzen.

 

Diese Tendenz der Europäisirung ist, um es wiederholt zu sagen, das Fundament des russischen Absolutismus und seine Stärke, wie andrerseits ein nicht zu übersehender Grund des Verfalls von Polen in der Ausstoßung des Germanismus lag.

 

Peter der Große, mit scharfem Blick die Bedürfnisse seiner Nation erkennend, gab ihr selbst zuerst das Beispiel der Vereinbarkeit slawischer Nationalität mit europäischer Bildung, er selbst ließ es sich, ihr zu dieser Mittel und Wege zu weisen, als sein höchstes Lebensziel angelegen sein. Durch Einverleibung der Küstenländer der Ostsee gab er seinem Reiche nicht nur eine sichere materielle Basis, sondern indem er den unterworfenen Provinzen sämmtliche unter schwedischer Herrschaft verletzte und geschändete Rechte aufs Neue und auf ewiges Zeiten unverbrüchlich zusicherte *), bereitete er auch für die spätere Zukunft die Möglichkeit eines stetig wachsenden Zuflusses geistiger Kräfte vor, welche in einer ungestörten Entwicklung ihres national-deutschen Lebens den Urquell, aus dem sie entsprungen waren, sich rein und ungetrübt erhalten konnten. Es ist hier nicht der Ort ausführlich auseinanderzusetzen, welch‘ ungeheueren Antheil bei der Leitung der russischen Staatsmaschine die Ausländer überhaupt von Peter des Großen Zeit an, und vorzugsweise die Deutschen, und unter diesen die Bewohner der Ostseeprovinzen gehabt haben; auch ist es nicht unsres Amtes der werdenden Geschichte, die der That angehört, mit Worten vorzugreifen: wir Mitlebende alle sind dazu berufen,

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*) S. „Die livländischen Landesprivilegien und deren Confirmationen“, S. 126 – 146.

 

 

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Schlußbetrachtung. Russische Herrschaft.

 

auf die Zeichen der Zeit Acht zu haben. Doch billigend werde anerkannt, was auch von den Nachfolgern Peters des Großen im Geistes ihres großen Vorgängers ausgeführt worden ist, um auf der von der Geschichte vorgezeichneten Bahn der Entwicklung fortzuschreiten. Petersburg am Ausfluß der majestätischen Newa gelegen, durch das dazu gehörige Finnland von der Gefahr befreit, sich wie Nowgorod vom Ausgang seiner überseeischen Verbindungen abgeschnitten zu sehen, unmittelbar ins Meer hinausschauend und den Schiffen aller Nationen zugänglich, ist ein zweites Nowgorod geworden, das für den russischen Coloß dasselbe ist, was Nowgorod für sich war. Und Livland, diese in den ruhen Osten vorgeschobene Mark des Deutschthums, der durch ihre unmittelbare Vereinigung mit Russland freilich zur Zeit nur die Möglichkeit eines freien Handels in Aussicht gestellt ist, kann noch heut zu Tage als großartige Erweiterung des fast verschollenen Hofs der Deutschen zu Nowgorod angesehen werden.

 

Während der nowgorod-wisbyschen Zeit hatte der geistige Einfluß deutscher Nationalität auf die slawische nur ein indirekter sein können, durch die Vereinigung Rußlands aber mit den deutschen Ostseeprovinzen hat sich dieser deutsche Einfluß auch von hier aus seit geraumer Zeit schon geltend gemacht. Und in diesen Beziehung darf die Bedeutung der vom Kaiser Alexander I. neu gestifteten Universität Dorpat, die bisher den Namen einer deutschen nicht unrühmlich behauptet hat, nicht zu gering angeschlagen werden. Auch hat noch die gegenwärtige Regierung den Grundsatz, die Russen durch die Deutschen zu bilden, um ein nahe liegendes Beispiel zu wählen, praktisch dadurch anerkannt, daß auf kaiserlichen Befehl theils zu Professoren bestimmte Russen zu ihrer Vorbildung nach Dorpat geschickt, theils aber auch deutsche Zöglinge der Universität Dorpat zu Professoren an den russischen Universitäten ernannt worden sind. Hierin sehen wir die Möglichkeit der Vereinigung verschiedener Nationalitäten innerhalb eines Staats gegeben. Wenn daher häufig die Ansicht ausgesprochen worden ist, daß in einem Staate nur eine Sprache herrschen solle, oder hinwiederum, daß das Gebiet einer Sprache sich auch zu einem Staate zusammenfassen müsse; so können wir diesen Satz nur bedingungsweise gelten lassen. Es ist nicht zu leugnen, daß das Princip der Staatseinheit, in beschränktem Sinn gefaßt,

 

 

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Zweite Abtheil. Livland unter den östlichen Großmächten.

 

das einem größeren Staate unterworfene fremde Staatsgebiet häufig in eine aller nationalen Selbstständigkeit, Kraft und Freiheit ermangelnde Zwittergestalt umwandelt; andrerseits aber ist nicht zu verkennen, daß kein Mittel geeigneter sein kann, einen Staat von verderblicher Stagnation abzuhalten oder zurückzubringen und das Princip universellen Lebens zur Entwickelung zu bringen, als die Verbindung verschiedener Sprachgebiete innerhalb eines Staates, so nämlich, daß einem jeden sein göttliches Recht heilig und unverletzt gehalten wird. Ist dies der Fall, wird die eigene Nationalität nicht verletzt, so kann die Berührung mit den fremden nicht anders als wohlthätig wirken. Der Geist allein ist es, der ohne Zwang herrscht. Innerhalb eines Volks müssen die Volksdialecte der Schriftsprache weichen; über unentwickelte Nationen machen sich die gebildeteren Sprachen geltend. Doch nie ist eine auf diese Weise ihren milden Einfluß ausübende Sprache so despotisch aufgetreten, daß sie eine wirklich große nach eigener Bildung ringende Nation, zum Dank für ihr humanes Entgegenkommen ihrer Nationalität beraubt hätte. Wir Deutsche sind trotz des lateinischen Papstthums und der griechischen Schulen weder Lateiner noch Griechen geworden, aber wir haben das Römer- und das Griechenthum in uns aufgenommen. Ebenso wenig würden die Russen von der deutschen Sprache für ihre Nationalität zu fürchten haben. Wenn aber umgekehrt in neuester Zeit mehrfach die Befürchtung laut geworden ist, als beabsichtige die russische Regierung eine planmäßige Entnationalisirung und Russificirung der Deutschen in den Ostseeprovinzen; so kann der Verfasser dieses Entwurfs einer Darstellung der nowgorod-wisbyschen und livländisch-russischen Angelegenheiten nicht umhin die Ueberzeugug auszusprechen, daß dem die wahren Bedürfnisse seiner russischen und seiner deutschen Unterthanen mit gleicher Liebe umfassenden Herrscherauge die Mittel nicht fehlen werden, diese ebenso wichtige als schwierige Aufgabe der Politik der Gegenwart, die Vereinbarung verschiedener Nationalitäten innerhalb Eines Staates, einem glücklichen und der natürlichen Lage der Dinge entsprechenden Ziele entgegen zu führen.

 

 

 

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Des Freiherrn

Fr. Schoulz von Ascheraden
Geschichte der Reduction in Livland

 

unter der Regierung Karls XI.,

Königs von Schweden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle:

 

Dr. Ernst Herrmann. Beiträge zur Geschichte des russischen Reiches. S. I-XXVI.,1-80

I. Ueber die Verbindung Nowgorods mit Wisby und der Deutschen mit den Russen.

Leipzig, 1843. Verlag der J. C. Hinrichsschen Buchhandlung.

 

Bildnachweis: Eingefügte Fotos wurden beim FABL-Besuch des Europäischen Hansemuseums in Lübeck im Oktober 2018 aufgenommen.