____

Die Aufnahmen des Magdeburger Doms stammen aus 2016. Die Bezeichnung der Aufnahmen im Chorumgang ist an das Werk von Joachim Fait: Das Danielbuch in Stein - Deutung und Bedeutung der Kapitellbilder im Chorumgang des Magdeburger Domes. Evangelische Verlagsanstalt GmbH Berlin 1986 angelehnt.

 

 

 

Dom-Custos Brandt 1866 über die Kapitelle des Doms

Einige Worte über die Kapitäle des Doms zu Magdeburg.

Vom Dom-Custos Brandt.

 

Die Kapitäle am Dom zu Magdeburg verdienen, abgesehen von der an ihnen sichtbaren Mannigfaltigkeit der Erfindung, Sauberkeit und Feinheit in der Ausführung, auch deshalb eine sorgfältigere Betrachtung, weil sie aus verschiedenen Zeiten des Mittelalters, aus dem Zeitraum von etwa 1210 bis 1300 stammen und daher in ihren Formen und Ornamenten uns eine fast vollständige Geschichte der Veränderung und Ausbildung des gothischen Kapitäls überhaupt geben können. Indem wir diesen Standpunkt hier festhalten, übergehen wir die an ihnen häufig vorkommenden symbolischen Figuren, und legen auf die muthmaßliche Bedeutung derselben, welche schon an einem andern Orte besprochen ist, *) kein Gewicht, wir wollen uns vielmehr nur kurz mit der Entwickelung der Kapitälformen und deren Verzierungen beschäftigen und dabei besonders hervorheben, wie diese in ihren Uebergängen aus dem romanischen in den gothischen Baustil neben einander in derselben Kirche vorkommen.

Der erste von Otto dem Großen im zehnten Jahrhundert erbaute Dom war im Jahre 1207 ein Raub der Flammen geworden und das stehengebliebene Mauerwerk wurde schon im folgenden Jahre abgebrochen, um für den Neubau Platz zu gewinnen. Die von Otto gebaute Kirche scheint ein Prachtbau gewesen zu sein, da historisch fest steht, daß dieser Regent aus Italien werthvolles Material, namentlich Marmorsäulen, zur Ausschmückung des Doms schickte.

____

*) Der Dom zu Magdeburg von Brandt. Magdeburg bei E. Baensch 1863. S. 45 ff.

____

-32-

Schon im Jahre 1208, nach andern Nachrichten 1210, fing der Erzbischof Albert den neuen Dom zu bauen an, und zwar, wie bei allen großen Kirchen, welche man nicht gleichzeitig in allen ihren Theilen in die Höhe führen konnte, mit dem Chore, um nur erst für die Stiftsherren einen heiligen Ort für ihren Gottesdienst zu gewinnen.

 

 

Hier, besonders in dem fünfseitigen Chorschluß, stellte man die aus dem ersten Dom geretteten antiken Säulen, welche aus polirtem ägyptischen Granit, aus Porphyr und Marmor gearbeitet sind, wieder auf, gab ihnen aber, um Schaft und Kapitäl in Einklang zu bringen, ein Kapitäl mit den bekannten Akanthusblättern, wie man diese an antiken korinthischen Bauten findet. — Diese Kapitäle mußten wir, weil ihre Ornamente in die vorgothische Zeit gehören, hier zuerst erwähnen, obgleich sie für unsern speziellen Zweck nicht weiter in Betracht kommen können.

Die romanische Bauweise hatte das Würfelkapitäl angewandt mit seinen nach unten laufenden abgeschrägten Ecken, welche die Vermittlung mit der sich nach oben mehr oder weniger verjüngenden Säule bildeten. Die einfachen Ornamente auf diesem Kubus bestanden anfangs nur aus krummen Linien, meistens Kreissegmenten; nur vereinzelt treten Bildwerke, welche aber auch nur sculptirten Zeichnungen gleichsehen, auf, wie z. B. die Symbole der Evangelisten an vier Kapitälen der Krypta des Brandenburger Doms. In ihren Ornamenten mehr ausgebildet sind schon die romanischen Kapitäle in dem südlichen Theile unsers Domkreuzganges aus der Zeit von 1130. Ihre verschieden gebildeten, dem Kern des Kapitäls anliegenden Blattformen sind schon tief eingeschnitten und neben ihnen finden wir sogar einige Male Thierfiguren und Darstellungen aus der Thierfabel.

 

 

Gegen das Ende des 12. Jahrhunderts, also am Anfange der Uebergangsperiode, wo die ersten Elemente des mehr in die Höhe strebenden gothischen Stils, wenn auch noch unsicher und inconsequent, sichtbar werden, ändert sich auch die Form des Kapitäls: an die Stelle des Würfels tritt der mehr gestreckte Kelch. Solche Kelchkapitäle finden wir im Dom besonders an den Außenseiten der fünf Chorkapellen, welche mit dem Chore, dem Querschiffe und einem Theile des Langschiffes um 1210 zu bauen angefangen wurden. Im Innern des Chores ist der Würfel halbirt und statt der

____

-33-

abgeschrägten Ecken stellt sich unter diesen die Vase dar, sowohl an den Rundstäben, als an den Pfeilern, an welchen nun ein vollkommener Kapitälkranz entsteht. Die Verzierungen an allen diesen Kapitälen bestehen aus Arabesken, jenem phantastischen Blatt- und Rankenwerk, welches man vorsätzlich dem Naturblatte nicht nachbildete, und von dem man behauptet, daß es von den Saracenen oder Arabern in ihren Prachtbauten zuerst angewandt, und von diesen während der Kreuzzüge auch in die christliche Baukunst des Abendlandes übergegangen wäre. — Diese Arabesken sind in unserm Dom, wie in gleichem Grade vielleicht in keiner anderen Kirche, mit außerordentlichem Geschick und Fleiße gemacht, an vielen Stellen ganz hohl und frei von dem festen Kapitälkerne gearbeitet, so wie mit dem größten Scharfsinn erfunden, so daß ihre Mannigfaltigkeit sich allein dadurch erklären läßt, daß beim Bau der alten Kirchen der Obermeister zwar die Form des Kapitäls bestimmte, die Verzierungen aber den unter ihm arbeitenden geschickten Meistern und Parlirern überließ, von denen jeder etwas Vorzügliches leisten und seine Mitarbeiter entweder übertreffen, oder ihnen wenigstens ebenbürtig erscheinen wollte.

Die Arabesken sind oft mit menschlichen, thierischen und phantastischen Figuren, Köpfen, Larven u. s. w. vermischt, ohne daß jedoch dabei eine Consequenz beobachtet ist. Es scheint der eine Arbeiter sie mehr, der andere weniger geliebt zu haben. Nur so viel sei hier erwähnt, daß diese Figuren allein im Chore vorkommen, im Kreuz- und Langschiffe aber nicht mehr angetroffen werden, mit der einzigen Ausnahme, daß an einer Stelle des zweiten nördlichen Pfeilers zwischen den Arabesken ein Löwenkopf heraussieht. —

 

 

Hatte sich im Laufe der Zeit von 1210 bis 1230, wo man nach und nach den Chor und einige Theile des Quer- und Langschiffes bauete, der Geschmack verändert, oder wollte man den vornehmsten Theil der Kirche, den Chor, (Sanctuarium) mehr auszeichnen?

Bei diesen Kapitälen ist noch auffallend, daß das eine derselben, das des zweiten südlichen Pfeilers des Langschiffes, also das letzte dieser Bauperiode, nicht ganz vollendet ist, wie eine genauere Besichtigung ergiebt.

 

 

Es sind zwar einige Theile an dem auch diesen Pfeiler umgebenden Kapitälkranze fertig, andere aber sind nur in ihren Hauptformen angegeben und entbehren daher der vollkommenen

3

____

-34-

Ausarbeitung der Details, besonders in den Linien und Rippen der Blätter. Diese Erscheinung möchte die hier und da von Alterthumsforschern ausgesprochene Ansicht bestätigen, daß die Kapitäle in alter Zeit immer zuerst in der Bauhütte aus dem Rohen gearbeitet und dann in das Mauerwerk gebracht wurden, wo sie erst ihre Vollendung erhielten, denn die Ornamente, besonders die tiefer oder flacher auszuarbeitenden Linien, mußten auf die Entfernung, aus welcher sie vom Fußboden der Kirche aus gesehen werden sollten, berechnet werden Der Bau des Doms scheint danach an dieser Stelle, vielleicht nach Vollendung des Chores c. 1230 plötzlich auf einige Zeit sistirt zu sein. Bei Wiederaufnahme der Arbeiten nach etwa 30 Jahren hatte sich der Geschmack in der Formation der Kapitäle bedeutend verändert, auch hielt man nun entweder das bezeichnete Kapitäl für vollendet, oder das an demselben noch Restirende für so unbedeutend, daß es ohne Störung auch fehlen konnte.

Ehe wir jedoch den angegebenen Zeitraum der Uebergangsperiode verlassen, müssen wir noch einen Blick aus Kapitälformen des oberen Chorumganges richten. Schon in der beschriebenen Periode finden wir davon vereinzelte Beispiele, daß man an der Stelle der Arabesken Nachbildungen von Aesten und Blättern unserer vaterländischen Pflanzen anbrachte. Noch mehr aber ging man mit der Veränderung der Kapitälform selbst vor, indem man die Kelchform verließ und den halben Würfel als eine für die neue entstehende gothische Bauweise zu schwere Form beseitigte und nur die Vase beibehielt. An dieser aber zeigen sich auch ganz neue Ornamente, nämlich an jedem Kapitäle zwei Reihen Knospen, welche sich auf vortretenden Stengeln befinden.

 

 

Diese Knospenkapitäle sehen wir auf dem sogenannten Bischofsgange. Uebersehen aber dürfen wir dabei nicht, daß auch hier der Humor der alten Baumeister uns einmal entgegentritt, wo an einem Kapitäl statt der Knospen kleine Menschenköpfe gesehen werden, die mit Unbefangenheit und Naivetät den Beschauer anzublicken scheinen.

Die Form des gothischen Kapitäls war mit diesem Knospenkapitäl gefunden, es bedurfte nun bis zur Vollendung nur noch einer andern Verzierung, als der Knospen. Wohin aber hätten sich diese anders entwickeln können, als zu Blättern? Und so sind wir denn an den Punkt gelangt, wo das frühgothische Kapitäl uns seit

____

-35-

etwa 1260 bis 1300 in unserm Dom entgegentritt mit seiner leichten Kelchform und den zwei übereinander stehenden Blattreihen von den verschiedensten Pflanzen (Wein, Eichen, Epheu u. s. w.) entlehnt, und hier und da auch mit Früchten (Eicheln, Trauben) ausgestattet.

Man hat behauptet, daß die alten Steinmetze allenthalben ihre Blattformen nur von denjenigen Pflanzen entlehnt hätten, welche in der Gegend des auszuführenden Baues gewachsen wären. Die Wahrheit dieser Behauptung möchte sich aber wohl nicht beweisen lassen. So viel steht wenigstens auf der andern Seite fest, daß die Steinmetze bei ihren Wanderungen aus einer Gegend in die andere, wie wir dies ja aus ihren aus dem Mittelalter uns noch erhaltenen Statuten kennen lernen, nicht allein die Formen des Maßwerks, sondern auch des Laubwerks aus einem Lande in das andere verpflanzten.

Zum Schlusse sei hier nur noch bemerkt, daß zwar an diesen gothischen Kapitälkränzen der westlichen Pfeiler des Magdeburger Doms die größte Verschiedenheit der Blattformen herrscht, daß aber die Kunst von dieser Zeit an es fast ganz vermied, Thiergestalten mit dem Blattschmuck zu vermischen. Es finden sich nur einige Male als Reminiscenzen aus früherer Zeit Menschengesichter, deren Haare durch Blätter ersetzt sind (Sonnenblumen?), zwei kleine Menschenfiguren, die gemeinschaftlich einen Stein halten (Steinmetze?) und eine Eidechse zwischen dem Laubwerk.

So hätten wir denn bei unserer kleinen Untersuchung folgende Wahrnehmungen gemacht: Ausgehend von dem Würfelkapitäl der romanischen Bauweise kamen wir im Dom zu Magdeburg zu den Kapitälen der Uebergangsperiode, den Kelchkapitälen, wo als Ornamente die Arabesken auftreten. Daraus entsteht im zweiten Jahrzehend des 13. Jahrhunderts das Vasenkapitäl mit den Knospenverzierungen, und daraus endlich entwickelt sich nach der Mitte desselben Jahrhunderts das gothische Kapitäl mit der Vase und dem Blätterschmuck.

 

 

Veröffentlicht in:

Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde des Herzogtums und Erzstifts Magdeburg 1. 1866 S. 31-35

 

Dieser Jahrgang der Zeitschrift wurde durch die Bayerische Staatsbibliothek digitalisiert. Der Artikel ist hier unter folgendem Link einsehbar:

http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10013030_00127.html

 

Hinweis: Die Aufnahmen sind nicht Bestandteil der zitierten Veröffentlichung. Sie wurden 2016 aufgenommen und in den Text eingefügt.

 

 

R. Hamann 1909 über die Kapitelle im Magdeburger Dom

 

„II. KAPITELLTYPEN IM MAGDEBURGER DOM UND DIE ENTWICKLUNG DES MITTELALTERLICHEN KAPITELLS

 

Die so gut wie lückenlose Stufenfolge romanischer und gotischer Kapitelltypen im Magdeburger Dom erlaubt es, die Interpretation und Aufzählung in dem allgemeineren Sinne vorzunehmen, daß eine Anschauung der Entwicklung des mittelalterlichen Kapitells daraus gewonnen, eine feste Terminologie dadurch geschaffen werden kann. Die leitenden stilistischen Gesichtspunkte sind folgende:

 

1. die Grundform des Kapitells,

2. Form und Richtung des Ornaments,

3. das Verhältnis von Ornament zur Kernform, der Grad der Zugehörigkeit des Ornaments zum Kern,

4. der Darstellungscharakter des Ornaments, sein Grad von Stilisierung oder Naturalismus.

 

Das Hauptproblem ist die Erkenntnis einer gleichsinnigen Entwicklung des Kapitells in jeder der genannten Richtungen. Doch kommt es oft genug vor, daß an einem einzelnen Exemplar noch altertümliche Momente in dem einen Punkte mit fortgeschritteneren in anderen sich zusammenfinden. Ein einzelnes Merkmal ist deshalb nie entscheidend für die zeitliche oder stilistische Einreihung eines Kapitells.

 

Die drei wesentlichen Kernformen im Magdeburger Dom, den Kreuzgang einbezogen, sind:

 

1. Der Würfel, eine gleichmäßig kubische Form, richtungslos, eine leblose, nur durch seine Form wirksame stereometrische Masse (Abb. 1 - 8). Richtung bekommt dieser Block allein dadurch, daß er zwischen oberen Massen, dem Bogen mit seinem

 

____

60

 

 

 

Abb. 1 - 8. Kapitelle am Kreuzgang des Magdeburger Domes

 

 

____

61 DIE KAPITELLE IM MAGDEBURGER DOM VON RICHARD HAMANN

 

quadratischen Grundriß und zwischen unteren, dem Rundpfeiler mit seinem kreisförmigen Durchschnitt vermittelt. Bekanntlich wird die reine Würfelform deshalb unten in die Kugelform übergeführt.

 

2. Der Kelchblock (Abb. 10).

 

 

Die reine kubische Masse bildet nur noch den oberen Teil des Kapitells; darunter befindet sich eine Form, unten schmal, nach oben sich verbreiternd und in konkavem Profil elastisch nach außen biegend. Während die Abrundung der unteren Ecken des Blockkapitells die Würfelform ohne Bruch in die Rundung der Kugel überführt und den Eindruck erweckt, als läge der Würfel weich gebettet in einer Höhlung des Säulenstammes, sondert sich jetzt der Kelch in scharfer Knickung vom Würfel darüber; die Ausladung nach oben, die Zusammenziehung nach unten, bekommen stärker den Sinn einer Entwicklung in vertikaler Richtung. Die Form liegt nicht, sie steht, und das ergibt zusammen mit der elastischen, einem Druck nachgebenden Ausbiegung den Eindruck von Aktivität und innerer Lebendigkeit.

 

3. Der reine Kelch (Abb. 14).

 

 

Der Würfel oder Block entschwindet ganz aus dem Kapitell, es bleibt nur der Kelch übrig, in einer sehr viel steileren, das Emporstreben oder Wachsen und das Stehen stärker betonenden Weise. Das Kapitell ist ganz mit gotischer Funktion erfüllt.

 

Das Überwiegen des Blockes in den ältesten Teilen des Kreuzganges, des Kelchblockes im Chorumgang, des Kelches im Bischofsgang und Hochschiff bestätigen, daß die logische Entwicklung der zeitlichen entspricht. Die Linien der Entwicklung sind damit vorgeschrieben: von ruhender, gleichmäßig nach allen Richtungen entwickelter kubischer Form zur Bevorzugung der Vertikalrichtung, zum funktionellen Typus und zu größerer Lebendigkeit.

 

Das Würfel- oder Blockkapitell. Das Charakteristische dieser Würfelkapitelle ist die Wahrung der Blockform, die sofort als einheitliche, ungegliederte Masse mit bestimmten Seitenflächen und Kanten erfaßt wird. Abweichungen von diesen einfach stereometrischen Würfeln finden sich genug im Kreuzgang, verschuldet offenbar durch das Vorbild des korinthischen Kapitells mit seinen aus dem Kern herausfallenden Blattspitzen, mit der Einziehung der Form über dem Blattkelch und seinen selbständigen Eck- und Mittelvoluten (Abb. 6).

 

 

Aber dies korinthische Kapitell wird in bestimmter Weise umgebildet. Die Kelchblätter stehen starr und steif empor, und die Rundung überfallender Blätter wird ersetzt durch ein von oben sich auf das aufsteigende Blatt herablegendes zweites Blatt von leicht gekrümmter Form. Beide Blätter stoßen zu einer massiven Ecke zusammen, die wie ein Bolzen aus dem Gesamtblock herausragt, aber durchaus ein Teil desselben ist. Die einfache Form wird dadurch vielteiliger, polyedrisch, wie ein Kristall. Ebenso sind die Eck- und Mittelvoluten derbe Klötze, deren Flächen ganz in der Ebene des ursprünglichen Blockes liegen, so daß der Eindruck einer zerklüfteten, unterminierten Steinmasse entsteht. Einige Teile der Masse sind ausgebrochen; was stehen bleibt, ist noch immer einheitliche Masse, von vielteiliger Form, aber nicht gegliedert. Diese korinthisierenden Kapitelle entsprechen den Kapitellen in Königslutter, die in engster Beziehung zu Ferrara stehen und durch die italienische Herkunft die Ableitung des antiken Motivs verständlich machen 1). In Magdeburg spielt diese Art des ferrarisch-königslutterischen

____

1) Goldschmidt hob in seinem Vortrag auf dem Historikerkongreß hervor, daß die Form auf italienischem Boden entstanden sei und beweise, daß eine alte Kultur die Führung nicht so leicht aus der Hand gäbe. Die viel wichtigere Frage ist aber die, wie es möglich ist, daß selbst auf dem alten Kulturboden die reifen Formen antiker Baukunst im Sinne einer primitiveren, jungen und unzweifelhaft deutschen Kunst umgebildet werden konnten. Vgl. S.58, Anm.2.

 

 

____

62 DIE KAPITELLE IM MAGDEBURGER DOM

 

Typus nur eine geringe Rolle und zeigt stärker als in Königslutter oder Hildesheim die Anpassung an die Blockform. Da das Kapitell in der vorliegenden Gestalt ganz romanisch ist, und das antike Kapitell so verarbeitet ist, wie irgendeine andere Naturform, so kann von einem fördernden Einfluß der Antike nicht die Rede sein. Die Leistung der romanischen Kunst ist vielmehr um so höher anzuschlagen, als sie eine ihrem Geiste diametral widerstrebende Form doch in ihre Fesseln geschlagen hat.

 

Das herrschende Ornament ist eine Palmette, eine breite, in der Art eines herzförmigen gekerbten Blattes konturierte Fläche, so durch Riefen geteilt; daß von einem tiefsitzenden Mittelpunkt aufwärts, seitwärts und abwärts schmale Streifen ausstrahlen (Abb. 2).

 

 

Das Flächenhafte und allseitige Ausstrahlen ist das bezeichnende. Das rundliche Blatt füllt die quadratischen Flächen des Blockes nicht, und so werden nach dem radialen Teilungsprinzip des Blattes die Palmetten über die Fläche verteilt, von unten, oben und den Seiten sich entgegenkommend. Um eine Ecke herumgeklappt oder zusammengefaltet, halbiert, ergeben sie gerade Linien und Kanten. Man kann zwischen einer gröberen, mit ihren Rändern die ganze Würfelkante einnehmenden Palmettenart und einer kleine Blätter häufenden und interessanter kombinierenden Art unterscheiden (Abb. 2 u. 4, 7).

 

   

 

 

Hinzu tritt das Motiv der Verschnürung der Palmettenzweige und verbindender, rankenartiger Zweige zwischen den verschiedenen Blättern. Letztere sind bei der kleinteiligen Manier öfter schon in der Art aufsteigender Blattstiele gebildet, wie auch die Blätter stärkere Zwischenräume zwischen sich zeigen als in der eng aneinander geschobenen breiten Manier (Abb. 7).

 

 

Zu einem reinen Band- oder Rankenkapitell kommt es auch da nicht, wo ein mit Diamanten besetztes Band mit Palmetten verflochten ist. Der Flächenschmuck herrscht vor. Für den unorganischen Charakter spricht, daß die Blattzweige nicht verwachsen, sondern verschnürt sind.

 

Alle Ornamente und Muster sind völlig geometrisch stilisiert, zeichnerische Kunstform, ohne jede naturalistische Bildung. Die Akanthusblätter sind ohne jede Nachahmung antiker oder natürlicher Akanthusblätter genau wie die Palmetten als einheitliche, geriefte Fläche gebildet, mit dem einzigen Unterschied, daß die Riefen nicht so sehr in einen Mittelpunkt zusammenlaufen, sondern mehr parallel nebeneinander münden.

 

Die Technik ist die eines scharfen Steinschnittes, Einkerbung, Riefelung, ein Rauhmachen, Spalten der Blockoberfläche, ohne daß der Charakter des Steines, der Baumaterie darunter litte. Das Ornament liegt nicht einem Kern auf, sondern ist eine bestimmte Bearbeitung des Kernes. Die Voluten der korinthisierenden Kapitelle sind ebenfalls nur eingravierte Umrisse, auf dem Steinblock markiert, zum Teil auch mit Palmetten statt der Schnecken an den Endigungen. Die Bänder sind flach gehalten mit dem für den Steincharakter bezeichnenden Schmuck der Diamantquaderchen. An einigen Stellen erhalten die Formen, besonders der verbindenden Zweige, ein rundlicheres, rankenartiges Profil, aber in wenig hohem Relief. in den feinteiligen Palmettenkapitellen erhebt sich das Ornament stärker über einen tiefer liegenden Kern, ist aber durchaus mit diesem verwachsen. Die Vertiefung ist durch Herausschälen der Masse entstanden.

 

Worauf wir unsere Aufmerksamkeit auch richten, die Grundtendenz bleibt immer die der Wahrung der kubischen Form, der Baumasse und des Charakters toter, von außen zu bearbeitender Materie.

 

Der geometrisch-ornamentale Charakter, das Typisch-Formale der Ornamentik erlaubt es nicht, bestimmte Meister zu scheiden. Es fehlt die individuelle künstlerische Handschrift. Die Betrachtung der Typen muß dafür eintreten.

 

 

____

63 VON RICHARD HAMANN

 

Einige Kapitelle bringen den altertümlichsten Typus linearer Abgrenzung der Stellen, wo der Würfel in die Kugelform übergeht, so daß halbkreisförmige Schilde als Seitenflächen stehen bleiben (Abb. 1).

 

 

Dünne Bänder, die an den Ecken und in der Mitte jeder Seitenfläche senkrecht aufsteigen, zuweilen ein Blatt bilden, sind der einzige Schmuck dieser kahlen Flächen. Die dünnen Fäden wirken noch in einige reizlose Palmettenkapitelle hinein. Daß die Kapitelle bemalt waren, ist wegen des Bandornamentes und des Ortes, wo sie sich befinden, im Freien, nicht wahrscheinlich. Die Wahrung des Blockes ist hier am weitesten getrieben.

 

Die zweite Gruppe ist die mit den eingravierten Palmetten, deren Oberkanten vollkommen in der Ebene des würfelmäßigen, geradflächigen Blockes liegen (Abb.2‚ 3, 4, 7).

 

     

 

Wenn der Block zerklüftet ist, ergeben die Vorderflächen der stehengebliehenen Bolzen Teile eines geradflächigen Würfels (Abb. 3).

 

 

Die Blätter, die gefaltet sind, wirken doch nur als Teile von Blättern, die Umbiegung an der Stelle des Faltens bleibt gänzlich ideal, gedanklich. Diese Ornamentik ist in Sachsen im XII.Jahrhundert ganz allgemein, und Magdeburg vermehrt die Reihe von Variationen, die sich in Sachsen findet. Wegen der starken Wirkung der Gesamtform übersieht man leicht, daß jedes Kapitell besonders gebildet ist 1).

 

Die dritte Gruppe verzichtet auf die ebenen Flächen der Würfel und setzt dafür gewölbte, muschelförmige gehöhlte und gebeulte Flächen ein (Abb. 5).

 

 

Die Palmetten scheinen plötzlich aus elastischem Material, rollen und wölben sich. Die Blätter sind nicht mehr gefaltet, sondern wirklich umgebogen, das Ornament beginnt sich abzulösen. Im ganzen bleibt der Eindruck einer Gesamtmasse, aber sie erscheint nicht mehr wie fester Stein, sondern wie getriebenes Metall oder gebackener, gekneteter Teig. Barocker Formenschwulst zeigt das Ende des romanischen Kapitells in Sicht, es ist bereits ein spätromanischer Typus. Aber noch streng ornamental, ohne organische Formen, und die Oberfläche der Beulen noch immer gekerbt und gerieft.

 

Die Ecklösung an der Basis aller dieser Säulen ist wie das Kapitell eine Vermittlung zwischen der runden Form der Basis und der eckigen des Sockels, als ob das freie Aufsehen der Säule dem romanischen Gefühl zuwider wäre und die Massen auch hier als Masse verklammert werden müßten (Abb. 9). Der über den Torus der Basis überstehende Teil des Sockels ist mit einem kantigen nach oben zurückfluchtenden Steinblock gefüllt, den wir in der vorliegenden Form nicht Ecklappen oder Eckblatt, sondern Eckbolzen nennen wollen. Das Kapitell führt ohne Deckplatte in die Bogenmasse über; auch das verrät die Abneigung gegen funktionelle Gliederung.

 

Entsprechend der baulich-materiellen Form der Kapitelle und der ornamentalen Behandlung des Schmuckes spielt das figürliche Element im Kreuzgang eine geringe Rolle. Ein Menschenkopf statt einer Palmette ist maskenhaft mit stereometrischer Form der Augen und der Fleischpartien, versteint behandelt. Tierszenen, irgendein wildes Tier ein anderes bespringend, scheinen auf die Jagddarstellungen in dem Bogenfries am Chor der Stiftskirche von Königslutter zurückzugeben, ebenso ein Palmettenkapitell des 3. Typus, wo die Palmettenzweige aus dem Mund einer Schlange kommen, und die Ecke statt von einem gerollten Blatt von einem grob zugehauenen Menschenkopf eingenommen ist.

____

1) Eine Sonderart, die sich in Ilsenburg öfter findet, in der Liebfrauenkirche zu Halberstadt vereinzelt, ist ein Kapitell mit vertikaler Kannelierung. In jeder Hohlkehle sind oben kleine halbkreisförmige Schilde stehen geblieben. In Magdeburg kommt es einmal vor an einem Ecksäulchen der Pfeiler des Kreuzganges. Ebenso vereinzelt ist ein Kapitell mit Schachbrettmuster an gleicher Stelle. Anregungen für beide Formen könnte der Kreuzgang des Klosters U. L. Frauen in Magdeburg geliefert haben.

 

 

____

64 DIE KAPITELLE IM MAGDEBURGER DOM

 

In Königslutter sehen wir das Motiv mit besserem Rechte an einem Rankenkapitell. Einmal eine menschliche Szene: ein kniender Mann, im Profil, möchte einer en face sitzenden Frau, die irgendein Gerät zwischen den Knien hält, etwas entreißen, vielleicht das Gewand (Abb. 8).

 

 

In Königslutter findet sich im nördlichen Querschiff eine Darstellung von zwei Männern zu beiden Seiten einer Frau. Sie sind damit beschäftigt, das lange offene Haar der Frau zur Seite zu ziehen. Der Stil der figürlichen Darstellungen in Magdeburg ist derselbe wie der Kapitelle mit den muschelförmigen Palmetten; die Blockform ist zerklüftet, gebeult und ausgehöhlt, die

 

Abb. 9. Magdeburger Dom, Kreuzgang

 

Figuren, ohne Feinheit, haften an einem Kern, ihre Formen quellen daraus hervor, die Oberflächen in den Haaren, im Gewand sind steinmäßig gerieft oder in Steinschichten vertieft, mit einem Worte klotzig. Da in den figürlichen Darstellungen auch die ornamentale Schönheit des Kapitells verloren geht, befiedigen diese Kapitelle am wenigsten.

 

Den nächsten Typus finden wir in Verbindung mit dem Kelchblock, der Übergangsform zwischen Würfel- und Kelchkapitell, und herrschend in der Übergangszeit vom romanischen zum gotischen Stil (Tafel A. Abb. 16 – 20).

 

 

Das Wesentliche des Typus ist ein Zurückbleiben des Ornaments hinter der Kernform. In romanischer Weise legen sich Ranken und Blätter nach allen Seiten über die Flächen des Kapitells, ohne Rücksicht auf den aufsteigenden Kelch und die scharfe Grenze zwischen Kelch und Block. Der Fortschritt besteht in völliger Ablösung des Ornaments vom Kern, die Ranken überspinnen

 

 

____

65 VON RICHARD HAMANN

 

den Kern, sind frei ausgearbeitet, die Blätter drehen und rollen sich, so freilich, daß die Blätter und Ranken jetzt eine Art von Korb bilden, dessen Gesamtform der Kelchblock ist und in den ein Kern, dessen Form gleichgültig ist, eingebettet ist. Das Ornament ersetzt den Kern; es ist gleichsam durchbrochene Arbeit, Überwucherung des Ornamentes. Dieser Typus ist die eigentliche Heimat des figürlichen Kapitells in Sachsen. Die Form der Rankenverschlingungen und der Blätter bleibt noch die romanische, geometrisch ornamentale; das Material des Ornamentes ist noch unorganisch, brauchte aber nicht vom gleichen Stoff zu sein wie der Kern. Wir sprechen von Kelchblockkapitellen mit romanischen Ranken und breitlappigen Blättern.

 

Der innere Widerspruch dieses Kapitells wird überwunden in den Kelchblockkapitellen mit gestielten Ranken (Abb. 10).

 

 

Am Kelch steigen Stengel auf und verbreiten sich erst am Block in geometrischen Rankenverschlingungen. Diese vertikalen Stengel entsprechen der Aufwärtsbewegung des Kelches und bedingen stärker den Charakter gewachsener, pflanzenhafter Ranken. Sie sind aber nur Vorbereitung auf den ornamentalen Schmuck des Blockes. Romanisch-gotisches Übergangskapitell können wir diesen Typus nennen, das Romanische voranstellend.

 

Im folgenden Typus eilt das Ornament der Kernform voraus. Die breiten Blätter werden schmal, die Ranken verlieren die Windungen, übrig bleibt nur ein aufrechtstehender, an der Spitze sich etwas neigender, zur Seite legender oder einrollender Stengel, eine Blattrippe mit wenig Blattwerk. An der Stelle, wo der Kelch in den Block übergeht, erhält dieses aufsteigende schmale Blatt, diese hochgestielte Pflanze einen scharfen Knick, der die Anschauung zerstört, als handele es sich um eine freigewachsene, freistehende Pflanze (Abb. 11).

 

 

Diese äußerliche Knickung, das Haften an einem Kelchblock bleibt noch romanisch. Wir nennen es das Stengelkapitell mit Kelchblockform.

 

Jahrhuch d. K. Preuß. Kunstsamml. 1909.

 

Abb. 10 – 12. Magdeburger Dom 10. Chorumgang, 11. 12. Bischofsgang

 

 

____

66 DIE KAPITELLE IM MAGDEBURGER DOM

 

Ein Zwischending zwischen Ranken- und Stengelkapitellen sind die Kapitelle mit aufsteigenden Stengeln und gespreizten volutenartig herabhängenden Eckpalmetten (Abb. 51).

 

Dieses Stengelkapitell gewinnt Stil in einer Form, in der die Stengel vor kelchförmigem Kern frei aufsteigen. Höher steigende Blätter biegen sich um und legen ihre überfallenden Enden auf niedrigere Blätter, so daß die Berührungslinie die Stelle markiert, wo früher die Kelchblockgrenze sich befand. Die umgelegten Blattenden füllen so die obere Höhlung des Kelches aus, daß der romanische Block in idealer Vorderfläche markiert wird (Abb. 12).

 

 

Alle einzelnen Momente an diesem Kapitell sind gotisch: der kelchförmige Kern, die in der Art frei gewachsener, elastisch sich biegender Pflanzen aufsteigenden Blattstengel; dennoch dienen diese aktiven, frei funktionierenden, gotisch steilen Formen dazu, wie aus eigenem Willen und mit eigener Kraft eine romanische Form zu markieren. Romanische Form, hergestellt durch gotische Funktion. Die Blätter sind noch stilisiert, aber nicht ornamental, sondern, tektonisch. Wir nennen diesen Typus das tektonische Stengelkapitell mit kelchförmigem Kern und markiertem Kelchblock. Es ist das gotisch-romanische Übergangskapitell; die Gotik überwiegt.

 

In zwei Formen tritt dieser Typus auf: einer, in der sich die Blätter in der Zone des Blockes zur Seite neigen, einer anderen, in der sie senkrecht emporsteigen und die oberen ihre Enden herabhängen lassen wie Schilfstengel ihre marklosen Blattspitzen. Letztere Art ist die natürlichere, erstere die erzwungenere, aber kraftvollere.

 

Es folgt die Herrschaft der Kelchform im frühgotischen Knospenkapitell; der Kelchkern ist umwachsen von aufrechten, unten breiten, nach oben sich verjüngenden Blättern, die sich der natürlichen Schwere folgend im Kelchprofil nach außen neigen, ihr freies Stehen und organisches Wachstum durch Ablösung vom Kern bezeugen und an der Spitze sich elastisch zu einer Knolle zusammenrollen (Abb. 12).

 

 

Die französische Form dieser Knollen- oder Knospenkapitelle verleugnet in den unten breiten Blättern nicht die Herkunft aus dem korinthischen Blätterkelchkapitell. Aber die gotische Umbildung des Akanthuskapitells ist deutlich, einmal in dem kelchförmigen Umbiegen während das Akanthusblatt im Karniesprofil ausbiegt, dann in der nach oben sich verringernden steileren Form der Blätter und in einer Art von Kannelierung, die das vertikal Gerippte, Aufrechte wie bei einer dorischen Säule betont. Daneben kommen auch selbständigere Knollenkapitelle in Magdeburg vor, indem zwei Blattstengel sich gegeneinanderneigen und ihre umgerollten Spitzen zu einer Knolle aneinanderlegen. Die Form des Blattes im frühgotischen Knospenkapitell, dem stilisierten Knollenkapitell, ist noch allgemein, tektonisch, aber die Ornamente sind nicht mehr Teile einer Gesamtform, sondern Glieder eines organischen Ganzen.

 

Diese Blattstengel oder stark gerippten Blätter, die frei und aufrecht vor dem ebenso aufrechten, geschwungenen Kelch stehen und sich elastisch auswärtsbiegen, geben ein Vorspiel dessen, was sich über dem Kapitell in der Architektur vollzieht: das elastische Sichabbiegen der Rippen von den straff und aufrecht stehenden Diensten. So unterscheidet sich das gotische Knospen- und Stengelkelchkapitell von dem antiken Blattkelchkapitell genau so wie die gotische Architektur von der griechischen: durch das Fehlen aller toten Masse, der Last. Die Gotik kennt nur freistehende und sich biegende Glieder, läßt an der Decke nur die Rippen als wirksame Glieder gelten, am Kapitell frei in die Luft ragende Blattstengel. Das korinthische Kapitell mit breiten Blättern bildet ein Polster, der Druck der belastenden Masse treibt die konvexe Ausbiegung über dem Astragal heraus, die Voluten neigen sich unter der Last. Die gotischen Blattstengel biegen sich infolge eigener Schwere.

 

 

____

67 VON RICHARD HAMANN

 

So wird es klar, daß in völlig immanenter Entwicklung mit erwachendem Gefühl für das tektonisch Wirksame im Bauwerk, für funktionelle Gliederung das gotische Knollenkapitell sich in allmählicher Umbildung entwickelt, und gerade in Sachsen, z.B. in Königslutter, läßt sich beobachten, wie ohne fremdenen, speziell französischen Einfluß die gotischen Formen sich allmählich vorbereiten 1). In Frankreich dagegen, ebenso in Italien, zeigt sich, daß das Akanthuskapitell die Entwicklung des gotischen nicht fördert, sondern hemmt und eine Umbildung genau so wie in romanischer Zeit notwendig macht. Diese war um so schwerer, als im Gegensatz zum romanischen Kapitell, das als Masse zwischen Massen, als Baustein zwischen anderen Steinen durch seine Form vermittelt, das korinthische Kapitell in vieler Beziehung das gleiche Ziel funktionellen Ausdrucks und organischer Gliederung verfolgt wie das gotische, wenn auch die Funktion nicht dieselbe ist. Daraus wird begreiflich, daß sich die romanischen Länder, Italien und Frankreich, vielfach mit der korinthischen Form begnügen, diese aber jetzt in einer echteren, organischeren als der romanischen Block- und Bolzenform bringen.

 

In Magdeburg ist diese Renaissance des antiken Kapitells durch die ganz isoliert dastehende Form eines KompositkapitelIs repräsentiert, das in der Scharfkantigkeit der Rippen, der Scharfzackigkeit der Blätter und der Auflösung des runden Eierstabes in gekreuzte Stäbchen mit scharfen Ecken romanisch-byzantinische Formen beibehält, in den Voluten französierende Knollenbildung versucht. in dem Profil des Blattkelchs, der Bildung und dem Überfall der Blätter und Voluten die elastisch organische Form des antiken Kapitells wieder aufleben läßt und das gotische Verständnis für diese Seite antiker Architektur verrät.

 

 

Der Weg des Meisters von Speyer über Walkenried nach Magdeburg, ähnliche Blattbildungen in Zürich, Worms, Mainz weisen auf eine Herkunft aus Italien 2).

 

Abb. 13. Magdeburger Dom Bischofsgang

 

Im übrigen herrschen in Magdeburg wie überhaupt im deutschen Übergangsstil die Stengel- und Knollenkapitelle, während sie in Frankreich selbst im Norden, dem fruchtbarsten Boden für die Entwicklung der Gotik, mit den antikisierenden Formen sehr das Feld zu teilen haben. Deshalb ist auch hier wie schon bei den romanischen Akanthuskapitellen die Frage, wieweit es gerade deutsche oder germanische Kräfte sind, die diese Entwicklung des gotischen Kapitells bestimmt haben. Für wenig glücklich halten wir deshalb Dehios Scheidung der mittelalterlichen Kapitelle in tektonische, wie die Blockkapitelle, für die uns wegen des Mangels an Gliederung und funktionellem Ausdruck das Wort tektonisch schon nicht behagt, und in Blattkelchkapitelle, die die antiken Blattkapitelle und die gotischen Kelchkapitelle umfassen. Das Charakteristische des gotischen Blattes, das Vorwiegen des Stengelhaften, der Rippe und die Gliederung in Stamm und Zweige beruhen genau so auf selbständiger mittelalterlicher Schöpfung wie das Würfelkapitell.

 

____

1) Auf dieses Moment machte mich Professor P. J. Meier aufmerksam, der geneigt ist, gewisse Magdeburger Übergangskapitelle von Königslutter abzuleiten, während wir eine Stärkung des gotischen Gefühles durch französischen Einfluß nachweisen zu können glauben. Übrigens findet sich im Chorumgang des Domes das königslutterische Akanthuskapitell mit den aufeinandergelegten Blättern in einer interessanten Umbildung zum gotisch Steilen, organisch Blattmäßigen und zur Knollenbildung.

 

2) Vgl. S. 58, Anm. 1

 

 

____

68 DIE KAPITELLE IM MAGDEBURGER DOM

 

In den hochgotischen Kapellen verstärkt sich das freie, zweighafte Abstehen, das Herauswachsen eines Blattes mit dünnem Stiel aus dem Kelch und die Naturalistik, der organische Charakter des Blattes, das die Knospe ersetzt. Von diesen naturalistischen, die tektonische Abordnung des Knollenkapitells mehr oder weniger festhaltenden Kapitellen enthält Magdeburg mehrere Typen.

 

Der früheste bringt ein mehrteiliges Blatt mit schlaffen breiten Lappen, die aus dem in die Höhe stehenden Stiel in sich zusammenfallen und eine hohle, gefäßartige Knolle bilden. Naturalistisches Knollenkapitell (Kapitelle der Vierungspfeiler des Langhauses).

 

Der zweite Typus läßt mehrere Blätter mit gegeneinandergeneigten Stielen sich übereinanderlegen zu einem üppigen Blattbüschel, meist mit scharfzackigen, der Natur entnommenen Blättern. In der mehr oder weniger streng gezeichneten Art lassen sich noch frühere oder spätere Typen scheiden. Naturalistisches Blattbüschelkapitell (Abb. 75). Es ist der eigentlich hochgotische Typus.

 

Zuletzt werden die Blätter weicher, saftiger, um ihrer eigenen Schönheit willen dargestellt, in dicken Sträußen zusammengefaßt und ohne tektonische Anordnung einfach an den Kern angeheftet, wie ein Blumenstrauß mit einer Nadel an einem Gewand (Abb. 14).

 

 

Eine ähnliche Überwucherung der Architekturform durch das Ornament tritt ein wie in der spätromanischen Kunst. Naturalistisches Laubkapitell.

 

Schließlich finden wir auch in Magdeburg die spätgotisch heißende, besser barock-gotisch genannte Form des stark gebeulten, flammenartig züngelnden, wie in schlangenartiger Bewegung gewellten Blattes, das um dieser naturalistisch nicht mehr zu rechtfertigenden Beulungen willen auch wieder stilisiert, schematisch gebildet wird. Wir nennen es das Kriechblumenkapitell.

 

Es beschließt die Reihe der mittelalterlichen Kapitelltypen, und wir wenden uns der Scheidung der Meister zu, zunächst nur die Meister heranziehend, die sich mit figürlichen Darstellungen als Individulitäten ausweisen. Der Rest findet seinen Platz in der Baugeschichte.“

 

 

Auszug aus:

Jahrbuch der K. Preußischen Kunstsammlungen 30 (1909) Heft 1 Seiten 56 bis 80, Richard Hamann „Die Kapitelle im Magdeburger Dom. I. Teil“

 

Der gesamte Artikel wurde 1909 in folgenden Ausgaben dieses Jahrbuches veröffentlicht:

Teil I: Heft 1, S. 56-80; Teil II: Heft 2, S. 108-138; Teil III: Heft 3, S. 208-218; Teil IV: Heft 4, S. 236-270.

 

Für das wissenschaftliche Arbeiten hat DigiZeitschriften e.V. Band 30 des Jahrbuchs der Preußischen Kunstsammlungen in den open access gestellt:

 

www.digizeitschriften.de/openaccess/

 

Richard Hamann habilitierte 1911 in Berlin bei Professor Heinrich Wölfflin mit dem Thema „Die Kapitelle im Magdeburger Dom“

 

Hinweis: Die im Auszug eingestellten Bilder stammen nicht aus der Veröffentlichung von 1909 Heft 1, sondern wurden 2016 aufgenommen. Sie sind in den Text dort eingefügt, wo sie von Richard Hamann besprochen werden.

 

 

 

P.J. Meier 1911 zur Baugeschichte des Klosters "Unser Lieben Frauen" in Magdeburg

Zur Baugeschichte des Klosters U. L. Fr. zu Magdeburg.

Von P. J. Meier.

 

Maximilian Moddes kürzlich erschienenes Buch über das Magdeburger Liebfrauenkloster 1) gibt mir erwünschte Gelegenheit, längst gehegte Zweifel an den bisher gültigen zeitlichen Ansetzungen, die sich auch bei Modde wieder finden, zu äußern und im einzelnen zu begründen. Da wir jetzt zeitliche Bestimmungen über Bauwerke auf Grund stilistischer Merkmale mit erheblich größerer Sicherheit treffen können, als früher, dagegen die urkundlichen und chronikalen Angaben recht oft der erforderlichen Klarheit entbehren, so halte ich es für

____

1) Max. Modde, „Unser-Lieben-Frauenkloster in Magdeburg. Magdeburg 1911 in der Creutzschen Buchhandlung (Max Kretschmann). Eine Monographie mit eigenen Zeichnungen“. 8°. Geb. 3.60 Mk. Der Verfasser konnte für den kurzen geschichtlichen Teil das vortreffliche Buch von Bormann u. Hertel, Geschichte des Klosters U. L. Frauen zu Magdeburg benutzen, während dem ausführlichen baugeschichtlichen Teil vor allem der Aufsatz von Kothe, dem Hersteller der Kirche in der Zeitschrift für Baumesen, Jahrgang 45. S. 25 ff. zu Grunde liegt. Über Kothe hinaus sind die Untersuchungen Moddes, wenigstens, was die Kirche selbst betrifft, nicht vorgedrungen. Moddes Buch zeugt von hingebender Liebe zu dem Gegenstand. Eine wirkliche Förderung haben besonders die topographischen Fragen gefunden, obwohl gerade hier manches nicht überzeugend erscheint. Unter den zahlreichen Abbildungen sind die im Text gegebenen vortrefflichen Autotypien hervorzuheben. Die eigenen Zeichnungen des Verfassers aber sind, soweit es sich nicht um Grundrisse und Schnitte u. a. handelt — ich möchte hier besonders auf die rekonstruierte Ansicht aus der Vogelschau bei S. 33 und den äußerst lehrreichen, gleichfalls rekonstruierten Lageplan hinweisen — vielfach etwas kümmerlich, der reich verzierte Deckel entspricht mit seinen unruhigen romanisierenden Ornamenten nicht mehr dem heutigen Geschmack.

____

410 Zur Baugeschichte des Klosters U. L. Fr. zu Magdeburg.

 

methodisch richtig, von dem auszugehen, was uns das Bauwerk selbst lehrt, und erst dann zuzusehen, wie sich die schriftlichen Quellen dazu stellen.

 

In der Klosterkirche lassen sich die Einbauten, die man zum Zweck der Einwölbung derselben im Übergangsstil ausgeführt hat, in Gedanken leicht entfernen, und wir behalten dann eine flachgedeckte Basilika übrig, die sich durch ihre rohen und doch wirkungsvollen Flachreliefs, wie schon lange bekannt ist, als Glied einer ganz bestimmten Baugruppe zu erkennen gibt, deren wichtigster Vertreter der 1129 geweihte Quedlinburger Dom ist.

 

   

 

Der Steinmetz, der jene Flachreliefs gearbeitet hat und der im Anfang des XII. Jahrhunderts bei uns tätig gewesen ist, läßt sich auch an der Klosterkirche S. Abbondio bei Como mit vollster Sicherheit erkennen 2). Kothe und Modde sind nun der Ansicht, daß der Bau der Klosterkirche, an der dieser Steinmetz nachweisbar ist, im Langhaus nicht fertig geworden sei; man hätte hier — was durchaus richtig ist — die Absicht gehabt, den bekannten sächsischen Stützenwechsel in Abweichung von der sonstigen Gewohnheit so zu verwenden, daß auf je einen Pfeiler drei Säulen kamen, aber man hätte nur die drei Pfeiler aus jeder Seite und dazu lediglich je eine Säule errichtet und dann den Bau ruhen lassen, bis 1129 mit Norbert ein ganz neuer Geist in das Kloster eingezogen sei. Norbert hätte erst die fehlenden Stützen hinzugefügt, und zwar, unter Verwerfung des ursprünglichen Planes, ausschließlich Pfeiler; ja selbst die beiden Säulen wären von ihm pfeilerartig ummantelt worden. Es läßt sich auf doppeltem Wege der zwingende Beweis führen, daß die zuletzt wiedergegebene Annahme falsch ist. Nicht allein die sechs Pfeiler und zwei Säulen gehören dem Bau des Meisters von S. Abbondio zu, sondern das ganze Langhaus mit seinen Arkaden und seinem Obergaden.

 

 

Denn auch alle die anderen Arkaden zeigen den Wechsel von roten und weißen Quadern, der sich in der ersten Arkade (von Osten gerechnet) findet, und über sämtliche Arkaden läuft gleichmäßig ein Gesims in Form des Flechtbandes, das für den Meister bezeichnend ist, und dessen Nachbildung in Zeiten eines fortgeschrittenen Stils, an die Modde denkt, niemand eingefallen wäre. Die Sache liegt also so,

____

2) Vgl. besonders A. Goldschmidt, Monatshefte für Kunstwissenschaft III (1910) 302ff. Modde sind diese Beziehungen der Quedlinburger Baugruppe zu S. Abbondio nicht bekannt geworden.

____

411 Von P. J. Meier.

 

daß überall da, wo eine Pfeilerstütze von abweichender Form steht, später eine Auswechslung der irgendwie beschädigten Säule stattgefunden hat; wie ja auch die Ummantelung der noch z. T. sichtbaren Säulen nur durch eine Beschädigung derselben erklärt werden kann. Andrerseits zeigen aber die, wie allgemein zugegeben wird, späteren Pfeiler durchweg Formen, die in der Zeit Norberts, also um 1130, bei uns nicht nachweisbar sind, sondern hier erst im letzten Viertel des XII. Jahrhunderts auftreten. Sie haben also mit Norbert nichts zu tun, und der würde auch sicherlich für die verhältnismäßig geringfügigen Ergänzungsarbeiten in der Klosterkirche sich nicht eigens französische Werkleute, denen man die fortgeschrittenen Formen zuweisen möchte, mitgebracht haben. Damit stimmt nun aber ausgezeichnet überein, daß im Jahre 1188 ein Brand die Klosterkirche verheert hat. Wie es bei flachgedeckten Kirchen die Regel ist, ist die vom Feuer ergriffene Balkendecke ins Schiff hinabgestürzt und hat beim Weiterbrennen die monolithen Sandsteinsäulen so stark beschädigt, daß sie auf die Dauer die schwere Last der Mauern nicht zu tragen vermochten.

 

Auch mit der Nachricht, daß Erzbischof Heinrich 1107 im südlichen Querhaus der Klosterkirche bestattet sei, läßt sich der Bau des Meisters von S. Abbondio zeitlich wohl vereinigen. Aber es fragt sich, wie sich der bauliche Befund zu der weiteren Nachricht stellt, daß auch Erzbischof Werner, der Erbauer einer neuen Kirche, 1078 in ihr —- die Stelle wird nicht genauer angegeben — beigesetzt worden sei. Nun, der Meister von S. Abbondio kann freilich von Werner nicht bereits verwendet worden sein, aber eine genauere Untersuchung zeigt, daß das Chorquadrat 3) — die alte Chorapsis ist nicht mehr erhalten — und wenigstens die Ostwand des Querhauses mit den sonstigen romanischen Formen der Kirche keineswegs übereinstimmen.

 

 

Die Kämpfer an den östlichen Pfeilern der Vierung sitzen nicht blos höher, als die entsprechenden im Westen, sondern entbehren jener bezeichnenden Schmiege mit Flachreliefs und zeigen auch sonst ein ganz anderes Profil, als sich dort über den Schmiegen befindet. Dasselbe Profil aber kehrt in der südlichen Nebenapsis wieder, ist hier aber

____

3) Da die äußere Nordmauer des Chorquadrats bereits den Rundbogenfries des Meisters von S. Abbondio trägt, ist nicht einmal sie in Werners Zeit fertiggestellt worden.

____

412 Zur Baugeschichte des Klosters U. L. Fr. zu Magdeburg

 

bei der Fortführung des Baues, ohne entfernt zu werden, doch in Schatten gestellt worden durch ein neues Kämpferprofil, das sich auch, über einer Schmiege, an den westlichen Pfeilervorsprüngen für den Abschlußbogen nach den beiden Querhäusern findet. Hiermit ist also ein unzweideutiges Anzeichen für eine Bauunterbrechung gegeben, wie sie beim Wechsel in der Person des Bauherrn leicht eintreten konnte.

 

Eine Bauunterbrechung liegt aber weiter vor in der Krypta.

 

 

Hier verraten die Wandsäulen einen ganz anderen Geist, als die freistehenden. Jene haben derbere niedrigere Würfelkapitäle, von denen eines ein flaches Flechtband, ein zweites eine flache Rosette an der Scheibe trägt; eine dritte Wandsäule zeigt unter dem Abakus der mit dem Würfel aus einem Stück besteht, den Zahnschnitt. Die Schäfte der Wandsäulen bestehen meist aus einem großen Stück und einem kleinen darüber, bisweilen aber auch aus mehreren Stücken; der Schaftring fehlt hier durchgehends. Die frei stehenden Säulen dagegen sind monolith (eine besteht aus Granit, eine andere aus Brecciamarmor), die Würfelkapitäle sind weniger schwerfällig, und wenn auch sämtliche Sockel der Eckknollen entbehren, zeigen doch die Quergurte für die Gewölbe, daß wir es hier mit einem späteren Bauteil zu tun haben. Es scheint also, daß beim Tode des Erzbischofs Werner die Krypta noch nicht eingewölbt war. Indessen stand dem ja nichts im Wege, daß er, zum wenigsten vorläufig, in der Krypta beigesetzt wurde. Eine längere Bauunterbrechung aber war hier wie anderwärts aus dem Grunde nicht so störend, weil es Sitte war, einen alten Bau, den man durch einen neuen ersetzen wollte, nur immer Teil für Teil abzubrechen. Wo der Bau Erzbischof Geros gestanden hat, wissen wir nicht; die gegenüber der Kirche so seltsam verschobene Lage der Konventsgebäude, deren Ostflügel in der Regel mit dem Querschiff der Kirche fluchtet, legt aber die Vermutung nahe, daß die erste Kirche weiter nach Osten zu lag, und daß die Konventsgebäude, die freilich erst dem 12. Jahrhundert angehören, doch die Stelle der ersten Konventsgebäude einnehmen. Ist diese Vermutung richtig, so hätte Chor- und Querhaus der Kirche Geros unmittelbar östlich vom Chor der Kirche Werners gelegen, so daß bei dem Beginn des Neubaus nur das Langhaus des ersteren abgebrochen werden mußte, seine östlichen Teile aber ruhig weiter benutzt werden konnten. Erst unter dem zweiten Nachfolger

____

413 Von P. J. Meier.

 

auf dem erzbischöflichen Stuhle, Graf Heinrich von Assel, war der Neubau soweit vorgeschritten, daß dieser Kirchenfürst im südlichen Querhause beigesetzt werden konnte (1107). Um 1100 aber muß dann gleich auch der Bau des Langhauses nach Ausweis der Stilformen in Angriff genommen worden sein. Mit dieser zeitlichen Ansetzung geht das, was wir über die Zeit der Quedlinburger Schloßkirche und der S. Ulrichskirche in Sangerhausen wissen, gut zusammen. Jene ist in ihrem Neubau 1129 geweiht worden, und aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts muß auch die Sangerhäuser Kirche stammen, obgleich hier bestimmtere Zeitangaben nicht vorliegen. Gleichzeitig mit dem Langhause der Liebfrauenkirche ist auch der Bau des südlichen Kreuzgangflügels begonnen worden. Denn der große Bogen desselben gegenüber dem nördlichen Querhause, der erst etwa um 1230 durch Teilungsbögen und -säulen geschlossen wurde, bis dahin aber den Zugang zu dem von den Kreuzgängen umgebenen Hof bildete, zeigt denselben Wechsel von weißen und roten Steinen, den wir an den Arkaden der Kirche sehen. Die Kirche dieser Zeit hat übrigens nur bis zur achten Arkade gereicht; das ergibt sich nicht bloß aus dem System von drei Säulen zwischen je zwei Pfeilern, sondern auch aus dem, dem ersten westlichen Pfeiler gegenüber stehenden alten Wandpfeiler der beiden Seitenschiffe, der sich durch Schichtwechsel, bezw. durch Sockelbildung von den für die Einwölbung des 13. Jahrhunderts vorgesetzten sonstigen Pfeilervorlagen deutlich unterscheidet.

 

 

Hier sollte, sei es der Turmbau, sei es ein westliches Querhaus, zu stehen kommen, bis dann eine etwas spätere Zeit eine neunte Arkade daraus machte und westlich von dieser den Turmbau ausführte.

 

Bisher hat man nun ganz allgemein dem Erzbischof Norbert einen wesentlichen Anteil an dem Neubau der Kirche zugeschrieben, und diesem Urteil schließt sich auch Modde an. In der Urkunde von 1129 in der jener das bisherige Augustiner-Chorherrenstift aufhebt und an dessen Stelle das Prämonstratenserkloster gründet, sagt er, er hätte die „ecclesia - - - interius et exterius adeo attenuata“ gefunden, „ut et sarta tecta ipsius ecclesie omnino fere essent annichilata, quod duodecim clericis in ea deo deservire constitutis non sufficerent alimenta“. Mir scheint es unmöglich, aus diesen Worten mehr schließen zu wollen, als daß der Verfall des Stifts,

____

414 Zur Baugeschichte des Klosters U. L. Fr. zu Magdeburg.

 

den Norbert zum Anlaß seines Eingreifens nimmt, sich auch in der Erhaltung der Kirche zeigte, bei der nicht einmal das Dach in Ordnung war. Wo aber ist hier von einem Stillstand im Neubau die Rede? Ganz davon abgesehen, daß Norbert, um sein Vorgehen begründen zu können, den inneren und äußeren Verfall des Stiftes — denn so muß man die ecclesia interius et exterius attenuata auffassen —- stark übertreibt, wie dies Bormann in seiner Geschichte des Liebfrauenklosters S. 50 ff. überzeugend nachgewiesen hat. Sehen wir uns aber erst mal den Bau selbst an, um zu bestimmen, ob er die bisherige Annahme, Norbert hätte einen hervorragenden Anteil am Bau von Kirche und Kloster gehabt, bestätigt. Wir hatten schon gesehen, daß die Kirche, wenn wir zunächst einmal die neunte Arkade und den Turmbau außer Acht lassen, gleich im Beginn des 12. Jahrhunderts fertig gewesen sein muß. Es kann sich also nur darum handeln, ob die eben genannten Teile und die ihnen im Stil verwandten der Zeit Erzbischof Norberts zugeschrieben werden können. Es läßt sich nämlich sehr leicht der Beweis führen, daß der ganze Kreuzgang einschließlich des Brunnenhauses, trotz Moddes abweichender Ansicht, gleichzeitig mit dem Turmbau ausgeführt sein muß. Alle diese Teile zeigen noch ziemlich strenge romanische Formen. Vor allem möchte man aus dem häufigen Fehlen der Eckknollen an den Sockeln der zahlreichen Säulen am Westbau und im Kreuzgang schließen, daß ein Hinaufdatieren möglichst in den Anfang des 12. Jahrhunderts der Wahrheit am nächsten käme, und auffallend ist das Fehlen auf alle Fälle. Den Ausschlag aber geben die Würfel-Kapitäle der Säulen.

 

 

Denn diese zeigen ganz ausgesprochen die Form der Hirsauer Schule, die mit der Paulinzeller Kirche, d. h. mit dem zweiten und dritten Jahrzehnt des Jahrhunderts in Mitteldeutschland Eingang und erst von hier aus langsam bei uns Verbreitung findet. Dazu kommt aber noch, daß Burkhard Meier in seinem Buche über die romanischen Portale in Sachsen 4), wie mir scheint, den überzeugenden Beweis führt, daß das ursprüngliche innere Westportal der Liebfrauenkirche mit seiner abgetreppten und in den Ecken von Säulen besetzten Laibung eine über das Westportal in Paulinzella hinausgehende Form zeigt. Irrt er auch in der Annahme, daß das Magdeburger Portal

____

4) Beiheft 6 der Zeitschrift für- Geschichte der Architektur, (Heidelberg 1911. 4°). S. 33 f.

____

415 Von P. J. Meier.

zeitlich mit der Umänderung der Stützen in der Kirche zusammengeht, die, wir sahen, dem letzten Viertel des Jahrhunderts angehören, so scheint es mir doch ausgeschlossen zu sein, daß die genannten Bauteile in die Zeit Norberts gehören. Denn daß auch das Portal mit dem ganzen Turmbau und dem Kreuzgang gleichzeitig ist, lehrt der Augenschein. Nur der Annahme stände nichts im Wege, daß Norbert diese Erweiterungs- und Neubauten, deren Ausführung er nicht mehr erleben sollte — er starb ja bereits 1134 — veranlaßt und daß ihm vor allem der Entwurf des eigenartigen Turmbaus, dem der von Notredame in Maestricht am nächsten kommt, zuzuschreiben sei. Man darf annehmen, daß sie dann um 1150/60 fertiggestellt waren. Denn wenn B. Meier glaubt, das Magdeburger Portal ginge auf den Umbau zurück, den das Paulinzeller Portal, wie er nachweist, um 1180 erfahren hat, so beachtet er nicht, daß die Weiterentwicklung des einfach abgetreppten Portals zu dem mit Säulen versehenen weder an das umgebaute Portal zu Paulinzella noch an dessen von B. Meier nachgewiesene Vorbild, die Galluspforte in Basel, anzuknüpfen brauchte; dazu sind doch die Formen zu einfach. -— Norbert selbst die eigentlichen Konventsbauten mit den in Sachsen ganz ungewohnten Tonnengewölben zuzuschreiben, geht sehr wohl an.

 

Die Turmvorhalle war ursprünglich nach Westen zu offen, etwa wie es bei der Stiftskirche in Gandersheim der Fall ist.

 

 

Es scheint nun, daß man nicht etwa den Verschluß im Osten der Vorhalle beseitigte und in den Westen verlegte, ein Zustand, wie er jetzt besteht, sondern daß man die Vorhalle in eine Kapelle umwandelte und im Westen ganz schloß. Denn der jetzige Westausgang stammt erst aus dem Jahre 1731; Opfergelt ließ damals „die bisher vermauerte Kirchtür zwischen beiden Türmen, das alte große Tor gegen die Straße heraus wieder eröffnen“ 5). Als Ersatz für das Westportal war nämlich bereits in romanischer Zeit — nach der Abbildung bei Modde S. 89 zu urteilen um 1200 — ein Eingang in das südliche Seitenschiff gebrochen worden, der dann 1731 geschlossen wurde.

 

Noch auf zwei Punkte möchte ich hinweisen. Zuerst auf zwei Kapitäle im Sommerrefektorium, die sich von den übrigen bestimmt

____

5) S. Modde S. 92, 1.

____

416 Zur Baugeschichte des Klosters U. L. Fr. zu Magdeburg.

 

unterscheiden. Während diese die Formen des späten 12. Jahrhunderts zeigen und damit beweisen, daß diese Halle später als der Kreuzgang erbaut ist, tragen jene die Merkmale einer Nachahmung antiker korinthischer Kapitäle, wie sie im 11. Jahrhundert üblich war. Sie könnten daher, wenn sie nicht von irgend einem anderen Bau übernommen sind, nur dem ersten Bau Geros entstammen. Sodann scheinen die Merkmale, die eine frühere Verlängerung des Chors bis in die Vierung hinein beweisen, nicht ausreichend beachtet zu sein, obwohl man die Verlängerung an sich richtig erschlossen hat. In der Südwestecke der sogenannten Hohen Kapelle, die ich übrigens in die ersten Jahre des 13. Jahrhunderts setzen möchte, befindet sich eine hoch sitzende, jetzt vermauerte Tür mit einem sehr interessanten spätromantischen Weihwasserbecken, die nur auf die chormäßig erhöhte Vierung geführt haben kann.

 

 

Ferner endigen die Pfeilervorsprünge unter den Abschlußbögen zwischen Vierung und Querhäusern mit ihren Sockeln bereits in der Höhe des Fußbodens der erhöhten Vierung. Und selbstverständlich hat sich Triumphkreuz und Kreuz- oder Laienaltar niemals vor dem Chorquadrat befunden, wie Modde meint, sondern stets unter dem Bogen zwischen Vierung und Langhaus.

 

Fasse ich noch einmal kurz zusammen, was sich jetzt über die Baugeschichte der Kirche feststellen läßt:

 

(Geros Bau der Jahre 1015 ff. bis vielleicht auf zwei Kapitäle verschwunden.)

 

Zwischen 1064/1078 Neubau durch Erzbischof Werner begonnen, aber nicht einmal in Krypta und Chor fertig gestellt, dann für mehrere Jahrzehnte unterbrochen.

 

Gegen 1100 Fortsetzung und in einem Zuge Vollendung des Langhausbaus durch den Meister von S. Abbondio in Como.

 

Unter Norbert (1129-1134) Bau der Konventsgebäude.

 

Seit etwa 1140 Bau des Turmes und des Kreuzganges, deren Pläne vermutlich schon von Norbert festgelegt waren.

 

1188 Brand der Kirche, gleich darnach Erneuerung bezw. Verstärkung der durch Feuer beschädigten Stützen des Mittelschiffs.

 

Zwischen 1220/1230 Einwölbung im Übergangsstil, über die P. J. Schmidt in seiner Besprechung des Moddischen Buches in den Monatsheften für Kunstwissenschaft 1911 S. 524 f. das Nötige gesagt hat.

 

 

Veröffentlicht in:

P. J. Meier: Zur Baugeschichte des Klosters U. L. Fr. zu Magdeburg.

Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg. Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde des Herzogtums und Erzstifts Magdeburg. 46. Jahrgang 1911 S. 409-416