Puttrich 1836: Kurzer Abriss der Geschichte des Stiftes und der Kirchen und Klöster zu Merseburg.

 

Ueber die Erbauung der Stadt Merseburg haben die Chronisten, selbst der älteste derselben, der dasige Bischoff Dithmar (welcher von 1008 bis 1018 diese Würde begleitete und seine Chronik schrieb), manche Nachrichten aufgezeichnet, welche jedoch die historische Kritik nicht überall für richtig anerkennen kann. Sie geben an, diese Stadt sey eine römische Colonie 1); K. Karl der Grosse habe dieselbe, nachdem er sie von den Sachsen erobert hatte und ihre Mauern verfallen waren, wieder erneuert, auch die Kirche St. Johannes des Evangelisten gebaut und dabei Canonici eingesetzt, (diese Kirche soll da, wo jetzt im neuen Schlosse die Hofstuben sich befinden, gestanden haben, und der Schlosshof soll der Kirchhof gewesen seyn 2); K. Heinrich I. habe die Stadt nach deren Zerstörung durch die Ungarn wiederhergestellt, mit Mauern befestigt, auch die Kirche St. Johannes des Evangelisten neu gebaut und am 14. Kal. Junii 922 consecriren lassen 3); K. Otto I. endlich habe die Stadt erweitern und mit Mauern befestigen, Bischoff Eckhardt aber die Mauern 1181 nochmals verbessern lassen 4).

 

Was nun diejenigen Kirchen zu Merseburg, welche sich durch ihren Baustyl auszeichnen und die entweder ganz oder in einzelnen Theilen hier in Abbildungen dargestellt worden sind, nämlich den

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1) Dithmari episc. Merseb. Chron. ed. Wagner, 1807 4. drückt sich pag. 13 so aus: Antiquum opus Romanorum muro rex praedictus (Henricus I.) in Merseburg decoravit lapideo, et infra eandem ecclesiam, quae nunc mater est aliarum, de lapidibus construi, et XIV. Kal. Junii praecepit dedicari (922).

2) Brotuff, Chronica des Stifts etc. Marsburg, 1557., fol. Dieser Chronikenschreiber und der weiter unten citirte Vulpius verdienen weniger Glauben über Thatsachen, welche sich in früherer Zeit zugetragen haben. Nur über das, was sie aus der Zeit, wo sie lebten, berichtet haben, können sie füglich als Quelle angezogen werden.

3) Dithmar, a. a. O.

4) Brotuff, a. a. O.

 

 

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Dom, die Neumarkts-, die Sixt- und die Peters-Kirche (und die damit verbundenen Stifte und Klöster) betrifft, so ist über ihre Erbauungsgeschichte Folgendes bekannt.

 

1) Das Domstift Merseburg gründete K. Otto I. im J. 968. Die Veranlassung dazu war nach Dithmar 1) ein Gelübde, welches derselbe am Tage des h. Laurentius 955 vor der Schlacht mit den Ungarn am Lech gethan hatte, dass er in Merseburg ein Bisthum zu Ehren des gedachten Heiligen errichten und das von ihm neuerlich erbaute grosse Haus (Palast) in eine Kirche verwandeln wolle, sobald ihm der Heiland Sieg und Leben an diesem Tage schenken würde. — Daher wurde auch von ihm der heil. Laurentius neben dem heil. Johannes, dem die früher hier gestandene Kirche geweiht war, zu Schutzpatronen des Stiftes bestimmt. 2) Die Errichtung eines Stiftes an dasigem Orte aber war schon früher von K. Heinrich I. beabsichtigt worden, um unter den Sorben-Wenden die christliche Religion zu verbreiten, wie denn überhaupt der eigentliche Zweck derartiger Stiftungen damals war, dass sie als Schulen zur Ausbreitung des Christenthumes unter den Heiden dienen sollten. — Bis zum Jahre 968 hatte K. Otto I. alle zur Errichtung des Stiftes nöthigen Einrichtungen getroffen. Im folgenden Jahre erfolgte die Weihung des ersten dasigen Bischoffs Boso, durch den Erzbischoff Adalbert von Magdeburg. Boso, welcher in den östlichen Gegenden eine Menge Heiden zur christlichen Religion bekehrt hatte, stand bei K. Otto I. deshalb in grosser Gunst, und dieser liess ihm die Wahl unter den drei neugestifteten Bisthümern zu Meissen, Merseburg und Zeitz; Boso wählte Merseburg als den ruhigsten Bischoffssitz 3). Otto soll dem Stifte zugleich das Wappen, ein schwarzes Kreuz in rothem Felde, verliehen haben 4); allein dies scheint nicht richtig, da die Verleihung von dergleichen Wappen erst später eingeführt worden seyn mag. — Otto stattete das Stift bei seiner Errichtung schon reichlich aus, aber seine Verwandten und seine T'hronfolger fügten noch mehr hinzu. So schenkte unter andern seine Schwiegertochter Ida der Kirche die Stadt Rochlitz 5), K. Otto II. die Abtei Pölden, ferner Zwenkau 6), besonders ‚einen Forst in dieser Gegend zwischen der Saale und Mulde 7), welcher aber vom Bischoff Giselar an den Markgrafen Eckhardt gegen einen bei Sumeringen

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1) pag. 25. „Postero die, id est in festivitate Christi martiris Laurentii, Rex solum se prae caeteris culpabilem Deo professus atque prostratus, hoc fecit lacrimis votum profusis, si Christus dignaretur sibi eodem die tanti intercessione praeconis dare victoriam et vitam, ut in civitate Merseburgensi episcopatum in honorem victoris ignium construere, domumgque suimet magnam noviter inceptam sibi ad eclesiam vellet aedificare.“ Man vergleiche die Bulle Papst Johannes XIII. über die Bestätigung der Bisthümer zu Merseburg, Zeitz und Meissen, welche sämmtlich dem Erzbisthum zu Magdeburg unterworfen wurden, in der von Berbisdorf’schen Sammlung von Abschriften sämmtlicher beim Domcapitel zu Merseburg vorhandenen Original-Urkunden, Mscr. T. I. Nr. 3. — auch in Leuckfeld, Antt. Halberst. pag. 646, — in Martene et Durand, Coll. pag. 317, — in Mabillon, Sec. V. Benedict, pag 575.

2) Der Restaurations-Brief K. Heimrich’s II. nennt auch den heil. Romanus als dritten Schutzpatron. S. in der v. Berbisdorf’schen Urkunden-Sammlung, T. II. Nr. 4. abgedr. in Boysen’s hist. Magazin. 1stes Stück.

3) Dithmar, Chron. pag. 98 — Chron. Episcopp. Mersebb. in Ludwig Religg. Mscr. T. IV. pag. 333. — Brotuff, Chronica pag. LIV.

4) Georg Möbius, neue Merseburgische Chronica; zusammengetragen. etc. Ao. 1668. Mscr. in fol. 562 Seiten enth. (im Besitz des H. v. Posern-Klett in Leipzig), Seite 196.

5) Dithmar, Chron. pag. 242.

6) Die Schenkungs-Urkunde steht in der v. Berbisdorf'schen Sammlung. Mscr. T. I. Nr. 7.

7) Die Schenkungs-Urkunde s. ebendas. T. I. Nr. 8. abgedr. in Wideburg tr. de pagg. Misn. pag. 148.

 

 

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gelegenen Forst vertauscht, und erst im J. 1017 nach einer Entscheidung des K. Heinrich's II. dem Stifte zu Merseburg wiedererstattet wurde 1), sodann Kohren, Nerchau, Pötsche (oder vielleicht Bausitz) Brandis (oder Bornitz, oder Portitz.) 2). Allein gegen Ende der Regierung K. Otto’s II. traf das Bisthum Merseburg ein um so härterer Schlag. Papst Benedict VII. erliess nämlich auf Veranlassung des Bischoffs Hildeward von Halberstadt, und vorzüglich auf Antrieb des im J. 982 auf den erzbischöfflichen Stuhl zu Magdeburg beförderten Merseburger Bishoffs Giselar, drei Bullen in den Jahren 981 und 983 3), worin er dieses Bisthum (unter dem Vorwande, dass K. Otto die Errichtung desselben ohne vorherige Einwilligung des Bischofs Hildeward, unter dessen Diöces Merseburg ursprünglich gelegen war, veranstaltet habe,) gänzlich anullirte und den grössten Theil desselben dem Erzbisthume Magdeburg, den Ueberrest den Bisthümern Zeitz und Meissen überliess, in Merseburg aber einen Abt einsetzte. — Dagegen machte sich K. Heinrich I. um das dasige Stift vorzüglich verdient, daher ihn auch sein Zeitgenosse, Bischoff Dithmar, mit den grössten Lobeserhebungen und zuletzt in dichterischer Begeisterung preist 4). Heinrich scheint schon im Anfange seiner Regierung, als er nach seiner im Juni 1002 zu Mainz stattgefundenen Krönung nach Merseburg gekommen war, und dort von den daselbst versammelten sächsischen Fürsten, Bischöffen etc. die Huldigung empfangen hatte 5), die Wiederherstellung des dasigen Bisthumes versucht zu haben. Allein Giselar wusste durch allerhand Ränke dieses bis zu seinem im Jahre 1004 erfolgten Tode zu hintertreiben und die Rückgabe der dazu gehörigen Besitzungen, welche er an sich gebracht hatte, hinauszuschieben. Nach Giselar’s Tode stellte K. Heinrich II. durch eine unterm 5ten März 1004 zu Walhausen ausgefertigte Urkunde das Bisthum wieder her und ernannte seinen Kaplan Wigbert zum Bischoff, bestätigte auch dem Stifte alle seine älteren Gerechtsame, sogar diejenigen, welche davon entfremdet worden waren 6). "Auch der neue Erzbischoff

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1) Dithmar, Chron. pag. 258.

2) Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 337.

3) In der v. Berbisdorf’schen Sammlung Mscr. T. I. Nr. 10. 11. 12. abgedr. in Sagittarii Hist. Ducat. Magdeb. in Boysen’s allg. hist. Magazin 1. St. pag. 197. 202. — Nr. 10., in Dreyhaupt Beschr. d. Saalkr. T. I. pag. 21. — Vergl. Chron. Episcc. Mersebb. pag. 341.

4) Chron. pag. 198. Jure laudandus est a nobis, qui multum profuit nobis munere et gratia aeterni regis. Heinricus etenim Rex ecclesiam adauxit nostram multis utilitatibus, inprimis divino apparatu, et de omnibus curtibus, quas in Thuringia et Saxonia habuit, duas nobis tradidit familias. Evangelium auro et tabula ornatum eburnea, et calicem aureum atque gemmatum cum patina et fistula (Trinkröhrchen, indem die Communion damals noch in beiderlei Gestalt gereicht worden zu seyn scheint) cruces duas et ampullas ex argento factas et magnum calicem ex eodem metallo cum patina et fistula dedit. Quicquid in praediis ab antecessoribus meis neglectum erat, praecepto renovarat.

Quem laudant superi, veneremur nos quoque servi,

Promentes dignas nostris ex cordibus odas etc.

5) Dithmar, Chron, pag. 118. — Annal. Saxo pag. 384.

6) Der Restaurations-Brief Heinrich’s II. steht in der Berbisdorf’schen Urkunden-Sammlung: T. II. Nr. 4 — Drei andere Urkunden Heinrich’s von derselben Zeit, worin er dem Stifte mehrere unter Giselar davon entfremdete Besitzungen zurückgiebt, dem Erzbisthume Magdeburg auch einige Entschädigung für die Abtrennung des Stiftes von demselben gewährt, s. ebendas. Nr. 2. 3. 5. abgedr. in Boysen’s hist. Magazin, 1tes Stück; — in Leukfeld, de Bract. Mersebb. pag. 27; — in Strauss, D, de Rudolpho Suev.

Stiftes von demselben gewährt, s, ebendas. Nr. 2. 3. 5. abgedr. in Boysen’s hist, Magazin, 1tes Stück; -— in Leukfeld, de Bract. Mersebb. pag. 27; — in Sirauss, D, de ag Suev.

 

 

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von Magdeburg, Gero, wirkte zur Wiederaufhülfe des Stiftes mit. Er ertheilte unter andern am 25ten October 1015 bei einer Zusammenkunft, die er mit Bischoff Dithmar (unserem Chronisten) zu Mukrehna (oder Möckern oder Machern) veranstaltet hatte, dem Letztern die geistliche Gerichtsbarkeit über die vier Städte Schkeuditz, Taucha, Büchen und Wurzen. — Heinrich bestätigte ferner am 22ten Februar 1017 die Abtretung des am westlichen Ufer der Mulde gelegenen geistlichen Sprengels von Seiten des Bisthumes Meissen an das Bisthum zu Merseburg, wogegen aber letzteres an das erstere den gegen Morgen an der Mulde gelegenen Sprengel überlassen musste, (worüber sich Dithmar bitter beklagt). Im October desselben Jahres schenkte Heinrich bei seiner Anwesenheit zu Merseburg der dasigen (wie wir unten sehen werden) neuerbauten Domkirche drei Tapeten über die Rücklehnen der Domherrenstühle im hohen Chore, und eine silberne Kanne, befahl auch, dass zur Zierde der Kirche ein neuer goldener Altar (eine Altartafel) verfertigt werde, wozu Bischoff Dithmar selbst aus den Einkünften des alten Altares 6 Pfund Gold schenkte 1). Diese Altartafel, welche ausser dem Goldwerthe gewiss auch von grossem Interesse für die Kunstgeschichte seyn würde, ist 1574 von Veit von Pappenheim und Friedrich von Thune, Heerführern des Kurfürsten Johann Friedrich, zerbrochen und weggenommen worden 2). Zur Zeit Bischoff Dithmar's wurde auch die bereits von dessen Vorfahren gesammelte Bibliothek des Stiftes sehr vermehrt, wie denn derselbe auch Reliquien und andere vortheilhafte Besitzungen an Feldgütern und Dienstleuten dem Stifte verschaffte. Dies Alles hat Dithmar in seinem Kirchenkalender (Martyrologium) genau aufgezeichnet, wie er uns berichtet 3). K. Heinrich II. schenkte ferner der neuerbauten Domkirche 1015 zwei Glocken, welche zu Brotuff’s Zeiten noch vorhanden waren 4), und 1017 dem Bisthum drei Kirchen in Leipzig, Oschatz (oder Oetzsch) und Geusau 5). — Hier muss auch der (angeblich) von K. Heinrich II. an das Bisthum Merseburg erfolgten Schenkung der Stadt Leipzig mit ihren Zubehörungen erwähnt werden. Sie stützt sich auf eine Urkunde (8. Non. Octobr. 1021 Act. Merseburghe.), deren Unächtheit schon ihr Aeusseres, unter andern aber auch der Umstand darthun möchte, dass darin Dithmar’s als Bischoffs erwähnt wird, welcher doch bereits 1018 gestorben war 6). Diese Urkunde und die darin ausgesprochene Schenkung hat jedoch später immer als ächt gegolten, wie dies aus der unten angeführten

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1) Dithmar, Chron. pag. 136. 214.

2) Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 476. 479. — Brotuff, Chron. pag. LXIV.,— Vulpius, Megalurgia Martisb. 1700. 4. pag. 26.

3) Dithmar, Chron. pag. 254.

4) Brotuff, Chron. pag. LVI.

5) Dithmar, Chron. pag. 240. Die Schenkungsurkunde über letztern Ort steht in Wideburg, tr. de pagis vet. Misniae pag. 142. — Die Urkunden über diese und mehrere andere Schenkungen und Bestätigungen s. in der v. Berbisdorf’schen Urkundensammlung Mscr. T. I. Nr. 6. 7. 8. 9. 11. 13.

6) Unum Opidum Lyptzk nominatum, situm inter alestram, plisnam et pardam fluuios, cum omnibus pertinentiis suis, terris, cultis et incultis, agris, areis, edificiis, siluis, venationibus, aquis, aquarumque decursibus, piscationibus, molendinis etc. donamus concedimus atque largimur prefate Merseburgensi Ecclesie ipsiusque prouisori venerabili Dijetmaro Episcopo etc. S. die Urkunde in der v. Berbisdorff’schen Sammlung, Mscr. T. II. Nr. 10. 12., abgedr. in Peifer, Lipsia, 1689. 8. pag. 108. Vergl. Gretschel, Beitr. z. Gesch. d. St. Leipzig, 1835. 8.

 

 

 

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Urkunde Landgraf Albrecht’s von Thüringen v. J. 1291 und aus der Aurea Bulla K. Karls IV. v. J. 1366 (in welcher diese Schenkungs-Urkunde Heinrich’s II. and noch fünf andere dergleichen das Stift Merseburg betreffende Schenkungs-Urkunden wörtlich aufgenommen sind), hervorgeht 1). — K. Heinrich III. trat dem Stifte einige Ländereien ab 2); Bischoff Offo (regierte 1065 — 1070), schenkte der Domkirche mehrere Besitzungen, liess auch für sie ein schönes Gemälde verfertigen; Bischoff Werner, 1073 — 1101, und zu seiner Zeit K. Heinrich IV. und Pfalzgraf Friedrich bereicherten gleichfalls diese Kirche mit Ländereien. Bischoff Albuin, 1101 — 1117, schmückte das Sanctuarium derselben mit Gemälden, liess das alte und neue Testament schreiben und ausmalen, schenkte auch viele andere Bücher in die Bibliothek 3). Zu seiner Zeit verehrte auch die heil. Paulina (Schwester oder Schwester-Tochter seines Vorgängers, welche in dem von Werner gestifteten Peterskloster zu Merseburg zwei Kapellen zu Ehren des heil. Johannes und Paulus erbaut, 1106 aber das Kloster Paulinzelle gestiftet hat,) der Domkirche ein auf Goldgrund gemaltes, mit Edelsteinen umgebenes Bildniss der heil. Jungfrau 4). Bischoff Arnold, 1119 — 1133, Johannes, 1176 — 1187, Rudolph, 1238 — 1248, Heinrich von Warin, 1248 — 1263, Friedrich 1263 — 1282, Heinrich vom Amendorf, 1282 — 1300, schenkten oder erwarben dem Stifte ansehnliche Besitzungen, Schkeuditz, Freiburg 5), Lützen, Ranstädt, Lützschena,. In dem Zeitraume von 1256 an waren es vorzüglich Markgraf Heinrich der Erlauchte, Markgraf Dietrich von Landsberg, und Landgraf Albrecht von Thüringen, welche dem Stifte bedeutende Schenkungen zuwendeten 6). Um dieselbe Zeit finden wir genauere Nachrichten darüber, dass das Bisthum zu Merseburg das Münzrecht ausübte 7) und dass wegen grosser Beschädigung der Domkirche durch Stürme und Ungewitter von den Erzbischöffen und Bischöffen zu Mainz, Minden, Magdeburg, Eichstädt, Halberstadt, Hildesheim, Cöln, ein Ablass zu Gunsten dieser Kirche bewilligt wurde 8). Es schenkten oder erwarben ferner die

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1) S. in der von Berbisdorf’schen Urkunden-Sammlung. Mscr. T. III. Nr. 144. T. IV. Nr. 443.

2) Ebendas. T. II. Nr. 16. 17.

3) Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 372. 376. 385.

4) Ebendas. pag. 386. — Vergl. Hesse, Gesch. des Klosters Paulinzelle, 1815. fol. und Desselben Beitr. z. d. deutschen, bes. thüring. Gesch. des Mittelalters. 1836. 8. I. B. 2te Abth.

5) Eine Schenkungs-Urkunde des K. Heinrich II. v. J. 1022, s. in der v. Berbisdorf'schen Urkunden-Sammlung, Mscr. T. II. Nr. 14., über Freiburg (nova curia) ist aus demselben Grunde, den wir oben bei der Schenkungs-Urkunde über Leipzig angaben, als unächt zu betrachten. Dass sie jedoch für ächt gegolten hat, beweisst ihre Aufnahme in die Aurea Bulla Carl’s IV; und dass Freiburg zum Stift gehörte, geht aus einer Urkunde Landgraf Albrecht's ‚hervor, die unter andern in Peiferi Lipsia pag. 134 abgedruckt ist.

6) S. die v. Berbisdorf’sche Urkunden-Sammlung. Mscr. T. III. Nr. 50. 57. 60. 63. 64. 65. 68. 73. 74. 79. 80. 82. 85. 86. 89. 107. 108. 109. 112. 120. 127. Landgraf Albrecht und Markgraf Otto von Brandenburg erkannten im J. 1291 (s. ebendas. Nr. 144.) des Bisthumes Rechte auf Leipzig an, überliessen auch demselben im J. 1291 und 1293 (s. ebendas. Nr. 145. 146. 148. 149.) die vier Gerichtsstühle zu Leipzig, Rötha, Ranstädt und Lützen.

7) Schon zur Zeit Kaiser Heinrich’s II. scheint das Münzrecht von den Bischöffen ausgeübt worden zu seyn, wie aus dem oben angeführten Restaurationsbriefe desselben hervorgeht. — Bischoff Heinrich verpachtete es 1255 an Peter von Naumburg (s. v. Berbisdorf’sche Urkunden-Sammlung. T. III. Nr. 47.), und Bischoff Friedrich erliess 1273 eine Münz-Ordnung. (S. ebendas. Nr. 91.)

8) S. ebendas. Nr. 95. 96. 97. 98. 99. 101. 102.

 

 

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Bischöffe Gevehard von Schraplau, 1323 — 1348, Heinrich von Stolberg, 1348 — 1356, Friedrich von Hoym, 1357 — 1383, Heinrich von Stolberg II., 1384 — 1406, Bose, 1431 — 1463, dem Stifte mehrere Besitzungen; der Zweite unter ebengenannten liess auch zwei Antiphonarien und zwei Responsorien (gradalia) für die Kirche schreiben und dieselben, so wie das Pult dazu, ausmalen, und Bose liess ein goldenes Kreuz, mit Edelsteinen geschmückt (pro pectorali), so wie verschiedene silberne Gelässe fertigen 1). Bischoff Thilo von Trotha, 1468—1514, erbaute das neue Schloss, das Schiff der Domkirche, liess die sogenannte Bischoffskapelle (in der nördlichen Vorlage des Kreuzes der Kirche) ausmalen; seine Nachfolger Adolph von Anhalt, 1514 — 1526, Vincentius von Schleinitz, 1526 — 1535, und Siegismund von Lindenau, 1535 — 1544, setzten jene Baue fort, und Letzterer bediente sich dabei des Baumeisters und Bürgermeisters Johann Möstel 2). Siegismund, der sich bereits der protestantischen Lehre geneigt zeigte, war der letzte katholische Bischoff von Merseburg; nach seinem Ableben erhielt das Stift in der Person des Herzogs August von Sachsen einen Administrator, welcher den Fürsten Georg von Anhalt zum Coadjutor und Präsidenten der neuen Stifts-Regieruug ernannte 3).

 

Die Domkirche selbst wurde (nach Inhalt einer Stelle in Dithmar’s Chronik, deren Aechtheit jedoch einigem Zweifel unterworfen ist, wie dies die unten angeführten Worte beweisen,) im J. 1015 neu erbaut; bis dahin mag die Johanniskirche noch als Stiftskirche bestanden haben. Am 19ten Mai des gedachten Jahres legte im Beiseyn des Erzbischoffs Gero von Magdeburg der Bischoff Dithmar die Grundsteine dazu, und zwar in Form eines Kreuzes 4). Es scheint mithin ungegründet, dass K. Heinrich II. die ersten vier Grundsteine mit eigner Hand gelegt haben soll, wie Brotuff 5) angiebt. Der Bau scheint nicht schnell vollendet worden zu seyn, wenigstens behauptet Brotuff, es habe Dithmar's Nachfolger, Bischoff Bruno, zuerst den neuen Chor und die Crypta bauen und wölben, zu diesem Behufe aber den alten Chor (der Johannis- und bisherigen Stiftskirche) wegreissen und die darrin befindlichen Gebeine der ersten Bischöffe von Merseburg in die Bischoffskapelle bringen lassen; auch setzt Brotuff ausdrücklich hinzu, es habe Bischoff Bruno die Domkirche vollendet, und im

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1) Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 387. 392. 396. 401. 404. 420. 444.

2) Ebendas. pag. 452. 455. 462. 467. 469.

3) Ebendas. pag. 475. etc. — Möbius, Chronica, Mscr. pag. 395.

4) Die Worte sind folgende: pag. 207: Imperator — a nobis discessit et — in vigilia pentecostes ad Immedeshusun (Immenhaussen bei Cassel,) venit, illic cum antistite Meinwerco hanc sanctam festive ducans solennitatem. Interim ecclesia incipitur nostra (Merseburgensis) praesente archiepiscopo Gerone, cujus primos posui lapides in modum sanctae Crucis XV. Kal. Junii. Illic Uual corbeiensis abbas prius ab cura suspensus deponitur etc. — Schon der Herausgeber macht hierzu die Bemerkung: Quae Leibnitius a verbis: Interim ecclesia — XV. Kal. Junii, e Cod. Bruxell. inseruit, etiam in margine Cod. Dresd. leguntur. Reineccii oculos effugerant. Man sieht aber offenbar, dass die ganze Stelle nicht hieher passt, indem das „Illic“ sich auf „Immedeshusun“ bezieht; man müsste sich also wenigstens die Worte: „Interim“ bis „Junii“ als in eine Parenthese eingeschlossen denken, um in den ganzen Context einen richtigen Sinn zu bringen, oder man muss annehmen, der Abschreiber habe die gedachte Stelle an einem unrichtigen Platze eingeschaltet. Im Dresdner Codex ist dieselbe offenbar von späterer Hand am Rande nachgetragen. Ob sie im Brüsseler Codex in dem Contexte selbst steht; ob sie wenigstens von derselben Hand, welche die übrige Handschrift copirte, an den Rand geschrieben ist, darüber mangelt Nachricht.

5) Chron. pag. LXVI.

 

 

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Beiseyn K. Heinrich’s I., seiner Gemahlin Kunigunde, des Erzbischofs von Magdeburg und anderer Bischöffe und Aebte eingeweiht 1). Dass nun trotz mancher Veränderungen, welche die Domkirche in späteren Zeiten erlitten hat, und deren wir sogleich gedenken werden, die jetzt stehende Kirche wenigstens theilweise noch die alte ist, dürfte schon durch Brotuff’s Worte: die Thumbkirche St. Laurentii, welche nach ihrer weite und lenge noch jetzund steht; einigermassen erwiesen werden, wenn man auch ihm über Thatsachen aus früheren Jahrhunderten nicht immer vollen Glauben schenken kann. Andere aus dem Baustyle selbst entnommene Gründe werde ich in der artistischen Beschreibung nachbringen. — Ferner erzählt Brotuff, wie dies auch grösstentheils das Chron. Episcopp. Mersebb. bestätigt: dass unter Bischoff Hunold, 1040— 1050, der Chor (nehmlich die runde Chor-Nische) der Domkirche eingestürzt, aber von K. Heinrich III. wiedererbaut, kurz nachher aber nochmals zusammengefallen sey; Bischoff Hunold habe denselben daher abermals erneuert, und die beiden hohen Thürme, welche noch itzund stehen“, daran gebaut, den Chor, welcher noch heute steht, gewölbt, auch die Domkirche 1042 wieder consecrirt; Bischoff Thilo von Trotha, 1468 — 1514, (welcher auch das Schloss neu aufführte, nachdem er das vom Bischoff Heinrich von Warin im Anfange des 13ten Jahrh. erbaute eingerissen hatte) habe die Domkirche von dem Chore an bis an die Thürme (mithin das ganze Schiff) neugebaut und bis unter das Dach aufgeführt; die Wölbung und Fenster habe aber erst Bischoff Adolph, Fürst zu Anhalt-Bernburg, 1514 — 1526, vollendet; das Gewölbe in der Vorhalle endlich rühre von dem letzten Bischoff, Siegismund von Lindenau, 1536 — 1544, her 2). — Wie Möbius in seiner Chronik angiebt 3), so war der Chor der Domkirche mit einer starken dicken Mauer (einem Lettner, Lectorium,) von dem vorderen Theile der Kirche abgesondert; diese Mauer wurde aber im J. 1558 nebst den drei Altären, welche davor standen, abgebrochen und durch ein eisernes Gitter ersetzt. — Bischoff Thilo von Trotha hatte bereits vorher die sogenannte Bischoffskapelle (in dem nördlichen Flügel des Kreuzes der Kirche) einrichten und ausmalen lassen 4). — Im J. 1663 wurde die baufällig gewordene Spitze eines der am Chor stehenden Thürme abgetragen, und in den Jahren 1664, 1665, 1677 und 1686 wurde Vieles im Inneren der Kirche verändert, die fürstliche Gruft gebaut, Emporkirchen und Betstühle, das Orgelchor, der Hauptaltar errichtet, und die alten Altäre abgebrochen etc. 5).

 

Nach Stiftung des Bisthumes hatten sich nach und nach mehrere geistliche Orden in Merseburg niedergelassen:

2) An der jetzigen Neumarktskirche, welche bereits als Kirche des heil. Thomas in dem von K. Friedrich I. im J. 1188 dem Neumarkt (früher der Werder genannt), ertheilten Privilegium der Marktgerechtigkeit, desgleichen in einer Bestätigungs-Urkunde K. Heinrich’s VI. vom J. 1195 erwähnt wird 6),

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1) Brotuff, Chron. pag. LVb. LXVI. LXVII. —. Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 362. bestätigt, dass diese Einweihung von Bruno erfolgt sey.

2) Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 364. 4469. — Brotuff, Chron. pag. LXVIIb. XCVIIIb. Cb. CIIb.

3) Möbius, Neue Merseb. Chronica, Mscr. pag. 218 ff.

4) Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 455.

5) Ebendas. pag. 564. — Möbius, Chron. Mscr. S. 218.

6) S. in der von Berbisdorf’schen Urkunden-Sammlung, Mscr. Tom. III. Nr. 20. 23.

 

 

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ist ein (Benedictiner) Nonnenkloster vorhanden gewesen. Brotuff 1) schreibt die Erbauung dieser Kirche, wie sie jetzt steht, dem Bischoff Rudolph zu, welcher nach seiner Angabe von 1194 — 1204 dem Domstifte vorstand 2), und es scheint sich auch aus der am Thurme nach der Saale zu ausgehauenen Jahrzahl 1198 (und aus dem Baustyle selbst) zu bestätigen, dass die Kirche in dieser Zeitperiode erbaut worden sey. Es ist daher zu vermuthen, dass schon früher bereits eine Kirche an der Stelle der gegenwärtigen gestanden hat und niedergerissen worden ist; der noch jetzt stehende Thurm, sowie der Zwischenbau der Thürme scheinen jedoch noch Ueberreste der früheren Kirche. — Nachdem sich die Nonnen aus unbekannten Ursachen von hier weg, und zuerst nach Lohe bei Lützen, von da aber bald darauf nach Leipzig gewendet hatten 3), so ist 1240 das Kloster auf dem Neumarkte an Canonici überlassen worden, welche vorher zu Zwenkau ihren Sitz gehabt, aber denselben wieder verlassen hatten, vielleicht weil Bischoff Friedrich 1236 das Collegiatstift in ein befestigtes Schloss umgewandelt hatte 4). Die Canonici blieben an der Neumarktskirche bis zum J. 1327, wo sie nach der

3) Sixtkirche verpflanzt wurden 5). Diese letztere Kirche war bereits vom Bischoff Hunold im J. 1045 auf dem Sixtberge als Pfarrkirche erbaut und eingeweiht worden 6), nachdem die Kirche des heil. Maximus, die älteste der Stadt, zu klein für die Gemeinde geworden war; denn schon zu K. Otto’s I. Zeiten war die Stadt bis zum Sixtberge erweitert worden. Von ihrer Erbauungszeit an bis zum J. 1327 bestand sie als Pfarrkirche, und wurde erst im letztgedachten Jahre zu einer Collegiatkirche erhoben. Seitdem wurde sie auch das untere Stift genannt 7). Im J. 1580 wurde die Sixtkirche zu der Kirche des heil. Maximus geschlagen, so dass in ersterer seitdem kein Gottesdienst mehr gehalten wurde. Zu welcher Zeit aber das Gebäude ganz eingegangen ist, darüber ermangeln weitere Nachrichten 8). Im J. 1692 begann Herzog Christian II., Administrator des Stiftes, die Sixtkirche wiederherzustellen, allein sein baldiger Tod hinderte ihn an Vollendung seines Planes 9).

4) Die Peterskirche in der Altenburg ist ihrer Stiftung nach eine der ältesten Kirchen in der Stadt. Die Altenburg soll 10) bereits zur Römerzeit von den damaligen Urbewohnern der Gegend erbaut worden seyn, und zur Zeit K. Otto’s I. soll daselbst ein Kloster, welches Canonici innegehabt, gestanden haben. Bischoff Werner hat das (wie es scheint verfallen gewesene) Kloster neuerbaut

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1) Chron. pag. LXXXIII.

2) Das Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 396. führt den Bischoff Rudolph erst unter den J. 1238 — 1248 auf.

3) Hier erbauten sie vorm Petersthore an der Pleisse, da wo jetzt die neue Bastei ist, ein Kloster zu Ehren des heil. Georg, welches aber Churfürst Moritz bei Anlegung der Festungswerke hat wegreissen lassen. Vergl. Schneider, Chron. Lipsiense, 165g. 4. pag. 154. — Möbius, Chron. Mscr. pag. 117. 252.— Brotuff, Chron. pag. LXVIII.

4) Brotuff, Chron. pag. LXXXV.

5) Die Bestätigungs-Urkunde des Bischoffs Gevehard von Schraplau, s. in der von Berbisdorf'schen Urkunden-Sammlung, Mscr. Tom. IV. Nr. 313. Sie ist abgedruckt in Unschuld. Nachrichten. 1732. pag. 9. — Mittheilungen des Thüring. Sächs. Vereines. Th. I. S. 58 etc. 66 etc.

6) Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 365.

7) Möbius, Chron, Mscr. pag. 252.

8) Ebendas. pag. 254. 279.

9) Chron. Episcopp, Mersebb. pag. 574. — Vulpius, Megalurgia, S. 37.

10) Brotuff, Chron. pag. KXXVI. (Allein es ist dies eine unverbürgte Sage.).

 

 

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und es mit Benedictinermönchen besetzt. Die Stiftung erfolgte am 19ten Juli 1091 und Erzbischoff Hartung von Magdeburg weihte es am 1sten August desselben Jahres ein 1). Wie bereits oben (S. 9) erwähnt worden ist‚ so erbaute die heil. Paulina, die Schwester oder Schwester-Tochter Bischoff Werner’s, im Peterskloster zwei Kapellen. — Unter anderen bedeutenden Schenkungen, welche dem Kloster nach und nach gemacht worden sind, erwähne ich nur der von K. Heinrich IV. bewilligten, welche im dritten Theile der Einkünfte aus den Salzkoten zu Sulze bestand. — Das Kloster wurde im J. 1544 aufgehoben; 1627 unter dem Administrator Johann Georg I. wurden die Klostergebäude in Wirthschaftsgebäude zum Behuf des Hofhaltes umgeschaffen 2).

5) Die Pfarrkirche des heil. Maximus soll gleichfalls eine der ältesten Kirchen der Stadt und zur Zeit der Einführung der christlichen Religion hier erbaut worden seyn. Da sie für die Gemeinde zu klein war, so wurde, wie ich oben erwähnte, die Sixtkirche erbaut. Bis zum J. 1432 scheint die Stadtkirche ihre ursprüngliche Gestalt behalten zu haben, allein in diesem Jahre wurde sie abgebrochen und neuaufgeführt; der niedrige und breite Glockenthurm, welcher noch steht, scheint jedoch ein Ueberrest des früheren Gebäudes zu seyn. Der Bau ging sehr langsam vorwärts, denn 1450 wurde erst die Seite gegen Mittag, 1485 der Chor ausgebaut, und von 1494—1501 sind erst die Deckengewölbe vollendet worden 3). — Endlich ist noch

6) des Gotthardsklosters zu erwähnen, welches im J. 1503 bei der bereits längst vorhanden gewesenen Kapelle gleiches Namens unter Bischoff Thilo von Trotha als Brüderhaus gestiftet 4) und 1544 schon wieder aufgehoben wurde.

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1) Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 375.

2) Möbius, Chron. Mscr. pag. 256. — Chron. Episcopp. Mersebb. pag. 384. 490. 533.

3) Möbius, Chron. Mscr. pag. 276. — Vulpius, Megalurgia. S. 31.

4) Den Stiftungsbrief s. in Möbius, Chron. Mscr. pag. 270.

 

 

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Beschreibung der Baudenkmale der Stadt Merseburg, von denen hier Abbildungen gegeben werden.

Der Dom.

Die verschiedenen Perioden in dem Auf- und Ausbaue des Domes, auf welche in der geschichtlichen Einleitung hingewiesen worden ist, werden durch den verschiedenen, in dessen einzelnen Theilen ersichtlichen Baustyl theilweise bestätigt. Betrachten wir zuvörderst

 

das Aeussere,

so entsprechen in der westlichen Hauptfaçade (Bl. 3 dargestellt) der mittlere Theil der Vorhalle mit dem Giebel, und der giebelförmige Zwischenbau der westlichen Thürme, dem Baustyle, welcher in den letzten Decennien des 12ten und den ersten Decennien des 13ten Jahrhunderts in Sachsen herrschte. Der Spitzbogen der in diesen Theilen befindlichen Fenster und Blenden hat die gedrückte und schwere Form der früheren Periode, welche wir bei Arkaden und Portalen, z. B. an der Kirche zu Memleben, dem Dome zu Naumburg und der Stadtkirche zu Freiburg a. d. U. finden 1). Eigenthümlich ist ferner die Stellung der Fenster und Fensterblenden, von denen die mittelsten höher hinaufreichen als die an den Seiten befindlichen, — eine Form, die sich bei mehreren zu Ende des 12ten oder Anfang des 13ten Jahrhunderts erbauten Kirchen, z. B. in Grimma, Barby, Gräfenhähnchen zeigt 2), wenn gleich

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1) In dem 16ten und 17ten Jahrhundert kehrt diese gedrückte Form des Spitzbogens wieder, jedoch in einer etwas abweichenden Gestalt, wie dies in der Folge durch Beispiele nachgewiesen werden wird.

2) An dem Dome zu Zürich und am dasigen Frauenmünster findet man dieselbe Stellung der Fenster an der Giebelseite, s. Vögelin, das alte Zürich, 1829. 8., desgleichen an mehreren Kirchen am Rhein, s. Boisserée, Denkmale der Baukunst am Nieder-Rhein, 1833. gr. fol. Bl. XXV. XL. LXIX., sowie in vielen Kirchen Englands, f. Britton, the Architectural Antiquities of Great Britain, 1826. gr. 4. Bl. 36. 52. 73. 77. 80. Desselben History and antiquities of the Cath. Church of Hereford, 1831. gr. 4. Bl. VII. IX. Bei einigen dieser Kirchen sind die Fenster zwar im Rundbogen, jedoch ohngefähr aus derselben Zeitperiode.

 

 

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mit einigen Abweichungen hinsichtlich des Verhältnisses der Breite zur Höhe der Fenster. — Als frühere Theile dürften der Unterbau der westlichen Thürme und die unteren Achtecke derselben anzusehen seyn und vielleicht noch dem Anfange oder der Mitte des 12ten Jahrhunderts angehören. Dies ist aus den Rundbogenfenstern dieser Achtecke und der unter denselben hinlaufenden byzantinischen Bogenverzierung zu schliessen. Dagegen möchten die oberen Achtecke, in welchen die Fenster in die Uebergangsperiode vom Rundbogen zum Spitzbogen fallen, in eine etwas spätere Zeit, gleichfalls wie die zuerst erwähnten Theile in das Ende des 12ten Jahrhunderts zu setzen seyn. — Dass die hölzernen, mit Schiefer gedeckten spitzen Dächer dieser Thürme neu sind, braucht kaum erst erwähnt zu werden.

 

Der Anbau der beiden Seitenflügel der Vorhalle, nach Osten und Westen, fällt vermuthlich, wie sich aus den Formen und besonders den oberen Füllungen der Fenster vermuthen lässt, in das 15te Jahrhundert. Dass aber diese beiden Seitenflügel später angebauet sind, und nicht blos die Form der Fenster verändert wurde, geht daraus hervor, dass das Mauerwerk derselben von dem der daranstossenden mittleren Vorhalle verschieden ist; dass auch die Mauern der Seitenhallen mit den Mauern dieser Vorhalle nicht verbunden sind, und sich sogar davon in senkrechter Linie abgesondert haben; dass endlich auf der linken nördlichen Seite der Anbau nicht einmal so hoch hinauf reicht, als die Hauptmauer der ursprünglichen mittleren Vorhalle sich erstreckt. (Vergl. Bl. 3.) — Die Verzierung am Portale der Mittelhalle aber rührt offenbar aus der Zeit her, wo Bischoff Siegismund von Lindenau dieselbe überwölbte, 1536 — 1544. (Vergl. Seite 11). Man findet sogar eine Aehnlichkeit zwischen den Linien der Gewölbeführung in der Vorhalle und den Linien der Verzierung des Portales. (Vergl. Bl. 3 und 9.) — Die beiden Statuen an den Seiten dieses Portales stellen den heil. Laurentius und Johannes den Evangelisten, als Schutzpatrone des Stiftes, das in der Mitte dicht über der Eingangsthüre ausgehauene Brustbild aber (angeblich) den K. Otto I. als Gründer des Stiftes, vor. Letzterer hält das Modell der Domkirche in der Rechten 1).

 

Die nach dem Schlosshofe gekehrte Nordseite der Kirche, welche eine Seite des Viereckes dieses Hofes bildet, zeigt uns in den Fenstern des Queerschiffes dieselbe Form des gedrückten und schweren Spitzbogens, die wir an der Westseite bemerkten, und ist daher in dieselbe Zeit, wie diese zu setzen. (s. Bl. 2) Dagegen ist die Verzierung der in das Queerschiff führenden Thüre jedenfalls gleichzeitig mit der Verzierung des westlichen Portales. Ueber der erwähnten Thüre ist der Bischoff Thilo von Trotha in schlafender Stellung liegend abgebildet. (S. Bl. 83.) Er hält in der Linken ein mannichfach verschlungenes Band, auf welchem mehrere Worte stehen, von denen nur noch folgende zu lesen sind: Locus iste sanctus est. Nesciebam. — Unterhalb des Simses, auf welchem er liegt, ist auf der einen Seite das Wappen des Stiftes, auf der anderen Thilo’s eigenes Wappen, welches einen Raben, mit einem Ringe im Schnabel, vorstellt 2).

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1) Auch diese Statüen etc. werde ich wo möglich in der Folge in einer besonderen Abbildung geben.

2) Man bezieht diesen Raben und die beiden ausgestreckten Arme, welche sich über dem Wappenschilde finden, sobald (wie dieses an mehreren Orten am Schloss zu Merseburg der Fall ist,) sein vollständiges Wappen dargestellt ist, auf folgende, jedoch in keinem Chronisten erwähnte Sage: Thilo habe einen werthvollen Ring vermisst, einen seiner Diener wegen dessen Entwendung im Verdacht gehabt, und ohnerachtet dieser seine Unschuld mit emporgestreckten Händen aufs heiligste betheuert, ihn hinrichten lassen. Kurz darauf habe man den vermissten Ring in dem Neste eines Raben, der ihn durch das offene Fenster aus Thilo’s Zimmer entwendet, wiedergefunden, und Thilo sey trostlos gewesen, weil er seinen Diener unschuldig habe hinrichten lassen. Zur Busse habe er ein Vermächtniss errichtet, vermöge dessen auf immerwährende Zeiten ein lebendiger Rabe unterhalten werden müsse. — Noch jetzt wird ein lebendiger Rabe in einem grossen Käfig hier gehalten, ob zu Folge jener Stiftung, darüber hat der Verf. nichts Sicheres erfahren.

 

 

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Zur Rechten neben der Vorlage des Kreuzbaues ist auf Bl. 2 ein Theil des Hauptschiffes der Domkirche zu sehen, dessen Giebel, Strebepfeiler und Fenster den Geschmack des 16ten Jahrhunderts deutlich aussprechen. Es läuft dieses Hauptschiff in derselben Form; wie wir hier einen Theil desselben erblicken, bis an die westlichen Thürme fort. (s. Bl. 9. I. K. R. S. T.) Aus derselben Zeit schreibt sich auch der niedrige Anbau her, den man an der linken Seite des Queerschiffes zwischen diesem und dem nordöstlichen Thurme auf Bl. 2. (vergl. Bl. 9. D.) bemerkt. Das grössere Fenster darin erhellt die jetzige Sacristei, und die darunter befindliche Thüre führt jetzt mittelst einer Treppe nach der Crypta (s. Bl. 9d.). Diese Thüre und Treppe sind dem Baustyle nach offenbar auch erst zu der gedachten Zeit angelegt; mit welcher Vermuthung eine Nachricht im Vulpius 1) übereinstimmt. Die frühere Treppe führte aus der Kirche in die Crypta (Bl. 9c.) und ist noch vorhanden, obgleich zugemauert.— Auf Bl. 2 sind die beiden östlichen Thürme in der Nähe dargestellt, welche zur Zeit des Bischoff Hunold c. 1040 erbaut wurden, um der mehrmals eingestürzten Chor-Nische Festigkeit zu geben. (Vergl. Seite 11) Der nördliche, dem Beschauer zunächst stehende Thurm ist derjenige, welcher im J. 1663 theilweise abgetragen und mit einer Haube versehen wurde. (s. Seite 11) Der südliche Thurm aber steht noch in seiner früheren Gestalt, und zeigt uns die steinerne Bedachung nebst den sie umgebenden Zinnen in ihrer ursprünglichen Form. Auf demselben Blatte sieht man einen Theil des vom Bischoff Thilo von Trotha erbauten, jedoch unter dem Herzog Christian I. als Administrator (1651 — 1691) mit neuen Giebeln 2) versehenen Schlosses, (worinnen jetzt die Präsidenten-Wohnung sich befindet). Von Christian I., der überhaupt hier viel gebaut hat, schreibt sich vermuthlich auch der vor diesem Gebäude stehende Brunnen her.

 

Die Ostseite der Kirche ist fast gänzlich durch die daran stossenden Schlossgebäude verdeckt, und nur ein Theil der runden Chor-Nische ist noch sichtbar, daher auch die Kirche von dieser Seite her durchaus keinen malerischen Anblick gewährt. — In der Chor-Nische sind fünf Fenster (wovon jedoch eines durch das neuerlich darangebaute Haus verdeckt wird und zugemauert ist,) von derselben Form, wie wir deren in der Mittelhalle und im Queerschiffe bemerkten. Unter dem mittelsten Fenster ist ein kleines, im Rundbogen überwölbtes Fenster , welches die Crypta erhellt.

 

Die Südseite der Kirche umschliesst ein Kreuzgang, in dessen Mitte der Klostergarten liegt. Auf dem Grundrisse (Bl. 9) ist der Anfang dieses Kreuzganges bei V. abgebildet. Er ist im Spitzbogenstyle

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1) Megalurgia Martisb. pag. 30. „Solch Begräbniss (des K. Rudolph von Schwaben) in einem kleinen sonderlichen Gewölblein hat etliche hundert Jahr unverletzt gestanden, bis bei unserer Voreltern Zeiten Bischoff Michael Sidonius (regierte 1548 — 1561) sich eben daherum einen Keller, den Wein darein zu legen, graben und also dasselbe hinwegthun und mitten in Chor legen lassen; damit ja, wie dieser Herzog, als er lebete, durch die Bischöffe umb Land, Leute, Leib und Leben kommen, auch endlich seine Gebeine vor ihnen in der Erden nicht Ruhe hätten, — schreibet M. Jac. Da. Ernst Confict-Tafel. 3. p. 316.“ — Die Crypta dient noch jetzt zum Weinkeller. — Vergl. Chron. Episcopp. Mersebb, pag. 493.

2) Vulpius, Megal. Martisb. pag. 56.

 

 

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des 15ten Jahrhunderts erneuert und enthält nichts Merkwürdiges. Auf demselben Blatte sind unter W. und X. zwei aus derselben Zeit sich herschreibende Kapellen angedeutet; in deren ersterer sich die im Jahre 1665 vom Herzog Christian I. eingerichtete fürstliche Gruft 1) befindet.

 

Das Innere

des Domes machte ursprünglich gewiss einen vortheilhafteren Eindruck auf den Beschauer, indem dieser beim Eintritte durch die Hauptthüre(Bl. 9 O.) in die Vorhalle sogleich die ganze Länge der Kirche bis zur Chor-Nische übersah; während gegenwärtig der ganze Platz M. (Bl. 9) mit dem Orgelchore überbaut ist, so dass nur Raum für eine unter demselbem befindliche niedrige Glasthüre übrig bleibt. Erst durch letztere tritt man jetzt in das Schiff, welches nun in unverhältnissmässiger Kürze zur Breite erscheint und dadurch die Wirkung des Ganzen stört. (Vergl. Bl. 9, I. K. R. S. T.)

 

Das Mittelschiff ist ziemlich weit gespannt, die Abseiten sind fast eben so hoch als dieses, und von ihm durch achteckige magere Pfeiler getrennt. Die Gewölbe sind verhältnissmässig niedrig, und das ganze Schiff mit seinen Abseiten bildet in der Breite und Länge ein beinahe gleichseitiges Viereck. Uebrigens bemerkt man in dem Baue des Schiffes grosse Nachlässigkeit und Unregelmässigkeit; die Fenster nämlich stehen nicht allenthalben in der richtigen Mitte zwischen den Pfeilern, die sich vielfach durchschneidenden Ribben des Gewölbes bilden keine ganz regelmässigen Figuren, und auch die Bearbeitung des Steines an allen einzelnen Theilen ist nicht scharf und nicht gleichförmig. Dasselbe gewährt daher keinen erhebenden Anblick und zeigt auch sonst in seinem Baue nicht viel Merkwürdiges. Im Schiffe machen wir noch auf die an dem dritten Pfeiler zur Rechten befindliche Kanzel aufmerksam, welche in Holz geschnitzt ist, und in ihren verschiedenen Feldern Scenen aus der Bibel darstellt, mit Thürmchen und anderen Zierrathen in gothischem Style geschmückt. Der Fuss, worauf die Kanzel ruht und ihre Decke sind ebenfalls reich geziert. Das Ganze ist eine Arbeit des 16ten Jahrhunderts 2). — Von hier aus geleiten wir den Beschauer nach dem südlichen Flügel des Kreuzbaues (oder Queerschiffes), von wo aus, unfern der aus dem Kreuzgange führenden Nebenthüre, die Ansicht Bl. 6 genommen ist. (Vergl. Bl. 9 U.) Von diesem Standpunkte aus überblickt man (die neueren Einbaue an Kirchenstühlen etc. sind in der vorliegenden Abbildung weggelassen,) das ganze Queerschiff mit seinen dreifachen Kreuzgewölben. Alle diese Theile entsprechen dem Baustyle des 12ten Jahrhunderts, wenn man die schweren gedrückten Spitzbögen, die einfachen Gewölbe ohne Ribben, die überaus starken Pfeiler und Mauern, die scharfe und genaue Bearbeitung der grossen Quadern, aus denen diese Theile zusammengesetzt sind, berücksichtigt. Der untere Theil des Mittelbaues und des nördlichen Flügels des Kreuzbaues wird dem Blicke durch eine Queerwand entzogen, welche den südlichen Flügel vom Mittelbaue (Bl. 9. E. F.) trennt. Eine ähnliche Queerwand scheidet auch den nördlichen Flügel des Kreuzbaues (Bl. 9 G.) von dem Mittelbaue. Wie in der geschichtlichen Einleitung (S. 11) erwähnt worden ist, war auch an der westlichen Seite des nur gedachten Mittelbaues (Bl. 9 bei H.)

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1) Vulpius, Megal. Martisb. pag. 29.

2) Die engen Grenzen, welche dem vorliegenden Werke gesteckt werden mussten, haben nicht gestattet, von dieser Kanzel eine Abbildung zu geben. Indessen wird wo möglich an einem anderen Orte eine Darstellung derselben geliefert werden.

 

 

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eine Mauer (Lectorium), wodurch mithin dieser für die Domherren bestimmte Platz nach drei Seiten abgeschieden wurde, und nur nach dem Chore zu frei blieb. Beide Queerwände sind nach innen zu ganz glatt und ohne Verzierung, indem daselbst die Domherrenstühle standen; nach aussen zu aber sind sie mit Säulchen und Bogenstellungen geschmückt, welche letztere in die Wand hineingearbeitet sind. Die Form dieser Säulchen und Bogenstellungen ersieht man deutlicher auf Bl. 5r; doch müssen wir hierbei bemerken, dass diese letztere Abbildung die nördliche Queerwand (aus der sogenannten Bischoffskapelle) darstellt, an welcher über den Bogenstellungen noch ein steinerner mit fensterartigen Blenden verzierter Aufsatz sich vorfindet, welcher über der südlichen Queerwand fehlt. Die Zwischenräume jener nördlichen Queerwand sind mit den gemalten Brustbildern sämmtlicher Bischöffe von Merseburg ausgeschmückt, jedenfalls eine Arbeit aus dem Ende des 15ten oder Anfange des 16ten Jahrhunderts, unter Bischoff Thilo von Trotha, welcher (vergl. Seite 11) die sogenannte Bischoffskapelle einrichten und ausmalen liess. Diese Benennung hat sie vermuthlich erst wegen der darin enthaltenen Abbildungen der Bischöffe erhalten. Die Gemälde selbst sind in späterer Zeit wiederholt übermalt worden, und von dem ursprünglichen Style ist daher wenig noch erkennbar. Die Kapitäle der oben erwähnten Säulchen der Queerwände zeigen nicht nur die grösste Mannigfaltigkeit und Zierlichkeit in den Motiven (s. Bl. 5 a b e bis g), sondern sie sind auch mit besonderer Sauberkeit und Schärfe ausgearbeitet. An den Füssen derselben bemerkt man die dem byzantinischen Style eigenthümliche Blattverzierung oder Abblattung (s. Bl. 5r und c); übrigens aber haben die Füsse die Form des gewöhnlichen attischen Säulenfusses. Der in den nur erwähnten Verzierungen der beiden Queerwände herrschende Styl, ebensowohl als der des ganzen Queerschiffes, stimmt mit dem des 12ten Jahrhunderts überein. In ihren Formen herrscht schon mehr Eleganz als Grossartigkeit, und sie sind in diesser Hinsicht sehr verschieden von den Verzierungen, welche wir in der Crypta der Kirche zu Memleben und an den ältesten Theilen des Domes zu Naumburg, der Kirche zu Freiburg a. d. U., in der dasigen und der Wartburger Schlosskapelle finden; ähnlicher hingegen denen, die wir an der Neumarktskirche zu Merseburg (Bl. 7), und an der Kirche des Klosters Zschillen oder Wechselburg 1) bemerken. — Durch eine kleine Thüre 2), welche sich in jeder der beiden Queerwände befindet (vergl. Bl. 6 und 9), und zu welcher mehrere Stufen hinaufführen, gelangt man in den schon mehrmals erwähnten mittleren Theil des Kreuzbaues. (Bl. 9 E. F.) Der Fussboden dieses Theiles ist mit dem des daranstossenden Altarplatzes oder Chores von gleicher Höhe, und bildet überhaupt (da er durch die Queerwände von den beiden Seitenflügeln des Kreuzbaues völlig abgetrennt wird,) mit dem Chore und der Chor-Nische einen zusammenhängenden grossen Raum. (Bl. 9 A. B. E. F. H.) Dicht an den Stufen, welche vom Schiffe zu diesem Platze heraufführen, (Bl. 9 H.) steht ein einfacher Altartisch, welcher eben so wenig als der Taufstein im Chore, und als der Hauptaltar in der Chor-Nische, etwas Bemerkenswerthes darbietet. Desto mehr Beachtung verdient das am Eingange in das Chor sich befindende Denkmal des Gegenkönigs

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1) Vergl. des Verf. Baudenkmale des Mittelalters im Königreiche Sachsen, 1te und 2te Lief. Die Kirche zu Wechselburg enth. Bl. 4. 6. 11. 13.

2) Das Thürgewände ist wegen der eigenthümlichen daran befindlichen Einkehlung auf Bl. 5 unter d. besonders abgebildet. Diese Einkehlung zeigt gleichfalls grosse Aehnlichkeit mit Verzierungen der Art in der Wechselburger Kirche, s. des Verf, „die Kirche zu Wechselburg“, Bl. 1. 9.

 

 

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Rudolph von Schwaben, welcher in der Schlacht an der Elster im J. 1080 von K. Heinrich IV. geschlagen wurde. In dieser Schlacht wurde ihm die rechte Hand abgehauen 1), und er starb bald darauf an seinen Wunden zu Merseburg in dem Schlosse seines Anhängers, Bischoff Werner’s. Das Denkmal besteht aus einer Platte von Bronze, welche in wenig erhabenem Relief den Gegenkönig in ganzer Figur (in etwa Zwei-Drittheil Lebensgrösse) und in völligem Ornate darstellt. (s. Bl. 81.) Schon der strenge byzantinische Styl, welcher in der ganzen Gestalt und in der Art der Bearbeitung des Metalles sich ausspricht, sodann die Form der Buchstaben in der Umschrift 2) und mehrere andere Gründe bürgen dafür, dass dieses Denkmal unmittelbar nach dem Tode Rudolph’s verfertigt worden ist. 3) Dieses Monument ist daher als eines der ältesten plastischen Kunstwerke Sachsens, dem in ganz Deutschland hinsichtlich der Aechtheit nur wenig gleichzeitige an die Seite gestellt werden können, von grösster Wichtigkeit. Sein Werth wird noch erhöht durch den Reichthum des Costümes, dessen Zierrathen an die Formen und den Geschmack der Verzierungen der Römer aus dem 6ten und 7ten Jahrhundert n. C. G. erinnern 4). Der Kopf des Bildnisses Rudolph’s ist auf Bl. 82. in etwas grösserem Masstabe besonders dargestellt worden, damit theils die Gesichtsbildung, theils die Hölungen in den Pupillen und an der Krone, worin ohne Zweifel ursprünglich Edelsteine gefasst waren, deutlicher zu erkennen seyen. — Noch bleibt die runde Chor-Nische zu betrachten übrig. Sie hat fünf hohe Fenster 5) mit gedrückten Spitzbögen von derselben Form, wie wir sie an den alten Theilen der Domkirche bereits bemerkten. Diese Fenster, so wie die ganze Nische und das Mauerwerk des Chores, sind ohne Verzierung, und die Pfeiler, worauf die Scheidbögen ruhen, sind eben so einfach als diejenigen, die auf Bl. 6 dargestellt sind. Ueberhaupt ist nicht mit Gewissheit zu entscheiden, ob die Fenster der Chor-Nische noch die ursprünglichen sind, denn in den runden Chor-Nischen jener Zeit findet man in der Regel nur drei Fenster, hier aber fünf; und die Fenster aus jener Zeitperiode sind gewöhnlich niedrig und schmal, hier aber weit und hoch. (s. Bl. 9 A.) — Das zur Linken in der Chor-Nische befindliche Sacramenthäuschen ist eine spät-gothische Arbeit aus dem Ende des 16ten oder Anfange des 17ten Jahrhunderts, wie schon die Nachahmung von Baumästen in den Verzierungen desselben beweist. — Die ziemlich einfachen Chorstühle, so wie mehrere reicher geschmückte Monumente in der Bischoffskapelle sind zwar interessante Arbeiten, gehören aber einer späteren Kunstperiode an; deren nähere Beschreibung würde auch zu weit führen und weniger Interesse gewähren, da man aus dieser Zeit fast allenthalben plastische Kunstwerke vorfindet. — Ueber einige werthvolle Gemälde aber, die sich im Chore und im Schiffe der Kirche befinden, können wir uns hier gleichfalls nicht weiter verbreiten, da Malereien,

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1) Diese abgehauene Hand Rudolph’s wird noch in der Sacristei der Domkirche aufbewahrt.

2) Der Inhalt dieser Umschrift deutet dahin, dass ein Anhänger Rudolph’s, jedenfalls wohl Werner selbst, das Monument setzen liess.

3) Vergl. P. A. Déthier, Abh. üb. das Grabmal d. K. Rudolph von Schwaben zu Merseburg, m. einem Kpf. in den Neuen Mittheilungen des Thüringisch-Sächs. Vereines zu Halle, 1834. (auch besonders abgedr.). Der Verfasser dieser Abhandlung ist derselbe, welcher die vorliegende Abbildung gezeichnet und in Stahl gestochen hat.

4) Vergl. die Abbildungen bei Mabillon, Annal. Ord. Benedict. T. I. pag. 248. T. II. pag. 202. 203.

5) Eines derselben ist in neuerer Zeit, als man ein Gebäude dicht an die Nordseite der Chor-Nische anbaute, zugemauert worden. (s. Seite 16.)

 

 

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sofern sie nicht als Theile von Bauwerken mit diesen in genauester Verbindung stehen, dem Plane dieses Werkes fremd sind. Ebenso können wir des merkwürdigen Gewandes d. heil. Kunigunde, einiger Messgewänder, sowie der trefflichen Urkunden und Handschriften in der Bibliothek etc. hier nur flüchtig erwähnen.

 

Bevor wir den Beschauer durch die Vorhalle aus der Kirche herausführen, machen wir ihn noch auf einige in dieser Vorhalle befindliche plastische Kunstwerke aufmerksam. Das wichtigste darunter ist ein hier aufgestellter, ursprünglich der Neumarktskirche angehöriger Taufstein 1), welcher Bl. 4 abgebildet ist. Er ist von achteckiger Form und aus einem sehr grossen Blocke röthlichen Sandsteines (welcher dem gleicht, der in der Nähe von Rochlitz gebrochen wird) ausgehauen. Seine Höhe beträgt 4’ 2” Rheinisch, der Durchmesser‚ zwischen den Ecken genommen, 4’; die Höhe der stehenden Figuren (Propheten) ist 1’ 10”; der Durchmesser des in der oberen horizontalen Fläche eingehauenen Beckens 2’ 10, und die Breite des Randes, zwischen den Ecken, 7”. — Die unterste Abtheilung dieses Taufsteines zeigt vier nackte menschliche Figuren in verkürzten Stellungen, welche mit eben so vielen unförmlichen Thiergestalten abwechseln 2). Dicht über dieser Darstellung läuft ein mit verschiedenen Ornamenten versehener Sims um den Taufstein herum. Man sah vordem hier die Spuren von eingegrabenen Buchstaben, welche wir (auf Bl. 10, worauf die Schluss-Vignette steht,) möglichst treu haben abbilden lassen. Aus denselben ergiebt sich, dass die vier Flüsse des Paradieses: Euphrat, Tigris, Gihon oder Araxes, und Pischon oder Ganges, durch die nackten Menschengestalten dargestellt sind. — Auf dem erwähnten Simse steht eine Galerie von Säulen, welche um den Taufstein herumlaufen; sie tragen Rundbögen, über welchen sich ein zweiter verzierter Sims befindet, welcher sich an die horizontale Fläche des Taufsteines anschliesst. Zwischen den Säulen stehen zwölf Propheten, die Repräsentanten des alten Testamentes. Jeder derselben hält in der Hand einen Streifen (ein Spruchband), worauf sein Name eingegraben ist. Auf der Schulter eines Jeden sitzt ein Apostel, dessen Füsse nebeneinander über die Brust des Propheten herabhängen. Die Namen der Apostel, (welche den neuen Bund repräsentiren,) stehen auf den Rundbögen eingegraben, die sich über den Köpfen derselben wölben. In den Zwischenräumen der Rundbögen, dicht unter dem oberen Simse, schauen einzelne Köpfe hervor, welche vermuthlich Kirchenväter und Stifter von geistlichen Orden vorstellen 'sollen. Alle diese Figuren und Köpfe sind in ziemlich starkem Relief gearbeitet, die Säulen über die Hälfte freistehend. Auf dem Rande des Beckens sind im Kreise herum Worte eingegraben, die sich auf die Reinigung durch die Taufe beziehen. (Die Namen der Propheten und Apostel, so wie die nurgedachte Inschrift haben wir möglichst treu auf Bl. 10, worauf die Schluss-Vignette steht, nachbilden lassen.) — Die Form der Säulenfüsse, welche denen in Paulinzelle vorkommenden ganz

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1) Vergl. Büsching, Reise durch einige Münster etc. Deutschlands, 1819 8. — Wiggert, über einen Taufstein im Dome zu Merseburg etc. in den Neuen Mittheilungen des Thüringisch-Sächsischen Vereines, 1834. 1ster Th. 2ter Heft. — Stieglitz, von altdeutscher Baukunst, S. 97. Note 73.

2) Zur vollständigen Uebersicht des Ganzen gehört ausser den auf Bl. 4 gegebenen beiden Abbildungen noch eine dritte, welche die hier fehlenden Figuren darstellt. An einem passenden Orte soll diese später mitgetheilt werden. — Der Taufstein hatte bereits mehrere Beschädigungen erlitten, als ich vor einer Reihe von Jahren davon die vorliegenden Abbildungen fertigen liess. Auf meine Veranlassung und Bitte wurde er später im Dome aufgestellt; beim Fortschaffen sind durch seine ungemeine Schwere und durch die Schwierigkeiten des Transportes noch grössere Beschädigungen unvermeidlich gewesen.

 

 

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ähnlich ist; die Verzierungen an den Kapitälen, welche den Charakter sehr früher Zeit an sich tragen 1); die langgedehnten Gestalten der menschlichen Figuren; die Art des Faltenwurfes; das Costüm und die Kunstwerke, welche sich von den ersten Jahrhunderten n. C. G. an, (vorzüglich in den Basiliken Roms und an anderen Orten Italiens) erhalten haben, und dessen Typus sich auch in den Kunstwerken Frankreichs und Deutschlands bis zum Anfange des 12ten Jahrhunderts ausspricht. Auch die Form der Buchstaben in den Inschriften finden wir bereits in den Schriftzügen des 9ten bis 11ten Jahrhunderts 2), sie hat auch viel Aehnlichkeit mit der der Umschrift auf K. Rudolph’s von Schwaben Denkmale. Endlich ist der Geschmack in den Ornamenten der Simse offenbar ein früherer als man im 12ten Jahrhundert vorfindet 3). — Daher möchte wohl dieser Taufstein, wenn nicht gar noch in das 11te, doch mindestens in den Anfang des 12ten Jahrhunderts zu setzen seyn.

 

Gleichfalls zu beachten ist die (Blatt 5 unter s. dargestellte Säule,welche der Sage nach die ewige Lampe trug, jetzt aber in der Vorhalle frei aufgestellt ist. Die Form ihres Fusses oder Schaftgesimses (wenn man den Würfel, worauf derselbe ruht, nicht hinzunimmt,) zeigt einige Aehnlichkeit mit den (auf demselben Blatte auf beiden Seiten dieser Säule unter u. und v. abgebildeten) Pfeiler-Verzierungen der Crypta; auch deutet die an dem Würfel, worauf die Säule ruht, angebrachte Verzierung von Menschenköpfen (einer derselben ist in grösserem Maassstabe bei t. abgebildet) auf ein hohes Alterthum. Es ist zu vermuthen, dass diese Säule in dem Nebengewölbe der Crypta gestanden und dort die ewige Lampe am Grabmale Rudolph’s von Schwaben (vergl. Seite 16) getragen hat, daher sie nicht ohne Grund in das 11te Jahrhundert zu setzen seyn dürfte. — Nur über die Aechtheit des Kapitäles derselben ist bei uns einiger Zweifel entstanden, weil die Form dieses aus übereinandergeschobenen Blättern bestehenden Kapitäles dem Geschmacke einer weit späteren Zeit anzugehören scheint, und die Bearbeitung des Steines an demselben einen weit moderneren Charakter an sich trägt, als die Steinarbeit am Fusse der Säule. Hierüber jedoch ganz genau zu urtheilen, verhindert die dicke Uebertünchung.

 

In der Vorhalle hängt auch noch ein, als Kunstwerk nicht unwichtiges, Crucifix 4). Es hat in seiner Form und Bearbeitung Aehnlichkeit mit dem am Hochaltare der Kirche zu Wechselburg ersichtlichen 5); noch mehr gleicht es aber einem in der Kirche zu Schulpforta befindlichen, indem bei beiden

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1) Man findet sogar noch einige Aehnlichkeit zwischen ihnen und den im Menologium graecorum (Urbini 1777. fol.) mehrfach vorkommenden Säulen-Kapitälen. Das Menologium schreibt sich bekanntlich aus dem 10ten Jahrh. her.

2) Vergl. Traité de Diplomatique etc. par deux Religieux Benedictins, 1757. 4. T. III. pl. 36. 38. 48. Chronicon Gotwicense‚ 1732. fol. T. I. pag. 52. Auch in einem in der Stiftsbibliothek zu Merseburg befindlichen Liber sacramentarius aus dem Anfange des 11ten Jahrhunderts finden wir im E. H. M. T. dieselben Schriftzüge; nur das U. hat daselbst eine andere Gestalt.

3) Vergl. Die goldene Altartafel Kaiser Heinrich II., Basel 1836. 4. mit einer Abbildung.

4) Der Herausgeber hat dessen bereits in seiner Beschreibung d. Kirche zu Wechselburg, welche in den beiden ersten Lieferungen der „Baudenkmale des Königreiches Sachsen“ enthalten ist, Seite 25. erwähnt. — Wegen Mangel an Raum konnte leider auch von diesem Crucifix hier keine Abbildung gegeben werden.

5) Namentlich findet man bei beiden die eigenthümliche Gestalt der Felder, auf denen hier die Symbole der vier Evangelisten, dort Gott der Vater und die beiden Engel abgebildet sind, vergl. Bl. 10 der Beschreibung der Kirche zu Wechselburg.

 

 

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an den vier Enden des Kreuzes die Symbole der vier Evangelisten abgebildet sind. Das zu Schulpforta ist auf Leinwand gemalt und auf Holz gezogen; auch die Rückwand desselben ist mit einer ähnlichen auf Leinwand gemalten Vorstellung versehen, es hat also ehedem frei gehangen. Das zu Merseburg ist jedoch in Relief in Holz geschnitzt. In Hinsicht des Kunstwerthes steht letzteres aber beiden ersteren nach, scheint auch einer späteren Zeit, nämlich dem Ende des 13ten Jahrhunderts, anzugehören.

 

Die in der Vorhalle gleichfalls vorhandene Statüe (angeblich) des Grafen Esico, Zeitgenossen des Bischoff Giselar, ist zwar nicht ohne Kunstwerth, ihr Alter reicht aber keinesweges in so frühe Zeit, als man gewöhnlich angiebt, da sie das Costüm des 14ten Jahrhunderts zeigt.

 

Bei dieser Gelegenheit erwähnen wir noch eines, vermuthlich in das 13te, vielleicht noch in das 12te Jahrhundert gehörigen Grabsteines (s. Bl. 84), welcher jetzt in dem Gange, der nach den Capitelstuben führt, aufgestellt ist. Er stellt einen Ritter im Haus- oder Sterbekleide, mit weitem Mantel umgeben, vor; in der Rechten hält derselbe sein Schwert, um welches ein Riemen gewunden ist, in der Linken den Schild. Letzterer ist mit drei Rosen und zwei in einem spitzen Winkel zusammenlaufenden Balken geziert. Der Sage nach stellt diese Statüe Einen von Alvensleben vor; es scheint jedoch eine bei Vulpius 1) sich findende Nachricht dahin zu deuten, dass der Dargestellte zu dem Geschlechte der Herren von Altenburg (s. Seite 12) gehöre. — Dieses Denkmal hat in Hinsicht des Costümes und der Bearbeitung die grösste Aehnlichkeit mit den im Kloster Altenzelle bei Nossen befindlichen Grabsteinen der Markgrafen zu Meissen, welche laut geschichtlichen Nachweisungen in das 13te Jahrhundert gehören. Bemerkenswerth ist, dass jene Statüe die Abbildung eines antiken geschnittenen Steines am Halse trägt, welcher auf Bl. 85 in grösserem Maassstabe abgebildet ist.

 

Es bleibt nun noch die jedenfalls zu den ältesten Theilen der Domkirche gehörige (vergl. Seite 10) ’ Crypta zu näherer Betrachtung übrig. In diese unterirrdische Kapelle gelangt man (vergl. Seite 16) jetzt aus dem Schlosshofe. Sie ist sehr breit und ihre Rundbogen-Wölbung ist sehr hoch. Drei starke Pfeiler scheiden ihr Mittelschiff von ihren Abseiten. Von diesen Pfeilern sind die beiden mittelsten (B. 9 x. x) von gleicher Form (wie diese der Durchschnitt auf Bl. 9 x. in grösserem Maasstabe, und die Hauptansicht Bl. 5 u. u. zeigen,), und eben so sind die vier anderen (Bl. 9 y. y.) unter sich gleichförmig, (wie diese der Durchschnitt auf Bl. 9 y. und die Hauptansicht Bl. 5 v. v. zeigen). Ganz eigenthümlich erscheint hier die Form der ausgebogenen Kapitäle und der mit mehreren kleinen Gliedern versehenen Füsse der Säulchen, welche Bl. 5 u. an den Ecken, und ebendaselbst v. in der Mitte der Pfeiler zu sehen sind; auch müssen wir bei dem Pfeiler u. auf die erhobenen Streifen aufmerksam machen, welche an den Kapitälen der Säulchen sich zeigen. Diese sämmtlichen Verzierungen der Säulchen haben wir nirgends sonst in unserer Umgegend wahrgenommen, und sie deuten auf das hohe Alterthum dieses Baues. — Die Wölbungen in der Crypta sind ganz einfach und ohne vorstehende Ribben. — Ein einziges kleines Fensters welches nach Osten zu geht, erhellt diese unterirdische Kirche — Aus der Crypta führt eine Thüre in die Nebenhalle, (Bl. 9 f.) welche (vergl. Seite 16) das Denkmal des Gegenkönigs Rudolph von Schwaben ehedem enthielt, und mithin auch

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1) Megalurgia Martisb. pag. 69. „Das alte Geschlecht der Herren von Altenburg führete ein zweyschildiges Wapen, nehmlich 3 rothe Rosen im weissen Felde und 3 weisse Rosen im rothen Felde, das Wapen von oben herab gezweyschildigt; haben etwa in alten Hanff- Garten gesessen.“

 

 

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seine Begräbnissstelle ist. Die Halle ist ganz einfach, und nur über dem inneren Theile der Thüre erblickt man die Bl. 10 als Schluss-Vignette abgebildete seegnende Hand Christi, in Relief ausgehauen.

 

Nach erfolgter genauer Betrachtung des Domes ergiebt sich aus dem Baustyle seiner einzelnen Theile, dass die Crypta, die östlichen Thürme und der untere Theil der westlichen Thürme in das 11te Jahrhundert, zum Theil vermuthlich in die erste Erbauungszeit gehören, der obere Theil dieser Thürme aber etwas später erbaut worden seyn mag; — ferner dass der Chor nebst dem Kreuzbaue, so wie die Vorhalle dem Style des Endes des 12ten und des Anfanges des 13ten Jahrhunderts entsprechen; dass endlich das Schiff nebst seinen Abseiten erst im 15ten Jahrhundert erbaut worden sind. Wegen der Verschiedenheit eines Theiles dieser Angaben im Vergleich mit den historischen Nachrichten über den Bau der Domkirche verweisen wir auf die in der „allgemeinen Einleitung Seite 2 aufgestellten Bemerkungen.

 

Die Neumarktskirche.

hat gegenwärtig, nachdem sie vor mehreren Jahren eine bedeutende Bauveränderung erfahren hat, eine andere Gestalt bekommen, als wie wir sie auf dem Grundrisse (Bl. 9 g bis w) sehen. Damals waren zwar bereits die südliche Abseite r. s. des Schiffes und der südliche Thurm q, ingleichen die runde Nische h. an dem nördlichen Flügel des Kreuzes, wegen Baufälligkeit abgebrochen; allein es stand noch die nördliche Abseite m. n., welche bei der letzten Bauveränderung nun ebenfalls weggerissen worden ist. Wir bemerken hierbei, dass das Schiff ursprünglich zwei Abseiten gehabt haben muss, indem die Construction der runden Säulen und der viereckigen Pfeiler zwischen dem Schiffe und den vormaligen Abseiten, darauf hinweist. Von diesen, aus der Erbauungszeit sich herschreibenden, Abseiten stand jedoch vor der letzten Bauveränderung keine mehr, sondern nur die nördliche Abseite, welche den Styl des 14ten Jahrhunderts zeigte, war damals noch vorhanden. — Bei dem gedachten letzten Hauptbaue ist nun auch eine Versetzung der Portale vorgenommen worden, indem man das ehedem bei n. befindlich gewesene Hauptportal in die Mitte des nördlichen Flügels des Kreuzbaues, — das kleinere bei l. befindlich gewesene Portal aber in den Raum, welcher südlich von n. zwischen der runden Säule und dem Pfeiler zunächst des Thurmes o. inneliegt, eingesetzt hat. Ueberhaupt hat gegenwärtig die Kirche eine weit regelmässigere Form, als unmittelbar vor der gedachten Bauveränderung, indem dieselbe nach Wegreissung auch der nördlichen Abseite, und nachdem die Säulen und Pfeiler, welche aus dem Schiffe in diese Abseite führten, eben so als wie auf der Südseite des Schiffes durch eine Hauptmauer miteinander verbunden worden sind, ein regelmässiges Kreuz bildet.

 

Diese Kirche, wie sie jetzt steht, zeigt den byzantinischen Baustyl des 12ten Jahrhunderts in seiner ganzen Reinheit 1), nämlich eine runde Chor-Nische mit drei, oben in Rundbögen geschlossenen schmalen und niedrigen Fenstern; sodann zwei nischenförmige Vorlagen an den beiden Flügeln des

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1) Vergl. Stieglitz, von altdeutscher Baukunst, 1820. 4. Seite 74. und 97.

 

 

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Kreuzbaues, wovon jede ehedem mit eine so wie die Fenster der Chor-Nische gestalteten, Fenster versehen war; ferner im ganzen Baue rundbogige Fenster; im Inneren der Kirche starke niedrige Säulen, welche abwechselnd mit viereckigen Pfeilern das Schiff von den Abseiten trennen, mit einfachen Würfelknäufen 1), und halbrunde Bögen tragend, welche die gerade hölzerne Balkendecke stützen; endlich aber Portale, welche ebenfalls im Rundbogen geschlossen sind. — Diese Portale verdienen eine nähere Betrachtung. Das kleinere derselben ist auf Bl. 9 abgebildet, wo man auch die oberen Theile und die Füsse der beiden Säulen desselben in grösserem Maassstabe dargestellt findet. Die Verzierungen an diesem Portale sind ganz im Geschmack derer, die wir an Säulen in der Wechselburger Kirche sehen 2). Auffallend ist an den Säulen dieses Portals der Neumarktskirche die Verschiedenheit ihrer Höhe, ihrer Füsse (von denen der eine mehr die Form und Verzierung eines umgekehrten Kapitäles an sich trägt,) und die Ornamente ihrer Schäfte. Bemerkenswerth ist ferner die Ausschmückung des Stäbchens, welches an der inneren Seite um das ganze Portal herumläuft. Das grössere Portal, Bl. 8 abgebildet, zeigt auf jeder Seite drei Säulen mit reich verzierten Kapitälen geschmückt. Die Form der Ornamente ist den an den Säulen in der Kirche zu Wechselburg ersichtlichen ebenfalls sehr ähnlich 3). Eigenthümlich ist aber an diesem Portale die mittlere Säule auf der linken Seite, welche aus vier kleinen Säulchen besteht, die in der Mitte in einem Knoten zusammenlaufen 4). Auch ist noch zu beachten, dass der Sims über den Kapitälen auf der rechten Seite des Portals nur mit einfachen Gliedern, auf der linken Seite aber reich verziert ist, und dass die in dem vordersten Bogen, welcher beide Seiten des Protals verbindet, vorkommende, aus kleinen Kugeln zusammengesetzte Verzierung im 12ten Jahrhundert selten erscheint; doch wiederholt sie sich an der Neumarktskirche nochmals aussen am oberen Simse der runden Chor-Nische, um welche sie herumläuft; wir finden sie auch an der Chor-Nische der Kirche auf dem Petersberge bei Halle. Endlich muss noch angemerkt werden, dass die Füllung über der Thüre des Portales nicht mehr vorhanden, sondern herausgebrochen ist, so haben wir die hier dargestellte Füllung von der Schlosskirche zu Querfurt entlehnt. Die Säule, welche man durch die offenstehende Kirchthüre erblickt, steht gleichfalls nicht hier, und sie ist nur deshalb von uns angedeutet worden, damit man die Form der Säulen im Inneren der Neumarktskirche daraus ersehen möge.

 

Die Sixtkirche.

Ueber dieses Gebäude ist wenig zu bemerken, indem dasselbe nur wegen des Gegensatzes, welches es als Bauwerk späterer Jahrhunderte im Vergleich zu den anderen Baudenkmalen der Stadt

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1) Eine Abbildung eines Würfelknaufes aus dieser Kirche s. in Stieglitz, v. altd. Bauk. Bl. XIII. 6.

2) Vergl. des Verf., die Kirche zu Wechselburg, Bl. 4. 6. 9. 11. 13.

3) S. ebendaselbst.

4) Zwei ähnliche Säulen, welche am Portale des Domes zu Würzburg vorkommen, s. bei Stieglitz, von altdeutscher Baukunst, Bl. XXXIII. – Vergl. Seite 186. Ebendas.

 

 

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Merseburg bildet, und wegen der mahlerischen Ansicht, die es als unausgebaute Ruine gewährt, unter die im vorliegendem Werke abgebildeten Gegenstände aufgenommen worden ist. — Der südliche Theil dieser Kirche, welchen man auf der Titel-Vignette rechts im Vorgrunde erblickt‚ so wie der grösste Theil des übrigen Unterbaues dürften wohl dem 15ten Jahrhunderte, angehören, (wie sich aus der Form der Fenster und besonders der oberen Füllungen derselben schliessen lässt,) obgleich es an Nachrichten mangelt, dass die Kirche nach ihrer Einräumung an die Canonici, welche aus Zwenkau hieher kamen, neuerbaut worden sey. Der nördliche Theil dagegen scheint erst der Zeit, wo Herzog Christian II. die Kirche wiederherzustellen anfing, nämlich dem Ende des 17ten Jahrhunderts, (vergl. Seite 12) seine Entstehung zu verdanken, indem man in den Details eine sehr verfehlte Nachahmung des Baustyles der übrigen Kirche erblickt. — Der an der Westseite derselben stehende Thurm möchte zwar allerdings aus einer weit früheren Zeit herstammen als die Kirche selbst, und mindestens sein unterer Theil könnte noch dem ersteren Baue angehören; allein seine Bauart zeigt durchaus Nichts, woraus sich mit Gewissheit auf die Periode seiner Errichtung schliessen liesse. Auf der Titel-Vignette konnte dieser Thurm nicht mit abgebildet werden, weil die gegebene Ansicht vom Fusse desselben nach dem Chore zu genommen ist.

 

Die Peterskirche

bildet jetzt einen Theil der Wirthschaftsgebäude, namentlich des Kornmagazins , welches in den ehemaligen Klostergebäuden angelegt worden ist. Man hat nämlich die Kirche durch eine horizontale Bretterdecke in zwei Abtheilungen oder Stockwerke getheilt, welche zum Aufschütten des Getraides angewendet werden. Diese Kirche, welche man mit der auf einem Hügel gelegenen Kirche in der Altenburg, in der noch Gottesdienst gehalten wird, und welche gar nichts Bemerkenswerthes zeigt, nicht verwechseln darf, ist dem Baustyle nach im 14ten oder 15ten Jahrhundert erbaut, aber ganz einfach und schmucklos. Unter derselben ist jedoch noch eine geräumige Crypta, welche dem Ende des 11ten oder mindestens dem Anfänge des 12ten Jahrhunderts anzugehören scheint. Da nun (vergl. Seite 13) das Perterskloster im J. 1091 eingeweiht worden ist, so stimmt der Baustyl mit den geschichtlichen Nachrichten überein. Diese Crypta ist von so ganz einfacher Bauart‚ dass nur die Form der an ihrem, Mittelpfeiler ersichtlichen Einkehlung ein Merkmal frühen Baustyles abgiebt 1). Drei andere dem ehemaligen Peterskloster angehörige Gegenstände geben über den Geschmack, in welchem die ursprüngliche Kirche erbaut gewesen ist, (zusammengenommen mit den im Betreff der Crypta gemachten Bemerkungen,) noch näheren Aufschluss. Es sind dies drei runde plastische Kunstwerke; (auf Bl. 9 abgebildet,) welche in die Wand des Stallgebäudes links im Hofe eingemauert sind. Das grösste derselben, im Durchmesser 1’ 5 Rheinisch, stellt Gott dem Vater vor, welcher in der linken Hand eine Weltkugel trägt, und mit der rechten eine seegnende Bewegung macht. Sein Kopf hat drei Strahlen, von

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1) Eine Abbildung dieses Pfeilers wird wo möglich noch später an schicklichem Orte gegeben werden.

 

 

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der Art, wie man sie oft an Christusköpfen wahrnimmt. Die Umschrift lautet: Deus pater . . . . creator mundi. (Das mittelste Wort ist nicht lesbar.) — Das zweite, im Durchmesser 11½“ Rhein., stellt das Lamm mit dem Kreuze dar. Jenes ist liegend abgebildet. Die Umschrift lautet: Deus Redemptor mundi. — Das dritte, von gleicher Grösse als das vorige, zeigt den heiligen Geist in der Gestalt einer Taube. Es führt die Umschrift: Spiritus Sancte Deus Illuminator Mundi. — Diese drei plastischen Arbeiten, welche in halb erhobenem Relief gearbeitet sind, dienten ehedem auf jeden Fall als Schlusssteine des Gewölbes in der früheren Kirche, und sind wegen ihres Alterthumes merkwürdig. Sie rühren gewiss noch aus der oben erwähnten Erbauungszeit des Petersklosters her, indem sie das Gepräge des rein-byzantinischen Styles an sich tragen. Allerdings zeigen diese drei Schlusssteine keineswegs fleissig ausgeführte und vollendete Kunstwerke, man muss aber auch bedenken, dass nicht nur dergleichen Arbeit ohnehin nur von gewöhnlichen Steinmetzen verfertigt wurde, sondern‚ dass auch die hier abgebildeten Darstellungen bestimmt waren, in einer bedeutenden Höhe, nämlich an der gewölbten Decke der Kirche, angebracht zu werden, mithin nur auf den Effect berechnet waren, wobei eine sorgsame Ausführung gar nicht am rechten Platze gewesen seyn würde. Ueberdies haben sie auch später durch den Einfluss der Witterung manche Beschädigung erlitten.

 

Dr. L. Puttrich

 

 

 

Quelle:
Kurzer Abriss der Geschichte des Stiftes und der Kirchen und Klöster zu Merseburg.

Autor: Puttrich, Ludwig Verlagsort: Leipzig Erscheinungsjahr: 1836 Verlag: Brockhaus Signatur: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek -- 2 K-K 77

Das Buch wurde vom Münchener DigitalisierungsZentrum eingescannt und ist unter dem Link https://reader.digitale-sammlungen.de//de/fs1/object/display/bsb11198330_00005.html einsehbar.

Hier können auch die bisher nicht einbezogenen Abbildungen eingesehen werden.

Permalink: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11198330-3

 

 

 

 

XV. Archäologische Wanderungen in den Königlich Preussischen Landräthlichen Kreisen Zeitz, Weissenfels und Merseburg während der Jahre 1856 bis 1866, unternommen von Gustav Sommer, Königlicher Bau-Inspector zu Zeitz.

 

Vorwort.

Zu den Mittheilungen und Aufsätzen über alterthümliche Gegenstände aus den verschiedenen Gegenden Deutschlands, zumal denen, welche der thüringisch-sächsische Geschichts- und Alterthums-Verein in seinen Bereich zu zählen sich vorgesetzt hat, will der Verfasser dieses auch seinerseits in dem Nachfolgenden beizutragen versuchen, um bekannt zu machen und zu besprechen, was überhaupt in seiner Gegend aus dem Alterthum noch vorhanden, wie dieses beschaffen, und ob es von demjenigen historischen oder künstlerischen Werthe ist, dass es wünschenswerth erscheine, für dessen Erhaltung, beziehungsweise Herstellung zu sorgen. Die Reihenfolge der Oertlichkeiten ist hierbei eine zufällige, je nachdem die Durchforschung fortschritt, und werden, da manche derselben noch nicht abgeschlossen, die an alterthümlichen Gegenständen reicheren Ortschaften aus diesen Gründen zuletzt an die Reihe kommen.

 

Die deutschen Gaue sind bekanntlich sehr verschieden in der Vertheilung und in dem Besitz von Alterthümern begünstigt, die einen reich, die anderen arm daran zu nennen, sei es, dass im Laufe der bereits darüber verstrichenen Zeit sehr Vieles zerstört und geraubt, sei es, dass überhaupt von Haus aus wenig vorhanden war. Die Spuren von früher Vorhandenem lassen freilich mehr auf öftere Zerstörungssucht denken. Gibt es doch noch jetzt, und zwar leider jetzt vielleicht erst recht, eine gewisse Classe von Leuten, welche in ihrem Mangel an einem für die Schönheit und den Reiz des Alterthums empfänglichen und gebildeten

 

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290 XV. Archäologische Wanderungen

 

Sinn Alles modernisieren möchten. Auf diese Weise werden oft unnöthigerweise reich geschnitzte Holztheile von Fachwänden, inneren Decken und Wandbekleidungen beseitigt und mit nüchternem Kalkmörtelputz, mit elenden Tapeten vertauscht; interessante Thüren, Thore, Fenster durch beliebige, dem Privat- oder Handwerkergeschmack unterworfene andere ersetzt; oft ohne einen andern Grund alte Glockengruppen gegen neue umgetauscht als den, weil ein Nachbardorf kürzlich neue Glocken sich verschafft hat, und die eigenen Mittel einer Gemeinde dieses zulassen. Schöne Gesimsformen und kunstgerecht behandelte Architekturflächen von Altären, Kanzeln, Taufsteinen u. dgl. werden mit modernen Zeugen gardinenartig behängt, Kirchen wol gar im Innern tapeziert (Langendorf östlich Zeitz); alte Grabsteine mit mehr oder weniger wichtigen Inschriften und zum Theil hübschen, ja selbst schönen Ornamenten, zu Trittsteinen in Gängen von Kirchen, freien Plätzen, zu Canalüberdeckungen, oder auch mitten durchgeschnitten zu Einfriedigungspfosten von Friedhöfen verwendet (z. B. in Gross-Grafendorf zwischen Lauchstedt und Schafstedt); alte Taufsteine als Brunnentröge benutzt (z. B. in Riethgen bei Griefstedt) oder in Ober- und Untertheil halbiert als Sitzsteine vor einer Kirchthüre (z. B. in Prittitz bei Weissenfels) aufgestellt.

 

Wenn auch bereits im Laufe der früheren Jahrhunderte viel verändert, unkenntlich gemacht, vernichtet worden ist, so scheint doch namentlich das 19. Jahrhundert sich darin auszuzeichnen. Vermehrung der Cultur, Wolstand, höherer Bildungsgrad in allen Schichten der menschlichen Gesellschaft, daher auch vermehrte Ansprüche an das Leben, die Macht der „Mode,“ welche sich oft ohne allen Grund und Geschmack überall geltend macht, Vervollkommnung des Verkehrs durch bequeme Wege, behaglichere Einrichtungen für Haus-, Hof-, und Landwirthschaft, höhere Rente vom Besitz, um diese Behaglichkeit zu erhöhen — alle diese und noch viele andere Veranlassungen Ueberreste der Vergangenheit zu beseitigen sind ein Hauptzug der Characteristik des 19. Jahrhunderts, und es ist dieser Umstand eine Veranlassung mehr für den Forscher von Geschichte und Alterthum, sein Augenmerk auf Vorhandenes aus der Vorzeit zu richten, damit zeitig noch zu erhalten gesucht werde, was erhaltenswerth ist.

 

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291 von Gustav Sommer.

 

Eine Freude ist es daher, dass sich die betreffenden Vereine vermehren, welche entweder ganz Deutschland oder einzelne Theile desselben oder auch nur besonders merkwürdige Städte zum Areal ihres Wirkungskreises auserkoren haben, und höchst dankenswerth ist die Unterstützung und Hebung der Vereine durch Fürsten, Staatskassen, Städte, indem sie ihnen Geldmittel gewähren, oder (wie im Königreich Sachsen) ihnen die Eigenschaft begutachtender Commissionen und Curatorien geben. Freilich wird hier und da eine bessere Methode der Forschung noch sehr vermisst, dagegen mannichfach Isolierung, Verheimlichung einerseits und planloses Verlieren ins Endlose andererseits vorgefunden. Vervollständigungen herbeizuführen, da wo Mittheilungen begonnen haben, müsste stets im Auge behalten werden, weshalb vor Allem aufs Dringendste die Anfertigung von Repertorien, Inventarien wünschenswerth erscheint; indem wir bei dieser Gelegenheit in Erinnerung zu bringen uns erlauben, welch überaus zweckmässiges, segen- und fruchtbringendes Institut für Deutschlands Geschichte das Germanische Museum in Nürnberg ist, welches planmässig das Vorhandene registriert und aufs Uneigennützigste Auskunft ertheilt über einschlägige Fragen, — soweit eben die Auskunft mit Rücksicht auf den augenblicklichen Stand der Sache überhaupt möglich ist. Der Verkehr mit einer solchen Central-Anstalt müsste indessen reger werden, um von den wissenschaftlichen Schätzen und Arbeiten derselben, den Repertorien, vielfachen Nutzen zu ziehen.

 

Die Anfertigung von Repertorien nochmals erwähnend, so ist von grösster Wichtigkeit geworden, systematische Nachschlagebücher über die Literatur zu besitzen, ja jeder Privatgelehrte sollte sich dergleichen über die eigene Bibliothek und Sammlung anlegen, so mühsam sie auch sein mögen, da sie nach verschiedenen Gesichtspunkten auch verschiedene Systeme zu ihrer Grundlage haben müssen. Wie viel geht unbeachtet verloren von dem, was in den verschiedenen Schriften höchst zerstreut sich vorfindet und in Folge tüchtiger Forschungen, fleissiger Bearbeitungen erst mühsam gesammelt war, eben weil man augenblicklich keine Gelegenheit hatte, hiervon Kenntniss zu nehmen. Gegen einen kleinen Beitrag sollte das Germanische Museum fortlaufende specielle

 

 

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292 XV. Archäologische Wanderungen

 

Inhaltsanzeigen allmonatlich nach einem gewissen Plane den einzelnen Specialvereinen, oder Jedem, der es für sich und seine Studien wünschen sollte, mittheilen, um unter allen Umständen die Kenntnissnahme nicht zu versäumen und die Mittheilungen zu vervollständigen. Nicht, wie in der Zeitschrift für preussische Geschichte und Landeskunde und im Anzeiger des Germanischen Museums dies geschieht, als kurze Inhaltsanzeige, sondern nach ein und demselben System geordnet, wie das Germanische Museum seine Repertorien nachträgt. Diese Repertorien-Laufzettel, um sie recht eigentlich zu bezeichnen, würden namentlich den Privatgelehrten, die fern von grossen Städten, fern vom Sitz der Vereine, sich den von ihnen ins Auge gefassten Studien widmen, von unberechenbarem Nutzen sein. Aehnlich dem trefflichen Buche von Dr. W. Lotz über Deutschlands Kunstwerke (Statistik der deutschen Kunst, 2 Bde.) wäre wol an der Zeit, ein analoges über Litteratur der Geschichte und Alterthumskunde auszuarbeiten, beziehungsweise das von Walter sachgemäss fortzusetzen. Die specielle Einrichtung, das System, die Methode müsste durchaus gleich, ja verabredet sein, um die gegenseitige Communication, den wissenschaftlichen Verkehr nicht zu erschweren.

 

Nach diesen einleitenden Auseinandersetzungen, in welche unwillkürlich viel „fromme“ Wünsche mit unterliefen und als „brennende Fragen“ verzeihlich erscheinen möchten, gehen wir zu dem über, was die Ueberschrift des gegenwärtigen Aufsatzes aussprechen wollte.

 

I. Allgemeines.

1. Der äussere Gesammteindruck der hiesigen Landschaft muss für jeden dieselbe zum ersten Mal berührenden Fremden insofern ein befriedigender sein, als überall Anzeichen von Cultur hervortreten, die Landwirthschaft sehr rationell betrieben wird, die Ortschaften in ihren Theilen Wolstand und verbesserte Hofeinrichtung zeigen, und ein rühriges, gewerbliches Leben nach zahlreichen Richtungen hin stattfindet. Derjenige Reisende aber, welcher diese Gegend vor nicht ganz 10 Jahren besuchte und jetzt zum ersten Mal widerkehrt, findet eine so ungeheure Veränderung im äusseren Habitus, dass er ein völlig neues Leben erstanden sieht. Der unermessliche Reichthum an Braunkohlen, an fetten Kohlen

 

 

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293 von Gustav Sommer.

 

zumal, welcher erst seit kaum 10 Jahren aufgefunden ist und bereits tüchtig verwerthet wird, hat auch alles Andere umgewandelt. Die Verkehrsmittel sind vermehrt und verbessert, Chausseen auf lange Strecken, ja sogar einzelne Communicationswege gepflastert, Eisenbahnen angelegt, und da dem Landbesitzer neue, wesentliche Fonds gegeben sind (pro Morgen 500 — 700 Thlr.), an die er früher nicht im Traum gedacht hat, ist auch so viel an neuen Häusern erbaut, an alten umgebaut, dass die ganze Umgegend ein durchaus neues, modernes Kleid angezogen hat, während das aus früheren Zeiten Herrührende allmählich verschwindet. Zu den fortschreitenden Umwandlungen tragen sehr wesentlich die Separationen der Fluren bei, welche eine rationellere Bewirthschaftung von Grund und Boden im Auge haben, indem für die jetzigen Grundsätze die alte Form und Lage der Acker- und Wiesengrundstücke in so mancher Beziehung unzweckmässig erschienen ist. Die Wege von Ort zu Ort (Communicationswege), oder nur zum Grundstück (Feldwege, Wirthschaftswege) werden dabei nur von der regelmässigen Form der Pläne abhängig gemacht und gerade gelegt, ohne Rücksicht auf Kürze des Weges oder bequemere, trockenere Lage desselben dem neuen Wege, dem neuen Grundstück vielleicht geradezu Zwang angethan, so dass oft grosse Ausgaben und Mühwaltungen zur Erreichung des vorgesteckten Zieles erforderlich werden.

 

Auf diese eben auseinander gesetzte Weise verschwindet so das Alterthümliche der früheren Feldeintheilung, welche neuerdings mannichfach Veranlassung gewesen ist zu ausführlichen Abhandlungen (Dr. Landau, Jacobi u. And.) Wenig Jahre nur werden vergehen, dann werden die Separationen, weil eifrig betrieben, zu Ende sein, aber auch nichts mehr von der früheren Feldeintheilung erkannt werden können; diese verfällt dann in den Bereich der Sage. Die bessere Ausnutzung des Ackerlandes um einer höheren Rente willen führt auf Zusammenlegung der Pläne, auf regelmässige, leicht zu übersehende Planformen, Einebenung von Hohlwegen und Abtragen von Terrassen, zu Ausholzungen an steilen Bergabhängen (dies Letztere selbst mit nur zweifelhaftem Nutzen). Die bessere Ausnutzung der Wiesen andrerseits beseitigt alle Weiden, Erlen, Pappeln, verlegt Entwässerungsgräben,

 

 

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294 XV. Archäologische Wanderungen

 

führt zu grösseren oder geringeren Regulierungsarbeiten.

 

Hünengräber verschwinden, als dem Landwirth höchst „lästige“ Gegenstände, besonders wenn ein Landbesitzer dieselben mitten in seinem Plane überwiesen bekömmt und seine Rechnung auf grösst möglichsten Ertrag auch auf diese in der Regel nur wenig Quadratruthen haltende Fläche gerichtet ist. Solche für die Geschichte unserer deutschen Vorfahren so interessante Hügel sollten doch geschützt und auf ewige Zeiten erhalten oder wenigstens für die Wissenschaft nutzenbringender ausgebeutet werden. Man sollte von Oberaufsichtswegen darauf bestellen, dass bei Separationen, oder wenn diese auch nicht vorliegen, die Hünengräber als Gemeindegut erklärt oder allenfalls zum Besten der Gemeinde verwerthet werden; niemand dürfte sich ohne höhere Ermächtigung daran vergreifen, und ist die Entfernung der Hügel wirklich eine Nothwendigkeit, dann müsste das etwa gefundene Werthvolle, nachdem die ganze Arbeit des Aufdeckens und Abgrabens unter Aufsicht eines Alterthumsforschers vor sich gegangen und genau beschrieben ist, in eine solche Sammlung einverleibt werden, wo für spätere Zeiten ein wissenschaftlicher Nutzen daraus entspringt. Es gibt in dieser Beziehung, wie die zahlreichen Nachgrabungen bewiesen haben, sehr interessante Funde, und wolle man es gestatten, dass in gegenwärtigen Zeilen (eigentlich nicht hierher gehörig) auf den sogenannten „Bahrenhügel,“ „Bahrenberg,“ (vielleicht richtiger mit Bornhügel, wie Bornhök, bezeichnet) auf der fiskalischen Wiese des Stiftungsgutes Nägelstedt bei Langensalza aufmerksam gemacht wird. Die Tradition hat fortwährend diesen, mitten in einer Wiesen-Niderung belegenen Hügel von etwa 40 Ruthen Länge, 20 Ruthen Breite, 10 Fuss Höhe als Todtenhügel bezeichnet, indem die 13,000 Gefallenen nach der vom König Heinrich IV. am 11. Juni 1075 den Sachsen und Thüringern gelieferten Schlacht hier begraben worden sein sollen. Neuerdings, indem er dem Pächter fortdauernd ohne Düngung vortreffliche Erndten von Oelfrüchten bot, ist er von Zeit zu Zeit durch Gärtner beraubt worden, um die überaus humusreiche Erde zu benutzen; auch werden fuderweise grosse Erdmassen abgefahren: es wäre wol möglich, dass auch Waffen

 

 

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295 von Gustav Sommer.

 

u. dgl. aufgefunden würden, weshalb eine Ueberwachung des Hügels auch an dieser Stelle räthlich erscheint. Wir erwähnten diesen Punkt, weil über die Umgegend von Langensalza so gut als gar nichts mitgetheilt und doch daselbst so viel Interessantes vorhanden ist. Bei Langensalza gibt es noch mehrere unversehrte Hünengräber, dort mit „Rangenhügel“ bezeichnet.

 

Alte Wüstungen von Dörfern, vor der Separation der Fluren noch leicht kenntlich, werden zu Land gemacht und sind in der Regel innerhalb höchstens zweier Jahre ganz verschwunden. Man sollte doch auch dieses möglichst überwachen, mindestens darauf hinzuwirken suchen, dass in die Archive oder Alterthumssammlungen Auszüge aus den Flurkarten geliefert werden, und zwar aus den Brouillonkarten, woraus alte Wüstungen, Hünengräber, oder überhaupt historisch-wichtige Stellen deutlich zu entnehmen sind, worauf dann immerhin, nachdem die Wissenschaft befriedigt ist, eine Umwandlung vorgenommen werden mag, die einmal nicht zu verhindern ist. In der Regel sind darin die Namen alter Fluren genau registriert.

 

An Alterthümern wird in hiesiger Gegend selten etwas gefunden, hin und wieder aus der Steinzeit der Kelten: Hämmer, Aexte, Abhäutegeräthe, aus späteren Jahrhunderten wol auch Münzen, Pfeile, Schwertstücke, Sporen, selten haben diese Dinge das Glück sorgfältiges Aufbewahrens und Beschreibens.

 

2. Die Städte hiesiger Gegend haben für die Jetztzeit wenig Alterthümliches aufzuweisen; wir werden vorläufig hier nur Zeitz und Lützen besprechen, da die kleineren Schkölen, Stössen, Osterfeld, Hohenmölsen, Teuchern mehr in die Kategorie offener Marktflecken gehören, keine Ringmauern, Gräben, Thore und Stadtthürme besitzen und allenfalls Ruinen von Herrensitzen, Schlössern u. dgl. enthalten. Weissenfels überlassen wir vorläufig einem anderen Historiker. Zeitz gehörte zu den stärker befestigten Städten wegen der hohen, freien Lage und hatte desshalb starke Ringmauern mit erhöhten Gängen hinter den Zinnen und mit Schiesscharten darunten, von dem fahrbaren Wege längs der Mauer aus zu bedienen; die Aussenseite durch tiefe Wallgräben, die Thore verdoppelt, durch Brückenköpfe geschützt. Von allem diesem verschwindet immer mehr, die Thore von Zeitz sind bis

 

 

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auf eins (das schlechtere, welches in der Kürze ebenfalls abgetragen werden wird) beseitigt, dafür zierlichere Thore mit Gittern gebaut und von den Ringmauern und Gräben wird bald gar nichts mehr zu sehen sein, indem auch sie der Vergrösserung der Stadt, der Communication mit den Vorstädten hinderlich werden. Lützen war für den ersten Anlauf, ähnlich wie Pegau, auch durch Mauern, Gräben, Thürme und Thore geschützt, hat von diesen Befestigungselementen jetzt aber ebenfalls nur sehr wenig aufzuweisen: es ist nur das geblieben, was eben bisher anderen Zwecken und Ausnutzungen nicht hinderlich war.

 

3. In Betreff der Dörfer ist noch manches an die früheste Vorzeit Erinnernde zu ersehen. Wie schon fast alle Ortsnamen hiesiger Gegend mit Sicherheit verrathen, dass hier Niderlassungen von Sorben - Wenden (Slawen) gewesen, zu denen nach der Germanisierung nur wenig Deutsche gekommen sind, so ist dieses aus der bereits an andern Orten viel besprochenen Dorfform leicht herauszufinden. Zuweilen hat sich der Dorfname deutsch verändert, aber die Hofgruppierung verräth ein Anderes.

 

Das grosse uralte Volk der Slawen, oder wie sie Max Müller (in seinen Vorlesungen über die Wissenschaft der Sprache I. S. 166) allgemein lieber mit dem Namen der Wenden oder Winden bezeichnet, „da Winidae einer der ältesten und umfassendsten Namen ist, unter welchem diese Stämme den älteren Historikern bekannt waren,“ war in seiner vorzugsweise der Landwirthschaft ergebenen Beschäftigung ein durch und durch praktisches Volk, wählte mit Umsicht die brauchbarsten, passendsten Plätze für Ansiedelungen und gruppierte die Höfe auf Grund seiner socialen Lebensweise ziemlich constant nach denselben durch Alter und Bewährung geheiligten Gesetzen rund um einen, in der Regel mit einem kleinen Teiche versehenen, freigelassenen Dorfplatz, nur einen einzigen Zugang von der in einiger Entfernung daran führenden Strasse aus enthaltend, welcher im gemeinen Leben mit „Sackgasse“ bezeichnet wird. Da die Wenden (Slawen) auf staatliche Centralisation gar nichts gaben, still hin lebten, fast immer zufrieden mit dem, was sie seit Jahrhunderten besassen, darin auch wol kaum je ernstlich gestört wurden, wie das jahrtausendlange, fast unbemerkte, Ansitzen in der östlichen Hälfte von

 

 

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Europa und das Fehlen aller derartigen Mittheilungen alter Schriftsteller genügend beweist, so genügte ihnen das Selfgovernment der Gemeinden. Eigenthümlich ist daher auch die geringe Grösse der wendischen (slawischen) Dörfer, welche fast nur (ursprünglich nämlich) aus 5 bis 6 oder 7 gleichgestalteten Gehöften bestehen, die mit ihren Schmalseiten, den Giebeln der Wohnhäuser und den Thorwegen, sich der Ringlinie um den Dorfplatz anschliessen, und deren Grenzabtheilungen radial nach Aussen, (fast immer sogar bis an die Flurgrenze) laufen. Anfänglich mögen die Vertheilungen solches Besitzes ganz gleich ausgefallen sein und sind nur im Laufe der Zeiten vergrössert oder verkleinert, weil die Bevölkerung wuchs oder abnahm, hier oder da Familien ausstarben, oder durch Trägheit verarmten oder verschuldeten; daher hat die constante Dorfform hin und wider gelitten und ist den neueren Bedürfnissen des Lebens oder Verkehrs entsprechend umgewandelt, die geschlossene Form nach der Richtung durchbrochen, wo eine Verbindung mit der Aussenwelt nöthig erschien. Am meisten findet sich die Form des Dorfplatzes wie Ω oder Π, allein ausnahmsweise auch lang gestreckte Gassen, da wo man keinen Teich inmitten des Dorfes anzulegen nöthig hatte, sondern einen vorüberfliessenden Bach oder Fluss benutzte. Nicht sowol als eine fernere characteristische Form, wie vielmehr als eine Multiplication von wendischen Dorflagen findet sich noch zahlreich vertreten die Weise, dass (vielleicht durch die Aufsuchung von Wasser geboten) zwei bis 6 Rundlinge sich an einander reihen, welche auch jetzt noch mehr oder weniger sichtbar erscheinen, je nachdem Zwischenbauten ausgeführt sind oder nicht. Am deutlichsten zeigt noch das an der preussischen Grenze gelegene sächsische Dorf Stöntzsch diese Form, wo sechs an einander gefügt sind.

 

Wir theilen als Beispiel einer Dorflage der Sorben-Wenden nachfolgenden Grundriss von Ober-Nedissen, südöstlich von Zeitz, mit; es ist aus ihm zu ersehen, wie bei a der ursprüngliche, alleinige Eingang in das Dorf gewesen und dass bei b, c, d Durchbrüche stattgefunden haben, wie sich die Radial-Gruppierung um einen unregelmässig viereckigen Platz gestaltet, der Teich inmitten jedoch nur in Spuren zu ersehen ist.

 

An jedem „Rundling,“ wie man jetzt die wendische Dorfform

 

 

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Abbildung: Grundriss von Ober-Nedissen

 

 

benennt, finden sich hauptsächlich folgende wesentliche einzelne Bestandtheile:

 

a) der Eingang in das Dorf. — Indem die wendische Dorfform ausser dem socialen auch noch einen gemeinschaftlichen Vertheidigungszweck hatte und alle gleichlangen Gärten mit einem undurchdringlichen Zaun geschlossen wurden, der sowol Menschen als Thieren den Eingang von hinten erschwerte, so bot dieser einzige Zugang zum Dorfplatz die Möglichkeit guten Verschlusses oder der Aufstellung eines Wächters oder eines Hundes.

 

b) der Dorfplatz. — Während der Eingang schmal sein konnte, entsteht hier das Bedürfniss einer Erweiterung, um in alle Höfe gelangen, von ihnen heraus bequem umlenken zu können und Raum für Versammlungen aller Art vor den Häusern zu haben. Die Grösse dieses Platzes findet sich daher verschieden, und mehr oder weniger ausgebildet und geschmückt, Rasenplätze, einen Teich, Pfuhl mit Federvieh und als Wasserreservoir für Feuersgefahr einschliessend, von Bäumen umstanden. Die Böhmen und Polen bezeichnen die Dorfplatz mit „náwes,“ auf deutsch „im Dorfe „auf dem Dorfe.“

 

c) das Gehöft, die Baustelle, die Hofrheite. — Dasselbe wird eingenommen von dem Wohnhaus, welches mit seinem Giebel an

 

 

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den Dorfplatz stösst und nach ihm hin selten mit einem sogenannten Vorhaupt, Hausgarten, versehen ist; an das Wohngebäude anschliessend ein längeres Stallgebäude für die vorliegenden Wirthschaftszwecke; und am Ende, den Hof abschliessend, die Scheune.

 

d) Durch die Scheune oder seitlich derselben gelangte man in den Garten, welcher meist Grasgarten war und mit Obstbäumen bepflanzt wurde. Dieser Gartencomplex um das Dorf wurde mit „Klanzei,“ „Klenzig“ bezeichnet, es ist dieses Wort aber nicht wol sprachlich zu begründen, da die heute dafür aufgesuchten Wörter zum Theil einen andern Sinn geben, daher eine gewaltsame Etymologie herbeigezogen werden muss. Unmöglich werden dabei die Sorben- Wenden an ein Gewölbe, an Keile, Kreissegmente u. dgl. gedacht haben, höchst wahrscheinlich hat sich der eigentliche Name verloren, und noch wunderlicher ist die Bezeichnung und Benennung mit dem Worte Kleinod.

 

e) Hinter dem Dorfzaun findet sich häufig oder immer ein Rain von grösserer Breite als Hütung und um den Zugang nach der Länderei zu vermitteln.

 

f) Das Prising. — Der Ort, wo vermöge besonderer Fruchtbarkeit oder Cultur des Bodens Sämereien, Gemüse, Kraut u. dgl. gezogen, und worauf ganz besonders Werth gelegt wurde. Wendisch ist das Wort entschieden nicht und lässt sich nur nidersächsisch erklären, indem die Leute sagen: „dät is mie Prising;“ schwerlich ist es von Prsnj, die Brust betreffend, abzuleiten.

 

Soviel über die in hiesiger Gegend vorgefundenen Dorfformen. Auch diese verändern sich vor den Augen und nach jetzigen Bedürfnissen, die Sackgassen werden durchbrochen, die freien Plätze, wenn sehr geräumig, bebaut durch Kirche, Pfarre, Schule, oder auch Privatgebäude, die vorbeiführende Strasse, der Communicationsweg erhält Gehöfte statt der Rückseite der Gärten.

 

4. Schwieriger ist es, eine volksthümliche Einrichtung der Gebäude herauszufinden. Ursprünglich von Holz, in Form von Fachwerk, oder von Erde (Pisé) sind diese Constructionen zu wandelbar, als dass sie nicht nach wenig Jahrhunderten Umbauten erfahren müssen, die unwillkürlich anderen Formen, anderem Geschmack unterliegen, und gegenwärtig im 19. Jahrhundert scheint der letzte Rest als nicht zeitgemäss beseitigt zu werden.

 

 

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Es würde zu weit führen, die verschiedenen Formen einzeln zu besprechen und durch nothwendige Zeichnungen zu erläutern. Nur eine Eigenthümlichkeit findet sich vorzugsweise an den meist zweistöckigen Wohnhäusern anzuführen, welche sie mit den einstöckigen in Polen fast durchaus gemein haben: die Wohnstube im Erdgeschoss, als wichtigster Raum, ist in der Regel durch eine Bohlwand eingefasst, um dem Zimmer mehr Wärme zu bieten. Nach Verminderung der holzspendenden Wälder wird diese Bohlwand nach ihrer Baufälligkeit durch Pisé ersetzt, (Füllwand, Fuhlwand wie die Leute sagen), und da entsteht dann die eigenthümliche Praxis, dass die obere, aus Fachwerk bestehende Etage nur auf einzelnen, verdoppelten Säulen aus Holz, gehörig verstrebt, ruht, diese Säulen aber vor der inneren, für sich ausgeführten Wand vorstehen und stets als Stützen fest stehen bleiben, wenn eine Reparatur der unteren Wände hinter den Säulen vorgenommen werden muss. An sich sinnreich und durch die Nothwendigkeit geboten, wird doch gegenwärtig der Massivbau so allgemein vorgezogen, dass je eher je lieber die alte Construction cassiert wird. Nicht vergessen darf dabei werden, dass, wie in der Regel an Holzgebäuden, sich auch hier hin und wider Inschriften befinden, welche in das Holz eingeschnitten sind und den Namen des Besitzers, die Zeit der Erbauung und die Angabe des Grundes zum Umbau (etwa Feuersgefahr etc.) enthalten; sonstige werthvolle oder interessante Zierrathen haben wir nirgends gefunden. Die Inschriften gehören meist in das 17. oder 18. Jahrhundert.

 

Ueber die verschiedenen Hof- und Gebäudeformen dürfte die Dr. Landaw’sche Abhandlung nachzulesen sein, welche sich durch zahlreiche Skizzen verdeutlicht im Jahrg. 1862 des Corresp.-Blattes findet.

 

5. Wenn die Abstammung vom wendischen Volksstamme noch vielfältig aus der wendischen Dorflage und hin und wider im Hausbau zu erkennen ist, so ist dieses auch aus den Ortsnamen zu beweisen. Die Ortsnamen hiesiger Gegend, wie eines grossen Theils der östlichen Hälfte Europas zwischen dem schwarzen Meere und der Ostsee, sind daher neuerdings mit Recht einer specielleren Untersuchung unterzogen worden, um linguistische

 

 

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und ethnographische Aufschlüsse zu erlangen. Die hiesige Gegend zumal gehört zu den Grenzen der wendischen (slawischen) Ansiedlungen, wo in gewisser Beziehung eine Art von Brandung sich bildete, die theils an die deutschen, theils an die wendischen Idiome anschlug, in Folge deren zahlreiche gewaltsame oder unwillkürliche Aenderungen, Abschleifungen, Verbrechungen an den Sprachdenkmalen vorgenommen wurden. Es ist deshalb ebenso schwierig als interessant, lohnend und wichtig, die einzelnen Namen einer Betrachtung zu unterziehen. Sind diese, da eine Litteratur der Wenden aus dieser Zeit nicht existiert, doch fast das Einzige, was aus jenem Sprachen-Processe auf uns gekommen ist. Das unaufhaltsam cultiviererde Element der Deutschen siegte über das Wendische, die Conversation, die Litteratur wurde deutsch, und wird bekanntlich in Kurzem auch in dem letzten Rest der beiden Lausitzen obsiegen, doch blieben, scheinbar als gleichgültige, unschädliche Dinge, die Orts- und Familiennamen entweder ganz unverändert, oder nur zum Theil verändert, oder vertauscht zurück.

 

Denkmale der Litteratur sind leider aus dieser frühen Zeit gar nicht vorhanden. So spärlich als sie jetzt sind, gehen sie nicht weiter als 150 - 250 Jahre zurück. Es ist deshalb auch nicht möglich, die Ortsnamen einer Vergleichung mit solchen Schriftproben zu unterwerfen, welche zu gleicher Zeit blüheten. Die Vergleichung wird lückenhaft, gewagt, bleibt aber immer höchst interessant und lohnend. Freilich müssen dabei verschiedene Dialekte, das Serbische, Böhmische, Polnische u. a. m. zu Hilfe genommen werden, da so viele gleichklingende Ortsnamen im Süden, wie im Norden gefunden werden.

 

Zwischen der Einwanderung der Kelten (nach Holtzmann der allgemeine Name für Gallier, Germanen etc.) von Asien her, und der der Wenden (Anten, Slawen) aus gleichem Ursitze, müssen viele Jahrhunderte liegen und jedes dieser grossen Völker viel früher in denjenigen Theilen Europa’s, wo sie die Geschichte auffindet, sesshaft geworden sein, als man bisher gewohnt war anzunehmen. Die Verbreitung muss nach allen Seiten ziemlich ungehindert stattgefunden haben, so dass die alten Schriftsteller niemals von einem Verkehr unter einander, von einem Bekriegen

 

 

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berichten, wodurch die Entwickelung, das Wachsthum und die Ausbildung der betreffenden Sprachen ungestört vor sich gehen konnte und diejenigen Formen sich befestigten, welche in der historischen Zeit zu Tage treten. Aus diesem Mangel an Verkehr entspringt auch die geringe Wichtigkeit der Namen, die man den Völkern, Gegenden, Personen zur Zeit gab, die vielfache Widerholung derselben unter analogen Verhältnissen. Wie bei allen Urvölkern bezeichnet der Name jederzeit die Sache, eine nähere Eigenschaft des Gegenstandes, unbeschadet seiner Unterscheidungen, deren Nüancen bei dem Mangel gründlicher Kenntniss der alten Sprachen der gegenwärtigen Menschheit grösstentheils unverständlich sind. Da die Lage von Ortschaften bei aller Aehnlichkeit unter sich doch auch immer kleine Unterschiede aufweist, so musste dieses ganz unbestritten auch in dem Ausdruck enthalten sein, wozu noch der gewichtige Umstand hinzutritt, dass diese Ausdrücke, Bezeichnungen, Benennungen, — kurz alle Orts- und Familiennamen nicht von gelehrten Sprachforschern erfunden oder construiert wurden, sondern vom Volksmunde selbst, der in seiner Naivität und Praxis von selbst das Richtige traf. Jetzige Forschungen müssen daher stets diesen einfachen Umstand ganz allein im Auge behalten, wenn es auch den Sprachgelehrten schwer fällt, sich von grammatikalischen Formensatzungen zu trennen, die die Erklärung ganz unnöthig erschweren. Wie vielerlei Namen musste man z. B. für die verschiedenen Gattungen von Bergen, Hügeln, Anhöhen; von Thälern, Schluchten, Niderungen; Wiesen, Sümpfen; Haideplätzen, Weiden u. dgl. haben, je nachdem die Form, die Lage, die sonstige Eigenschaft eine etwas andere war. Waren es einerseits auch geradezu neue selbständige Wörter, so benutzte man auch andererseits vorhandene durch vorgesetzte oder angehängte Sylben, durch Präpositionen, bildete Adjective oder Diminutive und Collective.

 

In ihrer reinen, ursprünglichen Form sind freilich die Ortsnamen nicht immer, ja selten, geblieben, obschon auch hierin das cultivierende deutsche Element Duldsamkeit ausübte. Eher verändern die Wenden, Polen, Czechen die Namen, als die Deutschen. Eigennamen sind überhaupt, wie Förstemann sehr richtig sagt, in gewissem Sinne Privateigenthum, und daraus erklärt sich zum

 

 

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Theil ihr der übrigen Sprache gegenüber eigenthümliches Verhalten, namentlich ihr alterthümliches Gepräge, da sie weniger als der übrige Sprachschatz dem allgemeinen Gebrauche und der Abnutzung ausgesetzt sind. Die sociale Einrichtung der Dorflage und der geringe Verkehr der Leute führt es ferner mit sich, dass Familiennamen um so weniger dem Orte den Namen gegeben haben, als Familiennamen überhaupt erst im 12. Jahrhundert aufkamen, die Ortsnamen urkundlich jedoch schon viele Jahrhunderte früher bestanden. In einzelnen Fällen finden sich Anklänge an Volksstamm -Namen, an Götternamen, doch ist die sichere Nachweisung stets schwierig, fast immer bedeutet der Name die Sache.

 

6. Gehen wir nunmehr auf die Gebäude, welche alterthümliches Gepräge besitzen, über, so sind es vorzugsweise die Kirchen, welche den Stoff zu einer Beschreibung liefern, da sie vermöge ihres allgemeinen Gemeinde-Zweckes und wegen der dazu verwendeten dauerhafteren Materialien weniger der Umwandlung unterworfen sind, und daher vielfach in mehr oder weniger ursprünglicher Form auf uns gekommen sind. Ausser den Kirchen sind es Rittersitze, Thürme und Mauern derselben, in Städten vielleicht auch Brücken, städtischen Zwecken dienende öffentliche Gebäude, Wohnungen von Patriciern, Brunnen u. dergl., welche vielleicht etwas Alterthümliches zeigen. Die Wohnhäuser aber und Wirtschaftsgebäude, vorübergehendem Bedürfnisse unterliegend und oft nur von geringen Mitteln abhängig, sind in den seltensten Fällen von archäologischem Interesse, da ihr Alter höchstens in das 16. Jahrhundert zurückreicht. Vermöge ihrer veralteten Einrichtung entsprechen sie den jetzigen Bedürfnissen nicht mehr und müssen daher zusehends totalen Umbauten weichen, wie auch ihre Bauconstructionen grösstentheils wandelbar sind und nur kurzen Zeiträumen dienen können.

 

Die ursprünglichen, mit der Einführung des Christenthums nothwendig gewordenen Kirchen müssen von Holz construiert, oder andere Räume zum Gottesdienst benutzt worden sein, da sich die ältesten Kirchenbauten höchstens in das Ende des 11. oder den Anfang des 12. Jahrhunderts zurück versetzen lassen. Die Gemeinden waren zur Zeit klein, der (katholische) Gottesdienst damaliger Zeit begnügte sich mit Capellen, deren Eingangsthüre bei Menschen-Andrang

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offen stand, wie noch jetzt, wenn nicht gar der Gottesdienst mittels tragbarer Altäre in das Freie, auf den Platz vor der Capelle verlegt wurde, um Raum zu gewinnen. Genug, die ältesten Dorfkirchen waren capellenartige Kirchenformen, mit einem kleinen, dachreiterähnlichen, oder gar keinem Thurme. Die ältesten Thürme datieren daher höchstens aus dem XII. Jahrhundert, um so mehr, als auch erst in dieser Zeit die Einführung grösserer Glocken allgemeiner wurde, welche weitere Thurmräume verlangen. Der früheste Gottesdienst des Mittelalters bedurfte keiner hellen Kirchen, daher haben die ältesten Kirchen kleine Fensterchen in Form von Mauerschlitzen, wie sich noch jetzt viele, namentlich in den halbkreisrunden Altarnischen vorfinden. So klein nun auch manche Kirchen waren, so erforderten doch die Thürme der Glocken wegen, welche zu 2 bis 3 neben einander hingen, eine grössere Räumlichkeit im Innern, und so entstand das so oft empfundene, wenn auch aus innerer Nothwendigkeit entsprungene Missverhältniss zwischen Thurm- und Kirchengrösse, das in ästhetischer Beziehung unangenehm wirkt und erst heutzutage öfters in das rechte Geleise kommt, wenn dem noch benutzbaren alten Thurme ein grösseres Kirchenschiff angefügt wird. Dieses Benutzen älterer noch benutzbarer Theile aus ökonomischen Gründen ist in allen Jahrhunderten ausgeübt, wie sich an vielen Orten zeigt, daher diese gemischten Bauten, die Verunzierung älterer classischer Formen durch die zopfreichste Renaissance, Unbilden der kläglichsten Art, und wenn auch nur mittelst viereckiger Fenster und Thürme in die Spitzbogen-Nischen, Aufstellung von Altären, Canzeln und Taufständern, sowie Orgelprospecten und Emporen in Rococco-Schnörkeln, geschmacklosen Bemalungen, Behängungen, Tapezierungen; daher auch die im XVII. Jahrhunderte so allgemein gewordenen schwedischen Thurmhauben in allen nur möglichen Schnörkeln, Schwingungen und Verkröpfungen.

 

Wie angedeutet, findet sich jene dicke Thurmform, namentlich von oblongem Grundplan (so breit als das Kirchenschiff, so tief, dass die Glocken gut ausschwingen können) sehr vielfach vertreten, von kleineren Dimensionen und auch sogar von grossen über das innere Bedürfniss hinaus (Petersberg bei Halle). Für solche Grundpläne eignen sich Hauben oder Pyramiden als Spitzen

 

 

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gar nicht, sondern entweder Satteldächer mit massiven, abgetreppten oder glatten Giebeln, oder hohe abgewalmte, von hier beigezeichneten Formen, mit oder ohne Dachreiter auf der Forstlinie, mit oder ohne kleinen abgespitzten Erker auf den Langfronten der Thurmseiten.

 

3 Abbildungen von Dachformen

 

Auf den ungleichen Seiten gibt es also auch verschiedene Zahlen von Fenstern oder Schalllöchern. Es muss zugestanden werden, dass Grundpläne von rechteckiger Form nicht wol anders abgedacht werden können, und dass diese Dachform der architektonischen Abbildunge in weites Feld darbietet. In Fällen der Gegenwart, wo es darauf ankam, alte Kirchen zu restaurieren oder umzubauen, blieb aus diesen Gründen nichts anderes übrig als geradezu bei kleineren Kirchen rechteckförmige Grundpläne den Thürmen zu geben, damit die Glocken gehörig ausschwingen können: man stösst bei den oft widerspenstigen Kirchengemeinden mit diesen Formen weniger an, als mit schlanken, engen der geringen Schiffgrösse entsprechenderen Thürmchen.

 

Ein gleicher Kampf um Formen hat sich zu allen Zeiten darin gezeigt, womit die Spitzen der Thürme, der Thurm- und Kirchengiebel zu schmücken, abzuschliessen sei. In der Regel verlangten die Gemeinden zu allen Zeiten „Wetterfahnen auf Knöpfen“, die Knöpfe zur Einlegung von Urkunden bestimmt. Das der Kirche entsprechende Kreuz findet sich vielfältig nicht vor, und findet auch gegenwärtig Schwierigkeit in der Anwendung; es bleibt oft nichts anderes übrig, als Beides anzubringen, Kreuz auf Wetterfahne, weil sich die Bauern einen Thurm ohne die gemüthliche Wetterfahne, diesen treuen Rathgeber und Freund in der Noth, nicht denken können. —

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Soviel sei als Allgemeines den nun folgenden Schilderungen vorausgeschickt, um nicht vorzugreifen. Doch behalten wir uns vor, über einige Gegenstände am Schlusse noch besondere Zusammenstellungen zu geben, z. B. über die Glocken, Altäre, Taufsteine u. dergl., nachdem alles Einzelne besprochen ist.

 

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Quelle: Gustav Sommer. Archäologische Wanderungen in den Königlich Preussischen Landräthlichen Kreisen Zeitz, Weißenfels und Merseburg während der Jahre 1856 bis 1866

Neue Mittheilungen aus dem Gebiet historisch-antiquarischer Forschungen 11. Bd (1865) S. 289-306

Fortsetzungen in 11. Bd. (1865) S. 306-334, 12. Bd. (1869) S. 126-149, S. 386-420, 13. Bd. (1874) S. 111-128.

 

Auf die eingescannte Zeitschrift einschließlich der ausgelassenen Abbildungen kann über das Journals-Portal (journals@UrMEL) der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena unter folgendem Link zugegriffen werden:

https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00211535/neumittaudeg_1865_11_0292.tif