Pflanzenwelt am Rieseberg

Die Landschaft von Lauingen – Wanderung in fernen Zeiten
Von Karl-Friedrich Weber


Lauingen ist eine sehr alte Siedlung. Wir wissen auch, dass in grauer Vorzeit Menschen in unserer Landschaft lebten, lange bevor das Dorf entstand. Aber sind wir uns eigentlich bewusst, wie unvorstellbar weit die Entstehung dieser Landschaft in die Erdgeschichte zurückreicht, wie Hügel, Täler und Böden entstanden sind, bevor die Menschen das Bild der heutigen Kulturlandschaft geprägt haben? Machen wir doch einfach einen längeren Spaziergang durch die Feldmark Lauingen, zum Beispiel über den Heiligen Berg zum Rieseberger Moor. Der Boden ist sandig, kein Lehm klebt an den Schuhen. In der Sandgrube der Familie Knust ist der Sand weiß und sauber. Er besteht fast aus reinem Quarz. Über 60 Millionen Jahre ist es her, dass große Flüsse diesen Sand aus südöstlicher Richtung hier abgelagert haben. Er ist der Rest verwitterter Gebirge aus Granitgesteinen, die nichts anderes als erkaltete Gesteinsschmelzen sind. Andere Minerale wie Feldspat und Glimmer sind zerfallen, ihre Bestandteile haben sich vielfach verändert, sind zu Ton geworden, von Pflanzen aufgenommen oder in den Wasserkreislauf gelangt. Den Quarz konnte keine Pflanze gebrauchen, er blieb über und gelangte von den Flüssen mitgeschleppt schließlich ins Meer. Und tatsächlich finden wir aus der nachfolgenden Tertiärzeit Meeressande in der Lutterheide. Bis zu 300 m mächtige Sand- und Kiesablagerungen sind so entstanden. Quarzsand ist kein Nährstoff und er kann auch kein Wasser speichern. So wachsen auf den trockenen Hügeln nur Pflanzen, die auch Trockenzeiten überleben können oder an das Grundwasser gelangen. In geschichtlicher Zeit konnte deshalb nur eine Vieh- und Ackerwirtschaft entstehen, die an die kargen Bedingungen angepasst war, wie z.B. Schafwirtschaft und Roggenanbau.

 

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Blick vom Rieseberg


Ob in Richtung Königslutter oder in Richtung des Rieseberges - vom Heiligen Berg blicken wir über sanfte Mulden. Lauingen liegt in einer dieser Vertiefungen. Wir fragen uns, wie sie wohl entstanden sind und können kaum glauben, dass unser Raum in erdgeschichtlich junger Zeit der letzten zwei Millionen Jahre mehrmals von großen Eismassen überfahren wurde, die bis nach Thüringen vorrückten, bevor ihre Kraft erlahmte. Tauten die Eismassen in wärmeren Phasen ab, kamen die Pflanzen und Tiere wieder, zuletzt auch die frühen Menschen. Das geschah mehrmals. Nur in der letzten, der Weichselkaltzeit, die erst vor 11000 Jahren zuende ging und der heutigen Warmzeit weichen musste, kam das Eis nicht bis zu uns, blieb an der Elbe stehen. Bitterkalt war es trotzdem, Wald konnte nicht existieren. Der Wind wehte unablässig über die Kältesteppe, blies den Sand vor sich her, formte so die Ausblasungswannen in der Lutterheide und baute vor dem Rieseberg ein Feld von Lang- und Bogendünen auf, während Heiliger Berg, Ränzelsberg und Haid-Berg stehen blieben.

 

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Weg zum Moor


Es wurde wärmer, der Wald kam wieder und schützte die Dünen vor Erosion. So können wir auch heute in den Lauinger Fuhren durch eine Dünenlandschaft wandern. Da, wo die ausgeblasenen Mulden bis an den späteren Grundwasserspiegel reichten, konnte es zu Moorbildungen kommen. Bruchwiesen und Rieseberger Moor entstanden auf diese Weise. Wir sind aufmerksame Naturbeobachter und so fällt uns auf, dass oftmals über dem feinen Sand der Lutterheide eine dünne Schicht Kiese und Steine liegt, manchmal sogar ein richtiger Findling ausgepflügt und am Feldrand abgelegt wurde. Granite oder Sandsteine sind es oftmals. Das Eis hat sie verschleppt aus ihrer Heimat Skandinavien. Eigentlich sind sie erdgeschichtliche Zugereiste oder Neubürger bei uns. Das Alter dieser Steine jedoch übersteigt unsere Vorstellungskraft. Manche sind 1,8 Milliarden Jahre alt, entstanden tief im Inneren mächtiger Gebirge in der Nähe des Südpols, die als Teil einer Landmasse der Erdkruste wie eine Eisscholle langsam nach Norden gedriftet und durch Verwitterung eingeebnet sind. Sie haben die Granite und Gneise aus ihrem Bauch freigegeben und Äonen später dem eiszeitlichen Zug auf große Fahrt nach Lauingen anvertraut.

 

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FEMO-Logo auf den Wanderwegen 

 


Die FEMO-Erlebnispfade Lauinger Fuhren und Rieseberg, insbesondere aber der Findlingsgarten in den Lutterschen Fuhren erzählen von dieser spannenden Weltreise.

 

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Heidehügel


Heute ist dieser Teil der Lauinger Flur durch die Spuren menschlicher Bewirtschaftung geprägt. Der lichte Eichen-Birken-Laubwald der Nacheiszeit veränderte sich, nachdem vor etwa 3000 Jahren Buche und Hainbuche ihren Siegeszug antraten. Später wurde der Wald gerodet oder vom weidenden Vieh gefressen. Besenheiden, durch Wandertriften miteinander vernetzt, entstanden durch eine bäuerliche Ökonomie, die sich dem kargen Untergrund anpasste. Tiere und Pflanzen trockener Heiden, magerer Sandäcker oder Moorwiesen fanden sich ein und lebten mit den Menschen in enger Gemeinschaft. Im 19. Jahrhundert trug diese Wirtschaft nicht mehr. Eine immer intensivere Landwirtschaft veränderte den Lebensraum und verdrängte Filzkraut, Sandstrohblume, Bergsandglöckchen und Kornblume von den Ackerfluren. Grasnelke, Sandthymian, Ähriger Ehrenpreis und Deutscher Ginster retteten sich an die Feldränder und auf die Triftwege. War der Boden zu mager für Ackerbau, wurde er mit Kiefern aufgeforstet, was leider auch heute noch mit staatlicher Förderung geschieht. Heute künden nur noch der Heidehügel im Moor und einige kleine Refugien an den Wegerändern von dieser ehemals großartigen Landschaft. Durch die Wasserschutzkooperation Puritzmühle, die die Landwirte dafür entschädigt, dass sie extensiver wirtschaften und angepasst düngen, aber auch durch den Flächenerwerb des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gibt es vielleicht in allerletzter Minute die Hoffnung, dass das anhaltende Aussterben von Tieren und Pflanzen der ehemaligen Heidelandschaft gestoppt werden kann.

 

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Buchen-Eichenwald am Natur-Erlebnispfad "Lauinger Fuhren"


Wenden wir uns auf unserem Spaziergang dem Rieseberg zu und kehren noch einmal tief in die Erdgeschichte zurück. Sein artenreicher Eichen-Buchenwald steht auf Keuperlehmen und Muschelkalk, die im Erdzeitalter der Trias vor über 200 Millionen Jahren entstanden. Mal waren es Ablagerungen riesiger Flusssysteme in wüstenhafter Zeit, mal Myriaden Kalkschalen von Muscheln, Ceratiten, Seelilien und anderen Tieren in einem warmen Meer. Sie bildeten mächtigte Bänke, wie überhaupt unsere Landschaft öfter Meeresboden als Festland war. Tief unter diesen Schichten lagern mehrere hundert Meter mächtige Salzbänke, Abscheidungen eines flachen und heißen Meeres, dessen Wasser immer wieder verdunstete. Aber auch in den langen Zeiträumen nach der Triaszeit legten sich kilometerdicke Sedimente über die Schalenfriedhöfe des Muschelkalkmeeres. Wie konnte es dazu kommen, dass sie trotzdem heute die Oberfläche bilden und auf ihnen heute Buchen wachsen? Das Gewicht der überlagernden Gesteinsschichten und der Auftrieb des etwas leichteren Salzes führte zum Aufstieg mächtiger Salzstöcke. Sie wölbten das Deckgebirge auf. Rieseberg und Dorm, Elm, Heeseberg und Asse sowie viele andere Erhebungen sind auf diese Weise entstanden. Das Salz wurde so zum Motor unserer heutigen Landschaft. Der Rieseberg liegt an der Südwestflanke eines großen Salzstockes, der dicht unter Ochsendorf und dem Dorf Rieseberg liegt. Der frühere Kalibergbau in Beienrode zeugt von seiner Existenz.


Heute ist der Rieseberger Wald ein Juwel der Natur, geschaffen durch Jahrhunderte dauernde bäuerliche Waldnutzung, die auch die Geschichte des Dorfes Lauingen entscheidend prägte. Er wurde unter Naturschutz gestellt und ist Teil eines Schutzgebietssystems, das die Lebensvielfalt in ganz Europa für die Zukunft bewahren soll. Das Forstamt Elm bemüht sich seit dreißig Jahren, das Erbe bäuerlicher Nutzung trotz andersartiger Anforderungen der heutigen Zeit fortzuführen. Teilen des Waldes, die langfristig wieder Urwald werden sollen, stehen Flächen gegenüber, in denen kräftig Holz entnommen wird, damit die Kronen der alten Eichen und Hainbuchen nicht von jungem Wald bedrängt werden und auch für kommende Generationen Zeugen der Vergangenheit und Heimstatt einer großen Lebensvielfalt bleiben.

 

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Erhaltung der Waldstruktur

Sicher werden wir nach unserem Rundgang die langen Zeiträume nicht ganz einordnen können, in denen die Landschaft geformt wurde. Einigen Zeitaltern sind wir in der Feldflur nicht begegnet. Wir hätten sonst über die Bahn in Richtung des Elmes wandern müssen. Vielleicht später einmal, wir haben viel Zeit angesichts der langen geologischen Zeitgeschichte. Aber einen kleinen Zipfel zu erhaschen von den Wundern und Geheimnissen dieser Geschichten aus grauer Urzeit, spannender als jeder flache Krimi, dieses Erlebnis sollten wir uns gönnen. Vielleicht sehen wir das Land vor unserer Haustür danach mit ganz anderen Augen, spüren dessen Verletzlichkeit und den schleichenden Verlust seiner Eigenart. Bewahren und schützen können wir nur, was wir kennen. Was kann es also sinnvolleres geben, als sich im Jahr des Lauinger Jubiläums auf einen Weg in die Vergangenheit zu begeben, um daraus Kraft und Einsicht für die Zukunft zu schöpfen?

 

 

Veröffentlicht in: Chronik des Dorfes Lauingen  854 - 2004   Seite 13-17

Heimat- und Kulturverein Wi von de Zipperie e.V.

Herstellung und Verlag: Meiling Druck, Haldensleben

 

 

Die Pflanzenwelt des Riesebergs und des Rieseberger Moores

Die Pflanzenwelt des Riesebergs und des Rieseberger Moores
Von W. Osterloh

 

Der Rieseberg und das Rieseberger Moor, vor der „Haustür unseres Dorfes“ gelegen, haben für den Kenner und genießenden Naturfreund einen besonderen Wert. Aus gutem Grund sind sie zu Naturschutzgebieten erklärt worden. Für Botaniker sind sie ein Magnet, für uns Lauinger eine Oase der Erholung, für unsere Jüngsten mitunter ein Tummelplatz voller Entdeckungen und Abenteuer.

Die Ausführungen von W. Osterloh über den Rieseberg und das Moor haben wir dem Buch „Der Elm“, Verfasser Heinz Röhr, 1962, entnommen, weil wir der Meinung sind, dass sie in diese Chronik gehören und vielen Lesern über unseren Hausberg und die moorige Niederung die Augen öffnen werden.

 

Der Rieseberg ist wie der Elm überwiegend aus Kalksteinen der Muschelkalkzeit aufgebaut. Im Nordosten oberhalb des Dorfes Rieseberg stehen rote und graue Letten der oberen Buntsandsteinzeit an. Im Westen und im Südosten wird der Rieseberg von sandigen Letten mit Sandsteineinlagerungen des unteren Keupers umlagert; im Gegensatz zum Elm, der sich schon früh zu einem Buchenwald entwickelte, blieb der Rieseberg lange Zeit ein Eichenwald. Darüber heißt es in der Beschreibung der Königslutterer Forst 1748: ,,Es sind daselbst an Bäumen 4576 Eichen gezählet worden, und bestehet das daselbst befindliche Unterholz aus Buchen, Hainbuchen, Hasseln und Dornen“ (70). Seine Größe wurde bei der Vermessung 1788 mit 760 Waldmorgen angegeben, von denen 307 Morgen „mit Baumholz" bestanden waren, während 268 Morgen als „unbewachsene Blößen" und 184 Morgen als „immerwährende Gehege“ bezeichnet wurden. Die weitgehende Verwüstung des Waldbestandes war eine Folge der dauernden Streitigkeiten zwischen den Gemeinden Rieseberg und Lauingen, dem Amt Königslutter und den adligen Höfen in Lauingen und Bornum, die bis zur Teilung des Rieseberges die Waldwirtschaft dort gemeinsam betrieben. Heute trägt der Rieseberg einen Laubmischwald mit wechselnder Zusammensetzung der Baumarten. Reiner Buchenwald findet sich nur in kleinen Flächen auf den höchsten Kuppen. Die Randvegetation ist im Schutz zahlreicher dichter Sträucher durchweg gut entwickelt.

Östlich des Riesebergs schließen sich tertiäre Sande an. Sie finden ihre Begrenzung im Rieseberger Moor, einer Flachmoorbildung mit Ubergängen zum Hochmoor, das aus einem See in einer durch eiszeitliche Schmelzwässer ausgewaschenen flachen Mulde entstand. Wie pollenanalytische Untersuchungen ergeben haben (118), begann das Wachstum des Moores am Ende der Kiefern-Birkenzeit und endete mit dem Beginn der Eichenmischwaldzeit (4000 v. Chr.). Um einen zentral gelegenen Hügel aus sterilen Tertiärsanden — auf alten Karten ,,Wolfsberg" genannt — bildete sich auf dem Flachmoor ein Hochmoorring, der eine Mächtigkeit bis zu 2,5 Meter erreicht hat und seit dem 18. Jahrhundert ausgetorft worden ist. Das Moor wird vom Lauinger Bach - hier Sipserihe genannt - durchflossen. Da sein Wasser sehr kalkhaltig ist, konnten sich Kalksumpf-Pflanzengesell-schaften, die in Norddeutschland sehr selten sind, entwickeln. Insgesamt beherbergt das Moor heute rund 800 verschiedene Pflanzenarten, 150 Moose und viele botanische Seltenheiten *).

*) Nach Angaben von Herrn Forstmeister Ulrich, Danndorf (1959).

 

Zu einem Besuch des Berges und des Moores brechen wir in den ersten Frühlingswochen auf. Von der Straße Bornum-Scheppau aus erreichen wir den Westrand des Rieseberges. Uberall finden wir dort in Mengen die Blütenstände der wohlriechenden Gebräuchlichen Schlüsselblume (Primula veris L.) mit ihren dunkelgelben Blüten. Purpurn leuchten die Blüten der Frühlings-Platterbse. Das Lungen-kraut ist voll aufgeblüht. Seine Blüten sind nach ihrer Entfaltung zunächst rosa, verfärben sich jedoch nach der Bestäubung blau. Das Leberblümchen lugt überall mit seinen blauen Blüten hervor. Das Buschwindröschen möchte an manchen Stellen den Waldboden völlig mit seinen weißen oder rötlichen Blüten überziehen. Einzelne goldgelbe Blüten des Gelben Windröschens sorgen für Abwechslung. Hellere gelbe Farbflecke bringen die Hohe Schlüsselblume (Primula elatior Gruft). und der Goldgelbe Hahnenfuß (Ranunculus auricomus L.). Auch Scharbockskraut und Sauerklee blühen, während große Trupps des Lerchensporns bereits im Verblühen sind. Verschiedene Veilchenarten zeigen ihre blauen, gespornten Bluten. An trockenen Stellen wächst das seltene Wunderbare Veilchen (Viola mirabilis L.). Im reinen Buchenwald bedeckt der Waldmeister große Flächen. Dazwischen entdecken wir das Moschuskraut. Goldnessel (Lamium galeobdolon Cr.), Maiblume und Sanikel (Sanicula europaea L.) lassen sich mit dem Blühen noch etwas Zeit, während der Seidelbast bereits seine Blätter zu entfalten beginnt und kleine, grüne Beeren ansetzt. An mehreren Stellen des Waidrandes reckt der Trauben-Holunder (Sambucus racemosa L.) seine eiförmigen, gelbgrünen Blütenstände empor. Beim Durchstreifen des Gebüschs stoßen wir unvermutet auf die seltene und schwer auffindbare Schuppenwurz (Lathraea squamana L.). Sie schmarotzt an den Wurzeln der Hasel, der Erle, der Hainbuche und anderer Waldbäume und Sträucher und besitzt keinerlei Blattgrün.


Am Ostrand des Riesebergs erreichen wir den Ubergang vom Muschelkalk zu den tertiären Sanden. Dort standen bis etwa 1932 in Nadelwaldbeständen und beiderseits der alten „Lüneburger Straße“ verstreut prächtige Exemplare der völlig geschützten Gemeinen Kuhschelle (Anemone pulsatilla L.). An einer Stelle am Westrand des genannten Weges erschienen jährlich bis zu 100 Blüten dieser schönen Pflanze. Da aber ihre Wurzelstöcke für medizinische Zwecke Verwendung fanden, wurde die Pflanze an dieser Stelle völlig vernichtet. An den ins Moor führenden sandigen Wegen entdecken wir den Frühlings-Spark (Spergula vernalis. Willd.) mit seinen kleinen, weißen Blüten. In den nassen Gräben um das Moor herum rüstet sich die Sumpfdotterblume (Caltha palustris L.) zum Blühen. Am Südrande des Moores ist der Boden mit den kleinen, glockenförmigen, rosafarbigen Blüten der von Löns viel besungenen Rosmarinheide (Andromeda polifolia L.) bedeckt. Auf den Wiesen blüht das Wiesenschaumkraut (Cardamine pratensis L.). Im Moor sind die ersten blühenden Exemplare des Scheidigen und des Schmalblättrigen Wollgrases (Eriophorum vaginatum L. und Eriophorum angustifolium Honck) sichtbar. Unter den vielen Weiden ist als typischer Moorbewohner besonders die Geöhrte Weide (Salix aurita L.), die ebenfalls jetzt blüht, bemerkenswert. Die Weiße Birke (Betula verrucosa Ehrh.) und besonders die Moorbirke (Betula pubescens Ehrh.) prangen im Frühlingsschmuck ihrer Kätzchen. In großer Menge finden wir namentlich im Nordteil des Moores die Schwarzerle (Alnus glutinosa Gaertn.) mit ihren Kätzchen und den schwärzlichen vorjährigen Früchten.

 

Um die späteren Frühlingspflanzen, die den Rieseberg berühmt gemacht haben, zu beobachten, besuchen wir von Mitte Mai an mehrfach seinen Nordrand. Am Waldrand blühen hier und da die beiden Weißdorn-Arten, der Gemeine Weißdorn (Crataegus oxyacantha L.) und der Eingriffelige Weißdorn (Crataegus monogyna L.) und als. typische Kurzrasenbewohner die Schopfige Kreuzblume (Polygala comosa Schkuhr) und der Mittlere Wegerich (Plantago meflia L.). Das Mittlere Zittergras (Briza media L.) tritt sehr zahlreich auf. Der Schafschwingel (Festuca ovina L.) bleibt wenig beachtet. Wir gewahren Reste der vorjährigen Fruchtstengel der Eberwurz (Carlina vulgans L.), der Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa L.), einer Distel (Carduus) und Jungpflanzen der Hundszunge (Cynoglossum officinale L.). In einigen Mulden erblicken wir knospende Pflanzen des Kleinen Wiesenknopfs (Sanguisorba minor Scop.), eines Rosengewächses, und der Fliegenartigen Höswurz (Gymnadenia conopea R. Br.), einer seltenen Orchidee. Uberall wartet der Süßholzblättrige Tragant (Astragalus glycyphyllus L.), ein Schmetterlingsblütler, auf seine Blütezeit. An einzelnen Sträuchern klettert die Waldrebe (Clematis vitalba L.) empor. Zwischen den Büschen leuchten die dunkelroten Blütenstände des Männlichen Knabenkrautes (Orchis mascula L.) hervor. Früher war diese Orchidee hier zahlreich, aber strenge Winter vernichteten viele ihrer runden Knollen. Im Waldesinnern erblicken wir die prachtvollen, weißen Blütenstände der Grünlichen Kuckucksblume (Platanthera chlorantha Rchb.), die noch in einer Gesamtzahl von ungefähr 100 blühenden und nicht blühenden Exemplaren vorkommt. 2 bis 3 Wochen später blüht an den gleichen Standorten die Zweiblättrige Kuckucksblume (Platanthera bifolia Rich.). Diese beiden Orchideen gehen gelegentlich Kreuzungen ein. Hier und da gewahren wir eine weitere Orchidee, das Eiblättrige Zweiblatt (Listera ovata R. Br.). Ferner erblicken wir den Zottigen Hahnenfuß (Ranunculus lanuginosus L.) und die Vierblättrige Einbeere (Paris quadrifolia L.), deren Stengel 4 große, eiblättrige Blätter und eine vierteilige Blüte zeigt. Drei- und fünfblättrige Einbeeren kommen allerdings auch vor. 1957 und 1959 beobachteten wir sogar sechsblättrige Pflanzen. Im Herbst erscheinen die schwarzglänzenden, giftigen Beeren, die der Pflanze den Namen gegeben haben. In lockeren Gruppen steht das Ährige Christophskraut (Actaea spicata L.), ein Hahnenfußgewächs. Eine interessante Pflanze ist die Vogel-Nestwurz (Neottia nidus avis Rich.). Sie ist kein Schmarotzer wie die Schuppenwurz, sondern lebt in Lebensgemeinschaft mit Bodenpilzen. Ein häufiges Glockengewächs ist die Ährige Teufelskralle (Phyteuma splcatum L.). Waldeinwärts treffen wir das ungewöhnlich prächtige Braune Knabenkraut (Orchis purpurea Huds.) mit seinen purpurbraunen bis hellroten oder fast weißen, silbrigen Blüten.

 

Die schönsten Pflanzen beherbergt eine große Lichtung, die von einzelnen Sträuchern und Baumgruppen unterbrochen wird und den Rest einer ausgedehnten Waldwiese darstellen dürfte. Hier beobachten wir eine Fülle prächtig ausgebildeter Pflanzen, Braunes Knabenkraut und Waldhyazinthen in seltener Größe, Trupps von Nestwurz, Einbeere, Teufelskralle, Zweiblatt, Sanikel, Blattwerk des Wunderbaren Veilchens mit Früchten ,Lungenkraut, Türkenbund (junge Pflanzen), blühende und abgeblühte Maiblumen (Convallaria majalis L.), fruchtende Platterbse, große Exemplare des Vielblütigen Salomonsiegels (Polygonatum multiflorum All.) und an schattigen Stellen das stattliche Gemeine Flattergras (Mihum effusum L.) und das Nickende Perlgras (Melica nutans L.). Vor Jahrzehnten wuchs auf der Waldwiese noch der Deutsche Enzian (Gentiana germanica Willd.) in Riesenpflanzen und im großer Zahl. Vereinzelt finden sich noch Exemplare des Kreuz-Enzians (Gentiana cruciata L.). Erhalten aber hat sich dort die schönste unserer Orchideen und die größte Seltenheit des Rieseberges, der Frauenschuh (Cypripedium calceolus L.). Der Anblick seiner prächtigen Blüte ist bei Sonnenschein besonders fesselnd. Wunderbar heben sich die braunroten Perigonblätter von der goldgelben, schuhähnlichen Lippe ab. Deutlich sind im Innern der Lippe die rot gestrichelten Linien sichtbar, die den nektarlüsternen Insekten den Weg weisen. Seitdem an belebten Tagen der Standort regelrecht bewacht wird, ist ein wirksamer Schutz gewährleistet. Gefährdet ist allerdings der zweite Standort der Pflanze durch den Beginn des Baues einer Einzäunung für private Zwecke. In den letzten Jahren gab es mehrfach fruchtende Exemplare. Da ihr Vorkommen in der Umgebung der Hauptstelle, die ich seit 1922 beobachte, dauernd wechselt, besteht die Hoffnung, diese einzigartige Orchidee im Rieseberg zu erhalten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sie auch an anderen Stellen dieses Waldes einmal auftritt. Wir finden dort auch die stattliche, mit großen, blauen Blüten geschmückte Gemeine Akelei (Aquilegia vulgaris L.), den giftigen Aronstab (Arum maculatum L.) mit dem auffallenden violetten Kolben und der darunterliegenden ,,Kesselfalle“ für die bestäubenden Insekten und den scharlachroten Früchten im Herbst. Häufig anzutreffen sind ferner Jungpflanzen des Gefleckten Knabenkrautes (Orchis maculata L.), blühende Bestände des Bärenlauchs und Gefleckte Taubnesseln (Lamium maculatum L.). Ein bis zwei Wochen später sind die beschriebenen Pflanzen verblüht. Das Aufgebot der nun in Blüte stehenden Pflanzen ist aber ebenfalls überwältigend. Am Nordrande fallen die vielen blühenden Sträucher, unter denen der Schneeball (Viburnum opulus L.) mit seinen großen, schneeweißen, doldigen Blütenständen der schönste ist, auf. Weiße Blüten tragen ebenfalls der Hartriegel (Cornus sanguinea L.) und die Heckenkirsche (Lonicera xylosteum L.). Leicht übersehen werden der seltene Kreuzdorn (Rhamnus cathartica L.) und das Pfaffenhütchen (Evonymus europaea L.). An den Sträuchern winden sich Waldrebe (Clematis vitalba L.) und Geißblatt (Lonicera periclymenum L.) empor. Hier und da treffen wir den Schwarzen Holunder (Sambucus nigra L.) und die Hunds- und Heckenrose (Rosa canina L. und Rosa dumetorum Thuill.), im Kurzrasen auch die Schopfige Kreuzblume an. Der Kleine Wiesenknopf, der seltene Berg-Klee (Trifolium montanum L.) und das Gemeine Sonnenröschen (Helianthemum nummulanum Mill.) entfalten ihre ersten Blüten. Im Gebüsch fallen die schon fast ausgereiften roten Beeren des Seidelbasts, der hier in Massen gedeiht, auf. Daneben leuchten die schneeweißen Blüten des Großblütigen Waldvögleins (Cephalanthera damasonium Druce), das hier in Prachtexemplaren vorkommt, hervor. Das nahe verwandte Schwertblättrige Waldvöglein (Cephalanthera longifolia Fritsch) ist seit 1950 im Rieseberg nicht mehr beobachtet worden.

 

Ende Juni bis Anfang Juli sind die Echte Hundszunge und der Kleine Wiesenknopf (Sanguisorba minor Scop.), In den Kalkgruben die Fliegenartige Höswurz (Gymnadenia conopea R. Br.) aufgeblüht. Im Vorgelände leuchten die großen, blauen Blüten der Pfirsichblättrigen Glockenblume (Campanula persicifolia L.). In größeren Mengen treffen wir blühenden Süßholzblättrigen Tragant an. Als seltene Orchidee können wir die Hundswurz (Anacamptis pyramidalis Rich.) mit ihren kleinen, lebhaft purpurroten Blüten bewundern. Das Maximum ihres Auftretens zeigte sie 1941 und 1942, als ich einmal 62 blühende und nicht blühende Exemplare zählen konnte. Trotz der Trockenheit blühte sie auch im Jahre 1959. Jetzt wechselt ihre Zahl zwischen 15 und 40 Stück. Es zeigt sich hier auch die prächtige Türkenbund-Lilie, die leider im Rieseberg ebenso wie im benachbarten Landschaftsschutzgebiet Rautheimer-, Mascheroder und Salzdahlumer Holz im Rückgang begriffen ist. Im lichten Gebüsch blühen in großer Menge zwei Rosengewächse, die Gelbe Nelkenwurz (Geum urbanum L.) und die Blutwurz (Potentilla erecta Raeusch). Auch zwei Halbschmarotzer, den Wiesen-Wachtelweizen (Melampyrum pratense L.) und den bunten Hain-Wachtelweizen (Melampyrum nemorosum L.), können wir hier beobachten. An der alten ,,Lüneburger Straße“ treffen wir die schön rot blühende Heide-Nelke (Dianthus deltoides L.) und an den zum Moor führenden Wegen das Sand-Fingerkraut (Potentilla arenaria Borkh.) und den gelb blühenden Behaarten Ginster (Genista pilosa L.) an. Im nordwestlichen Teil des Moores fallen auf der sehr nassen Wiese schon von weitem die großen Trupps der Wasser-Schwertlilie (Iris pseudacorus L.) durch ihre prachtvollen, gelben Blüten auf. Auf etwas trockneren Wiesenstrecken zeigt das niedliche Sumpf-Läusekraut (Pedicularis palustris L.), ein Halbschmarotzer, seine rosenroten Rachenblüten. Im feuchten Gebüsch erkennen wir das Blattwerk des Sumpf-Blutauges und des Sumpf-Ölsenichs. Die moorigen Wiesen bergen in Menge die Kuckuckslichtnelke (Lychnis flos-cuculi L.). Das vor Jahrzehnten noch häufige Breitblättrige Knabenkraut (Orchis latifolia L.) ist selten geworden und teilt damit das Schicksal der übrigen Wiesenorchideen, die infolge intensiver Wiesennutzung, Entwässerung und verstärkter Anwendung von Kunstdüngung allmählich aussterben. Am Moorwege treffen wir Jungpflanzen des Gefleckten Knabenkrautes an. Wo beide Knabenkräuter zusammen vorkommen, bilden sie Kreuzungen mit sehr reizvollen Ubergängen, wie ich sie zum Beispiel im Jahre 1932 auf den Wiesen nördlich des Moores beobachten konnte. Dort zeigen sich auch die großen, kugeligen, gelben Blüten der geschützten Europäischen Trollblume (Trollius europaeus L.). Sie hat anscheinend östlich von Braunschweig ein kleines Zentrum ihrer Verbreitung, ist aber durch Kultivierung sehr zurückgegangen. Trotz des Schutzes erscheint die Trollblume in jedem Frühling in den Städten in Massen zum Verkauf. In Gräben rings um das Moor gedeiht die prachtvolle Beinwell (Symphytum officinale L). Wenig bekannt ist die Bach-Nelkenwurz (Geum rivale L.).

 

Die größten und kostbarsten Seltenheiten birgt die im Norden des Moores gelegene ,,Schilfwiese“. Sie wird regelmäßig gemäht, so daß der einzigartige Pflanzenbestand dieses Gebietes vor dem Überwuchern durch Schilf bewahrt wird. Von den Rändern her drangen Schwarzerle, Faulbaum und Birken in die Schilfwiese ein und veränderten ihr äußeres Bild. Heilschlammentnahmen und die Anlage neuer Fischteiche nördlich von ihr brachten weitere Veränderungen. Trotzdem trat eine nachhaltige Schädigung des wertvollen Pflanzenbestandes, der seine Entstehung dem Zusammentreffen von moorigem Boden mit kalkhaltigem Wasser verdankt, nicht ein. In der Wiese entdecken wir die auffallenden Rosetten des insektenfressenden Fettkrautes (Pinguicula vulgaris L). Es besitzt klebrige Blätter, an denen kleine Insekten festgehalten und später zersetzt werden. Seine gespornten Blüten sind zwar nicht groß, aber lebhaft blau gefärbt und daher auffällig. Das Fettkraut ist im Flachland sehr selten geworden und hat auch im Rieseberger Moor zahlenmäßig abgenommen. In seiner Umgebung zeigen sich Jungpflanzen zweier Orchideen, der Höswurz und der Gemeinen Sumpfwurz. Im angrenzenden Gebüsch blühen zahlreiche Exemplare des Faulbaums (Rhamnus frangula L.). Häufig sind auf der Schilfwiese der Zweihäusige Baldrian (Valeriana dioica L.) und der Dreiblättrige Fieberklee (Menyanthes trifoliata L.), ein Enziangewächs, das als Heilmittel gegen Fieber und Magenleiden verwandt wird. Junge Pflanzen des Kunigundenkrautes (Wasserhanf) bedecken teilweise größere Flächen, während die kleinen, herzförmigen Blätter des noch nicht blühenden Herzblattes verstreut vorkommen. Wer scharfe Augen besitzt, entdeckt vielleicht auch die zarte Moosbeere (Vaccinium oxycoccus L.), die mit der Heidel- und Kronsbeere verwandt ist. Sie kriecht mit fadenförmigen Stengeln über den Moorboden oder über die Polster der Torfmoose (Sphagnum), besitzt kleine, hellpurpurne Blüten und bekommt später braunrote, glänzende Beeren.

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                                   Sonnentau und Hornklee


Einige Wochen später hat sich im Moor das Bild verändert. Das Sumpf-Blutauge (Comarum palustre L.) hat seine braunroten Blüten weit geöffnet. In seiner Nachbarschaft trägt der Sumpf-Ölsenich (Peucedanum palustre Moench) weiße Doldenblüten. Uberall schmiegt sich der Gemeine Wassernabel (Hydrocotyle vulgaris L.) an den Boden. Die kleinen, roten Blattrosetten gehören einer weiteren insektenverzehrenden Pflanze, dem Rundblättrigen Sonnentau (Drosera rotundifoiia L.) an. Seine Blätter sind klebrig und am Rande mit Drüsenhaaren, die an der Spitze tauartig schimmernde, klebrige Tröpfchen tragen, besetzt. Das angeflogene Insekt wird an der Blattoberfläche festgeleimt, von dem sich krümmenden Blatt umhüllt, zersetzt und verspeist. Das Gelände barg früher auch den Mittleren Sonnentau (Drosera intermedia Hayne), der in anderen Teilen des Moores jetzt noch vorkommt. Vor der Schilfwiese erfreuen wir uns an nassen Stellen und Gräben der prachtvollen, weißen Blütenstände der Sumpf-Spierstaude (Filipendula ulmaria L.) und der goldgelben Blüten des Sumpf-Hornklees (Lotus uliginosus Schkuhr.) Im Randgebüsch der Schilfwiese leuchten die violetten Blüten des Bittersüßen Nachtschattens (Solanum dulcamara L.), der die Sträucher der Erlen, Weiden und des Faulbaumes als Stützen benutzt. Teilweise haben sich Schilfbestände (Phragmites communis Trin.) in das Erlengebüsch eingeschoben. Umgekehrt dringen von den Rändern her einzelne Erlen, Faulbaumsträucher, Weiden und Birken in den Schilfbestand ein und verändern ihn. In größeren Mengen siedelt auf der Schilfwiese auch die Gemeine Sumpfwurz (Epipactis palustris Cr.). Allerdings ist diese Orchidee, die an sehr nährstoffhaltiges (kalkhaltiges) Wasser gebunden zu sein scheint, durch Entwässerungen und Moorkultivierungen in dem Gebiet schon weniger häufig geworden. Wir können ferner das Gemeine Helmkraut (Scutellaria galericulata L.) und das Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris L.) beobachten.

 

Nun beginnt die Suche nach der unbestritten größten Seltenheit des Moores, dem Glanzkraut (Liparis loeselii Rich.) aus der Gruppe der äußerst seltenen Moor-Orchideen. Oft haben wir stundenlang in vergeblicher Suche nach ihm das Moor durchstreift. Nachdem ich es bis 1943 jedes Jahr beobachtet hatte, verloren sich seine Spuren. Aber im Sommer 1959 konnte ich es zu meiner unbeschreiblichen Freude wieder schauen. Wir fanden 3 Exemplare, von denen eines in Blüte stand. Daß diese Moor-Orchidee noch nicht gänzlich ausgerottet ist, liegt wohl daran, daß sie ziemlich klein, oft nur wenige Zentimeter hoch ist, häufig durch höhere und üppigere Pflanzen verdeckt wird, mit ihren grünlichen oder grüngelblichen Blättern kaum auffällt und in ihrem Wiedererscheinen völlig unberechenbar ist. In nassen Jahren erscheint sie häufiger und neigt eher zum Blühen, aber auch in trockenen Jahren (1959) ist ihr Auftreten nicht ausgeschlossen.

 

Als dritte Orchidee beherbergt die Schilfwiese die stattliche Fliegenartige Höswurz. Interessant ist hier ein Vergleich mit den Exemplaren der gleichen Art, die am Nordrande des Riesebergs stehen. Im Moor bleibt die Pflanze durchschnittlich kleiner als in den Bergen, wo sie teilweise 1 Meter Höhe erreicht. Ihre Blüten entfalten sich auf der Schilfwiese auch einige Wochen später, sind dann allerdings lebhafter gefärbt. Vielleicht machen sich hier Einflüsse eines ortsgebundenen Kleinklimas (Mikroklimas) bemerkbar. Moore besitzen meistens eine niedrigere Jahrestemperatur als ihre Umgebung, erwärmen sich langsamer und haben lange Nachtfröste. Im Sommer dagegen herrscht dort oft ein fast unerträgliches, schwüles ,,Treibhausklima", das auf den luftigeren Höhen fehlt. Die verschiedenartigen Bodenverhältnisse auf dem Berg und im Moor werden natürlich auch das unterschiedliche Aussehen der Pflanzen mit beeinflussen.

 

Quer über die Schilfwiese, auf der wir das Kraut des Fieberklees, fruchtendes Wollgras und viel Kunigundenkraut (Eupatorium cannabinum L.) bemerken, erreichen wir trockeneres Gelände, das stellenweise in Massen Blaues Pfeifengras (Molinia coerulea Moench) enthält. Wir folgen dem Moorweg, der nach der Straße Königslutter-Beienrode führt. In dem dicht bewachsenen Moorgelände zu beiden Seiten des Weges, das zum Teil unbetretbar ist, stellen wir Bestände der Gemeinen Lysimachie (Lysimachia vulgaris Moench) mit prächtigen, gelben Blütenständen, die ebenfalls gelb blühende Wiesen-Platterbse (Lathyrus pratensis L.) und den Breitblättrigen Rohrkolben (Typha latifolia L.) fest. In einem ehemaligen Torfstich entdecken wir die vierte insektenfressende Pflanze des Rieseberger Moores, den Gemeinen Wasserschlauch (Utricularia vulgaris L.). Es ist eine wurzellose Wasserpflanze mit untergetauchten, zerteilten Blättchen, deren Zipfel teilweise in Blasenfallen umgewandelt sind. Das Blattwerk trägt Blütenstiele, die senkrecht aus dem Wasser ragen und die goldgelb gefärbten, rachenförmigen Blüten tragen. Der Rasen am Moorwege beherbergt den Großen Klappertopf (Rhinanthus glaber Lam.), einen Halbschmarotzer mit gelben Blüten. In den tiefen Gräben siedelt der Gift-Hahnenfuß (Ranunculus sceleratus L.). Hier und da grüßen die Blütenstände des Gefleckten Knabenkrautes (Orchis maculata L.).

 

Wieder einige Wochen später treffen wir auf dem Wolfsberg und auf den Sandhügeln rings um das Moor die Gemeine Heide (Calluna vulgaris Hull) in knospendem oder schon blühendem Zustand an. An nassen Orten zeigt die Glockenheide (Erica tetralix L.) ihre viel lebhafter gefärbten und größeren Blüten. Die Höswurz und das Glanzkraut sind verblüht. Große Trupps des Kunigundenkrautes fallen von weitem durch ihren hohen Wuchs und ihre großen, schmutzigroten Blütenstände auf. Auch das Schilf blüht noch. Einen teilweise in größerer Menge vorhandenen

 

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   Gefranster Enzian


Lippenblütler erkennen wir an seinen lilafarbig-weißlichen Blütenquirlen und dem Geruch als die Wasser-Minze (Mentha aquatica L.). In großer Zahl siedelt die Sumpf-Schafgarbe (Achillea ptarmica L.). Alle Pflanzen haben als stattlichen Begleiter den Gemeinen Wolfsfuß (Lycopus europaeus L.). Besonders nasses Gelände am Moorweg, bei dessen Betreten wir leicht im Morast einsinken können, birgt die schönste Hahnenfußart, den Großen Hahnenfuß (Ranunculus lingua L.), der bis über 1 Meter hoch wird, und den Sumpf-Schildfarn (Dryopteris thelypteris Gray). Um diese Zeit kann man auch am besten eine weitere große Seltenheit des Moores, den völlig geschützten Königsfarn (Osmunda regalis L.), beobachten. Als geschützte Pflanze entdeckt man außerdem zwischen den Glockenheide-Beständen den schön blau blühenden Lungen-Enzian (Gentiana pneumonanthe L.). Auf den Wiesen am Moor lebt die leicht erkennbare hohe Kohl-Distel (Cirsium oleraceum Scop.). Sie geht oft Kreuzungen mit der Stengellosen Distel (Cirsium acaule Scop.), die am Elm und am Rieseberg vorkomrnt, ein. Die Beobachtung der Mischformen ist außerordentlich fesselnd. Der völlig geschützte Kleinfarn Gemeine Natternzunge (Ophioglossum vulgatum L.) konnte an der Schilfwiese leider nicht mehr beobachtet werden. Da dieser schöne Farn aber leicht übersehen wird, ist es durchaus möglich, daß er auf den Wiesen rings um das Moor noch vorkommt. Mit ziemlicher Sicherheit ist dagegen der schöne von Dr. Fröde und Dr. Magnus vor etwa 35 Jahren bei der Puritzmühle beobachtete Sumpf-Enzian (Sweertia perennis L.) hier ausgestorben. Er fiel wahrscheinlich der Beweidung zum Opfer. Geplant ist die Beobachtung der in den 30er Jahren häufigen interessanten Zwischenformen von Knabenkraut-Arten auf den Wiesen nördlich des Moores. Sicher ist allerdings, daß auch ihre Zahl zurückgegangen ist. Hoffentlich wird uns noch lange die seltene und schöne Herbstzeitlose (Colchicum autumnale L.), die auf den Wiesen nördlich des Moores noch angegeben wird, mit ihren prachtvollen Blüten erfreuen.

 

Das erste Zeichen des kommenden Herbstes gibt das stattliche Nordische Habichtskraut (Hieracium boreale Fries). Am Nordrande des Riesebergs finden wir als weiteren Halbschmarotzer den Schmalblättrigen Klappertopf (Rhinanthus angustifolius Gm.) und die letzten Exemplare des stattlichen Weiden-Alants (Inula salicina L.) in Blüte. In den Kalkgruben blühen der Deutsche und der Gefranste Enzian (Gentiana germanica Willd. und Gentiana ciliata L.), die beide geschützt sind. Die dritte Enzianart, der Kreuz-Enzian (Gentiana cruciata L.), wurde leider nicht mehr blühend angetroffen. Seitdem vor etwa 40 Jahren der größte Teil des Bestandes ausgegraben und in den Hauptschulgarten in Braunschweig gebracht wurde, ist der Kreuz-Enzian im Rieseberg so zurückgegangen, daß man froh sein muß, noch ein wenig Kraut von ihm zu entdecken. Wir finden im Herbst auch noch blühende Pflanzen der Eberwurz, des Berg-Klees und der Skabiosen-Flockenblume. Der Rote Hartriegel verfärbt seine Blätter zuerst dunkelrot. In manchen Jahren kommt es vor, daß er zum zweitenmal blüht und zugleich Frucht- und Blütenstände vorhanden sind. Die Waldrebe überzieht das Gebüsch mit vielen großen, silbrig-weißen Fruchtbüscheln. Rot leuchten die Früchte des Weißdorns, blau die der Schlehe, am auffälligsten wohl die rosenroten Fruchtkapseln des Pfaffenhütleins. So bietet auch der Herbst ein vielfältiges, buntes Bild.

 

 

Geschützte Pflanzen im Rieseberg

 

1. Leberblümchen (Anemone hepatica L.)

2. Gemeine Akelei (Aquilegia vulgaris L.)

3. Gelber Sturmhut (Aconitum lycoctonum L.)

4. Gefranster Enzian (Gentania ciliata L.)

5. Kreuz-Enzian (Gentiana cruciata L.)

6. Deutscher Enzian (Gentiana germanica Willd.)

7. Seidelbast (Daphne mezereum L.)

8. Braunes Knabenkraut (Orchis purpurea Huds.)

9. Zweiblättrige Kuckucksblume (Platanthera bifolia Rich.)

10. Grünliche Kuckucksblume (Platanthera chlorantha Rchb.)

11. Großblütiges Waldvöglein (Cephalanthera damasonium Druce)

12. Frauenschuh (Cypripedium calceolus L.)

13. Männliches Knabenkraut (Orchis mascula L.)

14. Geflecktes Knabenkraut (Orchis maculata L.)

15. Pyramidenförmige Hundswurz (Anacamptis pyramidalis Rich.)

16. Fliegenartige Höswurz (Gymnadenia conopea R. Br.)

17. Fliegenartige Höswurz mit der Abart (densiflorus Dietr.)

18. Kleinblättrige Sumpfwurz (Epipactis microphylla Sw.)

19. Breitblättrige Sumpfwurz (Epipactis helleborine Cr.)

20. Braunrote Sumpfwurz (Epipactis atrorubens Schult.)

21. Eiblättriges Zweiblatt (Listera ovata R. Br.)

22. Vogel-Nestwurz (Neottia nidus avis Rich.)

23. Türkenbund (Lihum martagon L.)

24. Maiblume (Convallaria majalis L.)

25. Hohe Schlüsselblume (Primula elatior Grufb.)

26. Gebräuchliche Schlüsselblume (Primula veris L.)


Vorkommen fraglich:

27. Fliegenblume (Ophrys insectifera L. em. Grufb.)

28. Schwertblättriges Waldvöglein (Cephalanthera longifolia Fritsch)

 

Geschützte Pflanzen im Rieseberger Moor und seinen Randgebieten

 

1. Trollblume (Trollius europaeus L.)

2. Rundblättriger Sonnentau (Drosera rotundifolia L.)

3. Mittlerer Sonnentau (Drosera intermedia Hayne)

4. Rosmarinheide (Andromeda polifolia L.)

5. Lungen-Enzian (Gentiana pneumonanthe L.)

6. Roter Fingerhut (Digitalis purpurea L.)

7. Lösels Glanzkraut (Liparis loeselii Rich.)

8. Männliches Knabenkraut (Orchis mascula L.)

9. Breitblättriges Knabenkraut (Orchis latifolia L.)

10. Geflecktes Knabenkraut (Orchis maculata L.)

11. Fliegenartige Höswurz (Gymnadenia conopea R. Br.)

12. Gemeine Sumpfwurz (Epipactis palustris Crantz)

13. Königsfarn (Osmunda regalis L.)

14. Kugelförmiger Pillenfarn (Pilularia globulifera L.)

 

Vorkommen fraglich:

15. Zweiblättrige Kuckucksblume (Platanthera bifolia Rich.)

16. Gemeines Knabenkraut (Orchis morio L.)

17. Fleischfarbenes Knabenkraut (Orchis incarnata L. em. Fr.)

18. Gemeine Natternzunge (ophioglossum vulgatum L.)

19. Meerenzian (Sweertia perennis L.)

 

W. Osterloh

 

Veröffentlicht in: Chronik des Dorfes Lauingen  854 - 2004   Seite 87-95

Heimat- und Kulturverein Wi von de Zipperie e.V.

Herstellung und Verlag: Meiling Druck, Haldensleben

 

 

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Auf der Heide und am Moor

Die Heide blüht. Ein endlos Flimmern,
Ein Summen, Brüten weit und breit.
Am fernen Horizonte schimmern
Die Dünen, still und traumbeschneit.

Die Heide blüht. Wie Purpurquellen
Aus braunem Sande strömt's hervor,
Und tausendfache Farbenwellen
Erzittern überm dunklen Moor.

Die Heide blüht. Aus dunklen Tiefen
Ziehn Sehnsuchtsstimmen durchs Gemüt,
Als ob sie meine Seele riefen
Zur Ewigkeit. Die Heide blüht.

 

Dieses Gedicht widmete Kuno Francke seiner schleswigholsteinischen Heimat.

Quelle: Kuno Francke. Die Kulturwerte der deutschen Literatur in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Bd. 1  1910

 

Wir haben hier in Königslutter am Moor auch einen Heidehügel.

 

 

Pflanzentauschbörse im Naturschaugarten Königslutter

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Lust auf gärtnern in der "grünen Lunge" von Königslutter?

Im Kleingartenverein „Am Kleiberg e.V.“?

 

 

Blick auf Königslutter vom Elm

 

 

Was sagen unsere Gartenfreunde dazu?

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Was sollte ich mitbringen?

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Unsere Kleingärten sind ca. 600 m² groß (ggf. sind auch 300 m² möglich). Die Pacht beträgt 0,12 € pro m² und Jahr. Dazu kommt eine Kaution, Wassernutzungsentgelt, Gemeinschaftsarbeit sowie ein Mitgliedsbeitrag im KGV „Am Kleiberg e.V.“ von 3 € pro Monat.

 

Interessenten können sich bei Leonard Waletzko (Telefon: 05353-913939) melden.

 

Aktuell ab 10.10.2017

 

 

 

 

 

Die Flora der Stadtmauer unterhalb der Stadtkirche - ein Naturdenkmal

Georg Beisse: Stadtmauer und Stadtkirche Königslutter
Georg Beisse Stadtmauer und Stadtkirche Königslutter

Die Flora der Stadtmauer unterhalb der Stadtkirche - ein Naturdenkmal

von Adolf Straus, Berlin

Am 24. August 1953 kam ich das erste Mal nach Königslutter, um die geologischen Schätze des Herrn Otto Klages zu bewundern. Als Botaniker sah ich mich ein wenig in Königslutter und Umgebung um und hatte nicht nur Freude an der Flora der nahe gelegenen Waldgebiete Elm und Dorm, sondern es erwartete mich noch mitten in der Stadt eine Überraschung:
Als ich die Stufen von der Stadtkirche hinunterkam, nahm ich die Flora der Mauer in Augenschein und entdeckte unter häufigen Mauerpflanzen den in Norddeutschland sehr seltenen kleinen Schriftfarn (Ceterach officinarum Willd.), wahrscheinlich an der Nordgrenze seiner natürlichen Verbreitung. Es befanden sich zwischen anderen Farnen und Moosen sowie den wenigen höheren Pflanzen, welche dort Fuß fassen konnten, nur vereinzelte Exemplare dieses nicht weiter auffallenden Farns, der kleine fiederteilige, auf der Unterseite dicht mit rostroten Schuppen besetzte Wedel zeigt. Da mir bekannt war, daß die Heimat dieser Farnart hauptsächlich weiter im Süden liegt, war es mir klar, daß es sich um einen botanisch bemerkenswerten Fundort der Pflanze handelt und machte eine pflanzensoziologische Bestandsaufnahme.
Der Zufall brachte es mit sich, daß ich 1961, genau nach 8 Jahren, wieder am 24. August, nach Königslutter kam und wieder die Stadtmauer an dieser Stelle aufsuchte. Leider fand ich den seltenen Fern nicht. Aber es ist zu hoffen, daß dies nur auf ungünstige Witterungsverhältnisse zurückzuführen ist und die Pflanze dies Jahr nur nicht zu erkennbarer Entwicklung, vielleicht nur bis zum leicht übersehbaren Stadium des Prothalliums kommen konnte. Wir müssen also die nächsten Jahre abwarten, ob das Pflänzlein wieder erscheinen wird. Es wäre jedoch wünschenswert, den betreffenden Teil der Stadtmauer von "Reinigungsaktionen" zu befreien und die natürliche Entwicklung der Vegetation hier nicht zu stören, damit dieser botanisch kostbare Standort erhalten bleibt. Dies könnte wohl am wirksamsten durch die Erklärung zum Naturdenkmal und Eintragung in das Naturschutzbuch des Kreises geschehen.
Für botanisch Interessierte seien nun die beiden pflanzensoziologischen Aufnahmen (1. Zahl Häufigkeit, 2. Zahl Häufungsgrad = Soziabilität) aus den Jahren 53 (Aufn. Nr. 471) und 1961 (Aufn. Nr. 655) hier gegenübergestellt:
Stadtmauer Königslutter unterhalb der Stadtkirche. Expos. Nord (Schatten von Süd), Neigung 90°, Kalksteinmauer (Muschelkalk). Vegetationsbedeckt 1953 ca.10 %, 1963 ca. 70 % im Durchschnitt. Aufgenomme Fläche um 15 qm.

 

  1953 1961
Poa annua, einjähr. Rispengras x.2 x.2
Sagina nodosa, knotiger Knebel - 2.2
Stellaria media, Vogelmiere x.1 -
Rumex acetosella, kl. Sauerampfer x.1 -
Papaver sp., Mohn x.1 -
Chelidonnium maius, Schöllkraut (Keiml.) - x.1
Epilobium montanum, Bergweidenröschen - x.1
Linaria cymbalaria, Zymbelkraut (Keiml. ?) - x.1
Plantago maior., großer Wegerich x.1 -
Helianthusannuus, Sonnenblume (Keiml. ?) x.1 -
Senecio vulgaris, gemeines Kreuzkraut x.1 -
Erigeron canadense, kanad. Berufskraut - x.1
Taraxacum officinale, gebr. Löwenzahn (Kmlg.) - x.1
- - - - -    
Asplenium ruta-muraria, Mauerraute 1.2 3.2
Cystopteris fragilis, gebrechl. Blasenfarn x.1 2.1
Ceterach officinarum, Schriftfarn x.1 -
Dryopteris filix-mas, Wurmfarn x.1 -
Dryopteris linnaeana, Eichenfarn x.1 -
- - - - -    
Marchantia polymorpha, Brunnenlebermoos 2.3 x.1-3
Tortula muralis 3.3 3.3
Brym caespiticium, Rasen-Birnmoos - 1.2
Funaria hygrometrica, Drehmoos 1.2 x.2
Pohlia nutans - x.2
Rhynchostegium murale - x.2
Ceratodon purpureus, purpurstiel. Hornzahn 3.3 -
- - - - -    
kleiner Lamellenpilz aff. Naucoria   x.1
- - - - -    
Caloplaca sp. - x.1
- - - - -    
Trentepohlia aurea - x.2






























 

 


*Diese Moose wurden freundlicherweise von Herrn Dr. J. Schultze-Motel, Berlin-Dahlem, bestimmt, dem auch an dieser Stelle dafür herzlich gedankt sei.
Diese Gegenüberstellung zeigt sowohl bei den höheren Pflanzen als auch bei den Kryptogamen eine interessante Entwicklung. Die bis 1953 erschienenen Phanerogamen bis auf das einjährige Rispengras haben sich als zufällige Ankömmlinge herausgestellt und sind wieder verschwunden. Das genannte Gras und die übrigen bis 1961 neu erschienenen Phanerogamen aber sind zum größten Teil solche, welche auch sonst als typische Mauerpflanzen bekannt sind, abgesehen vielleicht vom Löwenzahn und dem Kanadischen Berufskraut, welche beide sehr häufig sind und sehr leichte, mit Flugvorrichtungen versehene Samen haben.

Bei den Farnen haben sich die Charakterpflanzen für Mauern, die Mauerraute und der Blasenfarn, weiter verbreitet. Dagegen sind die beiden für Mauern untypischen Arten, der Wurm- und Eichenfarn, verschwunden. Ähnlich ist es bei den Moosen, wo sich die für Mauern typische Tortula muralis gehalten hat. Das Brunnenlebermoos dagegen ist mehr eine Pionierpflanze und daher zurückgegangen und hat sich mehr auf die feuchtesten Stellen der Mauer beschränkt. Hinzugekommen ist vor allem ein weiteres typisches Mauermoos, Rhynchostegium murale. Von der Flechte Caloplaca und der Alge Trentepohlia kann man wohl annehmen, daß sie erst eine gewisse Zeitspanne benötigen, um auf der Mauer Fuß fassen zu können, während es sich bei dem Pilz um einen Zufallsfund, eine "Eintagsfliege“, handeln dürfte.
So können wir an einem kleinen Stück Stadtmauer Beobachtungen über die Entwicklung der Vegetation machen. Es wird interessant sein, diese weiter zu verfolgen, insbesondere hinsichtlich des zu erhoffenden Wiedererscheinens des seltenen kleinen Schriftfarns.

Ein Nachwort von Otto Klages
ln der Tongrube von Willershausen am Harz traf ich vor 10 Jahren mit Herrn Dr. Straus zusammen.  Wir hatten das gleiche Ziel, die Flore aus der Tertiärzeit zu studieren. Wir wurden Freunde und sammelten oft zusammen. Bald stellte sich heraus, daß Herr Dr. Straus viel weiter in die Tiefe forschte. Mit grenzenlosem Erstaunen erfuhr ich, daß ihn nicht nur die versteinerten Pflanzen, sondern ihre Viruskrankheiten und deren Erreger interessierten. Die modernen Mikroskppe lassen es zu, selbst diese winzigen Lebewesen erkennen zu können, obwohl sie vor Millionen Jahren lebten. Viele Jahre kommt nun Herr Dr. Straus nach Königslutter, verlebt nach seinen Aussagen herrliche Tage in meiner Steinsammlung und ich habe nach jedem Besuch wieder dazugelernt.


Veröffentlicht in:

Das Moosholzmännchen Nr. 1 / 1962

heimatkundliches Beiblatt des lutterschen Stadtbüttels




BUND-Umweltpreis 2012

BUND Ehrung Stadtspiegel 01.12.2012 Seite 16
BUND Ehrung für Heike Weber und Heino Hennecke Quelle: Stadtspiegel 01.12.2012 Seite 16

Umweltpreis
Helmstedt/Königslutter. Im Rahmen der Jahresversammlung des BUND Landkreis Helmstedt findet am Freitag, 23. November, um 19 Uhr im Ratssaal irı Königslutter die Verleihung des BUND-Umweltpreises 2012 statt.
Der 32. BUND-Umweltpreis der Kreisgruppe Helmstedt geht an Heike Weber und Heino Henneke. Der BUND drückt damit seine Anerkennung für die jahrzehntelange gemeinsame Betreuung der Schafherde am Rieseberg aus. Durch diese Maßnahme konnte aus kultiviertem Ackerland eine artenreiche Orchideenwiese entstehen. Heike Weber ist neben ihrem Einsatz für den Natur- und Umweltschutz von einer großen Tierliebe geprägt. In unzähligen ehrenamtlichen Stunden setzte sie sich für das Wohl der Tiere ein und zeigte so an einem kleirıen Beispiel, wie Mensch, Natur und Umweltschutz in Einklang stehen können. Heino Henneke stand ihr dabei zur Seite. Der alljährliche Schafauftrieb im Frühjahr hat sich zudem zu einem Familienevent für die Region und darüber hinaus entwickelt. Im Anschluss hält der EuroNaturPreisträger Dr. Ernst Paul Dörfler den Vortrag „Wunder der Elbe“.

veröffentlicht in:
Helmstedter Sonntag vom 18.11.12  S. 20


 

Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Gebiet 104 Rieseberg

Schutzverordnung verschoben
„Werden keine juristischen Mittel scheuen"
von Dörte Herfarth

Königslutter. Der Naturschutzbund (NABU), Krelsgruppe Helmstedt, und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sind entsetzt. Kurz vor der Verabschiebung der neuen Schutzverordnung des Naturschutzgebietes Rieseberg wurde eben diese vom Helmstedter Kreistag von der Tagesordnung gestrichen (wir berichteten).
Der Grund: In einem Schreiben des Landesumweltministeriums vom 20. Juni wurde der Landkreis gebeten, die Änderung der seit 1983 bestehenden Schutzverordnung für den Rieseberg zurückzustellen. Und weiter: Es müsse erst eine Entschädigungsregelung erörtert werden.
„Die neue Verordnung, die der Landkreis zusammengestellt hat, ist vorbildlich und wurde von Fachleuten anerkannt“, sagt Karl-Friedrich Weber (BUND). „Es gab von keiner Seite fachliche oder juristische Bedenken.“ Der Rieseberg sei ein Kleinod, nicht nur im Landkreis, sondern im gesamten norddeutschen Raum, so Weber. „Die Flora und Fauna ist selten und daher besonders schützenswert.“
Die neue Verordnung sei zwingend erforderlich, da sie sich an die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinien (FFH) der EU richte und diese wurden bereits 1992 beschlossen. „Die Anwendung dieser Richtlinien ist also längst überfällig“, betont Reinhard Wagner (NABU).
Weber und Wagner sehen nicht die Erörterung einer Entschädigungregelung als eigentlichen Grund für die Verschiebung. Sie wittern eine „Lobby-Politik“ zugunsten der staatlichen Forstverwaltung, die sich gegen viele Punkte der neuen Verordnung ausgesprochen habe.
„Seit gut drei Jahren orientiert sich die Forstverwaltung im Wald, dessen Nutzung auf dem Naturschutz
basiert, immer stärker an der wirtschaftlichen Ausnutzung. So wurde vor gut drei Jahren damit begonnen, Wege zu erneuern. Auch kommen immer öfter Großmaschinen zum Einsatz“, berichtet Weber. Ein Viertel des Bodens weise, aufgrund des Befahren mit Großmaschinen, Verdichtungsschäden auf, sodass dort keine Pflanzen mehr wachsen könnten.
Auf die Vorwürfe der Naturschutzverbände angesprochen, wollte sich der Kreis-Baudezernent Reinhard Siegert nicht äußern. „Wir schließen uns keinen Spekulationen an“, hieß es nur.
Die Naturschutzverbände machten vergangene Woche deutlich, dass sie die Situation so nicht hinnehmen werden. „Die Situation des Rieseberg steht im Fokus der Verbände. Uns ist bewusst, dass die Forstverwaltung vollendete Tatsachen schaffen will, bevor die Verordnung in Kraft tritt“, so Weber. „Doch wir werden keine juristischen Mittel scheuen, um dies zu verhindern.“

Laut der Naturschutzverbände orientiert sich die Forstverwaltung immer stärker an der wirtschaftlichen Ausnutzung des Rieseberg. Schon jetzt weise der Wald dadurch starke Schäden auf. Foto: privat


Quelle: Helmstedter Sonntag 01.07.2012 Seite 2