Pietro Maggi: Das schlichte Tympanon im 12. Jahrhundert - Ein Beitrag zur Deutung allegorischer Skulptur an mittelalterlichen Kirchenportalen

 

Das schlichte Tympanon im 12. Jahrhundert

Ein Beitrag zur Deutung allegorischer Skulptur an mittelalterlichen Kirchenportalen

Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde

der Philosophischen Fakultät l der Universität Zürich

vorgelegt von Pietro Maggi

von Castel S. Pietro / Tl

Angenommen auf Antrag von Herrn Prof. Dr. Adolf Reinle

Zürich1986

Zentralstelle der Studentenschaft

 

 

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INHALT

Seite:

 

GRUNDLAGEN 5

 

1 DIE BOTSCHAFT: DER PREDIGER GOTTES 15

Köln, Relief Schnütgen-Museum 15

Stoke-sub-Hamdon/Somersetshire 21

Grandson/Vaud 23

Schöntal/Baselland 23

Gernrode/Sachsen 27

Gravedona/Lombardei 31

Bardone/Emilia-Romagna 33

 

2 DIE ZWEI WEGE: HEIL UND UNHEIL,

DAS HIMMLISCHE UND DAS IRDISCHE 37

Jaca/Aragon 37

St. Lambrecht/Steiermark 43

Köln, Sturz Rheinisches Museum 45

Wartenberg/Bayern 47

Murbach/Elsass 5l

Bietenhausen/Baden-Württemberg 53

Hildrizhausen/Baden-Württemberg 59

Grosslohra/Sachsen 63

Hamersleben/Sachsen 69

Knook/Wiltshire 77

Belsen/Baden-Württemberg 79

Elstertrebnitz/Sachsen 83

Gumperda/Thüringen 91

Griesheim/Thüringen 99

Magstadt/Baden-Württemberg 103

 

 

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3 DAS ZIEL: PARADIES UND HIMMELSSTADT

Seite:

 

Rochsburg/Sachsen 107

Ufenau/Zürich 111

Flemmingen/Sachsen 111

Wechselburg/Sachsen 111

Kelso/Roxburghshire 115

Chaunay/Vienne 119

Beaumais/Normandie 121

Brugg/Aargau 123

Zofingen/Aargau 123

Pforzheim/Baden-Württemberg 129

Schloss Tirol bei Meran 131

 

ANMERKUNGEN 139

 

ANHANG: Vergleichsabbildungen 151

Die besprochenen Objekte sind als "Textab-

bildungen 1 - 30" laufend in den Text einge-

fügt; die Vergleichsbeispiele als "Anhang

Figuren 1 - 46" hinten beigegeben.

 

 

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BAUSTEINE DER HIMMELSSTADT

 

Details von S. Apollinare in Classe, 6. Jh. (Anhang Fig. 45) und Beaumais, 12. Jh. (S. 120)

 

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Für meine Eltern

Für meine Frau

 

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GRUNDLAGEN

Der Begriff 'schlicht' meint durchaus 'simpel' (simplex) im ursprünglichen Sinn des Wortes, nämlich: einfach unkompliziert, natürlich, offen, durchschaubar, naiv.

Städtische und ländliche Pfarrkirchen, Burgkapellen und Klosterkirchen ausserhalb der Kunstzentren werden zwischen 1070/80 und 1220/30 mit Bogenfeldern und Portalrahmen geschmückt, die sich in hohem Mass durch die Qualität der Schlichtheit und Klarheit auszeichnen. Es ist eine Kunst, die ungefiltert und ohne Umschweife, auch für den einfachsten Geist begreifbar darlegt, wer des Menschen Heil, was sein Verderben ist und wie er im Erdenleben dieses meiden, jenes erstreben kann. Diese Bilder erzählen keine erbaulichen Geschichten, sie widerspiegeln das Leben der Menschen im 12. Jahrhundert, ihr Denken und Handeln, ihre Aengste und Hoffnungen; sie mahnen und warnen, sie trösten und verheissen.

Im Zentrum steht Christus, der Auferstandene, der durch seinen Tod am Kreuz und seinen Sieg über Luzifer in der Hölle die Menschheit erlöst hat, Christus, der das Böse überwunden und den Weg zu Gott, zum ewigen Leben wieder geöffnet hat. Mit diesem heilsgeschichtlichen Aspekt ist immer die Sorge um das persönliche Schicksal jedes Menschen nach dem Tod verbunden. Der Betrachter wird aufgefordert, Christus nachzufolgen, das irdische Leben als Prüfung aufzufassen, in der es gilt, den Versuchungen des Bösen zu widerstehen, seine Schmeicheleien und Verlockungen immer wieder zurückzuweisen. Der Mensch hat sich, so wird mit Figuren und Zeichen gesagt, darin zu üben, die Laster zu überwinden um schliesslich, in tugendhaftem Leben bewährt, würdig zu sein, ins verheissene Paradies, ins Reich Gottes einzugehen. Immer wieder ist vor Augen gehalten, dass der Erlöser die einzige Brücke, der Weg vom Tod zum Leben, die Verbindung vom Irdischen zum Himmlischen ist: ICH BIN DIE TUERE, WER DURCH MICH EINGEHT, WIRD GERETTET WERDEN (Jo 10.9) steht als Titel oft auch in Buchstaben über einem Bogenfeld. Christus

 

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ist bildlich gesprochen, die Türe zum Vater, deshalb wird, wer im rechten Geist und reinen Herzens durch die Kirchentür eintritt, einst ins Reich Gottes gelangen - das verheissen die schlichten Bilder an mittelalterlichen Kirchenportalen. Das Bild von der Türe ist so konkret und einleuchtend, dass ein Kind es erfasst - und wie es dargestellt werden kann, zeigt beispielsweise das Tympanon von Elstertrebnitz (S. 84).

Den Menschen jener Zeit waren diese Zeichen vertraut, was solche Darstellungen ihnen vermitteln wollten, war ihnen geläufig, denn es entsprach ihren inneren und äusseren Erfahrungen, solange sie durch einen festen Glauben mit der Welt Gottes verbunden waren.

Deshalb gilt es für uns zu sehen, dass zwischen diesen, mit immer denselben eindringlichen Symbolen sprechenden Bildern, und den Menschen, für die sie geschaffen wurden, keine Distanz bestand, weder eine räumliche, noch eine gedankliche. Es ist denn auch bezeichnend, dass in diesem Kunstbereich 'Weltgerichts'-Darstellungen kaum vorkommen, dass diese Thematik fast nur dort hineinspielt, wo eine Berührung mit der offiziellen Kunst bestand (z.B. Jaca und Schloss Tirol). Die einfachen Menschen berührte zunächst wohl, was nach dem Tod zu erwarten war, also die Beurteilung ihres Lebens, ihrer Werke. So zeigen diese Bogenfelder in erster Linie auf persönlicher Ebene die unmittelbaren Folgen tugend- oder lasterhafter Lebensführung (Lk 16.19ff.). Darüber hinaus werden vor allem im eben erwähnten Bereich Vorstellungen eines endzeitlichen 'Gerichts über Lebende und Tote' oft in Symbole gefasst, sie sind aber, anders als in den grossen Kathedraltympana der Zeit (z.B. im Burgund), nicht vordergründig, die Ereignisse scheinen gleichsam nur ihre Schatten vorauszuwerfen; dies obwohl oder gerade weil auch im 11. und 12. Jahrhundert das 'Endgericht' jederzeit erwartet wurde 1). Diesbezüglich besonders interessant ist das eben erwähnte Bogenfeld der Kathedrale von Jaca.

Wir müssen uns vor Augen halten, dass diese Menschen, sehr oft am Rande des Aberglaubens stehend geneigt waren, jede Unbill des täglichen Lebens als Strafe Gottes zu verstehen; dies umsomehr, als sie andererseits im

 

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allgemeinen wohl nicht so leicht auf die wenigen weltlichen Vergnügungen verzichteten, die ihnen das kärgliche Dasein in ständiger Angst vor Kriegen, Seuchen, Hungersnöten bot. Sie, die geplagten Bauern und die Armen, nicht anders als die Grundherren, mussten also ganz direkt ermahnt und getröstet werden; ermahnt bezüglich ihres diesseitigen, getröstet im Hinblick auf das ersehnte jenseitige Leben. Denn sie mussten sich ja darauf stützen können, dass die Mühsal ihres Lebens einen Sinn hatte, dass ihr inneres Ankämpfen gegen Neid, Rachsucht, Ausschweifungen aller Art, ihnen schliesslich gelohnt werden würde. Andererseits mussten die mit Macht und Reichtum ausgestatteten wissen, wo ihnen Gefahren für ihr Seelenheil drohten. Nicht zufällig gehört das Gleichnis vom reichen Prasser und dem armen Lazarus (Lk 16.19-31) zu den in jedem Bereich kirchlicher Kunstübung besonders beliebten Themen. Eines der verbreitetsten Symbole dafür ist in schlichten Bogenfeldern das Bild der Tauben, die die Früchte des Lebensbaumes geniessen; es gibt in aller Deutlichkeit zu verstehen, was der Gerechte nach dem Tod erhoffen darf (siehe auch Anhang Fig. 27). So versinnbildlicht das Christussymbol im Zentrum unserer Darstellungen also in der Regel nicht etwas so Distanziertes wie den 'Weltenrichter', sondern es ist, wenn man so will, der Christus, der gesagt hat: SELIG DIE ARMEN IM GEISTE, DENN IHRER IST DAS HIMMELREICH ... SELIG, DIE REINEN HERZENS SIND, DENN SIE WERDEN GOTT SCHAUEN ... SELIG, DIE HUNGERN UND DUERSTEN NACH DER GERECHTIGKEIT, DENN SIE WERDEN GESAETTIGT WERDEN (Mt 5.3-8). Es ist der Erlöser, der Auferstandene, der himmlische König (R-E-X, siehe Anhang Fig. 22), der den im Kampf gegen die Versuchungen siegreichen gläubigen Menschen verheissen hat: ICH BIN DIE AUFERSTEHUNG. WER AN MICH GLAUBT, WIRD LEBEN, AUCH WENN ER STIRBT (Jo 11.25). Auf der einen Seite des Christussymbols erscheinen deshalb, das ist ein Grundschema unserer Bilder, zur Warnung und Abschreckung die Zeichen des Bösen, der Finsternis, des irdischen, der Lüge, usw., auf der anderen zum Trost und als Verheissung der Belohnung die Symbole des Guten, des Lichts, des Himmlischen, der Wahrheit. Dass dabei links und rechts oft vertauscht sind, bestätigt die grosse Vertrautheit der Menschen mit dieser Art von Mitteilung, die ja, nicht anders als die Sprache der Bibel, eine Bildersprache des Volkes ist.

 

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Der Bereich der Kunstübung, der in dieser Arbeit berücksichtigt wird, ist der Bereich einer dörflich-handwerklichen Kultur. Dabei handelt es sich viel weniger um die künstlerisch minderwertige Nachahmung von Formen und Themen aus der Hochkunst, als vielmehr um die eigenständige und sehr alte Ausdrucksweise, in der religiöses Grundwissen überliefert wird, sozusagen unter der Theologie und ihrer Kathedralkunst aber parallel dazu durchlaufend. Dieses Grundwissen ist im Kern immer die Hoffnung auf jenseitiges Heil durch und in Christus. Die Zeichen und Bilder sind in der Grabkunst der ersten Christen geprägt worden (Sarkophage); sie schmücken im 6. Jahrhundert, unter oströmischem Einfluss, in Italien Gewölbe von Kirchen am Rande des Reiches, wie im Zentrum der Macht (Anhang Fig. 24 und 23); an schlichten Portalen des 12. Jahrhunderts sind sie so verbreitet und lebendig wie am Anfang (siehe S. 79), und in abgelegenen Gebieten mit vorwiegend bäuerlicher Kultur sind sie noch am Ende des 18. Jahrhunderts an Hausgiebeln, über Fenstern und Türen durchaus gebräuchlich (Anhang Fig. 32 c/d und Anm. 125).

Abseits der Zentren war es denn wohl meist ein adliger Stifter, der selbst den Baumeister oder Steinmetzen beauftragte, ein Portal oder Bogenfeld mit diesem oder jenem allgemein bekannten Heilsbild zu schmücken; nur in Ausnahmefällen dürfte er die Skizze eines Mönches mitgeliefert, in der Regel wird der Handwerker-Künstler aus seiner Erfahrung heraus gestaltet haben. Denn der Stifter, der Bildhauer und der gewöhnliche Kirchgänger beauftragten, schafften und verstanden aus demselben Geist heraus, in dem sie durch ihren Glauben zu Hause waren. Eine jahrhundertealte Glaubenskultur und Bildtradition verband sie und liess sie einfache Zeichen und die damit gestalteten Heilsbilder wohl ohne weiteres, d.h. intuitiv erfassen. 'Zu Hause' fühlten sie sich in allererster Linie in den bildreichen Klagen, Bitten und Tröstungen der Psalmen, die ein Hauptelement des Gottesdienstes waren. Der Prediger hatte einen eindringlichen Lehrstoff zur Hand, weil auch der einfachste Mensch jene Sehnsucht nach Schutz und Errettung in durchaus christlichem Sinn als Sehnsucht nach ewigem Heil begreifen konnte.

 

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Wenn es uns heute schwerfällt, die Bedeutung der Bogenfelder zu erfassen, so deshalb, weil uns die Zeichen nicht mehr geläufig sind, weil uns jener tiefe, das tägliche Leben prägende Glaube als Erkenntnisquelle fehlt, und weil wir zu oft mit der hochmütigen, aufklärerischen Logik unserer Zeit an die Bildwerke herantreten, statt mit der naiven Geistigkeit des frühen Mittelalters. Es ist mir daher wichtig zu zeigen, dass sich diese Darstellungen auch heute noch eindeutig und restlos erklären liessen, wenn es uns besser gelänge, in der Art jener Zeit mit gläubigem Herzen (!) zu verstehen - uns von der Eingebung führen zu lassen, statt von schematischem Denken. Ich meine damit jene Geisteshaltung, die noch für Luther selbstverständlich, die wohl nirgends vorbildlicher durchgehalten ist als im Werk Gregors des Grossen. Am Schluss seiner 'Predigten zu Ezechiel' schreibt er in der für mittelalterliche Gelehrte bezeichnenden Weise: "Siehe, das ist es, was wir, soweit wir's mit Gottes Beistand vermochten, vor euch ... erarbeitet haben" (wie Anm. 116, 466). Georg Bürke hat in der Einleitung zu seiner Uebersetzung der 'Homilien' mit grossem Einfühlungsvermögen die tiefgreifende Wirkung Gregors auf das mittelalterliche Denken herausgestellt. Anhang Fig. 46 illustriert treffend, wie der "Beistand Gottes", die Eingebung des Heiligen Geistes zu verstehen ist. Selbstverständlich werde ich meine Deutungsvorschläge in überprüfbarer Weise zu belegen haben. Zu diesem Zweck kann ich auf eine lückenlose Bildtradition gerade im Bereich der dem Volk nahe stehenden 'Kleinkunst' zurückgreifen: die Zeichen erscheinen seit dem 6. und 7. Jahrhundert immer wieder auf Chorschranken, Taufsteinen, Grabplatten, liturgischen Geräten und Gewändern, aber auch auf Haus- und Wegzeichen, Gürtelschnallen, Zaumzeug, Werkzeugen, usw. - Löwen, Drachen, Kreuze, Ranken, Schlingen u.ä. Allegorien waren im Denken und folglich auch im künstlerischen Umfeld jener Menschen etwas Alltägliches und Allgegenwärtiges. Zu diesen Bildbelegen kommen die Schriftauslegungen durch die Kirchenlehrer; sie entspringen demselben Geist und sprechen in denselben Bildern, die die frühmittelalterliche Kunst allgemein, die hochmittelalterliche in dem hier zu erörternden Bereich prägen. Diese Schriften vermitteln, vor allem auf Augustinus aufbauend, jeweils in der Sprache ihrer Zeit im

 

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wesentlichen die gleichen grundlegenden Erkenntnisse, sei es bei Gregor im 6., Hrabanus Maurus im 9. oder Hugo von Saint-Victor im 12. Jahrhundert. Doch sie erklären natürlich nicht unsere Bogenfelder, denn sie beziehen sich ja auf Bibelstellen. Ich werde sie also auch nicht zur E r k l ä r u n g der Bilder heranziehen, sondern wie die Bildquellen zur B e s t ä t i g u n g meiner Aussagen, als zeitgenössische Kontrollen für meine Deutungsvorschläge.

In den Väterschriften wird die Bibel nach dem vierfachen Sinn ausgelegt 2), es leuchtet daher ein, dass unsere auf derselben Wahrheit beruhenden Bilder ebenfalls vierfach zum Betrachter sprechen, nämlich: historisch oder wörtlich (was wird gesagt bzw. gezeigt), allegorisch oder gleichnishaft (was ist stellvertretend für etwas Geistiges damit gemeint), tropologisch oder moralisch (was soll der gläubige Mensch daraus lernen und im Diesseits tun oder lassen um einst das Paradies zu gewinnen) und anagogisch oder auf das Jenseits gerichtet verheissend (was wird den Menschen, der die Lehre Christi beherzigt oder nicht beherzigt nach seinem irdischen Tod erwarten).

Dabei spielen die volkstümlichen Predigten selbstverständlich eine nicht unwichtige Rolle, ihre Bedeutung darf meines Erachtens aber nicht überschätzt werden. Sie mussten wohl im allgemeinen die Kenntnis der Bilder nicht erst vermitteln, denn diese besassen die Menschen damals, wie gesagt, durch die Glaubenskultur, die Ueberlieferung und die Alltäglichkeit der Darstellungen. Die Predigten hatten vielmehr die Funktion, die eingängigen Allegorien aufzunehmen und zur Verstärkung einzusetzen: 'Ihr seht draussen jene alte Schlange, die euch verführen will, hütet euch vor ihren Einflüsterungen und stellt euch unter den Schutz des starken Löwen aus dem Stamme Juda; dieser hat die Schlange überwunden und ist auferstanden - schaut ihn euch genau an, er wird auch euch retten, wenn ihr an ihn glaubt und ihm folgt...' Paul Michel zeigt in seiner fundierten Studie zum Zürcher Grossmünsterkreuzgang solche Zusammenhänge auf und zitiert eine bezeichnende Stelle bei Hugo von Saint-Victor, ohne

 

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sie in der Folge allerdings ganz auszuwerten. Sie bestätigt nämlich bei genauem Durchlesen, dass der Gläubige, also der geistige Mensch jener Zeit, keiner äusseren Erklärungen bedurfte, dass er die "innere Vernunft", den Sinn der Heilsbilder verstand, eben weil er, wie der Künstler, der sie geschaffen hatte, mit Gott, der Erkenntnisquelle, verbunden war (siehe Anm. 125!):

"Die ganze sinnlich wahrnehmbare Welt ist wie ein Buch, geschrieben vom Finger Gottes, das heisst, geschaffen von der Göttlichen Kraft; und die einzelnen Geschöpfe sind wie Zeichen, die nicht nach menschlichem Beschluss, sondern durch den Göttlichen Willen gesetzt worden sind, um die Weisheit des unsichtbaren Wesens Gottes zu offenbaren. So wie aber ein Ungelehrter, wenn er ein aufgeschlagenes Buch sieht, Figuren erblickt, und die Buchstaben nicht erkennt, so sieht der törichte und UNGEISTIGE MENSCH, DER NICHT DURCHSCHAUT, WAS GOTTES IST (1. Kor 2.14), an jenen sichtbaren Geschöpfen nur aussen die Erscheinung, doch erkennt innen nicht die Vernunft. Wer aber von Gottes Geist begabt ist und alles zu unterscheiden vermag, der begreift, wenn er aussen die Schönheit des Werks betrachtet, im Innern, wie sehr die Weisheit des Schöpfers zu bewundern ist" 3).

Elisabeth Neubauer (siehe Anm. 25) hat herausgestellt, dass im dezentralisierten Deutschen Reich des 12. Jahrhunderts weder der Hochadel noch ein städtisches Bürgertum Einfluss auf die hier besprochene, dörflich-handwerkliche Kunstübung nahm. Grosse Zentren der Bildhauerei gab es hier kaum und oberitalienische Wandermeister drangen nicht tiefer nach Schwaben, Franken oder Sachsen vor. In diesen Gebieten haben sich denn auch besonders viele, von fremden Einflüssen unberührte einfache Bogenfelder erhalten, die bis heute nicht klar gedeutet sind. Ich stelle in der Folge schwäbische und sächsische Beispiele ins Zentrum und werde von diesen zum Teil mit grosser Feinheit gestalteten Bogenfeldern ausgehend, eine sichere Grundlage zu erarbeiten versuchen, auf welcher diese im Grunde keineswegs 'verschlüsselten' Botschaften vielleicht wieder verständlich werden können.

 

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Die gleichen Bilder sind mit jeweils anderem Akzent natürlich auch ausserhalb des Römisch-Deutschen Kaiserreiches, in England, Frankreich, Spanien verbreitet, sie sollen nicht ausser acht gelassen werden. Erst im Verlauf des 13. Jahrhunderts sprechen die Kirchenportale zunehmend eine andere Sprache; die gotische Stilkunst und neue Frömmigkeitsformen (z.B. die Betonung des Leidens statt des Sieges Christi am Kreuz) verschieben formale und inhaltliche Schwerpunkte der Darstellungen.

Die hier behandelten Formen und Inhalte sind typisch für die eingangs abgesteckte Epoche von rund hundertfünfzig Jahren; genauere Datierungen innerhalb dieser Zeitspanne tragen nicht wesentlich zur Deutung bei, ich werde mich deshalb nicht damit aufhalten. Stilistische Ueberlegungen sollen ebenfalls nur dort miteingebracht werden, wo sie von einigem Interesse für die Charakterisierung eines Portalprogramms sind.

 

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Die Arbeit wäre nicht zustande gekommen ohne die vielen Hinweise, Anregungen und die Langmut meines Lehrers Adolf Reinle. Bei ihm habe ich gelernt, auch die schlichtesten Zeichen sakraler Kunst im Mittelalter als mögliche Bedeutungsträger zu betrachten. Ihm verdanke ich auch die (induktive) Methode, von einem Gegenstand zum nächst verwandten fortschreitend Erkenntnisse herauszuarbeiten und sie erst dann, wenn möglich, zu verallgemeinern; ferner die Kunst, überall und immer wieder die eingehende und sozusagen jeden Strich ernst nehmende Betrachtung des Kunstwerkes ins Zentrum zu stellen.

 

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Gefördert haben mich überdies Gespräche mit Victor H. Elbern sowie seine Vorträge und seine Aufsätze zur frühmittelalterlichen Symbolsprache, ferner die erwähnte Arbeit von Paul Michel. Ihnen und allen, die mich durch wohlwollende Kritik weiter und durch handfeste Hilfe beim Materialsuchen vorwärts gebracht haben, möchte ich an dieser Stelle danken, namentlich Pater Willi Schnetzer SJ, Pater Werner Heierle SJ und Frau Alice Schmid vom Katholischen Akademikerhaus in Zürich.

Ein besonderer Dank gilt meiner Frau, ihre Mitarbeit war letztlich ausschlaggebend für das Gelingen. Sie hat mir immer wieder, wenn ich nach tagelangem Rätseln nicht nur 'mit dem Latein am Ende' war, durch einen spontanen, intuitiven Deutungsvorschlag den richtigen Weg gewiesen, wie etwa bei Belsen (S. 79): "Meinst du nicht, dass dort oben an der Fassade ganz einfach das Christkind in der Krippe liegt, umgeben von Ochs und Esel und 'den Tieren auf den Feldern'?" ...

 

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Textabb. 1 KÖLN, SCHNÜTGEN MUSEUM

 

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1 DIE BOTSCHAFT:

DER PREDIGER GOTTES

Der einfache Gläubige, der das Kölner Relief (Textabb. 1) betrachtet hat - es kann neben oder über dem Portal einer Kirche angebracht gewesen sein - dürfte es etwa so verstanden haben: 'Wenn ich mich mit der Demut und Arglosigkelt einer Taube unter den starken Bogenschützen, also unter Christi Schutz stelle und seinen Worten folge, die gleichsam als Pfeile der Göttlichen Liebe mein Herz treffen wollen, dann wird er mich vor den Fängen des teuflischen Raubvogels behüten, der sich in seiner Ueberheblichkelt vom heilbringenden Schützen abgewandt hat. Er weist mir den Weg zum Reich Gottes'.

Der Anschaulichkeit halber seien zur Einführung die vier Sinnebenen, in denen mittelalterliche Bilder zum Betrachter sprechen wollen, am Beispiel dieses Reliefs Schritt für Schritt nachvollzogen. Das Bild sagt also erstens wörtlich (historischer Bildsinn): Unter dem zur Seite gewandten, sich aufbäumenden Bogenschützen, dem 'sagittarius', steht eine in dieselbe Richtung schauende Taube. Ein grosser Raubvogel (starker Schnabel, grosse Fänge) ist im Begriff, vom Rücken des Schützen auf die entgegengesetzte Seite wegzufliegen. So angeordnet stehen die drei Figuren in diesem Zusammenhang (zweitens) stellvertretend für folgende geistige Botschaft (allegorischer Bildsinn): "Der Bogenschütze bedeutet jeden Prediger, denn über ihn steht bei Hiob geschrieben: DER SCHUETZE KANN IHN (DEN LEVIATHAN) NICHT VERTREIBEN (Hiob 41.19); das heisst, dass der Prediger aus eigener Kraft, ohne die Hilfe Gottes nicht imstande wäre, den Teufel aus dem Herzen des Menschen zu vertreiben." Was Hrabanus Maurus hier 4) zur positiven Bedeutung des Sagittarius sagt, führt Gregor der Grosse in seiner 'Morallehre zu Hiob' im Zusammenhang mit Vers 41.19 wie folgt aus: "Die heilige Predigt vertreibt den Teufel also nicht aus den Herzen der Verwerflichen. Was sind nun die Pfeile, wenn nicht die Worte der Prediger, die ... in die

 

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Schwäbisch Gmünd

 

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Herzen der Hörer eindringen sollten? ... Wenn nun gesagt wird, dass der Pfeil des heiligen Predigers den Teufel nicht aus den Herzen der Verwerflichen vertreiben kann, so deshalb, weil die Menschen, die vom Bösen in Besitz genommen wurden, nicht mehr bereit sind, auf die Worte der Predigt zu hören" 5). Der Schütze ist auf dem Kölner Relief also zuerst einmal der Prediger, der Gottes Wort verkünden möchte: "Der Pfeil ist die Predigt Gottes", sagt Hrabanus noch deutlicher 6). In einem tieferen Sinn steht der Sagittarius hier demnach für Christus selbst - und nicht etwa für den Teufel, denn dies ergäbe zusammen mit der Taube keinen Sinn. Die positive oder negative Bedeutung eines Symbols ergibt sich oft nur aus dem Bildganzen, denn wie die meisten Allegorien kann auch der Bogenschütze grundsätzlich für beides stehen. Am Portalgewände der Johanneskirche von Schwäbisch Gmünd ist diese Figur beispielsweise mit dem verknoteten, in einen Stachel auslaufenden Schwanz eines Basilisken versehen und dadurch als "Prediger des Antichristen" 7) gekennzeichnet. Vor seinen giftigen Pfeilen soll der Gläubige dort gewarnt werden: "Der Pfeil ist die sichtbare Verführung ... aus dem Verborgenen kommend im Licht offenbar werdend" 8). Auf dem Kölner Relief aber sieht sich der Gläubige (Taube) unter den Schutz Christi gestellt. Der Widersacher, hier als Vogel (Adler, Geier, Rabe) gegeben, der sich in entgegengesetzter Richtung in die Luft schwingt, wird ihm nichts anhaben können, solange er in diesem Schutz bleibt. "Der Teufel kann als ... Vogel gesehen werden wegen seiner Ueberheblichkeit, wegen seiner Unstetigkeit seinem flüchtigen, undurchschaubaren Wesen", sagt Gregor 9), und in den 'Allegorien' des Hrabanus trifft folgende Charakterisierung auf diesen Vogel zu: "Der Vogel ist jener überhebliche Feind, von dem es bei Hiob heisst: SPIELT MAN ETWA MIT DEM LEVIATHAN WIE MIT EINEM VOGEL? (Hiob 40.24); hier kommt zum Ausdruck, dass der Herr in seiner Weisheit den hochmütigen Teufel überlisten kann" 10). Darüber hinaus ist hier auch der verderbliche Geist, die Einflüsterung des Bösen gemeint, so, wie er an anderer Stelle als Heiliger Geist die Stimme Gottes bedeuten kann - in dieser Funktion werden wir dem Vogel bei Pforzheim und Schloss Tirol begegnen. Auf dem vorliegenden Bild aber scheint mir überdeutlich

 

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gezeigt wie der weise Prediger Gottes den überheblichen Feind ins Leere tappen lässt, indem er den Schutzsuchenden so gut verbirgt, dass jener ihn gar nicht mehr finden kann. Denn gerade auf die Taube, die Verkörperung der naiven, einfachen, aufrichtigen, d.h. durchschaubaren Seele hatte es der Raubvogel hier abgesehen gehabt. "Die Arglosigkeit (simplicitas) wird besonders durch die Taube dargestellt", sagt. Augustinus in seiner Auslegung von Jo 1.33 11), und Hrabanus beschreibt ihr Wesen so: "Mit der Taube ist jeder Einfache, Arglose gemeint, von dem in den Psalmen zu lesen ist: HAETTE ICH DOCH DIE FLUEGEL DER TAUBE, ICH WUERDE FLIEGEN UND KAEME ZUR RUH (Ps 54.7), das will sagen: Wie schön wäre es, wenn ich vor den Aergernissen wegfliegen könnte um meine Einfalt nicht zu verlieren" 12). Damit sind wir bei der dritten, der moralischen Aussage (tropologischer Bildsinn), nämlich der Aufforderung an den Betrachter, es der Taube gleichzutun: "Taube (gläubige Seele) erkenne was die Taube (Heiliger Geist) gelehrt hat: DER IST ES, WELCHER TAUFT IM HEILIGEN GEIST (Jo 1.33)" 13). Augustinus predigt an jener Stelle die 'Rechtgläubigkeit' gegenüber den Donatisten, die er als Diener des Bösen verurteilt. Auf unseren Zusammenhang bezogen würde die Lehre vereinfacht etwa lauten: 'So wie Johannes der Täufer durch das Zeichen der auf Christus herabschwebenden Taube erkannt hat, dass der Täufling der Erlöser sein würde, so sollst du, gleich der schlichten Taube, erkennen, dass Christus dein Heil ist, dich seiner Führung anvertrauen und den von ihm aufgezeigten Weg gehen.' In diesem Sinn wandert die Kölner Taube in dieselbe Richtung wie der Bogenschütze, während der Vogel sich abwendet. Jetzt lassen sich Gregors Erklärungen zu Hiob 41.19 zur Erinnerung wieder aufnehmen: "Dieser Prediger also ist der Schütze, der mit dem gespannten Bogen heiliger Besorgnis die Worte richtiger Ermahnung gleich Pfeilen in die Herzen seiner Zuhörer senkt" 14), und er führt den Gedanken weiter: Der Teufel, der Leviathan lasse sich vom Prediger, dessen Worte er ja geringschätze, nicht davon abhalten, die Törichten, die Uneinsichtigen mit schlechtem Rat irrezuleiten, ihnen Fallschlingen zu legen um sie schliesslich zu töten. Deshalb sage Hiob zurecht, dieser Schütze allein könne das Böse nicht aus dem Sinn der

 

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Unwilligen vertreiben. So heisst denn die Moral für den Betrachter, dass es nicht genügt, den Predigten bloss zuzuhören, dass die eigene Anstrengung, nach Gottes Geboten zu leben und das Böse zu meiden, dazu kommen muss, damit es mit Christi Hilfe gelingen kann, den Fängen 'jenes alten Feindes' zu entkommen und schliesslich - so verspricht die tiefere Bedeutung der Taube - ins Paradies einzugehen. Diese auf das Jenseits gerichtete Verheissung ist nun also die vierte Aussageebene mittelalterlicher Portalbilder (anagogischer Bildsinn): dem Menschen wartet nach seinem irdischen Tod Belohnung oder Strafe, je nachdem, ob er auf dem gezeigten Weg zum Guten gewandert oder aber trotz der Warnungen den Verführungen des Bösen erlegen ist. In unserem konkreten Fall heisst das: als Wankelmütiger sich von den 'Künsten' des Teufelsvogels blenden lassen, wird zum 'zweiten Tod' führen (siehe dazu bei Jaca, S. 37ff.), als Demütiger der Taube gleich dem Göttlichen Bogenschützen folgen, heisst ins ewige Leben eingehen. Augustinus entwickelt diese Vorstellung im Zusammenhang mit Psalm 90 höchst eindringlich: "ZWISCHEN SEINEN SCHULTERN WIRD ER DICH BERGEN (Ps 90.4). Das heisst, vor seine Brust wird er dich stellen, um dich mit seinen Flügeln zu beschützen, wenn du nur deine Ohnmacht erkennst, und gleich dem schwachen Vöglein unter die Flügel der Mutter fliehst, damit dich der Geier nicht raube. Geier sind die MAECHTE DER LUFT (Eph 2.2), der Teufel und seine Engel, sie wollen uns in unserer Bedürftigkeit rauben. Fliehen wir unter die Flügel der Mutter Weisheit, denn die Weisheit selbst wurde unseretwegen schwach, da das Wort Fleisch geworden. Wie die Henne mit ihren Kücken schwach wird, um sie mit ihren Flügeln zu schützen, so unser Herr DENN DU O HERR BIST MEINE HOFFNUNG, IM HOECHSTEN HAST DU DEINE ZUFLUCHT AUFGESTELLT (Ps 90.9). Das heisst: Darum standest du von den Toten auf und stiegst zum Himmel, damit du im Aufstieg deine Zuflucht droben aufstellest und meine Hoffnung würdest, der ich auf Erden verzweifelte" 15).

 

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Textabb. 2 STOKE-SUB-HAMDON

 

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Was die kleine Taube erwarten darf, ist auf dem Kölner Relief nicht ausdrücklich dargestellt. Wir dürfen aber annehmen, dass jeder Betrachter im 12. Jahrhundert das alte Bild der traubenpickenden Vögel, also der im Paradies vom Baum des Lebens essenden, erlösten Seelen kannte. Es ist, auf frühchristlichen Sarkophagen als Zeichen der Auferstehungshoffnung geprägt, im Frühmittelalter auf Chorschranken, Grabplatten, in der Elfenbeinkunst und in Mosaiken überliefert (Anhang Fig. 1).

Unverändert erscheint es noch als Mittelmotiv im Bogenfeld von Stoke-sub-Hamdon / Somersetshire (Textabb. 2). Hier sieht sich die glaubensstarke Seele am Ziel 16). Die Verheissung wird von Beda Venerabilis folgendermassen in Worte gefasst: "DEM SIEGER WERDE ICH ZU ESSEN GEBEN VOM BAUM DES LEBENS, DER IM PARADIESE STEHT (Apk 2.7). Der Lebensbaum ist Christus, er sättigt die heiligen Seelen der Seinen im himmlischen Paradies in der Zukunft, so, wie die Kirche sie für den Augenblick sättigt" 17). Der Lebensbaum als Element des Paradieses wird uns später beschäftigen, im englischen Bogenfeld interessiert zunächst ein anderer Aspekt. Alcuins Kommentar zu diesem Vers 2.7 der Offenbarung des Johannes zeigt uns mit aller wünschenswerten Klarheit, wie die vier Schriftsinne aus Bibelstellen herausgearbeitet werden können - man lese das folgende Zitat Schritt für Schritt in diesem Sinn durch: "WER OHREN HAT DER HOERE, WAS DER GEIST DER GEMEINDEN SAGT: DEM SIEGER WERDE ICH ZU ESSEN GEBEN VOM BAUM DES

LEBENS, DER IM PARADIES MEINES GOTTES STEHT ... Ohren des Herzens, nicht des Körpers ... Der Baum des Lebens ist die Weisheit Gottvaters, wie es bei Salomon heisst: GLUECKLICH DER MENSCH, DER WEISHEIT GEFUNDEN, DER EINSICHT ERLANGT HAT (Sprüche 3.13). Daran anknüpfend wird er (Christus 18)) Baum des Lebens genannt, weil er im gegenwärtigen Leben seine Auserwählten vor der versengenden Glut der Laster schützt und denen, die sich danach sehnen, in der künftigen Herrlichkeit die Speise immerwährender Beschaulichkeit gewähren wird ... Wer also siegen wird, das heisst, wer in Christus und durch ihn die Versuchungen des alten Feindes überwindet, dem wird Christus ... vom Baum des Lebens zu essen geben" 19). Mir scheint, dass gerade die

 

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letzte Passage mit Worten dasselbe sagt, wie das Bogenfeld mit Bildern. Ich setze zur Probe in den Schluss des Zitats von Alcuin die Figuren des Tympanons von Stoke-sub-Hamdon ein: ... wer also siegen wird, das heisst, wer in und wie Christus - der sich als 'Opferlamm' für uns hingegeben hat - den Versuchungen des Teufels widersteht und dem nach Beute suchenden Löwen entgeht, indem er in festem Glauben auf den Bogenschützen, den Prediger Gottes hört, der wird einst ins Paradies eingehen und Nahrung finden.

Diese Darstellung ist typisch für die Mehrzahl der in unseren Bereich fallenden Bogenfelder, hinsichtlich der Komposition wie in bezug auf die vorgeführte Lehre. In drei Schritten wird dem Betrachter das Erlösungswerk Christi gezeigt und ihm unter dem Hinweis auf die bevorstehende Seligkeit als Lohn, bzw. Qual als Strafe, zum Vorbild hingestellt, das jeder für sein persönliches Leben beherzigen soll: Der menschgewordene Christus hat die Göttliche Wahrheit gelehrt, die durch die Prediger verbreitet werden muss ('SAGITARIUS'). Sein Tod am Kreuz, sein Sieg über den Widersacher (Löwe) in der Hölle und seine Auferstehung - für dieses österliche Erlösungsgeschehen steht das Lamm mit dem Kreuzstab – haben dem Menschen den Weg zurück ins Himmelreich, den Weg zum Vater grundsätzlich wieder geöffnet; wer aus den irdischen Prüfungen siegreich hervorgehen wird, kann schliesslich auch hineingelangen, wie wir gesehen haben. Im Zentrum steht der dreieinige Gott im Symbol des Lebensbaumes (siehe auch Magstadt). Im Bogenfeld von Elstertrebnitz wird uns mit derselben Bedeutung jenseitiger, in gewissem Sinn auch endzeitlicher Heilsverheissung der segnende Christus begegnen; in Jaca wird es die Christogrammrose sein, in Griesheim die Taubandsäule, in Belsen das Triumphkreuz, in Brugg der Kelch des Lebens, usw. Immer ist der Mensch aufgefordert, sich nicht auf die falsche Seite zu stellen, sich nicht dem Bösen, sondern dem Guten zuzuwenden, um einst durch die 'Mitte', die Tür des Heils ins Reich Gottes einzugehen: SEID NUECHTERN UND WACHSAM, EUER WIDERSACHER, DER TEUFEL, STREIFT UMHER WlE EIN BRUELLENDER LOEWE UND SUCHT, WEN ER VERSCHLlNGE. IHM WIDERSTEHT STANDHAFT IM GLAUBEN ... DER GOTT ALLER GNADE

 

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ABER, DER EUCH IN CHRISTUS ZU SEINER EWIGEN HERRLICHKEIT BERUFEN HAT, WIRD EUCH NACH KURZEM LEIDEN SELBER AUSRUESTEN, STAERKEN, KRAEFTIGEN UND AUF FESTEN GRUND STELLEN (1. Petr 5.8-10). Ergibt es sich nicht wie von selbst aus dem Wesen der christlichen Botschaft heraus, dass das, was Petrus den Gemeinden in Kleinasien schrieb, und was wir heute nachlesen können, jenen Menschen im Mittelalter in der ihnen verständlichen Weise, nämlich in Stein gehauen, bildlich vorgetragen wurde? Denn ist nicht gerade die Sprache Christi, ein Wunderwerk bildlicher Ausdruckskraft, über Raum und Zeit hinweg verständlich geblieben - wie hätten die einfachen Leute jener Zeit, denen der Glaubenstrost Lebensgrundlage war, ihre Bilder nicht völlig selbstverständllch kennen sollen?

Die Portale der Kirche Saint-Jean-Baptiste in Grandson Waadt (Textabb. 3) 20) und der ehemaligen Benediktiner-Klosterkirche von Schöntal bei Langenbruck / Baselland (Textabb. 4) scheinen mir in abgewandelter Form dasselbe Thema wie Stoke-sub-Hamdon vorzutragen. ln Schöntal sitzt links unten am Ende des Wulstes an der Bogenstirn der Löwe mit gefletschten Zähnen. Die gegenüberliegende Gestalt des berockten Mannes darf im Hinblick auf seine Armhaltung wohl als Bogenschütze ergänzt werden. Die beiden Mächte, der Prediger Gottes und der Vertreter des Teufels stehen an traditioneller Stelle im Kämpferbereich beidseits des Eingangs in die Kirche - siehe etwa St. Lambrecht. Dieselbe Anordnung finden wir in Grandson, sie ist durch die Restauration im letzten Jahrhundert nicht verändert worden und lässt den Vergleich mit Schöntal zu. Das gilt auch für das zentrale Symbol des Erlösers, das Gotteslamm, das, wie erwähnt, ähnliche Funktion hat wie der Lebensbaum im englischen Bild: es verheisst dem, der auf den Prediger der Wahrheit hört, das Wort Gottes beherzigt und so den Nachstellungen des Bösen zu entkommen vermag, das Pardies.

Es ist auf dem Schöntaler Sturz durch das Rankengeflecht besonders schön dem in die Kirche Eintretenden direkt vor die Augen gestellt, sofern

 

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Textabb. 3 GRANDSON

 

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Textabb. 4 SCHÖNTAL

 

 

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er sie 'nach oben hebt'. Das Erlöser-Lamm, in Grandson in der Siegerglorie erscheinend, steht hier in einem von zwei Taubändern eingerahmten quadratischen Feld, wodurch die Vision des Himmlischen Jerusalem aufscheint: GOTT DER ALLHERRSCHER IST IHR TEMPEL UND DAS LAMM (Apk 21.22), doch dazu später 21).

Nicht ganz leicht zu deuten ist die Figur auf dem Bogenscheitel, von der nur noch die untere Hälfte mit den Händen und den einen Löwenkopf umklammernden Beinen erhalten ist; ich schlage im gegebenen Zusammenhang vor, darin das Vorbild des Menschen zu sehen, der durch die Kraft des Glaubens (Bogenschütze) die Macht des Bösen und des Todes (Löwe) überwunden hat, also den auferstandenen Erlöser selbst - allerdings in der Gestalt des alttestamentlichen Typus, nämlich des Daniel in der Löwengrube. Der Scheitel eines Gewölbes bzw. eines Tor- oder Tympanonbogens ist seit jeher und noch im hochbarocken Deckengemälde d e r Ort der Dreieinigkeit 22), ich werde immer wieder, vor allem auch bei Belsen, darauf zu sprechen kommen. Es liesse sich allenfalls auch auf den vor allem in der Kleinkunst sehr oft dargestellten Christus hinweisen, der auf Löwen und Drachen tritt (Psalm 90.13). Ausgehend aber von der ungeheuren Volkstümlichkeit der Danielerzählung weit übers Mittelalter hinaus und von der buchstäblichen Allgegenwart des Motivs bis ins 12. Jahrhundert, möchte ich für Schöntal daran festhalten, auch wenn die Armhaltung aussergewöhnlich ist und ich keine Parallele für diese Anordnung in der Bauplastik kenne. Der Daniel auf der Gürtelschnalle in Lausanne (Anhang Fig. 2) hingegen, und die Zuordnung der Löwenköpfe zu seinen Füssen, scheinen mir gar nicht so weit von unserer Darstellung entfernt 23). Noch etwas scheint mir hier von Bedeutung: Daniel, den sein unerschütterlicher Glaube und die Kraft des Gebets davor bewahrt haben, von den Löwen zerrissen zu werden (Dan 6), gilt seit den Anfängen christlicher Grabkunst auf Sarkophag- und Katakombenbildern nicht nur als personifizierte Auferstehungshoffnung, sondern er ist auch d e r vorbildliche, starke, tapfere Gläubige, der Gerechte schlechthin. Auch in dieser Hinsicht passt das Motiv zum Bogenschützen und schliesst das

 

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Textabb. 5 Gernrode

 

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Einfügung: Gernrode Stiftshof St. Cyriakus - Tympanon mit Centaur und Drachen (Foto 2014)

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schlichte Portal in einer 'runden' Aussage zusammen: 'Beherzige die Worte des Predigers, sei fest im Glauben und ausdauernd im Gebet wie Daniel, richte deine Augen auf Christus, dann brauchst du den löwengestaltigen Widersacher nicht zu fürchten, du wirst auferstehen und durch den Erlöser einst ins Himmelreich eingehen...'

Was den Ueberrest der Inschrift auf der Bogenstirn unter dem linken Wulstansatz betrifft, so ist doch wohl, analog zu Grandson, in Verbindung mit dem Lamm eher zu ergänzen: ECCE AGNUS DEI... (Jo 1.29) statt:

hic est Rodo...' wie Jenny vorschlägt 24).

Vor diesem Hintergrund dürften nun Bilder wie das auf dem Sturz der ehemaligen Stiftskirche St. Cyriacus in Gernrode / Sachsen (Textabb. 5) besser verständlich sein. Solange man davon ausgeht, beide, der Sagittarius und der Drache, seien teuflische Figuren, ergibt sich hier kein Sinn, denn warum hätte man ausgerechnet an so wichtiger Stelle den Leuten bloss vorführen sollen, wie sich die höllischen Mächte gegenseitig bekämpfen?, es hätte nicht den geringsten Lehrwert gehabt. Nehmen wir aber die Zweiteilung des Feldes in Gut und Böse und die Verbindung der beiden Bereiche durch ein Symbol Gottes im Zentrum ernst, so wird die Darstellung sinnvoll: Der Verkünder der Göttlichen Botschaft, der Bogenschütze, vermag den Teufels-Drachen, wie wir wissen, nur dann (aus den Herzen der Menschen) zu vertreiben, wenn Gottes Kraft gegenwärtig ist, d.h., wenn sie beide, den Prediger und den Zuhörer erfüllt. Was könnte also die Mittelhalbsäule anderes bedeuten als die menschgewordene, auf der Erde erschienene Gnade Gottes, folglich einmal mehr Christus selbst? Man beachte, dass es sich nicht um eine gewöhnliche romanische Säule handelt, sondern um eine durch das korinthische Kapitell mit der hervorstechenden Akanthusblüte als besonders kostbar gekennzeichnete Prachtsäule 25). Sie nur als Bildfeldteiler zu akzeptieren, verrät wenig Einfühlungsvermögen. Man beachte ferner, dass diese Säule nicht nur zwischen dem linken und dem rechten Viertelkreisfeld, zwischen Böse und Gut vermittelt, sondern dass sie auch Fussleiste und Bogen des 'Tympanons' verbindet, also Unten und Oben, oder

 

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im Verständnis jener Zeit: Erdboden und Himmelsgewölbe. Gerade dies aber hat der Erlöser durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung bewirkt, wenn er den Weg aus dem Reich des Bösen, dem irdischen ins Reich Gottes, ins Paradies wieder geöffnet hat. Ich werde später diese Bedeutung des Kreuzzeichens konkretisieren. Und am Beispiel der Taubandsäule in Griesheim, wo es vordergründig um das Golgatha-Geschehen geht, wird deutlich werden, dass Siegeskreuz, Lebensbaum und Triumphsäule in unserem Zusammenhang gleichwertige aber jeweils einen anderen Akzent setzende Zeichen für den einen siegreichen Christus, den Auferstandenen sind (siehe S. 103); die Symbolik der Säule ist schon in der Bibel so vielfältig angelegt, dass diese Deutung hier eigentlich nicht erstaunen sollte; es wäre möglicherweise interessant, die Mittelpfeiler an französischen Portalen daraufhin anzusehen (etwa das Westportal von Oloron-Sainte-Marie/Béarn). Mir scheint naheliegend, im Bild dieser Säule in solchem Zusammenhang den Triumphator, den siegreichen Christus im Himmlischen Jerusalem zu sehen; das dürfte unter anderen auch die „Illustration im Münchner 'Jerusalem-Manuskript' (Anhang Fig. 33) bestätigen, die Christus als 'Sonne der Gerechtigkeit' über dem auf einer Säule stehenden Siegeskreuz in der Himmelsstadt zeigt 26).

Und mit dem Gedanken des Siegers mag nun auch die Vorstellung vom vollkommenen Menschen, von Gefechten am Ende der Zeit in diesem Zeichen der Säule im Bogenfeld mitgedacht sein, wie Schriftauslegungen etwa von Hrabanus oder Alcuin nahelegen, selbst wenn sie, wie hier, eindeutig hinter der Grundbedeutung auf Christus zurücktreten – man denke an die Mittelschiff- und Portalgewändesäulen, die allegorisch für die 'Gerechten' des Alten und neuen Testaments, die Propheten und Apostel stehen können, und in Beaumais werden wir in vergleichbarer Weise sehen, wie das Himmlische Jerusalem aus den Bausteinen der vollkommenen Menschen aufgebaut ist. "Durch die Säulen werden die heiligen Engel ... die Apostel dargestellt ... durch die Säule auch Rechtgläubigkeit und Entschlossenheit in der Lebensführung, denn es heisst in den Königen: ER STELLTE ZWEI SAEULEN AN DEN EINGANG DES TEMPELS

 

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(1. Kön 7.21), was bedeutet, dass wir durch diesen Eingang nur dann eintreten können, wenn wir recht glauben und heilig leben. Die Säulen meinen auch die Tugenden der Seele, nach dem Psalmwort: ICH HALTE IHRE SAEULEN FEST (Ps 74.4), das heisst, ich stärke ihre inneren Tugenden" 27). In der Offenbarung wird diesbezüglich verheissen: WER SIEGT, DEN WERDE ICH ZU EINER SAEULE IM HAUSE MEINES GOTTES MACHEN, UND ER SOLL WAHRLICH NIEMALS MEHR HERAUSKOMMEN, UND ICH WERDE DARAUF SCHREIBEN DEN NAMEN GOTTES UND DEN NAMEN DER STADT GOTTES, DES NEUEN JERUSALEM, DAS AUS DEM HIMMEL HERABSTEIGT VON GOTT HER, UND MEINEN NEUEN NAMEN. WER EIN OHR HAT, DER HOERE, WAS DER GEIST DEN GEMEINDEN SAGT (Apk 3.12-13). Alcuin erläutert diesen Vers: "Das Haus Gottes ist die Kirche, nämlich in diesem Sinn: DER TEMPEL GOTTES IST HEILIG UND DER SEID IHR (1. Kor 3.17), weil nicht nur die Prediger, sondern auch die, die gut zuhören, über den 'alten Feind' triumphieren; so sagt dieser Vers, dass jeder, der zu siegen versteht, zu einer Säule im Hause Gottes gemacht werden wird" 28).

Am Portal der Kirche von Andlau im Elsass 29) sind beidseits des Tympanons, das die Uebergabe von Schlüssel und Gesetz an Petrus und Paulus zeigt, je eine Gestalt angebracht, ein Bogenschütze und ein Steinschleuderer. Meines Erachtens bringt es weniger, wenn man sie auf die Vögel in den Bäumen schiessen 'lässt', als wenn man in unserem Sinn mit Gregor den bereits zitierten Vers bei Hiob, nun aber vollständig, zugrundelegt: EIN PFEIL VERMAG DEN LEVIATHAN NICHT ZUR FLUCHT ZU ZWINGEN, UND ES VERWANDELN SCHLEUDERSTEINE SICH AN IHM IN STROHHALME (Hiob 41.19).

"Was ist mit der Schleuder anderes gemeint als die heilige Kirche?", sagt Gregor 30). Die Schleudersteine sind demnach die Kirchenlehrer, die allein das Böse nicht vernichten können. Dringen die durch sie verbreiteten Worte Christi aber mit Gottes Hilfe ins Innere des Menschen, beherzigt er sie, dann vermögen sie, wie wir bereits beim Bogenschützen gesehen haben, das Uebel aus dem Menschen zu vertreiben.

 

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Textabb. 6 GRAVEDONA

 

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in gewissen Fällen ist diese Lehre sogar in Form von kleinen 'Bildserien' wiedergegeben. An der Fassade von Santa Maria del Tiglio in Gravedona / Lombardei (Textabb. 6) sind als einziger Skulpturenschmuck fünf Mauerquader in schlichter Zeichnung reliefiert. Sie bilden zweifellos eine Einheit und lassen sich meiner Meinung nach folgendermassen sinnvoll deuten: Die teuflische Schlange, die rechts unten im Versteck lauert, hat eine Fallschlinge gelegt; das vierfach verschlaufte, vierteilige Band, das den Rhombus links über der Schlange umschlingt, sind die Versuchungen, die der Teufel auf der ganzen Erde ausbreitet um die Menschen irrezuführen. Diese Vierschlaufenform, die für das irdische - die vier Hauptwindrichtungen - steht, meint hier die Macht des Teufels, des 'Herrn der Welt', wie die in genau der gleichen Form geringelte Schlange zeigt. Die Erde ist als Rhombus gegeben (vgl. Anhang Fig. 38), er könnte, als ein auf die Spitze gestelltes Quadrat, in anderem Zusammenhang, etwa in einem Rautenfries, auch die 'Kurzform' für die Himmelsstadt sein (siehe S. 114ff.). Und genauso könnte das Vierschlaufenkreuz für die Vision des Paradieses auf Erden, den Garten Eden der Genesis stehen, wenn nicht dessen wesentliches Kennzeichen, die Lebensbäumchen an den vier Enden fehlten (siehe Flemmingen und Anhang Fig. 37). im Reliefzyklus von Gravedona sieht es aber wohl so aus: Der gläubige Mensch (Hirsch) wäre auf das vermeintliche irdische Glück vor seinen Augen (vierfache Schlinge auf der Erde) zuspringend, beinahe in diese Falle der 'alten Schlange' geraten, hätte ihn nicht im letzten Augenblick doch noch das zurechtweisende Wort Gottes gleich einem Pfeil aus dem Bogen des kirchlichen Schützen tief getroffen und ihn dazu bewegt, sich vom drohenden Unheil, dem vorgegaukelten Glück ab- und zur Wahrheit zurückzuwenden. Dies erlaubt ihm nun auch den wahren Trost zu erkennen, nämlich Christi Verheissung, dass der Mensch auf Erden nicht schutzlos den Versuchungen des Teufels ausgesetzt ist, denn er sagte: ICH BIN BEI EUCH, ALLE TAGE BIS ANS ENDE DER ZEIT (Mt 28.20): In diesem Sinn wird der Hirsch jetzt das über die ganze Erde (Rhombus) ausgebreitete Kreuz wahrnehmen. Und diesem Viereck fehlen auch nicht die Palmbäumchen; im Gegensatz zum Motiv rechts weist dasselbe Erde-

 

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Textabb. 7 BARDONE

 

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zeichen hier, wo es sozusagen durch den Namen Christi (X) zum geheiligten Zeichen wird, die entsprechenden 'guten Früchte' auf; anders gesagt: dem das Wort Gottes beherzigenden Gläubigen - für ihn steht, wie wir gleich sehen werden, der vom Pfeil getroffene Hirsch - erscheint schon auf der Erde etwas vom ersehnten Paradies: nicht zufällig erscheint das Lebensbäumchen genau zwölfmal, so, wie es in der Offenbarung angekündigt wird (Apk 22.1-2), ich werde bei Flemmingen darauf zurückkommen. Zu derartigen geometrischen Formeln, sowie zu Chi-Zeichen, Rhombus, Quadrat und Kreis im einzelnen hat V. H. Elbern die Grundlagen in der frühmittelalterlichen Kunst aufgearbeitet 31).

"Dein Weg aber sei Christus, so wirst du nicht in des Teufels Falle geraten", sagt Augustinus ohne Umschweife in seinen Ausführungen zu Psalm 90.3 32), so dürfte der Kirchgänger in Gravedona sein Fassadenbild wohl im wesentlichen auch verstanden haben. Der Hirsch kann in anderem Zusammenhang Christus selbst bedeuten 33), dieser Hirsch steht für den Menschen, der bereit ist, auf die Stimme Gottes zu hören. "Durch die Hirsche werden jene dargestellt, die sich von der Welt abwenden, gemäss dem Psalmvers: ER MACHT MEINE FUESSE DENEN DER HINDIN GLEICH UND STELLT MICH AUF DIE HOEHEN (Ps 17.34), damit ist gemeint, dass meine guten Werke vor dem Herrn gleich viel wert sind, wie die der Heiligen", ist bei Hrabanus zu lesen 34).

Ein sprechendes Beispiel für diesen Zusammenhang ist der stufenförmige Sturz an der Fassade ,von Santa Maria in Bardgone / Emilia-Romagna (Textabb. 7). Natürlich ist eine 'Jagd' dargestellt, in Anbetracht des Lammes mit dem Kreuzstab an diesem Ort aber doch wohl nicht einfach als Genre-Szene, sondern nach den bisherigen Erfahrungen zweifellos allegorisch zu deuten: Vom Treiber gejagt, vom Hund gehetzt flieht der Hirsch aufwärts, hinauf auf den Berg, wo der Bogenschütze darauf wartet ihn zu treffen, während zuoberst auf der Spitze des Berges das Lamm Gottes erscheint.

 

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Diesem Berg werden wir in Bietenhausen wieder begegnen und sehen, dass es sich um den Sionsberg nach Psalm 41 und 42 handelt. Der Treiber mit seinem Hund ist der Teufel, der den Menschen durch seine Nachstellungen zu Tode hetzen kann. Der Hirsch ist der Gläubige, der auf der Flucht vor dem Bösen Schutz bei Christus sucht, und der Schütze ist der Prediger Gottes, der diesem Menschen die Worte des Heils einpflanzen kann. Mit Hugo von Saint-Victor liesse sich sagen: "ICH HEBE MEINE AUGEN AUF ZU DEN BERGEN, VON DENEN MIR HILFE KOMMT (Ps 120.1). Die Berge sind die Apostel und Propheten, die Hirsche die wahrhaft gläubigen Menschen; die Augen zu den Bergen erheben heisst also beten nach dem Vorbild der Apostel" 35). Interessant ist dabei, dass der Teufel hier letztlich Gott gedient hat, indem er den Menschen 'in seine Arme' trieb. Honorius Augustodunensis legt eindrücklich dar, "auf welche Weise der Teufel Gott und das Böse dem Guten dient" 36): der Teufel sei von Gott zum geschäftigen Schmied auf dieser Erde gemacht worden, der in seiner Esse der Schrecken und Versuchungen die Auserwählten zu läutern habe, das Antlitz Gottes in ihren verschmutzten Gesichtern wieder zum Leuchten bringen müsse, was nur gelingen könne, wenn der Mensch durch die teuflischen Martern von Irreführung und Verfolgung hindurch gehe.

Hugo von Saint-Victor unterscheidet zwei Arten von Hirschen: die eine Art geht, nachdem sie die Schlange getötet - das Böse überwunden - hat zur Quelle des Lebens, um ihren Durst zu stillen (Apsis von San Clemente, Siehe Anm. 33), die andere Art tötet die Schlange und erklimmt dann - geläutert - den Berg, um die verheissene Nahrung zu erhalten: "... und nach dem Sieg erklimmt er den Berg, wo er gesättigt wird. So wird es auch jedem heiligen Menschen gehen, wenn er mit der Tugendhaftigkeit Christi den Teufel zu überwinden sucht, sobald er feststellt, dass dieser durch das Gift der bösen Einflüsterungen in ihn oder jemand anderen eingedrungen ist. Dann wird er, wenn er zum Berg Christus kommen und um Nahrung für die Seele bitten wird, diese auch erhaIten" 37).

 

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Eine wunderbare Dalmatica im Domschatz von Halberstadt zeigt auf dem Rückenteil den Lebensbaum und beidseits davon immer abwechselnd einen Sagittarius, und einen Hirschen mit dem Pfeil in der Brust (Anhang Fig. 4) - niemand wird sagen wollen, auf dem Priestergewand sei der Teufel dargestellt ... vielmehr doch wohl der Prediger Gottes!

 

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Textabb. 8 JACA

 

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2 DIE ZWEI WEGE: HEIL UND UNHEIL, DAS HIMMLISCHE UND DAS IRDISCHE

In diesem Teil möchte ich versuchen offenzulegen, wie die beiden Mächte, denen der Mensch in seinem Erdenleben unterworfen ist, zwischen denen er mit seinem freien Willen wählen muss, in den schlichten Bogenfeldern des 12. Jahrhunderts durch Figuren und Zeichen wiedergegeben werden. Wir werden dabei sehen, dass es auf der einen Seite die Symbole der Macht Gottes, also des Himmels, des Lichts, des Tages, der Stärke und Offenheit, der Wahrheit des Lebens, auf der anderen die Symbole des Bösen, also der Welt, der Dunkelheit, der Nacht, der Schwäche und Hinterlist, der Lüge und des Todes sind.

Das Tympanon am Westportal der Kathedrale von Jaca / Aragon (Textabb. 8) gehört zu den bedeutenden Werken nordspanischer Portalplastik am Beginn des 12. Jahrhunderts. Es ist das Hauptwerk dieses im ganzen Pyrenäengebiet verbreiteten Bogenfeldtyps 38), sein Stil und seine ausgewogene Komposition haben etwas Klassisches. Die grosse Tradition frühchristlicher Apsismosaiken ist noch unmittelbar lebendig, nicht nur in bezug auf das künstlerische Können, sondern auch was das geistige Wissen der Gestalter betrifft. Das zentrale Christussymbol, die grosse Christogrammrose ist direkt verwandt mit dem Siegeskreuz im Gemmenring in der Apsis von S. Apollinare in Classe bei Ravenna (Anhang Fig. 23). Die ausführlichen Inschriften, die bezeichnender Weise auch in Jaca nur das bestätigen, was aus den figürlichen Darstellungen herauszulesen ist, unterstreichen die Vornehmheit dieser Kathedralkunst. Dennoch zeigt der Vergleich, beispielsweise mit dem wenige Jahrzehnte später entstandenen Westportaltympanon der Kathedrale Saint-Lazare in Autun, dass Idee und Ausdruck in Jaca einem ganz anderen Bereich angehören - eben dem künstlerisch 'herberen Klima' der schlichten,

 

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jeden Einzelnen persönlich betreffenden gleichnishaften Bildsprache, die in repräsentativen Typen das Heil und das Unheil vor Augen hält, die nicht biblische Ereignisse ausmalt und Begebenheiten erzählt, wie die offizielle, die 'hohe Kunst der romanischen Epoche'. Es ist der Bereich, in welchem das 12. Jahrhundert gedanklich und künstlerisch bruchlos die Tradition der Frühzeit, des frühen Mittelalters und der karolingischen Epoche weiterführt, bereichert seit den Ottonen besonders im 'geometrischen' Bereich durch byzantinische Motive.

Selbstverständlich gibt es inhaltliche Parallelen, aber der Unterschied ist grundlegend: in Autun wird die Vorstellung vom 'Endgericht' erzählt, der Betrachter kann mitverfolgen, welches Schicksal einst jene erwartet, die ... In Jaca dagegen sieht jeder unwillkürlich sich selbst, er sieht seine guten und seine bösen Neigungen in allegorische Motive gefasst, und er sieht, was ihn nach dem irdischen Tod zum Lohn oder zur Strafe für seine Werke oder Taten erwarten wird. Je nach seiner Lebensführung wird er erhöht werden wie der arme Lazarus, weil er sich demütigte (Kniender) oder verstossen wie der stolze, wüste Prasser (Bär): DA BEGAB ES SICH, DASS DER ARME STARB UND VON DEN ENGELN IN ABRAHAMS SCHOSS GETRAGEN WURDE. DER REICHE ABER STARB EBENFALLS UND WURDE BEGRABEN. ALS ER IM TOTENREICH, MITTEN IN SEINEN QUALEN, SEINE AUGEN ERHOB, SAH ER ABRAHAM VON FERNE UND LAZARUS IN SEINEM SCHOSS (Lk 16.22-23). Der Gläubige, der unter dem Tympanon von Jaca in die Kathedrale eintritt, ist also wie in Autun aufgerufen, sich 'hier und jetzt' für das Gute zu entscheiden, dort ist er in die Masse Gleichgesinnter sozusagen eingebettet, hier sieht er sich allein vor den nachsichtigen oder aber den unerbittlichen Richter-Löwen gestellt. Die Vorstellung vom 'Endgericht' ist in Jaca mit jener vom 'Sondergericht' (Anm. 151) verknüpft, sie erscheint hier - das bestätigt die entsprechende Inschrift - im Motiv des vom rechten Löwen zertretenen Basilisken, dem Herrn des Todes. Und wie das ravennatische Triumphkreuz steht auch das Christogramm im Kreis von Jaca in doppeltem Sinn für den Sieger Christus. Es meint sowohl den Auferstandenen, der nach seinem Tod in der Hölle den Widersacher bezwungen, 'gefesselt'

 

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hat (wie das byzantinische Anastasis-Motiv es formuliert - vgl. auch Pforzheim), als auch den himmlischen König, der am Ende der Zeit auch über den 'letzten Feind' endgültig triumphieren wird 39). Georges Gaillard hat zu Jaca Wesentliches herausgearbeitet, aber er gelangt meines Erachtens vor allem deshalb nicht zu völlig überzeugenden Aussagen, weil er nicht genau beobachtet 40). Ich möchte deshalb mit dem folgenden Deutungsvorschlag von der richtigen Bewertung jedes Details ausgehen. Ueber dem Löwen links (vom Betrachter aus gesehen) steht als 'Ueberschrift': DER LOEWE WEISS DEN ZU SCHONEN, DER BEREUEND NIEDERFAELLT UND CHRISTUS UM GNADE BITTET 41).

Gaillard zitiert für die Charakterisierung dieses Löwen zurecht Hugo von Saint-Victor; bereits Isidor von Sevilla hat diesbezüglich ausgeführt: "Unter den Menschen ist die Natur der Löwen gutmütig, weil diese, wenn sie nicht gereizt werden, nicht zürnen können. Es offenbart sich nämlich ihre Barmherzigkeit an fortwährenden vorbildlichen Handlungen. Sie schonen nämlich die, die sich niederwerfen ..." 42). Dieser Löwe versinnbildlicht also Christus in seiner Barmherzigkeit, und die hier als sein Attribut beigefügte Schlange zwischen den Hinterläufen bezeichnet ihn als den weisen Gerechten, der durch seinen Kreuzestod die Menschheit gerettet hat, denn "Christus wird Schlange genannt wegen seines Todes und seiner Weisheit, nicht wegen ihrer Natur" 43). Das heisst, diese Schlange, die der sich Niederwerfende hält und anschaut (nicht bekämpft!) meint den alttestamentlichen Typus des Gekreuzigten, die 'Eherne Schlange', die Moses in der Wüste erhöhte, zur Rettung seines Volkes: WENN NUN DIE SCHLANGEN JEMAND GEBISSEN HATTEN UND DIESER DANN AUF DIE EHERNE SCHLANGE HINBLICKTE, SO BLIEB ER AM LEBEN (Numeri 21.9, siehe auch Jo 3.14). Genau unter dieser Szene beginnt auf der Grundleiste des Bogenfeldes die Inschrift mit: WENN DU LEBEN WILLST... Wie also die Israeliten in der Wüste vom Tod verschont blieben, wenn sie die erhöhte Schlange anblickten, so dürfen jene, die an Christus glauben und ihre Fehler bereuen, nach dem irdischen Tod auf seine Barmherzigkeit vertrauen: sie werden leben, das heisst,

 

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sie werden nicht jenem 'zweiten Tod', der qualvollen 'Reinigung' im 'Feuersee' verfallen. Der andere Löwe nämlich steht für den unerbittlichen Verurteiler des Bösen, für Christus, der den Teufel besiegt hat und endgültig über das Böse triumphieren wird. Der Löwe steht deshalb auf dem Schwanz des höllischen Basilisken, weil dort sein todbringender Stachel sitzt (vgl. die Vignette S. 16), und er tritt den Bären, das Symbol des Unreinen zu Boden. Die Inschrift darüber lautet: DER STARKE LOEWE ZERTRITT DAS REICH DES TODES 44). Paulus sagt zu dieser endzeitlichen Verheissung: DENN CHRISTUS WIRD ALS KOENIG HERRSCHEN, BIS ER ALLE FEINDE UNTER SEINE FUESSE GELEGT HAT. ALS LETZTER FEIND WIRD DER TOD VERNICHTET (1. Kor 15.25-26). Die bereits erwähnte Inschrift darunter bestätigt: WENN DU ZU LEBEN VERLANGST, DER DU IM GESETZ DES TODES GEFANGEN BIST, DANN KOMM DEMUETIG FLEHEND HIERHER, WEISE DIE VERDERBLICHEN SCHMEICHELEIEN ZURUECK, REINIGE DAS HERZ VON WANKELMUT, DAMIT DU NICHT DEN ZWEITEN TOD STIRBST 45).

'Im Gesetz des Todes gefangen sein' bedeutet eben, in dieser Welt der Beeinflussung durch den Teufel ausgesetzt zu sein und ihr, wenn das Herz wankelmütig ist, zu erliegen. Wer aber erliegt, wird 'den zweiten Tod sterben', darüber heisst es in der Offenbarung: ... UND DIE TOTEN WURDEN GERICHTET NACH IHREN WERKEN ... UND DER TEUFEL UND DIE HOELLISCHEN MAECHTE WURDEN IN DEN FEUERSEE GEWORFEN. DAS IST DER ZWEITE TOD, DER FEUERSEE. UND WENN JEMAND NICHT IM BUCH DES LEBENS VERZEICHNET GEFUNDEN WURDE, SO WURDE ER IN DEN FEUERSEE GEWORFEN (Apk 20.12-15). Wer glaubt, wird nach dem irdischen Tod leben, wer erliegt, wird 'den zweiten Tod' sterben. In diesem Sinn bezeichnet die Schlange den Löwen links auch als den Auferstandenen, der den Teufel bezwungen und die Glaubenden zu sich genommen hat, bezeichnet der Lebensbaum den Löwen rechts als den König im Reich Gottes, der am Ende über alles Böse triumphiert haben wird. Damit sind wir im Zentrum des Bogenfeldes: Die Christogrammrose steht wohl für diesen zweifachen Sieger Christus, für seine Auferstehung und - vorwegnehmend -

 

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für seinen Triumph am Ende der Zeit, dafür spricht in Jaca dreierlei: die Gesamtkomposition, die Bildtradition dieses Zeichens und die Inschrift auf der Glorie. Dem Löwen links, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, ist das Alpha am Christogramm zugeordnet, dem Löwen rechts, dem ewigen König und endgültigen Triumphator, das Omega.

Auf die Gerichtsschilderung folgt in der Offenbarung die Vision des Himmlischen Jerusalem, es heisst da: UND DER AUF DEM THRONE SASS, SPRACH ... ICH BIN DAS ALPHA UND DAS OMEGA, DER ANFANG UND DAS ENDE ... DER SIEGER WIRD DIES (DAS NEUE JERUSALEM) ZUM ERBEN EMPFANGEN ... ABER DIE UNREINEN UND DIE LUEGNER, ALLE HABEN IHREN ANTEIL AM PFUHL, ... DIESEM ZWEITEN TOD (Apk 21.5-8) - am Ende aber wird, wie am Anfang, Christus stehen, das Leben: So, meine ich, lautet die einfache Botschaft dieses Tympanons im Kern. Die Inschrift auf dem Kreis bestätigte dem Gebildeten 46) die Meinung des Zeichens: IN DIESER SCHRIFT WIRD DIR, DER DU LESEN KANNST, UND DICH BEMUEHST ZU VERSTEHEN, GESAGT, DASS Ρ DEN VATER MEINT, Α (UND Ω ) DEN SOHN ZWEIFACH BEZEICHNEN, UND DASS S FUER DEN HEILIGEN GEIST STEHT. DIESE DREI SIND JA EIN UND DERSELBE HERR 47).

Das Christogramm im Kreis, also im 'Siegeskranz', geht zurück auf das 'tropaion crucis' frühchristlicher Sarkophage (siehe Anhang Fig. 3). Es vereinigt dort, wie in Jaca, wie als Rosenfenster an einer Kathedrale in der einen Formel 'Heil die Welt' die ganze Erlösungsgeschichte - am bestechendsten wohl in der Apsis von S. Apollinare in Classe (Anhang Fig. 23). P (oder X PI), bezeichnet durch die Anfangsbuchstaben den heilbringenden Namen Christi, Alpha und Omega weisen ihn als den Anfang und das Ende der Schöpfung und der Erlösung aus, die Glorie, der ursprüngliche Siegeskranz, als Triumphator über Tod und Hölle. Die acht Blütenrosetten, bei Radfenstern die acht Speichen, beziehen sich auf die Auferstehung. Augustinus sagt am Schluss seines 'Gottesstaates': "Das siebte (Weltalter) aber wird unser Sabbath sein, dessen Ende kein

 

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Abend ist, sondern der Tag des Herrn, gleichsam der achte, ewige, der durch Christi Auferstehung seine Weihe empfangen hat und die ewige Ruhe vorbildet..."48). Diese in der Achtzahl begründete Symbolik der Auferstehung - ausgehend von Ostern als achtem, neuem Tag nach dem Sabbath, dem Ruhetag des Alten Bundes - liegt ja auch dem Taufritus, der das neue Leben 'vorbildet', zugrunde (Taufkirchen, Taufsteine, Brunnenbecken, usw.). Und der Kreis, das alte Symbol der Unendlichkeit und Vollkommenheit, bezeichnet hier die Vollkommenheit Gottes: Christus, den König im Himmlischen Jerusalem, der in Ewigkeit alles umfasst und lenkt (vgl. die Bildlegende S. 114). Dieser Kreis erscheint in den Weltdiagrammen bei Isidor oder Beda als sich in den Schwanz beissende Schlange (siehe Anhang Fig. 6), an Kirchenfassaden bis ins Spätmittelalter in der Form vielteiliger Rosen- und Radfenster. Ein künstlerisch erstrangiges Werk in dieser Art, das im Zentrum Christus als Allegorie des Zeit und Ewigkeit beherrschenden 'Jahres' (Annus) zeigt und das ganze Universum symbolisch aufschlüsselt, ist das Rosenfenster (um 1230) am südlichen Querhaus der Kathedrale von Lausanne 49). Interessant ist in unserem Fall auch die Himmelstafel der spanischen Beatus-Apokalypse von 975 im Kathedralarchiv von Gerona 50).

Ein Auszug aus dem Vortrag des Augustinus zu Johannes 3.19 soll den Abschluss der Betrachtung zum Tympanon von Jaca bilden: "DIES IST DAS GERICHT, DASS DAS LICHT IN DIE WELT KAM, UND DIE MENSCHEN LIEBTEN DIE FINSTERNIS MEHR ALS DAS LICHT, DENN IHRE WERKE WAREN BOESE (Jo 3.19) ... Aber SIE LIEBTEN, sagt er, DIE FINSTERNIS MEHR ALS DAS LICHT. Darauf hat er den Nachdruck gelegt; viele nämlich liebten ihre Sünden, viele bekannten ihre Sünden; denn wer seine Sünden bekennt und seine Sünden anklagt, der steht bereits auf seiten Gottes. Gott klagt deine Sünden an, wenn auch du sie anklagst, bist du mit Gott verbunden. Der Mensch und der Sünder sind gleichsam zwei Dinge. Was der Mensch ist, hat Gott gemacht, was der Sünder ist, hat er selbst gemacht. Vernichte was du gemacht hast, damit Gott rette, was er gemacht hat ... Laufet, damit nicht die Finsternis

 

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euch ergreife ... bleibet wach zu eurem Heile, bleibet wach, solange es Zeit ist; keiner lasse sich zurückhalten vom Tempel Gottes, keiner lasse sich zurückhalten vom Werke des Herrn, keiner lasse sich abhalten vom beständigen Gebete, ... Bleibet also wach, solange es Tag ist, es leuchtet der Tag, Christus ist der Tag. Er ist bereit zu verzeihen, aber nur denen, die in sich gehen; dagegen zu strafen diejenigen, die sich zur Wehr setzen und sich als gerecht rühmen und meinen, sie seien etwas, da sie doch nichts sind ..."51).

Vor diesem Hintergrund dürfte man nun bei genauem Hinsehen am Südportal der Stiftskirche von St. Lambrecht / Steiermark (Textabb. 9) ohne Schwierigkeiten feststellen, dass der Löwe am Kapitell des Gewändes rechts vom Eingang den Menschen, den er zwischen seinen Pranken hält, keineswegs, wie der Löwe auf der anderen Seite, verschlingen wird, was Kodolitsch vermutet 52). Vielmehr wird er ihn zwischen seinen Pranken bergen, ihn also schonen, gleich dem noblen Löwen von Jaca, denn ohne Zweifel steht er auch hier für Christus, der sich des reuigen Sünders erbarmen wird. Sein Gegenüber hingegen bedeutet hier wohl anders als dort den Teufel, der dem lasterhaften Menschen den Kopf abbeissen wird, denn "Der Kopf ist der Anfang der Versuchung", hält Hrabanus fest 53), indem er auf Hiob 20.16 verweist, wo vom Hochmütigen gesagt wird: DAS GIFT DER OTTER SOG ER EIN, DIE ZUNGE DER SCHLANGE WIRD IHN TOETEN. Die Bedeutung der Löwen ergibt sich hier bei genauem Betrachten also sowohl aus ihrer Tätigkeit, als auch aus ihrer Anordnung links und rechts vom Portal und unterhalb des Lammes mit dem Kreuzstab. Das Schema ist, wie wir bis jetzt gesehen haben, typisch für schlichte Portale, wobei ohne weiteres eines oder gar zwei der drei Elemente fehlen können: Gut und Böse, Glaubensfestigkeit und Wankelmut, Tugend und Laster, Licht und Finsternis, usw., sind in immer anderen allegorischen Figuren einander gegenübergestellt, und zwar am Fuss oder am Gewände des Portals, auf dem Türsturz, im Kämpferbereich, an den Orten also, die symbolisch das Irdische bezeichnen. Damit soll den Menschen vor Augen geführt werden, dass sie sich,

 

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Textabb. 9 ST. LAMBRECHT

 

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wir haben es gesehen, zu entscheiden haben, dass sie jetzt und immer wieder sich auf die Seite Christi stellen müssen, wenn sie einst ins Reich Gottes eingehen wollen, das ihnen im Tympanon verheissungsvoll entgegenleuchtet (Apk 2l.23).

Der Sturz im Rheinischen Museum in Köln (Textabb.10) dürfte, wie Wera von Blankenburg annimmt 54), vor der Jahrtausendwende entstanden sein. Inhaltlich möchte ich ihr aber nicht folgen, denn ich sehe auch hier nicht Christus zwischen zwei Vertretern der Hölle, sondern folgendes: Der Löwe zur Rechten der zentralen Figur steht für das Gute, den richtigen Weg, der Drache auf der anderen Seite für das Böse, die falsche Strasse irdischer Vergnügungen. Der Löwe versucht dem Menschen die Kraft Gottes zu vermitteln, er beschützt ihn; der Drache lauert ihm mit Versuchungen auf, er bedrängt ihn. Hrabanus beschreibt den Drachen unter anderem so: "Der Drache bedeutet diese Welt, denn in den Psalmen steht: DORT IST DER DRACHE, DEN DU GESCHAFFEN HAST, IHM SELBST ZUM SPIEL (Ps 103.26); Damit ist gesagt, dass wlr uns von den nichtswürdigen Ränke-Spielen dieser Welt nicht beeindrucken lassen sollen" 55). Die Figur in der Mitte meint, das scheint mir naheliegend, sowohl Christus als auch den Betrachter selbst, der sich am Erlöser orientieren soll: Christus war ja als Mensch immer wieder vom Teufel versucht worden und hat sich immer für Gott entschieden. Seine Standhaftigkeit im Glauben war bekanntlich die Bedingung für unsere Erlösung wie für seinen Triumph. Und nicht anders als in den bisher besprochenen Beispielen scheint auch hier in der zentralen Gestalt das dem Sieger verheissene Paradies auf. Christus, der ja auch als Mensch immer der Sohn Gottes war, ist durch das Strahlendiadem des himmlischen Königs ausgezeichnet, mit dem Christogramm im Kreis als Kenn- und Siegeszeichen. Diese Sonnenstrahlen - auch Blankenburg nennt sie so - schmücken auch das Christusbild im schon erwähnten Jerusalem-Manuskript (Anhang Fig. 33) und weisen ihn als Licht des Lebens aus. Die Parallele scheint mir offensichtlich und ich schlage vor, den Kern der Aussage des Kölner Sturzes mit Maleachi so auf den Begriff zu bringen: ABER EUCH, DIE

 

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Textabb. 10 KÖLN, RHEINISCHES MUSEUM

 

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IHR MEINEN NAMEN EHRT, WIRD DIE SONNE DER GERECHTIGKEIT AUFGEHEN UND HEIL IST IN IHREN STRAHLEN (Mal 3.20).

Dass der Löwe auf diesem Sturz brüllt und die Zähne zeigt, muss in unserem Zusammenhang nicht beirren, denn das mag Ausdruck seiner Stärke sein und dem Gegenüber, dem Drachen gelten. Die Bedeutung einer einzelnen Geste, ich erinnere daran, wird meist erst im Zusammenhang klar, und dasselbe Motiv kann hier eines, dort ein anderes meinen - wir werden das bei Bietenhausen, Hamersleben und Knook sehen.

Am Portal von St. Mary and St. David in Kilpeck / Herefordshires 56) sitzt am Kapitell der linken Rahmensäule ein Drache mit mehrfach gewundenem Schwanz, während ihm gegenüber, rechts vom Eingang, ein mächtiger Löwenkopf Rebenranken aus dem weit geöffneten Maul spriessen lässt. Diese Weinranken sind der untrüglichste Beweis seiner lebensspendenden Göttlichen Kraft - ich verweise auf Grosslohra (S. 64) - dies wird umso deutlicher, als dieselben rebentragenden Zweige den Lebensbaum im darüberliegenden Bogenfeld als Symbol der Dreieinigkeit auszeichnen. Wie zur Bestätigung sind an der inneren Bogenstirn ein rankenspendender Löwenkopf und ein gleichgestalteter schlangenspeiender Kopf als die Quellen des Lebens und des Todes einander gegenübergestellt 57).

Ungewöhnlich deutlich sind die beiden auf den Menschen einwirkenden Mächte im Bogenfeld der Nikolauskapelle von Wartenberg bel Erding / Bayern (Textabb. 11) in ihrer gegensätzlichen Wirkung herausgestellt.

Der Lebensbaum in der Mitte neigt sich mit dem einen, blühenden Zweig der Krone nach rechts, dem Löwen zu und zeigt damit wohl eindeutig, dass dieser der Vertreter Christi, DER WEG, DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN (Jo 14.6) ist. Auf der anderen Seite steht der Drache und lässt durch die blosse Berührung mit der giftigen Zunge den anderen Ast des Baumes verkümmern. Wie schon der Paradiesbaum durch die List der 'alten Schlange' zum Baum des Todes geworden ist für den Menschen (Genesis 3), so wird immer die Lüge des Teufels alles Leben-

 

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Textabb. 11 WARTENBERG

 

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dige töten. "Der Drache hat nämlich ein kleines Maul und offene Nüstern, durch die er den Atem einsaugt und die Zunge herausstreckt ... Er hat sein Gift nicht in den Zähnen, sondern in der Zunge, weil er aufgrund seiner verruchten Kräfte durch Täuschung irreleitet, wen er an sich zu ziehen vermag", sagt Hugo von Saint-Victor 58). Der Pfeil als Bild einer gespaltenen Zunge kennzeichnet den Teufel in ganz ähnlicher Weise am Portal der Kirche Saint-Laurent in Dorlisheim / Elsass (Anhang Fig. 14). Der Löwenkopf auf dem Schlussstein über der Bogenstirn wird dort nicht Christus selbst, sondern den Gläubigen meinen, der seinen Blick auf den Erlöser heftet um die Anfeindungen, die gleich von beiden Seiten auf ihn eindringen, heil zu überstehen. In Dorlisheim unterscheidet nichts die beiden Drachen, die Macht des Todes steht hier, in senkrechter Entsprechung, der Macht des Lebens, dem rankenspendenden Göttlichen Kopf gegenüber. Dass Oben und Unten hier vertauscht sind, ergibt sich aus der Anlage des Portals, die Vertrautheit jener Menschen mit diesen Themen wird sie auch da nicht vom Verstehen abgehalten haben. Eine ganz ähnliche aber viel reicher ausgestaltete Heilsverheissung für den die Bedrängnis des irdischen Lebens siegreich überstehenden Menschen führt das ehemalige Portaltympanon der Klosterkirche von Rheinau / Zürich vor (Reinle, wie Anm. 16, Fig. 1).

Die folgenden Beispiele werden lehren, dass oft nur ein ganz kleiner Unterschied darüber Aufschluss gibt, ob von zwei Löwen der eine auf Christus, der andere auf den Teufel gedeutet werden muss, und zurückdenkend an die Löwen von Jaca und St. Lambrecht wäre zu fragen, ob nicht auch die berühmten italienischen Portallöwen, Greifen, usw., allenfalls da und dort mit Gewinn gegensätzlich zu deuten wären. Wir werden nämlich sehen, dass selbst der Drache unter Umständen für Christus stehen kann (z.B. Hamersleben).

 

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Textabb. 12 MURBACH

 

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Das künstlerisch ansprechende, feingliedrige Bogenfeld am Südportal der ehemaligen Klosterkirche von Murbach / Elsass (Textabb. 12) zeigt in einem inneren Kreissegment zwei gegenständige Löwen, die sich auf den ersten Blick nicht voneinander unterscheiden. Bei genauerem Hinsehen ist aber erkennbar, dass der rechts stehende die Zunge heraushängt, während der andere sein Maul geschlossen hält. Man wird sich nicht wundern, wenn ich in Verbindung mit dem bei Wartenberg Gesagten zum Schluss komme, die Zunge verrate die Drachennatur dieses Löwen, der, was für den Teufel ja typisch ist, im übrigen täuschend echt die Gestalt des Christus-Löwen annimmt, um Törichte zu verführen. Dass die Gläubigen jener Zeit aber genau wussten 'wes Geistes Kind' diese Bestie ist, dürfen wir annehmen; auch Hugo von Saint-Victor schildert die Verwandlungskünste des Widersachers ausführlich 59). Der Mensch ist auf der Erde - dem innersten Bereich - den Täuschungen des Bösen ausgesetzt, wie auch von der Schutz und Trost bietenden Gnade Gottes - anwesend im echten, dem wahren Löwen Christus - umgeben. Und dem, der sich auf Christi Seite schlägt und nicht irreführen lässt, dem verheissen die fruchttragenden Weinranken, die sich rund um Himmel und Erde - das innere Bogenfeld - ziehen, dass er überall vom Reich des Lebens umgeben ist, weil Christus, der 'wahre Weinstock', durch seinen Kreuzestod und seinen Sieg über den Satan ja auch im Reich des Todes sein hoffnungverheissendes Licht verbreitet hat (Höllenfahrt), weil Christus Himmel und Erde umfasst. Es ist das ewige Leben in Christus, das Leben des neuen Bundes, das den oberen Teil des Tympanons umschliesst. Der untere, durch eine Leiste klar abgetrennte Bereich mit dem doppelten Lotosfries mag dagegen, das stelle ich zur Diskussion, die Zeit davor, den Alten Bund symbolisieren, ist es doch kein Zufall, dass es sich um lauter fünfblättrige Blüten handelt, wie ja der Kern des Alten Testaments, das Gesetz, in den fünf Büchern Moses festgehalten ist - ich werde bei Hamersleben darauf zurückkommen 60).

 

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Textabb. 13 BIETENHAUSEN

 

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Was ich vorne für die vorhallentragenden Tiergestalten an italienischen Kirchenportalen gesagt, liesse sich vermutlich auch für die paarweise angebrachten Löwenköpfe sagen, die seit dem Frühmittelalter als Türöffner zum Hauptschmuck von (bronzenen) Kirchentüren gehören; auch sie dürften, entsprechend den Türflügeln, gegensätzlich zu deuten sein.

Angesichts des Bogenfeldes von Bietenhausen bei Haigerloch / Baden-Württemberg (Textabb. 13) wird man nun kaum mehr mit Emil Bock einiggehen, dass hinter dieser Darstellung "keine bestimmte Ordnung ... kein bewusster Sinn" 61) stehe. Das Bogenfeld wurde beim jüngsten Umbau des Kircheneingangs restauriert und rechts oben unter dem Dach neu eingemauert. Bei dieser Gelegenheit dürfte die nur noch teilweise zu entziffernde Umschrift ein wenig nach heutigem Geschmack verunklärt worden sein, indem aus E EMINA (für te eminatur = er droht dir) FEMINA (Frau) gemacht wurde, alte Aufnahmen zeigen die richtige Schreibweise 62). Während die Grundleiste zu stark beschädigt ist, um die Schrift sinnvoll zu ergänzen, scheint sie mir auf dem Bogen in naheliegender Weise zu warnen: SUENDIGER MENSCH, ER DROHT DIR, DEM LIEBHABER DES TODES. Die Umschrift bestätigt einmal mehr die Aussage des Bildes für jene, die es auf etwas vornehmere Art zu lesen liebten. Der, der droht, ist der linke Wolf, das Abbild des Teufels, des Todes, nämlich des Leviathan nach Hiob 40 und 41. Dabei zeigt sich auch hier, dass für die Deutung mittelalterlicher Kunstwerke unbedingt die zeitgenössische, also lateinische Bibelübersetzung herangezogen werden muss, weil die modernen deutschen Texte oft zu weit vom ursprünglichen Wortlaut weggehen und beispielsweise dort, wo es um Aussagen über den Teufel geht, hie und da etwas verharmlosen. Das wird in unserem Fall, bei Hiob 41.21 (kath. 41.22) besonders deutlich. Genau übersetzt lautet dieser Vers: UNTER IHM (DEM LEVIATHAN) WERDEN DIE STRAHLEN DER SONNE SEIN UND ER LAGERT SICH AUF GOLD WIE WENN ES DRECK WAERE 63). Das bestätigt doch einfach mit blumigen Worten, dass der Teufel alles Leuchtende (Sonnenstrahlen) verfinstert und das geistig Wertvolle (Gold) missachtet. Gregor gibt in

 

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seiner 'Morallehre zu Hiob' eine aufschlussreiche Erklärung zu diesem Vers, sie hilft uns, den Geist des Bietenhausener Tympanons zu erfassen, wenn wir die drei Zacken unter dem linken Wolf als Sonnenstrahlen (vgl. Anhang Fig. 3) und das ringförmige Gebilde unter seinem Vorderbein als goldenes Gefäss verstehen: "Was soll also an dieser Stelle durch die Strahlen der Sonne ausgedrückt werden, wenn nicht der Scharfsinn der Weisen? Denn viele, die im Licht der Weisheit, das von der Kirche ausgeht, zu erstrahlen scheinen, werden dann entweder von Fehlurteilen gefangen genommen, von Drohungen erschreckt oder durch Foltern geschwächt. In solchem Zwiespalt unterliegen sie dem Teufel, so dass zurecht gesagt wird: UNTER IHM WERDEN DIE STRAHLEN DER SONNE SElN" 64). Das heisst, so fährt Gregor weiter, dass durch die Macht des Widersachers selbst jene geschwächt und verdorben werden können, die ursprünglich das Licht der Sonne ausstrahlten, also die Worte Christi verkündeten. Es heisst dann bei ihm weiter: "Das Gold wird verdüstert, so wie in der fortwährenden Finsternis des Unrechts die Schönheit der Gerechtigkeit vergessen wird. Die schönste der Farben verblasst, so wie die strahlende Unschuld in hässliche Schuld verkehrt werden kann ... Durch den Dreck wird nun das Verlangen nach dem Schmutz der Wollust ausgedrückt, daher sagt der Psalmist: ENTREISSE MICH DEM SCHLAMM, DAMIT ICH NICHT UNTERGEHE (Ps 68.15). Im Schlamm stecken bleiben heisst also, von den schmutzigen Wünschen fleischlicher Lüste verdreckt zu sein ... So oft wie der Teufel also auf Gold wie auf Dreck herumtritt, so oft gelingt es ihm, die Enthaltsamkeit der Gläubigen in den Lastern des Fleisches untergehen zu lassen" 65). Von diesem Wolf also, sagt Hugo von Saint-Victor: "Der Teufel trägt seine Züge, weil er beständig die Gemeinschaft der Gläubigen umkreist um sie auszuhungern, damit sie so ihre Seelen verliere" 66). Da er täglich auf der Erde herumgeht, ist diese Gefahr allgegenwärtig. Dieses 'täglich' ist im linken Viertelkreisfeld durch Sonnen- und Mondsymbol - sechsstrahlige Rosette und kleiner Ring - dargestellt, die ja jeden Tag über der Erde 'aufgehen'. Ueber die Symbolik der Sonne und der Gestirne werde ich beim folgenden Beispiel (Hildrizhausen) ausführlich

 

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sprechen, hier sollen als Bestätigung von den neunzehn Bedeutungen der Sonne, die Hrabanus aus Schriftstellen herausliest, nur zwei angeführt werden: "Die Sonne ist die Gegenwart, wie die Psalmen sagen: BEVOR DIE SONNE WAR, IST SEIN NAME (Ps 71.17), was bedeutet, dass Gott vor aller Zeit und unveränderlich  i s t" 67). Das heisst, die Sonne steht hier im Gegensatz zum Ewigen für das Zeitliche, Vergängliche und dürfte in diesem Fall sogar Attribut des teuflischen Wolfes sein, denn sie kann, wie Hrabanus bestätigt, auch für "die

Hitze der Versuchung" (wie Anm. 67) stehen, wenn man von Leviticus 12.7 ausgeht: NACH DEM SONNENUNTERGANG IST ER (DER ISRAELIT) WIEDER REIN. Entscheidend ist nun aber das sehr deutlich durch einen starken Quersteg von der übrigen Szene abgetrennte rechteckige Feld mit den drei Chi-Kreuzen über dem Kopf des linken Wolfes. Es bedeutet wohl nichts anderes als das Paradies 68), den Ort der Dreieinigkeit, das Himmelreich aus dem Luzifer einst gestürzt wurde, zu dem er keinen Zugang mehr hat, das er nicht einmal mehr zu sehen vermag, wie die starke Leiste über seinem Kopf eindrücklich klar macht. Der Mensch aber, der diesem schleichenden Verführer - er hat zur Täuschung einmal mehr die gleiche Gestalt angenommen wie Christus - entkommen möchte, hat eine Chance, wenn er sich angesichts des Wolfes richtig verhält. Der Volks(aber)glaube lehrt, dass ein Mensch, wenn er den Wolf nicht zuerst erblickt, die Sprache verliert und dann nicht standhalten kann, weil er nicht um Hilfe zu schreien vermag. Hugo von Saint-Victor nimmt dieses 'Märchenwissen' auf und zeigt den einzig möglichen Weg aus der Not: "Was tun? Dieser Mensch soll seine Kleider ablegen, mit dem Fuss Steinchen vom Boden lösen und sie in der Hand schütteln. Und was geschieht? Der Wolf, seiner Kühnheit beraubt, flieht, und der Mensch, vor dessen Arglist bewahrt, wird frei sein wie zuvor. Das muss aber geistig verstanden und im höheren, allegorlschen Sinn ausgelegt werden. Denn was ist mit dem Wolf gemeint, wenn nicht der Teufel, was mit dem Menschen, wenn nicht das Menschengeschlecht, was mit den Kleidern, wenn nicht die Sünden, was mit den Steinchen, wenn nicht die Apostel, die Heiligen und unser Herr Jesus Christus selbst?" 69),

 

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Das Himmelreich, aus dem Luzifer und dann die von ihm beeinflussten 'ersten Menschen' gestürzt wurden, ist bekanntlich durch die Menschwerdung Christi, durch seinen Erlösertod  i n  d i e s e r  W e l t, wieder geöffnet worden. A l s M e n s c h hatte Christus wiederholt den Versuchungen des Teufels zu widerstehen: in der Wüste (Mt 4.1-11), auf dem Oelberg (Mt 26.38-44) und am Kreuz (MEIN GOTT, MEIN GOTT, WARUM HAST DU MICH VERLASSEN?, Mt 27.46). Jedesmal hat er den Versucher, der ihm geistig erschien, durch seinen unerschütterlichen Glauben an den Vater zurückgewiesen - so dass er zuletzt sagen konnte: ES IST VOLLBRACHT (Jo 19.30). Hier liegt nun der Schlüssel zum Verständnis des rechten Wolfes in Bietenhausen als Sinnbild Christi, des Erlösers. Denn der Wolf ist wie der Drache eine der allegorlschen Figuren, die üblicherweise keine positiven Eigenschaften haben und in gewissen Fällen dennoch für Christus stehen können 70). Die - mittelalterliche - Gedankenführung, die das erlaubt, ist ebenso verblüffend wie im Grunde konsequent: Die Wolfsgestalt Christi zeigt einfach an, wo er sich befindet, nämlich auf der Erde: im Bereich des irdischen, den Menschen gleich geworden, hat er den Teufel überwunden. Er besiegte ihn bzw. seine Versuchungen unter anderem am Oelberg, und er 'fesselte' ihn nach seinem Kreuzestod in der Hölle, um dann ins Reich Gottes zurückzukehren und 'die Seinen' mitzunehmen. Das scheint mir in den unfigürlichen Zeichen auf der rechten Seite aufgezeigt: Der Christus-Wolf übersteigt den Berg, den man hier wohl eben als Oelberg bezeichnen kann, als Berg der Versuchung, und er lässt damit das irdische, die Welt gleichsam unter sich. Diese ist nicht durch die vier Himmelsrichtungen, sondern durch fünf Zonen wiedergegeben, wie man sie u.a. bei Isidor finden kann (Anhang Fig. 7 und Anm. 49). Am Oelberg erschien, wie gesagt, der Teufel einmal mehr als Versuchung für Christus. Deutlichen Ausdruck davon geben die Klage: MEINE SEELE IST BETRUEBT BIS IN DEN TOD (Mt 26.38) und die Mahnung an die schlafenden Jünger: WACHET UND BETET, DAMIT IHR NICHT IN VERSUCHUNG FALLET (Mt 26.41). Dieser Berg ist also zum einen ein Zeichen für den Teufel. In diesem Sinn interpretiert z.B. Hrabanus den Berg (mons) unter anderem

 

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als den Widersacher, indem er auf Matthäus 17.20 verweist, wo Christus die Jünger tadelt, weil ihr Kleinglaube es ihnen verunmöglicht zum Berg zu sagen: HEBE DICH HlNWEG 71). Der Berg steht zum andern aber auch für die Dreieinigkeit, denn am Oelberg war ja auch Gottvater durch seinen Heiligen Geist bei Christus um ihn zu stärken, ihm Trost zu geben - daher die Dreiecksform des Berges. Hrabanus sagt denn auch an der eben zitierten Stelle in der Auslegung von Habakuk 3.3: "Der Berg ist der himmlische Vater". Für den Menschen nun, der auf der Erde gegen die Nachstellungen des Bösen ankämpft, ist damit zum Trost gesagt, dass er in seiner Anstrengung von Gottes Geist gestützt wird, dass Christus nicht nur, wie im linken Teil des Feldes oben gezeigt, im Himmel ist, sondern auch auf der Erde ihn innerlich führt. So steht der Berg in Bietenhausen zum dritten für die Vision des Paradieses. Hrabanus sagt: "Der Berg ist die himmlische Heimat, in dem Sinne wie der Psalmist sagt: ... ZU DEINEM HEILIGEN BERG MICH FUEHREN (Ps 42.3), das heisst zu jenem Himmlischen Jerusalem" (wie Anm. 71). Dieses im Bild des Berges aufscheinende neue Paradies ist hier erkennbar am Zackenfries, der in diesem Zusammenhang ein verbreitetes Zeichen, eine Kurzform für die Mauer der Himmelsstadt bzw. ihre Zinnen ist. Ich habe andernorts im Zusammenhang mit dem Bogenfeld von Owingen (siehe Anhang Fig. 8 und 44) versucht, diese Form herzuleiten 72), und ich werde bei Kelso auf dieses Motiv zurückkommen, das mancherorts über die Portale hinaus auch Arkadenbögen und Gewölberippen von Kapellen wie Kathedralen als Elemente 'himmlischer Architektur' kennzeichnet. Es bleiben noch die Gestirnsymbole im rechten Viertelkreisfeld zu deuten. Sie stehen für Sonne, Mond und Sterne, also für das Universum, für das Reich Gottes schlechthin. Diese geistige Heimat des Menschen hat der Wolf rechts, also der wahre Christus wieder geöffnet, durch ihn ist sie dem - siegreichen - Menschen einst ohne Hindernis zugänglich, kein Steg trennt rechts die Himmelssphäre vom Bereich des Wolfes ab, wie auf der anderen Seite das verschlossene Paradies des Alten Testaments. Links ist also die Seite des Sündenfalls, des Bösen, des irdischen, rechts demgegenüber die Seite der Erlösung, des Heils, des 'neuen, ewigen Jerusalem'.

 

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Textabb. 14 HILDRIZHAUSEN

 

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Dementsprechend muss das grosse Gestirn links als 'weltliche' Sonne angesprochen werden, während es rechts für die wahre, die geistige Sonne steht, beidemal aber, das darf nicht vergessen werden, ist sie ein Teil der Göttlichen Schöpfung. Ihre sechs 'Blütenblätter' bilden den Namen Christi, das Christogramm, das uns in anderer Form in Jaca begegnet ist. Als achtblättrige Rosette erscheint die Sonne mit dem Strahlenkranz beispielsweise in einer spanischen Beatus-Apokalypse mit der Beischrift: 'Hier verfinstert sich die Sonne...' (Apk 6.12 - Anhang Fig. 9). Isidor charakterisiert sie in seiner Naturbeschreibung folgendermassen: "lm geistigen Sinn ist die Sonne also wahrlich Christus, denn von ihr schreibt Malachias: EUCH ABER, DIE IHR AN MICH GLAUBT, WIRD DIE SONNE DER GERECHTIGKEIT AUFGEHEN UND IHRE STRAHLEN WERDEN EUCH HEILEN (Maleachi 3.20) 73). Setzt man zu dieser Verheissung (anagogischer Sinn) die oben mit den Worten Hugos von Saint-Victor wiedergegebene Ermahnung, den angreifenden Wolf durch Ablegen der Sünden und durch bedingungsloses Gottvertrauen in die Flucht zu schlagen (tropologischer Sinn), so ist, wie ich denke, das Bogenfeld von Bietenhausen als äusserst präzise, wohlgeordnete Botschaft auch in unserer Zeit noch durchaus lesbar.

Wenige Kilometer davon entfernt ist sozusagen eine 'Kurzfassung' in Stein gehauen, allerdings nur was das Formale betrifft, denn inhaltlich bringt dieses weit verbreitete Motiv wesentlich neue Aspekte hinzu. Das Tympanon der ehemaligen Stiftskirche St. Nicomedes in Hildrizhausen bei Böblingen / Baden-Württemberg (Textabb. 14) ist an der Südseite über einer Holztüre hervorragend plaziert. Das nicht ganz halbkreisförmige Feld wird durch zwei dicke senkrechte Halbrundstäbe in zwei Viertelsegmente unterteilt, in denen je eine Blütenrosette in mächtigem Kreiswulst den Raum ausfüllt. Die Rosette im rechten Feld weist acht, durch einfache Muldung und Mittelader ausgezeichnete Blütenblätter auf, die andere neun schmuckvollere, doppellagige Blätter. Das gerade bei Bietenhausen Ausgeführte, ein Vergleich mit Anhang Fig. 9 oder mit den unzähligen Bogenfeldern, in denen diese Symbole, meist ein Christuszeichen

 

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flankierend, vorkommen 74), lassen erahnen, dass es sich um die Darstellung der beiden Hauptgestirne Sonne und Mond handelt. Je nach Zusammenhang können sie aber auch allgemein für Tag und Nacht, für Helligkeit und Finsternis, für Lichtquelle und Abglanz, für Himmel und Erde oder auch für Christus und die Kirche (als Gemeinschaft der Gläubigen) stehen. Formal sind sie vom antiken Kaiserkult herzuleiten, sie waren die Attribute der universellen Macht des römischen Gott-Kaisers 75). Inhaltlich wird dieser Gedanke auf Christus übertragen und durch die frühmittelalterliche Elfenbeinkunst weitervermitteit, immer aber im spezifischen Sinn von Christus als dem Anfang und dem Ende der Schöpfung, als dem Herrn über Zeit (Mond) und Ewigkeit (Sonne), über Tod und Leben, als Sieger über das Böse (der Mond ist das Gestirn der Nacht) und Garant des Guten, des 'neuen Tages'. In diesem umfassenden Sinn ist Christus als Annus in der Rose von Lausanne (siehe Anm. 49) von Sonnen- und Mond-, Erd- und Meersymbol, usw. begleitet, in derselben Bedeutung auch auf der berühmten St. Ewaldidecke (Anhang Fig. 10) von Tag (DIES) und Nacht (NOX).

Besonders eindrücklich zeigen die Kreuzigungsbilder die biblische Quelle dieses Motivs: GOTT IST UNSER KOENIG VOR ALLER ZEIT, HEIL IST GEWIRKT MITTEN AUF DER ERDE ... DEIN IST DER TAG, DEIN DIE NACHT. DU HAST DIE LEUCHTEN DES HIMMELS GEMACHT UND DIE SONNE. DU BESTIMMTEST DIE ENDEN DER ERDE, HAST SOMMER UND WINTER GESCHAFFEN (Ps 73.12,16,17). Immer steht die Sonne - auch wenn die historische Golgatha-Szene gemeint ist - zur Rechten, der Mond zur Linken des Erlösers (siehe Anhang Fig. 11). Es gilt also, so scheint es mir folgerichtig, festzuhalten, dass die meist sechs- bis zwölfblätterige Rosette bzw. das Rad als Sonnensymbol für den Auferstandenen selbst stehen (Rosenfenster) 76), dass sie ihm als Attribut beigegeben sein kann (dann meist zusammen mit dem Mond), oder aber, damit kehre ich zu Hildrizhausen zurück, dass sie eine oder mehrere von Christi Eigenschaften versinnbildlichen kann: Licht, Wärme, Leben, Tugendhaftigkeit und, wie oben gezeigt, Ewigkeit und Vollkommenheit.

 

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Demgegenüber steht dann die Mondrosette im letzten Fall als Zeichen für das irdische, das nicht aus eigener Kraft Leuchtende, also auch für den Menschen, für Kälte, Tod und Sündhaftigkeit, für das Zeitliche und Unvollendete 77).

Die Bildaussage dürfte sich etwa so in Worte kleiden lassen: 'Meide die Finsternis des Lasters, fliehe das vergängliche irdische Glück, du wirst nur den Tod gewinnen. Wende dich vielmehr auf die andere Seite, Christus zu, bemühe dich, im Licht der Tugenden zu leben, strebe nach dem höheren, ewigen Leben, das dir verheissen ist, wenn du dich im Kampf gegen das Dunkle bewährt haben wirst.'

Innerhalb gewisser Grenzen - es ist nicht mehr leicht zu sagen, wo ein mittelalterlicher Künstler peinlich genau sein wollte und wo er allenfalls 'fünfe grad sein' liess - geben uns die Anzahl der Blütenblätter bzw. der Speichen eines Rades Hinweise darauf, welche der Eigenschaften im jeweiligen Zusammenhang gemeint sein können. So dürften in Querfurt / Sachsen die das Triumphkreuz flankierenden siebenblättrigen Rosetten für die Tugenden und die Laster stehen 78). Deutlicher wird das noch am Beispiel des byzantinische Tradition verratenden Bogenfeldes von Neuwiller / Elsass (Anhang Fig. 12); auch dort wird das Gemmenkreuz von zwei siebenblättrigen Rosetten flankiert, sie sind nun aber durch Details näher bezeichnet: jene zur Rechten des Kreuzes (vom Betrachter aus links) besitzt einen sechsteiligen Kern, sie steht wohl zugleich für die Sonne und für die sieben Tugenden, während die andere, mit einfacherer Blüte versehene Rosette entsprechend für den Mond, das Gestirn der Nacht und für also die sieben Laster stehen mag. Dementsprechend schlage ich vor, in Hildrizhausen in der rechten Rosette (zur Linken eines gedachten zentralen Christussymbols) mit ihren acht bescheidenen Blättern in diesem Fall das Symbol des Mondes, des irdischen zu sehen, in der anderen, durch neun schmuckvolle Blätter ausgezeichneten, das Zeichen für das Himmlische, das Reich des Lichtes. Die Erde wird in der Regel durch die vier Hauptrichtungen der Windrose dargestellt, weil vier im allgemeinen die Zahl der Erde ist, im besonderen je nach dem Zusammenhang die Zahl des Himmlischen

 

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Jerusalem (Apk 21.16), wie wir im Teil 3 sehen werden. Jedes Vielfache von vier kann folglich immer noch das irdische bedeuten, nämlich die acht-, sechzehnteilige Windrose, usw.; oder aber die vier Jahreszeiten + die vier Elemente = acht + die vier Winde = zwölf, usw. Wie das zeichnerisch aussieht, veranschaulichen etwa die Illustrationen Bedas (Anhang Fig. 6) oder Isidors (Anhang Fig. 13). in Wechselburg lässt sich beispielsweise nachvollziehen, dass drei (Dreieinigkeit) und vier (Erde) zusammengenommen (multipliziert) auch zwölf ergibt und dass darin etwas Paradiesisches aufscheinen kann (Apk 21.14). Die Achtzahl, in Jaca die Auferstehung meinend, kann hier nach dem bisher Gesagten also ohne weiteres die Welt und ihre Finsternis, die Sünde meinen, von der es sich abzuwenden gilt. Die neunblättrige Rosette im anderen Teilfeld, das Zeichen des Ewigen, Klaren, Guten, mag dann für die neun Engelchöre, die neun Stufen der Engelwelt stehen. Hrabanus ordnet in eine seiner achtundzwanzig Figuren zum 'Lob des heiligen Kreuzes' unter anderem auch die neun Engeltypen in Kreuzform an und drückt damit aus, dass durch das Kreuz, das zum "Heil der Welt" geworden ist, "auch die Heerscharen der Engel ... in der Klarheit des ewigen Lichts wohnen ... (und ) den Sieg des ewigen Königs rühmen, die Grösse seines Triumphes verkünden ... Diese Engelscharen sind nun in neun Ordnungen eingeteilt, wie uns die Heilige Schrift anvertraut, nämlich in Engel, Erzengel, Gewalten, in Mächte, Kräfte, Hoheiten, in Throne, Cherubim und Seraphim" 79). Der Vermittler nun, zu dieser Himmlischen Welt, ist in direktem Sinn für den einfachen Menschen wie für den gebildeten Mönch und den adligen oder kirchlichen Auftraggeber jener Zeit natürlicherweise ein Heiliger, in besonderem Masse (durch die Reliquienverehrung) der jeweilige Kirchenpatron. Das bedeutet im Fall von Hildrizhausen: Die Bitten um Beistand im täglichen Leben und um die Gnade Gottes im allgemeinen richteten sich in dieser Kirchgemeinde zunächst wohl vor allem an den Heiligen Nicomedes - dieser würde, darauf konnten sie sich verlassen, die berechtigten Anliegen schon weitertragen damit den Bittenden der Göttliche Segen zukomme. Daraus spricht ein Wissen um die Aufgaben der Engelswelt, das sich, zumeist eingeschränkt auf die 'Schutzengel', bis heute wenigstens

 

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in Ahnungen erhalten hat 80). In unserem Fall bringt einmal mehr die teilweise erhaltene Umschrift die Bestätigung: DIESER STEIN IST GESCHMUECKT WORDEN ... IN HOECHSTER VEREHRUNG FUER NICOMEDES (Bogen) ... DIESEN SOLL EIN JEDER AUS TIEFSTER SEELE INSTAENDIG BITTEN (Grundleiste) 81).

Am Beispiel des Portals von Kilpeck (siehe Anm. 56) konnte ich oben zeigen, wie auf der einen Seite vom Eingang am Türgewände der Drache als Verführer lauert, während gegenüber Christus, symbolisiert durch einen rankenspendenden Löwenkopf, den richtigen Weg weist und auf das im Jenseits liegende Ziel hinzuführen sucht, welches dort im Tympanon durch einen dreiästigen Lebensbaum vorgebildet ist. Dieses typische Programm eines schlichten Portals ist in Grosslohra / Sachsen (Textabb. 15) auf das Bogenfeld reduziert und mit besonderer Vorliebe für eine fast mathematisch klare Darstellung wiedergegeben - diese Klarheit ist nebenbei ein Stilmerkmal vieler mitteldeutscher Bogenfelder, Sankt Gangolf in Grosslohra und das folgende, Sankt Pankratius in Hamersleben sind zwei herausragende Beispiele: Im Zentrum des Feldes entspriessen dem Pantherkopf Efeuranken, die sich nach beiden Seiten über den Bildgrund verteilen. Ueber ihm formen sie eine dreiblättrige Blüte, ein Trinitätssymbol, das gleich einer Geisttaube oder der Rechten Gottes 82) diesen Pantherkopf als Christus ausweist, durch dessen Bild ja Gottvater als die Quelle allen Lebens versinnbildlicht ist (Jo 14.6,7). ln der linken Ecke, also zur Rechten des Gottessymbols, gibt ein Löwenkopf dieselben Efeuranken von sich, wie in der gegenüberliegenden Ecke der Kopf einer Aspisschlange. Und beide von unten kommenden sind in die von oben herabreichende Ranke verschlungen, so dass auf den ersten Blick ein einziges Geflecht zu bestehen scheint. Der Ursprung der verschiedenen Ranken, die dennoch alle gleich aussehen, ist nur auszumachen, wenn man genau hinsieht, bzw. hinhört, denn eines der Efeublätter wächst dem Löwen ins rechte Ohr hinein, während die Aspisschlange gar keine Ohren hat um auf irgendetwas zu hören, was eben ihr Merkmal ist: Sie bezeichnet die Eigenschaft des Teufels bzw. des verstockten Menschen, nicht auf

 

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Textabb. 15 GROSSLOHRA

 

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Gottes Wort hören zu wollen oder sich die Ohren zu verschliessen um die Wahrheit nicht hören zu müssen 83). Deshalb kann die Schlange nur scheinbar dieselben Ranken spenden wie der Panther- und der Löwenkopf, das heisst, ihre Reden sind scheinheilig. Demgegenüber steht im Löwen der menschgewordene Christus, bzw. der verständige, sich bemühende Mensch, der sein Ohr den Worten Gottes zuneigt, es in sich aufnimmt und segenbringend weiterverbreitet - die dem Löwenkopf entspringenden Ranken haben also tatsächlich dieselbe Qualität wie die vom Panther ausgehenden: sie bedeuten das Leben, sie sind Wahrheit.

Dieses Motiv des Rankenspenders wird uns im folgenden verschiedentlich begegnen, denn. es gehört zu den beliebtesten Mitteln dieser Kunst, um zu zeigen, wie das Leben aus Gott, das Verderben aus dem Teufel entspringt. Dabei ist bezeichnend, ich werde darauf zurückkommen, dass der Widersacher hier, wo er als listige Schlange erscheint, seine Lügen als Wahrheit (Efeu) tarnt. Wo er aber, wie etwa in Elisabethenberg bei Waldhausen (Anhang Fig. 15) offen als gewalttätiger Löwe dem Christus-Löwen gegenübertritt, dort tarnt er sich nicht, dort setzt er den Göttlichen Weinranken seine teuflischen Schlingen, seine Fallstricke entgegen.

In seiner 'Etymologie' sagt Isidor vom Sohn Gottes: "Er ist sein Mund, weil er sein Wort ist" 84), und er erklärt in den 'Sentenzen' dazu: "Der Mund Gottes ist sein aus ihm geborener Sohn. Durch den Mund Gottes kann also das Wort dargestellt werden ('Logos') ... so wie andererseits durch die Schlange der Tod bildlich dargestellt wird, der im Paradies durch den Abfall (von Gott) bewirkt wurde. Dementsprechend sind mit dem Mund des Teufels seine Reden gemeint ... Es handelt sich dabei um die Methode, die durch die Ursache das Bewirkte veranschaulicht" 85).

So zeigt diese Stelle bei Isidor, wie das Mittelalter im konkreten Gegenstand (Mund) immer bereits den abstrakten Begriff (gesprochenes Wort) mitdenkt. Daraus folgt für die Bildkunst, dass beispielsweise die züngelnde Schlange nicht nur den Teufel selbst meint, sondern darüber

 

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hinaus auch schon die vergiftende Wirkung seiner Lügen, wie wir in Wartenberg gesehen haben. Insofern gehören Bogenfelder wie das von Grosslohra innerhalb der schlichten Beispiele eben zu den besonders kunstvollen, weil sie den abstrakten Begriff nicht nur mitmeinen, sondern damit 'arbeiten'. Dennoch ist das gerade nicht eine intellektuelle Abstraktion, sondern eine allegorische, denn das gesprochene Wort wird nicht durch ein Spruchband dargestellt, sondern in ein Bild (spriessende Ranke) umgesetzt. Die künstlerische Tradition folgt dabei einfach der biblischen Ausdrucksweise. Christus sagt z.B. im Johannes-Evangelium hintereinander: ICH BIN DER WEG, DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN (Jo 14.6) ... ICH BIN DER WAHRE WEINSTOCK ... IHR SEID DIE REBZWEIGE (Jo 15.1,5). Wenn also die mittelalterliche Bildsprache, um einfach und eindringlich zu bleiben, für den Erlöser und damit für die Dreieinigkeit den Panther einsetzt, so liegt nichts näher, als für seine heilbringende Botschaft das von der Bibel angeregte Bild der Wein- oder Efeuranke zu wählen. Die Efeuranken in Grosslohra stehen also für das lebendige Wort Gottes (Panther), für die Worte und Werke des auf Christus hörenden gläubigen Menschen (Löwe) und für die verführerischen Scheinwahrheiten des Bösen und seiner Opfer (Aspisschlange). Alle drei Bedeutungen dieser Allegorie sind verbreitet, je nach Zusammenhang steht die eine oder andere im Vordergrund, selten sind sie so deutlich zusammengewoben wie im Bogenfeld von St.Gangolf. In den Sprüchen Salomons ist am unmittelbarsten in Worte gefasst, was hier wohl gezeigt werden will 86): MEIN SOHN, NIMM AN MEINE WORTE, BEWAHR DIR MEINE GEBOTE. INDEM DU DER WEISHEIT DEIN OHR NEIGST, DER EINSICHT ZUWENDEST DEIN HERZ ... DENN WEISHEIT VERLEIHT NUR GOTT; AUS SEINEM MUNDE KOMMT ERKENNTNIS UND EINSICHT ... EIN QUELL DES LEBENS IST DER GERECHTEN MUND, DER FREVLER MUND HINGEGEN BIRGT GEWALTTAT ... MIT DEM MUNDE WILL DER GOTTESFEIND DEN NAECHSTEN VERDERBEN; DOCH DIE GERECHTEN RETTEN SICH DURCH EINSICHT ... EIN LEBENSQUELL IST DIE LEHRE DES WEISEN, VON DES TODES SCHLINGEN SICH FERN ZU HALTEN ... EINE QUELLE DES LEBENS IST DIE VERHERRLICHUNG GOTTES (Spr 2.1,2,6; 10.11;

 

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11.9; 12.14; 14.27). Was wir in den Sprüchen nachlesen können, was die christliche Kunstübung seit den Anfängen in Symbole einbettete, konnten die sächsischen Bauern im 12. Jahrhundert aus dem Bogenfeld ihrer Kirche herauslesen. Bedas 'Allegorische Auslegungen der Sprüche Salomons' widerspiegeln solches Verständnis: "... UND AUS SEINEM MUNDE KOMMT WEISHElT UND EINSICHT. In diesem Vers kannst du jene Geburt der unauslöschlichen und ewig mit Gottvater vereinten Weisheit sehen, von der andernorts gesagt wird: ALS ERSTGEBORENE GING ICH AUS DEM MUND DES ALLERHOECHSTEN HERVOR UND BEDECKTE DIE ERDE (Jesus Sirach 24.3)" 87) - vgl. das Motiv in Dorlisheim (Anhang Fig. 14), es ist sehr häufig auch auf Kapitellen anzutreffen, in ausgewogener Form beispielsweise in Payerne/Fribourg.

In diesem Sinn hat der 'Physiologus', jene Sammlung spätantiker Fabeldichter, der am Beispiel von Tieren die Eigenschaften Christi oder des Teufels verständlich machte 88) den Panther als Sinnbild des Erlösers hergeleitet. Ich möchte deshalb die entsprechende Stelle des Physiologus zitieren, wähle dazu aber den Kommentar des Hugo von Saint-Victor um zu zeigen, dass die Erzählung des 2. Jahrhunderts tausend Jahre später noch immer im selben Sinn verstanden wurde 89): "Und weil der Panther ein vielseitig begabtes Tier ist, bedeutet er Christus, der von unfassbarer Weisheit und doch ganz einfach, gut, sanftmütig, stark und fest ist ...

Und wie der Panther, wenn er gesättigt ist, ruhig wird und schläft, so hat auch unser Herr Jesus Christus, nachdem er von den Juden mit Verleumdungen, Geisselhieben, ... Dornen gesättigt und schliesslich ans Kreuz geschlagen wurde ... geschlafen und geruht. Anschliessend ist er dann in die Hölle hinabgestiegen um jenen grossen Drachen, den schlimmsten Feind des Menschengeschlechts, nämlich die alte Schlange, zu fesseln 90). Und wenn nun jenes Tier am dritten Tag nach seiner Sättigung und seinem Schlaf aufsteht, mächtig brüllt und Wohlgeruch seinem Mund entströmen lässt, so versinnbildlicht es wieder unsern Herrn Jesus Christus, der am dritten Tag von den Toten auferstand, ... seine Stimme erhob, damit die ganze Erde sie höre und seine Worte bis an die Enden

 

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des Erdkreises drangen und sagte: FREUT EUCH, HABT MUT UND FUERCHTET EUCH NICHT: ICH HABE DIE WELT BESIEGT (Jo 16.33). Und weiter sagt der Herr: VATER, DIE DU MIR GEGEBEN HAST, HABE ICH BEHUETET (Jo 17.12). ICH GEHE ZU MEINEM UND EUREM VATER, ZU MEINEM UND EUREM GOTT UND ICH WERDE WEITERHIN ZU EUCH KOMMEN UND EUCH NICHT VERWAIST ZURUECKLASSEN (Jo 14.28,18). Ebendies sagt er auch am Ende des Evangeliums: SEHT, ICH BIN BEI EUCH, ALLE TAGE, BIS ZUM ENDE DER WELT (Mt 28.20). Was könnte also lieblicher und schöner sein als der Wohlgeruch der Worte (Efeu!) unseres Herrn Jesus Christus? Und er ist deshalb so lieblich, damit alle seine Stimme hören, die zwar durch Glauben und Werke ihm nahe, durch ihre Schwächen aber dennoch von ihm entfernt sind. Erfüllt vom lieblichen Duft suchen wir seinen Ausgangspunkt und der Spur folgend finden wir ihn, so dass wir mit dem Propheten ausrufen können: DEINE REDE IST MEINEM GAUMEN SO SUESS, MEINEM MUNDE SUESSER ALS HONIGI! (Ps 118.103), oder mit dem Weisen im Hohelied: DEINE OELE SIND KOESTLICH AN DUFT ... LASST UNS IHNEN NACHEILEN (HL 1.3,4). Und gleich darauf sagt dieser Weise: DER KOENIG FUEHRT MICH IN SEINE GEMAECHER, JAUCHZEN WOLLEN WIR UND UNS FREUEN MIT IHM! (HL 1.4). Wir müssen also, um es kurz zu machen, den duftenden Oelen nachziehen, die aus der Quelle Christus strömen, um so vom Irdischen zum Himmlischen zu gelangen, damit uns der König in seinen Palast führt, ins Himmlische Jerusalem, in die Stadt des Herrn der Heerscharen und auf den Heiligen Berg. Und dann können auch wir jauchzend ausrufen: HERRLICHES WIRD VON DIR VERKUENDET DU STADT GOTTES! (Ps 86.3). WIE WIR GEHOERT, SO HABEN WIR NUN GESEHEN, IN DER STADT DES ALLMAECHTIGEN (Ps 47.9)" 91).

 

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Das bereits erwähnte Bogenfeld vom Südportal der ehemaligen Stiftskirche St. Pankratius von Hamersleben / Sachsen (Textabb. 16) gehört meines Erachtens zu den grossartigsten Schöpfungen christlicher Portalkunst: Es enthält den Kern der Heilsgeschichte in vollendet klarer Form. Jedes Kind könnte es nicht nur verstehen, sondern sogar nachzeichnen. Darüber hinaus ist es von hoher künstlerischer Qualitat in seinem geradezu klassisch anmutenden Stil, in der ausgewogenen, didaktisch richtigen Komposition und in der äusserst feingliedrigen plastischen Durchgestaltung 92).

Nach dem bisher Gesagten scheint es mir nicht mehr nötig, umständlich herzuleiten, warum auch hier in den beiden Drachen nicht zweimal der Teufel dargestellt sein kann. Nicht anders als in Murbach die beiden Löwen und in Bietenhausen die beiden Wölfe, sind auch hier die beiden Drachen unmissverständlich unterschieden: Die Ranke, die aus dem Mund des links stehenden Drachen entspringt, trägt eine Frucht, die andere trägt keine, der links stehende Drache ist folglich (!) der Erlöser, der andere der Teufel. Kühnel 93) geht in seinem Ansatz davon aus, wenn er die fruchttragende Ranke als den auferstehenden Christus bezeichnet. Er lässt sie aber "aus dem Schlund der Hölle" kommen und beachtet nicht, dass die Hölle, die dann im linken Drachen personifiziert wäre, auf diese Weise Christus 'verschlungen' haben müsste, um ihn derart wieder herausgeben zu können. Das ist natürlich ein Unsinn, auf den im 12. Jahrhundert wohl niemand gekommen wäre, denn Christus war immer, auch in seinem Tod, der Sieger, die Hölle hat ihn nicht verschlungen, sondern er ist - als Ueberlegener - in sie hinabgestiegen um anschliessend zu auferstehen. Ebendeshalb kann der linke Drache auch nicht etwa den Teufel meinen, wie der Rechte, denn aus dem Teufel, also dem Tod, könnte niemals das Leben, die Weinranke hervorgehen. Sondern aus Christus, der als L e b e n d i g e r im Tod, das heisst also in der Hölle war, ist durch seine Auferstehung das neue Leben hervorgegangen. Der linke Drache kann nur der Erlöser sein, der in der Hölle den Widersacher besiegt hat und dann auferstanden ist. Er allein, Christus, ist das Leben, der Weinstock aus dem frucht-

 

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Textabb. 16 HAMERSLEBEN

 

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Einfügung: Hamersleben Stiftskirche St. Pankratius südliches Seitenschiff Portaldetail Foto 2014

 

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tragende Rebzweige spriessen können, wie wir wissen. Der Teufelsdrache dagegen hat nur noch die Möglichkeit, seine verführerischen Lügen zu verbreiten, durch die Weinranken, die auch seinem Maul entspringen, das Leben vorzutäuschen. Die Drachengestalt Christi hat hier, nicht anders als die Wolfsgestalt in Bietenhausen, zunächst wohl einfach die Aufgabe, den geistigen Ort des Geschehens, die Hölle, in der sich Christus im dargestellten Geschehen befindet, zu bezeichnen. Diese für jene Zeit offenbar ganz natürliche Darstellungsweise kann vielleicht durch folgende Ueberlegung etwas näher gebracht werden: Unser Wesen bleibt immer dasselbe, es ist für uns nicht vorstellbar, auf dieser Erde aber erscheint es in menschlicher Gestalt. Das Wesen Christi ist bekanntlich erst recht nicht erfassbar, die Künstler hatten deshalb seit jeher die Aufgabe, es in entsprechender Form wenigstens einfühlbar werden zu lassen.

So ist es eben möglich, den Erlöser im Himmel als Gemmenkreuz, auf Erden als Mensch, in der Hölle als Drache zu begreifen - wusste doch auch damals jeder, dass damit nur die jeweils 'naheliegendste' äussere Gestalt gemeint war.

Ich habe gesagt, Christus und der Teufel stünden im Bild von Hamersleben in der Hölle. Dieser Bereich ist innerhalb des Bogenfeldes, das ja das gesamte Universum, die Schöpfung Gottes versinnbildlicht, als Kreissegment durch starke Stege von den anderen Zonen getrennt. Einzig oben in der Mitte bleibt eine kleine Oeffnung frei, aus ihr heraus ist Christus einfürallemal auferstanden, durch sie gelangt aber auch das Böse immer wieder auf die Erde zur Versuchung des Menschen. Unterhalb dieses höllischen Bereiches befindet sich, völlig abgeschlossen, also vollendet, die 'alte Welt', nämlich die des Alten Gesetzes, des Alten Bundes. Die sechs Lotosblüten stehen wohl für das Sechstagewerk der Schöpfung im Alten Testament. Es ist durch Christi Sieg über den Tod vom Neuen Gesetz, dem Neuen Bund abgelöst worden, bekanntlich aber ohne dadurch 'ersetzt', vielmehr um erfüllt zu sein (Mt 5.17-19). Das wird dadurch verdeutlicht, dass die dreiblättrigen Blüten zwischen den Lotospalmetten erscheinen und so mit Nachdruck auf den Schöpfer

 

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hinweisen. Der Alte Bund, so ist hier vorgeführt, bildet die Grundlage alles Folgenden. Denn das Geschehen in der Hölle, das geschichtlich die Nahtstelle zwischen Altem und Neuem Gesetz ist, und das in Hamersleben auch graphisch in der Mitte liegt, ist heilsgeschichtlich betrachtet eben jener "Siebte (Tag der 'Ruhe' Christi im Grab) ... dessen Ende kein Abend ist, sondern der Tag des Herrn, gleichsam der achte, ewige, der durch Christi Auferstehung seine Weihe empfangen hat und die ewige Ruhe vorbildet ...94). Und dieser achte Tag nun, der Neue Bund, ist hier zweifellos im äussersten Teil des Bogenfeldes wiedergegeben, im Bereich der Ranken auf der Erde, wie ich versucht habe zu zeigen. Denn der achte Tag ist ja noch nicht die ewige Ruhe, er bildet sie nach Augustinus nur vor. Dieser Bereich hat zwar die Form des Himmelsbogens und umfasst alles andere, gehört aber dennoch nicht zum Himmel, weil die Menschen in diesem Bereich, wie durch die Ranken gezeigt wird, nur zum Teil den Weg des Guten einschlagen und Frucht bringen, zum andern Teil aber sich täuschen lassen uııd dem Bösen folgend unfruchtbar bleiben. Rückblickend zeigt es sich, dass das Tympanon von Murbach nicht nur im Formalen, sondern auch inhaltlich sehr nahe kommt. Es ist deshalb hier an eine direkte künstlerische Verbindung innerhalb des Staufferreiches sehr wohl zu denken, was aber noch nicht die Tätigkeit derselben Werkstatt an beiden Orten beweist 95).

Der Auferstandene als Quell des neuen Lebens steht in Hamersleben noch in der Hölle, es ist kein verbreitetes Bild und deshalb in dieser Form für uns nicht mehr unmittelbar einleuchtend. Vergleicht man das Motiv aber mit den traditionellen Darstellungen dieses Typus, so dürfte die Verbindung deutlich werden: Beim Neubau der Kapelle von Saint-Quentin bei Vaison-la-Romaine / Vaucluse im 12. Jahrhundert (Schiff erst im 17. Jh.) wurde eine merowingische Platte über der Türe als Sturz eingebaut (Anhang Fig. l7); sie zeigt in frühchristlicher Manier genau diesen auferstandenen Christus (Gemmenkreuz) als den Quell, den Kelch des Lebens, aus dem die Rebenranken zum Heil der Menschen wachsen - siehe dazu auch Brugg (S. 124). Dasselbe meinen die Triumphkreuze, aus deren Mitte die Ranken des Lebens wachsen, wie etwa an der Bronzetür

 

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des Westportals am Dom von Troia / Apulien (Anhang Fig. 18) leicht zu sehen ist 96).

ICH BIN DER WEINSTOCK, IHR SEID DIE REBZWEIGE. WER IN MIR BLEIBT UND ICH IN IHM, DER BRINGT VIELE FRUCHT ... WENN EINER NICHT IN MIR BLEIBT, WIRD ER HINAUSGEWORFEN WIE DER (UNFRUCHTBARE) REBZWEIG, UND VERDORRT (Jo 15.4-6). Solche Verheissung, solche Warnung aber auch, will offensichtlich das Bogenfeld von Hamersleben dem Betrachter mitgeben. Dass der fruchtlose Zweig durchaus in diesem Sinn verstanden werden darf, bestätigt einmal mehr Hrabanus, der zum Begriff Weinstock und Rebzweige (vitis) auch Schriftstellen anführt, die nicht auf Christus gehen: "Der Rebstock/ Rebzweig ist jeder Verdorbene nach Jeremia: ICH HATTE DICH DOCH ALS EDELREBE GEPLFANZT ... WIE HAST DU DICH ZUM BITTERLING VERWANDELT, DU ENTARTETER WEINSTOCK (Jer 2.21), das will sagen: wie bist du vom Guten und Heiligen zum Bösen und Verkehrten geworden? " 97).

Was bei Jeremias zunächst auf das Volk Israel bezogen ist, lässt sich in Hamersleben offenbar von Luzifer selbst, dem einstigen 'Lichtträger', wie von den seiner Verführung erlegenen Menschen sagen. Ueberdeutlich sind auch hier die beiden Wege aufgezeichnet. Es ist besonders interessant, das in derselben Region entstandene Heilige Grab von Gernrode in der ehemaligen Stiftskirche (Anhang Fig. 19), bzw. den oberen Teil einer Langseite dieses Grabes mit den Bogenfeldern von Grosslohra und Hamersleben zu vergleichen. Ein schmaler Streifen aus Weinranken zieht sich an der Kante um die Schauseite herum. Jeweils in der Mitte aller vier Teilstreifen ist ein Menschenkopf angebracht, der nach beiden Seiten hin Ranken aus dem Mund entlässt, also redet, und in beide Ohren Ranken einfliessen lässt, also hört. In den vier Ecken schauen jeweils zwei ähnliche Schlangenköpfe hervor wie in Grosslohra, die ebenfalls Ranken aus dem Mund gehen lassen, also den Menschen in der Mitte redend beeinflussen.

 

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Bei genauer Beobachtung fällt nun auf, dass jeweils die aus dem Menschenmund entspringenden und jene, die aus dem Schlangenmaul hervorkommen, durch eine Art Klammer miteinander verbunden sind, ganz ähnlich winden sich ja in Grosslohra die Ranken umeinanderherum; es soll also deutlich gemacht werden, dass sich der Mensch jeweils mit beiden Quellen dieser Ranken verbindet, bzw. von ihren Worten beeinflusst wird. Der Schlangenkopf in der linken Ecke des oberen Streifens, also auf der rechten Seite des Menschen, entlässt scheinbar dieselbe Weinranke wie der gegenüberliegende, bei beiden zeigt sich auf halber Strecke zum Menschen eine Traube. Der entscheidende Unterschied liegt nun aber darin, dass der erstere durch eine direkt beim Kopf liegende Frucht ausgezeichnet ist, während sie beim letzteren fehlt, das ist kein Zufall, denn es ist auf allen vier Seiten gleich - man ahnt wie ich deuten möchte: die Frucht beim Kopf ist gleichsam das Attribut des Erlösers, er hat das Leben, der Widersacher auf der anderen Seite hat es nicht, er täuscht es nur vor; der Mensch in der Mitte täte gut daran, das zu erkennen und seine Verbindung nach der Linken hin abzubrechen, diese Warnung scheint auf einem Grab, also angesichts des Todes nicht unvermittelt ...

Wie sind nun aber Drache und Schlange als Christussymbole zu erklären?, was ist der tiefere Sinn der offenbar dahinter stehen muss? Einige Väterstellen mögen das erläutern. Ich habe im Zusammenhang mit der attributiv dem Löwen beigegebenen Schlange in Jaca auf Isidor hingewiesen (Anm. 43). Eine Grundeigenschaft der Schlange für mittelalterliches Empfinden ist ihre Klugkeit (Physiologus; Anm. 88), die aber kann sich als Weisheit oder als List äussern, je nachdem ob Gradheit oder Falschheit (Mt l0.16) ihre Triebfeder ist. Bei Hrabanus wird die Doppeldeutigkeit der Schlange noch anders begründet: "Die Schlange ist Christus, denn im Buch Numeri heisst es: MACH DIR EINE EHERNE SCHLANGE (Num 21.8), denn in ihr erschien Christus im Kleid der Sünde, obwohl er das Gift der Sünde nicht besass ... Die Schlange ist der Teufel, weil Isaias sagt: DAS BROT DER SCHLANGE IST DER

 

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STAUB (Is 65.25), denn jene, die auf Erden gegen den Herrn sich entscheiden (di-ligunt), die füttern den Teufel, dass heisst, die sind sein Frass" 98). Und der Unterschied zwischen der Schlange und dem Drachen ist nur ihre Rangstufe, wie Hugo von Saint-Victor von Isidor ausgehend erklärt: "Der Drache ist (nämlich) die grösste aller Schlangen" 99). Hat man sich in dieses allegorische (gleichnishafte) Denken einmal etwas eingefühlt, so wird einem plötzlich klar, dass es für jene Menschen völlig selbstverständlich war, je nach dem Zusammenhang in der Schlange, dem Wolf, dem Löwen, usw., entweder den Teufel oder Christus zu sehen. Mochten sie auch nicht wissen, dass Christus sich in Johannes 3.14 selbst mit der ehernen Schlange verglich, so vermochten sie, vor dem konkreten Bild stehend, es doch mit ihrer Glaubenserfahrung zu verbinden, wenn man ihnen mit Augustinus erklärte: "Was sind die beissenden Schlangen? Die aus der Sterblichkeit des Fleisches stammenden Sünden. Wer ist die erhöhte Schlange? Der Tod des Herrn am Kreuze ... Der Biss der Schlange ist tödlich, der Tod des Herrn ist lebensspendend ... Jetzt wollen wir, um von der Sünde geheilt zu werden, auf Christus, den Gekreuzigten schauen ... Wie diejenigen, welche zur Schlange emporblickten, durch die Bisse der Schlangen nicht umkamen, so werden die, die im Glauben den Tod Christi vor ihren Augen haben, von den Bissen der Sünden geheilt. Aber jene (die Israeliten) wurden vom Tode errettet um das zeitliche Leben zu haben, uns aber verheisst Christus: ... DAMIT SIE DAS EWIGE LEBEN HABEN (Jo 3.16)" 100).

 

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Textabb. 17 KNOOK

 

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Machen wir zum Abschluss dieser Thematik die Probe: Das Bogenfeld am ehemaligen Portal der Kirche St. Margaret in Knook / Wiltshire (Textabb. 17) zeigt rechts einen Löwen - kenntlich an den Pranken und an der Zeichnung des vorderen Oberschenkels, und links einen Drachen, die in den Ranken eines nach beiden Seiten hin ausladenden Baumes sich verschlungen haben. Sie beissen offensichtlich in dessen Zweige, nicht um ihn zu zerstören - dafür ist in dieser Zeit das Bild der Wurzelnager oder des Ebers nach Psalm 79.14 gebräuchlich 101) - sondern um sich daran zu laben. Mit diesem rankenden Baum kann denn auch nichts anderes als der Weinstock Christus gemeint sein, wie an einem anderen Bild dieses Typs deutlicher wird: Das bereits gotische, um 1240 entstandene Bogenfeld vom Nordportal des Doms von Halberstadt / Sachsen (Anhang Fig. 20) zeigt zwei Drachen, die sich auf dieselbe Weise vom Saft des Rebstocks nähren, mit unterschiedlichem Erfolg, wie wir sehen werden.

Das Beispiel von Knook lässt keinen Zweifel daran, dass die Quellen dieser Darstellung in der angelsächsischen Buchmalerei zu suchen sind 102), man könnte sagen, es sei die 'irische Art' sich geistig zu ernähren, während das Motiv der traubenessenden Hirsche von Rheinau 103) aus der 'klassisch-vornehmen Tradition' herzuleiten sind, aber genau dasselbe meinen: der Weinstock steht, wie der Kelch von Saint-Quentin, für die Quelle des Lebens; dem, der gläubig daraus trinkt, wird dies zum ewigen Leben gereichen. Im Fall der Hirsche uııd Tauben von Rheinau, wo ausdrücklich die Gläubigen, die Frommen, bzw. ihre Seelen gemeint sind, wird bereits die Erfüllung der Verheissung vorgeführt, hier in Knook und Halberstadt handelt es sich um den Weinstock, den Gott auf der Erde gepflanzt hat (Ps 79.15,l6), also wie gesagt um Christus, der Mensch wurde um den Menschen zum Heil zu verhelfen. Dementsprechend bedeuten die Löwen und Drachen in diesem Zusammenhang zweifellos die Menschen auf dieser Erde, die strebsamen wie die verstockten, da Christus bekanntlich für alle gestorben ist. Wie wir oben gesehen haben, will die Drachengestalt auch hier den geistigen Ort des Geschehens, die Erde, das Weltliche, das dem Einfluss des Bösen

 

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ausgesetzte 'Bewährungsfeld' bezeichnen. In Knook dürfte also der Löwe rechts für den Menschen stehen, der das Wort Gottes gläubig aufnimmt und Frucht bringen wird, während der Drache den Wankelmütigen meint, der vergeblich vom Weinstock trinkt, weil er keinen Glauben hat, weil, bildlich gesprochen, die Drachennatur in ihm überwiegt. Richtig beobachtend scheint sich mir das in Halberstadt zu bestätigen: Der Baum ist als Weinstock Christus ausgezeichnet, durch die dreiteilige Krone und die Blüte in der Wurzel (Baum Jesse). Der Drache rechts bezeichnet den Wankelmütigen, dem die Gestalt des Todes weiterhin anhaften, der sich nicht verändern wird; der andere dagegen steht für den gläubigen Menschen, bei dem die geistige Nahrung - hier ist die Aufgabe des Predigers in der Kirche angesprochen - fruchten wird, wie im Bild der Schwanz dieses Drachen anzeigt, der bereits nicht mehr den bösen Knoten der Verstocktheit aufweist und nicht mehr im Stachel endet, sondern begonnen hat, die Form des Rebenblattes anzunehmen: er ist im Begriff die Drachennatur zu überwinden, denn in ihm wird der Same aufgehen, wie bei Lukas in vergleichbarer Bildsprache gesagt ist: DER SAME IST DAS WORT GOTTES ... WAS DAVON UNTER DIE DORNEN FIEL, ENTSPRICHT JENEN, DIE HOEREN, IN IHREM WANDEL ABER VON DEN SORGEN, VOM REICHTUM UND DEN GENUESSEN DES LEBENS ERSTICKT WERDEN UND DIE FRUCHT NICHT ZUR REIFE BRINGEN. WAS DAVON ABER IN GUTES ERDREICH FIEL, MEINT DIE, DIE DAS WORT, DAS SIE GEHOERT HABEN; IN EINEM EDLEN UND GUTEN HERZEN BEWAHREN UND FRUCHT BRINGEN IN BEHARRLICHKEIT (Lk 8.11,14,15) - warum sollte nicht jedes Kind, das heisst jedes einfache Gemüt (cor simplex), diesen Wink mit dem Zaunpfahl, bzw. mit dem Drachenschwanz verstanden haben? 104).

 

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Die Westfassade der heutigen Friedhofskirche von Belsen bei Hechingen / Baden-Württemberg (Textabb. 18) hat lange Zeit zu mythologischen Deutungen angeregt, sie scheinen endlich überwunden 105). Obwohl das Tympanon von einer anderen Hand gestaltet zu sein scheint, schlage ich vor, an dieser Westfassade ein Gesamtprogramm verwirklicht zu sehen. Parallelen sind in dieser Zeit nicht häufig, immerhin zeigt die Westfassade der ehemaligen Abteikirche Saint-Jouin-et-Saint-Jean in Saint-Jouin-de-Marnes/Deux-Sèvres (Anhang Fig. 21), wo der richtende Christus vor dem Triumphkreuz im Giebel erscheint, dass es das in der Mitte des 12. Jahrhunderts an romanischen Fassaden gibt. Das Kreuz im Tympanon, geschmückt mit Edelsteinen und einem Zweig (Textabb. 18a), ist als Triumphkreuz und Lebensbaum ausgezeichnet und steht für Christus als dem Herrn über Zeit und Ewigkeit, als Alpha und Omega. Denn die Spuren im stark verwitterten Bildgrund lassen ahnen, dass dieses Kreuz einst von Sonne und Mond flankiert war. Ich erinnere an Jaca und Hildrizhausen, verweise auf Neuwiller (Anhang Fig. 12) und Faux-en-Forêt/Lothringen 106) und an die Quellen dieses Motivs, die Apsis- bzw. Kuppelmosaiken von S. Apollinare in Classe bei Ravenna (Anhang Fig. 23), an frühmittelalterliche Grabsteine (Anhang Fig. 31) und Amulette 107) und an das Bild auf dem Reliquienkasten von Werden mit Christus als dem Herrn des Lebens, dem König der 'neuen' Schöpfung (Anhang Fig. 22 und Anm. 109). Darin zeigt sich nicht nur die lückenlose Bildtradition, sondern auch der Weg zu einer sinnvollen Deutung des Triumphkreuzes von Belsen. So dürfte der Bereich links vom Kreuz im Bogenfeld für die 'alte' Schöpfung, der Raum auf der anderen Seite für die in der Erlösung erneuerte Schöpfung, das wiedergeöffnete Paradies stehen - durchaus vergleichbar mit dem nahegelegenen Bietenhausen. Die sieben gepunzten Kreise im Zeichen des Kreuzes versinnbildlichen dann die sieben Tage der Schöpfung in der Genesis, der Sternenhimmel auf der rechten Seite das Universum, den 'neuen Himmel' der Offenbarung 108). Die Kreise der Sieben Tage bezeichnen die Endlichkeit des Alten Bundes und des irdischen, das Sternenmeer die Unendlichkeit des Neuen Gesetzes, des Himmlischen. Einmal mehr ist der Auferstandene

 

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Textabb. 18 BELSEN

 

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18a TYMPANON

 

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18b GIEBEL

 

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im Zeichen des Siegeskreuzes der Vermittler zwischen Altem und Neuem Testament, zwischen der Zeit des Todes und der Ewigkeit des Lebens, das meinen die waagerechten Balken; im Senkrechten verbindet er Unten und Oben, Weltliches und Göttliches, wodurch klar werden sollte, was sein Kreuzestod, die Erlösung bewirkt hat. Jonas von Orleans sagt es so: "... damit du erkennst, dass durch die Figur des Kreuzes Christus im Himmel, auf der Erde, über dem gesamten Erdkreis und selbst in der Hölle ist" 109). Genau diese Verheissung sprechen verstärkend die Rauten- und Punzenketten aus, die das Bogenfeld selbst und die Bogenstirn umgeben - sie bilden in diesem Sinn auch den Hintergrund und den neuen Horizont für das 'Sechstagewerk' am einfacheren Südportal.

Folgt nun nicht von selbst, dass die Figur, die über aller Schöpfung auf dem Himmelsbogen (Portalarchivolten) 'thront' nur der Schöpfer selbst, Gottvater sein kann? Es ist s e i n geometrischer und geistiger Ort; ich verweise auf die Portale von Dorlisheim (Anhang Fig. 14), Schloss Tirol, Kapelle (S. 132), Mainzer Dom, Marktseite (Siehe Anm. 22) auf die innerste Figurenarchivolte der Goldenen Pforte am Dom von Freiberg/Sachsen, aber auch etwa auf den Kopf an der Bogenstirn des Chorfensters in Schöngrabern/Niederösterreich - überall ist Gottvater bzw. die Dreieinigkeit, zumeist natürlich im Bild Christi (Anhang Fig. 16), gemeint 110).

Die Mitte nun, das Zentrum des Erlösungswerkes Christi, nämlich seine Menschwerdung, sein Tod und seine Auferstehung, sind in Belsen mitdargestellt. Letzteres, die Auferstehung, ist, wie wir wissen, im Triumphkreuz des Bogenfeldes mitgemeint, Geburt und Tod aber, dafür trete ich ein, sind im Giebel wiedergegeben: In der Mitte 'liegt' das Christkind in der Krippe, darüber, das will heissen dahinter, stehen Ochs (links) und Esel (rechts) und zu beiden Seiten der Krippe die 'Vertreter' der Herden auf den Feldern von Betlehem, nämlich zwei Schafe und ein Rind. Und darüber, im Giebel, erscheint bereits das Kreuz von Golgatha, es trägt keinerlei Schmuck. Bei Isaias lesen wir: AUS ISAIAS

 

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WURZEL ABER WIRD EIN SPROESSLING HERVORBRECHEN UND DER GEIST GOTTES WIRD AUF IHM RUHN ... DANN WERDEN DIE JUNGEN DER KUH UND DER LOEWIN GEMEINSAM WEIDEN UND EIN KLEINER KNABE WIRD SIE HUETEN DAS KIND WIRD VOR DER HOEHLE DER ASPISSCHLANGE SPIELEN (Is 11.1-9). Diese Stelle wurde immer auf die Geburt des kommenden Erlösers bezogen 111), weil darin die Hoffnung auf den Frieden des neuen Paradieses ausgesprochen ist. Eine andere Darstellung dieses Gedankens mit ganz ähnlicher Kinderdarstellung, findet sich beispielsweise an der Choraussenwand am Dom von Speyer (Anhang Fig. 26).

In Belsen scheint gleichsam der Anfang und der Schluss der Evangelien - wie die Kirchenväter sagen - wiedergegeben. Es beginnt im Siegeskreuz des Tympanons (Alpha) bei der Erschaffung der Welt, zeigt den fassbaren Höhepunkt der Erlösung, die Menschwerdung und den Tod Christi, und endet in der Verheissung des wieder offenen Himmelreichs mit dem Triumphkreuz (Omega), dem Zeichen des allgegenwärtigen himmlischen Königs: IM ANFANG WAR DAS WORT UND DAS WORT WAR BEI GOTT UND GOTT WAR DAS WORT ... DAS WORT WAR DAS WAHRE LICHT, DAS JEDEN MENSCHEN ERLEUCHTET, ES KAM IN DIE WELT ... NACH DEM SABBATH ABER, BEIM AUFLEUCHTEN DES MORGENS ZUM ERSTEN WOCHENTAG (OSTERN) KAMEN MARIA VON MAGDALA UND DIE ANDERE MARIA, UM DAS GRAB ZU SEHEN ... DER ENGEL JEDOCH SPRACH ZU DEN FRAUEN: FUERCHTET EUCH NICHT! ICH WEISS, IHR SUCHT JESUS DEN GEKREUZIGTEN. ER IST NICHT HIER, DENN ER IST AUFERWECKT WORDEN, WIE ER GESAGT HAT ... DA TRAT JESUS ZU DEN JUENGERN UND SPRACH: MIR IST ALLE GEWALT GEGEBEN IM HIMMEL UND AUF ERDEN ... LEHRET DIE MENSCHEN ALLES HALTEN, WAS ICH EUCH AUFGETRAGEN HABE. UND SEHT, ICH BIN BEI EUCH, ALLE TAGE, BIS ZUM ENDE DER ZEIT (Jo 1 und Mt 28).

 

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In ähnlicher Klarheit sind diese entscheidenden Ereignisse der Heilsgeschichte beispielsweise auch in Elstertrebnitz / Sachsen (Textabb. 19) wiedergegeben, einem äusserst konzentriert gebauten Bogenfeld (jetzt in Dresden), das oft besprochen, aber meines Erachtens nicht konsequent gedeutet worden ist 112). Ich verstehe es so: Christus ist das Zentrum des Heils für den Menschen. Das in der Linken hochgehaltende heilige Buch weist ihn als den Anfang und die Vollendung der Schöpfung aus. Er ist auch hier der Vermittler zwischen dem Irdischen und dem Paradiesischen, zwischen dem gegenwärtigen Lebensraum des Betrachters und dem ihm zum Lohn verheissenen künftigen Lebensraum, für den Fall seines Sieges über die Laster; so verspricht die Segenshand, die erhobene Rechte. Auf geniale Art in diese heilsgeschichtliche Gegenüberstellung hineinverwoben sind in Elstertrebnitz die Haupttatsachen des Erlösungswerkes im engeren Sinn: Menschwerdung, Kreuzestod und ewige Königsherrschaft. Der im oberen Teil des Feldes, sinnbildlich also im Himmel, erscheinende Erlöser erhebt mahnend - aber auch tröstlich - das Buch des Lebens über die Welt zu seiner Linken. In der Ecke steht der Teufel in der Gestalt des Basilisken und versucht den Menschen zum Bösen zu verführen. Nur wenn der geprüfte Mensch, nach dem hier gezeigten Vorbild flehend und betend die Hände zu Christus erhebt, kann er gerettet werden, kann er dem Tod entkommen und auf die andere Seite, ins Leben gelangen. Dass dies überhaupt möglich ist, verdankt er, das ist hier durch den Triumphkruzifixus vor Augen geführt, dem Opfertod des Auferstandenen. Auf der anderen Seite, in dem den Gerechten verheissenen Paradies, steht kennzeichnend der Baum des Lebens, die Palme mit drei Wurzeln und drei Blättern, von deren Früchten sich die gläubige Seele nähren wird. Es ist auch das Bild der Endzeit, während gleichzeitig auf dieser Seite der Anfang steht: der Anfang des Uebels, versinnbildlicht durch das Cherubsrad vor dem verschlossenen 'alten' Paradies, dem Garten Eden; der Anfang aber auch des Heils, vertreten durch den Erzengel Gabriel, der mit der Lilie in der Hand die Geburt des Erlösers verkündet hat.

 

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Textabb. 19 ELSTERTREBNITZ

 

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Nun zu den Elementen im einzelnen: Zum Basilisken (?) rechts in der Ecke - die Aufnahme bei Budde lässt ahnen, dass kein 'gewöhnlicher Vogel' gemeint ist, denn er dürfte ein Krönlein getragen haben 113) - muss ich nichts mehr sagen. Dieser Figur entspricht in der gegenüberliegenden Ecke das fünfspeichige Rad des Cherub, der gemäss Genesis 3.24 seit der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies, dem Sündenfall, das Tor bewacht. Der Cherub mit dem Rad des Tetramorphs, diesem Wesen mit den vier Gesichtern, stammt aus der Vision des Ezechiel (Ez 1 und 10). In diesem Sinn illustriert es als Doppelrad der beiden Testamente die Ezechielvision auf einem Blatt in der Bibel von Floreffe (Anhang Fig. 25). Isaias spricht von Seraphim, die den Thron begleiten (Is 6.1-4). Die Vermischung der Visionen von Seraphim bzw. Cherubim als Begleiter des Thrones und von Cherubim als Paradieswächter führt schon in der Wiener Genesis am Ende des 6. Jahrhunderts zur Darstellung des Paradieswächter-Cherub auf dem Rad 114). Die Beschränkung auf die Darstellung des Rades allein ist nur eine Abkürzung nach Ezechiel l.20: DENN DER GEIST DER WESEN WAR IN DEN RAEDERN 115). In unserem Zusammenhang interessiert, dass zur Zeit der Entstehung der Wiener Genesis auch Gregor der Grosse die Ezechielstelle mit dem geschlossenen Paradies in Verbindung bringt. Seine Worte vermögen besser als alles andere die Bedeutung unseres Rades zu erklären: "UND ALS ICH DIE LEBEWESEN ANSCHAUTE, ERSCHIEN EIN RAD AUF DEM BODEN (Ez 1.15). Hier stellt sich folgende Frage: da anschliessend von mehreren Rädern die Rede sein wird, weshalb ist zuerst von der Erscheinung eines Rades gesprochen? Doch wohl deshalb, weil dem Alten Volk lediglich das Alte Testament gegeben war, das sich zu seiner geistigen Erziehung gleichsam wie ein Rad bewegte (fünf Speichen - fünf Bücher Moses). Passend heisst es ja auch, dieses Rad sei auf dem Erdboden erschienen. Denn zum sündigen Menschen wurde gesagt: ERDE BIST DU UND ZUR ERDE SOLLST DU ZURUECKKEHREN (Gen 3.19). Das Rad ist somit auf dem Erdboden erschienen, weil der allmächtige Gott das Gesetz auf die Herzen der Sünder legte" 116) - das Gesetz des Alten Bundes: vom Baum des

 

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Lebens durch den Wächter-Cherub getrennt zu sein. Heilsgeschichtlich konsequent folgt auf die Darstellung des Sündenfalls - symbolisiert im Cherubsrad - die Darstellung der Erlösung: der flehende Mensch des Alten Bundes, hier vertreten durch Johannes den Täufer, rechts, empfängt die Gnade Gottes: Der Erzengel Gabriel, links, verkündet die Geburt Christi, und der als Sieger am Kreuz stehende Erlöser bedeutet den Opfertod und den Sieg in der Hölle und nimmt die Auferstehung vorweg. Und nur dadurch ist, wie wir wissen, der Weg zum Lebensbaum wieder geöffnet worden, nur durch Christus, so werden wir beim Mittelmotiv sehen, nur durch ihn 'hindurch' führt für den Menschen der Weg vom irdischen, rechts, ins Himmelreich, links. Denn Gabriel und der betende, um Gnade bittende Mensch, stehen sich hier auch gegenüber als Bewohner des Reiches Gottes (Lebensbaum) und Bewohner der Erde, dem Bereich des Todes (Basilisk). Und ebenso stehen sich gegenüber: der Ungehorsam der Stammeltern, der die Schliessung des Reiches Gottes zur Folge hatte (Cherubsrad), und der 'Gehorsam bis zum Kreuze' des Einen, der für die Menschen die Gnade Gottes erwirkte und die Wiedergewinnung des neuen Paradieses ermöglicht, das Himmlische Jerusalem verheissen hat (Kruzifixus). Bevor ich aber zum zentralen Motiv komme, das die meisten Fehldeutungen erlitten hat, möchte ich auf die ebenfalls offensichtliche Gegenüberstellung vom Baum des Lebens und dem 'Holz des Todes' hinweisen. In der romanischen Kunst, ich habe es erwähnt, ist der Gekreuzigte immer der Sieger, die Betonung liegt nicht auf dem Leiden wie später, sondern auf dem Wesentlichen, dem Triumph. Deshalb ist das Kreuz auch in Elstertrebnitz ein Siegeskreuz und meint nicht den Baum des Todes (arbor mortis), sondern den in Christus auf Erden eingepflanzten Baum des Lebens - man beachte, dass das Kreuz in 'Wurzel' und 'Krone' dem Lebensbaum im Paradies ähnlich sieht. Die Gegenüberstellung aber, vom Baum des Lebens und Baum des Todes, ist in der Portalskulptur bis in die Gotik verbreitet, wir werden ihr am Gewände des Kapellenportals von Schloss Tirol begegnen. Es handelt sich dabei meist in Auslegung von Genesis 2.9,17 um den Baum der Tugenden und den Baum der Laster; sie sind besonders

 

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eindrücklich in der Schrift Hugos von Saint-Victor: 'Von den Früchten des Fleisches und den Früchten des Geistes' beschrieben und gezeichnet; ich verweise ferner auf die ausführliche Studie von Romuald Bauerreiss 117) und verzichte auf eine Erörterung des Motivs, da wir es in Elstertrebnitz wie gesagt mit etwas anderem zu tun haben. Siegeskreuz und Palme haben hier dieselbe Grundlage, beide versinnbildlichen das Leben in Christus, einmal als Trost im irdischen, das andere Mal als Verheissung im Reich Gottes. Wie das in jener Zeit verstanden wurde, mag eine Stelle bei Hrabanus erläutern: "Die Palme ist das heilige Kreuz, denn im Hohelied heisst es: ICH WILL AUF DIE PALME STEIGEN UND IHRE FRUECHTE ERGREIFEN (HL 7.9). Das bedeutet: Ich will die Frucht des Kreuzes in mich aufnehmen" 118) - nämlich durch die Nachfolge Christi das Leben 'ernten'. Was aber diese Nachfolge Christi konkret bedeutet, das wird dem Betrachter durch den unteren Teil des Mittelmotivs nahe gebracht. Trotz des verwitterten Zustandes ist deutlich zu erkennen, dass der Künstler sehr genau gearbeitet hat; er zeigt in der Mitte einen Aufbau von fünf Stufen - es sind fünf, hätte er damit die Stufen des Salomonischen Throns gemeint, so hätte er sechs abgebildet, weil gerade diese sechs Stufen, das belegt die Bildtradition, nach 2. Chronik 9.17-19 eines der Kennzeichen dieses Motivs sind. Wir haben es also nicht mit den Stufen eines Thrones zu tun, sondern mit denen, die zu einem Portal führen! Im Grunde ist das Portal ja deutlich genug gezeichnet, und hätte man nicht um jeden Preis einen 'thronenden Christus' sehen wollen, so hätte man die Erscheinung des Himmelskönigs und das ganz reale Tormotiv vermutlich schon lange richtig erkannt.

Denn selbst in den allerschlichtesten Bogenfeldern 119) ist der Salomonische Thron wenigstens durch seine zwei Löwen ZU BEIDEN SEITEN DER SITZFLAECHE ... NEBEN DEN ARMLEHNEN (2. Chr 9.18) ausgezeichnet, sei es auch nur in Form von Köpfen. Das Tor in Elstertrebnitz hat aber natürlich nicht entfernt die Form eines Thrones, überdies sitzt Christus nicht darauf - denn warum hätte der Bildhauer die Beine 'vergessen' sollen, wo er sogar Gewandsäume und Fibel so liebevoll gestaltet? - sondern er   i s t   bekanntlich die Türe: Christi Oberkörper erscheint

 

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dem Gläubigen segnend und verheissend vor dem Himmel, er hat denselben Aussagewert wie das Edelsteinkreuz vor dem Sternenhimmel; aber gleichzeitig ist er hier mit der Erde verbunden, denn er hat ja verheissen: ICH BIN BEI EUCH, ALLE TAGE ..., das ist doch wohl der Grund dafür, dass sein Oberkörper, der im Himmel erscheint, hier nahtlos ins Tor übergeht, das mit seinen Stufen auf der Erde steht; und was kann folglich damit anderes gemeint sein als die Aufforderung und Verheissung: ICH BIN DIE TUER, WER DURCH MICH EINGEHT, WIRD GERETTET WERDEN (Jo 10.9) - ich habe nie eine genialere Umsetzung eines Bibelverses in ein Bild gesehen. Und genial ist sie doch deshalb, weil die einfachste Glaubenswahrheit bruchlos, also ohne intellektuelle Eskapaden, in einem Bild sichtbar gemacht wird, das genauso einfach, nämlich im besten Sinne volkstümlich ist. Zudem wird hier unmittelbar deutlich, wie untrennbar realer, allegorischer, moralischer und verheissender Schrift- und Bildsinn miteinander verbunden sind. Es bleiben die Stufen: Für den Menschen bedarf es einer Anstrengung um durch die Türe einzugehen, denn wie er über symbolische Stufen zum Kirchenportal emporzusteigen hat (Büssertreppen!) so hat er sich, geistig gesehen, durch ein tugendhaftes Leben emporzuarbeiten: LIEBE GOTT AUS GANZEM HERZEN, MIT DEINER GANZEN SEELE UND ALLEM VERSTAND (Mk 12.30), das meint, mit allen zur Verfügung stehenden Kräften, oder konkreter: mit allen Sinnen. Und diese Kräfte dürften auch für den einfachen Menschen fassbar gewesen sein, deshalb stehen hier für die fünf Sinne wohl fünf Stufen.

Vielleicht wird es hier besser als anderswo verständlich, dass der im Glauben gefestigte Mensch den Kerngedanken solcher Bilder einzusehen vermochte, ohne dass er ihm hätte erklärt werden müssen. Damit sage ich nicht, die volkstümlichen Predigten hätten nichts dazugetan, sie haben wohl da und dort durch Vergleiche ausgeweitet und sie haben eben vor allem den nötigen Nachdruck auf den moralischen Sinn gelegt. Das wird einmal mehr bei Gregor deutlich, der seine 'Predigten zu Ezechiel' ja nicht für Kleriker geschrieben, sondern vor dem Volk gehalten

 

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hat, und sie werden auch in Elstertrebnitz, wo zweifellos ebenso wie andernorts Kommentare oder Auszüge daraus verwendet wurden, ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Ich stelle deshalb einen längeren Auszug aus Gregor und anschIiessend eine entsprechende Passage von Augustinus an den Schluss meiner Ueberlegungen zu Elstertrebnitz:

"ER KAM ZU EINEM TOR, DAS ZUM WEG GEGEN SONNENAUFGANG FUEHRTE (Ez 40.6). Wer anders ist mit diesem Tor bezeichnet als unser Herr und Erlöser, der für uns das Tor zum Himmelreich geworden ist. Sagt er doch selbst: NIEMAND KOMMT ZUM VATER AUSSER DURCH MICH (Jo 14.6) ... Und er ist ja unser Weg, der da sprach: ICH BIN DER WEG, DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN (Jo 14.6). Er ist der Weg gegen Sonnenaufgang, von dem geschrieben steht: SIEHE EIN MANN, SONNENAUFGANG IST SEIN NAME (Zach 6.12). Das Tor führt also zum Weg gegen Sonnenaufgang und weist auf den hin, der uns den Weg zum Aufgang des Lichts bereitet hat ... Es ist auch nicht abwegig, unter dem Bild des Tores die Weisheit der Heiligen Schrift zu verstehen, die uns die Einsicht erschliesst und so die Türe zum Himmelreich öffnet ... Doch können wir in dem Bild des Tores auch den Glauben erkennen, den wir als erstes annehmen, um in das Gebäude der Tugenden einzutreten. Darum ist hier bedeutsam hinzugefügt: UND ER STIEG UEBER SEINE STUFEN HINAUF (Ez 40.6). Was sind die Stufen dieses Tores anderes als die Verdienste der Tugenden? Denn in der Erkenntnis des Mittlers zwischen Gott und den Menschen, des Menschen Jesus Christus, aber auch in der Wissenschaft des Göttlichen Wortes sowie im Glauben, den wir von ihm empfangen haben, erreichen wir sozusagen stufenweise ein höheres Wachstum. Niemand gelangt plötzlich zur Spitze, jeder beginnt in seinem guten Lebenswandel beim Kleinsten, um zum Grössten zu gelangen ... Von diesen Stufen hat auch der selige Hiob geredet: SCHRITT FUER SCHRITT WILL ICH IHN VERKUENDEN (Hiob 31.37). Der ist es, der den allmächtigen Gott Schritt für Schritt verkündet, der ihm durch das geschenkte Tugendwachstum den Lobpreis seiner Frömmigkeit abstattet. Gäbe es keine

 

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Textabb. 20 GUMPERDA

 

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Textabb. 20a

 

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Textabb. 20b

 

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Textabb. 20c

 

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Stufen im Aufstieg des Herzens, würde der Psalmist nicht sprechen: SIE SCHREITEN VON TUGEND ZU TUGEND (Ps 83.8)" 120).

"Durch die Sünde in Adam wurde uns der Weg zum Tode aufgetan ... Der Mittler dieses Weges war der Teufel, der Anreger zu der Sünde, der Führer in den Tod ... Unser Herr und Gott hat uns dagegen ein Heilmittel eingesenkt ... Damit also, wie durch einen Menschen der Tod, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten erfolgte (l. Kor 15.21f.). Das zeigt uns, ... wie wenig wir den Tod zu fürchten brauchen, ... wie sehr wir dagegen die Gottlosigkeit fürchten sollen, die wir durch den Glauben vertreiben können ... Das ist der wahre Friede und unsere feste Verbindung mit unserem Schöpfer, wenn wir durch den Mittler des Lebens entsündigt und versöhnt sind, wie wir durch den Mittler des Todes sündig und fremd geworden, uns von Gott entfernt hatten. Wie nämlich der Teufel in seiner Ueberheblichkeit den sich überhebenden Menschen zum Tode hinführte, so führt Christus in seiner Demut den gehorsamen Menschen zum Leben zurück ..." 121).

Das Bogenfeld am Nordportal der Dorfkirche von Gumperda / Thüringen (Textabb. 20) berührt zuerst durch seine formale Unbeholfenheit, ihr liegt aber selbstverständlich eine nicht weniger straffe Gedankenführung zugrunde als wir es in den bisherigen Beispielen gesehen haben. Es zeigt zudem zwei Allegorien für die es, soweit ich das überblicke, keine erhaltenen Parallelen gibt. Es sind die beiden Elemente, die unmittelbar links und rechts vom senkrechten Doppeltauband in der Mitte liegen. Das Bogenfeld ist in gewissem Sinn mit Elstertrebnitz verwandt, das fällt aber nur auf, wenn die Struktur richtig gesehen wird, was, wie die bisherigen Ansätze zeigen 122), vor allem auch wegen des starken Verwitterungsgrades nicht so leicht möglich ist. Dazu kommt, dass es offenbar von zwei Künstlern gestaltet wurde, die nacheinander daran gearbeitet haben. Der zweite hat die erwähnten neuen Elemente (Textabb. 20b) eingebracht, führte aber im wesentlichen, wie wir sehen werden, das ursprünglich festgelegte Programm fort, das der erste

 

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Handwerkerkünstler (Textabb. 20a) unvollendet liess, möglicherweise weil er darüber verstarb. Das Bogenfeld wird durch ein doppeltes Tauband nicht nur gerahmt, sondern auch in zwei Viertelkreisfelder unterteilt. Es scheint mir nun, dass der zweite Bildhauer ein zentrales Symbol des Auferstandenen in die Mitte gesetzt hätte (Textabb. 20c), wenn das verbreitete Konzept der Feldteilung das nicht verunmöglicht hätte. Deswegen dürfte er den Doppelspiralstab neben den Lebensbaum ins linke Feld hineingezwängt haben, obwohl der Raum offensichtlich schon ausgefüllt war. Zudem hat er im rechten Teilfeld durch einen spachtelförmigen Steg sich vom bereits Bestehenden abgetrennt. Dass dieser Steg nur ein zusätzlicher Bildteiler ist, zeigt sich deutlich über dem Kreuz rechts, wo er mit seiner Kontur einen abschliessenden Rahmen bildet. Die beiden Hände sind aber auch im Stil gut zu unterscheiden. Man vergleiche etwa die Spirallilie rechts aussen und die 'Büsche' im Paradies links: es ist dieselbe Handschrift, während andererseits die beiden Bäume ausser der zeittypischen Anbringung der Früchte an den Zweigspitzen nichts Gemeinsames haben.

Konzentrieren wir uns zunächst auf die jeweils aussen liegenden, also älteren Teile (Textabb. 20a). Die Palme von Elstertrebnitz ist hier als vielästiger Baum aber mit der gleichen Aussage wiedergegeben, seine identisch geformte Wurzel bietet Gewähr dafür. Für den Kruzifixus steht ihm hier das Vortragekreuz gegenüber, das liturgische Siegeszeichen, wie es vielerorts noch heute an Prozessionen vorangetragen wird 123). Es versinnbildlicht ja ebenfalls das Holz des Todes, das zum Baum des Lebens auf der Erde geworden ist. Und rechts daneben steht, mit spiralig eingerollten Blättern und leicht gegen das Triumphkreuz geneigter Blüte, die Lilie der Verkündigung. Das 'Lilienbäumchen' in dessen 'Wurzel' bereits das Kreuz angedeutet ist, weist die typisch frühmittelalterllche Zierform der Spiralblätter auf. Das war, wie unzählige erhaltene Sarkophage, Grabplatten, Chorschranken usw. zeigen (Anhang Fig. 28, 29, 37!) eines der beliebtesten Schmuckmotive in diesem Bereich schlichter Kunst, die wesentlich von der Ausdruckskraft der Linie

 

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sowie von der Licht-Schattenwirkung lebt. Wie lebendig diese frühmittelalterliche Tradition in der 'volkstümlichen' Portalkunst geblieben ist, zeigt sich beispielsweise im Vergleich mit der Darstellung desselben Motivs in der offiziellen romanischen Kunst, etwa dem Lilienbäumchen am Chorpfeilerkapitell im Dom von Magdeburg (nach 1209, Anhang Fig. 30) 124): trotz der räumlichen und zeitlichen Nähe besteht keine Verbindung zwischen diesen Kunstbereichen. Vergleichbar ist aber die auch in Gumperda letztlich auf Naturbeobachtung gründende Struktur der Lilie. Der Schluss auf die Verkündigungslilie scheint sich mir wieder aus der Verwandtschaft mit Elstertrebnitz zu ergeben: Dort steht Gabriel, die Lilie in der Hand haltend, hier ist nur die Lilie selbst vertreten, und sie steht zudem auf der anderen Seite, im Bereich des irdischen. Beide Prozesse der Vereinfachung gegenüber einem vornehmeren Bezugsbild (hier Elstertrebnitz) sind bezeichnend für die schlichte Kunst: die stellvertretende Wiedergabe einer Figur durch ihr Attribut - nur die Lilie statt Gabriel mit der Lilie - und die Unbekümmertheit in bezug auf die Anordnung der Elemente innerhalb des Bogenfeldes - Seitenwechsel, Asymmetrie, usw. Die Lilie mit dem kreuzförmigen Stamm und das Vortragekreuz in der rechten Ecke versinnbildlichen demnach auch hier die Menschwerdung und den Tod Christi am Kreuz, das dadurch zum Zeichen des Lebens, des Heils auf Erden geworden ist.

Die linke Seite des Tympanons steht - ohne den später eingefügten Doppelspiralstab - auch hier für das Reich Gottes mit dem Baum des Lebens, wie er in der Offenbarung (Apk 22.2) geschildert wird, er schmückt in vergleichbarer Form das Bogenfeld von Stoke-sub-Hamdon. Die drei Spiralranken in diesem Teilfeld, ich habe sie oben als Büsche angesprochen, dürften zum 'alten' Paradies, dem Garten Eden, gehören und die ALLERLEI BAEUME (DIE) AUS DEM ERDBODEN HERVORWACHSEN (Gen 2.9) meinen. Es wären also entsprechend zu Elstertrebnitz auch in Gumperda beide Paradiesvorstellungen wiedergegeben: der oft als 'Irdisches Paradies' bezeichnete Garten Eden nach Genesis 2, also das verschlossene Paradies des Alten Bundes, und das verheissene Paradies des Neuen Bundes nach Apokalypse 22, das oft mit der Vision

 

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der Himmelsstadt (Apk 21) zusammengesehen wird; ich werde bei Flemmingen ausführlich darauf zurückkommen, es wird sich dort zeigen lassen, dass das Paradies des Alten Bundes, aus dem durch Ungehorsam 'der Tod hervorging' (Gen 2) dem verheissenen ewigen Paradies, dem Himmlischen Jerusalem (Apk 21 und 22) gegenübergestellt ist, das durch den Gehorsam Christi für die siegreichen Menschen zum Reich des Lebens in der Gnade Gottes geworden ist, bzw. es einst werden wird. Diese Gegenüberstellung entspricht dann, das ist unschwer einzusehen, wieder dem Grundmuster: Welt - Gott, Tod - Leben, Unrecht - Gerechtigkeit.

Hier in Gumperda ist aber, wie gesagt, das Reich Gottes der Erde gegenübergestellt, ersteres ist, in der linken Hälfte des Feldes, gekennzeichnet durch die b e i d e n Paradiesvorstellungen, nämlich durch den Anfang und das Ende, durch die 'allerlei Bäume' des Gartens Eden und durch  d e n  Lebensbaum 'im Paradiese Gottes' (Apk 2.7). Die Wirbelrosette aber, die in der Ecke links aussen steht, darf meines Erachtens hier nicht mit dem Cherubsrad von Elstertrebnitz verglichen werden, sie bedeutet von der Form her und inhaltlich etwas anderes, nämlich die 'Sonne der Gerechtigkeit', Christus selbst, der in der Himmelsstadt das Licht ist: AUCH BRAUCHT DIE STADT KEINE SONNE UND KEINEN MOND, DAMIT SIE IHR LEUCHTEN, DENN DIE HERRLICHKEIT GOTTES HAT SIE ERLEUCHTET UND IHR LICHT IST DAS LAMM (Apk 21.23).

Die 'Sonne der Gerechtigkeit', also nicht die Sonne als reales Licht, steht hier entsprechend der Verheissung des Maleachi (3.20) im Paradies: Christus, das Lamm, die Sonne, die aufgegangen ist, deren Strahlen uns heilen werden. Die Wirbelrosette besitzt nämlich keine Speichen, sondern leicht abgedrehte Strahlen und ist eines der ältesten und gebräuchlichsten Sonnensymbole, nicht nur im Frühmittelalter (Anhang Fig. 31), sondern in der kunsthandwerklichen Tradition gewisser Gebiete, wenn auch kaum mehr richtig bewusst, bis heute (Anhang Fig. 32 a, b) 125).

 

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Soweit der erste Künstler von Gumperda. Man darf annehmen, dass sein Bild schliesslich trotz veränderter Komposition und anderer Zeichen im wesentlichen dasselbe ausgesagt hätte, wie das Bogenfeld von Elstertrebnitz. Durch die von der zweiten Hand neu gesetzten Akzente ist die Aussage nicht verändert aber in einem ungewöhnlichen Sinn durch seltene Symbole weitergeführt worden (Textabb. 20b).

Der Baum rechts vom Doppeltauband ist nicht etwa der Baum der Erkenntnis, der als 'arbor mortis' theoretisch als Gegenstück zum Lebensbaum hier stehen könnte, wenn man die Früchte als jene Äpfel deutete. Zwei Gründe sprechen dagegen: Der zweite Künstler zerstört die Allegorien des ersten nicht, er setzt Neues dazu. im Vortragekreuz ist aber, wie wir gesehen haben, dieser 'Baum des Todes', der zum Abbild des Lebensbaumes auf Erden geworden ist, bereits vorhanden. Eine Verdoppelung des Symbols kann er nicht beabsichtigt haben, es hätte in diesem Zusammenhang keinen Sinn ergeben.

Der zweite Grund, der gegen den Lasterbaum spricht, ist seine offensichtlich kreuzförmige Spitze (Siehe Anm. 117). Auch diesbezüglich bringen schematische Vergleiche nichts, der Weg muss einmal mehr über den Geist jener Zeit führen: Trotz offensichtlichem Raummangel ist in der zweiten Phase nichts vom bereits Geschaffenen abgetragen worden. Wenn sich der zweite Bildhauer auch vom ersten abgrenzt und eine persönliche Formensprache hineinbringt, so hat er doch das vorgegebene Programm zu Ende geführt; das ist umso wahrscheinlicher, als der Auftraggeber darauf bestanden haben wird. Ich habe oben versucht herzuleiten, dass es offensichtlich in Anlehnung an Elstertrebnitz entstanden sein muss; was fehlt also in Gumperda nach der ersten Phase im Vergleich zu jenem Bogenfeld?:

Das Mittelsymbol des Himmel und Erde verbindenden Erlösers und der flehend betende Mensch!

Mit anderen Worten: die moralische Ausage, die dem Betrachter mitteilt, was er tun muss, um ins ewige Leben zu gelangen. Denn der erste Zustand zeigt nur Zeichen für Christus selbst oder das Paradies, also die heilsgeschichtliche, die verheissende Dimension.

 

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Ich schlage vor, in diesem Baum rechts die Entsprechung zum bittenden Gläubigen von Elstertrebnitz zu sehen - denn dafür steht Johannes der Täufer im allgemeinen Sinn ja auch - nämlich das Sinnbild des Menschen, der Gottes Wort aufgenommen und bewahrt hat und in dem es Früchte bringt. Einmal mehr finden wir bei Gregor den sprechendsten Beleg dafür: "UND JESUS SPRACH: MIT DEM REICHE GOTTES IST ES SO, WIE WENN EIN MANN DEN SAMEN AUF DIE ERDE STREUT UND DANN SCHLAFEN GEHT UND WIEDER AUFSTEHT, TAG UND NACHT, UND DER SAME GEHT AUF UND WAECHST EMPOR OHNE DASS ER SELBST DAVON WEISS. VON SELBST BRINGT DIE ERDE FRUCHT, ERST DEN HALM, DANN DIE AEHRE, UND ENDLICH DAS VOLLE KORN IN DER AEHRE. SOBALD ABER DIE FRUCHT ES ZULAESST, LEGT ER ALSBALD DIE SICHEL AN, DENN DIE ERNTE IST DA (Mk 4.26-29) ... Wenn wir also gute Vorsätze fassen, streuen wir Samen auf die Erde. Wenn wir mit dem Rechttun beginnen, sind wir Halme. Wenn wir in guten Werken fortschreitend wachsen, gelangen wir zur Aehre. Und wenn wir in der Vollkommenheit dieses Tuns gefestigt sind, bringen wir den vollen Weizen in der Aehre hervor ... Daher soll keiner, von dem man sieht, dass die guten Vorsätze in seinem Geist noch jung und zart sind, geringgeschätzt werden, beginnt doch Gottes Weizen mit einem Halm, um Korn zu werden" 126) ... und um, 'sobald die Frucht es zulässt', geschnitten und (ins Paradies) eingebracht zu werden, so könnte man in bezug auf den Baum von Gumperda den Kommentar zu diesem Gleichnis beenden. Und das bei Markus darauffolgende Gleichnis vom Senfkorn sagt dasselbe: WOMIT SOLLEN WIR DAS REICH GOTTES VERGLEICHEN? WIE MIT EINEM SENFKORN IST ES, DAS, WENN ES IN DIE ERDE GESAET WIRD, DAS KLEINSTE ALLER SAMENKOERNER IST. WENN ES ABER AUFGEHT, WIRD ES GROESSER ALS ALLE KRAEUTER UND TREIBT GROSSE ZWEIGE, SO DASS UNTER SEINEM SCHATTEN DIE VOEGEL DES HIMMELS WOHNEN KOENNEN (Mk 4.30-32).

 

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Wie von selbst wird auf diese Weise deutlich, dass in dieser Bildsprache der fruchttragende Baum auf der Erde, im Feld rechts, das Abbild des Lebensbaumes im Paradies ist, so wie eben der gläubige, tugendhafte Mensch als Abbild des Gerechten im Reiche Gottes verstanden wird - siehe dazu Stoke-sub-Hamdon sowie den Baum, der aus dem sechsstrahligen 'Samen' aufgegangen ist, auf dem Plattenfragment in Cividale (Anhang Fig. 28).

Die rahmenden Taubänder nun, das Zeichen des Glaubens, versinnbildlichen "auch die Gebote der Heiligen Schrift, ... denn Jeremia sagt: HIERAUF ZOGEN SIE JEREMIA AN DEN STRICKEN IN DIE HOEHE UND HOBEN IHN AUS DER ZISTERNE EMPOR (Jer 38.13). Damit ist gemeint, dass die Göttlichen Gebote und die heiligen Vorbilder die Bewährten aus der Tiefe des gegenwärtigen Lebens emporziehen werden" 127).

Nun bleibt das, was ich eingangs als zentrales Symbol des Auferstandenen bezeichnet habe, der Stab, der sich oben nach beiden Seiten hin in spiralförmige Voluten teilt (Textabb. 20c). Es dürfte sich um den Stab des Moses handeln, mit dem er das Volk Israel durch die Wüste führte, den Stab aber auch, der sich durch Gottes Kraft vor dem Pharao in eine Schlange und wieder zurück in den Stab verwandelte. Dieser Stab schaut mit seinen Spiralen nach beiden Seiten, so wie der Auferstandene in Elstertrebnltz mit dem Buch des Lebens und der Segenshand beide Bereiche verbindet; auf diese Weise ist er einerseits für den Erdenpilger eine Stütze, wie der wundertätige Wanderstab Mosis (Exod 14 und 17), andererseits ist er der alttestamentliche Typus, das Vorbild für den Auferstandenen (Exod 4). In der ersten Funktion ist er bis heute Bestandteil der Predigten geblieben: UND WENN ICH AUCH WANDERE IM FINSTEREN TAL, ICH FUERCHTE KEIN UNHEIL, DENN DU BIST BEI MIR, DEIN STAB TROESTET MICH (Ps 22.4) für die andere, weniger bekannte Seite der Allegorie des Stabes sei zuerst die angesprochene Schrlftstelle und dann auszugsweise ihre Auslegung bei Augustinus angeführt: MOSES ERWIDERTE: WENN DER PHARAO UND

 

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Textabb. 21 GRIESHEIM

 

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DIE AELTESTEN MIR ABER NICHT GLAUBEN UND NICHT AUF MICH HOEREN UND SAGEN: GOTT IST DIR NICHT ERSCHIENEN? DARAUF ANTWORTETE GOTT: WAS HAST DU DA IN DER HAND? ER SAGTE: EINEN STAB. DA BEFAHL GOTT: WIRF IHN AUF DEN BODEN! ALS ER IHN AUF DEN BODEN GEWORFEN HATTE, WURDE ER ZU EINER SCHLANGE. MOSES ERGRIFF DIE FLUCHT VOR IHR. DA SPRACH GOTT ZU IHM: STRECKE DEINE HAND AUS UND FASSE SIE AM SCHWANZ! ER STRECKTE SEINE HAND AUS, PACKTE SIE UND SIE WURDE IN SEINER HAND WIEDER ZUM STAB ... DAMIT SIE GLAUBEN, DASS DIR GOTT ERSCHIENEN IST ... (Exod 4.1-5). "So versinnbildlicht der in eine Schlange verwandelte Stab eben diesen Christus, sofern er gehorsam wurde bis zum Tod des Kreuzes ... Der Stab wurde also in die Schlange verwandelt, Christus ging in den Tod; die Schlange wurde wieder in den Stab zurückverwandelt, Christus kommt in seiner Ganzheit zur Auferstehung, mit seinem Leibe, der die Kirche (Ecclesia = die Gemeinschaft der Gläubigen) ist" 128). Die Verwandtschaft mit Elstertrebnitz scheint mir so bis ins letzte erwiesen zu sein, ich verweise daher für die Schlussfolgerung darauf zurück.

Mit zwei Beispielen soll nun das in diesem zweiten Teil Erörterte abschliessend etwas zusammengefasst werden.

Im Tympanon der Magdalenenkirche von Griesheim / Thüringen (Textabb. 21) taucht als Mittelsymbol wieder die Säule auf, die uns bereits in Gernrode begegnet ist - allerdings ist sie hier durch zwei taubandförmige Arme mit dem Halbkreisbogen verbunden, das heisst, wie wir inzwischen wissen, sie versinnbildlicht in einem allgemeinen Sinn Christus, der Erde (Basis) und Himmel (Bogen) miteinander verbindet. Im besonderen ist diese, ebenfalls durch ein korinthisierendes Kapitell ausgezeichnete Halbsäule durch die Taubänder und die flankierenden Kreuze auf eine ganz konkrete Situation innerhalb der Heilsgeschichte bezogen, nämlich auf den Tod Christi zwischen den beiden Verbrechern auf Golgatha. Durch die Taubänder nimmt die Mittelsäule ebenfalls

 

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Kreuzform an, und da diese den Glauben symbolisieren, nämlich die Macht des Glaubens, das Böse zu bändigen, sich mit Gott zu verbinden ('funis' bei Hrabanus, wie Anm. 4), lässt sich folgendes sagen: Christus hat durch sein Erdenleben und seinen Tod am Kreuz allen Menschen die Möglichkeit gegeben, sich im Glauben an ihn, den Erlöser, sich mit Gott zu verbinden. Deshalb geht das Tauband nach beiden Seiten hin, zum Schächer zu seiner Linken und zu dem an seiner Rechten, zu dem, der in seiner Hochmut, wie wir wissen, das himmelwärts führende Tauband nicht ergriffen hat, und zum anderen, der durch Reue einsichtig geworden ist und Christi Verheissung hören durfte: WAHRLICH ICH SAGE DIR, NOCH HEUTE WIRST DU MIT MIR IM PARADIESE SEIN (Lk 23.43). Einmal mehr sind alle Bedeutungsebenen eines derartigen Sinnbildes ganz einfach und klar sichtbar gemacht: Säule und Kreuze stehen für die drei Gekreuzigten auf Golgatha. Der Betrachter wird ermahnt, gleich dem zur Rechten Christi 'erhöhten', dem reuigen Räuber, über das gegebene Tauband des Glaubens sich himmelwärts emporzuarbeiten. Denn das Himmelreich ist ihm hier vor Augen geführt im alles, gut und böse, umfassenden Zackenkranz an der Bogenstirn (siehe S. 121ff. und Anhang Fig. 44).

Diese Darstellung dürfte, ausgehend von der vielfältigen Bedeutung der Säule, noch eine weitere Dimension aufzeigen, obwohl sie mehr dem Mönch als dem einfachen Gläubigen geläufig gewesen sein mag. Mit dem Schächer zur Linken Christi, also dem Kreuz im rechten Viertelkreisfeld von Griesheim ist, das ergibt sich aus dem bisher Gesagten, auch allgemein das irdische, Menschliche, dem Tod Verfallene gemeint, während demgegenüber das andere Kreuz auch für das Ewige, das Göttliche, das dem Leben Zugehörige steht. Ferner sei darauf hingewiesen, dass im mittelalterlichen Verständnis Norden und Westen das Böse und das Ende, Süden und Osten das Gute und den Anfang versinnbildlichen können. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen bzw. deren Haus, also sozusagen das Haus Gottes auf Erden im Neuen Bund. Die mittelalterlichen Kirchenlehrer sahen sie in der Arche Noah des Alten Bundes

 

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vorgebildet 129), im Himmlischen Jerusalem vollendet. Man muss, um das Folgende zu verstehen, schliesslich noch berücksichtigen, dass das Portal und dann auch das Bogenfeld als Teil für das Ganze stehen und in unserem Fall die alttestamentliche Arche wie die neutestamentliche Kirche als irdische Abbilder des Himmlischen Jerusalem symbolisieren können. Damit sei endlich Hugo von Saint-Victor das Wort gegeben: "Diese Säule, die in der Mitte der Arche errichtet wird, bedeutet den Baum des Lebens, der in der Mitte des Paradieses gepflanzt wurde (siehe dazu Anhang Fig. 33 und 34!), es ist unser Herr Jesus Christus, der durch seine Annahme der menschlichen Gestalt mitten in die Kirche gepflanzt wurde ... Und jene Seite der Säule, die nach Norden schaut, bedeutet seine Menschengestalt, die er für die Sünder annahm; jene aber, die nach Süden blickt, bezeichnet seine Göttliche Natur, durch die er die Seelen der Gläubigen hütet" 130). Hugo führt den Vergleich weiter, indem er darauf hinweist, dass Christus von sich gesagt habe, er sei die Tür (Jo 10.9). Wenn aber Christus die Säule und die Tür der Arche sei, so könne man sich das am besten so ausmalen, dass man in der Säule selbst die Türe darstelle, und entsprechend den zwei Seiten der Säule habe man sich dann eine Nord- und eine Südtüre vorzustellen, die nördliche aber enthalte das Buch, die südliche den Baum des Lebens (vgl. Elstertrebnitz). Dabei müssen Nord und Süd natürlich nicht topographisch, sondern im Sinn des oben Erläuterten bildlich für 'zur Linken', 'zur Rechten' genommen werden. Hugo schliesst den Gedanken dann wie folgt ab: "die nördliche dieser Türen bedeutet durch das Buch des Lebens den Glauben, durch den wir aus dem Unglauben in die Kirche eintreten konnten, weil Christi Demut in seiner Menschwerdung uns gerettet hat. Diese Türe muss geschlossen bleiben, damit wir nicht mehr zu den alten Irrtümern zurückkehren. Die südliche Türe bedeutet durch den Lebensbaum den Uebergang von diesem Leben in die zukünftige Herrlichkeit, das heisst zur Furcht des Lebensbaumes. Und diese Türe ist geöffnet, weil wir die geistigen Augen immer darauf richten müssen, um möglichst bald aus diesem Elend hinaustreten zu können" 131). Es ist ja deshalb bis in unsere Zeit oft der linke Flügel

 

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Textabb. 22 MAGSTADT

 

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einer Kirchentüre geschlossen und nur der rechte steht offen, dass das nicht zufällig ist, zeigt sich dort, wo es sich um eine durch den Mittelpfeiler unterteilte Doppeltüre handelt; ich nehme die oben (S. 28) angeregte Frage nochmals auf, ob diese Symbolik der Säule unter Umständen auf solche Türpfeiler zu übertragen wäre. Und ich wiederhole die dort geäusserte Vermutung, dass diese Säule einen vergleichbaren Aussagewert besitze wie das Triumphkreuz und der Lebensbaum: vergleicht man vor diesem Hintergrund nämlich das Bogenfeld von Griesheim mit dem Sturz der Marienkirche von Groppendorf / Sachsen (Anhang Fig. 35), wo der paradiesische Palmbaum zwischen beiden Golgathakreuzen steht, scheint mir jeder Zweifel ausgeräumt.

Wirkt das Tympanon der Dorfkirche von Magstadt bei Stuttgart (Textabb. 22) auf den ersten Blick wirr und rätselhaft, so dürfte es jetzt, nach den Ausführungen in diesem Teil, schon beinahe vertraut sein. Ich brauche eigentlich nur zusammenzufassen: Der zentrale Tauband-Baum und die auf jeder Seite durch Taubänder ausgeschiedenen Ecken mit den Siegeskreuzen bilden das Grundschema mit der heilsgeschichtlichen Bedeutung der Erlösung. Der dreiteilige Baum entspricht dem erscheinenden Christus in Elstertrebnitz, dem Doppelspiralstab in Gumperda, der Säule von Griesheim. Der Zusammenhang und die Bildtradition werden unmittelbar deutlich, wenn man zum Vergleich das bereits erwähnte Bild des Lammes im Lebensbaum der Himmelsstadt in der Apokalypse von Cambrai (Anhang Fig. 34) heranzieht. Im rechten Zwickel steht das nur noch in Spuren erkennbare geschweiftendige Kreuz im Kreis für den menschgewordenen Christus, der den Tod besiegt hat - dasselbe meint in Elstertrebnitz der Kruzifixus. Das Kreuz mit der schmückenden Mittelkerbe im gegenüberliegenden Zwickel versinnbildlicht dann - wie die Lebensbaumpalme in Elstertrebnitz - den ewigen himmlischen König, das neue Leben. Dementsprechend finden wir in den jeweils mittleren Zonen das Symbol des Irdischen, rechts, und des Paradiesischen, links:

 

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Die Erde, auf der der Mensch lebt und sich bewähren muss, ist wie in Bietenhausen durch ihre fünf Zonen charakterisiert (fünfteiliger Kreis). Der Mensch ist auf dieser Erde aber nicht verlassen, das verspricht auch hier das dreiteilige Kreuz des Erlösers im Siegeskranz, denn es berührt den Erdkreis, womit wohl gezeigt werden soll, dass Christus im Heiligen Geist Gottes ALLE TAGE, BIS ZUM ENDE DER WELT (Mt 28.20) gegenwärtig sein wird. Genau dasselbe drückt ja die Zusammenstellung von bittendem Mensch und dem tröstlich erhobenen Buch des Lebens in Christi linker Hand in Elstertrebnitz aus. Diesem Trost im Bereich des irdischen steht in der entsprechenden Zone in Magstadt die Verheissung des Lohnes für den 'Sieger' im Paradies gegenüber - die rankenförmige Paradiesvegetation zeigt dieselbe Form wie in Gumperda. Dort wird dem siegreichen Menschen endlich das Leben zuteil werden, dort wird ihm die 'Sonne der Gerechtigkeit' scheinen, deren lebendige Strahlen - es sind sechs Blätter des Lebensbaumes! - das ewige Heil bedeuten, wie bei Maleachi ja verheissen ist (Mal 3.20). Auch dieses einzigartige Christussymbol, aus Sonne und Lebensbaum zusammengesetzt, findet in einfacher Form nicht nur in der Wirbelrosette von Gumperda, sondern auch im Verkündigungsengel von Elstertrebnitz seine Entsprechung, denn was wird an der zitierten Stelle bei Maleachi (am 'Ende' des Alten Testaments) anderes verkündet als der kommende Erlöser?

Höchst interessant und meines Wissens ohne Parallele ist nun auch die Ausgestaltung der beiden obersten Zwickel in Magstadt: Was hätte näher gelegen als hier, 'in der Höhe', die Dreieinigkeit zu verherrlichen? Die Exaktheit aber, mit der sie ins Bild umgesetzt wird, zeigt auf denkbar eindrücklichste Weise, welche Meisterschaft in schlichter Kunst liegen kann: Der dreieinige Gott - drei Stäbchen, drei Blätter - erscheint dem Schriftwort entsprechend in der Gestalt des Sohnes: WER MICH SIEHT, SIEHT DEN VATER (Jo 14.9), deshalb hat er auf der Seite des irdischen die Gestalt des Kreuzes, auf der Seite des Neuen Jerusalem aber die Form der Sonne und des Lebensbaumes!

 

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So gesehen wird plötzlich offensichtlich, dass die Bogenfelder von Elstertrebnitz, Gumperda und Magstadt letztlich dasselbe aussagen, obwohl sie stilistisch nichts gemeinsam haben. Denn Gumperda scheint mir wie gesagt, keineswegs eine Kopie von Elstertrebnitz auf tieferem künstlerischem Niveau (Reduktion), da es, wie wir sehen konnten, neue Elemente hinzubringt. Und ebensowenig darf Magstadt etwa als provinzielle Spätform irgendeines Tympanons aus der Hochkunst (Stilverspätung) angesehen werden, denn hier tauchen neue, originelle Zeichnungen auf und sie gehen, wie die Vergleichsbeispiele zeigen, auf die frühchristliche und frühmittelalterliche Symbolsprache zurück. Wir haben es eben, das dürfte jetzt deutlich geworden sein, in keiner Weise mit kultivierter Stilkunst grosser Meister oder Werkstätten, sondern mit volkstümlicher Bildsprache wenig geschulter Handwerker-Künstler zu tun.

Ich wiederhole die an den Anfang gestellte Vermutung, dass dieselbe innere und äussere Verwurzelung in einer jahrhundertealten, selbstverständlichen und alltäglichen Glaubensübung und die Vertrautheit mit einer ebenso alten und nicht weniger alltäglichen Bildkultur die Hauptgründe dafür sind, dass solche Bogenfelder im allgemeinen wohl ohne besondere theologische Kenntnisse gestaltet und verstanden werden konnten.

Ich kann mir vorstellen, dass es je nach Aufgabe und Anbringungsort der Darstellung bestimmte Grundgesetze des Bildaufbaus gab, und dass in jeder Region unterschiedliche Symbole für dieselben Heilstatsachen in Gebrauch waren. Die lokalen Steinmetzkünstler werden dann etwa vom Stifter den Auftrag erhalten haben, den Gläubigen auf traditionelle Weise die Gefahren des Erdenlebens und die verheissenen Freuden des Himmels vor Augen zu führen und deutlich zu machen, dass der unerschütterliche Glaube an den Erlöser der einzige Weg ist, um aus dem Bereich des Todes ins Reich des Lebens hinübergehen zu können. Während der Bildhauer von Elstertrebnitz aus einem weiteren Erfahrungsbereich schöpfend und vielleicht in Absprache mit einem Mönch

 

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figürlich gestaltete, verwirklichten die Steinmetze von Gumperda und Magstadt in ihrem engeren Erfahrungsfeld und bescheideneren Formenvorrat dasselbe Thema mittels schlichtester Zeichen - aber nicht weniger klar und nicht minder eindrücklich.

 

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3 DAS ZIEL: PARADIES UND HIMMELSSTADT

Im letzten Teil sollen vorerst die unterschiedlichen Zeichen und Formen für das Paradiesische an Beispielen untersucht werden; sie sind vor allem dort, wo sie nur noch in geometrischer Sprache auftreten, oft als blosse Dekoration verkannt worden. Anschliessend möchte ich dann anhand des Bogenfeldes von Pforzheim und des Kapellenportals von Schloss Tirol Bilanz ziehen. Gerade bei letzterem wird deutlich, wie sich schlichte Ausdrucksweise und offizielle, in diesem Fall lombardische, romanische Bildhauerkunst am gleichen Objekt überlagern und zu einem einheitlichen Gesamtprogramm ergänzen können.

Um am bisher Aufgebauten anknüpfen zu können, gehe ich von Sachsen aus und werde mich dann vor allem auf englische und französische Beispiele stützen.

In dem durch das doppelte Tauband eingefassten Bogenfeld von Rochsburg / Sachsen (Textabb. 23) sind uns nun alle Motive bis auf die Kreisschlaufenform in ihrer Einzelbedeutung wie innerhalb der Gesamtkomposition bekannt. Dieses Zeichen ist nicht nur in der Portalskulptur weit verbreitet, sondern in allen Bereichen frühmittelalterlicher Kleinkunst vertreten. Wir finden es beispielsweise auf dem Mosaik im Baptisterium von Die / Drôme (Anhang Fig. 36), aber auch noch im Reuner Musterbuch 132). Es handelt sich in dieser Form innerhalb eines Tympanons oder an einer Kirchenfassade wohl immer um ein aufs äusserste konzentriertes Bild der Verheissung: SEHT, ICH BIN BEI EUCH, ALLE TAGE, BIS ZUM ENDE DER WELT (Mt 28.20). In Rochsburg wird diese Bedeutung unterstrichen durch den kleinen Sonnenwirbel, der die ALLE TAGE über der Erde aufgehende Sonne bezeichnen dürfte, nicht anders etwa als in Bietenhausen auf der linken Seite, der Seite des irdischen.

 

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Textabb. 23 ROCHSBURG

 

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Textabb. 23a UFENAU

 

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ihr gegenüber, auf der rechten Seite, steht verheissungsvoll in bekannter Weise der Lebensbaum im Paradies. Das Lamm Gottes mit dem Kreuzstab ist hier das deutliche Zeichen für die Heilstatsache, dass nur durch Opfertod und Auferstehung Christi die Welt überwunden, das Reich Gottes für die Menschen wieder gewonnen wurde und, auf moralischer Ebene, dass nur der Erlöser auch für jeden Einzelnen der Mittler zwischen dem zeitlichen (links) und dem ewigen Leben sein kann. Unser Motiv nun, scheint mir folgendermassen bestimmt werden zu können: Die Vollkommenheit Gottes umfasst in Christus gleich einem Kreis die ganze Welt, nämlich die vier Enden, die Haupthimmelsrichtungen der Erde. Der Kreis ist durch alle vier Schlaufen, also durch alle vier 'Ecken' der Erde geführt und hält sie zusammen. Das Vierschlaufenmotiv - man beachte, dass es in der Mitte immer ein rhombusartiges Feld ausscheidet - steht hier also für die Erde, die Welt des Menschen.

Ich erinnere daran, dass ein ganz ähnliches, dort vierstreifiges Schlaufenband an der Fassade der Marienkirche von Gravedona (S. 30) den Rhombus der Erde umschlingt, und dass ich sie dort als Schlingen der irdischen Bosheit, das heisst eben als Fallstricke des Teufels auf der Erde definiert habe. Die beiden Schlaufenformen bezeichnen also dort wie hier das irdische, sie setzen aber einen unterschiedlichen Akzent, der sich jeweils aus dem konkreten Zusammenhang ergibt: was in Gravedona die Fallstricke der Schlange bezeichnet, versinnbildlicht hier die Erde, und der Rhombus, der dort die Erde kennzeichnet, ist in Rochsburg als Kern ausgeschieden. Der Kreis bedeutet in solcher Verbindung zweifellos das Vollkommene, Göttliche, das heisst, nicht etwa den Erdkreis (orbis), sondern den Sphärenkreis, die Allgegenwart und die Unendlichkeit Gottes. Dieser Kreis ist letztlich zurückführbar auf das alte Symbol der sich in den Schwanz beissenden Schlange, das schon bei Isidor und Beda ganz klar diesen Sinn hat - ich habe oben (S. 62) auf die entsprechenden Schemata dieser Kirchenlehrer hingewiesen (siehe Anhang Fig. 5 und 6). Der Vergleich mit Bedas Figur zeigt auch die Bedeutung dieser Schlaufenbänder, sozusagen als sichtbar gemachte 'Struktur' des

 

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irdischen, der materiellen Welt. Ihre vier Klimazonen sind in Bedas Figur durch Hinzunahme der vier Elemente auf acht ergänzt (vgl. die entsprechende Rosette in Hildrizhausen), und die Kreise versinnbildlichen in diesem Sinn, dass sie von der unendlichen Macht und Weisheit Gottes geschaffen, durchwirkt und umfasst wird - sie, die 'materielle' Schöpfung, nämlich der Mensch (homo), die Welt (mundus) und die Zeit (annus) 133).

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Christogrammrose im Tympanon der Kathedrale von Jaca und die Fensterrose der Kathedrale von Lausanne, aber auch an die vielen Formen der Sonnenrosetten in unseren Bogenfeldern, die ja dieselbe Bedeutungswurzel haben. Ein Ausschnitt einer frühmittelalterlichen Rückenplatte eines Bischofstuhls, heute in Aquileia (Anhang Fig. 37), vermittelt ein äusserst dichtes Paradiesbild, das die beiden Pfaue gleichsam nur noch verstärkend und schmückend ergänzen: Der innere Ring der Taubandsonne (Strahlenkranz) umfasst die Welt, die durch vier kreuzförmig in die Hauptwindrichtungen weisende Palm- oder Lilienbäumchen gekennzeichnet ist. Im äusseren Ring umfasst die 'Sonne der Gerechtigkeit', nämlich Christus, auch das Paradies, das durch die vier grossen Palmbäume kenntlich gemacht ist - ich werde darauf zurückkommen; und im Siegeskreuz eben, das haben wir oben gesehen (siehe Anm. 109), erfüllt er Himmel und Erde. Ich verweise angesichts des Triumphkreuzes von Aquileia, aus dessen Enden Spiralranken als Lebenszeichen und aus dessen Mitte Palmen spriessen - letztere können auch als Lilien gesehen werden - auf das entsprechende Motiv in der rechten Ecke des Bogenfeldes von Gumperda (S. 90) zurück!

Das irdische, die Welt, ist in diesem Feld geometrischer Symbole zumeist durch ihre vier Ecken gekennzeichnet. Wir finden diese Form auch in einer Maiestas-Darstellung in Saint-Omer als Rhombus (Anhang Fig. 38), er veranschaulicht dort die Jesaias-Stelle: DER HIMMEL IST MEIN THRON UND DIE ERDE DER SCHEMEL MEINER FUESSE (Is 66.1). Diese Illustration hilft uns auch das Motiv in Rochsburg zu verstehen, weil sie zeigt, auf welche Weise nach dieser Vorstellung Gott in Christus Himmel und Erde umfasst: der Kreis Göttlicher Vollkommen-

 

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heit umschliesst in gleicher Weise den Thronenden wie die Welt - und wenn wir in Rochsburg gedanklich die Durchstosspunkte des Kreises in den Schlaufen miteinander verbinden, erhalten wir genau die Basisfigur von Saint-Omer 134). Im Bereich der Kapitellplastik tritt uns das Motiv, um das Dreieck der Dreieinigkeit vertieft, beispielsweise in Owingen entgegen (Anhang Fig. 39) und als alleiniger Schmuck des Giebelsturzes über der Türe der Kirche auf der Insel Ufenau im Zürichsee (Textabb. 23a). Honorius sagt, den Psalm 1 zusammenfassend, dieser beginne am Anfang der Welt und höre auf am Ende der Zeit, "... weil die Welt in Christus, der Anfang und Ende ist, beginnt und aufhört" 135). Vor diesem Hintergrund muss die Bescheidenheit des Türschmucks von Ufenau nicht mehr karg anmuten: die vom Kreis durchdrungene Vierschlaufenform ersetzt voll und ganz eine Maiestas-Darstellung!

Mit vergleichbaren Zeichen drücken die Bogenfelder von Flemmingen bei Altenburg und Wechselburg / Sachsen (Textabb. 24 und 24a) dasselbe aus wie Rochsburg. In Wechselburg ist die Paradiesseite durch eine Dreieinigkeitsschlaufe, in Flemmingen durch eine Lotospalmettenform charakterisiert.

In beiden Beispielen ist aber die Viererschlaufe der Erde in besonderer, von Rochsburg abweichender Form wiedergegeben; sie wird in noch weiter stilisierter Form, in Beaumais uns wieder erfreuen. Die Grundform in Wechselburg zeigt auf schöne Art, dass es sich tatsächlich um die vier E c k e n der Welt handelt. Was aber bedeuten die in jeder dieser Ecken stehenden Lilien-Palmbäumchen bzw. die Blätter? Sie dürften einfach das 'Paradies auf Erden' meinen, den Garten Eden nach Genesis 2, der als auf der Erde im Osten liegend gedacht wurde, wie ein Ausschnitt einer spanischen Weltkarte aus dem 14. Jahrhundert zeigt (Anhang Fig. 40). So entspricht dieses 'irdische Paradies' in nun vertrauter Gegenüberstellung zum Lebensbaum- bzw. Trinitätsmotiv als einstige, verlorene Heimat des Menschen jenem Himmlischen Jerusalem, der künftigen und ewigen Heimat. Aber die Symbolik dieses Zeichens hat noch eine weitere, eine 'moralische' Seite. Die Verheissung

 

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Textabb. 24 FLEMMINGEN

 

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Textabb. 24a WECHSELBURG

 

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der immerwährenden Anwesenheit des Erlösers auf Erden ist in Flemmingen nicht durch den Kreis ausgedrückt, sondern durch die vier Blätter in den vier Ecken. Diese versinnbildlichen die Endpunkte, die 'Ziele' der vier Paradiesströme, die aus der einen Göttlichen Quelle Christus entsprungen sind, wie die vier Evangelien, die in alle Himmelsrichtungen verbreitet wurden um Frucht zu bringen. Diese Vorstellung ist ausführlich bei Hrabanus dargelegt 136), ich setze hier aber die oben zitierte Auslegung des 1. Psalmes bei Honorius fort, um nicht nur den Zusammenhang von Paradies und Erde, sondern auch den von Lebensbaum und Blättern deutlich werden zu lassen: "Das Paradies wird Garten der Seligkeit genannt und bedeutet die Kirche, in welcher die Freuden der Schriften (= der vier Evangelien) sind; es ist der Ort der Freuden und der Königsherrschaft, das ewige Glück der Seligen. Die Quelle aber, die aus dem Herzen des Vaters hervorgeht, ist Christus, und die Flüsse, die aus dieser Quelle hervorströmend das Paradies bewässern, sind die Gaben des Heiligen Geistes, die die Kirche (= die Gläubigen) ernähren ... Der Kreuzesbaum ist also der Lebensbaum im Paradies, das heisst in der Kirche, GEPFLANZT AM RANDE DES WASSERS, DAS HEISST NEBEN DEN STROEMEN DER (VIER) SCHRIFTEN UND SEINE BLAETTER WELKEN NICHT (Ps 1.4). Das Blatt des Baumes ist die Lehre von Christi Leiden am Kreuz; wie aber aus den Blättern die Früchte hervorgehen, so aus den Worten die Werke. Und wie also das Palmblatt des Lebensbaumes nicht welkt, so bleibt auch die Verheissung Christi durch die Werke gefestigt bestehen" (wie Anm. 135).

Da uns diese Zusammenhänge nicht mehr geläufig sind, dürfte es nötig sein, die sehr exakte Schilderung Honorius' mehrmals durchzulesen. Denn sie lässt uns verstehen, auf welche Weise das Schlaufenmotiv mit den Blättern in Flemmingen dasselbe versinnbildlicht wie die Schlaufenform mit dem Kreis in Ufenau, nämlich die Gegenwart Gottes auf Erden im Erlöser. Ich will das Zitat 'in unserer Sprache' im Hinblick auf dieses Motiv zusammenfassen (siehe auch Anhang Fig. 36 und 37): Gott ist die Quelle des Lebens im Paradies; Christus ist der Strom, der daraus entspringt und sich in vier Flüssen, den vier Evangelien, in alle vier Him-

 

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Textabb. 25 KELSO

 

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Textabb. 25a

 

Man erinnere sich auch an das Apsismosaik von S. Apollinare in Classe (Anhang Fig. 23): Der Himmel innerhalb des Gemmenrings der Paradiesesstadt zählt 99 Sternchen + Christus: die Vollkommenheit (siehe S. 116ff.)

 

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melsrichtungen über die Welt ergiesst. Die Bäumchen oder Blätter an den Enden der Welt sind die Worte Gottes, die in den Herzen der gläubigen Menschen aufgegangen sind, und die Früchte sind die guten Werke; siehe dazu den entsprechenden Baum in Gumperda: wie er das Abbild des Lebensbaumes im tugendhaften Menschen auf dieser Erde ist, so meint das 'irdische Paradies' im rechten Teilfeld von Flemmingen mit den 'fruchtbringenden Menschen' offenbar das Abbild des ewigen, himmlischen Paradieses, das links im Palmmotiv als Urbild erscheint.

Ich konnte bisher verschiedentlich zeigen, dass auch die schlichte Portalplastik ein typisches Merkmal mittelalterlicher allegorischer Kunst aufnimmt, nämlich oft nur einen Teil oder Einzelheiten einer gemeinten Szene wiederzugeben, weil die Vertrautheit der Menschen mit solcher Bild- und Gedankenwelt und folglich mit dieser abkürzenden Darstellungsweise es ihnen ohne weiteres ermöglichte, den Rest vor ihren inneren Augen zu ergänzen.

In diesem Sinn ist der nördliche Portalgiebel am Westquerhaus der Cisterzienser-Kirche von Kelso / Roxburghshire in Schottland (Textabb. 25) ein in vieler Hinsicht höchst aufschlussreiches Beispiel einer geometrischen Sprache, die auch in diesem Fall meist nur vom dekorativen Wert her betrachtet worden ist. Den dreieckigen Giebel ziert ein Rautenmuster, das, wenn man die ausgeführten Stege nach unten weiterführt, ein auf die Spitze gestelltes Quadrat aus zehn mal zehn Einheiten ergibt. Die symbolische Einheit der Bibel ist die Elle, das MENSCHENMASS, DAS HEISST DAS ENGELMASS (Apk 21.17). Die untere Spitze der zum Rhombus ergänzten Form träfe genau den Torbogenscheitel. Niemand, der die apokalyptischen Allegorien kennt und sich daran erinnert, dass die Kirche als Abbild des Himmlischen Jerusalem galt, wird daran zweifeln, dass es sich hier um mehr als ein Ornament handelt. Gerade die Exaktheit der geometrischen Konstruktion lässt ahnen, dass es beim Rautengitter am Querhausgiebel von Kelso um die Darstellung des Himmelstempels nach Ezechiel oder der Himmelsstadt gemäss der Offenbarung des Johannes geht; die beiden

 

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Visionen sind in den bildlichen Darstellungen immer vermischt worden, da sie letztlich auch dasselbe meinen und da das Kirchengebäude, wie erwähnt, beide abbilden will. Gregors des Grossen zehn Predigten zu Ezechiel 40 (Homilien Buch 2) sind auch in diesem Bereich eine fast unerschöpfliche Quelle für einen Einblick in dieses Denken, ich werde ihn deshalb einmal mehr ausführlich zitieren (vgl. Textabb. 25a): "UND DER TEMPELVORHOF MASS HUNDERT ELLEN IN DER LAENGE UND HUNDERT ELLEN IN DER BREITE: EIN VIERECK (Ez 40.47). Wir haben schon mehrmals erklärt, dass mit der Länge die Geduld der Hoffnung, mit der Breite die Weite der Liebe bezeichnet wird. Dass die Zahl hundert, in welcher zehn zehnmal enthalten ist, die höchste Vollkommenheit bedeutet, ist oben ausreichend erörtert worden ..." Die angesprochene Bezugstelle Gregors sei hier eingefügt: "UND ER MASS DIE BREITE VON DER STIRNSEITE DES UNTEREN TORES BIS ZUM AEUSSEREN MAUERVORSPRUNG DES INNEREN VORHOFES: HUNDERT ELLEN NACH OSTEN UND NACH NORDEN (Ez 40.19). Wenn wir in diesen Worten unter dem Tor einen Zugang verstehen, durch den wir zur Erkenntnis des Herrn eingehen, so ist das untere Tor der Glaube, der innere Vorhof die Beschauung ... Die Zahl zehn indes, mit sich selbst multipliziert, ergibt hundert ... (durch sie wird) jene Vollkommenheit bezeichnet, nach welcher (bei Mt 19.29) das ewige Leben verheissen ist. Denn wer immer um des Namens Gottes willen das Zeitliche und das irdische verachtet, empfängt von daher die Vollkommenheit der Gesinnung, so dass er nicht mehr nach dem trachtet, was er verachtet, und im künftigen Leben zur Herrlichkeit des ewigen Lebens gelangt. Hundertfach erhält er also, was er gegeben hat, erhält den Geist der Vollkommenheit und hat kein Bedürfnis mehr nach irdischen Dingen, auch wenn sie ihm fehlen. Denn arm ist, wer Verlangen hat nach dem, was ihm fehlt. Und reich ist, wer das, was ihm fehlt, nicht zu erwerben wünscht ... Somit hat der Mann die Breite von der Stirnseite des unteren Tores bis zum äusseren Mauervorsprung des inneren Vorhofes gemessen: hundert Ellen. Misst doch unser Erlöser durch die Vorsteher und Glaubenslehrer täglich das Leben der Gläubigen nach dem Mass der Vollkommenheit ... Nur der wird mit

 

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hundert Ellen gemessen, dessen gute Werke der richtigen Absicht entspringen, der in all seinem Tun weder auf den Erwerb irdischen Gewinns noch auf vergängliches Lob abzielt ... UND ER MASS VON TOR ZU TOR: HUNDERT ELLEN (Ez 40.23) ... Wer daher den Zugang zum inneren Vorhof erblickt, muss, um den Lebensweg der Vollkommenheit zu durchlaufen, notwendigerweise vom Tor des Anfangs bis zum Eingang der Vollendung gelangen. Das Mass des inneren Vorhofes, der sich von den äusseren Toren bis zum inneren Tor erstreckt, beträgt also hundert Ellen, so dass der Geist dessen, der liebend einzutreten begonnen hat, die Weite der Vollkommenheit besitzt und ihn weder Glücksfälle übermütig noch Unglücksfälle mutlos machen. So durchlaufe er, alles Vergängliche verachtend, die Vorhalle der Vollkommenheit, bis er zu den verborgenen Seligkeiten kommt."

Gregor fährt dann an der oben unterbrochenen Stelle fort: "Was bedeutet daher der Vorhof des geistigen Gebäudes anderes als die Gesamtheit der gläubigen Völker? ... Wenn also im Leben der Gläubigen je nach den Umständen bei einzelnen die Geduld der Hoffnung vollkommen, die Weite der Liebe vollkommen, die Sicherheit des Glaubens vollkommen und der Eifer im Ton vollkommen ist, dann hat der Vorhof hundert Ellen im Quadrat ... Somit werden die Tugenden des gläubigen Volkes nach dem Quadrat gemessen, weil jeder, der sich in der Ausübung des tätigen Lebens befindet, in dem Masse glaubt als er hofft, wirkt und liebt, in dem Masse liebt als er glaubt, hofft und wirkt, und in dem Masse wirkt als er glaubt, hofft und liebt ... Um indes auch von ihren Kardinaltugenden zu reden: ... Indem sie Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Mässigung besitzen, hat der geistige Vorhof die Gestalt eines Quadrates. Denn siehe, die Tugenden, die wie gesagt die Guten und die Gläubigen besitzen, bilden in der Weise ein Quadrat, dass keine ohne die andere auskommt ... So wird also das Leben der vollkommenen Gläubigen durch die Masse des Quadrates bestimmt, und eine Seite des geistigen Vorhofes ist ebenso lang wie alle übrigen" 137).

 

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Textabb. 25b CHAUNAY

 

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Es mag jetzt besser verständlich geworden sein, dass das Viereck in diesem Sinn je nach Zusammenhang für das Himmelreich oder für die Erde, damit aber auch für den gläubigen, der Vollkommenheit zustrebenden Menschen im 'Vorhof' stehen kann, der an beidem teilhat. Diesen Menschen werden wir in Beaumais gleich noch deutlicher vor Augen haben. Vorerst sei jedoch darauf hingewiesen, dass dieses Rautengitter weit verbreitet ist und beispielsweise in ganz ähnlicher Form wie in Kelso im Portalgiebel von Guebwiller im Elsass dargestellt ist. Als regelmässiges Muster erscheint es im Giebel der Kirche von Saint-Jouin-de-Marnes 138) (Anhang Fig. 21).

Auch im Tympanon von Cortrat / Burgund dürfte es als Verheissung des 'neuen Himmels' verstanden werden, während darunter der "Paradiesgarten (aufscheint, der) durch den Sündenfall zu einem Irrgarten" geworden ist, wie Adolf Reinle herausgearbeitet hat 139). Wie lebendig, wenn auch nicht in dem Masse tiefsinnig wie bei Gregor, diese Vorstellung vom ersehnten Himmelreich bis in die abgelegenste Kirchgemeinde war, zeigt der Schmuck des Türbogens am Kirchlein von Chaunay / Vienne in rührender Naivität (Textabb. 25b). Aehnlich 'simpel' (durchschaubar, nicht primitiv!) ist auch die Tür von St. Andrew in Bishopstone / Sussex als Eingang zum symbolischen Himmelstempel ausgezeichnet (wie Anm. 56, Nr. 37). Doch spricht in gewissen Gegenden Englands und vor allem der Normandie auch die offizielle Kunst noch zu Beginn des 13. Jahrhunderts diese Sprache. Ein grossartiges Beispiel dafür ist aus romanischer Zeit in der (gotischen) Kathedrale von Bayeux / Calvados erhalten: Die Stirnseiten der Arkadenbögen im Seitenschiff zeigen in wechselnder Folge gleich alle gängigen Zeichen, die einen Torbogen zum 'Himmelsportal' stempeln: den dreifachen Zickzackfries, den Zinnenfries und den Rautenfries (Anhang Fig. 41). Und noch eindrücklicher ist diesbezüglich das innere der Kathedrale von Durham in Nordengland: Säulen, Arkadenbögen und Gewölberippen, also alle tragenden Teile, sind durch kannelierte Wulste, Rautengitter, Zickzack- und Würfelfriese ausgezeichnet - direkter lässt sich die Vorstellung vom

 

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Textabb. 26 BEAUMAIS

 

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Himmlischen Jerusalem wohl nicht mehr in reale Architektur umsetzen (wie Anm. 56, Nr. 163). Die Bildquellen für diese Motive sind zahlreich und unmissverständlich: Das Rautengitter in der Grabdekoration ist unmittelbarer Ausdruck der Hoffnung, dass der Verstorbene ins Reich Gottes eingehen möge (Anhang Fig. 42 und 43). Der dreifache Zickzackfries und der Zinnenkranz sind Bestandteil der Mauer des 'Hierusalem celestis' im bereits erwähnten Liber Floridus von Saint-Omer (Anhang Fig. 44). Die Reihe liesse sich beliebig verlängern und auch auf Würfelfriese, Schachbrettmuster usw. ausdehnen.

Einmal mehr zeigt sich mit aller Deutlichkeit, dass selbst diese für uns 'abstrakten' Zeichen den Menschen jener Zeit in ihrer Bedeutung völlig vertraut gewesen sein mussten. Denn wären sie das nicht gewesen, hätte der Künstler von Bayeux vermutlich nicht gewusst, dass der Rautenfries sinnvoll mit Palmbäumchen und Reben ergänzt werden kann (!) hätte der Steinmetz von Chaunay seinen Portalbogen wohl leichter und harmonischer mit einem blossen Kreuz im Kreis schmücken können 140).

Durch das Tympanon von Notre-Dame-de-Beaumais in der Normandie (Textabb. 26) wird unser Paradieszeichen in dreierlei Hinsicht erweitert. Erinnern wir uns an den eben zitierten Gedanken von Gregor, dass das Leben der vollkommenen Gläubigen durch die Masse des Quadrates bestimmt werde, so leuchtet im Vergleich mit Kelso wohl ein, dass wir in den quadratischen Täfelchen dieses Bogenfeldes gleichnishaft diese vollkommenen Gläubigen im Vorhof des Himmelstempels vor uns sehen - schön geschmückt und individuell gekennzeichnet. Sie sind also, das ergibt sich aus der Weiterführung derselben allegorischen Vorstellung, gleichsam die B a u s t e i n e dieses Tempels im Reiche Gottes. Wieder bringt Gregor diesen Gedanken in seiner Predigt zu Ezechiel 40 am deutlichsten auf den Begriff: "UND ER HATTE EINE LEINENE SCHNUR IN SEINER HAND (Ez 40.3). In der Septuaginta ist nicht von einer leinenen Schnur die Rede, sondern von der 'Schnur der Steinmetze'.

 

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Wenn wir uns in der Auslegung dieses Verses an die letzte Uebersetzung halten, dann deuten wir die Steinmetze als die heiligen Glaubenslehrer, die in ihren geisterfüllten Reden die lebendigen Steine, das sind die Seelen der Auserwählten, zu dem himmlischen Bauwerk zusammenfügen" 141). Ich verweise zum Vergleich auf die Bogenfelder von Nonhigny / Lothringen und Le Martet / Nivernais. Was das 'Urbild' dieser Vorstellung betrifft, so scheint es mir im Triumphbogenmosaik des 6. Jahrhunderts in S. Apollinare in Classe mit Händen zu greifen (Anhang Fig. 45).

Gemäss der Schilderung in Apk 21.18ff. ist die Mauer der Himmelsstadt aus Jaspis gebaut und mit Edelsteinen aller Art geschmückt. Dass es diese edlen Steine sind, die wir in Beaumais vor uns haben, halte ich für offensichtlich, und wenn Gregor in diesem Zusammenhang vom Quadratmass der vollkommenen Menschen spricht, so finden wir in Hrabanus' Erklärung zum 'Geistigen Hause Gottes' die 'kostbaren Steine' noch deutlicher als 'heilige Menschen' bezeichnet: "WISST IHR NICHT, DASS IHR GOTTES TEMPEL SEID, UND DER GEIST GOTTES IN EUCH WOHNT? (1. Kor 3.16). Wenn also Christus durch die Menschwerdung zum Tempel Gottes geworden ist und wir durch seinen Geist, der in uns wohnt, zum Tempel Gottes werden, so steht fest: dieser Tempel (1. Kön 5) versinnbildlicht Christus den auserlesenen, als Grund gelegten Eckstein und er versinnbildlicht uns, die lebendigen Steine, die auf dem Fundament der Apostel und Propheten aufgebaut sind, das heisst also auf ihm, dem Herrn selbst. Der Apostel bezeugt dies, wenn er sagt: EINEN ANDEREN GRUND KANN NIEMAND LEGEN ALS DEN, DER GELEGT IST, JESUS CHRISTUS (1. Kor 3.11) ... So dürfen die Patriarchen und Propheten, die Apostel und Märtyrer nicht unpassend als erste und fürs Fundament geeignete Grundsteine dieses Hauses Gottes bezeichnet werden, denn sie haben durch ihr Leiden die Fundamente des Glaubens gelegt ... (ihnen) folgt die ganze Menge der Gläubigen ... Die kostbaren Steine (lapides pretiosi) sind also die heiligen Menschen, die durch ihre Verdienste herausragen, und die sich gut zu Quadersteinen formen und als Fundament legen lassen. Der Quaderstein

 

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(quadratum) pflegt nämlich fest zu stehen, wie und auf welche Seite immer man ihn dreht" 142). Hrabanus geht an dieser Stelle von Paulus aus, und dessen Bild von der Qualität des geistigen Gebäudes scheint mir in Beaumais noch greifbarer in Stein umgesetzt als beispielsweise in Owingen (Anm. 72, 143ff.). Denn selbst das Fundament, Christus und in ihm die vorhergehenden und die nachfolgenden Vorbilder, die Propheten und Apostel, sind in der Reihe der Chi-Kreuz-Steine auf der Grundleiste des Bogenfeldes als solche hervorgehoben - auf den darunter liegenden Türsturz werde ich später zu sprechen kommen.

Es ist überdies zu beachten, dass dieselben quadratischen, mit dem Chikreuz geschmückten Täfelchen an der Bogenstirn des Tympanons und an der äussersten Portalarchivolte nochmals verdeutlichen, dass es sich um die Vision der Himmelsstadt unter dem dreifachen Sternhimmel handelt, und dass Christus nicht nur das Fundament und der 'Eckstein' ist, sondern auch der alles umfassende Rahmen und der 'Schlussstein': SO SEID IHR NUN NICHT MEHR FREMDLINGE UND BEISASSEN, SONDERN MITBUERGER DER HEILIGEN UND HAUSGENOSSEN GOTTES, AUFGEBAUT AUF DER GRUNDMAUER DER APOSTEL UND PROPHETEN, WAEHREND CHRISTUS JESUS SELBER DER ECKSTEIN IST. IN IHM HAT JEDER BAU HALT UND WAECHST EMPOR ZU EINEM HEILIGEN TEMPEL IM HERRN. IN IHM WERDET AUCH IHR MITEINGEBAUT ZU EINER WOHNSTATT GOTTES IM GEISTE (Epheser 2.19-22).

Diese Verheissung an den Gläubigen, die in Beaumais so kunstvoll vorgetragen wird, erscheint in schlichterer und noch konzentrierterer Form an zwei erhaltenen, kleinen Bogenfeldern in zwei einstmals bedeutenden Aare-Städten: Von Russ geschwärzt und von lebendigem Efeu halb überwachsen, ist das nur wenige Zentimeter tief in einen mächtigen, monolithischen Sturz gekerbte Bogenfeldchen am Schwarzen Turm in Brugg / Aargau (Textabb. 27a) kaum noch zu sehen. Und in der Mitte des Giebelsturzes über der Westtüre der ehemaligen Stiftskirche von Zofingen / Aargau (Textabb. 27b) ist die quadratische Himnıelsstadt, aus zwanzig Chikreuz-Quadersteinen aufgebaut, zwischen Symbole des

 

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Textabb. 27a BRUGG

 

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Textabb. 27b ZOFINGEN

 

Man vergleiche auch Chambon-sur-Lac/Auvergne (Anh. Fig. 39a)

 

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Himmels und der Erde gestellt. Es dürfte im Sinn des oben Erörterten so zu verstehen sein, dass das verheissene Paradies sich zwar im Reich Gottes befindet - Christogrammrosetten als Zeichen des Sternenhimmels, des Universums, der ewigen Allgegenwart Gottes in Christus - aber für den gläubig strebenden Menschen schon auf Erden vor seinen geistigen Augen sichtbar wird. Für diese Erde stehen rechts die Schlingen des Bösen, denen es auszuweichen gilt, auf der andern Seite aber tröstlich und hilfeversprechend der Kreis im Vierschlaufenkreuz im Quadrat: Wer also, so lautet wohl die einfache Botschaft, sich im Erdenleben an die Lehre Christi hält und sich unter seinen Schutz stellt, der wird die verderblichen Schlingen des Teufels erkennen und ihnen ausweichen können um einst, als Vollkommener, Teil des Himmelreichs, Baustein des geistigen Hauses im Paradies zu werden (die Meinung der beiden Täfelchen links aussen ist mir allerdings nicht ganz klar) 143).

Was das Bogenfeld über dem schmalen Zugang zum Brückenturm von Brugg betrifft, der heute zum Fenster zugemauert ist, so muss beachtet werden, dass der Wehrturm in der Stadt nicht anders als die Ritterburgen, in Notzeiten der Bevölkerung Schutz zu bieten hatte. Die Menschen fanden darin genauso Zuflucht vor Feinden, wie sie im allgemeinen in der Kirche vor der Verfolgung durch das Gesetz geschützt waren.

Mit andern Worten: Türme wie der Schwarze Turm von Brugg wurden immer wieder zu 'Kirchen', waren real und symbolisch Orte der Zuflucht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ihre Zugänge denselben Stellenwert hatten wie Kirchenportale und folglich mit denselben Zeichen der Hoffnung auf Errettung geschmückt werden konnten.

Die sechs mit dem Chikreuz geschmückten 'Grundsteine' dieses Bogenfeldes dürften also auch hier den Grund versinnbildlichen, DER GELEGT IST, CHRISTUS, auf dem alles aufgebaut werden muss, was Bestand haben soll. Die mittlere 'Etage' des geistigen Bauwerkes zeigt so gesehen auch stellvertretend, wie die heiligen Menschen darin eingebaut sein werden: Christus selbst ist nicht nur das Fundament, sondern auch die Mitte dieses Hauses, und die, welche ihm durch Nachfolge ähnlich

 

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geworden sind - diagonal gezeichnete Quadersteine - werden einst 'an seiner Seite' sein. Spuren auf der rechten Seite dieser mittleren Ebene lassen ahnen, dass diese Bausteine in beiden Richtungen sich fortsetzen würden, ähnlich wie sie in Beaumais über den Halbkreis hinaus ins Rechteck zu wachsen scheinen.

Endlich bildet Christus auch die dritte, die Höchste Ebene des Gebäudes, denn er ist, ich habe es oben erwähnt, auch sein Schlussstein 144): "In irdischen Gebäuden kann nicht der gleiche Stein 'zuoberst und zuunterst liegen ... Zu Gott aber, der überall zugegen ist, kann von allen Seiten her ein Gleichnis hingeführt werden ... ist etwa Christus eine Türe, wie wir Türen sehen, vom Schmied gemacht? Gewiss nicht, und doch sagt er: ICH BIN DIE TUERE ... Ebenso ist er selber Grundstein und Schlussstein ... Der Unterste dieses Grundes ist das Oberste, und wie der Grund eines materiellen Bauwerks am tiefsten liegt, so der Grund des geistigen am höchsten" 145).

Ob die Zeichnung dieses höchsten Steins von den Spuren her als Kelch des Lebens ergänzt werden soll, wie ich es vorschlage - vgl. den Kelch im Sturz von Saint-Quentin bei Vaison-la-Romaine (Anhang Fig. 17), bleibe dahingestellt, denn die Figur ist nicht sicher zu rekonstruieren. Der Ueberrest des Zackenkranzes an der Bogenstirn allerdings spricht wieder deutlich ...

Man vergleiche, um wieder zu Beaumais zurückzukommen, einen der besonders schön geschmückten Steine jenes Tympanons (Vignette S. 3) mit dem Vierschlaufenmotiv in Flemmingen (S. 112), und erinnere sich, dass ich dort gesagt habe, dieses Zeichen könne in gewissem Sinn auch als Abbild des Paradieses im tugendhaften, nämlich fruchttragenden Menschen verstanden werden....

Dass er tugendhaft sein und das Böse meiden muss, um dorthin zu gelangen, ist dem Betrachter in Beaumais direkt über seinen Augen am Sturz warnend vorgeführt: Der Teufel, die 'alte Schlange', schleicht am linken Rand heran und verbreitet Lügen - täuschend echte aber fruchtlose Ranken; und er gaukelt dem Dummen vor, in seinem Reich über dieselben

 

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schönen Formen zu verfügen, wie sie im Reich Gottes, oben an den Bogenläufen, dem Gläubigen verheissen sind. Dieser aber, der glaubend ganz nach oben schaut, wird sich nicht täuschen lassen, weil er im Sinne Hiobs weise ist: DENN GOTT VEREHREN, DAS IST WEISHEIT, UND DAS BOESE MEIDEN INTELLIGENZ (Hiob 28.28). Und er weiss sich von Christus behütet, weil er die Botschaft über dem Eingang zu seiner Kirche zweifellos richtig versteht: "... der Herr behütet den Eingang jeder einzelnen Seele, da sie eintritt in den Glauben, wie auch den Ausgang (Ps 120.8), da sie ausgeht in die Herrlichkeit. Denn sie soll weder beim Eintritt in die Kirche von Irrtümern zu Fall gebracht, noch beim Uebertritt aus diesem zeitlichen in das ewige Leben vom alten Widersacher geraubt werden" 146).

 

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Textabb. 28 PFORZHEIM

 

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Anhand der Beispiele von Pforzheim und Schloss Tirol soll nun abschliessend Bilanz gezogen werden.

 

Das Bogenfeld am inneren Westturmportal der Altenstädter Pfarrkirche St. Martin in Pforzheim / Baden-Württemberg (Textabb. 28) gibt jetzt keine Rätsel mehr auf. Christus ist das Fundament des Heils und das alles umfassende ewige Leben, die Ranke geht rechts unten aus dem Siegeskreuz empor, denn der Sieg des Erlösers über den Tod war der Beginn des neuen Lebens - vgl. Hamersleben. Im unten 'heraufschauenden' schnauzbärtigen Mann ist der Mensch selber ins Bild gebracht. Er steht auf der Erde zwischen den beiden Mächten, dem Bösen zu seiner Linken (rechts im Feld) und dem Guten zu seiner Rechten; und über seinem Kopf erscheint die Verheissung der Allgegenwart des Erlösers. Die dreiteiligen Kreuzschlaufen in beiden Ecken versinnbildlichen im Zeichen Christi die Dreieinigkeit Gottes, der, wie Jonas von Orléans sagt, im Himmel, auf der Erde und selbst in der Hölle ist (Anm. 109). Heilsgeschichtlich betrachtet bedeutet also das einfache Kreuz im rechten Viertelkreisfeld, auf der 'Welt-Seite', den Tod Christi am Kreuz, der gefesselte Löwe und das Kreuz im Kreis die Ueberwindung des Teufels in der Hölle, den Triumph des Erlösers über den Tod, den Anfang des Heils - die byzantinische Kunst zeigt im Bild der Höllenfahrt (Anastasis) regelmässig den Auferstandenen, der auf dem gefesselten Teufel stehend Adam und Eva als erste aus dem Reich des Todes herauszieht. Im anderen Teil des Bogenfeldes, auf der Heils-Seite, steht der starke Löwe "aus dem Stamme Juda, Christus, der den Teufel besiegt hat", wie Hrabanus zu Apokalypse 5.5 sagt 147) - und der ihn am Ende für immer bezwungen haben wird; das sagt Hrabanus dort nicht, es ist aber in Apk 5.5 mitgedacht. Während der Hahn in diesem Sinn das Attribut des teuflischen Löwen ist, ist das Huhn oder die Heiliggeist-Taube das Erkennungszeichen des Christus-Löwen. Beachtet man, dass das 'Taubenhuhn' dem Kopf des Löwen zugeordnet ist, ihn also zu inspirieren scheint, so könnte man mit Hrabanus weiter sagen: "Die Henne ist die Weisheit Gottes, denn im Evangelium heisst es:

 

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WIE OFT HABE ICH DEINE KINDER SAMMELN WOLLEN, WIE EINE HENNE IHRE KUECKLEIN UNTER IHRE FLUEGEL SAMMELT (Mt 23.37). Die Weisheit Gottes führt nämlich die Auserwählten durch die ihnen gewährten Geistesgaben zum Heil" 148). Wie Christus im Erdenleben durch den Heiligen Geist Gottes geleitet worden ist, so wird der gläubige Mensch auf dem Weg der Vervollkommnung durch die 'Weisheit Gottes' geführt. Der Christus-Löwe ist also gleichzeitig das Vorbild, dem der Mensch in der Mitte nachstreben soll, indem er auf den Heiligen Geist, das Wort Gottes hört.

Der Hahn auf der anderen Seite hat hier wohl nichts mit dem Turmhahn, dem Symbol der Wachsamkeit zu tun, sondern dürfte, wie erwähnt, das Attribut des Teufels sein und in seiner Uebergrösse die Lasterhaftigkeit des auf das Weltliche ausgerichteten Menschen versinnbildlichen - er ist ja ein volkstümliches Symbol der Ausschweifung 149). Wird der Mensch in der Mitte, wenn er nach rechts blickt, aufgefordert, sich vom Heiligen Geist führen zu lassen, so wird er, wenn er nach links blickt ermahnt, sich seiner Lasterhaftigkeit bewusst zu werden und sich anzustrengen, diese Laster zu überwinden, das heisst, das Böse gleichsam innerlich anzuketten. Und wenn der Mensch, so möchte man sagen, nach links und nach rechts blickt und sich bemüht, beides zu beherzigen, so darf er getrost nach oben schauen:

Das vom Kreis durchdrungene Vierschlaufenmotiv kennen wir, es ist hier bereichert durch "die Feuerflammen, die die Liebe Gottes bedeuten", wie Alcuin zur Erläuterung von Apk 1.14 ausführt 150). Schaut der Mensch also nach oben, so erkennt er die tröstliche Verheissung: Die unendliche Liebe, Weisheit und Gnade Gottes ist in Christus allezeit allgegenwärtig, sie umfasst die Welt. ICH HABE IHNEN DEINEN NAMEN KUNDGETAN UND WERDE IHN WEITERHIN KUNDTUN (betet Christus vor seinem Tod), DAMIT DIE LIEBE, MIT DER DU MICH GELIEBT HAST, IN IHNEN SEI, UND ICH IN IHNEN BLEIBE (Jo 17.26).

 

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Wir haben am Beispiel des Kathedraltympanons von Jaca sehen können, dass sich unter bestimmten Umständen in gewissen Regionen am selben Objekt schlichte Kunst und Stilkunst überlagern können.

Das Portal der Kapelle (Textabb. 29) und jenes am Palas (Textabb. 30) von Schloss Tirol bei Meran zeigen in interessanter Weise, wie sich 'volkstümliche' und offizielle Bildsprache an einem bedeutenden Objekt am Rande eines Kunstzentrums am Ende des 12. Jahrhunderts ergänzen können. Das Kapellenportal ist deutlich weiterentwickelt, ich werde vor allem von diesem sprechen.

Im Zentrum dieser Abhandlung stand die schlichte, handwerkliche Kunstsprache in ihrer einfachen Thematik, der Gegenüberstellung von Gut und Böse und der Heilsverheissung. Die Darstellungen waren zumeist auf das Bogenfeld konzentriert. An den Portalen von Schloss Tirol erscheinen solche Formen und Inhalte nun im Portalgewände, den Archivolten und an der Bogenstirn. Im Tympanon hingegen und beidseits des Eingangs wird sozusagen in Hochsprache gesprochen, weht der Geist der 'hohen Kunst der romanischen Epoche'. Selbstverständlich sind die Allegorien des Bogenschützen, Samsons, der Löwen und der Drachen ebenso in der schlichten Kunst zu Hause - das zeigen hier eben die Stirnbogen, 'neu' ist aber ihre Anordnung: Sie stehen sich nicht im bisher gezeigten Sinn direkt gegenüber, sondern sie stehen gleichnishaft, e r z ä h l e n d neben- und übereinander. Das wird ganz besonders am Tympanon des Kapellenportals deutlich, wo nicht der siegreiche Christus in repräsentativer Weise vor dem Kreuz steht, wo in einem ganz anderen Verständnis der Heilsbotschaft die Kreuzabnahme g e s c h i l d e r t wird - als eine Szene aus der Passionsgeschichte! Diese offizielle Note kann unser Portal in jener Zeit nur durch lombardischen Einfluss erhalten haben, und in diesem Zusammenhang darf wohl das wenige Jahrzehnte ältere Westfassadenprogramm von San Michele in Pavia als unmittelbares Vorbild angesprochen werden. Auch dort wird vorwiegend in Tierallegorien erzählt, während etwa in Arles, an den Portalen von Saint-Trophime, menschliche Figuren die Hauptbedeutungsträger sind, Tiersymbole und pflanzliche Motive nur

 

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Textabb. 29 SCHLOSS TIROL Kapellenportal

 

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in der Rand- und Sockelzone auftreten; ich will diese Ueberlegungen hier aber nicht weiterführen, sondern zur ikonographischen Deutung des Kapellenportals von Schloss Tirol zurückkehren.

Im Bogenscheitel auf dem Schlussstein erscheint die Hand Gottes, die hier wohl gleichzeitig segnende und richtende Funktion hat. Zur Gerichtsthematik habe ich bei Jaca ausführlich gesprochen (S. 37ff.), ich denke, dass auch hier beide Vorstellungen, jene vom 'Endgericht' und die vom 'Sondergericht' nach dem Tod dargestellt sind, da jene in dieser in gewissem Sinn vorweggenommen wird' 151): Die Schlingen rechts sollen zur Warnung dienen, sie stehen hier als Zeichen der sündhaften Verstrickung, die beiden Löwen auf der anderen Seite der Hand Gottes dienen als Vorbild, sie sind die tugendhaften Gerechten. Wer sie zum Vorbild im irdischen Leben macht, kann seine Belohnung, die ihm wartet, auf dem rechten Anwölbestein betrachten: er wird der Taube gleich im Reich Gottes zum ewigen Leben gelangen. Wer aber in die Fallstricke des Bösen gerät, Opfer der eigenen Ueberheblichkeit wird (Greif unter den Schlingen), der hat seine Strafe auf der anderen Seite vor Augen: er wird von einem Diener des Teufels hinuntergestossen werden (in der Bogenleibung hängt drohend der Höllenkessel über dem Feuer). Gleichsam zur Verstärkung erscheinen die Schlingen nochmals am linken inneren Türpfeiler, begleitet vom dürren Baum des Todes, während am rechten Pfeiler sich Vögel des Himmels in den fruchtbehangenen Ranken des Lebensbaumes sättigen. Die dreifache Archivolte widerspiegelt die Vegetation des himmlischen Paradieses. Das analog gestaltete Palasportal vereinfacht die 'schlichte Thematik' ein wenig, ich greife nur die Allegorien auf seiner Bogenstirn heraus: Der Greif links oben meint das Laster des Hochmuts, der Hirsch gegenüber die Tugend der Gläubigkeit. Die 'geistige Heimat' des Hochmütigen ist das Reich des Todes, vertreten durch den Drachen auf dem rechten Anwölber; der Lohn des Gläubigen wird im Glück bestehen, aus dem Kelch des Lebens trinken zu dürfen (Tauben), dem entspricht auch der Adler, das Symbol der Auferstehungshoffnung 152) auf der anderen Seite.

 

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Textabb. 30 SCHLOSS TIROL Palasportal, Bogenstirn

 

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Von besonderem Interesse ist hier der Schlussstein. Elemente, die wir in Bietenhausen, Dorlisheim und Pforzheim angetroffen haben, erscheinen hier in einem Bild konzentriert: Der Mensch ist im Erdenleben zwischen zwei Mächte gestellt. Die Macht Gottes erscheint ihm im Wolf rechts, er ist durch die blattförmige Schwanzquaste und die inspirierende Geisttaube (siehe Anhang Fig. 46) als Christus gekennzeichnet. Auf der anderen Seite flüstert ihm der teuflische Wolf Versuchungen ins Ohr; der Gläubige wird sich durch das lilienförmige Schwanzende nicht täuschen lassen, sondern ohne weiteres erkennen, wer sich hinter dieser Gestalt verbirgt: SIEH DOCH DEN BEHEMOT (wie der Leviathan eine Erscheinungsform des Teufels) ... ER STRAFFT WIE EINE ZEDER DEN SCHWANZ (Hiob 40.12) - Gregor predigt in seiner 'Morallehre' ausführlich darüber 153).

Aehnlich wie auf dem Heilig-Grab in Gernrode ist der Mensch mit beiden Mächten in Verbindung, er hat je einen Vorderlauf der Wölfe ergriffen, und im selben Sinn wie in Gernrode wird er guttun, angesichts von Lohn und Strafe sich zu entscheiden und die Verbindung zum linken Wolf aufzugeben.

Im Tympanon und links und rechts vom Kapellenportal ist dem, der durch die Türe eintritt nun im Stil der offiziellen romanischen Portal-Kunst gleichsam ein Buch mit sieben Bildern aufgeschlagen, mit Bildern, die verstärkend warnen und trösten sollen. Auf dem mächtigen Block, der das linke Widerlager bildet, ist Samson im Begriff, den Löwen zu zerreissen, der gerade sein Beutetier verschlingen wollte (Richter 14.6). Samson ist in dieser Szene der alttestamentliche Typus für Christus, der den Teufel überwunden hat: er besiegt den 'alten Feind' und erlöst die Menschheit durch seine Kraft von der uneingeschränkten Macht des Todes. Das heisst, dieser 'neue Adam' macht wieder gut, was der alte Adam - diese Szene ist darunter geschildert - in seiner Schwäche durch Ungehorsam verschuldet hat, nämlich, der 'alten Schlange', dem Widersacher Christi, die Möglichkeit zu geben, über ihn zu triumphieren und die Menschheit unter das 'Gesetz des Todes' zu bringen. Dieselbe

 

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Ebene der Heilsgeschichte der Menschheit vertreten die 'Kreuzabnahme' im Bogenfeld und die allegorische Szene auf dem 'Eckstein' rechts unten. Letztere zeigt einen Adler, der auf dem Kopf eines fürchterlichen, stachelschwänzigen Drachen steht und ihm etwas aus dem Schlund zieht. "In der Tat bedeutet dieser Adler (Ps 102.5) nach dem geheimen Sinn den Herrn und Heiland, der eine Aehnlichkeit hat mit dem Adler, weil er durch seinen Tod dem bösen Feind die Beute entriss (Ps 21.22), und nach der Auferstehung seinen Leib, den er für die Erlösung des Menschengeschlechtes auf sich genommen hat, in Himmelshöhen hinaufführte, uns durch Reden und Beispiel ermahnend", sagt Hrabanus in seinem Kommentar zu den Psalmen der Matutin 154).

Es ist das Motiv der 'Höllenfahrt' (siehe Pforzheim, S. l29) und ergänzt als drittes Hauptereignis des Erlösungsgeschehens die Szene im Tympanon und am linken Widerlager: '... gestorben, begraben worden, hinabgestiegen in die Hölle, am dritten Tag auferstanden von den Toten ...', wie es liturgisch noch immer heisst; deutlicher aber sind die Stationen hier in Bildern ausgedrückt: im Erlösungstod, im Sieg über den Teufel (Samson) und in der Befreiung der Gerechten zur Auferstehung (beuteentreissender Adler). Und damit das nicht unvermittelt bleibe, wird auch der persönliche Bezug geschaffen: der Mensch, der durch dieses Portal eintritt, soll sich bewusst sein, dass Christus für ihn gestorben ist, gesiegt hat und auferstand, und er soll die Lehren beherzigen, die ihm vor Augen geführt sind, damit er auf seinem Weg von der Kraft Gottes behütet werde (Löwe mit blumenförmiger Schwanzquaste am rechten Widerlager) und nicht dem Widersacher zum Opfer falle, wie gleich darunter in nicht zu überbietender Deutlichkeit gewarnt wird. Der Mensch, der in allen Zeiten des Unheils, in Kriegen, Seuchen und Feuersnöten hier Zuflucht und Rettung für seinen Leib fand, er sollte, das liegt nahe, aufgefordert werden, auch an die Rettung seiner Seele zu denken. Deshalb steht hier ganz unten, sozusagen auf seiner Ebene, das Bild des Predigers Gottes, der Sagittarius. Man kann sich unschwer vorstellen, dass solche Bilder, die so eindringlich warnen und verheissen, Lohn und Strafe voraussagen, jene immer wieder geängstigten und real gefährdeten Menschen beeindruckt haben.

 

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137

 

Und der Prediger in der Kapelle wird mit Nachdruck auf sein steinernes 'Abbild' an der Fassade verwiesen und seinen Zuhörern ans Herz gelegt haben, die Warnungen ernst zu nehmen um dem Verderben zu entgehen. Er mag ihnen andererseits die Hoffnung auf den endlichen Frieden im Reich Gottes in ähnlich tröstlichen Psalmversen vorgetragen haben wie etwa Beda Venerabilis, wenn er erklärt, wer die sind, denen am Schluss der Offenbarung bei Johannes das ewige Leben verheissen wird: "DAS IST DIE TUERE DES HERRN, DIE GERECHTEN WERDEN DURCH SIE EINTRETEN (Ps 117.20) ... GLUECKLICH SIND DIE, DIE IHRE WESTEN WASCHEN, DAMIT IHNEN DAS ANRECHT AUF DEN BAUM DES LEBENS ZUTEIL WERDE UND SIE DURCH DIE TORE EINGEHEN IN DIE STADT (Apk 22.14) - einen würdigen Lohn verspricht er jenen, die weisse Westen, das heisst, ein makelloses Leben geführt haben. Er wird sie für würdig befinden die Herrlichkeit Gottes, der das ewige Leben ist, zu schauen, heisst es doch: SELIG, DIE REINEN HERZENS SIND, DENN SIE WERDEN GOTT SCHAUEN (Mt 5.8). Und jene ... WERDEN DURCH DIE TORE EINGEHEN IN DIE STADT, die die Gebote des Herrn befolgen, denn es ist gesagt: ICH BIN DIE TUERE, WER DURCH MICH EINGEHT, WIRD GERETTET WERDEN, UND ER WIRD EINGEHEN UND AUSGEHEN UND WEIDE FINDEN (Jo 10.9). Jene Weidegründe, nämlich die Auen des Lebensbaumes (siehe Anhang Fig. 23!), sind ihnen also gewiss, wenn sie durch die Türen der Kirche, das heisst, durch die Türen eines gerechten Lebens eintreten werden" 155).

Wenn die einfachen Menschen auch nicht lesen konnten, so vermochten sie doch zu verstehen; wenn sie auch nicht wussten w o , so wussten sie doch d a s s gesagt ist: WER OHREN HAT ZU HOEREN, DER HOERE, ... WER AUGEN HAT ZU SEHEN, DER SEHE ...

 

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138

 

Leerseite

 

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139

 

ANMERKUNGEN

 

Abkürzung: PL =

Patrologia Latina, hg. von J.-P. Migne, Paris, 1844-1864, 217 Bände - Bei den Uebersetzungen habe ich in erster Linie auf leichte Verständlichkeit geachtet.

1)

Siehe dazu und zum Lebensgefühl im Mittelalter allgemein das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, hg. vom Verband dt. Vereine für Volkskunde, Berlin und Leipzig 1931/32, darin beso. die Artikel JUENGSTER TAG und JUENGSTES GERICHT, Bd. IV, 859-896.

Siehe ferner: Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt/M. 1973, Ullstein-TB; Nr. 34004; Robert Delort, la vie au Moyen-Age, Paris 1982 , Edita Histoire H 62; Jacques Le Goff, la civilisation de l'occident médiéval, Paris 1982 , Flammarion, Coll. les grds, civ. No 67

2)

Siehe dazu: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 9, 491ff., und vor -allem Hrabanus Maurus (780-856), Allegoriae in universam sacram scripturam, PL 112, 849-851. Praktisch ist der Unterschied zwischen dem drei- und dem vierfachen Schriftsinn unwesentlich, da es sich letztlich nur um andere Bezeichnungen für dieselben, von Origenes (um 180 - um 251) erstmals erkannten, in den biblischen Aussagen selbst liegenden Sinnebenen handelt. Siehe dazu auch: F. Ohly. Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter, in: Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung, Darmstadt 1977, 1-31

3)

Hugo von Saint-Victor († 1141), Didascalion, PL, 176, 814B/C, zit. bei: Paul Michel, Tiere als Symbol und Ornament, Wiesbaden 1979, 48

4)

Hrabanus Maurus, Allegoriae in unviersam sacram scripturam, PL 112, 1043D/1044A

5)

Gregor der Grosse (um 540-604), Moralia in Iob, PL 76, 728B-D/729A-C

6)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 1044A/B

7)

Gregor, Moralia, wie Anm. 5, 710D

8)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 1044A Abb. bei Emil Bock, wie Anm. 61, Nr. 319

9)

Gregor, Moralia, wie Anm. 5, 691C/D

10)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 871D

11)

Aurelius Augustinus (354-430), Vorträge zum Johannes-Evangelium, übers. v. Th. Specht, Bibliothek der Kirchenväter, München 1913, Bd. IV, 77

 

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140

 

12)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 899A

13)

Augustinus, Vorträge, wie Anm. 11

14)

Gregor, Moralia, wie Anm. 5

15)

Augustinus, Ueber die Psalmen, übers. u. ausgew. v. H.U. von Balthasar, Einsiedeln 1983, 188

16)

Siehe zur Taube als Bild der Seele des glaubensstarken Menschen die Illustration zu Apk 6.9: ... SAH ICH UNTER DEM ALTAR DIE SEELEN DERER, DIE HINGESCHLACHTET WORDEN WAREN UM DES WORTES GOTTES UND DES ZEUGNISSES WILLEN, DAS SIE FESTHIELTEN, im spanischen Apokalypse-Kommentar 'Seo de Urgel' (gegen 970), fol. 106

Zum Motiv der früchtepickenden Tauben siehe auch den Aufsatz von Adolf Reinle zum Sturz von Bergholtzzell in Strassburg: Les débuts de la sculpture romane dans la région du lac de Constance, in: Cahiers de civilisation médiévale, 15 (1972), 179-191; sowie R. Will, Recherches iconographiques sur la sculpture romane en Alsace: Les représentations du paradis, in: Les cahiers techniques de l'art 1 (1948), 29-79.

Zum Lebensbaummotiv siehe beso. auch Anm. 117 und die Beispiele von Rochsburg und Flemmingen

17)

Beda Venerabilis (um 672-735), Explanatio apocalypsis, PL 93, 137D

18)

Gottvater = Christus = Heiliger Geist = Weisheit, siehe Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 985C

19)

Alcuin (um 730-804), Commentaria in apocalypsin, PL 100, 1102D-1103B

20)

Das Portal wurde im Zuge der Fassadenrenovation im 19. Jh. nach erhaltenen Fragmenten rekonstruiert, die Anordnung der Figuren ist authentisch

21)

Siehe Griesheim, Rochsburg und Kelso

22)

Siehe dazu vor allem Schloss Tirol, Kapellenportal, ferner: Mainz, Dom, Marktportal, bei: W. Bickel, Sechs Kapitel über das Marktportal des Mainzer Doms, in: Zeitschrift für Kunstwissenschaft 27 (1973), 3-23, Abbn. Nrn. 1 und 3; ferner: Dorlisheim, Anhang Fig. 14, und Belsen. Siehe zum Weiterleben iıı der Gotik beispielsweise die Archivolte des Südportals am Dom von Gnesen (2. Hä. 14. Jh.): A. und Z. Swiechowski, Der Dom zu Gnesen und seine Stellung in der gotischen Kunst, in: Zeitschrift für Kunstwissenschaft 27 (1973), 24-54, Fig. 12 Siehe zum Schlussstein Christus beso. auch Brugg S. 126ff.

23)

Siehe dazu den Artikel DANIEL und die entsprechende Literatur bei: E. Kirschbaum (Hg.), Lexikon der Christlichen Ikonographie, Freiburg/Brsg. 1968ff., Bd. I

 

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141

 

24)

H. Jenny (Gründer), Kunstführer durch die Schweiz, Bd. 3, Ges. für Schweiz. Kunstgesch., Bern 1982, 24

25)

Siehe dazu: Elisabeth Neubauer, Die romanisch skulptierten Bogenfelder in Sachsen und Thüringen, Berlin/DDR 1972, beso. S. 91

Zur Akanthusblüte als Zeichen Christi vgl. etwa die Kapitelle von St. Bartholomäus in Paderborn und St. Michael. in Fulda, bei: V.H. Elbern (Hg.), Das erste Jahrtausend. Kunst und Kultur im werdenden Abendland an Rhein und Ruhr, Bd. 3, Düsseldorf 1962, Abbn. 36 und 48

26)

Ich verweise auf: P. Verdier, La colonne de Colonia Aelia Capitolina et l'imago clipeata du Christ Helios, in: Cahiers archéologiques 23 (1974), 17-40, Fig. 1 und Anm. 136. Siehe zu Oloron-Sainte-Marie: Ingeborg Tetzlaff, Romanische Portale in Frankreich. Dumont-TB Nr. 56, Köln 1977, Abb. 1

27)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 899C/900A

28)

Alcuin, Commentaria, wie Anm. 19, 1112B/C

Siehe dazu auch die im Tympanon allein stehende Säule in Beuren/Thüringen, bei: Neubauer, wie Anm. 25, Abb. 15; aber auch: K. Hoffmann, Die Evangelienbilder des Münchner Otto-Evangeliars CLM 4453, in: Zeitschr. für Kunstw. 20 (1966), S. 23 und Anm. 32

29)

R. Will, Alsace romane, Zodiaque, La-Pierre-Qui-Vire 1965, Fig. 112-114

30)

Gregor, Moralia, wie Anm. 5, 628D

31)

V. H. Elbern, Die Dreifaltigkeitsminiatur im Book of Durrow, Eine Studie zur unfigürlichen Ikonographie im frühen Mittelalter, in: Wallraf-Richartz-Jb. 17 (1955), 7-42; derselbe, Die Stelle von Moselkern und die Ikonographie des frühen Mittelalters, in: Bonner Jbb. 155/156 (1955/56) Bd. I, 184-214, Tf. 21-36;

derselbe, Der eucharistische Kelch im frühen Mittelalter, II: Ikonographie und Symbolik, in: Zeitschr. für Kunstw. 17 (1963), 117-188;

derselbe, Ein neuer Beitrag zur Ikonographie des Unfigürlichen. Ueber die biblische Aussage beinerner Reliquienkästchen des frühen Mittelalters, in: Das Münster 25 (1972), 313-327, mit ausführlicher Literatur; derselbe, Bildstruktur - Sinnzeichen - Bildaussage. Zusammenfassende Studie zur unfigürlichen Ikonographie im Frühmittelalter, in: Arte Medievale 1 (1983), 17-37, mit Literaturhinweisen.

Siehe ferner: O.K. Werckmeister, Die Bedeutung der Chi-Initial-Seite in: Book off Kells, in: V.H. Elbern, wie Anm. 25, Bd. 2. 687-710

32)

Augustinus, Psalmen, wie Anm. 15

 

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142

 

33)

Siehe dazu das Tympanon von Rheinau, bei: A. Reinle, wie Anm. 16, Abb. 1, und zum Hirsch, der die Schlange besiegt und dann an der Quelle des Lebens seinen Durst stillt, das Apsismosaik von San Clemente in Rom (4. - 12. Jh.), bzw. die Interpretation zu den entsprechenden Psalmversen (41.2 und 120.1) bei Hugo von Saint-Victor, De bestiis ... liber II: De cervorum natura, PL 177, 64A-D

34)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4 893B

35)

Hugo von Saint-Victor, wie Anm. 33

36)

Honorius Augustodunensis (um 1080 - um 1137), Elucidarium, PL 172, 1136A/B

37)

Hugo von Saint-Victor, wie Anm. 33; siehe zum bösen Einflüsterer Dorlisheim, Anhang Fig. 14; "... nach dem Sieg erklimmt er den Berg ...", Der Berg unter den Füssen des Christus-Wolfes in Bietenhausen (S. 52) meint im weiteren Sinn auch diesen Berg nach Psalm 9.12: LOBSINGET GOTT, DER WOHNT AUF SION

38)

Siehe beispielsweise Bosost oder Plaisance / Hautes Pyrénées

39)

Das Motiv ist nicht selten, siehe etwa Faux-en-Forêt / Lothringen, bei: A. Reinle, wie Anm. 106, Fig. 1

40)

Georges Gaillard, Etudes d'art roman, Paris 1972, 231ff.

41)

PARCERE STERNENTI LEO SCIT CHRISTU(M)QUE PETENTI

42)

Isidor von Sevilla (um 560-636), Etymologiarum liber XII De bestiis, PL 82, 434B

43)

Isidor, Sententiarum liber I, PL 83, 545B

44)

IMPERIUM MORTIS CONCULCANS E(ST) LEO FORTIS

45)

VIVERE SI QUAERIS

QUI MORTIS LEGE TENERIS

HUC SUPLICANDO VENI

RENUENS FOMENTA VENENI

COR VICIIS MUNDA

PEREAS NE MORTE SECUNDA

46)

Hugo sagt dort, wo er vom noblen Löwen spricht, der in seiner Barmherzigkeit den Bereuenden verschont: "Du aber tue desgleichen, der du herrschest auf Erden" (wie Anm. 33, 57C/D). Es scheint mir denkbar, dass dieser Löwe hier am Kathedraltympanon nebenbei auch den adeligen Grundherrn an seine Standestugend, die Barmherzigkeit, erinnern sollte

47)

HAG IN SCRIPTURA . LECTOR . SI GNOSCERE CURA P PATER A GENITUS DUPLEX EST S SPIRITUS ALMUS HI TRES JURE QUIDEM DOMINUS SUNT UNUS ET IDEM

 

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143

 

48)

Augustinus, Vom Gottesstaat, Buch 22, übers. v. W. Thimme, Zürich 1978, Bd. 2, 835

49)

Siehe dazu den grundlegenden Aufsatz von Ellen J. Beer, Les vitreaux du Moyen Age de la Cathédrale, in: la cathédrale de Lausanne, Bern, 1975, 221-255, beso. Fig. 278. Zu den Grundlagen für dieses Schema siehe Isidor, De natura rerum, PL 83, 963-1018, und Beda, De temporum ratione, PL 90, 293-578

50)

Siehe bei Franz Rademacher, Christus als Weltenherrscher, in: Der thronende Christus der Chorschranken aus Gustorf, Köln 1963, 74-145

51)

Augustinus, Vorträge, wie Anm. 11, 214/215

52)

G. Kodolitsch, Zur Restaurierung der St. Lambrechter Stiftskirche 1974/76, in: Oesterr. Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 31 (1977), 73-84 - vgl. auch den Löwen am Portal von Sta. Giusta bei Oristano/Cagliari: er birgt den Hirschen in seinen Pranken!

53)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 884A

54)

Wera v. Blankenburg, Heilige und dämonische Tiere, Die Symbolsprache der deutschen Ornamentik im Frühmittelalter, Köln 19752 , Abb. 140

55)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 906C

56)

R.T. Stoll und J. Roubier, Britannia romanica, Die hohe Kunst der romanischen Epoche in England ..., Wien 1966, Abb. 105

57)

Siehe zu diesen Motiven die zahlreichen Beispiele bei Blankenburg, wie Anm. 54, Abbn. 143-163

58)

Hugo von Saint-Victor, wie Anm. 33, 71D/72A

59)

Zum Beispiel so: "Oft schwingt sich der Drache aus seiner Höhle heraus in die Luft und lässt sie leuchten, weil der Teufel, der schon im Anfang überheblich war, sich als Engel des Lichts verkleidet um die Dummen zu täuschen, die ihre Hoffnung auf falschen Ruhm und irdisches Glück setzen", Hugo, wie Anm. 58

60)

5 ist im Mittelalter u. a. die Zahl des Alten Testaments, und der menschlichen Sinne für die volle Kraft des Bewusstseins beim gläubigen Menschen; dazu gehört auch die Symbolik des Gleichnisses von den fünf klugen und den fünf törichten Jungfrauen. Vgl. dazu etwa den Sturz an der Galluspforte des Basler Münsters; in unserem Zusammenhang das Bogenfeld von Elstertrebnitz. Siehe zur Zahlensymbolik: Dorothea Forstner, wie Anm. 78, 47-60

61)

Emil Bock, Schwäbische Romanik, Baukunst und Plastik im Württembergischen Raum, Stuttgart 1979, Abb. 34. Text S. 51ff. - das Abbildungsmaterial ist hervorragend

 

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144

 

62)

...PECATOR VIR E EMINA MORTIS AMATORI, auf der Grundleiste: ....M....... EMINAR ...

63)

Hiob 41.21: SUB IPSO ERUNT RADII SOLIS, ET STERNET SIBI AURUM QUASI LUTUM. Die Zwingli-Uebersetzung von 1531 hatte noch: DAS GOLD TRITTET ER (DER GRAUSAME WALLFISCH) IN KAAT WIE DIE SCHARPFEN SCHAERBEN; die heutige Uebersetzung lautet dagegen in der Zürcher Bibel: UNTER IHM (DEM KROKODIL) SIND SPITZIGE SCHERBEN, EINEN DRESCHSCHLITTEN BREITET ES UEBER DEN SCHLAMM (?!)

64)

Gregor, Moralia, wie Anm. 5, 73lC/D

65)

Ebd., 733B-734B

66)

Hugo von Saint-Victor, De bestiis, wie Anm. 33, 67D

67)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 1058C

68)

Siehe dazu den Teil 3, beso. Brugg und Zofingen, S. 123ff.

69)

Hugo von Saint-Victor, De bestiis, wie Anm. 33, 68A-C

70)

Zum Drachen als Bild Christi, bzw. des Gläubigen siehe Hamersleben, Knook und Halberstadt, vgl. auch bei Hrabanus, wie Anm. 4, 989C/D: "Lucifer est Christus" (nach Hiob 38.32, mit luciferum = 'Morgenstern'), und gleich darauf: "Lucifer est diabolus" (nach Isaias 14.12) - das ist nicht 'logisch', aber tropologisch gedacht

71)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 100lA

72)

Pietro Maggi, Vom geistigen Hause Gottes, Das Bogenfeld der Weilerkirche von Owingen/Hohenzollern, in: Festschrift für Adolf Reinle, Basel 1985, 143-155

73)

Isidor, De natura rerum, wie Anm. 49, 988B

74)

In Mittelfischach/Baden-Wtbg. wird das geschweiftendige Kreuz von Sonnenscheibe und Mondsichel flankiert - direkt vergleichbar mit dem frühmittelalterlichen Kreuzigungsrelief von Münchenwyler (Anhang Fig. 31); interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Bogenfelder von Altdorf/Elsass (Abb. bei Reinle, wie Anm. 106 Nr. 4) oder San Nicola bei Pescara

75)

Siehe vor allem F. Rademacher, wie Anm. 50

76)

Vgl. dazu Gumperda

77)

In speziellem Zusammenhang, er scheint hier nicht gegeben, könnte auch das Verhältnis Christus/Sonne/Lichtquelle - Gemeinschaft der Gläubigen/Mond/Abglanz gedacht sein, siehe dazu Honorius, PL 172, 955 A/B (de ascensione)

78)

Querfurt, bei Neubauer, wie Anm. 25, Abb. 156; Neuwiller, bei Will, wie Anm. 16, Fig. 27;

zu den als Bäume dargestellten Tugenden und Laster siehe etwa Porici / CSSR bei: E. Bachmann, Romanik in Böhmen, München 1977;

 

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145

 

vgl. auch die Darstellung dieser Bäume in Hugos Abhandlung De fructibus carnis et spiritus, PL 176, 997-1010;

zur Zahlensymbolik siehe beso. Dorothea Forstner, Die Welt der christlichen Symbole, Innsbruck 1977, S. 47-60; ferner Ellen J. Beer, wie Anm. 49, 64ff., sie weist auch auf die entsprechenden Belegstellen bei Kirchenvätern hin;

als Ergänzung zu Forstner ist als allgemeines Symbollexikon Manfred Lurkers (Hg.) Wörterbuch der Symbolik, Ex Libris, Zürich 1984 besonders geeignet, da die Literatur bis 1979 aufgearbeitet ist

79)

Hrabanus, De laudibus sanctae crucis, PL 107, figura III 159-161, und 267/268: "...novem ergo sunt ordines angelorum, ut sancta scriptura nobis commendat: hoc est Angeli, Archangeli, Virtutes; Principatus, Potestates, Dominationes; Throni, Cherubim, Seraphim", siehe dazu Epheser 1 und 3, Kolosser 1 und 2

80)

Es ist kein Zufall, dass sich auch in diesem Bereich im 'Volksmund' in Sagen und Märchen am meisten von diesen Grundahnungen des Menschen erhalten hat

81)

HIC LAPIS ORNATUS ... NICOMEDIS HONORA+IONE; auf der Grundleiste steht: ILLUM QUIVIS HOMO ROGITET (EX) SUO PECTORE; siehe die gute Aufnahme bei Bock, wie Anm. 61, Abb. 24

82)

Siehe beispielsweise Mainz, Marktportal des Doms, Bickel wie Anm. 22

83)

Siehe den Artikel ASPIS bei Kirschbaum, wie Anm. 23, 191/2

84)

Isidor, Etymologiarum libri, wie Anm. 42, 265C

85)

Derselbe, Sententiarum libri, wie Anm. 43, 546B, bzw. 666B: "... modo locutionis per efficientum id quod efficitur demonstrante..."

86)

Siehe etwa: Beda, Super parabolas Salomonis allegorica expositio, PL 91, 937-1040

87)

Ebd., 946C/D

88)

Der Physiologus, hg. von Otto Seel, Artemis Zürich 1976

89)

Paul Michel, wie Anm. 3, 61, weist darauf hin, dass Albertus Magnus in der 2. Hälfte des 13. Jh. erstmals diese gleichnishafte Naturlehre zu verlassen beginnt und eigene Beobachtungen damit vermischt

90)

Siehe diesen 'schlimmsten Feind des Menschengeschlechts' in Pforzheim als Gefesselten

91)

Hugo von Saint-Vitor, wie Anm. 33, 69D-71B; siehe zur Himmelsstadt beso. Kelso und Beaumais

92)

Vgl. auch die Charakterisierungen von Neubauer, wie Anm. 25, 113

 

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146

 

93)

Ebd., 112

94)

Augustinus, vom Gottesstaat, wie Anm. 48

95)

Vgl. zum künstlerischen Umfeld: C. Väterlein (Hg.), Die Zeit der Staufer, Geschichte, Kunst, Kultur. Ausstellungskatalog, Stuttgart 1977

96)

Ursula Mende, Die Bronzetüren des Mittelalters, 800-1200, München 1983, Abb. 46.

Ein hochstehendes Werk, das diese Symbolik in ganzer Reichhaltigkeit zeigt, ist der Christus am Lebensbaumkreuz von San Clemente in Rom, s. Anm. 33

97)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 1081D

98)

Ebd., 1051C

99)

Hugo von Saint-Victor, De bestiis, wie Am. 33, 71D; Isidor, Etymologiae, wie Anm. 42, 442B

100)

Augustinus, Vorträge, wie Anm. 11, 211-213

101)

A. Goldschmidt, Der Albanipsalter in Hildesheim und seine Beziehung zur symbolischen Kirchenskulptur des 12. Jh., Berlin 1895, Fig. 11

102)

Siehe beispielsweise die Dekorationen im Book of Kells, Dublin, Trinity College, bei Françoise Henry, The Book of Kells, London 1974, vor allem etwa die Vögel auf fol. 2r0

103)

Siehe Adolf Reinle, wie Anm. 16

104)

P. Hinz, Gegenwärtige Vergangenheit, Dom und Domschatz von Halberstadt, Berlin 1971, spricht allerdings noch immer von "frühgermanischer Tier- und Pflanzenornamentik" (S. 53)

105)

Das betont G. Oberdörfer im Belsener Kunstführer, Reutlingen, o.J. ausdrücklich gegenüber früheren Meinungen

106)

Adolf Reinle, Timpani romanici primitivi, in: Il Romanico, Atti del Seminario di studi diretto da Piero Sanpaolesi, Mailand 1975, 157-163, Abb. 1

107)

Siehe Rademacher, Gustorf, wie Anm. 50, 81

108)

Die sechsstrahligen Sterne entstehen aus einem Geflecht sich regelmässig schneidender Kreise, es ist ein in allen Bereichen der Kerbschnittechnik beliebtes Motiv; vgl. auch Anm. 125! und etwa die Kapitelle der Portalsäulen in Owingen bei Hechingen

109)

Jonas von Orléans (um 780-843), De cultu imaginum, PL 106, 348A;

das in der frühmittelalterlichen Kunst in diesem Sinn ausgestaltete Zeichen, das Kreuz im Kreis im Quadrat, findet sich beispielsweise in Owingen noch in unveränderter Form an den Chorbogenkapitellen, also an einer Stelle, die wie das Portal, die Apsis, usw., zu den wichtigsten Bedeutungsträgern des Kirchengebäudes gehört. Vgl. dazu: Joseph Sauer, Symbolik des

 

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147

 

Kirchengebäudes und seiner Ausstattung in der Auffassung des Mittelalters, Freiburg/Brsg. 1964; ferner: M. Lurker, Der Kreis als Symbol im Denken, Glauben und künstlerischen Gestalten der Menschheit, Tübingen 1981;

und vor allem die in Anm. 31 zusammengestellten Aufsätze von V.H. Elbern

110)

Erika Doberer, Die Apsisreliefs von Schöngrabern im Wandel der kunstgeschichtlichen Betrachtung, in: Oesterr. Zeitschr. für Kunst und Denkmalpflege 38 (1986), 158-172 spricht allerdings vom Kopf eines envangelischen Klerikers und datiert ihn ins 16. Jh. ...

111)

Der Artikel WURZEL JESSE bei Kirschbaum, wie Anm. 23, Bd. 4, 549ff., stellt alle wichtigen Quellen zusammen

112)

Neubauer, wie Anm. 25, 70f., oder: Reiner Budde, Deutsche romanische Skulptur 1050-1250, München 1979

113)

Budde, ebd., Abb. 25; Basilisk, lat. regulus == kleiner König (der Schlangen), Hugo, De bestiis, Buch 3, wie Anm. 33, 100C - will man meinem Rekonstruktionsvorschlag nicht folgen und einen 'gewöhnlichen' Vogel sehen, so bliebe, ähnlich wie im Kölner Relief, die positive Deutung als Taube, die Demut des Bittenden verstärkend, oder aber die negative als Teufelsvogel mit dem Aussagewert des Basilisken

114)

Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. III, 429ff.

115)

Als Zwischenstufe der Reduktion, zwei grosse geflügelte Räder mit dem kleinen Cherub dazwischen, ist die Stelle im Mainzer-Evangeliar in Aschaffenburg, Ms. 13, um 1260, illustriert; siehe: Lottlisa Behling, Zur Form und Symbolik von Verkündigung und Goldtempel am Isenheimer Altar, in Zs. f. Kunstwiss., 15 (1961)

116)

Gregor, Predigten zu Ezechiel ('Homilien'), übers. von Georg Bürke, Einsiedeln 1983, 107

117)

Romuald Bauerreiss, Arbor vitae, der Lebensbaum, München 1938, und derselbe, Das Lebenszeichen, Studien zur Frühgeschichte des griechischen Kreuzes und zur Ikonographie des Kirchenportals, München 1961;

L. Behling, Ecclesia als arbor bona, Zum Sinngehalt einiger Pflanzendarstellungen des 12. und frühen 13. Jh., in: Zs. f. Kunstwiss. 13 (1959), 139-154, mit vielen Quellenhinweisen; siehe auch das Dorfkirchenportal von Bourgheim/Elsass, und, mit gleicher Bedeutung (?) die beiden Reliefs über dem Portal der Kathedrale von Rouffach/Elsass, Will, wie Anm. 16, pl. I, fig. 2,3;

In Bergholtzzell dürfte hingegen eher der Baum DES LEBENS, DER ZWOELF FRUECHTE TRAEGT und beidseits des Paradiesstromes steht (Apk 22.2), gemeint sein (vgl. Stoke-sub-Hamdon), der in einen fünf- und einen siebenfrüchtigen 'zerlegt' ist (s. Reinle, wie Anm. 16, Fig. 2); denn wie hätte auf einfache Weise anders gezeigt werden können, dass e i n Baum b e i d s e i t s des Stromes steht?

 

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148

 

118)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 10l7A-C;

siehe dazu auch Honorius, Expositio in Cantica canticorum, PL 172, 539C: "ICH ERSTEIGE DIE PALME. Offenkundig wird hier das allersiegreichste Kreuz (victoriosissima crux), das Christus erstiegen hat, ... mit der Palme verglichen" (zu HL 7.9)

119)

Vgl. das Bogenfeld von Eickendorf, Neubauer, wie Anm. 25, Abb. 18, siehe dazu besonders auch: Adolf Reinle, Salomonische Tempelsymbole an christlichen Kirchen (2 Teile), in: NZZ, 18./19. Dez. 1976, Nr. 297, 45, bzw. 15./16. Jan. 1977, Nr. 12, 61f.

120)

Gregor, Homilien, wie Anm. 116, 296-298; vgl. dazu beso. auch Georg Bürkes Einleitung zu Gregor, S. 12, 13

121)

Augustinus, Ueber die Dreieinigkeit, wie Anm. 128, Bd. I, 157-160

122)

Siehe auch Reinle, wie Anm. 106, 160f., Abb. 7; sächs. Aussprache: Gumpéerdaa

123)

Zum Vortragekreuz: Bauerreiss, wie Anm. 117

124)

L. Behling, arbor bona, ebd., Abb. 1; sie erarbeitet auch die Bildtradition der Magdeburger Lilie und führt Quellen an

125)

Zum Kreuz von Münchenwyler mit der Wirbelrosette: Joseph Gantner, Kunstgeschichte der Schweiz, Bd. I, Frauenfeld 1936, Abb. 68;

Zum Weiterleben im bündnerischen Kunsthandwerk:

Albert Burkhalter, Die Schnitz- und Intarsienkunst, in: Terra Grischuna, Zs. f. bündnerische Kultur, Wirtschaft und Verkehr, Nr. 5, 1979, 304-307. Der Aufsatz verrät, dass zumindest in volkskundlich interessierten Kreisen die kosmologische Bedeutung dieser Symbole durchaus noch bewusst ist;

Zum Weiter1eben (nachweisbar bis gegen Ende des 18. Jh.) in der Luzerner Bauernkultur: E. Brunner, Die Bauernhäuser im Kanton Luzern, Luzern 1977, Abb. 866/67 und 914; ferner die demnächst im Buchhandel erscheinende Dissertation von Elisabeth Studer-Henggeler, Die Getreide- und Käsespeicher des Kantons Luzern. Da diese Symbole an Gehrschilden, Brüstungen, über Türen und Fenstern von Kornspeichern, also den 'Schatzkammern' (UNSER TAEGLICH BROT GIB UNS HEUTE!) verbreitet sind, darf zweifellos angenommen werden, dass sie im Mittelalter, im Sinne einer Weihe und der Bitte um Schutz, aus der kirchlichen Kunst übernommen und in dieser relativ eigenständigen Kultur bis in die Zeit der 'Aufklärung' überliefert worden sind - im vollen Bewusstsein ihrer Bedeutung, selbstverständlich (siehe Anhang Fig. 32c-e!)

- man vergleiche ganz besonders den luzernischen Stallscheunensturz mit dem Bogenschmuck im gotischen Chor des Klosters von Rheinacker im Elsass (Anhang Fig. 32e), Will, wie Anm. 16, pl. VI, fig. 3

 

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149

 

126)

Gregor, Homilien, zu Ez 40.6-8, wie Anm. 116, 299f.

127)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 936C

128)

Augustinus, Ueber die Dreieinigkeit, in: Bibliothek der Kirchenväter, hg. v. O. Bardenhewer, Augustinus Bd. XI, München 1935, 125f.

129)

Sauer, Symbolik, wie Anm. 109

130)

Hugo von Saint-Victor, De arcae Noe mystica, PL 176, 684A/B

131)

Ebd. 698A

132)

Reuner Musterbuch, hg. v. Franz Unterkircher, Fksm.-Ausgabe im Originalformat aus Cod. Vindob. 507 der österreichischen Nationalbibliothek, Graz 1979

133)

Beda, De temporum ratione, wie Anm. 49, 461/462;

Anatole (Osten) - Sicca (trocken), Mesembri (Süden) - Calidus (heiss), Dusis (Westen) - Humidus (feucht), Arctos (Norden) - Frigida (kalt);

vgl. das benachbarte Schema bei Beda (PL 90, 459/460), wo in dem von der Schlange gebildeten Kreis das Wort ANNUS in Kreuzform geschrieben ist!

134)

Vgl. den ins Paradiesviereck eingespannten Erdrhombus im Book of Kells, fol. 290v ; Farbabb. bei Françoise Henry, wie Anm. 102

135)

Honorius, Expositio in psalmos selectos, PL 172, 281D

136)

Hrabanus, De universo, PL 111, 334B/D, und derselbe, De laudibus, wie Anm. 79, 210A/B

137)

Gregor, Homilien, wie Anm. 116, 369/370, 387, 460-462

138)

Es dürfte im übrigen interessant sein, den Zusammenhang zwischen schlichten Paradieszeichen und den Figurenszenen der offiziellen Kunst an dieser Fassade genauer zu untersuchen; B. Rupprecht und M. Hirmer, Romanische Skulptur in Frankreich, München 1975, Fig. 104

139)

Adolf Reinle, Das romanische Tympanon von Cortrat, in: NZZ 15./16. Sept. 1979, Nr. 214, 67; Reinle misst dem Rautenmuster hier keine inhaltliche Bedeutung zu - ich weiss aber, dass er es inzwischen längst tut ...; s. auch den Querschiffgiebel von Chauriat/Auvergne!

140)

Vgl. dazu das Portal vom Nordquerhaus der Cisterzienserkirche Sainte-Anne in Bonlieu / Drôme (13. Jh.) oder das Portal der Kirche in Pompierre / Lothringen, Tetzlaff, wie Anm. 26, Abb. 64; ferner, beso. zu Chaunay das Portal von Saint-Michel-d'Aiguilhe in Le Puy-en-Velay, ebd. Abb. 62!

141)

Gregor, Homilien, wie Anm. 116, 272

142)

Hrabanus, De laudibus, wie Anm. 79, 167-170;

An den Stufenportalen romanischer und gotischer Kathedralen sind die Propheten und Apostel in derselben Bedeutung figürlich dargestellt (z.B. Chartres)

 

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150

 

143)

Zu Brugg: Michael Stettler und Emil Maurer, Kunstdenkm. d. Kt. Aargau, Bd. II, Basel 1953, Abb. 249;

zu Zofingen: M. Stettler, ebd. Bd. I, Basel 1948, Abb. 259

144)

Man denke an die fast immer mit einem Christussymbol geschmückten Schlusssteine in gotischen Rippengewölben

145)

Augustinus, Psalmen, zu Ps 86, wie Anm. 15, 181/182

146)

Gregor, Homilien, zu Ez 40.4, wie Anm. 116, 278

147)

Hrabanus, Allegoriae, wie Anm. 4, 983A

148)

Ebd., 939D/940A

149)

Zum Hahn: Lexikon f. Theologie u. Kirche, Bd. 4, 1322, und Forstner, Symbole, wie Anm. 78, 243

150)

Alcuin, Apocalypsis, wie Anm. 19, 1159, Index

151)

Zum Begriff GERICHT: Lex. f. Theol. u. Kirche, Bd. 4, beso. 731ff.

152)

Lieselotte Wehrhahn-Stauch, Aquila - Resurrectio, in: Zs. f. Kunstwiss. 21 (1967), 105-127; siehe zu unseren Portalen beso. die Abbn. 1-3!

153)

Gregor, Moralia, wie Anm. 5, 648ff.

154)

Hrabanus, Commentaria in cantica quae ad laudes dicuntur, PL 112, 1138C/D

155)

Beda, Apocalypsis, wie Anm. 17, 205B/206A

 

 

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151

 

ANHANG

Vergleichsabbildungen

 

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152

 

Abbildungsverweis: Fig. 4 aus: J. Flemming, u. a., Dom und Domschatz zu Halberstadt, Berlin-DDR 1974; Fig. 11 aus: Y. Christe, u. a., Hb. der Formen und Stilkunde Mittelalter, Fribourg 1982; Fig. 20 aus: E. Neubauer, s. Anm.25; Fig. 21,41 aus: B. Rupprecht, s. Anm. 138; Fig. 32a-d aus: A. Burkhalter, bzw. E. Brunner, s. Anm. 125: Fig. 29,37 aus: P. Zovatto, u. a., Musei e Meravigli d'Italia, Bologna 1971

 

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153

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-1.jpg

 

FIG. 1 Ravenna, San Vitale, Gewölbemosaik, vor Mitte 6. Jh., Kelch des Lebens

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-2.jpg

 

FIG. 2 Gürtelschnalle in Lausanne, Daniel in der Löwengrube, 6. oder 7. Jh.

 

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154

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-3.jpg

 

FIG. 3 Frühchristlicher Sarkophag, Vatikan, um 350, Ausschnitt: tropaion crucis, der Siegeskranz des Auferstandenen

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-4.jpg

 

FIG. 4 Dalmatica im Domschatz von Halberstadt, englisch, A. 13. Jh.: Der Prediger Gottes und der vom Wort getroffene Gläubige

 

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155

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-5.jpg

 

FIG. 5 Zeit-Welt-Mensch-Diagramm bei Isidor PL 83, 981/82

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-6.jpg

 

FIG. 6 Zeit-Welt-Mensch-Diagramm bei Beda PL 90, 401/02

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-7.jpg

 

FIG. 7 Diagramm mit den fünf Zonen der Erde nach Isidor PL 83, 979/80

 

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156

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-8.jpg

 

FIG. 8 Owingen / Bad. Wtbg., Bogenfeld der Weilerkirche, 12. Jh.

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-9.jpg

 

FIG. 9 Beatus-Apokalypse Seo de Urgel, um 970, fol. 180v , Ausschnitt: Sonne- und Mondrosette

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-10.jpg

 

FIG. 10 St. Ewaldi-Decke, 9.-12. Jh., Ausschnitt: Christus-Annus als Allegorie von Zeit und Ewigkeit

 

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157

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-11.jpg

 

FIG. 11 Elfenbeinplatte aus Köln, um 1000. Paris; Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt und ewige Königsherrschaft

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-12.jpg

 

FIG. 12 Neuwiller / Elsass, Bogenfeld der St. Adelphikirche, E. 12. Jh.

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-13.jpg

 

FIG. 13 Zeit-Welt-Diagramm bei Isidor, PL 83, 975/76

 

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158

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-14.jpg

 

FIG. 14 Dorlisheim / Elsass, Kirche, Westportal, 12. Jh.

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-15.jpg

 

FIG. 15 Elisabethenberg / Bad. Wtbg., Kirche, Bogenfeld, 12. Jh.

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-16.jpg

 

FIG. 16 Schöngrabern / N. Österreich, Chorreliefs, E. 12. Jh. (!)

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Schoengrabern-Apsisrelief-von-Sueden-Foto-Kruggel.jpg

Einfügung: Schöngrabern Apsisrelief von Süden (Foto 1982)

 

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159

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-17.jpg

 

FIG. 17 Vaison-la-Romaine / Vaucluse, Saint-Quentin, Türsturz, ca. 7. Jh.: Kelch des Lebens

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-18.jpg

 

FIG. 18 Troia / Apulien, Dom, Bronzetür, 12. Jh., Ausschnitt

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-19.jpg

 

FIG. 19 Gernrode / Sachsen, Stiftskirche, Heiliggrab, Ausschnitt, um 1100/1130

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Gernrode-Stiftskirche-St-Cyriakus-Hl-Grab-Westwanddetail-IMG-5859.jpg

Einfügung: Gernrode Stiftskirche St. Cyriakus Hl. Grab Detail der Westwand (Foto 2014)

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-20.jpg

 

FIG. 20 Halberstadt / Sachsen, Dom, Tympanon vom Nordportal der Turmhalle, um 1240

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Halberstadt-Dom-Tympanon-vom-Nordportal-der-Turmhalle-IMG-5434.jpg

 

Einfügung: Halberstadt, Dom, Tympanon vom Nordportals der Turmhalle, Foto 2014

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160

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-21.jpg

 

FIG 21 Saint-Jouin-de-Marnes, Kirche Saint-Juin-et-Saint-Jean, Westfassade, im Kern 12. Jh.

Geometrische Paradieszeichen im Giebel als Ergänzung zum Figurenprogramm: Rautenmuster und Deutsches Band (Zahnschnitt); Dreiecke für Gottvater und Heiligen Geist

 

 

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161

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-22.jpg

 

FIG. 22 Beinernes Reliquienkästchen aus Essen-Werden, 8. Jh., Ausschnitt: R E X

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-23.jpg

 

FIG. 23 Ravenna, S. Apollinare in Classe, Apsismosaik, M. 6. Jh. Ausschnitt: Das Gemmenkreuz in der Himmelsstadt

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Ravenna-S-Apollinare-in-Classe-Foto-Otto-Kruggel.jpg

Einfügung: Ravenna S. Apollinare in Classe Foto O. Kruggel

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161

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-24.jpg

 

FIG. 24 Casaranello bei Gallipoli / Apulien, Gewölbemosaik, 6. Jh., Das Gemmenkreuz in der Himmelsstadt

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-25.jpg

 

FIG. 25 Bibel von Floreffe, London, BM, Add. ms. 17737-8, fol. 199, um 1160, Ausschnitt: „Et vetus et nova lex intellegitue rota duplex“ (Das Doppelrad versinnbildlicht das Alte und das Neue Gesetz)

 

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162

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-26.jpg

 

FIG. 26 Speyer, Dom, Chorrelief, 12. Jh., Ausschnitt: „Reich des Friedens“ nach Is 11.6-8, Kinder spielen mit Löwen und Schlangen

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-27.jpg

 

FIG. 27 Otranto / Apulien, Kathedrale, Fussbodenmosaik, 1165, Ausschnitt: Die Seelen der 'Emporgestiegenen' in Abrahams Schoss

 

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163

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-28-29.jpg

 

FIG. 28 Cividale, Dommuseum, fma. Pfeilerverkleidung

FIG. 29 Sesto al Reghena, Klosterkirche, Krypta, Grabplatte der Anastasia, 8. Jh.

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-30.jpg

 

FIG. 30 Magdeburg, Dom, Chorpfeilerkapitell, nach 1210, Verkündigungslilie

 

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164

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-31.jpg

 

FIG. 31 Kreuzigungsrelief aus Müchenwyler, fma., Freiburg / Ue.

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-32a-b.jpg

 

FIG. 32a/b Geschnitzte Buchdeckel aus Graubünden, aus dem Spätmittelalter und von heute

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-32c.jpg

 

FIG. 32c Gurtbandschmuck an Luzerner Kornspeichern, 1795/98

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-32d.jpg

 

FIG. 32d Stallscheunenschmuck (Ritzung), Kt. Luzern um 1600

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-32e.jpg

 

FIG. 32e Rheinacker / Elsass, Reliefs im got. Chor

 

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tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-33.jpg

 

FIG. 33 Jerusalem-Manuskript, München: Christus, die 'Sonne der Gerechtigkeit' in der Himmelsstadt

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-34.jpg

 

FIG. 34 Apokalypse von Cambrai, karoling., fol. 42r°,43r°, Himmlisches Jerusalem

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-35.jpg

 

FIG. 35 Groppendorf / Sachsen, Marienkirche, Sturz um 1200

 

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166

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-36.jpg

 

FIG. 36 Die / Drôme, Baptisterium, Fussbodenmosaik: Paradies

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-37.jpg

 

FIG. 37 Aquileia, Marmorplatte, 8. Jh.

 

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tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-38.jpg

 

FIG. 38 Evangeliar aus Saint-Bertin, um 1000, Saint-Omer

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-39.jpg

 

FIG. 39 Owingen / Bad. Wtbg., Chorkapitell, 12. Jh.

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-39a.jpg

 

FIG. 39a Chambon-sur-Lac / Auvergne, Giebelschmuck: Christus (Stern im Kreis) als 'Heil der Welt' (Rhombus) und 'Schlussstein' des himmlischen Bauwerks (Rautengitter)

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-40.jpg

 

FIG. 40 Span. Weltkarte, Burgo de Osma, fol. 34v°, 35r°, 1086, Ausschnitt: das 'Irdische Paradies' im Osten (Asien)

 

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168

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-41.jpg

 

FIG. 41 Bayeux / Calvados, Kathedrale, Seitenschiffarkaden, 12. Jh.: 'Paradiesarchitektur'

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-42.jpg

 

FIG. 42 Saint- Maurice / Wallis, Grabnische: Gemmenkreuz in der Himmelsstadt - Auferstehungshoffnung

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-43.jpg

 

FIG. 43 Odalricus-Lectionar, Fulda, Die Frauen am Grab: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden (Lk 24.5,6)

 

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169

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-44.jpg

 

FIG. 44 Liber Floridus, 12. Jh., nordfranz., fol. 43v°, Hierusalem celestis - die Himmelsstadt

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-45.jpg

 

FIG. 45 Ravenna, S. Appollinare in Classe, Triumphbogenmosaik, M. 6. Jh., Ausschnitt: Die Himmelsstadt

 

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170

 

tl_files/Fotos/Pietro-Maggi/Pietro-Maggi-Diss-1986-Anhang-Fig-46.jpg

 

FIG. 46 thüringisch-meissnische Handschrift: Gregor wird inspiriert zu den Ezechiel-Predigten, spätes 12. Jh.

 

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171

 

Leerseite

 

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172

 

Lebenslauf - Pietro Maggi, von Castel S. Pietro/TI

 

Ich wurde am 18. Juni 1948 als Sohn von Jakob und Annie Maggi-Roffler in Grüsch/GR geboren, bin römisch-kath. und seit 1978 verheiratet mit Margrit, geb. Tschudy.

Ich erwarb im April l968 die Matura Typus C an der Evangelischen Mittelschule in Schiers/GR, studierte an der Universität Zürich ab WS 68/69 Pädagogik und Psychologie, wechselte 1974 zu Kunstgeschichte und klass. Archäologie und schloss im April 1981 mit dem Lizentiat ab.

Seit April 1981 arbeitete ich am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Zürich als Assistent und verfertigte daneben meine Dissertation, die ich im Dezember 1985 Herrn Prof. Dr. A. Reinle einreichte. Bei ihm legte ich im Februar 1986 die Doktoratsprüfung ab.