Wolfgang Meibeyer beschreibt die Rundlings-Insel am Rieseberg mit den zu Königslutter gehörenden Dörfern Rieseberg, Boimsdorf, Rotenkamp und Scheppau im Braunschweigischen Jahrbuch für Landesgeschichte Band 82 (2001) S. 61 bis 79.

Anhand der auffälligen Grundrissanlage, der bis ins 18. Jahrhundert exakt nachweisbaren Riegenschlagstruktur der Ackerstreifen und einer Übereinstimmung der in den Riegenschlägen angetroffenen Reihenfolge der Ackerbesitzer mit der der Hofplätze im Dorf, ordnet Wolfgang Meibeyer die Siedlungen der im 12. Jahrhundert aufkommenden „modernen“ Hufenverfassung zu.

 

P. J. Meier hatte sich in seinem Werk „Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Helmstedt“ Wolfenbüttel 1896 S. 241 bis 243 und S. 259 bis 267 bereits mit diesen Dörfern beschäftigt und ihre Grundrisse ebenfalls als Rundlinge charakterisiert.

 

 

 

 

 

Unsere Wend-Dörfer

„Einer Frage wurde auf den Grund gegangen

Woher stammen die Namen der zahlreichen Wend-Dörfer?

 

Seit langer Zeit haben die Namen der Wend-Dörfer in der näheren und weiteren Umgebung von Braunschweig (Wenden, Wendhausen, Wendeburg usw.) den Heimat- und Namensforschern Rätsel aufgegeben, ohne daß sie zu einer befriedigenden Lösung dieser Frage gekommen wären. Der Helmstedter Professor Meibom sah diese Dörfer als Gründungen der Obotriten an, Heinrich Wesche erblickte zumindest in ihren Namen einen Hinweis auf unsere slawischen Nachbarn im Osten.

 

Richard Andree war anfänglich der gleichen Meinung, erkannte aber in der ältesten Form des Ortsnamens Wenden, der Guinuthun lautet, das Wort thun, das Zaun bedeutet und das auch im Ortsnamen Thune und im englischen Wort town enthalten ist.

 

Unbegreiflicherweise übersah er, daß „thun“ sich später zu „then, the“, ja sogar zu „d“ abschwächte, leitete die „Wend“-Namen immer von einer späteren Form wende ab und kam dabei auf einen Personennamen Wendo, der nach seiner Meinung der vermutliche Gründer dieser Orte war. Alle Nachfolger Andrees blieben bei dieser Erklärung. Nach Otto Hahne steckt in den Wend-Namen germanisches win = Freund, in Wendeburg (Winetheburg 1180) der westfälische Eigenname „Winetho“.

 

Wären doch alle diese Forscher bei den ältesten Formen des Ortsnamens Wenden geblieben, die Guinuthun (1031) und Winethen (um 1200) lauteten.

Guinu, später winne, ist das gleiche Wort, das auch in der altdeutschen Monatsbezeichnung Winnemanod vorhanden ist, das „Weidemonat“ bedeutet, eine frühere Bezeichung des Monats Mai. „Winne“ ist also unser Wort „Weide, Viehweide“.

 

Thun bedeutet „Zaun“, also ist „Guinuthun“, „Winethen“ = „Weidezaun“, und damit lassen sich die Namen aller „Wend-Dörfer“ mühelos erklären: Wenden = Weidezaun, Siedlung im Weidezaun, Wendessen (1200 Wenethesheim) = Heim im Weidezaun, Wendhausen (1183 Wenethusen) = Häuser im Weidezaun, Wendeburg (1170 Winetheburg) = Burg im Weidezaun, Wendezelle (1381 to der Wendecelle) = „Kehle“ oder Bucht am Weidezaun, Wenzen (10. Jahrhundert Wynethahusen) = Weidezaunhäuser, Windhausen (1338 Wynthuß) = Weidezaunhaus, Wense (1299 Winnenhusen) = Weidehäuser (1754 Wendessen) = Weidezaunheim, Wendschott (1556 Wenskoten) = Knoten, Häuser am Weidezaun, Biewende = Bei dem Weidezaun.

 

Und die „Wenden“? - Sie wurden nach der Art ihres Wohnens von den deutschen Eindringlingen „Weidezaunleute“ genannt, weil den Deutschen die Namen, mit denen sie sich selbst bezeichneten - Obotriten, Drawehno-Polaben, Liutizen — unverständlich waren. Ihr Land war für die Deutschen das „Wendland“ = Weidezaunland, eine Bezeichnung, die noch heute ihre Gültigkeit hat, wenn man die zahlreichen Viehweiden bedenkt, die dort immer noch vorhanden sind.

 

Und für die Wenden im Spreewald und in der Lausitz, die sich selbst Serben oder Sorben nennen, gilt das gleiche.

 

Kurt Bratmann


Literaturhinweise: Der große Duden (Band 7) Etymologie, Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, bearbeitet von der Dudenredaktion unter Leitung von Dr. phil. habil. Paul Grebe, Bibliographisches Institut. Mannheim 1963, Seite 771, Stichwort: „Wonnemond“. Richard Andree: Braunschweiger Volkskunde, Braunschweig 1901. Otto Hahne: Reste der Slawen im Braunschweigischen in Zeitschrift für Slawische Philologie, Bd.7 (1930). Edeltraut Hundertmark: Der Landkreis Braunschweig, 2 Bände (1965). Knoll und Bode: Das Herzogtum Braunschweig, Braunschweig 1981. Heinrich Wesche: Unsere niedersächsischen Ortsnamen, Alfeld 1957. Dr. Theodor Müller und Dr. Artur Zechel: Die Geschichte der Stadt Peine, Peine (1972).“

 

Zitiert aus:

Braunschweiger Zeitung vom Freitag, den 25. Mai 1984