Kutschmann 1900: Meisterwerke saracenisch-normannischer Kunst in Sicilien und Unteritalien

 

 

MEISTERWERKE SARACENISCH-NORMANNISCHER KUNST IN SICILIEN UND UNTERITALIEN

 

FRANZ-JÄGER-KUNSTVERLAG

 

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MEISTERWERKE

 

SARACENISCH-NORMANNISCHER KUNST IN SICILIEN UND UNTERITALIEN

 

EIN BEITRAG ZUR KUNSTGESCHICHTE DES MITTELALTERS VON TH. KUTSCHMANN

 

32 TAFELN IN LICHTDRUCK UND 8 TAFELN IN CHROMO-FACSIMILE-DRUCK

 

MIT REICH BEBILDERTEM TEXTE

 

HANNOVER

Bolm & Lockemann Buchhandlung für Architektur und Kunstgewerbe

Hildesheimerstrasse 242, am Aegidienthorplatz.

 

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DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER KÜNSTE IN BERLIN

 

ZUGEEIGNET VOM VERFASSER.

 

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VORWORT.

 

Als der romanische Stil der Gothik weichen musste, handelte es sich nicht um ein Ableben, sondern nur um Unterbrechung und Absetzung einer Kunstperiode zur Zeit ihrer höchsten Blüte, als ihr noch volle Lebenskraft innewohnte. Aber in diesem Umstande liegt auch die Möglichkeit einer Wiederaufnahme, einer Weiterausbildung für moderne Zwecke, die sich in der That vorzubereiten scheint.

 

Mit Äusserlichkeiten ist aber nichts gethan, Nachahmungen und Zusammenstellungen von Einzelheiten nach berühmten Mustern können allein nicht helfen. Nur gründliches Studium und Erfassen des Geistes, der jene grosse Periode belebte, vermögen eine wahre Wiedergeburt herbeizuführen, die den Keim gesunder Lebensfähigkeit in sich trägt, die sich nicht nur auf die Galvanisierung einer Leiche beschränkt, sondern eine Auferstehung im Geiste bedeutet.

 

Was aber den romanischen Stil ganz besonders auszeichnet und dadurch für seine Wiederaufnahme spricht, ist seine grosse Anpassungsfähigkeit, die individueller Auffassung breitesten Raum giebt, und dass er deutschem Empfinden entgegenkommt wie kein anderer der historischen Baustile.

 

Einen Beweis für diese Fähigkeit, sich anzupassen und mit den verschiedenartigsten Elementen harmonisch zu verbinden, geben die Baudenkmäler saracenisch-normannischer Kunst in Sicilien und Unteritalien, in denen sich Morgen- und Abendland zu schönem Bunde vereinigen.

 

In der vorliegenden Arbeit habe ich es versucht, die Schönheit dieser Kunstweise zur Anschauung zu bringen, und dabei besonderes Gewicht auf das dekorative Element gelegt, in der Hoffnung, dadurch Anregung zur Weiterarbeit und zur Ausgestaltung der Motive gegeben zu haben.

 

Den Lichtdrucken liegen die besten Photographieen zu Grunde, den farbigen Blättern eigene Aufnahmen, die von mir und meinem Sohne mit grösster Sorgfalt an Ort und Stelle gemacht wurden, wobei wir der Treue der Farben ganz besondere Aufmerksamkeit widmeten.

 

Um die treibenden Faktoren, die Ursachen klarzulegen, die diese Wirkungen hervorriefen, hielt ich es für nutzbringend, dem erklärenden Texte einen kurzen Abriss der Geschichte Siciliens voranzuschicken, durch den erst volles Verständnis dieser Epoche möglich wird.

 

Wenn meine Arbeit mit ihrem reichen Vorbildermateriale Anlass zu dessen Benutzung und damit zugleich geistige Anregung giebt, so ist ihr Zweck erfüllt.

 

Charlottenburg, im Januar 1900.

 

Th. Kutschmann.

 

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EINLEITUNG.

 

Aus einer Verschmelzung der Antike mit deutschem Geiste entstand im 10. Jahrhundert in der lombardischen Ebene der romanische Stil, der während des 11. und 12. Jahrhunderts die Herrschaft führte und mit vollem Rechte seinen Namen trägt.

 

Die Langobarden, ein germanischer Volksstamm, der das Gebiet der Unterelbe bewohnte, waren im 6. Jahrhundert in Italien eingewandert und äusserlich bald romanisiert worden, d. h. sie hatten Sprache und Sitte ihrer neuen Heimat angenommen, ohne jedoch ihre germanische Eigenart zu verlieren. Und diese Eigenart ist den Langobarden geblieben, so lange sie ihre politische Selbständigkeit zu wahren vermochten. Jahrhunderte hindurch trägt ihr Kunstschaffen noch starke Spuren germanischen Geistes.

 

Je weiter der romanische Stil nach Süden vordrang, um so stärker macht sich der Einfluss der Antike geltend, die nördlich der Alpen immer weiter zurücktritt.

 

War naturgemäss in der Lombardei das nordisch-germanische Element überwiegend, so tritt dieses einen Schritt weiter südlich mit der Antike in edelstes Gleichmass, das in den Monumenten Toscanas zu schönster Entfaltung kommt.

 

Weiter nach Süden fällt das Übergewicht der Antike, zu der sich, namentlich bei den Schmuckformen, neben germanischen noch altchristliche, byzantinische und saracenische Elemente beigesellen.

 

Bei seinem Gange nach Norden nimmt der romanische Stil immer mehr germanische Formen auf, indes die antiken Motive oft bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet werden.

 

Tier- und Menschengestalten neben phantastischen Ungeheuern wurden, verbunden mit heimischem Pflanzenwerk und Blattformen, in den Darstellungskreis der Ornamentik gezogen, die sich besonders auf deutschem Boden zu grossem Reichtum und eigenartiger Schönheit entwickelte.

 

Ihren Stammeseigentümlichkeiten entsprechend, bildeten die germanischen Völker den romanischen Stil verschieden aus. So auch die Normannen, die aus ihrer nordischen Heimat nach Frankreich gekommen waren und dort den romanischen Formen noch keltische und angelsächsische Motive hinzufügten.

 

Auf gallischem Boden blieb, als Folge der stärkeren romanischen Einwirkungen, das Verständnis für die Antike bei weitem lebendiger als in Deutschland, was besonders in den nördlichen Provinzen zur Erscheinung kommt, wo sich die Akanthusmotive in fast klassischer Reinheit erhalten hatten, wie die stark korinthisierenden Kapitelle von St. Etienne zu Caën und Abbaye aux Dames daselbst beweisen.

 

Sonst herrschen an den Gesimsen der Bauwerke in der Normandie die geometrischen Formen vor, wie der Zickzack, Sägeband, Schachbrett, die Schuppen, die Raute, die Stern- und Diamantköpfe; nicht zu vergessen die nordischen Bandverschlingungen.

 

Nach Begründung der normannischen Herrschaft in Sicilien kamen mit den Zuzügen von Rittern und Reisigen auch Baumeister und Werkleute aus der Normandie und aus England nach Italien, die den romanischen Stil in nordischer Umgestaltung nach seinem Heimatlande zurückbrachten, mit ihm das in Nordfrankreich lebendig gebliebene Gefühl und Verständnis für klassische Formen, das sich in Italien, wo die Tradition der Antike nie erloschen war, noch weiter stärkte und ausbildete.

 

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Vor der Normannenzeit war der romanische Stil noch nicht nach Sicilien gedrungen, er war gleich der Langobardenherrschaft auf das Festland beschränkt geblieben, so dass die normannischen Baumeister keine auf ihn bezügliche heimische Tradition auf Sicilien zu überwinden hatten.

 

Ganz anders auf dem Festlande, wo die lombardischen Einflüsse die stärkeren blieben und die normannische Kunstweise nur sehr bedingt zur Geltung kommen konnte.

 

In Sicilien befreundeten sich die Normannen sehr bald mit der üppig-prächtigen Dekoration der Saracenen, die sie mit grossem Geschick ihren Zwecken dienstbar machten. Als ebenso treffliche Helfer erwiesen sich die byzantinischen Künstler, deren Erfahrung im Erzguss und musivischer Arbeit die normannischen Meister wohl zu nutzen wussten, zumal deren Stil bereits seine ursprüngliche Starrheit auf Sicilien verloren hatte und dadurch dem nordischen Auge wohlgefälliger wurde.

 

Am mächtigsten blieben die Einflüsse der Saracenen, die ihre Kunst bereitwillig in den Dienst der nordischen Machthaber stellten und dabei für sich selbst so viel gewannen, dem Gesetze des Korans untreu wurden, das ihnen verbot, Menschen- und Tiergestalten nachzubilden; ein Verbot, das übrigens in der Frühzeit des Islam überhaupt nicht besonders streng befolgt zu sein scheint.

 

Die Saracenen, ursprünglich im Norden Arabiens ansässig, waren neben den Mauren die Hauptträger der Kunst und Kultur des Islam. Beide sind hamitischer Abstammung, im Gegensatze zu den rein semitischen Arabern, von denen die mohamedanische Lehre ausging und die den unterworfenen Völkern neben dem Islam auch ihre Sprache aufzwangen und als Führer der ganzen Bewegung unzweifelhaft weittragende Anregungen gegeben haben. Sie bildeten den Adelsstand, waren die Offiziere der Heere und Herren aller Ämter, wozu ihr Unternehmungsgeist, ihre Schlauheit und Tapferkeit sie durchaus befähigten. Zu einer selbständigen Kunstthätigkeit fehlte ihnen dagegen, wie allen semitischen Völkern, sowohl Befähigung wie Neigung. Wir dürfen daher in den Arabern nur die Förderer und Schirmherren dessen betrachten, was im allgemeinen unter arabischer Kunst verstanden wird.

 

Auf dem weiten Gebiete, das die Kunst des Islam beherrscht, machen sich starke provinzielle Unterschiede bemerkbar, die jedoch alle auf einen gemeinsamen Ursprung, auf Persien, hinweisen, dessen Kunstformen wieder in assyrischen und altindischen Vorbildern wurzeln, die sich während der Sassanidenherrschaft (226 -- 636 n. Chr.) immer freier und weiter entwickelten.

 

In Persien nun empfingen die mit den Arabern siegreich eindringenden nordafrikanischen Stämme ihre künstlerische Befruchtung, die sich unter den Saracenen in Sicilien und den Mauren in Spanien selbständig zu hoher Vollkommenheit und Schönheit entwickelte.

 

Von dem, was die Saracenen zur Zeit ihrer politischen Selbständigkeit auf sicilischem Boden geschaffen haben, ist nichts auf unsere Tage gekommen; es fehlt somit jeder Anhalt, ob und wie weit normannische und byzantinische Einflüsse bei der eigenartigen Entwicklung und Gestaltung der saracenischen Dekoration thätig gewesen sind, die so ganz von dem abweicht, was in der übrigen mohamedanischen Welt Brauch und Sitte war. So finden sich beispielsweise bei den Wandbekleidungen der sicilianischen Bauwerke weder Stuckornamente noch glasierte Thonfliesen, an deren Stelle Marmor und Mosaik getreten sind.

 

Eine ganz eigenartige und sich nie wiederholende Erscheinung bietet sich in dem harmonievollen, gemeinsamen Kunstschaffen der Christen und Mohamedaner, die einander ergänzend, in voller Hingabe an die Sache, der sie dienen, beide ihr Bestes geben zur Ehre Gottes und zum Ruhme ihrer Fürsten.

 

Aus diesem Zusammenwirken der Kräfte, aus morgenländischer Grazie und nordischer Kraft und Kühnheit entstanden Bauwerke von unvergleichlicher Schönheit, deren märchenhafte Pracht das Auge entzückt und den Beschauer zur Bewunderung hinreisst.

 

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Palermo. Steinfries.

 

 

Geschichte Siciliens bis zum Ende der Normannenherrschaft.

 

Sicilien war bei Beginn der historischen Zeit durch zwei Stämme bevölkert, die Sikaner, die an der Westküste, und die Sikeler, die an der Ostküste sassen. Etwa um das Jahr 1000 v. Chr. kamen Phönikier ins Land, die hier Handelsniederlassungen gründeten und eine bereits hoch entwickelte Kultur mitbrachten. Zwei Jahrhunderte später folgten chalkidische und dorische Griechen, die, zahlreich und mächtig, einen grossen Teil der Küstenlandschaften in Besitz nahmen und bald völlig hellenisierten. Chalkidische Städte waren: Naxos, Katane, Zankle (später Massana), Leontinoi, Himera; dorische: Syrakus, Megara, Kamarina, Gela, Akragas (Agrigent) und Selinus.

 

Mit der Besetzung der Liparischen Inseln (580 v. Chr.) hatte die Herrschaft der Griechen ihre höchste Ausbreitung auf Sicilien erreicht. Von Osten aus waren sie bis Palermo, einer karthagischen Niederlassung, vorgedrungen (um 800) und hatten den schönen Ankerplatz für einen Freihafen erklärt, der fortan den Namen Panormos, Hafen für alle, führte. Doch hier im Nordwesten wurden sie nie so heimisch wie im Osten, dessen malerische Küste sie mit dem reichen Kranze ihrer Sagen umwoben. Es wurde daher dem meerbeherrschenden Karthago nicht sehr schwer, hier festen Fuss zu fassen und die Griechen von Palermo zu verdrängen, das zum Stützpunkt der karthagischen Macht wurde und zu einer grossen Handelsstadt emporwuchs. Bereits im sechsten Jahrhundert war im Norden der Insel eine ganze karthagische Provinz entstanden.

 

In jahrhundertelangen Kämpfen wurden die Griechen immer mehr zurückgedrängt, und die Karthager gewannen Provinz auf Provinz, bis endlich das Schwert der Römer semitischer Begehrlichkeit ein Ziel setzte und nach Beendigung der punischen Kriege Sicilien römische Provinz wurde.

 

700 Jahre währte die Herrschaft der Römer über Sicilien, das sie als ihre Kornkammer betrachteten und bis aufs Mark aussogen; doch blieben griechische Sprache und Sitte herrschend bis zur Kaiserzeit, erst dann wurde die Insel völlig latinisiert. Nach dem Untergange des weströmischen Reiches kam Sicilien an die Westgoten unter Odoaker und nach dessen Sturz an die Ostgoten, doch war wie überall, so auch hier die Gotenherrschaft nur von kurzer Dauer, denn schon 535 n. Chr. eroberten die Byzantiner unter Belisar die Insel.

 

Aufs neue war griechische Bildung und griechische Kunst in Sicilien heimisch geworden, aber das byzantinische Joch lastete ebenso schwer auf der Bevölkerung wie das der Römer, und durch wiederholte Aufstände wurde der vergebliche Versuch gemacht, dasselbe abzuschütteln. Endlich war eine militärische Revolution ausgebrochen; der General Eufemius wollte die Insel von Byzanz losreissen, aber da die fremden Truppen treu

 

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blieben, blieb dem Empörer kein weiterer Ausweg, als nach Afrika zu fliehen und sich den Saracenen in die Arme zu werfen, indem er bei den Aghalabiten Schutz und Hilfe suchte. Es gelang ihm, die arabischen Führer zur Eroberung Siciliens aufzubieten, und am 17. Juni 827 landeten dieselben bei Mazzara mit einem Heere von 700 Reitern und 10 000 Fusstruppen. In blutiger Schlacht wurde der byzantinische Feldherr Palata geschlagen und nach diesem Siege eine Stadt nach der anderen erobert. Am 21. Mai 878 fiel das feste Syrakus nach heldenmütiger Gegenwehr, aber erst 902 wurde durch die Einnahme von Taormina Sicilien vollständig der saracenischen Herrschaft unterworfen und dem Kalifat von Tunis als Provinz zugeteilt.

 

Mohamedanische Gesetze wurden eingeführt und arabische Sprache und Sitte zur Herrschaft gebracht. Das Christentum geriet in arge Bedrängnis, obwohl die Saracenen nicht fanatische Unterdrücker desselben waren und gegen Zahlung von Tribut Kirchen und Gemeinden bestehen liessen. Trotzdem gingen viele der letzteren ein, indem zahlreiche Christen zum Islam übertraten, je mehr sich die saracenische Herrschaft befestigte und je mehr die Hoffnung schwand, das Kreuz siegend zurückkehren zu sehen. Die zahlreichen Angriffe der Byzantiner wurden nicht nur zurückgeschlagen, sondern auch das italienische Festland durch saracenische Landungen, von Sicilien aus, fortwährend beunruhigt.

 

Die arabische Herrschaft in Sicilien war ganz anderer Art als die des maurischen Reiches in Spanien, das, stark und selbständig, nicht nur ein grosses christliches Reich zerstört und unterworfen hatte, sondern auch den Abassiden in Asien gegenüber seine Unabhängigkeit und Rechtmässigkeit behaupten musste, sodass es zu ganz anderen Regierungsmassregeln gezwungen war, als die Beherrscher Siciliens sie nötig hatten. Hier war keine grosse einheimische Macht verdrängt worden, nur eine Fremdherrschaft, die als Bedrückung empfunden war, hatte einer anderen weichen müssen, die milder auftrat. Dazu waren die Städte herabgekommen, die Bevölkerung, schlaff und gleichgültig geworden durch endlose Bedrückungen, war wenig geneigt, ihr Christentum gegen den Halbmond zu verteidigen, zumal die geringe Grösse des Landes und dessen Bodenbeschaffenheit solche Kämpfe wie in Spanien ganz unmöglich machten, wo sieben Jahrhunderte hindurch Schwert und Speer nimmer rasteten und Kreuz und Halbmond sich den blutigen Boden in ununterbrochenen Kämpfen streitig machten. Aber während draussen die Schwerter klangen, blühten in den Städten Kunst und Wissenschaft, mächtige Bauwerke entstanden, und die Herrlichkeit des Maurenreiches verdunkelte das übrige Europa.

 

Zu solchem Ruhme hat es die Saracenenherrschaft in Sicilien nicht gebracht. Wohl entwickelte sich auch hier die Kultur des Orients mit reissender Schnelligkeit, die Poesie, die Künste und Wissenschaften des Morgenlandes schlugen schnell Wurzel auf dem altgriechischen Boden Siciliens, indess Kreuz und Halbmond friedlich nebeneinander standen. Doch sind die Saracenen während der 200 jährigen Dauer ihrer Herrschaft nie zu dem Gefühle ruhigen Besitzes gekommen, und diese Unsicherheit darf auch wohl als Grund gelten, weshalb die Saracenen in Sicilien keine so grossartigen Bauwerke errichteten wie die Mauren auf spanischem Boden, obwohl Reichtum genug vorhanden war, den die ununterbrochenen Raubzüge fortwährend mehrten.

 

Von keiner berühmten Moschee, von keinem glänzenden Schlosse ist die Rede; auf unsere Tage ist aus jener Zeit nichts gekommen, denn selbst die Lustschlösser Zisa und Cuba bei Palermo, die als Saracenenbauten galten, sind längst als Bauwerke aus der Normannenzeit erkannt worden.

 

Mit dem Reichtum wuchs Luxus und üppiges Leben, die Städte erblühten wieder, vor allen Palermo erhob sich zu Glanz und Reichtum wie nie zuvor.

 

Haben die Saracenen auch keine Monumentalbauten hinterlassen, so blieben ihr Baustil und ihre Dekorationsweise doch lange nachwirkend, über die Normannenzeit hinaus, bis zu den Zeiten der schwäbischen Kaiser.

 

Die Herrschaft der Normannen in Sicilien umfasst nur ein Jahrhundert, hat aber Spuren hinterlassen, deren Grossartigkeit und Schönheit noch heute zur Bewunderung hinreissen, beredte Verkünder des Ruhmes und der Thatkraft dieser Dynastie, die sich durch Verstand, Kühnheit und weitschauende Politik auszeichnete, bis sie saracenischer Üppigkeit und der Parteiwut erlag.

 

Kühne Seefahrer, aus dem Norden Europas stammend, überfielen und beunruhigten sie seit dem 9. Jahrhundert die Küsten Englands, Frankreichs und Deutschlands. Frankreich verschaffte sich dadurch Ruhe, dass Karl der Einfältige ihren Häuptling Rollo im Jahre 912 mit der Normandie belehnte und ihm seine Tochter Giesela zur Frau gab. Ein Abkömmling dieses Rollo, im fünften Gliede, war Herzog Wilhelm, der im Jahre 1066 England eroberte. Ein drittes Reich gründeten die Normannen unter schweren Kämpfen im Süden Italiens.

 

Eine Schar normannischer Ritter war zu Anfang des 11. Jahrhunderts auf der Rückkehr aus Palästina

 

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nach Unteritalien gekommen und hatte die Christen in ihren Kämpfen gegen die Saracenen unterstützt. Durch Tapferkeit und Klugheit gewannen die Normannen bald Gunst und Einfluss, so dass ihnen Herzog Sergius von Neapel 1027 einen fruchtbaren Landstrich verlieh, wo sie Aversa erbauten und unter dem Grafen Rainulf eine unabhängige Grafschaft gründeten. Die günstigen Berichte, die nach der Heimat gelangten, veranlassten sehr bald neue Zuzüge von Rittern und Reisigen. Vor allen waren es drei von den zehn Söhnen des edeln Tancred von Altaville, Wilhelm der Eisenarm, Drogo und Humfried, die, begierig nach Ruhm und Beute nach Apulien segelten und dort mit 300 Normannen in die Dienste der Griechen traten, um dem Feldherrn Maniaces im Kampfe gegen die Saracenen beizustehen, denen er Sicilien wieder entreissen wollte.

 

Im Jahre 1038 landeten Griechen und Normannen auf der Insel, überfielen und eroberten im ersten Anlauf Messina, Syrakus und mehrere andere Städte, wobei ihnen die Uneinigkeit der saracenischen Führer sehr zu statten kam. Aber bald entzweiten sich die Sieger im Streite um Lohn und Beute, und die schimpflich beleidigten Normannen verliessen ihre Bundesgenossen, um sich in Apulien schadlos zu halten, wo sie Melfi eroberten und damit einen Mittelpunkt für ihre Unternehmungen gewannen, der zum gemeinschaftlichen Besitz und als Zufluchts- und Versammlungsort bestimmt wurde, indes alle weiteren Eroberungen unter die Führer verteilt werden sollten. An die Spitze dieser auf dem Feudalsysteme beruhenden Herrschaft trat 1042 Wilhelm Eisenarm als Graf von Apulien.

 

Den Griechen war der sich bildende neue Staat ein Dorn im Auge, sie zogen den grössten Teil ihrer Streitkräfte von Sicilien zurück, um sich gegen die Normannen zu wenden und Apulien wieder zu gewinnen. Dieser Versuch misslang nicht nur gänzlich, indem die Normannen in allen Treffen Sieger blieben, sondern hatte auch den Verlust der sicilianischen Eroberungen zur Folge, die wieder an die Saracenen zurückfielen.

 

Im Jahre 1046 starb Wilhelm Eisenarm, und sein Bruder Drogo folgte ihm als Graf von Apulien, dessen Herrschaft sich immer mehr befestigte und ausbreitete, denn neue Zuzüge aus der Heimat verstärkten das Heer der Normannen mehr und mehr. Bis auf zwei waren auch die übrigen Söhne Tancreds nach Apulien gekommen, unter ihnen der tapfere und kluge Robert Guiscard. Jetzt versuchten die Griechen durch Versprechungen und grosse Geschenke die Normannen wieder für sich zu gewinnen, doch vergeblich, die rechte Zeit war versäumt, fremder Dienst konnte keinen Reiz mehr ausüben, zumal der deutsche König und römische Kaiser Heinrich III. die Eroberungen dadurch bestätigte, dass er ihnen 1047 die Grafschaften Aversa, Apulien und einen Teil von Benevent zu Lehen gab.

 

Machtlos wie das griechische Schwert hatte sich auch griechisches Gold den Normannen gegenüber erwiesen; nun wurde zu einem andern Mittel gegriffen, um sich der unliebsamen Fremdlinge zu entledigen.

 

Aufgestachelt durch die Griechen und getrieben von eigenem Hasse, versuchten nun die apulischen Langobarden durch Verrat und Tücke das zu erreichen, was den Griechen im offenen Kampfe nicht gelungen war. Meuchlerisch wurde Graf Drogo im Jahre 1051 in der Kirche von Montello niedergestossen und viele seiner Mannen erschlagen. Aber der Plan, alle Normannen an diesem Tage umzubringen, scheiterte an der Umsicht und Tapferkeit des dritten Bruders Humfried, der schnell die Genossen sammelte, Montello eroberte und an den Anstiftern des Verrats schreckliche Rache nahm. Mit der Führerschaft hatte Humiried zugleich die Grafenwürde übernommen.

 

Das Fehlschlagen auch dieses Unternehmens liess die Griechen den völligen Verlust ihrer Herrschaft in Unteritalien befürchten, und diese nur zu begründete Furcht trieb sie dem Papst in die Arme, indem sie ihn von der Gefährlichkeit der Normannen zu überzeugen suchten. Leo IX. liess sich gewinnen; er befahl den Normannen, Italien zu räumen, und als dieser Befehl unbeachtet blieb, griff er zum Schwerte, um im Verein mit Griechen und Langobarden der Normannenherrschaft den Garaus zu machen. Die Gefahr war gross, schien doch die Übermacht der Feinde das kleine Normannenheer erdrücken zu wollen, das sich unter Humfried, Robert Guiscard und Richard dem Grafen von Adversa gesammelt hatte, entschlossen, für Leben und Freiheit das Äusserste zu wagen. Bei Ferdorium kam es am 18. Juni 1055 zur Schlacht, in der die Normannen abermals Sieger blieben und das Heer der Feinde zersplitterten. Der Papst, der sich nach Civitate geworfen hatte, wurde von den Bürgern aus Furcht vor der Rache der Normannen gezwungen, die Stadt zu verlassen, und fiel als Gefangener seinen Feinden in die Hände, die ihn aber so ehrenvoll aufnahmen und so schonend behandelten, dass er leicht in eine Versöhnung willigte, da er in den Normannen eine neue Stütze der Kirche zu finden hoffte, und sie mit allen bisherigen und zukünftigen Eroberungen, die sie in Unteritalien und Sicilien machen würden, belehnte.

 

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Auch die ferneren Angriffe der Griechen blieben erfolglos und vermochten nicht der Ausbreitung der Normannen Einhalt zu thun, die eine Stadt nach der andern eroberten oder doch zinspflichtig machten und sich bereits an ein bürgerlich sesshaftes Leben zu gewöhnen begannen. Nach Humfrieds Tode (1057) kam die Grafenwürde an Robert Guiscard, der sich aber, seiner nunmehrigen Macht entsprechend, zum Herzog von Apulien und Calabrien ausrufen liess.

 

Um diese Zeit war auch Roberts jüngster Bruder Roger aus der Normandie nach Apulien gekommen, gleich jenem gross und schön von Gestalt, ein Muster ritterlicher Tugenden, nur entgegenkommender und freundlicher, was ihn leichter die Herzen gewinnen liess, aber auch Roberts Eifersucht erweckte. Bei der Belagerung von Reggio kam es zu offenem Streit zwischen den Brüdern, der bis zur Fehde ausartete und Roberts Herrschaft in Calabrien arg ins Gedränge brachte, wo Krankheit und Hungersnot die Lage schon schlimm genug gemacht hatten. Schon glaubten die Calabresen die Zeit gekommen, um mit Hilfe des Papstes, der Robert mit dem Banne belegt hatte, die Herrschaft der Normannen abwerfen zu können, als gegen Erwarten nicht nur die Brüder sich versöhnten, sondern auch Papst Nicolaus II. den Bann aufhob und die frühere Belehnung erneuerte, wodurch er die Hilfe Roberts gegen die widerspenstigen Barone des Kirchenstaats gewann (1059).

 

Im Jahre 1060 eroberten die tapferen Brüder endlich das lange umworbene Reggio, und nun lag die Herrlichkeit Siciliens täglich lockend vor ihren Augen, was Roger zu dem tollkühnen Unternehmen veranlasste, eines Nachts mit nur 60 Gefährten nach der sicilianischen Küste hinüberzufahren, um den Zustand des Landes auszukundschaften. Doch war das Beginnen vergeblich, denn die wachsamen Saracenen traten den Eindringlingen entgegen und trieben Sie nach heldenhafter Gegenwehr wieder zu ihrem Schiffe zurück, so dass sie nur mit Not der drohenden Gefangenschaft entgingen.

 

Bald bot sich indes Gelegenheit, ernsthaft an die Eroberung Siciliens zu denken, indem der Emir von Syrakus, den sein Bruder vertrieben hatte, vor Roger erschien, ihm die innere Zerrüttung des Landes schilderte und ihn aufforderte, herüberzukommen und den Saracenen die Insel als leichte Beute zu entreissen. Der verlockende Ruf fand willige Ohren. In einer dunklen Nacht setzte Roger nach Sicilien über und eroberte Messina nach blutigem Kampfe und tapferer Gegenwehr, wo er sich festsetzte und seinen Bruder Robert erwartete, der auch alsbald mit Heeresmacht kam und sich mit ihm vereinigte.

 

Aber auch die Saracenen waren nicht müssig gewesen; sie hatten ihre Völker gesammelt und traten bei Castro Giovanni den Brüdern entgegen, wo es zur Schlacht kam, in der die Normannen zwar Sieger blieben, sich aber doch nicht stark genug fühlten, den Sieg sofort weiter zu verfolgen und sich wieder nach Calabrien zurückzogen, um neue Kräfte zu sammeln. Indessen hatte der Kalif von Aegypten den Saracenen eine Flotte zur Hilfe nach Sicilien gesandt, die aber bei der Insel Pantellaria scheiterte.

 

Das alte Normannenglück war aufs neue treu geblieben, aber in unglaublicher Verblendung entzweiten sich die Brüder abermals, Robert Guiscard sah mit Neid auf die Erfolge Rogers und verweigerte ihm, was er verlangte, ganz Sicilien und die Hälfte von Calabrien. Wieder entbrannte der Bruderkampf, der unentschieden hin und her wogte, bis Robert in die Gefangenschaft Rogers geriet, durch seine geistige Überlegenheit aber so mächtig auf den Bruder wirkte, dass unter Thränen die Versöhnung zustande kam und Roger sich unterordnete.

 

Mit vereinter Macht wurde nun die Unterwerfung Siciliens wieder aufgenommen, und mehrere Male war schon Palermo bedroht gewesen; aber immer wieder durch die Wirren in Calabrien zurückgerufen, konnten die Normannen erst im Jahre 1071 zu ernstlicher Belagerung schreiten, die Roger zuerst allein führte, da Robert durch Kämpfe mit den Griechen auf dem Festlande zurückgehalten wurde. Die Saracenen verteidigten sich mit dem Mute der Verzweiflung, und erst nach dem Eintreffen Robert Guiscards konnte mit Aussicht auf Erfolg zum Sturm geschritten werden, der am 10. Januar 1072 unternommen wurde. Von zwei Seiten zugleich drangen die Normannen in die äussere Stadt, und die Saracenen, das Vergebliche weiteren Widerstandes einsehend, ergaben sich den Siegern gegen Zusicherung des Lebens und der Freiheit ihrer Religion. Ohne Plünderung, ohne Blutvergiessen wurde hierauf die Stadt besetzt und der abgeschlossene Vertrag getreulich gehalten.

 

Roger, der von seinem Bruder als Beherrscher Siciliens anerkannt wurde, befestigte allgemach seine Herrschaft, und alle Versuche der Saracenen, die Insel wiederzugewinnen, scheiterten an seiner Wachsamkeit und Tapferkeit. Aber erst 1092 war Sicilien ganz unterworfen. Robert, der sich einige wertvolle Besitzungen vorbehalten hatte, nannte sich fortan Herzog von Sicilien, Roger Graf. Schnell erhob sich das Christentum wieder, Bistümer und Klöster wurden gegründet und zahlreiche Baronien an die Grossen des Reiches verliehen.

 

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Die weiteren Feldzüge Robert Guiscards gegen die Griechen, die auf hellenischem Boden ausgefochten wurden, können hier nicht in Betracht kommen, da Sicilien nicht davon berührt wurde, das unter Rogers weiser Regierung kräftig emporblühte. Robert starb im Jahre 1085 während eines Feldzuges in Griechenland; seine Söhne Boemund und Roger Bursa teilten das Reich, wodurch das Übergewicht der normannischen Macht von der älteren Linie auf die jüngere Rogers von Sicilien überging, denn keiner der unter sich uneinigen Erben Robert Guiscards war im Stande, das alte Ansehen aufrecht zu erhalten.

 

Hochbetagt schied Graf Roger im Jahre 1111 aus dem Leben, das Reich seinem minderjährigen Sohne hinterlassend, der unter der Vormundschaft seiner Mutter Adelasia und des Admirals Georg Antiochenus als Roger II. die Regierung antrat. Er hat die normannische Macht zu höchstem Glanze emporgeführt, nachdem auch die Länder Robert Guiscards ihm zugefallen waren, dessen Stamm mit dem Tode seines Enkels Wilhelm 1127 erlosch.

 

In Roger II. vereinigte sich alle Kraft und Geistesgrösse, die seinem Geschlechte eigen waren und es zur Grösse geführt hatten. Er besass eine hohe Gestalt, einen festen, fast finstern Blick und eine gewaltige Stimme, Eigenschaften, die den Herrscher ankündigten. Er war treu und zuverlässig, ein Feind der Lüge, gewissenhaft und ordentlich in allen Geschäften. Nie liess er sich zu Übereilungen hinreissen, nie von Freude oder Schmerz unwürdig beherrschen. Seine Art zu Strafen war hart, fast grausam; aber diese Strenge war nötig, um die Ordnung in dem noch jungen Reiche aufrecht zu erhalten und es vor Auflösung zu bewahren.

 

Der Zuwachs an Macht, der Roger durch die apulische Erbschaft zugefallen war, schreckte den Papst Honorius II., der die Fürsten von Capua, Salerno und Neapel zu den Waffen rief und ihn mit Krieg überzog. Aber Roger blieb Sieger, zwang den Papst, ihn mit Apulien zu belehnen, und setzte sich dann mit Zustimmung des Adels und der hohen Geistlichkeit die Königskrone auf. Die Krönung geschah zu Palermo am Weihnachtstage des Jahres 1130. --

 

Glanzvoll richtete Roger seinen Hofhalt ein, um der Monarchie nach innen und aussen die nötige Würde zu geben. Sein Kabinet bildete er aus den Trägern der sieben Kronämter, die er geschaffen, dem Connetabel und Grossadmiral, dem Grossrichter, dem Grosskanzler und Oberkämmerer, dem Protonotar und dem Grossmarschall. Er umgab sich mit orientalischem Ceremoniell und liess seinen Palast durch Eunuchen und die ihm treu ergebenen saracenischen Garden bewachen. In fast ununterbrochenen Kriegen besiegte er alle inneren und äusseren Feinde. Den griechischen Kaiser, der seine Rechte auf Sicilien nicht aufgeben wollte, bekämpfte er im eigenen Lande. Er erschien vor Konstantinopel und plünderte Athen, Korinth und Theben. Auch Malta wurde von seiner Flotte erobert, die den Normannenschrecken bis nach Afrika trug.

 

Aus Griechenland führte Roger Seidenweber nach Palermo und errichtete dort Seidenmanufakturen, die ihm und seinem Hofe kostbare Gewänder lieferten. Von dorther stammt auch das Pallium, der Krönungsmantel der römisch-deutschen Kaiser, von dem noch später die Rede sein wird.

 

Nach Beendigung der siegreichen Kämpfe in Griechenland und Afrika herrschte König Roger in Frieden. Er verbesserte die Gesetze, ordnete die Verwaltung und begünstigte Künste und Wissenschaften, indem er Prachtbauten aufführen und aufs reichste ausschmücken liess. Gegen den Islam war Roger wie sein Vorgänger und seine Nachfolger äusserst tolerant. Christen und Mohamedaner lebten im besten Einvernehmen, nie war von einer Bedrückung oder Verfolgung die Rede. Saracenische Künstler halfen christliche Kirchen schmücken, arabische Künste und Wissenschaften wurden aufgenommen, und selbst der Hof nahm arabische Sitte an, trug saracenische Gewänder und umgab sich mit morgenländischer Pracht und Üppigkeit.

 

Sicilien bietet unter der Normannen-Herrschaft das Bild der seltsamsten Kultur-Mischung, von welcher die Geschichte berichtet. Fünf Sprachen waren im Gebrauche: die griechische, die lateinische, die hebräische, die arabische und endlich die Lingua volgare, die Volkssprache, die bald zur italienischen Schriftsprache sich ausbildete. Alle diese Idiome wurden angewendet, in der ersten normannischen Zeit bei Diplomen und Urkunden am häufigsten die griechische mit der Übersetzung ins Arabische, welches so sehr den Vorzug gewann, dass es uns sogar auf Inschriften an christlichen Kirchen begegnet.

 

Als gegen Ende des 12. Jahrhunderts unter der Regierung Wilhelms II. ein spanischer Maure, Mohamed-Ibn-Djobair von Valencia, die Insel Sicilien bereiste, pries er laut den König und seine Liebe zum Islam. Der Fürst, so berichtet er, liest und schreibt Arabisch; sein Harem besteht aus muselmannischen Frauen, seine Pagen und Eunuchen sind heimliche Muselmänner. Die Frauen von Palermo nennt der Reisende schön, üppig

 

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und ganz saracenisch gekleidet, und wenn er sie an festlichen Tagen in den Kirchen sah, in goldgelbe Seide gekleidet, mit farbigen Schleiern umhüllt und behangen mit kostbarem Geschmeide, geschminkt und balsamduftend, so glaubte er sich in seine muselmannische Heimat zurückversetzt.

 

Als König Roger zum Sterben kam, bedrängte ihn die Sorge um die Zukunft seines Reiches, das er einem unwürdigen Erben überlassen musste; und alles Glück seines ruhmvollen Lebens vermochte wohl nicht diese Qual der Todesstunde aufzuwiegen. Vier treffliche Söhne waren ihm schnell nach einander gestorben, und nur der unwürdigste und unfähigste, Wilhelm, war übrig geblieben, der nach des Vaters Tode, am 27. Februar 1154, als Wilhelm I. ihm in der Regierung folgte. Adel und Geistlichkeit haben ihm den Beinamen „der Böse“ gegeben. Nach Art aller schlechten Regenten hatte er nichts Eiligeres zu thun, als viele der besten Einrichtungen umzustossen, die bewährten Räte zu entlassen und sich mit Leuten zu umgeben, die seiner Eitelkeit schmeichelten. An der Spitze dieser Günstlinge stand ein Emporkömmling schlimmster Art, der Grossadmiral Majo von Bari, der die ihm verliehene Machtfülle damit vergalt, dass er treulos eine Verschwörung gegen den König anzettelte und sich dann durch einen Meineid vom Verdacht der Teilnahme rettete. Palastrevolutionen, Aufstände des Adels und allerlei Zettelungen richteten grenzenlose Verwirrungen an, die im Verein mit unaufhörlichen Kriegen das Reich in seinen Grundfesten erschütterten. Wie eine Befreiung von schwerem Joche wurde der Tod des verhassten Königs empfunden, der im Alter von 45 Jahren am 14. Mai 1166 starb, nachdem er nach glücklich beendeten Kriegen die letzten Jahre seines Lebens in träger Ruhe und Müssiggang verbracht hatte.

 

Mit seinem Sohne und Nachfolger Wilhelm II., der im Alter von 14 Jahren den Thron bestieg, endete bereits die direkte Linie des normannischen Herrschergeschlechts. Seine ersten Regierungsjahre waren durch Streit um die Vormundschaft, Rebellion der Barone und allerlei Hofkabalen ebenso unruhig, wie es die Herrschaft seines Vaters gewesen war. Unaufhaltsam neigte sich die Sonne des Glückes zum Untergange. Die Normannen hatten ihr schönes Reich wohl erobern können, aber in üppigem Leben und unter der Glut des Südens war die Kraft, es zu behaupten, verdorrt. Ein weiterer Grund des Niederganges lag in dem Feudalsystem, das bei der Gründung des Reiches folgerichtig entstanden war und später von den Königen nicht mehr gebrochen werden konnte.

 

Ungleich seinem Vater war Wilhelm II. milde und friedliebend und führte ein gottesfürchtiges Leben, während sein Vater wie ein Saracene gelebt hatte. Er stiftete Kirchen und Klöster, die er überreich ausstattete. Viele Denkmäler kirchlicher Kunst, an denen Sicilien so reich ist, sind seine Gründungen, so der herrliche Dom von Monreale und die Kathedrale von Palermo. Er starb, erst 36 Jahre alt, am 1. November 1189. --

 

Von den Nachkommen Rogers II. war nur dessen Tochter Konstanze, die mit dem deutschen Könige Heinrich VI. vermählt war, und ein ausserehelicher Enkel, Tancred Graf von Lecce, übrig geblieben, ein natürlicher Sohn des ältesten und frühverstorbenen Sohnes König Rogers II. und der Sibylla, einer Tochter des Grafen Robert von Lecce, in deren Armen der junge Königssohn sein Leben verträumt und verspielt hatte.

 

Rechtmässig musste nach dem Tode Wilhelms II. das Normannenreich der Konstanze und damit Heinrich VI. zufallen, da die weibliche Nachfolge nicht ausgeschlossen war und König Wilhelm das Erbrecht der Konstanze ausdrücklich anerkannt hatte. Entgegen diesem unzweifelhaften Rechte erhoben sich trotzdem gewichtige Stimmen gegen die Erbfolge des mächtigen Hohenstaufen, und die Blicke der Gegner, an deren Spitze der Kanzler Matthäus stand, richteten sich auf Tancred, den alle ritterlichen Tugenden schmückten und der wohl eines Thrones würdig war. Spitzfindig setzte sich der Kanzler über die uneheliche Geburt Tancreds hinweg, darauf hinweisend, dass König Roger schliesslich seine Zustimmung zu der Heirat der Eltern gegeben hatte, deren Vollziehung nur durch den Tod des Prinzen verhindert wurde. In seiner Rede, durch die Matthäus die Barone des Reiches für seinen Plan zu gewinnen suchte, hiess es zum Schluss: „Er (Tancred) ist aber, so heisst es, nicht ehelich geboren, er hat kein Erbrecht. -- Also das soll entscheiden, dass sein Vater, der seine Mutter liebte, wie je ein ehelich Weib geliebt worden ist, nicht um ein weniges länger lebte! Das soll der zur Herrschaft unfähigen, die Ausländer herbeiführenden Konstanze den Vorzug geben vor einem Manne, gegen dessen Trefflichkeit auch seine Feinde nichts einzuwenden wissen! Er ist der letzte Sprosse desjenigen Königshauses, welches Reich und Volk gross und berühmt gemacht hat, und wenn das Erbrecht nicht hinreicht, so steht uns ein Wahlrecht zu, wie unsere Väter es übten, als sie die Söhne Tancreds von Altaville an ihre Spitze stellten. Reichten aber alle diese Gründe nicht aus, so müsste der nächste entscheiden: Aufruhr wütet im Lande und wir bedürfen in diesem gefährlichen Augenblick eines Oberhauptes.“

 

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Viele der Barone teilten des Kanzlers Ansichten, und das Volk begehrte begeistert Tancreds Erhebung zum Könige, der auch dem Rufe folgte und im Januar 1190 zu Palermo unter Beistimmung des Papstes feierlich gekrönt wurde. Aber trotz der vox populi, trotz der Zustimmung des Papstes blieb die Erhebung Tancreds ein Treubruch, der auf Meineid beruhte, denn er selbst und alle Grossen des Reiches hatten König Roger gegenüber die Erbfolge Konstanzes beschworen und Treue gelobt. --

 

König Heinrich VI. der nach dem Tode Wilhelms II. nicht daran denken konnte, dass sein normannisches Erbe ihm streitig gemacht werden könne, brach sofort nach Italien auf, um seine Rechte Tancred gegenüber mit dem Schwerte zu behaupten. Nachdem er in Rom am 15. April 1191 durch Papst Cölestin III. die Kaiserkrone empfangen hatte, wandte er sich sofort gegen Tancred, brach in die apulischen Lande ein und belagerte Neapel. Aber das Glück war gegen ihn. Verheerende Krankheiten brachen im Heere aus, und der Kaiser selbst wurde von der Seuche ergriffen, so dass er sich genötigt sah, die Belagerung aufzuheben und mit dem Reste des Heeres nach Deutschland zurückzukehren, seine Gemahlin in den Händen Tancreds als Gefangene zurücklassend. Sie war während der Belagerung Neapels von Heinrich nach Salerno geschickt und hier treuloserweise an Tancred ausgeliefert worden, der die Kaiserin jedoch mit der grössten Schonung und Hochachtung behandelte und sie bald nach des Kaisers Abzug ohne Lösegeld freiliess.

 

Nur wenige Jahre der Macht und königlichen Glanzes waren Tancred beschieden; bereits am 20. Februar 1194 raffte ihn der Tod dahin, nachdem sein hoffnungsvoller Sohn Roger kurz vor ihm gestorben war. Kurz vor seinem Tode hatte Tancred noch seinen zweiten, minderjährigen Sohn Wilhelm krönen lassen und seine Gemahlin Sibylla als Regentin bestellt.

 

Jetzt riefen die unzufriedenen Barone selbst den Kaiser herbei, der sofort ein gewaltiges Heer sammelte und bereits am 12. Mai vom Trifels nach Italien aufbrach, um sein Sicilisches Reich endlich zu gewinnen. Pfingsten war er bereits in Mailand, wo es ihm gelang, die feindlichen lombardischen Städte zu versöhnen. Dann ging er nach Pisa und Genua und gewann durch grosse Versprechungen die Hilfe dieser Städte, die ihm wegen ihrer Flotten von besonderem Werte waren. Zu den Genuesen sprach er: „Wenn ich nächst Gott durch Euch Sicilien erobert habe, so wird die Ehre mein, der Nutzen aber Euer Sein. Ich darf mit meinen Deutschen nicht dort bleiben, Ihr aber und Eure Nachkommen könnt es. Euch, nicht mir, wird das Reich gehören.“ Pisa und Genua, dem kaiserlichen Worte trauend, stellten ihre Schiffe unter den Befehl des Reichstruchsesses Markward von Auweiler, der längs der Küste nach Gaeta segelte, das von den Genuesen besetzt wurde.

 

Zu Lande nahte der Kaiser. Fast alle Städte unterwarfen sich ohne Schwertstreich. An Salerno wurde blutige Rache genommen, und Ende Oktober landete Heinrich in Messina. Dort erwartete ihn die Flotte, deren beide Geschwader inzwischen einen heftigen Eifersuchtsstreit, wie er unter Genuesen und Pisanern niemals ausblieb, durchgekämpft hatten. Auf der Insel war dem kaiserlichen Heere erfolgreich vorgearbeitet worden: bei Catania erlag das letzte Heer, welches die normannische Adelspartei gegen die Deutschen aufgebracht hatte. Nachdem er die Rädelsführer furchtbar bestraft, wandte sich Heinrich nun der sicilischen Hauptstadt zu. Am 20. November 1194 zog er unter dem Jubel der Bevölkerung in Palermo ein, an seiner Seite ritten sein jüngster Bruder Philipp, sein Oheim, der Pfalzgraf vom Rhein, der junge Herzog von Bayern, der mächtige Markgraf von Montferrat, der Erzbischof von Capua. „Wem von allen, die dem Kaiserjüngling auf seinem Siegeszuge ins ernste, stolze Antlitz sahen und neben ihm den blonden, blauäugigen Bruder erblickten, den „jungen, süssen Mann, schön und tadelsohne“ -- wem wäre wohl die Ahnung aufgestiegen, dass nach wenigen Jahren der eine ein Raub des Todes sein und der andere, von ruchloser Hand getroffen, ihm ins Grab nachfolgen würde!“ *)

 

Von Strenge und Strafe war keine Rede. So hielt es denn die Königin Sibylle, die sich mit ihrem Sohne in ein festes Schloss zurückgezogen hatte, für das Beste, mit dem Kaiser einen Vertrag einzugehen, nach welchem sie die angestammte Grafschaft Lecce und ihr Sohn Wilhelm das Fürstentum Tarent erhalten sollte, allen aber Sicherheit des Lebens und der Güter versprochen war. Wilhelm legte hierauf selbst seine Krone zu Füssen Heinrichs nieder, der sich nun am Weihnachtsfeste im Dome zu Palermo feierlich krönen liess.

 

Jetzt, nachdem er am Ziele war erschienen die Genueser vor Heinrich, ihn an seine Versprechungen zu erinnern, aber ablehnend antwortete der Kaiser: „Ich sehe hier keinen unter Euch, der für Genua zu sprechen ein Recht hätte. Euer Podesta ist tot, und erst, wenn ein wahrer Bevollmächtigter erscheint, werde ich erfüllen,

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*) Th. Töche, Kaiser Heinrich VI. Leipzig 1867. S. 341.

 

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was ich gelobte.“ Bald nachher wurden aber alle früheren Freibriefe der Genueser für nichtig erklärt und jeder mit dem Tode bedroht, der innerhalb des apulischen Reiches als ihr Anwalt auftreten würde.

 

Kurz nach seiner Krönung behauptete der Kaiser, ihm sei eine Verschwörung entdeckt worden, welche sich gegen sein Leben und seine Herrschaft richtete. Er legte den versammelten Grossen des Reiches Briefe vor, welche die Schuld vieler Bischöfe, Grafen und Edeln beweisen sollten, und liess unter der Leitung des gefügigen Peter von Celano strenges Gericht halten. Es wurden Erzbischöfe, Bischöfe, Grafen und Edle, unter ihnen der Erzbischof von Salerno und der grosse Seeheld Margaritone, als Verräter verhaftet und nach Deutschland abgeführt. Da der Verdacht sich selbst auf die königliche Familie erstreckte, wurde Sibylla mit ihren Töchtern ins Nonnenkloster Hohenburg im Elsass verbannt; sie hat erst nach Heinrichs Tode die Freiheit wiedererlangt. Den jungen Wilhelm hielt man auf der Burg Hohenems gefangen, wo er nach wenigen Jahren gestorben ist. Eine Sage erzählt, er sei dem Kerker entkommen und habe als Eremit zu St. Jacob bei Chiavenna noch lange gelebt. -- Berichtet wird auch, dass Heinrich die Gräber König Tancreds und seines Sohnes Roger erbrechen und ihnen die Kronen vom Haupte reissen liess. Die verdächtigen oder überführten Edelleute, unter ihnen der Admiral Margarito, erhielten ihr Gefängnis in derselben Reichsburg Trifels, die ein noch höherer Gefangener, der englische König Richard Löwenherz, der vorübergehend auch in die Geschicke Siciliens verflochten war, kurz zuvor verlassen hatte.

 

Unermesslich war die Beute, die dem Kaiser durch Einziehung des königlichen Schatzes zufiel. Arnold von Lübeck berichtet: „Der Kaiser zog in die Aula des toten Tancred ein und fand dort Lager, Sessel und Tische von Silber und Gefässe von lauterem Golde; auch verborgene Schätze, köstliches Gestein und herrliche Kleinodien, so dass er 150 Saumtiere mit Gold und Silber, mit Juwelen und seidenen Gewändern belud und ruhmreich in sein Land zurückkehrte.“ --

 

Irrtümlich hat man die entsetzlichen Gräuel, welche den Namen des Kaisers schänden, in diese Zeit verlegt. Sie sind nicht wegzuleugnen, aber sie fanden drei Jahre später und unter Umständen statt, welche die barbarische Härte zwar nicht rechtfertigen, aber doch erklärlicher machen.

 

Heinrich hatte es mit den Sicilianern offenbar gut im Sinne gehabt. Als er das Land verliess, setzte er die Kaiserin Konstanze als Regentin ein -- sie, die als normannische Prinzessin ein Herz hatte für ihre Landsleute. Sie verstand deren heimliche Wünsche nur zu gut. Den allmälig in Apulien und auf der Insel um sich greifenden Verschwörungen gegen die deutschen Herren hat sie sogar Vorschub geleistet.

 

Bei Heinrichs Wiedererscheinen in Messina im Frühjahr 1197 wurde ein Anschlag gegen sein Leben entdeckt. Sein Zorn überstieg die Grenzen der Menschlichkeit. Denn jetzt, nachdem die Rebellen geschlagen und gefangen waren, wütete er gegen die Treulosen wie ein Tyrann. Etliche wurden geblendet, andere aufgehenkt, gespiesst, ins Meer versenkt oder verbrannt -- selbst auf die Geiseln in Deutschland erstreckte sich die Rache des Unversöhnlichen. Die Kaiserin wurde zwar geschont, aber sie musste zusehen, wie dem als Gegenkönig Ausersehenen eine glühende Krone aufs Haupt genagelt wurde.

 

So war das Normannengeschlecht dahingesunken, dem das Geschick die schönsten Länder der Welt zu eigen gegeben hatte; der Untergang des Hohenstaufengeschlechts sollte ihm bald folgen. Vierundsiebzig Jahre später wurde am Strande bei Neapel, angesichts der ganzen Herrlichkeit des apulischen Reiches, das Blutgerüst aufgeschlagen, auf dem Konradin, der letzte Hohenstaufe, unter dem Henkerbeil endete.

 

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Bauwerke der Normannen in Palermo.

 

a) Kirchen.

 

S. Giovanni degli Eremiti.

 

Mit Rogers II. Erhebung zum Könige (1130) war die Glanzzeit des Normannenreiches angebrochen und dessen Zustände soweit gefestigt, dass der König zu den längst geplanten Kirchenbauten schreiten konnte. Bereits im Jahre 1132 entstand S. Giovanni degli Eremiti (Taf. 1), eine einschiffige Anlage mit vorgelegtem schmalen Querschiffe. Das Langhaus ist durch einen auf vorspringenden Wandpfeilern ruhenden Spitzbogen in zwei Quadrate geteilt; das Querschiff zeigt Dreiteilung (Grundriss Fig. 5). Die das Querschiff begrenzende östliche Mauer wird nur von der Hauptapsis durchbrochen, die beiden Nebenapsiden sind nur als einfache Wandnischen behandelt, die nicht über die Mauerstärke hinausgehen.

 

Das aus Haustein aufgeführte Mauerwerk ist äusserlich gänzlich schmucklos und unvermittelt setzen die überhöhten glatten Kuppeln auf, von denen die beiden grossen über dem Langhause, zwei kleinere über dem Chöre und südlichem Kreuzarme liegen, während die fünfte die Bekrönung des Turmes bildet, der sich über dem nördlichen Kreuzarme erhebt.

 

Sehr eigenartig gestaltet sich die Konstruktion der Kuppeln im Innern. Sie sind aus dem Quadrat erst in ein Achteck und dann in die Rundung übergeführt, eine Konstruktion, auf die wir weiter unten wieder zurückkommen werden.

 

 

Fig. 3. Kuppelsystem von S. Cataldo.

 

Das Innere der längst ausser Gebrauch gesetzten Kirche ist völlig schmucklos und kahl, doch lassen einige Reste von Malerei auf frühere reiche Ausschmückung schliessen. Der ganze Bau macht einen durchaus orientalischen Eindruck und es ist anzunehmen, dass ausschliesslich saracenische Architekten den Bau aufgeführt haben.

 

Der in Ruinen liegende sehr schöne Kreuzgang gehört einer etwas späteren Zeit an; den zierlichen korinthisierenden Kapitellen und der Basenbildung nach zu urteilen, dürfte er während der ersten Regierungsjahre Wilhelms II. entstanden sein.

 

S. Giovanni steht in Palermo einzig in seiner Art da, nur eine kleine Kapelle im Hofe der Zisa zeigt ähnliche einschiffige Anlage, jedoch ohne Querschiff.

 

 

Martorana und S. Cataldo.

 

Eine andere Gestaltung der Anlage kehrt bei den Kirchenbauten aus der Zeit Rogers II. häufiger wieder. Hier sind vier Säulen durch überhöhte Spitzbogen verbunden, die ein Quadrat bilden, über dem sich die erst ins Achteck und dann in die Rundung übergehende Kupper erhebt. Von den vier Säulen gehen wieder in Längs- und Querrichtung niedrigere Spitzbogen aus, welche in der Mitie vier rechteckige glatte und in den Ecken quadratische Kreuzgewölbe umschliessen, so dass drei Schiffe und in der Länge drei Gewölbefelder entstehen, an die sich die

 

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drei Apsiden der Ostmauer anschliessen. Die Tafeln 2, 5, 8, die Grundrisse Fig. 6 und 7 nebst Fig. 3 geben die nötigen Erläuterungen hierzu.

 

Nach diesem Schema sind erbaut: die Martorana, S. Cataldo, S. Giacomo la Mazara und S. Antonio.

 

Als erste in dieser Reihe steht die Kirche della Martorana, eine Gründung des Grossadmirals Rogers II., Giorgius Antiochenus, der sie 1143 zu Ehren der Gottesmutter erbauen liess, daher ihr ursprünglicher Name: S. Maria dell‘ Ammiraglio, der 1433, als die Nonnen des von Aloysia Martorana gestifteten Klosters die Kirche übernahmen, in Martorana umgewandelt wurde.

 

Nach dieser Übernahme wurde die Kirche nach Westen hin bedeutend erweitert, der alte Kern jedoch völlig unversehrt erhalten, den auch ein weiterer Umbau, der 1684 unternommen wurde, glücklicher Weise wenig berührte. Nur die Hauptapsis wurde entfernt und durch eine viereckige Choranlage ersetzt.

 

Über ihre frühere Gestalt sind die Meinungen geteilt. Serradifalco, dessen Werke *) der Grundriss Fig. 7 entnommen ist, der den alten Teil der Kirche darstellt, schliesst auf eine Choranlage nach dem Muster der Capella Palatina, die auf dem Grundriss durch punktierte Linien angedeutet ist. Die neuere Forschung lehnt dagegen die Annahme eines Altarhauses ab und bezieht sich auf die Gestaltung der Hauptapsis von S. Cataldo. In diesem Sinne ist auch neuerdings Coulisse eingebaut, die durch einen mit + bezeichneten Halbkreis auf dem Grundrisse nachgetragen ist und durchaus überzeugend wirkt.

 

Die von alten Schriftstellern ihrer Schönheit wegen hochgepriesene Façade war der Erweiterung im 15. Jahrhundert zum Opfer gefallen. Auf die verschwundene Pracht des Äusseren lässt noch der herrliche Turmbau schliessen, der bis auf die fehlende Kuppel noch wohl erhalten ist und sich wunderlich genug neben der barocken Façade ausnimmt.

 

Der alte Teil des Inneren ist von ausserordentlich prächtiger Wirkung: Marmorsäulen, Marmorwände und darüber Glasmosaiken auf Goldgrund.

 

 

Fig. 4. Taufstein in S. Cataldo.

 

Die Architekten scheinen Saracenen und Byzantiner gewesen zu sein, auf erstere weisen die Konstruktion der Kuppel und die Spitzbogen, auf letztere die centrale Anlage des Ganzen hin.

 

Leicht und graziös steigt die Kuppel auf. Die säulengetragenen, von Spitzbogen durchbrochenen Oberwände bilden ein Quadrat, welches durch vier in den Ecken auf Kragsteinen stehende Nischen in ein Achteck übergeführt ist, das nach oben erst in die Rundung und dann in die Wölbung übergeht. Taf. 4 giebt ein Bild der Kuppel von unten gesehen, das die Konstruktion klar erkennen lässt. Dies Kuppelsystem bleibt im 12. Jahrhundert das herrschende und findet seine schönste Ausbildung in der Capella Palatina.

 

Die Dekoration des Inneren trägt zwiefachen Charakter. Der Fussboden und die Bekleidung des unteren Teiles der Wände rühren von saracenischen, die Mosaiken der Kuppel und der Gewölbe von griechischen Künstlern her, in deren Händen zu jener Zeit die Ausübung der musivischen Kunst fast ausschliesslich lag, und die in Italien und Sicilien zahlreiche Schulen gegründet hatten.

 

Die Dekoration der Unterwände wurde 1726 abgenommen und ist erst neuerdings wieder ersetzt worden, wobei die überall gleiche Dekorationsweise der Normannenbauten als unfehlbares Vorbild diente.

 

Der Fussboden besteht aus buntfarbigem Marmormosaik in reichen geometrischen Mustern. Die Unterwände sind mit hellen Marmorplatten (Cipollino) bekleidet, in die wieder Kreise und Vierecke von anderer Farbe eingelassen sind. Die hellfarbigen grossen Platten werden von buntfarbigen Glasmosaikfriesen in geometrischen Mustern umzogen, für die sich die Bezeichnung „Cosmaten-Werk“ eingebürgert hat, obwohl diese Künstler nicht die Erfinder sind, sondern die von ihnen vielfach angewandte Dekorationsweise von den Saracenen übernommen haben (Taf. 20, 16-18; Taf. 29, 5-10). Ein breiter Palmettenfries bildet nach oben hin den Abschluss der saracenischen Dekoration. Die Palmetten sind, wie aus der Abbildung (Fig. 11) zur Capella Palatina ersichtlich, aus kleinen Grundmustern herausgeschnitten (Taf. 20, 10-15).

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*) Duca di Serradifalco. Del Duomo di Monreale etc. Palermo 1838.

 

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Fig. 5. S. Giovanni degli Eremiti.

 

Die in Glasmosaik ausgeführten figürlichen Darstellungen und Ornamente der Kuppel, der Gewölbe, der Fenster- und Bogenlaibungen zeigen eine seltene Schönheit und Harmonie der Farben, die nur im Dome von Cefalù und kaum in der Capella Palatina ihresgleichen findet. Die Zeichnung der Figuren ist noch sehr streng und schematisch, aber die Mehrzahl der Köpfe zeigt doch schon ausdrucksvolle Durchbildung.

 

Die Anordnung der Bilder ist folgende: In der Kuppel: Im Scheitelpunkte der thronende Christus, darunter 4 abbetende Engel.

 

Im Achteck: 8 Prophetengestalten.

 

In den 4 Nischen des Achtecks: Die 4 Evangelisten.

 

Auf den Wänden der Vierung: Östlich, die Verkündigung Mariae; westlich, die heil. 3 Könige.

 

In den die Kuppel umgebenden Gewölben: Östlich, die Erzengel Gabriel und Michael; westlich, die Geburt (Taf. 7) und der Tod Mariae (Taf. 6, 10); nördlich und südlich je 4 Apostelgestalten.

 

Die 4 Eckgewölbe tragen ein Sternenmuster in Gold auf blauem Grunde (Taf. 6, 9).

 

Die Laibungen der die Kuppel umgebenden Bogenstellung tragen je 7 Medaillons mit den Brustbildern von Heiligen, die übrigen Bogen- und Fensterlaibungen reiche ornamentale Verzierungen (Taf. 6, 5-8 und Taf. 20, 8-9).

 

In den Nebenapsiden sind links der heil. Joachim, rechts die heil. Anna dargestellt.

 

Zwei Bilder erübrigen noch, die

 

 

Fig. 6. S. Cataldo

 

 

Fig. 7. Martorana.

 

 

Fig. 8. Capella Palatina.

 

Gemeinsamer Maasstab der 4 Grundrisse. 1:150

 

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zu den schönsten der ganzen Reihe zählen: Die Krönung Rogers II. durch Christus und die Anbetung der Maria durch Georgius Antiochenus (Taf. 3, Details dazu Taf. 4). Die Köpfe auf diesen Bildern sind besonders gut und ausdrucksvoll gezeichnet, und die Gewandungen zeigen einen schönen Fluss der Linien. Leider sind diese Mosaiken, die sich nicht mehr an ihrem alten Platze befinden, in ihren unteren Teilen stark beschädigt und später schlecht ergänzt worden, was sich auf den Abbildungen deutlich erkennen lässt.

 

Jetzt befinden sich diese Bilder an den Wänden des Erweiterungsbaues, während sie früher wohl auf der alten Westwand, den Nebenapsiden gegenüber, angebracht waren. Für die Annahme, dass ihr früherer Platz aussen an der Westfront gewesen sei, fehlt jeder Anhalt, denn es ist kein Beispiel vorhanden, das zu diesem Schlusse berechtigte.

 

Lassen die figürlichen Darstellungen zweifellos griechische Künstler als Urheber erkennen, so ist das bei den durchweg schön gezeichneten Ornamenten durchaus nicht der Fall. Keine der Formen weist auf Byzanz hin, und da saracenische Einflüsse gar nicht in Frage kommen, so müssen einheimische Künstler die Urheber gewesen sein, die frei aus sich heraus erfunden haben. Diese Annahme wird gerechtfertigt erscheinen, wenn man die byzantinischen Ornamente des Roger-Zimmers und der Vorhalle der Zisa mit den hier angewandten vergleicht.

 

Die Säulen der Martorana sind höchstwahrscheinlich antiken Bauwerken entnommen, worauf sowohl die verschiedene Bearbeitung, wie auch die verschiedene Höhe hinweist. Um hier ein Gleichmaass zu gewinnen, mussten einige der Säulen gestelzt, andere mit einem Aufsatz versehen werden, wie die beiden zu Seiten der Hauptapsis stehenden. Der originelle Aufsatz ist auf Tafel 6, 6 abgebildet.

 

Gleichen Ursprung haben auch die Säulen des Erweiterungsbaues, zwei davon tragen arabische Inschriften

 

 

Fig. 9. Vorderseite des Altars in S. Cataldo.

 

 

und haben wohl vordem schon in einer Moschee gestanden.

 

Die barocken Malereien über den beiden Säulen im Vordergrunde der Abbildung auf Tafel 2 bezeichnen die Grenze, auf der alter Teil und Erweiterungsbau aneinanderschliessen.

 

Bemerkenswert sind noch einige plastische Arbeiten, so das schöne Friesfragment über dem südlichen Seitenportal, auf dem in Ranken verflochtene Jagdscenen dargestellt sind. (Abb. S. 7) und der Taufstein (Fig. 4), dessen Ornamentik lombardische Einflüsse erkennen lässt.

 

Eine sehr schöne in Holz geschnitzte Thür saracenischer Arbeit schmückt ein ausser Gebrauch gesetztes

 

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Seitenportal. Die beiden Füllungen, die auf Taf. 38 abgebildet sind, wiederholen sich in wechselnder Stellung auf jedem Flügel sieben mal. Auch die auf derselben Tafel befindliche Thürlaibung, die sich jetzt im Museo Nazionale in Palermo befindet, stammt aus der Martorana.

 

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In S. Cataldo, unter Wilhelm I. im Jahre 1161 begonnen, wiederholen sich System und Grundriss der Martorana, nur mit der Abweichung, dass hier statt einer Kuppel, deren drei über dem Langhause lagern, wodurch eine reiche und prächtige Wirkung des Inneren erzielt ist.

 

Das durchaus saracenische Äussere macht weit mehr den Eindruck einer Moschee, als den einer christlichen Kirche, was hier noch mehr hervortritt, als bei S. Giovanni, da Querhaus und Turm fehlen. Aber das Äussere ist nicht mehr so schmucklos wie dort. Spitzbogige Lisenen beleben die Wandflächen, die ein zierlich durchbrochenes Steingeländer krönt, und die Kuppeln steigen nicht mehr unvermittelt aus der Umfassungsmauer auf, sondern werden durch einen zurückspringenden Aufsatz, der die Achtecke der Kuppelkonstruktion umschliesst, wirkungsvoll emporgehoben (Taf. 8).

 

Von der einstigen Ausschmückung des Innern ist, ausser dem schön gezeichneten Mosaikfussboden aus buntem Marmor, nichts mehr vorhanden. Kuppeln und Wände sind völlig kahl und keinerlei Reste lassen auf die Art der alten Dekoration schliessen (Taf. 8).

 

Die Marmorsäulen tragen gleichfalls korinthisierende Kapitelle, nur eins derselben, links im Vordergrunde der Abbildung Taf. 8 sichtbar, zeigt eine andere, sehr eigenartige Form, die schwer zu deuten ist und in ihren unteren Teilen an nordische Motive erinnert, deren Verschlingungen nach oben zu in Volouten auslaufen, die von schlanken Blattformen getragen werden.

 

Ein sehr interessantes Stück ist der alte, noch vorhandene Altar, dessen Vorderseite eine in den Marmor eingeritzte Zeichnung trägt, das Lamm, umgeben von den vier Evangelisten, darstellend (Fig. 9). Die Figuren sowohl, als auch die schön gezeichneten romanischen Ornamente weisen in ihrem Charakter nach Norden hin.

 

 

 

Die Capella Palatina.

 

Diese Schönste aller normannischen Kirchen wurde von Roger II. erbaut und am 28. April 1140 mit grossem Pomp eingeweiht. Sie liegt im königlichen Schlosse auf der Höhe des ersten Stockwerks.

 

Den inneren Hof des Palastes umziehen drei übereinander liegende Loggien, in der ersten liegt der Eingang zur Capella Palatina. Ein Porticus von acht Säulen zieht sich vor der Eingangsthür hin. Den oberen Teil der Wand bedecken moderne Mosaiken, welche Scenen aus dem alten Testamente darstellen, mit Beziehungen auf die Krönung Rogers. Eine Inschrift am Eingange berichtet in lateinischer, griechischer und arabischer Sprache, dass König Roger eine Sonnenuhr am Palaste habe anbringen lassen. Der arabische Text lautet in der Übersetzung: „Ergangen ist der Befehl der königlichen Majestät, der Herrlichkeit Rogers, des Erhabenen, dessen Tage Gott verewige und dessen Zeichen er bestätige, dass dies Instrument entstehe zur Beachtung der Stunden. In der Metropole Siciliens (von Gott) behütet im 536. Jahre (der Hedschra).“

 

 

Fig. 10. Seitenwand des Königsstuhls in der Capella Palatina.

 

Es ist dies ein Beweis für die grosse Duldsamkeit, die den Saracenen gegenüber geübt wurde, die es sogar gestattete, dass an einer christlichen Kirche die Jahreszahl in ihrer Zeitrechnung ausgedrückt wurde.

 

Unvergleichlich schön und stimmungsvoll ist der Eindruck den das goldschimmernde Innere macht, dem nur kleine Fenster sparsames Licht geben. Erst allmählich vermag das von der Sonne des Südens geblendete Auge des Eintretenden, die ganze Pracht und Herrlichkeit aufzunehmen und zu erfassen. Und doch trotz aller Pracht keine Überladung, keine Aufdringlichkeit, sondern stimmungsvollste Harmonie der Formen und Farben.

 

In der Capella Palatina kommt die Stilmischung am schönsten und vollkommensten zum Ausdruck. Antike Marmorsäulen mit korinthischen Kapitellen, saracenische Spitzbogen, Kuppel und Decke, byzantinische Mosaiken und abendländischer Grundriss. Aus diesen Elementen

 

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setzt sich das Ganze zusammen, als dritter Typus der normannischen Kirchenbauten (Taf. 9 u. 10).

 

Die Kuppelkonstruktion ist die gleiche wie in der Martorana, die Gestaltung der ganzen Anlage erklärt sich durch den Grundriss (Fig. 8), den Durchschnitt (Taf. 16) *) und die 3 Innenansichten (Taf. 9 u. 10).

 

Die Dekoration der untern Wände in den Seitenschiffen ist, wie in der Martorana, saracenisch, und was weiter vorn darüber gesagt wurde, gilt auch für hier, denn Schema wie Material sind ganz dieselben, hier wie dort. Ein Stück des Palmettenfrieses zeigt Fig. 11.

 

Die Oberwände des Mittelschiffes, der Seitenschiffe und des Chorraumes sind völlig mit Mosaiken bedeckt, deren Motive der biblischen Geschichte und der Legende entnommen sind. Auf den schmalen Wandflächen zwischen den Arkadenbögen des Mittelschiffes stehen Heilige in ganzer Figur, über welchen zwei Reihen Darstellungen aus dem Alten Testamente hinlaufen; die untere Reihe ist den Bögen entsprechend zwickelförmig gestaltet, die obere geradlinig abgeschlossen. Die Oberwände der Seitenschiffe tragen Darstellungen aus der Apostelgeschichte, Kuppel und Unterchor solche aus der Geschichte Christi, ähnlich denen der Martorana. Von ganz besonderer Schönheit ist die Figur der Maria in der Darstellung der Verkündigung auf der Ostseite der Vierung. Den oberen Teil der grossen Apsis schmückt ein Brustbild Christi in gigantischen Verhältnissen. Würde und Milde liegen auf dem Antlitz des Erlösers, der in der Linken das Evangelium hält, während die Rechte zum Segen erhoben ist. In der unteren Hälfte der Apsis steht Maria, von Heiligen und Engeln umgeben. Auf der Westwand über dem Königsstuhle befindet sich abermals die Gestalt Christi, hier aber in ganzer Figur und auf dem Throne sitzend, umgeben von Heiligen und Engeln.

 

Einen Teil der Mosaiken des Mittel- und nördlichen Seitenschiffes in ihrer ganzen Höhe giebt Taf. 14 und eine der Darstellungen aus dem Chore, den Einzug Christi in Jerusalem, Taf. 12, die Wölbung der Kuppel Taf. 11. Auch hier in der Palatina hat sich in den figürlichen Kompositionen die Herbigkeit byzantinischer Meister schon bedeutend gemildert, nur die Einzelfiguren der Heiligen und besonders die Gestalten der Engel zeigen noch die ganze Strenge der Tradition der alten Malerschule vom Berge Athos. Das Ornamentwerk (Taf. 13) zeigt ein Gemisch von byzantinischen und romanischen Formen.

 

Die flache Decke des Mittelschiffes ist ein Meisterwerk saracenischer Kunst, deren sternförmige Felderung Taf. 11 veranschaulicht. Farbige Details davon giebt Taf. 13. Inschriften in arabischer Sprache und Schriftzeichen umziehen als wirkungsvoller Schmuck einen Teil der Steinfelder. Auch an anderen Stellen finden sich arabische Schriftzeichen, gleichsam als Merkmal friedlichen Zusammenarbeitens zwischen Christen und Mohammedanern, zu einer Zeit, als die Kämpfe der Kreuzzüge am heftigsten tobten. Ein steiles Stalaktitengewölbe vermittelt den Übergang der Decke zu den Wänden.

 

Die Decken der Seitenschiffe und Nebenräume tragen ungemein reizvolle saracenische Malereien, in deren reichem Ornamentwerk allerlei Getier, Löwen, Panther, Pfauen, Adler, Papageien u. s. w., auch Köpfe von Heiligen und öfter sogar ganze Figuren, mohammedanischem Brauche entgegen, verflochten sind. Als höchst eigenartige Erscheinung treten hier vogelartige Wesen mit Männerköpfen auf, die auch in Monreale wiederkehren und an die Harpyen der griechischen Mythe erinnern, nur dass anstatt der Frauenköpfe hier männliche aufgesetzt sind.

 

Das Dekorationsprinzip der Unterwände in den Seitenschiffen, die in den Marmor eingelassenen Mosaikstreifen saracenischer Musterung, findet in ausgedehntem Maasse, nur in noch reicherer und wechselvollerer Gestaltung, auch Anwendung als Schmuck der Chorschranken, der Kanzel, des Königsstuhls und der Treppenstufen, die sämtlich in Marmor gearbeitet sind. Ein Beispiel von dieser reichen und wirkungsvollen Ausstattung giebt Fig. 10, die ein Seitenteil des Königsstuhls darstellt.

 

Aus diesen Einzelheiten setzt sich das Ganze zusammen, das in seiner zauberhaften Schönheit ohne Beispiel dasteht. **)

 

 

Fig. 11. Palmettenfries aus der Capella Palatina.

 

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*) Nach Serradifalco.

**) Amari, Cavallari etc. La Capella di S. Pietro della Reggia di Palermo. Palermo 1889.

 

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In der an hervorragenden Werken der Kleinkunst und allerlei Merkwürdigkeiten reichen Schatzkammer der Capella Palatina befinden sich zwei Elfenbein-Cassetten von orientalischer Arbeit, die Interesse genug haben, um hier mit angeführt zu werden.

 

Die älteste derselben, Fig. 12, ist mehr merkwürdig als schön. Sie ist aus dunklem Holze gearbeitet und mit dünnen Elfenbeinplatten bekleidet, worauf allerlei Jagdscenen eingraviert sind. Die hier abgebildete Vorderseite zeigt eine Falkenjagd auf vierfüssiges Getier, eine Jagdart, die in Persien während des Mittelalters Sitte war. Diese Darstellungen nebst Zeichnung und Kostüm der Figuren lassen auf eine persische Arbeit aus dem 10. oder 11. Jahrhundert schliessen, die durch das Fehlen jeder Ornamentik um so merkwürdiger wird. Die Grössenverhältnisse betragen: Länge 0,14 m, Breite 0,09 m, Höhe 0,06 m.

 

Die zweite grössere Cassette, Fig. 13, ist eine saracenische Arbeit des 12. Jahrhunderts. Das Material ist Elfenbein, die gravierte Zeichnung steht auf schwarz und rotem Grunde. Löwen, die rehähnliche Tiere erwürgen und Adler, die auf kleinere Vögel stossen, scheinen auf die Besiegung der Saracenen durch die Normannen hinzudeuten. Die Cassette hat ovale Form, der Deckel ist gewölbt. Länge 0,400 m, Breite 0,235 m, Höhe 0,390 m.

 

 

S. Spirito

 

Mit der Einwanderung der baueifrigen Cisterzienser, die sich grosser Gunst der Normannenfürsten erfreuten, wurden als vierter Typus rein nordische Formen der Kirchenbauten in Palermo eingeführt. Bereits 1150 wurde die Kirche della Magione gegründet, die, arg verbaut, heute nur noch wenig von der ursprünglichen Anlage erkennen lässt. Besser ist S. Spirito (Kirche der Vesper) erhalten, die 1173 von Walther of the Mill, früherem Hofkaplan Heinrichs II, der an den Hof der Normannen gekommen war, gegründet wurde. Der englisch-normannische Einfluss ist hier unverkennbar.

 

 

Fig. 14. Rundpfeiler aus S. Spirito.

 

Das Äussere der Chorseite trägt die charakteristischen Zeichen normannischer Dekorationsweise: Bogenblenden und sich durchkreuzende Spitzbögen (Taf. 17).

 

Das Innere zeigt dreischiffige Anlage. Die Arkadenbögen werden von mächtigen Rundpfeilern (Fig. 14) getragen, zwei aufeinander liegende Deckplatten ersetzen das Kapitell. Das schwach ausladende Querhaus bildet einen grossen quadratischen Chorraum, den drei Apsiden abschliessen.

 

 

Der Dom

 

gehört gleichfalls zu dieser Gruppe englisch-normannischer Bauwerke; als sein Erbauer wird der oben genannte Walter of the Mill genannt, der unter dem Namen Gualterius Ophamilius Erzbischof von Palermo geworden war.

 

Ursprünglich stand hier eine kleine Basilika, welche während der Herrschaft der Saracenen als Moschee benutzt wurde. Die Bauzeit fällt in die Regierungszeit Wilhelm II., die Einweihung erfolgte 1185. -- Das Innere ist durch einen Umbau zu Ende des 18. Jahrhunderts gänzlich umgestaltet, so dass von der ursprünglichen Erscheinung nichts als der Grundriss übrig geblieben ist. Diesem Umbau verdankt auch die unpassende Kuppel ihr Dasein.

 

Der Grundgedanke der dreischiffigen Anlage ist derselbe wie bei S. Spirito und dem Dome von Monreale, der gleichzeitig mit dem von Palermo erbaut wurde. Hier wie dort springt das Querhaus vor und bleibt mit den Seitenschiffen des Chores auf einer Grundlinie.

 

 

Fig. 12. Cassette, persische Arbeit, 10.-11. Jahrhundert.

 

 

Fig. 13. Cassette, Saracenische Arbeit, 12. Jahrhundert.

 

 

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Drei Apsiden bilden den Abschluss von Chor und Seitenschiffen. So wenigstens war die ursprüngliche Anlage, an der durch den Umbau manches verwirrt und verändert wurde. Die dreischiffige Krypte, deren Längsachse zu der Hauptkirche quer liegt, dürfte wahrscheinlich noch der ersten Basilika angehören, denn ihr östliches Seitenschiff ist in die Grundmauern des Domes eingebaut.

 

 

Fig. 15. Bordüre von der Grabkrone Heinrichs VI.

 

Das grossartige Äussere (Taf. 18) der gewaltigen Kathedrale ist bis auf die Zuthat der Kuppel und einer spätgothischen Eingangshalle vor dem Südportale ziemlich unverändert geblieben. Unendlich reizvoll ist der Anblick der vielgliedrigen Fronten mit ihren reichen Zierraten, ihrer zierlichen arabischen Zinnenbekrönung und den schlank aufsteigenden, fast unverletzt erhaltenen Türmen. Der Eindruck wird noch bedeutend erhöht durch den schönen Ton des gelb-bräunlichen Kalksteins, aus dem der Dom erbaut ist.

 

 

Fig. 16. Schuh aus dem Grabe Heinrichs VI.

 

Die Kaisergräber im Dome.

 

Das sonst reizlose Innere des Domes von Palermo bewahrt aber eine Stätte von höchster historischer Wichtigkeit: die Gräber der grossen Kaiser aus dem Geschlechte der Hohenstaufen, Heinrichs VI. und Friedrichs II., die als Könige von Sicilien hier ihre Ruhestätte gefunden haben.

 

Die Grabmäler stehen im westlichen Teile des südlichen Seitenschiffes in zwei verbundenen kapellenartigen Räumen. Von den sechs Sarkophagen sind vier, von denen je zwei hintereinander stehen, mit säulengetragenen Baldachinen überbaut. Särge und Baldachine sind aus rotbraunem Porphyr gearbeitet und machen in ihrer schlichten Pracht und edlen Formen einen mächtigen, unvergesslichen Eindruck.

 

 

Fig. 18. Schwert aus dem Grabe Friedrichs II.

 

Vorn links (Taf. 18) liegt Friedrich II., rechts Heinrich VI., dahinter dessen Gemahlin Konstanze und König Roger II. Rechts und links an den Seitenwänden der Kapelle stehen die Sarkophage, welche die Gebeine Wilhelms, Sohn Friedrichs III. von Aragon, und die der Konstanze von Aragon, der ersten Gemahlin Friedrichs II., umschliessen.

 

Das Grabmal Friedrichs II. zeichnet sich ganz besonders aus. Der Sarg, dessen Deckel Adler und Greif schmücken, ruht auf vier Löwen, die in ihren Tatzen Sklavenfiguren halten. Der Deckel auf dem Sarge Heinrichs ist ganz schmucklos, auf beiden sind einfache Inschriften eingegraben, die Namen und Todestag der hier Beigesetzten melden.

 

Ursprünglich standen diese Monumente und Sarkophage im Chor der Kirche und wurden erst bei dem Umbau im Jahre 1781 an ihrem gegenwärtigen Platze aufgestellt. Bei dieser Umstellung wurden die Särge geöffnet, worüber der italienische Historiker Daniele (i reali sepoleri del duomo di Palermo illustrati), der dabei gegenwärtig war, ausführlich berichtet. Das Nachstehende, sowie die Abbildungen (Fig. 15-20) sind dessen Werke entnommen.

 

Der Körper Heinrichs fand sich gut erhalten, nur die rechte Hand war abgefallen. Den mächtigen Schädel bedeckten hinten noch rotblonde Haare und ein gleichfarbiger spärlicher Bart umzog das Kinn. Das Gesicht liess noch deutlich die trotzig finsteren Züge erkennen. Der Körper war mit einem gelblichen Seidenstoffe bekleidet, dessen Saum eine handbreite golddurchwirkte Borte zierte, die aus einem Stoffe geschnitten war, dessen Muster sich aus Hirschen, Adlern und Ornamenten zusammensetzt (Fig. 17).

 

 

Fig. 17. Bordüre vom Gewande Heinrichs VI.

 

Ein seidener Gürtel, den ährenförmige seidene Fransen von roter, gelber und blauer Seide zierten, umschloss das Gewand. Beinbekleidung und Strümpfe

 

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waren aus tuchähnlichem Stoffe in eins gearbeitet; an den Füssen fanden sich Schuhe, reich gestickt und mit Perlen besetzt, deren Sohlen aus Korkplatten bestanden (Fig. 16). Die Hände trugen Handschuhe von tricotähnlicher Arbeit, aber ohne weiteren Zierrat. Zu Füssen lag eine Grabkrone aus gelber Seide, deren Stirnreif aus Goldborte gebildet war (Fig. 15); aus gleichem Stoffe waren die Kronenbänder, die vom hinteren Teile der Krone herabhingen. Waffen fanden sich nicht im Sarge vor, dagegen war der Leichnam mit Haarlocken verschiedener Farbe und mit Lorbeerblättern überstreut, die dem Kaiser als Liebeszeichen in den Sarg gelegt waren. Im Jahre 1491 war der Sarg Heinrichs schon einmal geöffnet worden, und bei dieser Gelegenheit dürfte das Schwert entnommen sein, da eine Bestattung ohne dasselbe kaum anzunehmen ist.

 

Im Sarkophage der Konstanze, Gemahlin Heinrichs, waren kaum die Hauptknochen noch zu unterscheiden, die Kleiderreste lagen wirr durcheinander und den Spuren zufolge waren die Edelsteine, mit denen die Schuhe geschmückt waren, ausgebrochen. Da auch dieser Sarg 1491 geöffnet wurde, so ist wohl anzunehmen, dass damals dieser pietätlose Grabraub geschehen ist.

 

Als der Sarg Friedrichs II. geöffnet wurde, zeigten sich zuerst zwei Körper, unter denen ein dritter, der des Kaisers lag. Der oben zur Rechten liegende Leichnam wurde als der Peters II. Königs von Sicilien, erkannt, der nach den Berichten eines alten Schriftstellers im Jahre 1342 im Sarge Friedrichs II. mit bestattet wurde. Der zur Linken liegende Körper war schon sehr zerfallen, doch glaubte man an den zarten Knochen eine Frau zu erkennen, vielleicht die Gemahlin Peters II.

 

Nachdem diese beiden Leichname entfernt waren, zeigte sich der sehr gut erhaltene Leichnam Kaiser Friedrichs II. Das Haupt, auf einem Lederkissen ruhend, trug eine mit Edelsteinen geschmückte Krone aus vergoldetem Silber.

 

 

Fig. 19. Kronenhaube aus dem Grabe der Königin Konstanze II.

 

 

Fig. 20. Seitengehänge dazu.

 

Neben dem Haupte lag ein metallener Reichsapfel. Der Körper war mit Alba, Dalmatika und Mantel bekleidet. Erstere war aus Leinen gefertigt; die Dalmatika aus Purpurseide hatte weite Ärmel, die mit breiten Goldborten besetzt waren, ein mit goldenen Rosen besetzter seidener Gürtel hielt das Gewand zusammen. Der Mantel (Pluviale) erwies sich als besonders schwerer Seidenstoff von heller Purpurfarbe, geziert mit reichen Goldstickereien, die Adler und andere Ornamente von sehr schöner Zeichnung darstellten. Auf der Brust hielt ihn eine grosse goldene Agraffe zusammen, die in der Mitte einen grossen Amethyst trug, den kleine Smaragde und vier grosse Perlen umgaben. Die Beine und Füsse bekleidete ein Leinenstoff, der Hosen und Strümpfe in eins bildete. Die Füsse trugen hohe seidene Stiefel mit Goldstickereien; Stahlsporen waren mit Riemen daran befestigt. Von der linken Seite hing ein über die Dalmatika gegürtetes Schwert herab, dessen Klinge stark verrostet war. Der hölzerne Griff war mit stark vergoldetem Silberdraht umwunden, ebenso die Scheide, die nach oben hin mit einer schön gearbeiteten Goldverzierung abschloss. Das Wehrgehänge bildete ein Gurt von starker Purpurseide (Fig. 18). Die über dem Leibe gekreuzten Hände waren unbekleidet, der Mittelfinger der linken Hand trug einen Ring, den ein grosser Smaragd schmückte.

 

Im Sarge der Konstanze von Aragon, Gemahlin Friedrichs II., fand sich, dass der Körper der Kaiserin bis zum Skelett geschwunden war, auf dessen Schädel, den eine haubenartige Krone deckte, noch Reste von langem blonden Haar sichtbar waren.

 

Den Körper bekleidete ein purpurfarbiges Seidengewand, dessen Ränder mit Ornamenten in Gold- und Silberstickerei bedeckt waren. Zu Füssen der Toten fand sich eine hölzerne Kiste und in derselben die Krone (Fig. 19). Diese war aus Goldstoff gefertigt und dicht mit emaillierten Goldzierraten besetzt, auf denen die

 

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zumeist ungeschliffenen Edelsteine befestigt waren. Nur drei Steine zeigten kunstvolle Bearbeitung: ein grosser facettiert geschliffener Granat und zwei andere, in die ein Delphinkopf und die Namen Gottes, Jesu und Mariae, in arabischen Schriftzeichen eingegraben waren. Zierliche Seitengehänge (Pendilia) von emailliertem Golde, die ehemals zu beiden Seiten der Krone herabhingen (Fig. 20), lagen daneben, ebenso fünf Fingerringe und ein sehr schön gearbeitetes, mit Edelsteinen besetztes Geschmeidestück, das wahrscheinlich einen Brustschmuck gebildet hatte. Endlich fand sich noch eine Silberplatte mit der Inschrift: Hoe est corpus est.

 

 

b) Paläste und Lustschlösser.

 

Von der Schönheit Palermos, von der Pracht und Herrlichkeit seiner Paläste und Lustschlösser erzählen verschiedene alte Gelehrte und Reisende. Zuerst Ibn-Haucal aus Bagdad, *) der um die Mitte des 10. Jahrhunderts in einem geographischen Werke die Stadt beschreibt und der Bewunderung kein Ende findet. Ein zweiter, der spanische Maure Mohamed-Ibn-Djobair von Valencia, von dem schon auf Seite 13 die Rede war, schildert die Stadt gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Er vergleicht Palermo und namentlich die Altstadt (Al-Kassar) wegen ihrer vielen Paläste und Türme mit Cordova. „Die Stadt ist staunenswürdig gebaut im Stile Cordovas, ganz aus gehauenem Stein, von der Gattung, die man El-Kiddan nennt. Die Paläste des Königs sind um sie her aufgerichtet und hängen darum wie das Halsband, welches den schönen Hals eines Mädchens umschlingt.“

 

Die Berichte dieser beiden Araber ergänzt eine kleine Schrift des Ugo Falcando, eines gelehrten Normannen, der zur Zeit Wilhelms I. längere Zeit in Palermo lebte. Als er, nach der Heimat zurückgekehrt, später von dem Niedergange der normannischen Dynastie hörte, schrieb er an den Schatzmeister Petrus in Palermo einen Brief, worin er Sicilien beklagte, das unter das Joch der Deutschen kommen sollte und dann ausführlich von der Schönheit Palermos spricht. Er beschreibt die meisten Gebäude ausführlich, wie er sie zur Zeit des höchsten Glanzes kennen gelernt hatte. Merkwürdig ist, dass damals die verschiedenen Viertel, auch viele Strassen und Plätze, noch arabische Namen trugen.

 

Als ältester Palastbau der Stadt gilt:

 

Das königliche Schloss,

 

an dessen Stelle schon die Burg gestanden haben soll, in der Karthager und Römer ihren Herrschersitz hatten.

 

Gewiss aber ist, dass hier der Palast der saracenischen Emire gestanden hat, der deshalb „Kassaro“ genannt wurde, ein Name, der auf die ganze alte Stadt ausgedehnt wurde und den die Hauptstrasse noch bis in die Neuzeit führte. Der Saracene Adelkam soll den Palast erbaut haben, den die normannischen Herrscher bewohnten und erweiterten.

 

Falcando hat das Schloss beschrieben, wie es zur Zeit Wilhelms I. aussah. Es heisst dort: „Schöne Quadern, mit grosser Kunst bearbeitet, bilden das herrliche Gebäude, weite Mauern umschliessen es, drinnen glänzt der Palast auf das prächtigste von Gold und Gestein. Zwei Türme stehen an seinem Ende, die Pisana, bestimmt die königlichen Schätze zu verwahren, und die Greca, welche den Stadtteil Khemonia überragt. Die Mitte ziert ein Bau, der sich durch die Mannigfaltigkeit seiner Ornamente auszeichnet und Joaria heisst; hier pflegt der König die Stunden der Musse zuzubringen. Im ganzen übrigen Palast sind die Gemächer verteilt, wo die Frauen, Jungfrauen und Eunuchen wohnen. Auch giebt es kleine, sehr schöne Paläste, wo sich der König mit seinen Vertrauten über Staatssachen unterredet“ u. s. w. (Nach Gregorovius, Siciliana.)

 

Heute ist von dem alten Bau nur noch der Turm von Ninfa erhalten, der in seiner trotzigen Massenhaftigkeit ganz fremd neben der modernen Schlossfront dasteht (Taf. 19). Im Inneren zeugen von der alten Pracht nur noch die bereits geschilderte Capella Palatina und das herrliche Roger-Zimmer, das zweifellos von dem zweiten König dieses Namens herrührt (Taf. 19).

 

Die Wände dieses Zimmers sind mit Marmorplatten und Mosaikstreifen, ähnlich wie in der Capella Palatina, bekleidet, das Kreuzgewölbe der Decken aber, die Lünetten und Fensterlaibungen mit Mosaiken kostbarster Arbeit, die von byzantinischen Künstlern herrühren.

 

Die Lünetten zeigen Jagdscenen, Centauern, Pfauen, Schwäne und allerlei vierfüssiges wildes Getier in reizvollem Wechsel; eine derselben ist auf Taf. 20

 

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*) Description de Palerme au milieu du Xe siècle de l'ere vulgaire, par Ibn-Haucal, traduit par Michel Amari. Paris 1854. Als verdienstvolles neueres Werk über das alte Palermo ist zu nennen: Vincenzo di Giovanni, La Topographia antica di Palermo, dal secolo X al XV, Palermo 1884-85.

 

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wiedergegeben nebst den schönsten Ornamenten von der Decke, den Thür- und Fensterlaibungen. Nicht nur die figürlichen Darstellungen, auch die ganze Ornamentik trägt hier einen rein byzantinischen Charakter. Die Länge des Zimmers beträgt 10, die Breite 6 und die Höhe 7 Meter.

 

Treffliche Beispiele von dem Äusseren der alten Paläste aus der Normannenzeit geben zwei

 

Palast-Façaden,

 

die ziemlich versteckt im Strassengewirr liegen und keine besonderen Namen tragen.

 

Der erste liegt in einer schmalen Gasse, die von der Strasse S. Antonio zur Kirche delle Vergini führt, sie setzt sich, wie der Aufriss Fig. 20 zeigt, aus vier Abteilungen zusammen und befindet sich in völlig verwahrlostem Zustande. Die alten Fenster sind meist vermauert und dafür neue Fenster und Fensterthüren willkürlich eingebrochen, die an ihrer viereckigen Form und den zumeist davor liegenden Balkonen auf der Skizze leicht erkennbar sind. Auch die Thüröffungen im Erdgeschoss sind sämtlich neu, und es ist nicht mehr zu erkennen, wo das alte Eingangsthor gelegen hat.

 

 

Fig. 21. Palast-Façade bei S. Antonio in Palermo.

 

Fig. 22-25. Verzierungen von Fensterbögen. Zu Fig. 21.

 

Fig. 26. Fenstersäule. Zu Fig. 21.

 

Fig. 27. Fensterrosette. Zu Fig. 21.

 

 

Den alten Abschluss nach oben, ein stark ausladendes Gesims, trägt nur noch die dritte Abteilung, die beiden ersten sind in ihrer alten Höhe nicht mehr vollständig erhalten. Die vierte schmale Abteilung dürfte den Unterbau des Turmes darstellen.

 

Die Fensterbögen umziehen Friese in geometrischen Mustern (Fig. 30-32), die nach oben durch ein vorspringendes Glied begrenzt werden, das über den drei ersten Fenstern links noch ganz besonders reich verziert ist (Fig. 22-24), einfacher bei den nächsten vier durch das Motiv Fig. 25, während es bei dem letzten nur gesimsartige Gliederungen trägt, wie Fig. 30-32.

 

Die Gestaltung der beiden noch erhaltenen Fenstersäulen zeigt Fig. 26, eine der zierlichen Rosetten über den gekuppelten Fenstern Fig. 27.

 

Unter dem zweiten und dritten Fenster der ersten Abteilung zieht sich ein reich sculpierter Fries hin (S. 9), der sich noch bis zur Hälfte der zweiten Abteilung fortsetzt und dort erst durch die neu eingebrochene Fensterthür unterbrochen wird. Sicher ist dieser schöne Fries ursprünglich unter allen vier Fenstern der beiden ersten Abteilungen durchgeführt gewesen und erst später

 

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durch die beiden neuen Durchbrüche in seinem Anfang und Ende zerstört worden.

 

Lediglich aus der Ornamentik dieses Frieses und der Fensterbögen Fig. 22--24, die den Charakter des 12. Jahrhunderts trägt, lässt sich mit ziemlicher Sicherheit auf ein Bauwerk aus der Normannenzeit schliessen, denn Façadenbildung und Form der Fenster sind etwa zwei Jahrhunderte hindurch die gleichen geblieben, so dass aus ihnen kein Schluss gezogen werden kann. Selbst die normannischen Zickzackfriese und die sich durchkreuzenden rund- oder spitzbogigen Lisenen kommen noch im 14. Jahrhundert vor. Fig. 35, zwei Fenster des Palazzo Sclafani darstellend, der im Jahre 1330 erbaut wurde, giebt ein Beispiel hierfür.

 

Der Überrest des zweiten Palastes (Fig. 28) liegt in der Via del Protonotaro, dicht beim Kloster S. Salvatore.

 

Das untere Erdgeschoss ist fensterlos bis auf zwei kleine schartenartige Lichtöffnungen. Die Eingänge sind vermauert, jedoch ist noch eine hochgelegene kleine Thür erkennbar, zu der eine Freitreppe geführt haben muss und aus dem Spitzbogen daneben lässt sich auf ein weiteres Hauptthor schliessen. Alle viereckigen Fensteröffnungen sind auch hier erst später eingebrochen.

 

Die Gestaltung der Spitzbogenfenster ist weniger edel als bei Fig. 21, doch sind die Verzierungen der Fensterbögen (Fig. 30--32) aus den gleichen geometrischen Motiven gebildet wie dort, nur dass den hervortretenden Umfassungsbögen die reiche Ornamentik fehlt, es sind hier schmucklose Gesimse. Die Dekoration des grossen Thürbogens zeigt Fig. 29. Die Fenstersäulen und die Rosetten über den oberen Fensterpaaren sind hier weniger graziös als dort, alle Formen überhaupt einfacher und massiger, so dass diese Façade wohl als die ältere der beiden anzusehen ist.

 

 

Zisa und Cuba.

 

Sind jene Stadtpaläste, die irgend welchen Grossen des Reichs gehört haben dürften, rein normannische Bauwerke, so zeigen die draussen gelegenen königlichen Lustschlösser dagegen die Vorliebe der Könige für saracenische Bauweise und morgenländische Üppigkeit.

 

Von der Herrlichkeit dieser Lustschlösser, die zur Zeit der Normannen Palermo umgaben, sind nur dürftige Reste auf die Gegenwart gekommen, die kaum mehr einen Begriff von der verschwundenen Pracht zu geben vermögen. Am besten ist noch die Zisa erhalten, ein saracenischer Bau, aus Kalksteinquadern dreigeschossig aufgeführt, der aber nicht, wie fälschlich angenommen wurde, aus der Zeit der Saracenenherrschaft stammt, sondern von Wilhelm I. erbaut wurde (Taf. 21). Eine arabische Inschrift am Schlosse selbst und eine Nachricht des Romuald von Salerno bestätigen das.

 

Das Äussere (Taf. 21) war ursprünglich ganz ohne Fenster, da diese sämtlich nach dem Hofe zu lagen, und die Einförmigkeit der Wandflächen wurde nur durch horizontallaufende Gesimse und die Blendbögen der beiden Obergeschosse belebt. Von der alten Pracht des Inneren ist nichs mehr erhalten, die Gemächer sind sämtlich umgebaut und

 

 

Fig. 28. Palast-Façade in der Via del Protonotaro in Palermo.

 

 

Fig. 29. Thürbogen. Zu Fig. 28

 

 

Fig. 30-32. Verzierungen der Fensterbögen. Zu Fig. 21 und 28.

 

 

Fig. 33. Fensterrosette. Zu Fig. 28.

 

 

Fig. 34. Schartenfenster. Zu Fig. 28.

 

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modernisiert, nur die wundervolle Brunnenhalle ist noch erhalten (Taf. 21), aber wahrhaft barbarisch verunstaltet durch barocke Malereien, die den Eindruck bedeutend herabdrücken. Der untere Teil der Wände war, wie sich aus den teilweise noch vorhandenen Mosaikfriesen schliessen lässt, mit dazwischen liegenden Marmorplatten bekleidet in der Art des Roger-Zimmers, der Capella Palatina u. a. Diese Marmorplatten wurden entfernt und durch die vorgenannten Malereien ersetzt, ebenso die zweifellos vorhanden gewesenen Mosaiken der oberen Wandteile, von denen nur noch der über der Brunnenöffnung liegende Streifen erhalten ist (Taf. 6, 1 u 2). Diese Darstellungen von Schützen, Pfauen und Palmen, sowie sämtliche Ornamente besitzen grosse Ähnlichkeit mit den Mosaiken des Roger-Zimmers und sind wie jene, Arbeiten byzantinischer Künstler. Ebenso der stark beschädigte gekrönte Adler Fig. 36.

 

Die schönen Stalaktitengewölbe haben stark gelitten, ebenso die Marmorsäulen und der prächtige Mosaikfussboden, und doch macht der ganze Raum noch heute einen zauberischen Eindruck.

 

Von der kleinen Kapelle im Hofe der Zisa ist schon weiter vorn, bei S. Giovanni degli Eremiti, die Rede gewesen.

 

Über die Schönheit der Zisa berichtet noch 1526 der Mönch Leandro Alberti in seiner „Beschreibung von ganz Italien“. Es heisst dort: „Die Quelle floss aus der Vorhalle. in einen prächtigen Fischteich, der vor dem grossen Portale lag und ein Viereck von 50 Fuss Länge bildete, das von einem netzförmigen Gemäuer umgeben war. In der Mitte des Teiches stand ein schönes Gebäude, in welches man über eine kleine Brücke gelangte; hier befand sich ein Saal, 12 Fuss lang und 6 Fuss breit, im Kreuz gewölbt und mit zwei Fenstern versehen, aus denen man die Fische im Wasser schwimmen sehen konnte. Von dort kam man in ein schönes Frauengemach, in deren Mitte je eine kleine Säule vom feinsten Marmor zwei Bogen trug“. *)

 

 

Fig. 35. Fenster vom Palazzo Sclafani.

 

 

Fig. 36. Adler aus der Brunnenhalle der Zisa. Mosaik.

 

 

Aber auch damals schon muss der Verfall bereits weit vorgeschritten gewesen sein, denn Alberti beklagt die Zerstörung und den drohenden Einsturz der Gebäude.

 

Heute ist von dem Teiche und seiner Umgebung jede Spur verwischt, an seiner Stelle liegt ein weiter sandiger Platz vor dem Schlosse, dessen Umgebung den Eindruck traurigster Verkommenheit macht.

 

Unvergleichlich schön aber ist der Umblick vom Dache der Zisa, der ein Rundgemälde eröffnet, das besonders zur Maienzeit, wenn alles ringsum blühet und leuchtet und übergossen von Glanz und Farben wie ein Märchenzauber daliegt, den der, dessen Auge diese Herrlichkeit geschaut, nimmer vergessen wird. Weit ausgebreitet liegt die weite Bucht von Palermo, die berühmte Conca d'oro, umsäumt von schön geformten Berglinien und blühenden Orangenhainen, aus denen die weissen Mauern der Landhäuser hervorleuchten. Hingestreckt am blauen Meere liegt die alte Stadt mit ihren Türmen und Kuppeln, überragt von den massigen Formen des Monte Pellegrino, den ein zarter Dunstschleier überdeckt, der nichts verhüllt, nur den Glanz der Farben mildert und ihre Schönheit mit einem Schimmer der Verklärung umgiebt.

 

Vor der Porta nuova, am Corso Calatafimi, der nach Monreale führenden Strasse, liegt das von Wilhelm II. erbaute ehemalige Lustschloss die Cuba, das jetzt als Reiterkaserne dient.

 

Die Cuba ist wie die Zisa ein aus Quadern aufgeführter saracenischer Bau, der trotz kleineren Abmessungen durch seine edlen Verhältnisse noch imposanter wirkt als jene (Fig. 37).

 

Die Spitzbögen der aus der Mitte der Façaden heraustretenden Risalite scheinen ursprünglich offen gewesen zu sein, was aus der Struktur des Mauerwerks zu schliessen ist, die sich hier deutlich als Flickarbeit kennzeichnet und auffallend von dem schönen Gefüge

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*) Fr. Gregorovius, Siciliana S. 95.

 

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der alten Mauern absticht. Es werden hier grosse offene Hallen gelegen haben, die mit Mosaiken und Stalaktitengewölben, in Gold und Farben schimmernd, geschmückt waren. Die Fenster werden auch hier sämtlich nach dem inneren Hofe zu gelegen haben und Ausblick ins Freie nur die offenen Hallen gewährt haben. Das vielfache Flickwerk der Façaden kann diese Annahme nicht widerlegen, denn augenscheinlich sind im Laufe der Jahrhunderte verschiedentlich Thüren und Fenster durchgebrochen und später wieder vermauert worden.

 

 

Fig. 37. Die Cuba bei Palermo.

 

Von der alten Ornamentik ist nichts übrig geblieben als ein Stück Stalaktitenwölbung im Hofe und der das ganze Bauwerk krönende Fries, der eine arabische Inschrift trägt, die vielfach beschädigt und unterbrochen, noch nicht völlig gedeutet ist, aber die Erbauung des Schlosses durch König Wilhelm II. im Jahre 1180 ausdrücken soll.

 

Auch im Inneren ist alles umgebaut und verändert, so dass sich keine Vorstellung mehr von Gestalt und Lage der Gemächer gewinnen lässt.

 

Das Schloss umgab ein herrlicher Park, in dem wie bei der Zisa ein grosser Fischteich lag, dessen Spuren und Umfassungsmauern heute noch sichtbar sind. Der grosse Weg, der den Park durchschnitt, war mit vielen Pavillons besetzt, von denen einer noch erhalten und unter dem Namen der kleinen Cuba bekannt ist. Dieser Pavillon hat genau dieselbe Form wie der Aufsatz des Turmes von S. Giovanni degli Eremiti. -- Aus dem Parke sind weite Fruchtgärten geworden. --

 

Aus einem der königlichen Schlösser stammt vielleicht ein Plafond-Fragment, das sich im Museo Nazionale in Palermo befindet. Es ist eine sehr tief gestochene und fein ausgeführte saracenische Holzschnitzerei, die nach der kleinen Zeichnung zu urteilen nur in einem sehr niedrigen Raume gesessen haben kann, wenn auch das starke Relief durch die Schatten kräftig gewirkt haben muss. Das noch erhaltene Bruchstück ist Taf. 38 vollständig abgebildet, es misst im Original in der grössten Länge 36½ Centimeter.

 

Die Feinheit der Ornamentik lässt Zweifel zu, ob hier wirklich der Überrest eines Plafonds vorliegt, jedoch wird man vergeblich nach einer anderen Verwendung suchen, da die Anordnung der Zeichnung einzig und allein die obige Deutung zulässt. An eine Thür- oder Wandfüllung zu denken ist ganz ausgeschlossen.

 

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Der Dom von Monreale.

 

Eine Wegstunde südwestlich von Palermo, aber bedeutend höher, liegt Monreale mit seinem prächtigen Dome, den der fromme König Wilhelm II. im Jahre 1185 gründete, die Vollendung aber nicht mehr erlebte.

 

Die Gestaltung der ganzen Anlage erklärt sich durch den Grundriss Fig. 38, den Längsschnitt Taf. 16, Chorseite und Westfront Taf. 23 und das Innere Taf 22.

 

 

Fig. 38. Der Dom von Monreale. (Nach Serradifalco.)

 

Das dreischiffige Langhaus setzt sich aus hohem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen zusammen, denen das kräftig ausspringende Sanctuarium, bestehend aus Querhaus und Chor, angefügt ist. Die Marmorsäulen des Langhauses mit ihren korinthisierenden Kapitellen tragen die Spitzbogen der Oberwände des Mittelschiffs, das ein offener Dachstuhl überdeckt, der sonst bei den normannischen Kirchen nicht vorkommt.

 

Das Dekorationsprincip ist dasselbe wie bei der Capella Palatina. Der untere Teil der Wände trägt auch hier die mehrfach geschilderte saracenische Marmorbekleidung mit Mosaikeinlagen, die Seitenschiffe, Chor und Westwand umzieht. Alle Oberwände, Bogen- und Fensterlaibungen bedeckt reicher Mosaikschmuck, dessen künstlerischer Wert aber dem der Palatina und der Martorana nachsteht. Trotz aller Pracht und viel grösserer Raumentfaltung ist die wunderbare Stimmung der Capella Palatina hier bei weitem nicht erreicht, was in der zu hellen Beleuchtung, besonders aber in der Weiträumigkeit seinen Grund hat; beides lässt jene intime Wirkung nicht aufkommen.

 

Die Darstellungen gliedern sich wie folgt: Dem alten Testamente ist das Mittelschiff eingeräumt. Der Cyclus beginnt mit der Schöpfung und erstreckt sich bis zum Kampfe Jacobs mit dem Engel. Auf das Sanctuarium und die Flügel verteilt sich die Geschichte des Lebens Christi, die sich in den Seitenschiffen fortsetzt, mit Einbeziehung der Legende und der auf Christus deutenden Propheten.

 

Die Darstellungen in der Hauptapsis sind dreiteilig angeordnet. Unten, neben dem Fenster, stehen Heilige, darüber Maria mit dem Christuskinde und den vier Erzengeln zur Seite und oben in der Wölbung thront wieder das gigantische Bild Christi, dem wir bereits öfter begegnet sind. Die Seitenapsiden sind den Aposteln Petrus und Paulus eingeräumt.

 

Alles Figürliche ist auch hier wieder rein byzantinisch, dagegen trägt die Ornamentik fast durchweg mehr romanischen (Details auf Taf. 15, 20, 29) und an der Decke des Chors saracenischen Charakter (Taf. 29, 16).

 

Während in der Capella Palatina die Darstellungen des Mittelschiffs von den Spitzbögen jäh durchschnitten werden, ist hier erst ein breiter Fries um letztere geführt, der aus schöngeformten Vasen aufsteigt (Taf. 29, 1), die auf den kämpferartigen Aufsätzen der Säulen stehen.

 

Wo die Mosaikflächen im rechten Winkel zusammenstossen, wie z. B. bei Wandflächen und Bogenlaibungen sind die Ecken stets abgerundet. Chorschranken, Thronsessel und Treppenstufen tragen denselben Schmuck wie in der Palatina. Die unvergleichliche Pracht des Ganzen wird noch erhöht durch den kostbaren

 

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Mosaikfussboden und den goldschimmernden Glanz der Gebälke des Dachstuhls.

 

Leider ist die Bedachung nicht mehr die ursprüngliche, da ein am 11. November 1811 ausgebrochener Brand das alte Dach zerstörte. Die Kosten der Herstellung in so überaus prächtiger Weise, die sich genau an das alte Vorbild anlehnen soll, hat hochherzig König Ludwig I. von Bayern bestritten, da hier die nötigen Mittel nicht aufzubringen waren.

 

Bei diesem Brande wurden auch die Grabmäler Wilhelms I. und Wilhelms II., die mit ihren Familien hier ruhen, durch herabstürzendes Gebälk beschädigt. Wilhelm I., der Böse, ruht in einem Sarkophage von Porphyr, ähnlich denen im Dome von Palermo, der Sarkophag Wilhelms II. ist aus weissem Marmor, den Ornamente auf Goldgrund schmücken. Dieses Grabmal wurde erst 1575 errichtet, denn der fromme König hatte angeordnet, dass seine Gebeine in einer schlichten Steinkiste neben dem prächtigen Sarkophage seines Vaters beigesetzt werden sollten. Beide Grabmäler stehen im rechten Flügel des Chors (s. Grundriss).

 

Das Bild Wilhelms II., des Erbauers der Kirche, ist zweimal in Mosaikausführung vorhanden, einmal über dem Königsstuhle, seine Krönung durch Christus darstellend, dann über dem Bischofssitz, wie er der Madonna das Modell des Domes überreicht.

 

Das Äussere der Kirche bietet an der Westfront wenig Anziehendes. Die massigen Türme sind unvollendet geblieben, nur ein schön verziertes Stück der Stirnmauer ragt hinter der barocken Ballustrade der Eingangshalle empor. Um so schöner aber ist die Chorseite geschmückt (Taf. 23), die eine reiche Musterung, aus schwarzgrauer Lava geschnitten, ganz überzieht. Einige Details davon geben Fig. 39 bis 42.

 

Fig. 39-42. Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale.

 

Fig. 39.

 

Fig. 40

 

Fig. 41

 

Fig. 42

 

Der fromme Stifter hatte neben dem Dome auch noch ein grosses Kloster errichtet und reich ausgestattet, in das er Benedictiner aus der Abtei La Cava einsetzte. Dieser alte Bau liegt längst in Ruinen, neben denen sich die Benedictiner ein neues, von Marmor strotzendes Haus erbaut haben. Aber wie verschwindet dessen gleissende Pracht neben dem Zauber der alten normannischen Ruine, die eine Wand von gelben Kletterrosen bis zu dem höchsten Gipfel dicht umspinnt. Daneben blühen Myrthen und Oleander, Rosen und wieder Rosen in allen Farben, ein Teppich von Ranunkeln und Anamonen überzieht den ganzen Garten, von dessen Höhe das Auge über das Thal von Monreale, über Wein- und Orangenpflanzungen hinwegschweift, hinweg über Palermo bis aufs Meer, das still und tiefblau den weiten Horizont umsäumt. Zwar ist der Frühling überall schön, aber wohl nirgends schöner als im Klostergarten von Monreale.

 

 

Der Kreuzgang.

 

Liegt auch das alte Kloster in Trümmern, so ist doch der Kreuzgang, diese Perle mittelalterlicher Kunst, fast unversehrt erhalten geblieben, der ein Quadrat von 52 Metern bildet und dessen Spitzbogen von zierlichen Doppelsäulen getragen werden. Abwechselnd sind die Säulen glatt geblieben und musivisch verziert. Die in den Ecken des Quadrats stehenden Säulen sind vierfach gekuppelt und statt der Mosaikeinlagen mit plastischem Rankenwerk umzogen. Auch die ausspringende Ecke des Brunnenhauses wird von solch einem Säulenbündel getragen, das von einem gemeinsamen Kapitell gekrönt wird (Taf. 24).

 

Die Säulen und deren Kapitelle sind durchweg von Marmor, die Mosaikeinlagen fehlen leider häufig, sie sind ausgefallen oder ausgebrochen, um vielleicht als barbarische Erinnerungszeichen mit nach Norden zu wandern.

 

Im ganzen Quadrat stehen 216 Säulen, die auf jeder der vier Seiten 26 Spitzbogen tragen.

 

Höchste Beachtung verdienen die Kapitelle dieser Säulen (Taf. 25, 26, 27, 28) als Meisterwerke der dekorativen Plastik des Mittelalters, die im 12. Jahrhundert auf Sicilien in hoher Blüte stand und besonders in der technischen Fertigkeit der Marmorbearbeitung das Festland weit übertraf.

 

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Die Erinnerung an die Antike war in Sicilien bei weitem lebendiger geblieben als im übrigen Italien, da die lombardischen Einflüsse nicht bis hierher gedrungen waren. So konnten sich denn die antiken Dekorationsformen in nahezu vollkommener Reinheit erhalten, was der Akanthus der Kapitelle, ihre schön gewundenen Volouten und die oft fast klassischen Abakusbildungen überzeugend beweisen. Auch das feine Rankenwerk der vierfachen Ecksäulen (Taf. 26 links oben) und die herrliche Umrahmung des Hauptportals (Taf. 30) lassen volle Beherrschung und Verständnis der antiken Formen erkennen, soweit es sich um Ornamente und architektonische Einzelheiten handelte.

 

Dem menschlichen Körper gegenüber versagte aber dies Verständnis vollständig. Die Darstellung des Nackten war als heidnisch verrufen und die Gewandfiguren vermochten schon deshalb keine Vorbilder zu geben, weil die Tracht eine ganz andere geworden war.

 

So sah man sich denn hierbei ganz auf sich selbst angewiesen, nur dass hier und da byzantinische Elfenbeinschnitzereien als Vorbilder dienen konnten. An diese erinnert lebhaft das untere Kapitell auf Taf. 8, besonders dessen linke Seite mit der Darstellung der Verkündigung. Altes und neues Testament wechseln in den Darstellungen der Kapitelle in bunter Reihenfolge mit symbolischen Darstellungen, Fabelwesen und Vögeln, die äusserst geschickt Blattwerk und Abakus verbinden (Taf. 25, 26). Hier begegnen wir auch wieder jenen harpyenartigen Wesen aus der Capella Palatina, Vogelleiber mit Männerköpfen, die hier aber zumeist eine spitze Mütze tragen.

 

Von ganz besonderer Schönheit ist das Kapitell mit der Darstellung der Übergabe der Kirche durch König Wilhelm II. an die Madonna (Taf. 27).

 

Heiliges und Weltliches, Bibel und Mythe sind hier zu einer steinernen Bilderwelt vereinigt, die von dem Ideenreichtum mittelalterlicher Kunst beredtes Zeugnis ablegt.

 

 

Fig. 43. Fragment der Erzthür des Bonanus von Pisa am Dome zu Pisa.

 

Nachahmungen der Kapitelle von Monreale lassen sich in Unteritalien des öfteren nachweisen, so z. B. Am Dome von Salerno, wo die Kapitelle der tragenden Säulen des grossen Ambo neben dem Vogelkapitelle aus dem Kreuzgange, auch das der Säulen im Hauptschiff der Kirche nachahmen, wie aus den an den Ecken angebrachten Füllhörnern deutlich genug zu erkennen ist. Nur sind diese Nachbildungen viel weniger gut als die Originale.

 

 

Die Erzthüren.

 

Die Kunst des Erzgusses scheint in Sicilien nicht heimisch gewesen zu sein, denn es werden als die Hersteller der beiden Erzthüren des Domes von Monreale zwei Namen festländischer Künstler genannt, die des Barisanus von Trani und des Bonanus von Pisa.

 

Palermo besitzt nur eine Erzthür an der Capella Palatina, deren Herkunft unbekannt ist. Ihre Ornamentik ist wohl edel, aber im Vergleich mit den reichen Thüren von Monreale doch sehr einfach.

 

Die im Verhältnis zur Höhe sehr schmalen Flügel sind der Länge nach je in vier übereinander liegende Felder geteilt, die durch streng stilisierte Akanthusbänder gebildet werden. Das gleiche Motiv liegt den sternförmigen grossen Rosetten zu Grunde, die die beiden oberen Felder schmücken. Die zwei mittleren Felder der beiden Flügel tragen je zwei grosse und vier kleine Löwenköpfe, von denen die grossen als Ringträger dienen. Die Thür macht durchaus den Eindruck einer antiken Arbeit, den die geringe Breite im Verhältnis zur Höhe (1:2½) noch erhöht. Nichts weist auf das Mittelalter hin und keine der übrigen Erzthüren zeigt mit dieser weder in Zeichnung noch Form auch nur die geringste Ähnlichkeit. Und so erscheint es nicht ausgeschlossen, dass König Roger diese Thür vorfand, die vielleicht von einem Bauwerk aus der griechischen Zeit der Insel herrührte, und beim Bau der Capella Palatina mit verwenden liess. -- Es ist aber auch möglich, dass Roger die Thür in Byzanz fertigen liess, denn der Erzguss war in Italien ganz in Vergessenheit geraten, so dass man lange auf Byzanz angewiesen war. So sind nachweislich die Thüren der Cathedralen von Amalfi, Atrani, Salerno, Monte Cassino, St. Paul vor Rom und Monte S. Angelo dort gefertigt.

 

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Erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde der Erzguss in Italien wieder aufgenommen und die Thüren von Monreale sind nachweislich Arbeiten heimischer Meister.

 

Den Verfertiger der grossen Thür am Hauptportale nennt die Inschrift: Bonanus Civis Pisanus, mit Hinzufügung der Jahreszahl 1186.

 

Von diesem Bonanus rührt auch die Thür am südlichen Querschiff des Domes von Pisa her, die mit der von Monreale grosse Ähnlichkeit besitzt, nur dass die dortigen senkrecht laufenden, gewundenen Stäbe (vergl. Fig. 43) hier durch antikisierende Akanthusbänder ersetzt sind. Das abgebildete Fragment der pisanischen Thür zeigt rechts die Taufe Christi und die hl. drei Könige, die ebenso übereinander stehen wie in Monreale, nur dass in Pisa die letzteren den Abschluss nach unten bilden, während in Monreale noch die Propheten Ezechiel und Zacharias darunter angebracht sind. Auch die Inschriften sind verschieden. In Pisa z. B. wird die Taufe durch „Baptiza“, in Monreale aber durch „Batisterio “ ausgedrückt. Ebenso werden dort die drei Könige mit Namen genannt: „Curpas, Baldaser, Melchior“, während sie hier einfach „Magis“ heissen. Man hat aus diesen Sprachunterschieden, besonders daraus, dass die Inschriften in Monreale in der damals landläufigen sicilianischen Mundart ausgedrückt sind, schliessen wollen, dass dieser Bonanus ein Sicilianer gewesen sei, der seiner in Pisa ausgeführten Arbeiten wegen den Ehrentitel eines Bürgers von Pisa erhalten habe. Das mag gewiss möglich sein, doch scheint es mir viel näher zu liegen, dass der Pisaner gezwungen wurde, die allgemein verständliche sicilianische Sprachweise bei den Inschriften anzuwenden. Zudem würde ein Sicilianer, der in der Heimat seine künstlerische Ausbildung erhalten hatte, mit den Akanthusformen besser fertig geworden sein, die sich nicht im entferntesten mit denen der Marmorarbeit an der Portalumrahmung vergleichen lassen. Ausserdem weist das kräftige Relief und die ganze Haltung der Figuren auf eine mehr im Norden zu suchende künstlerische Ausbildung hin.

 

Die kleine Thür (Taf. 31) deren künstlerischerWert den der grossen bedeutend übersteigt, ist ein Werk des Barisanus von Trani, von dessen Hand auch die Thüren der Cathedralen von Trani und Ravello herrühren (Taf. 32, 33), die mit der von Monreale in verschiedenen Teilen so genau übereinstimmen, dass man ihre Entstehung aus derselben Gussform wohl annehmen kann. So beispielsweise der hl. Georg und die Felder, welche die Klopfer tragen. Abweichend von jenen ist die Thür von Monreale nur durch drei Reihen Bogenfelder, die an den anderen nicht vorkommen. Weiter unten wird von dieser Thür nochmals die Rede sein.

 

Fig. 44. Mosaikfigur vom Fussboden der Martorana zu Palermo.

 

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Der Dom von Cefalù.

 

Das durch seinen Dom berühmte Cefalù liegt, wie Palermo, an der Nordküste Siciliens, etwa 60 Kilometer von ihm entfernt.

 

Dieser schöne normannische Bau wurde von Roger II. im Jahre 1145 begonnen, wie die noch vorhandene Stiftungsurkunde meldet. Der Grundriss zeigt die Form eines lateinischen Kreuzes, dessen Arme bedeutend stärker ausladen als bei den andern Normannenkirchen. Zwischen den massigen Türmen liegt ein zierlicher Portikus, dessen oberen Teil sich durch kreuzende, ganz flache Spitzbögen und eine kleine einfache Rundbogenstellung schmücken (Taf. 17). Ähnlich ist auch die Chorseite verziert (Fig. 46), während die Langseiten ganz schmucklos geblieben sind. Das Innere ist durch den Einbau von Emporen und barocken Zuthaten arg entstellt. Granitsäulen tragen die überhöhten Spitzbögen der Schiffe, deren Länge im Verhältnis zur Breite zu gering ist.

 

Völlig erhalten ist die grosse Altarnische und ihre wundervollen Mosaiken, neben denen der Martorana die ältesten und schönsten aus der Normannenzeit. Die Anordnung der Bilder ist vierteilig (Taf. 24). Die beiden unteren Reihen tragen die Figuren der zwölf Apostel, in der dritten steht die Maria, umgeben von den vier Erzengeln, und oben in der Wölbung thront das Kolossalbild Christi, das ganze Innere der Kirche beherrschend.

 

 

Fig. 45. Der Dom von Cefalu. (Nach Serradifalco.)

 

 

Fig. 46. Chorseite des Domes von Cefalù.

 

Eine ganz eigenartige Wirkung übt der mit Mosaik bekleidete Wulst unter dem Bilde Christi, der sich auch über den Kapitellen der Säulen, die neben der Nische stehen, fortsetzt. Durch die Rundung wird ein Farbenzauber erreicht, der das Bild des Erlösers wie auf einem schimmernden Regenbogen thronend erscheinen lässt.

 

Von wundersamer Schönheit ist auch hier wieder die Gestalt der Maria, deren Anmut durch ihren Gegensatz zu den traditionell steifen Engeln, die daneben stehen, noch bedeutend erhöht wird. Diese typisch wiederkehrende Marienfigur ist wohl das schönste, was die byzantinische Kunst geschaffen hat, die wohl Würde und Grösse kennt, nicht aber Anmut und Lieblichkeit.

 

Höchst eigenartig beschaffen sind die Kapitellbildungen der aufeinander gestellten, die Nische flankierenden Säulen, bei denen die plastischen Formen durch farbige Mosaikbekleidung ersetzt sind, welche korinthische Kapitelle malerisch nachahmen.

 

Auch die an die Hauptapsis stossenden

 

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Chorwände sind zur Hälfte mit Mosaiken geschmückt, ebenso das darüber liegende Kreuzgewölbe. Im Einklange mit der Apsis sind auch auf den Seitenwänden des Chors die Figuren in vier Reihen übereinander angeordnet. Dargestellt sind hier: Moses, Abraham, David und Salomo, die Propheten und Heilige der lateinischen und griechischen Kirche.

 

 

Fig. 47. Das Portal am Dome von Catania.

 

In den Gewölbekappen stehen je zwei Engel in halber Figur auf Wolken und über die Grate ziehen sich farbenreiche Ornamentstreifen.

 

Die Schönheit der Farben gerade dieser Mosaiken kann garnicht genug gepriesen werden, deren durchweg auf ein sanftes Grün gestimmte Ornamentik sich ausserordentlich wirkungsvoll von dem Goldgrund der Figuren abhebt.

 

Das Studium der byzantinischen Mosaiken in Sicilien ist den modernen Mosaikkünstlern nur dringend zu empfehlen, sie werden hier verlernen, durch überfeine Technik ihrer Kunst Gewalt anzuthun und ihr etwas abzwingen zu wollen, was ihr nicht gehört. Sie werden einsehen, dass es gut ist, die Farben ohne zu feine Vermittelung neben einander zu setzen, und dass es nicht zu den Aufgaben der musivischen Kunst gehört, die Wirkung eines Ölgemäldes nachzuahmen. Mosaiken verlangen eine gewisse Höhe um richtig zu wirken; sie sollen stimmungsvoll dekorieren, nicht aber Tafelbilder ersetzen wollen.

 

Neben der Kirche liegt ein schöner Kreuzgang, dem von Monreale ähnlich, nur nicht so gut erhalten.

 

Wie dort stehen auch hier Doppelsäulen und auf den Ecken vierfache. Die Kapitelle sind künstlerisch weit geringwertiger als die von Monreale, ihr Gestaltenkreis setzt sich mehr aus mythologischen Fabelwesgen und allerlei Getier, als aus biblischen Darstellungen zusammen. Doch kommen auch solche vor; so Adam und Eva, die Arche Noä und andere. Die Figuren sind zumeist ohne besonderes Geschick um den Kern gelagert, ohne Verbindung mit oben und unten. Auch die Basenbildung ist weniger schön, trotz des bildnerischen Schmuckes, den der untere Echinus öfter trägt.

 

Den Grundriss des Kreuzganges bildet ein Rechteck, auf dessen Langseiten je zwanzig und auf dessen Schmalseiten je 15 Spitzbogen kommen.

 

Die Kapitelle scheinen dem Grundgedanken nach denen von Monreale als Vorbild gedient zu haben, die den Höhepunkt sicilianischer Marmortechnik bilden.

 

Gleichwertig zur Seite steht ihnen

 

Das Portal am Dome von Catania.

 

Diese Kirche ist eine Gründung Rogers I.; sie wurde 1091 begonnen, aber bereits 1169 durch ein Erdbeben fast gänzlich zerstört, so dass von dem alten Bau nur die Chorseite und ein Teil des östlichen Querschiffes erhalten blieben. Der ziemlich reizlose und vielfach veränderte Neubau kann hier kaum in Betracht kommen, nur das wundervolle Hauptportal (Fig. 47) nimmt als Meisterwerk ersten Ranges volles Interesse in Anspruch.

 

Die normannische Dekorationsweise kommt hier unübertroffen zur Erscheinung. Alle Teile zeigen schönstes Ebenmaass und bei allem Reichtum doch weises Maasshalten. Das Rankenwerk der die Thür flankierenden Pilaster, in welches allerlei Figuren reizvoll verwoben sind, zählt zu den schönsten Ornamenten der romanischen Periode.

 

Der örtlichen Tradition nach soll das Portal noch dem ersten Baue angehören, was aber wenig wahrscheinlich ist, da die Vollendung der Technik weit eher auf die Zeit Wilhelms II. hinweist, auf den Wiederaufbau nach dem Unglück von 1169. -- Auffallend ist nur die rein attische Form der Basen, während sich diese sonst an den meisten Bauten Wilhelms II. aus drei Wulsten und zwei Hohlkehlen zusammensetzen.

 

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Aus Unteritalien.

 

Obwohl auch in Unteritalien die Bauthätigkeit während der Normannenherrschaft eine überaus rege war, so war doch dort weder der saracenisch-normannische Mischstil noch die rein normannische Bauweise ähnlich stark wie in Sicilien in Erscheinung getreten. Der lombardische Einfluss, der Jahrhunderte hindurch die Herrschaft geführt hatte, liess sich nicht ohne weiteres verdrängen. Auch ihm hatten sich im Laufe der Zeit saracenische Elemente zugesellt, die jedoch viel weniger stark hervortreten als bei der saracenisch-normannischen Verbindung. Hauptsächlich war es der Spitzbogen, den die Langobarden von den Saracenen aufgenommen hatten, ihn aber flacher und nie überhöht gestalteten, wie die Normannen z. B. in der Capella Palatina. Der morgenländische Zug, dem wir in Sicilien überall begegnen, tritt in Unteritalien fast ganz zurück. Der stark überhöhte Spitzbogen der Eingangshalle am Dome von Amalfi ist neu wie die ganze Façade; nur die seitlichen Bogenfenster mit ihren dreifachen Durchkreuzungen gehören noch der alten Anlage an, ebenso der schöne normannische Turmbau (Fig. 48), der 1276 errichtet wurde.

 

Am stärksten zeigt sich das saracenische Element in dem unweit von Amalfi hoch auf dem Berge liegenden Ravello, der einst so reichen und mächtigen, jetzt aber verfallenen und verödeten, aber hochinteressanten Stadt, die Saracenen und Normannen, Hohenstaufen und Anjous vor und in ihren Mauern gesehen hat. Alle haben ihre Spuren hinterlassen, als Zerstörer und als Erbauer. Zur Zeit seines Glanzes, im 13. Jahrhundert, zählte Ravello 36000 Einwohner, heute nur noch kaum 2000. --

 

Die aus dem 11. Jahrhundert stammende Cathedrale ist fast ganz zur Ruine geworden und die vielfachen Umbauten und Veränderungen haben von der ursprünglichen Gestalt des Inneren wenig mehr übrig gelassen, nur Ambo und Kanzel sowie die prächtigen Erzthüren, auf die wir weiter unten zurückkommen werden, sind erhalten geblieben. Der massige normannische Turm scheint etwas späteren Ursprungs zu sein als die Kirche, bei deren Anlage lombardische Einflüsse thätig gewesen sind, wie der Wechsel von zwei Säulen und einem Pfeiler überzeugend beweist.

 

 

Fig. 48. Der Dom von Amalfi.

 

Der hervorragendste Profanbau Ravellos ist der hart an der Cathedrale gelegene Palast der Ruffoli, der reichsten und mächtigsten Patrizierfamilie, die im 13. Jahrhundert hier blühte. Der wahrscheinlich um die Mitte dieses Jahrhunderts von Nicolaus Ruffolo errichtete Bau besteht aus Eingangsbau, Palast und mehreren Türmen. Eingangsbau und Türme zeigen den saracenisch-normannischen Stil, der Palast in Anlage und Dekoration aber überwiegend saracenischen Charakter.

 

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Vom Eingange aus führten zwei sich erweiternde Mauern zum Palaste hin, der ausser dem Erdgeschosse noch zwei Stockwerke enthält. Das von zwei auf Löwen ruhenden Säulen flankierte Portal führt in eine der einen kleinen Lichthof umgebenden Hallen, die sich in je drei einfachen Spitzbogen nach dem Hofe zu öffnen. Über diesen liegen die zierlichen Arkaden des Hauptgeschosses. Hier sind auf jede Breite des Hofes fünfzehn Bogenstellungen angeordnet, deren jede auf zwei hintereinandergestellten, an den Ecken aber auf vier Marmorsäulchen ruht, deren Kapitelle ein gemeinsamer Architrav verbindet, auf dem die reiche Dekoration der Oberwände aufsetzt (Fig. 49). Den unteren Teilen der sich durchkreuzenden Bänder, welche die gebrochenen Spitzbögen umsäumen, ist Blattwerk vorgelegt, das die Linien reizvoll unterbricht.

 

Über diesen Zierraten des Hauptgeschosses stehen noch die Miniaturarkaden des Obergeschosses aus 34 Säulenpaaren, die ähnliche und einfachere Dekorationen wie die unteren tragen. Nach oben zu schliesst eine Art Zinnenkrönung, drei grosse Halbkreise auf jeder Seite, das Ganze ab.

 

 

Fig. 49. Arkaden des saracenischen Hofes im Palaste der Ruffoli zu Ravello.

 

Die Wände sind weiss geputzt, von ihnen heben sich die schwarzen Ornamente äusserst wirksam ab, deren Material aus einer stuckartigen, grobkörnigen Masse besteht, die fast Steinhärte besitzt.

 

 

Fig. 50. Porträtbüste im Dome von Ravello.

 

Der ganze Hof macht einen so wunderbar phantastischen Eindruck wie der Märchenzauber des Orients.

 

Der mutmaassliche Erbauer dieses Märchenschlosses, jener oben genannte Nicolaus Ruffolo, war der Stadt ein Wohlthäter grossen Stiles, ihm und seiner Familie dankte sie ihre letzte Blüte. Inschriften und Chroniken nennen den Namen Ruffolo, um den sich alles zu drehen schien, als Stifter von Altären und Kanzeln, als Geber und Darleiher von Geldern an die Stadt und den König Karl I. von Anjou, bei dem die Ruffoli in hohen Ehren standen. Aber der Glanz der Familie war nur ein kurzer, denn schon mit den Söhnen und Enkeln des Nicolaus begann der Niedergang. Sie vergeudeten die Reichtümer und führten ein thatenloses üppiges Leben. Die Unterstützung, die sie den sicilianischen Rebellen zur Zeit der Vesper zu teil werden liessen, hatte zur Folge, dass der König ein Edikt der Vernichtung gegen die Familie erliess, durch das auch die Nichtschuldigen schwer getroffen wurden und fliehen mussten. Ein Lorenzo Ruffolo wurde sogar Piratenführer; er fiel aber in die Gefangenschaft des Königs, wurde in ein kalabrisches Kastell gesperrt und starb dort 1291.

 

Boccacio erzählt die romantische Geschichte dieses Abenteurers in seiner vierten Novelle des zweiten Tages, nur hat er aus Rücksicht auf die Familie des Verstorbenen den Namen Lorenzo in Landolfo umgewandelt.

 

Hart wurde die Stadt durch die grausame Maassregel König Karls betroffen, der alle Saracenen gefangen nehmen und als Heiden samt Frauen und Kindern als Sklaven verkaufen liess, wodurch Ravello seine fleissigsten

 

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und intelligentesten Einwohner verlor. Fortwährende Bruderkriege mit dem benachbarten Scala und die zweimal auftretende Pest untergruben den Reichtum und vernichteten die Bevölkerung der Stadt, die allgemach zu ihrer heutigen Bedeutungslosigkeit hinabsank.

 

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Gleich Wahrzeichen einstiger Grösse ragen aus dem Stilgewirr der mittelalterlichen Bauwerke Unteritaliens die stolzen normannischen Türme, die gleich gewappneten Wächtern das Land überschauend sich durch ihre starke Charakteristik sofort kenntlich machen.

 

Solch ein Wahrzeichen normannischer Macht ist auch die Kuppel der Cathedrale von Caserta Vecchia. Das alte Caserta liegt nordöstlich von Neapel auf einem steil abfallenden Vorberge des Monte Tifata. Der Mangel an Wasser und andere durch die Höhenlage veranlasste Übelstände bewogen die Bewohner allmählich in die Ebene hinabzuziehen. Besonders nahm die Auswanderung zu, als nach der Erbauung des Königlichen Schlosses bei la Torre das neue Caserta entstand. Heute steht die alte Stadt auf dem Berge mit ihren Kirchen und Palästen fast ganz verlassen.

 

Die dem Erzengel Michael geweihte Cathedrale ist eine dreischiffige Basilika, deren Mittelschiff sich jenseits des aus den Fluchten des Langhauses hervortretenden Querschiffes noch fortsetzt und dann von einer keinesfalls ursprünglichen viereckigen Choranlage geschlossen wird.

 

Diese Kirche gehört zu den interessantesten Denkmälern des normannischen Mischstils in Unteritalien. Normannische und lombardische Elemente sind hier verschmolzen. Vorherrschend ist der Rundbogen. Der halbfreistehende Turm zeigt Rund- und Spitzbogen. Die Krone des ganzen Bauwerks bildet die sich über dem Kreuze erhebende achteckige Kuppel, von der Taf. 36 eine Abbildung giebt. Farbige, durch verschiedenes Gestein gebildete Verzierungen bedecken sie von unten bis oben. Das Hauptmotiv der Verzierung bilden zwei übereinanderliegende Blendarkaden, die aus sich durchkreuzenden Rundbögen gebildet sind. Zwischen der unteren und oberen Arkade zieht sich ein Fries hin, der aus nebeneinandergesetzten reich verzierten Quadraten besteht.

 

Den Abschluss nach oben bilden zwei übereinander liegende Friese, deren zu kleine Ornamente bei der Höhe gar nicht zur Wirkung kommen.

 

Der Bau der Kirche wurde um 1100 begonnen und 1153 vollendet. --

 

 

Die Erzthüren unteritalischer Kirchen.

 

Die Kunst des Erzgusses war in Italien in Vergessenheit geraten, seine Pflegstätte blieb Byzanz, von woher alle Erzthüren der Kirchen bezogen werden mussten, bis unter den Normannen auch in Unteritalien der Erzguss wieder heimisch wurde, wobei byzantinische Künstler die Lehrmeister wurden.

 

Die älteste der während der Normannenherrschaft gegossenen Thüren ist die am Grabmale des Boemund zu Canosa.

 

 

Einfügung: Grabkapelle Boemunds I. in Canosa

 

Boemund, der berühmte normannische Held des ersten Kreuzzuges, war der ältere Sohn Robert Guiscards und dessen erster Gemahlin Alberada. Er starb 1111 zu Antiochien, woselbst sein Leichnam verbrannt und die Asche nach Canosa gebracht wurde, um in der dortigen Cathedrale beigesetzt zu werden, deren Gründung ihm zugeschrieben wird. Noch im Todesjahre wurde die Grabkapelle erbaut, die sich an die südliche Wand des Querschiffes der Cathedrale anlehnt.

 

Die Erzthür der Grabkapelle ist eine der merkwürdigsten Italiens.

 

 

Einfügung: Bronzetür an der Grabkapelle Boemunds I. in Canosa

 

Die Einteilung ist völlig unsymmetrisch, die schöne Ornamentik zumeist in Niello ausgeführt. Die Verzierungen tragen saracenischen Charakter, der in den Rosetten sehr streng, in den die Flügel umziehenden

 

 

Fig. 51. Thronsessel in der Cathedrale von Canosa.

 

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Bändern mit romanischen Motiven verschmolzen ist. Der Grund der Ornamente war vordem mit feinen Silberplättchen ausgelegt, die jedoch, wie alles, was an der Thür von Silber war, z. B. die Gesichter, Hände und Füsse der Figuren, und zwei weitere, ganz aus diesem Metalle bestehende Figuren, ausgebrochen und geraubt wurden.

 

 

Einfügung: Detail der Bronzetür an der Grabkapelle Boemunds I. in Canosa

 

Über und zwischen den grossen Rosetten des linken Flügels sind vier Strophen zum Lobe Boemunds angebracht; die obere dieser Rosetten trug einst ein silbernes Madonnenbild, wie die daneben stehende Inschrift besagt. Auch das zweite Feld des rechten Flügels war durch eine silberne Figur geschmückt, zu der die beiden knieenden Männer aufsahen, woraus auf einen auferstehenden Christus zu schliessen ist. Das unterste Feld dieses Flügels trägt noch die Inschrift: „Sancti Sabini Canusii Rogerius Melfie Campanarum fecit has ianuas e(t) candelabrum“. Daraus geht hervor, dass der Bildhauer Roger hiess, also wohl ein Normanne aus dem campanischen Amalfi war, welches im Mittelalter oft Melfia oder Malfia genannt wird zudem liegt das eigentliche Melfia nicht in Campanien.

 

Der Verfertiger der Thür hält sich noch ganz an die griechische Technik, schwaches Relief in Verbindung mit Niello.

 

Einen bedeutenden Fortschritt in der Technik zeigt schon die nur wenige Jahre jüngere Thür der Cathedrale von Troja (Taf. 34), die 1119 gegossen wurde.

 

 

Einfügung: Bronzetür der Kathedrale von Troia

 

An dieser Thür sind die saracenischen Elemente ganz verschwunden, die Ornamentik zeigt ein Gemisch romanischer und byzantinischer Formen.

 

 

Einfügung: Details der Bronzetür der Kathedrale von Troia

 

Leider sind die alten Felder der dritten und sechsten Reihe herausgenommen und durch spätere Arbeiten ersetzt worden, doch ist anzunehmen, dass hier ähnliche Niellen gesessen haben, wie die Felder der obersten Reihe, deren Darstellungen aber stark gelitten haben und kaum noch erkennbar sind. Das erste Feld links zeigt zwei stehende Figuren, die Inschriften nennen sie: „Oderisius“ und „Berardus“. Im zweiten Felde erscheint der in einer Mandorla thronende Christus als Weltenrichter. Im dritten Felde steht Bischof Wilhelm, der Erbauer der Kirche und Stifter dieser Thür. Das vierte Feld trägt die Figuren der Apostel Petrus und Paulus. Die unterste Reihe enthält die Inschriften, welche verkünden, dass Bischof Wilhelm II. von Troja im Jahre 1119 diese Thür anfertigen liess. Auf der vierten Tafel ist nur eine Kopie der alten Schrift angebracht, da Bischof Prosper Rebiba 1573 diese Tafel erneuern und mit einem Zusatze versehen liess, in dem sein Verdienst um die Wiederherstellung der Thür gepriesen wird.

 

Ein ganz neues Dekorationsprinzip der Erzthüren ward durch den Meister Barisanus von Trani eingeführt, von dem die grossen Thüren der Cathedralen von Trani und Ravello nebst der Seitenthür des Domes von Monreale herrühren. Alle drei gleichen sich untereinander bis auf kleine Unterschiede, zumeist sind überall die gleichen Gussformen benutzt. Ein Vergleich der Tafeln 31, 32 und 33 wird das sofort klar machen.

 

Die älteste dieser drei Thüren ist die von Trani (Taf. 32), die einzige, die mit einem Rundbogen abschliesst.

 

 

Einfügung: Details der Bronzetür der Kathedrale von Trani

 

Das Jahr des Gusses ist nicht bekannt, doch muss aus einem bestimmten Grunde die Thür von Trani älter sein als die von Ravello (Taf. 33), welche laut Inschrift 1179 gegossen wurde. Da diese Thür nun grösser ist als die von Trani, so sah sich der Meister gezwungen, hier dieselben Darstellungen öfter zu wiederholen, das schöne Ornamentfeld sogar sechsmal, so dass die beiden untersten Reihen ganz damit ausgefüllt sind. Sogar Flickwerk wurde hier nicht verschmäht, um die Masse der Felder zu füllen und dabei neue Modelle zu sparen.

 

In Trani ist der Thürbogen rund, und dadurch wurden für die obere Reihe zwei kleine spitz zulaufende Felder erforderlich, in die je ein knieender Engel hineinkomponiert wurde. Diese spitzwinkligen Felder sind nun aber in Ravello ganz ersichtlich in solche von quadratischer Form umgewandelt, wie das erste, dritte, vierte und sechste Feld der oberen Reihe deutlich erkennen lassen. Es sind dieselben Engel, hinter denen noch die spitz abschliessende Bogenlinie aufsteigt. Der neu hinzugekommene Raum ist durch ein rundes Ornament wenig geschickt ausgefüllt. Aus diesem Umstande ist zu schliessen, dass die Thür von Trani die älteste sein muss. Bei dieser findet sich der Name des Künstlers auf dem dritten Felde der fünften Reihe, auf dem S. Nicolaus Peregrinus dargestellt ist, zu dessen Füssen ein ganz kleines Figürchen knieet, daneben steht BARISANVS TRANENSIS. Dieselbe Darstellung wiederholt sich in Monreale, nur dass hier dem Namen noch ME FECIT hinzugefügt ist. In Ravello fehlt die Angabe des Namens, doch ist dort der Stifter genannt unter Beifügung der Jahreszahl 1179.

 

Der künstlerische Wert der Figuren ist nicht immer gleich, einige, wie S. Andreas (vergl. Taf. 31. Detail rechts oben) sind trefflich modelliert, andere wieder, wie die Maria und S. Georg, nur sehr mässig, besonders der letztere ist sehr schlecht weggekommen.

 

 

Einfügung: Detail „St. Georg“ auf der Bronzetür der Kathedrale von Trani

 

Von ausserordentlicher Schönheit ist dagegen das gesamte Ornamentwerk, dessen Zeichnung eine Meisterhand ersten Ranges erkennen lässt. Die Thür von Monreale ist die schönste,

 

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wenn auch die kleinste; ihre Entstehung dürfte in das Jahr 1186 zu setzen sein. Auf allen drei Thüren wiederholen sich die von vier Vögeln umgebenen griffhaltenden Löwenköpfe.

 

 

Einfügung: Klopfer der Bronzetür der Kathedrale von Trani

 

Ein Gegenstück zu diesen Arbeiten des Barisanus von Trani bildet gewissermaassen die Thür am Hauptportale der Cathedrale von Benevent (Taf. 32), die eine gleiche Felderung zeigt.

 

 

Einfügung: Bronzetür der Kathedrale von Benevent

 

Aber die Ähnlichkeit ist nur eine rein äusserliche. Statt der strengen Figuren des Barisanus finden wir hier stark aus der Fläche heraustretende, lebhaft bewegte Gruppen, die schon malerische Effekte zu erreichen suchen. Das Ornament ist hier so gut wie ganz aufgegeben, nur zwei halbe Eierstäbe schmücken die trennenden Bänder, auf deren Kreuzungen Rosen liegen. Auch die ringtragenden Löwenköpfe können mit denen des Barisanus keinen Vergleich aushalten.

 

Die Darstellungen auf der Thür erzählen die Geschichte Christi von der Verkündigung bis zur Himmelfahrt. Das Feld neben letzterer zeigt den Metropoliten von Benevent auf dem Throne sitzend, umgeben von drei Geistlichen.

 

 

Einfügung: Bildnis des Metropoliten von Benevent auf der Bronzetür der Kathedrale

 

Es ist dies das siebente Feld der sechsten Reihe von oben, leicht erkennbar durch den die Gruppe umschliessenden giebelförmigen Baldachin, der sich auch bei den Einzelfiguren von Bischöfen, durch welche die übrigen Felder ausgefüllt werden, immer wiederholt.

 

Das gleiche Streben wie hier, durch starkes Relief wirksame Effekte zu erzielen, finden wir auch in der Arbeit des Bonanus von Pisa an der Hauptthür von Monreale ausgesprochen, nur fehlte dort das hier zum Ausdruck gekommene starke künstlerische Können. Doch scheint auch dieser unbekannte Meister wie jener einer mehr norditalienischen Schule anzugehören.

 

Die Thür trägt weder Namen noch Jahreszahl, doch ist wohl anzunehmen, dass sie mit der Façade der Cathedrale zugleich um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden ist. Einen Schmuck von hoher künstlerischer Bedeutung erhält das Portal durch die flankierenden Pfosten und den darüber liegenden Architrav. Die vorzügliche Marmorarbeit erinnert lebhaft an das auf Seite 7 abgebildete Friesfragment von der Martorana in Palermo, dessen Rankenwerk grosse Ähnlichkeit mit den Pfosten besitzt, wie sich auch die Figur der Greifen dort fast ganz genau wiederfindet, so dass man wohl hier wie dort denselben Urheber vermuten darf.

 

 

Ambonen, Kanzeln, Osterkerzenleuchter u. a.

 

Hatte der saracenisch-normannische Stil die Architektur des Festlandes von Unteritalien nicht so ausschliesslich beherrscht wie die Siciliens, so wurde dagegen seine reiche und wirkungsvolle Dekorationsweise der Ambonen, Kanzeln, Chorschranken u. a. um so rückhaltloser aufgenommen und Jahrhunderte hindurch beibehalten. Auf diesem Gebiete waren die schweren lombardischen Formen durch die Anmut und die Farbenpracht des neuen Stils leicht zu überwinden, dessen Einführung zugleich eine Verfeinerung der Marmortechnik mit sich brachte, die auf dem Festlande arg vernachlässigt war.

 

Von der Art der lombardischen Arbeiten giebt der bischöfliche Thron in der Cathedrale von Canosa ein sehr charakteristisches Beispiel (Fig. 51).

 

 

Einfügung: Thronsessel in der Kathedrale von Canosa

 

Das Material ist ein weisslich grauer Marmor, dessen Bearbeitung aber ganz in der Art einer Holzschnitzerei gehalten ist, wie denn auch die ganze Konstruktion als für Holz gedacht sich darstellt.

 

Die linke Seitenlehne trägt folgende Inschrift:

VRSO PCEPTOR ˬ ROMOALDVS

AD HEC FVIT ACIOR.

 

Dieser Urso, Erzbischof von Bari und Canosa, regierte 1078 -- 1089, wodurch die Zeit der Herstellung des Sessels festgestellt ist. Eine weitere Inschrift von vier lateinischen Versen läuft um die inneren Flächen des oberen Rahmens; sie enthält eine Anrede an den predigenden Priester.

 

Die normannisch-saracenische Dekorationsweise scheint erst unter Roger II. entstanden und beim Bau der Capella Palatina (1140) zuerst angewandt zu sein.

 

Zu den ältesten Beispielen in Unteritalien gehören die Chorschranken in der Cathedrale von Salerno, die unter Erzbischof Wilhelm, der von 1137-1153 regierte, errichtet wurden.

 

 

Einfügung: Mosaikfeld an der Kanzel der Kathedrale von Salerno

 

Es haben sich drei reichverzierte Mosaikfelder erhalten, ähnlich denen an den Seitenflächen des Königs-Stuhles in der Capella Palatina (Fig. 10). Die Farben der Mosaiken beschränken sich hier auf rot, grün, gelb und weiss, womit aber eine ungemein feine Wirkung erreicht ist.

 

Nur wenig jünger ist die Kanzel dieser Cathedrale, die zu den schönsten und edelsten Werken ihrer Art gehört (Fig. 52).

 

 

Einfügung: Kanzel der Kathedrale von Salerno

 

Ihr Oberbau ruht auf vier Granitsäulen, deren attische Basen mit Eckblättern belegt sind. Die

 

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Kapitelle sind von wahrhaft bewunderungswürdiger Feinheit der Arbeit. Das Blatt- und Rankenwerk beleben menschliche Figuren und verschiedene Tiergestalten. Die Bogenzwickel der Vorderseite tragen im Relief den Adler und den Engel, die Symbole der Evangelisten Johannes und Matthäus, von grosser Schönheit der Zeichnung und Ausführung. Der Grund der Marmorarbeit wird durch feine geometrische Mosaikmuster ausgefüllt. Die Bogenzwickel der hier anstossenden Seite, die auf der Abbildung in der Verkürzung sichtbar ist, sind mit den Gestalten der Propheten Jesaias und Jeremias ausgefüllt. An den abgestumpften Ecken stehen vorn leicht bekleidete Figuren, deren erhobene Arme die abschliessenden Ornamente tragen. An den hinten liegenden Ecken sind die Figuren durch Säulchen ersetzt. Ein über die Bögen hinlaufender Mosaikfries nennt als Stifter der Kanzel den Erzbischof Romualdus II. von Salerno, welcher von 1153-1181 regierte.

 

Die Gestaltung der oberen Bühne ist aus der Abbildung ersichtlich, die Brüstung der sich verkürzt zeigenden Seite ist besonders reich geschmückt, indem die innerhalb der verschlungenen Bänder liegenden Felder mit Blumen und Vögeln auf Goldgrund stehend ausgefüllt sind. Die zwei grösseren Kreisflächen sind mit Porphyrscheiben ausgesetzt.

 

Um ein Jahrhundert später entstand der grosse Ambo in der Cathedrale von Ravello (Taf. 37), der, obwohl viel reicher und grösser; doch an Schönheit die Kanzel von Salerno nicht erreicht.

 

Als neues Element sind dem fast zu reichen Mosaikschmucke sehr fein gearbeitete plastische Marmorverzierungen beigesellt, von denen der obere Abschluss der Brüstung umzogen wird.

 

Die Mosaiken zeigen hier nicht nur die verschlungenen Bänder, sondern auch Löwen, Drachen, Adler und das Wappen der Ruffoli.

 

Die Bühne ruht auf sechs spiralförmigen Säulen, die von trefflich gearbeiteten Löwen getragen werden. Aus der dreiteiligen Vorderwand tritt das mittlere Feld heraus, vor ihm steht auf einer kleinen Spiralsäule der das Legepult bildende Adler aus schwarzem Basalt. Der Aufgang, zu dem ein Kleeblattbogen führt, ist durch eine mit Mosaiken verzierte Wand verkleidet.

 

Über dem Portale des Aufganges steht eine weibliche Porträtbüste von vorzüglicher Arbeit (Fig. 50), über deren Bedeutung nichts Sicheres bekannt ist. Am meisten verbreitet ist die Annahme, dass hier Sicilgayte, die Gemahlin des Stifters Nicolaus Ruffalo, dargestellt sei, doch spricht dagegen die Krone, die entschieden auf eine Herrscherin deutet. Es fehlt jeder Anhalt, der Aufschluss über die dargestellte Persönlichkeit geben könnte.

 

Zwei Inschriften befinden sich an dem Ambo, deren eine Kunde giebt, dass derselbe 1272 von Nicolaus Ruffalo gestiftet wurde, in der andern nennt sich der Meister, der das Werk geschaffen, sie lautet:

 

EGO · MAGISTER · NICOLAVS · BARTHOLOMEO · DE · FOGIA · MARMORARIVS ·HOC ·OPVS ·FECI :

 

Aus dem 14. Jahrhundert stammen Kanzel und Ambo in der Cathedrale von Benevent, die in der Arbeit so genau übereinstimmen, dass beide augenscheinlich von demselben Meister herrühren, der sich auf einer Inschrift des Ambo Nicolaus Celte aus Monforte nennt, unter Beifügung der Jahreszahl 1311.

 

Eine Abbildung der Kanzel findet sich auf Tafel 37; der Ambo ist ihr so ähnlich, dass von dessen Wiedergabe abgesehen werden konnte.

 

An diesen Werken tritt der Mosaikschmuck sehr zurück gegen die überaus reiche plastische Verzierung der Gliederungen. Sechs Säulen tragen die Kanzel, deren vordere drei auf zwei Greifen und einem Löwen, die drei hinteren nur auf Löwen ruhen.

 

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Die beiden äusseren Säulen der Vorderseite sind von Granit, die übrigen vier von weissem Marmor. Die äusserst zierlichen Kapitelle werden durch allerlei Figurenwerk belebt, die sich dem Blattwerk graziös anschmiegen.

 

An der Vorderseite der Brüstung stehen drei Figuren, die bereits einen ausgesprochen gothischen Charakter tragen unter gothisierenden Baldachinen: in der Mitte der Engel der Verkündigung, dessen erhobene Hand leider abgebrochen ist, rechts Maria, den Worten andachtsvoll lauschend, und links Petrus mit den Himmelsschlüsseln. Der Ausdruck der Köpfe ist vortrefflich, der der Maria sogar von grosser Schönheit; auch der Fluss der Gewänder zeugt von eingehendem Naturstudium. In dem Felde zwischen Maria und dem Engel steht ein Gefäss mit der Lilie, die übrigen Felder sind durch schön gearbeitete Rosetten verschiedener Form ausgefüllt. An der Rückseite der Brüstung stehen an den Seiten zwei Heilige, in der Mitte S. Johannes der Evangelist, der ein Buch trägt mit der Inschrift: In principio erat verbum.

 

Diese drei Bühnen sind ausgesucht schöne Beispiele für die Entwicklung der Dekoration des saracenisch-normannischen Stils.

 

Als ein weiterer Schmuck der Kirchen sind noch die mächtigen Leuchtersäulen für die Osterkerzen zu nennen, deren eine auf der Abbildung der Kanzel von Benevent sichtbar ist und die mit jener wohl ungefähr gleichzeitig ist. Die Säule ruht auf einem von fratzenhaften Figuren umgebenen Sockel. Die spiralförmig aufsteigenden Vertiefungen sind mit gelbem Marmor eingelegt, der von schwarzen Streifen eingefasst ist. Das Ornamentwerk kann sich mit dem der Kanzel bei weitem nicht messen. Zu den schönsten Stücken dieser Gattung gehört die Leuchtersäule im Vorhofe der Cathedrale von Capua (Fig. 53). Vier achteckige Gurte bewirken eine Fünfteilung, deren unterste und oberste Abteilung mit schräg auflaufenden Mosaikstreifen geschmückt sind, während die zweite und dritte Abteilung von oben figürliche Darstellungen tragen, die sich auf das Osterfest beziehen: Die Auferstehung Christi und die Weihe der Osterkerze.

 

 

Fig. 53. Osterkerze in der Cathedrale von Capua.

 

Das Kapitell bilden acht aus Akanthusblättern aufsteigende Kinderfiguren, welche die achteckige Deckplatte tragen.

 

Über das Alter dieses Lichtträgers ist nichts bekannt, doch nach der Arbeit zu schliessen, dürften Schaft und Fuss aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammen, während das Kapitell wahrscheinlich eine etwas spätere Zuthat ist.

 

 

Einfügung: Detail der Leuchtersäule in der Kathedrale von Salerno

 

Eine sehr schöne Leuchtersäule aus dem 13. Jahrhundert besitzt auch die Cathedrale von Salerno, als Prachtstück ersten Ranges aber muss die der Capella Palatina zu Palermo noch genannt werden, von der sich leider keine gute Aufnahme gewinnen liess, doch ist sie auf den Bildern der Palatina (Taf. 9 u. 10) noch ziemlich deutlich erkennbar. Mosaik ist an ihr gar nicht zur Anwendung gekommen, die ganze Säule ist von weissem Marmor und von unten bis oben mit figürlichen Skulpturen bedeckt, die sich an dem Schafte hinauf ziehend das graziöse Ganze bilden. --

 

Damit wären die Hauptmomente der Entwicklung des normannisch-saracenischen Stils gegeben, soweit es der enge Rahmen dieser Arbeit gestattete, der es auch leider unmöglich machte, auf die kostbaren Palermitaner Seidengewebe und Stickereien einzugehen, die im Mittelalter einen Weltruf genossen. Fürstliche und kirchliche Prachtgewänder legen noch heute Zeugnis ab von der hohen Kunstfertigkeit saracenischer Weber und Sticker, die in der königlichen Manufaktur zu Palermo beschäftigt waren. Aus dieser stammt auch das berühmte Pallium, der Krönungsmantel der römisch-deutschen Kaiser, der noch heute in der Hofburg zu Wien aufbewahrt wird. Wie eine arabische Inschrift, die die untere Bordüre bildet, besagt, wurde dieser Mantel im Jahre 1133 für König Roger in der königlichen Fabrik zu Palermo verfertigt. Mit dem königlichen Schatze fiel auch dies Prachtgewand in die Hände Heinrichs VI. und wurde wahrscheinlich durch dessen Nachfolger Friedrich II. den Reichsinsignien einverleibt.

 

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REGENTEN-TAFEL
der Normannen im Königreich Sicilien.

 

1040-1043 Eroberung Apuliens durch die Normannen.

1042-1046 Wilhelm Eisenarm, Graf von Apulien.

1046-1051 Drogo, Graf von Apulien.

1051-1057 Humfried, Graf von Apulien.

1057 Robert Guiscard, Herzog von Apulien und Calabrien.

1072 10. Januar, Palermo erobert.

1072 Roger I. Graf von Sicilien.

1086 Robert Guiscard stirbt.

1092 Völlige Unterwerfung Siciliens.

1111 Roger I. stirbt.

1111-1154 Roger II, Graf von Sicilien.

1127 Erlöschen des Mannesstammes Robert Guiscards.
Vereinigung der gesamten normannischen
Besitzungen unter Roger II.

1130 Roger II, zum König gekrönt.

1154 27. Februar, Tod Rogers II.

1154-1166 Wilhelm I.

1166--1189 Wilhelm II.

1190-1194 Tancred.

1194 Ende der normannischen Herrschaft.
Heinrich VI., Herr von Sicilien.

 

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INHALT.

Text.

 

Vorwort Seite 5

Einleitung 7

Geschichte Siciliens bis zum Ende der Normannenherrschaft 9

Bauwerke der Normannen in Palermo

a) Kirchen 17

Martorana und S. Cataldo 17

Die Capella: Palatina 21

S. Spirito 23

Der Dom 23

Die Kaisergräber im Dome 24

b) Paläste und Lustschlösser: 26

Das königliche Schloss 26

Palast-Façaden 27

Zisa und Cuba 28

 

Der Dom von Monreale 31

Der Kreuzgang… 32

Die Erzthüren 33

Der Dom von Cefalù 35

Das Portal am Dome von Catania 36

Aus Unteritalien 37

Die Erztüren unteritalischer Kirchen 39

Ambonen, Kanzeln, Osterkerzenleuchter u. a. 41

 

 

Abbildungen im Text.

 

Palermo

 

Fig. 1 Fries über der Seitenthür der Kirche della Martorana . . Seite 7

Fig. 2 Fies von einer Palast-Façade (zu Fig. 21) 9

Fig. 3 Kuppelsystem von S. Cataldo 17

Fig. 4 Taufstein in S. Cataldo 17

 

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Fig. 5 Grundriss von S. Giovanni degli Eremiti Seite 19

Fig. 6 Grundriss von S. Cataldo 19

Fig. 7 Grundriss der Martorana 19

Fig. 8 Grundriss der Capella Palatina 19

Fig. 9 Vorderseite des Altars in S. Cataldo 20

Fig. 10 Seitenwand des Königsstuhls in der Capella Palatina 21

Fig. 11 Palmettenfries aus der Capella Palatina 22

Fig. 12 Cassette, persische Arbeit (10.--11. Jahrh.) 23

Fig. 13 Cassette, saracenische Arbeit (12. Jahrh.) 23

Fig. 14 Säule aus S. Spirito 23

Fig. 15 Bordüre von der Grabkrone Heinrichs VI. 24

Fig. 16 Schuh aus dem Grabe Heinrichs VI. 24

Fig. 17 Bordüre vom Grabgewande Heinrichs VI. 24

Fig. 18 Schwert aus dem Grabe Friedrichs II. 24

Fig. 19 Kronenhaube aus dem Grabe der Königin Konstanze II. 25

Fig. 20 Seitengehänge dazu 25

Fig. 21 Palast-Façade bei S. Antonio 27

Fig. 22 Verzierungen von Fensterbögen 27

Fig. 23 Verzierungen von Fensterbögen 27

Fig. 24 Verzierungen von Fensterbögen 27

Fig. 25 Verzierungen von Fensterbögen 27

Fig. 26 Fenstersäule 27

Fig. 27 Fensterrosette 27

Fig. 28 Palast-Façade in der Via del Protonotaro 28

Fig. 29 Thürbogen 28

Fig. 30 Verzierungen der Fensterbögen (zu Fig. 21 u. 28) 28

Fig. 31 Verzierungen der Fensterbögen (zu Fig. 21 u. 28) 28

Fig. 32 Verzierungen der Fensterbögen (zu Fig. 21 u. 28) 28

Fig. 33 Fensterrosette 28

Fig. 34 Schartenfenster 28

Fig. 35 Fenster vom Palazzo Sclafani 29

Fig. 36 Adler aus der Brunnenhalle der Zisa 29

Fig. 37 Die Cuba 30

Fig. 38 Grundriss des Domes von Monreale 31

Fig. 39 Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale 32

Fig. 40 Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale 32

Fig. 41 Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale 32

Fig. 42 Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale 32

Fig. 43 Fragmente der Erzthür des Bonanus von Pisa am Dome zu Pisa 33

Fig. 44 Mosaikfigur vom Fussboden der Martorana in Palermo 34

Fig. 45 Grundriss des Domes von Cefalù 35

Fig. 46 Chorseite des Domes von Cefalù 36

Fig. 47 Das Portal am Dome von Catania 36

Fig. 48 Der Dom von Amalfi 37

Fig. 49 Arkaden des saracenischen Hofes im Palaste der Ruffoli zu Ravello 38

 

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Fig. 50 Portraitbüste im Dome vom Ravello Seite 38

Fig. 51 Thronsessel in der Cathedrale von Canosa 39

Fig. 52 Kanzel in der Cathedrale von Salerno 41

Fig. 53 Osterkerzenleuchter in der Cathedrale von Capua 42

 

 

Tafeln.

 

Tafel 1 Palermo: Kreuzgang und Kirche S. Giovanni degli Eremiti.

Tafel 2 Kirche della Martorana.

Tafel 3 Anbetung der Maria durch Admiral Georgius, Antiochenus, Krönung König Rogers II. --- Mosaiken in der Kirche della Martorana zu Palermo.

Tafel 4 Mosaiken in der Kirche della Martorana, Details zu Taf. 3 (farbig).

Tafel 5 Mosaiken der Kuppel und der Deckengewölbe.

Tafel 6 Palermo-Mosaiken aus der Zisa und der Kirche della Martorana (farbig).

Tafel 7 Die Geburt Christi, Mosaik in der Kirche della Martorana. Mosaik in der Apsis der Cathedrale von Cefalù.

Tafel 8 Palermo: S. Cataldo, äussere Ansicht von Nord-Ost sowie östlicher Teil des Inneren.

Tafel 9 Palermo Inneres der Capella Palatina, Mittelschiff und Chor.

Tafel 10 Palermo Inneres der Capella Palatina, Blick nach Süd-Ost und Süd-West.

Tafel 11 Palermo Inneres der Capella Palatina ein Teil der Decke des Mittelschiffs sowie die Mosaiken der Kuppel.

Tafel 12 Palermo Inneres der Capella Palatina der Einzug Christi in Jerusalem, Mosaik(farbig).

Tafel 13 Palermo Inneres der Capella Palatina Mosaiken.

 

Tafel 14 Palermo Inneres der Capella Palatina Mittelschiff und Durchblick ins Seitenschiff (farbig).

Tafel 15 Mosaiken und Malereien aus der Capella Palatina und dem Dome von Monreale (farbig).

Tafel 16 Längsschnitt des Domes von Monreale und Längsschnitt der Capella Palatina in Palermo.

Tafel 17 Westfront der Cathedrale von Cefalù und Kirche Santo Spirito in Palermo.

Tafel 18 Dom von Palermo und die Kaisergräber im Dome.

Tafel 19 Das königliche Schloss in Palermo und das Roger-Zimmer (Stanza di Ruggero) im königlichen Schlosse.

Tafel 20 Mosaiken aus Palermo und Monreale (farbig).

Tafel 21 Die Zisa in Palermo und Vorhalle in der Zisa.

Tafel 22 Der Dom von Monreale, Mittelschiff und Chor.

Tafel 23 Chor des Domes von Monreale und Westfront desselben.

Tafel 24 Südseite des Kreuzganges am Dom von Monreale und Brunnenhaus im Kreuzgange.

 

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Tafel 25 Säulen und Kapitelle des Kreuzganges am Dom zu Monreale.

Tafel 26 Säulen und Kapitelle des Kreuzganges am Dom zu Monreale.

Tafel 27 Säulen und Kapitelle des Kreuzganges am Dom zu Monreale.

Tafel 28 Säulen und Kapitelle des Kreuzganges am Dom zu Monreale.

Tafel 29 Mosaik und Bemalung aus dem Dome von Monreale (farbig).

Tafel 30 Die grosse Erzthür am Dome von Monreale.

Tafel 31 Die kleine Erzthür am Dome von Monreale.

Tafel 32 Erzthür des Hauptportals der Cathedrale von Benevent und Erzthür der Cathedrale von Trani.

Tafel 33 Erzthür der Cathedrale von Ravello.

Tafel 34 Erzthür am Hauptportale der Cathedrale von Troja.

Tafel 35 Erzthür am Mausoleum des Boemund in Canosa.

Tafel 36 Kuppelturm der Cathedrale von Caserta-vechio und Turm der Cathedrale von Ravello.

Tafel 37 Ambo in der Cathedrale von Ravello und Kanzel und Osterkerzenleuchter in der Cathedrale von Benevent.

Tafel 38 Fragment einer saracenischen Decke im Museo Nazionale in Palermo.

 

 

 

Druck: Deutscher Verlag (Ges. m. b. H.), Berlin SW. 46.

 

 

 

Quelle:

Kutschmann, Theodor: Meisterwerke saracenisch-normannischer Kunst in Sicilien und Unteritalien: ein Beitrag zur Kunstgeschichte des Mittelalters - Berlin, 1900

 

Die Arbeit liegt in den Heidelberger historischen Beständen digitalisiert vor und ist über folgende Links zugänglich:

DOI Seite: https://doi.org/10.11588/diglit.42911#0001

Zitierlink: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kutschmann1900/0001

Dort können auch die im Text benannten originalen Zeichnungen und Fotos außer der Tafel 34 (Erztür am Hauptportale der Cathedrale von Troia) eingesehen werden.

Hinweis: In den Text wurden zusätzlich einige Fotos einer Studienreise von 2014 nach Unteritalien eingefügt.

 

 

 

 

Rezension von P. Schubring vom 07.07.1900 zu dieser Publikation Theodor Kutschmanns

 

Kunstwissenschaften.

Th. Kutschmann, Meisterwerke srazenisch-normannischer Kunst in Sizilien und Unteritalien. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des Mittelalters. Berlin, Franz Jaeger, 1900. 4°. 12 Tafeln in Lichtdruck und 8 Tafeln in Chromo-Facsimiledruck mit reich illustriertem Texte. M. 60.

 

Diese vornehm ausgestattete, der Berliner Akademie der bildenden Künste gewidmete Publikation bringt sehr sorgfältige Ganz- und Detailaufnahmen der sizilischen Bauten und Mosaiken des 12. Jahrhunderts, die namentlich über die Palermitaner Kunst zur Zeit der Normannenherrschaft einen schönen Überblick geben. Der Verf., der durch die Dekoration des Parcival-Zimmers im Berliner Theater des Westens und durch die „Geschichte der deutschen Illustration“ bekannt geworden ist, hatte in diesem Zimmer zunächst praktisch versucht, die mittelalterlichen Dekorationsformen des Südens heute wieder zu verwenden. Seine Publikation, die auf seinen eigenen Aufnahmen und den sehr sorgsam von ihm und seinem Sohn gemachten Zeichnungen (immer auf Grund von Pausen) beruhen, will für derartige praktische Aufgaben der Gegenwart neue Proben und Muster liefern. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Arbeit sehr verdienstlich und geglückt. So sehr diese Normannenkunst den Namen „Mischstil“ verdient, so sicher ist das Gefühl für die Form in ihr; etwas direkt Formloses, wie es heute an jedem Bau fast vorkommt, habe ich dort nie gefunden. In jedem Fall also können diese Blätter vorbildlich wirken, sei es unmittelbar oder als Anhalt für die eigene Arbeit. Nicht ganz so günstig lautet das Urtheil über den Text. Der historische Teil wäre entbehrlich gewesen, da er nichts Neues bringt und das Bekannte ungeschickt, ohne das Gefühl für das Wesentliche vorträgt. Der kunsthistorische Theil ist in vielen Punkten anfechtbar, da er mit sehr vagen Begriffen arbeitet. Die Hauptfrage in dieser Kunstepoche wird immer die bleiben: haben die Normannen hier etwas Eigenes geschaffen oder Fremdes aufgenommen und sich angeeignet resp. nur geduldet und geschützt? Dies Fremde ist jedenfalls nicht nur das Sarazenische, wie K. glaubt, sondern auch das Griechische, nicht nur bei den Mosaiken, sondern auch bei den Bauten. Die byzantinische Kultur ist und bleibt der entscheidende Machtfaktor für das Mittelmeerbecken bis ins 13. Jahrhundert hinein. Wenn in Sizilien wenig byzantinische Bauten erhalten sind (vgl. übrigens die Ostküste der Insel), so darf man daraus nicht folgern, sie hätten nie bestanden. Mir wird von Jahr zu Jahr klarer, dass die Normannen so gut wie gar keine Kunst mitgebracht und durchgesetzt haben; ihr Beitrag beschränkt sich auf drei bis vier Dekorationsformen. K.s Annahme, dass normannische Architekten und Steinmetzen von der Normandie in den Süden gewandert wären, wird schon durch die bekannte Stelle bei Gaufridus (III, 19) sehr unwahrscheinlich gemacht. Auch betr. des sarazenischen Einflusses muss man bedenken, dass es sich dabei doch auch um keine indigene, sondern importierte Kunst handelt, die schon viel Kompromisse hinter sich hat, als sie von den Normannen zum Vorspann benutzt wird. Mit einem Wort: die Verhältnisse liegen viel komplizierter, als K. sich denkt. Er hat einen guten Blick und wo er aus künstlerischem Instinkt Bestimmungen wagt, ist er meist glücklich, wenn auch die Benennungen einzelner Ornamente als sarazenisch, byzantinisch, normannisch oder romanisch nicht unbezweifelbar sind. Sehr gut sind die architektonischen Details beobachtet; namentlich die eigenartige Wölbung in S. Cataldo, der Martorana usw., wo Nischenbögen nicht nach byzantinischer Weise in den Zwickeln, sondern nach sarazenischer über ihnen in der Oberwand sitzen, ist als Eigenart hervorzuheben. Der Spitzbogen dagegen, der hier schon im 12. Jahrhundert die Regel ist, hätte eine ausführlichere Würdigung und Ableitung verdient. Wir kennen im Norden nur den gestelzten Rundbogen; hier kommt der gestelzte Spitzbogen vor. Woher stammt er? Aus dem Orient?

 

Die Einzelangaben bedürfen mannichfacher Berichtigung. Ich suche sie für das Kapitel „Die Erztüren unteritalischer Kirchen“ S. 39-41 zu geben.

 

 

Einfügung: Grabkapelle Boemunds I. in Canosa

 

Die Grabkapelle Boemunds von Tarent in Canosa ist von ihm selbst errichtet, nicht erst nach seinem Tode gebaut worden.

 

 

Einfügung: Detail der Bronzetür an der Grabkapelle in Canosa

 

Die Verzierungen der hier befindlichen Erzthüren werden mit Recht sarazenisch genannt; dann darf man aber nicht lediglich von „byzantinischen Lehrmeistern“ reden. Der Verf. erkennt nicht, dass die Mittelfelder des rechten Flügels zusammengehören und die Verklärung darstellen. Meine persönliche Ansicht geht dahin, dass der Künstler Roger nicht aus Amalfi, sondern aus Melfi stammt. Die Canueser Thür ist durchaus nicht „ganz in griechischer Technik“ hergestellt, die nur das Silberniello kennt, sondern theilweise im Relief, also das Gegentheil!

 

 

Einfügung: Bronzetür der Kathedrale von Troia

 

Die reliefierten Felder der Hauptthür in Troia (K. scheint die kleinere Bronzethür dieser Kirche nicht zu kennen) zeigen nicht ein Gemisch romanischer und byzantinischer Formen, sondern sind direkt lombardisch, freilich in dem Sinn, in dem dies Wort in Unteritalien immer angewendet werden muss.

 

Für die Datierung der Traneser Bronzethür giebt das Jahr 1153 (Weihe der Kirche) einen Anhalt.

 

 

Einfügung: Bronzetür der Kathedrale von Benevent

 

Die Beneventer Thür wird von K. immer noch in die Mitte des XII. Jahrhunderts gesetzt, obwohl ganz klar sein dürfte, dass sie später als die von Barisanus gegossen sein muss. Ich setze sie nach der Mitte des XIII. Jahrhunderts. Die Charakterisierung als norditalienisch halte ich für richtig, wenn auch nicht für erschöpfend, da im Grunde doch indigene Kunst hier vorliegt. Benevent ist die Hauptgiesshütte dieser Gegend und Zeit.

 

Es wäre wünschenswert, wenn bei einer neuen Auflage der Text einer nachdrücklichen Durchsicht unterzogen würde. Dabei solltem auch für das Kapitel der Palastbauten die schönen Aufsätze von A. Goldschmidt im Jahrbuch der preuss. Kunstsammlungen 1895, S. 199 und in der Zeitschrift für Bauwesen 1898 X-XII berücksichtigt werden, durch welche die alten phantastisch üppigen Anlagen erst wirklich verständlich geworden sind. Erfreulich wäre es, wenn die Dekorationsmuster von den Architekten praktisch aufgegriffen würden. Namentlich sind unter dem „Kosmatenstil“ begriffenen Formen als Flachmuster unerreicht. Es wäre ein Verdienst der Publikation, wenn sie nach dieser Seite hin sich wirksam erwiese.

 

Berlin. P. Schubring.

 

 

Quelle: Deutsche Literaturzeitung Jg. 21 (1900) Nr. 28. v. 07.07.1900 Sp. 1853-1856

Hinweis: In den Text wurden zusätzlich einige Fotos einer Studienreise von 2014 nach Unteritalien eingefügt.