Kutschmann 1900: Meisterwerke saracenisch-normannischer Kunst in Sicilien und Unteritalien

 

 

MEISTERWERKE SARACENISCH-NORMANNISCHER KUNST IN SICILIEN UND UNTERITALIEN

 

FRANZ-JÄGER-KUNSTVERLAG

 

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MEISTERWERKE

 

SARACENISCH-NORMANNISCHER KUNST IN SICILIEN UND UNTERITALIEN

 

EIN BEITRAG ZUR KUNSTGESCHICHTE DES MITTELALTERS VON TH. KUTSCHMANN

 

32 TAFELN IN LICHTDRUCK UND 8 TAFELN IN CHROMO-FACSIMILE-DRUCK

 

MIT REICH BEBILDERTEM TEXTE

 

HANNOVER

Bolm & Lockemann Buchhandlung für Architektur und Kunstgewerbe

Hildesheimerstrasse 242, am Aegidienthorplatz.

 

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DER KÖNIGLICHEN AKADEMIE DER KÜNSTE IN BERLIN

 

ZUGEEIGNET VOM VERFASSER.

 

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VORWORT.

 

Als der romanische Stil der Gothik weichen musste, handelte es sich nicht um ein Ableben, sondern nur um Unterbrechung und Absetzung einer Kunstperiode zur Zeit ihrer höchsten Blüte, als ihr noch volle Lebenskraft innewohnte. Aber in diesem Umstande liegt auch die Möglichkeit einer Wiederaufnahme, einer Weiterausbildung für moderne Zwecke, die sich in der That vorzubereiten scheint.

 

Mit Äusserlichkeiten ist aber nichts gethan, Nachahmungen und Zusammenstellungen von Einzelheiten nach berühmten Mustern können allein nicht helfen. Nur gründliches Studium und Erfassen des Geistes, der jene grosse Periode belebte, vermögen eine wahre Wiedergeburt herbeizuführen, die den Keim gesunder Lebensfähigkeit in sich trägt, die sich nicht nur auf die Galvanisierung einer Leiche beschränkt, sondern eine Auferstehung im Geiste bedeutet.

 

Was aber den romanischen Stil ganz besonders auszeichnet und dadurch für seine Wiederaufnahme spricht, ist seine grosse Anpassungsfähigkeit, die individueller Auffassung breitesten Raum giebt, und dass er deutschem Empfinden entgegenkommt wie kein anderer der historischen Baustile.

 

Einen Beweis für diese Fähigkeit, sich anzupassen und mit den verschiedenartigsten Elementen harmonisch zu verbinden, geben die Baudenkmäler saracenisch-normannischer Kunst in Sicilien und Unteritalien, in denen sich Morgen- und Abendland zu schönem Bunde vereinigen.

 

In der vorliegenden Arbeit habe ich es versucht, die Schönheit dieser Kunstweise zur Anschauung zu bringen, und dabei besonderes Gewicht auf das dekorative Element gelegt, in der Hoffnung, dadurch Anregung zur Weiterarbeit und zur Ausgestaltung der Motive gegeben zu haben.

 

Den Lichtdrucken liegen die besten Photographieen zu Grunde, den farbigen Blättern eigene Aufnahmen, die von mir und meinem Sohne mit grösster Sorgfalt an Ort und Stelle gemacht wurden, wobei wir der Treue der Farben ganz besondere Aufmerksamkeit widmeten.

 

Um die treibenden Faktoren, die Ursachen klarzulegen, die diese Wirkungen hervorriefen, hielt ich es für nutzbringend, dem erklärenden Texte einen kurzen Abriss der Geschichte Siciliens voranzuschicken, durch den erst volles Verständnis dieser Epoche möglich wird.

 

Wenn meine Arbeit mit ihrem reichen Vorbildermateriale Anlass zu dessen Benutzung und damit zugleich geistige Anregung giebt, so ist ihr Zweck erfüllt.

 

Charlottenburg, im Januar 1900.

 

Th. Kutschmann.

 

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EINLEITUNG.

 

Aus einer Verschmelzung der Antike mit deutschem Geiste entstand im 10. Jahrhundert in der lombardischen Ebene der romanische Stil, der während des 11. und 12. Jahrhunderts die Herrschaft führte und mit vollem Rechte seinen Namen trägt.

 

Die Langobarden, ein germanischer Volksstamm, der das Gebiet der Unterelbe bewohnte, waren im 6. Jahrhundert in Italien eingewandert und äusserlich bald romanisiert worden, d. h. sie hatten Sprache und Sitte ihrer neuen Heimat angenommen, ohne jedoch ihre germanische Eigenart zu verlieren. Und diese Eigenart ist den Langobarden geblieben, so lange sie ihre politische Selbständigkeit zu wahren vermochten. Jahrhunderte hindurch trägt ihr Kunstschaffen noch starke Spuren germanischen Geistes.

 

Je weiter der romanische Stil nach Süden vordrang, um so stärker macht sich der Einfluss der Antike geltend, die nördlich der Alpen immer weiter zurücktritt.

 

War naturgemäss in der Lombardei das nordisch-germanische Element überwiegend, so tritt dieses einen Schritt weiter südlich mit der Antike in edelstes Gleichmass, das in den Monumenten Toscanas zu schönster Entfaltung kommt.

 

Weiter nach Süden fällt das Übergewicht der Antike, zu der sich, namentlich bei den Schmuckformen, neben germanischen noch altchristliche, byzantinische und saracenische Elemente beigesellen.

 

Bei seinem Gange nach Norden nimmt der romanische Stil immer mehr germanische Formen auf, indes die antiken Motive oft bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet werden.

 

Tier- und Menschengestalten neben phantastischen Ungeheuern wurden, verbunden mit heimischem Pflanzenwerk und Blattformen, in den Darstellungskreis der Ornamentik gezogen, die sich besonders auf deutschem Boden zu grossem Reichtum und eigenartiger Schönheit entwickelte.

 

Ihren Stammeseigentümlichkeiten entsprechend, bildeten die germanischen Völker den romanischen Stil verschieden aus. So auch die Normannen, die aus ihrer nordischen Heimat nach Frankreich gekommen waren und dort den romanischen Formen noch keltische und angelsächsische Motive hinzufügten.

 

Auf gallischem Boden blieb, als Folge der stärkeren romanischen Einwirkungen, das Verständnis für die Antike bei weitem lebendiger als in Deutschland, was besonders in den nördlichen Provinzen zur Erscheinung kommt, wo sich die Akanthusmotive in fast klassischer Reinheit erhalten hatten, wie die stark korinthisierenden Kapitelle von St. Etienne zu Caën und Abbaye aux Dames daselbst beweisen.

 

Sonst herrschen an den Gesimsen der Bauwerke in der Normandie die geometrischen Formen vor, wie der Zickzack, Sägeband, Schachbrett, die Schuppen, die Raute, die Stern- und Diamantköpfe; nicht zu vergessen die nordischen Bandverschlingungen.

 

Nach Begründung der normannischen Herrschaft in Sicilien kamen mit den Zuzügen von Rittern und Reisigen auch Baumeister und Werkleute aus der Normandie und aus England nach Italien, die den romanischen Stil in nordischer Umgestaltung nach seinem Heimatlande zurückbrachten, mit ihm das in Nordfrankreich lebendig gebliebene Gefühl und Verständnis für klassische Formen, das sich in Italien, wo die Tradition der Antike nie erloschen war, noch weiter stärkte und ausbildete.

 

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Vor der Normannenzeit war der romanische Stil noch nicht nach Sicilien gedrungen, er war gleich der Langobardenherrschaft auf das Festland beschränkt geblieben, so dass die normannischen Baumeister keine auf ihn bezügliche heimische Tradition auf Sicilien zu überwinden hatten.

 

Ganz anders auf dem Festlande, wo die lombardischen Einflüsse die stärkeren blieben und die normannische Kunstweise nur sehr bedingt zur Geltung kommen konnte.

 

In Sicilien befreundeten sich die Normannen sehr bald mit der üppig-prächtigen Dekoration der Saracenen, die sie mit grossem Geschick ihren Zwecken dienstbar machten. Als ebenso treffliche Helfer erwiesen sich die byzantinischen Künstler, deren Erfahrung im Erzguss und musivischer Arbeit die normannischen Meister wohl zu nutzen wussten, zumal deren Stil bereits seine ursprüngliche Starrheit auf Sicilien verloren hatte und dadurch dem nordischen Auge wohlgefälliger wurde.

 

Am mächtigsten blieben die Einflüsse der Saracenen, die ihre Kunst bereitwillig in den Dienst der nordischen Machthaber stellten und dabei für sich selbst so viel gewannen, dem Gesetze des Korans untreu wurden, das ihnen verbot, Menschen- und Tiergestalten nachzubilden; ein Verbot, das übrigens in der Frühzeit des Islam überhaupt nicht besonders streng befolgt zu sein scheint.

 

Die Saracenen, ursprünglich im Norden Arabiens ansässig, waren neben den Mauren die Hauptträger der Kunst und Kultur des Islam. Beide sind hamitischer Abstammung, im Gegensatze zu den rein semitischen Arabern, von denen die mohamedanische Lehre ausging und die den unterworfenen Völkern neben dem Islam auch ihre Sprache aufzwangen und als Führer der ganzen Bewegung unzweifelhaft weittragende Anregungen gegeben haben. Sie bildeten den Adelsstand, waren die Offiziere der Heere und Herren aller Ämter, wozu ihr Unternehmungsgeist, ihre Schlauheit und Tapferkeit sie durchaus befähigten. Zu einer selbständigen Kunstthätigkeit fehlte ihnen dagegen, wie allen semitischen Völkern, sowohl Befähigung wie Neigung. Wir dürfen daher in den Arabern nur die Förderer und Schirmherren dessen betrachten, was im allgemeinen unter arabischer Kunst verstanden wird.

 

Auf dem weiten Gebiete, das die Kunst des Islam beherrscht, machen sich starke provinzielle Unterschiede bemerkbar, die jedoch alle auf einen gemeinsamen Ursprung, auf Persien, hinweisen, dessen Kunstformen wieder in assyrischen und altindischen Vorbildern wurzeln, die sich während der Sassanidenherrschaft (226 -- 636 n. Chr.) immer freier und weiter entwickelten.

 

In Persien nun empfingen die mit den Arabern siegreich eindringenden nordafrikanischen Stämme ihre künstlerische Befruchtung, die sich unter den Saracenen in Sicilien und den Mauren in Spanien selbständig zu hoher Vollkommenheit und Schönheit entwickelte.

 

Von dem, was die Saracenen zur Zeit ihrer politischen Selbständigkeit auf sicilischem Boden geschaffen haben, ist nichts auf unsere Tage gekommen; es fehlt somit jeder Anhalt, ob und wie weit normannische und byzantinische Einflüsse bei der eigenartigen Entwicklung und Gestaltung der saracenischen Dekoration thätig gewesen sind, die so ganz von dem abweicht, was in der übrigen mohamedanischen Welt Brauch und Sitte war. So finden sich beispielsweise bei den Wandbekleidungen der sicilianischen Bauwerke weder Stuckornamente noch glasierte Thonfliesen, an deren Stelle Marmor und Mosaik getreten sind.

 

Eine ganz eigenartige und sich nie wiederholende Erscheinung bietet sich in dem harmonievollen, gemeinsamen Kunstschaffen der Christen und Mohamedaner, die einander ergänzend, in voller Hingabe an die Sache, der sie dienen, beide ihr Bestes geben zur Ehre Gottes und zum Ruhme ihrer Fürsten.

 

Aus diesem Zusammenwirken der Kräfte, aus morgenländischer Grazie und nordischer Kraft und Kühnheit entstanden Bauwerke von unvergleichlicher Schönheit, deren märchenhafte Pracht das Auge entzückt und den Beschauer zur Bewunderung hinreisst.

 

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Palermo. Steinfries.

 

 

Geschichte Siciliens bis zum Ende der Normannenherrschaft.

 

Sicilien war bei Beginn der historischen Zeit durch zwei Stämme bevölkert, die Sikaner, die an der Westküste, und die Sikeler, die an der Ostküste sassen. Etwa um das Jahr 1000 v. Chr. kamen Phönikier ins Land, die hier Handelsniederlassungen gründeten und eine bereits hoch entwickelte Kultur mitbrachten. Zwei Jahrhunderte später folgten chalkidische und dorische Griechen, die, zahlreich und mächtig, einen grossen Teil der Küstenlandschaften in Besitz nahmen und bald völlig hellenisierten. Chalkidische Städte waren: Naxos, Katane, Zankle (später Massana), Leontinoi, Himera; dorische: Syrakus, Megara, Kamarina, Gela, Akragas (Agrigent) und Selinus.

 

Mit der Besetzung der Liparischen Inseln (580 v. Chr.) hatte die Herrschaft der Griechen ihre höchste Ausbreitung auf Sicilien erreicht. Von Osten aus waren sie bis Palermo, einer karthagischen Niederlassung, vorgedrungen (um 800) und hatten den schönen Ankerplatz für einen Freihafen erklärt, der fortan den Namen Panormos, Hafen für alle, führte. Doch hier im Nordwesten wurden sie nie so heimisch wie im Osten, dessen malerische Küste sie mit dem reichen Kranze ihrer Sagen umwoben. Es wurde daher dem meerbeherrschenden Karthago nicht sehr schwer, hier festen Fuss zu fassen und die Griechen von Palermo zu verdrängen, das zum Stützpunkt der karthagischen Macht wurde und zu einer grossen Handelsstadt emporwuchs. Bereits im sechsten Jahrhundert war im Norden der Insel eine ganze karthagische Provinz entstanden.

 

In jahrhundertelangen Kämpfen wurden die Griechen immer mehr zurückgedrängt, und die Karthager gewannen Provinz auf Provinz, bis endlich das Schwert der Römer semitischer Begehrlichkeit ein Ziel setzte und nach Beendigung der punischen Kriege Sicilien römische Provinz wurde.

 

700 Jahre währte die Herrschaft der Römer über Sicilien, das sie als ihre Kornkammer betrachteten und bis aufs Mark aussogen; doch blieben griechische Sprache und Sitte herrschend bis zur Kaiserzeit, erst dann wurde die Insel völlig latinisiert. Nach dem Untergange des weströmischen Reiches kam Sicilien an die Westgoten unter Odoaker und nach dessen Sturz an die Ostgoten, doch war wie überall, so auch hier die Gotenherrschaft nur von kurzer Dauer, denn schon 535 n. Chr. eroberten die Byzantiner unter Belisar die Insel.

 

Aufs neue war griechische Bildung und griechische Kunst in Sicilien heimisch geworden, aber das byzantinische Joch lastete ebenso schwer auf der Bevölkerung wie das der Römer, und durch wiederholte Aufstände wurde der vergebliche Versuch gemacht, dasselbe abzuschütteln. Endlich war eine militärische Revolution ausgebrochen; der General Eufemius wollte die Insel von Byzanz losreissen, aber da die fremden Truppen treu

 

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blieben, blieb dem Empörer kein weiterer Ausweg, als nach Afrika zu fliehen und sich den Saracenen in die Arme zu werfen, indem er bei den Aghalabiten Schutz und Hilfe suchte. Es gelang ihm, die arabischen Führer zur Eroberung Siciliens aufzubieten, und am 17. Juni 827 landeten dieselben bei Mazzara mit einem Heere von 700 Reitern und 10 000 Fusstruppen. In blutiger Schlacht wurde der byzantinische Feldherr Palata geschlagen und nach diesem Siege eine Stadt nach der anderen erobert. Am 21. Mai 878 fiel das feste Syrakus nach heldenmütiger Gegenwehr, aber erst 902 wurde durch die Einnahme von Taormina Sicilien vollständig der saracenischen Herrschaft unterworfen und dem Kalifat von Tunis als Provinz zugeteilt.

 

Mohamedanische Gesetze wurden eingeführt und arabische Sprache und Sitte zur Herrschaft gebracht. Das Christentum geriet in arge Bedrängnis, obwohl die Saracenen nicht fanatische Unterdrücker desselben waren und gegen Zahlung von Tribut Kirchen und Gemeinden bestehen liessen. Trotzdem gingen viele der letzteren ein, indem zahlreiche Christen zum Islam übertraten, je mehr sich die saracenische Herrschaft befestigte und je mehr die Hoffnung schwand, das Kreuz siegend zurückkehren zu sehen. Die zahlreichen Angriffe der Byzantiner wurden nicht nur zurückgeschlagen, sondern auch das italienische Festland durch saracenische Landungen, von Sicilien aus, fortwährend beunruhigt.

 

Die arabische Herrschaft in Sicilien war ganz anderer Art als die des maurischen Reiches in Spanien, das, stark und selbständig, nicht nur ein grosses christliches Reich zerstört und unterworfen hatte, sondern auch den Abassiden in Asien gegenüber seine Unabhängigkeit und Rechtmässigkeit behaupten musste, sodass es zu ganz anderen Regierungsmassregeln gezwungen war, als die Beherrscher Siciliens sie nötig hatten. Hier war keine grosse einheimische Macht verdrängt worden, nur eine Fremdherrschaft, die als Bedrückung empfunden war, hatte einer anderen weichen müssen, die milder auftrat. Dazu waren die Städte herabgekommen, die Bevölkerung, schlaff und gleichgültig geworden durch endlose Bedrückungen, war wenig geneigt, ihr Christentum gegen den Halbmond zu verteidigen, zumal die geringe Grösse des Landes und dessen Bodenbeschaffenheit solche Kämpfe wie in Spanien ganz unmöglich machten, wo sieben Jahrhunderte hindurch Schwert und Speer nimmer rasteten und Kreuz und Halbmond sich den blutigen Boden in ununterbrochenen Kämpfen streitig machten. Aber während draussen die Schwerter klangen, blühten in den Städten Kunst und Wissenschaft, mächtige Bauwerke entstanden, und die Herrlichkeit des Maurenreiches verdunkelte das übrige Europa.

 

Zu solchem Ruhme hat es die Saracenenherrschaft in Sicilien nicht gebracht. Wohl entwickelte sich auch hier die Kultur des Orients mit reissender Schnelligkeit, die Poesie, die Künste und Wissenschaften des Morgenlandes schlugen schnell Wurzel auf dem altgriechischen Boden Siciliens, indess Kreuz und Halbmond friedlich nebeneinander standen. Doch sind die Saracenen während der 200 jährigen Dauer ihrer Herrschaft nie zu dem Gefühle ruhigen Besitzes gekommen, und diese Unsicherheit darf auch wohl als Grund gelten, weshalb die Saracenen in Sicilien keine so grossartigen Bauwerke errichteten wie die Mauren auf spanischem Boden, obwohl Reichtum genug vorhanden war, den die ununterbrochenen Raubzüge fortwährend mehrten.

 

Von keiner berühmten Moschee, von keinem glänzenden Schlosse ist die Rede; auf unsere Tage ist aus jener Zeit nichts gekommen, denn selbst die Lustschlösser Zisa und Cuba bei Palermo, die als Saracenenbauten galten, sind längst als Bauwerke aus der Normannenzeit erkannt worden.

 

Mit dem Reichtum wuchs Luxus und üppiges Leben, die Städte erblühten wieder, vor allen Palermo erhob sich zu Glanz und Reichtum wie nie zuvor.

 

Haben die Saracenen auch keine Monumentalbauten hinterlassen, so blieben ihr Baustil und ihre Dekorationsweise doch lange nachwirkend, über die Normannenzeit hinaus, bis zu den Zeiten der schwäbischen Kaiser.

 

Die Herrschaft der Normannen in Sicilien umfasst nur ein Jahrhundert, hat aber Spuren hinterlassen, deren Grossartigkeit und Schönheit noch heute zur Bewunderung hinreissen, beredte Verkünder des Ruhmes und der Thatkraft dieser Dynastie, die sich durch Verstand, Kühnheit und weitschauende Politik auszeichnete, bis sie saracenischer Üppigkeit und der Parteiwut erlag.

 

Kühne Seefahrer, aus dem Norden Europas stammend, überfielen und beunruhigten sie seit dem 9. Jahrhundert die Küsten Englands, Frankreichs und Deutschlands. Frankreich verschaffte sich dadurch Ruhe, dass Karl der Einfältige ihren Häuptling Rollo im Jahre 912 mit der Normandie belehnte und ihm seine Tochter Giesela zur Frau gab. Ein Abkömmling dieses Rollo, im fünften Gliede, war Herzog Wilhelm, der im Jahre 1066 England eroberte. Ein drittes Reich gründeten die Normannen unter schweren Kämpfen im Süden Italiens.

 

Eine Schar normannischer Ritter war zu Anfang des 11. Jahrhunderts auf der Rückkehr aus Palästina

 

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nach Unteritalien gekommen und hatte die Christen in ihren Kämpfen gegen die Saracenen unterstützt. Durch Tapferkeit und Klugheit gewannen die Normannen bald Gunst und Einfluss, so dass ihnen Herzog Sergius von Neapel 1027 einen fruchtbaren Landstrich verlieh, wo sie Aversa erbauten und unter dem Grafen Rainulf eine unabhängige Grafschaft gründeten. Die günstigen Berichte, die nach der Heimat gelangten, veranlassten sehr bald neue Zuzüge von Rittern und Reisigen. Vor allen waren es drei von den zehn Söhnen des edeln Tancred von Altaville, Wilhelm der Eisenarm, Drogo und Humfried, die, begierig nach Ruhm und Beute nach Apulien segelten und dort mit 300 Normannen in die Dienste der Griechen traten, um dem Feldherrn Maniaces im Kampfe gegen die Saracenen beizustehen, denen er Sicilien wieder entreissen wollte.

 

Im Jahre 1038 landeten Griechen und Normannen auf der Insel, überfielen und eroberten im ersten Anlauf Messina, Syrakus und mehrere andere Städte, wobei ihnen die Uneinigkeit der saracenischen Führer sehr zu statten kam. Aber bald entzweiten sich die Sieger im Streite um Lohn und Beute, und die schimpflich beleidigten Normannen verliessen ihre Bundesgenossen, um sich in Apulien schadlos zu halten, wo sie Melfi eroberten und damit einen Mittelpunkt für ihre Unternehmungen gewannen, der zum gemeinschaftlichen Besitz und als Zufluchts- und Versammlungsort bestimmt wurde, indes alle weiteren Eroberungen unter die Führer verteilt werden sollten. An die Spitze dieser auf dem Feudalsysteme beruhenden Herrschaft trat 1042 Wilhelm Eisenarm als Graf von Apulien.

 

Den Griechen war der sich bildende neue Staat ein Dorn im Auge, sie zogen den grössten Teil ihrer Streitkräfte von Sicilien zurück, um sich gegen die Normannen zu wenden und Apulien wieder zu gewinnen. Dieser Versuch misslang nicht nur gänzlich, indem die Normannen in allen Treffen Sieger blieben, sondern hatte auch den Verlust der sicilianischen Eroberungen zur Folge, die wieder an die Saracenen zurückfielen.

 

Im Jahre 1046 starb Wilhelm Eisenarm, und sein Bruder Drogo folgte ihm als Graf von Apulien, dessen Herrschaft sich immer mehr befestigte und ausbreitete, denn neue Zuzüge aus der Heimat verstärkten das Heer der Normannen mehr und mehr. Bis auf zwei waren auch die übrigen Söhne Tancreds nach Apulien gekommen, unter ihnen der tapfere und kluge Robert Guiscard. Jetzt versuchten die Griechen durch Versprechungen und grosse Geschenke die Normannen wieder für sich zu gewinnen, doch vergeblich, die rechte Zeit war versäumt, fremder Dienst konnte keinen Reiz mehr ausüben, zumal der deutsche König und römische Kaiser Heinrich III. die Eroberungen dadurch bestätigte, dass er ihnen 1047 die Grafschaften Aversa, Apulien und einen Teil von Benevent zu Lehen gab.

 

Machtlos wie das griechische Schwert hatte sich auch griechisches Gold den Normannen gegenüber erwiesen; nun wurde zu einem andern Mittel gegriffen, um sich der unliebsamen Fremdlinge zu entledigen.

 

Aufgestachelt durch die Griechen und getrieben von eigenem Hasse, versuchten nun die apulischen Langobarden durch Verrat und Tücke das zu erreichen, was den Griechen im offenen Kampfe nicht gelungen war. Meuchlerisch wurde Graf Drogo im Jahre 1051 in der Kirche von Montello niedergestossen und viele seiner Mannen erschlagen. Aber der Plan, alle Normannen an diesem Tage umzubringen, scheiterte an der Umsicht und Tapferkeit des dritten Bruders Humfried, der schnell die Genossen sammelte, Montello eroberte und an den Anstiftern des Verrats schreckliche Rache nahm. Mit der Führerschaft hatte Humiried zugleich die Grafenwürde übernommen.

 

Das Fehlschlagen auch dieses Unternehmens liess die Griechen den völligen Verlust ihrer Herrschaft in Unteritalien befürchten, und diese nur zu begründete Furcht trieb sie dem Papst in die Arme, indem sie ihn von der Gefährlichkeit der Normannen zu überzeugen suchten. Leo IX. liess sich gewinnen; er befahl den Normannen, Italien zu räumen, und als dieser Befehl unbeachtet blieb, griff er zum Schwerte, um im Verein mit Griechen und Langobarden der Normannenherrschaft den Garaus zu machen. Die Gefahr war gross, schien doch die Übermacht der Feinde das kleine Normannenheer erdrücken zu wollen, das sich unter Humfried, Robert Guiscard und Richard dem Grafen von Adversa gesammelt hatte, entschlossen, für Leben und Freiheit das Äusserste zu wagen. Bei Ferdorium kam es am 18. Juni 1055 zur Schlacht, in der die Normannen abermals Sieger blieben und das Heer der Feinde zersplitterten. Der Papst, der sich nach Civitate geworfen hatte, wurde von den Bürgern aus Furcht vor der Rache der Normannen gezwungen, die Stadt zu verlassen, und fiel als Gefangener seinen Feinden in die Hände, die ihn aber so ehrenvoll aufnahmen und so schonend behandelten, dass er leicht in eine Versöhnung willigte, da er in den Normannen eine neue Stütze der Kirche zu finden hoffte, und sie mit allen bisherigen und zukünftigen Eroberungen, die sie in Unteritalien und Sicilien machen würden, belehnte.

 

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Auch die ferneren Angriffe der Griechen blieben erfolglos und vermochten nicht der Ausbreitung der Normannen Einhalt zu thun, die eine Stadt nach der andern eroberten oder doch zinspflichtig machten und sich bereits an ein bürgerlich sesshaftes Leben zu gewöhnen begannen. Nach Humfrieds Tode (1057) kam die Grafenwürde an Robert Guiscard, der sich aber, seiner nunmehrigen Macht entsprechend, zum Herzog von Apulien und Calabrien ausrufen liess.

 

Um diese Zeit war auch Roberts jüngster Bruder Roger aus der Normandie nach Apulien gekommen, gleich jenem gross und schön von Gestalt, ein Muster ritterlicher Tugenden, nur entgegenkommender und freundlicher, was ihn leichter die Herzen gewinnen liess, aber auch Roberts Eifersucht erweckte. Bei der Belagerung von Reggio kam es zu offenem Streit zwischen den Brüdern, der bis zur Fehde ausartete und Roberts Herrschaft in Calabrien arg ins Gedränge brachte, wo Krankheit und Hungersnot die Lage schon schlimm genug gemacht hatten. Schon glaubten die Calabresen die Zeit gekommen, um mit Hilfe des Papstes, der Robert mit dem Banne belegt hatte, die Herrschaft der Normannen abwerfen zu können, als gegen Erwarten nicht nur die Brüder sich versöhnten, sondern auch Papst Nicolaus II. den Bann aufhob und die frühere Belehnung erneuerte, wodurch er die Hilfe Roberts gegen die widerspenstigen Barone des Kirchenstaats gewann (1059).

 

Im Jahre 1060 eroberten die tapferen Brüder endlich das lange umworbene Reggio, und nun lag die Herrlichkeit Siciliens täglich lockend vor ihren Augen, was Roger zu dem tollkühnen Unternehmen veranlasste, eines Nachts mit nur 60 Gefährten nach der sicilianischen Küste hinüberzufahren, um den Zustand des Landes auszukundschaften. Doch war das Beginnen vergeblich, denn die wachsamen Saracenen traten den Eindringlingen entgegen und trieben Sie nach heldenhafter Gegenwehr wieder zu ihrem Schiffe zurück, so dass sie nur mit Not der drohenden Gefangenschaft entgingen.

 

Bald bot sich indes Gelegenheit, ernsthaft an die Eroberung Siciliens zu denken, indem der Emir von Syrakus, den sein Bruder vertrieben hatte, vor Roger erschien, ihm die innere Zerrüttung des Landes schilderte und ihn aufforderte, herüberzukommen und den Saracenen die Insel als leichte Beute zu entreissen. Der verlockende Ruf fand willige Ohren. In einer dunklen Nacht setzte Roger nach Sicilien über und eroberte Messina nach blutigem Kampfe und tapferer Gegenwehr, wo er sich festsetzte und seinen Bruder Robert erwartete, der auch alsbald mit Heeresmacht kam und sich mit ihm vereinigte.

 

Aber auch die Saracenen waren nicht müssig gewesen; sie hatten ihre Völker gesammelt und traten bei Castro Giovanni den Brüdern entgegen, wo es zur Schlacht kam, in der die Normannen zwar Sieger blieben, sich aber doch nicht stark genug fühlten, den Sieg sofort weiter zu verfolgen und sich wieder nach Calabrien zurückzogen, um neue Kräfte zu sammeln. Indessen hatte der Kalif von Aegypten den Saracenen eine Flotte zur Hilfe nach Sicilien gesandt, die aber bei der Insel Pantellaria scheiterte.

 

Das alte Normannenglück war aufs neue treu geblieben, aber in unglaublicher Verblendung entzweiten sich die Brüder abermals, Robert Guiscard sah mit Neid auf die Erfolge Rogers und verweigerte ihm, was er verlangte, ganz Sicilien und die Hälfte von Calabrien. Wieder entbrannte der Bruderkampf, der unentschieden hin und her wogte, bis Robert in die Gefangenschaft Rogers geriet, durch seine geistige Überlegenheit aber so mächtig auf den Bruder wirkte, dass unter Thränen die Versöhnung zustande kam und Roger sich unterordnete.

 

Mit vereinter Macht wurde nun die Unterwerfung Siciliens wieder aufgenommen, und mehrere Male war schon Palermo bedroht gewesen; aber immer wieder durch die Wirren in Calabrien zurückgerufen, konnten die Normannen erst im Jahre 1071 zu ernstlicher Belagerung schreiten, die Roger zuerst allein führte, da Robert durch Kämpfe mit den Griechen auf dem Festlande zurückgehalten wurde. Die Saracenen verteidigten sich mit dem Mute der Verzweiflung, und erst nach dem Eintreffen Robert Guiscards konnte mit Aussicht auf Erfolg zum Sturm geschritten werden, der am 10. Januar 1072 unternommen wurde. Von zwei Seiten zugleich drangen die Normannen in die äussere Stadt, und die Saracenen, das Vergebliche weiteren Widerstandes einsehend, ergaben sich den Siegern gegen Zusicherung des Lebens und der Freiheit ihrer Religion. Ohne Plünderung, ohne Blutvergiessen wurde hierauf die Stadt besetzt und der abgeschlossene Vertrag getreulich gehalten.

 

Roger, der von seinem Bruder als Beherrscher Siciliens anerkannt wurde, befestigte allgemach seine Herrschaft, und alle Versuche der Saracenen, die Insel wiederzugewinnen, scheiterten an seiner Wachsamkeit und Tapferkeit. Aber erst 1092 war Sicilien ganz unterworfen. Robert, der sich einige wertvolle Besitzungen vorbehalten hatte, nannte sich fortan Herzog von Sicilien, Roger Graf. Schnell erhob sich das Christentum wieder, Bistümer und Klöster wurden gegründet und zahlreiche Baronien an die Grossen des Reiches verliehen.

 

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Die weiteren Feldzüge Robert Guiscards gegen die Griechen, die auf hellenischem Boden ausgefochten wurden, können hier nicht in Betracht kommen, da Sicilien nicht davon berührt wurde, das unter Rogers weiser Regierung kräftig emporblühte. Robert starb im Jahre 1085 während eines Feldzuges in Griechenland; seine Söhne Boemund und Roger Bursa teilten das Reich, wodurch das Übergewicht der normannischen Macht von der älteren Linie auf die jüngere Rogers von Sicilien überging, denn keiner der unter sich uneinigen Erben Robert Guiscards war im Stande, das alte Ansehen aufrecht zu erhalten.

 

Hochbetagt schied Graf Roger im Jahre 1111 aus dem Leben, das Reich seinem minderjährigen Sohne hinterlassend, der unter der Vormundschaft seiner Mutter Adelasia und des Admirals Georg Antiochenus als Roger II. die Regierung antrat. Er hat die normannische Macht zu höchstem Glanze emporgeführt, nachdem auch die Länder Robert Guiscards ihm zugefallen waren, dessen Stamm mit dem Tode seines Enkels Wilhelm 1127 erlosch.

 

In Roger II. vereinigte sich alle Kraft und Geistesgrösse, die seinem Geschlechte eigen waren und es zur Grösse geführt hatten. Er besass eine hohe Gestalt, einen festen, fast finstern Blick und eine gewaltige Stimme, Eigenschaften, die den Herrscher ankündigten. Er war treu und zuverlässig, ein Feind der Lüge, gewissenhaft und ordentlich in allen Geschäften. Nie liess er sich zu Übereilungen hinreissen, nie von Freude oder Schmerz unwürdig beherrschen. Seine Art zu Strafen war hart, fast grausam; aber diese Strenge war nötig, um die Ordnung in dem noch jungen Reiche aufrecht zu erhalten und es vor Auflösung zu bewahren.

 

Der Zuwachs an Macht, der Roger durch die apulische Erbschaft zugefallen war, schreckte den Papst Honorius II., der die Fürsten von Capua, Salerno und Neapel zu den Waffen rief und ihn mit Krieg überzog. Aber Roger blieb Sieger, zwang den Papst, ihn mit Apulien zu belehnen, und setzte sich dann mit Zustimmung des Adels und der hohen Geistlichkeit die Königskrone auf. Die Krönung geschah zu Palermo am Weihnachtstage des Jahres 1130. --

 

Glanzvoll richtete Roger seinen Hofhalt ein, um der Monarchie nach innen und aussen die nötige Würde zu geben. Sein Kabinet bildete er aus den Trägern der sieben Kronämter, die er geschaffen, dem Connetabel und Grossadmiral, dem Grossrichter, dem Grosskanzler und Oberkämmerer, dem Protonotar und dem Grossmarschall. Er umgab sich mit orientalischem Ceremoniell und liess seinen Palast durch Eunuchen und die ihm treu ergebenen saracenischen Garden bewachen. In fast ununterbrochenen Kriegen besiegte er alle inneren und äusseren Feinde. Den griechischen Kaiser, der seine Rechte auf Sicilien nicht aufgeben wollte, bekämpfte er im eigenen Lande. Er erschien vor Konstantinopel und plünderte Athen, Korinth und Theben. Auch Malta wurde von seiner Flotte erobert, die den Normannenschrecken bis nach Afrika trug.

 

Aus Griechenland führte Roger Seidenweber nach Palermo und errichtete dort Seidenmanufakturen, die ihm und seinem Hofe kostbare Gewänder lieferten. Von dorther stammt auch das Pallium, der Krönungsmantel der römisch-deutschen Kaiser, von dem noch später die Rede sein wird.

 

Nach Beendigung der siegreichen Kämpfe in Griechenland und Afrika herrschte König Roger in Frieden. Er verbesserte die Gesetze, ordnete die Verwaltung und begünstigte Künste und Wissenschaften, indem er Prachtbauten aufführen und aufs reichste ausschmücken liess. Gegen den Islam war Roger wie sein Vorgänger und seine Nachfolger äusserst tolerant. Christen und Mohamedaner lebten im besten Einvernehmen, nie war von einer Bedrückung oder Verfolgung die Rede. Saracenische Künstler halfen christliche Kirchen schmücken, arabische Künste und Wissenschaften wurden aufgenommen, und selbst der Hof nahm arabische Sitte an, trug saracenische Gewänder und umgab sich mit morgenländischer Pracht und Üppigkeit.

 

Sicilien bietet unter der Normannen-Herrschaft das Bild der seltsamsten Kultur-Mischung, von welcher die Geschichte berichtet. Fünf Sprachen waren im Gebrauche: die griechische, die lateinische, die hebräische, die arabische und endlich die Lingua volgare, die Volkssprache, die bald zur italienischen Schriftsprache sich ausbildete. Alle diese Idiome wurden angewendet, in der ersten normannischen Zeit bei Diplomen und Urkunden am häufigsten die griechische mit der Übersetzung ins Arabische, welches so sehr den Vorzug gewann, dass es uns sogar auf Inschriften an christlichen Kirchen begegnet.

 

Als gegen Ende des 12. Jahrhunderts unter der Regierung Wilhelms II. ein spanischer Maure, Mohamed-Ibn-Djobair von Valencia, die Insel Sicilien bereiste, pries er laut den König und seine Liebe zum Islam. Der Fürst, so berichtet er, liest und schreibt Arabisch; sein Harem besteht aus muselmannischen Frauen, seine Pagen und Eunuchen sind heimliche Muselmänner. Die Frauen von Palermo nennt der Reisende schön, üppig

 

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und ganz saracenisch gekleidet, und wenn er sie an festlichen Tagen in den Kirchen sah, in goldgelbe Seide gekleidet, mit farbigen Schleiern umhüllt und behangen mit kostbarem Geschmeide, geschminkt und balsamduftend, so glaubte er sich in seine muselmannische Heimat zurückversetzt.

 

Als König Roger zum Sterben kam, bedrängte ihn die Sorge um die Zukunft seines Reiches, das er einem unwürdigen Erben überlassen musste; und alles Glück seines ruhmvollen Lebens vermochte wohl nicht diese Qual der Todesstunde aufzuwiegen. Vier treffliche Söhne waren ihm schnell nach einander gestorben, und nur der unwürdigste und unfähigste, Wilhelm, war übrig geblieben, der nach des Vaters Tode, am 27. Februar 1154, als Wilhelm I. ihm in der Regierung folgte. Adel und Geistlichkeit haben ihm den Beinamen „der Böse“ gegeben. Nach Art aller schlechten Regenten hatte er nichts Eiligeres zu thun, als viele der besten Einrichtungen umzustossen, die bewährten Räte zu entlassen und sich mit Leuten zu umgeben, die seiner Eitelkeit schmeichelten. An der Spitze dieser Günstlinge stand ein Emporkömmling schlimmster Art, der Grossadmiral Majo von Bari, der die ihm verliehene Machtfülle damit vergalt, dass er treulos eine Verschwörung gegen den König anzettelte und sich dann durch einen Meineid vom Verdacht der Teilnahme rettete. Palastrevolutionen, Aufstände des Adels und allerlei Zettelungen richteten grenzenlose Verwirrungen an, die im Verein mit unaufhörlichen Kriegen das Reich in seinen Grundfesten erschütterten. Wie eine Befreiung von schwerem Joche wurde der Tod des verhassten Königs empfunden, der im Alter von 45 Jahren am 14. Mai 1166 starb, nachdem er nach glücklich beendeten Kriegen die letzten Jahre seines Lebens in träger Ruhe und Müssiggang verbracht hatte.

 

Mit seinem Sohne und Nachfolger Wilhelm II., der im Alter von 14 Jahren den Thron bestieg, endete bereits die direkte Linie des normannischen Herrschergeschlechts. Seine ersten Regierungsjahre waren durch Streit um die Vormundschaft, Rebellion der Barone und allerlei Hofkabalen ebenso unruhig, wie es die Herrschaft seines Vaters gewesen war. Unaufhaltsam neigte sich die Sonne des Glückes zum Untergange. Die Normannen hatten ihr schönes Reich wohl erobern können, aber in üppigem Leben und unter der Glut des Südens war die Kraft, es zu behaupten, verdorrt. Ein weiterer Grund des Niederganges lag in dem Feudalsystem, das bei der Gründung des Reiches folgerichtig entstanden war und später von den Königen nicht mehr gebrochen werden konnte.

 

Ungleich seinem Vater war Wilhelm II. milde und friedliebend und führte ein gottesfürchtiges Leben, während sein Vater wie ein Saracene gelebt hatte. Er stiftete Kirchen und Klöster, die er überreich ausstattete. Viele Denkmäler kirchlicher Kunst, an denen Sicilien so reich ist, sind seine Gründungen, so der herrliche Dom von Monreale und die Kathedrale von Palermo. Er starb, erst 36 Jahre alt, am 1. November 1189. --

 

Von den Nachkommen Rogers II. war nur dessen Tochter Konstanze, die mit dem deutschen Könige Heinrich VI. vermählt war, und ein ausserehelicher Enkel, Tancred Graf von Lecce, übrig geblieben, ein natürlicher Sohn des ältesten und frühverstorbenen Sohnes König Rogers II. und der Sibylla, einer Tochter des Grafen Robert von Lecce, in deren Armen der junge Königssohn sein Leben verträumt und verspielt hatte.

 

Rechtmässig musste nach dem Tode Wilhelms II. das Normannenreich der Konstanze und damit Heinrich VI. zufallen, da die weibliche Nachfolge nicht ausgeschlossen war und König Wilhelm das Erbrecht der Konstanze ausdrücklich anerkannt hatte. Entgegen diesem unzweifelhaften Rechte erhoben sich trotzdem gewichtige Stimmen gegen die Erbfolge des mächtigen Hohenstaufen, und die Blicke der Gegner, an deren Spitze der Kanzler Matthäus stand, richteten sich auf Tancred, den alle ritterlichen Tugenden schmückten und der wohl eines Thrones würdig war. Spitzfindig setzte sich der Kanzler über die uneheliche Geburt Tancreds hinweg, darauf hinweisend, dass König Roger schliesslich seine Zustimmung zu der Heirat der Eltern gegeben hatte, deren Vollziehung nur durch den Tod des Prinzen verhindert wurde. In seiner Rede, durch die Matthäus die Barone des Reiches für seinen Plan zu gewinnen suchte, hiess es zum Schluss: „Er (Tancred) ist aber, so heisst es, nicht ehelich geboren, er hat kein Erbrecht. -- Also das soll entscheiden, dass sein Vater, der seine Mutter liebte, wie je ein ehelich Weib geliebt worden ist, nicht um ein weniges länger lebte! Das soll der zur Herrschaft unfähigen, die Ausländer herbeiführenden Konstanze den Vorzug geben vor einem Manne, gegen dessen Trefflichkeit auch seine Feinde nichts einzuwenden wissen! Er ist der letzte Sprosse desjenigen Königshauses, welches Reich und Volk gross und berühmt gemacht hat, und wenn das Erbrecht nicht hinreicht, so steht uns ein Wahlrecht zu, wie unsere Väter es übten, als sie die Söhne Tancreds von Altaville an ihre Spitze stellten. Reichten aber alle diese Gründe nicht aus, so müsste der nächste entscheiden: Aufruhr wütet im Lande und wir bedürfen in diesem gefährlichen Augenblick eines Oberhauptes.“

 

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Viele der Barone teilten des Kanzlers Ansichten, und das Volk begehrte begeistert Tancreds Erhebung zum Könige, der auch dem Rufe folgte und im Januar 1190 zu Palermo unter Beistimmung des Papstes feierlich gekrönt wurde. Aber trotz der vox populi, trotz der Zustimmung des Papstes blieb die Erhebung Tancreds ein Treubruch, der auf Meineid beruhte, denn er selbst und alle Grossen des Reiches hatten König Roger gegenüber die Erbfolge Konstanzes beschworen und Treue gelobt. --

 

König Heinrich VI. der nach dem Tode Wilhelms II. nicht daran denken konnte, dass sein normannisches Erbe ihm streitig gemacht werden könne, brach sofort nach Italien auf, um seine Rechte Tancred gegenüber mit dem Schwerte zu behaupten. Nachdem er in Rom am 15. April 1191 durch Papst Cölestin III. die Kaiserkrone empfangen hatte, wandte er sich sofort gegen Tancred, brach in die apulischen Lande ein und belagerte Neapel. Aber das Glück war gegen ihn. Verheerende Krankheiten brachen im Heere aus, und der Kaiser selbst wurde von der Seuche ergriffen, so dass er sich genötigt sah, die Belagerung aufzuheben und mit dem Reste des Heeres nach Deutschland zurückzukehren, seine Gemahlin in den Händen Tancreds als Gefangene zurücklassend. Sie war während der Belagerung Neapels von Heinrich nach Salerno geschickt und hier treuloserweise an Tancred ausgeliefert worden, der die Kaiserin jedoch mit der grössten Schonung und Hochachtung behandelte und sie bald nach des Kaisers Abzug ohne Lösegeld freiliess.

 

Nur wenige Jahre der Macht und königlichen Glanzes waren Tancred beschieden; bereits am 20. Februar 1194 raffte ihn der Tod dahin, nachdem sein hoffnungsvoller Sohn Roger kurz vor ihm gestorben war. Kurz vor seinem Tode hatte Tancred noch seinen zweiten, minderjährigen Sohn Wilhelm krönen lassen und seine Gemahlin Sibylla als Regentin bestellt.

 

Jetzt riefen die unzufriedenen Barone selbst den Kaiser herbei, der sofort ein gewaltiges Heer sammelte und bereits am 12. Mai vom Trifels nach Italien aufbrach, um sein Sicilisches Reich endlich zu gewinnen. Pfingsten war er bereits in Mailand, wo es ihm gelang, die feindlichen lombardischen Städte zu versöhnen. Dann ging er nach Pisa und Genua und gewann durch grosse Versprechungen die Hilfe dieser Städte, die ihm wegen ihrer Flotten von besonderem Werte waren. Zu den Genuesen sprach er: „Wenn ich nächst Gott durch Euch Sicilien erobert habe, so wird die Ehre mein, der Nutzen aber Euer Sein. Ich darf mit meinen Deutschen nicht dort bleiben, Ihr aber und Eure Nachkommen könnt es. Euch, nicht mir, wird das Reich gehören.“ Pisa und Genua, dem kaiserlichen Worte trauend, stellten ihre Schiffe unter den Befehl des Reichstruchsesses Markward von Auweiler, der längs der Küste nach Gaeta segelte, das von den Genuesen besetzt wurde.

 

Zu Lande nahte der Kaiser. Fast alle Städte unterwarfen sich ohne Schwertstreich. An Salerno wurde blutige Rache genommen, und Ende Oktober landete Heinrich in Messina. Dort erwartete ihn die Flotte, deren beide Geschwader inzwischen einen heftigen Eifersuchtsstreit, wie er unter Genuesen und Pisanern niemals ausblieb, durchgekämpft hatten. Auf der Insel war dem kaiserlichen Heere erfolgreich vorgearbeitet worden: bei Catania erlag das letzte Heer, welches die normannische Adelspartei gegen die Deutschen aufgebracht hatte. Nachdem er die Rädelsführer furchtbar bestraft, wandte sich Heinrich nun der sicilischen Hauptstadt zu. Am 20. November 1194 zog er unter dem Jubel der Bevölkerung in Palermo ein, an seiner Seite ritten sein jüngster Bruder Philipp, sein Oheim, der Pfalzgraf vom Rhein, der junge Herzog von Bayern, der mächtige Markgraf von Montferrat, der Erzbischof von Capua. „Wem von allen, die dem Kaiserjüngling auf seinem Siegeszuge ins ernste, stolze Antlitz sahen und neben ihm den blonden, blauäugigen Bruder erblickten, den „jungen, süssen Mann, schön und tadelsohne“ -- wem wäre wohl die Ahnung aufgestiegen, dass nach wenigen Jahren der eine ein Raub des Todes sein und der andere, von ruchloser Hand getroffen, ihm ins Grab nachfolgen würde!“ *)

 

Von Strenge und Strafe war keine Rede. So hielt es denn die Königin Sibylle, die sich mit ihrem Sohne in ein festes Schloss zurückgezogen hatte, für das Beste, mit dem Kaiser einen Vertrag einzugehen, nach welchem sie die angestammte Grafschaft Lecce und ihr Sohn Wilhelm das Fürstentum Tarent erhalten sollte, allen aber Sicherheit des Lebens und der Güter versprochen war. Wilhelm legte hierauf selbst seine Krone zu Füssen Heinrichs nieder, der sich nun am Weihnachtsfeste im Dome zu Palermo feierlich krönen liess.

 

Jetzt, nachdem er am Ziele war erschienen die Genueser vor Heinrich, ihn an seine Versprechungen zu erinnern, aber ablehnend antwortete der Kaiser: „Ich sehe hier keinen unter Euch, der für Genua zu sprechen ein Recht hätte. Euer Podesta ist tot, und erst, wenn ein wahrer Bevollmächtigter erscheint, werde ich erfüllen,

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*) Th. Töche, Kaiser Heinrich VI. Leipzig 1867. S. 341.

 

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was ich gelobte.“ Bald nachher wurden aber alle früheren Freibriefe der Genueser für nichtig erklärt und jeder mit dem Tode bedroht, der innerhalb des apulischen Reiches als ihr Anwalt auftreten würde.

 

Kurz nach seiner Krönung behauptete der Kaiser, ihm sei eine Verschwörung entdeckt worden, welche sich gegen sein Leben und seine Herrschaft richtete. Er legte den versammelten Grossen des Reiches Briefe vor, welche die Schuld vieler Bischöfe, Grafen und Edeln beweisen sollten, und liess unter der Leitung des gefügigen Peter von Celano strenges Gericht halten. Es wurden Erzbischöfe, Bischöfe, Grafen und Edle, unter ihnen der Erzbischof von Salerno und der grosse Seeheld Margaritone, als Verräter verhaftet und nach Deutschland abgeführt. Da der Verdacht sich selbst auf die königliche Familie erstreckte, wurde Sibylla mit ihren Töchtern ins Nonnenkloster Hohenburg im Elsass verbannt; sie hat erst nach Heinrichs Tode die Freiheit wiedererlangt. Den jungen Wilhelm hielt man auf der Burg Hohenems gefangen, wo er nach wenigen Jahren gestorben ist. Eine Sage erzählt, er sei dem Kerker entkommen und habe als Eremit zu St. Jacob bei Chiavenna noch lange gelebt. -- Berichtet wird auch, dass Heinrich die Gräber König Tancreds und seines Sohnes Roger erbrechen und ihnen die Kronen vom Haupte reissen liess. Die verdächtigen oder überführten Edelleute, unter ihnen der Admiral Margarito, erhielten ihr Gefängnis in derselben Reichsburg Trifels, die ein noch höherer Gefangener, der englische König Richard Löwenherz, der vorübergehend auch in die Geschicke Siciliens verflochten war, kurz zuvor verlassen hatte.

 

Unermesslich war die Beute, die dem Kaiser durch Einziehung des königlichen Schatzes zufiel. Arnold von Lübeck berichtet: „Der Kaiser zog in die Aula des toten Tancred ein und fand dort Lager, Sessel und Tische von Silber und Gefässe von lauterem Golde; auch verborgene Schätze, köstliches Gestein und herrliche Kleinodien, so dass er 150 Saumtiere mit Gold und Silber, mit Juwelen und seidenen Gewändern belud und ruhmreich in sein Land zurückkehrte.“ --

 

Irrtümlich hat man die entsetzlichen Gräuel, welche den Namen des Kaisers schänden, in diese Zeit verlegt. Sie sind nicht wegzuleugnen, aber sie fanden drei Jahre später und unter Umständen statt, welche die barbarische Härte zwar nicht rechtfertigen, aber doch erklärlicher machen.

 

Heinrich hatte es mit den Sicilianern offenbar gut im Sinne gehabt. Als er das Land verliess, setzte er die Kaiserin Konstanze als Regentin ein -- sie, die als normannische Prinzessin ein Herz hatte für ihre Landsleute. Sie verstand deren heimliche Wünsche nur zu gut. Den allmälig in Apulien und auf der Insel um sich greifenden Verschwörungen gegen die deutschen Herren hat sie sogar Vorschub geleistet.

 

Bei Heinrichs Wiedererscheinen in Messina im Frühjahr 1197 wurde ein Anschlag gegen sein Leben entdeckt. Sein Zorn überstieg die Grenzen der Menschlichkeit. Denn jetzt, nachdem die Rebellen geschlagen und gefangen waren, wütete er gegen die Treulosen wie ein Tyrann. Etliche wurden geblendet, andere aufgehenkt, gespiesst, ins Meer versenkt oder verbrannt -- selbst auf die Geiseln in Deutschland erstreckte sich die Rache des Unversöhnlichen. Die Kaiserin wurde zwar geschont, aber sie musste zusehen, wie dem als Gegenkönig Ausersehenen eine glühende Krone aufs Haupt genagelt wurde.

 

So war das Normannengeschlecht dahingesunken, dem das Geschick die schönsten Länder der Welt zu eigen gegeben hatte; der Untergang des Hohenstaufengeschlechts sollte ihm bald folgen. Vierundsiebzig Jahre später wurde am Strande bei Neapel, angesichts der ganzen Herrlichkeit des apulischen Reiches, das Blutgerüst aufgeschlagen, auf dem Konradin, der letzte Hohenstaufe, unter dem Henkerbeil endete.

 

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Bauwerke der Normannen in Palermo.

 

a) Kirchen.

 

S. Giovanni degli Eremiti.

 

Mit Rogers II. Erhebung zum Könige (1130) war die Glanzzeit des Normannenreiches angebrochen und dessen Zustände soweit gefestigt, dass der König zu den längst geplanten Kirchenbauten schreiten konnte. Bereits im Jahre 1132 entstand S. Giovanni degli Eremiti (Taf. 1), eine einschiffige Anlage mit vorgelegtem schmalen Querschiffe. Das Langhaus ist durch einen auf vorspringenden Wandpfeilern ruhenden Spitzbogen in zwei Quadrate geteilt; das Querschiff zeigt Dreiteilung (Grundriss Fig. 5). Die das Querschiff begrenzende östliche Mauer wird nur von der Hauptapsis durchbrochen, die beiden Nebenapsiden sind nur als einfache Wandnischen behandelt, die nicht über die Mauerstärke hinausgehen.

 

Das aus Haustein aufgeführte Mauerwerk ist äusserlich gänzlich schmucklos und unvermittelt setzen die überhöhten glatten Kuppeln auf, von denen die beiden grossen über dem Langhause, zwei kleinere über dem Chöre und südlichem Kreuzarme liegen, während die fünfte die Bekrönung des Turmes bildet, der sich über dem nördlichen Kreuzarme erhebt.

 

Sehr eigenartig gestaltet sich die Konstruktion der Kuppeln im Innern. Sie sind aus dem Quadrat erst in ein Achteck und dann in die Rundung übergeführt, eine Konstruktion, auf die wir weiter unten wieder zurückkommen werden.

 

 

Fig. 3. Kuppelsystem von S. Cataldo.

 

Das Innere der längst ausser Gebrauch gesetzten Kirche ist völlig schmucklos und kahl, doch lassen einige Reste von Malerei auf frühere reiche Ausschmückung schliessen. Der ganze Bau macht einen durchaus orientalischen Eindruck und es ist anzunehmen, dass ausschliesslich saracenische Architekten den Bau aufgeführt haben.

 

Der in Ruinen liegende sehr schöne Kreuzgang gehört einer etwas späteren Zeit an; den zierlichen korinthisierenden Kapitellen und der Basenbildung nach zu urteilen, dürfte er während der ersten Regierungsjahre Wilhelms II. entstanden sein.

 

S. Giovanni steht in Palermo einzig in seiner Art da, nur eine kleine Kapelle im Hofe der Zisa zeigt ähnliche einschiffige Anlage, jedoch ohne Querschiff.

 

 

Martorana und S. Cataldo.

 

Eine andere Gestaltung der Anlage kehrt bei den Kirchenbauten aus der Zeit Rogers II. häufiger wieder. Hier sind vier Säulen durch überhöhte Spitzbogen verbunden, die ein Quadrat bilden, über dem sich die erst ins Achteck und dann in die Rundung übergehende Kupper erhebt. Von den vier Säulen gehen wieder in Längs- und Querrichtung niedrigere Spitzbogen aus, welche in der Mitie vier rechteckige glatte und in den Ecken quadratische Kreuzgewölbe umschliessen, so dass drei Schiffe und in der Länge drei Gewölbefelder entstehen, an die sich die

 

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drei Apsiden der Ostmauer anschliessen. Die Tafeln 2, 5, 8, die Grundrisse Fig. 6 und 7 nebst Fig. 3 geben die nötigen Erläuterungen hierzu.

 

Nach diesem Schema sind erbaut: die Martorana, S. Cataldo, S. Giacomo la Mazara und S. Antonio.

 

Als erste in dieser Reihe steht die Kirche della Martorana, eine Gründung des Grossadmirals Rogers II., Giorgius Antiochenus, der sie 1143 zu Ehren der Gottesmutter erbauen liess, daher ihr ursprünglicher Name: S. Maria dell‘ Ammiraglio, der 1433, als die Nonnen des von Aloysia Martorana gestifteten Klosters die Kirche übernahmen, in Martorana umgewandelt wurde.

 

Nach dieser Übernahme wurde die Kirche nach Westen hin bedeutend erweitert, der alte Kern jedoch völlig unversehrt erhalten, den auch ein weiterer Umbau, der 1684 unternommen wurde, glücklicher Weise wenig berührte. Nur die Hauptapsis wurde entfernt und durch eine viereckige Choranlage ersetzt.

 

Über ihre frühere Gestalt sind die Meinungen geteilt. Serradifalco, dessen Werke *) der Grundriss Fig. 7 entnommen ist, der den alten Teil der Kirche darstellt, schliesst auf eine Choranlage nach dem Muster der Capella Palatina, die auf dem Grundriss durch punktierte Linien angedeutet ist. Die neuere Forschung lehnt dagegen die Annahme eines Altarhauses ab und bezieht sich auf die Gestaltung der Hauptapsis von S. Cataldo. In diesem Sinne ist auch neuerdings Coulisse eingebaut, die durch einen mit + bezeichneten Halbkreis auf dem Grundrisse nachgetragen ist und durchaus überzeugend wirkt.

 

Die von alten Schriftstellern ihrer Schönheit wegen hochgepriesene Façade war der Erweiterung im 15. Jahrhundert zum Opfer gefallen. Auf die verschwundene Pracht des Äusseren lässt noch der herrliche Turmbau schliessen, der bis auf die fehlende Kuppel noch wohl erhalten ist und sich wunderlich genug neben der barocken Façade ausnimmt.

 

Der alte Teil des Inneren ist von ausserordentlich prächtiger Wirkung: Marmorsäulen, Marmorwände und darüber Glasmosaiken auf Goldgrund.

 

 

Fig. 4. Taufstein in S. Cataldo.

 

Die Architekten scheinen Saracenen und Byzantiner gewesen zu sein, auf erstere weisen die Konstruktion der Kuppel und die Spitzbogen, auf letztere die centrale Anlage des Ganzen hin.

 

Leicht und graziös steigt die Kuppel auf. Die säulengetragenen, von Spitzbogen durchbrochenen Oberwände bilden ein Quadrat, welches durch vier in den Ecken auf Kragsteinen stehende Nischen in ein Achteck übergeführt ist, das nach oben erst in die Rundung und dann in die Wölbung übergeht. Taf. 4 giebt ein Bild der Kuppel von unten gesehen, das die Konstruktion klar erkennen lässt. Dies Kuppelsystem bleibt im 12. Jahrhundert das herrschende und findet seine schönste Ausbildung in der Capella Palatina.

 

Die Dekoration des Inneren trägt zwiefachen Charakter. Der Fussboden und die Bekleidung des unteren Teiles der Wände rühren von saracenischen, die Mosaiken der Kuppel und der Gewölbe von griechischen Künstlern her, in deren Händen zu jener Zeit die Ausübung der musivischen Kunst fast ausschliesslich lag, und die in Italien und Sicilien zahlreiche Schulen gegründet hatten.

 

Die Dekoration der Unterwände wurde 1726 abgenommen und ist erst neuerdings wieder ersetzt worden, wobei die überall gleiche Dekorationsweise der Normannenbauten als unfehlbares Vorbild diente.

 

Der Fussboden besteht aus buntfarbigem Marmormosaik in reichen geometrischen Mustern. Die Unterwände sind mit hellen Marmorplatten (Cipollino) bekleidet, in die wieder Kreise und Vierecke von anderer Farbe eingelassen sind. Die hellfarbigen grossen Platten werden von buntfarbigen Glasmosaikfriesen in geometrischen Mustern umzogen, für die sich die Bezeichnung „Cosmaten-Werk“ eingebürgert hat, obwohl diese Künstler nicht die Erfinder sind, sondern die von ihnen vielfach angewandte Dekorationsweise von den Saracenen übernommen haben (Taf. 20, 16-18; Taf. 29, 5-10). Ein breiter Palmettenfries bildet nach oben hin den Abschluss der saracenischen Dekoration. Die Palmetten sind, wie aus der Abbildung (Fig. 11) zur Capella Palatina ersichtlich, aus kleinen Grundmustern herausgeschnitten (Taf. 20, 10-15).

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*) Duca di Serradifalco. Del Duomo di Monreale etc. Palermo 1838.

 

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Fig. 5. S. Giovanni degli Eremiti.

 

Die in Glasmosaik ausgeführten figürlichen Darstellungen und Ornamente der Kuppel, der Gewölbe, der Fenster- und Bogenlaibungen zeigen eine seltene Schönheit und Harmonie der Farben, die nur im Dome von Cefalù und kaum in der Capella Palatina ihresgleichen findet. Die Zeichnung der Figuren ist noch sehr streng und schematisch, aber die Mehrzahl der Köpfe zeigt doch schon ausdrucksvolle Durchbildung.

 

Die Anordnung der Bilder ist folgende: In der Kuppel: Im Scheitelpunkte der thronende Christus, darunter 4 abbetende Engel.

 

Im Achteck: 8 Prophetengestalten.

 

In den 4 Nischen des Achtecks: Die 4 Evangelisten.

 

Auf den Wänden der Vierung: Östlich, die Verkündigung Mariae; westlich, die heil. 3 Könige.

 

In den die Kuppel umgebenden Gewölben: Östlich, die Erzengel Gabriel und Michael; westlich, die Geburt (Taf. 7) und der Tod Mariae (Taf. 6, 10); nördlich und südlich je 4 Apostelgestalten.

 

Die 4 Eckgewölbe tragen ein Sternenmuster in Gold auf blauem Grunde (Taf. 6, 9).

 

Die Laibungen der die Kuppel umgebenden Bogenstellung tragen je 7 Medaillons mit den Brustbildern von Heiligen, die übrigen Bogen- und Fensterlaibungen reiche ornamentale Verzierungen (Taf. 6, 5-8 und Taf. 20, 8-9).

 

In den Nebenapsiden sind links der heil. Joachim, rechts die heil. Anna dargestellt.

 

Zwei Bilder erübrigen noch, die

 

 

Fig. 6. S. Cataldo

 

 

Fig. 7. Martorana.

 

 

Fig. 8. Capella Palatina.

 

Gemeinsamer Maasstab der 4 Grundrisse. 1:150

 

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zu den schönsten der ganzen Reihe zählen: Die Krönung Rogers II. durch Christus und die Anbetung der Maria durch Georgius Antiochenus (Taf. 3, Details dazu Taf. 4). Die Köpfe auf diesen Bildern sind besonders gut und ausdrucksvoll gezeichnet, und die Gewandungen zeigen einen schönen Fluss der Linien. Leider sind diese Mosaiken, die sich nicht mehr an ihrem alten Platze befinden, in ihren unteren Teilen stark beschädigt und später schlecht ergänzt worden, was sich auf den Abbildungen deutlich erkennen lässt.

 

Jetzt befinden sich diese Bilder an den Wänden des Erweiterungsbaues, während sie früher wohl auf der alten Westwand, den Nebenapsiden gegenüber, angebracht waren. Für die Annahme, dass ihr früherer Platz aussen an der Westfront gewesen sei, fehlt jeder Anhalt, denn es ist kein Beispiel vorhanden, das zu diesem Schlusse berechtigte.

 

Lassen die figürlichen Darstellungen zweifellos griechische Künstler als Urheber erkennen, so ist das bei den durchweg schön gezeichneten Ornamenten durchaus nicht der Fall. Keine der Formen weist auf Byzanz hin, und da saracenische Einflüsse gar nicht in Frage kommen, so müssen einheimische Künstler die Urheber gewesen sein, die frei aus sich heraus erfunden haben. Diese Annahme wird gerechtfertigt erscheinen, wenn man die byzantinischen Ornamente des Roger-Zimmers und der Vorhalle der Zisa mit den hier angewandten vergleicht.

 

Die Säulen der Martorana sind höchstwahrscheinlich antiken Bauwerken entnommen, worauf sowohl die verschiedene Bearbeitung, wie auch die verschiedene Höhe hinweist. Um hier ein Gleichmaass zu gewinnen, mussten einige der Säulen gestelzt, andere mit einem Aufsatz versehen werden, wie die beiden zu Seiten der Hauptapsis stehenden. Der originelle Aufsatz ist auf Tafel 6, 6 abgebildet.

 

Gleichen Ursprung haben auch die Säulen des Erweiterungsbaues, zwei davon tragen arabische Inschriften

 

 

Fig. 9. Vorderseite des Altars in S. Cataldo.

 

 

und haben wohl vordem schon in einer Moschee gestanden.

 

Die barocken Malereien über den beiden Säulen im Vordergrunde der Abbildung auf Tafel 2 bezeichnen die Grenze, auf der alter Teil und Erweiterungsbau aneinanderschliessen.

 

Bemerkenswert sind noch einige plastische Arbeiten, so das schöne Friesfragment über dem südlichen Seitenportal, auf dem in Ranken verflochtene Jagdscenen dargestellt sind. (Abb. S. 7) und der Taufstein (Fig. 4), dessen Ornamentik lombardische Einflüsse erkennen lässt.

 

Eine sehr schöne in Holz geschnitzte Thür saracenischer Arbeit schmückt ein ausser Gebrauch gesetztes

 

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Seitenportal. Die beiden Füllungen, die auf Taf. 38 abgebildet sind, wiederholen sich in wechselnder Stellung auf jedem Flügel sieben mal. Auch die auf derselben Tafel befindliche Thürlaibung, die sich jetzt im Museo Nazionale in Palermo befindet, stammt aus der Martorana.

 

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In S. Cataldo, unter Wilhelm I. im Jahre 1161 begonnen, wiederholen sich System und Grundriss der Martorana, nur mit der Abweichung, dass hier statt einer Kuppel, deren drei über dem Langhause lagern, wodurch eine reiche und prächtige Wirkung des Inneren erzielt ist.

 

Das durchaus saracenische Äussere macht weit mehr den Eindruck einer Moschee, als den einer christlichen Kirche, was hier noch mehr hervortritt, als bei S. Giovanni, da Querhaus und Turm fehlen. Aber das Äussere ist nicht mehr so schmucklos wie dort. Spitzbogige Lisenen beleben die Wandflächen, die ein zierlich durchbrochenes Steingeländer krönt, und die Kuppeln steigen nicht mehr unvermittelt aus der Umfassungsmauer auf, sondern werden durch einen zurückspringenden Aufsatz, der die Achtecke der Kuppelkonstruktion umschliesst, wirkungsvoll emporgehoben (Taf. 8).

 

Von der einstigen Ausschmückung des Innern ist, ausser dem schön gezeichneten Mosaikfussboden aus buntem Marmor, nichts mehr vorhanden. Kuppeln und Wände sind völlig kahl und keinerlei Reste lassen auf die Art der alten Dekoration schliessen (Taf. 8).

 

Die Marmorsäulen tragen gleichfalls korinthisierende Kapitelle, nur eins derselben, links im Vordergrunde der Abbildung Taf. 8 sichtbar, zeigt eine andere, sehr eigenartige Form, die schwer zu deuten ist und in ihren unteren Teilen an nordische Motive erinnert, deren Verschlingungen nach oben zu in Volouten auslaufen, die von schlanken Blattformen getragen werden.

 

Ein sehr interessantes Stück ist der alte, noch vorhandene Altar, dessen Vorderseite eine in den Marmor eingeritzte Zeichnung trägt, das Lamm, umgeben von den vier Evangelisten, darstellend (Fig. 9). Die Figuren sowohl, als auch die schön gezeichneten romanischen Ornamente weisen in ihrem Charakter nach Norden hin.

 

 

 

Die Capella Palatina.

 

Diese Schönste aller normannischen Kirchen wurde von Roger II. erbaut und am 28. April 1140 mit grossem Pomp eingeweiht. Sie liegt im königlichen Schlosse auf der Höhe des ersten Stockwerks.

 

Den inneren Hof des Palastes umziehen drei übereinander liegende Loggien, in der ersten liegt der Eingang zur Capella Palatina. Ein Porticus von acht Säulen zieht sich vor der Eingangsthür hin. Den oberen Teil der Wand bedecken moderne Mosaiken, welche Scenen aus dem alten Testamente darstellen, mit Beziehungen auf die Krönung Rogers. Eine Inschrift am Eingange berichtet in lateinischer, griechischer und arabischer Sprache, dass König Roger eine Sonnenuhr am Palaste habe anbringen lassen. Der arabische Text lautet in der Übersetzung: „Ergangen ist der Befehl der königlichen Majestät, der Herrlichkeit Rogers, des Erhabenen, dessen Tage Gott verewige und dessen Zeichen er bestätige, dass dies Instrument entstehe zur Beachtung der Stunden. In der Metropole Siciliens (von Gott) behütet im 536. Jahre (der Hedschra).“

 

 

Fig. 10. Seitenwand des Königsstuhls in der Capella Palatina.

 

Es ist dies ein Beweis für die grosse Duldsamkeit, die den Saracenen gegenüber geübt wurde, die es sogar gestattete, dass an einer christlichen Kirche die Jahreszahl in ihrer Zeitrechnung ausgedrückt wurde.

 

Unvergleichlich schön und stimmungsvoll ist der Eindruck den das goldschimmernde Innere macht, dem nur kleine Fenster sparsames Licht geben. Erst allmählich vermag das von der Sonne des Südens geblendete Auge des Eintretenden, die ganze Pracht und Herrlichkeit aufzunehmen und zu erfassen. Und doch trotz aller Pracht keine Überladung, keine Aufdringlichkeit, sondern stimmungsvollste Harmonie der Formen und Farben.

 

In der Capella Palatina kommt die Stilmischung am schönsten und vollkommensten zum Ausdruck. Antike Marmorsäulen mit korinthischen Kapitellen, saracenische Spitzbogen, Kuppel und Decke, byzantinische Mosaiken und abendländischer Grundriss. Aus diesen Elementen

 

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setzt sich das Ganze zusammen, als dritter Typus der normannischen Kirchenbauten (Taf. 9 u. 10).

 

Die Kuppelkonstruktion ist die gleiche wie in der Martorana, die Gestaltung der ganzen Anlage erklärt sich durch den Grundriss (Fig. 8), den Durchschnitt (Taf. 16) *) und die 3 Innenansichten (Taf. 9 u. 10).

 

Die Dekoration der untern Wände in den Seitenschiffen ist, wie in der Martorana, saracenisch, und was weiter vorn darüber gesagt wurde, gilt auch für hier, denn Schema wie Material sind ganz dieselben, hier wie dort. Ein Stück des Palmettenfrieses zeigt Fig. 11.

 

Die Oberwände des Mittelschiffes, der Seitenschiffe und des Chorraumes sind völlig mit Mosaiken bedeckt, deren Motive der biblischen Geschichte und der Legende entnommen sind. Auf den schmalen Wandflächen zwischen den Arkadenbögen des Mittelschiffes stehen Heilige in ganzer Figur, über welchen zwei Reihen Darstellungen aus dem Alten Testamente hinlaufen; die untere Reihe ist den Bögen entsprechend zwickelförmig gestaltet, die obere geradlinig abgeschlossen. Die Oberwände der Seitenschiffe tragen Darstellungen aus der Apostelgeschichte, Kuppel und Unterchor solche aus der Geschichte Christi, ähnlich denen der Martorana. Von ganz besonderer Schönheit ist die Figur der Maria in der Darstellung der Verkündigung auf der Ostseite der Vierung. Den oberen Teil der grossen Apsis schmückt ein Brustbild Christi in gigantischen Verhältnissen. Würde und Milde liegen auf dem Antlitz des Erlösers, der in der Linken das Evangelium hält, während die Rechte zum Segen erhoben ist. In der unteren Hälfte der Apsis steht Maria, von Heiligen und Engeln umgeben. Auf der Westwand über dem Königsstuhle befindet sich abermals die Gestalt Christi, hier aber in ganzer Figur und auf dem Throne sitzend, umgeben von Heiligen und Engeln.

 

Einen Teil der Mosaiken des Mittel- und nördlichen Seitenschiffes in ihrer ganzen Höhe giebt Taf. 14 und eine der Darstellungen aus dem Chore, den Einzug Christi in Jerusalem, Taf. 12, die Wölbung der Kuppel Taf. 11. Auch hier in der Palatina hat sich in den figürlichen Kompositionen die Herbigkeit byzantinischer Meister schon bedeutend gemildert, nur die Einzelfiguren der Heiligen und besonders die Gestalten der Engel zeigen noch die ganze Strenge der Tradition der alten Malerschule vom Berge Athos. Das Ornamentwerk (Taf. 13) zeigt ein Gemisch von byzantinischen und romanischen Formen.

 

Die flache Decke des Mittelschiffes ist ein Meisterwerk saracenischer Kunst, deren sternförmige Felderung Taf. 11 veranschaulicht. Farbige Details davon giebt Taf. 13. Inschriften in arabischer Sprache und Schriftzeichen umziehen als wirkungsvoller Schmuck einen Teil der Steinfelder. Auch an anderen Stellen finden sich arabische Schriftzeichen, gleichsam als Merkmal friedlichen Zusammenarbeitens zwischen Christen und Mohammedanern, zu einer Zeit, als die Kämpfe der Kreuzzüge am heftigsten tobten. Ein steiles Stalaktitengewölbe vermittelt den Übergang der Decke zu den Wänden.

 

Die Decken der Seitenschiffe und Nebenräume tragen ungemein reizvolle saracenische Malereien, in deren reichem Ornamentwerk allerlei Getier, Löwen, Panther, Pfauen, Adler, Papageien u. s. w., auch Köpfe von Heiligen und öfter sogar ganze Figuren, mohammedanischem Brauche entgegen, verflochten sind. Als höchst eigenartige Erscheinung treten hier vogelartige Wesen mit Männerköpfen auf, die auch in Monreale wiederkehren und an die Harpyen der griechischen Mythe erinnern, nur dass anstatt der Frauenköpfe hier männliche aufgesetzt sind.

 

Das Dekorationsprinzip der Unterwände in den Seitenschiffen, die in den Marmor eingelassenen Mosaikstreifen saracenischer Musterung, findet in ausgedehntem Maasse, nur in noch reicherer und wechselvollerer Gestaltung, auch Anwendung als Schmuck der Chorschranken, der Kanzel, des Königsstuhls und der Treppenstufen, die sämtlich in Marmor gearbeitet sind. Ein Beispiel von dieser reichen und wirkungsvollen Ausstattung giebt Fig. 10, die ein Seitenteil des Königsstuhls darstellt.

 

Aus diesen Einzelheiten setzt sich das Ganze zusammen, das in seiner zauberhaften Schönheit ohne Beispiel dasteht. **)

 

 

Fig. 11. Palmettenfries aus der Capella Palatina.

 

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*) Nach Serradifalco.

**) Amari, Cavallari etc. La Capella di S. Pietro della Reggia di Palermo. Palermo 1889.

 

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In der an hervorragenden Werken der Kleinkunst und allerlei Merkwürdigkeiten reichen Schatzkammer der Capella Palatina befinden sich zwei Elfenbein-Cassetten von orientalischer Arbeit, die Interesse genug haben, um hier mit angeführt zu werden.

 

Die älteste derselben, Fig. 12, ist mehr merkwürdig als schön. Sie ist aus dunklem Holze gearbeitet und mit dünnen Elfenbeinplatten bekleidet, worauf allerlei Jagdscenen eingraviert sind. Die hier abgebildete Vorderseite zeigt eine Falkenjagd auf vierfüssiges Getier, eine Jagdart, die in Persien während des Mittelalters Sitte war. Diese Darstellungen nebst Zeichnung und Kostüm der Figuren lassen auf eine persische Arbeit aus dem 10. oder 11. Jahrhundert schliessen, die durch das Fehlen jeder Ornamentik um so merkwürdiger wird. Die Grössenverhältnisse betragen: Länge 0,14 m, Breite 0,09 m, Höhe 0,06 m.

 

Die zweite grössere Cassette, Fig. 13, ist eine saracenische Arbeit des 12. Jahrhunderts. Das Material ist Elfenbein, die gravierte Zeichnung steht auf schwarz und rotem Grunde. Löwen, die rehähnliche Tiere erwürgen und Adler, die auf kleinere Vögel stossen, scheinen auf die Besiegung der Saracenen durch die Normannen hinzudeuten. Die Cassette hat ovale Form, der Deckel ist gewölbt. Länge 0,400 m, Breite 0,235 m, Höhe 0,390 m.

 

 

S. Spirito

 

Mit der Einwanderung der baueifrigen Cisterzienser, die sich grosser Gunst der Normannenfürsten erfreuten, wurden als vierter Typus rein nordische Formen der Kirchenbauten in Palermo eingeführt. Bereits 1150 wurde die Kirche della Magione gegründet, die, arg verbaut, heute nur noch wenig von der ursprünglichen Anlage erkennen lässt. Besser ist S. Spirito (Kirche der Vesper) erhalten, die 1173 von Walther of the Mill, früherem Hofkaplan Heinrichs II, der an den Hof der Normannen gekommen war, gegründet wurde. Der englisch-normannische Einfluss ist hier unverkennbar.

 

 

Fig. 14. Rundpfeiler aus S. Spirito.

 

Das Äussere der Chorseite trägt die charakteristischen Zeichen normannischer Dekorationsweise: Bogenblenden und sich durchkreuzende Spitzbögen (Taf. 17).

 

Das Innere zeigt dreischiffige Anlage. Die Arkadenbögen werden von mächtigen Rundpfeilern (Fig. 14) getragen, zwei aufeinander liegende Deckplatten ersetzen das Kapitell. Das schwach ausladende Querhaus bildet einen grossen quadratischen Chorraum, den drei Apsiden abschliessen.

 

 

Der Dom

 

gehört gleichfalls zu dieser Gruppe englisch-normannischer Bauwerke; als sein Erbauer wird der oben genannte Walter of the Mill genannt, der unter dem Namen Gualterius Ophamilius Erzbischof von Palermo geworden war.

 

Ursprünglich stand hier eine kleine Basilika, welche während der Herrschaft der Saracenen als Moschee benutzt wurde. Die Bauzeit fällt in die Regierungszeit Wilhelm II., die Einweihung erfolgte 1185. -- Das Innere ist durch einen Umbau zu Ende des 18. Jahrhunderts gänzlich umgestaltet, so dass von der ursprünglichen Erscheinung nichts als der Grundriss übrig geblieben ist. Diesem Umbau verdankt auch die unpassende Kuppel ihr Dasein.

 

Der Grundgedanke der dreischiffigen Anlage ist derselbe wie bei S. Spirito und dem Dome von Monreale, der gleichzeitig mit dem von Palermo erbaut wurde. Hier wie dort springt das Querhaus vor und bleibt mit den Seitenschiffen des Chores auf einer Grundlinie.

 

 

Fig. 12. Cassette, persische Arbeit, 10.-11. Jahrhundert.

 

 

Fig. 13. Cassette, Saracenische Arbeit, 12. Jahrhundert.

 

 

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Drei Apsiden bilden den Abschluss von Chor und Seitenschiffen. So wenigstens war die ursprüngliche Anlage, an der durch den Umbau manches verwirrt und verändert wurde. Die dreischiffige Krypte, deren Längsachse zu der Hauptkirche quer liegt, dürfte wahrscheinlich noch der ersten Basilika angehören, denn ihr östliches Seitenschiff ist in die Grundmauern des Domes eingebaut.

 

 

Fig. 15. Bordüre von der Grabkrone Heinrichs VI.

 

Das grossartige Äussere (Taf. 18) der gewaltigen Kathedrale ist bis auf die Zuthat der Kuppel und einer spätgothischen Eingangshalle vor dem Südportale ziemlich unverändert geblieben. Unendlich reizvoll ist der Anblick der vielgliedrigen Fronten mit ihren reichen Zierraten, ihrer zierlichen arabischen Zinnenbekrönung und den schlank aufsteigenden, fast unverletzt erhaltenen Türmen. Der Eindruck wird noch bedeutend erhöht durch den schönen Ton des gelb-bräunlichen Kalksteins, aus dem der Dom erbaut ist.

 

 

Fig. 16. Schuh aus dem Grabe Heinrichs VI.

 

Die Kaisergräber im Dome.

 

Das sonst reizlose Innere des Domes von Palermo bewahrt aber eine Stätte von höchster historischer Wichtigkeit: die Gräber der grossen Kaiser aus dem Geschlechte der Hohenstaufen, Heinrichs VI. und Friedrichs II., die als Könige von Sicilien hier ihre Ruhestätte gefunden haben.

 

Die Grabmäler stehen im westlichen Teile des südlichen Seitenschiffes in zwei verbundenen kapellenartigen Räumen. Von den sechs Sarkophagen sind vier, von denen je zwei hintereinander stehen, mit säulengetragenen Baldachinen überbaut. Särge und Baldachine sind aus rotbraunem Porphyr gearbeitet und machen in ihrer schlichten Pracht und edlen Formen einen mächtigen, unvergesslichen Eindruck.

 

 

Fig. 18. Schwert aus dem Grabe Friedrichs II.

 

Vorn links (Taf. 18) liegt Friedrich II., rechts Heinrich VI., dahinter dessen Gemahlin Konstanze und König Roger II. Rechts und links an den Seitenwänden der Kapelle stehen die Sarkophage, welche die Gebeine Wilhelms, Sohn Friedrichs III. von Aragon, und die der Konstanze von Aragon, der ersten Gemahlin Friedrichs II., umschliessen.

 

Das Grabmal Friedrichs II. zeichnet sich ganz besonders aus. Der Sarg, dessen Deckel Adler und Greif schmücken, ruht auf vier Löwen, die in ihren Tatzen Sklavenfiguren halten. Der Deckel auf dem Sarge Heinrichs ist ganz schmucklos, auf beiden sind einfache Inschriften eingegraben, die Namen und Todestag der hier Beigesetzten melden.

 

Ursprünglich standen diese Monumente und Sarkophage im Chor der Kirche und wurden erst bei dem Umbau im Jahre 1781 an ihrem gegenwärtigen Platze aufgestellt. Bei dieser Umstellung wurden die Särge geöffnet, worüber der italienische Historiker Daniele (i reali sepoleri del duomo di Palermo illustrati), der dabei gegenwärtig war, ausführlich berichtet. Das Nachstehende, sowie die Abbildungen (Fig. 15-20) sind dessen Werke entnommen.

 

Der Körper Heinrichs fand sich gut erhalten, nur die rechte Hand war abgefallen. Den mächtigen Schädel bedeckten hinten noch rotblonde Haare und ein gleichfarbiger spärlicher Bart umzog das Kinn. Das Gesicht liess noch deutlich die trotzig finsteren Züge erkennen. Der Körper war mit einem gelblichen Seidenstoffe bekleidet, dessen Saum eine handbreite golddurchwirkte Borte zierte, die aus einem Stoffe geschnitten war, dessen Muster sich aus Hirschen, Adlern und Ornamenten zusammensetzt (Fig. 17).

 

 

Fig. 17. Bordüre vom Gewande Heinrichs VI.

 

Ein seidener Gürtel, den ährenförmige seidene Fransen von roter, gelber und blauer Seide zierten, umschloss das Gewand. Beinbekleidung und Strümpfe

 

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waren aus tuchähnlichem Stoffe in eins gearbeitet; an den Füssen fanden sich Schuhe, reich gestickt und mit Perlen besetzt, deren Sohlen aus Korkplatten bestanden (Fig. 16). Die Hände trugen Handschuhe von tricotähnlicher Arbeit, aber ohne weiteren Zierrat. Zu Füssen lag eine Grabkrone aus gelber Seide, deren Stirnreif aus Goldborte gebildet war (Fig. 15); aus gleichem Stoffe waren die Kronenbänder, die vom hinteren Teile der Krone herabhingen. Waffen fanden sich nicht im Sarge vor, dagegen war der Leichnam mit Haarlocken verschiedener Farbe und mit Lorbeerblättern überstreut, die dem Kaiser als Liebeszeichen in den Sarg gelegt waren. Im Jahre 1491 war der Sarg Heinrichs schon einmal geöffnet worden, und bei dieser Gelegenheit dürfte das Schwert entnommen sein, da eine Bestattung ohne dasselbe kaum anzunehmen ist.

 

Im Sarkophage der Konstanze, Gemahlin Heinrichs, waren kaum die Hauptknochen noch zu unterscheiden, die Kleiderreste lagen wirr durcheinander und den Spuren zufolge waren die Edelsteine, mit denen die Schuhe geschmückt waren, ausgebrochen. Da auch dieser Sarg 1491 geöffnet wurde, so ist wohl anzunehmen, dass damals dieser pietätlose Grabraub geschehen ist.

 

Als der Sarg Friedrichs II. geöffnet wurde, zeigten sich zuerst zwei Körper, unter denen ein dritter, der des Kaisers lag. Der oben zur Rechten liegende Leichnam wurde als der Peters II. Königs von Sicilien, erkannt, der nach den Berichten eines alten Schriftstellers im Jahre 1342 im Sarge Friedrichs II. mit bestattet wurde. Der zur Linken liegende Körper war schon sehr zerfallen, doch glaubte man an den zarten Knochen eine Frau zu erkennen, vielleicht die Gemahlin Peters II.

 

Nachdem diese beiden Leichname entfernt waren, zeigte sich der sehr gut erhaltene Leichnam Kaiser Friedrichs II. Das Haupt, auf einem Lederkissen ruhend, trug eine mit Edelsteinen geschmückte Krone aus vergoldetem Silber.

 

 

Fig. 19. Kronenhaube aus dem Grabe der Königin Konstanze II.

 

 

Fig. 20. Seitengehänge dazu.

 

Neben dem Haupte lag ein metallener Reichsapfel. Der Körper war mit Alba, Dalmatika und Mantel bekleidet. Erstere war aus Leinen gefertigt; die Dalmatika aus Purpurseide hatte weite Ärmel, die mit breiten Goldborten besetzt waren, ein mit goldenen Rosen besetzter seidener Gürtel hielt das Gewand zusammen. Der Mantel (Pluviale) erwies sich als besonders schwerer Seidenstoff von heller Purpurfarbe, geziert mit reichen Goldstickereien, die Adler und andere Ornamente von sehr schöner Zeichnung darstellten. Auf der Brust hielt ihn eine grosse goldene Agraffe zusammen, die in der Mitte einen grossen Amethyst trug, den kleine Smaragde und vier grosse Perlen umgaben. Die Beine und Füsse bekleidete ein Leinenstoff, der Hosen und Strümpfe in eins bildete. Die Füsse trugen hohe seidene Stiefel mit Goldstickereien; Stahlsporen waren mit Riemen daran befestigt. Von der linken Seite hing ein über die Dalmatika gegürtetes Schwert herab, dessen Klinge stark verrostet war. Der hölzerne Griff war mit stark vergoldetem Silberdraht umwunden, ebenso die Scheide, die nach oben hin mit einer schön gearbeiteten Goldverzierung abschloss. Das Wehrgehänge bildete ein Gurt von starker Purpurseide (Fig. 18). Die über dem Leibe gekreuzten Hände waren unbekleidet, der Mittelfinger der linken Hand trug einen Ring, den ein grosser Smaragd schmückte.

 

Im Sarge der Konstanze von Aragon, Gemahlin Friedrichs II., fand sich, dass der Körper der Kaiserin bis zum Skelett geschwunden war, auf dessen Schädel, den eine haubenartige Krone deckte, noch Reste von langem blonden Haar sichtbar waren.

 

Den Körper bekleidete ein purpurfarbiges Seidengewand, dessen Ränder mit Ornamenten in Gold- und Silberstickerei bedeckt waren. Zu Füssen der Toten fand sich eine hölzerne Kiste und in derselben die Krone (Fig. 19). Diese war aus Goldstoff gefertigt und dicht mit emaillierten Goldzierraten besetzt, auf denen die

 

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zumeist ungeschliffenen Edelsteine befestigt waren. Nur drei Steine zeigten kunstvolle Bearbeitung: ein grosser facettiert geschliffener Granat und zwei andere, in die ein Delphinkopf und die Namen Gottes, Jesu und Mariae, in arabischen Schriftzeichen eingegraben waren. Zierliche Seitengehänge (Pendilia) von emailliertem Golde, die ehemals zu beiden Seiten der Krone herabhingen (Fig. 20), lagen daneben, ebenso fünf Fingerringe und ein sehr schön gearbeitetes, mit Edelsteinen besetztes Geschmeidestück, das wahrscheinlich einen Brustschmuck gebildet hatte. Endlich fand sich noch eine Silberplatte mit der Inschrift: Hoe est corpus est.

 

 

b) Paläste und Lustschlösser.

 

Von der Schönheit Palermos, von der Pracht und Herrlichkeit seiner Paläste und Lustschlösser erzählen verschiedene alte Gelehrte und Reisende. Zuerst Ibn-Haucal aus Bagdad, *) der um die Mitte des 10. Jahrhunderts in einem geographischen Werke die Stadt beschreibt und der Bewunderung kein Ende findet. Ein zweiter, der spanische Maure Mohamed-Ibn-Djobair von Valencia, von dem schon auf Seite 13 die Rede war, schildert die Stadt gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Er vergleicht Palermo und namentlich die Altstadt (Al-Kassar) wegen ihrer vielen Paläste und Türme mit Cordova. „Die Stadt ist staunenswürdig gebaut im Stile Cordovas, ganz aus gehauenem Stein, von der Gattung, die man El-Kiddan nennt. Die Paläste des Königs sind um sie her aufgerichtet und hängen darum wie das Halsband, welches den schönen Hals eines Mädchens umschlingt.“

 

Die Berichte dieser beiden Araber ergänzt eine kleine Schrift des Ugo Falcando, eines gelehrten Normannen, der zur Zeit Wilhelms I. längere Zeit in Palermo lebte. Als er, nach der Heimat zurückgekehrt, später von dem Niedergange der normannischen Dynastie hörte, schrieb er an den Schatzmeister Petrus in Palermo einen Brief, worin er Sicilien beklagte, das unter das Joch der Deutschen kommen sollte und dann ausführlich von der Schönheit Palermos spricht. Er beschreibt die meisten Gebäude ausführlich, wie er sie zur Zeit des höchsten Glanzes kennen gelernt hatte. Merkwürdig ist, dass damals die verschiedenen Viertel, auch viele Strassen und Plätze, noch arabische Namen trugen.

 

Als ältester Palastbau der Stadt gilt:

 

Das königliche Schloss,

 

an dessen Stelle schon die Burg gestanden haben soll, in der Karthager und Römer ihren Herrschersitz hatten.

 

Gewiss aber ist, dass hier der Palast der saracenischen Emire gestanden hat, der deshalb „Kassaro“ genannt wurde, ein Name, der auf die ganze alte Stadt ausgedehnt wurde und den die Hauptstrasse noch bis in die Neuzeit führte. Der Saracene Adelkam soll den Palast erbaut haben, den die normannischen Herrscher bewohnten und erweiterten.

 

Falcando hat das Schloss beschrieben, wie es zur Zeit Wilhelms I. aussah. Es heisst dort: „Schöne Quadern, mit grosser Kunst bearbeitet, bilden das herrliche Gebäude, weite Mauern umschliessen es, drinnen glänzt der Palast auf das prächtigste von Gold und Gestein. Zwei Türme stehen an seinem Ende, die Pisana, bestimmt die königlichen Schätze zu verwahren, und die Greca, welche den Stadtteil Khemonia überragt. Die Mitte ziert ein Bau, der sich durch die Mannigfaltigkeit seiner Ornamente auszeichnet und Joaria heisst; hier pflegt der König die Stunden der Musse zuzubringen. Im ganzen übrigen Palast sind die Gemächer verteilt, wo die Frauen, Jungfrauen und Eunuchen wohnen. Auch giebt es kleine, sehr schöne Paläste, wo sich der König mit seinen Vertrauten über Staatssachen unterredet“ u. s. w. (Nach Gregorovius, Siciliana.)

 

Heute ist von dem alten Bau nur noch der Turm von Ninfa erhalten, der in seiner trotzigen Massenhaftigkeit ganz fremd neben der modernen Schlossfront dasteht (Taf. 19). Im Inneren zeugen von der alten Pracht nur noch die bereits geschilderte Capella Palatina und das herrliche Roger-Zimmer, das zweifellos von dem zweiten König dieses Namens herrührt (Taf. 19).

 

Die Wände dieses Zimmers sind mit Marmorplatten und Mosaikstreifen, ähnlich wie in der Capella Palatina, bekleidet, das Kreuzgewölbe der Decken aber, die Lünetten und Fensterlaibungen mit Mosaiken kostbarster Arbeit, die von byzantinischen Künstlern herrühren.

 

Die Lünetten zeigen Jagdscenen, Centauern, Pfauen, Schwäne und allerlei vierfüssiges wildes Getier in reizvollem Wechsel; eine derselben ist auf Taf. 20

 

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*) Description de Palerme au milieu du Xe siècle de l'ere vulgaire, par Ibn-Haucal, traduit par Michel Amari. Paris 1854. Als verdienstvolles neueres Werk über das alte Palermo ist zu nennen: Vincenzo di Giovanni, La Topographia antica di Palermo, dal secolo X al XV, Palermo 1884-85.

 

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wiedergegeben nebst den schönsten Ornamenten von der Decke, den Thür- und Fensterlaibungen. Nicht nur die figürlichen Darstellungen, auch die ganze Ornamentik trägt hier einen rein byzantinischen Charakter. Die Länge des Zimmers beträgt 10, die Breite 6 und die Höhe 7 Meter.

 

Treffliche Beispiele von dem Äusseren der alten Paläste aus der Normannenzeit geben zwei

 

Palast-Façaden,

 

die ziemlich versteckt im Strassengewirr liegen und keine besonderen Namen tragen.

 

Der erste liegt in einer schmalen Gasse, die von der Strasse S. Antonio zur Kirche delle Vergini führt, sie setzt sich, wie der Aufriss Fig. 20 zeigt, aus vier Abteilungen zusammen und befindet sich in völlig verwahrlostem Zustande. Die alten Fenster sind meist vermauert und dafür neue Fenster und Fensterthüren willkürlich eingebrochen, die an ihrer viereckigen Form und den zumeist davor liegenden Balkonen auf der Skizze leicht erkennbar sind. Auch die Thüröffungen im Erdgeschoss sind sämtlich neu, und es ist nicht mehr zu erkennen, wo das alte Eingangsthor gelegen hat.

 

 

Fig. 21. Palast-Façade bei S. Antonio in Palermo.

 

Fig. 22-25. Verzierungen von Fensterbögen. Zu Fig. 21.

 

Fig. 26. Fenstersäule. Zu Fig. 21.

 

Fig. 27. Fensterrosette. Zu Fig. 21.

 

 

Den alten Abschluss nach oben, ein stark ausladendes Gesims, trägt nur noch die dritte Abteilung, die beiden ersten sind in ihrer alten Höhe nicht mehr vollständig erhalten. Die vierte schmale Abteilung dürfte den Unterbau des Turmes darstellen.

 

Die Fensterbögen umziehen Friese in geometrischen Mustern (Fig. 30-32), die nach oben durch ein vorspringendes Glied begrenzt werden, das über den drei ersten Fenstern links noch ganz besonders reich verziert ist (Fig. 22-24), einfacher bei den nächsten vier durch das Motiv Fig. 25, während es bei dem letzten nur gesimsartige Gliederungen trägt, wie Fig. 30-32.

 

Die Gestaltung der beiden noch erhaltenen Fenstersäulen zeigt Fig. 26, eine der zierlichen Rosetten über den gekuppelten Fenstern Fig. 27.

 

Unter dem zweiten und dritten Fenster der ersten Abteilung zieht sich ein reich sculpierter Fries hin (S. 9), der sich noch bis zur Hälfte der zweiten Abteilung fortsetzt und dort erst durch die neu eingebrochene Fensterthür unterbrochen wird. Sicher ist dieser schöne Fries ursprünglich unter allen vier Fenstern der beiden ersten Abteilungen durchgeführt gewesen und erst später

 

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durch die beiden neuen Durchbrüche in seinem Anfang und Ende zerstört worden.

 

Lediglich aus der Ornamentik dieses Frieses und der Fensterbögen Fig. 22--24, die den Charakter des 12. Jahrhunderts trägt, lässt sich mit ziemlicher Sicherheit auf ein Bauwerk aus der Normannenzeit schliessen, denn Façadenbildung und Form der Fenster sind etwa zwei Jahrhunderte hindurch die gleichen geblieben, so dass aus ihnen kein Schluss gezogen werden kann. Selbst die normannischen Zickzackfriese und die sich durchkreuzenden rund- oder spitzbogigen Lisenen kommen noch im 14. Jahrhundert vor. Fig. 35, zwei Fenster des Palazzo Sclafani darstellend, der im Jahre 1330 erbaut wurde, giebt ein Beispiel hierfür.

 

Der Überrest des zweiten Palastes (Fig. 28) liegt in der Via del Protonotaro, dicht beim Kloster S. Salvatore.

 

Das untere Erdgeschoss ist fensterlos bis auf zwei kleine schartenartige Lichtöffnungen. Die Eingänge sind vermauert, jedoch ist noch eine hochgelegene kleine Thür erkennbar, zu der eine Freitreppe geführt haben muss und aus dem Spitzbogen daneben lässt sich auf ein weiteres Hauptthor schliessen. Alle viereckigen Fensteröffnungen sind auch hier erst später eingebrochen.

 

Die Gestaltung der Spitzbogenfenster ist weniger edel als bei Fig. 21, doch sind die Verzierungen der Fensterbögen (Fig. 30--32) aus den gleichen geometrischen Motiven gebildet wie dort, nur dass den hervortretenden Umfassungsbögen die reiche Ornamentik fehlt, es sind hier schmucklose Gesimse. Die Dekoration des grossen Thürbogens zeigt Fig. 29. Die Fenstersäulen und die Rosetten über den oberen Fensterpaaren sind hier weniger graziös als dort, alle Formen überhaupt einfacher und massiger, so dass diese Façade wohl als die ältere der beiden anzusehen ist.

 

 

Zisa und Cuba.

 

Sind jene Stadtpaläste, die irgend welchen Grossen des Reichs gehört haben dürften, rein normannische Bauwerke, so zeigen die draussen gelegenen königlichen Lustschlösser dagegen die Vorliebe der Könige für saracenische Bauweise und morgenländische Üppigkeit.

 

Von der Herrlichkeit dieser Lustschlösser, die zur Zeit der Normannen Palermo umgaben, sind nur dürftige Reste auf die Gegenwart gekommen, die kaum mehr einen Begriff von der verschwundenen Pracht zu geben vermögen. Am besten ist noch die Zisa erhalten, ein saracenischer Bau, aus Kalksteinquadern dreigeschossig aufgeführt, der aber nicht, wie fälschlich angenommen wurde, aus der Zeit der Saracenenherrschaft stammt, sondern von Wilhelm I. erbaut wurde (Taf. 21). Eine arabische Inschrift am Schlosse selbst und eine Nachricht des Romuald von Salerno bestätigen das.

 

Das Äussere (Taf. 21) war ursprünglich ganz ohne Fenster, da diese sämtlich nach dem Hofe zu lagen, und die Einförmigkeit der Wandflächen wurde nur durch horizontallaufende Gesimse und die Blendbögen der beiden Obergeschosse belebt. Von der alten Pracht des Inneren ist nichs mehr erhalten, die Gemächer sind sämtlich umgebaut und

 

 

Fig. 28. Palast-Façade in der Via del Protonotaro in Palermo.

 

 

Fig. 29. Thürbogen. Zu Fig. 28

 

 

Fig. 30-32. Verzierungen der Fensterbögen. Zu Fig. 21 und 28.

 

 

Fig. 33. Fensterrosette. Zu Fig. 28.

 

 

Fig. 34. Schartenfenster. Zu Fig. 28.

 

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modernisiert, nur die wundervolle Brunnenhalle ist noch erhalten (Taf. 21), aber wahrhaft barbarisch verunstaltet durch barocke Malereien, die den Eindruck bedeutend herabdrücken. Der untere Teil der Wände war, wie sich aus den teilweise noch vorhandenen Mosaikfriesen schliessen lässt, mit dazwischen liegenden Marmorplatten bekleidet in der Art des Roger-Zimmers, der Capella Palatina u. a. Diese Marmorplatten wurden entfernt und durch die vorgenannten Malereien ersetzt, ebenso die zweifellos vorhanden gewesenen Mosaiken der oberen Wandteile, von denen nur noch der über der Brunnenöffnung liegende Streifen erhalten ist (Taf. 6, 1 u 2). Diese Darstellungen von Schützen, Pfauen und Palmen, sowie sämtliche Ornamente besitzen grosse Ähnlichkeit mit den Mosaiken des Roger-Zimmers und sind wie jene, Arbeiten byzantinischer Künstler. Ebenso der stark beschädigte gekrönte Adler Fig. 36.

 

Die schönen Stalaktitengewölbe haben stark gelitten, ebenso die Marmorsäulen und der prächtige Mosaikfussboden, und doch macht der ganze Raum noch heute einen zauberischen Eindruck.

 

Von der kleinen Kapelle im Hofe der Zisa ist schon weiter vorn, bei S. Giovanni degli Eremiti, die Rede gewesen.

 

Über die Schönheit der Zisa berichtet noch 1526 der Mönch Leandro Alberti in seiner „Beschreibung von ganz Italien“. Es heisst dort: „Die Quelle floss aus der Vorhalle. in einen prächtigen Fischteich, der vor dem grossen Portale lag und ein Viereck von 50 Fuss Länge bildete, das von einem netzförmigen Gemäuer umgeben war. In der Mitte des Teiches stand ein schönes Gebäude, in welches man über eine kleine Brücke gelangte; hier befand sich ein Saal, 12 Fuss lang und 6 Fuss breit, im Kreuz gewölbt und mit zwei Fenstern versehen, aus denen man die Fische im Wasser schwimmen sehen konnte. Von dort kam man in ein schönes Frauengemach, in deren Mitte je eine kleine Säule vom feinsten Marmor zwei Bogen trug“. *)

 

 

Fig. 35. Fenster vom Palazzo Sclafani.

 

 

Fig. 36. Adler aus der Brunnenhalle der Zisa. Mosaik.

 

 

Aber auch damals schon muss der Verfall bereits weit vorgeschritten gewesen sein, denn Alberti beklagt die Zerstörung und den drohenden Einsturz der Gebäude.

 

Heute ist von dem Teiche und seiner Umgebung jede Spur verwischt, an seiner Stelle liegt ein weiter sandiger Platz vor dem Schlosse, dessen Umgebung den Eindruck traurigster Verkommenheit macht.

 

Unvergleichlich schön aber ist der Umblick vom Dache der Zisa, der ein Rundgemälde eröffnet, das besonders zur Maienzeit, wenn alles ringsum blühet und leuchtet und übergossen von Glanz und Farben wie ein Märchenzauber daliegt, den der, dessen Auge diese Herrlichkeit geschaut, nimmer vergessen wird. Weit ausgebreitet liegt die weite Bucht von Palermo, die berühmte Conca d'oro, umsäumt von schön geformten Berglinien und blühenden Orangenhainen, aus denen die weissen Mauern der Landhäuser hervorleuchten. Hingestreckt am blauen Meere liegt die alte Stadt mit ihren Türmen und Kuppeln, überragt von den massigen Formen des Monte Pellegrino, den ein zarter Dunstschleier überdeckt, der nichts verhüllt, nur den Glanz der Farben mildert und ihre Schönheit mit einem Schimmer der Verklärung umgiebt.

 

Vor der Porta nuova, am Corso Calatafimi, der nach Monreale führenden Strasse, liegt das von Wilhelm II. erbaute ehemalige Lustschloss die Cuba, das jetzt als Reiterkaserne dient.

 

Die Cuba ist wie die Zisa ein aus Quadern aufgeführter saracenischer Bau, der trotz kleineren Abmessungen durch seine edlen Verhältnisse noch imposanter wirkt als jene (Fig. 37).

 

Die Spitzbögen der aus der Mitte der Façaden heraustretenden Risalite scheinen ursprünglich offen gewesen zu sein, was aus der Struktur des Mauerwerks zu schliessen ist, die sich hier deutlich als Flickarbeit kennzeichnet und auffallend von dem schönen Gefüge

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*) Fr. Gregorovius, Siciliana S. 95.

 

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der alten Mauern absticht. Es werden hier grosse offene Hallen gelegen haben, die mit Mosaiken und Stalaktitengewölben, in Gold und Farben schimmernd, geschmückt waren. Die Fenster werden auch hier sämtlich nach dem inneren Hofe zu gelegen haben und Ausblick ins Freie nur die offenen Hallen gewährt haben. Das vielfache Flickwerk der Façaden kann diese Annahme nicht widerlegen, denn augenscheinlich sind im Laufe der Jahrhunderte verschiedentlich Thüren und Fenster durchgebrochen und später wieder vermauert worden.

 

 

Fig. 37. Die Cuba bei Palermo.

 

Von der alten Ornamentik ist nichts übrig geblieben als ein Stück Stalaktitenwölbung im Hofe und der das ganze Bauwerk krönende Fries, der eine arabische Inschrift trägt, die vielfach beschädigt und unterbrochen, noch nicht völlig gedeutet ist, aber die Erbauung des Schlosses durch König Wilhelm II. im Jahre 1180 ausdrücken soll.

 

Auch im Inneren ist alles umgebaut und verändert, so dass sich keine Vorstellung mehr von Gestalt und Lage der Gemächer gewinnen lässt.

 

Das Schloss umgab ein herrlicher Park, in dem wie bei der Zisa ein grosser Fischteich lag, dessen Spuren und Umfassungsmauern heute noch sichtbar sind. Der grosse Weg, der den Park durchschnitt, war mit vielen Pavillons besetzt, von denen einer noch erhalten und unter dem Namen der kleinen Cuba bekannt ist. Dieser Pavillon hat genau dieselbe Form wie der Aufsatz des Turmes von S. Giovanni degli Eremiti. -- Aus dem Parke sind weite Fruchtgärten geworden. --

 

Aus einem der königlichen Schlösser stammt vielleicht ein Plafond-Fragment, das sich im Museo Nazionale in Palermo befindet. Es ist eine sehr tief gestochene und fein ausgeführte saracenische Holzschnitzerei, die nach der kleinen Zeichnung zu urteilen nur in einem sehr niedrigen Raume gesessen haben kann, wenn auch das starke Relief durch die Schatten kräftig gewirkt haben muss. Das noch erhaltene Bruchstück ist Taf. 38 vollständig abgebildet, es misst im Original in der grössten Länge 36½ Centimeter.

 

Die Feinheit der Ornamentik lässt Zweifel zu, ob hier wirklich der Überrest eines Plafonds vorliegt, jedoch wird man vergeblich nach einer anderen Verwendung suchen, da die Anordnung der Zeichnung einzig und allein die obige Deutung zulässt. An eine Thür- oder Wandfüllung zu denken ist ganz ausgeschlossen.

 

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Der Dom von Monreale.

 

Eine Wegstunde südwestlich von Palermo, aber bedeutend höher, liegt Monreale mit seinem prächtigen Dome, den der fromme König Wilhelm II. im Jahre 1185 gründete, die Vollendung aber nicht mehr erlebte.

 

Die Gestaltung der ganzen Anlage erklärt sich durch den Grundriss Fig. 38, den Längsschnitt Taf. 16, Chorseite und Westfront Taf. 23 und das Innere Taf 22.

 

 

Fig. 38. Der Dom von Monreale. (Nach Serradifalco.)

 

Das dreischiffige Langhaus setzt sich aus hohem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen zusammen, denen das kräftig ausspringende Sanctuarium, bestehend aus Querhaus und Chor, angefügt ist. Die Marmorsäulen des Langhauses mit ihren korinthisierenden Kapitellen tragen die Spitzbogen der Oberwände des Mittelschiffs, das ein offener Dachstuhl überdeckt, der sonst bei den normannischen Kirchen nicht vorkommt.

 

Das Dekorationsprincip ist dasselbe wie bei der Capella Palatina. Der untere Teil der Wände trägt auch hier die mehrfach geschilderte saracenische Marmorbekleidung mit Mosaikeinlagen, die Seitenschiffe, Chor und Westwand umzieht. Alle Oberwände, Bogen- und Fensterlaibungen bedeckt reicher Mosaikschmuck, dessen künstlerischer Wert aber dem der Palatina und der Martorana nachsteht. Trotz aller Pracht und viel grösserer Raumentfaltung ist die wunderbare Stimmung der Capella Palatina hier bei weitem nicht erreicht, was in der zu hellen Beleuchtung, besonders aber in der Weiträumigkeit seinen Grund hat; beides lässt jene intime Wirkung nicht aufkommen.

 

Die Darstellungen gliedern sich wie folgt: Dem alten Testamente ist das Mittelschiff eingeräumt. Der Cyclus beginnt mit der Schöpfung und erstreckt sich bis zum Kampfe Jacobs mit dem Engel. Auf das Sanctuarium und die Flügel verteilt sich die Geschichte des Lebens Christi, die sich in den Seitenschiffen fortsetzt, mit Einbeziehung der Legende und der auf Christus deutenden Propheten.

 

Die Darstellungen in der Hauptapsis sind dreiteilig angeordnet. Unten, neben dem Fenster, stehen Heilige, darüber Maria mit dem Christuskinde und den vier Erzengeln zur Seite und oben in der Wölbung thront wieder das gigantische Bild Christi, dem wir bereits öfter begegnet sind. Die Seitenapsiden sind den Aposteln Petrus und Paulus eingeräumt.

 

Alles Figürliche ist auch hier wieder rein byzantinisch, dagegen trägt die Ornamentik fast durchweg mehr romanischen (Details auf Taf. 15, 20, 29) und an der Decke des Chors saracenischen Charakter (Taf. 29, 16).

 

Während in der Capella Palatina die Darstellungen des Mittelschiffs von den Spitzbögen jäh durchschnitten werden, ist hier erst ein breiter Fries um letztere geführt, der aus schöngeformten Vasen aufsteigt (Taf. 29, 1), die auf den kämpferartigen Aufsätzen der Säulen stehen.

 

Wo die Mosaikflächen im rechten Winkel zusammenstossen, wie z. B. bei Wandflächen und Bogenlaibungen sind die Ecken stets abgerundet. Chorschranken, Thronsessel und Treppenstufen tragen denselben Schmuck wie in der Palatina. Die unvergleichliche Pracht des Ganzen wird noch erhöht durch den kostbaren

 

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Mosaikfussboden und den goldschimmernden Glanz der Gebälke des Dachstuhls.

 

Leider ist die Bedachung nicht mehr die ursprüngliche, da ein am 11. November 1811 ausgebrochener Brand das alte Dach zerstörte. Die Kosten der Herstellung in so überaus prächtiger Weise, die sich genau an das alte Vorbild anlehnen soll, hat hochherzig König Ludwig I. von Bayern bestritten, da hier die nötigen Mittel nicht aufzubringen waren.

 

Bei diesem Brande wurden auch die Grabmäler Wilhelms I. und Wilhelms II., die mit ihren Familien hier ruhen, durch herabstürzendes Gebälk beschädigt. Wilhelm I., der Böse, ruht in einem Sarkophage von Porphyr, ähnlich denen im Dome von Palermo, der Sarkophag Wilhelms II. ist aus weissem Marmor, den Ornamente auf Goldgrund schmücken. Dieses Grabmal wurde erst 1575 errichtet, denn der fromme König hatte angeordnet, dass seine Gebeine in einer schlichten Steinkiste neben dem prächtigen Sarkophage seines Vaters beigesetzt werden sollten. Beide Grabmäler stehen im rechten Flügel des Chors (s. Grundriss).

 

Das Bild Wilhelms II., des Erbauers der Kirche, ist zweimal in Mosaikausführung vorhanden, einmal über dem Königsstuhle, seine Krönung durch Christus darstellend, dann über dem Bischofssitz, wie er der Madonna das Modell des Domes überreicht.

 

Das Äussere der Kirche bietet an der Westfront wenig Anziehendes. Die massigen Türme sind unvollendet geblieben, nur ein schön verziertes Stück der Stirnmauer ragt hinter der barocken Ballustrade der Eingangshalle empor. Um so schöner aber ist die Chorseite geschmückt (Taf. 23), die eine reiche Musterung, aus schwarzgrauer Lava geschnitten, ganz überzieht. Einige Details davon geben Fig. 39 bis 42.

 

Fig. 39-42. Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale.

 

Fig. 39.

 

Fig. 40

 

Fig. 41

 

Fig. 42

 

Der fromme Stifter hatte neben dem Dome auch noch ein grosses Kloster errichtet und reich ausgestattet, in das er Benedictiner aus der Abtei La Cava einsetzte. Dieser alte Bau liegt längst in Ruinen, neben denen sich die Benedictiner ein neues, von Marmor strotzendes Haus erbaut haben. Aber wie verschwindet dessen gleissende Pracht neben dem Zauber der alten normannischen Ruine, die eine Wand von gelben Kletterrosen bis zu dem höchsten Gipfel dicht umspinnt. Daneben blühen Myrthen und Oleander, Rosen und wieder Rosen in allen Farben, ein Teppich von Ranunkeln und Anamonen überzieht den ganzen Garten, von dessen Höhe das Auge über das Thal von Monreale, über Wein- und Orangenpflanzungen hinwegschweift, hinweg über Palermo bis aufs Meer, das still und tiefblau den weiten Horizont umsäumt. Zwar ist der Frühling überall schön, aber wohl nirgends schöner als im Klostergarten von Monreale.

 

 

Der Kreuzgang.

 

Liegt auch das alte Kloster in Trümmern, so ist doch der Kreuzgang, diese Perle mittelalterlicher Kunst, fast unversehrt erhalten geblieben, der ein Quadrat von 52 Metern bildet und dessen Spitzbogen von zierlichen Doppelsäulen getragen werden. Abwechselnd sind die Säulen glatt geblieben und musivisch verziert. Die in den Ecken des Quadrats stehenden Säulen sind vierfach gekuppelt und statt der Mosaikeinlagen mit plastischem Rankenwerk umzogen. Auch die ausspringende Ecke des Brunnenhauses wird von solch einem Säulenbündel getragen, das von einem gemeinsamen Kapitell gekrönt wird (Taf. 24).

 

Die Säulen und deren Kapitelle sind durchweg von Marmor, die Mosaikeinlagen fehlen leider häufig, sie sind ausgefallen oder ausgebrochen, um vielleicht als barbarische Erinnerungszeichen mit nach Norden zu wandern.

 

Im ganzen Quadrat stehen 216 Säulen, die auf jeder der vier Seiten 26 Spitzbogen tragen.

 

Höchste Beachtung verdienen die Kapitelle dieser Säulen (Taf. 25, 26, 27, 28) als Meisterwerke der dekorativen Plastik des Mittelalters, die im 12. Jahrhundert auf Sicilien in hoher Blüte stand und besonders in der technischen Fertigkeit der Marmorbearbeitung das Festland weit übertraf.

 

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Die Erinnerung an die Antike war in Sicilien bei weitem lebendiger geblieben als im übrigen Italien, da die lombardischen Einflüsse nicht bis hierher gedrungen waren. So konnten sich denn die antiken Dekorationsformen in nahezu vollkommener Reinheit erhalten, was der Akanthus der Kapitelle, ihre schön gewundenen Volouten und die oft fast klassischen Abakusbildungen überzeugend beweisen. Auch das feine Rankenwerk der vierfachen Ecksäulen (Taf. 26 links oben) und die herrliche Umrahmung des Hauptportals (Taf. 30) lassen volle Beherrschung und Verständnis der antiken Formen erkennen, soweit es sich um Ornamente und architektonische Einzelheiten handelte.

 

Dem menschlichen Körper gegenüber versagte aber dies Verständnis vollständig. Die Darstellung des Nackten war als heidnisch verrufen und die Gewandfiguren vermochten schon deshalb keine Vorbilder zu geben, weil die Tracht eine ganz andere geworden war.

 

So sah man sich denn hierbei ganz auf sich selbst angewiesen, nur dass hier und da byzantinische Elfenbeinschnitzereien als Vorbilder dienen konnten. An diese erinnert lebhaft das untere Kapitell auf Taf. 8, besonders dessen linke Seite mit der Darstellung der Verkündigung. Altes und neues Testament wechseln in den Darstellungen der Kapitelle in bunter Reihenfolge mit symbolischen Darstellungen, Fabelwesen und Vögeln, die äusserst geschickt Blattwerk und Abakus verbinden (Taf. 25, 26). Hier begegnen wir auch wieder jenen harpyenartigen Wesen aus der Capella Palatina, Vogelleiber mit Männerköpfen, die hier aber zumeist eine spitze Mütze tragen.

 

Von ganz besonderer Schönheit ist das Kapitell mit der Darstellung der Übergabe der Kirche durch König Wilhelm II. an die Madonna (Taf. 27).

 

Heiliges und Weltliches, Bibel und Mythe sind hier zu einer steinernen Bilderwelt vereinigt, die von dem Ideenreichtum mittelalterlicher Kunst beredtes Zeugnis ablegt.

 

 

Fig. 43. Fragment der Erzthür des Bonanus von Pisa am Dome zu Pisa.

 

Nachahmungen der Kapitelle von Monreale lassen sich in Unteritalien des öfteren nachweisen, so z. B. Am Dome von Salerno, wo die Kapitelle der tragenden Säulen des grossen Ambo neben dem Vogelkapitelle aus dem Kreuzgange, auch das der Säulen im Hauptschiff der Kirche nachahmen, wie aus den an den Ecken angebrachten Füllhörnern deutlich genug zu erkennen ist. Nur sind diese Nachbildungen viel weniger gut als die Originale.

 

 

Die Erzthüren.

 

Die Kunst des Erzgusses scheint in Sicilien nicht heimisch gewesen zu sein, denn es werden als die Hersteller der beiden Erzthüren des Domes von Monreale zwei Namen festländischer Künstler genannt, die des Barisanus von Trani und des Bonanus von Pisa.

 

Palermo besitzt nur eine Erzthür an der Capella Palatina, deren Herkunft unbekannt ist. Ihre Ornamentik ist wohl edel, aber im Vergleich mit den reichen Thüren von Monreale doch sehr einfach.

 

Die im Verhältnis zur Höhe sehr schmalen Flügel sind der Länge nach je in vier übereinander liegende Felder geteilt, die durch streng stilisierte Akanthusbänder gebildet werden. Das gleiche Motiv liegt den sternförmigen grossen Rosetten zu Grunde, die die beiden oberen Felder schmücken. Die zwei mittleren Felder der beiden Flügel tragen je zwei grosse und vier kleine Löwenköpfe, von denen die grossen als Ringträger dienen. Die Thür macht durchaus den Eindruck einer antiken Arbeit, den die geringe Breite im Verhältnis zur Höhe (1:2½) noch erhöht. Nichts weist auf das Mittelalter hin und keine der übrigen Erzthüren zeigt mit dieser weder in Zeichnung noch Form auch nur die geringste Ähnlichkeit. Und so erscheint es nicht ausgeschlossen, dass König Roger diese Thür vorfand, die vielleicht von einem Bauwerk aus der griechischen Zeit der Insel herrührte, und beim Bau der Capella Palatina mit verwenden liess. -- Es ist aber auch möglich, dass Roger die Thür in Byzanz fertigen liess, denn der Erzguss war in Italien ganz in Vergessenheit geraten, so dass man lange auf Byzanz angewiesen war. So sind nachweislich die Thüren der Cathedralen von Amalfi, Atrani, Salerno, Monte Cassino, St. Paul vor Rom und Monte S. Angelo dort gefertigt.

 

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Erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde der Erzguss in Italien wieder aufgenommen und die Thüren von Monreale sind nachweislich Arbeiten heimischer Meister.

 

Den Verfertiger der grossen Thür am Hauptportale nennt die Inschrift: Bonanus Civis Pisanus, mit Hinzufügung der Jahreszahl 1186.

 

Von diesem Bonanus rührt auch die Thür am südlichen Querschiff des Domes von Pisa her, die mit der von Monreale grosse Ähnlichkeit besitzt, nur dass die dortigen senkrecht laufenden, gewundenen Stäbe (vergl. Fig. 43) hier durch antikisierende Akanthusbänder ersetzt sind. Das abgebildete Fragment der pisanischen Thür zeigt rechts die Taufe Christi und die hl. drei Könige, die ebenso übereinander stehen wie in Monreale, nur dass in Pisa die letzteren den Abschluss nach unten bilden, während in Monreale noch die Propheten Ezechiel und Zacharias darunter angebracht sind. Auch die Inschriften sind verschieden. In Pisa z. B. wird die Taufe durch „Baptiza“, in Monreale aber durch „Batisterio “ ausgedrückt. Ebenso werden dort die drei Könige mit Namen genannt: „Curpas, Baldaser, Melchior“, während sie hier einfach „Magis“ heissen. Man hat aus diesen Sprachunterschieden, besonders daraus, dass die Inschriften in Monreale in der damals landläufigen sicilianischen Mundart ausgedrückt sind, schliessen wollen, dass dieser Bonanus ein Sicilianer gewesen sei, der seiner in Pisa ausgeführten Arbeiten wegen den Ehrentitel eines Bürgers von Pisa erhalten habe. Das mag gewiss möglich sein, doch scheint es mir viel näher zu liegen, dass der Pisaner gezwungen wurde, die allgemein verständliche sicilianische Sprachweise bei den Inschriften anzuwenden. Zudem würde ein Sicilianer, der in der Heimat seine künstlerische Ausbildung erhalten hatte, mit den Akanthusformen besser fertig geworden sein, die sich nicht im entferntesten mit denen der Marmorarbeit an der Portalumrahmung vergleichen lassen. Ausserdem weist das kräftige Relief und die ganze Haltung der Figuren auf eine mehr im Norden zu suchende künstlerische Ausbildung hin.

 

Die kleine Thür (Taf. 31) deren künstlerischerWert den der grossen bedeutend übersteigt, ist ein Werk des Barisanus von Trani, von dessen Hand auch die Thüren der Cathedralen von Trani und Ravello herrühren (Taf. 32, 33), die mit der von Monreale in verschiedenen Teilen so genau übereinstimmen, dass man ihre Entstehung aus derselben Gussform wohl annehmen kann. So beispielsweise der hl. Georg und die Felder, welche die Klopfer tragen. Abweichend von jenen ist die Thür von Monreale nur durch drei Reihen Bogenfelder, die an den anderen nicht vorkommen. Weiter unten wird von dieser Thür nochmals die Rede sein.

 

Fig. 44. Mosaikfigur vom Fussboden der Martorana zu Palermo.

 

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Der Dom von Cefalù.

 

Das durch seinen Dom berühmte Cefalù liegt, wie Palermo, an der Nordküste Siciliens, etwa 60 Kilometer von ihm entfernt.

 

Dieser schöne normannische Bau wurde von Roger II. im Jahre 1145 begonnen, wie die noch vorhandene Stiftungsurkunde meldet. Der Grundriss zeigt die Form eines lateinischen Kreuzes, dessen Arme bedeutend stärker ausladen als bei den andern Normannenkirchen. Zwischen den massigen Türmen liegt ein zierlicher Portikus, dessen oberen Teil sich durch kreuzende, ganz flache Spitzbögen und eine kleine einfache Rundbogenstellung schmücken (Taf. 17). Ähnlich ist auch die Chorseite verziert (Fig. 46), während die Langseiten ganz schmucklos geblieben sind. Das Innere ist durch den Einbau von Emporen und barocken Zuthaten arg entstellt. Granitsäulen tragen die überhöhten Spitzbögen der Schiffe, deren Länge im Verhältnis zur Breite zu gering ist.

 

Völlig erhalten ist die grosse Altarnische und ihre wundervollen Mosaiken, neben denen der Martorana die ältesten und schönsten aus der Normannenzeit. Die Anordnung der Bilder ist vierteilig (Taf. 24). Die beiden unteren Reihen tragen die Figuren der zwölf Apostel, in der dritten steht die Maria, umgeben von den vier Erzengeln, und oben in der Wölbung thront das Kolossalbild Christi, das ganze Innere der Kirche beherrschend.

 

 

Fig. 45. Der Dom von Cefalu. (Nach Serradifalco.)

 

 

Fig. 46. Chorseite des Domes von Cefalù.

 

Eine ganz eigenartige Wirkung übt der mit Mosaik bekleidete Wulst unter dem Bilde Christi, der sich auch über den Kapitellen der Säulen, die neben der Nische stehen, fortsetzt. Durch die Rundung wird ein Farbenzauber erreicht, der das Bild des Erlösers wie auf einem schimmernden Regenbogen thronend erscheinen lässt.

 

Von wundersamer Schönheit ist auch hier wieder die Gestalt der Maria, deren Anmut durch ihren Gegensatz zu den traditionell steifen Engeln, die daneben stehen, noch bedeutend erhöht wird. Diese typisch wiederkehrende Marienfigur ist wohl das schönste, was die byzantinische Kunst geschaffen hat, die wohl Würde und Grösse kennt, nicht aber Anmut und Lieblichkeit.

 

Höchst eigenartig beschaffen sind die Kapitellbildungen der aufeinander gestellten, die Nische flankierenden Säulen, bei denen die plastischen Formen durch farbige Mosaikbekleidung ersetzt sind, welche korinthische Kapitelle malerisch nachahmen.

 

Auch die an die Hauptapsis stossenden

 

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Chorwände sind zur Hälfte mit Mosaiken geschmückt, ebenso das darüber liegende Kreuzgewölbe. Im Einklange mit der Apsis sind auch auf den Seitenwänden des Chors die Figuren in vier Reihen übereinander angeordnet. Dargestellt sind hier: Moses, Abraham, David und Salomo, die Propheten und Heilige der lateinischen und griechischen Kirche.

 

 

Fig. 47. Das Portal am Dome von Catania.

 

In den Gewölbekappen stehen je zwei Engel in halber Figur auf Wolken und über die Grate ziehen sich farbenreiche Ornamentstreifen.

 

Die Schönheit der Farben gerade dieser Mosaiken kann garnicht genug gepriesen werden, deren durchweg auf ein sanftes Grün gestimmte Ornamentik sich ausserordentlich wirkungsvoll von dem Goldgrund der Figuren abhebt.

 

Das Studium der byzantinischen Mosaiken in Sicilien ist den modernen Mosaikkünstlern nur dringend zu empfehlen, sie werden hier verlernen, durch überfeine Technik ihrer Kunst Gewalt anzuthun und ihr etwas abzwingen zu wollen, was ihr nicht gehört. Sie werden einsehen, dass es gut ist, die Farben ohne zu feine Vermittelung neben einander zu setzen, und dass es nicht zu den Aufgaben der musivischen Kunst gehört, die Wirkung eines Ölgemäldes nachzuahmen. Mosaiken verlangen eine gewisse Höhe um richtig zu wirken; sie sollen stimmungsvoll dekorieren, nicht aber Tafelbilder ersetzen wollen.

 

Neben der Kirche liegt ein schöner Kreuzgang, dem von Monreale ähnlich, nur nicht so gut erhalten.

 

Wie dort stehen auch hier Doppelsäulen und auf den Ecken vierfache. Die Kapitelle sind künstlerisch weit geringwertiger als die von Monreale, ihr Gestaltenkreis setzt sich mehr aus mythologischen Fabelwesgen und allerlei Getier, als aus biblischen Darstellungen zusammen. Doch kommen auch solche vor; so Adam und Eva, die Arche Noä und andere. Die Figuren sind zumeist ohne besonderes Geschick um den Kern gelagert, ohne Verbindung mit oben und unten. Auch die Basenbildung ist weniger schön, trotz des bildnerischen Schmuckes, den der untere Echinus öfter trägt.

 

Den Grundriss des Kreuzganges bildet ein Rechteck, auf dessen Langseiten je zwanzig und auf dessen Schmalseiten je 15 Spitzbogen kommen.

 

Die Kapitelle scheinen dem Grundgedanken nach denen von Monreale als Vorbild gedient zu haben, die den Höhepunkt sicilianischer Marmortechnik bilden.

 

Gleichwertig zur Seite steht ihnen

 

Das Portal am Dome von Catania.

 

Diese Kirche ist eine Gründung Rogers I.; sie wurde 1091 begonnen, aber bereits 1169 durch ein Erdbeben fast gänzlich zerstört, so dass von dem alten Bau nur die Chorseite und ein Teil des östlichen Querschiffes erhalten blieben. Der ziemlich reizlose und vielfach veränderte Neubau kann hier kaum in Betracht kommen, nur das wundervolle Hauptportal (Fig. 47) nimmt als Meisterwerk ersten Ranges volles Interesse in Anspruch.

 

Die normannische Dekorationsweise kommt hier unübertroffen zur Erscheinung. Alle Teile zeigen schönstes Ebenmaass und bei allem Reichtum doch weises Maasshalten. Das Rankenwerk der die Thür flankierenden Pilaster, in welches allerlei Figuren reizvoll verwoben sind, zählt zu den schönsten Ornamenten der romanischen Periode.

 

Der örtlichen Tradition nach soll das Portal noch dem ersten Baue angehören, was aber wenig wahrscheinlich ist, da die Vollendung der Technik weit eher auf die Zeit Wilhelms II. hinweist, auf den Wiederaufbau nach dem Unglück von 1169. -- Auffallend ist nur die rein attische Form der Basen, während sich diese sonst an den meisten Bauten Wilhelms II. aus drei Wulsten und zwei Hohlkehlen zusammensetzen.

 

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Aus Unteritalien.

 

Obwohl auch in Unteritalien die Bauthätigkeit während der Normannenherrschaft eine überaus rege war, so war doch dort weder der saracenisch-normannische Mischstil noch die rein normannische Bauweise ähnlich stark wie in Sicilien in Erscheinung getreten. Der lombardische Einfluss, der Jahrhunderte hindurch die Herrschaft geführt hatte, liess sich nicht ohne weiteres verdrängen. Auch ihm hatten sich im Laufe der Zeit saracenische Elemente zugesellt, die jedoch viel weniger stark hervortreten als bei der saracenisch-normannischen Verbindung. Hauptsächlich war es der Spitzbogen, den die Langobarden von den Saracenen aufgenommen hatten, ihn aber flacher und nie überhöht gestalteten, wie die Normannen z. B. in der Capella Palatina. Der morgenländische Zug, dem wir in Sicilien überall begegnen, tritt in Unteritalien fast ganz zurück. Der stark überhöhte Spitzbogen der Eingangshalle am Dome von Amalfi ist neu wie die ganze Façade; nur die seitlichen Bogenfenster mit ihren dreifachen Durchkreuzungen gehören noch der alten Anlage an, ebenso der schöne normannische Turmbau (Fig. 48), der 1276 errichtet wurde.

 

Am stärksten zeigt sich das saracenische Element in dem unweit von Amalfi hoch auf dem Berge liegenden Ravello, der einst so reichen und mächtigen, jetzt aber verfallenen und verödeten, aber hochinteressanten Stadt, die Saracenen und Normannen, Hohenstaufen und Anjous vor und in ihren Mauern gesehen hat. Alle haben ihre Spuren hinterlassen, als Zerstörer und als Erbauer. Zur Zeit seines Glanzes, im 13. Jahrhundert, zählte Ravello 36000 Einwohner, heute nur noch kaum 2000. --

 

Die aus dem 11. Jahrhundert stammende Cathedrale ist fast ganz zur Ruine geworden und die vielfachen Umbauten und Veränderungen haben von der ursprünglichen Gestalt des Inneren wenig mehr übrig gelassen, nur Ambo und Kanzel sowie die prächtigen Erzthüren, auf die wir weiter unten zurückkommen werden, sind erhalten geblieben. Der massige normannische Turm scheint etwas späteren Ursprungs zu sein als die Kirche, bei deren Anlage lombardische Einflüsse thätig gewesen sind, wie der Wechsel von zwei Säulen und einem Pfeiler überzeugend beweist.

 

 

Fig. 48. Der Dom von Amalfi.

 

Der hervorragendste Profanbau Ravellos ist der hart an der Cathedrale gelegene Palast der Ruffoli, der reichsten und mächtigsten Patrizierfamilie, die im 13. Jahrhundert hier blühte. Der wahrscheinlich um die Mitte dieses Jahrhunderts von Nicolaus Ruffolo errichtete Bau besteht aus Eingangsbau, Palast und mehreren Türmen. Eingangsbau und Türme zeigen den saracenisch-normannischen Stil, der Palast in Anlage und Dekoration aber überwiegend saracenischen Charakter.

 

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Vom Eingange aus führten zwei sich erweiternde Mauern zum Palaste hin, der ausser dem Erdgeschosse noch zwei Stockwerke enthält. Das von zwei auf Löwen ruhenden Säulen flankierte Portal führt in eine der einen kleinen Lichthof umgebenden Hallen, die sich in je drei einfachen Spitzbogen nach dem Hofe zu öffnen. Über diesen liegen die zierlichen Arkaden des Hauptgeschosses. Hier sind auf jede Breite des Hofes fünfzehn Bogenstellungen angeordnet, deren jede auf zwei hintereinandergestellten, an den Ecken aber auf vier Marmorsäulchen ruht, deren Kapitelle ein gemeinsamer Architrav verbindet, auf dem die reiche Dekoration der Oberwände aufsetzt (Fig. 49). Den unteren Teilen der sich durchkreuzenden Bänder, welche die gebrochenen Spitzbögen umsäumen, ist Blattwerk vorgelegt, das die Linien reizvoll unterbricht.

 

Über diesen Zierraten des Hauptgeschosses stehen noch die Miniaturarkaden des Obergeschosses aus 34 Säulenpaaren, die ähnliche und einfachere Dekorationen wie die unteren tragen. Nach oben zu schliesst eine Art Zinnenkrönung, drei grosse Halbkreise auf jeder Seite, das Ganze ab.

 

 

Fig. 49. Arkaden des saracenischen Hofes im Palaste der Ruffoli zu Ravello.

 

Die Wände sind weiss geputzt, von ihnen heben sich die schwarzen Ornamente äusserst wirksam ab, deren Material aus einer stuckartigen, grobkörnigen Masse besteht, die fast Steinhärte besitzt.

 

 

Fig. 50. Porträtbüste im Dome von Ravello.

 

Der ganze Hof macht einen so wunderbar phantastischen Eindruck wie der Märchenzauber des Orients.

 

Der mutmaassliche Erbauer dieses Märchenschlosses, jener oben genannte Nicolaus Ruffolo, war der Stadt ein Wohlthäter grossen Stiles, ihm und seiner Familie dankte sie ihre letzte Blüte. Inschriften und Chroniken nennen den Namen Ruffolo, um den sich alles zu drehen schien, als Stifter von Altären und Kanzeln, als Geber und Darleiher von Geldern an die Stadt und den König Karl I. von Anjou, bei dem die Ruffoli in hohen Ehren standen. Aber der Glanz der Familie war nur ein kurzer, denn schon mit den Söhnen und Enkeln des Nicolaus begann der Niedergang. Sie vergeudeten die Reichtümer und führten ein thatenloses üppiges Leben. Die Unterstützung, die sie den sicilianischen Rebellen zur Zeit der Vesper zu teil werden liessen, hatte zur Folge, dass der König ein Edikt der Vernichtung gegen die Familie erliess, durch das auch die Nichtschuldigen schwer getroffen wurden und fliehen mussten. Ein Lorenzo Ruffolo wurde sogar Piratenführer; er fiel aber in die Gefangenschaft des Königs, wurde in ein kalabrisches Kastell gesperrt und starb dort 1291.

 

Boccacio erzählt die romantische Geschichte dieses Abenteurers in seiner vierten Novelle des zweiten Tages, nur hat er aus Rücksicht auf die Familie des Verstorbenen den Namen Lorenzo in Landolfo umgewandelt.

 

Hart wurde die Stadt durch die grausame Maassregel König Karls betroffen, der alle Saracenen gefangen nehmen und als Heiden samt Frauen und Kindern als Sklaven verkaufen liess, wodurch Ravello seine fleissigsten

 

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und intelligentesten Einwohner verlor. Fortwährende Bruderkriege mit dem benachbarten Scala und die zweimal auftretende Pest untergruben den Reichtum und vernichteten die Bevölkerung der Stadt, die allgemach zu ihrer heutigen Bedeutungslosigkeit hinabsank.

 

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Gleich Wahrzeichen einstiger Grösse ragen aus dem Stilgewirr der mittelalterlichen Bauwerke Unteritaliens die stolzen normannischen Türme, die gleich gewappneten Wächtern das Land überschauend sich durch ihre starke Charakteristik sofort kenntlich machen.

 

Solch ein Wahrzeichen normannischer Macht ist auch die Kuppel der Cathedrale von Caserta Vecchia. Das alte Caserta liegt nordöstlich von Neapel auf einem steil abfallenden Vorberge des Monte Tifata. Der Mangel an Wasser und andere durch die Höhenlage veranlasste Übelstände bewogen die Bewohner allmählich in die Ebene hinabzuziehen. Besonders nahm die Auswanderung zu, als nach der Erbauung des Königlichen Schlosses bei la Torre das neue Caserta entstand. Heute steht die alte Stadt auf dem Berge mit ihren Kirchen und Palästen fast ganz verlassen.

 

Die dem Erzengel Michael geweihte Cathedrale ist eine dreischiffige Basilika, deren Mittelschiff sich jenseits des aus den Fluchten des Langhauses hervortretenden Querschiffes noch fortsetzt und dann von einer keinesfalls ursprünglichen viereckigen Choranlage geschlossen wird.

 

Diese Kirche gehört zu den interessantesten Denkmälern des normannischen Mischstils in Unteritalien. Normannische und lombardische Elemente sind hier verschmolzen. Vorherrschend ist der Rundbogen. Der halbfreistehende Turm zeigt Rund- und Spitzbogen. Die Krone des ganzen Bauwerks bildet die sich über dem Kreuze erhebende achteckige Kuppel, von der Taf. 36 eine Abbildung giebt. Farbige, durch verschiedenes Gestein gebildete Verzierungen bedecken sie von unten bis oben. Das Hauptmotiv der Verzierung bilden zwei übereinanderliegende Blendarkaden, die aus sich durchkreuzenden Rundbögen gebildet sind. Zwischen der unteren und oberen Arkade zieht sich ein Fries hin, der aus nebeneinandergesetzten reich verzierten Quadraten besteht.

 

Den Abschluss nach oben bilden zwei übereinander liegende Friese, deren zu kleine Ornamente bei der Höhe gar nicht zur Wirkung kommen.

 

Der Bau der Kirche wurde um 1100 begonnen und 1153 vollendet. --

 

 

Die Erzthüren unteritalischer Kirchen.

 

Die Kunst des Erzgusses war in Italien in Vergessenheit geraten, seine Pflegstätte blieb Byzanz, von woher alle Erzthüren der Kirchen bezogen werden mussten, bis unter den Normannen auch in Unteritalien der Erzguss wieder heimisch wurde, wobei byzantinische Künstler die Lehrmeister wurden.

 

Die älteste der während der Normannenherrschaft gegossenen Thüren ist die am Grabmale des Boemund zu Canosa.

 

 

Einfügung: Grabkapelle Boemunds I. in Canosa

 

Boemund, der berühmte normannische Held des ersten Kreuzzuges, war der ältere Sohn Robert Guiscards und dessen erster Gemahlin Alberada. Er starb 1111 zu Antiochien, woselbst sein Leichnam verbrannt und die Asche nach Canosa gebracht wurde, um in der dortigen Cathedrale beigesetzt zu werden, deren Gründung ihm zugeschrieben wird. Noch im Todesjahre wurde die Grabkapelle erbaut, die sich an die südliche Wand des Querschiffes der Cathedrale anlehnt.

 

Die Erzthür der Grabkapelle ist eine der merkwürdigsten Italiens.

 

 

Einfügung: Bronzetür an der Grabkapelle Boemunds I. in Canosa

 

Die Einteilung ist völlig unsymmetrisch, die schöne Ornamentik zumeist in Niello ausgeführt. Die Verzierungen tragen saracenischen Charakter, der in den Rosetten sehr streng, in den die Flügel umziehenden

 

 

Fig. 51. Thronsessel in der Cathedrale von Canosa.

 

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Bändern mit romanischen Motiven verschmolzen ist. Der Grund der Ornamente war vordem mit feinen Silberplättchen ausgelegt, die jedoch, wie alles, was an der Thür von Silber war, z. B. die Gesichter, Hände und Füsse der Figuren, und zwei weitere, ganz aus diesem Metalle bestehende Figuren, ausgebrochen und geraubt wurden.

 

 

Einfügung: Detail der Bronzetür an der Grabkapelle Boemunds I. in Canosa

 

Über und zwischen den grossen Rosetten des linken Flügels sind vier Strophen zum Lobe Boemunds angebracht; die obere dieser Rosetten trug einst ein silbernes Madonnenbild, wie die daneben stehende Inschrift besagt. Auch das zweite Feld des rechten Flügels war durch eine silberne Figur geschmückt, zu der die beiden knieenden Männer aufsahen, woraus auf einen auferstehenden Christus zu schliessen ist. Das unterste Feld dieses Flügels trägt noch die Inschrift: „Sancti Sabini Canusii Rogerius Melfie Campanarum fecit has ianuas e(t) candelabrum“. Daraus geht hervor, dass der Bildhauer Roger hiess, also wohl ein Normanne aus dem campanischen Amalfi war, welches im Mittelalter oft Melfia oder Malfia genannt wird zudem liegt das eigentliche Melfia nicht in Campanien.

 

Der Verfertiger der Thür hält sich noch ganz an die griechische Technik, schwaches Relief in Verbindung mit Niello.

 

Einen bedeutenden Fortschritt in der Technik zeigt schon die nur wenige Jahre jüngere Thür der Cathedrale von Troja (Taf. 34), die 1119 gegossen wurde.

 

 

Einfügung: Bronzetür der Kathedrale von Troia

 

An dieser Thür sind die saracenischen Elemente ganz verschwunden, die Ornamentik zeigt ein Gemisch romanischer und byzantinischer Formen.

 

 

Einfügung: Details der Bronzetür der Kathedrale von Troia

 

Leider sind die alten Felder der dritten und sechsten Reihe herausgenommen und durch spätere Arbeiten ersetzt worden, doch ist anzunehmen, dass hier ähnliche Niellen gesessen haben, wie die Felder der obersten Reihe, deren Darstellungen aber stark gelitten haben und kaum noch erkennbar sind. Das erste Feld links zeigt zwei stehende Figuren, die Inschriften nennen sie: „Oderisius“ und „Berardus“. Im zweiten Felde erscheint der in einer Mandorla thronende Christus als Weltenrichter. Im dritten Felde steht Bischof Wilhelm, der Erbauer der Kirche und Stifter dieser Thür. Das vierte Feld trägt die Figuren der Apostel Petrus und Paulus. Die unterste Reihe enthält die Inschriften, welche verkünden, dass Bischof Wilhelm II. von Troja im Jahre 1119 diese Thür anfertigen liess. Auf der vierten Tafel ist nur eine Kopie der alten Schrift angebracht, da Bischof Prosper Rebiba 1573 diese Tafel erneuern und mit einem Zusatze versehen liess, in dem sein Verdienst um die Wiederherstellung der Thür gepriesen wird.

 

Ein ganz neues Dekorationsprinzip der Erzthüren ward durch den Meister Barisanus von Trani eingeführt, von dem die grossen Thüren der Cathedralen von Trani und Ravello nebst der Seitenthür des Domes von Monreale herrühren. Alle drei gleichen sich untereinander bis auf kleine Unterschiede, zumeist sind überall die gleichen Gussformen benutzt. Ein Vergleich der Tafeln 31, 32 und 33 wird das sofort klar machen.

 

Die älteste dieser drei Thüren ist die von Trani (Taf. 32), die einzige, die mit einem Rundbogen abschliesst.

 

 

Einfügung: Details der Bronzetür der Kathedrale von Trani

 

Das Jahr des Gusses ist nicht bekannt, doch muss aus einem bestimmten Grunde die Thür von Trani älter sein als die von Ravello (Taf. 33), welche laut Inschrift 1179 gegossen wurde. Da diese Thür nun grösser ist als die von Trani, so sah sich der Meister gezwungen, hier dieselben Darstellungen öfter zu wiederholen, das schöne Ornamentfeld sogar sechsmal, so dass die beiden untersten Reihen ganz damit ausgefüllt sind. Sogar Flickwerk wurde hier nicht verschmäht, um die Masse der Felder zu füllen und dabei neue Modelle zu sparen.

 

In Trani ist der Thürbogen rund, und dadurch wurden für die obere Reihe zwei kleine spitz zulaufende Felder erforderlich, in die je ein knieender Engel hineinkomponiert wurde. Diese spitzwinkligen Felder sind nun aber in Ravello ganz ersichtlich in solche von quadratischer Form umgewandelt, wie das erste, dritte, vierte und sechste Feld der oberen Reihe deutlich erkennen lassen. Es sind dieselben Engel, hinter denen noch die spitz abschliessende Bogenlinie aufsteigt. Der neu hinzugekommene Raum ist durch ein rundes Ornament wenig geschickt ausgefüllt. Aus diesem Umstande ist zu schliessen, dass die Thür von Trani die älteste sein muss. Bei dieser findet sich der Name des Künstlers auf dem dritten Felde der fünften Reihe, auf dem S. Nicolaus Peregrinus dargestellt ist, zu dessen Füssen ein ganz kleines Figürchen knieet, daneben steht BARISANVS TRANENSIS. Dieselbe Darstellung wiederholt sich in Monreale, nur dass hier dem Namen noch ME FECIT hinzugefügt ist. In Ravello fehlt die Angabe des Namens, doch ist dort der Stifter genannt unter Beifügung der Jahreszahl 1179.

 

Der künstlerische Wert der Figuren ist nicht immer gleich, einige, wie S. Andreas (vergl. Taf. 31. Detail rechts oben) sind trefflich modelliert, andere wieder, wie die Maria und S. Georg, nur sehr mässig, besonders der letztere ist sehr schlecht weggekommen.

 

 

Einfügung: Detail „St. Georg“ auf der Bronzetür der Kathedrale von Trani

 

Von ausserordentlicher Schönheit ist dagegen das gesamte Ornamentwerk, dessen Zeichnung eine Meisterhand ersten Ranges erkennen lässt. Die Thür von Monreale ist die schönste,

 

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wenn auch die kleinste; ihre Entstehung dürfte in das Jahr 1186 zu setzen sein. Auf allen drei Thüren wiederholen sich die von vier Vögeln umgebenen griffhaltenden Löwenköpfe.

 

 

Einfügung: Klopfer der Bronzetür der Kathedrale von Trani

 

Ein Gegenstück zu diesen Arbeiten des Barisanus von Trani bildet gewissermaassen die Thür am Hauptportale der Cathedrale von Benevent (Taf. 32), die eine gleiche Felderung zeigt.

 

 

Einfügung: Bronzetür der Kathedrale von Benevent

 

Aber die Ähnlichkeit ist nur eine rein äusserliche. Statt der strengen Figuren des Barisanus finden wir hier stark aus der Fläche heraustretende, lebhaft bewegte Gruppen, die schon malerische Effekte zu erreichen suchen. Das Ornament ist hier so gut wie ganz aufgegeben, nur zwei halbe Eierstäbe schmücken die trennenden Bänder, auf deren Kreuzungen Rosen liegen. Auch die ringtragenden Löwenköpfe können mit denen des Barisanus keinen Vergleich aushalten.

 

Die Darstellungen auf der Thür erzählen die Geschichte Christi von der Verkündigung bis zur Himmelfahrt. Das Feld neben letzterer zeigt den Metropoliten von Benevent auf dem Throne sitzend, umgeben von drei Geistlichen.

 

 

Einfügung: Bildnis des Metropoliten von Benevent auf der Bronzetür der Kathedrale

 

Es ist dies das siebente Feld der sechsten Reihe von oben, leicht erkennbar durch den die Gruppe umschliessenden giebelförmigen Baldachin, der sich auch bei den Einzelfiguren von Bischöfen, durch welche die übrigen Felder ausgefüllt werden, immer wiederholt.

 

Das gleiche Streben wie hier, durch starkes Relief wirksame Effekte zu erzielen, finden wir auch in der Arbeit des Bonanus von Pisa an der Hauptthür von Monreale ausgesprochen, nur fehlte dort das hier zum Ausdruck gekommene starke künstlerische Können. Doch scheint auch dieser unbekannte Meister wie jener einer mehr norditalienischen Schule anzugehören.

 

Die Thür trägt weder Namen noch Jahreszahl, doch ist wohl anzunehmen, dass sie mit der Façade der Cathedrale zugleich um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden ist. Einen Schmuck von hoher künstlerischer Bedeutung erhält das Portal durch die flankierenden Pfosten und den darüber liegenden Architrav. Die vorzügliche Marmorarbeit erinnert lebhaft an das auf Seite 7 abgebildete Friesfragment von der Martorana in Palermo, dessen Rankenwerk grosse Ähnlichkeit mit den Pfosten besitzt, wie sich auch die Figur der Greifen dort fast ganz genau wiederfindet, so dass man wohl hier wie dort denselben Urheber vermuten darf.

 

 

Ambonen, Kanzeln, Osterkerzenleuchter u. a.

 

Hatte der saracenisch-normannische Stil die Architektur des Festlandes von Unteritalien nicht so ausschliesslich beherrscht wie die Siciliens, so wurde dagegen seine reiche und wirkungsvolle Dekorationsweise der Ambonen, Kanzeln, Chorschranken u. a. um so rückhaltloser aufgenommen und Jahrhunderte hindurch beibehalten. Auf diesem Gebiete waren die schweren lombardischen Formen durch die Anmut und die Farbenpracht des neuen Stils leicht zu überwinden, dessen Einführung zugleich eine Verfeinerung der Marmortechnik mit sich brachte, die auf dem Festlande arg vernachlässigt war.

 

Von der Art der lombardischen Arbeiten giebt der bischöfliche Thron in der Cathedrale von Canosa ein sehr charakteristisches Beispiel (Fig. 51).

 

 

Einfügung: Thronsessel in der Kathedrale von Canosa

 

Das Material ist ein weisslich grauer Marmor, dessen Bearbeitung aber ganz in der Art einer Holzschnitzerei gehalten ist, wie denn auch die ganze Konstruktion als für Holz gedacht sich darstellt.

 

Die linke Seitenlehne trägt folgende Inschrift:

VRSO PCEPTOR ˬ ROMOALDVS

AD HEC FVIT ACIOR.

 

Dieser Urso, Erzbischof von Bari und Canosa, regierte 1078 -- 1089, wodurch die Zeit der Herstellung des Sessels festgestellt ist. Eine weitere Inschrift von vier lateinischen Versen läuft um die inneren Flächen des oberen Rahmens; sie enthält eine Anrede an den predigenden Priester.

 

Die normannisch-saracenische Dekorationsweise scheint erst unter Roger II. entstanden und beim Bau der Capella Palatina (1140) zuerst angewandt zu sein.

 

Zu den ältesten Beispielen in Unteritalien gehören die Chorschranken in der Cathedrale von Salerno, die unter Erzbischof Wilhelm, der von 1137-1153 regierte, errichtet wurden.

 

 

Einfügung: Mosaikfeld an der Kanzel der Kathedrale von Salerno

 

Es haben sich drei reichverzierte Mosaikfelder erhalten, ähnlich denen an den Seitenflächen des Königs-Stuhles in der Capella Palatina (Fig. 10). Die Farben der Mosaiken beschränken sich hier auf rot, grün, gelb und weiss, womit aber eine ungemein feine Wirkung erreicht ist.

 

Nur wenig jünger ist die Kanzel dieser Cathedrale, die zu den schönsten und edelsten Werken ihrer Art gehört (Fig. 52).

 

 

Einfügung: Kanzel der Kathedrale von Salerno

 

Ihr Oberbau ruht auf vier Granitsäulen, deren attische Basen mit Eckblättern belegt sind. Die

 

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Kapitelle sind von wahrhaft bewunderungswürdiger Feinheit der Arbeit. Das Blatt- und Rankenwerk beleben menschliche Figuren und verschiedene Tiergestalten. Die Bogenzwickel der Vorderseite tragen im Relief den Adler und den Engel, die Symbole der Evangelisten Johannes und Matthäus, von grosser Schönheit der Zeichnung und Ausführung. Der Grund der Marmorarbeit wird durch feine geometrische Mosaikmuster ausgefüllt. Die Bogenzwickel der hier anstossenden Seite, die auf der Abbildung in der Verkürzung sichtbar ist, sind mit den Gestalten der Propheten Jesaias und Jeremias ausgefüllt. An den abgestumpften Ecken stehen vorn leicht bekleidete Figuren, deren erhobene Arme die abschliessenden Ornamente tragen. An den hinten liegenden Ecken sind die Figuren durch Säulchen ersetzt. Ein über die Bögen hinlaufender Mosaikfries nennt als Stifter der Kanzel den Erzbischof Romualdus II. von Salerno, welcher von 1153-1181 regierte.

 

Die Gestaltung der oberen Bühne ist aus der Abbildung ersichtlich, die Brüstung der sich verkürzt zeigenden Seite ist besonders reich geschmückt, indem die innerhalb der verschlungenen Bänder liegenden Felder mit Blumen und Vögeln auf Goldgrund stehend ausgefüllt sind. Die zwei grösseren Kreisflächen sind mit Porphyrscheiben ausgesetzt.

 

Um ein Jahrhundert später entstand der grosse Ambo in der Cathedrale von Ravello (Taf. 37), der, obwohl viel reicher und grösser; doch an Schönheit die Kanzel von Salerno nicht erreicht.

 

Als neues Element sind dem fast zu reichen Mosaikschmucke sehr fein gearbeitete plastische Marmorverzierungen beigesellt, von denen der obere Abschluss der Brüstung umzogen wird.

 

Die Mosaiken zeigen hier nicht nur die verschlungenen Bänder, sondern auch Löwen, Drachen, Adler und das Wappen der Ruffoli.

 

Die Bühne ruht auf sechs spiralförmigen Säulen, die von trefflich gearbeiteten Löwen getragen werden. Aus der dreiteiligen Vorderwand tritt das mittlere Feld heraus, vor ihm steht auf einer kleinen Spiralsäule der das Legepult bildende Adler aus schwarzem Basalt. Der Aufgang, zu dem ein Kleeblattbogen führt, ist durch eine mit Mosaiken verzierte Wand verkleidet.

 

Über dem Portale des Aufganges steht eine weibliche Porträtbüste von vorzüglicher Arbeit (Fig. 50), über deren Bedeutung nichts Sicheres bekannt ist. Am meisten verbreitet ist die Annahme, dass hier Sicilgayte, die Gemahlin des Stifters Nicolaus Ruffalo, dargestellt sei, doch spricht dagegen die Krone, die entschieden auf eine Herrscherin deutet. Es fehlt jeder Anhalt, der Aufschluss über die dargestellte Persönlichkeit geben könnte.

 

Zwei Inschriften befinden sich an dem Ambo, deren eine Kunde giebt, dass derselbe 1272 von Nicolaus Ruffalo gestiftet wurde, in der andern nennt sich der Meister, der das Werk geschaffen, sie lautet:

 

EGO · MAGISTER · NICOLAVS · BARTHOLOMEO · DE · FOGIA · MARMORARIVS ·HOC ·OPVS ·FECI :

 

Aus dem 14. Jahrhundert stammen Kanzel und Ambo in der Cathedrale von Benevent, die in der Arbeit so genau übereinstimmen, dass beide augenscheinlich von demselben Meister herrühren, der sich auf einer Inschrift des Ambo Nicolaus Celte aus Monforte nennt, unter Beifügung der Jahreszahl 1311.

 

Eine Abbildung der Kanzel findet sich auf Tafel 37; der Ambo ist ihr so ähnlich, dass von dessen Wiedergabe abgesehen werden konnte.

 

An diesen Werken tritt der Mosaikschmuck sehr zurück gegen die überaus reiche plastische Verzierung der Gliederungen. Sechs Säulen tragen die Kanzel, deren vordere drei auf zwei Greifen und einem Löwen, die drei hinteren nur auf Löwen ruhen.

 

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Die beiden äusseren Säulen der Vorderseite sind von Granit, die übrigen vier von weissem Marmor. Die äusserst zierlichen Kapitelle werden durch allerlei Figurenwerk belebt, die sich dem Blattwerk graziös anschmiegen.

 

An der Vorderseite der Brüstung stehen drei Figuren, die bereits einen ausgesprochen gothischen Charakter tragen unter gothisierenden Baldachinen: in der Mitte der Engel der Verkündigung, dessen erhobene Hand leider abgebrochen ist, rechts Maria, den Worten andachtsvoll lauschend, und links Petrus mit den Himmelsschlüsseln. Der Ausdruck der Köpfe ist vortrefflich, der der Maria sogar von grosser Schönheit; auch der Fluss der Gewänder zeugt von eingehendem Naturstudium. In dem Felde zwischen Maria und dem Engel steht ein Gefäss mit der Lilie, die übrigen Felder sind durch schön gearbeitete Rosetten verschiedener Form ausgefüllt. An der Rückseite der Brüstung stehen an den Seiten zwei Heilige, in der Mitte S. Johannes der Evangelist, der ein Buch trägt mit der Inschrift: In principio erat verbum.

 

Diese drei Bühnen sind ausgesucht schöne Beispiele für die Entwicklung der Dekoration des saracenisch-normannischen Stils.

 

Als ein weiterer Schmuck der Kirchen sind noch die mächtigen Leuchtersäulen für die Osterkerzen zu nennen, deren eine auf der Abbildung der Kanzel von Benevent sichtbar ist und die mit jener wohl ungefähr gleichzeitig ist. Die Säule ruht auf einem von fratzenhaften Figuren umgebenen Sockel. Die spiralförmig aufsteigenden Vertiefungen sind mit gelbem Marmor eingelegt, der von schwarzen Streifen eingefasst ist. Das Ornamentwerk kann sich mit dem der Kanzel bei weitem nicht messen. Zu den schönsten Stücken dieser Gattung gehört die Leuchtersäule im Vorhofe der Cathedrale von Capua (Fig. 53). Vier achteckige Gurte bewirken eine Fünfteilung, deren unterste und oberste Abteilung mit schräg auflaufenden Mosaikstreifen geschmückt sind, während die zweite und dritte Abteilung von oben figürliche Darstellungen tragen, die sich auf das Osterfest beziehen: Die Auferstehung Christi und die Weihe der Osterkerze.

 

 

Fig. 53. Osterkerze in der Cathedrale von Capua.

 

Das Kapitell bilden acht aus Akanthusblättern aufsteigende Kinderfiguren, welche die achteckige Deckplatte tragen.

 

Über das Alter dieses Lichtträgers ist nichts bekannt, doch nach der Arbeit zu schliessen, dürften Schaft und Fuss aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammen, während das Kapitell wahrscheinlich eine etwas spätere Zuthat ist.

 

 

Einfügung: Detail der Leuchtersäule in der Kathedrale von Salerno

 

Eine sehr schöne Leuchtersäule aus dem 13. Jahrhundert besitzt auch die Cathedrale von Salerno, als Prachtstück ersten Ranges aber muss die der Capella Palatina zu Palermo noch genannt werden, von der sich leider keine gute Aufnahme gewinnen liess, doch ist sie auf den Bildern der Palatina (Taf. 9 u. 10) noch ziemlich deutlich erkennbar. Mosaik ist an ihr gar nicht zur Anwendung gekommen, die ganze Säule ist von weissem Marmor und von unten bis oben mit figürlichen Skulpturen bedeckt, die sich an dem Schafte hinauf ziehend das graziöse Ganze bilden. --

 

Damit wären die Hauptmomente der Entwicklung des normannisch-saracenischen Stils gegeben, soweit es der enge Rahmen dieser Arbeit gestattete, der es auch leider unmöglich machte, auf die kostbaren Palermitaner Seidengewebe und Stickereien einzugehen, die im Mittelalter einen Weltruf genossen. Fürstliche und kirchliche Prachtgewänder legen noch heute Zeugnis ab von der hohen Kunstfertigkeit saracenischer Weber und Sticker, die in der königlichen Manufaktur zu Palermo beschäftigt waren. Aus dieser stammt auch das berühmte Pallium, der Krönungsmantel der römisch-deutschen Kaiser, der noch heute in der Hofburg zu Wien aufbewahrt wird. Wie eine arabische Inschrift, die die untere Bordüre bildet, besagt, wurde dieser Mantel im Jahre 1133 für König Roger in der königlichen Fabrik zu Palermo verfertigt. Mit dem königlichen Schatze fiel auch dies Prachtgewand in die Hände Heinrichs VI. und wurde wahrscheinlich durch dessen Nachfolger Friedrich II. den Reichsinsignien einverleibt.

 

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REGENTEN-TAFEL
der Normannen im Königreich Sicilien.

 

1040-1043 Eroberung Apuliens durch die Normannen.

1042-1046 Wilhelm Eisenarm, Graf von Apulien.

1046-1051 Drogo, Graf von Apulien.

1051-1057 Humfried, Graf von Apulien.

1057 Robert Guiscard, Herzog von Apulien und Calabrien.

1072 10. Januar, Palermo erobert.

1072 Roger I. Graf von Sicilien.

1086 Robert Guiscard stirbt.

1092 Völlige Unterwerfung Siciliens.

1111 Roger I. stirbt.

1111-1154 Roger II, Graf von Sicilien.

1127 Erlöschen des Mannesstammes Robert Guiscards.
Vereinigung der gesamten normannischen
Besitzungen unter Roger II.

1130 Roger II, zum König gekrönt.

1154 27. Februar, Tod Rogers II.

1154-1166 Wilhelm I.

1166--1189 Wilhelm II.

1190-1194 Tancred.

1194 Ende der normannischen Herrschaft.
Heinrich VI., Herr von Sicilien.

 

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INHALT.

Text.

 

Vorwort Seite 5

Einleitung 7

Geschichte Siciliens bis zum Ende der Normannenherrschaft 9

Bauwerke der Normannen in Palermo

a) Kirchen 17

Martorana und S. Cataldo 17

Die Capella: Palatina 21

S. Spirito 23

Der Dom 23

Die Kaisergräber im Dome 24

b) Paläste und Lustschlösser: 26

Das königliche Schloss 26

Palast-Façaden 27

Zisa und Cuba 28

 

Der Dom von Monreale 31

Der Kreuzgang… 32

Die Erzthüren 33

Der Dom von Cefalù 35

Das Portal am Dome von Catania 36

Aus Unteritalien 37

Die Erztüren unteritalischer Kirchen 39

Ambonen, Kanzeln, Osterkerzenleuchter u. a. 41

 

 

Abbildungen im Text.

 

Palermo

 

Fig. 1 Fries über der Seitenthür der Kirche della Martorana . . Seite 7

Fig. 2 Fies von einer Palast-Façade (zu Fig. 21) 9

Fig. 3 Kuppelsystem von S. Cataldo 17

Fig. 4 Taufstein in S. Cataldo 17

 

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Fig. 5 Grundriss von S. Giovanni degli Eremiti Seite 19

Fig. 6 Grundriss von S. Cataldo 19

Fig. 7 Grundriss der Martorana 19

Fig. 8 Grundriss der Capella Palatina 19

Fig. 9 Vorderseite des Altars in S. Cataldo 20

Fig. 10 Seitenwand des Königsstuhls in der Capella Palatina 21

Fig. 11 Palmettenfries aus der Capella Palatina 22

Fig. 12 Cassette, persische Arbeit (10.--11. Jahrh.) 23

Fig. 13 Cassette, saracenische Arbeit (12. Jahrh.) 23

Fig. 14 Säule aus S. Spirito 23

Fig. 15 Bordüre von der Grabkrone Heinrichs VI. 24

Fig. 16 Schuh aus dem Grabe Heinrichs VI. 24

Fig. 17 Bordüre vom Grabgewande Heinrichs VI. 24

Fig. 18 Schwert aus dem Grabe Friedrichs II. 24

Fig. 19 Kronenhaube aus dem Grabe der Königin Konstanze II. 25

Fig. 20 Seitengehänge dazu 25

Fig. 21 Palast-Façade bei S. Antonio 27

Fig. 22 Verzierungen von Fensterbögen 27

Fig. 23 Verzierungen von Fensterbögen 27

Fig. 24 Verzierungen von Fensterbögen 27

Fig. 25 Verzierungen von Fensterbögen 27

Fig. 26 Fenstersäule 27

Fig. 27 Fensterrosette 27

Fig. 28 Palast-Façade in der Via del Protonotaro 28

Fig. 29 Thürbogen 28

Fig. 30 Verzierungen der Fensterbögen (zu Fig. 21 u. 28) 28

Fig. 31 Verzierungen der Fensterbögen (zu Fig. 21 u. 28) 28

Fig. 32 Verzierungen der Fensterbögen (zu Fig. 21 u. 28) 28

Fig. 33 Fensterrosette 28

Fig. 34 Schartenfenster 28

Fig. 35 Fenster vom Palazzo Sclafani 29

Fig. 36 Adler aus der Brunnenhalle der Zisa 29

Fig. 37 Die Cuba 30

Fig. 38 Grundriss des Domes von Monreale 31

Fig. 39 Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale 32

Fig. 40 Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale 32

Fig. 41 Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale 32

Fig. 42 Lavaornamente am Chor des Domes von Monreale 32

Fig. 43 Fragmente der Erzthür des Bonanus von Pisa am Dome zu Pisa 33

Fig. 44 Mosaikfigur vom Fussboden der Martorana in Palermo 34

Fig. 45 Grundriss des Domes von Cefalù 35

Fig. 46 Chorseite des Domes von Cefalù 36

Fig. 47 Das Portal am Dome von Catania 36

Fig. 48 Der Dom von Amalfi 37

Fig. 49 Arkaden des saracenischen Hofes im Palaste der Ruffoli zu Ravello 38

 

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47

 

Fig. 50 Portraitbüste im Dome vom Ravello Seite 38

Fig. 51 Thronsessel in der Cathedrale von Canosa 39

Fig. 52 Kanzel in der Cathedrale von Salerno 41

Fig. 53 Osterkerzenleuchter in der Cathedrale von Capua 42

 

 

Tafeln.

 

Tafel 1 Palermo: Kreuzgang und Kirche S. Giovanni degli Eremiti.

Tafel 2 Kirche della Martorana.

Tafel 3 Anbetung der Maria durch Admiral Georgius, Antiochenus, Krönung König Rogers II. --- Mosaiken in der Kirche della Martorana zu Palermo.

Tafel 4 Mosaiken in der Kirche della Martorana, Details zu Taf. 3 (farbig).

Tafel 5 Mosaiken der Kuppel und der Deckengewölbe.

Tafel 6 Palermo-Mosaiken aus der Zisa und der Kirche della Martorana (farbig).

Tafel 7 Die Geburt Christi, Mosaik in der Kirche della Martorana. Mosaik in der Apsis der Cathedrale von Cefalù.

Tafel 8 Palermo: S. Cataldo, äussere Ansicht von Nord-Ost sowie östlicher Teil des Inneren.

Tafel 9 Palermo Inneres der Capella Palatina, Mittelschiff und Chor.

Tafel 10 Palermo Inneres der Capella Palatina, Blick nach Süd-Ost und Süd-West.

Tafel 11 Palermo Inneres der Capella Palatina ein Teil der Decke des Mittelschiffs sowie die Mosaiken der Kuppel.

Tafel 12 Palermo Inneres der Capella Palatina der Einzug Christi in Jerusalem, Mosaik(farbig).

Tafel 13 Palermo Inneres der Capella Palatina Mosaiken.

 

Tafel 14 Palermo Inneres der Capella Palatina Mittelschiff und Durchblick ins Seitenschiff (farbig).

Tafel 15 Mosaiken und Malereien aus der Capella Palatina und dem Dome von Monreale (farbig).

Tafel 16 Längsschnitt des Domes von Monreale und Längsschnitt der Capella Palatina in Palermo.

Tafel 17 Westfront der Cathedrale von Cefalù und Kirche Santo Spirito in Palermo.

Tafel 18 Dom von Palermo und die Kaisergräber im Dome.

Tafel 19 Das königliche Schloss in Palermo und das Roger-Zimmer (Stanza di Ruggero) im königlichen Schlosse.

Tafel 20 Mosaiken aus Palermo und Monreale (farbig).

Tafel 21 Die Zisa in Palermo und Vorhalle in der Zisa.

Tafel 22 Der Dom von Monreale, Mittelschiff und Chor.

Tafel 23 Chor des Domes von Monreale und Westfront desselben.

Tafel 24 Südseite des Kreuzganges am Dom von Monreale und Brunnenhaus im Kreuzgange.

 

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Tafel 25 Säulen und Kapitelle des Kreuzganges am Dom zu Monreale.

Tafel 26 Säulen und Kapitelle des Kreuzganges am Dom zu Monreale.

Tafel 27 Säulen und Kapitelle des Kreuzganges am Dom zu Monreale.

Tafel 28 Säulen und Kapitelle des Kreuzganges am Dom zu Monreale.

Tafel 29 Mosaik und Bemalung aus dem Dome von Monreale (farbig).

Tafel 30 Die grosse Erzthür am Dome von Monreale.

Tafel 31 Die kleine Erzthür am Dome von Monreale.

Tafel 32 Erzthür des Hauptportals der Cathedrale von Benevent und Erzthür der Cathedrale von Trani.

Tafel 33 Erzthür der Cathedrale von Ravello.

Tafel 34 Erzthür am Hauptportale der Cathedrale von Troja.

Tafel 35 Erzthür am Mausoleum des Boemund in Canosa.

Tafel 36 Kuppelturm der Cathedrale von Caserta-vechio und Turm der Cathedrale von Ravello.

Tafel 37 Ambo in der Cathedrale von Ravello und Kanzel und Osterkerzenleuchter in der Cathedrale von Benevent.

Tafel 38 Fragment einer saracenischen Decke im Museo Nazionale in Palermo.

 

 

 

Druck: Deutscher Verlag (Ges. m. b. H.), Berlin SW. 46.

 

 

 

Quelle:

Kutschmann, Theodor: Meisterwerke saracenisch-normannischer Kunst in Sicilien und Unteritalien: ein Beitrag zur Kunstgeschichte des Mittelalters - Berlin, 1900

 

Die Arbeit liegt in den Heidelberger historischen Beständen digitalisiert vor und ist über folgende Links zugänglich:

DOI Seite: https://doi.org/10.11588/diglit.42911#0001

Zitierlink: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kutschmann1900/0001

Dort können auch die im Text benannten originalen Zeichnungen und Fotos außer der Tafel 34 (Erztür am Hauptportale der Cathedrale von Troia) eingesehen werden.

Hinweis: In den Text wurden zusätzlich einige Fotos einer Studienreise von 2014 nach Unteritalien eingefügt.

 

 

 

 

Rezension von P. Schubring vom 07.07.1900 zu dieser Publikation Theodor Kutschmanns

 

Kunstwissenschaften.

Th. Kutschmann, Meisterwerke srazenisch-normannischer Kunst in Sizilien und Unteritalien. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des Mittelalters. Berlin, Franz Jaeger, 1900. 4°. 12 Tafeln in Lichtdruck und 8 Tafeln in Chromo-Facsimiledruck mit reich illustriertem Texte. M. 60.

 

Diese vornehm ausgestattete, der Berliner Akademie der bildenden Künste gewidmete Publikation bringt sehr sorgfältige Ganz- und Detailaufnahmen der sizilischen Bauten und Mosaiken des 12. Jahrhunderts, die namentlich über die Palermitaner Kunst zur Zeit der Normannenherrschaft einen schönen Überblick geben. Der Verf., der durch die Dekoration des Parcival-Zimmers im Berliner Theater des Westens und durch die „Geschichte der deutschen Illustration“ bekannt geworden ist, hatte in diesem Zimmer zunächst praktisch versucht, die mittelalterlichen Dekorationsformen des Südens heute wieder zu verwenden. Seine Publikation, die auf seinen eigenen Aufnahmen und den sehr sorgsam von ihm und seinem Sohn gemachten Zeichnungen (immer auf Grund von Pausen) beruhen, will für derartige praktische Aufgaben der Gegenwart neue Proben und Muster liefern. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Arbeit sehr verdienstlich und geglückt. So sehr diese Normannenkunst den Namen „Mischstil“ verdient, so sicher ist das Gefühl für die Form in ihr; etwas direkt Formloses, wie es heute an jedem Bau fast vorkommt, habe ich dort nie gefunden. In jedem Fall also können diese Blätter vorbildlich wirken, sei es unmittelbar oder als Anhalt für die eigene Arbeit. Nicht ganz so günstig lautet das Urtheil über den Text. Der historische Teil wäre entbehrlich gewesen, da er nichts Neues bringt und das Bekannte ungeschickt, ohne das Gefühl für das Wesentliche vorträgt. Der kunsthistorische Theil ist in vielen Punkten anfechtbar, da er mit sehr vagen Begriffen arbeitet. Die Hauptfrage in dieser Kunstepoche wird immer die bleiben: haben die Normannen hier etwas Eigenes geschaffen oder Fremdes aufgenommen und sich angeeignet resp. nur geduldet und geschützt? Dies Fremde ist jedenfalls nicht nur das Sarazenische, wie K. glaubt, sondern auch das Griechische, nicht nur bei den Mosaiken, sondern auch bei den Bauten. Die byzantinische Kultur ist und bleibt der entscheidende Machtfaktor für das Mittelmeerbecken bis ins 13. Jahrhundert hinein. Wenn in Sizilien wenig byzantinische Bauten erhalten sind (vgl. übrigens die Ostküste der Insel), so darf man daraus nicht folgern, sie hätten nie bestanden. Mir wird von Jahr zu Jahr klarer, dass die Normannen so gut wie gar keine Kunst mitgebracht und durchgesetzt haben; ihr Beitrag beschränkt sich auf drei bis vier Dekorationsformen. K.s Annahme, dass normannische Architekten und Steinmetzen von der Normandie in den Süden gewandert wären, wird schon durch die bekannte Stelle bei Gaufridus (III, 19) sehr unwahrscheinlich gemacht. Auch betr. des sarazenischen Einflusses muss man bedenken, dass es sich dabei doch auch um keine indigene, sondern importierte Kunst handelt, die schon viel Kompromisse hinter sich hat, als sie von den Normannen zum Vorspann benutzt wird. Mit einem Wort: die Verhältnisse liegen viel komplizierter, als K. sich denkt. Er hat einen guten Blick und wo er aus künstlerischem Instinkt Bestimmungen wagt, ist er meist glücklich, wenn auch die Benennungen einzelner Ornamente als sarazenisch, byzantinisch, normannisch oder romanisch nicht unbezweifelbar sind. Sehr gut sind die architektonischen Details beobachtet; namentlich die eigenartige Wölbung in S. Cataldo, der Martorana usw., wo Nischenbögen nicht nach byzantinischer Weise in den Zwickeln, sondern nach sarazenischer über ihnen in der Oberwand sitzen, ist als Eigenart hervorzuheben. Der Spitzbogen dagegen, der hier schon im 12. Jahrhundert die Regel ist, hätte eine ausführlichere Würdigung und Ableitung verdient. Wir kennen im Norden nur den gestelzten Rundbogen; hier kommt der gestelzte Spitzbogen vor. Woher stammt er? Aus dem Orient?

 

Die Einzelangaben bedürfen mannichfacher Berichtigung. Ich suche sie für das Kapitel „Die Erztüren unteritalischer Kirchen“ S. 39-41 zu geben.

 

 

Einfügung: Grabkapelle Boemunds I. in Canosa

 

Die Grabkapelle Boemunds von Tarent in Canosa ist von ihm selbst errichtet, nicht erst nach seinem Tode gebaut worden.

 

 

Einfügung: Detail der Bronzetür an der Grabkapelle in Canosa

 

Die Verzierungen der hier befindlichen Erzthüren werden mit Recht sarazenisch genannt; dann darf man aber nicht lediglich von „byzantinischen Lehrmeistern“ reden. Der Verf. erkennt nicht, dass die Mittelfelder des rechten Flügels zusammengehören und die Verklärung darstellen. Meine persönliche Ansicht geht dahin, dass der Künstler Roger nicht aus Amalfi, sondern aus Melfi stammt. Die Canueser Thür ist durchaus nicht „ganz in griechischer Technik“ hergestellt, die nur das Silberniello kennt, sondern theilweise im Relief, also das Gegentheil!

 

 

Einfügung: Bronzetür der Kathedrale von Troia

 

Die reliefierten Felder der Hauptthür in Troia (K. scheint die kleinere Bronzethür dieser Kirche nicht zu kennen) zeigen nicht ein Gemisch romanischer und byzantinischer Formen, sondern sind direkt lombardisch, freilich in dem Sinn, in dem dies Wort in Unteritalien immer angewendet werden muss.

 

Für die Datierung der Traneser Bronzethür giebt das Jahr 1153 (Weihe der Kirche) einen Anhalt.

 

 

Einfügung: Bronzetür der Kathedrale von Benevent

 

Die Beneventer Thür wird von K. immer noch in die Mitte des XII. Jahrhunderts gesetzt, obwohl ganz klar sein dürfte, dass sie später als die von Barisanus gegossen sein muss. Ich setze sie nach der Mitte des XIII. Jahrhunderts. Die Charakterisierung als norditalienisch halte ich für richtig, wenn auch nicht für erschöpfend, da im Grunde doch indigene Kunst hier vorliegt. Benevent ist die Hauptgiesshütte dieser Gegend und Zeit.

 

Es wäre wünschenswert, wenn bei einer neuen Auflage der Text einer nachdrücklichen Durchsicht unterzogen würde. Dabei solltem auch für das Kapitel der Palastbauten die schönen Aufsätze von A. Goldschmidt im Jahrbuch der preuss. Kunstsammlungen 1895, S. 199 und in der Zeitschrift für Bauwesen 1898 X-XII berücksichtigt werden, durch welche die alten phantastisch üppigen Anlagen erst wirklich verständlich geworden sind. Erfreulich wäre es, wenn die Dekorationsmuster von den Architekten praktisch aufgegriffen würden. Namentlich sind unter dem „Kosmatenstil“ begriffenen Formen als Flachmuster unerreicht. Es wäre ein Verdienst der Publikation, wenn sie nach dieser Seite hin sich wirksam erwiese.

 

Berlin. P. Schubring.

 

 

Quelle: Deutsche Literaturzeitung Jg. 21 (1900) Nr. 28. v. 07.07.1900 Sp. 1853-1856

Hinweis: In den Text wurden zusätzlich einige Fotos einer Studienreise von 2014 nach Unteritalien eingefügt.

 

 

 

 

K. Schambach: Vergil ein Faust des Mittelalters Teil I-III

KÖNIGLICHES GYMNASIUM zu NORDHAUSEN.

 

Ostern 1904.

 

II.

 

Wissenschaftliche Beigabe:

 

Vergil ein Faust des Mittelalters. I. Teil.

 

Von Professor Dr. Karl Schambach.

 

NORDHAUSEN 1904. Fr. Eberhardt's Buchdruckerei

1904. Progr.-No. 290.

 

 

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Vergil ein Faust des Mittelalters. Erster Teil.

 

Wenn der Gymnasialprimaner den Titel meiner Abhandlung liest, wird er wahrscheinlich erstaunt fragen: Was hat der Verfasser der Aeneis mit dem Doktor Faust gemein, der seit dem Volksbuche von 1587 in immer neuen Bearbeitungen das deutsche Volk erfreute, von dem Lessing in dem berühmten Literaturbriefe sagt: „Wie verliebt war Deutschland, und ist es zum Teil noch, in seinen Doktor Faust“, mit dem Faust, der einerseits als volkstümliche Gestalt in Begleitung des Hans Wurst auf dem Puppentheater bis vor nicht zu langer Zeit sein Dasein fristete, andererseits als Träger der tiefsten Ideen über Goethes unsterbliche Dichtung hinaus die größten Geister beschäftigt hat? -- Und wenn derselbe Primaner einmal im VI. Bande der Simrockschen Bearbeitung der Deutschen Volksbücher blättert und da eine Erzählung findet mit dem Titel „Zauberer Virgilius“, dann wird er noch erstaunter fragen: Hängt dieser Zauberer einer mittelalterlichen Erzählung mit dem römischen Dichter gleichen Namens zusammen? -- In der Tat ist der Dichter Vergil zum Zauberer des Mittelalters geworden, ist er unter die Teufelbündler gerechnet worden wie Faust. Er teilt dies Schicksal mit den respektabelsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte, mit Abraham, Zoroaster, König Salomo, den man den Faust der Juden, mit dem vielleicht größten Scholastiker Roger Baco, 1) den man den Faust der Engländer genannt hat, mit Albertus Magnus, 2) verschiedenen Päpsten (es findet sich sogar die Äußerung, alle Päpste „von Sylvestro dem andern bis zu Gregorio dem dem Sibenden“ hätten mit dem Teufel in Verbindung gestanden 3), Trithemius 4), Agricola 5), Theophrastus

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1) Er lebte von 1214--1294 und beschäftigte sich mit Physik, Chemie und Astronomie und machte auauf diesem Gebiete bedeutende Erfindungen und Entdeckungen, die, obgleich er auch ein Buch über die Nichtigkeit der Mgie schrieb, den unwissenden Zeitgenossen als Werke höllischer Zauberkunst galten und ihm auch Verfolgungen seitens der Kirche zuzogen

2) Ich erinnere schon hier an die bekannte Erzählung von der wundersamen Bewirtung, die er am Dreikönigstage 1249 in Köln dem zum deutschen Könige erwählten Wilhelm von Holland bereitet haben soll, als seine Kunst den winterlichen Klostergarten mit duftenden Blumen und blühenden Bäumen erfüllte, in deren Zweigen Singvögel sich wiegten.

3) Das sind 16 an der Zahl. s. Scheible, Das Kloster. Bd. II, Zelle 5 p. 226.

4) Johann v. Heidenberg, nach seiner Vaterstadt Trittenheim gewöhnlich Trithemius genannt, 1462-1516, Historiker und Theolog, gehört zu den Hauptzeugen für die Existenz eines Faust. Ihn brachte hauptsächlich seine Steganographie -- eine Art Geheimschrift, ars per occultam scripturam animi sui voluntatem absentibus aperiendi sagt er selbst -- und die Art, wie er dieses Werk ankündigte, in den Ruf eines Zauberers s. Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig 1893 p. 355 ff.

5) Agrippa v. Nettesheym, 1535, schrieb ein Werk mit Titel Philosophia Occulta, dessen viertes Buch allerdings vom „Geisterbann“ handelt.

 

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Paracelsus 6) und vielen andern. Vergil in dieser Gesellschaft zu finden, könnte um so merkwürdiger erscheinen, als auch die christliche Kirche sich seiner Persönlichkeit bemächtigt, in ihm einen Träger vorchristlicher Offenbarung, einen Verkündiger Christi gesehen hat. Daher würdigt ihn Dante auch der Ehre, sein Führer zu sein durch Hölle und Fegefeuer, bis er am Eingang zum Paradiese von Beatrice abgelöst wird, und verherrlicht ihn auch sonst auf mancherlei Weise. So läßt er den Statius unsern Vergil preisen, daß er ihn zum Dichter gemacht und ihm den Weg zum Christentum gewiesen habe.

 

Fegefeuer XXII, 64 ff.:

Du zeigtest mir zuerst die Bahn

Zu dem Parnaß und seinen süßen Quellen

Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nahen.

Fegefeuer XXII, 73-74.

Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen,

Durch dich werd ich den Christen beigesellt,

 

Wie Dante dazu kommt, Statius, einen epischen Dichter des 1. Jahrhunderts n. Chr., für einen Christen auszugeben oder zu halten, ist mir nicht bekannt. -- 7)

 

So hat es der kritiklose Sinn des Mittelalters fertig gebracht, Vergil zugleich als Vorherverkündiger Christi und als Zauberer fortleben zu lassen. Den ersten Punkt gedenke ich ein andermal zu behandeln, hier sei nur so viel gesagt, daß den Ursprung der christlichen Legende eine mißverstandene Dichterstelle bildet. Im Anfange seiner IV. Ekloge begrüßt Vergil das Consulat des Asinius Pollio, dem Horaz die erste Ode des zweiten Buches widmet, als den Beginn eines neuen goldenen Zeitalters und den erwarteten Sohn dieses Mannes als einen Erstling der neuen Zeit. Er spricht dort auch von einer Jungfrau, die wiederkehren werde, und meint damit die Göttin der Gerechtigkeit, „welche im goldenen Zeitalter unter den Menschen wohnte, im eisernen aber in den Himmel entfloh und dort unter den Sternen als Asträa oder Virgo verehrt wurde.“ Diese Virgo und diesen Puer deutete fromme Kritiklosigkeit auf die Jungfrau Maria und das Christuskind. Man fand sogar in Vergils Namen, den man mit Virgo zusammenbrachte, eine Bestätigung dieser Auffassung. Dante verwarf in seinem Buche De Monarchia I. cap. 10 diese Deutung, die er gleichwohl im „Purgatorio“ festgehalten hat. 8)

 

-- Vom Propheten wende ich mich zum Zauberer, den ich einen Faust des Mittelalters nenne. Diese Bezeichnung bedarf einer Erläuterung. Die Sage vom Schwarzkünstler Faust ist eine Sammelsage, d. h. Züge, die von verschiedenen Personen schon früher erzählt waren, sind auf die eine Person konzentriert worden. Eine solche Sammelsage ist z. B. Auch die von Till Eulenspiegel, dem dieselben Streiche zugeschrieben werden, welche schon vor einem Jahrhundert der Stricker vom Pfaffen Ameis erzählt hatte. 9) Daß im XVI. Jahrhundert ein Mann namens

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6) Arzt, Chemiker und Theosoph 1493-1541. In diesem Mann bricht schon das Morgenrot einer neuen Zeit an. Denn wenn auch in seinen chemischen Studien als höchstes Ziel die Auffindung des Steines der Weisen vor Augen hatte, so ist ihm doch ein wissenschaftlicher Sinn nicht abzusprechen, „Im Reformator der Naturwissenschaft, Theophrastus Paracelsus, wogte wie in Luther altes und neues durcheinander. Er entriß die Naturforschung den Scholastikern und legte sie den Medizinern in die Hände, Aber in seiner „Verborgenen Philosophie“ begegnen Berggeister im Schoß der Erde dem Bergmann freundlich oder übel, oder sie verkünden ihm den Tod. Er erzählt auch das liebliche Undinenmärchen.“ Elard Hugo Meyer, Mythologie der Germanen. Straßburg 1903 p.65. Vgl. auch Reicke, Der Gelehrte in der deutschen Vergangenheit (in den Monographien zur deutschen Kulturgeschichte). Leipzig 1900 p. 93, der den Satz citiert: „Lerne artem cabbalisticam, die schließt alles auf“, und ein hübsches Bild von dem merkwürdigen Manne bringt.

7) Philalethes scheint in dem Umstande, daß Statius gegen das Ende seines Lebens mißvergnügt vom Hofe sich zurückzog, einen Beweis für seinen Übertritt zum Christentum finden zu wollen. Teil II p. 230 A. 14. Die bescheiden ausgesprochene Vermutung wird schwerlich Beistimmung gefunden haben.

8) Gregorius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter IV p. 634 A. 1. Er führt auch ein gleiches Urteil von Kola Rienzi an.

9) Nover, Deutsche Sagen. Bd. I, Gießen 1895, Till Eulenspiegel p. 5. 9. 10.

 

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Faust lebte und im Rufe eines schlimmen Zauberers stand, kann nicht mehr bestritten werden, aber, was ihm die Sage zuschreibt, ist zum großen Teil der aus dem Mittelalter ererbte Zauberapparat. Nun ist allerdings dieser Apparat nicht die Hauptsache, sondern die Idee, welche durch die Sage zum Ausdruck gebracht wird, und da stellt sich die Faustsage als etwas ganz anderes dar als die Vergilsage; diese ist noch vollständig ein Produkt des Mittelalters, jene eine Ausgeburt der Reformation mit ausgeprägt protestantischem Charakter: „Faust ist der vom Luthertum abtrünnige, dem Teufel verschriebene, der Hölle rettungslos verfallene Mann, dessen Gesinnung und Schicksale allen guten Christen zum warnenden Beispiel dienen sollen“. 10) Und doch ist die Faustsage der letzte Ausläufer der mittelalterlichen Magussage, der Kern der Dichtung zeigt schon die Einwirkung der Sonne einer neuen Zeit, aber die Hülle entstammt noch dem mittelalterlichen Dunkel. Noch einmal feiert der Glaube an die Wirkungen eines persönlichen Teufels einen hohen, ja den höchsten Triumph, dann fängt die Wissenschaft an die Dunstatmosphäre mittelalterlichen Spukes allmählich zu reinigen und zu erhellen, nicht ohne daß immer wieder in gewissen Formen der alte Wahn sich erneute: „Im Faust als in der für sich,noch nicht an und für sich freien Individualität endigt das Mittelalter und zugleich mit ihm der Glaube an einen Teufel außerhalb des Menschen. Der Teufel ist mit der Innerlichkeit des Willens in das eigne Selbst des Menschen eingekehrt und darum teuflischer als im Mittelalter.“ 11) Die Vergilsage stellt eine tiefere Stufe in der Entwickelung der Magussage dar, in mancher Beziehung eine recht tiefe, aber wir werden sehen, daß der innerste Kern der Faustsage auch schon in ihr enthalten ist, nämlich die zwei Bestrebungen des Menschen, seine Kenntnisse über das menschliche Maß hinaus zu erweitern und sich alle Genüsse der Erde zu verschaffen. Auf diesen Dualismus ist auch die Zwei-Seelen-Theorie zu beschränken, welche von den Kommentatoren für die berühmten Worte in Goethes Faust in der Scene „Vor dem Thor“:

Du bist dir nur des einen Triebs bewußt,

O lerne nie den andern kennen!

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, u. s. w. herangezogen worden ist. Die beiden neusten Fausterklärer, Minor in Wien und Kuno Fischer stehen einander in dieser Frage schroff gegenüber. Der erstere geht von der bekannten Xenophonstelle aus (Kyropäd. VI, 1,41), wo Araspes, der Wächter der schönen Panthea, von Kyros gefragt, ob er sich von ihr trennen könne, sagt: Offenbar habe ich zwei Seelen. Auf diese Philosophie hat mich jetzt der tückische Sophist Eros gebracht. Denn eine Seele kann doch wohl nicht zugleich gut und schlecht sein und strebt nicht zugleich nach Edlem und Schändlichem und will nicht dasselbe zugleich tun und nicht tun; sicher sind es zwei Seelen.“ Diesen auf ältere Zeiten zurückgehenden und später besonders von Wieland verwerteten Gedanken will Minor bei Goethe wiederfinden. Er läßt für die zwei Seelen verschiedene Namen zu, Vernunft und Sinnlichkeit oder Erkenntnistrieb und Lebenstrieb oder eine gute und eine böse Seele. Von diesen drei Bezeichnungen erscheint mir die zweite nicht wohl vereinbar mit der ersten und dritten, obgleich Minor sagt: „Wenn auch die Glieder des Verhältnisses nicht gleich sind, das Verhältnis selber bleibt doch dasselbe.“ Nur die erste und dritte decken sich mit jener Theorie. Fischer will von dieser Gelehrsamkeit nichts wissen und versteht unter den zwei Seelen den „Weltdurst“ und den „Wissensdurst“, wie mir erscheint, mit vollem Rechte. Ebenso wird er gegen Minor recht haben, wenn er unter dem andern Triebe, den Wagner nicht kennen lernen soll, den Wissenstrieb versteht. 12) =- Die Vergilsage ist ferner eine Sammelsage im

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10) Kuno Fischer, Goethes Faust 3. Aufl. Bd. I Stuttgart 1893 p. 101. 2.

11) Rosenkranz, Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter p. 425

12) Minor, Goethes Faust, Stuttgart 1901. Bd. I. p. 141- 144. K. Fischer Bd. II. p. 328 (56) - 332 (60). --

 

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eminentesten Sinne des Wortes. Wenn ich also Vergil einen Faust des Mittelalters nenne, will ich ihn damit als einen Träger einer Menschheitsvorstellung bezeichnen, die in Faust ihren höchsten Vertreter fand. Faust ist der Magier ϰατ᾿ ὲξοχήν, nur er konnte das Gefäß werden für die erhabenen Gedanken eines Goethe. Keine der mittelalterlichen Formen der Magussage war ohne dieses Zwischenglied einer solchen Steigerung fähig, aber von den mittelalterlichen Formen ist die Vergilsage die lehrreichste und am meisten verbreitete, 13) während die Cypriansage die poesievollste sein dürſte, schon weil Calderon sie zu einem seiner Meisterwerke verwendet hat. 14) Noch ein Gegensatz der mittelalterlichen Sagen zur Faustsage ist hier vorweg zu erwähnen. Sie tragen nicht den furchtbaren Ernst wie diese, für die erst unsere klassischen Dichter den versöhnlichen Ausgang gefunden haben. Im Mittelalter entsagen die Schwarzkünstler noch zu rechter Zeit dem Bunde mit dem Teufel, und werden von Gott wieder in Gnaden angenommen. Gott ist stärker als der Teufel, die Wunderkraft der Kirche mächtiger als die der Hölle. Ein bezeichnendes Beispiel hierfür ist die Theophilussage. Theophilus, der vom Bischof seines Statthalterpostens enthoben ist, verschreibt sich aus gekränktem Ehrgeiz dem Teufel; er muß Gott, Maria und dem christlichen Glauben entsagen und darüber ein hantveste, eine Urkunde ausstellen:

 

der tiuvel disen brief nam

und vuorte in hin ze grundle (d. h. in die Hölle).

 

Hierauf bewährt der Teufel seine Kunst: Theophilus wird mächtiger und geehrter als zuvor. Unser Herr Gott aber wollte an ihm ein Beispiel offenbaren und sandte ihm Reue ins Herz.

 

Nû wold auch unser herre Got,

Der wîse und der milde,

an im geben ein bilde

Uns sündern, uns kranken,

daz wir niht solden wanken

uz sîner heiligen zuversicht.

 

(Wie ganz anders klingt das, als wenn der Verfasser des Volksbuches von 1587 sagt: Damit aber alle Christen, ja alle vernünfftige Menschen den Teuffel und sein Fürnemmen desto besser kennen, und sich dafür hüten lernen, so hab ich das schreckliche Exempel D. Johann Fausti, was sein Zauberwerk für ein abscheulich End genommen, für die Augen stellen wollen.“) Maria erscheint im Traume und fragt ihn, ob er sie und ihr Kind wieder ehren wolle. Er gelobt es und ist nun getröstet, aber die im Besitze des Teufels befindliche Verschreibung macht ihn noch unruhig. Da erscheint ihm wieder Maria, er sieht, wie sie dem Teufel gebietet, den Brief zu bringen. Dieser schreit laut nach Waffen, aber es hilft ihm nichts:

 

doch mußt‘ er varn in die gluot,

Swaz er klagte unde rief,

er brâhte wider disen brief.

 

Wie Th. aus dem Traume erwacht, da wird er froh, denn der Brief liegt neben ihm. Er entdeckt dem Bischof und dem versammelten Hofe alles und weist den Brief vor. Das Volk preist mit Freuden die gnadenreiche Mutter Gottes und befiehlt sich in ihren Schirm. Theophilus aber stirbt am 3. Tage, von ihr gerettet:

 

des sî gelobet die Künigin! 15)

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13) Roth sagt in Pfeiffers Germania IV: Vergil war eben allmählich eine Figur von europäischer Celebrität geworden, in weit höherem Grade als im Reformationszeitalter Doktor Faustus.

14) Über Cyprian von Antiochien s. Kuno Fischer l. c. p. 49-54. Calderon, „Der wundertätige Magus“. Neuerdings hat Wildenbruch den Gegenstand in einer Novelle bearbeitet.

15) Aus Jansen Enenkels Weltbuche. S. v. d. Hagen, Gesamtabenteuer Bd. III. LXXXIV. Teofilus und der tiuvel.

 

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Der Marienkultus, dem wir ja die schönsten Blüten mittelalterlicher Kunst verdanken, stattet auch die Magussage oft mit lieblichem Dufte aus, wenn der mit dem Teufel sich verbündende Mensch Christus abschwört, aber die göttliche Jungfrau abzuschwören sich nicht entschließen kann und diese dann vor dem hohen Sohne sich erniedrigt, um Gnade zu erlangen für den armen Sünder. Am schönsten tritt uns dies in dem Liber Militarius (meistens kurz Militarius) betitelten, in lat. Hexametern geschriebenen, des dichterischen Wertes nicht ermangelnden Gedichte entgegen. Es beginnt:

 

Laudis ut eximiae titulos augere Mariae Possim --

 

Ein Soldat will durch Vermittelung eines Juden 16) sich dem Teufel verschreiben, die üblichen Forderungen ist er bereit zu erfüllen, nur die Mutter Gottes will er nicht verleugnen, dem Juden, der ihm zuredet, versetzt er einen Faustschlag und bleibt bei seiner Weigerung. Wie er nun im Walde herumirrt, kommt er zu einer Kirche, er tritt hinein, nur um zu ruhen; wie er aber ein Holzbild der Maria mit dem Christuskinde erblickt, versinkt er in andächtiges Gebet. Und siehe! Das Holzbild wird lebendig. V. 206 ff. -- nato materno more locato

 

visi viventes sunt in thronoque sedentes,

 

mater per blandum vultum puerum venerandum

amplexu cingit ad seque per oscula stringit,

supplicis et more mellito protulit ore: etc.

 

Aber Christus kündigt dem Frevler, der ihn verleugnet hat, die Höllenstrafe an: huic flammas do - de iure barathri (barathrum = βάραδρον in Athen ein Erdschlund, in den Verbrecher gestürzt wurden, bei Homer schon einmal vom Tartarus gesagt, dann im Lateinischen ganz gewöhnlicher Ausdruck für die Unterwelt). Lange bleiben der Maria Bitten vergeblich, bis sie, die Himmelskönigin, sich dem Sohne zu Füßen wirft und durch das rührendste Flehen ihm die Begnadigung abringt. Sie ermahnt den Soldaten noch und wird wieder zum Holzbilde. Er aber begrüßt die Hehre:

 

v. 291, 92: Salve flos florum, lux, vita, salus miserorum,

semita iustorum, mediatrix alma reorum.

 

Ein anderer Soldat, der in der Nähe ein Gut besitzt, hat unbemerkt zufällig dieser Scene beigewohnt. Er nötigt den Kameraden in sein Haus und gibt ihm seine Tochter zur Frau. Also auch auf diesem Gebiete einmal eine Geschichte, die mit der Heirat endigt! Bemerkenswerter aber, wie der Glaube des Mittelalters Maria in gewissem Sinne noch über den Heiland stellt. 17) -- Einen für den Helden und das Christentum noch rühmlicheren Ausgang hat die ins IV. Jahrh. zurückreichende Legende von Cyprian. Der heidnische Magus sucht sich durch seine Dämonen die Liebe der schönen und tugendhaſten Christin Justina zu verschaffen. Aber alle Versuche scheitern an der Macht des Kreuzes, Cyprian wird Christ und erleidet schließlich mit Justina zusammen den Märtyrertod. Calderon läßt über den Leichnamen der Enthaupteten den auf einer Schlange sitzenden Dämon die Worte sprechen:

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16) Der Jude ist oft in den mittelalterlichen Sagen der Zauberer, der den Bund mit dem Teufel vermittelt, auch in der Theophilussage. Das beruht auf dem Gegensatz zwischen Christentum und Judentum, der im Mittelalter die Grundlage bildet für die göttliche und teuflische Wundertätigkeit. Früher war es der Gegensatz zwischen Heidentum und Christentum, und in der Reformationszeit trat an die Stelle der zwischen evangelischem und katholischem Glauben. Düntzer, Die Sage von Doctor Johann Faust. Stuttgart 1846. Bd. I von Scheibles Schatzgräbern p. 121. Im Volksbuche vom Zauberer Vergil sagt der Teufel: „Ich bin ein Teufel, der aus dem Leibe eines Juden hierher gebannt wurde bis zum Tage des Gerichts“. Auch Heliodor (ebenfalls ein Faust des Mittelalters) hat sich durch Vermittelung eines hebräischen Zauberers einem Dämonen verschrieben. Roth l. c. --

17) Scheible, Kloster II, Zelle 5 p. 155 ff.

 

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Und die beiden (Cyprian und Justina) mir zum Gram,

Zu den höchsten Sphären steigend,

Bis zu Gottes heil'gem Tron,

Leben jetzt in besserm Reiche.

Dies ist Wahrheit, und ich selbst

Sage sie, weil Gottes eigner

Wille sie zu sagen zwinget

Mich, dem sie so wenig eignet.

 

Ganz von persönlicher Schuld entlastet ist „Robert der Teufel.“ Seine Mutter hatte immer vergeblich Gott um Kindersegen gebeten. Da ruft sie in der Verzweiflung den Teufel an und spricht das verwegene Wort: „Wird mir ein Kind geschenkt, so soll es mit Leib und Seele dem Bösen übergeben sein.“ Sie schenkt wirklich einem Knaben das Leben, der zum furchtbarsten Übeltäter heranwächst. Aber einmal bemerkt er, was er noch nicht bemerkt hatte, daß alles vor ihm flieht. Da besinnt er sich auf sich selbst (ein feiner Zug der Sage) und fängt bitterlich an zu weinen. Reue und Buße machen ihn zu einem Gott wohlgefälligen Menschen. Da ist also ein Mensch in den Teufelsdienst hinein geboren, er braucht aber dessen nur inne zu werden, so gelingt ihm auch mit Hilfe der Kirche die Befreiung. -- Nur eine mittelalterliche Magussage macht von dem geschilderten Charakter eine Ausnahme, sie betrifft merkwürdiger Weise einen Papst, der aber in der ältesten Quelle wenigstens nicht benannt wird. Die poët. Erzählung, wie wir sie bei Enenkel 18) lesen, ist überschrieben: Des teufels bâbest. Zu Rom war ein armer Mann, der dem Laster des Spiels und anderen Lastern huldigte.

 

Er dâcht' in dem sinne sein:

wie lang(e) sol ich arm sein?

Ich wil dem teuvel geben

sêl(e), leib und mein leben.

 

Er tritt auf einen Kreuzweg, zieht einen Kreis um sich und ruft den Teufel herbei. 19) Dieser will ihn zum Papst in Rom machen, dafür müsse er aber, sobald er am Altare zu Jerusalem als Papst die Messe singe, seine Seele in die Hölle führen lassen. Der Pfaff geht willig darauf ein, weil er nie nach Jerusalem zu kommen gedenkt; er schreibt dem Teufel mit seinem eignen Blute 20) eine Urkunde und wird nun durch dessen Hilfe Bischof, dann Papst. Eines Tages soll er, wie es sich gebührt, in einem Kirchlein in Rom, das Jerusalem heißt, ein Hochamt verrichten. Von dieser Kirche hat er bisher nichts gewußt. Nun merkt er, daß er verloren ist. Er legt eine öffentliche Beichte ab. Dann läßt er sich die Füße abhacken, die ihn zum Teufel getragen, ebenso die Hände, mit denen er sich ihm verschrieben, Ohren und Nase abschneiden, Augen ausstechen, endlich die Zunge ausschneiden und alles dem Teufel hinwerfen. Dieser erscheint auch alsbald und holt in der Kirche die ihm verfallenen Gliedmaßen.

 

Wie es Got mit im schuof dort,

des ist noch nieman an ein ort

Kome an ein wârheit;

wan ez nieman herwider sait.

 

Vergleicht man diese Erzählung mit der vom Theophilus, so wird man finden, daß sie der

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18) Enenkels Weltbuch 4. Vgl. oben A. 15.

19) Ueber dieses Erfordernis bei Beschwörungen s. Minor l. c. I. p. 344. II. p. 146.

20) Daß beim Teufelsbunde eine förmliche Urkunde verlangt wird, kommt zuerst in der Theophilussage vor, die nächste Weiterbildung ist, daß jene mit dem Blute dessen, der die Hilfe des Teufels sucht, geschrieben sein muß. Eine solche Bluturkunde wird zuerst in einem Gedichte des XIII. Jahrh. Erwähnt. Düntzer l. c. p. 137.

 

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Faustsage weit näher steht. Die blutige Verschreibung wird nicht getilgt und die Bestrafung mit gräßlichen Einzelheiten vollzogen, wenn auch der Dichter über das Schicksal des Sünders im Jenseits die Entscheidung offen läßt. Nebenbei bemerkt bringt diese Erzählung auch ein interessantes Beispiel von dem Wandern menschlicher Ideen durch die Zeiten. Daß Prophezeiungen eintreffen, wenngleich der Mensch sich ihnen sicher zu entziehen glaubt, läßt sich mit Fällen aus allen alten Zeiten belegen, mit unserem Falle hat eine auffallende Ähnlichkeit der in Shakespeares Heinrich IV Teil II, wo ein Saal im Schlosse Jerusalem heißt. -- Wenn die Einenkelsche Dichtung für den Papst keinen Namen hat, so übertragen andere Berichte die Erzählung auf Sylvester II, den berühmten Lehrer Ottos III, den gebildetsten Mann seiner Zeit (Gerbert). Seine physikalischen und chemischen Liebhabereien neben der erstauplichen Gelehrsamkeit trugen ihm den Namen eines Schwarzkünstlers ein. Noch eine ganze Reihe von Päpsten läßt die Zaubersage vom Teufel geholt werden, Johann XXI, Gregor XI, Paul II, Alexander VI, aber für die Geschichte der Sage hat das keine Bedeutung, denn wenn einmal von einem Papste erzählt war, daß eine Seele rettungslos dem Teufel verfallen sei, dann ist es zu natürlich, daß Parteihaß oder sittliche Entrüstung über einen unwürdigen Träger der Tiara oder auch Staunen über den durch einen unglücklichen Zufall herbeigeführten Tod (Johann XXI) das Andenken der Gestorbenen schändete. Der Grundzug der mittelalterlichen Sage bleibt die Rettung des Frevlers. Es hängt das zusammen mit dem schon einmal kurz angedeuteten, später näher zu erörternden Dualismus, der den Glauben des Mittelalters beherrscht, dem Gegensatz der weißen und schwarzen Magie, der frommen und der gottlosen Wundertätigkeit, Christi und des Teufels. Wenn nun Christus und der Teufel sich um eine arme Menschenseele streiten, dann muß doch schließlich Christus siegen. Diese harmlose Auffassung ist durch die Reformation verdrängt, schon der Gegensatz zwischen den beiden christlichen Konfessionen brachte das mit sich, daher der entgegengesetzte Charakter der Faustsage. -- Aber noch auf einen zweiten Grundzug der mittelalterlichen Magussage muß ich hinweisen, es ist der des Burlesken, und den behält auch die Faustsage trotz ihres furchtbaren Ernstes. Als Beweis für die letztere Behauptung führe ich nur die ergötzliche Geschichte an, „wie Doktor Faustus zu Erfford den Homerum gelesen und die Griechischen Helden seinen Zuhörern geweist und vorgestellt habe.“ Zu den vorgeführten Helden gehört auch „der greuliche Riese Polyphemus, so nur ein Aug im Kopfe mitten in der Stirn gehabt hat, -- hat ein Kerln, den er gefressen, mit den Schenckeln noch zum Maul heraus zottend gehabt, und so greßlich ausgesehen, das ihnen alle Haar gen Berg gestanden“. -- Faust lacht über den Schrecken seiner Schüler, nennt einen Helden nach dem andern bei Namen und läßt sie, wie er sie gerufen, auch wieder hinausgehen, „welches sie auch gethan, alleine der eineugige Cyclops oder Poliphemus hat sich gestalt, als wolte er nicht weichen, sondern noch ein oder zween fressen. Darüber sich dann die Studenten noch mehr entsatzt, sonderlich weil er mit seinem großen dicken Spieße, der lauter Eisen, und eim Weberbaum gleich war, wider den Erdboden sties, das sich das gantze Collegium bewegte und erschutterte.“ Ist das nicht eine köstliche Art von Anschauungsunterricht! -- Der Zauberer des Mittelalters hat auch Aufnahme gefunden in die Zunft der fahrenden Leute, dieser verachteten und doch für das Ergötzen des Volkes unentbehrlichen Gesellen, denen man nicht traut und die man doch mit offenen Armen aufnimmt, von denen man geprellt wird, die man aber auch einmal wieder prellt. 21) Ja der Teufel selbst, der furchtbare Gebieter der Zauberer,

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21) In dem sogen. Liber Vagatorum (circa 1510) heißt es im 7. Capitel, Vagierer seien Bettler oder Abenteurer, die die schwarze Kunst könnten. Dieselben, wo sie in ein Haus kommen, so heben sie an zu sprechen: Hie kommt ein fahrender Schüler, der 7 freien Künste ein Meister (die Hontzen zu besoflen == die Bauern zu betrügen), ein Beschwörer der Teufel, für Hagel, für Wetter und für alles Ungeheuer u. s. w. S. Theod. Hampe. Die fahrenden Leute in der deutschen Vergangenheit. 1902 (Monographien zur deutschen Kulturgeschichte) p. 68 ff.

 

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trägt Züge des Fahrenden an sich. Man weiß sich mit ihm zu stellen und kennt keinen größeren Spaß, als wenn man ihn einmal tüchtig angeführt hat. Und das scheint so sehr schwer gar nicht zu sein. Die von den Zauberern erzählten Geschichten gehören zum Teil geradezu in die Schwankliteratur oder haben in dramat. Gestalt in die Mysterien Eingang gefunden und so zu ihrem Teile mit zur Entstehung des deutschen Lustspiels beigetragen. Noch in Hans Sachs‘ Schwänken können wir diese humorvolle Harmlosigkeit des Mittelalters nachwirken sehen, wie er auch den Zauberer Vergil in der Gestalt eines fahrenden Gauklers auftreten läßt. 22) -- Wie stellt sich nun die Vergilsage zu dem geschilderten Charakter der mittelalterlichen Magie? Ganz eigentümlich. Das Ende des Zauberers ist ein schreckliches, aber er wird nicht etwa vom Teufel geholt, sondern das durch einen unglücklichen Zufall herbeigeführte Mißlingen eines Zauberwerkes bringt ihm den Tod. Er will sich verjüngen, zu dem Zwecke läßt er sich von seinem Lieblingsknechte in Stücke hauen und gibt ihm genaue Anweisungen, was er bei dem Zauberwerk weiter zu tun hat. Dieser handelt auch genau nach den Anweisungen, aber der Kaiser, welcher seinen Liebling vermißte, drang in dessen Schloß, fand in einer Tonne das gesalzene Fleisch des Vergilius und tötete in der Übereilung aus falschem Argwohn den Diener. So blieb Vergilius tot in dem Fasse. Wie ist dieser Tod aufzufassen? Etwa als Strafe Gottes, die den Frevler durch seine eignen Frevel zu Grunde gehen läßt? Das ist die Meinung v. d. Hagens, 23) der in der Selbstzerstückung Vergils das Vorbild sieht für die Zerstückung, welche bei Faust und andern der Teufel nach der Verfallzeit an seinem Schuldner mit Leib und Seele vornimmt, während in der Theophilussage der Teufels-Papst Sie ohne Zauber an sich selbst vollzieht, so daß ihm als reuigem Selbstrichter die Gnade offen gelassen wird. Das scheint aber doch nicht so. Denn das Volksbuch weiß nur von der Trauer um den Tod des Meisters zu berichten. 24) Das Zerstücken aber und Aufkochen (ὰναψάω) des Menschen zum Zweck der Verjüngung ist ein altes Prachtstück aus dem Zauberkasten der Völker. Ich erinnere nur an die bekannte Sage, wie Medea, die große griech. Zauberin, nachdem sie ihren Gatten Jason und dessen Vater Äson auf diese Weise wieder jung gemacht hatte, an dem grausamen Tyrannen Pelias Rache nahm, indem Sie dessen Töchter verführte, den eignen Vater zu zerstücken und zu kochen. 25) Hier geschieht also durch Bosheit, was bei Vergil ein unglücklicher Zufall ist. Wieder aber sehen wir das Wandern der Ideen von einem Träger zum andern, und unserm Vergil ist aus allen möglichen magischen Rumpelkammern der Welt ein solcher Ballast aufgepackt worden, daß die Last ihn zur Unkenntlichkeit entstellt hat. -- Auch das Schalkhafte und Burleske, von dem wir vorher sprachen, fehlt ihm nicht; dagegen tritt sogar das Teuflische ganz zurück, es macht den Eindruck eines Pfropfreises, das auf dem gepfropften Stamme nicht hat gedeihen wollen. Das Eigentümliche der Vergilsage ist, wie sich später noch im einzelnen zeigen wird, daß der Wohltäter, als welchen die italienische Sage unsern Helden der umgestaltenden nordischen Sage überliefert hat, sich nie völlig mit dem Teufelsbündler hat vereinigen lassen wollen. -- Wenn nun nach dem Gesagten die Vergilsage auch manches nur ihr Zukommende hat, so stimmt sie doch in dem Gegensatz zur Faustsage, die wir in ihrem tieferen Gehalte charakterisiert haben, mit allen verwandten Sagen des Mittelalters überein. -- Wie ist nun Vergil in die

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22) Ausgabe von Goetze bei Niemeyer II, 264: Der Filius (= Vergilius) im korb. 329: Phocas, der schmid zu Rom v. 9. 10: Nun war ein schwarczkünstner zu Rom, Der hies Vergilius mit nom, -- III, 182: Die eprecher prück. v. 1. 2. 4: Vor Jaren in Pritania ein künig sas, Mechtig und reich, der Arturus genenet was, -- Nun war am hoff ein schwarczkünstner, hies Fillius. -- In diesem Schwank ist Vergil mit der Artussage zusammengebracht.

23) Gesamtabenteuer. Bd. III. Zur Theophilus- und Faustsage

24) Simrock, Die deutschen Volksbücher. Bd. VI p. 359 ff.

25) Preller, Griechische Mythologie, Bd. II. p. 338. 9.

 

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Zunft der Magier geraten? Zunächst aus demselben Grunde wie alle die oben genannten Männer, der in A. 1 schon angedeutet ist. „Bei dem Mangel wissenschaftlicher Weltkenntnis des Mittelalters konnte es nicht fehlen, daß Männer von hervorragender Gelehrsamkeit oder von erfinderischer Einsicht in den Ruf der Zauberei kamen,“ 26) Ja jede außergewöhnliche FertigKeit schien in magischen Geheimnissen ihren Grund zu haben. Es ist der Glaube des Kindes, das alles seinem Verständnis Unzugängliche für übernatürlich hält. Der mittelalterliche Mensch vermag sich die über das gewöhnliche Maß menschlichen Könnens hinausgehende Leistungsfähigkeit, auf welchem Gebiete immer es sei, nur als eine Gabe des Teufels vorzustellen. Wo kein Erklärungsgrund dem Geiste sich zeigt, da kann nur das Prinzip des Bösen wirksam sein. Sagten doch die Pharisäer auch von Christus, daß er die Dämonen im Namen Beelzebubs austreibe. „Auch übergroßen Reichtum und üppige Pracht bezog das Volk auf den Bösen als Urheber; denn was es nicht vom Himmel ableiten kann, macht es von der Hölle abhängig.“ 27) Und dies ist der Punkt, in dem auch die Don Juan-Sage zusammenläuft mit den Magussagen, also auch mit der Faustsage, nur daß der Deutsche dieser Gestalt nie besonderes Interesse abgewonnen hat und sie ohne Mozarts Oper wohl ganz vergessen haben würde. Don Juan hat mit dem Magus gemein den potenzierten Subjectivismus, der sich nicht einordnen will in das Universum, sondern für sich allein die Schranken stürzen will, durch welche die übrigen Menschen sich aufhalten lassen, und so notwendiger Weise von Gott sich losreißt; aber indem er diesen Subjectivismus nur auf die äußere Welt mit ihrem Genuß bezieht, wird er Fausts Antipode. 28) Bezeichnender Weise ist diese Sage auch keine Sammelsage geworden. -- Wir haben gesehen, wie es im Mittelalter, ja bis in das Reformationszeitalter hinein das Schicksal hervorragender Männer, besonders der Wissenschaft war, in den Verdacht der Magie und Teufelsbündlerei zu geraten. Es ist interessant einige Äußerungen solcher Männer selbst über diesen Punkt zu hören. Ein gewisser Lercheimer schrieb 1586 in einem Buche: „Von Zauberei“ „Vor 70 Jahren lebte Johannes v. Trittenheim, ein gar gelehrter weiser Mann: aber in dem nit weiß, daß er dem Teufel gar zugethan und geheim war: wiewol ers keinen Namen haben wolt, gab für, es ginge alles natürlicher Weise zu: welches im doch nimmer kein verständiger Christ glaubet, der ein thun liset oder höret.“ Derselbe Mann beschuldigt den Cornelius Agrippa folgendermaßen: C. A. war ein berühmter Schwartzkünstler, der den Teuffel in eim schwartzen Hunde mit ihm führte, der ihm anzeigte und wirckte, was er wolte, und was er, der Teuffel könnte. Ich habs von einem gehört, der sein Diener gewesen u. s. w.“ Einen Verteidiger hat Agrippa in Joh. Wier gefunden, der in demselben Jahre 1586 in seinem Buche „Von Schwarzkünstlern“ schreibt: Ich kann der lieben Wahrheit zu gutem nicht verschweigen, was davon zu halten sei, daß etliche namhafftige Leute von gemeltem Cornelio Agrippa schreiben, er habe bis an sein letzten seufftzen einen Teufel zum Geferden, und in Hundts Gestalt mit sich lauffen gehabt, welcher zuletzt auch nach seinen Todt verschwunden seye. Was nun mein Person hie anlangt, kan ich mich fürwar nicht genugsam verwundern, was doch diese hohe und ansehentliche Leuthe für nöth angangen sei, daß Sie solche lahmen zotten und ungeschickte Ding haben gedencken, reden, und durch den offentlichen Truck aussprengen dörffen, dessen sie keinen andern grundt und besseren beweistumb auflegen können, dann das gemeine geschrey der Leuthe, welches doch erstuncken und erlogen ist. Was aber den schwartzen Hundt anlangt, ist es wol war daß er einen gehabt hat, der zimlichen groß gewest, und einen Frantzösischen nahmen, Monsieur gehabt, welches auff teutsch so viel heist, als ein Herr, habe ihn auch besser

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26) K. Fischer, l. c. p. 63, 64.

27) Rosenkranz, l. c. p. 424.

28) Scheible, „Das Kloster“, Bd. V, Zelle 19 p. 675. 6. Auch Bd. III an mehreren Stellen.

 

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gekandt, dann keiner, ja mit meinen Händen zum oftermaln an einem hären strick selbst daher geführet, ist aber nicht, wie die Sage gehet, ein Teuffel, sondern ein rechter, wahrhafftiger, natürlicher Hundt gewest. -- Daß aber das geschrey von ihm ist außkommen, mag vielleicht die ursach seyn, dieweil er den Hundt so lieb hatte, auch zuweilen küssete, und - bey sich in seinem Betthe des nachts schlaffen hatte, wie er dann auch stets fast den gantzen tag ober dem Gemach, da Agrippa seine Librarey innen hat, auff dem Tische zwischen mir und ihme lage, wann wir gegen einander aßen und studireten. Es mag auch das geschrey vielleicht daher seinen ursprung uberkommen haben, dieweil Agrippa, dazumal mein Herr, stets daheim über seinen Büchern saß, auch offt in aht gantzer tagen nicht ein tritt vors Hauß herauß thete, unnd doch gemeiniglich alles wuste, was hin und wieder geschahe oder sich zutruge. Dieses haben etliche unverstendige groben Leuthe dem Hundt als einem Teuffel zu geschrieben. Aber in der Warheit davon zu reden, so hatt ers niergendt anders woher, dann auß den Brieffen die von allen orten und Enden her durch Gelehrte Leuthe täglich an ihn geschrieben wurden.“ 29)

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29) Scheible, Kloster. Bd. II, Zelle 5 p. 195. 96. Düntzer p. 50. A. 36. Über den dämonischen Hund, den ja auch Goethe verwendet hat, sei hier einiges beigebracht! Der Teufel erscheint häufig in Hundsgestalt, worüber Jac. Grimm Nachweisungen aus der Literatur gibt. z. B. Hartmann v. d. Aue, Gregor 163: des belle-hundes list. Grimm, Deutsche Mythologie, 4. Aufl., p. 832. 33, Nachträge p. 294. Wir werden dabei erinnert an den griechischen Höllenhund Kerberus und an die Hekate, die aus einer Mondgöttin zur Stammmutter aller Zauberinnen (z. B. der oben erwähnten Medea) wurde, die von bellenden oder heulenden Hunden begleitet war, während irdische Hunde bei ihrem Nahen zitterten und bellten. Da der Hund in der Nacht scheinbar ebensogut sieht wie am Tage, so wird er auch mit den Mächten der Nacht in Verbindung gebracht. Rocher, Lexikon der Griechischen und Römischen Mythologie. Leipzig 1884 ff. I. p. 1894. 95. Einen schwarzen Hund gibt die Sage auch dem erwähnten Papst Sylvester II als Begleiter und noch anderen Zauberern. Im Faustbuche von 1587 kommt er noch nicht vor, aber in das Widmannsche Faustbuch von 1599 hat er Eingang gefunden und Trägt hier den bezeichnenden Namen Prästigiar. Praestigiae ist Blendwerk (vgl. den Titel eines Buches De praestigiis Daemonum); praestigiator wird geradezu der Teufel genannt, z. B, Prudencius adv. cath. 6, 140: Procul esto pervicaci Praestigiator astu (vgl. Düntzer p. 156. 57). Aus einem der verschiedenen Faustbücher wird Goethe den Pudel übernommen haben, merkwürdig aber ist, wie er dabei an einer Stelle dem anscheinend Zauberhaſten eine wissenschaftliche Grundlage gibt. Wenn Faust (v. 1154. 55 der Weimarschen Ausgabe) sagt:

 

Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel

Auf seinen Pfaden hinterdrein,

 

so möchte man glauben, daß damit ein Hinweis auf den teuflischen Charakter des Pudels gegeben wäre, da doch Feuerrscheinungen den Teufel anzukündigen pflegen, trotzdem hat Wagner recht mit seinem Worte:

 

Es mag bei Euch wohl Augentäuschung sein.

 

Denn Goethe erzählt in seinen Nachträgen zur Farbenlehre die von ihm gemachte Beobachtung, daß ein schwarzer Pudel, der unter seinem Fenster vorbeigelaufen sei, bei gemäßigtem Lichte einen hellen Lichtschein nach sich gezogen habe, und erklärt das aus der Lehre von den Complementärfarben mit ausdrücklicher Erwähnung jener Verse. (S. Fischer II, p. 336. 37.) Daß Dämonen sich in Tiere verwandeln, ist ein uralter Zug. Auch die Schlange gehört dahin. Die verführende Schlange im Paradies galt bisweilen für den Teufel selbst. Sie findet sich schon auf einem babylonischen Siegelcylinder, der den Sündenfall darstellt. (S. Darüber das Schriftchen C. F. Lehmann, Babyloniens Kulturmission einst und jetzt. Leipzig 1903, p. 25, 26.) Nach einer muhamedanischen Legende läßt sich Iblis (Satan) durch die Schlange, die ursprünglich die Königin aller Tiere war, unbemerkt (in ihrem Munde) in das ihm verschlossene Paradies bringen und redet aus ihrem Munde in ihrem Namen zu Adam und Eva, die so verführt werden, die verbotene Frucht zu genießen. Der Schlange aber werden zur Strafe für alle Ewigkeit die Zähne vergiftet, die Füße genommen, finstere Löcher ihr zur Wohnung bestimmt, Staub zur Nahrung, und sie töten soll ein Werk sein, das siebenſachen Lohn verdient. (Weil, Biblische Legenden der Muselmänner, Frankfurt a. M. 1893, p. 20 ff.) Als Drache sodann erscheint der Teufel in unzähligen Volkssagen. Andere Tiere übergehe ich. Die Tiergestalt ist aber häufig nicht vollendet, sondern bei übrigens menschlicher Bildung nur angedeutet, am meisten durch den Pferdefuß, aber auch durch Hörner. (Grimm l. c. p. 830). In der babylonischen Darstellung des Sündenfalles ist die von Delizsch für Adam ausgegebene Figur gehörnt, und Lehmann l. c. schließt daraus, daB ein Gott dargestellt werde, weil Hörner im Zweistromlande das Kennzeichen der Gottheit seien (vgl. Jupiter Ammon). Wenn die Hörner nicht etwa doch die männliche Kraft bedeuten können, scheint von dieser babylonischen Auffassung zur biblischen noch ein weiter Weg zu sein. -- Endlich hinkt der Teufel, weil er der gefallene, aus dem Himmel gestürzte Engel ist, wie Hephästos bei Homer (Grimm p. 829).

 

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Interessant ist auch folgende Notiz eines gewissen Neumann aus dem Jahre 1702: „Gabriel Naudaeus von Pariß bürtig defendirt in einem sonderbahren Buche, welches Anno 1625 herauskommen, diejenigen, welche der Zauberey sind beschuldiget worden, und setzet cap. 1. etliche denckwürdige Erinnerungen, man müste nicht also fort allen Scribenten Glauben beymessen, weil offtmahls große Politici und vortreffliche Köpfe bey ihren Mathematischen Studiis der Zauberey sind beschuldiget worden. Dabey befreyet Er von diesem Laster nicht nur aus den Alten, Zoroastrum, Plotinum, sondern auch Michael Scotum, Trithemium und endlich Johann Fausten, dessen Historia, so in Deutschland entsprungen, Er nicht viel höher alß ein Fabel hält, und in seiner Sprache gar recht Roman Magique nennet, und sich hierbey sonderlich darauff beruffet, daß Faustus Dinge zwar von unterschiedenen Scriptoribus Daemonologicis, alß da sind Delrio, Wierus, aber von keinem bewährten Historico erzehlet worden. Ob er aber bey den übrigen werde Recht behalten, das wird sich in folgenden Capiteln weisen.“ 30) -- Endlich wollen wir über die Erscheinung, die uns hier beschäftigt, auch dem mehrfach erwähnten Trithemius noch einmal das Wort verstatten. Er schreibt in einem Briete, nachdem er seine Steganographie angepriesen hat: „Gleichwohl geht alles ganz natürlich ohne Betrug, Aberglauben oder Zauberei und Anrufung der Geister zu. Ich erinnere deshalb daran, damit du bei dem vielleicht entstehenden Gerücht, ich könne Wunder thuen, mich nicht für einen Zauberer, sondern nur für einen Philosophen halten mögest. Denn ich bin versichert, daß es mir ebenso gehen wird wie dem Albertus Magnus, dem tiefen Erforscher der Natur, welcher wegen seiner durch verborgene Kräfte ausgeführten Thaten beim Pöbel für einen Schwarzkünstler galt. -- Daher kommt es denn auch, daß die gelehrtesten Männer Deutschlands und Frankreichs über meine Versprechungen nachgrübelten und sie entweder für Lug und Trug oder für Teufelswerk hielten, weil sie die Grenzen der Natur weit zu überschreiten schienen.“ Seine Befürchtungen sollten er den Schlüssel in eigentümlicher Weise bewahrheiten. Ein Gastfreund, dem er den Schlüssel zu seiner Geheimschrift vorenthielt, verklagte ihn beim Bischof von Orleans als Magier und Nekromant. Allzusehr verwundern konnte er sich freilich nicht über den Argwohn der Uneingeweihten, denn die seltsamen Formen, in die er eine im Grunde einfache Sache hüllte, klingen sehr nach Teufelsspuk. Man höre nur folgendes: „Der Schlüssel ist in den Händen des vornehmsten Geistes Pamersgel anogr madriel durch den Dienst“ -- folgen wieder sinnlose Worte, „Diese müssen mit einer Anrufung beauftragt werden.“ 31) Je sinnloser die Worte, desto verdächtiger sind sie bekanntlich. Auch Goethe läßt in Nachahmung solcher Zauberbräuche in der Hexenküche die Hexe das sinnloseste Zeug reden, in dem man ja keinen tiefen Sinn suchen soll. 32) -- Wir haben gesehen, wie im XVI. und XVII. Jahrh. das Morgenrot einer bessern Einsicht mit dem Nebel mittelalterlichen Wahnes ringt, wie aber im Mittelalter selbst der Teufelswahn Männer von hervorragenden wissenschaftlichen Verdiensten zu Magiern machte. So erging es auch unserm Vergil. Hatte denn aber dieser eine so hervorragende Bedeutung, daß die Sage ihn deshalb zum Träger einer Fülle ihrer abenteuerlichsten Schöpfungen machte? Es wäre hier zu handeln von der ungeheuren Überschätzung, die dieser Dichter durch das ganze Mittelalter hindurch bis zur Zeit des Wiedererwachens der Wissenschaften im sogen. Cinque Cento erfahren hat. Doch ich will mich dabei nicht aufhalten und mich mit dem Hinweis auf das Buch von Comparetti begnügen: Vergilio nel medio evo. Deutsch von Dütschke Leipzig 1875. 2. italien. Auflage. Livorno 1896. („Die zweite Auflage ist nicht ganz unwesentlich bereichert, und in der Übersetzung fehlen leider die Dokumente “)

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30) Scheible. Bd. V, Zelle 18, p. 460, c. 10.

31) Kiesewetter. l. c. p. 356-362.

32) Fischer. II p. 450 A.

 

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Von den Gründen der Erscheinung sei nur der eine angeführt, daß Vergils Äneis als Nationalepos der alten Römer in ihrer geschickten Verherrlichung römischen Wesens dem Verfasser unendlichen Ruhm einbringen und diesen so weit verbreiten mußte, als römische Kultur reichte. Nicht so schnell darf ich hinweggehen über eine Besonderbeit der Vergilschen Dichtungen, welche der wuchernden Sage, deren Schlinggewächse überall unlöslich sich festklammern, wo sie die geeigneten Stellen finden, wirklich einen Anhalt bot. Es spielt nämlich in diesen Dichtungen die Zauberei eine gewisse Rolle. Zunächst ist das VI. Buch der Äneis von hervorragender Bedeutung für die Geschichte der Eschatologie. Es ist eine Hadesfahrt, hinter der die Homerische Nekyia (Odyssee Buch XI) fast zurücktritt; denn sie ist nicht etwa eine bloße Nachahmung jener Partie der Odyssee, sondern Norden 33) hat nachgewiesen, daß Vergil auch apokalyptische Werke des V. und VI. vorchristlichen Jahrhunderts in irgend einer Form benutzt haben muß. Der Leser wird eingeführt in das unheimliche Gebiet der Nekromantie oder Skyomantie (Toten- oder Schattenbeschwörung), auf dem wir, um zu den Anfängen zu gelangen, zurückwandern müssen bis zu den Babyloniern, deren uralte Kultur ja gerade in unseren Zeiten so viel von sich reden macht. Auch eine babylonische ϰατάβασις, Höllenfahrt hat sich der an Kulturschätzen so reiche Boden Mesopotamiens entreißen lassen, die Höllenfahrt der Istar, die jetzt so gedeutet wird, 34) daß ein Magier einem Manne, der sich bei ihm Rat erholt, wie er den Geist seiner verstorbenen Schwester aus dem Kerker des Hades erlösen könne, den Rat giebt, er möge an Istar, die Hadesbesiegerin, und an Tammuz, ihren Gemahl mit Gebet und Opfer sich wenden, und zum Beweise, daß die Pforten des Hades nicht unüberwindlich sind, erzählt er ihm die Geschichte der Höllenfahrt.

 

Nach dem Lande ohne Heimkehr, dem Lande, [das du kennst],

[richtete] Istar, die Tochter des Mondgottes, ihren Sinn.

Des Mondgottes Tochter richtete ihren Sinn

nach dem Hause der Finsternis, dem Sitze Jrkalla's, (Beiname der Göttin Allatu, der Herrin der Unterwelt.)

nach dem Hause, dessen Betreter nicht mehr herauskommt,

nach dem Pfade, dessen Hingang nicht zurückführt,

nach dem Hause, dessen Betreter dem Lichte entrückt ist u. s. w.

 

Sieben Tore muß Sie passieren, bis sie zur Beherrscherin der Unterwelt gelangt, an jedem nimmt ihr ein Wächter einen Teil ihres Schmuckes ab, nackend tritt sie durch das Siebente, und rückwärts erhält sie umgekehrt an jedem Tore den betreffenden Teil ihres Schmuckes zurück. 35) Wenn es in diesem epischen Gedichte ferner heißt:

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33) Ed. Norden, P. Vergilius Maro Äneis Buch VI. Leipzig 1903 (in der Sammlung wissenschaftlicher Kommentare). Vorbemerkungen p. 5. Kommentar p. 194. 95. und an vielen Stellen.

34) A. Jeremias, Die babylonisch-assyrischen Vorstellungen vom Leben nach dem Tode, Leipzig 1887. p. 7.

35) Daß Istar Tochter des Mondgottes ist, weist auf den engen Zusammenhang des Mondes mit der Zauberei hin. Man dachte sich auch den Mond als Aufenthaltsort der Seelen nach dem Tode, (Norden l. c. p. 23.) Damit ist die Hekate als ursprüngliche Mondgöttin zu vergleichen. (S. p. 12 A. 29.) Die Siebenzahl der Tore hängt mit der Siebenzahl der den Alten bekannten Planeten zusammen, wie des näheren später ausgeführt werden wird. -- Endlich erinnert das Entkleidetwerden an den Platon. Mythos im Gorgias, wo es heißt, weil früher das Gericht über die Toten oft nicht gerecht gewesen sei, habe Zeus angeordnet, daß künftig Richter und zu Richtende ohne den Schmuck der Kleidung beim Gericht erscheinen sollten. Unter der Kleidung wird symbolisch alles das verstanden, was das Urteil der Lebenden trübt. Daher soll das Seelengericht erst stattfinden, wenn der Tote die Hülle des Leibes und alles mit der irdischen Existenz Zusammenhängende abgelegt hat. Platon unterscheidet auch zwischen Himmel und Hölle, die ja notwendiges Ergebnis eines eines Gerichtes sind, zwischen den „Inseln der Seligen“ und dem „Gefängnis der Rache und des Gerichts.“ Platon Gorgias p. 523.

 

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„Nicht, o meine Herrin, möge versperrt bleiben der Quell --

ort, vom Wasser darinnen will ich trinken.“ Und:

„die Göttin Istar besprengte er mit dem Wasser des Lebens“,

 

so ist diese „Quelle des Lebens“ der Ausgangspunkt jener weitverbreiteten Vorstellung von den Gefilden der Seligen oder dem Paradies. Im Nimrod-Epos wird erzählt, wie der mit Aussatz bestrafte Held sich nach dem Gefilde der Seligen aufmacht, dem Wohnsitz seines Ahnherrn Pir - napistim (der biblische Noah), um dort durch die Lebensquelle und die Lebenspflanze Heilung zu finden. Länder und Gebirge durchzieht er, Meere überschreitet er, bis er zu den Gewässern des Todes und nach langer, qualvoller Fahrt durch diese zu den Ufern der Seligengefilde, zu Pir - napistim gelangt, der ihm die Geschichte seiner Lebensrettung erzählt (die Geschichte von der Sintflut). Die Babylonier sind also die Schöpfer der Idee von einem Reinigungsort der Seelen, von der νῆσοϛ τῶν μαϰάρων der Griechen, von Vergils Elysium (v. 637-678), von dem christlichen Purgatorium, von dem der deutsche Ausdruck Fegefeuer leicht eine falsche Vorstellung erweckt (Feuer ist wie Wasser Reinigungsmittel). Die schönste Beschreibung des Elysiums giebt wohl Pindar:

 

Pind. Ol. II, 131-139. (nach Donners Übersetzung).

Wo, lind atmend rings

Um der Seligen Gefild

Des Meeres Lüfte wehen, wo

Duftig Goldblumen hier

Am Strand leuchten von den Höh'n

Glänzender Bäume, dort

Des Quells Flut entsprießen,

Mit deren Kranzgewinde sie

Sich Arm umflechten und Haupt, 36)

 

Das Gegenstück zu der Istarbeschwörung aus der israelitischen Literatur ist die Beschwörung Samuels durch die Hexe zu Endor (1. Sam. 28, 14); dieser erscheint in dem Gewande, das er bei Lebzeiten trug; das ist eine andere Vorstellung als bei der Istar, wie überhaupt diese Erzählung widerspruchsvoll erscheint, denn wenn die Toten nichts wissen, wenn ihr Gedächtnis entschwunden ist, wozu werden sie dann heraufbeschworen! Vergleicht man die erwähnten vier Hauptdichtungen 37) über die Unterwelt miteinander, so ergibt sich, daß von einer eigentlichen Höllenfahrt nur bei dem babylonischen und dem römischen Epos die Rede sein kann, denn selbst bei Homer steigt der Held nicht in die Unterwelt hinab, sondern auf der Erde gräbt er eine Grube und lockt durch das hineingegossene Blut die Toten herauf. Wie sich freilich mit dieser Vorstellung die Schilderung von Stätten im Hades vereinigen läßt, ist eine Kritische Frage. 38) Jedenfalls finden wir nur bei Vergil das dichterisch klar fesgehaltene

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36) Norden p. 162. A. 1. -- Die Worte in der Istarlegende: „Da sie gekleidet sind wie Vögel in ein Flügelgewand“ sind zu vergleichen mit Odyssee XXIV, 5 ff. (einer Späten Nachdichtung):

Und schwirrend folgten die Seelen (dem Sie geleitenden Hermes),

So wie die Fledermäus' im Geklüſt der schaurichten Höhle

Schwirrend umher sich schwingen --

So mit zartem Geschwirr fort zogen zie. (Vgl. Ilias XXIII, 101) Norden p. 165. A. 1.

37) Es hat auch eine poetisch fixierte Höllenfahrt des Herakles und eine solche des Orpheus gegeben, die, wie Norden nachweist, Vergil benutzt haben muß. Aber Näheres ist über diese verlorenen Dichtungen nicht ermittelt. Hygin in der 251. seiner Fabeln nennt Herkules und Orpheus nur mit kurzem Zusatz in dem Katalog derer, Qui licentia Parcarum ab inferis redierunt.

38) In der Homer-Partie sind zwei Arten der Totenbeschwörung miteinander vermischt: die νεϰυομαντεία und die ϰατάβασις, so daß meines Erachtens echte Kritik sich nur für einen anderen Ursprung der Partie erklären kann, in welcher die Vorstellung des am Rande der Grube befindlichen Odysseus aufgegeben ist. Norden p. 196. A. I.

 

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Bild der Wanderung des Helden durch alle Teile des Aufenthaltsortes der Toten. Unter der Führung der Kumanischen Sibylle durchschreitet er die Vorhalle des Reiches des Hades, es öffnen sich ihm die Flügeltore zum Burgrevier des Herrschers, Charon setzt ihn über den Acheron, er erblickt den schauerlichen Höllenhund Kerberus, hört sein Bellen, bis seine Begleiterin durch Zauber ihn einschläfert, durchwandert die verschiedenen Lokalitäten des Tartarus, an der Pforte des unterirdischen Palastes legt er den goldenen Zweig nieder, ihm ist es vergönnt, als Lebender das Elysium zu besuchen, sowie den Lethehain. -- Es läßt sich begreifen, daß diese Eschatologie mit ihrem Farbenreichtum und ihrer sprachlichen Pracht und Eleganz unsern Dichter als den Hauptvertreter der Zauberliteratur erscheinen ließ. 39) Ist seine Hadesfahrt des Äneas doch auch für Dante das Vorbild bei einer großartigen Dichtung gewesen. Besondere Bedeutung hat auch noch das von Vergil verwandte Sibyllenmotiv. Denn die Sibyllen sind Oberpriesterinnen der Magie. Das Wort Sibylle kommt her von Αιὸς βουλή: Ratschluß des Zeus. Schon der Name weist also auf das prophetische Amt hin, und mit dem Gott, der als der Verkündiger des Willens des höchsten Gottes gilt, dem Apollo stehen die Sibyllen, deren die Alten bis zu 10 zählten, denn auch in engster Verbindung. Eine Sammlung von sibyllinischen Sprüchen, die man in Rom als eine der ältesten Geschichtsquellen ansah, verbrannte im Jahre 83 v. Chr. bei der Feuersbrunst, die den Capitolinischen Tempel zerstörte. Die neue Sammlung führte zu Fälschungen aller Art, Orientalisches, ja messianische Hoffnungen wurden hineingemischt: so gewannen die Sibyllen und die sibyllinischen Orakel auch Bedeutung für das christliche Mittelalter. Wie merkwürdig! Die erythräische Sibylle (die berühmteste) rühmte sich in dem Vorwort ihrer Weissagungen ihrer Abkunſt aus Babylon (immer wieder werden wir nach Babylon geführt!), und die in Vergils IV. Ekloge erwähnte Prophezeiung der Kumanischen Sibylle (der Nachfolgerin der erythräischen) deuteten fromme Christen auf die Erscheinung des Heilands (s. oben p. 1.). Die Kirchenväter beschäftigen sich viel mit der sibyllinischen Zauberliteratur, und wie diese Gestalten auch für die christliche Kunst Bedeutung , gewonnen haben, ist aus Michel Angelos Deckengemälden der Sixtina allgemein bekannt, 40) Auf die große Prophezeiung des Anchises (Äneis VI, 756--892 komme ich später zu sprechen bei Gelegenheit des Zauberspiegels. Von den Werken des Dichters kommt ferner in Betracht die VIII. Ekloge, welche eine Nachahmung der II. Idylle Theokrits ist. (Diese führt den Titel

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39) Servius, der berühmte Commentator Vergils, ein Grammatiker aus dem IV. Jahrhundert, sagt im Eingang zu seiner Erläuterung des VI. Buches der Äneis: totus quidem Vergilius scientiae plenus est, in qua hic liber possidet principatum, cuius ex Homero pars maior est -- multa per altam scientiam philosophorum, theologorum, Ägyptiorum, adeo ut plerique de his singulis huius libri integras scripserint pragmatias.

40) Preller l. c. p. 266. 272. 276 – In den sogen. Mirabilia Romae (um 1150) wird die Legende von der Entstehung der Kirche Araceli auf dem Capitol erzählt. De Visione Octaviani Imperatoris et Responsione Sibillae ist ihr Titel. Die Prophezeiung lautet: E celo rex adveniet per secla futurus scilicet in carne praesens, ut indicet orbem. Und es öffnete sich der Himmel, als sie dies sprach, und wunderbarer Glanz überströmte den Kaiser, und er erblickte quandam pulcherrimam virginen stantem super altare puerum tenentem in brachiis. Und das geschah, wo jetzt die Kirche s. Mariae in Capitolio steht, die deswegen benannt wurde: eccelesia s. Marie ara celi. -- Augustinus, De Civitate Dei lib. XVIII cap. XXIII sagt u. a.: Haec sane Erythraea Sibylla quaedam de Christo manifesta conscripsit, und nachdem er ein solches Gedicht, das ein wunderbares Akrostichon enthält, besprochen hat, fährt er fort: Haec autem Sibylla ssive Erythraea Sive ut quindam magis credunt, Cumaea, ita nihil habet in toto carmine suo, quod ad deorum falsorum sive factorum cultum pertineat quin imo ita etiam contra eos et contra cultores; eorum loquitur, ut in eorum numero deputanda videatur, qui ad Civistatem Dei. Wir lernen in demselben Capitel auch einige sibyllische Prophezeiungen auf Christus kennen, die in Kürze die ganze Leidensgeschichte enthalten. Eine Probe: Templi vero velum scindetur; et medio die nox erit tenebrosa nimis in tribus horis. Et morte morietur tribus diebus somno suscepto; et tunc ab inferis regressus ad lucem veniet primus, resurrectionis principio revocatis ostenso.“ -- Erinnert sei auch an den Vers in der allbekannten Alterseelen -- Sequenz: teste David cum Sibylla. Zu vergleichen ist auch Kiesewetter l. c, p. 425 ff.

 

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φαρμαϰε‘ τρια die Zauberin.) Es handelt sich von v. 64 an um die Zauberei, durch welche eine Verlassene den untreuen Geliebten zurückführt. Die Macht des Zaubergesanges wird mannigfach gepriesen, namentlich heißt es v. 69:

 

Kann doch Zaubergesang den Mond (!) vom Himmel herabziehen.

 

Von einem gewissen Möris hat das Mädchen die wirksamen Kräuter, von ihm hat es auch gesehen, wie er in einen Wolf verwandelt in die Waldungen eindrang, wie er oft Gestorbene aus den Gräbern

 

Aufrief oder die Saat wegführt' auf andere Felder.

 

Das ist eine andere, volkstümlichere Gattung der Zauberliteratur. -- Selbst in Vergils Werke über den Landbau finden sich Stellen, aus denen man eine besondere Zauberkunde des Dichters herauslas, namentlich eine, welche von der Windbefruchtung der Stuten und dem furchtbaren „Roßwut“ genannten Gift handelt, das zauberkundige Weiber mit Kräutern mischten und durch Zauberworte wirksamer machten. (Georgicon III, 266 ff.). -- Haben wir so gesehen, daß die Werke des Dichters dem zaubergläubigen Volke im Mittelalter einigen Anhalt boten für die Meinung, er sei der Magie kundig, so müssen wir jetzt unsere Aufmerksamkeit dem eigentlichen Urquell der Erhebung Vergils zu einem Wundertäter zuwenden. Das ist sein Grab in Neapel. Wie sollte dieses nicht Gegenstand einer leidenschaftlichen Verehrung werden, wenn der Große, den es barg, diese Stadt zu seinem Lieblingsaufenthalt erkoren, in ihr seine schönsten Dichtungen geschaffen, sie selbst und ihre Umgebung, diesen Zaubergarten der Natur, in seinen Dichtungen mannigfach verherrlicht hatte! Vergl. Georgicon II, 767 ff.:

 

Doch unsorgsame Ruhe und ein harmlos gleitendes Leben,

Reich an mancherlei Gut, doch Muß' in geräumigen Feldern,

Grotten und lebende Teich' und Kühlungen tempischer Thale,

Rindergebrüll, und im Wehen des Baums sanft ruhende Schlummer,

Mangeln ihm nicht; Bergwälder sind dort, und Lager des Wildes,

Auch, unermüdet zum Werk, bei wenigem fröhliche Jugend,

Götterfest', und unsträfliche Greis': am letzten durchwallte,

Als Sie der Erd' abschied, die Gerechtigkeit jene Gefilde.

 

Und v. 149 heißt es: „Hier ist ewiger Lenz und in fremden Monden der Sommer.“ -- Und war für ein phantasiebegabtes Volk der Schritt vom idealen Wohltäter zum Wundertäter ein so weiter? Ja, unterstützte nicht der kirchliche Glaube mit seinen vielen Schutzheiligen die Verehrung des Dichters? Lag es nicht für eine Bevölkerung, der der Heiligendienst ein so wesentlicher Teil des Gottesdienstes war, nahe, den Heiden, der das Erscheinen der Jungfrau angekündigt hatte, als Ortsheiligen anzusehen, etwa wie den Heiligen Januarius, von dem der Neapolitaner das Wohl und Wehe seiner Stadt abhängig glaubt? -- Den südlichsten Teil der Stadt Neapel bildet eine kleine mit dem Lande durch einen langen Damm verbundene Insel, die das Castello dell' Ovo trägt. Benannt ist es so nach seiner ovalen Gestalt. Dieses „Ei“ hat der Volksphantasie Stoff gegeben zur Märchenbildung, wobei wahrscheinlich noch mitwirkte, daß die Lokaltopographen durch kühne Combination einiger gelegentlichen Schriftstellernotizen hierher die berühmte Insel-Villa des Lucullus verlegten. Zunächst erscheint das Ei in der Legende als ein von Vergil geschaffenes Palladium der Stadt, welches in einer gläsernen Flasche aufbewahrt wurde. Diese Legende kann erst im XII Jahrhundert entstanden sein, denn früher erscheint dieser Name des Kastells nicht. 41) Kaum ein Jahrhundert später hat der einfache Talisman sich erweitert zu einem Wunderwerke erster Größe. Auf dem von

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41) Comparetti (Dütschke) p. 231.

 

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unserm Dichter geschaffenen Ei ruht jetzt die ganze Stadt Neapel und gerät ins Schwanken, sobald das Ei sich bewegt. 42) Eine überzeugende Erklärung dieses Aberglaubens gibt Liebrecht in Pfeiffers Germania X, 408 ff. Er geht aus von der uralten Sitte, Menschen lebendig zu begraben, um irgend welches Unheil abzuwenden, besonders das Einstürzen oder die anderweitige Zerstörung wichtiger Gebäude zu verhindern. Als die Zeiten milder wurden, traten symbolische Handlungen an die Stelle. Ein solches Symbol mochte auch das Ei (als Träger des Lebens) sein. Es wurde vielleicht anfangs in die Grundmauer versenkt, und daraus konnte die Sage entstehen, daß die Stadt auf einem Ei schwebte, später begnügte man sich damit, es an der Decke aufzuhängen (auch das wird von dem Ei im Castel dell‘ Ovo berichtet) oder in einem Glase aufzubewahren. Mit diesem Ei im Glase steht jedenfalls in nahem Zusammenhange die mehrfach in der Vergil-Sage vorkommende Überlieferung von dem in ein Glas gebannten Geiste oder Teufel. Roth in Pfeiffers Germania IV berichtet nach einem gewissen Hemmerlin de nobilitate cap. 2 fol. VIII b folgende Geschichte: „dem Vergilius habe einst einer seiner dienstbaren Geister (spiritus) mitgeteilt, er wisse den Ort, wo Salomo seine nigromantischen Schriften vergraben habe; auf sein Verlangen habe ihn der Geist, wie einst ein Engel den Propheten Habakuk, in unglaublich kurzer Zeit von Neapel nach Chaldäa durch die Luft getragen. Dort fanden sich die Bücher in einer Höhle, und daneben lag eine mit Salomos Siegel verwahrte Glasflasche, worin ein äußerst bösartiger und verschmitzter Geist verschlossen war. Diesen befreite V. mit der Bedingung, daß er ihm die chaldäisch geschriebenen Bücher dolmetschen sollte. Als dies geschehen war, wußte der Meister den Geist auf schlaue Weise in die Flasche zurückzubringen und verschloß sie für immer mit demselben Salomonischen Siegel; denn er wußte, wie viel Unheil derselbe der ganzen Welt zufügen könnte. Sofort ließ er sich durch den ersten Geist nach Europa zurückbringen, und seitdem kennt man in Italien die Nigromantie.“ Diese Erzählung ist in vielfacher Beziehung lehrreich. Einmal lernen wir die dienstbaren Geister, die spiritus familiares kennen, die, den Hausgeistern und Kobolden der deutschen Sage vergleichbar, nicht durchaus teuflischer Art sind. 43) Dann tritt uns das Motiv der vergrabenen Zauberbücher entgegen, das in einem besonderen Abschnitt behandelt werden wird, ebenso wie die damit zusammenhängende Höhle (Orakelhöhle), die Luftfahrt des Zauberers, die bekannte clavicula oder vincula Salomonis, die auch Goethe verwendet. 44) Weiter wird wieder Chaldäa die Heimat der Zauberei genannt und -- was wir zum ersten Male hören -- chaldäisch die Sprache der Zauberer. Es ist, wie wir später sehen werden, ganz natürlich, daß die Teufel chaldäisch sprechen. 45) Wenn dann aber gesagt wird, durch die Herüberschaffung der Bücher durch Vergil nach Italien sei die Nigromantie dorthin gekommen, so heißt das aus der Sprache der Sage in die der Geschichte übersetzt: Durch Vermischung mit orientalischen Sagen bekam zu einer gewissen Zeit die italienische Vergilsage ihren diabolischen Charakter. Und diesen wichtigen Satz wollen wir festhalten. Höchst interessant ist noch, daß jener Hemmerlin an einer Stelle statt Chaldäa Arabien nennt. Die Araber sind ja die Übermittler wie so vieler Kultur-Schätze des Orients und des Altertums, so auch mancher Sagenschätze an das Abendland geworden. Auch darüber wird an einer bestimmten Stelle ausführlicher zu sprechen sein. Endlich wende ich mich zu der Glasflasche, um deretwillen ja die Hemmerlinsche Erzählung herangezogen wurde. Sie dient hier zum Gefängnis des bösen Geistes, den der Zauberer, nachdem er seine Dienste genossen, durch

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42) l. c. p. 256.

43) Vgl. Grimm, Abschn. XVII.

44) V. 1258 (Sophienausgabe). Minor I, p. 156.

45) Eisenmenger, Entdecktes Judentum, II p. 390 ff.

 

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List wieder in dasselbe zurückbringt. Diese List lernen wir in einer anderen Version der Sage näher kennen. Bei Simrock 46) windet sich der Teufel wie ein Aal aus einem Löchlein, das durch eine kleine Leiste verschlossen gewesen war. Nachdem er Vergil die Bücher und die Anweisung, wie sie zu benutzen, gegeben, spricht dieser seine Verwunderung darüber aus, daß ein so großer Mann in einem so kleinen Löchlein Raum hätte, und bietet dem Teufel eine hohe Wette, daß er nicht wieder hineinkriechen könne. „Da wand sich der böse Feind wieder in das Loch, und als er darin war, schob Vergil die Leiste wieder vor.“ Hier ist an die Stelle der Flasche eine Erdöffnung getreten. Welches ist das Ältere? Die zufällige Überlieferung kann da nicht entscheiden. Mir erscheint es sicher, daß die Erdspalte den Vorrang des Alters verdient. Denn in die Erde ist der Teufel gebannt, aus ihr rufen die Menschen die bösen Geister hervor, und erst wenn sie dieselben in ihren Dienst gezogen haben, mögen sie sie wie einen Talisman 47) in der Glasflasche bergen. So wird auch das Ei des Castel dell' Ovo aus der Erde in die Flasche gekommen sein. Der enge Hals der Flasche entspricht aber beim Einschließen des Teufels dem engen Erdspalt, er muß sich hindurchwinden, und -- nebenbei bemerkt -- haben wir hier wieder den dummen Teufel des deutschen Mittelalters. Als Antipode Christi muß er auch dem frommen Christen überwindlich sein, wie das Licht im Grunde zuletzt immer über die Finsternis den Sieg davonträgt, und diesen Sieg stellt der Volkshumor, der sich auch an das Heiligste wagt, gern als eine Überlistung des Dummen dar. -- Ohne die Überlistung wird die Geschichte, daß Vergil Teufel aus dem Glasc befreit, noch öfter erzählt, so von dem schon erwähnten Enenkel in seinem „Weltbuche“ in folgender Form: Vergil stieß, als er einst in einem Weinberge grub, mit dem Spaten auf eine Flasche, in der 12 Teufel eingeschlossen waren. Nachdem sie ihn in alle Geheimnisse der Magie eingeweiht hatten, zerbrach er die Flasche und ließ die Geister frei. 48) Ferner verwendet dieses Motiv ein gewisser Heinrich v. Müglin, der Vergil sogar zum sagenberühmten Magnetberg (Agtstein) führt, indem er ihn als Schreiber Kaufleute auf einer Seefahrt begleiten läßt:

 

Virgilius der ging hin ûf den perg gerecht (?),

dâ vant er stân in einem glas des tiefels knecht,

er sprach zu im: wer hât dich her gesetzet?

der tiefel zu dem schriber sprach pald an der stat:

Virgilius, lâst du mich ûs, ich gip dir rât,

daz du der dînen sorgen wirst ergetzet, u. s. w.

 

Papst Benedict IX hatte sieben geschworene Geister in einem Zuckerglase. 49) Im Wartburgkriege heißt der in ein Glas gesperrte Geist Klistronis; dieser Name soll vom chaldäischen Klastor Gesicht, Fratze herkommen und ist offenbar zugleich derselbe wie Klinschor, Klingsor, den der Zauberer in Wolframs Parzival führt. 50) -- Bemerkenswert ist auch eine Appenzeller Volkssage, nach welcher der erwähnte Theophrastus Paracelsus den Teufel anführt. Der Kerker ist hier eine Höhlung in einer Tanne, die durch ein rundes Zäpflein mit drei Kreuzen verschlossen wird. Der befreite Teufel schlägt mit der Haselrute (die bekanntlich beim Auffinden in der Erde verborgener Schätze von Bedeutung ist) an einen Felsen, dieser springt, und

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46) l. c. p. 330. 31.

47) Arabisches Wort, entstandeo aus τελέσματα, vgl. z. B. Chronicon Alex. p. 250 B: Ἐπὶ τύτων τῶν ὑπάτων (in diesem Conzulate) Ἀπολλώνιος ὁ Τυανεὺς ἤϰμαξεν, περιπολεύων πανταχοῦ, ϰαὶ ποιῶν τελέσματα εἰς τἀς πόλεις ϰαὶ χώρας.

48) Comparetti (Dütschke) p. 269.

49) Görres, Die deutschen Volksbücher p. 210.

50) Roth l. c. Klingsor ist bei Wolfram von Eschenbach ein Neffe des Vergil. Parzival 656. 18.

 

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zwei Flaschen kommen hervor, die des Innsbrucker Studenten Lohn sein sollen. Aber nun verlangt der Teufel von Paracelsus, daß er ihn zu dem Geisterbanner führe, der ihn in der Tanne eingeschlossen hatte, damit er sich an ihm räche. Zum Glück fällt unserm Doktor die bekannte List ein, durch die er jenen in sein Gefängnis zurückbringt. Jetzt untersucht er die Fläschchen; aus dem einen läßt er ein Tröpfchen fallen, das wird pures Gold, mit der Flüssigkeit, die dem andern entquillt, heilt er sofort einen Gemsenjäger. Da haben wir die zwei Teufelswissenschaften, Alchymie und Medizin. Scheible, Kloster II, 5 p. 34. -- Unsere Glasflasche ist aber endlich auch zur Retorte in den Laboratorien der Alchymisten geworden. Die künstliche Hervorbringung eines Glasmenschen, eines Homunculus war mit der Entdeckung des Steines der Weisen das erträumte Ziel jener Afterwissenschaft der Chemie, die bis ans Ende des XVIII Jahrhunderts fortgelebt hat, und die sogen. Cartesianischen Teufelchen sind ein harmloser Nachklang jener magischen Kunststücke, wie der ihnen zu Grunde liegende Aberglaube in dem Sprichwort verewigt ist: Gold kann den Teufel in ein Glas bannen. 51) -- Wir erkennen aus dem Gesagten die Bedeutung des Eikastells für unsere Sage. Das Grab des Dichters ist zwar in ihm nicht zu suchen, aber seine Gebeine hat man sich doch zeitweilig dort aufbewahrt gedacht. Verlassen wir diese durch Vergil geweihte Stätte, so gelangen wir in einer Viertel-Stunde, uns westlich wendend, zu einer der schönsten Promenaden der Welt, der Villa Nazionale; wir durchschreiten sie und wandern immer am Ufer des Golfes entlang bis zu der merkwürdigen Grotta di Posilipo, dem im Altertume geschaffenen Tunnel, der den kürzesten Weg nach Pozzuoli darstellt. Dicht neben dem Eingang wird uns das Grab Vergils gezeigt. So zauberisch schön die Gegend, so unscheinbar sind die Trümmer, die diesen Namen tragen. Tragen sie ihn mit Recht? Die Frage ist zu verneinen. Zwar steht es fest -- und das genügt ja eigentlich für meine Zwecke --, daß Augustus die irdischen Reste des auf einer Reise verstorbenen Dichters dessen Wunsche gemäß in der Nähe der Grotte, wo er (Vergil) ein Landgut besaß, beisetzen ließ. Nicht viel bestimmter als diese Angabe lautet die des Donatus (Ti. Claudius), der gegen Ende des IV. Jahrhunderts einen rhetorischen Kommentar zur Äneis schrieb, Vergil sei am zweiten Meilensteine der Puteolaner Straße bestattet. Genügt das nicht, um von vielen in der Nähe befindlichen Gräbern eins zu bevorzugen, so beweist die Beschaffenheit des von der Tradition bevorzugten, daß es das richtige nicht sein kann. Es ist nämlich ein sogen. Columbarium, d. h. eine wie ein „Taubenhaus“ aussehende an den Wänden mit vielen Nischen für die Totenurnen versehene Kammer, welche als Familiengruft oder als Begräbnisstätte für Freigelassene und Sklaven diente. 52) Daß trotzdem das Volk zäh festhielt am Glauben an die Echtheit des Grabes, ist vielleicht der glänzendste Beweis für die Verehrung, die der Neapolitaner seinem Vergil zollte und zollt, denn der Kultus bedarf einer bestimmten Stätte der Ausübung, und ist diese gefunden, so entreißt sie die Kritik dem Glauben nicht leicht. Daß aber des Dichters Grab schon sehr früh eine Stätte des Kultus wurde, zeigt uns der Dichter Silius Italicus (25-101), von dem Plinius 53) erzählt, er habe Vergils Bild Verehrung erwiesen, seinen Geburtstag festlicher begangen als den eignen, namentlich in Neapel,

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51) Goethes Werke, Hempels Ausgabe. Faust II. Teil. Vorbemerkung von Strehlke p. LI.

52) Heß, Der Golf von Neapel. Leipzig 1878, p. 63 ff. -- Comparetti erwähnt in der neuen Auflage seines Buches eine neue Arbeit über das Grab, die mir nicht zugänglich ist: E. Cocchia, La tomba di Virgilio, contributo alla topografia dell‘ antica città di Napoli. Torino 1889, Nissen, Italische Landeskunde. Bd. II. Berlin 1902, p. 752 sucht das Grab „etwa in der heutigen Villa Nazionale.“

53) Epistularum III, 7.

 

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wo er sein Grab wie einen Tempel besucht habe. Und wenn Martial 54) (circa 40-102) sagt:

 

Silius, welcher das Gut des beredten Cicero sein nennt,

Ehrt durch das Denkmal hier unsern großen Vergil.

Lieber hätte zum Erben und Herrn des Grabs und der Laren

Weder Vergilius, noch Cicero einen gehabt,

 

so ist wohl der Schluß berechtigt, daß Silius das Gut Vergils mit dem darauf befindlichen Grabe besessen habe; denn die Laren bezeichnen als Hausgötter das Haus, in weiterem Sinne die Besitzung. -- Im Mittelalter haben die Heroen der italienischen Literatur dem Grabe Vergils ihre Verehrung erwiesen. Petrarca soll dem König Robert von Anjou als Führer zu dieser heiligen Stätte gedient und den ersten Lorbeer dort gepflanzt haben, von dem Wilhelmine, die Markgräfin von Baireuth, ihrem königlichen Bruder einen Zweig mitbrachte. Und Boccaccio will von dem Geiste, der ihm aus Vergils Grabe entgegenwehte, veranlaßt sein, den Kaufmannsstand mit dem Dichterberufe zu vertauschen. 55) -- Was das Mittelalter fest geglaubt hatte, bestätigte im Jahre 1553 der Kardinal Bembo, auf dessen Veranlassung die noch jetzt dort befindliche Inschrift angebracht wurde:

 

Was brauchts Asche und Urne? Es zeugt ja der Hügel vom Grabe

Dessen, der einst hier sang Triften und Fluren und Krieg. 56)

 

So hat das Grab seine Beglaubigung erhalten, und mag auch der Gelehrte unwillig den Kopf schütteln über die Leichtgläubigkeit der Leute, mag der blasierte Reisende seine Kritik der Sehenswürdigkeit in die üblichen Worte kleiden: „Es lohnt nicht der Mühe, dahin zu gehen“, so pilgern doch jahraus jahrein Tausende zu dem Grabe, und niemand wird von der Stätte scheiden, ohne den Eindruck mit fortzunehmen, daß sie würdig ist, das Grab des Dichters zu tragen. -- Weiter nach Westen wandern wir. Denn außer dem Grabe des Dichters sind noch einige Lokalitäten von hoher Bedeutung für die Entstehung der Sage. Wo sich der Höhenzug des Posilipo ins Meer senkt an der Südostspitze des Golfes von Pozzuoli, da ist der Tuffstein des Gestades wild zerrissen; eine isolierte Klippe trägt im Volksmunde den Namen Scuola di Vergilio, dieser ist entstellt aus scoglio (Felsen) d. V. Da hat also nach der Meinung der Leute der Meister seine Schüler in der Magie unterrichtet. Noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts erzählte ein alter Fischer einem Reisenden von des Dichters Treiben an dieser Stelle. „Setzen Sie sich

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54) Epigrammaton XI, 48. vgl. 49:

Jam prope desertos cineres et sancta Marons

Nomina qui coleret, pauper et unus erat.

Silius optatae succurrere censuit umbrae,

Silius et vatem non minus ipse tulit.

 

Der letzte Vers bedeutet, daß S. sich auch Vergils Begabung angeeignet. vgl. auch Statius, Silvarum I. IV., 4, 54. 55:

Maroneique sedens in margine templi

Sumo animum et magni tumulis adcanto magistri.

(ich singe auf dem Grabe meines erhabenen Meisters.)

 

55) Wiege und Pèrcopo, Geschichte der italienischen Literatur. Leipzig und Wien 1899 p. 146.

56) Heß l. c. p. 66, 67, Heß führt auch eine Strophe aus einem Kirchenliede an, welches zu Anfang des XV. Jahrh. in der Kathedrale zu Mantua, dem Geburtsorte Vergils, gesungen wurde:

 

Ad Maronis mausoleum

ductus fudit super eum

piae rorem lacrimae;

Quem te, inquit, reddidissem,

si te vivum invenissem,

poetarum maxime.

 

Der Sprechende ist der Apostel Paulus.

 

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dort auf jenes Mäuerchen,“ sagte er. „Da pflegte Vergil gerne zu sitzen. Da hat man ihn oft mit dem Buche in der Hand liegen gesehen. Es war ein schöner blühender Mann. Die Jugend hatte er sich erhalten durch Zauberkünste. Diese Mauern alle waren mit Kreisen und Linien bemalt. Hier stand er dann mit dem Prinzen Marcellus 57) und lehrte ihn die Geheimnisse der Geisterwelt. -- Es war kein Sturm, den er nicht verkündigte. Da besuchte er dann die Gärtner und Feldarbeiter der Gegend, gab ihnen manchen nützlichen Rat u. s. w. (Wer denkt hier nicht an den Verfasser der „Georgica“!) Oft wendete er auch Sturm und Gewitter, wenn es herabsteigen wollte vom Vesuv, durch einen kräftigen Spruch ab, und ganze Nächte sah man ihn hinschauen nach dem Berg.“ 58). Die letzten Worte erinnern an die Sage, daß Vergil auf dem Monte Vergine einen Trompeter aus Erz aufgestellt hatte, der eine Posaune auf den Vesuv zu gerichtet hatte, und auf den ersten Ton der angehauchten Posaune wurde der in sie hineinstossende Zug des Südwindes nach mathematischen Gesetzen zurückgeworfen. 59) Der Südwind aber verbrennt die Saaten und Früchte. Dem Schaden wollte also Vergil abhelfen. Auch der Zug kennzeichnet den Verfasser des schönen Gedichtes über den Landbau, das jedentalls in Neapel entstanden ist. Ferner lehrt die angeführte Sage, daß man unserm Dichter große mathematische Kenntnisse zuschrieb, und dieser Zug ist bedeutungsvoll, denn die Sagen des Mittelalters machen aus den Mathematikern Astrologen, und die Astrologie wiederum wird zur ars diabolica. -- Doch wir müssen unsern Fuß noch weiter setzen, um alle die Stätten Neapels kennen zu lernen, mit denen Vergils Name eng zusammenhängt. Nördlich vom Golf von Pozzuoli erstreckt sich, durch einen Einschnitt flachen Landes in eine östliche und westliche Hälfte geteilt, das vulkanische Wunderland, das von jeher die Phantasie der Menschen so gewaltigt erregt hat. An wenig Stellen der Erde sind, glaube ich, in geschichtlicher Zeit solche Veränderungen des Bodens vor sich gegangen. Ich erinnere nur an den Monte Nuovo, der sich erst im Jahre 1538 mit wunderbarer Schnelle aus der Tiefe erhoben hat, und an den Serapistempel in Pozzuoli, dessen drei isoliert stehende Säulen etwa von Manneshöhe an von Bohrmuscheln angefressen sind. Was aber uns hier speziell angeht, das ist der Avernersee. Schon sein Name weist auf eine unheimliche Beschaftenheit hin, denn von ἄορνος der Vogellose kommt das lat. Avernus her, und einen unheimlichen Eindruck macht der tiefe vulkanische Krater inmitten der Berge noch heute, wennschon die vielen Veränderungen, die er durch Naturereignisse und Menschenhand erfahren hat, sein Aussehen freundlicher gestaltet haben. 60) Hier fanden die Alten die Stelle, an der Äneas in die Unterwelt hinabstieg, hier also sind die Ereignisse des VI. Buches der Äneis lokalisiert, von deren Bedeutung für die Entstehung der Sage ich oben sprach. Und des Dichters Schilderung scheint der Lokalität nicht unangemessen:

VI, 237-242.

Hoch zur Höhle gewölbt war ein Fels mit grausigem Schlunde,

Gähnend umhegt von finsterem Wald und schwarzen Gewässern.

Straflos konnte darüber hinweg kein Vogel den Fittig

Schwingen zum Flug -- so giftig ergoß sich der Hauch aus den schwarzen

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57) Nach der „Cronica di Partenope“ (Partenope Name von Neapel) hat Octavian den Marcellus zum Herzog der Neapolitaner gemacht und Vergil zu dessen Minister. Comparetti (Dütschke) p. 230.

58) Comparetti p. 317.

59) Simrock p. 370 (vielfach erwähnt).

60) Kephalides sagt in seiner einstmals berühmten Reise durch Italien und Sicilien (1822): „Wirklich ruht hier auf dem Avernersee, weiterhin auf den elisäischen Gefilden und dem acherusischen See ein so rätselhaftes Schweigen, eine so grauenvolle Stille, wie sonst nirgends in den heiteren und lachenden Umgebungen des lebendigen Neapels. Ahnung und Bangigkeit erfüllte hier unsere ganze Seele.“ Und Nissen l. c. p. 735 sagt: Die herschende Waldesstille, die Verlassenheit, die Fieberluft, die langen unterirdischen Gänge rufen in der Brust des Besuchers eine Stimmung wach, die den Eindruck verständlich macht, den in grauer Vorzeit die hellenischen Ansiedler empfangen haben mögen.

 

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Schlünden empor und strömte hinauf zu oberen Wölbung --

Deshalb wurde der Ort Aornos genannt von den Griechen.

 

An den Südrand des Sees verlegt die Tradition auch die Grotte der Kumanischen Sibylle. Wir befinden uns eben nicht mehr weit von der Stätte des alten Kumae, der ältesten griechischen Kolonie auf italischem Boden, von der die berühmte Sibylle ihren Namen hat. Die Frage nach der Berechtigung der Lokalisierung jener Grotte ist eine zweifache. Zunächst ergibt Vergils Beschreibung eine Schwierigkeit. Er führt nämlich Äneas und seine Gefährten in den Apollotempel auf dem Burgberge und dann in die Grotte, in der die Sibylle ihre Orakel erteilt; aber wohnen läßt er die Priesterin in einer Höhle am See. vgl. Än. VI, v. 42-44 mit 237 ff. Diese Schwierigkeit löst in feinsinniger Weise Norden in seinem Vergilcommentar (p. 117. 18) folgendermaßen. Als die griechischen Kolonisten in diese Gegend kamen, fanden sie am Avernersee ein uraltes Erdorakel vor. Sie wiesen deshalb ihrem Himmelsgott (Apollo) als Wohnsitz und Orakelstätte die Warte des Burgfelsens an, wagten es aber nicht -- in echt hellenischer Scheu vor einem Eingriff in altersessene Rechte der Götter --, jenes Erdorakel am Avernersee, beim Eingang in die Unterwelt einfach zu kassieren, sondern vereinigten die alte einheimische Erdgöttin, die sie wegen ihres Sitzes am See der Tiete notwendiger Weise mit Hekate identifizieren mußten, mit dem neuen, übers Meer gekommenen Gott durch Kultgemeinschaft: so wurde der chthonischen (unterirdischen) Ἑϰάτη neben dem „goldnen Hause“ ihres himmlischen Bruders Ἕϰατος auf dem Hügel ein Hain geweiht (13: Triviae lucos atque aurea tecta), wie sie einen solchen auch am Avernersee, ihrem ursprünglichen Sitze, besaß (238. 259), und der Dienst beider Gottheiten wurde einer Priesterin übertragen, deren Wohnung bei dem alten Sitze der Göttin war, während die Orakelstätte in das Gotteshaus auf der Burghöhe verlegt wurde. Die Grotte am Burgfelsen, die der Dichter folgendermaßen beschreibt (v. 42–46):

 

Die Seite des gewalt'gen Bergs von Kyme

Ist ausgehauen tief zu einer Grotte;

In sie hernieder führen hundert Schachte,

Aus deren Schlünden die Prophetensprüche

Sibyllas aufwärts rollen hundertfältig,

 

ist mit Sicherheit nachgewiesen, auch ein in den Felsen gehauener Gang, der mit Treppenstufen Scharf in die Höhe führt, oben aber verschüttet ist. Da er zweifellos auf die Höhe des Burgfelsens geführt hat, auf dem der Apollotempel stand, so nimmt man mit großer Wahrscheinlichkeit an, daß die Sibylle durch diesen Gang Äneas aus dem Tempel in die Orakelgrotte hinabgeführt hat. 61) -- Wie steht es nun aber mit der Grotte am See? Ist die Grotte, die dem Reisenden als die der Sibylle gezeigt wird, -- das ist die zweite Frage, die sich an diese Lokalität anknüpft -- zu identifizieren mit der vorgriechischen Orakelstätte, von der wir sprachen? Wenn der Eindruck des Schauerlichen allein zu entscheiden hätte, so möchte man die Frage bejahen, um so mehr, als man wenigstens früher die verschiedenen Gänge wegen des darin stehenden Wassers nur auf dem Rücken des Führers hängend besuchen konnte und sich dadurch an den Fährmann der Unterwelt (Charon) erinnert fühlen mochte, 62) Aber eine sachliche Prüfung bietet doch keinerlei Anhalt dafür, vielmehr wird man an Baderäume und Tunnelanlagen

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61) Norden p. 133. 134. Nissen l. c. p. 725. A. 4 bezieht sich auf Cluver, dessen Buch mir nicht zur Verfügung steht.

62) Kephalides l. c. erzählt: „Dann reitet man -- bis zu einer wilden Grotte zwischen schwarzen Felswänden, die den grellen Schein der Fackeln begierig verschlingen, dazu die schwarzen Gesichter und weißen Augäpfel der verräterischen Italiener, die uns aber immer beruhigten: non dubitate, d. h. fürchtet euch nicht: wirklich ein schauerlicher Gang, wie in das gefährliche Reich der Schatten!“

 

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zu denken haben. 63) Wie aber die Phantasie des Volkes, die in den Erzählungen italienischer Ciceroni am üppigsten ins Kraut schießt, das Ungeheuerlichste ausspinnt, zeigt die Auskunſt der Führer, die hier den wißbegierigen Fremden belehren, daß in einem der Korridore der Kaiser Nero Orgien mit der Sibylle von Kumae gefeiert habe. Wie der deutsche Faust im Reformationszeitalter auf seinen Namen alle Zaubersagen vereinigte, so war Nero in einer gewissen Zeit der Träger aller menschlichen Scheußlichkeiten, und wie Vergil aus einem Wohltäter Neapels ein Teufelsbündler geworden ist, so ist die orakelspendende und Christus verkündende Sibylle zu einer Hexe geworden, welche mit dem Teufel Unzucht treibt. Denn auf diese letzte dem Mittelalter geläufige Vorstellung, die Goethe in der Hexenküche und in der romantischen Walpurgisnacht verwendet hat, ist doch wohl die Geschichte zurückzuführen. -- Noch eine Stätte Neapels endlich, die ich leider nach dem mir zur Verfügung stehenden Material nicht näher bestimmen kann, ist für die Entstehung der Vergilsage von Bedeutung. Ich meine den monte Vergine. Die immer geschäftige Volksetymologie, die auch mit Vergils Namen ihr leichtfertiges Spiel in mannigfacher Weise getrieben hat, kennt für den Berg auch die Bezeichnung Mons Virgilianus und verlegt hierhin den Zaubergarten Vergils, über den später zu handeln sein wird. 64) Die Untersuchungen über den Namen des Berges gehören nicht hierher, nur das ist hier von Bedeutung, daß offenbar in dieser Überlieferung dreierlei vermischt ist: 1. die Tatsache, daß der Dichter in Neapel einen Garten besaß, 2. daß Lucullus dort einen wunderbar prächtigen Garten angelegt hatte, den man vielleicht in die Gegend zu versetzen hat, in der die sogen. „Schule Vergils“ gezeigt wird, 3. der Umstand, daß wunderbare Gärten die Phantasie der Menschen stets beschäftigt haben, und vielleicht die der Italiener unter den Abendländern besonders, denn in ihrer Literatur spielen die Zaubergärten eine besonders große Rolle, wie noch bei anderer Gelegenheit gezeigt werden wird. -- Wir haben die Verhältnisse kennen gelernt, unter denen Vergil zu einer Art von Schutzheiligen Neapels wurde. Der Ausdruck ist gerechtfertigt einmal dadurch, daß alle Wunderwerke, die man ihm dort zuschrieb, gemeinnütziger Art sind, die Wunderkraft nur in dem Schutze der Stadt gegen alle möglichen Gefahren sich äußerte, mutwillige oder vom Neid eingegebene Zerstörung der von ihm geschaffenen Werke jedesmal ein Unglück herbeiführte, andererseits dadurch, daß die Wunder des schon erwähnten Heiligen Januarius (Gennaro) nur weit weniger zahlreich und allerdings länger geglaubt sind, der Magie aber so gut angehören wie jene. Der Heide und der Christ begegnen sich in Neapel auf dem Gebiete der „weißen Magie.“ -- Welches ist nun aber der Bestand der Sage, ehe sie ihre Wanderung durch das übrige Italien und durch Europa antrat? Wir wollen uns das durch den Bericht eines hochgestellten Reisenden sagen lassen und zugleich bewundern, was damals ein Reisender in Italien in der Harmlosigkeit seines Gemütes alles sah. Est ist die Epistola Conradi cancellari, quam scripsit (nobis) de statu Apuliae et de operibus vel artibus Virgilii, (mitgeteilt in Arnoldi Chronica Slavorum Lib. V, cap. 19 65) aus dem Jahre 1195. Der Verfasser ist Konrad von Querfurt, der Kanzler Heinrichs VI, sein Stellvertreter in Neapel und Sicilien und zuletzt Bischof in Hildesheim, sein Brief das älteste Dokument, durch das wir die neapolitanische Vergilsage kennen lernen. Er preist im Eingang seinen kaiserlichen Herrn glücklich, daß er durch die Macht seiner Waffen das Reich so weit ausgedehnt habe, daß man jetzt mit Augen schauen könne, was dem Schüler, wenn es ihm in der Schule vorgetragen wurde, rätselhaft und unglaublich schien. Darum will er auch schreiben, was er gesehen, um den Freunden in der Heimat jeden Zweitel zu benehmen. Kann man die Wunderdinge

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63) Heß p. 150. 151

64) Comparetti p. 240. 241.

65) Monumenta Germaniae Historica, Tomus XXI p. 192 ff. vgl. auch Comparetti p. 221 ff.

 

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doch jetzt sehen, ohne die Grenzen des Reiches zu überschreiten! Was hat aber der vornehme Reisende auch Herrliches gesehen! Er hat den Staat Thetis 66) berührt, wo Thetis, die Mutter des Achill wohnte, er ist vorbeigekommen an der Pegaseischen Quelle, der Heimat der Musen, 67) aus der man jetzt mühelos trinken kann, während früher die Dichter erst nach langen Studien zu dem Genuß gelangten. Nicht weit von da ist der Parnaß, 68) auf welchem Deukalion nach der Sintflut mit einer Gattin durch Auswerfen von Steinen den Untergang des Menschengeschlechts wieder gut machte. Ebendort befindet sich auch der Berg Olymp von solcher Höhe, daß er die übrigen hochragenden Berge weit unter sich zu lassen scheint. Man sieht, mit der Gymnasialbildung eines Ministers war es damals nicht weit her. Unser Briefschreiber kommt nach Neapel. „Wir sahen auch das mühsame Werk des Vergil, die Stadt Neapel, in Betreff deren uns die Parcen wunderbarer Weise das Loos zuerteilten, daß wir die Mauern derselben Stadt, welche ein so großer Philosoph gründete und aufbaute, auf kaiserlichen Befehl zerstören mußten. Es nützte den Bürgern derselben Stadt auch nicht das Bild, welches derselbe Vergil durch magische Kunst in eine Glasflasche eingeschlossen hatte, zu deren Dauerhaftigkeit sie solches Vertrauen hatten, daß sie meinten, so lange diese unversehrt bliebe, könnte ihre Stadt keinen Schaden nehmen. Diese Flasche, sowie auch die Stadt haben wir in unserer Gewalt, und die Mauern haben wir zerstört, obgleich die Flasche unversehrt ist. Aber vielleicht hat es der Stadt geschadet, daß die Flasche einen kleinen Sprung hat.“ Der Verfasser hält also allen Ernstes die Stadt Neapel für eine Gründung Vergils, er glaubt auch an die Wirksamkeit des Palladiums, das wir in Gestalt des Eies (eine spätere Form der Sage) schon kennen lernten, 69) obgleich er die Einnahme der Stadt selbst erlebt hat. 70) Der Sprung in der Flasche bietet einen Ausweg aus dem Dilemma. -- Was sah Konrad weiter in der Stadt von Werken des Vergil? 1. Ein bronzenes Roß; solange das unversehrt war, brach kein Pferd den Rückenwirbel, obgleich in Folge fehlerhafter Beschaffenheit der dortigen Pferde sonst keines einen Reiter nur eine Weile tragen konnte, wenn es nicht den Rückenwirbel gebrochen hatte (?). Dies Pferd soll bis zum Jahre 1322 in Neapel gestanden haben. 2. Eine bronzene Fliege, welche die Fliegen von der Stadt verscheuchte. 3. In einem vom Meere rings umflossenen Kastelle ruhen seine Gebeine; kommen diese an die freie Luft, so verfinstert sich diese, es erhebt sich ein furchtbarer Sturm, der das Meer bis in seine Tiefen aufwühlt. Konrad fügt hinzu: quod nos vidimus et probavimus. 4. Die Bäder des Vergil bei Baiae mit allerhand Merkwürdigkeiten. 5. Unter der sogenannten Porta Ferrea hatte er alle Schlangen eingeschlossen, von denen es in Neapel in den vielen unterirdischen Gängen und Krypten wimmelte. Konrad hat zu berichten, daß sie bei Niederreißung der Mauer nur bei diesem Tore gezaudert hätten, aus Furcht, die Schlangen möchten hervorkommen; ob sich aber eine gezeigt hat, sagt er nicht. 6. Eine Fleischbank, in der sich das Fleisch sechs Wochen frisch erhielt, wenn es aber herausgebracht wurde, wurde es faul. 7. „Vor der Stadt befindet sich der Berg Vesuv, der alle

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66) Gemeint ist das heutige Chieti, das alte Teate.

67) Vielleicht ist ein Fluß namens Pescara gemeint.

68) Deukalion und Pyrrha blieben als einziges Menschenpaar (Deukalion der griechische Noah) von der Flut verschont, und aus den Steinen, die sie warfen, wurden teils Männer, teils Frauen. So entstand ein neues Menschengeschlecht. Die Sage ist in Thessalien und am Parnaß zu Hause, Vergil erwähnt sie Georg. v. 62, 63: Deukalion vacuum lapides iactavit in orbem, unde homines nati, durum genus. Unter welchem Berge in Italien sich der Briefschreiber den Parnaß vorgestellt hat, ist nicht zu sagen.

69) s. p. 17 ff.

70) Nach Tancreds von Apulien Tode hatte Heinrich 1194 das Erbe seiner Gattin, Neapel und Sicilien erobert, aber der Haß der Bevölkerung, der in einem Anschlag gegen das Leben des Kaisers gipfelte, drohte den Erfolg immer wieder in Frage zu stellen, darum ließ er 1195 die Mauern von Capua und Neapel niederreißen.

 

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10 Jahre einmal Feuer auswirft.

 

 

Einfügung: Aufstieg zum Vesuv.

 

Dem hatte V. einen bronzenen Mann gegenübergestellt, der einen gespannten Bogen hielt und einen auf die Sehne gelegten Pfeil. Als sich nun einstmals ein Bauer darüber wunderte, daß der Bogenschütze immer drohte und nie abschoß, berührte er die Sehne. Der Pfeil aber sprang ab und traf die Mündung des Kraters, und sogleich schoß die Flamme hervor, und noch heute läßt er sich nach Ablauf gewisser Perioden nicht im Zaume halten.“ Aus dem Bogenschützen ist, wie wir sahen, später ein Trompeter geworden. (p. 22). Das Gesagte genügt, um dem Leser einen Eindruck von der Gestalt der neapolitanischen Sage zu verschaffen, und ich verzichte darauf, die weiteren Quellen der Überlieferung, sowie die Erweiterung und Veränderung des Sagenstoffes zu besprechen. Einiges wird später bei Betrachtung der einzelnen Teile der zum Abschluß gelangten Zaubersage noch zur Sprache kommen. Hier will ich nur noch einen kleinen Zusatz machen. Auch der Tunnel durch den Posilip, den schon der Geograph Strabo in seinen circa 23 n. Chr. vollendeten Geographica beschreibt, 71) wird für ein Werk Vergils ausgegeben, das dieser in einer Nacht von seinen Geistern habe bauen lassen, um einen bequemen Zugang zu den eben auch von ihm geschaftenen Bädern von Pozzuoli zu gewinnen. Noch muß bemerkt werden, daß die Sage schon in diesem frühen Stadium sich als eine Art Sammelsage darstellt. Wie nämlich in Neapel Vergil, soll in Konstantinopel Apollonius von Tyana durch eine bronzene Fliege die Fliegen der Stadt, ferner durch eine bronzene Mücke die Mücken und in derselben Weise anderes Ungeziefer vertrieben haben. 72) Aus der geschichtlichen Verbindung der beiden Städte erklärt sich das Hinüberwandern einer Sage von der einen in die andere leicht, und Konstantinopel hat dabei natürlich den Vorrang. Dieser Apollonius von Tyana ist auch ein berühmter Zauberer, weil er ein berühmter Philosoph war aus der neupythagoreischen Schule, denn diese Schule huldigte neben anderem der Theurgie, die auf dem Glauben beruht, daß der Mensch durch Darbringung von Opfern die Gunst der Götter erwerben und sie zum Eingreifen in den natürlichen Lauf der Dinge und zur Erfüllung seiner Wünsche bestimmen könne; und die kunstgerecht geübte Theurgie bildet mit der Nekromantie und Krystallseherei die drei Arten der Magie. Unser Apollonius aber (im ersten nachchristlichen Jahrhundert) tritt als heidnischer Wundertäter dem wundertätigen Christus in ähnlicher Weise gegenüber wie Simon Magus dem Simon Petrus. 73) Von jenen Wundern des Apollonius wissen freilich die alten Quellen nichts, ja Philostratus in seiner romanhaften Lebensbeschreibung des Ap. verteidigt den Meister gegen die Anschuldigung der Magie, z. B. V, 12 werden die verrückt genannt, die ihn einen Beschwörer (incantatorem) nennen. Erst spätere christliche Schriftsteller haben auf ihn solche Geschichtchen übertragen, die in ähnlicher Form schon im Altertum umgingen. So berichtet z. B. Plinius im X. Buche seiner Naturgeschichte (cap. 28. 40), daß die Eleer, wenn die Menge der Fliegen eine Pest herbeiführte, den Gott Myiagros (d. h. Fliegenfänger) anriefen und daß, wo man diesem Gotte geopfert hätte, die Fliegen sofort stürben. Es kann einem bisweilen schwindeln, wenn man sieht, wie die Wundermären über Länder und Meere und durch die Zeiten unaufhaltsam dahinfliegen

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71) Lib. V. C. 246: ἔστι δὲ ϰαὶ ὲνϑάδε (in Neapel) διῶρυξ ϰρυπτὴ, τοῦ μεταξὺ ὄρους τῆς τε Λιϰαιαρχίας (== Puteoli == Pozzuoli) ϰαὶ τῆς Νεαπόλεως ὑπεργασέντος – ὁδοῦ τε ἀνοιχϑεισης ἐναντιοῖς ζεύγεσι πορευτῆς (d. h. Zwei Wagen konnten sich einander begegnen) ἐπὶ πολλοὺς σταδίους. Wenn Strabo weiter von Lichtkanälen spricht, so finden sich dieselben nicht in der Grotte, wohl aber in der sog. Grotta di Seiano, welche der von Bagnoli an der Küste entlang nach Neapel führenden Straße die Durchschneidung der Spitze des Posilip ermöglicht. Vielleicht beschreibt Strabo diese Grotte und nicht die wahrscheinlich erst unter Claudius entstandene bekanntere, welche seit 1885 durch einen Neubau von größerem Umfange ersetzt ist. Nissen l. c. p. 744.

72) Comparetti p. 228.

73) Fischer I p. 32. 38 ff.

 

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und sich an jede Persönlichkeit mit unwiderstehlicher Gewalt anhängen, die irgend etwas darbietet, woran Sie haften können. Kannten die Griechen schon einen Fliegengott, so zählt die deutsche Sage den Teufel in Fliegengestalt zu ihren Figuren, und führte Vergil nach einer deutschen Dichtung einen Ring, in dessen Rubin ein Geist in Gestalt einer Fliege eingeschlossen war. 74) Außer Neapel hatten Mantua als sein Geburtsort 75) und Rom als Sitz des Kaisers, dem er so nahe stand, Ansprüche an unsern Dichter. Auch nach Mantua hat die Sage ihre Fäden ausgespannt 76), aber es ist für uns ohne wesentliche Bedeutung, dagegen läßt sich von vornherein annehmen, daß Rom als weltbeherrschende Stadt, als italischer Musensitz und vielleicht am meisten als wunderbare Ruinenstätte, Neapel eine bedeutende Konkurrenz gemacht, daß die Sage durch die Verbindung Vergils und Roms eine bedeutende Erweiterung erfahren hat, wenn es auch noch keine wesentliche Umgestaltung ist. Auch die römische Sage läßt ihrem Liebling noch den Charakter des Wohltäters, aber die Wohltaten selbst haben zum Teil nicht mehr das lokale Gepräge, wie sich das bei der Hauptstadt der Welt leicht denken läßt. In dem „Curiosum urbis Romae regionum XIV,“ einer Beschreibung der 14 Regionen, deren uns erhaltene Redaction nach 357 p. Chr. fällt, wird folgende Legende erzählt: Auf dem Capitol waren den Göttern geweihte Statuen aufgestellt, welche die unterworfenen Völkerschaften darstellten. Jede dieser Statuen trug auf der Brust den Namen des betreffenden Volkes und am Halse eine Klingel; und Priester wachten Tag und Nacht abwechselnd und beobachteten sie; und wenn ein Volk den Versuch machte vom römischen Reiche abzufallen, so bewegte sich sofort die betreffende Statue, und die Klingel an deren Halse ertönte, so daß die Priester schleunigst den auf die Brust geschriebenen Namen dem Kaiser überbringen und dieser ohne Verzug ein Heer zur Unterdrückung des Aufstandes absenden konnte. 77) Dieses Wunderwerk erhielt den Namen Consecratio statuarum oder Salvatio Romae. Es stellt auch einen Talisman dar, wie so manches der in Neapel dem Vergil zugeschriebenen Werke, aber es kommt das besondere Moment hinzu, daß der Dichter sich in den Dienst der Staatskunst gestellt hat. Er wird daher auch, seit die Sage ihren Durchgang durch Rom genommen hat, der Ratgeber und unentbehrliche Vertrauensmann des Kaisers. Während man aber bei der neapolitanischen Sage, ganz abgesehen davon, daß sie noch heute im Volke dort nicht erstorben ist, den populären Zug fühlt, den Eindruck gewinnt, daß Herz und Phantasie des Volkes ihren Liebling mit der Wunderkraft ausgestattet haben, von der uns leider erst späte literarische Berichte erzählen, tragen die römischen Geschichten durchaus den Charakter des Importierten, des auf literarischem Wege Entstandenen. Es fehlt in Rom schon die Lokalisierung. Denn für die erwähnte Salvatio Romae läßt sich dort keine Lokalität nachweisen. Zu diesem Bilde müssen die Töne und Farben von den verschiedensten Gegenständen in verworrenster Weise vereinigt sein.

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74) Grimm p. 834: Die Septuaginta überträgt den Götzennamen Baalsebub in Βάαλ μυῖα Fliegengott. Ahriman drang in Fliegengestalt durch die Natur. (Ahrimans Bedeutung für unsere Sage werden wir kennen lernen.) Märchen erzählen von teuflischen Geistern, die als Fliegen in einem Glas verschlossen sind. (Wegen des Glases vgl. p. 18.) -- Camparetti p. 268. 69.

75) In Andes bei Mantua ist er geboren. Auf seinem Grabe waren die Worte zu lesen: Mantua me genuit, Calabri rapuere, tenet nunc Parthenope (Neapel): cecini pascua, rura, duces. In Brundusium in Calabrien raffte ihn Krankheit dahin.

76) Comparetti (Dütschke) p. 297 ff. -- v. d. Hagen, Gesamtabenteuer Bd. III p. CXXIX sagt: Die einzelnen Sagen von ihm sind: 1. idyllisch-ländlich in seiner eigentlichen Heimat um Mantua, 2. gewaltig-heroisch in der weltbeherrschenden Roma, die sein Epos verherrlichte für den mit ihm mytisch gewordenen Kaiser Octavian. (Auch von ihm handelt ja eine Erzählung in den Deutschen Volksbüchern), 3. zauberisch feenhaft in der wundervollen sirenischen Parthenope, in deren Schoß er noch ruht.

77) Jordan, Topographie der Stadt Rom im Alterthum Bd. II 1871 p. 366 und 622 A. 3.

 

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Das Capitol kann nur als heiligste Stätte Roms in Betracht kommen, das Colosseum als Bau von wunderbarer Größe, das Pantheon, weil in ihm die Götter des Julischen Geschlechtes aufgestellt waren, das Theater des Pompejus, weil dieses die Bildsäulen der verschiedenen Nationen schmückten.

 

 

Einfügung: Iphigenie auf Tauris. Fresko aus Pompeji. 1 Jh. n. Chr. Archäologisches Nationalmuseum Neapel.

 

Es fehlt eben eine Farbe, die Lokalfarbe, und die Pointe, daß von der Hauptstadt aus die Völker eines Riesenreiches durch wunderbare Mittel im Zaume gehalten werden, läßt auf orientalische Provenienz schließen. Man hat die Grundlage der Legende auch in der Fabel von den Gänsen finden wollen, die einst die Ankunft der Gallier den schlafenden Römern verrieten. 78) Es giebt hier nur haltlose Vermutungen. -- Eine Art lokalen Gepräges hat die Vergilgeschichte, die sich an den Ausspruch „Vado ad Neapolim“ anschließt. In den Mirabilia Romae 79) wird zum Berge Viminalis der Zusatz gemacht: -- ubi est ecclesia s. Agathes, ubi Virgilius captus a Romanis invisibiliter exiit ivitque Neapolim: unde dicitur „vado ad Neapolim“: ideo mons monopoli dicitur. Das Wort monopoli ist entstellt aus Magnanapoli, und der Interpolator, dem dieser Zusatz zu danken ist, hat die Etymologie gemacht oder dem Volksmunde entnommen, während die Lokalität sonst aus Balnea Pauli erklärt wird. 80) Ob wir es demnach in der Erzählung von Vergils Belagerung durch den Kaiser und Flucht nach Neapel, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehe, mit einer etymologischen Sage zu tun haben, ist schwer zu beurteilen wegen des geschilderten Charakters der römischen Erzählungen, von denen ich nur noch einige erwähnen will, um ihre Verschiedenartigkeit und damit die geringe Bedeutung Roms für den Grundcharakter der Sage zu kennzeichnen. Wenn es heißt, V. habe dem Kaiser einen Palast gebaut, in dessen vier Ecken er habe hören können, was in den vier Stadtteilen gesprochen wurde, so ist das ein orientalischen Märchen entnommener Stoff ohne jede besondere Bedeutung für unsere Sage. 81) Auch daß er eine Säule gefertigt haben soll mit einem Abgott, der dem Kaiser verriet, wer das Gesetz gebrochen hätte, hat mit Rom und Vergil im Grunde nichts zu tun, aber die hübsche Geschichte vom Schmied Phokas, die sich an jene Erzählung anschließt, eröffnet uns den Blick in ein neues Gebiet, aus dem die Zaubersage Stoffe bezieht. Ich erzähle nur das für meinen Zweck Bedeutungsvolle. Ph. entschuldigt sich wegen einer Gesetzesübertretung damit, daß er jeden Tag 8 Pfennige verdienen müsse, 2 müsse er erstatten, 2 ausleihen, 2 verlieren und 2 verzehren. Auf den Befehl des Kaisers sich deutlicher zu erklären sagt er: „2 Pfennige muß ich meinem Vater erstatten, der mich von Jugend auf erzogen hat, nun aber alt ist und nichts mehr verdienen kann. Auch habe ich einen Sohn, dem muß ich täglich 2 Pfennige leihen, die er mir auch erstattet, wenn ich alt werde. Ferner habe ich ein Weib, welchem ich täglich 2 Pfennige geben muß, die sind verloren, denn, wenn ich sterbe, so nimmt sie einen andern Mann und vergißt mein ganz. Endlich bedarf ich selber zweier Pfennige.“ -- Der Kaiser erläßt ihm nun die Strafe unter der Bedingung, daß er niemandem ein Wort von der Unterredung sage, ehe er hundertmal das kaiserliche Antlitz gesehen; dann beruft er die Weisen eines Hofes und giebt ihnen das Rätsel von den 8 Pfennigen auf; als sie es nicht zu raten vermögen, bewilligt er ihnen eine achttägige Bedenkzeit. Sie nun versuchen den Schmied zu bestechen, und er ist auch bereit, ihnen das Geheimnis zu verraten, wenn Sie ihm 100 Goldstücke schenken. Er erhält diese, aber erst nachdem er jedes der Goldstücke, welche auf einer Seite das Bildnis des Kaisers trugen, aufmerksam

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78) Comparetti p. 252.

79) Eine Art Reisehandbuch für Pilger, das um die Mitte des XII. Jahrh. entstanden sein mag, aber vielfach überarbeitet ist. s. Jordan l. c. p. 386 ff.

80) Roth l. c. Jordan l. c. p. 611. A. 6.

81) Simrock p. 342.

 

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betrachtet hat, erfüllt er sein Versprechen. Das Übrige kann man sich denken. 82) Was hat die Geschichte auch nur in der Form, in der sie überliefert ist, mit Vergil zu tun? Lassen wir die Frage einen Augenblick offen, um erst noch ein hübsches Geschichtchen wenigstens im Ausschnitt zu hören. Vergil hat dem Kaiser 3 Fragen auf wunderbare Weise beantwortet, die dritte auf seine Abkunft sich beziehende damit, daß er eines Bäckers Sohn sei. Der Kaiser begehrt nun zu wissen, wie er zur Kenntnis dieser Dinge gelangt sei, und erhält die gewünschte Aufklärung, über den dritten Punkt folgende: „Gnädiger Herr“, sprach Virgilius, „als ich euch jenen überraschenden Aufschluß über das Pferd gab, ließt ihr mir zur Belohnung täglich ein halbes Brot reichen, und als ich euch von dem Wurm im Stein sagte, befahlt ihr mir täglich ein ganzes zu geben. Daraus schloß ich, wessen Sohn ihr sein müßtet. Denn wäret ihr eines Kaisers oder Königs Sohn gewesen, so würde euch eine reiche Stadt ein zu geringes Geschenk gedünkt haben.“ Da schämte sich der Kaiser seines Geizes. 83) -- Diese Geschichte unterscheidet sich von der vorigen dadurch, daß wenigstens Vergil der Schlaukopf ist, aber sie gleicht ihr darin, daß sie zu der Persönlichkeit des Dichters keine innere Beziehung hat. Wir finden den Schlüssel, wenn wir noch eine Erzählung hören. Ein altes deutsches Volksbuch hat den Titel: „Die nützliche Unterweisung der sieben weisen Meister, wie Pontianus der König zu Rom seinen Sohn Diocletianum den sieben weisen Meistern befiehlt, die sieben freien Künste zu lernen“ u. s. w. Der uns hier angehende Teil des Inhalts ist etwa der: Dem Prinzen ist von seinem Vater das Gebot auferlegt, sieben Tage zu schweigen. Seine Schwiegermutter will ihn verführen, und da er standhaft ist, verklagt sie ihn wie das Weib des Potiphar den Josef. Nun kann der Arme sich wegen des ihm auferlegten Schweigens nicht rechtfertigen und wird zum Tode verurteilt. Siebenmal soll er zum Galgen geführt werden, aber jedesmal erzählt einer der sieben Weisen eine Geschichte, der die Kaiserin eine andere entgegensetzt. So entstehen 14 Novellen, und eine 15. erzählt der gerettete Prinz. 84) Wer erkennt in dieser Geschichte nicht auf den ersten Blick eine indische Rahmenerzählung! Zum Überfluß wird das Abenteuer, das das Volksbuch dem Diocletian zuschreibt, in einer anderen Quelle vom Syntipas oder Sindibâd, einem Sohne des Königs von Persien, erzählt. 85) In der französischen Ausgabe des „Dolopathos“ aber, eines Romanes aus dem XIII. Jahrh., der den Nebentitel „Die 7 Weisen Roms“ führt und in die Gesta Romanorum sowie in eine Reihe anderer Fabelbücher übergegangen ist, heißt es, ein zur Zeit des Augustus lebender König von Sicilien, namens Dolopathos, habe Seinen Sohn Lucinian nach Rom geschickt, um ihn von Vergil unterrichten zu lassen. Dieser unterweist ihn besonders in der Astronomie. Mit Hilfe der Astrologie sieht er voraus, daß seinem Zöglinge eine Gefahr droht, er befiehlt diesem das Stillschweigen, nicht der König, er erscheint am siebenten Tage, gibt als siebente seine Erzählung zum besten und befiehlt Lucinian zu sprechen. 86) -- Was nun bei dieser letzten Erzählung klar zu Tage liegt, nämlich die Herkunft aus dem Märchenlande Indien, das gilt sicherlich auch von den beiden ersten Erzählungen, deren Träger im Grunde der indische Weise ist. Wir machen aber bei der Vergleichung der 3 Erzählungen auch die Beobachtung, wie willkürlich, wie so ganz ohne eine andere Begründung als die der Weisheit des Betreffenden entnommene der Name für den

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82) Simrock p. 375-380.

83) Simrock p. 364-367.

84) Görres l. c. p. 154 ff.

85) Auch die Geschichte, welche dem Judenhandel in Shakespeares Kaufmann von Venedig zu Grunde liegt, wird schon im Dolopathos erzählt. v. d. Hagen l. c. p. XXXVII ff. Die indischen Rahmenerzählungen scheinen ihre Vorbilder auch schon in der semitischen Literatur zu haben. Hommel, Geschichte Babyloniens und Assyriens, Berlin 1885 p. 404.

86) Studemund, Zeitschr. für deutsche Altertümer N. F. VIII p. 415 425. Comparetti p. 201 ff.

 

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Weisen so oder so gewählt wird. Daß auch die Erzählung von der Salvatio Romae mit einem indischen Weltmärchen vom Zauberspiegel verwandt ist, wird an einer anderen Stelle meiner Abhandlung gezeigt werden. 87) Ich resumiere das über die neapolitanische und römische Sage Gesagte dahin, daß die erstere einen volkstümlichen, lokalen Charakter trägt, während der römische Vergil nur der weise Berater eines Kaisers ist mit deutlicher Hinneigung zum indischen Weisen, daß aber beiden Sagen noch der Charakter fehlt, durch den die Vergilsage eine echte Vorläuferin der Perle der Zaubersagen, der Faustsage werden konnte, der Charakter des Dämonischen. Vom römischen Vergil singt Jansen Enenkel in seinem Weltbuche: 88)

 

Ein man ze Rome saz alsus,

der was genant Virgilius,

Der was ze Rôme also kluok,

daz er zaubers fand genuok,

er waz ein rechter haiden,

An rechtem Glauben was er blint,

er was gar der helle kint, --

 

Und im XIV. Jahrh. schreibt Hans Folz, der Barbier-Chirurg-Dichter von Nürnberg in einer seiner burlesken Novellen, daß zu einer gewissen Zeit „das Gerücht umlief, es wäre zu Rom ein gelehrter Meister der Nigromantie 89), welcher Antwort gab auf alle Fragen aus jedem Teile der Welt,“ und erzählt 3 merkwürdige Antworten auf 3 merkwürdige Fragen.

 

Nun gingen umb die Zeit die mer,

wie das zu Rom ein meister wer

in der nigromancey erkannt,

der was Virgilius genant,

eim jeden er bescheidung melt,

was man in fraget in der welt. 90)

 

Nun wendet Sich aber gegen die Comparettische Auffassung der neapolitanischen Sage als einer volkstümlichen, die auch ich als die richtige nachzuweisen versucht habe, Vietor in der Gröberschen Zeitschrift für romanische Philologie I. 1877 p. 165--178 in dem Artikel: Der Ursprung der Virgilsage. Ihn tadelt wiederum als voreingenommen Comparetti in der II. Aufl.

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87) Hier nur soviel, daß die altenglischen und altfranzösischen Gedichte von den sieben Meistern an die Stelle der Salvatio eine hohe Säule mit einem Spiegel setzen, der Feinde und Verbrecher anzeigt. v. d. Hagen l. c. Man hat hierbei an das berühmte Septizonium des Septimius Severus (im Volksmunde „Schule Vergils“) in Rom gedacht, von dem noch im XVI. Jahrh. erhebliche Trümmer vorhanden waren und das Staunen der Fremden hervorriefen. Natürlich würde es sich auch in diesem Falle nur darum handeln, daß die orientalische Sage auf ihrem Wanderzuge an diesem Prachtbau, dessen Bestimmung unklar geworden, haften geblieben wäre. Wegen des Gebäudes selbst, dessen Name vielleicht (nach O. Richters Vermutung durch Volksetymologie aus Septimianum entstanden ist, verweise ich auf Baumeisters Denkmäler des klassischen Altertums p. 1488 c. und 1648 ff. -- Übrigens heißt noch heute ein Haus in Rom Tor' de' Spechi. Endlich schreibt ein deutsches Gedicht aus dem XIV. Jahrh. dem Vergil in Rom eine Bildsäule zu, die den Ehebrecherinnen den Finger abbiß. (Comparetti D. p.289). Und das erinnert wieder an die Bocca della verità, die noch heute in der Vorhalle der Kirche S. Maria in Cosmedin aufbewahrte Kolossalmaske mit weit geöffnetem Munde, die ursprünglich eine Kloakenöffnung darstellte, dann aber durch den Volksglauben eine ähnliche Zauberkraft erhielt wie jene angebliche Bildsäule und in Folge dessen auch vielfach als Sprachrohr der öffentlichen Meinung benutzt wurde.

88) V. d. Hagen. Bd. II.

89) Die mittelalterliche Etymologie des Wortes lautet: mantia, graece divinatio dicitur, et nigro, quasi nigra, unde Nigromantia, nigra divinatio, quia ad atra daemoniorum vincula utentes se adducit. Als Schwarzkünstelei, schwarze Magie im Gegensatz zur weißen. Comparetti p. 245.

90) Zarncke, Vier Sprüche von Hans Folz in der Zeitschriſt für deutsches Altertum VIII. 1851. p. 517 ff. Comparetti p. 144 2.

 

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seines Buches 1896 p. 22 A. 1. Ich gebe Vietor, dessen Kritik mir etwas kleinlich erscheint, zweierlei zu, einmal, daß sich so streng, wie Comparetti tut, zwischen der literarischen, der Gelehrten-Überlieferung und der Volkslegende als Quellen der Einzelsagen nicht scheiden läßt, und zweitens, daß die literarischen, die äußeren Beweise für die Existenz einer Volkslegende in Neapel über Vergil nicht stricte erbracht werden können. Daß aber innere Gründe den volkstümlichen und namentlich auch den lokalen Charakter der neapolitanischen Sage genügend dartun, glaube ich nachgewiesen zu haben. Wenn Vietor z. B. p. 176 darauf hinweist, daß der Kultus, den man in früherer Zeit dem Grabe Vergils gewidmet (s. p. 20. 21.), von literarischen Kreisen ausgegangen sei, so gehört das doch nur zu dem Schatze aus dem klassischen Altertum, den das Volk in seiner Weise bewahrt. Wo findet sich denn eine Spur der Fortführung dieses Kultus in Gelehrten-Kreisen? Wird aber nicht der Glanz des Grabes in den Augen des Volkes erhöht worden ein, wenn etwas von jenem Kultus zu seinen Ohren gedrungen sein sollte? Und wenn derselbe Gelehrte weiter sagt, die einzelnen Sagen müsse man sich als auf der Vorstellung der Gelehrten von der übernatürlichen Weisheit des Vergil, namentlich in Mathematik und Medizin, beruhend denken, so verstehe ich nicht, warum nicht in Neapel wie in der ganzen Welt des Mittelalters gerade das Volk, dem die Mathematik schon an sich ein Wunderding war, die Vorstellung von der übernatürlichen Weisheit gehabt haben sollte. Wenn das Volk überhaupt Interesse für die Persönlichkeit hatte -- und die mußte es haben --, dann mußte es sich auch eine abergläubische Vorstellung von ihr machen. Tragen denn die tollen Geschichten, mit denen wir uns beschäftigt haben, mehr den Charakter von Mißverständnissen dummer Gelehrter oder von dem Aberglauben des geringen Volkes, der sich auch auf kirchlichem Gebiete reichlich betätigt? Machen nur Gelehrte dumme Etymologien, ist nicht das Gebiet der Volksetymologie ein so unendlich weites? Hübsch ist die Conjectur Vietors, die Sage von der Fleischbank (p. 25) könnte etymologischen Ursprungs sein, indem etwa die Worte Vergilius Marcellum instruxit entstellt wären in: macellum (Fleischbank) instruxit (1. unterwies. 2. errichtete). Aber muß der Irrtum von einem Gelehrten ausgegangen sein, und wäre er das, hätte er dann eine solche Ausbreitung gefunden? Meiner Meinung nach hätte Vietor nicht das tun sollen, was er an Comparetti tadelt, so streng scheiden zwischen dem, was von Gelehrten, und dem, was vom Volke ausgeht. Und noch eins muß ich gegen V. anführen, weil gerade das für meine Zwecke von besonderer Wichtigkeit ist. V. sagt p. 170: „Wenn nun aber die Grundidee der neapolitanischen Sagen nicht dem Volke von Neapel entstammt, welche Wahrscheinlichkeit hat es für sich, daß die bloße Existenz einiger Kunstgegenstände dieses hätte veranlassen sollen u. s. w.“ Was heißt „Grundidee“? Die ist im eigentlichen Sinne allgemein menschlich, ein Menschheitsgedanke, der sich überall geeignete Persönlichkeiten als Träger sucht und sie durch Mißverständnisse lokaler oder sprachlich-etymologischer oder auch sachlicher Art findet. Eine recht bezeichnende Beweisstelle giebt Comparetti (p. 137. 382) noch aus der Cronica di Partenope (1382): Nachdem der Chronist berichtet, daß Vergil die Grotte des Posilipo gebaut habe, daß er dort in der Nähe sein Grab hätte und daß er das Wunderwerk in einem Tage gemacht haben solle, fügt er hinzu: E la preditta grotta, lo grosso popolo tene che Vergilio fatta la avesse in uno di; e questo non è possibile se no alla divina potencia, quae de nihilo cuncta creavit. -- Doch nun wende ich mich der großen Wandlung zu, welche sich mit der Vergilsage vollzog, als sie europäisches Gemeingut wurde und damit einmündete in den breiten Strom der Dämonensage. Wann und wie hat sich dieser Wandel vollzogen? und Welches sind Wesen und Ursprung der Dämonologie? Die Beantwortung dieser beiden Fragen muß mich zunächst beschäftigen. Die erste läßt sich ziemlich kurz behandeln. Gervasius von Tilbury, Professor der Universität zu Bologna und

 

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Marschall des Königreiches Arelat, verfaßte 1212 für Kaiser Otto IV eine Unterhaltungsschrift mit dem Titel „Otia imperialia“, die neben dem besprochenen Briefe Konrads von Querfurt die Hauptquelle der neapolitanischen Sage ist. In diesem Buche erzählt er folgende merkwürdige Geschichte. Zu den Zeiten des Königs Roger von Sicilien erschien an dessen Hofe ein englischer Gelehrter und bat um die Gebeine Vergils, falls er sie irgendwo in dem Königreich fände. Als ihm die Gnade gewährt war, begab er sich nach Neapel und fand durch seine Kunst im Innersten eines Berges, ohne daß das geringste Kennzeichen das Grab verraten hätte, die wohlerhaltene Leiche Vergils und außer anderen, auf die Studien des Dichters bezüglichen Schriften unter seinem Kopfe ein Buch mit dem Titel „ars notoria“. Da die Neapolitaner sich aber der Wohltaten erinnerten, welche der Dichter ihrer Stadt erwiesen hatte, duldeten sie die Fortführung der Gebeine nicht. Der Engländer mußte sich mit dem Buche begnügen. Das genügte ihm aber offenbar zu seinem Zwecke, als den er die Erlernung von Vergils Kunst angab. Der Verfasser will selbst das Zauberbuch gesehen und sich von seiner Wirksamkeit überzeugt haben. 91) -- Diese wunderliche, nur noch in zwei Quellen erwähnte Geschichte hat offenbar den Sinn, daß der Zauberer Vergil durch irgend ein Ereignis im Norden bekannt geworden sein sollte, wie wir ihn in ähnlicher Weise oben seine Zauberbücher aus Chaldäa beziehen sahen. Das Wandern von Ideen kann sich der gewöhnliche Mensch nicht wohl denken ohne die Anknüpfung an bestimmte Einzelfacta, die für die Sache meist von geringer Bedeutung sind. Darum will ich auch hier den Widerspruch nicht zu lösen versuchen, der darin besteht, daß die Neapolitaner einerseits das Grab des Dichters nicht kennen, andererseits sich seiner Wohltaten erinnern sollen. Es kommt mir nur auf die Zeit an, die sich aus der Geschichte für die Übertragung der Sage nach dem Norden ergibt. Und da haben wir ja zunächst an Rogers II. Regierungszeit (1130-1154) einen festen Anhalt. Ferner aber will Gervasius das Zauberbuch zu sehen bekommen haben mit Hilfe eines gewissen Giovanni da Napoli, der 1175 gestorben ist. Auf diese Zeit (Ausgang des XII. Jahrh.) führen endlich auch verschiedene Erwägungen anderer Art. Die normannische Invasion und mehr noch die Eroberungen Heinrichs VI zogen Neapel in den Kreis der kaiserlichen Politik. 92) Während in keiner Biographie des Dichters vor dem XII. Jahrh. von Magie die Rede ist, treffen wir von da an derartige Äußerungen immer häufiger. Wolfram v. Eschenbach läßt in seinem 1203--1215 verfaßten Parzival den Zauberer Klinschor schon vom Vergil abstammen. Während bis zu dieser Zeit nur Salomos Clavicula als Lehrbuch der Magie erscheint, tritt von da an Vergils ars notoria als von jener abgeleitete Quelle auf. 93) Und -- was vielleicht das Entscheidenste ist -- um dieselbe Zeit etwa nimmt die romantische Dichtung des Mittelalters ihren Antang, die in ihrer phantastischen Zügellosigkeit das Wunderbare aller Völker und aller Zeiten zu ihren in zahllosen fremdartigen Farben erstrahlenden Gebilden vereinte.

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91) Comparetti p. 235. 36.

92) Comparetti 2. Aufl. p. 64.

93) Noch ein gewisser Petrus Comestor in seiner um 1170 vollendeten Historia Scholastica führt alle zu seiner Zeit üblichen Zauberbücher und Ähnliches ausschließlich auf Salomo zurück und weiß vom Zauberer Vergil nichts. Roth in Pfeiffers Germ. IV.

 

 

 

Quelle:

Zeitschrift: Jahresbericht : Ostern .. / Königliches Gymnasium zu Nordhausen

Titel: Vergil ein Faust des Mittelalters

Verfasser: Schambach, Karl

Erschienen: 1.1904

Serie [Jahresbericht] / Königliches Gymnasium zu Nordhausen: wissenschaftliche Beigabe ; ...

Online-Ausgabe

Düsseldorf : Universitäts- und Landesbibliothek, 2014

URN: urn:nbn:de:hbz:061:1-334828

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KÖNIGLICHES GYMNASIUM zu NORDHAUSEN.

 

Ostern 1905.

 

II.

 

Wissenschaftliche Beigabe:

 

Vergil ein Faust des Mittelalters. II. Teil.

 

Von Professor Dr. Karl Schambach.

 

NORDHAUSEN 1905. Fr. Eberhardt's Buchdruckerei

1905. Progr.-No. 291.

 

 

 

 

 

Babylonien die Heimat der Magie.

 

Die heutige historische Wissenschaft steht unter dem Zeichen der Assyriologie. Mit diesem Satze beginne ich den zweiten Teil meiner Abhandlung über „Vergil einen Faust des Mittelalters“. Immer deutlicher wird es der Forschung, daß Babylonien einmal die Wiege der Menschheit war; und wenn es auch nicht ihre Urheimat ist, so hat sie doch dort in ihren noch kindlichen Geist eine Fülle von Ideen eingesogen, die teils wertvolles Eigentum geblieben sind, teils nur langsam und schwer der besseren Einsicht vorgeschrittener Zeiten weichen. Seit in Deutschland die Vorderasiatische Gesellschaft gegründet ist und nun schon im siebten Jahre ihre gelben Hefte mit den gemeinverständlichen Darstellungen über den alten Orient zu einem billigen Preise in die Welt zendet, 1) ist es auch uns Deutschen leicht gemacht, uns in jenem Wunderlande umzuschen und mehr oder weniger heimisch darin zu werden. Auch mich führen bei meiner Untersuchung die Schritte dorthin. Auf S. 31 meiner vorjährigen Abhandlung formulierte ich schon die Frage: Welches sind Wesen und Ursprung des Dämonenglaubens, der sich auch der Person Vergils bemächtigte und die Sage von ihm so umgestaltete, daß sie eine Art von Faustsage wurde? Diese Frage will ich jetzt zu beantworten versuchen, soweit das ungeheure Material es ermöglicht, die Hauptpunkte in Kürze herauszuheben. Das älteste Volk, von dem Steine und Buchstaben Zeugnis geben, sind die Sumerier in Mesopotamien. So nennt man sie richtiger als Akkadier, weil Akkad der Name von Nordbabylonien, Sumer der von Südbabylonien ist und das letztere länger von semitischer Einwanderung verschont blieb. 2) Diese Sumerier sind keine Semiten, sondern gehören wahrscheinlich der turanischen Völkergruppe an, sind also mit den Chinesen, Japanern und Finnen 3) verwandt. Eine Fülle von Inschriften, die zum Teil durch nebenstehende assyrische Übersetzung 4) sich als solche dokumentieren, die schon in sehr alter Zeit 5) sich dem allgemeinen Verständnis entzogen, in einer bereits toten Sprache redeten, erzählt von dem eigentümlichen Dämonenglauben dieses Volkes. Von guten und bösen Geistern wähnte man sich rings umgeben, alle Not und alles Leid schrieb man der Einwirkung der letzteren zu und suchte Hilfe und Abwehr gegen sie bei

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1) Der alte Orient. Gemeinverständliche Darstellungen herausgegeben von der Vorderasiatischen Gesellschaft. Leipzig. Hinrichs. Seit 1900. Preis für den Jahrgang von 4 Heften 2 M. Daneben Mitteilungen der V. G. in zwanglosen Heſten streng wissenschaftlichen Charakters.

2) Lenormant. Die Magie und Wahrsagekunst der Chaldäer. Deutsche Ausgabe. Jena 1878. p. 260 mit A. I. p. 307. 309 ff. Hommel, Geschichte Babyloniens und Assyriens 1885 p. 237 ff., namentlich p. 353. 388. 89. -- v. Orelli, Allgemeine Religionsgeschichte, Bonn 1899 p. 169.

3) Über Religion und Magie der turanischen Völker überhaupt handelt Lenormant l. c. p. 206 ff.

4) Die Unverständlichkeit der Sprache erhöhte die geheimnisvolle Macht der Beschwörung. Ibidem p. 4.

5) Schon circa 1500 a. Chr. n. beginnen die Beziehungen zwischen Babyloniern und Assyrern, erst sehr allmählich erlangt Assyrien Unabhängigkeit von Bab., Asurnasirpal (884 -- 860) erscheint als Begründer der assyr. Großmacht. v. Orelli p. 173

 

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jenen. Böse Winde, namentlich der Wüstenwind, Trockenheit und Überschwemmung, Mißwuchs und Fehlgeburten, alle Krankheiten, namentlich Aussatz und Irrsinn („die Krankheit des Hauptes“) werden nicht nur auf übelwollende Dämonen zurückgeführt, sondern man erkennt sogar in diesen Erscheinungen das Wirken der Dämonen selbst. 6) Besessenheit 7) ist der bezeichnende Ausdruck für den Irrsinn, den man sich dadurch erklärte, daß ein böser Dämon im Menschen Wohnung genommen habe. Aber auch andere Krankheiten fanden dieselbe Erklärung. Besteht nun die Krankheit darin, daß dem Menschen ein böser Dämon innewohnt, so muß die Heilung dadurch erfolgen, daß er ausgetrieben wird; das aber geschieht mit Hilfe guter Geister, auch wohl eines göttlichen Vermittlers und -- durch mechanische Ausübung gewisser Gebräuche, namentlich aber durch Aussprechen gewisser stehender Formeln. In einem Sumerischen Texte heißt es:

 

Die Pest und das Fieber, die das Land verheeren,

die Seuche, die Auszehrung, die das Land verwüsten,

schädlich dem Körper, verderblich den Eingeweiden,

der böse Dämon, der böse „alal“, der böse „gigim“,

der boshafte Mensch, der böse Blick, der böse Mund, die böse Zunge,

daß sie des Menschen -- Körper verlassen

mögen, daß Sie seine Eingeweide verlassen mögen! 8)

 

Das ist der Ursprung des aus dem Neuen Testamente genugsam bekannten Exorzismus, der im Mittelalter in Blüte schoß und nur langsam dem Lichte der Aufklärung wich. Noch Moscherosch 9) erzählt in seinem ersten „Gesichte“ ausführlich eine Beschwörungsszene, bei der der Böse schließlich mit einem großen Brausen ausfährt. Natürlich ist das hier dichterische Einkleidung, aber solche Einkleidungen werden ebenso natürlich nur gangbaren Vorstellungen entnommen. -- Im christlichen Mittelalter wie zur Zeit Christi selber geschieht die Beschwörung im Namen Gottes und Christi. Bei den alten Sumeriern werden auch Götter angerufen, oft sehr viele, die man die Beschwörung auch selbst zu vollziehen bittet. In dem Hymnus, aus dem ich oben ein Stück zitierte, werden abgesehen von der immer wiederkehrenden Schlußformel 8 Götter einzeln genannt, in der Weise: Geist des Mulge (assyrisch Bel), König der Länder, beschwöre sie, und zum Schluß noch eine Gruppe von Göttern unter einem Namen. 8) Eigenartig ist, daß öfters auch an den Wunsch, der böse Dämon möge ausfahren, sich der andere anschließt, der holde Dämon möge einfahren. 10) Gegen die schlimmsten Geister aber vermag nur ein Gott, der Mittler zwischen dem Göttervater und den niederen Göttern und Menschen Abhilfe zu schaften, Silik-ribana oder Silik-mulu-khi (d. h. der Anordner alles Guten für die Menschen), Êas Sohn. Der befragt seinen Vater und erfährt von ihm, daß diese Geister im Innern der Erde hausen und daß die Zeder der Baum ist, mit dem man ihre Macht bricht. 11) Ich zitiere folgende merkwürdige Stelle:

 

Êa hat seinem Sohne Silik-mulu-khi erwidert:

Mein Sohn, weshalb weißt du das nicht? Warum Soll ich's dich erst lehren?

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6) Lenormant p. 38.

7) Ib. p. 19.

8) Ib. p. 16.

9) von Sittewald wunderliche und wahrhaftige Gesichte von H. M. Moscherosch. Erstes Gesicht. Schergenteufel. (Billige Ausgabe bei Reclam.)

10) Lenormant p. 36. 37. Es heißt z. B. in einem Hymnus auf die Wohlfahrt des Königs: Daß der holde Dämon, der die Herrschaft und das Königtum beschirmende Genius, in seinen Körper einfahren möge.

11) Ib. p. 22, 30. 31.

 

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Silik-mulu-khi, weshalb weißt du das nicht? Warum soll ich's dich erst lehren?

Was ich weiß, das weißt du doch auch --

 

Das Formelhafte und Mysteriöse endlich, das jedem Zauberwerke anhaftet, findet in diesen merkwürdigen Urkunden auch die ersten geschichtlichen Beläge. Den Schluß jeder Beschwörung bildet die mysteriöze Formel: Geist des Himmels, beschwöre Sie! Geist der Erde, beschwöre sie, 8) In welchem Umfange das gesamte Beschwörungsritual der Babylonier vorbildlich ist für spätere Zeiten, mag der Vergleich eines sumerischen Hymnus mit Theokrits zweiter Idylle 12) zeigen. Vorauszuschicken ist jedoch noch, daß dem Dualismus der guten und bösen Geister schon in Babylonien ein Dualismus der Zauberkraft entsprach, den man im Mittelalter mit weißer und schwarzer Magie bezeichnete. 13) Gelingt es dem Menschen, durch übernatürliche Künste böse Geister zu vertreiben, so kann er sie auch in den Körper eines Mitmenschen hineinzaubern, und wer es tut, ist ein Bösewicht, den alle frommen Menschen fürchten. So heißt es in einem Texte der magischen Sammlung:

 

Der Zauberer hat mich durch Zauber bezaubert, er hat mich durch seinen Zauber bezaubert;

die Zauberei hat mich durch Zauber bezaubert, sie hat mich durch ihren Zauber bezaubert.

 

Und an einer anderen Stelle wird der Sonnengott angerufen:

 

der du die bösen Ränke vereitelst, Menschen und Länder vernichtest,

die der Hexerei und dem bösen Zauber ergeben sind, -- 14)

 

Die Bezauberung nun geschieht auf dreifache Weise, durch bloße Worte, durch gewisse Handlungen und durch Zubereitung von Tränken aus geeigneten Kräutern. Die formelhaften Worte der sumerischen Hymnen sind uns schon mehrfach entgegengetreten, wir beobachten sie in dem vorletzten Zitate. Am ergreifendsten zeigt ich aber die furchtbare Wirkung von Verwünschungsformeln in folgenden Worten:

 

Die schändliche Verwünschung, sie wirkt auf den Menschen wie ein böser Dämon;

der Spruch der Verwünschung schwebt über ihm;

schändliche Verwünschung, sie ist der Zauber, der den Irrsinn hervorrief.

Die schändliche Verwünschung, sie erwürgt diesen Menschen wie ein Lamm;

sein Gott hat sich aus dem Innern seines Körpers entfernt; seine

Göttin, aufgebracht, hat sich anderswo niedergelassen. 15)

 

Also selbst die Götter stehen unter dem Banne von Beschwörungsformeln, nur Êa, der Gott der Tiefe, des die Erde umschließenden Ozeans, der Herr der Stadt Eridu, und sein Sohn Silik-mulu-khi (Marduk) sind unbedingte Herren über alles Zauberwerk. -- Auch bei Theokrit spielen Zauberformeln eine Hauptrolle. Die Zauberin sagt beim Beginn der Handlung zu ihrer Dienerin (v. 21):

 

πάσσ᾽ ᾅμα ϰα λέγε ταῦτα: τὰ Δέλφιδος ὀστία πάσσω.

streu und sage dazu: „Hier streu ich Delphis' Gebeine“.

(Delphis ist der ungetreue Liebhaber, der bezaubert werden soll)

 

und bei der Beendigung in ähnlicher Weise (v. 62):

 

ϰαὶ λέγ᾽ ὲπιφδύζοισα. τὰ Δέλφιδος ὀστία μάσσω.

Sage dann, spuckend darauf: „Hier salb ich (richtiger: zerquetsche) Delphis' Gebeine“. Ferner lesen wir bei Beginn, bei den einzelnen Teilen und am Ende des Zauberwerkes den Formelvers:

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12) s. Teil I p. 16. 17.

13) Teil I p. 9.

14) Lenormant p. 71. 69.

15) Ib. p. 74. 75.

 

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ἶυγξ, ἕλϰε τὺ τῆνον ἐμὸν ποτὶ δῶμα τὸν ἄνδρα.

Zieh, umrollender Kreisel, den Mann mir zurück in die Wohnung!

 

υγξ der Wendehals, der wegen der durch seinen Namen angedeuteten Eigenschaft magische Kraft zu besitzen schien 16), wurde auf ein Rädchen gebunden und nach Art eines Kreisels in einer Richtung fortwährend umgedreht). -- Gehen wir zu den Handlungen des Rituals über! Hier werden sich uns noch auffallendere Ähnlichkeiten zeigen. Zuerst gehört dahin das Verbrennen gewisser Zweige oder Kräuter sowie auch von Kleidungsstücken. Ich stelle zusammen Lenormant p. 75:

 

I. Gleichwie diese Zwiebel ihrer Schale beraubt ist, so wird es auch (ihm) ergehen.

Das lodernde Feuer wird sie verzehren,

Sie wird als Zierde (der Einfassungsbeete in Gärten) nimmer benutzt werden.

II. Gleichwie diese Dattel in Stücke geschnitten ist, so wird es auch (ihm) ergehen.

Das lodernde Feuer wird sie verzehren,

sie wird nimmer wieder an ihrem gebrochenen Stil hängen u. s. w.

IV. Gleichwie diese Wolle zerfetzt ist u. s. w.

VI. Gleichwie dieses gewalkte Tuch zerfetzt ist u. s. w

der Walker wird es nimmermehr färben und zu einem Bekleidungsstücke (verwenden).

 

Theokrit v. 18: ἄλφιτά (Gerste) τοι πρᾶτον πυρὶ τύφεται

23: -- ὲγὡ δ᾽ ὲπὶ Δέλφιδι δάφναν (Lorbeer)

24: αἴδω. χὡς αὕτα λαϰεῖ μέγα (und wie er laut knistert) --

26: οὕτω τοι ϰαὶ Δέλφις ὲνὶ φλογὶ σάρϰ᾽ ἀμαϑύνοι (in Asche verwandeln).

33: νῦν ϑυσῶ τὰ πίτυρα (Kleie).

53: τοῦτ᾽ ἀπὸ τᾶς χλαίνας τὸ ϰράσπεδον ὤλεσε Δέλφις.

54: ὡγὼ νῦν τίλλοισα ϰατ᾽ ἀγρίψ ἐν πυρὶ βάλλω.

 

Dieser Streif der Verbrämung entsank dem Gewande des Delphis:

Jetzo werd er zerrauft und geschnellt in die stürmische Flamme.

 

2: στέψον τὰν ϰελέβαν φοινιϰέψ οἰὸς ἀώτψ.

 

Wind' um den hölzernen Becher die purpurne Blume des Schafes. Die purpurgefärbte Wolle ist für den Zauber von besonderer Bedeutung. (s. die Herausgeber zu der Stelle).

 

Das mit den Worten der Quellen geschilderte Verfahren ist aber noch harmlos gegenüber einem andern. Es wird ein Bild des zu Bezaubernden angefertigt und mit demselben vorgenommen, was man dem Lebenden antun möchte. So beginnt der sechste Spruch einer sumerischen Beschwörung mit den Worten: „Den, der das gefertigte Ebenbild bezaubert“ 17), ein anderer lautet: „Derjenige, der Bildnisse anfertigt, entsprechend meiner ganzen Erscheinung, der hat meine ganze Erscheinung bezaubert“ 17), und bei Theokrit heißt es v. 28: Wie ich dieses Wachsbild (von ihm) im Feuer schmelze, so möge Delphis sofort vor Liebe zerschmelzen! Bei Ovid Heroides VI, 92 wird dem Wachsbilde sogar das Herz mit einer Nadel durchbohrt. -- Dieses babylonisch-griechische Operieren mit einem gefertigten Ebenbilde erkennen wir auch in der Umhüllung mittelalterlicher Romantik wieder in einer Erzählung des Volksbuches vom Zauberer Vergil. Das ehebrecherische Weib eines im heiligen Lande weilenden Ritters will sich des Gatten entledigen. Ihr Buhle „machte ein Bild, das man nennt ein Männlein, das glich dem Ritter, der über Meer gefahren war, und stellte es an eine Wand und peinigte es 3 Tage, daß es Ach und Weh litt. und danach sollte des Ritters Leib

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16) Schol. zu v. 17: φασὶν αὐτὴν ἐν τῇ φύστι ἔχειν ὲρωτιϰὴν πειϑώ.

17) Lenormant p. 7.

 

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auch Ach und Weh leiden recht wie das Bildlein“, Inzwischen begegnete im heiligen Lande der Ritter dem Meister Virgilius, der ihm die erschreckende Mitteilung machte, ohne seine Hilfe sei er heute noch ein Kind des Todes. Um ihn zu retten, heißt er ihn dann ein Bad in einem großen Bottich nehmen und gibt ihm einen Spiegel in die Hand. In diesem sieht der Ritter, daß ein Mann in seinem Hause ein Bild von Wachs gemacht hat, das ihm nachgebildet ist, und dann, daß dieser einen Pfeil auf einen Bogen legt und nach dem Bilde schießen will. Auf Vergils Rat taucht er ganz ins Wasser, und wie er seinen Kopf wieder erhebt und abermals in den Spiegel schaut, da sieht er, daß der Ritter das Bildlein nicht getroffen hat, daß der Pfeil darüber hinausgegangen ist. Der Vorgang wiederholt sich noch zweimal, beim dritten Schuß aber kehrt der Pfeil sich um und fährt dem Ehebrecher zwischen Lunge und Leber, so daß er stirbt. 18) An dieser Erzählung sind außer der Anfertigung des Ebenbildes noch 3 Punkte bemerkenswert: das Bad, der Zauberspiegel und die Erkennung und Bestrafung des Ehebruches durch Zauber, darüber wird später gehandelt werden. Aus der Faustsage wüßte ich Ähnliches nicht nachzuweisen, das ist zum teil auch ganz natürlich, weil jene Erzählung einmal den speziell Vergilschen Charakter trägt, den des Wohltäters und Schützers, den die romantische Sage auch dem von ihr in einen Schwarzkünstler verwandelten Schutzherrn von Neapel nicht zu nehmen vermochte, 19) und weil sie andererseits den erbaulichen Charakter mit dem berühmtesten Fabelbuch des Mittelalters, den Gesta Romanorum 20), gemein hat. -- Um nun die Vergleichung zwischen babylon. und Theokritscher Beschwörung zu Ende zu führen, muß ich noch auf den dritten Hauptpunkt des Rituals, den Zaubertrank eingehen. In einem sumerisch-assyrischen Zauberspruch heißt es:

 

daß dieser Zaubertrank zerrinne wie Wasser!

Daß das Zauberwort, das über diesem Tranke gesprochen, verflüchte!

 

und in einem nur in assyrischer Sprache erhaltenen:

 

er hat den mir bereiteten Zaubertrank ergriffen und meine Kleider verunreinigt;

er hat meine Kleider zerrissen und sein zauberisches Kraut mit dem Staub meiner Füße vermengt. 21)

 

Und wo vom Gift gesprochen wird, ist jedenfalls auch immer ein Zaubertrank gemeint. -- Bei Theokrit fragt die Zauberin zunächst nach den φίλτρα. Mit diesem Worte wird alles bezeichnet, was Anziehungskraft auf andere ausübt, es heißt auch geradezu Liebestrank, hier bezeichnet es offenbar die Zauberkräuter, τὰ πρὸς φιλίαν ὀτρύνοντα φάρμαϰα, wie der Scholiast sagt. Sodann fordert sie die Schale, in der der Trank gemischt werden soll, ferner spricht sie von φάρμαϰα, einem ähnlich vieldeutigen Worte wie φίλτρα, dem hier zweifellos der Trank bezeichnet wird, (es ist auch bemerkenswert, daß wie bei den ältesten Griechen so auch bei den Chaldäern Zaubertrank und Gift mit einem Wort bezeichnet werden 21), dann spendet sie dreimal (v. 43), und endlich, nachdem sie als letzten Bestandteil einen Salamander hineingerieben, erklärt sie, den „bösen Trank“ morgen dem treulosen Geliebten reichen zu wollen (v. 58). -- Eins ist eigenartig beim babylonischen Zaubertrank, er scheint in der Regel aus besprochenem Wasser zu bestehen, und besprochenes Wasser bannt auch wieder den Zauber, so heißt es z. B. Einmal:

 

verleihe Heilkraft dem bezauberten Wasser, auf daß

ihn alle Folgen der Verwünschung verlassen. 21)

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18) Simrock p. 59 ff.

19) Teil I p. 10.

20) „Kindlich fromme Naivität“ rühmt ihm Gräße nach im Vorwort zu seiner Ausgabe vom Jahre 1842 (Neudruck 1905).

21) Lenormant p. 70 ff.

 

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So geht der Dualismus des Guten und Bösen, in unserm besonderen Falle des frommen und gottlosen Zaubers durch alle Vorstellungen jener ältesten Bewohner des Zweistromlandes hindurch und ist nicht erst von Persien aus in den Gedankenkreis der Menschheit eingeführt worden. Das Wasser aber spielt natürlich im Zweistromlande in allen menschlichen Verhältnissen eine sehr große Rolle. „An der Mündung der Ströme“, wo einst Euphrat und Tigris getrennt ins Meer strömten, holt man das heilige Wasser zum Gebrauch bei Beschwörungen (frommen), „an der Mündung der Ströme“ fand Gilgamesch 22) den Fährmann, der ihn zu dem Ort der heiligen Waschungen führte, durch die er Heilung vom Aussatz fand, „an der Mündung der Ströme“ lag einst Eridu, das heilige Eridu, das in der magischen Literatur der Babylonier so oft genannt wird, die irdische Wohnstätte des mehrfach erwähnten Êa, des Obermagiers unter den Göttern. 23) Wie vieles in der mittelalterlichen Magie auf diese Vorstellungen zurückzuführen ist, wird sich später zeigen. Kurz erwähnt sei noch, daß die böse Zauberei in Babylonien besonders von Frauen betrieben ward wie im griechischen Thessalien; und Lenormant 21) glaubt sogar nachweisen zu können, daß die assyrischen Hexen schon auf Besenstielen durch die Luft ritten. In einer Glosse wird „Stück Holz“ gleichgesetzt einem Ideogramm, das Reittier der Hexe bedeutet. -- Schließlich muß ich, um Mißverständnissen vorzubeugen, die einige meiner Zitate erwecken könnten, noch darauf aufmerksam machen, daß eine wirkliche Beschwörungsgeschichte wie die bei Theokrit in den assyrischen Dokumenten nicht vorkommt, dazu war dieser böse Zauber zu sehr gefürchtet und verfolgt; die betreffenden Beschwörungen sind ausschließlich gegen die Zauberer und Hexen gerichtet, wollen vor ihnen schützen oder von dem, was ihr Zauber gewirkt, befreien, aber, da der heilige Akt die Nennung der Frevel erforderlich macht, lernen wir diese selbst kennen. -- Bei dem frommen Zauber muß die gewaltigste Wirkung die Nennung eines geheimnisvollen göttlichen Namens ausgeübt haben. Es ist „der große Name“, „der höchste Name“, den Êa allein kennt und seinem Sohne Silik-mulu-khi mitteilt. „Vor diesem Namen beugt sich alles im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt“. Aber genannt darf er nicht werden, seine Kenntnis würde den Menschen zum Gott machen, das darf nicht geschehen, daher könnte die Nennung nicht ohne eine furchtbare Katastrophe erfolgen. Wir werden erinnert an den Glauben der Juden, daß der Name Jahve nicht im Munde geführt werden dürfe, daß seine richtige Deutung Geheimnis der Hohenpriester sei. (vgl. II Mose 3, 14). Auch bei den Arabern spielt der Glaube an den allmächtigen Namen Gottes eine große Rolle. Sollen wir in diesem akkadischen Glauben nicht auch das erste Vorbild erkennen für die mittelalterliche Beschwörung der Höllenfürsten durch Jesum Christum, Gottes Sohn, und die geheimnisvollen, kabbalistischen Namen Gottes? 24) -- Von den verschiedenen Klassen von Dämonen, die die babylonische Mythologie kennt, muß eine mich noch besonders beschäftigen, die gefürchtetste von allen, die der 7 planetarischen Dämonen, der Maskim, wie sie heißen. Schrecklich genug klingt, was wir von ihnen hören:

 

Sie sind die sieben Götter der feurigen Sphären;

sie sind die sieben schädlichen Götter;

sie sind die sieben bösen Schreckgeister;

sie sind die sieben bösen Flammengespenster.

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22) vgl. Teil I p. 15.

23) Der alte Orient Jahrg. I Heft 3 p. 38. 39.

24) Lenormant p. 44. 45. Kiesewetter p. 155. 156. v. Orelli p. 267 A. I. Giesebrecht, Die Grundzüge der israelitischen Religionsgeschichte (Aus Natur und Geisterwelt) p. 42. 43.

 

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Sieben sind es, Verstörer des Himmels;

Sie wuchsen empor aus des Ozeans tiefsten Gründen, aus dem

(verborgenen) Schlupfwinkel.

Sie sind nicht männlich, Sind nicht weiblich;

Ehrfurcht und Wohltun kennen sie nicht;

Gebet und Flehen erhören Sie nicht.

Sie sind die Werkzeuge des Zorns der Götter.

 

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Diese bösen und mörderischen sieben Götter, die keine Furcht kennen,

diese bösen sieben Götter, wie der Blitzstrahl das Leben der Erde

(sie vernichten);

zur Erde, wie ein lammender Wirbelwind, sind sie herabgestiegen u. s. w. 25)

 

Es sind also kosmische Geister, wie die ganze Mythologie der Babylonier auf kosmischen Verhältnissen beruht. Ihre Götter sind Astralgötter, die Planeten die Dolmetscher dieser Götter. Das älteste System der Planeten-Gottheiten mag folgende Tabelle darstellen:

 

Sin = Mond, Samas = Sonne, Istar = Venus, Marduk = Jupiter, Nebo = Merkur, Nergal = Saturn, Ninib = Mars, 26)

 

 

 

 

Das Heptagramm der mittelalterlichen Astrologie ist auf einer altbabylonischen Tafel in Nippur gefunden worden.

 

Das Heptagramm mit den 7 Planetenpunkten wird zum Pentagramm mit 5 Planetenpunkten dadurch, daß Nergal-Saturn und Ninib-Mars durch Sonne und Mond mitvertreten werden. Man kann nämlich die Sonnenbahn in 4 oder auch nur in 2 Teile zerlegen; im ersteren Falle vertreten die 4 Planeten die Frühlings-, resp. Morgensonne (Marduk), die Mittags-, resp. Sommersonne (Ninib), die Herbst-, resp. Abendsonne (Nebo) und die Nacht-, resp. Wintersonne Merkur (Nergal), im andern Falle Marduk Tag und Sommer, Nebo Nacht und Winter, das eine Mal wird nach den Tagesgleichen, das andere Mal nach den Sommerwenden gerechnet. Es ergibt sich im zweiten Falle die in Babylonien bis jetzt nicht nachgewiesene Figur:

 

 

 

 

Das Pentagramm ist aus Goethes Faust genugsam bekannt. Aus dem Zurücktreten der 2 Planetengötter im Pentagramm erklärt sich aber wahrscheinlich, daß sie in der mittelalterlichen Astrologie die Unglücksplaneten sind. 27) -- Diesen 7 Ordnern und Lenkern des Weltalls stehen nun die 7 Maskim, die „Flammengespenster“ als Störer der Weltordnung gegenüber, schon im Beginn der Weltschöpfung haben sie erbitterte Kämpfe gegen die himmlischen Götter geführt, sie stören die Regelmäßigkeit des Planetenlaufs, verursachen Sonnen- und Mondfinsternisse, bedrängen namentlich fortwährend den Mond, dem dann auch durch Beschwörung geholfen werden muß; diese Beschwörungen aber sind gewissermaßen vorbildlich für solche, mit denen Menschen geholfen werden soll. So heißt es in einem sumerischen Hymnus:

 

Aber siehe, die sieben Götter, die im unteren Teile des Himmels umherzogen,

vor das Licht des Aku (== assyrisch Sin == Mond) heftig und widerspenstig sie traten.

Aku, der Hirt der Menschheit . . . . . wurde gestützt und blieb stehen auf der

höchsten Höhe (seines Laufes),

geängstigt Tag und Nacht ließ er sich nicht mehr nieder auf den Sitz einer Herrschaft.

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25) Levormant p. 18, 28.

26) Jeremias, Das alte Testament im Lichte des alten Orients. Leipzig 1904 p. 25.

27) Jeremias l. c. p. 16. 17.

 

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Êa wird nun von Akus Not benachrichtigt:

 

er biß sich in die Lippen, und sein Antlitz mit Thränen bedeckt war.

Êa rief seinen Sohn Silik-mulu-khi und sprach zu ihm folgende Worte:

 

„Gehe hin, mein Sohn Silik-mulu-kbi,

die Nachricht von meinem Sohn Aku, der im Himmel heftig in Ängsten schwebt,

seine Herzensangst im Himmel liegt offenkundig zu Tage.

 

Diese Schilderung ist in eine Beschwörung verflochten, welche einen siechen König von den Leiden befreien sollte, die ihm dieselben bösen Geister auferlegt hatten. Die Befreiung des Mondgottes, des Urbildes der königlichen Würde, wird als eine günstige Vorbedeutung für die Genesung des Herrschers angesehen. 28) Etwas Ähnliches haben wir früher bei Istars Höllenfahrt beobachtet. 29)

 

 

Einfügung: Hadesfahrt Christi. Um 1200. Venedig. Basilica di San Marco

 

Aus den akkadischen Planetengöttern und Maskim sind dann bei den Persern die Amschaspand und Devs, in der kabbalistischen Geheimlehre der Juden die Erzengel (Intelligenzen) und Dämonen der Planeten, bei den Neuplatonikern die Weltfürsten und Fürsten der Materie geworden, natürlich immer mit Beibehaltung der Siebenzahl. 30) Und endlich begrüßen wir als die letzten Nachkommen der Maskim die „7 Kurfürsten“ in den „Höllenzwang“ betitelten Zauberbüchern. Diesen Namen sollte das Buch geführt haben, in dem Faust seine gesamte magische Weisheit niederlegte. Es existierten auch Bücher, die den Anspruch erhoben, irgendwie mit dem Original zusammenzuhängen, und das interessanteste ist jedenfalls das von Scheible nach einer in Coburg befindlichen Handschrift unter dem Titel „Doktor Johannes Fausts Magia naturalis et innaturalis oder Dreifacher Höllenzwang, letztes Testament und Siegelkunst, Passau 1612“ in seinem „Kloster“ Bd. II, Zelle 2. p. 868 ff. gedruckte. In diesem lesen wir die Worte: „Unter ihn (den Obristen und König aller Teufel) gehören die 7 Churfürsten der Teuffel, welche mit ihren Namen nach Ordnung der Planeten also heißen: 1. Barbiel, 2. Mephistophiel u. s. w. Und von dem letzteren wird weiter berichtet: Mephistophiel ist der andere Großfürst der Höllen, er stehet unter dem Planeten Jupiter. Sein Regent heißt Zadkiel, ein Thronengel des heiligen Jehovae, sein Dämon aber, der zweite Großfürst der Hölle ist Mephistophiel. Da nun dem Jupiter, dem leuchtendsten der Planeten, im Assyrischen als Intelligenz der Gott Marduk entspricht, der Besieger der Tiâmat, der Weltschöpfer, die Lichtgottheit im eminentesten Sinne, der den Menschen neben dem Lichte und mit dem Lichte alles Heil spendende Gott 31), nebenbei auch der Beschützer der Magie, so wird sein Gegenstück unter den Dämonen der das Licht am meisten hassende, die Werke der Finsternis am meisten betreibende, den Menschen Unglück und Fluch ohne Ende bringende sein. Und das ist der wohlbekannte Mephostophiles der Volksbücher, der das Licht nicht Liebende, wie doch nach dem Gesagten wohl die richtige Etymologie sein dürfte, wenn auch das S in der Mitte sprachlich nicht zu erklären ist. (Es müßte μηφωτοφίλης heißen). 32) 2. So wäre des Mephistophiles Heimat auch Babylonien, wenigstens

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28) Lenormant p. 25. 27. 28. 29.

29) Teil I. p. 14.

30) Über die Amschaspand s. Justi, Geschichte des alten Persiens (in Onckens Allgemeiner Geschichte) p. 92, über die Diws (Devs) p. 30. 71. 83 und öfter. Den Diws entsprechen im Arabischen die Dschinn, die fast in jeder Erzählung von Tausend und eine Nacht vorkommen. s. Ausgabe bei Reclam I. p. 15. A. -- In der Kabbăla heißt z. B. die Intelligenz des Jupiter Jophiel, dessen Dämon Hismael, -- Der Neuplatoniker Jamblichus unterscheidet ἄρχοντες, όι τῶν ϰόσμων ήγεμόνες und ἄρχονιες ἔνυλοι (ὕλη == materies). Jambl. de mysterie Ägyptiorum sect. II. cap. V. -- Kiesewetter p. 156 ff.

31) Als Stadtgott Babylons vereinigt Marduk fast alle Gottheiten in sich, er wird der Gott. Winckler, Himmels- und Weltenbild der Babylonier. p. 25 (A. O. III Heft ²/3).

32) Goethe wußte den Namen nicht zu erklären. Goethe an Zeiter. Den 20. Nov. 1829. -- Da G. in diesem Briefe die Ausbildung der Faustlegende ins XVII Jahrh. setzt, so hat er das älteste Faustbuch von 1587 nicht gekannt. Dagegen ist ihm eine gerade damals in den Besitz der Weimarer Bibliothek gelangte Abschrift des im Texte erwähnten Höllenzwanges zugänglich geworden. Pniower l. c. p.. 234. 35. Die von ihm gebrauchte Form Mephistopheles scheint von ihm zuerst eingeführt zu sein. s. Düntzer l. c. p. 135.

 

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in mythologischem Sinne. -- Noch einen Zug endlich haben die Dämonen des Mittelalters von ihren Vorfahren in Mesopotamien ererbt, daß sie gern in der Gestalt grausenerregender Tiere erscheinen. So heißt es z. B. in einer oben schon benutzten Beschwörung von den 7 Maskim: (der zweite ein Menschenfresser), der dritte ein Leopard, der vierte eine Schlange, der fünfte ein Kettenhund 33), und im Höllenzwang erscheint der dritte Kurfürst in Leopardengestalt, der sechste als schwarzer Hund mit feurigen Augen, der Erdgeist Bariel in Schlangengestalt, Mephistophiel endlich als feuriger Bär. 34) Von diesen Tieren verdient die Schlange, daß wir bei ihr noch einen Augenblick verweilen. Ihre Urahne ist die babylonische Tiâmat, das Chaos-Ungeheuer, der wasserspeiende Drache, den Marduk bei der Weltschöpfung erlegt. Auf dem Williams-Siegelzylinder sehen wir das Ungetüm abgebildet als eine lange Schlange, auf deren aufgerichtetem Oberkörper sich ein Drachenkopf erhebt. Von dem „Kampf mit dem Drachen“ gibt es viele Abbildungen, ist doch der Drache das babylon. Staatswappen geworden. Auch im Alten Testamente hat die neuere Forschung deutliche Spuren dieses Kampfes zwischen dem Lichtgotte und dem Wasserungetüm gefunden. Jahve hat hier Marduks Amt übernommen.

Jesaias 51, 9 wird Jahves Arm angeredet:

 

Bist du es nicht, der zerschellte Rahab, durchbohrte den Drachen?

 

(Auf die schwierige Frage, wie dieser Vers mit den folgenden zu vereinigen ist, die den Untergang Pharaos im roten Meere zu schildern scheinen, kann ich hier nicht eingehen).

 

Psalm 74, 13: Du hast zerschmettert durch deine Kraft das Meer,

Zerbrochen die Köpfe der Meeresdrachen auf dem Wasser.

Hiob 26, 12: Durch seine Kraft regte er das Meer auf,

Und durch seine Einsicht zerschmetterte er Rahab.

 

Dem Rahab verwandt ist Leviatan. Auch in der indischen Sage hat man eine Parallele gefunden in Vishnu, der den Drachen (rabu) entzweihieb. Im Persischen ferner wird von Ahriman gesagt, er sei in Schlangengestalt auf die Erde gegangen und habe das Böse in die Schöpfung gemischt. 35) In Ägypten endlich hat Râ auf seiner Himmelsfahrt mit der bösen Schlange Apep zu kämpfen, die ihn verschlingen will. 36) In letzter Linie ist dieser Drachenkampf auch ein Astralmythos, es ist der Durchgang der Sonne durch die Wasser-, resp. Winterregion des Tierkreises, und der Drache unddamit die Schlange entspricht einem der Wassertiere am Himmel, dem draco oder dem serpens. 37) Auch bei den heidnischen Arabern trugen die Ginnen oder Ghûlen die Gestalt geflügelter Schlangen, Herodot will in Unter-Ägypten Knochen von geflügelten Schlangen gesehen haben, 38) und die Vermutung, daß die Sarafen in den Büchern Mosis und bei Jesaias mit den letzteren eng zusammenhängen, ist wahrscheinlich. 39) Der Streit, der um die Schlange des Paradieses geführt wird, findet, glaube ich, seine Schlichtung in dem Satze: Sie ist zwar ein Tier, aber ein dämonisches.

 

 

Einfügung: Sündenfall. Fresko von Michelangelo an der Decke der sixtinischen Kapelle in Rom. 1508-1512 Vatikan.

 

Wenn es I Mose, 3, 1 heißt:

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33) Lenormant p. 26,

34) Kiesewetter l. c.

35) Duhm, Die bösen Geister im Alten Testament. Leipzig u. Tübingen. 1904. p. 36-41. Jeremias, D. A. T. p. 112

36) v. Orelli l. c. p. 140..

37) Jeremias, D. A. T. p. 56. 57. Zimmern, Biblische und babylonische Urgeschichte (A. O. II, 3) p. 24.

38) Herod. II, 75: ἠλϑον πυνϑανόμενος περὶ τῶν πτερωτῶν ὀφίων. ἀπιϰόμενος δὲ εἶδον ὀστέα ὀφίων. An eine Verwechselung mit Heuschrecken ist schwerlich zu denken.

39) Duhm l. C. p. 5.

 

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„Und die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte“, so rechnet sie der Verfasser dieser Partie allerdings zu den Tieren des Feldes, wenn aber diese Schlange Gott der Lüge beschuldigt, weil er gesagt hat (v. 3): Esset nicht davon, daß ihr nicht sterbet, und des Neides, weil er nicht will, daß die Menschen durch den Genuß der Frucht vom Lebensbaum ihm gleich werden, so ist das nur erklärbar als die bewußte Bosheit eines dämonischen Wesens, und wenn sie den Menschen zu der schwersten Sünde verleitet, über die Grenzen der Menschennatur hinaus Gott gleich zu werden, was, da es Gott nicht gewollt hat, nur durch gottlose Magie erreicht werden kann, so stellt sich dieses Wesen als ein Gott direkt entgegenwirkendes, seine Absichten durchkreuzendes dar. 40)

 

 

Einfügung: Göttin mit Schlangen. Statuette Göttin mit Schlangen aus der kultischen Schatzkammer des Palastheiligtums von Knossos 1600-1580 v. Chr. Archäologisches Museum in Iraklio.

 

Nehmen wir noch hinzu, daß im babylon. Gilgames-Epos die Schlange dem Götterpaar, um dessen Schicksal es sich handelt, ein in seinem Besitz befindliches Lebenskraut raubt 41), dieses Lebenskraut aber offenbar dem Lebensbaume (im babylon. und im biblischen Paradies) nahe verwandt ist, so können wir nicht zweifeln, daß im alten Orient die Schlange Züge trug, die wohl geeignet waren, von dem mittelalterlichen Teufel angenommen zu werden. Vielleicht liegt der Erzählung des Volksbuches vom Vergil, daß der Teufel sich „wie ein Aal“ aus dem Löchlein gewunden habe, 42) auch die Anschauung einer schlangenartigen Gestalt zu Grunde, und wenn die neapolitanische Sage unserm Dichter nachrühmt, daß er alle Schlangen der Stadt unter der Porta Ferrea verschlossen habe 43), so hat man wohl ebenfalls an dämonische Wesen zu denken, wie in Fausts Höllenfahrt „fliegende Würme“ ihm voranschweben, „unsäglich große Schlangen mit fliegenden Bären kämpfen, Drachen sich auf ein groß und ungestümb Wasser senken.“ 44) -- Der Teufel selbst aber, die Personifikation des bösen Prinzips, setzt einen ausgebildeten Dualismus voraus, wie ihn die Israeliten erst nach dem Exil unter dem Einfluß Babyloniens allmählich ausbildet haben. Von dem Einen Jahve, von dem in ältester Zeit auch das Böse abgeleitet wurde, löst sich ein zweites Wesen ab, das zu ihm in den Gegensatz des Herrschers einer andern Welt tritt, vielleicht in der Weise, daß nach bekanntem mythologischen Vorgang eine Eigenschaft, ein Amt des Gottes zu einem Diener (einem Engel) wird, dieser sich dann von seinem Herren lossagt (ein gefallener Engel, ein aus einem Engel des Lichtes ein Engel der Finsternis gewordener == Lucifer, babylonisch ein gefallener Stern) und ihm nun die Menschen streitig macht. Im Buche Hiob gehört Satan noch dem göttlichen Reiche an, an bestimmten Audienztagen tritt er als Ankläger von Menschen, deren Sünden er aufgespürt, vor Jahve als den Richter. 45) Bei Sacharja (3, 1--3) steht er, auch als Ankläger, nicht vor Jahve selbst, sondern vor seinem Engel, der ihn heftig schilt. Eine merkliche Degradierung schon! Aus dem Ankläger wird der „Verleumder“, διάβολος,, das griechische Wort für Satan bei den Kirchenvätern, und aus seiner Tätigkeit entwickelt sich die Vorstellung, daß φϑόνῳ διάβολου der Tod in die Welt gekommen sei. Das Ojekt des Neides ist der Mensch, der als Träger des göttlichen Ebenbildes zur Unsterblichkeit geschaffen scheint; aber, vom Bösen verleitet, wird er dann selbst Träger des Neides, als endliches Wesen beneidet er Gott um die Unendlichkeit. 46) Eine bemerkenswerte

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40) Duhm l. c. p. 11--13. D. vermutet (p. 11, A. 1.), daß das Wort נׇחַשׁ Zauberei, Wahrsagerei treiben mit נׇחָשׁ Schlange zusammenhängt.

41) Jeremias, D. A. T. p. 106. Wegen Lehenskrautes p. 100.

42) Teil I p. 19.

43) Teil I. p. 25.

44) Volksbuch von 1587 p. 49 ff.

45) Bekanntlich hat Goethe bei seinem „Prolog im Himmel“ das Buch Hiob benutzt.

46) Roskoff, Geschichte des Teufels. p. 191--196. Duhm p. 58 ff. 63 f. Der aus dem Griechischen bekannte Neid der Götter findet sich auch im Babylonischen, in der Adapa-Legende. Der Himmelsgott Anû will Adapa, dem „Sproß der Menschheit“, auch noch die Gabe des ewigen Lebens verleihen. Aber Êa warnt Adapa vor Anûs Absichten, als ob der ihm Speise und Trank des Todes reichen wolle. So schlägt Adapa Speise und Trank aus: es war Lebensspeise und Lebenswasser. Der Götterneid hat ihn betrogen. Jeremias, D. A. T. p. 73.

 

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Auffassung des φϑόνος διαβόλου bietet eine muhamedanische Legende: Gott befahl den Engeln, sich vor Adam als dem vollkommensten, freiesten, durch göttlichen Hauch belebten Geschöpfe zu verbeugen --, nur Iblis (Satan) war ungehorsam, indem er mit Hochmut sprach: „Wie soll ein von Feuer geschaffener Engel sich vor einem aus Erde gebildeten Menschen verbeugen?“ weshalb er auch aus der Mitte der Engel verstoßen und ihm der Eingang in das Paradies versagt wurde. 47) Da haben wir die Grundidee des teuflischen Wirkens in der Menschenwelt, wie sie in den apokryphischen Büchern des Alten Testaments in ihren ersten Anfängen sich zeigt. Daß aber das Mittelalter in inkonsequenter Weise alle möglichen Dämonen zu Dienern des Teufels gemacht hat, braucht nicht weiter verfolgt zu werden.

 

Wo lag das Paradies?

 

Die von Prof. Delitzsch in seinem Buche vom Jahre 1881 als ein Streitapfel in die Gelehrtenwelt geworfene Frage: Wo lag das Paradies? ist m. E. eine von den Fragen, die, weil sie nicht präzis genug gefaßt sind, eine doppelte Art der Beantwortung zulassen. Zunächst wird der Arglose an eine irdische Lokalität nicht denken; auf die kommt es aber Delitzsch gerade an. Indem er die biblische Beschreibung des Paradieses für abhängig hält von babylonischen Vorstellungen, wie sie uns namentlich in dem Zwölftafelepos von der Reise des Gilgamesch nach der „Insel der Seligen“ entgegentreten, lokalisiert er das Paradies in Babylonien.

 

 

Einfügung: Gilgamesch. 8. Jahrh. v. u. Z. Paris. Louvre

 

Andere suchen den Götterberg, dem die 4 Paradiesesströme entquellen, in Armenien. Aber eine ganz andere Auffassung der Frage legt den Hauptwert auf die Tatsache, die den Assyriologen feststeht, daß die Babylonier ihr Weltbild vom Himmel auf die Erde projiziert haben, im Gegensatz zu den Ägyptern, denen die himmlische Welt ein Spiegelbild ihrer irdischen Heimat ist. Für meine Zwecke ist die berühmte Frage nur in ihrer letzteren Auffassung von Bedeutung, da aber auch von der weittragendsten. Das Paradies, die Insel der Seligen, der Göttergarten an der Mündung der Ströme, das Land mit dem Lebensbrot und dem Lebenswasser: es liegt im Himmel, es liegt auf dem Monde oder in der Nähe des Mondes. Dem irdischen Ozean entspricht ein himmlischer, der täglich neugeborene Sonnengott gelangt auf seiner Barke, von Flutwellen emporgehoben, aus jenem in diesen, 48) Die verschiedenartigen Erscheinungen des Wassers beherrschen durchaus den Bewohner des Zweistromlandes, weil sein irdisches Wohl und Weh von den Strömen abhängt. Darin gleicht er dem Ägypter, mit dem er darum so manche Vorstellung teilt, nicht am wenigsten die von der Magie, wie wir sahen. Auch der ägyptische Râ fährt täglich in einer Barke über den Himmelsozean. Mit diesen Vorstellungen von dem Himmelsozean, der das kosmische Urbild des irdischen Abbildes ist, sind nun auch die Sintflutsagen in Verbindung zu setzen. Solche auf Erden vor sich gehende Flutereignisse sind Abbilder der großen Flut in der Schöpfungsgeschichte. Das babylonische Schöpfungsepos beginnt:

 

Einst, als droben der Himmel nicht benannt war,

drunten die Erde keinen Namen trug,

als noch Apsû, der uranfängliche, ihr Erzeuger,

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47) Weil, Biblische Legenden der Muselmänner. p. 15.

48) Jeremias, D. A. T. p. 12 mit A. 2.

 

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Mummu -- Tiâmat, ihrer aller Mutter,

ihre Wasser in eins zusammenmischten . . . . . .

Da entstanden die ersten Götter.

 

Es ist die Urflut, durch ein männliches und ein göttliches Wesen personifiziert. Der Kampf gegen Tiâmat ist die Hauptaufgabe der neuerstandenen Götter. Marduk (Merodach in der Bibel) löst die Aufgabe, er durchbort dem Ungetüm in Drachengestalt den Leib, zerschlägt den Leichnam in 2 Teile und

 

Aus ihrer einen Hälfte machte er das Himmelsdach,

schob Riegel vor (d. i. der Tierkreis), stellte Wächter hin (Tierkreisbilder),

ihre (der oberen Hälfte) Wasser nicht hinauszulassen befahl er ihnen. 49)

 

Dieser Götter-Kampf gegen die Tiamat, der zur Scheidung von Himmel und Erde führt, ist das Vorbild für menschliche Kämpfe gegen furchtbare Fluten, die auch zu Neuschöpfungen führen. Und die Gottesbarke, die zum Himmel emporsteigt, ist das Vorbild der Arche, die den bevorzugten Menschen in ein neues Leben hinüberrettet.

 

 

Einfügung: Noah schickt eine Taube aus der Arche. Mosaikfragment. Ende 12. Anfang 13. Jahrhundert. Venedig. Basilica di San Marco.

 

Und wohin geht die Fahrt?

 

 

Einfügung: Noahs Arche auf dem Berg Ararat. Teil des Triptychons Sündflut von Hieronymus Bosch. Rotterdam. Museum Boijmans Van Beunignen.

 

Ins Paradies.

 

 

Einfügung: Garten Eden: Linker Flügel des Triptychons von Hieronymus Bosch Garten der Lüste im Prado in Madrid.

 

So alt wie die Menschheit selbst scheint die Vorstellung von einem Gottesgarten zu sein mit wunderbaren Bäumen und Kräutern und für den Mesopotamier mit einem Wasser, das Leben und nicht Tod bringt. Aber zu diesem Garten des Lebens kann der Mensch nicht gelangen, es sei denn durch Hülfe der Götter oder -- des Zaubers. So ergaben sich für die Phantasie des Menschen drei Bilder: Wie sieht der Gottesgarten aus? Auf welchem Wege gelangt man dahin? Wie verschafft man sich die Macht, diesen Weg zu beschreiten? Und dieser Bilder hat die Menschheit sich bemächtigt, um sie nie wieder ganz fahren zu lassen, um in ihnen die schönsten Träume zu träumen, um durch sie zu den größten Torheiten und Freveln sich verleiten zu lassen. -- Naturgemäß kann der Zauberer auf zweifache Weise sich das Paradies zu eigen machen, entweder er bahnt sich den Weg dorthin, oder er schafft auf dieser Erde ein Abbild, das zweite als echter Schüler der Chaldäer, die die kosmische Ordnung auf dieser Erde nachkonstruierten. Sehen wir uns nun die Urbilder solchen Zaubers noch etwas näher an, damit wir sie später in ihren Abbildern wiederzuerkennen vermögen! Usener 50) hat in seiner geistvollen Untersuchung der verschiedenen Sintflutsagen nachgewiesen, daß die Grundlage für diese Vorstellungen das Erscheinen der Sonne über dem Ozean, das „Aufsteigen des Lichtgottes“ bildet, daß die mythische Auffassung der Gestirne als Barken, die noch bei den Gnostikern fortlebt, 51) das Fahrzeug schafft, in dem die Gottheit emporsteigt zur Götterwohnung oder auch menschlichen Wohnstätten sich naht, an denen sie sich einen Kultort gründen will. Das Schiff stellt sich primitive, mit der Schiffbauart noch wenig vertraute Anschauung in der Gestalt eines Kastens vor; vertreten wird es auch wohl durch einen Fisch, (Arions Delphin gehört auch hierher) und der Fisch hat dadurch in den religiösen Vorstellungen der Menschheit eine ungeheure Bedeutung gewonnen, bisweilen werden Schiff und Fisch auch miteinander verbunden, wie ja in der Sage das aut--aut manchmal zu einem et--et wird, auch eine Kuh tritt an die Stelle des Fahrzeuges. Deukalion, der Held der griechischen Flutsage, bedeutet nach Usener das „Zeusknäblein“. Δευϰαλίων ist nämlich eigentlich Patronymikon (Οὐρανίωνες (Homer) == Himmelssöhne, Ύπερίων == Sohn der Höhe) zu Δεύϰαλος, dann aber, wie das oft geschieht, diesem gleichgesetzt worden, Δεύϰαλος aber besteht aus Δεύς (== Ζεύς) und dem Deminutivsuffix ϰλο; so erhalten wir den kleinen Zeus 52) und für die Deukalionsage das im Kasten über die

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49) Zimmern l. c. p. 11. 13.

50) Die Sintfluthsagen untersucht von Hermann Usener Bonn 1899.

51) Usener p. 133.

52) Idem p. 58. 66.

 

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Flut gehobene Gotteskind. Ich kann nun diese interessanten Untersuchungen hier nicht weiter verfolgen, weil für meine Zwecke das Gesagte genügt. Nur eins will ich, da einmal vom Ursprung der Flutsage die Rede ist, zur Vervollständigung noch hinzufügen. Nach dem Bisherigen bleibt unaufgeklärt, wie sich mit der Vorstellung der Barkenfahrt die der großen Flut vereinigt. Usener hat auch hierfür eine ansprechende Erklärung: das Aufsteigen des neugeborenen Lichtes setzte man mit einer Flutwelle in Verbindung, die den Sonnenball wie mit einem Ruck emporzuheben scheint. 53) -- Und nun lade ich meine Leser ein, mit mir das Zauberschiff zu besteigen und über die Jahrhunderte hinweg sich tragen zu lassen in ein römisches Gefängnis, in dem der Zauberer Vergil vom Kaiser eingeschlossen ist. Wie unser Held eines Tages mit anderen Gefangenen im Gefängnishofe spazieren geht, nimmt er von einem Aschenhaufen eine Kohle und zeichnet damit ein großes Schiff an die Wand, dann fordert er die Gefangenen auf, mit ihm in das Schiff zu treten und auf und davon zu fahren, und wie sich einige im Scherze an die Wand vor das Schiff stellen, gibt er jedem einen Stock statt des Ruders in die Hand, nimmt selbst seinen Platz beim Steuer, gibt das Zeichen zum Rudern, und sobald die Gefährten zu rudern beginnen, hebt sich das Schiff in die Lüfte und fliegt mit ihnen davon nach Apulien. Da läßt Vergil den Anker auswerfen und landet an der Spitze eines Hügels. 54) Dasselbe Wunder ist schon früher vom Zauberer Heliodorus erzählt, der auf einer navis phantastica e virga laurea formata durch die Luſt fuhr, und später in einer süditalienischen Legende von Pietro Barliario. 55) Es ist wohl nicht zu gewagt, in diesem Zauberspuk eine Nachwirkung jener Sagen zu erkennen, aber ich gehe weiter, ich bringe auch die Zauberbrücke mit ihnen in Verbindung. Die Brücke ist des Zauberers schwerstes Werk. Daher nennt man auch kühn gebaute Brücken Teufelsbrücken. Goethe spielt in seinem Faust zweimal hierauf an. Teil I. v. 2369 sagt Mephistopheles: „Ich wollt indeß wohl tausend Brücken bauen“, und Teil II v. 10120. 21. sagt derselbe: „Mein Wandrer hinkt, an seiner Glaubenskrücke, zum Teufelsstein, zur Teufelsbrücke.“ Sie stellt auch durch die Luft den sicheren Weg zum Ziele der Sehnsucht dar. So baute Vergil zu einem Bilde, das er hoch in der Luft so angebracht hatte, daß es nicht fallen konnte, eine Brücke; und als er sich in des Sultans Tochter, von deren Schönheit er viel gehört, verliebt hatte, verfertigte er durch seine Kunst eine Brücke durch die Luft und ging hinüber zu ihr, dann entführte er die Braut nach Rom über dieselbe Brücke, so daß jene „über viele Länder hinwegging und sie doch nicht betrat und nur durch die Luft über die See ging.“ 56) Brücke und Schiff stehen ja, wenn es sich um Überschreiten von Gewässern handelt, in naheliegender Verbindung. Der Gott hat die Brücke nicht nötig, den Menschen trägt sie sicherer und bequemer als das schwankende Fahrzeug, und wenn dem Zauber möglich ist, Luftschiffe zu bauen, so gelingt ihm auch das noch Schwierigere und Kunstvollere. Das Luftschiff aber dürfte seine erste Entstehung doch wohl der babylonischen Vorstellung von dem den

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753) Idem p. 234.

54) Volksbuch vom Vergil p. 49. Compareti, Texte XIV.

55) Roth in Pfeiffers Germania IV. Comparetti-Dütschke p. 296. 97.

(Barliario) preso un piccolo carbone e disegnare

Incominciò una barca in quell' istante.

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La barca è presto in aria sollevata,

E se ne usci dalla prigione fuore --

Per l'aria se n'andava, o gran stupore,

E come l'aurora i raggi sparse

Ognun di quei trovossi alle lor case.

56) Volksbuch p. 27–29.

 

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Himmelsozean durchfahrenden Gotte verdanken. Heranzuziehen ist zur Erklärung noch die bekannte Himmelsleiter, die Jacob im Traum schaut. I. Mose 28.

 

 

Einfügung: Jakobs Traum von der Himmelsleiter in der St. Stephanikirche in Osterwieck

 

Ihr Vorbild ist der siebenstufige Planetenhimmel der Babylonier. Da nämlich nach dem Augenschein die sieben Planeten sich in sieben verschiedenen Entfernungen um die Erde bewegen, so zerfällt die Bahn, die sie am Himmel durchziehen, der Tierkreis, auch in 7 Teile und erscheint wie ein aus sieben übereinanderliegenden, nach oben sich verjüngenden Kreisstufen gebildeter Riesenturm. Er stellt den himmlischen Palast dar, dessen siebte Stufe in den obersten Himmel, in den Himmel des Gottes Anû führt. Und weil ja im Lande der Assyrier das irdische Weltbild ein Abbild des himmlischen ist, sind auch die Tempeltürme und die Paläste der Herrscher siebenstuſig gebildet worden, so daß jede Stufe einem Planeten geweiht war. Diese Anschauung ist dann in den Mithraskultus übergegangen, wie ja auch der stiertötende Mithras in ähnlicher Weise als Weltschöpfer galt wie der drachentötende Marduk. Man hatte in den Tempeln dieses Gottes eine Art von Leiter aus acht übereinandergesetzten Toren, von denen die ersten sieben aus sieben verschiedenen Metallen hergestellt waren, um symbolisch die 7 Sphären der Planeten und die achte der Fixsterne (des höchsten Himmels, des Wohnsitzes Anûs bei den Chaldäern) anzudeuten. Sprichwörtlich lebt dieser Glaube auch in unserm Volke, wenn es z. B. sagt: Sich im siebten Himmel befinden. Wenn aber sieben Stufen in den Himmel führen, so wird der Weg in die Hölle ebensoviel Absätze erfordern. Das hat sich Dante gesagt, wenn er die sieben Höllenstufen ausmalt. 57) Er konnte nicht wissen, daß in Istars Höllenfahrt sich das Vorbild hierfür findet. 58) Ferner gehört der Regenbogen als mythische Himmelsbrücke in diesen Zusammenhang, und vielleicht ist er in dieser Bedeutung auch schon den Babyloniern bekannt gewesen. Endlich sei noch angeführt, daß die Japaner den Himmel für einen ebenen Platz halten gerade oberhalb Japans, der mit dem letzteren durch eine Brücke in Verbindung steht. 60) -- Die Faustsage hat die Brücke in diesem Sinne fallen lassen, sie kennt nur den (von Drachen gezogenen) Wagen, der den Schwarzkünstler über Länder und Meere, in himmlische Höhen und in der Hölle Tiefen führt. 61) -- So viel über das Fahrzeug, auf dem die Fahrt von statten geht! Ihr Ziel, sagte ich, ist das Paradies. Das bedarf noch einer Berichtigung. Nach der ältesten babylonischen Überlieferung kommt der Held der Flutsage zum Wohnsitz der Götter selbst. Berosus 62) hat hier die ursprünglichste Form der Sage bewahrt. 63) Er erzählt, Xisuthros habe auf die Frage, wohin die Fahrt, zu der der rettende Gott ihn veranlaßt, gehe, zur Antwort erhalten: „Zu den Göttern, um für die Menschheit Gutes zu erflehen.“ -- Als dann das Schiff an einem Berge aufgelaufen sei, sei er samt denen, die mit ihm ausgestiegen waren, entrückt worden. Die anderen hätten ihn, da er nicht wieder eingestiegen, gesucht und bei Namen gerufen. Xisuthros aber sei ihnen selbst nicht mehr vor Augen gekommen, doch sei eine Stimme aus der Luft erschollen, sie sollten gottesfürchtig sein, denn auch er verdanke es seiner Frömmigkeit, daß er nun gehe, mit den Göttern zusammenzuwohnen, und diselbe Ehre sei seinem Weib und seiner Tochter und dem Steuermann zu teil geworden. 64) Josephus erwähnt,

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57) Winckler l. c. p. 37. Jeremias, D. A. T. p. 234. p. 11. 12, Roscher, Lexicon der griech. und röm. Mythologie. II. p. 3057.

58) Teil I p. 14. Lenormant p. 177.

59) Jeremias p. 144.

60) Lauterer, Japan. Das Land der auſgehenden Sonne sonst und jetzt. Leipzig 1903. p. 9.

61) Faustbuch p. 24. 25.

62) Berosus war ein Priester des Marduktempels in Babylon ca. 275 a. Chr., von dessen drei Büchern babylonisch-chaldäischer Geschichten namentlich bei Josephus und Eusebius wichtige Fragmente erhalten sind.

63) Eusebius chron. I p. 19-24 Schoene, Usener l. c. p. 259.

64) Usener p. 13. 14.

 

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nebenbei bemerkt, einen Bericht dieses Berosus, auf dem Berge der Cordyäer in Armenien sei noch ein Rest der Arche vorhanden. Von dem holten sich die Leute Teer, den Sie als Amulett zur Abwehr von Übeln verwendeten. 65) -- Anders lautet der keilinschriftliche Bericht. 66) Utnapistim erzählt Gilgames:

 

Er (der Gott Bel) ergriff meine Hand, führte mich hinauf (aufs Ufer),

Er führte mein Weib hinauf und ließ sie niederknieen an meiner Seite,

er faßte uns an (?), indem er zwischen uns trat und uns segnete:

„Vormals war Ut-napistim ein Mensch,

nunmehr sollen Ut-napistim und sein Weib geachtet werden, wie wir Götter selbst.

Wohnen soll Ut-napistim in der Ferne an der Mündung der Ströme.“

Da brachten sie mich in die Ferne, an der Mündung der Ströme ließen sie mich wohnen.

 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß hier die „entrückten“ Menschen an einer vom Wohnsitz der Götter unterschiedenen Stätte angesiedelt werden; das Paradies wird vom Himmel getrennt. Aber auch das kann der Sagenkritik nicht zweifelhaft sein, daß die letztere Form die jüngere ist, aus einem äußeren und einem inneren Grunde, weil die Vorstellung von einem besonderen Aufenthaltsorte der Seligen die herrschende geblieben ist und weil die Differenzierung zwischen Gott und Mensch in den Vorstellungen der Menschheit zunimmt. Usener bezeichnet die jüngere Auffassung als eine Abschwächung und Verflachung, wie sie im Gefolge dichterischer Behandlung eintreten konnte. Aber auch der keilinschriftliche Bericht hat die Spuren der ursprünglichen Vorstellung noch nicht ganz verwischt, denn er spricht zweimal von einem Versetztwerden in die Versammlung der Götter. 67 Wenn nun die Vorstellung vom Paradiese aus Babylonien stammt, so ist damit zugleich erwiesen, aber auch durch Einzelheiten noch zu belegen, daß der Zauberglaube, der diese Ideen in seiner Weise ausgestaltet, in letzter Linie dorthin zurückweist. Welches ist nun diese Ausgestaltung? Die Grundidee, daß das Leben im Paradiese der Lohn für Frömmigkeit ist und ein ewiges Leben in sich schließt (ich erinnere in letzterer Beziehung an das Lebenswasser, den Lebensbaum und das damit verwandte Lebenskraut), tritt natürlich in der schwarzen Magie zurück, es bleibt nur die künstliche Verjüngung des Menschen, die ihren Ursprung auch in der keilinschriftlichen Literatur hat, denn ideogrammatisch ist der Name für das Zauberkraut: „Obwohl Greis wird der Mensch wieder jung.“ 68) In der Vergilsage sehen wir diese Vorstellung beim Tode des Helden verwertet und daß Goethe seinen Faust durch Zauber, wenn auch nicht in der gewöhnlichen Weise, verjüngen läßt, ist bekannt. 70) Eine Abschwächung der Verjüngungsidee ist es, wenn der Zauberer in einer Art von Wundergarten Heilkräuter zieht. In diesem Falle berühren sich die beiden bei den Chaldäern kaum zu trennenden Wissenschaften der Astrologie und der Medizin. Mehr aber hat die Ideallandschaft als Abbild des auf der Erde lokalisierten Paradieses von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart die Phantasie des Menschen beschäftigt. Glühende Schilderungen der Dichter, glänzende Beschreibungen der Reisenden führen ihr stets neuen Stoff zu, und der Wirklichkeit einen Abglanz des Idealgemäldes zu verleihen, die Wunder verschiedener Länder

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65) Josephus, Antiquitates Iudaicae I, 3, 6: λέγεται δὲ ϰαὶ τοῦ πλοίου ἐν τῇ ᾿Αρμενίᾳ πρὸς τῷ ὄρει τῶν Κορδυαίων ἔτι μέρος τι εἶναι ϰομίζειν τινὰς τῆς ἀσφάλτου ἀφαιροῦντας. Χρῶνται δὲ μάλιστα οἱ ἄνϑρωποι τῷ ϰομιζομένῳ πρὸς τοὺς ἀποτροπιασμούς.

66) Jeremias p. 129. 30. P. 94.

67) Usener p. 259.

68) Jeremias p. 100.

69) Teil I p. 10.

70) Minor, Goethes Faust I p. 318.

 

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in einem Raume zu vereinigen, wie sollte es der Mensch nicht wieder und wieder versuchen? Wenn aber gar Zauberkunst dem Himmel seine Vorzüge zu entreißen vermag, wird nicht die Schaffung eines dem Paradiese ähnlichen Gartens eine ihrer Hauptaufgaben sein? Im einzelnen ist dies Bild nach Völkern verschieden, gewisse dem Paradiese entnommene Hauptzüge bleiben. Dem Orientalen bildet die Pracht der Metalle und Edelsteine einen notwendigen Bestandteil des Zaubergartens. Ich erinnere, um über Babylon gleich einen Schritt hinaus zu gehen, an Ezechiel 28, 13: In Eden, dem Gottesgarten, warst du; lauter Edelsteine waren deine Decke: Karneol, Topas, Jaspis, Chrysolith, Onyx, Saphir, Rubin u. s, w. 71) In irgend einem Zusammenhange steht hiermit eine Schilderung in „Tausend und eine Nacht“. Abu Mohammed der Faulpelz gelangt durch Hilfe von Dschinn in die kupferne Stadt, wo er das ihm verheißene Mädchen auf einem goldenen Stuhle sitzend findet, „Rings herum befand sich ein Garten mit goldenen Bäumen, deren Früchte aus kostbaren Edelsteinen, wie Hyacinthen, Chrysolithen, Perlen und Korallen bestanden.“ 72) -- Den Occidentalen begeistert mehr der Gedanke, im Winter des Sommers Reize genießen zu können, aus Schnee und Eis unter Blumen und Früchte sich versetzt zu sehen. „In Frioli (Friaul), paese, quantunque freddo, lieto di belle montagne“ spielt eine Geschichte des großen Erzählers Boccaccio. Madonna Dianora verlangt von messer Ansaldo, daß er ihr im kommenden Monat Januar bei ihrem Wohnsitz einen Garten voll grüner Kräuter, Blumen und fruchttragender Bäume schaffe, nicht anders aussehend als wenn es Mai wäre. Er wendet sich in seiner Not an einen Schwarzkünstler, und dieser zaubert in der Nacht vor dem ersten Januar „essendo i freddi grandissimi et ogni cosa piena di neve e di ghiaccio“ auf einer der Stadt benachbarten schönen Wiese den verlangten Garten, der aber nach drei Tagen wieder verschwand, 73) Ein ähnliches Kunststück des Albertus Magnus erwähnte ich schon im Eingang des ersten Teiles meiner Abhandlung. 74) Von Vergil nun erzählt schon Gervasius v. Tilbury, 75) er habe auf dem Monte Vergine einen Garten angepflanzt, in welchem alle heilkräftigen Kräuter wuchsen, z. B. das Kraut Lucia, welches blinde Schafe sehend macht. 76) In dieser ältesten Form der Sage tritt das Medizinische noch in den Vordergrund, in der weiteren Ausgestaltung finden wir auch den Lustgarten. Im deutschen Volksbuche 77) lautet die Überschrift des betreffenden Abschnittes: „Wie Virgilius einen Baumgarten machte bei dem allerschönsten und lustigsten Springbrunnen, der je gesehen ward.“ Diese Überschrift ist insofern bedeutungsvoll als sie die bleibenden Hauptzüge des Zaubergartens hervorhebt. Die Lebensbäume und das Lebenswasser des Paradieses sind der Grundstock; hinzutreten in Vergils Baumgarten wie sonst alle Arten zahmer Tiere, die den Menschen nützen, und lieblich singende Vögel. Auch die Unzugänglichkeit teilt dieser Garten mit dem himmlischen, von unbeweglicher Luft ist er wie von einer Mauer umschlossen, so daß man draußen den Gesang der Vögel hörte, die drinnen sangen, niemand aber hineinzukommen vermochte. Der poetische Glanz der Schilderung ist nicht über diese Machwerke wüsten Zauberglaubens ausgegossen, er blendet uns in den romantischen Dichtungen eines Bojardo, Ariosto, Tasso, die sich überbieten in farbenreichen Gemälden paradiesischer Gärten. Am bekanntesten ist des letzten Zaubergarten der Armida, aber wichtiger

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71) Jeremias pp. 99.

72) Ausgabe bei Reclam, Bd. III. p. 38. Zu vergl. auch Weil, Bibl. Legenden, p. 76, wo Abraham die Tochter Nimrods durch das Feuer hindurch ganz behaglich in einem blühenden Garten sitzend erblickt

73) JI Decameron. X, 5.

74) p. 1. A. 2.

75) Teil I p. 31. 32.

76) Comparetti-Dütschke Ähnlich in dem altfranz. Gedichte L'image du monde, Comparetti, Texte IV, 6.

77) Somrock p. 26. 27.

 

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für unsere Untersuchung des ersten Garten der Medusa. 78)

 

 

 

Einfügung: Gorgons Meduse (sog. Medusa Rondanini). Römische Kopie des Medusakopfes auf dem Schild der Athene-Statue im Parthenon. (ca. 438 v. Chr.) Marmor. Glyptothek München.

 

Zu Grunde liegt dasselbe Motiv wie in Boccaccios Novelle; um Tisbinas Liebe zu erringen, übernimmt Prafild die unmöglich scheinende Aufgabe, die sie ihm stellt. Sie spricht:

 

XII, 26, 5. Ein Garten liegt, von eisernem Gemäuer

6. Umhegt, jenseits des Walds der Barbarei.

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27, 3. Ein hoher Baum steht mitten in dem Orte,

4. Der schnellste Pfeil fliegt nicht so hoch empor

5. Des Baumes Wert geht über alle Worte,

6. Denn Perlen streut er aus im Blütenflor

7. Den Baum des Schatzes nennt ihn das Gerüchte;

8. Die Zweige sind von Gold, Smaragd die Früchte.

28, 1. Von diesem mußt du einen Zweig mir bringen.

 

Der Dichter läßt seinen Helden glücklich zum Ziele gelangen -- da heißt's:

 

38, 1. Dem Paradiese scheint der Ort zu gleichen,

2. So grünt und blüht der Garten hold und mild! --

 

und auch den verlangten Zweig vom goldenen Baume brechen. Dieser Zweig ist offenbar ein Ableger von dem goldenen Zweige, der Äneas die Pforten der Unterwelt öffnet. 79) Bezeichnend ist noch, daß Prafild die Geliebte in Babylon kennen lernt. -- Auch in die Gralsage spielen die Paradiesvorstellungen hinein, der Gral erinnert an den Edelstein des Paradieses, der zugleich mit Adam auf die Erde gefallen sein soll, an den schwarzen Stein in der Kaaba zu Mekka, an den „Stein der Weisen“, das Symbol der Befriedigung alles Wissensdurstes, 80) in der wiederum die Faustidee gipfelt. Doch ich habe hier die Vorstellung nicht in ihren verschiedenen Verzweigungen zu verfolgen, sondern sie nur klarzustellen als die in Babylon erwachsene Grundlage der wichtigsten Vergil- und Faustsagen. Über den Zaubergarten in den letzteren bin ich noch die Auskunft schuldig. Wir finden hier wieder den Wintergarten. Das älteste Faustbuch erzählt, im Dezember, um den Christtag, im neunzehnten Jahre seiner Verschreibung an den Teufel, als viele Frauenzimmer ihre studierenden Verwandten in Wittenberg besucht hätten, habe Faust Herren und Damen eine Gasterei in seinem Hause gegeben. „Als sie nun erschienen, da begab sich in D. Fausts Garten ein herrlich und lustig Spectacul, dann es war in seinem Garten kein Schnee zu sehen, sondern ein schöner Sommer, mit allerley Gewächß, daß auch das Graß mit allerley schönen Blumen daher blühet und grünet. Es waren auch da schöne Weinreben, mit allerley Trauben behengt, deßgleichen rohte, weiße, und Leibfarbe Rosen, und ander viel schöne wolriechende Blumen, welches ein schönen herrlichen Lust zusehen und zuriechen gabe.“ 81) Der holländische Übersetzer fügt hinzu, habe einer eine Traube anfassen wollen, so sei dies die Nase des Nachbars gewesen. 82) Wer denkt da nicht an die tolle Spukszene in Auerbachs Keller? Goethe hat dieses Motiv irgend einem der zahlreichen damals im Umlauf befindlichen Zauberschwänke der Faustsage entnommen. Dadurch steht ja diese Szene in der

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78) Der Garten heißt so, weil eine Zauberin den Baum bewacht mit Namen Medusa, die, ihrer mythologischen Vorgängerin ähnlich, den, der sie erblickt, der Vernunft und Sinne beraubt. „Doch, muß sie selbst ihr eignes Antlitz schauen, vergißt sie jenen Schatz und flieht voll Grauen.“ Daher wappnet sich Prafild gleich Perseus mit einem Spiegelschilde, den er ihr entgegenhält.

79) Vergil, Aeneis VI, 135 ff.

80) Nover, Deutsche Sagen II, Gralsage und Parcival p. 4-6, auch p. 76.

81) l. c. 55. p. 103.

82) Düntzer l. c. p. 190. A. 205. a.

 

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Dichtung einzig da, daß in ihr das Schwankhafte Verwendung findet. 83) -- Zur vollständigen Lösung meiner Aufgabe würde es gehören, die verschiedenen Erzählungen der Vergil- und Faustsage in Gruppen zu sondern, von denen eine die Schwankartigen in sich begreifen würde, vorläufig muß ich aber darauf verzichten. Nur zur Probe seien zwei Geschichtchen aus den beiden Kreisen nebeneinandergestellt. Als Vergil aus der Gefangenschaft des Kaisers entflohen ist, läßt er durch seine dienstbaren Geister von der kaiserlichen Tafel einige Schüsseln mit Braten und gesottenen Hühnern herbeiholen. Der Kaiser sieht die Leckerbissen vor seinen Augen verschwinden und spricht zu seinen Hofleuten: „Das hat kein anderer als Vergilius getan.“ 84) -- Faust kommt auf seiner dritten Weltfahrt auch nach Rom und hält sich drei Tage und Nächte unsichtbar im Palaste des Papstes auf. Außer anderen Possen, die er ihm spielt, hebt er, wie die letzten Gerichte auf die Tafel kommen, seine Hand auf, alsbald fliegt ihm alles in die Hand, er verschwindet damit auf einen Berg zu Rom, Capitolium genannt, und verzehrt es mit Behagen. Damit aber auch der Wein zum Mahle nicht fehle, läßt er durch seinen Geist den besten Wein samt den silbernen Bechern von des Papstes Tafel holen. Dieser aber glaubt, eine verdammte Seele habe die Bosheit verübt, und läßt mit allen Glocken läuten und Fürbitte tun für die verstorbene Seele. 85) Wie ähnlich sind sich diese Zauberpossen, und doch wie bedeutsam unterscheiden sie sich! Dort wird der Kaiser beraubt, hier der Papst, jener erkennt sofort den Urheber des Streiches, dieser läßt sich täuschen, jenem will der Zauberer zeigen, daß seine Macht doch größer ist als die des Kaisers, der ihn gefangen setzen ließ, diesen verspottet der Sohn der Hölle: Mittelalter und Reformationszeitalter reichen sich die Hand, um doch sofort wieder ihre eigenen Wege zu gehen. Fast den Charakter einer christlichen Legende oder eines indischen Märchens trägt eine Tat, die Vergil auf derselben Flucht ausgeführt haben soll. Ein Bauer nimmt ihn freundlich auf, kann ihm aber nicht einmal ein Stück trockenen Brotes anbieten. Da heißt ihn V. Weintrauben, die er unterwegs gepflückt, in eine Tonne legen und Wasser darauf gießen. Als sie dann das Tönnchen anzapfen, fließt der köstlichste Wein heraus. Beim Scheiden läßt er seinem Wirte das angenehme Faß mit der Verheißung, es werde nie leer werden, so lange er nicht hineinschaue. Der aber kann schließlich, nachdem er eine Weile am unerschöpflichen Stoff sich erfreut, die Neugier nicht bezähmen, er sieht hinein, und von Stund an versiegt das Faß. 84) Die letzten Züge verraten deutlich die indische Heimat. -- In solches Milieu der Zauberposse aber hat uns Goethe einmal auch führen wollen, um von da aus seinen Helden die Weltreise antreten zu lassen. In der Weltreise der Sagen erblicke ich auch eine Abblassung der Idee von der Fahrt ins Paradies. Eine Art von Beweis dafür ist außer der inneren Wahrscheinlichkeit, daß Mephostophiles in den Faustbüchern seinen Herrn, nachdem er ihn über alle Teile der Erde geführt, von ferne das Paradies schauen läßt. Vier große Wasser entspringen da, eins gegen Indien zu, das andere gegen Ägypten, das dritte und vierte gegen Armenien. Und Mephostophiles belehrt seinen Zögling, daß das ein Garten sei, den Gott gepflanzt hätte, mit aller Lustbarkeit, und die feurigen Ströme wären die Mauer, die Gott darum gelegt, den Garten zu verwahren. Daher „kann weder ich, noch du, noch kein Mensch dazu kommen.“ 86) Die 4 Flüsse, unter denen auch Euphrat und Tigris genannt werden, sind natürlich eine Reminiszenz aus I. Mose 2, 10. 11, die 4 Paradiesesströme aber haben in Israel und Babylon kosmischen Ursprung wie das Paradies selbst, man hat an die Milchstraße mit ihren 4 Armen

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83) Düntzer l. c. p. 202. 3. Minor, Goethes Faust I, p. 17. 18.

84) Simrock p. 49. 50.

85) Faustbuch von 1587 p. 59. 60.

86) Faustbuch p. 68. 69. Andere Paradiesfahrten erwähnt Kiesewetter p. 209, Über Zaubermantel und Ähnliches wird später gehandelt werden.

 

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gedacht. 87) – Also die Weltfahrt ist auch hervorgegangen aus der Paradiesfahrt, 88) ihr herrlichstes Ziel pflegt der Orient zu sein, nicht selten geradezu Babylon, und im Orient lag doch das Paradies, wenn es irgendwo auf Erden lag. Wo lag das Paradies? frage ich noch einmal, um dem Monde meine Aufmerksamkeit zuzuwenden, den ich bei der Frage oben schon kurz erwähnte. Vergil sagt in der Aeneis VI, 886. 87: -- Sic tota passim regione vagantur, (die Seelen derer, die zu neuem Dasein geboren werden sollen) aëris in campis latis. -- Zu diesen aëris campi bemerkt schon Servius: locutus est secundum eos qui putant Elysium lunarem esse circulum. Daß diese Erklärung die richtige, beweist Norden in der Einleitung zu seinem Vergilkommentar. 89) Zwar vermag man Beläge für diesen Glauben nur aus ziemlich später Zeit beizubringen, z. B. Porphyrius (Neoplatoniker des III. Jahrh. n. Chr.) bei Stobäus, eclogae physicae et ethicae I, 14, 61: ᾽Ηλύσιον μὲν πεδίον εἰϰότως προσειπὼν τὴν τῆς σελήνης ἐπιφάνειαν (Oberfläche), und Plutarch, derr mehrfach davon spricht), quaestiones Romanae 76: μεττὴν τλευτὴν αὖϑις αἱ ψυχαὶ τὴν σελήεν ὑπὸ πόδας ἕξουσιν. Auch Cicero, Somnium Scipionis 16: (Qui iustitiam et pietatem coluerant,) illum incolunt locum, quem vos, ut a Graiis accepistis, orbem lacteum (Milchstraße) nuncupatis. Aber Norden macht mit Recht geltend, daß wir die Zwischenstufen zwischen dem alten Volksglauben und den Neuplatonikern bei anderen Ideen nachzuweisen vermögen, sie also hier konstruieren können. Und wenn Erwin Rohde meint: 90) „Die Emporhebung des Seelenreiches in das Luftmeer ist unter Griechen überall Ergebnis verhältnismäßig später Spekulation. Man könnte sogar fragen, ob nicht bei der Versetzung des Okeanos (== Milchstraße?) an den Himmel ägyptische Einflüsse eingewirkt haben. Den Ägyptern ist ja der Nil am Himmelsgewölbe ganz geläufig“, so bedenkt er doch wohl nicht, daß, wie wir oben sahen, die Ägypter hierin allein stehen, die allgemeine orientalische Anschauung von dem Himmelsbilde ausgeht. Die „Insel der Seligen“ ist also der Mond, der im Himmelsozean schwimmt, oder die oberste Grenze der atmosphärischen Luftschicht unter dem Monde (Norden). 91)) Aus dieser Tatsache allein erklärt sich aber schon die gewaltige Rolle, die der Mond von jeher bei allem Zauberspuk gespielt hat. Zunächst ist es selbstverständlich, daß, wenn die Seelen der Verstorbenen auf dem Monde wohnen, man sie von dorther beschwor und diese Beschwörungen bei Neu- oder Vollmond vornahm. Die Nekromantie -- aus diesem Worte ist durch Volksetymologie Nigromantie entstanden -- schreibt ihren Ursprung auch aus Babylonien her. 92) Über Entstehung und Verbreitung dieses Aberglaubens hier zu handeln muß ich mir versagen. Die erste literarische Erwähnung ist das Verbot V. Mose 18, 10. 11: „Daß nicht unter dir gefunden werde, der die Toten frage.“ 93) Als Zweck erscheint die Erkundung der Zukunft. In der Vergilsage kommt dieser Zauber nicht vor und in der Faustsage nur in der abgeschwächten Form des Kunststücks, das zur Belustigung von Fürsten, sonstigen hohen Herren und Studenten ausgeführt wird; erinnnert sei nur daran, daß Faust dem Kaiser Karl V. Alexander d. Gr. und dessen Gemahlin erscheinen läßt. Diese Erscheinungen sind wohl so aufzufassen, daß Teufelsgeister die Gestalt der betreffenden Personen annehmen. 94) -- Wie eng aber der Mond mit allem Zauberwesen verbunden ist, erkennt man daraus,

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87) Jeremias p. 103

88) Es iat allerdings nicht zu überzehen, daß indische Reisemärchen mit hineinspielen.

89) p. 23. 24. vgl. Roscher, Lexicon II p. 3186. 7

90) Psyche, 2. Aufl. Freiburg i. B. 1898. II p. 122. A. 2.

91) Wenn Norden in den Worten des Silius Italicus, Punica XIII. 557: admoto splendet ceu sidere lunae eine gelehrte Anspielung sehen möchte, so ist das doch wohl zu weit gegangen.

92) Lenormant 513. 516.

93) Eine Art Geschichte der Nekromantie gibt Düntzer l. c. p. 159 A. 130.

94) Düntzer p. 159.

 

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daß die griechische Mondgöttin Selene mit der Zaubergöttin Hekate identifiziert ist. Sodann haben wir oben aus den babylonischen Mythen erfahren, daß man den Mondgott von Dämonen angegriffen glaubte, eine Vorstellung, die bei fast allen alten Völkern nachgewiesen ist, nur bisher noch nicht bei den Griechen, wenn man nicht die Ausdrücke πάϑος, παϑεῖν, die sie von den Mondverfinsterungen gebrauchen, als einen Beweis ansehen will. (z. B. Arrians Anabasis III, 7, 3: ἐδόϰει πρὀς ᾿Αλεξάνδρου εἶναι (für A. von Vorteil zu sein) τῆς δελήνης τὸ πάϑημα). Die Mondfinsternisse hatten für die wahnbefangenen Menschen des Altertums etwas Grausiges, sie schienen Unglück zu künden, und da man zauberkundigen Menschen die Macht zuschrieb, Zwang auszuüben auf die Himmelsmächte, so stellte man sich die Erscheinung als ein Herabziehen des Mondes durch Zauberer auf die Erde vor. Das ist das in der griechischen Literatur so häufig vorkommende ϰαϑαιρεῖν. Durch die erzwungene Gegenwart der Zaubergöttin sollte der Zauber recht wirksam gemacht werden. 95) Auch die Hörnern gleichenden Sicheln und das Gesicht im Monde, über das Plutarch (in den sogen. Moralia) eine Abhandlung geschrieben hat, sind Anlaß zu mancherlei Sagen gewesen. Ganz besonders aber drängt sich mir die Vermutung auf, daß der Zauberspiegel der Magiersagen ein Ersatz für den Mond ist, das Operieren mit ihm eine Abschwächung des Herabholens des Mondes. Sehen wir zunächst, wozu der Zauberspiegel dem Schwarzkünstler dient! Eine Verwendung haben wir schon kennen gelernt bei dem Ritter, dem Vergil das Leben rettet (p. 6. 7.) Dieselbe Geschichte wird im 102ten Kapitel der Gesta Romanorum von einem unbenannten „Meister“ erzählt und trägt wie alle Erzählungen dieses Fabelbuches den moralisierenden Charakter. Der Zauberspiegel ist hier ein bloßer Sittenspiegel, der Verbrechen offenbart. Ganz anders verwendet ihn Goethe in der Hexenküche, wo er Fausts sinnliche Begierden durch den Anblick eines herrlichen Frauenleibes erweckt werden läßt. Hier haben wir eine Art Prophezeiung, und das ist die wahre Bedeutung der mittelalterlichen Katoptromantie (Wahrsagung durch den Spiegel). 96) Die magische Wirkung des Lichtes, wenn es Abbilder der Körper hervorzaubert, hat die Phantasie des Menschen gewaltig erregt und seinen Nachahmungstrieb in Tätigkeit gesetzt. Wenn nun aber das Licht der Nacht, der Mond, schon weil alles, was in der dem Menschen unheimlichen Nacht geschieht, spukhaſt erscheint, aber auch aus anderen oben erwähnten Gründen, Zauberkraft zu besitzen schien und besonders zur Wahrsagung herangezogen wurde, so ist der Schluß wohl nicht zu gewagt, daß man durch künstliches Spiegellicht die vermeintlichen Wirkungen des Mondlichtes zu erzielen versuchte. So ist auch die Salvatio Romae, von der im ersten Teile meiner Abhandlung die Rede war, zu einer hohen Säule mit einem Spiegel abgeschwächt worden 97) und in ähnlicher Weise von einem Spiegel auf der Spitze des Leuchtturmes von Alexandria gefabelt, in welchem man bis auf 500 Parasangen (== 2750 Kilometer) alle Kriegsschifte, die sich Ägypten näherten, vorher sehen konnte. 98) Betrachtet man das von Roscher in seinem Artikel über die Mondgöttin herangezogene Vasenbild, auf dem zwischen zwei Zauberinnen eine Art Säule steht mit einem kreisförmigen Spiegel, der einen Frauenkopf zeigt, so möchte man fast glauben, solche Abbildungen hätten den Anlaß gegeben zu Erzählungen von der Art der letzten beiden. Ein eigentümliches Spiel, das der Scholiast zu Aristophanes Wolken v. 749 beschreibt, zeigt auch, wie Vollmond und Spiegel in

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95) Roscher, Lexicon II p. 3163-67.

96) v. d. Hagen, Gesamtabenteuer Bd. III. p. CXXIX ff., der auch an den Spigel des Priezters Johannes in Indien erinnert, zu dem Parzival mit dem Gral kommt (Nover l. c. p. 76. 77). -- Kiesewetter, p. 461 ff. Minor l. c. p. 322-24. -- Ähnlich ist die Kristallseherei, von der auch Goethe in der Szene „Vor dem Tore“ Gebrauch macht. Das eine Bauernmädchen sagt von der Hexe: „Sie ließ mich zwar in Sankt Andreasnacht den künft'gen Liebsten leiblich sehen“, und die andere erwidert: „Mir zeigte sie ihn in Kristall“.

97) Teil I p. 27. 30 nebst A. 87

98) Comparetti-Dütschke p. 56. 57.

 

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enge Beziehung gesetzt wurden. Bei Vollmond Schreibt man mit Blut etwas auf einen Spiegel, hält diesen gegen den Mond, läßt dann einen andern hinter den Spiegel treten und starr in den Mond sehen, dann vermag der letztere alles auf dem Spiegel Geschriebene zu lesen, wie wenn es auf dem Mond geschrieben stände. - Eine Anwendung der Katoptromantie muß ich zum Schluß noch erwähnen, ich möchte sie Regentenschau nennen. Von Katharina von Medici wird erzählt, sie habe ihren Spiegel über die künftigen Regenten Frankreichs befragt, da seien ihre Söhne sovielmal erschienen, als sie Jahre regierten, dann sei der Herzog Heinrich v. Guise wie ein Blitz vorübergegangen, und endlich habe sich Heinrich von Navarra mehr als zwanzigmal präsentiert. 99) Unwillkürlich muß man dabei an die Hexenszene in Shakespeares Macbeth Akt IV denken. Der Zauberkessel sinkt. Hoboen lassen einen Marsch ertönen. „Erscheint!“ ruft jede der drei Hexen, und der Chor fügt hinzu: „Wie Schatten kommt und schwindet so!“ Da erscheinen nacheinander 8 Könige, der achte, deinen Spiegel trägt, ist Banquo; dieser Spiegel aber zeigt noch viele, das sind Banquos Nachkommen auf dem englischen Throne („Selbst König nicht, doch Könige zeugst du“ war Banquo prophezeit). -- Und nun das Gegenstück, die „Heldenschau“ in Vergils Nekyia (Äneis VI, 756-887)! Da zeigt Anchises dem Äneas die Seelen seiner Nachkommen bis auf Augustus, und den Marellus, dem der berühmte Vers gilt: ostendent terris hunc tantum fata nec ultra esse Sinent. Der Dichter hatte auch hier eine Prophezeiung nötig wie auf dem Schilde, den Mutter Venus dem Helden überbringt; wie sollte dieselbe aber mit der Totenbeschwörung, resp. der ϰατάβασις verbunden werden? Beschworen oder in der Unterwelt selbst geschaut können doch nur die Seelen Gestorbener werden. Aus dieser Schwierigkeit findet Vergil einen eigentümlichen Ausweg, er läßt die Scheinkörper der Seelen, die zur Rückkehr in einen menschlichen Körper bestimmt sind, an dem Reinigungsorte 100) bereits die Gestalt und den Charakter ihres künftigen Erdendaseins tragen. 101) Was also der Zauberspiegel in so unwahrscheinlicher Weise der Volksvorstellung bietet, nicht nur die Gestorbenen wiedererscheinen, sondern noch nicht Geborene vorher erscheinen zu lassen, dazu benutzt der Dichter Vergil in noch unwahrscheinlicherer Weise die Idee der Präexistenz der Seele vor dem irdischen Dasein, er macht gewissermaßen aus den εἴδωλα ϰαμόντων Homers, den Schattenbildern derer, die des Lebens Mühe getragen haben, εἴδωλα ϰαμουμένων, Schattenbilder derer, die des Lebens Mühe erst noch tragen sollen. Und das alles hat der Mond die Menschen gelehrt; das freundliche Gestirn, das das Dunkel der Nacht erhellt, soll auch das Dunkel des Menschendaseins, die Zukunft erhellen. -- Doch es wird Zeit, daß wir aus dem „Lande des einstigen Paradieses“ 102) scheiden. Was nehmen wir mit? Vor allem, hoffe ich, die Überzeugung, daß der Dualismus von guten und bösen Geistern, sowie die Vorstellung einerseits eines Mittlers,des Schützers und Retters gegenüber den bösen Geistern, andererseits des Zauberers, der die Menschen den bösen Geistern zuführt, 103) daß diese Deisidaimonie mit allen ihren Anhängseln im Lande der Sumerier ihren Ursprung gehabt hat, soweit wenigstens die Fackel menschlicher Forschung bis jetzt das Dunkel der Vergangenheit zu durchleuchten vermocht hat. Hier zuerst scheint in der Menschheit sich die Geistesart ausgebildet zu haben, die ein neuerer Philosoph mit folgenden Worten charakterisiert: „Gibt es in der Natur göttliche Kräfte, warum soll der Mensch

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99) Kiesewetter p. 462.

100) Teil I p. 14. 15.

101) Norden l. c. p. 46.

102) Titel einer der neusten Schriften Delitzschs. Stuttgart 1903. Es ist eine Reisebeschreibung.

103) Scherr, Geschichte der Weltliteratur, 10 Aufl. Bd. I p. 336 sagt sehr schön: „Wie die legitimen Wundertäter, die Heiligen, nach unmittelbarer Verbindung mit der Quelle aller Wunder, mit Gott, strebten, so die illegitimen, die Zauberer und Zauberinnen nach Verbindung mit dem Teufel als dem Chef alles Zaubers. Daher die Idee eines förmlichen Bündnisses mit dem Fürsten der Finsternis. Das Bündnis war die Basis der sogenannten schwarzen Magie.

 

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sie nicht gewinnen können? Wenn er sie gewinnt und in sich wirksam macht, so wird er ein Magus.“ 104) Ich brauche dabei nicht auf die große Streitfrage der Gelehrtenwelt einzugehen, wieweit das, was die Babylonier mit andern Völkern gemein haben, auf literarischer Entlehnung oder mündlicher Übertragung oder spontaner Entstehung (Menschheitsgedanken) beruht; denn einmal genügt für meine Zwecke die Tatsache, daß die Vorstellungen, um die es sich zumeist dabei handelt, im Zweistromlande zuerst sicher bezeugt auftreten und von da aus am besten ihre Erklärung finden, sodann legen die Zauberer selbst oft genug Zeugnis ab von ihrer Urheimat, deren sie sich stets bewußt geblieben sind. 105) Chaldäisch ist von altersher der Name für das Zauberhafte. Der Volksname kommt eigentlich einem südlich von Babel ansäßigen semitischen Stamme zu und ist dann wohl auf die semitischen Babylonier übertragen worden. 106) Bei den Römern bezeichnen Chaldäer geradezu Sterndeuter, 107) und von der ganzen Gewalt des Wortes babylonisch mag uns eine Stelle aus „Tausend und eine Nacht“ überzeugen, an der von babylonischen Augen im Sinne von verführerischen gesprochen wird. 108) Diese babylonischen Augen haben es den ängstlich nach Licht im Dunkel des Lebens suchenden Menschen der Vorzeit angetan, sie tun es heute den Männern an, die mit der Leuchte ernster Wissenschaft dem gleichen Ziele zustreben.

 

Indien die Heimat der Märchen.

 

Nach dem im vorigen Abschnitt über den Dualismus in der sumerischen Religion Gesagten wird es nicht auffallen, wenn ich Persien keine eingehende Betrachtung widme. Zwar behauptet Plinius, 109) die trügerische Wissenschaft der Magie sei ohne Zweifel in Persien durch Zoroaster entstanden. Aber das ist ein Irrtum. Denn wenn auch die alten medischen Priester, weil sie vermöge ihres Amtes sich mit den Dingen beschäftigten, deren Mißbrauch das Wesen der sogenannten Magie ausmacht, ihren Namen für die Schwarzkünstler haben hergeben müssen, so ist doch das Wort Magier selbst nicht einmal iranisch, sondern stammt aus dem sumerischen Wort imga (ehrwürdig). 110) Dementsprechend sind Sterndienst und Zauberei von den Sumeriern und den verwandten scythischen Stämmen nach Iran gekommen und auch in Zoroasters Lehre eingedrungen, 111) und die enge Verwandtschaft zwichen den Lehren der medischen Zauberpriester und der chaldäischen Magie haben bewirkt, daß Griechen und Römer zu keiner Zeit einen rechten Unterschied machten zwischen Chaldäern und Magiern. 112) -- Allerdings ist der Dualismus in Zoroasters Lehre unendlich vertieft worden. Indem diese Lehre den Gegensatz von Gut und Böse als den fundamentalsten aufstellt, alle Wesen wie in zwei feindliche Heerlager

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104) Kuno Fischer, Gesch. d. n. Phil.2 I p. 90.

105) S. z. B. Teil I p. 16. 18.

106) v. Orelli l. c. p. 170.

107) Plin, 18. cap. 25 § 211: Tres fuere sectae, Chaldaea Aegyptia, Gracca. -- Cic. De divinatione I, 2: Chaldaei non ex artis, sed ex gentis vocabulo nominati diuturna observatione siderum scientiam putantur eſfecisse, ut praedici posset, quid cuique eventurum, et quo quisque fato natus esset.

108) 9. Nacht (Reclam I p. 77).

109) Naturalis historica XXX cap. I § 2.

110) Justi l. c. p. 68.

111) Ibid. p. 84, Lenormant p. 201.

112) Lenormant p. 229. Ein Beispiel der nahen Verwandtschaft ist, daß Ahriman, das Haupt der Dews, die Personifikation des Bösen, wie es heißt, in den Planeten seine Kämpfer gegen die wohltätigen Fixsterne gewann, Justi p. 83.

 

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ordnet und den Menschen zur Mitarbeit an diesem nie rastenden Weltstreit aufruft, ist sie wie kaum eine andere eine Religion der intensiven Willensbetätigung und des Kampfes gewesen“. 113) Aber ebendeswegen ist sie für meine Betrachtung von geringerer Bedeutung. Aber Indien! An diesem Lande darf ich nicht vorbeigehen. Die Faustsage und ihr entsprechend die mittelalterliche Vergilsage besteht aus zwei Hauptbestandteilen, von denen ich den einen kurz mit dem Worte Dämonologie bezeichne, der andere aber die orientalische Märchenpoesie ist. Zwei Ströme, der eine finster und grollend seine acherontischen Fluten dahinwälzend, der andere lieblich im Sonnenglanz vorwärtsgleitend, vereinigen ihre Wasser, ohne daß die Doppelfärbung je verloren ginge in der Mischung. Denn die Streiche, welche die tiefernste Faustsage von ihrem Helden erzählt, wie die gleichartigen der Vergilsage dienen offenbar vielfach nur der Ergötzung anderer, besonders der Studenten und des hohen Adels, u. a. auch des Kaisers Maximilian. Des ersten Stromes Quelle haben wir in Babylonien gefunden, des zweiten Flutentfülle strömt aus Indien über die weite Erde dahin. Auch hier habe ich mich wie bei Babylonien mit einem wissenschaftlichen Streite abzufinden. In der berühmten Einleitung zu seiner Übersetzung des Pantschatantra hat Benfey 114), nach meinem Urteil mit großer Vorsicht und Zurückhaltung im einzelnen, nachgewiesen, daß Indien die Heimat der Fabeln, Märchen und Erzählungen ist. „Dieselben Märchenstoffe dienen wechselnd zur Fürstenbelehrung im indischen Pantschatantra, zur religiösen Predigt in den Gesta Romanorum, zur pikanten Unterhaltung nordfranzösischer und florentiner Elegants in den Fabliaux und im Decamerone, zum übermütigen Schwank des Hans Sachs, zur Menschheitstragödie des Shakespeare, zur lauteren Kinderpoesie der Grimmschen Märchen.“ So äußert sich Arthur Bonus 115) über die Benfeysche Hypothese, die er zu widerlegen unternimmt. Ich enthalte mich des Urteils über diesen Aufsatz, weil ich meine Ansicht augenblicklich nicht an der Hand des Benfeyschen Buches nachweisen kann. Nur eine Stelle greife ich heraus zur Kritik. p. 278 macht Bonus zu Benfeys Behauptung, das Märchen stelle eine Dichtungsart dar, deren Werkzeug eine sich von fast allen intellektuellen Schranken -- der Logik, der physischen oder geistigen Möglichkeit, der Wahrscheinlichkeit -- freimachende Phantasie sei, die Bemerkung: „Es ist doch mit Händen zu greifen, daß hier ganz unkritisch das, was das Märchen für uns ist, mit dem verwechselt ist, was es für Leute und Zeiten war, die ohne jene intellektuellen Schranken lebten!“ Ich meine, es ist doch mit Händen zu greifen, daß Benfey eine so törichte Verwechselung nicht begangen hat. Das Kennzeichen des Märchens findet der kritische Geist, der es nicht glaubt, der es glaubt, sucht nicht nach Kennzeichen. Die Kindermärchen glauben die Kinder, erkennen als Kindermärchen die Erwachsenen, die sie nicht mehr glauben. -- Die wissenschaftliche Streitfrage ist eine ähnliche wie die Babel-Bibelfrage, nur kommt noch die Grimmsche Hypothese hinzu, die in den Märchen abgeblaßte Mythen sieht. Darin wird man Bonus ohne weiteres recht geben können, daß von den 3 Möglichkeiten, die überraschende Ähnlichkeit der Märchen zu erklären, nämlich der Wanderung, der gemeinsamen Abstammung und der Vorstellungsart der Menschheitsjugend keine die Ausschließlichkeit beanspruchen darf, 116) ebenso darin, daß bei der Benfeyschen Hypothese zu unterscheiden ist, was man sich als wandernd denkt, den Stoff, die Motive oder den Märchenstil. 117) Es ist also jeder einzelne Fall besonders zu prüfen. Ich beginne mit dem Unbestreitbaren und Unbestrittenen. Das Lehrhafte

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113) Gomperz, Griechische Denker, Bd. II p. 329.

114) Pantschatantra, Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einl. und Anmerkungen. Leipzig 1859.

115) „Zur Biologie des Märchens“, In den Preuß. Jahrb. Febr. 1905 p. 240 ff.

116) l. c. p. 275.

117) ib. p. 277.

 

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und Erziehliche, die berufsmäßige Weisheit, die Einkleidung der Weisheit in Rätsel, speziell Fürstenbelehrung und Heiligenversuchung im Märchen und in der novellenartigen Erzählung weisen zweifellos auf Indien, ja auf den Buddhismus hin. Trägt doch eins der berühmtesten indischen Fabelbücher den Titel Hitopadescha, d. i. freundliche Unterweisung. Reflexion und zügellose Phantasie kennzeichne Wesen des Indiers wie nichts anderes. Zog das erschlaffende Klima von reger Tätigkeit nach außen ab, so weckte es die Beschaulichkeit, beförderte das Insichgekehrte. Weltflucht und Askese waren die Folgen auf der einen Seite, Träumen im schläfrigen Anschauen der Dinge, Lauschen den Worten der Weisen, die die Träume des Menschendaseins zu deuten verstehen, auf der anderen Seite. Wo also „Meister“ Vergilius im Gewande des Weisen vor uns tritt, da merken wir ihm an, daß er einen Besuch im Märchenlande gemacht hat. Und das ist verhältnismäßig früh geschehen. Schon in Rom nahm die Vergilsage, wie wir sahen, 118) diesen Charakter an; die Geschichte von den sieben Meistern, die wir besprachen, führt Benfey zurück auf einen Siddhapati als ersten Träger, der Name bedeutet „Meister der Zauberer oder Weisen.“ -- Wird der Zauberspiegel, der in der Hand des indischen Gauklers nicht zu fehlen pflegt, 119) zum Tugendspiegel, zeigt Vergil jenem Ritter im Gelobten Lande im Spiegel die Untreue der Gattin (s. oben p. 7), fertigt er seiner Hausfrau ein Bild, das jeder Frau, die es anschaut, alle unreinen Gedanken nimmt, 120) so ist das indisch. Aber auch das gefälschte Gottesurteil stammt daher. Vergil hatte in Rom eine metallene Schlange gefertigt, wer dieser beim Schwören die Hand in den Schlund steckte, der verlor sie, wenn er einen Meineid schwor, zog sie ohne Schaden heraus, wenn er wahr geschworen. Nun hatte die Frau eines Ritters verbotenen Umgang mit ihrem Kutscher, der Gatte führte die Leugnende zu der Schlange, um sie schwören zu lassen, sie aber veranlaßte den Kutscher während des Gottesurteils in einer Verkleidung sich ihr zu nähern und schwor dann, sie habe mit dem Kutscher nicht mehr zu schaffen gehabt als mit dem Fremden, der da stehe. So entging sie der Strafe. „Vergilius aber sagte, die Frauen seien sehr weise zu allem Betrug. Eine recht weise Frau sollte jedoch so weise sein, auf ihre Seligkeit zu denken.“ 121) Vergleichen wir damit ein Märchen aus dem indischen Papageienbuche, der berühmten Çukasoptati! Eine Prinzessin muß schwören, daß sie mit keinem Manne Umgang gehabt, und dabei die Hand über Gerstenkörner ausstrecken. Keimen diese, so spricht sie falsch, bleiben sie, wie Sie sind, so spricht sie wahr. Da veranlaßt sie den Geliebten, hinkend, blödsinnig lachend, blind auf einem Auge auf den Platz des Gottesurteils zu kommen und sie in zudringlicher Weise zu berühren. Wie das geschieht, schwört sie: „Außer diesem Ekelhaften hat mich kein Mann berührt.“ 122) Eine ähnliche Geschichte kommt auch im Pantschatantra vor, bei der die Probe im Abschneiden der Nase besteht. 123) -- Die List, durch die Vergil den Teufel wieder in das Löchlein hineinlockt (Teil I p. 19), stammt auch aus dem Indischen, das solche Listen verwendet, um vor der Undankbarkeit zu warnen. 124) Mit voller Deutlichkeit prägt den lehrhaften Charakter die Erzählung im 174. Cap. der Gesta Rom. aus. Ein Kaiser rettet eine Schlange und wärmt sie an seinem Busen, die aber sticht ihn, sobald sie warm geworden, und wie er sie wegen der Undankbarkeit zur Rede stellt, sagt sie: Niemand kann ändern, was die Natur uns gelehrt hat!

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118) Teil I p. 28 ff.

119) Haberlandt, Der Altindische Geist, Leipzig 1887 stellt p. 273-75 die indischen Märchenzüge hübsch zusammen.

120) Simrock p. 27.

121) Simrock p. 36. 37.

122) v. d. Leyen, Indische Märchen. Halle a. d. S. Hendel p. 127, der das Märchen für ursprünglich buddhistisch erklärt.

123) Benfey p. 143.

124) Benfey p. 117.

 

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Wie sie nun miteinander stritten, ward ein Philosoph als Schiedsrichter (!) angerufen. Der verlangte zuvor, daß die Schlange in den Zustand zurückversetzt werde, aus dem der Kaiser Sie befreite. Sie ward daher wieder an den Baum gebunden und von dem Weisen aufgefordert, sich selbst los zu machen. Da sie das nicht kann, spricht er beiden das Urteil, der Schlange also: „Du wirst sterben müssen, denn du bist immer undankbar gegen die Menschen gewesen und wirst es stets sein“, dem Kaiser aber also: „Laß dich nie wieder in Solche Torheit ein, weil die Schlange nichts anderes machen kann, als was sie die Natur gelehrt hat.“ In klarster Weise spiegelt sich hier der Charakter indischer Märchen ab. 125) Dazu trägt auch der Schiedsrichter das Seinige bei, über den bei Klingsors Schiedsrichteramt auf der Wartburg weiter unten noch einmal gesprochen werden wird. In diesen Zusammenhang gehört aber wahrscheinlich noch ein Abenteuer des Zauberers Vergil, das im Mittelalter wohl das bekannteste war. Unser Held hatte Liebe gefaßt zu einer schönen römischen Jungfrau, die ihn auch erhören zu wollen schien. Aber sie war falsch. Sie versprach ihn nachts in einem Korbe zu ihrem Fenster hinauſzuziehen, aber wie er sich in den Korb gesetzt hatte, zog sie ihn nur bis zur halben Höhe hinauf und ließ ihn schweben, bis es Tag wurde und seine hilflose Lage den Spott der Vorübergehenden reizte. 126) Dieses Abenteuer ist ja dadurch interessant, daß wahrscheinlich von dieser Mädchenlist sich die Redensart herschreibt: Sich einen Korb holen. 127) Vor Vergil haben schon Alexander d. Gr. und Aristoteles 128) als Träger des Märchens dienen müssen, seinen Ursprung aber findet Benfey 129) in einem buddhistischen Märchen, das in franz. Übersetzung, soweit es hierher gehört, lautet: Le Riski s'étant laissé séduire et entraîner dans le désordre par une femme débauchtée monta sur ses épaules et s'en revint ainsi dans la ville. Und im Pantschatantra IV, 6 sagt eine Königin zu ihrem Gatten, der ihr untreu gewesen ist und sie um jeden Preis versöhnen möchte: „Wenn du dir einen Zügel in den Mund legen läßt und ich auf deinen Rücken steigen und dich zum Laufen antreiben soll und du dann laufend wie ein Pferd wieherst, dann will ich dir wieder gut Sein.“ Man darf sich beim Vergleiche nicht an der Verschiedenheit mancher Äußerlichkeiten stoßen, die ändern sich beim Wandern der Märchen ungeheuer, der Grundgedanke aber ist immer derselbe: der Mann wird für ein begangenes oder auch nur beabsichtigtes Unrecht von dem beleidigten Weibe durch eine empfindliche Demütigung bestraft, und das ist das Lehrhafte, das den Charakter der indischen Märchen- und Legendenliteratur ausmacht. -- Ich komme nun zu einem Motive, das ich nicht ohne einige Vorsicht als indisch ansprechen möchte, es ist das kurz gesagt die Verwandlung durch Baden. Hierher ziehe ich die schon mehrfach (p. 6. 7. 22. 26.) erwähnte Erzählung von dem Ritter im Morgenlande, dem Vergil das Leben rettet. Man könnte dabei auch an Babylonisches denken, an die rettende Kraft des Lebenswassers, aber mir ist es wahrscheinlicher, daß Indisches zu Grunde liegt. Ein beliebiges Märchen aus dem Kathâ Sarit Sagara, einer der beliebtesten Sammlungen, die noch 1892 vollständig in einen der lebenden Dialekte Indiens übersetzt ist, 130) mag uns von der Anschauung, um die es sich handelt, einen Begriff geben. Sattvaçila, eines Königs treuer Diener, ist in Meerestiefen zu einer Wunderstadt gelangt, ein in Himmelsschönheit strahlendes Mädchen begrüßt ihn in einem Gefolge von tausend Jungfrauen. Bei ihrem Anblick ergreift ihn namenlose Liebe. Sie merkts und gibt Dienerinnen

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125) vgl. Grimm, Kindermärchen 99. „In Tausend und eine Nacht“ finden sich ähnliche Geschichten in Menge aber ohne die Lehre.

126) Simrock p. 17. 18.

127) Schrader, Der Bilderschmuck der deutschen Sprache. 5. Aufl. Weimar 1896, p. 317-20, der sich u. a. Auf ein Lied aus dem XVI. Jahrhundert beruft: Vergilius seiner Kunst vergaß, Da er in einen Korb saß (sich setzte)

128) Comparetti-Dütschke p. 278--80.

129) v. d. Leyen l. c. p. 1. A.

 

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einen Wink, die führen ihn, um die erste Pflicht der Gastfreundschaft zu üben, zum Bade. (Er) „Ging zu einem Teich, den ihm die Mädchen zeigten. Darin tauchte er sich unter, Und er stieg im gleichen Augenblicke Wieder auf inmitten eines Teiches, der im Garten seines Herrn gelegen.“ 131) Dasselbe Motiv finden wir auch in dem herrlichen 9. Märchen. Da warnt die Jungfrau in der unterseeischen Stadt den König, dem Sie ihr Herz geschenkt, in ihrer Abwesenheit den hellkrystallenen Tempel zu betreten. „Sonst fällst du in einen Teich und kommst dann Wieder aufwärts in die Welt der Menschen.“

 

Doch am nächsten Tage nahm der König

Die Geliebte schlau in jenen Tempel,

Wo der Zauberbrunnen war, durch den man

Wieder in der Menschen Welt gelangte.

Dort umarmte er sie zärtlich, stürzte

Sich mit ihr ins Wasser und entstieg dann

Aus dem Teich im Garten seiner Haupstadt. 132)

 

Die Verwandtschaft nun dieses Zauberbrunnens mit dem Vergilschen Bade beruht, wie mir scheint, darauf, daß das Untertauchen in ein Zauberwasser den Menschen seiner augenblicklichen Umgebung entrückt. Es könnte sich aber möglicherweise für das Vergilsche Motiv auch irgend ein anderer Zusammenhang finden. Durch Baden im Wasser oder Hineinspringen wird nämlich auch Gestalts- und Geschlechtsveränderung herbeigeführt. 133) Jedenfalls hat das einen religiösen Hintergrund, der aber nicht völlig aufgeklärt ist. -- Hinweggehen will ich hier über die indischen Luftfahrten, die bei der Besprechung des Zaubermantels ihre Erledigung finden sollen; nur kurz erwähnen die Reiseabenteuer, die dem indischen Märchenerzähler eine unerschöpfliche Quelle des Unterhaltungsstoffes boten. Gewiß haben Sie unsere beiden Sagenkreise beeinflußt, wenn auch nur sekundär, die Grundidee hat ihnen schwerlich viel zu danken, wohl aber haben sie das unterhaltende Beiwerk geliefert und bewirkt, daß auch diese Stoffe, um dem großen Publikum recht schmackhaft zu werden, der Beigabe phantastischer Reiseabenteuer nicht entbehren konnten. Ähnlich urteile ich über die indischen Sagen, die den Mond betreffen. Die Mondspiegelungen haben auch die Phantasie der Indier mannigfach erregt, aber jene tieferen Zusammenhänge, die wir von Babylonien herleiteten, lassen sich, soviel ich weiß, dort nicht nachweisen. Die Lust am Täuschen, am Rätselaufgeben und -lösen ist auch in diesem Teile der indischen Märchenwelt das Maßgebende. Das zeigt z. B. die Fabel vom schlauen Hasen, 134) Sie beruht darauf, daß das Bild im Monde dem Indier als ein Hase erschien. 135) Der Hase also führt den Elefanten, den er durch Hinweis auf seinen hohen Schützer überlisten will, an einen Teich und zeigt ihm die Scheibe des Mondes in der Mitte des Wassers mit den Worten: Hier steht unser Herr in tiefe Andacht versunken u. s. w. Der Elefant steckt seinen Rüssel ins Wasser, und siehe da! er erblickt Tausende von Monden, denn durch die Bewegung des Wassers zittert die Mondscheibe hin und her, als ob sie auf einem Wagen säße. Natürlich ist der Elefant überzeugt von der hohen Abstammung des Hasen. -- Wichtiger sind für mich zwei andere indische Märchenmotive. Das erste beruht auf der buddhistichen Anschauung, daß, wenn sich jemand in einer früheren Existenz einen Schatz erworben, dieser in Menschengestalt zu ihm komme und, sowie seine Menschengestalt erschlagen, sich in seine eigentliche Substanz, in Gold verwandele.

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131) Ib. p. 59.

132) Ib. p. 89. 92. vgl. auch Benfey p. 153.

133) Benfey p. 48. 49.

134) Pantschatantra III, 1. Benfey II, 226 ff.

135) Ib. p. 348 ff.

 

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Das ist der Inhalt des ersten Märchens des V. Buches des Pantschatantra. Einem Verarmten erscheint im Traume der Lotusschatz 136) in Gestalt eines Dschainamönchs und sagt, morgen werde er in dieser Gestalt zu ihm kommen, er solle ihn mit einem Keulenschlage vor den Kopf treffen, dann würde er zu Gold werden. Wirklich erscheint am anderen Tage ein solcher Mönch im Hause des Kaufmanns, dieser erschlägt den Fremden und findet in seinem Kopfe das Gold. 137) Mit dieser Fabel steht unverkennbar im engsten Zusammenhange, was Janson Enenkel in seinem Weltbuche vom Zauberer Vergil erzählt. In Neapel errichtete dieser ein ehernes Bild, dessen eine Hand auf den Bauch wies, die andere auf den Berg (Vesuv), mit der goldenen Inschrift, daß es einen Hort zeige. Alle gruben im Berge, wohin der Finger wies, keiner dachte an die andere Hand, keiner fand etwas. Ein Trunkener zerschmetterte das Bild, damit es die Menschen nicht länger äffen könnte, und an die Erde rann das Gold. Enenkel begleitet die Geschichte mit der geistreichen Sentenz:

 

Dar an Soll man gesehen wol,

wer grôzez guot haben sol,

Dem muoz es werden beschaffen,

es seien laijen oder pfaffen. 138)

 

Diese Vergilanekdote ist lehrreich, da sie uns an einem deutlichen Beispiele zeigt, wie die Stoffe, von ihrem mythologischen Hintergrunde losgelöst, verflachen und zu sinnlosen Zauberkunststücken herabsinken. Mit der indischen Fabel tritt aber hier die griechische in Bezug auf Priorität in Konkurrenz, wie das auf dem Gebiete der Fabel (im engeren Sinne) überhaupt der Fall ist. Die 119te Fabel des Babrios bringt dasselbe Motiv. Es hatte jemand einen hölzernen Hermes. Dem opferte er täglich, aber es ging ihm immer schlecht. Da wurde er böse auf den Gott und zertrümmerte ihn. Aus dem zerbrochenen Kopfe aber strömte das Gold. Der Mensch sammelte es und sagte: Du bist doch ein recht dummer Gott, wie ich dich anflehte, halfest du mir nicht, die Mißhandlung aber, die ich dir antat, vergaltest du mit vielem Gut.“ 139) -- Ist auch die Frage nach dem Ursprung der Fabel überhaupt schwierig, so hat mich doch Benfey völlig überzeugt, daß von dieser Fabel die indische Fassung die älteste ist. In ihr zeigt sich noch der mythologische Hintergrund, in keiner andern. -- Nun das letzte Motiv! Es ist das kreisende Rad, das buddhistische Symbol der Herrschaft der Religion. Eine buddhistische Legende lautet etwa so: Zur Zeit der Buddhistenverfolgung durch die Dschainas in Südindien vergrub ein buddhistischer Asket das Eigentum eines Klosters im Tempel und setzte darauf ein großes Rad mit scharfen Werkzeugen auf allen Seiten, welches sich unaufhörlich schnell herumdrehte, so daß sich niemand ihm nähern konnte. 140) Dieses Rad glaube ich wiederzuerkennen in den 24 eisernen Flegeln, die den Eingang zu Vergils Schloß bei Rom schützten, in dem seine großen Schätze aufbewahrt lagen. Auf jeder Seite des einzigen Tores standen 12 Männer, die unaufhörlich mit den eisernen Flegeln vor sich niederschlugen. So konnte kein Mensch hineinkommen, wenn die Flegel nicht still standen. Sie ließen sich mit einer eisernen Schraube schließen, von der wußte aber niemand als Vergil Selbst. 141) Die Verflachung der Idee gegenüber der buddhistischen Legende sticht wieder in die Augen. Aus dem religiösen Symbol, das der Kirche Schatz schützen soll, ist ein unsinniger Zauber geworden, der menschliches

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136) Der Ausdruck beruht auf der mythischen Bedeutung, die im Indischen (wie auch im Ägyptischen) die Lotusblume mit ihren zwei Buhlen, der Sonne und dem Monde, hatte. v. Orelli l. c. p. 138. Haberlandt, Der Altind. Geist p. 44--56 widmet ihr einen ganzen Abschnitt. Wie Heine das Motiv verwandt hat, ist bekannt, auch daß die „blaue Blume“ der Romantiker der Lotusblume Indiens entstammt.

137) Benfey II p. 478 ff.

138) v. d. Hagen, Gesamtabenteuer II, 525, v. 65 ff.

139) Aladdins Lampe in „Tausend und eine Nacht“ gehört auch in diesen Zusammenhang.

140) Benfey II p. 487.

141) Simprock p. 38.

 

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Gut zu sichern dient. Indessen will ich diesen letzten Vergleich zwischen einem indischen Märchenmotiv und einem der Vergilsage nicht ohne eine gewisse Reserve gezogen haben. So viel aber darf ich als unbestreitbar hinstellen, daß vieles Indische in unsere Sage übergegangen ist. Wie verhält sich nun diese fremde Zutat zu der Faustidee? Zunächst ist klar, daß während der Zauberer Vergil unverkennbare Züge des indischen Weisen an sich trägt, -- namentlich in seiner Stellung als Berater des Kaisers, die der eines Erziehers sehr nahe kommt, -- Faust dieses Charakters gänzlich entbehrt. Man müßte denn die lehrhaften Gespräche hierher ziehen wollen, die der Doktor mit Mephistopheles führt, bei denen jener aber den Schüler spielt, oder die Belehrungen, die er dem Fürsten von Anhalt erteilt, daß, wenn wir Winter haben, in „Orient und Occident, als in Saba India und recht Morgenland“ Sommer ist. Den Grund dieser Erscheinung darf ich hier übergehen, weil ich in anderem Zusammenhange darauf zu sprechen komme. Die Zauberschwänke aber sind auch in die Faustsage massenhaft übergegangen, die Luftreisen mit den Reiseabenteuern, die Verwandlungen von Menschen und Tieren, das Abschlagen und Wiederaufsetzen von Köpfen und was dergleichen mehr ist. Es lohnt nicht, das im einzelnen zu verfolgen. Daß diese Kunststücke indische Färbung verrieten, ist auch nicht einmal zu behaupten. Geschmacklose Übertreibung ist an die Stelle kindlich gläubiger Naivität getreten. Wie fern steht der Held dieser Abenteuer dem Ideal des indischen Weisen, das ein buddhistischer Spruch also preist:

 

In der Pfütze, auf den Gassen,

In dem Kehricht, auch am Rain,

Mag sich blühend finden lassen

In dem heissen Sonnenschein

Manchmal hold und wunderbar

Eine Lotosblumenschar:

So auch im gemeinen Leben

Leuchtend schön ein edles Streben,

So ein Weiser im Gedränge

Der betörten nied'ren Menge. 142)

 

Meine nächste Aufgabe sollte es nun sein, nach den beiden großen Strömen, die ihre Fluten in dem Bette der mittelalterlichen romantischen Sagen vereinigen und so auch die Vergilsage, seit sie Aufnahme fand in diesen Kreis, befruchteten, einen dritten schwächer fließenden Strom zu betrachten, dessen Wasser sich fast verlieren in den beiden starken, ich meine die nordische Sage. Aber ich muß für diesmal darauf verzichten und nun dazu übergehen, Leben und Schicksale der beiden Zauberer im einzelnen zu vergleichen, soweit das nicht schon beiläufig in anderem Zusammenhange geschehen ist.

 

 

Name und Herkunft.

 

Für den Zauberer sind Name und Herkunft von nicht geringer Bedeutung. Das Volk unterläßt nicht bei einem Menschen, der Wunder getan, in dem Namen eine Beziehung zu seinem Wirken zu suchen, und es gelingt ihm oft genug, etwas Entsprechendes hineinzudeuten, gelingt es aber nicht, dann belegt es den Bewunderten oder Gefürchteten mit einem andern Namen, über dem der wirkliche manchmal verloren geht. Ferner liegt es nahe, den näheren Umständen der Geburt nachzuforschen; dem Naivdenkenden ist der Schluß ein selbstverständlicher,

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142) Indische Legenden von Haberlandt. Leipzig 1885. p. 71.

 

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daß, wer zu wunderbaren Dingen geboren ist, auch unter wunderbaren Erscheinungen geboren ein muß. Und welcher Anteil gebührt den Eltern? Auch auf die Frage muß die Sage Antwort geben. Was hat sie nun dem gläubigen Volke über unsern Vergil in diesen Beziehungen anvertraut? In seinem Namen steckt das Wort virga der Zauberstab (vgl. die andere Ableitung Teil I p. 4) 1), und seine Mutter heißt gar maga die Magierin (oder Maja, wie ihr Vater Majus oder Magus); der richtige Name der Mutter ist Magia Polla, Majus, Maja, sc. deus, dea hängt mit maior zusammen und bedeutet „Wachstum verleihend“. 2) Von seiner Geburt aber erzählt Donat 3) im ersten Kapitel der Lebensbeschreibung, seine Mutter habe, als sie mit ihm schwanger gegangen, geträumt, aus ihrem Schoße sei ein Lorbeerzweig erwachsen, sobald sie den in die Erde gesteckt, habe er sich schnell entwickelt und sei sogleich zu einem ausgewachsenen Baume emporgeschossen. Als sie dann am folgenden Tage mit ihrem Gatten ihr nahes Landgut aufsuchte, sei sie in einem Graben an der Landstraße eines Knäbleins genesen, das nicht geschrieen und einen auffallend milden Gesichtsausdruck gezeigt habe. 4) Der Traum ist ein Gegenstück zu dem bekannten Traume des Astyages (von dem Weinstock, der dem Schoße seiner Tochter Mandane entwuchs und ganz Asien beschattete), durch den die Bedeutung des Cyrus vorher angekündigt wurde. 5) Ähnliche Sagen von Wundererscheinungen bei der Geburt großer Männer gibt es bekanntlich in unendlicher Fülle. Donat aber berichtet von noch einem Vorzeichen, unter dem Vergil ins Leben trat. Ein Pappelzweig (virga populea), der nach Sitte der Gegend sogleich an der Stätte der Niederkunft gepflanzt wurde, wuchs so schnell heran, daß er die viel früher gepflanzten Pappeln einholte. Auch dies Wunder ist nicht ganz neu, Sueton 6) erzählt etwas Ähnliches von einem Palmenschößling, den Cäsar bei Munda beim Fällen eines Waldes schonte, -- Eine andere, ganz tolle Namenserklärung gibt das franz. Volksbuch von Vergil, das das älteste seiner Art ist, mit dem Titel Les faictz merveilleux de Virgile. Hier heißt es, daß der Knabe sehr schwer zur Welt gekommen sei und nach seiner Geburt lange habe bewacht werden müssen. Deshalb sei er (von vigilo) Virgil benannt worden. 7) Bei Simrock 8) wird die Sache noch weiter motiviert, wie es scheint. Der Vater des Knaben hatte einen Aufruhr gegen den Kaiser gestiftet, so wurde das Kind in sehr unruhiger Zeit geboren, es bekam daher das unruhige Wegen und forderte die mühsame Bewachung, die ihm den Namen eintrug. Das Volkshuch weiß endlich sogar, daß, als Vergilius geboren wurde, ganz Rom bebte. Hier sehen wir eine Nachwirkung neapolitan. Sagen.

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1) Virg-a und virg-o gehören natürlich etymologisch zusammmen, sie stammen von einer Wurzel, die schwellen bedeutet. Wie der Name Virginius ist also auch der des Vergilius wahrscheinlich daher zu leiten. Das e (oder i) spielt dabei wenigstens keine Rolle, da ursprünglich auch vergo geschrieben zu sein scheint, nur mag für die Schreibung von Virg. die erwähnte Ableitung mitbestimmend gewesen sein.

2) Volksbuch von Simrock p. 42.

3) Diese Lebensbeschreibung trägt einen sehr ungleichartigen Charakter, wertvolle Angaben von offenbar altem Ursprung wechseln mit wertlosen mittelalterlichen Sagen. s. Teuffel, Gesch. der röm. Literatur, S. 210b.

4) Nach späteren Erweiterungen der Sage deutet ihr ein weiser Mann den Traum und rät ihr, damit er sich ganz erfülle, das Kind nach dem Reise, das sie gepflanzt babe, Virgilius zu nennen. Diesem Rate folgte die Mutter. Simrock l. c. Zuerst scheint sich dieser Zusatz zu finden bei einem gewissen Bonamente Aliprando in einer Mantuaner Chronik vom J. 1414. Vgl. die Texte bei Comparetti No. XIV.

5) Herod. I, 108.

6) Vita Octaviani, cap. 94.

7) Comparetti Texte No. XV. Die älteste Ausgabe stammt aus dem Anfang des XVI. Jahrhunderts. Das Buch war so beliebt, daß man es in verschiedene Sprachen übertrug. Simrock, der seine Quellen nicht angibt, scheint keine älteren Ausgaben, sondern nur eine holländische Übertragung des franz. Volksbuches benutzt zu haben. Nach Comparetti.

8) p. 6. 7.

 

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So erzählt schon Konrad v. Querfurt, 9) wenn des Dichters Gebeine mit der Luft in Berührung kämen, würde es überall finster, ein Sturm bräche los und das Meer würde aufgeregt. „Dies“, sagt er, „haben wir selbst gesehen und erfahren.“ 10) --- Erkundigen wir uns nun auch einmal nach dem Vater unseres Helden! Was Donat über ihn angibt, scheint sich noch auf geschichtlichem Boden zu halten, die Volksbücher aber zeigen auch hier wieder die ausschweifende Phantasie mittelalterlicher Chronisten. Da ist Vergils Vater ein schöner, waffengeübter campanischer Ritter unter Kaiser Remus II. und hat eines Senators Tochter aus dem vornehmsten Geschlechte Roms zur Frau. 11) Wir verstehen den Sinn der Sage. Zu der Zeit, als die abendländische Literatur ihre buntgeschmückten Räume auch dem Vergil öffnete, blühten Rittertum und Ritterpoesie, es mußte sich also jeder Held bequemen, das Ritterkostüm anzulegen. Wenn aber unserm Ritter ein campanischer Vater und eine röm. Mutter gegeben wird, so ist das eine Nachwirkung der ital. Volkssage, die, wie wir sahen, in Neapel ihre eigentliche Heimat und in Rom ihr Adoptivvaterland hatte. -- Wann endlich, d. h. unter welchem röm. Kaiser der Zauberer gelebt habe, das ist für die über Raum und Zeit erhabene Sage eine sehr schwankende Sache. Im allgemeinen erfreut sich Octavian einer großen Beliebtheit, ist er doch auch Titel-Held eines Volksbuches. An ihm hält denn auch die Vergilsage teilweise fest, z. B. die 21. Erzählung im 1. Anhang der Gesta Romanorum; 12) dagegen wird im 57. Cap. von Titus erzählt, daß er „seinen Meister Virgilius zu sich rief,“ und in anderen Berichten kommen noch andere Kaiser in Betracht. Aber uns interessiert hier nur Remus II. Wer mag das nur sein? Er ist der Sohn des Remus, welchen sein Bruder Romulus erschlug, weil er über die Mauer seiner neuerbauten Stadt sprang. Dieser Remus I hat nach den Volksbüchern in Campanien im Ardennerwalde eine schöne Stadt gebaut, die er nach seinem Namen Remus benannte, die aber jetzt Rheims geheißen ist. Wie wirbeln da die Namen durcheinander! Aber nicht ohne erkennbaren Zweck. Der Ardennerwald ist ein berühmter Schauplatz französischer und deutscher Sagen; 13) war also Vergil bei der Wanderung der Sage von einem Sagenkreis zum andern aus einem Ratgeber des römischen Kaisers sogar zu einem fahrenden Gaukler am Hofe des britischen Königs Artus geworden, 14) so mußten sich auch die Lokalitäten dem einigermaßen anpassen. Nun ist Rheims eine Gründung der Remi und hieß in römischer Zeit neben Durocortorum auch urbs Remorum, Remi und Remus aber schienen dasselbe Wort zu sein; dazu kommt, daß Rheims von Chlodwig zur Residenz des Frankenreiches erhoben wurde. So konnte diese Stadt als ein zweites Rom erscheinen, als eine Tochterstadt der Hauptstadt der Welt. Daß Campanien im Ardennerwalde liegen sollte, erklärt sich nach dem oben Gesagten leicht. In der Beschreibung der von Remus gegründeten Stadt erinnert auch einzelnes an das von Vergil gegründete Neapel, z. B. daß die ganze Stadt unter der Erde hohl war und alle Unreinigkeiten unter der Erde fort in den Fluß Vesla (Vesle Nebenfluß der Aisne) liefen. Simrock p. 3. -- Von dem „Faust des Mittelalters“ wenden wir uns nun zu dem Faust des Reformationszeitalters, um zu prüfen, ob Name und Herkunft ihn als Kind der Zaubersage einerseits und als Kind seiner Zeit andererseits erkennen lassen. Über

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9) s. über ihn Teil I p. 24.

10) Comparetti -- Dütschke p. 223. 239.

11) Simrock p. 6.

12) Gesta Romanorum, das älteste Märchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters übersetzt u. s. w. von Gräße. 3. Ausgabe. Leipzig, Löffler 1905. p. 206 ff.

13) Ich erinnere beispielshalber daran, daß Shakespeares „Wie es euch gefällt“ zum großen Teile im Ardennerwalde spielt. Auch Bojardo verlegt in seinem „Verliebten Roland“ einen Teil der Handlung dorthin.

14) s. Teil I p. 10. Hans Sachs hat solche Geschichten nicht erfunden, sondern nur vorhandene Stoff poetisch gestaltet. s. z. B. R. Genée, Hans Sachs und seine Zeit. Leipzig 1899. p. 359. 60

 

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die Bedeutung des Namens Faust haben Zweifel geherrscht. Klinger in seinem Roman „Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt“ sagt von seinem Helden: „Sein erster Gewinn war die merkwürdige Erfindung der Buchdruckerei, der zweite war schauervoller. Er entdeckte durch Forschen und Zufall die furchtbare Formel, den Teufel aus der Hölle zu rufen u. s. w.“ Er folgt also der Tradition, nach welcher Faust mit Fust, dem Compagnon Gutenbergs, identisch ist, und verwendet auch das Motiv, das dieser Tradition zu Grunde liegt, daß auch die Erfindung der Buchdruckerkunst ein Resultat magischer Beschäftigung ist. Nun aber hat Jac. Grimm festgestellt, daß der Name des Buchdruckers mit dem deutschen Worte Faust zusammenhängt, der des Zauberers dagegen das lateinische Wort Faustus ist. 15) Faust trägt als einen ähnlichen Namen wie ein anderer Held der Volksbücher, Fortunatus, dem einst eine schöne Frau, Fortuna erschien und einen Säckel einhändigte, der unvergänglichen Reichtum verbürgte. So wird denn auch Faustus durch seinen Namen als ein Glückskind bezeichnet (oder vielleicht als ein Glückbringender, da faustus in diesem Sinne gebraucht zu werden pflegt). In beiden Namen würde sich dann auch die gleiche Ironie des Schicksals zeigen, indem beide Helden das Unglück des weltlichen Glückes zur Darstellung bringen. 16) Ist nun Faustus wirklicher Name oder beigelegter? Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, wie es nach einer Notiz in einem Briefe des Abtes Trithemius scheinen könnte, 17) Dieselbe lautet: Homo ille, de quo mihi scripsisti, Georgius Sabellicus -- und weiterhin: Quid enim aliud sunt tituli, quos sibi assumit, nisi stultissimae ac vesanae mentis indicia, qui se fatuum, non philosophum ostendit? Sic enim titulum sibi convenientem ibi formavit: Magister Georg Sabellicus, Faustus junior. -- Da wird also mit klaren Worten gesagt, daß sein eigentlicher Name Sabellicus gewesen und daß er, um sich ein größeres Ansehen zu geben, den Namen Faustus junior angenommen habe. Dieser aber setzt einen Faustus Senior voraus, der ein berühmter Zauberer gewesen sein muß. Und darin liegt eben die Schwierigkeit, daß wir von einem solchen nichts wissen. Man hat auf den Buchdrucker geschlossen. Das ist aber schon deshalb undenkbar, weil von einer geschichtlichen Persönlichkeit, noch dazu aus jüngster Vergangenheit, Geschichten im Umlauf gewesen sein müßten, die den Schritt des Sabellicus erklärlich machten. Das ist jedoch nicht im geringsten der Fall. Ist nun einerseits ein geschichtlicher Faust hinreichend bezeugt, der gewöhnlich Faust, daneben aber auch Sabellicus, Faustus junior genannt wird, ist andererseits ein älterer Faust absolut nicht bezeugt, so bleibt meines Erachtens nur eine Annahme übrig, daß nämlich ein geschichtlicher Sabellicus die Taten eines sagenhaft im Volksmunde lebenden Faust absichtlich auf sich übertragen oder durch sein Auftreten diese Übertragung seitens des Volkes veranlaßt habe. So wären in der schriftlichen Überlieferung der Sage, die erst mit 1587 beginnt, zwei Persönlichkeiten in einander geflossen. Bei der Spärlichkeit der Zeugnisse, die für den geschichtlichen Faust vorhanden sind, und bei dem Schwanken der in Betracht kommenden Namen verschiedener Art dürfte diese Annahme keinem Bedenken unterliegen. 18) Schwankend ist der Vorname - Georg und Johannes - 19), schwankend sind bis auf einen gewissen Grad alle Ortsnamen. -- Ich erwähne auch schon in diesem Zusammenhange,

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15) Lexicon Bd. III, p. 1381: Johannes Fust, der berühmte Buchdrucker, führte seinen Namen von der Faust, Doctor Faust aber ist faustus. 16) Scheible l. c. p. 117

17) Abgedruckt bei Kiesewetter l. c. p. 2.

18) Düntzer l. c. p. 18 hält nach Vorgang von Fr. Schlegel und Görres Georgius Sabellicus für den eigentlich historischen Faust, Kiesewetter dagegen l. c. p. 13 meint, Faust habe als Bacchant zur Bemäntelung seiner schlechten Streiche den Namen Georg Sabellicus als nom de guerre geführt. Vgl, auch Nover l. c. I p 17 ff, der sich Kiesewetter anschließt.

19) Goethe nennt bekanntlich seinen Faust Heinrich, Kuno Fischer meint, um den Bedienten- und Kutschernamen Johann zu meiden. l. c. III p. 289.

 

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was das älteste Faustbuch über die Herkunft unseres Helden sagt: „Doktor Faustus ist eines Bauwern Sohn gewest.“ Erinnert das nicht an Luthers bekannte Worte über seine Herkunft ? Meiner Meinung nach ist das kein Zufall; denn unser Faust ist der Anti-Luther, wie etwa Simon Magus der Anti-Petrus war (Simon Petrus). Daß aber der Verfasser des Faustbuches nicht mehr über die Eltern seines Helden weiß, obgleich er aus dessen hinterlassenen Schriften zu schöpfen behauptet, ist wiederum ein Beweis, wie wenig die Persönlichkeit feststeht. Ja, wenn es in dem Buche weiter heißt, ein Vetter habe Faustus auferzogen und gehalten wie ein Kind, so liegt die Vermutung sehr nahe, daß die Sage, wie sie es oft tut, auf diese Weise zwei Heimatsorte der Überlieferung mit einander habe vereinigen wollen. Am liebsten hätte sicherlich die protestantische Sage den Lutherfeind in Wittenberg geboren werden lassen, damit sein Abfall von Luther um so verdammlicher erschiene; da dem aber eine bestimmte Überlieferung widersprach, so schob sie den Wittenberger Vetter ein. -- Ziehen wir nun das Resultat des Vergleiches zwischen Vergil und Faust, dem Zauberer des Mittelalters und dem des Reformationszeitalters, so ergibt sich, daß in beiden Fällen der Name bedeutungsvoll ist, daß aber in Bezug auf Herkunft ein wesentlicher Unterschied besteht, wie ihn die Zeiten mit sich bringen. Der mittelalterlichen Sage kommt es darauf an, den Ursprung der Zaubergewalt des einzelnen möglichst genau nachzuweisen, wie wir das noch an vielen Beispielen sehen werden, sie hält auf die Fortpflanzung der Kunst von Glied zu Glied. Anders die auf dem Boden der Reformation erwachsene Sage! Sie schildert den Abfall von der angenommenen Lehre in möglichst grellen Zügen. Daher wird Fausts Eltern, die so wenig in das klare Licht der Persönlichkeit treten, eine lange Entschuldigung wegen des mißratenen Sohnes gewidmet, sie sind durchaus fromme Leute, die auch mit der Erziehung nichts versehen haben. „Es folget auch offt, daß fromme Eltern Gottlose, ungerahtene Kinder haben, wie am Cain, Gen. 4 u. s. w.“ So aus der Überlieferung des Mittelalters herausgerissen, muß der Zauberer dieser Zeit über eine neue Zeit hinweg die Fäden wieder anknüpfen. Dafür trifft ihn aber die Strafe der ewigen Verdammnis.

 

 

Schule.

 

Wenn auch der Keim zu wunderbarem Tun durch die Geburt schon in den Menschen gelegt ist, 50 muß der Zauber doch erlernt werden, einmal schulmäßig, es ist ein Lehrgegenstand an manchen Schulen, nicht an allen, Sodann durch Fortpflanzung von einem Meister zum andern, endlich ist die Ausübung aber von jeher an gewisse Bücher gebunden gewesen. Gehen wir auf diese drei Punkte bei Vergil und Faust näher ein! Jener ist in Toledo 19a) auf die Schule gegangen, dieser in Wittenberg und Ingolstadt. 20) Wie stehen sich da Mittelalter und Reformationszeitalter wieder gegenüber! Toledo gilt im Mittelalter als ein Sitz der Zauberkunst. Ein gewisser Cäsarius Heisterbacensis erwähnt im Jahre 1222 die nigromantische Schule in Toledo mehrmals. 21) Nach Spanien haben die Araber 22), die im X. Jahrh. die eigentlichen

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19a) Simrock p. 7.

20) Im ältesten Faustbuche wird zwar Ingolstadt nicht genannt, aber bei Widmann, von dem in Hamburg 1599 ein Faustbuch erschien (das 12te), heißt es: „Als er nun tüchtig dazu war, schicket er (der reiche Vetter in Wittenberg) ihn gehn Ingolstatt auff die hohe Schule, da er dann in gar kurtzer zeit trefflich wol in seinen studiis fortkommen, also auch, da er in Magistrum promoviert, daß er im Examine wol bestanden, und eilff andern Magistris ist fürgezogen worden.“ Düntzer l. c. p. 114.

21) Roth in Pfeiffers Germania IV

22) s. Teil I p. 18.

 

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Träger der Literatur in Europa waren, zugleich mit dem Islam die Kultur des klassischen Altertums und des Judentums gebracht, und den Arabern wieder haben Griechen und namentlich Juden den babylonischen Dämonenglauben übermittelt, während die Perser die indischen Märchenstoffe lieferten. Unter arabischer Herrschaft hat jener Glaube in Spanien, dem Lande der Romantik 23), Wurzel geschlagen und seinen Eingang gefunden in die romantische Literatur des Abendlandes, wenn dies auch nicht der einzige Weg der Mitteilung gewesen ist. Toledo aber, das, einst die Hauptstadt des gotischen Spaniens, vom Beginn der Omaijaden-Herrschaft an Sitz eines Emir war, erlangte im Jahre 1036 besondere Bedeutung, als mit Hischam III. die Omaijaden-Dynastie unterging und damit die Einheit des Sarazenenreiches sich in eine Reihe von Fürstentümern auflöste, unter denen Toledo eine Hauptrolle spielte. 24) Wir wollen uns aber erinnern, daß etwa ein Jahrhundert später die Vergilsage den italischen Boden verließ und Aufnahme fand in die romantische Literatur des Abendlandes. 25) -- Eine ähnliche Bedeutung wie Toledo hat aus ähnlichen Gründen Sevilla (das alte Hispalis). Vom Papst Sylvester II. 26) heißt es, er sei, wie er in Sevilla studierte, von einem Araber, bei dem er wohnte, in alle Tiefen der Zauberei eingeweiht worden. „Und damit er sein fürnemmen dester besser in das werk bringen möcht, ist er gen Hispalis in Hispanien gezogen und hat alsda einem Saracenischen Philosopho, so ein außbund von einem Zauberer, sich undergeben.“ 27) Übrigens ist für den Umstand, daß Spanien in einer gewissen Zeit die hohe Schule der Zauberkunst darstellt, außer den erwähnten Tatsachen jedenfalls auch noch von hoher Bedeutung, daß hier der Kampf zwischen Christentum und Mohammedanismus ein besonders entscheidungsvoller und die menschliche Phantasie in hohem Grade erregender war. -- Faust macht seine Studien, wie wir schon sahen, in der Lutherstadt Wittenberg und auf der Universität des alten Glaubens, Ingolstadt, wo Luthers Gegner Eck den Ton angab. Dem Lutheraner des XVI. Jahrh. ist die katholische Universität der Sitz des Unglaubens, des Abfalls von Gott, der schwarzen Magie. Faust fällt von Wittenberg ab zu Ingolstadt. In der Faustsage, so will es mir scheinen, bietet der Kampf zwischen Wittenberg und Ingolstadt eine gewisse Parallele zu dem Kampf zwischen den allmählich erstehenden christlichen Königreichen und der Sarazenenherrschaft in Spanien. Abfälle von der einen Partei zur andern kamen gewiß nicht selten vor. Aber wie merkwürdig! Fausts Schüler und Nachfolger Wagner hat wieder Zusammenhang mit Toledo. Der Verfasser des ersten Volksbuches über Fausts Famulus Christoph Wagner vom Jahre 1593 nennt Sich Fridericus Schotus Tolet. In diesem Namen bezeichnet Tolet offenbar „aus Toledo“. Ferner will er sein Buch aus einem vor 70 Jahren erschienenen spanischen Original übersetzt haben, und der Verfasser einer späteren Ausgabe spricht sogar von einem vor mehr als 150 Jahren gedruckten spanischen Original. 28) Endlich wird im Wagnerbuche selbst cap. 31 erzählt, daß Wagner mit seinem Famulus nach Toledo fuhr, weil dort die schwarze Kunst öffentlich gelehrt wurde. 29) Wir sehen hieraus, daß die Wagnersage nicht mehr die ausgesprochen protestantische Sage ist. So verliert

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23) Über Spanien sagt einer der neuesten Geschichtsschreiber: „Was im Wechsel der Schicksale unverändert sich erhalten hat, das ist der eigentümliche, romantische Reiz, welchen Land und Leute, Natur und Geschichte auf jeden üben, der auf irgend einem Wege ihnen näher zu treten sich anschickt, ein Reiz, von dem selbst der Ununterrichtete fast willenlos sich berührt fühlt, wenn nur der Name Spanien erklingt.“ Müller, der Islam im Morgen- und Abendland II, p. 429. (in dem Onckenschen Geschichtswerke.)

24) Müller l. c. p. 587.

25) s. Teil I p. 32.

26) s. Teil I. p. 8. 9.

27) Liesewetter l. c. p. 119. v. d. Hagen Bd. III p. 199. 209.

28) Kiesewetter p. 72. A. I. p. 495.

29) Ibidem p. 519.

 

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jede Sage leicht ihren ursprünglichen Charakter, wenn ihre Beliebtheit zu Fortsetzungen und Erweiterungen reizt. -- Für die Faustsage kommt noch eine Stadt in Betracht: Krakau. In dem Buche des Johann Manlius aus Ansbach, eines Schülers Melanchthons, in dem des letztern Gespräche mit Gelehrten in ähnlicher Weise gesammelt sind wie in bekannter Weise Luthers Tischreden, läßt der Verfasser Melanchthon erzählen: „Als er (Faust) zu Krakau studierte, hatte er die Magie erlernt, wie sie dort früher stark getrieben wurde, wo man öffentliche Vorlesungen über diese Kunst hielt. 30) Und im Volksbuche 31) heißt es: „Begab sich also gen Krakaw in Polen, eine der Zauberey halben vor zeiten berühmte Hochschul, und fand allda seines gleichen, die giengen umb mit Chaldeischen, Persischen, Arabischen und Griechischen Worten, 32) figuris, characteribus, coniurationibus, incantationibus, und wie solche Namen der Beschwerung und Zauberey mögen genennt werden. Und diese erzehlte Stück waren lauter Dardaniae artes, 33) Nigromantiae carmina, veneficium, vaticinium, incantatio --. Das gefiel D. Fausto wol, speculiert und studiert Tag und Nacht darinnen, wolte sich hernacher keinen Theologum mehr nennen lassen, ward ein Weltmensch, nanndte sich ein D. Medicinae, ward ein Astrologus und Mathematicus, und zum Glimpf (Gl. eigentl. Was sich gebührt, Fug und Recht, Billigkeit; „m. G.“ hier etwa „Ehren halber“) ward er ein Arzt, half erstlich vielen Leuten mit der Artzney, mit Kreutern, Wurtzeln, Wassern, Träncken, Recepten und Clistiren --,“ Für die Hineinziehung Krakaus in die Sage lassen sich innere Gründe nicht finden. Es befand sich in der Stadt eine damals angesehene Universität (seit 1401), die einen regen Wechselverkehr mit deutschen Universitäten, namentlich mit Ingolstadt unterhalten zu haben scheint. Düntzer 34) hat dafür eine Reihe von Beispielen gesammelt, von denen ich eins anführen will. Der bairische Geschichtsschreiber Johann Aventinus kam, nachdem er in Ingolstadt studiert hatte, 1507 als Lehrer der griechischen Sprache nach Krakau, kehrte aber zwei Jahre darauf nach Ingolstadt zurück. Erweiterungen einer Sage oder Dichtung haben stets die Tendenz, die Motive

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30) Düntzer p. 48. Kiesewetter p. 29.

31) Düntzer p. 114. 115. Kiesewetter p. 81. 82. Es ist bemerkenswert im Volksbuche von 1587 Krakau nicht genannt ist. Da heißt es (p. 12) nur: Zu dem fand D. Faustus seines gleichen u. s. w. Es ist also mit einer kleinen Veränderung des Textes später der Name der Stadt eingefügt worden, in welchem Volksbuche zuerst, kann ich im Augenblick nicht ermitteln.

32) Hier sind die 4 Völker genannt, die dem Mittelalter das Hauptmaterial der Dämonologie überliefert haben. Die Inder werden durch die Perser mit vertreten.

33) Dardanus ist der Name eines der berühmtesten Magier. Apuleius (II. Jahrh. n. Chr.), der selbst als Zauberer angeklagt war, aber freigesprochen wurde, sagt in seiner bei dieser Gelegenheit gehaltenen Verteidigungsrede (Apulei Madaurensis Platonici pro se apud Claudium Maximum proconsulem de magia oratio. Ausgabe von Elmenhorst p. 331): Si quamlibet modicum emolumentum probaveritis, ego ille sim -- folgen verschiedene Namen von Magiern, auch der des Moses -- vel ipse Dardanus, vel quicumque alius post Zoroastrem et Hostanem inter Magos celebratus est; und der Herausgeber bemerkt zu Dardanus: Unde dardaniae artes pro magicis. Zur Erläuterung dient Plinius im 30. Buche der Naturgeschichte, das von den „magicae vanitates“ handelt. Dort nennt er (cap. I. sect. 2) Persien als die Heimat und Zoroaster als Erfinder dieser Kunst. Und weiter sagt er (§8): Primus commentatus est de ea (sc. arte magica) Osthanes (= Hostanes bei Apuleius) Xerxen regem Persarum bello quod is Graeciae intulit comitatus ac velut semina artis portentosae insparsit obiter infecto quacumque commeaverant mundo. Vom Dardanus endlich weiß er zu berichten, daß Demokritos, der lachende Phitosoph aus Abdera, der durch Magier und Chaldäer, welche Xeres bei seinem Durchzuge in Abdera zurückließ, für die Philosophie gewonnen sein soll, ihn berühmt gemacht habe dadurch, daß er seine Bücher aus seinem Grabe geholt und so der Nachwelt erhalten habe. Die Dardaniae artes finden sich zuerst bei Columella, von dessen 12 Büchern vom Landbau (I. Jahrh. n. Chr.) das zehnte (de cultu hortorum) als Ergänzung zu Vergils Georgica in Hexametern geschrieben ist, in v. 357. 58 dieses Buches:

At si nulla valet medicina repellere pestem,

Dardaniae venaut artes.

34) p. 56. 57.

 

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zu verstärken, von Erfurt und Leipzig steht im ältesten Faustbuche auch nichts, so mag eine Universität hinzugefügt worden sein, um den Nimbus der Gelehrsamkeit, der den Helden umschwebte, noch zu erhöhen. -- Bei dieser ganzen Betrachtung, soweit sie Fausts Lebensverhältnisse betrifft, habe ich die wichtige Frage außer acht gelassen, wie viel von diesen Dingen Tatsachen entsprechen mag; ich habe geglaubt es tun zu sollen, weil das Geschichtliche, das schließlich jeder Sage in irgend einem Maße zu Grunde liegt, von ihr so willkürlich behandelt wird, daß die Geschichtlichkeit als solche für die Erkennung des Charakters der Sage meistens ohne Bedeutung ist. Außerdem vermag ich in Fausts Leben nur eine Tatsache als unumstößlich fest anzusehen, das ist die, daß 1509 ein Johann Faust aus Simern in Heidelberg studiert hat. Hierüber liegt ein Dokument vor, das man z. B. bei Kiesewetter p. 9 lesen kann. -- Ist Vergil im Sarazenischen Spanien in die Schule gegangen, so scheint eine eigentliche Kunst der Magie doch nicht aus arabischer Quelle zu stammen. Der Kentaur Chiron hat seine Kunst ihm übermittelt, er ist Vergils Vorläufer. In der Cronica di Partenope 35) tritt diese Sage in der Form auf, daß V. in einer Grotte 36) unter dem Kopfe des Chiron ein von „Negromanzie“ handelndes Buch 36) gefunden haben soll. Diesen Magier Chiron, der uns als Vergils Lehrer entgegentritt, müssen wir uns unbedingt etwas näher betrachten; und zunächst mag uns Enenkel 37) von ihm erzählen, wie nämlich König Peleus Seinen Sohn Achill seinem „Wildschützen Schiro“ zur Erziehung übergab:

 

seinem wildnaer' er ez liez, (das kind)

Der was geheizen Schirô;

die pfaffen nennent in alsô,

Der was halbs ros, halbes man,

vür wâr ich en daz sagen kan,

Daz Schirô zôch daz kint,

unz er vil vrum wart und besint,

Er wart auch von im wol gezogen;

er lêrt' ez schiezen mit dem bogen,

Springen, ringen, werfen den stain u. s. w

 

Einer Homerischen Persönlichkeit hat sich die Sage hier bemächtigt. Patroklos pflegt einen Verwundeten, da heißt es, er habe die Heilkunst von Achill erlernt,

 

ὅν Χείρων ἐδίδαξε, διϰαιόταατος Κενταύρων. II. XI, 332.

 

Auch Asklepios, der Vater der Ärzte Machaon und Podaleirios, hat von ihm die Heilkunde erlernt. Daneben stammt von ihm auch die gewaltige Lanze Achills aus einem Eschenstamm vom Berge Pelion, die weder Patroklos noch sonst ein Achäer außer Achill zu schwingen vermag. II. XVI, 140--144 = XIX, 388--391. 38) Chiron ist also neben dem Arzte der lanzenkundige Held. Die nachhomerische Sage hat sein Bild namentlich nach der Seite der Heldenerziehung immer reicher ausgestaltet. Nicht nur ist die Zahl seiner Schüler groß, sondern sein Unterricht erstreckt sich auch auf alle Zweige der damaligen Erziehung. Auf einem hübschen pompejanischen Wandgemälde sehen wir ihn den Knaben Achill im Lyraspiel unterweisen. Ferner sagt Xenophon in seiner Schrift von der Jagd, diese Kunst sei die Erfindung des Apollo

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35) Comparetti-Dützschke p. 291.

36) Über die Grotte und über das Buch wird besonders gehandelt werden.

37) v. d. Hagen, Gesamtabenteuer. Bd. III.

38) Ich glaube nicht, daß die Verse 140-144 zu streichen sind, sondern daß V. 139 hinter 144 zu setzen ist. Das war schon Köchlys Ansicht, Iliadis carmm. XVI p. 298, die nach meiner Meinung von Franke und Ameis nicht widerlegt ist. s. Ameis, Kritischer und exegetischer Anhang zu Π. p. 45.

 

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und der Artemis, die aber hätten dem Chiron wegen seiner Gerechtigkeit ein Geschenk damit gemacht, und dann folgt ein Verzeichnis von Heroen, Trägern der berühmtesten Namen, die seine Schüler hierin gewesen. 39) Aber auch Lehrer der Gerechtigkeit ist er, offenbar, weil Homer ihn den gerechtesten der „Kentauren“ nennt. Man kannte sogar ein Buch von ihm, „Ermahnungen des Cheiron“ betitelt. Und Pindar redet einen jungen Fürstensohn, den er besingt, so an:

 

Ja, du bewahrst –- standhaft

Die Weise jenes Gebots,

Das dem verwaisten gewaltigen Peliden einst

Im Gebirg, sagen sie, der Philyra Sohn (Chiron)

Gab in die Seele: „mehr als die Götter alle zu scheu'n

Kronos' erhabenen Sohn, der hoch

Dröhnt im Gewölk' und dem Blitz

Machtvoll gebietet,

Und gleiche Ehre den Eltern

Zu weih'n allzeit, so lang sie weilen im Licht. 40)

 

Diesem Erzieherbilde entspricht Enenkels Schilderung, nur daß mit der ganzen Harmlosigkeit des Mittelalters die ritterliche Erziehung an Stelle der altgriechischen tritt. Wie aber kommt der „gerechte“ Mann zu der bösen Kunst der „Negromanzie“? Er bewohnt eine Höhle des thessalischen Pelion über einer kräuterreichen Schlucht. Thessalien war in Griechenland die Heimat der Zauberer. 41) Kräuter dienen Ärzten, aber auch Hexen, und die Höhlen sind die Wohnstätten der Dämonen! Ein thessalischer Bergdämon ist Chiron offenbar. In Pindars IX, pythischen Ode ruft Apollo den Kentauren aus seiner Höhle hervor, um sich von ihm die Zukunft der Nymphe Kyrene, die er entführt, künden zu lassen. Ein später griech. Schriftsteller behauptet, Chiron sei himmelskundig gewesen 42), und mehrere Berichte versetzen ihn als Schützen unter die Gestirne, z. B. Ov. fast. 5, 379-414:

 

Nocte minus quarta promet sua sidera Chiron

Semivir et flavi corpore mixtus equi.

 

Nach diesen Worten erzählt der Dichter, wie der Kentaur in Folge eines unglücklichen Zufalls durch einen vergifteten Pfeil des Herakles im Beisein Achills den Tod findet. Dieser beklagt den geliebten Lehrer mit allen Ausbrüchen des Schmerzes und ruft ein über das andere Mal:

 

Vive, precor, nec me, care, relinque, pater!

Und Ovid schließt: Nona dies aderat cum tu, iustissime Chiron,

Bis septem stellis corpora cinctus eras! 43)

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39) Κυνηγετιϰός Anf.

40) Pind. Pyth. VI, 19 ff. (nach Donner)

41) Thessalierin wurde geradezu für Zauberin gesagt. Vgl. Schol. zu Aristoph. Wolken, v. 746, wo Strepsiades sich eine thessal. Zauberin kaufen und mit ihrer Hilfe den Mond herunterholen und in eine Spiegelkapsel verschließen möchte:

Ὡς νῦν τὰς φαρμαϰίδας Θετταλὰς ϰαλοῦσιν. Διάβαλλονται γὰρ οἱ Θετταλοὶ ὡς γόητες. Φασὶ δέ, ὄτι Μήδεια φυγοῦσα ϰίστην ἐξέβαλε φαρμάϰων ἐϰεῖ, ϰαὶ ἀνέφυσαν. -- Statius, Thebais II, 21, 22:

 

- seu te furiata sacerdos

 

Thessalis arcano iubet emigrare sepulcro.

Und Plinius l. c. erwähnt, Menander habe ein Lustspiel Thessala benannt:

fabulam complexam ambages feminarum detrahentium lunam, d. h. weil es die Kunststücke von Frauen zum Gegenstand hatte, die den Mond vom Himmel herabzogen.

42) Schol, Ap. Rh. 4, 816.

43) Über Chiron s. auch den Artikel in Roschers Lexikon der griech. und röm. Mythologie.

 

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Unsern Chiron hat bekanntlich auch Goethe würdig befunden in der klassischen Walpurgisnacht eine Rolle zu spielen. Hier macht der Kentaur Faust Mitteilungen über Helena, die dieser in der Unterwelt aufsuchen will, und trägt ihn auf seinem Rücken über den thessalischen Peneios.

 

Faust: Ein Reiter kommt herangetrabt,

Er scheint von Geist und Muth begabt,

Von blendend weißem Pferd getragen . . .

Ich irre nicht, ich kenn' ihn schon,

Der Philyra berühmter Sohn!

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Der große Mann, der edle Pädagog,

Der, sich zum Ruhm, ein Heldenvolk erzog,

Den schönen Kreis der edlen Argonauten

Und alle, die des Dichters Welt erbauten.

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Den Arzt, der jede Pflanze nennt,

Die Wurzeln bis ins Tiefste kennt,

Dem Kranken Heil, dem Wunden Lindrung schafft,

Umarm ich hier in Geist- und Körperkraft.

 

Chiron seinerseits kann nicht umhin, an diesen Preis seiner Person und seiner Kunst eine schmerzliche Betrachtung zu knüpfen über den Rückgang der letzteren im Mittelalter:

 

Doch ließ ich meine Kunst zuletzt

Den Wurzelweibern und den Pfaften. 44)

 

Übrigens erkennt man aus dem oben über Thessalien Gesagten, wie richtig es von Goethe war, zum Schauplatz der klassischen Walpurgisnacht Thessalien zu erwählen, während er die romantische auf den Blocksberg verlegte. -- Nach dem Bilde nun aber, das ich im Vorstehenden von dem thessalischen Chiron entworfen habe, darf ich wohl behaupten, daß er zweifellos zum Vorläufer Vergils geeignet war, denn er trägt einen ebenso gutartigen Charakter wie der Vergil der neapolitan. Volkssage; beide sind Wohltäter ihrer Heimat. Und man muß gestehen, daß auch Goethe den Lokaldämon ganz im Sinne des Altertums gezeichnet hat. Von Chiron also erhielt Vergil das Zauberbuch. Ehe wir aber diesem Buche unsere Aufmerksamkeit zuwenden, wollen wir uns auf dem Gebiete des persönlichen Unterrichts noch etwas weiter umsehen. Der Schüler der Magie wird naturgemäß auch Lehrer, und so gelingt es der Sage,ihrem Liebling neue Kreise zu gewinnen, so wird Vergil auf diesem Wege mit der Artussage in Verbindung gesetzt, wie wir es schon auf anderem verfolgt haben. 45) Vergils Famulus gewissermaßen ist der Zauberer keltischer Herkunft, Merlin. In der nach ihrem Verfasser Aliprando Aliprandina genannten Chronik vom J. 1414 wird erzählt, als V. nach seiner Flucht aus Rom nach Neapel gekommen, habe er bemerkt, daß er sein Zauberbuch dort gelassen und sofort seinen Schüler Milino nach Rom geschickt, es bei Roberto zu holen. 46) Milino ist natürlich Merlin und Roberto Robert der Teufel. In der Sagengestalt Merlins können wir denselben Übergang vom Sänger zum Propheten und Zauberer verfolgen wie bei Vergil. Ursprünglich gilt dieser Merlin für den Stifter der keltischen Bardeninnung. Von den keltischen Kymren stammt

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44) Es ist interessant, sich G. selbst über diese Figur äußern zu hören in seiner Ankündigung des Helena-Zwischenspieles vom Jahre 1826. 5. Pniower, Goethes Faust, Zeugnisse und Exkurse zu seiner Entstehungsgeschichte Berlin 1899 p. 173. Sophienausgabe Bd. XV, II p. 219.

45) s. oben p. 32.

46) Comparetti-Dütschke p. 300. Simrock p. 50. 51.

 

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Name (= Sänger) und Stand der Barden. Sie waren halbpriesterliche Sänger, ähnlich den Propheten der Hebräer. So wird M. Prophet, es gingen sogen. Prophetiae Merlini um, während seine Lieder verloren gegangen sein sollten. Dann geht er über in die bretonisch-normannische und die französisch-deutsche Sage. Er gehört zu den ständigen Begleitern des Königs Artus; der Prophet, der die Zukunft seines Volkes vorherverkündigt hatte, nimmt nun teil an ritterlichen Taten, und zuletzt -- wird er der mit dem Teufel verbündete Zauberer. Äußerlich wird der Zusammenhang der Merlin- mit der Artussage so hergestellt, daß König Artus einem Liebesbunde entstammt, den Merlin durch Zauber ermöglichte. Er selbst soll nach der Sage des XII. und XIII. Jahrhunderts durch den Teufel mit einer Jungfrau gezeugt sein. Dies Motiv ist ein in den mittelalterlichen Sagen weit verbreitetes. Wie Christus der Sohn Gottes und einer Jungfrau, so soll der Antichrist in gleicher Weise vom Höllenfürsten abstammen, um diesem zurückzurauben, was Christus dem Himmelsfürsten gewonnen. -- Auch Bojardo und Ariosto haben den keltischen Zauberer verwendet, bei letzterem ist Merlins Grab, das seine Gebeine und seinen Geist bewahrt, in sicherer Hut, eine Orakelstätte. Des Gestorbenen Stimme lebt und entdeckt jedem, der sie vernünftig befragt, was vergangen ist und künftig. Neben dem Grabe befindet sich aber eine alte weitberühmte Grotte, die des Zauberers Hand geschaffen. (Offenbar eine Nachahmung der Vergilsage, nach der der Dichter in der Nähe seines Grabes in Neapel den Posilipo-Tunnel angelegt haben soll. s. Teil I p. 26). Zum Schluß sei über Merlin noch bemerkt, daß nach neueren Forschungen in seiner Person zwei Gestalten zusammengeflossen sind, der Barde, der unter Artus gegen die Sachsen stritt, und der wunderbare Knabe, in dem ein König das Kind ohne Vater fand, dessen er für einen Zauber bedurfte. 47) -- Ein zweiter berühmter Schüler Vergils ist Klinschor, der aus Wolframs v. Eschenbach Parzival bekannte Zauberer. 656, 14 ff. heißt es da:

 

sin lant heizt Terre de Lâbûr:

(terra di lavoro wird Campanien wegen seiner Fruchtbarkeit genannt).

von des nâchkomn er ist erborn,

von Nâpels Virgilius.

Clinschor der neve warp alsus:

(warp von werben, eigentlich == „sich um etwas bewegen“ bedeutet hier etwa: „es erging ihm“)

Câps (Capua) was sîn houbetsat. u. s. w.

 

Weiter wird erzählt, daß er mit der Gemahlin eines Königs von Sicilien Ehebruch getrieben habe und zur Strafe dafür von diesem entmannt sei. Der König heißt Ibert, seine Gemahlin Iblis. Durch dieses Schicksal ist Klinschor ein Menschenfeind geworden, in seinem Zauberschlosse (château merveil) hielt er Ritter und fürstliche Frauen, die er zu Gefangenen gemacht, in strengem Gewahrsam und erwies sich auf jede Weise als Feind des Grals. (Diesen Zug hat Wagner in seinem Parzifal geschickt verwendet). Woher Wolfram, bei dem der Name Klinschor zuerst vorkommt, diese Sage genommen hat, ist eine schwerlich je mit Sicherheit zu lösende Frage. An freie Erfindung darf bei ihm sicherlich nicht gedacht werden. Andererseits wird die Artussage neben Merlin nicht noch über einen zweiten selbständigen Zauberer verfügt haben. Nur so viel scheint mir festzustehen, daß jene Sage arabischen Ursprungs ist. Der Name der sicil. Königin ist das arabische Wort für böser Geist, Teufel 48), des Königs Name Ibert offenbar damit verwandt; Sicilien, wo Klinschor das Abenteuer erlebt, das ihn erst zu

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47) Gräße, Die großen Sagenkreise des Mittelalters. Dresden 1842 p. 197. 198, Scherr, Illustrierte Geschichte der Weltliteratur. 10. Aufl. 11 p. 3, (San Marte, die Sagen von Merlin, Halle 1853 habe ich nicht einsehen können).

48) Iblis ist aus δίαβολος entstanden und im Koran, wie auch z. B. in den Erzählungen von 1001 Nacht der ständige Ansdruck für den Satan. s. z. B. Sure XV, 38: Iblis Sprach zu Gott: Herr, weil Du mich verführet hast, werde ich die Menschen auf Erden verführen alle.

 

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dem bösartigen Zauberer macht, ist lange ein Sitz sarazenischer Herrschaft gewesen. Klinschors Name selbst ist chaldäisch 49) und kann als solcher wohl nur durch die Araber ins Abendland gekommen sein. Ja selbst Parzivals Namen hat man aus dem Arabischen ableiten wollen -- Parsi-fal == blöder Tor -- (Rich. Wagner z. B. folgt dieser Ableitung); scheint das nun auch sprachlich falsch zu sein 50) und ergiebt sich als richtige Deutung des Namens: „Dring durch das Tal“ (von percer und la vallée), klingt diese Etymologie auch wohl an in Wolframs, (der bekanntlich sehr wenig französisch verstand), eigner Deutung „Recht mitten durch“ 51) so ist doch vielleicht nicht ganz ausgeschlossen, daß ein ursprünglich arabischer Name französisiert sei oder vielleicht gar ein arabisches Gegenstück zum Parzival existiert habe, wie höchst wahrscheinlich in dem Merlin der späteren Sage zwei Personen vereinigt sind. Eins noch darf bei dieser schwierigen Namensfrage nicht außer acht gelassen werden, daß es geradezu wunderbar wäre, wenn man den Charakter des Helden, jene echt deutsche „Tumpheit“, die in der Welt vielfach Anstoß erregt, aber nach treuem Suchen im Kampfe der Welt den Frieden findet, 52) nicht auch in seinem Namen hätte ausgedrückt finden wollen. Eine Namenspielerei wenigstens wie die mit dem bald von virgo, bald von virga abgeleiteten Namen Vergils wird den „Blöden Toren“ entdeckt haben, wenn auch Wolfram sich für eine andere Etymologie entschied und sein einziges uns zugängliches Vorbild, Chrétien de Troies keinerlei Anhalt für die Frage bietet. Wolfram muß eben außer dem von ihm selbst genannten rätselhaften Guiot von Provins noch andere Quellen gehabt haben. Einen ganz orientalischen Eindruck macht auch die Beschreibung der Wunder des Château merveil, und die Entmannungsgeschichte weist ebenfalls nach dem Orient Und wenn die schöne Königin den Teufelsnamen führt, so erinnert das an den kurz vorher erwähnten Zug der Zaubersage, daß die Zauberer der Verbindung eines Dämonen oder des Teufels mit einer irdischen Jungfrau entstammen. Ich wage nun im Anschluß hieran die Vermutung auszusprechen, daß die Verbindung Vergils mit Klinschor durch den engen politischen Zusammenhang Neapels mit Sicilien gerade in der Zeit, als die Vergilsage ihre Heimat verließ, 53) entstanden ist. Das bleibt dabei allerdings unerklärt, wie Wolfram zu dieser Figur gekommen ist. -- Noch in einer deutschen Sage spielt Klinschor eine Rolle, in dem Sängerkrieg auf der Wartburg (1207).

 

 

Einfügung: Der Sängerkrieg auf der Wartburg 1207 (Wandgemälde v. M. v. Schwind im Sängersaal 1885)

 

Mancher wird sich der in Wolken daherfahrenden Gestalt auf Moritz von Schwinds Gemälde im Sängersaal der Wartburg erinnern. Der besiegte Heinrich von Ofterdingen soll nach Jahresfrist mit dem damals berühmtesten Meister des Gesanges, Klingsor aus Ungerland als Schiedsrichter wiederkehren. „So zog Ofterdingen nach Oesterreich zu dem Herzoge Leopold VI. Dieser gab ihm Briefe mit an Meister Klingsor, welcher in Siebenbürgen

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49) s. Teil I p. 19. Aus Klinschor hat die die Volksethymologie Klingsohr gemacht.

50) Wilh. Hertz behauptet in seinem Schriftchen: Die Sage von Parzival und dem Gral. Breslau 1882 A 41, ein Wort fäl = Tor finde sich weder im Arabischen noch im Pereischen, und weist einen Dummling mit dem Namen Peronnik aus einem neubretonischen Märchen nach, p. 25. Jedenfalls ist der französisch klingende Name aus einer andern Sprache herübergenommen.

51) Der täppische Knabe findet seine Niftel Sigune, wie sie an dem Leichnam ihres Gatten Tschianatulander jammert. Auf ihre Frage nach seinem Namen weiß er nur zu antworten, daß die Mutter ihn „Bon Fils, scher Fils beau Fils“ genannt habe. An dieser Einfalt erkennt sie ihn und sagt (140, 16–20):

 

Fürwahr, du heißest Parzival,

Der Name sagt: Inmitten durch,

Die Liebe schnitt wohl solche Furch

In deiner Mutter treues Herz;

Dein Vater hinterließ ihr Schmerz.

 

52) Scherer, Geschichte der deutschen Literatur 4 Auf. 1887, p. 381. 2.

53) Teil I p. 32.

 

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wohnte und edel und gar reich war. Auch war derselbe ein behender Philosophus und ein wohlgelehrter Mann in weltlichen Künsten, besonders wohlerfahren in der Astronomie und in der schwarzen Kunst.“ Zu diesem kam Ofterdingen und bat ihn, daß er mit ihm kommen möchte zur Wartburg. Nun aber war schon ein Jahr vergangen und die Frist bis auf einen Tag abgelaufen, deshalb war O. in großen Sorgen; doch Kl. wußte Rat, denn mit Hülfe der Schwarzen Kunst kamen sie beide in einer einzigen Nacht gen Eisenach in das Haus des Bürgers Hellegrave. -- Später erzählte O.:

 

Czu den sibin borgen wir slaffe gingin

Unde warn zcu mettenzeyt allhy,

Wy das quam, das erfur ich ny.

 

Am Abende desselben Tages aber saß der Meister Klingsor vor seiner Herberge und sah aufmerksam nach dem gestirnten Himmel, sodaß diejenigen, welche zugegen waren, ihn fragten, ob er etwas Besonderes dort erschaue; da antwortete er ihnen: „Ihr sollt wissen, daß in dieser Nacht meinem Herrn, dem Könige Andreas von Ungarn eine Tochter geboren wird, die wird genannt werden Elisabeth und wird ein heiliges Leben führen; auch soll sie angetraut werden dem jungen Fürsten Ludwig, dem Sohne des Landgrafen Hermann, denn durch ihre Frömmigkeit wird die ganze Welt und besonders das Thüringerland erfreut werden.“ In dem darauf erneuerten Wettkampf besiegt Kl. alle Gegner Ofterdingens, nur Wolfram v. Eschenbach nicht; auch der von ihm mitgebrachte böse Geist Nasian erliegt dem frommen Sänger; nur in der Gelehrsamkeit überwindet er ihn, er erscheint in der Nacht in Wolframs Schlafkammer und legt ihm gar verfängliche Fragen vor, von der Beschaffenheit des Himmels, von dem Laufe der Planeten und von den Sternen, die Wolfram nur mit dem Hinweis auf Gottes Schöpfermacht beantworten kann. So ward Wolfram, obgleich Sieger, doch auch für besiegt erklärt. Kl. versöhnte die Sänger und zog reich beschenkt wieder nach Ungerland. 54) Dieser Klinschor, der in der Sage vom Wartburgkriege auftritt, trägt offenbar sehr verschiedenartige Züge an sich, wie denn ja auch das altdeutsche Gedicht, das die älteste Quelle der Sage bildet, anerkanntermaßen aus verschiedenartigen Teilen zusammengesetzt ist. 55) Der älteste Bestandteil scheint mir, soweit es sich um unsern Helden handelt, die nächtliche Prüfung Wolframs durch den Teufel Nasian zu sein; denn dies ist einmal ein echter Zug der mittelalterlichen Magussage, der Kampf zwischen dem in astrologischer Kunst erfahrenen Magus und dem seines Gottes sicheren Laien, in dem auf die eine oder andere Weise der letztere siegt; sodann ist es derselbe Gegensatz wie der im Parzival behandelte, mit der einen beachtenswerten Ausnahme, daß hier Klinschor selbst alles Teuflische vollbringt, während er dort einen ihm untertänigen Teufel verwendet. Wir kommen hier zum ersten Male auf einen Unterschied in der Magussage zu sprechen, der von nicht geringer Bedeutung ist, ob nämlich der Zauberer selbst die Kunst ausübt oder nur über Geister verfügt, die sie auf seinen Befehl ausüben. Das letztere ist bei den mittelalterlichen Zauberern das Gewöhnliche, sie erhalten durch den Bund mit dem Teufel die Erfüllung ihrer weltlichen Wünsche, aber nicht selbst Zaubermacht, und das ist mit ein Grund dafür, daß sie nicht unrettbar verloren sind. 56) So ist's z B. bei Theophilus. Anders verhält es sich mit Vergil, der eben Meister der Nigromanzie ist. Ob freilich deshalb sein furchtbarer Tod als Strafe zu gelten hat, erschien uns oben zweitelhaft. 57) Jedenfalls steht Vergil in dieser Hinsicht dem Faust der Volkssage viel näher als irgend ein anderer Teufelsbündler des Mittelalters.

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54) Nach den Annales Reinartsbrunnenses und Dietrich v. Apolda.

55) vgl. Deutsche Sagen. Erzählt und erläutert v. Alb. Richter p. 315 ff.

56) s. Bem. Teil I p. 6.

57) Teil I p. 10.

 

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Das Volkspuppenspiel von Faust bringt, wie v. d. Hagen 58) hübsch bemerkt hat, den Gegensatz zwischen dem durch den Teufel bloß Geförderten und dem ihm völlig Verfallenen in besonders bemerkenswerter Weise zum Ausdruck, nämlich durch den Unterschied zwischen Faust selbst, den der Teufel holt, und seinem unwissenden Diener Kasperle (der komischen Figur), der nur für die Dienste, welche er angenommen, sich böse Possen muß spielen lassen. Einen ähnlichen Gegensatz, wenigstens zwischen dem Können des Lehrers und dem des Schülers bietet übrigens die Vergilsage auch schon. Als V. sich durch Merlin sein Zauberbuch aus Rom holen ließ, warnte er ihn, dasselbe zu öffnen. Aber der Schüler konnte seine Neugier nicht bezwingen: er öffnete das Buch und begann darin zu lesen. Aber kaum hat er eine Zeile gelesen, so sieht er sich von einer Schar von Geistern umringt, die ihn mit feurigen Augen ansehen und fragen: Was willst du? Da erschrak Merlin heftig und wußte in seiner Herzensangst den Geistern nichts zu befehlen, als daß sie die Straße von Rom nach Neapel mit Salz bestreuen sollten, damit sie immer rein bliebe. Die Geister taten das ohne Zögern; auch kamen sie nicht zurück, damit ihnen nicht wieder so schwere Arbeit aufgegeben würde. 59) Wer dächte bei dieser Geschichte nicht an Goethes „Zauberlehrling“, bei dem der Dichter Lucians Lügner cap. 33--36 als Quelle benutzt hat. (Ein ägyptischer Priester Pankrates ist da der Zauberer). -- Verfolgen wir aber den Schuldunterschied und den entsprechenden Strafunterschied bis in unsere große Faustdichtung hinein, so erkennt man leicht, daß Goethe seinen Helden in ein weit reineres Licht erhoben hat, als in dem der Zauberer des Volksbuches sich bewegte, er läßt ihn nicht selbst Taten der Zauberei vollbringen, sondern solche stets dem Mephistopheles auftragen, den er in tiefster Seele verachtet und nur als Diener seines Willens benutzt, den er manchmal abzuschütteln versucht, aber nicht loswerden kann. „Gerade in Italien hat der römische Künstler, dem das tolle Zauberwesen und das nordische Phantom zu widerstehen begann, seinem Helden jede Zauberkraft als unwürdigen Hokuspokus genommen: jetzt vollbringt Mephistopheles die Kunststücke.“ So führt denn G. seinen Helden auch zum Siege über die Macht der Hölle, und der Teufel hat das Nachsehen, er ist der Geprellte wie in mancher mittelalterlichen Sage. Wie fein aber G. fühlte, daß er seinen Faust compromittierte, die Grundidee der Dichtung verdunkelte, wenn er ihn selbst Zauberkünste ausführen ließ, erkennt man deutlich daraus, daß er im Urfaust in Auerbachs Keller Faust selbst die Wunder vollziehen läßt, schon im Fragment dagegen ihn zum passiven Teilnehmer macht. 60) -- Mit dem dämonischen Klinschor will sich in dem Sängerkriege nur schlecht vereinigen lassen der Schiedsrichter in dem Sängerkampfe. Man merkt auch diesem Teile der Sage manche Unklarheit an. Es ist nicht recht gelungen, diese Rolle mit der andern in Einklang zu bringen. Besonders merkwürdig ist, daß der Klinschor, den wir in dem früheren Wolframschen Epos als böswilligen Zauberer kennen lernen, in dem einen Teile des altdeutschen Gedichtes vom Wartburgkriege als der gepriesen wird, der den Streit der Sänger schlichtet. Hat Vergil doch das entgegengesetzte Schicksal erlebt, daß er aus dem Wohltäter der Teufelsdiener wurde, wenn ihm auch keine sehr teuflischen Taten zugeschrieben werden. Sollte vielleicht der „Neffe des Zauberers Vergil“ auch von dem Dichter Vergil geerbt haben, so daß er deswegen zu den Sängern gesellt wurde, die auf der Wartburg sich miteinander maßen? Jedenfalls zeigt sich hier wieder die Eigentümlichkeit der Sagenbildung, daß verschiedene Personen,

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58) Gesamtabenteuer Bd. III. Zur Theophilus- und Faustsage, Creizenach, Versuch einer Geschichte des Volksschauspiels vom Doctor Faust, Halle a. S. 1878 p. 108.

59) Simrock p. 51. Bei Buonamente Aliprando (Comparetti Texte XIV) ist das Gefährliche deutlicher hervorgehoben: Merlino glaubte sterben zu müssen, aber er faßte sich und befahl --. V. macht ihm heftige Vorwürfe mit dem Bemerken, daß er den Tod von solcher Neugier haben könnte.

60) Minor, Faust I p, 109.

 

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oft in recht widerspruchsvoller Weise, zu einer zusammengeschweißt werden. Wenn endlich der Klinschor des Wartburgkrieges aus Ungarn stammt, so ist dieser Zug offenbar erst in Folge der oben erwähnten Prophezeiung, nach welcher die ungarische Elisabeth Herrin der Wartburg werden sollte, dem Bilde aufgetragen. 55) -- Sprechen wir von Schule und Schülern, so gehört dazu auch das Begründen von Schulen, das schulmäßige Betreiben einer Wissenschaft, das zünftige Professorentum; denn die Magie ist eine Wissenschaft, und die sie betreiben, sind Professoren. So ist denn auch der Vergil der Sage ein Glied dieser Zunft. Ein altfranzösisches Gedicht erzählt von ihm, daß er Neapel durch Begründung von Schulen bevölkert habe – si manda clercz et fit crier escolles et les clercz fist il venir à Naples et leur assists rentes à la ville pour tenir escolliers en telle maniere que qui lescolle laisseroit sa rente failloit. -- et V. lisoit da la science de nigromance, car plus en sçavoit que les autres qui y avoient esté devant luy et apres luy. 61) In diesem Zusammenhange sei schließlich noch eines wunderlichen Machwerkes gedacht, das Comparetti 62) aus einer Turiner Handschrift zuerst veröffentlicht hat. Es zeigt uns den Höhepunkt jener Verwirrung der Zeiten und Dinge, die der romantischen Poesie des Mittelalters so eigentümlich ist. Der römische Kaiser heißt hier Noirons li arabis, wir haben also in französischer Sprachform einen römischen Kaiser (Nero) arabischer Herkunft. Er ist ein Anbeter des Teufels und Muhammeds, Vergil dagegen ein Verkündiger Christi und Verteidiger des neuen Glaubens. Das Gedicht stammt von einem französischen Troubadour, der röm. Kaiser ist die ständige Figur in der Vergilsage 63), arabisch ist dieser, weil die Araber der Zeit Muhammedaner und Muhammedaner dem gläubigen Sinn des Mittelalters Teufelsanbeter sind. Die Verkündigung Christi durch unsern Vergil erscheint hier, wie in einer Reihe von Erzählungen, in der Form, daß V., der „alles weiß“, auf die Frage, wie lange der Palast des Kaisers stehen bleiben wird, antwortet: „Er wird stehen, bis daß eine Jungfrau gebären wird“. Das Eintreten des göttlichen Wunders hat dann natürlich den Einsturz des Palastes zur Folge. Diese Legende hat offenbar das ganz besondere Wohlgefallen der mittelalterlichen Christen erweckt. Vergil aber trägt in der Erzählung noch ganz den Charakter des mit wunderbarem Wissen begnadeten, aber edlen Heiden, den nicht für Gott gewinnen zu können der Apostel Paulus bedauert 64), während das Teufelskind der Kaiser ist. Also eine Vertauschung der Rollen! Pour le grand; sens que Dex a en toi mis sagt Noirons einmal zu V. An dieser Stelle aber bin ich auf das wild phantastische Gedicht gekommen, weil in demselben V. durchaus die Rolle eines Gelehrten und Lehrers spielt. Mestre wird er immer genannt, mit weisen Freunden berät er sich. u. a. mit Hippokrates; in Büchern wird nachgeschlagen und alles zusammengesucht, was sich auf das Erscheinen Christi bezieht. -- Betrachten wir nun das Gegenstück des „mittelalterlichen Faust“, so erkennen wir bei aller Ähnlichkeit der Züge doch ein anderes Milieu. Hervorragende Gelehrte sind beide, beide umgeben von einem Schülerkreise, aber in der Faustsage erblicken wir doch die Gegenstände in einer klareren Luft, die Nebel der Phantasie umziehen nicht die Schauplätze in einer sie unkenntlich machenden Weise. Ich möchte sagen, vor einem Hintergrund, der eine wirkliche Örtlichkeit darstellt, bewegen sich zauberhaft kostümierte Personen und begehen zauberische Handlungen. Oder ich möchte an Shakespeares Kaufmann von Venedig erinnern, in dem uns das Venedig des XV. Jahrh. mit historischer Treue vorgeführt wird,

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61) Les faictz merveilleux de Virgile, No. 18. Bei Comparetti Dokumente XV.

62) Comparetti-Dütschke p. 266 ff.

63). s. Oben p. 32. Wie verwunderlich der Name des röm. Kaisers oft ist, dafür seien zwei Beispiele angeführt. In den Gesta Romanorum heißt einer Menelaos, ein anderer Miremin.

64) Texte Virgilscher Legenden bei Comp. V.

 

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daneben aber Märchen aus dem Orient einen wesentlichen Teil der Handlung ausmachen. 65) In Erfurt liest Faust ein Kolleg über Homer, den Inhalt der Vorlesung aber bilden Zauberpossen. Das noch halbmittelalterliche zünftige Professorentum, wie es uns Goethe in seinem Faust inso unvergleichlicher Weise vor Augen führt, findet bis zu einem gewissen Grade sein Vorbild in den Faustbüchern. Vergil ist der „Weise“, Faust der Professor, bei jenem denkt man an wunderbare Gaben, z. B. der Prophetie, bei diesem an die auf natürlichem Wege erworbene Gelehrsamkeit; Vergil weiß alles, Faust hat alles, was auf Universitäten zu erlernen ist, sich angeeignet. Daher hört bei Faust auch jener Zusammenhang mit berühmten Zauberern auf, den Vergil künstlich hergestellt sahen. Das XVI. Jahrh. will mit dem Mittelalter brechen, aber die Menschheit ändert sich nicht so schnell, und ganz wird sie den Zauberspuk wohl nie loswerden. So wird uns bei dem Zauberbuche, mit dem ich mich im nächsten Abschnitt etwas näher beschäftigen will, der aus der Reformation hervorgewachsene Faust dem Vergil, wie er im Mittelalter fortlebte, wieder sehr nahe gerückt erscheinen.

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65) Bulthaupt, Dramaturgie des Schauspiels. II. Bd. Shakespeare p. 365. 66. 70. Gesta Rom. Übersetzt v. Gräße. Neudruck 1905. Erster Anhang, Erzählung 10.

 

 

 

Quelle:

Zeitschrift: Jahresbericht : Ostern .. / Königliches Gymnasium zu Nordhausen

Titel: Vergil ein Faust des Mittelalters

Verfasser: Schambach, Karl

Erschienen: 2.1905

Serie [Jahresbericht] / Königliches Gymnasium zu Nordhausen: wissenschaftliche Beigabe ; ...

Online-Ausgabe

Düsseldorf : Universitäts- und Landesbibliothek, 2014

URN: urn:nbn:de:hbz:061:1-334828

https://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ulbdsp/periodical/titleinfo/6938284?

Public Domain Mark 1.0

Creative Commons Gemeinfrei 1.0 International Lizenz

 

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KÖNIGLICHES GYMNASIUM zu NORDHAUSEN,

 

Ostern 1906.

 

II.

Wissenschaftliche Beigabe:

 

Vergil ein Faust des Mittelalters. III. Teil.

 

Von Professor Dr. Karl Schambach.

 

NORDHAUSEN 1906. Fr. Eberhardts Buchdruckerei.

 

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Das Zauberbuch.

 

Goethe sagt im Faust: 1) „Für solche halbe Höllenbrut / Ist Salomonis Schlüssel gut.“ Er verwendet damit für seine Dichtung jene clavicula Salomonis, die im Mittelalter lange Zeit hindurch das berühmteste Zauberbuch war, allerdings wohl nur den Namen, denn Beschwörungsformeln hat er offenbar den gedruckten Exemplaren 2) jenes Buches nicht entnommen. Für das Verhältnis seiner Dichtung zur Sage ist nun von größter Bedeutung, welche Rolle das Zauberbuch bei ihm spielt. Zunächst fällt uns auf, daß Faust es nur für eine gewisse Art von Geistern zu verwenden gedenkt, die er als „halbe Höllenbrut“ bezeichnet. Er kennt also das Buch nicht nur genau, über dessen Wirksamkeit er urteilt, sondern er hat offenbar noch andere Bücher zur Verfügung, die er auch schon studiert haben muß. Und eines derselben ist ja auch im ersten Monolog 3) genannt: „Und dies geheimnißvolle Buch von Nostradamus' eigner Hand.“ Auch hier hat Goethe zweifellos kein bestimmtes Buch im Sinne, der Name des im XVI. Jahrh. durch seine Prophezeiungen berühmten Mannes 4) dient ihm nur, den Glauben an ein wirkliches Buch zu erwecken. Hierbei ist zu beachten, daß die zuletzt erwähnte Stelle schon dem Urfaust angehört, während die frühere erst bei Ausfüllung der „großen Lücke“ hereinkam. Der Urfaust aber beruht auf dem Volksschauspiel, das wir uns mit Hilfe der Puppenspiele rekonstruieren müssen, 5) dieses wieder auf Marlowes Tragödie, die bald nach dem ältesten Volksbuche enstand; erst nach der Wiederaufnahme der Dichtung 6) hat Goethe Pfitzers Volksbuch benutzt, 7) also annähernd direkt aus der Quelle geschöpft, und da erst ist ihm offenbar die clavicula Salomonis aufgestoßen, die für seine Zwecke weit besser paßt als Nostradamus, der womöglich jünger war als der geschichtliche Faust. Und wenn unser Held von dem „geheimnißvollen Buche“ sagt:

„Ist Dir es nicht Geleit genug?“, so gewinnt man nicht den Eindruck, als wenn der Sprecher dieser Worte über mehrere Zauberbücher verfügte. Die Sache wird sich also so verhalten. Als Goethe, selbst ein anderer geworden, die Jugenddichtung fortzusetzen beschloß, da galt es „neuen Most in alte Schläuche zu füllen,“ und um das Neue nicht als solches erkennen zu lassen, setzte er an Stelle des Neuen manchmal ein Zweites. Der neue Faust mußte eine zweite Beschwörung vornehmen, und so trat auch nicht das neugefundene Zauberbuch an die Stelle

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1) Sophienausgabe v. 1257. 58.

2) Adelung, Geschichte der menschlichen Narrheit. Teil VI p. 347--457 teilt 7 Exemplare mit, 4 geschriebene und 3 gedruckte, Scheible, Das Kloster Bd. III, Zelle 10 p. 191--230 nur das letzte der 7 Exemplare Adelungs.

3) v. 419. 20.

4) Über ihn handelt ausführlich Adelung l c. Teil VII p. 105 ff.

5) Düntzer l. c. p. 240.

6) Diese erfolgte im Juni 1797 auf Drängen Schillers. Das Fragment, das ein Verzichten auf die Fortsetzung des Gedichtes bezeichnet, erschien 1790 in der Gesamtausgabe der Werke.

7) Am 18. Februar 1801 entnahm G. dieses Buch der Weimarschen Bibliothek. Es ist erst 1674 erschienen, die früheren Volksbücher hat G. offenbar nicht gekannt. Pniower l. c. Goethe-Jahrbuch XVI p. 162. Pniower, Die Abfassung der Szene „Vor dem Tor" im Faust).

 

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des ersten, sondern neben dasselbe, In beiden Fällen aber -- und das ist für meine Untersuchungen von Wichtigkeit -- ist Faust schon vertraut mit dem Buche. Er hat sich der Magie schon ergeben, die einschlägigen Bücher schon studiert, nur auf Grund des Gelernten eine Beschwörung vorzunehmen -- das hat er noch nicht versucht, mit diesem Versuche setzt die Handlung des Dramas ein. Das beweisen neben dem Gesamteindruck der ersten Szene die Worte: „Umsonst, daß trocknes Sinnen hier / Die heil'gen Zeichen Dir erklärt: (Damit hat er sich bisher beschäftigt) Ihr schwebt Ihr Geister neben mir, / Antwortet mir, wenn Ihr mich hört!“ (Damit beginnt die Beschwörung). 8) Und daß dies Goethes Idee ist, zeigt ein Vergleich mit dem Volksschauspiele, Marlowe und den Volksbüchern. Im ersten beginnt die Handlung in der Weise, daß Faust den Beschluß faßt, sich „in der Magie zu informieren“, um Geister zitieren zu können. Denn da ihm die Wissenschaften nicht dazu verholfen haben, den „Stein der Weisen zu finden“, sieht er „kein Heil als in der nekromantischen Kunst“. Da erhebt sich eine Stimme zur Linken: „Ergieb dich dem Studium der Magie“ und eine zur Rechten: „Ergieb dich nicht der Magie“. Dem Schwankenden naht Wagner mit der Mitteilung, daß drei Studenten dem Professor ein Buch überreichen wollen mit dem Titel: Clavis Astarti de Magia. 9) Faust ist glücklich. An alle Universitäten hat er um das Buch geschrieben, aber nirgends ist es mehr zu finden gewesen. Jetzt erhält er es plötzlich auf wunderbare Weise. Die drei rätselhaften Studenten sind, nachdem sie Wagner das Zauberbuch gegeben, verschwunden. Und im ersten Auftritte des zweiten Aufzuges erklärt Faust, der allein ist: „Nun will ich das Studium der Magie beginnen.“ 10) Woher das Buch kommt, läßt sich nach obiger Version leicht erraten, aber in einer anderen wird es geradezu gesagt, Mephistopheles hat von Pluto, dem Höllenfürsten den Auftrag bekommen, Faust ein magisches Buch in die Hände zu spielen, und dieser erinnert sich, daß ihm in der Nacht von „ein paar Teufeln in Studentengestalt“ geträumt habe, die ihm ein Buch vorzeigten. -- Im Volksschauspiel wird also auf die Gewinnung des Buches seitens des Zauberers ein besonderer Ton gelegt, während bei Goethe nur von der Benutzung die Rede ist. Jenes wird sich als altes Motiv der Zaubersage erweisen, und daß unser großer Dichter hier bewußt von einer Vorlage abgewichen ist, ergibt sich daraus, daß er das Motiv, Faust, wie Geisterstimmen ihn umtönen, von Wagner stören zu lassen, aus irgend einer Form des Volksschauspieles (resp. der Puppenspiele) entnommen hat. -- Wir wenden uns nun dem Marloweschen Drama zu, das mit dem Erscheinen der englischen Schauspieler in Deutschland im Anfang des XVII. Jahrh. bei uns bekannt geworden ist, 11) Hier handelt es sich nicht um die Gewinnung des Zauberbuches oder der Zauberbücher, sondern um die richtige Verwendung derselben. In seinem Eingangsmonologe (Sz. I v. 76. 77) 12) ruft Faust aus: These Metaphisickes of Magicians, / And Negromantike bookes are heauenly; dann beauftragt er Wagner, seine teuren Freunde, die Deutschen Valdes und Cornelius inständig zu bitten, daß sie ihn besuchen möchten. Denn Their conference will be a greater help to me,/

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8) Minor l. c. I p. 40. 41. 46.

9) Astartus ist das Masculinum zu Astarte, der syrischen Liebesgöttin, (In einem Heiligtume der Astarte werden die Rüstungen Sauls und seiner Söhne, nachdem sie selbst im Kampfe gefallen sind, niedergelegt. Josephus, Antiquit. Jud, VI, 14. 8.) und unter dem Namen Astaroth in die Zauberliteratur des Mittelalters übergegangen. In Fausts Höllenzwange zählt Astaroth zu den 4 Gubernatores des höllischen Reiches (Satan, Belzebub, Pluto sind die 3 andern), die in der Rangliste nach dem König und Vizekönig und vor den 7 Großfürsten rangieren. Kiesewetter l. c. p. 294.

10) Doktor Johannes Faust. Puppenspiel in 4 Aufzügen. Hergestellt von Karl Simrock. 3. Aufl, Basel 1903 p. 9-22, - Versuch einer Geschichte des Volksschauspiels von Doktor Faust von W. Creizenach, Halle a. S. 1878 p. 134. 35. -

11) Die Schauspiele der englischen Komödianten. Herausgeg. v. Creizenach (Kürschner Bd. 23) Einl. p. XXIII.

12) Marlowes Werke. Historisch-Kritische Ausgabe v. Breymann u. Wagner II. Doktor Faustus. Heilbronn 1889.

 

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Than (then) all my labours, plodde (plod) J nere (ne're) so fast. (Sz. I v. 95. 96). Es erscheinen die beiden Engel, der gute warnt, das verfluchte Buch bei Seite zu legen, nicht hineinzusehen, der böse mahnt, vorwärts zu gehen in der großen Kunst. Sodann treten Valdes und Cornelius auf; Faust begrüßt sie mit der Versicherung, daß ihr Wort ihn endlich bestimmt habe, sich der Magie zuzuwenden, und Valdes nennt bezeichnender Weise als die drei Mittel des Erfolges (v. 146): These bookes, thy wit and our experience. Zu den Vorkenntnissen der Magie gehören, wie Cornelius ausführt, Astrologie, Verständnis von Sprachen, Bewandertsein im Steinreich. Von Büchern soll er zu seinem ersten selbständigen Beschwörungsversuche mitnehmen Bakons 13) und Albanus' 14) Werke, die Psalmen und das Neue Testament. Endlich sind gewisse Beschwörungsworte und Zeremonien erforderlich. -- Wir sehen, auch bei Marlowe bedarf der Held wie im Volksschauspiel der Hilfe zur Erlernung der Beschwörungskunst, aber die Hilfe gewähren ihm nicht die Bücher allein, sondern Unterricht von Seiten Geübter. Den Studenten, die Faust das gesuchte Buch in die Hand spielen, entsprechen hier die beiden befreundeten Gelehrten, die ihn in der richtigen Benutzung der Zauberbücher unterweisen. Das Motiv, daß Wagner die Vermittelung zwischen seinem Herrn und den Fremden, die ihm ihre Hilfe zukommen lassen, übernimmt, ist beide Male verwendet, aber was bei Marlowe durch Unterricht Eingeweihter erreicht wird, führt das Volksschauspiel durch Einwirkung des Teufels herbei. Wir werden auf diesen Unterschied zurückkommen. Merkwürdig ist noch, daß bei dem englischen Dichter die beiden Fremden sogar bei der Begrüßung durch Faust ausdrücklich als Deutsche bezeichnet werden, obgleich die Handlung in Wittenberg spielt, (v. 12 sagt der Chor: Of riper yeeres to Wertenberg (Wittenberg) he went, v. 92 Faust: The Gerr a. C., und v. 125 derselbe beim Eintreten der Gäste: Come, Germaine Valdes and Cornelius). Will der Dichter damit die Sage ausdrücklich als deutsche seinem Publikum gegenüber bezeichnen? 15) =- Wenn sodann der Marlowesche Faust bei Erwähnung der magischen Bücher hinzufügt (v. 78): Lines, circles, sceanes, letters and characters, so erinnert das deutlich an die vocabula, figurae, characteres, coniurationes, incantationes des ältesten deutschen Volksbuches, das auch von der Überbringung eines besondern Buches nichts weiß, aber eben so wenig von herbeigerufenen Fremden, das überhaupt die Vorbereitung Fausts zu der Beschwörung ganz kurz abmacht. Hier konnte die erweiternde Dichtung einsetzen. Endlich ist bei Marlowe noch zu beachten, daß neben den Büchern und der Erfahrung der beiden Lehrer auch Fausts Witz gefordert wird (v. 146). Das könnte nämlich auf den Zug der Zaubersage gehen, daß der Adept einer besonderen Veranlagung bedarf. Widmann erzählt in seinem Faustbuche 16), Faust habe gewußt, daß es mit dem Zitieren der Geister dem einen mehr glücke als dem andern, „deshalb war er fürhabens seine Complexion und Natur zu erkundigen, und zu vernehmen, ob ihm auch dieselb in seinem vorhaben widerig sein und fehl schlagen, oder aber geneigt und beförderlich sein würde“. Es ist etwa das, was heutzutage gewisse Leute mediumistische Begabung nennen. „Complexion“ bedeutet offenbar das Zusammentreffen günstiger Umstände, eine günstige Konstellation bei der Nativität. Das Widmannsche Faustbuch ist 1599 erschienen, die englische Prosaübersetzung des deutschen Volksbuches 1588 oder Anfang 1589 entstanden, Marlowes Tragödie, der die englische Übersetzung

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13) Über diesen Faust der Engländer s Teil I dieser Arbeit p. 3 A. 1.

14) Peter von Abano (Pietro d' Abano), der Faust der Italiener, schrieb den Heptameron, der nächst der clavicula Salomonis das berühmteste Zauberbuch der älteren Zeit war. Kiesewetter p. 348.

15) Daß mit Cornelius der bekannte Corn, Agrippa v. Nettesheim (vgl. Teil I dieser Arbeit p. 1 A. 5. p. 11, 12. 13 gemeint ist, erscheint zweifellos, wenn aber Düntzer (l. c. p. 230 A. II) bei Valdes an Petrus Waldus, das Haupt der Waldenser denkt, so ist das durchaus unglaubhaft. Vorläufig muß der Name ungedeutet bleiben.

16) Kiesewetter p. 84 und 89. Der Verfasser handelt entsprechend dem Hauptzweck seines Buches ausführlich von dieser mediumistischen Veranlagung und dem Stellen der Nativität

 

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zu Grunde liegt, befand sich vor Nov. 1589 in den Händen der Schauspielgesellschaft des Lord Admiral 17) Daß englische Schauspieler vor 1599 nach Deutschland gekommen, 18) ist sicher, und bei dem ungeheuren Interesse, das die Faustsage hier fand, mag Widmann Marlowes Tragödie studiert und in dem Worte Witz eine Andeutung dessen gefunden haben, was von Männern seiner Zeit wie Cornelius Agrippa, Wier, Paracelsus, 19) dem Nürnberger Mathematiker Joh. Schoner eifrig diskutiert wurde. Ähnlich mag es sich mit einem anderen Punkte verhalten, in dem Widmann über Spieß hinausgeht. Bei jenem wagt Faust anfangs nicht, nach den Büchern Beschwörungen vorzunehmen, bis er sich erinnert, daß die Schwarzkunst von Päpsten und Kardinälen geübt sei, und von einem berühmten Kristallseher Anweisung erhält. 20) -- Die Hauptsache ist aber, daß der englische Dichter den Stoff zuerst dramatisch gestaltet hat. Die dramatische Form bedingt schon an sich mancherlei Veränderungen, Marlowe ist aber auch ein geschickter Dramatiker gewesen. Der berühmte erste Monolog in Goethes Faust hat dort sein Vorbild, dessen Bekanntschaft unserm großen Dichter nach dem oben Gesagten natürlich durch das Puppenspiel vermittelt wurde. Kuno Fischer 21) zählt außer dieser Anfangsszene noch 3 Punkte auf, in denen das Volksschauspiel unmittelbar von Marlowe abhängig ist. Ich füge einen fünften hinzu. Das ist eben das besprochene Motiv der Berufung der beiden Deutschen Valdes und Cornelius. Man kann diese Veränderung gegenüber dem Volksbuche eine Übersetzung aus dem Epischen ins Dramatische nennen. Die unbestimmten Andeutungen des Volksbuches über das Studium von allerlei magischen Büchern auf der Universität Ingolstadt und über den Verkehr mit Leuten, die in dieser Kunst bewandert sind, mußten durch bestimmte auf der Bühne sich abspielende Tatsachen ersetzt werden. Das Volksschauspiel nun, das außer in dem Possenhaften der lustigen Person auch in dem Teuflischen des Helden über seine Vorlage hinausgeht, hat aus den gelehrten Schwarzkünstlern vom Teufel geschickte Studenten gemacht und dem Buche selbst eine größere Wirksamkeit zugeschrieben, d. h. auch dieses teuflicher gemacht. Darin liegt ein gewisser Rückschritt gegen die rein protestantische Sage, deren Charakter in Bezug auf die Unterweisung des Zauberers früher gezeichnet wurde. 22) Und hierin gleichen dem Volksschauspiele die späteren Volksbücher. Wie widersinnig ist es doch, wenn Widmann, wie wir kurz vorher sahen, den Protestanten Faust eine Beruhigung über das Gottlose seines Unternehmens darin finden läßt, daß Päpste und Kardinäle ein Gleiches getrieben. Die Menschen des XVI. und XVII. Jahrhunderts vermögen eben das Mittelalter noch nicht völlig abzuschütteln. Ist es zu verwundern, wenn die Zaubersage immer wieder das mittelalterliche Rüstzeug verwendet, auch wo es schon durch anderes ersetzt war? Zum mittelalterlichen Rüstzeug gehört aber das Zauberbuch mit seiner unmittelbar wirkenden Kraft. Das wird uns seine Verwendung in der Vergilsage zeigen. Gervasius von Tilbury erzählt, jener englische Gelehrte, der in Neapel das Grab Vergils ausfindig machte, 23) habe außer anderen auf die Studien des Dichters bezüglichen Schriften unter seinem Kopte ein Buch mit dem Titel Ars Notoria gefunden. Der Titel weist auf Zeichen und Charaktere hin, vermittelst deren magische Wirkungen erzielt werden sollten. An Teuflisches braucht man bei ihm noch nicht zu denken, ebensowenig wie bei der „ars magica“ und den „magicae incatantiones,“

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17) Breymann l. c. (A. 12) Einl. p. XXVII.

18) Creizenach l. c. Einl. p. II ff.

19) s. Teil I p. 4. A. 6.

20) Kieseweiter p. 91

21) I p. 175. 6

22) Teil II. dieser Arbeit p. 44. 45.

23) Teil I p. 32.

 

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die Konrad von Querfurt 24) unserm Dichter zuschreibt. Die Magie ist ja an und für sich nichts Teuflisches, wir kennen ja die beiden Arten, die weiße und die schwarze. 25) Daß aber ein Zauberbuch unter diesem Titel im Mittelalter in Gebrauch war, beweist Wier, der in einer Aufzählung von Zauberschriften neben verschiedenen „Artes“ auch eine Ars Notoria anführt. 26) Allerdings wird das Buch Vergils durch die Stelle, an der es gefunden sein sollte, als besonders wichtig bezeichnet, Gervasius will sich ja auch von seiner Wirksamkeit selbst überzeugt haben 27), und wenn der Engländer es aus Neapel mitgenommen haben soll, so wird damit im Sinne der Sage bewiesen, daß ein magisches Buch Vergils im Mittelalter fortlebte. -- Weit teuflischer lautet eine andere Geschichte. Auf dem Magnetberge wohnte ein großer Schwarzkünstler, ein Fürst von Griechenland oder Babylon (!), namens Zabulon, welcher das Erscheinen des Heilandes schon 1200 Jahre vorher in den Sternen gelesen hatte und, um dieses zu verhindern, die Negromanzie und Astrologie erfunden und Bücher darüber geschrieben hatte. Als die Zeit fast verflossen war, hörte Vergil davon, schifſte sich dorthin ein und bemächtigte sich vermittelst Zaubers nicht ohne große Schwierigkeit der Bücher oder des Buches. 28) Wir sehen, die Ars Notoria hat sich in ein Buch Zabulons verwandelt. Wer ist nun Zabulon? Das Wort ist aus dem griechischen διάβολος entstanden, denn die griechische Vorsilbe ζα, die sich oft findet, z. B. im Homerischen ζάϑεος hochheilig, ist == διά, διάβολος aber bezeichnet ja den Teufel. So ist denn auch Zabulus im Mittelalter keine seltene Bezeichnung für den Teufel. Lactanz z. B. redet einen treuen Bekenner Christi an: Post illas novem gloriosissimas pugnas, quibus a te Zabulus victus est -- 29), und in einem lateinischen Gedichte, das Gerberts Bund mit dem Teufel behandelt, heißt es: Debeat hic Zabulum consultat vivere quantum. 30) Jac. Grimm endlich führt aus einer mhd. Quelle ein „zabulônes buoch“ an. 31) Es scheint aber die Bedeutung des Wortes vielfach verkannt und Zabulus als nomen proprium angesehen zu sein. 32) Wenn nun Cornelius Agrippa, De vanitate scientiarum 45 sagt: Cuiusmodi primus excogitasse dicitur Zabulus quidam illicitis artibus deditus, -- et hodie confictis titulis circumferuntur libri sub nominibus Adae (Adams), Abelis, Enoch, Abrahae, Salomonis, 33) so ergibt sich, daß als der erste Verfasser solcher Bücher der Teufel selbst galt, und ferner, daß Vergils Ars Notoria, der neapolitanischen Sage angehörig, ursprünglich ein unschuldiges Buch war, sobald aber der Verfasser selbst in der romantischen Sage ein Teufelskind geworden, in ein „zabulônes buoch“ umgewandelt wurde. Eine von Comparetti 34) angeführte Quelle nennt die Ars Notoria sogar eine heilige Wissenschaft (scientia sancta), und heilig, heißt es weiter, müsse sein, der sie lesen wolle und der ihre Lehren höre; geschaffen sei jene von den guten Engeln, die sie dem Könige Salomo mitteilten. Auch der Vergil, der auf dem Magnetberge sich Zabulons Buch verschafſte, wird der tugendhafte V. genannt, welcher zum Wohle der Menschen sich alles Besitzes entäußert

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24) Comparetti-Dütschke p. 234.

25) Teil I p. 9.

26) Kiesewetter p. 88.

27) Teil I p. 32.

28) Comparetti-Dütschke p. 268. 69.

29) Lactantii liber de mortibus persecutorum c. XVI Ende.

30) Scheible II p. 170. v. 35.

31) Deutsche Mythologie 4 II. p. 825 A. 2.

32) In den Pseudepigraphen wird (Fabricius p. 630 ff.) ein Patriarch Zabulon erwähnt, der natürlich idenisch ist mit Sebulon, dem Sohne Jacobs und der Lea. s. Kautzsch, Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments II, p. 480 ff. (Testamente der 12 Patriarchen, VI das Sebulons). Die beiden Namen Zabulon und Sebulon müssen mit einander verwechselt sein.

33) Düntzer l. c. p. 116 A. 34.

34) p. 271

 

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hatte. Und dieser „tugendhafte“ Mann setzte sich mit großer Mühe in den Besitz eines Teufelsbuches. Aber freilich wußte er ja nicht, daß Zabulon der Teufel sei! So vereinigen sich in einer Erzählung die beiden Gestalten Vergils, des Wohltäters (hier sogar nicht der Neapolitaner, sondern der Menschen) und des „Sohnes der Hölle“. -- Diese Doppelgestalt trägt in der Überlieferung auch Salomo, der seine Weisheit bald den Engeln, bald den Teufeln verdankt und dem entsprechend heilige und teuflische Schriften hinterlassen hat. Merkwürdig ist in dieser Beziehung die schon im ersten Teile meiner Untersuchungen S. 18 angezogene Erzählung Hemmerlins aus dem XV. Jahrh., nach der Vergil in Chaldäa in einer Höhle die vergrabenen nigromantischen Schriften Salomos fand. Derselbe Verfasser spricht auch von einem Volumen nigromanticum, quod dicitur Officiorum, continens canones, quos dicunt Vincula Salomonis. 35) In den Vincula S. erkennt man leicht die clavicula S. oder wenigstens etwas sehr Ähnliches. Die Geschichte ist deswegen so merkwürdig und bedeutungsvoll, weil sie uns Vergil als den Erben Salomos zeigt, d. h. uns einen deutlichen Beweis gibt, daß von einer gewissen Zeit an das Zauberbuch nicht mehr nach dem König der Juden, sondern nach dem Dichterfürsten der Römer benannt wurde. Diese Zeit läßt sich aber als dieselbe berechnen, die wir am Ende des ersten Teiles als die ermittelten, in welcher die neapolitanische Vergilsage in die europäische Zaubersage überging. Halten wir die drei Daten zusammen, daß um 1170 ein Scholastiker nur von Salomo Zauberbücher kennt 36), in der oben besprochenen deutschen Dichtung aus dem Ende des XIII. Jahrh. Vergil sich die Ars Notoria von einem Zauberer verschafft, der den Namen des Teufels selbst führt, um 1445 Hemmerlin für den Zabulus Salomo einsetzt, so ergibt sich doch wohl, daß im XIII. Jahrh. Salomos Zauberbuch in Vergessenheit gerät, Vergils Ars Notoria an seine Stelle tritt und im weiteren Verlaufe der Zeit die beiden Bücher identifiziert werden, wobei der Name Zabulus ihren gemeinsamen Ursprung in ähnlicher Weise andeutet, wie das Auffinden des Buches in Chaldäa auf die Heimat der Zauberei hinweist. Erst in der Faustsage scheint Salomos Buch wieder zu Ehren gekommen sein. -- Woher aber stammt dieses? Schon Josephus 37), der bei der Belagerung Jerusalems durch Titus (69 p. Chr.) den Unterhändler zwischen diesem und seinen Landsleuten spielte und nach der Zerstörung die Geschichte seines Volkes schrieb, erwähnt, daß S. Zauberbücher hinterlassen habe. Vermöge der unendlichen Fülle der Weisheit, mit der Gott ihn gesegnet, habe er auch die Kunst erlernt, böse Dämonen zu vertreiben. Und nachdem er Beschwörungen verfaßt hatte, mit denen die Krankheiten besprochen werden, hinterließ er auch Beschwörungsformeln, mit denen man die Dämonen fesselt und so verjagt (aus dem Körper), daß sie nicht wiederkehren (ϰαὶτρόπους ἐξορϰώσεων ϰατέλειπεν. ος ἐνδούμενα τὰ δαιμόνια ὡς μήϰετ᾽ ἐπανελϑεῖν ἐϰδιώϰοσι). Josephus hat sogar selbst erlebt, wie einer seiner Landsleute, Eleazar mit Namen, in Gegenwart des Kaisers Vespasian und vieler Würdenträger und Soldaten Beseßene heilte, wobei derselbe nicht nur Salomonische Zaubersprüche verlas, sondern auch den Beseßenen einen Ring unter die Nase hielt, in dessen Siegel eine der von Salomo angezeigten Wurzeln eingelassen war. Und um den Zuschauern zu beweisen, daß der Dämon wirklich ausgefahren sei, befahl er dem ausfahrenden Teufel ein Gefäß mit Wasser, das er in die Nähe gestellt, umzustürzen. Γενομένου δὲ τούτου σαφὴς ἡ Σολομῶνος ϰαϑίστατο σύνεσις ϰαὶ σοφία. Dieser Bericht des jüdischen Geschichtsschreibers ist der Ausgangspunkt der Salomonischen Zaubersage, die in zahlreichen Variationen und Ausschmückungen die Jahrhunderte durchzieht. Wir haben hier das Zauberbuch, das Zaubersiegel, die Zauberwurzel, nur eins nicht, die vom Teufel erworbene und frevelhaft angewendete Kunst. --

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35) Roth l. c. A 73.

36) Teil I p. 32. A. 93.

37) Antiquitates Iudaicae lib. VIII cap. II.

 

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Eine interessante Weiterbildung jener Geschichte des Josephus liefert uns eine mohammedanische Legende, in der es heißt: 38) Als die Djinn Salomos Tod merkten, verbargen sie, um sich zu rächen, unter seinem Throne allerlei Zauberbücher, so daß manche Ungläubige Sal. für einen Zauberer hielten. Er war aber ein göttlicher Prophet, wie es auch im Koran heißt: „S. war kein Ungläubiger, sondern die Satane waren ungläubig und lehrten die Menschen Zauberkünste“. Als S. auf dem Boden lag, trugen ihn Engel, samt seinem Siegelringe in eine verborgene Höhle, wo sie ihn bis zum Tage der Auferstehung bewachen. -- Der aus einer längeren Erzählung herausgenommene Schlußabschnitt bedarf zunächst einer kurzen Erläuterung. Salomo wurden beim Antritt seiner Regierung nach jener Legende durch verschiedene Engel von Gott 4 Siegelringe überbracht, von denen der vierte ihm die Herrschaft über das ganze Geisterreich verschaffte, das fast den ganzen Zwischenraum zwischen Erde und Himmel anfüllte und weit zahlreicher war als das Heer der Menschen und Tiere. Diese Satane und Djinn nötigte er, für ihn und seine Untertanen zu arbeiten und Gott zu dienen. Dafür wollten sie sich nach seinem Tode rächen. Von den 4 Steinen sodann heißt es, daß er sie zusammensetzen und einen Siegelring daraus machen ließ. An dem Besitze dieses Siegelringes hing seine Herrschaſt über die Elemente, die Tiere, die Geister, und dieser Siegelring treibt in mannigfacher Gestalt sein Wesen in den arabischen Märchen, um von ihnen in die abendländische Märchenliteratur überzugehen. Einmal wurde nach derselben Legende S. von dem gefährlichsten der Satane 39) das Kleinod gestohlen, er erhielt es aber durch einen glücklichen Zufall, den Gott herbeiſührte, wieder, nämlich in einem Fische; es ist eine ganz ähnliche Geschichte wie die vom Ring des Polykrates, 40) Auch das Motiv des Raubes eines solchen Amulets kehrt in veränderter Gestalt vielfach wieder, z. B. in einer hübschen Geschichte der Gesta Romanorum. 41) Zur Strafe sperrte S. den Geist in eine kupferne Flasche, die er mit seinem Ringe versiegelte und zwischen zwei Felsen in den See Tiberias warf, wo er bis zum Auferstehungstage bleiben muß. -- Wir sehen, das bei Josephus nur nebenbei erwähnte Siegel hat hier die Bedeutung gewonnen, die ihm in der Sage verbleibt. Sodann haben wir hier ein Gegenstück zu der Flaschengeschichte in der Vergilsage. 42) Wenn endlich Salomos Leiche in einer Höhle beigesetzt wird, so tritt uns da die Zauberhöhle entgegen, von der im nächsten Abschnitt gehandelt werden soll. Was aber an dieser Stelle meiner Ausführungen die Hauptsache ist: in der mohammedanischen Legende erkennt man mit aller Deutlichkeit, daß S. in der Vorstellung der Menschheit aus dem großen Propheten, dem Gott die Macht der weißen Magie verliehen, der Zauberer, der über teuflische Künste verfügt, geworden ist. Die Ansichten über seine Schuld oder Unschuld bewegen sich offenbar hin und her zwischen den zwei Polen der biblischen Überlieferung, dem Gott wohlgefälligen Könige, der nicht um langes Leben und Reichtum bat, sondern um Verstand, und dem Gott deshalb ein weises und verständiges Herz gab, „daß dieses Gleichen vor dir nicht gewesen ist und nach dir nicht aufkommen wird“, 43) -- und dem der Abgötterei verfallenen „der Asthoreth, dem Gotte derer von Zidon, und Miliom, dem Greuel der Ammoniter“, nachwandelte und tat, das dem Herrn übel gefiel. 44) Dem Urteil der obigen Legende, die alle

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38) Weil, Biblische Legenden der Muselmänner p. 279.

39) Von diesem heißt es in den Pseudepigraphen (Fabricius II, 1040): opinatur vulgus (Arabum Muhammed.) Salomonem in monte Dubarend vinctum tenuisse contumacissimum Diabolorum Sachra Elmarid dictum.

40) Schillers Quelle für diese Sage ist Herod, III, 39–44.

41) Graeße cap. 120.

42) s. Teil I p. 18. Eine wie große Rolle Salomos Siegel in der romantischen Literatur spielt, zeige z. B. Wielands Idris und Zenide III v. 6.

43) I, Könige III, 11. 12.

44) ib. XI, 5. 6.

 

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Schuld auf die Dämonen schob, stehen denn auch Berichte gegenüber, die Salomo in die Gewalt der Dämonen geraten lassen. So wird einmal im Gegensatz zu Christus von ihm gesagt: S. aber beherrschte nicht nur nicht in königlicher Weise die Dämonen, sondern wurde zuguterletzt sogar von ihnen beherrscht. 45) Und ein anderer Schriftsteller sagt: S. hätte die Dämonen gedemütigt? Ich weiß nicht, was Du schwatzt. Zeitweilig hat er sie zwar in Gefäße gesperrt und verschlossen gehalten und mit seinem Siegel verwahrt in der Erde vergraben. Aber ich erwäge bei mir, daß er, von den Dämonen selbst in seinem Geiste gänzlich überwunden und niedergeschmettert, sein Heil aufs Spiel zetzte, wie die Schrift bezeugt. (Folgt Zitat 44.) 46) Ähnlich widersprechend sind die Angaben über die Verwendungsweise und das Schicksal der betreffenden Bücher. Von einem Buche, das Heilmittel gegen alle Krankheiten enthielt, hören wir, daß es in die Schwelle des Tempels eingegraben war; weil aber das Volk seinen Sinn nicht Gott zuwandte, sondern dort Heilung von allen Krankheiten suchte, wurde jenes Buch vom König Ezechias vernichtet. 47) Seine Bedeutung wird in einem Berichte verglichen mit der, die die Griechen den Schriſten des Hippokrates und Galenus beimaßen. Derselbe fromme König soll nach einer andern Überlieferung eine Menge von Salomonischen Büchern (πλεῖστοι) verborgen haben, weil er es für unzuträglich hielt, daß sie sich in den Händen vieler befänden; sie handelten von Austreibung von Dämonen, Heilung von Krankheiten, Ertappung von Dieben; jüdische Gaukler (Betrüger), sagt der christliche Verfasser weiter, hoben sie sorgfältig auf, aber gläubige Christen geben sich mit ihnen nicht ab. 48) Die Vorsicht, die dem König Ezechias zugeschrieben wird, scheint wieder nach anderer Meinung von Salomo selbst geübt worden zu sein, wir erfahren wenigstens, daß unter seinem Throne magische Bücher verborgen waren, damit sie nicht mißbraucht würden. Daher führte auch ein derartiges Buch den Titel: libellus de throno Salomonis 49), und in ihm wurde eine Beschwörungsart der Magier erwähnt, die δεσμὸς Θεῶν Seu vinculum Deorum Seu Daemonum hieß und auf S. zurückgeführt wurde, ein anderer Name für die clavicula Sal. 50) Endlich wollen wir noch einen arabischen Bericht 51) über die Entstehung und das Schicksal dieser Bücher hören. Viele, heißt es, wandten sich von Gott und dem Propheten ab und dem zu, was die Dämonen zu Salomos Zeit lehrten. Aber darin hat S. selbst nicht gesündigt, sondern die Dämonen, welche das Volk die Magie lehrten, und zwei Engel, Arot und Maret, welche zu Babylon (!) lehrten, verbreiteten verschiedene Schriften über heilige Bräuche unter Beimischung abergläubischer Bräuche und redeten dem Volke ein, aus diesen Büchern habe S. seine Weisheit geschöpft. S. selbst aber verschloß alle diese Bücher in einer Kiste und vergrub sie unter seinem Throne, damit sie niemand in Zukunft benutzen könnte. Nach seinem Tode indessen gruben die Dämonen oder die Magier sie wieder aus, gaben sie den Juden zurück und erlogen, daß sie von S. selbst verfaßt worden wären. In allen diesen Geschichten tritt uns im Grunde nur eine Erweiterung dessen entgegen, was wir schon im Kanon der alttestamentlichen Schriften und innerhalb dieser selbst beobachten: die

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45) Fabricius, Codex Pseudepigraphus Veteris Testamenti. Vol. II p. 1037.

46) ib. p. 1039.

47) ib. p. 1043.

48) Joephi Hypermuesticon sive Liber Sacer memorialis in lucem editus cum versione et notis Fabricii. Hamburg 1741. p. 175. 6. 249.

49) Fabricius Pseudepigr. CCI p. 1048.

50) ib. p. 1050. 51.

51) Der Koran. Im Auszuge übersetzt von Friedr. Rückert, herausgeg, von Aug. Müller. Frankf. a. M. 1888 p. 28. 29. 433. Harut und Marut kommen im Koran nur an dieser Stelle vor, sie entstammen der talmudischen Sage welche sich auf die I. Mose VI, 2 erwähnten „Kinder Gottes“ gründet, die sterbliche Frauen freiten. Über diese gefallenen Engel wird an anderer Stelle gehandelt werden.

 

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geschichtliche Persönlichkeit Salomos ist durch eine Fülle legendarischen Stoffes verdunkelt worden: der Kanon schreibt ihm die Sprüche, den Prediger und das Lied der Lieder zu (ᾆσμα ᾆσμάτων), warum sollte er nicht noch andere Bücher verfaßt haben? Er ward gewissermaßen als Patron der gesamten didaktischen Literatur angesehen. Sirach 47, 14-17 (16-19). So führte das Spruchbuch, obwohl in ihm Spr. 30, 1. 31, 1. doch ausdrücklich noch andere Dichter als Autoren genannt sind, doch den Gesamttitel „Sprüche Salomonis“. Ebenso war diesem Könige der sogen. Prediger zugeschrieben. Diesem Brauche folgten auch die hellenistischen Juden.“ Es wurde sogar Salomo gegen Salomo ausgespielt, gegen den S., der im Prediger epikureische Lehren vorgetragen hatte,

 

(z. B. II, 6 ff: Herbei denn, laßt uns genießen der vorhandenen Güter

und laßt uns geschwind die Welt ausnutzen als in der Jugendzeit.)

 

polemisiert S. in der „Weisheit“ cap. I, 10 -- II, 20, gegen jenen ungläubigen der jüdisch fromme. 52) -- Der Bericht über ihn im „I. Buche der Könige“ ist von der Kritik 53) als zu dem Zwecke überarbeitet erkannt, die wunderbare Weisheit des Königs zu preisen und zu begründen, warum sollte die Phantasie, die sich's nicht nehmen läßt, ihre Lieblinge unter den Großen der Geschichte mit dem Glanze des Wunders zu schmücken, dabei stehen bleiben? Und nun bedarf das Wunder zu seiner Beglaubigung der Bücher. Eine Menschheit ohne Schrift, eine von den Vätern ererbte Religion ohne schriftliche Überlieferung hat man sich nicht denken können. Der Kultus bedart heiliger Bücher, die Heiligkeit nimmt mit dem Alter zu, daher auch umgekehrt das Alte, dessen Herkunft nicht mehr nachweisbar ist, leicht für heilig gehalten wird, wie z. B. alte Bilder mit vergilbten Farben und von unbekannter Herkunft dem Evangelisten Lucas zugeschrieben werden. Sollen wir uns also wundern, wenn die Entstehung heiliger Bücher von den Gläubigen in eine möglichst weite Ferne gerückt wird? Und was von den heiligen Büchern gilt, gilt auch von den Zauberbüchern, denn wir haben ja im Verlaufe dieser Untersuchungen oft gesehen, wie die beiden Arten der Magie nebeneinander hergehen, wie Religion und Wissenschaft, namentlich die Heilkunde, des Zaubers nicht entbehren können. Auch das endlich dürfte eine unvermeidliche Folge dieses Verhältnisses sein, daß Betrüger sich die Leichtgläubigkeit der Menschen zu nutze machen und Machwerke ihrer Hand ehrwürdigen Persönlichkeiten der Vorzeit unterschieben. So hat denn die jüdisch-mohammedanisch-kabbalistische Überlieferung den ersten Menschen zum Erfinder der Schrift, zum ersten Sänger heiliger Lieder, zum ersten Verfasser eines Zauberbuches gemacht. Die Patriarchen mußten dann natürlich die gewonnenen Kenntnisse und Schriften fortpflanzen und erweitern, und auch zwischen der „vorsündflutlichen“ und „nachsündflutlichen -- Philosophie“ durfte der Zusammenhang nicht fehlen, es mußten Bücher hinübergerettet werden. So gab es im Mittelalter eine Literatur „de existentia philosophiae antediluvianae eiusque propagatione“. „Parens Adam Magiam cognovit“ -- Sie ward ihm Trösterin, als nach dem Sündenfall der Kummer ihm fast das Leben raubte -- „Haec primi hominis prima cognitio“, 54) Von Engeln wurde Adam unterrichtet; als seinen Lehrer nennen die Kabbalisten den Engel Raziel. Fabricius kennt ein Buch Sepher Raziel, scriptum Cabbalistico Magicum, das der Fabel nach Adam vom Engel Raziel übergeben ist, es soll 1701 zu Amsterdam, hebräisch geschrieben, erschienen sein. Nun ist das Buch „Rasiêl“ eins der bedeutendsten kabbalistischen Bücher, das auch magische Vorschriften enthält, z. B. die „Durch Aussprechen des Shêm (das ist wieder der heilige Name) kann man Teufel bannen, Feuer löschen, Krankheiten heilen --. Durch ihn hat Moses den Ägypter getötet“ (II. Mose II. 12) u. s. w. Von einem noch berühmteren

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52) Kautzsch I p. 476.

53) Stade, Geschichte des Volkes Israel. Berlin 1887. Bd. I p. 307 ff.

54) Fabricius p. 8-11.

 

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Buche der Kabbalah, dem Jezirah-Buch, berichtet Fabricius noch, daß es von einigen Juden dem Adam zugeschrieben werde. Danach sind entweder die von F. genannten Bücher Fälschungen der eigentlichen kabbalistischen, oder Adam hat für die letzteren nur den Namen hergeben müssen. -- Wie also Raziel als Adams Lehrer, so gilt Jophiel als der des Sem, Zedekiel als der des Abraham, Isaacs Lehrer ist Raphael, Jacobs Peliel, Josefs Gabriel u. s. w. 55) Unter No. XIX werden in den Pseudepigraphen aufgeführt: libri 10, quos Adamo a Deo inspiratos memorant Muhamedani. Libri caelitus ad Prophetas demissi sunt numero 104, e quibus 10 Deus excelsus demisit ad Adamum, 50 ad Sethum, 10 ad Abrahamum, 1 ad Mosem, qui est Pentateuchus, 1 ad Isam (Jesum), qui est Evangelium, 1 ad Davidem et hic est Psalmorum liber, et 1 ad Mohammedem qui est Alfurcan (Alcoranus). Qui haec volumina abnegat vel de iis aut parte eorum vel capite vel versiculo vel verbo ex iis dubitat, certe infidelis est. Die armen Mohammedaner! Auch ein schriftliches, von Gabriel gesiegeltes, von andern Engeln mit Zeugnis versehenes Testament Adams wird genannt (No. XXIII) -- und die gute Eva hat den ersten Paalm gedichtet. Ja sogar ein „Evangelium Evae“ wurde von den Gnostikern buchhändlerisch vertrieben (XXX). Sehr bemerkenswert ist, daß Adam Babel 56) besucht und allerhand Merkwürdigkeiten dorthin gebracht haben soll, wie einen Baum mit goldenen Blüten, Blättern und Zweigen (XXII). Immer wieder der Zusammenhang mit Babylon! Für die Existenz schriftlicher Tradition vor der Flut und Hinüberrettung heiliger Bücher über diese Zeit des Unterganges der Menschheit hinweg gibt es auch babylonische Zeugnisse. Asurbanipal sagt einmal, er habe „Steine aus der Zeit vor der Flut“ gelesen, und magische Anweisungen werden auf „Aussprüche der alten Weisen vor der Flut“ zurückgeführt. 57) Berosus endlich berichtet, Kronos habe dem Xisuthros (Noah), dem er im Schlafe die kommende Flut offenbarte, befohlen, nach der einen Deutung: von der Flut Eingang, Mitte und Ende von allem durch Schrift einzugraben und in der Sonnenstadt Sippar 58) niederzulegen, nach der anderen Deutung: alle (heiligen) Schriften, Eingang, Mitte und Ende nach der Sonnenstadt zu bringen, um sie dort zu vergraben. Der zu den Göttern entrückte Xisuthros habe den Zurückbleibenden aus der Höhe den Befehl erteilt, nach Babylon zurückzugehen und zu Sippar die (heiligen) Schriften auszugraben und unter den Menschen zu verbreiten. Und jene hätten danach getan und auch die (heiligen) Schriften zu Sippar hervorgegraben. 59) (Im biblischen Sintflutbericht findet sich hiervon nichts.) Nach der einen Deutung hat also der babylonische Noah einen Bericht über die Flut verfaßt und diesen seinen Nachkommen überliefert, nach der andern hat er als Verwalter der Geheimnisse Gottes durch Rettung der heiligen Bücher eine Fortpflanzung des Gottesdienstes auf das neue Menschengeschlecht ermöglicht. Sachlich 60) ist die zweite Deutung die durchaus wahrscheinlichere, weil die

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55) Idem Bd. I. I. III.

56) Für die babylonische Priesterschaſt existierte Babylon seit Beginn der Welt, wurde es bei der Schöpfung geschaffen. Jeremias p. 50. Und das ist in gewissem Sinne wahr, weil Marduk, der Sohn Eas, als Lokalgott der Stadt Babylon nach dem babylonischen Mythos der Gott der Weltschöpfung ist. s. z. B. v. Orelli l. c. p. 185. Und uralt ist die Stadt. Winckler hat (z. B. Geschichte der Stadt Babylon A. O. VI, I. p. 7) nachgewiesen, daß Sargon I von Agade um 2800 v. Chr. ihr Begründer ist.

57) Jeremias p. 118.

58) In Sippar wurde der Sonnengott (Samas) verehrt, wie in Eridu der Gott des Wassers, S. und E. aber bildeten eine Doppelstadt am Euphrat, und mit Eridu scheint identisch zu sein Akkad oder Agade, die Heimat Sargons I, des Gründers von Babylon, s. Jeremias in seinem Oannes-Artikel bei Roscher p. 587. v. Orelli p. 167. Oben A. 56.

59) vgl. Usener l. c. p. 13. 14 mit Jeremias p. 118.

60) Sprachlich ist die Frage sehr schwer zu entscheiden. Der griech. Bericht des Synkellos lautet: Κελεῦσαι οὖν (sc. τὸν Κρόνον) διὰ γραμμάτων πάντων ἀρχὰς ϰαὶ μέσα ϰαὶ τελευτὰς ὀρύξαντα ϑεῖναι ἐν πόλει ἡλίου Σισπάροις, und die armenische Übersetzung ins Lateinische: praeceptum dedisse, ut omnia prima et media nec non extrema volumina effossa (s. Infossa) in solis urbe (Heliopoli) Siparenorum deponeret. Das διὰ γραμμάτων πάντων wird attributiv zu ἀρχάς zu ziehen sein – in allen schriftlichen Fassungen ausgeführte Anfang u. s. w. Aber die Übersetzung Useners „um sie zu vergraben“ ist jedenfalls kühn. Es könnte ja ὀρύξαντα mitϑεῖναι gleichzeitig sein. Aber das Natürliche bleibt doch wohl, ὀρύξανταim Sinne von ausgraben zu nehmen. s. Eusebii Chronicorum libri duo. Ed. A. Schoene. Berolini 1875. I. p. 21. 22.

 

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Vergrabung heiliger Bücher ein oft wiederkehrender Zug der Legende ist. 61) Denselben Gedanken finden wir auch in dem merkwürdigen (vorchristlichen) Buche Henoch ausgeführt. Der Herr sagt zu Henoch: „Ein Jahr wollen wir Dich bei Deinem Sohne lassen, =-- damit Du Deine Kinder belehrst und es für Sie niederschreibst,“ und Henoch fährt fort zu erzählen: „Und nun, mein Sohn Methusala, erzähle ich Dir alle diese Dinge und schreibe sie für Dich auf, und alles habe ich Dir offenbart und habe Dir die Schriften über dies alles gegeben, so bewahre denn, mein Sohn, das Buch von der Hand Deines Vaters und gib acht, daß Du es den Geschlechtern der Welt überlieferst.“ 62) Dann erzählt Noah (?): „Und danach gab mir mein Großvater Henoch in einem Buche die Zeichen aller Geheimnisse und die Mahnreden, die ihm gegeben worden waren, und stellte sie für mich in den Worten des Buches der Mahnreden zusammen.“ 63) Es verfaßte also angeblich Henoch eine Weisheitslehre -- das uns größtenteils erhaltene Buch --, die Preis verdient bei allen Menschen und Richterin der ganzen Erde ist -- für alle reine Kinder, so spricht er, die auf Erden wohnen, und für künftige Geschlechter, die Rechtschaffenheit und Frieden üben werden. 64) Ein ander Mal heißt es in demselben Buche: Und in jenen Tagen erhielt Henoch Bücher des Eifers und Zornes und Bücher der Unruhe und Verwirrung. 65) Wir sehen, daß es sich um göttliche Offenbarung bald in mündlicher, bald in schriftlicher Form handelt. Ehe ich aber auf diesen Gedanken näher eingehe, der uns an den Ausgangspunkt der Untersuchung über das Zauberbuch führen wird, möchte ich noch über Noahs Bedeutung für unsere Frage einiges beibringen. Da dieser nach biblischem Bericht noch 350 Jahre nach der Sintflut lebte, hatte er Zeit genug, und da er ein so frommer Mann war, so fehlte es ihm auch nicht an dem nötigen Eifer, als Apostel die Erde zu durchwandern. So ist er nach Etrurien gekommen, wo er den Namen Vandimon 66) erhielt, nach Latium, wo man ihn Janus 67) nannte 68), nach Persien, wo er unter

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61) 8. dieser Arbeit Teil I p. 18, 32, II p. 37.

62) Henoch l. c. p. 103.

63) ib. p. 87. cap. 68.

64) ib. p. 124. cap. 92.

65) ib. p. 64.

66) Den Namen Vandimon oder Vadimon kenne ich nur aus dem Vadimonis lacus in Etrurien, bei dem zweimal, 308 und 283 a. Chr., entscheidende Schlachten zwischen den Römern und Etruskern stattfanden. Daß der See heilig war, bezeugt Plinius (Epistulae VIII, 20, 5: nulla in hoc navis (sacer enim). Wenn aber Otr. Müller, Etrusker I. p. 354 A. 39 aus Livius IX, 39 auf die Heiligkeit schloß, so scheint das nur auf einer irrtümlichen Auffassung der Worte sacrata lege zu berühen, die auf eine Art „heiliger Schar“ hindeuten. Denn für die Wahl des Schlachtfeldes war auch sicherlich nicht die Heiligkeit des Ortes, sondern die militärische Bedeutung entscheidend. Für heilig mochte der See deshalb gelten, weil er einige Eigenschaften besaß, die dem Volke wunderbar erschienen (Schwefeldünste, sowie eine schwimmende Insel). Vadimovis dürfte einen Personennamen und, weil der nach ihm benannte Ort heilig, auch einen Götternamen bezeichnen. Zu vergleichen wäre etwa das dem Stadtnamen Telamon verwandte Tellumo, das als Name einer chtonischen Gottheit erscheint. Cuno, Vorgeschichte Roms II. Teil. Graudenz 1888 p. 72. Zum Ganzen Nissen, Itatische Landeskunde Bd. II p. 342.

67) Ob Janus und Noah jemals ernstlich zusammengestellt sind, weiß ich nicht. Über die römische Gottheit sind, was die Etymologie des Namens und das eigentliche Wesen des Gottes betrifft, die Ansichten noch sehr geteilt. In ersterer Beziehung bleibt Ciceros Ableitung von ire (vgl. ἵημι) immer noch am wahrscheinlichsten. Sollte dann Vadimon ein latin. Wort nur mit etruskischer Endung sein und von vadere herkommen, könnten beide Namen den am Himmel seine Bahn durchlaufenden Gott bezeichnen, also einen Sonnengott. Daß Janus auch in Etrurien verehrt wurde, steht fest, und als ein Sonnengott wird er vielfach aufgefaßt. Jedenfalls ist er der Gott aller Anfänge und könnte so, wie die Helden der Sintflutsagen, also auch wie Noah als Stammvater des Menschengeschlechts aufgefaßt werden. Natürlich ist das nur ein Versuch, die Zusammenbringung der beiden Namen zu erklären. vgl. Vanićek, Etymolog. Wörterbuch der lat. Sprache p. 37. Roscher im mytholog. Lexicon, Artikel Janus. Usener l. c. p. 259. Winckler, [Die babylonische Kultur in ihren Beziehungen zur unsrigen. Leipzig 1902 p. 31] leitet von Janus von jana Mond ab. Das Gesicht des Mondes in seinen beiden Hälften blickt nach verschiedenen Seiten.

 

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dem Namen Azonaces den Zoroaster unterrichtet haben soll 69), nach Ägypten, wo man ihn mit Osiris zusammenbrachte, wie er in Griechenland mit Prometheus identifiziert wurde. Auch die Chinesen haben ihren Noah. Eine merkwürdige Notiz darüber findet sich bei einem gewissen Isaak Voß: 70) Jam vero quae Chaldaei produnt de suo Noacho, hoc es Oanne, eadem Seres (Chinesen) tribuunt Puoncuo. Oannem statim a diluvio Astronomiam docuisse scribit Berosus. Über Oannes werden wir sogleich Näheres hören. Hier interessiert uns nur die Zusammenstellung von Noah und Puoncuus. Bei diesen Angaben werden Bücher nicht direkt genannt; wir müssen uns aber doch denken, daß Noah die geretteten Bücher bei seinem Unterricht verwendet hat, und so gut die persischen Magier Zend und Avesta dem Abraham zuschrieben, indem sie ihn mit Zoroaster identifizierten 71), wird man auch anderswo die heiligen Bücher auf Noah zurückgeführt haben, wenn man überhaupt den Kultus mit ihm zusammenbrachte. Endlich beweist die Zusammenstellung mit Oannes, wie wir sogleich sehen werden, daß man mit der betreffenden Person die Idee eines Religionscodexes verknüpfte. -- Auch über die Weitervererbung der Noahschen Bücher scheint es eine Überlieferung gegeben zu haben, denn in einem der Pseudepigraphen finden wir die Äußerung: Librum de Magia naturali Noacho Patri suo rapuisse Chamum (Ham) et filio suo Misraim tradidisse Cabbalistae nugantur. 72) Hier handelt es sich offenbar wieder um ein gefährliches Buch, das dem Volke vorenthalten werden sollte, wie wir Ähnliches von Salomo hörten. -- Daß in den Pseudepigraphen auch ein Testament Noahs 73) sich befindet, ist fast selbstverständlich, da ein solches von jedem Urvater existiert. 74) -- Nun komme ich auf jenen Oannes, dessen Bekanntschaft wir wieder Berosos, dem Priester des Bel-Merodachtempels zu Babylon, verdanken. Dieser berichtet 75), im ersten Jahr nach Erschaffung der Welt sei aus dem Erythräischen Meere ein Wesen, halb Fisch, halb Mensch namens Ὠάννης erschienen. Dieses Geschöpf verkehrte den Tag über mit den Menschen und überlieferte ihnen die Kenntnis der Schriftzeichen und Wissenschaften und mannigſacher Künste u. s. w. Am wichtigsten für uns ist der Satz: O. schrieb ein Buch über γενεά ϰαὶ πολιτεί (Entstehung und Staatenbildung) und übergab dieses Buch den Menschen. -- Dieser Satz enthält eine der merkwürdigsten religionsgeschichtlichen Notizen. Er lehrt uns, daß nach der Überlieferung der Merodachpriester ihre Religion auf einem Offenbarungsbuche beruhte, das ihne ein Gott bald nach der Schöpfung überbrachte. Dieser Gott ist Ea, der Gott des Ozeans. Der

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68) Fabricius p. 241

69) ib. p. 260. 61. Plinins XXX, 2: Hermippus, qui -- viciens centum milia versuum a Zoroastre condita -- explanavit -- praeceptorem, a quo institutum diceret, tradidit Ag(z)onacen.

70) ib. p. 255. Puan-ku ist die mythische Persönlichkeit, mit der die Geschichte Chinas beginnt. Leider steht mir hierüber kein neueres Material zur Verfügung.

71) ib. CVIII. p. 279.

72) ib. p. 263. Ob Augustin de civ. Dei XVIII, 38 an ein Buch Noahs denkt, ist zweifelhaft. Zwar pricht er von Schriften Heiliger, die wegen ihres hohen Alters, damit nicht Falsches Wahrem beigemischt werde, nicht in den Kanon aufgenommen wären; aber er nennt bei Noah kein Buch, sondern beweist dessen Prophetentum nur mit der Arche: ipsa arca prophetia nostrorum temporum fuit.

73) ib. LXXXV. p. 264.

74) So gibt es auch Testamente der 12 Söhne Jacobs, die dem Testamente Jacobs (Gen. 49) nachgebildet sind. s. Kautzsch, Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments II. p. 458-506.

75) Roscher im Artikel Oannes p. 577, 78.

 

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Name bedeutet „Gott der Wasserwohnung“, daß er sprachlich mit Oannes zusammenhängt, ist nicht nachgewiesen; dagegen hat Lenormant 76) die Identität der Personen überzeugend dargetan. Oannes ist also nicht Noah, wie in den Pseudepigraphen angenommen wird, der Irrtum erklärt sich aus gewissen Ähnlichkeiten dieser Legende mit den Flutsagen. 77) Besonders bedeutsam wird die Berosus-Notiz aber dadurch, daß sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eine keilinschriftliche Bestätigung findet. Auf der berühmten Tafel mit „Warnungen für Könige gegen Ungerechtigkeit“ im britischen Museum heißt es einmal: „Wenn der König auf das Gesetz seines Landes nicht achtet, so wird Ea, der Herr der Geschicke, sein Geschick ändern“ -- und einige Zeilen später: „Wenn er auf das Buch Eas achtet, so werden ihn die großen Götter zu gerechter Entscheidung und Bestimmung führen“. 78) Es sind die Schicksalstafeln, die Marduk nach seinem Siege über die Tiâmat dem Kingu entreißt und an seine Brust legt, wie auf der IV. Tafel des Siebentafel-Epos berichtet wird. 79) Als der Schöpfer der neuen Weltordnung hat er sie nun zu verwalten. Überall beweist sich dieser Berosus als zuverlässig. -- In dieser babylonischen Legende finden wir dieselbe Anschauung wie in den pseudepigraphischen Mitteilungen über Adam, daß Gott dem Menschen bei seiner Erschaffung nicht nur die Schrift, sondern auch eine schriftlich fixierte Offenbarung des Gesetzes übermittelt habe. Hier entsteht wieder die Frage nach der Entlehnung aus Babylonien, die auch hier nicht mit Sicherheit zu beantworten ist. Auch eine Wiederholung der Offenbarung findet sich im Babylonischen, denn Berosus berichtet, daß ähnliche Wesen wie jener Oannes unter verschiedenen Königen ebenfalls aus dem Erythräischen Meere erschienen seien ; mit denen sind wahrscheinlich die priesterlichen Kommentare des heiligen Buches erklärt. 80) Damit ist wieder zu vergleichen ein keilinschriftlicher Bericht, nach welchem Enmeduranki, dem siebten Urkönige, dem Könige von Sippar, dem Liebling des Anu, Bel und Ea, die Tafel der Götter, die Tafel des Geheimnisses von Himmel und Erde in die Hand gegeben wurde. Es wird also die Offenbarungsweisheit, die ursprünglich nur den Göttern zukommt, auf die Urkönige. die auch hierin den biblischen Urvätern entsprechen, übertragen. 81) -- Da aber Ea, der Stifter des Offenbarungsbuches, zugleich der Gott des Zaubers ist 82), tritt uns schon in dieser altehrwürdigen Überlieferung der Zusammenhang des Zauberbuches mit dem Offenbarungsbuche entgegen. -- Erkennen wir aus Berosus das Alter solcher Offenbarungsanschauungen, so mag ein kabbalistischer Schriftsteller aus dem XII. Jahrh., der von einem „göttlichen Urexemplar“ des Pentateuch redet, Zeugnis ablegen von ihrer Dauerhaftigkeit. Mose ben Nachman sagt in seiner Einleitung zum I. Buch Moses, nachdem er ausgeführt, daß der ganze Pentateuch aus lauter Namen Gottes bestehe: Es scheint, daß das göttliche Urexemplar ohne Wortabteilung geschrieben war, so daß man die Buchstaben sowohl in der die Gottesnamen ergebenden Abteilungsweise, wie nach unserer gewöhnlichen, Lehre und Gebot ergebenden Art lesen konnte. In letzterer Lesung erhielt Moses das Gesetz schriftlich, während ihm die Lesung nach Gottesnamen mündlich überliefert wurde. 83) Scherzhaft, wie sich die Phantastik auf mündliche Überlieferung beruft!

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76) ib. p. 580.

77) Teil II dieser Abh. p. 14.

78) Roscher l. c. p. 591.

79) ib. p. 578 A. 3.

80) Jeremias p. 5. 28. 54 mit A. I.

81) ib. p. 4, 2.

82) Teil II d. A. p. 4. 5. Roscher l. c. p. 584: 85.

83) Bischoff, Die Kabbalah. Einführung in die jüdische Mystik und Geheimwissenschaft Leizig 1903 p. 110. 11. Über die Bedeutung des heiligen Namens ist schon gehandelt Teil II p. 8 und soll in einem Anhange noch weiter gehandelt werden.

 

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Diese Probe jüdidischer Mystik hat uns zu der Moseslegende geführt. Legende ist ja manches, was uns von der großen historischen Persönlichkeit des Moses erzählt wird, so, daß er den ganzen Pentateuch verfaßt habe, so -- was uns hier besonders angeht -- die Art, wie nach dem alttestamentlichen Bericht ihm, dem großen Gesetzgeber seines Volkes, das Offenbarungsbuch von Gott übergeben wird.

 

 

Einfügung: Moses erhält das Offenbarungsbuch auf dem Berge Sinai. Miniatur aus der byzantinischen Löwenbibel. 10. Jahrhundert. Rom. Vatikanische Apostolische Bibliothek.

 

Erinnern wir uns der berühmten Worte (II. Mose 24, 12 ff): Und der Herr sprach zu Mose: Komme herauf den Berg --, daß ich dir steinerne Tafeln und die Gesetze gebe, die ich geschrieben habe u. s. w., und (31, 18): Und da der Herr ausgeredet hatte mit Mose auf dem Berge Sinai, gab er ihm zwei Tafeln des Zeugnisses; die waren steinern und geschrieben mit dem Finger Gottes. Vgl. ferner 32, 15. 32, 19. 34, 1 ff. 34, 28: „Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die zehn Worte.“ 29: „Da nun Mose vom Berge Sinai ging, hatte er die zwei Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand u. s. w.“ Da wird uns der Vorgang mit voller sinnlicher Deutlichkeit geschildert, nur daß alles, was zwischen dem Herrn und Moses vorgeht, durch eine umliegende Wolke den Augen der Menge entzogen wird. Gott, der Eine Gott, hat mit eigner Hand die Gebote auf 2 Tafeln von Stein geschrieben. So verdichtet sich in der Phantasie des Menschen das Visionäre zum Sinnlichen, aber die verhüllende Wolke ist noch der Rest, der an das ursprünglich nur geistig Geschaute erinnert. Machen wir uns diesen Vorgang durch Beispiele deutlicher! Im Buche Henoch erzählt der Held: 84) „Und ich betrachtete die himmlischen Tafeln und las alles, was darauf geschrieben war, und merkte mir alles und las das Buch aller Werke der Menschen“, und an einer anderen Stelle: 85) „Ich schwöre euch: Ich kenne das Geheimnis und habe es auf den himmlischen Tafeln gelesen und habe das Buch der Heiligen gesehen und darin geschrieben und eingezeichnet gefunden über sie, daß alles Gute und Ehre und Freude bereitet und aufgeschrieben ist für die Geister derer, die in Gerechtigkeit gestorben sind.“ Ähnliches findet sich noch mehrfach in diesem apokalyptischen Buche. Alle mystischen Bücher frommer und gottloser Art leiten die Beglaubigung ihrer Lehren her von den Offenbarungstafeln, (die bald so bald so aufgefaßt werden), so auch die Clavicula Salomonis: „Daß eine solche Kunst von Anfang der Welt gewesen sei, erscheint aus dem, daß Gott der Herr selber auch durch seine Engel und Propheten, letzlich durch seinen eingeborenen Sohn, ja darnach durch einen heiligen Geist alle geist- und weltliche Weisheit gelehrt hat, wie denn in der Tafel der Offenbarung und deren Auslegung nach der Länge gelesen wird.“ 86) Der Ursprung der Offenbarungstafeln aber sind die Sterne, in den Sternen steht der Wille Gottes, steht das Schicksal der Menschen geschrieben. Die Astrologie ist wirklich fast so alt wie die Menschheit. Das Wort des Herrn zu Abraham: „Siehe gen Himmel und zähle die Sterne“ (1. Mose 15, 5) hat sicherlich auch in dem Offenbarungsglauben der Juden eine Rolle gespielt. Vom Himmel lesen die Menschen auch das Alphabet ab. Die Babylonier unterschieden ursprünglich 12 nach den Tierkreisen benannte Konsonanten, welche durch die Vokale regiert wurden, wie der Tierkreis durch die drei Regenten. 87) Die altorientalische, namentlich von den Mohammedanern fortgeführte Schicksalslehre ist der letzte Grund des Zauberbuches. An die Stelle menschlichen Forschens ist als Quelle aller Erkenntnis göttliche Offenbarung gesetzt. „Der Einblick in das Wesen alles Seienden ist am Anfang der Dinge der Menschheit

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84) Henoch (s. A. 62) p. 103.

85) ib. p. 134.

86) Scheible Bd. III p. 192. Ähnlich heißt es im „Buch der Jubiläen“ (Kautzsch II p. 49): Und das Gericht über sie alle ist angeordnet und auf die himmlischen Tafeln geschrieben.“ -- Einmal wird sogar gesagt, das Gesetz sei zuerst geschaffen und um eines Gesetzes willen habe der Herr die Welt geschaffen.

87) Winckler (s. A. 63) p. 47 mit A. 1.

 

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von Gott offenbart worden, und der damals festgesetzte Wille, das Kismet, regiert die Welt. Die Gesetze alles Geschehens sind verkündet und in einem großen Buche niedergelegt worden, es ist die Aufgabe der Wissenschaſt nicht, neue Wahrheiten zu finden, sondern die alten zu bewahren oder wiederzufinden, soweit sie durch Fehler der Überlieferung oder Mißverständnisse verloren gegangen sind.“ 88) Liegt hierin nicht der Schlüssel zu all den krausen, verzerrten Vorstellungen, die uns beschäftigen? Nur darf nie vergessen werden, daß eine ursprünglich konsequente, in sich klare Weltauffassung im Kampfe mit anderen verdunkelt, verstümmelt, durchsetzt mit Fremdem schließlich nur einen unorganischen Bestandteil buntzusammengewürtelter Wahnlehren bildete. Wir verstehen nun den Doppelcharakter Salomos in der Überlieferung und wundern uns nicht, daß Vergil, nachdem ihn die romantische Literatur des Mittelalters in ihren Kreis gezogen hatte, die Erbschaft des jüdischen Propheten-Königs antrat. Und was von der Person gilt, gilt insbesondere von dem Zauberbuche. Zunächst der Übergang vom Gelehrten zum Wunderbaren, vom Wunderbaren zum Teuflischen bei den Schriften beider Männer und dann das Vertauschen der Schriften selbst, der Clavicula Salomonis mit der Ars Notoria Vergils. Die Faustsage aber hat die letztere nicht übernommen, sondern ist zur Clavicula zurückgekehrt. Wie kommt das? Zunächst könnte man einen äußeren Grund anführen: Vergils Ars Notoria ist nie im Druck erschienen wie die andern Zauberbücher. Aber das ist natürlich keine Antwort. Denn es gab noch viele berühmte Zauberbücher im Mittelalter, z. B. das Heptameron des Pietro d' Abano (Peter von Abano ist der Faust der Italiener) 89). Auch sie sind hinter der Clavicula zurückgetreten, und ferner wäre es nur eine Verschiebung der Frage, denn wir werden nun fragen: Warum hat Schwindler ein Zauberbuch dieses Namens veröffentlicht? Ich glaube, durch die Kabbalah wurde das jüdische Buch in den Vordergrund geschoben, der Kabbalah hing ja auch der Begründer des Studiums des Hebräischen in Deutschland, der berühmte Humanist Reuchlin an. 90) Was tut aber schließlich der Name zur Sache? Der Charakter des Buches bleibt im wesentlichen derselbe, es soll übernatürliches Wissen verleihen. Und ergibt sich daraus nicht, um auch das schon hier einmal zu erwähnen, die Gleichheit der Grundidee unserer beiden Sagen? Bildet nicht die Frage, ob unbegrenztes Streben nach Erweiterung des Wissens etwas Gottgewolltes ist, die der Faustsage unvergängliches Dasein bereitet hat, auch schon den Kern der Vergilsage? Das Buch der Offenbarung, das beiden Zauberern die übernatürliche Macht verleiht, spricht dafür. -- Gegenüber der Herkunft des Zauberbuches spielt die Art seiner Benutzung nur eine unbedeutende Rolle, so weit sich auch die betreffenden Bücher selbst darüber verbreiten. Im ältesten Faustbuch übergibt dem Doktor, nachdem er sich schon dem Teufel verschrieben und seine Dienste in Anspruch genommen hat, „ein Geist bald ein großes Buch, von allerley Zauberey und Nigromantia, darinnen er sich erlustigte.“ 91) Marlowe erweitert diesen Zug dahin, daß Mephistopheles (an derselben Stelle der Handlung, nämlich nach dem Verbot der Heirat) Faust ein Zauberbuch einhändigt mit genauer Angabe der Benutzung (Szene V 598 ff):

Here, take this booke, and peruse it well:

The Iterating of these lines brings gold;

The framing of this circle on the ground

Brings Thunder, Whirle-winds, Storme and Lightning;

Pronounce this thrice deuoutly to thy selfe,

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88) ib. p. 17.

89) Kiesewetter p. 348.

90) Bischoff l. c. p. 117. Zu § 79.

91) Spieß p. 27.

 

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And men in harnesse shall appeare to thee,

Ready to execute what thou commandst.

 

Aus dieser Stelle geht in Vergleichung mit dem vorher Ausgeführten hervor, daß wir zwei Arten von Zauberbüchern unterscheiden müssen, das eigentliche Zauberbuch und das Lehrbuch; jenes, das ich mit dem besprochenen Offenbarungsbuche vergleichen möchte, das eigentlich mittelalterliche mit seiner unmittelbar wirkenden Kraft, ermöglicht erst den Bund mit dem Teufel, dieses wird dem Schüler von dem Lehrer in die Hand gegeben zur eignen Benutzung an Stelle der persönlichen Beihilfe. Natürlich liegt es im Wesen des Zaubers, daß seine Wirksamkeit in der genauen Befolgung gewisser Vorschriften besteht, das hat er gemein mit rein äußerlich aufgefaßten Kultusgebräuchen, und was umgekehrt die Kultushandlung an Vorbereitung und geistiger Sammlung verlangt, das ist auch der Zauberhandlung unentbehrlich. Vieles derartige findet man im IV. Buche der früher erwähnten Occulta Philosophia. 92) Ich führe nur einen Satz als Probe an: Das Buch ist sorgfältig gebunden und verschlossen, weil es dem Beschwörer zum Nachteil gereichen würde, es bei anderer Gelegenheit (d. h. wenn Orte, Zeiten und Stunden, denen ein Geist vorgesetzt ist, bei der Anrufung desselben nicht berücksichtigt werden, vgl. Seni bei Schiller: Das Erste aber und Hauptsächlichste / Bei allem irdischen Ding ist Ort und Stunde) zu öffnen. Auch würde sich die Wirksamkeit des Buches durch profanen Gebrauch oder, wenn der Beschwörer eine befleckte Phantasie hat, verlieren. 93) Zum profanen Gebrauche gehört natürlich auch die Benutzung durch einen Unbefugten. Als Vergil seinen Schüler Merlin (vgl. Teil II p. 39) nach Rom schickte, sein Zauberbuch zu holen, konnte dieser trotz ausdrücklichen Verbotes der Versuchung nicht widerstehen, das Buch zu öffnen. Aber kaum hatte er eine Zeile gelesen, so sah er sich von einer Schar von Geistern umringt, die ihn mit feurigen Augen ansahen und fragten, was er wolle. Merlin erschrak heftig und wußte in seiner Herzensangst den Geistern nichts zu befehlen, als daß sie die Straße von Rom nach Neapel mit Salz bestreuen sollten, damit Sie immer rein bliebe. Dieser Zug wiederholt sich bei andern Zauberern. So wird vom Papst Gregor VII. erzählt, er habe einmal, als er auf der Reise von Albano nach Rom sein Zauberbuch mitzunehmen vergessen, zwei seiner Vertrauten danach geschickt, mit dem strengsten Befehle, es nicht zu öffnen. Da diese aber auch ihre Neugierde nicht bezwingen konnten und zu lesen begannen, erschien gleich eine ganze Schar von Teufeln, die nach ihrem Begehren fragten und sie bedrohten, wenn sie nicht sagen würden, was Sie verlangten. 94) Das unmittelbar wirkende Zauberbuch finden wir auch in der Leggenda di Pietro Barliario. Dieser hat das Buch in einer Höhle von einem alten Manne erhalten, und so oft er es öffnet, tönt es ihm entgegen: „Befiehl“, und die Geister tun, was er will. So verlangt er einmal:

 

Di tutti i libri sparsi in questo mondo,

Che trattin di magia, voglio portiate. Und:

Fini appena di dir, che con grande pondo

Di scritture diaboliche segnate

Venner molti; d'Averno in quell' istante

Molti libri gli portaron davante. 95)

 

Und sollte die Heimat der Märchen, Indien diesen Zug nicht kennen? In einem brahmanischen Märchen, das „Auferstanden“ betitelt ist, wird erzählt, daß ein Mönch sah, wie ein Brahmane dadurch, daß er aus seinem Zauberbuche las, ein verbranntes Kind aus der Asche zum Leben

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93) Teil I d. A, p. 1. A. 5.

94) Kiesewetter p. 390.

95) Düntzer p. 116. A. 34.

95) Comparetti, Texte.

 

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erstehen ließ. Er entwendet dem schlafenden Besitzer das Buch und bespricht mit den Worten des letzteren den Staub der Geliebten, die sofort zum Leben ersteht. 96) Auch Ariost, der kein Zaubermotiv der romantischen Sage unbenutzt läßt, verwendet das Zauberbuch in ähnlicher Weise. Wie Angelica auf der Flucht vor Rinaldo den in Nekromantik wohl bewanderten Eremiten trifft und nach dem Wege fragt, holt dieser ein Buch aus der Tasche, und

 

-- nicht die erste Seite war vorbei,

Da kommt ein Geist als Diener hergesprungen,

Dem er befiehlt, was zu verrichten sei. 97)

 

Die spukhafte Wirkung des Buches ist von der Faustsage nicht übernommen worden, an Stelle der ganz spontanen Wirkung aus völlig unkontrolierbarer Ursache tritt im Volksbuche die Verwendung bestimmter Figuren und Charaktere. Marlowe hinwiederum hat für das Spukhafte, das ins Burleske übergeht, die Rüpelszenen. In der VII. Szene erscheint Robin (-- Rüpel) mit einem Beschwörungsbuche, das er seinem Herrn genommen, und wie Dick, der Stallknecht, dazu kommt, fängt er an zu lesen: O per se deny (demi?) orgon, gorgon. (Ich vermute in den Worten eine Entstellung aus dem griechischen δημιουργός, das u. a. Wahrsager bedeutet, und ein Spielen mit dem Gleichklang orgon, gorgon). 98) Und in der IX. Szene ruft Rüpel durch Anwendung derselben Zauberworte Mephistopheles herbei, der, unwillig über die ihm aufgenötigte weite Reise von Konstantinopel nach Rom, Dick in einen Affen und Rüpel in einen Hund verwandelt. -- In den Puppenspielen wird die Komik gröber, manchmal recht derb. Ich will nur an die amüsante Beschwörung der Geister durch Kasperle bei Simrock (Puppenspiel p. 32 ff) erinnern. Kasperle ist über das Zauberbuch geraten und buchstabiert: „Wenn -- man -- will -- die -- Geister -- kommen - lassen -- so sagt man -- Perlippe.“ Sofort erscheint eine Menge Geister. Er fährt sie an: „Ihr Rattenschwänz, seid ihr Geister? Was wollt ihr?“ Antwort: „dir dienen?“ -- „Was habt ihr denn Gutes gekocht?“ „Eisen und Stahl, Pech und Schwefel.“ Darauf hat er keinen Appetit, und so liest er weiter: „Wenn man will -- daß die Geister -- verschwinden -- so sagt man Perlappe“, 99) „Richtig, alle Rattenschwänz fort.“ Das macht ihm solches Vergnügen, daß er nun immer schneller Perlippe Perlappe ruft und die Geister so fortwährend erscheinen und verschwinden läßt. Aber die Strafe für den Vorwitz bleibt nicht aus, er wird so atemlos, daß ihm nach einem Perlippe die Sprache versagt und er das Perlappe nicht mehr herausbringt. Da rächen sich die Geister, indem sie ihm den Haarzopf in Brand stecken. -- Neben vorgeschriebenen Worten sind namentlich gewisse Namen 100) erforderlich. Und war früher die Zaubersprache die babylonische 101), so ist es jetzt die hebräische. Die Juden werden damit als Erben der Babylonier auf diesem Gebiete bezeichnet (neben ihnen die Araber), was ja auch nicht so unrichtig ist, wenn wir an die Kabbalah denken. Damit stimmt auch die oft wiederkehrende Sage, daß ein Teufel aus dem Leib eines Juden irgendwohin gebannt werde, wie z. B. auch unserm Vergil die Stimme, die unter der kleinen Leiste hervorkommt, auf seine Frage antwortet: Ich bin ein Teufel, der aus dem Leibe eines Juden hierher gebannt

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96) v. d. Leyen l. c. p. 27-30.

97) Rasende Roland I, 15.

98) Diese Szene findet sich erst in der Ausgabe von 1616, in der von 1604 steht an der Stelle die VIII. Szene zwischen Rafe und Robin; in der IX ist in der Ausgabe von 1616 an Stelle Rafes Dick getreten.

99) Hier ist die Zauberformel („die mächtigen drei Silben“) genannt. In Goethes „Zauberlehrling“ wird sie bekanntlich wie in seinem Vorilde, Lucians „Lügenfreund“ nicht genannt. Dem Vergessen der Formel ist ähnlich das Verlieren des Schlüssels. Von diesen Märchenzügen bringen die Erklärer des Goetheschen Gedichtes noch manche Beispiele bei.

100) vgl. A. 83.

101) Teil I p. 18.

 

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wurde bis zum Tage des Gerichts. 102) Und wie die älteste Tradition die Zauberbücher aus Babylonien 103) kommen läßt, so schreibt die jüngere sie den Juden zu; deshalb verschwindet auch neben der jüdischen Clavicula die in keine Volkstradition eingefügte und deshalb etwas farblose und nebelhafte Ars Notoria. Daß endlich die Erfindung der Buchdruckerkunst, durch die das „Buch“ erst Leben gewann im Volke, die es einer größeren Anzahl von Menschen ermöglichte, auch ein Zauberbuch einmal zu sehen, viel dazu beigetragen hat, die Wirkung desselben auf Anweisungen zur Vornahme von Beschwörungen zu beschränken, erscheint sehr natürlich. -- So hat uns auch das Zauberbuch wieder Vergil und Faust als Kinder desselben Geistes, aber eines verschiedenen Zeitalters erkennen lassen.

 

 

Zauberhöhle.

 

Mit dem Zauberbuche hängt eng zusammen die Zauberh öhle. In dieser liegt jenes verborgen. Als Vergil in Toledo auf der Schule war, benutzte auch er die Ferien, um im nahen Gebirge umherzustreifen. Da fand er in einem Berge eine Höhle oder Spelunke, 103a) Er ging hinein und ging so tief, daß er kein Licht mehr sah. Da ging er noch tiefer hinein und fand wieder etwas Licht, das von oben einfiel. Und nun hört er die Stimme des Teufels, der ihm schließlich das Zauberbuch übergibt. 104) Die Höhle hat schon an sich etwas Geheimnisvolles, namentlich aber, wenn sie sich endlos in den Berg hineinzieht und dadurch den Schein erweckt, als sei sie der Zugang zu einem Reiche der Finsternis. Es wohnen zwar in den Höhlen der Berge manche harmlose, ja den Menschen wohlgesinnte Geister 105), aber das Reich der Finsternis, zu dem sie den Zugang öffnen, ist der Wohnsitz der bösen Geister, ist die Unterwelt, die Hölle. Die Pfade des Lichts führen nach oben, wo die ewigen Sterne scheinen, wo den Frommen bei den Göttern liebliche Gärten als Heimstätte bereitet sind, aber die dunkeln Pfade, die nur den Lichtscheuen locken, führen nach unten, in die Tiefen der Erde, wo ewiges Dunkel nichts als Schrecknisse bietet. So tritt in der Zaubersage und in der romantischen Literatur neben die Parkpoesie, die ihre Farben dem Paradiese entnimmt, die Höhlenpoesie, deren schaurige Farblosigkeit Abdrücke gibt von dem Prototyp der Hölle. Hier führt die Überlieferung nicht nach Babylonien, in Babylonien ist die Wüste die Wohnung der Dämonen 106), ist doch die Wüste auch noch die Stätte, wo Christus vom Teufel versucht wird 107), das Sinai-Horeb-Gebirge oder vielleicht Ägypten hat die Veränderung des Schauplatzes herbei geführt. Ich erinnere daran,

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102) Simrock, Volksbuch von Vergil p. 8.

103) Teil I p. 18

103a) Spelunca ist das alte lat. Wort für Höhle, Grotte. Als aber antrum aus dem Griechischen übernommen wurde und mit dem Worte die Romantik der Grotte in die röm. Poesie Eingang fand, wurde Spelunca degradiert zur unheimlichen Höhle, ebenso wie es unserer „Höhle“ erging, als im XVII. Jahrh. aus dem Italienischen die Grotte mit ihrer romantischen Bedeutung entlehnt wurde. Norden l. c. p. 119. Die Grottenpoesie beginnt in Rom mit Vergils Bucolica Y. 75: viridi proiectus in antro. Sonst z. B. Hor, Carm. II 1. 39: Dionaeo sub autro.

104) s. A. 102.

105) E. H. Meyer l. c. p. 173 ff.

106) Lenormant l. c. p. 34.

107) Wenn Christus von Johannes in der Wüste getauft und dann vom Geiste in die Wüste entrückt wird, um vom Satan versucht zu werden, so ist so viel klar, daß die zu zweit genannte Wüste von der ersteren zu scheiden ist und zwar zum mindesten in der Weise, daß zu zweit ein tieferer, unheimlicherer Teil der Wüste gemeint ist. Auch zweifle ich nicht, daß das 40tägige Fasten als Vorbereitung auf Empfangen eines Gesichtes gedacht ist wie etwa die Incubation.

 

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daß die Stätte, wo Moses den Bund mit dem Herrn schloß, schon geweiht war durch ältere arabische Heiligtümer, daß die steilen Felswände der Sinaihalbinsel Tausende von Höhlen bergen 108) ähnlich der Gegend von Karnak und Luksor. -- Stellt die Höhle den Eingang zum Reiche der Unterirdischen dar, so ist sie naturgemäß auch die Wohnstätte der Wesen, die durch Orakelerteilung einen Zusammenhang zwischen den Lebenden und den Toten herstellen. Die Orakelhöhlen, deren die griechische Sage so viele kennt, an deren einer, der des Chiron in Thessalien 109) der Gang unserer Untersuchung uns schon einmal vorbeiführte, während eine andere auf italischem Boden uns in der Sibyllengrotte von Cumae (Κύμη) entgegentrat 110), sind wohl schwerlich die direkten Vorbilder für die romantischen Zauberhöhlen, indisch-arabische Märchen werden hier größeren Einfluß geübt haben 110a), aber in der Entwickelung der Menschheitsidee bilden sie wie nichts anderes eine nicht zu entbehrende Übergangsstufe. Darin zeigt sich eben wieder Griechenlands Eigenart, keine Sprünge in der Entwickelung zuzulassen, allem Fremden bereitwillig Aufnahme zu gewähren, aber nie das Alte durch das Neue vernichten zu lassen, sondern beides in einander zu arbeiten und so ein Drittes zu schaffen, an das, wenn auch oftmals nicht sofort, jede spätere Entwickelung anknüpft. Wir haben in früheren Abschnitten eine Entrückung von Menschen zu paradiesischen Höhen kennen gelernt, wir haben dabei die Beobachtung gemacht, daß schon in den ältesten Berichten der Art die Anschauung schwankt zwischen dem Entrücktwerden zu den Göttern selbst und dem Gelangen zu einem besonderen Wohnsitz seliger Menschen. 111) In Griechenland lernen wir ein Entrücktwerden in die Erde kennen 112), aber nicht zu den Toten, sondern an eine der Erdoberfläche nähere Stelle, an einen der Heimat nahegelegenen Wohnsitz in der Erde, und dort werden die Entrückten auch nicht zu wesenlosen Schatten, sondern behalten Leben und Bewußtsein. Am bekanntesten von diesen Sagen ist die vom Amphiaraos, der nur gezwungen, weil er als Seher den unglücklichen Ausgang voraussah, den Zug der Sieben gegen Theben mitmachte und dann auf der Flucht von Zeus den Verfolgern entrückt wurde. „Der spaltete mit dem allbezwingenden Blitze vor ihm die breitbrustige Erde und barg ihn mit samt dem Gespann, bevor von des Periklymenos Speer in den Rücken getroffen sein kampffreudiges Herz er beschimpfte.“ 113) Lebend also wird er entrückt, und „unsterblich machte ihn Zeus“ 114), sagt ein anderer Schriftsteller, ja im Besitz der vollen Seelenkräfte lebt er, wie wir aus Soph. El. 840. 41 ersehen: ϰαὶ νῦν ὑπὸ γαίας -- πάμψυχος ἀνάσσει. Solche Höhlenentrückten sind den Menschen nahe, Frage und Hilferuf dringt zu ihnen, und so werden die Stätten, wo sie in die Erde gefahren, die ein Erdspalt kenntlich macht, zu Orakelstätten. So wurde die Stelle der Niederfahrt (ϰαταβαις) des Amphiaraos heilig gehalten, er selbst als wirksamer Geist verehrt. Pausanias und Strabon kennen τὸἱερὸν τοῦ Ἀμφιαράου. 115) Diese Höhlendämonen haben ihr μέγαρον, ihre Halle; μέγαρα == χάσματα 116) sagt sogar ein Scholiast, also der Erdschlund selbst ist die Halle, in der der Dämon sein ewiges Leben lebt.

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108) Daniel, H. d. G. I p. 301 Kutzner, Geogr, Bilder II p. 44.

109) II p. 37 ff.

110) I p. 22. 23.

 

110a) So erinnert deutlich an arabische Märchen das deutsche Volksbuch mit dem Titel: Das Schloß in der Höhle Xa Xa.

111) II p. 16. 17.

112) Dem folgenden Abschnitt liegt zu Grunde E. Rohde, Psyche, 2. Aufl. 1898. Bd. I p. 111–145.

113) Pind. Nem. IX v. 24-27.

114) Apollodor, Bibl. III, 6, 8, 4.

115) Paus. IX 8, 3. Strabon C. 404. 10. Wenn diese Schriftsteller das Heiligtum nicht bei Theben kennen, so liegt darin eine Übertragung des Kultus an eine andere Stätte, die uns hier nichts angeht.

116) Rohde l. c. p. 117 A. 1.

 

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Ein solches χάσμα oder ἄντρον ϰοῖλον ϰατὰ βάϑους οὐ μάλα εὐρύστομον 117) war auch Pythons eigentliches Heiligtum in Delphi, und Apollo selbst erteilte als Überwinder des Drachens, des Erdgeistes Python, von hier aus Orakel. 118) In einem solchen μέγαρον im Felsen unter dem Apollotempel erteilt auch die Sibylle von Cumae in Vergils Aeneis ihre Orakel. 119) Den Sibyllen als Priesterinnen des wahrsagenden Gottes kommt ihre Wohnung da zu, wo der Gott selbst haust. Das Urbild aller dieser Orakelhöhlen aber ist die „Höhle des Zeus“ im Idagebirge unweit Knossos auf Kreta; in dieser Stadt herrschte Minos, „des großen Zeus Gesprächsgenosse“, und alle 9 Jahre begab er sich in jene heilige Höhle, um aus dem persönlichen Verkehr mit dem höchsten Gotte neue Regierungsweisheit zu schöpfen, wenn anders Homers Worte ἐννέωρος βασίλευε (Odyssee XIX, 179) so richtig erklärt werden. 120) Der Kultus dieser idäischen Grotte ist so recht geeignet, den Ausgangspunkt für eine Reihe hierher gehöriger Fragen zu bilden. Zunächst stellt er die Verbindung mit dem Orient her, wie das Kretas Aufgabe in Griechenlands Urzeit überhaupt gewesen ist. Ein phönizischer Unterwelts-Mythos liegt wohl jedenfalls den dunkeln griechischen Sagen, die sich an die kretischen heiligen Stätten knüpfen, zu Grunde, ein Mythos, der verwandt ist mit der Erzählung vom Raube der Demetertochter durch den Beherrscher der Unterwelt. 121) Darauf kann hier jedoch nicht näher eingegangen werden. Sodann zeigt uns hier ein Vergleich der verschiedenen Mythen, aus dem auch das eben erwähnte Resultat hervorgeht, wie der Hadeseingang in der Volksanschauung zur Orakelhöhle wird. 122) Ferner kann uns die Zeushöhle am besten lehren, woher der Glaube an höhlenentrückte, zu Dämonen gewordene Menschen entstanden ist. Wenn in solchen Höhlen das eine Mal Götter, das andere Male lebend zu ewigem Leben entrückte Menschen verehrt werden, so gibt es dafür nur die Erklärung, daß an Stelle eines verdunkelten Gotteskultus ein Heroenkultus getreten ist. Die Dämonen sind ja vielfach (wenn auch in anderem Sinne, als hier gemeint ist) nichts anderes als depossedierte Götter, worüber in einem Anhange besonders gehandelt werden soll. Wo Menschen die Verehrung eines Erdgeistes an ihnen zugänglicher Stätte 123) vorfinden, da können sie sich nicht vorstellen, daß es ein Gott ist, der muß ja in unerreichbaren Höhen oder in unzugänglichen Tiefen wohnen, es muß ein Mensch sein, dem, weil er Großes auf dieser Erde vollbracht, durch besondere göttliche Gnade ewiges Leben, aber damit nicht volle Göttlichkeit gewährt worden ist. 124) Und wenn Zeus selbst in einer Grotte wohnend gedacht wird, so ist das nicht der Himmel und Erde beherrschende Zeus, Sondern eine Abzweigung von der Fülle seines Wesens, die ihn zu einer lokalen Gottheit macht. So wird auch Amphiaraos einmal Zeus Amph, genannt (Διὸς Ἀμφιαράου ἱερν). 125) Hierin liegt auch wohl der Schlüssel zu einer letzten Frage, die der kretische Zeuskultus uns aufwerfen heißt. Es ist die schwierigste. Wie

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117) Gruppe, Griech. Mythologie u. Religionsgesch. (Jwan v. Müllers Handbuch V, 2) p. 101

118) Norden 1. c, p. 133. 119) Teil I p. 2.

119) Teil I p. 23.

120) Gruppe l. c. p. 253 mit A. 5.

121) Ib. p. 251 f. Als Europas Gemahl wird der Zeus der Idagrotte mit den Zügen des phöniz. Todesgottes ausgestattet. Auch Ζεὺς ϰαταιβάτης, ursprgl. der im Blitz niederfahrende Z., erhielt in Kreta und sonst chthonische Bedeutung. Gruppe p. 810.

122) Jb. p. 809.

123) Auch bei der Incubation (Tempelschlaf) setzt man die persönliche Anwesenheit des Gottes voraus, im Traume denkt man sich das Seelenleben so erhöht, daß der Gott oder Dämon dem menschlichen Auge sichtbar wird. Rohde p. 121. Andererseits haben die Traumerscheinungen, die man sich nicht erklären konnte, den Glauben an Gespenster, namentlich an Totengespenster vielfach erweckt. Justi, Gesch. des alten Persiens p. 79.

124) Auch die deutsche Sage kennt Ähnliches. Ich brauche nur an Friedrichs II (später Friedrichs I) Fortleben im Kyffhäuser zu erinnern. Auch hier muß der Kaiser an die Stelle eines heidnischen Gottes getreten sein. Rohde p. 124.

125) Rohde p. 125 A. 2.

 

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kann Zeus geboren werden oder gar sterben? Jene Höhle aber ist die Stätte seiner Geburt, und in ihr befindet sich zugleich sein Grab. Der älteste Bericht über des Zeus Geburt findet sich in Hesiods Theogonie v. 453-491 und lautet in Kürze: Da Kronos die eigenen Kinder, die ihm Rhea gebar, verschlang (es ist die ihre Kinder verschlingende Zeit), um nicht in seiner Herrschaft von ihnen gefährdet zu werden, nahmen sich die Eltern der Rhea, Gäa und Uranos (Erde und Himmel), wie sie Zeus gebären wollte, ihres Kindes an und schickten es nach Lyktos auf Kreta, und als das Kind, der große Zeus, geboren war, trug Gäa es durch die schwarze Nacht:

 

πρώτην ἐς Δίϰτην᾽ ϰρύψεν δέ ἑ χερσὶ λαβοῦσα

ντρψ έν ἠλιβάτψ, ζαϑέηςὐπὸ ϰεύϑεσι γαίης,

ΑἰγαίΨ ἐν ὄρει – – .

 

Daß diese Höhle im Diktegebirge der idäischen Konkurrenz macht, ist für unsere Betrachtungen gleichgültig. Jedenfalls wurde auf Kreta die Geburtshöhle des Zeus verehrt. Sein Grab ebendort wird oft erwähnt, z. B. von Cic. de nat. deorum III, 21, 53, der in euhemeristischer Weise von drei Zeus spricht und dann sagt: tertium Cretensem, cuius in illa insula sepulcrum ostenditur. Der Dichter Kallimachus sieht törichter Weise in der Sage einen Beweis von der seit Homer berufenen Lügenhaftigkeit der Kreter. Die Wissenschaft der Mythologie urteilt anders. Sie sieht in dem Grabe die Höhle, die der Gott nicht mehr mit lebendiger Wirksamkeit erfüllt, in der die Menschen auf ihre Fragen nach der Zukunft keine Antwort mehr erhalten, deren frühere Bedeutung aber noch in der Erinnerung fortlebt. Mit andern Worten, das Grab des Gottes, d. h. nicht des Einen, sondern des von dem Einen abgesplitterten Lokalgottes bezeichnet einen abgestorbenen Lokalkultus, dessen ehemalige Stätte lange noch mit Ehrfurcht betrachtet und schließlich nur als Merkwürdigkeit in der Ortstradition festgehalten wird. Denn das Grab liegt in der Höhle, ist an Stelle des Megaron getreten. 125a) Besonders auffallend ist dieser Vorgang bei Delphi, wo Apollo seinen Sitz über dem Grabe des von ihm überwundenen Dämonen Python aufgeschlagen hat. 126) --- Und noch ein Wort über die Geburt des Zeus! Etwas Ungeschaffenes gibt es für den noch kindlich denkenden Menschen nicht. Ist doch für ihn selbst die Geburt der Anfang des Lebens, wenn auch nicht der Tod das Ende. Nur in wunderbarer Weise, an geheimnisvollen Stätten müssen die Götter geboren werden. Und diesen Gedanken spinnt die emsig und sinnig arbeitende Legende aus zu weitverzweigten, duftigen Geweben. An Schönheit unübertroffen bleibt der Homerische Mythos von der Geburt des Hephästos. Die schönheitsstrahlende, hoheitsvolle Here schämte sich des häßlichen Kindes, das sie geboren, und schleuderte es vom Olymp hinab (was der Aussetzung mißratener Kinder bei den Menschen entspricht) ins Meer. Da fingen es zwei Meeresgöttinnen auf und bargen es 9 Jahre lang in einer gewölbten Grotte, die der Ozean mit seinen schäumenden Wogen umbrauste; und keiner der Götter oder Menschen wußte etwas davon, nur Thetis und Eurynome, die ihn retteten, wußten es. 127) -- Göttlicher Herkunft in der geschilderten Weise mag auch der Chiron sein, den wir früher 128) als thessalischen in einer Höhle hausenden Ortsdämon 128a), der Heilung von Krankheiten und

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125a) Über das Eingehen alter Orakelstätten spricht in interessanter Weise Plut. de def. Orac. Cap. V. Er erzählt auch eine hübsche Geschichte vom Amphiaraos-Orakel in Böotien aus der Zeit der Perserkriege.

126) ib. p. 132 -- 134. -- 134 A. 1 bringt R. noch ein interessantes Beispiel von einem Grabe des Pluton am Acherusischen See, das als ein Grab des zum Heros Klymenos herabgesunkenen Hades Klymenos anzusehen ist.

127) Homers Jlias XVIII, 394-405.

128) Teil II p. 37 ff.

128a) Für die thessalische Zauberei mag bier noch hingewiesen werden auf die Orakelbefragung des Sextus Pompeius vor der Schlacht bei Pharsalus bei Lucan, Pharzalia lib. VI, v. 420 ff. Es wird hier unterschieden zwischen der erlaubten Erforschung der Zukunft, die Sextus verschmähte -- non Pythia consulit antra u. s. w. -- und der sündhaften magischen -- Detestanda deis saevorum arcana magorum / noverat --. Und nachdem dann die ruchlosen Künste der thessalischen Zauberinnen aufgezählt sind, heißt es, von ihnen habe sich abgewandt die nimiae pietatis Erichtho, sie erscheint als Erfinderin der νεϰρομαντεία. Sie wohnt nicht in Häusern oder Höhlen, sondern in einsamen Gräbern, grata deis Erebi, sie hört die coetus silentum und kennt die Domos Stygias. Diese Erichtho gibt dem Sextus das Orakel. Ob diese Darstellung auf Volksglauben beruht, ist bei einem so phantastiach geschmacklosen Dichter wie Lucan sehr zweifelhaft.

 

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Offenbarung der Zukunft, die zwei in alter Zeit so eng verbundenen Künste, übte, und zugleich als Lehrer Vergils kennen lernten. Stellt sich nun darin eine direkte Anknüpfung der mittelalterlichen Sage an die griechischen Orakelhöhlen dar, so hat das Arabisch-Indische den Höhlenkultus um manche Züge bereichert. Namentlich möchte ich dahin rechnen die der religiösen Erhebung, der Entgegennahme von Offenbarungen, auch der Buße geweihte Höhle, wenngleich wir gewisse Anfänge dieses Kultus schon in der Minossage beobachteten. Welche Rolle spielt die Höhle in letztgenannter Beziehung im Leben Mohammeds! Als dieser vor seiner eigentlichen Berufung zur Prophetie, von inneren Kämpfen gequält, wieder einmal die Einsamkeit einer Höhle des nahe bei Mekka gelegenen Berges Hirâ aufgesucht hatte, sank er vor Ermattung in einen traumartigen Zustand; da ertönte ihm dreimal eine himmlische Stimme: „Lies vor“, zweimal antwortete er: „Ich kann nicht“, das dritte Mal aber las er die Worte, die den Ausgangspunkt von Mohammeds Offenbarung gelten (Sure 96, 1-5):

 

Lies im Namen deines Herrn, der schuf,

Den Menschen schuf aus zähem Blut.

Lies, dein Herr ists, der dich erkor,

Der unterwies mit dem Schreiberohr;

Den Menschen unterwies er

In dem, was er nicht weiß zuvor. 129)

 

Die Vorstellung ist augenscheinlich die, daß dem in einer Art Incubation Befindlichen Gott das Buch der Offenbarung hinhält, das er selbst geschrieben, daß des Begnadeten Auge anfänglich die Schrift nicht zu erkennen vermag, bis die Erleuchtung sich zu dem nötigen Grade steigert und er nun die Offenbarungsworte abliest, um sie seinem Geiste fest einzuprägen. Einmal tritt uns hier also wieder die schriftliche Offenbarung entgegen, von der wir im vorigen Abschnitte handelten, dann aber auch die Incubation und die Erscheinung Gottes in der Höhle. 130) -- Ein weiterer Schritt führt uns zu Legenden, durch welche biblische Persönlichkeiten in der einen oder andern der betrachteten Formen in den Höhlenkultus hineingezogen werden.

 

 

Einfügung: Geburtshöhle Abrahams in Urfa (Osttürkei)

 

An der Stadt Hebron und dem Berge Horeb haften diese Sagen. Dort sollte Abrahams Heimat sein, sein Grab wurde dort gezeigt, hier hatte Moses die Gesetzestafeln vom Herrn erhalten, hier hatte auch Elias sein Gesicht gehabt in einer Höhle, in der er auf seiner Flucht durch die Wüste eine Nacht verbrachte, um dann auf Befehl des Herrn wieder umzukehren gen Damascus. 131) -- In einem orientalischen Itinerarium, das 1676 in Dresden im Druck erschienen ist, wird erzählt: „Zu Hebron wohnende Christen und Türken zeigten uns einen Ort, wo Adam und Eva ihre Sünde beweinten. Dieser Ort ist eine tiefe und finstere Grotte -- in einem harten Steinfelsen und, wie es scheint, nicht von Menschenhänden, sondern von der Natur selbsten also zugerichtet.“ 132) Und an einer anderen Stelle desselben Buches wird berichtet, Adamum in monte Calvariae fuisse sepultum. Lehrreicher ist die Legende von Abrahams Geburt. Die Stätte derselben war

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129) Rückert p. 421. 547.

130) Daß in der Höhle die Verkündigung der heiligen Gesetze stattfindet, ist ein schon der griechischen Sage bekannter Zug. s. darüber Gruppe l. c. p. 116.

131) I. Könige 19, 9 ff.

132) Fabricius p. 59 (XXVIII).

 

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nach einigen Susa 133), nach andern Babylon 134), nach dem überwiegenden Glauben offenbar das letztere, denn an dieses knüpft die weitere Legende an. Ein arabischer Bericht lautet 135) Abrahamum, quam primum in lucem editus fuisset, quo tutus a Chaldaeorum insidiis servaretur -- qui ei necem intentabant, quod Dis suis hunc hominen fatalem fore Astrologorum vaticinia cecinissent -- a patre Speluncae cuidam commissum et inclusum fuisse: inibique detentum, donec virilis aetas et periculi oblivio eum a Chaldaeorum minis vindicassent. In der Begründung der Geschichte fällt die Ähnlichkeit mit der Sage von der heimlichen Geburt des Zeus besonders auf. Noch genaueren Aufschluß gibt eine andere Legende, nach der Abraham heimlich in einer Höhle geboren wurde, weil Nimrod alle neugeborenen Kinder töten ließ. In derselben blieb er 15 Jahre. 136) Hier kann auch die Geschichte von Christi Geburt von Einfluß gewesen ein, nur daß für die Araber die Höhle, das alte Motiv, geeigneter war als der Stall mit der Krippe, weil jene geheimnisvoller, poetischer ist als dieser. Denn so sehr es Mohammed an schöpferischem Geiste gebrach, besaß er doch auf der andern Seite ein wunderbares Geschick, das aus andern Religionen Übernommene im Sinne der phantasiereichen Araber umzugestalten. Und dies Bestreben und Geschick ist seinen Nachfolgern verblieben. Hier wird auch der Grund liegen für die angenommene Feindschaft der Perser, an deren Stelle leicht die Babylonier treten konnten, dem Midrasch 137) der Juden entnahm Mohammed die Legenden, und nachdem er ihnen die angemessene Gestalt gegeben, bekämpfte er mit ihnen die persischen Märchen seiner Gegner. 138) -- Weiter erzählt die mohammedanische Legende, daß Abraham von seinem Sohne Ishak neben Sara in einer Höhle zu Hebron begraben ward. Die Juden besuchten lange Zeit diese Höhle, in der später auch Ishak und Jacob beerdigt wurden. Dann bauten die Christen eine Kirche darüber, die später von den Muselmännern in eine Moschee verwandelt ward. 139) Endlich ist Abraham auch ein Richter der Unterwelt geworden: judex constitutus ad portas inferorum, 140) Noch eine Notiz aus den Pseudepigraphen mag den Abschluß der Betrachtung des Höhlengrabes bilden: Ingressus Noah speluncam Alcanuz et Sethi, Enochi, Kainani -- et Lamechi corpora deosculatur. 141) Also eine Familiengruft, wie es scheint! -- Die Höhle bewahrt ihre Bedeutung als Wohnsitz dämonischer Wesen durch die Jahrhunderte im Aberglauben der Völker und in den Liedern romantischer Dichter. Es Wäre eine lockende Aufgabe, die Höhle in der Renaissancedichtung (namentlich bei Bojardo und Ariosto) zu verfolgen, ich muß hier darauf verzichten, aber jene andere Seite der Sache noch etwas beleuchten. Der uns bekannte Trithemius unterscheidet in einer seiner Schriften 142) 6 Gattungen von Dämonen. „Die fünfte bilden die unterirdischen Geister, welche in Klüften, Höhlen und dem Innern der Berge wohnen.“ Auch Benvenuto Cellini, dessen Selbstbiographie bekanntlich Goethe übersetzt hat, kennt eine Zauberhöhle. Von einem Nekromanten, mit dem er sich eingelassen und der in ihm ein gutes Medium erkannt hat, läßt er sich überreden, ein Buch zu weihen, das ihnen unendliche Reichtümer bringen soll, denn die Teufel müßten ihnen

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133) Über den Zusammenhang Persiens mit Babylonien s. Teil II p. 24. 25. Daß die persischen Magier Abraham und Zoroaster identifizieren, sahen wir oben p. 14.

134) Weil l. c. p. 68.

135) Fabricius p. 377.

136) Weil p. 69.

137) Das Wort bedeutet eigentlich Auslegung, dann Sammlungen homiletischer Bearbeitungen des heiligen Textes.

138) Weil, Einl. p.5-8.

139) Weil p. 98. 99.

140) Fabricius CXXVI.

141) Fabricius p. 241.

142) Liber octo quaestionum etc. Quaestio VI. Kiesewetter p. 388. 89.

 

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Die Schätze zeigen, deren die Erde voll sei. 143) Der geschickteste Ort dazu wäre in den Bergen von Norcia. 144) Hier lag nämlich eine berühmte Sibyllenhöhle, die in einem geschichtlichen Vorgang eine bedeutsame Rolle spielt. Der Jesuit Martin Delrio (1551-1608) erzählt in seinen Disquisitionum magicarum libri sex 145), ein in Paris wegen Zauberei angeklagter Mann, der hernach verbrannt wurde, habe im Verhör bekannt, er sei mit der Sibylle in der Höhle von Norcia zusammengekommen und habe von ihr ein geweihtes Buch und einen in einen Fingerring gebannten Teufel erhalten und sich mit Hilfe dieser beiden Dinge an jeden beliebigen Ort versetzen können. -- Die Sibyllen nehmen als Oberpriesterinnen der Magie (Magiae praesides) die Weihe magischer Bücher vor, ihre Wohnung aber haben sie in Höhlen. Auf jenes Abenteuer Cellinis spielt Goethe im Faust an mit den Worten:

 

der Nekromant von Norcia, der Sabiner,

Ist Dein getreuer, ehrenhafter Diener. 146)

 

Und in seinem Anhange zu der Lebensbeschreibung gibt er einen interessanten Kommentar dazu. 147) -- Die Geschichte Delrios hat uns eine neue Beziehung zwischen der Höhle und dem Buche offenbart, jene als die Stätte gekennzeichnet, an der die Weihe magischer Bücher vorgenommen wird. Dieser Zug findet sich in der Vergilsage nicht, in ihr besteht die Beziehung zwischen beiden darin, daß bei der Leiche des in der Höhle bestatteten Zauberers auch das Buch sich befindet. Wie jener Engländer an solcher Stätte Vergils Zauberbücher fand, 148) so hat dieser selbst nach der Cronica di Partenope 149) das Zauberbuch in einer Höhle seiner Heimat bei der Leiche Chirons gefunden. Es wird darüber in der Chronik berichtet: intrò la grotta incantata del monte Barbaro 150), cavata ad infinito profondo --, volendo avere chiara noticia de li ditti miracoli de la ditta grotta profunda cava. Avea Chironte di sotto la sua testa uno libro. Das nahm ihm V. und machte sich mit seiner Hilfe zu einem grundgelehrten Manne und Meister in der Nigromanzie. 151) In dieser Erzählung liegt die Höhle noch in Italien, während sie im Volksbuche, mit dessen Bericht ich diesen Abschnitt begann, sich bei Toledo befindet, Über diese Veränderung des Schauplatzes ist ja früher ausführlich gehandelt. 152) Hier sei nur noch einer merkwürdigen Notiz gedacht. Ein spanischer Inquisitor erzählt (um 1459) 153), ein Toledaner Jude habe im Jahre 1243 beim Anlegen eines Weinberges in einer Höhle verschwundene Zauberbücher wiedergefunden. Er knüpft diese Erzählung an historische Persönlichkeiten an, deren Lebenszeit unlösbare Widersprüche in derselben aufweist. Ist sie schon aus diesem Grunde in das Gebiet der Fabel zu verweisen, so zeigt die Erwähnung Toledos, des Sitzes einer Zauberschule, des Juden, des Trägers der Zauber-Tradition, des Weinberges,

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143) Benvenuto Cellini. Buch II cap. I. Goethe. Cottasche Ausg. Bd. XXVIII. p. 143. Was für eine Rolle die Schätze in der Erde spielen, s. bei Comparetti p. 259. 60, Dieses Motiv entstammt auch den arabischen Märchen.

144) Die Sabiner waren als Traumdenter und Zauberer im Altertum bekannt, Horaz z. B. spricht von Sabella carmina, Ep. XVII 28, Nursia, die Geburtsstadt des auch mit dem Aberglauben recht vertrauten Sertorius, liegt in einsamer Berggegend 606 m. ü. M., am Fuße des 1884 m. hohen Monte Pallino. Nissen, Ital. Landeskunde II p. 465. 67. 68.

145) Kiesewetter p. 425 ff.

146) Sophienausg. v. 10439. 40.

147) Bd. XXIX p. 177.

148) Teil I p. 32.

149) s. oben p. 20.

150) Der Monte Barbaro liegt nördlich von Pozzuoli und Baiae.

151) Comparetti, Texte XII, 16.

152) II p. 34. 35.

153) Kiesewetter p. 317.

 

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den wir auch aus der Vergilsage kennen 154), und endlich vollends der Höhle, daß wir es hier mit einer Zaubersage zu tun haben. Es handelt sich in derselben nicht nur um das Vergraben von solchen Büchern, von denen wir im vorigen Abschnitt mancherlei gehört haben, sondern auch um die Höhle, in der alles Geheimnisvolle sich abspielt. -- Ist nun diese Zauberhöhle, die in der Vergilsage eine nicht unbedeutende Rolle spielt, von der Faustsage übernommen worden? Nein. Man kann höchstens sagen, daß einige Nachklänge noch zu vernehmen sind. Von den 10 Königreichen der Hölle wird bei Spieß eins Barathrum genannt, das ist das griechische βάραϑρον, von dem wir im ersten Teile schon einmal hörten (p. 7). 155) Ein andermal heißt es: Die Helle hat auch eine Klufft, Chasma genannt (χάσμα). 156) Endlich wird bei Fausts Höllenfahrt mehrfach davon gesprochen, daß er tiefer in die „Klufft“ oder „Spelunck“ hinabfährt. 157) Der Ort des Verkehrs mit den Dämonen wird der Wald oder der Wegscheid (Kreuzweg). Um den Teufel zu beschwören, geht Faust in einen „dicken Wald, der bei Wittenberg gelegen ist, der Spesser Wald genannt.“ In diesem Walde macht er in einem „vierigen Wegscheid etliche Circkel.“ Dies Zurücktreten der Höhle erklärt sich einmal daraus, daß sie für das Buch nicht mehr nötig ist, das, wie wir sahen, entsprechend dem Geiste der neuen Zeit eine Art wissenschaftlichen Anstrichs erhält. Dann ist aber auch dem Deutschen und besonders dem Norddeutschen Waldeszauber und Waldesgrauen vertrauter als Höhlenspuk. 158) Der Kreuzweg aber, der im Griechischen wie im Germanischen 159) die Stätte unheimlichen Zaubers ist, kann uns hier nicht beschäftigen, weil ihn die Vergilsage nicht kennt. Höhle und Wald, die uns so als Repräsentanten zweier Welten oder auch enger gefaßt Italiens und Deutschlands erscheinen, hat Goethe in einer herrlichen Szene seines „Faust“ vereinigt. „Wald und Höhle“ ist sie überschrieben, und ihr zeitlicher Ursprung liegt zwischen Deutschland und Italien, d. h. zwischen der alten, aus Sturm und Drang geborenen und der neuen, vom klassischen Geiste Italiens geformten Dichtung. Es ist wenigstens höchst wahrscheinlich, daß der Dichter mit den Worten, die er am 1. März 1788 in Rom schreibt: „Ich habe schon eine neue Szene ausgeführt, und wenn ich das Papier räuchere, so dächt ich, sollte Sie mir Niemand aus den alten herausfinden“, unsere Szene meint. 160) Und was sind für Goethe Wald und Höhle? Der Wald ist die Natur, die Außenwelt, das Königreich des mit Erkenntnis begabten Menschen, die unbelebte Natur sowohl wie die Menschen, die sie beleben, der Schauplatz der Stürme endlich auch, und die Höhle ist die eigne Brust, die Innenwelt, die Einsamkeit der Selbstbetrachtung und Selbsterkenntnis, die Bergerin geheimer, tiefer Wunder. 161) Beides, d. h. alles hat der Erdgeist 161a) Faust gegeben, Goethe hat er es gegeben, aber er gibt es auch nur einem Goethe. Was ist der Wald, was ist die Höhle dem Alltagsmenschen? Ihn lockt ihr Zauber nicht, ihn weiht kein Zauberer ein in ihre Geheimnisse.

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154) Nach Enenkel z. B. (v. d. Hagen, Gesamtabenteuer II p. 513 ff) grub V. einst in einem Weinberge und stieß dabei mit dem Spaten auf eine Flasche, in welcher 12 Teufel eingeschlossen waren.

155-157) Spieß p. 29-- 35. 50. 51.

158) E. H. Meyer p. 42 und öfter.

159) Rohde, Psyche p. 513 und 567 A. (Platons Gorgias 524 A. Interessant). Rocher, M. I., Artikel Hekate, z. B. p. 1891. 95.

160) Pniower p. 30. 31.

161) K. Fischer III p. 366. 67.

161a) In der Erde Schoß liegen auch die Schätze alles Wissens und Könnens verborgen. Ihre Hüter sind die Riesen oder Zwerge, von denen auch Odin sie erst durch Vertrag oder List oder Gewalt erwerben muß. E. H. Meyer p. 378.

 

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Der Zaubermantel.

 

Der nordische Einschlag in der aus des Orients bunten Fäden gewirkten Zaubersage ist der Zaubermantel. In der deutschen Sage ist er das ständige Attribut des Zauberers geworden. So läßt Goethe in seinem Lauchstedter Vorspiel „Was wir bringen“ 162) den Reisenden sagen: „Von Luftballonen haben Sie neuerer Zeit viel gehört. Ferner aus ältern Zeiten ist die wahrhafte Geschichte von Fausts Mantel jedem bekannt. Aus beiden Versuchen werden wir einen dritten bilden.“ Und der Versuch, der nun angestellt wird, entspricht ziemlich genau der Art, wie im ältesten Faustbuche die Luftfahrt angestellt und in „Fausts Höllenzwang“ die Anweisung dazu gegeben wird. Bei Goethe also zieht der Zauberer zuerst einen Teppich, der an der Decke des Zimmers ausgespannt ist, durch Singen einiger Noten herunter, „wie man sonst den Mond durch Lieder herunterzieht“ 163), dann treten die Personen auf den Teppich, „die andere Seite des Teppichs fängt an, sich in die Höhe zu heben und die darauf Stehenden zu bedecken,“ er geht in die Höhe, und „sie fliegen auf und davon.“ -- Vergleichen wir damit Fausts Mantelfahrt bei Spieß! 164) Drei vornehme Grafen, die in Wittenberg studierten, hatten den Wunsch der Hochzeit beizuwohnen, die in München des Baiernfürsten Sohn mit großer Pracht begehen sollte. Faust beruft sie in sein Haus, „nimpt hernach einen breiten Mantel, breite ine in seinen Garten, und setzte die Grafen darauff, und er mitten hinein, -- er hebt seine coniurationes an, bald kompt ein großer Wind, der bewegt den Mantel empor und führte sie also in Lüfften dahin.“ -- Endlich im „Höllenzwange“ 165) heißt es: „Wilst du aber von dieser Geister (der Luftgeister) einen, eine besondere Wissenschaft erlernen, nemlich als du woltest an einem Orthe geschwinde sein und auff dem Mantel durch die Luft fahren, so citire den Graf 166) Adatiel mit folgenden Worten -- es folgen unsinnige Formeln --. Und wenn du fahren wilt, so nimm diesen Mantel, und gehe von der Thüre auf das Freye von der Stube oder Cammer. -- Nimm also den Mantel um deinen Leib und Kopff herum, daß dieselbigen Platz genug behalten. Und wenn du dann den Mantel geleget hast, so tritt in der Mitten drauf, so wird dich ein Wind augenblicklich in die Lufft wegnehmen.“ Wir sehen, wie man sich den Hergang bei der Mantelfahrt dachte. Fausts Mantel aber zieht fort und fort in der Literatur seine Spuren. Gottsched, der Todfeind alles Wunderbaren in der Kunst, sagt in einem Gedichte ärgerlich: „Wo Faust auf seinem Mantel fuhr und zur Beschimpfung der Natur / Mehr Wunder in der Welt als Moses Stecken wirkte.“ 167) Und Goethe verwendet ihn sprichwörtlich in scherzhafter Wendung, wie er am 11. Aug. 1787 aus Rom schreibt: 168) „Faust soll auf seinem Mantel als Courier meine Ankunft melden.“ Er hofft die Faust-Dichtung wie Iphigenie, Tasso, Egmont in Italien zu beendigen.

 

 

Einfügung: Das Opfer der Iphigenie, Fresko aus dem Hause des tragischen Dichters in Pompeji, 1. Jh. n. Chr. Archäologisches Nationalmuseum in Neapel.

 

Und welche Rolle spielt nun der Zaubermantel in seinem Gedichte selbst? Wenn Faust im Spaziergang vor dem Tor zu Wagner sagt

 

(v. 1122. 23): Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein!

Und trüg' er mich in fremde Länder, --

 

so ist das nicht die Sprache eines Zauberers, sondern eines Menschen, der erhaben ist über

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162) Zehnter Auſtritt.

163) Teil II p. 22.

164) p. 79. vgl. Widmanns Faustbuch I cap. 33. Weiteres bei Kiesewetter p. 216.

165) Kiesewetter p. 274.76. 98. vgl. Teil II p. 10.

166) Adatiel wird bier Graf genannt, obgleich er weder einer der 7 Pfalzprafen noch einer der 7 kleinen Grafen ist, die neben den Teil II p. 10. genannten Kurfürsten zu der Hierarchie der Hölle gehören.

167) Andere Beispiele in den Göttinger Gelehrten Anzeigen, 1900 No. 3. p. 232 ff.

168) Pniower p. 28.

 

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dergleichen Spuk und nur der ungestillten Sehnsucht in dieser Form Ausdruck verleiht. Aber wie er im Begriff steht, von Mephistopheles geführt, die Weltfahrt, die Fahrt in die kleine und dann in die große Welt anzutreten und auf seine Frage: Wie kommen wir denn aus dem Haus? Wo hast Du Pferde, Knecht und Wagen? die Antwort erhält: Wir breiten nur den Mantel aus. / Der soll uns durch die Lüfte tragen / (v. 2063-66), da haben wir wirklich die Verwendung des Zaubers. Beide Szenen gehören nicht dem Urfaust an, die erste bildet einen Teil der späten Nachdichtung, die zweite hat Goethe bei Herausgabe des Fragments (1790) zur Verbindung der Schülerszene mit der in Auerbachs Keller hinzugedichtet. Betrachten wir die letztere etwas näher, so werden wir schwerlich mit Unrecht einen Kunstgriff des Dichters darin sehen, daß er das Aufsteigen der beiden hinter die Szene verlegt. Wichtiger aber ist, daß Mephistopheles offenbar einen Cursus durchgemacht hat in dem Laboratorium eines Alchymisten des XVIII. Jahrh., wenn er in folgender Weise die Anordnungen zum Aufstiege beschreibt:

 

Ein bißchen Feuerluft, die ich bereiten werde, 2069.

Hebt uns behend von dieser Erde.

Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf.

 

Ist hier das Wunder nicht in rationalistischer Weise beseitigt? Haben wir es nicht mit einer Art von Montgolfière zu tun? Sie wollen sich möglichst leicht machen, und Brenngas, das geringeres spezifisches Gewicht hat als die Luft, soll sie emporheben, 169) -- Daß Faust selbst in der Goetheschen Nachdichtung sich mit keinerlei Zauberspuk befaßt, ja ihn verachtet, daß Mephistopheles die Kunststücke ausführt, ist Folge der Umwandlung, die in Italien mit Goethe vorging. Und wie weit steht nun erst der Held des Osterspazierganges mit jener Äußerung über dem Treiben eines mittelalterlichen Zauberers. Des Dichters Herz, oder sagen wir lieber seine Kunstanschauung ist doch nicht mehr jenen Gestalten zugeneigt, die aus „Dunst und Nebel um ihn steigen.“ Dem Dunst und Nebel nordischer Sage aber entstammt der Zaubermantel. Es darf als feststehend gelten, daß sein Vorbild der Mantel ist, an dem neben dem Hute Wodan-Odin erkannt wird. Er ist das verhüllende, beschattende oder auch flatternde Sturmgewölk, 170) in dem der altgermanische Sturmgott einherfährt. Wenn Odin einen seiner Günstlinge nach Walhall bringen will, dann hebt er ihn wohl in seinem Mantel auf sein Roß und sprengt mit ihm hoch über die Meere. 171) So ist er auch der Gott der im Winde fahrenden Seelen und der Gespenster. 172) Von ihm erbt die Attribute der Windnatur der wilde Jäger, auch er wird an dem weiten, flatternden Mantel erkannt, und Hakelberend, der Name, den der wilde Jäger bei uns im Harze trägt, bedeutet Mantelträger. 173) Ja geradezu auf den Teufel wird der Mantel Odins übertragen. Die Hexe, mit der er buhlt, nimmt er in seinen Mantel und führt sie durch die Luft. Sie heißt daher auch Mantelfahre, Mantelfahrerin. 174) Aber auch Helden trägt er aus der Ferne durch die Lüfte in die Heimat, wo ihre Anwesenheit dringend erfordert wird; 175) da tut er also ein gutes Werk, deshalb kann auch ein Engel denselben Dienst verrichten, und das ist ein deutlicher Beweis, daß Wuotans Funktion, das Bringen durch die Wolken, der Ausgangspunkt ist; diess Funktion konnte auf Engel und Teufel übertragen

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169) Minor I p. 311, 12.

170) E. H. Meyer, Mythologie der Germanen p. 370.

171) ib. p. 372.

172) ib. 375.

173) ib. 383. Grimm, Mythologie I p. 121 (hakul == φελόνη (2 Tim. IV, 13) = paenula). Damit hängt der Hakel (saltus Hakel) bei Halberstadt natürlich zusammen. II p. 769. 70.

174) Grimm II p. 895.

175) ib. II p. 859. III p. 298

 

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werden, weil in dem Gotte gute und böse Eigenschaſten vereint waren. -- Faust ist also hier der Erbe Odins. Aber wie steht es mit Vergil, dem mittelalterlichen Faust? Das ist eine schwierigere Frage. Düntzer 176) findet eine Beziehung auf den Mantel in der bei der Zauberbrücke von mir behandelten 177) Erzählung von der Entführung der Sultanstochter. Allerdings führt Vergil diese durch die Luft, aber die Brücke macht es unmöglich, an den Mantel als Transportmittel zu denken. Es heißt dann dort weiter, er habe sie in den Armen gehalten, und Düntzer meint, die Vorstellung vom Einhüllen in den Mantel sei die ursprüngliche. Aber zur Erklärung des Tragens würde genügen, daß die Brücke etwas Unheimliches hatte, und die Düntzersche Erklärung des Sagenzuges wird nicht richtig sein, denn der Ausgangspunkt ist, wie wir sahen, die Sturmwolke, in der unsere heidnischen Vorfahren eine Gottheit erblickten. Und hierin dürfte die Lösung der Schwierigkeit zu finden sein. Der Menschheitsgedanke ist: im Gewitter, im Ziehen der Wolken und andern Wettererscheinungen offenbaren sich Gottheiten, dieser allgemeine Gedanke spaltet sich dann bei den verschiedenen Völkern in verschiedene Einzelvorstellungen. Die Grundanschauung ist doch offenbar, daß Wege durch die Luft führen in den Himmel, ins Paradies, unter die Erde, in die Hölle und auch nach den verschiedenen Teilen der Erde selbst. Himmelfahrten und Höllenfahrten schwächen sich ab zu Weltfahrten. Was ursprünglich nur die Götter selbst vermögen, gewährt ihre Gnade bisweilen bevorzugten Menschen, verschafft sich der Mensch freventlich gegen ihren Willen durch die Hilfe des Teufels und seiner Dienerschar, der kennt die Wege zwischen Himmel, Erde und Hölle ebenso genau wie die Himmlischen und verfügt als der gefallene Engel über dieselben Reisegelegenheiten wie die guten Engel. Also die Luftreise ist das, was die verschiedenen Zaubersagen gemeinsam haben, was auch die Faustsage mit der Vergilsage verbindet, namentlich die Weltfahrt; Himmel- und Höllenfahrt kommen, auch hier nur eine Abart der Weltfahrt, da es sich nur um flüchtige Bekanntschaft mit diesen Gegenden handelt, allein der Faustsage zu, wenn man nicht Fahrten zu Zauberhöhlen als eine Art von Höllenfahrt ansehen will. Wie nun die Fahrt durch die Luft bewerkstelligt wird, das ist in den Einzelsagen verschieden. Orientalische Phantasie baut die Luftbrücke, der nebelbefangene Blick des Nordländers erschaut in den Wolken, die seinen Himmel so reichlich und so mannigfaltig bedecken, die tragende Kraft, und die Wolke verwandelt sich ihm in den Mantel eines Gottes, ja in ein Stück Tuches, das sich zum Mantel falten läßt. Wieder eine Ausgeburt des Orients ist das Luftschiff, die navis phantastica, von der wir handelten. 178) Dem Nordländer tritt neben den Mantel das Pferd, auf dem er die Ebenen der Heimat durchjagt. Das Zauberpferd ist mit dem Zaubermantel in der nordischen Sage eng verbunden. Wird doch sogar eine Libellenart Teufelspferd genannt. 179) In der Faust-Sage kommt es bei Widmann vor, der in seinem Faustbuche von 1599 eine Geschichte erzählt, die offenbar nur eine Variante der Mantelfahrt nach München bei Spieß ist. Ein in Wittenberg Studierender junger Pfalzgraf möchte den in Heidelberg weilenden König von Frankreich sehen. Faust richtet ihm ein Zauberpferd zu, das ihn in 7 Stunden dorthin und auch wieder nach W. zurückbringt. 180) Auch Goethe verwendet bekanntlich die Zauberpferde, die er Mephistopheles für Faust bereit halten läßt, wie dieser Gretchen im Kerker besucht. 181) -- Daß Odin, wie

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176) p. 166. A. 152.

177) Teil II p. 15.

178) Teil II p. 15.

179) Grimm II p. 860.

180) cap. 21. Andere Beispiele bei Kiesewetter p. 258.

181) Nach Witkowski (Walpurgisnacht im I. Teile von G. Faust. Leipzig 1894) verdankt G. diese Gespensterrosse dem Buche, dem er für den Zauberspuk vieles entnahm, Prätorius, Anthropodemus Plutonicus etc. Magdeburg 1666. Wenn aber W. Meint, dieser habe den Mahr (s. E. H. Meyer p. 130 ff), den Alp, der die Menschen in der Nacht reitet, zum Pferde gemacht, zum Nachthengst, so erscheint mir das mindestens zweifelhaft, denn, so gut wie man sagte „Dich hat geritten der Mar“, sagte man auch: „Der Teufel hat dich geritten“. Also bei der Übertragung des Vorgangs auf verschiedene mythologische Wesen ist nicht mit Sicherheit zu sagen, woher die Anschauung bei einem einzelnen Schriftsteller stammt.

 

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wir vorhin sahen, Helden aufs Pferd hebt und in den Mantel hüllt, kann ich nur für eine Wiederholung des Motives oder für eine plastische Vervollständigung des Wolkengebildes halten. Solche Wolkenbilder liegen nun dem Südländer ferner, daher die Auffassung der Luftfahrt in der Vergilsage vermöge ihrer Entstehung in Italien und ihrer Durchtränkung mit orientalischen Zügen diesen nordischen Zug wohl nicht kennt. Um so merkwürdiger ist, daß in den Gesta Romanorum 182) eine Abart des Mantels vorzukommen scheint. Ein Königssohn besaß ein Tuch, welchem die Eigenschaft anhaftete, daß wer nur auf demselben saß und bei sich irgendwo zu sein wünschte, gleich da war, wo er sein wollte. Seine Geliebte entführte ihm das Tuch, indem sie, als er neben ihr entschlafen war, einen Teil des Tuches, auf dem er saß, an sich zog und dabei dachte: „Wäre ich doch an dem Orte, wo ich heute früh gewesen bin“, und alsobald geschah es also. Hier vermute ich indischen Ursprung. Denn bei den Buddhisten spielt das Fahren durch die Luft eine große Rolle, Zauberpferd und Mantelfahrt, fliegende Stühle und dgl. mehr sind in buddhistischen Legenden reichlich vertreten. 183) In dem reizenden Märchen „Die drei Freier“ (v. d. Leyen l. c. p. 49 ff) stellt ein Brahmane, um das Mädchen zu gewinnen, das nur einen Zauberer, einen Weisen oder einen Helden zum Gatten haben will, durch Zauber einen Wagen her, der durch die Luft fahren kann. Auf diesen hebt er den Vater des Mädchens, zeigt ihm in einem Augenblick den Himmel und die ganze Welt und bringt ihn zu seinem höchsten Erstaunen zum Hoflager des Herrschers, bei dem er geweilt hatte, zurück. Klingt das nicht auch an die Faustsage an? Nur hat die indische Phantasie immer etwas Zügelloses. Selbst magische Sandalen kommen im Indischen vor, die offenbar die Vorgänger der Siebenmeilenstiefel unserer Märchen sind. 184) Vom allergrößten Einfluß aber auf die Entstehung der mittelalterlichen Sagen dieser Art ist wohl der von feurigen Rossen gezogene feurige Wagen des Elias gewesen, auf dem er im Wetter gen Himmel fuhr (II. Könige 2, 11), und der Gotteswagen bei Ezechiel I, den Kerube ziehen, die auch die Gottheit durch die Luft tragen. 183) Elias hat bekanntlich auch über einen Zaubermantel verfügt. Er verwendet ihn zwar nicht zum Fliegen, aber zu einem andern Wunder, er wickelt ihn zusammen (also eine ganz andere Auffassung als beim wallenden Mantel Wodans) und schlägt so mit ihm ins Wasser, worauf dieses sich teilt, so daß er mit seinem Begleiter trockenen Fußes hindurchgehen kann (ib. 2, 2, 8). -- Den Wagen des Elias haben die Romantiker sich nicht entgehen lassen. Bei Ariost (34, 68 ff) trägt er Astolf und seinen Führer empor zum Monde, wo allein „die Arznei zu sehen, die Rolands Geister wiederum erhellt.“

 

5. Ward alsobald ein Wagen zubereitet,

6. Den man gebraucht, die Himmel zu durchziehen,

7. Der in Judäas Bergen, wie wir wissen,

8. Elias einst dem irdschen Blick entrissen.

69.

1. Vier Rosse, die der Flammen Rot besiegen,

2. Spannt an die Deichsel nun der heil'ge Mann.

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182) cap. 120 p. 233 u. 236.

183) Benfey, Pantschatantra p. 159 ff.

184) Haberlandt, Der altindische Geist, p. 274.

185) Über den Zusammenhang mit babylonischen Vorstellungen s. Jeremias p. 116 mit A 1 u. p. 350. E. Schrader l. c. p. 631-33.

 

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5. Der Wagen eilt die Lüfte zu durchfliegen,

6. Und langt gar bald im ew'gen Feuer an;

7. Wobei jedoch, solang er es durchrannte,

8. Der Greis das Wunder that, daß es nicht brannte.

 

Ein merkwürdiges Überbleibsel eines in Trümmer gegangenen deutschen Märchens ist das hölzerne Pferd im Don Quijote, II, 40, auf dem der Ritter zu einem Abenteuer durch die Lutt reiten soll. Auf ihm hat der edle Graf Peter einst die schöne Magelone entführt; er lenkte es vermittelst eines Zapfens, den es vorn an der Stirne trug und der ihm als Zügel diente. Daher hieß es der flüchtige Zapfenhölzer (Clavilesmo Aligero). Dieses Pferd hat, wie eine alte Sage berichtet, der weise Merlin 186) verfertigt. Er lieh es Leuten, welchen er besonders gewogen war und welche ihn gut bezahlten. Aber seit des berühmten Peters Zeiten weiß man nicht, daß es jemand wieder geritten hätte. -- Der Zauberer Melambruno hat es durch seine Künste bekommen und macht auf ihm Reisen durch die ganze Welt. Von ihm erhält es Don Quijote zu seinem Ritterdienst, d. h. es wird zu seiner Verhöhnung verwendet und damit das Rittermärchen selbst verhöhnt. Aber die Berühmtheit dieser Sage vom hölzernen Pferde geht doch mit Sicherheit aus der Verwendung, die der Dichter von ihr macht, hervor, berichtet Cervantes doch sogar, daß im Zeughause zu Barcelona der Zapfen aufbewahrt werde. Um so merkwürdiger ist es, daß in keiner Ausgabe des Volksbuches von der schönen Magelone der Graf Peter dieses Roß reitet, nur in altfranzösischen Romanen kommt es vor. 187) Seinen Stammbaum aber kann es zurückführen auf ein arabisches Zauberpferd. In „Tausend und eine Nacht“ 188) wird einem Könige von einem Gelehrten ein Pferd aus Elfenbein und Ebenholz vorgeführt, das jeden, der sich darauf setzt, in jedes beliebige Land führt. Man brauchte nur an dem Aufstiegswirbel zu drehen, so rührte sich das Pferd und stieg mit einem Reiter in die Wolken des Himmels. Ferner hatte es auf der rechten und linken Schulter je einen Knopf, der wie der Kopf eines Hahnes aussah. Drehte man den auf der rechten Schulter, so stieg es immer schneller in den Luftraum empor, drehte man dagegen den andern, so verlangsamten sich seine Bewegungen, und es begann sich nach und nach zu senken. Etwas rationalistisch angehaucht ist aber die Erzählerin dieses Märchens, wenn sie berichtet, daß das Pferd, sobald der Aufstiegswirbel gedreht wurde, eine Weile wankte und schwankte und die sonderbarsten Bewegungen machte, bis sein Leib mit Luft angefüllt war. Seine Verwandtschaft mit dem Pferde Merlins beweist das arabische nicht nur durch den Flugmechanismus, sondern auch durch die Art, wie es verwendet wird, Peter und Magelone haben ihre Gegenstücke in unserm Märchen. Schließlich entführt der Zauberer, der das Pferd gefertigt, auf ihm dem Sohne seines Königs die Braut. Sie wird ihm aber glücklich wieder abgejagt, und nun zerbricht der König das Ebenholzpferd und zerstört seinen Mechanismus. -- Beim hölzernen Pierde denkt man unwillkürlich an das von Troja. Hat es irgend etwas mit dem unsrigen zu tun? Direkt nicht, aber insofern doch, als das Pferd, durch das Troja fiel, mit dem Argo genannten Schiff verwandt ist 189) und wir daraus erkennen, daß das Zauberfahrzeug sich bald zu Lande bald zu Wasser bald durch die Lutt bewegt. (In ähnlicher Weise sind ja verwandt der Ewige Jude, der Fliegende Holländer und der Wilde Jäger). -- Wir haben Odins Pferd sich begegnen sehen mit dem des indischen Brahmanen, vielleicht sind sie Verwandte aus indogermanischer Vorzeit. Einer Seitenlinie gehört das mohammedanische Zauberroß an. Nach einer muselmännischen Legende besaß Abraham

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186) Über Merlin s. Teil II p. 39. 40.

187) v. d. Hagen I. Vorbericht p. CXXXVI.

188) Ausgabe v. Reclam VII p. 163-192.

189) Neue Jahrbb. f. Phil. und Päd. 1904 Heft 10 p. 675.

 

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ein Wunderpferd Borak, auf dem er jeden Monat Hagar und Ismael besuchte und das ihn in einem halben Tage von Syrien nach Mekka trug. 190) -- Das Resultat der nach vielen Seiten ausgreifenden Untersuchung ist, daß die Luftfahrt den beiden Sagen, die wir vergleichen, gemeinsam ist, daß aber die Faustsage in der Verwendung des Mantels sich von der Vergilsage trennt, die hier wie in manchen andern Stücken einen orientalischen Charakter trägt, wie er der Romantik des Mittelalters eigen ist. Wenn Faust sich von dem Sturmmantel emporheben läßt in die Lüfte, dann umwittert uns etwas wie das Sausen der wilden Gefolgschaften Odins. Ich glaube deshalb auch nicht, daß jene Geschichte in den Gesta Romanorum, wie manche meinen, den Ursprung von Fausts Zaubermantel darstellt.

 

 

Incubus und Succuba.

 

Den Menschen waren schöne und liebliche Töchter geboren. Die sahen die Engel, die Söhne des Himmels, und begehrten ihrer und sprachen untereinander: „Wohlan, wir wollen uns Weiber auswählen aus den Menschenkindern und uns Kinder erzeugen!“ Und ihrer zweihundert verpflichteten sich gegenseitig durch Eide und Verwünschungen, diesen Plan auszuführen. Sie alle nun nahmen sich Weiber unter den Menschen und lehrten sie Zaubermittel und Beschwörungen. Da sprachen die reinen Engel zum Herrn der Herren: Du hast gesehen, was Azazel 191) getan hat, wie er alle Ungerechtigkeit auf Erden lehrte und die Geheimnisse der Urzeit, die im Himmel bereitet worden, offenbarte. Und der Herr sprach zu Rafael: Binde den Azazel an Händen und Füßen und wirf ihn in die Finsternis und öffne die Wüste und wirf ihn hinein. Heile die Erde, daß nicht alle Menschenkinder umkommen durch das Geheimnis alles dessen, was die Wüste verkündet und ihre Söhne gelehret haben. So erzählt das Buch Henoch den Fall der Engel. 192) Den Ursprung dieser Sage finden wir I. Mose 6,2: „da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten.“ Diese Stelle mutet uns an wie ein versprengtes Stück einer verloren gegangenen Erzählung, das durch einen Zufall hierher geraten ist. Aber das Motiv der Sage tritt auch in dem Bruchstücke deutlich hervor: Die Schönheit der Weiber verleitete die Engel zu einem unnatürlichen Bunde. 193) Ist es vielleicht auch die Gottähnlichkeit, um die Satan Adam beneidete, als er sich weigerte, ihn anzubeten. 194) Aus der Ehe nun zwischen Engeln und Menschenweibern geht ein Riesengeschlecht hervor, das die Menschen vernichtet. Und Gott sendet zur Strafe eine große Flut, warnt aber vorher Noah. Die so entstandenen Riesen sind gewissermaßen Zauberer, da ihnen von ihren Vätern die göttlichen Geheimnisse anvertraut sind. Daraus entwickelt sich in der Zaubersage der Gedanke, daß Magier Kinder des Teufels und einer menschlichen Mutter sind. Und dieser unselige Wahn, der mit dem Hexenglauben eng zusammenhängt, hat auch mit wunderbarer Hartnäckigkeit der Aufklärung widerstanden. Noch Luther ist von ihm befangen, in seinen Tischreden redet er des öftern davon, daß der Teufel Mädchen ins Wasser zöge und mit ihnen Wechselkinder oder Kielkröpfe zeuge, die er an der rechten Kinder Statt lege. Äußerte unser großer Reformator doch einmal, „daß er selbst von H. Johann Friedrich,

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190) Weil p. 85.

191) Azazel kommt II. Mose 16, 8. 10, 26 vor, Luther irrtümlich übersetzt „der ledige Bock“, und ist jedenfalls eine Bezeichnung des Unreinen, in die Wüste Verstoßenen. Schrader p. 225. 464 A. 3.

192) l. c. p. 23 ff. Kautzsch p. 48.

193) Duhm l. c. p. 17.

194) Teil II p. 13.

 

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Churfürsten zu Sachsen, eine Historie gehört hätte, daß ein Geschlechte von Adel in Deutschland gewesen, dieselben wären geboren von einem Succubo. Denn 50 nennt mans; wie denn die Melusina in Lüneburg auch ein solcher Succubus oder Teufel gewesen ist“. Er erzählt dann, wie es zugegangen, und fügt hinzu: „Das tut der Teufel, denn er kann sich in eine Frauen- und Mannes-Gestalt verkehren“. Weiter sagt er: „Es ist, wahrlich, ein greulich schrecklich Exempel, daß der Satan so kann die Leute plagen, daß er auch Kinder zeuget. Also ists auch mit dem Nixen im Wasser, der die Menschen zu ihm hineinzieht, als Jungfrauen und Mägde, mit welchen er darnach zuhält und Teufelskinder zeuget.“ 195) Der nächste Abschnitt bringt die „Historia von einem Wechselkinde zu Dessau, das ich, D. Martin Luther, gesehen und angegriffen habe“. Es war 12 Jahre alt, sah äußerlich wie ein rechtes Kind aus, lebte aber nur den tierischen Verrichtungen und schrie, wenn man es angriff. „Wenns übel im Hause zuging, daß Schaden geschah, so lachete es und war fröhlich; ging es aber wohl zu, so weinte es. Da sagte ich zu dem Fürsten von Anhalt: Wenn ich der Fürst oder Herr wäre, so wollte ich mit diesem Kinde in das Wasser, in die Molda, so bey Dessau fleußt, und wollte das Homicidium dran wagen.“ 196) Zum Glück befolgte der Fürst den Rat nicht. Die Tat wäre so schrecklich gewesen wie das Verbrennen der Hexen. Noch toller ist eine andere Historie Luthers. Ein Bauer im Halberstädtischen hat auch einen Kielkropf. Eines Tages trägt er ihn in einem Korbe über ein Wasser; „wie er über die Brücke geht, so ist ein Teufel unten im Wasser, der ruffet ihm zu und spricht: Kilkropf, Kilkropf! Da antwortete das Kind, so im Korbe saß, und zuvor nie kein Wort geredet hatte: Ho, ho!“ Auf eine weitere Frage des Teufels gibt das Kind eine Antwort. „Wie solches der Bauer hörete, daß das Wechselkind reden kann, welches er zuvor nie von ihm vermerkt, wirft er das Kind alsbald ins Wasser. Da waren die zween Teufel zusammen gefahren, hatten geschryen: Ho, ho, ha, miteinander gespielt und sich überworfen, waren danach zugleich verschwunden.“ 197) Noch einmal endlich spricht sich der Reformator über diesen Gegenstand in Sehr bestimmter Weise aus, in seiner Erörterung der kurz vorher erwähnten Bibelstelle I. Mose 6,1. Unter den Kindern Gottes versteht er „Kinder der Gewaltigen“ und bezeichnet es als eine Erdichtung der Juden, daß es Buhlteufel seien, die um ihrer „geistlichen Natur“ willen so genannt würden. Dann fährt er fort: „Was aber die Buhlteufel, Incubus und Succubus genannt, belanget, bin ich darwider nicht; sondern glaube, daß es geschehen könne, daß der Teufel entweder Incubus oder Succubus sey. Denn ich habe ihrer viele gehöret, die von ihren eigenen Exempeln gesaget haben. -- Daß aber aus dem Teufel und einem Menschen etwas sollte können geboren werden, das ist durchaus falsch.“ Wenn man von Kindern, die den Teuteln ähnlicher sind als den Menschen, solche Entstehung annimmt, so hält er davon, „daß dieselben entweder vom Teufel also verstellet, oder seyn rechte Teufel selbst, die Fleisch haben, entweder falsch und erdichtet, oder etwan her gestohlen.“ 198) Also auch körperliche Häßlichkeit und Gebrechlichkeit ist des Teufels Werk. Man möchte ja Luthers konsequenten, in ein System gebrachten Teufelsglauben an der mächtigen Persönlichkeit nicht missen, aber ein trauriger Gedanke ist es doch, daß dieser Glaube ihn hinderte, seine Kraft einzusetzen für die Verhinderung von Taten, die die Menschheit geschändet haben. Im Zusammenhang mit jenen zitierten Worten sagt er: „Viel Zauberinnen seyn hin und wieder darum verbrannt, daß sie mit dem Teufel gebuhlt und zugehalten haben.“ -- Mit der Sage vom Falle der Engel berührt sich die von Adams

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195) D. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Herausg. von Walch. Teil XXII. Colloquia oder Tischreden. Halle 1743 cap. XXIV. 94. p. 1669, 70.

196-197) Ib. 95. 96.

198) Luthers Werke Bd. I p. 674. 34.

 

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erster Frau. Wenn in der Bibel erzählt wird: 199) Als Adam das Weib sah, das Gott der Herr aus seiner Rippe geschaffen hatte, sprach er: „Das ist doch Bein von meinem Bein, man wird Sie Männin heißen, weil sie vom Manne genommen ist (hoc nunc os de ossibus meis)“, so hat rabbinische Phantasie daraus entnommen, daß Adam eine erste Frau gehabt habe, die nicht aus seiner Rippe entstanden, sondern in gleicher Weise wie er geschaffen sei. Das aber mußte die erste Frau unfügsam machen, weil sie keinen Grund sah, sich dem Manne unterzuordnen; und dieser wiederum ward der Frau, die ich nicht fügen wollte, überdrüssig; er verstieß sie, und der Herr trieb sie aus dem Paradiese. Wessen ist aber eine verstoßene Frau nicht fähig, wenn ihr ein Tröster naht. Ein solcher ward ihr der Fürst der Dämonen, Ablisus, und aus seiner Verbindung mit Lilith -- so heißt diese erste Frau Adams -- ist hervorgegangen das Geschlecht der „Genien“, eine Art von Dämonen. Der arabische Gewährsmann dieser Geschichte leitet sie ein mit den Worten: Sunt qui spectra non puros daemones esse putarunt, sed mixta ex daemoniaca et humana natura, scilicet ex concubitu Ablisi daemoniorum principis cum Lilit, prima Adami coniuge susceptos liberos. Weiter weiß er, daß die Kinder dieser Ehe drei Eigenschaften der Menschen haben, sie erzeugen Kinder gleicher Art, bedürfen der Speise und verfallen dem Tode, und drei der Dämonen, sie sind beflügelt und können daher schnell dahin kommen, wohin sie wollen, sind unsichtbar und vermögen die Körper zu durchdringen. Vermöge ihrer Verwandtschaft mit den Menschen sind sie diesen meist nicht schädlich, ja, sie nehmen menschliche Gestalt an und spielen mit den Kindern der Menschen. 200) Der Name „Lilit“ stammt aus Jesaias 34, 14 201) und wird dort von Luther Kobold übersetzt. In seiner Weise wollte dieser das orientalische Nachtgespenst durch ein seinen Deutschen bekanntes Wesen ersetzen. Aber auch die Deutung als Nachtgespenst vom hebr. ל־ׅל,לָ־ְלָח Nacht hat sich als irrig erwiesen, wenngleich diese Auffassung ihm in der rabbinischen Literatur zukommt. Die hebräische Bezeichnung ist identisch mit dem babylonischen lilîtu, Magd oder Buhle des lilû, und das kommt her von „lil“ „Wind“. Also ein Winddämon ist es ursprünglich. 202) Den Juden und Arabern aber ist es das Nachtgespenst, in dessen Haaren die Buhlteufel wohnen, 203) So hat auch Goethe in seiner feinfühligen Weise dieses Gespenst unter die Gestalten seiner romantischen Walpurgisnacht aufgenommen, v. 4119 ff. warnt Mephistopheles den Faust vor Adams erster Frau:

 

Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren,

Vor diesem Schmuck, mit dem Sie einzig prangt.

Wenn sie damit den ganzen Mann erlangt,

So läßt sie ihn sobald nicht wieder fahren. 204)

 

Ehe wir nun Liliths Gestalt in manchen Verwandlungen, die sie annimmt, weiter verfolgen, wollen wir ihr Geschlecht noch einmal feststellen, sie gehört zu der Gattung der Buhlteufel

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199) Der hier erwähnte Bericht über die Erschaffung des ersten Menschenpaares (I. Mose II, 7-25) ist der eines Jahvisten, von dem der des Elohisten (I, 27) zu scheiden ist, der die Schafung aus dem Erdenkloß und der Rippe nicht kennt, nur von der Schaffung nach dem Ebenbilde Gottes spricht. Was aber die moderne Kritik als zwei verschiedene Berichte einer und derselben Sache erkennt, konnte die Kritiklosigkeit des Mittelalters als einen Bericht zweier Tatsachen ansehen und so auf zwei Frauen Adams verfallen.

200) Fabricius p. 5. 6.

201) Oft findet sich der Name auf denin großer Menge dem Boden Babyloniens enthobenen hebräischen und aramäischen Zauberschalen, und da die jüdischen Beschwörungstexte selbst den babylonischen Beschwörungen sehr ähnlich sind, ist das ein neuer Beweis für die Verwandtschaft des jüdischen Dämons mit dem babylonischen. Vgl. Die Keilinschriften und das Alte Testament v. Eberh. Schrader 3. Aufl. Berlin 1903 p. 463.

202) Ib. p. 460 A. 7. Jeremias p. 342. Lenormant p. 40 vgl. mit 34.

203) Jeremias p. 342 A. 1.

204) vgl. Goethes Werke in der Hempelschen Ausgabe, Faust v. Loeper I p. 132. A. 2.

 

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und Buhlteufelinnen (Incubus und Succuba), die noch in Luthers Kopf spukten und die der jüdisch-arabischen Zauberliteratur ihr Dasein verdanken. Wenn nun die Frau in der gesamten Zauberliteratur eine große Rolle spielt, so führt das von selbst auf eine gewisse ihr innewohnende dämonische Macht, die man früh empfunden hat und die sich auf dem Gebiete, auf dem meine Untersuchungen sich bewegen, nach der schlimmen Seite hin äußert. Schon bei Salomo wird der Übergang vom weisen Herrscher zum abgöttischen Zauberer durch Frauenkultus erklärt. Heißt es doch I. Könige 11, 1--5 von dem berühmten Könige: Er liebte die ausländischen Weiber von solchen Völkern, davon der Herr gesagt hatte: Gehet nicht zu ihnen und laßt sie nicht zu euch kommen, sie werden gewiß eure Herzen neigen ihren Göttern nach. Da er nun alt war, neigten seine Weiber sein Herz fremden Göttern nach usw. So findet der Teutel in der einen oder andern Form im Weibe eine Helferin; dieses leiht ihm leichter das Ohr und zwingt die Männer in seinen Dienst. Als Satan sich an Adam rächen wollte, der den Anlaß zu seinem Sturz gegeben hatte, verführte er Eva zum zweiten Male, wie uns in einem der Pseudepigraphen folgendermaßen erzählt wird: 205) Als Adam und Eva aus dem Paradiese vertrieben waren, beschlossen sie Buße zu tun. Er will 40 Tage fastend auf einem Stein im Jordan stehen, und sie soll 37 Tage in gleicher Weise im Tigris verbringen, ob der Herr sich ihrer erbarme. Und es vergingen 18 Tage der Buße. Da geriet Satan in Zorn und näherte sich in Engelsgestalt der weinenden Eva. Er tat, wie wenn er mit ihr traure, spiegelte ihr vor, auf Bitten der Engel hätte der Herr ihre Buße angenommen und sende ihn, sie und ihren Mann aus dem Wasser zu holen und sie an eine Stätte zu führen, wo sie Nahrung finden würden, wie sie sie im Paradiese gehabt hätten. Eva war schwach genug, aus dem Wasser zu gehen und dem Verführer zu folgen, der sie zu Adam führte. Dieser aber rief Eva, Eva, wo ist nun dein Bußwerk? Wie konntest du dich abermals von unserm Widersacher verführen lassen, durch den wir entfremdet werden von der Wohnung des Paradieses?“ Als Eva dies hörte, erkannte sie, daß es der Teufel gewesen, der ihr geraten, aus dem Wasser zu gehen. So ist die Abwaschungsbuße vereitelt, und das Menschengeschlecht muß immer noch ausharren in mühseliger Arbeit und Todesangst bis zum Tage der vollen Sühne und Erlösung. -- Aber auch in lustiger antiker Verkleidung tritt uns in der Zaubersage des Mittelalters das dämonische Weib entgegen. Dahin gehört das Märchen von Aristoteles und Phyllis, über dessen Beziehung auf Vergil und dessen indischen Ursprung Teil II p. 27 einiges beigebracht wurde. Ich will es hier erzählen nach dem französischen Fabliau aus dem XIII. Jahrhundert. Alexander, der König von Griechenland hat Indien erobert, hält dann aber plötzlich in seinem Triumphzuge inne. Die Liebe, die Macht hat über einen König so gut wie über le plus povre home, qui soit en Champaigne n'en France, hat Alexander bezwungen. In den Armen der Geliebten vergißt er alles. Seine Barone beklagen sich in der Stille darüber, wagen aber nicht laut davon zu sprechen. Da macht sich Aristoteles, der berühmte Lehrer des Königs, zu ihrem Dolmetscher und weist diesen auf das Verkehrte seines Tuns hin, daß er alle seine Ritter von sich entfernt habe nach dem Willen einer fremden Frau. Alexander verspricht schließlich, dem Rate des Philosophen zu folgen, und bleibt auch einige Zeit der Geliebten fern. Aber vergessen kann er sie nicht. Endlich hält er es nicht länger aus und sucht sie wieder auf. Das Mädchen fragt ihn nach dem Grunde seines langen Fernbleibens, und Alexander teilt ihr mit, was sein Lehrmeister ihm gesagt habe. Die zornige Schöne schwört, sich an Aristoteles zu rächen. Alexander muß sich am anderen Morgen hinter dem Fenster des Turmes verstecken, dann soll er sehen, daß weder Dialektik noch

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205) Kautzsch p. 512. 13. v. d. Hagen I. p. XLVIII. IX. Die Erzählung wird ihre Quelle im Talmud haben, wo Adam bis an den Hals in den Ganges geht und in dieser Stellung 7 Tage lang verharrt im Gebete zu Gott um Vergebung der Sünden.

 

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Grammatik den großen Lehrer vor Verspottung schützen wird. Am folgenden Morgen bei Anbruch des Tages geht sie, gekleidet en pure sa chemise, mit bloßen Füßen und aufgelöstem, Haar in den Garten und wandelt dort ein Lied singend vor dem Fenster des Gelehrten auf und ab. Dieser, der bereits beim Studium sitzt, hört die Stimme und macht seine Bücher zu, um nach der lieblichen Erscheinung zu sehen. Er fühlt, daß, wie alt er auch ist, alle seine Philosophie ihn gegen die Liebe nicht schützt. Das Mädchen pflückt inzwischen Blumen zu einem Kranze und nähert sich singend mehr und mehr dem Fenster des Aristoteles, der kein Auge von ihr wendet. Als sie endlich beim Singen eines dritten Liedes sich den Kranz auf den Kopf gesetzt hat und unter sein Fenster gekommen ist, kann er sich nicht länger bezwingen und stellt sie. Er erklärt ihr seine Liebe; pour vous, sagt der Alte, mettrai et cors, et ame, vie et honor en aventure. Sie zeigt sich nicht erzürnt über seine Worte, aber beklagt sich, daß sie die Liebe des Königs verloren hätte. Aristoteles erklärt sich mit Berufung auf die Ehrerbietung und die Furcht, die der König vor ihm hätte, bereit, den Schaden wieder gut zu machen, aber verlangt von ihr eine Belohnung. Sie stellt sich, wie wenn sie ihm zu willen sein wollte, aber zuvor müsse er ihr einen Gefallen tun, „denn“, sagt sie:

 

 

Molt trés granz talenz* m'est pris

* Verlangen

De vous un petit chevauchier*

* reiten (als Pferd benutzen)

Desus ceste herte en cest vergier;

 

Et si vueil,* dist la Damoisele,

* dann will ich,

Que desor vos ait une sele*,

* daß auf Euch liege ein Sattel.

S'irai plus honorablement.

 

 

 

Ganz verblendet willigt Aristoteles ein und kriecht sofort auf allen Vieren durch das Gras, einen Sattel auf seinem Rücken und darauf die Schöne, die spottend ein Lied anhebt. Alexander der vom Turme aus den Vorgang ansieht, kommt nun lachend zum Vorschein und sagt:

 

Vous me féistes l'autre fois

Ihr machtet mir neulich einen

De li veoir si grant defoiz

so großen Vorwurf daraus.

Et or vous a mis en tel point,

 

Qu'il n'a en vous de reson point;

 

Ainz vous tenez à loi de beste.

 

 

Der Philosoph weiß sich aber geschickt aus der Verlegenheit zu retten. Sire, sagt er, nun seht Ihr, daß ich recht hatte, Euch zu warnen. Wenn ich, der ich so alt bin, der Liebe keinen Widerstand habe leisten können, wie viel mehr seid Ihr dann nicht, die Ihr so jung seid, ihrer Gefahr bloßgestellt? Lachend vergibt der König ihm, und Aristoteles läßt ihn in der Folge ohne gute Reden seinen Weg gehen. 206) Es ist das Thema von der dämonischen Gewalt des Weibes über den Mann, das ein altfranzösischer Dichter in folgenden Versen behandelt:

 

Par femme fut Adam deceu

Et Virgile moqué en fu,

David en fist faulx jugement

E Salemon faulx testament,

Ypocras en fu enerbé

Sanson le fort deshonnoré;

Femme chevaucha Aristote

Il n'est rien que femme n'assote. 207)

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206) Ich gebe diese Inhaltsangabe nach: Aristoteles en Phyllis. Een Bijdrage tot de Vergelijkende Literaturgeschiedenis, Door Dr. A. Borgeld. Groningen 1902 p. 3. 4.

207) Ib. p. 13.

 

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Ich bin der Quelle nachgegangen, aus welcher die verschiedenen Zaubersagen eine Fülle finsterer und heiterer Motive geschöpft haben. Es muß nun meine Auſgabe sein, in dem allgemeinen Bilde den beiden Sagen, die uns besonders beschäftigen, ihre Stelle anzuweisen. Ich beginne mit der Faustsage. Im alten Faustbuche gehört zunächst das 57. Capitel hierher, welches von „Fausti Bullschaften“ handelt und berichtet, daß er „jm siben Teuffelische Succubas 208) berüfft. Dann er fuhr in viele Königreich mit seinem Geist, damit er alle Weibsbilder sehen möchte, deren er 7 zuwegen brachte. Es kann nach dem, was wir oben über die Succubi oder Succubae gehört haben, nicht zweifelhaft sein, daß unser Freund Spieß nicht an menschliche Weiber denkt, sondern an Gespenster, die, vom Teufel gesendet, in menschlicher Gestalt den Verführten täuschen. Sodann ist beachtenswert, daß auf der Liste, auf der von jedem Weibe ähnlich wie im Don Juan das Vaterland angeführt wird, keine Orientalin sich findet, 209) Dadurch gibt sich deutlich der nordische Charakter dieser Sage kund, die sich in vielfachen Beziehungen von dem mittelalterlich-romantischen Nährboden der Zaubersage unabhängig gemacht hat, in dem die Vergilsage noch fest wurzelt. Fausts Weltfahrt ist für den Zweck der Bereicherung seines Harems nicht weit gegangen, sie führte nicht einmal bis Konstantinopel, geschweige denn nach Babylon. -- Und Lilith? Sollten wir ihre Spuren vergeblich aufsuchen in der Faustsage? 210) Wir wollen recht sorgsam suchen, um, wie ich hoffe, zu einem recht interessanten Ergebnis zu gelangen. Der Name Lilith ist in der Septuaginta mit Empusa wiedergegeben. Die Übersetzer sahen also in ihr ein ähnliches Wesen wie die griechische Ἔμπυσα, die dem unheimlichen Kreise der Zaubergöttin Hekate angehört. Die Etymologie des Wortes ist sehr zweifelhaft, sprachlich mag ich mich für keine der 3 versuchten Deutungen entscheiden, sachlich sind die zweite und dritte ansprechend, die „Einfüssige“ und die „Blutsaugerin“ (ἐμπίνω), nach dieser letzteren wären die Empusen den Vampyrn 211) der deutschen Mythologie zu vergleichen. Jedenfalls ist die Empuse, wie die jüdische Lilith, ein Nachtgespenst, das seine Gestalt verwandelt und namentlich als schöne, liebreizende Frau erscheint. Philostratos im Leben Apollonius v. Tyana IV, 25 sagt: ἡ χρηστὴ νύμφη μία τῶν Ἐμουσῶν ἐστιν, ἃς Λαμίας τε ϰαὶ Μορμολυϰίας οἱ πολλοὶ γοῦνταυ ἐρῶσι δ᾽αὗται ϰαὶ ἀφροδισίῶν μὲν, σαρϰῶν δὲ μάλιστα ἀνϑρωπείων ἐρῶσι, ϰαὶ πάλλουσι (unsichere Lesart, etwa: versetzen durch Liebe in heftige Erregung), οὒς ἂν ἐϑέλωσι δαίσασϑαι. Die ϰρηστὴ νύμφη ist, wie der Verfasser sagt, ein Gespenst, das in Gestalt einer schönen Frau des Apollonius Freunde Menippos, wie er vor den Toren der Stadt einen einsamen Spaziergang machte, entgegentrat und ihm erklärte, daß sie ihn lange liebe. Er ließ sich dann von ihr in Liebesfesseln schlagen, aber Apollonius durchschaute die Sache und warnte den Freund mit obigen Worten, denen er noch hinzufügte, die prächtigen Dinge, die das Mädchen ihm geschenkt, seien keine wirklichen Dinge, sondern nur Schein derselben, Οὗτος ὁ ϰόσμος οὐχ ὕλη (materies) ἐστὶν, ἀλλὰ ὕλης δόξα. Empusa war daher auch der Spitzname der Mutter des Aeschines, weil sie sich wie ein Nachtgespenst an dunkeln Orten in verschiedener Gestalt Frauen und Kindern näherte. 212) Noch deutlicher tritt uns das Wesen

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208) Succuba ist natürlich die eigentliche Form. Es kommt aber auch oft das Masculinum vor, offenbar, weil man vom Teufel glaubte, daß er sowohl männliche wie weibliche Gestalt annehme.

209) Zwar sagt Widmann am Schlusse des zweiten Teiles seines Faustbuches, daß er die Verbindung Fausts mit Weibern in der Türkei aus Gründen der Sittlichkeit übergehe; wir haben aber schon mehrfach beobachtet, daß die späteren Faustbücher die Sage nicht mehr rein darstellen.

210) Goethe entnahm die Lilith vielleicht Löwens „Walpurgisnacht“. Auch in dem nachweislich (Pniower p. 81) von ihm benutzten Buche Francisci, Höllischer Proteus kommt eine Bemerkung über sie vor. Witkowski, Walpurgisnacht p. 19, 20.

211) Grimm l. c. III p. 279.

212) Demothenes, Περὶ τοῦ στεφάνου 130: ἢν Ἔμπουσαν ἅπαντες ἴσασι ϰαλουμένην (ἐϰ τοῦ πάντα ποιεῖν ϰαὶ πάσχειν (Bezeichnung der Unzucht); wozu der alte Biograph erläuternd bemerkt: ταύτην δἐϰ σϰοτεινῶν τόπων τοῖς παισὶ ϰαὶ ταῖςγυναιξὶν ὁρμωμένην Ἔμπουσαν ὀνομασϑῆναι, ἐπεὶ νυϰτερινὁν φάντασμα ἡ Ἔμπουσα. Eine τελέστρια, Zauberin und Buhlerin war sie.

 

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dieser Spukgestalt in der köstlichen Szene in Aristophanes' Fröschen entgegen, in der Dionysos mit seinem Sklaven Xanthias (man wird an Faust und Rüpel erinnert) eine Wanderung in die Unterwelt unternimmt. Sein Wunsch, ein kleines Abenteuer zu erleben, wird schnell erfüllt. Xanthias ruft erschreckt: ϰαὶ μὴν ὁρῶ ϑηρίον μέγα. D. ποῖον τι; X. Δεινόν παντοδαπὸν γοῦν γιγνεταυ (es verwandelt sich in allerlei) τοτὲ μέν γε βοῦς, νυνὶ δ᾽ ὀρεύς (Maultier), τοτὲ δ᾽αὖ γυνὴ ὡραιοτάτη τις. D. ποῦ ᾽στι; φέρ᾽ ἐπ᾽ αὐτὴν ἴω. X. ἀλλ᾽ οὐϰέτ᾽ αγυνή ᾽στιν, ἀλλ᾽ ἤδη ϰύων. D. Ἔμπουσα τοίνυν ἐστί. 213) -- Endlich hören wir auch einmal von der Empusa, daß sie Kinder raubt 214), was an die Wechselbälge im Hexenglauben des Mittelalters erinnert. -- Eine solche Empusa oder Lamia oder Larva, d. h. eine Succuba ist die Helena des Faustbuches. Daß gerade diese den Namen hergeben mußte, erklärt sich wieder aus dem Zeitalter der Faustsage. Helena ist eine der Lieblingsgestalten des Humanismus, und der Faust des Faustbuches ist ein Humanist, der seinen Schülern in Erfurt den Homer erklärt. 215) Renaissance und Kirchlichkeit ziehen sich wechselseitig an und stoßen sich ab; aber die alte Kirche konnte viel leichter einen Pakt schließen mit der Herrlichkeit Griechenlands -- ein Leo X. konnte im Vatikan dem Kultus der Schönheit mit den Mitteln des Papsttums einen Altar errichten. „Man sah im Vatikan eine Versammlung geistreicher, gebildeter, staatskluger, lebenslustiger, vornehmer, durch Talent und öffentliche Dienste gehobener Männer, keinen Verein von Theologen“ -- als die neue, die bei ihrem Bestreben, den Gottesdienst zu verinnerlichen, dem Schönheitskultus der alten Kirche mit seinem heidnischen Beigeschmack entgegentreten mußte. Dieser protestantische Standpunkt zeigt sich recht deutlich in der Art, wie der Verfasser des ältesten Faustbuches den Helenakultus auffaßt. Der Höhepunkt heidnisch-griechischer Schönheitslust ihm zugleich der Gipfel teuflischen Frevelmutes, auf den unmittelbar der Untergang des Frevlers folgt. 216) Im 23., d. h. im vorletzten der Jahre, für die er den Vertrag mit dem Teufel geschlossen, verlangt Faust von seinem Geiste, daß er ihm die „Helena auß Grecia, so er vormals den Studenten am Weißen Sonntag erweckt hatt“, als Concubina zuführe. 217) Beachten wir dreierlei in dieser Erzählung! Erstens folgt auf das Helena-Abenteuer im Volksbuche nur noch, was man Fausts Vorbereitung auf das Ende nennen könnte. Zweitens will die Berufung auf die frühere Beschwörung des Schattens der Helena sagen, daß die Kunst Tote zu beschwören, die Nekromantik (Nigromanzie) in Verbindung mit maßloser Genußsucht zu dem schwersten Verbrechen führt, der fleischlichen Verbindung mit einem Schatten der Unterwelt. Drittens aber erkennen wir deutlich, daß diese Helena völlig dem Buhlteutel, der Succuba gleicht, von der wir Luther haben reden hören. Dafür ist noch ein weiterer Beweis, daß Helena zwar dem Faust einen Sohn gebar, den er Justum Faustum nannte, daß aber nach seinem Tode Mutter und Kind zugleich verschwanden. Das ist das untrügliche Kennzeichen jedes Teufelsspukes, daß er schnell wieder spurlos verschwindet und namentlich nie den Zauberer überlebt. Es ist eben nicht ὕλη, sondern ὕλης δόξα, wie der Grieche so treffend sagt. Lilith -- Empusa -- Helena dieselbe Gestalt im jüdisch-kabbalistischen, im griechischen, im Renaissancegewande, Helena speziell das Sinnbild „der Liebe des Magus zur griechischen Schönheit“, die in der Engherzigkeit

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213) v. 288--93.

214) Hesychii Lexicon T. I. p. 812.

215) s. Teil I p. 9.

216) Kuno Fischer I p. 75. 76

217) Spieß No. 59 p. 106.

 

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damaligen Kirchenglaubens zur Verdammnis führte! Das ist das Resultat unserer letzten Betrachtung. Sollen wir uns den Ausblick auf Goethes Dichtung versagen? Er muß unser Auge wieder vorbeiführen an Marlowe und dem Puppenspiel. Marlowe drängt die ganze Helenahandlung in die letzten Lebensstunden Fausts zusammen. Dieser hat sein Testament schon abgefaßt und sitzt mit den Studenten beim Abendschmaus, es ist offenbar der Abschiedsschmaus. Nach diesem tritt er im Gespräch mit zwei oder drei Schülern und Mephistopheles auf. Der eine Student äußert, seit ihrer Besprechung about faire Ladies, which was the beautifullest in all the world (dazu ist die Beschwörung am Weißen Sonntage zusammengeschrumpft), seien sie mit einander einig geworden, that Hellen of Greece was the admirabelest Lady that euer liu'd, deshalb erbäten sie sich von ihm die Gunst, daß er sie die unvergleichliche Griechendame sehen lasse. Faust ist bereit, den Wunsch zu erfüllen. Musik ertönt. Mephistopheles führt Helena über die Szene. Beseligt von dem Anblick (Now we haue seene the pride of Natures worke) gehen die Studenten ab. Einem alten Manne, der jetzt erscheint, gelingt es, Faust zur Umkehr zu bringen, aber kaum hat jener sich entfernt, so reißt ihn Mephistopheles durch furchtbare Drohungen wieder auf seine Seite. Zur Ertötung aller Zweifel und zur Befestigung in der Treue erbittet sich Faust die schöne Helena zum Liebchen. Im Augenblick ist ihm sein Begehren erfüllt. „Komm, Helena, gib mir die Seele wieder!“ ruft er. Für ihre Liebe soll Wittenberg statt Troias in Flammen aufgehen. Er geht mit ihr ab, und weiter geschieht ihrer keine Erwähnung. Die Handlung schreitet schnell ihrem furchtbaren Ende zu. 218) -- Vielleicht drängen sich hier die Ereignisse zu sehr, jedenfalls hat Marlowe das dramatisch wirksamste Motiv bei Verwendung der Helena nicht gefunden. Das blieb dem Puppenspiele, wahrscheinlich dem Volksschauspiele vorbehalten. Beim englischen Dramatiker bedeutet der Besitz Helenas für Faust nur eine Belohnung für die schon erfolgte Zurückwendung zum Teufel und ein Mittel, ihm das Festhalten an seinem Gelübde zu erleichtern (NB. wenige Stunden vor seinem Ende); wie viel wirksamer muß es sein, wenn der Teufel die Helena als letztes Mittel heranzieht, um die Abtrünnigkeit seines Opfers zu verhindern. So ist's im Puppenspiel, und die Szene hat auf Goethe einen so tiefen Eindruck gemacht, daß er sich das Motiv nicht entgehen lassen wollte. Auf die Frage Fausts: Kann ich noch zu Gott kommen? verschwindet Mephistopheles mit Heulen. Jener fällt vor dem Marienbilde an seinem Nachbarhause auf die Knie, ruft aus: Dank dir, Mutter des Heilands! Ich bin erlöst! und -- betet (Ende von IV, 1). Da erscheint (Auftritt II) Mephistopheles wieder mit der Helena, aber auch mit ihr kommt er nur langsam zum Ziele. „Laß mich!“ ist Fausts erstes Wort, sein zweites: „Laß mich beten!“ Aber das nächste schon: „Nun, ansehen kann ich sie ja wohl,“ und nun ist's um ihn geschehen. „Gib, laß mich glücklich werden in ihrem Besitz; einmal ganz glücklich ist glücklich auf ewig.“ Aber zuvor soll er den noch einmal abschwören, zu dem er gebetet hat. Er tut's mit den Worten: „Mit diesem Schatz im Arm trotz ich ihm und dir.“ Klingt das nicht Goethisch? Mephistopheles aber triumphiert: „Nun bist du mein. Alle Heiligen können dich nicht mehr retten.“ 219) Und nun denken wir uns diese gewaltige Szene an den Augen des jungen Goethe in Frankfurt vorübergehen. Dürfen wir auf sie nicht beziehen, was der Dichter in späten Jahren über die Entstehung seines Zwischenspiels Helena sagt? Am 22. Oktober 1826 schreibt er an W. v. Humboldt: „Erinnern Sie sich wohl noch einer dramatischen Helena, die im zweiten Teile vom Faust erscheinen sollte? Es ist eine meiner ältesten Conceptionen, sie ruht auf der Puppenspiel-Überlieferung, daß Faust den Mephistopheles genötigt, ihm die Helena zum Beilager heranzuschaffen“ und im Dezember desselben Jahres in der Ankündigung des Zwischenspieles: „Die alte

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218) Szene XIII.

219) Simrock, Puppenspiel p. 69–71.

 

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Legende sagt nämlich, und das Puppenspiel verfehlt nicht, die Szene vorzuführen: daß Faust in seinem herrischen Übermut von Mephistopheles den Besitz der schönen Helena von Griechenland verlangt und ihm dieser nach einigem Widerstreben willfahrt habe. Ein solches bedeutendes Motiv in unserer Ausführung nicht zu versäumen war uns Pflicht.“ 220) Zwar decken sich Goethes Äußerungen keineswegs mit den uns bekannten literarischen Formen der Sage, am wenigsten mit der alten Legende, 221) aber wir wissen ja nicht, in welcher Form er das Puppenspiel sah und bis zu welchem Grade seine Erinnerung treu war. Es genügt uns die Sicherheit, daß er das bezeichnete Motiv verwertet hat. Aber wie hat er es verwertet? Nicht abwärts zur Hölle, sondern aufwärts zu einem höheren Leben zieht seinen Helden der Genuß griechischer Schönheit, die durch Helena repräsentiert wird, nur die Zaubermacht ist geblieben, das Diabolische beseitigt. Im Mittelpunkt des II. Teils der Dichtung steht die Vermählung Fausts mit der schönsten Frau Griechenlands, ein unentbehrlicher Faktor im Läuterungsprozeß des Helden. Noch ein Punkt, in dem das Puppenspiel einen echt sagenhaften Zug verwendet, den weder Marlowe noch die Volksbücher kennen, möge hier erwähnt werden, daß nämlich Helena in dem Augenblick, da Faust sie umarmen will, sich in ein höllisches Ungeheuer verwandelt. Bei Simrock 222) fährt er den Mephistopheles an: „Fluch Dir! Fluch! tückischer, boshafter Betrüger. Eine höllische Schlange drückte ich an meinen Busen. Ich wollte Sie umarmen, da hauchte sie mich an, ein ekler Pestbrodem schlug mir erstickend entgegen.“ Und der Teutel antwortet ihm mit der Ankündigung, daß er ihm einen zweiten. Betrug gespielt, die 12 Jahre, die er ihm gedient, rechnet er, weil er ihm auch die Nächte gedient, doppelt, so daß um Mitternacht der Vertrag abläuft. Es ist sicher, daß die Verwandlung der Helena in eine Furie gerade in unmittelbarer Verbindung mit der betrügerischen Verkürzung der Frist von großer Wirksamkeit sein mußte. Der Zug selbst findet sich mehrfach in Dramen des XVII. Jahrhunderts. So erblickt Cyprianus in Calderons „Wunderthätigem Magus“, wie er der vermeintlichen Justina, die der Dämon ihm zugeführt, den sie verhüllenden Mantel abzieht, einen Leichnam; und das verschwindende Phantom ruft ihm zu: „Also, Cyprianus, geht aller Glanz der Welt zu Grunde.“ 223) Dieser Ausruf zeigt die Verwandtschaft des dramatischen Motivs mit der bekannten Allegorie, welche die Weltlust unter der Doppelgestalt einer schönen Frau an der Vorderseite und eines grinsenden Gespenstes an der Rückseite darstellt.

 

 

Einfügung: Frauengestalten mit zwei Gesichtern aus Tlatilko. Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko.

 

Auch Gryphius verwendet in seinem Drama Cardenio und Celinde das Verwandlungsmotiv: Wie Cardenio seinem Nebenbuhler Lysander auflauert, wird er durch ein Gespenst in Gestalt seiner geliebten Olympia in einen Lustgarten gelockt, er will ihr die Hülle entziehen, die ihm den Glanz ihrer Augen verbirgt, da verändert sich plötzlich der Schauplatz in eine abscheuliche Einöde, Olympia selbst in ein Totengerippe, welches mit Pfeil und Bogen auf den Cardenio zielt. 225) Dies Verwandlungsmotiv ist offenbar eine dem Geschmacke

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220) Pniower p. 161 (No. 474). 168 u. Hierher gehört auch noch die Äußerung vom 26. Aug. an Sulpiz Boisserée: „Ich habe eine seit 20 Jahren ruhende Arbeit wieder aufgenommen: Helena, ein Zwischenspiel zu Faust, in die zweite Abteilung gehörig, ruhend auf der Fabel: Faust habe vom bösen Geist den Besitz der Helena gefordert.“ Pn. p. 160 O.

221) Creizenach l. c. p. 161. 162.

222) S. Puppenspiel p. 72.

223) Cottasche Ausgabe p. 117. 18.

224) Verwendet ist die Allegorie , z. B. von Christian Weise in seinem Roman von 1673: Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt. Neudruck von 1878. p. 226. 27 (In einem Saale sind in 3 Feldern der Tür gegenüber die drei ärgsten Narren auf der Welt abgemalt): „Auf dem einen Seitenfelde war ein Mensch, der küste eine Jungfrau, welche vorn lieblich bekleidet, hinten als ein Todengerippe war, mit beygefügten Worten: „Stulte Dum Vanitates Deperis Mortem Amplecteris“. Dem Totentanz in Wort und Bild liegt dieselbe Allegorie zu Grunde.

225) IV. Abhandlung, Die Szene ist abgedruckt bei H. Kurz, Literaturgeschichte II p. 391. vgl. Creizenach l. c. p. 167.

 

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des XVI. und XVII. Jahrh. entsprechende Steigerung des ursprünglichen Motivs, daß Spukgestalten plötzlich verschwinden, in dem Augenblick, wo Sie nicht mehr nötig oder gar hinderlich sind. Wie im Faustbuche verschwindet auch in Goethes „Faust“ Helena, nachdem die Bande gelöst sind, die sie an das Leben knüpften, nach einer letzten Umarmung des Gatten mit den Worten „Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich!“ 226) Der Knabe, der ihr vorangegangen, ist aber nicht der Justus des Volksbuches, sondern Euphorion, der Sohn Achills und der Helena nach griechischer Sage, 227) Diese Vermischung der Sagen bedeutet die Vermischung des Klassischen mit dem Romantischen, aus der als Sohn hervorgeht Lord Byron, dem Goethe bekanntlich im „Euphorion“ ein Denkmal gesetzt. Selbstverständlich aber ist, daß Helena nicht erst nach Fausts Tode verschwindet, wie in der Sage, sie ist ja bei Goethe kein Dämon der Hölle; so läßt sie, wie das Körperliche verschwindet, Kleid und Schleier dem Faust in den Armen, göttliche Gaben sind's, bestimmt, ihn rasch über alles Gemeine hinwegzuheben. So ist Helena, nachdem sie der Renaissance, die so gern in griechische Kostüme sich kleidete, als beliebte Maske gedient, dann von der Kirche, die dem heidnischen Mummenschanz abhold war, zu einer Truggestalt der Hölle verdammt war, von unserem größten Dichter in das lautere Licht ewig unvergänglicher Poesie erhoben. Was sie im Altertume selbst war, gehört nicht hierher. 228) Im Mittelalter war sie nichts, mit der klassischen Bildung sank auch sie ins Dunkel der Vergessenheit. Der Vergilsage ist sie unbekannt. Ihre Rolle wird da gespielt von der Sultanstochter in Konstantinopel, doch nicht einmal das, denn das bekannte Sprichwort aus Fausts Zeit: Was der Teufel selbst nicht kann, stellt er durch ein Weibsbild an, 229) gilt nicht für den Zauberer Vergil. Das Erotische ist zwar in seiner Lebensgeschichte auch stark vertreten, dient aber nur zur Verherrlichung der Zauberkunst, die dem Menschen alle Freuden der Welt zugänglich macht, und in mehr burlesker Art zur Darstellung der Schlauheit des Weibes und der Gefährlichkeit seiner Rache, aber auch der Härte einer Bestrafung. In ersterer Beziehung trägt das Abenteuer mit der Sultanstochter, während es im übrigen die bekanntesten Motive aller Rittergeschichten wiederholt, stark ausgeprägte und auch eigenartige Züge. Die Luftbrücke kennen wir schon, 230) Erhöht wird das Wunderbare noch dadurch, daß die Brücke mehrfach hin und her passiert wird, also, einmal errichtet, stehen bleibt. Sie dient Vergils Werbungsbesuche. Dann führt er die Geliebte, die seine Heinmat kennen zu lernen wünscht, über sie nach Rom, und wie jene sich nach der Heimat zurückwünscht, trägt er sie wieder hinüber, dann scheinen beide noch oft die Brücke zu überschreiten, und schließlich, als er sich aus der Gefangenschaft des Sultans befreit hat, fährt er vor aller Augen mit seiner Geliebten auf ihr davon. Nächst der Brücke ist der Baumgarten bemerkenswert, in dem er das Mädchen vor aller Welt verborgen hält, so lange es in Rom bei ihm weilt. Damit hängt der bekannte Märchenzug zusammen, daß der Vater der Entführten, um die Heimat des Entführers zu erfahren, die Tochter veranlaßt, ihm Früchte von dort mitzubringen. Über die Zaubertat, durch die Vergil sich aus der Gefangenschaft befreit, spreche ich in anderem Zusammenhange. Überboten werden aber alle seine Kunststücke durch das letzte, daß er der Braut zu Liebe in der Tiefe der See mit seiner negromantischen Kunst die reiche und edle Stadt Neapel gründete, die er im Grunde der See auf Eier stellte. Die Stadt und das umliegende Land schenkte er

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226) Sophienausg. v. 9944.

227) Paus. III, 19, 11 ff. Ptolem. Hephäst. 4. Hercher, N. Jahrbb. f. Phil. Suppl. I, 281, Goethes Faust v. Strehle, II. p. 162, A. 2.

228) Daß Helena ursprünglich == Proserpina == Istar, als die Schwester der Dioskuren, d. h. der Sonne und des Mondes == dem Planeten Venus, s. bei Winckler, Himmels- und Weltenbild der Babylonier. (A. O. III 2/3) p. 40 41.

229) Creizenach l. c. p. 166, 67.

230) Teil II p. 15.

 

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Sodann der schönen Sultanstochter. 231) Wir wollen bei dieser Liebesgeschichte beachten, daß sie den glanzvollen Mittelpunkt des ganzen Buches bilden zu sollen scheint, indem fast alle Zauberwerke Vergils mit ihr in Verbindung gesetzt werden, wofür noch mancher Einzelzug angeführt werden könnte. Dadurch gewinnt diese Sultanstochter für die Vergilsage eine ähnliche Bedeutung, wie Helena sie für die Faustsage hat. 232) Weibes List und Weibes Strafe ist das zweite Thema, das die Vergilsage ausgiebig behandelt. Wir wissen, daß jene niedliche Geschichte von Aristoteles und Phyllis in der Form des Korbabenteuers auf Vergil übertragen ist. 233) Aber das Korbabenteuer hat noch eine Fortsetzung. Um sich an der Jungfrau zu rächen, löschte der Zauberer alles Feuer in Rom, und die Stadt war einen Tag ohne Feuer, denn es konnte auch keiner welches machen. Es blieb nichts anderes übrig, als das Verlangen Vergils zu erfüllen und die Jungfrau drei Tage lang auf offenem Markte auszustellen, damit an ihr sich jeder das Feuer entzünde, 234) Man führt diese Erzählung auf den Zauberer Heliodor zurück, dessen Lebenszeit um 600 angesetzt wird. Die Gattin des Heraklides, so lautet der Bericht in den Acta Sanctorum 235), des kaiserlichen Gesandten, der Heliodor aus seiner Heimat Catania in Sizilien nach Konstantinopel geholt hat, spuckt dem Zauberer ins Gesicht ; um sich zu rächen, löscht dieser alles Feuer in der Stadt, nachdem er zu der Frau gesagt hat: nisi te infamem facio in hac urbe, non sum ego. Und der Regierung droht er: Siquidem me adversus iniuriam istam vindicaveritis, faciam ex ea ignis erumpat; alioqui enim ignem visuri non estis. Freilich kommt es in diesem Falle nicht zu der Rache, man setzt den Magier gefangen und will ihn hinrichten; aber das Dach des Gefängnisses öffnet sich, Heliodor entweicht und sagt, wie er schon früher in ähnlicher Lage getan,: quaere me Catanae. -- Eine wahre Olla potrida von Sagenmotiven ist doch der Vergilsage zugeführt. In drei Teile müssen wir die Korbgeschichte zerlegen, der erste ist die Verhöhnung des Zauberers durch eine Jungfrau, der zweite die Drohung Heliodors: faciam ex ea ignis erumpat, der dritte die Ausführung der Drohung. In der Heliodorgeschichte findet sich nur der mittlere der drei Bestandteile der Vergilsage, die Korbgeschichte hat ja ganz anderen Ursprung, ist nun die Ausführung der Rachedrohung bei Vergil eine einfache Erweiterung des Heliodormotivs? Ich habe nicht den Eindruck, sondern möchte eher an eine Verstümmelung oder Verdunkelung eines alten Motivs bei Heliodor denken, das in die Vergilsage von anderer Seite her eingedrungen ist. Der unbestimmte Ausdruck ignis erumpit ist das Kennzeichen einer solchen Verdunkelung, und die Drohung nisi tacio, non sum ego klingt wieder im Munde eines allgewaltigen Zauberers wie eine solche, die er auszuführen imstande ist. Die Vereinigung des zweiten und dritten Zuges finden wir in einer der Darstellung der Volksbücher vom Vergil völlig entsprechenden Weise in dem mehrfach erwähnten Gedichte von Pietro Barliario, in dem sogar ein deutlicher Hinweis auf das Blendwerk selbst sich findet: als die Jungfrau entblößt auf dem Markte stand, da schien es, als wenn sie in Flammen erglühe (parea che ardesse in fiamme ardente). 236) -- Noch ein letztes, burleskes Zaubermotiv der Vergilsage,

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231) Simrock, Volksbuch p. 28–33.

232) Merkwürdiger Weise heißt es am Schlusse dieser Liebesgeschichte: „Und darauf säumte er nicht lange und vermählte sie einem spanischen Herrn und Ritter.“ Sollte er sie zu diesem Zwecke so reich beschenkt haben? Die Sache erklärt sich offenbar so: Als die Sage nach dem Lande der Romantik (Spanien) hinüberwanderte, da mußte auch ein spanischer Ritter die hervorragendste Frau der Sage heimführen. Den Römer Vergil konnte man aber nicht völlig zum Spanier machen, so schlug man diesen wenig glücklichen Mittelweg ein.

233) II p. 27.

234) Simrock, Vergil p. 18-20.

235) A. S. illustraverunt Johannes Bollandus, Godefridus Henschenius. Febr. Tom, III. De S. Leone Thaumaturgo, episcopo Catanensi in Sicilia, circa ICC p. 225.

236) Comparetti-Dütschke p. 286, 87.

 

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das die Frau betrifft, soll kurz besprochen werden. Es wird in vielen Quellen erwähnt, Vergil habe ein künstliches Wasser geschaffen, das die Frauen nötigte, die Röcke zu heben, 237) Von diesem Motiv finden sich wieder in anderen Sagen so merkwürdige Variationen, daß es lohnt, dem ursprünglichen Gedanken nachzuforschen. In der Heliodorsage wird die Sache wie eine Art Wette behandelt. Quid? si, amici, facio, ut denudentur istae in oculis omnium. Und er bewirkte, daß sie durch den trockenen Staub wie durch Wasser gingen, er spiegelte ihnen vor, daß die Steine Wasser wären. 238) Also eine Sinnestäuschung! Eine natürliche Täuschung liegt vor in einer mohammedanischen Legende, Salomo will sehen, ob die Königin von Saba Menschenfüße hat, er läßt sie daher durch einen Saal führen, dessen Boden von Kristall war, unter welchem Wasser floß; die Königin, welche nie einen kristallenen Fußboden gesehen hatte, glaubte, sie müsse durch Wasser waten und hob ihr Kleid bis zu den Knien. 239) Aut einer Sinnestäuschung beruht wieder die Erzählung im deutschen Volksbuche vom Vergil. Dem Sultan und allen seinen Herren deuchte, der große Fluß von Babylon sei unter ihren Füßen und sie lägen drin und schwämmen und sprängen wie die Frösche. 240) Auch in die Faustsage ist das Wasserkunststück eingedrungen, aber wieder in anderer Form. Während seines Aufenthaltes am Anhaltischen Hofe läßt Faust durch Zauber ein stattliches Schloß erstehen, in dem er die Hofgesellschaft bewirtet. Nach Beendigung der Mahlzeit nahm er einen ehernen Kopf und setzte ihn auf das Treppengeländer, worauf es anfing zu rauschen und das Haupt einen Wasserstrom ausspie, der durch den Saal floß, so daß die Hofdamen ihre Röcke emporhoben. Plötzlich verschwand die ganze Gaukelei, und die Hofdamen schämten sich nicht wenig. 241) Und endlich liefert Goethe noch seinen Beitrag. Im zweiten Teile seines „Faust“, Akt IV., in der Schlacht zieht Mephistopheles die Quellnymphen zum Beistande herbei:

 

Nun, schwarze Vettern, rasch im Dienen,

Zum großen Bergsee! Grüßt mir die Undinen

Und bittet Sie um ihrer Fluten Schein!

Durch Weiberkünste, schwer zu kennen,

Verstehen Sie vom Sein den Schein zu trennen,

Und jeder schwört, das sei das Sein, 242)

 

Und wie Selbst Faust „vor solchem wilden Schwall“ schaudert, sagt Mephistopheles:

 

Ich sehe nichts von diesen Wasserlügen,

Nur Menschenaugen lassen sich betrügen,

Und mich ergetzt der wunderliche Fall.

Sie stürzen fort zu ganzen hellen Haufen,

Die Narren wähnen zu ersaufen,

Indem sie frei auf festem Lande schnaufen

Und lächerlich mit Schwimmgeberden laufen. 243)

 

Auch hier haben wir eine Vorspiegelung von Nichtwirklichem, aber zu einem sehr ernsten Zweck, zur Verscheuchung feindlicher Heere. Die Zauberer dieser Gattung hießen

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237) Ib. p. 281 A. 3.

238) A. S. (vgl. A. 235) p. 224.

239) Weil p. 267.

240) Simrock p. 32.

241) Kiesewetter p. 218. Düntzer p. 171 mit A. 167.

242) vgl. damit das griechische ὕλη ϰαὶ ὕλης δόξα p. 38

243) Sophienausgabe 10711--15 und 10734–40.

 

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Regenmacher. 244) „Blendwerk der Hölle“, mit dem Worte wird die Auffassung bezeichnet, die allen Variationen des behandelten Themas zu Grunde liegt. Ein deutliches Ursprungszeugnis trägt aber keine an sich. Eine nähere Verwandtschaft scheint mir zu bestehen zwischen der Heliodor- und der Vergilgeschichte, weil beide Männer gleichsam im Lager ihrer Feinde, um diese noch zu verhöhnen, das Blendwerk vollführen, das zu ihrer Rettung nicht nötig ist. Ziehen wir hinzu, daß Heliodor, in Konstantinopel zum Tode verurteilt, sich die Gnade erbittet, noch einmal Wasser trinken zu dürfen, man ihm dann, da sein Durst gar nicht zu stillen ist, eine Schüssel voll Wasser gibt und er sich hineinstürzt mit den Worten: Sucht mich in Catana! 245), so ist hier der indische Ursprung unverkennbar (vgl. Teil II p. 28), und deshalb muß man geneigt sein, auch für das burleske Wassermotiv dort den Ursprung zu suchen. Wegen der Faustgeschichte ist zu beachten, daß sie sich im ältesten Faustbuche noch nicht findet, und Goethe hat mit den „Wasser“- wie mit den „Feuerlügen“ des Mephistopheles ein Gegenstück geschaffen zu den Blendungen in Auerbachs Keller 246), unter Benutzung eines verbreiteten mittelalterlichen Motivs unbestimmter Herkunft. -- Noch einmal muß das häßliche Wort Buhlteutel ausgesprochen werden, damit auch auf diesem Teilgebiet der Zaubersage es sich entscheide, ob Vergil ein Faust des Mittelalters genannt werden könne. Der Teufel, wie ihn Luther als den großen Verführer der Menschen leibhaftig schaute, führt Faust auf den Höllenpfad sinnlicher Lust. Sinnlich genug tritt uns auch Vergil entgegen, aber die Romantik des Mittelalters verklärt mit rosigem Schimmer das dunkle Treiben ihres Helden, und wenn die Verfasser der Vergilgeschichten es nicht für nötig hielten, immer einmal die Teufelskunst zu nennen, so würden wir sie kaum erkennen; kann uns doch trotz des Namens das fremde Gewand die Gestalt der ursprünglich harmlosen Persönlichkeit nie ganz verhüllen. Dieselben Linien der Zeichnung treten uns an den beiden Zaubererfiguren entgegen, aber die Farben sind sehr verschieden.

 

 

Schluss.

 

Ich eile zum Schluß. Es war mein Bestreben, das Verhältnis der beiden Sagen zueinander dadurch klar zu machen, daß ich die Magussage, zu der sie beide gehören, in ihre Bestandteile zerlegte, von diesen die wichtigsten von ihrem Ursprung herzuleiten und in ihrer geschichtlichen Entwickelung zu verfolgen suchte, um innerhalb dieser Entwickelung den beiden ihren Platz anzuweisen. Lag bei dieser Betrachtung der Ausgangspunkt nicht immer an derselben Stelle, so schien mir der Höhepunkt in der Goetheschen Dichtung zu liegen, in der ja zweifellos das, was man die Faustidee nennt, eine Höhe dichterischer Gestaltung erreicht hat, über welche die Menschheit schwerlich hinauskommen wird. So gab mir dieser Höhepunkt den Maßstab für das, was in der einen oder anderen der früheren literarischen Gestaltungen der Sagenmotive geleistet war. Soll aber der Beweis erbracht sein, daß Vergil ein (Vorläufer des) Faust ist, so müssen meine Ausführungen dargetan haben, daß die Grundidee der Faustsage chon in der Vergilsage enthalten ist. Nun gewinnt die Faustidee einen tieferen Sinn erst durch den Mann, der zuerst ihren dramatischen Wert erkannte, durch Marlowe. Er sieht in Fausts Charakter doch mehr als sündige Gier und Neugierde, er hat Verständnis für den Geist, der zu den Wolken strebte, der es wagte mit „pennis non homini datis“ gleich Icarus zur Sonne emporzusteigen,

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244) Loepersche Faustausgabe II, p. 197 A. 1.

245) s. A. 235.

246) vgl. z. B. Düntzer p. 196.

 

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und ist auch sein Ende schrecklich, die Studenten sollen ihm doch als dem Lehrer hoher Weisheit das letzte Geleit geben. Im Volksbuche finden sich höchstens die Keime zu der höheren Idee, und sie sind auch in der Vergilsage vorhanden. Das Satanische und das Prometheische 247) sind die beiden Elemente, die sich mischen im Faustischen Streben des Menschen, aus deren Mischung aber kein organisches Dritte hervorgeht, in der vielmehr das eine oder andere den Vorrang behauptet. Der Satan ist „der Geist, der stets verneint“, der nur niederreißt, was steht, dem alles Entstandene nur wert ist, daß es zu Grunde geht, 248) Prometheus ist der Geist, der stets bejaht, der für jede Frage nach der Möglichkeit, den Menschen über sich hinaus zu heben, ein freudiges Ja hat. Weil aber der Satan seine Aufgabe im Verneinen sieht, ist seine Kraft beschränkt, wird er sogar lächerlich, daher das Burleske in den Teufelssagen; nur in der Bejahung liegt der Sieg. Die Faust- und die Vergilsage bleiben bei der Verneinung im wesentlichen stehen. Ich muß darauf verzichten, diese Übereinstimmung in einem besonderen Teile darzulegen, die, wie ich glaube, aus meinen Einzelausführungen mit ziemlicher Leichtigkeit sich ergibt. Auch dem Makrokosmus und Mikrokosmus 249) hätte ich gern noch eine Betrachtung gewidmet. Die Nennung des Gegenstandes muß mir genügen. Endlich sollten zwei Anhänge meine Arbeit beschließen, der eine über die zu Dämonen herabgesunkenen Götter gestürzter Religionen, der andere über den „Großen Namen“. Ein schönes Wort Fr. Gottlieb Welckers, des feinsinnigen Mythologen, soll den ersten ersetzen: „Ein großer Teil der als Eigenschaften der Naturgötter ausgeprägten Namen kommt nur noch in einer tieferen Region der Heroen und Dämonen, oder allegorischer Wesen und poetischer Figuren vor, in die sie früh oder spät herabgesunken sind.“ 250) -- „Religionen, die abgekommen sind oder fremden oder niederen Klassen angehören, werden geringer geachtet, ihre Götter in Geister, Unholde oder untergeordnete Dämonen verwandelt.“ 251) -- Den zweiten Gegenstand gedenke ich einmal gesondert zu behandeln. So scheide ich von den Gestalten, die mir lieb geworden sind, nicht durch den Dichter oder Zauberer Vergil, sondern durch den Menschheitsgedanken, als dessen Repräsentant mir jener neben Faust erschien, als dessen höchste Verkörperung Goethes „Faust“ mir jedes noch so kleine Element lieb macht, das in diese Dichtung Eingang gefunden hat.

 

Terminat hora diem, terminat autor opus.

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247) Kühnemann spricht irgendwo schön über diese zwei Mächte in des Menschen Brust.

248) Sophienausg. v. 1338 ff.

249) Eine Erläuterung der Begriffe s. bei Düntzer p. 252 ff. mit A 58.

250) Kekelé, F. G. Welckers Leben p. 348. 49.

251) Ib. p. 446. 47. Vgl. über die Sache Geffcken, Aus der Werdezeit des Christentums p. 80. 81 89. 90. 120-22. 125. 127. Zahn, Cyprian von Antiochien und die deutsche Faustsage p. 116, 17, der schön ausführt, wie der heidnische Götzendienst, als das Heidentum dem Christentum den Sieg noch streitig zu machen suchte, ein „Hauptsitz des innerweltlichen Wirkens der Dämonen“ war.

 

 

 

 

Quelle:

Zeitschrift: Jahresbericht : Ostern .. / Königliches Gymnasium zu Nordhausen

Titel: Vergil ein Faust des Mittelalters

Verfasser: Schambach, Karl

Erschienen: 1.1904 2.1905 3.1906

Serie [Jahresbericht] / Königliches Gymnasium zu Nordhausen: wissenschaftliche Beigabe ; ...

Online-Ausgabe

Düsseldorf : Universitäts- und Landesbibliothek, 2014

URN

urn:nbn:de:hbz:061:1-334828

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Das Originalwerk enthält keine Bilder. Die eingefügten Bilder entstammen einer Studienreise von Otto Kruggel und sind der Enzyklopädie "Mythen der Völker der Welt. 2 Bde. Hauptred. S. A. Tokarew. Verlag: Sowjetische Enzylkopädie. Moskau 1987, 1988 entnommen.