Sommerschenburger Kulturjahr 2013

Die Konsumgespräche starten wieder
Sommerschenburger Kulturjahr 2013
SOMMERSDORF. Am 1. März startete der sechste Jahrgang der Sommersdorfer Konusumgespräche. Das Leitthema in diesem Jahr lautet „Kulturjahr Sommerschenburg 2013“, heißt es in einer Pressemitteilung.
Der Vorbereitungskreis für die Konsumgespräche hat rund 30 Veranstaltungen zusammengestellt, die in den nächsten Monaten laufen werden. Das Kulturjahr wird eröffnet mit dem ersten Konsumgespräch am 1. März ab 19 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus Sommerschenburg.
Die Heimathistorikerin Hildegard Müller hält einen Vortrag die Pfalzgrafen von Sommerschenburg und ihre Bedeutung für die Ortsgeschichte. Um die Pfalzgrafen geht es auch bei einer Veranstaltung am 15. März mit der Kita Regenbogen und Hildegard Müller ab 14 Uhr im DGH Sommerschenburg.
Das zweite Konsumgespräch findet am 19. April im Konsum in Sommersdorf statt. Ab 19 Uhr spricht Pfarrer Norbert Behrend über Bischof Bernward - einen Heiligen mit Sommerschenburger Wurzeln.
Das dritte Konsumgespräch im Konsum in Sommersdorf startet am 5. Iuli schon um 18 Uhr. „Graf Gneisenau – sein Leben und seine Bedeutung für Sommerschenburg“ lautet das Thema, das sich Dr. Frank Bauer, Vorsitzender der Gneisenausgesellschaft, vorgenommen hat.
Am 20. August findet das Konsumgespräch ebenfalls ab 18 Uhr statt, diese Mal in der Jägerklause in Marienbom. Es geht um „Das Potenzial unserer Kulturlandschaft – Dörfer haben Zukunft!“, es spricht Professor Dr. Bernd Reuter vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt.
Die letzten beiden Konsumgespräche werden, so die aktuelle Planung der Veranstalter, aller Voraussicht nach am 11. Oktober und 1. November stattfinden.


Veröffentlicht in:
Helmstedter Blitz Nr. 9/ 39. Jg. vom 27.02.2013 Seite 2

 

 

 

Gervais: Friedrich II. von Sommerschenburg

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21 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
§. 7.
Die Pfalzgrafen Friedrich II. von Sommerschenburg und Friedrich V. von Goseck.
„Die Wahl eines Königs war nie schwieriger und bedenklicher, als nach dem Tode Heinrichs V. Die Spannung zwischen Nord- und Süd-Deutschland, zwischen den
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Gegnern und Anhängern des ausgestorbenen fränkischen Hauses war zu groß, als daß ein Erwählter der einen Partei der andern gefallen konnte. Billig war es, einmal wieder aus den Sachsen, die seit hundert Jahren keinen König ihres Stammes aus Deutschlands Thron gesehen hatten, und fast eben so lange vom Druck des fremden Herrschergeschlechts bedroht gewesen waren, das Reichsoberhaupt, zu wählen. Erforderlich war zugleich ein Mann, der die Spaltung im Reiche aufhob , der Friede und Ordnung herstellte, das gesunkene Ansehen des Königs zu altem Glanze erhob, vor Allem dem immer noch vorhandenen Kirchenschisma zwischen Papst- und Kaiserthum nach dem eingegangenen Wormser Concordat auf friedliche Weise ein Ende machte. Allen diesen Bedingungen schien der Herzog Lothar von Sachsen am besten zu entsprechen. Zwar war er schon ein Funfziger, doch noch in voller Mannskraft. Daß ihm kein Sohn zur Seite stand, der sein Nachfolger zu werden versprach, konnte in einem Wahlreich nicht bedenklich, ja fast erwünscht sein. Denn so blieb für die Zukunft den Fürsten wieder eine freie Wahl, die stets benommen war, wenn ein Kaiser schon bei Lebzeiten seinen Sohn zum römischen König ernennen ließ. Der Kirche hatte Lothar sich stets gerecht und geneigt erwiesen, ohne sich ihr sklavisch hinzugeben. Nicht gegen die kaiserliche Majestät, nur gegen willkührliche Eingriffe der beiden letzten Heinriche und deren Anhänger war sein Schwert gezückt und zur Gegenwehr bereit. Mit der Wahl Lothars hätten ohne hartnäckige Parteisuche alle deutsche Fürsten sehr zufrieden sein können, und den Sachsen wäre dadurch eine schuldige Gerechtigkeit erwiesen. So aber sehen wenige neue Geschichtschreiber die Wahl Lothars an. Man hat behauptet, Friedrich von Schwaben, dem von Heinrich V. designirten Nachfolger und nächsten Verwandten der fränkischen Kaiser, dem reichen, jüngern, kräftigern
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Fürsten Süd-Deutschlands hätten Krone und Scepter, die ihm zur Aufbewahrung anvertraut waren, mehr gebürt. Viele sehen in Lothars Erhebung ein Unglück für Deutschland, und nur die Folge von Intriguen, die der Erzbischof Adalbert von Mainz und die päpstlichen Legaten auf der Fürstenversammlung zu Mainz geleitet. Diese Ansichten, die den gleichzeitigen und alten Nachrichten keineswegs entsprechen, zu widerlegen, würde hier zu weit abführen. 1) — Welche Privatinteressen, welche Intriguen auch immer zur Wahl mitgewirkt haben, in dem äußern Verfahren der Fürsten zu Mainz ist — außer etwa des Herzogs Friedrich Betragen — nichts Tadelnswürdiges, nichts Gesetzwidriges vorgefallen, nichts, was nicht den Bedürfnissen und Rücksichten der Gegenwart entsprach, nichts, was die Wahl für ungültig und nachtheilig für die damalige Zeit erscheinen läßt. 2)
Wenn auch nicht alle Thaten, Unternehmungen und
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1) Es soll das von mir in einem besonderen Werke über Lothar geschehen. Es ist zu verwundern, daß noch keine gründliche Biographie dieses Kaisers existirt, der eben so sehr durch seine Stellung zwischen den fränkischen und hohenstaufischen Kaisern, als durch seine Persönlichkeit von der höchsten Wichtigkeit für das deutsche Mittelalter dasteht. Einseitig und parteiisch ist er bald den Saliern, bald den Hohenstaufen geopfert und seine kräftige Selbstständigkeit so ganz verkannt worden. Der große Kampf der Welfen und Hohenstaufen findet in ihm seinen Aufschluß, seine Bedeutung. Die Einheit des Reichs, das Ansehen seines Oberhauptes erscheint unter ihm in einem Glanze, der wenige der fränkischen und kaum einen der hohenstaufischen Kaiser umleuchtet. —
2) Oder will man in dem Aufruf jener andrängenden Laien, die Lothar stürmisch zum Könige begehrten, nur eine List Adalberts erkennen? Lagerten auf dem linken Ufer des Rheins nicht fast nur Nord-Deutsche, und hegten diese nicht das lebhafteste Verlangen nach einem Könige ihres Stammes? Nur ungern hätten sie einen süddeutschen Fürsten, einen Anhänger und Verwandten Heinrichs V. als König gesehen. Eigenes Verlangen trieb sie zu dem stürmischen Aufruf, den Parteihaß später verdächtigend für eine Intrigue derer hielt, welche Lothars Wahl besonders betrieben.
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Kriege Lothars mit Ruhm gekrönt waren, seine Gesammtregierung ist eine der glücklichsten und glorreichsten zu nennen. Auswärtige Nationen, die seit Heinrich III. der·deutschen Oberhoheit sich entzogen, erkannten unter Lothar diese wieder an; die nordischen Reiche, die Slavenländer, Italien bis zur äußersten Südspitze der Halbinsel beugten sich vor ihm. Wie er im J. 1133 mit einer kleinen Schaar kühn die Kaiserkrone in Rom errungen, so glich sein zweites Auftreten in Italien, von der ganzen Reichsmacht unterstützt, einem unaufhaltsam fortschreitenden Eroberungszug, und schloß sein thatenreiches Leben mit dem glänzendsten Triumph, den weltliche Größe zu erringen vermag. Nur die Widerspenstigkeit der Hohenstaufen, die tadelnswürdige Selbsterhebung Conrads zum Gegenkönige in Italien, hinderten lange den gemäßigten, friedliebenden Kaiser, die erwünschte Ruhe in Deutschland herzustellen, bis 1135 beide Brüder Friedrich und Conrad sich vor ihm demüthigten, wonach er weise und mäßig nicht nur die alten Lehen und Würden ihnen ließ, sondern durch Zufügung neuer sie an sein Interesse und an das Reich zu fesseln verstand. Fehlte Lotharn auch ein Sohn, den er zum Erben seiner Macht und Würde erzog, so stand ihm doch ein Schwiegersohn in männlicher Kraft zur Seite, der die Stütze des Kaisers in allen auswärtigen und innern Unternehmungen gewesen war, der in den Herzogthümern Baiern und Sachsen, in den eigenen Erbgütern, und in denen, die seine Gemahlin Gertrud als Hinterlassenschaften der nordheimischen, braunschweigischen und suppelingenburgischen Häuser ihm zubrachte, eine Macht besaß, die ihn darum schon zum kräftigsten Nachfolger bestimmte. Doch
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Herzog Heinrich besaß auch alle Eigenschaften, um ein würdiger Herrscher Deutschlands zu werden. In Baiern hatte er bewiesen, wie er langvernachlässigte Ordnung und Ruhe wieder herzustellen , und Anmaßungen der kleinern Fürsten mit Nachdruck zu beschränken verstand. Dabei fehlte ihm die rechte Mäßigung und kluge Nachgiebigkeit nicht. Nur Haß der bezwungenen Vasallen konnte ihn mit dem Namen des Stolzen belegen, den sogleich seine Feinde und Neider als Zeugniß aufgriffen, um ihm die Krone vorzuenthalten. Durch ein arglistiges Verfahren, mit Verletzung alten Brauchs und Hintergehung der meisten Wähler im Reich gelangte Conrad der Hohenstaufe, unterstützt freilich von der Kirche, weil diese Heinrichs überlegene Macht und energische Handlungsweise fürchtete, nach Lothars Tode zum Throne, und vermaß sich für diesen Preis Deutschland und dessen Selbstständigkeit und Einheit zu betrügen. Wie auch der Glanz einiger hohenstaufischen Kaiser Mitwelt und Nachwelt blendete, verkennen läßt sich mit ungetrübtem Blicke nicht, daß der Verfall Deutschlands mit der Erhebung dieses Hauses unvermeidlich beginnen mußte. Die Macht der Welfen war zu groß, um neben der kaiserlichen ohne Gefahr fortbestehen zu können, die Zurücksetzung Heinrichs eine zu große Kränkung für ihn und seine Nachkommen, als daß sie gehorsam sich den Räubern der nach ihrer Ansicht ihnen gebührenden Würde unterwerfen konnten, ein Kampf beider Parteien auch nach so glänzendem Siege wie Friedrich Barbarossas über Heinrich den Löwen für Deutschland verderblich. Conrad III., Friedrich I., Heinrich VI. und Philipp haben ihre Kraft in diesem Kampfe geschwächt, und unter den letzten Hohenstaufen zeigte sich sein Erfolg: Schwäche, Zerrissenheit, fast gänzliche Auflösung des deutschen Reichs! —
Für das Pfalzgrafenthum in Sachsen war die Uebertragung des Königthums von den fränkischen Kaisern auf
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den eingebornen Lothar, und dann wieder auf das fremde Haus der Hohenstaufen vom größten Einfluß.
Friedrich dem II. von Sommerschenburg war Lothar nicht nur als geborner Sachse, der die Fürsten des Landes zu seiner eigenen Machterhöhung enger an sich ketten mußte, nicht allein als früherer Bundesgenosse in dem Kampfe gegen Heinrich V. willkommen. Aus gleichem Stamme mit den Supplingenburgern, wie wir gesehen, entsprossen, besaßen die Sommerschenburger mit jenen gemeinsam Erbgüter. Nie war deßhalb ein Streit entstanden, da Lothar in dem Herzogthum, Friedrich I. von Sommerschenburg bereits in der Pfalzgrafschaft so reiche und in sich geschiedene Lehen hatten, daß die kleine Hausmacht dagegen als unbedeutend verschwand. Seit Lothar durch die Hand der Richenza der begütertste Fürst fast im ganzen Reiche geworden, lag an dem väterlichen Erbtheil ihm wenig, und gern trat er für die wichtige Freundschaft Friedrichs I. und II. an das verwandte Haus manches der Stammgüter freiwillig ab. 1) Selbst als Friedrich I. in seinem letzten Lebensjahre dem Kaiser Heinrich sich enge anschloß, wurde dadurch das gute Vernehmen mit Lothar nicht gestört. Ob Friedrich II. nach des Vaters Tode wieder den sächsischen Fürsten sich genähert hatte oder ob er auf Heinrichs V. Seite beharrte, ist nicht zu beweisen, aber auch ohne große Bedeutung, weil seit der Aussöhnung zwischen dem Kaiser und den sächsischen Fürsten nur Privatmißhelligkeiten oder vorübergehende Feindseligkeiten den Reichsfrieden unterbrachen, wobei der Pfalzgraf ganz neutral blieb. Seitdem Lothar König geworden war, war Friedrich II.
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1) So Helmstädt u. die Advokatie über das Ludgeri-Kloster. S. über ersteres Conring de antiq. statu Helmstadii. Helmstädt 1665. pag.145. und Meib. script. rer. Germ. III. pag. 149. Vom Ludgeri-Kloster ist unten die Rede. Vgl. Böttiger Heinrich der Löwe Anhang S. 477.
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sein ergebenster Anhänger in Sachsen. An allen öffentlichen Angelegenheiten des Landes nahm er den thätigsten Antheil, begleitete vielleicht den Kaiser auch auf dem gefahrvollen, aber dennoch zum glücklichen Ausgang führenden Feldzuge nach Böhmen, 1) saß mit ihm im Reichs- und Landes-Gericht, wofür viele Urkunden zeugen, die in solchen Fällen, wo es sich um pfalzgräfliche Verrichtungen handelt, oder wo die amtliche Mitwirkung des Pfalzgrafen nothwendig war, zugleich beweisen, daß ihm der gebührende Vorrang vor den andern Landesfürsten, selbst den Markgrafen eingeräumt wurde. Ihm vertraute Lothar auch die Advokatie über das Kloster St. Ludger bei Helmstädt, 2) das er zu seiner Begräbnißstätte bestimmt hatte.
Es zeugt ebensosehr für den religiösen Sinn des Pfalzgrafen als für das Vertrauen, welches geistliche und weltliche Fürsten in ihn setzten, daß ihm viele Advokatien über geistliche Stiftungen übertragen wurden. So war er schon 1121 vom Bischof Reinhard von Halberstadt zum Schirmvogt des Klosters St. Laurentius bei Schöningen eingesetzt worden; 3) so führte er auch die Advokatie über das Stift
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1) Ueber diesen Feldzug geben die ausführlichsten Nachrichten Chron. Bohem. apud Mencken III. 1800 ff. hinter dem supplem. Anonymi. Chron. Saxo ad 1125. Addit. ad Lamb. Schaffn. ad 1126. Chron. Bigaug. pag. 124. Dodechini Append. ad 1126. Rob. de Monte 1127. Annal. Bosov. ad 1126. Otto Fris. de gest. Frid. I. lib. I. cap. 20. Chron. Samp. und Alb. Stad. ad 1126. Es werden nur die sächsischen Fürsten überhaupt als Theilnehmer bezeichnet, und unter den Gefallenen allein die wichtigsten namhaft gemacht. Friedrich von Sommerschenburg kann man zwar durch kein bestimmtes Zeugnis; alsTheilnehmer nachweisen, doch spricht seine Macht und seine Stellung zu Lothar dafür. —
2) Meib. III. pag. 248. Das Kloster lag nach Otto Fris. de gest. Frid. I. lib. I. pag. 21. in proprio (Lotharis) fundo. —
3) Chron. Marienthal a. a. O.
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zu Quedlinburg. Er selbst aber zeigte der Kirche sich dienstfertig durch eine eigne Stiftung. Auf einem, ihm von seinem Schwager Hartwich, nachmaligem Erzbischofe von Bremen, abgetretenen Gebiete erbaute er 1138 das Kloster Marienthal zu Ehren der heiligen Dreieinigkeit, der Mutter Gottes, der Apostel Petrus und Jacobus und des Protomärtyrers Stephanus, begabte es reich mit Gütern, und vollendete den stattlichen Bau erst nach acht Jahren (1146). 1) Für die Erhaltung und den Schutz seines Klosters suchte er selbst bei den Päpsten um Gnadenbriefe nach. 2) Dergleichen, wie man glaubte, gottgefällige Werke waren im Geist der Zeit begründet, und machten die Fürsten im Lande beliebt. Mit solcher Denk- und Handlungsweise vertrug sich aber auch kriegerischer Sinn, ja sogar Bedrückung und Gewaltthätigkeit wider andere als die anempfohlnen Klöster und Kirchen, und auch über unsern Pfalzgrafen werden wir dergleichen bittere Klagen führen hören. Inzwischen erscheint derselbe unter Lothars Regierung nur bei friedlichen Verhandlungen am Hofe des Kaisers , in den Versammlungen der Geistlichen, und bei Stiftung und Verwaltung von Klöstern und Hospitälern. Als im Jahre 1129 die Wittwe Friedrichs IV. von Putelendorf und ihr unmündiger Sohn Friedrich vom Kaiser Lothar genöthigt wurde, den bereits von Friedrich IV. verkauften Hof zu Abenrode dem Käufer Gerhard von Lochtenen abzutreten, so fehlte der Pfalzgraf bei diesem durch kaiserliche Entscheidung zu Goslar abgethanen Rechtshandel nicht, und unterzeichnete die darüber ausgestellte Urkunde als der erste unter den weltlichen Fürsten 3)
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1) Ibid. pag. 246. Ueber die Vollendung und Weihe pag. 255. —
2) Ib. Und in einem Schreiben von demselben Jahre: a Friderico donationes monasterio factas confirmat. Auch Papst Alexander nahm nach dem Aussterben der sommerschenburger Grafen das Kloster in seinen besondern Schutz. —
3) S. Mantissa diplomatum ap. Menck. III. pag. 1014 u. 15
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Im Jahre darauf treffen wir ihn abermals zu Goslar bei Lothar, und als Zeuge in einer Verfügung des Letztern genannt, worin ein Tauschhandel zwischen dem Kaiser und dem Erzbischofe Norbert von Magdeburg geschlossen ist. Hier steht dem Pfalzgrafen der Burgvogt von Magdeburg als der näher Betheiligte voran, während die Markgrafen hier wie in der vorbezeichneten Urkunde ihm nachgesetzt sind. 1) Wo die Verhandlungen dem Wirkungskreise des Pfalzgrafen ferner liegen, wo die Landesfürsten eine Hauptstimme abzugeben hatten, da tritt in der Regel der Pfalzgraf nur unter die Grafen, zu denen er als Landesfürst gehörte, und räumt Land- und Markgrafen den Vorrang ein. Friedrich, welcher der wichtigen kaiserlichen Verhandlung zwar beiwohnte, aber als Pfalzgraf kein Gutachten und keine Prärogative hatte, unterzeichnete sich sammt dem Pfalzgrafen Wilhelm vom Rhein aus diesem Grunde erst hinter den Markgrafen, als den größern Landesherrn, in jenem berühmten Privilegium vom Jahre 1134, 2) wodurch Lothar den Kaufleuten von Quedlinburg gleich denen von Goslar und Magdeburg freien Handel durchs ganze Reich und Zollfreiheit überall außer in Cöln, Thile (?) und Bardewik gestattete. 3) Bei Privatverträgen
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1) Ib. pag. 1015 u. 1016. Die Zeugen: Norbertus Archiep., Udo Cizensis Episc., Anselmus Havelbergensis Episc., Obertus Cremonensis Episc., … Cardinalis, Anselmus Cardinalis, Albero Abbas de Nuenburg, Arnolphus Abbas de Monte etc. Ex laicis Henricus Praefectus praefatae urbis, Frid. Pal. Canc., Conradus Marchio de Within, item M. Conradus de Plotzeca, Ludovicus Comes Thuringiae etc. —
2) Ibid. pag. 1017 u. 1018. —
3) Es wurde in §.2. erwähnt, wie zur Zeit der sächsischen Kaiser der Pfalzgraf in Fällen, die außer seinem Amtskreise lagen, sich gar nicht die Amtswürde beilegte. Im 11. und 12. Jahrhundert ward schon das Beisetzen der Titel üblich. Wir sahen, daß Otto v. Nordheim und Heinrich v. Limburg nach ihrer Entsetzung noch Herzoge genannt werden.
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sieht man die Zeugen öfters ohne genaue Rücksicht unterzeichnet; darum darf man sich nicht wundern, daß unser Pfalzgraf Friedrich z. B. in einem Confirmationsbrief des Erzbischofs Conrad von Magdeburg nicht bloß hinter den Markgrafen, sondern nach den Grafen als der letzte aller Zeugen sich unterschrieb. 1) In öffentlichen, in Reichs-Verhandlungen aber ward schon im Mittelalter die Etiquette nicht vernachlässigt. Sie beweist in den obenangegebenen Fällen die angesehene Stellung des Pfalzgrafen am Hofe. Selten mochte derselbe bei Reichsversammlungen, zumal in Sachsen, fehlen. Besonders geschieht seiner Erwähnung außer den genannten Hoftagen zu Goslar und Quedlinburg, noch im Jahre 1129 auf mehrern glänzenden Fürstenversammlungen zu Braunschweig 2) Als Lothar den zweiten Römerzug vorbereitete, hielt er zahlreiche Hoftage wie in Sachsen, so im ganzen Reich. Auf einem der letztern 1136 zu Merseburg 3) begleitete Friedrich den Kaiser; eben so 1137 nach Bardewik, 4) wo er zugleich als Zeuge bei Stiftung des Klosters Sigberg 5) erscheint. Als in diesem Jahre Lothar nach Italien aufbrach, kehrte Friedrich nach Hause zurück, und wohnte in demselben Jahre noch einer Provinzialsynode in Halberstadt bei, die Bischof Rudolf daselbst zusammenberufen hatte. Die friedliche Wirksamkeit Friedrichs endete mit Lothars Tode (1138) und in den allgemeinen Parteienkampf für Hohenstaufen und Welfen sah auch er sich hineingezogen. —
Als Friedrich IV. von Putelendorf 1125 gestorben war, mochte seine junge Wittwe Agnes sowohl für sich selbst als für ihre unmündigen Kinder eine zweite Ehe für wünschenswerth
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1) Menck. III. Mantissa dipl. a. a. O. —
2) Meib. Chron. Marienth. Pag. 248. Spangenb. Sächs. Chronik cap. 217. —
3) Chron. Marienth. apud Meib. III. pag. 248. —
4) Meib. III. historia Bardewici pag. 61. —
5) Meib. a. a. O.
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halten, und ich vermuthe, daß sie schon im Jahre 1126 in Graf Walo von Vekenstedt den Mann gefunden hatte, der sehr geneigt war, ihr seine Hand zu reichen. Dieser Graf Walo überkam von seinem Vater gleiches Namens, der nach mancher verübten Gewaltthat endlich selbst gewaltsamer Weise ums Leben gekommen war, ansehnliche Besitzungen im nordwestlichen Theile des Harzgaus, die er bei den dort schwankenden Grenzen, zumal unter Heinrichs V. unruhigen Regierung, wie eine eigne Grafschaft beherrschte. 1) Da in dem gleichen Gau auch das Gosecker Haus begütert war, 2) so schien eine Verbindung mit Walo für Agnes eine vortheilhafte Partie. Zwar nennt der sächsische Annalist, 3) der von dieser projektirten Ehe spricht, Agnes nicht Tochter, sondern Schwester des Herzogs Heinrich von Limburg, doch da nur jene unter dem Namen Agnes, nicht diese sonst bekannt ist, so darf hier wohl eine Verwechselung der angegebenen Verwandtschaft angenommen werden. Wie dem aber auch sei, durch eine gewaltsame That blieb die Verbindung unvollzogen. Walo, um sich mit Agnes zu verbinden, hatte seine frühere Gemahlin Gisela, eine Tochter des Grafen Dietrich und Schwester Milos von Ammensleben, der auf dem böhmischen Feldzuge seinen Tod gefunden hatte, 4) verstoßen. Ein naher Verwandter, Werner von Veltheim, 5) ein Vasall Heinrichs von Stade,
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1) S. Wersebe's Gauen S.80. —
2) Wie aus der oben angeführten Urkunde Lothars vom Jahre 1129 erhellt, wornach Agnes und ihr Sohn Friedrich den Kauf Friedrichs IV. an Gerhard von Lochtenen bewilligen. Das verkaufte Gut zu Abenrode bezeichnet die Urkunde: hereditatem suam (nämlich Friedrichs IV.) und in pago Hartingo sitam in Ducatu Ducis Henrici. —
3) Ann. Saxo ad 1126. pag. 661. Cum — — Agnetem sororem Heinrici Ducis de Lintburch superducere vellet. —
4) S. Ann. Saxo ad 1126. pag. 659. Der Vater Dietrich war 1120 gestorben. ib. pag. 644. —
5) Werner von Veltheim wurde später in einem Kriege gegen die Slaven bei der Belagerung von Brandenburg (1157) getödtet. Chron. Mont. Ser. ad 1157.
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32 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
und nachmals der Gemahl von dessen Wittwe, einer Schwester Albrechts des Bären, nahm sich der verlassenen Gisela an, und ermordete Walo, als derselbe sich zu einer Zusammenkunft mit Agnes nach dem Harze nahe am Bodefluß in geringer Begleitung begeben hatte. Agnes entfloh dem Rächer nur mit Lebensgefahr. 1) Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, daß auch die Sommerschenburger in der Nachbarschaft von Walos Grafschaft und vielleicht in dem vielherrigen Harzgau begütert waren. Denn bald nach Walos Ermordung zerstörte Pfalzgraf Friedrich II. die Veste desselben Derneburg, weil er sie seinen Besitzungen nachtheilig hielt. 2) Dieß geschah sicher nicht ohne des Kaisers Mitwissen und diente zur Aufrechthaltung des Landfriedens, den Walos eigenmächtige Herrschaft lange gestört, und für dessen Herstellung der Pfalzgraf vornehmlich Sorge zu tragen hatte. Ob Agnes nun eine andere Vermählung suchte, erfährt man nicht. Vorläufig hatte sie mit den unmündigen Kindern sich in den Schutz des wackern Grafen Ludwig von der Wipper 3) begeben, dessen Vorfahren schon seit der Mitte des 11. Jahrhunderts in den westlichen Gegenden des Schwabengaus die Gewalt von Gaugrafen übten.
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1) Ann. Saxo berichtet den Vorfall pag. 661. ad 1126. —
2) Ann. Saxo a. a. O. —
3) Das erhellt aus einem Diplom von 1129. Er wird oft ehrenvoll erwähnt und starb 1151. Seine Schwester Friderinde war die Mutter Walos von Veckenstedt.
(Die Fortsetzung folgt.)
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VIII.
Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen
bis zur Uebertragung der Pfalzgrafenwürde an das landgräflich thüringische Fürstenhaus,
von Dr. E. Gervais
(Fortsetzung und Schluß)
Das Fortbestehen der Pfalzgrafenwürde in Sachsen nicht wie bisher unter zwei, wenn auch nahe verwandten Häusern war eben so sehr der Wunsch des Kaisers, als der Sommerschenburgischen Grafen. Friedrich IV. von Putelendorf hatte bis zu seinem Tode den Namen Pfalzgraf geführt, und selbst nach seinem Ableben gab ihm Lothar in der Kaufsurkunde für Gerhard von Luchtenen diesen Beinamen. So lange die hinterbliebnen Söhne Heinrich und Friedrich minorenn waren, stand Friedrich II. von Sommerschenburg allen sächsischen Pfalzgütern vor. Doch auch später sollten sie ihm allein verbleiben. Denn
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96 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
kurze Zeit nach dem Vater, i. J. 1125 1) starb der älteste Putelendorfische Prinz Heinrich. Der jüngere, Friedrich, war früher dem geistlichen Stande bestimmt und in das Stift Magdeburg gegeben worden. Die Mutter suchte nun nach Heinrich's Tode im zweiten Sohn sich die Stütze des Hauses zu erhalten. Listig und ganz im Geheimen wurde er dem Kloster entzogen, und um die Fortpflanzung des Gosecker Stammes zu sichern, ward der noch nicht mannbare Friedrich mit der Tochter des Grafen Sizzo von Kefernberg 2) verlobt. Allein die Mutter und ihre Freunde bekamen es bald mit einem hartnäckigen Gegner zu thun. Der Magdeburgische Erzbischof Norbert, wegen seines streng ascetischen Lebens von Vielen hochverehrt — und nachmals kanonisirt, — wie seiner Härte und Habgier halber von Vielen gehaßt, von den Meisten aber wegen seiner unbeugsamen Consequenz des Willens und Erstrebens gefürchtet, setzte Alles daran, den Klosterflüchtling wieder nach Magdeburg zurückzubringen. Friedrich versicherte den Erzbischof heimlich seines Gehorsams und seiner wahren Neigung, ward aber durch seine Umgebungen genöthigt, öffentlich den Anforderungen Norberts sich zu widersetzen, und die Unlösbarkeit seines Verlöbnißes vorzuschützen. Lothar aber hielt den ihm treu ergebenen Friedrich von Sommerschenburg für den geeignetsten alleinigen Führer der Pfalzgrafenwürde, und schenkte der Vorstellung des Pfalzgrafen, den jungen Goseker Prinzen seiner ersten Bestimmung wieder zu geben, ein geneigtes Ohr. Er hatte sich dem Hause der Agnes gnädig bewiesen, und durfte um so mehr Nachgiebigkeit in Beziehung auf Friedrich erwarten. Ihr Bruder Walram erhielt das Herzogthum Nieder-Lothringen, das von Heinrich V. seinem Vater entrissen worden, zurück 3). Auch noch Andres mochte auf Agnes wirken; genug 1134 kehrte ihr Sohn wieder in den geistlichen Stand zurück, und ward zuletzt Bischof von Prag.
Da Friedrich bei seiner zweiten geistlichen Weihe das männliche Alter noch nicht erreicht hatte 4) und kein gleichzeitiger
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1) Vgl. den Goseker Mönch b. Hoffmann IV. 116. unterm Jahre 1126. —
2) Vgl. den Annal. Saxo a. 1062 p. 498 und p. 599. Felleri ined. monum. p. 587 und Hahn. coll. vet. monum. I, 78.: Sizzo starb 1160 nach Chron. Sampetr. Mehrmals erscheint er als Zeuge. S. Menk. III. p. 1009 und 1135 in Mant. diplom. und P. Langii Chron. Numb. ad 1151. —
3) Lib. de fund. mon. Goz. pag. 118 ad 1134. —
4) Da Friedrich IV. von Putelendorf 1116 Agnes heiratete, konnte Friedrich der zweite Sohn vor 1118 nicht geboren sein, demnach war er 1134 höchstens 16 Jahre alt.
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97 Gervais Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
Schriftsteller 1) weder seiner Vermählung mit Sizzos Tochter noch einer Scheidung erwähnt, kann man annehmen, daß Friedrich unvermählt geblieben ist. Schwieriger ist die Frage zu beantworten: wem die Gosecker Erbgüter nach Friedrichs Rücktritt zur Kirche zugefallen seien? Dem Erzstift Magdeburg konnten weder der Kaiser noch die sächsischen Fürsten einen solchen Zuwachs bewilligen, wohl aber·sorgte Norbert dafür, daß Friedrich aus der Güterabtretung gewonnene Summen dem Erzstifte mitbrachte. Die nächste Anwartschaft an das verlassene weltliche Besitzthum hatten die Sommerschenburger und die Grafen von Thüringen als Verwandte, der Kaiser als Erbe eines erledigten Reichsgutes 2). Den beiden Ersten die Gosecker Hinterlassenschaft zuzuwenden, lag in des Kaisers eignem Interesse. So mochte Friedrich von Sommerschenburg die Sächsischen Güter und was Friedrich IV. noch vom Reichsgut als Pfalzgraf an sich gebracht hatte, Ludwig von Thüringen aber die Thüringischen Besitzungen der Gosecker durch Kauf oder kaiserliche Belohnung erlangt haben. Seit 1130 war dieser Fürst, dessen Gemahlin, eine nahe Verwandte der Kaiserin Richenza, bedeutende Güter in Hessen ihm zugebracht hatte, an Stelle des entsetzten Hermann von Winzenburg zum Landgrafen erhoben 3),
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1) Erst neuere Schriftsteller, wie Leuber b. Mencken III, 1877 und die ihm folgen, geben ihm eine Tochter Sophia. Von dieser wird später die Rede sein. —
2) Vergeblich suchte ich in den Sächsischen Archiven und in Prag über die Gosecker Erbschaft etwas Zuverlässiges aufzufinden. Die Urkunden des Bischofs Friedrich von Prag, die ich durch die Güte des Böhmischen Geschichtschreibers Herrn von Palacky erhielt, enthalten nur Verhandlungen und Verträge aus der Zeit seiner bischöflichen Funktion. Auch über die Geldsendungen Friedrichs nach Sachsen, wovon die Böhmischen Schriftsteller sprechen, erhielt ich keine Bestätigung. — Daß einige Gosecker Güter von Norbert mit Friedrichs und Agnes Genehmigung dem Erzstift zugewendet seien, ist wohl zu glauben. In dem südöstlichen, unbenannten Gau der Gosecker Grafen, treffen wir später die Thüringer Landgrafen als Landesherrn; darum wird die Abtretung derselben an Ludwig wahrscheinlich. Der Sommerschenburger nächste Verwandtschaft mit dem Gosecker Hause konnte und wollte Lothar sicher nicht ignoriren. —
3) Der widerstreitenden Ansicht Wenks stehen die ausdrücklichen Angaben in Ann. Saxo. Chron. Mont. Ser. Chron. Sampetr. ad 1130. Alb. Stad ad 1144 pag. 164. Lib. de fund. Mon. Goz. pag. 116. entgegen, ebenso die Thüringischen Chroniken, die freilich die Sache sehr ausschmücken.
VI. Bd. 1. Heft 7
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98 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
Ludwigs Länderbesitz zu vermehren, waren die Thüringischen Allodien des Gosecker Hauses sehr geeignet. Ohne bedeutende Geldsummen an den Kaiser, den Erzbischof von Magdeburg, die Pfalzgräfin Agnes und ihren Sohn zu entrichten, erhielten wohl Ludwig und der Pfalzgraf Friedrich II. von Sommerschenburg, die neuen Erwerbungen nicht. Dankbarkeit für den Landesgewinn war es vielleicht, was Ludwigs Tochter Jutta, die Gemahlin des Königs Wladislav von Böhmen, bewog, Friedrich von Putelendorf nach dem Tode des berühmten Bischofs Daniel, als dessen Nachfolger nach Prag zu berufen und seine Wahl zu unterstützen (1169) 1). Die Böhmischen Chronisten nennen ihn nur schlechtweg Friedrich den Sachsen und sind ihm abhold, weil er viel Geld zusammenscharrte und seinen Anverwandten schickte. Er erreichte ein hohes Alter und starb 1179 2). Da dieser Friedrich V. von dem Kaiser mit der Pfalzgrafenwürde nie belehnt wurde, thun jüngere Schriftsteller sehr unrecht, wenn sie ihn noch den Sächsischen Pfalzgrafen beizählen 3) Hier mußte seiner Erwähnung geschehen, weil das Aussterben des Goseker Hauses mit ihm von Bedeutung für die spätern pfalzgräflichen Verhältnisse ist, und weil durch Darlegung des Erzählten sich am Deutlichsten der Irrthum derer herausstellt, die ihn zum Pfalzgrafen von Sachsen machen und eine Tochter Sophia zuschreiben. Verfolgen wir nun die Geschichte der letzten Sommerschenburgischen Pfalzgrafen, deren Haus mit dem Gosecker erlosch.
Als Conrad der Hohenstaufe, unterstützt von einigen ränkevollen Geistlichen und wenigen weltlichen Fürsten, die Heinrich’s von Baiern und Sachsen Macht beneideten oder fürchteten, dem auf Pfingsten 1138 festgesetzten Wahltage zu Mainz
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1)Annal. Bosav. und Chron. Pegav. ad 1169. Daniel war schon 1167 an der Pest in Ancona gestorben, und zuerst Gerhard zu seinem Nachfolger bestimmt, der aber vor der Ordination 1168 in Mainz starb, worauf durch Juttas Verwendung Friedrich gewählt wurde. S. Dobner pag. 192. Chron. Pulkawae ad 1170 und Chron. Anonymi ib. 48. —
2) Misc. hist. Bohuslai Balbini Dec. I. lib. VI. part·II. pag. 42 und 43. Friedr. starb am letzten Tage des Jahres 1179, weshalb die, welche das neue Jahr mit Weihnachten beginnen, den Tod unter 1180 angeben. Dobner pag. 395 ad 1179 giebt II Kal. Febr. an. —
3) So Leuber a. a. O. und Grundmann, Gesch. der Pfalzgrafen von Sachsen (Dresdner Manuscript), der doch sonst Heidenreichs Irrthümer gründlich widerlegt, hier aber dessen freilich nicht durchweg richtiger Beweisführung sich ohne allen Grund entgegenstellt.
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99 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen
vorgriff und am 22. Februar zu Coblenz zum Könige sich ausrufen und durch den päpstlichen Gesandten zu Achen krönen ließ, erhoben die Sächsischen Fürsten laute Klage, und als die Anhänger Conrads die Wahl für gesetzlich und allein gültig erklärten, als der neu erwählte Erzbischof von Mainz, Adalbert II., ein Schwager Herzog Friedrichs von Schwaben und Neffe Adalberts I., mit allem Eifer die Partei Conrads mehrte; da sammelten auch die Anhänger Heinrichs in Sachsen, von dem männlichen Geist der Kaiserin Richenza geleitet, ihre Scharen.
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Unerwartet erstand ihnen in Sachsen selbst ein gefährlicher Gegner. Albrecht der Bär, von Lothar (1132) mit der Nord-Mark belehnt, glaubte, nun sei der günstige Zeitpunkt erschienen, seine Ansprüche an das Herzogthum Sachsen, (die er von seiner Mutter Eilika, der ältern Tochter des letzten Billungen Magnus herleitete, während Heinrich von Baiern nur ein Sohn der jüngern Wulfhild war 1), geltend zu machen. Gern unterstützten die Hohenstaufen sein Beginnen, und Conrad bestätigte trotz dem Widerspruch der Sächsischen Fürsten 2) Albrechts Erhebung. Wirklich brachte dieser Anfangs mit glücklichem Erfolg, die Widersacher zum Weichen, ja bedrängte hart den Markgrafen Conrad von Meißen, den Pfalzgrafen Friedrich, Rudolf von Stade und andere Anhänger Herzog Heinrichs 3). Dieser hatte noch in Baiern seine Macht nicht gesammelt, als König Conrad, von vielen Fürsten begleitet, zu Bamberg erschien 4). Seinen Drohungen und Versprechungen fügten einstweilen sich Richenza, die sächsischen und bairischen Fürsten, ja Herzog Heinrich selbst. Als er aber erkannte, daß der König wo möglich beide Herzogthümer ihm zu nehmen trachte, da brach der verhaltene Groll in offne Kriegsflamme aus.
Auf Baiern, dessen widerspenstige Große früher von Heinrich zu ungewohntem Gehorsam gezwungen worden waren, konnte
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1) Helmold. I. cap. 35. Ann. Saxo ad 1106 und Anonymus de Guelphis nennen Wulfhild die ältere. Heinrich gründete aber seine Ansprüche nicht sowohl auf die Verwandtschaft mit den Billungen, als auf seine Vermählung mit Gertrud und war längst mit Sachsen förmlich belehnt. Wider Beide hatte Albrecht nie Ansprüche zu erheben gewagt; nun aber gestalteten die Verhältnisse sich günstiger, wenn nicht Heinrich und die Sächsischen Fürsten mit Nachdruck entgegentraten. —
2) Ann. Saxo pag. 681 ad 1138. —
3) Ann. Saxo a. a. O. —
4) Dodechini Append. ap. Pist. I. pag. 472. Später erschien Heinrich in Augsburg zur Ausgleichung mit Conrad, doch mit solcher Heeresmacht, daß der König erschreckt über Friedensbruch und Anmaßung klagte, und darin einen Vorwand suchte, Heinrich seiner Herzogthümer zu entsetzen.
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100 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
Heinrich nicht zählen. Von wenigen Treuen begleitet, entwich er nach Sachsen. Bald sammelten die, welche zu Bamberg gezwungen ihr Knie vor Conrad gebeugt hatten, sich um ihren rechtmäßigen Landesherzog 1); auch aus Baiern folgten ihm ergeben Anhänger und Vasallen in·Pilgertracht nach, und der scheinbar vernichtete Gegner, dem Baiern durch Leopold von Oestreich, Sachsen durch Albrecht den Bären entrissen werden sollte, stand wohlgerüstet da zum Kampf wider die, welche ihn zu verderben gehofft hatten. Schon zu Goslar, wo Conrad III. um Weihnachten Hof hielt, merkte dieser die veränderte Lage der Dinge. Nur wenige Fürsten waren erschienen und die Reichsangelegenheiten mußten sechs Wochen bis auf einen neuen Reichstag zu Quedlinburg ausgesetzt bleiben. Dieser erschien aber selbst gefahrdrohend für das Reichsoberhaupt, und zwar von einer Seite her, wo Conrad durch die Freundschaft mit dem Papste sich für sicher hielt. Der Erzbischof Conrad von Magdeburg 2), durch Lothar zu seiner Würde gelangt und von demselben mit vielen Wohlthaten überhäuft, hatte zwar bis dahin gegen den Hohenstaufischen König nicht offen Feindschaft gezeigt, war aber stets der Kaiserin Richenza geneigt gewesen, und trat nun, von ihr angereizt, dem Bündnisse mit Herzog Heinrich bei. Conrad III. mochte davon Nachricht erhalten haben. Zwar hatte der Erzbischof, wie die übrigen Sächsischen Fürsten, die in Goslar ausgeblieben waren, versprochen, in Quedlinburg zu erscheinen. Er kam auch, aber mit so kriegerischem Gefolge, daß Conrad dadurch erschreckt die Stadt verließ, und, nun nicht mehr zweifelhaft über die Gesinnung und Absichten der Sächsischen Fürsten, zum Sommer einen Feldzug gegen dieselben beschloß 3). Die Zwischenzeit benutzten die Verbündeten Heinrichs, den Markgrafen Albrecht aus seinen Eroberungen, wie aus seinen Erblanden zu treiben. Gleich nach Pfingsten
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1) Ann. Saxo ad 1139 pag. 681. —
2) Conrad war sehr vornehmen Geschlechts. Alb. Stad. ad 1141: Conradus ex nobilioribus Saxoniae exstitit oriundus, patre Gebehardo de Querfurth, nepote Lotharii Imperatoris , matre vero Oda noncupata, quae fuerat filia Thietmari Comitis consobrini Henrici Regis. —
3) Ann. Saxo a. a. O. und Chron. Saxo ad 1139.
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101 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
eroberten und zerstörten sie Plötzke, das Bernhard, der Sohn des Markgrafen, inne hatte 1). Nachdem auch Lüneburg Letzterm entrissen 2), war Heinrich wieder Herr seines ungeschmälerten Herzogthums, das er an der Spitze eines zahlreichen Heeres gegen den König Conrad zu vertheidigen entschlossen war. Schon lagerten beide Herren einander gegenüber, die Anhänger Heinrichs bei Kreuzberg an der Werra 3), die königliche Partei bei Hersfeld an der Fulda; da wußten die Besonnenern in Conrads Heer, vornehmlich der Erzbischof Adalbero von Trier, einen Waffenstillstand zwischen beiden Theilen zu ermitteln 4), worauf jeder in die Heimath zurückkehrte, nachdem man einen Tag zu friedlicher Ausgleichung auf Maria Reinigung zu Worms festgesetzt hatte 5).
Unterdessen hatte ein zweites sächsisches Heer, unter Anführung Rudolfs von Stade und unsres Pfalzgrafen Friedrich, den Markgrafen Albrecht im Bremischen Gebiete überwältigt 6). Der Erzbischof Adalbert von Bremen, war nach Rom gereist. Gleichwohl verschonten Rudolf und Friedrich sein Gebiet nicht, plünderten und zerstörten es, und zwangen Albrecht wieder hinter seinen eignen Mauern Schutz zu suchen, bis die hartnäckigen Gegner auch dort ihn aufsuchten und vertrieben. Aber vor Ablauf des Waffenstillstandes im J. 1139, starb plötzlich Herzog Heinrich zu Quedlinburg, was bei Vielen den Verdacht einer Vergiftung erregte 7).
Nichts desto weniger setzten Heinrichs Anhänger zum
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1) Chron. Mont. Ser. ad 1139. Ann. Saxo p. 682. —
2) Alb. Stad. ad 1139. Vergl. Chron. Sclavor. Helm. I. cap. 56. —
3) Ann. Saxo pag. 682. apud Erneburck statt Creuceburk, wie Helmold I. cap. 56. Chron. Regia S. Pantaleon pag. 431 u. A. haben. Die Annal. Bosav. setzen die Begebenheit fälschlich nach Heinrichs Tode. Ebenso Chron. Samp. ad 1139. Nach Alb. Stad. war auch der Böhmenherzog im königl. Heere. —
4) Ann. Saxo pag. 682. legt den Bischöfen überhaupt das Verdienst bei, die Gesta Arch. Trev. in Martene coll IV. p. 200. dem Erzbischof Adalbert. —
5) Ann. Saxo a. a. O. Alb. Stad. ad 1139. Vergl. Helm. I. 52. —
6) In diese Zeit setzt Alb. Stad. ad 1139. ausdrücklich den Zug gegen Bremen. —
7) Heinrichs Tod melden ohne weitere Verdächtigung Helm. I. cap. 52. Alb. Stad., Chron. Mont. Ser. Chron. monast. Weingartensis ad 1139. Chron. Ursp. pag. 293. Otto Fris. Chron. VII. cap. 25. Ann. Saxo und nach ihm die Chron. Regia S. Pantal. sprechen von dem Gerücht, daß er vergiftet sei.
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102 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
Schutze seines 10jährigen Sohnes eifrig den Kampf fort. Albrecht, der nach dem Tode Heinrichs keinen bedeutenden Widerstand mehr erwartete, schrieb einen Landtag nach Bremen aus 1), um sich zum Herzoge von Sachsen ausrufen zu lassen. Kaum entging er den ihn umringenden Feinden, sah seine Vesten Gröningen, Gobelenz, Withecke und sogar sein Stammschloß Anhalt zerstören 2) und mußte endlich zu K. Conrad seine Zuflucht nehmen (1140). Vergeblich suchte dieser durch Vorladungen und Unterhandlungen die Sächsischen Fürsten in ihrer Treue gegen den unmündigen Heinrich — nachmals der Löwe benannt — wankend zu machen; weder zu Worms noch zu Frankfurt (1140) 3) erschienen sie. Auch nützte es Conrad wenig, daß seine Anhänger bei Weinsberg (am 21. December) einen Sieg über Herzog Wolf, den Vertheidiger seines Neffen in Baiern davon trug, da die Macht der Gegen-Partei dadurch nicht einmal in Baiern gebrochen war, und des Königs Thätigkeit an andern Orten gefordert wurde. Auf eine friedliche Ausgleichung mit den Sachsen mußte Letztrer um so ernstlicher bedacht sein, als sein Hauptverbündeter Albrecht von den Gegnern fast all seiner Länder und Burgen beraubt, und selbst die Neumark von Rudolf von Stade eingenommen war 4). Erleichtert wurde die Ausgleichung durch manche wichtige Todesfälle auf beiden Theilen. Einerseits starb Eilika, Albrechts Mutter, die in die Sächsischen Fehden sich gemischt, und nur mit Feuer und Schwerdt aus ihrer Veste Bernburg vertrieben werden konnte 5). Von Welfischer Seite starben bald nach einander , die Kaiserin Richenza, die Seele der verbündeten Fürsten, der Erzbischof Conrad von Mainz 6), welcher die auf dem Reichstage zu Regensburg (am 25. Mai 1141) in friedlicher Absicht erschienenen Sächsischen Fürsten
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1) Ann. Saxo a. a. O. —
2) So nach Ann. Bos. Ad 1140. Annal. Saxo, Alb. Cranz. ad e. a. Liber de fund. coenobii Bigaug. pag. 125. Chron. Mont. Ser. ad 1140. —
3) Alb. Stad. ad 1140. —
4) Alb. Stad. a. a. O. —
5) Ann. Saxo ad 1138 pag. 681. —
6) Eilika starb 1141 nach Alb. Stad. (Chron. Mont. Ser. und Chron. Saxo haben 1142). Richenza starb 1141 nach Alb. Stad. Annal. Bosav. Chron. Saxo, Chron. Mont. Ser. Schon 1140 nach lib. de fund. coen. Big. Der Tod Conrads von Magdeburg erfolgte 1141 nach Alb. Stad. und Chron. Bothonis, 1142 nach Chron. Mont. Ser. und Chron. Saxo. — Adalbert von Mainz starb 1141 nach Chron. Mont. Ser., Dodechin pag. 473. Chron. Sampetr. ad 1141.·
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103 Gervais, Geschichte der Psalzgrafen von Sachsen.
abermals gegen den König aufreizte 1). Eine Verbindung zwischen der noch jungen Gertrud und Heinrich Jasomirgott von Oestreich, dem das Herzogthum Baiern zugesprochen war, hielt Conrad für geeignet die Gegner zu·beschwichtigen, und sich selbst zugleich ehrenvoll aus der schwierigen Lager ziehen. Zu Frankfurt (10. Mai 1142) erhielt der junge Heinrich das Herzogthum Sachsen wieder, womit dieser und die Sächsischen Verbündeten einstweilen zufrieden gestellt waren 2), obschon der Oheim des Herzogs Welf hartnäckig auf der Zurückgabe Baierns bestehen wollte. Der König selbst feierte auf seine Kosten 14 Tage hindurch die Hochzeit Gertruds und seines Stiefbruders Heinrich Jasomirgott 3). Schon vorher hatten sich die sächsischen Fürsten mit Albrecht versöhnt, ihm seine Schlösser, seine Grafschaft und die Nordmark wiedergegeben 4), welche Conrad, um ihn für das Herzogthum Sachsen zu entschädigen, noch durch die Brandenburger Mark erweiterte, und seine ganze Herrschaft, die früher vom Herzog abhängig gewesen, als unmittelbares Reichslehn ihm übertrug. Um die sächsischen Fürsten ganz zu versöhnen, kam der König im Jahre 1143 nach Sachsen 5), ordnete und schlichtete alle noch obwaltenden Händel, und ward nun erst auch in Sachsen als König anerkannt. —
An diesen Kämpfen der Hohenstaufen und Welfen hatte der Pfalzgraf Friedrich von Sommerschenburg den thätigsten Antheil genommen, und bis z. J. 1142 entschieden auf der Seite der Letztern gestanden. Nachdem Conrad zur Zufriedenheit aller Fürsten den Streit vermittelt hatte, änderte sich das Verhalten des Pfalzgrafen; er trat nun, seiner amtlichen Stellung gemäß, und wohl gleich Conrad seinen Vortheil gewahrend, mit Letzterem in ein enges Verhältniß, während das zu dem jungen Heinrich sich bald loser, ja sogar feindlich gestaltete.
Dazu gaben Händel wegen Stade den ersten Anlaß (1144). Diese Grafschaft war seit den Zeiten Udos I. ein Lehn des Erzbisthums Bremen gewesen 6), und von den Grafen von Stade zu Lehn genommen, obschon diese ein Erbrecht daran zu
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1) Dodechin ad 1141. —
2) Chron. Samp. Annal. Bosav und Dodechin ad 1142. —
3) Chron. S. Pantal. pag. 931. —
4) Alb. Stad. ad 1141. —
5) Alb. Stad. ad 1143. und die Annal. Bosav. berichten es aber schon z. J. 1142. —
6) Wie dieß geschehen, ist freilich dunkel. Vgl. Alb. Stad. ad 1144. und nach ihm Lindenbruch hist. Archiep. Brem. pag. 54.
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haben glaubten. Ob die Nachfolger aus Udos Hause irgend welche Verbindlichkeiten und Dienstleistungen an das Erzstift gehabt, wird nicht berichtet. Wohl aber mußte Friedrich der Engländer, welcher von Udo II. die Grafschaft bis zur Volljährigkeit von dessen Sohne Heinrich zu verwalten berechtigt war, als er nach dem Tode des rechtmäßigen Erben Stade ferner in seinem Besitz behielt, dieses Recht durch Geld vom Erzbischof Adalbert erkaufen und sich zum abhängigen Lehnsmann des Erzstifts machen 1). Hatte dieser Friedrich schon als Verwalter von Stade während der Minderjährigkeit Heinrichs den Oheim des Letztern, Rudolf, erzürnt, so daß aus Beider Zwist im Jahre 1111 ein Kriegsgewitter über ganz Sachsen sich zusammenzog, und der erste Anlaß zu den Kriegen Heinrichs I. wider die Sächsischen Fürsten gegeben wurde, so mußte die förmliche Belehnung Friedrichs mit dem Erbe des Udonischen Hauses die Söhne des Markgrafen Rudolf noch mehr erbittern. Es ist darum wahrscheinlich , daß Graf Rudolf der Jüngere ebenso sehr diesen alten Haß gegen Adalbert als die neue Feindschaft wider Markgraf Albrecht den Bären ausübte, als er in Gemeinschaft mit seinem Schwager Friedrich von Sommerschenburg 1139 die Stadt Bremen zerstörte und ihr Gebiet verheerte. Bald aber gestalteten sich die Verhältnisse zwischen dem Erzstifte und dem Udonischen Hause friedlicher. Als Rudolf II. 1144 von den Ditmarsen erschlagen ward 2), und gleich dem vor ihm gestorbenen Bruder Udo keine männlichen Erben hinterließ 3), war nur noch ein Sprößling des Stadischen Hauses, der jüngste Sohn Rudolfs I., Hartwich, am Leben. Dieser, früh dem geistlichen Stande bestimmt, war beim Ableben seiner Brüder erster Propst des Stiftes Bremen. Um das Erbe seiner Familie zu gewinnen, versprach er, dem Erzstift die Hinterlassenschaft Rudolfs zuzuwenden, wenn dasselbe ihn auf Lebenszeit mit der Bremer Grafschaft, worunter unfehlbar die Grafschaft Stade einbegriffen war, belohne. Gern war Erzbischof Adalbert dazu bereit; denn das Bremer Stift hielt sich nun für den rechtmäßigen Erben der Vorfahren des Propstes Hartwich in Stade wie in mehrern
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1) Lindenbruch hist. Arch. Brem. pag. 50. —
2) Alb. Stad. ad 1144. pag. 163. Chron. Saxo ad 1144. und Lindenbruch hist. Arch. Brem. Pag. 52. Annal. Bosav. ad 1144. und Wolteri Chron. Brem. apud Meibom II. pag. 50. —
3) Alb. Stad. a. a. O.
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kleinern Besitzungen, die seit Udo I. mit der Grafschaft verbunden und von Udo und dessen Nachkommen als Erbgüter angesehen waren 1).
Aber der junge Herzog Heinrich von Sachsen behauptete, der Erzbischof Adalbert habe seiner Mutter Gertrud versprochen, die Grafschaft Stade nach Rudolfs II. Tode ihm zu übertragen 2). War diese Behauptung gegründet, so folgt daraus erstlich, daß Rudolf der Jüngere die Grafschaft Stade als Lehn von Bremen besessen habe. Ob dieses unmittelbar nach Friedrichs des Engländers Tode (1135) statt gefunden, oder erst im Jahre 1142, wo etwa Rudolf für die wieder an Albrecht den Bären zurückgegebene Nord-Mark durch das alte Erblehn seiner Familie mit Bewilligung des Königs entschädigt sein mag, ist schwer zu entscheiden, doch aus dem feindlichen Verfahren Rudolfs gegen Bremen (1139) fast die später erfolgte Belehnung zu vermuthen. Dann entsteht aber die Frage, wer von 1135 bis 1142 die Grafschaft besessen? Darf man der Nachricht eines spätern Chronisten, des Johannes Otho 3), Glauben beimessen, so belehnte Kaiser Lothar, nach Friedrichs Tode Stade als erledigtes Reichslehn betrachtend, damit seinen Schwiegersohn, den Herzog Heinrich, vielleicht mit bereitwilliger Beistimmung des Erzbischofs, der absichtlich das ihm feindliche Haus der Udonen überging, und gegen dasselbe durch zwei mächtige Vertheidiger,
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1) Der Art waren die Erbschaften der Gräfin Ida und des Grafen Friedrich aus England. Lindenbruch pag. 48. Dreimal verheirathet hatte sie eine ansehnliche Nachkommenschaft. Als einer ihrer Söhne, Ecbert, von Udo I. erschlagen wurde, erhob sie anfangs heftige Klagen über den Mörder, sühnte sich später mit ihm aus und setzte ihn sogar an Kindes Statt zum Erben ein. Udo bestellte schon zu seinen Lebzeiten Friedrich den Engländer zum Verwalter von Stade und der Idaschen Erbschaft (S. Alb. Stad. pag. 153b.). Weil Friedrich sammt seiner Mutter und Großmutter durch Schiffbruch an die Bremer Küste geworfen wurden, erklärte ihn Erzbischof Friedrich, auf Herzog Lothars Rath, nach altem Landesrecht für seinen Leibeigenen. Somit gehörte auch Alles, was Friedrich besaß, dem Erzstift. Der Kaiser Lothar dachte aber anders als der Herzog Lothar. Nicht nur, daß er 600 Mark Silber, die Friedrich dem Kloster Harzfeld vermacht hatte, an sich brachte, sondern auch die Besitzungen Friedrichs zog er wahrscheinlich 1136 ein, und belieh mit letztern seinen Schwiegersohn. S. Friedrichs Schicksal und Anfeindungen durch das Udonische Haus bey Alb. Stad. a. a. O. —
2) Alb. Stad. pag. 163b. —
3) Catalogus Episc. et Archiep. Bremens. apud Menk. III. pag. 788. Alb. Stad. ad 1136.
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106 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
wie der Kaiser und Herzog, geschützt zu sein hoffte. Wider solche Macht anzukämpfen waren allerdings die Söhne Rudolfs I. zu schwach. Als 1139 der Krieg zwischen Heinrich und dem Könige Conrad ausbrach, suchten Erstrer und die Kaiserin Richenza so viele Anhänger als möglich in Sachsen an sich zu ziehn. Graf Rudolf und sein Schwager, der Pfalzgraf Friedrich, gehörten zu den bedeutendsten Fürsten des Landes. Da war es, um sie zu gewinnen, kluge Großmuth, Rudolf die Grafschaft Stade zurückzustellen, doch mit der Bedingung, daß nach Rudolfs Tode sie an Heinrich oder seine Nachkommen zurückfallen müsse. Von Erzbischof Adalbert, der überdies abwesend war, holte man schwerlich eine Bestätigung des Vertrages ein, und Rudolfs feindliches Verfahren gegen Bremen beweist, wie wenig jener alte Haß des Grafen wider den Erzbischof versöhnt war. Natürlich aber erscheint es, daß 1142, als der allgemeine Wunsch nach Frieden von König Conrad wie von den Sächsischen Fürsten ausgesprochen wurde, Adalbert von Bremen demselben ein Opfer brachte, das gleichfalls nur in Versöhnlichkeit bestand, daß er 1143 1) die Belehnung mit Stade an Rudolf ertheilte, indeß zugleich der Wittwe Heinrichs das Versprechen, das früher Rudolf gegeben, erneute, nach des Grafen Tod keinem Andren als ihrem damals noch unmündigen Sohne Heinrich die Grafschaft zu übertragen. Dieser Zusage vergaß nun der Erzbischof, als Hartwich mit der versprochenen Vergrößerung der Erzdiöcese ihn gewann 2).
Allerdings lag eine Unregelmäßigkeit darin, daß ein Geistlicher Lehne erhielt, die bisher nur von weltlichen Fürsten verwaltet worden waren; doch ohne Beispiel war dies damals nicht mehr, und eine Folge der Zwietracht und Fahrlässigkeit der weltlichen Fürsten, während die Geistlichen eifrig jeder Sekularisirung entgegentraten. — Der König, der bei der Stadischen Angelegenheit nicht theilnahmlos blieb, wußte nur einen Ausweg, der minder anstößig war. Er gestattete die Belehnung Hartwichs, übertrug jedoch dessen Schwager Friedrich von Sommerschenburg als Genossen in der Verwaltung, das Banner, das Abzeichen der weltlichen Herrschaft im Kriege 3).
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1) S. Harsefeldische Chronik in Vogt monum. ined. I. pag. 128. —
2) Alb. Stad. pag. 163a. Lindenbruch hist. Arch. Brem. pag. 52. Wolteri Chron. Brem. apud Meib. II. pag. 50. —
3) Alb. Stad ad 1144. Wolter Chron. Brem. a. a. O.
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Als nun aber auch Heinrich der Löwe bei Hofe seine Ansprüche geltend machte und heftig über des Erzbischofs Wortbrüchigkeit sich beschwerte, bestimmte Conrad einen Schiedsgerichtstag zu Ramelsloh (1145), auf welchem der Erzbischof und der Herzog selbst den Vorsitz hatten, der Propst Hartwich und der Pfalzgraf Friedrich die Streitfrage vorlegten, und der Bischof Ditmar von Verden, der Markgraf Albrecht, der Graf Hermann von Winzenburg und dessen Bruder, der Graf Heinrich von Dassel, und viele Edle und Ritter als Beisitzer und Zuhörer gegenwärtig waren. Wer aber sollte da entscheiden? Und was konnte aus dem Hin- und Herreden, aus der Darlegung der beiderseitigen Rechtsansprüche erfolgen? Unfehlbar nur das, was wirklich geschah. Anstatt sich zu einigen, entzweite man sich heftig, schritt von Worten zu Thaten, und da die Mannen Heinrichs an Stärke überlegen waren, führten sie den Erzbischof und Propst gefangen nach Lüneburg fort 1), was weder der Pfalzgraf Friedrich, noch der Markgraf Albrecht, noch einer der übrigen anwesenden Fürsten ohne eigne Gefahr zu wehren vermochten. Nun wenigstens hätte man von dem Reichsoberhaupte ein nachdrückliches Verfahren erwartet. Allein Conrad war froh, die Welfen mit sich versöhnt zu haben. Nur die eigne Standhaftigkeit half der Noth der Gefangenen ab. Der Erzbischof verweigerte hartnäckig, an Heinrich das Geringste abzutreten. Heinrich, oder mehr noch dessen Vormünder entließen freiwillig den Erzbischof Adalbert der Haft. Nun wandte sich aber der ganze Zorn der Dienstmannen des Herzogs auf den Propst Hartwich. Herman von Luchov, dessen Verwahrsam der Gefangene übergeben war, konnte denselben vor den Zornigen nicht mehr schützen, und ließ ihn zu Markgraf Albrecht abführen, der ihm sofort die Freiheit gab, und sicher nach Bremen schaffte 2). Heinrich erhielt endlich durch
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1) Alb. Stad. a. a. O. —
2) Mehrere Chronisten der folgenden Jahrhunderte lassen irrthümlich Heinrich jetzt schon in den Besitz von Stade gelangen, z. B. Anonymi Saxonis hist. imperat. apud Menk. III. pag. 107. Bei dem Berichte des Chron. Mont. Ser. ad 1156, also schon unter Hartwichs Episkopat, Heinricus Dux habita cum Bremensi Episcopo discordia urbes et beneficia, quae voluit, ab eo extorsit, darf nicht übersehen werden, daß es auf Geheiß Kaiser Friedrichs zur Strafe für Hartwichs Wegbleiben vom Römerzuge geschah, und daß ein vorübergehender Gewinn kein bleibender Erwerb für Heinrich war. Auch Stade wurde diesem zurückgegeben. Warum Böttiger S. 93. Anm. 104. die Stadischen Händel von 1144 und 45 schwierig und dunkel nennt, begreife ich nicht. Er hätte nicht erst bei Wersebe (Niederländ. Kolonien I. S. 272. nota 68.) Auskunft suchen dürfen, vielmehr verwirrt dieser die Sache, weil er die Zeiten nicht gehörig scheidet und Dinge hineinzieht, die nicht hingehören. Aus den von mir benützten Quellen stellt sich der Streit von 1145 und dessen Ausgang sehr einfach und völlig klar heraus. Die späteren, oft wiederkehrenden Händel mit dem Erzbisthum, welche bald Heinrich bald Hartwich in dem Besitz von Stade zeigen, gehören nicht in unsre Untersuchung. Vergl. darüber Böttiger Heinrich der Löwe Anmerk. 284. —
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108 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
seine Uebermacht und Hartnäckigkeit den Sieg, den er zwar unter Adalbert und Hartwich nie vollständig und auf die Dauer erringen konnte. Erst Balduin, der Nachfolger Hartwichs, verzichtete freiwillig zu Gunsten Heinrichs auf die Grafschaft Stade 1).
Dieser Händel mußte hier wegen des Antheils Erwähnung geschehen , den Pfalzgraf Friedrich II. von Sommerschenburg 1144 an der Verwaltung in der Grafschaft Stade und 1145 an der Verhandlung zu Ramelsloh auf König Conrads Verfügung nahm. Es geht daraus hervor, daß Friedrich in jenen Jahren dem Könige wie dem Propste Hartwich nahe gestanden, und seine pfalzgräfliche Würde eine Bedeutsamkeit bei jenen Vorfällen erhielt, da er zugleich, das Reichsoberhaupt dabei vertrat. Nach der Rückkehr Adalberts und Hartwichs aus der Haft, findet sich keine Spur mehr, daß Friedrich an der Verwaltung von Stade einen Antheil gehabt, und wie bis 1145 dem Könige, so steht in den folgenden Jahren der Pfalzgraf wieder dem Herzoge von Sachsen näher. Daraus darf man nicht sowohl auf einen Bruch mit Conrad III. schließen, als vielmehr auf eine Kraftlosigkeit des kaiserlichen Ansehens in Sachsen. Kräftig war allein des Herzogs Ansehn in Sachsen, und Heinrich der Löwe war schon damals bemüht, sich den Pfalzgrafen zum ergebenen Freunde zu machen, ja ihn in eine gewisse Abhängigkeit zu bringen, ein Bestreben, das er später auf alle Sächsischen Fürsten ausdehnte, wozu bis zum Jahre 1175 Kaiser Friedrich Barbarossa ihm selbst die Hand bot, das aber bei den beeinträchtigten Fürsten Erbitterung und offne
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1) Joh. Othonis catal. a. a. O. Balduin (vgl. Wolter b. Meibom II, 53), Propst in Halberstadt, wurde von Heinrich zum Hauskaplan erwählt; als ihn aber das Bremer Kapitel und Friedrich Barbarossa zum Erzbischof verlangten, war auch Heinrich dies erwünscht. Vgl. auch Otho pag.789.
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109 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
Feindschaft hervorrief und endlich der Hebel zu Heinrichs Sturze wurde 1).
Bei dem fast ununterbrochen feindlichen Verhältniß zwischen Heinrich und Hartwich, mußte eine Annäherung Friedrichs an Erstern ein Entfremden von Letzterm zur Folge haben. Ein Anlaß hiezu scheint in einer Auflösung früherer verwandtschaftlicher Bande gelegen zu haben. Friedrich II. von Sommerschenburg war mit Lutgardis, Rudolf des Aeltern von Stade Tochter und Schwester Hartwichs, vermählt, die ihm bereits einen männlichen Erben Adalbert und eine Tochter Adelheid geboren 2). Da ihre Mutter Richardis, eine Tochter des Burggrafen Hermann von Magdeburg 3), eine reiche Erbin genannt wird 4), so brachte sie sicher dem Gemahl eine reiche Mitgift, und wurde darum hauptsächlich schon von Friedrichs Vater für ihn gewählt. Ihre Ehe mit Friedrich scheint nicht die glücklichste gewesen zu sein. Unter dem Vorwande zu naher Verwandschaft, welche indeß kaum nach den strengsten Gesetzen der Kirche unzulässig erscheint, da Friedrichs Vorfahr im dritten, der Lutgardis im vierten Gliede aufwärts Brüder waren, wurden sie um die Zeit der Händel wegen der Grafschaft Stade geschieden, worauf Lutgardis noch zweimal sich vermählte, zuerst mit Erich, dem Lamme, Könige von Dänemark, sodann mit dem Grafen Hermann von Winzenburg, mit welchem zugleich sie im Jahre 1152 ermordet wurde 5). Ob Friedrich II. noch einmal sich verheirathete, wird von keinem Schriftsteller berichtet, ist aber mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen.
Die Scheidung von der Lutgardis war wohl Veranlassung, daß Friedrich von Hartwich sich mehr entfernte und später
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1) Vgl. meine Abhandlung: „Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die deutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander“ in den neuen Jahrbüchern für Geschichte und Politik. 1839.
2) Annal. Saxo pag. 655. —
3) Ann. Saxo a. a. O. und Chron. Saxo ad 1162. —
4) Alb. Stad. pag. 164. b. Rudolfus duxit Richardim de Franconia cum multa hereditate. Daß sie keine Frankin war, folgt aus der vorigen Anmerkung, und Scheids Conjektur in: „Hanöverische nützliche Sammlung“ 1757, pag. 1131 nota n. für de Franconia de Frankenleve zu lesen, wird dadurch bestärkt, daß ihr Sohn Udo meist so zubenannt wird. Es ist Schloß Frekleben bei Sandersleben. Vergl. Wersebe, Niederländische Kolonien I. 265. Anmerk. 63. —
5) Alb. Stad. 165· Lutgardis separata a Palatino nupsit Herico, qui dicebatur Lam, regi Danorum. — Saxo Gramm. lib. 14. p. 252. ed. Steph. — Chron. mont. ser. ad 1152. — Chron. Saxo ad 1153 (statt 1152) u. a. m.
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110 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
an der Verwaltung der Bremischen Lehngüter keinen Antheil nahm. Eine natürliche Folge hievon war wiederum, daß der Kaiser, welcher die Bremischen Geistlichen gegen Heinrich begünstigte, gegen Friedrich erkaltete, und der Herzog den Pfalzgrafen an sich zu fesseln suchte. Durch kluge Mäßigung, Wachsamkeit und Sorgfalt für die Provinz 1) wußte indeß Conrad bei aller Machtlosigkeit während seiner ganzen Regierung die sächsischen Fürsten von offnem Widerspruch abzuhalten, so daß auch der Tod der Gertrud das äußerlich friedliche Vernehmen mit ihnen nicht löste, und der Haß zwischen den beiden Heinrichen von Oestreich und Sachsen, Stiefvater und Stiefsohn in Schranken gehalten wurde.
Was die Ruhe in Deutschland noch förderte, und die Fürsten für ein gemeinsam zu erstrebendes Ziel in Einigkeit oder doch in Verträglichkeit erhielt, war die Begeisterung, welche von Rom her und ganz besonders durch den Abt Bernhard von Clairvaux für die feste Begründung des christlichen Glaubens unter den Heiden angeregt wurde. Der Kaiser Conrad, König Ludwig von Frankreich, fast alle Prälaten, Herzoge, Fürsten und Grafen, sammt einer zahlreichen Menge niedrer Krieger nahmen das Kreuz, und zogen (1147) in drei großen Heeresmassen, die Einen wider die Sarazenen des Morgenlandes, die Andern wider die Mauren in Portugal, die Dritten gegen die Slaven in Holstein, Meklenburg und Pommern. An dem Kreuzzuge wider die Slaven nahmen außer andren Sächsischen geistlichen und weltlichen Fürsten auch Adalbert von Bremen, der Propst und Herr von Stade Hartwich, der Herzog Heinrich und Pfalzgraf Friedrich Antheil 2). Gleich nach Beendigung des Kreuzzuges, noch im Jahr 1147, beschenkte Friedrich II. das Lorenz-Kloster bei Schöningen mit mehrern Hufen Landes in Watenstedt 3). Mit vielen Aebten und geistlichen Fürsten wohnte er 1148 einer Synode zu Halberstadt bei, um über das Wohl der Kirchen und Klöster in der Halberstädischen
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1) So hielt er 1146 eine gemeinschaftliche Berathung mit den Sächsischen Fürsten. Alb. Stad. pag. 165. Wie er und Heinrich damals in Verträglichkeit mit Hartwich lebten, beweist eine Urkunde von 1145, in Gerken codex diplom. Brandenburg. II. pag. 341 ff. Vergl. Chron. Saxo ad 1145. —
2) Chron. Mont. Ser. ad 1147. Chron. Saxo ad 1148. (pro 1147.) Helm. I. cap. 62. Alb. Stad. pag. 165b. u. a. —
3) Meibom Chron. Marienth. pag. 249.
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111 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
Diöces Berathung zu halten. Als der Bischof Ulrich von Halberstadt und Eberhard der Abt des Klosters St. Ludgers einen Tausch gewisser Ländereien beabsichtigten (1150), waren bei der Verhandlung hierüber zu Supplingenburg der Landesherzog und der Landepfalzgraf und bestallte Schirmvogt des Klosters Friedrich zugegen. Wie sehr ihm dieses Kloster am Herzen lag , beweist der Eifer, mit welchem er schon im Jahre 1145 bei Errichtung eines Krankenhauses der Abt Lambert von Werden unterstützte 1). Gleichwohl war es Friedrich vorbehalten, mit einem der angesehensten Geistlichen, in den heftigsten Streit verwirkelt zu werden.
Der Abt Wigbold von Corvey und Stablo stand wegen vielfach geleisteter Dienste bei Conrad III. und noch mehr bei dessen Nachfolger Friedrich Barbarossa in der höchsten Gunst 2), und wußte durch dieselbe seinen Klöstern und den zugehörigen Kirchen und Stiftungen sehr große Besitzungen zuzuwenden. Auch bei den Päpsten Anastasius und Hadrian genoß er ein unumschränktes Vertrauen 3). Auf ähnliche Weise wie an den Bischof von Osnabrück 4) machte Wigbold an Friedrich II. von Sommerschenburg verjährte Ansprüche. Wigbold klagte 1154 5), daß ihm der Pfalzgraf die Besitzung Hienstedt entzogen, die Dienstmannen des Klosters daraus verjagt, und die Unterthanen desselben feindlich behandelt habe. Dieselbe Beschwerde führte der Abt vor den päbstlichen Legaten in Deutschland. Sie und der Kaiser waren bemüht, die Gewaltthätigkeiten des Pfalzgrafen zu ahnden. Bei Verlust der kaiserlichen Gnade gebot ihm Friedrich, das vorenthaltne Klostergut dem Abt herauszugeben und dessen Unterthanen nicht ferner zu belästigen. Da aber den Kaiser bald darauf wichtige Angelegenheiten ganz in Anspruch nahmen, so glückte es Friedrich von Sommerschenburg sich dem weltlichen Arm des Reichsoberhauptes zu entziehen. Wigbold aber ließ nicht nach, bei den päpstlichen Legaten seine Klagen zu erneuen. Diese wandten sich an Bischof Ulrich von Halberstadt. Friedrich, weil er sich im
1) Meibom a. a. O. —
2) S. Martene et Durand collectio amplissima veter. script. et monum. II. 602. 604. 605. 613. Annal. Corbejens. apud Leibn. II, 308. —
3) S. in der Collectio von Martene et Durand p. 589. 590. 592 und 597 u. ö. —
4) S. über diesen Streit die Coll. Mart. Pag. 578 ff. —
5) Coll. II. Pag. 7.
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112 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
Rechte glaubte, und über des Bischofs Einmischung in Zorn gerieth, verachtete nicht nur dessen Mahnungen und Drohungen, sondern erlaubte sich auch, wider ihn seine weltliche Macht zu gebrauchen. Da schleuderte Ulrich den Bannstrahl gegen den vermeßnen Kirchenschänder, wie er ihn nannte 1). Friedrich gab nun gewiß das Kirchengut an Corvey zurück , doch nahm ers später wohl wieder, als die Verhältnisse in Sachsen und im Reiche sich für ihn günstiger gestalteten. Der Kaiser zog am·Ende des Jahres 1154 nach Italien, von wo er erst nach einem Jahre nach Deutschland zurückkehrte, und vor 1156 Sachsen nicht betrat.
Seinen Gegner Wigbold hielten vom Jahre 1156 bis zu seinem Tode die Aufträge des Kaisers in Griechenland entfernt, und Bischof Ulrich zog 1158 nach dem gelobten Lande 2), ward, nach seiner Rückkehr wegen seiner Hartnäckigkeit gegen Papst Alexander III. entsetzt und sah vor 1177 seine Diöces nicht wieder. Den Kaiser fesselte vom August 1158 bis Ende Oktober 1162 abermals der blutige und gefährliche Kampf gegen die Lombarden in Italien. Da verschmähte Friedrich von Sommerschenburg die günstige Gelegenheit nicht, zu dem früher Besessenen wieder zu gelangen und Ulrichs Bannstrahl erfolglos und vergessen zu machen.
Wie Friedrich II.·als Pfalzgraf und Vogt vieler geistlichen Stiftungen heilsam fortwirkte, wird bei der Menge größerer und glänzenderer Ereignisse unter Friedrich Barbarossas Regierung von den Chronisten ungemeldet gelassen, darf aber aus seinem frühern Leben geschlossen werden. Angemerkt findet sich nur noch das Jahr seines in hohem Alter erfolgten Todes, 1162 XIV. Kal. Junii 3). Zu seiner Ruhestätte hatte er bei Lebzeiten schon die Stiftung Marienthal bestimmt, wo im innern Theile des Chors noch Jahrhunderte später ein Leichenstein mit seinem Bildniß und einer ehrenden Aufschrift seine irdischen Ueberreste deckte 4). Ein späterer Geschichtschreiber, der aber aus alten Quellen schöpfte, nennt ihn einen Fürsten durch allgemeines Lob der Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Tapferkeit im Kriege, und Milde im Umgange ausgezeichnet. Seine Gestalt war hoch, und zeigte von innerem Adel und äußerer Würde. Sein
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1) Coll. Martene et Durand II. pag. 573. —
2) Chron. Mont. Ser. ad 1158. —
3) Chron. Mont. Ser. ad 1162 und Chron. Marienthal. bei Meib. III. —
4) Chron. Marienthal. a. a. O.
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113 Gervais, Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
Sohn Adalbert vermachte, um das Gedächtniß des Vaters zu ehren und zu dessen Seelenheile dem Kloster zwei Hufen Landes.“
Quelle:
Gervais: Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen.
in „Neue Mittheilungen aus dem Gebiet historisch-antiquarischer Forschungen.
Im Namen des mit der Königl. Universität Halle-Wittenberg verbundenen Thüringisch-Sächsischen Vereins für die Erforschung des vaterländischen Alterthums und Erhaltung seiner Denkmale
herausgegeben von K. Ed. Förstemann“
5. Band (1841) Heft IV S. 21 bis 32 sowie 6. Band (1843) Heft I S. 95 bis 113
zitiert aus Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB)
http://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jpvolume_00132516
http://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jpvolume_00132601
Für Interessenten: Die gesamte Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen bis zur Vereinigung des Pfalzgrafentums mit der Landgrafschaft Thüringen findet sich in folgenden Ausgaben o.g. Zeitschrift:
4. Band Heft 3, S. 1 bis 51
4. Band Heft 4, S. 1 bis 49
5. Band Heft 1, S. 1 bis 48
5. Band Heft 2, S. 1 bis 40
5. Band Heft 3, S. 1 bis 40
5. Band Heft 4, S. 1 bis 32
6. Band Heft 1, S. 95 bis 124

Der Pfalzgraf Friedrich II. von Sommerschenburg stiftete das Kloster Marienthal.  Nach Meibom befand sich im unteren Teil des Chores eine Grabplatte. Sie trug eine bartlose Darstellung des Verstorbenen in Rüstung und eine Inschrift.

Inschrift nach Meibom:
Felix sit, Christe, coeli cum civibus iste
Vallis fundator Mariae, virtutis amator,
prudens, magnificus, fidusque comes Fridericus.

Übersetzung:
Christus, glückselig möge dieser Gründer des Klosters Marienthal mit den Bewohnern des Himmels sein, ein Freund der Tugend, der kluge, hochherzige und treue Graf Friedrich.

Quelle: P. J. Meier: Die Bau und Kunstdenkmäler des Kreises Helmstedt. Wolfenbüttel Zwissler 1896 S. 141
sowie Deutsche Inschriften online inschriften.net DIO 4: Kloster Marienthal


Bischof Reinhard von Halberstadt benannte Friedrich II. von Sommerschenburg lt. Chron. Marienthal 1121 zum Schirmvogt des Klosters St. Laurentius (Schöningen). Außerdem führte er die Advokatie über das Stift in Quedlinburg und St. Ludgeri zu Helmstedt.

Das Benediktinerkloster St. Ludgeri zu Helmstedt besitzt ein interessantes Kleinod - einen in Fragmenten erhaltenen Gipsfußboden von ca. 1150 (nach P. J. Meier) mit einer Darstellung der sieben Weisen des Altertums und Spruchbändern.

 

 

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Die Fragmente des Gipsfußbodens wurden 1886 bei Ausgrabungen im Inneren der Kirche zu St. Ludgeri vorgefunden und die Inhalte der Spruchbänder mit dem ersten von 7 Gedichten des Pariser Kodex S. Germ. lat. 1044 in Verbindung gebracht. Dadurch war eine Rekonstruktion möglich. Die Septum Sapientum sententiae sind u. a. veröffentlicht in: Publilii Syri Sententiae, Eduardus Woelfflin, Leipzig Teubner 1869.
Die deutschen Übersetzungen der in den rekonstruierten Spruchbändern abgebildeten Dialoge lauten (von links nach rechts):
Pittakos: "Wer ist reich?"
Solon: "Der nichts begehrt."
Solon: "Wer ist arm?"
Pittakos: "Der Habsüchtige."
Bias: "Welches ist die schönste Mitgift für Frauen?"
Periander: "Ein sittsames Leben."
Periander: "Welche Frau ist keusch?"
Bias: "Die, über die Lügen zu verbreiten sich die Klatschsucht fürchtet."

Die derzeit in St. Ludgeri ausgestellten Fußbodenfragmente stellen nur einen Teil des damaligen Fundmaterials dar. P. J. Meier konnte in seinem Buch:
Die Bau und Kunstdenkmäler des Kreises Helmstedt. Wolfenbüttel Zwissler 1896  S. 26 noch weitere Teile rekonstruieren.

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Weitere Informationen dazu unter: Deutsche Inschriften online inschriften.net DI 61 Nr. 2