Spurensuche Archäologie

Archäologische Fundplätze rund um Lauingen
Von Dr. Monika Bernatzky

 

Der Naturraum
Die Gemarkung Lauingens liegt im ostbraunschweigischen
Hügelland in der nördlichen Helmstedter Mulde. Sie erstreckt sich
zwischen Elm, Rieseberg und dem Rieseberger Moor und umfaßt
damit recht unterschiedliche Naturräume.
Während in den Hanglagen des Elms in etwa bis zur Bahnstrecke
gute Ackerböden, lehmig sandige Braunerden mit Bodenwertzahlen
zwischen 55 und 70 vorherrschen, sind nördlich davon bis zum
Rieseberg Böden sehr viel geringerer Güte, überwiegend trockene
grundwassernahe podsolierte Sandböden, anzutreffen. Bis zu seiner
Trockenlegung war das nordöstliche Gebiet der Gemarkung
zwischen Heiligem-, Butter- und Wolfsberg vom Rieseberger Moor,
einem ausgedehnten Flachmoor, bestimmt.
Im Nordwesten schließlich erhebt sich am Rand der Helmstedter
Mulde der bewaldete Rieseberg – in den unteren Lagen mit
Kiefernwäldern, in den oberen mit Buchen-, Hainbuchen- und
Eichenwäldern bestanden.


Eiszeitliche Jäger an den Hängen des Rieseberges (12500 – 9600 vor Chr.)
Die ältesten Spuren der Anwesenheit des Menschen am Rieseberg
gehen bis in die Zeit des Jungpaläolithikums um 12 500 vor Chr.
zurück, als Rentierjäger, die der “Hamburger Kultur“ zugerechnet
werden, an seinen Hängen lebten. Damals konnten aufgrund einer
allmählichen Erwärmung erstmals Jägergruppen in den zuvor
menschenfeindlichen Raum Norddeutschlands vordringen. Der
Rieseberg gehört zu den südlichsten Fundpunkten dieser Kultur. Die
Jäger waren darauf spezialisiert, ihre Lagerplätze dort anzulegen, wo
die Rentierherden auf ihren Frühjahrs- oder Herbstwanderungen
vorbei kamen und sich reiche Beute erzielen ließ. Sie stellten
charakteristische Geschoßspitzen aus Feuerstein, sogenannte
Kerbspitzen her, die vermutlich bereits als Pfeilspitzen dienten und
demnach das älteste Vorkommen von Pfeil und Bogen markieren
würden. Auf den Äckern am nördlichen Hang des Rieseberges sind
wenige Lesefunde solcher Kerbspitzen bekannt geworden.

 

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Kerbspitze der Hamburger Kultur, um 12500 vor Chr. vom Rieseberg, Slg. K.F. Weber


Nach einer rund 1000-jährigen warm-feuchten Periode, in der der
Wald nach Mitteleuropa zurückkehrte, gab es ab 10800 vor Chr.
einen erneuten Kälterückschlag. Für 1200 Jahre herrschten nochmals
kaltzeitliche Bedingungen. Wiederum sind es spezialisierte
Rentierjägergruppen, die sich mit der sogenannten „Ahrensburger
Kultur“ am Rieseberg nachweisen lassen. Charakteristisch sind
Pfeilspitzen mit einer gestielten Basis, die in einen Holzschaft
eingesetzt wurden. Aus dieser Zeit sind im Ahrensburger Tunneltal
bei Hamburg die ältesten bekannten Pfeilschäfte aus Kiefernholz
nachgewiesen worden. Am nördlichen Rieseberg sind mehrere
solcher „Stielspitzen“ als Oberflächenlesefunde von aufmerksamen
Sammlern aufgesammelt worden.

 

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Ahrensburger Stielspitzen (Pfeilspitzen), 10800 bis 9600 vor Chr. vom Rieseberg. Slg. K.F. Weber


Auch wenn für diese Epochen bisher keine Funde aus der
Gemarkung Lauingen bekannt sind, können wir doch annehmen, daß
das gesamte Umfeld des Rieseberges zum Lebensraum dieser
Rentierjägergruppen gehörte.


Jäger und Sammlerinnen in den Wäldern der Nacheiszeit
Ab 9600 vor Chr. setzte eine rasche Erwärmung ein, in deren Folge
sich der Wald allmählich ausbreitete und Waldtiere wie Auerochse,
Rothirsch, Elch, Reh und Wildschwein bei uns heimisch wurden. Die
Archäologie bezeichnet diese Zeit als Mesolithikum, d.h.
Mittelsteinzeit. Entsprechend der veränderten Umwelt änderten sich
die Nahrungsgewohnheiten. Bei den Jagdtieren bildeten jetzt
Rothirsch und Reh die wichtigste Beute. Daneben kam dem
Fischfang eine wachsende Bedeutung zu. Eine intensiv genutzte
Nahrungsquelle wurde die Haselnuß, die sich in den lichten
nacheiszeitlichen Wäldern massiv ausbreitete. Sicherlich sind daneben
Beeren, Früchte und andere pflanzliche Nahrung gesammelt worden.
Der Hund gehörte ab dieser Zeit zum ständigen Begleiter des
Menschen.

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Mikrolithen des Mesolithikums, 9600 bis 5500 vor Chr. nordwestlich von Lauingen. Slg. P. Deecke


Aus einem späten Abschnitt des Mesolithikums sind aus der
Gemarkung Lauingen am südlichen Hang des Rieseberges
Feuersteingeräte wiederum als Oberflächenlesefunde bekannt
geworden. Zahlreiche winzige sorgfältig zugerichtete
Feuersteingeräte zeugen von einem Lagerplatz von Jäger- und
Sammlergruppen am Rande einer ehemaligen Bachniederung. Die
kleinen, oft als Dreiecke oder Trapeze zugeschlagenen Geräte sind
typisch für das Mesolithikum. Mit Birkenpech wurden mehrere von
ihnen als Widerhaken in Pfeile, Harpunen und Speere eingesetzt. Mit
einiger Sicherheit steht dieser Fundplatz, der regelmäßig von
Sammlern begangen wird, für eine Vielzahl solcher ehemaligen Lager
am Fuß des Rieseberges.


Geschliffene Beile und Äxte – die ersten Bauern
Sehr viel später als auf den fruchtbaren Schwarzerdeböden des
Südkreises um Elm und Heeseberg hielt die bäuerliche
Wirtschaftsweise in den Gebieten nördlich der Lößgrenze Einzug.
Auf den Lößbörden sind bereits ab 5500 vor Chr. erste bäuerliche
Siedlungsgemeinschaften nachzuweisen. Sie gehörten zu der nach
ihren charakteristischen Gefäßen benannten bandkeramischen
Kultur, die ein enormes Verbreitungsgebiet zwischen dem Schwarzen
Meer und dem Ärmelkanal besaß.
Im nördlichen Kreisgebiet mit den Böden geringerer Qualität setzte
sich die neue Wirtschaftsweise erst 1000 bis 2000 Jahre später durch.
Vereinzelte Funde von bandkeramischen Beilen wie aus den
Nachbarorten Bornum, Rieseberg und Rotenkamp zeigen aber an,
daß durchaus Kontakte zu den bäuerlichen Nachbarn bestanden. Die
Jungsteinzeit ab 5500 vor Chr. bezeichnet die Archäologie als
Neolithikum.
Erst aus der Zeit des Mittelneolithikums im 4. Jahrtausend vor Chr.,
als bei Helmstedt und Groß Steinum die Großsteingräber errichtet
wurden, lassen sich in der Gemarkung Lauingen Funde nachweisen.
Es handelt sich vor allem um geschliffene Steinbeilklingen aus
Felsgestein und Feuerstein, die in hölzerne Schäfte eingesetzt,
unentbehrliches Werkzeug bei allen anstehenden Holzarbeiten waren.
Viele dieser Geräte sind bereits im 19. oder frühen 20. Jahrhundert
gefunden worden und lassen sich nicht mehr einem genauen Fundort
zuweisen. Aber auch in der jüngeren Zeit haben Sammler
neolithisches Material in der Gemarkung Lauingen gesammelt. So
liegt an der Scheppau dicht bei der Ortschaft Scheppau ein
Fundplatz, der zahlreiche Feuersteingeräte, darunter eine sorgfältig
zugerichtete Pfeilspitze der Jungsteinzeit erbracht hat. Diese Funde
gehören in das 4. und 3. vorchristliche Jahrtausend.
Bereits an das Ende der Jungsteinzeit sind sorgfältig gearbeitete
Felsgesteinäxte zu stellen, die vermutlich Metallvorbildern
nachgearbeitet, vor allem Rang- und Würdeabzeichen ihrer Besitzer
waren. Ein vollständig erhaltenes Exemplar einer solchen Axt mit
sehr schmalem Nacken und leicht geschwungenem Axtkörper konnte
Klaus Ehrlichmann 1968 am Heiligen Berg in einem Lesesteinhaufen
aufsammeln. Es gehört zur sogenannten Einzelgrabkultur, die zu den
schnurkeramischen Kulturen zu rechnen ist (um 2500 vor Chr.).
Möglicherweise ist die Axt letzter Überrest einer Grabausstattung
dieser Zeit. Ein weiteres Fragment, das im Bohrloch gebrochen ist,
wurde am Südhang des Rieseberges nordwestlich des Sportplatzes
gefunden.

 

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Felsgestein-Axt der Einzelgrabkultur, um 2500 vor Chr. vom Heiligenberg. Slg. K. Ehrlichmann



Feuersteindolch und Armringe aus dem Moor - Bronzezeit
Vermutlich bereits in die Bronzezeit gehört ein sorgfältig beidseitig
flächig mit Retuschen (muschelförmige Abschläge) zugerichtetes
Gerät aus Feuerstein, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts „in den
Spargelfeldern von Lauingen“ gefunden wurde. Seine Form erinnert
an eine Speerspitze, es handelt sich jedoch wahrscheinlicher um ein
Gerät, das wie ein Dolch oder Messer zum Schneiden gebraucht
wurde. Solche Geräte oder auch regelrechte Feuersteindolche sind
typisch für die beginnende Bronzezeit (um 2000 vor Chr.), als in
Mitteldeutschland bereits die Metallverarbeitende Aunjetitzter Kultur
ansässig war, in den nördlicheren Regionen jedoch noch weiter in
steinzeitlichem Milieu gelebt wurde.

 

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Lauinger Bronzeringe aus dem Rieseberger Moor, um 1000 vor Chr. Braunschweig. Landesmuseum, Abteilung Archäologie


Eine regelrechte Berühmtheit aus der Lauinger Bronzezeit ist ein
Fund von vier Armringen aus Bronze, die 1818 von Arbeitern beim
Torfstechen im Rieseberger Moor gefunden wurden. Von den vier
Ringen, die aufgrund ihrer eigentümlichen Form zunächst als
Sarghenkel angesprochen wurden, gelangten drei über die
Torfadministration und die Fürstliche Kammer ins Herzogliche
Museum nach Braunschweig. Hier geriet dann ihr Fundort für rund
100 Jahre in Vergessenheit, bevor sie 1910 „wieder entdeckt“ wurden
und als „Lauinger Bronzeringe“ einen festen Platz in der
Vorgeschichtsforschung bekamen. Heute ist auch von diesen drei
Ringen einer verschollen. Die zwei noch im Braunschweigischen
Landesmuseum, Abteilung Archäologie in Wolfenbüttel zu
bewundernden Schmuckstücke sind hohl, vermutlich über einen
Tonkern gegossen und geschlossen. Ihr Umriß ist steigbügelartig. Die
erhaltenen Ringe sind aufwändig mit einem eingravierten
Linienmuster und vier breiten Rippengruppen an der flachen Seite
verziert. Das Linienmuster besteht aus konzentrischen Kreisen und
Halbkreisen sowie punktgesäumten Schlingbändern. Der
verschollene Ring war massiv gegossen und offen. In ihrer
Erstverwendung haben sie vermutlich als Armringe gedient und sind
dann als Opfer im Moor niedergelegt worden. Sie gehören in die
jüngere Bronzezeit um 1000 vor Chr. und spiegeln das Brauchtum
dieser Zeit. Hunderte von wertvollen Sachgütern sind damals in
Flüssen, Seen und Mooren an besonderen Stellen versenkt worden.
Die Forschung nimmt heute an, dass dies überwiegend aus religiösen
Gründen geschah, um sich die Gunst der Götter für jenseitige oder
auch hiesige Ziele zu sichern. Die Ringe waren sicherlich wertvoller
Besitz ihrer Trägerin. Die Handwerker, die sie herstellten, verfügten
über sehr gute Kenntnisse der Metallverarbeitung und fertigten sie
nach Vorbildern, die im hessischen Raum zu Hause waren. Hier sind
sie eine geläufige Ringform der Zeit um 1000 vor Chr.


Urnenfriedhöfe - Eisenzeit
Ohne kulturelle Umbrüche erfolgte in unserer Region der Übergang
von der Bronze- zur Eisenzeit. Dies zeigt sich auch an dem Fundgut
einer Siedlung der frühen Eisenzeit (7. Jh. vor Chr.), die auf dem
Gelände der Schweinemastanlage westlich des Ortes gelegen hat.
Ausschnitte dieser Siedlung konnte die Kreisarchäologie im Jahre
2001 im Zuge einer Notgrabung während der Bauarbeiten
untersuchen. Die schlichten, zumeist unverzierten Keramikgefäße
stehen in der Töpfertradition der späten Bronzezeit. Von der
Siedlung konnten Vorratsgruben, die später als Abfallgruben genutzt
wurden, und eine Reihe von eingetieften Feuerstellen mit zahlreichen
im Feuer zerbrochenen Steinen dokumentiert werden. Eine
ehemalige, nach unten verbreiterte Speichergrube war über 2 m in
den anstehenden Sandboden eingetieft worden. Sie diente vermutlich
als Getreidespeicher. Auch Tierknochen von Schwein und Rind
gehören zum Fundmaterial. Von den Wohnhäusern, die, wie in der
gesamten Vorgeschichte üblich, aus Holz, Geflecht und Lehm erbaut
waren, konnten keine Spuren erfaßt werden. Die eisenzeitliche
Dorfstelle lag an einem flachen Hang oberhalb einer Senke, in der
vermutlich ein Bach geflossen ist, der für das notwendige Wasser
sorgte.

 

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Eisenzeitliche Gefäße und Trachtnadel vom Sandberg. 6./5. Jh. vor Chr. Braunschweig. Landesmuseum. Abtlg. Archäologie


Diese Siedlung ist die erste eisenzeitliche Dorfstelle, die in der
Gemarkung Lauingen dokumentiert werden konnte.
Dagegen sind Gräber der Eisenzeit in großer Zahl rund um Lauingen
nachgewiesen.
Leider sind um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert
bei dem damals sehr intensiv betriebenen Spargelanbau komplette
eisenzeitliche Friedhöfe zerstört worden. So ist überliefert, daß links
des Weges von Lauingen nach Scheppau im Winkel mit der
Lüneburger Straße ein großer Steinkistenfriedhof mit
Urnenbestattungen zerstört worden ist. Die Steinkisten standen in
Reihen und waren so zahlreich, daß die Platten fuderweise an die
Chausseeverwaltung zum Straßenbau verkauft wurden. Von den
Urnen hat sich soweit bekannt keine Scherbe erhalten. Es ist gut
möglich, daß dieser Friedhof zu unserer Siedlung gehörte, da solche
Gräberfelder überwiegend in die früheste Eisenzeit des 7. Jh. zu
datieren sind.
Auf dem Sandberg westlich von Lauingen lag ein weiterer
eisenzeitlicher Friedhof, der ausweislich der bisher bekannten Funde
in den folgenden Jahrhunderten als Bestattungsplatz diente.
Nachdem schon längere Zeit bekannt war, dass hier in der Sandgrube
des Landwirtes Knust immer wieder vorgeschichtliche Keramik und
Knochen zutage kamen, konnte Dr. Niquet vom
Braunschweigischen Landesmuseum 1972 eine kleine archäologische
Untersuchung durchführen. Er dokumentierte zwei bereits sehr
zerwühlte Brandgräber, von denen eines in die Eisenzeit und eines in
die römische Kaiserzeit zu stellen ist. Die Grabgefäße der Eisenzeit
zeigen eingeritzte geometrische Muster in Form von Zick-
Zackbändern und Sparren und sind der sogenannten Nienburger
Kultur zuzurechnen. Die zugehörige eiserne Nadel mit einer
charakteristischen schlägenförmigen Ausbiegung gehört in die frühe
Eisenzeit des 6./5. Jh. vor Chr.
Das berühmteste und größte eisenzeitliche Gräberfeld liegt jedoch in
den Fuhren an der Straße nach Rieseberg. Es handelt sich um einen
der fundreichsten und interessantesten Friedhöfe der Eisenzeit im
Braunschweiger Land. Wie viele seinesgleichen ist er jedoch bereits
im 19. und frühen 20. Jahrhundert von Privatsammlern regelrecht
geplündert worden. Diese waren allein auf die Gewinnung möglichst
vieler und schöner Altertümer aus und haben nur wenig oder gar
nichts über die Fundumstände aufgezeichnet. Dies sind jedoch
unerläßliche Angaben, um solch ein Gräberfeld geschichtlich zum
sprechen zu bringen.
Bereits 1868 und 1869 hat der Domprediger Thiele „Ausgrabungen“
vorgenommen. Da er an einem Tag 18 Urnen ausgehoben hat, ist
leicht vorzustellen, mit welch geringer Sorgfalt zu Werke gegangen
worden ist. Ebenfalls auf reinen Funderwerb war der Mühlenbesitzer
Mülter aus, der wiederholt auf dem Friedhof gegraben hat. Dasselbe
gilt für den Apotheker Lüddecke aus Königslutter sowie die 2.
Generation Mülter, die sich in die wenig ruhmvolle Reihe von
„Ausgräbern“ stellen lässt.
Die wenigen Angaben zu Grabbau und zur Anlage des Friedhofes
lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Brandgräber
fanden sich in niedrigen kleinen Grabhügeln von 40 bis 80 cm Höhe.
Meist waren wohl mehrere dicht beieinander liegende Bestattungen
in einem Hügel anzutreffen. Die Urnen standen überwiegend ohne
umgebende Steinpackung nur wenig eingetieft im Sandboden.
Neben Urnengräbern, bei denen die verbrannten Überreste der
Toten, der sogenannte Leichenbrand in einem Tongefäß beigesetzt
worden ist, fanden sich auch Brandgräber, bei denen der
Leichenbrand ohne Urnenschutz dem Boden anvertraut worden ist.
Zahlreiche Urnengräber hatten eine Schale als Abdeckung, jedoch
sind niemals weitere Gefäße neben der Urne, sogenannte Beigefäße,
beobachtet worden.
Das Fundmaterial des Friedhofes ist vielfältig und umfasst vor allem
Bestandteile der Tracht wie Nadeln und Fibeln als Kleiderschließen,
Gürtelhaken, Perlen, Halsringe Ohrringe und Ketten. Diese Funde
lassen sich zeitlich gut bestimmen. Demnach hat das Lauinger
Gräberfeld von der Zeit um 400 vor Chr. bis in das 1. vorchristliche
Jahrhundert bestanden, wobei der Schwerpunkt auf dem
4. bis 2. Jahrhundert liegt.

 

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Fibeln aus dem eisenzeitlichen Gräberfeld aus den Fuhren, 4.-1. Jh. Vor Chr. Braunschweig. Landesmuseum. Abteilung Archäologie


Typisch für den älteren Abschnitt waren Nadeln zum
Zusammenstecken der Kleidung, während seit dem Ende des
4. vorchristlichen Jahrhunderts Fibeln, eine Art Sicherheitsnadeln,
nach südlich-keltischem Vorbild als schmückende Kleiderschließen
in Mode kamen. Diese Fibeln durchlaufen stilistische Veränderungen,
die jeweils bestimmten Zeitabschnitten zugewiesen werden können
(Abb. 14). So gibt es auf dem Friedhof Fibeln vom sogenannten
Früh-Latèneschema mit umgebogenem Fibelfuß (4. Jh.),
Mittellatèneschema mit am Bügel befestigtem Fibelfuß (3./2.Jh.) und
vom Spätlatèneschema mit fest verbundenem Fuß und Bügel (1. Jh.
vor Chr.).
Die Urnen sind zumeist klar gegliederte Gefäße vom sogenannten
„Typ Lauingen“, die überwiegend in das 4. bis 2. vorchristliche
Jahrhundert zu stellen sind.
Offensichtlich gab es auf dem Friedhof auch herausragende
Bestattungen, wie ein Grab mit einem kunstvoll gearbeiteten
Halsring, der ebenfalls nach keltischem Vorbild gefertigt wurde. Er
besteht aus einem eisernen Ring als Kern, der einen Überzug aus
Bronzeblech erhalten hat und beiderseits kugelförmig endet. Der
Bronzeüberzug ist aus abwechselnd breiten und schmalen verzierten
Wülsten gebildet. Ein weiteres Grab enthielt offensichtlich
Bestandteile von Pferdezaumzeug, ein anderes vermutlich
Bestandteile eines Wagens.
Wir haben mit diesem eisenzeitlichen Friedhof einen Fundkomplex
vorliegen, der bei sachgemäßer Bergung und Dokumentation
sicherlich sehr viel mehr Aussagen zur sozialen Gliederung der
damaligen Bevölkerung zugelassen hätte.
Aber auch in der auf uns überkommenen Form belegt er eine
bäuerliche Bevölkerung, deren einzelne Familien ihre verstorbenen
Mitglieder vermutlich jeweils in einem Hügel bestatteten. Die
zunehmenden Kontakte dieser Jahrhunderte zwischen Germanen
und dem keltischen Süden führten zu einem regen kulturellen
Austausch, in dessen Folge Fibeln und andere Schmuckstücke nach
keltischem Vorbild im Norden getragen wurden. Vermutlich gelang
es einzelnen Familien, die verstärkt wirtschaftliche und soziale
Kontakte mit dem Süden pflegten, eine herausragende Stellung
innerhalb der Gemeinschaft zu erlangen und diesen Status mit
entsprechenden „Prestigeobjekten“ wie Halsreifen, Pferdegeschirr
und Wagen auch über den Tod hinaus zu demonstrieren. Aufwändige
Halsreifen, Reiterei und Wagen kennzeichneten einen adeligen
Lebensstil nach südlichem Vorbild.
Das Besondere an den eisenzeitlichen Friedhöfen aus Lauingen ist,
dass sich in der Gemarkung die gesamte rund 700 Jahre währende
Epoche der Eisenzeit kontinuierlich mit Grabfunden belegen läßt.
Daraus können wir schließen, dass auch kontinuierlich Siedlungen
bestanden haben. Ähnlich wie bei den Friedhöfen ist es dabei
vermutlich immer wieder zu Ortsverlagerungen gekommen. Fassen
können wir bisher nur die früheste eisenzeitliche Siedlung des 7.
Jahrhunderts auf dem Gelände der Schweinemastanlage.
Weitere Urnenfriedhöfe in der Gemarkung Lauingen sind lediglich
durch einige versprengte Hinweise in alten Aufzeichnungen zu
fassen. So sollen sowohl am Heiligen Berg nördlich des Ortes als
auch im Bahneinschnitt südwestlich Urnenfunde gemacht worden
sein. Von diesen ist jedoch nichts in die Sammlungen der Museen
gekommen. Ob sie ebenfalls noch in die Eisenzeit gehören oder
bereits in die nachfolgende römische Kaiserzeit läßt sich nicht mehr
ermitteln.


Germanen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte
Sicherlich ist auch in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, die
die Archäologie als „Römische Kaiserzeit“ bezeichnet, eine
Besiedlung der Lauinger Gemarkung vorhanden gewesen. Bekannt
sind jedoch bisher nur vereinzelte Funde von Scherben von den
Äckern und wenige Grabfunde.
So sollen westlich des zerstörten Steinkisten-Friedhofes der Eisenzeit
Urnen des 3. nachchristlichen Jahrhunderts gefunden worden sein.
Feldbegehungen in diesem Bereich haben tatsächlich auch heute
noch einige Scherben erbracht, die sich der römischen Kaiserzeit
zuordnen lassen. Das Bruchstück einer eisernen Fibel gehört in das
1. Jahrhundert nach Chr.
Am Sandberg in der Sandgrube Knust westlich des Ortes konnte der
Rest eines Brandgrabes ausgegraben werden, das zwei Reitersporen,
sogenannte „Stuhlsporen“ aus Eisen und Bronze, und einen
rautenförmigen Gürtelbesatz aus Bronze enthielt, sicherlich das Grab
eines germanischen Kriegers des 1./2. Jahrhunderts nach Chr.

 

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Reitersporen und Gürtelbesatz aus einem germanischen Kriegergrab vom Sandberg, 1./2. Jh. nach Chr. Braunschweig. Landesmuseum, Abtlg. Archäologie


Möglicherweise lassen sich die reichen Eisenschlackenfunde, die
ebenfalls westlich der Straße von Lauingen nach Scheppau am
unteren Hang des Rieseberges auf dem Acker von Spangenberg
gemacht worden sind, diesem Zeitabschnitt zuordnen. Von gut
untersuchten Siedlungen dieser Zeit ist bekannt, daß die
Eisenverhüttung regelhaft in Siedlungsnähe betrieben worden ist. Am
Hang des Rieseberges wurde vermutlich anstehendes Raseneisenerz
verhüttet.


Von der Völkerwanderungszeit in das Mittelalter
Leider schweigen die archäologischen Quellen bisher für die Zeit des
5. nachchristlichen Jahrhunderts bis in das Mittelalter. Erst aus der
hochmittelalterlichen Zeit des heutigen Dorfes Lauingen sind wieder
Funde bekannt.
Dennoch ist anzunehmen, daß auch in den Jahrhunderten der
Völkerwanderungszeit und des frühen Mittelalters Siedlungen in der
Gemarkung Lauingens gelegen haben. Die Ersterwähnung Lauingens
im 9. Jahrhundert steht nicht für den Beginn der mittelalterlichen
Besiedlung, die Anfänge des Ortes reichen vermutlich in das 8.,
vielleicht auch 7. Jahrhundert zurück.
Erwähnenswert ist eine Flurbezeichnung „Heidenkirchhof“ östlich
von Lauingen, die für einen Friedhof der sächsischen vorchristlichen
Zeit stehen könnte, von dem sich aber keine Spuren erhalten haben.


Luftbilder
Verstärkt wird in den letzten Jahrzehnten auch die
Luftbildprospektion zum Auffinden vorgeschichtlicher Siedlungsund
Friedhofsplätze herangezogen. So sind in der östlichen
Gemarkung Lauingens in der Flur „im Filze“ und nördlich des
„Heidenkirchhofs“ Luftbilder gemacht worden, die darauf schließen
lassen, dass hier vorgeschichtliche Siedlungen gelegen haben, deren
Alter wir jedoch nicht kennen.
Vielleicht verbergen sich ja hinter diesen Befunden die bisher
fehlenden Siedlungen der Eisenzeit.

 

 

Veröffentlicht in: Chronik des Dorfes Lauingen  854 - 2004   Seite 18 - 26

Heimat- und Kulturverein Wi von de Zipperie e.V.

Herstellung und Verlag: Meiling Druck, Haldensleben


Weitere Projekte von Frau Dr. Monika Bernatzky:


http://www.helmstedt.de/staticsite/staticsite.php?menuid=115&topmenu=7

http://www.helmstedt.de/magazin/artikel.php?artikel=1284&type=&menuid=114&topmenu=7

http://www.geopark-braunschweiger-land.de/pdf/Bockshornklippe_Gross_Steinum.pdf

Monika Bernatzky: Monumente der Steinzeit. Großsteingräber zwischen Dorm, Elm und Lappwald. Die Lübbensteine bei Helmstedt, Lehrpfad 'Baustelle Großsteingrab' in Groß Steinum, Großsteingräber zwischen Marienborn und Groß Steinum. Landkreis Helmstedt, Helmstedt 2006

http://www.uni-goettingen.de/de/118255.html

Bernatzky, Monika  Lehnberg, Birthe (2011) - Schmuck aus dem Norden: ungewöhnliche Funde aus mittelalterlichen Webhütten - In: Archäologie in Niedersachsen vol. 14 (2011) p. 67-70

Bernatzky, Monika  Lehnberg, Birthe (2009) - Die mittelalterliche Siedlung am Petersteich bei Süpplingenburg, Ldkr. Helmstedt: Vorbericht - In: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte vol. 78 (2009) p. 149-173

Bernatzky, Monika (2009) - In den Fels gehauen: Kopfnischengräber in Königslutter - In: Archäologie in Niedersachsen vol. 12 (2009) p. 90-93

Bernatzky, Monika  Recker, Bernhard (2008) - Auf den Spuren Kaiser Lothars III. von Süpplingenburg - In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen vol. 28 (2008) p. 131-132

Bernatzky, Monika (2007) - Wärme und Rauch im Grubenhaus: Öfen aus Steinen und Lehm in der Wüstung "Petersteich" bei Süpplingenburg - In: Archäologie in Niedersachsen vol. 10 (2007) p. 50-53

Bernatzky, Monika (2007) - Steinkreuze und Kreuzsteine: mittelalterliche Rechtsdenkmale - In: Kreisbuch Landkreis Helmstedt vol. 14 (2007) p. 19-30




Hinweis:

Weitere 83 Hünengräber in der sog. "historischen Quadratmeile" im Bördekreis bilden das größte geschlossene Großsteingräbergebiet Mitteleuropas.

Link: http://www.ecomusee.de/zeitstrahl/zeit_01_archaelogisches.htm











Geschichten und Tanz an der Bockshornklippe

tl_files/Fotos/Spurensuche_Archaeologie/Bockshornklippe_20120708_.jpg

Ankündigung aus Stadtbüttel 07/2012

Süpplingen war schon vor 7000 Jahren beliebt

Mittwoch, 30. Juni 2010 Königslutter und Umgebung

Süpplingen war schon vor 7000 Jahren beliebt

Bandkeramischer Siedlungsplatz im Dorfkern entdeckt - Bisher gab es Spuren dieser Steinzeitkultur nicht so weit im Nordwesten


Von Arne Grohmann

SÜPPLINGEN. Nach Funden bei Grabungen auf der Baustelle für das neue Seniorenheim muss nicht nur die Geschichte Süpplingens neu geschrieben werden.


Was Gemeindedirektor Matthias Lorenz angesichts der vielen Veränderungen in Süpplingen (Ärztezentrum, Krippe, Hort, Seniorenheim, Gewerbepark) stets gerne verbreitet, galt offensichtlich schon in der Steinzeit: Süpplingen ist ein attraktiver Platz.

„Damals war noch alles bewaldet“, erklärte gestern Kreisarchäologin Monika Bematzky während eines Pressegesprächs an der neuesten Grabungsstelle. Die Siedlungen mit den 30 Meter langen Häusern aus Holz, Flechtwerk und Lehm waren „Inseln im Waldmeer“. Die Lage wurde nicht willkürlich gewählt. Gute Böden und Wasser musste es geben. Das ist und war in Süpplingen offensichtlich der Fall.  

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Steinzeit serviert auf einem Pappteller. Typisch für die so genannte Bandkeramik sind die Linienverzierungen.

 

Die Schunter fließt noch heute durch das Dorf. Die Lößböden ermöglichten schon den frühen Siedlern ertragreichen Ackerbau. Ihre Spuren sind nach dem Abtragen des Mutterbodens mit Beginn der Bauarbeiten für das Pflegeheim deutlich zu erkennen. Die Kreisarchäologin und Grabungsleiter Jörg Weber zeigen Grundrisse der Häuser, Stellen, an denen Pfosten standen, und Gräben, die es an den Außenseiten der Hauswände gab. Oft wurden die Löcher später mit Mutterboden aufgefüllt. Der ist deutlich dunkler als der tiefer liegende Lehmboden. Klare Anzeichen auf den Siedlungsplatz aus dem Jahr um 5200 vor Christus sind neben Werkzeugen aus Feuerstein, Mahlsteine und Resten eines Steinbeils besonders die Scherben der so genannten Bandkeramik. Die heißt so wegen der typischen, eingeritzten Verzierungen, die es auf den Gefäßen dieser Art gab. Die Bandkeramik ist geradezu ein Markenzeichen dieser Kultur, die sich entlang der fruchtbaren Lößböden in ganz Europa entwickelte. Der Charakter dieser Siedlungen wurde bei Neugründungen an anderen Orten beibehalten. Bisher war eine Fundstelle am Glockberg bei Helmstedt der nordwestlichste Punkt für eine bandkeramische Siedlung. Nun ist es Süpplingen. Es wurden aber auch mittelalterliche Spuren bei den Grabungen in Süpplingen entdeckt. Zu erkennen sind die Standorte von so genannten Grubenhäusem. Diese standen ebenfalls im „Dorf am Petersteich"

 

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Kreisarchäologin Monika Bematzky (links) mit Zeichnerin Heidrun Schârfke in der Grabungsstelle. Die grauen Stellen wurden später mit Mutterboden aufgefüllt und unterscheiden sich von dem bräunlichen Lehmboden. Sie zeigen Grundrisse von Häusern und Gräben oder den Standort von Stützpfählen.

Fotos (2): Grohmann

 

bei Süpplingenburg, wo seit Jahren Grabungen stattfinden. Diese lassen Rückschlüsse, auf die Zeit von Kaiser Lothar III. von Süpplingenburg zu. Die Archäologen stehen unter Zeitdruck, ebenso wie die Erbauer des Seniorenheims. Das sollte schon längst fertig sein. Es gab aber immer wieder Verzögerungen. Für die Ausgrabungen werden die Bauarbeiten nur für drei Wochen unterbrochen. Danach rücken wieder die Bagger an und graben endgültig alles um. „Wir müssen wohl manches mit Tränen in den Augen liegen lassen", sagt Monika Bematzky über die einmalige Entdeckung in Süpplingen. Es sei selten, dass es noch in so großer Tiefe bandkeramische Funde gebe. Meistens habe die Erosion schon viel zerstört. Was gefunden wird, soll später ausgestellt werden. Gemeindedirektor Matthias Lorenz und Christian Schmidt vom Heim-Träger DRK boten sich gestem an, Räume zur Verfügung zu stellen - damit alle sehen können, dass Süpplingen schon immer ein attraktiver Platz war.

 

Veröffentlicht in: Braunschweiger Zeitung vom 30. Juni 2010 Königslutter und Umgebung Seite H3

 

Einfügung: Ansicht vom Ort der Grabungsstelle aus dem Jahr 2012:

 

tl_files/Fotos/Spurensuche_Archaeologie/Pflegewohnhaus_2012_1.jpg

 

 

 

 

 

Archäologische Grabungen auf dem Außengelände der Hünenburg bei Watenstedt

Archäologische Grabungen auf dem Außengelände der Hünenburg bei Watenstedt

Seit mehreren Jahren finden archäologische Grabungen auf dem Außengelände der Hünenburg bei Watenstedt statt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert seit 2006 ein Forschungsprojekt. Ans Tageslicht kamen unzählige wertvolle Funde aus der jüngeren Bronzezeit (1200 bis 750 v. Chr.). Für die Hünenburg, die nach Dr. Immo Heskes Worten „wie ein Eisberg aus der Forschungslandschaft"  herausragt, wurde Anfang 2012 ein umfassendes Forschungsprojekt beantragt: „Landschafts- und Ressourcennutzung in der jüngeren Bronzezeit am Heeseberg (Nordharzvorland) im Spannungsfeld zwischen Herrschaft, Handwerk und Kult". Der Archäologe Heske freut sich sehr: „ln den Gutachten ist die wissenschaftliche Bedeutung des Vorhabens sehr positiv gewürdigt worden. Der Antrag mit einer ersten Phase von drei Jahren wurde bewilligt." Für das Projekt wurden neue Flächen ausgewählt. lm Sommer wird zwischen Beierstedt, Watenstedt und dem Großen Bruch wieder gegraben und geforscht.


Veröffentlicht in:
Stadtspiegel für die Landkreise Helmstedt, Wolfenbüttel und Umgebung
21. Jg.  12.01.2013  S. 11





Neue Funde am Rande des "Großen Bruchs"

Grabungen auf dem Gelände der Hünenburg laufen weiter
Neue Funde am Rande des „Großen Bruchs“
Auf dem Außengelände der jungbronzezeítlichen Hünenburg wird seit wenigen Tagen wieder gegraben. Wegen der großen Ausdehnung des Geländes auf dem reichhaltige und für die Forschung bedeutungsvolle Funde ans Tageslicht kommen, sprechen die Archäologen jetzt von einer „Unterstadt".
Watenstedt. Zwei Angestellte aus Jerxheim und Watenstedt und 14 Studenten von den Universitäten Göttingen und Bochum untersuchen unter der Leitung von Dr.  Heske 16 Quadranten, die insgesamt etwa 400 Quadratmeter groß sind. Von der Universität Wilna (Litauen) sind bis zum 30. August Kunigunda Cepkauskaite und Vytenis Podenas dabei.
Die Forschungsarbeiten werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert. In diesem Jahr wird hier am Rande des „Großen Bruchs“ bis zum 4. Oktober gegraben. In der Vergangenheit legten die Archäologen zahlreiche steinerne Herdstellen frei. Vor knapp 3000 Jahren haben die Menschen darauf im Rahmen kultureller Handlungen Fleisch gegart. Eine weitere dieser Herdstellen mit dicht beieinander liegenden Steinen entdeckten die Studenten vor wenigen Tagen.
„Wir haben eine zerrupfte Tierbestattung aus der Zeit um 1100 v. Chr. entdeckt“, informierte Ausgrabungsleiter Heske. Dieser aktuelle Fund auf einer neuen Grabungsfläche wird genau dokumentiert. Mehrere Menschenbestattungen legten die ArchäoIogen 2009/10 frei. Geborgen wurden zudem zahlreiche Scherben, die gewaschen und sortiert werden. Katharina Krieg, die im 2. Semester an der Uni Göttingen studiert, beschrieb ihre Aufgaben: „Wir lernen viel, müssen zeichnen, das Gezeichnete kolorieren, auf der Fläche graben und putzen."`
Die um 1100 v. Chr. errichtete Hünenburg war keine Grenzbefestigung, sondern ein mächtiger Zentralort und Herrschaftssitz. Mehrere Umbauten der Wehranlage erfolgten bis etwa 650 v. Chr. Der politische, religiöse und wirtschaftliche Zentralort gehört zur Saale-Mündungsgruppe. Diese Kulturregion war im nordöstlichen Vorharzgebiet beheimatet. Ab 1000 v. Chr. erfolgte auf dem Gelände der Wehranlage am Rande des „Großen Bruchs“ ein deutlicher Aufschwung. Fernverbindungen und menschliche Kontakte bestanden bis zum Rhein-Main-Gebiet, nach Süddeutschland, bis zum Oderlauf und zur Ostseeküste. „Erst als das Eisen die Bronze ablöste, verloren die europaweiten Verkehrsnetze ihre Bedeutung“, erklärte Heske einigen Besuchern. Interessierte Zaungäste kommen immer wieder vorbei.

Veröffentlicht in:
Stadtspiegel 21. Jg.  Ausgabe vom 10. August 2013 S. 13