Friedrich Berndt: Stuckplastik im frühmittelalterlichen Sachsen

Einfügung: Gröningen Stiftskirche Emporenbrüstung

 

 

STUCKPLASTIK

 

IM FRÜHMITTELALTERLICHEN SACHSEN

 

 

 

 

FRIEDRICH BERNDT

 

 

____

2 Leerseite

 

____

3

 

STUCKPLASTIK

 

IM FRÜHMITTELALTERLICHEN

SACHSEN

 

IHRE BEDEUTUNG UND TECHNIK

 

VON

 

DIPL-ING. FRIEDRICH BERNDT

AUS BESSINGEN I. BR.

 

VON DER TECHN. HOCHSCHULE CAROLO-WILHELMINA

ZU BRAUNSCHWEIG ZUR ERLANGUNG DER WÜRDE

EINES DOKTOR-INGENIEURS GENEHMIGTE DISSERTATION

 

EINGEREICHT AM 15. AUGUST 1931

 

BERICHTER: PROFESSOR H. STUBBE

MITBERICHTER: PROF. DR.-ING. D. DIECKMANN

 

 

 

1932

____________________________________________________________

KOMMISSIONSVERLAG THEODOR SCHULZES BUCHHANDLUNG

HANNOVER

 

 

____

4 Leerseite

 

____

5

 

Inhalt.

Seite

 

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

Vorgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . 11

 

A) Übersicht über die sächsischen Stuckplastiken des 10. bis 13. Jahrhunderts

Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15

1. Dekorierung von Wandflächen . . 17

2. Grab- und Denkmalsplastik . . . . . 23

3. Dekorierung von Architekturgliedern . 24

Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . 30

 

B) Material

1. Analysierung . . . . . . . . . . . 31

2. Historische Schlüsse . . . . . 37

 

C) Technik

Allgemeines . . . . . . . . . . . . . 39

1. Formguß

Herstellungsverfahren . . . . 40

Historische Bedeutung . . . . 41

2. Antragetechnik

Einführung . . . . . . . . . . . . . 42

Material des Untergrundes und besondere Unterkonstruktionen . 43

Herstellung des Stuckauftrages . . 48

Historische Bedeutung. . . . . . . . . . 50

3. Rohguß mit schnitzartiger Bearbeitung

Herstellungsverfahren . . . . . . . . 51

Historische Bedeutung . . . . . . . . 55

Schlußwort . . . . . . . . . . . . . . . . . 56

Anmerkungen und Quellenangaben . . . . . . . 57

Verzeichnis der behandelten Stuckplastiken . 64

 

Bemerkung:

Die mit einem „T.“ versehenen kleinen Zahlen weisen auf eine Textanmerkung hin.

Zahlen ohne dieses Zeichen bedeuten eine Quellenangabe.

 

______________

 

____

6 Leerseite

 

____

7

 

Vorwort.

 

Für die vorliegende Arbeit war die möglichst vollständige Erfassung aller erhaltenen Werke der sächsischen Stuckplastik des frühen Mittelalters die Voraussetzung. Ausgehend von den in der Literatur als Stuckarbeiten bezeichneten Plastiken wurde daher versucht, durch zahlreiche örtliche Besichtigungen weitere Beispiele aufzufinden. Die zusammenfassende Betrachtung vieler Arbeiten ermöglichte es, bestimmte charakteristische Anwendungsarten der Stucktechnik festzustellen.

 

Die Arbeit hatte zum Ziel, Material und handwerkliche Herstellung der mittelalterlichen Stuckplastiken aufzudecken. Chemische und technische Untersuchungen, die unter Bezugnahme auf die heutigen Ausführungsarten und die Theorien moderner Materialforschung an zahlreichen Proben vorgenommen wurden, lieferten die Anhaltspunkte für die Definierung der mittelalterlichen Stucktechniken.

 

Aus der Festlegung der technischen Entwicklung und der Einordnung der einzelnen Arbeiten in die verschiedenen Bearbeitungsarten ergaben sich Folgerungen für die historische Beurteilung der Plastiken. Als Ergänzung zu den stilistischen Unterscheidungen, die wegen des Fehlens an geschichtlich überlieferten Datierungen bisher allein der historischen Einordnung der Skulpturen des 10. und 13. Jahrhunderts zu Grunde gelegt wurden, lieferten die technischen Untersuchungen weitere Unterlagen für den Versuch, die Entwicklung der frühmittelalterlichen Plastik zu fixieren.

 

Das als Gips festgestellte Material der Stuckplastiken ist von vorbildlicher Qualität. Die rein auf Erfahrung beruhende Materialkenntnis der mittelalterlichen Meister ist auch für uns beachtenswert, und das mittelalterliche Material ist wegen seiner besonderen Härte auch heute für die Erforschung der theoretisch noch nicht völlig geklärten Erhärtungsvorgänge des Gipses wertvoll.

 

 

____

8

 

Die Anregung zu dieser Arbeit verdanke ich meinem hochverehrten Lehrer, Herrn Professor H. Stubbe, der sie auch durch manchen Rat gefördert hat. Für die Unterstützung bei den technischen Untersuchungen bin ich Herrn Professor Dr.-Ing. D. Dieckmann zu Dank verpflichtet, unter dessen Leitung ich im Baustofflaboratorium der Architekturabteilung der Technischen Hochschule zu Braunschweig die chemischen Arbeiten vornahm. Einige der Werte wurden im Chemischen Institut der Technischen Hochschule Braunschweig ermittelt, wofür ich auch an dieser Stelle Herrn Professor Dr. F. Krauß danke. Die Entnahme von Materialproben sowie die Vornahme photographischer und zeichnerischer Aufnahmen wurde durch das Entgegenkommen der Kunstverwaltungen ermöglicht. Besonderen Dank schulde ich dabei dem Konservator der Provinz Sachsen, Herrn Dr. Griesau, dem Anhaltischen Landeskonservator, Herrn Dr. Grote, dem Konservator der Provinz Hannover, Herrn Professor Dr. Siebern , Herrn Oberbaudirektor Baltzer - Lübeck, Herrn Prof. Steinacker - Braunschweig, sowie Herrn Geh. Hofrat Prof. Dr. D. R. Haupt - Preetz, der mich beim Auffinden der Arbeiten in Wagrien durch wertvolle Hinweise unterstützt hat. Ergebnisse aus der heutigen Gipstechnik danke ich vor allem der Bauberatungsstelle der deutschen Gipsindustrie zu Arnstadt.

 

 

____

9

 

Einleitung.

 

In der Entwicklungsgeschichte der Architektur wie der figürlichen Plastik des Mittelalters gibt es eine Epoche, in der Sachsen eine besondere Bedeutung zukommt. In dieser Zeit der Entfaltung deutscher mittelalterlicher Kunst weisen vom 11. bis ins 13. Jahrhundert figürliche Plastiken wie architektonische Dekorationen in Sachsen neben dem Naturstein ein Material auf, das sich sonst nirgends in so geschlossener Anwendung findet, nämlich den Stuck. Für die kunsthistorischen Forschungen sind daher gerade die Arbeiten der Stuckplastik wichtig geworden. Figürliche Plastiken aus Stuck sind als Beispiele für die „Stilentwicklung der romanischen Skulptur“ 1) herangezogen, architektonische Stuckdekorationen haben bis zur frühen „Geschichte der deutschen Ziegelbaukunst” 2) weitgehende Beachtung gefunden. Dabei sind verschiedentlich Fragen nach dem Material und der technischen Herstellung der Stuckarbeiten aufgetaucht, die man aber bisher nur an einzelnen Beispielen ohne Zusammenhang zu beantworten versucht hat. Erst die Zusammenfassung der mittelalterlichen Stuckplastiken auf der Grundlage ihrer eigenen Technik läßt die Bedeutung des selbständigen Stuckhandwerkes erkennen, dessen Wert für die Baukunst des frühen Mittelalters in seiner dekorativen Verwendungsmöglichkeit lag.

 

Mit allen späteren Perioden der Stuckplastik in den verschiedensten Jahrhunderten deutscher Kunstgeschichte hat die Stuckplastik des frühen Mittelalters keinen Zusammenhang. Es reichen keine Beziehungen zur Renaissance oder darüber hinaus und selbst handwerkliche Erfahrungen haben sich kaum übertragen können. Nur eines ist mehr oder weniger zu allen Zeiten für die deutsche Stuckplastik von Bedeutung, der Einfluß antiker Stuckarbelten. Renaissance und Klassizismus knüpfen bewußt an die wiederentdeckten klassischen Dekorationen an, das Mittelalter dankt die Stuckplastik der Übernahme antiker Tradition in die frühchristliche Kunst.

 

 

____

10 Leerseite

 

____

11

 

Vorgeschichte.

 

Antike.

 

In der frühesten Zeit der Baugeschichte bis zur klassischen Antike wurde die Stucktechnik hauptsächlich aus praktischen Gründen angewandt. Die Ägypter überzogen das Mauerwerk mit einem putzartigen Stuck teils als Wetterschutz, teils zur Herstellung eines Malgrundes für die Seccotechnik T.3) 4). Auch die Griechen kannten eine ähnliche handwerkliche Art der Stuckierung, wie die Reste von Stuckverkleidungen an den Tempeln in Bassae und Agrigentum noch heute zeigen 5) 6).

 

Es liegt nahe, in Griechenland, dem Land der Meisterwerke der Plastik, auch Stuckplastiken zu vermuten, eine Annahme, die sich auf literarische Berichte stützen kann. Die Überlieferung, daß Lysippus im Jahre 300 v. Chr. Gipsabgüsse von Lebenden nahm T.7), deutet tatsächlich auf eine recht ausgebildete Technik des plastischen Gipsgusses hin und läßt im Zusammenhang mit einem Bericht, daß Gipsmodelle als Geschenke von Bildhauern verschenkt wurden, keine Zweifel an dem Vorhandensein dieser Technik 8). Auf die Verwendung modellierten Antragestuckes schließt Millar 9) aus einem Reisebericht des Pausanias.

 

Allerdings muß die Einschränkung gelten, daß die griechische Stuckplastik über eine gewisse kunstgewerbliche Anwendung nicht herausgekommen ist. Trotzdem löste diese nur gelegentliche plastische Stukkierung der Griechen dadurch, daß über die griechischen Kolonien Süditaliens zu den Etruskern gelangte, die Glanzzeit der Stuckplastik auf römischem Boden aus.

 

Zum ersten Male im Verlaufe der Baugeschichte trafen in der römischen Antike und Spätantike konstruktive und ästhetische Momente zusammen, die eine Stukkierung begünstigten.

 

 

____

12

 

Die römische Baukunst brauchte bei ihrer Gestaltung großflächiger Massenbauten in den Konstruktionssystemen des Guß- und Füllmauerwerkes eine Wandverkleidungstechnik, die zugleich die Schmuckfreudigkeit der Zeit zu befriedigen vermochte. Auch die römische Stucktechnik hat uns aus frühester Zeit keine Beispiele hinterlassen, so daß wir auch hier auf Berichte angewiesen sind. Aus den Beschreibungen des Vitruv 10) geht die römische Ausführungsart hervor: ein lagenmäßiges Modellieren einzelner Schichten mit von Schicht zu Schicht feinerer Materialmischung unter Benutzung von Marmorstaub und zarter Formgebung in der Art des antiken Flachreliefs. Diese Technik haben die Ausgrabungen aus späterer Zeit nachgewiesen. Rom, Herkulaneum, Pompeji, „die Stadt des Stucks“, zeigen den Reichtum antiker Stuckreliefkunst an einer Reihe hervorragender Beispiele. Bei der Ausdehnung und Bedeutung des römischen Weltreiches muß man annehmen, daß die von den Römern in überreichem Maße ausgeübte Stucktechnik in der ganzen damaligen Welt bekannt wurde. Die römischen Stukkaturen gaben die Anregung zu den Stuckarbeiten aus späterer Zeit, die in Kleinasien, Afrika und Europa aufblühten 11).

 

Frühchristliche Zeit.

 

Eine direkte Übertragung der römischen Stucktechnik findet sich bei den ersten frühchristlichen Bauten auf römischem Boden. In den Hypogäen Roms haben sich, auch in christlichen Grabkammern, wie in S. Domitilla, der Gruft der christlichen Flavier, klassische Stuckverzierungen erhalten 12). Bei der Abhängigkeit der frühchristlichen Katakomben von den heidnischen Vorbildern ist es erklärlich, daß deren Dekorationen völlig in römisch-antikem Sinne aufgefaßt sind. Der Wert dieser Arbeiten für die Stucktechnik liegt darin, daß sie die Dekorationsweise der Antike aus dem Untergang der römischen Kultur in die im Entstehen begriffene christliche Baukunst übertrugen.

 

Der unmittelbare Einfluß römischer Tradition zeigt sich noch weit über das Bestehen des römischen Reiches bis ins fünfte und sechste Jahrhundert lebendig. S. Vitale in Ravenna und der Dom in Parenzo mit Resten von Stuckornamenten in den Leibungen einiger Bogen, wie besonders das Baptisterium der Orthodoxen in Ravenna sind die Zeugen für das Fortleben der Stuckplastik 13). Die Gruppe dieser schon in die Zeit der Völkerwanderung fallenden Bauten vermittelt die erste Berührung der Germanen mit der Stucktechnik,

 

 

____

13

 

wenn auch byzantinische oder italienische Handwerker als Verfertiger dieser Arbeiten gelten müssen. Die allerdings von der Höhe klassischer Kunst bereits herabgesunkenen Arbeiten geben den Anlaß für die Aufnahme der Stucktechnik in die Kunst des frühen Mittelalters. Zwei Richtungen schließen sich an: eine südliche auf italienischem Boden mit den besten Werken in der Lombardei, und eine nördliche, die in langsamem Vordringen nach Norden die sächsische Stuckplastik als Blüte hervorbringt. Im Zusammenhang mit den Einflüssen, die von der Lombardei im allgemeinen auf die sächsische Baukunst ausgehen 14), gibt die lombardische Stuckplastik Anregungen für den parallel sich entwickelnden sächsischen Zweig, so daß auch hier auf die italienischen Stuckarbeiten des Mittelalters kurz eingegangen werden muß.

 

Südliche Richtung.

 

Für Italien selbst weist Toeska 15) je nach der Beeinflussung von außen verschiedene Richtungen nach. So sind in Oberitalien, das hauptsächlich Anregungen für Sachsen gab, Auswirkungen byzantischer Kunst lebendig. An erster Stelle sind die Stuckarbeiten von S. Maria in valle bei Cividale zu nennen (vermutlich aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts) T.16). Weitere Beispiele für die Höhe lombardischer Stucktechnik sind das Ciborium in S. Ambrogio zu Mailand (Ende des 12. Jahrhunderts) 17) und in S. Pietro zu Civate. Aus S. Salvatore in Brescia sind Bruchstücke noch erhalten, die wahrscheinlich auf den Anfang des 12. Jahrhunderts zu datieren sind.

 

Die von Toeska weiter erwähnte Gruppe italienischer Stukkaturen mit maurischem Einschlag ist für unser Gebiet von keiner Bedeutung geworden und sei hier nur genannt, um zu zeigen, wie zahlreich die italienischen Beispiele der Stucktechnik des Mittelalters sind. — S. Clemente in Vomano, S. Maria in valle Porklaneta, S. Maria del Lago in Moscufo, Cugnoli und die Zisa in Palermo.

 

Zusammenfassend kann man über die italienische Stuckplastik des 10. und 12. Jahrhunderts sagen,

daß die Verwendung von Stuck über die flächenhafte Wanddekorierung, welche die Antike allein kannte, hinausging und zur Gestaltung von Architekturgliedern und Einbauten, wie Kanzeln und Tabernakeln, gebräuchlich war.

 

Nördliche Richtung.

 

Für das Vordringen der Stucktechnik nach Norden führt A. Haupt 18) Beispiele an: Disentis in Graubünden (8. Jahrhundert),

 

 

____

14

 

Germigny des Près (806), Mals, Genf. Auf französischem Boden nennt Viollet le Duc 19): den Narthex von S. Remi zu Reims, die Krypta von S. Laurent zu Grénoble und die Apsis der Kirche zu Issoire.

 

Es ist zwar eine spärliche Reihe von Arbeiten, die wir kennen, aber diese Beispiele zeigen schon die gleiche Art der Stuckverwendung, wie sie bei den italienischen Arbeiten des 10. und 12. Jahrhunderts erwähnt und auch bei den späteren sächsischen Arbeiten zu beobachten ist. Figürliche und geometrische Wanddekorationen finden sich in Disentis und Genf, besondere Architekturteile, wie z. B. Kapitelle oder Fensterumrahmungen, sind in Germigny des Près, Mals, Disentis, Reims, Grénoble und Issoire durch Stuckverzierungen hervorgehoben.

 

Deutschland.

 

Aus Deutschland selbst ist das Früheste, was wir von Stuckplastik wissen, ein Bericht des Zeitgenossen Karls des Großen, Rhabanus Maurus, der in seinem Werke: „De universo“ (Liber XXI, caput VIII) 20) einen Abschnitt der Stuckplastik widmet:

 

„De plastis“

 

„Plasticen est parietum ex gipso effigies signaque exprimere: pingique coloribus. Plasticen autem dictum graece, quod latine est fingere terra vel gipso similitudines. Nam et impressa argilla formam aliquam facere plastis est.“ *)

 

Neben technischen Angaben, die in den weiteren Abschnitten näher behandelt werden sollen, enthalten diese Sätze eine Bestätigung für die Annahme, daß in karolingischer Zeit die Verwendung von Stuck zu figürlichen, wie rein ornamentalen Dekorationen durchaus üblich war. Da aus dieser Zeit keinerlei Funde von Stukkaturen in Deutschland zu verzeichnen sind, ist der Bericht des Rhabanus Maurus besonders wertvoll.

 

 

_____

*) Unter Plastik versteht man die Gestaltung ornamentaler und figürlicher Wanddekorationen aus Gips mit farbiger Bemalung. Plastik ist jedoch ein griechischer Ausdruck, der dem lateinischen: „fingere terra vel gipso similitudines“ (aus Erde oder Gips Abbilder formen) entspricht. Es gehört nämlich auch zur Plastik, mit Hilfe eines Tonabdruckes irgend eine Form herzustellen.

 

 

____

15

 

A. Übersicht über die sächsischen Stuckplastiken des 10. bis 13. Jahrhunderts.

 

Allgemeines.

 

Es hängt mit der allgemeinen Bedeutung Sachsens für die Deutsche Geschichte zusammen, daß dieser Teil Deutschlands so zahlreiche Bauten und damit auch Stukkaturen aus frühmittelalterlicher Zeit hinterlassen hat. Aus der besonderen Stellung Sachsens erklärt es sich auch, daß fremde Einflüsse selbst aus geographisch entfernten Gebieten, wie z. B. aus Oberitalien, sich hier besonders auswirkten.

 

So finden sich ähnliche Anwendungsarten, wie bei der südlichen, in der Lombardei sich entwickelnden Richtung der Stuckplastik auch in Sachsen (siehe S. 13). Der historischen Herleitung und dem Wesen der Stucktechnik entsprechend gehört der plastischen Wanddekorierung die Hauptzahl der Beispiele an. Daneben sind rein figürliche Stuckplastiken als Arbeiten der Grab- und Denkmalsplastik zu nennen. Die dritte Art der Stuckplastik erstreckt sich auf die Dekorierung von Architekturgliedern‚ von Kapitellen, Basen, Kämpfern und Sockeln.

 

 

Bedingungen für die Verbreitung der Stuckplastik.

 

10. und 11. Jahrhundert.

 

Von allen drei Anwendungsarten besitzen wir nur sehr wenige Beispiele aus dem 10. und 11. Jahrhundert, die aber doch den Zusammenhang mit den karolingischen Arbeiten aufrecht erhalten. Nach der Übernahme antiker Bauformen in karolingischer Zeit 21) war das 10. und 11. Jahrhundert die Zeit der innerlichen Verarbeitung. Das Dekorative

 

____

16

 

wurde beiseite gelassen und die Grundformen der Bauteile erhielten ihre eigene, für die romanische Zeit typische Gestaltung. Der klare Grundriß und Aufriß der romanischen Basilika wie auch das völlig schmucklose Würfelkapitell sind Ergebnisse dieser Zeit. Lediglich Kleinkunst und Malerei bewahrten größeren Formenreichtum und wurden daher in der Folgezeit für die weitere Entwicklung der Monumentalplastik wichtig.

 

12. und 13. Jahrhundert.

 

Das 12. und 13. Jahrhundert brachte die Umwandlung von der Kleinplastik zur Großplastik, und damit trat das Interesse an der menschlichen Figur so sehr in den Vordergrund, daß die figürliche Darstellung das belebende Element auch für die Baudekorationen wurde. In der Grabplastik begann ebenfalls um 1100 die Figur sich folgerichtig durchzusetzen 22). In diesem Entwicklungsgange von der Kleinfigur aus Elfenbein oder Metall zur Monumentalfigur aus Stein sollte der Stuckplastik in Sachsen die vermittelnde, überleitende Aufgabe zufallen.

 

In der gesamten Bauornamentik Sachsens trat im 12. Jahrhundert im Gegensatz zu der Formenarmut der vorhergehenden Zeit zum Teil unter dem Einfluß der Lombardei 23) ein plastisches Ausschmücken der Bauteile mit Ranken, Palmetten, Flechtwerk und Tiergestalten in die Erscheinung, eine Art der Dekorierung, die schon ihrem Charakter nach die Anwendung von Stuck begünstigte. Rein dekorativ wurden die freien Flächen der Architekturglieder mit Schmuckwerk überzogen. Es finden sich Stuckarbeiten als Beispiele nahezu aller Richtungen, die sich in der „Bauornamentik in Sachsen im 12. Jahrhundert“ 24) nachweisen lassen.

 

Schon die Bauaufgaben der Zeit begünstigten die Verwendung von Stuck. Die zahlreichen Wiederherstellungs-, Um- und Erweiterungsbauten von Bauwerken aus ottonischer Zeit erforderten ein anpassungsfähiges Material, das aus verschiedenen Bauzeiten stammende Teile eines Bauwerkes auf das Einfachste zu einheitlicher Gesamtwirkung zu bringen vermochte. Bei dem modeartig schnellen Wechsel der Strömungen in der Ornamentik genügten für damaliges Empfinden selbst geringe zeitliche Abstände zwischen den einzelnen Bauperioden, die Einheitlichkeit der Dekorationen zu stören. Schon wenige Jahrzehnte nach der Ausführung sind Bauteile zur Anpassung an neu eingebaute mit einem Stucküberzug versehen.

 

 

____

17

 

Die reichste Betätigungsmöglichkeit boten die zahlreichen Einbauten in die bestehenden Kirchen: Chorschranken, Emporenbrüstungen, Altarwände und, wenn man die lombardischen Arbeiten mit einbezieht, Ciborien und Kanzeln.

 

Im 12. wie im Anfang des 13. Jahrhunderts war also für eine Dekorationskunst, wie die Stucktechnik, die günstigste Entwicklungsmöglichkeit gegeben, zumal in Sachsen, wo durch das verhältnismäßig lange Festhalten an der Raumform der flachgedeckten Basilika die künstlerische Kraft vom eigentlichen Bauentwurf auf die Durchbildung der Einzelbauteile gelegt werden konnte 25).

 

Dekorierung von Wandflächen.

 

Innenwände.

 

In die früheste Zeit der sächsischen Baugeschichte führen die Wandstukkierungen der Betgruft in der Unterkirche der Stiftskirche zu Quedlinburg, als deren Entstehungszeit das Jahr 1021 gilt (Abb. 14).

 

Abb. 14

 

Phantasievolle Säulenstellungen mit reichen Ornamenten bedecken die Wände dieser Gruft des ersten deutschen Königs aus sächsischem Hause. In die Wände vertiefte Nischen sind von kleinen Säulen eingefaßt, deren Archivolten die obere Begrenzung der Nischen bilden. Aus den noch vorhandenen Bruchstücken muß eine ähnliche Ausschmückung der Brüstung gefolgert werden, welche die Betgruft gegen den übrigen Kirchenraum abschloß (nach Hase) 26).

 

Alle Architekturformen sind rein dekorativ zur Belebung der Flächen angetragen. Brinkmann 27) schreibt: „Sie zeichnen sich aus durch leichte, flotte Art der Zeichnung, die die Mitte hält zwischen Buchmalerei und Architektur.“ A. Haupt 28) weist auf die Verwandtschaft dieser Arbeiten mit denen in Germigny des Près und Mals hin, die vor allem in den Abschlußbogen der Nischen besteht. Die Beziehung zu den karolingischen Stuckarbeiten ist für die zusammenhängende Entwicklung der mittelalterlichen Stuckplastik wichtig.

 

Die Stuckarbeiten der Kirche zu Oberndorf bei Arnstadt, wohl das südlichste Beispiel sächsischer Stuckplastik, zeigen die gleiche Anwendung. Kleine Halbsäulen sind auf die Wände angetragen und mit Bogen untereinander verbunden. Diese Stuckverzierungen umrahmten die vom Chor nach Süden und Norden sich öffnenden Wanddurchbrechungen, die später nach der Zerstörung der Seitenschiffe zugemauert wurden.

 

 

____

18

 

Bei nahezu allen weiteren Wandstuckierungen des 12. Jahrhunderts sind figürliche Motive vorherrschend. So finden wir in Sachsen die besonders charakteristische Anordnung von Stuckfiguren in den Säulenachsen zur Belebung der Mittelschiffswände. Neben dem Goslarer Dom, bei dem man lediglich aus den Bauaufnahmen 29) auf die Figurenstellung schließen kann, enthält das Gandersheimer Münster das älteste Beispiel 30) 31). Auch hier sind nur noch sechs Apostelfiguren vorhanden, die nicht mehr am ursprünglichen Platz stehen, aber im Gurtgesims der Mittelschiffswand halbkreisförmig herausgezogene Werksteinkonsolen verraten die einstige Aufstellung und beweisen zugleich, daß schon beim Bauentwurf mit der Figurenanordnung gerechnet war. Die Figuren werden auf das erste Viertel des 12. Jahrhunderts 32) datiert. Schon durch ihren Maßstab (die Größe beträgt nur etwa 85 cm) zeigen sie ihre Herkunft aus der Kleinplastik. Es ist wohl einer der ersten Versuche der figürlichen Bauplastik aus Stuck.

 

Unmittelbar beeinflußt durch das Grandersheimer Vorbild fand diese Figurenanordnung in der Kirche zu Clus ihre Fortsetzung. Die einzig erhaltenen zwei Figuren, die heute in der Gandersheimer Münstersammlung stehen, stammen aus der Zeit um 1130-1135 33). In der Durchbildung als Bauplastik ist schon ein wesentlicher Fortschritt zu bemerken. Das Relief ist kräftiger ausgebildet und der Maßstab der Figuren für die bedeutend kleinere Kirche günstiger.

 

Die gleiche Entwicklung des Reliefstiles zeigen die im südlichen Seitenschiff der Michaeliskirche zu Hildesheim angebrachten neun Engelsgestalten 34) 35). Vor 1186 ausgeführt, leiten sie für Hildesheim eine Epoche glanzvoller Stuckdekorationen ein, die in der Geschichte der Stuckplastik einen besonderen Platz verdienen. Die reichere Anordnung ist, abgesehen von der Bemalung, noch ursprünglich. Die Figuren haben als oberen Abschluß eine durchlaufende Ranke, und die die Bogenleibungen zwischen Seiten- und Mittelschiff sind mit geometrischen und pflanzlichen Ornamenten geschmückt T.36).

 

Leider hat diese für Sachsen typische Art der Wanddekorierung nur noch ein weiteres Beispiel: die Klosterkirche zu Hecklingen 37).

 

Einfügung:

 

 

Die weit ins 13. Jahrhundert führenden Engelsgestalten sind hier als Arbeiten des Ausganges der romanischen Zeit sehr lebendig, stimmen aber in ihrer Anordnung durchaus mit den älteren Beispielen überein. Sie bilden mit den Figuren aus Goslar, Gandersheim,

 

 

____

19

 

Clus und Hildesheim eine fortlaufende Entwicklungsreihe für die rhytmische Anordnung großfigürlicher Stuckplastiken an den Kirchenschiffswänden.

 

 

Einbauten.

 

An den Einbauten, die im 12. und 13. Jahrhundert zur weiteren Ausgestaltung des Kirchenraumes vorgenommen wurden, ist die Entwicklung der Stuckplastik lückenloser zu verfolgen, und gerade diese Arbeiten sind für die allgemeine Geschichte der figürlichen Plastik als Beispiele herangezogen 38).

 

Die neuerdings auf die Zeit von 1100 bis 1120 datierten Wände der Hlg. Grabeskapelle der Stiftskirche zu Gernrode zeigen noch eine Aufteilung, die ganz im Sinne der Kleinkunst getroffen ist (Abb. 2, 4) 39).

 

Abb. 2 1932

Einfügung 2014

Abb.4 1932

Einfügung 2014

 

 

„Es ist etwa die Wand eines Elfenbeinkästchens in Stein im großen Format nachgebildet worden.“ Charakteristisch ist dafür die Verschiedenheit der Materialien, die hier bewußt nebeneinander verarbeitet sind. Nur die Hauptfiguren sind aus Stuck, umrahmt von aus Sandstein gemeißelten, reich ornamentierten Platten und Profilen. Wie aus besonderem Material gearbeitete Schmuckstücke eines Kästchens sind die Figuren des Auferstandenen, der Maria Magdalena, zweier Jünger und besonders der vor dem Grabe stehenden Maria in die Wandflächen eingefügt (wie die Anordnung der Figuren im Innern der Kapelle war, läßt sich nur noch vermuten). Die Parallele zu Gandersheim ist augenscheinlich. Auch hier ist man von der Kleinkunst ausgegangen und hat bei Vergrößerung des Maßstabes und Ersatz des Materiales Bronze oder Elfenbein durch Stuck Figuren zur monumentalen Wanddekorierung herangezogen.

 

An den Bruchstücken der den Gandersheimer und Gernroder Stuckarbeiten zeitlich am nächsten stehenden Chorschranke oder Brüstungswand in der Stiftskirche zu Quedlinburg (datiert auf etwa 1130) T.40) sind Figuren nur als Malereien zu erkennen. Die plastische Stuckausschmückung zeigt lediglich ornamentale Motive 41), die wegen ihrer großen Ähnlichkeit auf den Meister der ältesten Quedlinburger Äbtissinnensteine hinweisen 42). Gandersheim, durch enge Beziehungen mit Quedlinburg verbunden und zeitweise unter der Leitung gemeinsamer Äbtissinnen, besitzt ähnliche Stuckreste 43), die von einer gleichartigen Wand herrühren, vermutlich eine Arbeit desselben Meisters.

 

Während bei den frühesten Beispielen die Figur neben der Anwendung bei der Malerei als gewissermaßen vergrößerte

2*

 

 

____

20

 

Kleinplastik in die Architektur eingefügt wird, geht die weitere Entwicklung dahin, die figürliche Plastik den Gesetzen der Architektur unterzuordnen, so daß „man oft im Zweifel darüber bleiben kann, ob dem Baumeister oder dem Bildhauer mehr Anteil an dem Gesamtentwurf der skulpturengeschmückten Architektur beizumessen sei“ 44). Auch dieser Umwandlungsprozeß der Plastik geht an den Stuckarbeiten vor sich.

 

Als „ältestes Dokument der sich etwa um 1150 durchsetzenden tektonischen Gesinnung“ in der deutschen Plastik bezeichnet Beenken 45) den Altaraufsatz des Erfurter Domes (Abb. 25).

 

Abb. 25

 

 

Pinder 46) schreibt: „Der Erfurter Altaraufsatz verrät vom Stoffe bis zur Form die Herkunft aus dem Kreise der Bauplastik.“ Im Gegensatz zu dem Flachreliefstil der Gernroder Figuren, der noch stark an die Antike anklingt, hat sich hier schon das typisch romanische Hochrelief entwickelt. Noch klarer zeigen die von Goldschmidt 47) auf 1170 datierten Figuren der Gröninger Emporenbrüstung, die sich heute im Deutschen Museum in Berlin befinden, den Wandel der Auffassung (Abb. 36, 37).

 

Abb. 36 1932

Einfügung 2015

Abb. 37

Einfügung 2015

 

 

Die große Starrheit der Figuren erklärt sich aus der Tendenz, die Figur als solche zur Bauplastik umzuformen, und naturgemäß zeigen die ersten Beispiele diese Umwandlung ins Extrem übertrieben.

 

Im weiteren Verlauf der Entwicklung sucht die eben von der Kleinkunst freigewordene Plastik, wiederum im Anschluß an Bronzearbeiten, zu einer lebendigeren Darstellung zu kommen. In dieser Zeit steht die Plastik auch formal stark unter dem Einfluß des Materiales Stuck. Sauerlandt 48) schreibt: „Sicherlich hat die bequeme Natur dieses Stoffes der reichen Ausgestaltung des augenscheinlich mit dem Spachtel in die weiche Masse eingezeichneten linienhaften Faltenornamentes Vorschub geleistet, das für diese Epoche so charakteristisch ist.“

 

Die am Ende des 12. und zum Beginn des 13. Jahrhunderts in schneller Folge errichteten Chorschranken in Hildesheim, Halberstadt und Hamersleben sind die Meisterwerke dieser Epoche und damit zugleich der gesamten mittelalterlichen Stuckplastik. Bei dem bedeutendsten Werk, der Chorschranke in Hildesheim (Abb. 22, 40), ist zum ersten Male in der sächsischen Stuckplastik eine Figurenreihe mit architektonischen und ornamentalen Formen einheitlich zusammengefaßt 49).

 

Abb. 22

Abb. 40

 

 

Beenken 50) nennt als Voraussetzung für den Stil der Figuren den Heribertschrein in Deutz. Auch für die architektonischen Motive sind Anregungen aus der Kleinkunst zu vermuten. Die Anordnung ist die gleiche, wie

 

 

____

21

 

sie Buchdeckel und Schreine im kleinen Maßstabe aufweisen. Daß auch die südliche, bei einem Bauunfall im Jahre 1662 zerstörte Chorschranke eine ähnliche Ausbildung gehabt hat, zeigen die noch im Andreasmuseum in Hildesheim aufbewahrten Bruchstücke der oberen mit Engelsgestalten geschmückten Arkadenreihe (Abb. 41). Beenken vermutet, daß die übrigen Reste von Figuren einer vorderen Abschlußwand gegen das Mittelschiff angehören.

 

Bei den Halberstädter Chorschranken ist die Gesamtanordnung nicht so reich, und die Ausführung gegenüber dem Hildesheimer Beispiel vereinfacht, während die Figuren eine Weiterentwicklung des Hildesheimer Vorbildes sind (Abb. 26, 35) T.51). Die Anlehnung an die Hildesheimer Arbeit ist offensichtlich. Als besonderes Meisterwerk der Ornamentik muß die Abschlußranke der südlichen Chorschranke genannt werden.

 

In Hamersleben ist wohl die Stukkierung der Schranken nie vollendet worden 52). Nur in drei Feldern ist die Nordseite mit einer einfacheren und auch figürlich nicht so eindrucksvollen Stuckdekorierung versehen.

 

Einfügung: Hamerslebener Chorschrankenstuckierung 2014

 

 

Die von Goldschmidt 53) im Zusammenhang mit den Chorschranken erwähnten Arbeiten der Kanzel in der Neuwerkskirche zu Goslar scheinen nach ihrer Formgebung ebenfalls Stukkaturen zu sein 54). Daß sich in derselben Kirche neben Stuckverzierungen in der Apsis eine kleine Stuckplastik mit dem Namen des Erbauers Meister Wilhelm befindet 55), spricht gleichfalls für die Annahme, die jedoch erst nach Entfernung des häßlichen Anstriches der Figuren bewiesen werden könnte. In ihrer Ausführungsart sind die Figuren etwa mit den Engelsgestalten in Hecklingen zu vergleichen.

 

Einfügung: Stuckengel in der Klosterkirche Hecklingen

 

 

Als nicht unmittelbar zur Stuckplastik gehörend, soll hier auf die halbplastische, halbflächenhafte Art der Wandstuckierung hingewiesen werden, wie sie z. B. die Apsidenwände der Neuwerkskirche in Goslar 56) zeigen. Da die Modellierung sich nur auf einige für die Vergoldung bestimmte Teile, wie Thronsessel, Heiligenscheine und sonstige Embleme erstreckt, sind derartige Arbeiten nicht zur eigentlichen Stuckplastik zu rechnen. Man kann nur von einem plastisch behandelten Malgrund sprechen, wie bei den Arbeiten der byzantinischen Tafelmalerei 57). Arbeiten in dieser Technik finden sich z. B. als Überzug der Gewölbeflächen des Querschiffes und als einzelne Gemälde in Wandnischen an der Liebfrauenkirche zu Halberstadt 58) und im Klostergebäude zu Ilsenburg 59).

 

Außenwände.

 

Für die plastische Stuckierung äußerer Wandteile haben wir sehr wenige Beispiele. Bei den beiden noch vorhandenen Arbeiten sind die Figuren an der Nordseite der Gebäude und

 

 

____

22

 

in besonderen Nischen zum Schutze vor Wetterschlag angebracht. Die Nordwand der Domkapelle in Goslar, die wohl nur wegen dieser wertvollen Stuckausschmückung bei dem Abbruch des Domes verschont blieb, zeigt eine Fassadenaufteilung der gesamten Giebelfläche durch zwei Reihen von Großfiguren, unter denen sich die Standbilder Helnrichs III. und Heinrichs IV. befinden 60). Nach dem Stil der Figuren kann man die Mitte des 12. Jahrhunderts als Entstehungszeit annehmen 61).

 

In Hildesheim beschränkt sich die Ausschmückung mit Stuck im Gebäudeäußeren auf das Türfeld des Nordportals der St. Godehardskirche. Aber diese kleine Arbeit gehört zu den besten Werken der Zeit. Goldschmidt 62) bezeichnet das um 1200 entstandene Tympanon als „erstes bedeutendes Monumentalwerk einer neuen Zeit in Sachsen“.

 

Einfügung: Hildesheim St. Godehard Tympanon am Nordportal

 

 

Eine Stuckdarstellung in sehr schwachem Relief mit den Figuren Ottos des Großen und seiner Gemahlinnen schmückt die Ostwand im Klosterhof des Magdeburger Domes. Wegen der sehr geringen Tiefe des Reliefs und der im übrigen ritzartigen Behandlung der Oberfläche, kann man sie besser als Sgraffito bezeichnen 63).

 

Außer diesen nach ihrer Verwendung bekannten figürlichen Stuckplastiken sind noch an verschiedenen Orten mehr oder weniger gut erhaltene Stuckarbeiten aufgefunden, deren Bestimmung nicht mehr einwandfrei erkenntlich ist.

 

Im Vaterländischen Museum in Braunschweig werden aufbewahrt: der Torso einer Figur mit sehr schönem Faltenwurf aus der Klosterkirche zu Schöningen 64), etwa aus dem Jahre 1250 stammend, und eine sehr schwach reliefartige Heiligenfigur, die nach 1200 entstanden sein wird, aus der Klosterkirche zu Süpplingenburg 65).

 

Sehr wichtige Figuren aus Stuck besitzt das St. Annenmuseum in Lübeck in den Apostelgestalten aus der Lübecker Marienkirche 66), die nur im Zusammenhang mit den eigentlich sächsischen Arbeiten zu erklären sind. Sie zeigen, wie die Sachsen auch nach Lübeck die in der Heimat gebräuchliche Ausführungsart übertrugen. Wahrscheinlich haben die Figuren die Innenwände des Chores der alten St. Marienkirche geschmückt. Die zwölf Apostel mit der Christusfigur werden dem Jahre 1270 zugeschrieben, während die Gruppe der Krönung Mariä erst im 14. Jahrhundert als Ergänzung zugefügt wurde 67).

 

In der Literatur sind bisher eine Anzahl Lübecker Arbeiten, so z. B. zwei Madonnen im Dom, eine Reihe von Apostelfiguren in St. Marien sowie die Plastiken an den Gewölbekonsolen des Burgklosters als Stukkaturen bezeichnet, die nach neueren Untersuchungen aus Naturstein bestehen 68).

 

 

____

23

 

Grab- und Denkmalsplastik.

 

Bei der engen Abhängigkeit der mittelalterlichen Grabplastik von der Bauplastik ist es erklärlich, daß die Stuckarbeiten in der Geschichte des figürlichen Grabmales die gleiche Stellung einnehmen wie als Baudekorationen für die Bauplastik. Auf das „früheste Beispiel einer Grabfigur in Sachsen“ 69), die Bronzeplatte Rudolfs von Schwaben im Merseburger Dom, und die ihr eng verwandte Steinskulptur des Sachsenherzogs Wittekind zu Enger i. Westfalen T.70) folgt die Reihe der Stuckgrabplatten in Quedlinburg, die mit den Stuckfiguren an den Mittelschiffswänden der sächsischen Basiliken (vgl. Seite 18 u. 19) die größte Verwandtschaft besitzen. Im einzelnen läßt sich bis in das 13. Jahrhundert der Entwicklungsgang der Grabplastik an ihnen verfolgen.

 

So können die drei ältesten Äbtissinnengrabplatten (Abb. 20) stilistisch mit den Figuren aus Clus verglichen werden.

 

Abb. 20

 

 

Beenken 71) bezeichnet sie als Arbeiten einer Werkstatt 72). Die Ähnlichkeit der drei Platten untereinander läßt vermuten T.73), daß sie sogar von einer Hand stammen. Aus den Namen: Adelheid I., Schwester Ottos III., Beatrix und Adelheid II., Schwestern Heinrichs IV., die auf den Steinen verzeichnet sind, kann man folgern, daß es einer der besten Künstler der Zeit gewesen ist. Ohle 74) weist noch auf die Verwandtschaft mit Mailänder Stukkaturen hin. Das Jahr 1129, als die Kirche nach dem Brand von 1070 wieder hergestellt war, gilt als Entstehungszeit.

 

Es wird in Quedlinburg zur Tradition, die Grabsteine der Äbtissinnen aus Stuck zu arbeiten, und so finden sich noch drei derartige Grabplatten. Zeitlich folgt den drei frühesten ein sehr stark beschädigtes Grabmal, vermutlich der Äbtissin Gerburg (Abb. 34) und ein ebenfalls undatiertes, das wahrscheinlich Sophia von Brena darstellt, in den bewegten Formen des Ausganges der romanischen Zeit.

 

Abb. 34

 

 

Der letzte in der Reihe der aus Stuck bestehenden Quedlinburger Grabplatten ist der Grabstein der Gertrud von Amword, der erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts ausgeführt wurde und wenig Charakteristisches für die Stuckanwendung zeigt.

 

In die Ausgangszeit der Stuckplastik fallen vier Stifterfiguren der St. Bartholomäuskirche zu Blankenburg 75). Die wenig bedeutenden Figuren, von denen zwei sehr stark beschädigt und zwei modern bemalt sind, werden auf das Ende des 13., beziehungsweise den Anfang des 14. Jahrhunderts datiert, eine Zeit, in der die Stuckplastik nahezu erloschen ist.

 

 

____

24

 

Dekorierung von Architekturgliedern.

 

Wie die Stucktechnik im Mittelalter auf die rein figürlichen Arbeiten der Grabplastik übergreift, so wird auch die Ausschmückung konstruktiver Architekturglieder gern mit Hilfe des Stuckauftrages vollzogen. Auch diese Anwendungsart reicht bis in karolingische Zeit zurück. Es sei an die oben erwähnten Arbeiten auf französischem und schweizerischem Boden erinnert.

 

Das älteste, völlig erhaltene Bauwerk auf sächsischem Boden, die Krypta S. Wiperti in Quedlinburg, bringt den ersten tatsächlichen Beweis für eine Stuckierung von Architekturgliedern. Teile eines älteren Baues, die wohl aus dem 9. Jahrhundert stammen, sind, nach Dehio 76), 936 beim Bau der Krypta des Chorherrenstiftes St. Jacobus und Wipertus verwendet worden. Der Einbau dieser älteren Reststücke aus rötlichem Sandstein zusammen mit neuen aus weißem Kalkstein erfolgte unter der Voraussetzung, daß die Einheitlichkeit des Bauwerkes durch einen Überzug mit Stuck hergestellt wurde. Die noch erhaltenen erheblichen zum Teil bandartig dekorierten Reste der Verkleidung des Architravs (Abb. 31, 32) 77), wie Spuren des Überzuges an Säulen und Pfeilern beweisen diese Annahme.

 

Abb. 31

Abb. 32

 

 

Durch die Stuckierung wurde nicht allein die Schwierigkeit, die in der Verschiedenheit der Baumaterialien lag, überwunden, auch die Anschlüsse des in der Apsis ringförmig verlaufenden Tonnengewölbes an die von dem älteren Bau herrührenden geraden Architravstücke konnten nur mit Hilfe des Stuckauftrages befriedigend gelöst werden. Zugleich ergab sich die Möglichkeit zu anderen formalen Ausführungen. Das ursprüngliche Karniesprofil des Steinbalkens wurde in den der Zeit geläufigeren Viertelstab abgewandelt, und die glatte Fläche des Architravs erhielt ein bandartiges Muster in von der Lombardei beeinflußten Formen 78).

 

Einfügung: Quedlinburg St. Wiperti Architrav 2015

 

 

Das bekannteste, aber keineswegs allein dastehende Beispiel aus dem 12. Jahrhundert sind die Verkleidungen der Kapitelle des Mittelschiffes in der Klosterkirche zu Drübeck. Nur noch wenige, im südlichen Querschiffsarm aufgestellte Bruchstücke sind erhalten, da im Anfang des 19. Jahrhunderts die alten Kapitelle freigelegt wurden (Abb. 8, 9) 79).

 

Abb. 8

Abb. 9

Abb. 11

 

 

Puttrich 80) gibt eine Zeichnung (Abb. 11) mit noch teilweise vorhandener Verkleidung wieder. Sein Bericht, der als Dokument wertvoll ist, lautet: „So stehen noch gegenwärtig einige dieser umgewandelten Kapitelle in ihrer vollständigen Form beträchtlich stärker als die anderen da; bei den meisten jedoch ist der Stuck gänzlich oder in größeren

 

 

____

25

 

oder geringeren Maßen wieder abgefallen, und sie zeigen nun die alte Form und das darüber gezogene neue Gewand in friedlicher Ruhe nebeneinander.

 

Einfügung: Drübeck 2015

Einfügung: Drübeck 2015

Einfügung: Drübeck 2015

 

 

Die neu byzantinischen Ornamente der Kapitelle bestehen in phantastischen Köpfen mit Blattwerk arabeskenhaft verbunden, in üppig geschweiften Blattgewinden u. dgl.; ebenso sind die Deckgesimse zum Teil mit zierlich bunten Verzierungen versehen. Auch sind die Deckgesimse in dieser Überstuckung in ihren einzelnen Gliederungen sehr verändert worden. Wie aber dieses technische Verfahren, so ist nicht minder der dem Mittelalter sonst fremde und bis zum Übermut gesteigerte Sinn, mit dem hier die alte, an sich ganz gute Form verdeckt ward, höchst auffallend . . .“

 

Daß auch die Sockelprofile durch einen Stuckauftrag abgewandelt sind, haben Nachgrabungen Professor Zellers 81) erwiesen. Da sowohl die älteren Kapitelle wie die Sockelprofile durchweg gut erhalten sind, geschah die Überstuckierung nicht aus technischen Gründen; wir haben es in Drübeck mit rein formalen Ursachen zu tun, die im Zusammenhang mit der Einstellung der Zeit durchaus verständlich sind. Bei der gegen Ende des 12. Jahrhunderts erfolgenden Einwölbung der im wesentlichen aus dem 11. Jahrhundert herrührenden flachgedeckten Basilika wurden Gewölbevorlagen auf Konsolen eingezogen, deren Dekorierung im reifen romanischen Stil auf die Zeit von 1170 bis 1180 schließen läßt.

 

Einfügung: Drübeck Klosterkirche Gewölbekonsole 2015

 

 

Um die Kapitelle des Schiffes, die einer früheren Bauzeit angehörten, den neuen Formen anzupassen, umgab man sie mit dem Stuckauftrag in den Formen des beginnenden 13. Jahrhunderts T.82).

 

Ähnliche Gründe werden zu den Stuckarbeiten Anlaß gegeben haben, die sich in der Krypta derselben Kirche befinden. Zwei Säulen sind zu nennen, deren Schäfte und Basen einen Stuckauftrag besitzen (Abb. 38).

 

Abb. 38

 

 

Die östliche trägt ein mit Stuck dekoriertes Kapitell 83). Wahrscheinlich sind diese Arbeiten etwas älter als die Kapitellverkleidungen des Hauptschiffes.

 

Einfügung: östl. Säule Kapitell

Einfügung: östl. Säule Kapitell

Einfügung: westl. Säule Kapitell

 

 

Eine Parallele zu den Drübecker Stuckarbeiten zeigt die benachbarte Klosterkirche zu Ilsenburg‚ deren baulicher Befund bisher wenig gewürdigt ist. Im östlichsten Joch des südlichen Seitenschiffes sind die nach dem Querschiff gelegenen Gewölbekämpfer mit Stuck blatt- und bandwerkartig dekoriert 84). Bei Nachgrabungen im Chorraum T.85) wurde eine weitere Kämpferverkleidung aus Stuck (Abb. 7) in den gleichen Abmessungen und mit gleichem Profil wie die Gewölbekämpfer des Seitenschiffes

 

 

____

26

 

gefunden. Klarheit über den Umfang der Stuckarbeiten in Ilsenburg geben die anläßlich einer Bauaufnahme für die Technische Hochschule Braunschweig im Jahre 1925 aufgefundenen zwei Kapitelle des Mittelschiffes, die sich in den Gewölbezwickeln des jetzt vorhandenen, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Gewölbes befinden (Abb. 5‚ 6).

 

Abb. 5

Abb. 6

 

 

Die Kapitelle sind zum Teil im jetzigen Gewölbe eingemauert und konnten so bisher verborgen bleiben. Beide bestehen wie die Gewölbe selbst, deren Ansätze noch erkenntlich sind, aus Stuck. In Ilsenburg lag die gleiche Veranlassung zu der Stuckierung vor wie in Drübeck.

 

Einfügung: Ilsenburg Portal links

Einfügung: Ilsenburg Portal Mitte

Einfügung: Ilsenburg Portal rechts

 

 

Als man am Ende des 12. Jahrhunderts, vermutlich nach einem Brande, den vom Jahre 1078 stammenden Bau wiederherstellte und das Mittelschiff einwölbte 86), wurden in den Pfeilerachsen des Mittelschiffes Vorlagen T.87) angebracht, deren Kapitelle wegen der einfacheren Ausführung aus Stuck verfertigt wurden. Aus den Stuckarbeiten im Seitenschiff ist zu schließen, daß auch die Kämpferplatten der Gewölbe des schon vorher eingewölbten Seitenschiffes überstuckiert wurden. Man muß annehmen, daß auch die heute aus einzelnen Bruchstücken zusammengesetzten Kapitelle der Säulen des Mittelschiffes, die wahrscheinlich nach ihrer Zerstörung bei dem ersten Brande in dieser Art zusammengeflickt wurden, ebenfalls einen dekorierten Stuckauftrag erhalten haben. Für die Chorpartie ist die aufgefundene Ranke Beweis genug. Bis zur sehr weitgehenden Zerstörung in den Bauernkriegen wird die Ilsenburger Kirche durch die Wirkung des Stuckauftrages ein völlig einheitlicher Bau gewesen sein. Die sehr große Ähnlichkeit der Stuckarbeiten, die sowohl in ihrer Verwendung, wie in ihrer Formgebung mit denen der Drübecker Kirche besteht, läßt zumal bei der großen Nähe beider Bauten schließen, daß derselbe Meister in beiden Kirchen gearbeitet hat T.88).

 

Die gleiche Stuckierung von Architekturteilen wird durch zwei Bruchstücke von Säulenbasen in der Quedlinburger Stiftskirche bezeugt. Die Stuckreste besitzen auf der Rückseite noch den Abdruck der älteren Profilierung und müssen als Wiederherstellungsarbeiten angesehen werden. Brinkmann 89) 90) vermutet, daß bei dem Wiederaufbau der Oberkirche nach dem Brande von 1070 die durch Feuer zerstörten älteren Basen diesen Stucküberzug erhielten (Abb. 12, 13).

 

Abb. 12

Abb. 13

 

 

Unter den im Zitter derselben Kirche aufbewahrten Stuckresten der Heinrichsgruft befinden sich einige in Material und Form von den übrigen abweichende, mit Adlern geschmückte Stücke. Nach der gewölbten Rückseite

 

 

____

27

 

zu schließen, dienten sie zur Verkleidung von Kapitellen (Abb. 17, 18).

 

Abb. 17

Abb. 18

 

 

Diese Arbeiten gehören wohl derselben Bauperiode wie die Säulenbasen an.

 

Ich möchte hier auf die große Ähnlichkeit hinweisen, die diese Bruchstücke mit den im Neuen Deutschen Museum in Berlin befindlichen Stuckresten aus Gerbstedt besitzen 91) und die sich vor allem in den eigentümlichen lochartigen Vertiefungen an den Leibern der phantastischen Tiergestalten zeigt.

 

Dehio 92) erwähnt aus der Liebfrauenkirche zu Halberstadt Pfeilergesimse, die mit einem Stucküberzug in der Form der attischen Basis überzogen sind. Im Gegensatz zu dem Beispiel aus Quedlinburg ist in Halberstadt lediglich zur reicheren Ausschmückung der Stuckauftrag auf die ursprünglich einfacheren Profile aufgebracht worden.

 

Auch die Stuckverwendung zur Dekorierung von Architekturgliedern wird in Sachsen weit verbreiteter gewesen sein, als durch Arbeiten heute noch nachzuweisen ist. Bei den häufigen Umbauten, die mit den romanischen Kirchen in späterer Zeit vorgenommen sind, ist viel verloren gegangen. Über einige Stuckarbeiten sind nur literarische Belege vorhanden. So berichtet, um nur ein Beispiel zu nennen, Brinkmann 93) aus dem Jahre 1885 von einem Kapitellbruchstück aus Stuck, das aus dem Volkmarskeller bei Michaelstein stammte, von dem heute nichts mehr zu finden ist.

 

 

Lübeck und Wagrien.

 

Wenn die sächsischen Baumeister des Mittelalters schon im eigentlichen Stammland Sachsen trotz des Reichtumes an gutem, natürlichen Steinmaterial bei Umbauten und Wiederherstellungen die Anwendung der Stucktechnik gern auf die Dekorierung von Architekturgliedern ausdehnten, so fanden sie vollends in Lübeck und Wagrien alle Voraussetzungen zu einer weiteren Ausbildung dieses Zweiges der Stuckplastik. Bei den durch die Hausteinarmut des Landes bedingten Konstruktionsarten des Backsteinmauerwerkes und des Findlingsmauerwerkes war in gleicher Weise die Herstellung dekorierter Bauteile überaus schwierig. Zur Bearbeitung der Granitfindlinge fehlten geeignete Werkzeuge T.94), und das Brennen von Ziegelformstücken ergab technische Schwierigkeiten, denen man zunächst nicht gewachsen war. So finden wir in den Findlings- wie in den frühen Backsteinbauten Lübecks und Wagriens alle Baudekorationen aus Stuck hergestellt.

 

 

____

28

 

Im Ostteil der Stiftskirche zu Segeberg ist der Zusammenhang mit den Bauten der Harzgegend besonders klar erkenntlich (Abb. 44).

 

Abb. 44

 

 

Ausgeführt nach einem für Hausteinbauten ausgearbeiteten Plan 95), konnte das in Backstein konstruierte Bauwerk nur mit Hilfe der Stucktechnik die Dekorationen, die beim Werksteinbau üblich waren, erhalten. So sind hier die gleichen Bauteile dekoriert, wie bei den sächsischen Kirchen mit Stützenwechsel. Haupt 96) schreibt: „Die Segeberger Arkadenstützen sind im alten Teile auf reichen Schmuck der Kämpferstelle berechnet. Dasselbe gilt für die Gewölbe des Obergadens. Die Pfeiler haben an der entsprechenden Stelle einen Ornamentstreifen“ (Abb. 42, 43).

 

Abb. 42

Abb. 43

 

 

Die Würfelkapitelle und die trapezartigen Kapitelle über den im Grundriß vierpaßförmigen Säulen sind reine Nachahmungen von Werksteinkapitellen. Ornamental findet sich Flecht-, Band- und Blattwerk 97), wie beispielsweise in Ilsenburg. Daneben tauchen hier andere, aus der Schnitzerei stammende Motive auf, so z. B. an den Portalsteinen aus Stuck, die jetzt im Westteil des nördlichen Seitenschiffes eingemauert sind 98). Die Kragsteine, die als Träger für die Vorlagen der Gurtbogen in der Vierung dienen, haben keine plastischen Dekorierungen. Die Stuckdekorationen der Segeberger Kirche besitzen von allen Arbeiten in Wagrien die größte Mannigfaltigkeit, was sich durch den besonders engen Zusammenhang dieser Arbeiten mit der sächsischen Stuckplastik erklärt. Die teilweise primitive Art der Ausführung zeigt, daß man hier wohl zum ersten Male in Wagrien den Werkstein auch konstruktiv durch Stuck zu ersetzen suchte.

 

Ähnlich wie in Segeberg ist die Stuckdekorierung im ältesten Teile des Lübecker Domes durchgeführt. Auch hier sind die Gewölbekämpfer in der Vierung und den anstoßenden Kreuzarmen aus Stuck 99) (Abb. 45). Die Konsolen der Gurtbogen des Vierungsgewölbes sind im Gegensatz zu Segeberg ornamentiert (Abb. 46-48).

 

Abb. 45

Abb. 46

Abb. 47

Abb. 48

 

 

Die Formen der Stuckblöcke sind in Lübeck zwar nicht so mannigfach, aber charakteristischer. Schnitzartige Muster wurden bevorzugt und die nur im Werksteinbau üblichen Profile weggelassen.

 

Für die stark umstrittenen Datierungsversuche des Lübecker T.100) und Segeberger T.101) Domes sind die Stuckarbeiten als Argument herangezogen werden. Schlüsse, die durch den Stand der technischen Entwicklung nahegelegt werden, sollen im Zusammenhang mit der eingehenden Beschreibung der Techniken erörtert werden.

 

Bei den zur Gruppe der Wizzelinskirchen 102) gehörenden wagrischen Bauten zeigt sich die gleiche Übereinstimmung,

 

 

____

29

 

die im Grundriß und Aufbau herrscht, in der Durchbildung aller Einzelbauteile. Überall finden wir an den gleichen Bauteilen fast gleiche Muster. Wie in Segeberg wurden vor allem die Gewölbekämpfer, die sich bei diesen Kirchen im Chorraum und im Turmgemach als einzig gewölbten Teilen finden, und die Kämpfer der anschließenden Gurtbogen, mit Stuck geschmückt. Hausteinartige Profile wechseln mit pflanzlichen, palmettenförmigen, bandartigen Musterungen, teils am selben Stück. Beispiele sind die Gewölbekämpfer aus Süsel 103) und Bosau 104). Als ebenfalls aus Backsteinen wie Granitfindlingen schwer herstellbare Bauteile wurden die in die Fensteröffnungen der Türme eingestellten Säulchen völlig aus Stuck gefertigt: Neukirchen und Ratekau besitzen noch derartige Fenster 105).

 

Daneben waren im Gebäudeäußeren die Portale die einzigen Bauteile, die eine reichere Ausstattung erhielten. In Süsel ist ein Säulenportal an der Südseite der Kirche unversehrt geblieben (Abb. 39).

 

Abb. 39

Abb. 28

 

 

Zur Seite der Türöffnung stehen zwei Säulen, deren Schäfte, Basen und Kapitelle aus Stuck verfertigt sind. Desgleichen ist der Türabschlußbogen in der Ansichtsfläche mit Stuck geschmückt. Ähnlich waren wohl die Portale sämtlicher Wizzelinskirchen. Reste von der Stuckdekorierung sind noch in Bosau und in Ratekau vorhanden (Abb. 28).

 

So findet sich in allen Wizzelinskirchen unter dem Einfluß einer Schule eine fast gleiche Verwendung und Ausführung der Stuckarbeiten. In der oft meisterhaften Ornamentierung zeigt sich immer noch die Auswirkung der sächsischen Kunst, wenngleich auch hier im Norden unter dem Zwange, den fehlenden Haustein durch ein künstliches Material zu ersetzen, der konstruktive Wert des Stuckes in den Vordergrund tritt. Von der figürlichen Wanddekoration T.106) und Grabplastik ist in Wagrien und, wenn man die Apostelfiguren aus St. Marien ausnimmt, auch in Lübeck nichts mehr zu finden. Dagegen behält der Stuck in der Verwendung als Ersatzmaterial in hausteinarmen Gebieten noch weit in die Gotik hinein seine Bedeutung und läßt sich im Anschluß an die Arbeiten in Lübeck durch das Einflußgebiet der Hanse verfolgen; wie Haupt sagt, ist künstliches Material „in den Ostseelanden weithin üblich geworden bis in die Ordenslande“ 107).

 

Romanische Stuckarbeiten, die außerhalb des Zusammenhanges mit der sächsischen Stuckplastik, wie z. B. in Schleswig 108) als Ersatz für Naturstein verwendet sind, haben in Deutschland nur lokale Bedeutung erhalten.

 

 

____

30

 

Zusammenfassung.

 

Die Zahl der angeführten Beispiele zeigt, welchen Anteil die Stuckplastik an der Kunst des Mittelalters hat. Daß sie in der Entstehungszeit der mittelalterlichen Monumentalplastik als Wanddekorierungskunst und Grabmalsplastik die Trägerin der Entwicklung des figürlich plastischen Stiles wird, läßt ihre Bedeutung hierin über die ausschließlich dekorative Stucktechnik der Antike hinausgehen. Nach der Erfüllung ihrer vermittelnden Aufgabe zwischen der Kleinkunst in Bronze und der Monumentalkunst in Stein wird die Stuckplastik durch die Steinskulptur abgelöst.

 

Zur Dekorierung von Architekturteilen seit altersher in Sachsen üblich, findet dieser Zweig der Stuckplastik im 12. Jahrhundert die reichste Betätigung. Durch die Übertragung nach Lübeck und Wagrien wird er für den sich eben entfaltenden deutschen Backsteinbau besonders wichtig. Seit der Blütezeit in römischer Zeit ist das 12. und beginnende 13. Jahrhundert die zweite Glanzzeit der Stuckplastik.

 

In der Gotik findet die Stuckplastik nur eine bescheidene Anwendung. Ihre geschichtliche Aufgabe für die Kunst des Mittelalters ist erfüllt. Zur Dekoration von Architekturteilen taucht sie in späterer Zeit wieder auf, nachdem sie zunächst durch die selbständig gewordene Backsteintechnik abgelöst ist. Aber dann ist sie nicht mehr Selbstzweck, sondern dient lediglich zum Ersatz von Werkstein, so daß keine bedeutenden Stuckarbeiten aus gotischer Zeit hervorragen. Der eigentlichen Stuckplastik, als selbständiger Kunst, nimmt die Gotik mit ihren neuen Ideen, mit der Einführung des Quadermauerwerkes, mit der Auflösung der Wandflächen, mit der Schematisierung der Bauornamentik die Lebensmöglichkeit. Andere Dekorationsarten, wie die Glasmalerei, erleben ihren Aufstieg.

 

 

____

31

 

B. Material.

 

Analysierung.

 

Die bisher ohne Vornahme genauer Analysen über die Zusammensetzung der Stuckmasse mittelalterlicher Stuckplastiken in der Literatur angegebenen Materialbezeichnungen lassen wegen ihrer großen Verschiedenheit die einzelnen Arbeiten zusammenhanglos erscheinen. So könnte die Vermutung aufkommen, daß rein ersatzmäßig, je nach örtlichem Vorkommen, das verschiedenartigste Material zur Herstellung der Stukkaturen verarbeitet sei, und die plastische Stuckierung wäre als selbständige Dekorationskunst des Mittelalters überhaupt in Frage gestellt. Soweit man sich nicht auf die allgemeine Bezeichnung als Stuck beschränkte, finden sich, teilweise für formal eng miteinander verwandte Arbeiten, die verschiedenartigsten Angaben, von denen die häufigsten hier genannt seien T.109): Zementstuck, Kalkstuck, Gipsstuck, Stuckgips, Gipsbeton, Kalkbeton.

 

Erwies sich schon die allgemeine Unterscheidung zwischen Stuck und Naturstein bei einigen Arbeiten als nicht zutreffend, da Stukkaturen als Werksteinarbeiten und umgekehrt Arbeiten aus Naturstein als Stukkaturen verzeichnet sind T.110), so hielten auch die verschiedenen Definierungen der Stuckmasse genaueren Untersuchungen nicht stand. Soweit die einzelnen Arbeiten erreichbar waren, und eine Untersuchung ohne Beschädigung möglich war, wurden die oben angeführten Stuckplastiken fast sämtlich, teils an Ort und Stelle, teils im Laboratorium einer qualitativen Analyse von mir unterzogen, um die Widersprüche in den Materialbezeichnungen aufzuklären. Übereinstimmenderweise ergab sich für alle untersuchten Arbeiten als als Grundstoff Gipsstuck.

 

Um weiter die großen Abweichungen an Härte und Festigkeit zu erklären, die das gleiche Material Gips bei

 

 

____

32

 

den einzelnen Arbeiten zeigt - Unterschiede, die wohl mit zu der Verschiedenartigkeit der Materialbezeichnungen geführt haben -, wurden an einzelnen, besonders charakteristischen und voneinander abweichenden Materialproben eingehendere Untersuchungen angestellt. Als Maßstab für die differierende Güte des Materials wurden die Härtegrade nach der Moß’schen Härteskala ermittelt. Die Vornahme von Festigkeitsproben verbot die geringe Größe der zur Verfügung stehenden Probestücke. Für die Beständigkeit des Materials ist das etwa 700 jährige Alter der beste Beweis. Auch im Gebäudeäußern angebrachte Stukkaturen, wie z. B. in Goslar, haben, soweit ein Schutz gegen Schlagregen vorhanden war, ihre Widerstandsfähigkeit gegen Witterungseinflüsse erwiesen.

 

Die verschiedenen Materialproben von etwa 1-2 Gramm wurden quantitativ analysiert. Die wichtigsten der gefundenen Werte sind in der nachstehenden Tabelle wiedergegeben:

 

Tabelle 1.

Zusammenstellung der Analysenergebnisse.

 

Bezeichnung und Fundort

Härte nach Moß

% CaCO3

% CaSO4 + 2H2O

% in HCl unlösliches

1. Gernrode, Stiftskirche Hlg. Grab, Nordseite

1-2

0,85

98,00

1,15

2. Hildesheim, Michaeliskirche Südliche Chorschranke

1-2

2,23

93,62

3,53

3. Quedlinburg, Stiftskirche Betgruft, Reststück

2-2,5

2,98

93,35

2,82

4. Ilsenburg, Klosterkirche, Mittelschiff, Gewölbekämpfer

2-2,5

1,33

97,24

1,19

5. Ilsenburg, Klosterkirche Ausgegrabene Ranke

2-2,5

3,94

94,30

1,82

6. Halberstadt, Liebfrauenkirche, Chorschranke

2,5-3

4,65

85,78

7,98

7. Segeberg, Stiftskirche Kapitell

3-4

4,24

95,10

0,40

8. Lübeck, Dom

3-4

4,97

94,00

0,70

 

 

Die Tabelle gibt die großen Güteunterschiede der einzelnen Proben wieder. Die Härtegrade wachsen von der Härte 1 bis 2, die etwa dem Gipsnaturstein entspricht, bis zur Härte 4, die dem Flußspat oder dem Marmor gleichkommt.

 

Sucht man zu dieser ansteigenden Reihe der Härten Beziehungen in der chemischen Zusammensetzung, die prozentual in den drei Reihen der Werte für hydratisiertes Kalciumsulfat (CaSO4 + 2H20), für Kalciumkarbonat (CaCO3) und für in Salzsäure unlösliche Beimengungen

 

 

____

33

 

ausgedrückt ist, so ist zunächst festzustellen, daß die Erhöhung der Härte nicht aus irgendwelchen Beimengungen zu erklären ist. Die Werte der aus Holzkohlestückchen, Eisenoxyd, Quarz- und Tonteilchen bestehenden Verunreinigungen schwanken zwischen 0,40 und ca. 8 Prozent, und es ist lediglich zu erkennen, daß bei gleichbleibendem übrigen Zusammensetzungsverhältnis eine Zunahme an Beimengungen zur Verringerung der Härte führt. So besitzen die Proben aus Lübeck und Segeberg mit den geringsten Verunreinigungen die größte Härte. Aus der durchweg sehr geringen Menge an Beimengungen muß ein Vorhandensein im Naturstein oder eine ungewollte Verunreinigung beim Brennvorgang angenommen werden. Lediglich bei den Arbeiten in Hildesheim und Halberstadt ist etwas Sand zur Verlängerung beigemischt worden, und auch hier mit dem Ergebnis einer verhältnismäßig geringeren Härte.

 

Anders ist der Zusammenhang zwischen den Härtegraden und dem Gehalt an CaCO3. Entsprechend einem höheren Wert für CaCO3 stellt sich die größere Härte ein. Das Vorhandensein von Kalciumkarbonat im abgebundenen Stuck hat wohl zu der unrichtigen Materialbezeichnung Kalkstuck beigetragen, da eine an Ort und Stelle mit Hilfe von Salzsäure durchgeführte Untersuchung zu diesem Schluß verleiten kann. Vergleicht man die einzelnen Proben hinsichtlich ihrer Färbung miteinander, so ist auffällig, daß die Stücke mit dem geringsten Gehalt an Kalciumkarbonat, wie z. B. die Proben von den äußeren Platten der Grabeskapelle in Gernrode, eine nahezu rein weiße Farbe haben, während die Stücke mit hohem Gehalt an Kalciumkarbonat,

wie z. B. die Ilsenburger Ranke (Tabelle I, Nr. 5) oder der Kragstein im Lübecker Dom (Tabelle I, Nr. 8), rötlich bezw. blaugrau gefärbt sind. Die Färbung kann nicht als absichtliche Farbgebung der gesamten Stuckmasse angesehen werden, da die Stukkaturen durchweg einen äußeren Farbanstrich erhielten.

 

Legt diese Beobachtung schon die Annahme nahe, daß die Verschiedenheit der Materialien durch den Brennvorgang verursacht sei, da hochgebrannter Gips, je nach der Art des Rohmaterials eine rötliche oder bläuliche Färbung annimmt, so bringt ein Vergleich mit den Ergebnissen, die aus den Arbeiten v. Glasenapps 111) über die Abbindevorgänge im Gips resultieren, die Bestätigung.

 

Über die chemische Zusammensetzung des Estrichgipses seien hier die Ergebnisse der Untersuchungen von Glasenapps 112) kurz wiedergegeben:

 

 

____

34

 

„Durch mikroskopische Untersuchung der Dünnschliffe des Estrichgipses wurde durch Glasenapp 1908 nachgewiesen, daß der Estrichgips kein homogener Körper ist, sondern aus zwei Bestandteilen besteht: 1. den Anhydritkörnern, 2. einer glasartigen Substanz, welche die Anhydritkörner einschließt. Im Jahre 1923 gelang es ihm auch festzustellen, daß der Estrichgips aus hartgesintertem, glasigem, kristallinischem, optisch-anisotropem, körnigem Anhydrit des Kalciumsulfates mit einigen (etwa 3-5) Prozenten einer gleichfalls glasig-dichten, amorphen und optisch-isotropen Modifikation des Kalciumoxydes besteht, die beide nur in Temperaturen oberhalb 900° C sich bilden.“

 

Zum Vergleich müssen die von ihm gefundenen Werte genannt werden.

 

Tabelle II.

Zusammensetzung des Brennproduktes.

 

Temperatur

CaSO4

CaO

800° C

96,93%

2,73%

1100° C

95,88%

3,58%

1400° C

88,20%

11,40%

 

 

Andere Untersuchungen an abgebundenem Estrichgips ergaben die folgenden Werte:

 

Tabelle III.

Gehalt an Kalciumhydroxyd.

 

Temperatur

900° C

1080° C

1180° C

1300° C

Gehalt an Ca(OH)2

0,88%

2,02%

2,88%

3,10%

 

 

Eine ähnliche prozentuale Änderung der chemischen Zusammensetzung, wie sie hier durch die nach der völligen Entwässerung eintretenden, bei zunehmender Temperatur stärker werdenden Abspaltungserscheinungen hervorgerufen ist, zeigen die in der Tabelle (I) der mittelalterlichen Proben zusammengestellten Werte. Zum direkten Vergleich müssen sie auf ihren Gehalt an Ca(OH)2‚ wie er nach dem Abbinden zunächst vorhanden war, umgerechnet werden.

 

 

Tabelle IV.

Umgerechnete Proben.

 

Bezeichnung

Gehalt an Ca(OH)2

1. Gernrode

0,63 Prozent

2. Hildesheim

1,06 Prozent

3. Quedlinburg

2,22 Prozent

4. Ilsenburg

0,98 Prozent

5. Ilsenburg

2,92 Prozent

6. Halberstadt

3,44 Prozent

7. Segeberg

3,14 Prozent

8. Lübeck

3,68 Prozent

 

 

____

35

 

Die Parallele zu den Untersuchungswerten von Glasenapps ist augenscheinlich. Ebenfalls läßt sich die Zunahme der Härten bei größerem Gehalt an Ca(OH)2 mit dem Anwachsen der Festigkeiten, das man bei der Erhöhung der Brenntemperatur an heutigem Estrichgips festgestellt hat, in Vergleich bringen. Mit Ausnahme des schon durch seine Färbung gekennzeichneten Gernroder Materials kann man die Proben demnach als Estrichgips ansprechen, der heute in Temperaturen von 650 bis 1200 °C gebrannt wird. Die Proben aus Segeberg und Lübeck lassen ganz besonders hohe Brenntemperatur und bestes Rohmaterial vermuten. Schlüsse auf die genaue Höhe der Brenntemperaturen können nicht gezogen werden, da die Abspaltungserscheinungen je nach der Art des Rohmateriales verschieden sind, wie schon aus den Untersuchungen v. Glasenapps hervorgeht. Bei den auffällig weiß gefärbten Proben mit sehr geringer Härte, wie die Probe Nr. 1 (Tabelle I) aus Gernrode, muß man annehmen, daß der Gips aus besonderen Gründen, die durch die Ausführungsart bedingt waren, niedriger gebrannt wurde. Dieses Material ist wohl als Baugips zu bezeichnen, der heute in Temperaturen von 107 bis 650° C

gebrannt wird 113) und sowohl niedrig wie hochgebrannte Gipsteilchen enthält und daher von geringerer Festigkeit ist.

 

Außer den Untersuchungswerten der Tabelle muß die Materialuntersuchung einer Probe aus Ratekau erwähnt werden, die etwa 13 Prozent CaCO3 enthält. Neben dem sich aus Abspaltungserscheinungen erklärenden Gehalt an CaCO3 ist hier sehr wahrscheinlich künstlich Kalk dem Mörtel zugemengt worden. (Ratekau liegt schon im Einflußgebiet der Schleswiger Stuckarbeiten 114), die Kalkstuck als Material aufweisen.)

 

Wenn man die weitaus größte Zahl der mittelalterlichen Stuckproben als höchstgebrannten Gips bezeichnen kann, so ergibt sich aus dieser Tatsache die Erklärung für die auffällig große Härte und Güte der Arbeiten. Nach dem Abbinden, das beim Estrichgips in der Hydratisation des Kalciumsulfates (CaSO4 + 2H20) und der gleichzeitigen Umwandlung des durch Abspaltung freigewordenen Kalciumoxydes in Kalciumhydroxyd (Ca(OH)2) beruht, schließt sich ein weiterer Erhärtungsprozeß an, währenddessen sich das Kalciumhydroxyd in Kalciumkarbonat umsetzt. Parallel dazu laufen noch ungeklärte kolloidchemische Umwandlungsvorgänge. Für die Aufnahme von CO2 aus der Luft mögen bei dem dichten Gefüge des bereits abgebundenen Gipses Jahrhunderte erforderlich gewesen sein. Daß die Karbonisierung erfolgt ist, beweisen die Analysen durch den

 

 

____

36

 

Nachweis von CaCO3 neben CaSO4 + 2H20. Bei den Stuckproben mit der größten Härte von 4, die von belasteten Architekturteilen stammen, ist auch ein Dichten durch Schlagen ähnlich, wie es heute bei der Estrichausführung üblich ist, zu vermuten, eine Materialbehandlung, die durch Glasenapp 115) als Verschweißung der einzelnen Teilchen bei der Hydratisierung theoretisch erklärt ist.

 

Daß die Baumeister des Mittelalters empirisch zu denselben Resultaten kamen wie die moderne Gipsforschung, zeigen weitere Vergleiche. V. Glasenapp empfiehlt wirtschaftlich höchstmögliche Brenntemperaturen, um größeres Korn und höheren Gehalt an „freiem Kalk“ und damit größere Festigkeit des Endproduktes zu erzielen. Die Untersuchungen der mittelalterlichen Stuckproben zeigen, daß die größte Härte bei den Arbeiten mit größtem Gehalt an Kalciumkarbonat vorhanden ist, bei denen rückschließend die höchste Brenntemperatur gefolgert werden muß. Daß gerade dies Material für stark belastete Bauteile verwendet ist, beweist, daß man diese Materialeigenschaft damals genau kannte.

 

Im Zusammenhange mit der Abbindetheorie schreibt Martin 116): „daß unter der Beimengung von Magerungsmitteln, wie Sand, Schlacke usw. die Festigkeit des Estriches leidet, da die fremden Körper die Gipsteilchen trennen.“ In einer Encyklopadie 117) vom Jahre 1780 ist zu lesen:

 

„Wer also seine Steine mit bloßem Gypskalk zusammenfügen laßt, wird am längsten die Fugen ausgefüllt sehen. Weil aber ein Zusatz von Sand oder Kalk nicht völlig daran hindert, daß der Kalk (gemeint ist Gips) binden kann, so ist er auch nicht ganz zu verwerfen, zumahl wo der Kalk (Gips!) kostbar zu haben ist, nur muß er gehörig gemacht werden. Dahin gehört, daß man sich dabei des mit Staub und Erde vermischten, wie auch des an sich erdartigen und wenigstens sehr lockeren Sandes enthalte.“ Fast alle frühmittelalterlichen Beispiele weisen reinen Gips ohne Zutaten auf.

 

Auf die Verwendung von hochgebrannten Grips zum Stuckieren ist vor allem der verhältnismäßig sehr gute Erhaltungszustand der Stuckplastiken zurückzuführen. Soweit die Arbeiten nicht durch vorsätzliche Gewalt oder bauliche Zerstörungen beschädigt sind, haben sich auch im Verlaufe von sieben bis acht Jahrhunderten kaum Materialfehler gezeigt. Selbst Stuckarbeiten die im Gebäudeäußeren unter Schutz vor direktem Wetterschlag angebracht sind, haben sich dank der guten Eigenschaften des verarbeiteten Gipses erhalten. Die dichte Struktur des Estrichgipses erhielt durch die glättende Bearbeitung beim Modellieren eine besonders

 

 

____

37

 

verfestigte Oberfläche, die gipslösendem Wasser den Zutritt verwehrte. Auf die gleiche Gründe ist der unverwüstliche Bestand mittelalterlicher Gipsmörtel zurückzuführen, soweit sie wenigstens aus höchstgebranntem Estrichgips T.118) bestehen.

 

Die heute üblichen Materialbezeichnungen „Stuckgips“ und „Estrichgips“ sind einseitig unter Berücksichtigung der heutigen Verwendung gewählt; die Stuckarbeiten im mittelalterlichen Sachsen bestanden nicht aus Stuckgips, sondern fast ausschließlich aus Estrichgips.

 

 

Historische Schlüsse.

 

Neben den Beziehungen, die in formaler und gegenständlicher Hinsicht zwischen den Werken der sächsischen Stucktechnik bestehen, ergibt sich durch die Gemeinsamkeit des Materiales ein besonders enger Zusammenhang.

 

Die Beschränkung auf Gips hat nicht allein in dem reichen Gipsvorkommen Sachsens und der im mittelalterlichen Bauwesen üblichen Gipsverarbeitung T.119) ihren Grund, schon aus karolingischer Zeit erwähnt Rhabanus Maurus Gips als Material der Stuckplastik, obwohl damals wohl Kalk der gebräuchlichere Baustoff war.

 

Daß schon vom ersten Auftauchen in Deutschland Gips als Material der Stuckarbeiten genannt werden muß, ist für die historische Herleitung der Stuckplastik wichtig, da hierdurch bewiesen wird, daß neben den Einflüssen, die von der römischen Stucktechnik ausgingen, andere Kräfte auf die entstehende mittelalterliche Stuckplastik einwirkten. Allerdings berichtet Plinius 120), daß die Römer Gips zum Weißen und Stuckieren benutzten, und ein in Pompeji aufgefundener Gipsbackofen 121) beweist auch die Verarbeitung von Gips. Neuere Untersuchungen 122) haben jedoch bei eigentlichen Stuckplastiken aus Rom Gips nicht auffinden lassen, so daß man nur eine gelegentliche Verarbeitung von Gips auf römischem Boden annehmen muß; seine fast ausschließliche Verwendung bei den mittelalterlichen Stuckarbeiten kann also nicht auf römische Beeinflussung zurückgeführt werden.

 

Es ist möglich, daß von Byzanz, dessen Einfluß auf die Stuckplastik bereits erwähnt ist (Seite 13), die dem Orient geläufige Gipstechnik übertragen wurde. Da schon in Prähistorischer Zeit T.123) auf deutschem Boden der Gebrauch von Gips bekannt war, besitzt auch die Annahme Wahrscheinlichkeit, daß seit dem frühesten Vorkommen in neolithischer Zeit die Kenntnis des Gipses bei den Germanen nicht erloschen war und die Gipsverwendung auf germanischen

 

 

____

38

 

Einflüssen beruht. Eine Entscheidung darüber, wann der Wechsel der Materialien erfolgte, könnte durch Werkstoffuntersuchungen der Arbeiten aus vorkarolingischer Zeit erbracht werden.

 

 

Aus der Beschränkung auf Gipsstuck erklärt sich das örtliche Vorkommen der sächsischen Stuckplastiken, das mit den Hauptfundstätten des natürlichen Gipssteines zusammenfällt. Wie die angeführten Beispiele zeigen, ist die Harzgegend, mit den auch heute das beste Material liefernden Zechsteingipsbrüchen, das Hauptverwendungsgebiet. Nach Süden erstreckt sich die Stucktechnik ins Gebiet des Thüringer Gipses.

 

Weiter nördlich könnte man im Verbreitungsgebiete des Lüneburger Gipses frühmittelalterliche Stuckarbeiten suchen. In romanischer Zeit scheint jedoch der im Schiltstein zu Tage tretende Anhydrit, wie die Anhydritquadern des Bardowieker Domes zeigen, als gut bearbeitbarer, recht wetterfester Naturstein, die in gotischer Zeit in Lüneburg häufige Verwendung des Gipssteines vom Kalkberg zur Herstellung künstlichen Materiales 124) verhindert zu haben. Haupt T.125) gibt eine Mitteilung des Geh. Rat Hase wieder: „daß in den zum Teil bedeutenden Kirchen des 12. Jahrhunderts an der unteren Weser und Leine so wenig als in den sehr sparsamen größeren der Lüneburger Gegend die Verwendung des Gipses zu Ornamenten beobachtet wird und auch für diese Zeit im Lüneburgischen ganz unwahrscheinlich ist.“ Auch heute ist von romanischen Stuckarbeiten in der Lüneburger Gegend nichts bekannt T.126, wogegen Gips als Mörtel vielfach zu finden ist.

 

Die Gipsbrüche von Segeberg lieferten das Material für die zahlreichen Stuckarbeiten, und zur Mörtelherstellung der Backstein- und Findlingsbauten in Lübeck und Wagrien. Wie die Materialuntersuchung aus Ratekau zeigt, wird schon bei den nördlichsten Beispielen Kalk mitverarbeitet unter dem Einfluß der in Ermangelung von jedem anderen Material schon seit frühester Zeit in Schleswig üblichen Kalkstucktechnik 127).

 

Die Schleswiger Stuckarbeiten sind für die Geschichte der Plastik bedeutungslos; als Werke einer sich aus den Bedingungen des Landes selbständig entwickelnden Ersatztechnik sind sie jedoch ebenfalls von Interesse. In ähnlicher Art wird unter gleichen Bedingungen auch in anderen Gebieten ersatzmäßig Stuck verarbeitet sein. Alle diese Arbeiten stehen jedoch außerhalb des Zusammenhanges mit der sächsischen Stuckplastik und haben nirgends allgemeine Bedeutung erhalten.

 

 

____

39

 

C. Technik.

 

Allgemeines.

 

Es muß zunächst grundsätzlich festgestellt werden, daß im Mittelalter bei allen verschiedenen Stucktechniken stets vor der völligen Erhärtung des Materiales die Bearbeitung abgeschlossen ist. Von einer natursteinartigen Behandlung in der Art, wie heutiger Kunststein vom Steinmetzen mit Scharriereisen, Stockhammer oder Steinmeißel bearbeitet wird, kann bei sämtlichen Stuckarbeiten, selbst bei den als Ersatz für Werkstein dienenden Architekturteilen, nicht gesprochen werden.

 

Die Bezeichnung Stuck-„Plastik“, die als Titel dieser Arbeit gewählt ist, bezieht sich in ihrer ursprünglichen Bedeutung (πλαστιϰήτέχνη) auf die Formgebung eines weichen Materiales; Rhabanus Maurus 128), der früheste Berichter über mittelalterliche Stucktechnik, beschränkt noch den Begriff „Plastik“ besonders auf die Modellierung von Gips oder Ton. Aus seinen mit mystischen Betrachtungen vermengten technischen Angaben in dem Kapitel „De plastis“ kann man das eine Wichtige entnehmen, daß in karolingischer Zeit die Guß- und Antragetechnik gebräuchlich waren, zwei schon in der Antike hoch entwickelte Ausführungsarten.

 

Für die Definierung der im Mittelalter ausgeübten Stucktechniken war die Kenntnis der Materialzusammensetzung die Voraussetzung, da die besonderen Eigenschaften des höher oder niedriger gebrannten Gipses bestimmte, stark von einander abweichende Verarbeitungsmethoden bedingten.

 

Daneben war die Untersuchung der Oberflächenbeschaffenheit der Plastiken, soweit sie nicht durch Anstrich unkenntlich gemacht waren, ein Mittel, Anhaltspunkte über die Herstellungsart zu erhalten. Schon aus der Struktur der Stuckmasse ließen sich Schlüsse ziehen, die bei vielen Beispielen durch die Spuren bestimmter Ausführungswerkzeuge

 

 

____

40

 

bestätigt wurden. Besonders wichtig waren Bruchstücke, die den Querschnitt der Konstruktion wiedergeben.

 

Durch zahlreiche Untersuchungen und Vergleiche gelang es, drei Hauptausführungsarten festzustellen, denen sich die Beispiele einreihen ließen. Selbst unversehrte Arbeiten, die für sich allein betrachtet ihre Herstellungsart nicht zu erkennen gaben, konnten, nachdem die einzelnen Techniken festlagen, einer bestimmten Ausführung zugeschrieben werden, so daß es möglich war, durch diese technischen Feststellungen besonders enge Zusammenhänge zwischen einzelnen Arbeiten aufzudecken.

 

Formguß.

Herstellungsverfahren.

 

Beim Gießen muß als Hauptforderung an die Eigenschaften der Gußmasse gerichtet werden, daß die Gießform bis in die feinsten Vertiefungen des Reliefs unter schnellster Erhärtung des Gußstückes ausgefüllt wird. Das ideale Material für den Gipsguß wäre auch im Mittelalter ein reiner Stuckgips gewesen, der heute in ungezählten Beispielen zum Abgießen verwendet wird 129). Seine Fähigkeit, beim Kristallisationsvorgang das Volumen um 1 Prozent zu vergrößern 130), macht ihn zum unübertrefflichen Material der Gußtechnik, allerdings unter der Beschränkung, daß keine großen Ansprüche an Härte und Festigkeit gestellt werden. Da, wie die Analysen gezeigt haben, im frühen Mittelalter die Herstellung reinen Stuckgipses unbekannt gewesen zu sein scheint, war man gezwungen, zum Gießen möglichst niedrig gebrannten Baugips zu verwenden, der neben Teilen von Stuckgips größere Mengen höher gebrannten Gipses enthielt und daher nicht die guten gußtechnischen Eigenschaften des heutigen Stuckgipses besaß. Weil auch die Festigkeit dieses Materiales gering war, sind sehr wenige derartige Arbeiten heute noch vorhanden.

 

Das beste Beispiel sind die im Inneren der Gernroder Stiftskirche als Schmuck der Heiligen Grabeskapelle angebrachten Plastiken (Abb. 2, 4).

 

Abb. 2

Abb. 4

 

 

Der verhältnismäßig gute Zustand ist darauf zurückzuführen, daß die Platten fest in die Umfassungswände der Kapelle eingemauert waren, so daß sie auch bei dem Einsturz der gewölbten Kapellendecke nur zum Teil beschädigt wurden. Die im Inneren der Kapelle befindlichen, längere Zeit verschütteten Figuren sind für technische Untersuchungen wenig geeignet, da die Oberflächen sehr stark gelitten haben.

 

Kann man nach dem Material nur vermuten, daß die Gernroder Platten Gußstücke sind, so bringen die weiteren

 

 

____

41

 

Untersuchungen den Beweis. Die Oberflächen der Platten besitzen eine überaus löcherige, poröse Struktur, die den Vergleich zu von Wurmfraß ergriffenen Holzplastiken nahelegt. Die Aufnahmen des Kopfes der an der Westseite der Kapelle angebrachten Maria, wie die Hand des auferstandenen Christus auf der Nordseite der Kapelle (Abb. 1, 3) zeigen die blasenförmig durchsetzte Oberfläche deutlich.

 

Abb. 1 1932

2014

Abb. 3 1932

2014

 

 

Wir haben es mit typischen Merkmalen der Gußtechnik zu tun. Wird bei modellartiger Behandlung gerade die letzte Lage die dichteste und glatteste, so gelingt es beim Gießen bisweilen nicht, durch vorsichtiges Eindrücken 131) oder Einblasen der ersten Gußschicht in die Form die Luft völlig daraus zu entfernen. Nach dem Abnehmen der Form zeigt dann die fertige Figur kleine Bläschen an der Oberfläche. Diese Schwierigkeit beim Gießen wird durch die Größe von etwa 1,30 zu 1,70 m, welche die Platten im Maximum besitzen, erheblich gesteigert. Daß das Material den Anforderungen, die an eine gute Gußmasse zu stellen sind, nicht entsprach, wird der Hauptgrund dafür gewesen sein, daß es nicht gelang, ein fehlerfreies Gußstück herzustellen.

 

Der durch die Gußfehler nachgewiesenen Gußtechnik entspricht das in der Ausladung sehr flach gehaltene, kaum unterschnittene, vom typisch romanischen stark abweichende Relief der Figuren.

 

Die Modelle für die Platten haben aus leicht formbaren Material bestanden, wahrscheinlich aus Ton, aus dem wohl auch die Gießformen verfertigt sind. Einen Hinweis darauf gibt der Bericht des Rhabanus Maurus 132), daß Gipsplastiken mit Hilfe eines Tonabdruckes (s. Seite 14) hergestellt wurden.

 

Weitere Beispiel für Gipsguß sind die Figuren des Gandersheimer Münsters. Die ausgehöhlten unregelmäßigen Rückflächen der Plastiken zeigen, daß die Form nicht völlig mit Gips ausgefüllt wurde. Auch die in Stein konstruierten Konsolen legen in Gandersheim wie in Goslar die Aufstellung fertig gegossener Figuren nahe.

 

 

Historische Bedeutung.

 

Daß man zur Verfertigung von Stuckplastiken den schwierigen Herstellungsvorgang des Formgusses wählte, ist nicht ohne weiteres erklärlich. Das Formen des Modelles, das Anfertigen der Gießform, das Füllen der Form mit Gußmasse sind drei Arbeitsvorgänge, die bei edlerem Material, wie Bronze, berechtigt und notwendig sind, bei der Verwendung von Gips aber nur unter der Voraussetzung erforderlich werden, daß bei Benutzung der gleichen Form mehrere

 

 

____

42

 

gleiche Gußstücke herzustellen sind, oder reproduktiv eine bestehende Plastik abzugießen ist T.133).

 

Da diese praktischen Gründe für die Anwendung der Gußtechnik nicht vorlagen, muß eine Erklärung aus der Entwicklungsgeschichte der Plastik gefunden werden. Wir wissen, daß die figürliche Plastik des Mittelalters ihren Ausgang von der Kleinkunst nahm. Es ist verständlich, daß sich die bei Kleinplastiken aus Metall gebräuchliche Gußtechnik auf das neue Material Gips übertrug. Als Gußstücke hergestellte Stuckplastiken stehen daher zeitlich an der Spitze der figürlichen Stuckplastik. Beenken‘s 134) auf stilistischen Unterscheidungen beruhende frühe Datierung der Gernroder und Gandersheimer Figuren auf die Zeit um 1100 stimmt damit überein.

 

In späterer Zeit wird der umständliche Herstellungsvorgang des Gießens durch andere einfachere, künstlerisch freiere Techniken abgelöst. Erst in der Gotik findet sich der Gipsguß wieder für sich mehrfach gleichmäßig wiederholende Architekturdekorationen.

 

 

Antragetechnik.

Einführung.

 

Über die heute übliche Ausführung von Antragearbeiten schreibt Moye 135) ein Kapitel, das wegen der grundsätzlichen Bedeutung hier wiedergegeben werden soll:

 

„Bei der künstlerischen Verwendung des Gipses zum freihändigen Nachbilden von Modellen auf Wandflächen oder an Decken muß der Stuckgipsbrei als steife Masse aufgetragen werden, weil er sonst nicht haften, sondern herabfließen würde. Da aber ein reiner Stuckgipsbrei von solcher

Steifigkeit viel zu schnell erstarren würde, muß man bei dieser Verwendungsart dem Gripsbrei Stoffe zusetzen, die sein Erstarren verzögern. Es kommen hauptsächlich Leim oder gelöschter Kalk in Betracht.“ Die technischen Vorschriften der Reichsverdingungsordnung 136) schreiben eine Mischung von einem Teil Gips auf drei Teile Kalkmörtel als Material für heutige Antragearbeiten vor.

 

Im Mittelalter verfährt man anders. Um ein zu schnelles Abbinden der steif aufgetragenen Masse zu verhindern, wird ein höher gebrannter Grips und bei den meisten Beispielen regelrechter Estrichgips verarbeitet, der als weitere gute Eigenschaften größere Härte und Beständigkeit besitzt.

 

Für die Ausführung ergeben sich aus der Wahl dieses langsam abbindenden Materials ähnliche Bedingungen wie für das Arbeiten mit ebenfalls langsam bindenden Kalkstuck, den die Römer benutzten.

 

 

____

43

 

Material des Untergrundes und besondere Unterkonstruktionen.

 

Wo die Antragetechnik in bereits bestehenden Kirchen verwandt wurde, mußte das jeweils verschiedene Baumaterial als Untergrund benutzt werden. Schon sehr früh sammelte man dabei Erfahrungen über die Haftfähigkeit des Stuckes auf den verschiedenen Steinarten.

 

Als sehr gut bearbeitbarer Werkstein hat der Kalkstein nur ausnahmsweise einen Stuckauftrag erhalten. In Ilsenburg sind z. B. die ursprünglich einfachen Kämpferplatten der Gewölbevorlagen des Seitenschiffes, die aus Rogenstein bestehen, mit einem reichen Stuckauftrag versehen worden. Auch die beiden Kapitelle der Gewölbevorlagen des Mittelschiffes (Abb. 5, 6, 7) enthalten einen Kern aus Rogenstein, der an einer beschädigten Stelle des westlichen Kapitelles zu erkennen ist.

 

Abb. 5

Abb. 6

Abb. 7

 

 

Der Zusammenhang der Stuckmasse mit dem Untergrund ist sehr fest.

 

Ungünstigere Eigenschaften zeigt der Sandstein je nach Art seiner Zusammensetzung. Eine Reihe von mittelalterlichen Arbeiten kann angeführt werden, bei denen keine gute Verbindung mit dem Stuckauftrag erzielt wurde.

 

In St. Wiperti zu Quedlinburg ist von dem Überzug des Architravs nur an der Südseite ein Stück vorhanden, während im übrigen nur Spuren der einstigen Stuckverkleidung erkenntlich sind. Nach Brinkmann 137) stammt der besonders harte Sandstein vom Steinholze bei Quedlinburg.

 

Die Stuckverkleidungen der Kapitelle in der Klosterkirche zu Drübeck sind zwar nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platze, aber auch ohne L. Puttrich’s Bericht zu kennen, kann man an den Stuckresten die Zugehörigkeit zu den entsprechenden Kapitellen rekonstruieren. An den Rückseiten der Stücke sind so vollkommene Negativabdrücke zu erkennen, als wäre eine Form zum Abguß von den Kapitellen genommen. Noch jetzt kann man durch Auflegen die zugehörigen Sandsteinkapitelle ermitteln (Abb. 8-11).

 

Abb. 8

Abb. 9

Abb. 10

Abb. 11

 

 

Daß der etwa 5 cm starke Stuckauftrag sich so vollständig von dem Sandsteinkern löste, beweist, wie schlecht die Verbindung der beiden Materialien war. Der Festigkeit des Stuckes in sich ist es zu danken, daß die ringartig zusammengeschlossene Masse des Auftrages die Kapitelle zum Teil noch bis zur Freilegung im Anfang des 19. Jahrhunderts umkleidet hat 138).

 

In sehr ähnlicher Art zeigen die Rückseiten von Stuckresten der Säulenbasen in der Quedlinburger Stiftskirche

 

 

____

44

 

Abdrücke von Werksteinstücken (Abb. 12, 13).

 

Abb. 12

Abb. 13

 

 

Nach dem Material, aus dem die Stiftskirche erbaut ist, kann man auch hier schließen, daß die Säulenbasen ursprünglich aus Sandstein bestanden.

 

Der Grabstein der Äbtissin Sophia in derselben Kirche läßt an einer beschädigten Stelle eine Sandsteinplatte als Untergrund für die aufmodellierte Figur erkennen. Die Platte ist allseitig im Stuck eingeschlossen.

 

Schon aus frühester Zeit besitzen wir ein Beispiel dafür, daß man durch besondere Vorkehrungen versucht hat, den Zusammenhang des Stuckauftrages mit dem Wanduntergrund zu verbessern. Die ältesten Wandstukkaturen auf deutschem Boden, in der Betgruft der Quedlinburger Stiftskirche sind mit Hilfe von Unterkonstruktionen ausgeführt, worüber die bei der Erneuerung der Gruft im Jahre 1878 nicht wieder eingebauten Bruchstücke Aufschluß geben (Abb. 14-16).

 

Abb. 14

Abb. 15

Abb. 16

 

 

An den Rückflächen dieser Stücke sind Negativabdrücke eines nicht mehr vorhandenen Putzträgers zu erkennen; ein etwa 3 cm, starkes Schilfrohrbündel mit einer Halmstärke von 7 mm ist bis auf die Struktur des einzelnen Halmes in dem Gipsstuck abgeformt. In Abständen von etwa 7 cm befinden sich schräglaufende Einschnitte der Fäden, mit denen die einzelnen Halme umwickelt waren. An Eisenteilchen und starken Rostflecken erkennt man die ursprüngliche Befestigung durch Eisennägel.

 

Aus dem Verlaufe der Abdrücke auf den Stücken ist ersichtlich, daß die aufstuckierten Säulen eine derartige Unterkonstruktion besaßen. Ausgehend von den Kapitellen folgte ein Rohrbündel dem Verlaufe der Nischenabschlußbogen. Besonders deutlich zeigt das Bruchstück eines Kapitelles der oberen Brüstung die Abzweigung des Rohrbündels nach den beiden seitlich anschließenden Bogen (Abb. 15, 16).

 

Abb. 15

Abb. 16

 

 

Diese Technik, Rohrgeflecht als Putzträger aufzubringen, ist so alt wie die Stuck- bezw. Putztechnik selbst. Schon in Ägypten 139) wurde Schilfrohr auf der Wand zum besseren Haften des Stuckes befestigt. Auch Vitruv 140) erwähnt, allerdings für Deckenputz, eine ähnliche Unterkonstruktion: aus griechischem Schilfrohr, das mit spanischem Pfriemengras verknüpft ist, oder aus mit Fäden umschnürtem Sumpfried. Noch heute wird Rohrgewebe als vorzüglicher Putzträger im Bauwesen viel verwendet.

 

Ein anderes ebenfalls heute gebräuchliches Mittel, um Haften auf dem Untergrund zu erzielen, ist an den Bruchstücken von Kapitellverkleidungen, die sich in Quedlinburg unter den Resten aus der Königsgruft finden,

 

 

____

45

 

zu beobachten (Abb. 17, 18).

 

Abb. 17

Abb. 18

 

 

Buckelförmige Erhöhungen sind über die Rückflächen verteilt. Übersetzt man die Negativformen wieder ins Positive, so ergibt sich, daß in die den Untergrund bildende Werksteinsäule dreieckförmige Löcher eingespitzt wurden, in die sich die aufgetragene Stuckmasse fest eindrückte.

 

War man bei den erwähnten Arbeiten an das bereits vorhandene Material des Bauwerkes gebunden, so war es bei Neubauten und vom übrigen Bau unabhängigen Einbauten möglich, bereits Wandflächen wie Architekturteile mit Rücksicht auf die Stuckierung aus besonderem Material zu verfertigen. Die sicherste Gewähr für eine feste Verbindung des Stucküberzuges mit dem Untergrund war durch die Verwendung des gleichen Materials für Wand und Auftrag gegeben. Bei den Arbeiten, die einheitlich aus hochgebranntem Grips bestehen, ist der Zusammenhang so hervorragend, daß nur gewaltsam hervorgerufene Bruchstellen etwas über den Herstellungsvorgang verraten. Der Auftrag erfolgte, ehe die abgebundene Wand völlig erhärtet war, sodaß sich das aufgetragene Material mit dem noch feuchten Untergrund fest verband, und bei sorgfältiger Ausführung eine nahezu homogene Masse entstand.

 

Die einfachste Ausführung einer in der Horizontalebene gegossenen Stuckplatte als Unterlage für die Antragearbeit kann an den Quedlinburger Äbtissinnensteinen nachgewiesen werden. Die Grabsteine der Äbtissinnen Beatrix und Adelheid II. zeigen an beschädigten Stellen der Seitenflächen übereinstimmend in etwa 8 cm Abstand von der Rückfläche eine Trennungslinie im Material (Abb. 20-21).

 

Abb. 20

Abb. 21

 

 

Die gleiche Schichtung findet sich bei dem sehr stark zerstörten Grabstein der Äbtissin Gerburg, der auch für die dem ersten Arbeitsvorgang folgende weitere Bearbeitung wichtig ist und im Zusammenhang mit der Technik des modellierartigen Antragens zu besprechen ist (S. 49). Bei allen drei Platten ist aus der Fugenbildung zu schließen, daß man zunächst in etwas kleineren Abmessungen, als die fertige Platte beabsichtigt war, in einer Stärke von 8-10 cm Unterlagsplatten aus Stuck in einfachen Kastenformen goß. Die weitere plastische Formgebung konnte in gleicher Art erfolgen, wie bei den von der Fläche der Wand ausgehenden Wandstuckierungen. Der bereits erwähnte Zusammenhang mit den Baudekorationen wird durch die technische Übereinstimmung bekräftigt.

 

Das Gießen der Platten war weit schwieriger, wenn es sich darum handelte, senkrechte, beiderseits freistehende

 

 

____

46

 

herzustellen, die als Chorschranken oder Brüstungswände große Standsicherheit besitzen mußten.

 

Die zahlreichen Bruchstücke von Chorschranken lassen im Horizontalschnitt durchweg eine ähnliche Schichtung wie die Quedlinburger Grabplatten erkennen. So zeigen z. B. die Bruchstücke der Quedlinburger Schranken den Querschnitt der Wand aus drei Lagen, von denen die mittlere eine Stärke von 17 cm besitzt, an die sich beiderseits 1 bis 2 cm starke äußere Schichten anschließen (Abb. 19).

 

Abb. 19

 

 

Kann man aus diesem Befund auch schließen, daß zuerst eine tragende Stuckwand aufgeführt wurde, teilweise aus stärker mit Holzkohlestückchen vermengtem Gips, auf die beiderseits ein plastischer Auftrag erfolgte, so läßt sich Näheres über die Art der Wandkonstruktion an diesen Bruchstücken nicht erkennen.

 

Aufschluß über die Ausführung der Wand aus Gips geben die im Andreasmuseum in Hildesheim aufbewahrten großen Bruchstücke der bei einem Bauunfall 1662 141) zerstörten südlichen Chorschranke der Michaeliskirche in Hildesheim. Dort lag ein außergewöhnlich schwierig ausführbarer Entwurf vor, da die mit einem Zugang zum Querschiff versehenen besonders reich dekorierten Wände mit einer offenen Arkadenreihe gekrönt werden sollten, wie die unversehrte nördliche Chorschranke zeigt. Auch die Bruchstücke in Hildesheim zeigen die gleichen Schichten im Material, von denen die mittlere je nach der Höhe der Entnahmestelle 16-22 cm mißt (Abb. 22, 23).

 

Abb. 22

Abb. 23

 

 

Da aber wie bereits erwähnt, das Material infolge der Beimengung von Sand nicht sehr gut war, löste sich bei dem Bauunfall an einigen Stücken der aufmodellierte Auftrag von der Fläche der tragenden Wand und zwar so vollständig, daß die Oberflächenstruktur dieser zuerst hergestellten Wand zu erkennen ist.

 

Abb. 24

 

 

Die Abbildung (Abb. 24) zeigt den heute vom Betonbau her vertrauten Abdruck der Holzschalung mit horizontal verlaufenden Fugen. Demnach ist über die Ausführung der Chorschrankenwände in Hildesheim zu sagen: Zwischen beiderseitiger, horizontal angeordneter Holzschalung wurde die Wand als Gipsgußmauerwerk aufgeführt. Größere Durchbrechungen, wie die Bogenöffnungen der oberen Arkadenreihe und die der Türen, wurden durch Einschalung in ungefährer Umrißform ausgespart. Die Aussteifung der Schalbretter wird durch senkrechte Pfosten vorgenommen sein, die durch Riegel miteinander verbunden waren. Eine durch die Wand führende, halbkreisförmige Öffnung, die an einem der Bruchstücke erkenntlich ist, kann nur als Abdruck eines solchen Riegels erklärt werden.

 

 

 

____

47

 

Die im Rohen in Holzschalung gegossene Wand bildete den Untergrund für die plastisch aufgetragenen, über die gesamte Konstruktion gezogenen Stuckdekorationen. Nur die als quadratische Pfeiler eingeschalten Säulenschäfte der Arkadenreihe und die Säulen des Türgewändes erhielten keinen Auftrag und wurden, wie in anderem Zusammenhang zu besprechen ist, aus der Masse herausgearbeitet.

 

Die Untersuchungen an den Hildesheimer Schranken sind für die technische Beurteilung aller übrigen freistehenden mittelalterlichen Stuckwände wichtig (Abb. 25). Meistens sind in dieser Art nur einfache Wände wie in Gandersheim oder Quedlinburg hergestellt; Gröningen besitzt eine im Grundriß halbkreisförmig gebogene Emporenbrüstung.

 

Einfügung: Gröningen Stiftskirche Emporenbrüstung 2015

 

 

Die Verfertigung der Wände aus war das sicherste Mittel, einen festen Verband zwischen Stuckauftrag und Wand zu erzielen, doch die Ausführung als Grußwerk war wegen der Anfertigung komplizierter Schalungen sehr mühsam. In den Chorschranken von Halberstadt sehen wir einen Versuch, die Wand einfacher herzustellen. Wenn man den gleichen Meister wie in Hildesheim vermutet 142), so hat wohl die Erinnerung an die mühevolle Herstellung der Hildesheimer Schranken ihn veranlaßt, eine andere Ausführung zu wählen.

 

An einer beschädigten Stelle der südlichen Chorschranke sieht man das mit besonderer Vorsicht ausgewählte, natürliche Material der Wand (Abb. 26, 27).

 

Abb. 26

Abb. 27

 

 

Die in einer Stärke von etwa 35 cm aufgeführte Wand ist aus Quadern von rötlichem Schaumkalk aufgemauert, dessen Herkunft unbekannt ist 143). Infolge der großen Porosität dieses Materials konnte man mit einem guten Haften des Stuckauftrages rechnen. Die heutigen Beschädigungen sind wohl auf Setzrisse des Bauwerkes zurückzuführen oder in der Zeit, als ein Teil der Kirche als Pulvermagazin benutzt wurde 144), gewaltsam hervorgerufen. Die obere Säulengalerie besteht in Halberstadt aus Holz.

 

Einfügung: Halberstadt Liebfrauenkirche obere Säulengalerie 2015

 

 

Die Konstruktion der wagrischen Kirchen aus Granitstücken und Gipsmörtel war ohne weiteres für Stuckantragearbeiten geeignet und ermöglichte bei der reichlichen Verwendung von Gips eine sehr gute Verbindung. Als Beispiel sei das Portal der Kirche in Ratekau genannt, bei dem an dem zerstörten Teil des Bogens die Konstruktion aus Granit und Gips zu sehen ist (Abb. 28). In Süsel ist ein sehr ähnliches Portal (Abb. 39).

 

Abb. 28

Abb. 39

 

 

Bei einigen wagrischen Kirchen ist das Mauerwerk ein regelrechter Beton aus Gipsmörtel mit Granitbrocken als Zuschlag, dessen Herstellung die gleiche war, wie bei

 

 

 

____

48

 

heutigen Betonmauern. Durch die ganze Tiefe des Mauerwerkes reichende, rings um den Bau in gleicher Höhe verlaufende Fugen an der Kirche zu Bosau zeigen die Schichthöhe der einzelnen Gußlagen von etwa 40 cm 145) (Abb. 29, 30).

 

Abb. 29

Abb. 30

 

 

Außerdem sind in Bosau noch die Rüstlöcher im Mauerwerk zu sehen. Dieselbe Ausführung zeigen die ältesten Teile der Kirche in Kaltenkirchen, deren Verwandtschaft 146) mit den Wizzelinskirchen Wagriens dadurch erwiesen wird. Das Innere des Turmes enthält Reste des alten Mauerwerkes aus Gipsbeton, das wiederum in einzelnen Schichten von etwa 40 cm Höhe ausgeführt ist. Da bei dieser Konstruktion die Oberflächen der Mauern völlig aus Gips bestanden, war für Antragearbeiten ein gleich gutes Haften gewährleistet, wie bei einer aus reinem Gips bestehenden Unterkonstruktion.

 

Wo bei den ersten Backsteinbauten in Lübeck und Segeberg Antragearbeiten aus Stuck verwendet sind, ist der plastische Stuckauftrag meistens in der am Harz üblichen Ausführung auf einem Untergrund aus Gips aufgetragen worden.

 

In dieser Art sind einige Kämpfersteine und einzelne Teile der Kapitelle in Segeberg dekoriert, indem der Stuckauftrag auf den in Gips gegossenen Block aufgebracht wurde. Aus Lübeck ist nur ein Kragstein zu nennen, dessen mittleres Feld durch aufgetragene Ornamente geschmückt ist (Abb. 47).

 

Abb. 47

 

 

Antragearbeiten auf Backstein sind die Stuckdekorationen an den Arkadenbögen in der Segeberger Kirche.

 

 

Herstellung des Stuckauftrages.

 

Wie die plastische Formgebung des Stuckauftrages erfolgte, läßt sich an den Spuren der hauptsächlich verwendeten Werkzeuge und an der Schichtung des Materials nachweisen. Je nach dem, ob Modellierhölzer oder Schnitzmesser bei der Bearbeitung bevorzugt wurden, ob man von der Fläche des Untergrundes ausging und aufmodellierte, oder zunächst eine stärkere Schicht antrug und das Relief aus dem Auftrag herausarbeitete‚ ist der Eindruck der Plastiken ganz verschieden. Die Eigenschaften des hochgebrannten Gipses waren für beide Ausführungsarten günstig, da die lange Abbindezeit das Material lange modellierfähig hielt, und andererseits nach erfolgtem Abbinden die Erhärtung so langsam fortschritt‚ daß ein schnitzartiges Bearbeiten je nach der Höhe der Brenntemperatur des verarbeiteten Gipses noch nach Wochen möglich war.

 

 

____

49

 

Bei nur geringer Tiefe des Reliefs war es möglich, den Auftrag in einer Lage aufzubringen. An den Chorschrankenresten aus Quedlinburg ist auf der mittleren Gipswand beiderseits ein Auftrag von etwa 1,5 cm zu erkennen, der abgezogen und noch in feuchtem Zustande ausgearbeitet wurde (Abb. 19).

 

Abb. 19

Abb. 31

Abb. 32

 

 

Der Auftrag des Architravs in St. Wiperti zu Quedlinburg (Abb. 31, 32) erreicht eine Stärke von 5 cm, ein Maß, das auch bei den Überkleidungen der Kapitelle in Drübeck festzustellen ist.

 

Bei stärkerer Reliefierung ist die Stuckmasse in mehreren Schichten ähnlich wie bei den mehrlagigen antiken Stukkaturen aufgetragen worden. Das aufschlußreichste Beispiel hierfür ist der wenig beachtete Grabstein der Äbtissin Gerburg in Quedlinburg, dessen mehr oder weniger stark abgenutzte Oberfläche die einzelnen Phasen des Herstellungsvorganges erkennen läßt (Abb. 33, 34).

 

Abb. 33

Abb. 34

 

 

Im Grunde des Reliefs ist die rauh gehaltene Oberfläche der Untergrundsplatte aus Stuck T.147) zu sehen. Auf diese Stuckplatte wurden mehrere Lagen T.148) aufgebracht, die von Schicht zu Schicht mehr die beabsichtigte Form zeigten. Auch der seitliche, die Figur umschließende Rahmen wurde in einzelnen Schichten bis zu einer Gesamtstärke des Auftrages von 14 cm höher geführt und jede einzelne Lage mit dem Richtbrett abgezogen, wie die vollkommen glatten und ebenen Oberflächen der einzelnen Schichten des Rahmens zeigen. An dem seitlichen Rahmenstück kann man drei Lagen erkennen. Die Hauptteile der Figur bleiben in ihrer Erhebung hinter der Fläche des letzten Rahmenauftrages zurück. Der vorspringende Kopf der Figur wird daher erst, nachdem der letzte Auftrag des Rahmens abgezogen war, aufmodelliert sein. Die letzte Schicht umschließt die Untergrundsplatte wie die aufgetragenen Teile der Figur und des Rahmens in etwa 2cm Stärke und enthält die Linien des Faltenwurfes sowie alle weiteren feineren Einzelheiten der Haare und des Gesichtes als flache Schnitte, wie man an den unversehrten Oberflächen der drei ältesten Steine am besten sieht. Die Ornamente und Schriftzeichen, die auf dem Rahmen angebracht sind, wurden ebenfalls in die letzte Schicht eingeschnitten, wobei tiefergeführte Schnitte in der vorletzten Schicht Einschnitte hinterließen. Die Schnittpuren zeigen, daß beim Aufbringen der letzten Schicht die vorletzte keineswegs erhärtet war, wodurch sich, wie bereits erwähnt, das Material zu einer festen, einheitlichen Masse verband.

 

 

____

50

 

Auch in Halberstadt ist an Abblätterungen zu sehen, daß die Ausführung lagenmäßig erfolgt ist. Die Oberflächen dieser Plastiken wie auch die der Hildesheimer zeigen typisch modelliermäßige Behandlung, die durch die Weichheit der Formgebung den Reiz der Figuren ausmacht (Abb. 35).

 

Abb. 35

 

 

Die stark gefälteten Gewandformen verraten die Führung des Modellierholzes. Hier, wie fast bei allen Beispielen dieser Ausführungsart, kann man als höchstes Maß der Erhebung des Reliefs über den Untergrund 15 bis 16 cm messen.

 

Unter starker Bevorzugung des Messers als Werkzeug sind die Figuren der Gröninger Emporenbrüstung entstanden, so daß sie den Eindruck von Holzplastiken erwecken (Abb. 36, 37).

 

Abb. 36 1932

Einfügung: 2015

Abb. 37 1932

Einfügung: 2015

 

 

Die einzelnen Schnittflächen grenzen scharfgratig aneinander und zeigen, daß man aus der stark aufgetragenen Stuckmasse die Figuren herausschnitzte, eine Ausführungsart, bei welcher die handwerkliche Herstellung besonders deutlich bleibt.

 

Auch bei den ornamentalen und architektonischen Antragearbeiten sind beide Bearbeitungen nachzuweisen. Die besten ornamentalen Arbeiten, z. B. die Chorschranken und die Bogenleibungen in St. Michael zu Hildesheim, sind modelliert. Für die schnitzartige Oberflächenbehandlung müssen die architektonischen Dekorationen vor allem genannt werden. An dem Kapitell aus der Krypta in Drübeck sind unter dem Schnitzmesser besonders eigenartige Formen entstanden (Abb. 38).

 

Abb. 38 1932

Einfügung: 2015

 

 

Profilierungen wurden in dieser Technik durch Ziehen der angetragenen Schicht mit einfachen Schablonen hergestellt. Die Nischenumrahmungen an der Halberstädter Chorschranke (Abb. 26), das Architravprofil in St. Wiperti zu Quedlinburg, das attische Profil der Säulenbasenreste in der Stiftskirche zu Quedlinburg (Abb. 12, 13), die Kämpferprofile der Portale in Süsel (Abb. 39) oder Ratekau, die Profile der Gewölbekonsolen des Turmgemaches in Bosau 149) sind Beispiele dafür.

 

Abb. 26

Abb. 12

Abb. 13

Abb. 39

 

 

 

Historische Bedeutung.

 

Als ursprüngliche, am meisten dem plastischen Material entsprechende Verarbeitungsart wird die Antragetechnik im Mittelalter am meisten angewandt. Die besten Stuckarbeiten sind Werke dieser Technik, die in gleicher Weise zu figürlichen, ornamentalen und architektonischen Dekorierungen zur Anwendung kommt.

 

In der figürlichen Plastik verdrängt sie die zunächst ausgeübte Gußtechnik, als die Entwicklung der Plastik eine

 

 

____

51

 

kräftigere Gestaltung und stärkere Reliefierung verlangt. Die damit einsetzende Stilisierung ist der Grund dafür, daß die schnitzartige Behandlung der letzten Auftragsflächen bevorzugt wird, wie die mit wenigen, den Faltenwurf nur andeutenden Schnitten belebten Oberflächen der ältesten Äbtissinnensteine und die Apostel in Clus, besonders aber die Figuren der Gröninger Emporenbrüstung zeigen.

 

Einfügung: Grönigen Klosterkirche Emporenbrüstung linke Figurengruppe 2015

 

 

In der späteren Epoche der Belebung und natürlicheren Gestaltung der menschlichen Figur wird die rein modellierartige Herstellung so sehr bevorzugt, daß sich in der Folgezeit die Plastik unter dem Einfluß dieser Verarbeitungsart zu besonders lebhaften und unruhigen Formen weiterentwickelt 150), die auch bei reinen Steinplastiken zum Ausdruck kommen. Um 1200 ist die Blütezeit der Antragetechnik; die besten figürlichen Plastiken dieser Zeit sind Antragearbeiten aus Stuck.

 

 

Rohguß mit schnitzartiger Bearbeitung.

 

Herstellungsverfahren.

 

Eine dritte Art der Materialverarbeitung zeigen die in den Findlings- und Backsteinbauten Lübecks und Wagriens als Kapitelle, Kämpfer, Kragsteine und sonstige tragende Bauteile vermauerten Stuckblöcke.

 

Infolge der werksteinartigen Verwendung hat man diesen Arbeiten auch steinmetzmäßige Bearbeitung 151) zugeschrieben. Auch durch die bisher übliche Bezeichnung ihres Materials als Beton 152) könnte es unberechtigt erscheinen, diese Kunststeinblöcke im Zusammenhang mit der Stuckplastik zu behandeln. Andererseits lassen die in denselben Bauten teilweise an den gleichen Blöcken vorkommenden Antragearbeiten auf den Zusammenhang auch dieser Arbeiten mit der sächsischen Stuckplastik schließen, und die chemischen Untersuchungen der Materialproben bringen durch die Feststellung des gleichen hochgebrannten Gipses weitere Übereinstimmung mit den eigentlich sächsischen Stuckplastiken. Von Beton, einer Mischung von Mörtel und Zuschlagstoffen kann hier nicht gesprochen werden. Die durch besondere Steigerung der Brenntemperatur erzielte Qualität des Gipses ist allerdings bei diesen Arbeiten mit tragenden Funktionen am besten.

 

Durch die Feststellung von Estrichgips auch bei diesen Arbeiten wird die steinmetzmäßige Behandlung schon sehr in Frage gestellt. Dagegen spricht ebenfalls die filigranartige Ausarbeitung, die z. B. an den Kragsteinen des Lübecker Domes zu beobachten ist, sowie lange, unregelmäßige

 

 

____

52

 

Schnittflächen, die besonders an einigen Kapitellen in Segeberg zu finden sind (Abb. 42).

 

Abb. 42

 

 

Spuren von Steinmetzwerkzeugen, wie Scharrierschläge oder Meißelhiebe lassen sich nirgends nachweisen.

 

Auch im eigentlichen Sachsen sind bei ähnlichen Arbeiten die gleichen Merkmale schnitzartiger Bearbeitung von Stuckblöckon zu erkennen. An den Chorschranken in Hildesheim haben die Säulen der oberen Arkadenreihe und des Türgewändes — allerdings in kleinerem Maßstabe — gleiche tragende Funktionen wie die Stuckkapitelle und Kragsteine der Findlings- und Backsteinbauten des Nordens. Tatsächlich zeigen Bruchstücke dieser Säulen, die sich im Andreasmuseum befinden, gleiche Spuren einer besonderen Bearbeitung, die sich aus den Eigenschaften des hochgebrannten Gipses erklärt (Abb. 40, 41).

 

Abb. 40

Abb. 41

 

 

In Hildesheim wurde, nachdem die in Gips gegossene Wand abgebunden hatte, und die Holzschalung entfernt werden konnte, während des sich anschließenden Erhärtungsvorganges des Gipses aus der rohen Gußwand bezw. dem Gußstück 153) die Rundung der Säule mit dem Messer herausgearbeitet (Abb. 41).

 

Diese Bearbeitungsart machte es möglich, die Abmessungen der Säulengalerie sehr zierlich zu halten (Durchmesser der Säule 12 cm). Bei Anwendung der Antragetechnik wäre ein zunächst gegossener Kern in seinen Dimensionen zu klein gewesen, um vor seiner vollständigen Erhärtung tragfähig zu sein, da ja auch bei beabsichtigter Dekorierung mittels Antragestuck die Ausschalung vor Abschluß der Erhärtung erfolgen mußte. Daß der ausgeschalte, abgebundene Gips schnitzartig bearbeitet werden konnte, ist die für diese Technik wichtigste Eigenschaft des hochgebrannten Gipses. Heutiger Estrichgips besitzt eine Abbindezeit von 12 bis 20 Stunden, die weitere Erhärtung erfordert Wochen, während deren das Material schnitzfähig bleibt.

 

Ein weiterer Vorteil, der auch bei den Hildesheimer Säulen ausgenutzt wurde, lag darin, daß man auch zu komplizierten Bauteilen nur eine einfache Einschalung benötigte und nicht nur die weitere Ornamentierung, sondern auch die äußere Formgebung leicht durch Schnitzen vornehmen konnte. So war diese Technik, die im eigentlichen Sachsen nur gelegentlich ausgeübt ist, besonders zur Anwendung in den wagrischen und lübischen Kirchen geeignet, bei denen alle schwierigen Bauteile aus Stuck hergestellt werden mußten.

 

 

____

53

 

Aus der großen Zahl der Beispiele soll das Kapitell einer vierpaßförmigen Säule im südlichen Seitenschiff der Segeberger Kirche angeführt werden (Abb. 42).

 

Abb. 42

 

 

Die Oberfläche dieses Kapitells ist zum Teil schalungsrauh, zum Teil mit langen Messerschnitten besetzt, sodaß man noch ablesen kann, wie die Form der Schalung war. Zur Überleitung von dem oblong vierpaßförmigen Querschnitt der Säule zum kreuzförmigen Horizontalschnitt der anschließenden Bögen wäre eine sehr komplizierte Schalung erforderlich gewesen. Man beschränkte sich darauf, die Schalung nur in angenäherter Form herzustellen, sodaß das Gußstück auch im unteren Teil anstelle der Ausrundungen kreuzförmigen Querschnitt erhielt. Das so entstehende Kapitell war ein Pyramidenstumpf mit ausgewinkelten Kanten, ein Körper, der leicht einzuschalen war. Nach Entfernung der Schalung mußte weiter der Übergang vom Vierpaß in die Kreuzform vollzogen werden. Die Schnittspuren zeigen, wie die scharfwinkligen Kanten mit langen nach unten breiter werdenden Schnitten bis zur Überführung in den vierpaßförmigen Säulenquerschnitt ausgerundet wurden. Den aus dem Pyramidenstumpf geschnitzten Körper kann man als, freilich wenig exakte, Durchdringung zweier Trapezkapitelle bezeichnen.

 

Für den Anschluß der Gurtbogen war das Kapitell fertig, und die weitere dekorative Ausbildung konnte erfolgen. Als oberer Abschluß wurde eine Platte mit Rundstab durch Ausschneiden zweier Rillen und Ausrunden der dazwischenliegenden Fläche eingearbeitet, während als Anschluß an den Säulenschaft ein stark ausgerundetes Profil ringförmig als Antragearbeit aufgebracht wurde. Da die Flächen des Kapitelles noch nicht erhärtet waren, konnte die weitere Ornamentierung ebenfalls durch Schnitzen vorgenommen werden. Die Vorzeichnung der Ornamente erfolgte durch einfaches Ritzen. Ein Stück Vorzeichnung für eine Volute ist an der oberen, unfertig gebliebenen Hälfte des Kapitelles noch erhalten. Entsprechend der Zeichnung wurden Palmettenblätter kerbschnittartig in den Grund vertieft, und ein die Palmetten umschließendes Band durch Herausschneiden des Untergrundes plastisch hervorgehoben.

 

In seiner Form wie in seiner Dekorierung sucht dieses Kapitell Werksteinkapitelle nachzuahmen und ist in der primitiven Ausführung nicht besonders gut geglückt. Für die Definierung der technischen Herstellung ist es aber besonders aufschlußreich.

 

Die weiteren Kapitelle in derselben Kirche sind in ihren Formen einfacher und ihre Ornamentierung ist besser.

 

 

____

54

 

Würfelkapitelle sind als einfache Kuben gegossen, und die Überleitung in den Kreisquerschnitt der Säulen ist durch Abrunden vollzogen. Flächenhafte Ornamente sind als Schachbrett- oder Linienmuster in die Oberfläche eingeschnitten (Abb. 44).

 

Abb. 44

 

 

Die Kämpfersteine haben das sehr einfache Profil einer Schräge, die leicht einzuschalen war, und die Ornamente sind bei den meisten flach eingeschnitzt. Nur ein im südlichen Seitenschiffe an der Turmseite heute aufgestellter Kämpfer ist in der Ansichtsfläche ausgerundet und mit einem Flechtmuster versehen, das mit dem Stemmeisen ausgearbeitet ist (Abb. 43).

 

Abb. 43

 

 

Bei den meisten dieser großen Architekturteile aus Stuck muß man annehmen, daß sie gleich an Ort und Stelle gegossen wurden. Kleinere Blöcke sind jedoch, wie an eine Beispiel in Segeberg nachzuweisen ist, erst nach Abschluß der Ornamentierung vermauert. Im nördlichen Seitenschiff sind heute Keilsteine einer alten Portalumrahmung ins Mauerwerk eingesetzt, deren Bearbeitung vor dem Vermauern beendet gewesen sein muß, da die Keilsteine gleich beim Vermauern auf Druck stark beansprucht wurden und schon erhärtet sein mußten. Diese Steine zeigen die Übertragung von Schnitz- und Kerbschnittmustern aus der Holzbearbeitung am deutlichsten. Die Verwendung der gleichen Werkzeuge und die sehr ähnliche Ausführungsart führten bei ganz verschiedenen Materialien zu gleichen Dekorationen, die bei den Germanen nahezu in allen Jahrhunderten die beliebtesten Muster für Holzkonstruktionen waren.

 

Die gleiche Technik findet sich im ältesten Teil des Lübecker Domes und in den zur Gruppe der Wizzelinskirchen gehörenden Bauten.

 

Im Lübecker Dom fällt das flächenartig Schnitzmäßige der Ausführung besonders auf. Antragearbeiten fehlen mit Ausnahme des erwähnten Kragsteines in der Vierung.

 

Abb. 45

Abb. 42

 

 

Vergleicht man die Lübecker Vierungskapitelle (Abb. 45) mit dem formal ähnlichen Kapitell der Vierpaßsäule in Segeberg (Abb. 42), so ist festzustellen, daß die Dekoration der Lübecker Kapitelle weit mehr der Schnitztechnik angepaßt ist. Man verzichtete auch auf den dem Hausteinbau entlehnten Schaftring und stach in der ganzen Fläche des Kapitelles den Untergrund heraus, sodaß die Palmetten ganz als erhabene Teile stehenblieben, augenscheinlich eine Weiterbildung der Segeberger Ausführung.

 

Besonders wirkungsvoll ausgearbeitet ist ein Konsolstein des Vierungsbogens (Abb. 48, 49).

 

Abb. 48

Abb. 49

 

 

Das Flechtmuster ist durch zwei rechtwinklig zueinander geführte Stiche sehr

 

 

 

____

55

 

tief eingearbeitet. Beim Schnitzen war ja die Tiefe des Reliefs nicht an ein bestimmtes Maß gebunden, im Gegensatz zur Antragetechnik, bei der sich im allgemeinen an größte Relieftiefe die Stärke des Auftrages ergab.

 

Der technische Stand der Stuckarbeiten in Segeberg und Lübeck läßt Haupt‘s Datierung 154) wahrscheinlich erscheinen, nach der die Segeberger Arbeiten zeitlich früher liegen als die im Lübecker Dom.

 

In den Wizzelinskirchen sind Gewölbekämpfer im Chor und Turm, wie säulengeschmückte Portale in dieser Technik mehrfach ausgeführt. Neben flach eingeschnittenen Palmetten finden sich schachbrettartige und geometrische Muster in ganz ähnlicher Ausführung wie in den Backsteinkirchen. In Süsel ist an den Vierungskämpfern eine Zwischenform zwischen Schachbrett- und Flechtmuster entstanden. Das dem obenerwähnten Lübecker Kragstein ähnliche Muster ist hier durch einen horizontal und einen schräg nach oben geführten Stich mit dem Stemmeisen aus dem Block herausgeschnitten. Säulen, wie sie in Neukirchen und Ratekau in die Schallöffnungen der Türme eingestellt sind, gehören auch zu dieser Technik. Daneben sind fast überall, wie bereits erwähnt, Antragearbeiten ausgeführt worden.

 

 

Historische Bedeutung.

 

Die Technik des Rohgusses mit schnitzartiger Ausarbeitung der Blöcke ist ein Beweis dafür, daß sich die mittelalterliche Stuckplastik aus eigener Kraft selbständig weiter entfaltete. An den neuen Aufgaben, die das Bauen in hausteinarmen Gebieten stellte, wurde eine Technik weiterentwickelt, die in ihren Anfängen sich schon im Harzgebiet nachweisen läßt. Auch diese Ausführungsart kann nicht aus dem Zusammenhang mit der sächsischen Plastik gelöst werden. Die Vorbedingung für die Ausführung höchstbelasteter Architekturteile aus Stuck war die Verarbeitung hochgebrannten Gipses von besonderer Güte. So ist das Material dieser Arbeiten das Beste, was sich aus dem Mittelalter an Stuck erhalten hat. Die schnitzartige Bearbeitung der abgebundenen Stuckblöcke ist eine geschickte Ausnutzung der speziellen Eigenschaften des hochgebrannten Gipses und ebenfalls durchaus materialgerecht. Ohne die Herstellung komplizierter Formen, wie sie beim Formguß erforderlich waren, konnten die im Rohen gegossenen Stücke die reichste plastische Ausgestaltung erhalten, wobei das handwerkmäßig Unmittelbare der Bearbeitung zur Geltung kam im Gegensatz zu den reinen Gußarbeiten, bei denen die

 

 

____

56

 

Arbeit des Künstlers mit der Ausführung des Modelles beendet, und der weitere Herstellungsgang des Gießens rein mechanisch war. Zwar gehören dieser Technik nicht Meisterwerke von dem Range an, der den besten Arbeiten der Antragetechnik zukommt, aber auch dieser Zweig der Stuckplastik hat eine mehr als lokale Bedeutung durch seine Stellung in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Backsteinbaues erhalten.

 

 

Schlußwort.

 

So mannigfach, wie die Anwendung der Stuckplastik im Mittelalter war, so verschiedene Ausführungsarten sind durch die technischen Untersuchungen aufgedeckt. Die sich wechselseitig aus den historischen und technischen Forschungen ergebenden Beziehungen und Zusammenhänge sind behandelt worden. Ein Zweig der mittelalterlichen Kunst, über den nur ein Minimum historisch überlieferter Tatsachen vorhanden ist, läßt sich so durch die zusammenfassende Beurteilung auf Grund der Ergebnisse moderner stilkritischer Forschungen wie rein chemischer Analysen und technischer Untersuchungen in seiner Bedeutung für die Entwicklungsgeschichte von Architektur und Plastik im mittelalterlichen Sachsen wieder aufdecken. Zwar verschiedentlich in seiner Entwicklung fremden Einflüssen unterworfen, entfaltet die Stuckplastik in Sachsen ihr eigenes, selbständiges Leben, das sich in der Mannigfaltigkeit der Anwendung in gleicher Weise wie in der Verschiedenheit der sich entwickelnden Techniken äußert.

 

Daß in Sachsen vom frühesten Mittelalter bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts die Stucktechnik besonders beliebt war, daß die besten Künstler der Zeit die Ausführung in Stuck bevorzugten, ist der Grund dafür, daß Meisterwerke geschaffen wurden, die nicht allein für Kunstgeschichte und Technik wichtig sind, sondern auch als Kunstwerke ihren Wert behalten haben.

 

 

 

____

57

 

Anmerkungen und Quellenangaben.

 

1) Goldschmidt, A.; Die Stilentwicklung der romanischen Sculptur in Sachsen.

Jahrb. d. Königl. Preuß. Kunstsammlg. Berlin 1900 21. Band IV. Heft.

2) Haupt‚ Richard; Kurze Geschichte des Ziegelbaues und Geschichte der deutschen Ziegelbaukunst bis durch das 12. Jahrhundert. Heide i. Holst. 1929.

T.3) Gipsabgüsse sind nicht aufgefunden, wohl aber Gipsformen, aus denen man die Ausübung des Gipsgusses gefolgert hat.

(Millar, W.; Plastering, plain and decorative. London. Kap. I, S. 1 u. 2; VII, S. 97).

4) Steis, A.; Beiträge zur Werkstoffkunde d. Wandmalerei. Dissertation München 1916. S. 71.

5) Millar, a. a. O. Kap. I, S. 2.

6) Gipsbaubuch, Neubearbt. u. herausgeg. V. d. Bauberatungsstelle d. deutschen Gipsindustrie in Arnstadt. 1929. S. 7.

T.7) Daub bezeichnet Lysikrates als Erfinder der Technik des Gipsabgießens. (Daub, H.; Die Vergangenheit des Hochbaues. Wien, Leipzig 1911.)

8;9) Millar, a. a. O. Kap. I, S. 2.

10) Vitruvius; Zehn Bücher über Architektur übers. v. F. Reber. Stuttgart 1865. Buch VII, Kap. III, S. 207-210.

11) Millar, a. a. O. Kap. I, S. 6.

12) Gradmann, E.; Geschichte d. christl. Kunst. Stuttgart 1902. S. 13, 14.

13) Toesca; Storia del arte italiane. Band 1, S. 136, 256, 324.

14) Goldschmidt‚ A.; Die Bauornamentik in Sachsen im XII. Jahrhundert. Monatshefte für Kunstwissenschaften, 3. Jahrg. Heft 819. Leipzig 1910.

15) Toesca; a. a. O. S. 1098.

T.16) In d. verschiedensten Jahrhunderte datiert. Nach Haupt: 2. Hälfte d. 8. Jhdts. (Haupt, Albrecht; Die älteste Kunst insbesondere die Baukunst der Germanen. Leipzig 1923 S. 1112). Datierung auf Anfang d. 11. Jhdts. nach Cattaneo u. Toesca (Toesca; a. a. O. S. 791, 896 Anm. 34).

17) Datierung nach A. Venturi (Toesca; a. a. O. S. 889).

18) Haupt, Albrecht; a. a. O. S. 112, 190, 191, 257, 277.

 

 

____

58

 

19) Viollet-le-Duc, M.; Dictionaire raisonné de l’Architecture francaise. Du XI au. XVI Siècle. 8. Band. Paris 1866 „Stuc“ S. 471 bis 474.

20) Hrabani Mauri . . . . opera, Coloniae Agrippinae 1626. De universo. Lib. XXI, caput VIII.

21) Dehio, G.; Geschichte der deutschen Kunst. Berlin u. Leipzig 1919. 1. Band, Buch 1.

22) Fink, A.; Die figürliche Grabplastik in Sachsen v. d. Anfängen bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Wolfenbüttel 1915. S. 5.

23;24) Goldschmidt, A.; Die Bauornamentik i. S. i. 12. Jhdt. a. a. O.

25) Hölscher, U.; Die mittelalterlichen Klöster Niedersachsens Bremen 1924. S. 22.

26) Bau- u. Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen. 33. Heft, Kreis Stadt Quedlinburg, A. Brinkmann, Berlin 1922. S. 76.

27) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 33. Heft. S. 73, 74. Daselbst Abb. vom Zustand der Gruft bei der Auffindung. Abb. 42, 43, s. auch Abb. 46a.

28) Haupt, Albrecht; a. a. O. S. 102, Anm.

29) B. u. K. d. Pr. Hannover. II. Reg.-Bez. Hildesheim. 2. Bd. Stadt Goslar, Abb. 58

30) B. u. K. d. Herzogt. Braunschweig. Wolfenbüttel 1910. 5. Bd. S. 122, 123, 164.

31) Steinacker, K.; Stift Gandersheim. Jahrbuch d. Geschichtsvereins. Wolfenbüttel 1909. S. 13, 14.

32) Beenken, H.; Romanische Skulpturen in Deutschland (11. u. 12. Jhdt.). Leipzig 1924. S. 74, 75. Abb 37a, b.

33) Beenken, H.; a. a. O. S. 74, 75, Abb 37c.

34) Zeller, A.; Die romanischen Baudenkmäler Hildesheims. Berlin 1907. S. 214. Taf. XXX.

35) Beenken, H.; a. a. O. S. 146, Abb. 73.

T. 36) Ähnliche Stuckdekorierungen an Bogenleibungen sind schon in der Kirche zu Parenzo ausgeführt. (5.-6. Jhdt.) (Toesca; a. a. O. S. 324.)

37) Anhalts Bau- und Kunstdenkmäler. Dessau-Leipzig 1892. S. 162. Abb. 123, 134, 135.

38) Goldschmidt, A.; Die Stilentwicklung d. r. Skulptur i. Sachsen; a. a. O.

39) Beenken, H.; a. a O. S. 60. Abb. 30-34.

T.40) Für diese Zeit sind in Quedlinburg starke Einflüsse aus Oberitalien durch Goldschmidt nachgewiesen, so daß auch bei dieser ältesten Stuckschranke in Sachsen lombardische Anregungen zu vermuten sind. (Goldschmidt, Die Bauornamentik...; a. a. O.)

41) Zeller, A.; Die Kirchenbauten Heinrichs d. I. und der Ottonen in Quedlinburg, Gernrode, Frose und Gandersheim. Berlin 1916. S. 35. Taf. XI. Abb. 30d.

42) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 33. Heft. S. 103.

43) B. u. K. d. Hzgt. Braunschweig. Bd. 5. S. 114. Abb. 76 .

44) Sauerlandt, M.; Deutsche Plastik des Mittelalters. Leipzig. S. XIV.

45) Beenken, H.; a. a. O. S. 130. Abb. 65, 66.

 

 

 

____

59

 

46) Pinder, W.; Die deutsche Plastik bis zum Ende der Renaissance. Wildpark-Potsdam. I. Teil. S. 12

47) Goldschmidt, Die Stilentwicklung . . .; a. a. O. Abb. bei Beenken a. a. O. Abb. 66, 69.

48) Sauerlandt M.; a. a. O. S. XI V.

49) Maßstäbliche Aufnahmezeichnung bei: Mohrmann u. Eichwede; Germanische Frühkunst. Leipzig 1906. Taf. 17.

50) Beenken; a. a. O. S. 110. Abb. 108.

T.51) Nachweis von Motiven byzantinischer Elfenbeinschnitzereien durch Goldschmidt. (Die Stilentwicklung...; a. a. O.)

52) Maßstäbl. Aufnahmezeichnung bei Mohrmann u. Eichwede; a. a. O. Taf. 39.

53) Goldschmidt, Die Stilentwicklung...; a. a. O.

54) B. u. K. d. Pr. Hannover II, 1. u. 2. Bd. Fig. 107.

55) Dehio, G.; Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Berlin 1918. Bd. 3. Nordwestdeutschland.

56) B. u. K. d. Pr. Hannover II, 1. u. 2. Bd. S. 98. Fig. 85.

57) Gradmann, E.; a. .a. O. S. 159.

58) B. u. K. d. Pr. Sachsen. Halberstadt S. 334. Bericht von Quast, Fig. 132, 136.

59) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 32. Heft S. 81. Abb. 48, 49.

60) B. u. K. d. Pr. Hannover. II, 1. u. 2. Bd. S. 56.

61) Lübke, W.; Die Kunst des Mittelalters. Neubearb. v. M. Semrau. Esslingen 1910. S. 248.

62) Goldschmidt; Die Stilentwicklung . . . . a. a. O.

63) Urbach, H.; Geschichtliches und Technisches vom Sgraffitoputz. 1928. S. 14. Abb. auch bei E. v. Flottwell; Mittelalterliche Bau- und Kunstdenkmaler in Magdeburg. Magdeburg 1891.

64) B. u. K. d. Hzgt. Braunschweig. Bd. 1. S. 306.

65) B. u. K. d. Hzgt. Braunschweig. Bd. 1. S. 284.

66) Schäfer; Führer durch das St. Annenmuseum Lübeck. Abb. bei Goldschmidt; Lübische Malerei und Plastik bis 1530. Taf. 4. Abb. gleichfalls in B. u. K. Lübeck. Bd. II, S. 303.

67) Jetzige Datierung der Figuren im St. Annenmuseum Lübeck.

68) Paatz; Die Steinplastik Lübecks. Herausgegeb. v. Zeitschrift f. Geschichte und Altertumskunde. Lübeck 1929. S. 63 Nr. 10, S. 69 Nr. 18 außer anderen.

69) Fink; a. a. O. S. 8.

T.70) Die Vermutung Fink’s (vergl. auch Beenken; a. a. O. S. 46), daß die Figur in Stuck auf eine Sandsteinplatte aufmodelliert wurde, ist wohl nicht richtig, da die Figur aus einer Kalksteinplatte herausgearbeitet zu sein scheint. Etwaige Stuckreste an der Oberfläche der Figur müssen der Restaurierung durch Karl IV. zugeschrieben werden.

71) Beenken; a. a. O. S. 74.

72) Vergl. Seite 19, Anm. 42.

T.73) Vermutung Beenken’s (a. a. O. S. 70) entgegen Fink’s Ansicht (a. a. O. S. 16).

74) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 33. Heft S. 103. Abb. Taf. 3 u. 3a. Vergleich mit Arbeiten aus S. Ambrogio.

75) B. u. K. d. Landes Braunschweig. Bd. 6, S. 27.

 

 

____

60

 

76) Dehio; Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Berlin 1912. Bd. 5.

77) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 33 Heft S. 161. Abb. 90, 91.

78) Haupt, Albrecht; a. a. O. S. 267 Abb. 184.

79) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 32. Heft S. 48, 49.

80) Puttrich, L.; Denkmale der Baukunst des Mittelalters in Sachsen. Leipzig 1836-1843 II. Abt. 2. Bd. Taf. 76 Abb. IV, V.

81) Zeller, A.; Frühromanische Kirchenbauten und Klosteranlagen der Benediktiner und Augustiner-Chorherren nördlich des Harzes. Berlin und Leipzig 1928. S. 28 Taf. 36 Fig. 1.

T.82) Das westlichste Kapitell der Südseite ist noch heute mit der Überstukkierung erhalten. (Zeller, Frührom. Kirchenb.; a. a. O. Taf. 37 Fig. 5).

83) Zeller; Frühroman. Kirchenb. a. a. O. S. 27 Taf. 36 Fig. 3, Taf. 37 Fig. 3.

84) Abb. bei Sommer: B. u. K. d. Pr. Sachsen. 7. Heft. Grafschaft Wernigerode. Halle 1883 Abb. 35, 36.

T.85) Ausgeführt durch Zeller. (Frührom. Kirchenb.; a. a. O.).

86) Dehio u. v. Bezold; Die kirchliche Baukunst des Abendlandes. Stuttgart 1892. Bd. 1 S. 468.

T.87) Zeller’s Vermutung, daß die Vorlagen der Einwölbung des 16. Jahrhunderts angehören, wird durch Auffindung der Kapitelle und Gewölbeansatze aus dem Ende des 12. Jahrhunderts widerlegt. (Zeller; Frührom. Kirchenb.; a. a. O. S. 31).

T.88) Noch in gotischer Zeit ist in Ilsenburg eine Kämpferplatte mit Stuck überzogen, auf der in Spiegelschrift die Zahl 1378 und ein Name (Uwe ?) verzeichnet ist.

89) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 33. Heft 1. Teil S. 85 Anm. 3.

90) Zeller; Die Kirchenbauten...; a. a. O. S. 39. Taf. 15.

91) Vergl. B. u. K. d. Pr. Sachsen. 19. Heft S. 230 (B) Abb. 131.

92) Dehio u. v. Bezold; a. a. O. S. 691 Abb. 9, 10.

93) B. u. K. d. Landes Braunschweig. 6. Bd. S. 204, 205. Abb. 147.

T.94) „Wegen des Mangels an Stahl ist in Wagrien vor dem 13. Jahrhundert kaum die Granitbearbeitung versucht.“ (Haupt, Richard; B. u. K. d. Pr. Schleswig-Holstein. Bd. 6. S. 14.).

95) B. u. K. d. Pr. Schlesw. Holst. Bd. 6. Nr. 32, 17.

96) B. u. K. d. Pr. Schlesw. Holst. Bd. 6. Nr. 65, 2, 3.

97) Abb. bei Baltzer, J.; Ein Beitrag zur Entstehung der Ziegelbaukunst in Lübeck und Wagrien. Taf. 7; 11b; 12b, d.

98) B. u. K. d. Pr. Schlesw. Holst. Bd. 6. Abb. 288.

99) B. u. K. d. Freien u. Hansestadt Lübeck. Bd. 3 Abb. auf S. 26, 27.

T.100) Lübecker Dom:

Nach Haupt, R. und Dehio (Handbuch 1906): Chor u. Querhaus von Bischof Gerold 1163 geweiht, Schiff 1173 begonnen.

Nach Baltzer und Dehio (Handbuch 1922): 1163 erster Bau aus Holz, 1173 Gründung des Domes, 1230 Vollendung.

T.101) Segeberger Dom:

Nach Haupt, R.: angelegt nach 1134, Westende jünger.

Nach Baltzer: gleichzeitig oder jünger als Dom zu Lübeck.

Nach Dehio (Handbuch 1922): 2. Hälfte d. 12. Jhdts. begonnen. Anfang d. 13. Jhdts. vollendet.

 

 

____

61

 

102) Haupt‚ Richard; Die Wizzelinskirchen. (Baugeschichtliche Untersuchungen an Denkmälern Wagriens.) Kiel 1884.

103) Baltzer; a. a. O. Taf. 13a.

104) B. u. K. d. Pr. Schlesw. Holst. Bd. 6 unter anderen Abb. 612.

105) B. u. K. d. Pr.. Schlesw. Holst. Bd. 6. Abb. 433, 435.

T.106) „Figürlich ist bloß ein Köpfchen im Scheitel einer Arkadenbogenansicht in Segeberg“ Haupt, in B. u. K. d. Prov. Schlesw. Holst. 5 Bd. 70, 21.

107) B. u. K. d. Pr. Schlesw. Holst. Bd. 5. Kap. 15,8.

108) B. u. K. d. Pr. Schlesw. Holst. Bd. 5. Kap. 15,1.

T.109)Zementstuck:

Sauerlandt; a. a. O. S. XIV. B. u. K. d. Pr. Sachsen. 14. Heft. S. 95 u. Halberstadt S. 324.

Kalkstuck:

Herzig, R; Die Michaeliskirche zu Hildesheim. Hildesheim. S. 18: „Die Herstellung von Kalkstuckornamenten war im frühen Mittelalter allgemein üblich, man verwendete hierzu Kalkmörtel, der statt Wasser mit abgerahmter Milch angerührt wurde.“ In dieser Art hergestellte mittelalterliche Stukkaturen ließen sich in Sachsen nirgends nachweisen. (Der Verf.).

Stuckgips:

Hartmann; in: Die mittelalterlichen Baudenkmäler Niedersachsens. Hannover 1861-1866. 2 Bd. S. 228.

Gipsbeton:

Baltzer; a. a. O. S. 186 u. 190.

Kalk- oder Gipsbeton:

B. u. K. Lübeck. 3. Bd. S. 251.

T.110) z. B. als Stuckplastiken bisher angegeben:

Heiningen, Figuren Hildeswit u. Walburgis, die aus Sandstein bestehen und nur mit Stuck ausgebessert sind. (D. mittelaltl. Baudenkm. Nieders.; a. a. O. S. 248. desgl. bei Fink, a. a. O.).

Quedlinburg, Säulen der Kapelle St. Nikolai in vinculis in der Stiftskirche, die aus Schaumkalk bestehen. (B. u. K. d. Pr. Sachsen. 32. Heft. S. 77. desgl. bei Zeller, Die Kirchenbauten . . .; a. a. O. S. 24. .

Engeri i. W., Wittekindsfigur (Vergl. S. 23, T. 70 d. Dissertation.)

Lübeck, Die auf Seite 22 der Dissertation aufgeführten Figuren, die meist aus glaukonitischem Kalksandstein bestehen. (Vergl. Anm. 68. d. Dissertation.)

111) Schoch, K.; Die Mörtel-Bindestoffe. Berlin 1928. Teil 2. Kap. 4. „Gips.“ Martin, L.

112) Schoch; a. a. O. Teil 2. Kap. 4. (Zuerst in: Ztschrft. f. Anorg. u. allg. Chemie Bd. 157, Juni 1924. S. 407.)

113) Vortrag L. Martin; „Überblick über Entstehung und Verarbeitung des Gipses und seine Verwendbarkeit im Bauwesen und in der chemischen Industrie.“ Gehalten am 28. 1. 1931 in der T. H. Braunschweig.

114) siehe Seite 29, Anm. 108 d. Diss.

115) Schoch; a. a. O. Teil 2. 1, e, 2

116) Schoch; a. a. O. Teil 2. 1, e, 2

 

 

____

62

 

117) Krünitz J. G.; Oeconomische Encyclopädie oder allgemeines System der Staats-‚ Stadt-, Haus- und Landwirtschaft. Berlin 1780. S. 441.

T.118) z. B.: Lübecker Dom; Segeberger Dom; Bosauer Kirche; Ostteil der Südwand des Ilsenburger Klostergebäudes.

T.119) Neben Mörtel, Estrich, Wandputz wurden auch tragende Konstruktionsteile, wie Wände und Gewölbe, im Mittelalter häufig aus Gips verfertigt, wie es auch heute teilweise noch ortsüblich ist. (Siehe auch Seite 47 d. Diss.)

120) Millar; a. a. O. Kap. 7.

121) Schoch; a. a. O. Teil 2. Kap. IV. 1, a.

122) Steis; a. a. O. S. 71.

T.123) Gipsinkrustierungen sind bei neolithischen Keramiken häufig. In Rottleben hat man in einem Zonenbechergrabe einen Vorrat gebrauchsfertig angemachter Gipsmasse gefunden. Ebert, Reallexikon der Vorgeschichte, Berlin 1926.

124) B. u. K. d. Pr. Hannover. Stadt Lüneburg. Bd. 2/3. S. 44, 87, 89, 90-93, 142, 146, 241.

T.125) Haupt, R.; Wizzelinsk.; a. a. O. S. 89. Anm. 4. Haupt erwähnt noch aus Beetzendorf einen Fensterpfeiler des Turmes aus rohem Gips.

T.126) Laut entgegenkommender Mitteilung des Konservators der Provinz Hannover, Herrn Prof. Siebern, der außer den behandelten Arbeiten der Provinz Hannover lediglich aus Assel bei Stade Reste einer Stuckumrahmung der Nordtür (vermutlich um 1200) anführt.

127) B. u. K. d. Pr. Schlesw. Holst. 5. Bd. Kap. 15,1.

128) Hrabani Mauri opera; a. a. O. Lib. XXI. caput VIII (vergl. Seite 14 d. Diss.).

129) Moye, A.; Das Gipsformen. Berlin 1911.

130) Gipsbaubuch, bearb. v. d. Bauberatungsstelle der Deutschen Gipsindustrie Arnstadt. 1929. S. 12.

131) Moye; a. a. O. S. 8 u. 34.

132) Hrabani Mauri opera; a. a. O. Lib. XXI. caput VIII.

T.133) In der Antike war die Technik des Abgießens bereits soweit entwickelt, daß man Abgüsse von lebenden Personen nahm. (vergl. Seite 11, Anm. 7 u. 8 d. Diss.)

134) Beenken; a. a. O. S. XXIX.

135) Moye, A.; Die Gewinnung und die Verwendung des Gipses. Hannover 1908. S. 42.

136) Reichsverdingungsordnung. Berlin 1926. S. 71 Nr. 20.

137) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 33. Heft. S. 161.

138) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 32. Heft. S. 48, 49.

139) Millar; a. a. O. S. 2.

140) Vitruvius; a. a. O. Buch VII. Kap. III. S. 207.

141) B. u. K. d. Pr. Hannover. II. 4. Bd. S. 216.

142) Beenken; a. a. O. S. 228.

143) Laut entgegenkommender Mitteilung von Herrn Prof. Stolley, Braunschweig.

144) B. u. K. d. Pr. Sachsen. 23. Heft. S. 309.

 

 

____

63

 

145) Haupt, R.; in: B. u. K. d. Pr. Schlesw.-Holst. Bd. 6. S. 35.

146) Vermutung Haupt‘s in: B. u. K. d. Pr. Schlesw.-Holst. Bd. 6. S. 197.

T.147) Vergleiche Seite 45 der Dissertation

T.148) Auch M. Ohle bezeichnet die Quedlinburger Grabplatten als mehrlagige Stuckarbeiten. (B. u. K. d. Pr. Sachsen. 33. Heft. S. 103.)

149) B. u. K. d. Pr. Schlesw.-Holst. Bd. 6. S. 437. Kap. 65,5. Abb. 613, 289, 614.

150) Vergl. Seite 20, Anm. 48 d. Diss.

151) Baltzer; a. a. O. S. 120.

152) Vergl. Seite 31, Anm. 109 d. Diss.

153) Vergl. Seite 46 d. Diss.

154) Vergl. Anm. T.100 und T.101 d. Diss.

 

 

____

64

 

Verzeichnis der behandelten sächsischen Stuckplastiken nach Fundorten.

 

Blankenburg, Bartholomäuskirche, Stifterfiguren

S. 23

 

Bosau, Kirche, Gewölbekämpfer und Portal

S. 29, 38, 48, 50

Abb. 29, 30

Clus, Klosterkirche, Apostelfiguren

S. 18, 51

 

Drübeck, Klosterkirche, Kapitellverkleidungen

S. 24, 43, 50

Abb. 8-11, 38

Erfurt, Dom, Altaraufsatz

S. 20

Abb. 25

Gandersheim, Münster, Apostelfiguren

S. 18, 41

 

Gerbstedt, Klosterkirche, Stuckreste

S. 27

 

Gernrode, Stiftskirche, Heiliges Grab

S. 19, 32, 34, 35, 40

Abb. 1-4

[Goslar, Neuwerkskirche, Kanzel

S. 21]

 

Goslar, Domkapelle, Nordwand

S. 22

 

Gröningen, Klosterkirche, Emporenbrüstung

S. 20, 47, 51

Abb. 36, 37

Halberstadt, Liebfrauenkirche

 

 

Chorschranken

S. 20, 21, 32, 34, 47, 50

Abb. 26, 27, 35

[Wandgemälde

S. 21]

 

Pfeilergesimse

S. 27

 

Hamersleben, Stiftskirche, Chorschranken

S. 20, 21

 

Hecklingen, Klosterkirche, Engelsfiguren

S. 18

 

Hildesheim, Michaeliskirche

 

 

Engelsfiguren

S. 18

 

Chorschranken

S. 20, 32, 46, 50, 52

Abb. 22-24, 40, 41

Hildesheim, Godehardikirche, Tympanon

S. 22

 

Ilsenburg, Klosterkirche

 

 

Kapitelle und Kämpfer

S. 25, 32, 33, 34, 43

Abb. 5-7

[Wandgemälde im Kloster

S. 21]

 

Kaltenkirchen, Kirche, Turminneres

S. 48

 

Lübeck, Dom, Kämpfer und Konsolen

S. 28, 32, 33, 34, 38, 48, 51, 54, 55

Abb. 45-49

[Magdeburg, Dom, Hofwand

S. 22]

 

Michaelstein, Volkmarskeller, Kapitellbruchstück

S. 27

 

Oberndorf, Kirche, Wandstuckierung

S. 17

 

Quedlinburg, St. Wiperti, Stuckverkleidung

S. 24, 43, 49, 50

Abb. 31, 32

Quedlinburg, Stiftskirche

 

 

Betgruft

S. 17, 32, 34, 44

Abb. 14-16

Äbtissinnensteine

S. 19, 23, 44, 45, 49, 51

Abb. 20, 21, 33, 34

Chorschrankenreste

S. 19, 46, 49

Abb. 19

Kapitelle und Basen

S. 26, 43, 50

Abb. 12, 13, 17, 18

Ratekau, Kirche, Portal und Säulen

S. 29, 35, 38, 47, 50, 55

Abb. 28

Schöningen, Klosterkirche, Torso

S. 22

 

Segeberg, Stiftskirche, Kämpfer, Kapitelle usw.

S. 28, 32, 34, 38, 48, 52-55

Abb. 42-44

Süpplingenburg, Stiftskirche, Apostelrelief

S. 22

 

Süsel, Kirche, Gewölbekämpfer und Portal

S. 29, 38, 47, 50, 55

Abb. 39

 

 

____

66

 

Lebenslauf.

 

Ich, Christoph Wilhelm Rudolf Friedrich Berndt‚ wurde am 26. Mai 1903 in Bessingen (Braunschweig) als Sohn des Pastors Friedrich Berndt und seiner Ehefrau Elisabeth geb. Schulz geboren.

 

Ich besuchte die Volksschule in Cremlingen, die Bürgerschule in Braunschweig und von Ostern 1913 bis Ostern 1922 das Wilhelm-Gymnasium in Braunschweig, das ich mit dem Zeugnis der Reife verließ. Vom Sommersemester 1922 bis zum Wintersemester 1926/27 studierte ich dann Architektur an der Technischen Hochschule Braunschweig, wo ich Diplom-Vorprüfung und -Hauptprüfung ablegte. Während des Studiums war ich zweieinhalb Jahre am Lehrstuhl für Darstellende Geometrie und Perspektive bei Herrn Professor Dr. Timerding und ein Jahr am Lehrstuhl für Baukonstruktionen bei Herrn Professor Stubbe als Hilfsassistent beschäftigt und ein Jahr im Architekturbüro Kölling in Braunschweig tätig.

 

Vom 1. April 1927 bis 1. Oktober 1929 war ich als Architekt in Chemnitz i. Sa. im Architekturbüro des Baurates Wagner-Poltrock.

 

Seit 1. Oktober 1929 bin ich Assistent am Lehrstuhl für Baukonstruktionen der Technischen Hochschule Braunschweig bei Herrn Professor Stubbe.

 

Am 30. August 1930 verheiratete ich mich mit Maria-Elisabeth geb. Kunze.

 

Meine mündliche Doktorprüfung legte ich am 8. September 1931 an der Technischen Hochschule Braunschweig ab.

 

 

 

 

 

Hinweis: Die Abbildungen der Dissertation wurden zur Verbesserung der Verständlichkeit dort in den Text eingefügt, wo der Autor der Dissertation sie anführt. Eigene Fotos sind ebenfalls in den Text eingefügt und durch kursive Beschriftung gekennzeichnet.

 

 

 

Hinweis für Interessenten:

 

Informationen zur Pflanzenwelt in der Gipskarstlandschaft um Questenberg enthält folgende Broschüre:

 

Unterwegs im Natur- und Geopark. Harzer Pflanzenwelt erleben. Artikel zu Wanderung 3. Armin Hoch: Gipskarstlandschaft zwischen Questenberg und Hainrode. S. 29-38. Herausgegeben vom Regionalverband Harz e. V.

 

Ein Video zur Wanderung um Questenberg findet sich auf https://youtu.be/c9BLNpb0VFY