Die Süpplingenburg

Die Süpplingenburg – ehemalige Wasserburg

 

Stammsitz Kaiser Lothars III.

 

Vermutlich im 10. Jahrhundert errichteten die Grafen von Haldensleben in der Schunterniederung eine erste Burg. Sie fiel durch Heirat an den Grafen Gebhard, den Vater Kaiser Lothars III. von Süpplingenburg (1075-1137). Das Grafengeschlecht nannte sich nach seinem Stammsitz und Herrschaftszentrum „Grafen von Süpplingenburg“.

 

Die romanische Stiftskirche St. Johannis ist das einzige erhaltene Bauwerk der ehemaligen bedeutsamen Süpplingenburg. Ihr Baubeginn liegt um 1130.

 

tl_files/Fotos/Suepplingenburg/Die-Suepplingenburg-um-1654-Merian-Kupferstich-IMG-3340.jpg 

 

Am Kreuzungspunkt aller Verkehrswege

 

Die Süpplingenburg war auf einer leichten Anhöhe, die weit in die sumpfige Schunterniederung hineinragt, errichtet wurden. Es war ein Platz, der einer Burg auf natürliche Weise einen idealen Schutz bot. Wenig östlich führte einer der ältesten Süd-Nord-Verkehrswege, der alte „Salzweg“ an der Burg vorbei. Im 11. Jahrhundert wurde auch die wichtige West-Ost-Fernhandelsstraße von Braunschweig nach Magdeburg mitten über das Burggelände gelegt.

 

Die Süpplingenburg lag somit an einem wichtigen Kontrollpunkt für die Infrastruktur.

 

 

Stift, Kommende, Domäne

 

Vermutlich in der Zeit nach seiner Königserhebung gründete Lothar III. um 1130 auf der Burg ein Kollegiatstift, d. h. eine Gemeinschaft mehrerer Kleriker unter der Leitung eines Propstes, und ließ die St. Johanniskirche als Stiftskirche errichten. Ende des 12. Jahrhunderts, vermutlich unter Heinrich dem Löwen wurde das Stift an den Templerorden übergeben, der hier seine erste Komturei in Norddeutschland einrichtete. Nach Aufhebung der Templer übertrug der Braunschweiger Herzog die Süpplingenburg an die Johanniter, die sie 1357 bis 1820 als Kommende innehatten.

1820 wurde sie herzogliche Domäne, ab 1965 privatisiert und aufgesiedelt.

 

 

Kernburg, Wassergraben und Vorwerk

 

Die Süpplingenburg war vermuilich seit der Stiftsgründung im 12. Jahrhundert eine Wasserburg. Die ca. 70 x 70 m große, quadratische Kernburg war von Außenmauer, Wassergraben und Wall umgehen. Nach Norden schloss sich das Vorwerk mit dem Wirtschaftshof an. Zwischen Kern- und Vorburg verlief der Fernweg von Hildesheim nach Magdeburg.

 

Auf der Kernburg waren im 14. Jahrhundert neben der Kirche ein Kreuzgang, eine Kemenate (heizbares Wohngebäude) und ein Mosshaus (Wohnhaus mit Speisesaal und Küche) zu finden.

 

tl_files/Fotos/Suepplingenburg/Die-Suepplingenburg-Kernburg-mit-den-Gebaeuden-der-Johanniter-Komturei-1749-IMG-3346.jpg

 

Vom 16. bis 19. Jahrhundert lehnten sich an die Umfassungsmauer Herrschafts-‚ Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude, überwiegend in Fachwerkbauweise. Ende des 19. Jahrhunderts wurden bis auf die Kirche alle Gebäude der Kernburg abgerissen und der Burggraben zugeschüttet.

 

 

Westwerk der St. Johanniskirche

 

Die ehemalige Stiftskirche St. Johannis besaß im 12. Jahrhundert ein repräsentatives Westwerk, das sie als herrschaftliches Bauwerk auswies. Es wurde bereits im Mittelalter wieder abgebrochen. Archäologische Untersuchungen durch K. Hecht in den Jahren 1966-1968 legten die Fundamente des einstigen Westbaus der Kirche frei. Diese waren in dem sumpfigen Baugelände mit Bedacht in Form zweier Fundamentplatten angelegt worden, die nochmals auf einer Pfahlgründung ruhten.

 

 tl_files/Fotos/Suepplingenburg/Suepplingenburg-St-Johannes-Rekonstruktionsversuch-der-Stiftskirche-mit-Westwerk-im-12-Jahrhundert-IMG-3352.jpg

 

Ein Rekonstruktionsversuch des Westwerks durch K. Hecht zeigt eine zweitürmige Anlage, die als Querriegel im Westen vorgelagert war. Im Inneren befand sich eine zum Kirchenschiff geöffnete Herrscherempore, in der der König und spätere Kaiser auf die ihm zustehende Weise am Gottesdienst teilnehmen konnte.

 

 tl_files/Fotos/Suepplingenburg/Infos-zur-Suepplingenburg-IMG-3354.jpg

 

 

Quelle: Informationstafel vor St. Johannes Süpplingenburg

 

 

 

 

Gottesdienst der Templer

Gottesdienst der Templer "Cantores Minores" musizieren

Süpplingenburg. Ein feierlicher Gottesdienst in der Templerkirche St. Johannis zu Süpplingenburg bildet den Höhepunkt eines nationalen Konvents, das der deutsche Tempelritterorden in der Region Helmstedt ausrichtet. Rund 70 Mitglieder des Ordens aus Deutschland sowie Gäste aus Dänemark werden zu diesem Treffen erwartet. Gastgeber ist die Komturei Süpplingenburg.

Der öffentliche Gottesdienst beginnt am Sonnabend, 13. Oktober, um 16 Uhr.

Musikalisch gestaltet wird der Festgottesdienst vom Chor- und Instrurnentalensemble „Cantores minores“ aus Emmerstedt unter der Leitung von Ordenskantor Joachim Wahl.

Der Gottesdienst wird von Ordenskaplan Jürgen Beuchel geleitet. lm Rahmen der Zeremonie werden neue Mitglieder aus Konstanz, Stuttgart, Hannover, Landshut und Lüdenscheid mit dem Schwert zu Rittern geschlagen und in den Orden aufgenommen.

Der nationale Konvent beginnt am Freitag um 18 Uhr mit einem Eröffnungsgottesdienst in Süpplingenburg.

Die Predigt wird Ordenskaplan Diedrich Franke, Oberkirchenrat a. D. von Sachsen-Anhalt, halten. Auch dabei sind Gäste eingeladen. Im Anschluss versammeln sich die Ritter und Damen im Kloster St. Ludgeri in Helmstedt.

Ausgangspunkt des Konvents ist Königslutter, wo die Ordensmitglieder neben verschiedenen Besprechungen auch das Museum Mechanischer Musikinstrumente besuchen werden. In der Kirche St. Marien richten lädt der Orden am Sonnabend um 8.30 Uhr zur Laudes ein und feiert am Sonntag um 11 Uhr die Abschlussmesse.

Der Orden geht auf die Traditionen der historischen Tempelritter zurück.

Die moderne Tempelritter-Organisation OSMTH zählt weltweit rund 6.000 Mitglieder und hat als Hilfsorganisation einen beraten den Status bei den Vereinten Nationen. Abgesandte des Ordens sind an den UNO-Standorten New York, Wien und Genf vertreten. Hauptsitz des Templerordens ist Jerusalem.

 

Veröffentlicht in: Helmstedter Sonntag, Nr. 40 vom 07.10.2012, Seite 17

 

 

 

 

Auszug aus K. Schottmüllers "Der Untergang des Templer-Ordens"

DER UNTERGANG DES TEMPLER-ORDENS.

MIT URKUNDLICHEN UND KRITISCHEN BEITRÄGEN

 

VON Dr. KONRAD SCHOTTMÜLLER

PROFESSOR BEI DEM KÖNIGLICHEN CADETTEN-CORPS.

 

ERSTER BAND.

 

I. ABTHEILUNG: DARSTELLENDER THEIL

II. ABTHEILUNG: KRITISCHER THEIL.

 

BERLIN 1887.

ERNST SIEGFRIED MITTLER & SOHN

KÖNIGLICHE HOFBUCHHANDLUNG KOCHSTRASSE 68 - 70.

 

 

____

 

Mit Vorbehalt des Uebersetzungsrechts.

 

 

____

 

DEM ERHABENEN BESCHÜTZER

FREIER FORSCHUNG

 

SEINER KAISERLICHEN UND KÖNIGLICHEN HOHEIT

 

DEM KRONPRINZEN DES DEUTSCHEN REICHES UND KRONPRINZEN VON PREUSSEN

 

WIDMET DIESES BUCH

IN TIEFSTER EHRFURCHT

 

DER VERFASSER.

 

 

____

 

Vorwort.

 

Im Sommer des Jahres 1878 führten die Studien über die Umgestaltung des abendländischen Königthums im nationalen Sinne, wie sie sich gegen den Ausgang der Kreuzzüge vollzog, den Verfasser zum ersten Mal auf die Wahrnehmung, dass die allgemein gültige Anschauung betreffs der Aufhebung des Templerordens in den Quellen selbst fast gar keine Bestätigung findet. Die Hoffnung, dass diesem Mangel durch kritische Sichtung der Nachrichten in den bald darauf erscheinenden Werken abgeholfen werden würde, fand leider keine Erfüllung. Im Gegentheil zeigte gerade diese Litteratur, wie sehr bis jetzt fast alle Vorarbeiten für eine genügende Lösung der Jahrhunderte alten Streitfrage über die ketzerische Schuld jener Ritterschaft fehlen, ja dass überhaupt für eine Geschichte derselben auch nicht einmal die erste Vorbedingung, die statistische Ermittelung ihrer Zusammensetzung, erfüllt worden ist.

 

Noch im Zweifel, auf welche Weise dem erwähnten Mangel abgeholfen werden könne, veranlasste mich die Anregung meines verehrten Freundes, des Landschafts- und Architekturmalers Herrn F. Possart, im Winter 1880 nach Rom zu gehen, um durch eine Bereicherung der Quellen aus dem vaticanischen Archiv die Lösung zu erleichtern. Von so glücklichem Erfolge dieser Versuch begleitet war und zu der Ordnung und Zusammenfügung der zum Theil halb zerstörten und in ihrem Inhalt bis dahin kaum erkannten Pergamente geführt hat, so zeitigte doch das dortige sechsmonatliche Arbeiten die Erkenntniss, dass das recht umfangreiche, bereits veröffentlichte Material von den bisherigen Darstellern meist gar nicht gelesen, geschweige gar ausgenutzt worden ist. Es ward eine solche Fülle von Unmöglichkeiten in den bisherigen Annahmen blossgedeckt, dass der

 

 

____

VI Vorwort.

 

Verfasser hinfort keine, auch nicht die bestbeglaubigte Ueberlieferung für richtig annehmen konnte, sondern selbst über die scheinbar unbedeutendsten Punkte Einzeluntersuchungen anstellen musste, wobei häufig wochen- und monatelanges Forschen ein negatives Ergebniss brachte, das sich auf zwei bis drei Zeilen zusammenfassen liess. Oft genug freilich stürzte auch ein ganzes, auf Hypothesen aufgebautes System mit der Beseitigung des unsicheren Grundsteines ganz in sich zusammen.

 

Erst nachdem in fünfjähriger ununterbrochener Arbeit diese Einzeluntersuchungen abgeschlossen waren, konnte eine nochmalige Durchforschung der vaticanischen Quellen Erfolg verheissen, und Seine Kaiserliche Hoheit der Deutsche Kronprinz hatten die Gnade, nicht nur den dazu nöthigen Urlaub auszuwirken, sondern auch durch sachkundige Winke und Hinweise die Lösung der Aufgabe wesentlich zu fördem.

 

Das Streben des Verfassers ging dahin, möglichst nur die Thatsachen, vielfach sogar die Originalquellen selbst reden zu lassen, um auf diese Weise jeder Voreingenommenheit für oder wider eine der bisher gültigen Ansichten vorzubeugen, sodann aber den Leser selbst die Schlüsse aus den Ereignissen ziehen zu lassen. Um jedem derselben die Prüfung des in der Darstellung Gebotenen zu ermöglichen, ist im kritischen Theil die bisher fehlende chronologische Reihenfolge der Ereignisse, wie sie sich aus meiner Forschung ergeben hat, zusammengestellt. Ebenso verfolgt die Gliederung des Stoffes in Darstellung, kritischen und Urkundentheil den Zweck, späteren Forschern einestheils die Benutzung des Materials zu erleichtern, anderntheils aber auch den Nachweis zu liefern, welche Lücken in Zukunft noch auszufüllen sind.

 

Die nachfolgende Schilderung wird Manchem eintönig erscheinen, da ihr die bisher geglaubten, hübsch zugespitzten Geschichten mit den romanhaften, subjectiven Zuthaten völlig mangeln; oft genug ist auch die Form zu Gunsten des Inhalts hintangesetzt worden. Dagegen erhebt die Arbeit den Anspruch nichts aufgenommen zu haben, was nicht quellenmässig beglaubigt ist.

 

Berlin, a. h. Pfingsttage 1887.

 

Konrad Schottmüller.

 

 

____

 

 

Inhalt.

 

I. Abtheilung: Darstellender Theil. Seite

 

Einleitung . . . 3

 

Erstes Buch.

 

I. Capitel. Die Verhältnisse Frankreichs vor dem Templerprocess und der Charakter Philipps IV. . . . . . . . 11

II. Capitel. Die Beziehungen Philipps zur römischen Curie bis 1303 . . 21

Die Abmachungen zu Lyon. . . . 49

III. Capitel. Die Macht der Templer und ihre Beziehungen zu Frankreich . . 54

 

Zweites Buch.

 

IV. Capitel. Die Vorbereitung des entscheidenden Schlages 1306-1307 . . 84

V. Capitel. Die Ueberrumpelung der Templer und der Versuch Philipps, den Orden mit eigenen Machtmitteln zu vernichten . . 130

VI. Capitel. Die „Tage“ von Tours und Poitiers 1308 . . . 161

VII. Capitel. Die Verhöre zu Poitiers und Chinon . . . . . 183

VIII. Capitel. Die deutsche Frage und der Process gegen Bonifaz VIII. . . 205

 

Drittes Buch.

 

IX. Capitel. Verfahren und Gang der Untersuchung in Francien . . . 230

Einleitung . . 230

1. Die heimliche Voruntersuchung des Königs . . . 241

2. Das öffentliche Verhör zu Paris. (Veranstaltet durch Wilhelm Imbert vom 19. October bis 24. November 1307) . . . . . 243

3. Die Untersuchung durch die Diöcesanbischöfe 1307

und

4. Die peinliche Frage durch des Königs „Leute“ 1307 . . 252

5. Durch ebendieselben im Mai und Juni 1308 . . . 261

6. Das Verhör zu Poitiers 1308 . . . 261

 

 

____

VIII Inhalt. Seite

 

7. Das Verhör des Grossmeisters und der Ordensoberen zu Chinon . . . 284

8. Der Process der Diöcesanbischöfe gegen die einzelnen Personen des Templerordens . . . 286

9. Die Voruntersuchung gegen den gesammten Orden innerhalb Franciens vor der päpstlichen Generalcommission zu Paris 1309-1311 . . 296

X. Capitel. Das Verfahren und der Gang der Untersuchung in den ausserfranzösischen Ländern . . . 365

Allgemeines . . 365

1. Der Process in England . . 368

2. Der Process in Italien . . .408

3. Der Process in Deutschland . . . 435

4. Der Process auf der pyrinäischen Halbinsel . . 447

5. Die Untersuchung auf Cypern . . . 457

 

Viertes Buch.

 

XI. Capitel. Das Concil zu Vienne 1311-1312 . . . 497

XII. Capitel. Der Ausgang des Ordens . . . 531

XIII. Capitel. Rückblick auf die Hauptactoren Philipp, Clemens, Molay . . 575

Schlussbetrachtung . . .624

 

 

II. Abtheilung: Kritischer Theil.

 

 

I. Chronologische Anordnung der Thatsachen . . 649

 

II. Die bisherigen Quellenveröffentlichungen . . . 671

Einleitung . . 671

a. Geschichtsschreiber . . 672

Die sechs Lebensbeschreibungen Clemens' V. bei Baluze . . . 674

Continuator Guillelmi Nangiaci . . 682

Villani . . . 684

b. Acten . . . 690

 

III. Nachweis und Verbleib der Actenstücke . . .695

Schicksal der Acten bis 1812 . . 703

Der Bestand an Templeracten zu Paris 1812 . . .706

Desgl. im Vatican 1886 . . .713

Templeracten in Pariser Archiven 1884 . . 716

Die liegenden Güter der Templer auf der Insel Cypern 1313 . . 719

 

Excurs 1.

Ueber die sogenannten „Verräter des Ordens“ . . .720

 

Excurs 2.

Ueber Bestand und Verbleib des Templerarchivs und die Ordensstatuten . . .731

 

Personen und Ortsverzeichnis . . .749“

 

 

. . . . .

 

 

____

435 X. Capitel. Verfahren u. Gang der Untersuchung in ausserfranz. Ländern.

 

. . .

 

8. Der Process in Deutschland.

 

Völlig anders als in den bisher besprochenen Provinzen des Abendlandes lagen die Verhältnisse der Templerritterschaft in Deutschland. Wenn in jenen Ländern die Brüder mehr oder weniger auf den ruhigen Besitz oder die Sicherung und Ausnutzung der allmälig gewonnenen Güter angewiesen waren, und dementsprechend dort das in jener Zeit zur Verwaltung besser geeignete bürgerliche Element der Servienten zu einer bisher ungeahnten Zahl und Macht sich entfaltet hatte, so war dies in den, noch den Kampf gegen die Ungläubigen als Hauptzweck des Ordens verfolgenden Provinzen völlig anders, so namentlich in Deutschland.

 

Wenn auch für dieses Land die Klage erneuert werden muss, dass bei aller Anerkennung der Special- bezw. Localforschungen bis auf den heutigen Tag nichts für eine Feststellung der allernothwendigsten Vorbedingungen zur Geschichte des Ordens gegschehen ist, so ergeben doch die vorhandenen

 

 

____

436 I. Abtheilung: Darstellender Theil.

 

Besitzurkunden, dass die Zahl der Ritter die der Servienten bei Weitem übertroffen haben muss. Ebenso scheint es, dass trotz des in den Statuten enthaltenen Verbots, was in Frankreich nur ausnahmsweise bei missrathenen jungen Leuten übertreten wurde, 1) hier Söhne des Adels in die Servientenklasse oder auch als Capläne eingetreten sind, um nur überhaupt den Mantel zu erlangen. Es war also -- sit venia verbo -- der Ersatz der Brüderschaft ein völlig anderer als in den bisher behandelten Ordensprovinzen, wo die Zahl der „dienenden Brüder“, welche, zum Theil Unterbeamten, zum Theil Offiziersburschen ähnlich, fast naturgemäss den übrigen Brüdern nicht gleich geachtet werden konnten, sich ins Ungemessene vermehrt hatte. Im Gegensatz dazu machte sich in Deutschland und ebenso in Spanien und im Morgenland die Zusammengehörigkeit aller Glieder des Ordens zum Vortheil der Einzelnen wie des Ganzen in viel höherem Grade geltend; es blieb die Fühlung der dem ländlichen Ministerialadel wie dem städtischen Patriciat entstammenden Brüder mit dem hohen Adel, den späteren Reichsfürsten, viel lebendiger erhalten. Dazu kam noch die unabhängige Stellung, welche die hohen Kirchenfürsten sich auch als deutsche Landesherren fühlen liess; und so konnte selbstverständlich das Geschick der Templer in Deutschland bei dem Hereinbruch der Katastrophe von dem der bisher behandelten Länder ein völlig verschiedenes werden, obwohl es auch hier einen Erzbischof gab, welcher die Unterordnung unter den päpstlichen Stuhl glaubte ebensoweit treiben zu sollen, wie er es seine Collegen in Frankreich unter den Willen des Königs thun gab.

 

Der historische Verlauf lässt sich schon um deswillen nur bruchstückweise klarstellen, weil nicht einmal bei der Einleitung des Processes einheitlich vorgegangen ist, wozu in erster Linie die bei der Curie herrschende, fast unglaubliche Unkenntniss aller die Organisation des Ordens betreffenden Dinge sowie auch der politischen Verhältnisse Deutschlands selbst beigetragen hat. 2)

____

1) Siehe Process zu Poitiers, Zeuge 18 Urk. Th. S. 45.

2) Die mangelhafte Kenntniss der Ordensverhältnisse documentirt die bis zur Aufhebungsbulle hinein zu verfolgende Verwechslung der wichtigsten Ordensoberen; die Ignoranz der deutschen Verhältnisse und namentlich der hervorragenden Stellung der deutschen erzbischöflichen Kurfürsten zeigt sich am deutlichsten vor der Wahl Heinrichs VII.

 

 

____

437 X. Capitel. Verfahren u. Gang der Untersuchung in ausserfranz. Ländern.

 

In zweiter Linie mag dann die Ermordung Albrechts I., das Interregnum und der Zug Heinrichs VII. nach Italien die völlig ungleiche Behandlung der Templerangelegenheit im Reich verschuldet haben.

 

Den ersten Schritt gegen die deutschen Glieder des Ordens unternahm der Erzbischof von Magdeburg, Burchard III. (von Schrapelau), welcher nach Poitiers gereist war, um von Clemens V. das erzbischöfliche Pallium in Empfang zu nehmen. Im Mai 1308 von dort zurückgekehrt, hat er, vermuthlich einem mündlichen Befehle des Papstes oder der Anregung des französischen Königs folgend, die Verordnung ausgehen lassen, „an einem Tage alle Templer und deren Meister auf den vier in seinem Gebiet belegenen Curien aufzuheben“. 1)

 

Es war dies eine von ihm als Landesherrn und nicht als Vorsteher der Erzdiöcese erlassene Maassregel, denn die Zahl der in letzterer gelegenen Comthureien hat jene Zahl wenigstens um das Achtfache übertroffen. Die Wirkung seines Schrittes war eine doppelte. Diejenigen der Brüder, welche zufällig von den Höfen abwesend gewesen und deshalb der Verhaftung entgangen waren, warfen sich in das dem Erzbischof gehörende, feste Haus Beyer-Naumburg, wo dessen Vogt und andere Freunde der Templer ihnen Zuflucht gewährten; der Grosspräceptor aber von Niederdeutschland (per Alemanniam et Sclavoniam), Friedrich von Alvensleben, welcher nach dem Tode seines Amtsvorgängers Friedrich von Nigrip von seiner früheren Comthurei Suplingenburg nach dem wichtigeren Ordenshause Lagow bei Zielenzig übergesiedelt war, wendete sich an die weltlichen und geistlichen Fürsten Deutschlands gegen des Erzbischofs Vorgehen. Schliesslich aber nahm auch noch die Ritterschaft seines eigenen Erzstifts, welche mit dem Adel der umliegenden Länder eng zusammenhielt, und welche mit den übrigen klösterlichen Instituten auch den Templerorden mit zahlreichen Gütern ausgestattet hatte, um ihren jüngeren Söhnen und den Töchtern eine Versorgung zu sichern, eine so drohende Haltung an, dass Burchard wohl oder übel einlenken musste.

____

1) Chron. Magdeb. ap. Meibom II, 255 . . . statim post idem tempus archiepiscopus fecit una die capi omnet Templarios et magistros eorum de quatuor curiis in terra sua jacentibus.

 

 

____

438 I. Abtheilung: Darstellender Theil.

 

Man glaubte eben damals im grösseren Theil der Bevölkerung, zumal bei dem Ausbleiben allgemeiner Anordnungen des Papstes, dass die in Frankreich geschehenen Schritte ausschliesslich auf die eigenützigen Absichten Philipps zurückzuführen seien; und es musste diese Ansicht verstärkt werden, als der Erzbischof von Magdeburg bei dem Versuche, die Feste Beyer-Naumburg einzunehmen, von dem Bischof von Halberstadt, wahrscheinlich auf Befehl von dessen Oberhirten, dem Erzbischof von Mainz, mit dem Bann belegt worden ist, 1) von dem er erst 1312 durch den Papst entbunden wurde. Die Menge kümmerte sich wenig um den „Grund“ für diese Maassregel, dass nämlich des Erzbischofs Mannen bei der Belagerung der genannten Burg eine zum Halberstädter Sprengel gehörige Capelle zu kriegerischen Zwecken verwendet hatten: sie vernahmen die Thatsache der Excommunication, und diese bestätigte scheinbar ihre Annahme, dass der Papst selbst jenen Schritten nicht zugestimmt habe. Da nun auch die benachbarten Fürsten, wie Waldemar von Brandenburg, Ottokar II. von Böhmen, Magnus von Braunschweig und der angesehenste Kirchenfürst von Deutschland, der Erzbischof von Mainz, dessen Gebiet von Strassburg und Augsburg bis Verden, und von Mainz bis Olmütz reichte, sich unzweideutig zu Gunsten der Templer erklärten, so blieb Burchard von Schrapelau trotz der inzwischen eingelaufenen päpstlichen Bullen vom 12. August 1308 nichts übrig, als die in seinem Landgebiet gefangenen Tempelbrüder am 19. November 1308 wieder frei zu lassen. Zuvor liess er sich von dem Stellvertreter des Meisters und den vier Commendatoren der erwähnten Curien, Günther von Cöthen, Bertram von Greifenberg, Heinrich von Bardeleben, Nicolaus von Andesleben und Thielecke von Warmsdorf und deren fünf Bürgen nach vorher eingeholter Zustimmung Friedrichs von Alvensleben in einer Urkunde versprechen, dass sie den Erzbischof und seine Freunde nicht schädigen wollten. Dafür sollten sie, wo sie wollten, im Erzstift sicher und ungehindert wohnen; die Höfe und Güter der Templer, welche auf Befehl des Papstes eingezogen seien, solle der Erzbischof verwalten. Dagegen versprachen die Ritter ihr Recht nur vor einem ordentlichen Gerichtshof oder beim

____

1) Die Zeit dieser Excommunication liess sich nicht mit voller Sicherheit feststellen. Die Angaben schwanken zwischen 1308 und 1310.

 

 

____

439 X. Capitel. Verfahren u. Gang der Untersuchung in ausserfranz. Ländern.

 

Papst zu suchen. Sollte dieser befehlen, dass man die Ritter und den „hoghe meyster weder gefange neme“, so sollte der Erzbischof den Rittern 14 Tage vorher es kundthun. 1)

 

Die Thatsache dieser Freilassung zeigt am deutlichsten, wie wenig begründet der Vorwurf einer allgemeinen Diffamation der Templer gewesen ist, und wie wenig auch die Bullen des Papstes vom 12. August 1308 in Deutschland Beachtung gefunden haben können. In diesen waren die vier Erzbischöfe, von Mainz, Cöln, Trier und Magdeburg, die Bischöfe von Constanz und Strassburg beauftragt, in Verbindung mit dem päpstlichen Delegaten, dem Abt von Coudace, die Untersuchung über den Orden zu führen. 2)

 

Wie man aber den päpstlichen Befehl zur Verhaftung der Templer unbeachtet gelassen hat, so scheint man sich auch um jenen Delegaten, der doch für die Einheitlichkeit des Verfahrens Sorge tragen sollte, innerhalb des Reichs gar nicht gekümmert zu haben; vielmehr werden die Leiter der einzelnen Erzstifter und der exemten Bisthümer, welche doch eine sehr viel selbstbewustere Stellung einnahmen, als ihre westlichen und südlichen Amtsgenossen, ganz auf eigene Hand vorgegangen sein, und werden ebenso wie in der Frage der Königswahl aller von Westen her versuchten Beeinflussung eine vornehme Zurückhaltung entgegengesetzt haben. Dementsprechend darf es nicht Wunder nehmen, wenn bei der rein sachlichen Prüfung der Templerinstitutionen in Bezug auf Ketzerei auch nicht der allergeringste Anhalt für die Wahrheit der erhobenen Beschuldigungen oder gar für die Berechtigung der von Philipp eingeschlagenen und aus Noth von Clemens gutgeheissenen Maassregeln sich ergeben hat.

 

Das uns erhaltene Material ist so gering, dass von einigen, selbst kirchenhistorischen Forschern die Meinung ausgesprochen worden ist, als habe die vom Papst verordnete Untersuchung innerhalb Deutschlands überhaupt nicht stattgefunden. Dieser Voraussetzung ist indessen nicht beizupflichten, wie das Folgende ergeben wird.

____

1) Ledebur, Allgem. Archiv XVI, 251.

2) Hartzheim, Concilia Germaniae IV, 231. Es sind dies die schon oft citirten Bullen vom 12. August 1308, in welche aber für die verschiedenen Länder andere Namen eingefügt wurden.

 

 

____

440 I. Abtheilung: Darstellender Theil.

 

Der Papst Clemens V. hatte in den Bullen „regnans in coelis“ und „faciens misericordiam“ nicht nur das ökumenische Concil in Vienne angekündigt, sondern auch, damit dasselbe im Stande sei, wie er es 1308 noch wünschte, ein sachliches Urtheil zu fällen, angeordnet, dass in jeder Diöcese die Templer durch besondere Commissarien verhört, der definitive Urtheilsspruch aber auf den dieserhalb einzuberufenden Provinzialsynoden gefällt werden solle. Dies ist der Grund, weshalb in den Jahren 1310 in allen christlichen Kirchenprovinzen Concilien abgehalten worden sind. Selbstverständlich ist das auch in Deutschland geschehen, wenn auch über die Verhandlung in Bremen und Magdeburg in den Quellen keinerlei Andeutung gemacht wird, und die der Erzbisthümer Salzburgs, Cölns und Triers so bedeutende Lücken aufweisen, dass man vielfach auch für diese glaubte, ein Befassen mit der Templerangelegenheit in Abrede stellen zu sollen. Bürgt aber für Magdeburg die schon erwähnte Haltung seines Oberhirten, so beruft sich der Erzbischof Heinrich von Cöln in der Vorrede des Synodalprotocolls vom 9. März 1310 ganz ausdrücklich darauf, dass er die Synode nur auf den erwähnten Befehl des Papstes einberufen habe. Wenn nun trotzdem in den Protocollen derselben der Templer gar nicht Erwähnung geschieht, und der Historiker Binterim 1) deshalb vermuthet, dass die deutschen Erzbischöfe sich wohl zuvor verabredet hätten, auf diesen Provinzialconcilien nichts gegen den Orden vorzunehmen, so wird diese Ansicht dadurch widerlegt, dass von den zu Trier und Mainz vorgenommenen Verhandlungen, obwohl auch dort in den Concilsacten nichts darüber gesagt ist, noch 1812 die betreffenden, dem Papst eingesendeten Acten im vaticanischen Archiv vorhanden gewesen sind. Man wird deshalb in der Annahme kaum fehlgreifen, dass auch die in Bremen, Magdeburg, Salzburg und Cöln über die Templerverhöre angefertigten Protocolle nicht den übrigen Concilsactenstücken einverleibt, sondern besonders geschrieben zur Verwendung auf dem Concil zu Vienne an den Papst direct eingesendet und mit einem grossen Theil der übrigen, dieselbe Sache behandelnden Papiere bei wiederholtem Wechsel des Sitzes der Curie in Verlust gerathen sind.

____

1) Deutsche Concilien, Band V, S. 125, eine Ansicht, welcher Hefele, Conciliengeschichte, Band VI, Seite 429, gefolgt ist.

 

 

____

441 X. Capitel. Verfahren u. Gang der Untersuchung in ausserfranz. Ländern.

 

Für den Westen Deutschlands erscheint 1310 als Delegat des Papstes nicht der oben genannte Abt Coudace, sondern der Decan Robert von der Servatiuskirche in Utrecht, welcher in der Stadt, Diöcese und Provinz Trier in Verbindung mit dem Erzbischof eine Untersuchung angestellt hat, 1) und zwar, wie die Aufschrift der beiden eingesendeten Berichte darthut, sowohl über die einzelnen Personen, wie über den ganzen Orden. Damit der erwähnte päpstliche Delegat auch allen, das definitive Urtheil fällenden deutschen Provinzialsynoden anwohnen könne, war zwischen den einzelnen eine Pause von vier Wochen angesetzt; und so beginnt, während zu Cöln die Prälaten sich am 9. März versammelt hatten, die Synode zu Trier in der ersten Hälfte des April, die zu Mainz am 11. Mai 1310. Jedoch beschränkt in Bezug auf Trier Raynouard seine Angabe auf die Bemerkung, dass von den 17 vorgeführten Zeugen, welche insgesammt zu Gunsten der Ritterschaft ausgesagt haben, nur 3 Brüder derselben gewesen seien. 2)

 

Etwas ausführlicher sind wir über die die Templer betreffenden Vorgänge auf dem Provinzialconcil zu Mainz unterrichtet, indem eine auf demselben sich abspielende, dramatische Scene uns genauer geschildert ist. 3) Danach trat plötzlich mitten unter die, vermuthlich in der Kathedrale versammelten Prälaten der Wild- und Rheingraf Hugo, 4) welcher auf dem Schlosse Grumbach bei Meisenheim als Comthur der rheinischen Lande Hof hielt, mit 20 völlig gerüsteten Brüdern im Ordensgewande herein, und versetzte durch das unerwartete Erscheinen die versammelten Väter in grossen Schrecken. „Der Erzbischof Peter Aichspalter (oder richtiger Aspelt) sah sich die Männer an, und

____

1) Raynouard l. c. 312 u. 315: Inquisitio facta in civitate, diocesi et provincia Trevirensibus per reverendum patrem dominum Balduinum, archiepiscopum Trevirensem, et Robertum, decanum ecclesiae Sancti Servasii Trajectensis, contra ordinem militiae Templi et magnum magistrum seu preceptorem Alamaniae.

2) Raynouard l. c. 270.

3) Serrarius de rebus Moguntiacis 1604, 4, S. 850 und nach derselben Quelle Hartzheim, concil. German. IV, 224, Gestützt auf ersteren, welcher vorgiebt, aus einer ungedruckten Handschrift seine Nachricht geschöpft zu haben, berichtet Mansi XXV, S. 295 dieselbe Sache mit unbedeutender Abweichung. Rayn. 124.

4) Die Behauptung Würdtweins, diplom. Mogunt. II, 33, dass dieser Hugo nicht Tempelherr, sondern Stiftsherr zu Mainz gewesen sei, ist bei der deutlichen Bezeichnung desselben bei Mansi „se suosque fratres intellexisse“ nicht haltbar.

 

 

____

442 I. Abtheilung: Darstellender Theil.

 

obwohl er sie einer Gewaltthat für fähig hielt, forderte er den Commendator verbindlich auf, sich zu setzen und sein Anliegen vorzutragen. Da sprach der Comthur furchtlos und mit heller Stimme, dass er und seine Brüder in Erfahrung gebracht hätten, wie diese Synode im Auftrag des römischen Bischofs hauptsächlich zu dem Zweck zusammengetreten sei, um ihren Orden zu vernichten. Man werfe ihm entsetzliche und mehr als heidnische Schandthaten vor, welche nicht in öffentlichen Actenstücken sondern nur privatim bezeichnet würden, so dass es ihnen sehr schwer, ja unmöglich sei, sie zu widerlegen. Am meisten aber beklagte er sich darüber, dass sie verurtheilt würden, ohne ordnungsmässig angehört, oder überführt zu sein. Deshalb appellire und provocire er in Gegenwart der versammelten Väter rechtsverbindlich an den zukünftigen Papst und dessen gesammten Clerus; 1) öffentlich protestire er auch für diejenigen, welche anderwärts dem Feuer überliefert und verbrannt seien, welche vorher standhaft geleugnet und für ihr derartiges Bekenntniss Folter und Tod erduldet hatten. Schliesslich sei aber auch durch ein ganz besonderes Wunder und Urtheil des höchsten, allmächtigen Gottes ihre Unschuld bestätigt worden, indem ihre weissen Mäntel mit den rothen Kreuzen vom Feuer nicht verzehrt werden konnten.“ 2) -- Der Erzbischof aber, nachdem er dies mit angehört hatte, nahm ihre Protestation als gültig an und erwiderte, dass er darüber sich mit dem Papste in Beziehung setzen werde, und dass sie dessentwegen beruhigt sein könnten. Mit diesem Bescheide wurden sie nach Haus entlassen.

 

Dies ebenso mannhafte wie hochherzige, nur aus dem Gefühl der Unschuld zu erklärende Auftreten fand bei den deutschen Männern, welche die Synode bildeten, volles Verständniss, und der Erzbischof Peter Aichspalter übermittelte die Protestation dem Papste.

 

Gleichwohl muss es als eine volksthümliche Legende

____

1) In Wirklichkeit hat Papst Johann XXII. durch eine ganze Reihe Acte und Aussprüche seiner Ueberzeugung von der Unschuld der Templer Ausdruck gegeben.

2) Die Thatsache wird, obwohl nach Balut. I 17 den Hinzurichtenden erst die Mäntel heruntergerissen seien, sowohl bei dem Autadafe von Paris, wie von Senlis berichtet.

 

 

____

443 X. Capitel. Verfahren u. Gang der Untersuchung in ausserfranz. Ländern.

 

bezeichnet werden, wenn die bisherigen Berichterstatter in Folge dieser Appellation Papst Clemens eine neue Untersuchung im Jahre 1311 allein für Mainz anordnen lassen: für Heldengrösse dieser Art hat, wie sich aus dem ähnlichen Vorgange zu Vienne ergiebt, dieser nur um die Existenz und die Unabhängigkeit der Kirche ringende Papst kein Verständniss gehabt. Die allerdings auch für Mainz angeordnete Neueinleitung des Verfahrens ist auf dieselben, auch für Deutschland maassgebend gewesenen Gründe zurückzuführen, wie sie gleichzeitig für England, Frankreich, Italien und Spanien herrschend waren, und entsprangen der dem Papst sich immer mehr aufdrängenden Einsicht, dass er auf Grund der bis zum Ende des Jahres 1310 erlangten Inquisitionsresultate niemals eine gerichtliche Verurtheilung des Ordens auf dem bevorstehenden ökumenischen Concil erreichen würde. So erging denn auch für Deutschland der mehrfach erwähnte, in alle christlichen Länder, auch über das Meer gesendete Befehl vom 18. März 1311, dass unter rücksichtsloser Anwendung der Folter die Untersuchung von Neuem aufzunehmen sei.

 

Es fehlt an bestimmten Nachrichten, wie der rechtliche Erzbischof von Mainz sich diesem Ansinnen gegenüber verhalten hat; aber die gleich nachher deutlich hervortretende Unzufriedenheit Clemens' macht es wahrscheinlich, dass Peter Aspelt seiner Ueberzeugung treu geblieben und auch die neue Untersuchung in legale Bahnen geleitet hat.

 

Zuerst erscheinen im Juni 1311 37 Templer und werden genau in derselben sorgfältigen Weige, wie es sonst geschah, über die einzelnen Artikel vernommen, wobei sie insgesammt unter Hinzufügung individuell interessanter Nebenumstände die Unschuld ihrer Genossenschaft erklären. 1) So erzählt Florian von Dulguan, wie er, 1302 aufgenommen, lange jenseit des Meeres, aber auch in Paris und anderer Orten als Templer geweilt habe, aber niemals auch die leiseste Andeutung von den abscheulichen Missbräuchen gehört habe. 2) Alberich von Vendingen, der 28 Jahre dem Orden

____

1) Quod IX anni sunt elapsi vel circiter, quod fuit receptus in ordine et quod fuit ultra mare, Parisiis et in pluribus aliis locis, tanquam frater dicti ordinis, nec unquam aliquid de horrendis erroribus percipere potuit vel audire.

2) Die beiden erwähnten, von Raynouard noch gesehenen Protocolle hat auch Odericus Raynaldus für die ann. eccles. noch benutzt; er berichtet, was vielleicht zu ihrer Wiederauffindung dienen kann und jedenfalls einen Hinweis auf die frühere Anordnung des Archivs enthält, folgende Notiz: Judiciariaque acta edita Moguntiae hoc anno atque in memorato archeo palatii Avenionensis reperta consignata No. 68, referunt, quadraginta novem testes adductos nil adversus Templariorum ordinem de sceleribus ipsis impositis respondisse.

 

 

____

444 I. Abtheilung: Darstellender Theil.

 

angehört, ist zwölf Jahre Mitglied des Conventes gewesen, hat dort und in Paris, wie auch in andern Tempelhäusern den Capiteln der Brüder beigewohnt und ebenfalls auf keine Weise von den Irrthümern gehört.

 

Ein besonders hohes Interesse flösst aber der als Grosspräceptor Deutschlands am Rhein (in partibus Rheni) angeführte Graf Friedrich ein, in welchem vermuthlich derjenige Präceptor von Oberdeutschland zu erkennen ist, welcher, als Bruder des Grafen von Savoyen bezeichnet, den auf Cypern weilenden Balduin von Murrweiler in Gutenberg zum Orden aufgenommen hat. 1) Dieser erklärt sich bereit, auf jede Weise für die volle Unschuld seiner Brüder eintreten zu wollen, und erbietet sich zum Beweise dessen, es auf ein Gottesgericht ankommen lassen und selbst glühende Eigen tragen zu wollen. Er habe, so versichert dieser Zeuge, lange Zeit mit dem Grossmeister zusammengewohnt und sei in dem eingangs angedeuteten Sinne „Genosse“ desselben (compaignon oder socius) gewesen; mit ihm 1306 aus den überseeischen Ordenslanden zurückgekommen, habe er den Ordensmeister dort für einen guten Christen gehalten, und halte ihn noch heute für einen solchen, wie es überhaupt nur irgend einen guten Christen geben könne. 2)

 

Die übrigen zwölf Zeugen, unter denen drei Grafen und andere Personen von Rang, geistlichen und weltlichen Standes,

____

1) Urkundentheil S. 197, 198. Bisher haben die Darsteller Würdtwein, Havemann, Wilcke, Falkenstein u. A. in wunderbaren Erklärungen den oben genannten Grafen Hugo und diesen Zeugen entweder identificirt, oder beide für Brüder erklärt, ohne dass bei dem völligen Fehlen eines Familiennamens bei dem letzteren eine Veranlassung vorläge, zwischen beiden ein Verwandtschaftsverhältniss anzunehmen. Beide aber waren nach dem klaren Ausdruck der Quellen unzweifelhaft Templer, und hat der letztere einen bedeutend höheren Rang als der erstere eingenommen.

2) Licet fuerit in partibus ultramarinis XII annis et amplius tanquam frater dicti ordinis, numquam tamen aliquid de horrendis erroribus scivit, audivit vel intellexit . . . Et super hoc paratus esset experientiam subire et ferrum ardens portare . . . . Conversatus fuit cum magno magistro ordinis ultra mare et fuit socius suus, et cum ipso reversus fuit de partibus ultramarinis; et tunc tenuit et adhuc tenet eum pro bono christiano, si aliquis honus christianus esse possit.

 

 

____

445 X. Capitel. Verfahren u. Gang der Untersuchung in ausserfranz. Ländern.

 

waren, traten so übereinstimmend zu Gunsten der Unschuld der angeklagten Ritter ein, dass am 1. Juli 1311 deren völlige Freisprechung erfolgte.

 

Dieser Ausgang der von ihm unter genauer Vorschrift zur Anwendung der Folter angeordneten Untersuchung mag dann für Clemens die Veranlassung geboten haben, dass, wie er noch in Italien, um dem Erzbischof von Ravenna ein Paroli zu bieten, im September und October 1311 durch den Erzbischof von Pisa die erwähnte Inquisition zu Florenz vornehmen liess, er jetzt unter offenbarer Missachtung des als Kurfürst und Primas sehr viel höher stehenden Erzbischofs von Mainz den schon genannten Burchard von Magdeburg zum Beginn einer neuen Untersuchung autorisirte. Es heisst in der aus Avignon datirten Bulle, „dass, da die von ihm, dem Papst, zur Untersuchung ernannte Commission wegen der offenkundigen und notorischen Unsicherheit der Wege in Deutschland und namentlich im Erzstift Magdeburg nicht selber die Ausführung (executionem) vornehmen könne, und er wisse, welchen Eifer der Erzbischof in dieser Angelegenheit bisher an den Tag gelegt habe, so möge er allein nicht nur im Sprengel von Magdeburg, sondern auch in den Kirchenprovinzen Mainz, Trier und Cöln die Aburtheilung der Templer in die Hand nehmen, deren Verzögerung oder Aufschub zu grossem Nachtheil gereichen müsste“. 1)

 

Dass dieser Befehl von Burchard, der wegen seiner Grausamkeit und Härte schon 1314 von seinen eigenen Bürgern in einem hölzernen Käfig auf dem Johannisthurm gefangen gesetzt wurde, in irgend einer Weise in Vollzug gesetzt ist, unterliegt wohl keinem Zweifel, und ist in dessen Ausführung wohl der Grund zu den, in manchen volksthümlichen Chroniken vorkommenden Darstellungen von Niedermetzelung der Templer und Zerstörung Ihrer Capellen auch an Orten, die zum Erzstift Mainz gehören, 2)

____

1) Dreyhaupt II, 930.

2) So berichtet Rathmann, Geschichte Magdeburgs II, 218, dass Burchard die ergriffenen Templer sämmtlich habe verbrennen lassen, und aus gemeinschaftlicher Quelle schöpfen wohl: s. Joh. Bange's Thüring. Chronik, Mühlhausen 1599. „Im Jahre 1311 wurden die Tempelherren in Sachsen alle an einem tag erschlagen und jhre Kirchen niedergerissen, ohn eine stehet zu Braunschweig.“ -- b. Bothos Chron. bei Leibnitz. Script. rer. Brunsv. II, 374. „In dussem jahre (1311) wart verstort de orden der Tempelheren van bodes wegen des Pauwes Clemens unde Konigh Philippus to Frankrike; me sacht de bose Geist hedde dem Pauwes Clemens den Hals to broken, wente be den sentencien gaff, öre gud to nemen, unde de closter, unde Kerken nedder to breken, dat geschach in Sassen Lande upp einen Dag, itlik Forste in synem Lande, sunder eine Capellen, de steyt bynnen Brunswick.“

 

 

____

446 I. Abtheilung: Darstellender Theil.

 

auf die Erinnerung an die bei dieser neuen, beschleunigten und sicherlich unter Anwendung der anbefohlenen Marterqualen ausgeführten Weisung zu suchen. Dass bei dieser Gelegenheit die Templer nicht ruhig still gehalten haben, bezeugt die Erzählung, dass, wie sie sich 1308 bei Beyer-Naumburg so jetzt in ihrer Commende Gehringsdorf mit kriegerischer Hand widersetzt haben. 1)

 

Selbst wenn gegen die in die Hände des Erzbischofs gefallenen Tempelherren die Folter zur Anwendung gebracht worden ist, so kann auch hierdurch kein belastendes Zeugniss gewonnen sein, denn es gehen die Ueberlebenden theils in den Johanniterorden über, theils werden ihnen, die in voller Freiheit weiter lebten, so reiche Dotationen ausgesetzt, dass die Hospitaliter beim Papst wiederholt gegen die Höhe derselben vorstellig werden, und 1316 auch wirklich eine anderweite Regulirung durch Johann XXII. erreichen. 2)

 

Wenn diese Ergebnisse über die in dreien der sechs Erzbisthümer Deutschlands stattgehabten Untersuchungen recht mager genannt werden müssen, so fehlen sie über die Kirchenprovinzen Salzburg, Cöln und Bremen uns völlig. In Böhmen und Mähren, die damals noch zum Erzstift Mainz gehörten, und wo es wenigstens 35 feste Schlösser der Templer gab, wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass, während „in anderen Ländern die ritterliche und geistliche Miliz der Templer durch Ermordung fast ausgerottet worden ist, in Deutschland dieserhalb kein Blut geflossen sei, dieweil die Ritter mit den Grossen (magnatibus) verwandt waren“.

____

1) Man müsste geneigt sein, bei der Uebereinstimmung der Nebenumstände die Belagerungen von Beyer-Naumburg und Gehringsdorf für dasselbe Ereigniss zu halten, wenn nicht die Verschiedenheit der Hauptnamen allzu auffallend wäre.

2) Wohlbrück, Geschichtl. Nachr. derer von Alvensleben I, 219.“

 

 

 

 

Quelle:

Auszug aus Konrad Schrottmüller: Der Untergang des Templer-Ordens. Erster Band. Berlin 1887. Ernst Siegfried Mittler & Sohn. S. I-VIII, 435-446.

 

Beide Bände dieser Arbeit aus der Kollektion americana der Harvard Universität wurden 2007 durch Google digitalisiert. Aus dem Wikipedia-Artikel zu Konrad Schottmüller (Stand 08.11.2020) können ggf. weitere Einzelheiten zu diesem deutschen Historiker und auch die Links zu den Digitalisaten dieser Arbeit auf archive.org entnommen werden.

 

 

 

 

 

 

Geschichte der Hexenprocesse (Rezension 1844)

Blätter für literarische Unterhaltung.
Sonntag, Nr. 14. 14. Januar 1844.

Geschichte der Hexenprocesse. Aus den Quellen dargestellt von Wilhelm Gottlieb Soldan. Stuttgart, Cotta. 1843. Gr. 8. 2 Thlr. 7½ Ngr.

Wenige Erscheinungen in der Geschichte des Menschengeschlechts sind für dasselbe so demüthigend als jene unzähligen, unter den entsetzlichsten Greueln und Martern verübten Justizmorde an vermeintlichen Hexen und Teufelsbündlern. Das Demüthigende liegt besonders darin, daß die Hexenverfolgungen nicht ein kurzer Wahn, sondern eine fast fünfhundert Jahre währende Scheußlichkeit gewesen, ferner daß sie großentheils nicht von der dichten Finsterniß des Mittelalters umhüllt, sondern im Lichte der wiedererwachten Wissenschaften und der Reformation ihren Gipfelpunkt erreicht, und vor Allem -- daß wir vor ihrer Wiederkehr nicht sicher sind. Wenn diese Befürchtung übertrieben scheint, so wollen wir sie dahin beschränken, daß allerdings der „Malleus maleficarum“ keine Aussicht hat, in seiner ursprünglichen Gestalt wiederum Gesetzeskraft zu erlangen, d. h. alte Weiber werden von dem Criminalrichter wegen ihrer rothen Augen und ähnlicher Hexenindicien nicht mehr in der alten Form geängstigt und bestraft werden; davon glauben wir überzeugt sein zu dürfen. Gern möchten wir aber diese Beschränkung noch weiter ausdehnen und sagen: daß die vorgeschrittene Bildung des Jahrhunderts so mächtig Wurzel geschlagen, daß nur noch ein kleiner Theil des Pöbels oder einzelne Verrückte an Dämonen, Behexungen, Teufelsbesessene u. dgl. glauben könnten. Eine solche Annahme würde aber geradezu den Wahrnehmungen aus neuester Zeit widersprechen. Halten wir uns zunächst an einige specielle Thatsachen, ehe wir uns im Allgemeinen über herrschende retrograde Tendenzen aussprechen. Vor wenigen Monaten erschien eine Broschüre „Erzählung einer vom Bischof Laurent in Luxemburg bewirkten Teufelsaustreibung“. Der Bischof tritt in diesem Büchlein folgendermaßen redend auf: „Ich befragte ihn (den Teufel) um seinen Namen und er nannte mir ein Wort, welches ich nicht verstehen konnte; es lautete Ro! Ro! Ro!“ Seine bischöfliche Gnaden befahlen alsdann dem Teufel auszuziehen und sich in den Abgrund zu verfügen. Der Teufel versuchte zu capituliren, obgleich nicht recht abzusehen ist, warum er nicht Lust hatte, in seine Höllenresidenz zurückzukehren; aber er wollte nun einmal nicht gern dorthin und bat den Bischof um Erlaubniß, in den Leib eines Juden fahren zu dürfen. Es wird versichert, daß diese Broschüre außerordentlichen Absatz gefunden und den erbaulichsten Eindruck auf Diejenigen, für welche sie berechnet war, hervorgebracht hat. Das geschah in Belgien; aber in Berlin? Hier giebt der beliebte Prediger Goßner statt des Bibeltextes sauber lithographirte Bildchen, auf welchen, neben einigen Himmelsbewohnern, ein nackter Sünder, ein nackter Teufel und ein anderes Höllenungethüm vorgestellt sind , und hält über besagtes Bildchen Predigten, welche seine Kirche -- eine protestantische -- mit andächtigen, häufig gar vornehmen Zuhörern füllen. Brauchen wir noch an die wundersamen Geschichten der Besessenen in Süddeutschland zu erinnern? Justinus Kerner hat sich eines großen Publicums zu erfreuen gehabt, und zwar unter Männern und Frauen aus höhern Kreisen, die mit frommen Schauern seinen Erzählungen lauschten.

Nach Erwähnung dieser literarischen Vorarbeiten für die Wiederkehr des Hexenglaubens und der damit genau zusammenhängenden Hexenverfolgung könnten wir eine nicht unbedeutende Anzahl Criminaluntersuchungen anführen, welche in den letzten Jahren wegen roher Mishandlung unglücklicher „Hexen“ gegen allerlei Leute geführt worden, welche sämmtlich Religionsunterricht genossen und von denen manche sogar die Schule besucht hatten. Um nicht zu weitläufig zu werden, beschränken wir uns darauf, mit wenig Worten eines Falles zu gedenken, der sich vor einigen Jahren in der Nähe des Ref. zugetragen, und bei welchem fast ein ganzes Dorf zur Ermordung einer alten der Hexerei bezüchtigten Frau mitgewirkt hat. Auf der Halbinsel Hela bei Danzig hatte man zur Heilung eines Wassersüchtigen einen Quacksalber herbeigeholt; da dieser nicht zu helfen vermochte, bezeichnete er die einundfunfzigjährige Witwe Caynowa als Hexe, welche es dem Kranken angethan habe. Der Schulz ließ sämmtliche Bewohner des Ortes zusammenkommen; unter dem Beifall aller Anwesenden begann nun der Quacksalber das arme Weib zu mishandeln, schleppte sie in das Haus des Kranken und vermochte diesen, die „Hexe“ mit einem Knüttel blutig zu schlagen. In ihrer Angst versprach die Caynowa die Austreibung des Teufels bis


____
54

zu einer bestimmten Stunde zu bewirken; als aber die Zeit erfolglos abgelaufen war, wurde sie von dem Quacksalber und mehren Einwohnern in ein Boot geworfen und in die See gefahren, um die Wasserprobe mit ihr vorzunehmen. Unglüclicherweise sank sie nicht unter; sie wurde aufs neue fast zu Tode gemartert und hierauf einer zweiten Wasserprobe unterworfen, bei welcher man ihr mit Messerstichen das Garaus machte. Bei der Untersuchung, welche vor dem Oberlandesgericht zu Marienwerder geführt wurde, hielt es schwer genug, die Thäter einigermaßen zu überzeugen, daß sie unsinnig und verbrecherisch gehandelt hatten. „Die Caynowa war ja eine Hexe!“ Auch wurde, eben in Berücksichtigung des im Volke noch stark verbreiteten Hexenglaubens, keiner der Schuldigen zum Tode verurtheilt. Dies ist keineswegs ein beispielloser Fall; authentische Berichte über ähnliche Vorkommnisse, ebenfalls aus der neuesten Zeit, liegen aus verschiedenen Gegenden des civilisirten Europas vor.

Wo aber der Pöbel auch nicht gerade zu so gewaltsamen Ausbrüchen der Brutalität schreitet, da hat er immerhin, selbst in Ländern, die sich eines guten Volksunterrichts rühmen dürfen, mehr oder weniger festgehalten an einem Glauben, den ihm ein früheres Zeitalter sogar zur Religionspflicht gemacht hat. Wer unser deutsches Landvolk aus eigener Beobachtung kennt, oder die Geistlichen befragen will, wird zahlreiche Belege finden. Manches rothäugige Weib wird noch heute im ganzen Dorf als Milchhexe gefürchtet, und unversöhnlicher Haß scheidet oft die nächsten Angehörigen, weil der Bruder den Bruder bezüchtigt, daß er ihm durch den Schornstein einfliege und den Wohlstand aus dem Hause hole. Walpurgiskreuze sieht man auf allen Thüren, und Kapuzinersegen werden auch da gesprochen, wo längst die Kutte verschwunden ist. Hier ist noch Vieles zu heilen. Geistlichkeit und Lehrstand wissen dies (oder sollten es wissen) und sind eifrig am Werk; aber gegen ihr Walten machen sich Strebungen geltend, die in ihrer Consequenz zur Rehabilitirung des Alten führen müßten. Man lasse die orthodoxe Reaction in weitern Kreisen ihre Dämonenlehre von den Kanzeln verkündigen, die schwäbischen Seherinnen und ihre philosophischen Patrone die Belege dazu aus dem Nachtgebiete der Natur zur Stelle schaffen , die Väter von Freiburg und Luxemburg durch ihre Exorcismen die Sache praktisch machen, und gebe dann das Ganze den Missionaren der Mucker zur weitern Verbreitung: -- was fehlt dann noch als das brachium saeculare? Wahrlich, dann kann Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Philosophie und Naturkunde und seine Criminalcodificationen gehabt haben, und in der zweiten kann es kommen, daß Pöbelhaufen die Obrigkeiten zwingen, nach der Carolina und dem Malleus Recht zu sprechen.

Die Befürchtung, daß die Dämonenlehre selbst auf den Schulkathedern wieder Raum gewinnen werde, ist nicht aus der Luft gegriffen. In einem Lande, dessen Schulwesen eine vorzügliche Berühmtheit genießt, werden seit ein paar Jahren auf höhern und niedern, nicht sowol katholischen als vielmehr protestantischen Lehranstalten vacante Stellen nur mit solchen Männern besetzt, welche unzweifelhafte Beweise der strengsten Orthodoxie gegeben; dazu gehört denn auch, daß sie nicht nur an den Teufel glauben, sondern auch, soweit ihnen der Religionsunterricht obliegt, die Lehre von dem persönlichen Teufel ihren Schülern ausführlich vortragen. Ein glaubwürdiger Mann versicherte dem Ref., daß er Zeuge gewesen, wie unlängst bei einer Abiturientenprüfung auf einem protestantischen Gymnasium der Religionslehrer die Examinanden befragte, welche Stelle der Höllenfürst unter den bösen Engeln einnehme, ob er mit dem Gesicht oder dem Rücken gegen den lieben Gott stehe, welche Functionen er zu verrichten habe u. s. w.

Bei diesem Stande der Dinge ist das vorliegende Werk in hohem Grade zeitgemäß; wir haben an demselben nicht nur die auf den gründlichsten Vorstudien beruhende, tief eingehende Behandlung des Gegenstandes zu rühmen, sondern auch ganz vorzüglich die lebendige und beredte Sprache, mit welcher der Verf. den mehrhundertjährigen Wahnsinn des Hexenglaubens in seiner Abscheulichkeit bloßlegt und die schmachvollen Umtriebe und Kunstgriffe, durch welche es der Geistlichkeit gelang, den Hexenproceß zu popularisiren, zur deutlichen Anschauung bringt. Jedenfalls ist es lehrreich, diese Schattenseite der Culturgeschichte genau kennen zu lernen. Der größte Nuten aber, den Soldan's Werk gewähren kann, würde dann erreicht sein, wenn alle Diejenigen, welche mittelbar oder unmittelbar durch Rede oder Schrift auf Schule und Volk einwirken, einen neuen Impuls zur eifrigsten Bekämpfung des Aberglaubens und der Verfolgungssucht aus diesem Buch gewinnen möchten.

Der Verf. entwickelt die Geschichte der Hexenprocesse aus ihrem Zusammenhange mit dem Zauberglauben der Heidenzeit. Wir können hier nur einen äußerst entfernten Zusammenhang erkennen und glauben, daß er in weiter nichts besteht als in der dem Menschen mehr oder weniger innewohnenden Neigung zum Übernatürlichen. Als historisches Factum nimmt der Hexenproceß eine unabhängige Stellung gegen alle frühern Erscheinungen des Zauberglaubens ein. Bereits im 13. Jahrhundert gelang es den zur Unterdrückung der albigensischen und waldensischen Ketzer ausgesandten Inquisitoren, aus der absichtlichen Vermischung der Ketzerei mit dem vermeintlichen Verbrechen der Zauberei jenes Monstrum zu erzeugen, welches mit dem Namen Hexerei bezeichnet wurde und von da an 500 Jahre lang zur Schande christlicher Priester und Richter die Marterkammern und Holzstöße gefüllt hat. Das traurige Verdienst, das Ketzer- und Zauberwesen zu dem Ganzen der Hexerei theoretisch vereinigt und die Hexenprocesse der neuern Zeit in Gang gebracht zu haben, gebührt den Inquisitoren und ihren gelehrten Schildträgern.

In dem Hexenproceß gewann der Inquisitor einen geschmeidigen und unerschöpflichen Criminalstoff, weit, wo die Natur des im Reiche der Einbildungen einheimischen Verbrechens dem Richter den Vorwand leiht, sich von der Erhebung des objectiven Thatbestands zu dispensiren, nirgend eine Grenze gezogen ist. Nicht minder gewann er an Popularität; denn er rechtfertigte die Grausamkeit seines Verfahrens durch die Größe der zu unterdrückenden Greuel und vertauschte die gehässige Rolle eines Verfolgers freierer Religionsansichten mit


____
55

der dankenswerthen eines Wohlthäters, der die menschliche Gesellschaft von einer Rotte gemeingefährlicher Bösewichter befreit und dem Furchtsamen schon auf bloße Denunciation Schutz bietet, wo der weltliche Richter die förmliche Anklage mit allen Gefahren derselben auferlegt hätte.

Im Jahre 1390 wurde der Hexenproceß auf Beschluß des pariser Parlaments dem geistlichen Richter abgenommen und dem weltlichen zugewiesen; von da an verminderten sich in Frankreich die Verfolgungen und Hinrichtungen und das Übel fing nun an, sich über Deutschland zu verbreiten, wo es besonders seit der Hexenbulle Innocenz' VIII. und der Herausgabe des „Malleus maleficarum“ die entsetzlichsten Verwüstungen anrichtete. Die reformatorische Richtung des 15. Jahrhunderts spornte zur Schärfung der die Ketzerei unterdrückenden Maßregeln; da aber das Inquisitionstribunal in Deutschland keinen günstigen Boden finden wollte, so hatten die von Rom bestellten Glaubensrichter, besonders Heinrich Institoris und Jakob Sprenger in Oberdeutschland und am Rhein, für zweckmäßig erachtet, ihrem Geschäfte vorerst durch Verfolgung des Hexenwesens bei dem Volke Eingang zu verschaffen; und da sie auch hierbei auf Schwierigkeiten stießen, so wußten sie vom Papst Innocenz VIII. die Bulle Summis desiderantes vom 5. Dec. 1484 zu erwirken. Dieses merkwürdige Actenstück, zuweilen mit Unrecht als die ganze Quelle des Hexenprocesses betrachtet, ist deshalb von entschiedener Wichtigkeit, weil es der bisher ausgebildeten Lehre von der Häresie des Zauberwesens und dem Inquisitionsverfahren gegen dasselbe eine neue und für manche Punkte sogar die erste päpstliche Sanction ertheilt und somit die Verbreitung des Unwesens über ganz Europa wesentlich gefördert hat. Nach einer Ausführung über das Wesen der Hexerei klagt die Bulle, daß einige vorwitzige Cleriker und Laien den bestellten Inquisitoren die richterliche Competenz im Mainzischen, Kölnischen, Trierschen, Salzburgischen und Bremischen bestritten und dadurch zum großen Seelennachtheil der Betheiligten die wohlverdiente Bestrafung der bezeichneten Gräuel verhindert haben. Sodann wird diese Competenz ausdrücklich erklärt, der Bischof von Strasburg aufgefodert und ermächtigt, die Inquisitoren auf jede Weise zu schirmen und zu unterstützen, die Gegner dieser Maßregeln, wes Standes und Würden sie seien, mit Bann, Suspension und Interdict zu belegen, ja nöthigenfalls den weltlichen Arm gegen sie anzurufen. Den Inquisitoren aber soll es noch besonders obliegen, von den Kanzeln dem Volke die betreffenden Wahrheiten ans Herz zu legen.

Doch hatte der Papst sich in dieser Bulle nur allgemein ausgesprochen, sodaß den Gegnern der Inquisition noch immer ein weites Feld des Widerspruchs geöffnet blieb. Zur bessern Förderung des Geschäfts schritten daher Sprenger und Institoris zur Abfassung eines Werks, welches theils das Ganze der Zauberei in ihrer Wirklichkeit und der nothwendigen Beziehung ihrer einzeGeschichte-der-Hexenprocesselnen Theile aufeinander erweisen, theils die Grundsätze des gerichtlichen Verfahrens gegen dieselbe entwickeln sollte. Dies ist der berüchtigte „Malleus maleficarum“, größtentheils aus Sprenger's Feder geflossen, ein Werk so barbarisch an Sprache wie an Gesinnung, spitzfindig und unverständig in der Argumentation, originell nur in der Feierlichkeit, mit welcher die abgeschmacktesten Märchen als historische Belege vorgetragen werden. Im ersten Theile dieses „Hexrenhammer“ wird die Realität des Zauberwesens aus der heiligen Schrift, dem kanonischen und bürgerlichen Recht erwiesen und an der Spitze steht sogleich der Satz, daß das Leugnen dieser Wirklichkeit eine arge Ketzerei sei. Dann folgt die Lehre vom Pactum, von den Incuben und Succuben, die Erörterung, warum vorzugsweise das weibliche Geschlecht sich diesem Verderben hingebe u. s. w. Der zweite Theil berichtet über das Nähere, wie Zauberer aufgenommen werden, dem Teufel Huldigung leisten, durch die Luft fliegen, sich mit Dämonen vermischen, Krankheiten bewirken u. dgl. mehr. Ferner werden die kirchlichen Heilmittel gegen allerlei Zauberschäden angegeben; merkwürdig ist hierbei, Wilhelm Tell unter des Teufels Freischützen (Sagittarii) aufgeführt zu finden. Der dritte Theil behandelt das gerichtliche Verfahren; hier sticht besonders die Heimlichkeit des Processes und das Unwesen der Denunciation hervor. Das Inquisitionsverfahren wird übrigens dem weltlichen Richter in Zaubersachen nicht weniger empfohlen als dem geistlichen, und es ist wol nicht zu viel behauptet, wenn man annimmt, daß gerade die Hexenprocesse späterhin der allmäligen Verdrängung des Anklageverfahrens durch das inquisitorische in Deutschland einen besonders wirksamen Vorschub geleistet haben. Dies von einer päpstlichen Bulle und einem kaiserlichen Diplom unterstützte, fast zu kanonischem Ansehen gelangte Buch wurde die Richtschnur für das Verfahren gegen die vielen tausend Unglücklichen, welche in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, England und sogar in dem neu entdeckten Amerika dem Wahne und der Bosheit zum Opfer fielen. Bei der großen Auctorität, welche dem „Hexenhammer“ beigelegt wurde, und bei seiner allgemeinen Verbreitung darf es nicht Wunder nehmen, daß alle Hexenprocesse eine so große Ahnlichkeit miteinander haben. Der Richter hatte nur die Aufgabe, jeden Fall in das vom Gesetzbuch gegebene Schema einzupassen , für die in demselben namhaft gemachten Verbrechen Geständnisse zu erpressen und nach dessen Vorschrift das Bluturteil zu sprechen.

(Die Fortsetzung folgt.)



Blätter für literarische Unterhaltung.
Montag, Nr. 15. 15. Januar 1844.

Geschichte der Hexenprocesse. Aus den Quellen dargestellt von Wilhelm Gottlieb Soldan. (Fortsetzung aus Nr. 14.)

In einem besondern Capitel führt der Verf. diejenigen Handlungen an, welche den eigentlichen Gegenstand des Verbrechens der Hexerei ausmachen, und legt hierbei als concreten Fall die von Llorente gegebenen Mittheilungen über die 1610 zu Logrono verurtheilten Hexen zum Grunde. Wenn der Teufel die Menschen (wie z. B. den Doctor Faust) durch die Gewährung überschwänglicher Genüsse verführt, so ist der Übertritt zu ihm sehr erklärlich; daß aber die ekelhaften und erbärmlichen Vergnügungen des höllischen Hofstaats irgend Einen bewegen sollten, sich dem Teufel zu ergeben, ist schwer zu begreifen. Das einzige Reizmittel könnte hierzu nur die Wollust sein, hinsichtlich deren Befriedigung der Schwarze, nach Aussage aller torquirten Hexen, über große Fonds zu gebieten hat. Alle übrigen Ergötzlichkeiten des Hexensabbaths sind so abgeschmackt, daß ein halbwege vernünftiger Mensch unmöglich Verlangen danach tragen kann. So z. B. betet man den Teufel an, küßt ihm -- --, was er höflichst dadurch erwidert, daß er Gestank von sich gehen läßt, während ein Assistent ihm den Schweif aufhebt; er parodirt das Abendmahl; was er aber statt der Hostie austheilt, gleicht einer Schuhsohle, ist schwarz, herb und schwer zu kauen; bei Tafel gibt es oft sehr schlechtes Essen; Fische und Fleisch vom Geschmack faulen Holzes, ohne Salz; Wein wie Mistlachenwasser; oft werden die Speisen vom Schindanger geholt. Solcher und noch schlimmerer Unsinn wurde von der gelehrten und ungelehrten Christenheit für möglich und wirklich gehalten!

Die Zauberei war ein Crimen exceptum , d. h. der Richter war nicht verpflichtet, sich genau an die sonst geltenden Grundsätze und Formen des Verfahrens zu halten; sie ist auch (nach Carpzov) ein Crimen atrox und atrocissimum, denn in ihr vereinigen sich Ketzerei, Apostasie, Sacrilegium, Blasphemie, Mord und Sodomie; darum verjährt sie niemals, und die Untersuchung und Bestrafung kann selbst nach dem Tode stattfinden. Die Aussagen jedes Zeugen auch des mit Infamie belegten, hatten Gültigkeit; die Reinigung des Angeklagten mislang oft trotz des augenscheinlichsten Beweises der Unschuld. Fünf bis sechs Weiber zu Lindheim, erzählt Horst, wurden entsetzlich gemartert, um zu bekennen, ob sie nicht auf dem Kirchhofe des Orts ein vor kurzem daselbst verstorbenes Kind ausgegraben und zu einem Hexenbrei gekocht hätten. Sie gestanden es. Der Gatte von einer dieser Unglücklichen brachte es endlich dahin, daß das Grab in Gegenwart des Ortsgeistlichen und mehrer Zeugen geöffnet ward. Man fand das Kind unversehrt im Sarge. Der fanatische Inquisitor hielt den unversehrten Leichnam für eine teuflische Verblendung und bestand darauf, daß, weil sie es doch Alle eingestanden hätten, ihr Eingeständniß mehr gelten müsse als der Augenschein; man müsse sie „zur Ehre des dreieinigen Gottes“, der die Zauberer und Hexen auszurotten befohlen habe, verbrennen. Sie wurden in der That verbrannt. Nach dem „Malleus maleficarum“ und der spätern allgemeinen Praxis war der Richter auf bloße Denunciation, übeln Ruf und sonstige Indicien vorzuschreiten befugt. Kam der wandernde Inquisitor in eine Stadt, wo er thätig sein wollte, so foderte er durch einen Anschlag an den Thüren der Pfarrkirchen oder des Rathhauses unter Androhung von Kirchenbann und weltlichen Strafen auf, jede Person, von welcher man etwas Zauberisches oder auf Zauberei Hindeutendes wisse, oder von welcher man selbst nur gehört habe, daß sie in üblem Rufe stehe, binnen zwölf Tagen anzuzeigen. Der Denunciant wurde mit geistlichem Segen und mit klingender Münze belohnt, sein Name auf Verlangen verschwiegen. In der Kirche fand man an manchen Orten Kästen mit einem Spalt im Deckel, um auch anonyme Denunciationen abzugeben. Wie in Einrichtung der Detentionsgefängnisse jener Zeit überhaupt die gewissenloseste Nachlässigkeit hervortritt, so zeigt sich in denen für die Hexen insbesondere noch eine höchst erfinderische Grausamkeit. Es gab eigens eingerichtete Hexenthürme und Drudenhäuser. Das vom Bischof Johann Georg II. (1622-33) zu Bamberg erbaute Malefizhaus hatte allerlei neu erfundene Vorrichtungen zur Tortur; über dem Portale stand das Bild der Themis mit der Umschrift: „Discite justitiam moniti et non temnere Divos!“ Bambergische Inquisitoren rühmen als ein äußerst wirksames Mittel, die Hexen


____
58

zahm zu machen „das gefaltet Stüblein“, wahrscheinlich eine Art Lattenkammer.

Nach Vorschrift des „Malleus malesicarum“ wurde das Verhör der Gefangenen mit der Frage eröffnet: ob Inquisitin glaube, daß es Hexen gebe? Die meisien leugneten; das war aber schon hinreichend zu ihrer Verurtheilung als Ketzerinnen; denn, sagt der „Herxenhammer“, der Ketzereien größte ist, nicht an das Verbrechen der Zauberei zu glauben.

Erfolgen nun die gewünschten Geständnisse nicht, so wird die Unglückliche in den Kerker zurükgeführt, um daselbst von neuem bearbeitet zu werden. Alle Qualen des Mangels, des Schmerzes und Ekels umgeben sie; der Priester schreckt sie mit den Strafen der Hölle, wenn sie leugnet, verheißt die Rettung der armen Seele und Verwendung, wenn sie reuig bekennt; falsche Freunde treten hinzu und spiegeln die Hoffnung eines glücklichen Ausgangs vor; der Richter tritt ein und versichert, er werde Gnade angedeihen lassen, wobei er vermöge einer erlaubten Mentatreservation diese Gnade nicht der Gefangenen, sondern sich selbst oder dem gemeinen Besten zudenkt. Auch bleibt es seinem Ermessen überlassen, ob er nicht sagen will: „Gestehst du, so werde ich dich nicht zum Tode verurtheilen.“ Wenn es zum Spruche kam, konnte er dann abtreten und einen Andern das Urtheil verkünden lassen. Solche und viele andere Kniffe empfahl der „Malleus maleficarum“, um ein sogenanntes freiwilliges Bekenntniß zu erhalten, und er hatte recht, auf dasselbe einen hohen Werth zu legen, weil es, so lange die Doctrin des Hexenwesens noch nicht ganz allgemein geworden war, eine ungleich kräftigere Wirkung machen mußte als das durch die Folter erzwungene. Doch vererbten sich diese Mishandlungen auch auf die spätere Zeit. Geistliche lockten und schreckten, Büttel plagten und suggerirten, Richter logen und betrogen, wenn es auf andere Art nicht gehen wollte. Jeder hielt sich zu Allem gegen das Hexenvolk berechtigt, weil er entweder dem Himmel einen Dienst zu leisten glaubte oder sich selbst.

Der Hauptnerv aller Beweisführung blieb aber immer die Tortur; zu ihr schritt man auf die leisesten Indicien. Weil die Zauberei ein Crimen exceptum war, so erlaubte man sich in dem Grade, der Wiederholung und der Zeitdauer des Acts jede Freiheit. Drei- und vierstündige Tortur war nichts Ungewöhnliches. Ein der Lykantrophie Angeklagter in Westfalen wurde einst zwanzig Mal mit der Schärfe angegriffen; in Baden-Baden peinigte man ein Weib zwölf Mal und ließ sie nach dem letzten Act noch 52 Stunden auf dem sogenannten Hexenstuhle sitzen. Ein Weib in Düren, das in wiederholter Pein standhaft leugnete, die Krautgärten durch Hagelschlag verwüstet zu haben, blieb, mit ungeheuern Beingewichten beschwert, an der Schnur hängen, während der Vogt zum Zechen ging; als er wieder kam, hatte der Tod die Arme von allen Qualen erlöst. Diesem Vogte fehlte die Geistesstärke , mit welcher man sonst in solchen Fällen behauptete, daß der Teufel nur sein Opfer geholt habe; er ward wahnsinnig. Die meisten Hexenrichter waren indeß mit starken Gründen gegen alle Gefahr gewappnet, den Verstand bei Ausübung ihres blutigen Handwerks zu verlieren. Der edle Friedrich Spee erzählt:

Unlängst sagte mir ein Inquirent: „Ich weiß wohl, daß in diesem Wesen auch einige Unschuldige mit unterlaufen; aber deshalb mache ich mir kein Gewissen, sintemal mein Fürst, der doch ein sehr vorsichtiger, gewissenhafter Herr ist, mich treibt,daß ich in diesem Lande fortfahren solle; der wird wohl wissen, und sein Gewissen dabei in Acht nehmen, was er befiehlt; mir gebührt, daß ich demselbigen nachkomme.“ -- Ist das nicht (Gott erbarm's) eine lustige Sache? Fürsten und Herren legen alle Sorge von sich ab und hängen dieselbe auf ihre Amtleute und Räthe und deroselben Conscienz und Gewissen; diese thun dergleichen und werfen's auf ihrer Herrn Gewissen! Der Fürst sagt: Unsere Räthe mögen sehen, was sie zu thun haben; die Räthe sagen: Der Fürst möge sehen, daß er's verantworte. Ist das nicht ein schöner Circul? Welcher aber wird vor Gott verantworten müssen? Dann weil es Jener sehen soll und Dieser soll's sehn, geschieht's, daß es Niemand sieht oder achtet.

Eine Aufführung der zahllosen Torturmittel, von dem einfachen Aufziehen an der Chorde bis zum Abreißen der Fingernägel mit Schneidezangen, welches Jakob. I. üben ließ, würde zu widrig sein. Raffinirter war vielleicht keins als das sogenannte Tormentum insomniae, das besonders in England mit Erfolg angewendet wurde. Matthäus Hopkins, der berüchtigte General-Hexenfinder Englands, ließ die Gefangenen stets wach erhalten, damit sie keinen Zuspruch vom Teufel erhielten. Zu diesem Ende wurden sie im Kerker unaufhörlich herumgetrieben, bis sie wunde Füße hatten und zuletzt in einen Zustand vollkommener Verzweiflung und, Tollheit geriethen.

Sehr anschaulich zeigt der Verf., wie die Zustände und Tendenzen der Wissenschaften in jener Zeit den Greueln des Hexenprocesses förderlich waren und wie die theologische Färbung, sich auch den nicht- theologischen Wissenschaften und der Politik mittheilend, verdüsternd auf dieselben einwirkte. Trotz der Schroffheit, mit welcher Protestanten und Katholiken sich gegenüberstanden, in einem Punkte trafen sie wenigstens miteinander zusammen, in der Vorstellung von der Persönlichkeit und Macht des Teufels. In den Naturwissenschaften herrschte blinder Autoritätsglaube; die Philosophie blieb im Ganzen im Dienste der Theologie; selbst die besten Köpfe scheuten sich, Resultate auszusprechen, die mit der Orthodoxie in Conflict gerathen konnten. In der Jurisprudenz herrschte ein Geist engherziger Beschränktheit, philosophischer Betrachtungsweise bar und ledig, theils an den Satzungen des römischen und kanonischen Rechts haftend und in die müßigsten Spiele der Dialektik sich verirrend, theils in den theologischen Begriffen der Zeit befangen. Die Medicin endlich, ohne feste physiologische und pathologische Grundlage, klebte am Altüberlieferten und machte sich (sehr bequem) aus der Macht des Teufels einen Schild gegen alle Vorwürfe. Unter diesen Umständen wird es erklärlich, warum die Reformation Hexenglauben und Hexenprocesse nicht gestürzt hat. Sie ließ beide bestehen, weil sie den Glauben an den persönlichen Teufel bestehen ließ. In diesem Glauben erhitzte sich der Eifer gegen die Verbündeten des Teufels um so mehr, je weniger eine Religionsgenossenschaft der andern im Abscheu gegen das Diabolische nachstehen wollte, und so rasten. die verschiedenen Parteien der Protestanten untereinander selbst und mit den Katholiken um die


____
59

Wette. Um Luther's Verhältniß zu den Hexenprocessen mit wenigen Worten auszusprechen, so stand er unmittelbar zu dem Gange derselben in gar keiner Beziehung, mittelbar aber allerdings dadurch,- daß er nicht noch weit durchgreifender reformirte als er wirklich gethan hat.

(Der Beschluß folgt.)

____

Blätter für literarische Unterhaltung.

Dienstag, Nr. 16. 16. Januar 1844.

Geschichte der Hexenprocesse. Aus den Quellen dargestellt von Wilhelm Gottlieb Soldan. (Beschluß aus Nr. 15.)

Eins der wirksamsten Motive zur Hexenverfolgung war die Habsucht. Es ist bekannt, wie sehr dieselbe in das Gerichtswesen des 16. Jahrhunderts überhaupt eingriff. „Die Gerichtsherren“, sagt Udalrich Zasius, „statt auf das gemeine Beste zu sehen, strafen nur, um ihre Einkünfte zu vermehren.“ Wie aber diese niederträchtige Triebfeder ganz besonders auf die Hexenprocesse wirkte, das erkannten schon unter den Zeitgenossen die Scharfsinnigern. Der Kanonikus Loos, dem die Freimüthigkeit, mit der er gegen solchen Unfug auftrat, mehrmals Kerkerstrafe zuzog, nannte diese Processe eine neu erfundene Alchymie, durch welche man aus Menschenblut Gold und Silber mache. Vierzig Jahre später sagte Friedrich Spee, daß Viele nach den Verurtheilungen der Zauberer hungerten „als den Brocken, davon sie fette Suppen essen wollten“. In Trier, wo unter dem schwachen Jesuitenfreunde Johann VI. das Übel auf den höchsten Grad stieg, waren zwar Äcker und Weinberge aus Mangel an Arbeitern verödet, aber Notarien, Actuarien und der Nachrichter waren reich geworden. Der Letztere ritt in Gold und Silber gekleidet auf einem stolzen Pferde; seine Frau wetteiferte in Kleiderpracht mit den vornehmsten Damen. Spee kannte einen Inquisitor, der sein Geschäft auf folgende Weise betrieb. Zuerst ließ er durch seine Leute das Landvolk bearbeiten, bis dieses sich vor lauter Hexenfurcht nicht mehr zu lassen wußte und den Schutz des Inquisitors anflehte. Nun nahm er die Miene an, als riefen ihn seine Geschäfte anders wohin, ließ sich jedoch durch eine zusammengeschossene reichliche Arrha bewegen, zu erscheinen, leitete auch die Untersuchung ein, redete abermals von seinen anderweitigen Obliegenheiten, sammelte wiederum Geld und begab sich dann in ein anderes Dorf, um dasselbe Spiel von vorn anzufangen. Die Stadt Fulda erinnert sich noch des Treibens eines gewissen Balthasar Voß, der sich durch niedrige Angeberkünste vom Schreiber zum Günstling des Abts und Criminalrichter emporgeschwungen hatte. Er zog im Ländchen umher, überfiel plötzlich Dörfer und Flecken, verhaftete die angesehensten, unbescholtensten Leute, besonders die Reichen, auf deren Vermögen er Absichten hatte, und nahm, wie er es nannte, „Brände“ vor. Er rühmte sich einst, über 700 Personen beiderlei Geschlechts zum Scheiterhaufen gebracht zu haben. Dieser Voß trieb sein Wesen 19 Jahre lang.

Nicht nur alte Weiber mußten wegen vermeintlicher Hexerei den Holzstoß besteigen; angesehene Männer, Jünglinge aus edeln Häusern, ja selbst kleine Kinder wurden wegen desselben Verbrechens gemartert und hingerichtet. Ein Verzeichniß „der Hexenleut, so zu Würzburg mit dem Schwert gerichtet und hernacher verbrannt worden“, zählt aus den Jahren 1627 bis zum Anfange von 1629 29 „Brände“ auf, bei welchen jedesmal mehre Personen, bisweilen acht auf einmal, hingerichtet wurden. Der Verf. theilt dies Verzeichniß wörtlich mit und wir finden darin unter Anderm Chorherren, Vicarien vom Domstift, Doctoren, Rathsherren, Bürgermeisterfrauen, den Steinmacher „einen gar reichen Mann“, „ein klein Mägdelein von neun oder zehn Jahren“, „des Fürsten Kochs zwei Söhne, einer von vierzehn, der andere von zehn Jahren aus der ersten Schule“, „NB. der Vogt im Brennerbacher Hof und ein Alumnus sind lebendig verbrannt worden“, „des Valkenbergers Töchterlein ist heimlich gerichtet und mit den Laden verbrannt worden“, „die dicke Edelfrau“ u. s. w.

Welche Wüste, welche Mördergrube war in jenen Jahren aus Deutschland geworden! In demselben Jahre, wo der Scharfrichter von Coesfeld solche Rechnungen stellen durfte (seine Liquidation vom Juli bis December 1631 betrifft lauter Hexenprocesse und beträgt 169 Thlr.), verbrannte Tilly Mag- deburg für die Wiederherstellung des alleinseligmachenden Cultus, und schlug ihn Gustav Adolf bei Leipzig für die Freiheit des protestantischen Bekenntnisses; wo aber blieb der Held, der Einsicht, Macht und Muth gehabt hätte, mit offenem Visier den Aberglauben und den Eigennutz für die Humanität zu schlagen? Nur eine einzige Stimme erhob sich in jenen Tagen: zwar laut, deutlich und beredt, aber aus dem Asile der Anonymität; zwar aus den innersten Tiefen eines bekümmerten Herzens hervordringend, aber in ihren Wirkungen nicht glücklicher als die Stimme des Predigers in der Wüste.

Es war der Jesuit Friedrich Spee, welcher in seiner „Cautio criminalis“ 1631 gegen den Hexenproceß auftrat; ein Gegenstück zu seinem Ordensbruder Delrio, der, so wie viele andere Jesuiten, zu den eifrigsten Beförderern der Hexenprocesse gehört hatte. Jarcke gibt


____
62

sich zwar in seinen „Beiträgen zur Geschichte der Zauberei“ (Hitzig's „Annalen“) Mühe darzuthun, daß der Jesuitenorden sich zuerst gegen jenes blutige Unwesen erklärt habe; unser Verf. widerlegt indeß mit historischem Beweise Jarcke's an sich schon verdächtige Behauptung, daß die Gesellschaft Jesu unter den Vorkämpfern der Aufklärung gestanden habe. Auch leuchtet es ein, daß die gute That, welche der Einzelne anonym und im Widerspruch mit dem Verfahren der Gesellschaft gethan hat, der letztern nicht zum Vortheil angerechnet werden kann.

Leider hatten Spee's Worte nur wenig gefruchtet und nur auf einem beschränkten Raume bewirkten sie einige Verminderung der Menschenbrände. Ein Unglück für Spee's Bemühungen war es, daß wenige Jahre nach ihm der jüngere Carpzov mit seinem „Peinlichen Recht“ hervortrat. Dieser starre, autoritätsgläubige und selbst wiederum zur Autorität gewordene Jurist war weit entfernt, ein Reformator der Criminalrechtswissenschaft geworden zu sein, wie sein allgemeines fast legislatorisches Ansehen schließen lassen sollte. Was den Glauben an die Hexengreuel betrifft, so bekannte er sich ganz zur strickesten Observanz. Die ärgsten Verfolger, z. B. Delrio, waren seine Gewährsleute und durch Carpzov's Ansehen hatte der Hexenproceß nur noch festere Wurzel gefaßt.

Endlich 1691 trat Balthasar Bekker mit einem Werke auf, welches dem Ungethüm des Hexenwesens den ersten tödtlichen Streich versezte. Bekker war der Erste, der die Nichtigkeit des Zauberglaubens in seiner Totalität erkannt und demzufolge nicht mehr den einzelnen Erscheinungen desselben, sondern dem Princip selbst den Krieg erklärte. Dieses Princip aber liegt in der Dämonologie, insbesondere in der Lehre vom Teufel. Die durch Bekker's Werk veranlaßte Bewegung war außerordentlich. In zwei Monaten waren 4000 Exemplare verkauft und fast in allen Sprachen Europas erschienen Übersetzungen desselben. Wiewol sich die Welt zwischen Beifall und Anfeindung theilte und die Entbehrlichkeit des Teufels nur von wenigen Theologen zugegeben wurde, so war Bekker's Buch „doch eine riesenhafte Vorarbeit für den letzten entscheidenden Kampf, aus welchem Christian Thomasius gegen die Anhänger des Hexenglaubens und der Hexenprocesse siegreich hervorging.

In seinen frühern Jahren war Thomasius selbst von der Rechtmäßigkeit der Hexenprocesse noch so fest überzeugt, daß er einst als Berichterstatter in der Juristenfacultät auf die Torquirung einer Angeklagten antrug. Es ward ihm die Beschämung, von seinen Collegen, die in diesem concreten Falle anders dachten, überstimmt zu werden, und dies gab ihm den ersten Anstoß zu tieferer Prüfung des ganzen Gegenstandes und zur offenen Bestreitung desselben, sobald die bessere Überzeugung gewonnen war. Vom Teufelsglauben. selbst hat sich Thomasius nicht losgemacht und steht hierin hinter Bekker zurück; er verwahrte sich vielmehr gegen die falsche Beschuldigung, als glaube er an keinen Teufel.

Ich glaube nicht allein -- sagt er in seinen „Kurzen Lehrsätzen von dem Laster der Zauberei“ (1701) --, sondern verstehe auch einigermaßen, daß der Teufel der Herr der Finsterniß und der Fürst der Luft, d. i. ein geistliches (geistiges) oder unsichtbares Wesen sei, welches auf eine geistliche oder unsichtbare Weise mittels der Luft oder auch wässeriger oder auch irdener Körperchen in den gottlosen Menschen seine Wirkung hat.

Hiermit bekennt sich also Thomasius zu dem Wahne seiner Zeitgenossen und würde also schwerlich zu dessen Ausrottung beigetragen haben, wenn er nicht seinem Teufelsglauben folgende Beschränkung hinzugefügt und deren Geltendmachung zur Aufgabe seines Lebens gestellt hätte.

Ich leugne aber hinwiederum -- erklärt er nämlich --, daß Hexen und Zauberer gewisse Verträge mit dem Teufel aufrichten sollten, und bin vielmehr versichert, daß Alles, was diesfalls geglaubt wird, nichts anders als eine Fabel sei, so aus dem Juden-, Heiden- und Papstthum zusammengelesen, durch höchst unbillige Hexenprocesse aber, die sogar bei den Protestirenden eine Zeithero gebräuchlich gewesen, bestätigt worden.

Hiernächst werden in seiner Schrift die von Juristen und Theologen für die Existenz der Zauberei vorgebrachten Gründe durchgemustert und ins Absurde geführt. Auch gegen Thomasius brach der Sturm los; er hatte Juristen und Theologen beleidigt und sie vergalten es ihm mit harten Ausfällen und verketzernden Declamationen.

Als der berühmte Herr Thomasius -- schreibt einer seiner Anhänger im J. 1803. -- sich dem protestantischen Papstthum und denen Pedanten eifrigst widersetzt, so hat man ihn für den ärgsten Atheisten, Quaker, Socinianer, und ich weiß nicht für was, in der ganzen Welt ausgeschrien; sogar daß die Meisten noch jetzo seine raisonnablen Lehren für seelenschädliche Irrthümer auszugeben sich nicht scheuen. Sonderlich hat die neulich unter ihm gehaltene Disputation wider das Laster der Zauberei von neuem in das Wespennest gestöret, weil die Antistites regni tenebrarum wohl gesehen, daß hiermit zugleich viele falsche Einbildungen vom Teufel als ihrem Knecht Ruprecht vor die Hunde gehen würden.

Die ersten erfreulichen Wirkungen seiner Thätigkeit sah Thomasius zuerst im preußischen Staat. Friedrich I. zog schon 1701 einen märkischen Gerichtsherrn wegen einer Hinrichtung zur Rechenschaft und beschränkte 1706 die Hexenprocesse in Pommern. Acht Jahre später that sein zwar ungelehrter, aber frommer und praktisch verständiger Sohn einen noch entschiedenern Schritt. Kaum hatte er nämlich den Thron bestiegen, so verkündete ein Mandat vom 13. Dec. 1714, daß Friedrich Wilhelm, überzeugt von der Verwerflichkeit des bisherigen Verfahrens in Hexensachen, dasselbe zu verbessern beschlossen habe und daß inzwischen alle auf Tortur oder Tod gehenden Urtheile dem Könige zur Bestätigung vorzulegen seien. Zugleich wurden die Brandpfähle weggenommen. Friedrich Wilhelm hat ein solches Urtheil nie bestätigt. Vielmehr sprach er, als 1721 der Magistrat zu Nauen einen Hexenproceß einleitete, die Abolition aus und ließ der Behörde einen Verweis geben mit dem Zusatze, daß der König alle Hexenprocesse durchgehends verboten habe. Dem Beispiele Preußens ahmte auch das übrige protestantische Deutschland mehr oder weniger bereitwillig nach. In dem katholischen


____
63

Süddeutschland loderten indeß noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts Hexenscheiterhaufen. Besonders in Baiern währte der Unfug noch lange fort; noch unter Karl Theodor's Regierung hatte fast jedes Kloster seinen sogenannten Hexenpater, bei welchem man sich Rath und Schutzmittel zu holen pflegte, z. B. Agnus Dei und Lucaszettel. Eine Bäuerin aus dem Gerichte Pfatter bei Straubing, deren Kühe keine Milch gaben, fiel in die Schlingen eines solchen Hexenpaters, des Franciscaners Benno, der sie im Kloster trunken machte, dann unter dem Vorwande der Entzauberungsceremonie schändete und zuletzt zum Todtschlage an der neunzigjährigen Großmutter ihres Mannes veranlaßte. Als das Gericht nach langem Zögern die Verhaftung des Buben beschloß, mußte es die Auslieferung desselben durch militairische Execution vom Kloster erzwingen, und als derselbe endlich degradirt und zu lebenslanger Festungsarbeit verurtheilt war, legte sich Rom ins Mittel und bewirkte Begnadigung, sodaß der Hexenpater mit zehnjähriger Suspension und ebenso langem Klosterarrest durchkam.

Seht Leute -- sagt der Berichterstatter, von welchem diese Nachricht entnommen ist -- , so geht's bei uns in Baiern zu; die Pfaffen lachen über uns und mästen sich von unserm Schweiß. Wär's nicht eine von den nothwendigsten Neuerungen, daß bei uns die Bettelmönche, sowie die andern privilegirten Tagediebe aufgehoben, oder wenigstens ihr Wirkungskreis beschränkt würde?

Über die Hexenpatres in Frankreich schreibt Garinet:

Il n'y pas encore cinquante ans, que le père Apollinaire (surnommé par la populace le père Apothicaire) fut surpris au lit, chassant le diable des parties inférieures de la servante d'Henriet, curé de St.-Humiers. Ce charitable capucin se vanta humblement d'avoir reçu, durant cette bonne oeuvre, un coup de pied de la patte d'Astaroth, démon de l'impudicité, qui se mit à beugler, disait-il, contre son séraphique père Saint-François, dès l'instant qu'il lui avait fait sentir son cordon.

In Würzburg wurde 1749 Maria, Renata Seegerin, Subpriorin des Klosters Unterzell, verbrannt, während am Scheiterhaufen der Jesuit Georg Gaar eine salbungsvolle Rede an die versammelte Menge hielt. Von da an sind die gerichtlichen Verfolgungen wegen Zauberei immer seltener geworden; der letzte Justizmord dieser Art wurde zu Glarus in der Schweiz 1782 verübt.

Daß aber mit dem Schlusse der Hexenprocesse noch keineswegs auch der Teufels- und Hexenglaube seine Endschaft erreicht hat, daß er noch jetzt in roher Nacktheit hin und wieder den Pöbel zu Unthaten treibt, während er sich im Nebelduft der Poesie bei den höhern Kreisen einschleicht und im gelehrten Gewande wieder festes Terrain auf Katheder und Kanzel zu gewinnen sucht, dafür sprechen die Eingangs dieser Mittheilung erwähnten Thatsachen. Darum ist es ganz an der Zeit, die Erinnerung an jene Geisteskrankheit vergangener Jahrhunderte wach zu erhalten, ihre gräßlichen Berirrungen in das Licht der Wahrheit zu setzen und der Reaction auch von dieser Seite vorzuhalten, wohin sie führen kann und, consequent, führen muß. Daß der Verf. Sich diese Aufgabe gestellt, daß er sie in so gründlicher Weise und mit so warmem Eifer gegen Aberglauben und Verfinsterung gelöst hat, verdient die aufrichtigste Anerkennung und erregt den lebhaften Wunsch, daß Soldan's Buch eine recht vielfache Benutzung finden möge.   28.



Quelle:
Rezension zum Buch Wilhelm Gottlieb Soldan: Geschichte der Hexenprocesse. Aus den Quellen dargestellt von Wilhelm Gottlieb Soldan. Stuttgart, Cotta. 1843.
veröffentlicht in:
Blätter für literarische Unterhaltung.
vom 14. Januar 1844. S. 53-55
vom 15. Januar 1844. S. 57-59
vom 16. Januar 1844. S. 61-63
Verlag F. A. Brockhaus in Leipzig 1844.




Meiboms Bericht von 1616 über die Comthurey zur Süpplingenburg

Warhafftiger und gründlicher bericht vom anfang und stifftung der Comthurey zur Süpplingenburg / S. Iohannis Ordens / aus warhafftigen Historien und brieflichen urkunden zusammen gebracht /
durch
HENRICVM MEIBOMIVM, Prof. Helmstad. A. 1616.


Süpplingburg ist anfänglich gewesen ein gräflich Schloß und Sitz der alten Säschsischen Grafen zu Süpplingburg. Als aber daßelbige geschlecht zeitlich abgegangen / ist gemeldete Grafschafft gekommen an die Edlen Grafen von Haldersleben. Von alters her hat zu der Grafschafft Süpplingburg auch gehöret das Amt Lutter / neben seinen Dörfern und sonsten andern gütern / umher belegen. Das Süpplingburgische gräfliche Wapen ist gewesen ein schwarz Hirschgeweihe in weißem Felde.

 

tl_files/Fotos/Suepplingenburg/Suepplingenburg_3426_.jpg

Das Süpplingburgische gräfliche Wappen



Der Halderslebische stamm hat sich getheilet in zwo linien / deren eine zu Haldersleben / die andere zu Lutter ihre Residenz gehabt. Die linie / so zu Haldersleben gewohnet / hat noch floriret bey Zeiten Hencici des Löwen / Hertzogen zu Sachsen und Bayern: und werden in der Stederburgischen



____

52 H. MEIBOMII

Chronick angezogen Dietrich und Heinrich, gebrüdere / Grafen zu Haldersleben / welche
dem Kloster Stederburg etliche güter vorenthalten: welche güter durch hochermeldeten Herzogen Heinrichs / als des Klosters Stederburg weltlichen Vogts / unterhandlung / auf den todesfall grafen Dietrichs / so keine männliche erben gehabt / mit bewilligung seines brudern Graf Heinrichs / dem Kloster gerichtlich verschrieben worden. Von der andern linie / so zu Lutterhof gehalten / find ich nur Graf Bernharden /welcher einenSohn verlassen / so auch Bernhard geheißen / und der lezte seiner linie gewesen. Dieser / als ein gottseliger Herr / hat aus christlicher andacht zu beforderung seiner Voreltern und Freundschafft / wie auch seiner eigenen seelen seligkeit / vor dem gehölz / der Elm genannt / am wäßerlein / mit namen die Lutter / ein Kloster geistlicher Jungfrauen S. Benedicti Ordens erbauet / und daßelbige mit nothdürfftigen gütern / und jährlichen einkommen nach Vermögen begabet. Wann aber / und in welchem jahre dis geschehen / ist nicht aufgezeichnet: sonst ist die alte Kirche nebst einem Thurm daselbst noch vorhanden. Demnach aber gemeldete Klosterpersonen sich in leichtfertigkeit und ärgerliches wesen begeben / ihre ordensreguln wenig geachtet / und deswegen verhaßet waren / sind sie etliche jahre hernach aus ihrem Kloster von Kayser Luter oder Lothario als Landesfürsten vertrieben / und genTrübke am Harz ins Kloster verwiesen worden.




____

53 Bericht.

Nach tödlichem abgang wolgemeldten Grafen Bernharden des jüngern / ist die grafschafft Süpplingburg gekommen an Herrn Conrad / Marckgrafen zu Brandenburg und Soltwedel / Grafen zu Plozke. Derselbige hat seiner tochter Fräulein Gertrud / nachdem sie Herrn Friedrich von Barnbach / Burggrafen zu Nürnberg / vermählet worden / sie zu einem heyrahtgut und brautschatz mitgegeben. Dieses Edlen Herrn Friedrich von Barnbach (welcher aus einem adelichen geschlechte im land zu Bayern entsproßen gewesen) einige tochter / Fräulein Hedwig / hat gefreyet Herrn Gebharden / dieses namens dem andern / Edlen Herrn zu Quernfurt: und ist derselbe durch diese Heyrath ein erbherr der Grafschafft zu Süpplingburg worden / wiewohl nicht ohne einrede und anfechtung anderer Sächsischen Herren / so auch an dieser Grafschafft zuspruch und gerechtigkeit haben wolten. Es ist aber endlich wolgedachten Herrn Gebharden ältestem Sohne / Herrn Luter / oder Lothario, so hernach Herzog zu Sachsen / und endlich Römischer Kaiser worden / von der damahls regierenden Kaiserlichen Majestät / Heinrich dem fünfften / durch ein rechtmäßiges Urtheil / die herrschafft zu erkannt worden: wobey es dann / wie billig / verblieben. Höchstgedachter Kayser Lotharius , gebohrner Edler Herr zu Quernfurt / Herzog zu Sachsen und Graf zu Süpplingburg / nachdem Er im heiligen Römischen Reich einen beständigen frieden gemacht / die benachbahrte Könige / als den

____

54 H. MEIBOMII

in Pohlen und Dennemarck / wie auch den Herzog in Böhmen / neben andern Wendischen Fürsten / zum schuldigen gehorsam gebracht / hat endlich / sich resolvirt / die ungezähmten und leichtfertigen Nonnen aus dem Kloster Lutter zu verweisen / und dem Orden S. Benedicti die Klostergüter zu untergeben. Der erste Abt des ortes ist gewesen Herr Eberhard / der zuvor im Kloster Bergen vor Magdeburg aufrichtig und gottselig gelebet / auch die Regul seines Ordens fleißig und steiff gehalten. Diesen hat Kayser Lotharius neben 10 München von dannen gefordert / ins Kloster Lutter sie eingeführt / ihnen das Kloster mit allem fleiß anbefohlen / zugleich mit neuen ansehnlichen gütern und einkommen aufs stattlichste begifftiget und begabet. Dis ist geschehen im jahr unsers lieben Herrn Christi 1135. zwey jahr vor Ihro K. M. tode. Das Kloster Lutter ist / von wegen dieser veränderungen und neuen fundation, Königs-Lutter genennet worden: hat auch an gütern und Klosterpersonen dergestalt zugenommen / daß Abt Eberhard / noch bey seinem leben / 80. Chorherren beyeinander gehabt.


Fünff jahr zuvor / anno 1130, da ein grosser Reichstag zu Braunschweig gehalten worden / hat höchstgemeldter Kayser Lotharius, zu beforderung christlicher religion, aus gottseligem eifer sein liebes Erbschloß Süpplingburg in ein Gotteshauß verwandelt / und den Herrn der Orden vom



____

55 Bericht.

heiligen Tempel zu Jerusalem / so dahero Tempel-Herren genennet worden / mit etlichen zugehörigen gütern an Dorfschafften / Holzungen / Mühlen / Wiesen / Weyden / Aecker / Zinsen / als der Landesfürst / gnädig eingeraumet und zugeeignet. Durch diese gelegenheit hat der neue Tempel-Orden in diesem Fürstenthum / an einem sehr luftigen / wohnsamen und wohlgelegenen orte / einen bequemen siz einbekommen: dazumahl waren I. K. M. im 55. jahre ihres alters. Den anfang des Tempel-Orden setzen die Historici ins jahr Christi 1110; wiewohl etliche 10 / etliche 20 jahr hernach den anfang machen wollen. Die Stifter werden genennet Hugo de Paganis und Godofredus de S. Aldemaro, beyde ritterlichen standes. Ihren namen haben die Ordens-Herrn bekommen von dem Tempel zu Jerusalem / welcher auf die stette / da der HErr Christus gekreuziget ist / über viel jahr hernach erbauet worden. Bey selbigem Tempel haben sie ihre wohnung gehabt / und liessen sich dazu gebrauchen / daß sie die pilgrame / so von fremden theils weit abgelegenen orten gen Jerusalem wallfahrteten / oder auf andere weise zu schiffe ankamen / aufnahmen / hin und wieder führeten / begleiteten / auch die stadt Jerusalem gegen die Saracenen / als feinde christlicher religion , ritter- und männlich schützeten und bewahreten. Sie bekannten sich zu der Regul der regulirten Chorherren S. Augustini, und hatten, neben dem Commendatore oder Comter ihre
D4

____

56 H. MEIBOMII

Praepositos, Cellarios, und Priester / so den Gottesdienst verrichteten. Ums jahr 1122 soll Pabst
Honorius II. diesen Orden confirmiret / und den Rittern eine formulam, wie sie leben / und sich verhalten sollen / vorgeschrieben haben. Ihr habit war ein weisser Mantel / zur anzeigung / daß sie in ihrem ehelosen leben keusch und unbefleckt sich verhalten sollen. Pabst Eugenius III. hat ihnen das rohte Creuz zu führen anbefohlen / sie zu erinnern / daß sie täg- und stündlich in bereitschafft sizen sollen / da es noth seyn würde / für die ehre und Kirche Gottes / auch ihre mitchristen / ihr blut ritterlich zu vergiessen. In kurzer Zeit haben sie wunderlicher weise / sonderlich aber in die vornehmste Königreiche der ganzen christenheit / sich vertheilet / und sind von andächtigen frommen leuten mit übermäßigen landgütern angesehen und begabet worden. Dannenhero sie groß gehalten gewesen / und in alle Fürstl. und Gräffl. höfe / allen politischen sachen beyzuwohnen / sich eingeflochten haben. Es ist aufgezeichnet / daß sie einmahl gehabt haben 9000. residenz-häuser oder size / deren iedes einen Ritter im H. Lande / zu desselbigen beschüzung / ohne einige die geringste beschwehrung halten / und denselben mit allerley nohtdurfft gebührlich versorgen kunte. Alhie im lande zu Braunschweig haben sie folgende örter und häuser eingehabt / als Süpplingburg / Iünde / Göttingen / Braunschweig / Moringen / Bezenissen / Immundshausen / Witwater / Lutter / Rethem / Heinde / Bahren /



____

57 Bericht

Weddi / Lohra und vielleicht viel andere / so mir unbewust. Dieser Orden hat ohngefehr 200. jahr floriret; aber als die Ritter oder Tempel-Herren von ihrer Vorfahren tugend / mannheit / ernst / ehrbarkeit / treu und glauben / und in summa von ihres Ordens gebrauch und verordneten statuten allzusehr abgeschlagen / haben die Potentaten der christenheit darauf bedacht seyn müssen / wie man dieser ungerahtenen müßiggänger ohne grossen aufstand und blutvergiessen los werden möchte. Pabst Clemens V. und Philippus, mit dem zunamen der Schöne / König in Franckreich / haben dieses handels einen anfang gemacht / sich dessen vereiniget / und mit wunderbahrer list ihre anschläge wider die Tempel-Herren getrieben / daß die sache (welches billig zu verwundern) in geheim gehalten worden biß auf den 22.ten tag des Merzens / an welchem die Tempel-Herren insgemein und zu- gleich auf einen bestimmten glockenschlag jämmerlicher weise hingerichtet worden. Also hat man in Franckreich mit diesem Orden haußgehalten / und ist solches geschehen im iahr Christi 1311 / da gleich der Pabst zu Clermont ein allgemein Concilium gehalten. In Teutschland / unangesehen daß sie wenig gunst mehr hatten / ist man so streng mit ihnen nicht umgesprungen; denn / nachdem sie sich über den Pabst zum höchsten beschwehret / und ihre unschuld zu beweisen sich anerbothen / sind sie /nach beschehener verhör / und gnugsamer aller sachen erkundigung / mit dem leben begnadet worden.



____

58 H. MEIBOMII

Allein den alten hergebrachten namen / wie auch die Regul und gebräuche ihres Ordens haben sie gänzlich ablegen und verschweren müssen / damit also die ungerahtene zucht hinfort zu ewigen zeiten aus der menschen gedächtniß ausgetilget wäre / und bliebe. Des Ordens Güter sind in Welschland vom Pabst / in Franckreich vom König Philippo eingezogen /confisciret und zu Cammer-gütern gemacht worden; die teutsche Fürsten aber haben in ihren gebieten die erledigten güter theils den Klöstern zugewandt / und den meisten theil haben andere Ritter / zuvorderst der Orden S. Iohannis, oder Brüder des Hospitals zu Jerusalen / an sich gebracht. Dazumahl war Kayser Heinrich der VII, gebohrner Graf zu Lüzelburg. Es lässet sich ansehen / als wenn in Teutschland die abschaffung des Tempel-Ordens nicht auf eine zeit und zugleich in einem iahre geschehen sey: denn die historien melden / daß im Erz-Stifft Magdeburg dieser handel im 1318ten jahre getrieben sey: im land zu Braunschweig ist das spiel etwas später angangen. Man hat den Tempel-Herren schuld gegeben / daß sie greuliche und abscheuliche abgötterey / sünde und laster begangen und getrieben / in dem / daß sie steinerne und hölzeme bilder mit einer menschenhaut überzogen / denselben lebendige menschen zu ehren / gleich als ein opffer / verbrennet; daneben mit den feinden christlicher religion verbündniß und verstand gemacht / alles zu unterdrückung göttlicher ehre / und ganzen christenthums.


____

59 Bericht.

Ferner wird auch angezogen ihre unleidliche hoffart / troziger übermuth / unflätige heydnische unzucht / und ungezähmter muhtwille.


Man hält aber davor / daß es ein gedichte sey: wie denn auch viele Scribenten disfals den Orden zum höchsten entschuldigen / was man von der abgötterey und veränderung der religion zumahl scheinlich vorgibt: denn damit hat man zweiffelsfrey bey dem gemeinen mann diese unthat beschönen wollen / daß man auf eine zeit so viel rittermäßige personen / ohne unterscheid / samt und sonders / jämmer- und erbärmlicher weise hinrichten und aufräumen lassen. Unglaublich ist es nicht / daß die vornehmste ursach dieser vertilgung gewesen sey / daß die Tempel-Herren allzugrosse macht und reichthum überkommen. Derowegen auch die hohen häupter der christenheit sich für ihnen / wegen allerley practiquen und gefährlicher anschläge / besorgen müssen / und dahero sie ferner nicht leiden können / oder wollen. Was dabei gemeldet wird von ihrer unzucht und unfläterey / kan etwas untergelauffen seyn; sintemahl bey solchem mächtigen überfluß zeitlicher güter und stetigem fraß und lediggang / da man Gottes und dessen ehre vergisset / und den bauch zum abgott machet / pflegen solche früchte nicht auszubleiben; wie dann bey andern Orden ein ebenmäßiges gespüret und gefunden worden. Wie es nun allenthalben in Teutschland mit den Tempel-Herren



____

60 H. MEIBOMII

also und dergestalt zugegangen / ist auch bey der Comthurey Süpplingburg gleichfals änderung vorgefalIen. Daselbst war um diese zeit Commendator (welches wort so viel bedeutet / als einen Befehliger / dem ein Residenz-hauß des Ordens anbefohlen und eingethan ist:) Herr Otto / gebohrner Herzog zu Braunschweig und Lüneb. Herzog Abrechten des Grossen sohn / und Albrechten des Feisten leiblicher bruder. Dieser Fürst hatte zu einem Coadiutor und Successor erwehlet Herrn Herman von Wiere / adeliches geschlechts / und Meistern zu Süpplingburg / wie er sich selbst nennet in einem brieffe unterm dato 1297, in welchem er sich mit Herrn Arnoldo Priorn, und Herrn Siegfrieden Probsten S. Lüdgeri vor Helmstedt / wegen 6. hufen landes zu Rolstedt belegen / freundlich vergleichen thut. Demnach aber obgemeldter Hermann von Wiere diese welt gesegnet / ist höchstgedachter Herzog Otto albereit zu Süpplingburg beym Regiment gewesen / und haben folgendes iahres die Tempel-Herren zu Süpplingburg dem Edlen Herrn zu Warberg eine hufe landes zu Radepe oder Rebke belegen geschencket und übergeben. Hochgemeldtes Herzogen Otten gewöhnlicher titul ist gewesen: Otto Dei gratia Frater Domus militiae templi Hierosolymitani & Commendator in Supplinburg, das ist: Otto von G. gn. Bruder des Ordens vom Tempel zu Jerusalem / Comter zu Süpplingburg.



____

61 Bericht

Wie diese unverhoffte und schleunige veränderung mit dem bis dahero hochgehaltenen Orden dermassen / wie erwehnet worden / sich begeben / sind die anwesende Herren zu Süpplingburg / nemlich der Herr Comter Herzog Otto zu Braunschw. Herr Luthard von Wenden / Herr Burchard von Ovesfelde / Herr Bartram von Sampleben / und Herr Borhart von Saustett / alle wohl verdiente und versuchte Ritter / auf ernstlichen befehl Herrn Albrechten / Bischoffen zu Halberstadt / als Dioecesani / unter welches Sprengel und geistlicher Iurisdiction das Gotteshauß Süpplingburg belegen / wie dann auch zugleich durch zwang des Landes-Fürsten / als executom der päpstl. Bullen / exauctoriret und entsetzet worden / haben ihren weissen Ordens-habit, den weissen Mantel mit dem rothen Creuz abgeleget / ihren namen / Regul / und was dem anhängig verschworen / des Stiffts güter und einkommen dem Landes-Fürsten / bis auf weitere anordnung / durch darreichung siegel und brieffe / und übergebung der schlüssel / unverzüglich eingeantwortet / und sind in aller traurigkeit / wie leicht zu gedencken / von dem hause abgezogen. Herzog Otto / der gewesene Comter hat sich gen Braunschweig begeben / und so viel erhalten / daß die alte Capelle im Tempelhof / auf dem Pollwege belegen / unbeschädigt geblieben: an welchem ort dieser Fürst seinen sitz gehabt / und von den dazu gehörigen und sonst S. F. G. zugeordneten renten und einkommen /



____

62 H. MEIBOMII

so gut er gekont / sich beholffen. S. F. G. Ist noch im leben gewesen anno 1345. da wird derselbigen gedacht in einem brieffe Herrn Ernst und Herrn Magni, beyder Herzogen zu Braunschw. und Lüneburg / Gebrüdern / welche ihr väterlich erbe / das land zu Braunschw. damahls unter sich getheilet haben. In selbigem vertrags-brieffe wird erwehnet / daß hochgedachter Herzog Otto den Tempelhof / so lange S. F. Gnad. leben würden / behalten / aber nach Derselbigen tödlichen hintritt / an die beyde hochgemeldte I. F. G. Herren Vettern / Herzog Ernst und Herzog Magnum, und derselbigen Erben / wiederum verfallen solte. Nicht lange nach abzug der Tempel-Herren ist das hauß Süpplingburg den Ordens-Herren S. Iohannis des täuffers / welche man hernach Rhodiser / und zu unserer zeit Maltheser genennet / eingeräumet worden. Dieser Orden hatte albereit ein hauß oder hof in Braunschweig / vor der langen brücken an der Ocker belegen / welches anfänglich von andächtigen frommen leuten gestifftet / aber von Herrn Heinrich / Herzogen zu Sachsen und Pfalzgraffen bey Rhein / Heinrich des Löwen sohn / und Kayser Otten des IVten leiblichen bruder / als einem Erbherrn der Stadt Braunschweig / bestätiget worden im iahr Christi 1224. Es ist aber gemeldeter Orden S. Iohannis des täuffers oder Rhodiser Herren / unter alten Gottes-Rittern der erste und älteste; hat angefangen vorm iahr Christi 1100, bey Zeiten der Fränckischen Kayser Henrici IV.



____

63 Bericht

oder V. Das iahr der Stifftung kan man nicht eigentlich wissen / dieweil die Historici der sachen nicht einig. Die Mutter Gottes Maria / neben S. Iohannes, ist ihr Patron; haben aber von S. Iohannes den namen behalten. Sie bekennen sich auch zur Regul des h. Augustini; haben in wenig iahren grosse güter an sich gebracht / absonderlich / nach dem schrecklichen untergang der Tempel-Herren. Wie sie aus Syrien / darin dieser Orden erstlich den anfang genommen / von den ungläubigen Saracenen vertrieben worden / haben sie die gewaltige und reiche Insul Rhodus eingenommen / daher man sie die Rhodiser Herren genennet. Dis ist geschehen im iahr Christi 1309 / drey iahr vor der Tempel-Herren untergang. Aus Rhodus sind sie vom erbfeinde christliches namens / dem Türcken / nach dem sie vergebens bey dem H. R. Reiche und andern Potentaten der christen um hülffe und beystand flehentlich angehalten / sich aber männlich gewehret / vertrieben worden / im iahr 1522 gerade am h. Christtage / nach dem sie ganzer 212 iahr diese berühmte herrliche Insul eingehabt hatten / auch zu vielen mahlen dieselbe wider ihre feinde ritterlich und männlich vertheidiget. Es hat ihnen aber endlich Kayser Carl der Vte anno 1529 die Insul Maltha auf gewisse masse und condition eingethan / welche sie bis anhero besessen / und im iahe 1565 gegen des großmüthigen feindes und tyrannen Solymanni, des türckischen Kaysers / grausames wüten



____

64 H. MEIBOMII

und toben / erhalten und geschüzet haben. Der erst Comter zu Süpplingburg ist gewesen Herr Gebhard von Bordfeld. Seiner wird gedacht in einem brieffe anno 1328, und er hat noch gelebet im iahr 1339. Demselben ist in der Regierung nachgefolget Herr Herman von Warberg / hohes adels und herrliches ansehens / von person gerade und wohlgestalt / auch mit allen tugenden reichlich begabet. Sein vater war Herr Herman / Edler Herr von Warberg / die mutter aber eine gebohrne Gräfin von Werningeroda. Dieser tapffere held / nach dem er zum amte kommen / hat wohl hauß gehalten / des Stiffts güter und einkommen mächtig sehr erhöhet und verbessert / die Kirchengebäude erneuert / und den sitz nach seines Ordens manier und gewohnheit eingerichtet. Ist zu einem ansehnlichen alter gekommen / und als er im iahr Christi 1371 mit tode verblichen / in seines Gotteshauses Kirchen / mitten auf dem Chor / unter einem ausgehauenen gradstein / auf welchem folgendes Epitaphium zu finden / ehrlich und statlich begraben worden:

MCCC trimatus, numerusque per L situatus
Post XX duplatus subit I pariter situatus
Progenie natus Warberg moriens tumulatus
Hermannus satus, pollens sine felle reatus
Nobilis & gratus redolens



____

65 Bericht.

In diesem lezten vers mangeln wenig wörter / welche der Steinmez / wegen enge des Steins unbesonnen ausgelassen. Sonst wird darinnen Herrn Hermann dem Comter ein gutes gezeugnis seines herkommens und verhaltens mitgetheilet. Dieser löbliche Herr wird angezogen / als ein Zeuge in einem brieffe Herrn Magni, Herzogen zu Braunschweig und Lüneburg / in welchem S. F . G. dem Raht zu Braunschweig die Münze daselbst auf 3. iahr versezt / unterm dato 1360. Sein titul ist: Herr Hermann von Warberg / der hohe Meister des Ordens S. Iohannis. In einem andern brieffe sub dato 1367. wird er genennet Meister des Ordens S. Iohannis in Sachsen / Wendland / Pommern und Marck. Damahls war er neben seinem Vettern / Herrn Hermann / Thumprobsten des hohen Stiffts zu Magdeburg / vier junger Herren zu Warberg Vormund / welchen ihren Mündlingen diese beyde geistl. Herren von Heinrichen / Ludolphen und Baldewin / Herren Ludolphs von Wenden söhnen / vier Hufen Landen zu Redepe / und vier zu Detmerode belegen / mit 60. m. löhtigen silbers zum besten erkauffe haben. Sonst habe ich noch 2. alte brieffe gesehen / einen / so im iahr 1368 / den andern im iahr 1370. datiret / in welcher ersten er Hermann / Meister im S. Iohannis Orden genennet wird. Diesem Herrn von Warberg ist im regiment zu Süpplingburg nachgefolget Herr Albrecht / Edler Herr zu Warberg / dessen namen ich in einem brief unterm dato 1373. gefunden; kan



____

66 H. MEIBOMII

aber nicht wissen / wie lange dieser Herr Comter gewesen sey / noch wer auf ihn gefolget; aber im iahr 1440. hat der Herr Curd von Rheden die Comterey zur Süpplingburg eingehabt. Bey zeiten Herrn Albrechts / Edlen Herrn zu Warberg und Comtur zu Süpplingburg / ist die Kirche zu Süpplingburg nebst 2. Capellen ganz und gar eingefallen. Damit nun die dieselbige wiederum erbauet werden möchte / hat der Bischoff zu Halberstadt Albrecht / eines ackermans Sohn von Rickmesdorff / allen frommen christen / so sich zu diesem gebäu mild und freygebig erzeigen würden / etliche iahr Ablaß verheissen. Es ist auch dis Gotteshauß in Kriegesläufften etliche mahl sehr beschädiget worden: erstlich anno 1300, als das ganze dorff Süpplingenburg von feinden jämmerlich verbrannt / und in asche geleget worden; im iahr 1432. in währenden kriege zwischen Herzog Wilhelm zu Braunschweig / ist das Städtlein Lutter neben dem Schloß angesteckt und zu grunde verbrandt / und hat man zu Süpplingburg ebener massen haußgehalten; zwanzig iahr hernach ist in der Kirche zu Süpplingburg / am tage Iacobi unter der Messe / Herr Hartwig von Utzem von einem vom Adel / des geschlechts der von Sarnpleden / erstochen worden: darüber man den Gotlesdienst daselbst geleget / und interdict gehalten / biß die sache verglichen / und die Kirche aufs neue geweihet worden. Dis und mehr nicht habe ich von diesem alten und löblichen Stifft und Gotteshause finden



____

67 Bericht

können / ausserhalb der namen etlicher folgender Herren Commendatoren. Und ist hieraus zu mercken / daß die Comturey zu Süpplingburg / welche von einem Röm. Kayser / als damahligen dieser orten Erbherrn und Landesfürsten / ihren rühmlichen anfang gehabt / auch von Fürstl. Und Herren-Standes personen verwaltet worden / dabey zwar grosse und gefährliche veränderung gelitten und ausgestanden / sich aber mit Gottes des allmächtigen gnädiger hülffe wiederum erholet / und bis auf dis ietzige 1615. jahr in gutem wolstande geblieben / und also 485. iahr überbracht habe: wofür dem frommen GOtt zu dancken / sonderlich weil nunmehr in diesen leztern zeiten und ende der welt / durch des allmächtigen Vaters unaussprechliche güte und barmherzigkeit / auch beforderung des getreuen löblichen Landesfürsten / dieser alte Sitz und Comturey zu einem rechten Gotteshause / darinn Gotteswort lauter und rein geprediget / und die h. Sacramenta nach Christi ordnung administriret werden / gewidmet worden. Der liebe fromme GOtt wolle diesem orte / und seiner christlichen Kirche / so er ihm daselbst sammlet / neben der adelichen Obrigkeit / in ihrer wohlverantwortlichen haußhaltung gnädig seyn / und uns samt und sonders / nach verübeter in diesem leben christlichen Ritterschafft / in seinem ewigen Reich die unverwelckliche Crone der ehren aufsezen / um seines lieben Sohnes JEsu Christi willen / Amen.



____

(68)

Verzeichnis etlicher Herren Comtern / so nach abschaffung des Tempel-Ordens / zu Süpplingburg haußgehalten.

1. Gebhard von Bordfeld / hat gelebet Anno 1328.
2. Hermann / Edler Herr zu Warberg / ist gestorben 1371.
3. Albrecht, Edler Herr zu Warberg / Anno 1373.

(Alhier wird ein / oder mehr Herren Comtern mangeln.)

4. Curd von Rheden / A. 1414. bis 1446.
5. Otrave von Bordfeld A. 1464 - 1475.
6. Mancke oder Meincke von der Schulenburg / vixit A. 1480 und 1505.
7. Friedrich von der Schulenburg / Werner des älteren Sohn / A. 1515-1520.
8. Matthies Dirick A. 1535 – 1543.



____

(69)

9. Christoph von Bredau / gestorben A. 1577.

(Nach dessen Tode hat Herr Iulius H. zu B. u. L. die Comturey zu Süpplingburg einnehmen lassen)

10. Christoph Edler Herr zu Warberg / Herrn Antonii des ältern Sohn.
11. Antonius der Jüngere / Edler Herr zu Warberg / hat die Comturey eine zeitlang inne gehabt / aber wiederum abtretten müssen.
12. Nicolaus von Colwerdt / Freyherr auf Petersburg und Rabenstein / starb A. 1596. Dieser ist der erste alhier gewesen / so sich verehelichet.
13. Philipp Friedrich von Wiedensee.

Für jezo besitzet diese Commenturey
Der Durchleucht. Fürst und Herr /
Herr LUDWIG RUDOLPH /
Herzog zu Braunschweig und Lüneburg



Veröffentlicht in:

Johannis Letzneri (Seiten 51 - 69)
"Kurze und bißhero nicht in Druck gegeben Beschreibung Des im Wolffenbüttelschen Herzogthum gelegenen Kayserl. Stifftes Königs-Lutter.
Mit nöthigen Anmerckungen: Worinnen Letzneri und anderer Scribenten Fehler entdecket / und der alte und neue Zustand des besagten Stifftes gründlich vorgetragen und vorgestellet wird.
Samt HENR. MEIBOMII Bericht von der Comthurey zu Süpplingburg"
Wolfenbüttel / Bey Gottfried Freytag / Buchführern. A.C. MDCCXV



tl_files/Fotos/Suepplingenburg/Suepplingenburg_3793.JPG


Hinweis: Die eingefügten Fotos wurden 2012 und 2015 aufgenommen und sind im Druck nicht enthalten


Weitere Informationen über Süpplingenburg sind der Süpplingburger Dorfchronik zu entnehmen.

Sie wurde von Manfred Weber erstellt und 2002 von der Gemeinde Süpplingenburg herausgegeben (ISBN 3-83-11-4513-X).