Gervais 1843: Landgraf Hermann von Thüringen


Landgraf Hermann von Thüringen. Eine historische Skizze, von E. Gervais.

 

 

Wie der Freund von Reisebildern aus dem Kreise nationalen Lebens nur eine einseitige Anschauung von Land und Volk erhielte, wenn man ihm allein das Leben und Treiben in Haupt- und Residenzstädten vorführte, und wären es auch Städte wie London und Paris, die in sich alle Individualitäten der Nationen, alle politischen und intellektuellen Kräfte zu concentriren suchen; so gewährten in gleicher Weise dem Geschichtsliebhaber die Handlungen der Regenten eines Reiches, oder nur der hervorragenden Heroen einer Zeit kein vollständiges Bild von den innern und äußern Zuständen jenes Reiches oder jener Zeit, wenn nicht gleichsam Seitenbilder von charakteristischen Zügen ihn zum Verständnis Dessen, was er vorzugsweise verlangt, führten und sein Interesse unterhielten. Gar oft erwecken Nebenfiguren, untergeordnete Personen, unbedeutendere Ereignisse seine Theilnahme mehr als Könige, gerühmte Helden und epochemachende Begebenheiten, und lassen jene den Geist der Zeit, welcher er seine Theilnahme zuwendet, lebendiger empfinden als diese. — Daß Deutschland sein politisches und sociales Emporringen niemals auf die Bevorzugung

 

 

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einer Metropole gegründet hat, daß es in seiner vielgegliederten Reichsverfassung nie einem unbeschränkten Herrscher die alleinige Macht einzuräumen willig und benöthigt war, ist unbezweifelt ebenso sehr eine Eigenthümlichkeit, wie ein Vorzug in seiner Cultur- und Nationalgeschichte. In dem großen Fortgange von beiden werden stets die freien und eigenthümlichen Bewegungen in kleinern Kreisen auch dem oberflächlichen Beschauer sichtbar, ja jener Umschwung des Ganzen erhält durch das Eingreifen und das stete Zusammenwirken der Theile allein Leben und Gestaltung und könnte nicht gedacht werden, wenn solche Bedingung seines Daseins nicht vorhanden wäre. Längst ehe Deutschland in eine Vielherrschaft größerer und kleinerer Staaten, die fast nur das Band der Nationalität zusammenhält, sich auflöste, — was als der nothwendige Ausgang seiner Geschichte erkannt werden muß — waren im Innern und nach Außen sein Geschick und seine Entwicklung durch die mit, neben und meist gegeneinander ringenden Kräfte bedingt und zeigt sich hier mehr als in andern Reichen ein lebendiger Organismus, nicht eine prädominirende Gewalt als das Princip seiner Fortentwicklung. Am deutlichsten wird diese Eigenthümlichkeit unsers Volkslebens und unsrer historischen Entwicklung in dem durchaus freien und selbständigen Mittelalter, vornehmlich in der vielbewegten Periode der schwäbischen Kaiser, wo nicht diese allein, sondern gleichzeitig die Päpste, die geistlichen und weltlichen Fürsten, die Städte und selbst noch die Völkerschaften durch angestammte oder errungene Rechte, durch ihre Thatkraft, durch ihre wechselseitigen Bestrebungen und Interessen die Schicksale und Ereignisse, die von Deutschland bis zum fernen

 

 

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Orient die Welt bewegten, herbeizuführen vermochten. Jede dieser mitwirkenden Gewalten charakterisirt das Zeitalter, eine steht mit allen in naher Wechselwirkung und keine läßt ohne Interesse den Beschauer, falls dieser der ganzen Zeit und ihren Erscheinungen eine Theilnahme zuwendet.

 

An einen Fürsten, der zwar nicht zu den mächtigsten im Reiche gehörte, wol aber mit den Trägern höchster Würde, den Kaisern, von Friedrich Barbarossa bis auf Friedrich II., in vielfache Berührung kam und oft ihr Geschick in seiner Hand hielt, an einen Mann, der fast keiner bedeutsamen Erscheinung der Zeit ferne stand, der, wie den Hohenstaufen und ihren Gegnern, auch der Kirche und ihren Dienern seine Macht und Bedeutsamkeit, bald als Verbündeter, bald als Widersacher, an den Tag legte, als Landesgebieter den Grafen und Städten innerhalb seiner -Fürstenthümer, wie den Völkern und Kriegshorden im fernen Oriente als Ritter Christi ein Schrecken war, an einen in der Geschichte deutscher Poesie mehr gerühmten als gekannten Beförderer der letztern, soll sich die nachfolgende historische Skizze anlehnen, um ein anschauliches Bild von all den die Zeit bewegenden und von ihr hervorgerufenen Erscheinungen, wie sie in einer einzelnen Persönlichkeit von so mannigfachen Beziehungen zum Ganzen sich widerspiegelt, zu concentriren.

 

Damit der Leser von vornherein ein Bild des Mannes, den wir in seinen Handlungen ihm vorführen wollen, erhalte, stellen wir die Charakteristik desselben nach den Worten einer zwar jüngern deutschen, aber aus alten lateinischen Quellen geschöpften Chronik an die Spitze seiner Biographie: „Landgraf Hermann von Thüringen war

 

 

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vornehm vor allen Fürsten und Herren in deutschen Landen; seine Tugend, seine Herrschaft und Mannheit weit erscholl. Er war züchtig in Geberden, scheinig (ausgezeichnet) in Sitten, mäßig in Worten, milde an Güte, freudig, männlich, kühn wie ein Held, da er mit wenig Volk große Scharen bekämpft und den Preis auf dem Felde ritterlich behalten hat. Er ging selten zu Bette, ohne ein gutes (d. h. verständiges) Wort angehört, oder aus der heiligen Schrift, sei’s lateinisch, sei’s deutsch, etwas conferiret oder von der muthigen Freudigkeit der alten Fürsten und Herren etwas vernommen zu haben. Große Liebe und Lust hatte er zur Schrift, gab sich nicht nutzloser, fauler Trunkenheit hin, litt nicht gerne, daß Jemand über ihm stand, doch duldete er seines Gleichen.“ Diese Schilderung erklärt uns seine Thaten, seine Handlungsweise, sein Streben, und wiederum wird aus allen diesen das Bild, welches der Chronist so wahr gezeichnet, sich zusammenstellen. Was Hermann aber gestattete die großen Naturanlagen im glänzendsten Lichte zu entfalten, war — das Glück. Es lächelte ihm noch nicht in der Wiege, aber es führte ihn später durch seltsame Fügung der Umstände zu einer Höhe, wo er Gelegenheit fand, frei und selbständig, mit Klugheit und keckem Muth in die wichtigsten Angelegenheiten der Nation einzugreifen, die Ereignisse zu seinem Vortheile zu nutzen, eine gebieterische Stellung höheren Fürsten, ja den höchsten gegenüber einzunehmen und über minder mächtige nach seiner Willkür zu verfahren.

 

Hermann war von vier Brüdern der jüngste, demnach durfte er in jungen Jahren kaum hoffen die Würde

 

 

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seines Vaters. zu erhalten, am wenigsten dessen Erb- und Lehngüter ungetheilt in seinen Besitz zu bringen. Und doch sollte er dereinst alleiniger Herr derselben werden, ja sie in erweitertem Umfange überkommen, um sie dann, noch durch manches Hinzuerworbene vermehrt, seinen Nachkommen zu hinterlassen. Sein Vater Ludwig, gewöhnlich der Eiserne zubenannt, der vierte des Namens in seinem Hause, der zweite als Landgraf von Thüringen, hatte sich, der Politik seines Vaters getreu, dem herrschenden Kaiserhause der Hohenstaufen enge angeschlossen, wozu schon die Dankbarkeit ihn verpflichtete, da König Konrad III. sich seiner als eines minderjährigen Knaben, der erst elf Jahre zählte, als der Vater (1140) starb, angenommen, ihm die landgräfliche Würde zuerkannt, am eignen Hofe erzogen und mit seiner Nichte Jutta, der Tochter Herzog Friedrich’s (Cocles) von Schwaben vermählt hatte. Kaiser Friedrich, Jutta’s Stiefbruder, erwies dem Schwager sich gleichfalls sehr geneigt, wofür jener sich stets treu ergeben und zu jedem Dienste, selbst zu ungerechter und gefährlicher Ausführung kaiserlicher Befehle bereit zeigte. Ein Beispiel letztrer Art finde hier schon seinen Platz. Erzbischof Konrad von Mainz, obschon ein Bruder des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, der dem Kaiser in Italien bei allen Unternehmungen treuen und kräftigen Beistand geleistet, war doch als erster Prälat des Reiches nach dem Beispiel vieler seiner Vorgänger mehr dem Papste als seinem weltlichen Oberherrn zugethan und erkannte, anders als die meisten deutschen Geistlichen, Alexander II. für das einzig rechtmäßige Kirchenhaupt an, dem Friedrich gewaltsamer Weise drei unwürdigere Päpste nacheinander entgegenstellte. Um an Konrad sich zu rächen, gebot der

 

 

 

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Kaiser dem Landgrafen Ludwig II. von Thüringen die Mauern von Erfurt, die jener vor kurzem hatte aufführen lassen, zu brechen. Gern erfüllte der seines Schwagers Befehl (1164), weil die Befestigungen Erfurts, der mächtigsten Stadt Thüringens, wonach Mainz und die Landgrafen, orgleich die Stadt dem Reiche gehörte, begehrlich die Hände ausstreckten, ihm selber Gefahr drohten. Nicht minder dienstfertig dem Kaiser glaubte Ludwig zu handeln, als er in dem Kampfe der verbündeten norddeutschen Fürsten gegen Heinrich den Löwen, Herzog von Baiern und Sachsen, sich 1166 und 1167 erstern anschloß, wofür diesmal freilich ihn wie die andern des Kaisers Zorn, wenn auch ein allein von den Umständen gebotener Zorn, traf. Denn bald wurde die Demüthigung des übermächtigen Welfen das eifrigste Bestreben der Hohenstaufen. In dem Vernichtungskampfe wider Heinrich (1178—82) dienten bereits die Söhne des 1172 verstorbenen Landgraien im Geiste des Vaters dem kaiserlichen Oheim und gründeten dadurch die Erweiterung ihrer Macht, die nach der Zertrümmerung der welfischen in Norddeutschland eine neue Bedeutung bekam. Ehe wir dies näher beleuchten, werfen wir zuvor einen Blick auf die innern Verhältnisse des landgräflichen Hauses und des thüringer Landes.

 

Der Stammvater jenes, Ludwig mit dem Barte, wenn auch nicht französischer, so doch fränkischer Herkunft, war dem ersten deutschen Kaiser des fränkischen Hauses, Konrad II., so wie dessen Gemahlin Gisela verwandt und darum nach der Politik dieses Herrschergeschlechtes ausersehen, unter den ihnen wenig ergebenen Thüringern eine

 

 

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Stellung einzunehmen, in welcher Ludwig dem Hofe und auch sich selber nützen konnte. Thätig, umsichtig, mit Würde und Klugheit stand er den durch Belehnung, Kauf und durch die Heirath einer reichen Erbin an sich gebrachten Gütern (von 1039 - 1048) so vor, daß er durch sein Beispiel die Großen des Landes mehr mit Achtung, als mit Besorgniß und Haß gegen sich erfüllte. In gleicher Weise suchte sein Sohn Ludwig, richtiger der Salier als der Springer zubenannt, während seiner vieljährigen -Herrschaft (1048 - 1123) Lehne und Allodien zu mehren und durch Anbau des Landes zu verbessern. Aus der Verbindung mit der schönen Adelheide von Stade erwuchs ihm reicher Gewinn, aber freilich auch eine Reihe böser Händel, weil er dem Verdachte nicht entging, an dem Morde von Adelheidens erstem Gemahle, Pfalzgraf Friedrich III. von Gosek, Theil genommen zu haben. Ueberdies nöthigten ihn die allgemeinen Aufstände der norddeutschen Fürsten gegen die Willkür Heinrich’s II. und die Herrschsucht Heinrich‘s V. von der Partei dieser zu jenen überzutreten, wodurch die frühere Bedeutsamkeit seiner Stellung in Thüringen, wie sie sein Vater behauptet hatte, verringert ward. Um so höher stieg sie wieder unter seinem Sohne Ludwig, der wie der Großvater zu Konrad II. so zu Kaiser Lothar III. sich in das zwiefach bindende Verhältnis treuster Dienstbarkeit und naher Verwandtschaft setzte. Seine Gemahlin Hedwig, zu der ausgebreiteten Familie der Kaiserin Richenza gehörend, brachte ihm ansehnliche hessische Güter, welche dadurch noch vermehrt wurden, daß sie und ihr Gemahl die Erben ihrer Mutter wurden; die auch in zweiter Ehe mit Ludwig’s jüngerm Bruder, Heinrich Raspe, keine weitern Nachkommen erzeugte

 

Hist. Taschenbuch. Neue F. IV. 7

 

 

 

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und nach der Ermordung des Letztern zwiefache Ansprüche an ihre und ihres Mannes Hinterlassenschaft der Tochter und dem Schwager, der zugleich ihr Schwiegersohn war, übertrug. Zu dieser Erweiterung des Besitzes fügte der Kaiser die Erhöhung der Würde, als er Ludwig nach der Entsetzung des geächteten Hermann von Winzenburg zum Landgrafen von ganz Thüringen, d. h. wol zum Oberfeldherrn im Kriege, wo die Thüringer als eine eigne deutsche Völkerschaft auftraten, und zum erblichen Vorsitzer in den Grafen- oder Landgerichten (Placita) *) ernannte.

 

Wurde durch diese kaiserliche Belehnnng mit der neuen Amtswürde Ludwig auch nicht gebietender Landesfürst und Oberherr der vielen Thüringer Grafen, die bisher reichsunmittelbare und unabhängige Fürsten gewesen waren, so liefen doch diese Gefahr, über kurz oder lang in der Landgrafen Abhängigkeit zu gerathen. Lothar‘s ebenso gemäßigtes als kräftiges Verfahren im Reiche und Lndwig‘s des ersten Landgrafen Umsicht und Thätigkeit ließen es zwar

 

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*) Die Ansicht, daß Landgrafenthum ein Land bezeichne, das zum Herzogthum zu klein gewesen, oder doch wegen andrer Ursachen nicht Herzogthum werden sollte, woher es Landgraviatus, d. h. Kleines Herzogthum genannt worden, ist gewiß eine willkürliche. Die placita provinciala, sei‘s in Reichsländern oder in Herzogthümern, oder vielherrigen Provinzen, wurden von einem erwählten judex provincialis und 12 assessores abgehalten. Wer das Richteramt und den Vorsitz erblich erhielt, hieß Comes provincialis und dies ist ja die gewöhnliche Bezeichnung der Landgrafen, woneben noch regionarius Comes, Comes patriae und das latinisirte Landgrviatus als Synonima sich finden. Die feierliche Belehnung per vexillium durch Lothar erhöhte freilich die Bedeutung des Thüringer Landgrafen. Sie erhob ihn zum Oberanführer und setzte ihn in den Rang der ersten Reichsfürsten.

 

 

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zu keiner Auflehnung der Grafen gegen den vom Reiche bestallten, nicht mehr von ihnen erwähnen Vorsitzer auf den Landtagen kommen, aber, als nach Lothar’s Tode sich sogleich der Parteienkampf zwischen Welfen und Hohenstaufen erhob, als zu früh Ludwig I. starb und er einem minderjährigen Sohne die Würde hinterließ, ersahen die Thüringischen Dynasten die günstige Gelegenheit, vor aller Beschränkung alter Freiheiten und Rechte sich zu bewahren. Unter Konrad III., der nur mit Mühe den arglistig angemaßten Thron behaupten konnte, bei der Minderjährigkeit und häufigen Abwesenheit Ludwig‘s II. schalteten die Grafen zügellos in Thüringen und erlaubten sich Bedrückungen, die laute Klagen der Städte und des Landvolkes hervorriefen. Durch jenes unbesonnene, maßlose Verfahren verfehlten sie ihren Zweck und gaben dem zum kräftigen Manne sich ausbildenden Landgrafen, dem bald Friedrich Barbarossa den stärksten Rückhalt und gewiß auch thätige Unterstützung bot, in den gekränkten Bürger und geplagten Bauern Verbündete und Unterthanen, mit denen Ludwig es wagen durfte, nachdrücklich den Großen entgegenzutreten und ihnen ein Joch auf den Nacken zu binden, dem sie nicht mehr ungestraft und ohne neue Demüthigungen sich entziehen durften. Der Beiname des Eisernen ist Ludwig II. nicht nur aus der Volkssage vom Schmidt in der Ruhl, sondern auch unbezweifelbaren historischen Thatsachen beizulegen.

 

Daß er aber keinesfells ein roher Kriegsheld war, dem Sinn für Edleres und Höheres abging, beweist schon die Sorgfalt, welche er auf die Erziehung seiner Kinder wandte. Seine vier Söhne Ludwig, Friedrich, Heinrich und Hermann, denen nur noch eine Schwester Jutta,

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zur Seite stand, ließ er in allen Wissenschaften jener Zeit den besten Unterricht ertheilen und wollte, daß alle, um sich vollkommen auszubilden, die Universität Paris besuchen sollten. Von den beiden ältesten ist dies auch zuverlässig bekannt und von Hermann läßt es sich fast mit Gewißheit voraussehen, da er später noch mit Paris in wissenschaftlicher Berührung blieb. In einem noch erhaltenen Schreiben an König Ludwig VII. von Frankreich ersucht diesen der Landgraf sich der zwei ihm zugeschickten Söhne mit Wohlwollen anzunehmen. Wer von ihnen sich am meisten zu den friedlichen Studien, vornehmlich der Theologie eigne, solle ganz dabei verbleiben. Friedrich entsprach dem Wunsche des Vaters und trat noch zu dessen Lebzeiten 1171 in den geistlichen Stand. Wir treffen ihn bis 1175 als Propst zu St. Stephan in Mainz, und nur politische Rücksichten veranlaßten ihn 1186 der priesterlichen Weihe zu entsagen und dem ehelosen Stande eine Verbindung mit der Gräfin Lutgard von Zigenhayn vorzuziehen, wodurch er selbst zur Grafschaft Zigenhayn gelangte und der Stammvater einer neuen Linie des gleichnamigen Fürstengeschlechtes wurde.

 

Der älteste der Brüder, Ludwig, folgte seinem Vater in der landgräflichen Würde (1172 — 119l), die er minder strenge und hart gegen die Großen des Landes zu behaupten wußte, da die Gunst und der Beistand seines Oheims Friedrich Barbarossa seine Nachsicht gegen die immer noch Trotzigen ersetzten. Wenn er die Beinamen-des Milden, des Friedliebenden, des Frommen auch mehr seiner Freigebigkeit gegen die Geistlichkeit verdankte, läßt sich doch in der That in seinem Leben der Charakter der Wohlwollenheit, Güte und der religiösen Schwärmerei nicht verkennen.

 

 

 

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Irren aber würde man, in ihm einen der Ruhe fröhnenden, dem Kriege abholden, der Klerisei ergebenen Fürsten zu suchen. Vielmehr ist seine ganze Regierung eine Reihe von Kämpfen, bald gegen trotzige Städte und Grafen seines Landes, bald gegen Nachbarfürsten, gegen viele geistliche Herren und Stifter, namentlich gegen das Erzstift Mainz. In Polen, Böhmen, Italien und im Orient erscholl der Ruf seiner ritterlichen Tapferkeit; schon in seinem hohen männlichen Wuchs, in seinem ausdrucksvollen Gesicht, in dem Feuer seines Auges sich kund gab. In mehren Kriegen folgte er freilich nur dem Gebote des Kaisers, zum Kreuzzuge der Mahnung der Kirche und der allgemeinen Begeisterung für die Befreiung des heiligen Grabes.

 

Früh stand auch Hermann dem Bruder als Helfer, Rather und Kampfgenosse zur Seite. An Tapferkeit, Klugheit, Schönheit und ritterlicher Ausbildung ihm nichts nachgebend, übertraf er ihn an Geistesschärfe, Schlauheit, schneller Auffassung und kluger Benutzung der Verhältnisse,e die einen Vortheil ihm sogleich oder für die Folgezeit darboten. In den Wegen und Mitteln, die zu einem Gewinne führten, war er eben nicht allzubedenklich, in geleisteten Versprechungen, in übernommenen Verbindlichkeiten nicht stets gewissenhaft, bei der Annahme dargebotener Geldsummen oder neuen Gütererwerbes nicht scheu, wenn nur die äußere Ehre nicht verletzt oder mit gutem Vorwande sein Parteienwechsel gerechtfertigt schien. Da ihm noch außer Friedrich, der durch seinen geistlichen Stand nicht hinderlich war, zwei ältere Brüder die Landgrafenwürde in allzuferne Aussicht stellten, so war er früh bedacht, auf andre Weise zu eignem Besitz und einer bedeutenden

 

 

 

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Würde zu gelangen. Noch in jungen Jahren sah er bereits sein Streben nach Wunsch gefördert. Der Sturz des mächtigen Herzog Heinrich des Löwen brachte ihm und seinem Hause eine sonst schwer zu erringende Macht unter den Fürsten des nördlichen Deutschlands. Es ist hier nicht der Ort, den vielfach dargestellten Vernichtungskampf Kaiser Friedrichs und Heinrich’s noch einmal zu wiederholen. Ueber die Rechtfertigung des Einen oder des Andern, über die Frage: ob ihn eine unausweichbare Nothwendigkeit oder ein geheim vorbereiteter Plan herbeigeführt habe, über das Verfahren beider Theile vor, während und nach dem Kampfe mögen die Ansichten der Geschichtschreiber nach ihren verschiedenen Standpunkten getheilt ausfallen; dagegen kann über die neuen Verhältnisse in Norddeutschland, die Friedrich’s Verfahren und die Anfoderungen der verbündeten Fürsten an den Kaiser nach der Ueberwindung des gemeinsamen Gegners herbeiführten, kein Zweifel entstehen.

 

De nationale Scheidung zwischen Nord- und Süddeutschland, die bis auf den heutigen Tag noch keinem politischen, religiösen und intellectuellen Gemeingeist gewichen ist und ihm wol nie weichen wird, ja nicht weichen darf, hatte unter den beiden letzten fränkischen Kaisern ein feindliches Aufeinanderstoßen herbeigeführt, das, von Sachsen ausgehend, bald im ganzen Nordens eine Opposition gegen die am Oberrhein und im Süden gewonnene Macht Heinrich‘s IV. und V. hervorrief. Das richtige Maß von Strenge und Herrscherkraft, womit Konrad II. und Heinrich III. die widerstrebende sächsische Nation niedergehalten hatten, war durch Heinrich’s IV. jugendliche Unbesonnenheit in Willkür und gewaltsamen Druck ausgeartet,

 

 

 

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sodaß jene nur durch Empörung und Abfall dem Misbrauch seiner Gewalt sich zu entziehen vermochte und nun im ganzen Reiche, ja außerhalb desselben bei der römischen Curie Verbündete suchte. Dadurch wurden ganz fremdartige Interessen in den Kampf gezogen, welcher fast funfzig Jahre mit geringen Unterbrechungen Deutschland zerrüttete. Denn es erwuchs diesem kein Heil daraus, daß Heinrich V. dem Vater die Krone entriß, vielmehr dem Sohne nur ewige Schande, die durch seine ungezügelte Herrschsucht noch erhöht ward, wodurch er Fürsten und Städte, Papst und Geistlichkeit gegen sich erbitterte. Lothar III. (1125—37) gelang es den tiefgewurzelten Zwiespalt durch rastlose Thätigkeit, heilsame Mäßigung und kluge Politik im Innern und nach Außen zu versöhnen und den alten Glanz des deutschen Kaiserthrones zu erneuern. Seinem Schwiegersohne und von ihm bestimmten Nachfolger, dem mächtigen und kräftigen Herzog Heinrich von Baiern und Sachsen, schien es vorbehalten, Deutschlands Einheit und Festigkeit dauernd zu gründen; da entriß diesem arglistig der Hohenstaufe Konrad den Thron, ohne die Befähigung und die nothwendige Hausmacht für denselben zu besitzen, sondern allein durch Heinrich’s des Stolzen frühen Tod (1139) und Heinrichs des Löwen Minderjährigkeit im Stande, ihn zu behaupten und die mächtige. Gegenpartei im Zaum halten.

 

Als Konrad’s Neffe, (1152-90), im Besitze größrer Hausmacht und ausgezeichneter Herrschergaben, den Thron bestieg, gab er im Gefühl des Rechts und im Vertrauen auf des Blutsverwandten Ergebenheit Heinrich dem Löwen den größten Theil der seinem Vater abgesprochnen Reichslehen zurück. Mit ihm, der im Süden

 

 

 

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und Norden Deutschlands der mächtigste Fürst war, hoffte er die Reichskraft vereinigt zu seinem Beistande gewonnen zu haben, um die verlornen Rechte und die Gewalt des Kaisers, welche durch das Wormser Concordat geschmälert waren, diesem wieder zu entreißen. Konnte der Welfe aber vergessen, daß ihm von den Hohenstaufen die Krone entrissen worden? Konnte er den Glanz dieser auf Friedrich‘s Haupte erhöhen, ohne sich dadurch erniedrigt zu sehen? Sollte er seine dem Kaiser überlegene Macht nur verwenden, um den Letztern, zu einer Größe zu fördern, daß jeder Fürst der Erde, also auch er selber ein Dienstmann »des römisch-deutschen Augustus erschien, der allein gebot, während alle andern nichts als Gehorsam gegen den Allmächtigen kannten. Nein, Heinrich’s Ehrgeiz und Ruhmsucht strebte nach eignem Gewinn und eignem Glanz, wozu ihm der slavische Norden nach Außen, die vielen kleinen Fürsten und Herren innerhalb seiner norddeutschen Herzogthümer erwünschte Gelegenheit boten. Ein nordisches Reich zu gründen und sich darin zum unumschränkten Herrscher zu machen, erschien ihm leichter und ehrenvoller als die freiheitsliebenden Lombardischen Städte und den als Weltbeherrscher anerkannten Papst Friedrich’s Srepter unterwerfen zu helfen. Bald zeigte sich, daß Heinrich ein erreichbares Ziel erstrebe, Friedrich ein eitles, auch wenn der Herzog dem Kaiser statt Lauheit und Abneigung Ergebenheit und nachdrücklichen Beistand bot. Gedankt aber sei’s dem Hohenstaufen, daß auch des Welfen ausführbarer Plan vereitelt ward! Was wäre aus Deutschland geworden, wenn Heinrich mit der nördlichen, oder falls er Baiern noch dazu behielt und Oestreich wiederverband, Thüringen und die östlichen Marken überwältigte,

 

 

 

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mit der westlichen Hälfte Deutschlands von dem Reichskörper sich losgerissen und ein neues germanisch - slavisches Reich gegründet hätte? Die Verhinderung dieses Planes mußte aber von Friedrich theuer erkauft werden. Nicht blos den seinigen aufzugeben genügte, Heinrichs Macht in Deutschland mußte zerstückelt werden, einmal, um auf immer dessen Vorhaben zu vereiteln, dann aber auch, um die verbündeten Fürsten, mit deren Beistand er allein den übermüthigen Gegner überwältigen konnte, nach ihren Foderungen zu belohnen. Nicht nur Sachsen von Baiern zu trennen genügte, sondern jedes mußte in kleinern Theilen vielen geistlichen und weltlichen Fürsten zugewiesen werden, sodaß dem Kaiser selbst kein andrer Gewinn und kein andrer Ruhm blieb als eben nur der: den Gewaltigen vernichtet und seinen Plan vereitelt zu haben. Wer und was Jeder aus der zerstückelten Lanmasse des Welfen erhielt, ist von Andern nachgewiesen worden. Hier erwähnen wir nur zwei für unsre Darstellung wichtige Punkte.

 

Der erste ist, daß Sachsen, oder nach heutigem Begriff Norddeutschland, vom Rhein bis zur Elbe und noch weiter gen Osten, von der Nord- und Ostsee bis zur Grenze von Franken, Baiern, Böhmen und Schlesien, unter der Verwaltung der sächsischen Kaiser als Herzogen von Sachsen, der Billungen, Lothar’s, Heinrich des Stolzen und Heinrich des Löwen das mächtigste Herzogthum, von dem auch Thüringen, Meißen, die östlichen Marken stets in einiger Abhängigkeit geblieben waren, nun aufgehört hatte, ein Ganzes unter einem prädominirenden Landesherrn zu sein. Weil aber die nationale Verwandtschaft oder die herkömmliche Verbindung nach der

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Zerstückelung nicht das früher gemeinsame Interesse aus den Augen verlor, so entstand unter den Fürsten, die nach dem Sturze Heinrich des Löwen sich mächtiger und selbständiger erhoben, das Bestreben, eine Art Hegemonie in Norddeutschland zu erlangen. Die neuen Anhaltinischen Herzoge von Sachsen und die Landgrafen von Thüringen glaubten dazu die nächste Berechtigung zu haben und suchten bald durch Waffengewalt, bald mittels einer mehr von geistiger Ueberlegenheit geleiteten Politik den Vorrang sich abzugewinnen. Auch Friedrich, Barbarossa hatte neben der Nothwendigkeit der Zerstückelung deren Nachtheile für sich und das Reich erkannt und war sowol vor der Achtsvollstreckung, als nach dem SturzeHeinrich’s bedacht gewesen, jene Nachtheile dadurch zu verringern, daß er Einem der Theilfürsten eine etwas hervorragende Macht zuwies, wodurch es ihm möglich wurde, wieder eine Verbindung der Vielherrscher, die er erhoben hatte, herzustellen, um sich der Gesammtmacht Sachsens für seine fernern Plane zu bedienen. Ein ihm nahesteheder und zuverlässiger mußte diese höhere Stellung einnehmen.

 

Dieses leitet auf den zweiten Punkt über. Den Landgrafen Ludwig von Thüringen hatte der Kaiser zum Vertreter Sachsens ausersehen. Zwar die Herzogswürde durfte Bernhard von Aschersleben, einem Sohne Albrecht des Bären, nicht entzogen werden, weil er der vornehmste der sächsischen Grafen war, die wider Heinrich und für den Kaiser die Waffen ergriffen, und weil bereits dem Vater desselben die Anwartschaft, ja schon der Titel eines Herzogs von Sachsen zuerkannt gewesen und das mächtige weit verzweigte Haus der Anhaltiner nicht abermals übergangen werden konnte. Nächst Bernhard verlangte

 

 

 

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Der ehrgeizige Erzbischof Philipp von Köln für vielfach geleistete Dienste und Aufopferungen, die er mit Behelligung seines Gewissens durch manche frevelhafte und gewaltthätige Handlungen zu Gunsten des Kaisers gebracht, eine allgemeine Belohnung, die er in den an sein Erzbisthum grenzenden Theilen des Herzogthums Sachsen, in Engern und Westfalen, bezeichnete. Auf ihn mußte Friedrich Rücksicht nehmen, wollte er den bisherigen Freund nicht in den erbittertsten Feind verwandelt sehen. Wenig blieb da für Ludwig noch übrig, dem der kaiserliche Oheim so gern das Meiste zugewandt hätte. Statt großer Lehne gedachte er nun ein wichtiges Amt ihm zuzuweisen. Die sächsische Pfalzgrafenwürde war unter den frühem Herrscherdynastien Deutschlands von höchster Bedeutung gewesen. Der Pfalzgraf hatte nicht nur die höchste Gerichtsbarkeit im Lande, er vertrat auch die Person des Kaisers und übte während eines Interregnums bis zur Erhebung eines neuen Reichsoberhauptes alle kaiserlichen Rechte ans. Unter den sächsischen Kaisern war das Amt wegen der Gewalt, die damit verbunden war, weder einem Landesgrafen noch auf Lebensdauer oder gar erblich verliehen worden. Erst Heinrich III. wagte dies und hoffte durch einen treuen und kräftigen Vertreter sein eignes Ansehen und seine den Sachsen verhaßte Herrschaft zu befestigen. Völlig seinen Wünschen entsprach als Pfalzgraf von ganz Sachsen Dedo von Gosek, der Bruder des bekannten Erzbischofs Adalbert von Bremen, sodaß durch dieses Brüderpaar den widerspenstigen sächsischen Großen, vornehmlich den Billungen, zwei Hüter im Lande gesetzt wurden, die wachsam die Schritte der Abgeneigten beobachteten und dem Kaiser jedes gefahrdrohende Vorhaben hinterbrachten.

 

 

 

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Als aber gegen Heinrich IV. und V. die Sachsen sich auflehnten und des Kaisers Ansehen im Lande aufhoben, verloren auch die Pfalzgrafen ihre Bedeutung, zumal seit die Würde unter zwei feindlichen Häusern von Gosek und Sommerschenburg mehr eigenmächtig als durch kaiserlichen Willen getheilt war. Nur die Sommerschenburger Frieddrich I. und II. behaupteten noch als Landesfürsten, nicht als Vertreter des Reichsoberhauptes bedeutende Stellung und standen meist auf Seiten der Gegner des Kaisers. So hatte auch noch Friedrich’s II. Sohn und Nachfolger im Pfalzgrafenamte, Adalbert, als der Vernichtungskampf gegen Heinrich den Löwen begann, dessen Partei ergriffen und eine Heeresabtheilung desselben befehligt. Nach· einer empfindlichen Niederlage (1178) war er aber vom Kriegsschauplatze abgetreten und bald danach ohne Nachkommen gestorben. Auch das Goseker Haus war so gut als erloschen, da der letzte Sprößling desselben, Friedrich V. zum geistlichen Stande übergetreten, bereits die Würde eines Bischofs von Prag bekleidete.

 

Kaiser Friedrichs Plan war es unfehlbar, die Pfalzgrafenwürde wieder in alter Bedeutung herzustellen, um dadurch wie einst Heinrich III. sein Ansehen in Sachsen zu erhöhen. Ludwig von Thüringen, unter allen norddeutschen Fürsten seinem Blute und Herzen der nächste, sollte als Pfalzgraf ihn vertreten, als solcher die Landesfürsten in der Treue und im Gehorsam gegen den Thron erhalten und dem Range nach sogar über dem Landesherzoge stehen. Die Reichsstädte, Pfalzen, kaiserlichen Schlösser und Reichsgüter in Sachsen und Thüringen, obschon davon viel während der Sachsenkriege eingebüßt war,

 

 

 

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boten noch immer eine bedeutende Stütze dem Verwalter derselben. Nimmt man dazu noch Ludwig‘s eigne Hausmacht und die Landgrafenwürde, so mußte in der That ein solcher Pfalzgraf von Sachsen mehr sein als der in seinen Besitzungen äußerst geschmälerte neue Herzog Bernhard. Aber der Plan des Kaisers ward vereitelt oder konnte wenigstens im gewünschten Umfange nicht ausgeführt werden. Ludwig nämlich, sammt seinem Bruder Hermann, erlitten (am 15. Mai 1180) gegen Heinrich eine Niederlage bei Weißensee und wurden von dem Sieger als Gefangene weggeführt. Erst als der Herzog der Uebermacht seiner Gegner erlag, bediente er sich der Neffen des Kaisers als Friedensvermittler und entließ sie, nachdem sie eidlich versprachen für ihn das Wort zu führen, an Friedrich’s Hof. Als der Kampf mit dem Reichstag zu Erfurt (im November 1181), wo Heinrich sich auf Gnade und Ungnade unterwarf, sein Ende nahm, durfte der Kaiser dem nicht die höchste Macht als Kriegslohn ertheilen, der eine Niederlage erlitten und, um den drückenden Fesseln zu entgehen, Fürsprache für den Geächteten gethan, dessen Vernichtung beschlossen war und der mehr aus dem Schiffbruche rettete, als die sächsischen Fürsten, namentlich Bernhard erwartet harten. Eine zu große Zurücksetzung gegen den neuen Herzog, der den größten Eifer im Kriege bewiesen, gegen alle Verbündete Friedrich‘s wäre es gewesen, wenn dieser den Schwestersohn ihnen vorgesetzt und in einer Würde, die längst schon kein Ansehen mehr besaß, über den Landesherzog, der gewohnt gewesen alle andern Fürsten Norddeutschlands als untergeordnet und abhängig zu betrachten, gestellt hätte.

 

Ludwig behielt nicht einmal die ihm zuerkannte Pfalzgrafenwürde,

 

 

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sei’s, daß er sie ohne höhere Bedeutung nicht annehmen, oder daß die unzufriedenen sächsischen Fürsten keinen so mächtigen als den Landgrafen von Thüringen in einer Stellung, der der Kaiser in der Folge immer noch ein großes Gewicht geben kronnte, sehen, oder daß Friedrich auf andre Weise seinen frühem Plan ausführen wollte; genug, der jüngere Bruder Hermann erhielt das Pfalzgrafenamt und heirathete, um alle Ansprüche Andrer auszuschließen und die seinigen gültiger zu machen, die Tochter des 1162 verstorbenen Pfalzgrafen Friedrich II. von Sommerschenburg, um des Vortheils wegen nicht bedenklich, daß Sophie, bereits Witwe von Graf Heinrich von Wettin, um viele Jahre älter war als er.

 

Von nun ab zeigt sich Hermann’s Glück im Steigen. Bereits war während seiner Gefangenschaft sein Bruder Heinrich Raspe gestorben, er also Ludwig‘s nächster Erbe, wenn derselbe kinderlos blieb. Dies ließ dessen Naturell als wahrscheinlich voraussehen. Es wird von mehren Chronisten Ludwig’s große Keuschheit gerühmt, die so weit gegangen sein soll, daß er auch als Gatte nicht die ehelichen Pflichten erfüllte. Zweimal vermählt, ließ er von beiden Frauen unter nichtigen Vorwänden sich scheiden, von der ersten Margarethe von Cleve 1183, weil sie eine zu nahe Blutsverwandte sei; von der zweiten, Sophia, einer russischen Prinzessin, Witwe König Waldemar’s von Dänemark, ohne allen Grund und selbst mit Verletzung des Anstandes, worüber er mit Kanut; ihrem Sohne erster Ehe, in Händel verwickelt wurde.

 

Ueber Hermann’s Verwaltung des Pfalzgrafenamtes erfahren wir Näheres nicht, doch läßt die enge Verbindung, in der er mit seinem Bruder Ludwig verblieb und

 

 

 

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die Gunst, die Kaiser Friedrich beiden Brüdern nach wie vor erwies, vermuthen, daß er mit überlegner Macht, die seine geistige Gewandtheit noch erhöhte, zu aller Dreien Vortheil gewirkt und in einer so schwierigen Stellung die beste Vorschule für spätere noch schwierigere Verhältnisse erhalten habe. Von den vielen Fehden, in denen er dem Bruder Beistand leistete, erwähnen wir hier nur der mit dem Erzstifte Mainz, meist die Stadt Erfurt und die zu Mainz gehörenden Thüringischen Besitzungen betreffend, weil sie für spätere Kämpfe Hermann’s mit dem gleichen Gegner das Vorspiel war und aus gleicher Veranlassung hervorging.

 

Die Stadt Erfurt erscheint während des ganzen Mittelalters und bis zum westfälischen Frieden in einem eigenen Verhältniß. Noch auf dem letztern behauptete und wies sie ihre Reichsunmittelbarkeit nach, wofür schon die vielen daselbst gehaltenen Reichstage, und darunter äußerst wichtige, Zeugniß geben. Gleichwol übten in ihr außer dem Kaiser noch Andre eine Oberhoheit. Die Landgrafen von Thüringen nahmen sie als Hauptstadt des Landes in Anspruch, schalteten darin wie Landesherren oder ertheilten ihr Privilegien und Freiheiten, wie dies nur dem Reichsoberhaupte zustand. Die Erfurter selbst hatten sich indessen die benachbarten Grafen von Gleichen zu ihren Schirmherren gewählt und leisteten diesen, wie sie ihnen, die schuldigen Dienste. Vor allen aber glaubte das Erzstift Mainz ein Souverainetätsrecht an die Stadt zu haben und nannte Erfurt ein Filial, weil einst Bonifacius, oder einer seiner Schüler das Bisthum Erfurt neben dem Erzstift Mainz verwaltet hatte und jenes, frühzeitig aufhörend, unter dieses Abhängigkeit verblieben sei. Natürlich

 

 

 

 

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160 Landgraf Herrnann von Thüringen.

 

konnte dieses nur in Geistlichem, nicht in Weltlichem der Fall sein, da damals letzteres überhaupt der Geistlichkeit noch nicht zustand. Gleichwol machten die Mainzer Erzbischöfe ihre Ansprüche als Gebieter geltend, indem sie den Kaisern nur während der Reichstage die Gewalt einräumten. Die Stadt war damit im Grunde ganz zufrieden, weil die Erzbischöfe, um sich den wichtigen Platz in der Mitte Deutschlands und im Herzen Thüringens zu erhalten, ihr große Freiheiten und Rechte einråumten. Vielleicht hätte auch Friedrich nicht sein kaiserliches Recht bei Niederreißung der Mauern 1164 geltend gemacht, wenn es nicht mehr dem persönlichen Widersacher, Konrad von Mainz, als dem Erzstifte gegolten. Als an seine Stelle Christian unter Landgraf Ludwig’s II. Vermittelung auf den ersten deutschen Kirchenstuhl erhoben wurde, schloß sich der schlaue Staatsmann und erprobte Kriegsheld zwar an den Kaiser enge an und leistete ihm in Italien die wesentlichsten Dienste; aber auch Erfurt vergaß er nicht und ließ die Mauern (1168 und 69) wiederherstellen unter dem Vorwande, der Stadt einen Schutz gegen feindliche Nachbarn zu gewähren. Ludwig durfte aus Rücksicht für den Kaiser, der seinem Kanzler die Erlaubniß ertheilt hatte, den Bau nicht hindern, so gefährlich für sich selber er diesen auch erkannte. Schon 1175 erhoben auf Anreizung Erwin’s von Gleichen und eines Grafen Heinrich die Erfurter gegen Ludwig III. eine Fehde und fielen verwüstend in dessen Besitzungen. Der Landgraf wollte weniger die Thäter als die, welche sie aufgereizt hatten, seinen Zorn fühlen lassen. Drei Kastelle des Grafen Heinrich zerstörte er, verfuhr aber milder gegen die Stadt und deren Advokaten, die indeß beide in

 

 

 

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161 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Seiner Abhängigkeit verblieben, was der entfernte Erzbischof Christian weder verhindern, noch verbieten konnte. Als nach dessen Tode (1183), zufolge des Vertrags von Venedig zwischen Kaiser Friedrich und Papst Alexander, Konrad, der einstweilen mit dem Erzbisthum Salzburg abgefunden war, auf den Mainzer Erzstuhl zurückkehrte, hatte kein langer Friede zwischen ihm und Ludwig Bestand. Konrad foderte nicht allein wegen Erfurt Genugthuung; er verlangte auch, Ludwig solle als Bizdom von Mainz, was einst der erste Graf Ludwig mit dem Barte gewesen war, ihm den Lehnseid schwören. Abermals erschienen in dieser Fehde zwei Thüringische Grafen, Heinrich von Schwarzburg und Friedrich von Kirchberg, auf der Seite von Ludwig‘s Gegnern. Erstrer möchte ein und derselbe mit dem Aufwiegler der Erfurter sein und wegen der erfahrnen Züchtigung einen Haß gegen Ludwig nähren. Ueberdies scheint bei den Schwarzburger Grafen Ahnenstolz die Feindschaft gegen das landgräfliche Haus beständig wach erhalten zu haben, da einst an Ludwig mit dem Barte ein Graf von Schwarzburg wenige Hufen Landes abgetreten oder verkauft, wodurch jener zuerst im Lande ansässig, aber zugleich von den Schwarzburgern abhängig geworden war. Und nun erhoben sich die Nachkommen des damals so unscheinbaren Fremdlings über alle Landesfürsten und trachteten diese bereits als Vasallen sich unterzuordnen. Es ist bekannt, mit welchem Stolz noch heutzutage die -Schwarzburger Fürsten auf ihren Günther, der einst die Kaiserkrone wenige Monden auf seinem Haupte sah, zurückblicken. Um auf jenen Grafen Heinrich zurückzukehren, so hatte derselbe kurz vor Ausbruch der Mainzer Fehde, in Verbindung mit Siegfried von

 

 

 

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162 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Orlamünde und andern Thüringischen Großen den Herzog Bernhard von Sachsen, den Rivalen Ludwig‘s, wider diesen zu einem Kriege aufgereizt, der mit vieler Erbitterung geführt, durch wechselseitige Verwüstungen des flachen Landes, durch Einnahme der Thüringischen Stadt Meldingen und Zerstörung von Bernhard‘s Hauptfeste Aschersleben bezeichnet worden war. — Heinrich und sein jetziger Verbündteter Friedrich von Kirchberg, von gleichem Familienhaß und Ahnenstolz beseelt wie die Schwarzburger, boten nun auch dem Erzbischof Konrad die Hand, und nicht eher ruhte der verderbliche Kampf, den der Mainzer von Erfurt aus leitete, das darum auch am meisten zu leiden hatte, als bis der Kaiser mit Strenge einschritt und seinem Sohne, dem Könige Heinrich die Schlichtung desselben auftrug. Beide Parteien wurden 1184 nach Erfurt geladen. Die Versammlung fand in der Propstei des Marienstiftes in einem Saale des dritten Stockes statt. Da außer den Fürten, Prälaten und Rittern sich noch eine Menge Zuschauer aus dem Volke hereingedrängt hatte, stürzte plötzlich der Söller ein und riß einen großen Theil der Anwesenden hinab; Hunderte wurden stark beschädigt und viele fanden den scheußlichen Tod, weil sie in den Koth einer Kloake gefallen. Zu diesen Opfern gehörten sechs Thüringische und Hessische Grafen: Friederich von Abenberg und Gosmar von Zigenhayn, beide die letzten männlichen Sprößlinge ihres Stammes, Burchard von Wartberg, Beringar von Meldingen und die beiden Hauptgegner Ludwig’s, Friedrich von Kirchberg und Heinrich von Schwarzburg *). Auch der Landgraf war hinabgestürzt,

 

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*) In den Namen ist bei den Chronisten mancherlei Abweichung; auch haben einige statt des Marienstiftes das Peterskloster. An der Stelle ward später ein Mußhaus errichtet mit einer Säule, worauf stand: Lapsus Procerum Thuringiae.

 

 

 

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163 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

doch ohne Schaden zu nehmen. König Heinrich und Erzbischof Konrad, die am Fenster gesessen, erhielten sich nur an einem Eisengitter, bis sie mit genauer Noth durch Leitern und Stricke heruntergebracht wurden.

 

Auf die Schlichtung des Streites hatte dieser Unglücksfall den entschiedensten Einfluß und brachte dem Thüringer Hause nur Gewinn. Denn nicht nur waren zwei gefährliche Widersacher im eignen Lande aus der Welt geschieden; der Tod der Grafen von Abenberg und Zigenhayn gab den Landgrafen das Recht auf deren Güter. Doch mußte, um die Besitzungen der von Zigenhayn zu erhalten, des Landgrafen Bruder Friedrich dem geistlichen Stande entzogen und mit der Erbin Lutgard von Zigenhayn vermählt werden, was nach mancherlei Schwierigkeiten vor 1186 nicht ausgeführt zu sein scheint. In welcher Art Ludwig und Konrad sich vertragen, ist nicht näher bekannt. Dauernd war ihre Versöhnung keineswegs und zwischen ihnen *) und beider Nachfolgern kam es noch zu wiederholten Fehden, wie wir später sehen werden.

 

In Deutschland mußte die Kriegs- und Fehdelust nachlassen, als Kaiser Friedrich Barbarossa nach langen vergeblichen Kämpfen wider seine Hauptgegner, den Papst und die Lombarden, in einem friedlicheren und dem Gemeinwohle

 

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*) Schon 1186 wird ein neuer Kampf erwähnt, in welchem Thüringen und Hessen verheert wurden, und in letzterm der Erzbischof die Veste Heiligenberg, Ludwig als Schutz und Trutzveste Grüneberg erbaute.

 

 

 

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164 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

seiner Länder heilsameren Wirken und Handeln seine wahrhaft großen Regententugenden entwickelte, als er in seinen hohen Lebenstagen erkannte, daß dem Zeitstrome wie ein Damm sich entgegenzustellen eitel und der Mächtigste unvermögend sei, die Welt in Fesseln zu schlagen. Die glänzende Reichsversammlung zu Mainz 1184, die wahrhaft ein Reichsfest genannt werden darf, sollte für Deutschland eine Friedensfeier werden, wie zu Konstanz 1183 und zu Mailand 1185 die Eintracht in Italien hergestellt wurde. Ohne mancherlei Störungen blieb freilich weder dort noch hier das gute Vernehmen des Kaisers mit der Kirche, der Geistlichkeit, den Fürsten und Städten, aber zu erschütternden Kämpfen kam es zu Friedrich’s Lebzeiten nicht mehr. Die Sorge für sein Haus, für Begüterung und vortheilhafte Heirathsverbindungen seiner Söhne, namentlich König Heinrich‘s mit Constanzen, der Erbin von Sicilien und Apulien, erfüllte vornehmlich seine Seele.

 

Doch nicht auf dem Friedensbette sollte Den der Tod ereilen, der ein Leben voll Krieg und Schlachten von Jugend auf geführt hatte. Die Nachricht, daß der mächtige Saladin die Christen im Oriente hart bedränge, daß Jerusalem, das Grab des Erlösers in seine Gewalt gekommen, rief die ganze Christenheit, den Papst wie die Herrscher der europäischen Reiche zum Beistande der Bedrängten auf. Der erste Fürst der Christenheit konnte, durfte dem mahnenden Rufe in das gelobte Land sich nicht entziehen, und Friedrich, obschon im Greisenalter, fühlte Jünglingsmuth und Jünglingskraft, um durch ein heiliges Werk den Glanz seiner Krone zu erhöhen. Zu welchen Hoffnungen mußte nicht die ganze Christenheit berechtigt sein,

 

 

 

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165 Hermann von Thüringen.

 

als alle hohen Häupter und die angesehensten Fürsten das Kreuz nahmen, um den Ungläubigen die heiligste Stätte der Welt zu entreißen. Wol störten noch mancherlei Ereignisse, Reibungen, Spaltungen und kleinlicher Haß, die auf das große Vorhaben ein schlechtes Licht werfen, die erste allgemeiner Begeisterung, aber man erkannte auch auf der andern Seite das eifrigste Bestreben, die Hindernisse wegzuräumen, und die verständigsten Vorkehrungen und die befriedigenden Ausrüstungen nicht blos zahlreicher, sondern auch erprobter Heere. Allen Königen voran und von den besten Kriegern umgeben, brach Friedrich nach Asien auf, und wenn auch von Drangsalen, Gefahren und schweren Verlusten begleitet, war seine Heerfahrt doch auf Erfahrung, Umsicht und wohlberechneten Plan gegründet. Da leider riß ein unglückliches Wagestück oder unbesonnener Muth ihn aus dem Leben und das ganze Unternehmen, zu dem so viele und große Kräfte, so gerühmte Kriegshelden und bewehrte Kriegsscharen aufgeboten waren, endete ohne Erfolg, ja ruhmlos und höchst verderblich für die Hauptreiche Europas.

 

Auch Landgraf Ludwig gehörte zu den Theilnehmern dieses großen Kreuzzuges. Zwar zog er nicht im Heere des Kaisers durch Ungarn und Griechenland nach Asien, sondern durch Italien bis Brundusium und dann auf apulischen Schiffen mit einem ansehnlichen Heere in Begleitung seines Bruders, vieler Grafen und Edlen kam er früher an der tyrischen Küste an und nahm an der denkwürdigen Belagerung von Akkon den thätigsten Antheil. Sein Verdienst war es, den gesunkenen Muth der Christen durch sein tapferes, besonnenes, unermüdliches

 

 

 

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166 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Verfahren zu heben, die Zwietracht, die unter jenen mehr Unheil als Saladin’s Heere angerichtet, vornehmlich zwischen dem Könige Veit von Jerusalem und dem mächtigen Herzog Konrad von Montferat zu schlichten. Ja, sein Ansehen, wozu die Verwandtschaft mit dem vor Akkon sehnlichst erwarteten Kaiser gewiß viel beitrug, stieg so hoch, daß man ihm eine Zeitlang den Oberbefehl übertrug, den er auch mit Ehren, doch ohne wirksamen Erfolg in der Belagerung führte. Da Ludwig durch seine freigebige Milde und wol auch durch seinen rühmlichen Wandel die Geistlichkeit zu Freunden gewann, so haben viele Mönchschroniken seine Thaten vor Akkon in das Gewand einer Legende gekleidet und ein Dichter des 14. Jahrhunderts in einem umfangreichen Epos sie besungen *). Auch dem Pfalzgrafen Hermann wird darin der Ruhm tapfrer Heldenthaten reichlich gespendet. Der historische Gehalt des Gedichtes dürfte aber ein sehr geringer sein, und die vielen Anachronismen, Uebertreibungen und Wunder lassen uns auch das Glaubhafte mit Bedenken für Wahrheit nehmen. Eine der wunderbarsten Thaten Ludwig’s bringt, nach der Chronisten wie des Dichters Bericht, eine traditionelle Verknüpfung

 

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*) Lange ward dies Gedicht, welches handschriftlich zu Wien sich befindet, unter dem falschen Titel Gottfried’s von Bouillon in den Handbüchern deutscher Literaturgeschichte bezeichnet. Wilken. Geschichte der Kreuzzüge Bd. IV Beil. 2. gab Auszüge daraus. Ich selbst nahm 1837 eine neue Abschrift davon, da die von Professor Schottky auf der berliner Bibliothek, die Wilken benutzte, viele Fehler enthält. Auch ohne daß das Gedicht großen poetischen Werth hat, bietet es doch für Sitten und Glauben der Zeit viel Interessantes.

 

 

 

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167 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

zwischen den Orient und Deutschland. „Als einst Ludwig vor Akkon seine Reiterscharen zum Kampfe gegen die Ungläubigen führt und auf seinem Flügel einen vollständigen Sieg erficht, sieht er auf dem andern Flügel die Franken oder Welschen in feiger Flucht aus dem Felde weichen. Da fleht der fromme Held zu Gott, daß er ihm und den Seinen den Sieg erhalte, und erblickt von Ferne einen Ritter in rothem Gewande aus weißem Rosse, der eine rothe Fahne in die Erde steckt und spricht: „Unter dieser Fahne wirst du siegen!“ Nach diesen Worten verschwindet er. Daher glaubte Mancher im Heere, der Ritter sei der heilige Georg gewesen, den der Landgraf vor Allen verehrte und ihm zu Eisenach eine Kirche erbaut, hattet. Jene rothe Fahne versuchen Viele aus der Erde zu ziehen, nur Ludwig vermag dies. Von Wenigen begleitet, verfolgt und zersprengt er die großen Sarazenenhorden bis an die Zelte Saladin’s. Jene Fahne ward Segehard, d. i. die siegreiche, genannt und von den Mannen des Landgrafen nach der Wartburg gebracht. Später kam sie nach Meißen, zuletzt nach Schloß Tharant und als dieses abbrannte, sah man das Banner des heiligen Georg durch die Luft von dannen fliegen und Niemand wußte, wohin es gekommen.“

 

Die Auflösung aller Ordnung, die gänzliche Muthlosigkeit der Belagrer vor Akkon, als die Nachricht von Kaiser Friedrich‘s Tod dort anlangte, der Uebermuth der Franzosen, die überhandnehmende Seuche unter seinen Kriegern, endlich eignes Siechthum bewogen Ludwig trotz den Bitten vieler Fürsten den Rückweg anzutreten, zumal das neue Regiment Heinrich‘s VI. in Deutschland mancherlei Veränderungen der bestehenden Verhältnisse erwarten ließ.

 

 

 

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168 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Wenn wir der Nachricht in dem angeführten Lobgedichte Glauben schenken dürfen, so blieb Hermann mit einem Theile des Heeres noch im Oriente zurück und kehrte erst heim, als ihm hier eine neue Herrschaft winkte. Ludwig nämlich sah Deutschland nicht wieder. Auf der Meerfahrt erkrankte der noch nicht Genesene heftiger — was den Vorwurf mehrerer Schriftsteller, als sei sein Siechthum nur vorgewendet, widerlegt — und starb am 16. October. Die Leiche ward nach Cyprus gebracht und die Fleischtheile und Eingeweide unter Thränen und Wehklagen der Seinen in einer Kapelle bestattet, die Gebeine aber nach unsäglichen Gefahren zu Reinhardsbrunn, der Begräbnißstätte seiner Vorfahren am 23. December 1190 beigesetzt. Zu wiederholten Malen hatten die Schiffer, welche die Ueberreste hinüberschafften, bei Stürmen und andern Gefahren der Reise, nach dem Aberglauben der Zeit, als dulde das Meer keine Todtengebeine auf einem Schiffe, den Gefährten befohlen die theuern Ueberreste über Bord zu werfen, und nur durch mehrmalige Geldversprechungen und endlich durch die List, daß sie Steine in den Sarg legten und diesen unter falschen Thränen und Wehklagen ins Meer warfen, vermochten die treuen Mannen die Gebeine zu erhalten und für die Ahnengruft zu bewahren.

 

Wie bald Hermann nach Deutschland zurückkehrte, ist nicht genau bekannt. Wenn ihn die Besorgniß um die erledigte Herrschaft seines Bruders zur Eile trieb, so war solche nicht ungegründet, denn der habsüchtige, List wie Gewalt zur Erreichung seiner Zwecke niemals scheuende Heinrich VI. trachtete wirklich darnach Hermann des brüderlichen Erbes zu berauben, bis der weisere Rath

 

 

 

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169 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

seiner Diener ihm zeigte, wie es ebenso unklug als ungerecht sei, den Vetter von gegründeten Ansprüchen fern zu halten, und wieviel mehr Vortheile es dem Kaiser bringe, in jenem sich einen Freund zu erhalten, der gleich seinen Vorfahren das Landgrafenthum Thüringen, durch Umfang und Lage eine der wichtigsten Provinzen des Reiches mit Kraft und Umsicht verwaltete. Heinrich stand nun von seinem Vorhaben ab; doch weil er in der Verbindung des Landgrafenthums Thüringen mit dem Amte eines Pfalzgrafen über Sachsen, d. h. über die Reichsgüter und Reichsstädte daselbst, eine zu große Gewalt in der Hand Eines sah, entzog er Hermann die gefährliche Uebermacht, vornehmlich die wichtigsten Reichsstädte in beiden Provinzen, die er unmittelbar von seinem kaiserlichen Gebot oder von ihm treu ergebenen Dienern abhängig machte.

 

Nach solchen Versuchen des Kaisers, Hermann von einer gerechten Anwartschaft auszuschließen, dann ihn wenigstens zu beschränken, konnte zwischen beiden nie ein aufrichtiges und enges Freundschaftsverhältniß entstehen, was für Heinrich VI. um so nachtheiliger sein mußte, als der alte Gegner seines Hauses, Heinrich der Löwe, bekeits 1189 aus seiner Verbannung von England nach Braunschweig zurückgekehrt war und mit ungebeugtem Muth an die Wiederherstellung seiner Macht im Norden dachte, was nur verhindert werden konnte, wenn die Fürsten, welche im Bunde mit Kaiser Friedrich ihn überwältigt hatten, nun in gleicher Weise Heinrich VI. die Hand boten. Da fehlte denn der wichtigste Verbündete, der Landgraf Hermann. So viel auch Herzog Bernhard von Sachsen, dessen älterer Bruder Markgraf Otto II. von

Hist. Taschenbuch. Neue F. IV. 8

 

 

 

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170 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Brandenburg, der wiederum mit dem Kaiser versöhnte Erzbischof Philipp von Köln, Erzbischof Wichmann von Magdeburg, auch der von der Belagerung Akkons eilig heimkehrende Graf Adolf von Holstein und andere norddeutsche Fürsten den kühnen Löwen in seinen Eroberungsplanen zu hindern suchten, immer blieb dieser mit seinen Söhnen ein gefährlicher Feind des Reiches, der wachsam beobachtet werden mußte und nicht zum drittenmal aus Deutschland sich verbannen ließ. Mislang ihm auch die Herstellung seiner frühern Macht, so sah sich doch der Kaiser nach wiederholten Versuchen, den Erbfeind zu vernichten in allen Verträgen genöthigt, mehr Zugeständnisse als Machtbeschränkungen zu machen. Das Haus der Welfen blieb in Deutschland noch immer ein angesehenes und mächtiges, zumal als es Heinrich dem Jüngern gelang wider des Kaisers Willen mit seiner als Kind ihm verlobten Agnes, der einzigen Tochter und Erbin des rheinischen Pfalzgrafen Konrad, des Stiefbruders von Friedrich Barbarossa und Oheims von Heinrich VI., sich zu vermählen und so die Nachfolge in der wichtigen Rhein-Pfalz zu erhalten. Zwar erschien die Verbindung zwischen einem Welfen und einer Hohenstaufin Vielen und auch dem lange erzürnten, doch zuletzt begütigten Kaiser heilsam und gesegnet, aber nur, wenn letzterer lange regierte und die Nachfolge auf dem Throne einem erwachsenen Sohne und Erben zusicherte, wie sein Vater ihm, war die Gefahr, welche die neue Vergrößerung des Welfischen Hauses mit sich brachte, abgewendet. Da beides nicht in Erfüllung ging, war der Keim zu dem nachmaligen Kaiserschisma gelegt.

 

 

 

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171 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Wie wir Hermann später bald auf Welfischer, bald auf Hohenstaufischer Seite erblicken werden, ohne entscheiden zu können, welcher er aufrichtiger zugethan war, so erscheint er auch zwischen Heinrich VI. und Heinrich dem Löwen von keiner entschiedenen politischen Farbe. Für des Letzteren Sache durfte er natürlich seinen Arm nicht erheben, ohne die Vortheile aufzugeben, die des Welfen Sturz seinem Hause gebracht hatte. Doch daß er des Kaisers Plane niemals unterstützte, daß er denselben oft feindlich entgegenstand, läßt ihn gewiß nicht als Anhänger der Hohenstaufen erkennen. Zwischen beiden Parteien eine selbständige Stellung zu gewinnen, an der Spitze norddeutscher Fürsten und noch etwa im Bunde mit dem vom Reichsoberhaupte wieder abhängigen Böhmenherzoge, zeigt sich als unverkennbares Streben Hermann’s. So ist er also der erste deutsche Reichsfürst, der mit Bewußtsein und Consequenz die landesfürstliche Gewalt in Unabhängigkeit von der Reichsoberhoheit zu behaupten versuchte, was Jahrhunderte später erst den Kurfürsten von Brandenburg völlig gelang. Wem hätte ein solcher Versuch auch eher zugestanden als einem Fürsten, der in der Mitte Deutschlands sich zu erhöhter Macht emporgehoben sah? Heinrich’s des Löwen Plan, ein Nord- oder Ost-Reich zu concentriren, hätte, wenn er geglückt wäre, zu einer Theilung oder Trennung des Reiches geführt, wie solche schon unter Heinrich IV. und V. zwischen Nord- und Süd-Deutschland einzutreten gedroht. Die Besonnenheit des Herzogs Lothar von Supplingenburg, dessen Erhebung auf den Königsthron wandte damals die Gefahr ab, und Friedrich I. bewirkte, daß Heinrich des Löwen Absicht vereitelt wurde. — Eine Gliederung Deutschlands

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in mehrere Fürstenthümer, denen ein gemeinsames Reichsoberhaupt nur zur Verbindung diente, lag in der noch nicht erloschenen Nationalverschiedenheit der deutschen Stämme begründet und keinem Kaiser war es gelungen seinen Willen als alleiniges Gesetz für alle Provinzen geltend zu machen. Daß nicht die Landesfürsten eine gleiche Despotie übten, vermehrte die Macht der Kirche; die sich emporingende Selbständigkeit der Städte und die noch nicht unterdrückte Berechtigung der Volksgemeinde an den Landesangelegenheiten thätigen Antheil zu nehmen, die minder bedroht war, wenn die Fürsten der Willkür des Königs, der Uebermacht eines Nachbarfürsten sich entgegenstellten, als wenn jene mit diesen vereint, oder unter sich verbunden die Unterdrückung der niedern Volksclassen zum Ziele wählten. Daß sich die Landesherren erst vom Reiche lösten, als der Bauernstand in Knechtschaft, das deutsche Städtewesen in Verfall gerathen, hat der absoluten Gewalt der Fürsten Vorschub gethan und der deutschen Völkerschaften angeborne Freiheit durch straffere Zügel gehemmt, als im Anfange des 13. Jahrhundert möglich gewesen wäre.

 

Wollte Landgraf Hermann sich möglichst unabhängig vom Kaiser erhalten, so mußte er innerhalb seiner Thüringischen, Sächsischen und Hessischen Länder keine entgegenstehende Gewalt, seis von geistlichen Fürsten oder von den kleinen weltlichen Dynasten dulden und die Nachbarfürsten entweder auf friedlichem Wege für den gleichen Plan, wie der seinige war, gewinnen, oder, wenn sie Widersacher von ihm und Diener des Kaisers waren, sie mit Gewalt bekämpfen. Unmittelbar gegen Heinrich VI. sehen wir Hermann niemals die Waffen erheben, wol aber sind

 

 

 

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173 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

seine Gegner zum Theil vom Kaiser angestiftet, zum Theil mit diesem in geheimem Bunde. Erst unter Philipp -und Otto IV. kämpft Hermann unmittelbar gegen die Kaiser selbst an und darf von Friedrich II. von vornherein die Selbständigkeit und Unabhängigkeit seiner Stellung anerkannt fodern.

 

Zwei geistliche Fürsten sind es, die den Landgrafen zuerst zu offnem Kampfe reizten. Der Abt Heinrich von Fulda, der gegen den Willen der Conventualen vom Kaiser eingesetzt worden, verweigerte Hermann Klostergüter, welche sein Bruder Ludwig und schon sein Vater durch Kauf an sich gebracht oder zu Erblehn empfangen hatten. Trotz der heimlichen Unterstützungen von Seiten des Kaisers mußte der Abt der Uebermacht weichen und dem Landgrafen zugestehen, was er verlangte; ja, später sah er sich genöthigt neue Güter des Stiftes zu verpfänden, weil er durch schlechte Verwaltung und Verschwendung, sowie durch den Reichskrieg in Geldnoth gerathen war. - Schwerer als mit Fulda war für Hermann der Kampf mit dem Erzstift Mainz. Die Veranlassung war dieselbe wie unter Ludwig, nur daß nicht mehr der Kaiser, wie vormals Friedrich, als Vermittler dazwischentrat, sondern den heftigen Erzbischof Konrad, der auch alte Beleidigungen nie vergaß, wiederholentlich gegen den Landgrafen aufreizte, wie wir später nachweisen werden. Vier Jahre hintereinander (1192 - 95) wurde die verderbliche Fehde unterhalten und Brand, Verheerung nebst andern Leiden trafen besonders Hessen schwer durch die kriegführenden Parteien. Wol hätte schon im zweiten Jahre Hermann vollständig über Konrad gesiegt, wenn er nicht an dem Erzbischofe von Köln einen

 

 

 

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174 Landgraf Herntann von Thüringen.

 

treulosen Bundesgenossen erhalten, der ihm mehr Abbruch that als der Gegner selbst. Mit größrer Redlichkeit vermittelten 1195 die Aebte von Fulda und Hersfeld den Frieden, doch der gemeinsame Unwille Konrad’s und Hermann’s gegen Heinrich VI., welcher eine Annäherung beider hervorrief , machte bald sehr wechselnden Verhältnissen zum Kaiser Platz und diese brachten wieder den Erzbischof zu Hermann in feindliche Stellung.

 

Von den bedeutenden Streitkräften des Letztern zeigt, das er noch während der Fehde mit Mainz in einen Bruderkrieg im Nachbarlande zu Gunsten des bedrängten Theiles sich einzumischen und den hier erwähnen Gegner bis zur Vernichtung einer nicht geringen Macht zu bekämpfen vermochte. In Meißen gab es seit längrer Zeit unglückliche Familienzwiste. Markgraf Otto hatte noch bei seinem Lebzeiten zu Gunsten seiner Söhne Albrecht und Dietrich abdanken wollen und behufs dessen eine Theilung seiner Lehn- und Erbgüter, die sein Vater Konrad der Große um mehr als das Doppelte vermehrt hatte, vorgenommen, später aber zum größern Vortheil des jüngern, Dietrich, dem seine Mutter Hedwig, eine Tochter Albrecht’s des Bären, das Wort redete, eine Aenderung des Testaments gemacht. Darüber war der ältere, Albrecht, so erzürnt, daß er den Vater gefangen nahm, in einen Kerker auf Schloß Dewin einsperrte und erst nach wiederholten Mahnungen König Heinrich’s, als zugleich die Böhmen verheerend in Meißen eingefallen, für, die unnatürliche Pflichtverletzung Genugthuung gab. Aber nach Otto‘s Tode (1190) begann unter den Brüdern Zwietracht und Fehde, in Folge dessen Dietrich, von Albrecht hart bedrängt, bei Hermann von Thüringen Beistand

 

 

 

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175 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

suchte. Die Chronisten erzählen, der Landgraf hätte sich nur hierzu verstanden, wenn Dietrich seine Tochter Jutta, die als sehr häßlich geschildert wird, zu heiraten bereit wäre und die Feste Weißensee, auf der Grenze von Meißen und Thüringen, worüber einst schon Landgraf Ludwig III. Und Otto in heftigen Kampf gerathen waren *), ihm und seiner Tochter bis zu deren heirathsfähigem Alter in Besitz gebe. Dietrich mußte die Bedingungen eingehen. Ob er in Jutta wirklich eine so häßliche Braut erhielt, als erzählt wird, ist zu bezweifeln, da diese nach Dietrich’s Tode vom Grafen Poppo von Henneberg mit einer Leidenschaft zur Gemahlin begehrt wurde, die sich bei so abschreckender Häß1ichkeit schwer begreifen läßt. Wie dem aber auch sei, Hermann nahm sich des künftigen Schwiegersohnes auf‘s kräftigste an. Anfangs schien Albrecht dem Landgrafen, der nur als Friedensvermittler auftrat, geneigtes Gehör zu schenken, versprach nicht die Vorschläge desselben anzunehmen, sondern gab auch seine feste Stellung vor Weißensee, das er enge eingeschlossen hatte, auf, als Hermann ihm solches unter Androhung gewaltsamer Entsetzung gebot. Doch bei der Zusammenkunft, die darauf zwischen beiden stattfand, nahm jener alle gethanen Versprechungen unter nichtigen Vorwänden zurück. Nur das Schwert konnte jetzt die Entscheidung herbeiführen.

 

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*) Ludwig III. bekriegte Otto 1184, weil dieser durch Ankauf von thüringischen Gütern ihn beeinträchtigt hatte. Auch er machte ihn zum Gefangenen auf Wartburg und ließ ihn nicht eher frei, als bis Kaiser Friedrich auf die Klagen der sächsischen Fürsten einschritt und auf dem Reichstag zu Fulda Ludwig und Otto versöhnte.

 

 

 

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176 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Gegner, die unruhigen Grafen im Lande, die beiden rheinischen Erzbischöfe und auch wol der Kaiser auf Albrecht‘s geänderte Gesinnung Einfluß geübt. Er zog neue und große Streitkräfte zusammen. Doch Hermann kam ihm, zuvor, umlagerte mit 1800 wohlgerüsteten Kriegern, zahlreichen Reisigen und Knechten die Stadt Camburg; der Wall ward mittels Leitern erstiegen, eine Besatzung hineingelegt und darauf das offne Land bis Leipzig verheert und unterworfen. Dies kräftige Verfahren eines Fürsten, der bis dahin nur durch seine Prachtliebe bekannt gewesen, flößte den Landbewohnern und selbst den Städten in ganz Meißen Schrecken ein. Albrecht sah sich nun zu einer billigen Theilung mit seinem Bruder genöthigt. Wider Hermann aber war in ihm ein unversöhnlicher Haß entbrannt, den er jetzt, da offne Gewalt ihm versagt blieb, durch arglistige Ränke zu befriedigen suchte. Er verleumdete ihn beim Kaiser, als trachte diesem Hermann nach dem Leben, und erbot sich durch Zweikampf die Anschuldigung zu erhärten. Sie fand bei einem Manne von Heinrich‘s Charakter leicht Eingang, da seine Grausamkeiten, die seinen Namen besonders in Italien gebrandmarkt haben, ihn mistrauisch machten und der Vorwand ihm erwünscht kam, einen der beiden Fürsten, den der im Zweikampfe unterliege, der Reichslehen zu berauben. Sie wurden vom Kaiser zu einem Hoftage nach Nordhausen (im October 1193) beschieden, wo Albrecht öffentlich in Gegenwart der Fürsten die Anschuldigung wiederholte und zum Gottesurtheil den Landgrafen herausfoderte. Ob durch Hermann‘s Betheurungen und Beweise von seiner Unschuld oder durch der Fürsten, zumal der Sächsischen, Vorstellungen Heinrich andres Sinnes wurde,

 

 

 

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177 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

genug, er erklärte „seinen lieben Vetter,“ den Landgrafen für unschuldig, schalt Albrecht einen Verleumder und wollte auf einem zweiten Hoftage zu Altenburg den Streit entscheiden. Nicht der Markgraf allein wurde stutzig, auch andre Große des Reichs argwöhnten eine versteckte Absicht des Kaisers und auf Herzog Bernhard‘s Rath söhnten sich ohne Wissen und gewiß gegen den Wunsch Heinrich‘s Albrecht und Hermann aus, die nun auch auf dem Altenburger Hoftage ausblieben. Hierüber wurde nun wieder der Kaiser mistrauisch und besorgt, hielt sich in jenen Gegenden nicht längst sicher vor den Sächsischen Fürsten, die seiner Willkür, seinen Eingriffen längst sich abgeneigt gezeigt hatten, und verlegte sein Lager in die Rheingegenden. Der Unmuth der Sachsen ward dadurch nicht versöhnt und suchte neuen Anlaß, ihm Luft zu machen. Die Ermordung des Bischofs von Lüttich auf der Jagd an der Seite des Kaisers wurde Letzterm zur Last gelegt und die Frevelthat von Hofleuten verübt genannt. Der allgemeine Unwille der Völker und der Fürsten konnte von Heinrch nur mit Aufbietung aller Klugheit und — wozu er sich am schwersten entschloß — bedeutender Geldsummen beschwichtigt werden. Sogar der Erzbischof Konrad von Mainz und Landgraf Hermann versöhnten sich auf kurze Zeit und schlossen mit Ottokar von Böhmen eine Verbindung wider das Reichsoberhaupt. Niemand war jedoch geschickter, Verbündete zu entzweien, als Heinrich VI. Während er den Böhmerherzog mit Absetzung drohte, gewann er durch Gunstbezeigungen den Landgrafen, der sich von dem Mainzer leicht abziehen ließ. Da schüttete dieser seine Galle gegen Hermann aus, suchte denselben wegen der neuen Gunst bei Hofe in den Augen

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178 Hermann von Thüringen.

 

der Fürsten herabzusetzen. Das ließ der Landgraf nicht ungeahndet, bewog selbst Albrecht, mit dem er noch versöhnt war, zu einem Einfall in des Erzbischofs hessische Besitzungen, wo er Vesten brach, offne Ortschaften plünderte und das Land verwüstete. Konrad dachte gelegentlich Wiedervergeltung zu nehmen.

 

Inzwischen konnte Albrecht die ihm abgenöthigte Theilung mit seinem Bruder nicht verschmerzen. Mit der Mannschaft, die er noch um sich hatte, bedrängte er Dietrich aufs Neue und kehrte sich wederr an Hermann’s Mahnungen, noch an die Drohungen kaiserlicher Dienstmannen; die für die Aufrechterhaltung des Friedens, während Heinrich wieder in der Mitte des Jahres 1194 nach Italien aufgebrochen war, Sorge zu tragen hatten. Ja, Albrecht‘s Unbesonnenheit ging so weit, daß er einen jener Reichsbeamten Bernhard, blenden ließ, was zunächst zur Folge hatte, daß jenes Bruder Schloß Weißensee, welches Albrecht im Vertrage mit Hermann zurückerhalten, an Dietrich verrieth. Der Landgraf, welcher zwar dem Kaiser gelobt hatte, nichts Feindseliges wider Albrecht zu unternehmen, brach gleichwol in dessen Land, erklärend, daß er nur den an Bernhard begangenen Frevel strafen wolle, und eroberte mehre Vesten, überlieferte andre dem Grafen Dietrich und war in kurzer Zeit Herr fast der ganzen Meißner Mark. Dies Glück aber erregte ihm den Neid der Fürsten. Der Erzbischof Bruno von Köln, ein geborner Graf von Altenau, fodert, unter dem Scheine eines Friedensvermittlers zwischen Hermann und dem Erzbischof von Mainz, Erstern auf seine Truppen aus Hessen zu ziehen, indem Konrad das Gleiche versprochen habe; unterdesssen fällt er, mit Letzterm vereinigt, in des Landgrafen Besitzungen.

 

 

 

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179 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Sie zerstören und verbrennen die Veste Grüneberg, umlagern Milsungen, das im vorigen Jahr dem Mainzer entrissen und noch von Thüringischen Mannen besetzt war; gleichzeitig greift Albrecht im Osten wieder zu den Waffen und geht, während er den Landgrafen gegen die beiden Prälaten im Felde glaubt, mit seinem Heere durch eine Furth der Saale. Da aber fällt Hermann nächtlich über ihn her und vernichte seine ganze Armee. Albrecht, dessen Pferd im Kampfe verwundet worden, rettet sich durch die Flucht in das Kloster Lauterberg und gelangt von hier in einer Mönchskutte nach seiner Hauptveste Leipzig.

 

Als der letzte Versuch gegen Hermann so übel ausgeschlagen war, dachte Albrecht darauf, die Gnade des Kaisers und der Reichsfürsten wiederzuerwerben und zu Ersterm in eigner Person nach Italien sich zu begeben. Unterdessen sollten der Herzog Bernhard und der Markgraf Konrad von Landsberg sein Land in Schutz nehmen. Ihnen übergab er die Städte Meißen und Camburg unter der Bedingung, bis zu seiner Aussöhnung mit dem Reiche sie inne zu behalten; falls ihm die kaiserliche Gnade vorenthalten werde, sie zurückzugeben, damit er sich selber gegen den Kaiser und jeden andern Feind, so lange er’s vermochte, vertheidige. Nachdem er seine übrigen Vesten in Stand gesetzt und mit Mannschaft versehen hatte, brach er nach Italien auf, ward aber von Heinrich weder gehört noch vorgelassen, sodaß er, das Schlimmste fürchtend, von einem Diener begleitet, wieder heimkehrte, wo ihn neues Leiden, der Tod seiner Gemahlin, erwartete. Da er alle Elemente wider sich sieht, verfällt der Rasende auf den schändlichen Gedanken, sein eignes Land zu verwüsten.

 

 

 

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180 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

In Leipzig läßt er die Einwohner mit ihrer ganzen Bewaffnung erscheinen, um ihren Muth und ihre Treue zu prüfen. Als er aber stolz unter sie tritt, übermüthige, wilde Drohungen gegen die Abgeneigten und Murrenden ausstößt, überfällt ihn plötzlich ein Zittern am ganzen Körper, die Anzeichen einer tödtlichen Krankheit zeigen sich auf seinem Antlitz. Kaum bringen ihn seine Krieger bis zur nächsten Stadt, als er nach einigen tiefen und schweren Athemzügen den Geist aufgibt (am 25. Juni 1195).Mehrere Chronisten sprechen von einer Vergiftung und das Plötzliche seines Todes konnte dazu wol Anlaß geben, wiewol die Verzweiflung und der wilde Sinn, die ihn zu den letzten Handlungen getrieben, nach excentrischer Anstrengung aller Körper- und Seelenkräfte eine schnell eintretende Abspannung und Vernichtung der Lebenskraft denkbar machen.

 

Landgraf Hermann, der durch seinen Sieg an der Saale auf der einen Seite seinen Arm freigemacht hatte, wandte ihn nach der andern gegen die beiden arglistigen Prälaten. Da traten, wie wir oben erwähnt, die Aebte von Hersfeld und Fulda als Friedensvermittler dazwischen. Zweierlei wirkte wol zu der baldigen Aussöhnung der erbitterten Gegner mit. Der Tod der Landgräfin Sophia und die erwartete Rückkehr des Kaisers. Für sein Haus wie für sein Land mußte Hermann Sorge tragen. Kein Sohn war ihm noch geboren und außer ihm war sein Bruder Friedrich der einzige männliche Sprößling seines Hauses, und Letzterer hatte als Graf von Zigenhayn allen Erbansprüchen in Thüringen entsagt. Wenn nun gar der Kaiser wegen der Fehden gegen Albrecht und gegen die Erzbischöfe den Landgrafen zur Rechenschaft foderte?

 

 

 

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181 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Zwar den Ersteren hatte er bekriegt, weil der Markgraf den Kaiser durch Frevel an einem Dienstmanne des Reichs beleidigt, und gegen die beiden Prälaten war er durch deren Arglist gereizt worden. Doch Heinrich, wenn er die Verletzung seines Gebots, die Störung des beschwornen Reichsfriedens strafen wollte, hätte Einwände und Rechtfertigungen der Art gering geachtet. Glücklicher Weise aber kam er mit Planen und Absichten nach Deutschland, die ihn zur Milde, zu gewinnender Freundlichkeit und Nachsicht gegen die deutschen Fürsten nöthigten. Durch Verbindung des Königreichs Sicilien und Apulien mit dem deutschen Kaiserreiche hatte wol der Glanz seiner Herrschaft gewonnen, aber sie beruhte nur auf seiner persönlichen Herrscherkraft, die gleichwol schon öfters erfahren, daß ihr nicht Alles nach Wunsch und Willen gelinge. Seine Macht unerschütterlich fest zu gründen und seinem Hause die Erblichkeit der von ihm erlangten Kronen zuzusichern, war der Zweck, der ihn unerwartet nach Deutschland führte. Der Zeitpunkt schien gut gewählt; denn eben war der Einzige, der dem Hause der Hohenstaufen den höhern Ruhm streitig machen konnte, Heinrich der Löwe (im August 1195), gestorben und sein sehr geschmälertes Besitzthum unter drei Söhne getheilt.

 

Zu schlau, seine Absicht sogleich zu verrathen, suchte er zunächst die angesehensten, einflußreichsten Fürsten sich geneigt zu machen. An Hermanns Zustimmung lag ihm vornehmlich viel; aber sie war unter den obwaltenden Umständen, die diesen vor dem Kaiser scheu machten, nicht leicht zu gewinnen, und Vieles mußte er für den ehrgeizigen, hochstrebenden Vetter thun, sollte er darnach auf ihn zählen dürfen. Dem Landgrafen aus einem den

 

 

 

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182 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Hohenstaufen ergebenen Hause die neue Gemahlin zu wählen, war sein erstes Bemühen. Sophia, die Tochter des Herzogs Otto von Baiern aus dem vom Kaiser Friedrich Barbarossa erhöhten Wittelsbacher Hause und eine Nichte des Erzbischofs Konrad von Mainz, schien aus vielfacher Rücksicht eine geeignete Partie für Hermann, eine Frau, die später mit ihrem Gemahl den Ruhm theilte, eine Beschützerin der Künste und des edeln Minnegesanges am Thüringer Hofe gewesen zu sein.

 

Sodann erließ Heinrich VI. ein Gesetz, das zwar allgemein gegeben, doch insbesondre für Hermann willkommen sein mußte. Auf dem Reichstage zu Mainz (im Mai 1196) erklärte der Kaiser unter Beistimmung der Prälaten und weltlichen Großen, daß in Ermangelung rechtmäßiger Söhne auch die Töchter und Seitenverwandten erbfähig sein sollten und die Reichslehne der söhnelos verstorbenen Fürsten erhalten könnten. Nun durfte Hemann, falls die zweite Gemahlin ihm keine Söhne gebar, auf Jutta und deren Gemahl Dietrich seine Würde und Länder übertragen, und welch ein Zuwachs von Macht war‘s, wenn Letztrer damit seine Meißnische Markgrafschaft vereinte. Doch dieser nächste, rechtmäßigste Besitz wurde ihm auch nach Albrechts Tode vorenthalten und zwar von dem Kaiser. Heinrich hatte sofort das Erbe Albrecht‘s eingezogen und in die Haupvesten des Landes kaiserliche Besatzungen gelegt, unbekümmert um Dietrich’s Ansprüche und Zusicherungen, die er selbst diesem früher gegeben. Wer sollte für den Beraubten schützend auftreten, wenn Hermann es nicht that? Und diesem waren durch Heinrich‘s Gustbezeigungen vorläufig die Hände gebunden. Ja, der Kaiser hatte sehr schlau jedem Kampfe

 

 

 

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183 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

für gekränkte Rechte, jedem Friedensbruche im Reiche vorgebeugt und dem Thatendrang der kriegsliebenden Fürsten eine Richtung gegeben, welche diese befriedigen und ihn von den lästigen, schwer zu bändigenden auf längere Zeit, wenn nicht auf immer befreien sollte. Der Papst, die Geistlichkeit und viele Fürsten verlangten dringend einen neuen Kreuzzug, um die unerfüllt gebliebenen Hoffnungen des so viel versprechenden unter Kaiser Friedrich zu verwirklichen. Der Tod Saladin’s (1195), der Zwist unter seinen Nachfolgern schien dazu große Berechtigung zu geben. Heinrich zeigte lebhaftes Interesse dafür, versprach schon auf einem Reichstage zu Bari (im April 1195) 1500 Ritter auf seine Kosten im nächsten Jahre nach Palästina zu senden; nur hielt er für gerathener, ebenso um des Reiches Wohl, als um das Unternehmen selbst zu fördern, nicht in Person an der Spitze des Kreuzheeres nach dem fernen Oriente zu ziehen, sondern in Deutschland und Italien für die Ausrüstung neuer Kriegsscharen und die nöthige Unterstützung der bereits im heiligen Lande angelangten Sorge zu tragen.

 

Zu den eifrigsten Fürsten, die den Kreuzzug betrieben, gehörte Landgraf Hermann. Ihm, der schon eine Heerfahrt nach Palästina mitgemacht, an der Belagerung von Ptolemais Theil genommen hatte, dessen ritterlicher Sinn an Abenteuern und den Kämpfen für den Glauben Wohlgefallen fand und dessen wißbegieriger Geist Erscheinungen und Kenntnissen des Orients, an dem Verkehr mit allen Völkern des Abendlandes, die dort sich begegneten, neue Bereicherung seines Ideenkreises erwarten durfte, ihm war der neue Aufruf zur Befreiung des heiligen Grabes willkommen und einladend. Unbesorgt um

 

 

 

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184 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Haus und Land durfte er die Heimat verlassen. Seine frühern Gegner waren entweder todt oder durch sein neues Eheband ihm befreundet geworden. Der Kaiser hatte mit ganz besondrer Huld sich ihm zugewendet und unter Zustimmung der Fürsten ihm eine Urkunde ausgestellt, worin alle Anrechte an seine Fürstenthümer auf die weibliche Descendenz übertragen waren, sodaß von dieser Seite Nichts zu befürchten stand. Einige Chronisten erwähnen noch einer Verlobung von Hermann’s Tochter und einem Sohne Herzog Bernhard‘s von Sachsen, denen der Kaiser jene Bestimmung durch Eid und Wort unwillkürlich bekräftigt habe. Man möchte glauben, Heinrich VI. hätte, um im Besitze Meißens zu bleiben, das frühere Verlöbniß Jutta’s mit dem Markgrafen Dietrich aufgelöst und den Landgrafen durch einen angesehenern Schwiegersohn, welcher dereinst das Herzogthum Sachsen mit Thüringen und der Pfalzgrafschaft vereinen würde, gewonnen. Doch findet jene Nachricht keine weitere Bestätigung und die Ehe Jutta‘s mit Dietrich wurde wirklich geschlossen. Dieser nahm, obschon ohne seine Markgrafschaft vom Kaiser erhalten zu haben, das Kreuz, vielleicht mit der Aussicht gelockt, nach beendeter Pilgerfahrt und ruhmvollem Kampf in Palästina das Seine zu erhalten *). Unter den übrigen Theilnehmern am Kreuzzuge finden wir die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Bremen, die Bischöfe von Halberstadt, Verden, Naumburg, Regensburg, Würzburg und Prag, die Herzöge von Meran, Brabant, Kärnthen und Oestreich, den Pfalzgrafen Heinrich vom Rhein, den

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*) Die Chronisten führen ihn als Comes Misnensis Marchio futurus unter den Kreuzfahrern auf.

 

 

 

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Markgrafen Otto von Brandenburg, Graf Adolf von Holstein, Gebhard von Querfurt, Konrad von Landsberg, Günther von Kefernberg, Meinhard von Mühlberg, Poppo von Wassenburg und andere Grafen, Edle und Zahllose geringern Standes.

 

Der Kaiser betrieb die Ausführung des Unternehmens mit der größten Sorge und Eile, gleichwol traten Zögerungen ein, gerade die eifrigsten suchten Aufschub, fanden Bedenken, widerstrebten den Mahnungen, weil man Heinrich’s wahre Absichten erkannt und denen widersprochen hatte. Wie sehr seine scheinbare Milde und Gunst, seine Freigebigkeit und seine Bestechungen bei den meisten der Fürsten Eingang fand, wie einleuchtend vielen die Gründe für ein Erbreich erschienen, wie sehr die Geistlichkeit durch die kaiserliche Verzichtleistung auf den Nachlaß verstorbner Prälaten und die Fürsten durch das Recht unbeschränkter Vererbung ihrer Lehne für Heinrich’s Plan gewonnen wurden, sodaß bereits 52 Reichsglieder in die Erblichkeit des Hohenstaufischen Hauses eingewilligt hatten; ein hefiger Widerspruch erhob sich dennoch von mehren Seiten. Nicht nur der Papst Cölestin III., der anfangs den Plan zu billigen schien, widersprach der ihm gefährlichen Neuerung, nicht nur Konrad von Mainz widersetzte sich dem Erbreich, weil seine und aller Erzbischöfe Königswahlrechte dadurch aufgehoben wurden, auch die sächsischen Fürsten thaten insgesammt Einspruch, weil sie die Freiheit im Innern des Reichs höher als jede Machtvergrößerung nach Außen anschlugen. Nur einem Wahlkönige könne man vor der Erhebung Bedingungen stellen und nach derselben seiner Herrschsucht und Willkür Schranken setzen. Wenn die Aussicht auf den Thron jetzt auch nur wenige

 

 

 

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Fürstenhäuser besäßen, so stelle doch die Möglichkeit, dazu zu gelangen, schon Königen gleich und keines Würde ertrage es, sich feige solches Anrechtes zu begeben. Ganz erklären läßt sich indeß der Widerspruch der Sachsen nur aus der nationalen Abneigung gegen jedes fremde, außerheimische Regentengeschlecht, die seit Jahrhunderten schon gegen die fränkischen wie gegen die schwäbischen Kaiser sich kund gegeben und nur Lothar‘s Erhebung eine Unterbrechung freudiger Begeisterung und nationalen Stolzes gefunden hatte. Noch lebte das Andenken an den Glanz und den Ruhm ihres Volksstammes, als die Ottonen das Scepter Deutschlands mit der sächsischen Herzogswürde vereinigt besaßen. Denn unter ihnen waren die Billungen nur Vertreter der letztern; doch, wenn auch nur ein Sachse die Kaiserkrone allein besessen, wäre die Ehrfucht der Nation befriedigt gewesen; jedem Fremden neidete sie jene und vollends Erblichkeit des fremden Herrscherhauses hätte ihr ewige Schmach gedünkt.

 

Bei solcher Stimmung mußte Heinrich sein Vorhaben aufgeben; er entband diejenigen, welche bereits eingewilligt hatten, ihres Eides und suchte mit den Mitteln, die ihm zu Gebote standen, es nur dahin zu bringen, daß man seinen einjährigen Sohn Friedrich zum Könige erwählte, was nach einigem Widerspruche, besonders von Seiten des Erzbischofs von Köln 1196 erfolgte. Man begreift wol, daß über diese Plane des Kaisers die Begeisterung für den neuen Kreuzzug in ängstliche Sorge für den Zustand der Dinge, wie er während der längern Abwesenheit der Fürsten wenigstens eintrten könne, sich verwandelte. Heinrich glaubte, weil die Großen des Reichs so wenig willfährig sich bewiesen, auch ihnen die

 

 

 

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zugestandenen Rechte nicht bewilligen zu dürfen. Darüber erhoben aber geistliche und weltliche, unter letztern am lautesten die sächsischen Fürsten ihre Stimme. Jene behaupteten: die Einziehung des geistlichen Nachlasses sei nur widergesetzlich von frühern Kaisern ausgeübt worden, und die letztern bewiesen, daß eröffnete Reichslehen den männlichen Descendenten stets übertragen, den weiblichen gewöhnlich zuerkannt, die Ansprüche der nächsten Verwandten niemals bestritten worden seien. Heinrich durfte die aufgeregten Gemüther nicht beleidigen und feindlich von sich abwenden, so lange die Königswahl seines Sohnes noch nicht allgemein genehmigt, beschworen und urkundlich anerkannt war. Als er dies erst erlangt, trat er wieder schonend gegen Viele auf.

 

Auch mit Hermann scheint das vor kurzem so freundschaftliche Verhältniß sich geändert zu haben. Durch Burggrafen von Querfurt, seinen treuen Anhänger, ließ der Kaiser die sächsischen Fürsten, die in Erfurt zu einer Berathung zusammengekommen, auffodern, ihre Rüstungen zur Kreuzfahrt zu beschleunigen und namentlich gegen Hermann den Tadel aussprechen: daß er, der früher der eifrigste Mahner zur Wiedereroberung des heiligen Grabes gewesen, nun lässig säume und seinem Gelübde schlecht nachkomme. Der Landgraf antwortete dem kaiserlichen Bevollmächtigten: „Weder aus Ruhmbegierde, noch aus Furcht vor einem weltlichen Machthaber , sondern zum Heil seiner Seele habe er das Kreuz genommen; so werde, wenn es ihm die rechte Zeit zum Aufbruch scheine, weder Liebe noch Furcht vor Jemanden ihn zurückhalten.“ - Die Fürstenversammlung zu Erfurt war vornehmlich zu einer weitern Besprechung über die Erblichkeit der Krone

 

 

 

 

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bestimmt gewesen. Doch da der kaiserliche Bevollmächtigte derselben mit keinem Worte mehr gedachte, so hatte dieser Tag «nichts bewirkt als die Fürsten wegen der gehabten Ausgaben und wegen der Vorwürfe, die sie erhalten, dem Kaiser noch abgeneigter als zuvor zu machen.

 

Der unerfreuliche, ja sehr nachtheilige Ausgang des Kreuzzuges ist zu bekannt, als daß hier weiter davon geredet zu werden braucht. Gewiß gab es unter den Theilnehmern wenige, die gleich Hermann eine Bereicherung an Kenntnissen und Ideen daraus zu ziehen verstanden. In ihm und Männern von ähnlicher Bildung weckten die Pilgerfahrten nach Jerusalem, die damit verknüpften Abeuteuer und Erlebnisse vornehmlich den empfänglichen Sinn, womit sie später die von einem Wolfram von Eschenbach, Meister Gottfried von Strasburg und andern epischen und Minnedichtern hervorgerufene Poesie aufnahmen und in Deutschland Anerkennung, Pflege und Aufschwung verschafften. - Wie tapfere Thaten und kühne Abenteuer auch von Fürsten, die für einen Spiegel der Ritterlichkeit galten, ausgeführt sein mögen, so ist doch diese Heerfahrt durch kein denkwürdiges Ereigniß ausgezeichnet. Zu jeder großen entscheidenden Unternehmung war die Zahl der Kreuzfahrer zu unbedeutend, die schon durch Unglücksfälle auf dem Meere oder auf der höchst beschwerlichen Landreise, durch viele muthlos auf halbem Wege umkehrende Pilger, durch Seuche und Hungersnoth und durch das Schwert der Feinde verringert wurden. Der Kaiser, der für Nachsendung neuer Streitmassen, Lebensmittel und Kriegswaffen sorgen wollte, dachte in Apulien und Sicilien nicht mehr daran, war mit neuen großen Eroberungsplanen, die er besonders gegen das griechische Kaiserthum

 

 

 

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richtete, beschäftigt und traf dazu bereits Vorkehrungen. Aber auch er sollte keines seiner hochfliegenden Projekte ausführen. Ein plötzlicher Tod rief ihn am 28. September aus der Welt. Die Nachricht von diesem Ereignis und dem in Deutschland entstandenen Reichsschisma drang auch zu den Kreuzfahrern und bot vielen, die sonst Ehren halber wol noch länger im Oriente verweilt hätten, einen Vorwand zu schneller Rückkehr. Aber auch diese war nicht ohne Mühen und Verluste, und als viele endlich an der apulischen Küste gelandet, suchte die Kaiserin Konstanze durch listige Ränke sie aufzuhalten, um sie zur Wahl und Anerkennung ihres Sohnes Friedrich wider die Kronprätendenten in Deutschland zu bewegen. Die sich ihrer Absicht abgeneigt zeigten, ließ sie einkerkern oder noch grausamer behandeln.

 

Landgraf Hermann, von diesen Gefahren in Apulien benachrichtigt, suchte sowol Konstanzens Arglist, als Philipp’s von Schwaben Anhängern, die auf seine Ankunft warteten; um ihn sogleich für ihren Erwählten durch Ueberredung oder Gewalt zu gewinnen, zu entgehen und nahm deshalb durch Böhmen den Weg in sein Land. Hier erfuhr er, daß von den rheinischen Fürsten Otto, der zweite Sohn Heinrich des Löwen — der ältere Heinrich verweilte noch im gelobten Lande — zum König erhoben worden, und er stellte sich, als ob ihm nur diese Wahl allein bekannt sei. Aber auch Philipp‘s Erhebung durch die östlichen Fürsten zu Ichterhausen konnte ihm kein Geheimniß bleiben. Indessen begann er nun die Rolle offen zu spielen, die er unter Heinrich VI. im Geheimen vorbereitet, nämlich: auf Kosten des Reichsoberhauptes seine Macht und sein Ansehen als Landesgebieter zu erhöhen

 

 

 

 

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und seinen Beitritt zu den zwiespältig Gewählten um hohen Preis sich bezahlen zu lassen.

 

Als Philipp erfahren, daß der Landgraf seinen Spähern entgangen sei, versuchte er‘s durch Versprechungen ihn zu gewinnen, und dies hielt nun bei Hermanns politischen Grundsätzen nicht schwer. Wir erwähnten bereits, daß diesem, als er seinem Bruder Ludwig in der landgräflichen Würde folgte, von Heinrich VI. mehre Städte und Burgen, die unter ihm als Pfalzgrafen von Sachsen gestanden hatten, abgenommen und in Thüringen Erfurt wieder dem Einfluß des Landesherrn gänzlich entzogen worden. Durch die Verwaltung oder Benutzung der Reichsstädte wäre die Unabhängigkeit vom Reichsoberhaupt, wie sie Hermann erstrebte, allein möglich gewesen. An deren Unterordnung unter seine pfalzgräfliche Autorität war ihm besonders gelegen. Sie ihm geradezu abzutreten, würde für einen Misbrauch der königlichen Gewalt gegolten und den Unwillen aller Städte, die sich reichsunmittelbare oder reichsfreie nannten, erregt haben. Es mußte Philipp also, um dem Landgrafen seinen Willen und die Bedingung seines Beitrittes zu gewähren, eine schickliche Form der Abtretung finden, damit er dem Tadel der Reichsstände entgehe. So bot er ihm denn pfandweise mehrere Städte, Flecken, Vesten und Burgen an. Aber! auch Otto erkannte Hermanns Wichtigkeit und suchte ihn um jeden Preis zu gewinnen. Er ließ den an Heinrich’s Versuche, ihm zu schaden, erinnern, hielt ihm als warnendes Beispiel, wohin das Streben der Hohenstaufen gehe, die Gewaltthätigkeiten vor, die Philipp‘s Vater und Bruder gegen seinen Vater, Heinrich den Löwen, verübt hätten, und versprach — was am

 

 

 

 

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meisten wirkte — doppelt soviel als Philipp. Da blieb Hermann nicht lange schwankend. Laut beklagte er die Beeinträchtigungen und Verunglimpfungen des Welfischen Hauses, schalt die Hohenstaufen Unterdrücker der Fürsten und der deutschen Freiheit, erklärte den Wahlakt der rheinischen Fürsten, die Krönung Otto’s an geweihter Stätte zu Aachen für alleingültig, ließ im ganzen Lande mit großem Gepränge Otto als König ausrufen, Philipp und dessen Wähler verwerfen, und nahm vom Ersteren nach Ablegung des Eidschwures der Treue seine Fürstenthümer und Würden mit Einschluß der neuen Abtretungen zu Lehn.

 

Hermann hatte keineswegs die stärkere Partei ergriffen. Denn Philipp, im Besitz der ausgedehnten Hohenstaufischen Allodien und Erblehen, der Herzogthümer Schwaben und Elsaß, aller von Friedrich I. durch Anheimfall oder Erledigungserklärung an sich gebrachten Ländereien, von denen der jüngste Sohn Otto nur Burgund besaß und dieses sowie sich selbst dem Bruder zum Beistande bot, war von Hause aus seinem Gegner Otto weit überlegen und gewann nun durch Geld, Lehen, Ehren und Versprechungen, die er, ohne sich so leicht zu erschöpfen, geben konnte, viele Anhänger; darunter Ottokar von Böhmen, dem er jetzt im eignen Namen, wie früher schon in Heinrich‘s, den Königstitel zuertheilte. Verheerend drangen die böhmischen Scharen durch die östlichen Marken, an Gütern, Kirchen, Frauen und Jungfrauen die ärgsten Frevel verübend. Bald sollte aber Thüringen der Schauplatz des Krieges werden, der bisher am Rheine, wo sich die Parteien wie im übrigen Reiche schieden, ohne, der einen oder der andern entschiedenen Vortheil zu gewähren, gewüthet hatte. Otto suchte besonders die reiche Stadt Goslar zu

 

 

 

 

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gewinnen, ein Preis, um den schon sein Vater gerungen, der vielleicht durch seine allzu hartnäckige Foderung desselben bei der Zusammenkunft mit Friedrich Barbarossa, zu Partenkirch den Zorn des Kaisers und somit seine Vernichtung herbeigeführt hatte. Auch Otto gelang es weder im ersten Jahre (1199), noch in den nächstfolgenden die starkbefestigte und wohlvertheidigte Hauptstadt Ober-Sachsens einzunehmen, aber in der Nähe ein Kastell, Herlingsburg, anzulegen, wodurch Goslars Flor und Handel sehr herabkam, war schon dem Gegner zum großen Nachtheil.

 

Der Vertrag mit Hermann zwang Otto für jetzt den Zweck seines Sächsischen Feldzuges bei Seite zu setzen und seiner übernommenen Verbindlichkeit sich zu unterziehen. Er hatte jenem die Reichsstädte Nordhausen, Mühlhausen, Saalfeld, mehre Vesten und Ortschaften zugestanden, die meist erst mit Gewalt erobert werden mußten. Mit leeren Versprechungen ließ der Landgraf sich nicht abfinden, also mußte der König bei der Eroberung ihm Beistand leisten. Doch schon bei der ersten, Nordhausen, fanden sie starken Widerstand, obwohl Hermann’s Heer allein 1800 Mann zählte. Durch Ableitung des Flusses, Aushungern, Belagerungsmaschinen und wiederholte Angriffe ward nach zwei Monaten die Stadt genommen. Danach kehrte Otto gen Goslar zurück; Hermann verstärkte sein Heer und kam Philipp, der Saalfeld zum Stützpunkte seiner Macht in Thüringen machen wollte, zuvor. Noch ehe er selbst im Lager eintraf, hatten die Seinen einen Ausfall der Bürger zurückgeschlagen, einen Theil in die Flucht getrieben, die andern gefangen genommen, worauf die Veste in ihre Gewalt kam und reiche Beute darbot. Nach Zerstörung der Stadt wandten die Sieger sich

 

 

 

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gegen das reiche Kloster, mishandelten die Mönche, verübten rohe Frevel an den Heiligthümern, führten Schätze und Kirchengeräth von dannen. Als Hermann dies hörte, zürnte er heftig, aber die große Zahl der Frevler entzog sie der Strafe. Der Abt, von seinen Mönchen im kläglichsten Zustande nach Erfurt begleitet, klagte bei den Richtern der Erfurter Jurisdiction, allein er bekam den Bescheid, daß die Drangsale des Krieges dergleichen Vergehen, die jeder geduldig tragen müsse, mit sich brächten. Ebenso erfolglos waren seine Klagen bei Hermann. Der allein ihn erhört haben würde, der Metropolitan, Erzbischof Konrad von Mainz, war noch nicht vom Kreuzzuge heimgekehrt, und obwol sein Stellvertreter über den Landgrafen den Bann verhängte, mußte doch auch dieser schon im folgenden Jahre aufgehoben werden, da die Schuld nicht dem Fürsten, sondern lediglich seinem Heere beizumessen war und Erstrer sogar einen Schadenersatz dem Kloster versprach. Als später Konrad zurückkehrte, von dem Kirchenfrevel und Hermann’s Lösung vom Banne erfuhr, erhob sich gegen diesen freilich ein neues Ungewitter, zumal da derselbe bereits die Partei gewechselt und statt Otto, dem vom Papste Innocenz III. begünstigten Könige, dem von der Kirche gehaßten und mit dem Banne belegten Philipp sich zugewendet hatte. Dieser nämlich, nachdem er ohne etwas Erhebliches gegen Otto und Hermann auszurichten, bis zum Frühjahre 1199 in Thüringen verweilt, war danach in die südlichen Provinzen und dann nach dem Rheine aufgebrochen, wo es ihm gelang den hartnäckigen Bischof Heinrich von Strasburg durch Einnahme dieser Stadt zum Nachgeben und Gehorsam zu zwingen. Auch Otto zog von Sachsen nach dem Rhein Hist. Taschenbuch. Neue F. IV. 9

 

 

 

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und hier von dem ihm treu gebliebenen Köln, stets der Hauptstütze seines Throns, stromaufwärts gegen Philipp, dann, vor diesem weichend und von ihm bis in das Erzbisthum Köln verfolgt, zurück, sodaß von keinem von beiden durch die Verheerungen des herrlichen Landes etwas gewonnen oder ihre Sache weiter gefördert war, als sie zu Anfang des Reichsschisma gestanden hatte.

 

Auch des allgewaltigen Papstes Innorenz III. Bemühungen zu Gunsten Otto’s, seine Mahnungen, Legaten, Bannsprüche vermochten keine Entscheidung herbeizuführen und Philipp kaum mehr als den königlichen Titel vorzuenthalten, während dieser den von der Kirche gehaltenen Gegner immer mehr bedrängte, der wiederum auch in der höchsten Bedrängniß nicht zum Aufgeben der Krone sich bewegen ließ. Vergeblich war es demnach, daß der Papst dem Erzbischof Konrad von Mainz eine Vermittlung übertrug, weil in der Nähe diesem die Schwierigkeiten sich größer zeigten als sie in Rom, wo er auf seiner Rückfahrt vom Kreuzzuge angesprochen, ihm erschienen waren. Der kurze Waffenstillstand von wenig Monaten statt des von Konrad gefoderten fünfjährigen, die Fürstenversammlung von Boppard, wo eine Abdankung Philipp‘s oder Otto‘s und eine neue Wahl stattfinden sollte, gewährten zwar eine Unterbrechung der Kriegsleiden für die verwüsteten Länder, endlich aber blieb doch nur die Entscheidung durch das Schwert

 

 

 

 

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Schon 1199, bald nach der Einnahme Strasburgs fällt der erwähnte Parteiwechsel des Landgrafen. Ohne Waffengewalt gelang es Philipp ihn auf seine Seite zu bringen, weil die Bedingung, unter der Hermann die Sache Otto’s verfechten wollte, von diesem nicht gehalten war oder nicht gehalten werden konnte, und die Nichtigkeit seiner Versprechungen jenen der Verbindlichkeit, die er eingegangen, überhob. Durch Ottokar von Böhmen, den Neffen Hermann’s, kam leicht ein Vergleich mit Philipp zu Stande, der es nicht versäumte dem Landgrafen beim Eidschwure der Treue große Reichsgüter und Immunität zu verleihen. Nordhausen, Mühlhausen, Saalfeld, dazu Rainys und Orla sollte Hermann gegen eine Summe Geldes als Pfand behalten, ein Vertrag, der wol von beiden Seiten nicht in ganzem Umfang erfüllt wurde, da nur das Schwert die Städte öffnete und ohne Gewinn der kluge Landgraf sein Geld nicht verschwendete. Obwol bis zum Jahre 1203 die Verbindung Beider fortbestand, sah sich doch Keiner durch den Andern befriedigt. Hermann erschien auf Hoftagen, die Philipp einberief, er unterschrieb die Bitt- und Beschwerdebriefe, welche dessen Anhänger an Papst Innocenz III., der rastlos für Otto thätig blieb, sandten, aber in der Hauptsache, mit dem Schwerte den anerkannten König wider den Gegner rastlos und mit Anstrengung zu verfechten, Otto in seinen braunschweigischen Erblanden zu bedrängen, blieb Hermann weit hinter gehegten Erwartungen zurück. Von dem einen Könige nicht angefeindet, von dem andern mit großen Reichsgütern belehnt zu werden, darauf allein ging Hermann‘s Bestreben, und unterdeß verfolgte er mit Eifer nur das sich selbst gesteckte Ziel,

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das von Otto’s und Philipp’s und des Reiches Interesse gleich weit entfernt lag. Eine solche Verbindung mußte bald lau und lose werden, bis sie endlich zu einem völligen Bruche führte. Zwei Ereignisse, die auch sonst Wichtigkeit für die Zeiten des Reichsschisma hatten, führten ein feindliches Verhältniß zwischen Philipp und Hermann, einen abermaligen Parteiwechsel dieses Letztern herbei.

 

Erzbischof Konrad von Mainz, von jeher mehr leidenschaftlich als energisch und in seinen hohen Lebenstagen, zumal bei der verwickelten Lage des Reiches der Aufgabe nicht gewachsen, die der erste Prälat Deutschlands vor jedem andern Fürsten zu; übernehmen berufen schien, starb zu Ausgang des Jahres 1200, nicht im Beruf für Deutschlands so höchst nöthige Ruhe und Eintracht thätig, sondern heimkehrend von einer Reise aus Ungarn, wo er zwei streitende Prinzen versöhnt hatte. Die Wahl seines Nachfolgers, so dringend die Verhältnisse sie foderten, blieb über ein Jahr ausgesetzt und endlich fiel sie zwiespältig nach den Parteien im Reiche aus, indem Philipp‘s Anhänger den bisherigen Bischof von Worms Lupold von Schönfeld, der schon Heinrich VI. ein bereitwilliges Werkzeug seiner Plane und Grausamkeiten gewesen war, die Gegner der Hohenstaufen den Propst der Kirche St. Petri zu Mainz, Siegfried von Eppstein, erhoben. Der Papst entschied sich natürlich für Letztern, ließ durch seinen Legaten Guido von Präneste ihn weihen und sandte Ermahnungsscheiben an die Fürsten, für denselben nach Kräften zu wirken. Eine solche Mahnung erging auch an Hermann, dessen laue Freundschaft für Philipp in Rom, wo man alle Verhältnisse kannte, neue Hoffnungen für die Kirche und

 

 

 

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deren Schützlinge erweckte. Wirklich suchte Hermann durch Ueberredung und Drohungen im Reiche für Siegfried zu werben, was schon den König Philipp und noch mehr Lupold aufreizen mußte. Auf Anrathen und gewiß auch mit geheimer Unterstützung des Ersteren brach Letzterer plötzlich gen Erfurt auf, langte Nachts mit seinen Scharen hier an, die absichtlich oder zufällig einen Theil der Stadt in Brand steckten, sodaß sie wie eine Unglücksfackel dem tyrannischen Lupold, dessen eigner Bruder ihm oft wegen seiner Frevel Vorwürfe machte, vorleuchtete. Laien und Geistliche mußten Waffen und Wagen in Bereitschaft halten, um in Hermann‘s Besitzungen verheerend, sengend und brennend einzufallen.

 

Den völligen Bruch zwischen König Philipp und dem Landgrafen veranlaßte die schnöde Ermordung des Bischofs Konrad von Würzburg, durch zwei Verwandte desselben, Heinrich und Boto von Ravensberg, verübt (1202). Konrad war Heinrich’s VI. Kanzler gewesen und auch von Philipp in der Würde gelassen, wodurch er Otto’s und Innocenzen‘s Haß sich zuzog, die ihm umso leichter beizukommen wußten, als er ungesetzlich zwei Bisthümer, das von Hildesheim und Würzburg, unter seinem Hirtenstabe vereine. In Gefahr, beide zu verlieren, begab sich Konrad nach Rom. Erlangte des Papstes Verzeihung, doch unter der Bedingung, fortan Otto‘s Sache zu verfechten , der er indeß nur soweit nachkam, als er sich, um beide Könige wenig bekümmernd, in seinem ausgedehnten würzburger Kirchsprengel, der noch immer das Herzogthum Franken in sich begriff, wie ein unabhängiger Fürst benahm und während der wilden Kriegsstürme ringsumher in seinem Lande für die Aufrechthaltung der

 

 

 

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Ordnung und Bestrafung von Willkür, Straßenraub und jeder Gesetzesverletzung mit aller Strenge sorgte. An Niemand konnte er für das gleiche Bestreben einen willkommeneren Verbündeten finden als an Landgraf Hermann, und Beide mit vereinter Macht hätten in Mittel-Deutschland eine jeder Königgewalt gebieterische Stellung behauptet; da fiel Konrad als ein Opfer seines heilsamen Waltens. Wenn der Verdacht, daß Philipp an dem Morde Theil gehabt, auch unerwiesen ist, so mußte doch seine Weigerung, die Frevler zu bestrafen, trotz aller vergossenen Thränen an des Bischofs Leiche den Unwillen der Geistlichkeit und vieler Fürsten erregen. Am lautesten tadelte ihn Hermann, der an Konrad den Genossen seiner Plane verloren. Auch Philipp wußte, daß der Landgraf mit dem Bischof geheime Unterhandlungen und Zusammmenkünfte gehabt hatte. Seit dem Bamberger Reichstage (im September 1201), wo Hermann noch mit zahlreichen Fürsten ein sehr nachdrückliches Schreiben an Innocenz für Philpp‘s rechtmäßige Erhebung unterzeichnet hatte, waren schon Mißhelligkeiten zwischen beiden Männern eingetreten, die, um zum völligen Bruch zu führen, nur eines Anlasses bedurften, wie sie die Ermordung des Würzburger Bischofes darbot. Bewog den Landgrafen der ausgesprengte Mordverdacht, oder die Säumigkeit bei Bestrafung der Mörder die Partei Philipp’s zu verlassen, so wollte der König seinerseits lieber einen offnen Feind als einen Freund, dem er kein Zutrauen schenken konnte. Er reizte die Fürsten seines Anhanges gegen Hermann auf und setzte eine Heerfahrt nach Thüringen an, die im Frühjahr 1203 mit Verheerungen, Brand, Entweihungen in Häusern und Kirchen bezeichnet wurde;

 

 

 

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199 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Lupold von Mainz überbot alle Andern an Frevel und Greuelthaten.

 

Aber Hermann war nicht unvorbereitet. Auf die Nachricht von der drohenden Gefahr hatte er seinen Neffen Ottokar um Beistand gebeten, und der päpstliche Legat, der zu dem Bruche mit Philipp von Schwaben längst mitgewirkt, eilte selber nach Böhmen, um die Rüstungen hier zu beschleunigen. Mit 40000 Mann erschien Ottokar in Thüringen und belagerte den zurückweichenden Feind in Gemeinschaft mit Hermann’s Heer in Erfurt. Die Noth in der Stadt und ringsumher erstieg bald den höchsten Grad. Da entwich am zehnten Tage Philipp durch heimliche Flucht nach den östlichen Marken, deren Fürsten diesmal, selbst Dietrich von Meißen, des Landgrafen Schwiegersohn, — dankbar, daß Philipp ihm das Land zuertheilt, welches Heinrich VI. ihm willkürlich vorenthalten hatte, — für den Hohenstaufen gegen den ihnen übermächtigen und gefährlichen Landgrafen und die wilden Böhmen die Waffen ergriffen. Anstatt den König zu verfolgen, oder nur Erfurt zur Uebergabe zu zwingen, blieben die beiden Verbündeten neun Wochen unthätig und die böhmischen Horden verwilderten und vergaßen aller Mannszucht, sodaß es dem Grafen Otto von Brene mit wenig Bewaffneten gelang 400 Böhmen zu vernichten. Die Schuld des in jeder Hinsicht nachtheiligen Versäumnisses trugen nicht sowol Hermann und Ottokar als der päpstliche Legat Guido, der den hartnäckigsten Anhänger Philipp‘s, den Erzbischof Ludolf von Magdeburg, den Zögling und Nachfolger des den Hohenstaufischen Kaisern einst so treu und verdient bewährten Erzbischofs Wichmann, durch die Thüringischen und

 

 

 

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böhmischen Kriegsscharen, die eine drohende Stellung zwischen Halle und Merseburg einnahmen, zu schrecken und zum Abfall zu bewegen hoffte; allein Ludolf wurde ebensowenig durch Waffengewalt als durch päpstlichen Bannstrahl geschreckt. Das verwüstete, ausgesogene Land nöthigte die Fürsten endlich ihre Heerhaufen zu trennen und aufzulösen, nachdem Ottokar im Dome zu Merseburg von König Otto aufs Neue die Königskrone empfangen hatte. Der flüchtig gewordene Philipp hatte bald mehr Gewinn von dem Siege seiner Gegner als diese und entwickelte eine ungewöhnliche Thätigkeit.

 

Mit Hülfe der östlichen Fürsten brachte Philipp für das nächste Jahr eine große Heeresmacht auf, und während er scheinbar eine Aussöhnung mit Hermann suchte, drang er mit seinen eignen Mannen aus den süddeutschen Hausgütern und Schwaben gen Goslar vor, um durch Wegnahme oder Zerstörung von Herlingsburg die Hauptstadt Sachsens befreien. Zwar dieser Versuch mislang, da Otto mit seinen Brüdern heranzog und Philipp nicht voreilig ein Treffen wagen wollte, ehe der Zuzug seiner Verbündeten zu ihm gestoßen sei. Im Anfange des Juli rückte er aber mit einem ansehnlichen Heere von Baiern, Schwaben, Oestreichern, Rheinländern, Franken und Sachsen in des Landgrafen Gebiet. Erzbischof Ludolf von Magdeburg hatte allein 30000 Mann zu Fuß, Dietrich von Meißen 1500 Reiter und viele Tausende Fußvolk gestellt. Diese Uebermacht, die von Außen drohte, war noch nicht die Hauptgefahr für Hermann. Daß die Grafen und Barone seines eignen Landes die Gelegenheit benutzten, ihn zu vernichten, um ihre eigne Unabhängigkeit wiederzugewinnen, brachte besonders den Landgrafen in Noth.

 

 

 

 

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An der Spitze der Empörer werden wiederum zwei Grafen von Schwarzburg, Günher und Heinrich genannt, außerdem Lambert von Gleichen, welcher schon als Advokat von Erfurt, das Hermann durch List und Gewalt an sich gebracht zu haben scheint, des Landgrafen Gegner sein mußte, und ein Graf Friedrich von Beichlingen, aus einem Hause, das eine alte Unbilde Ludwig’s des Eisernen an dessen Sohne zu rächen gedachte. Jener strenge, oft allzuharte Bändiger der Thüringischen Reichsvasallen hatte, auf die Gunst seines Schwagers Friedrich Barbarossa bauend, während er selbst bei diesem in Italien verweilte, durch seine Gemahlin Jutta in des Grafen Gebiet am sogenannten weißen See eine Veste aufrichten lassen, angeblich zur Herberge zwischen Naumburg und Wartburg, den Hauptschlössern des Landgrafen. Friedrich davon benachrichtigt, klagte beim Kaiser und dieser gebot Ludwig seiner Gemahlin den Bau zu untersagen. Während aber die Boten des Grafen von Beichlingen den kaiserlichen Befehl an Jutta überbrachten, langte bei dieser ein geheimes Schreiben von ihrem Gemahle an, das ihr den Fortbau dringend anbefahl. Ludwig behielt auch ferner die Maske bei. Als er nach Deutschland zurückgekehrt, stellte er sich zornig über seine Gemahlin, versprach dem Grafen eine Genugthuung und erbot sich, da wegen des großen Kostenaufwandes die Niederreißung des Gebäudes ohne beträchtlichen Verlust nicht wohl thunlich sei, den Platz und den See um jeden Preis ihm abzukaufen. Der Graf Friedrich, von des Landgrafen Worten geblendet oder den augenblicklichen Geldgewinn höher anschlagend als die Gefahr, welche ihm in Zukunft erwachsen mußte, willigte ein und seitdem war Weißensee eine der

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Hauptvesten des Landes, die indeß, wie wir gesehen haben, lange ein Zankapfel zwischen den Thüringer Landgrafen und den Markgrafen von Meißen blieb, bis Dietrich sie für den Beistand gegen Albrecht seinem künftigen Schwiegervater abtrat. In allen Kämpfen, die Thüringen zum Schauplatze hatten, wurde Weißensee ein Hauptstützpunkt für die eine oder die andre Partei, wofür unsre Darstellung mehrfache Beweise geben wird. Auf Weißensee rückte um die Zeit der Ernte 1204 Philipp’s zahlreiches Heer los, um die Grenzwarte, das Eingangsthor des Thüringer Landes von Meißen her in seine Gewalt zu bekommen.

 

Während dieses Gewitter von Osten her dem Landgrafen um so unerwarteter heranzog, als er Philipp’s Macht im vorigen Jahre vernichtet und auch in diesem von Goslar zurückweichen gesehen, war er selber mit 400 Mann zu König Otto aufgebrochen, um diesem einen Beweis seiner Anhänglichkeit und seines thätigen Beistandes zu geben. Da meldeten ihm Boten den Abfall und die Rüstung der Grafen und Barone. Zu spät kehrt er heimwärts, zu schwach ist seine Kriegsmacht, die Em- pörung zu unterdrücken. Schon brennen und sengen jene im Lande und zwingen die Städte mit List und Gewalt ihrem Beispiele zu folgen, das Joch abzuwerfen, das die Landgrafen, jene einst unbedeutenden, nicht einmal ihrer Nation angehörenden Ansiedler, ihnen aufgezwungen. Das wohlbefestigte reiche Sangerhausen, der bedeutendste Erwerb Ludwig‘s des Bärtigen von seiner Gemahlin Cäcilie von Sangerhausen, widersteht anfangs dem Ungestüm der Empörer, wankt dann aber, muthlos gemacht durch die Annäherung eines Heeres, welches der Sohn Herzogs

 

 

 

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Bernhard von Sachsen dem König Philipp zuführt. Ueberredet oder bestochen, öffnet ein Theil der Bürger die Thore. Die Verräther werden nun selbst verrathen. Man hatte ihnen versprochen, daß Lebensmittel in die Stadt gebracht und nichts geplündert werden sollte. Verkappt ziehen die Belagerer ein, die aber kaum sich Meister der Stadt sehen, als sie Habe und Gut der Bürger an sich reißen, weder Profanes noch Heiliges verschonen und jede Gewaltthat mit frechem Spott wider die Leichtgläubigen verüben. Von Sangerbausen gehts auf Weißensee, wo sie mit dem heranziehenden Heere Philipp‘s sich vereinen. Mit Wenigen voraus eilt Friedrich von Beichlingen, um den Zustand der Veste, die er für sein Eigenthum erklärt, und einen geeigneten Punkt zum Ueberfall zu erspähen, „dem Falken gleich, der mit Ungestüm auf seine Beute stößt.“ Aber allzu kühn ist sein Muth, zu weit hat er sich vorgewagt. Die Besatzung macht einen Ausfall und führt ihn gefangen in die Veste, in die er als Herr und Gebieter einzuziehen gedacht. Zwar trifft nun zur Vergeltung ein gleiches Loos viele Anhänger Hermann’s, doch ist bereits von dessen Getreuen und Dienstmannen Weißensee stark verschanzt worden und sie sind entschlossen, bis aufs Aeußerste sich darin zu vertheidigen. Wider so kriegserfahrene, tapfre Kämpfer vermögen auch die Angriffe Philipp’s nichts; sie stecken sogar seine Belagerungs- maschinen in Brand und hätten durch ihren Heldenmüth kein fruchtloses Opfer gebracht, wenn Hermann’s Verbündete von mehr Eifer, Muth und Treue beseelt gewesen wären.

 

Der Landgraf hatte sogleich König Otto, seinen Neffen Ottokar von Böhmen und selbst den Polenherzog um

 

 

 

 

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schleunige Hülfe entbieten lassen. Der Erste, die Gefahr nicht erkennend oder wie immer saumselig oder schon im Zwist mit seinem Bruder Heinrich, der als der ältere und fähigere ihm die Krone beneidete, ließ Hermann völlig im Stich, wenigstens zog er erst mit einem Heere von Braunschweig heran, als es jenem ebensowenig als ihm selber nützen konnte. Eine polnische Schar versuchte durch die Marken den Belagerern von Weißensee in den Rücken zu fallen, wurde aber von Konrad von Landsberg geschlagen und mußte eiligst den Rückzug nehmen. Den kräftigsten Beistand mußte auch in diesem Jahre der Landgraf von den Böhmen erwarten, so schwer es ihm auch fallen mochte, die wilden Raubhorden noch einmal in sein Land zu rufen. Ottokar kam mit einem großen Heere herbei und zog von der nordwestlichen Spitze Böhmens über Orla gen Saalfeld herab. Philipp gab nun die Belagerung von Weißensee, die bereits sechs Wochen gedauert auf und wollte Ottokar ein Treffen liefern. Als dieser aber die Uebermacht des Feindes, den Abfall so vieler Thüringischen Großen, die Bedrängniß seines Oheims, der mit keinen Kriegern zu ihm stoßen konnte, erfahren, hielt er eine Schlacht für allzu gewagt und dachte nur sich selbst zu retten. Durch eine List gelang ihm dies. Zur Täuschung der Feinde ließ Nachts viele Feuer anzünden, als ob sie sein Lager bezeichneten; während des brach er so schleunig auf, daß er vielen Kriegsbedarf und eine Menge Heergeräthe zurücklassen mußte. Nur diese Beute fand am folgenden Tage eine abgesandte Heeresabtheilung Philipp’s unter Anführung des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, der bis zum Böhmerwalde hin den Feind vergeblich suchte.

 

 

 

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Was blieb nun aber dem Landgrafen für Aussicht, als Philipp, Weißensee umgehend, tief in das Land eindrang und Alles verwüstete? Nichts als des Königs Zorn durch Unterhandlung zubesänftigen. Ohne Vermittlung einiger ostländischen Fürsten wäre dies schwer geworden, denn in der That hätte Philipp mit seinen überlegenen Streitkräften den Landgrafen vernichten können. Jene brachten eine Zusammenkunft zu Ichterhausen zu Stande. Der siegreiche, stolze Hohenstaufe ließ den Gedemüthigten lange zu seinen Füßen knien und überschüttete ihn mit vielen Vorwürfen wegen seines Abfalles und seiner Untreue. Doch Konrad von Landsberg, Dietrich von Meißen und Andere mahnten den König, das Wort der zugesagten Gnade und den Versöhnungskuß nicht länger dem Landgrafen vorzuenthalten. Dieser stellte seinen Sohn und mehre Vasallen als Geißel und blieb im Besitze seiner Länder und Würden. König Otto hatte es sich selbst zuzuschreiben, daß ihm der wichtigste Bundesgenosse entzogen wurde. Bald sollten ihn noch härtere Schläge treffen. Sein eigner Bruder Heinrich trat bald danach zu Philipp über und Ausgangs 1204 söhnten sich sogar die heftigsten Gegner dieses und die Hauptbeförderer Otto’s zum Throne, der Erzbischof Adolf von Köln und der Herzog von Brabant, der seit Jahren dem Welfen seine Tochter verlobt hatte, mit dem Hohenstaufen aus. Adolf erhielt unter Andern als Lohn seines Uebertrittes die Stadt Saalfeld in Thüringen, die sammt den übrigen genannten Reichsgütern Hermann wieder verlustig gegangen war. Philipp legte nun scheinbar die Krone nieder, um von den Fürsten eine neue Königswahl halten zu lassen. Natürlich fiel sie auf keinen Andern als ihn,

 

 

 

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und zu Aachen, wo vordem Otto vom Erzbischofe Adolf von Köln geweiht worden, erhielt aus den Händen desselben Prälaten jener die Krone (am 6. Januar 1205). Nur die Stadt Köln, freilich die mächtigste und für mehre Kaiser schon unbezwinglich, bewahrte Otto die alte Treue, schloß den Erzbischof Adolf von ihren Mauern aus und erhob in Gemeinschaft mit dem Kapitel, des Papstes Auffoderung befolgend, Bruno, einen geborenen Grafen von Saym auf den Erzstuhl. Aber nach dem unglücklichen Treffen bei Wassenberg, in welchem Philipp weniger seiner überlegenen Heeresmacht als dem Verrathe des Herzogs Heinrich von Limburg den Sieg verdankte, konnte Otto es nicht mehr verhindern, daß Köln unter milden Bedingungen sich mit dem Gegner aussöhnte. Er selbst mußte zu seinem Oheim Könige Johann von England seine Zuflucht nehmen. Wenn nicht der unbeugsame Innocenz III. ihn gehalten und sich trotz Philipp‘s Bitten und der Foderung fast aller deutschen Reichsfürsten für König Otto und gegen „Philipp von Schwaben,“ wie er diesen nur nannte, entschieden hätte; Johann‘s geringe Geldunterstützung, Waldemars‘s von Dänemark Beistand, die eigne Hausmacht und die geheime Begünstigung mehrer norddeutscher Fürsten wären dem Welfen, der durch des Papstes Vermittlung einen Waffenstillstand von Philipp erlangt, wider dieses unleugbare Uebermacht in Deutschland von wenig Nutzen gewesen. Was Otto‘s stolzer Sinn, der nur mit dem Leben die Krone fahren lassen, was Innocenzens festem Willen vielleicht bis zu ihrem Lebensende nicht geglückt wäre, nämlich Philipp die Krone zu entreißen, sollte unerwartet durch die Hand des Schicksals bewirkt werden.

 

 

 

 

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Welchen Antheil Hermann an den letzten Kämpfen der Gegenkönige genommen, wie weit er der Mahnung des Papstes: „nicht länger, als es nöthig sei, dem Zwange der Umstände zu weichen,“ Gehör gegeben, was er während der Verhandlungen, die von Rom aus und in Deutschland selbst zur Beilegung des verderblichen Reichsschisma gepflogen wurden, unternommen habe, erfahren wir nicht. Mit seinem Streben nach möglicher Unabhängigkeit von jeder höher stehenden Macht standen die Ereignisse außerhalb seiner Landesgrenzen, die Bemühungen Otto’s, Philipp’s, Innocenzens um die letzte Entscheidung im Reiche nur soweit in Berührung als sie ihm Gelegenheit boten, seine Plane zu fördern. Als bei der Aussöhnung zu Ichterhausen Philipp, mehr durch die Sächsischen Fürsten seiner Partei gezwungen als nach freier Wahl, dem Landgrafen Gnade ertheilte und im Besitz alles Dessen ließ, was Hermann vordem sein nannte, waren die Grafen und Vasallen Thüringens, welche von ihrem Landesherrn abgefallen, nicht im Stande, ihre Unabhängigkeit zu behaupten. Sie mußten des Landgrafen höhere Stellung, seine Leitung der Landesangelegenheiten und ihre eigne Unterordnung unter seinen Willen anerkennen und in die frühere Abhängigkeit von ihm sich fügen. Hermann nahm aber an den Abtrünnigen keine Rache, entweder weil dies als Bedingung von Philipp ihm auferlegt war, oder weil er richtig erkannte, daß ohne die Ergebenheit und den Anschluß der Landesgrafen ihm die erwünschte unabhängige Stellung und jedes Uebergewicht nach Außen unmöglich werde. Darum hielt er für besser, durch Milde und Gunstbezeigungen die abgeneigten Gemüther zu versöhnen, und sparte weder Worte

 

 

 

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noch Geld, um die zahlreichen kleinen Dynasten sich zu verbinden.

 

Das wirksamste Mittel, sich im Lande zum unbeschränkten Fürsten und nach Außen mit Macht und Ansehen zu erheben, glaubte Hermann in einer glänzenden Hofhaltung zu finden. Zugleich entsprach dies seinem Hange nach äußerer Pracht und ritterlicher Hofsitte, wie er beides in Frankreich, damals wie heute die Schule seiner Lebensweise, kennen gelernt hatte. Seiner Liebe zu den Künsten, seiner höhern Geistesbildung genügten nicht die rohen Turniere und Festgelage. Wie er seine Residenz Eisenach und Schloß Wartburg durch neue Bauten verschönte, gedachte er seinen Gästen den Aufenthalt daselbst in jeder Weise angenehm zu machen. Reichthum, Ueberfluß, Zierlichkeit und eine Unterhaltung für Herz und Geist sollten von nah und fern Fürsten, Ritter und Dichter an seinen Hof ziehen. Wer kennte nicht die Lobsprüche Walter‘s von der Vogelweide, Wolfram’s von Eschenbach und Andrer, welche den Landgrafen wegen seiner Freigiebigkeit, seiner Pflege und Beschützung der edeln Dichtkunst preisen und die Schilderungen jenes Thüringer Hofes, „wo eine Schar der Gäste die andre drängt, so Tag als Nacht, mit denen der Landgraf seine Habe verthut und keine Kosten scheut, wie schwer auch immer bei der allgemeinen Zerrüttung und Verheerung Deutschlands der Aufwand zu bestreiten wäre.“

 

Ueber Hermann’s Verhältniß zu den damals lebenden Dichtern, über sein Verdienst um die hohe Kunst ist vielfach von Literaturhistorikern und Freunden der mitteldeutschen Poesie gesprochen worden, wie wenig Zuverlässiges und Bestimmtes auch aus Chroniken und den Dichtungen

 

 

 

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jener ersten Blütenperiode des deutschen Gesanges sich als unumstößlich wahr herausgestellt hat. Am berühmtesten ist sein Name geworden durch den Wettstreit der Sänger auf der Wartburg, den ein späteres, keineswegs dem Wolfram von Eschenbach beizulegendes Gedicht unter dem Namen des Wartburgkrieges und noch jüngere Chroniken uns aufbewahrt haben. Wer aber vermag aus jener verworrenen, ins Mystische und oft Abgeschmackte sich verlierenden Dichtung und aus den danach oder nach traditioneller Volkssage aufgezeichneten Berichten eines Johann Rothe, Adam Ursinus u. d. g. Chronisten eine historische Wahrheit zu begründen? Neben andern bessern Zeugnissen bestätigen sie nur, daß an Hermann’s Hofe viele Dichter und zwar die ausgezeichnetsten sich aufgehalten, und daß der Landgraf und die Landgräfin Sophie lebhaften Antheil an dem Aufschwunge, den die Poesie damals in Deutschland bekam, genommen haben. Unbezweifelt steht es fest, daß Hermann schon in frühern Jahren den Meister Heinrich von Veldeck in Schutz nahm, demselben seine Eneidt, die ihm neun Jahre lang entwandt war, wiederverschaffte und die Beendigung des Epos anempfahl. Auf seinen Anlaß ferner dichtete Wolfram den Wilhelm von Oranse und übersetzte Albrecht von Halberstadt die Verwandlungen des Ovid. Hermann‘s Verbindungen mit dem französischen Hofe und der pariser Universität setzten ihn wol in den Stand, seinen Dichtern und manche ausländische poetische Quellen und Stoffe zur Bearbeitung oder zur Anlehnung für deutsche Dichtungen zu verschaffen, und sein guter Geschmack, seine Vorliebe für solche Schöpfungen that gewiß dem deutschen Epos und Minnegesange keinen geringen Vorschub, sowie seine

 

 

 

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freigebige Milde den Unterhatt der Dichter selbst, ihre Anerkennung und ihr Ansehen auf das Rühmlichste förderte. Indeß misfiel es doch auch einem Walther und noch mehr einem Wolfram, daß der Landgraf oft die Schlechtern den Bessern vorzöge, daß er ohne Wahl seine Gunst verschenke, ja diese Unwürdigen leichter zuwende, während Verdienstvolle lange darum sich vergebens bemühten. Dieser Vorwurf mag das Verdienst Hermann’s in Betreff seines Dichterprotektorats mit Recht herabsetzen; für seine politische Stellung auf dem Gebiete deutscher Geschichte, wie wir sie hier zu entwickeln versuchen, müssen wir sein Verfahren gegen die oft sehr begehrlichen und nicht selten neidischen Dichter, seine prunkende Hofhaltung ganz anders auffassen.

 

Nicht Zweck, wenigstens nicht der letzte, war es Hermann, der Poesie in Deutschland einen höhern Aufschwung zu geben, sondern ein Mittel zu politischer Größe und Bedeutsamkeit sollte die Beschützung und Beförderung jener ihm werden, wie jede seiner Handlungen auf das gleiche Ziel hinweist. Wenn die Dichter und fahrenden Leute seinen Ruhm weit und breit verkündeten, wenn seine Hoffeste aus nah und fern große Scharen der Gäste aus allen Ständen herbeizogen, wenn sein Reichthum und seine Freigebigkeit bei ärmern Rittern und Sängern den Wunsch sein „Ingesinde“ zu werden, erweckte, wenn seine Großmuth und Gastlichkeit den Grafen und Dynasten des Landes, auch denen, die vor kurzem noch Empörung und Verwüstung verbreitet, so wohl gefiel, daß sie gerne bei ihm in untergebner Stellung verweilten, wenn sein ritterlicher Sinn, in Thaten und Worten kundgegeben, verbunden mit Geistesschärfe, Schlauheit und Ueberredungskunst,

 

 

 

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ihn zum ausgezeichnetsten Fürsten seiner Zeit machten, so mußten wol bei dem Elende und der Schmach des Bürgerkrieges, der am Rhein, dem Sitze der Reichsmacht, fortwüthete, die Blicke Aller sich auf Thüringen und Hermann wenden, der es verstand, selbst nach einem Kampfe von ungünstigem Ausgange, Ruhe, Ordnung und Eintracht im Lande, weit strahlenden Glanz, heitere Lust und geistigen Aufschwung an seinem Hofe zu verbreiten. Gleich ihm wollten auch andre Fürsten nicht mehr ihre Kräfte für Philipp oder für Otto nutzlos vergeuden, sondern lieber daheim in behaglicher Ruhe und Unabhängigkeit leben, als entfernt im Kampf für ein sie bedrückendes Oberhaupt Mühen und Gefahren bestehen. Auch Denen, die an Kampf und Abenteuer Gefallen hatten, bot ein Krieg, der nur Raub und Mord im eignen, bejammernswerthen Vaterlande nährte, keinen Reiz. Denn längst schon war die wilde, rohe Tapferkeit durch die Pilgerfahrten und Kreuzzüge nach dem Orient, durch geistigere Regsamkeit, vor Allem durch den Aufschwung der Poesie bei den Deutschen, wie zuvor bei ihren westlichen Nachbarn, in eine edlere Gestalt umgewandelt und hatte das Ritterwesen Formen angenommen, die an sich Bedeutung erhielten und feinere Sitte, geistige Bildung, einen höhern Aufschwung der Phantasie in Anspruch nahmen. Auf den Burgen der Fürsten und Ritter erdröhnte nicht blos Waffenklang, es ertönte auch lieblicher Minnegesang von herumziehenden Dichtern oder von jenen Fürsten und Rittern selbst. „Die holdselige Kunst“ dünkte Königen und Kaisern der Pflege und Ausübung würdig. Die Thaten der Vorfahren, die Abenteuer der Tafelrunde, die Wunder des Grals, Liebesfreuden und Liebesklagen erfüllten

 

 

 

 

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Deutschlands Gauen von der Elbe bis zum Rhein, von der Meeresküste im Norden bis zu den Alpen im Süden. Hinter dem ritterlichen Adel blieb der reiche, betriebsame, erfahrene Bürgerstand nicht zurück; der Volksgesang verband alle Classen der Gesellschaft, die Legende verbreitete über die Poesie den heiligen Schimmer, ohne den sie vor der Kirche nicht hätte bestehen können. Nichts fehlte zum Aufschwung einer höhern Cultur, für die der germanische Geist ein so empfänglicher Boden war, als Friede und Ordnung im Reiche, die, solange zwei Könige sich gegenüberstanden, nicht zurückkehren konnten.

 

Nach der Einnahme Kölns durch Philipp, der daselbst glänzend empfangen wurde, nach Otto‘s Entweichung jenseits des deutschen Meeres hätte man eine baldige Beendigung des Reichsschismas erwarten sollen. Doch dem war keineswegs so. Blieb auch Otto‘s Macht fast nur auf seine Erblande beschränkt, konnte sein Oheim, Johann von England, ihm nichts als unbedeutende Geldsummen zur Fortsetzung des Krieges bieten, so verlor er doch den Muth nicht, weil auch die Macht seines Gegners auf schwachen Füßen ruhte und diesem weder die Krone noch die Herrschaft verbürgt war. Erstere versagte Philipp immer noch hartnäckig der Papst Innocenz III. Wol hatte dieser den Bann aufgehoben, doch nur um ihn zu einem Waffenstillstande mit Otto zu vermögen. Wol begaben sich die päpstlichen Legaten nach Sachsen, unter dem Scheine, Otto zur Entsagung auf Krone und Königstitel zu bewegen. Unverrichteter Sache, aber mit Schätzen von Geistlichen und Laien, wie die Chronisten hinzufügen, zogen sie ab. Wofür anders hätten sie diese Summen in Norddeutschland empfangen, als um das Reichsschisma

 

 

 

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zu unterhalten und den Papst in seinem consequenten Verfahren zu Gunsten Otto’s zu bestärken? Sachsen und Thüringen waren keineswegs von Philipp gewonnen, sondern höchstens von ihm geschreckt, so lange er mit überlegener Heeresmacht innerhalb ihrer Grenzen gestanden. Wie wenig Herzog Bernhard, Landgraf Hermann und andre Fürsten für ihn thaten, geht schon daraus hervor, daß während Otto 1206 Köln vor dem Gegner räumend mit geringer Mannschaft in seine Erblande zog, sein Truchses Gunzelin das langverteidigte Goslar mit allen seinen Schätzen wegnahm, ohne daß nur einer von jenen Fürsten dies zu verhindern gesucht. Wol kam Philipp im Herbste 1207 wieder nach Thüringen und Sachsen, hielt Hoftage zu Nordhausen und Quedlinburg, doch nur um mit Otto, der trotzig auf Herlingsburg bei Goslar saß, zu unterhandeln. Daß diese Unterhandlungen erfolglos blieben wie frühere, beweist abermals, welchen Anhalt Otto an den sächsischen Fürsten, die ihn erdrücken konnten, haben mußte, wenn diese auch nicht offen für ihn sich erklärten. Es gestattete ihnen der Waffenstillstand, der bis Mitte 1208 abgeschlossen, zu beiden Königen in einem friedlichen Verhältniß zu verharren. Wol aber mochte Philipp, der im November 1207 nach Augsburg ging, die zweideutige Stimmung mehrer norddeutschen Fürsten erkannt haben. Von Hermann und dessen Schwiegersohn Dietrich von Meißen kam ihm sichere Kunde, daß Beide ein Bündnis gegen ihn geschlossen, und im Jahre 1208, daß die Sächsischen, Thüringischen und Meißnischen Fürsten zu Halberstadt sich für Otto entschieden. Die Aufhebung des Bannes, der Waffenstillstand und Alles, was der Papst und seine Legaten in Deutschland bewirkt,

 

 

 

 

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zeigten Philipp nur zu klar, daß er nichts gewonnen, ja daß er die Vortheile seiner Siege, die ihn 1206 bereits zum Herrn von ganz Deutschland gemacht, aus den Händen gegeben und seinem Gegner allein Vorschub gethan, der unterdeß abermals zu Kräften und zu wichtigen Verbündeten gekommen war. Zwar noch stand Philipp als der Mächtigere da und er durfte hoffen es zu bleiben, wenn er nach Beendigung des Waffenstillstandes „gegen die offnen Feinde und verstellten Freunde“ im Osten mit Nachdruck sich wandte. Zu Erstern gehörte Ottokar von Böhmen, der wol 1204 vor ihm aus Thüringen entwichen und seitdem keinen neuen Einfall gewagt, nun aber gewiß im Einverständniß mit König Otto, Landgraf Hermann, Markgraf Dietrich, vielen Laienfürsten und fast der ganzen hohen Geistlichkeit Sachsens zu einem neuen Angriff sich rüstete. Ihm und den geheimen Verbündeten zuvorzukommen, sammelte Philipp im Bamberg seine Macht. Schon waren einige Heerhaufen an die Grenze Thüringens vorausgeschickt, wenige Tage fehlten noch, bis der Waffenstillstand abgelaufen war, als die Ermordung Philipp‘s durch Otto von Wittelsbach plötzlich die Lage der Dinge im Reiche so umgestaltete, daß der für vernichtet gehaltene Otto im alleinigen Besitze des Thrones und von allen Fürsten des Reiches, vom Papste und auch der Hohenstaufischen Partei als alleiniger König anerkannt wurde. Sein Verlöbniß mit Philipp’s Tochter Beatrix schien dauernd die Ruhe und Einheit Deutschlands zu verbürgen. Schon 1209 konnte er mit einem zahlreichen und glänzenden Gefolge von Prälaten und Fürsten, unter letztern auch Landgraf Hermann, den Römerzug antreten, um sich die Kaiserkrone von Innocenz aufs Haupt

 

 

 

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215 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

setzen zu lassen. Mit kluger Mäßigung und schonender Milde wäre Otto IV. ein Herrscher geworden, wie ihn Deutschland seit Lothar III. vermißt hatte, weil ihm kein Nebenbuhler die Krone im Reiche mehr streitig machte, alte Ansprüche seines Hauses, deren Versagung Deutschland fast ein Jahrhundert erschüttert hatten, in Erfüllung gegangen und weder Uebermacht noch Schwäche von ihm zu befürchten waren. Aber voreiliger Trotz gegen Innocenz brachte ihn um seinen bisherigen Wohlthäter und verwandelte dessen Gunst in den Fluch der Kirche; Uebermuth und gänzliches Verkennen der Verhältnisse verleiteten ihn den jungen König Friedrich von Neapel und Sicilien, der damals in Deutschland weder Besitzungen noch Anhang hatte, zu bedrängen und dessen unversöhnlichen Haß aufzureizen; Stolz und unkluges Verfahren wandte die deutschen Fürsten, weltliche wie geistliche, von ihm ab, sodaß viele der angesehensten, die ihn nach Italien begleitet hatten, einer nach dem andern meist heimlich ihn verließen und nach Deutschland zurückkehrten, wie die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Magdeburg, der König Ottokar von Böhmen, der Herzog von Baiern, der Landgraf Hermann und andere.

 

Kein Wunder also, daß Otto IV. nach wenig Jahren den Thron verlor, zu dem er so unerwartet nach Philipp’s Ermordung gelangt war. Hermann, wenn nicht dem Namen nach, so doch in der That das Haupt der sächsischen Fürsten, hatte durch seinen Anschluß an Otto zu einer Zeit, wo dieser fast gänzlich verlassen und verloren schien, zu viel für den neuen Alleinherrscher gethan, als daß er nicht auf dessen Dankbarkeit und dauernde Gunst hätte rechnen sollen. In dieser Voraussetzung verfolgte

 

 

 

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216 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

der Landgraf aufs eifrigste sein Streben nach Machtvergrößerung und Unabhängigkeit. Zu diesem Zweck suchte er auch vortheilhafte Heirathsverbindungen seiner Kinder, deren Zahl in der zweiten Ehe durch vier Söhne und zwei Töchter, Ludwig, Hermann, Heinrich, Konrad, Irmengard und Agnes vermehrt worden, mit angesehenen Fürsten und Fürstinnen des Auslandes zu bewerkstelligen. König Philipp von Frankreich, mit dem er zu Paris, im Oriente und von Deutschland aus ein näheres Freundschaftsverhältniß unterhalten, als Schwiegersohn sich dauernd zu verbinden, wie derselbe im Jahr 1207 ihm Hoffnung gemacht, zerschlug sich freilich und die jenem bestimmte jüngere Tochter erster Ehe, Hedwig, heirathete bald danach den Grafen Albrecht aus dem Hause Weimar-Orlamünde *), in Folge dessen nach dem Aussterben dieses Zweiges um die Mitte des 14. Jahrhunderts Weimar an den Landgrafen von Thüringen fiel. — Besser glückte es Hermann eine angesehene Partie für seinen ältesten Sohn Ludwig (geboren 1200) frühzeitig und doch fest zu schließen. Auf die Tochter des Königs Andreas von Ungarn und Gertrudens von Meran war seine Wahl gefallen. Einige Chronisten wollen freilich mehr als eine Wahl, eine Vorausbestimmung jener Verbindung. Nach ihnen soll der berühmte Klingsor, welcher bei dem Sängerkrieg auf der Wartburg von Heinrich von Ofterdingen zur Entscheidung aus Ungarland herbeigeholt, dann aber durch Wolfram’s von Eschenbach überlegene Dialektik und fromme Sinnesweise besiegt wurde, aus der Constellation der Sterne

 

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*) Dieser scheint mir von den vielen Fürsten, die als Hedwig’s Gemahl genannt werden, der richtigste.

 

 

 

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217 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Elisabeth’s Geburt und künftige Vermählung mit Ludwig (dem Heiligen) dem Landgrafen vorausverkündet und dafür reichen Lohn von ihm empfangen zu haben *). Wie dem auch sei; daß Klingsor, der am Hofe des Königs von Ungarn in höchstem Ansehen stand, von Andreas einen Jahrgehalt von 3000 Gulden bezog, wie ein Bischof geehrt ward u. A. m., zu der Verbindung durch Rath und That mitgewirkt, ist nicht unwahrscheinliche; die förmliche Werbung um Elisabeth erfolgte 1211, als diese vier Jahr alt war.

 

Der Landgraf entbot dazu eine reiche und angesehene Gesandtschaft, an deren Spitze Graf Meinhard von Mühlberg, der Schenk Walther von Vargila und eine edle Dame, Bertha von Bendeleben, stand, gefolgt von vielen Rittern und Reisigen, die kostbare Geschenke mit sich führten. Wie gefeiert der Name ihres Gebieters war, bewies der glänzende Empfang auf der Hin- und Rückreise aller Orten, wo sie durchkamen, und vornehmlich in der ungarischen Hauptstadt Presburg. Die einsichtsvolle Königin Gertrud, die mit einem fast männlichen Geiste an allen Regierungsgeschäften ihres Gemahls Theil nahm, war

 

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*) Auch Hermann mochte mit Astrologie, die damals schon bei vielen Fürsten in hohem Ansehen stand, sich befaßt und darum Klingsor in hohen Ehren gehalten haben. Auf einem Reichstage 1207 wurden die Anwesenden durch eine dreifach geteilte Sonne erschreckt, und Hermann, der zur Deutung des Zeichens aufgefodert ward, prophezeihte daraus den baldigen Tod eines der drei erwähnen Könige (Philipp, Otto und Friedrich) was durch Philipp’s Ermordung in Erfüllung ging. Daß man ihn auffoderte, läßt auf seine astronomiscben Studien schließen.

Hist. Taschenbuch. Neue F. W. 10

 

 

 

 

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218 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Nicht nur der Verbindung sehr geneigt, sondern gestattete auch, daß nach damaliger Sitte die kaum vierjährige Tochter nach Thüringen gebracht wurde, wo sie bis zur Vermählung eine angemessene Erziehung erhielt. Reich und glänzend war die Mitgift Elisabeth’s, und die Eltern versprachen sie noch in Zukunft zu vermehren, um dem Landgrafen zu zeigen, wie hoch sie die Ehre schätzten, seinem Hause verwandt zu werden.

 

Bei der Rückkehr der Gesandten nach Eisenach empfingen Hermann und Sophia im reichsten Gefolge der Landesgroßen, Hofleute und Dienstmannen das königliche Kind und den Brautschatz mit großen Freuden. Der eilfjährige Ludwig gab seiner kleinen Braut den Verlobungskuß, danach ward für die würdigste Pflege und Ausbildung der körperlichen und geistigen Anlagen Elisabeth‘s Sorge getragen. Frühzeitig verrieth dieselbe große Schönheit, Tugend und Frömmigkeit, sowie alle die Eigenschaften, welche ihr nachmals hohen Ruhm, aber auch manches bittre Leid an einem der weltlichen Lust allzusehr hingegebenen Hofe bereiteten. In seltener Sinnesgleichheit wuchs auch ihr Verlobter auf und ward vor und nach ihrer Vermählung ihr treuster Freund und Beschützer wider alle Anfechtung, sowie ihre Tugend und Sittenreinheit ihn vor verführerischen Abwegen bewahrte. Auf die schwermütige, verschlossene Gemüthsart des Mädchens schon in frühster Jugend soll die Ermordung ihrer Mutter Gertrud 1213 durch den Ban Benedikt, der von der Mitregentin des schwachen Andreas Unheil für die Nation erkannte, eingewirkt haben. Doch brachte wol die Natur selbst einen so seltsamen Charakter wie Elisabeth’s zur Reife.

 

 

 

 

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Wie für den Ruhm seines Hauses, den Glanz des Hofes und seiner Umgebung, trug Hermann für das Wohl des Landes, besonders für die Städte Sorge. Wir fassen zusammen, was den Jahren nach zum Theil vor, zum Theil nach dem ebenerwähnten Zeitpunkt fällt. Der Vergrößerung und Verschönerung der Hauptstadt Eisenach gedachten wir schon früher. Um den Markt siedelten sich lauter reiche Bürger an, deren Einer oft 4 – 6 Häuser baute, die sie an Aermere gegen Erbzins wieder verkauften. Im Rathhaus ward dieser Zins niedergelegt, ein Theil desselben den Hauseigenthümern zugestellt, ein andrer zum Gemeinwohl der Stadt verwandt, auch an Klöster, Pfarren und Spitäler überlassen. Zur Erweiterung legte man Vorstädte an, auf dem Acker und Eigenthum der Altbürger, das diese gleichfalls gegen Erbzins Andern überließen. Der Werth dieser Grunddtücke sammt Feld und Gärten richtete sich, je nachdem die Häuser Erbzinsen trugen. Um allen Volksklassen gerecht zu werden, ward den handeltreibenden Juden nahe dem Hauptmarkte eine Straße eingeräumt, wo sie die Häuser den Handwerkern abkauften, die wiederum ihnen gelegenere Gassen, nach Zünften gesondert, bezogen. Weil viele von diesen aber durch die Veränderung des Wohnsitzes von der Pfarre weit entfernt wurden, erbaute man in ihrem Stadttheile eine Kapelle zu St. Jakob. Zum Besten der Bürger wurden wöchentlich drei Märkte festgesetzt, Montag zu St. Georg, Mittwoch bei der Frauenkirche und Sonnabend am St. Nikolauskloster; desgleichen für die Umwohner auf dem Lande drei Jahrmärkte, am St. Georg-, St. Johannis- und St. Matthäustage ebenfalls bei den

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drei Pfarren oder anfänglich vor den Thoren der Rechtstadt, bis der Anbau der Vorstädte dies verbot.

 

Wie Hermann es verstand, wo es der Vortheil erheischte, das Vorurtheil der Menge durch frommen Betrug aufzuheben, beweist die Art der Gründung vom St. Katharinenkloster. Der Ausdehnung der Stadt Eisenach nach einer Seite hin, die vornehmlich geeignet erschien, zwischen zwei Landstraßen nach Hessen und in die Buchen, stand die dort befindliche Richtstätte hindernd im Wege. Der Der unheilige Ort mußte erst in einen heiligen verwandelt wedren, ehe der Aberglaube es gestattete, dort sich anzusiedeln; denn auf der großen Strecke von der alten Stadt und der Vehme lag nichts als ein Hospital der Aussätzigen, wodurch die Scheu vor einem Anbau in dieser Gegend noch vermehrt wurde. Nun aber wird erzählt: Hermann habe die heilige Katharina besonders verehrt und von ihrer Leiche ein kleines Bein, so groß wie ein Gerstenkorn besessen. Oft besprach er sich mit Leuten von verschiedenen Ständen, wo er wol das Beinchen am besten bestatten möchte, Gott und der Heiligen zu Ehren, ob in einem Altar oder in einem Schrein, ob innerhalb der Stadt, ob außerhalb? Denn eine Ruhestätte fodere die Reliquie, da sie zu öfterm Oel ausschwitze. Endlich erzählte er, daß ihm durch eine wunderbare Vision im Traume der seltsamste Platz angewiesen sei. Die heilige Katharina selber nämlich sei ihm erschienen und habe ihn auf die Vehmstätte geführt, wo der Rabenstein und die Räder und der Todtengebeine viel umherlagen und also zu ihr gesprochen: „Hier sollst du Propst werden und dein Leichnam soll dereinst hier ruhen.“ Das habe ihn aus

 

 

 

 

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dem Schlaf geschreckt; doch er sich getröstet, daß er Landesfürst sei und somit nicht Propst werden könne. Doch die nächtliche Erscheinung habe sich wiederholt und ihn ernstlich an Erfüllung des Gebotes gemahnt. So müsse er denn gehorchen und auf der bisherigen Richtstätte seiner Schutzpatronin folgsam eine Kirche erbauen. Das vollführte er denn, bestellte seine Nichte, die verwitwete Herzogin Imagina von Brabant zur Aebtissin des Klosters und wurde selbst Vorsteher desselben; jene erkor zur Schutzpatronin die Jungfrau Maria, er St. Katharinen; erstrer wurde ein Altar im Chor, letztrer mitten in der Kirche errichtet. So war der verrufene Platz geheiligt und Keiner nahm Anstand, bei St. Katharinen sich anzusiedeln.

 

Nächst Eisenach und der dabei gelegenen herrlichen Wartburg wandte Hermann besonders Kreuzburg an der Grenze seiner Hauptländer Thüringens und Hessen große Sorge zu und erhob es erst recht eigentlich zur Stadt. Sein Vater hatte den Ort, wo das Peterskloster lag, vom Abte Burchard von Fulda angekauft und die Gebäude in ein Schloß verwandelt, während er den Mönchen das Stift St. Martin unterhalb Frankenrode an der Werra nebst einigen seiner Güter zuwies. Hiemit war aber der Erzbischof Christian von Mainz nicht zufrieden gewesen, der so lange den Landgrafen anging, bis dieser sich entschloß ein Nonnenkloster, St. Jakob, zu Kreuzburg zu fundiren und alle Revenuen, welche das Peterskloster besessen, dazu zu schlagen. Um 1213 beschloß nun Hermann den wohlgelegenen Ort zu erweitern, befahl deshalb den Einwohnern von vier benachbarten Ortschaften am Fuße des

 

 

 

 

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Kreuzberges Häuser zu errichten, ertheilte den Ansiedlern Stadtrecht und Wappen, welches letztere aus drei Thürmen bestand, und bald ward Kreuzburg eine blühende Stadt, die als Verbindungsplatz von Thüringen und Hessen beide Länder in eines verschmolz.

 

Kirchen, Klöstern und andern geistlichen Stiftungen sich wohlthätigig und freigebig zu erweisen, gehörte so sehr zur Politik aller Fürsten damaliger und noch vieler späterer Zeiten, daß der kluge Landgraf,dem daran gelegen war, alle Stände zu gewinnen, darin natürlich nicht eine Ausnahme machte. Es könnte aber wenig unterhalten, alle Schenkungen und Fundationen Hermann’s aufzuzählen. Wir bemerken nur, daß er nächst seiner Stiftung zu St. Katharinen besonders dem Frauenkloster St. Nikolaus zu Eisenach, welches sein Großvater und dessen Tochter Adelheide gegründet und worüber die Landgrafen nicht nur die allgemeine Schutzherrschaft als Landesgebieter, sondern noch die besondre Advokatie als Stifter hatten, seine Gunst und Freigebigkeit zuwendete, dagegen minder als seine Vorgänger das Kloster Reinhardsbrunn auszeichnete, was dieses noch bei seinem Tode empfindlich erfahren sollte.

 

Ueber die innern Landesangelegenheiten verlor indeß Hermann die Reichsverhältnisse nie aus den Augen, weil beide sein Streben nach Unabhängigkeit und Machtvergrößerung förderten. Otton war er auf dem Römerzuge gefolgt und bei dessen Kaiserkrönung zugegen gewesen, doch aus Unzufriedenheit über des Kaisers ferneres Verfahren und um im eignen Lande sein Ziel zu verfolgen, bald hieher zurückgekehrt. Mit den benachbarten Fürsten hatte er stets in Eintracht und Einverständniß zu bleiben getrachtet

 

 

 

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und nur gegen sie die Waffen ergriffen, wenn sie selbst oder böswillige Vasallen Händel veranlaßten. Den Anschluß der sächsischen und ostländischen Fürsten zu einem Bunde, dessen Haupt er unbemerkt zu werden bemüht war, hatte er freilich während der Parteikämpfe zweier Kaiser, wobei jeder Landesfürst nur seinen Vortheil verfogte, selten zu Stande gebracht. Seit Otto IV. unerwartet die Alleinherrschaft erhalten, standen die Norddeutschen fester zu einander und durften vom Kaiser umsoweniger Beschränkungen und gewaltsame Eingriffe befürchten, da er selber ihnen durch Nationalität verwandt und ihre Entscheidung zu seinen Gunsten, als noch der übermächtige Philipp ihn zu vernichten drohte, verpflichtet war. Bisher hatte auch Hermann ihre Politik getheilt, und selbst als er später eine andre befolgte, ward sein Verhältnis zu den Nachbarn wenig gestört.

 

An die Stelle der Kirchenfürsten, die vormals Hermann‘s Gegner gewesen, waren nunmehr befreundete getreten. In Mainz hatte schon zu Philipp‘s Lebzeiten auf des Papstes beharrliche Foderung Lupold vor Siegfried weichen müssen, in Rom selbst durch seine schlauen und ränkevollen Bemühungen keine Verzeihung erlangt, bis später durch Friedrich‘s II. Verwendung ihm wenigstens das Bisthum Worms wieder zuerkannt wurde. In Magdeburg war auf Ludolf, den eifrigen Anhänger der Hohenstaufen, 1206 Adalbert gefolgt, der als ein geborner Graf von Kefernberg zu einem Hermann ergebenen thüringischen Hause gehörte. Daß auch er anfangs von Philipp gewonnen und erst durch Innocenz, der seine Wahl verworfen hatte, 1207 auf Otto‘s Seite zu treten gezwungen

 

 

 

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wurde, war für Hermann, der damals mit dem Hohenstaufen ausgesöhnt, wider den Welfen nicht feindselig dastand, kein Nachtheil. Seit der halberstädter Verbindung, die vornehmlich Adalbert’s Werk war, blieben der Erzbischof und der Landgraf Freunde bei allen neuen politischen Parteiungen im Reich. Wie jener war auch Bischof Friedrich von Halberstadt ein Thüringer, aus dem freilich feindlichen Hause der Grafen von Kirchberg, doch nur ein Organ der Kirche und Dem anhangend, der des Papstes Frenndschaft besaß. -- Der Zuneigung und Gunst Innocenzens hatte Hermann, selbst wenn er mit den Feinden der Kirche Gemeinschaft machte, nie entbehrt, und fortan war der Kaiser des Papstes auch stets der des Landgrafen. Seit dem Ende des Jahres 1210 hatte Otto nicht mehr des Schutzes und der Liebe des Papstes sich zu erfreuen, weil er trotzig und vorschnell den frühern Gönner durch Besetzung der Mathildischen Güter, welche die Päpste längst als die ihrigen betrachteten, durch Verleihung von Städte und Ländereien im Kirchenstaate an kaiserliche Vasallen, durch Umstoßung mancher Einrichtungen, die Innocenz getroffen, durch den Einfall in Apulien, das der Papst als Friedrich‘s Vormund zu schirmen suchte, und endlich durch den Widerruf aller frühern, freilich höchst nachtheiligen Versprechungen, die er nun der kaiserlichen Majestät zuwiderlaufend erklärte, zu seinem erbittertsten Gegner gemacht hatte. Das wirkte bald auch auf die Stimmung in Deutschland, die längst Otton nicht mehr günstig war, weil er durch Stolz und Rücksichtslosigkeit seit seiner Erhöhung zum alleinigen Reichsoberhaupte die weltlichen und geistlichen Fürsten beleidigt hatte. Wir

 

 

 

 

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erwähnten bereits, wie die angesehensten derselben heimlich oder unter nichtigen Vorwänden aus Italien zurückgekehrt waren, um nicht an den gewaltsamen, ungerechten Handlungen des Kaisers, die besonders den Papst aufreizen mußten, Antheil zu nehmen. Als der Bann, der im November 1210 über Otto verhängt worden, zu offner Feindschaft gegen den Kaiser auffoderte, als die Erzbischöfe von Mainz und Magdeburg von Innocenz zu Verkündigern desselben ernannt waren, trat Hermann zuerst unter den weltlichen Fürsten des Reichs als offner Gegner Otto’s auf, fand jedoch zunächst nur an seinem Schwiegersohne Dietrich von Meißen und seinem Neffen Ottokar von Böhmen Verbündete, indem auf der Reichsversammlung zu Bamberg, welche Siegfried berufen hatte, die deutschen Fürsten, wenn auch nicht Eifer für den Kaiser, doch noch kein feindliches Verfahren gegen denselben äußern wollten. Nur die genannten neben den Erzbischöfen von Mainz und Magdeburg beschlossen zu Nürnberg Otto‘s Absetzung und Friedrich’s Erhebung und sandten an Letztern die Auffoderung, baldigst nach Deutschland zu kommen.

 

Die bitterste Erfahrung für Hermann war aber, daß er nach aller erzeigten Milde und Huld, nach Verschwendung seiner Reichthümer für Hoffeste, Gastgeschenke, Belohnungen, auch wol mitunter Bestechungen, wiederum keine Treue und Ergebenheit bei den früher ihm feindlichen Grafen und Baronen seines Landes finden sollte. Als die Gesinnung der Reichsfürsten sich Hermann‘s Planen fremd gezeigt, rief Günther von Schwarzburg seine frühern Kampfgenossen wider den Landgrafen zu den Waffen, gewann viele auch durch Geld, das ihm von

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des Kaisern Anhängern zugesteckt wurde. Dieser Mammon ließ Alle die Freigebigkeit und Güte ihres Landesherrn vergessen und so wurden die, welche noch unlängst sich gegen Hermann dienstfertig und ergeben, in seinem Hause wie Mitgenossen und Theilnehmer in Freud und Leid gezeigt hatten, seine offnen Gegner. Einer der ersten Abtrünnigen war jener Friedrich von Beichlingen, der von Hermann nicht nur großmüthig aus der Haft in Weißensee entlassen war, sondern vor zwei Jahren für eine Summe von 300 Mark sich verbindlich gemacht hatte, wider jeden Feind des Landgrafen Hilfe und gehorsame Folgeleistung zu gewähren, welchen Vertrag er auch unlängst durch neuen Eidschwur und sehr bestimmte Zusagen bekräftigt hatte. War ein solcher Abfall schon ehrlos, so brandmarkten Alle sich vollends durch die Art und Weise, wie sie im ganzen Lande sengten, raubten und schnöde hausten. Hermann, noch wenig gerüstet, sann, wie er den Verräthern begegnen und sich gegen sie sichern könne. Bald nahm er seine Stellung im freien Felde, bald hinter festen Mauern. Die Wartburg blieb sein Hauptasyl und ein wohl geschützter Mittelpunkt seiner Unternehmungen.

 

Otto‘s Anhänger blieben, da sie die gefährliche Wirkung des päpstlichen Bannstrahles mit Grund fürchteten, gleichfalls nicht säumig. Heinrich durchzog den größten Theil des Mainzer Erzstiftes, um an Siegfried sich zu rächen. Der kaiserliche Truchses Gunzelin, ein sehr erfahrner und seinem Herrn treu ergebner Mann, war in Sachsen und Thüringen auf Vertheidigungsmaßregeln bedacht. So wurden die Befestigungen in den Reichsstädten Nordhausen und Mühlhausen von ihm wiederhergestellt,

 

 

 

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Söldner geworben, alte und neue Anhänger des Kaisers zu den Waffen gerufen und in Thürigen alle Lehnsleute Hermann‘s zum Abfall von ihrem Landesherrn aufgefodert. Ganz unerwartet erschien zu Anfang des Jahres 1212 Otto selber in Deutschland, versammelte nicht nur seine zuverlässigen Freunde um sich, sondern gewann auch schon wankende Fürsten, wie Ludwig von Baiern, Albrecht II. von Brandenburg und sogar Dietrich von Meißen. Auf den Hoftagen zu Frankfurt (am 20. März) und zu Nürnberg (20. Mai) umgaben ihn zahlreiche Fürsten, erklärten Ottokar von Böhmen für entsetzt und gelobten eine Heerfahrt gegen Thüringen.

 

Was den Kaiser gegen den Landgrafen am heftigsten erbitterte, war, daß dieser zuerst die deutschen Fürsten an den Schwur erinnerte, den sie einst dem dreijährigen Sohne Heinrich‘s IV., Friedrich von Apulien, geleistet hätten. An diesen hatte man bis dahin in Deutschland kaum gedacht und auch wol von dem jugendlichen Alter des letzten hohenstaufischen Sprößlings nicht die Hoffnung eines gebesserten Reichsstandes, eher die Furcht eines neu erwachenden Parteienkampfes in Deutschland gehegt; weshalb denn auch die Fürsten bei Hermann‘s Vorstellungen mehr Besorgniß als Geneigtheit blicken ließen. Ob der Landgraf aus eignem Antrieb, oder von Innocenz und den päpstlichen Bevollmächtigten bestimmt an Friedrich erinnert habe, bleibt dahingestellt. Seinem Plane, seinem Streben mußte ein schwacher, unerfahrener und, wie vorauszusehen war, durch ein fernes Reich von Deutschland vielfach abgezogener König sehr willkommen sein. Otto aber wußte, daß durch Innocenzens Beistand auch der schwächste Gegenkönig

 

 

 

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ihm bald gefährlich werden könne und ein Hohenstaufe vollends, bei dessen Namen schon eine mächtige Partei in Deutschland sich regen mußte. Deshalb eilte er hieher, um durch schleunige Verbindung mit Beatrix diese Partei an sich zu fesseln oder mindestens zu theilen. War dies gelungen und der Landgraf von Thürigen, bei dem auch Siegfried von Mainz, der Bevollmächtigte des Papstes Schutz gefunden, als Pfalzgraf Heinrich ihn aus dem Erzstift verjagt hatte, gedemüthigt oder vertrieben, so hatte er „den apulischen Knaben“, wie Friedrich spottweise genannt wurde, nicht zu fürchten. Anders aber kam Alles, als er gehofft hatte.

 

Von seiner überlegenen Kriegsmacht ward zwar der Erzbischof Adalbert von Magdeburg hart bedrängt und dessen Gebiet entsetzlich verheert, sodaß sich der Ausspruch des Volkes bewahrheitete: „Ein Kaiser Otto und ein Erzbischof Adalbert gründeten das Erzstift, ein Kaiser Otto und ein Erzbischof Adalbert zerstören es.“ Auch widerstanden mehre thüringische Burgen, wie Rothenburg und Salza, nicht seinen Belagerungsmaschinen. Der bisher noch in Deutschland nicht gekannte, sogenannte Dreibock setzte alle Burgen in Schrecken. Aber schon vor Weißensee, das wiederum den Mittelpunkt des Krieges abgab, sollte das Glück dem Kaiser den Rücken wenden. Wie einst gegen Philipp, leistete jetzt gegen Otto, dem wie jenem der Markgraf Dietrich als Kampfgenosse gefolgt war, die kleine Besatzung gegen ein Belagerungsheer von 2500 Mann den heldenmüthigsten Widerstand. Otto, dem die Misstimmung im Reiche nicht verborgen blieb und der namentlich an der Treue der Baiern und Schwaben zu

 

 

 

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Zweifeln Grund hatte, hoffte durch seine Vermählung mit Beatrix eine bessere Stimmung unter den Fürsten und Völkern für sich zu erwecken. Darum bewilligte er den Belagerten gern einen Waffenstillstand, während dessen er nach Nordhausen ging, wohin er Beatrix, die seit ihrer Verlobung (1208) in Braunschweig erzogen worden, hatte führen lassen, und die Hochzeit so glänzend, als es die Umstände gestatteten, (am 7. August 1212) feierte. Doch was er sich zum Heile ersehen, schlug zum größten Unheil für ihn aus. Vier Tage nach dem Beilager starb plötzlich die Neuvermählte in ihrem 16. Lebensjahre, ohne daß die Ursache ihres Todes sich erklären ließ.

 

Die nachtheilige Wirkung dieses Ereignisses zeigte sich zuerst in dem kaiserlichen Heere vor Weißensee. Die Besatzung hatte freiwillig die Außenwerke der Vestung aufgegeben, weil ihre Mannschaft zu gering war, um sie gegen, die zahlreichen Belagrer lange halten zu können. Dagegen hatten sie sich in dem Waffenstillstande ausbedungen, die zahlreiche die innern Befestigungen zu verstärken und wegen deren Uebergabe erst den Willen des Landgrafen einzuholen. Der Vorfall in Nordhausen mußte beiden kriegsführenden Parteien eine andre Stellung geben. Da die Besatzung selber ihrem Herrn die Zusicherung gab, daß sie innerhalb der Hauptveste, die von geringem Umfang, aber unbezwinglich war, sich noch lange halten könne, ließ Hermann sie zu tapferm Ausharren ermuthigen und versprach bald zum Entsatz mit seinen zusammengezogenen Scharen herbeizukommen. Es war dies gewiß kein leeres Versprechen, da er die Wichtigkeit Weißensees kannte und für dessen Behauptung das Aeußerste hätte wagen müssen.

 

 

 

 

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Auch durfte er wol auf Ottokar's Hilfe abermals zählen. Aber mehr als Alles hob seine Hoffnung der Tod Beatricens, der einen Wendepunkt für diesen Krieg wie für Otto’s Geschick wurde. Als Letztrer voll Schmerz und Unmuth in das Lager vor Weißensee zurückkehrte, fand er zwar seinen tapfern Truchses und die abgefallenen thüringischen Barone in der größten Thätigkeit, neue Belagerungsmaschinen zu erbauen, wozu das Material auf zahllosen Wagen, herbeigeschafft worden, aber seine eignen Scharen waren muthlos und klagten über ausgebliebenen Sold und Mangel an Lebensmitteln. Vollends die Schwaben und Baiern brachen in lautes Murren aus, jene weil sie in Beatrix den letzten Anhalt für den Kaiser verloren, diese weil sie gleich ihrem Herzoge mehr hohenstaufisch als welfisch gesinnt waren. Als beide Völker heimlich bei Nacht abzogen, mußte Otto die Belagerung aufgeben und hinter den Mauern Erfurts Schutz suchen, da nun der Landgraf in offnem Felde ihm leicht gefährlich werden konnte. So ward von Thüringen, dessen Gebieter der Untergang zugedacht war, der Krieg glücklich abgewandt.

 

Von einer ganz entgegengesetzten Seite drohte Otto der verderblichste Schlag. Friedrich II. hatte die Einladung nach Deutschland, die ihm von zwei schwäbischen Vasallen, Heinrich von Nifen und Anselm von Justingen überbracht war, trotz aller Widerrede der apulischen Großen und seiner Gemahlin Gehör gegeben und ohne Heer, ohne Verbündete und bedeutende Hilfsmittel unter Gefahren und Mühseligkeiten durch ganz Italien, dann über die rauhen Alpen seine Reise genommen. Nicht anders als abenteuerlich und nur einem siebzehnjährigen Jüngling,

 

 

 

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der freilich schon Vater war, verzeihlich ist Friedrich‘s Zug nach Deutschland zu nennen. Daß er dennoch sein Ziel, die Kaiserkrone erreichte, war die Folge von tausend Glücksumständen, die für ihn ganz außerhalb aller Berechnungen lagen. — Als Otto in Erfurt von seiner Annäherung Kunde erhielt, eilte er mit dem kleinen Ueberreste seines Heeres nach Schwaben, das er ungehindert durchzog. Hinreichend wären noch seine wenigen Hundert Mann gewesen, um dem kühnen Abenteurer den Eintritt in Deutschland zu versperren; aber auch das gehörte zu Friedrich‘s Glücksfällen, daß er drei Stunden vor Otto in Konstanz eintraf, an dessen festen Mauern und ergebenen Bürgern einen Schutzwall erhielt, vor welchem der Kaiser sich zurückziehen mußte. Ebenso mislang diesem Breisach zu gewinnen, wodurch er des Gegners Vordringen am Rhein verhindert haben würde. Da der Abfall der Fürsten und Völker ihn bald zum Aufbruch nach Norddeutschland zwang, ward Friedrich ohne Schwertschlag Herr des Rheinstromes bis Mainz und Frankfurt hin. Täglich mehrte sich die Zahl seiner Anhänger, die er durch seine Liebenswürdigkeit und noch mehr durch seine Freigebigkeit an sich fesselte. Bald erfüllte der Ruf beider das ganze reich und Jeder eilte zu ihm, um an den Schätzen, die der neue Herrscher reichlich verschwendete, seinen Theil zu erhalten. So blieb denn auch Landgraf Hermann nicht aus, im Gefühl, daß Friedrich ihm zum größten Dank verpflichtet sei. Und dieser täuschte seine Erwartungen nicht. An der Spitze von 500 Rittern zog der junge König aus Frankfurt seinem Oheim entgegen, nannte ihn seinen Wohlthäter und väterlichen Freund und führte ihn im

 

 

 

 

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Triumpfe nach der Stadt zurück. Im Januar 1213 hielt er daselbst einen glänzenden Hoftag, zu dem noch viele andre Fürsten, darunter Ottokar von Böhmen, herbeikamen, Friedrich den Lehnseid schwuren und sogar die Zusicherung gaben, daß sie selbst, wenn er stürbe, nicht zu Otto zurückkehren, sondern seinem damals einjährigen Sohne Heinrich die Krone zuwenden würden. Ohne Maßen war dafür seine Freigebigkeit. Ansehnliche Summen, die er von seinem Verbündeten Philipp August von Frankreich empfangen *), gebot er nebst andern, die er aus eignem Schatze nahm, seinem Kanzler, dem Bischof von Speier, unter die Großen des Reichs zu vertheilen. Dem Böhmenkönige ward fast gänzliche Unabhängigkeit zugesichert, und so Ottokar als Gnade zugestanden, was von dessen Vorgängern lange erstrebt, aber bisher noch von allen Kaisern als entehrend für das Reich zurückgewiesen war. Friedrich‘s ganzes Auftreten erscheint durchweg mehr wie ein Spielen mit der höchsten weltlichen Gewalt, denn als ein kräftiges, heilsames Zusammenhalten der schon so tief herabgesunkenen Königsmacht. Den deutschen Fürsten war freilich mit einem solchen Herrscher gedient, unter dem sie zu fast unabhängigen Landesfürsten sich erheben konnten.

 

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*) Bekanntlich war Philipp August ein erbitterter Gegner Johann‘s von England. Dieses Schwestersohn Otto IV. war ihm darum gleichfalls verhaßt und er unterstützte einen jeden Gegner des Kaisers, wie früher Philipp, so jetzt Friedrich II. Das mußte denn wol Otto‘s gerechten Zorn wecken, der leider in der Schlacht bei Bouvines ihm das größte Unglück bereitete.

 

 

 

 

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Als Friedrich ernstliche Dienste von ihnen foderte, waren sie minder willfährig, thätig und hilfreich, als die Gaben des verschwenderischen Königs in Empfang zu nehmen. Und Friedrich standen nicht unerschöpfliche Reichthümer zu Gebote. Da mußte er denn neue Rechte, Gnaden und Würden verleihen und entblödete sich nicht, selbst Provinzen des Reiches an fremde Fürsten, wie an König Philipp August von Frankreich und König Waldemar von Dänemark abzutreten.

 

Wider einen solchen im äußern Prunk der Krone sich weidenden Gegner hätte wol Otto noch einmal das Uebergewicht erlangen können, wenn er nicht durch Stolz, Härte und endlich durch ein völlig düstres und zurückschreckendes Wesen alle Anhänger von sich abgewendet, wenn er nicht in unbedachte Unternehmungen sich eingelassen, oder wenn nicht, was die Folge von beidem war, das Glück ihm auf immer den Rücken gekehrt hätte. Dies zeigte sich vornehmlich in dem Kriege, den er wider den König von Frankreich begann und der so verderbliche Folgen für ihn hatte. Den harten Tadel, der von Vielen wegen dieses Unternehmens über Otto ausgesprochen worden, haben mit Recht Andre zurückgewiesen, aber leugnen läßt sich’s nicht, die Niederlage bei Bouvines (am 27. Juli 1214) entzog dem Kaiser den letzten Schimmer seiner Macht und seitdem war er bis zu seinem Tode 1218 ein Schatten, den weder Friedrich noch die zu diesem abgefallenen Fürsten zu fürchten hatten.

 

Verfolgen wir nun noch den Ausgang von Hermann’s Lebenstagen. Als Otto von Weißensee abgezogen, hielten noch die thüringischen Barone und der Truchses Gunzelin

 

 

 

 

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die Veste eingeschlossen. Schon hatten sie den am See gelegenen Theil der Stadt eingenommen, als Hermann’s Heer unter Anführung eines Grafen von Schwarzburg, der diesmal dem Landgrafen die Treue bewahrt hatte, und des seinem Herrn ganz ergebenen Schenken Walther von Vargila sie überfiel, Friedrich von Beichlingen und Heinrich von Stolberg gefangen nahm und die Uebrigen zersprengte. Hiemit war die Macht der Empörer gebrochen, Alle mußten die Gnade des Landgrafen nachsuchen und die beiden Gefangenen überdies noch von dem Grafen von Schwarzburg und Vargila sich theuer lösen.

 

Nur ein Großer des Landes wagte es seitdem Hermann trotzig entgegenzutreten, doch erscheint dieser Widerstand in keinem Zusammenhange mit dem Reichskriege. Graf Hermann von Orlamünde, ein Bruder Albrecht’s, den wir mit ziemlicher Gewißheit für einen Schwiegersohn des Landgrafen halten dürfen, zog sich den Zorn des Letztern zu, weil er des auf einer Pilgerfahrt abwesenden Bruders Besitzungen sich anmaßte und von der Theilung nach seines Vaters Siegfried Testamentsbestimmung, wonach Hermann Orlamünde, Albrecht Weimar erhalten, nichts wissen wollte. Als der Landgraf ihn an die Herausgabe des brüderlichen Erbtheils und an den Lehnseid, den er ihm zu leisten habe, erinnern ließ, behauptete jener keck, der Landgraf sei weder sein Lehns- noch Oberherr, ja das orlamündische Haus sei viel älter und edler als das landgräfliche, dessen Ahnherr nur Vizdom des Erzbischofs von Mainz gewesen wäre. Als ältestem Sprosse seines Stammes gebühre ihm die Anordnung und Verwaltung der Hinterlassenschaft des Vaters

 

 

 

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und von seinem Bruder Albrecht sei keine sichre Kunde, ob er noch am Leben; jedenfalls habe keiner als etwa der Kaiser den Abwesenden zu vertreten und ihn selber zur Rechenschaft zu ziehen. Des Landgrafen eigne Ehre und sein Interesse für den Schwiegersohn erheischten solchen Trotz zu strafen. Doch war des Grafen Macht nicht klein, da dem orlamündischen Hause unter Siegfried die bedeutende Marianische Erbschaft zugefallen war und außerdem ansehnliche Besitzungen im Voigtlande und Franken angehörten. Ueberdies bot abermals ein Burggraf von Kirchberg dem Widerspenstigen gegen den Landgrafen seinen Beistand; ja, vielleicht stand Friedrich II. selbst als Beschützer jenes im Hintergrunde. Die neue Fehde (1214) in dem schon so schwer heimgesuchten Thüringen hatte, wie immer, Raub, Plünderung, Verheerung in ihrem Gefolge. Der Landgraf besetzte Weimar mit seinen Scharen und ließ die Stadt durch Wälle befestigen. Die verwegenen Rebellen büßten bald für ihre Kühnheit. Beide wurden beim Plündern gefangen genommen und zu enger Haft nach Eisenach abgeführt; mit schwerem Gelder sollten sie sich lösen. Doch entkam durch Nachlässigkeit oder wahrscheinlicher durch Verrath der Wächter Hermann von Orlarnünde, worüber der Landgraf in solchen Zorn gerieth, daß er nicht nur die schuldigen Hüter, sondern auch deren Weiber zum Tode verurtheilte. Endlich entschied König Friedrich die Sache, söhnte den Landgrafen mit Hermann aus und behielt an Letzterm einen zu allen Zeiten ihm ganz ergebenen und dienstfertigen Anhänger.

 

In dem neuen Reichschisma zwischen Friedrich und Otto verfolgte natürlich der Landgraf mehr sein eignes Ziel,

 

 

 

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als daß er für die Sache des Königs, dem er sich angeschlossen, mit Eifer gehandelt hätte. So erkaltete bald die in Frankfurt geschlossene Freuudschaft zwischen Neffen und Oheim. Etwas mußte Letzrer freilich für die erhaltenen Geldsummen, Begünstigungen und Ehrenbezeigungen zum Entgelt thun, und so unternahm er denn 1214 in Gemeinschaft mit Ottokar von Böhmen einen Streifzug in die Erblande Kaiser Otto‘s. Allein außer Plündern und Brennen wird kein weitrer Erfolg jener Heerfahrt angemerkt. Wenn für Otto noch immer die sächsischen, ja mit Ausnahme des Erzbischofs von Magdeburg, des Bischofs von Münster und des Grafen von Geldern alle Fürsten von Norddeutschland waren, so hatte dies doch keine Feindschaft zwischen ihnen und dem der hohenstaufischen Partei anhängenden Landgrafen hervorgerufen, wie denn überhaupt in Deutschland der Kampf zwischen Welfen und Waiblingern ohne Leidenschaftlichkeit, ohne durchgreifende Consequenz von Seiten der Anhänger beider Häuser fortgesetzt wurde, weil ein jeder der größern Landesfürsten mehr auf die Erhaltung und Vergrößerung seiner Macht und Unabhängigkeit vom Reiche bedacht war, als daß er einem allgemeinen Reichsinteresse sich zuwandte. Von Friedrich’s II. Regierung haben wir, trotz seiner vielgerühmten Gesetzgebung, mancher heilsamen Anordnung und anerkennenswerthen Verdienste, doch den gänzlichen Verfall der königlichen Macht und das Aufkommen der Landesherrlichkeit der deutschen Fürsten als Hauptcharakterzug anzugeben, woraus denn nothwendig die Schwäche und Zerrüttung während des sogenannten Interregnums hervorgehen mußten.

 

 

 

 

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Nicht völlig zu erweisen, aber auch nicht völlig zurückzuweisen ist die Vermuthung, daß Hermann im Anfang 1215 noch einmal den Anträgen und Versprechungen Otto’s geneigtes Ohr gegeben und einen neuen Parteiwechsel vorbereitet habe, wovon nur ein plötzlicher Tod ihn abhielt. Längere Zeit schon litt er an einem chronischen Uebel. Als er im April des genannten Jahres den Adel des Landes zu einem Landtage auf Schloß Grimmenstein oberhalb Gotha berufen hatte, erfaßte ihn dieses Uebel mit einem tödtlichen Schlage (am Tage von St. Marcus, d. i. dem 26. April), was bei seinen Freunden große Betrübniß, bei seinen Feinden manchen bösen Leumund erregte. Seiner frühern Bestimmung gemäß, ließ ihn Landgräfin Sophia in der Katharinenkirche zu Eisenach feierlichst bestatten, wie heftigen Widerspruch auch der Abt des Klosters Reinhardsbrunn, wo alle Vorfahren Hermann‘s ruhten, erhob. Wenn Erzbischof Siegfried von Mainz noch mehre Jahre danach behauptete, Hermann sei im Banne gestorben, so ist dies wol nur jenem Leumund und dem alten Haß des Erzstiftes gegen die Landgrafen beizumessen. Fügen wir zum Schlusse über Hermann‘s Tod noch die Worte desselben Chronisten hinzu, dessen charakteristische Zeichnung von dem Fürsten wir dieser biographischen Skizze vorausschickten: „Von seinem Tode ist mancherlei Wahn und Sage, daß es besser ist, davon zu schweigen, wie er sein Ende nahm, als daß man davon freventlich schreibe. Seine Verleumdung (Ruhm) und sein Preis flog zu allen Fürsten in Deutschland über seine Tugenden, seine Frömmigkeit und Kampfeslust. Nun

 

 

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ist Alles lobzupreisen. Wie edel und wie hoch ein Baum sein mag, fällt er nieder, so muß er liegen, auf welcher Seite es immer sei. Was offenbar ist, davon sprechen viel Leute, was verborgen und heimlich, das weiß Gott am besten allein!“

 

 

 

Quelle:

 

Landgraf Hermann von Thüringen. Eine historische Skizze, von E. Gervais. In Historisches Taschenbuch. Herausgegeben von Friedrich von Raumer. Neue Folge. Vierter Jahrgang. S. 137 – 238. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1843

 

 

Bildnachweis:

Bau und Kunstdenkmäler Thüringens. Heft 16. Grossherzogthum Weimar-Eisenach. Amtsgerichtsbezirk Eisenach. III. Die Wartburg. Von G. Voss