Gervais 1843: Landgraf Hermann von Thüringen


Landgraf Hermann von Thüringen. Eine historische Skizze, von E. Gervais.

 

 

Wie der Freund von Reisebildern aus dem Kreise nationalen Lebens nur eine einseitige Anschauung von Land und Volk erhielte, wenn man ihm allein das Leben und Treiben in Haupt- und Residenzstädten vorführte, und wären es auch Städte wie London und Paris, die in sich alle Individualitäten der Nationen, alle politischen und intellektuellen Kräfte zu concentriren suchen; so gewährten in gleicher Weise dem Geschichtsliebhaber die Handlungen der Regenten eines Reiches, oder nur der hervorragenden Heroen einer Zeit kein vollständiges Bild von den innern und äußern Zuständen jenes Reiches oder jener Zeit, wenn nicht gleichsam Seitenbilder von charakteristischen Zügen ihn zum Verständnis Dessen, was er vorzugsweise verlangt, führten und sein Interesse unterhielten. Gar oft erwecken Nebenfiguren, untergeordnete Personen, unbedeutendere Ereignisse seine Theilnahme mehr als Könige, gerühmte Helden und epochemachende Begebenheiten, und lassen jene den Geist der Zeit, welcher er seine Theilnahme zuwendet, lebendiger empfinden als diese. — Daß Deutschland sein politisches und sociales Emporringen niemals auf die Bevorzugung

 

 

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einer Metropole gegründet hat, daß es in seiner vielgegliederten Reichsverfassung nie einem unbeschränkten Herrscher die alleinige Macht einzuräumen willig und benöthigt war, ist unbezweifelt ebenso sehr eine Eigenthümlichkeit, wie ein Vorzug in seiner Cultur- und Nationalgeschichte. In dem großen Fortgange von beiden werden stets die freien und eigenthümlichen Bewegungen in kleinern Kreisen auch dem oberflächlichen Beschauer sichtbar, ja jener Umschwung des Ganzen erhält durch das Eingreifen und das stete Zusammenwirken der Theile allein Leben und Gestaltung und könnte nicht gedacht werden, wenn solche Bedingung seines Daseins nicht vorhanden wäre. Längst ehe Deutschland in eine Vielherrschaft größerer und kleinerer Staaten, die fast nur das Band der Nationalität zusammenhält, sich auflöste, — was als der nothwendige Ausgang seiner Geschichte erkannt werden muß — waren im Innern und nach Außen sein Geschick und seine Entwicklung durch die mit, neben und meist gegeneinander ringenden Kräfte bedingt und zeigt sich hier mehr als in andern Reichen ein lebendiger Organismus, nicht eine prädominirende Gewalt als das Princip seiner Fortentwicklung. Am deutlichsten wird diese Eigenthümlichkeit unsers Volkslebens und unsrer historischen Entwicklung in dem durchaus freien und selbständigen Mittelalter, vornehmlich in der vielbewegten Periode der schwäbischen Kaiser, wo nicht diese allein, sondern gleichzeitig die Päpste, die geistlichen und weltlichen Fürsten, die Städte und selbst noch die Völkerschaften durch angestammte oder errungene Rechte, durch ihre Thatkraft, durch ihre wechselseitigen Bestrebungen und Interessen die Schicksale und Ereignisse, die von Deutschland bis zum fernen

 

 

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Orient die Welt bewegten, herbeizuführen vermochten. Jede dieser mitwirkenden Gewalten charakterisirt das Zeitalter, eine steht mit allen in naher Wechselwirkung und keine läßt ohne Interesse den Beschauer, falls dieser der ganzen Zeit und ihren Erscheinungen eine Theilnahme zuwendet.

 

An einen Fürsten, der zwar nicht zu den mächtigsten im Reiche gehörte, wol aber mit den Trägern höchster Würde, den Kaisern, von Friedrich Barbarossa bis auf Friedrich II., in vielfache Berührung kam und oft ihr Geschick in seiner Hand hielt, an einen Mann, der fast keiner bedeutsamen Erscheinung der Zeit ferne stand, der, wie den Hohenstaufen und ihren Gegnern, auch der Kirche und ihren Dienern seine Macht und Bedeutsamkeit, bald als Verbündeter, bald als Widersacher, an den Tag legte, als Landesgebieter den Grafen und Städten innerhalb seiner -Fürstenthümer, wie den Völkern und Kriegshorden im fernen Oriente als Ritter Christi ein Schrecken war, an einen in der Geschichte deutscher Poesie mehr gerühmten als gekannten Beförderer der letztern, soll sich die nachfolgende historische Skizze anlehnen, um ein anschauliches Bild von all den die Zeit bewegenden und von ihr hervorgerufenen Erscheinungen, wie sie in einer einzelnen Persönlichkeit von so mannigfachen Beziehungen zum Ganzen sich widerspiegelt, zu concentriren.

 

Damit der Leser von vornherein ein Bild des Mannes, den wir in seinen Handlungen ihm vorführen wollen, erhalte, stellen wir die Charakteristik desselben nach den Worten einer zwar jüngern deutschen, aber aus alten lateinischen Quellen geschöpften Chronik an die Spitze seiner Biographie: „Landgraf Hermann von Thüringen war

 

 

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vornehm vor allen Fürsten und Herren in deutschen Landen; seine Tugend, seine Herrschaft und Mannheit weit erscholl. Er war züchtig in Geberden, scheinig (ausgezeichnet) in Sitten, mäßig in Worten, milde an Güte, freudig, männlich, kühn wie ein Held, da er mit wenig Volk große Scharen bekämpft und den Preis auf dem Felde ritterlich behalten hat. Er ging selten zu Bette, ohne ein gutes (d. h. verständiges) Wort angehört, oder aus der heiligen Schrift, sei’s lateinisch, sei’s deutsch, etwas conferiret oder von der muthigen Freudigkeit der alten Fürsten und Herren etwas vernommen zu haben. Große Liebe und Lust hatte er zur Schrift, gab sich nicht nutzloser, fauler Trunkenheit hin, litt nicht gerne, daß Jemand über ihm stand, doch duldete er seines Gleichen.“ Diese Schilderung erklärt uns seine Thaten, seine Handlungsweise, sein Streben, und wiederum wird aus allen diesen das Bild, welches der Chronist so wahr gezeichnet, sich zusammenstellen. Was Hermann aber gestattete die großen Naturanlagen im glänzendsten Lichte zu entfalten, war — das Glück. Es lächelte ihm noch nicht in der Wiege, aber es führte ihn später durch seltsame Fügung der Umstände zu einer Höhe, wo er Gelegenheit fand, frei und selbständig, mit Klugheit und keckem Muth in die wichtigsten Angelegenheiten der Nation einzugreifen, die Ereignisse zu seinem Vortheile zu nutzen, eine gebieterische Stellung höheren Fürsten, ja den höchsten gegenüber einzunehmen und über minder mächtige nach seiner Willkür zu verfahren.

 

Hermann war von vier Brüdern der jüngste, demnach durfte er in jungen Jahren kaum hoffen die Würde

 

 

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seines Vaters. zu erhalten, am wenigsten dessen Erb- und Lehngüter ungetheilt in seinen Besitz zu bringen. Und doch sollte er dereinst alleiniger Herr derselben werden, ja sie in erweitertem Umfange überkommen, um sie dann, noch durch manches Hinzuerworbene vermehrt, seinen Nachkommen zu hinterlassen. Sein Vater Ludwig, gewöhnlich der Eiserne zubenannt, der vierte des Namens in seinem Hause, der zweite als Landgraf von Thüringen, hatte sich, der Politik seines Vaters getreu, dem herrschenden Kaiserhause der Hohenstaufen enge angeschlossen, wozu schon die Dankbarkeit ihn verpflichtete, da König Konrad III. sich seiner als eines minderjährigen Knaben, der erst elf Jahre zählte, als der Vater (1140) starb, angenommen, ihm die landgräfliche Würde zuerkannt, am eignen Hofe erzogen und mit seiner Nichte Jutta, der Tochter Herzog Friedrich’s (Cocles) von Schwaben vermählt hatte. Kaiser Friedrich, Jutta’s Stiefbruder, erwies dem Schwager sich gleichfalls sehr geneigt, wofür jener sich stets treu ergeben und zu jedem Dienste, selbst zu ungerechter und gefährlicher Ausführung kaiserlicher Befehle bereit zeigte. Ein Beispiel letztrer Art finde hier schon seinen Platz. Erzbischof Konrad von Mainz, obschon ein Bruder des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, der dem Kaiser in Italien bei allen Unternehmungen treuen und kräftigen Beistand geleistet, war doch als erster Prälat des Reiches nach dem Beispiel vieler seiner Vorgänger mehr dem Papste als seinem weltlichen Oberherrn zugethan und erkannte, anders als die meisten deutschen Geistlichen, Alexander II. für das einzig rechtmäßige Kirchenhaupt an, dem Friedrich gewaltsamer Weise drei unwürdigere Päpste nacheinander entgegenstellte. Um an Konrad sich zu rächen, gebot der

 

 

 

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Kaiser dem Landgrafen Ludwig II. von Thüringen die Mauern von Erfurt, die jener vor kurzem hatte aufführen lassen, zu brechen. Gern erfüllte der seines Schwagers Befehl (1164), weil die Befestigungen Erfurts, der mächtigsten Stadt Thüringens, wonach Mainz und die Landgrafen, orgleich die Stadt dem Reiche gehörte, begehrlich die Hände ausstreckten, ihm selber Gefahr drohten. Nicht minder dienstfertig dem Kaiser glaubte Ludwig zu handeln, als er in dem Kampfe der verbündeten norddeutschen Fürsten gegen Heinrich den Löwen, Herzog von Baiern und Sachsen, sich 1166 und 1167 erstern anschloß, wofür diesmal freilich ihn wie die andern des Kaisers Zorn, wenn auch ein allein von den Umständen gebotener Zorn, traf. Denn bald wurde die Demüthigung des übermächtigen Welfen das eifrigste Bestreben der Hohenstaufen. In dem Vernichtungskampfe wider Heinrich (1178—82) dienten bereits die Söhne des 1172 verstorbenen Landgraien im Geiste des Vaters dem kaiserlichen Oheim und gründeten dadurch die Erweiterung ihrer Macht, die nach der Zertrümmerung der welfischen in Norddeutschland eine neue Bedeutung bekam. Ehe wir dies näher beleuchten, werfen wir zuvor einen Blick auf die innern Verhältnisse des landgräflichen Hauses und des thüringer Landes.

 

Der Stammvater jenes, Ludwig mit dem Barte, wenn auch nicht französischer, so doch fränkischer Herkunft, war dem ersten deutschen Kaiser des fränkischen Hauses, Konrad II., so wie dessen Gemahlin Gisela verwandt und darum nach der Politik dieses Herrschergeschlechtes ausersehen, unter den ihnen wenig ergebenen Thüringern eine

 

 

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Stellung einzunehmen, in welcher Ludwig dem Hofe und auch sich selber nützen konnte. Thätig, umsichtig, mit Würde und Klugheit stand er den durch Belehnung, Kauf und durch die Heirath einer reichen Erbin an sich gebrachten Gütern (von 1039 - 1048) so vor, daß er durch sein Beispiel die Großen des Landes mehr mit Achtung, als mit Besorgniß und Haß gegen sich erfüllte. In gleicher Weise suchte sein Sohn Ludwig, richtiger der Salier als der Springer zubenannt, während seiner vieljährigen -Herrschaft (1048 - 1123) Lehne und Allodien zu mehren und durch Anbau des Landes zu verbessern. Aus der Verbindung mit der schönen Adelheide von Stade erwuchs ihm reicher Gewinn, aber freilich auch eine Reihe böser Händel, weil er dem Verdachte nicht entging, an dem Morde von Adelheidens erstem Gemahle, Pfalzgraf Friedrich III. von Gosek, Theil genommen zu haben. Ueberdies nöthigten ihn die allgemeinen Aufstände der norddeutschen Fürsten gegen die Willkür Heinrich’s II. und die Herrschsucht Heinrich‘s V. von der Partei dieser zu jenen überzutreten, wodurch die frühere Bedeutsamkeit seiner Stellung in Thüringen, wie sie sein Vater behauptet hatte, verringert ward. Um so höher stieg sie wieder unter seinem Sohne Ludwig, der wie der Großvater zu Konrad II. so zu Kaiser Lothar III. sich in das zwiefach bindende Verhältnis treuster Dienstbarkeit und naher Verwandtschaft setzte. Seine Gemahlin Hedwig, zu der ausgebreiteten Familie der Kaiserin Richenza gehörend, brachte ihm ansehnliche hessische Güter, welche dadurch noch vermehrt wurden, daß sie und ihr Gemahl die Erben ihrer Mutter wurden; die auch in zweiter Ehe mit Ludwig’s jüngerm Bruder, Heinrich Raspe, keine weitern Nachkommen erzeugte

 

Hist. Taschenbuch. Neue F. IV. 7

 

 

 

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und nach der Ermordung des Letztern zwiefache Ansprüche an ihre und ihres Mannes Hinterlassenschaft der Tochter und dem Schwager, der zugleich ihr Schwiegersohn war, übertrug. Zu dieser Erweiterung des Besitzes fügte der Kaiser die Erhöhung der Würde, als er Ludwig nach der Entsetzung des geächteten Hermann von Winzenburg zum Landgrafen von ganz Thüringen, d. h. wol zum Oberfeldherrn im Kriege, wo die Thüringer als eine eigne deutsche Völkerschaft auftraten, und zum erblichen Vorsitzer in den Grafen- oder Landgerichten (Placita) *) ernannte.

 

Wurde durch diese kaiserliche Belehnnng mit der neuen Amtswürde Ludwig auch nicht gebietender Landesfürst und Oberherr der vielen Thüringer Grafen, die bisher reichsunmittelbare und unabhängige Fürsten gewesen waren, so liefen doch diese Gefahr, über kurz oder lang in der Landgrafen Abhängigkeit zu gerathen. Lothar‘s ebenso gemäßigtes als kräftiges Verfahren im Reiche und Lndwig‘s des ersten Landgrafen Umsicht und Thätigkeit ließen es zwar

 

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*) Die Ansicht, daß Landgrafenthum ein Land bezeichne, das zum Herzogthum zu klein gewesen, oder doch wegen andrer Ursachen nicht Herzogthum werden sollte, woher es Landgraviatus, d. h. Kleines Herzogthum genannt worden, ist gewiß eine willkürliche. Die placita provinciala, sei‘s in Reichsländern oder in Herzogthümern, oder vielherrigen Provinzen, wurden von einem erwählten judex provincialis und 12 assessores abgehalten. Wer das Richteramt und den Vorsitz erblich erhielt, hieß Comes provincialis und dies ist ja die gewöhnliche Bezeichnung der Landgrafen, woneben noch regionarius Comes, Comes patriae und das latinisirte Landgrviatus als Synonima sich finden. Die feierliche Belehnung per vexillium durch Lothar erhöhte freilich die Bedeutung des Thüringer Landgrafen. Sie erhob ihn zum Oberanführer und setzte ihn in den Rang der ersten Reichsfürsten.

 

 

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zu keiner Auflehnung der Grafen gegen den vom Reiche bestallten, nicht mehr von ihnen erwähnen Vorsitzer auf den Landtagen kommen, aber, als nach Lothar’s Tode sich sogleich der Parteienkampf zwischen Welfen und Hohenstaufen erhob, als zu früh Ludwig I. starb und er einem minderjährigen Sohne die Würde hinterließ, ersahen die Thüringischen Dynasten die günstige Gelegenheit, vor aller Beschränkung alter Freiheiten und Rechte sich zu bewahren. Unter Konrad III., der nur mit Mühe den arglistig angemaßten Thron behaupten konnte, bei der Minderjährigkeit und häufigen Abwesenheit Ludwig‘s II. schalteten die Grafen zügellos in Thüringen und erlaubten sich Bedrückungen, die laute Klagen der Städte und des Landvolkes hervorriefen. Durch jenes unbesonnene, maßlose Verfahren verfehlten sie ihren Zweck und gaben dem zum kräftigen Manne sich ausbildenden Landgrafen, dem bald Friedrich Barbarossa den stärksten Rückhalt und gewiß auch thätige Unterstützung bot, in den gekränkten Bürger und geplagten Bauern Verbündete und Unterthanen, mit denen Ludwig es wagen durfte, nachdrücklich den Großen entgegenzutreten und ihnen ein Joch auf den Nacken zu binden, dem sie nicht mehr ungestraft und ohne neue Demüthigungen sich entziehen durften. Der Beiname des Eisernen ist Ludwig II. nicht nur aus der Volkssage vom Schmidt in der Ruhl, sondern auch unbezweifelbaren historischen Thatsachen beizulegen.

 

Daß er aber keinesfells ein roher Kriegsheld war, dem Sinn für Edleres und Höheres abging, beweist schon die Sorgfalt, welche er auf die Erziehung seiner Kinder wandte. Seine vier Söhne Ludwig, Friedrich, Heinrich und Hermann, denen nur noch eine Schwester Jutta,

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zur Seite stand, ließ er in allen Wissenschaften jener Zeit den besten Unterricht ertheilen und wollte, daß alle, um sich vollkommen auszubilden, die Universität Paris besuchen sollten. Von den beiden ältesten ist dies auch zuverlässig bekannt und von Hermann läßt es sich fast mit Gewißheit voraussehen, da er später noch mit Paris in wissenschaftlicher Berührung blieb. In einem noch erhaltenen Schreiben an König Ludwig VII. von Frankreich ersucht diesen der Landgraf sich der zwei ihm zugeschickten Söhne mit Wohlwollen anzunehmen. Wer von ihnen sich am meisten zu den friedlichen Studien, vornehmlich der Theologie eigne, solle ganz dabei verbleiben. Friedrich entsprach dem Wunsche des Vaters und trat noch zu dessen Lebzeiten 1171 in den geistlichen Stand. Wir treffen ihn bis 1175 als Propst zu St. Stephan in Mainz, und nur politische Rücksichten veranlaßten ihn 1186 der priesterlichen Weihe zu entsagen und dem ehelosen Stande eine Verbindung mit der Gräfin Lutgard von Zigenhayn vorzuziehen, wodurch er selbst zur Grafschaft Zigenhayn gelangte und der Stammvater einer neuen Linie des gleichnamigen Fürstengeschlechtes wurde.

 

Der älteste der Brüder, Ludwig, folgte seinem Vater in der landgräflichen Würde (1172 — 119l), die er minder strenge und hart gegen die Großen des Landes zu behaupten wußte, da die Gunst und der Beistand seines Oheims Friedrich Barbarossa seine Nachsicht gegen die immer noch Trotzigen ersetzten. Wenn er die Beinamen-des Milden, des Friedliebenden, des Frommen auch mehr seiner Freigebigkeit gegen die Geistlichkeit verdankte, läßt sich doch in der That in seinem Leben der Charakter der Wohlwollenheit, Güte und der religiösen Schwärmerei nicht verkennen.

 

 

 

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Irren aber würde man, in ihm einen der Ruhe fröhnenden, dem Kriege abholden, der Klerisei ergebenen Fürsten zu suchen. Vielmehr ist seine ganze Regierung eine Reihe von Kämpfen, bald gegen trotzige Städte und Grafen seines Landes, bald gegen Nachbarfürsten, gegen viele geistliche Herren und Stifter, namentlich gegen das Erzstift Mainz. In Polen, Böhmen, Italien und im Orient erscholl der Ruf seiner ritterlichen Tapferkeit; schon in seinem hohen männlichen Wuchs, in seinem ausdrucksvollen Gesicht, in dem Feuer seines Auges sich kund gab. In mehren Kriegen folgte er freilich nur dem Gebote des Kaisers, zum Kreuzzuge der Mahnung der Kirche und der allgemeinen Begeisterung für die Befreiung des heiligen Grabes.

 

Früh stand auch Hermann dem Bruder als Helfer, Rather und Kampfgenosse zur Seite. An Tapferkeit, Klugheit, Schönheit und ritterlicher Ausbildung ihm nichts nachgebend, übertraf er ihn an Geistesschärfe, Schlauheit, schneller Auffassung und kluger Benutzung der Verhältnisse,e die einen Vortheil ihm sogleich oder für die Folgezeit darboten. In den Wegen und Mitteln, die zu einem Gewinne führten, war er eben nicht allzubedenklich, in geleisteten Versprechungen, in übernommenen Verbindlichkeiten nicht stets gewissenhaft, bei der Annahme dargebotener Geldsummen oder neuen Gütererwerbes nicht scheu, wenn nur die äußere Ehre nicht verletzt oder mit gutem Vorwande sein Parteienwechsel gerechtfertigt schien. Da ihm noch außer Friedrich, der durch seinen geistlichen Stand nicht hinderlich war, zwei ältere Brüder die Landgrafenwürde in allzuferne Aussicht stellten, so war er früh bedacht, auf andre Weise zu eignem Besitz und einer bedeutenden

 

 

 

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Würde zu gelangen. Noch in jungen Jahren sah er bereits sein Streben nach Wunsch gefördert. Der Sturz des mächtigen Herzog Heinrich des Löwen brachte ihm und seinem Hause eine sonst schwer zu erringende Macht unter den Fürsten des nördlichen Deutschlands. Es ist hier nicht der Ort, den vielfach dargestellten Vernichtungskampf Kaiser Friedrichs und Heinrich’s noch einmal zu wiederholen. Ueber die Rechtfertigung des Einen oder des Andern, über die Frage: ob ihn eine unausweichbare Nothwendigkeit oder ein geheim vorbereiteter Plan herbeigeführt habe, über das Verfahren beider Theile vor, während und nach dem Kampfe mögen die Ansichten der Geschichtschreiber nach ihren verschiedenen Standpunkten getheilt ausfallen; dagegen kann über die neuen Verhältnisse in Norddeutschland, die Friedrich’s Verfahren und die Anfoderungen der verbündeten Fürsten an den Kaiser nach der Ueberwindung des gemeinsamen Gegners herbeiführten, kein Zweifel entstehen.

 

De nationale Scheidung zwischen Nord- und Süddeutschland, die bis auf den heutigen Tag noch keinem politischen, religiösen und intellectuellen Gemeingeist gewichen ist und ihm wol nie weichen wird, ja nicht weichen darf, hatte unter den beiden letzten fränkischen Kaisern ein feindliches Aufeinanderstoßen herbeigeführt, das, von Sachsen ausgehend, bald im ganzen Nordens eine Opposition gegen die am Oberrhein und im Süden gewonnene Macht Heinrich‘s IV. und V. hervorrief. Das richtige Maß von Strenge und Herrscherkraft, womit Konrad II. und Heinrich III. die widerstrebende sächsische Nation niedergehalten hatten, war durch Heinrich’s IV. jugendliche Unbesonnenheit in Willkür und gewaltsamen Druck ausgeartet,

 

 

 

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sodaß jene nur durch Empörung und Abfall dem Misbrauch seiner Gewalt sich zu entziehen vermochte und nun im ganzen Reiche, ja außerhalb desselben bei der römischen Curie Verbündete suchte. Dadurch wurden ganz fremdartige Interessen in den Kampf gezogen, welcher fast funfzig Jahre mit geringen Unterbrechungen Deutschland zerrüttete. Denn es erwuchs diesem kein Heil daraus, daß Heinrich V. dem Vater die Krone entriß, vielmehr dem Sohne nur ewige Schande, die durch seine ungezügelte Herrschsucht noch erhöht ward, wodurch er Fürsten und Städte, Papst und Geistlichkeit gegen sich erbitterte. Lothar III. (1125—37) gelang es den tiefgewurzelten Zwiespalt durch rastlose Thätigkeit, heilsame Mäßigung und kluge Politik im Innern und nach Außen zu versöhnen und den alten Glanz des deutschen Kaiserthrones zu erneuern. Seinem Schwiegersohne und von ihm bestimmten Nachfolger, dem mächtigen und kräftigen Herzog Heinrich von Baiern und Sachsen, schien es vorbehalten, Deutschlands Einheit und Festigkeit dauernd zu gründen; da entriß diesem arglistig der Hohenstaufe Konrad den Thron, ohne die Befähigung und die nothwendige Hausmacht für denselben zu besitzen, sondern allein durch Heinrich’s des Stolzen frühen Tod (1139) und Heinrichs des Löwen Minderjährigkeit im Stande, ihn zu behaupten und die mächtige. Gegenpartei im Zaum halten.

 

Als Konrad’s Neffe, (1152-90), im Besitze größrer Hausmacht und ausgezeichneter Herrschergaben, den Thron bestieg, gab er im Gefühl des Rechts und im Vertrauen auf des Blutsverwandten Ergebenheit Heinrich dem Löwen den größten Theil der seinem Vater abgesprochnen Reichslehen zurück. Mit ihm, der im Süden

 

 

 

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und Norden Deutschlands der mächtigste Fürst war, hoffte er die Reichskraft vereinigt zu seinem Beistande gewonnen zu haben, um die verlornen Rechte und die Gewalt des Kaisers, welche durch das Wormser Concordat geschmälert waren, diesem wieder zu entreißen. Konnte der Welfe aber vergessen, daß ihm von den Hohenstaufen die Krone entrissen worden? Konnte er den Glanz dieser auf Friedrich‘s Haupte erhöhen, ohne sich dadurch erniedrigt zu sehen? Sollte er seine dem Kaiser überlegene Macht nur verwenden, um den Letztern, zu einer Größe zu fördern, daß jeder Fürst der Erde, also auch er selber ein Dienstmann »des römisch-deutschen Augustus erschien, der allein gebot, während alle andern nichts als Gehorsam gegen den Allmächtigen kannten. Nein, Heinrich’s Ehrgeiz und Ruhmsucht strebte nach eignem Gewinn und eignem Glanz, wozu ihm der slavische Norden nach Außen, die vielen kleinen Fürsten und Herren innerhalb seiner norddeutschen Herzogthümer erwünschte Gelegenheit boten. Ein nordisches Reich zu gründen und sich darin zum unumschränkten Herrscher zu machen, erschien ihm leichter und ehrenvoller als die freiheitsliebenden Lombardischen Städte und den als Weltbeherrscher anerkannten Papst Friedrich’s Srepter unterwerfen zu helfen. Bald zeigte sich, daß Heinrich ein erreichbares Ziel erstrebe, Friedrich ein eitles, auch wenn der Herzog dem Kaiser statt Lauheit und Abneigung Ergebenheit und nachdrücklichen Beistand bot. Gedankt aber sei’s dem Hohenstaufen, daß auch des Welfen ausführbarer Plan vereitelt ward! Was wäre aus Deutschland geworden, wenn Heinrich mit der nördlichen, oder falls er Baiern noch dazu behielt und Oestreich wiederverband, Thüringen und die östlichen Marken überwältigte,

 

 

 

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mit der westlichen Hälfte Deutschlands von dem Reichskörper sich losgerissen und ein neues germanisch - slavisches Reich gegründet hätte? Die Verhinderung dieses Planes mußte aber von Friedrich theuer erkauft werden. Nicht blos den seinigen aufzugeben genügte, Heinrichs Macht in Deutschland mußte zerstückelt werden, einmal, um auf immer dessen Vorhaben zu vereiteln, dann aber auch, um die verbündeten Fürsten, mit deren Beistand er allein den übermüthigen Gegner überwältigen konnte, nach ihren Foderungen zu belohnen. Nicht nur Sachsen von Baiern zu trennen genügte, sondern jedes mußte in kleinern Theilen vielen geistlichen und weltlichen Fürsten zugewiesen werden, sodaß dem Kaiser selbst kein andrer Gewinn und kein andrer Ruhm blieb als eben nur der: den Gewaltigen vernichtet und seinen Plan vereitelt zu haben. Wer und was Jeder aus der zerstückelten Lanmasse des Welfen erhielt, ist von Andern nachgewiesen worden. Hier erwähnen wir nur zwei für unsre Darstellung wichtige Punkte.

 

Der erste ist, daß Sachsen, oder nach heutigem Begriff Norddeutschland, vom Rhein bis zur Elbe und noch weiter gen Osten, von der Nord- und Ostsee bis zur Grenze von Franken, Baiern, Böhmen und Schlesien, unter der Verwaltung der sächsischen Kaiser als Herzogen von Sachsen, der Billungen, Lothar’s, Heinrich des Stolzen und Heinrich des Löwen das mächtigste Herzogthum, von dem auch Thüringen, Meißen, die östlichen Marken stets in einiger Abhängigkeit geblieben waren, nun aufgehört hatte, ein Ganzes unter einem prädominirenden Landesherrn zu sein. Weil aber die nationale Verwandtschaft oder die herkömmliche Verbindung nach der

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Zerstückelung nicht das früher gemeinsame Interesse aus den Augen verlor, so entstand unter den Fürsten, die nach dem Sturze Heinrich des Löwen sich mächtiger und selbständiger erhoben, das Bestreben, eine Art Hegemonie in Norddeutschland zu erlangen. Die neuen Anhaltinischen Herzoge von Sachsen und die Landgrafen von Thüringen glaubten dazu die nächste Berechtigung zu haben und suchten bald durch Waffengewalt, bald mittels einer mehr von geistiger Ueberlegenheit geleiteten Politik den Vorrang sich abzugewinnen. Auch Friedrich, Barbarossa hatte neben der Nothwendigkeit der Zerstückelung deren Nachtheile für sich und das Reich erkannt und war sowol vor der Achtsvollstreckung, als nach dem SturzeHeinrich’s bedacht gewesen, jene Nachtheile dadurch zu verringern, daß er Einem der Theilfürsten eine etwas hervorragende Macht zuwies, wodurch es ihm möglich wurde, wieder eine Verbindung der Vielherrscher, die er erhoben hatte, herzustellen, um sich der Gesammtmacht Sachsens für seine fernern Plane zu bedienen. Ein ihm nahesteheder und zuverlässiger mußte diese höhere Stellung einnehmen.

 

Dieses leitet auf den zweiten Punkt über. Den Landgrafen Ludwig von Thüringen hatte der Kaiser zum Vertreter Sachsens ausersehen. Zwar die Herzogswürde durfte Bernhard von Aschersleben, einem Sohne Albrecht des Bären, nicht entzogen werden, weil er der vornehmste der sächsischen Grafen war, die wider Heinrich und für den Kaiser die Waffen ergriffen, und weil bereits dem Vater desselben die Anwartschaft, ja schon der Titel eines Herzogs von Sachsen zuerkannt gewesen und das mächtige weit verzweigte Haus der Anhaltiner nicht abermals übergangen werden konnte. Nächst Bernhard verlangte

 

 

 

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Der ehrgeizige Erzbischof Philipp von Köln für vielfach geleistete Dienste und Aufopferungen, die er mit Behelligung seines Gewissens durch manche frevelhafte und gewaltthätige Handlungen zu Gunsten des Kaisers gebracht, eine allgemeine Belohnung, die er in den an sein Erzbisthum grenzenden Theilen des Herzogthums Sachsen, in Engern und Westfalen, bezeichnete. Auf ihn mußte Friedrich Rücksicht nehmen, wollte er den bisherigen Freund nicht in den erbittertsten Feind verwandelt sehen. Wenig blieb da für Ludwig noch übrig, dem der kaiserliche Oheim so gern das Meiste zugewandt hätte. Statt großer Lehne gedachte er nun ein wichtiges Amt ihm zuzuweisen. Die sächsische Pfalzgrafenwürde war unter den frühem Herrscherdynastien Deutschlands von höchster Bedeutung gewesen. Der Pfalzgraf hatte nicht nur die höchste Gerichtsbarkeit im Lande, er vertrat auch die Person des Kaisers und übte während eines Interregnums bis zur Erhebung eines neuen Reichsoberhauptes alle kaiserlichen Rechte ans. Unter den sächsischen Kaisern war das Amt wegen der Gewalt, die damit verbunden war, weder einem Landesgrafen noch auf Lebensdauer oder gar erblich verliehen worden. Erst Heinrich III. wagte dies und hoffte durch einen treuen und kräftigen Vertreter sein eignes Ansehen und seine den Sachsen verhaßte Herrschaft zu befestigen. Völlig seinen Wünschen entsprach als Pfalzgraf von ganz Sachsen Dedo von Gosek, der Bruder des bekannten Erzbischofs Adalbert von Bremen, sodaß durch dieses Brüderpaar den widerspenstigen sächsischen Großen, vornehmlich den Billungen, zwei Hüter im Lande gesetzt wurden, die wachsam die Schritte der Abgeneigten beobachteten und dem Kaiser jedes gefahrdrohende Vorhaben hinterbrachten.

 

 

 

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Als aber gegen Heinrich IV. und V. die Sachsen sich auflehnten und des Kaisers Ansehen im Lande aufhoben, verloren auch die Pfalzgrafen ihre Bedeutung, zumal seit die Würde unter zwei feindlichen Häusern von Gosek und Sommerschenburg mehr eigenmächtig als durch kaiserlichen Willen getheilt war. Nur die Sommerschenburger Frieddrich I. und II. behaupteten noch als Landesfürsten, nicht als Vertreter des Reichsoberhauptes bedeutende Stellung und standen meist auf Seiten der Gegner des Kaisers. So hatte auch noch Friedrich’s II. Sohn und Nachfolger im Pfalzgrafenamte, Adalbert, als der Vernichtungskampf gegen Heinrich den Löwen begann, dessen Partei ergriffen und eine Heeresabtheilung desselben befehligt. Nach· einer empfindlichen Niederlage (1178) war er aber vom Kriegsschauplatze abgetreten und bald danach ohne Nachkommen gestorben. Auch das Goseker Haus war so gut als erloschen, da der letzte Sprößling desselben, Friedrich V. zum geistlichen Stande übergetreten, bereits die Würde eines Bischofs von Prag bekleidete.

 

Kaiser Friedrichs Plan war es unfehlbar, die Pfalzgrafenwürde wieder in alter Bedeutung herzustellen, um dadurch wie einst Heinrich III. sein Ansehen in Sachsen zu erhöhen. Ludwig von Thüringen, unter allen norddeutschen Fürsten seinem Blute und Herzen der nächste, sollte als Pfalzgraf ihn vertreten, als solcher die Landesfürsten in der Treue und im Gehorsam gegen den Thron erhalten und dem Range nach sogar über dem Landesherzoge stehen. Die Reichsstädte, Pfalzen, kaiserlichen Schlösser und Reichsgüter in Sachsen und Thüringen, obschon davon viel während der Sachsenkriege eingebüßt war,

 

 

 

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boten noch immer eine bedeutende Stütze dem Verwalter derselben. Nimmt man dazu noch Ludwig‘s eigne Hausmacht und die Landgrafenwürde, so mußte in der That ein solcher Pfalzgraf von Sachsen mehr sein als der in seinen Besitzungen äußerst geschmälerte neue Herzog Bernhard. Aber der Plan des Kaisers ward vereitelt oder konnte wenigstens im gewünschten Umfange nicht ausgeführt werden. Ludwig nämlich, sammt seinem Bruder Hermann, erlitten (am 15. Mai 1180) gegen Heinrich eine Niederlage bei Weißensee und wurden von dem Sieger als Gefangene weggeführt. Erst als der Herzog der Uebermacht seiner Gegner erlag, bediente er sich der Neffen des Kaisers als Friedensvermittler und entließ sie, nachdem sie eidlich versprachen für ihn das Wort zu führen, an Friedrich’s Hof. Als der Kampf mit dem Reichstag zu Erfurt (im November 1181), wo Heinrich sich auf Gnade und Ungnade unterwarf, sein Ende nahm, durfte der Kaiser dem nicht die höchste Macht als Kriegslohn ertheilen, der eine Niederlage erlitten und, um den drückenden Fesseln zu entgehen, Fürsprache für den Geächteten gethan, dessen Vernichtung beschlossen war und der mehr aus dem Schiffbruche rettete, als die sächsischen Fürsten, namentlich Bernhard erwartet harten. Eine zu große Zurücksetzung gegen den neuen Herzog, der den größten Eifer im Kriege bewiesen, gegen alle Verbündete Friedrich‘s wäre es gewesen, wenn dieser den Schwestersohn ihnen vorgesetzt und in einer Würde, die längst schon kein Ansehen mehr besaß, über den Landesherzog, der gewohnt gewesen alle andern Fürsten Norddeutschlands als untergeordnet und abhängig zu betrachten, gestellt hätte.

 

Ludwig behielt nicht einmal die ihm zuerkannte Pfalzgrafenwürde,

 

 

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sei’s, daß er sie ohne höhere Bedeutung nicht annehmen, oder daß die unzufriedenen sächsischen Fürsten keinen so mächtigen als den Landgrafen von Thüringen in einer Stellung, der der Kaiser in der Folge immer noch ein großes Gewicht geben kronnte, sehen, oder daß Friedrich auf andre Weise seinen frühem Plan ausführen wollte; genug, der jüngere Bruder Hermann erhielt das Pfalzgrafenamt und heirathete, um alle Ansprüche Andrer auszuschließen und die seinigen gültiger zu machen, die Tochter des 1162 verstorbenen Pfalzgrafen Friedrich II. von Sommerschenburg, um des Vortheils wegen nicht bedenklich, daß Sophie, bereits Witwe von Graf Heinrich von Wettin, um viele Jahre älter war als er.

 

Von nun ab zeigt sich Hermann’s Glück im Steigen. Bereits war während seiner Gefangenschaft sein Bruder Heinrich Raspe gestorben, er also Ludwig‘s nächster Erbe, wenn derselbe kinderlos blieb. Dies ließ dessen Naturell als wahrscheinlich voraussehen. Es wird von mehren Chronisten Ludwig’s große Keuschheit gerühmt, die so weit gegangen sein soll, daß er auch als Gatte nicht die ehelichen Pflichten erfüllte. Zweimal vermählt, ließ er von beiden Frauen unter nichtigen Vorwänden sich scheiden, von der ersten Margarethe von Cleve 1183, weil sie eine zu nahe Blutsverwandte sei; von der zweiten, Sophia, einer russischen Prinzessin, Witwe König Waldemar’s von Dänemark, ohne allen Grund und selbst mit Verletzung des Anstandes, worüber er mit Kanut; ihrem Sohne erster Ehe, in Händel verwickelt wurde.

 

Ueber Hermann’s Verwaltung des Pfalzgrafenamtes erfahren wir Näheres nicht, doch läßt die enge Verbindung, in der er mit seinem Bruder Ludwig verblieb und

 

 

 

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die Gunst, die Kaiser Friedrich beiden Brüdern nach wie vor erwies, vermuthen, daß er mit überlegner Macht, die seine geistige Gewandtheit noch erhöhte, zu aller Dreien Vortheil gewirkt und in einer so schwierigen Stellung die beste Vorschule für spätere noch schwierigere Verhältnisse erhalten habe. Von den vielen Fehden, in denen er dem Bruder Beistand leistete, erwähnen wir hier nur der mit dem Erzstifte Mainz, meist die Stadt Erfurt und die zu Mainz gehörenden Thüringischen Besitzungen betreffend, weil sie für spätere Kämpfe Hermann’s mit dem gleichen Gegner das Vorspiel war und aus gleicher Veranlassung hervorging.

 

Die Stadt Erfurt erscheint während des ganzen Mittelalters und bis zum westfälischen Frieden in einem eigenen Verhältniß. Noch auf dem letztern behauptete und wies sie ihre Reichsunmittelbarkeit nach, wofür schon die vielen daselbst gehaltenen Reichstage, und darunter äußerst wichtige, Zeugniß geben. Gleichwol übten in ihr außer dem Kaiser noch Andre eine Oberhoheit. Die Landgrafen von Thüringen nahmen sie als Hauptstadt des Landes in Anspruch, schalteten darin wie Landesherren oder ertheilten ihr Privilegien und Freiheiten, wie dies nur dem Reichsoberhaupte zustand. Die Erfurter selbst hatten sich indessen die benachbarten Grafen von Gleichen zu ihren Schirmherren gewählt und leisteten diesen, wie sie ihnen, die schuldigen Dienste. Vor allen aber glaubte das Erzstift Mainz ein Souverainetätsrecht an die Stadt zu haben und nannte Erfurt ein Filial, weil einst Bonifacius, oder einer seiner Schüler das Bisthum Erfurt neben dem Erzstift Mainz verwaltet hatte und jenes, frühzeitig aufhörend, unter dieses Abhängigkeit verblieben sei. Natürlich

 

 

 

 

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160 Landgraf Herrnann von Thüringen.

 

konnte dieses nur in Geistlichem, nicht in Weltlichem der Fall sein, da damals letzteres überhaupt der Geistlichkeit noch nicht zustand. Gleichwol machten die Mainzer Erzbischöfe ihre Ansprüche als Gebieter geltend, indem sie den Kaisern nur während der Reichstage die Gewalt einräumten. Die Stadt war damit im Grunde ganz zufrieden, weil die Erzbischöfe, um sich den wichtigen Platz in der Mitte Deutschlands und im Herzen Thüringens zu erhalten, ihr große Freiheiten und Rechte einråumten. Vielleicht hätte auch Friedrich nicht sein kaiserliches Recht bei Niederreißung der Mauern 1164 geltend gemacht, wenn es nicht mehr dem persönlichen Widersacher, Konrad von Mainz, als dem Erzstifte gegolten. Als an seine Stelle Christian unter Landgraf Ludwig’s II. Vermittelung auf den ersten deutschen Kirchenstuhl erhoben wurde, schloß sich der schlaue Staatsmann und erprobte Kriegsheld zwar an den Kaiser enge an und leistete ihm in Italien die wesentlichsten Dienste; aber auch Erfurt vergaß er nicht und ließ die Mauern (1168 und 69) wiederherstellen unter dem Vorwande, der Stadt einen Schutz gegen feindliche Nachbarn zu gewähren. Ludwig durfte aus Rücksicht für den Kaiser, der seinem Kanzler die Erlaubniß ertheilt hatte, den Bau nicht hindern, so gefährlich für sich selber er diesen auch erkannte. Schon 1175 erhoben auf Anreizung Erwin’s von Gleichen und eines Grafen Heinrich die Erfurter gegen Ludwig III. eine Fehde und fielen verwüstend in dessen Besitzungen. Der Landgraf wollte weniger die Thäter als die, welche sie aufgereizt hatten, seinen Zorn fühlen lassen. Drei Kastelle des Grafen Heinrich zerstörte er, verfuhr aber milder gegen die Stadt und deren Advokaten, die indeß beide in

 

 

 

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161 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Seiner Abhängigkeit verblieben, was der entfernte Erzbischof Christian weder verhindern, noch verbieten konnte. Als nach dessen Tode (1183), zufolge des Vertrags von Venedig zwischen Kaiser Friedrich und Papst Alexander, Konrad, der einstweilen mit dem Erzbisthum Salzburg abgefunden war, auf den Mainzer Erzstuhl zurückkehrte, hatte kein langer Friede zwischen ihm und Ludwig Bestand. Konrad foderte nicht allein wegen Erfurt Genugthuung; er verlangte auch, Ludwig solle als Bizdom von Mainz, was einst der erste Graf Ludwig mit dem Barte gewesen war, ihm den Lehnseid schwören. Abermals erschienen in dieser Fehde zwei Thüringische Grafen, Heinrich von Schwarzburg und Friedrich von Kirchberg, auf der Seite von Ludwig‘s Gegnern. Erstrer möchte ein und derselbe mit dem Aufwiegler der Erfurter sein und wegen der erfahrnen Züchtigung einen Haß gegen Ludwig nähren. Ueberdies scheint bei den Schwarzburger Grafen Ahnenstolz die Feindschaft gegen das landgräfliche Haus beständig wach erhalten zu haben, da einst an Ludwig mit dem Barte ein Graf von Schwarzburg wenige Hufen Landes abgetreten oder verkauft, wodurch jener zuerst im Lande ansässig, aber zugleich von den Schwarzburgern abhängig geworden war. Und nun erhoben sich die Nachkommen des damals so unscheinbaren Fremdlings über alle Landesfürsten und trachteten diese bereits als Vasallen sich unterzuordnen. Es ist bekannt, mit welchem Stolz noch heutzutage die -Schwarzburger Fürsten auf ihren Günther, der einst die Kaiserkrone wenige Monden auf seinem Haupte sah, zurückblicken. Um auf jenen Grafen Heinrich zurückzukehren, so hatte derselbe kurz vor Ausbruch der Mainzer Fehde, in Verbindung mit Siegfried von

 

 

 

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162 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Orlamünde und andern Thüringischen Großen den Herzog Bernhard von Sachsen, den Rivalen Ludwig‘s, wider diesen zu einem Kriege aufgereizt, der mit vieler Erbitterung geführt, durch wechselseitige Verwüstungen des flachen Landes, durch Einnahme der Thüringischen Stadt Meldingen und Zerstörung von Bernhard‘s Hauptfeste Aschersleben bezeichnet worden war. — Heinrich und sein jetziger Verbündteter Friedrich von Kirchberg, von gleichem Familienhaß und Ahnenstolz beseelt wie die Schwarzburger, boten nun auch dem Erzbischof Konrad die Hand, und nicht eher ruhte der verderbliche Kampf, den der Mainzer von Erfurt aus leitete, das darum auch am meisten zu leiden hatte, als bis der Kaiser mit Strenge einschritt und seinem Sohne, dem Könige Heinrich die Schlichtung desselben auftrug. Beide Parteien wurden 1184 nach Erfurt geladen. Die Versammlung fand in der Propstei des Marienstiftes in einem Saale des dritten Stockes statt. Da außer den Fürten, Prälaten und Rittern sich noch eine Menge Zuschauer aus dem Volke hereingedrängt hatte, stürzte plötzlich der Söller ein und riß einen großen Theil der Anwesenden hinab; Hunderte wurden stark beschädigt und viele fanden den scheußlichen Tod, weil sie in den Koth einer Kloake gefallen. Zu diesen Opfern gehörten sechs Thüringische und Hessische Grafen: Friederich von Abenberg und Gosmar von Zigenhayn, beide die letzten männlichen Sprößlinge ihres Stammes, Burchard von Wartberg, Beringar von Meldingen und die beiden Hauptgegner Ludwig’s, Friedrich von Kirchberg und Heinrich von Schwarzburg *). Auch der Landgraf war hinabgestürzt,

 

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*) In den Namen ist bei den Chronisten mancherlei Abweichung; auch haben einige statt des Marienstiftes das Peterskloster. An der Stelle ward später ein Mußhaus errichtet mit einer Säule, worauf stand: Lapsus Procerum Thuringiae.

 

 

 

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163 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

doch ohne Schaden zu nehmen. König Heinrich und Erzbischof Konrad, die am Fenster gesessen, erhielten sich nur an einem Eisengitter, bis sie mit genauer Noth durch Leitern und Stricke heruntergebracht wurden.

 

Auf die Schlichtung des Streites hatte dieser Unglücksfall den entschiedensten Einfluß und brachte dem Thüringer Hause nur Gewinn. Denn nicht nur waren zwei gefährliche Widersacher im eignen Lande aus der Welt geschieden; der Tod der Grafen von Abenberg und Zigenhayn gab den Landgrafen das Recht auf deren Güter. Doch mußte, um die Besitzungen der von Zigenhayn zu erhalten, des Landgrafen Bruder Friedrich dem geistlichen Stande entzogen und mit der Erbin Lutgard von Zigenhayn vermählt werden, was nach mancherlei Schwierigkeiten vor 1186 nicht ausgeführt zu sein scheint. In welcher Art Ludwig und Konrad sich vertragen, ist nicht näher bekannt. Dauernd war ihre Versöhnung keineswegs und zwischen ihnen *) und beider Nachfolgern kam es noch zu wiederholten Fehden, wie wir später sehen werden.

 

In Deutschland mußte die Kriegs- und Fehdelust nachlassen, als Kaiser Friedrich Barbarossa nach langen vergeblichen Kämpfen wider seine Hauptgegner, den Papst und die Lombarden, in einem friedlicheren und dem Gemeinwohle

 

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*) Schon 1186 wird ein neuer Kampf erwähnt, in welchem Thüringen und Hessen verheert wurden, und in letzterm der Erzbischof die Veste Heiligenberg, Ludwig als Schutz und Trutzveste Grüneberg erbaute.

 

 

 

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164 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

seiner Länder heilsameren Wirken und Handeln seine wahrhaft großen Regententugenden entwickelte, als er in seinen hohen Lebenstagen erkannte, daß dem Zeitstrome wie ein Damm sich entgegenzustellen eitel und der Mächtigste unvermögend sei, die Welt in Fesseln zu schlagen. Die glänzende Reichsversammlung zu Mainz 1184, die wahrhaft ein Reichsfest genannt werden darf, sollte für Deutschland eine Friedensfeier werden, wie zu Konstanz 1183 und zu Mailand 1185 die Eintracht in Italien hergestellt wurde. Ohne mancherlei Störungen blieb freilich weder dort noch hier das gute Vernehmen des Kaisers mit der Kirche, der Geistlichkeit, den Fürsten und Städten, aber zu erschütternden Kämpfen kam es zu Friedrich’s Lebzeiten nicht mehr. Die Sorge für sein Haus, für Begüterung und vortheilhafte Heirathsverbindungen seiner Söhne, namentlich König Heinrich‘s mit Constanzen, der Erbin von Sicilien und Apulien, erfüllte vornehmlich seine Seele.

 

Doch nicht auf dem Friedensbette sollte Den der Tod ereilen, der ein Leben voll Krieg und Schlachten von Jugend auf geführt hatte. Die Nachricht, daß der mächtige Saladin die Christen im Oriente hart bedränge, daß Jerusalem, das Grab des Erlösers in seine Gewalt gekommen, rief die ganze Christenheit, den Papst wie die Herrscher der europäischen Reiche zum Beistande der Bedrängten auf. Der erste Fürst der Christenheit konnte, durfte dem mahnenden Rufe in das gelobte Land sich nicht entziehen, und Friedrich, obschon im Greisenalter, fühlte Jünglingsmuth und Jünglingskraft, um durch ein heiliges Werk den Glanz seiner Krone zu erhöhen. Zu welchen Hoffnungen mußte nicht die ganze Christenheit berechtigt sein,

 

 

 

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165 Hermann von Thüringen.

 

als alle hohen Häupter und die angesehensten Fürsten das Kreuz nahmen, um den Ungläubigen die heiligste Stätte der Welt zu entreißen. Wol störten noch mancherlei Ereignisse, Reibungen, Spaltungen und kleinlicher Haß, die auf das große Vorhaben ein schlechtes Licht werfen, die erste allgemeiner Begeisterung, aber man erkannte auch auf der andern Seite das eifrigste Bestreben, die Hindernisse wegzuräumen, und die verständigsten Vorkehrungen und die befriedigenden Ausrüstungen nicht blos zahlreicher, sondern auch erprobter Heere. Allen Königen voran und von den besten Kriegern umgeben, brach Friedrich nach Asien auf, und wenn auch von Drangsalen, Gefahren und schweren Verlusten begleitet, war seine Heerfahrt doch auf Erfahrung, Umsicht und wohlberechneten Plan gegründet. Da leider riß ein unglückliches Wagestück oder unbesonnener Muth ihn aus dem Leben und das ganze Unternehmen, zu dem so viele und große Kräfte, so gerühmte Kriegshelden und bewehrte Kriegsscharen aufgeboten waren, endete ohne Erfolg, ja ruhmlos und höchst verderblich für die Hauptreiche Europas.

 

Auch Landgraf Ludwig gehörte zu den Theilnehmern dieses großen Kreuzzuges. Zwar zog er nicht im Heere des Kaisers durch Ungarn und Griechenland nach Asien, sondern durch Italien bis Brundusium und dann auf apulischen Schiffen mit einem ansehnlichen Heere in Begleitung seines Bruders, vieler Grafen und Edlen kam er früher an der tyrischen Küste an und nahm an der denkwürdigen Belagerung von Akkon den thätigsten Antheil. Sein Verdienst war es, den gesunkenen Muth der Christen durch sein tapferes, besonnenes, unermüdliches

 

 

 

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166 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Verfahren zu heben, die Zwietracht, die unter jenen mehr Unheil als Saladin’s Heere angerichtet, vornehmlich zwischen dem Könige Veit von Jerusalem und dem mächtigen Herzog Konrad von Montferat zu schlichten. Ja, sein Ansehen, wozu die Verwandtschaft mit dem vor Akkon sehnlichst erwarteten Kaiser gewiß viel beitrug, stieg so hoch, daß man ihm eine Zeitlang den Oberbefehl übertrug, den er auch mit Ehren, doch ohne wirksamen Erfolg in der Belagerung führte. Da Ludwig durch seine freigebige Milde und wol auch durch seinen rühmlichen Wandel die Geistlichkeit zu Freunden gewann, so haben viele Mönchschroniken seine Thaten vor Akkon in das Gewand einer Legende gekleidet und ein Dichter des 14. Jahrhunderts in einem umfangreichen Epos sie besungen *). Auch dem Pfalzgrafen Hermann wird darin der Ruhm tapfrer Heldenthaten reichlich gespendet. Der historische Gehalt des Gedichtes dürfte aber ein sehr geringer sein, und die vielen Anachronismen, Uebertreibungen und Wunder lassen uns auch das Glaubhafte mit Bedenken für Wahrheit nehmen. Eine der wunderbarsten Thaten Ludwig’s bringt, nach der Chronisten wie des Dichters Bericht, eine traditionelle Verknüpfung

 

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*) Lange ward dies Gedicht, welches handschriftlich zu Wien sich befindet, unter dem falschen Titel Gottfried’s von Bouillon in den Handbüchern deutscher Literaturgeschichte bezeichnet. Wilken. Geschichte der Kreuzzüge Bd. IV Beil. 2. gab Auszüge daraus. Ich selbst nahm 1837 eine neue Abschrift davon, da die von Professor Schottky auf der berliner Bibliothek, die Wilken benutzte, viele Fehler enthält. Auch ohne daß das Gedicht großen poetischen Werth hat, bietet es doch für Sitten und Glauben der Zeit viel Interessantes.

 

 

 

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167 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

zwischen den Orient und Deutschland. „Als einst Ludwig vor Akkon seine Reiterscharen zum Kampfe gegen die Ungläubigen führt und auf seinem Flügel einen vollständigen Sieg erficht, sieht er auf dem andern Flügel die Franken oder Welschen in feiger Flucht aus dem Felde weichen. Da fleht der fromme Held zu Gott, daß er ihm und den Seinen den Sieg erhalte, und erblickt von Ferne einen Ritter in rothem Gewande aus weißem Rosse, der eine rothe Fahne in die Erde steckt und spricht: „Unter dieser Fahne wirst du siegen!“ Nach diesen Worten verschwindet er. Daher glaubte Mancher im Heere, der Ritter sei der heilige Georg gewesen, den der Landgraf vor Allen verehrte und ihm zu Eisenach eine Kirche erbaut, hattet. Jene rothe Fahne versuchen Viele aus der Erde zu ziehen, nur Ludwig vermag dies. Von Wenigen begleitet, verfolgt und zersprengt er die großen Sarazenenhorden bis an die Zelte Saladin’s. Jene Fahne ward Segehard, d. i. die siegreiche, genannt und von den Mannen des Landgrafen nach der Wartburg gebracht. Später kam sie nach Meißen, zuletzt nach Schloß Tharant und als dieses abbrannte, sah man das Banner des heiligen Georg durch die Luft von dannen fliegen und Niemand wußte, wohin es gekommen.“

 

Die Auflösung aller Ordnung, die gänzliche Muthlosigkeit der Belagrer vor Akkon, als die Nachricht von Kaiser Friedrich‘s Tod dort anlangte, der Uebermuth der Franzosen, die überhandnehmende Seuche unter seinen Kriegern, endlich eignes Siechthum bewogen Ludwig trotz den Bitten vieler Fürsten den Rückweg anzutreten, zumal das neue Regiment Heinrich‘s VI. in Deutschland mancherlei Veränderungen der bestehenden Verhältnisse erwarten ließ.

 

 

 

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168 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Wenn wir der Nachricht in dem angeführten Lobgedichte Glauben schenken dürfen, so blieb Hermann mit einem Theile des Heeres noch im Oriente zurück und kehrte erst heim, als ihm hier eine neue Herrschaft winkte. Ludwig nämlich sah Deutschland nicht wieder. Auf der Meerfahrt erkrankte der noch nicht Genesene heftiger — was den Vorwurf mehrerer Schriftsteller, als sei sein Siechthum nur vorgewendet, widerlegt — und starb am 16. October. Die Leiche ward nach Cyprus gebracht und die Fleischtheile und Eingeweide unter Thränen und Wehklagen der Seinen in einer Kapelle bestattet, die Gebeine aber nach unsäglichen Gefahren zu Reinhardsbrunn, der Begräbnißstätte seiner Vorfahren am 23. December 1190 beigesetzt. Zu wiederholten Malen hatten die Schiffer, welche die Ueberreste hinüberschafften, bei Stürmen und andern Gefahren der Reise, nach dem Aberglauben der Zeit, als dulde das Meer keine Todtengebeine auf einem Schiffe, den Gefährten befohlen die theuern Ueberreste über Bord zu werfen, und nur durch mehrmalige Geldversprechungen und endlich durch die List, daß sie Steine in den Sarg legten und diesen unter falschen Thränen und Wehklagen ins Meer warfen, vermochten die treuen Mannen die Gebeine zu erhalten und für die Ahnengruft zu bewahren.

 

Wie bald Hermann nach Deutschland zurückkehrte, ist nicht genau bekannt. Wenn ihn die Besorgniß um die erledigte Herrschaft seines Bruders zur Eile trieb, so war solche nicht ungegründet, denn der habsüchtige, List wie Gewalt zur Erreichung seiner Zwecke niemals scheuende Heinrich VI. trachtete wirklich darnach Hermann des brüderlichen Erbes zu berauben, bis der weisere Rath

 

 

 

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169 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

seiner Diener ihm zeigte, wie es ebenso unklug als ungerecht sei, den Vetter von gegründeten Ansprüchen fern zu halten, und wieviel mehr Vortheile es dem Kaiser bringe, in jenem sich einen Freund zu erhalten, der gleich seinen Vorfahren das Landgrafenthum Thüringen, durch Umfang und Lage eine der wichtigsten Provinzen des Reiches mit Kraft und Umsicht verwaltete. Heinrich stand nun von seinem Vorhaben ab; doch weil er in der Verbindung des Landgrafenthums Thüringen mit dem Amte eines Pfalzgrafen über Sachsen, d. h. über die Reichsgüter und Reichsstädte daselbst, eine zu große Gewalt in der Hand Eines sah, entzog er Hermann die gefährliche Uebermacht, vornehmlich die wichtigsten Reichsstädte in beiden Provinzen, die er unmittelbar von seinem kaiserlichen Gebot oder von ihm treu ergebenen Dienern abhängig machte.

 

Nach solchen Versuchen des Kaisers, Hermann von einer gerechten Anwartschaft auszuschließen, dann ihn wenigstens zu beschränken, konnte zwischen beiden nie ein aufrichtiges und enges Freundschaftsverhältniß entstehen, was für Heinrich VI. um so nachtheiliger sein mußte, als der alte Gegner seines Hauses, Heinrich der Löwe, bekeits 1189 aus seiner Verbannung von England nach Braunschweig zurückgekehrt war und mit ungebeugtem Muth an die Wiederherstellung seiner Macht im Norden dachte, was nur verhindert werden konnte, wenn die Fürsten, welche im Bunde mit Kaiser Friedrich ihn überwältigt hatten, nun in gleicher Weise Heinrich VI. die Hand boten. Da fehlte denn der wichtigste Verbündete, der Landgraf Hermann. So viel auch Herzog Bernhard von Sachsen, dessen älterer Bruder Markgraf Otto II. von

Hist. Taschenbuch. Neue F. IV. 8

 

 

 

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170 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Brandenburg, der wiederum mit dem Kaiser versöhnte Erzbischof Philipp von Köln, Erzbischof Wichmann von Magdeburg, auch der von der Belagerung Akkons eilig heimkehrende Graf Adolf von Holstein und andere norddeutsche Fürsten den kühnen Löwen in seinen Eroberungsplanen zu hindern suchten, immer blieb dieser mit seinen Söhnen ein gefährlicher Feind des Reiches, der wachsam beobachtet werden mußte und nicht zum drittenmal aus Deutschland sich verbannen ließ. Mislang ihm auch die Herstellung seiner frühern Macht, so sah sich doch der Kaiser nach wiederholten Versuchen, den Erbfeind zu vernichten in allen Verträgen genöthigt, mehr Zugeständnisse als Machtbeschränkungen zu machen. Das Haus der Welfen blieb in Deutschland noch immer ein angesehenes und mächtiges, zumal als es Heinrich dem Jüngern gelang wider des Kaisers Willen mit seiner als Kind ihm verlobten Agnes, der einzigen Tochter und Erbin des rheinischen Pfalzgrafen Konrad, des Stiefbruders von Friedrich Barbarossa und Oheims von Heinrich VI., sich zu vermählen und so die Nachfolge in der wichtigen Rhein-Pfalz zu erhalten. Zwar erschien die Verbindung zwischen einem Welfen und einer Hohenstaufin Vielen und auch dem lange erzürnten, doch zuletzt begütigten Kaiser heilsam und gesegnet, aber nur, wenn letzterer lange regierte und die Nachfolge auf dem Throne einem erwachsenen Sohne und Erben zusicherte, wie sein Vater ihm, war die Gefahr, welche die neue Vergrößerung des Welfischen Hauses mit sich brachte, abgewendet. Da beides nicht in Erfüllung ging, war der Keim zu dem nachmaligen Kaiserschisma gelegt.

 

 

 

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171 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Wie wir Hermann später bald auf Welfischer, bald auf Hohenstaufischer Seite erblicken werden, ohne entscheiden zu können, welcher er aufrichtiger zugethan war, so erscheint er auch zwischen Heinrich VI. und Heinrich dem Löwen von keiner entschiedenen politischen Farbe. Für des Letzteren Sache durfte er natürlich seinen Arm nicht erheben, ohne die Vortheile aufzugeben, die des Welfen Sturz seinem Hause gebracht hatte. Doch daß er des Kaisers Plane niemals unterstützte, daß er denselben oft feindlich entgegenstand, läßt ihn gewiß nicht als Anhänger der Hohenstaufen erkennen. Zwischen beiden Parteien eine selbständige Stellung zu gewinnen, an der Spitze norddeutscher Fürsten und noch etwa im Bunde mit dem vom Reichsoberhaupte wieder abhängigen Böhmenherzoge, zeigt sich als unverkennbares Streben Hermann’s. So ist er also der erste deutsche Reichsfürst, der mit Bewußtsein und Consequenz die landesfürstliche Gewalt in Unabhängigkeit von der Reichsoberhoheit zu behaupten versuchte, was Jahrhunderte später erst den Kurfürsten von Brandenburg völlig gelang. Wem hätte ein solcher Versuch auch eher zugestanden als einem Fürsten, der in der Mitte Deutschlands sich zu erhöhter Macht emporgehoben sah? Heinrich’s des Löwen Plan, ein Nord- oder Ost-Reich zu concentriren, hätte, wenn er geglückt wäre, zu einer Theilung oder Trennung des Reiches geführt, wie solche schon unter Heinrich IV. und V. zwischen Nord- und Süd-Deutschland einzutreten gedroht. Die Besonnenheit des Herzogs Lothar von Supplingenburg, dessen Erhebung auf den Königsthron wandte damals die Gefahr ab, und Friedrich I. bewirkte, daß Heinrich des Löwen Absicht vereitelt wurde. — Eine Gliederung Deutschlands

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in mehrere Fürstenthümer, denen ein gemeinsames Reichsoberhaupt nur zur Verbindung diente, lag in der noch nicht erloschenen Nationalverschiedenheit der deutschen Stämme begründet und keinem Kaiser war es gelungen seinen Willen als alleiniges Gesetz für alle Provinzen geltend zu machen. Daß nicht die Landesfürsten eine gleiche Despotie übten, vermehrte die Macht der Kirche; die sich emporingende Selbständigkeit der Städte und die noch nicht unterdrückte Berechtigung der Volksgemeinde an den Landesangelegenheiten thätigen Antheil zu nehmen, die minder bedroht war, wenn die Fürsten der Willkür des Königs, der Uebermacht eines Nachbarfürsten sich entgegenstellten, als wenn jene mit diesen vereint, oder unter sich verbunden die Unterdrückung der niedern Volksclassen zum Ziele wählten. Daß sich die Landesherren erst vom Reiche lösten, als der Bauernstand in Knechtschaft, das deutsche Städtewesen in Verfall gerathen, hat der absoluten Gewalt der Fürsten Vorschub gethan und der deutschen Völkerschaften angeborne Freiheit durch straffere Zügel gehemmt, als im Anfange des 13. Jahrhundert möglich gewesen wäre.

 

Wollte Landgraf Hermann sich möglichst unabhängig vom Kaiser erhalten, so mußte er innerhalb seiner Thüringischen, Sächsischen und Hessischen Länder keine entgegenstehende Gewalt, seis von geistlichen Fürsten oder von den kleinen weltlichen Dynasten dulden und die Nachbarfürsten entweder auf friedlichem Wege für den gleichen Plan, wie der seinige war, gewinnen, oder, wenn sie Widersacher von ihm und Diener des Kaisers waren, sie mit Gewalt bekämpfen. Unmittelbar gegen Heinrich VI. sehen wir Hermann niemals die Waffen erheben, wol aber sind

 

 

 

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173 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

seine Gegner zum Theil vom Kaiser angestiftet, zum Theil mit diesem in geheimem Bunde. Erst unter Philipp -und Otto IV. kämpft Hermann unmittelbar gegen die Kaiser selbst an und darf von Friedrich II. von vornherein die Selbständigkeit und Unabhängigkeit seiner Stellung anerkannt fodern.

 

Zwei geistliche Fürsten sind es, die den Landgrafen zuerst zu offnem Kampfe reizten. Der Abt Heinrich von Fulda, der gegen den Willen der Conventualen vom Kaiser eingesetzt worden, verweigerte Hermann Klostergüter, welche sein Bruder Ludwig und schon sein Vater durch Kauf an sich gebracht oder zu Erblehn empfangen hatten. Trotz der heimlichen Unterstützungen von Seiten des Kaisers mußte der Abt der Uebermacht weichen und dem Landgrafen zugestehen, was er verlangte; ja, später sah er sich genöthigt neue Güter des Stiftes zu verpfänden, weil er durch schlechte Verwaltung und Verschwendung, sowie durch den Reichskrieg in Geldnoth gerathen war. - Schwerer als mit Fulda war für Hermann der Kampf mit dem Erzstift Mainz. Die Veranlassung war dieselbe wie unter Ludwig, nur daß nicht mehr der Kaiser, wie vormals Friedrich, als Vermittler dazwischentrat, sondern den heftigen Erzbischof Konrad, der auch alte Beleidigungen nie vergaß, wiederholentlich gegen den Landgrafen aufreizte, wie wir später nachweisen werden. Vier Jahre hintereinander (1192 - 95) wurde die verderbliche Fehde unterhalten und Brand, Verheerung nebst andern Leiden trafen besonders Hessen schwer durch die kriegführenden Parteien. Wol hätte schon im zweiten Jahre Hermann vollständig über Konrad gesiegt, wenn er nicht an dem Erzbischofe von Köln einen

 

 

 

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174 Landgraf Herntann von Thüringen.

 

treulosen Bundesgenossen erhalten, der ihm mehr Abbruch that als der Gegner selbst. Mit größrer Redlichkeit vermittelten 1195 die Aebte von Fulda und Hersfeld den Frieden, doch der gemeinsame Unwille Konrad’s und Hermann’s gegen Heinrich VI., welcher eine Annäherung beider hervorrief , machte bald sehr wechselnden Verhältnissen zum Kaiser Platz und diese brachten wieder den Erzbischof zu Hermann in feindliche Stellung.

 

Von den bedeutenden Streitkräften des Letztern zeigt, das er noch während der Fehde mit Mainz in einen Bruderkrieg im Nachbarlande zu Gunsten des bedrängten Theiles sich einzumischen und den hier erwähnen Gegner bis zur Vernichtung einer nicht geringen Macht zu bekämpfen vermochte. In Meißen gab es seit längrer Zeit unglückliche Familienzwiste. Markgraf Otto hatte noch bei seinem Lebzeiten zu Gunsten seiner Söhne Albrecht und Dietrich abdanken wollen und behufs dessen eine Theilung seiner Lehn- und Erbgüter, die sein Vater Konrad der Große um mehr als das Doppelte vermehrt hatte, vorgenommen, später aber zum größern Vortheil des jüngern, Dietrich, dem seine Mutter Hedwig, eine Tochter Albrecht’s des Bären, das Wort redete, eine Aenderung des Testaments gemacht. Darüber war der ältere, Albrecht, so erzürnt, daß er den Vater gefangen nahm, in einen Kerker auf Schloß Dewin einsperrte und erst nach wiederholten Mahnungen König Heinrich’s, als zugleich die Böhmen verheerend in Meißen eingefallen, für, die unnatürliche Pflichtverletzung Genugthuung gab. Aber nach Otto‘s Tode (1190) begann unter den Brüdern Zwietracht und Fehde, in Folge dessen Dietrich, von Albrecht hart bedrängt, bei Hermann von Thüringen Beistand

 

 

 

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175 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

suchte. Die Chronisten erzählen, der Landgraf hätte sich nur hierzu verstanden, wenn Dietrich seine Tochter Jutta, die als sehr häßlich geschildert wird, zu heiraten bereit wäre und die Feste Weißensee, auf der Grenze von Meißen und Thüringen, worüber einst schon Landgraf Ludwig III. Und Otto in heftigen Kampf gerathen waren *), ihm und seiner Tochter bis zu deren heirathsfähigem Alter in Besitz gebe. Dietrich mußte die Bedingungen eingehen. Ob er in Jutta wirklich eine so häßliche Braut erhielt, als erzählt wird, ist zu bezweifeln, da diese nach Dietrich’s Tode vom Grafen Poppo von Henneberg mit einer Leidenschaft zur Gemahlin begehrt wurde, die sich bei so abschreckender Häß1ichkeit schwer begreifen läßt. Wie dem aber auch sei, Hermann nahm sich des künftigen Schwiegersohnes auf‘s kräftigste an. Anfangs schien Albrecht dem Landgrafen, der nur als Friedensvermittler auftrat, geneigtes Gehör zu schenken, versprach nicht die Vorschläge desselben anzunehmen, sondern gab auch seine feste Stellung vor Weißensee, das er enge eingeschlossen hatte, auf, als Hermann ihm solches unter Androhung gewaltsamer Entsetzung gebot. Doch bei der Zusammenkunft, die darauf zwischen beiden stattfand, nahm jener alle gethanen Versprechungen unter nichtigen Vorwänden zurück. Nur das Schwert konnte jetzt die Entscheidung herbeiführen.

 

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*) Ludwig III. bekriegte Otto 1184, weil dieser durch Ankauf von thüringischen Gütern ihn beeinträchtigt hatte. Auch er machte ihn zum Gefangenen auf Wartburg und ließ ihn nicht eher frei, als bis Kaiser Friedrich auf die Klagen der sächsischen Fürsten einschritt und auf dem Reichstag zu Fulda Ludwig und Otto versöhnte.

 

 

 

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176 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Gegner, die unruhigen Grafen im Lande, die beiden rheinischen Erzbischöfe und auch wol der Kaiser auf Albrecht‘s geänderte Gesinnung Einfluß geübt. Er zog neue und große Streitkräfte zusammen. Doch Hermann kam ihm, zuvor, umlagerte mit 1800 wohlgerüsteten Kriegern, zahlreichen Reisigen und Knechten die Stadt Camburg; der Wall ward mittels Leitern erstiegen, eine Besatzung hineingelegt und darauf das offne Land bis Leipzig verheert und unterworfen. Dies kräftige Verfahren eines Fürsten, der bis dahin nur durch seine Prachtliebe bekannt gewesen, flößte den Landbewohnern und selbst den Städten in ganz Meißen Schrecken ein. Albrecht sah sich nun zu einer billigen Theilung mit seinem Bruder genöthigt. Wider Hermann aber war in ihm ein unversöhnlicher Haß entbrannt, den er jetzt, da offne Gewalt ihm versagt blieb, durch arglistige Ränke zu befriedigen suchte. Er verleumdete ihn beim Kaiser, als trachte diesem Hermann nach dem Leben, und erbot sich durch Zweikampf die Anschuldigung zu erhärten. Sie fand bei einem Manne von Heinrich‘s Charakter leicht Eingang, da seine Grausamkeiten, die seinen Namen besonders in Italien gebrandmarkt haben, ihn mistrauisch machten und der Vorwand ihm erwünscht kam, einen der beiden Fürsten, den der im Zweikampfe unterliege, der Reichslehen zu berauben. Sie wurden vom Kaiser zu einem Hoftage nach Nordhausen (im October 1193) beschieden, wo Albrecht öffentlich in Gegenwart der Fürsten die Anschuldigung wiederholte und zum Gottesurtheil den Landgrafen herausfoderte. Ob durch Hermann‘s Betheurungen und Beweise von seiner Unschuld oder durch der Fürsten, zumal der Sächsischen, Vorstellungen Heinrich andres Sinnes wurde,

 

 

 

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177 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

genug, er erklärte „seinen lieben Vetter,“ den Landgrafen für unschuldig, schalt Albrecht einen Verleumder und wollte auf einem zweiten Hoftage zu Altenburg den Streit entscheiden. Nicht der Markgraf allein wurde stutzig, auch andre Große des Reichs argwöhnten eine versteckte Absicht des Kaisers und auf Herzog Bernhard‘s Rath söhnten sich ohne Wissen und gewiß gegen den Wunsch Heinrich‘s Albrecht und Hermann aus, die nun auch auf dem Altenburger Hoftage ausblieben. Hierüber wurde nun wieder der Kaiser mistrauisch und besorgt, hielt sich in jenen Gegenden nicht längst sicher vor den Sächsischen Fürsten, die seiner Willkür, seinen Eingriffen längst sich abgeneigt gezeigt hatten, und verlegte sein Lager in die Rheingegenden. Der Unmuth der Sachsen ward dadurch nicht versöhnt und suchte neuen Anlaß, ihm Luft zu machen. Die Ermordung des Bischofs von Lüttich auf der Jagd an der Seite des Kaisers wurde Letzterm zur Last gelegt und die Frevelthat von Hofleuten verübt genannt. Der allgemeine Unwille der Völker und der Fürsten konnte von Heinrch nur mit Aufbietung aller Klugheit und — wozu er sich am schwersten entschloß — bedeutender Geldsummen beschwichtigt werden. Sogar der Erzbischof Konrad von Mainz und Landgraf Hermann versöhnten sich auf kurze Zeit und schlossen mit Ottokar von Böhmen eine Verbindung wider das Reichsoberhaupt. Niemand war jedoch geschickter, Verbündete zu entzweien, als Heinrich VI. Während er den Böhmerherzog mit Absetzung drohte, gewann er durch Gunstbezeigungen den Landgrafen, der sich von dem Mainzer leicht abziehen ließ. Da schüttete dieser seine Galle gegen Hermann aus, suchte denselben wegen der neuen Gunst bei Hofe in den Augen

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178 Hermann von Thüringen.

 

der Fürsten herabzusetzen. Das ließ der Landgraf nicht ungeahndet, bewog selbst Albrecht, mit dem er noch versöhnt war, zu einem Einfall in des Erzbischofs hessische Besitzungen, wo er Vesten brach, offne Ortschaften plünderte und das Land verwüstete. Konrad dachte gelegentlich Wiedervergeltung zu nehmen.

 

Inzwischen konnte Albrecht die ihm abgenöthigte Theilung mit seinem Bruder nicht verschmerzen. Mit der Mannschaft, die er noch um sich hatte, bedrängte er Dietrich aufs Neue und kehrte sich wederr an Hermann’s Mahnungen, noch an die Drohungen kaiserlicher Dienstmannen; die für die Aufrechterhaltung des Friedens, während Heinrich wieder in der Mitte des Jahres 1194 nach Italien aufgebrochen war, Sorge zu tragen hatten. Ja, Albrecht‘s Unbesonnenheit ging so weit, daß er einen jener Reichsbeamten Bernhard, blenden ließ, was zunächst zur Folge hatte, daß jenes Bruder Schloß Weißensee, welches Albrecht im Vertrage mit Hermann zurückerhalten, an Dietrich verrieth. Der Landgraf, welcher zwar dem Kaiser gelobt hatte, nichts Feindseliges wider Albrecht zu unternehmen, brach gleichwol in dessen Land, erklärend, daß er nur den an Bernhard begangenen Frevel strafen wolle, und eroberte mehre Vesten, überlieferte andre dem Grafen Dietrich und war in kurzer Zeit Herr fast der ganzen Meißner Mark. Dies Glück aber erregte ihm den Neid der Fürsten. Der Erzbischof Bruno von Köln, ein geborner Graf von Altenau, fodert, unter dem Scheine eines Friedensvermittlers zwischen Hermann und dem Erzbischof von Mainz, Erstern auf seine Truppen aus Hessen zu ziehen, indem Konrad das Gleiche versprochen habe; unterdesssen fällt er, mit Letzterm vereinigt, in des Landgrafen Besitzungen.

 

 

 

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179 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Sie zerstören und verbrennen die Veste Grüneberg, umlagern Milsungen, das im vorigen Jahr dem Mainzer entrissen und noch von Thüringischen Mannen besetzt war; gleichzeitig greift Albrecht im Osten wieder zu den Waffen und geht, während er den Landgrafen gegen die beiden Prälaten im Felde glaubt, mit seinem Heere durch eine Furth der Saale. Da aber fällt Hermann nächtlich über ihn her und vernichte seine ganze Armee. Albrecht, dessen Pferd im Kampfe verwundet worden, rettet sich durch die Flucht in das Kloster Lauterberg und gelangt von hier in einer Mönchskutte nach seiner Hauptveste Leipzig.

 

Als der letzte Versuch gegen Hermann so übel ausgeschlagen war, dachte Albrecht darauf, die Gnade des Kaisers und der Reichsfürsten wiederzuerwerben und zu Ersterm in eigner Person nach Italien sich zu begeben. Unterdessen sollten der Herzog Bernhard und der Markgraf Konrad von Landsberg sein Land in Schutz nehmen. Ihnen übergab er die Städte Meißen und Camburg unter der Bedingung, bis zu seiner Aussöhnung mit dem Reiche sie inne zu behalten; falls ihm die kaiserliche Gnade vorenthalten werde, sie zurückzugeben, damit er sich selber gegen den Kaiser und jeden andern Feind, so lange er’s vermochte, vertheidige. Nachdem er seine übrigen Vesten in Stand gesetzt und mit Mannschaft versehen hatte, brach er nach Italien auf, ward aber von Heinrich weder gehört noch vorgelassen, sodaß er, das Schlimmste fürchtend, von einem Diener begleitet, wieder heimkehrte, wo ihn neues Leiden, der Tod seiner Gemahlin, erwartete. Da er alle Elemente wider sich sieht, verfällt der Rasende auf den schändlichen Gedanken, sein eignes Land zu verwüsten.

 

 

 

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180 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

In Leipzig läßt er die Einwohner mit ihrer ganzen Bewaffnung erscheinen, um ihren Muth und ihre Treue zu prüfen. Als er aber stolz unter sie tritt, übermüthige, wilde Drohungen gegen die Abgeneigten und Murrenden ausstößt, überfällt ihn plötzlich ein Zittern am ganzen Körper, die Anzeichen einer tödtlichen Krankheit zeigen sich auf seinem Antlitz. Kaum bringen ihn seine Krieger bis zur nächsten Stadt, als er nach einigen tiefen und schweren Athemzügen den Geist aufgibt (am 25. Juni 1195).Mehrere Chronisten sprechen von einer Vergiftung und das Plötzliche seines Todes konnte dazu wol Anlaß geben, wiewol die Verzweiflung und der wilde Sinn, die ihn zu den letzten Handlungen getrieben, nach excentrischer Anstrengung aller Körper- und Seelenkräfte eine schnell eintretende Abspannung und Vernichtung der Lebenskraft denkbar machen.

 

Landgraf Hermann, der durch seinen Sieg an der Saale auf der einen Seite seinen Arm freigemacht hatte, wandte ihn nach der andern gegen die beiden arglistigen Prälaten. Da traten, wie wir oben erwähnt, die Aebte von Hersfeld und Fulda als Friedensvermittler dazwischen. Zweierlei wirkte wol zu der baldigen Aussöhnung der erbitterten Gegner mit. Der Tod der Landgräfin Sophia und die erwartete Rückkehr des Kaisers. Für sein Haus wie für sein Land mußte Hermann Sorge tragen. Kein Sohn war ihm noch geboren und außer ihm war sein Bruder Friedrich der einzige männliche Sprößling seines Hauses, und Letzterer hatte als Graf von Zigenhayn allen Erbansprüchen in Thüringen entsagt. Wenn nun gar der Kaiser wegen der Fehden gegen Albrecht und gegen die Erzbischöfe den Landgrafen zur Rechenschaft foderte?

 

 

 

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181 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Zwar den Ersteren hatte er bekriegt, weil der Markgraf den Kaiser durch Frevel an einem Dienstmanne des Reichs beleidigt, und gegen die beiden Prälaten war er durch deren Arglist gereizt worden. Doch Heinrich, wenn er die Verletzung seines Gebots, die Störung des beschwornen Reichsfriedens strafen wollte, hätte Einwände und Rechtfertigungen der Art gering geachtet. Glücklicher Weise aber kam er mit Planen und Absichten nach Deutschland, die ihn zur Milde, zu gewinnender Freundlichkeit und Nachsicht gegen die deutschen Fürsten nöthigten. Durch Verbindung des Königreichs Sicilien und Apulien mit dem deutschen Kaiserreiche hatte wol der Glanz seiner Herrschaft gewonnen, aber sie beruhte nur auf seiner persönlichen Herrscherkraft, die gleichwol schon öfters erfahren, daß ihr nicht Alles nach Wunsch und Willen gelinge. Seine Macht unerschütterlich fest zu gründen und seinem Hause die Erblichkeit der von ihm erlangten Kronen zuzusichern, war der Zweck, der ihn unerwartet nach Deutschland führte. Der Zeitpunkt schien gut gewählt; denn eben war der Einzige, der dem Hause der Hohenstaufen den höhern Ruhm streitig machen konnte, Heinrich der Löwe (im August 1195), gestorben und sein sehr geschmälertes Besitzthum unter drei Söhne getheilt.

 

Zu schlau, seine Absicht sogleich zu verrathen, suchte er zunächst die angesehensten, einflußreichsten Fürsten sich geneigt zu machen. An Hermanns Zustimmung lag ihm vornehmlich viel; aber sie war unter den obwaltenden Umständen, die diesen vor dem Kaiser scheu machten, nicht leicht zu gewinnen, und Vieles mußte er für den ehrgeizigen, hochstrebenden Vetter thun, sollte er darnach auf ihn zählen dürfen. Dem Landgrafen aus einem den

 

 

 

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182 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Hohenstaufen ergebenen Hause die neue Gemahlin zu wählen, war sein erstes Bemühen. Sophia, die Tochter des Herzogs Otto von Baiern aus dem vom Kaiser Friedrich Barbarossa erhöhten Wittelsbacher Hause und eine Nichte des Erzbischofs Konrad von Mainz, schien aus vielfacher Rücksicht eine geeignete Partie für Hermann, eine Frau, die später mit ihrem Gemahl den Ruhm theilte, eine Beschützerin der Künste und des edeln Minnegesanges am Thüringer Hofe gewesen zu sein.

 

Sodann erließ Heinrich VI. ein Gesetz, das zwar allgemein gegeben, doch insbesondre für Hermann willkommen sein mußte. Auf dem Reichstage zu Mainz (im Mai 1196) erklärte der Kaiser unter Beistimmung der Prälaten und weltlichen Großen, daß in Ermangelung rechtmäßiger Söhne auch die Töchter und Seitenverwandten erbfähig sein sollten und die Reichslehne der söhnelos verstorbenen Fürsten erhalten könnten. Nun durfte Hemann, falls die zweite Gemahlin ihm keine Söhne gebar, auf Jutta und deren Gemahl Dietrich seine Würde und Länder übertragen, und welch ein Zuwachs von Macht war‘s, wenn Letztrer damit seine Meißnische Markgrafschaft vereinte. Doch dieser nächste, rechtmäßigste Besitz wurde ihm auch nach Albrechts Tode vorenthalten und zwar von dem Kaiser. Heinrich hatte sofort das Erbe Albrecht‘s eingezogen und in die Haupvesten des Landes kaiserliche Besatzungen gelegt, unbekümmert um Dietrich’s Ansprüche und Zusicherungen, die er selbst diesem früher gegeben. Wer sollte für den Beraubten schützend auftreten, wenn Hermann es nicht that? Und diesem waren durch Heinrich‘s Gustbezeigungen vorläufig die Hände gebunden. Ja, der Kaiser hatte sehr schlau jedem Kampfe

 

 

 

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183 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

für gekränkte Rechte, jedem Friedensbruche im Reiche vorgebeugt und dem Thatendrang der kriegsliebenden Fürsten eine Richtung gegeben, welche diese befriedigen und ihn von den lästigen, schwer zu bändigenden auf längere Zeit, wenn nicht auf immer befreien sollte. Der Papst, die Geistlichkeit und viele Fürsten verlangten dringend einen neuen Kreuzzug, um die unerfüllt gebliebenen Hoffnungen des so viel versprechenden unter Kaiser Friedrich zu verwirklichen. Der Tod Saladin’s (1195), der Zwist unter seinen Nachfolgern schien dazu große Berechtigung zu geben. Heinrich zeigte lebhaftes Interesse dafür, versprach schon auf einem Reichstage zu Bari (im April 1195) 1500 Ritter auf seine Kosten im nächsten Jahre nach Palästina zu senden; nur hielt er für gerathener, ebenso um des Reiches Wohl, als um das Unternehmen selbst zu fördern, nicht in Person an der Spitze des Kreuzheeres nach dem fernen Oriente zu ziehen, sondern in Deutschland und Italien für die Ausrüstung neuer Kriegsscharen und die nöthige Unterstützung der bereits im heiligen Lande angelangten Sorge zu tragen.

 

Zu den eifrigsten Fürsten, die den Kreuzzug betrieben, gehörte Landgraf Hermann. Ihm, der schon eine Heerfahrt nach Palästina mitgemacht, an der Belagerung von Ptolemais Theil genommen hatte, dessen ritterlicher Sinn an Abenteuern und den Kämpfen für den Glauben Wohlgefallen fand und dessen wißbegieriger Geist Erscheinungen und Kenntnissen des Orients, an dem Verkehr mit allen Völkern des Abendlandes, die dort sich begegneten, neue Bereicherung seines Ideenkreises erwarten durfte, ihm war der neue Aufruf zur Befreiung des heiligen Grabes willkommen und einladend. Unbesorgt um

 

 

 

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184 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Haus und Land durfte er die Heimat verlassen. Seine frühern Gegner waren entweder todt oder durch sein neues Eheband ihm befreundet geworden. Der Kaiser hatte mit ganz besondrer Huld sich ihm zugewendet und unter Zustimmung der Fürsten ihm eine Urkunde ausgestellt, worin alle Anrechte an seine Fürstenthümer auf die weibliche Descendenz übertragen waren, sodaß von dieser Seite Nichts zu befürchten stand. Einige Chronisten erwähnen noch einer Verlobung von Hermann’s Tochter und einem Sohne Herzog Bernhard‘s von Sachsen, denen der Kaiser jene Bestimmung durch Eid und Wort unwillkürlich bekräftigt habe. Man möchte glauben, Heinrich VI. hätte, um im Besitze Meißens zu bleiben, das frühere Verlöbniß Jutta’s mit dem Markgrafen Dietrich aufgelöst und den Landgrafen durch einen angesehenern Schwiegersohn, welcher dereinst das Herzogthum Sachsen mit Thüringen und der Pfalzgrafschaft vereinen würde, gewonnen. Doch findet jene Nachricht keine weitere Bestätigung und die Ehe Jutta‘s mit Dietrich wurde wirklich geschlossen. Dieser nahm, obschon ohne seine Markgrafschaft vom Kaiser erhalten zu haben, das Kreuz, vielleicht mit der Aussicht gelockt, nach beendeter Pilgerfahrt und ruhmvollem Kampf in Palästina das Seine zu erhalten *). Unter den übrigen Theilnehmern am Kreuzzuge finden wir die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Bremen, die Bischöfe von Halberstadt, Verden, Naumburg, Regensburg, Würzburg und Prag, die Herzöge von Meran, Brabant, Kärnthen und Oestreich, den Pfalzgrafen Heinrich vom Rhein, den

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*) Die Chronisten führen ihn als Comes Misnensis Marchio futurus unter den Kreuzfahrern auf.

 

 

 

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Markgrafen Otto von Brandenburg, Graf Adolf von Holstein, Gebhard von Querfurt, Konrad von Landsberg, Günther von Kefernberg, Meinhard von Mühlberg, Poppo von Wassenburg und andere Grafen, Edle und Zahllose geringern Standes.

 

Der Kaiser betrieb die Ausführung des Unternehmens mit der größten Sorge und Eile, gleichwol traten Zögerungen ein, gerade die eifrigsten suchten Aufschub, fanden Bedenken, widerstrebten den Mahnungen, weil man Heinrich’s wahre Absichten erkannt und denen widersprochen hatte. Wie sehr seine scheinbare Milde und Gunst, seine Freigebigkeit und seine Bestechungen bei den meisten der Fürsten Eingang fand, wie einleuchtend vielen die Gründe für ein Erbreich erschienen, wie sehr die Geistlichkeit durch die kaiserliche Verzichtleistung auf den Nachlaß verstorbner Prälaten und die Fürsten durch das Recht unbeschränkter Vererbung ihrer Lehne für Heinrich’s Plan gewonnen wurden, sodaß bereits 52 Reichsglieder in die Erblichkeit des Hohenstaufischen Hauses eingewilligt hatten; ein hefiger Widerspruch erhob sich dennoch von mehren Seiten. Nicht nur der Papst Cölestin III., der anfangs den Plan zu billigen schien, widersprach der ihm gefährlichen Neuerung, nicht nur Konrad von Mainz widersetzte sich dem Erbreich, weil seine und aller Erzbischöfe Königswahlrechte dadurch aufgehoben wurden, auch die sächsischen Fürsten thaten insgesammt Einspruch, weil sie die Freiheit im Innern des Reichs höher als jede Machtvergrößerung nach Außen anschlugen. Nur einem Wahlkönige könne man vor der Erhebung Bedingungen stellen und nach derselben seiner Herrschsucht und Willkür Schranken setzen. Wenn die Aussicht auf den Thron jetzt auch nur wenige

 

 

 

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Fürstenhäuser besäßen, so stelle doch die Möglichkeit, dazu zu gelangen, schon Königen gleich und keines Würde ertrage es, sich feige solches Anrechtes zu begeben. Ganz erklären läßt sich indeß der Widerspruch der Sachsen nur aus der nationalen Abneigung gegen jedes fremde, außerheimische Regentengeschlecht, die seit Jahrhunderten schon gegen die fränkischen wie gegen die schwäbischen Kaiser sich kund gegeben und nur Lothar‘s Erhebung eine Unterbrechung freudiger Begeisterung und nationalen Stolzes gefunden hatte. Noch lebte das Andenken an den Glanz und den Ruhm ihres Volksstammes, als die Ottonen das Scepter Deutschlands mit der sächsischen Herzogswürde vereinigt besaßen. Denn unter ihnen waren die Billungen nur Vertreter der letztern; doch, wenn auch nur ein Sachse die Kaiserkrone allein besessen, wäre die Ehrfucht der Nation befriedigt gewesen; jedem Fremden neidete sie jene und vollends Erblichkeit des fremden Herrscherhauses hätte ihr ewige Schmach gedünkt.

 

Bei solcher Stimmung mußte Heinrich sein Vorhaben aufgeben; er entband diejenigen, welche bereits eingewilligt hatten, ihres Eides und suchte mit den Mitteln, die ihm zu Gebote standen, es nur dahin zu bringen, daß man seinen einjährigen Sohn Friedrich zum Könige erwählte, was nach einigem Widerspruche, besonders von Seiten des Erzbischofs von Köln 1196 erfolgte. Man begreift wol, daß über diese Plane des Kaisers die Begeisterung für den neuen Kreuzzug in ängstliche Sorge für den Zustand der Dinge, wie er während der längern Abwesenheit der Fürsten wenigstens eintrten könne, sich verwandelte. Heinrich glaubte, weil die Großen des Reichs so wenig willfährig sich bewiesen, auch ihnen die

 

 

 

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zugestandenen Rechte nicht bewilligen zu dürfen. Darüber erhoben aber geistliche und weltliche, unter letztern am lautesten die sächsischen Fürsten ihre Stimme. Jene behaupteten: die Einziehung des geistlichen Nachlasses sei nur widergesetzlich von frühern Kaisern ausgeübt worden, und die letztern bewiesen, daß eröffnete Reichslehen den männlichen Descendenten stets übertragen, den weiblichen gewöhnlich zuerkannt, die Ansprüche der nächsten Verwandten niemals bestritten worden seien. Heinrich durfte die aufgeregten Gemüther nicht beleidigen und feindlich von sich abwenden, so lange die Königswahl seines Sohnes noch nicht allgemein genehmigt, beschworen und urkundlich anerkannt war. Als er dies erst erlangt, trat er wieder schonend gegen Viele auf.

 

Auch mit Hermann scheint das vor kurzem so freundschaftliche Verhältniß sich geändert zu haben. Durch Burggrafen von Querfurt, seinen treuen Anhänger, ließ der Kaiser die sächsischen Fürsten, die in Erfurt zu einer Berathung zusammengekommen, auffodern, ihre Rüstungen zur Kreuzfahrt zu beschleunigen und namentlich gegen Hermann den Tadel aussprechen: daß er, der früher der eifrigste Mahner zur Wiedereroberung des heiligen Grabes gewesen, nun lässig säume und seinem Gelübde schlecht nachkomme. Der Landgraf antwortete dem kaiserlichen Bevollmächtigten: „Weder aus Ruhmbegierde, noch aus Furcht vor einem weltlichen Machthaber , sondern zum Heil seiner Seele habe er das Kreuz genommen; so werde, wenn es ihm die rechte Zeit zum Aufbruch scheine, weder Liebe noch Furcht vor Jemanden ihn zurückhalten.“ - Die Fürstenversammlung zu Erfurt war vornehmlich zu einer weitern Besprechung über die Erblichkeit der Krone

 

 

 

 

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bestimmt gewesen. Doch da der kaiserliche Bevollmächtigte derselben mit keinem Worte mehr gedachte, so hatte dieser Tag «nichts bewirkt als die Fürsten wegen der gehabten Ausgaben und wegen der Vorwürfe, die sie erhalten, dem Kaiser noch abgeneigter als zuvor zu machen.

 

Der unerfreuliche, ja sehr nachtheilige Ausgang des Kreuzzuges ist zu bekannt, als daß hier weiter davon geredet zu werden braucht. Gewiß gab es unter den Theilnehmern wenige, die gleich Hermann eine Bereicherung an Kenntnissen und Ideen daraus zu ziehen verstanden. In ihm und Männern von ähnlicher Bildung weckten die Pilgerfahrten nach Jerusalem, die damit verknüpften Abeuteuer und Erlebnisse vornehmlich den empfänglichen Sinn, womit sie später die von einem Wolfram von Eschenbach, Meister Gottfried von Strasburg und andern epischen und Minnedichtern hervorgerufene Poesie aufnahmen und in Deutschland Anerkennung, Pflege und Aufschwung verschafften. - Wie tapfere Thaten und kühne Abenteuer auch von Fürsten, die für einen Spiegel der Ritterlichkeit galten, ausgeführt sein mögen, so ist doch diese Heerfahrt durch kein denkwürdiges Ereigniß ausgezeichnet. Zu jeder großen entscheidenden Unternehmung war die Zahl der Kreuzfahrer zu unbedeutend, die schon durch Unglücksfälle auf dem Meere oder auf der höchst beschwerlichen Landreise, durch viele muthlos auf halbem Wege umkehrende Pilger, durch Seuche und Hungersnoth und durch das Schwert der Feinde verringert wurden. Der Kaiser, der für Nachsendung neuer Streitmassen, Lebensmittel und Kriegswaffen sorgen wollte, dachte in Apulien und Sicilien nicht mehr daran, war mit neuen großen Eroberungsplanen, die er besonders gegen das griechische Kaiserthum

 

 

 

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richtete, beschäftigt und traf dazu bereits Vorkehrungen. Aber auch er sollte keines seiner hochfliegenden Projekte ausführen. Ein plötzlicher Tod rief ihn am 28. September aus der Welt. Die Nachricht von diesem Ereignis und dem in Deutschland entstandenen Reichsschisma drang auch zu den Kreuzfahrern und bot vielen, die sonst Ehren halber wol noch länger im Oriente verweilt hätten, einen Vorwand zu schneller Rückkehr. Aber auch diese war nicht ohne Mühen und Verluste, und als viele endlich an der apulischen Küste gelandet, suchte die Kaiserin Konstanze durch listige Ränke sie aufzuhalten, um sie zur Wahl und Anerkennung ihres Sohnes Friedrich wider die Kronprätendenten in Deutschland zu bewegen. Die sich ihrer Absicht abgeneigt zeigten, ließ sie einkerkern oder noch grausamer behandeln.

 

Landgraf Hermann, von diesen Gefahren in Apulien benachrichtigt, suchte sowol Konstanzens Arglist, als Philipp’s von Schwaben Anhängern, die auf seine Ankunft warteten; um ihn sogleich für ihren Erwählten durch Ueberredung oder Gewalt zu gewinnen, zu entgehen und nahm deshalb durch Böhmen den Weg in sein Land. Hier erfuhr er, daß von den rheinischen Fürsten Otto, der zweite Sohn Heinrich des Löwen — der ältere Heinrich verweilte noch im gelobten Lande — zum König erhoben worden, und er stellte sich, als ob ihm nur diese Wahl allein bekannt sei. Aber auch Philipp‘s Erhebung durch die östlichen Fürsten zu Ichterhausen konnte ihm kein Geheimniß bleiben. Indessen begann er nun die Rolle offen zu spielen, die er unter Heinrich VI. im Geheimen vorbereitet, nämlich: auf Kosten des Reichsoberhauptes seine Macht und sein Ansehen als Landesgebieter zu erhöhen

 

 

 

 

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und seinen Beitritt zu den zwiespältig Gewählten um hohen Preis sich bezahlen zu lassen.

 

Als Philipp erfahren, daß der Landgraf seinen Spähern entgangen sei, versuchte er‘s durch Versprechungen ihn zu gewinnen, und dies hielt nun bei Hermanns politischen Grundsätzen nicht schwer. Wir erwähnten bereits, daß diesem, als er seinem Bruder Ludwig in der landgräflichen Würde folgte, von Heinrich VI. mehre Städte und Burgen, die unter ihm als Pfalzgrafen von Sachsen gestanden hatten, abgenommen und in Thüringen Erfurt wieder dem Einfluß des Landesherrn gänzlich entzogen worden. Durch die Verwaltung oder Benutzung der Reichsstädte wäre die Unabhängigkeit vom Reichsoberhaupt, wie sie Hermann erstrebte, allein möglich gewesen. An deren Unterordnung unter seine pfalzgräfliche Autorität war ihm besonders gelegen. Sie ihm geradezu abzutreten, würde für einen Misbrauch der königlichen Gewalt gegolten und den Unwillen aller Städte, die sich reichsunmittelbare oder reichsfreie nannten, erregt haben. Es mußte Philipp also, um dem Landgrafen seinen Willen und die Bedingung seines Beitrittes zu gewähren, eine schickliche Form der Abtretung finden, damit er dem Tadel der Reichsstände entgehe. So bot er ihm denn pfandweise mehrere Städte, Flecken, Vesten und Burgen an. Aber! auch Otto erkannte Hermanns Wichtigkeit und suchte ihn um jeden Preis zu gewinnen. Er ließ den an Heinrich’s Versuche, ihm zu schaden, erinnern, hielt ihm als warnendes Beispiel, wohin das Streben der Hohenstaufen gehe, die Gewaltthätigkeiten vor, die Philipp‘s Vater und Bruder gegen seinen Vater, Heinrich den Löwen, verübt hätten, und versprach — was am

 

 

 

 

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meisten wirkte — doppelt soviel als Philipp. Da blieb Hermann nicht lange schwankend. Laut beklagte er die Beeinträchtigungen und Verunglimpfungen des Welfischen Hauses, schalt die Hohenstaufen Unterdrücker der Fürsten und der deutschen Freiheit, erklärte den Wahlakt der rheinischen Fürsten, die Krönung Otto’s an geweihter Stätte zu Aachen für alleingültig, ließ im ganzen Lande mit großem Gepränge Otto als König ausrufen, Philipp und dessen Wähler verwerfen, und nahm vom Ersteren nach Ablegung des Eidschwures der Treue seine Fürstenthümer und Würden mit Einschluß der neuen Abtretungen zu Lehn.

 

Hermann hatte keineswegs die stärkere Partei ergriffen. Denn Philipp, im Besitz der ausgedehnten Hohenstaufischen Allodien und Erblehen, der Herzogthümer Schwaben und Elsaß, aller von Friedrich I. durch Anheimfall oder Erledigungserklärung an sich gebrachten Ländereien, von denen der jüngste Sohn Otto nur Burgund besaß und dieses sowie sich selbst dem Bruder zum Beistande bot, war von Hause aus seinem Gegner Otto weit überlegen und gewann nun durch Geld, Lehen, Ehren und Versprechungen, die er, ohne sich so leicht zu erschöpfen, geben konnte, viele Anhänger; darunter Ottokar von Böhmen, dem er jetzt im eignen Namen, wie früher schon in Heinrich‘s, den Königstitel zuertheilte. Verheerend drangen die böhmischen Scharen durch die östlichen Marken, an Gütern, Kirchen, Frauen und Jungfrauen die ärgsten Frevel verübend. Bald sollte aber Thüringen der Schauplatz des Krieges werden, der bisher am Rheine, wo sich die Parteien wie im übrigen Reiche schieden, ohne, der einen oder der andern entschiedenen Vortheil zu gewähren, gewüthet hatte. Otto suchte besonders die reiche Stadt Goslar zu

 

 

 

 

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gewinnen, ein Preis, um den schon sein Vater gerungen, der vielleicht durch seine allzu hartnäckige Foderung desselben bei der Zusammenkunft mit Friedrich Barbarossa, zu Partenkirch den Zorn des Kaisers und somit seine Vernichtung herbeigeführt hatte. Auch Otto gelang es weder im ersten Jahre (1199), noch in den nächstfolgenden die starkbefestigte und wohlvertheidigte Hauptstadt Ober-Sachsens einzunehmen, aber in der Nähe ein Kastell, Herlingsburg, anzulegen, wodurch Goslars Flor und Handel sehr herabkam, war schon dem Gegner zum großen Nachtheil.

 

Der Vertrag mit Hermann zwang Otto für jetzt den Zweck seines Sächsischen Feldzuges bei Seite zu setzen und seiner übernommenen Verbindlichkeit sich zu unterziehen. Er hatte jenem die Reichsstädte Nordhausen, Mühlhausen, Saalfeld, mehre Vesten und Ortschaften zugestanden, die meist erst mit Gewalt erobert werden mußten. Mit leeren Versprechungen ließ der Landgraf sich nicht abfinden, also mußte der König bei der Eroberung ihm Beistand leisten. Doch schon bei der ersten, Nordhausen, fanden sie starken Widerstand, obwohl Hermann’s Heer allein 1800 Mann zählte. Durch Ableitung des Flusses, Aushungern, Belagerungsmaschinen und wiederholte Angriffe ward nach zwei Monaten die Stadt genommen. Danach kehrte Otto gen Goslar zurück; Hermann verstärkte sein Heer und kam Philipp, der Saalfeld zum Stützpunkte seiner Macht in Thüringen machen wollte, zuvor. Noch ehe er selbst im Lager eintraf, hatten die Seinen einen Ausfall der Bürger zurückgeschlagen, einen Theil in die Flucht getrieben, die andern gefangen genommen, worauf die Veste in ihre Gewalt kam und reiche Beute darbot. Nach Zerstörung der Stadt wandten die Sieger sich

 

 

 

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gegen das reiche Kloster, mishandelten die Mönche, verübten rohe Frevel an den Heiligthümern, führten Schätze und Kirchengeräth von dannen. Als Hermann dies hörte, zürnte er heftig, aber die große Zahl der Frevler entzog sie der Strafe. Der Abt, von seinen Mönchen im kläglichsten Zustande nach Erfurt begleitet, klagte bei den Richtern der Erfurter Jurisdiction, allein er bekam den Bescheid, daß die Drangsale des Krieges dergleichen Vergehen, die jeder geduldig tragen müsse, mit sich brächten. Ebenso erfolglos waren seine Klagen bei Hermann. Der allein ihn erhört haben würde, der Metropolitan, Erzbischof Konrad von Mainz, war noch nicht vom Kreuzzuge heimgekehrt, und obwol sein Stellvertreter über den Landgrafen den Bann verhängte, mußte doch auch dieser schon im folgenden Jahre aufgehoben werden, da die Schuld nicht dem Fürsten, sondern lediglich seinem Heere beizumessen war und Erstrer sogar einen Schadenersatz dem Kloster versprach. Als später Konrad zurückkehrte, von dem Kirchenfrevel und Hermann’s Lösung vom Banne erfuhr, erhob sich gegen diesen freilich ein neues Ungewitter, zumal da derselbe bereits die Partei gewechselt und statt Otto, dem vom Papste Innocenz III. begünstigten Könige, dem von der Kirche gehaßten und mit dem Banne belegten Philipp sich zugewendet hatte. Dieser nämlich, nachdem er ohne etwas Erhebliches gegen Otto und Hermann auszurichten, bis zum Frühjahre 1199 in Thüringen verweilt, war danach in die südlichen Provinzen und dann nach dem Rheine aufgebrochen, wo es ihm gelang den hartnäckigen Bischof Heinrich von Strasburg durch Einnahme dieser Stadt zum Nachgeben und Gehorsam zu zwingen. Auch Otto zog von Sachsen nach dem Rhein Hist. Taschenbuch. Neue F. IV. 9

 

 

 

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und hier von dem ihm treu gebliebenen Köln, stets der Hauptstütze seines Throns, stromaufwärts gegen Philipp, dann, vor diesem weichend und von ihm bis in das Erzbisthum Köln verfolgt, zurück, sodaß von keinem von beiden durch die Verheerungen des herrlichen Landes etwas gewonnen oder ihre Sache weiter gefördert war, als sie zu Anfang des Reichsschisma gestanden hatte.

 

Auch des allgewaltigen Papstes Innorenz III. Bemühungen zu Gunsten Otto’s, seine Mahnungen, Legaten, Bannsprüche vermochten keine Entscheidung herbeizuführen und Philipp kaum mehr als den königlichen Titel vorzuenthalten, während dieser den von der Kirche gehaltenen Gegner immer mehr bedrängte, der wiederum auch in der höchsten Bedrängniß nicht zum Aufgeben der Krone sich bewegen ließ. Vergeblich war es demnach, daß der Papst dem Erzbischof Konrad von Mainz eine Vermittlung übertrug, weil in der Nähe diesem die Schwierigkeiten sich größer zeigten als sie in Rom, wo er auf seiner Rückfahrt vom Kreuzzuge angesprochen, ihm erschienen waren. Der kurze Waffenstillstand von wenig Monaten statt des von Konrad gefoderten fünfjährigen, die Fürstenversammlung von Boppard, wo eine Abdankung Philipp‘s oder Otto‘s und eine neue Wahl stattfinden sollte, gewährten zwar eine Unterbrechung der Kriegsleiden für die verwüsteten Länder, endlich aber blieb doch nur die Entscheidung durch das Schwert

 

 

 

 

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Schon 1199, bald nach der Einnahme Strasburgs fällt der erwähnte Parteiwechsel des Landgrafen. Ohne Waffengewalt gelang es Philipp ihn auf seine Seite zu bringen, weil die Bedingung, unter der Hermann die Sache Otto’s verfechten wollte, von diesem nicht gehalten war oder nicht gehalten werden konnte, und die Nichtigkeit seiner Versprechungen jenen der Verbindlichkeit, die er eingegangen, überhob. Durch Ottokar von Böhmen, den Neffen Hermann’s, kam leicht ein Vergleich mit Philipp zu Stande, der es nicht versäumte dem Landgrafen beim Eidschwure der Treue große Reichsgüter und Immunität zu verleihen. Nordhausen, Mühlhausen, Saalfeld, dazu Rainys und Orla sollte Hermann gegen eine Summe Geldes als Pfand behalten, ein Vertrag, der wol von beiden Seiten nicht in ganzem Umfang erfüllt wurde, da nur das Schwert die Städte öffnete und ohne Gewinn der kluge Landgraf sein Geld nicht verschwendete. Obwol bis zum Jahre 1203 die Verbindung Beider fortbestand, sah sich doch Keiner durch den Andern befriedigt. Hermann erschien auf Hoftagen, die Philipp einberief, er unterschrieb die Bitt- und Beschwerdebriefe, welche dessen Anhänger an Papst Innocenz III., der rastlos für Otto thätig blieb, sandten, aber in der Hauptsache, mit dem Schwerte den anerkannten König wider den Gegner rastlos und mit Anstrengung zu verfechten, Otto in seinen braunschweigischen Erblanden zu bedrängen, blieb Hermann weit hinter gehegten Erwartungen zurück. Von dem einen Könige nicht angefeindet, von dem andern mit großen Reichsgütern belehnt zu werden, darauf allein ging Hermann‘s Bestreben, und unterdeß verfolgte er mit Eifer nur das sich selbst gesteckte Ziel,

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das von Otto’s und Philipp’s und des Reiches Interesse gleich weit entfernt lag. Eine solche Verbindung mußte bald lau und lose werden, bis sie endlich zu einem völligen Bruche führte. Zwei Ereignisse, die auch sonst Wichtigkeit für die Zeiten des Reichsschisma hatten, führten ein feindliches Verhältniß zwischen Philipp und Hermann, einen abermaligen Parteiwechsel dieses Letztern herbei.

 

Erzbischof Konrad von Mainz, von jeher mehr leidenschaftlich als energisch und in seinen hohen Lebenstagen, zumal bei der verwickelten Lage des Reiches der Aufgabe nicht gewachsen, die der erste Prälat Deutschlands vor jedem andern Fürsten zu; übernehmen berufen schien, starb zu Ausgang des Jahres 1200, nicht im Beruf für Deutschlands so höchst nöthige Ruhe und Eintracht thätig, sondern heimkehrend von einer Reise aus Ungarn, wo er zwei streitende Prinzen versöhnt hatte. Die Wahl seines Nachfolgers, so dringend die Verhältnisse sie foderten, blieb über ein Jahr ausgesetzt und endlich fiel sie zwiespältig nach den Parteien im Reiche aus, indem Philipp‘s Anhänger den bisherigen Bischof von Worms Lupold von Schönfeld, der schon Heinrich VI. ein bereitwilliges Werkzeug seiner Plane und Grausamkeiten gewesen war, die Gegner der Hohenstaufen den Propst der Kirche St. Petri zu Mainz, Siegfried von Eppstein, erhoben. Der Papst entschied sich natürlich für Letztern, ließ durch seinen Legaten Guido von Präneste ihn weihen und sandte Ermahnungsscheiben an die Fürsten, für denselben nach Kräften zu wirken. Eine solche Mahnung erging auch an Hermann, dessen laue Freundschaft für Philipp in Rom, wo man alle Verhältnisse kannte, neue Hoffnungen für die Kirche und

 

 

 

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deren Schützlinge erweckte. Wirklich suchte Hermann durch Ueberredung und Drohungen im Reiche für Siegfried zu werben, was schon den König Philipp und noch mehr Lupold aufreizen mußte. Auf Anrathen und gewiß auch mit geheimer Unterstützung des Ersteren brach Letzterer plötzlich gen Erfurt auf, langte Nachts mit seinen Scharen hier an, die absichtlich oder zufällig einen Theil der Stadt in Brand steckten, sodaß sie wie eine Unglücksfackel dem tyrannischen Lupold, dessen eigner Bruder ihm oft wegen seiner Frevel Vorwürfe machte, vorleuchtete. Laien und Geistliche mußten Waffen und Wagen in Bereitschaft halten, um in Hermann‘s Besitzungen verheerend, sengend und brennend einzufallen.

 

Den völligen Bruch zwischen König Philipp und dem Landgrafen veranlaßte die schnöde Ermordung des Bischofs Konrad von Würzburg, durch zwei Verwandte desselben, Heinrich und Boto von Ravensberg, verübt (1202). Konrad war Heinrich’s VI. Kanzler gewesen und auch von Philipp in der Würde gelassen, wodurch er Otto’s und Innocenzen‘s Haß sich zuzog, die ihm umso leichter beizukommen wußten, als er ungesetzlich zwei Bisthümer, das von Hildesheim und Würzburg, unter seinem Hirtenstabe vereine. In Gefahr, beide zu verlieren, begab sich Konrad nach Rom. Erlangte des Papstes Verzeihung, doch unter der Bedingung, fortan Otto‘s Sache zu verfechten , der er indeß nur soweit nachkam, als er sich, um beide Könige wenig bekümmernd, in seinem ausgedehnten würzburger Kirchsprengel, der noch immer das Herzogthum Franken in sich begriff, wie ein unabhängiger Fürst benahm und während der wilden Kriegsstürme ringsumher in seinem Lande für die Aufrechthaltung der

 

 

 

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Ordnung und Bestrafung von Willkür, Straßenraub und jeder Gesetzesverletzung mit aller Strenge sorgte. An Niemand konnte er für das gleiche Bestreben einen willkommeneren Verbündeten finden als an Landgraf Hermann, und Beide mit vereinter Macht hätten in Mittel-Deutschland eine jeder Königgewalt gebieterische Stellung behauptet; da fiel Konrad als ein Opfer seines heilsamen Waltens. Wenn der Verdacht, daß Philipp an dem Morde Theil gehabt, auch unerwiesen ist, so mußte doch seine Weigerung, die Frevler zu bestrafen, trotz aller vergossenen Thränen an des Bischofs Leiche den Unwillen der Geistlichkeit und vieler Fürsten erregen. Am lautesten tadelte ihn Hermann, der an Konrad den Genossen seiner Plane verloren. Auch Philipp wußte, daß der Landgraf mit dem Bischof geheime Unterhandlungen und Zusammmenkünfte gehabt hatte. Seit dem Bamberger Reichstage (im September 1201), wo Hermann noch mit zahlreichen Fürsten ein sehr nachdrückliches Schreiben an Innocenz für Philpp‘s rechtmäßige Erhebung unterzeichnet hatte, waren schon Mißhelligkeiten zwischen beiden Männern eingetreten, die, um zum völligen Bruch zu führen, nur eines Anlasses bedurften, wie sie die Ermordung des Würzburger Bischofes darbot. Bewog den Landgrafen der ausgesprengte Mordverdacht, oder die Säumigkeit bei Bestrafung der Mörder die Partei Philipp’s zu verlassen, so wollte der König seinerseits lieber einen offnen Feind als einen Freund, dem er kein Zutrauen schenken konnte. Er reizte die Fürsten seines Anhanges gegen Hermann auf und setzte eine Heerfahrt nach Thüringen an, die im Frühjahr 1203 mit Verheerungen, Brand, Entweihungen in Häusern und Kirchen bezeichnet wurde;

 

 

 

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199 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Lupold von Mainz überbot alle Andern an Frevel und Greuelthaten.

 

Aber Hermann war nicht unvorbereitet. Auf die Nachricht von der drohenden Gefahr hatte er seinen Neffen Ottokar um Beistand gebeten, und der päpstliche Legat, der zu dem Bruche mit Philipp von Schwaben längst mitgewirkt, eilte selber nach Böhmen, um die Rüstungen hier zu beschleunigen. Mit 40000 Mann erschien Ottokar in Thüringen und belagerte den zurückweichenden Feind in Gemeinschaft mit Hermann’s Heer in Erfurt. Die Noth in der Stadt und ringsumher erstieg bald den höchsten Grad. Da entwich am zehnten Tage Philipp durch heimliche Flucht nach den östlichen Marken, deren Fürsten diesmal, selbst Dietrich von Meißen, des Landgrafen Schwiegersohn, — dankbar, daß Philipp ihm das Land zuertheilt, welches Heinrich VI. ihm willkürlich vorenthalten hatte, — für den Hohenstaufen gegen den ihnen übermächtigen und gefährlichen Landgrafen und die wilden Böhmen die Waffen ergriffen. Anstatt den König zu verfolgen, oder nur Erfurt zur Uebergabe zu zwingen, blieben die beiden Verbündeten neun Wochen unthätig und die böhmischen Horden verwilderten und vergaßen aller Mannszucht, sodaß es dem Grafen Otto von Brene mit wenig Bewaffneten gelang 400 Böhmen zu vernichten. Die Schuld des in jeder Hinsicht nachtheiligen Versäumnisses trugen nicht sowol Hermann und Ottokar als der päpstliche Legat Guido, der den hartnäckigsten Anhänger Philipp‘s, den Erzbischof Ludolf von Magdeburg, den Zögling und Nachfolger des den Hohenstaufischen Kaisern einst so treu und verdient bewährten Erzbischofs Wichmann, durch die Thüringischen und

 

 

 

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böhmischen Kriegsscharen, die eine drohende Stellung zwischen Halle und Merseburg einnahmen, zu schrecken und zum Abfall zu bewegen hoffte; allein Ludolf wurde ebensowenig durch Waffengewalt als durch päpstlichen Bannstrahl geschreckt. Das verwüstete, ausgesogene Land nöthigte die Fürsten endlich ihre Heerhaufen zu trennen und aufzulösen, nachdem Ottokar im Dome zu Merseburg von König Otto aufs Neue die Königskrone empfangen hatte. Der flüchtig gewordene Philipp hatte bald mehr Gewinn von dem Siege seiner Gegner als diese und entwickelte eine ungewöhnliche Thätigkeit.

 

Mit Hülfe der östlichen Fürsten brachte Philipp für das nächste Jahr eine große Heeresmacht auf, und während er scheinbar eine Aussöhnung mit Hermann suchte, drang er mit seinen eignen Mannen aus den süddeutschen Hausgütern und Schwaben gen Goslar vor, um durch Wegnahme oder Zerstörung von Herlingsburg die Hauptstadt Sachsens befreien. Zwar dieser Versuch mislang, da Otto mit seinen Brüdern heranzog und Philipp nicht voreilig ein Treffen wagen wollte, ehe der Zuzug seiner Verbündeten zu ihm gestoßen sei. Im Anfange des Juli rückte er aber mit einem ansehnlichen Heere von Baiern, Schwaben, Oestreichern, Rheinländern, Franken und Sachsen in des Landgrafen Gebiet. Erzbischof Ludolf von Magdeburg hatte allein 30000 Mann zu Fuß, Dietrich von Meißen 1500 Reiter und viele Tausende Fußvolk gestellt. Diese Uebermacht, die von Außen drohte, war noch nicht die Hauptgefahr für Hermann. Daß die Grafen und Barone seines eignen Landes die Gelegenheit benutzten, ihn zu vernichten, um ihre eigne Unabhängigkeit wiederzugewinnen, brachte besonders den Landgrafen in Noth.

 

 

 

 

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An der Spitze der Empörer werden wiederum zwei Grafen von Schwarzburg, Günher und Heinrich genannt, außerdem Lambert von Gleichen, welcher schon als Advokat von Erfurt, das Hermann durch List und Gewalt an sich gebracht zu haben scheint, des Landgrafen Gegner sein mußte, und ein Graf Friedrich von Beichlingen, aus einem Hause, das eine alte Unbilde Ludwig’s des Eisernen an dessen Sohne zu rächen gedachte. Jener strenge, oft allzuharte Bändiger der Thüringischen Reichsvasallen hatte, auf die Gunst seines Schwagers Friedrich Barbarossa bauend, während er selbst bei diesem in Italien verweilte, durch seine Gemahlin Jutta in des Grafen Gebiet am sogenannten weißen See eine Veste aufrichten lassen, angeblich zur Herberge zwischen Naumburg und Wartburg, den Hauptschlössern des Landgrafen. Friedrich davon benachrichtigt, klagte beim Kaiser und dieser gebot Ludwig seiner Gemahlin den Bau zu untersagen. Während aber die Boten des Grafen von Beichlingen den kaiserlichen Befehl an Jutta überbrachten, langte bei dieser ein geheimes Schreiben von ihrem Gemahle an, das ihr den Fortbau dringend anbefahl. Ludwig behielt auch ferner die Maske bei. Als er nach Deutschland zurückgekehrt, stellte er sich zornig über seine Gemahlin, versprach dem Grafen eine Genugthuung und erbot sich, da wegen des großen Kostenaufwandes die Niederreißung des Gebäudes ohne beträchtlichen Verlust nicht wohl thunlich sei, den Platz und den See um jeden Preis ihm abzukaufen. Der Graf Friedrich, von des Landgrafen Worten geblendet oder den augenblicklichen Geldgewinn höher anschlagend als die Gefahr, welche ihm in Zukunft erwachsen mußte, willigte ein und seitdem war Weißensee eine der

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Hauptvesten des Landes, die indeß, wie wir gesehen haben, lange ein Zankapfel zwischen den Thüringer Landgrafen und den Markgrafen von Meißen blieb, bis Dietrich sie für den Beistand gegen Albrecht seinem künftigen Schwiegervater abtrat. In allen Kämpfen, die Thüringen zum Schauplatze hatten, wurde Weißensee ein Hauptstützpunkt für die eine oder die andre Partei, wofür unsre Darstellung mehrfache Beweise geben wird. Auf Weißensee rückte um die Zeit der Ernte 1204 Philipp’s zahlreiches Heer los, um die Grenzwarte, das Eingangsthor des Thüringer Landes von Meißen her in seine Gewalt zu bekommen.

 

Während dieses Gewitter von Osten her dem Landgrafen um so unerwarteter heranzog, als er Philipp’s Macht im vorigen Jahre vernichtet und auch in diesem von Goslar zurückweichen gesehen, war er selber mit 400 Mann zu König Otto aufgebrochen, um diesem einen Beweis seiner Anhänglichkeit und seines thätigen Beistandes zu geben. Da meldeten ihm Boten den Abfall und die Rüstung der Grafen und Barone. Zu spät kehrt er heimwärts, zu schwach ist seine Kriegsmacht, die Em- pörung zu unterdrücken. Schon brennen und sengen jene im Lande und zwingen die Städte mit List und Gewalt ihrem Beispiele zu folgen, das Joch abzuwerfen, das die Landgrafen, jene einst unbedeutenden, nicht einmal ihrer Nation angehörenden Ansiedler, ihnen aufgezwungen. Das wohlbefestigte reiche Sangerhausen, der bedeutendste Erwerb Ludwig‘s des Bärtigen von seiner Gemahlin Cäcilie von Sangerhausen, widersteht anfangs dem Ungestüm der Empörer, wankt dann aber, muthlos gemacht durch die Annäherung eines Heeres, welches der Sohn Herzogs

 

 

 

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Bernhard von Sachsen dem König Philipp zuführt. Ueberredet oder bestochen, öffnet ein Theil der Bürger die Thore. Die Verräther werden nun selbst verrathen. Man hatte ihnen versprochen, daß Lebensmittel in die Stadt gebracht und nichts geplündert werden sollte. Verkappt ziehen die Belagerer ein, die aber kaum sich Meister der Stadt sehen, als sie Habe und Gut der Bürger an sich reißen, weder Profanes noch Heiliges verschonen und jede Gewaltthat mit frechem Spott wider die Leichtgläubigen verüben. Von Sangerbausen gehts auf Weißensee, wo sie mit dem heranziehenden Heere Philipp‘s sich vereinen. Mit Wenigen voraus eilt Friedrich von Beichlingen, um den Zustand der Veste, die er für sein Eigenthum erklärt, und einen geeigneten Punkt zum Ueberfall zu erspähen, „dem Falken gleich, der mit Ungestüm auf seine Beute stößt.“ Aber allzu kühn ist sein Muth, zu weit hat er sich vorgewagt. Die Besatzung macht einen Ausfall und führt ihn gefangen in die Veste, in die er als Herr und Gebieter einzuziehen gedacht. Zwar trifft nun zur Vergeltung ein gleiches Loos viele Anhänger Hermann’s, doch ist bereits von dessen Getreuen und Dienstmannen Weißensee stark verschanzt worden und sie sind entschlossen, bis aufs Aeußerste sich darin zu vertheidigen. Wider so kriegserfahrene, tapfre Kämpfer vermögen auch die Angriffe Philipp’s nichts; sie stecken sogar seine Belagerungs- maschinen in Brand und hätten durch ihren Heldenmüth kein fruchtloses Opfer gebracht, wenn Hermann’s Verbündete von mehr Eifer, Muth und Treue beseelt gewesen wären.

 

Der Landgraf hatte sogleich König Otto, seinen Neffen Ottokar von Böhmen und selbst den Polenherzog um

 

 

 

 

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schleunige Hülfe entbieten lassen. Der Erste, die Gefahr nicht erkennend oder wie immer saumselig oder schon im Zwist mit seinem Bruder Heinrich, der als der ältere und fähigere ihm die Krone beneidete, ließ Hermann völlig im Stich, wenigstens zog er erst mit einem Heere von Braunschweig heran, als es jenem ebensowenig als ihm selber nützen konnte. Eine polnische Schar versuchte durch die Marken den Belagerern von Weißensee in den Rücken zu fallen, wurde aber von Konrad von Landsberg geschlagen und mußte eiligst den Rückzug nehmen. Den kräftigsten Beistand mußte auch in diesem Jahre der Landgraf von den Böhmen erwarten, so schwer es ihm auch fallen mochte, die wilden Raubhorden noch einmal in sein Land zu rufen. Ottokar kam mit einem großen Heere herbei und zog von der nordwestlichen Spitze Böhmens über Orla gen Saalfeld herab. Philipp gab nun die Belagerung von Weißensee, die bereits sechs Wochen gedauert auf und wollte Ottokar ein Treffen liefern. Als dieser aber die Uebermacht des Feindes, den Abfall so vieler Thüringischen Großen, die Bedrängniß seines Oheims, der mit keinen Kriegern zu ihm stoßen konnte, erfahren, hielt er eine Schlacht für allzu gewagt und dachte nur sich selbst zu retten. Durch eine List gelang ihm dies. Zur Täuschung der Feinde ließ Nachts viele Feuer anzünden, als ob sie sein Lager bezeichneten; während des brach er so schleunig auf, daß er vielen Kriegsbedarf und eine Menge Heergeräthe zurücklassen mußte. Nur diese Beute fand am folgenden Tage eine abgesandte Heeresabtheilung Philipp’s unter Anführung des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, der bis zum Böhmerwalde hin den Feind vergeblich suchte.

 

 

 

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Was blieb nun aber dem Landgrafen für Aussicht, als Philipp, Weißensee umgehend, tief in das Land eindrang und Alles verwüstete? Nichts als des Königs Zorn durch Unterhandlung zubesänftigen. Ohne Vermittlung einiger ostländischen Fürsten wäre dies schwer geworden, denn in der That hätte Philipp mit seinen überlegenen Streitkräften den Landgrafen vernichten können. Jene brachten eine Zusammenkunft zu Ichterhausen zu Stande. Der siegreiche, stolze Hohenstaufe ließ den Gedemüthigten lange zu seinen Füßen knien und überschüttete ihn mit vielen Vorwürfen wegen seines Abfalles und seiner Untreue. Doch Konrad von Landsberg, Dietrich von Meißen und Andere mahnten den König, das Wort der zugesagten Gnade und den Versöhnungskuß nicht länger dem Landgrafen vorzuenthalten. Dieser stellte seinen Sohn und mehre Vasallen als Geißel und blieb im Besitze seiner Länder und Würden. König Otto hatte es sich selbst zuzuschreiben, daß ihm der wichtigste Bundesgenosse entzogen wurde. Bald sollten ihn noch härtere Schläge treffen. Sein eigner Bruder Heinrich trat bald danach zu Philipp über und Ausgangs 1204 söhnten sich sogar die heftigsten Gegner dieses und die Hauptbeförderer Otto’s zum Throne, der Erzbischof Adolf von Köln und der Herzog von Brabant, der seit Jahren dem Welfen seine Tochter verlobt hatte, mit dem Hohenstaufen aus. Adolf erhielt unter Andern als Lohn seines Uebertrittes die Stadt Saalfeld in Thüringen, die sammt den übrigen genannten Reichsgütern Hermann wieder verlustig gegangen war. Philipp legte nun scheinbar die Krone nieder, um von den Fürsten eine neue Königswahl halten zu lassen. Natürlich fiel sie auf keinen Andern als ihn,

 

 

 

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und zu Aachen, wo vordem Otto vom Erzbischofe Adolf von Köln geweiht worden, erhielt aus den Händen desselben Prälaten jener die Krone (am 6. Januar 1205). Nur die Stadt Köln, freilich die mächtigste und für mehre Kaiser schon unbezwinglich, bewahrte Otto die alte Treue, schloß den Erzbischof Adolf von ihren Mauern aus und erhob in Gemeinschaft mit dem Kapitel, des Papstes Auffoderung befolgend, Bruno, einen geborenen Grafen von Saym auf den Erzstuhl. Aber nach dem unglücklichen Treffen bei Wassenberg, in welchem Philipp weniger seiner überlegenen Heeresmacht als dem Verrathe des Herzogs Heinrich von Limburg den Sieg verdankte, konnte Otto es nicht mehr verhindern, daß Köln unter milden Bedingungen sich mit dem Gegner aussöhnte. Er selbst mußte zu seinem Oheim Könige Johann von England seine Zuflucht nehmen. Wenn nicht der unbeugsame Innocenz III. ihn gehalten und sich trotz Philipp‘s Bitten und der Foderung fast aller deutschen Reichsfürsten für König Otto und gegen „Philipp von Schwaben,“ wie er diesen nur nannte, entschieden hätte; Johann‘s geringe Geldunterstützung, Waldemars‘s von Dänemark Beistand, die eigne Hausmacht und die geheime Begünstigung mehrer norddeutscher Fürsten wären dem Welfen, der durch des Papstes Vermittlung einen Waffenstillstand von Philipp erlangt, wider dieses unleugbare Uebermacht in Deutschland von wenig Nutzen gewesen. Was Otto‘s stolzer Sinn, der nur mit dem Leben die Krone fahren lassen, was Innocenzens festem Willen vielleicht bis zu ihrem Lebensende nicht geglückt wäre, nämlich Philipp die Krone zu entreißen, sollte unerwartet durch die Hand des Schicksals bewirkt werden.

 

 

 

 

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Welchen Antheil Hermann an den letzten Kämpfen der Gegenkönige genommen, wie weit er der Mahnung des Papstes: „nicht länger, als es nöthig sei, dem Zwange der Umstände zu weichen,“ Gehör gegeben, was er während der Verhandlungen, die von Rom aus und in Deutschland selbst zur Beilegung des verderblichen Reichsschisma gepflogen wurden, unternommen habe, erfahren wir nicht. Mit seinem Streben nach möglicher Unabhängigkeit von jeder höher stehenden Macht standen die Ereignisse außerhalb seiner Landesgrenzen, die Bemühungen Otto’s, Philipp’s, Innocenzens um die letzte Entscheidung im Reiche nur soweit in Berührung als sie ihm Gelegenheit boten, seine Plane zu fördern. Als bei der Aussöhnung zu Ichterhausen Philipp, mehr durch die Sächsischen Fürsten seiner Partei gezwungen als nach freier Wahl, dem Landgrafen Gnade ertheilte und im Besitz alles Dessen ließ, was Hermann vordem sein nannte, waren die Grafen und Vasallen Thüringens, welche von ihrem Landesherrn abgefallen, nicht im Stande, ihre Unabhängigkeit zu behaupten. Sie mußten des Landgrafen höhere Stellung, seine Leitung der Landesangelegenheiten und ihre eigne Unterordnung unter seinen Willen anerkennen und in die frühere Abhängigkeit von ihm sich fügen. Hermann nahm aber an den Abtrünnigen keine Rache, entweder weil dies als Bedingung von Philipp ihm auferlegt war, oder weil er richtig erkannte, daß ohne die Ergebenheit und den Anschluß der Landesgrafen ihm die erwünschte unabhängige Stellung und jedes Uebergewicht nach Außen unmöglich werde. Darum hielt er für besser, durch Milde und Gunstbezeigungen die abgeneigten Gemüther zu versöhnen, und sparte weder Worte

 

 

 

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noch Geld, um die zahlreichen kleinen Dynasten sich zu verbinden.

 

Das wirksamste Mittel, sich im Lande zum unbeschränkten Fürsten und nach Außen mit Macht und Ansehen zu erheben, glaubte Hermann in einer glänzenden Hofhaltung zu finden. Zugleich entsprach dies seinem Hange nach äußerer Pracht und ritterlicher Hofsitte, wie er beides in Frankreich, damals wie heute die Schule seiner Lebensweise, kennen gelernt hatte. Seiner Liebe zu den Künsten, seiner höhern Geistesbildung genügten nicht die rohen Turniere und Festgelage. Wie er seine Residenz Eisenach und Schloß Wartburg durch neue Bauten verschönte, gedachte er seinen Gästen den Aufenthalt daselbst in jeder Weise angenehm zu machen. Reichthum, Ueberfluß, Zierlichkeit und eine Unterhaltung für Herz und Geist sollten von nah und fern Fürsten, Ritter und Dichter an seinen Hof ziehen. Wer kennte nicht die Lobsprüche Walter‘s von der Vogelweide, Wolfram’s von Eschenbach und Andrer, welche den Landgrafen wegen seiner Freigiebigkeit, seiner Pflege und Beschützung der edeln Dichtkunst preisen und die Schilderungen jenes Thüringer Hofes, „wo eine Schar der Gäste die andre drängt, so Tag als Nacht, mit denen der Landgraf seine Habe verthut und keine Kosten scheut, wie schwer auch immer bei der allgemeinen Zerrüttung und Verheerung Deutschlands der Aufwand zu bestreiten wäre.“

 

Ueber Hermann’s Verhältniß zu den damals lebenden Dichtern, über sein Verdienst um die hohe Kunst ist vielfach von Literaturhistorikern und Freunden der mitteldeutschen Poesie gesprochen worden, wie wenig Zuverlässiges und Bestimmtes auch aus Chroniken und den Dichtungen

 

 

 

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jener ersten Blütenperiode des deutschen Gesanges sich als unumstößlich wahr herausgestellt hat. Am berühmtesten ist sein Name geworden durch den Wettstreit der Sänger auf der Wartburg, den ein späteres, keineswegs dem Wolfram von Eschenbach beizulegendes Gedicht unter dem Namen des Wartburgkrieges und noch jüngere Chroniken uns aufbewahrt haben. Wer aber vermag aus jener verworrenen, ins Mystische und oft Abgeschmackte sich verlierenden Dichtung und aus den danach oder nach traditioneller Volkssage aufgezeichneten Berichten eines Johann Rothe, Adam Ursinus u. d. g. Chronisten eine historische Wahrheit zu begründen? Neben andern bessern Zeugnissen bestätigen sie nur, daß an Hermann’s Hofe viele Dichter und zwar die ausgezeichnetsten sich aufgehalten, und daß der Landgraf und die Landgräfin Sophie lebhaften Antheil an dem Aufschwunge, den die Poesie damals in Deutschland bekam, genommen haben. Unbezweifelt steht es fest, daß Hermann schon in frühern Jahren den Meister Heinrich von Veldeck in Schutz nahm, demselben seine Eneidt, die ihm neun Jahre lang entwandt war, wiederverschaffte und die Beendigung des Epos anempfahl. Auf seinen Anlaß ferner dichtete Wolfram den Wilhelm von Oranse und übersetzte Albrecht von Halberstadt die Verwandlungen des Ovid. Hermann‘s Verbindungen mit dem französischen Hofe und der pariser Universität setzten ihn wol in den Stand, seinen Dichtern und manche ausländische poetische Quellen und Stoffe zur Bearbeitung oder zur Anlehnung für deutsche Dichtungen zu verschaffen, und sein guter Geschmack, seine Vorliebe für solche Schöpfungen that gewiß dem deutschen Epos und Minnegesange keinen geringen Vorschub, sowie seine

 

 

 

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freigebige Milde den Unterhatt der Dichter selbst, ihre Anerkennung und ihr Ansehen auf das Rühmlichste förderte. Indeß misfiel es doch auch einem Walther und noch mehr einem Wolfram, daß der Landgraf oft die Schlechtern den Bessern vorzöge, daß er ohne Wahl seine Gunst verschenke, ja diese Unwürdigen leichter zuwende, während Verdienstvolle lange darum sich vergebens bemühten. Dieser Vorwurf mag das Verdienst Hermann’s in Betreff seines Dichterprotektorats mit Recht herabsetzen; für seine politische Stellung auf dem Gebiete deutscher Geschichte, wie wir sie hier zu entwickeln versuchen, müssen wir sein Verfahren gegen die oft sehr begehrlichen und nicht selten neidischen Dichter, seine prunkende Hofhaltung ganz anders auffassen.

 

Nicht Zweck, wenigstens nicht der letzte, war es Hermann, der Poesie in Deutschland einen höhern Aufschwung zu geben, sondern ein Mittel zu politischer Größe und Bedeutsamkeit sollte die Beschützung und Beförderung jener ihm werden, wie jede seiner Handlungen auf das gleiche Ziel hinweist. Wenn die Dichter und fahrenden Leute seinen Ruhm weit und breit verkündeten, wenn seine Hoffeste aus nah und fern große Scharen der Gäste aus allen Ständen herbeizogen, wenn sein Reichthum und seine Freigebigkeit bei ärmern Rittern und Sängern den Wunsch sein „Ingesinde“ zu werden, erweckte, wenn seine Großmuth und Gastlichkeit den Grafen und Dynasten des Landes, auch denen, die vor kurzem noch Empörung und Verwüstung verbreitet, so wohl gefiel, daß sie gerne bei ihm in untergebner Stellung verweilten, wenn sein ritterlicher Sinn, in Thaten und Worten kundgegeben, verbunden mit Geistesschärfe, Schlauheit und Ueberredungskunst,

 

 

 

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ihn zum ausgezeichnetsten Fürsten seiner Zeit machten, so mußten wol bei dem Elende und der Schmach des Bürgerkrieges, der am Rhein, dem Sitze der Reichsmacht, fortwüthete, die Blicke Aller sich auf Thüringen und Hermann wenden, der es verstand, selbst nach einem Kampfe von ungünstigem Ausgange, Ruhe, Ordnung und Eintracht im Lande, weit strahlenden Glanz, heitere Lust und geistigen Aufschwung an seinem Hofe zu verbreiten. Gleich ihm wollten auch andre Fürsten nicht mehr ihre Kräfte für Philipp oder für Otto nutzlos vergeuden, sondern lieber daheim in behaglicher Ruhe und Unabhängigkeit leben, als entfernt im Kampf für ein sie bedrückendes Oberhaupt Mühen und Gefahren bestehen. Auch Denen, die an Kampf und Abenteuer Gefallen hatten, bot ein Krieg, der nur Raub und Mord im eignen, bejammernswerthen Vaterlande nährte, keinen Reiz. Denn längst schon war die wilde, rohe Tapferkeit durch die Pilgerfahrten und Kreuzzüge nach dem Orient, durch geistigere Regsamkeit, vor Allem durch den Aufschwung der Poesie bei den Deutschen, wie zuvor bei ihren westlichen Nachbarn, in eine edlere Gestalt umgewandelt und hatte das Ritterwesen Formen angenommen, die an sich Bedeutung erhielten und feinere Sitte, geistige Bildung, einen höhern Aufschwung der Phantasie in Anspruch nahmen. Auf den Burgen der Fürsten und Ritter erdröhnte nicht blos Waffenklang, es ertönte auch lieblicher Minnegesang von herumziehenden Dichtern oder von jenen Fürsten und Rittern selbst. „Die holdselige Kunst“ dünkte Königen und Kaisern der Pflege und Ausübung würdig. Die Thaten der Vorfahren, die Abenteuer der Tafelrunde, die Wunder des Grals, Liebesfreuden und Liebesklagen erfüllten

 

 

 

 

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Deutschlands Gauen von der Elbe bis zum Rhein, von der Meeresküste im Norden bis zu den Alpen im Süden. Hinter dem ritterlichen Adel blieb der reiche, betriebsame, erfahrene Bürgerstand nicht zurück; der Volksgesang verband alle Classen der Gesellschaft, die Legende verbreitete über die Poesie den heiligen Schimmer, ohne den sie vor der Kirche nicht hätte bestehen können. Nichts fehlte zum Aufschwung einer höhern Cultur, für die der germanische Geist ein so empfänglicher Boden war, als Friede und Ordnung im Reiche, die, solange zwei Könige sich gegenüberstanden, nicht zurückkehren konnten.

 

Nach der Einnahme Kölns durch Philipp, der daselbst glänzend empfangen wurde, nach Otto‘s Entweichung jenseits des deutschen Meeres hätte man eine baldige Beendigung des Reichsschismas erwarten sollen. Doch dem war keineswegs so. Blieb auch Otto‘s Macht fast nur auf seine Erblande beschränkt, konnte sein Oheim, Johann von England, ihm nichts als unbedeutende Geldsummen zur Fortsetzung des Krieges bieten, so verlor er doch den Muth nicht, weil auch die Macht seines Gegners auf schwachen Füßen ruhte und diesem weder die Krone noch die Herrschaft verbürgt war. Erstere versagte Philipp immer noch hartnäckig der Papst Innocenz III. Wol hatte dieser den Bann aufgehoben, doch nur um ihn zu einem Waffenstillstande mit Otto zu vermögen. Wol begaben sich die päpstlichen Legaten nach Sachsen, unter dem Scheine, Otto zur Entsagung auf Krone und Königstitel zu bewegen. Unverrichteter Sache, aber mit Schätzen von Geistlichen und Laien, wie die Chronisten hinzufügen, zogen sie ab. Wofür anders hätten sie diese Summen in Norddeutschland empfangen, als um das Reichsschisma

 

 

 

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zu unterhalten und den Papst in seinem consequenten Verfahren zu Gunsten Otto’s zu bestärken? Sachsen und Thüringen waren keineswegs von Philipp gewonnen, sondern höchstens von ihm geschreckt, so lange er mit überlegener Heeresmacht innerhalb ihrer Grenzen gestanden. Wie wenig Herzog Bernhard, Landgraf Hermann und andre Fürsten für ihn thaten, geht schon daraus hervor, daß während Otto 1206 Köln vor dem Gegner räumend mit geringer Mannschaft in seine Erblande zog, sein Truchses Gunzelin das langverteidigte Goslar mit allen seinen Schätzen wegnahm, ohne daß nur einer von jenen Fürsten dies zu verhindern gesucht. Wol kam Philipp im Herbste 1207 wieder nach Thüringen und Sachsen, hielt Hoftage zu Nordhausen und Quedlinburg, doch nur um mit Otto, der trotzig auf Herlingsburg bei Goslar saß, zu unterhandeln. Daß diese Unterhandlungen erfolglos blieben wie frühere, beweist abermals, welchen Anhalt Otto an den sächsischen Fürsten, die ihn erdrücken konnten, haben mußte, wenn diese auch nicht offen für ihn sich erklärten. Es gestattete ihnen der Waffenstillstand, der bis Mitte 1208 abgeschlossen, zu beiden Königen in einem friedlichen Verhältniß zu verharren. Wol aber mochte Philipp, der im November 1207 nach Augsburg ging, die zweideutige Stimmung mehrer norddeutschen Fürsten erkannt haben. Von Hermann und dessen Schwiegersohn Dietrich von Meißen kam ihm sichere Kunde, daß Beide ein Bündnis gegen ihn geschlossen, und im Jahre 1208, daß die Sächsischen, Thüringischen und Meißnischen Fürsten zu Halberstadt sich für Otto entschieden. Die Aufhebung des Bannes, der Waffenstillstand und Alles, was der Papst und seine Legaten in Deutschland bewirkt,

 

 

 

 

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zeigten Philipp nur zu klar, daß er nichts gewonnen, ja daß er die Vortheile seiner Siege, die ihn 1206 bereits zum Herrn von ganz Deutschland gemacht, aus den Händen gegeben und seinem Gegner allein Vorschub gethan, der unterdeß abermals zu Kräften und zu wichtigen Verbündeten gekommen war. Zwar noch stand Philipp als der Mächtigere da und er durfte hoffen es zu bleiben, wenn er nach Beendigung des Waffenstillstandes „gegen die offnen Feinde und verstellten Freunde“ im Osten mit Nachdruck sich wandte. Zu Erstern gehörte Ottokar von Böhmen, der wol 1204 vor ihm aus Thüringen entwichen und seitdem keinen neuen Einfall gewagt, nun aber gewiß im Einverständniß mit König Otto, Landgraf Hermann, Markgraf Dietrich, vielen Laienfürsten und fast der ganzen hohen Geistlichkeit Sachsens zu einem neuen Angriff sich rüstete. Ihm und den geheimen Verbündeten zuvorzukommen, sammelte Philipp im Bamberg seine Macht. Schon waren einige Heerhaufen an die Grenze Thüringens vorausgeschickt, wenige Tage fehlten noch, bis der Waffenstillstand abgelaufen war, als die Ermordung Philipp‘s durch Otto von Wittelsbach plötzlich die Lage der Dinge im Reiche so umgestaltete, daß der für vernichtet gehaltene Otto im alleinigen Besitze des Thrones und von allen Fürsten des Reiches, vom Papste und auch der Hohenstaufischen Partei als alleiniger König anerkannt wurde. Sein Verlöbniß mit Philipp’s Tochter Beatrix schien dauernd die Ruhe und Einheit Deutschlands zu verbürgen. Schon 1209 konnte er mit einem zahlreichen und glänzenden Gefolge von Prälaten und Fürsten, unter letztern auch Landgraf Hermann, den Römerzug antreten, um sich die Kaiserkrone von Innocenz aufs Haupt

 

 

 

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215 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

setzen zu lassen. Mit kluger Mäßigung und schonender Milde wäre Otto IV. ein Herrscher geworden, wie ihn Deutschland seit Lothar III. vermißt hatte, weil ihm kein Nebenbuhler die Krone im Reiche mehr streitig machte, alte Ansprüche seines Hauses, deren Versagung Deutschland fast ein Jahrhundert erschüttert hatten, in Erfüllung gegangen und weder Uebermacht noch Schwäche von ihm zu befürchten waren. Aber voreiliger Trotz gegen Innocenz brachte ihn um seinen bisherigen Wohlthäter und verwandelte dessen Gunst in den Fluch der Kirche; Uebermuth und gänzliches Verkennen der Verhältnisse verleiteten ihn den jungen König Friedrich von Neapel und Sicilien, der damals in Deutschland weder Besitzungen noch Anhang hatte, zu bedrängen und dessen unversöhnlichen Haß aufzureizen; Stolz und unkluges Verfahren wandte die deutschen Fürsten, weltliche wie geistliche, von ihm ab, sodaß viele der angesehensten, die ihn nach Italien begleitet hatten, einer nach dem andern meist heimlich ihn verließen und nach Deutschland zurückkehrten, wie die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Magdeburg, der König Ottokar von Böhmen, der Herzog von Baiern, der Landgraf Hermann und andere.

 

Kein Wunder also, daß Otto IV. nach wenig Jahren den Thron verlor, zu dem er so unerwartet nach Philipp’s Ermordung gelangt war. Hermann, wenn nicht dem Namen nach, so doch in der That das Haupt der sächsischen Fürsten, hatte durch seinen Anschluß an Otto zu einer Zeit, wo dieser fast gänzlich verlassen und verloren schien, zu viel für den neuen Alleinherrscher gethan, als daß er nicht auf dessen Dankbarkeit und dauernde Gunst hätte rechnen sollen. In dieser Voraussetzung verfolgte

 

 

 

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216 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

der Landgraf aufs eifrigste sein Streben nach Machtvergrößerung und Unabhängigkeit. Zu diesem Zweck suchte er auch vortheilhafte Heirathsverbindungen seiner Kinder, deren Zahl in der zweiten Ehe durch vier Söhne und zwei Töchter, Ludwig, Hermann, Heinrich, Konrad, Irmengard und Agnes vermehrt worden, mit angesehenen Fürsten und Fürstinnen des Auslandes zu bewerkstelligen. König Philipp von Frankreich, mit dem er zu Paris, im Oriente und von Deutschland aus ein näheres Freundschaftsverhältniß unterhalten, als Schwiegersohn sich dauernd zu verbinden, wie derselbe im Jahr 1207 ihm Hoffnung gemacht, zerschlug sich freilich und die jenem bestimmte jüngere Tochter erster Ehe, Hedwig, heirathete bald danach den Grafen Albrecht aus dem Hause Weimar-Orlamünde *), in Folge dessen nach dem Aussterben dieses Zweiges um die Mitte des 14. Jahrhunderts Weimar an den Landgrafen von Thüringen fiel. — Besser glückte es Hermann eine angesehene Partie für seinen ältesten Sohn Ludwig (geboren 1200) frühzeitig und doch fest zu schließen. Auf die Tochter des Königs Andreas von Ungarn und Gertrudens von Meran war seine Wahl gefallen. Einige Chronisten wollen freilich mehr als eine Wahl, eine Vorausbestimmung jener Verbindung. Nach ihnen soll der berühmte Klingsor, welcher bei dem Sängerkrieg auf der Wartburg von Heinrich von Ofterdingen zur Entscheidung aus Ungarland herbeigeholt, dann aber durch Wolfram’s von Eschenbach überlegene Dialektik und fromme Sinnesweise besiegt wurde, aus der Constellation der Sterne

 

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*) Dieser scheint mir von den vielen Fürsten, die als Hedwig’s Gemahl genannt werden, der richtigste.

 

 

 

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217 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Elisabeth’s Geburt und künftige Vermählung mit Ludwig (dem Heiligen) dem Landgrafen vorausverkündet und dafür reichen Lohn von ihm empfangen zu haben *). Wie dem auch sei; daß Klingsor, der am Hofe des Königs von Ungarn in höchstem Ansehen stand, von Andreas einen Jahrgehalt von 3000 Gulden bezog, wie ein Bischof geehrt ward u. A. m., zu der Verbindung durch Rath und That mitgewirkt, ist nicht unwahrscheinliche; die förmliche Werbung um Elisabeth erfolgte 1211, als diese vier Jahr alt war.

 

Der Landgraf entbot dazu eine reiche und angesehene Gesandtschaft, an deren Spitze Graf Meinhard von Mühlberg, der Schenk Walther von Vargila und eine edle Dame, Bertha von Bendeleben, stand, gefolgt von vielen Rittern und Reisigen, die kostbare Geschenke mit sich führten. Wie gefeiert der Name ihres Gebieters war, bewies der glänzende Empfang auf der Hin- und Rückreise aller Orten, wo sie durchkamen, und vornehmlich in der ungarischen Hauptstadt Presburg. Die einsichtsvolle Königin Gertrud, die mit einem fast männlichen Geiste an allen Regierungsgeschäften ihres Gemahls Theil nahm, war

 

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*) Auch Hermann mochte mit Astrologie, die damals schon bei vielen Fürsten in hohem Ansehen stand, sich befaßt und darum Klingsor in hohen Ehren gehalten haben. Auf einem Reichstage 1207 wurden die Anwesenden durch eine dreifach geteilte Sonne erschreckt, und Hermann, der zur Deutung des Zeichens aufgefodert ward, prophezeihte daraus den baldigen Tod eines der drei erwähnen Könige (Philipp, Otto und Friedrich) was durch Philipp’s Ermordung in Erfüllung ging. Daß man ihn auffoderte, läßt auf seine astronomiscben Studien schließen.

Hist. Taschenbuch. Neue F. W. 10

 

 

 

 

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218 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Nicht nur der Verbindung sehr geneigt, sondern gestattete auch, daß nach damaliger Sitte die kaum vierjährige Tochter nach Thüringen gebracht wurde, wo sie bis zur Vermählung eine angemessene Erziehung erhielt. Reich und glänzend war die Mitgift Elisabeth’s, und die Eltern versprachen sie noch in Zukunft zu vermehren, um dem Landgrafen zu zeigen, wie hoch sie die Ehre schätzten, seinem Hause verwandt zu werden.

 

Bei der Rückkehr der Gesandten nach Eisenach empfingen Hermann und Sophia im reichsten Gefolge der Landesgroßen, Hofleute und Dienstmannen das königliche Kind und den Brautschatz mit großen Freuden. Der eilfjährige Ludwig gab seiner kleinen Braut den Verlobungskuß, danach ward für die würdigste Pflege und Ausbildung der körperlichen und geistigen Anlagen Elisabeth‘s Sorge getragen. Frühzeitig verrieth dieselbe große Schönheit, Tugend und Frömmigkeit, sowie alle die Eigenschaften, welche ihr nachmals hohen Ruhm, aber auch manches bittre Leid an einem der weltlichen Lust allzusehr hingegebenen Hofe bereiteten. In seltener Sinnesgleichheit wuchs auch ihr Verlobter auf und ward vor und nach ihrer Vermählung ihr treuster Freund und Beschützer wider alle Anfechtung, sowie ihre Tugend und Sittenreinheit ihn vor verführerischen Abwegen bewahrte. Auf die schwermütige, verschlossene Gemüthsart des Mädchens schon in frühster Jugend soll die Ermordung ihrer Mutter Gertrud 1213 durch den Ban Benedikt, der von der Mitregentin des schwachen Andreas Unheil für die Nation erkannte, eingewirkt haben. Doch brachte wol die Natur selbst einen so seltsamen Charakter wie Elisabeth’s zur Reife.

 

 

 

 

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Wie für den Ruhm seines Hauses, den Glanz des Hofes und seiner Umgebung, trug Hermann für das Wohl des Landes, besonders für die Städte Sorge. Wir fassen zusammen, was den Jahren nach zum Theil vor, zum Theil nach dem ebenerwähnten Zeitpunkt fällt. Der Vergrößerung und Verschönerung der Hauptstadt Eisenach gedachten wir schon früher. Um den Markt siedelten sich lauter reiche Bürger an, deren Einer oft 4 – 6 Häuser baute, die sie an Aermere gegen Erbzins wieder verkauften. Im Rathhaus ward dieser Zins niedergelegt, ein Theil desselben den Hauseigenthümern zugestellt, ein andrer zum Gemeinwohl der Stadt verwandt, auch an Klöster, Pfarren und Spitäler überlassen. Zur Erweiterung legte man Vorstädte an, auf dem Acker und Eigenthum der Altbürger, das diese gleichfalls gegen Erbzins Andern überließen. Der Werth dieser Grunddtücke sammt Feld und Gärten richtete sich, je nachdem die Häuser Erbzinsen trugen. Um allen Volksklassen gerecht zu werden, ward den handeltreibenden Juden nahe dem Hauptmarkte eine Straße eingeräumt, wo sie die Häuser den Handwerkern abkauften, die wiederum ihnen gelegenere Gassen, nach Zünften gesondert, bezogen. Weil viele von diesen aber durch die Veränderung des Wohnsitzes von der Pfarre weit entfernt wurden, erbaute man in ihrem Stadttheile eine Kapelle zu St. Jakob. Zum Besten der Bürger wurden wöchentlich drei Märkte festgesetzt, Montag zu St. Georg, Mittwoch bei der Frauenkirche und Sonnabend am St. Nikolauskloster; desgleichen für die Umwohner auf dem Lande drei Jahrmärkte, am St. Georg-, St. Johannis- und St. Matthäustage ebenfalls bei den

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drei Pfarren oder anfänglich vor den Thoren der Rechtstadt, bis der Anbau der Vorstädte dies verbot.

 

Wie Hermann es verstand, wo es der Vortheil erheischte, das Vorurtheil der Menge durch frommen Betrug aufzuheben, beweist die Art der Gründung vom St. Katharinenkloster. Der Ausdehnung der Stadt Eisenach nach einer Seite hin, die vornehmlich geeignet erschien, zwischen zwei Landstraßen nach Hessen und in die Buchen, stand die dort befindliche Richtstätte hindernd im Wege. Der Der unheilige Ort mußte erst in einen heiligen verwandelt wedren, ehe der Aberglaube es gestattete, dort sich anzusiedeln; denn auf der großen Strecke von der alten Stadt und der Vehme lag nichts als ein Hospital der Aussätzigen, wodurch die Scheu vor einem Anbau in dieser Gegend noch vermehrt wurde. Nun aber wird erzählt: Hermann habe die heilige Katharina besonders verehrt und von ihrer Leiche ein kleines Bein, so groß wie ein Gerstenkorn besessen. Oft besprach er sich mit Leuten von verschiedenen Ständen, wo er wol das Beinchen am besten bestatten möchte, Gott und der Heiligen zu Ehren, ob in einem Altar oder in einem Schrein, ob innerhalb der Stadt, ob außerhalb? Denn eine Ruhestätte fodere die Reliquie, da sie zu öfterm Oel ausschwitze. Endlich erzählte er, daß ihm durch eine wunderbare Vision im Traume der seltsamste Platz angewiesen sei. Die heilige Katharina selber nämlich sei ihm erschienen und habe ihn auf die Vehmstätte geführt, wo der Rabenstein und die Räder und der Todtengebeine viel umherlagen und also zu ihr gesprochen: „Hier sollst du Propst werden und dein Leichnam soll dereinst hier ruhen.“ Das habe ihn aus

 

 

 

 

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dem Schlaf geschreckt; doch er sich getröstet, daß er Landesfürst sei und somit nicht Propst werden könne. Doch die nächtliche Erscheinung habe sich wiederholt und ihn ernstlich an Erfüllung des Gebotes gemahnt. So müsse er denn gehorchen und auf der bisherigen Richtstätte seiner Schutzpatronin folgsam eine Kirche erbauen. Das vollführte er denn, bestellte seine Nichte, die verwitwete Herzogin Imagina von Brabant zur Aebtissin des Klosters und wurde selbst Vorsteher desselben; jene erkor zur Schutzpatronin die Jungfrau Maria, er St. Katharinen; erstrer wurde ein Altar im Chor, letztrer mitten in der Kirche errichtet. So war der verrufene Platz geheiligt und Keiner nahm Anstand, bei St. Katharinen sich anzusiedeln.

 

Nächst Eisenach und der dabei gelegenen herrlichen Wartburg wandte Hermann besonders Kreuzburg an der Grenze seiner Hauptländer Thüringens und Hessen große Sorge zu und erhob es erst recht eigentlich zur Stadt. Sein Vater hatte den Ort, wo das Peterskloster lag, vom Abte Burchard von Fulda angekauft und die Gebäude in ein Schloß verwandelt, während er den Mönchen das Stift St. Martin unterhalb Frankenrode an der Werra nebst einigen seiner Güter zuwies. Hiemit war aber der Erzbischof Christian von Mainz nicht zufrieden gewesen, der so lange den Landgrafen anging, bis dieser sich entschloß ein Nonnenkloster, St. Jakob, zu Kreuzburg zu fundiren und alle Revenuen, welche das Peterskloster besessen, dazu zu schlagen. Um 1213 beschloß nun Hermann den wohlgelegenen Ort zu erweitern, befahl deshalb den Einwohnern von vier benachbarten Ortschaften am Fuße des

 

 

 

 

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Kreuzberges Häuser zu errichten, ertheilte den Ansiedlern Stadtrecht und Wappen, welches letztere aus drei Thürmen bestand, und bald ward Kreuzburg eine blühende Stadt, die als Verbindungsplatz von Thüringen und Hessen beide Länder in eines verschmolz.

 

Kirchen, Klöstern und andern geistlichen Stiftungen sich wohlthätigig und freigebig zu erweisen, gehörte so sehr zur Politik aller Fürsten damaliger und noch vieler späterer Zeiten, daß der kluge Landgraf,dem daran gelegen war, alle Stände zu gewinnen, darin natürlich nicht eine Ausnahme machte. Es könnte aber wenig unterhalten, alle Schenkungen und Fundationen Hermann’s aufzuzählen. Wir bemerken nur, daß er nächst seiner Stiftung zu St. Katharinen besonders dem Frauenkloster St. Nikolaus zu Eisenach, welches sein Großvater und dessen Tochter Adelheide gegründet und worüber die Landgrafen nicht nur die allgemeine Schutzherrschaft als Landesgebieter, sondern noch die besondre Advokatie als Stifter hatten, seine Gunst und Freigebigkeit zuwendete, dagegen minder als seine Vorgänger das Kloster Reinhardsbrunn auszeichnete, was dieses noch bei seinem Tode empfindlich erfahren sollte.

 

Ueber die innern Landesangelegenheiten verlor indeß Hermann die Reichsverhältnisse nie aus den Augen, weil beide sein Streben nach Unabhängigkeit und Machtvergrößerung förderten. Otton war er auf dem Römerzuge gefolgt und bei dessen Kaiserkrönung zugegen gewesen, doch aus Unzufriedenheit über des Kaisers ferneres Verfahren und um im eignen Lande sein Ziel zu verfolgen, bald hieher zurückgekehrt. Mit den benachbarten Fürsten hatte er stets in Eintracht und Einverständniß zu bleiben getrachtet

 

 

 

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und nur gegen sie die Waffen ergriffen, wenn sie selbst oder böswillige Vasallen Händel veranlaßten. Den Anschluß der sächsischen und ostländischen Fürsten zu einem Bunde, dessen Haupt er unbemerkt zu werden bemüht war, hatte er freilich während der Parteikämpfe zweier Kaiser, wobei jeder Landesfürst nur seinen Vortheil verfogte, selten zu Stande gebracht. Seit Otto IV. unerwartet die Alleinherrschaft erhalten, standen die Norddeutschen fester zu einander und durften vom Kaiser umsoweniger Beschränkungen und gewaltsame Eingriffe befürchten, da er selber ihnen durch Nationalität verwandt und ihre Entscheidung zu seinen Gunsten, als noch der übermächtige Philipp ihn zu vernichten drohte, verpflichtet war. Bisher hatte auch Hermann ihre Politik getheilt, und selbst als er später eine andre befolgte, ward sein Verhältnis zu den Nachbarn wenig gestört.

 

An die Stelle der Kirchenfürsten, die vormals Hermann‘s Gegner gewesen, waren nunmehr befreundete getreten. In Mainz hatte schon zu Philipp‘s Lebzeiten auf des Papstes beharrliche Foderung Lupold vor Siegfried weichen müssen, in Rom selbst durch seine schlauen und ränkevollen Bemühungen keine Verzeihung erlangt, bis später durch Friedrich‘s II. Verwendung ihm wenigstens das Bisthum Worms wieder zuerkannt wurde. In Magdeburg war auf Ludolf, den eifrigen Anhänger der Hohenstaufen, 1206 Adalbert gefolgt, der als ein geborner Graf von Kefernberg zu einem Hermann ergebenen thüringischen Hause gehörte. Daß auch er anfangs von Philipp gewonnen und erst durch Innocenz, der seine Wahl verworfen hatte, 1207 auf Otto‘s Seite zu treten gezwungen

 

 

 

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wurde, war für Hermann, der damals mit dem Hohenstaufen ausgesöhnt, wider den Welfen nicht feindselig dastand, kein Nachtheil. Seit der halberstädter Verbindung, die vornehmlich Adalbert’s Werk war, blieben der Erzbischof und der Landgraf Freunde bei allen neuen politischen Parteiungen im Reich. Wie jener war auch Bischof Friedrich von Halberstadt ein Thüringer, aus dem freilich feindlichen Hause der Grafen von Kirchberg, doch nur ein Organ der Kirche und Dem anhangend, der des Papstes Frenndschaft besaß. -- Der Zuneigung und Gunst Innocenzens hatte Hermann, selbst wenn er mit den Feinden der Kirche Gemeinschaft machte, nie entbehrt, und fortan war der Kaiser des Papstes auch stets der des Landgrafen. Seit dem Ende des Jahres 1210 hatte Otto nicht mehr des Schutzes und der Liebe des Papstes sich zu erfreuen, weil er trotzig und vorschnell den frühern Gönner durch Besetzung der Mathildischen Güter, welche die Päpste längst als die ihrigen betrachteten, durch Verleihung von Städte und Ländereien im Kirchenstaate an kaiserliche Vasallen, durch Umstoßung mancher Einrichtungen, die Innocenz getroffen, durch den Einfall in Apulien, das der Papst als Friedrich‘s Vormund zu schirmen suchte, und endlich durch den Widerruf aller frühern, freilich höchst nachtheiligen Versprechungen, die er nun der kaiserlichen Majestät zuwiderlaufend erklärte, zu seinem erbittertsten Gegner gemacht hatte. Das wirkte bald auch auf die Stimmung in Deutschland, die längst Otton nicht mehr günstig war, weil er durch Stolz und Rücksichtslosigkeit seit seiner Erhöhung zum alleinigen Reichsoberhaupte die weltlichen und geistlichen Fürsten beleidigt hatte. Wir

 

 

 

 

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erwähnten bereits, wie die angesehensten derselben heimlich oder unter nichtigen Vorwänden aus Italien zurückgekehrt waren, um nicht an den gewaltsamen, ungerechten Handlungen des Kaisers, die besonders den Papst aufreizen mußten, Antheil zu nehmen. Als der Bann, der im November 1210 über Otto verhängt worden, zu offner Feindschaft gegen den Kaiser auffoderte, als die Erzbischöfe von Mainz und Magdeburg von Innocenz zu Verkündigern desselben ernannt waren, trat Hermann zuerst unter den weltlichen Fürsten des Reichs als offner Gegner Otto’s auf, fand jedoch zunächst nur an seinem Schwiegersohne Dietrich von Meißen und seinem Neffen Ottokar von Böhmen Verbündete, indem auf der Reichsversammlung zu Bamberg, welche Siegfried berufen hatte, die deutschen Fürsten, wenn auch nicht Eifer für den Kaiser, doch noch kein feindliches Verfahren gegen denselben äußern wollten. Nur die genannten neben den Erzbischöfen von Mainz und Magdeburg beschlossen zu Nürnberg Otto‘s Absetzung und Friedrich’s Erhebung und sandten an Letztern die Auffoderung, baldigst nach Deutschland zu kommen.

 

Die bitterste Erfahrung für Hermann war aber, daß er nach aller erzeigten Milde und Huld, nach Verschwendung seiner Reichthümer für Hoffeste, Gastgeschenke, Belohnungen, auch wol mitunter Bestechungen, wiederum keine Treue und Ergebenheit bei den früher ihm feindlichen Grafen und Baronen seines Landes finden sollte. Als die Gesinnung der Reichsfürsten sich Hermann‘s Planen fremd gezeigt, rief Günther von Schwarzburg seine frühern Kampfgenossen wider den Landgrafen zu den Waffen, gewann viele auch durch Geld, das ihm von

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des Kaisern Anhängern zugesteckt wurde. Dieser Mammon ließ Alle die Freigebigkeit und Güte ihres Landesherrn vergessen und so wurden die, welche noch unlängst sich gegen Hermann dienstfertig und ergeben, in seinem Hause wie Mitgenossen und Theilnehmer in Freud und Leid gezeigt hatten, seine offnen Gegner. Einer der ersten Abtrünnigen war jener Friedrich von Beichlingen, der von Hermann nicht nur großmüthig aus der Haft in Weißensee entlassen war, sondern vor zwei Jahren für eine Summe von 300 Mark sich verbindlich gemacht hatte, wider jeden Feind des Landgrafen Hilfe und gehorsame Folgeleistung zu gewähren, welchen Vertrag er auch unlängst durch neuen Eidschwur und sehr bestimmte Zusagen bekräftigt hatte. War ein solcher Abfall schon ehrlos, so brandmarkten Alle sich vollends durch die Art und Weise, wie sie im ganzen Lande sengten, raubten und schnöde hausten. Hermann, noch wenig gerüstet, sann, wie er den Verräthern begegnen und sich gegen sie sichern könne. Bald nahm er seine Stellung im freien Felde, bald hinter festen Mauern. Die Wartburg blieb sein Hauptasyl und ein wohl geschützter Mittelpunkt seiner Unternehmungen.

 

Otto‘s Anhänger blieben, da sie die gefährliche Wirkung des päpstlichen Bannstrahles mit Grund fürchteten, gleichfalls nicht säumig. Heinrich durchzog den größten Theil des Mainzer Erzstiftes, um an Siegfried sich zu rächen. Der kaiserliche Truchses Gunzelin, ein sehr erfahrner und seinem Herrn treu ergebner Mann, war in Sachsen und Thüringen auf Vertheidigungsmaßregeln bedacht. So wurden die Befestigungen in den Reichsstädten Nordhausen und Mühlhausen von ihm wiederhergestellt,

 

 

 

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Söldner geworben, alte und neue Anhänger des Kaisers zu den Waffen gerufen und in Thürigen alle Lehnsleute Hermann‘s zum Abfall von ihrem Landesherrn aufgefodert. Ganz unerwartet erschien zu Anfang des Jahres 1212 Otto selber in Deutschland, versammelte nicht nur seine zuverlässigen Freunde um sich, sondern gewann auch schon wankende Fürsten, wie Ludwig von Baiern, Albrecht II. von Brandenburg und sogar Dietrich von Meißen. Auf den Hoftagen zu Frankfurt (am 20. März) und zu Nürnberg (20. Mai) umgaben ihn zahlreiche Fürsten, erklärten Ottokar von Böhmen für entsetzt und gelobten eine Heerfahrt gegen Thüringen.

 

Was den Kaiser gegen den Landgrafen am heftigsten erbitterte, war, daß dieser zuerst die deutschen Fürsten an den Schwur erinnerte, den sie einst dem dreijährigen Sohne Heinrich‘s IV., Friedrich von Apulien, geleistet hätten. An diesen hatte man bis dahin in Deutschland kaum gedacht und auch wol von dem jugendlichen Alter des letzten hohenstaufischen Sprößlings nicht die Hoffnung eines gebesserten Reichsstandes, eher die Furcht eines neu erwachenden Parteienkampfes in Deutschland gehegt; weshalb denn auch die Fürsten bei Hermann‘s Vorstellungen mehr Besorgniß als Geneigtheit blicken ließen. Ob der Landgraf aus eignem Antrieb, oder von Innocenz und den päpstlichen Bevollmächtigten bestimmt an Friedrich erinnert habe, bleibt dahingestellt. Seinem Plane, seinem Streben mußte ein schwacher, unerfahrener und, wie vorauszusehen war, durch ein fernes Reich von Deutschland vielfach abgezogener König sehr willkommen sein. Otto aber wußte, daß durch Innocenzens Beistand auch der schwächste Gegenkönig

 

 

 

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ihm bald gefährlich werden könne und ein Hohenstaufe vollends, bei dessen Namen schon eine mächtige Partei in Deutschland sich regen mußte. Deshalb eilte er hieher, um durch schleunige Verbindung mit Beatrix diese Partei an sich zu fesseln oder mindestens zu theilen. War dies gelungen und der Landgraf von Thürigen, bei dem auch Siegfried von Mainz, der Bevollmächtigte des Papstes Schutz gefunden, als Pfalzgraf Heinrich ihn aus dem Erzstift verjagt hatte, gedemüthigt oder vertrieben, so hatte er „den apulischen Knaben“, wie Friedrich spottweise genannt wurde, nicht zu fürchten. Anders aber kam Alles, als er gehofft hatte.

 

Von seiner überlegenen Kriegsmacht ward zwar der Erzbischof Adalbert von Magdeburg hart bedrängt und dessen Gebiet entsetzlich verheert, sodaß sich der Ausspruch des Volkes bewahrheitete: „Ein Kaiser Otto und ein Erzbischof Adalbert gründeten das Erzstift, ein Kaiser Otto und ein Erzbischof Adalbert zerstören es.“ Auch widerstanden mehre thüringische Burgen, wie Rothenburg und Salza, nicht seinen Belagerungsmaschinen. Der bisher noch in Deutschland nicht gekannte, sogenannte Dreibock setzte alle Burgen in Schrecken. Aber schon vor Weißensee, das wiederum den Mittelpunkt des Krieges abgab, sollte das Glück dem Kaiser den Rücken wenden. Wie einst gegen Philipp, leistete jetzt gegen Otto, dem wie jenem der Markgraf Dietrich als Kampfgenosse gefolgt war, die kleine Besatzung gegen ein Belagerungsheer von 2500 Mann den heldenmüthigsten Widerstand. Otto, dem die Misstimmung im Reiche nicht verborgen blieb und der namentlich an der Treue der Baiern und Schwaben zu

 

 

 

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Zweifeln Grund hatte, hoffte durch seine Vermählung mit Beatrix eine bessere Stimmung unter den Fürsten und Völkern für sich zu erwecken. Darum bewilligte er den Belagerten gern einen Waffenstillstand, während dessen er nach Nordhausen ging, wohin er Beatrix, die seit ihrer Verlobung (1208) in Braunschweig erzogen worden, hatte führen lassen, und die Hochzeit so glänzend, als es die Umstände gestatteten, (am 7. August 1212) feierte. Doch was er sich zum Heile ersehen, schlug zum größten Unheil für ihn aus. Vier Tage nach dem Beilager starb plötzlich die Neuvermählte in ihrem 16. Lebensjahre, ohne daß die Ursache ihres Todes sich erklären ließ.

 

Die nachtheilige Wirkung dieses Ereignisses zeigte sich zuerst in dem kaiserlichen Heere vor Weißensee. Die Besatzung hatte freiwillig die Außenwerke der Vestung aufgegeben, weil ihre Mannschaft zu gering war, um sie gegen, die zahlreichen Belagrer lange halten zu können. Dagegen hatten sie sich in dem Waffenstillstande ausbedungen, die zahlreiche die innern Befestigungen zu verstärken und wegen deren Uebergabe erst den Willen des Landgrafen einzuholen. Der Vorfall in Nordhausen mußte beiden kriegsführenden Parteien eine andre Stellung geben. Da die Besatzung selber ihrem Herrn die Zusicherung gab, daß sie innerhalb der Hauptveste, die von geringem Umfang, aber unbezwinglich war, sich noch lange halten könne, ließ Hermann sie zu tapferm Ausharren ermuthigen und versprach bald zum Entsatz mit seinen zusammengezogenen Scharen herbeizukommen. Es war dies gewiß kein leeres Versprechen, da er die Wichtigkeit Weißensees kannte und für dessen Behauptung das Aeußerste hätte wagen müssen.

 

 

 

 

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Auch durfte er wol auf Ottokar's Hilfe abermals zählen. Aber mehr als Alles hob seine Hoffnung der Tod Beatricens, der einen Wendepunkt für diesen Krieg wie für Otto’s Geschick wurde. Als Letztrer voll Schmerz und Unmuth in das Lager vor Weißensee zurückkehrte, fand er zwar seinen tapfern Truchses und die abgefallenen thüringischen Barone in der größten Thätigkeit, neue Belagerungsmaschinen zu erbauen, wozu das Material auf zahllosen Wagen, herbeigeschafft worden, aber seine eignen Scharen waren muthlos und klagten über ausgebliebenen Sold und Mangel an Lebensmitteln. Vollends die Schwaben und Baiern brachen in lautes Murren aus, jene weil sie in Beatrix den letzten Anhalt für den Kaiser verloren, diese weil sie gleich ihrem Herzoge mehr hohenstaufisch als welfisch gesinnt waren. Als beide Völker heimlich bei Nacht abzogen, mußte Otto die Belagerung aufgeben und hinter den Mauern Erfurts Schutz suchen, da nun der Landgraf in offnem Felde ihm leicht gefährlich werden konnte. So ward von Thüringen, dessen Gebieter der Untergang zugedacht war, der Krieg glücklich abgewandt.

 

Von einer ganz entgegengesetzten Seite drohte Otto der verderblichste Schlag. Friedrich II. hatte die Einladung nach Deutschland, die ihm von zwei schwäbischen Vasallen, Heinrich von Nifen und Anselm von Justingen überbracht war, trotz aller Widerrede der apulischen Großen und seiner Gemahlin Gehör gegeben und ohne Heer, ohne Verbündete und bedeutende Hilfsmittel unter Gefahren und Mühseligkeiten durch ganz Italien, dann über die rauhen Alpen seine Reise genommen. Nicht anders als abenteuerlich und nur einem siebzehnjährigen Jüngling,

 

 

 

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der freilich schon Vater war, verzeihlich ist Friedrich‘s Zug nach Deutschland zu nennen. Daß er dennoch sein Ziel, die Kaiserkrone erreichte, war die Folge von tausend Glücksumständen, die für ihn ganz außerhalb aller Berechnungen lagen. — Als Otto in Erfurt von seiner Annäherung Kunde erhielt, eilte er mit dem kleinen Ueberreste seines Heeres nach Schwaben, das er ungehindert durchzog. Hinreichend wären noch seine wenigen Hundert Mann gewesen, um dem kühnen Abenteurer den Eintritt in Deutschland zu versperren; aber auch das gehörte zu Friedrich‘s Glücksfällen, daß er drei Stunden vor Otto in Konstanz eintraf, an dessen festen Mauern und ergebenen Bürgern einen Schutzwall erhielt, vor welchem der Kaiser sich zurückziehen mußte. Ebenso mislang diesem Breisach zu gewinnen, wodurch er des Gegners Vordringen am Rhein verhindert haben würde. Da der Abfall der Fürsten und Völker ihn bald zum Aufbruch nach Norddeutschland zwang, ward Friedrich ohne Schwertschlag Herr des Rheinstromes bis Mainz und Frankfurt hin. Täglich mehrte sich die Zahl seiner Anhänger, die er durch seine Liebenswürdigkeit und noch mehr durch seine Freigebigkeit an sich fesselte. Bald erfüllte der Ruf beider das ganze reich und Jeder eilte zu ihm, um an den Schätzen, die der neue Herrscher reichlich verschwendete, seinen Theil zu erhalten. So blieb denn auch Landgraf Hermann nicht aus, im Gefühl, daß Friedrich ihm zum größten Dank verpflichtet sei. Und dieser täuschte seine Erwartungen nicht. An der Spitze von 500 Rittern zog der junge König aus Frankfurt seinem Oheim entgegen, nannte ihn seinen Wohlthäter und väterlichen Freund und führte ihn im

 

 

 

 

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Triumpfe nach der Stadt zurück. Im Januar 1213 hielt er daselbst einen glänzenden Hoftag, zu dem noch viele andre Fürsten, darunter Ottokar von Böhmen, herbeikamen, Friedrich den Lehnseid schwuren und sogar die Zusicherung gaben, daß sie selbst, wenn er stürbe, nicht zu Otto zurückkehren, sondern seinem damals einjährigen Sohne Heinrich die Krone zuwenden würden. Ohne Maßen war dafür seine Freigebigkeit. Ansehnliche Summen, die er von seinem Verbündeten Philipp August von Frankreich empfangen *), gebot er nebst andern, die er aus eignem Schatze nahm, seinem Kanzler, dem Bischof von Speier, unter die Großen des Reichs zu vertheilen. Dem Böhmenkönige ward fast gänzliche Unabhängigkeit zugesichert, und so Ottokar als Gnade zugestanden, was von dessen Vorgängern lange erstrebt, aber bisher noch von allen Kaisern als entehrend für das Reich zurückgewiesen war. Friedrich‘s ganzes Auftreten erscheint durchweg mehr wie ein Spielen mit der höchsten weltlichen Gewalt, denn als ein kräftiges, heilsames Zusammenhalten der schon so tief herabgesunkenen Königsmacht. Den deutschen Fürsten war freilich mit einem solchen Herrscher gedient, unter dem sie zu fast unabhängigen Landesfürsten sich erheben konnten.

 

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*) Bekanntlich war Philipp August ein erbitterter Gegner Johann‘s von England. Dieses Schwestersohn Otto IV. war ihm darum gleichfalls verhaßt und er unterstützte einen jeden Gegner des Kaisers, wie früher Philipp, so jetzt Friedrich II. Das mußte denn wol Otto‘s gerechten Zorn wecken, der leider in der Schlacht bei Bouvines ihm das größte Unglück bereitete.

 

 

 

 

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Als Friedrich ernstliche Dienste von ihnen foderte, waren sie minder willfährig, thätig und hilfreich, als die Gaben des verschwenderischen Königs in Empfang zu nehmen. Und Friedrich standen nicht unerschöpfliche Reichthümer zu Gebote. Da mußte er denn neue Rechte, Gnaden und Würden verleihen und entblödete sich nicht, selbst Provinzen des Reiches an fremde Fürsten, wie an König Philipp August von Frankreich und König Waldemar von Dänemark abzutreten.

 

Wider einen solchen im äußern Prunk der Krone sich weidenden Gegner hätte wol Otto noch einmal das Uebergewicht erlangen können, wenn er nicht durch Stolz, Härte und endlich durch ein völlig düstres und zurückschreckendes Wesen alle Anhänger von sich abgewendet, wenn er nicht in unbedachte Unternehmungen sich eingelassen, oder wenn nicht, was die Folge von beidem war, das Glück ihm auf immer den Rücken gekehrt hätte. Dies zeigte sich vornehmlich in dem Kriege, den er wider den König von Frankreich begann und der so verderbliche Folgen für ihn hatte. Den harten Tadel, der von Vielen wegen dieses Unternehmens über Otto ausgesprochen worden, haben mit Recht Andre zurückgewiesen, aber leugnen läßt sich’s nicht, die Niederlage bei Bouvines (am 27. Juli 1214) entzog dem Kaiser den letzten Schimmer seiner Macht und seitdem war er bis zu seinem Tode 1218 ein Schatten, den weder Friedrich noch die zu diesem abgefallenen Fürsten zu fürchten hatten.

 

Verfolgen wir nun noch den Ausgang von Hermann’s Lebenstagen. Als Otto von Weißensee abgezogen, hielten noch die thüringischen Barone und der Truchses Gunzelin

 

 

 

 

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die Veste eingeschlossen. Schon hatten sie den am See gelegenen Theil der Stadt eingenommen, als Hermann’s Heer unter Anführung eines Grafen von Schwarzburg, der diesmal dem Landgrafen die Treue bewahrt hatte, und des seinem Herrn ganz ergebenen Schenken Walther von Vargila sie überfiel, Friedrich von Beichlingen und Heinrich von Stolberg gefangen nahm und die Uebrigen zersprengte. Hiemit war die Macht der Empörer gebrochen, Alle mußten die Gnade des Landgrafen nachsuchen und die beiden Gefangenen überdies noch von dem Grafen von Schwarzburg und Vargila sich theuer lösen.

 

Nur ein Großer des Landes wagte es seitdem Hermann trotzig entgegenzutreten, doch erscheint dieser Widerstand in keinem Zusammenhange mit dem Reichskriege. Graf Hermann von Orlamünde, ein Bruder Albrecht’s, den wir mit ziemlicher Gewißheit für einen Schwiegersohn des Landgrafen halten dürfen, zog sich den Zorn des Letztern zu, weil er des auf einer Pilgerfahrt abwesenden Bruders Besitzungen sich anmaßte und von der Theilung nach seines Vaters Siegfried Testamentsbestimmung, wonach Hermann Orlamünde, Albrecht Weimar erhalten, nichts wissen wollte. Als der Landgraf ihn an die Herausgabe des brüderlichen Erbtheils und an den Lehnseid, den er ihm zu leisten habe, erinnern ließ, behauptete jener keck, der Landgraf sei weder sein Lehns- noch Oberherr, ja das orlamündische Haus sei viel älter und edler als das landgräfliche, dessen Ahnherr nur Vizdom des Erzbischofs von Mainz gewesen wäre. Als ältestem Sprosse seines Stammes gebühre ihm die Anordnung und Verwaltung der Hinterlassenschaft des Vaters

 

 

 

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und von seinem Bruder Albrecht sei keine sichre Kunde, ob er noch am Leben; jedenfalls habe keiner als etwa der Kaiser den Abwesenden zu vertreten und ihn selber zur Rechenschaft zu ziehen. Des Landgrafen eigne Ehre und sein Interesse für den Schwiegersohn erheischten solchen Trotz zu strafen. Doch war des Grafen Macht nicht klein, da dem orlamündischen Hause unter Siegfried die bedeutende Marianische Erbschaft zugefallen war und außerdem ansehnliche Besitzungen im Voigtlande und Franken angehörten. Ueberdies bot abermals ein Burggraf von Kirchberg dem Widerspenstigen gegen den Landgrafen seinen Beistand; ja, vielleicht stand Friedrich II. selbst als Beschützer jenes im Hintergrunde. Die neue Fehde (1214) in dem schon so schwer heimgesuchten Thüringen hatte, wie immer, Raub, Plünderung, Verheerung in ihrem Gefolge. Der Landgraf besetzte Weimar mit seinen Scharen und ließ die Stadt durch Wälle befestigen. Die verwegenen Rebellen büßten bald für ihre Kühnheit. Beide wurden beim Plündern gefangen genommen und zu enger Haft nach Eisenach abgeführt; mit schwerem Gelder sollten sie sich lösen. Doch entkam durch Nachlässigkeit oder wahrscheinlicher durch Verrath der Wächter Hermann von Orlarnünde, worüber der Landgraf in solchen Zorn gerieth, daß er nicht nur die schuldigen Hüter, sondern auch deren Weiber zum Tode verurtheilte. Endlich entschied König Friedrich die Sache, söhnte den Landgrafen mit Hermann aus und behielt an Letzterm einen zu allen Zeiten ihm ganz ergebenen und dienstfertigen Anhänger.

 

In dem neuen Reichschisma zwischen Friedrich und Otto verfolgte natürlich der Landgraf mehr sein eignes Ziel,

 

 

 

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als daß er für die Sache des Königs, dem er sich angeschlossen, mit Eifer gehandelt hätte. So erkaltete bald die in Frankfurt geschlossene Freuudschaft zwischen Neffen und Oheim. Etwas mußte Letzrer freilich für die erhaltenen Geldsummen, Begünstigungen und Ehrenbezeigungen zum Entgelt thun, und so unternahm er denn 1214 in Gemeinschaft mit Ottokar von Böhmen einen Streifzug in die Erblande Kaiser Otto‘s. Allein außer Plündern und Brennen wird kein weitrer Erfolg jener Heerfahrt angemerkt. Wenn für Otto noch immer die sächsischen, ja mit Ausnahme des Erzbischofs von Magdeburg, des Bischofs von Münster und des Grafen von Geldern alle Fürsten von Norddeutschland waren, so hatte dies doch keine Feindschaft zwischen ihnen und dem der hohenstaufischen Partei anhängenden Landgrafen hervorgerufen, wie denn überhaupt in Deutschland der Kampf zwischen Welfen und Waiblingern ohne Leidenschaftlichkeit, ohne durchgreifende Consequenz von Seiten der Anhänger beider Häuser fortgesetzt wurde, weil ein jeder der größern Landesfürsten mehr auf die Erhaltung und Vergrößerung seiner Macht und Unabhängigkeit vom Reiche bedacht war, als daß er einem allgemeinen Reichsinteresse sich zuwandte. Von Friedrich’s II. Regierung haben wir, trotz seiner vielgerühmten Gesetzgebung, mancher heilsamen Anordnung und anerkennenswerthen Verdienste, doch den gänzlichen Verfall der königlichen Macht und das Aufkommen der Landesherrlichkeit der deutschen Fürsten als Hauptcharakterzug anzugeben, woraus denn nothwendig die Schwäche und Zerrüttung während des sogenannten Interregnums hervorgehen mußten.

 

 

 

 

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237 Landgraf Hermann von Thüringen.

 

Nicht völlig zu erweisen, aber auch nicht völlig zurückzuweisen ist die Vermuthung, daß Hermann im Anfang 1215 noch einmal den Anträgen und Versprechungen Otto’s geneigtes Ohr gegeben und einen neuen Parteiwechsel vorbereitet habe, wovon nur ein plötzlicher Tod ihn abhielt. Längere Zeit schon litt er an einem chronischen Uebel. Als er im April des genannten Jahres den Adel des Landes zu einem Landtage auf Schloß Grimmenstein oberhalb Gotha berufen hatte, erfaßte ihn dieses Uebel mit einem tödtlichen Schlage (am Tage von St. Marcus, d. i. dem 26. April), was bei seinen Freunden große Betrübniß, bei seinen Feinden manchen bösen Leumund erregte. Seiner frühern Bestimmung gemäß, ließ ihn Landgräfin Sophia in der Katharinenkirche zu Eisenach feierlichst bestatten, wie heftigen Widerspruch auch der Abt des Klosters Reinhardsbrunn, wo alle Vorfahren Hermann‘s ruhten, erhob. Wenn Erzbischof Siegfried von Mainz noch mehre Jahre danach behauptete, Hermann sei im Banne gestorben, so ist dies wol nur jenem Leumund und dem alten Haß des Erzstiftes gegen die Landgrafen beizumessen. Fügen wir zum Schlusse über Hermann‘s Tod noch die Worte desselben Chronisten hinzu, dessen charakteristische Zeichnung von dem Fürsten wir dieser biographischen Skizze vorausschickten: „Von seinem Tode ist mancherlei Wahn und Sage, daß es besser ist, davon zu schweigen, wie er sein Ende nahm, als daß man davon freventlich schreibe. Seine Verleumdung (Ruhm) und sein Preis flog zu allen Fürsten in Deutschland über seine Tugenden, seine Frömmigkeit und Kampfeslust. Nun

 

 

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ist Alles lobzupreisen. Wie edel und wie hoch ein Baum sein mag, fällt er nieder, so muß er liegen, auf welcher Seite es immer sei. Was offenbar ist, davon sprechen viel Leute, was verborgen und heimlich, das weiß Gott am besten allein!“

 

 

 

Quelle:

 

Landgraf Hermann von Thüringen. Eine historische Skizze, von E. Gervais. In Historisches Taschenbuch. Herausgegeben von Friedrich von Raumer. Neue Folge. Vierter Jahrgang. S. 137 – 238. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1843

 

 

Bildnachweis:

Bau und Kunstdenkmäler Thüringens. Heft 16. Grossherzogthum Weimar-Eisenach. Amtsgerichtsbezirk Eisenach. III. Die Wartburg. Von G. Voss

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ludwig Ernst 1846 über Minnesinger mit einer Auswahl ihrer Lieder

 

 

Die Minnesänger als politische und sociale Parthei an einer Auswahl ihrer Lieder

 

dargestellt von

 

L. Ernst,

 

Dr. phil. Gymnasiallehrer in Güstrow.

 

Güstrow.

 

Verlag von F. Opitz & Comp.

 

1846.

 

 

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Seinem Freunde

 

dem

 

Herrn Dr. Chr. Wilbrandt,

 

Professor der Aesthetik und neuern Litteratur an der Landes-Universität,

 

bietet

 

mit der Gesinnung aufrichtiger Hochachtung und Freundschaft

 

diese Blätter

 

d. V.

 

 

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Die mhd. Lyriker erscheinen unter dem Gesammtnamen der Minnesinger noch in allen Sammlungen als eine verworrene Masse von eigentlichem Minnesang und von Liedern anderer Art und des verschiedensten Inhalts. Die neueste vollständige Ausgabe aller Minnesinger von v. d. Hagen gewährt endlich, nachdem hin und wieder einzelne Handschriften und Dichter vereinzelt herausgegeben waren, einen vollständigen Ueberblick über das Ganze der mhd. Gesangesdichtung, die ungefähr einen Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten geblüht hat, und die von dem genannten Herausgeber seiner Sammlung im vierten Bande beigegebenen, höchst dankenswerthen und fleißigen Notizen und Forschungen enthalten für eine neue Darstellung und Anordnung dieser Dichter die anregendsten Fingerzeige; wie sich denn in Kobersteins neuester Auflage seines Grundrisses der Geschichte der deutschen National-Litteratur (Leipzig, 1845) auch die Minnesinger in den verschiedenen Arten ihres Gesanges, durch Berücksichtigung der Forschungen v. d. Hagens, einer ausführlicheren und genaueren Darstellung erfreuen. Das dort gesagte muß ich hier voraussetzen, obwol nicht in dem Sinne, als ob ich mit demselben völlig übereinstimmte. Vielmehr scheint mir der umsichtige Herr Verfasser des Grundrisses die Scheidung, welche im 13ten Jahrhunderte zwischen den dichtenden Herren und den Meistern in Bezug auf den Inhalt und die Tendenz ihres Gesangs und auf ihre eigne Bildung und Gesinnung besteht, entschieden nicht gewürdigt zu haben; und ist derselbe deshalb, was mit dem Vorigen zusammenhängt, bei der herkömmlichen Ansicht beharrt, daß mit dem Verfalle des Reichs um 1245 die politische, oder, wie wir bezeichnender sagen mögen, die Partheidichtung schwächer, dem Inhalte nach allgemeiner, und der Zahl nach seltener, die Loblieder auf weltliche und geistliche Herren gegen das Ende des Jahrhunderts immer gezierter, schmeichlerischer und manierirter werden. Indem so bis auf die letzte alle gewichtigen Stimmen der Critiker und Litterarhistoriker sich vereinigen, um über die Dichtung der bürgerlichen Meister seit der Mitte des 13ten Jahrhunderts (denn diese allein mit wenigen Ausnahmen und nach Vorgang weniger Dichter vom Herrenstande, setzen die ernste Lyrik fort, während die paar adlichen Sänger nach 1250 im Allgemeinen nur noch Liebeslieder zwitscherten) den Stab zu brechen, mag es mir einen schwierigen Stand bedeuten, wenn ich dennoch im

 

 

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Folgenden unternehme, die Ehre der Meister sowol in Hinsicht ihrer Kunst wie ihrer Gesinnung zu verfechten. Beide sind zumal von Gervinus in seiner Geschichte der poetischen National-Litteratur der Deutschen (Bd. I, Leipzig 1835, S. 285 – 322) hart bezüchtigt worden, und es scheint als ob sein Urtheil seiner geistreichen Darstellung zu Gefallen nur in zu weiter Verbreitung Aufnahme gefunden hat. Es trug dazu bei, was auch Gervinus vermocht hat, in seiner Critik der mhd. Lyriker den Minnesang vorzüglich zu berücksichtigen, daß nämlich von jeher das größere Publicum der Gebildeten sowol, als das engere der Gelehrten die Minnelieder vorzugsweise kannte, lieb gewann, und sich gewöhnte, sie als den eigenthümlichsten und vortrefflichsten Gesang jener Zeiten zu betrachten. Zudem hat besonders ein der besseren Zeit des Minnesangs angehörender Dichter, Walter v. d. V., wegen seiner unzweifelhaft reichsten Begabtheit vorzügliche Beachtung gefunden, und Gervinus, der in dem Ursprünglichen überall das Bessere sieht, vindicirt ihm im Vergleich mit den späteren beides. Jedoch so wenig wie in neuerer Kunstepoche mit den Liebesliedern, z. B. Goethes, das Höchste der Lyrik erschwungen war, ebensowenig war mit dem Minneliede im 13ten Jahrhunderte der Gipfel der lyrischen Dichtkunst erstiegen: vielmehr haben nach Walters Vorgang die Dichter bis in die Zeit Rudolfs v. H. erst ihren wahren Beruf gefunden, und mehrere unter ihnen, die wahrlich nicht die schlechtesten sind, haben uns fast gar kein Minnelied hinterlassen, wohl wahrscheinlich auch ebenso wenig gedichtet. An Kraft und Reinheit des Ausdrucks aber und in der Kunst, welche man die Plastik des Lyrikers nennen könnte, wird Walter von manchem Nachfolger erreicht, der ihn an tiefer und sinnreicher Auffassung und an Adel der Gesinnung weit übertrifft.

 

Schon das natürliche Verhältnis der beiden Dichtungsarten, der erzählenden und der sanghaften, welches sich überall herausstellt, wo der Geist der Dichtkunst frei und selbstwüchsig in einem Volke erwacht ist, müßte uns Bedenken erregen, wollten wir das Ende der Blüthe aller und jeder mhd. Lyrik mit dem Abschlusse der guten Minnedichtung um das Jahr 1250 zusammenfallen lassen. Der Geist, welcher die sangbaren Ergüsse der Empfindung, sei es des verwundeten oder des entzückten Gefühls für Sittlichkeit, Ehre, Anstand und Liebe hervortreibt, bedarf, wenn er nicht aus der Fremde durch die Poesie eines sinn- und geistverwandten Volkes angeregt und eingeschult wird (welches Verhältnis, die Dichtkunst der Courtoisie etwa ausgenommen, erweislich bei der mhd. Lyrik nicht anzunehmen ist) er bedarf der erzählenden Dichtung als Vorschule, aus deren unbefangnem Urtheile er sein reflectirtes Urtheil erst zu gewinnen hat; und es besteht der Fortschritt von der erzählenden zur sangbaren Dichtung zugleich auch als ein Unterschied in der Zeit: die höhere, einen gebildeteren Verstand voraussetzende lyrische Poesie tritt nach dem Epos und gewissermaßen als ein Erzeugnis desselben ins Dasein. Für die Lyrik der ritterlichen Sänger bis um 1250 sieht man sich gezwungen, zuzugeben, daß sie ein späteres Erzeugnis als der Ritterroman, und es ist ein Leichtes, nachzuweisen, wie der beste ritterliche Sänger, Walter v. d. V, die Grundideen des Ritterepos von den

 

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drei verschiedenen Sagenkreisen vollständig in seinem Gesange reflectirt. Unterdessen war das Volksepos den bürgerlichen Dichtern, den fahrenden Sängern verschiedenen Ranges und Standes der Kunst, anheimgefallen, und man sollte denken, daß auch sie auf dem Grunde der ihnen nunmehr eigenthünlich angehörenden Epik, angeregt durch die ritterlichen Sänger, zu einer derselben entsprechenden Lyrik fortgeschritten wären, die sich durch dieselben Vorzüge von der ritterlichen Lyrik unterschiede, durch welche sich der Geist des Volksepos von dem Ritterromane unterscheidet. Jedoch dies Verhältnis ist ganz übersehen, und die Blüthe der Lyrik soll im Allgemeinen um die Mitte des 13ten Jahrhunderts verwelkt sein. Und warum? Weil die Verwirrung aller Zustände und die Verwilderung aller Volksclassen seit der Zeit der Gegenkönige sie plötzlich geknickt habe. Im Gegentheil hat vielmehr diese Verwirrung und Verwilderung jene Blüthe erst recht bethaut und belebt, nicht alle Stände waren sittlich untergraben, der Jammer des Vaterlands, die Schmach der schwachen Geister haben die Schärfen und Tiefen der starken Geister erst recht an das Licht gezogen, und die weichliche, verzweifelnde oder ruhmredige Minnelust räumt das Feld dem männlich edlen prophetischen Zorn. Die Minne konnte in jenen Zeiten schwerer Noth und allgemeiner Entsittlichung der herrschenden Stände nur verderben und ins Gemeine fallen; aber wenn hie und da Einer seinem Stande Ehre machte, seine Krone adelte und treu bei der Freundschaft hielt, wo es so leicht und straflos und alltäglich war, das Gegentheil zu thun, da trafen die Lichter und die Schatten so viel schroffer auf einander, und forderten die Sänger um so viel eindringlicher auf, mit der Kunst dem Ernste der Wirklichkeit nachzukommen. Fragt man: wo blieben die Sänger, die an den alten sangberühmten Höfen keinen Schutz, keine gnädige Aufnahme, keine Kleider, keine Auslösung der Pfänder, keinen guten Tisch mehr erhielten: so sind das eben nicht Haupterfordernisse für guten Sang, obwohl für die unbefangene Fröhlichkeit des Minnelebens. Die späteren Dichter, die Bürgerlichen *) vor der Bildung der Meistergesangschulen, waren weniger als die frühern adlichen Dichter von der Gunst der Höfe abhängig; sie hatten keine Ansprüche auf standesmäßige Erscheinung zu machen nöthig. Noch gab es zwischen Wien, Eisenach und St. Gallen Herren genug, es gab sogar deren mehr, als früher, die sich am Gesange ihrer Gäste ergötzten, und konnten sie weniger lohnen, als die größeren, reicheren Herren, klagen selbst die Dichter, daß sich die Milde leider zu den Armen geflüchtet habe, so glänzte dafür ihr Lob desto herrlicher. Eine andere Zufluchtsstätte der fahrenden Meister war der Nordosten Deutschlands, ja selbst Dänemark, wo sich, wie man sagt, eine schöne Nachblüthe der ritterlichen Dichtung länger als in dem verwilderten Süden erhielt, wo aber, mögen wir hinzufügen; allem Anscheine nach auch das Ritterepos nicht das Volksepos

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*) Und an sie schließen sich, wie schon angedeutet, anfangs noch einige vom Herrenstande an, deren Sprüche, wie die Reinmars v. Zw. zeigen, daß sie Stellung und Gesinnung mit den bürgerlichen theilten.

 

 

 

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unter sich brachte, wo überhaupt deutsche Sitte und Verständigkeit von dem Schwindelgeist der romanischen Völker, ihrer Sitte, Polikik und Poesie ungetrübter blieben. Und endlich blühten nach dem Fall der Hohenstaufen die Städte Süddeutschlands mächtig empor, von den Burgen flüchtete sich der Gesang zu den Bürgern, und in Mainz zumal, wo gegen den Erzbischof eine stetige Opposition, wie in Rom gegen den Pabst herrschte, wo auch die erste Meistergesangschule den Fortschritt in der Kunst machte, der dieser damals zunächst lag, fanden gebildete Dichter gewiß willkommene Aufnahme, wie dies von dem Meißner Frauenlob bekannt ist. Hier, in den Städten entstanden daher auch aus den mündlichen Ueberlieferungen der Meistersänger die Sammlungen der von ihnen auswendig gewußten Lieder früherer, zumal adlicher Dichter und ihrer eigenen Produkte.

 

Was Gervinus über den eigentlichen Minnesang der adlichen Dichter urtheilt, das wird meiner Meinung nach zum größten Theile von allen Vernünftigen unterschrieben werden können; nicht so jedoch, was er in Bausch und Bogen über die ernsteren Gattungen der mhd. Lyrik, und insbesondere über das Verhältnis der späteren Dichter zu Walter v. d. V. geltend machen will. Ihn, scheint es, haben die Vorzüge der provençalischen Lyrik, das Feuer, die Leidenschaft, die Rücksichtslosigkeit, die Feinheit und die Libertinage der südfranzösischen Dichter gegen die weniger offen darliegenden Vorzüge unsrer deutschen Meister geblendet. Nobler ist jene Dichtung, edler die deutsche. Die letztere schildert Gervinus, als wäre sie nur wie Stylübungen eines düstern, schwermüthigen, beschaulichen und mißvergnügten Geistes. Aber man muß nur nicht erlahmen, durch den Wust von Minneliedern zu denen ernsteren Inhalts durchzudringen, und wenn man diese dann mit frischen und für ihre Eigenthümlichkeit offenen Sinnen durchliest, und nicht etwa mit der Absicht, vergnüglich darüber als über ein unbedeutendes Theilchen der poetischen Producte seines Volkes abzuurtheln: so wird man da, wo Gervinus düstere Träumerei sah, lichtvollen Ernst finden, wo er die Besonderheit vermißt, wie auch Jacob Grimm vor ihm, wird man scharf ausgeprägte charactervolle Naturen gewahren, denen nur der gemeinsame Gebrauch der stehenden Kunstformen und durch das Epos ausgebildeten Redeweisen äußerlich dasselbe Colorit ertheilt. Wo ferner Gervinus nur Jammer und Jeremiaden gefunden hat, wird man scharfen, verständigen, patriotischen Zorn, männlichen Schmerz und einen um so schneidenderen Spott finden, weil er sich nicht an die Aeußerlichkeiten des Mannes, des Standes oder der Nation (wie etwa an ihre dem wälschen Ohr krächzende Sprache) sondern an ihre innerste Bedeutung wendet. Dem unbefangenen Leser wird sich auch nicht entziehen, daß die meisten dieser Lieder echte Gelegenheitsgedichte sind, daß ihr ganzer Ton, die Deutlichkeit und Durchsichtigkeit des Bildes in den Liedern und Sprüchen auf ganz bestimmte Anlässe hinweist, aus denen die Dichter den Anstoß zum Ergusse ihrer Klagen, ihres Rühmens, ihres Tadels und ihres Spottes erhielten. Es müßte denn nothwendig zum Wesen des Gelegenheitsgedichts gehören, daß dasselbe Namen und bestimmte Begebenheiten als die Anlässe der

 

 

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dichterischen Gemüthsbewegung an der Stirne trüge. Doch da liegt eben die Klippe, wo die Dichtung so leicht gemein wird, wie dies Gervinus selbst von der provençalischen zugesteht. Oder sind nicht alle übrigen Lieder Göthes ebenso gut Gelegenheitsgedichte, wie diejenigen, deren gelegentliche Entstehung er selber nachgewiesen hat? So wenig wie man annehmen darf, das er je die Gelegenheit vom Baum gebrochen, um ein Gedicht zu machen, dessen Inhalt er nicht wahr und tief empfunden, oder daß ihn etwa die Lust angewandelt über irgend einen beliebigen Gegenstand in Versen auszukramen, was er darüber weises zu sagen wußte, so wenig kann man dasselbe von den mhd. Sangesmeistern annehmen, so lange wenigstens sie noch nicht im Wettkampfe in den Meisterschulen sangen, wo allerdings der Geist verknöchert und die Kunst auf die bloße Form herabgebracht wurde. Endlich aber wird dem unbefangenen Leser, wenn er zugleich nur einigermaßen Kenner der damaligen deutschen Reichsverhältnisse ist, aus der ganzen edleren Haltung jener meisterlichen Muse in die Augen fallen, warum dieselbe die von Gervinus an der provençalischen Lyrik gerühmten Vorzüge weder besitzen konnte noch durfte. Da ich mir hier nicht zur Aufgabe gemacht, das Wesen des ganzen nicht minnigen Gesangs unsrer mhd. Dichter blos zu legen, sondern da ich nur für die Einsicht in einen bestimmten Theil derselben der unbefangenen Ansicht Raum verschaffen will, so kann ich mich auf eine durchgreifende Critik des von Gervinus über jene ganze Dichtung ausgesprochenen Verdammungsurtheiles nicht einlassen, will jedoch einige der wesentlichsten Einwürfe, die er als Bewunderer der Provençalen den Deutschen macht, in Betrachtung ziehen.

 

Gervinus bestaunt es, (p. 296.) unter allen poetischen Producten eines ausschließend kriegerischen Standes kein einziges Kriegslied anzutreffen, das, wie die Lieder des Bertrand de Born, die Liebe am Kampfspiel, an Belagerung und Schlachtgetümmel sänge. Darauf muß man erwidern, daß die Deutschen nicht etwa keine Lust an den genannten Gegenständen empfanden, daß sie ebenso wenig der Lust ermangelt, dieselben darzustellen und daß sie jeder andern Nation der alten und neuen Geschichte den Vorrang in der meisterhaften Schilderung von Helden und Kämpfen streitig machen können. Wo wäre die Lust am Gebrauche der Waffen und zugleich das ruhige, selbstvertrauende Beherrschen des Kampfes eindrucksvoller dargestellt, als in dem deutschen Volksepos? Welches Volk hat eine solche Heldenfigur aufzuweisen, wie Volkher der Spielmann, bei welchem der Waffendienst, wie es sich für den besonnenen Mann ziemt, zum Spiel herabgesetzt ist, zum Handwerk, das an sich zu roh ist, um poetisch zu sein und das nur als Boden für poetische, und bei den Deutschen größtentheils humoristische Entfaltung des Gemüthes benutzt wird. Die deutsche Ritterdichtung kennt keine wuthschnaubende Recken, das Gemüth unserer Dichter ist zu human, um sich der Lust am Graus der Zerstörung zu rühmen. Die Schilderung der Kampflust und des Kampfes selbst gehört in das Epos oder in das erzählende Lied, nur so hat sie bleibenden Werth; für sich allein ist sie sowol zu hohl als zu unmenschlich, um

 

 

 

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dichterisch zu sein. Das erkennen wir wohl aus ähnlichen Producten jüngster Zeit. Während Schillers Kriegslied auf den Grafen Eberhard v. W. zu jeder Zeit einem gebildeten und männlichen Geschmacke zusagen wird, haben Körners Schwert-Lieder nur noch bei Knaben ein Publikum, und selbst in jener aufgeregten Kriegeszeit, wo sie entstanden sind, haben die alten launigen Soldatenlieder aus dem siebenjährigen und früheren Kriegen in den begeisterten Landwehren den Vorrang vor den Körnerschen und ähnlichen Liedern behauptet. Erzählenden Inhalts wie das altdeutsche Ludwigslied waren sicherlich auch die Kriegslieder, mit denen die Brabanter und andre deutsche Schaaren auf Wilhelms des Eroberers Zuge gegen die Engländer in die Schlacht gingen, und mit denen sie die Siegesfestlichkeiten verherrlichten, wie die Normannen mit dem Rolandsliede. *) Ist es nicht wahrscheinlich, daß auch die einzelnen Lieder des deutschen Volksepos von ritterlichen und bürgerlichen Dichtern bei ähnlichen Gelegenheiten in den Kriegen der Hohenstaufen gesungen und ausgebildet worden seien? In späterer Zeit, als die ritterlichen Sänger die Volksdichtung schon allgemein verschmähten, wurden sie auch im Felde vielleicht von anderen Gedichten verdrängt. Die sonderbare Nachricht in Ottokars von Horneck östreich. Reim-Chronik, welche uns den König Manfred mitten im Kriege von deutschen Dichtern **) und Fiedlern umdrängt zeigt, giebt uns zu verstehen, daß von beiden Theilen, was beide verstanden, von den Meistern Tanzreihen, von den Fiedlern die alten am Hofe verschmähten Lieder der Sage vor der Schlacht gesungen wurden. Vom Ludwigsliede an zeigt also durchgehends die deutsche Dichtung eine viel edlere Haltung im Kampfliede, als die französische, und durchweg hat sich der Geschmack des Volkes anders manifestirt, als er nach G's Urtheil hätte sein sollen. Hoffentlich wird man deßhalb den deutschen Dichtern nicht insgesammt den Vorwurf machen können, daß sie das Nächste der wirklichen Welt träumerisch in der Entfernung liegen lassen und so sehr aller Kraft und männlichen Tugend vergessen, um sich in Selbstquälereien aufzureiben. Freilich nicht alles, was der Deutschen äußeres Leben bewegte, spiegelt sich in ihrer Kunst, aber doch alles dasjenige, was mit dem äußeren Leben das Gemüth zugleich bewegte; von Vasallentreue, von Ritterpflicht, von Standesehre und Haß gegen andere Stände, von Zorn gegen Prälaten und Eifer gegen Rom und den Papst ist auch in

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*) Daß es jedoch auch andre, auf Kampf bezügliche Lieder gab, zeigt folgende Strophe eines der frühesten Liederdichter, des Speervogels, leider die einzige, die sich von dieser Art bei den mhd. Dichtern findet: (Man. 1, 4.) Es ziemt wol Helden, daß sie froh nach Leide sein;

kein Ungelükke ward so groß, da nicht wäre bei

ein Heil: deß soll’n wir uns versehen.

uns mag wol Frommen nach Schaden geschehen:

wir haben verloren ein feiges (zum Tode bestimmtes) Gut: viel stolze Helden, nicht ruchet. (kehrt euch nicht dran)

wir sollen deshalb nicht verzagen, es wird noch baß versuchet.

**) Deren einer, Meister Gebhart, dort fiel, ein anderer, Ulrich von Glesin, als wackerer Helfer gerühmt wird.

 

 

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Deutschland ein Erkleckliches gesungen, immer aber, und das ist von Wichtigkeit, immer mit dem patriotischen Sinne, dem das Wohl des Allgemeinen über das Gedeihen des Splitters vom Ganzen geht. Es ist daher ein Vorzug der deutschen Lieder, daß in ihnen die Subjectivität und das gemeine und unsittliche Interesse des Dichters oder seiner Parthei nicht grell und flammend hervortritt, wie in denen romanischer Zunge, wie denn der Umstand, daß sie bei aller Aufregung den Kopf oben behalten, ihnen auch den Ton der Besonnenheit und Vernünftigkeit bewahrt, den man nicht so leicht hin für ein Zeichen von Selbstgenüglichkeit, flacher Allgemeinheit und eines vagen Ideallebens hätte ansprechen sollen.

 

Der Vorwurf trifft allerdings die Dichter, daß sie, was ihre Vorgänger meist genossen, auch genießen wollten, ein geehrtes Leben an den Höfen. Doch trifft er sie nicht deshalb, „weil man in einem Kreise, der zu handeln und nicht bloß zu singen hatte, mit diesem Geschlechte nichts anzufangen wußte“, d. h. weil dies „Geschlecht“ für die vornehme Welt der Lotteritter zu untüchtig, idealistisch, abstract war, sondern weil sie im Gegentheil dafür zu tüchtig, freimüthig und edel gesonnen waren, weil sie verblendet genug waren, die Höfe noch im Besitz der früheren ehrenden und auszeichnenden Eigenschaften zu wähnen, wo im leichten Lebensgenusse zwar über die Schnur der strengen Sittlichkeit vielfach hinweggesprungen ward, aber an der Stelle der feinen, heitern, gesangliebenden Gesellschaft noch nicht das Geschlecht der pfafflichen Ritter und der ritterlichen Pfaffen Platz gewonnen hatte. Ihr Beruf war nicht mehr für die Höfe, und einige von ihnen erkannten dies auch wol und beschieden sich mit der Stelle, die der Geist der Zeit ihnen angewiesen hatte. Reinmar v. Zweter *) erhebt zum ersten Mal die Klage, daß die Freimüthigkeit des Dichters von Gewalt bedräut wird, und mehrere andere stimmen mit ein, daß das entnervte und unbändige Geschlecht sich aus ihrem Tadel nichts mache. Die Freimüthigkeit und Ehrenhaftigkeit also vertrieb die Dichter von den Höfen und Burgen. **) Stolle, ein trotziger und gelehrter Dichter,

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*) (Maness. 64.) Gewalt kann Melden unterstehn, (hindern)

Gedanken muß man ledig frei ungefangen lassen gehn;

es ward nie Kaiser noch König so hehr, der Gedanken und Merken konnte wehr'n.

Unzucht, was ist dir desto ba? (in wiefern ginge es Dir nun besser?)

**) Folgendes Lied des Meister Alexander persiflirt meisterlich die Schwäche eines Burgherrn gegen seine Gesellschafter und Diener und seine Furcht vor dem freimüthigen Sänger (Jen. I, 24.)

Herr Gawein Steig noch straße fand,

als er zu Galois in das Land

hinwieder reiten wollte:

so mag Burgau Galois wol sein,

da konnt' ich nimmer kommen hinein;

doch versuchte ich’s, wie ich sollte. (mußte)

Mir ward da Gruß und Rede verziegen, (vorenthalten)

sie sahen hinaus und schwiegen,

und hatten ihren Herrn so versperrt,

und thaten alle dem geleich,

als wäre er König Ermenreich

und ich der zornige Eckehart.

(der nämlich den König zur Rede zu setzen käme wegen des Mordes der Harlungen, deren treuer Pfleger Eckehart in der Sage ist.)

 

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im Character Ulrichs v. Hutten, erhebt laut das Lob seiner Wirthe, der freien Bauern in Stormarn, obgleich er sich auch am Hofe des Markgrafen v. Baden aufgehalten; und viele wackere Dichter kümmern sich um die Kleider und Speisen des Hofes gar nicht, was am besten dadurch bezeugt wird, daß ihre Lieder gänzlich davon schweigen: wie denn überhaupt das Zudrängen zu den Höfen nur von der kleineren Zahl mit Bestimmtheit behauptet werden kann. Natürlich war es aber, daß Männer, die von frühe auf einem Kreise angehörten, wo feinere gesellige Tournure herrschte, nur widerwillig aus demselben wichen, und denkbar ist, daß sie selbst das feinere Süddeutschland ungerne mit dem biedreren, aber derberen Norden vertauschten. Von der ehrenwerthen Gesinnung der meisten aber läßt sich mit Fug annehmen, daß sie, sobald ihnen über die veränderte höfische Sitte die Augen aufgegangen, sich in diejenigen Kreise unverdorbener Gesellschaft geflüchtet haben werden, wo sie für ihre dem Geiste und Gemüthe gebrachte Nahrung *) Gastlichkeit ohne Kränkungen und den Lohn fanden, den ein lernbegieriger Hörerkreis dem auf seine Kunst stolzen Dichter geben konnte.

 

Auf diese Weise wurde die Wirksamkeit der deutschen Lyriker eine ganz andre, als die der provençalischen Dichter, und in der That kann die politische Geschichte unsres Vaterlandes sie als Einzelne ohne Ausnahme **) nicht gebrauchen. Doch lag die Schuld nicht an ihnen, daß sie ihrem Vaterlande einen viel bedeutungsvolleren Dienst erwiesen, als jene Fremden dem ihrigen zu leisten je im Stande waren. Es war nicht ihre Schuld, nicht bewirken zu können, daß sie, wie die Dichter in der Provence an den Hof und in das politische Leben gezogen werden mußten, daß sie nicht, wenn sie auch jede öffentliche Handlung beurtheilten, sich mit ihren Rügeliedern, wie die Provençalen mit ihren Sirventes, in alle Verhältnisse drängen, ihren Rath wünschenswerth, und ihren Zorn gefürchtet machen konnten, so sehr sie, und selbst mit Leidenschaft, Parthei nahmen und in wie vielen Stücken sie auch die öffentliche Meinung bildeten.

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*) Vergl. G. p. 301. Darauf kommt es an, daß in jener Zeit gewisse Stände diese Nahrung fanden und zu einem größern Reichthum des innern und äußern Lebens gelangten. Ich möchte doch wissen, welche Nahrung, gesunde nämlich, die Deutschen aus der vornehm gemeinen provençalischen Dichtung hätten ziehen können.

**) Die Eine Ausnahme, welche G. statuirt, und welche, so viel ich weiß, keine andre sein wird, als die Walters v. d. V. Lied an Kaiser F. II. betreffende, worin W. den Kaiser zur Ausführung des Kreuzzugs mahnt, ließe sich, will man solche Ausnahmen gelten lassen, leicht um mehrere ähnliche vermehren. Als Conradin seinen Zug nach Italien anzutreten zauderte, erntete er beim Volke in Schwaben Schande und sie sangen Spottlieder auf ihn. Vgl. Minnes. Bd. 4, p. 8, Note 9.

 

 

 

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Der Unterschied der Wirksamkeit der beiden Dichterklassen beruht nicht blos auf der nationalen Verschiedenheit ihrer geistigen Anlagen und auf den verschiedenen Bildungswegen, auf denen beide zur Kunst und zum Stoffe des Gesanges gelangt waren, derselbe läßt sich ausreichend aus der Verschiedenheit der politischen Lage Deutschlands und derjenigen des mittägigen Frankreich erklären. Hier kein gemeinsames, weder verehrtes noch gefürchtetes Oberhaupt, kein anderes Bewußtsein der Einheit, als das der Sprache und einer gleich zügellosen und frechen Sitte, welche dem hitzigen und zum Zorn, zur Rache, wie zum Edelmuth gleich raschen Temperamente der Unterdrücker wie der Unterdrückten überall Vorschub that. *) Dazu kam die schroffe Stellung der Geistlichkeit und des Adels, die, anstatt durch die Kreuzzüge, wo sich der Adel mit edler Bereitwilligkeit in den Dienst der Kirche begab, vermittelt zu werden, eben durch die während dieser Züge an tausendfältiger Gelegenheit genährte Habgier der Geistlichkeit unversöhnlich wurde. Das Land, in eine Menge von größeren und kleineren Gebieten zersplittert, jede Stadt fast einem unumschränkten stolzen Baron oder Prälaten unterthan, der in ewigen Fehden mit seinen Nachbarn, hier Bündnisse schließend, dort brechend, sein vorzügliches Augenmerk darauf richten mußte, eine tapfere und gewandte Schaar um sich zu sammeln. In einigen Städten blühte freilich durch Handel und gute Verfassung ein kräftiges Bürgerthum, aber dieses bedingte nicht den allgemeinen Zustand des Landes und verschwindet gegen die mannigfaltigen unruhigen Bewegungen der kleineren und größeren Dynasten, welche allein die ganze armselige politische Geschichte dieses Landes bilden, auf welche sodann die grauenvolle Catastrophe des Albigenser Krieges folgt, wie ein Vermächtnis jener innerlich zerfressenen heiteren Welt.

 

Dies ist das Element, in dem jene stolzen, trotzigen und leidenschaftlichen Sänger mit einer Poesie sich bewegten, die mit bewundernswerther Beredsamkeit und Sophistik allen Interessen und Leidenschaften, den gemeinsten bis zu den edelsten, diente. Hier war natürlich jeder Mann von kriegerischen Tugenden und geselligen Talenten jedem Herren entweder ein willkommener und geehrter Freund oder ein furchtbarer Feind; tüchtige Persönlichkeiten fanden hier in jeder Weise ihre Geltung und daher bildeten sie sich auch hier in allen Arten und Schattirungen. Daran ist nicht zu zweifeln, daß jene in der damaligen Zeit der Provence als Helden und Dichter ausgezeichneten Männer in beiderlei Hinsicht höchst bedeutende Talente gewesen, daß sie den großen Italienern die Form wie den Gehalt der romantischen Poesie mächtig vorgebildet und daß sie endlich für sich und ihre Zeit ein glänzendes, reiches Leben geschaffen haben. Aber was haben sie für ihr Vaterland gethan? In

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*) Die Geschichte des ersten Kreuzzugs schon, und vornämlich die Belagerung von Jerusalem lehrt uns, dieses Geschlecht genugsam kennen, besser noch späterhin die Eroberung des hohenstaufischen Erbreichs in Italien durch Carl v. Anjou. Im Albigenser Kriege wurden sie doch von den Schaaren des zusammengelaufenen Gesindels, das die Kreuzesheere bildete, übertroffen.

 

 

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dem Sinne des après nous le déluge haben sie vorzüglich beigetragen, die leidenschaftliche Erbitterung der Partheien zu dem giftigsten Grolle und unauslöschlichem Rachedurst zu steigern, so daß, als die ungeheure Spannung endlich brach, als durch die von ihnen begünstigten Ketzereien die Kirche plötzlich ein entscheidendes Uebergewicht bekam, die auf jenes freudenreiche Leben folgende Verödung desto grauenhafter wurde, weil sie auch die unschuldigen Bürger und Bauern, in denen ein wahrer Trieb nach religiöser Befreiung entzündet war, mitergriff. Das war großentheils das Vermächtnis der so gerühmten poetischen Bildung der Provençalen, einer frechen, übermüthigen Bildung, welche das Schicksal herausforderte, und, zum Leidwesen für die Menschheit, einem gar zu wölfischen Feinde unterlag. *)

 

Sehen wir dagegen Deutschland, das, durch die ersten Hohenstaufen aus der schiefen Stellung, in welche es die Politik der fränkischen Kaiser gegen die Kirche gebracht hatte, erlöst, in voller, ein trächtiger Kraft und Blüthe dastand, gegliedert in Stände, die sich zur Beförderung ihrer Macht und Bildung freundlich die Hand reichten, verzweigt in große, für sich mächtige Theile, mächtiger durch die Vereinigung unter dem verehrten Herrscherhause, das Ganze so groß und stark, daß es nahen und fernen Nationen Achtung einflößte. In diesen starken Bau tritt, als die lyrische Kunst schon blüht, die allgemeine Spaltung der päbstlichen und hohenstaufischen Parthei; geistliche und weltliche Fürsten stehen auf beiden Seiten, in jahrelangem Streit wird Erbitterung genug genährt, Verwüstung viel verübt, die Bande der Sittlichkeit und Ordnung sind allenthalben, wo die Schneide des Krieges hindringt, gelockert, und dies alles in den Gegenden Deutschlands, wo damals Sage und Sang am meisten blühten. Selbst Fürsten dichteten hier; aber um sich Anhang Zudrang an wackern Kämpfern zu verschaffen, brauchten sie nicht zu dichten; das hätte wohl nicht viel verschlagen, am wenigsten, wenn sie mit wüthender Leidenschaft gedichtet hätten, denn sie wären ebenso wol als Thoren verspottet, wie jene ersten Kreuzfahrer, die durch Deutschland zogen, wegen ihres Fanatismus andrer Art verspottet wurden. Zu ihrem Glücke besaßen sie, was sie geben, womit sie ihre Freunde und Helfer nähren und kleiden konnten. Gegen die Leiden des Krieges, von welchen ihr Gebiet getroffen ward, waren sie gestählt; was ihnen niedergebrannt wurde, das aufzubauen blieben ihnen noch immer Hände genug übrig; kurz, diese Sache gehörte rein vor das Forum ihres Verstandes; ihr Herz, – warum

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*) Man wird mir vorwerfen, daß ich gegen die gewöhnliche Auffassung jener südfranzösischen Blüthezeit etwas stark ins Schwarze male. Ich glaube dabei doch die reelle Höhe des Aufschwungs, den die Bildung damals in Südfrankreich nahm, nicht zu verkennen; hier ist freilich nicht der Ort, mich auf Zeugnisse zu berufen. Wenn sich in der Provence und Languedoc das Exquisiteste, was das Mittelalter erschuf, vereinigte, so sollte man dagegen nicht vergessen, welch sittliche Größe und schlichten Sinn sich unser deutsches Volk im Vergleich mit allen übrigen germanischen Stämmen im Allgemeinen das ganze Mittelalter hindurch bewahrt hat.

 

 

 

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hätte es in Klagelieder ausbrechen sollen? Ihr Herz hatte süße, heimliche, minnigliche Beschäftigung. Die andern Sänger aber, die ritterlichen Herrn, welche etwas, sei es ein Lehn, sei es ein Alod, besaßen, waren in demselben Falle wie die fürstlichen Dichter; ihre Gesangeskunst hätte auch ihnen nicht geholfen sich einen Beistand zu erwerben, durch den sie allein der Gegenparthei furchtbar gewesen wären. Es blieb also, um Partheilieder zu dichten, Niemand übrig, als einer oder der andre arme Mann, der nichts besaß, als seine Kunst, um seinen bald hier, bald dort genommenen Aufenthalt zu lohnen, und nichts als sein Schwerdt und die Fertigkeit, es zu führen, um als Ritter zugleich und als Sänger irgendwo auf längere Zeit willkommen zu sein. Hat er nun noch Gemüth für seinen milden Herrn, dem er sich dann mit dankbarer Freundschaft widmet, so wird er für dessen Ehre und Vortheil sich auch in seiner eigenthümlichen Sprache vernehmen lassen; hat er ein Gefühl für die frühere Herrlichkeit und Einheit des ihm durch Sitte und Gesinnung und durch so manches andere Band verbundenen Volkes, so wird er den Riß bejammern, der darin gemacht ist, und diejenigen tadeln, welche er dessen schuldig weiß; und hat er obendrein Gefühl für Sitte und Anstand und Ruhe und Ordnung, unter deren Schutze allein auch seine heitere Kunst blühen kann, so wird sein scharfer Sang sich gegen die Störung derselben auflehnen. Wollte er aber mit wüthender Leidenschaft gegen irgend einen stärkeren Parthei machen, es wäre denn dies ein mit ihm wetteifernder Künstler, so würde er verlacht, verhöhnt und verjagt werden. Je mehr er sich dagegen mit seinem Gesange in den Schranken der Vernunft und redlicher Gesinnung bewegt, desto eher darf er hoffen, das hie und da sein warmes Wort einen Bedenklichen entscheiden, einen Verblendeten aufklären, einen Verführten zurückführen, selbst den Bösen schrecken, und überhaupt wie eine gutes Samenkorn auf manchen empfänglichen Boden treffen werde. Ein solcher Dichter, gehört er auch dem untersten Range des Herrenstandes an, kann sich doch um den Herrn, dem er sein Talent widmet, sehr verdient machen, und damit ein Recht erwerben, auf die werthvollste Belohnung zu dringen. Und so finden wir denn auch, das Walter v. d. V. für seine Dienste, wohl ebenso sehr als Ritter wie als Sänger von Friedrich II. ein Lehen erhielt; das einzige Beispiel in der Geschichte jener Zeit, daß der Gesang mit so bedeutender Gabe belohnt wurde. Oder vielmehr wurde gewiß nicht der Gesang an sich, so kunstliebend der Geber war, so theuer besoldet, sondern der Einfluß, den derselbe auf die Gestaltung der Angelegenheiten des Kaisers entweder wirklich hatte, oder nach des letzteren Rechnung haben konnte, wie denn zu jeder Zeit Diejenigen auf den reichlichsten Sold zu rechnen haben, welche mit ihrem Talent oder Witz dem Mächtigsten und Reichsten sich dienstbeflissen zeigen. Ihr Gewissen scheinen solche geistreiche Diener am meisten von Allem zu beherrschen, wenn sie sich überhaupt der Bedeutung ihres Thuns deutlich bewußt sind; unser Walter v. d. V. wenigstens rühmt sich mit der größten Unbefangenheit seiner Treue und Beständigkeit, indem er die Treulosigkeit des damaligen Geschlechts rügt; unbefangen, weil er sich selber weniger ehrenhaft benimmt,

 

 

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als die, welche er mit seinem scharfen Gesange verfolgt; und wir müssen nach unsern bürgerlichen Begriffen von Anstand und Ehre sein Benehmen gegen seine früheren Wohlthäter, den wackern, verständigen und nicht unedlen Kaiser Otto IV. und den vielgepriesenen milden Landgrafen Hermann von Thüringen unbedingt als undankbar und ehrlos bezeichnen, so wie auch seine übertriebene, an Blasphemie streifende Schmeichelei gegen einige seiner Gönner zu jeder Zeit Tadel verdient. Aber diese gerügte Untreue Walters ist keine Perfidie, was wohl andrerseits aus seinem aufrichtigen Schmerze über die allgemein eingerissene Untreue sattsam hervorgeht: sondern es ist die Unehrenhaftigkeit seines auf den prärogativen Besitz der Ehre damals pochenden Standes. Dieser sein Stand als Ritter trieb ihn, die größre Pflicht des dichterischen Propheten den Forderungen einer beschränkten Ansicht von Sitte hintanzusetzen, nicht seinen Beruf in seiner natürlichen, mit seinem Talente und gesunden Verstande ihm verliehenen Bestimmung, sondern im Gehorsam gegen die Vorurtheile seiner Zeit zu finden. Sein Verstand und frommer Sinn schärfen ihm oft den Blick in eine vernunftgemäßere Ordnung der Dinge, er zergliedert sich nach Kräften die Eitelkeit der Welt, wendet ihr, der „kerkerfarbnen“, mit Verachtung den Rücken und sagt sich laut, daß man den Herrn nicht von dem Knecht unterscheiden könne, wo man ihre Gebeine blos fände, aber den Schritt weiter zu thun, aus dieser entsittlichten Gesellschaft, deren Gebrechen er so genau kennt, auszutreten, seine noch rüstige Kraft zur Förderung der Bildung des frisch aufblühenden dritten Standes zu gebrauchen, dagegen erhob sich ein Wald von Vorurtheilen, in denen er auferzogen war, und die ihm vielleicht gar nicht einmal gestatteten, in den Bürgern der Städte einen dritten Stand anzuerkennen. Er hielt auch in dieser Hinsicht, wie in mancher andern, gleichen Schritt mit seinem gepriesenen Kaiser Friedrich, der seinen italischen Unterthanen eine freisinnige Verfassung gab, die er selbst am wenigsten respectirte, und in Deutschland wie in der Lombardei den Aufschwung des Bürgerthums zu ersticken bemüht war. – Wie wir demnach wohl in das volle Lob, das Gervinus der Kunst und glücklichen dichterischen Natur dieses Sängers zollt, mit einstimmen müssen, so können wir es doch in das Lob seiner Gesinnung nicht auf gleiche Weise; sondern wir müssen in ihm einen Mann des Uebergangs aus einer unsittlichen und unhumanen, aber glücklichen, in eine sittliche, aber unglückliche Zeit und Dichtung erkennen, welche letzteren beide mit ungeschwächter Kraft einem humaneren Ziele zustreben.

 

Unter denen nun, welche diese neue Zeit heraufführten, nehmen die ersten bürgerlichen Meister, welche sich den adlichen Minnesängern um die Mitte des 13ten Jahrhunderts anschlossen und weil sie noch nicht zunftmäßige Meistersänger waren, gewöhnlich unter den Minnesingern mitbegriffen werden, sowol der Zeit als dem künstlerischen Talente nach den ersten Platz ein. Indem sie den herabgesunkenen Minnedienst und Minnesang, den noch eine ganze Schaar ritterlicher Dichter in mattherziger Weise fortsetzte, fast gänzlich verschmähen und den von Walther angeschlagenen ernsten Ton wie ein tausendfaches

 

 

 

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bald verstärktes, bald gemildertes Echo fortsetzen, richten sie einerseits die ganze Sehnsucht ihres Innern in inbrünstiger, unendlich weicher Andacht zur Mutter Gottes, von der sie Hülfe und Trost für die verlorne Herrlichkeit des Reichs und des Lebens in ihm erflehen, andrerseits aber wenden sie sich mit einem bald würdevolleren, bald heftigeren Affecte, mit männlichem Zorn, Bitterkeit und schneidender Ironie, selbst mit aller Aufwendung der ihnen zu Gebote stehenden Gelehrsamkeit gegen die Gebrechen und Sünden ihrer Zeit, und, man muß es gestehen, ihrem ungeblendeten, durchdringenden Blicke sind die nächsten und wahren Ursachen der Verderbnis nicht entgangen. Aber wüthende Leidenschaft muß man von diesen Sängern nicht erwarten; nicht nur konnten sie ebenso wenig wie Walther sich davon einen Erfolg versprechen, sie, die wegen ihrer ruhigen und kernigen Freimüthigkeit schon von den Höfen und Burgen vertrieben wurden, sondern ihr Sinn war dazu auch viel zu fromm, viel zu gemildert durch die ungeheuchelte Hochachtung vor den traditionellen Gesetzen der Sittlichkeit und des Anstandes. Zu den Gesetzen letzterer Art gehört unstreitig, daß sie, wie es im Minneliede verboten war, den Namen der Geliebten zu nennen, so in ihren Rügeliedern, welche die unzweideutigsten Züge auf ganz bestimmte Persönlichkeiten zu beziehen nöthigen, den Namen der gerügten Personen verschweigen; was Walther noch nicht thut, indem er seinen Mißgönner, am Hofe zu Eisenach, Herrn Gerhard Atze in zwei beißenden Gedichten öffentlich angreift. Zwischen den Meistern selbst fanden wohl Reibungen und gegenseitige Angriffe mit Namensnennung statt, oder es wurden wenigstens die Namen unverkennbar in den Gedichten angedeutet; doch haben sich die besseren auch davon frei gehalten. Ohne Zweifel erforderte in den meisten Fällen zwar schon die Rücksicht auf die eigne persönliche Sicherheit von dem fahrenden Dichter, den Namen des Angegriffenen zu verschweigen, sei dieser der Herr und Wirth selbst, oder ein demselben nahestehender; gleichwol aber, wenn wir nur unsre heutigen derartigen Convenienzen zu Rathe ziehen, liegt die Vermuthung zu nahe, daß auch zwischen jenen Sängern und ihrem Publicum die Uebereinkunft bestanden habe, keine Namen im Tadel zu nennen, und daß die Sänger besonders deshalb daran festgehalten haben, damit nicht die Würde ihrer Mahnung durch Einmischung der Persönlichkeit eingebüßt würde. Daher kommt es, daß diese Rügelieder, deren Frische und Lebendigkeit genugsam beweist, daß sie auf ganz bestimmte Vorfälle und Persönlichkeiten zielen und durch dieselben hervorgerufen sind, doch so abgefaßt sind, daß sie zugleich ganze Sectionen der Gesellschaft, daß sie die Schurken, Meineidige, Lügner, Lotterbuben u. s. w. und ebenso bestimmte Handlungsweisen als Arten treffen. In solchen eine würdevolle Allgemeinheit anstrebenden Gedichten aber eine flache Allgemeinheit und ein körperloses Verschwimmen zu sehen, das kann nur dem begegnen, der diese Poesien mit der eiligen Hast, welche von ihrem Inhalte nur eine allgemeine Anschauung gewinnen will, oder mit den Vorurtheilen durchliest, die aus einer vorweg fertigen Construction entspringen, als welche gebietet, daß das eigenthümlichste Merkmal deutscher Natur, die Flucht aus der Wahrheit und Wirklichkeit in

 

 

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die ideelle, neblige und eintönige Höhe dunkler Gefühle, auch aller mittelhd. Dichtung eigenthümlich sei. *)

 

Als eine Wirkung, zwar wohl auch dieser verrufenen Sucht, das concrete Wirkliche in ein abstractes Ideelles zu verflüchtigen, jedoch nicht minder jenes gesunden zaghaften Sinnes, welcher der Würde der Kunst nichts vergeben will, um eine persönliche Gereiztheit zu stillen, darf man nun auch wohl die Neigung dieser Dichter betrachten, bestimmte Vorfälle, so wie auch bestimmte Zustände, Personen, Classen der Gesellschaft und ganze Stände in der Form des Räthsels und der Allegorie darzustellen, wobei jedoch nicht immer Bild und Sinn in einander aufgehen, und bisweilen am Schlusse oder in einer entsprechenden folgenden Strophe die Deutung hinzugefügt wird. War auch dies eine Form, sich gegen empfindliche Folgen der Freimüthigkeit zu verwahren, so glaube ich um so eher, daß oft die hinzugefügte Deutung von anderer Hand gemacht worden ist, wie denn nichts diesen Liedern häufiger begegnet, und zu größrem Nachtheile gereicht haben wird, als daß sie von Hand zu Hand wanderten, und überall Zusätze und Aenderungen erfuhren, ehe sie durch schriftliche Niedersetzung vor Verfälschung gesichert wurden.

 

Im Bisherigen ist bereits von dem Character der Dichter zur Vorbereitung auf das Bild, das sie von ihrem Bewußtsein über sich und ihre Zeit im Folgenden selbst redend ausführen mögen, genugsam geredet worden, um uns endlich zu der Frage zu wenden, welche historische Bedeutung für ihr Vaterland denn diese Dichter im Vergleich mit der oben angegebenen der Provençalen gehabt haben. Wir haben schon bei Walther bemerkt, das er eine Parthei zu bilden im Stande war, insofern nämlich, als er sich für eine Parthei entschied, für diese mit seinem Gesange wirkte und die Anmaßungen der Gegenparthei, mochten sie in Poesie **) oder Prosa, in Deutsch oder Latein vorgetragen sein, durch seinen Witz zu entkräften suchte. Es ist aber nirgends in der damaligen Geschichte ersichtlich, daß dieser Sänger und seine Nachfolger auf die Gestaltung der politischen Lage und Verhältnisse des Vaterlandes irgend einen Einfluß geübt, weil nämlich die politischen Motive sowohl, von denen die großen Partheien damals bewegt wurden, zu tief in den geschichtlichen Zeitverhältnissen wurzelten, um von einzelnen begeisterten Privatleuten, wie die Sänger waren, im Großen ausgerissen oder umgestaltet zu werden, als auch weil, wie oben angedeutet, jene einander feindlich gegenüberstehenden Massen zu massenhaft waren, um

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*) Es muß überraschen, wenn man Gervinus da, wo er von den ersten Spuren des bürgerlichen Elements in den didactischen Poesien, des welschen Gastes zumal, spricht, I, S. 395 ff., diesen diejenigen Vorzüge des Verstandes und Gemüthes einräumen sieht, die er in den der Zeit nach späteren fahrenden Meistern nicht erkennen will. Freilich liegen diese Vorzüge in den Lehrgedichten offener zur Schau.

**) Späterhin werden wir finden, daß auch die allgemein bekämpfte Pfaffenparthei sich der Poesie des Gelegenheitsliedes bediente, um ihre Parthei zu stärken.

 

 

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durch die Stimmen von tausend einstimmigen Sängern in eine andre Richtung gebracht zu werden. Sie bildeten dagegen ihre Parthei in einem andern und edleren Sinne, sie bildeten dieselbe geistig aus und zu bestimmter Form heran. Den Geist, welcher die Massen der kaiserlichen oder deutschen und der päbstlichen oder römischen Parthei beseelte, diesen auszureißen durften sie sich nicht beikommen lassen, aber ihm bestimmte Form und genaues Bewußtsein von sich selbst zu geben, die gemeinen Sonderinteressen, die im Anschluß an die kaiserliche Parthei ihre Rechnung fanden, durch Einflößung eines alle beseelenden sittlichen und politischen Motivs in einen moralischen Bund zu flechten, und ihm den Geist, von dem sie sich losgesagt hatten, weil er auf Seiten der kirchlichen Parthei ein gemeiner, habsüchtiger und herrschsüchtiger Geist geworden war, durch einen reineren, frommeren und heiligeren Geist zu ersetzen, das war der große prophetische Beruf dieser Partheidichter; und daß sie diesen ihren Beruf vollständig begriffen, das geht aus ihrer scharfen Polemik gegen die Pfaffen und Pfaffenfürsten unwidersprechlich hervor. *) Nur, weil diese Gegensätze, an denen sie sich betheiligten, so höchst einfach einander gegenüberstanden, hat diese Poesie dadurch in dem Grundgedanken auch ein entsprechendes Einerlei, das eine flüchtige Betrachtung leicht für Flachheit nehmen kann, anstatt darin die Tiefe der die Zeit bewegenden These und Antithese zu sehen.

 

Zu einer anderen Art der Partheidichtung nöthigte die Noth der Zeit und die freche Unsittlichkeit besonders der oberen Stände. Das Einzelne darüber werden wir in der Folge beibringen; hier sei nur das Allgemeine vorausgeschickt, daß diese Meister, welche als Fortbildner und Veredler der ritterlichen Sangeskunst sich ihrer hohen Würde voll bewußt waren, von der Verwilderung der Gesellschaft unendlich viel mehr zu leiden hatten, als die ritterlichen, das Schwert neben der Fidel führenden Sänger, selbst wenn diese nicht wie Walther ein Lehn, Haus und Hof besaßen. Die Ehre des Menschen, die Existenz und die Würde der Kunst wurden in diesen wandernden Sängern, welche um ihres künstlerischen Berufes willen jeden andern bürgerlichen oder kriegerischen Beruf verließen, bei der längeren und grimmigeren Noth der Zeit auch leichter, ungestrafter angetastet und gekränkt. Als Parthei des Rechtes, der echten Frömmigkeit, der Sittlichkeit, des Anstandes und einer edlen Freimüthigkeit unterlagen sie überall an Höfen und auf Burgen, kein gesangliebender Kaiser schützte sie mehr durch sein den Fürsten gegebenes Beispiel; solche Gelegenheiten, wie Manfred ihnen bot, um dem heimischen Wirrwarr zu entgehen, war vielleicht nur eine einzige

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*) Von diesem Gesichtspuncte aus, wie es mir scheint, muß man auch die ganze geistliche Liederdichtung der bürgerlichen Meister auffassen. Die Pfaffen thaten dem religiösen Bedürfnis des Volkes nicht Genüge, sondern trieben, mit wenigen Ausnahmen, viel Narrenspossen und nöthigten somit die Dichter, d. h. die geist- und gemüthreichen Menschen aus dem Volke, dem fühlbaren Mangel durch religiösen Gesang abzuhelfen. Diesen Punct hier weiter auszuführen, verbietet der Plan meiner Arbeit; doch auf einzelnes dahinein schlagendes werden wir später Rücksicht nehmen müssen.

 

 

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Ausnahme, und so war es denn eine natürliche Folge, daß diejenigen, welche nicht aus ihrer Heimath, dem alten Boden der Kunst, in den gröberen, halbslavischen Nordosten Deutschlands auswandern wollten, die Bitterkeit ihres scharfen Sanges erhöhten, so wie andrerseits das Lob der wenigen Edlen immer überschwenglicher ertönte. Dabei war es nicht zu vermeiden, daß nicht Lob und Tadel häufig excentrisch wurden; das bedingte die Natur der Gegenstände. Aber dafür ist es auch als unterscheidendes Merkmal dieses meisterlichen Lob- und Rügeliedes anzuerkennen, daß es sich auf die menschlichen und allgemein sittlichen Eigenschaften der besungenen Persönlichkeiten erstreckte, und nicht mehr blos auf die ritterlichen und beschränkt sittlichen, als da sind Freigebigkeit und Löwenmuth.

 

Wenn man nun von diesen Dichtern behaupten darf daß sie die öffentliche Meinung bildeten, so kann es ihre historische Bedeutung nicht herabsetzen, daß diese öffentliche Meinung sich auf eine Parthei beschränkte, und zwar auf die nicht tonangebende, sondern noch untergehaltene und eben erst sich emporringende Parthei, welche für Sitte, Recht, Ordnung und Freiheit von Kasten- und Dogmenzwang begeistert ist. *) Man hat mit dem Klange des Vorwurfs wiederholt, daß jene Sangesmeister vor Bürgern und Bauern sangen; aber man braucht nur auf die aus der Zersplitterung der Kaisermacht hervorgehende Blüthe der schwäbischen und rheinischen Städte, auf ihre mächtigen politschen Maßregeln, und andrerseits auf den üppigen Bauernstand in Oesterreich, wie ihn uns Nithart schildert, hinzublicken, um sich zu überzeugen, daß sich vor diesem Publikum ein herrlicher Beruf erfüllen ließ, nicht zu gedenken der freien und frommen, in altgermanischer Zucht und Ehre und weiser Einfachheit fortblühenden Stämme in den schweizer Alpen und an den Ufern der Nordsee. Der Beruf aber, der sich dort erfüllen ließ, ist von jenen Dichtern so entschieden erfüllt, das noch jetzt das Volk an jenen Erzeugnissen seiner poetischen Thatkraft und an den in dem selben Tone fortgesungenen Liedern als an theuren Kleinoden hangt, in denen es seinen Werth und seine Bedeutung anschaut. Ist doch durch das Interesse an dem klugen, poetischen und kräftigen Volksgenius erst die Theilnahme für jene Zeiten geweckt worden, wo die Blüthe der ritterlichen Dichtkunst unmittelbar an die erste große poetische Lebensäußerung des damals noch nicht religiös zerspaltenen und deshalb einhellig kräftigen Gemeingeistes der Bürger und Bauern anstößt. Eine Lebensäußerung, deren Pulse noch fortfahren, die Herzen des Volkes zu bewegen, während der holdselige Minnesang

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*) Von allgemeiner bürgerlicher und religiöser Freiheit kann noch nicht die Rede sein. Es figurirt zwar unter den Sangesmeistern auch ein Jude v. Trimburg, und zwar mit einem so eigenthümlichen Character, daß er an den Shylock im Kaufmann von Venedig erinnert. Aber das war sicherlich eine ganz auf Particularzuständen beruhende Erscheinung, gegen welche sich ebenso particular in Mainz ein dem Judaismus feindseliger politischer und poetisch polemischer Eifer der dortigen Sänger erhebt. In Südfrankreich freilich, wo die Juden vor den Albigenserkriegen eine Menge von gelehrten Anstalten besaßen und mit den Ketzern gleiche Behandlung erfuhren, war die Toleranz doch etwas bedenklich.

 

 

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und der abenteuernde Ritterroman längst verstorben und verklungen sind, und der letztere schon vor Jahrhundeten seine ergötzlichere Auferstehung bei den Fremden im Don Quixote und im rasenden Roland gefeiert hat.

 

Es wäre jedoch zuviel verlangt, wollte man an jene erste bürgerliche Dichtung den Anspruch machen, daß sie auch das Lob der Bürger und Bauern singen solle, wie die Ritterdichtung die hohe Herrlichkeit des ritterlichen Standes, und seiner eigenthümlichen Institutionen und Sitten selbstgefällig posaunt. Mir ist nur der eine Fall aufgestoßen, daß Meister Stolle die mannhaften Bauern in Stormarn im Gesange rühmt; aber gab es solcher Lobgedichte auf Bürger und Bauern, die uns verloren wären, auch eine größere Zahl, so konnte doch dieser Gegenstand des Gesanges damals noch kein allgemeiner werden, wo die Theilnahme dieser Stände für den Gesang noch zu unbefangen hinnehmend war, und wo dem Bewußtsein ihrer keimenden Größe und Kraft noch immer die Schatten der alten Riesen aus der Hohenstaufenzeit imposant und dräuend als unerreichbare Herrlichkeiten gegenüberstanden.

 

Nach gerade wird es nun wohl nicht mehr nöthig sein, die Parallele der Deutschen und der Provençalen so weit auszuführen, daß schließlich erhelle, in welche Ferne der Zeit hinüber jene günstig und segensvoll für die Blüthe der Städte im Meistergesange und für das Gelingen der großen Kirchenreformation durch diese Blüthe der Städte gewirkt haben, während die Provençalen für ihr Vaterland gerade den Sieg der entgegengesetzten Uebel beschleunigen halfen. Es soll damit natürlich nicht gesagt sein, daß jene bürgerlichen Liederdichter allein sich das große Verdienst der Vorarbeit zu dem Werke der Kirchenbefreiung erworben hätten; aber sie trugen das ihrige dazu bei, und es ist schwer zu sagen, wer mehr dazu gethan habe als sie. Wir können diese Frage hier auch unbeantwortet lassen, um uns zu einer anderen Betrachtung zu wenden, die neben der besprochenen Wirksamkeit der bürgerlichen mhd. Lyriker, in deren Betracht wir dieselben füglich mit den Propheten des jüdischen Volks vergleichen mochten, noch eine andere historische Bedeutsamkeit derselben entdecken wird, welche freilich, gegen die vorerwähnte gehalten, von geringerer Wichtigkeit ist, zur Vollendung des von jenem ehrenwerthen Stande entworfenen Bildes aber nichts desto weniger hier besprochen werden muß. Diese Dichter fungirten als Botschafter, Emissäre, Propagandisten und Zeitungsbringer, und ersetzten, (was sehr eindringlich die Einfachheit des damaligen öffentlichen Lebens im Vergleich mit unsrem bedürfnisreichen bezeichnet,) ihren Zeitgenossen fast alle die Mittel der Mittheilung, welche heutiges Tages in unzähligen öffentlichen und geheimnisvollen Arten bestehen. Dieser Beruf der fahrenden Sänger würde, wenn er nicht durch die berühmte Stelle bei Saxo Grammaticus dargethan wäre, durch viele Stellen ihrer Lieder selbst, ja durch die ganze Gattung der strafenden und lobenden Lieder hinlänglich bewiesen werden; denn nicht selten geschieht es, daß sie sich des Erfolges ihrer öffentlichen Rügen rühmen und damit drohen, oder daß sie die Verbreitung ihres Lobes in weiterer Runde behaupten oder verheißen. Die einzelnen Stellen

 

 

 

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als Belege hier anzuführen, ist überflüssig, da die wichtigsten derselben später vorkommen werden. Zu diesen eigenen und fremden Zeugnissen kommt noch hinzu, daß mehrere von den gegen den Pabst und die Geistlichkeit gerichteten Liedern fast wörtlich den Inhalt der von Friedr. II. zu seiner Rechtfertigung und zur Anklage der Gegner ins Reich und in die Städte erlassenen Schreiben widergeben, so wie auch die von dem Pabste an Rudolf kurz nach seiner Wahl gerichteten Briefe, die für die Stimmung des Landes von großer Bedeutung waren oder schienen, sich in zwei Strophen für ein allgemeineres Verständnis zubereitet finden. Kein Gedicht aber trägt deutlicher alle Zeichen seiner Bestimmung, verbreitet zu werden, an sich, als die in Form eines Achtspruchs abgefaßte Strophe Meister Rumelants auf die Ermordung des Königs Erich VII. von Dänemark. Wir würden endlich über diese ganze Dichtung den Stab brechen müssen, wenn sie nicht den Zweck gehabt hätten, von Stadt zu Stadt, von Hof zu Hof, von Burg zu Burg und Dorf zu Dorf verbreitet zu werden, und im lebendigen und wahrhaften Mund der Sänger zu circuliren, wie die Chroniken in Abschriften (und die gereimten Chroniken etwa auch auswendig gelernt) umhergetragen wurden.

 

Aus diesen Andeutungen über den äußeren Beruf der herumziehenden Sänger ergeben sich am einfachsten die Ansichten, die man über ihre äußere Ehre und Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft hegen darf. Wenn auch Gesetzbücher jener Zeit den Werth eines fahrenden Sängers geringer als den jedes andern freien Mannes ansetzen, so kam es doch in jedem bestimmten Falle vorzüglich auf die künstlerische und männliche Persönlichkeit, auf seine Gunst und Ehre bei den Großen oder beim Volke an, ob das freie Leben dieser Leute nicht auch von der stricten Anwendung des Gesetzes frei sein sollte. Ob ein Gebrauch gegolten, der die Person eines ehrwürdigen Künstlers von der eines blos nachleiernden Bänkelsängers auch vor dem Gesetz unterschieden, davon erhellt meines Wissens nirgends das Mindeste, aber wir dürfen trotz dem behaupten, das ein solcher Unterschied bestand, und das unter den Spielleuten, die wie die Lotterpfaffen mit langem Haar als solche bezeichnet werden, die außer dem Frieden sind, (in den zu Nürnberg 1281 gegebenen strengen Gesetzen gegen jeden Friedensbruch) nur die niedrigste Sorte der fahrenden Gehrenden zu verstehen sei, nicht aber Sänger von productivem Talente. Wie hätten des Kaisers oder an den König gerichtete Briefe in den Mund einer ohne Unterschied verachteten Menschenclasse kommen können? Man darf einwerfen: durch die Vermittelung höher stehender Leute. Aber des Dichters bestimmte Aussage widerlegt diesen Einwurf, und wir haben keinen Grund, an der Wahrheit seines Wortes zu zweifeln. –

 

Bereits ist von der Bedeutung der meisterlichen mhd. Dichter sattsam geredet worden; im Folgenden wird, so hoffe ich, jeder unbefangene und mit dem Geiste seines Volkes vertraute Leser, der seine Ansprüche nur nicht nach unerreichbaren Mustern neuerer Kunst zuschneidet, die Behauptungen bestätigt finden, welche ich in Betreff der künstlerischen Bildung, des Talentes und der Gesinnung der vorliegenden Dichter im Allgemeinen gewagt habe. Doch kann ich

 

 

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nicht verheißen, daß man gerade die schönsten Lieder der vorzuführenden Dichter hier lesen werde, da mein bestimmter Zweck mir oft gebieten wird, die nach meinem Urtheile schönsten Gedichte wegzulassen, um andre von geringerem dichterischen Werthe, aber von ausdrücklicher Bedeutung für den Zweck dieser Abhandlung vorzulegen. Ich habe dabei die Classifizirung nach dem Inhalte der Lieder gemacht, um diese einfache Besonderung des Stoffes im Gegensatz gegen die reichere der Provençalen zunächst scharf hervor treten zu lassen. In den einzelnen Classen wird je nach der Natur derselben die Reihenfolge der einzelnen Lieder nach der Zeit oder nach dem sich wieder von selbst zerlegenden Stoffe oder nach dem künstlerischen Werthe der Lieder geordnet werden. Die Varietät der einzelnen dichterischen Persönlichkeiten wird dabei, soweit sie überhaupt aus dieser beschränkten Sammlung sichtbar werden kann, genug Gelegenheit haben, sich bemerklich zu machen. Bei meiner zum Zwecke dieser Abhandlung angestellten Sammlung hat sich mir folgende Classifizirung aufgedrungen, ohne das ich jedoch willens bin, dieselbe für die sachgemäßeste auszugeben:

 

I. Politische Lieder. a. In Beziehung auf die Kreuzzüge; b. über das Verhältnis der Kirche zum Reiche und dem Reichsoberhaupte; c. auf die Wirren des Reiches in sich selbst.

II. Rügelieder. a. Anklage, Tadel und Ermahnung der Fürsten, Edlen und Knechte, als Einzelner sowol, wie als Stände und als Classen der Gesellschaft; b. Tadel einzelner Volksstämme; c. Tadel der Pfaffen und Mönche.

III. Lobgedichte. a. Auf Fürsten und Edle; b. auf Stämme und Völker; c. auf Pabst und Pfaffen.

IV. Lieder auf bestimmte Zeitbegebenheiten.

 

Dem Kenner wird sich sogleich herausstellen, das diese Eintheilung sowohl mehrere Arten nicht umfaßt, welche nach Ausscheidung des frommen Sanges dem ernsten Sange angehören, als auch, daß die Mehrzahl fast der heranzuziehenden Gedichte unter mehrere der angegebenen Arten mit ganz gleichem Rechte rangirt werden können. Ich werde mich deshalb an die aufgestellte Eintheilung nicht so strenge binden, daß ich nicht mitunter bei einer früheren Classe ein Lied, welches füglicher einer späteren beigegeben werden sollte, vorweg nehme. Ebenso lasse ich mich durch das Interesse, welches ich habe, diese Poesie als echte Gelegenheitsdichtung sich ausweisen zu lassen, dahin bestimmen, daß ich mit der zuletzt genannten Classe der Lieder auf bestimmte Zeitereignisse den Anfang mache.

 

Text und Bemerkungen habe ich mit wenigen Ausnahmen aus v. d. Hagens Ausgabe der Minnesinger geschöpft, und mich fast durchgängig an seine Worte gebunden; was hier im Voraus gesagt sein mag, damit ich der vielen Citate überhoben bleibe. Ich für mich beanspruche kein anderes Verdienst, als das der Zusammenstellung.

 

Schließlich bemerke ich, daß ich überall, wo es mir ohne Beeinträchtigung des Tons und der alten Sprache thunlich scheint, eine Verneuhochdeutschung wagen werde; wo diese aus dem angegebenen

 

 

 

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Grunde wegfallen mus, werde ich zum besseren Verständnis für meine des Mittelhochdeutschen nicht kundigen Leser das Nöthige an Noten und Uebersetzung beifügen.

 

I. Lieder auf bestimmte Zeitbegebenheiten.

 

Die Sammlung darf hier ziemlich vollständig sich auf das in dieser Art erhaltene erstrecken, denn es ist ohnehin nur soviel übrig geblieben, um uns von dem Werthe und Inhalt des Ganzen einen einigermaßen deutlichen Begriff zu geben, und uns das Verlorne bedauern zu lassen. Schon deswegen, weil vielleicht gar nicht einmal von allen damals gebräuchlichen Arten dieser Gattung Lieder vorhanden sind, scheint es am passendsten, hier die Anordnung nach den Arten aufzugeben, und diejenige nach der Aufeinanderfolge in der Zeit zu treffen, obschon sich für einige Gedichte kein bestimmtes Datum und Ereignis ermitteln läßt. Da es in meinem Plane liegt, die Dichter hier für sich selbst reden zu lassen, so werde ich mich so viel wie irgend möglich solcher Bemerkungen enthalten, aus denen man Anlaß nehmen könnte, mich zu beschuldigen, das ich zwischen den Zeilen die moralische Kraft, die ästhetische Höhe, die sinnliche Schärfe und die intellectuelle Tiefe gelesen hätte, die in denselben nicht vorhanden wäre.

 

Und so möge denn Heinrich von Meissen, genannt Frauenlob, einer der letzten dieser bürgerlichen Dichter für sich und seine Kunstgenossen zunächst sagen, in welchem Sinne sie die Veröffentlichung von Unthaten (denn um diese handelt es sich hier zumeist) aufgefaßt wissen wollen. (Jen. IV, 4.)

 

Ja weiß ich viel, das ich nicht wage melden gar, [ganz]

ich seh und will nicht sehen und nicht hoeren dar;

wenn meine Zucht mich dort heißt dagen, [schweigen]

so wagen's Andere zu künden und zu sagen

ganz offenbar, wird ihnen die Sache kund.

Niemand kann hoher Herren That bedecken,

sie sei gut oder schwach, man wagt sie leicht *) zu wecken;

alle Riesen und alle Recken,

die können dem nicht widerstehn:

und wagt ein Mann Unthat begehn,

sie kommt mit Worten rund.

 

1) Die Reihe der Lieder beginnen wir mit Walthers Lied an den Hohenstaufischen Philipp, der nach dem Tode seines Bruders, des Kaisers Heinrich VI, 1197 nach Deutschland kam, um die Wahl seines noch unmündigen Neffen zu behaupten, aber durch die Wahl Otto's IV. genöthigt wurde, dem Dringen seiner Freunde nachzugeben und selbst die Krone zu nehmen. Auch Walther gehört zu denen, welche dazu rathen, daß er den Waisen, den Solitaire in der echten alten Königskrone, (Otto IV. wurde mit unechten Reichskleinodien gekrönt)

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*) statt niht mus jedenfalls lihte gelesen werden.

 

 

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aufsetze und die zu hehren Zirkel, – die zu anmaßenden Herzogskronen mit glatten Reifen – zur Ordnung verweise. (Man. II, 3.)

 

Ich hörte ein Wasser dießen [tosen]

und sah die Fische fließen,

ich sah, was in der Welt da was,

Feld, Wald, Laub, Rohr und Gras.

Was kriechet und was flieget

und Bein zur Erde bieget,

das sah ich alles und sag' euch das:

keins derselben lebt ohne Haß.

Das Wild und das Gewürme,

die streiten starke Stürme,

so thun die Vögel unter ihn’n, [sich]

nur daß sie haben Einen Sinn:

sie däuchten sich zu nichte,

schüfen sie nicht stark Gerichte,

sie kiesen Könige und Recht,

sie setzen Herren unde Knecht. so weh Dir, deutsche Zunge,

wie steht Deine Ordnunge,

da nun die Mücke ihren König hat

und Deine Ehre also zergaht!

Bekehre Dich, bekehre!

Die Zirkel sind zu hehre,

die armen Könige *) dringen Dich: [thun Dir Gewalt]

Philippe, setze den Waisen auf und heiß sie treten hinter sich.

 

Der Dichter hatte das Vergnügen, seinen Rath befolgt zu sehen, denn schon Ostern 1198 ließ sich Philipp zu Worms unter Krone schauen (im Februar) und am 15. August 1198 wurde er in Mainz gekrönt. Auf jenen Krontag zu Worms bezieht sich nicht so füglich als auf diese Krönung folgender Spruch, (Man. LXIX, 1) denn Philipp, der hier schon König angeredet wird, wurde erst am 5. März 1198 zu Mühlhausen gewählt.

 

Die Krone ist älter, als der König Philipp sei:

da möget ihr alle schauen wol ein Wunder bei,

wie ihm der Schmidt sie habe so eben [passend] gemachet;

sein kaiserliches Haubt das ziemt ihr also wol,

daß sie zu Rechte nie kein Guter scheiden soll,

da keins von beiden nicht das andre schwachet.

Sie lachen beide einander an,

das edele Gestein wider den jungen süßen Mann;

die Augenweide sehn die Fürsten gerne.

wer nun des Reiches irre geh,

der schaue, wem der Waise ob seinem Nacken steh;

Der Stein ist aller Fürsten Leitesterne. [Manes. LXIX, 1.]

 

2) Enge daran schließt sich eine gleichartige Strophe auf desselben Königs und seiner Gemalin, der Griechischen Irene, Kirchgang zu Magdeburg im Weihnachten 1198.

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*) Die Mitbewerber Philipps, die nicht geben können, um sich Anhang zu schaffen. Berthold v. Zähringen trat für 1000 Mark zurück und Bernhard v. Sachsen scheute zuvor die Kosten.

 

 

 

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Es ging eines Tages, als unser Herre ward geboren

von einer Magd, die er sich zur Mutter hatte erkoren,

zu Magdeburg der König Philipp schöne:

da ging eines Kaisers Bruder und eines Kaisers Kind

in Einem Kleid, obgleich die Namen dreie sind;

er trug des Reiches Scepter und die Krone;

er trat viel leise, ihm war nicht gach, [eilig]

ihm schlich eine hochgeborne Königinne nach,

Rose ohne Dorn, eine Taube sonder Gallen; *)

die Zucht war niemals anderswo,

die Thüringer und die Sachen dienten da also,

daß es den Weisen mußte wol gefallen. **) [Manes. LXIX, 2.]

 

3) Bei Philipps Krönung zu Mainz war Streit; die Erzbischöfe von Köln und Trier weigerten sich, den gebannten zu lösen; also krönte ihn der Erzbischof von Tarentaise, da doch ein deutscher Bischof der Wittwe-Braut binden – dem Könige das Reich geben sollte. Folgender Spruch Walthers ***) ist nun kurz vor der zweiten Krönung Philipps zu Aachen (6. Januar 1205) bei der dieser, ganz im Sinne Walthers, der Fürsten Wahlfreiheit anerkennend, Königsnamen und Krone ablegte und nach einstimmiger Wahl am rechten Ort und vom rechten Bischof, dem von Cöln, gesalbt und geweiht ward.

 

Es nahm eine Witwe einen Mann hievor in alten Zeiten.

Da kamen viel Ritter und Frauen, um ihretwillen, dar.

Als da der Bräutigam kam, geschah ein großes Streiten,

wie sie der Braut bänden; ****) darob zerwarfen sie sich gar;

zuletzt band sie ein solcher, der nicht von den ihrigen war.

Herr König, nun seid gemahnt,

daß ihr kein Gebende ziemt, das sie sich nicht selber band.

 

4) Philipp, der sich fast arm schenkte, war Walthern aber nicht freigebig genug; dieser hat sich, (ob vor, ob nach Philipps Ermordung, ist ungewiß) zum Kaiser Otto begeben, den er auffordert, sich der Missethat des Landgrafen entgegen zu werfen, d. h. dessen Abfall, als Otto vom Pabste gebannt wurde, zu bestrafen. Ebenso soll er gegen die heimlichen von Rom her angezettelten Verschwörungen einschreiten. Versammlungen gegen Otto waren 1211 zu Nürnberg und Bamberg gehalten, wo manche sich noch nicht offen zu erklären wagten.

 

Nun soll der Kaiser hehre | fürbrechen um seine Ehre

des Landgrafen Missethat;

Denn er war doch fürwahre | sein Feind offenbare:

die Feigen trugen stillen Rath.

Sie schwuren hie und schwuren dort,

besprachen ungetreuen Mord;

von Rom aus ging ihr Schelten.

ihr Diebstahl konnte sich nicht verhehl’n,

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*) stehende Beinamen der h. Jungfrau; Irene hieß in Deutschland Maria. *) so hat kein späterer Meister einem Fürsten geschmeichelt, ihn mit dem Dreieinigen und seine Gemalin mit der Himmelsjungfrau zu vergleichen. - *) Bei v.,d: Hagen steht dieser spruch mit ähnlichen Walthers unter singenberg Bd. lII, s. 326. Vergl. Bd. IV, s. 231 und Lachmanns Ausg. der Gedichte Walthers v. d. V. s. 205. ***) Das Gebende, den Kopfputz, die Haube aufsetzten.

 

 

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sie begannen einander zu bestehl'n

und alle einander zu melden.

Seht, Dieb stahl Diebe, [ein Dieb dem andern]

das kam von [ihrer] Liebe. *) [Manes. LXXVII, 1.]

 

5) Als Friedrich II. durch der Pfaffen Wahl dem Kaiser Otto entgegengestellt wurde, blieb Walther zunächst auf des Letzteren Seite, und schilt die Zweizüngigkeit der Pfaffen, welche jetzt widerrufen, was sie jüngst gelehrt haben:

 

Gott gibt zum König, wen er will;

Doch darum wundr’ ich mich nicht viel:

uns Leien wundert nur der Pfaffen Lehre:

Was sie uns lehrten vor kurzen Tagen, das wollen sie jetzt uns widersagen; [verbieten]

nun thut's um Gott und um eur' eigne Ehre

Und saget uns bei eurer Treue,

mit welcher Rede wir sind betrogen.

erkläret uns die eine aus dem Grunde,

die alte vor der neuen;

uns dünket, eines sei gelogen;

zwei Zungen stehn uneben [unverträglich] in Einem Munde.

[Manes. LXXIX, 6.]

 

Desgleichen Man. LXX, 14:

 

König Constantin, der gab so viel,

wie ich es euch bescheiden will,

dem Stuhl zu Rom Speer, Kreuz und Krone;

Alsbald ein Engel laut erschrie:

„o weh, o weh! zum dritten weh!

es stand die Christenheit mit Zuchten schöne,

Der ist ein Gift nun gefallen,

ihr Honig ist worden zu einer Gallen,

das wird der Welt hernach viel Leid.“

alle Fürsten leben nun mit Ehren,

nur der Höchste ist geschwachet;

Das hat der Pfaffen Wahl gemachet;

das sei Dir, süßer Gott, geklagt;

Die Pfaffen wollen Laien-Recht verkehren;

Der Engel hat uns wahr gesagt.

 

6) Kaiser Otto war jedoch dem Dichter auch nicht milde genug, er findet, indem er ihn mit dem freigebigen jungen Friedrich vergleicht, daß die Milde sich nicht nach der Leibeslänge richte, (Man. LXXII, 3. 4.) (Otto war von hervorragender Gestalt). Als Friedrich dem Kaiser 1212 in Constanz zuvorkam, traf er dort die vorausgesandten Köche desselben, „die doch nicht im Stande waren, Friedrichs Anhänger für ihren Herrn zu gewinnen.“ Darauf

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*) V. d. Hagen: diu tet liebe, Lachmann: drô statt diu; ein Fuß fehlt, Also: so tet diu liebe? Für die Richtigkeit dieser Fassung der letzten Zeilen stehe ich nicht ein. Der Witz liegt wohl in der ironischen Anwendung des von Lachmann zur Erhellung dieser auch ihm dunklen Stelle herangezogenen Sprichworts: „Liebe macht Liebe um Liebe zum Diebe.“ Der Sinn ist: sie liebten sich so sehr, daß sie sich einander bestahlen [übervortheilten] und dadurch ihr Complot verriethen. drôtet liebe, wie Lachmann schreibt, würde sagen: erst die Drohung des Kaisers nöthigte sie zu völliger Eintracht. Jenes ist piquanter und mehr im Sinne Walthers.

 

 

 

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24

 

scherzhaft hindeutend und zugleich die Absetzung des griechischen Kaisers Alexius III. 1204 durch die Kreuzfahrer heranziehend, giebt Walther, ohne Zweifel noch auf Otto's Seite, folgenden Rath: (Man. XXV, 14.)

 

Wir soll'n den Köchen raten,

seit es ihn‘n also hohe steh, [zu stehen kommt, wenn nämlich sie sich versäumen]

daß sie sich nicht versaumen,

Daß sie der Fürsten Braten

schneiden größer baß denn eh,

doch dicker einen Daumen. [wenn auch nur einen Daumen dicker]

Zu Griechen [land] ward ein Spieß [braten] verschnitten,

Das that eine Hand mit argen Sitten;

sie mochte es nimmer han vermieden; [sie konnte es nicht ungeschehen machen]

der Braten war zu dünne.

drum mußte der Herre vor die Thür',

die Fürsten saßen an der Kür',

Wer nun das Reich also verlür',

dem stünde baß, daß er nie Spies gewünne.

 

7) Walther findet sich nach Otto's ersten Unglücksfällen wieder am Hofe von Wien, wo er in seiner Jugend singen und sagen gelernt hatte. Der Herzog Leopold VII., wegen seiner Milde und Tapferkeit der Glorreiche genannt, dessen Sparsamkeit zum Zweck eines Kreuzzugs Walther in einem früheren Gedichte (Man. LXXI, 17) lobt, kehrte 1219 aus politischen Gründen, nachdem er bei der Belagerung von Damiette zum Falle derselben mannhaft beigetragen, doch vor der Uebergabe des Platzes nach Hause zurück, wo tadelnde Reden über die frühe Heimkehr gefallen sein mochten. Walther nimmt ihn dagegen in Schutz. (Man. LXXII, 8.)

 

Herzog aus Oesterreich, es ist euch wol ergangen

und also schöne, daß uns muß nach euch verlangen;

seid gewiß, wann ihr uns kommt, ihr werdet doch empfangen;

Ihr seid wol werth, daß wir die Glocken euch entgegen läuten,

dringen und schauen, als wenn ein Wunder kommen sei;

ihr kommt uns, beides, Sünden und Schanden frei,

drum soll'n wir Männer euch loben und die Frauen soll'n euch träuten. [liebkosen]

Dies helle Lob vollführet daheim bis auf das Ort; [das Ende] *)

seid uns hier biderbe für das ungefüge [unschickliche] Wort,

das Jemand spräche, ihr soltet sein mit Ehren geblieben dort.

 

8) Nicht lange, so hat Walther dem König Friedrich sich angeschlossen, ist von ihm mit einem Lehen beschenkt, und hat ihm dafür mit manchem Liede gelohnt. Auf den Bann, welchen Gregor IX. 1227 gegen Friedrich aussprach, scheint sich folgender Rath des getreuen Lehnsmannes an seinen Kaiser zu beziehen:

 

Bot', sage dem Kaiser seines armen Dieners Rath,

und daß ich keinen bessern weiß, wie es nu staht:

wenn Niemand ihn auf Gut und Leute warten lat,

So fahre er balde und komme uns rasch, **) lasse sich nicht thören,

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*) Diesem hellen Lobe genüget vollkommen.

**) Der Dichter wollte die Reise über See mitmachen.

 

 

 

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25

 

irre [täusche] auch etliche, der Gott und ihn geirret hat;

Die rechten Pfaffen warne, daß sie nimmer hören

die unrechten, die das Reich wollen stören:

scheide sie von ihnen, oder scheide sie alle von den Chören. [d. h. von den Kirchen]

 

9) Das folgende Gedicht Walthers betrifft die Ermordung des Erzbischofs Engelbert von Cöln, den Kaiser Friederich vor seinem Zuge nach Italien zum Reichsverweser und Pfleger seines 1220 zum deutschen König erwählten Sohnes Heinrich bestellte. Die gleichzeitige Geschichte nennt ihn eine Säule der Kirche, eine Zierde der Geistlichkeit und einen Vater und Erhalter Deutschlands. Er wurde das Opfer seiner rücksichtslosen, auch der Höchsten und Nächsten nicht schonenden Gerechtigkeitspflege, und von seinem eignen Neffen, dem Grafen Friedrich v. Isenburg, dessen Bedrückungen als Vogt der Abtei Essen und Verden er gerügt hatte, am 7. November 1225 auf dem Wege von Soest nach Schwelm zur Kirchweihe überfallen und ermordet. Der umirrende Mörder wurde aufs Rad geflochten. Früher hat Walther den Erzbischof in folgender Strophe verherrlicht:

 

Von Kölne würd'ger Bischof, seid von Schulden froh.

ihr habt dem Reiche wol gedienet, und also,

daß euer Lob da hindurch steiget und schwebet hoh.

ist eure Würdigkeit auch boesen Feigen schwere,

Fürsten, Meister, das sei euch wie eine unnütze Droh' [vergebliche Drohung]

getreuer Königes Pfleger, ihr seid höher in Ehre,

Kaisers Ehrentrost mehr als je Kanzelere,

dreier Könige und elftausend Jungfraun Kämmerere.

 

Nun klagt er:

 

Weß Leben ich lobe, deß Tod den will ich immer klagen.

So wehe ihm denn, der den würd’gen Fürsten hat erschlagen

von Köln! weh, daß ihn die Erde noch mag tragen!

ich kann ihm nicht nach [gemäß] seiner Schuld eine Marter finden,

ihm wäre allzu sanft eine Eichengerte um seinen Kragen,

man soll ihn auch nicht brennen noch zergliedern noch schinden,

noch mit dem Rad zerbrechen, noch darauf binden;

ich harre noch, daß ihn die Hölle lebendig wolle schlinden. [verschlingen]

 

10) Mit derselben Gesinnung, wie in 8) Walther sich gegen den Kaiser ausspricht, wendet sich ein andrer Dichter, Bruder Wernher an den Pabst Gregor und fordert ihn auf, dem Kaiser gegen die ketzerischen Lombarden beizustehn; *) wenn er demselben zu seinem Recht verholfen, so werde die Fahrt nach Gottes Grabe kein Hindernis mehr haben.

 

Gregorius, Papst, geistlicher Vater, wache und brich ab deinen Schlaf,

verhüte, daß in fremder Weide nicht irre laufen deine Schaaf';

es wächset junger Wölfe viel in tugendlicher Wat. [Kleid]

Lamparten glüht in Ketzerheit: weßhalben löschest du das nicht,

da man so viel der Deinen Schaaf in Ketzerfutter weiden sieht?

sie schenken dir von Golde einen Trank, der dich in Sünden lat [läßt]

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*) Bekanntlich nahm sich der Papst der ketzerischen Lombarden gegen den Kaiser an, während er zu ihrer Ausrottung in Frankreich und Burgund Himmel und Erde in Bewegung setzte.

 

 

 

 

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26

 

Dem Kaiser hilf sein Recht behaben,

das hoehet dich und alle geistlich’ Orden;

gedenke wohl, daß Gott die Marter um uns litt und ward begraben:

laß zwischen ihm und dir den Haß nicht horden,

so wird der Friede und der Glaube stark und nimmt nicht abe,

so unternehmen wir die Fahrt für Sünde hin zu Gottes Grabe. [Man. I, 2.]

 

11) Derselbe Dichter, der ohne Zweifel den Kreuzzug mitmachte, hat auf des Kaisers Ueberfahrt ein sonderbares allegorisches Gedicht, welches die ganze Politik des Pabstes Gregor IX. gegen den Kaiser in der Auffassungsweise des gemeinen Kriegsmannes bespöttelt, wie denn überhaupt in den Liedern dieses Dichters eine derbe Auffassung der Zustände und Sitten vorherrscht. (Jen. II, 26.)

 

Es wollt ein Affe über einen See, jedoch er konnte schwimmen nicht:

er bat 'ne Schildkröt', daß sie ihn führe, wie die Sage uns bericht’t.

sie setzte ihn auf ihren Buckel und fuhr in ferne in den Teich.

Als er kam mitten auf dem See, sprach sie: „ich will zu Grunde gan,

gibst du mir nicht das Herze dein, so will ich dich ertrinken lan.“

Der Affe bot ihr für das Herz seine Glieder gar geleich [wohl proportionirt]

sie wollte nichts, als das Herze sein. –

da floß die Kröt' dem Lande ein Theil zu nahe.

Der Affe sprang bis an das Land, darum die Kröte kam in Pein.

Das sollt ihr für ein Beispiel nehmen an:

der Kaiser der ist kommen heraus und ist gesprungen ans Gestad":

ihr mehr begehrnden Krötelein, er setzt euch drum am Glücke matt.

 

12) Die drollige populäre Auffassung dieses Dichters verräth sich auch in folgender Strophe, welche sich ohne Zweifel auf die Empörung des jungen, verwahrlosten Königs Heinrich gegen seinen Vater Friedrich II. 1235 bezieht:

Gott hatt' Adam und Even gegeben im Paradise Wonne viel:

Adame macht er unterthan gar Wild und Zahm, bis auf Ein Ziel,

ein Obst; das solltest Du meiden von wegen solches Ungemach [als nämlich nun erfolgt ist]

Die Schlange es Even essen hieß; nun asest Du's auch auf ihren Rath.

mir ist leid, daß Du's nicht allein entgaltst und drum die Welt noch Kummer hat.

es trug sich zu, daß einem jungen Könige ganz so geschach,

Dem auch die Krone war zugedacht,

Reichthum und Ehre, nur daß er nicht wollte meiden

einen Schalk, dem hatt' der Teufel falschen Rath zu Mund gebracht; [in den Mund gelegt]

davon sie beide ein Saures mußten leiden.

Soll'n wir dies entgelten und daß Adam und Eve den Apfel aß,

so entgölt' ich, was ich nie genoß: Gott Herre, füge es alles baß.

 

Doch weiß derselbe Dichter auch ernstere und gesetztere, mitunter auch seelenvolle Töne anzuschlagen. Folgendes wurde vielleicht dem Könige Heinrich vor seinem unglücklichen Unternehmen gesungen:

 

Wie schwört man jetzt der Herren Rath? [dem Herrn mit Rath beizustehen]

ich weiß wol, wie man weiland schwur:

man rieth ihnen Treue, Milde und Ehre und würdiglichen Muth;

Sie [die Räthe] riethen, daß man schöne fuhr, [sich benahm]

ohn' Argheit, sonder Missethat,

sie riethen, was vor Flüchen und vor Schelten wäre gut.

Da mußten auch die Herren schwör'n,

daß sie den ganzen Räthen bei mit rechter Folge wären.

 

 

 

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27

 

Hiemit sie wollten falscher Handlu ng sich erwehr'n.

Der Herren viel verdirbet von den trugelosen mären. [viele von den guten nicht trügenden Herren verderben]

ich weiß, dem Herren ist sein Rath und dessen Folge wie vordem geschwor’n;

wenn hie und da der Eide viel gebrochen wird, die wären besser ungeschwor’n.

 

13) Auf König Heinrichs Fall und seines Bruders Conrad Erhebung, doch vor des letzteren förmlicher Erwählung, bezieht sich folgendes einfach herzliche Lied des Hardeggers, der sich in einem andern Liede als treuen Mann des Kaisers zu erkennen giebt. (Man. I, 10 und 12.)

 

Genade, Fraue, Königinne, Mutter unde Magd,

Du bist an Gnade reicher und stets reicher, unverzagt

ist noch Dein hülfebringender Trost:

Das laß den Kaiser und den König genießen,

und hilf dem König so, daß nun der Kaiser hochgebor'n

Erbarmen für ihn hab’ und lasse fallen seinen Zorn.

Deine Hülfe manchen hat erlöst,

Die laß auch ihm genädiglich ersprießen.

auch hilf dem König Conrad also,

daß er rechtmäßig Vogt zu Rome [Römischer König] werde,

und daß die Armen werden froh:

es lebt kein Herre hier auf Deutscher Erde,

noch bei den Wälschen, der uns nun zum Herren baß gezäme.

weh dem, der wählen darf, wenn er für ihn uns irgend einen Schwachen nähme. [Man. I,9.]

 

14) Aus derselben Zeit scheint folgende Strophe (Man. I, 12), in welcher der Hardegger sich als unverdrossenen Dienstmann des Kaisers und auf der gebotenen Fahrt zu demselben begriffen, darstellt. Die einfache Intention ist nicht zu verkennen, wenn man sich den Reisenden bei zweideutigen oder lauen Freunden des Kaisers eingekehrt denkt:

 

Ich bin auf einer Fahrt, von der mich nichts erwenden mag.

ich reite bis an die Herberge einen jeglichen Tag,

es sei trocken, es sei naß,

wie auch die Wasser fließen in den Landen.

Ich fürchte auch nicht die Mörder so viel wie um ein Haar,

noch die Räuber auf den Straßen, wisset das fürwahr;

lasse auch nicht ab um Königes Haß,

noch um die Fürsten, wenn sie’s wollten ahnden.

Wollten mir's denn Grafen wehr'n

und all die Freien, die da angesessen,

wenn die zu einander wollten schwör'n,

dazu die werthen Dienstleut, die ich nicht soll vergessen,

und auch die starken Städte in all der Welte gar:

die brächten von der Fahrt mich nicht, die ich da muß und auch ungerne fahr'.

 

Ebenso trotzig, wenn wir dies eben annehmen durften, zeigt sich der Hardegger in einem andern Liede voll gesunden Sinnes, worin er den abfertigt, der ihm sein auf den Kaiser gesungenes Lob verdreht hat. (Man. I, 10.)

 

Wer mir verkehrt, was ich jüngst von dem Kaiser sang,

der bringe ein eben so gutes *) vor und habe dafür immer Dank,

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*) D. h. der singe das Lob seines Herrn mit demselben Rechte, wie ich des Kaisers sang.

 

 

 

 

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28

 

fürwahr in all der Christenheit

sollten die Weisen mit ihm hallen. [übereinstimmen]

Ich schier' mich nicht, ob bei dem Mann mit Worten steht, [ihm Recht giebt]

der ihm gebietet, wenn er will, das er vom Gute geht

und von den Ehren, die er trägt; *)

dem ließe auch ich mein Wort nach Willen schallen.

Wer unpartheiisch richten soll,

der muß gemeiner Leute Urtheil fragen. **)

die Liebe richtet selten wol,

sie urtheilt immer für die Freunde besser und die Magen, [Verwandten]

nun fraget drum gemeine weise Leute und laßt euch sagen,

wer baß das Reich beschirmen möge und auch die Krone in hoher Würde tragen.

 

15) Auf Friedrichs II. Lösung vom Banne durch die Sühne zu St. Germano 1230, welcher drei deutsche Prälaten beiwohnten, bezieht sich folgende Strophe Reinmars v. Zweter. (139).

 

Wer einen schönen weißen Mann

von Rom aus und vom Lateran wollt' schreien an

um Haß für einen Mohren, und einen Mohren um Sold nehmen für weiß,

Wer das also lange triebe, daß schwarz Mann – weiß, und weiß Mann – schwarz des Soldes halber bliebe,

so hätten doch beide nach wie vor ihrer rechten Farbe Gleis. [Schimmer]

Was Rom überrufen [bestätigt] hat mit tausend Bannen,

woll’n sie das wiederraunen mit dreien Mannen:

Das will ich hohe auf den Dachen

mit schallendem Geschreie machen schwarz:

nun hafte da, als wie ein Harz; [Pech]

wie könnten sie's mit Raunen weiße machen?

 

16) Herzog Friedrich der Streitbare von Oesterreich, der letzte Babenberger, der in seinem Lande wider alles Recht gewaltet und alle Stände gegen sich aufgebracht, überdies auch den König Heinrich, seinen Schwager, gegen den Vater unterstützt hatte, wurde, weil er auf des Kaisers Ladungen, 1232 nach Aquileja und Ravenna, und 1235 nach Mainz und Augsburg, nicht erschienen, in die Acht erklärt, und dieselbe vom Kaiser selbst (1236 – 39) vollzogen. Wien, dessen Bürger vorzüglich des Herzogs Druck erfahren, wurde bei der Gelegenheit freie Reichsstadt. Auf diese Begebenheit bezieht sich folgende Strophe Wernhers. (Man. VI, 5.)

 

Mag ich nicht große Dörfer han,

noch viel der großen Städte in weiten Landen,

so bin ich dessen wol erlan,

daß ich aus Furcht nicht leicht Jemandem diene;

Wäre aber ich Herre in Osterland:

eh’ ich verlör' die gute Stadt zu Wiene,

ich wollte eh' reiten auf den Sand

zu Nüremberg, wo mich die Leute erkannten [ehrten]

____

*) D. h. sein Lehnsherr, der Gut und Ehren vergiebt, mithin wohl ein Fürst ist.

**) Zu den gemeinen, gemeinfreien Leuten rechnet sich zweifelsohne der Dichter selbst. Ob die achte Zeile richtig, bezweifle ich; sie sollte meiner Meinung nach lauten: auch dem würde ich mein Wort zuwider schallen lassen, d. h. wenn er meinen Lobsang angriffe. So erfordert's der Zusammenhang.

 

 

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29

 

Mir däuchts an Metz auch nicht zu viel

zu reiten um des reichen Kaisers Hulde;

steckte er zu Trappen [Trapani] mir ein Ziel,

das wollt ich holen, eh’ ich verlör’ zwei Land’ *) mit meiner Schulde;

von weiten Landen, großem Gelde [Einkünften] will ich gar nicht sagen:

doch um die edlen Mannen wollt' ich nie zu Ende klagen.

 

17) Vorher hat der Dichter den Kaiser in folgendem Liede gewarnt. (VI, 3.)

 

Welch Fürste hinter dem Kaiser geht

der Art, als ob er's nicht mit Treuen meine,

auf ihn versuchet falsche Räth' [Pläne]

Der hat zu ihm in Wolfes Weise sich gesellt.

Der Wolf schleicht in dem Walde nach

dem Mann; ist, daß er strauchelt oder fällt,

alsbald so wird dem Wolfe jach,

daß er sich auf ihn werfe, der valsche unreine.

Herr Kaiser, seht dem Fuße für,

ihr sollt euch hinten wol mit Witzen hüten;

wer euch in Wolfes Fährte spür':

das hindert zeitig, eh' der Falsch beginne brüten.

von einem Halme kommt ein Feur, wenn man nicht sein Zünden untersteht; [hindert]

davon ein Haus entbrennet gar, und es an die Scheuren geht.

 

18) Unser Dichter ist jedoch kein blinder Anhänger des Kaisers; dessen Gewaltthaten mancher Art haben ihn bitter gestimmt; aber er wird deshalb noch nicht Anhänger des Pabstes, als dieser 1239 den Bann gegen Friedrich erneuete, sondern er stellt sich über beide Partheien als Anwalt der zertretenen Christenheit. (Jen. I, 4.)

 

Ein rechter Papst, der sollte vergeben

dem Sünder seine Missethat.

ein rechter Kaiser sollte richten ohne allen Haß.

Seitdem ihr Recht nicht rechte anstaht, **)

so kränket sich ihr beider Leben:

das ziemt dem Papste nicht; Gott selbst gebeut ihm das,

daß er für Böses thäte gut.

nun will die Bosheit mit der Güte ***) die Christenheit verschneiden. [verwunden]

ein rechter Papst überließe dem Kaiser den falschen Muth, [die Falschheit, Verstellung]

er ließe auch nicht seinethalb die armen Christen überreiten.

will er vollenden seinen Zorn, so wird ihr beider Schuld gar groß,

soll'n wir darunter sein verlor'n, so werden sie darum noch Lucifers Genoß.

 

19) Aus dieser Zeit berichtet uns Reinmar v. Zweter einen von der Geschichte nicht erwähnten Vorfall der sich jedoch nicht lange nach der verschärften Erneuerung des allgemeinen Landfriedens durch den Kaiser zu Mainz 1235 zugetragen zu haben scheint. (Man. 226 und 227.)

 

Sonst hatten Frauen die Gewalt,

daß sie mit ihren Augen klar fiengen manchen Ritter bald [kühn]

____

*) Oesterreich und Steiermark.

**) Nicht gerade empor, also schief steht, in schiefe gegenseitige Stellung gekommen ist, der Geradheit entbehrt und krumme Wege geht.

***) Der Wolf im Schaafskleide.

 

 

 

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30

 

und ihn damit bezwangen, daß er sich zu eigen mußte geben.

Wo nun Frauen reisen über Feld,

die sahet man um Schatz und nicht um rechter Minne Geld [Lohn]

und flöh' ein Wolf zu Frauen, man sollte ihnen zu Liebe ihn lassen leben.

Ein Ritter kann seine Ehre wol verhauen, (schwächen)

der eine Frau fängt, wo sie reist mit Jungfrauen,

und sie gleich wie ein Räuber mit sich zäumet (am Zaum führt)

Hermelinzähne, scharlachner Mund

werde ihm von Frauen nimmer kund:

Darzu müsse ihm von Eiern sein geträumet. *) Der neu geschliffne Friede ist scharf,

und so scharf, daß man Ungericht **) nicht fürchten darf:

wer eine Masse Goldes trüge über Feld, die wäre unlange sein.

Das mag die Königinn wol jehen (bestätigen)

von Ungerland, die hat das wol gehoeret und gesehen,

der neu geschworne Friede ist an ihr und ihren Rossen wol schein. (deutlich zu sehen)

Man war den Frauen weiland so gewärtig,

wär' sie daher gereist so minnefertig,

einen Kuß von ihrem rothen Munde

hätte man lieber herab gestohlen,

als all' ihre Ungerischen Fohlen:

Das war damals, als Minne zwingen kunde.

 

20) Derselbe Dichter, wie er den Wegelagerer mit heitrem Humor geißelt, so wendet er sich mit bittrem Ernste gegen ein andres Unwesen seiner Tage, den Gebrauch scharfer Waffen beim Turnier. Im Jahre 1241 kamen zu Neus a. R. sechszig Ritter im Turnier um. Auf die Kunde davon scheint folgender Spruch gedichtet. (Man. 106.)

 

Turnieren war sonst ritterlich:

nun ist es rinderlich, toblich, todtscharf, mörderlich;

Mordmesser und Mordkolben, Aexte gar, geschliffen auf Mannes Tod,

so ist der Turnei nun gestalt;

davon sind schöner Fraue Augen roth, ihr Herze kalt,

so oft sie ihren lieben, werthen Mann da weiß in mörderischer Noth.

Als man Turnieren pflag zu Ritters Lehre,

um hohen Muth, um Anstand und um Ehre,

da hätte man um eine (Pferde-) Decke

ungerne erwürget guten Mann:

wer das nun thut und das wol kann,

der dünket sich zu Felde ein ganzer Recke.

 

21) Die nächsten Zeitereignisse von den Jahren 1239 – 42 betrifft ein Räthsel des Meister Alexander, der wilde Alexander genannt, wegen des schwer zu erhaschenden Sinnes seiner tiefsinnigen Sprüche. Das Gedicht (Jen. 7) scheint Gewinn und Verlust der beiden großen Partheien gegen einander abzuwägen:

 

Ein Hirte entband seinen tollen Hund;

davon geht beschor'n und ungesund

manch Schaaf auf dürrer Weide.

Ein Licht erlosch zu Mainze sider; (späterhin)

da flog ein Aar mit Leide nieder,

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*) siehe das noch jetzt gebräuchliche Traumbuch.

**) Ungericht bedeutet Landfriedensbruch.

 

 

 

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31

 

doch kam ihm Trost nach Leide.

Zu Pülle eine listige Schlange erstarb;

der Elbe Minne der Rhein erwarb,

das fügte eine Taube zu Braunschweig.

sich freute der Wolf der Missethat

in Schwaben, daß in Baiern gaht

ein stetig Maulthier unrechten Steig.

 

Mit dem Hunde wird der scheußliche Domherr Albert Beham von Passau bezeichnet, den der Oberhirt Gregor (die listige Schlange, die in Apulien, d. h. in Italien 1241 starb) mit dem großen Kirchenbann 1239 nach Deutschland sandte, und welcher alle, die den Bann nicht ausführten, Geistliche und Laien in den Bann that. (Er wurde 1247 von den Bürgern von Passau lebendig geschunden.) Der Bischof Conrad v. Freisingen, gegen ihn sprechend, äußerte sich: der Pabst mag seine italienischen Schaafe scheeren, wir (deutsche Bischöfe) sind von Gott eingesetzt, daß wir die Wölfe in Schaafskleidern von unsern Schaafen abwehren. Der Erzbischof Eberhard von Salzburg schrieb an Otto von Baiern, er möge den größten Schurken, der auf zwei Beinen gehe, den verpesteten Albert aus Baiern jagen. Der Wolf in Schwaben scheint wieder dieser Albert, der 1242 durch Franken und Schwaben zu dem großen Concil nach Lyon reiste. Das „stetige“, hartnäckige Maulthier meint den Herzog Otto von Baiern, der durch Frauen und Pfaffen verführt, längere Zeit dem päbstlichen Sendlinge nachgab. Das erlöschende Licht zu Mainz ist wohl weniger des Erzbischofs Siegfried Tod 1249, als sein Uebertritt zum Pabste, wodann er die Wahl des H. Raspe v. Thüringen gegen Conrad betrieb, obschon er sich erst 1240 mit Böhmen und Sachsen für Friedrich erklärt hatte. Die Taube von Braunschweig ist wohl Irmengard, Enkelin Heinrichs des Löwen, vermählt mit Markgraf Herman IV. von Baden.

 

22) Den Fürsten, welche den Thüringer H. Raspe gegen Conrad zum Könige wählten (1245) macht Wernher (Man. I, 8) den Vorwurf der Undankbarkeit und Unklugheit.

 

Genug der Herren han sich so geschwächet, deß ich ihnen erban: *)

sie müssen noch dienen ohne Dank, **) wenn ich es recht erkennen kann;

ihnen ist geschehen, wie dem Blinden, der seinen Knecht verjaget:

Wo Niemand als die zwene sind, da muß der Blinde alleine stehn,

alsbald gereuet ihn die That, da er die Wege nicht kann gehn.

das deute ich auf die Herren, die nun leider sind verzaget

An einem Könige, der ihrer pflog, (sie liebte)

sie reicher machte alldaher viel willigliche.

weh! wohin kam ihr Mannesmuth? (die Treue) so hoch er Herren Dienste wog,

so ist leicht kärger, den sie loben, sicherliche. ***)

sie haben sich selber in den Fuß gestecket einen scharfen Dorn:

nun hinket, liebe Herrn, da wir den milden König haben verlor'n.

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*) Was ich ihnen fern wünsche.

**) Wider Willen.

***) so wahr Conrad die Dienste der Fürsten hoch anschlug und lohnte, so wahr ist es, sicherlich, daß der, den sie jetzt loben, kärger ist.

 

 

 

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32

 

23) Friedrich II. ließ nach seiner Entsetzung durch Innocenz IV. zu Lyon, wo derselbe unter anderen gröblichen Beschuldigungen auch des sündlichen Verkehrs mit den Saracenen seines Reichs bezüchtigt wurde, zu seiner Rechtfertigung Briefe an alle seine Beamten und an die ganze Christenheit ergehen. Reinmar v. Zw, der den sittenlosen Kaiser wohl richtiger beurtheilte, als mancher neuere von den aleibiadischen Talenten desselben geblendete Geschichtschreiber, kehrt seinen schärfsten Sang gegen jene Briefe. (Man. 170.)

 

Gesottner Lug, gebratner Lug,

Lug aus der Galrei, Lug von Barat, *) Lug von Trug,

gebalsamt Lug, gebisamt Lug, Lug mit Safran überzogen,

Lug, wie man ihn erdenken kann und will,

der wird gesandt in Briefen in des Reiches Städte so viel,

daß es mich immer wunder nimmt, wenn sie mit Luge nicht sind betrogen,

Wenn von dem Luge sie nicht wurden kräzig; **)

es wurden Menschen nie so lügenfräßig,

als in des Reiches Städten die Leute.

was man an Lügen mag vor sie tragen,

die schlingen sie alle mit ihren Kragen: (Hälsen)

ob's ein Apulscher Zauber uns wohl deute? (erklärlich mache?)

 

24) Auf die von ihm gebilligte Absetzung des Kaisers hin läßt Reinmar an die Wähler des Reichs folgende Aufforderung ergehen. (Man. 148 und 149.)

 

Das Reich, das ist des Kaisers Richt;

er ist sein Pfleger und sein Vogt: ihr Fürsten, seht ihr icht (irgend etwas)

an ihm so schuldiges, weshalb er sollte von dem Reich abstehn,

So nehmt euch einen, der euch ziem' (passe)

und auch dem Reiche baß, als er; und dienet alle ihm.

seid ihr dem Kaiser gram, die Rache laßt nicht über's Reich ergehn.

Ihr sollt des Reiches wohl von Rechte schonen,

wenn ihr dem Kaiser nun nehmt ab die Kronen:

wer dann von euch sei aufgesetzet,

der soll das Reiche wol entladen

beides, von Unrecht und von Schaden:

so werden wir des Kaisers wol ergetzet. (vergütet)

 

Etlichen Fürsten ist es leid,

daß Römisch Reich gefallen ist in diese Unwürdigkeit;

sie dünket und sie sprechen, ein andrer pflöge des Reiches baß, denn er

Lombarden, Griechen, Ungerlant, ***)

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*) Ital. baratto, Trug; dasselbe wird wohl Galrei bedeuten.

**) raeze, scharf von Säften, daher Krätzerwein. Der Lug des Kaisers, den sie verschlangen, schlägt als Krankheit an ihnen aus.

***) Der Ungarnkönig Stephan soll i. J. 1000 sein Reich vom Röm. Stuhle zu Lehen genommen haben. Gewisser ist, was auch dem Dichter erinnerlicher, daß Bela IV. von den Mongolen geschlagen, um deutsche Hülfe zu erhalten, sein Land 1241 von Friedr. II. zu Lehen nahm. Das latein. Kaiserthum in Byzanz erkannte von vorne herein seine Abhängigkeit vom Röm. Stuhle. Der Dichter scheint sagen zu wollen, daß Friedr. mit dem Lehen des heiligen Röm. Reichs umgehe, wie mit seinen Erbstaaten; abgesetzt würde er auf die letzteren, Neapel und Sicilien, beschränkt sein, somit des Reiches Umfang erweitert. Griechenland mengt er durch ein Versehen herein, das wohl daher entsprang, weil er den latein. Kaiser Robert von Courtenay auch bei Friedr. II. um Unterstützung bittend angetroffen.

 

 

 

 

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33

 

die ergaben sich dem Reich, da stand es ganz in seiner Hand:

Des Reiches Ring viel weiter wird, nimmt man die Kron' ihm und den Speer.

Nun seht euch vor, des Reiches Wählere,

den ihr nun wählt, daß der sei Schanden leere

und also, daß ihr ihn versuchet.

wird er euch lieb, so steht ihm eben, (gefällig)

und ist das nicht, so last euch geben

das Reich zurück sobald wie ihr's geruhet.

 

25) Auf Friedrichs II. Tod, dem, wie die Pfaffen behaupteten, die ewige Verdammnis folgte, weil der Kaiser ohne Beichte und Absolution gestorben, geht folgendes, wohl das allgemeine Urtheil der Zeit darlegende Gedicht des Sonnenburgers. (Man. II, 7).

 

Was hilft denn nun des Reiches Gut

dem Kaiser? – Er ist erstorben,

von dem die edlen Christen litten Noth und Arebeit.

Was half ihm auch sein weiser Muth,

hat er nicht dort erworben

das Himmelreich, das Gott all der Welt hat bereit?

Wenn er hier wegen reicher Habe

hat all die Welt verirret,

so wird ihm dort eine saure Labe, wo es der Seele wirret; (schlecht geht)

so hat das Gold den Sinn betrogen

und der Muthwill' seines Herzen:

und haben die Pfaffen nicht gelogen,

so leidet er dort die Schmerzen. "

 

26) Wie ganz anders klingt dagegen Wernhers (Jen. V, 4) Klagelied auf Herzog Ludwig von Baiern, das ich hier des Vergleiches halber nachtrage. Ludwig, der den eigenmächtigen Schritten des jungen Königs Heinrich energisch entgegentrat, wurde 1231 auf der Kehlheimerbrücke von einem Wahnsinnigen ermordet.

 

Jung und alt, arm und reich, helfet mit mir klagen

des Fürsten Tod aus Baierland; wer soll uns nun ergetzen

der großen Treue, die man stetigliche an ihm fand?

Dem Kaiser und dem Könige ist Hülfe an ihm erschlagen;

er konnte das Reich also berichten und also besetzen, (bestellen und ordnen)

daß es ohne allen Schaden stand über jedem deutschen Land.

Das Land über Meer wäre gar verloren

ohne seine starken Räthe. (Hülfe) *)

der Papst und der Kaiser hatten großen Zorn:

die Sühne machte er mit Treue stäte. (fest)

er schuf auch, daß der König blieb an seiner rechten Eh: (in den Schranken seiner Befugnisse)

wie er es hier verdienet hat, Gott gebe, daß es ihm dort baß ergeh!

 

27) Wir sparen die Lieder, welche eine deutliche Beziehung auf die nächsten Zeitereignisse nach Friedrichs II. Tode enthalten, für jetzt noch auf, um sie in einer folgenden Abtheilung, – Wirren des Reiches – nachzuliefern. Zunächst mögen wir die Dichter zu anderen Vorfällen begleiten, welche nicht den Zwist der beiden großen Partheien mehr berühren. Da begegnet uns denn zunächst

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*) Ludwig hatte 1221 in des Kaisers Namen Verstärkung nach dem heil. Lande geführt.

 

 

 

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34

 

ein rührendes Klagelied des Meister Stolle (Jen. 16) auf die brabantische Maria, welche ihr Gemal, Herzog Ludwig von Baiern 1256 in eifersüchtiger Wuth vor seinen eignen Augen ermorden ließ.

 

O weh! heut und immerfort Waffen *) sei geschreit!

o wehe dem Tage, so wehe der Nacht, so wehe der feigen Zeit,

so wehe Dir, gar schamlose Frucht

aus Baierland, wie hast Du Dich geschändet

An einer hochgelobten Frau, die weithin war erkannt, (berühmt)

von Königes Geschlecht gebor'n, geheißen von Brabant:

ihr' weibliche Ehre, ihr' weibliche Zucht,

ihr' weibliche Freude, die hast Du erwendet. (vernichtet)

sie ist nun an der Märtyrer Statt,

gar wie die gute heilge Katharine,

die sich ließ flechten auf ein Rad,

für ihren süßen Gott litt sie viel manche schwere Pine: [Pein]

so ist der edlen Herzoginne Seele vor Gott erkor'n,

da sie mit wahrem Morde hat gar ohne schuld ihr Leben verlor'n.

(Jen. 17.) Ich vernahm in all meinen Tagen noch nie Mord so groß,

wie von der Baiern Herrn, der hat sich gemachet bloß

an Tugenden und an der Würde sein:

Gott schände, die den Rath ihm haben gerathen!

Der von Isol, so hoere ich, rieth's, und der von Bruckensberg,

die zwene haben gerathen gar lästerliches Werk

gegen die edle Herzogein:

man sollte sie beide auf einem Roste braten!

Nun möget ihr hören Jammer klagen:

sie bat ihren Herrn um einen Kuß vor ihrem Ende:

„Soll ich nun sein von Euch erschlagen,

so müßt Ihr oft noch schmerzvoll ringen Eure Hände;

mein Zeuge ist der Jungfrau Sohn, daß ich unschuldig bin:

der Tod, den ich nun leiden muß, der wird noch Eures Heiles Ungewinn.“

 

28) Der Krieg von Wartburg, Jenaer Handschrift, enthält mehrere Gedichte von historischer Beziehung, von denen die hauptsächlichsten den Streit der neuen Bettelmönchsorden in Deutschland, um die Mitte des 13ten Jahrhunderts, betreffen. Die Lieder sind offenbar in jener Zeit selbst mit dem frischesten Interesse an der Sache für die Parthei der Orden gedichtet, vielleicht von Bettelmönchen selbst. **) Die Pfaffen werden getadelt, daß sie, ärger als

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*) Ein Hülfs- und Weheruf.

**) Die folgenden Lieder sind um so interessanter, als sie die echtesten Nachahmungen der Sirventes sind, die in Deutschland vorkommen. Der Ton des Bewußtseins der hohen und reinen Sache, die sie verfechten, darf uns jedoch nicht über die gemeinen Triebfedern dieser Gedichte täuschen. Allerdings waren die Pfaffen dazumal im Durchschnitt nichtswürdig, aber die Mönche, diese Ketzerriecher und Ketzerrichter waren bei weitem nichtswürdiger, als die im Ganzen toleranten Geistlichen. Daß die letzteren ihnen die Hand nicht boten zur Errichtung von Inquisitionstribunalen, sondern sich den Laien in der Abwehr solcher Scheußlichkeiten anschlossen, konnten die Mönche wohl nicht leicht vergessen. Obige Gedichte verrathen, däucht mir, in dem giftigen Groll, der sich an die Fersen des Feindes hängt, durchaus den mönchischen Dichter; denn der Gegenstand des Tobens ist doch im Ganzen nur eine Lappalie; wenn dieselbe aber trotzdem mit leidenschaftlicher Erbitterung behandelt wird, so erkennen wir darin einerseits den recht gemeinen Mönchsgeist, welcher die Schwäche der Sache durch äußere Wuth und Hitze zu verstecken sucht, andrerseits aber mögen wir uns freuen, daß diese Herabgesunkenheit der Poesie nicht die ganze gleichzeitige mhd. Lyrik ergriffen und verpestet hat.

 

 

 

 

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35

 

Judas, Christum im Brote für einen Pfennig verkaufen, desgleichen das Chrisma. Das letztere konnte der Bischof allein anfertigen; dagegen hatten Kirchen und Klöster urkundlich die Berechtigung des Vertriebs sowol, wie der Anfertigung der Oblaten, denen mit einem Eisen die Form des Agnus Dei oder des Crucifixes oder des gegeißelten oder des kreuztragenden Christus aufgeprägt wurde. Unser Gedicht nun stellt dar, wie die Teufel Auron und Radimant dem Pfarrer zu Aschaffenburg die Lust einflößen, die deutsche Kirche mit besagtem Handel zu bereichern. Der höchste Rath des Erzbischofs von Mainz, Conrad v. Kastel und mehrere Pfarrer werden für den Plan gewonnen, der Erzbischof selbst verheißt seine Einwilligung für den Fall, daß auch die Predigermönche mit ihrem Gardian dafür stimmen:

 

Str. 27. Die Brüder wurden da besandt

und auch zwei Pfaffen, die man in den Künsten fand,

daß sie das Recht wol zu Unrecht konnten machen.

Die Brüder vor der beiden Kür [Entschluß]

erschraken, da man ihn’n die Sache legte für,

und redeten, daß ihr Engel mußte lachen.

Ich sah auch, wie ihre Farbe entbrannte, ihre Augen sah ich blinken:

„so weh ihn’n, die dies haben getan!“

sprach ihr Mund, „eh’ wir den Falschen beigestahn,

wir ließen alle Kloster eh’ versinken.“

 

Str. 28. Da sprach von Bonne Kerzendacht:

„wir han es überlegt, es wird auch doch vollbracht

ohne euer Aller Dank, ihr Ordenere. [Ordensbrüder]

Wollt ihr uns Pfaffen widerstehn,

und doch in Deutschen Pfarren bei uns betteln gehn,

wir machen, das die Säck' euch bleiben leere.

Herberge auch euch theuer wird, das werden wir wol schaffen.“

Der Gardian ward Zornes voll;

er sprach: „Der euch verführet, der geseget euch auch wol.“ *)

da schieden sie ohne ihre Folge **) von den Pfaffen.

 

An dies Gedicht schließen sich mehrere Strophen aus der Kolmarschen Handschrift an, in denen das Bestreben sichtbar ist, die Laien, arm und reich, hoch und niedrig, für die Sache der Orden zu gewinnen.

 

Str. 20. Ja wahr? ***) ich Gottes Handgethat: [Verheißung]

ein Brot, das er sich selber gleich gemachet hat,

das wollen falsche Pfaffen nun verkaufen.

Den Chrismen sie da feile tragen:

es ist viel manchem Geiste leid, daß ich es hie muß sagen.

so haben sie's im Sinn auch mit der Taufen.

Urkunde heißen sie’s, der Papst erhält sein Theil;

die rechte Schrift stimmt nicht darein: ****)

Aerger als Judas müssen diese Pfaffen sein,

die Gott für einen Pfennig tragen feil.

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*) Im Fegefeuer nämlich.

**) Ohne Folgeleistung verheißen zu haben.

***) Im Text steht ja warn' sqq., das hieße: wohl) warne ich Gottes Creatur; ich erlaube mir für warn' zu lesen wäre.

****) Wörtlich: es sei frei der rechten Schrift, d. h. erhaben über dieselbe.

 

 

 

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36

 

Str. 22. Hör' Pfaffe, was dir ist gegeben:

die Wideme *) ist dein, wenn du nach Rechte wollest leben,

darum so sollst du singen und taufen;

Das Opfer auch; ich sage dir mehr:

Tag und Nacht um deine Sünden klage sehr,

Gott noch das Chrisma wolle nimmer verkaufen.

Verkaufst du ihn, so mußt du fahr'n, wie jene achte thaten,

die haben in der Hölle Abgründen Pflicht [Verkehr]

sie kommen auch nicht vor's jüngste Gericht,

da sie denselben Trug zu Mainze knaten. [von kneten]

 

Str. 29. Hör' Pfaffe, weß du dich magst schämen,

willst du Aurons Pfenning für das Chrisma nehmen:

mit Sünden und mit Schanden hast du ihn gewönnen.

Womit soll sich der Sieche laben,

wenn du mit falscher Gier ihm nimmst die Habe?

das arme Weib hatt' es mit Mühe ersponnen.

Hiemit mäßtest du deinen Leib; dann geht es an ein Freien.

ihr Laien, prüfet diese That;

welch Pfaffe in seiner Pfarre solche Sitte hat,

Auron sollt ihr denselben Schalk beschreien.

 

Str. 30 ist zu den Fürsten gesprochen:

 

War Pilatus von Tadel frei?

er wusch seine Hände, damit er unschuldig sei

des Todes, den er schuf dem Jungfrauen Kinde.

Ihr Hohen, die die Pfarren geben,

warum fraget ihr nicht nach der Pfaffen Leben?

Pilatus' Gleichen muß man in euch finden.

Laßt ihr mit Aurons Pfenning eure Pfaffen schallen [prahlen]

und steht den Missethätern bei,

so wähnt ihr wol, das Gott ein Lügner sei:

nein, er ließe eh' das Reich des Himmels fallen.

 

Str. 31 kehrt sich mit ähnlicher dogmatischer Widerlegung gegen die Pfaffen:

 

Nun hast du Brücken unde Stege:

willst du dich selbst ertränken und weißt die rechten Wege?

ich meine Euch, Priester, hoch erhobene Pfaffen.

Der Hölle Abgrund Wunder hat:

wer sich selbst tödtet, deß wird nimmer Rath.

wollt ihr Euch Dankes **) an den Galgen schaffen?

Der Hölle Abgrund Wunder hat,

die manche Pfaffen schinden

welche Gottes Gabe feile tragen:

verlaß den Weg, willst du das Himmelreich erjagen;

Gott wird zum Lügner nicht um deine Sünden.

 

D. h. um die Pfaffen zu erretten, würde Gott nicht sagen, braun sei blank, (Sünde sei Gerechtigkeit) wie Str. 32 weiter ausführt.

 

Beziehung auf bestimmte Ereignisse enthalten unter den Liedern des Wartburgkrieges noch Str. 14 der Man. Sammlung und Str. 17 der Jenaer; jedoch die erstere ist wohl an hundert Jahre nach dem bezüglichen Ereignis gedichtet und entstellt das Factum bedeutend;

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*) Die Morgengabe, soll hier wohl alles, was der Kirche geschenkt ist, bedeuten.

**) Mit freiem Willen, ausdrücklich, durchaus, Gegensatz von: ohne Jemands Dank, gegen Jemands Willen.

 

 

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37

 

die letztere ist von dunkler Beziehung, und überdies ein schlechtes Machwerk, ebenfalls aus später Zeit. Beide Gedichte könnten aber gar wohl als matte Ueberarbeitungen älterer besserer Darstellungen betrachtet werden.

 

29) Von des Böhmenkönigs Ottokar I. Siegen über den Ungarkönig Bela, mit welchem er um Steiermark kämpfte, 1271, giebt folgendes Lied des Sonnenburgers rühmenden Bericht. (Man. III, 2) Der Zug wurde mit Hülfe mehrerer Deutscher Fürsten (von Brandenburg, Breslau, Meissen, Thüringen) zur Vergeltung für einen verheerenden Einfall der Ungarn und Cumanen unternommen, und Steiermark, Kärnthen und Krain behauptet; die Hauptschlacht geschah bei Raab.

 

Ich war, wo sieben Wochen reit [ritt]

mit reicher Königes Würdigkeit

der König von Beheim, da er gewann

wol zwanzig guter Vesten im Ungerlande.

Ueber Donau tausend Ellen lang

er brückte ohne der Ungern Dank,

über acht Wasser brückte er dann

und gewann Presburg mit Sturm ohn’ alle Schande.

Entwerken *) Altenburg ich sach

zu Wasser und zu Lande mit Gewalte,

die reiche Wieselburger brach,

seinem hohen Namen zum Angedenken er Bürge und Thürme fallte.

darnach der Unverzagte

wohl dreier starker Raste **) lang

hin in die Rebenze, ***) da ertrank

der Hunnen gar unmaßen viel, – wohl dreißig tausend jagte.

 

Der Sonnenburger war Anhänger Ottokars, bis Rudolf v. H. die Krone erlangt hatte. Für jenen dichtete er, so scheint's, das obstehende Gedicht, um seinen Herrn den Deutschen als durch Thatkraft der deutschen Königskrone würdig zu empfehlen, wie wir späterhin noch andre Gedichte ähnlicher Tendenz finden werden.

 

30) Rudolfs v. H. Wahl mag wohl manchem Zeitgenossen, der aus dem Jammer des Vaterlandes während des Interregnum den nahen Untergang der Welt weissagte, wie ein Wunder vorgekommen sein. So kam es, daß verschiedene wichtige Vorfälle in dem Leben dieses Bürgerköniges mit bedeutsamen Erscheinungen und Geschichten verbrämt wurden. Eine solche ist die in folgender Strophe des Sonnenburgers enthaltene. (Jen. 29.)

 

Sie fragen, wie der König von Rome Rudolf mir behage:

er behaget mir, wie er muß, seitdem er Gott behagte an dem Tage,

da er ihn zum Vogte, wie ich euch sage,

gab aller Christenheit.

Und so sehr behagte er Gott, – wie uns der Brunecker jach, [sagte]

daß er selbst und manch tausend Mann ansichtiglich wol ansach, ****) –

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*) Mit Maschinen zerstören.

**) Märsche, deren mehre auf eine Tagereise gerechnet werden.

***) Die Rabnitz.

****) Der Dichter hat die wunderbare Erzählung von dem Herrn von Bruneck, welcher den Krönungsfeierlichkeiten selbst beiwohnte.

 

 

 

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zu Achen über dem Münster das geschach: –

hoch, lang, weit und breit

Ein schönes Kreuze schwebte ob ihm, der Weile wie er da saß

gekrönet und die Weihe empfing; hiedurch erkenne ich das,

daß ihn Gott durch der Fürsten Mund zu einem Vogte hat erwählt:

nun sei er Dir, allmächtiger Gott, in deinem Frieden gezählt. [d. h. rechne ihn, Gott, zu denen, welchen du Leiden sparst]

 

Die Chronik berichtet, daß die anfangs weiße Wolke des Kreuzes allmälig blutroth geworden sei, und Rudolf einen Kreuzzug gelobt habe.

 

Unser Meister Friedrich v. Sunenburg macht offenbar den Emissär des Königs, (und um so lieber, da ihn, wie er Str. 26 klagt, des Königs von Böhmen Ja betrog) er sucht die Bedenklichen, welche an der päbstlichen Bestätigung zweifeln, durch folgende Lieder darüber zu beruhigen.

 

Str. 27. Ich hörte des Papstes Briefe lesen; dies war die Boteschaft:

„Der allerliebste unser Sohn gegrüßet sei mit voller Kraft,

„mit ganzer Liebe unzweifelhaft

„ohne allen Unterlaß.

„König von Rom, Rudolf, künftiger Kaiser offenbar,

„daß wir nicht früher dich König nannten, das kam von hohem Rathe gar,

„dir beides zu Nutzen und ohne Gefahr;

„fürwahr so wisse das:

„Wir laden dich zur Weihe, williglich sind wir bereit;

„die Krone und alle christliche Würdigkeit [Würden]

„die empfange von uns, viel lieber Sohn, sobald du kannst, in kurzen Tagen:

„dein Haubt die Krone auf Erden soll ob allen Königen tragen."

 

Der Brief des Pabstes Gregor X. aus Lyon an Rudolf 1275 enthielt eine Einladung zur Kaiserkrönung und zum Kreuzzuge. Der hohe Rath, von dem der Pabst sagt, das er die Bestätigung verschoben, enthielt wohl dies, daß der Pabst vorher die Gegner, Alphons, Richard und Ottocar beschwichtigen wollte.

 

Str. 28 gedenkt in derselben Absicht, wie die vorigen, des päbstlichen Rundschreibens an alle Fürsten der Christenheit, die zum Theil zum Reiche zählten.

 

Der Papst an alle Christenfürsten Briefe hat gesandt,

Deutschen, Wälschen, Wenden, – Pfaffen, Laien, wie sie immer sein genannt,

den reichen Königen in ihre Land',

nahe, fern und weit.

In alle Häuser, alle Dörfer und in alle Städte,

allen Meistern schreibet er sein hoch Gebot und sein Gebete:

daß nie Papst so lieb einen König hätte

seit König Karles Zeit.

Er schreibet, daß sie sollen ihren Herren immer sehn

im König von Rome, Rudolf, und ihm bei mit Treuen stehn;

er sei ein künftiger Kaiser; wer ihn irret oder widerstaht,

daß den der Papst auch nicht für einen rechten Christen hat.

 

Die letzteren Worte scheinen besonders auf Ottocar gemünzt, da dieser allen Vorstellungen des Pabstes widerstrebte.

 

31) Das nächstfolgende Gedicht des Schulmeisters von Eßlingen, eines Dichters von Talent und derbem Witze, geht den König Rudolf v. H. an, auf den er im Uebrigen nicht gut zu sprechen ist. Wenn er dem Könige hier eine gelegene Warnung singt, so thut er

 

 

 

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es, weil seine persönliche Abneigung gegen denselben zurücktritt vor der Furcht, welche ein näherer Feind ihm für den Wohlstand und die Freiheit seiner Mitbürger einflößt. Das Gedicht schildert mit echter Kunst die Momente eines sich vorbereitenden Aufruhrs, und es darf mithin ohne Zweifel auf die Unruhen der schwäbischen Grafen 1275 bis 1286 bezogen werden. Die Eßlinger, welche sich früher in den Schutz des Grafen Eberhard von Würtemberg begeben hatten, machten sich los und, von dem Grafen geschlagen, wurden sie mit ihm von dem Könige gefriedet 1281. Auch 1284 und 1286 war Rudolf in Eßlingen, und das Gedicht, das dem Könige vorgesungen ward, scheint in einem dieser drei Jahre gedichtet zu sein.

 

[Man. VI.] Wo will die Kugel nun geliegen? [liegen bleiben]

stumm ringsum; – es sei verschwiegen

verbotnes Sprechen und Murmeriren. sie raunen, beide, dieser und der,

sie rasen [galoppiren] hin, sie rasen her;

man sieht sie, beides, zwinken unde zwieren. [winken und blinzeln]

Wer soll uns den Traum erscheinen? [deuten]

[seht] her, ob sie den König etwa meinen?

ja, sie schielen alle dar:

man sieht ihrer viele schandlachen unterstunden, [mitunter]

und den Wolfeszahn entblecken, [blinken]

einfältige Leute in Sorge stecken. Laßt's nur bräuen also dar,

es wissen’s wol die Fremden und die Kunden:

Herr König, nehmt eurer selber wahr! [in Acht]

 

32) Auf die Ermordung des König Erich VII. von Dänemark beziehen sich zwei Lieder eines der vorzüglichsten Sangesmeister, des Sachsen Rumelant. Der König büßte den zu vertrauten Umgang mit der Gemalin seines bis dahin wackern Feldherrn Stigoti mit dem Tode, den er durch des beleidigten Ehemanns und seiner acht Mitverschwornen Hände in Finderup bei Viborg 1286 erlitt. Sein zehnjähriger Sohn wurde sogleich als Nachfolger ausgerufen unter Vormundschaft des Herzogs Waldemar von Schleswig, der die Verurtheilung der Mörder zum Tode durch den Reichstag zu Nyborg 1287 und die Einziehung ihrer Güter bewirkte. Der norwegische König nahm sie in Schutz und führte für sie bis 1308 mit Dänemark Krieg, nachdem einige von den Mördern ihre Strafe erlitten hatten.

 

Das erste dieser Gedichte, in welchem sich der Dichter als Verkündiger der über die Mörder gesprochenen oder zu sprechenden Acht darstellt (Jen. IV, 10) scheint unmittelbar nach der That gesungen zu sein.

 

Alle Könige, Fürsten, Herren, Ritter, Knappen, Knechte,

in zwei und sibenzig Sprachen, Juden, Heiden, Christen, alle,

Pfaffen und Laien, Landesbauern, alle Menschendiet, [Volk]

Nun helfet rächen uns den Mord um Gott und um das Rechte

viel mehr, als um des Königs Tod, daß recht Gericht erschalle

dem Könige, dem sein eignes Volk [Dienerschaft] mordlichen Tod beriet. [beschloß]

Getreue dänsche Leute, rächet

euern König, davon habt ihr Lob und Ehre,

 

 

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40

 

die Mörder meldet *) unde sprechet

an ihren Leib [ihnen das Leben ab] daß sich ihr Heil verkehre.

welch Dänscher Mann schuldlos will sein, der thu', was ich ihn lehre,

er soll die Mörder helfen tilgen feindlich sehre,

daß ihre Schmach sich mehre:

davon sing' ich euch dies Lied.

 

Das andere dreistrophige Lied (Jen. X, 3-5), welches sich mehr dem Tone und der Form der Volksweise nähert, ist sicher erst nach dem Reichstage von Nyborg 1287 gedichtet, denn es erwähnt, wie die Mörder mit dem jungen Könige unterhandeln, „ihr dänisch Loch fürbieten“ d. h. sich in den Verlust ihrer dänischen Räuberhöhlen, wie der Dichter spöttisch ihre Güter nennt, bequemen wollen, wenn sie nur ihre Dienstämter wieder erhalten sollen. solch Anerbieten konnten sie als Rächer eines schwer gekränkten Vetters wohl machen, zumal sie den norwegischen König im Rücken hatten. **)

 

Str. 3. Die Dänischen Mörder haben den Preis,

zum Morde ist Niemand so weis',

wo man soll Könige morden.

Sie morden gerne und können's wol,

den höchsten Mord man preisen soll

zu Jütland in dem Norden.

Da ist begangen mordlicher Mord; sie konnten ***) ihren König unsanfte wecken

auf einem Bette, da er schlief;

mit sechs und funfzig Wunden tief

durchstachen ihn die Recken. ****)

 

Str. 4. Sie mögen wol kühne Recken sein,

das ist an ihrem Leben schein, [deutlich]

die es mit den Händen thaten.

Ihr' Farbe und ihr Gelaß [Wohlgestalt] ist hin,

sich hat verwandelt all ihr Sinn,

die's mit ihnen haben gerathen,

die wissen nun nicht aus und ein, sie begehrn bei dem jungen Könige zu stehen,

sie wollen sein unschuldig noch

und bieten für ihr Dänisch Loch:

nein! – euch soll's anders gehen.

 

Str. 5. Ihr Mörder, prüfet euren Mord,

wie groß ein mordlich Sündenhort

in euren Kammern hordet.

Seht, euer König war euer Knecht, [so dienstfertig]

der euch Gewalt verlieh und Recht,

den habet ihr gemordet.

Drum seid ihr immermehr verschmäht, von aller Gnade freudelos gescheiden.

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*) Es scheint also, die Thäter waren erst im Allgemeinen als Diener des Königs bekannt, als dies gesungen wurde.

**) Si bieten vür ir Tenisch loch heißt wohl: Sie weisen auf ihr Dänisch Gesetz (lag) hin, ihre Unschuld daraus darzuthun.

***) Vermochten über sich.

****) Wie Antonius in Shakespeare's Julius Cäsar den Brutus und Cassius the choice and master spirits of this age nennt.

 

 

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41

 

Der Mord ist euer Heilvertreib,

man gibt das Kreuz auf euern Leib )

und erschlägt euch wie die Heiden.

 

Man wird nicht umhin können, an dem zweiten Liede die außerordentliche Kraft der Gedanken und die meisterhafte Darstellung zu bewundern. Dem ähnliches giebt es aus jener Zeit nicht mehr.

 

33) Von demselben Meister Rumelant existirt leider als Bruchstück einer vierzehnzeiligen Strophe noch ein Lied, das unter einem lieblichen Bilde die Störung einer bisher innigen Eintracht darstellt. (Jen. VI, 8.) Gleich hinter demselben folgt in der Handschrift ein Loblied auf Ludwig von Baiern in derselben Strophenart; der im März gemälzte Scheidetrank deutet auf bestimmte Entzweiung oder Erbtheilung: somit mag es erlaubt sein, dies Lied auf die Störung der brüderlichen Eintracht zwischen Ludwig und Heinrich, den Söhnen Otto's des Erlauchten von Baiern, zu beziehen.

 

Viel schöne, heller, denn ein Blas, [Fackel] drei Stangen, nicht zu kline

gewunden, reich von Wachse, leucht'ten Nacht und auch den Tag. )

Da ward ein Scheideltrank †††) gebräuet

zwischen ihnen gemälzet in dem Märze:

in drei getheilet, daß es reuet,

ward ihre Hab', ba theilten sie die Kerze;

zu beiden Händen schwand ihr Gut, zur rechten und zur lerzen; [linken]

der Kerzen heller Schein zerging, das mußte sie lange schmerzen:

weh dem falschen Herzen,

dessen Rath Freude scheiden mag.

 

34) Die Ermordung des Marners, (d. h. Meerfahrers) eines angesehenen schwäbischen Dichters, der noch in den sechsziger Jahren des 13ten Jahrhunderts gelebt und gedichtet hat, betrifft folgendes wehmüthige Klagelied Rumelants. (Jen. I, 9.)

 

Jesus Christ, der Christen einst ward jichtig, ††††)

der kann uns vil wol gefristen, das ist augensichtig.

Todes Kunst uns allen willig ist bereit.

Gott hatte einen Marner lange gefristet,

der war Manches Warner; nun hat ihn überlistet

mordlichen Todes Fallen: Gott, deß hab’ ich Leid.

Schändlichrer Mord der ward noch nie begangen

an einem schwachen, blinden, alten Manne,

dem selber nach dem Tode mochte verlangen.

Die Mörder sein, die stehn zu Gottes Banne: †††††)

Christes Mutter, süße Jungfrau, gedenke,

was er deines Lobes Grüße schöne mit Gelenke [Fertigkeit, Kunst]

manchem schallen lies und deiner Würdigkeit.

____

†) Nicht, wie Hagen will: man schlägt euch ans Kreuz, sondern man ertheilt das Kreuz zum Kreuzzuge auf euer Leben.

††) solche dreifach gewundene Kerzen brennen noch Brautleute im Albthal, wie wir in ähnlichem Sinne in der Sylvesternacht Lichtchen in Wallnußschaalen schwimmen lassen.

†††) Der Scheideltrank ist ein Zaubertrank, der Scheidung wirkt.

††††) jhtik (von jehen, wie sihtik, sichtbar, von sehen) derjenige, den man bekennt, auf den man sich beruft, hier als auf den Verkündiger der ewigen Seligkeit.

†††††) Haben Gottes Gericht zu erwarten.

 

 

 

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42

 

35) Zu 29) trage ich hier folgendes Lied des Meister Sigeher nach, welcher zu den Freunden des Böhmenkönigs Ottocar gehört, die ihm Aussicht machen, den Stuhl in Aachen zu besteigen. Dies Lied kündigt sich deutlich an als verfaßt während der Vorbereitung Ottocars zu seinem zweiten Zuge gegen die Preussen 1267; und in dem Staufer Conradin, der ebenfalls 1267 aus Deutschland aufbrach, wird dem Ottocar wohl ein Nebenbuhler um die deutsche Königskrone vorgerückt, in der Absicht, diesen desto mehr zu hohen Thaten zu spornen. (Man. VII, 5.)

 

Ein Alexander führt ein Heer

[dahin] wo ihn ein Perser wagte zu erbeiten, [erwarten]

in hoher Würde mit köstlicher Zehr,

mit der Wehr,

wie man Könige soll anreiten.

Nun führt ein’s Alexanders Muth,

ein’s Alexanders Heer, gesammelt weiten, [weit und breit]

ein's Alexanders Leib und auch sein Gut [Reichthum]

wohlbehut

zu ganzen Ehren in allen Zeiten

ein Böhme werth,

Ottaker, der des [deutschen] Reiches Erbe noch wird weiten, [erweitern]

wenn er's begehrt;

sein wird Ebne, Berg und Thal und alle Leiten. [Halden]

so wird ein Staufer dies Jahr höher steigen, denne vert [vorig Jahr]

und sein Schwert

wird um Ehre, wie einst Alexander, streiten.

 

36) Derselbe Meister faßt in Form einer Prophezeihung, die ihm durch einen Schwertgeist (im blanken Schwert, wie im Zauberspiegel) zu Theil geworden, die Ereignisse einiger Jahre zusammen, um daraus die Kunst des Antichristes zu folgern. Nur Schade, daß die bestimmte Beziehung von Zeile 7–10 nicht recht deutlich ist. (Man. V, 2.)

 

Ich zwang einen Geist, bis er mir gewährte,

künftig Ding durch Kunst zu sehn in einem Schwerte:

ich sah darin viel Fürsten liegen todt,

ich sah die Griechen sehre ringen,

Ich sah ihre Kraft Constantinopel bezwingen,

ich sah zween Päpste Recht zu Unrecht bringen,

ich sah, wovon viel Platten [geschorne Häupter] wurden roth,

bis das Ecclesia Hülfe begehrte.

Ich sah da weiter rechten Glauben stören,

ich sah Christen-Recht verwerfen in den höchsten Chören.

Dies sah ich künftig und höre auch weise Meister jehen:

Antichristes Boten sind gesehen,

der beginnet manchen Weisen thören.

 

Das Gedicht ist nach 1261, dem Jahre der Eroberung Constantinopels durch die Griechen. Das Uebrige bezieht sich zum Theil auf die Kränkung des Hohenstaufen Conradin in seinem Rechte auf Apulien und Sicilien, und die Fürsten, welche der Dichter todt liegen sah, sollen wohl eben die letzten Hohenstaufen zumal und Conradins Freund Friederich von Baden sein. Die zwei rechtverdrehenden Päpste wären dann Urban IV. und Clemens IV., die Helfer Carls v. Anjou; Clemens wurde sogar von den Zeitgenossen der Theilnahme an dem Morde Conradins beschuldigt, woher auch, wie

 

 

 

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43

 

der Dichter zu meinen scheint, die Geistlichen schamroth wurden und die Ecclesia, die Gemeinschaft der Heiligen im Gegensatz gegen den päpstlichen Anhang, sich nach Hülfe umsah. Auf welche bestimmte Vorfälle die in dem Gedicht erwähnte Störung des rechten Glaubens zielt, ist mir nicht bewußt.

 

37) Eine unbekannte Begebenheit betrifft folgender spöttisch-allegorische Spruch Wernhers, den v. d. Hagen vielleicht mit Recht auf den Krieg deutet, welchen Friederich der Streitbare von Oesterreich im Bunde mit dem Könige Heinrich gegen Otto von Baiern führte 1233–34. (Jen. I, 10.)

 

Ein Pulver †) weiland ward gebrannt,

das schuf ein Knecht auf Rinder Tod,

und säte es auf die Weide, auf die man die Rinder trieb;

Er rieb es unter gesalzen Brot:

der Teufel bracht' es aus Baierland

und schuf, daß da der guten Rinder wenig am Leben blieb.

Davon uns leider sind erlegen [niedergelegt]

die Ehrenpflüge, seit daß uns die Ochsen sind verstorben.

wir han noch viere: wollten die nur gleichweis pflegen

der Züge [des Ziehens] so wären wir an Baue nicht verdorben;

ein Moyn, ein Irch, ein Hirsch, ein Rind, also die viere sind genannt;

dran hätten wir für einen Pflug genug, nur daß uns Irch an Lenden ist verlahmt.

 

Moyn (?), Jrch (hircus), Hirsch und Rind bezeichnen die Wappenbilder edler Herren, und zwar wahrscheinlich aus Oesterreich, wo solche Benennungen gäng und gebe waren; so hieß das edle Geschlecht der Künringer allgemein die Hunde. Friederich der Streitbare erfreute sich nicht eben großer Sympathie bei den Edlen seines Landes, und es mag daher vergönnt sein, unter dem rindertödtenden Pulver Bestechung irgend einer Art zu verstehen, welche dem österreichischen Herzoge die Hülfe seiner Mannen entzog und bewirkte, daß die Ehrenpflüge, Glück und Ehre im Streit, darniederlagen. Nach dem bildlichen Ausdrucke des Gedichtes zu schließen, hat auch der als Irch bezeichnete irgend einen Grund für seine Langsamkeit vorgeschützt.

 

38) Den Schluß dieser Abtheilung bilde ein schwer zu deutendes Gleichnis Reinmars v. Zweter. (Man. 244.)

 

Ein Bruder seinen Bruder erschlug,

eh’ daß ihr beider Vater ward gebor'n; den Ungefug

den soll ein Weiser rathen; nur war das ein wunderlich Geschicht.

Darnach ich eine Brücke sach,

die ward in einer Nacht geschlagen über einen breiten Bach;

wie viel der Könige auf Erden lebt, die schlügen alle solche Brücke nicht.

Da kamen zweene, die die Brücke brachen

und die beide nie ein Wort gesprachen;

den einen sah man und nicht hörte, den andern hört man und nicht sach;

wär's all der Welt ein Ungemach,

der beiden Kraft die Brücke gar zerstörte.

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†) Ein solches verderbliches Pulver zu ähnlichem Zwecke gebraucht, er wähnt auch Frauenlob an irgend einer Stelle.

 

 

 

 

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44

 

Eine Deutung dieses Spruches, an welcher v. d. Hagen verzweifelt, will ich versuchen. Er scheint mir den Anfang des Interregnums zu bezeichnen. Die beiden Brüder wären der Papst, der erschlagende, und der Kaiser, der erschlagne, deren Vater freilich nie geboren ward; oder nehmen wir statt der Personen die geistliche und weltliche Macht, so sah der Dichter auch an ihnen, was Cain an Abel beging, wiederkehren; ein auch sonst vorkommendes Bild. Die Brücke könnte den Weg bedeuten, auf welchem die beiden Gegenkönige Richard von Cornwallis und Alphons von Castilien über den breiten Bach, die See, ins Reich eindrangen; Richard sah man dort nur kommen und verschwinden und von Alphons hörte man nur. Es käme dann nur darauf an, die Brücke zu deuten, die in einer Nacht, wie durch nächtlichen Zauber, über den Bach geschlagen ward. Wäre dies etwa die Einhelligkeit der nach der Wahl plötzlich wieder mißhelligen Wahlfürsten? Hierauf scheint die diesem Spruche angeschlossene gleichartige Strophe 245 zu deuten, welche die 3 geistlichen und 4 weltlichen höchsten Reichsfürsten, welche bei der Wahl der beiden fremden Könige 1257 zuerst in dieser Vereinigung erschienen, bedeutungsvoll aufzählt, und sagt, daß an ihnen als den höchsten und besten, welche das Reich hat, die Würde desselben stehe, besonders aber den König Ottocar erinnert, daß er des Reiches werther Schenke sei, d. h. daß er sich auch schenkend erweisen solle. Der versteckte Sinn beider Strophen wäre nach Allem die Mahnung an Ottocar, daß er, nachdem das Reich durch Brudermord erledigt und auch den beiden Fremden die ephemere Brücke durch ihre eigne Unzulänglichkeit und Halbheit im Auftreten ) zerbrochen, durch Freigebigkeit sich den Weg zur deutschen Königskrone bahnen möge.

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†) Womit freilich dem Engländer halbwegs Unrecht geschieht, denn er schenkte sich arm und genoß auch bei seinem jedesmaligen Auftreten im Reiche, so lange er Geld besaß, Ansehen und Anhänglichkeit. Auch machte er 1269 durch seine prächtig gefeierte Vermählung mit der schönen Beatrix von Falkenstein, die an Friederichs I. Hoftage erinnerte, so wie durch reichlich ausgetheilte Privilegien und Aemter, genugsam von sich reden. (siehe Schlosser Weltgesch. 1824. 3r. Bd., 2r. Thl, 2e Abtheil., S. 151-156.

 

 

 

 

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45

 

II. Lieder für und wider den Papst, die Pfaffen und Mönche

 

Der allgemeine Character dieser Lieder ist in der Einleitung angegeben; es bedarf hier nur der Bemerkung, daß der Lieder gegen die gesammte Geistlichkeit unverhältnismäßig mehr ist, als für dieselbe und daß auch die letzteren durchaus nicht gemeint sind, das niedrige Streben der Kirche zu beschönigen oder gar zu verfechten. Ich stelle sie der Aussonderung halber voran.

 

1) Die Parthei, gegen welche sich der folgende Spruch Wernhers wendet, erhellt aus dem Gedichte selbst; an die verschiedenen Secten damaliger Zeit, welche eine gründliche Reformation des Priesterwesens vorhatten, hat der Dichter wohl nicht gedacht, vielmehr an die leichtsinnigen, weltlich gesinnten Freudenmenschen, die sich um Kirche und Pfaffen gar nicht kümmern, in den Tag hinein leben und der Geistlichkeit höchstens einen Spott gönnen. Gegen solche Leute gerichtet, ist des Dichters Spruch gehaltvoll. (Jen. I, 1.)

 

Wir lassen die Pfaffen sein verthan, (sinken)

wer lehrt uns kristenliches Leben?

wer gibt uns Weib zu rechter Eh? wer taufet unser Kind?

Wer soll für Sünde uns Buße geben? (Pönitenz auferlegen)

wer soll uns aus dem Banne lan?

wer weiset uns (zurecht) wenn wir mit sehenden Augen werden blind?

Wer hält nun stäte Ritterschaft?

seit man das Schwert nicht segnet zum Schirm für Witwen unde Waisen.

wer gibt uns unsres Herren Trost? wer hat die Kraft,

daß er uns schirme vor angstvollen Vreisen? (Furcht)

wir wären doch verirret gar, besäßen wir die Pfaffen nicht:

die falschen laßt ihrer Orden pflegen, und halten wir mit den recht lebenden Pflicht. (Verbindung)

 

2) Derselbe (Man. III, 1 ) vergleicht den Zustand der die geistliche Leitung entbehrenden Laien mit demjenigen eines führerlosen Blinden.

 

Nun merkt, wohin ein Blinder geh', verlier't er seinen Knecht:

ihm ist die Reu' an queeren Füßen *) wie die Straße schlecht, (die ebene Straße)

ihm ist die Tiefe, wie der Furth, wenn er dem Wasser nahet,

Ihm ist die finstre Nacht ganz gleich als wie der helle Tag,

von denen keins er ohne Weisel nicht erkennen mag,

er strauchelt bei der Sonne Schein, wenn er zu balde gahet; (hurtig eilet)

Das mag ich ihm verweisen (zum Vorwurf machen) nicht.

es ist so mancher blind mit hellen Augen,

der wol das Ungefährte (Unwegsamkeit) bei sich auf der Straße sieht

und irre fährt in Schanden, sonder Laugen: (wie nicht zu läugnen ist)

wir Laien haben die Weisel verlorn, die unser sollten pflegen:

tappen wir selbst nun nach den Pfaden, wir straucheln bei den Wegen.

 

3) An diese etwas schwachen Stimmen fügt sich schließlich ein Spruch voll recht pfäffischer Gesinnung des von Wengen (Man. 99, I), der um die Zeit des Concils zu Lyon 1245 für den Papst

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*) Die Reue an queeren Füßen für: Schmerz durch Fehltritte.

 

 

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46

 

gegen Friedrich II. Parthei nimmt, wie die folgende Strophe I, 2 lehrt.

 

In welchen Rechten woll'n die Pfaffen und die Laien leben,

woll'n sie den Papst, den uns Gott zum Vater hat gegeben,

nicht ehren und sein Gebot

vollenden, und folgen, was er lehret?

Man soll ihn genießen lassen, daß er wol die Christenheit

mag binden und entbinden; sein' Gewalt ist also breit,

was er gebietet, das will Gott:

er will Den minnen dort, der ihn hier ehret.

Er soll uns künden seine Wort',

er will mit ihm gewinnen und verliesen; (verlieren)

es ist vergessen hie und dort,

was Jemand Gott zuwider thut, wenn Er das will verkiesen (verzeihen)

seit daß der Papst solche Gewalt von seinem Schöpfer hat,

so ist die Christenheit verlor'n, die ihn von seinem Recht vertreiben lat.

 

I, 2. Gott hat auf Erden an zween Männer die Christenheit gelan: (gelassen)

der Papst soll unsre Seele in seiner Hute han;

so soll den Leib und unser Gut

ein Vogt von Rome *) schirmen mit Gerichte.

Nun hat uns Einer so gerichtet, daß die Christenheit

an allen Orten hie und dort hat Kummer unde Leid,

weil er nicht Gottes Willen thut;

drum scheidet er ihn ab von seiner Pflichte: (seinem Amt)

Viel werther König nun seht darzu:

er hat euch überlassen Römisch Riche;

ihr schaffet, daß man rechte thu;

unrecht gewaltigliche fährt, das wendet endeliche,

so läßt euch unser Herre Gott bei sich gekrönet stehn:

wohl ist es hohe Seligkeit, wenn ihr sollt hie und dort gekrönet gehn.

 

4) Wir gehen zu den Liedern der andern Parthei über, welcher die allgemeine Sitte und Tendenz der Geistlichkeit ein Gräuel war, und stellen an die Spitze Reinmars von Zweter tiefsinniges Lied. (Bd. III, pag. 468 h.)

 

So wohl Dir, Priester, reiner Mann!

wie hoch ist sein Geläße (Gebahren) und alles, das er hebet an,

wenn er so würdigliche bereitet sich, daß er Gott dienen will:

so steht er frei vor Missethat;

dessen ist Zeug', der sich in seine Hände gegeben hat;

dieweil daß die Verwandlung **) währt, so hat er hoher Ehren viel,

So steht voran (ragt hervor) das Grab zu Hierusaleme,

denn diesem gleichen seine Hände schöne,

so er Gott aufhebt so würdiglich,

wie er an das Kreuze ward gegeben:

die Hände sollten immer schweben

empor, ***) daß sie nicht mehr thäten sündiglich.

 

5) Nächstdem folgen die Lieder, welche die verschiedenen Seiten der Verderbtheit des Priesterthums, zum Theil im Allgemeinen, zum Theil mit Beziehung auf bestimmte geschichtliche Ereignisse tadelnd enthüllen. Habsucht, Simonie, Hochmuth, Verweltlichung,

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*) Ein Romischer König.

**) Von Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi beim Abendmahl.

***) Zur Austheilung des Segens und des Gnadenbrotes.

 

 

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47

 

Falschheit, Gleisnerei, Ungerechtigkeit, besonders in Betreff des Bannspruches, Irrlehren und Unheiligkeit überhaupt sind die verschiedenen wunden Stellen der Geistlichkeit, gegen welche die Dichter ihre Pfeile senden. Wir beginnen mit den Liedern, welche der Unheiligkeit der Pfaffen überhaupt gelten. Walther v. d. V. möge auch hier den Chor führen: *)

 

a) Die Beziehung und Veranlassung des folgenden Liedes (L, 10, 9) ersehe man aus dem gleichstrophigen oben I, 8.

 

Räch', Herre, dich und deine Mutter, Jungfraunkind,

an den'n, die eures Erbelandes Feinde sind.

laß dir den Christen zu dem Heiden beide sein als wie den Wind:

Du weißt wol, daß die Heiden dich nicht irren alterseine. (ganz allein)

an deiner Rache gegen sie, Herre Vater, nicht erwind. (laß nicht nach)

die sind wider dich doch offenlich unreine,

denn sie vermeinen dich mit ganzer Treue (vollem Glauben) kleine;

diese unreiner, die’s mit ihnen so stille haben gemeine.

 

b) Fast alle Vorwürfe, die dem Papste und den Pfaffen zu machen waren, selbst der Unkeuschheit, enthält folgendes dreistrophige Lied (L. 33, 1–34, 3.)

 

Wir klagen alle, und wissen doch nicht, was uns wirret, (beunruhigt)

daß uns der Papst, unser Vater, also sehr verirret.

nun geht er uns doch wie ein Vater vor:

wir folgen ihm und kommen keinen Schritt aus seinem Spor. (Spur)

nun merke, Welt, was mir daran so missefalle.

geizet er, sie geizen mit ihm alle;

lüget er, sie lügen alle mit ihm seine Lüge;

und trüget er, sie trügen alle mit ihm seine Trüge.

nu merket, wer mir das verübeln möge,

der wird, ein junger Judas, mit dem alten dort zu Schalle **)

 

Der Stuhl zu Rom ist allererst (endlich) berichtet rechte,

wie hiebevor bei (unter) einem Zauberer Gerbrechte; ***)

derselbe gab zu Falle nur sein eines Leben:

doch will sich dieser und all die Christenheit zu Falle geben.

alle Zungen sollen zu Gott schreien „Wafen“

und rufen ihm, wie lange er wolle schlafen.

sie widerwirken seine Werk und fälschen seine Wort';

sein Kämmerer stiehlt ihm seinen Himmelshort,

sein Sühner mordet hier und raubet dort,

sein Hirte ist zu einem Wolf' ihm worden unter seinen Schafen.

 

Die Christenheit gelebte nie so gar nach Wahne; (so irrig)

die sie belehren sollten, die sind guter Sinne ane;

es wär' zu viel, und thäte ein dummer Laie das.

sie sünd'gen ohne Furcht, darum ist ihnen Gott gehaß,

sie weisen uns zum Himmel und fahren selbst zur Hölle,

sie sprechen, wer ihr'n Worten folgen welle (wolle)

und nicht ihr'n Werken, der sei ohne Zweifel dort gewesen.

die Pfaffen sollten keuscher als die Laien wesen;

in welchen Büchern han sie das erlesen,

daß mancher sich befleißet, wie er ein schönes Weib verfälle. (zu Falle bringe)

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*) Bei Walther werde ich fortan die Ausgabe Lachmanns. Berlin 1827. citiren.

**) Er kommt in der Leute Mund.

***) Papst Sylvester II., 999–1003, der wegen seiner Gelehrsamkeit, besonders in den Naturwissenschaften und in der Mechanik, verrufen war.

 

 

 

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48

 

c) Als Gregor IX. 1241 starb, verzögerten die Cardinäle die Papstwahl bis 1243 und Friedrich II. warf ihnen, die alle nach dem päpstlichen Stuhle trachteten, vor, daß die Römische Mutterkirche ohne Hirten, des Lichts beraubt, irre gehe, während er selbst im Banne blieb. Reinmar v. Zw., beiden Partheien abhold (vergl. oben I, 15 und 24) spricht bei der Gelegenheit in folgendem Liede (Man. 228) sein Urtheil aus.

 

Ach, Rom, wie du verwittwet bist

und der Stuhl verwaiset! Wer der Frohne fleißig ist, (eifrig im Dienst der Kirche)

der liebt nicht Gott noch Gottes Recht, er sei halt, wer er sei.

Da Roemisch Reich leuchtete und brann,

wenn da das Christenthum *) erlosch, das zündete man wieder an;

wo nun das Christenthum erlischt, sieht man den Glauben lahm dabei.

Wem väterlich das Vaterrecht verschmahet, **)

wenn sich ein schneller Tod an dem vergahet, (ihn ereilet)

das wünschet alle; und noch das eine:

daß uns Gott geruhe geben

Vogt und Ehwart (Kaiser und Papst) die rechte leben,

daß Simonie mit ihnen nichts hab' gemeine.

 

d) Folgendes Lied (Man. 127) spricht den Zweifel an der Erfüllung dieses Wunsches aus:

 

Die (weder) Engel sind noch Engelkind,

 

dabei gehässig, neidisch, hochgemüthig sind,

wie könnten die zu Gottes Ehren einen rechten Papst erwähl'n?

Die Römer sind nicht heilig gar, (durchaus nicht)

also sind die Cardinäle, wenn ich es sagen tar,

welchen Unheiligen sie erhöh'n, den wollen sie für Heiligen zähl'n.

Unrechte Wähler wählen oft unrechte;

Gottes Erwählte, das sind seine Knechte.

Wer Gottes erwählter Papst da wäre

in der Art des Melchisedech,

dem er Krone und Kelch verlech, (verlieh)

der wäre uns wohl zu Rome vaterbaere. (an des Vaters Stelle)

 

e) Gegen die Unheiligkeit des heiligen Vaters erhebt sich auch Meister Stolle (Jen. 13.)

 

Ich höre sagen, daß ein Beispiel in den Büchern steh',

wenn siech das Haubt, so sei dem ganzen Leibe weh.

Das ist nun in der Welt wol schein,

das Haubt, das siechet leider allzu sehre.

Der heilge Vater sollte sein ein Haupt der Christenheit,

und sollte sie beschirmen gar vor Ungerechtigkeit,

auch sollte er ihr Richter sein:

doch dünket mich, daß er sie gar verkehre. (verschlimmert)

Wir Laien sind der Pfaffen Spott;

sie helfen all' einander uns betrügen;

das wende väterlich, o Gott,

da sie aus Gier nach Gut aus deinen Büchern lügen

und selbst den Glauben fälschen, durch den wir sollten genesen:

wenn sie nur Ungerechtes thun, wie möchte denn ein Laie besser wesen?

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*) Die Spitze der Christenheit, in der Person des Oberhirten.

**) Wer es verschmäht, das Vaterrecht väterlich zu brauchen.

 

 

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f) Die Unheiligkeit der Orden züchtigt besonders der Kanzler in einem Liede, das die allgemeine Entartung der Sitten betrauert. (Man. XVI, 8.)

 

In Städten, auf Burgen Widerpart,

geistlicher Leute Neid und Haß,

bei weiser Lehre unweise That,

bei Kraft ein Memmen-Muth;

Raub und Brand auf Gottes Fahrt, *)

an Falschheit schnell, an Rechte laß,

Adel ohne Tugend, Jugend ohne Rath, (die sich nicht rathen läßt)

ohn’ Ehre großes Gut:

so ist gestalt der Argen Fleiß,

nach irdschen Schätzen lüstern Aller Minne.

Die Orden sein schwarz oder weiß, (Dominicaner oder Benedictiner)

doch richtet Gott nur nach der Herzen Sinne;

weltliches Volk ist Gott so kund, (unter den Pfaffen)

wie geistlicher Leute Beten unde Wachen:

ich wähne, er gölte tausend Pfund,

ein grauer Rock **), und könnt er heilig machen.

 

6). Den Hochmuth und die Verweltlichung der Geistlichkeit strafen folgende Lieder.

 

a) Walthers v. d. V. (L. 10, 25.)

 

Sollt' ich den Pfaffen rathen an den Treuen mein, [aufrichtig]

so spräch' ihre Hand dem Armen zu: „sieh, das ist dein;“

ihr' Zunge sünge und ließe manchem Mann das Sein'; -

gedächten, daß sie waren auch durch Gott Almosenere ***):

da gab zuerst ihn'n Geld der König Constantin.

Hätt' er gewußt, daß davon Uebel künftig wäre,

so hätt’ er wol verhütet des Reiches schwere; [Noth]

nur daß sie da waren keusch und Uebermuthes leere.

 

b) Reinmars v. Zw. (Man. 131.)

 

Haar und Bart nach Klostersitten

und klösterlich Gewand, nach klösterlichen Sitten geschnitten,

das find' ich genug; ich finde aber deren nicht viel, die's rechte tragen.

Halb Fisch, halb Mann ist – Fisch noch Mann;

ganz Fisch ist Fisch, ganz Mann ist Mann, wie ich's erkennen kann:

von Hofemönchen und von Klosterrittern kann ich gar nichts sagen.

Hofmönchen, Klosterrittern, diesen beiden

wollt' ich ihr Leben richtig wol bescheiden,

wenn sie sich wollten lassen finden,

wo sie rechtmäßig sollten wesen:

im Kloster Mönche soll’n genesen,

so soll'n des Hofs sich Ritter unterwinden.

 

c) Des Kanzlers (Man. III, 1.)

 

Die Pfaffenfürsten sind ihres Würden-Theils beraubet,

für Inful Helm, für krummen Stab grader Spies und Speer,

für Stole Schwert, für Albe ein Plat [Brustblech] sind ihn’n erlaubet,

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*) Dies scheint zumal die Kreuzfahrten gegen die heidnischen Preußen im Auge zu haben.

**) Der Cisterzienser.

***) Daß sie um Gottes willen von Almosen lebten.

 

 

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50

 

Halsberg', Stahlhaub', Collier, Barbel [barbière) sind ihr' Umbièr, [humerale]

„Priesterrock hin, her Wappenrock; hin Buch, her Schilde breit!

um Mönches Platte Locken, ein Kranz um Nonnenhaubet:“

da umarmet wahre Hochfahrt falsche Heiligkeit.

 

d) Rührend schildert der Marner (Man. XII, 2) den Mißbrauch der weltlichen Macht.

 

Gott helfe mir, daß meine Kinder nimmer werden alt,

seit daß es in der Welt hier ist so jämmerlich gestalt:

wie steht es über dreißig Jahr

da man die Pfaffen sieht so grimmig streiten?

Sagt, was soll euch, Herr Papst von Rom, der krumme Stab,

den Gott dem guten Peter uns zu entbinden gab?

Stol' und Inful gab er dar, uns zu erlösen zu allen Zeiten.

Nun sind die Stole worden Schwert, [Plur.]

die fechten nicht nach Seelen, nur nach Golde;

wer hat euch, Bischof, das gelehrt,

daß unter Helm ihr reitet, wo die Inful sühnen sollte?

euer krummer Stab der ist gewachsen zu einem langen Sper:

die Welt habt ihr bezwungen gar, euer Sinn steht nur auf: „gib nur her.“

 

7) Am beredtesten sind diese Dichter in Schilderung der geistlichen Habgier.

 

a) Walther v. d. V. (L. 34, 4) um das Jahr 1212.

 

1) Ahi, wie nun der Papst so christenliche lachet,

wenn er zu seinen Wälschen sagt: „Ich hab' es so gemachet.“ [es ist mir gelungen]

was er da sagt, das sollt' er nimmer han gedacht;

er sagt: „Ich hab' zween Almannen [Deutsche] *) unter Eine Krone gebracht,

daß sie das Reich zerstören sollen unde wasten; [wüsten]

darunter füllen wir die Kasten;

ich hab' sie an meinen Stock gespannt; ihr Gut ist alles mein:

ihr teutsches Silber fährt in meinen wälschen Schrein.

Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein

und laßt die dummen Deutschen immer beten unde fasten.“

 

statt der beiden letzten Zeilen giebt eine spätere Handschrift:

 

so magern sie und feisten wir als wie die Schwein'.

Meine Pfaffen sollen mit der dummen Laien Gute wasten, [prassen]

meine Pfaffen sollen schlingen und die Laien heißen fasten;

meine Pfaffen sollen Rogel essen gegen der schlachte Masten, **)

meine Pfaffen sollen oben predigen, niederthalben tasten.

 

Zur Erklärung der letzten Zeile vergl. oben 5, b, Schlußzeile.

 

2) Sagt an, Herr Stock, hat euch der Papst uns hergesendet,

daß ihr ihn reichet, [reich macht] und uns Teutsche ärmet unde pfändet?

wenn ihm das volle Maas kommt in den Lateran,

so übt er eine arge List, wie er wol sonst gethan:

er sagt zu uns dann, wie das Reich dasteh' verwarren,

bis wieder ihn befriedigen alle Pfarren.

Ich wähn', des Silbers wenig kommt zur Hülfe in Gottes Land:

großen Schatz vertheilet selten Pfaffenhand.

Herr Stock, ihr seid zum Schaden hergesandt,

daß ihr aus teutschen Leuten suchet Thörinnen und Narren.

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*) Otto II. und Friedrich II.

**) Der Sinn ist wohl: meine Pfaffen sollen die fettsten Stücke haben, wenn das Schlachtvieh fett ist.

 

 

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Der Stock, von welchem in dem Gedichte die Rede ist, war ein hohler Stab, von Holz oder Eisen, den der Papst nach häufig wiederholten allgemeinen Steuern 1212 durch eine Bulle in den Kirchen aufzustellen verordnete, um darin Almosen für die Kreuzzüge zu sammeln. Die damit beauftragten sollten die specielle Verwendung des Geldes im h. Lande bestimmen.

 

b) Reimar v. Zw. (Man., Str. 137.)

 

Des Vaters Schwert und auch des Sohns

die sind mißhellig, das bekränket sie und uns.

Des Vaters Schwert greift schlecht auf Hügelin und auf des Reiches Haß. *)

Wo auch das Reich sein hin bedarf,

wetzt man es mit dem Golde nicht, so wird es nimmer scharf.

Dasselbe Schwert trug weiland der greise Herre Peter baß.

Nun trägt es Peter Hügel nur zum Schein.

Da man Gregorium machte aus Peterlein,

hätt' er [Petrus] doch mit demselben Schwerte

des Hügelin sich da erwehrt,

der noch mit uns nach schätzen fährt,

anstatt das Peter Seelen nur begehrte.

 

Peter Hugolinus, Graf von Segni und Innocens III. Brudersohn, wurde 1227 einstimmig zu Honorius III. Nachfolger erwählt und nannte sich bedeutsam Gregor IX. Der Vorwurf der Bestechlichkeit, den Reinmar ihm macht, soll, nach Raumer, nicht statthaft sein. – Zur Verdeutlichung, was mit den beiden Schwertern gemeint, setze ich Reinmars eigne Beschreibung her. (Man. 212 und 213.)

 

[212] Ein Meister der hat uns geschlagen

zwei Schwert, die zween Könige wol mit Ehren möchten tragen,

geschmiedet völliglich mit hoher Kunst; sie sind wohl vollekommen

gleichmäßig lang, gleichmäßig breit,

zum Troste und zur Hülfe der viel edlen Christenheit,

unschädelich sind sie und mögen den getreuen wohl gefrommen.

Stole und Schwert sind sie geheißen beide, sie brauchen auch nur Eine Scheide:

an ihn’n sich Niemand mag verschneiden,

als wer Gesetz und Recht verlacht;

kunstreich ist, der sie hat gemacht:

und ihre Schläge mag man gerne meiden.

 

[213] Das eine, das gehöret an

dem Papste, der wol mit dem Buche sehr bezwingen kann;

mit ihm und mit dem Banne soll er hurtig dräu’n zu aller Zeit.

Das andre soll ein Kaiser nehmen,

Stole **) und Schwert und auch das Reich ihm mögen wol gezemen;

soll er Gerichtes walten, so mag er nicht verbleiben ohne Streit.

Er Fundament der edlen Christenheit,

Sanct Peters Kämpe, drum seid ihr gut geleit, [gelegt]

daß die Gerechten überwinden,

die [welche] Rechtes Widersacher sind.

Drum bittet mancher Mutter Kind:

„Hilf, Herre Gott, Gerechtigkeit uns finden“. -

____

*) Es schneidet nicht gegen die dem Reiche gehässigen feindlichen.

**) soll wohl Krone oder Speer heißen.

 

 

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52

 

c) Reinmar v. Zw. (Man. 128) hält den habgierigen Päpsten das Beispiel der Armuth Christi vor.

 

Da Gott im Menschenbilde erschein,

viel arm und also arm, es konnt' erbarmen einen Stein,

da trug er Armuth auf der Erde wol drei und dreißig Jahr.

Diese Armuth trug er aller Diet [Volk]

zum Bilde vor, seit er da Niemanden ausschied;

ob aber Jemand ausgenommen, das weiß ich nicht, fürwahr;

Und sind die Päpste ausgenommen alleine,

daß sie bei aller Sünde doch sind reine,

so ward nie nichts so hoch gehehrt. [erhoben]

Gold, Silber, Leute, Burgen, Land,

haben sie die ohne Sünden-Band, [Fessel)

und Niemand mehr, so sind sie wol bekehret. [d. h. dann werden sie sich genügen lassen.]

 

d) Derselbe Dichter ruft den Antichrist, ihn Endechrist nennend, herbei zum Kauf der Christenheit, die ihm in die Hände zu fallen durch ihre Habgier reif sei. (Man. Str. 135 und 136.) Str. 136 bezielt namentlich die Geistlichkeit.

 

Was säumest du dich, Endechrist,

daß du nicht kommst, seit all die Welt so gar schatzgierig ist?

nun hast du doch zu geben, weß sie da begehrt; gibst du ihr, sie gibt sich dir.

Du fändest nie so guten Kauf,

wie nun; du darfst nicht fürchten den Glauben noch die Tauf';

es ist ihr alles feile, so gar steht nun auf Geld ihr's Herzen Gier.

Jesus Christ, den eh die Juden verkauften,

wär’ er hie auf Erden, ich wähne, ihn die Getauften

noch verkauften ohne Weile;

komm, Endechrist, du dummer Gauch,

die Pfaffen sammt der Kirche auch

und sammt dem Roemschen Reich findst du sie feile.

 

e) Str. 171 verklagt die Geistlichkeit, daß die Welt durch ihre Habgier gehindert werde, aus dem Sturm in den Hafen sich zu retten.

 

Die Welt vergleichet sich dem Meer,

das immer tobet und woget über Maß und ohne Wehr: s

o tobet und woget der Menschen Leben mit gleicher Geselleschaft. (überall gleich)

der Ungetauften sei geschwiegen,

ich klage, daß die Getauften in den Kummer sind gedigen, (gerathen)

davon sie wol verderben mögen ohne die starke Gotteskraft.

Bleiben sie lange in dieser Freise, (Furcht)

so werden wir kielbrüchig auf der Reise;

wir schweben in der Sünden Uenden: (Wogen)

Primaten mit dem krummen Stabe,

die fischen immer nur nach Gabe

und lassen die Seel' dabei in großen Sünden.

 

f) Die Habgier der Geistlichkeit greifen auch einige der Lieder an, die unter dem Namen Klingsors aufbewahrt sind. (Minnes. Bd. III, Str. 330.)

 

Du bist gesessen, geistlicher Orden (Stand), hoch auf des Glückes Rad;

nun halt dich fest; fällst du herab, es wird dein großer Schad';

du bist schier (schnell) in die Höh' gekommen

und hast kein Sorg', daß man dich überstoße.

 

 

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53

 

Die Hölle und das Fegefeuer sind dir als Pflug bereit,

Ablaß, den Samen dein, den säest du lang und breit,

du schneidest ihn, wir haben's vernommen,

daß dir an Gier nicht Einer ist Genosse.

Die zehnten Theil' sind alle dein,

die neunten hättest du gern alleine;

du kannst wol Schätze bringen ein;

sei’s Diebstahl, Wucher oder Raub, das machst du alles reine.

Was man um Gottes willen gibt, das ist wie Heilgen Gut; *)

das wisse Gott in dieser Zeit, daß keiner seinem Orden rechte thut. (genügt)

 

g) Ein Spruch Reinmars gegen die Simonie und Häresie des Papstes schließe diese Reihe. (Man. Str. 130.)

 

Ihr seht der Kirche in den Mund,

Herr Papst, und nehmet wahr, ob all' ihre Orden sind gesund;

habt Acht, ob unter Bärten auch stecken Gräten in der Kirche Kehlen.

Ein Orden, der sich streichen lat

mit Simonien-Hand, und doch der Kirche Zeichen hat

an Mantel und an Kappe, der will das Inn’re mit dem Aeußern hehlen.

Die Kirche sollt' nicht mit der Simonie

Gemeinschaft han, noch mit der Häresie.

Das Gut, das ist nicht wol gewonnen,

das man dort nimmt und disseits hilt. (hehlt)

Wer ist ein Dieb, als wer da stiehlt?

nun hehlt und stehlt, doch breite ich's an die Sonnen.

 

8) Die Falschheit und Gleisnerei der Pfaffen strafen folgende Lieder:

 

a) Walthers v. d. V. (L. 9, 16) mit Beziehung auf die Zweizüngigkeit, mit der sich Innocens III. gegen Philipp und Otto benahm. Philipp wurde 1201 gebannt und 1205 auch der Erzb. Adolph v. Köln, weil er, nach erfolgter Aussöhnung mit Philipp, diesen zu Aachen krönte. Der Krieg um Köln, gegen den neuen Erzbischof Bruno, traf besonders Kirchen und Klöster mit Zerstörung.

 

Ich sah mit meinen Augen,

Männern und Weibern taugen, (geheim)

da ich anhörte und ansach, (sah)

was jeder that und jeder sprach.

zu Rome hörte ich lügen,

zwei Könige betrügen.

Davon hub sich der größte Streit,

der eh war oder immer seit, (nachher)

da sich begann entzweien

der Pfaffe mit den Laien. Das war ein' Noth vor aller Noth:

Leib und Seele lag da todt.

Die Pfaffen stritten sehre,

doch ward der Laien mehre.

Die Schwerter legten sie darnieder

und griffen zu der Stole wieder;

sie bannten, wen sie wollten,

und nicht, wen sie sollten.

zerstört ward da manch Gotteshaus.

Ich hörte ferne in einer Klaus'

____

*) Das sollte nicht verpraßt werden?

 

 

____

54

 

viel großes Ungebäre. (Verzweiflung)

Da weinte ein Klausnere,

er klagete vor Gott sein Leid:

„o weh! der Papst der ist zu jung *); hilf, Herre, deiner Christenheit“.

 

b) In Beziehung auf den Bann, in den Otto IV. 1210 verfiel, macht Walther den Papst darauf aufmerksam, daß er sich zum mindesten selber widersprochen. (L. 11, 6.)

 

Herr Pabest, Ich mag wol genesen, (selig werden)

denn Ich will Euch gehorsam wesen.

wir hörten Euch der Christenheit gebieten,

wie wir den Kaiser sollten pflegen,

da Ihr ihm gabet Gottes Segen:

daß wir ihn hießen Herre und vor ihm knieten.

Auch sollt ihr nicht vergessen,

ihr sprachet: „wer dich segnet, sei

gesegnet, wer dir flucht, der sei verfluchet

mit Fluche vollgemessen“; (mit vollständigem Fluche)

um Gottes will'n, bedenket euch dabei,

ob Ihr der Pfaffen Ehre wol geruchet. (lieb habt)

 

Den Streit des Kaisers und des Papstes um die italischen Marken, das Spolienrecht, das Eigenthumsrecht von Rom u. s. w. entscheidet der Dichter durch folgenden Spruch.

 

Da Gottes Sohn auf Erden gie, (ging)

da versuchten ihn die Juden ie; (stets)

so thaten sie eines Tags mit dieser Frage: s

ie fragten, ob ihr freies Leben

dem Könige irgend Zins sollt’ geben:

da brach er ihn’n die Huth **) und all' ihre Lage, (Hinterhalt)

er heischte ein Münzeisen,

er sprach: ,,weß Bild ist hier ergraben?“

„des Kaisers“, sprachen da die Merkere. (Auflaurer)

Da rieth er den Unweisen,

daß sie den Kaiser ließen haben

sein Königsrecht und Gott, was Gottes wäre.

 

c) Reinmar v. Zw. (Man. 143) warnt den Kaiser Friedrich II., sich vor der Gleisnerei der Pfaffen wohl in Acht zu nehmen.

 

Vor Gleisner List und Klugheit

soll man sich gerne hüten, denn ihr Mantel ist so breit,

daß sich darunter birget falscheres Leben, als ihr Gebärde sei.

Geistlich Gebärde und fleischlich Leben,

wo die zwei lauern unter Infuln bei den krummen Stäben,

da suche ein wol versonnener (weiser) Kaiser einen Gleisner bei.

Die Gleisenheit die birget viel Unreines,

sie hat so viel der Sünden und des Meines (der Falschheit)

auf sich geladen in kurzen Jahren

um Juden- und um Fürsten-Gold;

so ist man ihr zu Rome hold:

ihr „crede mi“ kann Schatzes wol gefahren. (um Schätze betrügen)

 

d) In folgendem Liede äußert sich Reinmar ziemlich unverholen gegen das Coelibat und schilt die Vertheidiger desselben Lügner. (Man. 230.)

____

*) Innocens war bei seiner Wahl 1198 erst 39 Jahre alt.

**) Die Parade gegen Fechterhiebe.

 

 

 

____

55

 

Alle Orden preise ich nicht

so hoch als wie die Eh alleine, was mir auch drum geschicht.

Barfüßer, Prediger und Kreuzer *) Orden sind dagegen blind; [glanzlos]

Grauer, weißer, schwarzer Mönche ist viel,

Hornbrüder **) unde Martrer, ***) wie ich euch bescheiden will,

Schottenbrüder und die mit den Schwertern sind dagegen gar ein Wind.

Domherren, Nonnen und Laienpfaffen [Weltgeistliche]

und alle die Orden, die Gott hat geschaffen, [werden lassen]

die leben von dem, was die Ehe erzeuget;

wer der Eh' gebührlich pfliget, [pflegt]

der hat hier und dort gesieget;

wer's widerredet, dem folget nicht, er lüget.

 

9) Die nächstfolgenden Lieder, wie schon nebenher einige der bisherigen, richten sich insbesondere auf päpstliche Rechtsverdrehung und Rechtsverletzung.

 

a) Walther v. d. V. (L. 10, 33) fordert den gebannten Friedrich II. (um 1228) auf, Gewalt mit Gewalt zu dämpfen.

 

Mein alter Klausner, von dem ich so sang,

als uns der frühere Papst so grimmig zwang, [bedrängte]

der fürchtet wieder für die Gotteshäusler, ihr Meister werde krank, [schwach]

er sagt, wenn sie die Guten bannen und den Bösen singen,

man schwenke ihnen entgegen geschwinden Widerschwang, ****)

an Pfründen und an Kirchen mög’ ihnen misselingen,

deren sei viel, die darauf jetzo haben Gedingen, [Hoffnung]

daß sie ihr Gut verdienen um das Reich in hellen Ringen. [in glänzenden Panzerringen]

 

b) Mit beißendem Spott schildert Reinmar (Man. 133 und 134) das Wesen der päpstlichen Rechtsprecherei.

 

133. Der Papst der hat manch reiches Kind,

die minnet er, wo sie nur wohnhaft in den Landen sind;

theilt er mit ihnen seinen Segen, so theilen sie mit ihm ihr Gold.

Dieselben Kinder sind ihm so traut,

daß er ungerne ihrer Einem mit Schlägen rückte auf seine Haut:

wollte Gott, daß ihm die habelosen Kinder wären halb so hold!

Eh daß der arme Sohn sein Recht behärte, [darthue]

der Bann der ist ihm abgetrennet,

sein Vater ihn unschuldig sagt:

wie viel der arme Sohn auch klagt,

so muß er doch den Himmel haben verbrennet.

 

134. Unrecht und Recht han stets gestritten,

sie haben Land und Leute ungleich entzwei geschnitten: [getheilt]

hat Unrecht mehr Gesinde [Diener], so hat das arme Recht die mindre Schaar.

Unrecht das hat gar hohen Mann, [Diener]

es und der Papst, sie lachen bisweilen einander an,

____

*) Kreuzfahrer.

**) Aussätzige?

***) Flagellanten?

****) Man vergelte ihnen mit Gleichem.

*****) Auf seiner Rückkehr von Rom.

 

 

 

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dabei steht Recht viel traurig, davon das Römsche Lob ist trauriglich gevar. [gefärbt] †)

Das arme Recht, das ist jedoch so kriege, [widersetzlich]

eh daß es seine müden Beine biege,

es machet eh viel offenbäre,

was Unrecht her geraunet hat:

Unrecht, in rechter Leute Wat,

das kämpfet Recht für einen Trügenere; (d. h. es beweist mit Kampf, daß das Recht ein Betrüger sei.)

 

c) Derselbe Dichter greift den Papst darauf an, daß er mit seinem Bannspruch seinen weltlichen Leidenschaften und Gelüsten diene. (Man. 129.)

 

Wer bannen will und bannen soll,

der sorge, daß sein Banne nicht sei fleischlichen Zornes voll;

wo fleischlich Zorn im Banne steckt, da ist nicht Gottes Bann.

Weß Bann mit Gott ist und in Gotte,

der wirbt auch wol nach Gott ††), wie ein gesandter Gottesbote;

wer solchen Bann nicht fürchtet, der ist kein weiser Mann.

Wer unter Stole fluchet, schilt und bennet, [bannt]

und unter'm Helme raubet unde brennet,

der will mit beiden Schwertern streiten:

darf das geschehn in Gottes Namen,

so darf sich Sante Peter schamen,

daß er es nicht geübt bei seinen Zeiten.

 

10) Der Verfälschung der rechten Lehre der h. Schrift bezüchtigen den Papst nur folgende Paar Lieder.

 

a) Walther v. d. V. (L. 33, 1.)

 

Ihr Bischöfe und ihr edlen Pfaffen seid verleitet;

seht, wie der Papst euch an des Teufels Stricken beitet; [zerrt]

saget ihr uns, daß er Sant Peters Schlüssel habe,

so sagt, warum er dessen Lehre von den Büchern schabe †††).

Daß man Gottes Gabe kaufe oder verkaufe,

das ward uns verboten bei der Taufe ††††).

Nun lehre's ihn sein schwarzes Buch, das ihm der Höllenmohr

gegeben hat, und aus ihm les’ er seine Rohr' †††††):

ihr Cardinäle, decket euren Chor,

unser alter Frohn [Altar] ist unter einer üblen Traufe. [d. h. wenn ihr hohen Geistlichen nicht dem eindringenden Regen wehrt, so wird uns Altar und Kirche weggeschwemmt. Lachm.]

 

b) Walther 34, 24.

 

Welch Herze sich bei diesen Zeiten nicht verkehret,

seit daß der Papst dort selbst den Ungelauben mehret,

dem wohnt ein seliger Geist und Gottes Minne bei.

Nun seht ihr, was der Pfaffen Werk und was ihr' Lehre sei.

Vordem war ihre Lehre bei den Werken reine,

nun sind sie aber anders allgemeine,

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†) Der Ruhm Roms ist in Trauerkleidern.

††) Der wirbt, richtet seine Botschaft Gottes Befehl gemäß aus.

†††) Um anderes an die Stelle des Abgeschabten auf das Pergament zu schreiben.

††††) Unter Androhung, des Segens der Taufe verlustig zu gehen.

†††††) Vgl. oben 7, a, wo, was hier Rohr, Stock genannt ist.

 

 

 

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daß wir sie unrecht wirken sehen, unrecht hören sagen,

die guter Lehre uns ein Vorbild sollten tragen.

Drob mögen wir dummen [einfältigen] Laien wol verzagen:

wieder wähn' ich, mein alter Klausner klage und sehre weine.

 

c) Daran schließt sich Reinmar v. Zw. mit einem Spruche voll erhabenen Pathos. (Man. 111.)

 

Was Gott durch der Propheten Mund

gesprochen hat, eh er Mensch ward, vor mancher Stund',

das haben seine zwölf Schildgefährten wol zu Licht gebracht.

Unter den zwölfen zweene Mann,

Paulus, Gottes Kämpe, und Christi Muhmen Sohn, Johann,

die zween haben gesprochen viel baß, als alle, deren je ward gedacht.

Paulus ward in den dritten Himmel verzücket,

Johannes hat auf Christi Brust entnücket: [geschlummert]

wo kam ein Mann je zu so hoher Schule,

als diese zween es sind gewesen?

weß Kunst ihre Kunst will widerlesen, *)

des Sitz gehört nicht vor dem obersten Stuhle.

 

d) Derselbe Dichter ertheilt dem fanatischen Eifer der Predigermönche eine Zurechtweisung. (Man. 86.)

 

Ihr ausgesandten Brüder, seht

zu eurer Lehre wohl, denn euer Wort gar mancher späht,

der eine schlimmer, der andre baß; verschiedner Merker habt ihr viel.

Versäumen und Vergahen [Uebereilung] lat, [unterlaßt]

ihr wisset wol, daß Maße [Vernunft] mit diesen zwein zu thun nichts hat:

zu viel verschweigen säumet, ein Uebersprechen [zu viel sprechen] sich vergahen will.

Wollt ihr den Sündesiechen laben mit Lehre,

so schrecket ihn mit Zweifel nicht zu sehre.

Daß ihr ihm alle Sünde verleidet

mit sußen Worten, das ist gut:

wo ihr den Wilden wilder thut,

da ist es baß, daß ihr ihn ganz vermeidet.

 

 

 

 

III. Kreuzlieder.

 

Haben unsere Dichter in der voraufgehenden Liederreihe ihre gesunde Schätzung der in Conflict gerathenen geistlichen und weltlichen Verhältnisse dargelegt, so mögen sie sich, d. h. die wenigen, die es betrifft, im Folgenden auch in ihrer geistlich-politischen Befangenheit zeigen. Näher als zu der vorliegenden Sammlung würde eigentlich diese Dichtung, als poetische Kreuzpredigt, der Classe der religiösen Lieder angehören. Jedoch, wer weiß nicht, wie innig Politik und Religion, im Mittelalter zumal, in den Kreuzzügen miteinander verquickt waren, mit wie ungeistigen Waffen man den Gegensatz zwischen Christenheit und Heidenschaft zu erledigen strebte? Die größere Menge dieser paar Lieder gehört den eigentlichen Minnesingern an, einige fallen noch ins 12te Jahrhundert, die Waltherschen

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*) Wer seine Gelehrsamkeit der ihrigen entgegensetzt.

 

 

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sind die besten; den bürgerlichen Meistern ging über den Sorgen daheim das Interesse am heiligen Land, mit wenigen Ausnahmen, verloren.

 

1) Ein einfaches Lied Herrn Friederichs von Husen, der auf dem Kreuzzuge Kaiser Friederichs I. 1190 im Kampfe blieb und dessen Tod im Heere allgemeine Wehklage veranlaste. (Man. VI.)

 

Sie wähnen dem Tode entronnen sein,

die Gott erlügen seine Fahrt *);

fürwahr, es ist der Glaube mein,

daß sie sich übel haben bewahrt.

Wer’s Kreuz annahm und nicht hinfährt,

dem wird es doch am Ende schein, [klar]

wenn ihm die Pforte ist vor versperrt, die er [Gott] thut auf den Leuten sein.

 

2) Ein längeres, leichartiges Kreuzlied des von Rugge führt denselben Inhalt weiter aus. (Minnes. Bd. 3, s. 468a.) Schöner ist Hartmanns v. d. Aue Kreuzlied; der Dichter war vermuthlich bei dem durch Kaiser Heinrich VI. aufgebotenen Kreuzzug über Apulien 1195–1196. (Man. V.)

 

1) Dem Kreuze ziemt wol reiner Muth

und keusche Sitt',

so mag man Heil und alles Gut

erwerben damit.

Auch ist es nicht ein kleiner Haft [Fessel]

dem dummen Mann,

der seinem Leibe Meisterschaft

nicht halten kann.

Es will nicht, daß man sei

der Werke drunter frei;

was taugt es auf der Wat,

[dem] der von ihm nichts im Herzen hat?

 

2) Nun zinset, Ritter, euer Leben

und auch den Muth

für ihn, der euch da hat gegeben

beides, Leben und Gut.

Weß Schild je war der Welt bereit

zu hohem Preis,

wenn er den Gotte nun verseit, [versagt]

der ist nicht weis’.

Denn wem das ist beschert,

daß er dort wol gefährt,

das giltet [erstattet] beide Theil,

der Welt Lob und der Seele Heil.

 

3) Er selbst hat Ursach, sich seines Entschlusses zum Kreuzzuge zu freuen. (Man. X.)

 

Mir ward die Freud’ nie sorgelos,

bis an die Tage,

da ich mir Christi Blumen erkos, **)

die ich hier trage;

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*) Der von ihm geforderten Fahrt durch lügnerische Vorwände sich entziehen.

**) Mit Anspielung auf die Blumenkränze bei weltlichen Festen.

 

 

 

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die künden eine Sommerzeit,

die also gar

da liegt in süßer Augenweid':

Gott helfe uns dar

hin in den zehnten Chor,

draus einen Höllenmohr

sein Falsch verstoßen hat,

die noch den Guten offen staht.

 

4) Den Vorigen schließt sich der von Johansdorf an, ob kurz nach dem Zuge Friederichs I. oder erst um 1228, ist ungewiß. (Man. IV., 1 und 2.)

 

Die hinnen ziehn, die sagen durch Gott

daß Jerusalem der reinen Stadt und auch dem Lande

Hülfe noch nie nöthiger ward.

Die Klage wird der Dummen Spott,

die sprechen alle, wär' es unserm Herren ande, [ärgerlich]

er rächte es ohne ihr aller Fahrt.

Nun wollt bedenken, daß er litt den grimmen Tod;

der großen Marter war ihm auch viel gar unnoth,

nur daß ihn erbarmte unser Fall:

wen nun sein Kreuze und sein Grab nicht will erbarmen,

die sind von ihm die saeldenarmen [d. h. die verlieren durch ihn ihr Heil).

 

Nun, welchen Glauben will der han,

und wer soll ihm zu Hülfe kommen an seinem Ende,

der Gott wol hülfe und thut es nicht?

So weit ich mich versinnen kann,

wenn ihn nicht gar ein' ehhaft' Noth ) davon erwende, [daran hindert]

so glaub' ich, daß er's übersicht. [mitzuziehn verachtet]

Nun laßt das Grab und auch das Kreuze ruhig liegen:

die Heiden woll'n in einer Rede an uns siegen,

daß Gottes Mutter keine Jungfrau sei:

wem diese Red' nicht nahe an sein Herze fällt,

weh, wohin hat sich der gesellt!

 

5) Am reichsten an Kreuzliedern ist Walther v. d. V. schon nachdem Otto IV. zum Kaiser gekrönt war, fordert er Diesen auf, gegen die Heidenschaft auszuziehen. (L. 12, 6.)

 

Herr Kaiser, ich bin Frohnebote

und bring' euch Boteschaft von Gotte.

Ihr habt die Erde, er das Himmelreiche.

Euch soll'n wir klagen, ihr seid sein Vogt:

in seines Sohnes Lande brogt [ist übermüthig]

die Heidenschaft euch beiden lasterliche. [zum Schaden]

Ihr mögt ihm gerne richten:

sein Sohn der ist geheißen Christ,

der hieß euch sagen, wie er's vergelten wolle:

nun laßt ihn zu euch pflichten;

er schafft euch Recht, wo er Vogt ist,

klagt ihr auch über den Teufel aus der Hölle ††).

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†) Rechtsgültiges Hinderniß, z. B. Krankheit, Gefängniß, der Tod eines nahen Verwandten.

††) Mit Beziehung auf den Papst, der bald nach der Krönung mit Otto rechtete.

 

 

 

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6) An denselben Kaiser richtet der Dichter etwas später folgendes Lied. (L. 12, 18.)

 

Herr Kaiser, wenn ihr deutschen Friede

gemachet feste bei der Wide †),

so bieten euch die fremden Zungen Ehre.

Die sollt ihr nehmen ohn’ Arebeit

und sühnen all die Christenheit:

das theuert euch und müht die Heiden sehre. I

hr tragt zwei Kaisers Ellen, (Kräfte)

des Aren Tugend, des Leuen Kraft ††), die sind das Heereszeichen an dem Schilde.

Die zweene Heergesellen,

wollten sie nur an die Heidenschaft,

was widerstünd' ihr’r Mannheit und ihr’r Milde?

 

7) Vergleiche oben I, 8. Der dort an den Kaiser ergangenen Aufforderung entspricht die folgende an das deutsche Volk. (L. 13, 5.)

 

1) O weh, was Ehren sich ellendet †††) von teutschen Landen!

Witze unde Manheit, dazu Silber und das Gold,

wer die beiden hat, der bleibet mit Schanden;

weh! wie denen zergeht des himmlischen Kaisers Sold!

dem sind die Engel noch die Frauen hold,

armer Mann zur Welt und wider (vor) Gott!

wie der fürchten mag ihr beider Spott!

 

2) O weh, es kommt ein Wind, das wisset sicherliche,

davon wir hören beides, singen unde sagen:

der soll mit Grimm befahren alle Königreiche,

das höre ich Waller und Pilgerime klagen.

Bäume, Thürme liegen von ihm zerschlagen,

starken Leuten weht er’s Haubet abe:

nun soll’n wir fliehen hin zu Gottes Grabe ††††).

 

3) O weh, wir müssigen Leute, wie sind wir versessen

zwischen Freuden nieder an der jämerlichen Statt!

aller Nöthe hatten wir vergessen,

da uns der kurze Sommer sein Gesindewesen bat †††††).

Der brachte uns fahrende (vergängliche) Blumen unde Blatt:

da trog uns der kurze Vogelsang.

Wol ihm, der je nach stetigen Freuden rang!

 

4) O weh der Weise, die wir mit den Grillen sangen,

da wir uns sollten hüten gegen des kalten Winters Zeit!

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†) Mit Androhung der Strafe, mit einer Eichenwide [Gerte] aufgeknüpft zu werden.

††) Otto führte bei der Krönung den halben Adler und drei Löwen im Schilde; v. d. Hagen bezieht nach Uhland diese Gedichte auf Friederich II. nach seiner Vermählung mit der Erbin des Königreichs Jerusalem, und erkennt in dem Löwen des Heerschildes den schwäbischen Leoparden.

†††) Wie viel Ehre verbannt sich aus Deutschland! – in Bezug darauf, daß sich aus Deutschland nur wenige Kreuzfahrer einfanden, der Landgraf Ludwig nur um Sold u. s. w.

††††) Der Sturm gilt als Vorzeichen vom Ende der Tage und bezieht sich wahrscheinlich auf damalige ähnliche Naturereignisse.

†††††) Dies läßt sich auf die erste friedliche Regierungszeit Friederichs II. beziehen.

 

 

 

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61

 

daß wir viel thörichten mit der Ameise nicht rangen,

die nun viel würdig (nach Verdienst) liegt bei ihrer Arebeit!

Das war stets der große Streit,

Thoren schalten stets der Weisen Rath.

man sieht wol dort, wer hier gelogen hat.

 

8) Noch am Ende seiner Tage fordert Walther in einem Liede, das seine Trauer über die veränderte Welt ausdrückt, zum Zuge ins heilige Land auf. (L. 125.)

 

O weh, wie uns mit süßen Dingen ist vergeben!

ich sehe die bittre Galle mitten in dem Honige schweben:

die Welt ist außen schöne, weiß, grün und roth,

und innen schwarzer Farbe, finster wie der Tod.

Wen sie nun verleitet hat, der schaue seinen Trost:

er wird für kleine Buße von großer Sünde erlost.

Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding:

ihr tragt die lichten Helme und manchen harten Ring,

darzu die festen Schilde und die geweihten Schwert.

Wollte Gott, ich wäre des Siegerzuges werth,

so wollt' ich armer Mann verdienen reichen Sold.

Wol meine ich nicht die Hufen noch der Herren Gold,

ich wollte selber Krone ewigliche tragen,

die könnte ein Söldner selbst mit seinem Speer erjagen;

könnt' ich die liebe Reise noch fahren über See,

so wollte ich dann singen wol und nimmer mehr o weh.

 

9) Bruder Wernhers Loblied auf Leopold den Glorreichen von Oesterreich, den Walther (oben I, 7) bei seiner Rückkehr mit tröstlichem Gesang empfing, gehört seinem wesentlichen Inhalte nach hieher. (Man. V, 4.)

 

Susa! wie wonnigliche der aus Oesterreiche fährt!

da er sich um des obersten Königes Ehre

Leibes unde Weibes, Gutes und darzu der Kinder hat bewegen; (sie verlassen)

was er seither gesparet hat, wie schön er das nun zehrt!

mich wundert, wenn der König hin gen Sachsen kehre *)

und er gen Akers (Acre) fährt, wer da verdiene baß des Glückes Segen.

Das ist eine seligliche Fahrt,

die Gott mit hunderttausend Lohnen gilt, (bezahlt)

welch Mann sein Gut darauf erspart,

so dünket mich der ein Gauch, der ihn deswegen schilt.

Hätt' ich vermuthet solche Dinge von dem aus Osterland,

fürwahr, ihm wär' mein Schelten heut' und immer unbekannt.

 

Das Kreuzlied dieses Dichters, der selbst an einem Zuge ins heilige Land Theil nahm, (Man. VIII) ist nicht von besonderem Gehalte; es möge daher fortbleiben, so wie die des Herrn Hawart (Man. I, 2 und II), des Herrn Rubin (Man. VII) und des Meister Sigeher auf Ottocars Zug gegen die heidnischen Preußen. (Man. II.)

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*) Otto IV. lebte damals (1217) noch, doch ist der Zug des Königs Friederich II., gegen Otto nur des Dichters Hypothese.

 

 

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IV. Lieder, welche sich auf den Verfall des Reiches, die Wirren des Reiches in sich und im Verhältnis zur Kirche beziehen

(Vergl. oben. Seite 19, I, b und c, und II, a.)

 

Ueber die allgemeine Natur dieser Lieder ist in der Einleitung gesprochen, einige derselben sind schon in den vorigen Abtheilungen vorgekommen; wir mögen auch hier mit Walther beginnen. Ihm stellt sich der Verfall des Reiches nicht von seiten der Politik, sondern einzig der Sitte dar; die speciell die Unsittlichkeit rügenden Lieder gehören nicht hieher, wofern sie einen generellen Verfall der Sitte zeigen.

 

1) L. 85, 25.

 

Ich sah hievor einmal den Tag,

da unser Lob war gemein allen Zungen.

Wo irgend ein Land uns nahe lag,

das begehrte sühne (Versöhnung) oder ward bezwungen.

Reicher Gott, wie wir nach Ehren da rungen!

Da riethen die Alten und thaten die Jungen.

Nun krumm die Richter sind, –

dies Beispiel ist zu merken blind; – (unklar zu sehen)

was da von nun geschehe (dabei herauskomme), Meister, das find'.

 

2) L. 102, 15.

 

Ich war auf Wunder ausgefahr’n;

da fand ich wunderliche Ding’:

ich fand die Stühle leider leere stehn,

da Weisheit, Adel unde Alter

gewaltigliche saßen eh.

Hilf, Fraue Magd, hilf, Mägde Barn, (Jungfrauensohn)

den dreien wieder in den Ring,

laß sie nicht lange ihres Sitzes irre gehn;

ihr Kummer mannigfalter

thut mir von Herzen weh.

Es hat der dumme Reiche nun ihr dreier Stuhl, ihr dreier Gruß;

o weh, daß man dem Einen an ihr dreier Statt nun neigen muß!

drum hinket Recht und trauert Zucht und siechet Scham.

Dies ist eine Klage: noch klagte ich gerne meh. (mehr)

 

3) L. 21, 25.

 

Nun wachet! uns geht zu der Tag,

vor dem wohl Bangen haben mag

ein jeglich Christe, Jude unde Heiden.

Wir haben Zeichen viel gesehen,

daran wir seine Kunst wol spähen,

wie uns die Schrift mit Wahrheit hat bescheiden.

Die Sonn' hat ihren Schein verkehret, (abgewandt)

Untreu' ihren Samen aus gereret (gestreut)

allenthalben zu den Wegen;

der Vater bei dem Kinde Untreue findet,

der Bruder seinem Bruder lüget,

geistlicher Orden in Kappen (Mänteln) trüget,

der uns zum Himmel sollte stegen: (den Weg bereiten)

Gewalt geht auf, Recht vor Gerichte schwindet.

Wohl auf! hier ist zu viel gelegen. (niedergetreten)

 

 

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4) Dem von Singenberg gehören folgende Sprüche, die sich unter Walthers Liedern befinden. (L. 107, 3.)

 

1) Man sagt, das Bösere komm' stets nach; das hat sich nun verkehret,

man findet nun, was man nie fand hievor bei Carles Zeit *).

Sich han deshalb der Lande Recht’ zu Hofe wol gemehret:

eh war es schlicht, wie eine Hand, nun ist darin viel Streit **).

Wo man dem ungetreuen Mann die Treue wiedergibt,

da ist das Gerichte gut;

denn einem Manne kann nicht schaden, wer für gut hält, was er auch thut.

 

Das Ganze ist ironisch: unser heutiges Gericht ist nicht durchaus schädlich, es nützt ja Dem, der Untreue begeht, Unrecht thut, es spricht ihn frei, wenn auch Untreue und Unrecht dadurch sich mehren. Der Lande, Rechte nehmen zu in dem Maße, wie ihre Pflichten gegen den Hof oder den Fürsten abnehmen. Es ist wohl an die vier Lande Sachsen, Baiern, Schwaben und Franken zu denken.

 

2) Dahin, Daher ward nie so werth in allen teutschen Landen;

wer nun Dahin Daher nicht kann, der ist beim Spiel betrogen.

Vordem gab's Könige, die nicht Dahin Daher bekannten: j

etzt hat die List auch sie erwischt, queer schleichend und im Bogen.

Es hätten hiebevor die großen Fürsten nicht gelogen

um Leute noch um Land,

nun ist ihnen meistens gar zu wol Dahin Daher bekannt.

 

5) Walther v. d. V. (L. 31, 13.)

 

Ich hab gemerket von der Seine bis an die Mure, [die Mur]

vom Po bis an die Trabe erkenne ich all ihre Fuhre: [Benehmen]

der meisten Menge ist es gleich, wie sie erwirbt ihr Gut;

sollt' ich es so gewinnen, so geh schlafen, hoher Muth.

Gut war stets angenehm, doch ging die Ehre

dem Gute vor; nun ist das Gut so hehre,

daß es gewaltiglich vor ihr zu Frauen gaht

und mit den Fursten an der Könige Rath.

So weh dir, Gut! wie Roemisch Reiche staht!

du bist nicht gut; du hältst dich an die Schande ein Theil zu sehre.

 

6) Walther sah noch nicht den ärgsten Grad der Huldigung des Mammons; die späteren Dichter wissen davon noch ganz andere Dinge zu berichten, und die Habsucht, die sie oben an den geistlichen Fürsten rügten, erscheint ihnen in nicht minder greller Wirkung bei den weltlichen. So konnte Reinmar v. Zw. spotten, daß sie das Reich an einen Kürschner, den Doge von Venedig, verhandeln wollten. (Man. 147.)

 

Die Venediger, die haben vernommen,

das Roemsche Reich sei feil, davon sind ihnen Briefe kommen;

nun haben sie sich vermessen, sie wollen gern dazu ihre Steuer geben,

daß es noch komme in ihre Gewalt:

was sie das kosten möge, dazu sind sie willig unde bald; [bereit]

sie sagen, würde ihnen das Reich, sie wollten immer desto gerner leben.

____

*) Carls des Großen Zeit wurde als goldenes Zeitalter der Zucht und Ehre angesehen.

**) Viel pro und contra verwirren das ehemals einfache Recht.

 

 

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64

 

Ihr Herzog ist ein mächtiger Kürschnere;

und ward jemals ein Kürschner kronebaere [krontragend]

mit seiner igelfarbnen Glatze,

so mag auch er wol Krone tragen:

so darf auch niemand weiter jagen, wo man es baß bezahlen mög’ mit Schatze. [d. h. man braucht einen Käufer weiterab nicht zu suchen.]

 

7) Wie Reinmar den Endechrist zum Kaufe der Kirche einlädt (siehe oben II, 7, d), so bietet er ihm hier (Man. 135) die ganze Laienwelt feil.

 

Was säumest du dich, Endechrist,

daß du nicht kommst? du darfst nun länger warten keine Frist,

du findest Fürsten feile, feile Grafen, Freie und Dienstmann.

Kommst ohne die Hauptsach, das laß sein:

hast du ihnen zu geben Silber, Gold, sie werden alle dein;

an den sie glauben sollten, da kehren sie sich leider wenig dran:

der sie schuf, den haben sie ganz vergessen:

der meisten Menge Herze hat besessen

des üblen König Pharaones Härte;

rechtes Glaubens sind sie frei;

unrechter Witz wohnt ihnen bei:

sie folgen nicht dem, der sie gerne nährte. [selig machte]

 

8) Auch der Meißner findet den Grund der Erniedrigung des Reichs in der Gierigkeit Derer, die, anstatt für seine Ehre zu sorgen, seine Krone an Fremde verhandeln. (Jen. XIV, 2.)

 

Daß das Römsche Reich so lange ohne Kaiser ist geblieben,

dazu hat die Gierigkeit, deutsche Zunge, dich getrieben,

Davon das Roemsche Reich ist gar verwaiset.

Dir sollte dienen all die Welt; nun willst du dich eigen machen;

verlieret deutsche Zung' ihr Recht, wie wird sie das an Ehren schwachen:

o weh, deine Gierigkeit das Reiche neiset! [beschädigt]

Gib nicht dein Erbe in fremde Hand *), das dir dein Schöpfer hat angeerbet;

gedenk', wie unbarmherzig König Conrad **) ward verderbet,

davon noch allen deutschen Fürsten eiset. [grauset]

 

9) Die Verschlechterung der Münze, eine Folge der Habgier der kleineren Fürsten, veranlaßt den Meister Rumelant zu folgendem Spottgedichte. (Jen. VII, 5.)

 

Schlagen Franzoise v

iel Tornoise **)

groß von Silber, wenn ich rügen türfte, [darf]

deren weiß ich wol etliche falsch,

ich hab das Kupfermal daran gesehen.

Wenn er gut wäre

nach der Schwere,

die er hat, so hieße er wol ein Fürste

durch seine Münze walsch, [wälsch]

____

*) Land für Hand bei v. d. Hagen scheint Druckfehler.

**) Es scheint der jüngere Conrad, Conradin gemeint. Daß er, der Erbe des Reichs, von den Deutschen im Stiche gelassen, umkam, wird diesen hier zur Unehre gerechnet.

***) Livre Tournois, damals die größte Silbermünze in Frankreich.

 

 

____

65

 

wenn man die Reichheit soll bei Herren spähen *).

Mir ist gleich, ob Berner [Batzen] Kupfer sein

und auch die Heller in so leichter Munze:

die bergen nicht ihren Kupferschein,

beim Kaufe gelten sie nicht viel,

ich wähne, dreißig wögen kaum ein Unze.

Die kleine Münze ist arm, wie ich bescheiden will,

ihre Falschheit hat viel kleine Macht:

der großen Herren Falsch vermag zu viel.

 

10) Erhoben die Dichter einerseits die Klage, daß die Gier der Fürsten nach Schätzen schuld sei an der Unwürdigkeit des Reiches, so singen sie andererseits sehnsüchtig nach einem Könige, der die Ehre wieder herstellen, der Verworrenheit und dem unrechten Gerichte ein Ende machen möge. Herr Hawart, nachdem er die Noth der Christenheit um das heilige Land dargelegt, fährt also fort. (Man. I, 3.)

 

Dir, Herre, klagen wir Armen großer Ungenaden mehr:

der Teufel hat gesät den seinen Samen in die Land,

daß sie verworren sind.

Wir sind auch mit Gerichte nicht berichtet allzu sehr;

doch gab den rechten Leuten mit Gerichte deine Hand

zu schirmen deine Kind.

Wittwen unde Waisen weinen,

daß die Fürsten nicht vereinen

sich mit einem Roemschen Vogte . . . . . **)

Herr, deine Gewalt,

die den Uebermüthigen gefället [verstoßen]

aus dem Himmel, und der Hölle zugesellet,

fälle sie, die zum Unrechte sind so bald: [kühn]

streben sie mit der Gewalt ***), so wirf sie in den Staub,

 

11) Ebenso Meister Kelin. (Jen. III, 10.)

 

Soll man das Reich erkaufen,

so hätte ich gerne Gut;

soll's aber ledig laufen,

dazu hab' ich wahrlich keinen Muth.

Sind sie nun frut, [weise]

so wird gar ungefeilet [ungeschmälert]

ihr Heil und ihre Ehre.

Das ist ein hohes Pfand;

die Christenheit noch mehre ****);

davon wird ihrer g'nug geschandt, [geschändet]

ihre Leute, ihr Land,

das wird davon gemeilet. [befleckt]

Die lange des Friedens haben entborn, [entbehrt]

die wünschen, daß die hohen Herren fürchten Gottes Zorn,

____

*) Wenn man die Herren nach ihrem Gelde als Fürsten oder nicht Fürsten taxiren soll. Geht dies etwa auf einen Fürsten, der wälschen Sold genommen?

**) Die 5 fehlenden Füße hießen etwa: Der baß sei gestalt.

***) Anstatt mit Recht und Gericht.

****) Wenn der Text richtig ist, so scheint der Dichter sagen zu wollen, daß Manche das hohe Pfand ihrer Ehre und ihres Christenthums oder vielmehr des damit verknüpften Segens einbüßen, weil sie nicht frut sind, und daß überdies Land und Leute darunter leiden.

 

 

____

66

 

daß uns in kurzer Frist ein Kaiser werde erkorn,

bei dem die Welt sich noch der Freude niete. [befleiße]

wir sind beköniget lange her

mit Pfaffenkönigen, o weh deß! daß uns noch Gott gewähr'

solch einen König, der den Armen Friede ber' [bringe]

und auch den Herren Uebermuth verbiete!

 

12) Reinmar v. Zw. klagt in einem kräftigen Spruche, daß die Frau Ehre nicht mit den Pfingstkönigen vermählt sei, wie er, mit Anspielung auf die Sitte des Königschießens um Pfingsten, die durch die Pfaffen erhobenen Könige seit Conrad IV. bis auf Rudolph nennt.

 

Es ward nie Weib noch Mann belogen

so sehr als Ehre, und ist sie doch so wohlgezogen;

man gibt ihr manchen Fridel [Bräutigam, und wäre es wahr *), daß sie sich möchte schamen.

Der Welt Unbill erhöhet hie

und niedert dort; mit welchem Rechte oder wie

sollt’ Ehre einen jeden minnen um seinen pfingstlichen Königes Namen?

So würde sie verwittwet allzu schiere; [bald]

ich nennte wol in einem Athem viere,

die mit entlehnter Würde fuhren,

fern [vorig Jahr] auf und heuer wieder abe:

ob jeder von ihnen Ehre habe?

behüte Gott! sie läßt sich nicht behuren.

 

13) Auch der Höllefeuer erhebt die Klage, daß das Reich keinen Herrn bekomme. (Jen. 3.)

 

Seht auf, wie Römisch Reiche staht:

wir haben erlebt, daß sich der Fürsten Krieg davon gelassen hat **),

um das doch ward bei Königen und bei Kaisern viel gekriegt.

Da lebten sie mit Schalle [Prunk] gar,

sie wollten setzen bei den zween stets bessre Könige alle Jahr,

da wehrte man’s, nun wehrt es Niemand; seht, wie's vor euch liegt;

man braucht drum nicht zu kriegen mit dem Kreuze, noch mit dem Banne oder auch mit Kaufe;

es irret nicht ein Konrad, es irret nicht ein Friederich von Staufe;

denen gab man schuld, das Reiche hätte durch sie Ungenaden viel;

wo ist nun hin der Fürsten bessrer König? nun sieht man wol, daß ihrer Keiner will ***).

 

(Jen. 4.)

 

Wie möcht' es immer werden gut?

was hiebevor das Reiche hieß, das heißet leider Armuth:

an Land, an Leuten, an Gut und reicher Habe, so geht ihm abe.

Den alten Spruch, den sprichet man:

damit die Maus nicht wieder zu Neste möge, so bind' ihr einen Schlägel an;

dem Spruche gleicht in etwas wol der Fürsten Gehave ****), [Benehmen]

____

*) Daß er nämlich ihr Fridel gewesen.

**) Daß Keiner es mehr haben will.

***) D. h. daß Keiner weder einen bessern König zu haben, noch es selber zu sein willens ist. – Dies dünkt mich doch hinlänglich klare Einsicht in die damalige Politik.

****) So meine ich anstatt Kür lesen zu müssen, das sich hier aus dem Folgenden eingeschlichen.

 

 

 

____

67

 

Ihre unrechte Kür und Miethekiesen [Bestechlichkeit] hat die rechte Kür gar überwunden.

Roemisch Reich, sei ihnen gram! sie haben dir den Schlägel angebunden.

Eh mochtest du gebieten wol nach Rechte; wie soll es nun ergehn?

dir ist wol ganz so wie der Maus, die mit dem schlägel soll zu Neste gehn.

 

14) Der Meiẞner bittet Gott und ermahnt die Fürsten um einen Kaiser. (Jen. XIV, 1.)

 

Allmächt'ger Gott, Erbarmenreicher, sieh hernieder in dies Elende

zu deiner armen Christenheit, Hülfe und Trost den Deinen sende,

Roemisches Reich, des Reiches Fall beweine.

Der Papst dem Reiche hat geschworn, daß er Unrecht will helfen kränken;

nun da das Reich gefallen ist, soll er des Eid's gedenken,

da er ein Obmann ist der Welt alleine.

Wer uns nun irret eines Königes *), die ganze Welt über den erschreie!

ihr deutschen Fürsten, seid gemahnt, schaffet, daß man den Kaiser weihe:

für eure Sünden freuet die Welt gemeine. [die ganze Welt]

 

15) In einem allegorischen Gedichte schildert Meister Alexander, wie Stole und Schwert, geistliche und weltliche Macht ihre Ehre verloren haben.

 

Seht, wie des reichen Königes Kind,

zwo schöne Jungfrau'n, worden sind

muthwillig und unstete.

Er gab ihnen alles, das schöne was:

nun gehn sie vor ihm über das Gras

in wilder Weiber Waete, [Kleidern]

verschmähen den königlichen Saal

und schleichen hinüber in das Thal;

sie sind an die Wegescheide gekommen,

sie warten beide auf einen Mann,

der kebsen und betrügen kann:

ihr feiler Leib hat Sold genommen.

 

Nun sind auch die Geschwister zwo

der falschen Freundschaft also froh,

daß sie um den Gesellen [um einen G. zu haben]

mit seinen [des Königes] Knechten irre gehn,

lassen Erbe, Treu’ und Ehre stehn

und leben wie zwei Gellen. [Kebsweiber]

Sie minnen den kebeslichen Schlich:

sie möchten lieber freuen sich

ihr’r minniglichen Hochgezeit; [öffentliches Vermählungsfest)

es was ihn’n alles vor bereit,

Gewirtschaft [Hofhalt] unde Purpurkleid,

strahlende Zelte, reich unde weit.

 

Die zweite Strophe ist nur eine Variation der ersten, die gewiß ursprünglich, in ihrer Beziehung verständlich, als besonderes, vollständiges Lied bestand. Leider hat sich der Dichter verleiten lassen, diese klare Beziehung durch zwei hinzugedichtete Strophen zu trüben, in denen er „der wilden Rede den Kern von der Schaale nimmt“ und geistliches und weltliches Leben die Jungfrauen, das Himmelreich den Saal und die Welt das Thal nennt. Str. 4 ist reiner gehalten:

____

*) Wer uns nun hindert, daß wir einen König wiederbekommen.

 

 

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68

 

Der Mann, der ihnen künftig ist,

das ist der trughafte Antichrist,

dem alle Sünden lieben. [gefallen]

Er wird ihnen lieb, er wird ihnen werth:

o weh dir, Stol', o weh dir, Schwert!

wie willst du so verdieben!

Ich will mich des versehen wol,

der Trüger, der da kommen soll,

wär’ er vor zehen Jahren kommen,

ihm hätte kaum da widerseit [widersagt]

das vierte Theil der Christenheit:

sieh, wie die Zahl hat zugenommen!

 

16) Derselbe Dichter schildert die Noth der Christenheit unter dem Namen Sion seiner allegorischen Weise gemäß, so daß die Beziehung auf die Noth des heiligen Grabes und den Kreuzzug Theobalds von Navarra und anderer Fürsten 1239, welche v. d. Hagen in dem Liede findet, nicht annehmbar scheint. Die folgen den Strophen sind die Folge von oben I, 21.

 

Ein Wind der weht von Babilon

an die starke Burg Zion,

daß ihre Wände krachen.

So stark ist auch derselbe Wind,

daß in steten Sorgen sind,

die der Burge wachen.

Nun loese uns von dieser Noth,

der Winden und dem Meer gebot,

daß ihr gar hoffärtiger Sturm

ruhete von den Worten sein!

Zion, laß den Zweifel dein,

denn Christ, der ist dein fester Thurm!

 

Seit wir nun hören die Winde toben,

so soll man die Fährleute loben,

die da entgegen dringen

den Wellen mit so ganzer Kraft

und mit steter Meisterschaft;

nun merket, wie sie ringen

auf dem Meere um unser Heil.

Der Wellen ein viel großer Theil

stoßet an unser Ueberbort; [Schanzkleidung des Schiffes?]

sofern wir nun nicht oesen [ausschöpfen] wol,

unser Schiff wird Wogen voll:

so groß ist unser Sündenhort.

 

17) Derselbe. (Jen. IV, 1.)

 

Zion traure,

dein Burgmaure

hat von Schaure

und von Winde manchen Stoß;

darnach weine [weine nach]

dem Ecksteine *),

der alleine

deine Wände zusammen schloß.

Den wind’t man ab mit Zangen

seinen Kloben; [Klammern]

____

*) Scheint den Kaiser zu meinen.

 

 

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69

 

nun laß toben [thöricht sein]

das Volk, laß die Wächter schlafen.

Der König ist aufgegangen

und sein Heer

an die Wehr: o weh Wafen! immer Wafen!

was soll denn nun hier geschehn?“

Der König will sehn,

wie seine Stadt behütet sei;

„so ist es [bleibt uns] nichts als der Tod!

o weh der Noth!“

er ist euch *) mit Zorne bei; [nahe]

noch wachet alle

vor dem Walle,

wachet wol,

da man wachen soll.

 

18) Den Ruf zur unverdrossenen Wachsamkeit hat auch schon Reinmar v. Zw. in einem Beispiele den Fürsten zugerufen. (Man. 193.)

 

Es fuhr ein ebenhehre Diet [gleichedle Menge]

thalab auf einem Wage [Wasser]; das Schiff auf eine Mühle zu gerieth;

da rief der Schiffmann seine Schiffgereisen [Mitreisende] in den Nöthen an,

daß sie die Ruder in die Hand

geruhten nehmen; da sich diesem Keiner unterwand,

da konnte er auch allein das Schiff nicht bringen von der Mühl' hindann.

So trug der Wak das Schiff mit diesen Leuten

hin durch die Mühl'. Dies Beispiel mag bedeuten

die Fürsten, die so sind verdrossen,

daß sie nicht rudern ans Gestade,

eh daß auf ihnen liegt der Schade,

der jene traf, die durch die Mühle flossen.

 

19) Andererseits findet derselbe Dichter, daß es dem Reiche nur an einem ganzen Manne fehlt um das Ganze fest und wohl zu behaben. (Man. 195.)

 

Ich hab gehöret manchen Tag,

daß hie und da ein Nagel wol ein Eisen tragen mag,

ein Eisen trägt ein Roß, das Roß trägt einen wackern Mann.

So wird auch hie und da erwehrt [geschirmet]

von wackrem Manne eine Burg und durch die Burg ein Land ernährt: [gerettet]

was großer Dinge ergeht, die heben sich von kleinen Dingen an.

Nagel, Eisen, Roß, Burg, Land, die fünfe wären

bereit, nur daß mich dünket an den Mähren, [an dem, was geschieht]

wir haben dazu nicht ganzes Mannes,

weh ihm, daß er je ward geboren,

an dem die fünfe sind verloren!

der wäre werth der Acht und auch des Bannes.

 

20) Wie eine Mahnung an die Unterdrückten, die sich zum Schutz vor Unrecht und Gewalt an keinen König wenden können, klingt das Beispiel Rumelants. (Jen. III, 8.)

 

Da Gott menschlich auf Erden ging mit seinen Knechten allen,

da kam er auch einstmals auf eine hohe Brükke;

____

*) im statt iu, wie ich zu bessern wage, verstehe ich nicht. Der Dichter spricht als Prophet mit dem verzweifelnden Volke. Vergleiche über den Eckstein Römer 9, 33.

 

 

 

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70

 

darunter floß ein tiefer Bach: da war darein gefallen

ein Mann, dem kam Sanct Peter dar zum Glükke.

Als er den hülfelosen Mann da sah zu Grunde sinken, –

tief war der Bach, –

da rief er: hilf ihm, Herre Gott, laß nicht den Mann ertrinken!“

Gott widersprach: „wer sich selbst helfen will, dem will ich Hülfe senden;

der rühre sich mit Füßen und mit Händen.“

 

21) Vielfach sahen diese Dichter in der Uebermacht und dem Einflusse der Kirche den Grund vom Verfalle des Reichs. So Meister Sigeher mit Bezug auf die Kämpfe Wilhelms von Holland gegen Friederich und Conrad. (Man. II, 2.)

 

Des Kaisers Wahl stand gar schone, [schön]

da Könige sie übten eh;

nun üben sie Wälsche Pfaffen;

die verkaufen Segen unde Tauf'.

Dem von Staufen wird die Krone, –

– wie's auch um den von Holland ergeh, –

will er zu Rome schaffen,

daß Jerusalem, sein Erbe, sei der Kauf *).

Auf den Fall [zum Ruin]

läßt der Papst sich nach den Landen dürsten;

wie mit Tocken [Puppen] spielt der Wälsch mit teutschen Fürsten,

er setzt sie auf, er setzt sie abe;

nach der Habe [je nachdem sie Geld haben]

wirft er sie hin und her wie einen Ball.

 

Str. 3. Herre Gott, wolltest du uns erzeigen,

ob deine Kraft uns möge ernähr'n;

mache aus zweien Königen einen,

dem Gericht gefalle und Christen-Eh. [Recht]

Man sieht berauben Eigen, [Vermögen]

Kirchen, Straßen, Dörfer, Herrn;

man hört die Wittwen weinen

und die kleinen Waisen schreien weh.

Solche Noth

hat die arme Christenheit gemeine,

Gott, um deiner Marter willen, nun vereine

der Fürsten Rath und ihr' Gewalt;

die ist gestalt,

wie ein' meilig [befleckte] Hand von Blute roth.

 

22) Ebenso Friederich von Sonnenburg, um die Zeit nach Innocenz IV. Tode. (Jen. 43.)

 

Der Sühnetag **) will schiere kommen, ihr Laien, seht euch für;

sich müssen liebe Freunde scheiden vor des Himmelreiches Thür;

unrecht Gewalt, was ich dein spür

nun in der Christenheit!

Seht, wie die Pfaffen allgemeine trachten nach dem Gut,

sie machen Recht zu Unrecht, wer [wenn man] ihnen darum was zu Liebe thut;

auf Gierigkeit so steht ihr Muth:

____

*) Kauf für Kaufpreis. Der Dichter meint, für Abtretung Jerusalems würde Conrad vom Papste die deutsche Krone erhalten.

**) Tag des jüngsten Gerichts.

 

 

 

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71

 

das laß dir wesen leid,

viel süßer Gott, um deiner reinen, hehren Handgethat; [Geschöpfe]

sieh, wie die Welt gar ohne Papst und ohne Kaiser staht *)!

gib, Herr Gott, deiner Christenheit einen Papst und einen Kaiser her:

es ist der Pfaffen Wille wol, wird nimmer Kaiser mehr.

 

23) Deutlicher spricht diese Einsicht in die damalige Sachlage der Marner aus, mit Anwendung der Sage von der salvatio Romae. (Man. XIV, 6.)

 

Zu Rome stand gemalet

listiglich an einer Wand

manch Land, und jedem hing ein Glöcklein obe;

widersetzte sich deren eins, des Schelle läut’te sich.

Da ward nicht lange getwalet, [gesäumt]

Römer zogen aus zehant [alsbald]

und bezwangen es dem Reiche wol zum Lobe.

Läutete man zum Sturm in allen Landen, däuchte mich,

so käme dem Reich nun kleine Hülfe: davon nimmt es abe;

die Pfaffen-Fürsten haben nicht rechte

Inful auf'm Haupte, Krümmung am Stabe,

Dienstmannen, Münz' und Zölle; zu Achen steht [leer] der Stuhl;

der Papst, der hält des Stabes nun das Schlechte; [trägt ihn als speer]

auch mahlen sie, wo der Kaiser muhl:

des Reiches ist die Kleie, so wird ihn’n der Kern:

deshalb lassen die Herrn das Reich eines Königes wol entbehr'n.

 

24) Die Uebermacht der Kirche beklagt auch Sigeher. (Man. VII, 3.)

 

Sibillen spruch muß werden wahr,

den sie von Königen sprach; das ist ohne Wende; (unabwendbar)

sie sprach, die Reiche würden Fürsten bar:

o weh der Jahr'!

seht, so nahet es dem Ende.

Die Weisen merken es bei Zeit,

die Kirchen spreizen hoch auf ihr Gebende,

sie haben das Reich in Hohn und Schand' gefreit; (als Kebse)

solcher Streit

machet wol noch manchen Mann ellende. (heimathslos)

Er ist geborn,

bei dem in Lammes Munde wachsen Wolfes Zende; (Zähne)

seinen Zorn müssen Könige fürchten; ungerochen sind die Brände.

Die Bücher sagen, bei ihm werde alles Recht verlor'n;

sprechet Horn **):

bei dem Rochen (Thurm) kaum noch steht ein Vende. (Bauer)

 

25) Das Bild von der Verwüstung zeichnet schon der Spervogel, wahrscheinlich auf die Kämpfe Philipp's und Otto's bezüglich, in anschaulichen Zügen. (Man. IV.)

 

Der Alten Rath verschmähet nun den Kinden,

unbezwungen

sind die Jungen;

ohne Rath wir leben.

Untreue hat gemachet, daß wir finden

____

*) Wilhelm von Holland war nicht Kaiser und der Papst Alexander IV. verschob in eigenem und der Fürsten Interesse Richard und Alphons zu bestätigen.

**) Wie die folgenden, Roche und Vende, ein Ausdruck des Schachspiels.

 

 

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72

 

in dem Lande

manche Schande;

uns ist für Freude gegeben

Ungnade (Noth), bloße Hufe, wüstes Land;

wo man sonst (einen) Wirth in vollen, steten Freuden fand,

da kräht die Henne noch der Hahn, ein Pfaue ist nirgends da,

die Weide essen (weder) Geiße, Rinder, Roß noch Schaaf;

da brechen auch die Glocken Niemand seinen Schlaf,

die Kirche ist öde, ihr sollt den Pfaffen suchen anderswa.

 

26) Der Kanzler schickt ein Gebet zu Gott wegen der Noth der Zeiten. (Man. XVI., 9.)

 

Ob Himmel König, im Himmel Vogt,

gewalt’ger Fürst in Lüften gar,

Herr auf der Erde und in dem See,

Gott, Meister in Abgründen,

der Kiel ist auf das Meer gezogt (getrieben)

und fährt gegen Leben Zweifelfahrt *),

wo mancher schreien thut „o weh!

der Winde und auch der Uenden!“ (Wellen)

Zerschlissen ist des Segels Kraft,

ich wähn', die Marner sammt uns werden ertrinken.

sieh, süßer Christ, auf dein Geschaft, (Geschöpf)

wie wir von Tag zu Tag gen Grunde sinken;

hilf, Herre, deiner Handgethat,

dein alt Erbarmen werd' an uns erzeiget;

gedenk, daß an dem Kreuze hat

dein göttlich Haupt sich uns einst zu geneiget!

 

27) so betet auch Rumelant. (Jen. II, 9.)

 

Christ, durch den Freitag, da du frei uns hast gegeben,

dein Leib uns freigekauft, dein Tod uns gab das Leben,

sind wir von Todes Eigenschaft (Knechtschaft) befreiet.

Dein Ostermorgen siegehaften Streit beschuf,

uns friedereiches Heil davon erhuf, (anhub)

und Freude viel, das uns zum Heil gedeihet.

Gib nun durch (wegen) all dein Arebeit, viel süßer Gott, die du noch je gethan,

den Königen, Fürsten und den Herren **) solchen Muth,

daß in der Christenheit der Friede werde gut:

Friede und Freud' ist leider gar ein Wahn.

 

28) Den Mangel an Frieden rügt Rumelant, indem er sich mit ironischer Ermuthigung an die Knechte wendet. (Jen. IV, 7.)

 

Ihr Knechte, seht euch alle für, das sollt ihr mir wol glauben,

der Fürsten und der Herren Friede ist ausgegangen;

wer nun kann Tag und Nacht in Haus und Straßen rauben,

der wird in der Herberge immer wol empfangen.

Wenn er mancher Art Waare in seinem Sakke bringet,

so wird ihm Geld,

daß ihm sein Gürtel ***) und sein Beutel dicke erklinget:

er kluger Held,

ist er ein kühner Räuber denn und grimmes Muthes,

so gebricht ihm eh des Leibes, denn des Gutes.

____

*) Eine Fahrt auf Leben und Tod.

**) Im Text: den Königen und den Fürsten Herren, welche Wortstellung wohl nur ein Versehen ist.

***) Eigentlich gere, der untere, den Schooß umschließende Theil vom Wamms.

 

 

 

____

73

 

 

In der folgenden Strophe führt der Dichter die Bauern ein als sich wegen Landfriedensbruches entschuldigend. (Jen. IV, 8.)

 

„Gott, der nie Sündenwerk begieng, der mach' es ihn'n zu sauer,

drum nütz’ es ihnen, daß man keine Fehden sühnet;

sie hätten Leides allzuviel, die armen Landbebauer;“

nun seh' ich, daß bei armem *) Gute mancher kühnet. (kühn wird)

Geringe Leute niedrer Art die Christenheit nun neisen; (plagen)

der Bauern Kind

die lassen übrig nichts den Armen, Wittwen unde Waisen;

die (jetzt) Räuber sind,

die liefen oft von ihrer Herren Pfluge:

den armen Leuten Niemand thut so groß Unfuge.

 

29) Rumelant, der eben gesagt, daß den Niederen die Fehden der Herren zum Vorwande dienten, um ein ehrlich Gewerbe zu verlassen und als Räuber die arme Christenheit zu schädigen, unterläßt deshalb auch nicht, die Herren nochmals zum Frieden aufzufordern. (IV, 9.)

 

Ich wollte, daß die hohen Fürsten und die Herren alle

gedächten an die Noth der Gottes Christenheit,

daß man sie fände in mildem Muthe, in reicher Freuden Schalle,

daß in den Landen wäre Fried' und gut Geleit.

So könnten sie unschuldig einst vor Gottes Angesichte zu Rechte stehn;

mit kurzen Worten sprichet Gott, sein gräuellich Gerichte

solle vollgehn (vollzogen werden)

an dem, der ungerechte Fehde und Unfrieden minnet,

daß er in Höllengluthen ohne Frieden brinnet.

 

30) Deutlicher wälzt ein ungenannter Dichter (Minnes. Bd. III, S. 437, Str. 2) die Schuld der von den Niederen verübten Gewaltthaten auf die Häupter.

 

Gienge Unfuge (rohe Gewalt) auf von den Niedern,

das sollten wol die Hohen widern: (zurückdrängen)

nun fließet aber Unfuge von den Hohen oben hernieder.

Wie möchten die Füße das abwenden,

wenn sich die Häupter wollen schänden,

wie möchten gefüge Füße ein tobendes Haupt bringen wider? [zurecht]

Der Füße Unfuge mit falschen Tritten,

das kommt von bösen Hauptessitten;

wo nun [da ist] ein selig Haupt,

das für die Füße gibt Geleit,

von der Unzucht hin zur Höfischheit, [Artigkeit]

dem erlaubt

Ehre an ihrem Hofe den höchsten Sitz, wo Tugend Untugend beraubt.

 

31) Rumelant fordert, daß die Herren strenge und unbestechlich seien und nicht die Unthaten ihrer Leute begünstigen. (Jen. VII, 3.)

 

Was man auch spricht,

uns nun gebricht

der Herren nicht so sehr, als des Gerichts.

Unrecht verdränget ohne Wehr [ohne das man's wehrt]

die Unschuld die sich nicht kann ernähren. [retten]

____

*) armen lese ich unbedenklich für irme, was auf dasselbe herauskommt; sonst, meint der Dichter, macht viel Gut übermüthig, nun seh ich das Gegentheil.

 

 

 

____

74

 

Mit bösem Gelichter

halten's die Richter;

so wie die sind, so zeihe ich Niemand nichts *).

Der Sünden und der Schanden Heer

wär' nicht so groß, wollten's die Richter wehren.

Wenn's Diebe, Räuber, Mörder gibt,

Verräther, Trieger, falsche Wucherere,

wenn manches Kind Untreue übt,

so ist's der bösen Herren Schuld, die sie beschirmen; das sind böse Mähre, [Geschichten]

daß, wer da tausend Marke raubt und stiehlt,

mit zwölfen büßen mag dem Richter, daß er seine bösen Werke hilt. [hehlt]

(d. h. daß er durch eine Abgabe von 12 Marken von seinem Raube seinen Herren, der zugleich sein Richter ist, zum Verhehlen des Diebstahls bewegt.)

 

32) Das unrechte geistliche und weltliche Gericht rügt besonders triftig der Kanzler. (Man. II, 7.)

 

Ein' Inful und ein' Krone

die pflegen nun der Christenheit

mit ihren Gerichten schone; [schön]

welch Richter Rath und Fürsprech ist [Richter und Anwald zugleich]

und selber theilen will:

will der nicht rechte richten

noch rathen zu dem rechten Scheid [Urtheil]

noch sprechen auf ein Schlichten,

ertheilet der durch arge List

zu wenig und zu viel:

weh dem, der da zu Rechte steht, mit Schulde und ohne Schulde

sein Gut ihm vor [im Voraus] verloren geht,

dabei des Richters Hulde;

ihr Pfaffen und ihr Laien,

wo findet ihr noch Sicherheit

vor den Gerichten zweien?

Die Herren haben, das sei euch leid,

den Schaafen widerseit. [Krieg geschworen]

 

33) Neben den ungerechten Richtern geben besonders die falschen Räthe den Dichtern Anlaß zur Ereiferung. Rumelant schlendert in folgendem Liede (Jen. IV, 19) schweren Fluch gegen sie.

 

Verfluchet, sei der Fürgedank [überlegter Plan] aus falschen Herzens Grunde!

verfluchet sei, wer falschen Rath zuerst bedenket!

Verfluchet sei die falsche Zung' in falschen Mannes Munde,

da er den falschen Rath mit Worten ausgelenket!

so weh den dummen Herren! weh! ihre Ohren sein verwaßen! [verflucht]

ihr Heil zergaht,

die falschem Rathe folgen und gehorchen, und verlassen

den rechten Rath.

Er dummer Gauch, wie reicher sei, der nimmer prübet, [einsieht]

daß eines falschen Mannes Rath ein Land betrübet.

 

34) In einem Beispiele veranschaulicht der Kanzler das Benehmen des falschen Rathes. (Minnes. Bd. III, S. 468.) Der Schluß deutet auf eine bestimmte persönliche Beziehung des Gedichtes.

____

*) Diese Zeile besagt: ich zeihe Niemand, mit Ausnahme der Richter, die, so wie sie sind, an allem Unfug schuld sind. Der Vorwurf trifft die Herren, die den Gerichtsbann in ihren Territorien übten.

 

 

____

75

 

Ein Falke auf einem Stricke ward

gefangen um seine Edelkeit;

ein Uhu zu dem Neste hin

zu seinen Jungen kam.

Er sprach: „viel edle Falken zart,

mir ist eu'r Schade unmaßen leid,

eu'r Pfleger ich mit Freuden bin,

ihr seid so wonnesam.“

Er ließ sie fliegen nicht den Tag,

daß sie erwerben möchten ihre Speise;

des Nachts zu mausen, wie er pflag,

das lehrte er sie gar wol nach Uhu's Weise.

So läßt ein ungeschlachter [bösartiger] Rath

die jungen Herren nach den Schanden mausen;

wer weder Gut noch Ehre hat,

kein Mann sollt’ ihn behalten noch behausen!

 

35) Eine andere Art von Rathleuten oder Vormündern lehrt uns Reinmar v. Zw. (Man. 172) kennen.

 

Die Wildener [Wildschützen] haben eine Sitt',

da sie doch unterweilen bejagen gute Bissen mit:

wenn sie den Aren finden, so binden sie die Jungen an das Nest

und sperren ihn’n den Schnabel auch *).

Wie viel der alte vor sie legt, so gähnt [sperrt] der junge Gauch:

so nimmt er [der Wildner] ihm das Beste, das trägt er alles heim in seinen Test; [Tiegel]

er läßt sie stehn und nagen an einer Krauen, [Kralle]

das Gute bricht er ihnen aus den Klauen.

Das vergleich’ ich den Rathleuten,

die da gute Herren haben,

die lassen sie an den Krauen nagen,

und nehmen sie die Hasen sammt den Häuten.

 

36) Dagegen weiß der Hinnenberger recht wohl, was es oft mit der Beschuldigung der bösen Räthe auf sich hatte, wenn die Herren Böses thaten. (Jen. 5.)

 

Ein Wort, das ist euch allgemeine gar zu wol bekannt:

thut ein Herre übel, seht, so sprichet man zehant,

sein Rath der habe die Bosheit ihn gelehret.

Leicht mag man den da lehren, der einmal übel will;

er findet selber wol der bösen Zukke [Anreizungen] viel,

womit er seinen edlen Namen verkehret.

Wenn Tausende lehrten boese That

einen bidern Mann, das hülfe viel kleine, [wenig]

nähm' er nicht von seinem Herzen Rath;

es thäte doch tugendlich der edle Reine:

ein schwaches Herz ist bald gebracht auf eine hohe Missethat,

daß es die Freunde schmerzen muß, wenn er am Hofe große Schande hat.

 

37) Ein grelles Bild zeichnet Meister Kelin von dem Lotterritter.

 

Ein wunderbares Kunder [Ungeheuer]

wohnt nun den Herren bei, –

nun höret große Wunder, –

es ist von allen Ehren frei,

____

*) sie sperren den jungen Aren im Nest den Schnabel zu.

 

 

 

____

76

 

es ist ein Zwei, [Zweig]

den Schande hat verhauen. [beschädigt]

Es lauert unde loset [horcht]

und hat doch Leckers [Lüstlings] Amt,

es schmeichelt unde koset

und ist an aller Tugend gar verlahmt,

und ist verschamt [schamlos]

als wie die feilen Frauen.

Es störet guter Meister Kunst *),

es läßt sich schänden und hat dabei der Herren Gunst,

und ist doch mehr zum Schaden, als eines Landes Brunst. [Brand]

Schlange im Busen, Wolf bei jungen Schaafen;

es rupfet ab und zupfet aus **),

es schlinget Silber unde Gold und Eisen wie ein Strauß,

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ***)

man soll mit Fuge Lotterritter strafen.

 

38) Aehnlich singt der Meißner (Jen. XX) von dem Lotterritter.

 

Frau Schwalbe, ihr seid untugendreich,

obwol ihr künstlich bauet,

wem lasset ihr des Winters das,

so ihr von dann entrinnet?

Herr Lotterritter, ihr thut ihr gleich,

mit Schmeicheln Schaden brauet,

ihr raunet, lauschet, lüget, graßt, [macht Capriolen]

dabei falsch’ Ehre minnet.

In Streites Noth

so seid ihr todt,

flüchtig, verzagt, entrinnt ihr lästerlichen.

Gar Wolf, halb Schaaf,

mit Fuchses Schlaf, mögt ihr euch Ehrenhaften nicht gelichen: [an die Seite stellen]

ihr sollt nicht sein der Fürsten Rath, ihr Schandegast;

ihr weder kalt noch warm, voll Gift ist euch der Zunge Last.

 

Nun merket baß der Schwalben Art,

die sie zu Stunden weiset:

sie flieget hin und schießt herwider,

„du Dieb, du Dieb“ sie schreiet.

Herr Lotterritter, dies ist eure Fahrt; [Benehmen]

so ihr den Bauch gespeiset,

so seht ihr auf und wieder nieder,

euer Muth sich dann verdreiet. [verdreifacht]

Diesen und den

könnt ihr erspähn,

ihr Gut zum Uebel machen lügelichen;

ihr Ehren-Dieb,

Schande ist euch lieb,

ihr Züchte-Dieb, ich will euch Dieben gelichen,

ihr seid ein Schlicker, Schlundhard [Schlucker] und ein Augenschalch, [Augendiener]

mit Pfauenschritten gebahret ihr, ihr tugendloser Lasterbalg.

____

*) Die Kunst der Dichter, die den Herrn zur Tugend einlädt.

**) Wie eine Elster.

***) ez betel werket, unde wil doch wesen druz, woraus ich nichts zu machen weiß.

 

 

 

____

77

 

Ich schließe diese Reihe von Liedern, zu der sich, besonders von der letzteren Art, noch Manches hinzufügen ließe, um nicht die Zahl derselben übermäßig auszudehnen; Geist und Inhalt der weggelassenen sind übrigens hinlänglich vertreten.

 

V. Anklage, Tadel und Ermahnung der Fürsten, Herren, Knechte und einzelner Volksstämme.

(Vergl. oben S. 19, II a und b.)

 

Auch diese Classe fällt in manchen Liedern mit den obigen zusammen. Wir beginnen mit Walther, wie früher, weil sich auch diese Lieder größtentheils an bestimmte Personen und Begebenheiten lehnen.

 

1) Walther hat den König Philipp ermahnt, wie der milde Alexander zu geben, dem seine Milde alle Reiche eingebracht hätte. (L. 16, 36.) Bekanntlich folgte Philipp diesem Rath in der Ausdehnung, daß er für sich selbst wenig mehr übrig behielt. Walther äußert nun dennoch Unzufriedenheit, und zwar mit der Art, wie Philipp giebt. (L. 19, 17.)

 

Philippus, König, die nahe spähenden zeihen dich,

du seist nicht dankes [aus freiem Antrieb] milde: nun bedünket mich,

wie du damit einbüßest noch viel mehre.

Du möchtest lieber dankes geben tausend Pfund,

als dreißig tausend ohne Dank [widerwillig]; dir ist nicht kund,

wie man mit Gabe erwirbet Preis und Ehre.

Denk an den milden Saladin,

der sagte, Königs Hände sollten dürkel [durchlöchert] sin,

so würden sie gefürcht’t und auch geminnet.

Gedenk an den von Engelland,

wie theuer der ward erlöst wegen seiner gebenden Hand:

ein Schade ist gut, der zweene Frommen [Vortheile] gewinnet.

 

2) Dagegen scheint dem Dichter das laute fröhliche Treiben am Landgrafenhofe nicht zu gefallen, und er rügt dessen Verschwendung, obwohl leise. (L. 20, 4.)

 

Wer an den Ohren siech von Ungesüchte [Krankheit] sei,

da ist mein Rath, er lasse den Hof zu Thüringen frei:

denn kommt er dar, fürwahr, er wird erthöret. (zum Thoren)

Ich hab gedrungen, bis ich nicht mehr dringen mag;

ein Hauf zieht aus, der andre ein, Nacht unde Tag:

groß Wunder ist, das Jemand da noch höret.

Der Landgrafe ist so gemuth,

daß er mit stolzen Helden seine Habe verthut,

von denen jeder wol ein Kämpe wäre.

Mir ist sein hohe Fuhr (Lebensweise) wol kund:

und gölte ein Fuder guten Weines tausend Pfund,

da stände doch nimmer Ritters Becher leere.

 

3) Auf des Landgrafen Hermann Sohn scheint folgende Strophe zu beziehen. (L. 85, 17.)

 

Wer an des edlen Landgrafen Rathe sei

durch seine Tugend, er sei Dienstmann oder frei,

 

 

____

78

 

der mahne ihn an mein Lehren, daß ich ihn spür' dabei.

Mein junger Herr ist mild erkannt, man sagt mir, er sei stete,

dazu wol gezogen: das sind gelobter Tugende drei:

wenn er die vierte Tugend willigliche thäte,

so ginge er eben und daß er selten misseträte,

wäre unsäumig; säumung schadet dem Schnitte und der Säte. (der Erndte und Saat)

 

4) Die neue Erziehung gefällt dem Dichter nicht; er schildert grell ihre Wirkungen. (L. 23, 26.)

 

Die Väter haben die Kinder erzogen,

daß beide daran sind betrogen:

sie brechen dicke (oft) Salomones Lehre.

Der sprichet, wer den Besen spar',

daß der den Sohn versäume gar:

drum sind die ungebad’ten *) gar ohn’ Ehre.

Hievor da war die Welt so schöne,

nun ist sie worden also höhne; (verächtlich)

das war anders weiland eh;

die Jungen haben die Alten so verdrungen.

Nun spottet immerdar der Alten!

es wird euch selber noch behalten; (aufgehoben)

wartet, bis eure Jugend zergeh':

was ihr ihn’n thut, das rächen eure Jungen.

Das weiß ich wol, und weiß noch meh. (mehr)

 

Wer zieret nun der Ehren Saal?

Der jungen Ritter Zucht ist schmal:

so pflegen die Knechte gar unhöf'scher Dinge,

mit Worten und mit Werken auch:

wer Züchte (Artigkeit) hat, der ist ihr Gauch.

Nehmt wahr, wie gar Unfuge weiter dringe.

Hievor da peitschte man die Jungen,

die da pflagen frecher Zungen:

nun ist es ihre Würdigkeit,

zu schallen (schmähen) und schelten reine Frauen.

Weh ihren Häuten und ihren Haaren,

die nicht können froh gebahren

ohne Frauen Herzeleid!

Da mag man Sünde bei der Schande schauen,

die mancher auf sich selber leit. (legt)

 

5) Ueber Otto's IV. Kargheit spottet Walther, indem er sich zugleich dadurch bei dem jungen Könige Friederich V. insinuirt, (L. 26, 23.)

 

Ich hab' Herrn Otten Wort, er wolle mich noch richen: (reich machen)

wie nahm er aber meinen Dienst beständig so truglichen!

oder was besteht (geht an) zu lohnen das den König Friderichen?

Meine Forderung ist (geht) auf in weniger denn eine Bohne,

wenn's so viel ist, und er des alten Spruches wäre froh:

ein Vater lehrte weiland seinen Sohn also:

Sohn, diene böstem Manne, das bester Mann dir lohne.

Herr Otte, ich bin der Sohn, ihr seid der böste Mann,

da ich so rechte bösen Herren nie gewann:

Herr König, seid ihr der beste, da euch Gott des Lohnes (zu geben) gann. (vergönnte)

____

*) Die nicht mit Schlägen gebadet wurden.

 

 

 

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79

 

Ich wollt' Herrn Otten Milde nach der Länge messen,

da hatt' ich mich am Maaß ein Theil vergessen:

wär' er so mild als lang, er hätte Tugenden viel besessen.

Viel balde maß ich wieder den Leib nach seiner Ehre:

da ward er gar zu kurz, wie ein verschroten Werk, (verhauenes Werkzeug)

an mildem Muthe kleiner viel denn ein Gezwerg;

und ist doch von den Jahren wol, daß er nicht wächset mehre.

Da ich dem Könige brachte das Maß, wie er aufschoß!

sein junger Leib ward beides, michel unde groß:

nun seht, was er noch wachse; er 'st über ihn wol Riesengenoß.

 

6) Von bösem Fürstenrath geschah auch Walthern Leid; er vergilt mit bösem Wunsche. (L. 28, 21.)

 

Er schalk, in welchem Leben (Stand) er sei, der Dankes trüge,

und seinen Herren lehret, daß er lüge!

erlahmen müssen ihm die Bein, wenn er sie zum Rathe biege *).

Ist aber er so vornehm, daß er dazu sitze,

so wünsch' ich, daß die ungetreue Zunge ihm erlahme,

dieselbe machet uns die Bidern ohne Schame; (schamlos)

soll Lügen witzig sein, so üben sie tugendlose Witze.

Mögen sie ihnen doch rathen, daß sie behalten im Kragen (Halse)

ihr falsch Gelübde, oder das Gelobte nicht versagen!

sie sollten geben, eh dem Lobe der Kalk wär' abgetragen.

 

7) Wie Walther der bösen Kinderzucht schmäht, war schon oben zu ersehen; hier folge die zugehörige dritte Strophe. (L. 23, 11.)

 

Es träumte schon vor manchem Jahr

zu Babilone, das ist wahr,

dem Könige, es würde böser in den Reichen **).

Die nun zur Fülle böse sind,

gewinnen die noch bösre Kind,

ja, Herre Gott, wem soll ich das vergleichen?

Der Teufel wär' mir nicht so schmähe, (widerlich)

käm' er dar, da ich ihn sähe,

wie der Bösen böser Barn; (Kind)

von der Geburt kommt weder Nutz noch Ehre:

die sich selber so verschwachen,

und ihre Bosheit böser machen,

ohn' Erben müssen sie hinfahr'n:

daß tugendloser Herrn nicht werde mehre,

das sollst du, Herre Gott, bewahr'n. (behüten)

 

8) Den Säufern spricht der Dichter warnend zu. (L. 29, 35.)

 

Er hat nicht wol getrunken, der sich übertrinket;

wie ziemt das einem biedern Mann, daß ihm die Zunge hinket

von Weine? ich wähne, er Todsünde und Schande zu sich winket.

Ihm stände baß, möcht' er gebrauchen seine Füße,

daß er ohn' Hülfe bei den Leuten könnte stehn;

wie sanfte man ihn trüge, er könnte lieber gehn:

so trinke ein jedweder Mann, daß er den Durst gebüße.

Das thut er ohne Todessünde und ohne Spott:

welch Mann so trinket, daß er sich noch Gott

erkennt, der hat gebrochen ihm sein hoch Gebot.

____

*) Wenn er zum Rathe geht.

**) Anspielung auf Nebucadnezars Traum von den 4 Weltaltern.

 

 

 

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80

 

9) Den Fürsten im Allgemeinen stellt Walther folgendes Ideal auf. (L. 36, 11.)

 

Ihr Fürsten, tugnet eure Sinne mit reiner Güte,

seid gegen Freunde sanft, tragt Feinden Hochgemüthe, (Stolz)

stärket Recht und danket Gott der großen Ehren,

daß mancher Mensch sein Leben und Gut muß euch zum Dienste kehren:

seid milde, seid friedvoll, laßt euch in Würde schauen,

so loben euch die reinen, süßen Frauen.

Scham, Treu'; Erbarmen, Zucht, die sollt ihr gerne tragen;

minnet Gott und richtet, was die Armen klagen,

glaubt nicht, was euch die Lügenmäuler sagen,

und folget gutem Rath, so möget ihr im Himmelreiche bauen. (wohnen)

 

10) Eine Nachahmung dieses Liedes scheint das folgende des Unverzagten. (Jen. III, 3.)

 

Ihr Fürsten und ihr Landesherrn, ihr solltet deß gedenken,

daß Gott euch hat zu Richtern und zu Gnaden (zum Heile) auserkoren.

Ihr heißet Herren darum, daß ihr sollt das Unrecht kränken;

schafft ihr den armen Leuten Frieden, so seid ihr wol geboren.

Treue und Milde sollt ihr pflegen, das mag ich euch wol rathen;

wir haben alle ein kurzes Leben, ihr sollt euch nicht verspaten; (versäumen)

ein Herr ist wie ein andrer Mann, thut er nicht seinem Adel gleich; (gemäß)

seid friedebar, ihr edle Frucht, so gibt euch Gott sein hohes Himmelreich.

 

11) Der Höllefeuer vermißt an den Herren insbesondere die Leutseligkeit. (Jen. 7.)

 

Fürwahr, ich möcht in Einem Tage

ergrauen um der Herren Tugend, die schwindet leider sehr, das ist mein Klage;

ich bin ihnen so getreue, daß mir ist ihre Schande leid.

Darzu bin ich der Weise gram,

wenn sich ein Herre das annimmt, daß er ist gar ungrußsam;

ich wähn', sein werthes Lob davon viel großen Schaden leid’t.

Ein Herr unleutsam unde saur, der selten lieblich zu den Leuten spricht,

was soll ihm Leben, was ihm Gut, was soll ihm Haus, dem also viel gebricht

an guter Tugend und Freundlichkeit *), die wol mit Recht den Herrn gezimt:

er hab’ Undank, der es der Schande gönnte, daß sie die Tugend ihm benimmt.

 

12) Wie die Fürsten sich ihren Rath auswählen sollen, setzt Walther ihnen in folgenden Sprüchen auseinander. (L. 83, 14.)

 

Wo der Hohe niedrig gaht

und der Niedre an hohen Rath

gezogen wird, da ist der Hof verirret.

Wie soll ein unbelehrter Mann

bescheiden, was er gar nicht kann?

soll er mir helfen, wo es mich nicht wirret?

Was stehn die Hohen vor den Kemenaten ? (Kammern)

was soll’n die Niedern um das Reiche rathen? (Rath geben)

gebricht es ihnen an der Kunst (Einsicht), seht, so thun sie nicht meh,

als daß sie's umbe werfen (umdrehen) an ein Trügen:

das lehren sie die Fürsten unde lügen.

Dieselbigen brechen unser Recht und stoeren unsre Eh: (Grundgesetz)

nun sehet, wie die Krone liegt und wie die Kirche steh!

____

*) Im Text steht der guoten tugent unde ouch der name, damit weiß ich nichts anzufangen, als statt name zu lesen naeme, welches wie die sueze, die schoene, ein substantiv zu dem Adjectiv naeme, angenehm, lieblich, sein könnte.

 

 

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81

 

Ich muß verdienen schwachen Haß:

ich will die Herren lehren das,

wie sie jeglichen Rath wol mögen erkennen.

Der guten Räthe der sind drei,

drei andre, böse, stehn dabei

zur linken Hand: laßt euch die sechse nennen.

Frommen und Gottes Huld und weltlich Ehre,

das sind die guten: wol ihm, der sie lehre!

den möcht' ein Kaiser nehmen an seinen höchsten Rath;

die andern heißen Schade, Sünde und Schande;

dabei erkenne sie, der sie eh nicht erkannte;

man höret an der Rede wol, wie's um das Herze staht,

der Anbeginn ist selten gut, der böses Ende hat.

 

13) Es folge noch ein Lied, das wol füglicher oben hätte stehen können. Der Dichter berichtigt die falsche Politik der Feinde des Königs Friederich II. in Deutschland vor seiner Krönung 1220 zum Kaiser und auch wohl vor Otto's IV. Ableben 1219. (L. 29, 15.)

 

Ihr Fürsten, die des Königs gerne wären ane, (ledig)

folgt meinem Rathe, denn ich rath euch nicht nach Wahne:

wollt ihr, ich schicke ihn tausend Meil' und weiter jenseit Trane. (Trani)

Der Held will Christi Reise fahr'n: wer ihn dran irret,

der hat wider Gott und all die Christenheit gethan;

ihr Feinde sollt ihn seine Straße fahren lan:

was, ob er hie heime euch nimmermehr gewirret. (stört)

Denn bleibt er dort, was Gott nicht wolle, so lachet ihr;

kommt er uns Freunden wider heim, so lachen wir;

der Mähre warten (last uns warten) beiderseits, und nehmt den Rath von mir.

 

14) Ein Lied des Herrn Reinmar's des Fiedlers, schon in allgemeinerem Tone gehalten, als die Lieder Walthers, scheint an einen jungen Herrn gerichtet mit der Aufforderung, um Ehre zu werben, da es Zeit sei. (Man. I.)

 

Es war ein König gewaltig unde riche,

der saß in einem Lande, das war michel unde breit;

Sitte pflag er gar viel lasterliche

und minnte Aerge (Argheit), Tugenden waren ihm viel leid.

Doch gewann er seit darum viel Arebeit:

er ward vertrieben

und waise *) geblieben;

nur daß von ihm seit ein besser Mähre ward geseit.

Schaue für dich, schau' und wart' (spähe) all umbe dich;

ich sehe den Tagesternen, also dünket mich:

wer um Ehre werben will, der soll nicht säumen sich.

 

Durch (wegen seiner) Thorheit ich der Welt wol zu erkenne

einen Mann, der lüget, bis ihm Niemand glauben mag;

des andern Thorheit ich euch recht benenne,

der dräut, bis ihn Niemand fürchtet weder Nacht noch Tag.

So ist auch der dritte viel arg, das ist der Seele gar ein Schlag;

des vierten Sinn

geht also hin,

daß er Thoren Weisheit lehret, deren er nie pflag.

Schaue für dich u. s. w.

____

*) Kronenwaise, der Krone beraubt.

 

 

 

____

82

 

Nun wache, Herre, balde und wirb um Ehre,

daß die Leute nicht sprechen hin zu dir: ,,wie bös ein Mann!“

Gerne magst du folgen solcher Lehre,

da ich dich mit Treue also wol berathen kann.

Sei du fromm (brav), so gewinnst du auch die Frommen daran (damit)

und dein' Ehre

wächset sehre;

kein Gerechter wünscht dir Unglück oder Schaden an.

Schaue für dich u. s. w.

 

15) Ein Lied des Herrn Leuthold von seven tadelt den griechischen Kaiser, wahrscheinlich Robert von Courtenay, der 1221 die von seinem älteren Bruder abgelehnte griechische Krone annahm, aber, schwachköpfig, zaghaft und von rohen Sitten, das haltlose Reich völlig der Verwirrung und Ohnmacht hingab. (Minnes. Bd. III, S. 451.)

 

Welch Mann die Jahr' hat ohne Muth [Sinn], die doch mannzeitig sind,

den machet wol ein Butzengräuel *) bei vier und zwanzig Jahren kaum volljährig.

So ist sein Leib wohl mannesgroß, sein Muth klein wie ein Kind:

nun wehr' dich, Mann, vertreib das Kind; wie klein es sei, es ist dir doch gefährig: [feindlich]

es läßt dir nimmer Minne noch Waffen wol gezemen, [anstehn]

es will dir Minne, Milde, Mannheit gar benehmen.

Bartloser Mund, nun birg das Kinn!

es spottet dein, du spottest sein;

dein' Blöße ist seiner Räuhe ein viel unwürd’ger Schein:

hie Bart, Herr König von Griechen! – wo nun Sinn?

 

16) Statt aller übrigen, welche dem Adel sagen, was er eigentlich sei und sein solle, möge Reinmar v. Zw. sprechen. (Man. 81 ff.)

 

Str. 81. Zwei Adel sind an den Leuten auch:

von seinem Künne [Geschlecht] ist Einer edel und ist doch selbst ein Gauch;

der Andre ist von seinen Tugenden edel und nicht von hohem Stamme.

Wo diese beiden sollten leben

zur Wette um Ehre, – wem das Lob die Weisen sollten geben:

so nähme ich den zum Kämpen, der sich vor Untugend könnte schamen.

Wer edel ist von Sippe und nicht von Muthe,

der brichet seiner edlen Vordern [Vorfahren] Huthe; [Sorge]

nun sprechet ihr, nachspähende Leute,

seit daß der edlen Väter Kind

von hohem Adel geunedelt sind,

wo Ehre hin möge, da man sie müde träute. [liebkose]

 

17) Ein Lied Reinmars rügt die beiden Erzbischöfe von Cöln und Mainz als Gegner des Kaisers. Cöln ist der Graf Heinrich v. Sayn, Nachfolger und Rächer des ermordeten Engelbert. Mainz ist Siegfried II., habsüchtig zum Verderben von Land und Leuten, sogar der Kirchengüter; er that Friederich II. 1227 in den Bann und betrieb 1245 die Wahl des Gegenkönigs. (Man. 229.)

 

Rome zwei Töchter gab zu Mann,

Megenze und Cöln: da ist ihr nicht gelungen an;

nun ist der eine Tochtermann etwas zu dumm, der andre allzu geil: [übermüthig]

____

*) Der Gräuel, den ein Popanz, Schrecklarve einjägt.

 

 

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83

 

die sind dem Reiche nicht gut Wirth

gewesen hier bei Rhein; wenn dem Kaiser das wol verschwirt, [überheilt]

so mus er doch die Scharten tragen, die nicht so gählings werden heil.

Die Bisthum waren eh in des Reiches Huthe:

Megenze und Cölne, nun liegt eure Ruthe

dem Reiche auf seinem bloßen Rücke;

wollt ihr mit euren krummen Stäben

des Reiches Schaden Geleite [Schutz] geben,

so mag doch nicht den Aar vertreiben die Mücke.

 

18) Bruder Wernher ermahnt den Kaiser, das gute Gericht, das er, wie die Kunde her erschollen, dort in Apulien übe, auch hier in Deutschland in Anwendung zu bringen. (Man. I, 10.)

 

Gott für die Missethat der Welt von Dornen eine Krone trug,

als ihn das ungetaufte Volk mit Nägeln an das Kreuze schlug:

Herr Kaiser, neiget ihm, da er euch so gehöhet hat.

Seit ihr der Christen Krone traget, zu deren Trost er gab sein Blut,

so merket, was ihr Heiles habt und was er Wunders für euch thut,

so richtet auch unter Krone, daß der Seele werde Rath.

Hört ihr die Armen schreien weh

von Ungerichte [Friedensbruch], wie steht das dem Kaiser?

so fürcht’ ich, daß des Glückes Rad noch vor dem Reiche stille steh;

ihr richtet hier, so thut ihr wie ein Weiser;

seit daß wir alle hören von Gerichte dazu Pülle sagen,

so richtet auch hier, das wird euch lieb, eh euch die viere zu Grabe tragen.

 

19) Ironisch fordert auch der Hardegger die Fürsten zu besserem Gerichte auf. (Man. I, 7.)

 

Ich zürne mit dem Tode nicht, daß er uns Karlen nahm;

ich zürnte gern, und wüßt’ ich wem, daß seit kein Karl mehr kam

nach ihm, der rechte richtete, wie er,

und jedes Ding (Streit) so gar zum besten kehrte.

Er sprach zum Klagenden selten: Freund, was willst du gerne geben,

daß man dir rechte thu und dich in Frieden lasse leben?“

auch war es nicht des Armen Begehr,

daß er (Karl) für Geld den Schuldigen belehrte,

daß er unschuldig stünde da,

und daß der arme Klagende schuldig wäre.

So pflegen's die Herren anderswa;

ich zeihe deß hier die Herren nicht, also vernehmt die Mähre,

die richten nach dem Rechte und wie ihn'n Karlen Buch gebot:

ist das nun wahr, so helf’ ihnen Gott mit Freuden hier und dort von währ’nder Noth.

 

20) Auf Friederich den Streitbaren von Oesterreich, der mit seinen eigenen Mannen nicht minder als mit seinen Nachbarn verfeindet war, beziehen sich folgende Lieder Wernhers. (Vergl. oben I, 16.)

 

(Man. I, 5.) So starken Mann ich niemals sah, und wähne, auch Keinem sei bekannt,

der allein möchte bezwingen viel der hohen Burgen und weiten Land;

hat er der Hülfe nicht, er mag an beiden missefahr'n.

Die Leute sind in großer Noth und auch bei Kurzeweile gut;

ich höre sagen, wer gerne jagt, daß der den Hunden freundlich thut *),

____

*) Vielleicht mit Anspielung auf das mit ihrem Anhange gegen den Herzog 1230 in offener Fehde empörte Geschlecht der Künringer, die allgemein den Beinamen der Hunde führten. (Vergl. oben I, 37.)

 

 

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84

 

daß sie zur Hatze und auf der Fährte können sich bewahr'n.

Seit man den Hunden lieben (freundlich thun) soll,

daß sie auf rechter Fährte nicht umkehren,

so ziemt auch werthe Behandelung (gastliche Aufnahme) an unverzagten Leuten wol;

die helfen zu Gewalt und manchen Ehren.

Erzwungner Dienst, aus Furcht ein Freund: da ist der Liebe gar geschwiegen;

wer holden Freund im Streite hat, der mag wol Feinden angesiegen.

 

(Man. VI, 2.) Wer sich mit fremden Leuten will

erzürnen, der soll sühnen mit den Kunden; (Freunden)

will er der Feinde machen viel,

so schwächt es ihn, wenn er führt Freunde feile.

Nun seht an den von Osterland,

wie dem gelungen ist zu seinem Theile:

da er an den Feinden nicht erwand, (abließ)

so sollt’ er an den Freunden sein erwunden *)

Mein Rath den Weisen wol behaget,

man soll in Noth die kunden (vertrauten) Freunde behalten;

wer Feinde fliehet, Freunde (ver)jaget,

wenn’s dem gelinget wol, so muß viel gar das Glück da walten;

ist, daß der Freund zum Feinde wird und zu den Fremden schwört,

da gibt's ein Klemmen, daß dem Einen noch Unheil wird bescheert.

 

21) Aehnlich äußert sich Meister Rumelant gegen den Geiz der Herren, der sie hindert, sich gute Kämpfer gegen überlegene Feinde zu erwerben, wahrscheinlich mit Bezug auf bestimmte Unfälle in den Fehden der Zwischenzeit in Norddeutschland, (unter andern zwischen Markgraf Heinrich von Meißen und Herzog Albrecht von Braunschweig) wo der Dichter sich damals aufhielt. (Jen. IV, 13 und 14.)

 

Mich wundert, wie den dummen, kargen Herren sei zu Muthe,

daß sie nicht wollen Herren sein weis’ und milde;

die weisen, milden Herren mit der kargen Herren Gute

bekosten manchen stolzen Fechter unter Schilde **).

Wenn ich wär' edele und reich, wie manche Herren heißen,

deren Sinn ist krank,

mir däuchte, eh ich mir mein Gut ließe abrauben und entreißen

ohn’ meinen Dank,

fürwahr, ich vergäbe es lieber selbst, eh man mir's nähme,

so fände ich manchen Mann, der mir zu Hülfe käme.

 

Wir leiden in der Sommerzeit gar heiße Sonnenblicke:

dran seh' ich, daß ein kalter Winter darnach deihet; [kommt]

wenn so der Schnee gekommen ist, so hoer' ich, daß viel dicke [oft]

man sprichet: ,,Gib den Winden [Windhunden] Brot, es hat geschneiet“.

Wer seine guten Winde läßt in Hungersnoth verderben

den Sommer lang,

der mag des Winters in dem Schnee nicht viel damit erwerben

ihr’ Macht ist krank;

all meinen Freunden will ich diesen Sang bedeuten:

krank ist der Herren Macht mit unbereiten Leuten.

____

*) Der Sinn ist: Da er seine Feinde nicht schonte, sollte er seine Freunde geschont haben.

**) D. h. ritterliche Fechter.

 

 

____

85

 

Daß Meister Rumelant nicht von den Fürsten eine rücksichtslose Freigebigkeit fordert, drückt er anderwärts selbst so aus: (Jen. IV, 28.)

 

Man soll den Thoren geloben Gold und leisten Steine;

denn wer den Thoren Gutes thut, sein Dank ist kleine.

 

22) Den Geiz der jungen Herren rügt auch Bruder Wernher (Man. I, 12 und 13), wahrscheinlich mit Beziehung auf den deutschen König Heinrich, Sohn Friederichs II.

 

Wo Herren sterben, das ist Schade, und soll des doch wol werden Rath,

nur daß von ihnen mancher hier so gar unnützen Erben lat;

der gute stirbt, durch den sich viel der Leute sollten nähr'n.

Man sieht in Wäldern reuten viel und darzu bauen breite Feld',

man gräbt auf Silber und auf Gold, der Straßen und all der Wasser Geld [Zoll]

das dienet ihn'n, und man sieht sie doch nur kärglich zehr'n.

So weh mir, weh der Alten verlorn,

da man die Jungen sieht so viel verzeigen, [weigern]

und immer mehr, o weh, daß ich für manchen hab so viel geschworn,

an dem ich wähnte, er wolle um Ehre entleihen

sein Gut den Kummerhaften; dem die reicher Gehr’nden schuldig sind,

wir soll'n den Kargen immer klagen, der uns hier läßt sein kärger Kind.

[d. h. mit dem Kargen, der [wenigstens] die reicher Gehrenden, die höhere Classe der Gehrenden zu seinen Schuldnern macht, sollen wir zufrieden sein und ihn beklagen; um Vergleich mit seinem kargeren Kinde verdient es es.]

 

Nun ist das Reich und auch die Land' viel gar an junge Herrn gekommen;

der Alten Würde und ihre Zucht da habt ihr Wunder von vernommen:

so wünschet, daß der Jungfrau Kind vergess' ihre Missethat.

Nun wirken [handeln] aber die Jungen so, daß wir die Alten müssen klagen,

dieweil man sie trotz ihrem Gut an Würd’ und Ehren sieht verzagen;

und wißt ihr doch, daß es den edlen Reichen nicht wol anstaht.

Nach Lobe mancher Muth

so heftig strebt, wie ich euch will bescheiden,

daß er nichts anders bietet mehr, als: „hab' [behalt] dein Lob, laß mir mein Gut“.

der will sich meinen süßen Sprüchen leiden; [verleiden]

sei's immerhin, bis ich ersehe, wie seine Würdigkeit zergeht:

darnach so singe ich leicht ein Lob, das nahe bei dem Schelten steht.

 

23) Der Marner ermahnt den jungen Conradin, sich durch fürstliche Tugenden der Krone seiner Vorfahren würdig zu machen (Man. XV, 11.) Vergl. oben S. 8, Anm. 2.

 

Gott gibt seine Gaben wem er will;

er hat euch Leib *) gegeben

und in der Kindheit Segen viel;

deß sollt ihr euch nicht überheben:

ehret Ritter, minnet Frauen, grüßet arme gehrn’de Diet. [Leute]

Euch vorgestecket ist ein Ziel,

seht vor euch unde neben

und spielt es gut der Ehre Spiel,

gedenkt an eurer Vordern Leben,

deren so mancher Krone trug, bis ihn der Tod vom Leben schied.

Wer euch dient, dem sollt ihr Gnaden sein bereit,

euch sei der Wittwen und der Waisen Kummer leid,

____

*) Leben, Gesundheit, Kraft und Wohlgestalt.

 

 

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86

 

habt die Teutschen werth;

in eurem Herzen minnet Gott, so thut er für euch, was ihr begehrt;

verdienet Acres Königreich und auch Siciljenland;

in eurer Hand Schwaben ist bekannt *),

Herzoge seid ihr da genannt; –

was Egerland der Gülte **) hat und Nüremberg Leute, und der Sand:

will’s Gott, euch kommt noch auf das Haupt von Rom die Krone werth.

 

24) Derselbe Dichter spottet der Ungastlichkeit der Leute am Rhein, so wie ihrer wälschen Sitten. (XI, 2.)

 

Wie hübsche Leute habe der Rhein,

das ist mir wol mit Schaden kund:

ihr? Haube, ihr Haar, ihr Käppelein

beweisen neuer Fünde [Moden] Fund.

Christ ihnen helfe, wenn sie niesen!

Es mag wol kurteis Povel [courtois peuple] sein,

pittit Mangier [petit manger] ist ihn’n gesund;

Stadt auf, Stadt ab ihn’n wächset Wein,

ihn’n dienet auch des Rheines Grund; –

ich will auf sie gar verkiesen ***), –

der Nibelunge Hort liegt in dem Lurlei ihnen nahe bei;

doch weiß ich ihrer keinen, der so milde sei,

daß er den Gehr’nden theilte mit

von seiner Gebe: [Gabe]

dieweil ich lebe,

sein frei von mir ****);

ihr Muth, der steht auf solche Sitt":

„nun gib du mir, so geb’ ich dir“.

Sie wollen nicht verliesen.

 

25) Ernsthafter rügt sie Bruder Wernher. (Jen. III, 5.)

 

Des Rheines Sitte wußt’ ich wol und war mir lange kund,

daß sie ihr's Haares so wol pflegen, das entgilt sehr ihr Mund;

ihr’ Tugend ist krank, ihr’ Milde jung, das hab' ich wol gesehn.

Man muß die hohen Herren um ein Essen lange flehn,

und der muß gar sehr glücklich sein, dem da soll Gut geschehn; [zu Theil werden]

sie sind so milde, wie ein großer, starker Schaafehund.

Wem ich da klagete meine Noth

und mein Herzeleid,

der sprach herwider, er wäre selber beinahe hungerstodt;

mit armer Hoffahrt sind sie viel gemeit: [stolz]

ihre Gabe und ihr kurz Gewand will ich immermehr entbehr'n,

ihr aller Leib ist so unrein, daß sie keiner Ehre wollen gehr'n.

 

26) Dagegen mahnt Wernher die Schwaben, den Ruf der Milde, den sie außer Landes haben, auch daheim zu bewähren, (Man. I, 14.)

 

Ich hab' der Schwaben Würdigkeit in fremden Landen viel gesehen,

da warben sie um Preis also, daß man ihnen Würde mußt' gestehen:

nun will ich in ihrem Lande erfahr'n, wie sie da sein gemuth.

Wer mir daheim und anderswo von Schulden [mit Recht] muß gefallen wol,

____

*) Schwaben das ist euer bekanntlich.

**) Zahlung für ein geliehenes Gut. Ertrag.

***) D. h. ihren Erwerb durch Weinbau und Handel auf dem Rhein will ich [gegen das Folgende] gar nicht in Rechnung bringen.

****) Mögen sie von mir unbehelligt sein.

 

 

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der sei gewiß, daß ich ihm thu' mit Sang, wie ich zu Rechte soll,

wenn ich ihn find' also, daß er vor Schanden ist behuth.

Ein Lob, das aus der Künde [Heimath fährt,

das hat der Weisen Folge [Zugeständniß] in allen Landen;

viel mancher unterweilen Gut verschwendrisch bei den Fremden zehrt,

den man daheime sieht in großen Schanden;

wer beide Lob behalten will, der ehre sein Haus, das ist mein Rath:

das Wasser nirgends ist so gut, als wo es aus vom Sprunge [Quelle] gaht.

 

27) Meister Kelin spricht an irgend einem Orte, wo man ihm weder um Gottes noch seines Gesanges willen mildthätig war, sein Vertrauen zu den Schwaben, Baiern und Osterfranken aus. (Jen. II, 3.)

 

Ich wüßte gern, was ich hier hätte verbrochen, –

ich hab' hier Keinen gescholten noch arg gesprochen, –

daß mir Herren durch Gott und durch rechte Kunst nicht geben.

Ich bin nicht also schwach, wie ich hier scheine;

mir sind die Besten freund in Schwaben und an dem Rheine,

in Baiern und Osterfranken hab' ich reines [untadliges] Leben.

Urlaub will ich nach Schwaben nehmen und will zu Lande kehren.

Hier sind viel edle Herrn ohn’ Ehre riche;

mir 'st um sie leid, daß sie ihr Gut zehr'n lästerliche:

ich gönnte ihn’n wol, daß sie ihr Tugend, wie ihr Gut, wollten mehren.

 

28) Doch hat den Dichter sein Vertrauen betrogen; er läßt Frau Ehre zur Schande sprechen. (Jen. III, 3.)

 

Nun seid ihr hie viel werth,

ihr habt in manchem Lande

Gewaltes heuer mehr als vert: [vergangnes Jahr]

ich bin gekehrt

aus manches Herren Hause,

der eh' meines Lobes Krone

hier würdigliche trug,

der gibt mir nun zu Lohne

arge Sprüche und deren genug u. s. w.

 

Str. 4. Frau Schande sprach: „Frau Ehre,

nun fahrt, zu wem ihr wollt,

ihr find't hier wenig mehre,

die euch zu Dienste sind gezählt;

ich hab' mich gesellt

viel wol nach meinem Willen.

Ich lehr' sie ihre Mutter schelten,

darzu ihr Weib, ihr Kind,

ich lehr' sie Zucht viel selten,

ich lehr' sie an Tugenden blind;

ihr seid ein Wind, [so vorübergehend]

ich kann euch wol gestillen. [unterdrücken]

Es sind in Schwaben kaum noch drei,

die innen und außen durch euch sind offenbare frei;

dasselbe ist auch zu Franken, wie leid es euch sei;

die um den Rhein sind fast zu Mönchen worden:

so kehre ich gen Baierland,

sich hüten da die Edlen nicht, ich werd ihnen wohl bekannt;

so trachte ich zu aller Zeit nach Wien hin auf den Sand:

die hätt' ich alle gern an meinem Orden.

 

29) Reinmar v. Zw. ist unzufrieden mit der Gastlichkeit, wie sie der König Wenzel von Böhmen übt. (Man. 159.)

 

 

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Ich wär' ungerne da ein Pferd,

wo man das beste Futter den Ochsen und Eseln bescheert;

ich wollt' auch da nicht Falke sein, wo man mit Mausern baitzen fährt.

Ich wär' ungerne da ein Wind,

wo die stumpfen Hofhunde werther als die Winde sind;

ich wär' ungerne auf des Helm ein Aar, der sich der Milde wehrt;

seinen schild den wollt' ich nimmer zieren,

wär' ich an Königes Statt ob andern Thieren *),

so wie der Löwe mit der Krone:

wer besser fliehen kann, als jagen,

ließe ich von dem mich gerne tragen,

so würde mir der Leute Spott zum Lohne.

 

30) Meister Sigeher fordert den König Ottocar auf, durch Milde den Stuhl zu Achen zu erklimmen. (Jen. VI, 1.)

 

Des Glückes Rad das trägt vier Mann,

der eine steiget ab, der ander steiget an;

der dritt' ist oben auf, der vierte drunter.

Herr König, so steiget an dem Rade;

der oben auf sitzt, der ist ohne Schade;

der gegen euch steht, der sinket auch hinunter.

Herr König, wollt ihr den Stuhl ersteigen und erjagen,

und auch das Reich erstreiten,

so minnet Gott und richtet, was die Weisen klagen,

seid milde zu aller Zeit;

ihr gebet, was eures Vaters Eigenthum nie ward **);

nun seht an Alexander, der gab unverspart:

drum fährt sein Lob in allen Reichen weit.

 

31) Meister Friederich von Sonnenburg, der dem Könige Ottocar angehangen und durch sein Ja, d. h. Versprechen, betrogen zu sein behauptet, bringt dies zu Wasser gewordene Ja erbittert in jeder Zeile seines Rügeliedes an. (Jen. I, 26.)

 

Mich hat eines Königes Ja betrogen und dazu manchen Mann

welch König Ja zu Nein läßt werden, das steht ihm übel an;

welch Ja nein meinet, solches kann

nicht werden rechtes Ja.

Ein wahres Ja steht Königen wol und ist zu Ehren gut,

gelogenes Ja das kränket Könige und betrübet mir den Muth;

wer Ja spricht und es schiere thut,

der wird in Ehren gra. [grau]

Wie ziemt den hohen Königen, daß ihr Ja zu Neine wird?

ein falsches Ja viel selten Jemand Lob und Ehre birt, [trägt]

ein Ja gegeben und das gehalten, ist rechter Könige That:

er hat nicht Ehre, der sein Ja zu Neine werden lat.

 

32) Die verschiedenen Sorten der Gehrenden, welche die Höfe belagerten und den Sängern den Erwerb verkürzten, classificirt der Kanzler. (Man. II, 8.)

 

Mancher Herre mich befraget,

wodurch der Gehr'nden sei so viel;

wenn ihn deß nicht betraget, [belästigt]

dem will ich's deuten, wenn ich's kann,

____

*) Mit Anspielung auf den Löwen im böhmischen Wappen, wie vorher auf die Adlerfedern daselbst.

**) Gut des Reiches.

 

 

 

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89

 

wie's um die Gehr'nden sei.

Ein gehr'nder Mann der trüget,

der andre der kann Zabelspiel, [Brettspiel]

der dritte hofelüget,

der viert' ist gar ein Gumpelmann, [Gaukler]

der fünft' ist Sinnen frei.

So ist der sechste Spottes voll,

der siebente Kleider kaufet,

der achte federlieset [schmeichelt] wol,

der neunt' um Gabe laufet,

der zehnt' hat eine Dirne,

ein Weib, ein Tochter unbehuth: [leichtsinnig]

denen geben heut und firne [sonst]

die Herrn durch ihren thörschen Muth;

sie geben für Kunst kein Gut.

 

Man sieht, der Kanzler versteht unter den Gehrenden nicht bloß Leute niedern Standes.

 

33) Die Entartung der Knappen rügt Reinmar v. Zw. in scharfem Tone. (Man. 141.)

 

Eh daß die Knappen wieder wie eh

zu Knechten werden, so wird ihrer tausend oder meh

verstümmelt oder gefangen; das gibt man Knappen für ihre Knappenschaft.

Ich meine die edlen Knechte nicht,

ich meine, die man stehlen, rauben unde brennen sicht:

soll'n die daran erwinden, das mus geschehn durch starke Galgen-Kraft.

Welch Herre sich betragen, will des rechten *),

der mag sich leider kaum nun noch beknechten;

sein eigner Knecht wird ihm so schwinde, (gewaltig)

daß er ob ihm will waschen die Hand **):

vernt (vorig Jahr) Mener (Pferdeknecht), heuer Seriant, (Knappe)

seid willekommen dem Stock ***) zum Ingesinde.

 

34) Auf Rudolph von Habsburg, der gerne Sänger um sich hatte, aber nicht nach Wunsch lohnen konnte, ist des Gespöttes viel, bald gutmüthiger, bald bitterer. Der Unverzagte mischt seinem Lobe auf den König mit guter Laune den Tadel der Unmilde bei. (Jen. III, 1.)

 

Der König Rudolf minnet Gott und ist an Treue stete,

der König Rudolf hat sich manchen Schanden wol versaget;

der König Rudolf richtet wol und hasset falsche Räthe,

der König Rudolf ist ein Held, an Tugenden unverzaget.

Der König Rudolf ehret Gott und alle reinen Frauen,

der König Rudolf läßt sich viel in hohen Ehren schauen;

ich gönn' ihm wol, daß ihm nach seiner Milde Heil geschicht:

der Meister Singen, Geigen, Sagen, das hört er gern, doch lohnt er ihnen nicht.

 

35) Bitterer greift der Schulmeister von Eslingen die Kargheit des Königs an. (Man. III.)

 

Wolab ****), der König der gibt euch nicht,

wolab, er läßt euch bei sich fressen, habt ihr icht (etwas)

____

*) Wer nicht warten will, bis der Rechte kommt.

**) Anstatt ihm das Wasser zu reichen.

***) Block, Instrument schimpflicher Strafe.

****) Eine eigenthümliche Verbindung abweisenden Sinnes, dem ermuthigenden wolan nachgebildet.

 

 

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wolab, sein Heerfahrt *) wird zunicht,

wolab, was er verheißet, ist ein Spel. (Spiel, Täuschung)

Wolab, nicht sorget, wie's ihm ergeh';

wolab, er gaeb' es seinen Kindern eh,

wolab, sie bedürften dannoch meh,

wolab, sie waren an Gute gar zu hell. (leer)

Wolab, sein Künne (Geschlecht) das ist arm,

wolab, das will er an uns ersparn,

wolab, eh sein Geschlecht erkropfet wird, (vollen Kropf bekommt)

wolab, so sind wir (von ihm) verirrt,

wolab, so wird dem Brater **) harte, harte kleine.

 

36) Der Schulmeister räth, sich um Herren-Dienst nicht zu bemühen. (Man. IV.)

 

Mit Dienst man jetzund kaum noch Gut erwirbet;

nun merket alle, wovon so viel Dienst verdirbet:

dienst du dem Jungen, der vergißt; dienst du dem Alten, der erstirbet.

Ja, Herre Gott, wer kann die rechte Mitte fahren?

daß er also gediene, daß sein Dienst nicht sei verlorn?

wer selbst was hat, das ist, weiß Gott, gut für den Zorn;

die Herren können gegen Diener schalkelich (schmählich) gebahren.

Wer seinem Herrn zu Liebe sich säumet einen Tag,

daß er sein eignes Ding nicht schaffet, wenn er mag,

der äfft sich: es ist anders, als da man Treue pflag.

 

37) Der Eindruck, den Rudolphs gewaltiges Auftreten gegen Unrecht und Unordnung im Reiche allgemein machte, spiegelt sich auch in des Schulmeisters Gedichten, die offenbaren Bezug haben auf des Bischofs von Basel Ausruf, als er die Wahl Rudolphs vernahm: „Nun sitze fest, Herre Gott, oder Rudolph nimmt deine Stelle ein.“ (Man. I, 1 und 2.)

 

Ein König hier mit Gewalte fährt,

dem sich auf Erden nichts erwehrt,

es seien Christen, Juden oder Heiden.

Wem er will Ungenade han,

das kann nun vor ihm nicht bestahn,

wird ihm nicht immer waeger Halb (die bessre Hälfte) gescheiden. (zugesprochen)

Gott, nun sieh zu deinem Reiche,

also daß er dir nicht erschleiche

deinen Himmel ohne Wehr;

und pocht er dran mit einem Worte,

sanct Peter, so seid munter;

denn was der König will darunter

zwingen, das ist ihm wie ein Beer; (ein Nichts)

und pfleget wol der Himmelspforte,

darzu hüt't das himmlisch' Heer.

 

2. Gott Herre, nun sieh umbe dich;

ich warn' in Treuen, sicherlich,

und hab gehöret wieder fremde Mähte:

der gestern fuhr in Königes Schein, (Prunk)

der ist nun Kaiser um den Rhein;

____

*) Die Heerfahrt gegen Carl v. Anjou zur Rache Conradins, die man besonders in Schwaben von dem Könige gefordert zu haben scheint.

**) Es ist wohl Anspielung auf Walthers Lied vom Spießbraten (s. oben I, 6), aber so, wie es der Text giebt, unklar; es könnte bedeuten, dem Brater, Bratenkoch, wird wenig Trinkgeld von denen, die des Königs Tafel theilen.

 

 

 

 

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die Mähr' sagt man uns still und offenbäre.

Seht, würde er gewaltig immer

des Himmels, er berieth' uns nimmer;

Gott, den hab' in deiner Pflicht, (Gehorsam)

daß er uns beidenthalben nicht versume (vernachlässige)

dort, da Wonne währt bei Werthe; (Ehre)

hätt' er den Himmel zu der Erde,

so gäbe er doch Niemand nicht:

er loeset manchem hier die Pfänder kume, (kaum)

die man in seinem Dienste sicht.

 

Aehnlich wie der Schulmeister hatte schon Reinmar v. Zw. Gott angerufen, dem Friederich von Staufen zu widerstehen. (Man. 145.)

 

Gott, alter unde neuer Christ,

seit alle Creatur in deiner Hand beschlossen ist,

der Himmel und die Erde, Wasser, Feuer, Luft und all die Engelschaft,

den lichten Tag, die trübe Nacht

mit Laufe wol berichtet hat dein' göttlich Macht,

die stets ohn' Anbeginn und immer ist mit endeloser Kraft.

Du angesichtiglichen Wunder thäte, [thatst]

als man dich sah in menschlicher Wäte,

und vor den Juden sonderlich:

laß, deine Kraft uns endlich sehen,

die dir die Christen müssen gestehen,

und widersteh dem Staufer Friderich.

 

38) In obiger Weise fährt der Schulmeister noch ferner fort, den König zu verhöhnen und verdächtigen. (Man. II.)

 

1. Gott und der König wollten kriegen, sonder Wahn,

sie wollten miteinander sehre bagen [zanken] unde pochen;

da sprach der König: es mag nicht mehr allso ergahn,

Gott hat mich übervortheilt, es wird an ihm gerochen;

will er den Himmel haben gar,

so wär' sein Herrschaft gar zu weit und mein' Gewalt zu enge;

werf er mir mehr des Hausen dar *),

oder unsre alte Freundschaft kann nicht währ'n die Länge:“

da schied ich es; sie überließen's beidenthalben mir,

ich sprach: „Herr König, was hier unten ist, das habet ihr;

seid ihr hier Gott, laßt sich den Alten dort ergehn,

thut ihr das nicht, ich heiß' euch baldlich von dem Himmelreich abstehn.“

 

2. Seit das Gott und der König nun geschieden sind,

so will derselbe König den Teufel aus der Hölle zwingen:

da hebt sich ein Gemorde von, das ist nicht ein Wind;

so schrecklich sind sie beide: Herre, wem wird da gelingen?

Sie streiten: wer der bösere sei,

der soll Potentat zur Hölle sein immermehre.

Der König ist viel böser, o weh!

der Teufel könnte in mancher Zeit vertreiben [matt jagen] nie so sehre

Leut' unde Land, wie der König vertrieben hat

und auch noch thut in kurzer Frist, deß ist kein Rath;

soll ich entscheiden, ich theil's dem Könige baß denn eh':

schied ich ihn von dem Himmelreich, ihm wird der Hölle desto meh.

____

*) Der Sinn dieser Zeile wäre: lasse er mir mehr des Hausen (ein kostbarer Donaufisch) niederregnen; und es müßte dies sich beziehen auf eine populäre Meinung, welche, wie sie Frösche u. s. w. regnen läßt, auch Hausen regnen ließe. Der Text giebt das unverständliche risse, wofür v. d. Hagen vorschlägt rize: „er reiße mir ein größer Stück des Hausen ab“, als etwa sprichwörtlichen Ausdruck der Donaugegend zu fassen; ich habe gelesen rise.

 

 

 

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39) Der Schulmeister findet, daß der Adelar im Reichsschilde nicht für den König passe. (Man. VII.)

 

Ihr nehmt das Schild des Reiches wahr,

den prüfet ordentliche dar: [seht euch genau an]

in Golde ein aufrecht Adelar

hat auf den Schild gestrecket sich:

seht, das bedeutet hoch Geburt, die sollten Könige han.

Der Adelar ist schwarz gefar, [gefärbt]

seine Farbe die ist grausenlich:

Herr König, ich sprech euch nie mehr dar *),

man fürcht’t euch wenig, dünket mich;

ihr gebet Fried wie eine Scheuche in einer Gerste, sonder Wahn.

Wär’t ihr versuchet [geprüft] wie des Adelars Kindelein, –

ab wirft er’s, schaut es in die Sonne nicht hinein **), –

euch wär' allsam [gerade so] geschehen,

ihr wäret verworfen, oder ihr müßtet Recht und Unrecht baß ansehen.

König und Adelar sollen hohe schweben, das ist schlecht; [einfach, klar]

Herr König, nun seht, das wär des Schildes Recht:

nun zeiht euch Ritter unde Knecht,

ihr kloket [picket] um ihre Häubel ***), wie um einen faulen Baum ein Specht:

ihr seid kärger als der Adelar, der Schild der will euch übel anstahn.

 

40) Der Zögerung des Königs, den geforderten Zug gegen Carl v. Anjou anzutreten, gilt folgendes Spottlied des Schulmeisters. (Man. V.)

Der Scharle hat drei Spiel fürpflicht, [aufgegeben]

wer deren eins verliert, des Leben ist enwicht, [todt]

es gilt den Leib [das Leben] und anders nicht;

deß will das Land Sicilien Bürge sein.

Das erste Spiel ist Puff ****) genannt,

das verlor der Prinz [Manfred], er [der Puff] brach die Bünde so zehant, [rasch]

drum gab er Leben unde Land;

das andre spiel verlor König Conradin:

das heißet wol von Haupt *****) o weh!“

denn das verklagt [zu Ende klagtl er nimmermeh;

zum dritten Spiel so ist König Rudolf nicht zu jach,

es mag wol heißen „Hacke nach:“

ich wähn, der Scharl kann ihm's zu viel.

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*) Mit Beziehung auf das vorhergehende Gedicht, wo ihm der König noch mächtig genug schien, um ihm als Schiedsmann dar zu sprechen.

**) Mit Beziehung auf die Volksmeinung, daß der Adler aus hohem Flug seine Jungen niederstürze, wenn sie nicht den Sonnenblick vertragen können.

***) Hauben, statt Köpfe.

****) Ein Ausdruck beim Brettspiel, ebenso wie das folgende Bund eine Verbindung von Steinen, die den Gegner hindern.

*****) Anspielung auf den Ausdruck beim Würfelspiel Krocketest [croquetète] Hackdenkopf.

 

 

 

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VI. Loblieder.

 

In dieser Gattung von Liedern wird es nöthig sein, daß wir uns bei der Reichhaltigkeit derselben auf das Wesentlichste und Eigenthümlichste beschränken; Einzelnes daraus ist schon hin und wieder in den früheren Abschnitten vorgekommen.

 

1) Walther v. d. V. empfiehlt dem aus Italien als Kaiser zurückkehrenden Otto IV. den Margrafen Ditrich von Meissen, der auch am 20. März 1212 ein Bündnis mit Otto zu Frankfurt schloß, als treuen Anhänger. (L. 11, 30.) Vergl. oben I, 4.)

 

Herr Kaiser, seid uns willekommen;

des Königs Name ist euch benommen:

drum scheinet eure Kron’ ob allen Kronen.

Eur' Hand ist Kräfte und Gutes voll:

ihr wollet übel oder wol,

so mag sie beides, rächen unde lohnen.

Darzu sag ich euch Mähre:

die Fürsten sind euch unterthan,

sie haben mit Züchten eure Kunst erbeitet; [erwartet]

zumal der Meissenere,

der ist stets euer, ohne Wahn,

von Gott ab würde ein Engel eh verleitet.

 

2) seinen Wirth, den milden Landgrafen Hermann v. Thüringen, lobt Walther in folgendem schönen Liede. (L. 35, 7.)

 

Ich bin des milden Landgrafen Ingesinde;

es ist mein' Sitte, daß man mich stets bei den theu'rsten finde;

die andern Fürsten sind wol milde; jedoch

nur so beständig nicht: er war es eh und ist es noch.

Davon kann er auch baß, denn sie damit gebahren *);

er will [pflegt] keiner Laune fahren; [sich befleißen]

wer heuer schallet [groß thut] und ist übers Jahr so klein wie eh,

deß Lob grünet und falbet wie der Klee:

Die Thüringer Blume scheinet durch den schnee;

Sommer und Winter blüht ihr Lob wie in den ersten Jahren.

 

Ebenso lobt Walther später seine Wirthe, den Patriarchen von Aquileja, Berthold, den zweifach gefürsteten Leopold von Steier und Oesterreich und dessen Oheim Heinrich von Medlick, weil „bei ihnen sein Wein gelesen ist und seine Pfanne sauset, so daß er nicht um gastlicher Aufnahme willen fern umher zu streichen nöthig habe“. (L. 34, 34. ) Herzog Leopolds Freigebigkeit rühmt er noch in mehren Liedern, drei Sorgen habe er sich genommen, Gottes Huld, seiner Frau Minne und den wonniglichen Hof zu Wien (L. 84, 1), er will nicht ablassen, bis er ihn verdient,

 

seit er so mancher Tugend mit so steter Treue pflag;

man sah Leupoldes Hand da geben, daß sie nicht darüber erschrak.

 

Ebenso bittet er durch folgendes Loblied um Aufnahme. (L. 20, 31.)

 

Mir ist versperrt des Heiles Thor;

da steh ich wie ein Waise vor,

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*) sich besser damit sehen lassen.

 

 

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mir hilfet nicht, was ich daran auch klopfe.

Wie möcht' ein Wunder größer sein?

es regnet beidenthalben mein, [zu meinen beiden seiten]

ohn' daß mir von dem allen wird ein Tropfe.

Des Fürsten Milde aus Oesterreich

erfreut dem süßen Regen gleich

beide, Leute und auch das Land;

er ist eine schöne, wol gezierte Haide,

darab man Blumen brichet Wunder: [wunderviel]

und bräche mir ein Blatt darunter

seine viel milde, reiche Hand,

so möcht' ich loben die süße Augenweide:

hiemit sei er an mich gemahnt.

 

3) Es folge jetzt ein Lied von Wengens (Man. II, 2) auf die Grafen von Kiburg, mit eigenthümlicher Tendenz gedichtet. Der letzte dieser Grafen war nicht beliebt und mußte 1264 den Grafen Rudolph von Habsburg gegen seine empörte Stadt Winterthur zu Hülfe rufen.

 

Gott ehre euch Thurgauer, daß ihr so treuen Muth

zu Kiburg habt den Herren werth! sie machen euch noch riche.

Sie hülfen euch von Noth, gewönnen sie mehr Gut,

es würde euch nimmer vorenthalten, das wisset sicherliche.

Nun last sie zehren eure Habe,

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . . . . . . .

sie werden bald unkummerhaft [von Bedrängniß frei], dann ist euch ihr Gut gemeine.

Auf also gute Hoffnung sollt ihr stete sein;

seid unverzagt an den viel milden Herren mein;

sie haben nach Ehren [ehrenhaft] noch stets verzehrt ihr'r Hufen Geld, [Einkünfte]

ihr habt ihrer Kleider und Rosse schon so manches geführet über Feld. [nach Hause]

 

Die zugehörige Strophe II, 1 rühmt den Herrn von Klingen, wahrscheinlich den Minnesinger Walther von Klingen, einen Freund von Kiburg und Habsburg in ihren Fehden gegen St. Gallen.

 

Dank habe der werthe Klinger, da er behauset hat

Treue, Milde und dabei Zucht: die will er wol behalten,

daß er sie von dem Land nicht vertreiben lat;

drum laß ihn, Gott, nach seinem Wunsche wonnigliche alten!

sie hasset leider mancher Mann,

vor dem er sie bewahren will, und ist’s ihnen allen schwere; [beschwerlich]

so schön wie Er ihn’n dienen kann,

möcht' er nicht besser ihrer pflegen, wenn er ein Kaiser wäre;

ihr werthen Frauen, ihr sollt ihm wünschen gute Zit, [Zeit]

seit hohe Tugend in seinem süßen Herzen lit: [liegt]

er ist barmherzig und ist auch den Freunden gut,

Saelde [Glück] hat ihn alldaher vor aller Missethat behuth. [behütet]

 

4) Glänzendes Lob singt Reinmar v. Zw. dem Kaiser Friederich II. (Man. 138 ff.)

 

Der Treue Schatzkammer-Hort,

ein Ankerseil der Stete, ein Fürgedank auf jeglich Wort,

ein Wächter Christenthumes, Roemscher Ehren Grundfeste unde Grund,

ein Vorbild allerhöchster Zucht,

 

 

 

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95

 

du volle Kruft *) der Sinne, ein Same von heilbringender Frucht,

du Zunge rechten Urtheils, Friedens Hand, gewisser Worte Mund,

ein Haupt, dem nie kein Kronenschmid die Krone

vollenden könnte seiner Tugende zum Lohne **):

dem Haupte soll'n wir allgeliche

wünschen lange währ’nde Tage: –

weß Herze, weß Leib dies Lob trage? –

wir soll'n es geben dem Kaiser Friederiche.

 

Str. 139. Wald hat Ohren, Feld hat Gesicht:

ihr hohen Rauner, raunet ***) von dem reichen Kaiser nicht,

denn was ihr wagt zu sprechen von dem Kaiser stille und überlaut, [heimlich und öffentlich]

seine Ohren hören's durch den Wald ****),

seine Augen gehn fern über Feld, seine Huth [Vorsicht] ist mannigfalt,

sein Merken und sein Melden, die sind geschwinder, als die Windesbraut.

Kraniches Hals, Ebers Ohren, Straußes Augen,

die dreie trug kein Kaiser je so taugen [heimlich]

dahin gegen seiner Feinde Lage; [Hinterhalt]

er hat der Nägel großen Hort:

was man ihm Löcher vorgebohrt,

die füllet er mit gar langrächer Wage. [mit weithin strafender Vergeltung]

 

Str. 140. Der Kaiser will des Reiches Brot

nicht unverdienet essen; nach Gerichte ist ihm so noth,

daß dem hungrigen Bären nach Honiges Süße nie so noth nicht ward.

Gerichtes will er sich nun saten, [sättigen]

sein hoch tragendes [empor reichendes] Schwert muß durch die Schuldehaften waten:

 

ihr Friedebrecher, wisset, daß man euch von den Friedfertigen schaart.

Welch Dummer sich gegen seine Weisheit wetzet,

der wird der Sinne von Sinnen entsetzet *****);

vollführt er’s, wie er's hat begonnen,

so hüten sich [mögen sich hüten] vor seinen Zügen

Selbstherren, [eigenwillige], Herren, wie sie mügen: [mögen]

der Thoren Heil hat Widerschwall gewonnen.

 

Str. 142. Das Reich, das war viel sehre siech,

sein' Stimme war von Klage dunkel, heiser unde riech, [rauh]

roth waren ihm die Augen, die Ohren taub, verstummet ) war es auch.

Den Höcker konnt' es nicht verhehlen

und einen ungefügen Kropf trug es an seiner Kehlen;

es mocht nicht gehn noch reiten; auf allen vieren es mit Mühe kroch:

bis ihm darsandte Gott den Kaiser weisen,

des Weisheit sollen alle Weisen preisen,

der hat die Siechheit unterstanden; [gehemmt]

des Reiches Ding nun eben steht,

nur stecket ihm noch eine Grät', er weiß wol wo, enzwischen seinen Zahnden ††). [Zähnen]

____

*) Kruft s. v. a. Krippe, Kripse, das auch eine Hürde bedeutet?

**) Auch der Dichter ist ein Schmied, einer Lodeskrone nämlich.

***) rünen, heimliche Berathung halten.

****) Ich habe unbedenklich den Text v. d. H's. geändert, der mir sowohl im Einzelnen steif, als im Ganzen unverständlich war.

*****) Der wird durch des Kaisers Verstand als dumm erwiesen.

†) Vielleicht erstumbelt, verstümmelt?

††) Welche Gräte damit gemeint, darüber vergl. oben II, 8, c.

 

 

____

96

 

5) Wie wenig Kaiser Friederich des Dichters Hoffnungen erfüllte, haben wir oben gesehen. (I, 23, 24.) Um die Zeit seiner Absetzung empfiehlt er daher den König Erich IV., den Heiligen, von Dänemark, der 1250 durch seinen Bruder, Herzog Abel, ermordet wurde. (Man. 150.)

 

Ein König, der wol gekrönet geht,

so daß sein' Krone besser viel geköniget steht:

da *) ziert der König die Krone baß, denn ihn die Krone zieren müge.

Ein wol gekönigter Kronetrage (Kronträger)

thut dannoch mehr, er stillt der Wittwen und der Waisen Klage,

er sühnet unde friedet und ist bei Leuten wol in Ehren-Hüge. (Angedenken)

Sein Herze und sein Mund sind selten müßig,

sein Mund zu allen Zeiten ehrengrüßig;

ihm schimmelt nichts **) in seiner Arke: (Koffer)

das bezeug' ich mit den Besten wol,

mit Urlaub ich ihn nennen soll:

es ist der König Erich von Dänemarke.

 

Ebenso rühmt er später den König Wenzel I. von Böhmen.

 

Man. 151, Schluß: Die sonne ziemt nicht baß dem Tage,

danne der edle Kronetrage

aus Böheimlande Gott und uns zu einem Fürsten.

 

6) Nachdem Reinmar von Friederich Abschied genommen, findet er sich bei dessen thätigstem Gegner in Deutschland, dem Erzbischof Siegfried II. von Mainz, zugleich Bischof von Worms und Speier. (Man. 186, b.)

 

Von Mainze wol neunherzger Mann,

daß der hat dreier Fürsten Sitz, da ist kein Wunder dran:

jedoch so nimmt mich wunder, daß er neunherziglich kann leben;

mit Einem Leibe er alles thut,

er hat keine Ader nirgends, die ihn nicht zög' auf kronetragenden Muth;

drum hat sein Herze seinem Leibe die Treue (Versprechen) darauf gegeben,

daß er nach Ehren immer vorwärts kriege; (strebe)

und daß sein Leib sein Leben dran nicht triege,

das, will ich, ohne Zweifel lasse:

ihm ist nach Ehren also Gehr,

daß nie einem hungergier'gen Bär

so noth nicht ward nach süßen Honigs Fraße.

 

Ein gleich schönes Lob der unverwüstlichen Rührigkeit enthält folgende Strophe 186, a.

 

Wie ein See liegt, wie ein Wind lieget,

wie starke Ermüdung wilden Thieren angesieget,

daß sie sich legen zum Ruhen; so ruht der Mainzer Bischof nicht:

er ist ein Waller her und dar;

wo er sich hin erbietet ***), so will er leichtlich anderswar; (anderswohin)

daher man seine Reise den Wiesewassern (Bächen) oftmals ähnlich sieht.

Er weiß wol, Feld hat Augen, Wald hat Ohren ****);

____

*) Wo ein solcher König ist.

**) Keine Kleider oder was sonst Könige den Gehrenden schenken.

***) Wohin er auch beginnen mag zu reisen.

****) Dies scheint nicht ohne Beziehung auf Reinmars obiges Lob Friederichs: er weiß wol, daß der Kaiser, sein Feind, klug ist.“

 

 

 

____

97

 

doch macht er seiner Feinde Späher zu Thoren:

mit Kranichhalse kann er wol schweigen

und mit Straußes Augen sehen,

mit Luchses Ohren lauschen, spähen,

Steinbockesweis' kann er wol Berge steigen.

 

7) seinem Wirthe, dem Herrn von Sayn, einem Vetter des Erzbischofs von Mainz, demselben, der sich Conrads von Marburg Ketzerverfolgungen so muthig widersetzte, singt Reinmar folgendes Lob. (Man. 215.) Vergl. oben II, 10, d.

 

Ein wol werbender Waidemann,

der Fische, Vögel, Wild so meisterlichen fangen kann,

wie gut er sei: noch besser ist, wer der Leute Fänger ist.

Hiemit mein' ich einen bidern Wirth,

der Gäste wol empfangen kann und ihnen Freude birt (schafft)

in seinem Haus bei seinem Brot, und der das thut ohn’ falsche List.

Gut Wirth erwirbet Ehre und Gottes Hulde,

gut Wirth ist aller Würde ein' Uebergulde; (Uebergoldung)

welch Wirth die Gäste kann empfahen

so, daß Frau Ehre und ihr Kind

mit gutem Willen bei ihm sind,

wie der von Sayn es mag, der kann wol Ehre ergahen. (ereilen)

 

8) Dem jungen Könige Conrad sucht sich Wernher durch ein ungeheucheltes Lob seiner Milde zu empfehlen. (Man. V, 3.)

 

Ich bin wol über des edlen Königs Milde froh,

darin er lebt und dabei übt so tugendliche Güte,

davon sein Lob von Schulden steigt und hohe steht.

Des edlen Kaisers Kind will ich euch zeigen so:

und stünde ein ganzer Wald von Tugenden in milder Blüthe,

der könnte nimmer vollaustragen die Tugend, die er begeht;

er ist ein lautertragender Baum,

der Obst mit Willen reret; (ausstreut)

ihr aller Milde ist gegen die seine gar ein Traum,

sein' Hand viel manchem seine Gülte (Einkommen) mehret.

Mich jammert nur, daß ich allein dies nie von ihm genoß;

es liegt an seiner Milde nicht; mein Unglück das ist leider allzu groß.

 

9) Ein prächtiges Loblied singt der Marner dem Grafen Hermann von Henneberg, dem Sohne Poppo's. (Man. XV, 11.)

 

Es rauscht wie eine Windesbraut

ein Lob im deutschen Land,

es hallet schöne unde laut,

Frau Ehre kommt mit ihm gerannt;

durch viel mancher Herren Hof führen es Riesen und Gezwerg.

Es riechet wie ein edel Kraut

aus einer Jungfrau Hand,

schönen Frauen ist es traut;

ein Herre hat es ausgesandt,

dem kommt es wieder heim und bringt ihm seine Tagewerk.

Wahres Lob ist sicherlichen hoher Ehren Bote,

hier in der Welt macht's würdiger und wünschet (zaubert) hin zu Gotte:

das hat verdienet er,

deß hoher Muth stets stand nach hoher Würde Gehr;

drei Heere könnte man mit seinen reichen Tugenden nähr'n. (zur Seligkeit verhelfen)

Er kann gewähr'n

und kann der Gehr'nden gehr'n *),

____

*) Er kann sich Gehrende herbeiwünschen.

 

 

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98

 

gewährend müss' er lange währ'n!

zum Heile leucht' ihm Tags die Sonne, Nachts der Mond und jeglich Stern!

gehr'nde Leut', ihr sprechet mit mir: Amen, dem von Henneberg!

 

10) Mit Beziehung auf ein anderes Loblied, das seinem Geschmacke nicht zusagt, singt Rumelant dem Herzog Ludwig von Niederbaiern ein Lob, das um so rührender ist, weil es auf des Herzogs Trauer (siehe oben II, 27) Rücksicht nimmt. (Jen. VI, 9.)

 

Ich kann des Fürsten Edelkeit nicht im Vergleiche messen

mit Thieren, noch mit Würmern, noch mit Vögeln, noch mit Fischen,

seit daß er ist ein Mensch, ein Mann, ein Ritter und ein Held.

Viel große Würde er noch hat, das will ich nicht vergessen,

er viel gerechter Christ, davon sein Lob uns muß erfrischen;

er ist ein Adel hoch gefürstet, reich und auserwählt.

Von Aren, Falken und von Leuen,

von Leopard und Panther ich wol schweige,

damit will ich es [mein Lob] nicht verbläuen, [verdunkeln]

männlich Lob dem Herzog Ludewige

in Baierland viel wol geziemt, daß all sein Trauern weiche, [sige]

sein Lob hat durch die Welt gebahnt viel Straßen unde Steige:

daß Frau Ehre ihm neige,

das ist seiner Tugenden Geld. [Lohn]

 

Eine ähnliche Beziehung auf ein unbekanntes Loblied nimmt auch dasjenige des Sonnenburgers auf den Herrn von Reifenberg. (Jen. I, 41.)

 

Wer den von Reifenberg zuerst zu einem Zweige maß, [verglich]

das schnöde Lob an früchtereichen Tugenden war gar zu laß:

er sollt’ ihm haben getheilet baß

des Baumes einen Ast.

Seit daß man seine hohe Tugend zu Holze messen soll,

so mag man ihn vergleichen einem ganzen Ehrenbaume wol. u. s. w.

 

11) Demselben Herzog Ludwig gilt folgendes schöne Lied Rumelants. (Jen. II, 13.)

 

Durch schwarze Nacht aufdringet hell das Morgengrau, (Morgenroth)

der klaren, wolkenlosen Luft ihr Himmelblau

gezieret ist mit lichtem Sonnenglaste. (Glanze)

So ist geschönet und gezieret Baierland

mit einem Fürsten, der da löset unsre Pfand,

den Gehrenden und manchem andern Gaste.

Er ist von allem Falsche klar, alsam die Luft, in aller Treue erkennet; (erprobt)

des Roemschen Reiches erster Kieser an der Kür,

zu Laienfürsten ist er Schlüssel unde Thür:

Ludewig Herzog und Pallenzgraf genennet.

 

Als Pfalzgrafen stand dem Herzoge die Ausrufung des durch Stimmenmehrheit erwählten Königs zu, daher wohl die Rede kam, daß Ludwig allein, mit Berufung der sechs übrigen Churfürsten auf ihn, den König Rudolph v. H. erwählt.

 

12) Auf Rudolph von Habsburg singt Meister Conrad von Würzburg ein Lob der Art, wie es Rumelant tadelte. (Man. XXXIV, 24.)

 

Dem Adelar von Rome würdiglichen ist gelungen,

da er Krinvögel (Raubvögel) wunderviel mit seiner Kraft bezwungen;

er hat Lob erschwungen

er hat Lob erschwungen

 

 

 

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99

 

durchlauchtig lauter unde glanz: (glänzend)

Habicht und Falken zwang er in Oesterreiche und in Steier,

das mag in Pülle erschrecken wol die Raben und die Geier *);

Rubinen und Saphire **)

viel billig zieren seinen Kranz.

Vor seinem Glück und seiner Kraft entsetzt sich, was nun Wildes lebe,

es gehe, schwimme oder schwebe,

ob dem kann er wol fliegen:

kein Vogel kann aus allen Landen wider ihn nun kriegen;

sich mußte ein Löwe aus Böheimland unter seine Klauen schmiegen;

er ist, ohne Triegen,

fest und an hohen Ehren ganz.

 

13) Früher noch singt Rumelant dem Könige. (Jen. V, 7.)

 

Nun seht, was Wunder Gott vermag!

Speer und Krone auf Trifels ***) lag viel manchen Tag

bewahret, eh sich Einer ihrer vermaß.

Nach Kaiser Frideriches Zeit

waren Könige fünf, von denen keiner seit (bisher)

zu Achen wenig (kurze Zeit) Königes Stuhl besaß.

Wie viel sie trugen Arebeit,

mit Host, mit Kaufe und mit Gabe,

das Reich war ihnen unbereit:

nun hab' es sich von Habichtsburg der Grave,

der milde Rudolf unverzaget;

in also großen Ehren ward nie König betaget: (offenbar)

Heil komme dem Gottes auserwählten Schwabe!

 

14) Meister Sigeher lobt die Brüder Preussel mit Anspielung darauf, daß sie die Fahrt, die Ulrich von Lichtenstein als König Artus anstellte, ritterlich verherrlichten. (VI, 3.)

 

Artus, man soll dich lange klagen,

seit man die Ehren findet nicht in diesen Tagen,

die man an deinem Hofe wol erwerben kunde.

Lebtest du noch, ich wollte dir geben

zween geehrte Ritter, die da herrlich leben

und die wol ziemten an deiner Tafelrunde:

Zahi! wie man ihren hohen Preis, ihre Würdigkeit

in Oesterreich sieht glästen! [glänzen]

die Preussen theilen Silber, Gold, Roß, reiche Kleid

den Kunden und den Gästen;

Wernhards, Heinrichs Leib trägt Heldenmuth:

lebte Artus, die zweene hätt' er wol für gut ****):

ihr' Treue ist ganz, ihr Lob hat kein Gebresten. [Mängel]

 

15) Rumelant hat manches Herrn Tod zu beklagen, und diese Klagelieder gehören zu seinen schönsten; so das folgende auf den Grafen Gunzelin († 1276) von Schwerin. (Jen. VIII, 10.)

 

Nicht wol ich ihn vergessen mag,

der mich so manchen lieben Tag

gefreuet hat mit seiner Habe;

____

*) Anspielung auf den geforderten Zug Rudolphs gegen Carl v. Anjou.

**) Die Steine in der Königskrone.

***) Von Friederich I. erbaut; nach Philipps Ermordung wurden dort die Reichskleinode hingeschafft.

****) Artus wäre mit ihnen zufrieden.

 

 

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100

 

nun freue ihn Gott der werthe !

Viel Freud' ich weiland war gewohn

bei ihm, da bin ich leider von

geschieden trauriglichen abe:

sein Fleisch ist worden Erde.

Sein' Seele müsse dem wesen bei,

der sie vom Himmel sandte,

nun hilf ihm, Gottes Mutter frei, [rein]

die du gefreit bist ohne Sünd' und Schande!

heiß ihm dein Kind genädig sein,

dem auserwählten Freunde mein:

das war der Grafe Gunzelin,

der weise, werthe von Schwerin,

den man durch seine Tugenden fernhin kannte.

 

16) Den Tod des Herzogs Albrecht von Braunschweig (1279) beklagt folgendes Lied Rumelants. (Jen. VIII, 4.)

 

Nun genade ihm Gott, er war ein Held,

ein Fürste, männlich, auserwählt;

todt ist sein Leib, noch lebt sein Lob,

sein Nam' erstirbet nimmer.

Seine Tugend und Ehre das erwarb,

eh denn sein edles Fleisch erstarb,

daß man ihn wünschet in den Hob [Hof]

lebendgen Lebens immer. [des ewig lebenden Lebens]

Wo thut ein Fürste nun ihm gleich

bei Freunden und bei Magen?

dem Herzog Albrecht von Braunschweig,

den tausend Zungen nicht könnten vollklagen?

nun hab ich oft gehöret sagen,

wen man nach Tode hier beklagt,

der sei von Gnaden unverjagt:

nun gnade ihm, gnadenreiche Magd,

die Gott als Mutter sündenfrei getragen.

 

17) Den jungen König Erich VIII. von Dänemark, der 1286 seinem ermordeten Vater folgte, lobt Rumelant mit Anspielung auf seinen Namen. (Jen. V, 8.)

 

Gott in viel hohen Freuden saß, da er so lang, so groß, so breit, so reichlich maß

das Lob, das an dem edlen Konige erscheinet,

daß ihm in seiner Kindesjugend

gebrichet nicht ein Haar an voller Mannestugend;

nun schauet, wie er sich nach Ehren peinet. [abmüht]

Ja mag er Erich heißen wol:

sein Leib, sein Herz, sein Muth ist Ehren riche;

kein Fürst mit Ehren ward so voll *)

in mancher Zeit, das sprech ich sicherliche, [zuversichtlich]

wie der von Dänemarkenland,

der junge König, der nach dem alten ist genannt,

ein Erich nach dem andern König Eriche.

 

18) Unter den verschiedenen Lobgedichten des Meißners ist dasjenige auf Ottocar von Böhmen, dem Könige Rudolph vorgesungen, wegen seiner eigenthümlichen Tendenz das wichtigste. (Jen. I, 22.)

____

*) v. d. Hagen: „nie vuor mit eren vart so vol“ = „nie fuhr eine Fahrt so voll mit Ehren“, ermangelt des Subjects; daher ich mir die Aenderung erlaubt.

 

 

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101

 

Will Jemand hin zu Böhmerland, der soll da grüßen

von mir den hochgelobten König, der kann wol Kummer büßen

mir unde allen, die seine Hülfe begehr'n.

Die Ungetreuen neiden, daß er ist bei Gute,

bei Ehren und bei Würdigkeit, davon ihm wol zu Muthe;

wer Frieden will, dem kann der König gewähr'n.

Man soll und muß ihm danken, es gab nie bessern Friedemann auf Erden;

König Rudolf, Vogt von Rome, halt ihn zum Freunde, das rath ich dir und dem viel werthen:

wo nähme einen so hohen Schenken das Reich,

also den König aus Böhmerland? wo lebet nun sein gleich?

ein Kaiser würde sein ungern entbehr'n.

 

19) Unter den verschiedenen Lobliedern des Hermann Damen (d. h. Hermann von der Dahme), die denselben Kreis der Bekanntschaft verrathen, wie die des Meißners, hebe ich nur das eine auf Johann von Gristau hervor, das dadurch eigenthümlich, weil der Name des Gelobten dem Texte mit andern Worten eingewebt ist. (Minnes. Bd. III, S. 164.)

 

Gegen strahlender Sonn ein blühender Zweig

entschloß sich nie so schone,

alsam ein Ritter Wankes frei

gegen dem Lohne,

den Ehre zu geben hat.

Er hat gelegt Leib unde Gut

für sie auf eine Wage,

wie noch derselbe heute thut,

der kein Zage [Verzagter]

ist lobelicher That.

Wie das Gries *) vom Thaue durchgossen blümet den Plan,

also blümt sein Herze die Tugend, sonder Wahn:

wol hab' **) ich ihn genennet hie,

wenn sie's nur merken können,

der wissend Unzucht [Unartigkeit nie begie: [begieng]

so versonnen [bedacht]

ist er auf der Ehre Rath.

 

20) Auch die sehr zahlreichen Lobgedichte Frauenlobs zeigen, daß sein Aufenthalt in jüngeren Jahren oder vielleicht auch zu ver schiedenen Zeiten an den Höfen norddeutscher Fürsten gewesen ist; aus der Menge dieser Lieder hebe ich nur das eine auf den Herzog Heinrich von Mecklenburg heraus, mit welchem wahrscheinlich Herzog Heinrich der Löwe gemeint ist. (Jen. I, 52.)

 

Die erste Hälfte des Liedes, eine Art Einleitung, besagt, daß Herz und Sinn hier die Spreu von dem Kerne scheiden wollen; dann hebt das Lob an:

 

Vor aller Missewende [Unglück] ein Schauer [Schutzdach], unde ein Leitesterne

der Tugend, er leitet manchen so, daß er besteht vor Falle;

Ein Kranz, den Ehre geblümet hat,

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*) Gries bedeutet eigentlich Sand (den des Kampfplatzes, daher der Name Grieswärtel), vornämlich den grobkörnigen Ufersand (Niederdeutsch Grant); aber auch Samenkorn; und in der Bedeutung der aufgeschossenen Saat scheint es unser Dichter hier zu brauchen.

**) Im Original jo han, zur Andeutung des Vornamens Johann.

 

 

 

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102

 

eine Krone tugendlicher That;

unde auch ein Wat,

dran jegliche Rath

zu preisen und zu loben staht;

ein Herze, da nie falscher Rath

heraus kam: das ist von Meklenburg Herr Heinrich, dem ich schalle. [singe]

 

21) schließlich mögen hier noch ein Paar Lieder Platz finden, in denen ganze Völkerschaften gerühmt werden; leider sind es so wenige.

 

Das erste des Litschauers betrifft die Sachsen insgemein. (Jen. 4.)

 

Man soll die werthen Sachsen loben allerstund,

ihre Gabe ist allerzeit bereit,

sie sind keusche unde gemeit, [freudig]

dabei männlich und unverzaget.

Ich mache ihrer Milde Lob in manchen Landen kund,

ihre Tugend erfreuet manchen Mann,

da ihnen Gott der Ehren gann; [vergönnte]

drum haben sie oftmals Preis erjaget

in Turneien und in hohen Streiten und auch in Foresten *),

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

sie haben allmeistig Löwen Muth,

um Ehre geben sie ihr Gut,

wol sind sie mancher Tugenden voll.

 

Das zweite Lied ist das des Meister Boppe, in welchem er die Stormarschen als wackere Männer rühmt. (Man. I, 26.)

 

Welch hoher Fürste nun hat hohen Königes Namen,

Leib unde Muth, Ehre und Würde und werthen Gamen, [Ergötzung]

wie hoch sei sein' Gewalt und weithin maere, [berühmt]

es sei ein Römer, Unger, Böhme, ein Franzois,

ein Schotte, ein Spanjol oder ein Englisch curtois

 

(nun folgen noch 7 Zeilen mit Aufzählung theils verständlicher, theils unverständlicher Völkernamen)

 

der möchte sich darum preisen wol mit Ehren und mit Schalle,

hätt' er so stolze Helden gut

auf Ehrenmuth

und also rasch zu kühner That, als da sind die Störren alle.

 

Endlich das schöne, stolzfreudige Lob Walthers v. d. V. auf die deutschen Männer und Frauen. (L. 56, 13.)

 

Ihr sollt sprechen willekommen,

der euch Mähre bringet, das bin ich;

alles was ihr habt vernommen,

ist gar ein Wind; nun fraget mich.

Ich will aber Miethe: [Lohn]

wird mein Lohn nun gut,

so sag ich euch vielleichte, was euch sanfte thut;

seht [zu], was man mir [am] Ehren biete.

 

Ich will Teutschen Frauen sagen

solche Mähre, daß sie desto baß

all der Welte soll’n behagen,

____

*) Eine Art Turnier.

 

 

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103

 

ohne große Miethe thu ich das;

was wollt' ich zum Lohne?

sie sind mir zu hehr: [stolz]

so bin ich bescheiden und bitte sie um nichts mehr,

als daß sie mich grüßen schone.

 

Ich hab Lande viel gesehen

und nahm der Besten gerne wahr;

übel müsse mir geschehen,

könnt' ich je mein Herze bringen dar, [dahin bewegen]

daß ihm wol gefallen

wollte fremde Sitte;

nun, was hülfe mir's, wenn ich unrechte stritte?

Teutsche Zucht geht vor ihnen allen.

 

Von der Elbe bis an den Rhein

und herwider bis an Ungerlant,

da mögen wol die Besten sein,

die ich in der Welte hab erkannt; [kennen gelernt]

kann ich richtig schauen

gut Gelaß [Anstand] und Leib,

so mir Gott, so schwüre ich wol, daß hier die Weib

besser sind, als dort die Frauen *).

 

Teutsche Mann sind wolgezogen,

recht wie Engel sind die Weib gethan,

wer sie schilt, der ist betrogen:

oder ich kann ihn nicht verstahn.

Tugend und reine Minne,

wer die suchen will,

der soll kommen in unser Land, da ist Wonne viel:

lange müsse ich leben darinne!

____

*) Weib und Frau unterscheiden sich in der Rittersprache darin, daß die letzteren vornehmer sind, also besonders gebietende Frauen.

 

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Druck von H. H. L. Ebert's Erben.

 

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104

 

Verbesserungen.

 

Einfügung: Die ausgewiesenen Verbesserungen wurden in den Text eingearbeitet.

 

 

 

 

Quelle:

Das Buch wurde durch das Münchener Digitalisierungszentrum (MDZ) eingescannt und ist wie folgt online verfügbar:

 

https://reader.digitale-sammlungen.de//de/fs1/object/display/bsb10737370_00005.html

 

Die Minnesinger als politische und sociale Parthei an einer Auswahl ihrer Lieder dargestellt

Autor / Hrsg.: Ernst, Ludwig ; Ernst, Ludwig

Verlagsort: Güstrow | Erscheinungsjahr: 1846 | Verlag: Opitz

Signatur: H.lit.p. 648

Reihe: Die Minnesinger als politische und sociale Parthei an einer Auswahl ihrer Lieder dargestellt

Permalink: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10737370-4