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Studien zur Geschichte der mittelalterlichen Kunst in Niedersachsen.

 

Von W. Lübke.

I.

 

Schon früher war es mir vergönnt, in diesen Blättern über eine Anzahl von niedersächsischen Kirchenanlagen der romanischen Periode Notizen zu geben (Vgl. Deutsches Kunstblatt 1850, No. 20. u. 21). Indem ich neue Mittheilungen über Werke jener Frühzeit der vaterländischen Kunst hinzufüge, glaube ich sowohl für die Kulturgeschichte des deutschen Mittelalters, als auch besonders für die Geschichte der deutschen Baukunst einen nicht bedeutungslosen Beitrag zu bieten.

 

Nicht auf einseitiger Vorliebe beruht die Beschäftigung mit jenem vielfach noch unentwickelten Styl. Wie eine denkende Naturbetrachtung mit gespannter Aufmerksamkeit die Entwicklungsprozesse in der Welt des Naturschaffens verfolgt, wie sie mit liebevoller Freude aus den niedern, unvollkommneren Stufen die höhern, vollkommneren hervorgehen sieht: so gewährt es uns nicht geringeren Genuss, auf dem Gebiete der grossartigsten Kunstgebilde, welche der menschliche Geist geschaffen, der architektonischen, die Formen und Gesetze zu erkennen, durch welche das beschränktere Prinzip antiker Bauweise vermöge der Arbeit von Jahrhunderten sich in die freiesten, höchsten Gebilde des gothischen Spitzbogenstyles verwandelt hat. Die Basilika ist bekanntlich die Grundform, an welcher alle jene Veränderungen zur Erscheinung kommen; nirgends aber ist die ganze Reihe der Verwandlungen von der einfachsten flachgedeckten Basilika bis zum complicirtesten gothischen Dome stetiger, nirgends sind die einzelnen Glieder der Kette zusammenhängender, als gerade auf deutschem Boden. Während der Gewölbebau im nördlichen Frankreich früher auftritt als in Deutschland, so dass er von unsern Vorfahren dorther entnommen wurde, fehlt jene Phase der Metamorphose, welche, auf der Grenze zwischen romanischem und gothischem Styl gelegen, wohl mit dem Namen des Uebergangsstyles bezeichnet wird, dort grösstentheils, bildet dagegen in Deutschland eine ganze Klasse von Gebäuden, darunter sehr hervorragende.

 

Die ästhetische Bedeutung des romanischen Styles liegt schon in seiner geschichtlichen Stellung ausgesprochen. Ihn könnte man füglich im höheren Sinne einen Uebergangsstyl nennen: er leitet aus der antiken Baukunst in die gothische hinüber, aus dem Prinzip der Horizontalen in das der Vertikalen. Zuerst ist er durchaus noch ein Sohn der Horizontalen, weder in Gesammtanlage noch im Detail seinen Ursprung verleugnend. Die Bewegung des Halbkreisbogens, wie sie in den Arkaden des Langhauses vorkommt, ist nur ein wellenförmiges Vibriren der Horizontallinie, deren Gesetz durch den die Arkadenbogen nach oben abschliessenden Sims, so wie durch die flache Decke der Schiffe energisch ausgesprochen wird. Den merkwürdigen Entwickelungsgang, welchen der deutsche Geist in Umgestaltung jener fremdher übertragenen Bauform, der Basilika, genommen hat, zeigt unter allen deutschen Gauen am deutlichsten das alte Sachsenland. Während die übrigen Länder, die mit der innerlichen Norm auch die äusserliche Form der Kirche von Rom her empfangen hatten, das bauliche Schema mit vorwiegender Einseitigkeit umbildeten, erkennt man beim Deutschen auch hierin wieder die mehr kosmopolitische Gewandtheit, mit der er sich in jeder Unterart der Grundform versucht, die lebendige Mannichfaltigkeit seiner mehr individualistischen Richtung, die in so manchen eigenthümlich originellen Umbildungen sich offenbaret. So finden wir auf dem engumgränzten Gebiete, welches die Abstufungen des Harzes umfasst, jede erdenkliche Form der romanischen Basilika vertreten. Die primitive altrömische Anlage, die nur die drei Langschiffe kennt, scheint zwar im Norden keinen Anklang gefunden zu haben oder frühe schon verdrängt worden zu sein; dennoch zeigt sie sich in der Kirche zu Bursfelde an der Weser.

 

 

Das Querschiff erst bot Gelegenheit, die Einförmigkeit, die in dem Parallelismus des Hauptschiffes und der beiden Abseiten lag, zu unterbrechen. Wagt es in wenigen Anlagen, wie in Frose, nach aussen noch gar nicht sich geltend zu machen, oder nur unmerklich, wie in Gernrode, so tritt es bei der grossen Mehrzahl mit starker Ausladung aus dem Kerne des Langhauses hervor. Noch reicher wird in einzelnen Fällen die Durcharbeitung des Grundrisses, wenn die Seitenschiffe sich über den Querflügel hinaus neben dem Hauptchore fortsetzen; in solchen Anlagen krönt dann der Schmuck eines ausgebildeten Systems von Halbkreisnischen, jede kleinere eine Vordeutung oder ein Nachklang der grossen Hauptaltarnische, das Werk.

 

Aehnliche Mannichfaltigkeit waltet in den stützenden Gliedern, welche die parallel laufenden Räume des Langhauses trennen. Die ursprüngliche Form der reinen Säulenbasiliken treffen wir in unserm Norden selten; Paulinzelle, Hamersleben, die Kirche des Moritzberges bei Hildesheim möchten in diesen Gegenden die einzigen Beispiele sein. Bald aber verbindet sich die glänzende, zierlich schlanke Tochter des Südens, die Säule, mit dem strengen, einfachkräftigen Sohne des Nordens, dem Pfeiler; zunächst in der Weise, dass immer zwischen je zwei der Säulen ein Pfeiler in die Reihe eingeschoben wird. Hier überwiegt noch das mehr sinnlich schöne Element; der noch jugendlich ungeregelten Phantasie wird der weiteste Spielraum geboten; mit üppiger Fülle bedeckt sie bald jedes geeignete Plätzchen, besonders die Kapitäle der Säulen. In den Maassen, den Abständen, der Anordnung und Stellung von Pfeilern und Säulen herrscht daher auch bei den Monumenten dieser Art die meiste Willkür und Regellosigkeit. Die hieher gehörigen Kirchen sind durchweg, aus dem 10. und 11. Jahrh. S. Godehard und der Dom in Hildesheim machen nur scheinbar eine Ausnahme, da sie sich auf das Beispiel der grossartigen Michaelskirche stützen. — Gleichzeitig mit dieser Gattung und in ungefähr gleicher Ausdehnung neben ihr wird die andre Form ausgebildet, die je einen Pfeiler mit einer Säule wechseln lässt.

 

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Indem hierdurch das mehr dekorative, anmuthigere Element der Säule beschränkt und auf gleiches Maass mit dem mehr construktiven, strengeren des Pfeilers zurückgedrängt wird, ergiebt sich eine Gesammtwirkung, die zwischen beiden die glückliche Mitte hält, dem Eindruck eines Gedichtes zu vergleichen, an welchem männliche und weibliche Reime gleichen Antheil haben. Besonnener, bewusster, gesetzmässiger gestaltet sich der Plan des Grundrisses; aber mit der Gliederung des Grundrisses nicht zufrieden, steigt der künstlerische Gedanke empor und macht die ersten geistvollen Versuche, auch die monotonen Wandflächen und die Ueberdeckung des Raumes organischer zu beleben. Zunächst entfernt sie jenen Horizontalsims, der mit seiner strengen Linie wie ein Bann lastend die Bogenbewegung auf die Arkaden allein beschränkte; hier nun wird jene bekannte Anordnung erfunden, welche von Pfeiler zu Pfeiler in der Wand des Mittelschiffes eine Bogenverstärkung schlägt, mit derselben jedesmal zwei Arkadenbogen überspannend; hier endlich wird auch früh schon die Ueberwölbung des Schiffes aufgenommen und somit dem Prinzip des Halbkreisbogens der ganze bauliche Organismus unterworfen.

 

Diese Form, in ästhetischer wie constructiver Hinsicht der oben erwähnten so weit überlegen, wurde dennoch, als die Entwicklung der Architectur mit Riesenschritten weiterging, verlassen und scheint bei der nachmaligen Ausbildung ohne merklichen Einfluss geblieben zu sein. Warum? Wurde etwa von aussen her, von Nordfrankreich, das dem östlichen Nachbarlande ebensowohl seine Mönchsorden wie sein Bausystem zuschickte, ein so starker Impuls gegeben, dass vor demselben die althergebrachte vaterländische Gewohnheit des Bauens zurückweichen musste? Solche Erklärung möchte doch nicht ganz genügen. Vielmehr scheint die Säule doch immer dem norddeutschen Geiste etwas Fremdartiges geblieben zu sein; hatte er ihr auch in dem kubischen Kapitäl und dessen nordisch-phantastischen Verzierungen einen durchweg eigenthümlichen Kopf gegeben: in den letzten Zeiten des romanischen Styles machte sich doch, gleichsam wie ein tamen usque recurret, vorzugsweise die antikisirende Kapitälform wieder geltend; ja von der angestammten attischen Basis hatte man sie nie lostrennen können, so fest wurzelte sie ihrem innersten Wesen nach in der Baukunst des Südens. Wohl war daher jene schöne Form der Umbildung die höchste Stufe, welche der künstlerische Genius dem fremden Elemente abringen konnte; als er sich aber zu der noch höheren Conzeption eines consequent durchgeführten Gewölbebaues anschickte, da musste mit den alten Ueberlieferungen durchaus gebrochen und ein neues System adoptirt werden. Das war der Pfeilerbau.

 

Während nämlich jene beiden Combinationsformen von Säule und Pfeiler, die in diesen Gegenden fast ausschliesslich nur bis Ende des 11. Jahrhunderts angewandt worden, in dem ganzen niedersächsischen Gebiete 1) sporadisch neben einander vorkommen, ohne dass man einen wechselseitigen Einfluss, ein Herrschen und Vordrängen des einen oder des andern nachweisen könnte, entsteht mit dem 12. Jahrh. das System blosser Pfeilerstellungen — nur in einzelnen Fällen früher —, welches bald jene älteren Anordnungen beseitigt und den Gewölbebau anbahnt. Man weiss, wie diese Pfeilerbasiliken, streng und primitiv beim ersten Auftreten, bald eine reichere construktive Belebung und Gliederung der Stützen, analog mit den aus diesen emporsteigenden Gewölbrippen, gewannen. Eine Reihe von interessanten Belegen zu diesen Entwicklungsstufen sind in den Bauten von Goslar, der Frankenbergerkirche, der

 

 

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1) Wenn ich von niedersächsischem Gebiet rede, so nehme ich die Theile, wo der Ziegelbau herrscht, aus.

 

 

Marktkirche und der Klosterkirche Neuwerk, bereits anderweitig besprochen. Weniger bekannt dürfte eine ähnliche Gruppe sein, welche die Gegend von Braunschweig aufweist. Diese werden zunächst in Folgendem dargestellt werden.

 

Von Braunschweig an in östlicher Richtung sich hinziehend, findet sich, auf den engen Raum weniger Quadratmeilen zusammengedrängt, eine verhältnissmässig bedeutende Anzahl von Kirchen, die durch mancherlei wesentliche Eigentümlichkeiten so genau zu einander gehören, dass wir sie unter dem Namen eines braunschweigischen Styles zusammenfassen können. Ohne Ausnahme Pfeilerbauten, schliessen sie jede andre Form der Basilika aus und bilden dadurch eine so compakte Gruppe verwandter Anlagen, wie wir sie auf dem ganzen Gebiete Sachsens nicht wiederfinden. Für eine solche Erscheinung werden wir weder den Zufall, noch das Material als endgültigen Grund annehmen dürfen; vielmehr scheint in diesen Gegenden der Sinn überhaupt ein ernster, strenger gewesen zu sein, wie denn hier auch sehr früh schon die Reformation mächtig Boden gewann, während das nicht ferne Hildesheim, wie es einst, mit Ausschliessung der Pfeilerbasilika, seinen alten Säulenbau beibehielt, auch später, den überlieferten religiösen Anschauungen treu, das Lutherthum nur zum Theil annahm. Früh schon verzichten die braunschweigischen Kirchenanlagen auf den dunklen, mystischen Gräberdienst der Gruftkirchen; die Krypta fehlt ihnen durchweg 1). Mit ihr schwand auch die unorganische bedeutende Bodenerhöhung des Chores, der nun, in den engsten architektonischen Verband mit der Gesammt-Anlage gezogen, auf construktivere Weise durchgebildet werden konnte. Im Uebrigen sind die wesentlichen Merkmale dieser Kirchen Beschränkung des ornamentalen Elementes, Vorwiegen des Construktiven, Massenhaften; Strenge in der genauen Durchführung der einmal angenommenen Maasse und Verhältnisse; meistentheils ungewöhnliche Länge des Langhauses und mehrfach gradliniger Chorabschluss.

 

Die Phantasie ist also, verdrängt durch das Gesetz streng architektonischen Schaffens, durch das Walten des statischen Prinzips, auf ein Minimum zurückgeführt. Dass dies Absicht ist, tritt am klarsten bei der Kirche in Königslutter zu Tage, die bei aller Grossartigkeit der Anlage doch nüchtern zu nennen ist im Vergleiche mit dem Kreuzgange, unbedingt einem der prachtvollsten der Welt.

 

 

Ueberhaupt bleibt ein gewisser Ausdruck von Ernst und Strenge auch den späteren dieser Kirchenanlagen eigen, und selbst die durchgebildetsten unter ihnen kommen an Reichthum der Ausführung denen anderer Gegenden nicht gleich. Dafür aber werden wir entschädigt durch eine der consequentesten, stetigsten Entwicklungen des einmal adoptirten Systemes, welche es uns möglich macht, für jede neue Stufe der Ausbildung mindestens ein Beispiel, aufzuführen.

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1) Die Krypta des braunschweiger Doms, der bekanntlich um 1171 von Heinrich dem Löwen erweitert und umgebaut wurde, kam als Erbtheil der alten Anlage in den Neubau hinüber.

 

 

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Studien zur Geschichte der mittelalterlichen Kunst in Niedersachsen.

 

Von W. Lübke.

II.

 

Das braunschweigische Gebiet, eins der fruchtbarsten und anmuthigsten zugleich in Nord-Deutschland, lockte schon früh die geistlichen Hinterwäldler des Mittelalters zur Gründung von zahlreichen Niederlassungen. Die Klosteranlagen des rauheren, aber auch wildromantischeren Harzes scheinen unter diesen die früheren zu sein; doch finden wir auch in dem schon bezeichneten nordöstlicheren Theile, der uns hier vorzugsweise beschäftigen soll, einige Spuren uralter Ansiedlungen. 1)

 

 

Ein geeigneteres Terrain konnte auch nicht gefunden werden. Der Elm, einer der letzten Nachklänge des Harzgebirges, begränzt von Osten nach Westen streifend mit seinen sanftansteigenden bewaldeten Anhöhen ein Gebiet, welches, wenige Quadratmeilen umfassend, durch mannichfache Abwechselung von Wald und Feld, von Berg und Thal, Aeckern und Wiesen sich auszeichnet. Hier fand jeder von den verschiedenen Mönchsorden Plätzchen, wie er sie liebte: der Augustiner und Benediktiner

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1) Helmstedt, eine der ältesten Städte Sachsens, bewahrt noch Reste seines alten Ludgeri-Klosters in einer jetzt als Salzmagazin benutzten Krypta.

 

 

bewaldete Bergrücken, die weithin herrschend ins blühende Land schauen; der Cisterzienser einsame Waldthäler, die noch immer nach so vielen Jahrhunderten den Charakter stiller Weltabgeschiedenheit an sich tragen und zur frommen Betrachtung einluden.

 

Wir beginnen mit einer der Klosteranlagen des letzteren Ordens, der bekanntlich als Gegensalz gegen die schon in Ueppigkeit ausgearteten Benediktiner gestiftet wurde und sich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts schnell über das nordwestliche Deutschland verbreitete. Demgemäss ist der Charakter der Cisterzienser-Klosterkirche Marienthal ein höchst einfacher, um so mehr, da die Einfachheit des Styls, die wir als diesen braunschweigischen Bauten eigenthümlich bezeichnet haben, hier durch die Strenge des Ordens noch potenzirt erscheint.

 

 

Eine Meile nördlich von Helmstädt in einem fruchtbaren Thale des Lappwaldes gelegen, wurde das Kloster 1138 von Friedrich II., Grafen v. Sommerschenburg gegründet; gegen 1146 war der Bau vollendet. Die Grundform der Kirche ist in so fern die gewöhnliche der altsächsischen Basiliken, dass drei Schiffe vorhanden sind, von denen das mittlere sich jenseits des stark ausladenden Kreuzschiffes als Chorraum fortsetzt. Ungewöhnlicher ist aber, dass die Altartribüne fehlt, und der Chor also unschön in einer geraden Linie abschliesst. Wir werden diese Art der Chorbiidung noch mehrmals antreffen und dann darauf zurückkommen; hier nur so viel, dass sie in den braunschweig-hannoverschen Gegenden ausschliesslich von den Cisterziensern angewandt erscheint. Getrübt ist die bauliche Anlage der sonst wohlerhaltenen Kirche in so fern, als die ehemaligen Fortsetzungen der Seitenschiffe neben dem Chore entfernt sind; man gewahrt indess nicht allein ihre Spuren, im Innern an den vermauerten halbkreisförmigen Oeffnungen, im Aeussern an der deutlich sichtbaren Dachlinie, sondern auch in Merians Topographie der Herzogtümer Braunschweig-Lüneburg (1654 gedruckt) sind sie auf der Abbildung genau angegeben. Die ganze Kirche ist flach gedeckt, nur der quadratische Chorraum durch ein rundbogiges Kreuzgewölbe ausgezeichnet, dessen schwerfällige, fussbreite, undetaillirte Gurten einerseits auf den Kapitälen zweier Halbsäulen, andrerseits, nach dem Schiffe zu, auf zwei konsolenartigen Kämpfergesimsen ruhen. Diese Säulenkapitäle sind der einzige Raum, welchen man der Skulptur auszuschmücken gestattet hat; alle übrigen Theile der Kirche sind kahl, öde, einförmig, noch monotoner durch die gegenwärtige Tünche. Die viereckigen Pfeiler, in acht Paaren die Schiffe trennend, wenngleich nicht gerade schwerfällig ihren Verhältnissen nach, sind doch durch keine feinere Gliederung ausgezeichnet; während ihre Basen sämmtlich durch den erhöhten Fussboden dem Auge entzogen sind, bemerkt man an der Profilirung ihrer Kämpfergesimse einige, obschon nur geringe Mannichfalligkeit. Nicht minder schmucklos ist der Horizontalsims über den Arkadenbogen. Die Länge der Kirche im Lichten beträgt 175 F. Rhl., die grösste Breite 72 F. — Das Aeussere entspricht an schlichter Schmucklosigkeit dem Innern; selbst der so allgemein verbreitete Rundbogenfries fehlt. Auf der Kreuzung des Langhauses mit dem Querschiff erhebt sich ein nicht grosser Thurm von quadratischer Unterlage. Die Westfacade, einer Gewohnheit der Cisterzienser gemäss ohne Thurmbau, bietet für diesen Mangel in einer verhältnissmassig zierlichen und reichen Anordnung einigen Ersatz. Das hier befindliche Hauptportal, jederseils von drei Säulen mit kubischem Kapitäl eingefasst, in einigem Abstande darüber ein horizontaler Rundbogenfries, aus dem Lisenen niedergehen, macht eine gute Wirkung. Das Material der Kirche besteht aus grossen, sorgfältig behaltenen und ineinandergefügten Sandsteinquadern.

 

Von ähnlicher Einfachheit ist die alte Kirche in dem eine

 

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halbe Meile östlich gelegenen Walbeck, 1) gebaut nach 1011, die hier einzufügen sein dürfte.

 

Wenden wir uns nun ein wenig südlich, so ist bald das alte, den Chroniken nach schon von Karl dem Grossen gegründete Helmstädt erreicht. An der Westseite der Stadt, ausserhalb der Ringmauern, erhebt sich ein Hügel, der von der ihn krönenden Kirche den Namen des Marienberges führt. Von hier aus geniesst man ein reizendes Panorama: dicht vor uns auf der einen Seite die Stadt mit ihren Wällen, Thürmen und Kirchen; ringsum die anmuthig bewaldeten Höhen des Elm, wechselnd mit reichen Kornfeldern und frischen Wiesen, und von einem nicht zwei Meilen entfernten Ausläufer der Hügelkette winkt stolz mit ihren drei mächtigen Thürmen die Königin des Landes, die Abteikirche von Königslutter. Das Marienberg-Kloster verdankt sein Entstehen dem Abte Wolfram zu Werden (an der Ruhr) und Helmstedt, der es 1181 als Augustiner-Nonnenkloster stiftete. Obwohl im Innern unmerklich feiner ausgebildet, als Marienthal, obwohl in einzelnen Theilen sogar von brillanter Durchführung, ist im Ganzen und Grossen die Anlage dieser Kirche kaum weniger einfach. Flach gedeckt in allen ihren Theilen, den westlichen Thurmbau allein ausgenommen, hat sogar der später gothisch umgebaute und polygon abgeschlossene Chorraum kein Gewölbe, obgleich Gewölbträger in der Form von Halbsäulen sich finden. Vielleicht ist das Gewölbe hier zerstört oder nicht ausgeführt worden. Die Querflügel haben die üblichen Absiden. Das Langhaus wird von sechs Pfeilerpaaren gebildet, von denen nur einige eine Verzierung in der Form eines dünnen Ecksäulchens haben. Hier nun ist in der Anordnung eine Eigentümlichkeit: die beiden ersten Pfeilerpaare — vom Querschiff aus gerechnet — haben bedeutend geringeren Abstand, als die übrigen; diese Anordnung hatte zur notwendigen Folge, dass hier die Arkadenbogen, um den übrigen im Halbkreise gespannten an Höhe gleich zu kommen, spitzbogig gebildet werden mussten. Eine etwa 4 F. hohe, je zwei dieser Pfeiler verbindende Mauer trennt das Mittelschiff hier strenger von den Abseiten; dies und die Erhöhung des Bodens um zwei Stufen beweist, dass der so ausgezeichnete Raum, wie dies oftmals geschah, mit in den Bereich und die Bestimmung des Chors gezogen wurde. Aber der Spitzbogen hat sich hier schon weiteres Terrain erobert: die vier grossen Bogen, welche bei der Kreuzung von Langhaus und Querflügel entstehen, zeigen ihn in seiner gedrückten primitiven Bildung. Ebenso hat ihn die Vorhalle. Diese zerfällt, der Breite der drei Schiffe analog, in drei Theile und zeigt nicht allein grösseren Detailreichthum, sondern auch eine höhere constructive Entwicklungsstufe. Halbsäulen, mit den Pfeilern verbunden, werden zu Gewölbträgern, indem halbrunde Rippen eines spitzbogigen Kreuzgewölbes von ihren Kapitälsimsen aufsteigen. Auch die jetzt vermauerten Bogen, durch welche einst die seitlichen Theile der Vorhalle mit den Nebenschiffen communicirten, weisen den Spitzbogen. Vermuthlich trug einst, den ähnlichen Anlagen andrer Nonnenklöster entsprechend, die Vorhalle eine Loge oder Empore. Kaum braucht bemerkt zu werden, dass dieser Westtheil später entstanden ist, als der übrige Bau; er dürfte dem Anfange des 13. Jahrh. angehören.

 

Das eigentümliche Interesse bei dieser Kirche beruht also auf der Mischung, in welcher wir die Formen des Spitzbogens unter denen des Rundbogens erblicken, und zwar, die Vorhalle abgerechnet, in ähnlicher Weise wie bei einigen verwandten Anlagen des Mittelrheines: so nämlich, dass der Spitzbogen, noch ohne konstructive Bedeutung, lediglich als Ornament erscheint, als eine anziehende neue Form, mit welcher man die

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1) Kugler, Kunstgesch. S. 474.

 

 

Monotonie des Rundbogens zu unterbrechen sucht. Derselben Regel folgend, erlaubt man sich am Aeusseren diese Neuerung noch nicht. Hier tritt die alte Dekorationsweise der Rundbogenfriese, der Wandpilaster, der rundbogigen Portale noch in voller Kraft hervor. Das Hauptportal in der Westfaçade gehört mit zu den glänzendsten derartigen Erzeugnissen deutsch romanischer Kunst. Vier Säulen, die es jederseits einfassen, sind an ihren Schäften, Kapitälen, so wie an den von ihnen aufsteigenden Rundbogenstäben mit einem aus Pflanzen- und Thierformen arabeskenartig componirten Ornamentwerk ganz und gar bedeckt. Diese Skulpturen sind von so feiner, edler Ausbildung, dass sie eine steinerne Filigran-Arbeit scheinen; leider hat die Ungunst des Wetters den weichen Stein an vielen Stellen nur zu sehr schon angegriffen. Ueber dem Portale das belieble romanische Kreisrundfenster, das bekanntlich sogar in manche gothische Bauten sich verirrt hat. Das Material der Kirche sind trefflich bearbeitete, scharf ineinandergefügte Sandsteine. Die Westfaçade bis zur Höhe des Daches ist alt; der schwerfällige viereckige Thurm gehört, wie auch das viel schlechter behandelte Material anzeigt, einer späteren Zeit, da ursprünglich wahrscheinlich zwei Westthürme beabsichtigt wurden. Innere Länge der Kirche ohne Vorhalle 160 F., grösste Breite 74 F. —

 

An diese Beispiele durchweg flachgedeckler Pfeiler-Basiliken reihen wir eine Kirchenanlage, aus deren sehr veränderter Form wir nur noch den Zustand der östlichen Theile als einen ursprünglichen herauslesen können. Es ist die Laurentius-Kirche vor dem Helmstädt benachbarten Schöningen.

 

 

Eben so verwischt wie ihre frühere bauliche Anlage, ist auch die Geschichte ihrer ersten Stiftung. Nur so viel sagen uns die Chroniken, dass das Kloster, ein Augustiner-Nonnenstift, von den Barbaren um‘s Jahr 982 verwüstet worden sei. Doch müssen nach diesem Unfalle die Nonnen sich an ihrem alten Orte wieder zusammengefunden haben, denn Reinhard, der fünfzehnte Bischof von Halberstadt, fand daselbst sehr entartete Nonnen, vertrieb dieselben und schuf das Kloster zu einem Sitze für Mönche um, die er 1121 aus dem benachbarten Augustinerconvent Hamersleben kommen liess. Auch für dieses Kloster haben die Gründer eine vortreffliche Lage auszuwählen gewusst; man erblickt es schon meilenweit mit seinen hohen Thurmzwillingen, auf einem waldigen Bergrücken thronend, und von den Schallöffnungen dieser Thürme aus bietet sich dem Auge eine Fernsicht über unzählige Dörfer, Klöster und Städte, die nach der einen Seite durch die grossartigen Linien des Brockens würdig begranzt wird. Dass die Kirche ehemals der allgemeingültigen Form der dreischiffigen Basilika folgte, ist unzweifelhaft. Die spätere bauliche Umgestaltung, welche anstatt des dreischiffigen romanischen Langhauses ein einschiffiges gothisches aufgeführt hat, verdeckt nicht alle Spuren der früheren Anordnung. Die ehemaligen Oeffnungen der Seitenschiffe sind an der Innenwand der Querflügel sichtbar; in den östlichen Wänden derselben sind ähnliche Bogenöffnungen vermauert, die man beim ersten Anblick als seitliche Absiden ansprechen möchte. Combinirt man sie aber mit den zwei Bogenöffnungen, deren Linien man an jeder Chorseite deutlich gewahrt, so wird klar, dass hier früher Fortsetzungen der Seitenschiffe bestanden, die durch eine freie Bogenstellung, wie in Königslutter, Paulinzelle und — aller Wahrscheinlichkeit nach —- im benachbarten Hamersleben, mit dem Hauptchore zusammenhingen. Bei einem späteren Umbau hat man diese Theile entfernt und durch den Unterbau zweier mächtiger Thürme ersetzt, der in sehr starken Mauern und rundbogigen Kreuzgewölben seine Festigkeit besitzt. Chor und Kreuzflügel der Kirche sind in ähnlicher Weise überwölbt; zugleich zeigt sich in Halbsäulchen, die mit den Pfeilern verbunden sind, ein Sinn für lebendigere Gliederung der stützenden Massen.

 

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Die Säulen haben einfach kubisches Kapitäl. —Am Aeusseren tritt der eben erwähnte Thurmbau als besondre Abnormität hervor. Die beiden hoch aufsteigenden, viereckigen Thürme erscheinen als Flankirungen der Hauptchortribüne, die von ihnen hart begränzt wird, und, was den Eindruck noch ungewöhnlicher macht, den Thürmen fehlt auch ein horizontal abgeschlossener Zwischenbau nicht, der den Giebel des quadratischen Chorraumes verkleidet und in die Maske einer Westfaçade hüllt. Ich bemerke noch, dass die Gliederung der Hauptabsis durch Lisenen, Rundbogenfries und Halbsäulchen von einem Streben nach anmuthig malerischer Wirkung zeugt.

 

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Studien zur Geschichte der mittelalterlichen Kunst in Niedersachsen.

 

Von W. Lübke.

 

III.

 

Von den flachgedeckten Basiliken leitete uns die theilweise gewölbte Laurentilis-Kirche in Schöningen zu den ganz auf Gewölbe angelegten Monumenten hinüber. Unter diesen ist als eins der bedeutsamsten die Abteikirche Königslutter hervorzuheben, über die ich im Dürer-Jahrgange unseres Kunstblattes No. 20. S. 157 ff. berichtet habe. Diese Kirche ist an Grösse und Adel der Verhältnisse, an reicher Pracht der Durchführung, an Trefflichkeit des Materials und dessen Behandlung die Perle unter den Bauwerken weit und breit.

 

 

Nachdem ich sie selbst wiederholt besucht habe, möge mir vergönnt sein, meinen früheren nicht auf Autopsie beruhenden Notizen noch Einiges hinzuzufügen.

 

Die Grundform der Kirche ist bekanntlich die der üblichen drei Langschiffe, die durch sieben Pfeilerpaare getrennt werden; eines Kreuzschiffes, auf dessen mittlerem Quadrate sich der achteckige Hauptthurm erhebt; des Chores, der mit den als Seitenchöre verlängerten Nebenschiffen zusammenhängt, und eines reichen Nischensystemes, indem ausser der Haupttribüne noch vier kleinere vorhanden sind. In den östlichen Theilen der Kirche, dem quadratischen Chor-Raume, den Nebenchören,

 

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den drei Quadraten des Kreuzschiffes ist das ursprüngliche gurtenlose, rundbogige Kreuzgewölbe erhalten; die tragenden Glieder sind aufs reichste und edelste gegliedert, indem Halbsäulen mit prachtvoll verzierten Kapitälen die Pfeilerecken ausfüllen, als Träger der Verstärkungen der Scheidbögen und der Kreuzgewölbe. Wäre das hier zu hoher Anmuth ausgebildete System durch alle Theile des Baues consequent beibehalten worden, so wäre diese Kirche unbedingt das edelste Produkt der romanischen Architektur in den ganzen deutschen Landen, und selbst die besten Monumente des rheinischen Gebietes, obwohl an Pracht der Ausstattung allen verwandten Anlagen Deutschlands weit überlegen, dürften sich an harmonischer, einheitlicher Durchbildung mit ihm nicht messen. Nun aber hört mit dem Beginne des Langhauses plötzlich jene feine Ausführung auf; das Mittelschiff ist kahl und einförmig, und die offenbar später eingesetzten spitzbogigen Gewölbe, deren Pilasterstützen auf baroken Konsolen unschön dicht über dem Horizontalsims ruhen, und deren Schildbögen hart in die Halbbögen der Fenster einschneiden, geben einen unerfreulichen Eindruck. In den Seitenschiffen ist nur das erste Gewölbequadrat noch in der Weise der angrenzenden östlichen Theile zierlich mit Pilaster und Halbsäulchen gegliedert; von da ab verfällt alles Uebrige gleicher Nüchternheit, und merkwürdig genug begegnet uns beim Aeusseren der Kirche gerade auf derselben Stelle die letzte Spur zierlicher Detaillirung, da die Wandflächen des Langhauses im Uebrigen kahle, unbelebte Mauermassen bieten. Mit der westlichen Vorhalle ist schon früh eine Veränderung vorgenommen worden; man gab nämlich, wie dies oftmals anderwärts geschehen ist, den westlichen Eingang, der ohnehin niemals Haupteingang war, auf, vermauerte das Portal und schuf den Raum der Vorhalle zu einer gruftartigen Kapelle um, deren niedriges rundbogiges Kreuzgewölbe in zwei Säulen seine Stützen fand. Zwischen diesem Gewölbe und dem Boden der Loge ist noch jetzt ein Raum vorhanden, der zur Bälgenkammer dient und dessen Tonnengewölbe das der ehemaligen Vorhalle ist. Man entdeckt an demselben noch die Spuren einer Bemalung, unter welcher wir ohne Zweifel die alte zu erkennen haben. Denn diese, bauliche Umgestaltung der Vorhalle geschah in den letzten Zeiten des romanischen Styles; dafür sprechen die rundbogigen Kreuzgewölbe , die Kelchform der Säulenkapitäle und die bereits im Spitzbogen überwölbte Thür, die aus dem Mittelschiffe hineinführt. Gegenwärtig ist eine Untersuchung dieser Gemälde nicht ausführbar. Das schon von mir erwähnte seltsam gestaltete Haupt-Portal hat leider viele Verstümmelungen erfahren; bei einer genaueren Durchforschung der Kirchenräume erst entdeckte ich in einigen; durcheinandergeworfenen Steintrümmern die Tatze des einen Löwen, welche den Oberkörper eines zierlich gelockten Kindes gefasst hält; wahrscheinlich war dem anderen Ungethüm ein ähnliches Bild beigegeben. Die Stellung der Löwen ist nicht, wie in den meisten italienischen Kirchen, dem Herantretenden entgegengewendet 1), sondern einander zugekehrt, wie an der Kathedrale von Cremona

 

 

und S. Quirico bei Sienna. Das Material der Kirche ist ein vortrefflicher Kalkstein, den die Steinbrüche des nahen Elms bieten; die grossen sorgfältig bearbeiteten Quadern sind sehr genau zusammengefügt, die Fugen äusserst schmal, und an dem ganzen Mauerwerke vermag auch die schärfste Uutersuchung keinen Riss zu entdecken. Länge der Kirche 233 F. rh., grösste Breite 110 F. Der prachtvolle Kreuzgang gehört, seiner graziösen

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1) So an San Zenone und der Kathedrale zu Verona,

 

 

San Donino bei Parma, der Kathedrale von Trient, Sta Maria in Toscanella, den Kathedralen zu Monza und Modena und, doch hier ohne Säulen, San Pietro in Spoleto.

 

Detailbildung nach, den letzten Decennien des 12. Jahrhunderts an.

 

Gehen wir nun zu dem nicht viel später erbauten Braunschweiger Dom über, den Heinrich der Löwe von 1172 bis 1194 neu umbaute, so finden wir hier zwar nicht die zierliche Detaillirung der östlichen Theile von Königslutter, aber auch nicht die unorganische Anlage des Langhauses.

 

 

Ist demnach der Eindruck ein strengerer, minder malerischer, so zeigt dafür auch der Gewölbebau eine höhere, consequentere Durchbildung. Die Krypta, die sich von der alten Anlage her noch vorfand, wurde mit in den Plan des Neubaues aufgenommen; der bedeutend erhöhte Raum des Chores und der Querarme erhielt seinen Hauptschmuck in den vor einigen Jahren aufgefundenen und ungeschickt restaurirten Wandgemälden. Im Langhause wurde, mit Ueberschlagung je eines Pfeilers, der nächstfolgende durch einen Pilastervorsprung verstärkt, der den Gewölben zur Stütze diente; vier Gewölbequadrate bilden demnach das Mittelschiff. Durch das Weglassen der Ecksäulen wurde der Ornamentik jeder Raum zur Entfaltung abgeschnitten. Der Mangel des Dekorativen wird aber, wie gesagt, durch den Fortschritt des Construktiven aufgewogen. Später erhielt der Dom zu den vorhandenen Nebenschiffen noch zwei neue gothische.

 

Wie erfinderisch man in diesen Gegenden war, den Gewölbebau umzugestalten und fortzubilden, mit wie reger Theilnahme man das an andern Orten bereits Gültige bei sich einzubürgern suchte, wird noch klarer werden, wenn wir nun eine andere Kirchen-Anlage den früheren hinzufügen, die wieder in anderer Weise durchgeführt ist. Es ist die kleine Templerkirche zu Süpplingenburg.

 

 

Dieser Stammsitz eines der ältesten sächsischen Grafengeschlechter liegt in der Mitte zwischen Königslutter, Marienthal und Helmstädt auf einem Wiesengrunde, zwischen Gebüsch ganz versteckt, und da auch das kleine auf der Durchschneidung von Langhaus und Querschiff angeordnete Glockenthürmchen kaum aus den Bäumen hervorragt, so entgeht dem spähenden Blicke des kunstforschenden Wanderers leicht ein Denkmal, das bei genauerer Prüfung gleichwohl des Interessanten Mancherlei bietet. Schon bei der Vertreibung der Templer im Anfange des 14. Jahrhunderts (circa 1320) mögen die meisten urkundlichen Schätze der Stiftung verloren gegangen sein, so dass es über die Baugeschichte der Kirche an Daten gänzlich fehlt. Das Eine wissen wir durch H. Meibom‘s Chronik, dass Lothar von Süpplingenburg, der deutsche Kaiser, im Jahre 1130 sein Stammgut den Tempelherrn schenkte. Das Aeussere der Kirche spricht auch für diese Zeit der Erbauung; zugleich aber redet es in deutlichen Spuren von einer späteren baulichen Veränderung, von welcher die geschriebenen Nachrichten schweigen. Die Mauermassen sind nämlich in der hergebrachten Weise durch Lisenen und Halbsäulchen gegliedert, welche oben durch einen Rundbogenfries horizontal verbunden werden; die Mauern des Kreuzschiffes sind ausserdem durch einen in halber Höhe angebrachten Rundbogenfries in zwei Stockwerke getheilt. Jener obere Fries aber, der regelmässig dicht unter der Dachlinie sich befindet, liegt hier 5 Fuss circa unter dem Anfange des Daches, und da wo die Rundbogen nicht mehr sich erhalten haben, zeugen die Konsolenköpfe von seinem früheren Vorhandensein. Man hat also einmal Querschiff, Chor und Mittelschiff der Kirche bedeutend erhöht. Der Grund für diese Umgestaltung wird beim Eintritte ins Innere gleich augenscheinlich; das ganze Innere ist gewölbt, und da aller Wahrscheinlichkeit nach ursprünglich die kleine Kirche flach gedeckt war, so musste man des Ueberwölbens wegen die Grundmauern überhöhen. Welche Ursache des Neubaues vorgelegen hat, lässt sich freilich nicht ermitteln. Das Mittelschiff besteht aus drei Gewölbquadraten,

 

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indem, wie am braunschweiger Dom, mit Uebergehung eines Pfeilers der jedesmal folgende ausser seiner Funktion als tragendes Glied der Arkadenreihe noch für die Bestimmung eines Gewölbträgers ausgebildet ist. Was jedoch dort einem Master übertragen wurde, wird hier von einer kräftigen vom Boden aus aufsteigenden Halbsäule geleistet, von deren Kapitälgesims die ziemlich breite undetaillirte Quergurte in kaum merklichen Spitzbogen emporsteigt. Nebengeordnete Konsolen stützen die rundbogigen, im Querschnitt halbrunden Kreuzgurte, deren Schlusssteine verschieden gebildet sind. Die vier grossen Eckpfeiler der sogenannten Vierung sind mächtiger gebildet und reicher detaillirt. An jede der einander zugewandten Pfeilerflächen legt sich eine sehr kräftige Halbsäule, welche die als starke Wülste geformten rundbogigen Quergurte trägt. Diese sechs grossen Halbsäulen haben ihre attische Basis (ohne Eckblatt) in einer Höhe von etwa 8 Fuss vom Boden, von da ab ist der untere Theil pilasterähnlich und zeigt die Spuren ehemals angeordneter Balustraden. In die Pfeilerecken schmiegen sich dünnere Halbsäulen, von welchen die Kreuzgurten ausgehen. Dieselbe Gewölbekonstruktion zeigen die Seitenquadrate des Querschiffes. Nur der um wenige Stufen erhöhte quadratische Chorraum hat auf Kragsteinen von einfacher Form ein gurtenloses rundbogiges Kreuzgewölbe. Spitzbogig sind dagegen die Arkadenbogen des Langhauses. Auch die Seitenschiffe sind überwölbt, und es fehlt auch hier nicht an einer feineren Detaillirung. An der Wand sind den Arkadenpfeilern gegenüber Pilastervorsprünge angebracht, denen ähnliche Verstärkungen an den Arkadenpfeilern entsprechen, welche als Gewölbträger auch im Mittelschiffe durch eine Halbsäule verstärkt waren; an den übrigen Pfeilern vertritt die Stelle des Pilasters ein einfacher Kragstein. Die breiten Quergurte der Seitenschiffe sind im Halbkreisbogen gespannt; die Gierungen der hier befindlichen Kreuzgewölbe treten nur in der unteren Hälfte scharf hervor, während nach dem Schlusse des Gewölbes zu die einzelnen Kappenflächen in einander übergehen. Das Fehlen des Horizontalsimses, so wie die paarweise Gruppirung der kleinen romanisch gebildeten Fenster zeugt von der Consequenz, mit welcher hier das Prinzip des Gewölbebaues alle Bautheile durchdrungen hat. Bemerkenswerth ist noch, dass, während jeder Querschiffarm seine Apsis hat, das Hauptchor, durch ein grosses gothisches Fenster erhellt, geradlinig abschliesst. Nicht die mindeste Spur einer ehemaligen Hauptaltartribüne war mir zu entdecken möglich. Die ganze architektonische Anlage bestimmt mich, den Bau, wie er hier vorliegt, in das erste Viertel des 13. Jahrhunderts zu setzen. Das Material der Kirche sind kleine unregelmässig geformte und verbundene Feldsteine; nur die Ecken und Fenstereinfassungen sind aus Sandsteinquadern gebildet. Die Länge der Kirche beträgt im Lichten 124 Fuss, die grösste Breite 78 Fuss.

 

(Schluss folgt.)

 

 

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Studien zur Geschichte der mittelalterlichen Kunst in Niedersachsen.

 

Von W. Lübke.

 

IV.

 

(Schluss.)

 

Hier füge ich nun eine Kirche an, die mitten unter den Monumenten des braunschweigischen Gebiets wie ein baugeschichtliches Räthsel liegt, eine originelle Anomalie, die ihres Gleichen weder in Deutschland, noch sonst irgendwo finden dürfte, die aber gleichwohl in mancher Beziehung als bedeutsames Glied, wenn auch nicht der Reihe eingefügt, so doch in parenthesi eingeschaltet zu werden verdient unter den Architekturwerken, die auf der Grenze zwischen romanischem und gothischem Style stehen.

 

 

Die Cisterzienserabtei Riddagshausen, eine halbe Stunde Weges von Braunschweig entfernt, wurde im Jahre 1145 von Ludolph von Wenden gestiftet, bald darauf von seinem Bruder Riddag von dem anfänglichen Orte Marienzelle nach dem jetzigen Platze verlegt. Mit den gewöhnlichen romanischen Anlagen hat die Kirche das hohe Mittel- und Querschiff, die niedrigen schmalen Seitenschiffe, die Anordnung

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der Arkadenpfeiler, deren je dritter zugleich Gewölbträger ist, gemein; auch für den geradlinigen Chorschluss finden sich Analogieen, wie in diesen Gegenden Marienthal und Süpplingenburg. Nun aber sind die über die Querarme hinaus verlängerten Seitenschiffe um den viereckigen Chor herumgeführt und an diesen Umgang legt sich zuletzt eine ganze Flucht von niedrigen viereckigen Kapellen, so dass von aussen schon die terrassenähnliche Abstufung des hohen Hauptchores, der niedrigeren Seitenchöre und des noch niedrigeren gemeinsamen Kapellendaches das Seltsame der Anlage verräth. Versetzen wir uns in den Mittelraum des Kreuzschiffes: die vier grossen Hauptpfeiler haben an jeder ihrer Seiten eine kräftige Halbsäule, von deren Kapitälgesimse die breiten in gedrücktem schwerfälligem Spitzbogen geschwungenen Quergurten aufsteigen. In den Ecken der Pfeiler steigen an den nach den hohen Innenräumen hingewandten Stellen zierlichere in verschiedener Höhe mit Ringen umfasste Halbsäulchen als Träger der mehrfach gegliederten Kreuzrippen auf; in den Seitenflügeln des Kreuzarmes, wo blosse Gräten sind, fehlen auch diese Halbsäulen. Der Raum des hohen Chores erhält seine Begränzung jederseils durch drei Pfeiler, welche, in derselben Flucht mit den Arkadenpfeilern des Langhauses liegend, durch eine niedere Brustwehr mit einander verbunden sind. Nach Osten zu wird der Chor durch die beiden Eckpfeiler, zwischen welche noch ein ähnlicher Pfeiler und eine Fortsetzung der Balustrade tritt, abgeschlossen. Alle diese Pfeiler erhalten an der Seite, wo sie durch diese Balustrade mit dem Nachbarpfeiler zusammenhangen, eine kräftige Halbsäule mit glockenförmigem Kapitäl, die mit dem Pfeiler, durch das Band desselben Kämpfergesimses verbunden ist; ein von ihr aufsteigender steiler Spitzbogen dient dazu, die sonst zu massenhafte Laibung des Arkadenbogens zu beleben. Dicht über dem Scheitelpunkt dieser Bögen ist ein Horizontalsims angeordnet, aus dessen Mitte, gerade über dem Scheitel des mittleren Bogens eine schlanke Halbsäule an der hohen Wand emporstrebt. Sie dient dem ziemlich breiten Quergurt als Stütze, welcher den Raum des Chores also in zwei Theile scheidet. Diese sind durch spitzbogige Kreuzgewölbe mit blossen Gierungen überdeckt.

 

 

Sehr anmuthig und von eigentümlich malerischem Reiz ist die Anordnung der Fenster; jeder Schildbogen wird nämlich von zwei kleinen oben aus der Wand heraustretenden Halbsäulchen getragen, die nun mit ihrem Schildbogen je drei lange schmale im Spitzbogen geschlossene Fenster, das mittlere das längste, einschliesst. Um in die Chor-Umgänge zu gelangen, müssen wir in das Querschiff zurück, da der Chor durch jene niedrigen Balustraden streng von den umgebenden Räumen geschieden ist. Dieser Umgang ist ausserordentlich schmal, daher auch hier die Quergurte, die von einem Pilastervorsprunge jedes Pfeilers nach einem ähnlichen in der gegenüberliegenden Wand sich spannt, den steilen Spitzbogen zeigt; überwölbt sind die einzelnen Räume durch Kreuzgewölbe ohne Rippen, erleuchtet wird jede Abtheilung durch ein kleines spitzbogiges Fenster. Unter jedem Fenster, zwischen je zwei Wandpilastern führt ein breit gesprengter niedriger Spitzbogen in die einzelnen Kapellen, deren Gewölbe, theilweise zerstört, ähnlich ist, wie in dem Chor-Umgange, und die durch je ein Fenster ihr Licht erhalten. In der Mauer (oder der Fensternische) angebrachte Piscinen deuten auf den ehemaligen gottesdienstlichen Gebrauch, obwohl von den hier gelesenen Messen wegen der Unzugänglichkeit der Kapellen ausser den Geistlichen selbst höchstens die Verstorbenen im Fegfeuer Nutzen gehabt haben können. Die dem Kreuzarme angränzende Kapelle öffnet sich durch einen breit gedrückten niedrigen Spitzbogen nach dem Querschiffe. — Fügen wir nun an die Betrachtung der unzweifelhaft ältesten Theile die des Langhauses, so springt uns sofort ein beträchtlicher Unterschied in‘s Auge. Da jederseits sieben Arkadenpfeiler vorhanden sind, von denen der je dritte Gewölbträger ist, so erhalten wir vier Kreuzgewölbe. Unter diesen giebt das dem Querschiff zunächst liegende durch den Abstand seiner Arkadenpfeiler, die Höhe der Arkadenbögen und des darüber befindlichen Horizontalsimses sich genau als gleichzeitige Fortsetzung des Chores zu erkennen; die folgenden drei Gewölbe bieten aber ein ganz andres Verhälthiss dar, offenbar wuchsen Bedürfniss und Plan mit dem Werke: denn die übrigen Arkadenpfeiler haben viel grösseren Abstand, die Arkadenbögen und der Horizontalsims sind höher, die Spannung der Gewölbe also wurde weiter. Während die drei Gewölbe des Querschiffes und das erste des Hauptschiffes fast ganz quadratisch sind, während die beiden Gewölbe des Chores ein Rechteck bilden, dessen breite Seite zugleich die Breite des Mittelschiffes ist, bilden die drei letzten Gewölbe des Mittelschiffes, deren jedes an Länge dem ganzen Chore gleich kommt, Rechtecke, bei denen umgekehrt das angegebene Maass die Schmalseite vertritt. Daher die unverhältnissmässige Länge der Kirche von 270 Fuss im Lichten bei nur 32 Fuss Breite des Mittelschiffes, 12 Fuss des Seitenschiffes, 100 Fuss des ganzen Querbaues. Die Ueberwölbung des ganzen Mittelschiffes wird durch Kreuz- und Querrippen von feinerer Gliederung gebildet, deren Stütze in einem dem jedesmaligen Arkadenpfeiler angefügten Säulenbündel von drei Halbsäulen, die mittlere die stärkere, liegt. Die zierlichen Halbsäulchen, die im Chore die Fenster einfassten, fehlen hier; die Arkadenpfeiler sind übrigens behandelt wie die im Chore. So verhält es sich auch mit den ausserordentlich schmalen Seitenschiffen, nur mit dem Unterschiede, dass hier die Quergurten beiderseits auf Halbsäulen ruhen. Der Haupt-Eingang ist in der Mitte der Westfaçade; doch befindet sich auch ein früher gebrauchtes Portal am Westende des nördlichen Seitenschiffes. Der Sitte der Cisterzienser gemäss fehlt ein eigentlicher Thurmbau; auf der Durchschneidung von Langhaus und Querschiff ist ein achteckiges Thürmchen angebracht. Das Aeussere der Kirche ist ganz schmucklos; das Mauerwerk wie das der Kirche in Süpplingenburg.

 

 

Durch die alte Nachricht, welche ins Jahr 1275 die dedicatio templi Riddagshusensis setzt, wird man sich bei der Festsetzung der Bauzeit nicht bestimmen lassen dürfen. Mag immerhin in jenes Jahr irgend eine dedicatio fallen, so möchte doch der ganze Bau nicht später als spätestens 1250 zu setzen sein. Die beiden Absätze, in welchen übrigens der Bau stattgefunden, lassen sich auch in dem Detail wahrnehmen: in den östlichen Theilen ist dasselbe romanisch (eine sehr flach gedrückte attische Basis, deren Hohlkehle tief ausgekehlt ist), in den westlichen zeigen die Gewölbträger rein gothisches Laubwerk.

 

Schliesslich noch die Notiz, dass die Kirche des vor den Thoren von Braunschweig einst belegenen, 1061 gegründeten Stiftes S. Cyriaci, welches im Jahre 1545 durch Beschluss des Rathaus der Stadt Braunschweig dem Erdboden gleich gemacht wurde, ebenfalls eine Pfeilerbasilika war.

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Quelle: Deutsches Kunstblatt: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk… Jg. 2. (1951) S. 51-52, 61-63, 74-76, 83-84.

 

Die Zeitschrift liegt in den Heidelberger historischen Beständen digital vor. Der Zitierlink ist:

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkb1851/0063.

 

Die in den Text eingefügten Fotos stammen aus den Jahren 2012 bis 2015.