FABL-Vortrag vom 22.11.17 "Ausgrabungen der anderen Art - paläontologische Grabungen im Jura des Braunschweiger Landes und darüber hinaus"

Dr. Ralf Kosma, Ltr. der Abt. Paläontologie des Staatlichen Naturhistorischen Museums in Braunschweig, stellte in seinem Vortrag Grabungen im Jura des Braunschweiger Landes und darüber hinaus in Niger und den USA vor. Die Grabungsergebnisse und seine Berichte zum alltäglichen Leben der einheimischen Stämme stießen hier in der Kanzlei in Wolfenbüttel auf ein außergewöhnlich hohes Interesse. Dr. Ralf Kosma beantwortete eine Vielzahl von Fragen zu Konservierungstechniken, Fundsicherung, Ausfuhrbestimmungen für Funde usw.

 

Einige Fotos von den Fundstellen Hondelage, Schandelah-Wohld und Ausstellungsstücken im Schloss Salder und im Staatlichen Naturhistorischen Museum in Braunschweig können vielleicht einen Eindruck von dem Fundreichtum im näheren Umfeld vermitteln.

 

 

Prof. Meibeyer: Was war in Wolfenbüttel, bevor die Herzöge kamen?

Prof. Dr. Wolfgang Meibeyer

früher:

Institut für Geographie und Geoökologie

der Technischen Universität Braunschweig

 

Ithstraße 1

D-38122 Braunschweig

 

 

 

Was war in Wolfenbüttel, bevor die Herzöge kamen?

Die Anfänge von Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

von Wolfgang Meibeyer

 

 

Vorbemerkung des Verfassers 2018

 

Schon bei ihrem ersten Erscheinen 2003 wurde meine hier im Folgenden wiedergegebene Studie von harschem Widerspruch begleitet. In demselben von U. Schwarz 2003 herausgegebenen Sammelband Auf dem Weg zur herzoglichen Residenz Wolfenbüttel im Mittelalter veröffentlichte U. Ohainski einen eigenen Beitrag unter dem Titel Von der herzoglichen Niederungsburg zum Herrschaftszentrum des Braunschweiger Landes — Wolfenbüttel von 1283 bis 1432. Darin bezeichnet er von mir als durchaus hypothetisch angedeutete datierende Zusammenhänge vor allem zwischen dem St. Longinus-Patrozinium der Wolfenbütteler Kapelle und den Ungarnschlachten im 10. Jahrhundert als „verfehlt“. Eine solche Verbindung von der Wolfenbütteler Siedlungs- / Burgentstehung mit der Longinuskapelle sei „eindeutig zurückzuweisen“ (S.119).

 

Ich musste bei Erscheinen des Bandes verwundert zur Kenntnis nehmen, dass mein Manuskript Herrn Ohainski ohne mein Wissen — wohl durch den Herausgeber ? — offenbar noch vor der Drucklegung so zugänglich gemacht worden war, dass dieser seine widersprechenden Ansichten darüber bereits zeitgleich mit der Veröffentlichung einbringen konnte. Ein so gewiss ungewöhnlicher Vorgang ! Eigentlich ist es guter akademischer Brauch, in solchen Fällen von entschiedener Ablehnung der Thesen eines Autors — bei zeitgleicher Veröffentlichung an demselben Ort ! - diesen vor dem Erscheinen darüber zu verständigen und/oder ihm an gleicher Stelle die Möglichkeit zumindest für einen knappen Kommentar einzuräumen. Auch dazu ist es hier nicht gekommen, ich war ahnungslos. Daher konnte ich damals auch gar nicht auf Ohainskis entschiedene Kritik aktuell eingehen. Bezüglich der angemerkten strittigen Frage sei das nun mit der folgenden kurzen Stellungnahme nachgeholt:

 

Ohainski beruft sich bei seiner Ablehnung meiner o. a. einschlägigen Verwendung des Patroziniums nicht etwa auf konkrete örtliche Erkenntnisse, sondern lediglich auf allgemeine Auffassungen fremder Autoren (s. dt.). Er übersah dabei aber wohl, dass sich für meine These anderweitig durchaus zutreffende und unangefochten akzeptierte, nahe liegende Parallelen finden lassen, z. B. bei H. Stoob im Falle von St. Laurentius als Tagesheiligen der Lechfeldschlacht (955) und der Burgkapelle in Salzwedel (Dt. Städteatlas, Ausgabe Salzwedel).

 

Selbst für den wenig wahrscheinlichen Fall, dass der von mir geäußerte und von Ohainski entschieden bestrittene mutmaßliche datierende Zusammenhang zwischen den Tagesheiligen der beiden Ungarnschlachten, St. Longinus und St. Laurentius, und den Wolfenbütteler Kapellen dennoch nicht zutreffen sollte, würde sich an dem Faktum meiner Datierung einer Entstehung von früher (Dorf-)Siedlung und Burg Wolfenbüttel in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts nichts ändern.

 

Das beruht insbesondere auf dem Grundwort des 1118 erstmalig bezeugten Ortsnamens Wlferesbutle. Denn die in den letzten Jahren fortgesetzten Forschungen über die Orte mit —bütteI-Namen im östlichen Niedersachsen haben deren Entstehung mit Gewissheit als Gründungen seitens der alten Adelsgeschlechter der Billunger und der Brunonen im letzten Jahrhundert vor der Jahrtausendwende wiederholt bestätigt — untermauert durch siedlungsgeographische sowie durch archäologische Befunde. Keinesfalls gehen aber die Anfänge der —büttel-Orte hier tatsächlich „in oder vor das 8. Jahrhundert“ zurück, wie das Ohainski unter Verweis auf namenkundliche Forschungen seiner Ehefrau K. Casemir anmerkt (S. 119, Anm. 57). (Vielleicht hätte er auch zuvor schon darüber geäußerte Kritik nicht verschweigen sollen, s. Braunschw. Jahrb. 97, 1998, S. 266ff.)

 

Wenn ich meine These zu Wolfenbüttels frühen Anfängen im 10 Jahrhundert im Jahre 2003 zunächst noch vorsichtig kritisch als nur hypothetisch bezeichnet habe (S. 45f), so möchte ich sie 2018, nunmehr nach umfangreicher zwischenzeitlicher Forschungsarbeit, eher als hoch wahrscheinlich einschätzen.

W. Mb.

 

 

 

 

Was war in Wolfenbüttel, bevor die Herzöge kamen?

Die Anfänge von Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

von Wolfgang Meibeyer

 

Einleitung

 

Erst im Verlaufe des 16. Jahrhunderts erreichte Wolfenbüttel städtische Qualität in baulicher, funktionaler und rechtlicher Hinsicht.1 Aus einer Anzahl einzelner Hausstellen, welche sich zu Zeiten von Herzog Heinrich d. Ä. auf einer relativ trockenen Talsandinsel in der Okerniederung im östlichen Vorfeld von Schloss Wolfenbüttel und der Dammsiedlung als „Vorgebäu“ angesiedelt hatten, ging unter dem tatkräftigen Einfluss seines Sohnes Heinrich d. J. dessen „Neustadt“ hervor. Wie Lucas Cranachs bekannter Holzschnitt zeigt, hatte der Herzog diese schon vor der Belagerung 1542 ebenso wie die Schloss- und Dammfeste rundum mit Wällen und Gräben versehen und nach dem Schmalkaldischen Kriege festungsartig weiter ausgebaut. Herzog Julius (ab 1568) schließlich verlegte in diese nun nach seinem Vater umbenannte „Heinrichstadt“ nicht nur seine neuen herzoglichen Wirtschaftsbetriebe und Verwaltungseinrichtungen, sondern erneuerte ihr Grundrissbild nahezu vollständig durch großzügige breite Straßenfluchten. Auch gewann er u. a. mit der Anlage von z. T. schiffbaren Entwässerungskanälen der Okeraue trockenen Siedlungsboden innerhalb der Stadtfestung ab. Mit seiner Gründung der „Juliusfriedenstadt“ (Neue Heinrichstadt) im östlichen Anschluss daran sowie mit dem „Gotteslager“ hatte sich bei Regierungsantritt seines Sohnes Heinrich Julius 1589 die herzogliche Residenz- und Festungsstadt quer über die ganze Okerniederung ausgedehnt. Als deren älteste Kerne lagen an ihrem westlichen Rand Schloss und ehemalige Dammsiedlung in der von ausgedehnten aufwendigen Bastionärsbefestigungen geschützten Zitadelle.

 

1 Zur vor- und frühstädtischen Entwicklung des 13. bis 16. Jh. s. Friedrich THÖNE, Wolfenbüttel unter Herzog Julius (1568-1589). Topographie und Baugeschichte. In: Braunschweigisches Jb. 33 (1952) S. 1-74; DERS., Wolfenbüttel in der Spätrenaissance. In: Braunschweigisches Jb. 35 (1954) S. 5-116; DERS., Wolfenbüttel. Geist und Glanz einer alten Residenz. München 1963; auch Wolf-Dieter MOHRMANN, Wolfenbüttel. Ein stadtgeschichtlicher Abriss. In: Braunschweigisches Jb. 59 (1978) S. 47-69.

 

 

 

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22 Wolfgang Meibeyer

 

Bis auf den durch Neubau der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis bewahrten Standort der 1301 ersterwähnten Marienkapelle an der höchsten Stelle der Talsandinsel gingen in Folge der intensiven flächengreifenden Baumaßnahmen im Stadtgebiet nahezu alle topographischen Relikte aus älterer Zeit verloren.

 

Der Zeitraum vor der Stadtwerdung gliedert sich in zwei Abschnitte, deren jüngerer 1283 einsetzte mit dem Neuaufbau der 1255 gründlich zerstörten Wasserburg der Asseburger, welche sich zuvor Herren von Wolfenbüttel nannten. Landesschutz gegen das nahe Hochstift Hildesheim einerseits und zeitweiliger, ab 1432 dann dauernder Wohn- und Regierungssitz des Herzogshauses andererseits verbanden sich mit der kleinen Burg unmittelbar an der Oker auf der Niederterrasse am westlichen Rand der Niederung. Östlich davor befand sich, schon im Bereich der nassen Okeraue angelegt, eine Vorburg, deren Baulichkeiten auf angeschüttetem Boden an einem Damm lagen, dessen Zweckbestimmung in der Erleichterung des westöstlichen Überganges einer Heerstraße über die vernässte Okerniederung zu erblicken ist.

 

Erst im Laufe des 14. Jahrhunderts beginnt sich die Vorstellung von dieser Vorburg- bzw. Dammsiedlung (in dammone prope Wulferbutle) etwas zu verdeutlichen mit einem herzoglichen Vorwerk, mit einer Wassermühle sowie mit den Kapellen St. Longinus (1315 mit curia dotalis versehen)2 und St. Laurentius, welche ebenso wie eine Badstube auf dortselbst ansässige Wohnbevölkerung hindeuten, die in erster Linie mit der Burg in Verbindung zu bringen sein dürfte. Eine Beziehung zu dem nur etwa 600 m in nördlicher Richtung auf dem östlichen Okerufer gelegenen (seit dem 15. Jahrhundert wüst gefallenen) alten Pfarrdorf Lechede3 ist nicht gegeben.

 

Mit der Zerstörung der Burg Wolfenbüttel als Ministerialensitz der Herren von der Asseburg bzw. zuvor von Wolfenbüttel und der Aneignung ihres Grundes nebst engerem Zubehör durch die Herzöge endete die früheste Phase wolfenbüttelscher Entwicklung, ohne dass die schriftliche Überlieferung konkret Nutzbares über deren Ablauf selbst bereit hält. Der Nennung des in einer bischöflich halberstädtischen Urkunde 1118 als Zeuge auftretenden, ehemals brunonischen Lehnsmannes Widekindus de Wlferesbutle4 lässt sich kaum mehr als das damalige Bestehen eines

 

 

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2 Bewidmung der Longinus-Kapelle 1315 durch Herzog Albrecht: Nds. Staatsarchiv Wolfenbüttel, III Hs 2, fol. 100r-v. Zur curia dotalis heißt es: in qua rector eiusdem capelle in Wulffenbuttel residet.

 

3 Klaus-Walther OHNESORGE, Wolfenbüttel. Geographie einer ehemaligen Residenzstadt (Braunschweiger Geographische Studien 5), Braunschweig 1974, S. 28 ff. Bei einer gemeinsamen Begehung mit Herrn Dr. Ohnesorge im Februar 1998 fand sich in den Vorgärten von Grundstücken auf der Westseite der Straße Am Roten Amte erneut mittelalterliche Siedlungskeramik als Hinweis auf die alte Ortslage. Ihm danke ich auch für seine Diskussionsbereitschaft sowie darüber hinaus für die Überlassung seiner Kopien von ungedruckten Urkunden.

 

4 Hermann KLEINAU, Geschichtliches Ortsverzeichnis des Landes Braunschweig. 2. Braunschweig 1968, S. 721.

 

 

 

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als befestigt zu vermutenden Herrensitzes gleichen Namens entnehmen. Nach diesem benannten sich auch seine Söhne und Enkel das 12. Jahrhundert hindurch. 1192 findet erstmals die Burg selbst anlässlich ihrer Zerstörung durch einen Sohn Heinrichs des Löwen wegen treulosen Verhaltens der Burgherrenfamilie in den Steterburger Annalen Erwähnung.5 Ähnlich nachhaltige Spuren, wie sie Gunzelin von Wolfenbüttel andernorts, besonders wohl mit der Stadtgründung von Peine, hinterlassen hat, lassen sich in Wolfenbüttel gar nicht entdecken.

 

Zu Anbeginn eine Wassermühle?

 

Sagenhaftes berichtet Karl Bege 1839 nach einer Chronik des 15. Jahrhunderts zu Wolfenbüttels Alter und Anfängen.6 Der zu Folge soll Kaiser Heinrich I. einen Schladener Vogt wegen besonderer Tapferkeit in der Ungarnschlacht belohnt haben mit dem Grafentitel und dem Zoll auf dem Damme sowie mit der Erlaubnis, dort die Burg Wolfenbüttel zu erbauen. Ebenfalls in die Zeit der Jahrtausendwende führt die von Algermann (1605) mitgeteilte Errichtung der Burg zum Schutz eines Zolles auf dem Damm, nachdem sich zuvor dort schon 1046 ein Jagdhaus des brunonischen Markgrafen Ekbert l. befunden habe.

 

Übergeht man die nach Friedrich Thönes überzeugendem Urteil pseudowissenschriftlichen Phantastereien des J. F. Roloff von 1851,7 so erweist sich Paul Jonas Meier mit seinen 1902 und 1904 erschienenen Abhandlungen als erster und einziger bisher methodisch systematisch um Anfänge und Frühzeit Wolfenbüttels ernsthaft bemühter Forscher. Seine Untersuchungen setzten freilich zunächst nicht an der Burg an, sondern an dem Ortsnamen, nach welchem sich die Stadt ja als die am weitesten südlich vorkommende Ansiedlung mit einem der Grundwort-Familie auf -büttel zugehörigen Namen präsentiert. Die Entstehung dieser Art von Namen tragender Orte meinte er für das 6. Jahrhundert annehmen zu müssen.

 

Eine Burg mit anhaftendem -büttel-Namen schloss er als genetischen Siedlungskern ebenso aus, wie ihm auch ein ehemaliges Dorf nicht erwägenswert schien. So sah er in Analogie zu dem ihm ebenfalls als einzeln gelegener Mühlenplatz entgegen tretenden Eisenbüttel an der Oker bei Braunschweig als Keimzelle Wolfenbüttels eine anfänglich allein liegende Wassermühle an der Oker an. In deren Ortsnamen erscheint das Grundwort -büttel verbunden mit dem Personennamen eines Wulfheri, den vermuteten Gründer der Mühle. Neben dieser, der dann sog. Damm-Mühle, mutmaßte er aber erheblich später die Anlage der Burg als brunonische Gründung in den Zeiten der Ungarneinfälle ... als Stützpunkt für die Verteidigung

 

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5 Eduard WINKELMANN (Übers.), Die Chronik von Stederburg (Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit 62). Leipzig 1941 (2. Aufl.), S. 63 (zu 1191).

 

6 Karl BEGE, Chronik der Stadt Wolfenbüttel und ihrer Vorstädte. Wolfenbüttel 1839, S. 4 ff.

 

7 J. F. ROLOFF, Geschichte und Beschreibung der Stadt Wolfenbüttel. Wolfenbüttel 1851. Dazu THÖNE 1954 (wie Anm. 1) S. 32 Anm. 48a.

 

 

 

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24 Wolfgang Meibeyer

 

des Landes an der Okerquerung einer (freilich erst später bezeugten) alten Heerstraße zwischen Minden bzw. Hildesheim und Halberstadt bzw. dem mitteldeutschen Raum. Dieser sprach er darüber hinaus große Bedeutung für die Entwicklung Wolfenbüttels zu.8

 

Ungeachtet der zeitlichen Distanz von nunmehr hundert Jahren sind Methodik, Überlegungen und Thesen P. J. Meiers noch durchaus nicht ohne Bedeutung für den hier einzuschlagenden Forschungsweg. Dieser muss allerdings führen über eine kritische siedlungsgeographische Prüfung des Ortsnamens unter Einbeziehung seiner regionalen Verbreitung sowie der genetischen Struktur und Zeitstellung aller -büttel-Orte im größeren Raum. Darüber hinaus fließen in die Durchmusterung und z. T. notwendige Neuinterpretation der älteren Befunde neue Erkenntnisse unterschiedlicher Teildisziplinen ein, insbesondere der Erforschung der regionalen mittelalterlichen Kulturlandschaftsentwicklung, der natürlichen Altlandschaft und der örtlichen Topographie sowie der frühneuzeitlichen Stadtentwicklung. Auch den mittelalterlichen Kirchen- bzw. Kapellenpatrozinien ist besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Unsere Herangehensweise ist raumbezogen und vielseitig-sachintegrativ.

 

Art und Alter der -büttel-Orte in Ostniedersachsen

 

Ortsnamen können wichtige Informationen über die Ursprünge von Siedlungen vermitteln. Im vorliegenden Falle gilt das weniger für das sog. Bestimmungswort, hier der Personenname eines uns unbekannten Wulfheri. Vielmehr rückt das Namensendglied, das Grundwort, den frühesten Ort Wolfenbüttel (1118: Wlferesbutle) hinsichtlich seiner Entstehungsumstände und -zeit an die Seite einer Vielzahl von anderen Siedlungen mit gleichartig durch die Verbindung von Personennamen und -büttel gebildeten Ortsnamen.9

 

Nur rund 20 km nördlich liegt im Gebiet des Papenteich zwischen Braunschweig und Gifhorn das geschlossenste Verbreitungsgebiet derartiger -büttel-Orte. Diese sind entstanden als einander in Ortsanlage und Flurverfassung sehr ähnliche Rodedörfer von anfänglich wenigen Höfen, die im Zuge einer anscheinend einheitlich durchgeführten Aufsiedlungsmaßnahme geradezu planmäßig angelegt

 

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8 Paul Jonas MEIER, Untersuchungen zur Geschichte der Stadt Wolfenbüttel. in: Jb. des Geschichtsvereins für das Herzogtum Braunschweig 1 (1902) S. 1-37, S 2; DERS. (Bearb.), Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Wolfenbüttel. Wolfenbüttel 1904. Zitat S. 5; DERS. (Bearb.), Niedersächsicher Städteatlas 1. Abt.: Die braunschweigischen Städte, Braunschweig-Hamburg 1926, S. 49 ff. (Wolfenbüttel).

 

9 Kirstin CASEMIR, Die Ortsnamen auf -büttel (Namenskundliche Informationen. Beihefte 19). Leipzig 1997, S. 212. S. dazu Rezension von Wolfgang MEIBEYER in: Braunschweigisches Jb. 79 (1998) S. 266-269.

 

 

 

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worden sind.10 Als „Nordwald“ bezeichnet war das Papenteich-Gebiet Ende des 10. Jahrhunderts noch als Königs- oder Reichsgut bekannt und urkundlich belegt. Auffällig ist die seinerzeitige intensive Durchsetzung dieses Siedlungsgebietes mit brunonischen Besitz- und Herrschaftsrechten,11 die auf das hochadlige Brunonengeschlecht als Träger dieser umfangreichen Siedlungsneugründungen hinweisen. Ähnliches gilt auch für Hankensbüttel in der Südheide 12 sowie für das braunschweigische Eisenbüttel, in dessen direkter Nähe und auf dessen Gemarkung das Brunonengeschlecht im 11. Jahrhundert das Cyriacus-Stift als sein Hauskloster errichtete.13

 

Aus dem regionalen Siedlungsgang im ehemaligen Nordwald bzw. späteren Papenteich wird als Zeitraum der Rodungskolonisation ‚ d. h. die Gründungszeit der dortigen -büttel-Dörfer, das 10. Jahrhundert deutlich erkennbar: Den frühesten schriftlichen Erwähnungen zu Folge ist ihr Bestehen um die Jahrtausendwende gesichert. Ihrer siedlungsräumlichen Anordnung nach sind sie aber jünger als die im 9. Jahrhundert entstandenen benachbarten Dörfer mit -rode-Namen im peripheren Bereich des alten Nordwaldes14 nördlich des Tals der Schunter. Die großzügige abschließende Aufsiedlung dieses Reichs- oder Königsforstes durch die dem Königshaus nahe stehenden Brunonen verweist dieses Kolonisations-Unternehmen in die Zeit des sächsisch-ottonischen Königtums.15 Zu eben dieser Zeit kam es den überlieferten Besitzverhältnissen nach auch zur Gründung weiterer z. T. vereinzelt liegender -büttel-Orte im östlichen Heidegebiet, z. B. im nahen Umfeld des alten billungischen Besitzzentrums Amelinghausen und zur Entstehung des beim billungischen Wichmannsburg an der Heerstraße gelegen Bienenbüttel im Bardengau.16

 

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10 Wolfgang MEIBEYER, Siedlungskundliches über den Papenteich (Schriftenreihe des Kreisarchivs Gifhorn 6). Gifhorn 1994.

 

11 Tania BRÜSCH, Die Brunonen, ihre Grafschaften und die sächsische Geschichte. Herrschaftsbildung und Adelsbewußtsein im 11. Jh. (Historische Studien 459), Husum 2000, Karte V.

 

12 BRÜSCH (wie Anm. 11.) S. 152 f.

 

13 Bernd SCHNEIDMÜLLER, Welfische Kollegiatstifte und Stadtentstehung im hochmittelalterlichen Braunschweig. In: Rat und Verfassung im mittelalterlichen Braunschweig (Braunschweiger Werkstücke A 21), Braunschweig 1986, S. 253-315, hier S. 257 und Wolfgang MEIBEYER, Siedlungsgeographische Beiträge zur vor- und frühstädtischen Entwicklung von Braunschweig. In: Braunschweigisches Jb. 67 (1986) S. 7-40, hier S. 16.

 

14 MEIBEYER (wie Anm. 10).

 

15 Die hier getroffenen Feststellungen zu Alter und Verknüpfung der -büttel-Orte mit den Grundherrschaften bzw. Siedlungsinitiativen der Brunonen und Billunger erstrecken sich ausdücklich nur auf diejenigen zwischen Wolfenbüttel und der Elbe im östlicheren Teil der Lüneburger Heide. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann nicht von einem gleichen oder ähnlichen Alter auch der übrigen -büttel-Orte etwa nördlich der Elbe sowie an Niederelbe und Weser ausgegangen werden.

 

16 Gudrun PlSCHKE, Herrschaftsbereiche der Billunger, der Grafen von Stade. Der Grafen von Northeim und Lothar von Süpplingenburg (Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsens 29), Hildesheim 1984.

 

 

 

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Billungische Trägerschaft weist auch hier auf die ottonische Zeit des 10. Jahrhunderts als Ursprungszeit der -büttel-Orte hin.

 

Zusammenfassend gilt, dass sowohl Brunonen wie Billunger augenscheinlich ihren im ostniedersächsischen Raum während des 10. Jahrhunderts gegründeten Siedlungen bevorzugt Ortsnamen mit dem Namensendglied -büttel in Verbindung mit einem Personennamen beigelegt haben. Und diese geben sich stets als bäuerliche (Rode-)Dörfer mit weitgehend übereinstimmenden Merkmalen (z.B. schmalstreifige Langstreifen-Kernfluren) zu erkennen. Burgen oder andere Siedlungsarten - auch reine Mühlenanwesen - finden sich darunter nicht.

 

Die Brunonen gründen ein dörfliches Wolfenbüttel

 

Auf dem gesamten westlichen Ufer der Oker gibt es nur drei -büttel-Orte - und zwar jeweils einzeln für sich gelegen, ohne Nachbarsiedlungen dieser Ortsnamensfamilie. Bei zwei von ihnen, Wolfenbüttel und Eisenbüttel, ist frühe brunonische Grundherrschaft durch den 1118 bezeugten Lehnsmann Widekindus bzw. durch die engräumliche Lagebeziehung mit dem Cyriacus-Stift gewiss. Für das 1196 dem Propsteigut desselben Stiftes zugehörige Watenbüttel kann die Herkunft aus brunonischem Eigengut nur gemutmaßt, überlieferungsbedingt aber nicht letztlich nachgewiesen werden.17 Unzweifelhaft zeichnet sich jedoch erneut die auf brunonische Urheberschaft hindeutende Koinzidenz von gleichartig gebildeten -büttel-Namen und einschlägiger früher Grundherrschaft ab, welche genetische Zusammengehörigkeit dieser Orte hinsichtlich Siedlungsweise und -form sowie etwa gleicher Entstehungszeit mit jenen -büttel-Orten des unfernen geschlossenen Verbreitungsgebietes im gifhornschen Papenteich mehr als nur wahrscheinlich erscheinen lässt.

 

Demzufolge muss auch im Falle von Wolfenbüttel zunächst einmal von einem bäuerlichen Dorf als genetischem Siedlungskern ausgegangen werden, das ein brunonischer Gefolgsmann, wohl des Namens Wulfheri, im 10. Jahrhundert angelegt haben müsste. Gibt es Hinweise für die ehemalige Existenz eines solchen frühen Dorfes?

 

Dass der Ort in der schriftlichen Überlieferung augenscheinlich nicht in Erscheinung getreten ist, muss sein früheres Bestehen durchaus nicht in Zweifel ziehen. Bestandserfassungen der in früh- oder hochmittelalterlicher Zeit existierenden Siedlungen liegen nicht vor. Die Erwähnung eines Ortes in der Schriftlichkeit war fast allein vom Zufall etwa seiner Involvierung in ein zu beurkundendes Rechtsgeschäft, eine Verlehnung o. ä. abhängig. Sehr gründlich ist deswegen nach anderweitigen lndizien zu forschen, um eine Verifizierung (oder Ablehnung) für das aus der

 

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17 Herrn Prof. Dr. Bernd Schneidmüller, Bamberg danke ich für eine freundliche diesbezügliche briefliche Auskunft vom 7. Dezember 2001.

 

 

 

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siedlungsgeographischen Interpretation des Ortsnamens gewonnene Postulat einer dörflichen Ansiedlung am Anfang der Entwicklung Wolfenbüttels zu erreichen.

 

Unverzichtbar notwendige Voraussetzung für das Existieren eines bäuerlichen Dorfes - und somit auch für dessen Nachweis - ist das Vorhandensein einer Feldflur als agrarische Wirtschaftsfläche. Für das in Rede stehende Brunonendorf lässt sich eine solche tatsächlich mit dem westlichen, auf dem linken Okerufer liegenden Bereich der stadtwolfenbüttelschen Gemarkung aufzeigen. Die Ländereien gehörten im 18. Jahrhundert zum Grauen Vorwerk. Das auf dem östlichen Flussufer liegende Land hingegen entfällt auf die ehemalige Dorfsgemarkung des seit dem 15. Jahrhundert wüst liegenden Dorfes Lechede. Aus dieser gingen die Betriebsflächen für das spätere fürstliche Vorwerk Rotes Amt hervor, dessen Vorgänger - ein Vorwerk in Lechede - bereits 1373 anlässlich seiner Verpfändung als herzogliches Eigentum Erwähnung fand.18

 

Der erstgenannte westliche Gemarkungsteil wurde im 18. Jahrhundert ebenfalls überwiegend bewirtschaftet von einer herzoglichen Großlandwirtschaft, dem Grauen Vorwerk, welches im späteren 16. Jahrhundert aus der Alten Heinrichstadt (wo es nach seiner Umsetzung aus der Dammsiedlung 1530 nur wenige Jahrzehnte bestanden hatte) an den Ostrand des Fümmelser Teiches verlegt worden war.19 Sein Feldbezirk am äußersten nordöstlichen Randbereich des Oderwaldes kommt als Altflur des brunonischen Rodedorfes in Frage.

 

Dieses Gelände von der vergleichsweisen Größe einer kleineren bis mittleren Dorfsflur bindet sich östlich von Pfingstanger und Fümmelser-Teich- bzw. Mühlen-Graben-Senke ein zwischen die nördlich und südlich angrenzenden Groß Stöckheimer und Halchterer Flurbezirke.20 Von etwa 120 m Höhenlage am Oderwald fällt es nach Nordosten zunächst schnell ein und schließt erheblich flacher unter 80 m mit dem Rand der sandigen Niederterrasse unmittelbar an der nassen Okeraue ab.21 Die Bodenkartierung verzeichnet im Vergleich zu den Nachbargemarkungen mit günstigen Parabraunerde-Böden hier deutlich unvorteilhaftere Bodenverhältnisse. Es sind die auch innerhalb des Oderwaldes verbreiteten Rendzinen mit nur gering mächtiger Lössdecke über Kalkgestein, die den Flurbezirk weitflächig bedecken.22 Diese Nachteiligkeit kann sehr wohl dafür Veranlassung gewesen sein, dass das

 

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13 Hans SUDEND0RF, Urkundenbuch zur Geschichte der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande, Bd. 4, Hannover 1864, S. 228 f. Nr. 323.

 

19 THÖNE 1963 (wie Anm. 1) S. 213.

 

20 Vgl. dazu Hermann KLEINAU (Bearb.): Karte des Landes Braunschweig im 18. Jh.‚ 1 : 25 000, Bl. 3828 Barum, 1956 und Bl. 3829 Wolfenbüttel, 1957.

 

21 Geologische Karte von Preußen und benachbarter deutscher Länder 1 : 25 000. Bl. 3828 Barum (Bearb.: F. BEHREND u. F. KÜHNE 1928) und Bl. 3829 Wolfenbüttel (Bearb.: E. HARBORT 1919).

 

22 Bodenübersichtskarte des Planungsgebietes Wolfenbüttel 1 : 50 000. Hg.: Nieders. Landesamt für Bodenforschung Hannover 1971, und Bodenkarte von Niedersachsen 1 : 25 000, Blatt 3829 Wolfenbüttel, Bearb.: H. JOISTEN, Hg.: Nieders. Landesamt für Bodenforschung Hannover 1987.

 

 

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Gelände von der Altbesiedlung in karolingischer oder früherer Zeit (Groß Stöckheim, Halchter) zunächst ausgespart wurde23 und dem natürlichen Wald noch weiterhin überlassen blieb. Demnach würde ein Ausläufer des Oderwaldes‚ die beiden Altgemarkungen voneinander trennend, bis zur Zeit der im 10. Jahrhundert angenommenen Waldrodung hier direkt an die Okerniederung herangereicht haben.

 

 

 

Abb. 1: Das Wolfenbütteler Siedlungsgebiet vor dem hohen Mittelalter

 

Arnold Beuermanns Versuch, diesen westlichen Flurbezirk als Relikt der ehemaligen Ackerfluren der wüstgefallenen Dörfer Kl. Fümmelse und/oder Gabelstöckheim anzusehen,24 kann schon wegen deren Lagebeziehung dazu gar nicht in Frage kommen. Ebenso spricht die natürliche Topographie gegen einen derartigen Zusammenhang. Ganz zweifellos liegt mit dem gesamten westlich der Oker gelegenen Teil der Wolfenbütteler Gemarkung eine ehemals gänzlich selbstständige Flureinheit vor ohne begründeten Verdacht ehemaliger Zugehörigkeit zu einer Wüstung oder zu den bestehenden Nachbarorten.

 

Aus einer Urkunde von 1301 über Besitzveränderungen bei der Marienkapelle, der Vorgängerin der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis,25 lassen sich weitere Indizien für eine von dorfsässigen Hofbauern bewirtschaftete altwolfenbüttelsche Feldflur gewinnen. Damals tauschte Herzog Albrecht vier Hufen auf der Wolfenbütteler Feldmark (quatuor mansos in campis ibidem) aus dem Dotationsbesitz der Kapelle gegen eigene Ländereien in Groß Denkte und Einnahmen in Braunschweig für sich ein. Als Veranlassung für den beurkundeten Tauscherwerb ist des Herzogs Bemühen um die wirtschaftliche Organisation und Ausstattung seines Ackervorwerks in der Vorburg auf dem Damm mit Land in der angrenzenden Feldmark anzunehmen. Einrichtung und Ausbau dieser herzoglichen Großlandwirtschaft als notwendiges Zubehör des Burghaushalts sind dem „Neuaufbau-Programm“ der befestigten Residenz ab 1283 zuzurechnen, als eine gänzlich neue Burganlage auf den Trümmern ihrer 28 Jahre zuvor bis in den Grund zerstörten Vorgängerin errichtet wurde.

 

Der Burgplatz Wolfenbüttel nebst Zubehör gelangte 1255 als welfisches Lehngut mit dem Niederkämpfen der zuvor den Asseburgern verlehnten Ministerialenburg an das Herzogshaus zurück und damit auch die westlich angrenzende Dorfsfeldmark, welche nun unmittelbar herzoglicher Grundherrschaft unterstand. Somit war dem Herzog der Zugriff auf deren Feldland durch Aufhebung hofbäuerlicher Wirtschaften

 

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23 Wolfgang MEIBEYER, Die Anfänge der Siedlungen. In: Die Braunschweigische Landesgeschichte, hg. v. Horst-Rüdiger JARCK u. Gerhard SCHILDT, Braunschweig 2000, S. 267-300, hier S. 287 ff.

 

24 Arnold BEUERMANN, Die Grundrißentwicklung von Wolfenbüttel. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt Wolfenbüttel. hg. v. Joseph KÖNIG. Wolfenbüttel 1970, S. 61.

 

25 StA Wf: 36 Urk. 1 und Philipp Julius REHTMEIER, Braunschweig-Lüneburgische Chronica, Braunschweig 1722, S. 593.

 

 

 

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(etwa Bauernlegen) und Umwandlung von deren Hufenschlagland in Herrenbreiten zugunsten seines Vorwerks grundsätzlich offen. Leider berichten die Quellen nichts darüber, ob die Einrichtung des Vorwerks wirklich erst mit der neuen Residenzburg ab 1283 erfolgte oder ob dieses noch älter ist und womöglich sogar in asseburgische Ministerialenzeit zurückreicht.

 

Hinter dem 1301 getätigten Erwerb der vier Hufen von St. Marien kann sich in Hinblick auf einen mutmaßlichen Abschluss des Landflächenerwerbs für das Vorwerk eigentlich nur die Absicht verbergen, damit alles restliche noch in fremder - hier also kirchlicher - Hand befindliche Ackerland zu erwerben, um es der eigenen Grundherrschaft einzuverleiben. Es ist davon auszugehen, dass die St. Marien-Hufen mit zuvor erworbenem Vorwerksland im Besitzgemenge lagen. Erst nach dem Erwerb auch dieses Fremdlandes wurde es möglich, über das vorgefundene, besitzmäßig stark differenzierte, aus zahlreichen langen schmalen bäuerlichen Ackerstreifen-Parzellen bestehende Besitzgefüge der Flur uneingeschränkt zu verfügen und an seiner statt nun flächig ausgedehnte Großblöcke, sog. Herrenbreiten, einzurichten, wie sie der rationellen Großlandwirtschaft eines Vorwerks allenthalben entsprachen. Langstreifige Parzellengliederung mit Besitzgemenge ist als allgemeines charakteristisches Merkmal von Kernfluren der -büttel-Dörfer auch hier legitim als ursprüngliche Flurdisposition zu unterstellen.26

 

Die vier womöglich sogar dem ursprünglichen Ausstattungsgut der Marienkapelle zugehörigen „Kapellenhufen“ können alternativ verstanden werden entweder als komplette betriebliche Einheiten, also Höfe selbständig wirtschaftender Bauern unter der Abgaben und Dienste beanspruchenden Gutsherrschaft des Kapellen-Rektors. Für ihre Hofplätze käme dann als naher Standort das Dorf Wolfenbüttel, weniger wahrscheinlich auch die Vorburg in Betracht. Andererseits konnte die Beackerung der vier Hufen aber auch unter direkter Regie des Rektors von einem (nicht überlieferten aber vorstellbaren) kapelleneigenen Wirtschaftshof aus in Fronarbeit erfolgt sein. Gleichermaßen für beide Fälle schließt die urkundliche ausdrückliche Bezeichnung des ertauschten Landes als „Hufen" den von Karl Maßberg 1927 verfolgten Gedanken aus, dass diese bei der Burg Wolfenbüttel gelegene Feldmark primär gar nicht Dorfland, sondern der Ackerbezirk eines burgzugehörigen Herrenhofes gewesen sei.27 Der Hufenbegriff steht hier in Verbindung mit der den regelmäßigen Streifengemengefluren der -büttel-Dörfer innewohnenden „ungeregelten"

 

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26 Sowohl im Papenteich als auch bei den -büttel-Dörfern im Heidegebiet lassen sich die in unmittelbarer Dorfnähe gelegenen ursprünglichen Kernflurabschnitte stets als auffallend regelmäßige schmalstreifige Langgewanne nachweisen.

 

27 Karl MASSBERG, Die ältere Flurverfassung Wolfenbüttels. In: Jb. des Braunschweigischen Geschichtsvereins 2. Folge 1 (1927) S. 5-16.

 

 

 

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30 Wolfgang Meibeyer

 

Hufenverlassung.28 Wie immer auch die Besitzentwicklung innerhalb der altwolfenbüttelschen Flur bis zu ihrer besitzeinheitlichen Zusammenfassung als Vorwerksacker abgelaufen sein mag, zu der Zeit, als die vier Kapellenhufen dem Gotteshaus von St. Marien als Dotation früher einmal beigelegt wurden, wurden diese begrifflich und quantitativ an Hand einer damals noch mindestens teilweise intakten örtlichen Hufenverfassung beschrieben. Diese setzt eine anfänglich hofbäuerliche Struktur voraus und trägt so argumentativ wirkungsvoll bei zum Nachweis der Existenz eines ehemaligen Dorfes.

 

Für den nur noch vermutbaren Standort des alten Dorfes Wlferesbutle gibt eine vergleichende Betrachtung der Platzwahl aller alten Dörfer entlang der Oker, stets gerade am Saum der hochwassersicheren Niederterrasse hart am Rande der vernässten Aue, den wichtigsten Fingerzeig. Eine platzgenaue Festlegung an Hand aktueller Topographie schließt die Übersiedelung des in Frage kommenden Gebietes gänzlich aus. Es fehlt darüber hinaus an Altkarten aus der Zeit vor den intensiven flächengreifenden Veränderungen des Geländes durch die Bastionärsbauten für die Festung im westlichen Umfeld des Schlosses während des 16. Jahrhunderts. Dort aber ist die Dorfstelle bei der Heerstraße unweit von Mühle und alter Burg in etwa zu lokalisieren. Als nur gering ist auch die Aussicht auf archäologische Nachweisbarkeit mit Hilfe siedlungskeramischer Befunde o. ä. in diesem Gelände einzuschätzen.

 

Der Okerübergang einer alten Heerstraße

 

Größeres Gewicht, als das später Friedrich Thöne 1952 gelten lassen wollte,29 kam nach Paul Jonas Meier 1902 dem Okerübergang einer Altstraße als standortlicher Voraussetzung für die Entstehung der Burg Wolfenbüttel direkt am westlichen Rand der Niederung für die Sicherung und ggf. die Sperrung des Flusspasses gegen die Einfälle nach Westen vorstoßender Ungarnscharen im 10. Jahrhundert zu.30 Derartige durch die damalige geostrategische Situation zweifellos gebotene Sicherungsvorkehrungen machte er gleichermaßen für die Entstehung der Burg Dankwarderode

 

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28 Allerdings ist das Verständnis des Begriffes mansus (Hufe) nicht gänzlich unproblematisch. Würde man nämlich die in der 1301er Urkunde genannten vier Hufen - wie das im Braunschweigischen im Spätmittelalter einzusetzen beginnt - einfach im Sinne einer Flächenangabe (zumeist 30 Morgen) verstehen, so wäre damit nichts anderes als nur die Umeignung von 120 Morgen Landes ausgesagt. In dieser Weise hat MASSBERG (wie Anm. 27) stets nur an Flächenhufen gedacht und Bauernhufen ausgeschlossen, wenn nicht Hofplätze dabei ausdrücklich Erwähnung fanden, z. B. auch bei den elf Lecheder Hufen in halberstädtischem Lehnsbesitz der Herren von der Asseburg. Andererseits kennzeichnet der Begriff der Hufe in der Urkundensprache des Mittelalters zunächst einmal die vollständige Wirtschaftseinheit eines hufenbäuerlichen (d. h. nicht kotsässigen) Betriebes und schließt somit den Hofplatz, Garten- und Wiesenflächen sowie die Allmendberechtigung etc. als selbstverständlich mit ein. Damit steht die Hufe für den Hof in seiner Ganzheit.

 

29 THÖNE 1952 (wie Anm. 1) S. 26 Anm. 124.

 

30 Die Behandlung der Ereignisse im 10. Jh. fußt hier hauptsächlich auf Hans K. SCHULZE, Hegemoniales Kaisertum. Ottonen und Salier (Siedler Deutsche Geschichte), Berlin 1991.

 

 

 

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31 Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

in Braunschweig geltend. Martin Last hat darüber hinaus noch auf eine weitere als Entstehungsveranlassung der Burg in Erwägung zu ziehende Bedrohung im späteren 10. Jahrhundert, nämlich die Einfälle und Beutezüge der seit 983 aufständischen transelbischen Slawen, aufmerksam gemacht.31 Zu deren Abwehr errichtete auch der hildesheimische Bischof Bernward seine Schutzburgen an Straßenübergängen in Wahrenholz an der Ise sowie die Mundburg an der Aller.

 

Die sog. Mindener Heerstraße führte nach ihrem ostgerichteten Verlassen der Bischofsstadt Hildesheim mit einem nördlichen Zweig über Broistedt / Bleckenstedt und mit einem zweiten parallelen südlichen am Fuß der Lichtenberge entlang über Salder / Adersheim auf den Okerübergang bei Wolfenbüttel zu.32 Beide noch im 18. Jahrhundert unter der Benennung Hoher Weg bekannten Altstraßen liefen auch auf dem Westufer wieder zusammen, um östlich der Oker dann auf die von Braunschweig kommende Heerstraße nach Halberstadt / Leipzig zu treffen. Hier zweigte ein weiter in Ostrichtung über Ahlum auf das Elmgebiet zielender Weg ab, der schließlich auf Schöppenstedt und Schöningen zulief. Trotz fehlender direkter schriftlicher Datierungsbelege wird man nicht fehlgehen, mit Paul Jonas Meier den in die Heerstraßenverbindung zwischen den als Diözesanzentren seit dem frühen 9. Jahrhundert ausgewiesenen Städten Hildesheim und Halberstadt eingebundenen wolfenbüttelschen Okerübergang als bereits frühmittelalterlich gelten zu lassen.

 

Exkurs: Bornstedts „Lecheder Deiweg“ — ein zweiter Okerübergang?

 

Ehe der Verlauf der Altstraße durch die Flussaue im späteren städtischen Bereich betrachtet wird, ist zunächst auf die von Wilhelm Bornstedt 1969 aufgeworfene Frage eines möglicherweise noch älteren weiteren Okerüberganges im nahen Umfeld einzugehen. Bei seinen Untersuchungen über „Die alten Heer- und Handelsstraßen im Großraume um Braunschweig“ meinte dieser nämlich, in einer auf der Faber-Karte von 174133 zu erkennenden Furt nördlich der wüsten Dorfstelle von Lechede einen weiteren, im Verlaufe des von ihm so vermuteten uralten „Lecheder Deiweges“ liegenden ältesten Okerübergang entdeckt zu haben. Dieser soll erst mit der aufstrebenden Bedeutung von Wolfenbüttel … bedeutungslos geworden sein.34

 

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31 Martin LAST, Die Anfänge der Stadt Braunschweig. Mittelalterliche Tradition im Lichte moderner Forschung. In: Brunswiek 1031 Braunschweig 1981, Folgeband zur Festschrift. Hg. v. Gerd SPIES, Braunschweig 1982, S. 25-35.

 

32 Wilhelm BORNSTEDT, Die alten Heer- und Handelsstraßen im Großraume um Braunschweig. (Denkmalpflege und Kreisgeschichte. Landkreis Braunschweig 12). 1969, S. 30 ff.

 

33 Dieter MATTHES (Bearb.), Karte der Residenzstadt und Festung Wolfenbüttel mit Umgebung 1741. Hg. vom Niedersächsischen Landesverwaltungsamt - Landesvermessung und dem Niedersächsischen Staatsarchiv in Wolfenbüttel, Hannover 1994 (Zeichner: Ludwig August Faber).

 

34 Laut BORNSTEDT (wie Anm. 29) S. 11 werden als Dei- oder Deitwege die ältesten - wohl durchaus bis in das Vormittelalter zurückzudatierenden - Wege hier im Nordharzvorland angesehen. Das Zitat a. a. O. S. 40.

 

 

 

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32 Wolfgang Meibeyer

 

Ein womöglich sich abzeichnendes Dilemma, hier zwei eng benachbarte Okerübergänge räumlich und zeitlich miteinander und mit dem Entwicklungsgang Wolfenbüttels vereinbaren zu müssen, entfällt jedoch schon bei eingehender Überprüfung des sog. Lecheder Deiweges auf seinem von Bornstedt vorgeschlagenen Abschnitt östlich der Oker sowie der Topographie im Bereich der Furtstelle:

 

1. Gegen die Akzeptanz als Abschnitt eines uralten Deiweges spricht für die bezeichnete Wegeverbindung zwischen der angegebenen Lecheder Furtstelle und Atzum/Ahlum deren auffällig ungünstiger Verlauf in Bezug auf die natürlichen Geländeformen! Hingegen stimmt der „konkurrierende“, auf den Wolfenbütteler Okerübergang bezogene Altstraßenabschnitt (der sich noch neuzeitlich im Kartenbild des 18. Jahrhunderts35 darstellt) zwischen dem Gotteslager und Atzum geradezu optimal mit den allgemeinen Merkmalen zusammen, wie sie der Anpassung von sehr alten Straßen und Wegen an die Verhältnisse des natürlichen Reliefs und der Gewässer fast immer abzusehen sind.36 Zweifellos ist es dieser, der in der ältesten Trasse verläuft und nicht ein vermuteter „Lecheder Deiweg“.

 

2. Das als wasserburgähnliche Sicherungsanlage unmittelbar östlich (!) der Furt gemutmaßte castrum Lechede innerhalb einer teilweise verlandeten Flussschlinge (Altwasser) hat bei einer Überprüfung trotz mehrmaliger Oberflächenabsuche nach Siedlungskeramik und auch bei Sondierung mit dem Handbohrer keinerlei Spuren vormaliger Bebauung oder Besiedlung überhaupt erbracht.37

 

3. Die Ausrichtung der Furt sowie der hohlwegartigen Senke (S. 31) auf den okerwestlichen Juliusdamm und den Juliusweg lenkt die Aufmerksamkeit auf die von Friedrich Thöne 1952 angemerkte Sperrung der Dammfestung für jeden Durchgangsverkehr aus Furcht vor Ausspähung der Festung durch Herzog Julius.38 Die mit dem herzoglichen Namen versehenen obengenannten Verkehrsanlagen offenbaren sich einschließlich der Furt als erst damals offiziell eingerichtete Verkehrsumleitung nördlich um die unzugängliche Zitadelle herum.

 

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35 KLEINAU (wie Anm. 20) Bl. 3829 Wolfenbüttel.

 

36 Karl-Geert KÜCHENBECKER, Die geschichtliche Entwicklung der Fernwege im südöstlichen Niedersachsen unter Berücksichtigung ingenieurmäßiger Gesichtspunkte. Diss. TU Braunschweig 1969.

 

37 Die Geländeuntersuchungen erfolgten durch den Verfasser in den Wintermonaten 1997/98

 

38 THÖNE 1952 (wie Anm. 1) S. 26 Anm. 124.

 

 

 

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33 Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

Wilhelm Bornstedts Postulat eines weiteren vor- oder frühmittelalterlichen Okerübergangs bei Lechede mit östlicher Fortführung als Deiweg oder Altstraße in Richtung auf Atzum darf somit als gegenstandslos angesehen werden.

 

Ein Nachvollziehen des Heerstraßenverlaufs im Zuge ihrer eigentlichen Durchquerung der Okerniederung. d. h. im Gebiet der später bebauten Stadt, kann nur bei einer Zusammenschau mit den natürlichen topographischen Verhältnissen der Altlandschaft zum Erfolg führen. Die Breite der sumpfigen Okerniederung beträgt zwischen den der geologischen Karte 1:25 000 (ergänzt durch Profile von Bodenbohrungen39 und aktuelle Geländebeobachtung) zu entnehmenden Rändern der trockenen sandig-kiesigen eiszeitlichen Niederterrassen auf der West- und auf der Ostseite in Höhe des Stadtmarktes ungefähr 600 m. Ca. 2,5 m tiefer als die Ränder der Terrassen liegt dazwischen eingebettet die von Harzhochwässern in alter Zeit häufig heimgesuchte Niederung als Flussaue mit einer aktuellen Minimalhöhenlage von etwa 76 m.40 Auffällig ist eine Talsandinsel auf der östlichen Niederungsseite etwa zwischen Stobenstraße und Echternstraße von gerade einmal bis 200 m Breite. Bohrungen zu Folge besteht diese schildartige, langgestreckte Höheninsel aus holozänen schluffig-sandigen sowie stellenweise morastigen Auesedimenten.41 Eine schmale, wohl nur zeitweilig von Hochwässern durchflutete natürliche Senke im Verlauf von Okerstraße und nördlicher Fischerstraße trennte diese Insel in der Niederung von der östlichen Niederterrasse. Heinrich d. J. führte durch diese Senke einen Kanal und verband ihn als künstlichen Befestigungsgraben seiner Neustadt mit der fließenden Oker. Damit finden auch die Namen der unmittelbar neben dem (inzwischen längst zugeschütteten) Gewässer entlang laufenden Fischerstraße und Okerstraße ihre heute nicht mehr augenscheinlich nachvollziehbare Erklärung.

 

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39 Herrn Thiele, Leiter des Baudezernats der Stadt Wolfenbüttel, bin ich zu herzlichem Dank verbunden für die Einsichtnahme und Überlassung von Bohrprofilen aus dem Bereich der südlichen Innenstadt.

 

40 Als topographische Unterlagen für das engere Stadtgebiet dienten die folgenden vier Blätter der Deutschen Grundkarte 1:5000: 3829-6 Wolfenbüttel-Auguststadt (Ausg. 1961). 3829-7 Wolfenbüttel-Juliusstadt (Ausg. 1966), 3829-11 Wolfenbüttel—Weiße Schanze (Ausg. 1968), 3829-12 Linden (Ausg. 1965).

 

41 Dieser Befund stimmt im wesentlichen mit den Grabungsbeobachtungen überein von Hartmut RÖTTING, Zur Archäologie der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis. In: Die Hauptkirche Beatae Maria Virginis in Wolfenbüttel (Forschungen der Denkmalpflege in Niedersachsen 4), Hannover 1987 S. 79-90, hier S. 80. Freilich ist zu betonen, dass der unter der heutigen Kirche (Bau III) sich andeutende Standort der ältesten Marienkapelle (Bau I) (ungeachtet des ca. 1 m betragenden Bodenauftrags wohl beim Bau des noch heute bestehenden Kirchenbaues) auch zur Zeit ihrer Entstehung schon an der höchsten Stelle des Geländes gewählt wurde. Herr Professor Rötting hat das mündlich bestätigt.

 

 

 

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34 Wolfgang Meibeyer

 

 

 

Abb. 1 (Wdhl.): Das Wolfenbütteler Siedlungsgebiet vor dem hohen Mittelalter

 

 

 

 

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35 Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

Der ständige, auch zu hochwasserfreien Zeiten Wasser führende Hauptlauf der Oker verlief schon während des Mittelalters am westlichen Rand der Niederung, wo er mit zwei Mäanderbögen in den Körper der Niederterrasse unmittelbar eingriff und als Uferbereich eine Folge von nassen Einbuchtungen und trockenen Terrassenvorsprüngen geschaffen hatte. Die schon mittelalterliche Verortung dieses Hauptlaufes wird nicht nur mit der Bezeugung der Wassermühle nachgewiesen.42

Auch die Zuordnung aller sakralen Einrichtungen in der Dammsiedlung zur halberstädtischen Diözese, deren westliche Grenze gegen das hildesheimische Bistum auch hier der Okerlauf bildete, bestätigt diesen westlich der Dammsiedlung.

 

 

Abb. 2: Die Bistumsgrenzen im Untersuchungsgebiet

 

 

Die von Westen herankommende Heerstraße wird den Okerlauf anfänglich vermittels einer Furt, später über eine Brücke bei der Wassermühle gequert haben. Über die damit wohl in Verbindung stehende Dammaufschüttung lief sie zunächst weiter in etwas südöstlicher Richtung, wie dieses eine Pforte am östlichen Rande der Dammsiedlung festgelegt zu haben scheint,43 auf der vermutlich das spätere Dammtor beruht. So wurde der alte Verlauf der Straße auf dem Damme gleichsam „konserviert“.

 

Erst viel weiter östlich an der „Okerstraßen-Senke“ zwischen der Insel in der Niederung und der östlichen Terrassenkante kommt wieder ein Hinweis auf den Verlauf der Heerstraße durch die frühere Benennung der Lohenstraße als Nikolausdamm44 zu Tage. Demnach überwand sie von Osten her die schmale natürliche Senke mit Hilfe einer künstlichen Anschüttung,45 eben des Nikolausdamms, und gelangte so auf die Höheninsel. Zwischen deren westlichem Rand und der östlichen Pforte der Dammsiedlung galt es dann noch einiges an Niederung zu überwinden. Dieses Gebiet (etwa der späteren Zimmerhöfe und des Stadtmarktes) verlor seinen Charakter als Bruchlandschaft erst mit dem großzügigen Bau von Kanälen und Festungsgräben sowie der Zuschüttung der letzten dort erwähnten Sümpfe und Teiche gegen Ende des 16. Jahrhunderts.46 Eine Überdämmung konnte hier wegen der für Okerhochwässer unverzichtbaren Durch- und Abflussbahnen nicht in Betracht kommen. Spuren des Altstraßenverlaufs sind dort in keiner Weise aus der Topographie mehr zu entnehmen.

 

Ziemlich gewiss ist hingegen eine Ausrichtung der Furtüberquerung von der Dammpforte auf den Straßenbogen der Krambuden (nahelegt auch durch das spätere dort befindliche Löwentor)47 und die weitere Wegführung etwa im Zuge der

 

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42 Wie oben Anm. 8.

 

43 THÖNE 1954 (wie Anm. 1) Abb. 4.

 

44 S. oben Anm. 33.

 

45 Mechthild WISWE, Die Wolfenbütteler Straßen- und Flurnamen. ln: Braunschweigisches Jb. 51 (1970), S. 160-197, hier S. 183.

 

46 THÖNE 1954 (wie Anm. 1) S. 42 ff.

 

47 THÖNE 1954 (wie Anm. 1) S. 39.

 

 

 

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36 Wolfgang Meibeyer

 

 

Abb. 3: Das Wolfenbütteler Siedlungsgebiet vor dem hohen Mittelalter unterlegt mit Herzogl. Braunschw. Landesaufnahme 1 : 10000, Blatt Wolfenbüttel (1903)

 

 

 

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37 Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

westlichen Langen Herzogstraße. Als nämlich mit der Wall- und Grabenbefestigung der Neustadt vor 154248 der Nikolausdamm als östlicher Abweg der Heerstraße von der Talsandinsel durch den neuen Befestigungs-Wassergraben parallel zur Okerstraße unterbrochen wurde, musste auch der von der Dammsiedlung in Richtung Osten und Süden strebende Fernverkehr nunmehr die junge Neustadt durch das neue Alte Tor in zunächst nördlicher Richtung verlassen. Die damals darauf zuführende Straße Am alten Tore kann dann nicht weit entfernt von ihrem Zusammentreffen mit der (allerdings erst unter Herzog Julius so disponierten) Langen Herzogstraße von dem alten Heerstraßenverlauf abgezweigt worden sein.

 

Es zeigt sich, dass der in der Niederung gelegenen Talsandinsel für den alten Okerübergang anscheinend erhebliche Bedeutung zukommt und dass diese eine besondere Gunstsituation bei der Überwindung der Niederung, wahrscheinlich gerade auch zu Hochwasserzeiten, dargestellt haben muss. So ist sie gewiss als der entscheidende Faktor für die Herausbildung der im Laufe der Zeit konsolidierten Okerquerung im Verlaufe des Altstraßensystems zu betrachten.

 

Alter und Zweckbestimmung der Burg

 

Die örtliche topographische Lage der Burg wurde augenscheinlich von dem noch bestehenden Mäanderbogen des Okerlaufs vorgegeben, welcher einen Niederterrassensporn des Westufers im Osten und Norden umfließt. So ergibt sich eine natürliche Schutzlage gegen Osten für die von Westen her in die Niederung vorgeschobene Befestigungsanlage. Unmittelbar nördlich der Burg liegt der Flussübergang der Altstraße wohl seit frühester Zeit kaum oder nur wenig verändert und direkt daneben die mittelalterlich bezeugte Damm-Mühle. Da die Stammburg der brunonischen Herren von Wolfenbüttel mit dem Erbe Richenzas über Lothar von Süpplingenburg an die Welfen gelangte, ist ihr ein vor das 12. Jahrhundert zurückreichendes Alter mit Gewissheit zuzubilligen.

 

 

Die Untermauerung von P. J. Meiers zweifellos plausibler These, sie als „Heinrichsburg“ mit Bezug auf die Ungarneinfälle im dritten und vierten Jahrzehnt des 10. Jahrhunderts49 anzunehmen, bedarf freilich weiterer Stützung. Kaum unmittelbar Hilfreiches tragen die von Karl Bege 1839 referierten sagenhaften Gründungserzählungen dazu bei, wenngleich dieser Art von Überlieferung mitunter durchaus ein wahrer Kern innezuwohnen scheint.

 

Sehr viel eher leisten allerdings die u. a. im Pfründenverzeichnis von Herzog Friedrich (1388-1400)50 aufgeführte Kapelle des Hl. Longinus in dammone prope Wulferbutle

 

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48 Sehr hilfreiche Informationen sind dem mehrfach publizierten Holzschnitt des Lucas Cranach von der Belagerung der Stadt 1542 hinsichtlich des fortgeschrittenen Ausbaues der Heinrichstadt sowie der Befestigungsanlagen zu entnehmen, u. a. bei MEIER 1904 (wie Anm. 8)

 

 

Abb. 4: Lucas Cranach 1542 (Ausschnitt)

 

49 MEYER 1904 (wie Anm. 8) S. 5.

 

50 SUDENDORF (wie Anm. 18) Bd. 6, Hannover 1867, S. 260 f. Nr. 237: Verzeichnis der Pfründen im Herzogthume Braunschweig ... 1388 bis 1400.

 

 

 

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38 Wolfgang Meibeyer

 

und die des Hl. Laurentius ibidem bzw. deren Schutzpatrozinien einen Beitrag zur Datierung von Vorburg und Burg in das 10. Jahrhundert. Beide Kapellen sind ebenso wie auch die dritte im wolfenbüttelschen Siedlungsgebiet‚ die auf der Niederungsinsel prope Wulferbutle liegende Kapelle Sanctae Mariae Virginis, kirchenrechtlich von der St. Stephans-Pfarrkirche im benachbarten Lechede abhängig. Wie die in den Cronecken der Sassen aus dem Jahr 1381 berichteten Ereignisse51 zeigen, besaß bemerkenswerterweise die Burg auf dem Westufer der Oker (also im Unterschied zur Dammsiedlung-Vorburg nicht auf halberstädtischem sondern eigentlich auf Hildesheimer Diözesanboden gelegen!) selbst damals noch keine eigene Sakralstätte innerhalb ihrer Mauern. Daher mussten die Herzöge dem Gottesdienst in der Longinus-Kapelle beiwohnen. Diese fungierte somit offensichtlich gleichzeitig auch als Schlosskapelle. Ihren Standort hat Friedrich Thöne überzeugend auf dem östlichen Okerufer in der Dammsiedlung ganz nahe der Burg auf dem Gelände des späteren „Kleinen Schlosses“ nachgewiesen.52 Nicht bekannt ist hingegen der ehemalige Standort der Laurentius-Kapelle auf dem Damme.

 

Im Unterschied zu dem häufiger verbreiteten Kirchen- und Kapellen-Patrozinium des Hl. Laurentius kommt das der burgnahen Kapelle anhaftende Schutzpatronat des Hl. Longinus nur äußerst selten vor.53 So muss es umso mehr eine Überraschung bedeuten, dass sich hier in der Dammsiedlung zwischen den Patrozinien der einzigen beiden Gotteshäuser eine auffällige Gemeinsamkeit herausstellen lässt, die über bloße Zufälligkeit weit hinausgeht. Sowohl der Hl. Longinus als auch der Hl. Laurentius erscheinen als Tagesheilige von Kalendertagen, an denen hoch bedeutende Ereignisse während der Ungarnkämpfe des 10. Jahrhunderts stattgefunden haben. Die große Popularität des Hl. Laurentius als Schutzpatron bei vielen Kirchenneugründungen in ottonischer Zeit reflektierte die Dankbarkeit der Gläubigen bzw. der Kirchenstifter für die Gewährung des triumphalen Sieges über das bedrohliche große Ungarnheer in der Lechfeldschlacht bei Augsburg am 10. August 955.

 

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51 BEGE (wie Anm. 6) S. 16f. und THÖNE 1963 (wie Anm. 1) S. 15 greifen das von REHTMEIER (wie Anm. 25) S. 661 berichtete Ereignis auf, das in St. Longinus seinen Anfang nahm, während die Herzöge Otto und Friedrich dort gemeinsam am Gottesdienst teilnahmen. Friedrich verließ wegen vorgetäuschten Nasenblutens übereilt die Kapelle, um sich -— nach Überqueren der Oker (!) — durch eine vorbereitete List der Burg zu bemächtigen, die ihm sein Vetter Otto vorenthalten hatte.

 

52 Friedrich THÖNE, Die Wolfenbütteler weihten dem hl. Longinus eine Kapelle. In: Wolfenbütteler Zeitung. 158. Jgg. 1955 Nr. 83 (Zeitungsausschnitt in StA Wf.‚ 278 N 41 [Nachlass Thöne]

 

53 Hans-Walter KRUMWIEDE, Die mittelalterlichen Kirchen- und Altarpatrozinien Niedersachsens, Göttingen 1960. Das Longinus-Patrozinium wird hier überhaupt nachgewiesen, in Wolfenbüttel sowie in einer Kapelle vor dem Wendentor zu Braunschweig. Das Laurentius-Patrozinium erscheint 88mal im Register. Im Ergänzungsband zu Krumwiedes Verzeichnis, Göttingen 1988, erscheint das Longinus-Patrozinium außerdem für das Stift St. Blasius in Braunschweig und für St. Nicolaus in Gifhorn belegt. Alle niedersächsischen Longinus-Belege stammen erst aus dem 14. und 15. Jh.

 

 

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39 Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

Sehr häufig sind diesem Heiligen bald nach 955 gestiftete Gotteshäuser bevorzugt als Schutzpatron anvertraut worden, sodaß sich mit seinem für diese damalige Zeit hoch aktuellen Patronat geradezu eine Datierungsmöglichkeit nicht nur für die Sakralstätte selbst, sondern darüber hinaus auch für neue Ansiedlungen bzw. Siedlungsausbau gewinnen lässt. Heinz Stoob hat so z. B. in Salzwedel die Burgkapelle bzw. den ottonischen Markt in einen überzeugenden Datierungszusammenhang mit dem Laurentius-Patronat zu stellen vermocht.54

 

Am Tage des Hl. Longinus, dem 15. März, wurde im Jahre 933 unter König Heinrich I. die Ungarngefahr durch den Sieg bei Riade, wohl an der Unstrut in Thüringen, nach wiederholter Heimsuchung auch des Nordharzvorlandes zunächst einmal beendet. Erst zu Zeiten Ottos I. traten sie bis zu ihrer endgültigen Besiegung 955 wieder auf den Plan.

 

Will man eine aus solcherart für die Zeitgenossen hoch bedeutsamen Ereignissen herrührende zeitgebundene Aktualität bei der Anwendung von Kapellen-Patrozinien auch im vorliegenden Falle gelten lassen, so ist damit ein wichtiger zeitlicher Ansatz für die Stiftung der Longinus-Kapelle auf dem Damm bei Wolfenbüttel gewonnen, nämlich für das Jahr 933 oder sehr bald danach.55 Nachdrücklich sei auf die enge standortliche Nachbarschaft zwischen dieser und der Burg hingewiesen!

 

Die unter grundsätzlich ähnlichen Vorbedingungen, aber erst nach 955 mögliche Stiftung einer zweiten, diesmal dem Hl. Laurentius nach dem anderen großen Ungarnsieg geweihten Kapelle bietet sich geradezu an, nicht nur den allgemeinen Entstehungszeitraum beider Gotteshäuser im 10. Jahrhundert überhaupt zu untermauern, sondern sogar zu präziseren Datierungsvorstellungen zu gelangen. Denn wenn es nach 955 auf dem Damme zur Stiftung einer „aktuellen“ Laurentius-Kapelle kam, so setzt die zeitliche Folge der Kriegsereignisse zu eben jener Zeit bereits das Bestehen der Longinus-Kapelle mit ihrem ja ca. zwei Jahrzehnte zuvor aktuellem Patrozinium voraus. Deren frühere Entstehung bald nach 933, aber noch vor dem Sieg von 955, würde zudem recht gut auch die im Vergleich zur Laurentius-Kapelle (allerdings erst im 14. Jahrhundert erkennbar werdende) örtlich höhere Rangstellung der Longinus-Kapelle als erstes Gotteshaus am Ort aus ihrem

 

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54 Heinz STOOB, Salzwedel. In: Deutscher Städteatlas, Lfg. III Nr. 8. (Veröff. des Instituts für vergleichende Städtegeschichte), Münster (Westf.) 1984. Vgl. allgemein Lorenz WEINREICH‚ Laurentius-Verehrung in ottonischer Zeit, in: Jb. für die Gesch. Mittel- und Ostdeutschlands 21 (1972) S. 45-66, hier S. 60 ff.

 

55 Die von Hermann KUHR, Die Entwicklung der Marienkapelle zur Hauptkirche Beatae Mariae Virginis. In: Die Hauptkirche (wie Anm. 41), S. 31-38, hier S. 32, erst für 1315 als wahrscheinlich angenommene Stiftung von St. Longinus beruht offenbar auf einem Irrtum. Denn der nur im Kopialbuch des Herzogs Wilhelm d. Ä. überlieferte Urkundentext (s. oben Anm. 2) ist von jüngerer Hand zwar übertitelt mit Fundatio Ecclesie S. Longini in Wulfenbuttel, ohne dass sich jedoch im Urkundentext ein Hinweis auf einen Stiftungsvorgang findet. Stattdessen ist nur von Dotationsgut die Rede.

 

 

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40 Wolfgang Meibeyer

 

höheren Alter heraus erklären können. Diese dokumentiert sich in der unmittelbar burgnahen Lage bzw. der damit verbundenen Funktion als quasi Burgkapelle (1381) und ihrer daraus wohl resultierenden auffällig günstigen Ausstattung und personellen Besetzung (1315).56

 

 

Abb. 3 (Wdhl.): Das Wolfenbütteler Siedlungsgebiet vor dem hohen Mittelalter (Ausschnitt)

 

So scheint die Errichtung der Longinus-Kapelle als frühestes Gotteshaus bald nach 933 auf dem Damme östlich der Oker evident. Nur die Burg selbst kann den notwendigen Anknüpfungspunkt für die Kapelle bzw. für die Dammanschüttung überhaupt dargestellt haben. Sie muss zu jener Zelt also bereits bestanden haben. Wenn nicht gar ihr selbst, so wird zumindest dem Burgherrn eine wichtige (Mitwirkungs- ?) Beziehung zu den Ungarnkämpfen zuzuschreiben sein. Wie würde sonst das auffällige Nebeneinander ausgerechnet der Tagesheiligen der beiden bedeutendsten Ungarnsiege als Schutzpatrone der damals wohl noch einzigen beiden Gotteshäuser am Ort zu erklären sein?

 

An unbekannter Stelle, aber ebenfalls auf dem Damme, errichtete man dann nach 955 die Laurentius-Kapelle. Damit ist auch ein allmähliches Gestaltannehmen der Vorburg bzw. Dammsiedlung ins Auge fassen. Paul Jonas Meiers alte These von einer Heinrichsburg als Schutzanlage hier am Okerübergang findet in alledem ihre weitgehende Verifizierung. Es ist verständlich, dass König Heinrich um eine Sicherung aller Straßenübergänge über die sumpfigen Niederungen der südnördlich verlaufenden Flusstäler zur Abwehr der von Osten andrängenden Ungarnscharen bemüht sein musste. Die dafür notwendigen Sperrburgen wurden angesichts wohl zu befürchtender erneuter Ungamvorstöße anscheinend in großer Eile nach Erlaß der Burgenbauordnung 926 unter gezielter Ausnutzung günstiger natürlicher Geländebedingungen errichtet. Wie bei Wolfenbüttel so wird dieses auch in Braunschweig deutlich, wo eine ähnliche Schutzposition im westlichen Niederungbereich als Burgplatz unweit der Okerquerung gewählt wurde.57 Bemerkenswerterweise vermisst man jedoch in beiden Fällen eine genuine namentliche Benennung der Burganlagen. Jedesmal übernahmen erst in der Folgezeit die Burgen den Ortsnamen des jeweils nächst gelegenen (und aufgelassenen!) Dorfes Wolfenbüttel bzw. Dankwarderode.

 

Die Burgenbauordnung König Heinrichs I. von 926 als genetisches Band von Burg und Dorf

 

Der Datierungsansatz für den Siedlungsanfang herausgearbeiteten frühen Dorfsiedlung Wolfenbüttel führt im Einklang mit dem der übrigen -büttel-Dörfer in das 10. Jahrhundert, also in auffällige zeitliche Nähe zur Entstehungszeit der Heinrichsburg während der Ungarneinfälle. Eine präzisere zeitliche Festlegung der

 

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56 S. oben Anm. 2.

 

57 MEIER 1904 (wie Anm. 8) und MEIBEYER (wie Anm. 13), S. 20 ff.

 

 

 

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41 Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

Dorfgründung erscheint mit siedlungsgeographischen Mitteln nicht erzielbar. Wohl aber stellt sich die Frage nach einer möglichen zeitlichen Koinzidenz bzw. genetischen Beziehung der Entstehung von Burg und Dorf.

 

Es liegt ein exemplarischer Vergleichsfall dafür offensichtlich vor in dem Heidedorf Hankensbüttel. Kr. Gifhorn.58 Dort kam es während derselben Zeit (unter brunonischer Grafschaft!) auf der west- bzw. südlichen Seite des aufgedämmten Niederungsüberganges zweier gebündelter Altstraßen zur Gründung einer Siedlung, welche aus einem wahrscheinlich befestigten Herrenhof mit angrenzendem Kirch- und Begräbnisplatz und unmittelbar daneben liegendem bäuerlichen Dorf bestand. Die Gleichzeitigkeit von Dorf und festem Herrenhof (auf dem später die niederadlige Familie von Hankensbüttel nachweisbar wird) erhellt hier aus dem Flurgefüge und der Lagebeziehung der ältesten Feldbezirke beider Siedlungsteile zueinander. Die gesamte Siedlungsanlage deutet einen von ihrer Gründung her ganz offensichtlich beabsichtigten Verbund des zur Straßensicherung bestimmten Herrenhofes einerseits und der bäuerlichen Siedlung andererseits an. Deren Bewohner können als waffenfähige Bauern für die Bemannung des festen Herrenhofes im notwendigen Falle ebenso zu denken sein, wie sie auch für dessen Versorgung und Bewirtschaftung in Frage kommen.

 

Die topographischen, zeitlichen und strukturalen Merkmale dieser in einer Siedlungseinheit verbundenen Funktionen von Straßensicherung und Bauerndorf stimmen unter wesentlichen Aspekten mit den bei Wolfenbüttel vorgefundenen überein und darüber hinaus auch hinsichtlich ihrer gemeinsamen brunonischen Grundherrschaft. Vielleicht etwas kühn, aber sicher nicht unberechtigt wird die Frage zu stellen sein, ob und in wie weit hinter diesen so beobachteten einander zeitnahen Siedlungsprozessen sich womöglich Maßnahmen oder Auswirkungen der 926 von König Heinrich I. erlassenen Burgenordnung abzeichnen können.

 

Widukind von Corvey berichtet im ersten Buch seiner Sachsengeschichte über den eiligen Burgenbau während des zwischen dem König und den Ungarn ausgehandelten neunjährigen Waffenstillstands. Es hatte jeder neunte der milites agrarii (wörtl.: Bauernkrieger, Wehrbauern) burgsässig zu werden und für gemeinsame feste Unterkunft darin durch Ausbau oder Bau zu sorgen. Den anderen acht oblag als Landbau Treibenden die Versorgung ihres Genossen sowie die Verproviantierung der Burg.59

 

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58 Wolfgang MEIBEYER, Wann entstand das alte Hankensbüttel, und wie sah es aus? In: 950 Jahre Hankensbüttel. Hankensbüttel 2001‚S. 17-30.

 

59 Albert BAUER und Reinhold RAU (Bearb.)‚ Widukinds Sachsengeschichte. In: Quellen zur Geschichte der sächsischen Kaiserzeit 8. Darmstadt 1990, S. 68 f., und Martin LAST, Burgenbauordnung Heinrichs l. In: Lexikon des Mittelalters 2, München-Zürich 1983. S. 1003 f. Vgl. jetzt Ernst SCHUBERT, Geschichte Niedersachsens vom 9. bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert. In: Geschichte Niedersachsens begründet von Hans PATZE 2. Bd., Teil 1, Hannover 1997, S. 115-117.

 

 

 

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42 Wolfgang Meibeyer

 

Wie wird man damals an Standorten dringlich zu errichtender neuer Schutzburgen (etwa an sicherungsbedürftigen Fluss- und Niederungsübergangen) ohne bereits bestehende Dörfer in der engeren Nachbarschaft vorgegangen sein? Unter sinngemäßer Beachtung der Burgenbauordnung dürfte an solchen Plätzen nicht nur eine Burg entstanden sein, sondern es musste auch die Gründung einer unverzichtbaren wehrbäuerlichen „Auxiliar-Siedlung“, d. h. eines Bauerndorfes aus wilder Wurzel, d. h. durch Neurodung, erfolgen. Hankensbüttel scheint genau ein Beispiel dafür zu sein.

 

Im Falle von Braunschweig konnte das seit dem 9. Jahrhundert auf dem westlichen Okerufer bestehende Dorf Dankwarderode diese auxiliare Funktion wohl mit übernehmen. Am Okerübergang von Wolfenbüttel fehlte ein solches nahe gelegenes Dorf. Dort reichte der Oderwald ja noch direkt bis an die Oker heran. Die nächst gelegenen Dörfer auf dem Westufer, Groß Stöckheim und Halchter, befanden sich jeweils mehr als einen km entfernt. Somit kam nicht nur allein die Errichtung der Burg selbst, sondern gleichzeitig auch die Gründung des notwendigen Wehrbauern-Dorfes daneben in Betracht. Die dafür benötigte Feldflur ließ sich durch Rodung des verbliebenen Oderwald-Forstabschnitts zwischen den Feldbezirken von Groß Stöckheim und Halchter gewinnen. Wenn dieses Szenario historische Wirklichkeit zu reflektieren vermag, wird von einer verbundenen Gründung von Burg und Dorf Wolfenbüttel bei einem Datierungsansatz dafür mit dem Jahr 926 oder sehr bald danach auszugehen sein.

 

Schon Hermann Adolf Lüntzel 1837 ist das auffallend viele Reichsgut in dem alten Leragau westlich der Oker aufgefallen.60 Er führte dieses auf einen sehr alten unbesiedelten Grenzforst zurück, welcher sich westlich der Oker als schon vorfränkische wichtige Gaugrenze hinzog und erst in fränkischer Zeit entlang dem Fluß teilweise mit Dörfern besetzt wurde. Der Oderwald als Rest dieses Altforstes lässt sich ebenso wie die bewaldeten Höhenzüge östlich der Oker nach der karolingisch-fränkischen Besitzergreifung Sachsens begründet in Königsbesitz mutmaßen.61 Aus diesem scheint ganz ähnlich wie bei den auch im gifhornschen Nordwald auf Königsgut unter brunonischer Beteiligung vorgenommenen weitläufigen Kolonisationsmaßnahmen im 10. Jahrhundert der für den Wolfenbütteler Ackerbezirk zu rodende Boden zu Gunsten derselben brunonischen Grundherrschaft ausgegrenzt worden sein.

 

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60 Hermann Adolf LÜNTZEL, Die ältere Diözese Hildesheim 1837, S. 174

 

61 Gustav SCHMIDT (Bearb.)‚ Urkundenbuch des Hochstifts Halberstadt und seiner Bischöfe Bd. 1, Leipzig 1883, Nr. 58: Kaiser Otto III. Schenkt 997 dem Bischof Arnulf und seinen Nachfolgern den Bann über die Wälder Hakel, Huy, Fallstein, Asse, Elm und den Nordwald.

 

 

 

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43 Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

Lechede - das wüst gewordene Pfarrdorf in der Nähe

 

Ergänzend zum Ablauf der Ereignisse im eigentlichen Wolfenbütteler Siedlungsgebiet ist noch der Blick zu richten auf das wenig entfernte alte Pfarrdorf Lechede. Eine von Wilhelm Bornstedt postulierte, als Lecheder Deiweg benannte Altstraße samt Okerübergang unweit nördlich der 1974 durch Klaus-Walther Ohnesorge erneut bestätigten wüsten Dorfstelle Lechedes hat sich, wie oben gezeigt, östlich der Oker nicht aufrecht erhalten lassen. Auch als theoretischer Standort einer auf den tatsächlichen, etwas südlicher gelegenen Wolfenbütteler Okerübergang orientierten Sicherungsburg konnte das Dorf nicht in Frage kommen. Seine „falsche“ Lage auf dem östlichen Okerufer würde es selbst sowie eine dortige Befestigung unnötig direkter Gefährdung von Osten nahender Ungarnbedrohung ausgesetzt haben. Entsprechendes ist gegen Bornstedts Hypothese eines castrum Lechede — ebenfalls östlich der Oker — geltend zu machen.

 

Es ist sehr zweifelhaft, ob sich hinter dem nur zweimal, 1304 und 1311, erwähnten castrum62 eine wirkliche Wehranlage verbirgt, oder ob in Übereinstimmung mit K.-W. Ohnesorge nicht vielmehr an einen allenfalls eingefriedeten Steinbau als Wohnsitz eines Zweiges der Familie von der Asseburg zu denken ist,63 den diese erst nach Verlust ihrer welfischen Lehen sowie ihrer Burg auf der Asse 1258 hier auf halberstädtischem Lehnsbesitz, also ausserhalb welfischen Zugriffs eingerichtet haben dürfte.64 Einem Vergleich mit der ja den Asseburgern bis 1255 gehörenden festen Wasserburg Wolfenbüttel hinsichtlich Standortwert kann ein castrum hier nicht standhalten. 1373 hatten die Herzöge Lechede bereits erworben, wie die Verpfändung eines dortigen herzoglichen Vorwerks deutlich macht.65 Anscheinend war der Wüstungsprozess des Dorfes bereits in fortgeschrittenem Stadium und die Bewohner schon teilweise auf die Dammsiedlung vor der Burg Wolfenbüttel abgezogen. Die Herzöge hatten das Land für ihr neues Vorwerk an sich gebracht, und 1469 lag Lechede vollends wüst.66

 

 

Abb. 5: Das Wolfenbütteler Siedlungsgebiet im späten Mittelalter

 

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62 J. von BOCHOLTZ-ASSEBURG (Bearb), Asseburger Urkundenbuch Bd. 2. Hannover 1887, Nr. 593 und Nr. 706.

 

63 OHNESORGE (wie Anm. 3 ), S. 30 f.

 

64 Walter ZÖLLNER, Die Urkunden und Besitzaufzeichnungen des Stifts Hamersleben (1108-1462) (Studien zur katholischen Bistums- und Klostergeschichte 17), Leipzig 1979, S.323, schreibt zwei in der Zeugenliste einer Urkunde von 1147 genannte Personen Liudolfus de Lechethe und Bernhardus de alio Lechethe dem wüsten Lechede bei Wolfenbüttel zu. Aus den Forschungen von Gerhard TADDEY, Das Kloster Heiningen von der Gründung bis zur Aufhebung. (Veröff. des Max.-Planck-Instituts für Geschichte 14 )‚ Göttingen 1966, S. 42. lässt sich jedoch erkennen, dass es sich bei dem einen Lechethe um Lengde, Kr. Goslar. und bei dem anderen um das nahe dabei gelegene wüste Kl. Lengde handelt. Eine Familie von Lechede (bei Wolfenbüttel) hat es nicht gegeben und somit auch keinen älter bezeugten festen Wohnsitz einer solchen im Dorfe Lechede.

 

65 S. oben Anm. 18.

 

66 KLEINAU (wie Anm. 4) S. 366.

 

 

 

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44 Wolfgang Meibeyer

 

Die zuvor mit zwei Geistlichen versehene Pfarre der Stephanskirche in Lechede wurde schon 1395 personell reduziert.67 1460 war ihr Bedeutungsverlust so weit fortgeschritten, dass der Halberstädter Bischof restlich verbliebenen Lechedern den Empfang der Sakramente in der St. Longinus-Kapelle auf dem Damme und das Begraben ihrer Toten bei St. Marien zugestand.68 Beide Wolfenbütteler Gotteshäuser erfuhren damit eine bedeutende Aufwertung auf Kosten ihrer alten Mutterkirche. Anders als im kirchlichen Bereich sind hingegen irgendwelche siedlungsgenetischen Beziehungen zwischen dem Dorf Lechede und Wolfenbüttels Burg- und Dammsiedlung in mittelalterlicher Zeit nicht zu erkennen.

 

Drei Wolfenbütteler Kapellen an den Bistumgrenzen

 

Ungewiss bleibt, weshalb eigentlich die eindeutig auf dem westlichen Okerufer, auf hildesheimischem Diözesangrund also, angelegte Burg- und Dorfsiedlung nicht auch kirchenrechtlich diesem Bistum zugeordnet wurde, an Stelle ihrer tatsächlich erfolgten Angliederung an Halberstadt. Den entscheidenden Ausschlag dafür hat offenbar die Platzwahl für die Longinus-Kapelle auf dem Damme, nämlich östlich der Oker, gegeben, welche standortgemäß somit unstreitig der halberstädtischen Diözese zugehörte und in deren nächst gelegene zuständige Parochie Lechede einzupfarren war. Das lässt annehmen, dass Burg und Dorf anfänglich keine eigene Sakralstätte vor dem Entstehen der Longinus-Kapelle als ältestem Gotteshaus des gesamten wolfenbüttelschen Siedlungsgebildes besessen haben.

 

Alter und Entstehungsumstände von St. Longinus und St. Laurentius lassen sich wie gezeigt aus der Untersuchung ihrer Patrozinien wahrscheinlich machen. Daneben zeichnet sich die beschriebene Funktion von St. Longinus als quasi Burgkapelle in ihrer Lagebeziehung zur Burg sowie durch ihre auffällig reichliche Dotation und personelle Besetzung ebenso ab, wie auch die persönliche Teilnahme der Herzöge 1381 am Gottesdienst in ihren Mauern dafür spricht. Die Longinuskapelle kann als die bedeutendste Sakralstätte des mittelalterlichen Wolfenbüttel gelten, wohl bald schon versehen mit Aufgaben einer Pfarrkirche für die Dammsiedlung.69 Nach ihrem Abbruch sind leider ebenso wie von St. Laurentius keinerlei bauliche Relikte erhalten geblieben.70

 

Welche Bedeutung wird nun dem dritten wolfenbüttelschen Gotteshaus, der Kapelle von St. Marien, anfänglich zugekommen sein? Sie ist auf der Höheninsel

 

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67 Gustav SPIES, Geschichte der Hauptkirche B. M. V. in Wolfenbüttel (Quellen und Forschungen zur Braunschweigischen Geschichte 7), Wolfenbüttel 1914, S. 4 f.; OHNESORGE (wie Anm. 3) S. 31.

 

68 SPIES (wie Anm. 67), S. 5; KUHR (wie Anm. 55) S. 34

 

69 SPIES (wie Anm. 67) S. 5 referiert eine Urkunde von 1460, in der die Abhaltung von Gottesdiensten in der Longinuskapelle für die Pfarrkinder des Dorfes Lechede genehmigt wird.

 

70 THÖNE 1963 (wie Anm. 1) S. 212.

 

 

 

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45 Burg und Siedlung im frühen Mittelalter

 

umgeben von Niederungsgebiet angesiedelt, deren höchst gelegene Stelle man augenscheinlich für ihren Standort ausgewählt hat. Der ursprüngliche Verlauf der Altstraße berührte sie nicht unmittelbar. Dieser ist etwas weiter nördlich auf Höhe der Lohenstraße (Nikolausdamm) anzunehmen. Paul Jonas Meiers 1904 geäußerter Versuch, die Kapelle im Zusammenhang mit dem Okerübergang als Betstätte für Reisende auf der Altstraße zu erklären, steht damit eher auf schwankendem Boden.

 

Wahrscheinlicher als diese Hypothese scheint der von Hermann Kuhr 1987 angedeutete Gedanke, ihre primäre Anlage womöglich im Zusammenhang mit einem Begräbnisplatz für Burg, Dorf und Dammsiedlung zu sehen. Denn für einen Gottesacker war angesichts naheliegender räumlicher Beengtheit auf dem aufwendig anzuschüttenden Dammgebiet sicherlich zu wenig Platz im engeren Umfeld von St. Longinus vorhanden. Als wenig günstig für einen Begräbnisplatz muss auch der sehr nasse Untergrund angesehen werden. Die natürliche, sandig-schluffige Höheninsel in der Niederung bietet hingegen östlich der Oker innerhalb des Pfarrbezirks der halberstädtischen Mutterkirche den nächst gelegenen höheren, wenigstens halbwegs trockenen Grund für Bestattungen.71

 

 

Abb. 6: Urkunde von 1301 (s. Anm. 25)

 

Wann freilich die erst 1301 erstmalig schriftlich bezeugte Kapelle tatsächlich errichtet bzw. das christliche Gräberfeld angelegt wurde, ließ sich den nur wenigen von Hartmut Rötting 1987 ergrabenen mittelalterlichen Bestattungen unter der Kirche Beatae Mariae Virginis nicht absehen.72 Immerhin deutet eine auch für St. Marien zutreffende ungewöhnlich gute Dotierung neben hochrangiger geistlicher Besetzung während des Mittelalters auf Einflussnahme und Beteiligung des Herzogshauses von der Burg Wolfenbüttel aus hin. Ein Zurückreichen von St. Marien in vorherzogliche Zeit braucht damit aber keineswegs ausgeschlossen werden.73

 

 

Ein Rückblick

 

Der hier vorgelegte Versuch einer Rückführung der frühesten Anfänge Wolfenbüttels auf die Gründung einer Straßensicherungs- und -Sperrburg am westlichen Rand des Okerüberganges im Gefolge der Burgenbauordnung König Heinrichs I. ab 926 in Verbindung mit einer kleinen dörflichen Ansiedlung sehr wahrscheinlich wehrfähiger Bauern für Versorgung und Besetzung der Burg während der Ungarnkriege stellt sich als interdisziplinär fundiertes hypothetisches Konstrukt dar.

 

Soweit sich dieser Rekonstruktionsversuch auf gesicherte historische Quellen und Überlieferungen beruft, ist anzumerken, dass diese unvermeidlich aus erst erheblich

 

71 RÖTTING (wie Anm. 41) S. 80 weist auch unter der Hauptkirche bzw. der ehemaligen Marienkapelle auf die Beobachtung eines für einen Begräbnisplatz noch auffallend hohen Grundwasserspiegels hin.

 

72 Urkunde von 1301 s. Anm. 25. Als Begräbnisplatz ist die Marienkapelle in einer Urkunde von 1460 bezeugt, s. oben Anm. 69.

 

73 KUHR (wie Anm. 51) S. 32 f.

 

 

 

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46 Wolfgang Meibeyer

 

späterer Zeit stammen als die mit ihrer Hilfe rekonstruierten Vorgänge und Zusammenhänge. Darin ist eine nicht zu leugnende empfindliche Schwachstelle zu erblicken. Vorsichtig kritische Analogien mussten daher bisweilen die Aufgabe von „missing links“ übernehmen.

 

Andererseits konnten freilich auch nicht aus der historischen Rüstkammer stammende wichtige Hilfsmittel von anderen fachlichen Bereichen her eingebracht werden, welche es aufzubereiten, zu interpretieren, zeitlich retrospektiv einzuordnen und mit den historischen Gegebenheiten relevant zu verknüpfen galt. Dazu gehören in erster Linie Forschungserkenntnisse aus siedlungsgeographisch gewonnenen topographisch-genetischen Analysen, aus historisch-räumlichen Einschätzungen sowie aus der siedlungskundlichen Ortsnamenforschung. Nicht zuletzt ist an Regional- und Ortsrelevantes von Seiten der Geologie, Bodenkunde und Hydrogeographie und natürlich der (Alt-)Kartographie zu denken.74 Die mittelalterlichen Kapellen-Patrozinien eröffneten darüber hinaus ganz unerwartete Einblicke.

 

Es ist damit ausdrücklich keine Einschränkung der dargelegten Ergebnisse gemeint, wenn abschließend betont wird, dass eine allerletzte Sicherheit für die ausgebreiteten Erkenntnisse nicht besteht und — angesichts einschlägiger Quellenarmut — auch kaum jemals erreicht werden kann! Vieles wird — bildhaft gesprochen — nur in sehr groben Konturen gezeichnet Gültigkeit haben. An Details und Farben ist kaum zu denken. Wo unerschütterliche Beweiskraft nicht aufzubringen ist, werden Schlüssigkeit des Diskurses und Plausibilität der erzielten Ergebnisse zu Prüfstein und Wertmesser für deren Akzeptanz und Gültigkeit.

 

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74 Weitere Hinweise auf entsprechende methodische Vorgehensweisen bei Georg NIEMEIER, Der Landschaftstest. Siedlungs- und agrargeschichtliche Daten. In: Zs. Für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 16 (1968) S. 16-35.

 

 

 

Quelle:

 

VORTRAG von Prof. Wolfgang Meibeyer auf einer FABL-Veranstaltung am 02.05.2017 in Wolfenbüttel

 

Diese Forschungsergebnisse Prof. Wolfgang Meibeyers sind ebenfalls in folgendem Sammelband erschienen:

AUF DEM WEG ZUR HERZOGLICHEN RESIDENZ

WOLFENBÜTTEL IM MITTELALTER

Herausgegeben von ULRICH SCHWARZ

2003 Appelhans Verlag Braunschweig S. 21-46

 

Prof. Meibeyer sei an dieser Stelle ein Dank ausgesprochen für die Überlassung seines Vortragsmanuskripts einschließlich seiner Zeichnungen und des Kartenmaterials sowie für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf der Internetseite http://kaiserdom-koenigslutter.info zum FABL-Material unter Wolfenbüttel.

 

 

FABL-Exkursion Belgien 2015

Bruessel Atomium (FABL-Exkursion 2015)
Bruessel Atomium (FABL-Exkursion 2015)

 

Nähere Informationen sind unter http://www.fabl.de/exkursionen.htm zu finden.

 

Ausstellungsdämmerung! Die Landesausstellung "Roms vergessener Feldzug. Die Schlacht am Harzhorn"

Die Erarbeitung der Landesaustellung zu der bedeutenden Fundstelle der römisch-germanischen Schlacht am Harzhorn ist in vollem Gange. Am 07.02.2013 schilderte Wolf-Dieter Steinmetz das "Making of" eines derartigen internationalen Projektes.

 

Begleitende Bemerkungen zur kommenden Ausstellung "Roms vergessener Feldzug" (ab September 2013 im Braunschweigischen Landesmuseum) sind auch zu finden unter:

http://www.zeitwanderer.de/mythos_und_logos/regionalgeschichte/2013/seiten/germanen02.html

http://www.roemerschlachtamharzhorn.de

 

 

 

Gastvortrag Dr. Michael Geschwinde am 25.02.2015 (Archäologie am Mittwoch in der Kanzlei)

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Kleiner Flieger liefert Fotos vom Grabungsgelände

Karl Schmidt (Mitte) mit dem Fluggerät, auf dem eine Kamera installiert ist. Daneben Regine und Wolf-Dieter Steimetz. Foto: B. Meyer
Karl Schmidt (Mitte) mit dem Fluggerät, auf dem eine Kamera installiert ist. Daneben Regine und Wolf-Dieter Steimetz. Foto: B. Meyer


Unterstützung für die Archäologen
Göddeckenrode (bum): Das Grabungsteam an der jungbronzezeitlichen Burganlage bei Göddeckenrode erhielt jetzt Unterstützung aus der Luft. Karl Schmidt aus Achim ließ seinen Multicopter, ein Fluggerät, über das archäologische Grabungsgelände der Wehranlage fliegen und machte damit Luftbildaufnahmen. „Eine gute Ergänzung zu unseren anderen Dokumentationen“, erklärte der Archäologe Wolf-Dieter Steinmetz. Schmidt baute den kleinen Flieger mit vier Propellern im Jahre 2012. „Die Nutzlast beträgt 500 Gramm“, informierte der Fachmann und Tüftler über seine Flugmaschine, die 15 Minuten lang fliegen kann.

Veröffentlicht in:
Halberstädter Tageblatt vom 12.08.2013
Foto: Bernd Uwe Meyer

Grabungsteam findet 3200 Jahre alte Bronzegussform

Archäologie sieht Beweis, dass in der Jungbronzezeit auf Wehranlage bei Göddeckenrode Bronze gegossen wurde

Von Bernd-Uwe Meyer
Göddeckenrode. „Unser Helfer Reinhard Laskowski hat heute etwas ganz Besonderes gefunden“, berichtete Bärbel-Regine Steinmetz am Sonntag erfreut. Steinmetz ist Vorsitzende der Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land, die seit 2006 nahe Göddeckerode auf dem Gelände einer jungbronzezeitlichen Wehranlage graben.
In einem Graben, der zur ersten befestigten Burganlage aus der Zeit um 1200 vor Christus gehört, lag etwa zwei Meter unter der Erdoberfläche eine steinerne Bronzegussform. „Gussformen aus Ton gibt es in Europa häufiger, aus Stein sind sie sehr selten“, betonte der Archäologe Wolf-Dieter Steinmetz, der sich ebenfalls riesig freute. Begeistert zeigte der Archäologe auf die erkennbaren Ringe und kleine Einguss-Öffnung für den Bronzeguss.
Der herausragende Fund ist eine Gussform für Ringschmuck oder eine Ringnadel gewesen. Mit derartigen Nadeln haben die Menschen vor etwa 3200 Jahren, ähnlich wie mit einer Fibel, ihre Kleidung zusammengehalten. Der Restaurator Sven Spantikow wird im Museum „Archäologie in der Kanzlei“ in Wolfenbüttel unter einem hochwertigen Mikroskop vorsichtig Schicht für Schicht abtragen und den seltenen Fund reinigen. „Vielleicht befinden sich noch Bronzereste in der Gussform“, hofft Grabungsleiter Steinmetz.
Nicht weit vom Fundort ist eine rötliche Brandstelle im Erdboden erkennbar. Hier könnte sich ein Rennofen, also eine Vorrichtung zum Gewinnen von Eisen aus aus Eisenerz, befunden haben. Deshalb muss diese Stelle noch näher erforscht werden.
Bald werden auch die Reste der im vergangenen Herbst entdeckten Torkonstruktion untersucht. „Wir haben große Hoffnungen, dass weitere außergewöhnliche Funde ans Tageslicht kommen“, betonte der Grabungschef, als er nach seinen Worten einen der „tollsten Funde, die im Laufe der Grabung ans Tageslicht kamen“, mehreren Helfern zeigt.
In den vergangenen Jahren fanden die Ehrenamtlichen einige Bronzereste. „Sie lagen hauptsächlich am Kultstein“, erklärte Wolf-Dieter Steinmetz. Seit Sonntag gibt es den sicheren Beweis, dass auf dieser Wehranlage Bronze gegossen worden ist. Von ähnlichen Gussformen aus Stein sind aus ganz Norddeutschlang nur wenige Exemplare bekannt. Eine davon haben Archäologen auf dem nicht weit entfernten Gelände vor der Hünenburg bei Watenstedt geborgen.
Die erste befestigte Anlage gab es bei Göddeckenrode/Isingerode vom 12. bis 10. Jahrhundert vor Christi in der jüngeren Bronzezeit. Nach zwei Zerstörungen durch Feuer errichteten die Bewohner um 900 vor Christus erneut eine Burg. Es erfolgten wieder zwei gewaltige Feuer-Zerstörungen.
Während der frühen Eisenzeit (7. / frühes 6. Jahrhundert vor Christi) bauten die Menschen eine vollkommen neue Wehranlage. Ohne erkennbaren Grund endet die Besiedlung in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Christi. Nach einer weiteren Siedlungsunterbrechung entstand etwa 20 vor bis 20 nach Christus eine Grenzburg der Hermunduren.


Veröffentlicht in:
Halberstädter Tageblatt vom 25.06.2013 (Foto: Bernd-Uwe Meyer)


Man lernt das Land neu kennen

Exkursion „Germanen im Braunschweiger Land“ begeisterte:
„Man lernt das Land neu kennen“
Zu einer informativen Exkursion „Germanen im Braunschweiger Land“ hatten die Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land eingeladen. Vorsitzende Bärbel-Regine Steinmetz und der Archäologe Wolf-Dieter Steinmetz begrüßten 50 Interessierte.
In Gielde am „Hetelberg“ informierte der Archäologe über die Siedlung der römischen Kaiserzeit und Merowingerzeit (1. bis 7. Jh. n. Chr.), den Eisen-Verhüttungsplatz und weitere Fundorte.
Zu weiteren interessanten Stationen gehörte der „Erbbrink“ am südlichen Dorfrand von Seinstedt. Hier hat Dr. Franz Niquet zwei kleine Gebäude aus dem 1. bis 2. Jahrhundert nachgewiesen. Die germanische Siedlung auf einer langgestreckten Bodenwelle parallel zum „Großen Bruch“ bestand in den ersten vier Jahrhunderten nach Christus.
Auf dem „Erbbrink“ fanden die Forscher Keramik von Freihand und Drehscheibenware. An Haustieren wurden hier am Rande des „Großen Bruchs“ das Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Pferd und Hund nachgewiesen. „Oft lebten die Germanen in Einzelgehöften, sonst in drei bis vier Gehöften mit 60 bis 80 Menschen“, beantwortete Archäologe Steinmetz eine Frage. „Man lernt das Land neu kennen, alles ist interessant und wunderbar“, betonte Anton Seidl aus Linden während der Exkursion. „Sehr spannend. Man sieht die Heimat mit ganz anderen Augen“, hob Ingeborg Bolluk, Groß Denkte, hervor.

 

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Spannend ging es oberhalb von Isingerode am Rande der jungbronzezeitlichen Wehranlage weiter. „Heute interessiert uns hier die Germanenzeit“, erklärte W.-D. Steinmetz. Nach einer längeren Siedlungsunterbrechung wurde die Wehranlage erneut ausgebaut. „Germanen der späten Eisenzeit nutzten die verkehrsgeographischen und strategischen Vorteile“, erklärte der Archäologe. Nach seinen Worten sei die genaue Datierung „durch die exzellente Fundlage“ möglich. Diese Grenzburg der Hermunduren bestand ungefähr von 30/20 vor bis 10/20 nach Christus. Das Stammesgebiet erstreckte sich um den Ostharz herum. Die germanischen Cherusker siedelten weiter westlich, die Langobarden nördlich. „Unklar ist, ob Grenzstreitigkeiten germanischer Fürsten oder eine Beziehung zu den Römerkriegen der Jahre 12 vor bis 16 nach Christus zum Bau dieser Burg führten“, hob Wolf-Dieter Steinmetz hervor. „Die Exkursion ist sehr spannend. Alles wird gut erklärt“, betonten Heike und Siegbert Berger aus Hornburg. Der Abschluss der gelungenen und sehr interessanten Exkursion fand im Museum „Archäologie in der Kanzlei“ in Wolfenbüttel statt.

Bernd-Uwe Meyer


Veröffentlicht in:
Wolfenbütteler Schaufenster  Nr. 6a/35.Jg.  Mittwoch, den 13.02.2013  S.4

 

 

Eine außergewöhnliche Frau! Steinzeitfunde von der Königspfalz Werla

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Neue Sonderausstellung ist informativ, übersichtlich und gelungen:
Steinzeitfunde von der Königspfalz
Wolfenbüttel. Die Sonderausstellung „Eine außergewöhnliche Frau! Steinzeitfunde von der Königsptalz Werla“ wurde am Freitag zu später Stunde im Museum „Archäologie in der Kanzlei" in Wolfenbüttel eröffnet. Die Direktorin des Braunschweigischen Landesmuseums, Dr. Heike Pöppelmann, begrüßte am Eröffnungsabend zahlreiche Gäste. Sie dankte dem Archäologen Wolf - Dieter Steinmetz und seinem Team für die gründlichen Vorbereitungen und den Aufbau dieser gelungenen Sonderausstellung. Alle am Aufbau Beteiligten haben sehr gute Arbeit geleistet; denn die Ausstellung mit ihren übersichtlich angeordneten Steinzeitfunden wurde sehr gut konzipiert. Große Schautafeln mit verständlichen Erläuterungen informieren über die bedeutungsvollen Funde.
Der Bezirksarchäologe Dr. Michael Geschwinde („Was ist das für eine Frau?“), Museumsleiter W.-D. Steinmetz und die betreuende Osteologin und Anthropologin Dr. Silke Grefen-Peters informierten vor einem Rundgang alle Besucher über die ungewöhnlichen Funde. lm September 2010 stießen Studenten des Historischen Seminars der Universität Braunschweig unter der Leitung von Dr. Geschwinde bei der Freilegung eines mittelalterlichen Gebäudes auf einen sehr bedeutungsvollen und ungewöhnlichen Fund, zu dem u. a. große Amphoren und Henkelkrüge der „Baalberger Kulturgruppe“ (1. Hälfte 4. Jahrtausend v. Chr.) gehören. Plötzlich entdeckten die Ausgräber am Westrand der untersuchten Grube ein vollständiges Skelett. Hierbei handelt es sich um eine etwa 1,50 m große Frau, die in ihren Armen ein drei bis vier Jahre altes Kleinkind hielt. Ihr Alter wird bisher auf 40 bis 55 Jahre geschätzt. Silke Grefen - Peters informierte: „Es ist eine außergewöhnliche Bestattung in gestreckter Rückenlage. Es gibt viele Rätsel. Wir rnüssen herausfinden, weshalb so viele Gefäße dabei sind, ob es die Mutter oder Großmutter ist und was den Tod der beiden Personen verursachte."
Laufende Forschungen sollen offene Fragen und Geheimnisse klären. Das außergewöhnliche Frauengrab aus der Zeit zwischen 3900 und 3500 v. Chr. befand sich „offenbar inmitten eines Siedlungsareals“ an der Grenzlinie größerer Kulturregionen.
Zum Schluss, nach der gelungenen Eröffnungsveranstaltung, luden FABL- Helfer (Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land) mit ihrer Vorsitzenden Bärbel Regine - Steinmetz zu einem Umtrunk ein. Die Öffnungszeiten in der Kanzleistraße 3 (Archäologie in der Kanzlei): Mi., Do. und So. 10 bis 17 Uhr sowie Di. und Fr. 10 bis 13 Uhr. Mo. und Sa. geschlossen. Tageskarte/ermäßigt 4 Euro/3 Euro. Kinder (6-14Jahre): 2 Euro. „Ein Ende dieser Ausstellung wurde noch nicht festgelegt“, informierten Heike Poppelmann und Wolf - Dieter Steinmetz. Sie kann mindestens ein halbes Jahr lang angesehen werden. Ein Museumsbesuch lohnt sich.     bum

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Veröffentlicht in:
Wolfenbütteler Schaufenster  vom 09.12.12

FABL-Event in Isingerode

Foto aus Wolfenbütteler Schaufenster Nr. 31a / 34.Jg. 01.08.2012
Foto aus Wolfenbütteler Schaufenster Nr. 31a / 34.Jg. 01.08.2012

 

lsingerode. Bei lsingerode wird im Bereich einer jungbronzezeitlichen Wehranlage geforscht. Helfer
der Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land (FABL) mit Vorsitzender Bärbel-Regine
Steinmetz und dem Archäologen Wolf-Dieter Steinmetz graben in diesem Jahr an den
Wochenenden unregelmäßig. Spannend wurde es an einer Stelle, die der Restaurator Sven
Spantikow mit Helfern untersuchte. Hier kamen mehrere Bruchstücke von unterschiedlichen
Haushaltsgefäßen ans Tageslicht. lm Erdboden befinden sich dort Rinder-Langknochen. Davor liegt
ein Unterkiefer vom Schwein. Die Anthropologin Dr. Silke Greven-Peters untersuchte diesen beson-
deren Fund. „Diese Knochen wurden von den Menschen als Kulthandlung für die Götter niederge-
legt“, erklärte Wolf-Dieter Steinmetz. Der bedeutungsvolle kultische Fund wird mit einer
Gipsschicht als Block geborgen und ins Museum nach Wolfenbüttel gebracht. Dort werden die
Knochen konserviert.

Quelle: Wolfenbütteler Schaufenster Nr. 31a / 34. Jahrgang  01.08.2012

 



Gelungener Flohmarkt im Museum Archäologie in der Kanzlei am 30.11.12

Flohmarkt im Museum Archaeologie in der Kanzlei Wolfenbüttel

Gelungener Flohmarkt im Museum
Wolfenbüttel. Einen reichhaltig bestückten Flohmarkt veranstalteten am Freitag die „Freunde der Archäologie im Braunschweiger Land“ (FABL) im Museum an der Kanzleistraße. Besucher aus dem gesamten Landkreis und anderen Orten erwarben u. a. Schalen, Stofftiere, Bücher und Weihnachtsschmuck. Der Erlös wird für die Grabungen der jungbronzezeitlichen Wehranlage bei Isingerode verwendet. „Wir benötigen neue Planen zum Abdecken der Funde und Spitzkellen, weil die sich schnell abnutzen“, erklärte Vorsitzende Bärbel-Regine Steinmetz, die den zahlreichen Besuchern dankt.

B.-U.M./Foto: Bernd-Uwe Meyer

 

Wolfenbüttel in der Vorweihnachtszeit 2012

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Der ehemalige Wolfenbütteler Bibliotheksdirektor Professor Paul Raabe wird heute 75 Jahre alt

Ein Geistesleben voller Neuanfänge
Der ehemalige Wolfenbütteler Bibliotheksdirektor Professor Paul Raabe wird heute 75 Jahre alt

Von Andreas Berger
Ein Mann von der Energie Paul Raabes muss schon zweimal in den Ruhestand gehen, bevor er sich wirklich die Zeit nimmt, sein eigenes Leben zu leben. Was aber, so deutet sich in unserem Gespräch aus Anlass seines heutigen 75. Geburtstags schon an, ohnehin wieder in wissenschaftlicher Arbeit bestehen würde, in kleinen Aufsätzen zu verstreuten Themen, die er wegen seiner umfassenden beruflichen Bindungen hat liegen lassen.
Als Professor Raabe 1992 zum ersten Mal in den Ruhestand ging, konnte er als Direktor der Wolfenbütteler Herzog-August-Bibliothek bereits auf eine ansehnliche Lebensleistung zurückblicken. Dank seiner Initiative wurde die einst von Lessing geleitete Bibliothek seit 1968 zu einer internationalen Forschungsstätte für die europäische Kulturgeschichte der Neuzeit ausgebaut. Als eine der fünf deutschen Nationalbibliotheken wuchs sie zu einer kleinen „Republik des Geistes“, die er später unter dem Zonenrand-Spitznamen „Bibliosibirsk oder Mitten in Deutschland“ im Buch beschrieb.

Aufbauarbeit in Halle

Der mit dem Großen Bundesverdienstkreuz, der Ehrendoktorwürde der TU Braunschweig, der Universitäten von Krakau und Halle sowie der Ehrenbürgerwürde Wolfenbüttels urıd, ganz neu, Halles ausgezeichnete Offizier des Pariser Ordre du Mérite hat sich aber noch ein zweites Mal zu einer eindrucksvollen Aufbauleistung angespornt. Als (ehrenamtlicher) Direktor der Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale besorgte er nach der Wende, die er kritisch als „Vereinigung zweier entfremdeter deutscher Staaten“ bezeichnet sehen will, dass dieses von einem pietistischen Unternehmer gegründete Ensemble aus kulturellen und sozialen Einrichtungen nicht zerfiel.
100 Millionen Mark sammelte er dafür in zehn Jahren, bei Bund und Stadt, Land Sachsen-Anhalt, Sponsoren und Mitgliedern des von ihm gegründeten „Freundeskreises der Franckeschen Stiftungen“. Und musste mit ansehen, wie ihm die Treuhand gerade die finanzstarken Bestandteile wie Landwirtschaft und Apotheke ausverkaufte. Trotzdem konnte er 2000, als er auf Hans-Dietrich Genschers Platz als Kuratoriumsvorsitzender der Stiftungen wechselte und damit in den zweiten Ruhestand ging, das weitläufige historische Ensemble saniert hinterlassen. Die drei Säulen der Stiftung sind wieder intakt: die Wissenschaft mit Fakultäten der Luther-Universität; die Kultur mit eigenem Veranstaltungszentrum; das Soziale mit drei Schulen, Kindergarten, einem Bauhof für arbeitslose Jugendliche. 500 Mitarbeiter, dazu 3000 junge Leute beschäftigen die Stiftungen.
Die Zeit in Halle, über die sein jüngstes Buch „In Franckes Fußstapfen“ reflektiert, hat den Büchermenschen Raabe verändert. Die Studienjahre an der Hamburger Universität galten den deutschen Klassikern und endeten mit der Promotion über Briefe Hölderlins. Im Literaturarchiv Marbach bearbeitete er vor allem die Expressionisten. Er reiste viel und traf im Exil Max Brod und Oskar Maria Graf, die Witwen von Hasenclever, Sternheim und Benn, gab Alfred Kubins Zeichnungen heraus. Und in Wolfenbüttel wurden Aufklärung und Barock wie natürlich sein Thema. „Das waren die Jahre im Elfenbeinturm, aber in Halle trat die soziale Wirklichkeit an mich heran", erzählt er.

Stete Selbstausbildung

Thierses Wort, dass die Gesellschaft im Osten zu kippen droht, ist wohl leider richtig", sagt Raabe. „Jeden Tag gehen aus Halle 30 junge Leute weg - immer die besonders tüchtigen.“ Die Wirtschaftskraft sei viel zu gering. „Man hätte damals ein Aufbauministerium einrichten müssen.“ In der Freizeitindustrie und im Kultursektor sieht Raabe dagegen für den Osten große Chancen. „Ich habe daher jetzt für den Bundeskulturbeauftragten ein Blaubuch mit den kulturellen Leuchttürmen der neuen Bundesländer erstellt.“
Die gegenwärtige Spaßgesellschaft, die Verflachung in den Medien ist für einen Mann wie Raabe, der in aufklärerischer Tradition die stete Selbstausbildung übte, alarmierend. „Der Fachkräftemangel ist die direkte Folge davon.“ Der gebürtige Oldenburger hatte, weil die früh verwitwete Mutter wenig Geld hatte, zunächst eine Bibliotheksausbildung gemacht und arbeitete während seines Studiums in Hamburg weiter 48 Stunden wöchentlich irı der Oldenburger Bücherei (wo er auch seine spätere Frau Margarethe ausbildete). Dieser Leistungswille, dieser Mut zum Aufbruch sei jetzt leider wenig verbreitet. „Ich habe meinem Leben immer wieder neue Anfänge gegeben“, resümiert Paul Raabe.
Wenn er jetzt, nach 15 Jahren, endlich seine Pflicht gegenüber einem dänischen Freund erfüllt und seinen Teil des Briefwechsels Hans Christian Andersens mit einer Oldenburger Leserin herausgibt, kehrt er gewissermaßen an seinen Ursprung zurück. Aber das expressionistische Feuer aus Marbacher Tagen flackert auch noch: „Über diese Lebensphase müsste ich eigentlich auch noch ein Buch schreiben.“

Professor Paul Raabe in seiner Wolfenbütteler Wohnung.    Foto: Klaus Lehmann

Quelle: Braunschweiger Zeitung,  Donnerstag, 21. Februar 2002

Gervais: Lessing als Dramaturg

Wolfenbuettel: Statue Nathan der Weise
Wolfenbüttel: Statue Nathan der Weise

 

Lessing als Dramaturg. *)

 

 

Was Lessing in Bezug auf Dryden ausgesprochen hat: „Wenn ein Schriftsteller in seiner Gattung Beides, Regeln und Beispiele gegeben, so erfordert die Natur der Sache, sich jene zuerst bekannt zu machen“ **), ist für unsern deutschen Dramaturgen und Dramatiker eine fast noch dringendere Forderung als für den englischen Kritiker und Dichter, weil Lessing‘s Dramen scheinbar nicht für seine dramaturgischen Vorschriften und Lehren ein Modell und Beispiel geben, dem Stoffe wie der Behandlung nach einem sehr andern Gebiete angehören, als das ist, auf welches er·den Leser seiner dramaturgischen Werke, ja die dramatischen Dichter und Künstler verweist.

 

Daß Lessing‘s bürgerliche Trauer- und Lustspiele, obwohl sie der rührenden französischen und englischen Tragödie und Komödie anzugehören scheinen, und bis auf „Nathan“ in Prosa abgefaßt sind, gleichwohl mit den·Regeln des Aristoteles im Einklang stehen und von der richtigsten Benutzung, von dem wahren Studium der Alten und Shakespeare‘s zeugen, haben wir an jenen Stücken nachgewiesen ***). Was Lessing für die dramatischen Dichter aller Zeiten als einen unumstößlichen Kanon durch seine Kritik über dramatische Poesie

 

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*) Diese Abhandlung ergänzt die, welche ich dem Programm von 1851: „Lessing als dramatischer Dichter“ veröffentlichte, doch nach einem andern Maßstabe, da ich seitdem in einem größern Werke: „Das deutsche Drama und die deutsche Bühne von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart“ dem großen Dramaturgen und Dramatiker, mit dem ich den ersten Band schließe, eine ausgeführtere Beurteilung zugewendet und solche in fünf Abschnitten geschrieben habe, wovon der hier abgedruckte der erste ist. Den zweiten: „Lessing‘s Kritik über dramatische Poesie“, muß ich, um nicht die Grenzen einer Programm-Abhandlung zu überschreiten, für eine zweite Ergänzung zurückhalten.

**) S. Lessing‘s Werke, Lachmann‘sche Ausgabe Bd. VI., S. 336.

***) In dem Hohensteiner Schulprogrammm von 1851.

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festgestellt hat, müssen wir einer anderweitigen Besprechung vorbehalten *). Hier beschränken wir uns allein auf den „Dramaturgen“, der den Weg zu einer vollendeten deutschen Schaubühne mehr zu zeigen als selber zu bahnen unternahm.

 

Der Stufen sind viel, die eine werdende Bühne bis zum Gipfel der Vollkommenheit zu durchsteigen hat, aber eine verderbte Bühne ist von dieser Höhe natürlicher Weise noch weiter entfernt, und ich fürchte sehr, daß die deutsche mehr dieses als jenes ist“. Diese Aeußerung Lessing‘s **) giebt den Standpunkt seines Wirkens der deutschen Bühne gegenüber sehr bezeichnend an. Es ist ein anderer, als ihn Gottsched einnahm, der eine neue Bühne nach fremden Regeln und Mustern zu begründen versuchte, und die früher vorhandene nur als ein historisches Denkmal den Zeitgenossen vorführte mit der Weisung, ihr gänzlich zu entsagen und eine werdende bis zum Gipfel der Vollkommenheit auszuführen. Sein Beginnen schien nach den vorgefundenen Zuständen des deutschen Theaters gerechtfertigt, aber seine Leistungen waren von der Vollkommenheit; die sein beschränkter Geist, sein Starrsinn und seine Eitelkeit schon erreicht zu haben wähnten, weit entfernt, und Lessing bewies, warum seine Produkte nicht besser werden konnten. „Gottsched galt in seiner Jugend für einen Dichter, weil man damals den Versmacher von dem Dichter noch nicht zu unterscheiden wußte. Philosophie und Kritik setzten nach und nach diesen Unterschied in‘s Helle, und wenn Gottsched nur mit dem Jahrhundert hätte fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichten und sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmack seines Zeitalters hätten verbreiten und läutern wollen, so hätte er vielleicht wirklich aus dem Versmacher ein Dichter werden können. Aber da er sich schon so oft den größten Dichter hatte nennen hören, da ihn seine Eitelkeit überredet hatte, daß er es sei, so unterblieb jenes. Er konnte unmöglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte, und je älter er ward, desto hartnäckiger und unverschämter ward er, sich in diesem träumerischen Besitze zu behaupten.“ Dieser scharfe, aber gerechte Vorwurf trifft nur den Dichter, nicht seine theatralischen Bestrebungen, die heilsam werden konnten, wenn sie anderweitige Unterstützung von Dichtern, die mehr zum Richtigen fortschritten als Gottsched und seine Schüler, erhalten hätten. Wer solche in den Schlegel, Kronegk, Brawe, Weiße nachweisen wollte, müßte doch eingestehn, daß auch sie, gleich Gottsched und seinem Troß elender Nachahmer, von falschen Regeln und blendenden Mustern sich nicht losmachen wollten oder konnten, und daß Bühne und Bühnendarstellungen eine Gestalt behielten, die wider Natur, Verstand und Gefühl stritt. Lessing, der den Grundsatz: „wider die Gewohnheit der Kunstrichter mehr zu loben als zu tadeln,“ in der Beurtheilung jener seiner mitlebenden und mitstrebenden Dichter so schön gewahrt hat, mußte, um der verderbten deutschen Bühne ihre Fehler und Haltlosigkeit nachzuweisen, die ganze Schärfe seiner Kritik gegen die Regeln und Muster wenden, die damals selbst die bessern Dichter verleiteten und den Aufschwung des

 

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*) S. vorstehende Seite erste Anmerkung.

**) In der Ankündigung der Hamburger Dramaturg. Werke Th. VII.

 

 

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Theaters, trotz der Bemühungen begabter Dichter und Schauspieler, hemmten. Nicht nur Gottsched‘s falschen Dichterruhm, auch der Franzosen eitle Verblendung nachzuweisen, war ihm vorbehalten. Er that es schonungslos, aber mit gerechtem Zorn. „Kaum riß“, so spricht er von den in ganz Europa angestaunten Tragikern, „Corneille ihr Theater ein Wenig aus der Barbarei, so glaubten die Franzosen der Vollkommenheit es schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand angelegt zu haben, und hierauf war gar nicht mehr die Frage, ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer oder rührender sein könne als Corneille und Racine; sondern dieses ward für unmöglich angenommen, und alle Beeiferung der nachfolgenden Dichter mußte sich darauf beschränken, dem einen oder dem andern so ähnlich zu werden als möglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Theil ihre Nachbarn mit, hintergangen; nun komme einer und sage ihnen das, und höre, was sie antworten.“

 

Was die Franzosen und die Verehrer des französirenden Geschmacks in Berlin unter Friedrich‘s II. Protektion auf Lessing‘s vernichtende Kritik zu antworten hatten, beweist ebenso sehr ihren Dünkel als ihre Empfindlichkeit gegen den Mann, der ihre Götzen gestürzt hatte. „Was ganz Frankreich; vornehmlich Paris, in Werken des Geschmacks glaube, das müsse ganz Europa nachglauben; die Großen thäten es auch; nur der Mittelmann und der Pöbel blieben halsstarrig und wollten selbst urtheilen. *)“ In der That, Lessing wollte selbst urtheilen, und seine Verehrung für das wirkliche Verdienst, das er gern anerkannte, nicht bis zum Verschweigen der Schwächen und Fehler treiben. In der Rüge dieser ist ebenso wenig Uebertreibung, wenn er in seiner Kritik fortfährt: „Von beiden großen Dichtern der Franzosen ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet und auf die tragischen Dichter den verderblichsten Einfluß gehabt hat. Denn Racine hat nur durch seine Muster verführt, Corneille aber durch seine Muster und Lehren zugleich. Diese letztern als Orakelsprüche angenommen, von allen Dichtern befolgt, haben nichts Anderes als das kahlste, wäßrigste, untragischste Zeug hervorbringen können.“ Corneille‘s und Voltaire‘s falschen Regeln und blendenden Mustern die Bühne der Alten und der Engländer entgegenzustellen, war die Hauptaufgabe, die Lessing in seiner Hamburger Dramaturgie sich stellte. Aus den Alten schöpfte er, gestützt auf Aristoteles, die wahren Regeln der Kunst, auf Shakespeare wies er als ein Muster von unerreichter Vollendung. Daß Shakespeare und Aristoteles nicht im Widerspruche mit einander stünden, ist nach der Negation gegen die Franzosen die erste Position, die Lessing dem kühnen Nachweiß abgewann. Sie war ihm nöthig, um vom Wege gekünstelter Unnatur auf den der Natur und Kunst Dichter und Schauspieler zu leiten und der Bühne der Zukunft den weiten Prospekt von Sophocles bis Shakespeare, in deren Ausdehnung jede Stellung erlaubt und für die deutsche erreichbar ist, zu eröffnen, um allmählich sie die Stufen, die bis zum Gipfel der Vollkommenheit zu durchsteigen sind, emporklimmen zu helfen.

 

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*) S. Karl Lessing‘s Brief an seinen Bruder, in des Letztern Werken, Th. XIII. S. 142.

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Wir könnten den Vorwurf zurückweisen, den Lessing in den Literaturbriefen Gottsched gemacht, daß dieser den Geschmack der Engländer in unsern ältern Stücken nicht erkannt und benutzt habe; wir könnten beweisen, daß von den Opern, Staatsaktionen und Hanswurstiaden die Bühne zu reinigen, einfache und regelmäßige Stücke heilsam gewesen wären. Lessing überzeugte sich davon auch, als er nach seinen Jugendkomödien im herrschenden französischen Geschmacke weder durch Volksstücke wie Faust, noch durch Stücke mit Hanswurst, wie er beides sich vorgesetzt hatte, sondern durch das bürgerliche Trauerspiel „Sara Sampson“ und das ganz dem Zeitgeist entsprungene Lustspiel „Minna von Barnhelm“ der Bühne und den Schauspielern zwar einen großen Fortschritt zur Kunst, aber nicht zum englischen Theater hin zumuthete. Ja, als die ersten Versuche dahin von den Kraftgenies der 70ger Jahre gemacht wurden, trat Lessing entschieden denselben entgegen und würde, wenn ihm damals nicht schon alles Theatralische ein Ekel, und die Befassung damit ein Greuel gewesen wäre, selbst gegen „Götz von Berlichingen“ in die Schranken getreten sein, um dem Unwesen, dem Ueberstürzen des Geschmacks sich mit scharfer Kritik entgegen zu stellen. Da war es ein Leisewitz mit seinem „Julius von Tarent,“ der ihm Genüge that, und von dessen Genius er sich schöne Früchte für die Bühne versprach,·nicht jene Köpfe, die abermals am fremden Genie sich entzündet glaubten „und am leichtesten von einem, das Alles bloß der Natur zu danken zu haben scheint, und durch die mühsamen Vollkommenheiten der Kunst nicht abschreckt.“

 

Die Negationen in Lessing‘s Dramaturgie, wodurch er die falschen Regeln und Muster der Franzosen vernichtete, seine Hinweisungen auf die Alten und Shakespearse haben oftmals Dichter und Kritiker verleitet, unsere deutsche Bühne durch eine Verschmelzung beider Typen umzugestalten, indem man von den Alten die Regeln der Kunst, von Shakespeare die Wahrheit der Natur entlehnen müsse; und da beide von Lessing nirgends in Widerspruch gefunden, sei eine Nachahmung beider im ganzen Umfange der Gipfelpunkt, auf den unser Theater gelangen könne. Daß Lessing selbst davon weit entfernt gewesen, und uns weder eine antike Bühne noch eine englische geschaffen, lehren seine Stücke. In der Form tragen sie den Zuschnitt des von dem damaligen England herübergekommenen bürgerlichen Trauerspiels und des bei den Franzosen entstandenen rührenden Lustspiels. Beide Gattungen erklärte er aus dem Naturell der Nationen entsprungen. „Der Franzose ist ein Geschöpf, das immer größer scheinen will als es ist; der Engländer ein anderes, welches alles Große zu sich hernieder ziehen will. Dem einen ward es verdießlich, sich immer von der lächerlichen Seite vorgestellt zu sehen; ein heimlicher Ehrgeiz trieb ihn, seines Gleichen aus einem edlen Gesichtspunkte zu zeigen. Dem andern war es ärgerlich, gekrönten Häuptern viel voraus zu lassen; er glaubte bei sich zu fühlen, daß gewaltsame Leidenschaften und erhebende Gedanken nichts mehr für sie als für einen aus seiner Mitte wären *).“ Dieses ist vielleicht nur ein leerer Gedanke, wie Lessing selber einräumt. Genug aber, die neuen Veränderungen der Bühne, die von

 

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*) Vergl. Lessing‘s W., Th. IV. S. 110.

 

 

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England und Frankreich ausgingen, nahm er auf, um dem verderbten deutschen Theater ein Besseres, als es bisher empfangen hatte, zu geben. Von Sophocles, mit dessen Leben und Werken er das deutsche Publikum gründlichst vertraut machen wollte, von Shakespeare, oder auch von Beaumont, Fletcher und Ben Johnson, „den großen Genies, die das englische Theater mit musterlichen Werken bereicherten, es auf einmal zu einem Theater der Vollkommenheit machten, welches nach dem griechischen für einen Kenner das allerinteressanteste ist, und dem Ansehn nach auch bleiben wird,“ nahm er nichts an —·als: was die Kunst, was die dramatische — nach Aristoteles die höchste — Poesie für ihren Zweck, für ihr unumstößliches Gesetz zu allen Zeiten, bei allen Nationen in den Werken ihrer wahren Meister bewußt oder unbewußt kundgegeben hat.

 

Man verkennt Lessing‘s Bestrebungen um die deutsche Bühne, wenn man glaubt, er habe ihr eine Norm als die allein berechtigte, die einzig künstlerische geben wollen. Ebenso, wenn man aus seiner Polemik gegen die Regeln der Franzosen schließen wollte, daß er die regelmäßigen Stücke überhaupt verworfen, und der scheinbaren Regellosigkeit Shakespeare‘s das Wort geredet habe. Nur den Wahn von der Regelmäßigkeit der Franzosen bestritt er. Keine Nation habe die Regeln des alten Dramas mehr verkannt, als gerade die Franzosen. „Einige beiläufige Bemerkungen, die sie über·die schicklichste äußere Einrichtung des Dramas bei dem Aristoteles fanden, haben sie für das Wesentliche angenommen, und das Wesentliche durch allerlei Einschränkungen und Deutungen dafür so entkräftet, daß nothwendig nichts Anderes als Werke daraus entstehen konnten, die weit unter der höchsten Wirkung bleiben, auf welche der Philosoph seine Regeln kalkulirt hatte.“

 

Empfahl er darum die englische Bühne als Muster? Durchaus nicht! „Den englischen Stücken fehlten zu augenscheinlich gewisse Regeln, mit welchen uns die französischen so bekannt gemacht hatten.“ — Oder schloß er, daß sich auch ohne Regeln der Zweck der Tragödie erreichen lasse? daß diese Regeln gar Schuld sein könnten, wenn man ihn·weniger erreiche? — Im Gegentheil, diesen falschen Schluß bekämpfte er. „Wir waren auf dem Punkte“, sagt er, „uns alle Erfahrungen der vergangenen Zeit muthwillig zu verscherzen, und von den Dichtern lieber zu verlangen, daß jeder die Kunst auf‘s Neue für sich erfinden solle. Ich glaube das einzige Mittel getroffen zu haben, diese Gährung des Geschmacks zu hemmen. Darauf losgearbeitet zu haben, darf ich mir wenigstens schmeicheln, indem ich mir nichts angelegener sein ließ, als den Wahn von der Regelmäßigkeit der französischen Bühne zu bekämpfen.“ Da er weder bei den Franzosen, noch bei den Engländern die Regeln und Grundsätze fand, die ihm für die dramatische Kunst und deren Schauplatz, die Bühne, genügten, suchte er sie bei andern Nationen und fand sie bei — Aristoteles „so unfehlbar, als die Elemente des Euklides nur immer sind.“

 

Ein Anderes ist es, wichtige Regeln und Grundsätze, besonders der Kunst, nachweisen, ein Anderes, sie anwenden. Lessing fand, daß sie ebensowohl in der griechischen

 

 

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Tragödie, wie in der römischen Komödie, in den Dramen Shakespeare‘s und selbst in den von augenfälligen Fehlern begleiteten spanischen Stücken, bei Molière und Goldoni, in den überladenen englischen Lustspielen und in den Entwürfen italienischer Improvisationen, aber nicht in den sogenannten Trauerspielen des Seneca und in den gerühmten Mustern der französischen Bühne und deren Nachahmungen beobachtet seien. Daher trat er gegen Seneca schon in der theatralischen Bibliothek (1754), gegen die Franzosen leise schon damals, entschieden in der Hamburger Dramaturgie (1767 - 69) auf, nahm in jener das rührende Lustspiel, in dieser das bürgerliche Trauerspiel in Schutz, und lieferte für beides Musterstücke, die bewiesen, daß auch eine von keinem der größten dramatischen Dichter gebrauchte Form die richtigern Regeln und Grundsätze der Kunst enthalten könne. Den Deutschen aber wünschte er mit Sophocles und Plautus, mit Shakespeare, wenn auch nur durch die Wielandsche Uebersetzung, mit Thompson‘s Stücken bekannt zu werden; sie auch auf die Spanier aufmerksam zu machen, deren Fehler in die Augen sprängen, deren Schönheiten nicht übersehen werden dürften; den deutschen Lustspieldichtern in den besten Entwürfen ungedruckter italienischer Lustspiele ein Magazin zu überliefern, „aus welchem sie sich sicherer und zugleich unschuldiger versorgen könnten, als aus ganzen gedruckten Stücken, die leicht selbst in einer Uebersetzung auf deutscher Bühne erscheinen, und sie also der Gefahr verglichen zu werden, aussetzen möchten.“

 

Wenn Lessing auch den großartigen Plan, eine Geschichte des Theaters aller Völker, den er einst mit Mylius gefaßt hatte, aufgab, doch blieb er, so lange das Theater für ihn Reiz und Interesse hatte, bemüht, ihm durch seine Kritik, durch Mittheilungen und Anweisungen eine neue, ja eine so breite Basis zu geben, daß keine Form und keine Norm, die kunstberechtigt war, ihm fortan fehlen durfte, wenn nur die rechten Geister auf die rechte Weise es anfaßten, nicht die Regeln verwarfen, nicht in den gewagten Versuchen sich überstürzten. Das war eine andere Errungenschaft, als Gottsched sie erstrebt, der nur Franzosen und, wie diese sie mißverstanden, die Griechen gelten lassen wollte. Und was er von seiner Jugend an erkannt und gelehrt, das blieb, in steter Läuterung, sein Ziel bis zum Alter, nur daß er leider im Unwillen über die verkehrten und trägen Zeitgenossen, und von andern Studien angezogen, zu frühe der thätigen Mitwirkung für die Bühne sich entzog und andern das Werk überließ, das kein Deutscher, weder vor noch nach ihm, in gleichem Maaße durchzuführen verstand; daher es denn bald stockte und auf schlimme Abwege gerieth. Und doch schuf er gerade in den Zeiten seines Grollens mit dem Theater seine vollendetsten Stücke, Emilia Galotti und Nathan. Ja erst in letzterm wählte er den Ausdruck der Form, der zur künstlerischen Vollkommenheit der dramatischen Poesie nach seiner eigenen Ueberzeugung ihr nicht fehlen darf, den Vers. Schon in der Dramaturgie hatte er der Meinung des Houdar de la Motte widersprochen, daß das Sylbenmaß ein kindischer Zwang sei, dem sich der dramatische Dichter am wenigsten Ursache habe zu unterwerfen; er hatte den großen Vorzug unserer Sprache vor der französischen darin gefunden, daß sie der griechischen ungleich näher

 

 

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komme, die durch den bloßen Rhythmus ihrer Versarten die Leidenschaften, die darin ausgedrückt werden sollten, anzudeuten vermag.

 

Noch deutlicher wird die Nothwendigkeit des Verses in der dramatischen Poesie aus Lessing‘s Urtheil über diese. „Die Poesie,“· so schreibt er 1769 an Nicolai, *) „muß schlechterdings ihre willkürlichen Zeichen zu natürlichen zu erheben suchen, und nur dadurch unterscheidet sie sich von der Prosa und wird Poesie. Die Mittel, wodurch sie dieses thut, sind der Ton, das Wort, die Stellung der Worte, das Sylbenmaß, Figuren und Tropen, Gleichnisse u. s. w. Alle diese Dinge bringen die willkürlichen Zeichen den natürlichen näher, aber sie machen sie nicht zu natürlichen Zeichen: folglich sind alle Gattungen, die sich nur dieser Mittel bedienen, als die niedern Gattungen der Poesie zu betrachten; und die höchste Gattung der Poesie ist die, welche die wirklichen Zeichen gänzlich zu natürlichen macht, das ist aber die dramatische; denn in dieser hören die Worte auf willkürliche Zeichen zu sein, und werden natürliche Zeichen willkürlicher Dinge. Daß die dramatische Poesie die höchste, ja die einzige Poesie ist, hat schon Aristoteles gesagt, und er giebt der Epopöe nur insofern die zweite Stelle, als sie größtentheils dramatisch ist oder sein kann. Der Grund, den er davon angiebt, ist zwar nicht der meinige, aber er läßt sich auf meinen reduziren und wird nur durch diese Reduktion auf meinen vor aller falschen Anwendung gesichert.“ —

 

Was von dem Auge der Kritik als zweckdienlich, heilsam oder zulässig erspäht werden kann, hat Lessing dem deutschen Theater zuzuwenden gesucht. Was sein richtiger Blick als falsch, hemmend, störend für dessen Emporkommen erkannte, wies er mit Gründen nach, die keine Widerlegung möglich machten, gegen die nur Dünkel und Kurzsichtigkeit sich sträuben konnten, zu denen auch die Kritik nach ihm so viel wie Nichts zu ergänzen fand. Daß gleichwohl die Wirkungen seiner Kritik auf der Bühne sich viel langsamer Bahn brachen als Gottsched‘s Reformen, der weder das Richtige erkannt, noch das Fehlerhafte vermieden hatte, darf nicht befremden. Hier galt es nicht, einem Verderbniß, das der Blödsichtigste bemerkte, abzuhelfen, sondern einem Wahne, in dem die besten Geister befangen waren, entgegen zu treten; hier galt es nicht, einen Harlekin oder die Staatsaktionen mit der Autorität der Corneille, Racine und Voltaire vom Theater zu verbannen, sondern diese seit einem Jahrhundert von allen gebildeten Nationen gepriesenen Heroen zu bekämpfen, sie als falsche Götter zu entthronen; hier galt es, unbekannte oder gar verachtete Muster als die allein wahren Genies und Kunstrichter zur Geltung zu bringen; hier galt es, nicht Uebersetzungen und Bearbeitungen zu fabriciren, abgeschriebene Regeln und Gesetze, die weit verbreitet waren, auch den Deutschen zu verkünden, sondern selbstständige Produkte zu schaffen und schwer verständliche Lehren, die von den Franzosen theils falsch verstanden, theils absichtlich entstellt waren, durch richtige Erklärung in ihrer wahren Bedeutsamkeit, selbst für Denker und Dichter,

 

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*) Werke XII. S. 225.

 

 

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zur Evidenz zu bringen. Eine Anzahl von Stücken, rasch auf einander in Scene gesetzt, hätte die Physiognomie des deutschen Theaters schneller geändert als alle Kritik; allein ihnen den Weg zu bahnen, war ohne Kritik nicht möglich. Die Tragödien und Komödien der Alten, die Dramen Shakespeare‘s waren entweder in deutschen Uebersetzungen nicht da, oder konnten, wenn sie übersetzt wurden, auf den damaligen Bühnen, von den damaligen Schauspielern nicht aufgeführt, noch von dem Publikum schon gewürdigt werden.

 

Wie weit aber war Lessing entfernt, die Alten selbst, Shakespeare selbst den Deutschen auf der Bühne vorzuführen. Sie sollten sie nur kennen, schätzen lernen, um an ihnen die dramatische Kunst, nicht ihre Formen, denen zu viel von ihrer Zeit, von ihren Nationen anhaftete, zu bewundern. Die Alten und Shakespeare richtig nachzuahmen, das war eine schwierigere Aufgabe, als wie Gottsched und seine Schüler die Franzosen nachgeahmt hatten. Daß Lessing in seinen Stücken es gethan, vermag noch heute nur die schärfste Kritik nachzuweisen, während man damals eher Diderot und Marmontel oder George Lille, den Verfasser des „Kaufmanns von London“, oder einen gleichzeitigen englischen Dichter für seine Vorbilder hielt. Selbst sein „Philotas“, sein „Schatz“ lassen die Schule von Sophocles und Plautus kaum erkennen! Und in wie langsamer Aufeinanderfolge ließen Lessing‘s Stücke auf sich warten! Neben ihm aber stand keiner, der ihm bei dem schwierigen Werke, die Bühne zu bessern, sie mit Stücken, an denen seine Kritik Befriedigung gefunden hätte, zu versehen, Beistand leistete. Als auch er sich vom Theater voll Groll und Ueberdruß zurückzog, ja bis nach Italien entweichen wollte, nannte mit Recht Nicolai es verwaist, „weil mit ihm die einzige Hoffnung besserer Erzeugnisse schwinde.“

 

Der reiche Schatz, der in früheren Schriften, vornehmlich aber in der Dramaturgie niedergelegt war, sollte ein Vermächtniß für die Zukunft sein, sowie auch heute noch in seinen Erwartungen und Bestrebungen eine Hoffnung ruht, die Bühne der Zukunft unter anderen Bedingungen und Verhältnissen, als die gegenwärtigen sind, zu gründen. Man hat den Hauptwerth der Dramaturgie in dem negativen Theile gesucht und mit Stolz darauf hingeIwiesen, daß ein Deutscher die Irrthümer und Fehler der Franzosen so schlagend und bis zur Vernichtung ihrer Autorität bekämpft habe. Wohl, auch wir erkennen den Scharfsinn dieser Negationen und haben oft auf dieselben zur Unterstützung des eigenen Urtheils hingewiesen. Es schmälert sein Verdienst nicht, daß er aus Aristoteles und Horaz, aus deren Auslegern, aus Diderot, Marmontel und Dacier, aus den dramatischen und kritischen Werken der·Alten und Neuern seine Beweisgründe entlehnt; gelegentlich weist er auch sie alle zurecht, und abhängig macht er von ihnen sich niemals. Doch da wir‘s mit der Beurtheilung Lessing‘s selber zu thun haben, dürfen wir die Größe seines Geistes, das Verdienst seines Wirkens nicht allein in dem suchen, was er als falsch, als unwahr oder trügerisch nachgewiesen hat, sondern müssen auch, was er als die richtigen, wahren und leitenden Grundsätze und Regeln, mag er sie aus sich geschöpft oder aus Andern entlehnt haben, für seine

 

 

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Zeit oder für die Zukunft zur Nachachtung aufstellte, in‘s Auge fassen; zunächst die, welche die verderbte Bühne heben sollten.

 

Schon als 17jähriger Jüngling bot Lessing der Bühne in Leipzig seinen Beistand, schloß sich erst an die Neuber, und suchte Gottsched‘sche Stücke durch seine und die seiner Mitstrebenden, Mylius, Weiße, Fuchs, Kleist u. A. zu verdrängen. Seinen „jungen Gelehrten“ hielt die verständige Direktrice für einen bedeutenden Fortschritt in der drastischen Behandlung des Gegenstandes, und gab ihn 1747. In den nächsten Jahren ließ Lessing schnell aufeinander „die Juden“, „den Freigeist“ und den „Schatz“ folgen; denn ein Repertoir zu schaffen, hielt er damals noch für das Wirksamste, um die Bühne umzugestalten. Mit ganzer Begeisterung ging er an das Werk. „Wenn man mir den Titel eines deutschen Molière beilegen könnte,“ schreibt er an die Seinen, so könnte ich eines ewigen Namens versichert sein.·Die Wahrheit zu gestehen, so habe ich große Lust, ihn zu verdienen.“ Er erkennt wohl die Schwierigkeit, ja seine Ohnmacht, die die größte Lust ersticke, aber er zeigt auch die Nothwendigkeit von Arbeiten, worin noch so sehr wenige seiner Landsleute ihre Kraft versucht hätten, und daß er sich daran machen und nicht eher aufhören wolle, als bis man Meisterstücke von ihm gelesen habe. Das Ehrenvolle des gewählten Berufes, den sein Vater einen gottlosen genannt hatte, verficht er mit jugendlicher Schwärmerei, und will den Herren Theologen das durch die That beweisen. „Ein Komödienschreiber,“ fährt er fort, „ist ein Mensch, der die Laster von ihrer lächerlichen Seite schildert. Darf denn ein Christ über die Laster nicht lachen? Verdienen die Laster so viel Hochachtung? Und wenn ich nun gar verspräche, eine Komödie zu machen, die nicht nur die Herren Theologen lesen, sondern auch loben sollen? Wie, wenn ich eine auf die Freigeister und auf die Verächter ihres Standes machte?“ —

 

So hielt Lessing, wie später Schiller, in jugendlicher Begeisterung das Theater für eine Schule der Moral und der sittlichen Bildung. Noch einige Jahre später *) beruft er sich auf den heiligen Hieronymus, der sich an Plautus Komödien ergötzte, wenn er in vielen Nachtwachen aus Reue über seine begangenen Sünden herzliche und bußfertige Thränen vergossen hatte. „Man mag hierüber schelten oder spotten, wie man will, ich sehe weder was Unbegreifliches, noch weniger was Verdammliches darin. Entweder man betrachtet das Laster als etwas, das unserer unanständig ist, das uns geringer macht, das uns in unzählige widersinnige Vergehungen fallen läßt; oder man betrachtet es als etwas, das wider unsere Pflicht ist, das den Zorn Gottes erregt, und uns also nothwendig unglücklich machen muß. Im erstern Falle muß man darüber lachen, in dem andern wird man sich darüber betrüben. Zu jenem giebt ein Lustspiel, zu diesem die heilige Schrift die beste Gelegenheit.“ Wie die Frommen an seinen Stücken Gefallen finden, sollten die Gebildeten seine Bemühungen um‘s-Theater verstehen und würdigen lernen.

 

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*) Im Lebens des Plautus, W. III. S. 12.

 

 

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Dazu mußte die Kritik die Wege bahnen. Drum begann er 1750 mit Mylius die „Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters“, verfaßte „das Leben des Plautus,“ sowie eine Uebersetzung „der Gefangenen“ und wider eine tadelnde Kritik des römischen Komödienschreibers eine Antikritik, worin er Plautus als ein Muster allen neuern Lustspieldichtern empfahl. Weil aber sein Mitarbeiter noch zu tief in Gottsched‘scher Anschauungsweise steckte, zog Lessing sich von der Unternehmung, die auf eine Geschichte des Theaters aller Völker abzielte, schon nach dem vierten Stücke zurück, ja er wandte sich, weil die Eltern über seine Theaterpassion Zeter riefen und fürchteten, er werde gar wohl selber ein Komödiant werden, der Bühne einige Jahre ganz ab, und streng wissenschaftlichen Studien zu.

 

Das sollte das Theater noch oftmals von Lessing erfahren; und wir bemerkten schon, daß er nie mit jener Begeisterung und dem rüstigen Bemühen seiner ersten Betheiligung ihm sich zuwandte, zuletzt nur mit Widerstreben, auch durch die glänzendsten Anerbietungen von Wien und Mannheim nicht gelockt und gewonnen, sondern von Zeit zu Zeit durch neue, vollendetere Produkte und durch gereifte, bedeutsame Lehren, die eine momentane Stimmung, oder ein in der Tiefe seiner Seele treibender Drang seinem Groll und Widerwillen abzuringen schien. Vielleicht hat gerade dieser Wechsel seinen Neigungen, Studien und Empfindungen, überhaupt das Unstete seines Strebens und Lebens, seiner Beschäftigungen und seines Aufenthaltes in ihm die eminente Kraft, die er praktisch und theoretisch kund gab, hervorgebracht, daß er wie ein Meteor plötzlich hellglänzend erschien und eben so rasch wieder verschwand. Das deutsche Theater aber bedurfte damals, wie heute, einer steten und festen Leitung; diese, wie einst Gottsched, zu übernehmen, war Lessing nie zu bestimmen.

 

Wohl wahr! seine Kritik und seine Produkte durchfuhren elektrisch von einem Ende Deutschlands bis zum andern die Bühnen; jedes neue Stück von ihm ergoß in Spieler und Zuschauer ein neues Leben; seine dramaturgischen Schriften rissen wohl manchen wie Gleim zu dem entzückten Ausruf hin: „Woher, ihr Götter, nimmt er die gründlichen Betrachtungen, die Kenntniß alles Tragischen der ganzen Welt!“ *). Doch des Schlechten drängte sich immer so viel zwischen die wenigen Lessing‘schen Stücke, der Kritiker und Kritikaster gab es so viele, die den Geschmack des Publikums wieder verdarben, die Schauspieler verfielen in die alten Manieren, und oft in die abgeschmacktesten und übertriebensten, daß dicke Finsterniß bald da wieder herrschte, wo eben Lessing‘s Geist einige Helle verbreitet hatte. — Ich will kurz andeuten, wie und wo er sich noch thätig für die Bühne zeigte. Ohne alle Mitarbeiter gab er 1754 - 58 seine „theatralische Bibliothek“ heraus, in der Absicht, den beschränkten Gesichtskreis für Tragödie und Komödie zu erweitern, reichern Stoff aus der antiken, aus der ältern und neuern englischen, italienischen und spanischen Literatur, den Deutschen zuzuführen. In seiner Kritik ist er noch Lehrling, wie hoch er auch über seiner Zeit steht; er zeigt noch für

 

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*) Gleim an Lessing, in des Letztern Werken, Th. XIII. S. 130.

 

 

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das rührende Lustspiel nach Gellert‘scher Auffassung eine zu große Neigung, lobt noch Thomson als Tragiker und Destouches als Komödienschreiber, doch beginnt er schon den Kampf gegen den französischen Geschmack, dem er den anderer Theater entgegenstellt und ihn noch unter dem Seneca‘s nachweist. Schlagender als seine Andeutungen war seine „Miß Sara Sampson“, die 1755 erschien.

 

Seit diesem letztgenannten Jahre hatte Lessing wieder Leipzig zu seinem Aufenthalte gewählt, nachdem er von 1748 ab in Berlin gelebt, und mit Mendelssohn und Nicolai eine gründliche Verbesserung des Theaterwesens vielfach durchdacht und durchgesprochen hatte. Erzürnt, daß in Leipzig noch immer der französische Geschmack und Gottsched die Bühne beherrschten, griff er beide heftig an und leugnete, daß Letzterer je Verdienste um das Theater gehabt. In seinen „Briefen, die neueste Literatur betreffend“, die sich über alle literarischen Erscheinungen der damaligen Zeit ausbreiteten, gab er auch über die dramatische manche neue Aufschlüsse und wies in dem „Leben des Sophocles“ auf die Alten und deren tragische Kunst hin. Allein fürchtend, daß eine Nachahmung der Alten wieder zu den Franzosen zurückführen möchte, lenkte er die Aufmerksamkeit auf Shakespeare und behauptete, daß dieser im Wesentlichen den Alten näher stünde als Corneille. Um aber die Anhänger und Verehrer der Franzosen in Deutschland zu beschämen, zeigte er ihnen, daß ein neuer französischer Kunstrichter und dramatischer Dichter die Götzen der Deutschen ihres Nimbus beraubt habe. „Selten genesen wir eher von der verächtlichen Nachahmung gewisser französischer Muster, als bis der Franzose selbst diese Muster zu verwerfen anfängt.“ Trefflicher konnte Lessing die Gallomonie der Deutschen nicht zeichnen. Uebersetzungen waren damals an der Tagesordnung. Der ganze Molière, Destouches, Favart, Goldoni‘s zahllose Stücke erschienen und fanden lebhafte Theilnahme. Auch Lessing entschloß sich zu einer Uebersetzung eines Franzosen, der neben dem Dichter auch ein denkender Kunstrichter war. Er übersetzte „das Theater des Herrn Diderot“ sammt den angehängten „Unterredungen“ zu dessen natürlichem Sohne, worin die Unnatur und Ueberladung der französischen Bühne angegriffen waren. Lessing sagte in seiner Vorrede: „daß sich nach dem Aristoteles kein philosophischerer Geist mit dem Theater abgegeben habe als Diderot.“ —

Das wirkte; er hatte in Feindes Landen einen Bundesgenossen gefunden. Diderot hatte das von den Engländern gepflegte bürgerliche Trauerspiel nach Frankreich verpflanzt, und Lessing rieth, es einmal mit diesem andern Extrem zu versuchen, wenn auch nur, um zur Natürlichkeit des Dialogs zurückzukehren. Diderot‘s Stücke, von denen Lessing eigentlich nur der „Hausvater“ für ein gutes gelten läßt, waren der Art, daß er sie selbst zu erreichen und übertreffen hoffen durfte. Für die Schauspieler wie für das Publikum waren sie verständlich, führten jene zu einem natürlichen Spiele, und machten diesem das Theater als eine Schule des Lebens noch einmal so lieb als die frostigen und unnatürlichen Königstragödien und Heroenstücke.

 

Wie weit auch Lessing in späterer Zeit entfernt war, in Diderot‘s Lehren einen

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Aristoteles, in seinen Stücken Meisterwerke zu erkennen, wie sehr er Diderot‘s Freigeisterei, die derselbe in Deutschland zur Schau stellte, lächerlich fand: er bezeugte noch 1781 *) seine Dankbarkeit einem Manne, der an der Bildung seines Geschmacks so großen Antheil gehabt. „Denn es mag mit diesem auch beschaffen sein, wie es wolle, so·bin ich mir doch zu wohl bewußt, daß er ohne Diderot‘s Muster und Lehren eine ganz andere Richtung würde bekommen haben. Vielleicht eine eigenere, aber doch schwerlich eine, mit der am Ende mein Verstand zufrieden gewesen wäre.“ Diderot scheint überhaupt auf·das deutsche Theater weit mehr Einfluß gehabt zu haben als auf das Theater seines eignen Volkes. **) Auch war die Veränderung, die er auf diesem hervorbringen wollte, in der That weit schwerer zu bewirken als das Gute, welches er jenem nebenher verschaffte. Die französischen Stücke, welche auf unserm Theater gespielt wurden, stellten doch nur lauter fremde Sitten vor; und fremde Sitten, in welchen wir weder die allgemeine menschliche Natur, noch unsern besondern Volkscharakter erkennen, sind bald verdrängt. „Wir sehnten uns nach etwas Besserm, ohne zu wissen, wo dieses Bessere herkommen sollte, als „der Hausvater“ erschien. In ihm erkannte sogleich der rechtschaffene Mann, was ihm das Theater noch eins so theuer machen müsse. Sei immerhin wahr, daß es seitdem von dem Geräusche eines nichtsbedeutenden Gelächters weniger ertönte. Selbst unsere Schauspieler fingen an dem Hausvater zuerst an, sich selbst zu übertreffen. Denn der Hausvater war weder französisch noch deutsch; er war bloß menschlich. Er hatte nichts auszudrücken, als was Jeder ausdrücken konnte, der es verstand und fühlte. Und daß Jeder seine Rolle verstand und fühlte, dafür hatte Diderot vornehmlich gesorgt.“

 

So erkannte Lessing noch in seinem Todesjahre, was er, das Publikum, die Schauspieler, kurz das deutsche Theater Diderot verdankten. Vergebens haben neuere Kunstrichter diesen Einfluß bestritten. Aber Lessing selber war längst über Diderot‘s Stücke mit den seinigen, über Diderot‘s Ansichten mit den Resultaten seines Forschens hinweggeschritten. Nachdem er in den Literaturbriefen mannigfache Materien behandelt, und als Sekretair des preußischen Generals Tauenzin in Breslau, dann ein Jahr in Berlin mit den verschiedenartigsten Leuten und mannigfachen Verhältnissen sich vertraut gemacht, mit mancherlei Plänen beschäftigt hatte, die alle fehlschlugen, wandte er sich endlich wieder dem Theater zu, als die Idee, die er im Umgange mit Nicolai, Ramler, Mendelssohn oft besprochen, ein sogenanntes „akademisches Theater“ in Deutschland zu gründen, in Hamburg zur Ausführung zu kommen schien.

 

Dieser Ort hatte nächst Wien der Bühne die meiste Theilnahme zugewendet; daselbst bildeten sich zuerst bessere Schauspieler, besonders aus der Gesellschaft Schönemann‘s, an deren Spitze 1758 Koch trat und fünf Jahre ununterbrochen in Hamburg blieb. Schon unter ihm wirkten Eckhof und die Hensel rühmlichst mit. Beide waren noch dort, als 1767

 

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*) In der Vorrede zur zweiten Ausgabe von Diderot‘s Theater W. Vl. 369.

**) Warum ? setzt Lessing in der Dramaturgie auseinander.

 

 

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die Reorganisation der Hamburger Bühne erfolgte, zu der eine Gesellschaft von Kaufleuten zusammentrat, an der Spitze Seiler und Babbers, und alle Talente dabei in Anspruch zu nehmen gedachte. Kein einziger schlechter Schauspieler ward engagirt und mehrere konnten vortrefflich genannt werden. Sie in ihrer Kunst vollends auszubilden, wurde der am Orte lebende Theaterdichter Löwe beauftragt, Vorlesungen über Schauspielkunst und Mimik zu halten, und Lessing wünschte man als Theaterdichter zu berufen. Doch zu einem Goldoni, der in einem Jahre dreizehn Stücke schrieb, fühlte Lessing sich nicht berufen; er lehnte die Aufforderung ab. Da gedachte man seine kritische Feder zu nutzen, und berief ihn, um Schauspieler, Dichter und Publikum durch seine Beurtheilung der aufzuführenden Stücke zu unterrichten. Auch zu einem Recensenten würde er sich nicht hergegeben haben, aber er faßte die Sache in höherm Sinne auf, als vielleicht die Unternehmer selbst erwartet und gewünscht. Hören wir, was er darüber am Schlusse der Hamburger Dramaturgie sagt: „Sie gefiel mir, diese Idee. Sie erinnerte mich an die Didaskalien der Griechen, d. i. an die kurzen Nachrichten, dergleichen selbst Aristoteles von den Stücken der griechischen Bühne zu schreiben der Mühe werth gehalten. — Ich war schon Willens, das Blatt selbst Hamburger Didaskalien zu nennen. Aber der Titel klang allzufremd, und nun ist es mir lieb, daß ich ihm diesen (Dramaturgie) vorgezogen haben. Was ich in eine Dramaturgie bringen oder nicht bringen wollte, das stand bei mir.

 

Das Theaterunternehmen in Hamburg versprach nach den Mitteln, die beschafft, nach den Kräften, die zur Mitwirkung gewonnen, nach den Vorbereitungen, die gemacht waren, eine neue Aera für die deutsche Bühne zu werden. Eine große und reiche Stadt, nicht wie Wien durch Hof- und Censur-Zwang beengt, nicht wie Berlin einem fremdländischen Geschmacke von oben her ergeben, nicht mehr von Gottsched‘s Jüngern, sondern dessen Gegnern in ganz patriotischem Geiste geleitet, und dem Theater als einer Sittenschule gegen die Anfeindung einer orthodoxen Geistlichkeit zugewendet, schien der einzige Platz in Deutschland, wo ein Lessing mit seiner Kritik, und wenn er den bereits fertigen Produkten in unzweifelhaft höherer Vollendung nur von Zeit zu Zeit neue nachfolgen ließ, mit seinen Stücken das Ziel, das er bisher unverrückt und mit immer hellerem Blick im Auge hatte, die höchste Stufe der dramatischen Kunst zu erreichen hoffen durfte. Für ihn selbst war es hohe Zeit, die produktive Kraft nach den antiquarischen Studien, wie er sie in seinem Laokoon zwar glänzend, aber zugleich mit Geistesermüdung bewährt hatte, wieder zu beleben. Er versprach sich von seiner Stellung in Hamburg das Beste für sein Wirken und Schaffen. „Ich habe mit dem dortigen neuen Theater,“ schreibt er an Gleim,·*) „ein Abkommen getroffen, welches mir auf einige Jahre ein ruhiges und angenehmes Leben verspricht. Als ich mit ihnen abschloß, fielen mir die Worte aus dem Juvenal ein: Quod non dant proceres, dabit histrio. Ich will meine theatralischen Werke, welche längst auf die letzte Hand gewartet haben, daselbst vollenden

 

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*) S. Werke Xll S. 177.

 

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und aufführen lassen. Solche Umstände waren nothwendig, die fast erloschene Liebe zum Theater wieder bei mir zu entzünden. Ich fing eben an, mich in andere Studien zu verlieren, die mich gar bald zu aller Arbeit des Genies würden unfähig gemacht haben. Mein Laokoon ist nun wieder die Nebenarbeit“ u. s. w.

 

Doch schon einen Monat nach der Eröffnung schrieb er an seinen Bruder in Berlin: „Mit dem Theater — das im Vertrauen — gehen eine Menge Dinge vor, die mir nicht anstehen. Es ist Uneinigkeit unter den Entrepreneurs und keiner weiß, wer Koch oder Kellner ist.“ Diese Uneinigkeit war entweder schon die Folge, oder wurde die Veranlassung von Fehlern, die bald das vielversprechende Unternehmen in Stocken brachte. Ein akademisches oder, wie es bald zum Modewort, erst in Hamburg, dann in Wien, dann in Mannheim, dann hier und dort in Deutschland wurde, ein „Nationaltheater“ zu begründen, sollte für damals, wie bis heute, ein schöner Traum bleiben. Lessing schloß seine Dramaturgie mit dem bittern Ausfall: „Ueber den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen, da wir Deutschen noch keine Nation sind!“ Lessing denkt hier nicht einmal an die politische Verfassung, nur an den sittlichen Charakter der Deutschen, der fast sei: „keinen eignen haben zu wollen.“ Auch heute sind wir noch immer die Nachahmer alles Ausländischen; Alles, was uns von jenseits des Rheins kommt,·ist reizend, allerliebst, vortrefflich. Und wie hat doch Lessing schon diese unsere Schwäche gegeißelt! „Lieber verleugnen wir Gesicht und Gehör, lieber wollen wir Plumpheit für Ungezwungenheit, Frechheit für Grazie, Grimmasse für Ausdruck, ein Geklingel von Reimen für Poesie, Geheule für Musik uns einreden lassen, als im Geringsten an der Superiorität zweifeln, welche dieses liebenswürdige Volk, dieses erste Volk der Welt, wie es sich selbst sehr bescheiden zu nennen pflegt, in Allem, was gut und schön und erhaben und anständig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Antheile erhalten hat.“

 

Wir ersehen schon aus dem Repertoir, das Lessing‘s Dramaturgie uns vorführt, daß an ein deutsches National-Theater nicht zu denken war, wo zwei Drittel der gegebenen und am meisten wiederholten Stücke Uebersetzungen aus dem Französischen waren, wo neben der deutschen Bühne eine französische Truppe Zulauf fand, und die Oper mit ihrer Dekorationspracht und ihren Buffo‘s die Zuhörer ergötzte. Das Hamburger Unternehmen wäre, wie viele hundert andere, längst in Vergessenheit vergraben, wenn nicht Lessing ihm durch seine Dramaturgie ein unvergängliches Denkmal gesetzt hätte. Gerade die Bevorzugung französischer Stücke bot ihm die Gelegenheit, die gerühmten Muster der französischen Bühne ausführlich zu beurtheilen, und zu zeigen, daß ihre Regeln wie deren Anwendung sie nie zu der Stufe der Vollkommenheit geführt haben und führen können, auf welcher sie in eitlem Wahne die Bühnen aller neuern Völker so weit unter sich erblickten. Der Irrthum, daß bei unsern Dichtern: die Franzosen nachahmen, so viel heiße, als nach den Regeln der Alten arbeiten, widerlegt er aus Aristoteles Grundsätzen, besonders von der Tragödie, und bewies unwidersprechlich,

 

 

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daß diese von der Richtschnur des Aristoteles sich keinen Schritt entfernen könne, ohne sich ebensoweit von seiner Vollkommenheit zu entfernen. Aus Shakespeare entwickelte er, wie das Theater noch einer ganz andern Wirkung fähig sei, als ihm Corneille, Racine und Voltaire zu ertheilen vermochten. Aber, damit nicht geblendet von dem plötzlichen Strahl der Wahrheit wir gegen den Rand eines andern Abgrundes zurückprallten und etwa wähnen möchten, daß sich auch ohne alle Regeln der Zweck der Tragödie erreichen lasse, zeigte er einmal die völlige Uebereinstimmung des scheinbar regellosen Britten mit den Anforderungen des Stagiriten, und suchte den Inbegriff dieser in ihrem ganzen Umfange zu erschöpfen. So baute er mit einer Hand das Gebilde der Kunst auf, während er mit der andern das Truggebilde niederriß, doch, ohne dem Genie vorzuschreiben, was es zu thun habe, wies er nur schlagend nach, was es nicht thun dürfe.

 

Als Lessing seine Dramaturgie begann, hielt er es nicht für seine einzige, nicht einmal für seine erste Aufgabe, die Dichter zu rektificiren. Er hatte in der Ankündigung bereits gesagt, daß man nicht immer Meisterwerke aufführen werde; die große Schwierigkeit eines Repertoirs gezeigt, das eine Menge von Stücken zur Auswahl voraussetze, woran es in Deutschland fehle; die Beibehaltung gewisser mittelmäßiger Stücke schon darum gestattet, weil sie gewisse vorzügliche Rollen für diesen oder jenen Akteur hätten; und das Publikum aufgefordert, an dem Dargebotenen, auch wenn es unbefriedigt ließe, sein Urtheil zu üben. Da zum ersten Male nicht den Schauspielern oder ihrem Prinzipal die Sorge überlassen sei, für ihren Verlust oder Gewinnst zu arbeiten, so hätten sie allein den Anforderungen ihrer Kunst zu genügen; dem Publikum läge es ob, einem uneigennützigen Unternehmen seine Begünstigung zuzuwenden, damit aus dieser ersten Veränderung in der Bühnenleitung leichter und rascher alle andern Verbesserungen erwachsen könnten, deren unser Theater bedürfe. An Fleiß und Kosten sei nichts gespart; ob es an Geschmack und Einsicht fehle, werde die Zukunft lehren. Das Publikum habe es in seiner Gewalt, was es mangelhaft finden sollte, abstellen und verbessern zu lassen. „Es komme nur und sehe und höre und prüfe und richte. Seine Stimme soll nie geringschätzig verhöret, sein Urtheil soll nie ohne Unterwerfung vernommen werden.“ —

 

So wies Lessing dem Publikum, für dessen Geschmacksbildung er seine Feder anbot, den ihm gebührenden Platz und Antheil bei einem Unternehmen, welches Verbesserung des Theaters als sein Hauptziel erstrebte. Aber nicht jeder kleine Kritikaster sollte sich für das Publikum halten, und derjenige, dessen Erwartungen getäuscht würden, auch mit sich selbst zu Rathe gehen, von welcher Art seine Erwartungen gewesen seien. „Nicht jeder Liebhaber ist ein Kenner; nicht jeder, der die Schönheiten eines Stückes, das richtige Spiel eines Akteurs empfindet, kann darum auch den Werth aller andern schätzen. Man hat keinen Geschmack, wenn man nur einen einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man desto parteiischer. Der wahre Geschmack ist der allgemeine, der sich über Schönheiten jeder Art verbreitet,

 

 

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aber von keiner mehr Vergnügen und Entzücken erwartet, als sie nach ihrer Art gewähren kann.“ Was Lessing hier von dem Hamburger Publikum fordert, von ihm erwartet, sagt so vortrefflich und für alle Zeiten, was von einem Publikum zu fordern ist, was man von ihm erwarten darf. Eben so klar giebt er seine Stellung verständigen Zuhörern gegenüber an. „Einem Menschen von gesundem Verstande, wenn man ihm Geschmack beibringen will, braucht man es nur auseinander zu setzen, warum ihm etwas nicht gefallen hat. Die große Feinheit eines dramatischen Richters zeigt sich darin, wenn er in jedem Falle des Vergnügens und Mißvergnügens unfehlbar zu unterscheiden weiß, was und wie viel davon auf Rechnung des Dichters oder des Schauspielers zu setzen sei.“ Das freilich vermochte mit Unfehlbarkeit nur ein Kunstrichter wie Lessing; Zeugniß dafür ist seine Dramaturgie von der ersten bis zur letzten Seite. Hören wir das Urtheil eines Mannes, der auch Kenner war, auch seine Kunst verstand und voll Begeisterung und Begabung für sie wirkte. Schiller, als er die Dramaturgie gelesen, schreibt an Göthen *): „Es ist doch gar keine Frage, daß Lessing unter allen Deutschen seiner Zeit über das, was die Kunst betrifft, am klarsten gewesen, am schärfsten und zugleich am liberalsten darüber gedacht, und das Wesentliche, worauf es ankommt, am unverrücktesten in‘s Auge gefaßt hat. Lieset man nur ihn, so möchte man wirklich glauben, daß die gute Zeit des deutschen Geschmacks schon vorbei sei; denn wie wenig Urtheile, die jetzt über die Kunst gefällt werden, dürfen sich an die seinigen stellen.“ So verstand der große Dichter den großen Kritiker. Daß das vielköpfige, schwankende und leicht verleitete Publikum seiner Leiterhand folgen werde, durfte Lessing nicht für gewiß annehmen, obgleich er ihm nichts Schweres zumuthete, ihm nur sein Gefallen oder Mißfallen deuten, nur ihm dann und wann Winke geben will. Das thut er denn auch, wie ein weiser Mentor. So gleich nach der ersten Vorstellung von „Olint und Sophronie“, als unter Kronegk‘s eingestreuten Sentenzen, die Lessing im Ganzen rühmt, doch einige sehr falsche oder einseitige das Publikum zum Beifall hinreißen. „Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung und dasjenige Gemurmel zu bemerken, durch welches sich der Beifall ausdrückt, wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gänzlich ausbrechen läßt. Theils dachte ich: Vortrefflich! man liebt hier die Moral. Dieses Parterre findet Geschmack an Maximen; auf dieser Bühne könnte sich ein Euripides Ruhm erwerben und ein Sokrates würde sie gerne besuchen. Theils fiel es mir zugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstößig diese vermeinten Maximen wären **), und ich wünschte sehr, daß die Mißbilligung an jenem Gemurmel den meisten Antheil möge gehabt haben. Es ist nur ein Athen gewesen, es wird nur ein Athen bleiben, wo auch bei dem Pöbel das sittliche Gefühl so fein, so zärtlich war, daß einer unlautern Moral wegen Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theater herabgestürmt zu werden.“

 

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*) Briefwechsel zwischen Schiller und Göthe Th. V. S. 61.

**) Diese falschen Maximen lauteten: „Der Himmel kann verzeihn, allein ein Priester nicht.“

Die zweite: „Wer schlimm von Andern denkt, ist selbst ein Bösewicht.“

 

 

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Wie fein sarkastisch, wie belehrend zugleich diese Zurechtweisung! Etwas derber schilt er, aber nicht bloß das Hamburger Parterre, wenn er von dem Applaus hinter abgehenden Schauspielern, die dazu forcirt haben, spricht: „Nachzischen sollte es ihm! Doch leider ist es theils nicht Kenner genug, theils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen, für die That.“ — Wiederholentlich stellt Lessing dem deutschen Publikum, der deutschen Bühne das athenische Volk und Theater als Vorbild hin. „Wozu,“ ruft er, *) „die saure Arbeit der dramatischen Form? Wozu ein Theater erbauet, Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Stadt auf einen Haufen geladen, wenn ich mit meinem Werke und mit der Ausführung desselben weiter nichts hervorbringen will als einige von den Regungen, die eine gute Erzählung, von Jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen, ungefähr auch hervorbringen würde?“

 

Die Antwort darauf lautet bei Lessing: weil die dramatische Form die einzige ist, in welcher sich Mitleid und Furcht in vollendetestem Grade erregen lassen; gleichwohl wollen moderne Zuschauer lieber alle andern Leidenschaften als diese darin erregt haben, und die dramatische Form lieber zu allem Andern brauchen als zu dem, wozu sie vornehmlich geschickt ist: anders ist das im Alterthume gewesen. „Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und römische Volk auf die Schauspiele waren, besonders jenes auf das tragische. Wie gleichgültig, wie kalt ist dagegen unser Volk für das Theater! Woher diese Verschiedenheit, wenn sie nicht daher kömmt, daß die Griechen vor ihrer Bühne sich mit so starken, so außerordentlichen Empfindungen begeistert fühlten, daß sie den Augenblick nicht erwarten konnten, sie abermals und abermals zu haben: dahingegen wir uns vor unserer Bühe so schwacher Eindrücke bewußt sind, daß wir es selten der Zeit und des Geldes werth halten, sie uns zu verschaffen? Wir gehen fast alle, fast immer aus Neugierde, aus Mode, aus Langweile, aus Gesellschaft, aus Begierde zu gaffen und begafft zu werden in‘s Theater, und nur Wenige, und diese Wenigen nur sparsam aus anderer Absicht.“ In gerechten Zorne bricht daher Schiller aus **): „So lange das Schauspielhaus weniger Schule als Zeitvertreib ist, mehr dazu gebraucht wird, die eingähnende Langeweile zu beleben, unfreundliche Winternächte zu betrügen, und das große Heer unserer süßen Müßiggänger mit dem Schauer der Weisheit, dem Papiergeld der Empfindung und galanter Zoten zu bereichern; so lange es mehr für die Toilette und die Schminke arbeitet, so lange mögen immer unsere Theaterschriftsteller der patriotischen Eitelkeit entsagen Lehrer des Volks zu sein. Bevor das Publikum für seine Bühne gebildet ist, dürfte wohl schwerlich die Bühne ihr Publikum bilden.“

 

Lessing versuchte gleichwohl dieses Letztere, und warf nicht blos dem deutschen Volke und der deutschen Bühne, sondern mehr noch den Franzosen und deren Nachahmern die

 

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*) W. VII. S. 358.

**) Schiller über das gegenwärtige deutsche Theater. Werke, Th. Xl S. 7.

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Schuld der Kälte und Gleichgültigkeit vor: weil das französische Theater keine tiefen, keine wahren Empfindungen hervorrufe. — Wir wollen dahingestellt sein lassen, ob dieses der einzige Grund der Verschiedenheit zwischen Griechen und Modernen sei. Genug, wir müssen bekennen, daß uns der begeisterte Sinn für die Bühne fehlt, und daß ein Nationaltheater, wie die Griechen es besaßen, uns so lange fehlen wird, als bis die Begeisterung dafür im Volke erwacht ist. Vergebens bemühen sich Theaterverwaltungen, statt durch die Wärme der Empfindung und die Stärke geistiger Eindrücke uns zu erheben, den Sinnenreiz, die Neugierde zu befriedigen. Auch das rügte schon Lessing als einen verkehrten Weg und zeigte seinem Publikum, daß Bühnenpracht und Pomp, die Voltaire verlangt, um die Wirkung der Kunst zu erhöhen, den vermißten Enthusiasmus nicht herbeilocken könne, und beweist dies gegen die Franzosen von der Bühne Shakespeare‘s her. „Wie entbehrlich die theatralischen Verzierungen sind, davon will man mit den Stücken Shakespeare‘s eine sonderbare Erfahrung gehabt haben. Welche Stücke brauchten, wegen ihrer beständigen Unterbrechung und Veränderung des Ortes, des Beistandes der Scenen und der ganzen Kunst des Dekorateurs wohl mehr als eben diese? Gleichwohl war eine Zeit, wo die Bühnen, auf welchen sie gespielt wurden, aus Nichts bestanden als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn er aufgezogen war, die bloßen, blanken, höchstens mit Matten und Tapeten behangenen Wände zeigte. Da war nichts als die Einbildung, was dem Verständnisse des Zuschauers und der Ausführung des Schauspielers zu Hülfe kommen konnte; und dem ungeachtet, sagt man, waren damals die Stücke Shakespeare‘s ohne alle Scenen verständlicher, als sie es hernach mit denselben gewesen sind.“ Als man in Deutschland die Shakespeare‘schen Stücke zu spielen begann, war der Coulissenkram zu sehr Bedürfniß geworden, als daß man ihn entbehren konnte. Lieber that man dem Dichter Gewalt an, und suchte durch Weglassung ganzer Scenen und, wie man es nannte, „Bearbeitung für die Bühne,“ „in Scene setzen,“ „bühnengerecht machen,“ den unbeholfenen Theatermaschinen ihre Wirkung möglich zu machen. Heutzutage sind diese Schwierigkeiten, wenigstens auf Hof- und großstädtischen Theatern, leichter zu überwinden, da der raffinirte Operngeschmack das Sceneriespiel zur höchsten Vollendung gebracht hat; aber ein Gewinn für die Kunst ist hierdurch nicht erzielt, vielmehr ein schlimmer Nachtheil daraus erwachsen. Seit man Shakespeare in der Schlegel-Tieck‘schen Uebersetzung ganz und unverändert auf die Bühne gebracht, verzeiht man eher, daß eine kleine Rolle, die aber oft den besten Schauspieler verlangt, schlecht besetzt sei, als daß nicht vollständiges Genüge der Dekoration und dem Orte geschehe; obgleich Shakespeare dies weder fordert noch bedarf. Vergebens wiesen dies englische wie deutsche Kunstrichter nach; das einmal verwöhnte Publikum will sich der mehr störenden als fördernden Scenenverzierung und Coulissenpracht nicht mehr entschlagen. Vergebens zeigte Lessing, daß der Dichter sich um die Verzierung gar nicht zu bekümmern habe; daß selbst, wo sie nöthig scheine, sie ohne besondern Nachtheil seines Stückes wegbleiben könne. Seit Voltaire für seine Semiramis eine schönere, geräumigere Bühne gewann, kein Zuschauer mehr darauf geduldet

 

 

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wurde, der Dekorateur dem Poeten Alles malte und baute, was dieser verlangt, fehlte dem französischen und französirenden Theater nichts als die wärmern Stücke, die gleich den Tragödien der Alten die Zuschauer mit starken, außerordentlichen Empfindungen begeisterten.

 

Was half‘s, daß Lessing dem Hamburger Publikum bewies, daß nicht bessere Bühnendekorationen, sondern allein bessere Stücke als die nach dem Muster der Franzosen ein Theater schaffen könnten, denen die Nation ihr lebhaftes Interesse zuwenden würde. Man hing in Hamburg, wie in Wien, Berlin und wo es in Deutschland Bühnen gab, an den falschen französischen Regeln, an der Bühnenverzierung, an den Bühneneinheiten fest, und sah darin das ganze Wesen der Kunst. Schon Elias Schlegel hatte gezeigt, daß die Engländer die Einheit des Orts richtiger aufgefaßt hätten als die Franzosen; daß es am allerwenigsten darauf ankomme, das Gemälde der Scenen zu verändern; daß es unsinnig sei, wenn eine Person sich als Herr und Bewohner eben des Zimmers aufführe, wo kurz vorher eine andere, als ob sie ebenfalls Herr vom Hause wäre, in aller Gelassenheit mit sich selbst oder mit einem Vertrauten gesprochen habe, ohne daß dieser Umstand auf eine wahrscheinliche Weise entschuldigt werde. „Es würde weit besser gewesen sein, wenn der Verfasser nach dem Gebrauche der Engländer die Scene aus dem Hause des Einen in das Haus eines Andern verlegt und also den Zuschauer seinem Helden zugeführt hätte, als daß er seinem Helden die Mühe macht, dem Zuschauer zu Gefallen an einen Platz zu kommen, wo er nichts zu thun hat.“ —

 

Lessing machte vollends die Einheitstheorie lächerlich, die bald eine Ausdehnung erhielt, daß es sich kaum mehr der Mühe verlohnte, sie aufzustellen, bald in so gezwungener Art beobachtet wurde, daß es weit mehr beleidigte, sie so beobachtet zu sehen als gar nicht. Mit dem großen Haufen, sah Lessing in Jahr und Tag ein, lasse sich das erstrebte Nationaltheater nicht schaffen, weil er keine Spur von Urtheil zeigte. Im Zorne ruft er aus, als das ganze Unternehmen gescheitert war: „Wenn das Publikum fragt, was ist denn nun geschehen? und mit einem höhnischen Nichts sich selbst antwortet, so frage ich wiederum: und was hat denn das Publikum gethan, damit etwas geschehen könne? Auch Nichts, ja noch etwas Schlimmeres als Nichts. Nicht genug, daß es das Werk nicht allein nicht gefördert; es hat ihm nicht einmal seinen freien Lauf gelassen! — Hamburg würde wohl der letzte Ort sein, wo der süße Traum, ein Nationaltheater zu gründen, in Erfüllung gehen würde!“ — Damit that Lessing den Hamburgern Unrecht, denn ein besseres Theater als irgend wo in Deutschland zu besitzen war Hamburg damals der geeignetste Ort. Hat doch Lessing wie wir gesehen, die Gründe, warum auch hier nicht der dramatischen Kunst aufzuhelfen war, erkannt, und lagen die großen Fehler in der Verwaltung der sogenannten akademischen Schaubühne, die falschen Maßregeln und Mißverständnisse, daß die Unternehmung so bald fallen mußte, außer der Schuld des Publikums. Aber wahr bleibt darum doch, daß ein Publikum von keiner Kritik, und wäre es auch die eines Lessing, aus die Bahn richtiger Einsichten,

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tiefer Empfindungen, dauernder Begeisterung für die Kunst geführt werden könne. Und gleichwohl müht noch immer die Theaterkritik, die Tochter von Lessing‘s Hamburger Dramaturgie, von Neuem sich ab, bald zurechtweisend, bald schmeichelnd, bald zürnend dem Publikum das Verständniß der Kunst zu erschließen! —

 

Wir haben gesehen, daß Lessing, ebenso wie dem Publikum Winke zu geben, es überdrüssig wurde, die Schritte der Schauspieler zu begleiten, und erkannte: „Wir haben Schauspieler, aber keine Schauspielkunst. Wenn es vor Alters eine solche gegeben hat: so haben wir sie nicht mehr; sie ist verloren: sie muß ganz von Neuem wieder erfunden werden.“ Lessing hatte sich frühzeitig angelegen sein lassen, die Kunst des Schauspielers in ihrem lehrhaften technischen Theile genau zu erforschen und sie auf Regeln und Grundsätze zurückzuführen.

 

In Leipzig nutzte er den Umgang mit der Neuber, an der er nicht nur ein entschiedenes Talent für die Bühne, sondern auch eine vollkommene Kenntniß ihrer Kunst gewahr wurde. Von Brückner, den er auch später noch bewunderte, und in manchen Rollen selbst dem von ihm so hoch gestellten Eckhof vorzog, *) lernte er deklamiren. Und wenn beide Künstler gewiß bald mehr von Lessing erleuchtet wurden als dieser von ihnen, so erhellt doch aus seinen Urtheilen über die Hamburger Akteurs und Aktricen, daß er mit den feinsten Zügen des Spiels, der Deklamation, der Bewegung, des Gebrauchs der Arme, Hände, Füße, den der Natur abzulauschenden Zügen völlig vertraut war. Ohne daß die von den Eltern gehegte Furcht, daß er selber Komödiant werden wolle, je einigen Grund gehabt, blieb Lessing bis in die Jahre hin, wo ihn alles Theatralische mit Ekel erfüllte, ein Arbeiter und Instruktor für die wahre Schauspielerkunst, wie es nach ihm keinen wieder gegeben. Wir haben leider keine Quellen, um Lessing‘s persönlichen Antheil bei der Umgestaltung jener Kunst genau nachweisen zu können, doch die Andeutungen, die er gelegentlich über seine Beziehungen zu der Neuber und zu Koch, zu Brückner und Eckhof, zu Brandes und Großmann giebt; der Ton, in dem alle diese von ihm reden, machen es unzweifelhaft, daß er im Umgange mit ihnen zugleich den größten Einfluß auf ihr Rollenstudium, auf ihre Leistungen, auf ihre Kunstentwicklung geübt habe. Und wie den Akteurs gab er den Aktricen Lehren und Winke, die in der Hamburger Dramaturgie sich bald als seine Bemerkungen, lobend oder tadelnd, bald als Nachreden, Klätschereien Anderer darthun. Für Manches, das er in den Künstlern anregte, haben wir anderweitig die Belege. So z. B. rühmt er die Schauspielerin Hensel als Sara Sampson, hebt in der Sterbescene ihren Anstand, ihre malerische Stellung hervor, dann fährt er fort: „Besonders hat mich ein Zug außerordentlich überrascht. Es ist eine Bemerkung an Sterbenden, daß sie mit den Fingern an ihren Kleidern oder Betten zu rupfen anfangen. Diese Bemerkung machte sie sich auf die glücklichste Art zu Nutze; in dem Augenblick, da die Seele von ihr wich, äußerte sich auf einmal, aber

 

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*) S. Lessing‘s Brief an seinen Bruder Karl. Werke, Th. XII. S. 198.

 

 

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nur in den Fingern des erstarrten Armes, ein gelinder Spasmus; sie kniff den Rock, der um ein Weniges erhoben ward und gleich wieder sank: das letzte Aufflackern eines verlöschenden Lichtes; der jüngste Strahl einer untergehenden Sonne. — Wer diese Feinheit in meiner Beschreibung nicht schön findet, der schiebe die Schuld auf meine Beschreibung: aber er sehe sie einmal.“ Wir haben Grund, das Kompliment, das er der Schauspielerin macht, auf seine Rechnung zu schreiben. Um Mitte Juni 1767 schrieb er das über die Ausführung von Sara Sampson in Hamburg. In einem Briefe vom 22. Mai an seinen Bruder in Berlin lesen wir: „Unter den medicinischen Disputationen (in seiner Bibliothek, die er in Berlin zurückgelassen) suche mir eine aus: Von dem Zupfen der Sterbenden; ich weiß nicht, wie der Verfasser heißt; auch kann ich mich auf den lateinischen Titel nicht besinnen. Du wirst sie aber bald erkennen und sie muß zuverlässig da sein. Schicke mir sie gleich.“ *)

 

So gab Lessing ohnfehlbar oft den Spielern an die Hand, was er als ihr Verdienst rühmt. Und von welcher Feinheit, von welchem Eindringen in das Wesen der Kunst, in den Charakter, in die Situationen zeigen seine Bemerkungen, auch wenn er nur Beobachter, nicht Erfinder des von den Spielern Ausgeführten gewesen sein sollte. Nach Analogie des gegebenen Beispiels möchte man ihn fast immer als den Letztern erkennen.

 

Die ersten Stücke der Dramaturgie sind so reich an beachtenswerthen Bemerkungen, daß jeder dramatische Künstler sie zu seinem Studium wählen sollte, zumal die Anknüpfung an die wirkliche Ausführung geschieht, und darum nichts von leerem Raisonnement, von hohlen Theorien enthält. So, was er von dem Vortrage aller Moral in Schauspielen sagt, die aus der Fülle des Herzens kommen müsse, von der der Mund übergehet, auf die man eben so wenig lange zu denken als damit zu prahlen scheinen müsse. Daher müsse sie sicher gelernt, richtig accentuirt, mit Leichtigkeit und wie eine unmittelbare Eingebung vorgetragen werden, vor allem aber aus der Empfindung zu entquellen scheinen. Die Empfindung aber ist das Strittigste unter den Talenten eines Schauspielers. Sie kann sein, wo man sie nicht erkennt, und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht ist. Denn die Empfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinen Merkmalen urtheilen können, die richtig auszudrücken gar sehr von der Individualität des Akteurs abhängt. An Beispielen erläutert Lessing, wie Gebärde, Gestus, Stimme, Auge, Miene, jeder sichtbare Körpertheil dazu mitwirken, aber in jedem vorliegenden Falle anders. Gelegentlich erwähnt er der Chironomie, welche die Alten zu höchster Vollkommenheit gebracht hätten, während wir Nichts als das Vermögen Bewegungen zu machen, behalten haben, ohne zu wissen, wie diesen Bewegungen eine fixirte Bedeutung zu geben, wie unter einander zu verbinden seien, daß sie nicht bloß eines einzelnen Sinnes, sondern eines zusammenhängenden Verstandes fähig werden. Das führt Lessing auf den Unterschied zwischen dem Pantomimen und dem Schauspieler: Jenem

 

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*) Werke, XII. S. 182.

 

 

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vertraten die Hände die Stelle der Sprache, bei diesem sollen sie nur den Nachdruck derselben vermehren, und durch ihre Bewegungen, als natürliche Zeichen der Dinge, den verabredeten Zeichen der Stimme Wahrheit und Leben verschaffen helfen. Er gebrauche also seine Hände sparsamer, aber eben so wenig vergebens als dieser. „Er rührt kein Herz, wenn er nichts damit bedeuten oder verstärken kann.“ Lessing rügt die gleichgültigen Bewegungen, durch deren beständigen Gebrauch ein so großer Theil der Schauspieler, und besonders der Schauspielerinnen sich das vollkommene Ansehen von Drahtpuppen geben. „Bald mit der rechten, bald mit der linken Hand die Hälfte einer krüpplichen Achte abwärts vom Körper beschreiben, oder mit beiden Händen zugleich die Luft von sich wegrudern, heißt ihnen Affekt haben, und wer es mit einer gewissenTanzmeistergrazie zu thun geübt ist, o, der glaubt uns bezaubern zu können.“ —

 

Shakespeare‘s goldene Regeln, die er Hamlet dem Schauspieler geben läßt, darunter die: mitten im Sturme, mitten, so zu sagen in dem Wirbelwinde der Leidenschaften noch einen Grad von Mäßigung zu beobachten, führen Lessing auf die oft aufgeworfene Frage: ob ein Schauspieler zu viel Feuer haben könne, deren richtigen Sinn er nachweist, und daran eine Bemerkung knüpft, die für die Würdigung der Bewegungen und der Körperhaltung des Schauspielers zu bedeutsam ist, um sie hier nicht anzuführen.

 

Die Kunst des Schauspielers steht hier zwischen den bildenden Künsten und der Poesie mitten inne. Als sichtbare Malerei muß zwar die Schönheit ihr höchstes Gesetz sein; doch als transitorische Malerei braucht sie ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten Kunstwerke so imponirend macht. Sie darf sich, sie muß sich das Wilde eines Tempesta, das Freche eines Bernini öfters erlauben; es hat bei ihr alle das Ausdrückende, welches ihm eigenthümlich ist, ohne das Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Künsten durch den permanenten Stand erhält. Nur muß sie nicht allzulange darin verweilen; nur muß sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmählich vorbereiten und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des Wohlanständigen auflösen; nur muß sie ihm nie alle die Stärke geben, zu der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verständlich machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt sein, wenn er die Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen giebt, unverfälscht überliefern soll.“

 

Ebenso klar und überzeugend, wie Lessing der darstellenden Kunst die richtige Stellung in Bezug auf Gesten und Bewegung zuweist, führt er die Deklamation, der Musik gegenüber, auf den schwer zu erlernenden, aber leicht zu empfindenden Vortrag des stets wechselnden Mouvement zurück. Man weiß, was in der Musik das Mouvement heißt; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder Schnelligkeit, mit welcher der Takt gespielt wird, und welcher durch ein ganzes Stück, oder wenigstens einen genau bezeichneten Absatz desselben der gleiche bleibt, weil ein Stück oder ein Absatz im Stücke nur Einerlei

 

 

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ausdrücken kann, das verschiedene Instrumente, allein oder in Verbindung mit Singstimmen, also auch einförmig auszuführen haben. Mit der Deklamation verhält es sich ganz anders. Hier darf eine Periode von mehreren Gliedern, auch wenn diese von vollkommen gleicher Länge wären, und aus der nämlichen Anzahl von Sylben des nämlichen Zeitmaßes beständen, dennoch nie mit einerlei Geschwindigkeit gesprochen werden. „Denn, da sie weder in Absicht auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Rücksicht auf den in der ganzen Periode herrschenden Affekt von einerlei Werth und Belang sein können: so ist es der Natur gemäß, daß die Stimme die geringfügigern schnell herausstößt, flüchtig und nachlässig darüber hinschlüpft, auf den beträchtlicheren aber verweilt, sie dehnet und schleift, und jedes Wort, und in jedem Worte jeden Buchstaben uns zuzählt. Die Grade dieser Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine künstliche Zeittheilchen bestimmen und gegen einander abmessen lassen, so werden sie doch auch von dem ungelehrtesten Ohre unterschieden, sowie von der ungelehrtesten Zunge beachtet, wenn die Rede aus einem durchdrungenen Herzen und nicht blos aus einem fertigen Gedächtnisse fließt. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses beständig abwechselnde Mouvement der Stimme hat. Und werden vollends alle Abänderungen des Tones, nicht bloß in Ansehung der Höhe und Tiefe, der Stärke und Schwäche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen an den rechten Stellen damit verbunden, so entsteht jene natürliche Musik, gegen die sich unfehlbar unser Herz eröffnet, weil es empfindet, daß sie aus dem Herzen entspringt, und die Kunst nur insofern daran Antheil hat, als auch die Kunst zur Natur werden kann“ *).

 

Hiermit hat Lessing in der That Alles gesagt, was sich über die Kunst der Deklamation in Worte fassen läßt. Niemand vor, noch nach ihm hat anders oder kürzer dem Schauspieler deutlich machen können, wie er sprechen, accentuiren, das Gelernte und Empfundene jedem Momente, jeder Situation, jedem Affekte, jedem Charakter gemäß vortragen müsse. Sollte der, welcher so scharf das Wesen der Deklamation auszudrücken verstand, es nicht auch den Hamburger Akteurs und Aktricen beizubringen gewußt haben? Er giebt, die Lehren von der Deklamation bei Gelegenheit, wo er deren richtige Anwendung an der Schauspielerin Löwen, und ganz besonders an Eckhof rühmt. Vermuthlich verhielt es sich, wie mit dem Zupfen der Sterbenden. Was er in den Proben gelehrt, worauf er wenigstens die Schauspieler aufmerksam gemacht hatte, das führt er als Leistung der Letztern dem Verständniß und der Würdigung des Publikums vor. Dank müßte ihm noch jeder Spieler, Dank jedes Publikum dafür wissen, und in der Anwendung des Gesagten die ganze Kunst des dramatischen Vortrags suchen und finden.

 

Wenn einmal in Deutschland eine Schule für Schauspieler, eine dramatische Akademie erstehen sollte, so wären aus Lessing‘s Dramaturgie neben seinen Aufsätzen: „der Schauspieler“

 

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*) Lessing‘s Werke, Th. VII. S. 37 ff.

 

 

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und „über die Pantomimen der Alten,“ und gelegentlich ertheilten Winken, die zerstreut in seinen Werken sich finden, die Grundzüge eines Lehrbuchs für angehende und für bereits geübte Künstler zu entlehnen, wozu die umfangreichern Anweisungen, wie sie nach ihm von Gotter, Ramler, Engel bis auf Tieck, Göthe, Devrient, Rötscher u. A. m. aufgeführt sich finden, wohl im Detail manches Brauchbare, im Wesentlichen aber nichts Neues, von Lessing Uebersehenes liefern könnten.

 

Und wie er den darstellenden Künstlern zuerst die Leuchte über ihre Kunst anzündete, ist er auch der Erste, der ihnen ein ernstliches Studium derselben zur Pflicht machte, damit nicht die Routine allein sie bilde. Nicht mit gelehrten Raisonnements und theoretischen Grundsätzen, sondern mit durchaus praktischen Vorschriften, die specielle, mit Deutlichkeit und Präcision abgefaßte Regeln gäben, sollte die von Neuem wieder erfundene Kunst gestützt und getragen werden. Das vorhandene Material, die wirklich praktischen Anleitungen, wo sie auch herkämen, sollten benutzt und dem Schauspieler zugeführt werden. Daß er bis zu den Alten hinaufgehen wollte, ja, bei ihnen allein die Kunst des Schauspielers zu finden hoffte, war bei dem Zustande der deutschen Schauspielerkunst, die noch ganz in dem falschen französischen Geschmacke sich bewegte, erklärlich. Lessing selbst dachte in Hamburg daran, einen Kommentar zu der Poetik des Aristoteles, wenigstens zu demjenigen Theile, der die Tragödie angeht, heraus zu geben. *) In der Dramaturgie empfiehlt er eine gute Uebersetzung des Terenz nebst dem Kommentar des Aelius oder Donatus zu diesem Lustspieldichter, den Schauspielern in die Hände zu geben. Man erschrecke nicht! die alten Grammatiker waren nicht das, was wir jetzt bei dem Namen denken. Es waren Leute von praktischer Einsicht und von Kunstgeschmack. Daß Aelius so vorzüglich reich an Bemerkungen ist, die den Schauspieler bilden können, daß er die versteckten Schönheiten seines Autors mehr als irgend Einer zu enthüllen weiß, kommt weniger von seinen größern Gaben, als weil das römische Theater seiner Zeit noch die Stücke des Terenz spielte. Er durfte also nur anmerken, was er sah und hörte; er brauchte nur Aufmerksamkeit und Treue des Gedächtnisses, um der Nachwelt Feinheiten zu berichten, die er selber auszugrübeln nicht nöthig hatte. Ein angehender Schauspieler könnte daraus lernen — natürlich den Dichter zur Seite — wie dieser aufzufassen, wie überhaupt ein dramatisches Werk, wie die Kunst der Darstellung zu studiren sei. Um hinter die Feinheiten eines alten Dichters wie Terenz zu kommen, ist es öfters nöthig, sich das Spiel der Akteurs dabei zu denken; denn dieses schreiben die alten Dramatiker nicht bei, wie es wohl heutzutage, aber sehr ungenügend und oft mehr schädlich als nützlich geschieht. Die Deklamation hatte ihren eignen Künstler, und in dem Uebrigen konnten sie sich auf die Einsicht der Spieler verlassen, die aus ihrem Geschäft ein sehr ernstes Studium machten. Nicht selten befanden sich unter diesen die Dichter selbst; sie sagten, wie sie es haben wollten, und da sie ihre Stücke nicht eher bekannt werden ließen, als bis sie gespielt waren, als bis

 

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*) S. seinen Brief an Mendelssohn vom 5. November 1768, W. XII S. 272.

 

 

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man sie gesehen oder gehört hatte, so konnten sie es um so mehr überhoben sein, den geschriebenen Dialog durch Einschiebsel zu unterbrechen. Dem neuern Leser, besonders dem, der die klassischen Lustspiele des Terenz zu seinem Studium wählt, wird das richtige Verständniß aus den Worten allein nicht klar. Im Terenz kommen unzählige Stellen vor, wo das wahre Verständniß nur durch ein Errathen der wahren Aktion kann getroffen werden; ja in vielen scheinen die Worte gerade das Gegentheil von dem zu sagen, was der Schauspieler durch jene ausdrücken muß. Ueber Vieles, wenn auch nicht Alles der Art giebt nun Donatus treffliche Bemerkungen und Winke, die einen denkenden Schauspieler nicht nur belehren, sondern auf neue Entdeckungen, auf ein Vertiefen in jeden Charakter, der ihm von einem Dichter gegeben ist, leiten. Wer ein ernstes Studium an einem Meisterwerke gemacht, der gewinnt für seine ganze Kunst.

 

Auch Lessing‘s Dramaturgie, obschon die meisten der von ihm besprochenen Stücke ebenso wenig als Terenz auf deutschen Bühnen mehr zur Ausführung kommen, müßte von jedem Schauspieler beim Studium so benutzt werden, wie er es von Donatus wünschte. Die Anknüpfung seiner Kritik an die lebendige Ausführung, die Winke und Betrachtungen, die er bei dem Spiele seiner Hamburger Akteurs machte, geben Allem, was er sagt, einen praktischen Werth. Schade, daß er bei seinen eignen Stücken, die man in Hamburg gab, auf das Spiel und die Erfordernisse desselben zu wenig eingeht. Diese Bescheidenheit hat uns gewiß um reiche dramaturgische Schätze gebracht, die er wohl den Spielern in den Proben mittheilte, vielleicht an sie verschwendete. Denn bald wurde er es überdrüssig von ihrem Spiele überhaupt in seiner Dramaturgie zu sprechen. Sie sollte nach dem anfänglichen Plan jeden Schritt begleiten, den die Kunst sowohl des Dichters als des Schauspielers in Hamburg thun würde.

 

Sobald er die letztere Hälfte aufgab, blieb nur die zweite seine Aufgabe. Das waren aber meist nur Schritte, welche ein Irrender zurückgehen muß, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen. Auch dieses bei jeder Abendvorstellung zu wiederholen, wurde ihm lästig. Darum schweiften seine kritischen Bemerkungen zuletzt von den gespielten Stücken zu ganz andern, besonders antiken Stoffen hin, die ihn mehr anzogen, als die Vollendung der Dramaturgie, die er mit „hundert·und erstem bis viertem Stück,“ datirt vom 19. April 1768 also schloß: „Ich hatte mir vorgenommen, den Jahrgang dieser Blätter nur aus hundert Stücken bestehen zu lassen. Zweiundfunfzig Wochen, die Woche zwei Stück, geben zwar allerdings hundert und vier. Aber warum sollte unter allen Tagewerkern dem einzigen wöchentlichen Schriftsteller kein Feiertag zu Statten kommen? Und in dem ganzen Jahre nur Viere: ist ja so wenig!“

 

Ein Nachdruck, der von den ersten Stücken erschienen war, bewog ihn, die spätern auf einmal heraus zu geben. Die letzten Bogen des zweiten Theiles wurden fast ein Jahr später als ihr Datum niedergeschrieben. Lessing schrieb darüber an Nicolai *): „Ich denke,

 

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*) Am 28. September 1768 W. XII. S. 204.

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man wird es dem Ende anmerken, daß ich es, den Kopf schon voller antiquarischer Grillen geschrieben. Aus dieser Ursache wünschte ich auch lieber an dem zweiten Theile der antiquarischen Briefe arbeiten zu können als hieran.“ Das ganze Theaterwesen war ihm so verhaßt geworden, daß er aus Hamburg, aus Deutschland hinaus wollte, nach Rom, in die weite Welt. „Wenn wir einmal,“ schreibt er an Ramler, „über 20 Jahre uns wieder sehen, erinnern Sie mich doch an unser hiesiges Theater. Wenn ich den Bettel nicht schon vergessen habe, so will ich Ihnen die Geschichte desselben haarklein erzählen. Sie sollen Alles erfahren, was sich in der Dramaturgie nicht schreiben ließ. Und wenn wir auch alsdann noch kein Theater haben, so werde ich aus der Erfahrung die sichersten Mittel nachweisen können, in Ewigkeit keins zu bekommen. Transeat cum ceteris erroribus.“

 

Was Lessing für Hamburg gewesen, versuchten später Ramler für Berlin, Göthe für Weimar, Gotter für Gotha zu werden. Eine so praktische Anleitung, eine solche Fülle von Anregungen gab keiner den Schauspielern als Lessing in Hamburg. Darum bildeten auch hier sich unter seiner Leitung die ersten großen Künstler, und gingen aus der von ihm angeregten Entwickelung bald neue hervor, die emsig an allen Kenntnissen für das Bühnenwesen sammelten. Daß Lessing sich nie wieder, auch nicht durch die lockendsten Anerbietungen von Wien und Mannheim bewegen ließ, thätigen Antheil an dem Theaterwesen in Deutschland zu nehmen; daß er nicht einmal den kurzen Weg von Wolfenbüttel nach Braunschweig machen wollte, um seine Emilia Galotti aufführen zu sehen; daß er jeden „theatralischen Anfall“, der ihm noch kam, schnell niederkämpfte, daß ist unstreitig ein schwerer Verlust für die Kunst; aber, was er in Leipzig und Hamburg für die Schauspieler geleistet, ist ein Vermächtniß für deutsche Künstler, ein Leitstern der Kunst selber geworden.

 

In seinem Bestreben praktisch zu sein, ging Lessing bei der Kunst des Schauspielers von dem Mechanischen, Technischen derselben aus. „Ich glaube,“ schrieb er schon 1754 *), „wenn der Schauspieler alle äußerlichen Kennzeichen und Merkmale, alle Abänderungen des Körpers, von welchen man aus der Erfahrung gelernt hat, daß sie etwas Gewisses ausdrücken, nachzumachen weiß, so wird sich seine Seele durch den Eindruck, der durch die Sinne auf sie geschieht, von selbst in den Stand setzen, der seinen Bewegungen, Stellungen und Tönen gemäß ist. Diese nun auf eine gewisse mechanische Art zu erlernen, auf eine Art aber, die sich auf unwandelbare Regeln gründet, an deren Dasein man durchgängig zweifelt, ist die einzige Art, die Schauspielerkunst zu studiren.“ Auch in der Dramaturgie **), wo er von der Empfindung, die der Schauspieler zu haben scheinen müsse, spricht, will er alles, was er spricht und thut, nur als mechanische Nachäffung, nicht als ursprünglich Selbstempfundenes wirksam erkennen. Wenn der Schauspieler lange genug nichts als

 

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*) Hinter dem Auszuge aus dem Schauspieler des Rémond von Sainte Albine. W. IV. S. 209.

**) W. VII. S. 15.

 

 

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nachgeäfft hat, werde er sich eine Menge kleiner Regeln sammeln, nach denen er verfährt, und durch deren Beobachtung er (zufolge des Gesetzes, daß die Modifikationen der Seele, welche gewisse Veränderungen des Körpers hervorbringen, hinwiederum durch diese körperliche Veränderungen bewirkt werden) zu einer Art von Empfindung gelangt, die zwar die Dauer, das Feuer derjenigen, die in der Seele ihren Anfang nimmt, nicht haben kann, aber doch in dem Augenblick der Vorstellung kräftig genug ist, etwas von den nicht freiwilligen Veränderungen des Körpers hervorzubringen, aus deren Dasein wir fast allein auf das innere Gefühl zuverlässig schließen zu können glauben. Lessing meint, daß selbst ein Akteur, der nicht einmal seine Rolle recht verstehe, die Gründe einer Leidenschaft, z. B. des Zornes, weder hinlänglich zu fassen, noch lebhaft genug sich vorzustellen vermag, wenn er nur die allergröbsten Aeußerungen des Zorns getreu nachzumachen wisse, — den heftigen Gang, den stampfenden Fuß, den rauhen, bald kreischenden, bald verbissenen Ton, das Spiel der Augenbraunen, die zitternde Lippe, das Knirschen der Zähne u. s. w. — in seiner Seele ein dunkles Gefühl vom Zorne empfange, das wiederum in den Körper zurückwirke, und da auch diejenigen Veränderungen hervorbringe, die nicht bloß von unserm Willen abhängen. Sein Gesicht wird glühen, seine Augen werden blitzen, seine Muskeln werden schwellen; kurz, er wird ein wahrer Zorniger zu sein scheinen, ohne es zu sein, ohne nur zu begreifen, warum er es sein sollte.

 

Nach diesen Grundsätzen mechanischer Fertigkeiten gedachte Lessing schon in Breslau ein Werk: „über die körperliche Beredsamkeit“ mit beigefügten Zeichnungen zu schreiben, wovon sein „Schauspieler“ und „über die Pantomimen der Alten“ die einzig erhaltenen Bruchstücke sind. So viel wir aus dem Entwurf zu der erstern ersehen, gedachte er die zwei Haupttheile der Kunst, die Aktion und die Pronunciation oder, wie wir‘s gewöhnlicher nennen, die Deklamation, zu lehren und auf bestimmte Regeln zu begründen. Bei den Modifikationen des Körpers unterschied er die unmittelbar in unserer Willkür stehenden und die mittelbaren. Die ersteren, weil nichts als das Wollen und ein gesunder Körper dazu gehören, meinte er durch eigentliche und hinlängliche Regeln bestimmen zu können. Die mittelbaren setzten eine gewisse Beschaffenheit der Seele voraus, auf welche sie von selbst erfolgen, ohne daß wir eigentlich wissen, wie? Es erhellt auch aus dem Bruchstücke des Ganzen, wie ernstlich er dem mechanischen Theile der Kunst nachgedacht hatte.

 

Die ganze körperliche Beredsamkeit wollte er nach dem Ausdruck durch Bewegungen und nach dem durch Töne eingetheilt wissen. Bei den erstern unterscheidet er oratorische Bewegungen, d. h. alle diejenigen Veränderungen des Körpers oder seiner Theile in Ansehung ihrer Lage und Figur, welche mit gewissen Veränderungen in der Seele harmonisch sein können. Sie heißen Gebärden und sind entweder Bewegungen des Körpers überhaupt oder Bewegungen seiner Glieder. Zu ersteren gehören: erstens das Tragen des Körpers oder die Modifikationen desselben, wenn er in Bewegung ist oder geht. Zweitens die Stellungen des Körpers oder die Modifikationen, wenn er in Ruhe ist. Zu denjenigen Theilen des Körpers, welche eine Beredsamkeit

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entwickeln und der meisten Veränderungen fähig sind, gehören der Kopf überhaupt und das Gesicht, dessen Bewegungen Mienen heißen, und die Hände, deren Sprache im Tragischen wie im Komischen so reich an Modifikationen ist, in der Ruhe und im Affekt des Charakters eine verschiedene sein muß, der vorbereitenden wie der anhaltenden Bewegungen bedarf, was alles ein sorgfältiges Studium und eine Ueberlegung von Seiten des Spielers bedingt, wenn die Chironomie auch heute die Beredsamkeit haben soll, die sie bei den Alten so bewundert und so vollendet zeigte. Die Füße gehören nicht zu den Gliedern, welche durch ihre Bewegungen an und für sich Ausdruck gewinnen; weil man zwar eine Bewegung mit der Hand und dem Kopfe machen kann, ohne daß die Lage des Körpers verändert wird, nicht aber die geringste Bewegung des Fußes, ohne daß sie nicht eine Veränderung des ganzen Körpers verursachen sollte. In der Lehre vom Tragen des Körpers, besonders beim Gehen, sind dagegen die Füße von großer Bedeutung, indem das schöne Gehen von der Beugung des Beines und Fußes wie von der Gleichheit des Schrittes abhängt; das schlechte Gehen durch das Gegentheil beider Stücke verursacht wird, und im Komischen oft so ausdrucksvoll ist. Das Gehen ohne die schöne Beugung mit dem steifen und gestreckten Fuße ist der Gang eines Stolzen oder Ruhmredigen; wenn die schöne Beugung und der gleichmäßige Schritt wegfällt, so wird es der Gang eines Ungeschliffenen, eines Bauern u. s. w.

 

In der Haltung des Körpers unterscheidet Lessing drei Hauptmodifikationen, die natürliche, wenn der Körper die Luft beständig nach einer Perpendikularlinie in Ansehung der Fläche, auf welcher er bewegt wurde, durchschwebt; die verderbte, wenn diese Linie vorwärts einen spitzen Winkel macht. Er nannte sie deswegen die verderbte, weil man zu träge oder zu schwach ist, die Last des Körpers aufrecht zu halten. Diese Richtung gehört für das Alter, für das Nachdenken, für die Niedergeschlagenheit. Eine dritte Haltung, die vorwärts einen stumper Winkel macht, nannte er die gekünstelte, weil man sich Zwang anthut, die Last des Körpers, welche vorfallen würde, zurück zu halten. Oft aber ist sie auch die natürliche; bei dem Erstaunen, beim Erschrecken, wenn man, so zu reden, seine Kräfte auf einmal zusammenrafft. Alle drei Arten können durch die Seitenbeugungen eine Aenderung bekommen, die eine Art von Reiz damit verbindet.

 

Vom Tragen geht Lessing zu den Stellungen über, die nichts als ein festgemachtes Tragen sind. Doch kommt hier ein neues hinzu, die Veränderung einer Stellung in die andere, welche zweifach ist. Die Stellung wird entweder von der Person ab, mit der der Schauspieler redet, verändert, z. B. aus Verachtung, aus Furcht, aus Entsetzen aus Schaam; oder auf sie zu aus Vertraulichkeit, aus Absicht zu bitten, u. s. w.

 

Hätte Lessing sein Werk über die körperliche Beredsamkeit, worin er die Erlernung derselben ebenso sicher als leicht zu machen versprach, *) vollendet, so würde die nach seiner

 

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*) S. Werke IV. S. 210.

 

 

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Meinung einzige und wahre Art, die Kunst des Schauspielers zu studiren, gewiß genügender festgestellt worden sein, als es später Engel in seinen „Ideen zu einer Mimik“ vermochte. Aber schwerlich würden die Schauspieler es der Mühe werth geachtet haben, ihre Routine gegen ein ernstes Studium ihrer Kunst zu vertauschen, und Lessing besaß nicht die Ausdauer für das undankbare Amt eines Lehrers in der neu zu erschaffenden Kunst. So blieb diese nach wie vor der Mehrzahl der Schauspieler ein verschlossenes Buch mit sieben Siegeln, und die wenigen schöpferischen Genies, die auf den Brettern die Bewunderung ihrer Zeitgenossen erregten, trugen sie mit sich zu Grabe, und wurden dessen selber sich nicht bewußt, was sie erschufen. Lessing‘s Idee einer Akademie, wie er sie in Mannheim empfahl, war eine seiner Theatereinfälle, die er schnell zu bekämpfen suchte, und die Art, wie sie die Pfälzischen Minister auszuführen gedachten, erregte vollends seinen Spott. Er schrieb, nachdem er in Mannheim den neuen Versuch, ein Nationaltheater zu begründen kennen gelernt, darüber unter Andern an seinen Bruder: „Mit einem deutschen Nationaltheater ist es lauter Wind, und wenigstens hat man in Mannheim nie einen andern Begriff damit verbunden, als daß ein deutsches Nationaltheater daselbst ein Theater sei, auf welchem lauter geborne Pfälzer agirten. An das, ohne welches wir gar keine Schauspieler hätten, ist gar nicht gedacht worden. Auch die Schauspieler selbst halten nur das für ein Nationaltheater, das ihnen auf Lebenslang reichlichen Unterhalt verspricht. Stücke, die zu spielen sind, fliegen ihnen ja doch genug in‘s Maul.“ — Ist seitdem irgend wo das Theaterwesen in genügenderer Weise organisirt worden? Ist namentlich der Kunst des Schauspielers eine Pflegestätte, eine Akademie zu Theil geworden, ja nur eine praktische Studienschule für deutsche Schauspieler eröffnet? —

 

Bei Lessing‘s Bestreben, die Schauspieler durch die mechanische Fertigkeit für ihre Kunst zu bilden, ist es natürlich, daß jedes Raisonniren über diese, die Schlagwörter Feuer, Empfindung, Eingeweide, Wahrheit, Natur, Anmuth ohne Sinn und Nutzen ihm erschienen. Selbst die geistreiche Schrift: „le Comedien, Ouvrage divisé en deux parties par Mr. Remond de Sainte Albine“, die er anfänglich ganz übersetzen wollte, dann in ausführlichem Auszuge in der theatralischen Bibliothek mittheilte, nannte er nur eine schöne Metaphysik von der Kunst des Schauspielers. *) Denn wenn ein Akteur auch schon Alles, was darin gesagt ist, inne hat, kann er doch nicht mit völliger Zuversicht des Beifalls auf dem Theater sich zeigen. „Man bilde sich,“ sagt Lessing in der Nachschrift des Auszuges, „einen Menschen ein, dem es an dem Aeußerlichen nicht fehlt, einen Menschen, der Witz, Feuer, Empfindung hat, einen Menschen, der Alles weiß, was zur Wahrheit der Vorstellung gehört, wird ihm denn deswegen sogleich sein Körper überall zu Diensten sein? Wird er deswegen Alles durch äußerliche Merkmale ausdrücken können, was er empfindet und einsieht? Umsonst sagt man: ja, wenn er nur alsdann Aktion und Aussprache seiner Person gemäß, natürlich, abwechselnd und reizend einrichtet. Alles dieses sind abgesonderte Begriffe von dem, was er thun soll,

 

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*) S. Werke IV. S. 208 ff.

 

 

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aber noch gar keine Vorschriften, wie er es thun soll. Der Herr Remond de Sainte Albine setzt in seinem ganzen Werke stillschweigend voraus, daß die äußerlichen Modifikationen des Körpers natürliche Folgen von der innern Beschaffenheit der Seele sind, die sich von selbst ohne Mühe ergeben. Es ist zwar wahr, daß jeder Mensch ungelernt den Zustand seiner Seele durch Kennzeichen, welche in die Sinne fallen, einigermaßen ausdrücken kann, der eine durch dieses, der andere durch jenes. Allein auf dem Theater will man Gesinnungen und Leidenschaften nicht nur einigermaßen ausgedrückt sehen, nicht nur auf die unvollkommene Weise, wie sie ein einzelner Mensch, wenn er sich wirklich in eben denselben Umständen befände, für sich ausdrücken würde; sondern man will sie auf die allervollkommenste Art ausgedrückt sehen, so wie sie nicht besser und nicht vollständiger ausgedrückt werden können. Dazu aber ist kein ander Mittel als die besondern Arten, wie sie sich bei dem und bei jenem ausdrücken, kennen zu lernen, und eine allgemeine Art daraus zusammen zu setzen, die um so viel wahrer scheinen muß, da ein Jeder etwas von dem Seinigen darin entdeckt. Kurz, der ganze Grundsatz Sainte Albine‘s ist umzukehren.“

 

Man würde irren, Lessing habe auf die angeborenen Talente zur Kunst wenig gegeben. Durchaus nicht. Wir kennen seine hohe Anforderung an den Geist des Schauspielers, der mit dem Dichter, ja, wo diesem etwas Menschliches widerfahren sei, für den Dichter denken müsse. Aber durch das Studium der Technik seiner Kunst, durch die Beobachtung der Natur, durch die Verallgemeinerung jedes Affekts, durch feine Nuancen in jeder Situation, durch Licht und Schatten in der Darstellung jedes Charakters gelangt bei ihm auch der begabteste Schauspieler allein zu der Höhe des wahren Künstlers. So nur ist er im Stande, alle Feinheiten seiner Rolle zu begreifen und auszuführen, ja, nicht blos auszuführen, sondern neue selbst zu schaffen. Ein Blick, eine Handbewegung ist zuweilen in der Komödie ein sinnreicher Einfall, und in der Tragödie ein Gedanke, eine Empfindung.

 

Lessing wies dieses häufig in seiner Dramaturgie an Eckhof und anderen Hamburger Schauspielern nach. Statt vieler Beispiele nur eins über die Mitspielenden in der „Cenie“, *) „Madame Löwen spielt die Orphise, man kann sie nicht mit mehr Würde und Empfindung spielen. Jede Miene spricht das ruhige Bewußtsein ihres verkannten Werthes, und sanfte Melancholie auszudrücken kann nur ihrem Blicke, kann nur ihrem Tone gelingen. Cenie ist Madame Hensel. Kein Wort fällt aus ihrem Munde auf die Erde. Was sie sagt, hat sie nicht gelernt, es kömmt aus ihrem eignen Kopfe, aus ihrem eignen Herzen. Sie mag sprechen oder sie mag nicht sprechen, ihr Spiel geht ununterbrochen fort.“ Und über einen feinen Zug Eckhof‘s in der Rolle des Dorimond: „Wenn er zum Schlusse des Stückes von Mericourt sagt: „„Ich will ihm so viel geben, daß er in der großen Welt leben kann, die sein Vaterland ist; aber sehen mag ich ihn nicht mehr!““ Wer hat den Mann gelehrt,

 

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*) Hamb. Dramat. Werke VII. S. 90.

 

 

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mit ein Paar erhobenen Fingern, hierhin und dorthin bewegt, mit einem einzigen Kopfdrehen uns auf einmal zu zeigen, was das für ein Land ist, dieses Vaterland des Mericourt? ein gefährliches, ein böses Land! Tot linguae, quot membra viro!“

 

Wie Lessing über Studium und natürliche Anlagen dachte, faßte vielleicht am besten Schiller in Folgendem zusammen, was zugleich beweist, daß beide Männer über eine Kunst, für die sie einmal mit Begeisterung ihr höchstes Streben einsetzten, übereinstimmend urtheilten: „Die Forderungen, die wir an den Schauspieler machen, sind: erstens Wahrheit der Darstellung und zweitens Schönheit der Darstellung. Nun behaupte ich, daß der Schauspieler, was die Wahrheit der Darstellung betrifft, alles durch Kunst, und nichts durch Natur hervorbringen müsse, weil er sonst gar nicht Künstler ist. Hingegegen behaupte ich, was Anmuth der Darstellung betrifft, daß er der Kunst gar nichts zu danken haben dürfe, und daß hier alles an ihm freiwilliges Werk der Natur sein müsse. Wenn es mir bei der Wahrheit seines Spiels einfällt, daß ihm dieser Charakter nicht natürlich ist, so werde ich ihn um so höher schätzen. Wenn es mir bei der Schönheit seines Spiels beifällt, daß ihm diese anmuthigen Bewegungen nicht natürlich sind, so werde ich mich nicht enthalten können, über den Menschen zu zürnen, der hier den Künstler zu Hülfe nehmen mußte. — Er soll dafür sorgen, daß die Menschheit in ihm selbst zur Zeitigung komme, und dann soll er hingehen, und sie, wenn es sonst sein Beruf ist, auf der Schaubühne repräsentiren.“

 

Was Schiller hier die Wahrheit der Darstellung nennt, ist die durch Technik, Studium, Naturbeobachtung gewonnene Fertigkeit; die Schönheit der Darstellung schafft ihm das angeborene Talent, das aber, wie die letzten Worte besagen, von früh auf der Pflege bedarf, um zur Reife der Kunst zu gelangen. — —

 

Wie in der darstellenden Kunst des Schauspielers, fand Lessing in der producirenden des Dichters die nothwendig zu fordernde Grundlage. Wie denen, die falsche Regeln gegeben, trat er auch denen entgegen, die es für eine Pedanterie erklärten, dem Genie vorzuschreiben, was es thun, was es nicht thun müsse. Wie dort der Routine des Akteurs und seinen besten Naturanlagen, so hier dem Geistesprodukt und der schöpferischen Kraft des Dichters die Kunst, die ewige, unabänderliche, wahre entgegenhaltend, weiß er dieser Erfordernisse und allgemein gültige Regeln in der Hamburger Dramaturgie in das hellste Licht zu stellen, nachdem er das Wesen der dramatischen Poesie schon in frühern Schriften oder in Briefen an Freunde, besonders an Mendelssohn und Nicolai *) zu erforschen und zu begründen gesucht. Wohl meint auch Lessing, dem Genie dürfe man keine Regeln geben, es schaffe unbewußt dieselben, es lache über alle die Grenzscheidungen der Kritik, von ihm könne man nur aus Erfahrung lernen, wie viel Schwierigkeiten es zu übersteigen vermag, wie

 

*) Die meisten stehen W. XII., Vieles auch XIII.

 

 

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es Bedenklichkeiten unwidersprechlich widerlege. Aber Schrankenlosigkeit in der Wahl des Stoffes, Verwerfung aller Regeln bei der Behandlung desselben widerstreite dem Begriffe der Kunst. „Wir waren,“ sagt er, *) „auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangenen Zeit muthwillig zu verscherzen und von den Dichtern lieber zu verlangen, daß jeder die Kunst auf‘s Neue für sich erfinden solle.“ Diese Gährung des Geschmacks zu hemmen, hielt er für ein Verdienst um das Theater. Und während er für sich selbst die Ehre eines Dichters ablehnt, sagt er am Schlusse seiner Dramaturgie, worin er die Wahrheit seiner Behauptung dargethan: „Ich glaube die dramatische Dichtkunst studirt zu haben, sie mehr studirt zu haben als zwanzig, die sie ausüben. Auch habe ich sie so weit ausgeübt, als es nöthig ist, um mitsprechen zu dürfen. Denn ich weiß wohl, so wie der Maler sich von Niemandem gern tadeln läßt, der den Pinsel ganz und gar nicht zu führen weiß, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er bewerkstelligen muß, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen vermag, doch urtheilen, ob es sich machen läßt.“

 

Dieser Versuch Lessing‘s, d. h. seine scharfsinnige „Kritik über dramatische Poesie“, neben seinen eignen dramatischen Werken, zeigte erst sein ganzes Verdienst um das deutsche Theater, während wir in vorstehender Abhandlung nur seine feine Beobachtungsgabe in Betreff der darstellenden Kunst gewürdigt haben. Ueber den Dramatiker sprachen wir bereits an einem andern Orte; die Darlegung seiner Kritik über dramatische Poesie müssen wir uns noch vorbehalten **).

 

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*) Hamb. Dramat., W. VII S. 45.

**) S. die erste Anmerkung zu dieser Abhandlung.

 

 

 

Quelle:

Dr. Gervais: „Lessing als Dramaturg.“ In: Programm des Königlichen Gymnasiums zu Hohenstein in Preußen. S. 1 – 32.

Hohenstein, gedruckt in der C. H. Harich‘schen Buchdruckerei. 1858.

 

 

 

 

 

Lessings Wiederentdeckung des Manuskripts "Theophilus Presbyter: Schedula diversarum artium" in der HAB

Das älteste unter den bekannten, und jedenfalls das wichtigste Manuscript des berühmten mittelalterlichen Tractates befindet sich in der grossherzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, daher genannt Codex Guelpherbytanus. Die erste Erwähnung desselben gibt vielleicht Henricus Cornelius Agrippa in dessen Schrift: ,,De incertitudine et vanitate scientiarum" (Antwerpen, 1530)

Der Codex Guelpherbytanus ist durch Lessing wiederentdeckt worden, der ihn zuerst benützte, um die Stellen über Oelmalerei, welche sie enthält, für seine Schrift: „Vom Alter der Oelmalerey aus dem Theophilus Presbyter, 1774“ zu verwenden, in welcher er bekanntlich dem Jan van Eyck die ihm von Vasari beigemessene Erfindung streitig machte. Seine Dissertation findet sich im achten Bande der vermischten Schriften der Berliner Ausgabe von 1771—1794, 30. vol. in 12, pag. 353 ff., in der Göschen‘schen (Leipzig, 1841, in einem Bande, pag. 844 ff.), in der Lachmann‘schen IX. Band, pag. 463. Während in dieser Dissertation aber nur einige Capitel dem Wolfenbüttler Manuscript entnommen sind, beabsichtigte der Verfasser nach ihrem Erscheinen den Text des Codex, sowie des unterdessen ihm bekannt gewordenen Leipziger herauszugeben, an welchem Vorhaben der Tod ihn hinderte. Doch waren die Vorarbeiten schon theilweise beendet, und es fand sich in Christian Leiste ein Vollender des Begonnenen. Im Jahre 1781 erschien unter dem Titel: „Zur Geschichte und Literatur aus den Schätzen der herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel“ von Gott. Ephr. Lessing, Braunschweig, in 8°, tom. VI., pag. 289—424, die Frucht dieser vereinten Mühe. Die Recension des Textes für diese Ausgabe rührt von Lessing‘s Hand her und zeichnet sich durch grosse Correctheit aus. Nach Agricola gelangte das Manuscript in den Besitz des Marquardus Gudius, wie die gegenwärtige Bezeichnung : Nr. 69 Gud. noch ausweist. Der alte Katalog in 4° führt sie als die 249. unter den lateinischen Handschriften der Wolfenbüttler Bibliothek auf, der andere, ebenfalls gedruckte in 8°, als die 238. Im gedruckten Verzeichnisse der Manuscripte des Gudius wurde aber sie anzugeben übersehen, woraus sich ihre Verschollenheit bis zur Zeit der Lessing‘schen Entdeckung erklärt.

Das Wolfenbüttler Manuscript ist eines der vollständigsten. Vom ersten Buche fehlt nur das Schlusscapitel (XLV. dieser Ausgabe), De incausto; in dem zweiten hat es jene Lücke, welche sämmtliche bisher bekannt gewordenen Abschriften zeigen, es mangeln nämlich die vier, zwischen XI. und XII. gehörenden Capitel über die Erzeugung färbiger Gläser; im dritten Buche reicht die Handschrift bis zum LXXX. Capitel inclusive, De organis.

Nach G. Voss (Bau- und Kunst-Denkmäler Thüringens, Heft XLI, Jena Verlag von Gustav Fischer 1917, Seite 166) ist der Klosterkünstler Theophilus, der diese Anweisungen für Künstler niedergeschrieben hat, mit Roger von Helmarshausen identisch. Er war Hauptmeister der blühenden Klosterwerkstatt in Essen und Benediktinermönch. In seinen Vorschriften für die Künstler hat er einen zusammenfassenden Rückblick auf die Klosterkunst des 11. Jahrhunderts gegeben. Er arbeitete in einer Kunst, „die in der verfeinerten Griechenkunst ihr Vorbild verehrte“. Seine Kenntnisse beruhen daher wesentlich auf byzantinischen Vorbildern.

Nach Wikipedia lebte Roger von Helmarshausen 1070 bis 1125. Aus der Reichsabtei Stablo-Malmedy auf dem Gebiet des heutigen Belgiens wechselte er 1100 zu St. Pantaleon (Köln) und war ab 1107 im Kloster Helmarshausen.

 

 

Hier eine Leseprobe der Anweisungen für Künstler als Übersetzung aus dem Lateinischen der Schedula diversarum artium I. Band:

 

 

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ERSTES BUCH.

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Vorwort.

 

Schritt für Schritt wird eine jegliche Kunst erlernet,
Die des Malers wird zuerst die Farben bereiten,
Dann wird dein Sinn auf die Mischungen bedacht sein.

Betreibe dieses Werk, doch gehe allen Dingen auf den Grund,
Auf dass, was du malst, zierdevoll und gleichsam frisch geboren sei,
Dann wird die Kunst mit den Erfahrungen vieler Begabter
Dein Werk unterstützen, wie dieses Buch lehren will.

 

 

Theophilus, der niedere Priester, Knecht der Knechte Gottes, des Namens und Amts eines Mönches nicht würdig,

 

 

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4 I. BUCH. VORWORT.

 

wünscht Allen, welche des Geistes Müssiggang und Schwärmerei des Sinnes durch eine nutzenbringende Beschäftigung ihrer Hände, durch erfreuliche Betrachtung des Neuen ablenken und unterdrücken wollen, den Empfang des himmlischen Lohnes!

 

Wir lesen im Beginn der Welterschaffung, dass der Mensch zum Ebenbild und zur Aehnlichkeit Gottes erschaffen, durch des göttlichen Odems Einhauchung belebt und vermöge des Vorzugs eines solchen Werthes dem übrigen Lebenden so vorangestellt worden sei, dass er, Verstandes fähig, der Theilnahme an der göttlichen Weisheit, ihrem Rath und Geiste würdig befundem, mit freiem Willen begabt, nur seines Urhebers alleinigen Willen achten und sein Gebot verehren sollte. Durch List des Teufels elend betrogen, zur Strafe seines Ungehorsams nämlich, der Gabe der Unsterblichkeit verlustig, pflanzte er dennoch die Weisheit und des Verstandes Würde dermassen auf seines Geschlechtes Nachwuchs fort, dass Jeglicher, welcher Sorgfalt und Mühe dazufügt, aller Kunst und alles Wissens Fähigkeit gleichsam wie durch erbliches Recht erlangen kann.

 

Diese Anlage erfasste die Erfindungskraft des Menschen, und nachdem sie in ihren verschiedenen Verrichtungen Gewinn und Lüsten nachgejagt, leitete sie dieselbe im Verlauf der Zeiten endlich bis zu den Tagen der vorbestimmtem christlichen Lehre, und es ist erfüllt worden, dass, was die göttliche Bestimmung zum Lob und Ruhme ihres Namens begründet, in ihrem Gehorsam ein Gott ergebenes Volk gebrauchte. Deswegen vernachlässigt die fromme Demuth der Gläubigen nicht, was die Vorsicht der Altvordern als nützlich bis auf unsere Zeiten förderte; was Gott dem Menschen zum Erbtheile bereitet, das möge der Mensch mit aller Begierde umfangen und es zu erlangen sich bemühen.

 

Wer es erworben, der möge sich nimmer rühmen, als hätte er aus sich und nicht wo anders her es empfangen, sondern er preise sich glücklich in dem Herrn, von und durch welchen Alles, und ohne den Nichts ist, mit Demuth. Möge er, was ihm gewährt ist, nicht in den Beutel des Neides verbergen oder in dem Schranke eines kargen Herzens verheimlichen, sondern, abgethan aller Ruhmsucht, es auf schlichte Weise mit heiterem Gemüth allen Bittenden ausspenden, indem er vor dem

 

 

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6 I. BUCH. VORWORT.

 

Spruche des Evangeliums über jenen Verwalter Scheu trage, welcher seinem Herrn die ihm zu Zinsen ertheilte Summe bewahrt zu haben heuchelte und aller Wohlthat verlustig, durch dessen Mundes Urtheil die Brandmarkung eines unnützen Knechtes verdiente.

 

Aus Furcht, diesem Urtheilsspruche zu verfallen, bringe ich, obwohl ich unwürdig und ein beinahe keines Namens theilhaftes Menschenkind bin, das, was mir die allen reichlich verleihende und milde göttliche Begnadung umsonst gab, umsonst Allen, welche demüthig zu lernen verlangen, dar, und ich ermahne sie sowohl, dass sie die Güte Gottes und seine Freigebigkeit gegen mich bewundern, als ich sie unterrichte, damit sie, frei von allem Zweifel, derselben bei angewandter Mühe sich ebenso nahe glauben mögen.

 

Denn wie es des Menschen unwürdig und verabscheuenswerth ist, ein Verwehrtes und Unerlaubtes, welcher Art immer es sei, mit Verlangen anzustrebem oder gewaltsam zu ergreifen, so wird die Vernachlässigung oder verächtliche Behandlung des nach Recht gewährten und von Gott zum Erbtheil gegebenen der Trägheit und Thorheit zugeschrieben. Du also, wer immer du seist, theuerster Sohn, dem Gott in‘s Herz eingegeben, das mächtige Gefild der verschiedenen Künste zu durchforschen und Einsicht und Sorgfalt daranzusetzen, auf dass du auf demselben sammlest, was dir gefällt — schätze werthvolle und nutzreiche Dinge nicht gering, gleichsam weil sie dir die heimische Erde von selbst und unverhofft hervorgebracht. Denn das ist ein thörichter Kaufmann, welcher in einer Grube des Bodens plötzlich einen Schatz fände und ihn zu sammeln und zu bewahren versäumte. Wenn dir geringe Bäumchen Myrrhen, Weihrauch und Balsam lieferten, oder die heimischen Bronnen Oel, Milch und Honig

 

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8 I. BUCH. VORWORT.

 

ergössen, oder anstatt Nesseln und Disteln und den übrigen Kräutern des Gartens Narde und Rohr und Gewürze verschiedener Art wüchsen, würdest du mit Verachtung dieser Dinge als werthloser und einheimischer, um die auswärtigen, nicht besseren, sondern möglicherweise geringeren, zu gewinnen, Länder und Meere durchschweifen? Nach deinem eigenen Urtheile, das wäre grosse Thorheit. Wenn schon die Menschen, was immer Kostbares mit vielem Schweiss erstrebt und mit grossem Aufwande erworben ward, zu höchst zu schätzen und mit der äussersten Vorsicht zu schützen pflegen, so bewahren sie doch mit nicht verschiedener, grösserer Wachsamkeit vielmehr dasjenige, was sie bisweilen, gleich werthvoll oder vorzüglicher noch, durch Zufall begegnen oder auffinden.

 

Deshalb, liebster Sohn, weil dich Gott in dem Umstande durchaus begünstigte, dass dir umsonst entgegengebracht wird, was Viele mit höchster Lebensgefahr auf den Fluthen des Meeres, von der Noth des Hungers und Frostes gequält, oder ermüdet in des Studiums Knechtschaft, auf alle Weise von Lernbegier ermattet — doch durch unerträgliche Anstrengung nur erlangen, — deshalb ersehne mit begierigen Blicken diese Aufzeichnung der verschiedenen Künste, durchlies sie mit getreuem Gedächtniss und umfasse sie mit warmem Eifer.

 

Wenn du sie fleissig durchforschest, wirst du da finden, was nur Griechenland von verschiedenen Gattungen der Farben und deren Mischungen besitzt; was nur Toscana vom Gewerbe der Elektren und an Mannigfaltigkeit des Niello kennt; was Arabien von Geschmiedetem oder Gegossenem oder Arbeit des Schabens unterscheidet; wie das dadurch berühmte Italien an seinen mannigfachen Gefässen oder an Gemmen- und Bein-Sculpturen mit Gold (und Silber) ausschmückt; was Frankreich an kostbarer Verschiedenheit der Fenster liebt; was das in feiner Gold-, Silber-, Kupfer- und Eisen-, Holz- und Steinarbeit tüchtige Deutschland lobet.

 

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10 I. BUCH. VORWORT.

 

Hast du solches häufig gelesen und einem treuen Gedächtniss überantwortet, so wirst du mich bei diesem reichen Wechsel der Belehrung belohnen, indem du, so oft meine Arbeit dir nützlich sein wird, für mich um Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes flehest, welcher weiss, dass ich, was hier durchgeführt ist, nicht aus Liebe zum Lobe der Menschen, nicht aus Wunsch nach zeitlicher Belohnung zusammen geschrieben; oder aus Neid und Missgunst etwas Kostbares und Seltenes verheimlicht, oder besonders mir zurückbehalten und verschwiegen habe — sondern dass ich zu Seiner Ehre und Seines Ruhmes Vermehrung den Bedürfnissen Vieler zu Hilfe gekommen und ihrem Vortheile mit Rath begegnet bin.

 

 

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ZWEITES BUCH.

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Vorrede.

 

Im vorigen Buche, theuerster Bruder, habe ich es mich aus aufrichtiger Liebe nicht verdriessen lassen, dein Gemüth mit der Ueberzeugung zu erfüllen, wie ehrenvoll und vollkommen es sei, den Müssiggang zu verlassen, die Trägheit und Lässigkeit zu spornen, wie süss und freudenreich, der Ausübung verschiedener nützlicher Dinge Mühe zu widmen, nach dem Worte eines Redners, der da spricht:

 

Etwas zu wissen, verdient Lob; nichts lernen zu wollen, ist eine Schuld.

 

Und Niemand möge es verdriessen, jenes Andere, das Salomon aussprach, sich anzueignen: Wer seine Kenntniss mehrt, häufet sich Arbeit. Denn der sorgsam Ueberlegende wird erfassen können, wie viel Vortheil für Seele und Leib daraus erwachse. — Es ist ja klarer als das Licht, dass Derjenige, welcher sich dem Müssiggang und Leichtsinn weiht, um überflüssige Fabeln sich bemüht, um Possen, Neugierde, Gezech, Trunkenheit, Händel, Rauferei, Todtschlag, Schwelgen, Dieberei, Entheiligung, Meineid und dergleichen, was den Augen Gottes zuwider ist, welcher niederblickt auf den demüthigen, ruhigen, mit Schweigen in des Herrn Namen Arbeitenden, gehorsam nach des heiligen

 

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96 II. BUCH. VORREDE.

 

Apostels Paulus Vorschrift: „Vielmehr arbeite er, mit seinen Händen schaffend, was gut ist, damit er habe wovon er mittheilt, was der Leidende bedarf.“ Mit dem Wunsche, dieses Befolger zu sein, nahte ich dem Vorraum der heiligen Weisheit und erblicke die Zelle auf jegliche Weise mit den verschiedenen Farben voll Abwechslung geschmückt, Vorzug und Beschaffenheit jeder einzelnen darthuend. Und kaum dass ich, ohne selbst es recht zu merken, den Fuss hineingesetzt, füllte ich den Schrank meines Herzens genügend mit Allem, welches ich einzeln durch fleissige Probe untersuchte und, nachdem ich Alles mit Blick und Hand gut befunden, in genügender Klarheit ohne Neid deinem Studium empfahl. Indem aber die Anwendung dieser Malerei nicht gleich zu durchblicken sein mag, habe ich, als wissbegieriger Forscher, mir auf alle Weise Mühe gegeben, zu lernen, durch welchen Kunstgriff die Mannigfaltigkeit der Farben ein Werk zieren möge und das Tageslicht die Sonnenstrahlen nicht zurückstosse. — Diesem Studium nachgehend, eigne ich mir die Kenntniss von der Natur des Glases an und erkenne nur seinen Gebrauch und seine Mannigfaltigkeit als tauglich, eine solche Wirkung hervorzurufen. Welche Kunstfertigkeit ich, wie ich sie durch Anschauung und Hören gelernt habe, für dein Studium zu erforschen mich bestrebte.

 

 

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DRITTES BUCH.

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Vorrede.

 

David, der vorzüglichste der Propheten, den Gott der Herr vor dem Zeitraum der Jahrhunderte vorherwählte und vorausbestimmte, den er seinem Herzen nach, ob der Einfalt und Demuth des Sinnes, erwählt und zum Herrscher seines aus erwählten Volkes gemacht hatte, welchen er, damit er ein Herrscheramt solchen Ruhmes edel und weise ausübe, mit dem Herrschergeiste kräftigte, (David) that unter anderen, indem er mit ganzem Fleisse sich in seines Schöpfers Liebe sammelte, diesen Ausspruch: Herr, ich habe deines Hauses Zier geliebt! Meinte nun ein Mann von solcher Würde und so scharfem Verstande mit diesem Haus die Wohnstätte des himmlischen Hofes, darin Gott den Hymnenchören der Engel in unfassbarer Helle vorsitzt, zu welchem er aus dem Innersten aufseufzte mit den Worten: Eines flehe ich von dem Herrn, dieses strebe ich an, dass ich wohne im Hause des Herrn alle Tage meines Lebens, oder (meinte er) die heimliche Stätte eines ergebenen Gemüthes, des reinsten Herzens, dem wahrhaftig Gott innewohnt, dessen Gast zu sein er also innig bittet: Erneue den rechten Geist, o Herr, in meinem Innersten! Gleichwohl stehet fest, dass er auch die Ausschmückung des wirklichen Hauses Gottes, welches die Stätte des Gebetes ist, gewünscht habe.

 

 

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148 III. BUCH. VORREDE.

 

Denn fast alle Materialien zu dem Hause, dessen Gründer zu werden er selbst mit glühendem Verlangen wünschte, aber nicht verdiente wegen des vielen in feindlichem Streben vergossenen Menschenblutes, an Gold und Silber, Erz und Eisen, hinterliess er Salomon, seinem Sohne. Er hatte im Exodus gelesen, dass Gott dem Moses die Stiftshütte zu errichten befohlen, und die Meister des Werkes mit Namen auserwählt, dieselben mit dem Geist der Weisheit, der Einsicht und der Kenntniss in jeglichem Wissen erfüllt habe, um ein Werk in Gold und Silber und Erz, Edelsteinen, Holz und jeder Art Kunst zu ersinnen und hervorzubringen. Er hatte in frommem Betrachten gewahrt, dass Gott durch solche Art Schmuckes erfreut werde, dessen Anordnung er unter der Meisterschaft und Hoheit des heiligen Geistes traf und glaubte, dass ohne dessen Eingebung Niemand dergleichen in‘s Werk setzen könne. Darum, theuerster Sohn, zögere nicht, sondern glaube mit ganzem Herzen, dass der Geist Gottes dein Herz erfüllt hat, wenn du sein Haus mit solchem Schmuck, mit solcher Mannigfaltigkeit der Arbeiten versehen hast; und damit du nicht etwa misstrauest, werde ich dir auf einleuchtende Weise kundthun, dass, was du lernen, begreifen oder von solchen Künsten ersinnen kannst, dir des siebengestaltigen Geistes Gnade entgegenbringe.

 

Durch den Geist der Weisheit (bemerke hier die Zusammenstellung der sieben Gaben des heiligen Geistes mit sieben Künsten. Aus dem M. S. Harleio) erkennest du, dass alles Geschaffene aus Gott hervorgehe und ohne ihn Nichts sei. Durch den Geist des Verstandes erlangtest du die Fähigkeit des Geistes, nach welcher Regel, in welcher Mannigfaltigkeit, welchem Mass du den verschiedenen Werken vorstehen musst. Durch den Geist der Ueberlegung versteckst du das dir von Gott verliehene Pfund nicht, sondern zeigst es in Bescheidenheit arbeitend und lehrend Denen, die lernen wollen, auf ehrliche Weise. Durch den Geist der Stärke beseitigst du alle Erstarrung der Trägheit und führst, was du mit rüstigem Angreifen unternommen, mit vollen Kräften der Vollendung zu. Durch den Geist des Wissens, so dir gestattet, wirst du aus reichem Herzen durch deine Begabung herrschen, und weil sie in völlig reichem Masse dir zu Gebote steht, so mache offen, mit der

 

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150 III. BUCH. VORREDE.

 

Kühnheit des ganzen Sinnes davon Gebrauch. Durch den Geist der Frömmigkeit wirst du Mass halten, was, wem, wann, wie viel und auf welche Weise du schaffest und, damit nicht das Laster der Habsucht oder Begierde dich überschleiche, den Preis des Lohnes in frommer Erwägung mässigen. Durch den Geist der Gottesfurcht betrachtest du, wie du nichts aus dir selber vermögest, denkst daran, dass du nichts ohne Gottes Zulassen besitzest noch besitzen wollest, sondern schreibst, was du erlernt hast, bist oder sein kannst, mit Glauben, Bekennen und Danksagen der göttlichen Barmherzigkeit zu.

 

Du bist durch das, was diese Tugenden verheissen, ermuthigt, theuerster Sohn, in das Haus Gottes zuversichtig eingetreten, hast es mit Anmuth geziert und Laquearien oder Wände in mannigfachem Werk, mit verschiedenen Farben ausstattend, das Bild des Paradieses Gottes auf diese Weise den Beschauern entrollt, welches verschiedene Blumen hat, grün ist von Gras und Blättern, den Seelen der Heiligen nach ihrem verschiedenartigen Verdienste Kronen spendet und hast bewirkt, dass man Gott den Schöpfer in seinem Geschaffenen lobt und in seinen Werken seine Wunder preist. Denn es vermag das menschliche Auge nicht abzuwägen, auf welchem Werke zuerst es ruhen soll. Erblickt es die Laquearien, so sind sie beblümt wie die Pallien, sieht es auf die Wände, so ist‘s ein Bild des Paradieses; wenn es den Reichthum des von den Fenstern strömenden Lichtes schaut, so bewundert es die unendliche Pracht der Gläser und die Abwechslung in der kostbarsten Arbeit. Wenn die gläubige Seele zufällig das mittels der Zeichnung dargestellte Bild des Leidens unseres Herrn gewahr wird, ergreift es sie. Wenn sie betrachtet, welche Martern die Heiligen an ihren Leibern erduldet, welche Belohnungen des ewigen Lebens sie empfangen, erwählt sie die Bahn eines besseren Lebens. Wenn sie erblickt, wie viel Himmelsfreuden, wie viel Qualen des höllischen Feuers sind, ermuthigt sie das Vertrauen auf ihre guten Thaten (Cod. Guelpherbyt.) und schlägt bei Betrachtung ihrer Sünden sie Furcht darnieder. Wohlan denn, wackerer Mann, glücklich vor Gott und Menschen in diesem Leben, glücklicher in Zukunft, durch dessen Mühe und Eifer Gott so viele Opferspenden gebracht

 

 

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152 III. BUCH. VORREDE.

 

sind, erhebe dich zu weiterer Thätigkeit und mache dich daran, durch Anstrengen deines ganzen Geistes zu ergänzen, was noch von dem zum Gotteshaus Gehörigen fehlt, ohne die göttlichen Mysterien und die kirchlichen Verrichtungen nicht bestehen können. Es sind dies aber Kelche, Leuchter, Rauchfässer, Messkännchen, Krüge, Schreine der Pfänder der Heiligen, Kreuze, Plenarien und das Uebrige, was zum Gebrauch des kirchlichen Dienstes das Bedürfniss erfordert. Wenn du solches hervorbringen willst, fange in dieser Weise an.

 

 

 

 

 

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290 CAPITEL LXXIV.

 

Tuch und Sand gesäubert werden, bis die schwarze Haut entfernt ist und so vergoldet und polirt, die fertigen Linien gefärbt und mit der vorhergenannten Mischung bedeckt werden.

 

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CAPITEL LXXIV.

Von dem Werke, welches man mit Stempeln aufdrückt.

Auch werden Eisen von der Dicke eines Fingers gemacht, drei oder vier Finger breit, einen Fuss lang , welche durchaus makellos sein müssen, so dass an ihnen kein Flecken, keine Spaltung auf der obern Seite sei. In diese werden in der Art wie auf Siegeln schmälere und breitere Ränder eingegraben, in welchen Blumen, Thiere oder Vögelchen oder mit Hals und Schwänzen verkettete Drachen seien; sie mögen nicht allzu tief, sondern nur etwas eingegraben werden und mit Fleiss. Dann mache Silber viel dünner als bei der Arbeit des Treibens in beliebiger Länge, reinige es mit feinem Kohlenstaub und dem Tuche, und polire es mit darüber geschabter Kreide. Ist dies geschehen, so bringe auf jeden Rand Silber, lege das Eisen auf einen Amboss, so dass das Gegrabene obenauf sei, auf dieses ist das Silber gelegt; noch lege dickes Blei darauf und hämmere es tüchtig mit dem Hammer, so dass das Blei das dünne Silber so kräftig in die Gravirung dränge, dass alle Linien darauf vollkommen erscheinen. Wäre der Streifen länger, so ziehe ihn von Ort zu Ort, halte ihn in Verbindung mit dem Eisen mittelst der Zange gleichmässig, so dass, wenn ein Theil geschlagen ist, der andere geschlagen wird und so, bis der ganze Streifen angefüllt ist. Diese Arbeit ist sehr brauchbar, um die Ränder bei Anfertigung der Altartafeln, Pulten, Schreinen der heil. Leiber, Büchern und an welchen Stellen es nöthig wäre, wenn es

 

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292 CAPITEIL LXXIV.

 

etwas zierlich und fein Getriebenes von leichter Ausführung ist. Man macht dergleichem auch in Kupfer, welches auf dieselbe Art dünn gemacht, gereinigt, vergoldet und polirt wird. Man setzt das Eisen darauf, so dass die Vergoldung gegen das Eisen gekehrt ist, das Blei wird darauf gegeben und nun geschlagen, bis die Zeichnung zum Vorschein kommt. Man gräbt auch auf obenerwähnte Weise das Bild des gekreuzigten Herrn, welches in Silber oder vergoldetem Kupfer ausgedrückt wird. Hieraus werden auch die Phylakterien gemacht, desgleichen die Reliquienkapseln und die Schreine der heil. Leiber. In Eisen bildet man auch das Bild des Gotteslammes und jenes der vier Evangelisten, mit welchen die Becher aus kostbarem Holz geschmückt werden, indem man sie in Gold oder Silber abgedrückt hat. Dabei steht der Kreis mit dem Lamm in der Mitte des Gefässes, die vier Evangelisten kreuzförmig ringsherum, vom Lamme gehen vier Scheine (Limben) zu den vier Evangelisten aus, auch macht man Bilder von kleinen Fischchen, Vögeln und Thieren, welche, im übrigen Raum des Bechers angebracht, eine grosse Zierde gewähren. Auf dieselbe Weise macht man das Bild der göttlichen Majestät und andere von jeder Gestalt und Geschlecht, welche, in Gold, Silber oder vergoldetem Kupfer ausgedrückt, wegen ihrer Feinheit und mühevollen Arbeit an den Stellen, wo sie aufgesetzt werden, einen sehr hohen Schmuck verleihen. Man bildet auch Gestalten von Königen und Reitern mit dem Eisen auf dieselbe Weise, welche, in spanisches Messing gedrückt, die Becken zieren, in welchen man Wasser über die Hände giesst, ebenso wie die Gefässe mit Gold oder Silber, mit ihren Rändern aus demselben Metall geschmückt werden, auf denen Thiere oder Vögel oder Schnörkel sind, doch werden sie nicht fest verbunden, sondern mit Zinn angelöthet.

 

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250 CAPITEL LX.

 

Regel. Wenn Jemand Fleiss anwenden wollte, um ein Rauchfass von kostbarerer Arbeit zu vollenden, in Gestalt der Stadt, welche der Prophet auf dem Berge gesehen, so kann er es in dieser Weise darstellen.

 

CAPITEL LX.

Von dem gegossenen Rauchfass.

Nimm mit Mist gemischten und gutgemahlenen Thon, lasse ihn an der Sonne trocknen, den getrockneten mache klein und siebe ihn mit Sorgfalt. Den gesiebtem dann vermische mit Wasser und verreibe ihn tüchtig, daraus mache dir dann zwei Mengen, in der Grösse wie du das Rauchfass haben willst, die eine für den unteren, die andere für den oberen Theil, welcher der höhere sein wird. Diese Mengen heissen die Kerne. Durchbohre dieselben so gleich mit einem der Länge nach auf vier Seiten gleich beschnittenen Holze und so trockne sie an der Sonne. Nach diesem stecke ein Eisen durch sie, welches das Dreheisen genannt wird, lang und ziemlich dünn ist, aber an Einem Ende dicker, auf drei Seiten flachgehämmert, immer dünner und dünner zur Spitze verlaufend, an seinem dickern Theile werde ein anderes kurzes und gekrümmtes Eisen oder Holz befestigt, mit Hilfe dessen man es drehen kann. Habe dann zwei hölzerne Säulchen auf einem Gestell befestigt, von einander der Länge des Eisens entsprechend abstehend, deren jegliches an der Vorderseite Nägel gleichfalls von Holz habe, eine Spanne lang, und mit einem Einschnitt, wie eine Stufe (wie ein Winkel) versehen. Auf diese kommt das runde Holz zu liegen, dass man es geschickter und länger bewegen könne, auf welchem die Hand des Drehenden ruht. Ist dies so vorbereitet, so lege das Dreheisen zwischen

 

 

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252 CAPITEL LX.

 

die beiden Säulen, welches die Kerne trägt, und während der dir zur Linken sitzende Gehilfe es dreht, bearbeitest du mit scharfen und etwas breiten Eisen sie von allen Seiten, dass sie abgegleicht seien, und so bereite deine Kerne, dass sie in der Mitte, wo sie zusammentreffen, in Breite und Dicke übereinstimmen. Den untern Theil hingegen von der Mitte abwärts beschneide aber derart, dass dann die Breite oben um zwei Masseinheiten die untere übertreffe, an der du auch den Fuss herstellst. In demselben Masse beschneide auch den Obertheil, dessen Höhe in der Weise einer hölzernen Glocke dreimal zugeschnitten, gleichwohl eine solche sei, dass sie um jegliches Beschneiden gegen oben an Dünne zunehme. Hast du sie so gedreht, so wirf das Eisen heraus und mache mit dem Messer auf die breitere Drehzone des obersten Kernes bis zur Schnittlinie, welche sie begrenzt, vier Winkel, so dass er dadurch kreuzförmig gestaltet wird. Jeder dieser Flügel habe in seinen Wänden die gleiche Breite, in der Höhe aber betrage er anderthalb Masseinheiten der Breite, hier forme auch Giebel in Dachform. Du wirst auch an dem Thurm, der zunächst darauf zu stehen kommt, acht Seiten bilden, vier breitere und vier schmälere, die du auch rund bilden kannst, so dass die Ecken der Breitseiten vorspringen, die der schmälern hohl seien, damit so die Rundung sichtbar werde. Auf denselben bilde den Massen entsprechende Dächer. An dem vorletzten Thurme verfahre in derselben Weise, doch dass zugleich die gekrümmten Seiten auf die Breitseiten des unteren Thurmes zu stehen kommen und die runden der unteren den breiten der oberen entsprechen. Der oberste Thurm aber werde mit acht gleich breiten Seiten und dachlos gemacht. Das ist der Obertheil des Rauchfasses.

 

An dem Untertheil aber soll die breitere Drehzone mit dem Ausschneiden der Winkel in Kreuzform ähnlich gebildet werden, damit er an dem oberen halte; die weiter unten befindliche Drehzone gehe abgerundet aus. Ist das solcherweise angepasst, so nimm zwei Fuss lange Hölzer von der Dicke eines Fingers, und verdünne sie bis zu dem Masse, welches du dem Wachse zu verleihen wünschest, dann ein anderes eben so langes von Holz rund und der Dicke eines Lanzenschaftes.

 

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254 CAPITEL LX.

 

Habe auch ein Fuss breites Brettchen, zwei Ellen lang und sehr eben, auf welchem du die zwei genannten Hölzer befestigest, so dass in Entfernung von einem halben Fuss die Hölzer gleichmässig anpassen. Dann nimm reines Wachs, welches du in der Nähe des Feuers tüchtig knetest und so warm zwischen jene beiden Hölzer auf das Brettchen bringst, nachdem du vorher Wasser daraufgesprengt hast, um das Anhaften zu vermeiden. Verdünne das Wachs, indem du jenes runde Holz befeuchtet, mit beiden Händen tüchtig darauf walkest, der Dichte der Hölzer entsprechend. Wenn du viele gleiche Wachsstücke bereitet hast, so schneide sie, bei dem Feuer sitzend, stückweise, den Räumen nach, welche du im Thon des Rauchfasses ausgeschnitten hast und passe einem jeden Raum sein Stück ziemlich warmgemacht an und mache es mit einem hiezu tauglichen und erwärmten Eisen ringsum an. Nachdem du auf solche Weise das Aeussere des ganzen Kernes bedeckt hast, nimm ein dünnes, beiderseits scharfes Eisen, das einem feinen Pfeile gleicht, mit einem kleinen Stiele in einen Holzgriff eingefügt und beschneide es damit von allen Seiten und gleiche mit einem ebenso gestalteten Buchsbaumholz ab und siehe zu, dass das Wachs an keiner Stelle dicker, noch dünner sei als an den übrigen. Entwirf dann an jeder Vorderseite je einen Bogen, gleicherweise an den gebogenen Wänden. Unter den einzelnen Bogen auf beiden Seiten Pforten, so dass je eine Pforte den vierten Theil des Raumes einnimmt, in der Mitte die zwei übrigen Theile bleiben, in diesen Räumen entwirf unter einem jeden Bogen die Bildnisse der Apostel, deren jeder eine Schrift halte; sie seien nach deinem Belieben dargestellt, ihre Namen schreibe in die Bogen streifen. In den Dreiecken, welche die Dachgiebel tragen, mache gleichnissweise zwölf Steine an, indem du jedem einzelnen Apostel einen Stein zutheilst, welcher zur Andeutung seines Namens passend scheint. Die Namen schreibe in den untern Streifen dieses Raumes und in den Ecken nahe der Steine mache Fensterchen. Dies ist ein Gleichniss dessen, davon der Prophet spricht: „Drei Thore im Aufgang, drei Thore gegen Abend, drei Thore gegen Mittag und drei Thore gegen Mitternacht.“

 

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256 CAPITEL LX.

 

In den vier Winkeln aber, welche zwischen den Theilen mit den Thüren sind, bilde in Wachs runde Thürmchen, durch welche die Ketten gehen. Wenn das so vertheilt ist, forme auf dem nächstfolgenden Thurme ganze Bilder von Engeln in viereckigen Feldern, mit ihren Schilden und Lanzen, gleichsam zur Bewachung der Mauern aufgestellt, und an den runden Thürmchen bilde Säulen mit ihren Capitälen und Basen. Auf dieselbe Art forme an dem vorletzten Thurm, welcher niederer ist, halbe Engelbilder und ebenso Säulen. Auf dem obersten Thurme aber, welcher schlanker sein wird, mache lange und runde Fenster und auf der äussersten Höhe des Thurmes Zinnen am Umfang, in derem Mitte forme das Lamm und auf dessen Haupte Krone und Kreuz, über seinem Rücken einen kurzen Bogen, auf dessen Spitze der Ring sei, um den die mittlere Kette gelegt werde. Dies ist der obere Theil des Rauchfasses mit seiner Arbeit.

 

Ist der untere Theil in derselben Weise mit Wachs bedeckt worden, so bilde in den einzelnen Feldern je ein Bild eines Propheten mit ihren Schriften und ordne jedem Apostel den ihm entsprechenden Propheten bei, so dass ihre Zeugenschaften, die auf die Schriftrollen zu schreiben sind, zusammen passen. Um die Propheten mache jedoch keine Thore, sondern die viereckigen Felder derselben nur; in Streifen werden ihre Namen über die Häupter geschrieben. Mache auch in den Winkeln vier Thürme, in denen die Ketten, um mit den oberen zusammenzupassen, befestigt werden. Auf dem unteren runden Theile aber mache soviel Kreise als du kannst oder magst, in diesem stelle die halben Bildnisse der Tugenden dar, in weiblicher Gestalt, und schreibe ihre Namen in den Kreisen bei. Schliesslich aber bilde an dem Boden den Fuss und drehe ihn. Alle Räume um die Bildwerke oben und unten seien durchbrochen. Dann versieh alle Theile mit ihren Eingussröhren und Luftlöchern, umstreiche Alles sorgfältig mit dünnem Thon und trockne es an der Sonne, wiederhole und mache es ein drittes Mal. Diese Theile heissen die Formen. Sind sie gänzlich ausgetrocknet, so bringe sie an‘s Feuer, und nachdem sie warm

 

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258 CAPITEL LX.

 

werden, giesse das flüssige Wachs in Wasser heraus, stelle es abermals an‘s Feuer und verfahre so, bis du alles Wachs herausgebracht hast. Darauf lege an einen tauglichen und ebenen Ort grobe, kalte Kohlen, auf diese stelle die Formen mit den Oeffnungen nach unten und lagere um dieselben harte Steine, welche bei der Hitze des Feuers nicht springen können, und schichte sie so, Stein auf Stein, wie eine Mauer, aber trocken, ohne Verbindung, so dass zwischen den Steinen zahlreiche und kleine Oeffnungen bleiben. Ist das so zusammengestellt, so schütte einen halben Fuss höher als die Formen glühende Kohlen auf und dann bis ganz hinauf kalte und sorge, so viel Raum zwischen den Formen und den Steinen zu lassen, dass die Kohlen darin Platz haben. Wenn alle Kohlen glühen, müssen sie bisweilen mit einem dünnen Holze durch die Löcher zwischen den Steinen hindurch von allen Seiten her umgestört werden, um sich zu berühren und damit die Hitze von überallher gleichmässig sei. Haben sie sich so weit vermindert, dass du die Form erblickst, so fülle neuerdings kalte Kohlen bis oben auf und thue das ein drittes Mal. Wenn du die Form auswendig glühen siehst, so stelle das Gefäss mit dem Messing in‘s Feuer, welches du schmelzen willst, blase erstlich gelinde, dann mehr und mehr, bis es gänzlich flüssig ist. Ist dies vollbracht, so rühre es fleissig mit einem krummen, in einem Holz eingefügten Eisen und drehe das Gefäss auf eine andere Seite, fülle dann wieder Messing ein und erwärme es. So verfahre, bis dass es voll wird. Dann rühre von Neuem mit dem gekrümmten Eisen und reinige es von den Kohlen, blase tüchtig mit dem Balge zu und bedecke es mit grossen Kohlen. Dann hebe nach Entfernung der Steine die Form aus dem Feuer und streiche Thon darauf, der reichlich mit Wasser, dünn wie Hefe, gemengt sei, und zwar geschehe das sorgsam mit einem Linnen. Hast du dann neben dem Ofen, in dem du giessest, eine Grube gegraben und die Form dareingesetzt, so führe rings um dieselbe auch Erde auf und drücke sie mit einem unten platten Holze fleissig zusammen. Sogleich habe auch ein vielmal zusammengewickeltes Linnen zu Händen, das in ein

 

 

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260 CAPITEL LXI.

 

gespaltenes Holz gesteckt ist, nimm das Gefäss mittelst der krummgeschnäbelten Zange vom Feuer und giesse nun ein, wobei du das Linnen handhabst, um Schmutz und Asche zurückzuhalten, mit Achtsamkeit. Sind auf solche Weise beide Formen voll gegossen, so lasse sie stehen, bis das Eingussrohr oben sich dunkel färbt; ist hierauf die Erde weggeräumt und die Formen aus der Grube gehoben, so stelle sie an einen sicheren Platz, bis sie ganz kalt werden, nimm dich aber höchlich in Acht, auf die kalten Formen Wasser zu sprengen, weil die Kerne im Innern, wenn sie das Nasse durchmerken, sogleich sich aufblähen und das ganze Werk durchbrechen. Sobald sie ausgekühlt sind, beseitige den Thon, beobachte sorgsam, ob durch Nachlässigkeit oder Zufall etwas fehlerhaft sei, schabe die Stelle dann ringsumfeilend ab und setze Wachs an oder ebenso Thon ; wenn es getrocknet ist, erwärme es und so giesse es darauf an, bis das Angegossene, wenn der (Metall-) Strom in jenen Theil fliesst, festhält. Sobald du dies gewahr wirst, so löthe es, falls es zu wenig fest anhaftete, durch Verbrennung von Weinstein und Feilspänen von Silber und Kupfer, wie vorgeschrieben wurde, an. Darauf befeile alle Felder zuerst mit verschiedenen viereckigen, dreieckigen und runden Feilen, ciselire sie dann mit den Grabeisen, schabe sie mit den Schabeisen. Endlich, wenn du dein Werk mittelst oben etwas platten Hölzern mit Sand gescheuert hast, vergolde es.

 

CAPITEL LXI.

Von den Ketten.

Willst du Ketten machen, so ziehe zuerst feine und dickere Drähte von Kupfer oder Silber, und flechte sie mit der Ahle zu drei-, vier-, fünf- oder sechsfachen Ringen nach der Dicke, welche dir beliebt, im Verhältniss eines jeden Rauchfasses, des kleineren oder des grösseren. Wenn du alle Ketten des einen Rauchfasses in Ein Stück geflochten hast, so nimm ein dünnes Eichen- oder Buchenholz, mache in demselben mit einem runden und heissen dünnen Eisen viele

 

 

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Quelle:

Auszug aus:

Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik des Mittelalters und der Renaissance. Hrsg. R. Eitelberger v. Edelberg. VII. THEOPHILUS PRESBYTER Schedula diversarum artium I. Band. Revidirter Text, Uebersetzung und Appendix. Von Albert Ilg. Anonymus Bernensis, Herausgegeben von Prof. Dr. Herm. Hagen.

 

Schedula diversarum artium / 1

Theophilus <Presbyter> ; Hagen, Hermann Ilg, Albert Eitelberger von Edelberg, Rudolf Anonymus

Wien : Braumüller, (1874). - XLVII, 400 S.

Digitalisierung durch Münchener Digitalisierungszentrum

Permalink: http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV006693253/ft/bsb11184628?page=320URN: urn:nbn:de:bvb:12-bsb11184628-2

 

Hinweis: In den Text eingefügten Fotos sind nicht im Originalwerk enthalten. Die Darstellungen sollen nur zur Veranschaulichung der Textbeschreibungen dienen.

 

 

Neues aus der Unterwelt der Kasematten von Wolfenbüttel

Tag der offenen Tür im Seeliger Park:
Blick in die freigelegten Kasematten

Wolfenbüttel. Der Festungskreis der AG Altstadt lädt ein für Samstag, 10. Mai, 11 bis 15 Uhr unter dem Motto: „Neues aus der Unterwelt“.
Von Winterschlaf kann auch diesmal wieder keine Rede sein. Der Festungskreis der Aktionsgemeinschaft Altstadt Wolfenbüttel hat während der vergangenen Monate die lange Kasematte Nr. 2 unter der Seeliger Villa so vertieft,  dass das ursprüngliche, vor rund 400 Jahren angelegte Höhenniveau erreicht worden ist. Am Samstag hat die Öffentlichkeit Gelegenheit, alle drei Kasematten zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Die Schwelle der Tür von Kasematte 2 nach 3 hat das Arbeitsniveau bestimmt, was jetzt mit Bagger und Schaufel  nachvollzogen worden ist. Zusätzlich ist die zugeschüttete Front am Ende der Kasematte 2 mit einer stabilen Holz-Barriere gegen herab rieselndes Gestein gesichert worden. Jedermann ist eingeladen,  die erweiterten Freilegungs-  und Sicherungsarbeiten anzusehen. Natürlich werden von den ehrenamtlichen Festungsforschern  auch Erläuterungen zur Funktion und Geschichte der Bastionen  Wolfenbüttels mit ihren unterirdischen Anlagen, ganz allgemein  „Kasematten“ genannt, gegeben. Eine stabile Holzwand schließt seit einigen Wochen die Kasematte 2 nach Osten ab.


Veröffentlicht in:
Wolfenbütteler Schaufenster
Ausgabe vom 04.05.2014 S. 13

 

1000 Erstsemesterstudierende auf dem Campus Wolfenbüttel in der Ostfalia begrüßt

Bei der Begrüßung der Erstsemester in der Lindenhalle.  Foto: Ostfalia

Großer Andrang auf dem Campus Wolfenbüttel:
1000 Erstsemesterstudierende in der Ostfalia begrüßt

Wolfenbüttel. Die Ostfalia hatte für vergangenen Montag die Erstsemesterstudierenden am Campus Wolfenbüttel in die Lindenhalle eingeladen, um gemeinsam mit ihnen das Studium zu beginnen. Zum Vorlesungsbeginn am 23. September studieren dann 5.300 junge Menschen in Wolfenbüttel, an allen vier Standorten sind es über 12.000. Als Vertreterin des Präsidiums begrüßte Prof. Dr. Rosemarie Karger, Vizepräsidentin für Forschung, Entwicklung und Technologietransfer, die neuen Studierenden. „Zögern Sie nicht, die Professorinnen, Professoren oder Lehrkräfte bei Fragen, Problemen oder Verbesserungswünschen anzusprechen. Viele kommen erst, wenn das „Kind in den Brunnen gefallen ist“. Fragen kostet wirklich nichts außer Zeit, kann aber auf neue, bessere Wege führen“.
Auch Heinz-Rainer Bosse, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Wolfenbüttel, kam in die Lindenhalle, um mit persönlichen Grußworten die Erstsemesterstudierenden willkommen zu heißen. Dabei wies er auf das Serviceangebot der Stadt Wolfenbüttel hin: Das Begrüßungsgeld für Ostfalia-Studierende in Höhe von 250 Euro bekommen zum Beispiel all diejenigen, die ihren Wohnsitz für die Zeit des Studiums nach Wolfenbüttel verlegen.
Nach dem Grußwort von Bosse verlieh die Bredex GmbH ein Stipendium in Höhe von 3.000 Euro an den Informatik-Studenten Yasar lsik. Überreicht wurde diese Auszeichnung für herausragende Studienleistungen durch den Geschäftsführer des Unternehmens, Achim Lörke. Der chinesische Austauschstudent Zhenwei Miao, der im Juni 2013 seinen Master an der Fakultät Maschinenbau erworben hatte, wurde für seine hervorragenden Leistungen mit einen Stipendium des DAAD (Deutscher-Akademischer Ausstauschdienst) ausgezeichnet. Dieser Preis ist mit 1000 Euro dotiert.
Der offizielle Teil endete mit einem Vortrag der Ostfalia-Absolventin Dipl.-lng. (FH) Sina Ciesielski. Sie berichtete den Gästen der Erstsemesterbegrüßung von ihren persönlichen Erfahrungen auf dem Weg von der Schulbank ins Berufsleben, bevor der Allgemeine Studierendenausschuss das Programm der so genannten „Erstsemesterwoche“ vorstellte. In dieser Woche erwartet die „Neuen“ u. a. neben einer Stadtführung durch Wolfenbüttel, ein Kennenlern-Grillen auf dem Campus sowie eine Bafög-Beratung
und die Vorstellung des Hochschulsports.


Veröffentlicht in:
Wolfenbütteler Schaufenster Nr. 37a / 35. Jg  vom 18. September 2013 Seite 6


Einfügung:
Alle vier Standorte der Ostfalia sind in Ostfalen, einer Region des alten Sachsenlandes zwischen Weser, Lüneburger Heide, Elbe und Harz angesiedelt.

LINK: http://www.ostfalia.de/cms/de/gaeste/portrait.html

 



Radtouren des ADFC Wolfenbüttel für das 1. HJ 2013

Radtouren-Kalender für das erste Halbjahr erschienen:
Radtouren des ADFC von März bis Juni
Wolfenbüttel. Seinen neuen „Radtouren-Kalender“ für das erste Halbjahr 2013 hat der Kreisverband Wolfenbüttel des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt.
Damit bietet der ADFC Wolfenbüttel in den kommenden Monaten wieder allen Radlerinnen und Radlern aus Wolfenbüttel und Umgebung ein umfang- und abwechslungsreiches Programm für gemeinschaftliche Ausflüge und zur umweltfreundlichen Naherholung mit dem Fahrrad an. Dabei reicht das Angebot des ADFC von kurzen und leichten Touren in und um Wolfenbüttel, wie zum Beispiel eine „Kirchentour rund um Wolfenbüttel“ am 4. Mai über eine „Rundtour zum Salzgitter-Stichkanal“ am 13. April oder eine „Rundtour um Braunschweig“ am 11. Mai bis hin zu Mountainbike-Touren zum Beispiel in der Asse oder im Harz.
Einer der Höhepunkte im Programm ist sicherlich wieder die inzwischen schon traditionelle „Nachtfahrt“ des ADFC Wolfenbüttel unter dem Motto „Im Dunkeln ist gut munkeln“. Diese findet in einer der kürzesten Nächte des Jahres vom 22. auf den 23. Juni statt.
Der neue „Radtouren-Kalender“ des ADFC ist ab sofort erhältlich im „Zentrum für Umwelt und Mobilität“ (Z/U/M/) am Stadtmarkt 11 sowie auf den lntemet-Seiten des ADFC unter www.adfc-wf.de.

Veröffentlicht in:
Wolfenbütteler Schaufenster Ausgabe 8/35. Jg. Wolfenbüttel und Umgebung vom 24. Februar 2013


Verein Kulturstadt - Themenjahr Staatsbahn

Aufbruch in die Moderne
Wolfenbüttel. Als am 1. Dezember 1838 die Eisenbahnverbindung von Braunschweig nach Wolfenbüttel als erste Deutsche Staatsbahn dem Verkehr übergeben wurde, war dies ein sichtbares Zeichen großer Entwicklungen in Wirtschaft und Wissenschaft - der Aufbruch in die Moderne. Damit erfolgte in dieser Region die sukzessive Ablösung vorrangig manueller Wirtschaftsweisen durch maschinelle Fertigungsverfahren und industriell geprägte Strukturen, die im Laufe der Zeit auch im Handwerk, Handel, in der Landwirtschaft und in den neu entstehenden Fabriken Einzug hielten. So bildete sich in unserer Region der Schwerpunkt der deutschen Zuckerindustrie heraus, und es wurden Fabriken zum Beispiel zur Konservenproduktion gegründet, um den einheimischen Spargel zu verarbeiten.
Das 175. Jubiläum der ersten Deutschen Staatsbahn nimmt der Verein Kulturstadt Wolfenbüttel zum Anlass, den Aufbruch unserer Region in die Moderne nachzuzeichnen und in einem eigenen Themenjahr auch die vielfältigen Aspekte tiefgreifenden Umbruches, den das industrielle Zeitalter bewirkt hat, einzugehen.
Eröffnet wird das Themenjahr am 12. März in der Herzog August Bibliothek durch den Festvortrag von Florian Rehm, der als direkter Nachfahre der Gründerfamilie Mast in besonderer Weise die Tradition regionalen Unternehmertums verkörpert. lm Frühjahr und Sommer soll mit Werksbesichtigungen in Wolfenbütteler Unternehmen Wirtschaftsgeschichte unserer Region vor Ort erfahren werden. Auch die Rathausvorträge im Herbst widmen sich dem Thema Wirtschaft- und Eisenbahngeschichte. Darüber hinaus werden in den Rathausvorträgen herausragende Persönlichkeiten der Familie Ehrenberg, deren Vertreter auf vielfältigen Gebieten der Wirtschaft und Wissenschaft Pionierleistungen hervorgebracht haben, präsentiert. Ein weiterer Höhepunkt des Themenjahres bildet das historische Bahnhofsfest am 17. und 18. August, in dem mit unterschiedlichen Facetten an das Ereignis von 1838 angeknüpft wird. Auch Musik und Musikgeschichte hat auch in diesem Themenjahr seinen festen Platz.
Als besonderes musikalisches Ereignis, das auf das 400. Todesjahr von Herzog Heinrich Julius Bezug nimmt, steht die Aufführung der Trauermusik für Heinrich Julius am 3. November in der Hauptkirche auf dem Programm. Dazu passt, dass in diesem Jahr der dritte Band der Publikationsreihe des Vereins Kulturstadt Wolfenbüttel e.V. erscheint, der sich unter dem Tıtel „Musik als Ruhm, Lob und Ehre“ mit der Geschichte der Wolfenbütteler Hof- und Kirchenmusik befasst.

Veröffentlicht in:
Wolfenbütteler Journal  März 2013  S. 8