Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die teutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander - erster Artikel

Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die teutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander.

Von D. E. Gervais, Privatdocenten an der Univ. Königsberg.
Erster Artikel. Erster Abschnitt.


Heinrich der Löwe in unveränderter Gunst bei Kaiser Friedrich (1152 – 1176).


Heinrich der Stolze; dem bei seiner Vermählung mit Gertrud, Kaiser Lothars Tochter, zu seinem Erbherzogthum Baiern noch Sachsen zugefallen, dem aber von König Konrad 3. die gehoffte Krone von Teutschland, dann als Geächtetem beide Herzogthümer entzogen waren, starb 1139, und hinterließ seinem zehnjährigen Sohne gleiches Namens kaum mehr die Aussicht das Verlorne wieder zu erlangen. Beide Herzogthümer waren von Konrad bereits verliehen, Sachsen an Albrecht den Bären, Baiern an Leopold von Oesterreich; und Letztrer war bereits im Besitz des neuen Lehnes. Doch über dem Knaben wachte, noch ehe eigne Kraft ihn schirmen konnte, die Vorsehung. 1141 starb Leopold; des Königs Zorn hatte nachgelassen, wenn auch Alles dem Welfen wieder zu geben er keinesweges sich geneigt zeigte. Da Sachsen von Gertrud, der Mutter des Knaben Heinrich, und von den meisten Grafen und Edlen des Landes kräftig gegen die Angriffe Albrechts vertheidigt wurde, und König Konrad die Nation besänftigen mußte, um nicht die Tage Heinrichs 4. und Heinrichs 5. sich zu bereiten; so sollte Baiern wenigstens davon getrennt werden.
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Wie Lothar *) im Norden, so fand Konrad nur im Süden Teutschlands Fürsten, die ihm und seinem Hause mit Treue anhingen. War doch selbst auf Albrecht von Brandenburg nicht sicher zu zählen, da er, gleich den Welfen, Lothar seine größere Macht verdankte. Ihn fesselte das Interesse seines Landes an die nordteutschen Fürsten, und nur die Eifersucht machte ihn zum Feinde der beiden Heinriche. Konrad dieß erkennend hatte versucht, Albrechts Ehrgeiz durch die Verleihung Sachsens zur Unterdrückung der Welfen zu nutzen. Wie wenig diese Absicht gelungen, zeigt, daß selbst ein Kind und eine Frau vor dem ersten Fürsten der Christenheit sich nicht beugten. Nachzugeben war nun für Konrad das Gerathenste. Auf dem Reichstage zu Frankfurt 1142 nahm er den jungen Heinrich und die Sachsen zu Gnaden an, und belieh Erstern wieder mit dem wichtigsten der seinem Vater abgesprochenen Herzogthümer. Baiern aber behielt Heinrich Jasomirgott, der Bruder und Erbe Leopolds, mit König Konrad von einer Mutter geboren.



Für die Ruhe Teutschlands ward noch mehr gesorgt. Nicht versöhnt allein sollten die beiden Heinriche werden, auch engere Bande sie umschließen, die namentlich Heinrich den Löwen zwängen, über die Abtretung Baierns nie rechten zu wollen. Deßhalb vermochte Konrad die noch


*) Noch fehlt der tüchtige Biograph dieses Kaisers, der durch seine Stellung zu den vorausgehenden fränkischen und den ihm nachfolgenden hohenstaufischen Kaisern so höchst wichtig für die innere Geschichte Teutschlands geworden ist. In meinem Werke: Geschichte der Landgrafen von Thüringen, das mich seit Jahren beschäftigt, wird mir gestattet seyn, allgemeine Verhältnisse anzudeuten, die durch Lothar zwischen Nord- und Südteutschland veranlasst wurden.


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im besten Lebensalter stehende Mutter des Knaben, mit Heinrich Jasomirgott sich zu vermählen. Fein war es ersonnen, Gertrud, die noch für den unmündigen Sohn die Regierung in Sachsen führte, als Gemahlin des neuen Baiernherzogs selbst zur Wächterin über den stolzen Heinrich, wie dieser sich schon in frühen Jahren kund gab, zu setzen, daß nicht einst der Herangewachsene Forderungen mache, welche die Achtung vor der Mutter verletzten. Vielleicht zu fein war der Plan. Denn bei einem Charakter wie des jungen Heinrichs konnte die neue Verbindung nur Haß gegen die Mutter erregen; Zwietracht und Spaltung drohte im ganzen Reiche auszubrechen; für den beeinträchtigten Welfen stand damals noch eine Partei, welcher die Hohenstaufen kaum gewachsen waren. Der Tod Gertrudens benahm die Furcht vor einem unnatürlichen Bruch zwischen Mutter und Sohn. Sie starb am Ende des Jahres 1143 *), ohne dem zweiten Gemahl einen Sohn zu hinterlassen. Heinrich nannte sich schon 1144 überall Herzog von Sachsen und Baiern **), wo nicht die Gegenwart des Königs ihm Scheu erregte. Mit dieser und mit dem Erscheinen Heinrichs auf den allgemeinen Fürstenversammlungen ***) begnügte sich Konrad 3. Vielleicht war der König es auch, der die Verbindung des Herzogs mit Clementia, der Tochter Konrads


*) Siehe dieß als richtig erwiesene Jahr in den Orig. Guelf. lib. VII. §.5. d. i. Tom. III. pag. 12. apud Scheid.
**) Orig. Guelf. a. a. O. Nur während der 2ten Ehe seiner Mutter nennt er sich Dux Saxonum. S. Lindenbrog script. septent. pag. 175. ff.
***) So 1147 zu Frankfurt, wo Konrads Sohn Heinrich zum römischen Kaiser erhoben wurde, der aber schon vor dem Vater starb. S. Orig. Guelf. a. a. O. §.6.
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von Zähringen, einer nahen Verwandtin der Hohenstaufen bewirkte, und des jungen Helden Kriegsdrang wider die Slaven lenkte, wo Heinrich in Gemeinschaft mit seinem Schwiegervater und seinem ehemaligen Feinde Albrecht dem Bären sich Ruhm und neue Besitzungen erwarb. Auch in die dänischen Königshändel mischte er sich, und überzog das tapfre Volk der Ditmarsen mit Krieg. Bald war sein Name bei den Nordländern gefürchtet, bei den benachbarten teutschen Fürsten geachtet. Doch dem Hochstrebenden genügten nicht die neuen Eroberungen, nach dem väterlichen Besitzthum trachtete unablässig sein Sinn. Nicht bloß sich Herzog von Baiern nennen, es auch wirklich seyn wollte der Ehrgeizige. Doch blieb gegen seinen Stiefvater jeder Versuch der Gewalt, wie bei dem Könige jede Bitte ohne Erfolg. In Bezug auf Baiern beharrte Konrad bei dem Grundsatze: Kein Fürst dürfe zwei Herzogthümer besitzen, weil es dem Reichsoberhaupte Gefahr bringe. Bis zu seinem Ende wußte er den stürmischen Jüngling, durch nachdrückliche Gewalt, oder durch Verheißungen auf die Zukunft, in Schranken zu halten.



Ein andres Princip befolgte Konrads Nachfolger, Friedrich Barbarossa. Hatte jener den nächsten Zweck im Auge, die Macht Heinrichs des Löwen zu schwächen, indem er das Herzogthum Baiern ihm entzog, so sah Friedrich, überdieß an Jahren und Gesinnung dem Herzoge gleicher, weiter und bis auf einen gewissen Punkt richtiger als Konrad.



Seit Erhebung der Hohenstaufen auf den Thron Karls des Großen war das Interesse von Nord- und


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Südteutschland, das unter den salischen Kaisern und noch selbst unter Lothar allseitiger auf den Norden, Süden, Osten *) und Westen gerichtet erscheint, und namentlich in Italien Nord- und Südteutschlands Kräfte vereinte, ein getrenntes geworden. Durch die Losreißung Baierns von Sachsen, welche Lothar gleichfalls nicht ohne Gewinn für Teutschland - wenn auch zunächst zu Gunstens seines gehofften Nachfolgers Heinrich des Stolzen - verknüpft, mußte die Trennung in Feindschaft sich verwandeln, sobald es dem, immer noch mächtigen Herzog von Sachsen gelang, die übrigen nordteutschen Länder für sich zu gewinnen oder von sich abhängig zu machen. Bot doch der Norden und Osten ihm Gelegenheit, neue Eroberungen zu machen und nach völligem Bruche mit den Hohenstaufen, die bald auf Italien ihr Hauptaugenmerk richteten, ein neues nordteutsches Königreich zu bilden, in welchem die Welfen den Glanz wiederfanden, der durch die Hohenstaufen ihnen entzogen war. Heinrich der Löwe besaß Kraft, Entschlossenheit und Stolz genug dazu; im Mittelpunkte seiner Macht konnte Braunschweig, dem Heinrich während seiner ganzen Regierung die meiste Sorgfalt zuwendete, Hauptsitz des Reiches werden. Dem umsichtigen Kaiser Friedrich entging diese für Teutschland,



*) Der Kreuzzug Konrads hatte freilich eine Beziehung auf den Osten, wie kein König vor ihm sie gesucht, allein gerade diese allzugroße Entfernung entzog ihn und mehrere seiner Nachfolger dem Kreise, in welchem Teutschland sich geltend zu machen bestimmt schien. Den ersten Triumph über die Hohenstaufen feierte der Papst, als Konrad sein Kriegsschwert zum Kampfe im Orient zog. Seitdem ward dieß für Pflicht des ersten christlichen Monarchen angesehen, und die Kirche wars, die darauf drang, und dadurch ihren gefährlichsten Gegner entfernte und gar nicht oder geschwächt wiederkehren sah.

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wie für sein Haus drohende Gefahr nicht. Zwei Mittel gab es sie abzuhalten, entweder: dem Herzog von Sachsen die grosse Macht im Norden zu nehmen, oder: demselben ein Besitzthum im Süden einzuräumen, das ihn der alleinigen Sorge für Sachsen entzog, und zugleich ein Land zwischen Norden und Süden wiederherstellte, welches Friedrich bei der Freundschaft und Blutsverwandtschaft mit Heinrich zu seinem Vortheil für seine Pläne nutzen konnte.



Gleich beim Antritt seiner Regierung mußte der neue Herrscher sich entscheiden, welche Politik er Heinrich dem Löwen gegenüber einschlagen wolle, um mit Consequenz zu verfolgen, was er als nothwendig erkannt hatte.



Wie nun aber? gleich bei der Thronbesteigung sollte Friedrich einem nahen Verwandten und Freunde, dem sein Vorgänger schon - und sichtbar mit Mißbilligung vieler Reichsfürsten - ein Herzogthum vorenthalten, auch das noch gelassene schmälern? Würde Heinrich, würden die treuen Sachsen, denen die Willkühr zweier Kaiser *) noch im Gedächtniß war, würden die teutschen Fürsten einer solchen Ungerechtigkeit, wie es damals noch erscheinen mußte, sich nicht aufs Äeußerste widersetzt haben?



Also blieb Friedrich nur die andre Entscheidung, die sein Erscheinen auf dem Throne in den Augen Aller mit dem Glorienscheine der Gerechtigkeit, Großmuth und Uneigennützigkeit verherrlichte, die das ganze Haus der Welfen, ihre Anhänger in Teutschland und Italien aus Feinden

*) Heinrichs 4. und 5.

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des Reichsoberhauptes in Freunde und thätige Mitstreiter für seine Sache verwandelte, und die überdieß Niemanden zu beeinträchtigen schien als den bisherigen Herzog in Baiern, Heinrich Jasomirgott. Man konnte den Fürsten, ja Heinrich dem Löwen selbst vorstellen, daß es billig sey, diesen, seinen Verwandten, nicht zu beleidigen, ihn einigermaaßen zu entschädigen. Erstren übertrug der Kaiser schlau genug die Schlichtung des alten Streites beider Heinriche. Noch zwei Jahre gingen über der Unterhandlung, Vermittlung, Versöhnung hin. Zu Goslar im Juni 1154 erhielt Heinrich der Löwe Baiern zurück. Heinrich Jasomirgott begnügte sich mit Oesterreich als einem von jetzt ab für sich bestehenden Herzogthume.



Neuere Schriftsteller haben oft dieß Verfahren Kaiser Friedrichs getadelt, in der Meinung, er habe aus Freundschaft für den Verwandten und Waffengefährten diesem eine Macht in die Hände gegeben, welche bei veränderter Stellung und Gesinnung des Herzogs gefährlich werden mußte. Andre suchen den Herzog als Erschleicher einer unbeschränkten Herrschaft schon bei dem Regierungsantritte Friedrichs zu schildern, und meinen, er habe den Kaiser so lange durch die Maske der Ergebenheit getäuscht, bis der günstige Zeitpunkt erschienen, seine wahre Gesinnung zu enthüllen. Wiederum Andre haben des Kaisers Gesinnung gegen Heinrich den Löwen zu verdächtigen gesucht, wollen schon längst vor dem Bruche Schritte bemerken, die Friedrich gethan, um den Herzog zu schwächen und zu vernichten. In allen Verbindungen der Fürsten wider Heinrich argwöhnen sie des Kaisers Mitwirkung, der sich nur die Miene gegeben, als ob er den Herzog begünstige,

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theils weil es ihm unentbehrlich gewesen, theils weil er ihn sicher machen gewollt.



Alle diese Absichten erscheinen bei näherer Betrachtung des wechselseitigen Bedürfnisses beider Fürsten zu Erreichung ihrer Zwecke willkührlich oder parteiisch, und wenn die Vertreter derselben bei ältern Schriftstellern die Beweise zu finden glauben, so täuschen jene oder - diese sich. Ohne alle Thaten Friedrichs, ja nur die Bestrebungen seines Lebens und die dazu angewandten Mittel loben oder rechtfertigen zu wollen, darf man dennoch seine Gesinnung, seinen Charakter, denen die Besten der Zeitgenossen und selbst Gegner des Mannes Achtung gezollt haben, nicht mit dem Vorwurf der Unbesonnenheit oder der Treulosigkeit entweihen.



In der Zurückgabe Baierns an Heinrich den Löwen spricht sich nur jene Klugheit aus, welche die Lage des Reichs und die Pläne des Kaisers nothwendig erforderten. Mit den vereinten Kräften des nördlichen und südlichen Teutschlands konnte seiner Ansicht nach das Streben erreicht werben, das Kaiserthum zur alleinigen Macht innerhalb der Grenzen des Kaiserreichs zu erheben. War dieses Ziel errungen, was vermochte dann ein mächtiger Herzog dagegen, der obendrein dem Kaiser seinen Vorrang vor den andren Fürsten des Reichs verdankte. Zu seinem Vorhaben bedurfte Friedrich eines mächtigen Fürsten, der die Hauptnation des Nordens ihm zuführte. Daß Friedrich außer Heinrich noch andre Fürsten begünstigte, das Haus Oesterreich, die Anhaltiner, die Erzbischöffe, die Fürsten überhaupt, geschah nicht um den einen Mächtigen im Nothfall beschränken zu können. Es hing

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dieses Verfahren mit seinem Hauptplane zusammen. Der Fürsten Interesse mußte mit dem seinen gepaart seyn, sobald es galt Gewalten zu bekämpfen, die der unbeschränkt monarchischen entgegentraten. Den Kaiser über sich anerkennen, wenn er ihre Macht im eignen Lande erhöhte, ihrem Rathe die gemeinsamen Reichsangelegenheiten vertraute, war nicht demüthigend, war ehrenvoll und gewinnbringend für die Fürsten Teutschlands. Konnte doch jeder einmal selbst den Platz des Kaisers einnehmen; darum mußte seine Macht, der gemeinsame Lichtpunkt aller weltlichen Hoheit, erhalten, gemehrt, und nach Außen erweitert werden.



Welche Gewalten erhoben sich aber wie Staaten im Staate? - Seit Heinrich 4. Demüthigungen vor Papst Gregor 7. war das Bollwerk wieder die Hierarchie gesunken, und diese, wie ein reißender Strom aus seinem Bette, in das Gebiet des Kaiserthums eingedrungen. Nicht Heinrich 5., nicht Lothar, nicht Konrad hatten das Verlorne wieder erringen können.



Eine andre Gewalt, den Fürsten und Edlen gegenüber, entwickelte sich im Innern, zwar damals noch in Teutschland selbst nicht Gefahr drohend, doch in Italien schon eine vielköpfige Hydra, nach den Ansichten des Kaisers und aller weltlichen Machthaber, die Freiheit der Städte. Die Bedeutsamkeit des Bürgers im Gegensatze zu Reichs- und Landesoberhaupt war durch Wohlhabenheit, welche der Handel und die Schifffahrt gefördert hatten, hervorgerufen, durch Verbreitung neuer Ideen seit Beginn der Kreuzzüge gemehrt; und schon zum Bewußtseyn ihrer Kraft gelangt, zeigte sich’s im Benehmen der

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Lombarden, wie gefährlich sie den Fürsten werden könne. Was galt Jeder von diesen, wo er nicht die Macht des Herrschers üben durfte? Was in freien Städten? Was im Oriente? Dem Pilger, dem Bürger, der dieselbe Straße mit dem Fürsten zog, ward dieser gleichgeachtet, wenn nicht Waffenthaten seinem Namen Glanz verliehen. Einen eignen Wirkungskreis indeß, und damit Wichtigkeit bekam der Bürger, vor allen die see- und handelskundigen Lombarden. Im Gefühl ihrer Unentbehrlichkeit stieg ihr Selbstvertraun. Innerhalb der starken Mauern ihrer Städte dünkten sie sich wider Schwert und Panzer des Ritters unbezwinglich; sie selbst verstanden die Waffen der Vertheidigung meisterlich zu gebrauchen; ihr Reichthum lockte Söldner herbei, die ihnen lieber dienten als stolzen Fürsten. Außerhalb rühmte man ihre Thätigkeit, Geschicklichkeit; ihr Geld für rohe Materiale, die sie holten, war willkommen, wie die Lebensbedürfnisse, die sie brachten, oft als Rettung in der Noth erschienen. Nicht so willkommen hieß man Könige und Fürsten. Sie zehrten das Mark des Landes auf und säten Zwietracht zum Schaden der Angeseßenen. Im Oriente schwankte man schon nach dem Aussterben der Nachkommen Gottfrieds von Bouillon, ob wieder ein Herrscher zu wählen, und nur in Schwäche, in geringem Ansehen dauerte die Königswürde fort. Die Welschen hatten solche Geringschätzung der weltlichen Fürsten verbreitet; der Hierarchie war sie willkommen für ihre Zwecke. Auch im Occident verbreiteten von Italien aus sich dergleichen Ideen. In Rom sogar erstand durch Arnold von Brescia eine Republik, die nur darum sobald versank, weil sie auch dem

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Papste sich entzog, so daß der geistliche und weltliche Arm zugleich gegen ihren Urheber sich bewaffnete *). Was aber einmal angeregt, faßte andrer Orts in vielen Gemüthern Wurzel, und der mächtigen Städte Anstreben wider Kaiser und Fürsten brach bei den Lombarden in offnem Kampfe wider beide aus. Gern bot der Papst seine Hand, wo es galt des Kaisers Ansehen zu mindern.



Den Städten gegenüber glaubte Friedrich der Herrscherwürde Glanz und Macht verleihen zu müssen, die auch außer dem Reiche, die an und für sich Bedeutung behalten sollte. Durch die italienischen Feldzüge Papst und Städte zu beugen; durch fast zahllose Reichstage, in den verschiedensten Gegenden gehalten, und auch die entferntesten Fürsten des Reichs versammelnd; durch Synoden, Zusammenberufung der Städteabgeordneten , wo der Kaiser und die Fürsten voransaßen, sich und diesen die erste Stimme zu sichern; durch Turniere auch im Frieden den Ruhm der Waffen, den Schmuck des Ritters in den Augen der Menge zu erhöhen, selbst in Prälaten und Kirchenfürsten kampflustige Krieger, geschickte Feldherrn zu besitzen, führte dahin, Adel der Geburt, Fürstenstand und Fürstenrang mehr geltend zu machen als je. Sollten aber die Ersten im Regimente und unter den Fürsten Etwas dem Papst und den Bürgern gegenüber·erscheinen,


*) Man hat oft Friedrich Barbarossas Verfahren gegen Arnold unklug und grausam gescholten; man meint er hätte aus dem Aufstande der Römer, aus ihrer neuen Republik Vortheil ziehen können. Die Tadler verkennen, wie sehr Friedrichs Gesinnung der freier Republikaner entgegesetzt war. In Arnolds Unternehmen drohte vollends der weltlichen Gewalt größre Gefahr als der Hierarchie. Roms Beispiel drohte der monarchischen Verfassung, mindestens in Italien einen völligen Umsturz. Friedrich hat die Folgen im Kriege wider die Lombarden fühlen müssen.

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so mußten sie mehr werden als bisher. Darum das gesteigerte Ansehen, die Vermehrung der Macht, die Friedrich in den ersten fünfundzwanzig Jahren seiner Regierung den Herzögen, Pfalz-, Land- und Markgrafen verlieh.



Daß Friedrich dennoch sein Ziel nicht erreicht, daß er sogar durch Erhöhung der Fürsten den Grund zum Ruin des Königsthums gelegt hat, beweißt, wie gegen den Drang der Zeiten zu streben eitel sey, und die Waffe, gegen diese gerichtet, sich gegen den Hemmer selbst wende *). Oder will man bei dem Glanze von Friedrichs persönlicher Herrschergröße die Schuld von ihm abwälzen, daß er durch Streben nach einem irrigen Ziele der königlichen Würde geschadet, ihr später erfolgendes Sinken veranlaßt


*) Dieses Letztre haben heutige Könige nicht zu befürchten, wenn sie den Adel begünstigen, um mit dessen Hülfe den Bürgerstand, den sie als Gegner ihrer altmonarchischen, absolutistischen Principien ansehen, darnieder zu halten. Wie aber vermöchte unser länderloser Adel, der nicht neben den Herrschern, sondern durch die Gnade der Monarchen eine Macht besitzt, diese wider den Strom der Zeit aufrecht zu erhalten? Und vollends, wenn, wie in neuesten Tagen, die Kirche Ansprüche wider die politische Macht erhebt! Das Beispiel Heinrichs 4. und selbst des viel kräftigern Friedrich Barbarossas lehrt, wie gefährlich wie thöricht es sey im Kampfe wider die Hierarchie die bereitwillige Hülfe der Bürger verschmähen und dem eigennützigen Adel sich vertraun. Damals konnte dieser indes, wenn er wollte, Schutz verleihen. Der heutige vermöchte es durch sich beim besten Willen nicht. Wehe ihm und die ihm allein vertraun, wenn der Bürger der Kirche ein geneigtes Ohr leiht, und ihr sein Vertraun schenkt, welches am Throne einem selbstsüchtigen Stande nachgesetzt, ja mißtrauisch beobachtet wird. Mit dem gebildeten Bürgerstande, in dem allein Kraft und Fortschritt gesichert sind, trotzt das Königthum jedem äußern und innern Feinde. Gegen solchen Bund vermöchten heute Aristokratie und Kirche nichts mehr. England lehrts, wo doch der Adel noch eigne Kraft besitzt. - Wenn nun gar Herrscherlaune der Schwäche des Adels und der Anmaßung der Kirchendiener den Arm leihen will, so bleibt dem im Fortschritte begriffnen Volke nur Selbsthülfe übrig. Wo gesunde Kraft, ist heilsame Macht; wer jener nicht vertraut, betrügt sich selbst. Auch ein Friedrich Barbarossa vermag ihr nicht ohne eignen Nachtheil zu widerstehen.

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habe? Will man nur seinen Nachfolgern, die doch in seine Fußtapfen traten, den Vorwurf aufbürden? Oder diesen von den Hohenstaufen ganz abwälzen? - Indeß zu Heinrich dem Löwen zurück!



Ich bezeichnete Kaiser Friedrichs Verfahren gegen ihn als ebenso klug, wie seinen Absichten gemäß und aufrichtig. Nur in Einem hatte er sich versehen, wie die Fürsten, deren Ausspruch der wachsenden Macht Heinrichs auf dem Reichstage zu Frankfurt Vorschub that. Uebermacht erzeugt Uebermuth von der einen, Mißgunst von der andern Seite. Beide blieben auch hier nicht aus. Heinrich ward stolz gegen die Fürsten; und neidisch sahen diese auf den Begünstigten. Saame genug zu Zwietracht, die des Kaisers Pläne in Italien hemmte, und endlich im Begünstigten den Gegner hervorrief, so daß Friedrich gezwungen ward, was er zu Anfang seiner Regierung zu wagen sich gescheut, das auf Dringen derselben Fürsten zu vollziehen, die Heinrichs steigende Größe begünstigt hatten.



Nicht Heinrich von Oesterreich allein, der freilich Grund genug zum Zürnen hatte, und erst 1156 zu Regensburg auf wiederholte Vorstellungen des Kaisers in die Verzichtleistung auf Baiern einwilligte, stand dem Herzoge Heinrich dem Löwen feindselig gegenüber. Im Norden hatte schon 1152 Albrecht der Bär über die Erblassenschaft Hermanns von Winzenburg und Bernhards von Plotzk Streit erhoben, weil Heinrich seinen Ansprüchen sich widersetzte. Der Kaiser nur konnte schlichten. Auf dem Hoftage zu Würzburg ward an Heinrich Winzenburg, an Albrecht Plotzk verliehen. - Auf die Trennung der frühem Mark Oesterreich von dem Herzogthum Baiern,

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falls dieses Heinrich von Sachsen zurückerhalte, drang zuerst Wladislav von Böhmen, und ihm beistimmend die südteutschen und endlich sämmtliche Fürsten auf dem Reichstage zu Regensburg *).



Vor Allen aber sahen die sächsischen Fürsten auf die großen Reichthümer, welche Heinrich in glücklichen Kriegen wider die Slaven und in den italienischen Feldzügen **) erwarb, auf alle, wenn auch nur kleinen Erwerbungen, wie die waren, welche Heinrich aus den Hinterlassenschaften der Grafen Hermann von Winzenburg, Siegfried von Hammenburg, Otto von Assle zu erstreben wußte ***), mit Neid und Furcht. So lange indeß der Kaiser seine Gunst dem Herzoge zuwandte, ließ sich gegen diesen ungestraft nichts Feindseliges unternehmen. Friedrich aber und Heinrich leisteten einander große Dienste. Hatte Letzterer die italienischen Feldzüge, so oft Friedrich es gebot, mitgemacht, die Kosten auf dem Römerzuge nicht gescheut ****), persönlich und mit seinem bedeutenden Heere in allen Gefechten wider Römer und Mailänder sich ausgezeichnet, kurz in jeder Beziehung sich als eifriger Verfechter der Sache des Kaisers gezeigt, selbst an dem Erzbischoffe Hartwich von Bremen die Vernachläßigung des Römerzuges hart geahnt *****); so erwies Friedrich


*) S. die Bestätigungsurkunde (bulla aurea im Wiener Archiv) worin Heinrich Jasomirgott zum unabhängigen Herzog von Oesterreich erhoben ward, in den Orig. Guelf. VIII. § 28. und Canisii lect. ant. IV. pag. 173. Sie ist datirt von 17ten September 1156.
**) Die großen Ausgaben des ersten italienischen Feldzuges ersetzten reiche Beute der spätern und Friedrichs dankbare Freigebigkeit dem Herzog.
***) S. Helmold Chron. Slavor. lib. II. cap 6
****) S. Orig. Guelf. VII. §.30.
*****) Orig. Guelf. a. a. O. §.29

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nach wie vor dem Herzoge nicht mindere Gefälligkeiten. Friedrich war es, der ihm die Scheidung von seiner Gemahlin Clementia erleichterte, und später um die neue Braut, Mathilde, Tochter des Königs Heinrich von England, durch seinen Kanzler Reinald werben ließ *) In seinen Ländern durfte Heinrich mit einer fast unumschränkten Gewalt gebieten, sogar Bischöffe in den alten Besitzungen, wie in den neuen slavischen Eroberungen einsetzen **), mit dem einzigen Vorbehalt es in des Kaisers Namen zu vollziehen. Räumte er dieses Vorrecht dem mächtigsten weltlichen Fürsten ein, so durfte er auf diesen zählen, wenn es galt solches Recht wider die Päpste zu verfechten, welche seit dem Wormser Concordat (1122) bei Ernennung der Geistlichen überwiegenden Einfluß erlangt.



So lange Heinrich der Löwe für des Kaisers Sache focht, war trotz Kirche nnd Lombardenbund es möglich, daß des Kaisers unablässiges Streben: weltliches Regiment über jede andre Macht zu erheben, auf einige Zeit wenigstens mit Erfolg gekrönt worden wäre. Darum, als Heinrich wider Friedrich stand, auf einmal des Kaisers verändertes Thun, sein ganz in entgegengesetzter Richtung gesuchtes Ziel; darum Zerstückelung Teutschlands, darum Versöhnung mit der Kirche, Friede mit den Lombarden, selbst Begünstigung der Städte; darum sein Blick nach dem Orient, um mit der Welt und ihren Ideen sich zu versöhnen. Kurz ein Umschwung, in Folge dessen Friedrich im Zeitstrom fortgleitet, wie vorher sein Wille gleich dem Fels sich den Wogen entgegengestellt. Daß mehr

*) Orig. Guelf. a. a. O. §.45. und 50.
**) Helmold a. a. O. lib. I. Cap 87.

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die erste Regierungshälfte als die zweite seiner Nachfolger Vorbild blieb, daß sie die Fehler beider, wenn auch hier und da erkannten, doch nicht rückgängig machen konnten, hat der Hohenstaufen Untergang, Teutschlands dauernde Zerrissenheit herbeigeführt. Wie aber Heinrich der Löwe der Hebel zu solchen Weltereignissen, zunächst zu dem veränderten Streben Kaiser Friedrichs ward, soll in dem Nachfolgenden entwickelt werden.



Nicht wider Friedrich wollte und konnte Heinrich seine erlangte Macht gebrauchen. Wie jener ihn, so benutzte er den Kaiser. Sachsen, wenn auch nicht sein Geburtsland, doch das Land seiner Jugend, seine längre Heimath, sein älteres und bedeutenderes Herzogthum, blieb das Augenmerk seines Strebens. Durch Baiern gehörte er mehr dem Reiche an; Sachsen konnte er zu einem mächtigen Staat, und sich darin zum fast unumschränkten Herrscher machen. Dazu führte nicht Ungehorsam , Auflehnen wider Friedrich, dazu nur Beugen der nordteutschen Fürsten. Die genannten Eroberungen und Erwerbungen zeigten, wonach er trachtete. Doch um Sachsen zu arrondiren, um seine Macht zu concentriren, mußte noch manch erledigt Erbe gewonnen, und Jedem, der es gleichfalls in Anspruch nahm, gezeigt werden, daß mit ihm, dem mächtigsten Herrn in Teutschland und Freunde des Kaisers, in die Schranken zu treten Vermessenheit sey. Nicht vermochte er jede Anwartschaft durch den nächsten Verwandtschaftsgrad nachzuweisen, jede Besitznahme aber durch Gewalt zu behaupten. Als des ersten Fürsten im römischen Kaiserreich galt sein Wort, sein Handeln Viel. Neben den Völkern, die er dem Kaiser nach Italien führte,

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verschwanden die Häuflein der übrigen , besonders der nordteutschen Fürsten als unbedeutend; sie mußten im Lager, in der Schlacht seinen Schaaren sich anschließen. Auch überwog das Ansehen des sächsischen Herzogs das der andern nordteutschen Grafen und Herren, Bischöffe und Prälaten durch sein Amt als Erbmarschall des Reichs; und wie im Felde, war er zu Hause durch die Reichsgerichtsbarkeit und Polizeigewalt überragend *). In der Schlacht die Anführer der gesammten Reiterei, also der wichtigsten Heeresabtheilung, auf Landesversammlungen Vorsitzer der Grafen und Markgrafen, der Bischöffe und Erzbischöffe, ja während der Thronentledigung durch den Tod oder die Absetzung eines Kaisers, Vertreter des Reichsoberhauptes, standen die Herzöge von Sachsen im Norden Teutschlands in einem Ansehen, dem das keines andren Fürsten gleich kam.



War nun Nordteutschland schon durch Sitte, Sprache, Gesetz, Interesse ein vom Süden verschiedenes und in sich mehr abgeschlossenes Ganzes, so war der Gedanke für einen Heinrich nicht zu kühn, in diesem auch durch natürliche Gränzen zur Einheit bestimmten Landesgebiet keinen von ihm unabhängigen Fürsten neben sich zu dulden. Den reichsunmittelbaren Mark-, Pfalz-, Landgrafen, den geistlichen Herren in Nordteutschland mußte bald deutlich werden, wonach der Uebermächtige trachte. Auch dem Kaiser konnte Heinrichs Streben nicht verborgen bleiben. Konnte er

*) S.·Weiße Gesch. der Chursächs. Staaten II. pag. 199. und dessen Abhandlung: Ueber die Gerichtsbarkeit, Polizeigewalt etc. in den Aufsätzen: Ueber unerörterte Gegenstände des teutschen Staatsrechts. S.121. Vergl. auch Hüllmann Gesch. des Ursprungs der Stände in Teutschlaud. 2te Ausgabe §. 27. S. 339 ff. von den Herzögen überhaupt.
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noch an ihn Freundschaft und Gunst verschenken, als ers erkannt? - Warum nicht? Je mehr Heinrich sich war, desto mehr war er ihm. Wenn Friedrich sein Ziel erreichte, schadete Heinrichs Größe ihm nicht. Nur fehlen mußte ihm der Mann nicht da, wo er seiner bedurfte. Daß er ihm nicht fehlen werde, dessen glaubte er durch stete Gunstbezeigung, durch Vertrauen, durch Freundschaftsdienste gewiß zu seyn.



Nicht auf gleiche Weise konnten die benachbarten Fürsten bei den Entwürfen Heinrichs zu ihrer Unterdrückung, die sein Handeln, sein Benehmen verrieth, ruhig, sorglos ihm freundlich gesinnt bleiben. Waren sie doch Reichsfürsten, wie er, und er wollte sie beherrschen? Hatte doch ihr Bemühen oder ihre Zustimmung ihm Sachsen erhalten, und die Wiedererlangung Baierns erleichtert; und er wollte nun Vorzüge vor Allen voraushaben auch außerhalb der ihm verliehenen Staaten? Und selbst wenn er nur Herstellung der beiden Herzogthümer erstrebt hätte, beeinträchtigte dieß manchen neuen unabhängigen Fürsten. War doch Sachsen durch König Konrad, Baiern durch Friedrich geschmälert, die Markgrafen, Landgrafen, Pfalzgrafen durchaus reichsunmittelbare Fürsten, und die Bischöffe und Erzbischöffe mit ihrer weltlichen Herrschaft kaum noch vom Kaiser sich belehnen zu lassen geneigt. Während so einerseits Heinrichs Macht im Norden von Jahr zu Jahr gefährlicher wurde, erhob auch der Fürsten Neid, Haß und Furcht auf der andren Seite sich deutlicher und drohender.



Zumal seit um Mathilde von England, die reiche *)

*) Helmold. II. cap 10:· cum argento, auro et divitiis magnis. Robert de Monte edit. Dacherii ad Annum 1167: cum infinita pecunia et apparatu maximo. Cranzii lib. VI. Cap. 25 nennt sie: magna dote in auro, argento et gemmis adornatam. Die Zeit des Verlöbnisses setzt Kranz richtig auf 1165, wie es bei Matthaeus Parisius ad A. 1165 steht.

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Königstochter, der Kaiser selbst für Heinrich geworben, stieg der Stolz von der einen, der Groll von der andern Seite. Nach dem Zeugniß mehrer Schriftsteller wars bald nach der Verlobung mit der genannten Prinzessin, als Heinrich einen ehernen Löwen vor seinem Schlosse zu Braunschweig errichten ließ, wie wenn er gleichsam im Erzbilde des Thieres nach welchem er benannt wurde, den eignen Sinn offenbaren wolle *).

 

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Einfügung: Für Interessenten sind Einzelheiten zum Löwen folgendem Artikel zu entnehmen:

"Der eherne Löwe auf dem Burgplatze zu Braunschweig und seine Jubelfeier nach 700 Jahren 1866" veröffentlicht im Braunschweigischen Magazin Bd. 79 (1866), 31stes und 32stes Stück, Seiten 313 bis 326. Der Artikel ist unter folgendem LINK zugänglich:

http://digisrv-1.biblio.etc.tu-bs.de:8080/docportal/servlets/MCRFileNodeServlet/DocPortal_derivate_00014368/start.html

 

Doch er erschreckte die Nachbarn nicht, sondern sie rüsteten sich, um seinen Uebermuth zu strafen.



Nur vereint und in Abwesenheit des Kaisers durften die Gekränkten es wagen sich zu rächen. Im Jahre 1166 fanden sie Gelegenheit zu solcher Verbindung. Es gehörten dazu die Erzbischöffe Reinald von Cöln und Wichmann von Magdeburg, der Bischoff Hermann von Hildesheim, die Fürsten Ludwig von Thüringen, Albrecht der Bär sammt seinen Söhnen, Otto von Meißen **) und seine wettinischen Brüder, Pfalzgraf Adalbert von Sommerschenburg, Otto von Assle, Wittekind von Dasenberg,

*) S. die in den Orig. Guelf. a. a. O. genannten Schriftsteller und die Beweise für das Jahr 1166. Das Factum darf nicht geläugnet werden. Der jetzt noch zu Braunschweig befindliche Löwe scheint orientalische oder griechische Arbeit. Wenn auch nach dem Kreuzzuge Heinrichs (1173) erst dieser Löwe aufgestellt wurde, konnte doch ein andrer früher auf dieser Stelle stehen. Einen lebendigen Löwen, wie Andre berichten, konnte Heinrich noch außerdem sich mitbringen; hatten dergleichen Thiere des Orients doch auch andre Fürsten an ihren Höfen, ohne darum den Beinamen des Löwen zu erhalten. S. über denselben Scheid. praefat. ad Tom III. der Orig. Guelf. pag. 1 nota a.
**) Marchio Otto de Camburg bei Helmold cap. 7. ist wohl kein andrer als Otto Markgraf in Meißen. Vergl. Wachter Gesch. von Obersachsen II. S. 174.
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Christian von Oldenburg ans Amerland in Friesland, also lauter Fürsten aus Sachsen oder Nachbarlanden. Der Mächtigste und die Seele des Bundes war Reinald von Cöln, ein stolzer Prälat und, wie Heinrich, ein vertrauter Freund und Rath des Kaisers, von verschmitztem Geiste, ein gewandter Unterhändler wie wenige seines Gleichen, ein tapfrer, umsichtiger Feldherr, der vielfach sich bewährt, zwar dem Kaiser treu, doch, wo möglich, auch des eignen Vortheils bedacht, seys, daß er offen mit seinem Begehren hervortrat, seys, daß er im Geheim dem Ziele sich zu nähern suchte. Weniger verschmitzt, doch nicht an Gewandtheit des Geistes noch an Kriegsmuth und Feldherrntalent dem vorgenannten nachstehend , wenn auch ein Feind zwecklosen Kriegsspiels *), war Wichmann, ein geborner Graf von Seeburg, von Vatersseite bairischer oder östreichischer **), von Muttersseite sächsischer Abkunft, schon in jungen Jahren zur erzbischöfflichen Würde gelangt, gleich Reinald ein ganz ergebener Freund des Kaisers. Hermann von Hildesheim, obgleich im Rufe großer Frömmigkeit und der einst nach seinem Tode zu Segusium durch Wunder verherrlicht, hatte sich vom italienischen Feldzuge losgekauft, um an den Feindseligkeiten wider Herzog Heinrich

*) Er verbot die Privatturniere und belegte deren Besucher mit dem Banne. Wie streng er dieß ausführte, zeigt das Beispiel, das er an Conrad dem Sohne Dietrichs von der Lausitz statuirte. S. Chron. Mont. Sereni ad 1175. Annal. Vet. Cell. Ad 1177. Vergl. auch Wachter Geschichte von Obersachsen S. 182.
**) S. darüber ein sehr selten gewordenes Buch: spicilegium historico – genealogico diplom. ex antiquissimo et florenz. quondam agro Billungano, quo praeter alia vera et genuina origo Lotharii III. Imp. nec non Wichmanni Archiepisc. Magd. incolatus et patriotismus Austriacus manifestatur ab Iosepho Schaukegl Benedictino Seitenstetensi.

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Antheil nehmen zu können *). Ludwig von Thüringen, bemüht seiner Würde, die zuerst sein Vater durch Kaiser Lothar erlangt, höhern Glanz zu verleihen und besorgt, daß Heinrich Thüringen durch seine Macht erdrücken werde, zumal da die widerspenstigen Grafen und Herren im Lande dem fremden Gebieter gern die Hand boten, um nicht dem früher ihnen gleichen Landgrafen unterthan zu seyn **) - war zu einem Bündniß gegen den drohenden Nachbar leicht gewonnen. Die nahe Verwandtschaft mit dem Kaiser bewahrte ihn vor Strafe, und im Nothfall vor Bedrängniß und Schmach durch Heinrich. Albrecht der Bär konnte nicht vergessen-, daß er einst zum Herzog von Sachsen ernannt worden, daß Heinrich der Löwe ihm dieses und das Erbe von Winzenburg vorenthalten. Die mit dem Herzog gemeinsam unternommenen Züge wider die Slaven hatten mehr zu gegenseitiger Eifersucht als Freundschaft geführt. Otto von Meißen war in gleichem Fall wie Ludwig von Thüringen. Waren doch die Markgrafen von Meißen und Thüringen von König Heinrich I. erhoben, und diesem nicht sowohl als Reichsoberhaupt denn als Herzog beider Länder untergeordnet gewesen. Heinrich der Löwe strebte jede Macht, die je Herzöge von Sachsen geübt, wieder zu erlangen. Die Pfalzgrafen jeder Provinz waren Verwalter·kaiserlicher und Reichsgüter, Vorsitzer in den Reichsgerichten gewesen, und hatten gegen Niemand Verbindlichkeit als

*) Orig. Guelf. a. a. O.  §.51
**) Ein Graf Heinrich von Kefernberg, ein unruhiger und dem Kriegshandwerk ergebner Mann diente dem Herzog, und ward als Vormund Adolfs von Hollstein sein Verbündeter in dem Sachsenkriege. S. Orig. Guelf. §. 51. und was später im Text von ihm erwähnt wird.

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gegen das Reichsoberhaupt; allein zu der Würde waren Grafen des Landes erhoben, die als solche mit ihrem Allodium zum Herzogthume gehörten, mithin im Herzoge einen Oberfeldherrn im Kriege, einen Vorsitzer in den Landesgerichten, in vielfacher Beziehung einen Obern, Schirmherrn, Vorstand anzuerkennen gezwungen waren. So fühlte auch Adalbert von Sommerschenburg sich durch den Mächtigen beengt, und war nicht abgeneigt im Bunde Vieler denselben in Schranken zurückzudrängen. Was die drei oben genannten Edlen: Otto, Wittekind und Christian so keck machte, den ersten Fürsten in Teutschland, ja nach dem Kaiser den Mächtigsten in Europa anzufeinden, läßt sich nicht, wie bei den Uebrigen, aus ihren Ansprüchen an eine bedeutende Stellung unter den Reichsfürsten, sondern aus persönlichem Haß und besondern Anlässen zu solcher Feindschaft erklären. Welche dieß gewesen, ist hier gleichgültig. Die Anhaltiner und Wettiner machten zahlreiche Familien aus, die verzweigt im Norden und Süden von Sachsen gefährliche Wunden dem Feinde beibringen konnten.



Wie sehr aber auch Alle vor Haß gegen Heinrich entbrannten, nicht ihn allein, auch den Kaiser hatten sie zu scheuen. Selbst Reinald, der mächtige Erzbischoff und Kanzler des Kaisers, kaum aus England zurückgekehrt, wo er der Brautwerber des Herzogs gewesen und trotz mancher Schwierigkeiten mit seinem Gesuche durchgedrungen war, konnte jetzt nicht auf einmal die ganz entgegengesetzte Rolle spielen. Nur durch Briefe aus Italien, wohin er schon vor dem Kaiser abgegangen, reizte er die übrigen Feinde Heinrichs auf.

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Schriftsteller, die gern Friedrich Barbarossa in ein gehässiges, zweideutiges Verhältniß zu Heinrich dem Löwen zu stellen suchen, würden in dem damaligen Benehmen Reinolds reichen Stoff zu ihren Vermuthungen finden und glauben, daß der Erzbischoff auf des Kaisers Wunsch in so kurzer Zeit ein sich so widersprechendes Benehmen gezeigt habe. Zu verwundern ist freilich, daß gerade damals ohne äußern Anlaß - den die Schriftsteller der Zeit gewiß gekannt und angemerkt haben würden, - Reinald die ersten Schritte zu einer Feindseligkeit machte, nachdem er dem Herzog den ersten großen Freundschaftsdienst erwiesen.



Nur wer mit vorgefaßtem Argwohn gegen Friedrich überall, wo äußre Anlasse fehlen, welche die Fürsten zur Fehde gegen Heinrich gebrauchten, ihn als den Urheber ansehen möchte, oder wer mit kurzsichtigem·Auge die Verhältnisse überblickt, erkennt nicht, wie viel Reiz den Herzog anzufeinden in der Seele eines so ehrgeizigen und eigennützigen Priesters wie Reinald verborgen wirken mußte, wie aber nur geheime Machinationen ihm gestattet waren, weil der Kaiser davon Nichts erfahren durfte. Widerstreitet mit solcher Gesinnung noch der Eifer, welchen er für des Herzogs Vortheil in England gezeigt hatte? Keinesweges! Die Verbindung Heinrichs mit Mathilden war eine Angelegenheit, die Reinald nicht zu Gunsten des Ersteren sondern zum Vortheil des Kaisers betrieben hatte. Es lag Friedrich bei seinem Zwiespalt mit Papst Alexander viel daran, die Könige von England und Frankreich für den von ihm erhobnen Papst Paschalis zu gewinnen. Eine lockende Verbindung mit einem so angesehenen

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teutschen Fürsten, wie Heinrich dem Löwen, konnte den englischen König geschmeidig machen, doch auch ein so schlauer Unterhändler wie Reinald von Cöln, der Alles gegen Alexander aufzubieten wußte *), war nöthig, um an einem diesem Papste bisher ganz ergebnen Hofe Etwas auszurichten.



Ungern that Reinald zum Gewinne Heinrichs, was Dienstpflicht für den Kaiser also erheischt hatte. Darum suchte der eifersüchtige Kanzler, der neidische Nachbar, auf eine andre Weise dem Nebenbuhler am Throne wie im Reiche zu schaden. Denn im Felde wie im Rathe, in Italien und in Teutschland war der Herzog dem Erzbischoffe im Wege. Der allgemeine Haß der nordteutschen Fürsten, der Reinald auch bei seinem kurzen Aufenthalt in Teutschland und selbst in der Ferne nicht unbekannt blieb, war ihm willkommen,um Heinrich zu bedrängen, wenigstens zu verhindern, daß er bei dem Kaiser eine so wichtige Rolle spielte wie bisher. Hoffte er doch andre Streitkräfte in Teutschland und Italien für den Kaiser zu gewinnen, die ihm sich leichter unterordneten als der stolze Löwe. Wer das Verfahren dieser Priester, Reinalds, seines Nachfolgers Philipps, Christians von Mainz, Wichmanns von Magdeburg genau und in allen Fäden verfolgt, kann nicht verkennen, wie sie Alles angewandt, um Herzog Heinrichs Einfluß und Geltung bei Kaiser Friedrich zu schmälern. Um die weltliche Macht über die kirchliche zu erheben, bedienten die Hohenstaufen alle,

*) Chron. Mont. Sereni ad A. 1160, nennt Reinald: schismatis autor et coroborator praecipuus, und erzählt die bekannte Anecdote: Ego sum Ruina mundi.

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vornämlich aber Friedrich Barbarossa sich, wohl erdacht und sehr geschickt, der Diener der Kirche selbst; das hatte aber andrerseits die Folge, daß die längst nach irdischem Ruhm und weltlichem Besitze trachtenden Prälaten frühere Würden und Güter der Fürsten an sich rissen. Friedrich erkannte den Ehrgeiz, die Habgier, die Herrschsucht dieser Bischöffe nicht, oder mußte, um den bereits übermächtigen Kirchenfürsten in Rom zu stürzen, der Kirche andrerseits Opfer bringen, die ihm selbst zunächst keine Gefahr zu drohen schienen. Daß aber die Fürsten ohne Widerspruch weltliche Ehren und Lehen an Diener der Kirche gelangen ließen, ist aus dem Neid, der Zwietracht, der Eifersucht gegen einander zu erklären.



Weil Friedrich, seit er der Erzbischöffe sich mit Vortheil bediente, des Herzogs persönliches Erscheinen in Italien weniger bedurfte, nicht weil Heinrich für den Kaiser erkaltet war, blieb jener, gleich den meisten sächsischen Fürsten, vom Feldzuge des Jahres 1166 befreit. Welchen Grund hätte er gehabt, sich an den Kaiser zu drängen, seine Dienste ihm unaufgefordert anzubieten? Lag ihm denn daran seine eifersüchtigen Nebenbuhler am Throne des Kaisers auszustechen? Sein Ehrgeiz war auf Sachsen, auf den Norden gerichtet. Den Slaven und teutschen Fürsten zu gebieten, galt ihm mehr als Lombarden und dem Papste gegenüber zweideutigen Ruhm zu erwerben. Jetzt zumal sah er - nicht mit Furcht, nein mit Verlangen - die feindseligen Rüstungen der Gegner.



Damals wagten diese noch nicht durch Verläumdungen oder gar offne Anklagen den Kaiser in seinem Vertraun auf den Herzog, oder in den einmal gefaßten

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Ansichten über Heinrichs nothwendige Machtvergrößerung zu erschüttern. Selbst Rainald besaß diese Gewalt über Friedrichs Herz nicht. Doch den Mächtigen entbehrlich zu machen war schon Gewinn. Die Freundschaft des Kaisers konnte erkalten, der frühere Grundsatz, einem Fürsten überwiegende Macht in Nord- und Südteutschland zu übertragen, sich ändern, sobald dieser Eine nicht erfüllte, wozu er erkoren. Darum sollte Heinrich in Teutschland durch Feinde so beschäftigt werden, daß er nach Italien nicht ziehen konnte. Dann bedurfte es nur des Anlasses, daß der Kaiser diesen Fürsten beschränkte, und endlich in ihm einen Hinderlichen, einen Feind erblickte.



Schon im Jahre 1165 mochten Heinrichs Gegner sich gerüstet, und nur auf den Abgang des Kaisers gewartet haben. Dieser erfolgte nicht vor Ende März 1166 *). Heinrich begleitete über Nürnberg bis Ulm **) den Scheidenden, und verweilte noch einige Monate in seinem südlichen Herzogthum, wo er meist nur auf Durchreisen oder auf der Rückkehr von Italien anhielt. Während dieser Abwesenheit von seinen nordteutschen Staaten hatte Ludwig von Thüringen und die ostländischen Fürsten die Stadt Haldensleben durch Sturmmaschinen zu erobern versucht; vom Oldenburgischen her besetzte Graf Christian das bremische Gebiet, und erregte einen Aufstand von Heinrichs Vasallen im Westen. Zu den oben genannten Feinden gesellten sich nun noch zwei Geistliche, der Erzbischoff

*) Darum irren die, welche schon 1165 offne Feindseligkeiten der Verbündeten setzen. Erst zu Merseburg 1166 beschlossen diese gegen Heinrich ins Feld zu rücken.
**) S. die zwei Urkunden vom Februar und März 1166 in den 2 genannten Städten ausgestellt, bei Schultes direct. diplomat. II. pag. 175-177.

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Hartwich von Bremen und Bischofs Konrad von Lübeck. Jener war freilich, wie früher erzählt ist, vom Herzog mit großer Strenge, aber auf Befehl des Kaisers, für vernachlässigte Reichspflicht gestraft worden; bei ihm konnten die wiederholten Aufreizungen Reinalds *) nicht ohne Eindruck bleiben. Konrads Verweigerung, aus Heinrichs Händen die Investitur zu empfangen, war Stolz und Undankbarkeit zugleich; denn ihn hatte der Herzog mit Wohlthaten überhäuft. Auch jetzt suchte dieser ihn zu versöhnen. Umsonst, er trat zu den Verbündeten.



So vielen Feinden, die alle zugleich entweder den Löwen schon anfielen oder von fern herannahten, die Stirn zu bieten, bedurfte es wahrlich eines Löwenmuthes.






Er fehlte Heinrichen nie, und nicht bloß mit dem aufgestellten Löwenbilde prahlte er stolz, auch seinen eisernen Arm ließ er der Tatze gleich Jeden, der sich nahte, fühlen. Zuerst war er bedacht, die einzige noch freie Seite des Landes durch sichre Freunde zu decken. Auf die Treue der tapfern Hollsteiner konnte er bauen, allein sie beherrschte damals eine schwache Frau und ein zartes Kind, die Wittwe und der Sohn des verstorbenen Grafen Adolf. Nicht säumig blieb Heinrich, Beiden einen ebenso kriegserfahrnen und kriegslustigen Mann zur Stütze, als für sich selbst einen zuverlässigen Dienstmann auszuwählen. Keinen Bessern als den thüringischen Grafen Heinrich von Kefernberg, einen Mutterbruder des Knaben konnte

*) Helmold II. cap.8. Tunc Coloniensis Archiepiscopus caeterique Principum mandaverunt ei per litteras ut revocaret ad cor omnes pressuras, quibus attrivisset eum Dux. Hartwich hoffte vornämlich die Markgrafschaft Stade, die der Herzog dem Erzbisthum entzogen, wieder zu erlangen.

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er finden *). Einen zweiten Verbündeten scheute Heinrich nicht in einem frühern Feinde zu suchen. Prebislav, den Fürsten der Obotriten, hatte er aus seinem väterlichen Erbe vertrieben, ihm traute er mehr als falschen Freunden. Prebislav erhielt bis auf Schwerin sein Land zurück, und ein Eid genügte dem Herzog, um auf seine Treue bauen zu können **). Auch ließ Heinrich, um stets einen sichern Rückzug zu haben, die Vesten des Landes, vornämlich Braunschweig, in den besten Stand setzen.



Jetzt, als er im Norden sich eine freie Grenze bewahrt, und seine Heeresmacht schnell gesammelt, stürzte er dem Thiere gleich, das er selbst zu seinem Sinnbilde erkoren, auf die vereinzelt und ohne rechten Plan angreifenden Gegner ***), erfaßte grimmig den Einen, brachte ihm schwerblutende Wunden bei, überraschte dann den Andren, der scheu vor dem Zornigen zurückwich; die kleinen Feinde, deren Keckheit den Löwen besonders verdroß, büßten ihr Wagniß am härtesten.



Ludwig von Thüringen und die östlichen Fürsten, welche zuerst die Feindseligkeiten begannen, und die Veste Haldensleben trotz der größten·Anstrengung nicht erobern konnten, mußten auch zuerst Heinrichs Arm fühlen. Er trieb die Feinde aus seinen Grenzen und verfolgte sie bis unter die Mauern von Magdeburg. Dann wandte er sich nach Westen, wo Christian die Veste Weia erobert hatte, und von den Bewohnern Bremens bereitwillig in ihre

*) Orig. Guelf. VII. 1 §. 51. Helm. II. cap. 7.
**) Helm. a. a. O.
***) Alb. Cranzius bezeichnet den ersten Krieg der Fürsten wider Heinrich also; bellum ingens sine manifesta causa, quod hinc stare videretur invidia, illinc depugnare superbia.


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Stadt aufgenommen war. Dem Löwen wagte er nicht zu widerstehen und verließ Bremen, das nun mit 1000 Mark Silbers seine Treulosigkeit gegen den Landesherrn büßen mußte *). Der Erzbischoff Hartwich war bereits nach Hamburg entflohn, und wartete dort den Ausgang der Vorfälle ab, ohne Etwas zur Befreiung und Vertheidigung seines Bisthums zu unternehmen, welches Heinrich plündernd und verheerend durchzog. Als Friborg sich widersetzte, wurde die Veste erstürmt und dem Erdboden gleich gemacht. Ein ähnliches Schicksal bedrohte Harburg, dessen Bürger den Erzbischoff bis zum Aeußersten treu bleiben wollten **). Die Sümpfe und Moräste hielten den Herzog ab, und zu einer langwierigen Belagerung war ihm die Zeit zu kostbar. Lieber verfolgte er den Grafen Christian von Oldenburg, der Alles aufgeboten, um durch einen allgemeinen Aufstand im Westen sich zu retten ***). Des Herzogs Annäherung schreckte die Rebellen. Christian floh in die friesischen Sümpfe. Sein bald darauf erfolgter Tod befreite Heinrich von aller Gefahr auf dieser Seite ****). Denn der Erzbischoff von Bremen hatte sich bereits zu Wichmann von Magdeburg begeben, wohin wenige Tage vor ihm auch Konrad von Lübeck entflohen war. Beider Ländereien und Einkünfte blieben in Heinrichs Hand.



So hatte bis in den Winter des Jahres 1166 durch Sachsen und Thüringen die Kriegsfurie mit allen ihren

*) Orig. Guelf. a. a. O. §. 51. Othonis catalog. episc. et archiep. Brem. apud Mencken scpt. rer. Germ II. pag.789.
**) Bei Otho a. a. O. fälschlich Hamburg genannt.
***) Helmold II. cap. 7.
****) Helm. II. cap. 8. über die beiden Geistlichen cap. 9.

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Schrecken gewüthet; Brand, Raub und Mord waren von beiden Theilen verübt; an weltlichem und geistlichem Gut, an Burgen, Städten und Klöstern sah man die Spuren des verderblichen Zwistes *). Gleichwohl sollte derselbe auch noch im folgenden Jahre fortdauern. Die gute Getreide- und Weinernte **) von 1166 hatte trotz der Verwüstungen noch nicht alle Kräfte des Bundes schwinden lassen, und die Abwesenheit des Kaisers, der den Winter in Italien zubrachte, und dort zu sehr beschäftigt war, um die Händel der teutschen Fürsten zu ahnden, bot eine zu günstige Gelegenheit, um den verhaßten Herzog Heinrich zu bekriegen. Denn nicht leicht konnten so alle Kräfte der Verbündeten beisammen seyn, weil die italienischen Angelegenheiten auch sie bald abrufen mußten, während jetzt außer Reinald von Cöln fast nur südteutsche Fürsten jenseits der Alpen standen. Der schlaue Kanzler, durch den alle Berichte an den Kaiser gelangten, suchte wohl, was im Norden Teutschlands vorging, den Ohren des Kaisers fern zu halten, und dunkle Gerüchte darüber niederzuschlagen. Heinrichs südteutsche Besitzungen waren gar nicht von seinen Gegnern beunruhigt worden; nur in Sachsen, nicht in Baiern und Schwaben war er ihnen gefährlich und gehäßig. Das Land, das Heinrichs Größe begründete, dem er allein seine Sorgfalt schenkte, mußte

*) Ein gräßliches Bild von diesem Kriege macht das Chron. Sempetrinum ad A. 1166: Tisiphone ubivis gentium hac et illac debaccante incendiis, rapinis, castellorum oppugnationibus, membrorum obtruncatione, nonnullorum etiam peremtione tota Saxonia atque Thuringia non parvo tempore vexabatur, adeo ut mala res et pejor spes metu percelleret omnes tam clericos et monachos quam seculares. Vergl. Origi. Guelf. a. a. O. §. 53.
**) Variloquus Erfurt. ad A. 1166.

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Beides auch allein entgelten. Nicht scheuten seine Feinde weder die in dem vorhergehenden Feldzuge bewährte Uebermacht des Herzogs, noch des Kaisers zu befürchtenden Zorn.



Um Haldensleben erhob sich abermals der Kampf. Erzbischoff Wichmann wird der Hauptanführer des Belagerungsheeres genannt. Landgraf Ludwig, die anhaltinischen und wettinischen Fürsten, Pfalzgraf Adalbert und andre Verbündete standen gleichfalls im Felde. War auch Christian von Oldenburg nicht mehr, um im Westen einen Einfall in Sachsen zu machen, und der nördlichen Bischöffe Land sogar in Feindes Hand, so herrschte doch unter den östlichen Verbündeten dießmal größre Einheit, und, von dem klugen Wichmann geleitet, bedrohte Haldensleben eine unabwendbare Gefahr, die für den Herzog durch den Beitritt der Reichsstadt Goslar zum Bunde noch vermehrt ward *).



Wirklich fiel die Stadt Haldensleben, sowie auch die Veste Niendorp **), und nur zerstört erhielt beide der Herzog später zurück. Dafür gewann dieser Löwenberg dem Pfalzgrafen Adalbert ab ***), und widerstand im

*) Orig. Guelf.·a. a. O. §. 53
**) S. Chron. Mont. Ser. ad 1167. Torquati series archiep. Magd. ap. Mencken III. pag. 302. Die Contin. Chron. Pegav. ad 1167 giebt Mendorph, vielleicht nur ein Druck- oder Schreibfehler.
***) Cron. Stedenberg. nennt dabei das Jahr 1165, führt jedoch unter 1167 den Krieg der sächs. Fürsten gegen Heinrich an. Sicher fallen beide Begebenheiten zusammen. Allein, oder, wie es heißt, mit einem Markgrafen verbunden, der nicht näher bezeichnet wird , würde Adalbert keinen Krieg wider Heinrich gewagt haben. Da ihn Helmold unter die Verbündeten zählt, ist wohl 1167 das Jahr der Einnahme von Löwenberg. Wahrscheinlich, ists Löwenberg im Harz S. Martinieres Lexicon geograph. Thl. Vl. pag. 119 der teutschen Uebersetzung.

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Felde so kräftig den vielen Feinden, daß sie ihm auch bei längerer Dauer des Krieges wohl Nichts hätten anhaben können. Da aber erscholl des Kaisers drohend Wort aus Welschland herüber und gebot Frieden bis zu seiner Rückkehr, die bald erfolgen sollte. Das zügelte die Kampfeslust beider Theile, wenn auch der Haß noch lange nicht, ja niemals, durch des Kaisers Gebot gedämpft wurde. Wichtige Todesfälle des Jahres 1167 in Italien hatten auch für diesen nordteutschenKrieg und dessen Theilnehmer besondre Bedeutung. Im August *) starb außer andren Geistlichen, deren aller Tod als Strafe des Himmels angesehen ward, Reinald von Cöln, und von den weltlichen Fürsten ersten Ranges unterlagen der verheerenden Seuche Herzog Friedrich von Rothenburg, der Sohn König Konrads, und der junge Welf, jener ein Schwiegersohn, dieser ein Vetter Heinrichs des Löwen. In Reinald von Cöln verloren die sächsischen Fürsten einen ebenso mächtigen Verbündeten, als einen wirksamen Vertreter beim Kaiser, während Heinrich durch den Tod Welfs die Aussicht auf neue große Gütervermehrung gewann, da der nunmehr kinderlose alte Welf nach seinem bald zu erwartenden Hintritte keinen nähern Erben als Heinrich hinterließ. Beide Todesfälle konnten den Muth der Verbündeten wenig erheben, aber auch nicht Neid, Haß und Furcht vor dem Uebermächtigen in ihnen beschwichtigen.



Die drohenden Schreiben des Kaisers kamen wohl erst nach dem Tode Reinalds in Teutschland an, also zu Ende des Jahres 1167. Zu Anfang des folgenden erschien

*) Chron. Ursp. giebt richtig 1167. Appendix Othonis S. Blas. 1166. Chron. Mont. Ser. 1168.

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er selbst und betrieb auf mehrern Reichstagen drei Jahre hindurch das Friedenswerk. - Gewiß mochte auch dem Kaiser die Aussöhnung so erbitterter Feinde schwerfallen; doch da er sie seinerseits aus vielen Gründen aufrichtig wünschen mußte, andrerseits beide Theile dem Kaiser ebenso sehr aus Ehrfurcht als aus Neigung Gehorsam zollten, so läßt sich nicht glauben, daß noch 1168 öffentliche Feindseligkeiten stattgefunden haben. Wenn daher die lauterberger Chronik und andre nach ihr, in dieses Jahr noch eine Belagerung Haldenslebens durch Wichmann und viele Fürsten, die ihm Beistand geleistet, setzen, so ist dieß eine Verwechselung mit der vorgenannten, oder einer, die zehn Jahre später erfolgte. Letzteres um so wahrscheinlicher als viele angegebenen Umstände *) ganz dieselben sind, wie man sie später kennen lernen wird. Haldensleben konnte 1168 noch nicht wieder hergestellt seyn, Wichmann der gehorsamste Freund des Kaisers, dessen Willen nicht zuwider handeln, und Heinrich der Löwe nicht trotzen, da Friedrich zu seinen Gunsten vermittelte.



Die Wirkungen von Friedrichs Machtspruch erkennen wir am deutlichsten aus den festlichen Ereignissen in Heinrichs eignem Hause. Schon 1167 ließ er die ihm seit zwei Jahren verlobte Braut aufs Festland kommen. Zu Minden empfing er sie und ließ am ersten Februar 1168 sich durch Bischofs Werner copuliren **). In Braunschweig

*) Chron. Mont. Ser. ad 1168. Bernhard von der Lippe ist hier wie 1178 der Vertheidiger Haldenslebens, von wo aus er häufig Raubzüge bis unter die Mauern von Magdeburg gemacht. Die Series Torquati ad 1167 faßt kurz das Schicksal Haldenslebens zusammen und erzählt hier ununterbrochen bis auf die Begebenheiten von 1181.
**) Hermann Lerbecius in seinem Chron. Schauenburg. ap. Meibom. I. pag. 506, wo 1169 in 1168 zu verändern ist nach Scheid. Orig. Guelf. lib. VII. cap. I. §. 55. Helmold II. 10 hat auch 1168. Diploma von 1168 in den Orig. Guelf. Pars III.·pag. 505·giebt den Zusatz: Quando Heinricus Dux Bavariae et Saxoniae Mechthildem filiam regis Angliae ibidem subaravit. Auch Gervasii Chron. pag. 1403 hat das Jahr 1168.

Neue Jahrb. 2r. Jahrg. IV.         23

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selbst wurden die Hochzeitsfeierlichkeiten mit all dem Glanze, welcher der hohen Braut gebührte, und von Heinrich dem reichsten Fürsten Teutschlands erwartet werden durfte, begangen. Dazu hätte schwerlich der Herzog eine Zeit gewählt, in welcher ihn noch drohende Feinde umringten, die seine Gegenwart im Panzerkleide erforderten. Die Waffen also ruhten gewiß, nicht aber waren die Gemüther besänftigt. Unversöhnlich, unnachgiebig fand Friedrich die Kämpfer, als er am einunddreißigsten Juni 1168 sie nach Frankfurt *) berief. Sein Machtspruch hätte ohne Zweifel augenblickliche Aussöhnung herbeiführen können; allein so gebietend aufzutreten fand er nicht einmal für sich selbst vortheilhaft.



Vielleicht zum erstenmal erkannte Friedrich jetzt, welchen Groll und Neid er durch die Bevorzugung Heinrichs erweckt hatte. Er sah die Schwierigkeiten einer nahen Ausgleichung, wie er seiner italienischen Händel halber sie wünschte. Nur Aufschub, vorsichtiges Verfahren konnte eine genügende Lösung herbeiführen. Sicher war es dieses, was der Kaiser wünschte. Da der Ausgang zu Gunsten Heinrichs spricht **), so darf an des Kaisers freundschaftlicher Gesinnung für diesen nicht gezweifelt werden, um so mehr, als Heinrichs Gegner ihm gleichfalls sehr nahe stehende Verwandte oder getreue Anhänger waren.

*) Godolfr. Colon. ad 1168.
**) Helmold. II cap. 1.: Cesserunt omnia juxta placitum Ducis.

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Doch nicht Wichmann, nicht Ludwig, nicht die Anhaltiner, nicht die Wettiner konnten vom Kaiser einen Vortheil erringen. Hartwich und Konrad in ihre Bisthümer zurückkehren zu lassen, ward von Heinrich wohl nicht verwehrt; hatten Beide doch viel gelitten. Krank kehrte Hartwich zurück, starb nach wenig Tagen, worauf Heinrich ohne Widerspruch der Fürsten,.also mit Zustimmung des Kaisers, die Grafschaft Stade, den Zankapfel zwischen ihm und dem Erzbischoffe, an sich zog. Konrad mußte, was er vorher verweigert hatte, vom Herzog die Investitur annehmen. Mehr konnte und wollte dieser sicherlich nicht. Denn daß er jederzeit bemüht war, den Haß und die Feindschaft der Geistlichen zu vermeiden, zeigt sich während seines ganzen Lebens deutlich.



Was der Kaiser gefällig für ihn gethan, vergalt Heinrich durch Gegendienste. Ohne Zweifel wurde von ihm, wie von den andern Fürsten, der neue Papst Calixtus, der nach Paschalis 1168 erhoben war, anerkannt *). Dem Kaiser lag daran, auch die Könige und Fürsten außerhalb Teutschlands für seinen Gegenpapst zu gewinnen. Vermuthlich war es mehr diese Kirchenangelegenheit, als eine Brautwerbung für Friedrichs ältesten Sohn Heinrich, weshalb Heinrich der Löwe damals sammt den Erzbischöffen von Mainz und Cöln an den Hof König Heinrichs von England geschickt wurde und den Winter von l168 auf 69 dort verweilte **). Welches Geschäft es

*) Heinrichs Verfahren gegen den widerspenstigen Erzbischoff Albrecht von Salzburg, der Alexander III. treu blieb, beweißt, daß er öffentlich des Kaisers Papst auch für den seinen gehalten.
**) Godofr. Col. ad 1168 nec multo post festum S. Michaelis. Robert. de Monte hat Anfangs 1169.
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aber auch gewesen, das .Heinrichs Besuch bei seinem
Schwiegervater ausrichten sollte, es beweißt, daß er und
der Kaiser einander vertrauten, und damals nichts Schwie-
riges zwischen ihnen obwaltete *).



Gegenseitige Dienste leisteten Beide sich auch auf dem Reichstage zu Bamberg (8. März 1169), wo Friedrichs fünfjähriger Sohn Heinrich zum römischen Könige erwählt wurde. Als Hauptbeförderer dieses Planes wird zwar Christian von Mainz genannt **), doch wohl nur, weil er als Erzkanzler das Wort in der Versammlung führte. Unter den weltlichen Boten kam auf Heinrichs des Löwen dem Kaiser das Meiste an ***). Dafür betrieb dieser auf demselben Reichstage mit allem Eifer und aller Klugheit die Aussöhnung der sächsischen Fürsten. Doch ward wohl nur der angesehensten gedacht; und die kleinern, vom Kaiser dem Herzoge preisgegeben, suchten in eigner Faust ihr Recht. Wittekind von Dasenberg verschmähte die Friedensbedingungen Heinrichs, und machte von seiner Veste Warburg räuberische Einfälle in des Herzogs Gebiet, bis der Uebermächtige ihn zur Ergebung zwang.



Am Besten ließ die Zwietracht der Fürsten in Sachsen selbst sich schlichten; und dort gelang es auf dem Reichstage zu Erfurt 1170 noch einmal die Erzürnten zu besänftigen, bis des Kaisers eigner Zorn wider Heinrich auch den der Gegner des Herzogs anfachte.



Dem Kaiser abgeneigte Schriftsteller glauben, daß jener schon damals den Saamen der Zwietracht gestreut,

*) Einem bloßen Besuche widerspricht die Gesellschaft der zwei Prälaten.
**) Chron. Pegav. Contin. ad 1169.
***) Wenn abweichend von anderen Schriftstellern Benedict. Petrob. I. 329. den Kaiser Friedrich auf dem Reichstage zu Regensburg im Jahre 1180 dem Herzoge die Beschuldigung machen läßt, daß dieser sich der Königswahl Heinrichs widersetzt, verdient das Factum, wie die Anschuldigung wohl keinen Glauben.

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und machen ihm wegen Einziehung vieler Allodien und Lehen und deren Vertheilung unter seine Söhne, vor Allem wegen des Vertrages zwischen ihm und dem alten Welf einen Vorwurf, als habe er durch alle diese Schritte die Macht Heinrichs beeinträchtigen wollen. Zu leugnen ist nicht, daß Heinrichs des Löwen Ansprüche an die Güter seines Oheims näher waren, als die des Kaisers;
allein würde dieser in einer Zeit, wo er des Herzogs Freundschaft bedurfte, genoß und mit gleicher Wohlwollenheit erwiederte, ihn um so reiche Güter haben bringen dürfen, ohne dazu des Herzogs - wenn auch stillschweigender - Beistimmung gewiß zu seyn? Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte Heinrich Anlaß genug zum Bruche mit Friedrich gefunden, der doch erst 7 bis 8 Jahre später erfolgte; so würde er nicht so oft noch dem Kaiser gedient, nicht fremdartige Unternehmungen begonnen haben, in welchen kein unbefangener Kritiker Vorbereitungen zu einem·Abfall, oder eine nothwendige Verstellung und kluge Täuschung suchen darf. Würde endlich nicht Heinrich, als es zum Bruche kam, die Entziehung der Welfischen Erbansprüche,dem Kaiser zum Vorwurf, und als beide noch unterhandelten, ihre Zurückforderung als Bedingung zum Frieden gemacht haben? Das aber meldet kein gleichzeitiger noch irgend ein alter Schriftsteller. Erst Neuere glaubten, mit Evidenz nachweisen zu können, daß Entziehung des Welfischen Allodiums den Zorn Heinrichs wider den Kaiser angeregt habe.

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Freilich erzählen mehrere Autoren *), Heinrich habe dadurch, daß er von schlechten Rathgebern verleitet, nicht in die von Welf verlangten Geldvorschüsse gewilligt, reiche Güter verscherzt, und der Kaiser jeder Anforderung Welfs klüglich entsprochen, um dessen Güter seinem zweiten Sohne Friedrich zuzuwenden. Darin liegt noch kein Grund zu einer aufkeimenden Feindschaft zwischen Friedrich und Heinrich. Was dieser verabsäumt, konnte er nur sich und seinen Rathgebern, nicht dem Kaiser vorwerfen. Den ungestümen Sinn Welfs zu versöhnen, da der ihm einmal zürnte, konnte und wollte der stolze Heinrich Nichts anwenden. Er hoffte auf dessen baldigen Tod; darin verrechnete er sich. Welf, um sich an Heinrich zu rächen, bietet einem andren, dem Grade nach gleich nahen Verwandten für dieselben Vorschüsse seine Allodien. Gewiß, er hätte sie einem Dritten geboten, wenn auch Friedrich sein Verlangen nicht befriedigte; denn Geld bedurfte er zu seiner wüsten Lebensweise, und den stolzen Neffen ging er sicher nicht noch einmal an; ja er hätte in seinem Zorne ihn wohl verschmäht, auch wenn Heinrich selbst zu einem Anerbieten sich herabgelassen. Das sah der Herzog ein. Wem konnte er nun das Verscherzte lieber gönnen , als dem Kaiser und dessen Söhnen? Bande des Blutes wie der Freundschaft machten den Kaiser ihm werth; jetzt aber bedurfte er seiner Vermittelung wider viele heftige Feinde. Der Kaiser bot ja Alles auf, um zu Heinrichs Gunsten zu schlichten. Das erheischte eine Gegengefälligkeit. Und Friedrich lag in der

*) Otto de S. Blas. cap. 12. Contin. Anon. Steingartensis de Guelfis. Orig. Guelf. VI. Cap. 4 §. 53

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That ebensoviel an Welfs Freundschaft als an Welfs Gütern. Längst hatte diesem nämlich des Kaisers Krieg wider die Kirche mißfallen. Welf ehrte Alexander 3., sah in ihm den rechtmäßigen Papst, war bemüht gewesen, Friedrich mit demselben auszusöhnen; als es nicht gelang, unmuthig aus Italien zurückgekehrt. Damals lebte noch sein Sohn, der beim Kaiser in großen Ehren stand und eifrig dessen Sache anhing. Doch gleich nach des Vaters Aufbruch starb der Jüngling, der des Alten höchste Freude gewesen. Das letzte Band zwischen Welf und Friedrich war gelößt, gelößt mit so großem Schmerze eines Vaters, der ungerecht leicht dem Kaiser die Schuld des Verlustes beimaaß. Als Friedrich gar den dritten Gegenpapst Calixtus erhob, sträubte in Welf sich Alles wider den Gegner seines für rechtmäßig erkannten und befreundeten Alexanders *). Nur durch Heinrich den Löwen, seinen nächsten Verwandten, und durch die Besitzungen in Schwaben war der in Italien reichbegüterte Welf an Teutschland und des Kaisers Interesse geknüpft. Für die teutschen Allodien konnte er sich, - oder Alexander ihn, - entschädigen, wenn er, der mächtige Herzog von Spoleto, Markgraf von Toskana, Fürst von Sardinien und Corsica, Herr der Mathildischen Güter, für den Papst, der dem Kaiser zuwider war, sich öffentlich erklärte. Der Bruch mit Heinrich erfolgte, doch der Anlaß dazu ließ den Kaiser mehr hoffen als fürchten. Welf bedurfte Geld, das konnte nicht der Papst Alexander ihm bieten, und

*) S. Orig. Guelf. a. a. O. §. 51. und 52. und die Briefe Welfs in den zugehörigen Probationes Nro. CXXIV. und CXXVII. An Alexander und den diesem Papste gleichfalls zugethanen König Ludwig von Frankreich.

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wenn er jetzt für diesen sich erklärte, nahm Heinrich die Allodien, Friedrich die Lehengüter in Teutschland, ja selbst in Italien mit Gewalt. Ein kummervolles Lebensende stand ihm bevor, und er suchte eines voll Freude und Sinnenlust. Welf war genöthigt sich dem Kaiser in die Arme zu werfen, um sich zu befriedigen und an Heinrich Rache zu nehmen. Die Gelegenheit, den wankenden Welfen wieder an sich zu fesseln, durfte Friedrich nicht entschlüpfen lassen; doch mußte Heinrich vor allem geschont werden. Ein Verständniß mit diesem hielt nicht schwer, da Heinrich jetzt mehr als je seine Freundschaft nöthig hatte.



Und was opferte Heinrich denn auf? In Teutschland und Italien zerstreute Allodien, welche mit den Lehnen daselbst enge und oft kaum unterscheidbar verschlungen waren. Die Uebertragung der Lehen Welfs konnte aber Heinrich vom Kaiser kaum erwarten, kaum sich wünschen. Lag doch schon sein zweites Herzogthum Baiern ihm viel weniger am Herzen als Sachsen, wo ein mächtiges nordisches Reich zu gründen, dem weltliche wie geistliche Fürsten doch endlich sich beugen sollten, sein Streben und Ringen war. Doch nur des Kaisers Freundschaft konnte das Ziel erreichen lassen. Sie zu befestigen ließ er Güter fahren, die ihn nach den Süden nöthigten, die ihn zwangen, mit und unter dem Kaiser in Italien zu kämpfen, die ihn den treuen Sachsen entzogen, und den nordteutschen Fürsten unterdeß gestatteten sich auf seine Unkosten zu vergrößern. Albrecht der Bär und sein Haus trugen dann den Ruhm und Gewinn der Slavenkriege; der Erzbischoff von Magdeburg sammelte viele weltliche und geistliche Fürsten unter seinem Hirtenstabe; die Landgrafen von

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Thüringen stiegen an Macht in einem Lande, das zur Verbindung Sachsens und Baierns zu einem Ganzen in Abhängigkeit gebracht werden mußte; den Wettinischen Fürsten stand im Osten ein großes Feld zu Eroberungen offen, das er in Besitz zu nehmen hoffte. Mit Heinrichs Plänen vertrug sich nicht Besitz in Schwaben, in Südteutschland und Italien *), wo die Hohenstaufen ihre Macht zu begründen hofften, und wo Reibungen mit ihnen sich nicht vermeiden ließen. Ja hätte er einen so reichen Mannsstamm besessen wie Albrecht von Brandenburg, um so wie dieser die getrennten Güter verschiednen Söhnen zu hinterlassen! Doch seine erste Gemahlin hatte ihm keinen männlichen Erben gegeben, und daß mit der neu vermählten Mathilde ihm ein reicher Stamm erblühen werde, der selbst die zahlreiche Nachkommenschaft seiner Feinde und der Hohenstaufen überleben sollte, stand damals noch nicht zu erwarten. Schon einer wäre ihm ersehnt gewesen, um sein Nordreich zu erben. Für dieses konnte er noch selbst wirken, für so zerstreute Massen im Süden auch er nicht, viel weniger ein minderjähriger Sohn oder Söhne. War seine Kindheit ihm doch ein warnendes Beispiel. Feindschaft mit König Konrad hatte die große Macht seines Vaters vernichtet, die Gunst Kaiser Friedrichs ihm zwei Herzogthümer wiedergegeben, die, wenn auch geschmälert, ihn noch zum ersten Fürsten in Teutschland, ja in Europa machten. Nach Norden und Osten, nicht nach Süden durften sie erweitert werden, wenn er

*) Abgesehen davon, daß an die Mathildischen Güter die Kirche Ansprüche erhob. Heinrich wäre, wie später die Hohenstaufen, mit dem Papst in Collision gerathen; davor hütete er sich gleichfalls; zwischen Papst und Kaiser·sah er die ihm angemessene Stellung.

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nicht den Kampf wider die Hohenstaufen wagen wollte. Daß er es wagen könne, wenn er auch die Lehen Welfs nach dessen Tode erhalte, wenn er der Kirche, wenn er den Lombarden die Hand biete; entging ihm so wenig als dem Kaiser. Doch darum war eine solche Belehnung nicht zu hoffen. Mächtig konnte und sollte Heinrich unter Teutschlands Fürsten stehen, aber nicht dem Kaiser selbst gefährlich werden. Dazu reichte nicht dieser, noch weniger die teutschen Fürsten ihm, wie einst bei der Wiedererlangung Baierns die Hand.



Hatte Friedrichs Gunst für Heinrich Gewinn, was konnte ein Wachsthum der Hausmacht des Kaisers ihm schaden? Im Gegentheil, je begüterter die befreundeten und blutsverwandten Hohenstaufen, um so günstiger für ihn. Waren doch Friedrichs Söhne bis dahin seine nächsten Erben, und blieben die einzigen, wenn Mathilde ihm keinen Sohn gab. - Wenn also seine Getreuen ihm den Rath gegeben, in die Abtretung seiner Erbansprüche auf Welfs Allodialgüter zu Gunsten von Friedrichs zweitem Sohne Friedrich *) zu willigen, so dürfen dieselben weder vom Kaiser bestochen noch unklug genannt werden. Anstatt in des Kaisers Verfahren in Bezug auf die Welfsche Erbschaft den Anfang einer Zwietracht zwischen ihm und Heinrich zu erkennen, wird jeder Unbefangne darin einen Beweis sehen, daß beide sich verstanden, und gegenseitig ihr Interesse unterstützt haben. Davon geben auch die folgenden Jahre Beweise.



*) Otto de S. Blasio cap. 21. Friderico, qui secundus natu erat filiorum, ducatu Sueviae cum hereditate Welphanis et praediis Rudolfi comitis de Phullendorf concesso etc.

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Durch des Kaisers Vermittelung zwischen dem Herzoge und den nordteutschen Fürsten war es Heinrich möglich gemacht seine nordischen Verhältnisse zu ordnen. Dort hatte König Waldemar von Dänemark die sächsischen Unruhen benutzt, um die Rugier zu unterwerfen, ohne nach früherm Vertrage mit Heinrich die Beute zu theilen *). Jetzt forderte dieß der Herzog, und erzwang es durch einen gebotnen Einfall der Slaven. Noch mehr; aus Feinden wurden Freunde und Verwandte. Waldemars Sohn Kanut heirathete Heinrichs Tochter Gertrud, die Wittwe Friedrichs von Rothenburg **). Zwei Könige im Norden standen nun Heinrich durch Ehebündnisse nahe. Kaiser Friedrich wirkte sicher zu letzterm mit, wie er das erste gestiftet. Dem Frieden mit den sächsischen Fürsten traute Heinrich so sehr, daß er 1172 ***) einen Kreuzzug unternahm, und während der Abwesenheit eines ganzen Jahres dem mächtigsten und thätigsten seiner Gegner, dem befreundetsten Rathgeber des Kaisers die Verwaltung Sachsens übertrug ****). Weiter hätte Verwendung oder Verstellung, wenn man Eines von Beiden annehmen müßte, nicht gehen können.



Während Heinrichs Abwesenheit unternahm Friedrich einen Feldzug gegen den Polenherzog, und verweilte nach

*) Helmold II. cap. 12. 13. und 14.
**) Helm. 14.
***) Das ist, den gleichzeitigen Begebenheiten nach zu urtheilen, das richtige Jahr, nicht, wie Arnold Chron. Slavorum lib. I. cap. 3. angiebt 1171.
****) S. Orig. Gue1f. §.61. Konrad von Lübeck zog mit ihm. Den Kreuzzug selbst beschreibt, vielleicht nach einem Tagebuch des den Herzog begleitenden Abtes Heinrich von St. Aegidius in Braunschweig, Arnold I. cap. 3. bis 11. Vergl. Wilken, Kreuzzüge IV. S. 1 ff.

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der baldigen Beendigung desselben in Thüringen und Sachsen. Dort war er noch zu Anfang des Jahres 1173 *), kurz vor der Rückkehr·Heinrichs. Daß er mancherlei Anordnungen in Reichssachen zu treffen hatte, und in Thüringen nach dem Tode Landgraf Ludwigs 2., der noch minderjährige Kinder zurückgelassen, auch Landesangelegenheiten, ist natürlich, zumal da er bei seiner häufigen Abwesenheit in Italien sich um Teutschland wenig hatte bekümmern können. Vor Allem nützte er dießmal seinen längern Aufenthalt auf teutschem Boden (1168-74), seinem eigenen Hause eine Macht zuzuwenden, die ihm weniger fremde Hilfe in Italien erforderlich machte, und zugleich sein Streben begünstigte, seinem Hause die Erblichkeit der teutschen Königswürde zuzuwenden **). Durch Beides vereint durfte er mit mehr Zuversicht dem Ziele entgegensehen, das Kaiserthum Karls des Großen in Italien dauernder, kräftiger als bisher einzupflanzen. Dazu war erforderlich der Herrschaft in Teutschland gewiß zu seyn, Gehorsam und Eintracht der Fürsten zu erhalten ***). Nach zwanzig Jahren war ihm Beides nicht gelungen; er selbst hatte den Saamen der Zwietracht in Teutschland gesäet und dadurch die Kraft nach Außen gelähmt. Was half ihm Heinrichs des Löwen Macht, wenn

*) Schultes direct. II. Nro. 372. Urkunden vom 7. Mai 1173. Datum Goslariae.
**) Keinesweges erst Heinrich VI. strebte nach der Erblichkeit der Krone. Dieser sprach nur aus, was Friedrich vorbereitet.
***) Chron. Ursp. sagt von ihm ad A. 1152. Inter Principes Allemaniae studuit pacem potissimum reformare, ut ad expugnandas Italicarum gentium virtutes bellicas posset efficacius insistere. Für solche Aufrechterhaltung des Friedens sorgte er in den ersten Jahren mit aller Strenge. Man denke nur an die harte Bestrafung Hermanns des Pfalzggrafen am Rhein und des Erzbischoff Arnolds von Mainz 1156. S. Otto Frising. de reb. gest. Frid. lib. II. cap. 28.

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seine übrigen Freunde und Verwandte sie beneideten und anfeindeten? Nur zu schwieriger, ihm selbst Gefahr drohender Ausgleichung war er zurückgekehrt. Keiner, so sprachen die Fürsten, solle Uebermacht besitzen als der Kaiser selbst. Ihm komme sie zu. Ihm ward sie nicht beneidet. Zwar das Reichsoberhaupt durfte kein Herzogthum verwalten. Doch besaß ja Friedrich zahlreiche Nachkommenschaft, denen er Lehen übertragen konnte. Dieses Mittel zu ergreifen finden wir ihn in den Jahren 1168 - 74 unablässig thätig. Dann sollte mit neuer Kraft Italien bezwungen werden.



Durch Ankäufe und Verlassenschaften, wie der Besitzungen des Grafen Rudolph von Phullendorf, durch anheimgefallene Fiscalgüter, wie die der Grafen Adelgoz von Suabeck, durch eigne Erbansprüche, wie an das Land seines verstorbnen Schwiegervaters Reinalds von Burgund, durch Ländereien, die er von Bischöffen und Aebten zu Lehen trug, wie die Advocatien von dem Arelatischen, Lausanner, Genfer, Seduner und Augsburger Bisthum, kam eine Ländermasse zusammen, die noch 4 Söhne außer dem Könige Heinrich, welchem dereinst eine reiche Gemahlin beträchtliche Mitgift bringen sollte, zu begüterten Fürsten machte. Es erhielt Friedrich das Herzogthum Schwaben sammt dem Erbe Welfs und den Gütern Rudolfs von Phullendorf; Konrad alle Würden, Lehen und Allodien des reichen Friedrichs von Rothenburg; Otto das bisher Zähringen überlassen gewesene erzbischöffliche Gebiet in Arelat sammt Burgund; endlich Philipp die von Bischöffen und Aebten an den Kaiser übertragnen Kirchenwürden und Kirchengüter *).



*) Wohl die Vertheilung mochte damals gemacht seyn, Friedrich selbst behielt aber ohne Zweifel die Güter in eigner Hand, da die Söhne alle noch sehr jung waren. Das Alter derselben ist schwer zu bestimmen. Vergl. Bünau: Leben Kaiser Friedrichs p. 211.

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Diese Sorge für seine Söhne hat viele Schriftsteller veranlaßt, den Aufenthalt Friedrichs in Sachsen (1172 und 1173) aus dem Streben herzuleiten, die Macht seines Hauses zu mehren, um die Heinrichs des Löwen zu untergraben. Ja Gobelin schreibt sogar *), der Kaiser habe viele Befehlshaber, denen Heinrich während seiner Abwesenheit seine Städte und Vesten übertragen, durch Drohungen und Versprechungen heimlich gewonnen, und durch einen Eid verpflichtet, die Vesten ihm zu übergeben, wenn der Herzog nicht aus dem gelobten Lande zurückkehre. Damit stellen die den Hohenstaufen abgeneigten Geschichtschreiber **) einen Bericht Arnolds von Lübeck zusammen, wonach ein früher dem Herzog treu ergebner Dienstmann, Eckbert von Wolfenbüttel, dem Heinrich die Sorge für sein Haus und seine Gemahlin übertragen hatte, in seiner Treue wankend und von seinem Herrn nach der Rückkehr aus dem gelobten Lande bestraft wurde ***). Aus dieser Angabe läßt sich aber nur auf eine Veruntreuung Eckberts im Hausdienste, nicht auf ein Einverständniß desselben mit dem Kaiser schließen. Für den Verdacht eines heimlichen Verfahrens zum Nachtheil Heinrichs spricht kein Zeugniß, außer das des später lebenden, unkritischen und parteiischen Gobelins.



Wenn Friedrich an den Heimfall der großen Lehen Heinrichs dachte, und für den Fall an eine Belehnung seiner Söhne; so ist das sehr natürlich. Von Heinrichs erster Gemahlin war nur noch eine Tochter Gertrud, die Gemahlin des Dänenkönigs Waldemar, am Leben ****), und die Hoffnung auf männliche Nachkommenschaft schlug vorläufig auch bei Mathilde fehl, die schwanger von Heinrich in Braunschweig zurückgelassen, noch vor dessen Rückkehr +) eine Tochter

*) Personae cosmodrom. aet. VI. Cap. 60. pag. 271.
**) Auch der Herausgeber und die Verfasser der Orig. Guelf. a. a. O. §.68.
***) Quem lib. I. cap. 11. (Ecbertum) constituit Dux super familiam suam, maxime tamen deputatus in ministerium dominae Ducissae Mechthildis etc. und lib. 2. Ipse dedit maculum in gloriam suam et notam perfidiae incurrit, unde graviter multatus est.
****) S. über zwei Töchter, Richenza und Gertrud, und einen frühgestorbenen Sohn, Otto, aus Heinrichs erster Ehe Orig. Guelf. VII. cap. 2. §.1.-4.
+) Arn. II. cap. Edidit filiam Rikezen, filios etiam ex ea post reditum suscepit. Das post reditum setzt er dem entgegen, was er von den Begebenheiten während Heinrichs Abwesenheit erzählt.

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gebar. Gerade um diese Zeit hielt sich Friedrich nach Beendigung des polnischen Feldzuges in Sachsen auf. Von Heinrich dem Löwen, der auf seiner Rückkehr von Jerusalem noch manches Land, manche Stadt seitwärts vom Wege besuchte, erfuhr man vielleicht lange Zeit nichts; also lag die Besorgniß, daß er verunglückt sey, oder verunglücken könne, nicht fern. Friedrich mochte Anordnungen treffen, um Heinrichs Länder in Besitz zu nehmen, wenn der Herzog nicht wiederkehre. Keinesweges aber hat man Grund zu glauben, daß er die Töchter Heinrichs ihrer Allodien berauben wollte. Achtete er doch selbst nach Heinrichs Demüthigung Ansprüche, wonach jenes Gemahlin und Kinder noch große Besitzungen behielten.



Als Friedrich noch mit Haus- und Reichsangelegenheiten *) beschäftigt, bald im Süden bald im Norden, bald im Westen und Osten Hoftage hielt, langte Heinrich in Teutschland an, begab sich sogleich zum Kaiser, der in Augsburg verweilte, und ihn mit großer Freude empfing. Darauf ging er nach dem Norden, wo er viele Kirchen, besonders die Kathedrale des Heiligen Blasius zu Braunschwei mit Reliquien und Kleinodien reich beschenkte, in Lübeck Heinrich, dem Nachfolger des auf dem Kreuzzuge gestorbenen Bischoffs Konrad, die Investitur verlieh, durch Freigebigkeit und gottgefällige Werke überall die Herzen der Sachsen gewann. - Doch vernachlässigte er auch den Kaiser nicht. Schon im Anfange des Monat Juni war er bei ihm in Frankfurt, im Februar 1174 zu Merseburg und noch im März desselben Jahres verweilten Beide beisammen in Sachsen **). Damals war schon eine Fehde Landgraf Ludwigs 3. von Thüringen und der anhaltinischen Brüder

*) Zu erstern gehörte unter Andern eine reiche Fürstin seinem Sohne Heinrich zu vermählen; zu letztern die Unruhen bei dem Königswechsel in Böhmen, der Streit über die Plotzkische Erbschaft. Es half nicht, daß der Kaiser einen der anhaltinischen Brüder, Siegfried, zum Bischoff von Brandenburg machte; dadurch wurde nur Otto von Brandenburg gewonnen, nicht Bernhard, der Plotzk vom Vater überkommen, das Friedrich als Reichslehen einziehen wollte.
**) S. Schultes director. dipl. II. Nro. 373. 374. 375. u. 477. Nach 376 ging Ende Febr. der Kaiser nach dem Rhein, kehrte also vor dem dritten März nach Sachsen zurück, wo er noch Mitte Mai sich aufhielt nach Nr. 377. Am Ende dieses Jahres hielt der Kaiser viele Reichstage in Sachsen und Thüringen, als zu Goslar, Erfurt, Merseburg, Ouedlinburg. Hatten auch die etwa zum Ziel, Heinrich zu berauben? Warum denn in Friedrichs früherem Aufenthalt Verrätherei ausklauben?

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Bernhard von Ascanien und Hermann von Orlamünde auf Veranlassung des Kaisers, der Plotzk dem Grafen Bernhard genommen, und denselben widerspenstig gefunden hatte, ausgebrochen. Da an dem Kriege auch Heinrich als Verbündeter des Landgrafen Theil nahm , so darf wohl vermuthet werden, daß der Herzog auch im Interesse des Kaisers es that, wenn auch das eigne dabei im Spiel war *). Um Johannis wird Heinrich unter den zahlreich versammelten Fürsten zu Regensburg genannt **).



So standen die Verhältnisse Kaiser Friedrichs und Herzog Heinrichs bis zum Ausgang des Jahres 1174. Sie mußten darum hier weitläuftiger auseinander gesetzt werden, weil eine irrige Ansicht sich geltend gemacht, wonach beide Männer längst vor dem genannten Jahre als einander feindlich gesinnt dargestellt werden, und eine aufrichtige Befreundung, als dem Interesse Beider entgegenstehend, nie vorhanden gewesen seyn soll. Bei näherer Ansicht der innern Verhältnisse Teutschlands, des noch immer auf Italien gerichteten Strebens Friedrichs, muß eine enge Verbindung Beider nothwendig erscheinen, so daß die Nachweisung derselben fast überflüssig zu seyn scheint. Nicht weil Friedrich und Heinrich zu verschieden, vielmehr weil sie zu ähnlich dachten und strebten, wurden sie Feinde. Ich sehe den Anlaß dazu in dem Verhältniß Heinrichs zu den teutschen, namentlich den nordteutschen Fürsten, und dieses war und blieb ein feindliches, das im Jahre 1165 sich zuerst offen kund gab, und mit dem Sturze Heinrichs 1181 zum Vortheil der Letztern endete. Daß dieses geschah, war eine Folge den plötzlich erfolgten Bruches zwischen Friedrich und Heinrich im Jahre 1175. Den Fürsten war der Zorn des Kaisers eine willkommene, längst gehoffte Gelegenheit, altem Haß und Groll Luft zu machen; anstatt vermittelnd zwischen Beide zu treten, sind sie es, die das Feuer schüren, und raubbegierig auf den Verhaßten herfallen, um·für sich das edle Roß von Braunschweig zu zerreißen.

*) Die Orig. Guelf. a. a. O. geben die Reihefolge der Begebenheit von 1175 unrichtig an. Sie setzen den Krieg zwischen Heinrich u. Bernhard nach dem Bruche zwischen Heinrich u. Friedrich.
**) Godofr. Mon. ad 1174. Chron. Reichersb. hat VII. Kal. Junii statt Julii.



Veröffentlicht in:
Neue Jahrbücher der Geschichte und Politik 1839
Herausgeber: Friedrich Bülau
erster Artikel S. 321 – 368 (April 1839)
„Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die teutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander
Erster Abschnitt: Heinrich der Löwe in unveränderter Gunst bei Kaiser Friedrich (1152-1176)“
Von D. Gervais in Königsberg
J. C. Hinrichsche Buchhandlung Leipzig


 

 

Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die teutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander - zweiter Artikel

Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die teutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander.
Von D. E. Gervais, Privatdocenten an der Univ. Königsberg.
Zweiter Artikel. Zweiter Abschnitt.

 

Heinrich des Löwen Bruch mit dem Kaiser Friedrich Barbarossa.

 

Heinrichs Kreuzzug stellt sich ebenso sehr aus dem Geist der Zeit, als aus seinem eignen Gefühl entsprungen dar; denn dieses war von jenem durchdrungen, und, wie so viele Andre, Heinrich dem innern und äußern Drange gefolgt, was ihn weder auf den Zustand seiner Länder noch auf Verhältnisse in seinem Hause Rücksicht nehmen ließ *). Daß ehrgeizige Pläne ihn nach dem Orient geleitet, erhellt aus keinem Zeugniß. Mit reichem Gefolge, reichen Schätzen nach dem Oriente zu ziehen, erforderte sein Rang, sein Stolz. So nur konnte er Fürsten und Niedern, Reichen und Armen willkommen erscheinen, und überall geehrt, wie ein Triumphator, durch Länder und Städte ziehen. Das schmeichelte seinem Herzen; seinem Geiste hätte es noch mehr genügt, auch Großes zum Heil
der Christenheit zu vollführen; doch daran verhinderten ihn Eifersucht und Neid des Königs Amalrich von Jerusalem und die Tempelherren **). Sein Streben war verfehlt,

*) Noch Gemeiner: Chronik von Regensburg Thl. I. ad 1172 wundert sich, daß Heinrich den Kreuzzug unternahm, als Hungersnoth seine Länder, besonders Baiern heimgesucht hatte, und als seine Gemahlin in gesegneter Lage war.
**) S. Orig. Guelf. a. a. O. §. 61. Robertus de Monte: Magna ibi incepisset et forsitan perfecisset incepta, nisi rex et templarii obstitissent. Davon erzählt freilich Arnold Nichts. Doch aus der ganzen Darstellung des dem Herzog zugethanen Abtes geht hervor, daß er nur Triumphe seines Helden recht imposant aufführen wollte. Von Thaten Heinrichs giebt er eben so wenig als andere Chronisten; es mochte davon auch Nichts zu berichten sein.

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aber sein Herzensbedürfniß befriedigt. Keinen irdischen Gewinn hat Heinrich zu erringen verlangt.

 

Nicht in so uneigennützigem Sinne strebte und handelte Heinrich in Teutschland, in Sachsen. Die Heirath mit Mathilde von England, die einen mächtigen und klugen König ihm geneigt gemacht, der Kreuzzug, der orientalischen Despotismus ihm gezeigt, die erprobte Kraft, womit er seinen Feinden zu widerstehen vermocht, die Ueberzeugung, daß der Kaiser ihn um eignen Vortheils willen begünstigen müsse, all dieses trug dazu bei, daß Heinrich einen Plan wieder aufnahm, dessen Erfüllung ihn zum Gebieter über Nordteutschland und viele Slavenländer machte. Welches Ziel diesem Streben entsprach ist früher gezeigt worden. Es hätte ihm unfehlbar eine festere Macht gegeben, als Kaiser Friedrich sie im Süden zu erringen vermochte. Wie auch diesem das Glücke einen Augenblick lächelte, der nächste konnte und mußte es zerstören, denn seinem Streben entsprachen weder Zeit noch Ort, weder das Jahrhundert noch die Völker.

 

Günstiger lag Alles für Heinrich da. Die Slaven, ein rohes und heidnisches Volk, das zu unterwerfen Teutschlands Umfang und Ruhm vermehrte, das zu bekehren der ganzen Christenheit ein gottgefälliges Werk erschien, während den Papst zu bekämpfen der Himmel - so glaubte
man - mit Pest und Tod an Tausenden der teutschen Fürsten und Krieger bestrafe. Der Kreuzzug hatte vollends

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Heinrich der Kirche werth und lieb gemacht, während Friedrich die umfassendsten Vorbereitungen traf die selbe zu bekämpfen *). Gefährlicher war es für den Herzog, anerkannte Reichsfürsten, Verwandte und Vertraute des Kaisers, Bischöffe und Erzbischöffe von sich abhängig zu machen. Doch auch das war leichter möglich, als freie Städte zu bezwingen und den Papst der weltlichen Herrschaft unterzuordnen. Was für den Kaiser selbst darin Nachtheiliges und Gehässiges lag, bot für Heinrichs Pläne Entschuldigung und Vortheil. Dass ihm von Friedrich zuerkannte Recht alle Geistlichen in seinem Lande zu creiren und mit dem Weltlichen zu belehnen, konnte, wenn die alten Grenzen Sachsens hergestellt wurden, leicht auch auf Erzbisthümer und Bisthümer, die nun reichsunmittelbar in Bezug auf die weltlichen Güter waren, ausgedehnt werden. Mit den weltlichen Fürsten war ein Gleiches ausführbar. Ihre Lehen waren einstmals, Brandenburg noch unter Heinrich dem Stolzen, Theile Sachsens gewesen, oder hatten wenigstens zu einem größern nordteutschen Verbande gehört, in welchem der Sachsenherzog als Oberhaupt anerkannt worden war.

 

All solche Ansprüche konnten von Heinrich erneut werden und der Kaiser es geschehen lassen, so lange Heinrich ihm treu ergeben blieb. Durch sein jetziges Herzogthum Sachsen schon hoffte Friedrich Nordteutschland, das dem Süden entfremdete, gewonnen zu haben, und

*) Christian von Mainz war bereits im Herbst 1171 in Italien gegen die Lombarden und deren Verbündeten Papst Alexander III. in voller Thätigkeit. Den Kaiser fesselten nur die früher erzählten Reichs- und Hausangelegenheiten. Die Rüstungen gegen Italien zeigten sich überall, und daß ein Zug dorthin sein Hauptzweck sey.

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fiel gar dereinst jenes, vermehrt durch alle andern weltlichen Leben und geistlichen Güter, die Heinrich an sich zu reißen bemüht war, sammt Baiern an Friedrichs Söhne, so hatten die Hohenstaufen eine fast auf ganz Teutschland basirte Macht zu erwarten. Die Hoffnung auf das Aussterben der Welfen sollte freilich bald dem Kaiser benommen werden. Denn Mathilde gebar ihrem Gatten einen männlichen Erben *). Doch dadurch ward Friedrich von Neuem genöthiget den Herzog an sein Interesse zu fesseln, und aus Rücksicht auf dessen Freundschaft und treue Ergebenheit ihm zu gewähren, was nur mit dem kaiserlichen Vortheil sich irgend vertrug. Bald aber zeigte sich, daß dieser mit Heinrichs Plänen innerlich sich nicht mehr vereinen ließ, und darum auch äußerlich eine Trennung, einen Zwiespalt zwischen Friedrich und Heinrich herbeiführen mußte, ohne daß eine Absicht,dazu dem Einen oder dem Andern vorher schon untergelegt zu werden brauchte.

 

Beiden unerwartet, von Keinem gesucht – eher gemieden - kam der Moment, wo Friedrichs und Heinrichs Interessen sich nicht länger vereinbar zeigten. - Nachdem in Teutschland fast überall Ruhe und Ordnung hergestellt, und die Hausangelegenheiten regulirt worden, zog Friedrich im Herbste 1174 mit größerer Heeresmacht als je zuvor nach Italien, entschlossen, die Lombarden und Alexander 3., die sich enge verbündet, mit einem Schlage zu demüthigen,

*) Wenn Heinrich der älteste Sohn geboren, ist mit Gewißheit nicht zu ermitteln, doch wahrscheinlich, daß der 1173 zurückkehrende Herzog nicht ohne Erfolg sich in die Arme seiner fruchtbaren Gemahlin geworfen habe, wonach also schon 1174 die Erwartung des Kaisers zerstört ward.

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und sein Ansehen bei den Stådten und bei der Kirche als das höchste in der Christenheit geltend zu machen. Jetzt schien ihm T-eutschland ja sicher, jetzt mußte - hoffte er - Italien sich beugen. Daß Heinrich zu diesem Heereszuge nur mit einem Contingente in Kriegern oder, wie noch wahrscheinlicher, in Geld beisteuern, nicht persönlich erscheinen durfte, war billig; einmal, weil er nach langer Abwesenheit von seinen Ländern darin viel zu ordnen fand; anderntheils, weil er des Kaisers Sache in Sachsen gegen den widerspenstigen Bernhard von Ascanien, in Baiern bei den Unruhen, welche die Entsetzung des Erzbischoffs Albrecht von Salzburg *) veranlaßt hatte, mit seinem Ansehen und seinem Arm unterstützte. Mehr als je schienen jetzt in Teutschland des Kaisers und des Herzogs Interessen in Eins verwebt **).

 

In Italien hatte das Glück Anfangs Friedrichs Unternehmen mit günstigem Erfolge gekrönt; die früher übermüthigen und unbeugsamen Lombarden baten 1175 demüthig um Frieden. Zu voreilig traute Friedrich demselben, und entließ den Böhmenkönig nebst andren Fürsten. Da umwölkte sich das Glanzgestirn seines Kaiserthrons, und erschien ihm nie wieder. ·Die falschen Mailänder brachen, als sie das Heer des Kaisers verringert sahen, die Friedensunterhandlungen plötzlich ab ***), die Bedrängten nahmen ihre Kraft zusammen, trieben den Unterdrücker ihrer Freiheit zurück; nur mit Mühe, sogar unter

*) Als eifriger, unerschütterlicher Anhänger Alexanders 3. war er von seiner erzbischöflichen Function entfernt.
**) Wie mühsam und doch nutzlos sucht Luden XI. 304 und 305 das Zurückbleiben Heinrichs zu erklären.
***) Otto de S. Blasio. cap. 23. Der Vertrag von Montebello den 15ten April 1175.

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Lebensgefahr *), langte Friedrich an den Grenzen Teutschlands an, wohin er alsobald (im Winter 1175 auf 76) die teutschen Fürsten berief **). Als Versammlungsort wählte er nach Einigen Partenkirch, im Herzogthum Baiern gelegen ***), nach der Angabe der Meisten Chiavenna oder Clavenna.

 

Da die südteutschen Fürsten den letzten Feldzug mitgemacht, so konnte Friedrich für das nächste Jahr der Nordteutschen Hilfe mit Recht in Anspruch nehmen. Der Fehde, welche er selbst und mit ihm Ludwig von Thüringen und Heinrich der Löwe wider Bernhard erhoben, gebot er schleunigst Einhalt, so daß für keinen der sächsischen Fürsten ein genügender Vorwand dem italienischen Feldzuge sich zu entziehen vorhanden war. Die Lage des Kaisers erforderte den kräftigsten Beistand; alle sagten solchen bereitwillig zu. Auch Heinrich bot Geld, und auf stärkeres Dringen des Kaisers jede Leistung ****), wenn

*) Chron. Ursp. ad 1175: in quibusdam locis adeo angustiatus, at accepta tunica servientis servum se esse simularet, et equos tamquam servus procuraret. Doch hat wohl der Verfasser einen ganz andern Rückzug im Auge, wie denn auch nach seiner Angabe Heinrich der Löwe in Italien stand,·und den Kaiser vor Alexandria verließ. -
**) Die Orig. Guelf. a. a. O. §. 69. setzen die zwei Urkunden von 1175 in den Probat. LXXVI u. LXXVII nach Heinrichs Rückkehr, weil Arnold II, 19 die Weihung der Kapelle S. Johannis so viel später angiebt, nämlich 1177; doch mochte die Schenkung schon vor Heinrichs Zusammenkunft mit dem Kaiser stattgefunden haben. Scheid. in Anm. XXX) trifft die richtige Zeit ohne die falsche im Text zu bemerken, wenn er von der Urk. Von 1176 (LXXXV.) meint, sie sey von H. auf dem Rückwege in Baiern gegeben, was 1176 seyn mußte. S. auch Monument. Boica III, 462.
***) Chron. Mont. Ser. ad 1180.
****) Cranz VI. 35: affuturum armis, opibus, viris, wenn auch gegen Ersatz durch die Reichsstadt Goslar, wozu sich aber Friedrich nicht verstand, ja über diese Forderung in Zorn gerieth. Otto de S. Blasio cap. 23.

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ihm nur persönlich in Italien zu erscheinen erlassen werde. Aber gerade an Heinrichs persönlicher Anwesenheit war Friedrich gelegen, und darauf drang er so inständigst, daß er selbst zu einem Fußfall vor dem Herzog sich herabließ. Doch dieser beharrte auf seiner Weigerung, und die frühern Freunde schieden innerlich wenigstens als Feinde, obschon der Kaiser und ebenso auch wohl der Herzog von solcher ganz umgewandelten Gesinnung noch nichts deutlich merken ließen *).

 

Was Friedrichs dringende, ja erniedrigende Bitte·an den Herzog, und diese harnäckige Verweigerung persönlich in Italien zu erscheinen veranlaßt habe, bietet ein reiches Feld zu Vermuthungen und Auslegungen, worin ältere und neuere Schriftsteller sich versucht haben. Auch ich wage mich daran, und ziehe Folgerungen meiner früher dargethanen Ansicht gemäß.

 

Die Angaben der ältesten Berichterstatter anlangend, sind dieselben leere Vermuthungen, wie jene, daß Heinrich ein geheimes Bündniß mit dem Papste und den Lombarden geschlossen **), oder daß die Excommunication des Kaisers ihn zur Weigerung veranlaßt, oder gar daß Geldbestechung seine Treue und Freundschaft wankend gemacht

*) Arn. II. cap. 16. Imperator vero pro tempore dissimulata ira, quam ex nimia animi verecundia traxerat. Luden XI. 345. will die Zusammenkunft (in Patenkirch) ganz ungegründet halten. Und warum? Es sey unbegreiflich, meint Luden, daß der Kaiser die Fürsten Sachsens an die Alpen berufen, um hier mit denselben vergebliche Unterhandlungen zu pflegen. Ei! wußte das Friedrich so gewiß voraus? Auch nur von Heinrich? Doch freilich Luden sieht schon - seine Gründe sind vorgefaßte Meinungen - längst Feinde in Beiden, und erklärt darum die Erniedrigung des Kaisers, das ganze Factum für Erdichtung. Ludens Gründe überzeugen wohl Niemand.
**) Chron. Mont. Ser. ad 1180. Chron. rhythm. cap. XXXII.

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habe *). Nicht herabzusetzen braucht man den einen oder den andern Fürsten, um zu erklären, was aus den Verhältnissen Beider so natürlich gefolgert werden kann.

 

Heinrich mit hochstrebenden Plänen im Norden beschäftigt, eben Sieger über einen Hauptfeind seines Hauses, den Friedrich, obgleich der Urheber der Fehde, jetzt in seinen Schutz genommen, wurde durch des Kaisers Mahnung nach Italien in einen langwierigen und ihm ebenso nutzlos als unrecht erscheinenden Krieg gerufen. Was er begonnen, sollte er unterbrechen; denn ohne seine Gegenwart konnten nicht neue Eroberungen gemacht, nicht die Fürsten Sachsens in Abhängigkeit gebracht werden. Seit er männlicher Erben sich erfreute, baute er nicht mehr für fremde Nachfolger; doch schon 46 Jahre alt war es nöthig baldigst dem Ziele näher zu rücken. Was bedarfs, um seine Weigerung zu erklären, des Verraths oder der Wankelmüthigkeit gegen den Kaiser.

 

Sicher war Heinrich nicht darauf gefaßt, daß Friedrich sein persönliches Erscheinen in Italien so nachdrücklich verlangen würde. Seit vielen Feldzügen hatte es genügt Geld und Krieger ihm zu senden, und unter leichten Vorwänden war Heinrich, wie die andren nordteutschen Fürsten zurückgeblieben. Ja schien es doch fast als bedürfe Friedrich seiner in Italien nicht, seit ein Reinald von Cöln, und jetzt Christian von Mainz und Philipp von Cöln des Kaisers Räthe bei seinen Unterhandlungen und

*) Chron. Ursperg. 226. ad 1175 giebt beide Gründe der Weigerung an: sumpta occasione de excommunicatione et forte accepta pecunia. Aventini Anna1. VI. 6. 10. nur den letztern: corruptus pecunia suasu Jordani Truchses ab Imperatore defecit.

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Feldherrn in seinen Schlachten waren, deren Ehrgeiz nicht leicht einen Mächtigern neben sich duldete. Fast kein namhafter weltlicher Fürst mochte diesen geistlichen sich unterordnen. Nicht bloß den stolzen Heinrich, auch den biedren Otto von Wittelsbach sahen die Italiener nicht mehr an des Kaisers Seite.

 

In der festen Hoffnung - also auch mit dem festen Vorsatz - bald wieder in Braunschweig zu seyn, wo er alte Pläne eben wieder aufgenommen, eilte der Herzog nach Clavenna zu Friedrich; schon bis Partenkirch kam ihm Letztrer freundlich und zuvorkommend entgegen *). Allein das Verlangen des Kaisers brachte ihn aus der rechten Fassung. Zum erstenmal sah er sein eignes Interesse mit dem des Reichsoberhaupts in offnem Zwiespalt. Was konnte dem Kaiser gerade jetzt an seiner Anwesenheit in Italien gelegen seyn, wo er mehr als je wünschte in seinen Staaten zu bleiben? Die Gründe des Erstern überzeugten ihn nicht, und die fußfällige Bitte desselben konnte ihn verlegen, verwirrt, bestürzt machen, doch zugleich seiner, leicht zum Argwohn neigenden Seele den Verdacht von irgend einer geheimen Absicht oder von Hemmung seiner Bestrebungen im Norden erregen. Augenblicklich konnte dieser Gedanke in ihm aufstoßen und den frühern Freund entfremden, da er schon lange dessen Thaten nicht durchweg billigen mochte **). Freunde und Rathgeber des

*) So erkläret sich die abweichende Angabe beider Orte in den Chroniken, und Otto de S. Blasio cap. 23. giebt dieser Vermuthung Stärke durch die Nachricht, daß Friedrich den Herzog gebeten, ut Clavennae ad colloquium sibi occurreret, venientique obviam procedens etc. Vergl. die Anmerkung 354 bei Böttiger S. 315.
**) Die Chronisten schrieben das unlautern Ursachen , nicht der Gesinnung Heinrichs zu.

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Herzogs, darunter vielleicht Feinde des Kaisers, sahen den Funken, der in Heinrichs Brust gefallen, und durften jetzt lauter als je den Herzog zum Trotz, zur Ueberhebung über den Einzigen der Erde, welcher höher stand als er, und welcher jetzt zu seinen Füßen gelegen, aufreizen. Kurz Heinrichs Lage, Heinrichs Gesinnung, Charakter und Ueberzeugung lassen seine Weigerung nicht befremdend finden.

 

Auffallender als Heinrichs Weigerung erscheint Friedrichs Dringen. Allerdings war die Gefahr groß, die Erbitterung der Mailänder, genährt und geleitet durch einen gewandten Staatsmann wie Alexander 3., ließ Hartnäckigkeit erwarten, und Friedrich hätte die Ungehorsamen, die Treulosen, die Vermessenen gern mit aller Strenge gezüchtigt. Dieß erforderte eine starke Macht und ungern vermißte der Kaiser einen so tapfern Helden und Fürsten, der durch seine Gegenwart die Feinde schreckte, die Freunde ermuthigte; allein ein Kaiser, sein so kaiserlicher Kaiser, wie Friedrich Barbarossa zu den Füßen eines Fürsten, den er selbst so mächtig und bedeutsam gemacht, es ist ohne ganz besondre Ursache nicht denkbar, auch wenn es nichts als Verstellung, wenn es nur das einzige Mittel, das er auf Heinrich wirksam erkannt, gewesen wäre. Was auch Heinrich an ritterlicher Tapferkeit in Italien bewährt, so als Einziger, der die Italiener zu beugen verstand, erscheint er nicht; nicht bloß an Schlauheit, List, kluger Unterhandlungsgabe - Mittel, die gegen Italien stets die unentbehrlichsten waren - übertrafen ihn die Erzbischöffe Christian und Philipp, auch tapfre Kämpfer in der Schlacht waren sie, besonders Christian der Schrecken der Laien und der Cleriker, wo er nur erschien. Friedrich

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hätte zu Viele gekränkt, und in ihren Augen sich selbst herabgesetzt, wenn er Heinrichs Arm allein solches Bittens und Flehens werth gehalten. Oder lag dem Kaiser daran Heinrichs persönliches Ansehen in Italien zu gebrauchen, wie er einst den König von England dadurch von einer feindlichen Partei abgezogen hatte? Zum Imponiren war Friedrich, der Fürst der Fürsten, sich allein genug, und den Feinden furchtbarer als Jeder. Dem Spott und Hohn wäre er preisgegeben, wenn man das Reichsoberhaupt vor einem Vasallen so große Hochschätzung beweisen, auf ihn so große Bedeutsamkeit hätte legen sehen. Mit Heinrichs Anwesenheit mußte also der Kaiser etwas bezwecken, was weder er selbst noch einer der Fürsten durch persönliches Verdienst oder durch äußere Stellung zu gewähren, und Heinrich nur durch Selbsterscheinen zu erfüllen im Stande war.

 

Wie sehr auch jener Fußfall Kaiser Friedrichs durch Gerüchte, ja selbst von Augenzeugen ausgeschmückt seyn mag, und viele Nebenumstände uns ganz unwahrscheinlich bedünken *); daß man davon zu erzählen wußte, beweißt die Wahrheit des Factums, in welchem alle Berichte übereinstimmen. Nicht der Fußfall ist das

*) Die Keckheit des Jordanus, der quidam officialis Ducis und truchses heißt, und dessen Rede das Chron. Ursp. a. a. O. Also angiebt: Sinite, domine, ut corona imperalis veniat vobis ad pedes, quia veniet et ad caput, übersteigt alle Grenzen der Ehrerbietung vor dem Kaiser. Eher zu glauben ist, was Alb. Stadens. ad 1177 ap. Schilter pag. 293 u. das Chron. Lüneb. ap. Leibn. III. 174 von der Kaiserin erwähnen; jener also: Surge, mi domine, memor·esto casus hujus et memor sit deus. Woher weiß Luden, daß die Kaiserin Pavia nie verlassen? Arnold von Lübeck wird von ihm verdächtigt, weil er die folgenden italienischen Verhältnisse unrichtig erzählt. Ueber Italien weiß dieser Chronist so wenig Richtiges als die Italiener über die teutschen Verhältnisse, dagegen ist jeder in seinem Lande zu Hause, und Arnold‘s und der Andern Berichte über die Zusammenkunft zu Partenkirch zu leugnen, weil die italienischen Schriftsteller davon schweigen, dünkt mir ein übereilter Schluß. Aus allen Nachrichten über das Zusammentreffen erhellt, daß wenig Personen nur zugegen gewesen. Es spricht dies für die Behauptung, daß Friedrich eine ganz besondre Absicht mit Heinrich hatte, die er mehr als Freund denn als Kaiser erreichen wollte. Darum blieb auch die Wirkung des Vorgefallenen geheim, und lauten die Nachrichten darüber so unsicher und abweichend.

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Wesentliche dabei,sondern die evidente Thatsache, daß Friedrich Alles aufbot, um Heinrich nach Italien zu ziehen.

 

Dem Kaiser konnte nicht entgangen seyn, wohin seit einer Reihe von Jahren, wenn nicht von Jugend ab Heinrichs Streben gerichtet gewesen, und wie sicher er dem Ziele entgegenging, während er selber nach mehr als zwanzig Jahren noch Nichts gewonnen, ja jetzt dem Ziele ferner stand als jemals. Als er Heinrichs größre Macht selbst begründete, geschah es, um durch ihn eine Vereinigung der teutschen Kräfte zu erlangen, welche die Ausführung seiner Pläne in Italien befördern helfe. Friedrich erkannte aber bald, daß Heinrich mehr durch ihn als er durch Heinrich gewonnen habe. Gleichwohl konnte er diesem nie den Vorwurf machen, daß er durch sein Verschulden oder absichtlich den gewünschten Vortheil ihm entzogen. Denn obgleich Heinrich ihn auf seinen letzten italienischen Zügen nicht begleitete, so bewährte er sich doch in Teutschland stets als des Kaisers Freund und Anhänger, und dort fand sich so vielfache Gelegenheit für Friedrich zu wirken, daß es unbillig gewesen wäre mehr zu fordern. Heinrich leistete, was das Reichsoberhaupt von einem Reichsfürsten fordern durfte. Von dem Freunde aber, welchem er ungewöhnlich

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große Macht übergeben, wünschte Friedrich auch ungewöhnlich große Leistungen, wie er zu seinen Zwecken sie erforderte. Italien war es, wofür er Heinrich den Löwen ausersehen, wo der als nord- und südteutscher Fürst die Interessen des Kaisers zu allgemein deutschen machen sollte. Denn bisher waren die teutschen Fürsten noch immer ungern über die Alpen gezogen. Auch die Nation sah den Händeln in Italien gleichgültig zu, ja wünschte, daß der Kaiser lieber zu Teutschlands Wohl als zu Italiens Unterwerfung seine und des Reiches Kraft verwendete. Friedrich dachte anders. Die Verschmelzung teutsches Reich und Heinrich, und durch diesen teutsches Reich und Italien waren die ersten Bedingnisse, wenn der König der Teutschen zugleich und in Wahrheit römischer Kaiser seyn sollte. Nichts von dem Allen war bis dahin erreicht, und am Ende des Jahres 1175 Italien dem Kaiser fast gänzlich verloren. Um Heinrich zu dem zu machen, was er ihm werden sollte, so zu sagen zu seinem teutschen Hebel in Italien, hatte Friedrich Nichts verabsäumt *) und jetzt war die Zeit gekommen, wo mehr als je der Herzog durch die That beweisen sollte, daß er seyn wolle, was Friedrich verlangte. Daß er es seyn konnte, weil Friedrich alle Feinde beschwichtigt, und jetzt auch sie nach Italien zur Erreichung seiner Absichten hinzog, wußten Beide sehr wohl. Doch des Herzogs Absichten und Ansichten waren vielleicht nie, jetzt am wenigsten

*) Wahr läßt Arnold II, cap. 15. den Kaiser zu ihm sprechen: Deus coeli te inter principes sublimavit, et divitiis et honoribus super omnes ampliavit, omne robur imperii in te consistit. Der dem Herzog zugethane Abt läßt hier Heinrich von Gott empfangen haben, was er dem Kaiser verdankte. Dieser mochte sich wohl als den reichen Spender nennen. Oder sprach er wirklich, wie Arnold erzählt, so that er's um eindringlicher Heinrich seine Schuldigkeit vorzuhalten, und zugleich seine (Friedrichs) eigennützige Absichten bei des Herzogs Erhöhung zu verstecken. Genug, die Sache ist wahr.
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mit denen Friedrichs übereinstimmend, wie lauter auch die Freundschaft und der Wille sich zu nützen bei ihnen war. Hätte Friedrich auf Teutschland sein Wirken beschränkt, oder auch dem teutschen Reich eine Ausdehnung zu geben sich bemüht, welche der unter Karl dem Großen sich näherte, hätte er auch selbst Italien als einen integrirenden Theil des Kaiserreichs zu behaupten verlangt, und von den rebellischen Lombarden den pflichtschuldigen Gehorsam gegen den rechtmäßigen Gebieter zu erzwingen sich begnügt, Heinrich würde vielleicht ebenso sehr bereitwilligen Beistand als Uebereinstimmung der Gesinnung gezeigt haben. War doch Heinrichs Absicht, dem Herzogthum Sachsen in gleicher Weise die alte Bedeutsamkeit zu geben, Geringere von sich abhängig zu machen, Besiegte zu beherrschen, Rebellen zu züchtigen. Wie Friedrich die Macht Karls des Großen herzustellen sich bemühte, so gedachte Heinrich an die Ausdehnung Sachsens in den Tagen eines Wittekind, und fiel dabei ihm dessen hartnäckiger Widerstand gegen Karl ein, so mußte er auch erkennen, daß Wittekind nicht als Feind, sondern als Freund Karls seinen wahren Vortheil gefunden hatte. Gewiß über weltliche Vortheile waren Friedrich und Heinrich einverstanden, und Keiner wehrte dem Andern darin. Doch über Geistliches, Göttliches war unter ihnen eine Differenz, die mit den Jahren wächst, und im Uebrigen Gleichgesinnte mehr und mehr entfremdet. Hierin ist der

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Grund ihres Bruches - ein im Jahrhundert der Kreuzzüge ganz der Zeit entsprechender - zu suchen.

 

Friedrich bekämpfte seit 1159 nicht bloß die Lombarden sondern auch den Papst Alexander 3. Drei Gegenpäpste hatte er bereits gegen diesen klugen, beharrlichen, von andern Herrschern anerkannten und an Kraft Victor, Paschalis und Calixtus weit überragenden Mann erwählen lassen, denen Heinrich wie viele andre Fürsten Teutschlands, nur aus Gehorsam oder Freundschaft für den Kaiser seine Beistimmung nnd Anerkennung nicht versagt hatte. Für die Fürsten ziemte sich es nicht in geistlichen Dingen anders zu entscheiden als der Kaiser und Friedrich war der Mann nicht, der sich widersprechen ließ *). Wie sehr indeß Heinrich dem Geist der Zeit gemäß dachte, stellte sich schon bei seinem Kreuzzuge heraus. Seine Neigung für Alexander, selbst dem Willen, ja dem Zorne des Kaisers gegenüber sprach sich in seinen italienischen Feldzügen aus, wo er manchmal der Sache Alexanders sich angenommen **). Noch sein Sohn Otto konnte, als er Kaiser geworden, seines Vaters Ergebenheit für die Kirche, die Unruhe und den Unwillen, womit derselbe Friedrichs Verfahren und Anmaaßungen gegen den rechtmäßigen Papst zugesehen habe, in einem Schreiben an Innocenz 3. rühmen ***).

 

Mag man Heinrich solche Gesinnung beilegen, weil er die Vorzüge Alexanders vor dessen Gegenpäpsten eingesehen, oder, was wahrscheinlicher, weil er dessen Wahl für rechtmäßig erkannt, und vor ihm als dem wahren

*) Deutlich spricht das Benehmen der Fürsten in der Sache des Erzbischoffs von Salzburg es aus, wie sie nicht aus Ueberzeugung sondern aus Gehorsam dem Kaiser beipflichteten. S. Luden XI.
S. 301 ff.
**) Orig. Guelf. VII. cap. I. §. 68. Anmerk. +++).
***) Baluz tom. I. Pag. 687.

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Nachfolger Petri eine Ehrfurcht empfunden *); entgehen konnte ihm nicht, daß der Kaiser gegen einen unbesieglichen Feind ankämpfe, einem Phantom nachjage. Um solchen Kampf mitzukämpfen war er nicht gesonnen seine eignen Pläne in Teutschland aufzugeben. Und doch war es eben das, was Friedrich 1175 von ihm begehrte.

 

Sah Heinrich das Streben des Kaisers für ein eitles an, so betrachtete dieser es nur als schwierig, und hielt es für erreichbar, sobald sich Teutschlands Fürsten gleich ihm dafür interessirten, und wo es des gemeinsamen Zieles Erringen galt, das ihre hintansetzten. Durch Heinrich das Interesse Teutschlands nach Italien zu lenken, und um das zu können, Heinrich von seinen Plänen abzuziehen, die er selbst bisher begünstigt, war Friedrichs Absicht, als er den Herzog nach Clavenna berief. Zwar mit einem Freunde hatte er es zu thun, doch mit einem, dessen gleiche und ungleiche Ansichten mit den eignen er kennen gelernt. Die Freundschaft Heinrichs mußte geschont und bewahrt, die abweichenden Gesinnungen nicht berührt und Heinrichs eignes Interesse in Deutschland dem des Kaisers in Italien nachgesetzt werden, und alles dieses nicht um bloß einen starken Arm , einen mächtigen Fürsten für einen Heereszug wider das empörte Mailand zu gewinnen, nein um ganz Teutschland für einen Kampf zu begeistern, dem es bisher nur von fern zugesehen, den jetzt

*) Doch nur in kirchlichen Dingen erkannte Heinrich die höhere Gewalt der Kirche und ihrer Diener an. Ihrem weltlichen Streben widersetzte er sich, wie nur irgend Einer. Mit Recht sagt Cranz rer. Saxon. VI. I. von ihm: Inviderat Episcopis rerum omnium tam latam ditionem, arbitratus administrationem rerum per provincias deberi principibus, episcopos autem solis curandis sacris intendere debere.

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die Ehre des Reichs, wie Friedrich glaubte, von allen Fürsten, vor allen von dem Träger der Reichskraft erheischte. So starke Motive von des Kaisers Seite, so entschiedne Abneigung in Heinrichs Charakter und Ansichten lassen nicht mehr unerklärlich, daß beide Männer ganz unerwartet *) wider einander hartnäckig in Worten, und in Folge derselben feindlich in Thaten dastanden. Zum erstenmal zeigte sich ihnen selbst die Verschiedenheit, ja die gegenseitige Aufhebung ihrer Interessen. Was Friedrich·von ihm gewollt, mochte Heinrich längst erkannt haben; er war seinem Wunsche nachgekommen, so lange nicht sein irdisches Wohl, sein Seelenheil dawider stritt. Man darf Heinrichs Handlungsweise nicht einmal eigennützig schelten, da das Verlangte seiner Natur widerstrebte.

 

Minder klar war es wohl bisher dem Kaiser, daß er die ihm dienstbare Macht einem Manne anvertraut, der nicht die Zwecke, für welche sie ihm übertragen war, wie er begriff und billigte. Nach den Berichten der Chronisten **) haben beide Männer bei jener Zusammenkunft an den Grenzen Teutschlands und Italiens, an der Grenze ihres gemeinsamen Wirkens, ihrer Freundschaft, an dem Orte und in dem Momente, von wo ab beide äußerlich und innerlich divergirend sich fortbewegten, ihre wahren Ansichten und Zwecke, wonach der Eine dringend forderte, der andre hartnäckig verweigerte, nicht frei ausgesprochen.

*) Ich weiß nicht, woher Herr von Raumer die Nachricht von einem frühern Gerüchte daß Heinrich abgefallen, her hat? S. Gesch. der Hohenst. II pag. 240. Keines seiner·Citate erhärtet des Herrn v. Raumers Berichterstattung. Im Chron. Ursp. a. a. O. ist nur von einem Abzuge Heinrichs von Alexandrien die Rede. Die Unrichtigkeit dieser Nachricht bedarf keiner Widerlegung.
**) Siehe die vornehmsten zusammengestellt in den Orig. Guelf. a. a. O.

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Friedrich gab als Grund seines Dringens an, daß Heinrich der Schrecken der Lombarden sey *); Heinrich schützte zu hohes Alter vor. Erklärlich ist diese gegenseitige Täuschung oder vielmehr Zurückhaltung; durchschauten sie ihre abweichenden Gesinnungen, wie ihre eigentlichen Absichten doch, und auch, warum Jeder sie nicht in der Unterredung berührte. Vorwürfe konnte Friedrich dem Herzoge machen, zu Bitte und Fußfall sich herablassen, doch nicht sagen, daß er ihn hoch erhoben, um ihn wider die Kirche zu gebrauchen. Auch Heinrich konnte nur ausweichen und das zusagen, was seinen damaligen Unternehmungen, seiner religiösen Ansicht nicht entgegen war; den wahren Grund, warum er in Person nicht erscheinen, warum er Sachsen nicht verlassen, gegen Alexander und dessen Verbündete nicht kämpfen wolle, mußte er zurückhalten. Darum schieden Beide auch äußerlich ohne Zorn, ohne ihre Feindschaft zu verrathen. Doch Friedrich konnte nun nicht mehr gesinnt seyn wie zuvor; denn der Herzog hatte ihm seine Macht auf einmal vernichtet, den Plan seines Lebens, das Ziel seines Herrscherstrebens aufzugeben genöthigt. Auch Heinrich mochte das gefühlt, doch nicht geahnt haben, welche Folgen für ihn die geänderte Gesinnung des Kaisers haben sollte. Vielmehr erkannte er sich als den Triumphator über des Kaisers Größe. Daß dieser einmal Italien aufgeben würde, schien ihm gewiß; aber ebenso, daß er vorher daran die ihm zu Gebote stehenden Kräfte aufreiben werde; dann war demselben seine Unterstützung, um für Teutschland wirken zu können, nothwendig. Hier aber wollte er ihm nimmer versagen, was er in Italien hartnäckig verweigert hatte.

*) Dem Herzog in einem vertrauten Gespräch konnte Friedrich das sagen, denn es schmeichelte dem Stolzen; nicht aber der Kaiser, von kaiserlicher Hoheit umgeben, in Anwesenheit der Fürsten. Dort stimmt es zu seinem Fußfall, hier nicht mit seinem Streben des Kaisers Ansehen über jede weltliche und kirchliche Gewalt zu erheben.




Veröffentlicht in:
Neue Jahrbücher der Geschichte und Politik 1839
Herausgeber: Friedrich Bülau
zweiter Artikel S. 405 – 422 (Mai 1839)
„Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die teutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander.
Zweiter Abschnitt: Heinrich des Löwen Bruch mit dem Kaiser Friedrich Barbarossa“
Von D. Gervais in Königsberg
J. C. Hinrichsche Buchhandlung Leipzig

 



Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die teutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander - dritter Artikel

Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die teutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander.
Von D. E. Gervais, Privatdocenten an der Univ. .Königsberg.
Dritter Artikel. Dritter Abschnitt.
Die Verhältnisse Friedrichs und Heinrichs seit dem Bruche ihrer Freundschaft bis zu des Letztern Aechtung (1176-80).



Hatte Friedrich Barbarossa den Sinn Heinrichs durchschaut, und erkannt, daß er dem Herzog eine Macht übergeben, womit derselbe sich einen sichern Gewinn erringen, nicht ihm zu Erreichung weitaussehender Hoffnungen in Italien dienen wolle, so genügte nicht, den Mächtigen zu strafen, zu beschränken; es mußten auch jene Hoffnungen aufgegeben werden. Denn was Heinrich für den Kaiser zu thun sich geweigert, durfte Friedrich von keinem Andern, den er an Heinrichs Stelle setzte, erwarten. Noch aber war der Uebermächtige im Besitz dessen, was Friedrichs Freundschaft und Vertrauen ihm überlassen.



Was von jetzt ab in Friedrichs Seele klar, und für die ganze Folgezeit seines Lebens und Strebens unabänderliche Norm geworden, erlaubten die Verhältnisse in Italien wie in Teutschland nicht sogleich auch durch die That zu enthüllen. Weder seine frühern Pläne auf einmal aufzugeben, noch dem von sichrer Macht Gestützten offen zu begegnen, war mit der Ehre und mit der Klugheit verträglich. Doch wer die entgegengesetzte Richtung erkennt, in welcher Friedrich zu Anfang und zu Ende seiner
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Regierung einem Ziele entgegenstrebte, das er freilich nie erreichte, wird in dem geänderten Verhältniß zu Heinrich den Scheidepunkt beider Wege, und somit den Standpunkt, um beide zu überblicken, am richtigsten auffinden; zugleich auch eben daher den deutlichsten Beweis entnehmen können, wie nicht von Außen, sondern von Innen, wie nicht aus längst gehegtem Argwohn, verdeckter Feindschaft, geheuchelter Freundschaft, sondern aus plötzlich erwachter Ueberzeugung, aus einer auf einmal eingetretnen Nothwendigkeit und durch sie bedingtem Gegensatze zu dem früher vorhandnen, zwei Männer die ganze Folgezeit des teutschen Kaiserthums, ja der ganzen spätern Geschichte Europas gestaltet haben. Kam aber der Anlaß aus ihrem Innern, so muß die spätere Feindschaft Friedrichs und Heinrichs zu Anerkennung einer früherhin bestandnen Freundschaft nöthigen. Denn nur auf diese konnte ein Gebäude gegründet seyn, welches auszuführen den Kaiser die eingetretnen neuen Verhältnisse zu Heinrich verhinderten.



Doch nicht Papst und Lombarden durften sogleich die Folge des Zwistes erkennen. Darum unterdrückte Barbarossa seinen Zorn auch gegen Heinrich selbst. Noch Jahre vergingen, ehe Friedrich ihm seine Gesinnung enthüllte. Vor des Herzogs Feinden, wie vor seinen eignen Freunden hielt der schlaue Kaiser mit seinen Gedanken zurück. Der Herzog mußte sicher gemacht werden, bis die Angelegenheiten in Italien eine günstigere Wendung genommen hatten. Nur beobachten und von Wächtern umstellen ließ Friedrich den Löwen; darum blieben alle Nachbarfürsten Heinrichs, so bereit sie sich zu Clavenna gezeigt

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hatten, von der Verbindlichkeit des Römerzuges für das Jahr 1176 frei, bis auf Wichmann und Philipp *), die aber, wie es scheint, auch nur ohne oder mit geringer Mannschaft dem Kaiser nach Italien folgten. Gegen Wichmann feindlich aufzutreten, wäre von Seiten Heinrichs als Undankbarkeit erschienen, da der Erzbischoff während seiner Abwesenheit im Oriente sein Herzogthum verwaltet. Philipp anzugreifen, den Freund des Kaisers, hieß diesem offen den Krieg erklären, was, wie Friedrich voraussah, der Herzog scheute. Zwischen Heinrich und Philipp war so wenig genügender Anlaß zum Kriege, daß, als Philipp später denselben begann, eine dem Herzog einmal entfallene Aeußerung den Vorwand zu demselben geben mußte. Ueberhaupt wider Geistliche erhob Heinrich nur nothgedrungen die Waffen. Darum konnten Wichmann und Philipp ungescheut ihre Heimath verlassen. Nicht so die weltlichen Fürsten, die der Kaiser von Heinrich mehr bedroht und wider Heinrich kampfbereit erkannt hatte. Sie also, die Anhaltiner, Wettiner, Ludwig von Thüringen mußten zu Hause bleiben, um den Löwen zu fesseln, wenn er etwa vor Friedrichs Zurückkunft kühne Sprünge

*) Außer ihnen zogen nach Italien der Erzbischoff von Trier, die Bischöffe von Worms, Münster u. a. m. Von Weltlichen vor Allen der Graf von Flandern; auch kleinere Fürsten aus Nord- und Südteutschland; so Dietrich von der Lausitz, ein kriegslustiger, händelsüchtiger Mann, der dem Kaiser in Teutschland noch mehr verderben konnte, als er schon beinahe zu Venedig bei der Zusammenkunft Friedrichs und Alexanders gethan hätte. Zu seiner Zeit brauchte ihn Friedrich mit gutem Erfolg wider Heinrich. Solcher Dienst wäre jetzt dem Kaiser unwillkommen gewesen. Wenn Raubgesindel, das durch Teutschland zum Kaiser stieß, Heinrichs Länder, die es, durchzog, plünderte, so war dieß nicht, wie Böttiger pag. 322. glaubt, schon eine Folge von des Kaisers Bruch mit dem Herzoge. Denn alle Länder, durch die des Grafen von Flandern Schaaren zogen, hatten gleiches Schicksal.
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machte; doch erst des Kaisers Wort sollte sie zum Angriff bestimmen. Noch kannten sie seine Absicht nicht.



Den Papst Alexander zu gewinnen, hielt Friedrich nicht für schwer, wenn nur jener und die Mailänder sich nicht verpflichtet, ohne gemeinsame Zustimmung keinen Frieden mit dem Kaiser abzuschließen! Mit den Lombarden aber, diesen Rebellen, zu unterhandeln, jetzt gleich zu unterhandeln, lief Friedrichs Ehre zuwider und erregte Verdacht. Also ein Gewaltstreich wider sie mußte noch versucht werden, und zwar so bald sich dazu Gelegenheit bot.



Er mißlang. Von überlegner Macht wurde Friedrich bei Legnano (29. Mai 1176) geschlagen; doch nicht, wie die Mailänder im ersten Siegesrausch geglaubt, war er vernichtet; denn, wenn auch dem Kaiser jetzt kein andrer Weg zu dem ihm so nothwendigen Frieden übrig blieb, als zu unterhandeln, so zeigen doch diese Unterhandlungen mit Alexander und den Lombarden, daß er keinesweges als Ueberwundner, oder Hartbedrängter dieselben betrieben. Zwar verging noch über ein Jahr, bis er einen sichern und sogar ehrenvollen Frieden zu Stande brachte *); allein für so verwickelte Verhältnisse, für so erbitterte und wachsame Gegner, als Alexander und die Mailänder, erscheint die Zeit sehr kurz, in der Friedrich und seine Unterhändler Christian, Philipp und Wichmann das schwierige Werk zum gewünschten Ende brachten.



Mit Unrecht zeihen ältre und neuere Schriftsteller

*) Am 23. Juni 1176 schon die persönliche Zusammenkunft mit Alexander; 1. August der Friede zu Venedig von allen Theilen beschworen, wenn auch mit den Lombarden nur auf 6, mit König Wilhelm von Sicilien auf 15 Jahre. Diese verschiednen Verträge zeigen am deutlichsten, wie Friedrich seine Gegner zu trennen wußte.

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Friedrich einerseits der Unbesonnenheit, in dem Kampfe bei Legnano, andrerseits der Hinterlist und Unredlichkeit während der Friedensunterhandlungen. Wer ohne Vorurtheil und mit Rückblick auf die Verhältnisse zu Heinrich dem Löwen des Kaisers Handlungsweise erwägt, wird nicht verkennen, daß überall sein Streben auf schnelle Beseitigung der italienischen Händel gerichtet war, um sodann in Teutschland für neue, den früheren ganz entgegengesetzte Pläne freie Hand zu gewinnen. Darum die Hast, mit welcher er bei Legnano die Mailänder wider den Rath vieler Fürsten, denen er sein Inneres nicht aufschließen konnte, angriff. Darum sein nicht geheuchelter Zorn, als ihm der Papst nur eine Treuga mit den Lombarden und dem Könige Wilhelm von Sicilien vorschlug *). Darum sein Verlangen, durch persönliche Zusammenkunft mit Alexander die Versöhnung zu beschleunigen. Darum die zuvorkommende Höflichkeit, die fast allzugroß erscheinende Unterwürfigkeit vor seinem Gegner, dem er vorher nicht einmal den Namen eines Nachfolger Petri zuerkannt. Darum seine Nachgiebigkeit selbst gegen die Lombarden. Unter andern Verhältnissen hätte Friedrich sicher anders gehandelt. Jetzt galt es, soviel als möglich in Italien zu retten, und dort einen leidlichen, wenn auch keineswegs den seit länger als 20 Jahren erstrebten Zustand herbeizuführen. Es galt nur die Ehre zu retten, keinen Gehorsam zu erzwingen.



Gleich nach dem Frieden zu Venedig zeigte sich, warum die Beruhigung Italiens für manches Opfer, vor

*) Luden a. a. O. pag. 369 sieht hier, wie überall, einen Widerspruch zwischen Friedrichs Handlungen und Friedrichs Gesinnungen. Warum das? Läßt sich doch Alles natürlicher und gerechter erklären.

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Allem für den kühnsten Wunsch vom Kaiser erkauft worden war. Nicht des Krieges müde war er, Vielmehr stand ihm der gefährlichste bevor. Darum bereitete er sich zu demselben mit einer Besonnenheit vor, die allein beweisen kann, wie groß Friedrich den Mann gemacht, der sein Werkzeug zu einem noch größern Plane hatte werden sollen.



Zwei Geistliche waren es auch hier wieder, deren Friedrich sich bediente, um den mächtigen Gegner anzugreifen. Er kannte die Scheu Heinrichs vor Dienern der Kirche, und seit von Alexander, nun des Kaisers Freund, alle teutschen Bischöffe anerkannt waren, brachte es Heinrich keinen Vortheil, daß er stets dem jetzt allgemein anerkannten Papste von Herzen zugethan gewesen. Bei der Kirche fand er nicht mehr gegen einen excommunicirten Kaiser, gegen einen abtrünnigen Diener der Kirche Beistand. Ja sein erster heftiger Gegner, Ulrich von Halberstadt, einst von ihm auf des Kaisers Geheiß aus seinem Bisthum verjagt, war ebenso sehr Alexanders alter Schützling wie Friedrichs neuer Günstling. Geschickt war auf diesen die Wahl des Letztern gefallen, um Heinrich zu beunruhigen. Von einer andern Seite fiel der Erzbischoff Philipp, vielleicht Einer der Wenigen, denen Friedrich seine Gesinnung schon deutlicher verrathen *), in des Herzogs Gebiet. Mit beiden Geistlichen verbanden sich später fast alle frühern Feinde Heinrichs, Wichmann von Magdeburg, die ostländischen Fürsten, Otto von Meißen, Dietrich von der Lausitz, die Anhaltinischen Brüder und endlich auch Landgraf Ludwig von Thüringen.

*) Wie aus dem nichtigen Grunde, weßhalb Philipp den Herzog anfeinden durfte, sich schließen läßt.

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Wie die Beweggründe Friedrichs zu diesem Kampfe von denen der Fürsten sehr verschieden waren, so hegte auch Heinrich andre Gesinnungen zu dem Kaiser, andre zu den Fürsten, die sein Verfahren bestimmten. Sehr mit Unrecht haben manche Neuern hier den Kaiser der Tücke und Verstellung gegen Heinrich angeklagt, dort dem Herzog allzugroße Saumseligkeit, Mangel an Entschlossenheit, ja selbst an Einsicht vorgeworfen. Um solchen Anschuldigungen gegenüber beide Männer zu entschuldigen, bedenke man, daß den Kaiser seine damalige Lage zwang, mehr mit Klugheit als ritterlicher Gewandtheit zu Werke zu gehen. Daß Heinrich nach den Vorfällen in Partenkirch die Verlegenheiten des Kaisers in Italien, die vierjährige Abwesenheit von Teutschland, die Unterhandlungen mit Papst und Lombarden nicht benutzte, um die Hohenstaufischen Anhänger zu bekriegen, um eine übermächtige Herrschaft, gegen die Friedrich den gleichen Kampf nicht wagen durfte, zu erringen, zeigt nicht von Schlaffheit und unklugem Versäumniß, sondern rechtfertigt seine teutsche gerade Denkweise, die noch durch keine Italienische Schule verderbt und keiner Verstellung fähig war. Zwar wußte er, Friedrich zürne ihm, weil er seine Ueberzeugung nicht seiner Dienstfertigkeit geopfert; doch Friedrich war sein Verwandter, bedurfte auch für Teutschland seines Beistandes, konnte ohne ihn, so hatte er es ja früher und vor Allem jetzt erfahren, Nichts unternehmen. So schmeichelte ihm sein Stolz, der den höchsten Triumph in Partenkirch gefeiert hatte. Zu befürchten glaubte er ebenso wenig, weil er nicht ahnen konnte, Friedrich werde ein seit 25 Jahren verfolgtes Ziel, ein Streben, woran seine ganze Seele

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hing, freiwillig ausgeben, bloß um - den zu stürzen, den er groß gemacht, dem er alle Freundschaft erwiesen, dem er eine Macht anvertraut, die er nicht mehr anzutasten wagen dürfe. Sah er in dem Auftritt bei ihrem letzten Zusammentreffen auch einen dauernden Zwiespalt der Gesinnungen; ein Bruch der frühern freundschaftlichen Verhältnisse, erklärte Feindschaft, drohende Gefahr für ihn lag nicht in Friedrichs Begegnung; und sollte er den Entfernten, den Bedrängten, den gesalbten Kaiser, das Oberhaupt der Christenheit anfeinden?



Solche Gedanken begleiteten Heinrich nach Teutschland, wo er in der Erweiterung seines Nordreiches fortschreiten wollte. Nur gebot die Klugheit, bei der eingetretnen Spannung, nicht gegen des Kaisers Freunde, nicht gegen Reichsfürsten sich zu erheben. Darum zog er, nachdem für Aufrechthaltung des Rechts, Beförderung des Wohlstandes, für Ruhe und Frieden innerhalb seiner Staaten Sorge getragen war, gemeinschaftlich mit Waldemar von Dänemark, wie er es diesem zugesagt hatte, gegen die Slaven, die seinem Willen ungehorsam gewesen, und unter Räubereien und Verwüstungen wiederholentlich an den Küsten Dänemarks gelandet waren.



Wenn er ja *) von Friedrich etwas befürchtet, so

*) Nur unmittelbar nach der Zusammenkunft mochte der Gedanke an Friedrichs Zorn den Herzog beunruhigen, zumal da all seine Feinde von der Theilnahme am Feldzuge ausgeschlossen wurden, was in ihm Argwohn erregen konnte. Damals mag es geschehen seyn, daß Heinrich bei seinem Durchzuge durch Baiern mit den Grafen von Zollern, Vehringen und andern sich enger verbündete, um durch sie die Hohenstaufen in Schwaben beunruhigen zu lassen. Doch ist diese Verschwörung, welche das Chron. Ursp. 1175 angiebt, wohl mit Recht sehr in Zweifel zu ziehen. S. Luden XI. S. 392 und Anm. 3.

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schlug die Nachricht von der Niederlage bei Legnano jede Besorgniß nieder. Denn, daß Friedrich nach einer verlornen Schlacht gegen die Mailänder, die Verhaßtesten aller Feinde, sogleich die italienischen Angelegenheiten ganz aufgeben würde, dünkte ihm unmöglich bei einem auf seine Herrschaft so eifersüchtigen Kaiser; vielmehr erwartete er, daß dieser nun um so länger in Italien verweilen, und ihm in seine nordischen Angelegenheiten nicht störend eingreifen werde. Diese gaben ihm auch Vorwandes genug,
um nicht von Neuem nach Italien abberufen zu werden.



Sicher hörte später Heinrich von Friedrichs Unterhandlungen mit dem Papst und dessen Verbündeten. Doch wie oft waren dergleichen nicht angeknüpft, von beiden Theilen nur um gewünschter Frist willen gesucht und wieder abgebrochen! Dießmal vollends hieß es, die Lombarden sollten in den Frieden mit eingeschlossen werden. Welch ein Friede konnte Dauer haben zwischen Friedrich dem Geschlagenen und übermüthigen Städten, deren Siegesrausch bis tief in Teutschland erklang und wiederhallte *)! Bald sprach man auch nicht von Frieden, sondern nur von Waffenstillstand. Wie sehr der Kaiser durch ununterbrochne Thätigkeit seinen Ernst zum Frieden zeigte, durch seine Annäherung zu Alexander, endlich durch seine persönliche Zusammenkunft mit demselben die Verhandlungen beschleunigte, ahnte Heinrich nicht, vielleicht kein Fürst in Teutschland. Doch auch jetzt noch hätte der Kaiser, der nach wie vor in Italien verweilte, Heinrich

*) Anderswo soll gezeigt werden, daß der Aufstand Erfurts gegen des Kaisers Neffen Ludwig 3. von Thüringen mit durch die Vorfälle in Italien herbeigeführt worden.

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keinen Verdacht erregt, wenn nicht aus dem Betragen Ulrichs von Halberstadt, aus der Unruhe unter den sächsischen Feinden *), aus der Rückkehr Philipps von Cöln und Wichmanns von Magdeburg ihm der Gedanke an drohende Gefahren und Kriegsrüstungen wider ihn gekommen wäre **). Jetzt ahnte er auch des Kaisers Vorhaben; denn nicht ohne Friedrichs Mitwirken konnten gerade in einer Zeit, wo jener in Teutschland erwartet wurde, seine Feinde es wagen sich zu erheben, sie, welche vor zehn Jahren Friedrich zu Heinrichs Gunsten entwaffnet hatte. Jetzt stand unfehlbar der Kaiser auf der Fürsten Seite. Doch vor demselben Furcht zu zeigen, vor ihm sich zu beugen, war Heinrichs stolzes Herz nicht gesonnen. Mit den Slaven schloß er eilig Frieden, ehe diese merken konnten, warum? Den König Waldemar machte er mit seinen Verhältnissen bekannt ***); und der freilich versprach bei den bewandten Umständen wenig: „ er wolle Keinem eröffnen, daß er dem Herzog seine Hilfe abgeschlagen“. Auch das genügte Heinrich. Gegen die kleinen Feinde war er sich selbst genug, den Kaiser konnte er nicht unversöhnlich glauben. Er hatte dasselbe Recht wie vor zehn Jahren für sich, ja dießmal vielleicht noch mehr, weil er gegen diejenigen, welche ihn jetzt zum Kampfe herausforderten, Nichts verschuldet hatte. Sollte der Kaiser, selbst wenn er nicht mehr die alte Freundschaft für Heinrich

*) Nicht, daß diese eben schon Friedrichs Absicht kannten, aber das Beispiel Ulrichs machte Viele unter ihnen kriegslustig. Es genügte, daß Fr. nicht mehr Hs. Freund war, wie 1168.
**) Arn. Lub. II. cap. 18: „bella mihi video, bella parantur!“ läßt er den Herzog ausrufen.
***) Die Orig. Guelf. setzen a. a. O. §. 87. diese Unterhandlungen zu spät. Innere wie äußere Gründe sprechen für eine frühere Zeit.

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hegte, wenn er nur als strenger Richter erschien, dießmal für Recht erklären, was ihm damals Un-
recht hieß?



Damit seine Feinde ihm nichts abgewönnen, vertheidigte er sich mit dem Schwerdte nach drei Seiten hin, wider den Bischoff von Halberstadt, wider den von Münster und wider den Erzbischoff von Cöln, mit dem ihm früher zuerkannten Rechte in Gegenwart des Kaisers, den er gleich bei seinem Eintritt in Teutschland im Herbste 1178 begrüßte, und zu Speier als Schiedsrichter über die von seinen Feinden erhobenen Fehden ansprach. Doch in Speier erkannte er des Kaisers Sinn, und daß er keines günstigen, ja nur gerechten Urtheils gewärtig seyn dürfe. Weder zu Vorwürfen noch zu Bitten mochte der Stolze in Gegenwart der Fürsten, seiner Feinde, sich erniedrigen. Deshalb blieb er zu Worms und auf allen Reichstagen, zu denen er beschieden ward, aus. Mit dem Kaiser allein, Angesicht gegen Angesicht wollte er sprechen *), und hoffte auf Aussöhnung, weil er den Kaiser deutsch und offen gesinnt, wie er es selbst war, glaubte. Beides war Friedrich wenigstens gegen ihn nicht mehr. Nicht mit Treue und Freundschaft, nur mit Geld sollte Heinrich das frühere Verhältniß wieder herstellen, und dem Kaiser den Streit mit den Fürsten auszugleichen überlassen. Die erstre kleinliche Fordrung und das ganze Benehmen des Kaisers überzeugte den Herzog, daß er

*) Es geschah zu Haldensleben S. Arn. lib. II. cap. 24. Luden leugnet diese Zusammenkunft, wie jene zu Partenkirch, und zwar dießmal, weil er Friedrich, den er sonst überall erniedrigt – für zu edel hält, als dass er 5000 Mark von Heinrich zur Strafe gefordert.

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nicht die letztre bedenklichere Bedingung, und somit keine eingehen dürfe. Beides kränkte ihn. Er sah des Kaisers Herz ihm ganz entfremdet; nur Waffengewalt konnte bewähren, wer der Mächtigere sey.



Viele Reichstage und Vorladungen anzuordnen hielt der Kaiser um sein Spiel zu gewinnen für so nöthig, als Heinrich darauf nicht zu achten für gut befand, weil er dort Alles zu verlieren voraussah. Thöricht berufen neuere Geschichtschreiber sich auf jene Hoftage zu Worms, Magdeburg, Goslar *) (1179), Ulm, Würzburg, Gelnhausen, Regensburg (1180) u. a. m. **), um Friedrichs gerechtes Verfahren und Heinrichs Halsstarrigkeit zu beweisen.



Unterdessen, daß Friedrich durch Vorladungen, Heintichk durch Weigerung ihre Spannung, ihre feindselige Gesinnung öffentlich zu bekunden schienen, waren beide darauf bedacht, im Geheimen ihre Streitkräfte zu sammeln. Es zeigte sich bald, wo ein jeder seine Hilfe suchen, und welche Opfer er dafür hingeben müsse. Auch Heinrichs Plan, eine nordteutsche Herrschaft zu begründen, war auf des Kaisers Freundschaft basirt, nur mit seiner Billigung und Unterstützung ausführbar. Heinrich brauchte nur den italienischen Angelegenheiten des Kaisers ganz zugethan zu bleiben, und Friedrichs Dankbarkeit hätte seinen Wunsch gekrönt, die nordteutschen Fürsten ihm geopfert. Diese Selbstständigkeit oder Reichsunmittelbarkeit war verbürgt, sobald der Kaiser und der Herzog miteinander brachen.

*) Zu Goslar, wie es scheint, angesagt, zu Kayne im August 1179 wirklich gehalten.
**) Wie schwer es ist, die verschiednen Angaben der Chronisten über alle Vorladungen Heinrichs zu vereinen, zeigt schon Böttiger Anmerk. 385 und 391. Genug, der Herzog leistete keiner Folge.

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Die Fürsten erkannten jetzt ihre Bedeutsamkeit; nur fragte sich es, ob sie dem sich anschließen sollten, der sie unter andern Umständen dem Herzog verrathen hatte, oder, ob es mehr Gewinn für sie brächte, die Anerkennung ihrer Freiheit als Bedingung des Beistandes dem vorzulegen, der sie früher zu unterdrücken sich bemüht hatte. Auf Seite des Kaisers winkte ihnen Glanz und Befriedigung des Ehrgeizes, weil kein Größrer sie mehr verdunkelte, auch wohl Gewinn, wenn Heinrichs Länder ihre Beute wurden. Im Bunde mit Heinrich war Ruhe und Sicherheit für ihre Länder zu hoffen. Denn Niemand, auch der Kaiser nicht, gewährte mehr Schutz und Hilfe wider äußere Feinde, als der mächtige Herzog von Sachsen und Baiern.



Solange Friedrich und Heinrich ihre Interessen, ihren Gewinn, die Erreichung ihrer Wünsche durch enge Verbindung, durch Freundschaft gefördert glaubten, hatten auch die sächsischen Fürsten, der Nothwendigkeit sich fügend, zu Beiden in ein heilsames Verhältniß sich zu setzen gesucht. Wichmann erwarb des Kaisers Freundschaft und Heinrichs Vertrauen. Otto von Brandenburg, gleich seinem Vater den Blick auf die Slavenländer richtend, fand in Heinrich nur den einzigen Verbündeten, der ihm nützen konnte. Ottos Brüder, Bernhard von Ascanien und Hermann von Orlamünde, waren nur Heinrichs Feinde gewesen, als sie mit dem Kaiser in Zwist gerathen. Ludwig von Thüringen hätte diesen Anhaltinischen Brüdern nicht widerstehen können, wenn nicht Heinrichs Macht ihn unterstützt; der Landgraf war dem Herzog also verpflichtet. Ja Bernhard selbst und sein Bruder, Bischoff Siegfried von

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Brandenburg, wurden nach beendeter Fehde (1175) Heinrichs beste Freunde, weshalb dieser auch Siegfrieds Bewerben um den erzbischöfflichen Stuhl von Bremen beim Papste unterstützte *). Pfalzgraf·Adalbert von Sommerschenburg endlich, der am härtesten hatte büßen müssen, als er 1167 an dem Kriege wider Heinrich Theil nahm, war seitdem ein treuer Anhänger des Letztern **).



Ganz anders aber gestalteten sich die Verhältnisse, als sich Friedrichs feindselige Gesinnung gegen den Herzog offenbarte. In der Einsetzung Ulrichs von Halberstadt und in dessen Verfahren gleich nach seiner Rückkehr sah Mancher die ersten Anzeigen. Dieser Geistliche indeß war zu sehr als Heinrichs erbittertster Feind bekannt; es konnte lang verhaltne Rache seyn, die ihn trieb sich Luft zu machen, ehe noch der Kaiser aus Italien zurückkehrte ***). Darum leistete vor dem Jahre 1178 - öffentlich wenigstens ****), - noch Keiner der Fürsten dem Bischoffe Beistand. - Bedeutsamer waren die Feindseligkeiten der genannten geistlichen

*) Arnold II. cap. 23. Wersebe niederländische Colonieen Thl. 1. S. 110 Anmerk. 97 beschuldigt Arnold mit Unrecht einer Ungenauigkeit. Dieser Vorwurf fällt auf Wersebe selbst zurück. Heinrich und Bernhard konnten 1175 - 78 Freunde sein, weßhalb Erstrer denn auch Siegfried mit seiner Empfehlung an Papst und Kaiser schicken mochte. In Italien merkte Siegfried, wie das Verhältniß zwischen Friedrich und Heinrich sich geändert, ergriff des Kaisers Partei, und erlangte durch diesen vom Papst, was Anfangs der Herzog für ihn nachgesucht. Arnolds Nachricht ist damit gerechtfertigt und als eines Zeitgenossen nicht zu übersehen. Gestaltete sich doch auch der andern sächsischen Fürsten Verhältniß zum Herzog plötzlich anders.
**) Er allein·verblieb es auch bis zu seinem Tode.
***) Schon 1177 Ende Juni muß er in Halberstadt gewesen seyn. S. Schultes II. S. 250 Urkunde datum II. Calend. Julii.
****) Bei Erbauung des Hoppelberges sollen die östlichen Fürsten den Bischoff unterstützt haben. Mag nun Hoppelberg und Hornburg verschieden seyn oder nicht, die Veste auf dem Hoppelberge wurde erst 1178 von Bernhard und den andren Fürsten gegen Heinrichs Mannen vertheidigt.

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Fürsten von Cöln und Münster, die jedoch 1178 auf Wichmanns Vermittelung sich noch einmal mit dem Herzoge versöhnten. Sicherlich handelte der Erzbischoff von Magdeburg nicht ohne Instructionen vom Kaiser, dessen Rückkehr damals noch Händel in Burgund verzögerten. Unfehlbar war es auch Wichmann, der dem sicher gemachten Heinrich rieth den Streit mit Cöln dem Kaiser vorzulegen, was zu Speier geschah. Wie anders aber fand Heinrich Alles als er gehofft, oder Wichmann ihm vorgestellt. Auch mit diesem konnte nun keine Freundschaft mehr fortbestehen. Wichmann selbst scheint vor 1179 keine offnen Feindseligkeiten verübt zu haben *); doch unterstützte er heimlich schon 1178 den Bischoff Ulrich bei Errichtung der Veste auf dem Hoppelberge **) bei Halberstadt, und bewog seine Verwandten, die Anhaltinischen Brüder, sowie die Thüringischen und Meißnischen Fürsten zum Bruch mit Heinrich.



Neuere Historiker irren, wenn sie Bernhard von Ascanien

*) Einen besondern Anlaß zu Streitigkeiten mit W. gab das Erbgut Adalberts von Sommerschenburg, das Wichmann von dessen Schwester, der Aebtissin von Quedlinburg an sich gekauft, und das Heinrich aus Verwandtschaftsrechten (?) in Anspruch nahm. S. meine dissertatio de Palainato, quem Landgravius Hermannus I. principatui suo adjunxit. pag. 27 ff.
**) Angeblich von starkem Hopfenanbau daraus so genannt, richtiger vielleicht von den vielen rings um den Berg laufenden Erhöhungen - Hubbel oder Huppel - die mit furchenartigen Vertiefungen wechseln, so geheißen. Nahe diesem Hoppelberge, nur durch ein schmales Thal getrennt, zieht sich ein langer Bergrücken, Hundsrück genannt, und von Halberstadt gesehen einem Horne nicht unähnlich. Auf der äußersten Ecke dieses Berges sieht man noch Ruinen einer ungeheuren Veste. Das nahe dabei liegende Dorf heißt Langenstein. Man baute vielleicht die neue Veste (Novam urbem in quodam monte prope Halverstat. Chron. Mont. Ser. ad 1178) auf dem Hoppelberge, und stellte Hornburg erst 1179 her (castrum Horneburg reaedificatum est. ad A. 1179) Letzteres hieß auch wohl nach dem Berge Langenstein.

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und andre sächsische Fürsten schon vor dem Reichstage zu Speier (31. October 1178) wider Heinrich kämpfen lassen. Kein alter Schriftsteller nennt eine frühere Zeit, und glaubwürdige bezeichnen noch im Jahre 1178 die Anhaltiner und Heinrich als Freunde *). Erst Wichmann bewog sie zur Feindschaft, und dieser spielte noch 1178 den Friedensvermittler zwischen dem Herzoge und Philipp von Cöln **). Auch klagte Heinrich zu Speier nur über Philipp; selbst Ulrich betrachtete er nur als seinen persönlichen Gegner, und Händel mit ihm als Privatsache. Anders verhielte es sich, wenn damals schon alle seine frühern Feinde die Waffen gegen ihn erhoben hätten. Ohne Friedrich wagten es diese nicht, und wäre dessen feindliche Gesinnung schon Jedem offenkundig gewesen, so wäre Heinrich nicht vor ihm und so vielen Fürsten, die ihm als Feinde gegenüber standen, als Kläger wider den vertrauten Rathgeber und Freund des Kaisers aufgetreten.



Erst zu Speier erkannten so wie Heinrich also auch die Fürsten Friedrichs Gesinnung. Ihren alten Haß gegen den Herzog zu entflammen verstand Friedrich schlau genug; allein um den Mächtigen zu stürzen, bedurfte es nachdrücklicher Unterstützung, und die konnte nur durch lockende Belohnung erlangt werden. Demnach mußte der Kaiser, was er dem Herzog zu nehmen gedachte, den Hilfe leistenden Fürsten als Beute überlassen.



*) Autor de fundat. coenobii Bigang. ap. Hoffmann IV. Pag. 126 führts unter 1177 an; ihm fehlt aber 1178 ganz. Böttiger pag. 328 und 29. Luden XI. 394 und 95 ließen sich dadurch täuschen.
**) Zwar auch zwischen den Anhaltinern und Heinrich läßt die Contin. Chron. Pegav. Frieden vermitteln, doch später als zwischen Heinrich und Philipp, also später als Friedrich in Teutschland erschien.

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Wenn Heinrich ohne einen männlichen Erben, etwa auf dem Kreuzzuge gestorben wäre, sicher hätte Friedrich Barbarossa als nächster Anverwandter für seine Kinder die erledigten Reichslehen in Anspruch genommen, und dadurch in Nord-, wie früher in Südteutschland dem Hohenstaufischen Hause eine feste unerschütterliche Basis gegeben. Diese Hoffnnng war zwar durch Heinrichs männliche Nachkommenschaft benommen. Jetzt aber trat sie wieder hervor, als der Welfe wegen seines Trotzes eines, und weil man Widerstand erwarten durfte, beide Herzogthümer verlieren sollte. Bekamen nun nicht Friedrichs Söhne das erste Anrecht an dieselben? - Und doch ertheilte man sie ganz fremden Fürsten! Ja nicht einmal den Versuch, sie seinem Hause zuzuwenden, scheint Friedrich gemacht zu haben. Ein neuer Beweis, wie das geänderte Verhältniß zu Heinrich ihm Gewährung jedes frühern Wunsches und Strebens versagte. Mit ihm vereint vermochte er die Macht seines Hauses dauernd zu gründen. Seit Heinrich ihm zu dienen sich geweigert, war Zersplittern, Trennen feindlicher Gewalten das einzige Mittel, um sein Ansehen möglichst zu erhalten. Nur geringen Antheil durfte er von der gemachten Beute sich vorbehalten *), das Uebrige mußte denen gelassen werden, die ihm im Kampfe ihre Hilfe geboten. Nicht mehr

*) Und kaum läßt sich das nachweisen; unmittelbar fiel den Hohenstaufen von den Lehen Heinrichs nichts oder sehr wenig zu, nicht einmal die slavischen Eroberungen, die sonst doch, wie·alle Eroberungen als Erweiterungen des Reichs im Namen des Kaisers geschehen mußten. Wenn dem alten Welf manche Allodien zugewiesen wurden, so ist das ganz in der Ordnung, und darf nicht als klugversteckte Beute angesehen werden, wie fast alle neueren Geschichtsschreiber jenes Jahrhunderts thun.
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Einer war es, den er zu befriedigen für nothwendig erachtete, sondern eine große Zahl, auf deren Forderungen er achten mußte. Dieß that Noth, damit nicht Einer mehr ihm alle Macht entzöge, und sich zum Herrn in Teutschland, statt ihn zum Herrscher der Welt mache.



Wie weit Friedrich zu gehen gedachte, erkannte wohl in ganzem Umfange noch kein Fürst, der Bedrohte selbst nicht. Wider diesen seine Feinde einzunehmen genügte vorläufig. Auch sie sollten nicht eigenmächtig an sich reißen, was sie erobern würden, sondern Anordnung und Vertheilung ihm überlassen. Nur zeigen wollte er, welches Recht, welche Gründe ihm zustanden, den Herzog zu strafen und zu beschränken. Dabei durfte er nicht eigennützig erscheinen. Nicht den Seinen, Fremden mußte die Beute versprochen werden. Diese wurde, ehe sie gemacht, schon vertheilt, um die Verbündeten dahin zu spornen, daß jeder seinen Theil mit Aufbietung aller Kräfte sich erobere. Darum die vielen Reichstage, darum die vielen Vorladungen Heinrichs, darum die vielfach erhobenen Klagen des Kaisers und der bereits von Beutelust, von Haß, von Ehrfucht erfüllten Fürsten. Konnte der Herzog sich nach ihrem Ausspruch stellen? Und stellte er sich nicht, so konnte Friedrich fragen: „Was das Reichsgesetz über den verhänge, der nach gehörigen Vorladungen vor Kaiser und Reich zu erscheinen verweigert, und solches Gericht verachtet?“ Reichsacht und Abspruch aller Länder und Würden war es, was Friedrich von den Fürsten begehrte. Dafür mußte er Wünsche nach Vermehrung seiner Hausmacht aufgeben. Zu Würzburg erfolgte der Spruch; dort und zu Gelnhausen erhielt Philipp von Cöln das Herzogthum

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Westphalen und Engern, Graf Bernhard von Ascanien das sehr geschmälerte Herzogthum Sachsen und in gleicher Weise zu Regensburg (1180 den 30. Juli) *) Otto von Wittelsbach das Herzogthum Baiern **).



Der Erzbischoff Philipp von Cöln, ein ehrgeiziger aber im Dienste Friedrichs eifriger Mann, mußte auch am reichsten für diesen Eifer belohnt werden. Er war der erste ***) Geistliche, der ein Herzogthum sammt allen Rechten und Würden erhielt. In Bernhard von Sachsen hatte Friedrich einen frühern Gegner zu versöhnen. Wie Heinrich ihn zu gewinnen versucht, thats auch der Kaiser. Dieser hatte mehr zu bieten, und gewann in Einem alle Anhaltiner. Freilich ward Bernhard in ganz andrem Sinne Herzog von Sachsen, als Heinrich es gewesen. Ihm blieb nur ein Schatten der Macht, welche einst damit verbunden, und der Heinrich neue Bedeutung zu verleihen bemüht gewesen. Immer war es indeß für Bernhard lockend genug, um mit ganzer Kraft wider Heinrich anzukämpfen und all seine Brüder in des Kaisers Interesse zu ziehen. Als Friedrich den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach zum Herzog von Baiern erhob, belohnte er in diesem ebenso sehr einen früher ihm treu ergebnen

*) Chron. Reichersperg. apud Ludewig S. 319 giebt III. Cal. Julii.
**) Von.Baiern trennten sich seitdem die Grafen von Andechs, die keck den Titel: Herzöge von Meran annahmen. Das Herzogthum Steiermark hatte sich wohl schon vorher abgelöset, gleich Tirol. Vieles erhielten, wie in Sachsen die Bischöffe und andre Geistliche. Schwer vereinen lassen sich die Ansichten in Westenrieders Beiträgen I. 31. Gemeiners Chronik von Regensburg S. 271 und Hormayrs Werken Bd. III
***) Nimmt man etwa die fränkische Herzogswürde der Bischöffe von Würzburg vor Belehnung Konrads des Hohenstaufen aus, eine Sache, die noch immer sehr zu bezweifeln ist.
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und durch wichtige Dienste bewährten Freund, als er durch solche Erhebung einen wegen mancherlei Verfälle ihm seit einiger Zeit entfremdeten Mann wieder·versöhnte *).



Außer den genannten Fürsten mußten noch viele andre mit kleinen Portionen abgefunden werden. Gleich Philipp von Cöln erhielten die Erzbischöffe von Magdeburg und Bremen **), die Bischöffe von Paderborn, Minden, Hildesheim, Verden u. a., ebenso die Bischöffe in Baiern und Schwaben außer den Lehen, die sie an Heinrich gegeben, manches neue Stück dazu, und die weltlichen Fürsten, von Habgier zu sehr geblendet, ließen um des eignen Gewinnes willen geschehen, daß weltliche Güter in die Hände der Kirche geriethen. Die Vertheilungen an die weltlichen Fürsten sind zwar durch keine Urkunden bekannt - selbst die Documente für Sachsen und Baiern fehlen, - doch läßt sich unbezweifelt annehmen, daß keiner derselben dem Kaiser ohne Gewinn gedient habe. Ludwig, der nahe Verwandte desselben, erhielt die pfalzgräfliche Würde in Sachsen, die keine unbedeutende Reichslehen ihm zuwies, und ein Amt, dass bei der Zerstückelung des Welfischen und bei der Schwäche des neuen Anhaltinischen Herzogthumes Sachsen dereinst von Bedeutsamkeit werden konnte.



Hatte der Kaiser auch Verzicht leisten müssen, die dem Gegner abgenommenen Herzogthümer und Würden seinem Hause zuzuwenden, so konnten doch die so reich begabten Fürsten nicht verwehren, wenn er außer manchem

*) Ich theile vollkonnnen die Ansichten Ludens a. a. O. S. 424 ff. in Betreff Ottos, dessen langes Nichtauftreten auf dem Schauplatze, wo er einst so thätig sich bewiesen, Bedenken erregt.
**) Siegfieds Erhebung zum Erzbischoffe von Bremen erfolgte zu Gelnhausen. Er war gewiß schon in Italien vom Kaiser gewonnen, und zog die übrigen Anhaltiner zu ihm herüber.

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Stücke in Sachsen, Baiern und Schwaben, das, entweder als Reichsgut, oder als Erbgut der Welfen der Erbschaft des alten Herzog Welf zugelegt, seinen Söhnen anheimfiel, auch Heinrichs Stammgüter und Erwerbungen, durch das Schwert oder durch das Recht der Verwandtschaft an ihn gekommen, vorläufig keiner Bestimmung unterwarf, sie Keinem zuerkannte, um sie, falls Heinrich sich nicht aus der Acht löste, als verfallne Fiscalterritorien einzuziehen.



Schwierig war die Aufgabe gewesen, die Ansprüche so vieler Fürsten, die ihre Hilfe dem Kaiser zusagten, zu befriedigen, ohne Eifersucht, Streit und Neid unter ihnen offen anzuregen - im Stillen mochte es daran bei so ehr- und ländersüchtigen Fürsten und Prälaten, die alle mehr ihrem Vortheil als der Gerechtigkeit den Arm liehen, nicht fehlen.



Das Schwierigste von Allem stand aber noch bevor - die Vollstreckung der über den Herzog ausgesprochenen Acht. Denn weder Heinrichs Macht, noch Heinrichs Muth war durch die Vorkehrungen seiner Feinde gebrochen. Bis zu der Zusammenkunfts mit Friedrich hatte er nur die Defensive gebraucht, nur Unbilden gerächt und vertragswidrige Handlungen gestraft. Zu ersteren gehörte der Einfall der Bischöffe von Cöln und Minden in sein Gebiet, zu letztern die Erbauung der Vesten Langenstein und Hoppelberg bei Halberstadt, Werke, die vertragswidrig aufgerichtet seyn müssen, weil sonst Heinrich nicht einen Krieg im Norden so eilig beendet haben würde, um wider einen Freund des Kaisers die Waffen zu kehren. Gewiß, die Errichtung der beiden Burgen galt ihm für einen

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Frevel, für eine Verspottung seiner Macht, die ihm dahinterliegende gefahrdrohende Motive verrieth. Größer wurde über Ulrichs Beginnen sein Zorn, als er die ostländischen Fürsten erst ins Geheim - aus eignem Haß – dann öffentlich auf Friedrichs Antrieb - dem Bischoff Beistand leisten sah. Gleichwohl unterließ Heinrich nichts, was den erbitterten Priester versöhnen konnte. Als Ulrich 1179 den Kirchenbann über Heinrich und dessen Gegner ausgesprochen, unterwarf sich Heinrich sogar Demüthigungen, die seinem stolzen Herzen gewiß nicht leicht geworden, und zu denen nur seine Frömmigkeit ihn antrieb. Samt den Seinigen begab er sich nach Halberstadt, warf sich zu Ulrichs Füßen, und bedachte sich in nichts, was zum Frieden führen könne *). Vielleicht auf Ulrichs Rath suchte Heinrich die Zusammenkunft mit dem Kaiser bei Haldensleben. Erst als er diesen als den unversöhnlichsten und gefährlichsten Feind seiner Macht und Größe erkannt, brauchte er Keines mehr zu schonen. Kaum hatte daher, nach der Reichsversammlung zu Goslar (oder auf der Veste Caine) **), im August 1179 der Kaiser Sachsen verlassen und sich nach dem Süden begeben, so ließ Heinrich durch seine Leute, zur Vergeltung früher verübter

*) Arn. II. cap. 26: Et sensit cum episcopo et ecc1esia illa ea, quae pacis sunt.
**) Vergl. über Caine oder Cayne oder Caene Wersebes niederländ. Colonien II. pag. 336 nota 166. Mascov. de Conrado III. pag. 368. Diesen Namen führten: 1) ein Ort im Naumburgischen Amt Zeitz: 2) eine Reichsveste bei Altenburg. Daß letzteres hier nicht·gemeint seyn könne, beweisen die Worte des Chron. Pegav. ad 1179: Curiam in Cwinae castello ejusdem Ducis. Daß Heinrich aber in Thüringen Besitzungen hatte, ersieht man aus der Theilungsacte seiner 3 Söhne zu Paderborn. S. Schultes II. pag. 266 und Orig. Guelf. III. 628. Es ist also das erstere Caine wahrscheinlich das hier gemeinte.

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Verwüstungen, des Bischoffs Ulrich Gebiet angreifen. Der von Neuem gegen Heinrich aufgestandne Priester·floh vor des Gegners unaufhaltsamen Schaaren erst in seine Veste Hornburg, und als er hier sich nicht sicher glaubte, oder abgeschnitten zu werden befürchtete, nach Halberstadt. Doch weder jenes noch dieses hielt die feindlichen Haufen ab, die sich nicht scheuten die Stadt anzuzünden, wodurch viele Tausende ihren Tod fanden. Ulrich selbst rettete nur mit Mühe sein Leben, der Gefangenschaft aber konnte er nicht entgehen. Er ward nach des Herzogs Veste Ertheneburg abgeführt. Mit Ehrerbietung behandelte Heinrich auch dießmal den Diener der Kirche, betheuerte ihm, am Brande Halberstadts ohne Schuld zu seyn, und gab ihm gegen Abtretung einiger Kirchenlehen die Freiheit *).



Der Sieg Heinrichs über Ulrich war reicher Ersatz für die Niederlage, welche am Ausgange des vorhergehenden Jahres 1178 das herzogliche Heer, unter Anführung des Pfalzgrafen Adalbert von Sommerschenburg, gegen Bernhard von Ascanien und die mit demselben verbündeten östlichen Fürsten erlitten hatte **). Nun erhoben sich diese von Neuem, und mit ihnen der die Kriegsflamme eifrig schürte, Erzbischoff Philipp von Cöln. Mit 4000 Geharnischten und einer zügellosen Rotte zu Fuß zog er herbei, bezeichnete seinen Weg mit Raub und Brand, achtete nicht Profanes noch Heiliges. Zum erstenmal erschienen auch Wichmann und Ludwig 3. von

*) Chron. Mont. Ser. ad 1180. - Bald nach seiner Rückkehr von Ertheneburg starb der unruhige Bischoff (Anf. 1180) die letzten Unglücksfälle hatten seinen Geist wie seinen Körper gebeugt.
**) Fälschlich setzt Böttiger pag. 329 diesen Kampf nach 1177. Warum? ist früher nachgewiesen.

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Thüringen *) im Felde. Haldensleben aber wurde von Heinrichs Dienstmann, Bernhard von der Lippe ebenso tapfer als klug vertheidigt. Der sumpfige Boden, die böse Jahreszeit und endlich Entzweiung der Fürsten **) nöthigten diese die Belagerung aufzuheben. Der Cölner entkam sammt seiner räuberischen Rotte nur mit Mühe über die Weser, und dankte es dem Landgrafen Ludwig und dessen Bruder Hermann, daß diese ihn gegen den heranziehenden Herzog Heinrich selbst schützten. An Wichmann nahm dieser nun seine Rache, verwüstete des Erzbischoffs Gebiet an der Bode, ließ durch seine Leute Calwe, und an demselben Tage ***) durch die Slaven, welche er herbeigerufen, Jüterbock verbrennen.



So stand Heinrich am Ende des Jahres 1179 überall siegreich da, und hatte seine Uebermacht die Feinde fühlen lassen. Sie waren ermüdet und hätten unter sich selbst zerfallen einzeln mit Heinrich einen·Vertrag geschlossen, wenn nicht der Kaiser die Eintracht hergestellt, und nun zu rechter Zeit durch Vertheilung der Länder Heinrichs jedem den Lohn angewiesen, um den er den Kampf von Neuem zu beginnen habe. Wie es bis dahin in des Kaisers Interesse gelegen, die Reichsacht noch aufzuhalten,

*) Chron. ant. Erf. ad 1179: Ludovigo nihil sinistri suspicabatur, hortatu improbo ad se in id ipsum illecto (nämlich durch Philipp von Cöln).
**) Die Unterhandlungen der Belagerten und die Anmaaßung Philipps gegen die ostländischen Fürsten bewogen erst diese, dann Philipp, zuletzt auch Wichmann zum Abzuge. Chron. Mont. Ser. Annal. Bosov. ad 1179. Dieses Jahr als das richtige nach Chron. Peg. und Chron. ant. Erf. Das Chron. S. Petri setzt auf 1180 die 2te Belagerung und Arnold 2. cap. 25 kennt nur eine Belagerung. Daß Raumer die erste 1180 setzt, hat er ohne Beleg gelassen.
***) Anonym. Saxo histor. imperat. apud Menken III. pag. III.

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so sah er bei der jetzigen Lage der Dinge sich genöthigt, sie zu vollziehen *) und sofort die wirksamsten Maaßregeln zu ergreifen, die seinem Verdammungsurtheil Eindruck und Folgeleistung verschafften. Wohl wissend, wie sehr die teutschen Fürsten auf Beobachtung herkömmlicher Formen Gewicht legten, ließ Friedrich drei Vorladungen in Sachsen, drei in Baiern an den Herzog ergehen. An hinlänglicher Frist, um auf jede erscheinen zu können, fehlte es weder dort noch hier.



Nicht der Kaiser, mehr die Fürsten schienen das Urtheil zu fordern. Schlau hatte Friedrich deren Zorn durch Zaudern erhöht; nun mußte er durch Selbsthandeln den gesunkenen Muth der Geschlagenen aufrecht erhalten. Die kräftigen Gründe zur Achterklärung wurden nicht allein in Teutschland, sondern auch außerhalb des Reichs, vom Papste und dem Könige von Frankreich anerkannt **), und Heinrich behielt keine andre Hilfe als die ihm eigne Macht verlieh. Nicht einmal seine nächsten Anverwandten, Heinrich von England und Waldemar von Dänemark, unterstützten ihn, wie man es erwartet hätte. Den Einen

*) Die Achtserklärung, wenn sie je schriftlich bestanden, ist nirgends aufzufinden. Zu Braunschweig, Hannover, Wien, München und andren Orten suchte ich vergebens darnach. Ihr Inhalt kann aus dem Eingange von Philipps Belehnungsdiplom ersehen werden. S. Böttiger pag. 344, Anmerk. 393.
**) Böttiger, Raumer, Luden, so verschieden auch sonst in ihren Berichten und Ansichten, stimmen darin überein, daß der Papst für Friedrich mehr als für Heinrich getan habe. Die Gründe mußten sie mehr aus sich als aus den Quellen entnehmen. Raumer meint, der Papst und seine Legaten seien durch Friedrichs Gründe überzeugt. Luden beschuldigt Alexander eines Einverständnisses mit Friedrich gegen Heinrich den Löwen. Wer von ihnen kann seine Behauptung beweisen? Daß Alexander nicht anders handeln konnte, folgt so klar aus der damaligen Lage der Dinge, daß andre Motive dafür zu suchen, oder Hypothesen aufzustellen, überflüßig scheint.

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fesselten innere Unruhen, den Andren theils Furcht vor dem Kaiser, theils auch Neid über die Macht Heinrichs, mit welchem in ein enges Verwandtschaftsverhältniß zu treten ihn mehr die Noth als die Neigung veranlaßt hatte. Niedrige Leidenschaften seiner Feinde und – allzugroßes Vertrauen auf eigne Kraft stürzten Heinrich in sein Verderben.




Vierter Abschnitt.
Die Achtsvollstreckung durch Friedrich und die nordteutschen Fürsten (1180 und 1181).


Als 1180 zu Würzburg (Anfangs Januar) vom gesamten Reiche die Acht über den Herzog verhängt worden, mußten die Fürsten denselben als Reichsfeind betrachten, und mit Geld und Truppen wie zu einem Reichskriege beisteuern. Noch war aber, so scheint es, über die Vertheilung der Länder des Geächteten nicht Alles festgesetzt worden. Die vielen Bewerber ohne Zweifel machten dem Kaiser die Wahl, welche er bei Vergebung der Herzogthümer treffen sollte, schwierig, und sein Verfahren durfte nicht eigenmächtig, nur gerecht und billig erscheinen. Deßhalb trat noch einmal eine Verzögerung in Vollstreckung der Reichsacht ein. Die Fürsten kehrten von Würzburg heim, und Jeder der bereits mit Heinrich im Kampfe Begriffenen schloß mit diesem einen Waffenstillstand bis acht Tage nach dem Osterfeste.



Sonderbar erscheint es im ersten Augenblicke, daß der Geächtete darauf eingegangen. Der Beschluß von

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Würzburg konnte ihm unmöglich ein Geheimnis; bleiben *). Genauer betrachtet erkennt man, daß der Waffenstillstand nichts als leere Form war, unter der beide Theile ihr Interesse versteckten. Jedem Geächteten mußte Zeit gelassen werden, sich aus der Acht zu lösen; den nächsten Verwandten und Vasallen desselben, um ihr Erbgut, ehe auch das dem Reiche verfiel, zu retten. Binnen Jahresfrist mußte das geschehen. Daß weder Heinrich noch seine Feinde so lange vom Kampfe ruhen würden, war dem Kaiser wie jenem selbst klar. Doch um zu dem Kampfe, der Heinrichs höchste Macht oder dessen Vernichtung herbeiführen mußte, sich kräftig zu rüsten, bedurften beide Theile Zeit. Es war daher wohl Beschluß und Wille des Kaisers, daß man Heinrich den Waffenstillstand bot; auf diesen einzugehen hatte der Herzog Grund genug. Noch dauerte die raue Witterung fort, noch waren die Kämpfer, die Streitkräfte nicht ganz beisammen. Heinrich wollte von so viel Seiten, als er angegriffen wurde, seine Heeresmassen entsenden, um so vorheerende Züge, wie des Cölners in den vorigen Jahren zu verhindern. Erst wenn auch die Gegner ganz gerüstet, konnte er sie vernichten; denn im vorigen Jahre hatte ihr Auseinandergehen ihn von einer glänzenden Waffenthat abgehalten. Seine Macht war concentrirter als die ihrige; waren seine Gegner entschieden aus dem Felde geschagen, woher sollte sich gleich ein zweites Heer bilden, um dem Sieger den Weg zu hemmen? Und waren die Fürsten muthlos und gedemüthigt, dann mußte der Kaiser ihm sich nachgiebig

*) Also ihm auch keines daraus gemacht werden, wie Luden a. a. O. pag. 410 es will.

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zeigen, wie er es in Italien gegen Papst und Lombarden gewesen war. Viel durfte Heinrich auch von der Rivalität seiner Gegner erwarten, die, wie er wußte, um seine noch ungeschmählerte und stark verwahrte Habe sich stritten. Mancher war vielleicht schon unmuthig über des Kaisers Zögern, oder erblickte eigennützige Pläne in dem Verfahren desselben. Wenn der Eine oder der·Andre der Gegner nur wankte, nur zauderte oder nicht Partei nahm, war für den Herzog schon Gewinn. Zu verschenken hatte er freilich keine Lehen und Würden, wie Friedrich es gethan. Zu Bitten, Bestechungen, Versprechen mochte der Stolze, konnte der Geächtete natürlich nicht seine Zuflucht nehmen. Nur abwarten, beobachten, zu rechter Zeit losbrechen war seine Sache. Auch außerhalb Teutschlands konnte er noch auf Freunde rechnen. Blieben auch der Papst und die Lombarden den Verträgen treu, weil sie miteinander zerfallen waren, so hatte doch Heinrich 2. von England damals den König von Frankreich und den·Grafen von Flandern gegen Friedrich aufgereizt, und Heinrich hoffte auf deren entschiedene Schritte wider den Kaiser. Allein dieser, unermüdlich, größer, umsichtiger als je, hatte sechs Wochen nach dem Reichetage zu Würzburg die Fürsten nach Gelnhausen *) berufen. Hier vollzog er, was zu Würzburg beschlossen. Gespannt sahen die Fürsten dem entgegen; Friedrich schlau genug befriedigte nur die am

*) Annal. Bosov. ad 1180: Ante Pascha XIV. noctes. Godofr. Mon. ad 1180: In media quadragesima; 6 Wochen würden demnach zu wenig seyn, falls der Würzburger Reichstag sich nicht sehr in die Länge gezogen. Auch der Gelnhauser muß lange gewährt haben, wie man aus der Urkunde Friedrichs an Philipp von Cöln schließen darf. Ihr Schluß lautet: Date in solemni curia Geilinhusin in territorio Moguntino Idibus Aprilis.

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Dringendsten forderten und am Thätigsten mitwirken sollten; er entschied nur über Sachsen, und erreichte, indem er es der vielen Bewerber wegen theilen zu müssen schien, seine eigne Absicht, die Schwächung des übermächtigen Herzogthums.



Drei Fürsten, durch Blutsverwandtschaft oder Freundschaft ihm nahestehend, forderten die Belehnung mit Sachsen. Bernhard von Ascanien, als der vornehmste der sächsischen Grafen, die wider Heinrich sich ausgelehnt, ein Sohn Albrechts des Bären, der einstmals schon zum Herzog von Sachsen ernannt worden, ein Bruder mächtiger Fürsten in Nordteutschland, glaubte die ersten Anrechte zu haben, und der Kaiser konnte und wollte ihm, seinem Verwandten die Anrechte nicht absprechen *).



Andrerseits war Philipp von Cöln für Dienste in Italien und Teutschland, für Aufopferungen und Feldzüge, ja für Frevel und Greuel, die er zu Gunsten des Kaisers auf sein Gewissen geladen **), längst mit einer angemessenen Belohnung und Länderentschädigung hingehalten worden. Er verlangte die angrenzenden Theile des durch Heinrichs Acht dem Reiche verfallenen Herzogthums Sachsen

*) Den Bruder Bernhards, den Markgrafen Otto von Brandenburg überging der Kaiser natürlich, um die Mark nicht mächtig zu machen. Otto mochte es übel nehmen; wenigstens zeigte er keinen thätigen Antheil am Kriege wider Heinrich. Indessen konnte er, aus Rücksicht für seine vom Kaiser bedachten Brüder, auch nicht wider jenen und diese kämpfen.
**) Bei dem bekannten Rangstreit zu Mainz zwischen Philipp von Cöln und Abt Konrad von Fulda, wobei Friedrich sich letzterm hinneigte, klagt Philipp dem Kaiser unter andern nach Arnold III. cap. 9.: Ecce in servitio vestro consenui, et certamen, quod vobis certavi, testantur cani capitis mei, in periculo vitae meae, et quod majus est, pro dolor, animae meae tribulationes et angustias multas transivi, nec aliquando pro honore imperii mihi vel rebus meis peperci.

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Auf ihn mußte Friedrich Rücksicht nehmen, wollte er nicht den Freund in den unversöhnlichsten Feind verwandelt selten.



Dem Blute und Herzen am nächsten stand Ludwig von Thüringen, der Sohn eines Mannes, der bis zum Ende seiner Tage dem Hause der Hohenstaufen treu und eifrig in Teutschland, Italien, Polen gedient hatte, und dieser Sohn selbst war ein Jüngling, auf dessen Ergebenheit der Kaiser stets zählen durfte, auch wo Ludwigs Herz eine andre Wahl als Friedrich getroffen hätte. Auch Ludwig machte, als Fürst, der in weiterm Sinne zu Sachsen gehörte, an das Herzogthum Anspruch. Da Friedrich nicht einem der eignen Söhne das wichtigste und mächtigste aller Lehen in Teutschland zuweisen konnte, wem hätte er es lieber übertragen als dem Sohne seiner Schwester Jutta *)?



Der Kaiser, um seine Absicht mit den Anforderungen der drei Bewerber zu vereinen, konnte zu nichts Besserm als einer Theilung schreiten. Mochte auch Bernhard auf da Ganze gerechnet haben **), er sah wohl ein, daß wenn der Kaiser nicht die Kämpfer, welche wider

*) Daß diese nicht des Königs Konrad, sondern des Herzogs Friedrich von Schwaben Tochter gewesen, ist hinlänglich von Andern erwiesen.
**) In der Urkunde für Philipp von Cöln, (deren Original im Berliner Staatsarchiv, Abdrücke in Orig. Guelf. VII. Cap. 1 §. 82. pag. 101, bei Schaten I. 350 und sonst noch zu finden) heißt er gleich diesem Herzog von Engern und Westphalen. Später nannte er sich Dux Saxoniae. Es scheint, er habe Anfangs nur einen grossen Titel bekommen, dem der Kaiser später einigen Gehalt durch Ländereien Heinrichs gab. Doch währte, als die Welfen wieder zu größerm Besitz in Sachsen kamen, der Streit über Mein und Dein mit ihnen lange fort. S. Orig. Guelf. a. a. O. pag. 106 Anm. aaaa). Beckmann, Anhaltinische Historie V. Weiße, Chursächs. Staaten II. Abth. 4. Abschnitt 2.

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Heinrich aufgetreten und dessen glühenden Zorn geweckt hatten, vereinte und leitete, wenn er gar mit dem Herzoge - was ihm und vielen Fürsten noch möglich, ja aus dem Zaudern des Kaisers zu entnehmen, wahrscheinliche Absicht schien - sich aussöhnte, dann für ihn kein Gewinn zu hoffen, vielmehr die ganze Rache Heinrichs zu fürchten war. Ihn, der nicht eben großen Geist besaß, konnte die Furcht vor dem Gegner bewegen, mit weniger als dem ganzen Herzogthume zufrieden zu seyn. Auch Philipp von Cöln durfte mehr nicht fordern, als er - ein Geistlicher zu einem weltlichen Herzogthume gelangend - erhielt. Dem Landgrafen Ludwig wies der Kaiser so viel als möglich zu. In der Pfalzgrafschaft Sachsen, die durch Adalberts von Sommerschenburg Tod (Ende 1178 oder Anfangs 1179 *) erledigt war, erhielt jener zwar keinen bedeutenden und zusammenhängenden Territorialbesitz, doch eine Würde, die, in ehemaliger Bedeutsamkeit wieder hergestellt, die getheilte Macht der Herzogsgewalt leicht überragen konnte. Denn den alten Pfalzgrafen von Sachsen war einst den billungischen Herzogen gegenüber ein Amt übertragen, das die Losreißung
Sachsens vom teutschen Reichsverbande, wofern die Amtsführer ihrer Bestimmung entsprachen und nicht mit den Landesfürsten zum Nachtheil des Reichs sich verbanden, unmöglich machte. Wie der Pfalzgraf am Rhein während eines Interregnums das übrige Reich verwesete, so der sächsische Pfalzgraf die Provinz Sachsen **) im weitesten

*) S. Böttiger Anm. 398 und meine Dissertation de Palatinatu Hermanni I. pag. 28 Anm. 48.
**)S. Hüllmann Geschichte des Ursprungs der Stände in Teutschland S. 320

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Sinne dieses Wortes. Zu Friedrich Barbarossas Zeiten hatten freilich die sächsischen Pfalzgrafen – überdieß aus zwei Geschlechtern des Landes – ihre eigentliche Bestimmund verloren, und alle eigenmächtige Gewalt war den Herzogen zugefallen. Doch Friedrich, an den Vortheil denkend, den das Pfalzgrafenamt in treu ergebenen Händen ihm gewähren konnte, erkor sich in Ludwig *) und dessen Hause Pfalzgrafen, die sich neben den neuen Herzogen, wenn nicht über sie erheben sollten.



Auf dem Hoftage zu Gelnhausen ward von allen Fürsten dem Kaiser Unterstützung wider den Reichsfeind zugesagt; und er gebot, daß Jeder zur allgemeinen Heeresfolge bis zum Feste St. Jacobi sich fertig mache. Darauf begab er sich nach dem Rhein **), um auch dort Maaßregeln

*) Es scheint mir beachtenswerth, daß in der Urkunde Philipps Ludwig als Pfalzgraf von Sachsen vor Bernhard unter den anwesenden Zeugen steht. Zwar wird in Urkunden nicht immer die Rangordnung strenge befolgt; gleichwohl beobachtete man schon im 12ten Jahrhundert eine gewisse Etikette, und bei einer kaiserlichen Belehnungsurkunde, wie diese, welche drei Fürsten im Besitz von Ländern und Würden angiebt, die vordem Einer besessen, werden hohen Würde und Rang jener nicht gleichgültig gewesen seyn. Bei Durchsicht aller Namensunterschriften in dem bezeichneten Diplome (obwohl das Orginal in Berlin sehr beschädigt, sind doch die Zeugen ganz deutlich zu lesen) wird man die strengste Rangfolge bemerken. Sollte nur der Landgraf sich hier vorgedrängt, oder der Zufall bei ihm es so gefügt haben, während alle Andern den gebührenden Platz einnehmen? Daß er bisher mehr gewesen als Bernhard, konnte jetzt nicht mehr entscheiden, wo jeder in seiner neuen Würde sich·unterschrieb. Daß Ludwig selbst den pfalzgräflichen Titel den eines Landgrafen von Thür. voraussetzt, bestätigt meine Ansicht, daß Friedrich großes Gewicht auf das Pfalzgrafenamt gelegt. Spätere Landgrafen setzten das Comes Palatinus Sax. stets nach, oder ließens ganz fort. Denn, was auch der Kaiser mit Ludwig vorhatte, diesen traf bald ein Unfall, der ihn für seinen Oheim unkräftig machte, und Friedrich ward genöthigt nach geleisteten Diensten zu lohnen.
**) Vom 29. März bis 13. April scheint Friedrich in Gelnh. verweilt zu haben. S. Gudeni Sylloge I. 470 und 71 Annal. Bosov. Miraei opus diplom. II. Urk. 74.

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wider Heinrich zu treffen. Damit ihm dieser keinen Feind im Westen erwecke, hatte er die Anschläge König Heinrichs von England, nämlich den König Philipp von Frankreich und den Grafen Philipp von Flandern zum Beistande des .Herzogs aufzureizen, durch Gegenbemühungen vereitelt. In Graf Heinrich von Troyes fand er den geschicktesten Vermittler. Den Vorstellungen dieses Mannes gelang es, dem Könige von Frankreich die Furcht zu benehmen, als ob auch ihm von dem Kaiser Gefahr drohe. König Philipp hegte bald friedliche Gesinnungen, der Graf von Flandern trat ihm bei, und jeder von ihnen sandte nun Boten an Friedrich, die diesen zu Sinzig antrafen, und die Versicherung ihrer Herren ablegten, daß beide keinesweges in der Aechtung Heinrichs Grund fänden, das früher bestandne friedliche Verhältniß mit dem Kaiser zu brechen.



Somit blieb der Herzog auf seine eigne Kraft verwiesen,doch diese schien ihm selbst auch groß genug, um unverzagt der Acht und allen Feinden zu trotzen. Ja, er wartete nicht bis die Gegner ihn angriffen und bis Friedrich vom Rheine zurückkehre, um an dem Kampfe selbst thätigen Antheil zu nehmen. Sobald die Zeit des Waffenstillstandes abgelaufen, stellte er drei Heere ins Feld. Das eine bestand aus wilden Slavenhorden, die unter Verheerung und Plünderung zwischen der Oder und Elbe bis tief in die Lausitz eindringen, und die östlichen Feinde des Herzogs beunruhigen sollten. Ein zweites bildeten die Grafen Adolf von Holstein, Bernhard von Ratzeburg, Bernhard von Welpe, Gunzelin von Schwerin, die Brüder Ludolf und Wilbrand von Hallermund und Andere,
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welche in Westphalen gegen die unter des Cölners Schutz vereinten Grafen Simon von Teklenburg, Hermann von Ravensberg, Heinrich von Arnsberg, Wittekind von Schwalenberg rückten, und einen vollständigen Sieg bei Osnabrück erfochten *).



Alles aber überstrahlten die Thaten, welche Heinrich selbst an der Spitze des dritten Heeres vollführte. Zwar gelang es ihm nicht, Goslar, die reichste Stadt Sachsens, die er so gern seinem Gebiete einverleibt hätte **), die aber stets zu seinen Feinden sich gehalten ***), im Sturm einzunehmen.



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Eine langwierige Belagerung schadete seinem Plane. Doch zerstörte er die Schmelzhütten und alle Anstalten des Bergbaues, um die Bürger seinen Zorn fühlen zu lassen, und dem Kaiser zu zeigen, daß ein tapfres Schwert wirksamer als die Reichsacht sey. Den Schutz Goslars ****) hatte Friedrich dem Landgrafen aufgetragen, dem es als Pfalzgraf und als Stellvertreter des Kaisers zukam, die Reichsstadt zu bewahren +). Er erfüllte seine Pflicht. Um an ihm sich für den mißglückten Ueberfall zu rächen, brach Heinrich in Thüringen ein, verwüstete auf seinem Marsche Alles, eroberte und verbrannte die Reichsstädte Nordhausen und Mühlhausen ++), und zog nach

*) Arnold a. a. O. cap. 27.
**) Weßhalb er zu Partenkirch sie in der Drangsal des Kaisers dem Reich entziehen wollte, und dadurch Friedrich empfindlich reizte.
***) Im ersten Kriege 1167, sowie jetzt.
****) Nach Gobelin Chronik und Historie der braunschweigischen Fürsten Blatt XIX. hatte Friedrich alle sächsischen Fürsten nach Goslar berufen; dort überfällt sie Heinrich.
+) Chron. S. Petri zum genannten Jahre.
++) Einige Chronisten nennen nur Nordhausen (oder Koniges Nordhausen bei Arn. II. cap 30) und lassen Mühlhausen erst in Asche gelegt werden, als Heinrich die dorthin fliehenden Thüringer verfolgte. Vergl. Luden XI. 246 Anmerk. 12.

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einigen Tagen mit Beute beladen wieder aus dem Lande. Da eilte Ludwig auf die Botschaft von dem Vorgefallenen herbei, vereinigte sich so schnell als möglich mit den kaum zusammengerafften Schaaren seines Bruders Hermann und mit dem neuen Herzoge Bernhard. Alles stand auf dem Spiele; Ehre und Gewinn, Schmach und Verlust. Es galt Ritterlichkeit dem gegenüber zu beweisen, den als den Tapfersten Teutsche, Lombarden, Slaven und Sarazenen gepriesen; es galt noch dem Kaiser zu zeigen, daß Pfalzgraf und Herzog der neuen Würde dem Gegner gegenüber Ehre zu machen im Stande seyen.



Bei Weißensee holte er die Schaaren des bereits zurückkehrenden Herzogs ein. Dieser wandte sich, erfreut, endlich den Feind in offnem Felde zu treffen, der in den Bergen Thüringens ihm mehr Gefahr hätte bringen können *).



Voll Erwartung, doch voll Kampfeslust sahen beide Theile der Schlacht (am 15. Mai) entgegen. Heinrich sprach vor derselben Worte der Ermuthigung an seine Ritter, Getreuen und Verwandte. Er ermahnte sie der oft erprobten Tapferkeit auch jetzt eingedenk zu sehn. Er erinnerte sie an die Schlachten ihrer und seiner Vorfahren, die einst, wie er jetzt, dem Reichsoberhaupte mit Kühnheit und Glück die Spitze geboten **). Noch früh am

*) Aus Chron. S. Petri ad 1180 und Chron. ant. Erf. ad. d. a. Chron. rhythm. Princ. Brunsw. cap. XXXV erhellt deutlich, daß Ludwig ausserhalb seines Landes war, und von Goslar her gegen Heinrich aufbrach. Weißensee als Ort der Schlacht nennen Annal. Bosov., Chron. Pegav. - Chron. S. Petri sagt nur in confinio ipso Thuringiae.
**) Die weitläufige Beschreibung des Treffens in Chron. Rhythm. Princip. Brunsw. cap. XXXV. beruht sicherlich auf historischen Nachrichten.
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Morgen war es, die aufgehende Sonne umstrahlte vieler Ritter Schilde und Helme, als beide Heere einander entgegenzogen. Noch ehe die Sonne sank, war die Schlacht durch Tausender Tod entschieden. Doch nicht ohne Erfolg; denn vollständiger, glänzender war noch kein Sieg von Heinrich erfochten. Unbesonnenheit der feindlichen Führer, Feigheit der Thüringischen Rotten erleichterten denselben. Denn weder war die ganze Heeresmacht, welche die Thüringischen Brüder und Bernhard von Ascanien entboten hatten, beisammen, noch eine gehörige Vereinigung und Verabredung der drei Führer vor dem Treffen vorausgegangen. Ja selbst in der Schlacht scheint die größte Planlosigkeit stattgefunden zu haben. Den Herzog auf dem Rückzuge anzugreifen *), ihm eine vortheilhafte Stellung auf den Anhöhen von Weißensee zu lassen **), zeigt mindestens von voreiliger, nutzloser Kampfbegier. Die Schaaren der Thüringer waren freilich zahlreich ***), aber ungeübt und muthlos zum Kampfe. Gleich im Anfange der Schlacht ergriffen die Vordern, die, wie es scheint, aus schnell zusammengerafftem Volke bestanden ****), die Flucht. Der erste glückliche Erfolg erhöhte den Muth von Heinrichs Kriegern. Sie tödteten ohne Gnade, oder trieben vor sich her, was einmal geschlagen war oder erst zum Treffen sich sammeln wollte. In der Ebne aber hielten Ludwig, sein Bruder Hermann und eine erlesne Schaar

*) Histor. de Landgrav. cap. 24: Ducem Henricum jam abeuntem insequitur. Aehnlich Chron. S. Petri ad 1180.
**) Chron. rhythm. Princ. Brunsw. a. a. O.
***) Arn. Lub. II. cap. 30
****) Hist. de Landgrav. a. a. O. Collecta, quanta poterat, (Ludovicus) multitudine pro tempore. Ebenso Chron. S. Petri.


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von Rittern. Mit dem rühmlichsten Heldenmuthe *) suchte der Landgraf die Niederlage der Seinen aufzuhalten, und warf sich, entschlossen zum Aeußersten, mit Wenigen der größern Menge entgegen. Das Beispiel des Führers befeuerte die kleine Schaar, und noch einmal erhob sich ein mörderischer Kampf. Endlich erlagen die Fürsten und Ritter, die Ludwig zur Seite hielten, der immer wachsenden Anzahl der Feinde, die von der Verfolgung der Fliehenden zurückkehrend auf die noch Widerstand leistenden von allen Seiten eindrangen. Da ergab sich Ludwig mit den Seinen der Gnade des Siegers, der ihren Muth ehrend den frühern Befehl, keines Leben zu schonen, zurücknahm. Der Landgraf, sein Bruder Hermann und alle noch Uebriggebliebnen, deren Zahl wie gewöhnlich in solchen Fallen schwankend zwischen 400 und 600 angegeben wird, ergaben sich als Gefangene. - Doch erst auf einem Flügel war der Sieg erfochten. Auf dem andren hielt noch Bernhard Stand. Kein Angriff der Herzoglichen vermochte ihn aus seiner Stellung zu bringen. Erst als die Nachricht von der Niederlage der Thüringer zu ihm gelangte, trat er den Rückzug in bester Ordnung an **).



Solch ein Sieg über Gegner, die sein Herzogthum

*) Chron. ant. Erf. ad 1180. Suis enerviter terga vertentibus ipse cum paucis fortiter faciens et, ut ita dixerimus, velut quondam Mackabaeus gloriae suae fugiendo crimen inferre nolens contra priscae virtutis insigne et grebrae gloria victoriae, quibus citra Alpes (Wann wäre das gewesen? Wohl eine Verwechselung mit Ludwigs Vater) et hac terra saepe numero claruit ect.
**) Die Schlacht führen vornehmlich an Chron. S. Petri ad 1180, dies pridie Idus Maji. Arn. II. cap. 30 setzt den Einfall Heinrichs in Thür. adveniente Majo, woraus sich ungefähr abnehmen läßt, wie lange Heinrich in Thür. gestanden. Tief in die Berge ist er wohl nicht gedrungen. Chron. ant. Erf. a. a. O. Monum. Landgr. Thur. ap. Menken II. 813, wo der Ort in Campo Eichsfeldo angegeben. Chron. Staderb. Ad 1180. Spangenberg sächs. Chronik pag. 394, wo fälschlich 1182, wie in Engelh. ap. Leibn. II. 110 1179. Bothe Chron. Thur. Menken II. 1688, Ursin. ibid. III. 1271 und jüngere Chronisten.

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schon unter sich zu theilen gehofft, mußte Heinrich wohl erheben, und in seinem Hause, wo man seit der Aechtung mit Besorgniß und Bangen den feindlichen Rüstungen entgegengesehen, Freude und Jubel erregen *). Mit so reicher Beute, mit so angesehenen Gefangenen sah Braunschweig seinen Fürsten noch nie zurückkehren **). Zwei nahe Verwandte des Kaisers, der seine Länder vertheilt und ihn geächtet, waren der höchste Triumph für den stolzen Löwen. Und nicht bloß er selbst, auch die früher genannten Grafen, die bei Osnabrück über Heinrichs Feinde gesiegt, führten reiche Beute und angesehene Gefangene ***) mit.



Heinrich stand auf dem Gipfel seiner Größe. Doch leider! von ihr zum tiefen Abgrund führt ein Schritt. Nicht ohne Schuld ist er selbst dabei gewesen. Allzu herrisch drang er bei Adolf von Holstein auf Auslieferung seiner Gefangenen, und verwandelte einen getreuen und tapfern Anhänger in einen gefährlichen Gegner. Anstatt die Siege wider die alten Feinde zu nützen, den Bund der vom Kaiser aufgebrachten Fürsten zu trennen, ja Friedrich selbst, der noch ungerüstet dastand, zu überraschen,

*) Arn. a. a. O. Exaltatus est Dux die illa et factum est gaudium et exaltatio in domo ejus.
**) Eben daselbst. Reversus est Brunswig cum infinita turba captivorum et spoliis multis.
***) Der vornehmste der Gefangenen, Graf Simon von Teklenburg wurde von Heinrich hart behandelt, sogar in Kerker und Ketten gelegt, und erst nach einem strengen Eid der Treue entlassen. Den Eid brach Simon nicht; um so schimpflicher, daß früher sehr ergebne und von Heinrich mit Wohlthaten überhäufte ihren Herrn verließen. S. Orig. Guelf. lib. VII cap. 1. §. 86.

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mußte er nun gegen einen innern hartnäckigen Gegner sich wenden, den er zwar besiegte, doch der ihm Zeit und Kräfte raubte.



Im Jahre 1180 finden wir nach den erzählten Kriegsthaten keine andre mehr, weder von Seiten Heinrichs noch der seiner Feinde. Die Zahl dieser ward im folgenden Jahre noch durch einen seiner Vasallen vermehrt. Der Graf Bernhard von Ratzeburg war in den Verdacht gekommen, dem Leben des Herzogs Nachstellungen bereitet zu haben. War die Anschuldigung auch nicht ungegründet gewesen *), so erscheint es mindestens unklug von Heinrich, daß er in seiner Lage nicht lieber durch ein großmüthiges Verfahren seinen Vasallen entwaffnete, statt daß er durch Mißtrauen und nicht völlig erwiesene Anklagen denselben zum offnen Feinde machte. Und welch ein neuer Zeitverlust, wenn er erst Ratzeburg lange vergebens belagerte, dann zwar vom Grafen selbst gegen Freilassung die Veste erhielt, doch vom Neuem mißtrauend wider Gadebusch zog, von wo der Verfolgte glücklich zu Bernhard von Ascanien entkam, und als der erste den Schutz des neuen Sachsenherzogs wider den alten Lehnsherrn suchte **). Bald sollte Heinrich auch noch andre Vasallen von sich abfallen sehen, weil die Furcht vor dem Kaiser nicht durch die treue Anhänglichkeit an den Herzog, welche dieser selbst durch Mißtrauen, durch Härte und Strenge, durch stolze und ungerechte Behandlung geschwächt hatte, aufgewogen wurde.

*) Arn. II. cap. 33, wo die Vorfälle mit Bernhard erzählt sind, sagt: Quum ad objecta nihil digne praetenderetur, etc.
**) Später machte freilich der Herzog Bernhard durch Unklugheit den Grafen Bernhard, so wie andre Ministerialen und Lehnsträger des Herzogthums sich wieder zu Feinden.

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- Auch das wankelmüthige Glück entzog ihm da Freunde und Anhänger, wo er ihrer bedurfte. Wie der König Waldemar von Dänemark, Philipp von Frankreich und Philipp von Flandern nicht die erwartete Hiifleistung zusagten, ja den Bemühungen der kaiserlichen Unterhändler es gelang, mehr und mehr alle drei Fürsten in Friedrichs Interesse zu ziehen *), so verlor Heinrich durch den Tod noch zwei **) treue Freunde, den Fürsten Casimir von Pommern ***) und den Obotriten Prebislav ****). Die Nachfolger Beider suchten in der Freundschaft des Kaisers größre Ehre und reichern Gewinn.



Dem Herzog Heinrich Geringschätzung der Gefahr, in der er noch immer schwebte, oder Vernachlässigung seiner Staaten, oder gar Trägheit in seinen Rüstungen vorzuwerfen, widerspricht dem Bilde, welches aus den Thaten, den Gesinnungen, dem ganzen Leben des Mannes uns entgegenstrahlt. Er kannte Friedrichs energischen Sinn zu gut, und hatte ihn als Freund zu hoch geachtet, um nun als Feind ihn zu verachten. Allein er glaubte auch des Kaisers Sinn, sein rastloses Streben wider den Papst

*) Mit Waldemars Töchtern verlobte Friedrich vor Lübeck 1181 einen seiner Söhne - einige nennen Heinrich, andre Friedrich - und den Grafen Siegfried von Orlamünde, einen Enkel Albrecht des Bären. Doch nur bei Siegfried entstand aus dem Verlöbniß ein Ehebündniß; die andre Verbindung zerschlug sich später, vielleicht weil der Kaiser zu großes Heirathsgut gefordert hatte, das Waldemars Nachfolger nicht gesonnen war zu geben.
**) Auch in Heinrich von Kefernberg , der 1178 gestorben, hatte er viel verloren.
***) Chron. Mont. Ser. 1180 und Arn. II. cap. 31. Fälschlich nennt Saxo Gramm. ihn noch 1182 am Leben, oder Casimir hatte noch einen jüngern Bruder gleiches Namens.
****) Prebislav fand seinen Tod in einem Turnier, das Heinrich zu Lüneburg veranstaltet (zu Ende des Jahres 1180). Das Geschick rächte sich für den übergroßen Siegesrausch schon an den Siegesfesten.

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und die lombardischen Städte, sein Ringen nach unumschränkter Herrschergewalt erkannt zu haben; und unwahrscheinlich dünkte ihm, daß er dieses Ziel aufgegeben, um ihn zu vernichten, um in Teutschland eine neue Ordnung der Dinge einzuführen. Nicht lange, meinte Heinrich, könne Friedrich den Sieg der Kirche, die Freiheit der Lombarden ertragen; bald zöge es ihn wieder nach Italien; sein Zorn wider ihn sei nur Maske, oder werde der Ehrfucht weichen; der Kaiser wolle ihn nicht vernichten, weil er seiner bedürfe, und - fügte Heinrichs Stolz hinzu, - er vermöge es auch nicht, wie der bisherige Erfolg deutlich bewiesen. Daß Friedrich damit umgehe, selber ihn anzugreifen, ihm Baiern und Schwaben wegzunehmen, mochte er für wahr halten. Doch an Baiern, an allen südteutschen Besitzungen lag ihm nichts mehr. Bei günstiger Gelegenheit, wenn Friedrich in Italien stand, konnte er das Verlorne mit Gewalt wieder nehmen, oder den Kaiser zwingen, ihm wieder herauszugeben, was ihm einmal zuerkannt sey oder zu eigen gehöre. Jeden Angriff auf Sachsen aber mußte er zurück schlagen. Hier galt es sich stark und unangreifbar zu machen. Darauf allein war seine Sorge gerichtet, und mit gewohntem Eifer, mit Aufwand aller Kräfte, mit ganzer Strenge treffen wir ihn darum bemüht.



Mehr wie einen Angriff, einen Feldzug des Kaisers durfte er nicht befürchten. War dieser Sturm abgeschlagen, und seine Unbezwinglichkeit bekundet, so mußte der Kaiser seinen Plan ihn zu vernichten aufgeben, und ihn im Besitze Sachsens lassen. Denn woher sollte Friedrich neue Kräfte wider ihn aufbringen? Waren die erbitterten

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nordteutschen Gegner stark genug ihm Etwas anzuhaben? Hatte er nicht sie alle wiederholentlich bedrängt, geschlagen, ja zwei nahe Verwandte und mächtige Helfer des Kaisers gefangen? Oder sollte der Kaiser den Süden wider den Norden entbieten? Noch war keinem Kaiser solcher Kampf geglückt. Und brauchte Friedrich diese Kräfte vorerst nicht in den südlichen Ländern des Herzogs, dann zu neuen Kriegen in Italien? Oder konnte derselbe nach fast dreißigjährigem Kampfe, nach der Gesinnung, welche Heinrich stets bei ihm gefunden, Papst, Lombarden, Italien aufgeben? Noch immer stand der Erzkanzler Christian von Mainz, der rechte Arm des Kaisers, mit Kriegsmacht in Italien, gerieth 1180 in Gefangenschaft, was den Feinden Friedrichs, vor Allen den auf ihn und den Papst erbitterten lombardischen Städten neue Lust zum Kampfe gab. Es stand zu erwarten, daß die Letzteren nicht länger als bis zum Ablauf des Waffenstillstandes ruhig bleiben würden; ja wider befreundete Anhänger des Kaisers lagen sie schon zum Theil in sehr erbitterter Fehde. Nur bis 1183 brauchte Heinrich sich des errungenen Glückes zu erfreuen, und Friedrich war genöthigt, jedes Vorhaben wider ihn aufzugeben.



War also Sachsen zur Abwehr aller Feinde vorbereitet, so brauchte Heinrich nichts Andres zu unternehmen. Um sich in wirksamen Vertheidigungszustand zu setzen, wurden die Vesten des Landes verstärkt, Neue errichtet *), ein kriegserprobtes Heer umgab den Starken. Keinen

*) Besonders stark befestigt wurden Braunschweig, Lüneburg, Blankenburg, Haldensleben, Bardewik, Lübeck, Stade, Ertheneburg, und die den Grafen Adolf und Bernhard abgenommenen Sigeburg, Ploene, Ratzeburg. S. Arn. II. cap. 33, 34 und 36.

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hatte er zu scheuen, wenn nicht Verrath im eignen Lande ihn verdarb. Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, darf Heinrichs Verfahren wider Adolf von Holstein und Bernhard von Ratzeburg nicht so strenge beurtheilt werden, als es auf den ersten Anblick scheint. Weil allzu bedacht, allzu strenge, allzu wachsam Heinrich seine Rüstungen vornahm, beging er unbedachte, unzeitige, ihm selbst nachtheilige Schritte. Daß Zuneigung und Vertrauen jedem Landesfürsten wider überlegne Macht die stärkste Schutzwehr sind, wußte Heinrichs stolzer Sinn nicht. Durch Befehl, durch Strenge wollte er, wie als Feldherr im Lager, so als Oberherr im Lande, Gehorsam und strategische Macht erzwingen. Des Kaisers bald milde lockende, bald strenge drohende Sprache mußte bei Furchtsamen und Wankenden Heinrichs Maaßregeln untergraben, und ihn zu Falle bringen, ohne Schlacht gegen den Kaiser, ohne ihre Heeresmacht, ihr Feldherrntalent wider einander erprobt zu haben.



Denn mit ganz andern Waffen als Heinrich erwartet, hatte, führte der Kaiser den vernichtenden Streit gegen seinen Gegner. Während es Heinrich gewinnbringend seyn mußte mit offner Gewalt die noch nicht völlig gerüsteten, an erhaltnen Wunden darniederliegenden Gegner zu überfallen, zu verfolgen, zu vernichten, so hätte Friedrichs Vorhaben nicht zu so glücklichem Ende gelangen können, wäre er rasch und mit Heeresmacht in Sachsen eingebrochen. Auch er kannte die Beispiele Kaiser Heinrichs 4. und 5., und im Herzoge hatte er oftmals Gelegenheit gehabt, den muthigen Krieger, den klugen Feldherrn zu bewundern. Drei Jahre verweilte Friedrich bereits in Teutschland;

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schon seit 1178 hatte er seinen Unwillen gegen den Herzog blicken lassen, hatte Alles, was er selbst, was Andre an Klagen und Beschwerden gegen denselben vorzubringen wußten, auf Reichstagen und in Proclamationen dargethan, und war immer noch nicht mit der ihm selbsteigen zu Gebote stehenden Kriegsmacht, ja nicht einmal an der Spitze des von den sächsischen Fürsten zusammengebrachten Heeres im Felde erschienen. Schlau war dieß Alles berechnet. Nicht wie Heinrich 4. und 5. rief er die Fürsten des Reichs wider den Herzog auf; nicht dessen Unterthanen bedrohte er zu verderben. Er gab sich den Schein, als ob ihn die Fürsten zur Züchtigung und Demüthigung Heinrichs drängten, doch damit nicht Schuldlose mit dem Schuldigen litten, mußte er Milde, Bitten, Versprechungen gegen die sächsischen Vasallen, gegen das sächsische Volk anwenden. Schon sah er die Folgen mitten auf Heinrichs Siegeswegen. Das verderbliche Gift der Reichsacht, das Banden löset und Thätigkeit hemmt, der mehr und mehr aufflammende und dem Mächtigen verderbendrohende Zorn der Reichsfürsten, liessen den Kaiser mit Sicherheit auf befriedigenden Ausgang hoffen. Nachdem Baiern ohne Widerstand sich seinen Verfügungen zu Regensburg (am 26. Juni 1180) *) unterworfen, war er (Ende Juli) nach dem Norden zurückgekehrt. Bei Heinrichs Unthätigkeit nach Außen durfte er ohne Heer in Thüringen erscheinen, und in dem seiner Fürsten verwaisten **)

*) Chron. Reichersp. hat III. Kal. Julii. Noch am 13. Juli war Friedrich in Regensburg. S. Lünigs Reichsarchiv von Freisingen Nr. 39.
**) Auch Heinrich Raspe, der Bruder Ludwigs und Hermanns war 1180 gestorben. Chron. S. Petri ad 1180.

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Lande das Nöthigste anordnen. Auch Goslar und Halberstadt, die beide durch Heinrich viel gelitten, erhob er durch seine Gegenwart *) wieder. Darauf berief er die bereits gerüsteten sächsischen, östlichen und westlichen Fürsten des Reichs, die schon ungeduldig des Kaisers Befehl erwarteten, um in Heinrichs Land einzubrechen. Das aber lag noch nicht in Friedrichs Plan. Wie die großen Fürsten Sachsens sein Streben unterstützten, so sollten auch die kleinen Vasallen Heinrichs sich von ihrem Lehnsherrn abwenden. Schon jetzt eilten Manche, die Heinrichs Stolz erzürnt hatte, oder die beim Kaiser gleich den andren Fürsten Gewinn hofften, ihm entgegen, und übergaben ihre Vesten **). Noch mehr mußten gewonnen werden. Auf dem Hoftage zu Werl forderte Friedrich alle Vasallen des Herzogs auf, sich binnen gesetzter Frist (bis Martini 1180) dem Reiche zu unterwerfen. Er drohte ihren Ungehorsam an ihnen und ihren Ländern zu strafen ***), ihren Gehorsam mit der kaiserlichen Gnade zu lohnen. Darauf entfernte er sich aus dieser Gegend, nachdem er noch einige Burgen auszubauen oder neu zu errichten befohlen, um auch seinerseits feste Anhaltepunkte zu haben, wenn die Zeit zum Angriffe von Heinrichs sächsischen Landen erschiene, d. h. wenn alle herkömmlichen Formen

*) Wenigstens war er in der Pfalz vor Goslar, Werle, am 15. August nach den Annal Bosov. ad 1180, und am 16. im Halberstädtischen nach Senkenbergs Sammlung II. Urk. 7.
**) Arn. II. cap. 31 sagt: Multi ministerialium Ducis, qui ab incunabulis ab eo educati fuerant, et quorum patres sine omni contradictione ipsi servierant, ut Henricus de Witha, Lupoldus de Hertesburg, Ludolphus de Peina, et plures alii recesserunt ab eo.
***) Ann. Bosov. ad 1180: „ut ipsi et filii eorum jure hereditario abjudicarentur“.

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wider Heinrich beobachtet, des Kaisers Verfahren als das gerechteste von der Welt gepriesen, jeder Vorwurf des Eigennutzes beschwichtigt, viele durch die Acht geschreckt, andre durch lockende Belohnungen bestochen worden waren, und endlich nothwendig der Feind aus seinen noch treuen Burgen und Städten getrieben werden mußte.



In der That, man muß Friedrichs Besonnenheit, Thätigkeit und richtige Berechnung in allen Unternehmutigen wider den Herzog bewundern. Als er bald nach Martini in Erfurt erschien (16. November) *), war der Plan mit Heinrichs Vasallen, wie er es nur wünschen konnte, geglückt. Aus dem Süden und Osten des Herzogthums hatten zahlreiche Grafen und Herren sich und ihre Schlösser übergeben **); Heinrich war fast auf seine Erblande und die slavischen Eroberungen beschränkt, also auf die Länder, welche der Kaiser noch keinem zugesprochen, und wahrscheinlich sich selbst vorbehalten ***), wenn der Gegner es bis zum äußersten kommen ließ. Die gerüsteten Heere der sächsischen Fürsten hatten den Proclamationen des Kaisers Nachdruck gegeben, ausgeführt im Felde aber wohl nichts ****). Jetzt trennte sie der Winter. Heinrich

*) Lindenbrag scrpt. rer. septentr. 168. Westphal. mon.III. 1030.
**) Chron. Mont. Ser. ad 1180 führt ihre Namen an; Chron. Ursp. giebt, ihre Zahl 16 an. Arn. und die Orig. Guelf. a. a. O. setzten die Begebenheit um ein Jahr zu spät. »
***) Die Reichsgüter in Niedersachsen waren unbedeutend oder fast gar nicht vorhanden. S. Wersebes Gauen an verschiedenen Stellen. Die braunschweigischen Lande waren ein guter Erwerb; die Slavenländer gaben dem Kaiser selbst eine Basis zu neuen Eroberungen,·die bis dahin immer nur von Reichsfürsten aus eignen Mitteln, und zu eignen Vortheil gemacht waren.
****) Chron. Ursp. ad A. 1175 erzählt freilich. Coloniensis Philippus et Mogunciensis et Landgravius de Thuringia infra unum mensem de castris ipsius (Ducis), firmissimis sicut relatu didici, XVI. expugnarunt, et ipsum de terra usque Brunswig expulerunt. Das Factum kann nur auf 1180 gehen. Wie aber steht es mit den Personen? Christian von Mainz war in Italien vom Markgrafen von Montferrat, Ludwig von Heinrich gefangen, Philipp seit dem Abzuge von Haldensleben 1179 nicht in Sachsen vorgedrungen. Welche Irthümer von einem Zeitgenossen! denn als solcher findet er sich kurz zuvor an (qui Bernhad Dux etiam usque ad tempora nostra supervixit). Die 16 Burgen sind wohl die von den Vasallen freiwillig übergebnen.

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hatte unterdeß die Fehde mit Adolf von Holstein beschäftigt. Die Veste Haldensleben vertheidigte nach wie vor Bernhard von der Lippe, und da Wichmann und die ostländischen Fürsten durch die Einbrüche der Slaven von Unternehmungen gegen Haldensleben abgehalten waren, so fiel auch hier nichts von Bedeutung vor, es sey denn, daß die Besatzung selbst Streifereien in das Gebiet von Magdeburg machte.



Das Jahr 1181 endlich war vom Kaiser zu großen Unternehmungen gegen Heinrich bestimmt. Jetzt, nachdem er größere und kleinere Verbündete wider Heinrich an sich gezogen, nachdem er in seinem Lande durch die übergebnen und die selber angelegten Vesten Harzburg - einst als kaiserliches Besitzthum Heinrichs 4. so verhaßt – und Bischoffsheim auf dem Hoppelberge bei Halberstadt - das schon von Bischofs Ulrich angefangene und dem Herzog so gefährlich dünkende Werk *) - festen Fuß gefaßt; nachdem in ganz Teutschland die Fürsten, in Italien selbst der Papst für seine Sache gewonnen **),·,jetzt durfte er

*) Chron. Mont. Ser. ad 1180. Arn. II. cap. 32 ist über Harzburg weitläufig.
**) Wenigstens schwieg der Papst und seine Legaten. Der schlaue Kaiser wußte die Sache so sehr zur Reichsangelegenheit zu machen, daß Fürsten und Prälaten als erbitterte Feinde wider Heinrich auftraten. Was vermochte da der Papst einzuwenden, selbst wenn er es gewollt? Diese kluge Politik gab allen Unternehmungen Friedrichs Nachdruck, ihm Vertrauen und kaiserliches Ansehen. Wären nur die Gegenstände letzerm nicht so nachtheilig gewesen!

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in offnem Felde dem nie Besiegten die Stirn bieten. Nach allen getroffnen Anstalten war der Löwe schon umstrickt, so das; kaum die kühnsten Sprünge ihm nützen konnten. Nicht Waffen, kluge Maaßregeln beugten ihn.



Noch verweilte der Kaiser im Süden Teutschlands, wo er ein Heer von Baiern und Schwaben zum Kriege wider Heinrich sammelte, als schon (im Februar) die sächsischen Fürsten, von Wichmann angeführt, vor Haldensleben zogen und ihrerseits Alles aufboten, die Veste einzunehmen, wie andrerseits Bernhard von der Lippe nichts zu ihrem Schutze verabsäumt hatte. Leider brachte, was als Schutzwehr dienen sollte, ihm selbst Verderben. Nicht zufrieden mit den dreifachen Mauern und dem Marschboden, der rings die Stadt umgab, hoffte er jeden Angriff unmöglich zu machen, wenn er durch die beiden Flüsse Ohre und Bibra (Bivera), die sich unterhalb der Stadt vereinten, die Sümpfe in einen See verwandelte. Eines hatte er übersehen: den zu starken Zufluß des Wassers zu verhindern. Wichmann ließ einen Damm bei dem Zusammenfluße von Ohre und Bibra ziehen. Ein kühnes Werk! In weniger als vier Monaten war es vollendet. Das Wasser oberhalb Haldensleben staute empor und drang ringsum in die Stadt ein, wo die Bewohner und die Besatzung sich in die obern Stockwerke und auf die Dächer der Häuser flüchteten. Auf Schiffen drang nun das Belagerungsheer gegen die Mauern. Da die Gefahr von Stunde zu Stunde wuchs, und keine Hoffnung zum Entsatz sich zeigte, konnte Bernhard die Uebergabe der Stadt nicht verhindern. Er bedung sich und seiner Besatzung freien Abzug aus, den er erhielt; wahrscheinlich,

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weil die Belagrer schon durch vier Monate ermüdet waren, und ihnen an der Stadt, aber nichts an Heinrichs Kriegern lag. Die armen Bewohner, die in den wiederholten Belagerungen der Drangsale soviel erduldet, sahen ihre Stadt von Grund aus zerstören *). Schlechter Lohn für ihre Treue! Wer sollte den auch zahlen? Heinrich? - Dem nahte selbst der vernichtende Schlag.



Bald nach der Eroberung Haldenslebens zog der Kaiser mit seinem Heere nach Sachsen. Verabredetermaaßen trafen die Fürsten mit ihren Schaaren ein. Umsichtig und schnell vertheilte Friedrich dieselben vor den Hauptvesten Heinrichs: Blankenburg, Braunschweig, Bardewik, Lüneburg, während er selbst, von vielen Fürsten und Geistlichen begleitet, am linken Ufer der Elbe hinunterzog **).



Wie wenig Heinrich sich auf seine Burgen und deren Befehlshaber verlassen konnte, war ihm schon in vorigem Jahre deutlich geworden. Ein schnödes Beispiel begegnete ihm jetzt. Als er mit einem Theile der Besatzung Ratzeburg verließ, um sich nach der Elbe zu begeben, ereilte ihm noch auf dem Wege die Nachricht, daß die Anhänger des vertriebnen Grafen Bernhard den Rest von Heinrichs

*) Am ausführlichsten beschreiben die zwei Belagerungen von Haldensleben (1179 und 1181, wie die Jahre wohl am richtigsten zu setzen sind) Chron Mont. Ser. ad 1181. Arn. II. 34. Annal. Bosov. ad 1181. Chron. Vet. Cell. ad 1181. Nur an der ersten konnte Ludwig von Thüringen Theil gehabt haben. Daher sind die Worte Orig. Guelf. a. a. O. §. 87. Henricus praecipue succensus erat (nämlich gegen Ludwig) quod is copiis praefuisset, quae Haldeslebiam ceperunt superiori anno, (also 1177) die auf die hist. de Landgraviis cap. 24 gestützt sind, dahin zu beschränken, daß der Herzog dem Landgrafen gezürnt, weil dieser überhaupt an der Belagrung Heinrichs Theil gehabt, besonders aber, weil er den Cölner auf dem Rückzuge beschützt.
**) Arn. und Annal. Bos. a. a. O.
Neue Jahrb. 2r Jahrg. VI.            34

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Besatzung aus der Stadt gejagt, und sich in Besitz derselben gesetzt. Diese Verrätherei zu strafen, zog Heinrich die Besatzungen von Sigeburg und aus dem Holsteinischen zusammen, und wollte gen Ratzeburg aufbrechen, als er den Anmarsch des Kaisers erfuhr. Er hatte denselben noch vor Braunschweig geglaubt, und gehofft, daß die Festigkeit jener Stadt die Kraft der Belagerer brechen werde. In der That hatte des Kaisers Heer der stark ummauerten und reich versorgten Stadt Nichts abgewinnen können, und Philipp von Cöln nach seiner Weise nur durch Brand und Raub in der Umgegend sich bemerkbar gemacht *). Den Herzog selbst zu fangen oder zu demüthigen war Friedrichs Wunsch. Genug der Vesten waren in seiner Gewalt. Es genügte Braunschweig und Lüneburg beobachten zu lassen. Er nahte dem Hauptfeinde. Dieser hatte Anfangs beschlossen dem Kaiser auf dem rechten Elbufer zu begegnen, und ihm den Uebergang zu wehren. Zu spät! Friedrich war herüber; der Herzog schloß sich auf den Rath seiner Getreuen in Ertheneburg ein. Sich lange darin gegen die Uebermacht der Belagerer zu halten, war unmöglich. Aber diesen sollte keine wehrhafte Veste zu Theil werden. Heinrich zündete Ertheneburg an, und setzte mit Mühe auf einem Fischerkahn nach Stade über.



Der Kaiser folgte ihm nicht, sondern wandte sich gegen das wichtige Lübeck; zugleich auch um mit Waldemar und den Fürsten Pommerns in nähere Verbindung zu treten. Waren doch sie dem Herzoge die Gefährlichsten als Feinde, so wie als Freunde die Einzigen, die

*) Orig. Guelf. a. a. O. §. 94. und die dort angeführten Quellen.

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ihn hätten halten können. Letzteres mußte Friedrich verhindern, Ersteres zu bewirken Alles aufbieten. Und seine Pläne glückten. Waldemar und seiner eitlen Gemahlin Sophia schmeichelte es, mit dem Kaiser in eine nahe Verbindung durch Verlöbniß ihrer Tochter mit einem kaiserlichen Prinzen zu treten *). Die Pommernherzoge erhielten mit Zustimmung des Dänenkönigs die Belehnung als teutsche Reichfürsten. Die dem Herzog zwar ergebene, doch noch mehr auf ihre Wohlfahrt bedachte Stadt ergab sich dem Kaiser, als Heinrich sich für unfähig erklärt, ihr neue Hilfe zu schicken. Lübecks Wichtigkeit erkennend, verabsäumte Friedrich nicht ihm manche Freiheiten zu geben, und es zu der ersten aller nordischen Reichsstädte zu erheben **). Das schmeichelte ihren kaufmännischen Bewohnern. So hatte der Herzog auch sie, die er gleichsam neu begründet ***), für deren Aufblühen er Alles gethan, verloren.



Während der Kaiser vor Lübeck lag, hatte Heinrich Stade mit neuen Befestigungen umgeben ****). Die Stadt konnte nun eine lange Belagerung aushalten, und Heinrich im schlimmsten Falle zu Wasser entfliehen.




*) Schon in einer frühern Anmerkung war davon die Rede.
**) Friedrichs geänderte Gesinnung und Politik erkennt man hier vor Lübeck. Im Triumph ließ er sich von Bürgern einführen! Ueber die Privilegien der Stadt s. Arn. II. 35 und Heinrich de primordiis urbis Lubic. cap. 7 und 8. Herman Cornes 732 ut amplius caput essent omnium civitatum maritimarum, et quod consulatus eorum aurum deferre posset, et eo uti, ut milites etc.
***) Durch Adolf v. Holstein. S. Helm. I. 57.
****) Gunzelin von Schwerin betreibt das Werk, aber in seiner harrschen Weise mit vieler Willkür und Härte gegen die Einwohner und namentlich gegen das .Kloster B. V. Mariae, dessen Thürme er niederreißn ließ. Darum fügt der fromme Abt Arnold lib.II. cap. 36 hinzu: sed majorem ruinam per die vindictam operantur.
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Auch dießmal betrogen Friedrichs nächste Unternehmungen Heinrichs Voraussetzung. Nicht vor Stade zog jener, vielmehr lagerte er vor Lüneburg, das er schon einmal, bevor er Heinrich verfolgte, eingeschlossen, doch entweder aus Schonung für die dort im Wochenbette liegende Herzogin, oder weil er Verzug scheute, wieder verlassen hatte. Jetzt war ihm Nichts mehr zu thun übrig als die Hauptvesten einzunehmen, da der Herzog noch durch die vielen Verluste nicht nachgiebig geworden. Weder eigne Unterhandlungen noch Verwendung durch Andre waren ihm Ernst gewesen, und an der Gnade und Milde des Kaisers so wenig gelegen, daß er dessens nahe und werthe Verwandte Ludwig und Hermann von Thüringen, die Anfangs in milder Haft zu Lüneburg gelebt hatten, jetzt in strengerm Verwahrsam auf Sigeburg festhielt *). So mußten die jungen Fürsten, denen des Kaisers Freundschaft die Aussicht zu einer glänzenden Laufbahn erschlossen, schon ins zweite Jahr ihre Gefangenschaft dulden. Das fromme Gemüth Ludwigs suchte im Gebet Trost, und seinem Schutzheiligen Georg vertrauend, gelobte er demselben in seiner Hauptstadt Eisenach eine Kirche zu erbauen, sobald er die Freiheit erlangen würde **). Durch des Kaisers zweite Belagerung von Lüneburg ward endlich der Gefangenen Befreiung herbeigeführt, und zugleich des Herzogs Sinn gebeugt.



Wie Friedrich vorausgesehen, war Lüneburg der verwundbarste Fleck für Heinrich. Dessen Weib und Kinder umschloß die Veste. Lieber wollte er selbst sich beugen,

*) Arn. II. cap. 34.
**) Das Gelübde erfüllte er im Jahre 1182.

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als sie in des Kaisers Gewalt wissen und an ihnen vergelten sehen, was er an den thüringer Fürsten gethan. Zum erstemal kam es Heinrich in den Sinn, des Kaisers Gnade anzusprechen. Sie für ihn zu erbitten schien Niemand geeigneter als Ludwig und Hermann. Er sandte nach den Gefangnen, erklärte sie für frei, wenn sie eidlich gelobten, den Kaiser zur Milderung seiner Reichstagsbeschlüsse zu bewegen. Bereitwillig gingen jene darauf ein, und sie scheinen redlich erfüllt zu haben, was sie versprochen. Für sie selbst wäre in der Fortsetzung des Krieges, der ihnen zu mancher Waffenthat noch Gelegenheit und ihrer Rache für erlittne Schmach Befriedigung, gewährt, größrer Gewinn zu hoffen gewesen.



Dem Kaiser konnte Heinrichs Bitte, zumal durch zwei liebe Verwandte gestellt, deren Gefangenschaft er, wie ganz Teutschland *), tief betrauert, und zu deren Befreiung er sich vielleicht das erstemal - doch weil die Fürsten schon entfernt worden vergebens - auf Lüneburg
geworfen; dem Kaiser mußten die Vermittler willkommen seyn, da dieselben ihm die Versicherung brachten **), daß endlich der stolze Sinn seines Gegners gebeugt, und er bereit sey, ihm die Entscheidung über sein künftiges Geschick zu überlassen. Was indeß Friedrich mit den Fürsten des teutschen Reichs begonnen, mußte er nun auch mit

*) Chron. S. Petri ad 1180 sagt bei der Gefangennehmung Ludwigs: non tantum Thuringiae, imo toti rei publicae tristitiam relinquens de sua merito dolenda captione.
**) Nach Arn. II. cap. 36 scheint Heinrich schon vor Ludwig und Hermann andre Unterhändler abgeschickt zu haben, die jedoch nur ein erzürntes Antlitz des Kaisers sahen. Aus der Freigebung der Thüringer erkannte Friedrich, daß es dem Herzog Ernst mit der Unterwerfung sey.

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deren Mitwissen und Beistimmung vollenden. Es galt auch jetzt noch klug zu handeln, um so empörte Gemüther in Zaum zu halten, längst gemachte Versprechungen zu erfüllen, und doch die ganze Lösung in eigner Hand zu behalten. Zuerst zog er, so scheints, die Erzbischöffe Wichmann und Philipp zur Berathung. Es gelang ihm nach Zusicherung dessen, was ihnen versprochen, sie dem Herzoge versöhnlicher zu stimmen. Diesem selbst wurde sichres Geleit gegeben, und ein Hoftag zu Quedlinburg gesetzt. Denn dorthin begab sich Friedrich, dem an Lüneburgs Eroberung jetzt weniger gelegen, da der Herzog selbst sich gebeugt hatte. Auch Stade ward bald nach Heinrichs Abzuge von Siegfried von Bremen, dem diese Stadt zugesichert, eingenommen *).



Wie eifersüchtig jeder der Feinde Heinrichs das ihm Zugesicherte forderte, und wie wenig die Demüthigung des Herzoges, die den Kaiser versöhnlich stimmte, ihr Mitleid erregte, ersah Friedrich bald. Noch durfte er an eine Ausgleichung Heinrichs und der Fürsten nicht denken. Vor Allem stand Bernhard, der neue Sachsenherzog, dem hemmend entgegen. Auf das zu verzichten, was dem Anhaltiner versprochen, konnte Heinrich am Wenigsten bewogen werden. Noch vor dem festgesetzten Tage zu Quedlinburg erhob sich der heftigste Zwist zwischen beiden Herzogen,
und Friedrich hielt nicht für gerathen, Heinrich schon vor sich und den Fürsten des Reichs erscheinen zu lassen. Nach Erfurt wurden beide Theile zu einem neuen Tage beschieden

*) Philipp von Cöln hatte von Braunschweig her, das er beobachtete, ihm Beistand geleistet, gegen eine Summe von 600 Mark S. Arn. II. Cap. 36.

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Heinrich war nicht mehr im Stande, durch Gewalt Etwas zu erringen. Als er Stade verlassen, hatte er sich selbst aufgegeben. Dem Kaiser die Ausgleichung anheim zu stellen, blieb ihm allein noch übrig. Friedrich scheint bis zu dem neuen Reichstage mit den Fürsten unterhandelt und sie zu den einigermaaßen großmüthigen Bedingungen bewogen zu haben, unter denen Heinrich zu Erfurt Verzeihung erhielt. Denkt man den Haß und die Begierde der Fürsten, so kann in der That der Ausspruch zu Erfurt nicht anders als großmüthig genannt werden, wie sehr er auch die Seele Heinrichs durchschnitten haben mag.



Eingeführt vom Erzbischoff Wichmann erschien zu Erfurt *) der Herzog vor dem Kaiser und den zahlreich versammelten Fürsten. Peinliche Gefühle mochten in der Brust aller Anwesenden, vornehmlich aber in Heinrich und dem Kaiser sich regen. Welch ein Unterschied zwischen jetzt und damals, als der Kaiser fußfällig als Freund gebeten, was er als Herr nicht mehr im Stande gewesen, dem mächtigen Reichsvasallen zu gebieten, und nun, wo, ganz der Gnade Friedrichs überlassen, Heinrich erwartete, was über ihn beschlossen worden! Wohl lange gerungen mochte seine Seele haben, ehe er soweit seinen Stolz gedemüthigt. Zu Erfurt geschah, was geschehen mußte, äußerlich mit Ruhe, wenn auch in seinem Innern ein Vulkan gähren und flammen mochte. – Alter

*) Chron. S. Petri ad 1181. Circa festum S. Martini. Chronogr. Weingart. apud Hess pag. 64, und Anonym. Weingart. ib. pag. 50, infra festum S. Galli et S. Martini, also zwischen dem 16. October und 11. November. Das Jahr 1181 ist nicht zu bezweifeln. Vergl. Böttiger pag. 376 und Anm. 430.

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Brauch erheischte, daß der Geächtete einen Fußfall vor dem Kaiser that, daß dieser den Knieenden aufhob, aus der Acht sprach und ihm den Versöhnungskuß gab. All das geschah auch zu Erfurt. Darauf folgte die Kundmachung des Beschlusses, den das Reichsoberhaupt und die Fürsten über Heinrich gefaßt. - Von Allem, was der Herzog besessen *), blieb ihm nichts als seine Erbländer Braunschweig und Lüneburg, und was seiner Gemahlin Mathilde als Morgengabe angehörte. Drei Jahre sollte er auch diesen Besitzungen den Rücken kehren, und zwar bis zu Anfang des Sommers 1182 teutschen Boden geräumt haben, den er nur auf Einladung des Kaisers innerhalb der Verbannungszeit ungestraft betreten dürfe. - Das war ein harter Spruch! und doch, durch die Reichsacht, durch Versäumniß binnen Jahresfrist sich daraus zu lösen, hatte er nach strengem Recht auch die Erbgüter verscherzt.



Unter den Fürsten, die nach seinen Ländern begierig verlangten, war wohl Keiner, der nicht auf strengen Rechtsgang bestanden hätte, wenn nur der Kaiser jetzt noch so strenge Beobachtung des Gesetzes gewünscht. Auch nicht Einer von allen Reichsfürsten sprach für Heinrich. Die Freunde, die er zählte, waren nur in seiner nächsten Umgebung, treue Vasallen, ohne Stimme auf dem Reichstage, oder entfernte Fürbitter, wie sein Schwiegervater,

*) Besitz und Verlust stellt in der Größe ihres Abstandes am Prägnantesten dar, was man in Annal. Boj. lib. VI. am Ende liest. Heinricus potentissimus haud dubie omnium Europae secundum Caesarem atque Reges principes, ut, qui a sinu pene Hadriatico ad sinum Codanum Oceanumque Germanicum Bojis, Suevis, Rhaetis, Vindelicis, Noricis, Caucis dominabatur, uno anno tam levi momento, urgente, eum parentis fato, omnibus vicis, castellis, civitatibus, oppidis, quae amplius centum possedit, genitali solo patriis Penatibus exactus etc.

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der König von Frankreich, der Papst alle drei durch Umstände verhindert, mit Nachdruck Heinrichs Schicksal erleichtern zu können *). Wenn Heinrich, der Reichbegüterte, aus dem Schiffbruche noch Etwas gerettet, wem Anders als dem Kaiser hatte er es zu danken?



Was Friedrich dem Herzog an Ländereien ließ ,war in der That nicht unbedeutend, und konnte in bessrer Zukunft erweitert werden **). Mehr ihm zu lassen, war er durch die Fürsten behindert, es sey denn: er ließe, den Zwang der vielen Kleinen zerreißend, dem früher Begünstigten und nun Gedemüthigten - großmüthig Alles, und wagte noch einmal das Spiel, das er einmal schon verloren. Gewiß Friedrich konnte es, und Heinrich mochte, als er sich ihm ergab, die Hoffnung gehegt haben er werde es thun. Sein Ehrenwort: alle Unternehmungen des Kaisers nach bester Kraft zu unterstützen, hätte diesem als Bürgschaft genügt. Aber die Fürsten waren es, die jede Ausübung von Großmuth Friedrich,

*) Die Zeit der Verbannung von 7 auf 3 Jahre herabzusetzen, mochte (nach Roger Hovedens Excerpta ap. Leibn. I. 876) das Einzige seyn, was sie erreichten, wenn nicht auch diese Milderung eine Großmuth Friedrichs genannt werden darf. Wer hätte ihm größere Strenge verwehren wollen oder können? Allein durch die teutschen Fürsten gebunden war der Kaiser, und die drangen wohl nicht auf die Verkürzung des Exils.
**) Arn. II. cap. 36: Ut patrimonium suum, ubicunque terrarum fuisset, sine omni contradictione liberrime possideret. Und von Heinrichs Erbgütern sagt Helmold II. 6. Possedit haereditatem multam nimis. Praeter hereditatem enim progenitorum magnorum Lotharii Caesaris et conjugis ejus Richenzen multorumque Ducum Bavariae atque Saxoniae accesserunt ei nihilominus multorum principum possessiones. Die Theilungsacte der Söhne nach Heinrichs Tode beweist, was sie noch besassen, oder worauf sie nach Friedrichs Ausspruch wenigstens Anspruch machen konnten. Denn schwierig wars Erb- und Lehngut zu sondern. Namentlich mit Bernhard von Sachsen gab es deßhalb noch blutige Händel.

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jeden Strahl der Hoffnung Heinrich benahmen. Die Macht Eines war keine drohende Gefahr des Kaisers mehr, ihn beengte der Eigennutz, die Habsucht, die Ansprüche Vieler. Diese waren früher die Ursache gewesen, warum er seine Absicht mit jenem nicht erreichte; sie waren jetzt noch mehr die Ursache, warum nicht er und keiner seiner Nachkommen Teutschlands Thron zum Herrschersitz Europas erheben konnte. Wie weise, wie nothwendig, wie natürlich erscheint nun Friedrichs früheres Freundschaftsverhältniß zu Heinrich; wie fern vom Ziele steht er jetzt, als er die allein helfende Macht zertrümmert. Sein Triumph gleicht dem auf den Trümmern der selbst zerstörten Vaterstadt! Nothwendigkeit hatte ihn zum Kampfe, wie zum Zerstören seiner schönsten Hoffnungen gezwungen. Den Willen, ja nur den Gehorsam so vieler Fürsten, die jetzt mit dem Verlangen nach Selbstständigkeit, mit den Ansprüchen an des Kaisers Dankbarkeit und Willfährigkeit erstanden, seinem Streben unterzuordnen, war schwieriger als Einen durch Freundschaft an sich zu ketten. Was mit dem Einen mißlungen war, konnte abhängig von so Vielen nimmer gelingen. Heinrich 6., Friedrich 2., Konrad 4. haben es bitter erfahren, was ihr großer Vorgänger durch Zerstückelung Teutschlands veranlaßt. Friedrich Barbarossa seit dem Bruche mit Heinrich dem Löwen gab
mit Bewußtseyn, und darum auch mit Schmerz den Plan auf , das Kaiserthum über alle Throne und alle Gewalten zu erheben; er suchte zu retten, was möglich war, und sein imponirender Herrschergeist hielt noch ein Ansehen aufrecht, das bei minderer Größe, ja schon im Zeitenlaufe schwinden mußte.

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An der Großmuth und Aufrichtigkeit Friedrichs gegen den gedemüthigten Heinrich kann nur zweifeln, wer die vorgefaßte Abneigung gegen jenen soweit getrieben, daß er selbst jede menschliche Regung dem einmal Verdammten abspricht; oder wer Zeugnisse alter Chronisten und Geschichtschreiber mißbraucht und entstellt, um sie zu willkührlicher Deutung zuzustutzen. Was Zeitgenossen oder solche, die den Begebenheiten jener Tage nicht allzufern standen, über den Reichstag von Erfurt berichten, genügt - wenn man nicht die Mangelhaftigkeit aller Scribenten des 12. und 13. Jahrhunderts im einzelnen Fall für absichtliches Verbergen deuteln will - vollkommen, um uns über des Kaisers und der Fürsten Benehmen gegen Heinrich aufzuklären. An Bernhards von Ascanien Hartnäckigkeit wider Heinrich war der Hoftag zu Quedlinburg gescheitert. Bernhard gehörte nicht zu den habgierigsten und erbittersten Feinden des Herzogs, wenigstens gab keiner der andern Fürsten mehr in seinen Ansprüchen an die Ländereien des gerichteten Heinrichs nach. Die meisten von ihnen hatten sich schon in Besitz des ihnen Zugesprochenen gesetzt. Was konnte der Kaiser für Heinrich thun, wollte er nicht die Beschlüsse so vieler Reichstage umstoßen, ja sein eigen Wort, das er bisher auch durch die That bewährt, zu Gunsten des frühern Freundes Lügen strafen? Wie die Fürsten für ihn, hatte Friedrich für die Fürsten sich erklärt *). Diese Verpflichtung ließ

*) Das sieht auch Arn. II. cap. 36 ein. Auf sein Zeugniß legt Luden XI. S. 441 und 687 Anm. 38-40. das meiste Gewicht, um dem Leser zu beweisen, daß die Begebenheiten in Erfurt absichtlich verdunkelt seyen, um den Kaiser nicht zu compromittiren. In Arnold glaubt enden den Beweis zu finden, wie wenig edel Friedrich sich benommen. Ueber die Thränen Friedrichs macht Arnold folgende Bemerkung: num verae fuerint, ambigitur; nam videtur eum vere non fuisse miseratum, quia ad statum pristini honoris eum restituere non est conatus. Sah der gute Abt nicht ein, daß dieß unmöglich? Kann nicht nur ein dem Herzoge ergebner Schriftsteller da, wo er des verehrten Mannes Fall und Demüthigung erzählt, in solchen ungerechten Tadel über den Kaiser ausbrechen? Arnold ist auch ehrlich genug dieses zu erkennen. Er·setzt sogleich hinzu: Quod tamen propter jusjurandum ad praesens facere non potuit. Freilich meint Luden Anm. 40 diese Worte seyen nur das Urtheil des guten Abtes. Ich dächte es genügte, daß der gute Abt seine Uebereilung eingesehen!

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ihn für Heinrich nichts thun, als die Länder ihm zusprechen, die noch an keinen Reichsfürsten vertheilt waren, und von denen vorher bemerkt worden ist, daß sie wahrscheinlich Friedrich selbst eine Basis seiner Macht für Nordteutschland und die Slavenländer abgeben sollten. Indem er die eigne Beute fahren ließ, setzte er zum zweitenmal eine Hoffnung auf Heinrich. Dieser und sein Haus sollten nun für den Norden ihm werden, was er einst für den Süden, ja für das ganze römisch-teutsche Kaiserreich dem Freunde anvertraut. Diesen Freund in Heinrich hatte er, so bewies es sein Benehmen zu Erfurt, noch nicht verloren gegeben; ihm schenkte er Alles, was der Freund vom Freunde verlangen durfte. Seine Gefühle waren in den Vertrag mit den Fürsten nicht einbedungen.



Daß aufrichtige Theilnahme an Heinrichs Geschick, welches dieser unfehlbar selbst herbeigeführt, dem Kaiser Thränen entlockte, als er zum erstenmal den Stolzen gedemüthigt zu seinen Füßen erblickte, als die alten Gedanken lebendiger auftauchten, wie er einst den Herzog erhöht, wie er mit dessen Vernichtung zugleich die seiner eignen Größe herbeiführen mußte, und endlich wie er nun

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nicht einmal im Stande war für den frühern Freund etwas recht Kaiserliches und der Majestät Würdiges zu thun? Das können keine falschen Thränen, keine erheuchelten Thränen gewesen seyn, die mit Friedrichs Seele so ganz in Einklang stehen mußten. Damit zweifeln heißt „an der Menschheit heiligster Beglaubigung“ zweifeln. Oft macht Theilnahme für den Unglücklichen gegen den Glücklichen ungerecht. Dennoch geht kein Geschichtschreiber jener Zeit soweit, den Kaiser niedriger Gesinnung zu zeihen. Die meisten vielmehr erkennen, daß Heinrich Alles, was er behielt, der Gnade und Großmuth Friedrichs verdankte.



Wie sehr die Fürsten die Großmuth Friedrichs gefürchtet, ersieht man aus dem Schwure, den Friedrich ihnen gethan: Heinrich niemals in seine frühere Gewalt wieder einzusetzen *).- Sollte Friedrich für sich diesen Eid gefordert haben? - Etwa, um die Fürsten zu beunruhigen? — War es dieß letzte, so liegt darin, daß die Fürsten in solchem Eidschwur des Kaisers die einzige Bürgschaft suchen konnten, daß nicht der Verhaßte wieder emporkäme. Allein dieser Eid genügte ihnen noch nicht. Besaß doch der Herzog in dem, was ihm geblieben, noch eine gefährliche Macht **). Waren doch die neuen Herren in ihrem Besitzthum noch nicht fest, und fanden darin viele Unzufriedene, die dem alten Herren zugethan blieben. Auch wo er früher gleichgültig, beneidet, ja selbst gehaßt gewesen, konnte Heinrich nach seinem Fall die Gemüther zur Theilnahme und Hilfeleistung gewinnen! Vor Allem war des Kaisers altfreundschaftliche Gesinnung für

*) Arn. a. a. O. Iuravit eis Imperator per thronum regni sui nunquam se eum in gradum pristinum restauraturum.
**) Albericus in seinem Chronicon apud Leibn. access. histor. II. pag. 400 sagt, dass auch die Slavenländer Heinrich behalten. Alb. Cranzius lib. VI. 45 bezeichnet die gelassenen Erbgüter in Sachsen also; Remanserat Heinrico major Saxoniae pars, quam illum materna successione contigerat, omnis nempe ducatus Brunswicensis, Gottingensis et Eimbeccensis, qui nunc dicitur Transsilvanus.

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den Herzog den Fürsten gefährlich. Nur Entfernung des noch im Sturze Gefürchteten konnte beruhigen. Sieben Jahre Verbannung war gewiß der erste Vorschlag der Fürsten. Ob der Kaiser aus eignem Antrieb oder durch Andre bewogen den Spruch gemildert? Gleichviel! Er war es, der die Zeit von Heinrichs Entfernung auf drei Jahre herabsetzte, und sich das Recht vorbehielt, auch während der Zeit den Herzog zu sich laden zu dürfen.



Von Erfurt begab sich Heinrich zu den Seinen nach Lüneburg, ordnete, so viel er konnte, noch in seinen Erblanden, die gleich dem ganzen Herzogthum Sachsen durch den Krieg entsetzlich gelitten hatten, und trat um St. Jakobi des Jahres 1182 seine Wandrung an. In der Normandie, dann in England fand er, die Seinen und alle Getreuen, die ihn in der Verbannung auch nicht verlassen wollten, eine gastfreundliche Aufnahme. Einst sollte ja seinen Nachkommen Englands Thron und unter ihnen diesem der Ruhm zu Theil werden, in allen Welttheilen Unterthanen zu zählen, allen Völkern seinen Namen gefürchtet zu machen.



Friedrich aber nach der Vernichtung des mächtigen Löwen hatte Nichts als - diesen Ruhm erlangt, und dadurch Tentschlands Einheit und die Macht des Kaiserthums vernichtet. Wie jenes in Heinrich eine concentrirte Kraft, so hatte dieses in eben demselben den starken Pfeiler seiner Größe verloren. Auf dessen zertrümmerten Stücken fand nicht der Hohenstaufen, noch irgend ein Kaiserhaus der Folgezeit sichre Basis, feste Haltung. In Nordteutschland war es dem Hause Hohenzollern vorbehalten, dereinst eine Macht zu begründen, die eine dauernde, aber freilich von Südteutschland abgelösete Selbstständigkeit erhalten hat, und nicht den ganzen Norden vereint, sondern auf einer langgestreckten, schmalen Länderkette vom äußersten Nordosten bis zum äußersten Nordwesten Teutschlands basirt ist.




Veröffentlicht in:
Neue Jahrbücher der Geschichte und Politik 1839
Herausgeber: Friedrich Bülau
dritter Artikel S. 481 – 542 (Juni 1839)
„Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die teutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander.
Dritter Abschnitt: Die Verhältnisse Friedrichs und Heinrichs seit dem Bruche ihrer Freundschaft bis zu des Letztern Aechtung (1176-80)
Vierter Abschnitt: Die Achtsvollstreckung durch Friedrich und die nordteutschen Fürsten (1180 und 1181)“
Von D. Gervais in Königsberg
J. C. Hinrichsche Buchhandlung Leipzig

 

 

 

Heinrich der Löwe und Byzanz

Braunschweigischer Geschichtsverein

Wie ein König empfangen


Im Anschluß an die Hauptversammlung des Braunschweigischen Geschichtsvereins im Städtischen Museum sprach der Historiker Professor Joachim Ehlers aus Braunschweig vor großer Zuhörerschar über das Thema „Heinrich der Löwe und Byzanz“.

 

In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte Ehlers Heinrich des Löwen Pilgerfahrt nach Jerusalem im Jahre 1172, deren Weg ihn über Konstantinopel führte. Neben einer großen Zahl von Geistlichen — unter ihnen befand sich auch der Benediktinermönch Heinrich von St. Ägidien — habe kaum einer der Großen aus der herzoglichen Umgebung gefehlt: „So glich die Pilgerfahrt angesichts der schlagkräftigen Männer in Heinrichs Gefolge eher einem Kreuzzug.“

 

Sei das Unternehmen des Herzogs in jener Zeit eigentlich nichts Ungewöhnliches gewesen — die Fürsten konnten durchaus selbständig außenpolitische Beziehungen aufnehmen —, habe es mit dem Empfang in Konstantinopel jedoch hochpolitische Bedeutung erlangt.

 

Dieser Empfang, der wie die gesamte Jerusalemwallfahrt Heinrichs in der um 1200 vom Benediktinermönch Arnold von St Ägidien verfaßten Chronik sehr ausführlich beschrieben sei, gebe Aufschluß über den hohen Stellenwert, den der Kaiser von Byzanz, Manuel I., dem Herzog beigemessen habe.

 

Das Interesse an Kontakten ist nach Ehlers’ Einschätzung nicht einseitig gewesen: Im Jahre 1164 hatte Heinrich der Löwe die Belagerung der Burg Demmin in Pommern abgebrochen, da eine byzantinische Gesandschaft nach Braunschweig gekommen war. Dieses Verhalten des Herzogs hatte bereits der Chronist Helmold von Bosau am Ende des 12. Jahrhunderts als bemerkenswert registriert.

 

Für Heinrichs Ankunft in Konstantinopel hatten die Byzantiner, so beschrieb es Arnold, goldene Zelte errichtet. Heinrich der Löwe sei über die Triumphstraße in die Stadt eingeholt worden, wobei er an der Seite des Basileus (Kaiser Manuel I. von Byzanz) habe schreiten dürfen. Im Goldenen Speisesaal sei dem Herzog ein Platz in der Nähe des Thrones zugedacht gewesen.

 

Solch ein Empfangszeremoniell habe eher demjenigen für einen König entsprochen, urteilte Professor Dr. Ehlers, nachdem er anhand einiger Dias von der Stadtanlage Konstantinopels den Weg Heinrichs zum kaiserlichen Palast erklärt hatte und dabei zu den Einzelheiten aus Arnolds Beschreibung Stellung genommen hatte.

 

Zur Bewertung dieses Ereignisses meinte der Referent: „Die Byzantiner haben durch diesen Wink auf einen empfindlichen Punkt in der Reichsverfassung aufmerksam gemacht: Das Verhältnis der höchsten Fürsten zum Kaiser.“

 

„Doch der Herzog kompromittierte sich nicht“, betonte Ehlers. Ein Geschenk von 14 mit Edelmetall beladenen Maultieren, das man als Bündnisangebot des Basileus gegen Barbarossa hätte deuten können, habe Heinrich der Löwe bewußt zurückgewiesen. Gleich nach seiner Rückkehr habe er Friedrich I. Bericht erstattet.

 

Heinrichs des Löwen Fähigkeit aber, mit Barbarossa in Konkurrenz zu treten und damit zukünftige Konflikte heraufzubeschwören, sei damals offensichtlich geworden. ms

 

 

Zitiert aus Braunschweiger Zeitung vom 25. April 1988

 

 

Eugen Lüthgen: Romanische Plastik in Deutschland

„Die letzte Stufe des spätromanischen unruhigen gebrochenen Stiles wird durch das hervorstechendste Meisterwerk der deutschen Plastik, das Grabmal Heinrichs des Löwen und seiner Gemahlin Mathilde im Dom zu Braunschweig, gekennzeichnet (Taf. CXLIV).

tl_files/Fotos/Luethgen_Eugen/Sankt-Blasius-Dom-Braunschweig-Grabmal-Heinrichs-des-Loewen-und-Herzogin-Mathilde-IMG-0625.jpg

Die Einzelgestalten wölben sich als mächtige vollrund plastische Blöcke vor die ebene Rückfläche vor. Sie ragen so weit über ihre Unterlage hinaus, daß dunkle Schattenmassen, die diese Körper umgeben, den ebenen Grund fast als dunkelschattende Höhlung wirken lassen. Die schneidend scharfe Begrenzung des Raumes nach rückwärts wird dadurch gemildert, ja in eine optische Wirkung umgewandelt. Daß die Figuren auf ihrer Unterlage auf der ebenen Fläche aufliegen, ist für die Auffassung des Mittelalters nachweislich ohne Bedeutung, da Stand- und Liegefigur erst später verschiedenartig komponiert zu werden pflegen. Körperhaft plastische Massendurchformung ist das letzte, das einzige Ziel dieser Kunst. Alle Vorstellung der Stofflichkeit wird, trotz der hervorstechenden Licht-Schatten-Wirkung, durch die taktische Einheit des Körperblockes dem Beschauer zum Bewußtsein gebracht. Der taktischen Stofflichkeit tut es kaum Abbruch, daß die Oberfläche des Blockes in phantastisch-launenhafter Willkür in taktische und optische Flächen zerklüftet ist. In rhythmisch lebendiger Folge sind Falten- und Schattenbündel vereinigt, um den Körperblock mit der optischen Wirkung des Raumes zu umkleiden. Die Faltentäler sind tiefgebohrte, dunkelschattende, raumverratende Einziehungen, die in leidenschaftlicher Erregung ausgemeißelt wurden. Die Faltenstege sind Linien, Bänder, breite Brücken, von feinsten Hebungen und Senkungen, leisesten Schwellungen belebt, in denen sich alle Möglichkeiten der leidenschaft - durchwühlten, phantastisch - deutschen Linienbewegung erschöpfen. Der Überreichtum an kleinen Einzelmotiven wird durch die zwingende und beherrschende Zügigkeit von monumentalem Ausmaß gebändigt. In ihnen atmet der lebendige Schönheitsinn der französischen Kunst, vornehmlich der Reimser Kathedralplastik. Wie anders wäre der herrlich bewegte Mantelsaum der Mathilde, der in verschiedenfachem Überschlag von der Schulter über den Arm zum Knie quer über den Körper hingleitet, zu erklären!

tl_files/Fotos/Luethgen_Eugen/Sankt-Blasius-Dom-Braunschweig-Grabmal-Heinrichs-des-Loewen-und-Herzogin-Mathilde-IMG-0655.jpg

Auch der edel-schöne Gesichtsschnitt, der empfindsame Geschmack in der Wahl aller Formen, denen eine sinnenhafte Vorstellung von Harmonie und Anmut zugrunde liegt, sind Merkmale der jungen nordfranzösischen Gotik. Man muß die innere Übereinstimmung im Wohlklang der Faltenzüge, die die Schichten verschiedener Gewandteile durch breite Schattentäler voneinander trennen, mit den neuen Kompositionsgesetzen des gotischen Stiles sowohl in der Kathedralplastik in Reims wie in den Stifterfiguren des Naumburger Domes empfunden haben, um den leuchtenden Glanz dieser neuen Schönheit und Sinnlichkeit zu verstehen.

tl_files/Fotos/Luethgen_Eugen/Sankt-Blasius-Dom-Braunschweig-Grabmal-Heinrichs-des-Loewen-und-Herzogin-Mathilde-IMG-0659.jpg
Wie vielfältige Entnahmen aus gotischen Formerlebnissen auch stattfanden, dieses Werk der sächsischen Plastik bleibt eine Meisterschöpfung des spätromanischen Stiles. Denn die Kernmasse des Körpers zeigt die bewegungslose Blockform des 12. Jahrhunderts. Ein Blick auf die Naumburger Stifterinnen erweist, wie dort der Körper als einheitlich-organisches Gewächs empfunden wurde, wie die Umrißlinie die Bewegung und Körperrundung schaffen hilft, wie diese Umrißlinie deshalb von dem Binnenwerk schlechterdings nicht mehr getrennt werden kann. Demgegenüber sind die Körper des Braunschweiger Grabmales noch durchaus von der alten Viereck-Komposition des romanischen Stiles beherrscht. Ihr Umriß ist erstaunlich genau als Rechteck geformt. Ein gleitender organischer Übergang von der Umrißlinie zum reichbewegten Binnenwerk konnte nicht gefunden werden, weshalb, um diesen Mangel zu verdecken, eine Fülle von optischen Teilflächeneinheiten kleinsten Ausmaßes geschaffen wurde, um das Verlaufen der Linien in einen toten Punkt zu verdecken. Mit welcher Kraft der Phantasie die hochgewölbten Körper von Stufe zu Stufe durch tausend gleitende und verschleierte Übergänge bis in die letzte Raumtiefe hinein durchgeformt werden, am Rande dieser ungefügen Körperblöcke weiß selbst dieser Meister den Ausweg in eine neue Sinnlichkeit nicht zu finden. Er empfindet noch nicht den Organismus des Körpers als ein natürliches Gewächs, dessen gesetzmäßigem Aufbau alle Formeinheiten sich willig unterordnen.“

 

Hinweis: Die abgebildeten Fotos wurden 2013 aufgenommen und sind nicht Bestandteil des Buches.


Veröffentlicht in:
Lüthgen, Eugen: Romanische Plastik in Deutschland S. 106-107, Verlag Kurt Schroeder 1923

 

 

H. Brandes: Braunschweigs Dom mit seinen alten und neuen Wandgemälden

BRAUNSCHWEIGS DOM

 

MIT SEINEN

 

ALTEN UND NEUEN WANDGEMÄLDEN.

 

Eine Besprechung zum Verständniss derselben.

von dem Künstler selbst

nach eigenen Beobachtungen mitgetheilt.

 

H. Brandes,

Professor und Gallerie-Inspector.

 

Nebst einem Holzschnitt.

 

Braunschweig,

C. W. Ramdohr’s Hof- Buch- und Kunsthandlung.

1863.

 

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VORWORT.

 

Heinrich der Löwe hatte in Palästina den Boden betreten, auf dem der Heiland gelebt und gelitten hatte; welche frommen Eindrücke er von dort mit zurückgebracht hat, lasst sich ermessen, da er nach seiner Zurückkunft im Jahre 1173 sogleich den Dom in Braunschweig erbaute, sich selbst und seiner Gemahlin Mathilde eine Grabstätte. Wie reich der Held denselben ausstattete, ist in der Geschichte von Braunschweig von Dr. H. Dürre S. 76 nachgewiesen. Die Wandgemälde in diesem Heiligthume, welche mehrere Jahrhunderte lang unter oft wiederholten Kalküberzügen verborgen waren, sind nun wieder blossgelegt und durch mich, den Unterzeichneten, mit Hülfe des Malers H. Neumann so wieder hergestellt, dass der ganze Inhalt, ein vollständiges Glaubensbekenntniss im Geiste der damaligen Zeit, wie ein redender Zeitgenosse uns entgegentritt. Es ist nichts versäumt worden, mit aller Pietat die Ursprünglichkeit der Bilder der Jetztzeit so nahe zu führen wie möglich, und ist das Princip innegehalten, die Gemälde so herzustellen, dass sie als gut erhaltene alte Bilder aus jener Zeit nun erscheinen. Das Verständniss dafür entwickelte sich aus den Darstellungen nach und nach von selbst, um so mehr, da die Contouren der Gemälde fast durchweg noch so aufzufinden waren, dass unbedeutende Ergänzungen ausreichten, um einzelne unterbrochene Linien zu verbinden. Mehrere Figuren waren so gut erhalten, dass der Farbenauftrag und die ursprüngliche Behandlung der Malerei auf das Deutlichste zu erkennen

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war; sie bildeten wesentliche Anhaltspunkte bei der Wiederherstellung stark beschädigter Stellen. Die Auffassung des Totalinhalts sämmtlicher Gemälde gehört offenbar in die Zeit kindlich frommen Sinnes, wo noch die einheitliche katholische Kirche alle Christen umfasste; man könnte sie mit den Inschriften der Spruchbänder wie ein aufgeschlagenes Buch ansehen, aus welchem das Volk die christliche Lehre und Erkenntniss empfängt, eine Predigt in Bildern.

 

Im Ganzen genommen machen die Gemälde den Eindruck reich gewirkter Teppiche, mit denen die Wände bekleidet sind. Durch eine sehr geschickte Anordnung gliedern sie die grossen Wandflächen architektonisch vortrefflich, und die prismatisch zusammengestellte Farbenvertheilung macht den wohlthuendsten Eindruck. Jedenfalls gingen Maler und Baumeister dabei Hand in Hand, um im gemeinschaftlich vorgeschriebenen Wirken die Totaleinheit zu erstreben und zu bewahren.

 

Das Verdienst der Entzifferung so vieler Inschriften, fast alle der Vulgata entnommen, kommt den Herren Dr. Schönemann, Dr. Bethmann und Hof- und Domprediger Dr. Thiele zu; ihre kirchlich historischen Kenntnisse sind mir bei Entwickelung der Gemälde oft zu Nutze gekommen, und spreche ich dafür meinen herzlichsten Dank aus.

 

H. Brandes.

 

 

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Unser Dom zeigt in seiner jetzt allerdings veränderten Form immer noch sehr deutlich die ursprüngliche Eintheilung: Ein erhöhter Chor mit vier Kreuzgewölben und der Apsis; darunter die Krypta mit Ausgängen in das Langschiff der Kirche an der Stelle, wo jetzt die beiden Treppenaufgange zum Chor sich befinden; neben dem Langschiff zwei Seitenschiffe, die später zu vier Seitenschiffen ausgedehnt sind, von denen das südliche unter Otto dem Milden 1346 vollendet und das nördliche unter Herzog Heinrich dem Friedsamen im Jahre 1474 vom Bischof Hennig von Hildesheim eingeweiht wurde. Das Grabmal Heinrichs des Löwen mit seiner Gemahlin Mathilde ist vor dem hohen Chore fast im Mittelpunkte der Kirche zu sehen.

 

tl_files/Fotos/Braunschweig/Sankt-Blasius-Dom-Braunschweig-Modellansicht-des-hohen-Chores-vor-seiner-Umgestaltung-IMG-0585.jpg

 

Wahrscheinlich sind die Wände der ganzen Kirche im Mittelalter mit Gemälden bedeckt gewesen; denn auch im Langschiffe fanden sich, nachdem bei der jüngsten Restauration die alten Kalkschichten weggenommen waren, Figuren an den Pfeilern gemalt, grosse Gestalten mit Heiligenscheinen, die jedoch wieder unter dem einfarbigen Anstrich der Kirche verschwunden sind. Wir haben es mithin nur mit den Gemälden auf dem hohen Chore zu thun, deren Beschreibung ein Leitfaden sein mag, sich in die religiöse Anschauung des 12. und 13. Jahrhunderts zu versetzen. Der Triumphbogen, die Verbindung des hohen Chores mit dem Langschiff der Kirche, ist in seiner Untersicht mit Engelsköpfen geschmückt. Diese sind in Kreise eingeschlossen, welche mit Arabesken, aus Blattrippen geformt, abwechseln. Engel geleiten den eintretenden Christen. Von hier gelangt man unter das erste Kreuzgewölbe, in welchem die Burg Zion als Vorbild des himmlischen Jerusalem dargestellt ist, mit den zwölf Thesen, aus denen die zwölf Apostel das Glaubensbekenntniss herabreichen.

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Die Mauern Zions selbst umschliessen das Leben des Heilandes. Dort erblickt man die Geburt Christi, die Darstellung im Tempel, die drei Frauen am Grabe (Auferstehung Christi), die beiden Jünger auf dem Wege nach Emmaus, dieselben Jünger, wie sie Christus erkennen, an dem, da er das Brod brach (Bezeugung der Auferstehung), und die Ausgiessung des heiligen Geistes. Gekrönt sind sämtliche Bilder in den vereinigten Spitzen des Gewölbes durch die symbolische Darstellung Christi als des Lammes mit dem vergossenen Blute und der Siegesfahne. Der Name „Sieg des neuen Testamentes“ möchte für diese Abtheilung ein richtiger sein. In dem Bilde der Stadt Jerusalem ist das Reich der Gnade dargestellt, von dort herab sollen sich die Segnungen zunächst über die Erde ergiessen, dann aber sollen die Segnungen über die Zeit hinaus in die Ewigkeit hineinreichen: Regnum gloriosum. Die acht Endspitzen der gewölbten Felder sind benutzt, Prophetengestalten anzubringen, welche die Erscheinung des Messias auf der Erde vorher verkündigt haben.

 

Die kleineren vier Räume, welche durch die abgeschnittenen Seitenbögen gebildet werden und die kreuzgewölbte Decke gewissermassen umrahmeu, sind zu Darstellungen benutzt, die symbolisch auf den Gesammtinhalt der Gemälde dieser Abtheilung sich beziehen. Auf der Seite nach Westen ist dargestellt der segnende Christus und Johannes der Täufer mit dem Lamme Gottes, der Pelikan, der seine Jungen mit seinem Blute ernährt. als Sinnbild der Liebe, die sich selbst opfert, und der Phönix in Feuerflammen, als Sinnbild des ewigen Lebens. Die östliche Seite enthält Christus mit geöffnetem Buche, in welchem die Buchstaben A und O, Anfang und Ende geschrieben stehen, auf der einen Seite sieht man noch die Maria gemalt und Johannes den Evangelisten. Die beiden übrigen Felder, Süd- und Nordseite, sind zu Darstellungen von Engelsgestalten verwandt; der eine hält die Weltkugel in seiner Hand, und der andere hat eine betende Stellung.

 

Folgende Inschriften sind auf Spruchbändern zu lesen, welche in dieser Abtheilung vorkommen.

Aus den Thoren von Zion treten:

 

Petrus. Auf seinem Spruchbande steht: Credo in deum patrem omnipotentem creatorem coeli et terre,

 

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Andreas: et in Iesum Christum, filium eius unicum, dominum nostrum,

 

Jacobus: qui conceptus est de spiritu saneto, natus ex Maria

 

Johannes: virgine, passus sub Poncio Pilato, crucifixus, mortuus, sepultus, [NB. An der Decke steht crucipixus. mortuus ist undeutlich in der Abkürzung Ωt'.]

 

Philippus: descendit ad inferna, tercia die resurrexit

 

Bartholomäus: a mortuis, adscendit ad coelos

 

Thomas: sedet ad dexteram dei patris omnipotentis

 

Matthäus: inde venturus est, judicare vivos et mortuos.

 

Jacobus: Credo in spiritum sanctum, sanctam ecclesiam catholicam [NB. An der Decke steht fehlerhaft ecclesuim]

 

Thaddäus: sanctorum communionem

 

Simon: remissionem peccatorum

 

Matthias: carnis resurrectionem et vitam aeternam. Amen.

 

Die Propheten darunter tragen folgende Spruchbänder:

 

Jeremia: In diebus illis salutabitur Iuda et Ierusalem habitabit confidenter.

 

Daniel: Avertatur furor tuus a civitate tua Ierusalem:

 

Amos: Dominus de Sion rugiet et de Ierusalem dabit vocem suam.

 

David: Fiat pax in virtute tua, Ierusalem, et abundantia in turribus tuis.

 

Zacharias: Et effundam super habitatores Ierusalem spiritnm gratia t. precum.

 

Sophonia: In die illa dicetur: Ierusalem noli timere, Sion non dissolvantur manus tuae.

 

Joel: Et erit Ierusalem sancta et alieni non transibunt per eam amplius.

 

Isaia: Induere vestimentis glorie tue Ierusalem civitas.

 

Christus auf dem Wege nach Emmaus:

 

Jesus: O stulti et tardi cord(is.)

Jünger: Mane nobisc(um), quoniam advespe(rascit.)

 

Das östliche Kreuzgewölbe mit der Chornische (Apsis) bildet den Abschluss sämmtlicher Gemälde überhaupt; die in diesem Raume befindlichen Bilder müssen jedoch zuerst besprochen werden, da in demselben die durch den Sündenfall des ersten

 

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Menschenpaares nothwendig gewordene Erscheinung Christi auf Erden zur Darstellung gebracht ist. Die beiden anderen Kreuzflügel sind mit Gemälden bedeckt, welche in dem südlichen Theile sich auf das ewige Leben im Reiche der Herrlichkeit beziehen, in dem nördlichen die Hauptthatsachen evangelischer Tugenden durch Bilder und Inschriften verkündigen.

 

Die Untersicht des verbindenden Bogens zum östlichen Kreuzgewölbe ist in ähnlicher Weise, wie der vorhin benannte Triumphbogen, zu Darstellungen von Köpfen und Arabesken benutzt. Die dabei angebrachten Inschriften verherrlichen in gnadenvollen Ausrufungen die Mutter Maria und bestimmen den Inhalt der Gemälde, welche an der kreuzgewölbten Decke ausgeführt sind; sie bezeichnen den Stammbaum Christi.

 

Die Bilder fangen in der Spitze des anschliessenden Bogens mit dem Sündenfall an. Adam und Eva sind sehr klein gehaltene Figuren. Der Gegensatz zu der gegenüber in der Chornische thronenden göttlichen Christusgestalt rechtfertigt den Glauben, dass durch das entgegengesetzte Grössenverhältniss eine symbolische Andeutung gegeben werden sollte, die unendliche Liebe Gottes recht anschaulich zu machen. Dass gerade für die Anbringung des Sündenfalles der Mittelpunkt im Raume des hohen Chores gewählt ist, verdient wohl beachtet zu werden; denn alle übrigen Gemälde sind dadurch in Verbindung gebracht;

 

Auf dem ersten Bilde im Raume der Decke selbst sehen wir Abraham, eine ernste, grosse, denkende Figur in liegender Stellung mit hellem Gewande. Aus der Gestalt heraus wächst ein Baum, der über das ganze Kreuzgewölbe sich ausbreitet, dasselbe in Kreise gliedert und Königsgestalten umgiebt, welche in mannigfaltigster Weise theils in ganzen, theils in halben Figuren hervortreten. An der Harfe ist König David erkennbar.

 

Das Schlussbild in diesem verschlungenen Astgewinde zeigt die Verkündigung der Maria; es schwebt der Geist Gottes in Gestalt einer Taube über ihrem Haupte, und zwei die Geburt des Heilandes verkündende Engel vermitteln zugleich die Darstellung in der Chornische, die als der Himmel selbst anzusehen ist.

 

Die alten Gemälde in der Chornische waren nach Hinwegnahme der Kalküberlagen nicht mehr in ihrer ersten Ursprünglichkeit sichtbar. Schon in früheren Zeiten sind dieselben übermalt worden; es zeigte sich ein anderer Styl, andere Behandlungsweise

 

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und andere Pigmente. Der Hauptinhalt war jedoch in diesen Gemälden noch zu erkennen, und wenn auch keine Durchzeichnungen von den Figuren gemacht werden konnten, so gaben sie doch hinreichende Anhaltspunkte, bei der Anfertigung neuer Cartons den Hauptgedanken zu bewahren.

 

Zum genaueren Verständniss der neu componirten Bilder in der Chornische, welche erst an Ort und Stelle noch ausgeführt werden sollen, ist der Holzschnitt beigegeben worden.

 tl_files/Fotos/Braunschweig/Holzschnitt_Brandes.jpg

Es mögen hier zunächst ein paar Worte eingeschaltet werden, welche die Auffassung der Christusgestalt im frühen Mittelalter erklären. In den Gemälden unseres Domes ist Gott immer in der Gestalt Christi dargestellt; es kommt diese Erscheinung in unseren alten Bildern häufiger vor und wird darauf hingewiesen werden. Bei der Anfertigung der neuen Cartons ist dasselbe Princip inne gehalten. Es ist also der Himmel selbst im Raume der Chornische zu denken, von dort herab strömt der Segen über Zeit und Ewigkeit. Die Darstellungen sind rein symbolischer Art und finden sich an derselben Stelle in den Kirchen jener Zeit stets wiederholt. Christus als Gott selbst und segnender Weltheiland zugleich in der Ellipse des Weltalls thronend, hält in seiner linken Hand das Buch des Lebens, seine rechte Hand ist zum Segnen erhoben. Das Himmelsgewölbe ist durch Sonne, Mond und Sterne ausgedrückt. Ein breites, architektonisch gegliedertes Band umschliesst neun Halbfiguren, Kirchenväter mit Spruchbändern in den Händen, auf denen das Gebet des Herrn, das Pater noster, zu lesen ist; darunter sind die symbolischen Zeichen der vier Evangelisten angebracht. Die Wandfläche zwischen den drei Fenstern der Chornische ist mit Weinranken durchzogen, dieselben sollen an die Worte des Herrn erinnern: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben.“ Die Fensterleibungen selbst sind benutzt, Engelsköpfchen aufzunehmen, die, zwischen Arabeskenschmuck in Kreise eingeschlossen, lobend und dankend den Blick zum Himmel erheben. Die unterste Abtheilung der Chornische ist mit gemalten Teppichen bekleidet; davor erhebt sich der Hochaltar. Ehe wir den Platz, wo der Hochaltar seine Stelle hat, verlassen, mögen zuvor die Gemälde an der nördlichen und südlichen Wand noch besprochen werden. Die obersten Abtheilungen der beiden Seitenwände enthalten Gemälde alttestamentlichen Inhalts. Es sind symbolische Beziehungen

 

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zu der Erscheinung Christi auf Erden. Die darunter befindlichen Bilder enthalten die Geschichte der verschiedenen Kirchenpatrone.

 

In dem obersten Bilde auf der Nordseite empfängt Gott, wie Christus aufgefasst, die Opfergaben von Cain und Abel. Das von Abel in gläubigem Vertrauen dargebrachte Lamm ist das angenommene Opfer, und die von Cain mit von Gott abgewandtem Gesichte dargebrachten Feldfrüchte werden verworfen. Das Verbrechen folgt dem Neide und der Missgunst auf dem Fusse und ist durch die darunter befindlichen Bilder, den Mord und die Lüge darstellend, ergreifend ausgedrückt. Cain erschlägt seinen Bruder, und das Blut schreit wie eine feurige Zunge zum Himmel empor. Im zweiten Bilde spricht der Herr zu Cain: „Wo ist dein Bruder Abel?“ und Cain antwortet dem Herrn: „Ich weiss es nicht!“ In diesen Gemälden ist Gott ebenfalls in der bekannten Gestalt Christi dargestellt, jugendliches Angesicht mit langem lockigem Haar, Spitzbart und Heiligenschein mit hineingemaltem Kreuze.

 

In der Spitze der südlichen Wand sehen wir die Erscheinung Gottes im feurigen Busche. Moses empfängt das Gesetz, die zehn Gebote; Gott, wieder wie Christus aufgefasst, übergiebt dieselben in Gestalt einer Rolle. Die Erhebung der Schlange ist der Gegenstand des sich anreihenden Bildes.

 

Unter den benannten Gemälden folgen nun die geschichtlichen Erzählungen von Abraham, erstens die Verheissung der Geburt seines Sohnes Isaak und zweitens die Opferung Isaaks.

 

Wie diese Bilder, den Erzählungen des alten Testaments entnommen, im innigen Zusammenhang mit dem an der Decke gemalten Stammbaum Christi stehen, geht schon aus der Zusage hervor, welche dem Erzvater Abraham wurde, in der es heisst: „Durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden.“ Mit den beschriebenen Bildern alt- und neutestamentlichen Inhalts ist der heiligste Raum in der Kirche geschlossen. Es reihen sich darunter die Gemälde, welche das Leben der Kirchenpatrone selbst, die Geschichte Johannis des Täufers, die Geschichte des St. Blasius und die Geschichte des St. Thomas Becket darstellen. Die Geschichte Johannis des Täufers ist im Evangelisten Lucas ausführlich beschrieben. Dort wird erzählt: „Zur Zeit als Herodes König in Judäa war und Hannas und Caiphas Hohepriester, lebte daselbst ein Priester Zacharias mit seinem Weibe Elisabeth, Beide gottesfürchtig und fromm. Ihre

 

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Ehe aber war unfruchtbar, und sie waren hochbetagte Leute.“ Erstes Bild: Herodes auf dem Throne mit Caiphas und Hannas. „Es geschah aber, während Zacharias seines Amtes pflegte, und am Altare räucherte, das Volk aber draussen harrete und in der Stunde des Räucherns betete, dass der Engel Gottes zu ihm trat und sprach: Zacharias! dein Gebet ist erhört. Dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, dess Namen sollst du Johannes heissen.“ Zweites Bild: Zacharias und der Engel sind im Tempel sichtbar, während das Volk draussen harret. Im dritten Bilde ist der ungläubige Zacharias dargestellt. Die Worte darüber lauten: „Aber der Engel Gabriel spricht: Wegen deines Unglaubens wirst du stumm sein, bis dass die Zeit erfüllet ist.“ In dem folgenden Bilde tritt Zacharias aus dem Tempel, legt seinen Finger an den Mund, zum Zeichen, dass er stumm geworden, und winkt das harrende Volk zu sich heran. Der Evangelist Lucas erzählt dann weiter: „Sechs Monate später kommt der Engel zu einer Jungfrau, die einem Manne vertraut war mit Namen Joseph, aus dem Hause Davids; die Jungfrau aber hiess Maria. Er spricht zu ihr: du wirst einen Sohn gebären, dess

Namen sollst du Jesus heissen, der wird gross und ein Sohn des Höchsten genannt werden.“ Aus dem Leben der Maria wird dann erzählt, wie sie über das Gebirge gegangen ist, nach der Stadt Juda kommt, in das Haus das Zacharias eintritt und die Elisabeth begrüsst. Aber Elisabeth spricht zu ihr: „Du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.“ Dieser Gruss ist im Bilde wiedergegeben. Im folgenden Bilde sehen wir die Geburt des Johannes. Der Evangelist erzählt dabei: „Und ihre Nachbaren und Gefreundete freueten sich mit ihr.“ Die Fortsetzung der Erzählung bringt im Bilde das Bad der Reinigung, und im folgenden die Beschneidung des neugeborenen Knaben. Auf diesem Gemälde, sehen wir den Vater Zacharias mit einer Tafel, auf welcher der Name des Kindes, Johannes, geschrieben steht. Der Priester hat seine Sprache wieder erhalten. Dann schliesst die Erzählung mit den Worten: „Und das Kindlein wuchs und ward stark im Geist und war in der Wüste, bis dass er sollte hervortreten vor das Volk Israel.“

 

Die folgenden Gemälde aus dem Leben Johannis des Täufers sind seiner Busspredigt entnommen. Da heisst es denn im ersten Bilde: „Thut rechtschaffene Früchte der Busse; es ist

 

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schon die Axt dem Baume an die Wurzel gelegt; welcher Baum nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ Im folgenden Bilde tauft Johannes das Volk. „Und es kamen auch die Zöllner, dass sie sich taufen liessen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen wir thun? Er aber sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, denn gesetzt ist.“ In dem letzten Bilde dieser Abtheilung sagt Johannes zu den Kriegsknechten: „Thut Niemand Gewalt, noch Unrecht, und lasst euch begnügen mit eurem Solde.“ Die unterste Reihenfolge der Gemälde aus dem Leben des Johannes beginnt mit der Frage des Volkes: „Wer bist denn du?“ „Ich bin die Stimme eines Predigers in der Wüste.“ Im folgenden Bilde sieht Johannes Christus zu sich herankommen und spricht zu zweien seiner Jünger: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde tragt.“ Dann folgt die Darstellung, wie Christus zu Johannes herankommt, um sich taufen zu. lassen. Johannes aber wehret ihm und spricht: „Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?“ Jesus antwortet: „Also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Im folgenden Bilde ist die Zusammenkunft des Johannes mit Herodes dargestellt. Johannes hatte denselben gestraft, um seines Bruders Weib und um alles Uebels willen, das er gethan hatte. Ueber das Alles legte er den Johannes gefangen. In dem letzten Gemälde aus der Geschichte des Johannes sind mehrere Momente zusammengefasst, der Tanz der Tochter Herodis, die Ueberredung derselben durch die Königin, das Haupt Johannis zu verlangen, und dann noch einmal dieselbe Figur, wie sie das Haupt Johannis auf einer Schüssel trägt. Den äussersten Schluss bildet das Gefängniss, in welchem Johannes enthauptet wird. In der Höhe des Bildes sieht man einen Engel, welcher mit ausgebreitetem Tuche die Seele des Heiligen empfangen wird, sie in den Himmel zu tragen.

 

Die Gemälde an der Wand sind so angeordnet, dass sie etagenartig dieselbe theilen. Zwischen jeder Abtheilung befindet sich ein breites, mit fortlaufenden Arabesken geziertes Band so angeordnet, dass die gegenüber an der südlichen Wand angebrachten Darstellungen mit diesen räumlich correspondiren. Die Bilder selbst werden entweder durch einen Baum, eine Säule, oder auch eine Baulichkeit getrennt. Um den Inhalt der Gemälde in jeder Höhe deutlich zu erkennen, sind die obersten

 

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Abtheilungen am grössten gehalten, die zunächst gelegenen aber am kleinsten.

 

Dass die bemalte Wandfläche wie ein gewirkter Teppich angesehen werden soll, geht daraus hervor, dass der Abschluss desselben einer aufgerollten Leinwand ähnlich sieht. Unter diesem ziehen sich Behänge hin, welche den Raum des östlichen Kreuzarmes ganz umschliessen. Die Farben roth, blau, gelb, grün wechseln darin ab. Vor den Abtheilungen dieser Behänge waren die Sitze der Geistlichen. ‘

 

Die südliche Wand enthielt unter den schon besprochenen alttestamentlichen Bildern die Lebensgeschichte des St. Blasius und des Thomas Becket. — Die Geschichte des St. Blasius findet sich in den Actis Sanctorum, Monat Februar, B. I.

 

Der Heilige erlitt den Märtyrertod am 11.Februar im Jahre 287 in Sebastia in Cappadocien durch den Praeses Agricolaus unter der Regierung des Kaisers Diocletian. Er war Bischof von Sebastia und erlangte als Märtyrer, Heiliger und Wunderthäter später eine ausgebreitete Verehrung im ganzen Abendlande. In Neapel heilte er die sogenannte Angina pestilens. Den Reliquien von ihm wurden besondere Kräfte zugeschrieben. Allen denen, die in der Angst, zu ersticken, Gott durch ihn anrufen, soll Hülfe gebracht werden. Bei Zahnschmerzen, Hals- und anderen Leiden wird er der Arzt in der Noth. Seine vielfach zerstreuten Gebeine werden als kostbare heilige Kleinodien in vielen Kirchen verehrt. Er wird auch angerufen, Brod, Wein und Feldfrüchte zu segnen. Erzählt wird von ihm, wie wir im Buche Hiob von Hiob lesen, dass er als Bischof rein, fromm, unschuldig und gottesfürchtig auf einem Berge in einer Höhle wohnete, wo die wilden Thiere zu ihm kamen und sich von ihm heilen liessen. Weiter wird gesagt: Und die Thiere blieben bei ihm. Einst ordnete der Praeses Agricolaus an, dass die wilden Thiere zusammengebracht werden sollten, um sie einzufangen oder zu tödten. Die Jäger, welche den Auftrag ausführten, fanden den Bischof auf einem Berge mitten zwischen den Thieren sitzend, mit denen er redete (Darstellung des ersten Bildes). Die Männer erzählen es dem Praeses, welcher befiehlt, Soldaten mitzunehmen, um alle die Christen, welche dort verborgen sein könnten, zu ihm zu führen. Auf dem Wege zu seinem Richter heilte er viele Kranke durch Handauflegen. Hervorgehoben ist die Erzählung, dass er

 

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durch sein Gebet und seine Berührung einen Knaben von einer Fischgräte befreite, die derselbe verschluckt hatte. Der Knabe erlangte seine Sprache wieder und die Kraft, Speisen zu sich zu nehmen. Es ist dies die Darstellung im folgenden Bilde. Ferner bewirkte er zu Nicopolis, dass einer armen Frau ihr einziges Schwein, welches ein Wolf ihr geraubt hatte, von demselben wieder gebracht wird. Dieser Vorgang ist ebenfalls bildlich dargestellt. Nach Sebastia zurückgekehrt, befiehlt Agricolaus, den Bischof in einen Kerker zu werfen. Des anderen Tages wird er dem Praeses vorgeführt. Derselbe redet den heiligen Mann mild an und nennt ihn einen Freund der Götter! St. Blasius aber antwortet: „Du wirst mich durch deine Strafe von der Liebe Gottes und meines Heilandes Jesu Christi nicht abbringen.“ Darauf wird er in das Gefängniss zurückgebracht. Die Wittwe, deren Wohlthäter er durch Wiederverschaffung ihres Schweines geworden war, schlachtet dasselbe und bringt ihm Kopf und Füsse von dem Thiere zur Speise. Dieser Gegenstand ist ebenfalls im Bilde dargestellt. Der heilige St. Blasius dankt ihr, kostet davon und spricht: „Weil du solches gethan zu meinem Gedächtniss, so soll auch dein Haus forthin von Gottes Gaben nicht leer werden, und wer nach deinem Beispiele also thun wird, der soll von Gott himmlische Gaben empfangen und Segen zu allen Zeiten.“ Nach der fortgesetzten Erzählung in der Legende würde nun die Zerfleischung seines Körpers durch hechelartige Zacken zur Darstellung gekommen sein, sie ist aber in den Martyrologien des südlichen Kreuzflügels abgebildet. Die Erzählung fährt dann weiter fort: Sieben gottesfürchtige Frauen fingen die Blutstropfen des Gemarterten auf und wuschen sich damit, wurden aber gesehen und gefangen genommen. Im Bilde ist diese Scene wiedergegeben. Als sie den heidnischen Göttern opfern sollen, lassen sie sich ihre steinernen Bildnisse bringen, werfen aber dieselben, statt sie anzubeten, in den See. Nun werden sie verdammt, verbrannt zu werden; vorher aber durch eiserne Haken zerfleischt, verwandelt sich das fliessende Blut in Milch, und in einen glühenden Ofen geworfen, erlischt das Feuer, und sie gehen unverletzt aus demselben hervor. Der über ihnen schwebende Engel schützt sie vor dem qualvollen Flammentode. Abermals aufgefordert, den heidnischen Göttern zu opfern, verweigern sie dies, befehlen ihren Geist dem Herrn Jesu Christo und werden

 

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enthauptet. Beide Erzählungen sind abgebildet. In dem folgenden Gemälde ist St. Blasius abermals vor den Richterstuhl des Praeses gebracht, um die falschen Götter anzubeten. Jetzt aber verlacht der Heilige die Drohungen des Richters, und derselbe befiehlt, den Bischof ins Wasser zu werfen, damit er ertrinke. Das Wasser aber „entweicht unter seinen Füssen, und er steht wie auf trockner Erde. Fünf und sechszig heidnische Männer, die er heranruft, um die Kraft ihrer Götter zu zeigen, sind in dem dargestellten Bilde ertrunken und unter dem Wasser zu sehen. Ein Engel Gottes aber steigt zu St. Blasius hernieder und spricht zu ihm: „Egredere Blasi, adleta dilectissime!“ Da ging der Märtyrer heraus aus dem Wasser wie auf trocknem Grunde und wurde vom heiligen Lichte umflossen. Von Agricolaus beschuldigt, ihn und die Götter verachtet und die fünf und sechszig Männer umgebracht zu haben, wird er verurtheilt, enthauptet zu werden. Mit ihm zugleich erlitten zwei Knaben den Märtyrertod. Söhne einer der hingerichteten Frauen, hatten sie sich mit kindlichem Verlangen dem christlichen Glauben zugewendet. Vor seiner Hinrichtung bittet St. Blasius zu Gott für Rettung aller Derjenigen, die auf Grund seines Opfertodes Gott anrufen in Erstickungsqualen und anderen Leiden. Die Gewährung der Bitte ist ihm von Christo, der in den Wolken erschienen ist, zugesagt. Sein Tod ist die Darstellung des letzten Bildes.

 

Die unterste Abtheilung enthält kurz zusammengedrängt die Geschichte des Thomas Becket.

 

Thomas Becket wird erst in dem Jahre 1227 bei der Einweihung des vollendeten Domes genannt. Bis dahin ist immer nur die Rede von den beiden ersten Kirchenpatronen, St. Johannes dem Täufer und St. Blasius. Diese beiden Heiligen sind nach den bildlichen Darstellungen in unserem Dome auch nur als die Träger des frommen Glaubens angesehen; sie nehmen, durch grosse Figuren an den Eingangspfeilem abgebildet, den Platz ein, welcher nach der damaligen religiösen Auffassungsweise den geistigen Führern des Volkes zukommt.

 

Die Zufügung des Thomas Becket als Kirchenpatron in unserer Kirche muss besondere Gründe gehabt haben, die zu ermitteln es noch an beglaubigten Quellen fehlt. So viel aber geht aus der Reihenfolge und der religiösen Bedeutung aller anderen Gemälde hervor, dass die Darstellungen aus seinem Leben ihrer

 

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selbst wegen zur Ausführung gekommen sind, mithin aus dem geistigen belehrenden Verbande aller Uebrigen heraustreten.

 

Aus dem Leben des Thomas Becket wird erzählt: Thomas Becket, nachmaliger Erzbischof von Canterbury, hatte durch kluge Umsicht sich das höchste Vertrauen Heinrichs II., Königs von England, der zugleich der Schwiegervater Heinrichs des Löwen war, erworben. Derselbe verlieh ihm die höchste geistliche Würde in seinem Lande und verband damit die Hoffnung, Thomas würde den Uebergriffen der Kirche entgegentreten. Bitter wurde der König getäuscht. Der mächtig gewordene Becket, früher ein üppiger Verschwender, erschien nun ganz umgewandelt und stand als ein Büssender bei der sächsischen Bevölkerung des Landes im höchsten Ansehn. Dem Könige gegenüber erwies er sich so anspruchsvoll und widerspenstig, dass der König gedrückt und geplagt die Worte aussprach: „Ist denn Niemand, der mich von diesem Priester befreit?“ Vier Barone, welche die Worte, des Königs gehört hatten, ermordeten den Erzbischof zu den Füssen des Altars in der Kathedrale von Canterbury. Das Leben des Thomas Becket ist von seinem Zeitgenossen Evrardus beschrieben. Die in unserem Dome befindlichen Bilder aus seinem Leben sind folgende:

 

Erstes Bild: Der Bischof Heinrich von Winchester weiht in Gegenwart des Prinzen Heinrich Thomas Becket zum Primus mit Uehergabe des Hirtenstabes. Der untere Theil des Bildes ist neu. — Zweites Bild: Thomas Becket tritt den Forderungen des Königs entgegen. — Drittes Bild: Becket verlässt in der Nacht verkleidet die Abtei und entkommt glücklich nach Flandern. — Viertes Bild: Der König belegt die Einkünfte des Erzbisthums von Canterbury mit Beschlag und verbannt alle Verwandten und Diener Beckets. Soweit gehen die alten Gemälde. Die nun folgenden mussten durch eigene Compositionen hinzugefügt werden, um den Cyklus zu vollenden. 1) Die Dispensation des Thomas Becket von allen seinen ungerechten Uebergriffen durch den Papst. 2) Die Rückkehr nach England. 3) Die Ermordung in der Kathedrale am Altare durch die vier Barone W. v. Tracy, H. v. Moreville, R. Brito und R. Fitz Urse.

 

Die Inschriften in der östlichen Kreuzabtheilung sind folgende.

 

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Unter dem östlichen Gratbogen in der Richtung von Nord nach Süd:

 

Ave Maria gratie plena

Dominus tecum

Benedicta tu in mulieribus

Ecce paries filium

Et vocabis nomen ejus Iesum

Regnabit in domo Iacob

Et regni ejus non erit finis.

 

In derselben Abtheilung an der nördlichen Wand des Mittelschiffs:

 

Gott zu Cain: Uhi est frater tuus?

Cain: Nescio, domine, num ejus custos?

 

Zacharias: Ne timeas Zacharia.

Magneficat anima mea dominum.

Benedicta tu inter mulieres.

 

Herodes: Anno XV. I. T. E. FV. D. S’. Iohannem [in der Ueberschrift].

Johannes: Securis ad radicem posita est.

Ego baptizo aqua. —

 

Zöllner: Magister, quid faciemus?

Johannes: Quam quod constitutum est vobis.

 

Der Kriegsknecht: Quid faciemus et nos?

Johannes: Contenti estote stipendiis vestris.

 

Priester d. Leviten: Quid dicis de te ipso?

Johannes: Ego vox clamantis in deserto.

 

Johannes: Ecce agnus dei.

Johannes: Ego a te debeo baptizari.

Jesus: Sine modo, sic enim oportet nos.

 

Johannes: Non licet tibi, habere uxorem fratris tui.

Herodes: Pete a me quod vis l. d. r. (= licet dimidium regni).

 

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Südliche Wand. In der Geschichte des St. Blasius ist auf einem Spruchbande zu lesen: -

 

Egredere Blasi, adleta dilectissime!

 

Ueber den Thomasbildern steht:

S. Thomas, praesul reg . . contrarius . . . . stis p . . . . .

 

Der südliche Kreuzflügel des hohen Chores in unserem Dome versinnlicht durch die sich an einander reihenden Gemälde den Uebergang aus dem zeitlichen Leben in die ewige Herrlichkeit. Der gegenüber liegende nördliche Flügel war bestimmt, die christlichen Lebenstugenden bildlich zur Anschauung zu bringen, um den Eingang zum Gerichte vorzubereiten. Die Gemälde sind aber im Verlauf der Jahrhunderte durch mehrmalige Feuersbrünste im anstossenden Schlosse Dankwarderode entweder zerstört, oder auch gar nicht fertig geworden. Jetzt ist diese Abtheilung mit neuen Gemälden bedeckt, die denselben Inhalt ausdrücken und nachher besprochen werden sollen. Wir wenden uns deshalb zuerst zu den alten Bildern im südlichen Kreuzflügel, welche den Uebergang aus dem Regnum gratiae in das Regnum gloriae, aus dem Gebiete des Glaubens in das Gebiet des Schauens zur Darstellung bringen. Aussagen der Propheten, Bruchstücke aus dem Leben Jesu, Verwendung der Gleichnisse aus seiner Lehre, Zuziehung der Legende von früheren und späteren Heiligen, kurz Alles, was geeignet ist, die Idee des Gerichtes bildlich zur Anschauung zu bringen, ist benutzt, ja, selbst der Mariencultus damaliger Zeit hat für diese Bilder vom Gerichte eine wesentliche Verwendung gefunden.

 

Die Unteransicht des Eingangsbogens ist in ähnliche Kreise, welche Köpfe mit Inschriften enthalten, und abwechselnde Arabesken eingetheilt, wie alle die übrigen auf dem hohen Chore. Die Worte beziehen sich auf den Hauptinhalt der Gemälde. Die tragenden Pfeilerflächen des Bogens sind benutzt, die Gestalten der Fürbitte zum Gericht aufzunehmen; über ihnen, ebenfalls in einen Kreis eingeschlossen, schwingt ein Engel das Rauchgefäss.

 

Auf der östlichen Seite ist die Mutter Maria abgebildet, mit dem segnenden Jesuskinde auf den Armen; gegenüber aber die heilige Catharina als Ueberwinderin des Bösen dargestellt. In der einen Hand hält sie ein Buch, in der anderen das Schwert, das Attribut dieser Heiligen. Sie steht auf einer zusammengeknickten

 

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Figur und hat eine Krone auf ihrem Haupte. Beide Figuren sind als Fürbitterinnen zum Eingang in das Reich der Herrlichkeit anzusehen. Als Vorbilder, die ewige Seligkeit zu erlangen, sind neben der Figur der heiligen Catharina Scenen aus den Leiden verschiedener Märtyrer in zwei über einander fortlaufenden Abtheilungen gemalt, durch welche die Ueberwindung des Todes im christlichen Glauben zur Anschauung gebracht ist. Sie dienen als Gegensatz zu den Darstellungen der thörichten Jungfrauen, die über denselben zwischen den Fensterabtheilungen angebracht sind. Ihnen ist der Eingang in den Himmel verwehrt.

 

Bilder an dieser Wand aus dem Leben verschiedener Märtyrer sind vierzehn. Bezeichnete sind St. Stephanus, St. Laurentius, St. Ignatius, St. Clemens, St. Barnabas. Die Uebrigen sind nicht mit Namen bezeichnet. Die ersten beiden Bilder in der unteren Abtheilung gehören jedoch dem Märtyrer St. Blasius an, das letzte der heiligen Catharina, ihre Enthauptung und die Wegtragung ihrer Seele durch Engel in den Himmel darstellend.

 

Auf der anderen Seite an der östlichen Wand fängt mit der Taufe Constantins die Herrschaft der Kirche an, und mit den Gemälden aus der Auffindung des wahren Kreuzes Christi durch die Kaiserin Helena im vierten Jahrhundert ist hier in unserer Kirche ein entschiedener Anhaltspunkt gegeben, dass die dargestellten Bilder nur als Mittel dienten zu dem Zwecke, die Kraft des christlichen Glaubens im Volke zu befestigen. In einer Inschrift dieser Abtheilung, die auf einem Spruchbande steht, welches ein böser Geist in seiner Klaue hält, indem er durch Auflegung des wahren Kreuzes genöthigt wird, den Körper einer wieder lebend gewordenen Jungfrau zu verlassen, lesen wir die Worte: „Wo das Kreuz ist, fliehet das Böse.“ Eine andere Inschrift bezeichnet, dass das Kreuz Christi nur in wahrer Demuth getragen werden kann.

 

Die Bilder in dieser Abtheilung sind folgende: Die Taufe Constantins; gegenüber: Die Auffindung der Nagel vom Kreuze Christi; Der Kaiser Constantin; Auszug der Kaiserin Helena; Die Kaiserin bezeichnet den Ort, wo gesucht werden soll; Die Auffindung von drei Kreuzen; Die Erkennung des wahren Kreuzes; Die Theilung des Kreuzes; Die Errichtung des Kreuzes; Wegbringung des Kreuzes; Die Bitte des Volkes; Der Raub des Kreuzes durch den Perserkönig Cossoros (Chosroës); Cossoros im

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Besitze des Kreuzes kleidet sich mit seinem Sohne fälschlich in göttliche Herrlichkeit; Der Kampf zwischen den Heeren des Eraculus (Kaiser Heraclius) und Cossoros; Das Kreuz wird wieder erobert und der göttliche Stuhl des Cossoros vernichtet, sein Sohn steht ihm zur Seite; Die Taufe des Sohnes des Cossoros; Eraculus will als geschmückter Kaiser zu Rosse das Kreuz zurückbringen; In Demuth zu Fusse bringt er dasselbe in die Thore von Jerusalem.

 

Die Darstellungen von der Auffindung des wahren Kreuzes Christi durch die Kaiserin Helena gehen gewissermassen aus den darüber an der östlichen Wand befindlichen Gemälden hervor. Die Thatsachen aus dem zweiten Artikel des christlichen Glaubensbekenntnisses bilden den Inhalt, wo es heisst: „Auferstanden von den Todten, niedergefahren zur Hölle, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur rechten Hand Gottes, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Todten.“ Der letzte Satz bezeichnet bereits das erste Gemälde an der Decke.

 

Der Ausdruck „sitzend zur rechten Hand Gottes“ findet in diesem Gemälde eine so abweichende Darstellung, dass eine nähere Beschreibung nothwendig erscheint. Es ist früher schon gesagt, dass in den alttestamentlichen Darstellungen Christus und Gott im Bilde übereinstimmend aufgefasst sind. Hier ist das in den Gemälden unserer Kirche am auffallendsten geschehen. Christus, ohne anderweitige Darstellung Gottes des Vaters neben ihm, hat vielmehr zu seiner Rechten die gekrönte Mutter Maria sitzen, umgeben von Cherubim und Seraphim, ihnen gegenüber der Chor der Seligen in Gestalt der vier und zwanzig Aeltesten aus der Apokalypse mit Kronen auf den Häuptern und mit Lampen oder Krügen in den Händen, ähnlich denen der klugen und thörichten Jungfrauen und auch wohl von derselben symbolischen Bedeutung.

 

Der Gedanke, dass zunächst um den gemeinschaftlichen Thron Gottes und der Maria Kindergestalten angebracht sind, die, nach den Abbildungen zu urtheilen, als werdende Engel betrachtet werden müssen, hat etwas Rührendes. Die dem göttlichen Throne zunächst stehenden Cherubim sind mit sechs Flügeln und feurigen Rädern, die Seraphim, sechs an der Zahl, mit zwei Flügeln dargestellt. Der Himmel selbst ist mit grösseren und kleineren goldenen Sternen bedeckt und von zwei Engeln bewacht, von denen der eine die Seligen einlässt, der andere die Verdammten zurückweist.

 

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Das Gleichniss der thörichten und klugen Jungfrauen ist hier angewendet, die Seligen und die Verdammten zu bezeichnen. Nicht körperliche Qualen sind in diesen Bildern zur Anschauung gebracht; das vereinsamte Umherirren der zurückgewiesenen Seele bildet die Strafe der Verdammung. Die auslaufenden Spitzen der Deckenflächen sind zu Abbildungen von Prophetengestalten benutzt, die in Spruchbändern von dem ewigen Leben reden.

 

Die Inschriften in dieser südlichen Abtheilung sind folgende.

 

Unter dem südlichen Gratbogen in der Richtung von Ost nach West:

 

Laudate eum coeli coelorum

Laudate eum sol et luna

Laudate eum omnes angeli ejus.

Laudate eum in excelsis

Laudate dominum de coelis

Laudate eum omnes stellae.

 

Südlicher Kreuzflügel, Ostwand:

Die Engel: Viri Galilei, quid aspicietis?

In den ersten Kreuzesbildern: Salve crux sancta.

Der Teufel: Fugat crux omne malum.

 

Im Nordosten:

Daniel: Potestas ejus potestas aeterna, quae non auferatur et regnum ejus non corrumpitur.

Salomon: Trahe me post te, curremus in odorem unguentorum tuorum. —

Süd-Ost:

Jesaias: Exulta et lauda habitatio Sion quia magni in m. t. s. Js. [unverständlich!]

Jeremias: Et venient et laudabunt in Sion et confluent ad bona Domini. —

Süd-West:

Baruch: Hisrlamm [?] magna est domus dei et ingens locus possessionis ejus. —

Ueberschrift fehlt. Replebitur majestate ejus omnis terra.

Nord-West:

Ueberschrift fehlt. Et timebunt, qui ab occidente nomen Domini et qui ab ortu solis gloriam ejus. [Unvollständig.]

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Aggaei: Ego commonebo coelum et terram et mare et aridum et monebo omnes gentes.

 

Die fünf thörichten Jungfrauen: Domino, domine, aperi nobis.

 

Ueberschriften an der Westseite:

S. Stephanus. Spruchband: Vidi coelum apertum.

St. Laurentius. S. Ignatius. S. Clemens S. Barnabas. S. Sebastianus.

 

Ueberschriften an der Südseite:

Cossorus, Eraculus, Cossorus, Eraculus, Eraculus, Eraculus.

 

Durch den Einbau der Sacristei in diesen Kreuzflügel des Domes ist leider fast eine ganze Abtheilung von Gemälden verloren gegangen. Es waren einzelne Gestalten mit Spruchbändern und Namensbezeichnungen. Ein Paar davon noch nicht zerstörte Figuren können, wenn sie dereinst noch restaurirt werden sollten, über ihre Bestimmung wohl noch Zeugniss abgeben, sie stehen gewiss in enger Verbindung mit dem Inhalt sämmtlicher übrigen Gemälde.

 

Ein Totalüberblick aller alten Bilder in unserem Dome führt zu der Vermuthung, dass in damaliger Zeit eine gewisse Vorschrift gegeben war, nach welcher die Anordnung der Gemälde sowohl für den Platz, wie für den Inhalt getroffen werden musste, vielleicht in ähnlicher Weise, wie bei den Bildern in den griechischen Klöstern auf dem Berge Athos. Dass die damalige Kunst es verstand, immer einen Gedanken abzuschließen, geht aus vielen Bildwerken hervor, die dem früheren Mittelalter angehören. An Auffassung und Durchführung können unsere Gemälde immer als würdige Vorgänger einer späteren vollendeteren Kunstepoche betrachtet werden.

 

Die neuen Gemälde im nördlichen Kreuzflügel.

 

Ueber sechshundert Jahre sind verflossen, seit die alten Gemälde in unserem Dome dastehen, das biblische Wort durch

 

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Bildwerk der gläubigen Menge zu verkündigcn. Die Kunst, namentlich die Malerei im Dienste der Kirche verlässt nach und nach den Weg, als bildliche Sprache zu wirken. Das vielsagende Symbol verschwindet mehr und mehr, und das spätere Mittelalter bemüht sich, in Formen und Farben, der Natur nachgeahmt, die biblischen geistduftenden Geheimnisse zu versinnlichen. Das früher begleitende Spruchband fällt ganz weg, und innere Charakteristik erhebt das Gemälde zum Kunstwerk. Mit welch hoher religiöser Belebung das Studium nach der Natur göttlich verkörpert wurde, zeigen die Werke des Raphael und Michel Angelo. In ihren Gemälden stiegen die Gestalten der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte des einen Künstlers und die der neutestamentlichen des anderen himmlisch verklärt zur Erde hernieder.

 

Im funfzehnten Jahrhundert war die Buchdruckerkunst erfunden, die Bibel wurde in die deutsche Sprache übersetzt, und die Reformation zerstörte an vielen Stellen gewaltsam das Bild, das mit der wiedererkannten rein biblischen Lehre nicht mehr im Einklange stand. Eine Menge Altare verschwanden aus den Gotteshäusern protestantischer Gemeinden, und das vielleicht schon lange vorher nicht mehr geachtete Bildwerk an den Wänden in unserem Dome wurde schliesslich unter einfarbiger Tünche begraben.

 

Die protestantische Kirche verschmähete vielleicht aus übertriebener Sorge und einseitiger Vergeistigung die Beihülfe der Bilder, und die Macht des Wortes hatte allein die leeren Wände der Kirche zu beleben. Erst die neueste Zeit ist wieder so gerecht geworden, das Gute der Vorzeit mit den Flecken derselben zu prüfen und der Kirchengeschichte ihre Denkmäler zu sichern. Mit der Herstellung und Erklärung der alten Gemälde befahl unsere hohe Regierung, den Canon sämmtlicher Bilder wieder zu vollenden, und ertheilte mir die ehrenvolle Aufgabe, im Sinne, unseres evangelischen Glaubens die Darstellung der noch nicht ausgeführten christlichen Lebenstugenden hinzuzufügen. Die Auffassung und Durchbildung der Aufgabe mag nun in den jetzt soweit vollendeten Gemälden sich rechtfertigen.

 

Unter dem Eingangsbogen zum nördlichen Kreuzflügel sind noch die bezeichneten Cardinaltugenden Iustitia, Fides, Prudencia, Temperantia, Castitas, Fortitudo, als alte Gemälde, in Kreise eingeschlossen, zu sehen und bezeichnen entschieden den Inhalt,

 

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welcher in dem Raume selbst zu weiterer Durchbildung kommen musste.

Inhalt der neuen Gemälde: Die christliche That, aus der Lehre Jesu und dem Vorbilde seines Lebens entnommen. „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen‚“ so ertönte der Engelgesang bei der Geburt des Herrn. Diese Worte mit darüber angebrachten Engelsgestalten umrahmen das erste Gemälde, Die Anbetung der Hirten, in der Chornische der östlichen Wand ausgeführt.

Allen Menschen soll diese himmlische Botschaft verkündigt werden. In diesem Sinne ist das Gemälde selbst gedacht; jedes Alter ist deshalb in der Hirtenfamilie vertreten und Joseph, Ernährer und Versorger der hülfsbedürftigen Mutter des Messias, erkennt in dem Kinde die göttliche Sendung. An dieses Bild schliesst sich in der unteren Abtheilung der Wandfläche rechts die Taufe Christi, links die Versuchung des Heilandes an. Durch die Taufe Christi, mit den Worten begleitet: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe,“ wird angedeutet, dass der durch die Taufe in die Gemeinschaft Christi aufgenommene Mensch der Segnungen der erlösenden Liebe Christi durch Leben und Tod theilhaftig geworden ist. Im entgegengesetzten Bilde aber, der Ueberwindung des Bösen durch Christus in den Worten: „Hebe dich weg von mir, Satanas!“ ist das Vorbild gegeben, im Kampfe des irdischen Lebens ein Gleiches zu thun. Die darauf folgende obere Abtheilung enthält die Darstellungen: Einzug in Jerusalem; Das Gebet nach dem Abendmahle und Christus am Oelberge. Während das Volk Kleider und Palmenzweige ausbreitet den Gesalbten des Herrn wie einen König zu empfangen, reitet Christus auf einer Eselin, ein Bild der Demuth, durch die Menge des jauchzenden Volkes, welches ihm entgegen ruft: „Hosianna dem Sohne Davids!

Im nächsten Bilde spricht der Herr nach der Einsetzung des heiligen Abendmahles den Lobgesang Gottes. Eilf Jünger sind nur noch bei ihm, Judas Ischarioth war davon geschlichen, seinen Herrn und Meister für dreissig Silberlinge zu verrathen. Die Jünger waren alle betrübt, denn der Heiland der Welt hatte ihren Ehrgeiz gestraft; aber vor der Seele Jesu zogen die sündigen Schatten der ganzen Menschheit vorüber.

Im dritten Bilde, Christus am Oelberge, ist Jesus in einen

 

 

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Garten bei Gethsemane gegangen, und bei ihm sind Petrus und die beiden Söhne Zebedäi, Johannes und Jacobus. Christus spricht zu ihnen: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod, bleibet hier und wachet mit mir.“ Mit welchem Strahle der Seelengrösse und überirdischen Kraft beleuchtet jetzt die Erzählung der Evangelisten die Erscheinung Jesu auf Erden! Die liebsten Freunde, die drei Jünger selbst sind eingeschlafen; verlassen von Allen, allein im Hinblick aller der Qualen, die körperlich und geistig seine Seele erdrücken sollen, ist er dennoch die vollkommene Hingebung in den Willen Gottes. Christus betet: „Mein Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ In dem Gebet von Gott durch einen Engel gestärkt, tritt Jesus Christus dem nichtswürdigsten Verräther der Schöpfung entgegen und durch einen Kuss wird er seinen Mördern übergeben. Da das Leben Jesu hier vorzugsweise als die Quelle und das Vorbild der christlichen Tugend dargestellt werden sollte, so fehlen die einzelnen Stationen seiner Leidensgeschichte, und wir wenden uns sogleich zu den Jüngern bei der Abnahme vom Kreuze.

 

Jesus ruhet im Schoosse der Mutter. Die Evangelisten erzählen: Als Christus gekreuzigt wurde, standen die Jünger und befreundeten Frauen von ferne. Hier in unserem Bilde sind sie herangekommen, auch Petrus ist dabei, der ihn zuletzt noch verleugnet hatte. Die Thränen bittersten Schmerzes haben die Decke hinweggewaschen, die ihren Blick bis dahin verschleiert hatte, der Vorhang im Tempel war zerrissen, das Allerheiligste war sichtbar geworden zum Zeugniss Gottes, dass durch Christi Tod der freie Zugang zu ihm fortan dem ganzen menschlichen Geschlechte offen stehen sollte.

 

Unter der Abnahme vom Kreuze sind noch drei Bilder zu sehen: Die Sabbathruhe des Heilandes im Grabe; Die beiden Frauen Maria und Magdalena am Grabe und Der auferstandene Christus, den Maria Magdalena erkennt.

 

Durch die Sabbathruhe soll den gläubigen Christen auch die Sabbathfeier angedeutet werden. Mit den beiden Frauen am Grabe aber ist die Sehnsucht der Liebe ausgesprochen. Im folgenden Bilde erkennt Maria Magdalena den auferstandenen Heiland, und freudig ruft sie: „Rabbuni!“ Ihre und unsere Hoffnung ist erfüllt. Alle Gedanken schmelzen in diesem Bewusstsein, wie die zerlegten

 

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Farben des Lichtes, zu einem leuchtenden Kranze zusammen, und das ganze Weltall durchdringt nun der anbetende und selige Ruf Rabbuni, d. h. Herr! Die letzten Worte Christi auf Erden, die er zu seinen Jüngern unmittelbar vor seiner Himmelfahrt gesprochen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden; gehet hin in alle Welt, und lehret alle Heiden, und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes“ bezeichnen den Inhalt der Gemälde an der kreuzgewölbten Decke. In der Mitte des Raumes schwebt die Taube, das Sinnbild des heiligen Geistes. In dem Felde nach Osten ist Christus dargestellt mit Beziehung auf die Worte, die er zu den versammelten eilf Jüngern spricht. Jesus sitzt auf einem Berge mit der Siegesfahne und als Herr des Weltalls mit der Glorie umflossen. Die eilf Jünger mit ihren Attributen sind in die drei übrigen Felder vertheilt, im südlichen Raume St. Petrus, St. Andreas, St. Thomas, St. Matthäus, im westlichen St. Simon von Cana, St. Thaddäus, St. Jacobus minor, im nördlichen St. Bartholomäus, St. Philippus, St. Johannes, St. .Jacobus major.

 

Unter diesen ersten Aposteln Christi sind, in acht Kreise geschlossen, vier griechische und vier lateinische Kirchenväter angebracht: Leo der Grosse, römischer Bischof, Prediger und Dogmatiker; Gregorius, ebenfalls römischer Bischof, Ordner des Gottesdienstes, wie er noch jetzt in der römischen Messe durchgeführt wird; Basilius, einer der drei Haupt-Kirchenlehrer in Cappadocien, besonders der Vertreter des ascetischen Lebens im Orient; Hieronymus, Uebersetzer der Bibel in die lateinische Sprache (Vulgata); Verbindungsglied zwischen Morgen- und Abendland ist Augustinus, Bischof von Hippo in Afrika, Hauptdogmatiker der alten lateinischen Kirche; Ambrosius von Mailand, christlicher Hymnologe und Bischof; Chrysostomus, Erzbischof in Constantinopel, berühmtester Prediger seiner Zeit; Athanasius von Alexandrien, Theolog und Dogmatiker. Sie stellen dar die Ausbreitung der christlichen Kirche durch die Länder in Asien, Afrika und Europa. In der Spitze des abschliessenden Bogens dieses Gewölbes, da, wo die Decke sich einlegt, ist ein Engel mit einem Spruchbande angebracht, der von oben herab dieselben seligen Worte ausspricht, die in der Umrahmung der Anbetung der Hirten zu lesen sind: „Ehre sei Gott in der Höhe etc.“ Mit diesen benannten Bildern schliesst sich die östliche Wand und die Decke ab.

 

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Die nördliche Wand. Hier ist es die Lehre Jesu, die den Begriff der christlichen Cardinaltugenden, in Bildern ausgedrückt, uns nahe bringen soll.

 

Die Bergpredigt Christi bildet die Spitze. Jünger und befreundete Frauen und allerlei Volk hören das Wort Jesu. „Selig sind, die reines Herzens sind“ ist die besonders hervorgehobene Unterschrift. Der weitere Inhalt der Bergpredigt ist durch die folgenden Gemälde ausgesprochen, welche zur Darstellung bringen: Die Gerechtigkeit; Die Barmherzigkeit; Den Glauben. In dem ersten Bilde ist die Erzählung vom Zinsgroschen gegeben, um die Tugend der Gerechtigkeit auszusprechen. „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist.“ Im zweiten Bilde ist die Tugend der Barmherzigkeit ausgedrückt. Der barmherzige Samariter hat nicht bloss die Wunden des Geschlagenen mit Oel begossen und verbunden, sondern den Kranken auch auf sein eigenes Thier gehoben, um in der Herberge seiner weiter zu pflegen. Im dritten Bilde ist der Glaube durch die Begegnung des Heilandes mit dem cananäischen Weibe ausgesprochen.

 

Die nun folgenden Gemälde, welche unter den vorhergehenden den Abschluss an dieser Wand bilden, bezeichnen den Lohn der Thätigkeit, die menschliche väterliche Liebe, und in der Mitte die unendliche göttliche Vaterliebe, mit den symbolischen Figuren der Hoffnung und des Glaubens umrahmt.

 

Im Gleichniss von den anvertrauten Pfunden sind die Worte hervorgehoben: „Du bist über weniges getreu gewesen, ich will dich über viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude!“ Das ist die Darstellung des ersten Bildes. Die väterliche Liebe ist im Gemälde von dem verlorenen Sohne ausgedrückt. Er ist in sein väterliches Haus, nachdem er Alles vergeudet hatte, reuevoll zurückgekehrt, und der Vater hat ihm vergeben. Die begleitende Unterschrift enthält die Worte der Busse: „Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir!“

 

Glaube und Hoffnung, als symbolische Figuren aufgefasst, trennen das mittelste Bild: Die göttliche Liebe. „Kommt her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken,“ das sind die Worte, welche durch die Auffassung dieses Schlussgemäldes an dieser Wand die göttliche Liebe bezeichnen. Jesus Christus ist als der Hort unseres Glaubens, als der Altar der christlichen Kirche selbst gedacht. Um ihn schaart

 

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sich die Sehnsucht, und der Kummer beugt sich zu seinen Füssen nieder, Trost für Zeit und Ewigkeit zu empfangen. Auf der einen Seite beweint die Gattin mit ihren Kindern den gestorbenen Vater, der geschiedene Geist empfängt die Krone des ewigen Lebens. Auf der anderen Seite trauert die Mutter um ihr gestorbenes Kind, und wir sehen, wie die Seele des von der Erde hinweggenommenen durch den Engel des Herrn in den Himmel getragen wird. Der gebeugte König und der gefesselte Sclave, der blinde Sänger mit der zerrissenen Harfe und die in Geistesnacht versunkene Tochter, alle suchen und finden den Frieden in der Zusage des Herrn: „Kommt her zu mir Alle; ich will euch erquicken.“

 

Die westliche Wand. In der Spitze dieser Wand, oberhalb der beiden Fenster, ist im ersten Bilde ausgeführt, wie Christus ein Kind seinen Jüngern zum Vorbilde darstellt. „Es sei denn, dass ihr werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Christus hält einen auf seinem Schoosse sitzenden Knaben, die Hände des Kleinen sind in frommer Weise gefaltet, wie gute Mütter die Kinder wohl lehren, wenn sie ein Dankgebet sprechen sollen. In dem Ganzen des Bildes soll die Cardinaltugend der Unschuld ihren Ausdruck finden.

 

Es folgen nun Bilder aus dem Kindesleben Jesu selbst: Die Anbetung der Könige, Die Ruhe auf der Flucht nach Aegypten, und Christus als zwölfjähriger Knabe im Tempel lehrend.

 

Es ist nicht wohl möglich, das uns göttlich Erscheinende im Bilde rein naturwahr zum Ausdruck zu bringen. Es steht der künstlerischen Auffassung zu, durch geistiges Weitergreifen einen würdigen Ausdruck zu suchen. Beide Christusgestalten, sowohl die in der Ruhe auf der Flucht nach Aegypten, wie auch die in der Anbetung der Könige, welche mit dem Mittelbilde, Christus als Knabe im Tempel lehrend, ein Ganzes bilden und das Kindesleben Christi vollenden sollen, sind deshalb in symbolischer Weise gedacht und durchgeführt. Alle drei Gemälde aber sind als vorbereitende zu dem unteren Abschluss der letztfolgenden dritten Abtheilung zu betrachten , sie vermitteln den Schluss sämmtlicher Darstellungen der christlichen Tugenden.

 

Christus lehrt als zwölfjähriger Knabe im Tempel, und Alle, die ihm zuhören, verwundern sich seines Verstandes und seiner Antwort. Zu den besorgten Eltem spricht derselbe: „Wisset

 

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ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Das ist das mittlere Bild; eingeleitet ist es durch das vorhergehende, Die Ruhe in Aegypten. Hier ist das Elternpaar, der Ruhe bedürftig, schlafend dargestellt, während der Christusknabe wachend, verklärt, einen Oelzweig, das Symbol des Friedens, in der einen Hand hält und mit der anderen die Erde segnet; er erblickt den Himmel geöffnet; Engel singen das ewige Halleluja.

 

Auf der entgegengesetzten Seite, im Bilde der Anbetung der Könige, nimmt das Jesuskind aus einer Truhe von allen Geschenken, welche die Könige des Morgenlandes gebracht haben, die Rose von Jericho, das Symbol der ewigen Frische, des immer erneueten Lebens. Die Pflanze selbst wächst in der Wüste, und die Legende erzählt, wo Maria mit dem Kinde ihren Fuss hinsetzte, ist sie gewachsen und belebt sich immer aufs Neue, wenn sie mit frischem Thau getränkt wird.

 

Unter den oben bezeichneten Bildern folgt die letzte Abtheilung, ebenfalls in drei Gemälde getrennt. Im Mittelbilde sitzt Jesus, umgeben von den vier Evangelisten, auf den Trümmern zerstörter heidnischer Tempel. Die Sphinx, das Symbol der ungelösten Räthsel, ist gebrochen, die Wahrheit ist verkündigt. Die Liebe Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes hat in der Gestalt Jesu Christi dort nun ihren Wohnsitz genommen, und durch den Mund der vier Evangelisten ruft der Heiland uns zu: „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“

 

Das vorhergehende Bild bringt die in Reue zusammengeknickte Sünderin. Sie liegt zu den Füssen Jesu Christi, und der Heiland, welcher als Knabe mit dem Oelzweige in dem Bilde darüber den Himmel geöffnet erblickt, ruft ihr zu: „Stehe auf, deine Sünden sind dir vergeben.“

 

Das entgegengesetzte Gemälde ist aus dem Gespräche Jesu mit der Samariterin genommen. „Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, sollen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“

 

Verbunden sind diese drei Schlussbilder durch zwei symbolische Figuren, die Frömmigkeit und die Wahrheit. Zwei grosse Gestalten, Petrus und Paulus, an die Flächen der Eingangspfeiler gemalt, eröffnen den Eingang zu den neu componirten Gemälden, sie sind als die Führer auf dem Wege der christlichen Lebenstugenden

 

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zu betrachten; in technischer Auffassung sollen sie zugleich die alten und neuen Gemälde vermitteln.

 

Ueber beiden Figuren sieht man noch zwei bedeutungsvolle Köpfe in Kreise eingeschlossen. Der eine ist Bonifacius, „der Apostel der Deutschen“, der andere Ludgerus, welcher in unseren Gegenden das Evangelium gepredigt hat.

 

 

Einiges über die technische Behandlung der alten Gemälde.

 

Die alten Wandgemälde in unserem Dome sind al secco, das heisst mit nassen Farben auf trocknem Grunde gemalt, nirgends fand sich ein Mörtelansatz, der eine Frescomanier hätte vermuthen lassen. Bei einem einzigen Bilde, die Ausgiessung des heiligen Geistes, an der Decke im ersten Kreuzgewölbe, zeigten sich eingedrückte Contouren; sie mögen durch Uebertragung entstanden sein. Wenn von Uebertragung in der Kunstsprache die Rede ist, setzt man voraus, dass eine ebenso grosse Zeichnung vorher entworfen wurde, um dann an passender Stelle durchgezeichnet zu werden, wie das in der jetzigen Zeit durchweg geschieht, namentlich bei Fresco-Malereien. Bei unseren alten Gemälden im Dome war das aber gewiss nicht der Fall. Die sicheren Contouren, immer mit sehr flüssiger, rother, tintenartiger Farbe ausgeführt, scheinen gleich an die Wand gezeichnet zu sein. Und wenn auch eine bestimmte Vorschrift als Leitfaden für die Anordnung der Figuren gegeben sein mag und bestimmte Typen innegehalten werden mussten, so ist ein gewisser Begriff von naturalistischer Richtigkeit dem Meister doch fühlbar gewesen; sonst würden nicht auf der Wand noch erkennbare Correcturen vorgekommen sein, die um eine halbe Kopflänge die Gestalten entweder vergrösserten oder verkleinerten.

 

Es lässt sich vermuthen, dass ein byzantinischer, oder italienischer Meister selbst der Componist unserer Gemälde war; der edle Styl vieler Figuren deutet entschieden darauf hin. Eindrücke und Studien aus einer vollendeteren Kunstepoche sind nicht zu verkennen. Ein Umstand muss noch hervorgehoben werden, der

 

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die Meinung unterstützen dürfte. Es fanden sich nämlich an der Stelle, wo die Geschichte des Thomas Becket dargestellt ist, unter den alten Gemälden selbst durcheinander geworfene Entwürfe, wie sie heut zu Tage wohl auch in den Maler-Werkstätten an den Wänden vorkommen, die nicht christlich zu deuten waren. Unter anderen unverständlichen Bruchstücken war in einem Zirkelschlag eine sitzende Figur so geistreich gezeichnet, dass sie nur als das Bild einer Minerva angesehen werden konnte. Leider konnte sie nicht durchgezeichnet werden, man hätte sonst das darüber gemalte Original zerstören müssen. Die Durchführung der Gemälde selbst war verschiedenartig; Manches wurde wahrscheinlich von Mönchen gemalt, die mit Miniaturmalerei sich vielfach beschäftigten, die kleinliche Uebermalung hatte den ersten Entwurf häufig beeinträchtigt. Die Farbenstimmung ist prismatischer Natur und zwar so, dass sich alle Töne in glücklichem Gleichgewicht halten. Die Verschlingungen der Arabesken sind unerschöpflich neu, keine wiederholt sich; und doch bleibt immer eine bestimmte Grundform vorherrschend, die prismatischen Farben derselben liegen entweder in den Blättern auf todtem Grunde, oder der Grund selbst ist, wenn nur Ranken die Verzierung bilden, zu der Farbenabwechselung verwandt. Die architektonische Verwendung in den Gemälden ist so naiv, dass sie ans Unbegreifliche gränzt, um so mehr, da bei der Grössenabnahme der Arabesken unter den Eingangsbögen der Kreuzabtheilungen eine glückliche Berechnung zu bemerken ist. Die wunderbaren Baulichkeiten selbst dienen gewöhnlich zum Abschluss eines Gemäldes.

 

Die Freiheit des künstlerischen Schaffens im 12. und 13. Jahrhundert ist durch naturalistischen Zwang durchaus nicht behindert. Ob eine Figur der anderen auf die Füsse tritt, oder nicht; ob sie den Boden, dem sie angehören soll, berührt, oder nicht: darauf kommt es nicht an. Ist der Gedanke ausgesprochen, und der Eindruck des Ganzen vollendet, so ist Alles erreicht, und dennoch ist die Kirche durch ihre bemalten Wände wirklich ein Heiligthum, ein harmonisches Etwas geworden, das den Verstand und die Sinne mit gleicher Freude berührt. Plastisches Hervortreten oder Zurückweichen der Formen ist durchaus nicht zu erkennen; wie gross der Reichthum und die Pracht der Bildwerke auch ist, der Eindruck der Wandfläche ist immer gewahrt.

 

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Die Anordnung der Gemälde im Grossen und Ganzen ist meisterhaft, und die figürliche Raumvertheilung ist zu bewundern. Die Kirche ist eben die mit Teppichen geschmückte und von seiner Lehre erfüllte Braut Christi.

 

 

Die zwischen den ursprünglich alten Gemälden in gleichem Style zugefügten neuen Compositionen.

 

Es ist gesagt worden, dass nur wenige Linien ausreichten, beschädigte Stellen so wieder herzustellen, dass die alten Contouren in ihre Reinheit zurückgebracht werden konnten. Die Ausnahmen, welche durch die gänzliche Vernichtung einiger alten Bilder vorgekommen, sind folgende.

 

In den südlichen Kreuzflügel auf dem hohen Chore ist in den dreissiger Jahren die Sacristei eingebaut. Bei dieser Gelegenheit wurde ein Schornstein in der Mitte der südlichen Wand gezogen. Dabei ist zerstört worden in der Spitze der Wand der einladende Engel mit den ausgebreiteten Armen. Die beiden Hände und vorspringende Gewandspitzen waren noch sichtbar. Die darunter stehende Figur, eine der klugen Jungfrauen, war ebenfalls vernichtet, die Hand mit der Lampe war noch zu erkennen. Das weiter unten durchgeführte Bild, die Entführung des Kreuzes Christi, hatte dasselbe Schicksal erlitten; Anfang und Ende der Darstellung, einschliesslich ein Theil des Kreuzes, gaben zur Ergänzung noch Anhaltspunkte. An der westlichen Wand desselben Kreuzflügels war die untere Reihe der Märtyrer-Scenen sehr stark beschädigt; doch liessen die ursprünglichen Formen sich noch herausfinden. Nur in der Emporhebung der heiligen Catharina in den Himmel ist der untere Engel neu zugefügt. Im mittleren Kreuzgewölbe waren alle Darstellungen sehr gut erhalten. In der östlichen Kreuzabtheilung dagegen mussten mehrere Bilder neu componirt werden. In der Geschichte Johannis des Täufers ist das Bild des Herodes, mit ursprünglicher Ueberschrift, neu; ebenso der untere Theil des daneben stehenden Johannes in der Wüste. Das unter Herodes befindliche Gemälde mit der Schrift: „Ego vox clamantis in deserto“ ist neu; ebenso der daneben

 

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stehende Christus in dem Bilde: „Ecce, agnus die!“ Die Apsis des hohen Chores war, wie schon oben gesagt, gänzlich zerstört, und mussten sämmtliche Gemälde dafür neu componirt werden. Die neu zugefügten Bilder in der Geschichte des St. Thomas Becket sind schon bei der Beschreibung derselben genannt worden.

 

Mit diesem möchten die Ergänzungen alle genannt sein; hinzuzufügen wäre noch, dass einzelne Stellen in den Gemälden so gut erhalten waren, dass sie als Anhaltspunkte bei der Wiederherstellung die wesentlichsten Dienste geleistet haben. Die Originaldurchzeichnungen sind dem herzoglichen Museum übergeben.

 

Unter meiner Aufsicht und Verantwortung sind auch die beiden steinernen Figuren Heinrich der Löwe und der bis dahin so benannte Bischof Hermann von Hildesheim wieder hergestellt worden. Die ursprünglichen Formen und Farben der Verzierungen waren sehr deutlich zu erkennen.

 

Die Hülfe des Malers H. Neumann ist mir eine sehr wesentliche gewesen. Namentlich sind es die Arabesken, die mit Verständniss und Sorgfalt von ihm wieder hergestellt sind. Die Mischung der Farbenpigmente ist sein alleiniges Verdienst, und sein williges Eingehen in die Anordnungen trug dazu bei, einen harmonischen Totaleindruck zu erreichen.

 

An den übrigen Restaurationen im Dome hat Verfasser dieses keinen Antheil. F. Krahe, Baumeister am Dome, hat die Malereien in der Krypta angeordnet und den von mir als Taufcapelle gedachten nördlichen Kreuzflügel der Kirche, in welchem die neuen Gemälde sich befinden, mit einem grossen Schrank versehen, der ein historisch höchst interessantes altes Crucifix seiner Hässlichkeit wegen einschliesst. Schade ist es, dass die Wandfläche dadurch zerrissen ist. Die erste Idee war, unter jenen Darstellungen aus dem Leben Christi einen Cyclus von Gemälden zu entwerfen, in welchem die Geschichte Heinrichs des Löwen, des Gründers des Gotteshauses, für diesen Platz den Inhalt geben sollte. Es würde dadurch nicht nur der richtige Abschluss gegeben, sondern auch das Gleichgewicht mit der gegenüberliegenden südlichen Kreuzabtheilung hergestellt sein. Die mit roth bemaltem Pergament überzogene Thür und die mit Blattgold gehobenen, alten eisernen Beschläge sind Anordnungen desselben Künstlers. Als Baumeister hat derselbe auch alle im Dome neu entstandenen Glasmalereien angeordnet und die Fensterleibungen

 

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oben im Langschiff der Kirche mit byzantinischen Arabesken auf Goldgrund versehen. Das Orgelgehäuse ist ebenfalls von ihm entworfen.

 

Das Grabmal Heinrichs des Löwen, unter vielfach überzogenen Kalkschichten unkenntlich geworden, ist von dem Bildhauer G. Howaldt wieder hergestellt, in einzelnen Stellen ergänzt und zum erfreulichsten Genusse gebracht.

 

Ein grosses Verdienst hat sich der Domprediger Dr. Thiele erworben, indem er die bei Tieferlegung des nördlichen Kirchendaches entdeckten unteren Theile alter Glasgemälde vom Untergange rettete. Eins der Fenster war leider nicht wieder herzustellen. Die drei anderen aber sind nicht nur bewahrt, sondern nun auch so wieder hergestellt, dass sie der ursprünglichen Stelle zurückgegeben werden konnten, um nun ein unumstössliches Zeugniss für die Glasmalereien romanischer Kirchen im 13. Jahrhundert zu geben.

 

Der Dom in Braunschweig ist eine ergiebige Quelle geworden zum Studium der Kirchengeschichte und zum Studium mittelalterlicher Kunst. „Die Baukunst in verschiedenen Epochen, die Malereien an den Wänden sowohl, wie die aufgefundenen alten Glasmalereien, das Grabmal Heinrichs des Löwen, der siebenarmige Leuchter in Bronze, der Altartisch mit seinen fünf Säulen, derselben Zeit angehörig, geben ein Zeugniss der künstlerischen Bildung im 12. und 13. Jahrhundert, wie wenige noch erhaltene uns überkommene Denkmäler.

 

Dank unserer hohen Landesregierung, die mit liebender Sorge es übernommen hat, neben der Bewahrung alter uns überkommener Kunstwerke auch neue hinzufügen zu lassen und dadurch die Feier des evangelischen Gottesdienstes in unserem Dome in würdiger Weise zu erhöhen. Möchten die Kirchenverwaltungen es doch recht lebhaft fühlen, dass der geheiligte Raum, in welchem die versammelte Gemeine ihren höchsten Beruf erfüllt, Gott anzubeten, ihre Gemeinschaft mit ihm lebendig zu erhalten und die Opfer ihres Dankes ihm darzubringen, auch des würdigen Schmuckes der Künste nicht entbehren sollte. Möchte das Beispiel unseres Domes die eifrigste Nachahmung finden.

 

 

 

 

Druck von L. Mack in Braunschweig.

 

 

In C. W. Ramdohr's Hof- Buch- und Kunsthandlung erschien ferner:

 

Die mittelalterliche Architektur Braunschweigs und seiner nächsten Umgebung, erläutert von Dr. C. Schiller.

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Druck von L. Mack, Damm Nr. 16

 

Welfische Kunst im Braunschweiger Dom

Stefan Brenskes Interpretation der romanischen Wandmalerei in St. Blasius:
Welfische Kunst im Braunschweiger Dom

BRAUNSCHWEIG  Der spektakuläre Erwerb des Evangeliars Heinrichs des Löwen und dessen Ausstellung in Braunschweig und nunmehr in Wolfenbüttel hat vielfach Interesse geweckt für jenen mächtigen Welfenherzog, der sich auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere mit dem staufischen Kaiser überwarf und Verbannung und Verlust seiner Herzogtümer hinnehmen mußte. Von seiner Machtfülle zeugen in Braunschweig das Löwenstandbild, die Burg Dankwarderode und der St.-Blasius-Dom, den er neu erbauen ließ.
Der 1988 erschienene Band 25 der Reihe A der „Braunschweiger Werkstücke“ widmet sich einem Detail dieses Doms, das nach Auffassung des Autors Stefan Brenske nicht nur von einzigartiger kunstgeschichtlicher Bedeutung ist, sondern zugleich als Ausdruck welfischer Zielsetzungen gedeutet werden kann. Es handelt sich dabei um die romanischen Wandmalereien an der Ost- und Südwand des südlichen Querhauses, den HI.-Kreuz-Zyklus, der die beiden Legenden der Auffindung des Kreuzes Christi durch die Kaiserin Helena und der Kreuzerhöhung, das heißt der Rückeroberung des geraubten Kreuzes durch den Kaiser Heraklius, darstellt.
Im Zentrum der Arbeit Brenskes steht nicht die theologische und kunstgeschichtliche Interpretation der insgesamt 18 Bilder, sondern die Aufdeckung von Bedeutungsebenen, die in direktem Zusammenhang mit der politischen Situation ihrer Entstehungszeit - etwa 50 Jahre nach dem Tod Heinrichs des Löwen - stehen. Zunächst erinnert die Reise Helenas nach Jerusalem an die Pilgerfahrt Heinrichs ins Heilige Land sowie an seinen Kreuzzug gegen die heidnischen Wenden, was den Herzog gewissermaßen als geistigen Erben Helenas und ihres Sohnes Konstantin erscheinen läßt und ihn als christlichen Herrscher idealisiert.
Nimmt man an, daß der Enkel Heinrichs, Otto das Kind, in dessen Regierungszeit die Entstehung des Zyklus' fällt, bewußt an die Tradition seines Großvaters anknüpfen wollte, so lassen sich weitere Bezüge herstellen. Insbesondere die reich ausgestattete Kreuzerhöhungslegende mit dem Kampf gegen den räuberischen Perserkönig Chosroes kann in Parallele zu Ottos eigenem Kreuzzuggelübde für den Fall des gefürchteten Mongoleneinfalls gesetzt werden. Letztlich sieht Brenske in der mit den Merkmalen des Antichrists versehenen Darstellung des Chosroes sogar das Feindbild des Staufenkaisers Friedrich II., womit er Zweifel an der Einschätzung Ottos als eines auf Versöhnung von Staufern und Welfen ausgerichteten Fürsten anmeldet.
Im Kontext des Bildzyklus' erscheint Otto dann als derjenige, der nicht nur den Sturz Heinrichs des Löwen rückgängig macht und die Welfen wieder in ihr Recht einsetzt, sondern als Erfüller des göttlichen Heilsplans, dem dadurch das ewige Leben zuteil wird. Diese Integration politischen Selbstverständnisses in heilsgeschichtliche Zusammenhänge ist in der Kunst der Zeit etwas durchaus übliches, wie man - auf ganz direkte Weise - auch im Widmungs- und im Krönungsbild des Evangeliars erkennen kann.
Die Arbeit von Stefan Brenske mit ihrer ausführlichen Beschreibung und sehr schlüssigen Deutung des Hl.-Kreuz-Zyklus' lädt dazu ein, den Braunschweiger Dom und seine kunstvolle Ausmalung einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten -- als einen Ort welfischen Selbstbewußtseins, der die Vergangenheit glorifiziert und ein Programm für eine machtvolle Zukunft entwirft.
                                                       Joseph König

Stefan Brenske: „Der Hl.-Kreuz-Zyklus in der damaligen Braunschweiger Stiftskirche St. Blasius (Dom)", Studien zu den historischen Bezügen und ideologisch-politischen Zielsetzungen der mittelalterlichen Wandmalereien, Braunschweiger Werkstücke Reihe A, Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv und der Stadtbibliothek, Band 25, Braunschweig 1988, 235 Seiten, 96 Abbildungen, broschiert.


Veröffentlicht in:
Wolfenbütteler Zeitung.  Sonnabend/Sonntag. 2./3. September 1989 unter KULTURELLES

 

 

 

 

C. G. W. Schiller: Der Dom St. Blasii zu Braunschweig

Der Dom,
auch Burgkirche und Stiftskirche St. Blasii genannt 2).
(1172.)
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Herzog Heinrich d. L., der im J. 1172, reich mit Kostbarkeiten und Reliquien versehen, aus dem gelobten Lande zurückkehrte, liess
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1) Gesch. der Stadt Braunschweig von Carl Ludw. Friedr. Lachmann. Brschw. 1816. p. 94.
Diesen Irrthum hat J. A. H. Schmidt nachgeschrieben in seinem:
Versuch einer histor. topogr. Beschr. der Stadt Braunschweig. Brschw. 1821. p. 99.
2) Antiquitates ecclesiasticae inclytae urbis Brunsvigae oder der berühmten Stadt Braunschweig Kirchen - Historie, von Ph. Jul. Rehtmeyer. Brschw. 1707. I. p. 84—118, und Beilagen p. 57—106.
Leibnitz: Scriptores Brunsvicensia illustrantes. Hannov. 1711. I. p. 526; II. p. 59—61; III. p. 52, 53, 84, 173, 723, 724.
(Molani:) Lipsanographia, sive Thesaurus Reliquiarum electoralis Brunsvico-Luneburgicus. ed. 2. Hannov. 1713. ed. IV. 1783.
Phil. Christ. Ribbentrop; Beschreibung der Stadt Braunschweig. Brschw 1789. p. 169—180.

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11    Der Dom

in dem nämlichen Jahre die, vom Markgrafen Ludolph auf der Burg errichtete, und 1030 vom kunstsinnigen und baulustigen Godehard,
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Inscriptionum sepulcralium principum ac ducum brunsvico-luneburgensium in mausoleis haereditariis capituli S. Blasii mollites quiescentium, opusculum, quod edidit J. A. H. Schmidt. Brunsv. 1797.
Joh. Christoph Stübner: Histor. Beschreib. der Kirchenverfass. in den Herzogl. Br.-Lüneb. Landen seit der Reformation. Goslar. 1800.
Shigt-Bok der Stad Brunswyk, herausg. v. K. F. A. Scheller. Brschw. 1829. p. 247.
Erläuterung des Situations-Planes von dem Dom-Kirchhofe zu Braunschweig. 1835.
Fr. Görges: Der St. Blasius-Dom. Brschw. 1815; 2. Aufl. 1836.
J. A. H. Schmidt: Versuch einer histor.-topogr. Beschreib. der Stadt Braunschweig. Brschw. 1821.
H. Schröder und W. Assmann: Die Stadt Braunschweig. Brschw. 1841. p. 138—149.
Von dem h. Blasius, welchem die Stiftskirche in Braunschweig gewidmet ist; von Tr., s. Br. Anz. 1749 St. 11.
Kurzes Verzeichniss der Dompröbste des Stiftes S. Blasii; von A. B., s. Br. Anz. 1749. St. 59.
Erster Beitrag zu dem Verzeichnisse der Dompröbste bei dem Stifte Blasii in Braunschweig; von Constantius Olorino, s. Brschw. Anz. 1749. St. 67.
Die h. Gertrudis in der Burg, s. Br. Anz. 1750. St. 13. 16.
Was es mit der sogenannten h. Era, deren Bildniss in der Stiftsk. S. Blasii zu Braunschweig gewiesen wird, für eine Bewandniss habe? s. Br. Anz. 1750. St. 26. (Dieser Artikel ist eine Nachweisung über die h. Era, als Erwiederung auf die, im 43. St . der Br. Anz. 1748 gestellte Anfrage: ,,Was hat es mit der sogenannten h. Era, deren Bildniss in der Stiftsk. S. Blasii zu Braunschweig gewiesen wird, für ein Bewandniss, und woher ist dieser Name entstanden?")
Von dem eigentlichen Jahr des Ablebens Herzogs Otto des Milden, s. Br. Anz. 1753. 89.
Von einem in der Stiftsk. S. Blasii zu Braunschweig befindlichen Wappen; von Beck, s. Br. Anz. 1754. St. 3.
Beck: Ueber das Begräbniss und Grabmal des Commandanten J. G. v. Stauff, s. Br. Anz. 1757. St. 59.

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12    Der Dom

dem vierzehnten Bischofe von Hildesheim, der Ehre des Petrus und Paulus geweihete Kapelle abbrechen, und bereits im folgenden Jahre den Grund zu der, dem h. Blasius, Bischofe von Sebaste, dem Johannes d. Täufer und dem h. Thomas, d. h. dem berühmten Zeitgenossen Heinrich's d. L., dem Thomas Becket 1) gewidmeten Stiftskirche legen, deren Weihe später Hermann, Bischof von Hildesheim, vollzog 2). Das Document der Gründung ist leider nicht mehr vorhanden. Noch auf dem Sterbelager erfuhr Heinrich den Kummer, dass am 26. Juli Abends 9 Uhr 1195 der Blitz den Thurm entzündete und theilweise zerstörte. Die Kirche blieb indessen unversehrt.
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Aufschriften einiger Denkmäler von adelichen Begräbnissen; von Beck; s. Br. Anz. 1757. St. 76.
Nachricht vom Hrn. Ernst von Hohnrodt, so in der Stiftsk. S. Blasii hieselbst begraben liegt; von Lichtenstein; s. Br. Anz. 1760. St. 16.
J. C. F. Heise: Histor. Erzähl. von St. Blasius, dessen Gedächtniss am 3. Febr. gefeiert wird, s. Br. Anz. 1760. St. 17—18.
Lebensbeschreibung des Kanzlers und Probstes von Wendhausen; s. Br. Anz. 1760. St. 74.
A. A. Beck: Anmerkungen über die Martini- und einige andere Kirchen in Braunschweig; s. Br. Anz. 1777. St. 59.
Schmidt: Zwei Berichtigungen zu der von Ribbentrop im J. 1789 herausgegebenen Beschreibung der Stadt Braunschweig; s. Br. Mag. 1812. St. 2.
Schmidt: Kurze Uebersicht der Dompröbste des Stifts S. Blasii zu Braunschweig; s. Br. Mag. 1815. St. 1—2.
Lüderssen: Recension des Werkes: „Der von Heinr. d. L. erbauete S. Blasius-Dom zu Braunschweig, und seine Merkwürdigkeiten, von Frdr. Görges, Braunschweig, 1815;" s. Br. Mag. 1815. St. 22—23.
Schmidt: Versuch einer historischen Darstellung der successiven Entstehung der Vicariatspräbenden beim Stifte S. Blasii in Braunschweig; s. Br. Mag. 1817. St. 36—38; 41—45.
1) Bereits auf einem Stiftssiegel einer Urkunde vom J. 1238 wird der h. Thomas als Mitpatron genannt, wie seiner auch das Chronicon rhythmicum, bei Leibnitz scr. Brunsv. III. p. 52, mit den Worten gedenkt: „Unde van Kautelenberg darto Sancto Thomasse to ere."
2) J. Kreuser ist deshalb im Irrthum, wenn er die Einweihung der jetzigen Burgkirche dem Godehard zuschreibt; s. Kreuser's: christl. Kirchenbau. Bonn 1851. I. p. 319.

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13    Der Dom.

Mit dem Domstifte verband Heinrich die Gründung zweier Kapellen, der Gertruden-Kapelle, an der Stelle des früheren von Häkelschen Hauses, und der darüber belegenen, bis 1654 noch vorhanden gewesenen Georgs-Kapelle. — Die Probstei des Domes existirte bereits 1157 und hatte in diesem Jahre auch schon ihren Decan. Heinrich d. L. wollte aus deren Canonicis 1), die nach der Regel des h. Augustinus lebten, seine Kanzler und Hofgeistlichen wählen. Die uns erhaltenen ältesten Statuten der Probstei stammen aus dem J. 1308, und wurden 1442 wesentlich revidirt. Am 1. Dec. 1810 wurde das Stift aufgehoben. — In Abwesenheit des katholischen Herzogs Heinrich d. J., führten die Herzoge Philipp Ernst und Erich am 22. Oct. 1542 die Reformation im Dome ein. Nach seiner Rückkehr liess Heinrich d. J. 1546 die Kirche verschliessen, bis sie 1553, auf Betrieb des Rathes der Stadt, dem protestantischen Gottesdienste wieder geöffnet wurde. — Die Domschule kam nach der Reformation in Abnahme, und ging nach dem Aufblühen der Schulen zu S. Catharinen und S. Martini ganz ein. — Die Bibliothek des Domes wurde durch Herzog August mit dem Wolfenbüttler Bücherschatze vereinigt. —
[Von dem ursprünglichen Baue sind, ausser den beiden unteren Thurmgeschossen, noch das Mittelschiff, die Kreuzflügel, das hohe Chor und die Krypta erhalten. Der Dom ist eine Pfeilerbasilika von sehr edler Wirkung, und zerfällt der Länge nach in sechs Reihungen. Die mächtigen romanischen Pfeiler, mit der Kreuzform des Grundprofiles, haben attischen Säulenfuss, Cylinder an den Ecken und Eckblättchen. Sie nehmen, ohne von Pfeiler zu Pfeiler gehende Quergurte, unmittelbar das schlichte Gradgewölbe auf; dieses hat aber bereits, wie auch die Gurte der Kreuzflügel, den leisen Einknick des Spitzbogens 2). Nur im Schiffe sind zwischen die je 4 Hauptpfeiler

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1) Chrodogangus, Bischof von Metz, stiftete zu Pipins Zeiten in der Kirche seines Bisthums eine Gesellschaft Geistlicher zu gemeinschaftlicher Besorgung des Cultus. Nach dem, von ihm in 34 Artikeln entworfenen Kanon zur Regulirung der Lebensweise erhielten die Geistlichen den Namen „Canonici."
2) Frdr. v. Quast ist der Ansicht, dass der Gewölbebau im Braunsch. Dome die Zuthat eines spätem Jahrhunderts sei. In einem Aufsatze: „Zur Charakteristik des altern Ziegelbaues in der Mark Brandenburg", s.

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14    Der Dom.

je 4 kleinere von oblonger Grundform postirt, und mit den Hauptpfeilern durch Gurte verbunden. Ein Würfelfries läuft in der Höhe der Seitenschiffe über den Arkaden fort.
So zeigt sich denn, im Vergleich zu der, im J. 1135 gegründeten Stiftskirche zu Königslutter, bereits am Braunschweiger Dome eine wesentlich fortgeschrittene Stylentwickelung. Dort war ursprünglich nur die Choranlage mit den Kreuzflügeln überwölbt, nicht aber das Mittelschiff, dessen schlichte Pfeiler keine Pilastervorlagen haben, auf denen die Gewölbegurte hätten ruhen können. Als man daher in späterer Zeit die Königsluttersche Kirche überwölbte, musste man die Quergurte auf ausgekragte Pilaster stützen, welche nur bis auf den Würfelfries über den Arkaden herabgehen. Dagegen beweist die Kreuzform der Pfeiler - Grundprofile im Braunschweiger
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Deutsches Kunstblatt von Eggers, No. 31, den 5. Aug. 1850 p. 241, äussert er sich in dieser Beziehung: „Der Dom zu Ratzeburg, ein ausgebildeter rundbogiger Gewölbebau, mit altspitzbogigen Kreuzgewölben ohne Rippen, gehört auf keinen Fall der Gründung des Domstifts in der Mitte des XII. Jhrdts. an; sondern frühestens dem Anfange des XIII. Jhrdts. Derselbe ist eine, mit den für den Ziegelbau notwendigen Abänderungen versehene, fast wörtliche Copie des S. Blasien-Doms zu Braunschweig, der bekanntlich erst 1172 gegründet und 1194 geweiht wurde.  Im J. 1127 (soll wohl heissen: 1227?) war wieder eine neue Einweihung der Kirche, (des Braunschweiger Domes?) und dürften die dem Ratzeburger Dome völlig entsprechenden spitzbogigen Kreuzgewölbe ohne Rippen, sowie die damit zusammenhängenden Wand- und Gewölbemalereien noch jünger sein; folglich auch die zu Ratzeburg, welche jedenfalls ursprünglich sind und noch dem XIII. Jhrdt. angehören." —
Abgesehen von anderen, problematischen Behauptungen dieser Notiz, dürfte Herr v. Quast dabei nur übersehen haben, dass die Vorlagen der Hauptpfeiler im Braunschweiger Dome als Lissenen bis zur Decke emporsteigen, sich damit als Träger der Gewölbe markiren, und dass daher die Ueberwölbung von Grund auf intendirt wurde. Nur ganz schlichte Scheidemauern des Mittelschiffs, wie zu Paulinzelle, lassen auf eine flache Holzüberdeckung schliessen. Der leise spitzbogige Einknick der Gewölbegurte im Braunschweiger Dome kann aber um so weniger befremden, als zu Ende des XIII. Jhrdts. der romanische oder byzantinische Styl bereits als gänzlich abgelebt erscheint.

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15    Der Dom.

Dome eine gleich ursprünglich intendirte Ueberwölbung, auf welche auch die im Mittelschiffe an einander gepaarten Fenster deuten, welche immer genau in die einzelnen Schildbögen passen. Seit 1150 fand überhaupt die Ueberwölbung, obgleich sie vereinzelt schon früher vorkommt, allgemeinere Anwendung, und war im Grunde genommen, nach Kallenbachs richtiger Bemerkung, zum harmonischen Abschlusse des Rundbogenstyles auch nothwendig.
Die Seitenschiffe des Domes hatten ursprünglich, nach üblicher Weise, die halbe Höhe und Breite des Mittelschiffes, wie das, trotz spätern Umbaues, noch fragmentarisch erhaltene südliche Seitenschiff beweist. — Mit den Pfeilern correspondirend, sind an der Aussenseite Lissenen angebracht, die sich unter dem Dachgesimse mit einem romanischen Bogenfriese verbinden, und an die sich zu jeder Seite ein romanisches .Rundbogenfenster mit nach innen und aussen schlicht eingeschrägter Wandung anschliesst.
Von ausserordentlich günstigem Effecte ist die Anlage des hohen Chores, das sich über der Krypta 1) um 11' über das Niveau
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1) Zu der Krypta (ή χρΰπτη, von χρύπτω, ich verberge, daher ein verdeckter Gang, ein Gewölbe) findet sich, wie Hoffstadt im gothischen ABC p. 249 bemerkt, gewissermassen schon im unterirdischen Raume des Tempels zu Eleusis ein Analogon. Chr. W. Schmidt meint, dass die Krypten der christlichen Kirchen ursprünglich nur aus einer, mit Erde ausgefüllten Erhöhung des Chores bestanden hätten, und dass derartige Fundamente, der Festigkeit wegen, erst später überwölbt worden seien. Schmidt meint ferner, dass sich vom vierten bis achten Jahrhundert keine Krypten vorfänden; doch berichtet Bloxam p. 62., dass die Klosterkirchen zu Ripon und Hexham mit ihren Krypten dem Bischöfe Winfried aus der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts zugeschrieben würden. Eine der ältesten Krypten in Deutschland dürfte die der Marienkirche zu Cöln sein, welche im J. 700 erbaut wurde. — Schon in sehr früher Zeit benutzte man diese Räume zu Begräbnissstätten der Bekenner und Heiligen, beging deren Gedächtniss darin, und liess auch in ihnen das Glaubensbekenntniss der neuen Christen ablegen, wovon sie den Namen Confessiones führten. — Zu verwechseln sind die Krypten nicht mit den sogenannten Doppelkapellen, die bis in's dreizehnte Jahrhundert herab hin und wieder in Burgen üblich waren. Nur der beschränkten Räumlichkeit wegen, wurden nämlich zwei Kapellen über einander gebauet, von denen die obere, für die Herrschaft bestimmte, vermittelst einer Oeffnung im Fussboden mit der unteren verbunden war, in welcher die Dienerschaft dem Gottesdienste beiwohnte.

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16    Der Dom.

des Schiffes erhebt. Für die hin und wieder ausgesprochene Ansicht, dass die Krypta ein Ueberbleibsel der früheren Petri- und Paulskapelle sei, lassen sich auch nicht die geringsten Beweise beibringen, am wenigsten aber kunsthistorische und technische. Dass die im Jahre 1117 verstorbene Markgräfin Gertrud hier beigesetzt ist, kann für das Alter dieses Bautheils gar nichts beweisen, indem sowohl der Sarg dieser Fürstin aus der abgebrochenen Petri- und Paulskapelle hieher versetzt wurde, wie später aus der zerstörten Cyriacikirche der Sarg Ecberts II. — Die Krypta ruhet auf 2 Pfeilern und 6 Säulen mit Würfelcapitälen, und correspondirt in ihrem Grundplane vollkommen mit der Gesammtanlage des Domes. Diese unterirdische Kapelle war dem Andenken jener h. Era gewidmet, welche sich, als Schutzmittel gegen die Nachstellungen ihres eigenen Vaters, vom Himmel Hässlichkeit erflehete. Das gekreuzigte Bild dieser, mit langem Barte versehenen Heiligen steht jetzt unter dem Thurmgewölbe, während es früher dem Hauptaltare der Krypta angehörte. An der Südseite dieser sogenannten „Kluft der Era" befand sich der, 1329 gestiftete Altar des h. Paulus; während 1349 der Probst des Cyriacistiftes, Ludolf von Honlage, der zugleich Canonicus zu S. Blasii war, die Nordseite mit einem Altare des h. Cyriacus versah, und bei dieser Gelegenheit auch das angränzende Fenster erweitern liess. — Bis zu genauerer Untersuchung muss es unentschieden bleiben, ob zum Chore früher in der ganzen Breite des Mittelschiffes eine Treppe geführt habe, wie in der mit unserm Dome fast gleichzeitigen Kathedrale zu Parma, oder ob ursprünglich eine Doppeltreppe vorhanden gewesen sei, zwischen welcher ein Fenster oder eine Thür in die Krypta geführt haben könnte, wie dies in der Stiftskirche zu Gandersheim der Fall ist. — Auf die Choranlage kommen der Länge nach zwei Quadrate nebst der Hauptapsis, welche mit einem Kuppelsegment überwölbt ist und drei Fenster enthält. Eine Treppe führt in den südlichen Kreuzflügel hinab, dessen unterer, mit kleinen romanischen Wandsäulen verzierter Raum sonst die Johannis-Kapelle ausmachte. Laut Stiftungsdocumentes, war sie vom Bischofe Rudolph von Verden, mit Erlaubniss des Bischofs Hartbert von Hildesheim, zu Ehren der Maria und des Evangelisten Johannes

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17    Der Dom.

1203 geweihet. Die Apsis dieses Kreuzflügels ist 1839 vom Kreisbaumeister Frdr. Krahe ergänzt worden. — An der Giebelwand des nördlichen Kreuzflügels befindet sich die kleine Thür, durch welche Heinrich d. L. von seiner Burg ab über eine Gallerie in die Kirche gelangte. Vor der Apsis dieses Kreuzflügels befand sich wahrscheinlich der Privataltar dieses Fürsten. Der untere Raum, jetzt die Gruft Rudolph Augusts und seiner beiden Gemahlinnen, war dem h. Petrus als Kapelle gewidmet 1). Vermuthlich liess Heinrich den Hauptaltar mit der Asche des Apostelfürsten aus der abgetragenen Petri- und Pauls-Kapelle hieher versetzen.
Einfach, wie überhaupt die ganze Aussenseite dieses, ursprünglich auf beschränktem Burghofe dicht umbauten Gotteshauses, ist namentlich das Fussgesimse der Chornischen. Aehnlich wie bei Paulinzelle, besteht es aus zwei Wasserschrägen. Nur am Haupteingange des nördlichen Kreuzflügels ist zur Wasserschräge noch der attische Wulst hinzugefügt worden; denn der attische Sockel an der Nordseite des Thurmes schreibt sich erst vom J. 1850 her. — Diese Wasserschräge wurde bei einfachen Architecturwerken das ganze Mittelalter hindurch beibehalten, und selbst in der Epoche der reinentwickelten Gothik. War doch auch merkwürdiger Weise die Gothik gerade in der Sockelgliederung am wenigsten glücklich, die, wie Kallenbach richtig herausfühlt, lange nicht so effectreich ist, wie der attische Sockel, den die römische Bauweise von Griechenland adoptirte, die romanische nach der römischen imitirte, und die gothische nach der romanischen variirte. —. Schliesslich ist nur noch zu bemerken, dass sämmtliche Kranzgesimse vom Bogenfriese üblicher Weise begleitet werden, dass aber, als ein seltenes Vorkommniss, an der Apsis auch noch der Perlstab hinzugefügt worden ist. — Mit jenem Bogenfriese ist auch die grosse Thurmrosette ausgespannt. In dieser Anwendung giebt dieser Fries gewissermaassen die Uranfänge des spätern gothischen Nasenwerkes.]
Eine zweite Erweiterung erfuhr der Dom, obgleich diese nicht urkundlich nachzuweisen ist, am unvollendet gebliebenen, und deshalb
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1) Im Erbvertrage der Herzöge Magnus und Ernst vom J. 1345 heisst es: "Dat Mousshouss in der Borch to Brunswich un de Kemnaden de twischen dem Mousshouss und Sünte Blasius Khore lit, dar men van geit up Sünte Peteres Capellen."
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mit einem Nothdache versehenen obersten Thurmgeschosse nebst dem Glockenhause, und an den beiden grossen Spitzbogenfenstern im Schiffe zunächst den Kreuzflügeln. Diese Baufragmente lassen sich, der Analogie nach, nicht früher als in die zweite Hälfte des XIII. Jhrdts. hinaufdatiren. Kallenbach, freilich auf keine urkundliche Autorität gestutzt, nimmt für das Glockenhaus die Epoche von 1270—1285 an.
[Zeigt das untere Thurmgeschoss in seinem Sockel, in seinen Lissenen, im Rundbogenfriese, zeigt auch das zweite Thurmgeschoss in seinem, mit romanischem Rundbogenfriese ausgespannten Rundfenster, in welchem nur die Radspeichen fehlen, um es dem Radfenster zu St. Martin in Cöln vom J. 1155, oder dem Chorfenster des Wormser Domes, oder auch einem Kreuzflügelfenster des Mainzer Domes gleich zu machen, zeigen diese Baufragmente noch ganz den byzantinischen Charakter, so giebt sich schon in dem reich durchbrochenen Glockenhause der entschieden ausgebildete frühgothische Styl kund. Hier tritt bereits der Spitzbogen auf, hier sehen wir Maasswerk, welches sich im romanischen oder byzantinischen Style nie findet; hier ziehen sich bereits Krabben oder Posen in primitiver Form, nämlich als Knöpfchen auf gekrümmten Stielen, über den Giebel fort. Das Maasswerk in runder Gliederung, wovon die Hauptpfosten besondere Capitäle und Basen haben, zeigt sich aber noch unentwickelt. Es löst sich mit den Spitzen der Vielpässe noch ganz vom Hauptgliede los; ein Dreipass über dem grossen Glockenfenster durchbricht das Mauerwerk, ohne vom Kreise umschlossen zu sein. Denselben Typus tragen die beiden grossen Spitzbogenfenster im Mittelschiffe, deren frühgothisch gegliederte Einfassung das romanische Dachgesims durchschneidet. Sie sind augenscheinlich nur zur Lichtgewinnung aus der Zusammenziehung von je zwei Rundfenstern gebildet.]
Eine wesentliche Veränderung erhielt das Gebäude durch Herzog Otto d. Milden (geb. 1292, st. 1344), nämlich die Erweiterung des südlichen Seitenschiffes. Das Jahr der Einweihung dieser, unter dem Namen der Laurentius-Kapelle bekannten, und vom Stifter mit einer Vicarie ausgestatteten Halle ist nicht genau bekannt, und auch nicht aus der, über der südlichen Eingangsthür befindlichen Inschrift 1), die doch dieses Anbaues gedenkt, zu ersehen. Die Weihe
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1) Sie lautet: "Anno Dn. MCCCXLIIII ob: dux Otto felicis et ad aucti Agnes conthoralis sua ob: MCCCXXXIIII V kal. Dec. a quibus fundata est hec capella anno incarnationis dominice MCCCXLVI." — Das Jahr 1346 kann sich nur auf die Gründung dieser Inschrift, nicht der Kapelle, beziehen.
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selbst vollzog Otto's Bruder, Herzog Albrecht, Bischof von Halberstadt. Otto's Lehrer, Reinhold, stiftete einen, reich mit Reliquien und Geldmitteln bedachten, am Tage Mariae Magdalenae eingeweiheten Altar in dieser Halle.

[Statt des einen, wurden also zwei Navaten dem Mittelschiffe angefügt; aber mit wenig sorgfältiger Ausführung. Man liess Theile der früheren Seitenmauer stehen, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie gothisch zu gliedern. Deshalb ist vom ursprünglichen Seitenschiffe die ganze Wölbung erhalten, und an den Pfeilern noch theilweise das alte romanische Fussgesimse sichtbar; wie selbst noch in der neuesten Zeit Ueberreste der alten Wandmalereien daran entdeckt wurden. Dieser Neubau fällt freilich mit der Blütheepoche der Gothik zusammen; allein er giebt davon nur eine wenig gefällige Probe. Das Ganze erscheint schwerfällig, die Profilirungen, obschon scharfkantig, zeigen wenig Formengefühl, wie denn auch das Maasswerk der Fenster unconstructiver Art ist. So wird z. B. der Kreis durch einzelne Theile des Maasswerkes geradezu durchschnitten, und dasselbe beginnt nicht einmal gleichmässig auf der Anfangslinie des Spitzbogens. Die Giebel haben weder Maasswerk noch Krabben. Die im Innern neben einem Fenster angebrachten Standbilder stellen, wie schon Rehtmeyer vermuthete, vielleicht Otto selbst mit seiner Gemahlin Agnes vor, und nicht, nach der gewöhnlichen Annahme, Heinrich d. L. und Mathilde; weil nicht denkbar ist, dass man die so nahe liegenden Vorbilder im Dome hätte unbenutzt lassen sollen. Einen Bart hat wenigstens Heinrich d. L. nicht getragen.]
Endlich wurde auch das nördliche Seitenschiff um das Ganze seiner früheren Breite erweitert, und zwar durch Herzog Wilhelm d. Siegreichen, gen. Gotteskuh, im J. 1469. Diese Jahreszahl ist auch über dem, neben dem Thurme belegenen Portale eingehauen. Die Fonds dieses Neubaues beschaffte hauptsächlich Ludolph von Quirren aus Hannover, der Canonicus zu St. Blasii und zugleich Pfarrer zu St. Andreas war. Die Weihe vollzog Bischof Henning von Hildesheim im J. 1474.

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Dieser Bautheil entstammt der bereits eingetretenen Verfallszeit der Gothik; ist indessen in seiner phantastischen Intention von sehr überraschender Wirkung. Die Gewölbe dieser beiden nördlichen Seitenschiffe ruhen auf sieben schlanken Säulen, um welche sich Cylinder schlingen, welche nach einer complicirten Capitälgliederung in die Ribben des Gewölbes übergehen. Gewundene Säulen waren bereits in der Uebergangsepoche, selbst schon zur Zeit des romanischen Styles üblich, und wiederholen sich hier in der planlos projectirenden Verfallszeit. Es ist erklärlich, dass gewundene Säulen, weil die Biegung des Schaftes der Tragbarkeit Eintrag thut, und somit das Gesetz der Statik verletzt, stets das auf ihnen ruhende Gewölbe als drückend erscheinen lassen müssen. Da aber einmal gegen das XVI. Jhdt. die Construction nicht mehr in Anschlag kam, so verfiel man auf Abenteuerlichkeiten. Man versuchte sich in den wunderlichsten Verschiebungen und Uebereckstellungen, die nicht mehr die Verjüngung der Masse, sondern nur deren Complication bezweckten. Dadurch kam etwas Lebloses, Starr-Krystallinisches und eine unverständliche, mystische Spielerei des Cirkels heraus. Das zeigt sich namentlich auch hier in den Cylindersockeln, die mit ihren Auskehlungen und Abfasungen, Klunzfüssen ähneln. Auch die Auskragungen verrathen ein gleich unschönes Formengefühl. Das Gewölbe ist äusserst flach und mit einem Netze unterzogen. Die Gewölberibben treten nämlich als Oberflächeribben unter verschiedenen Winkeln in Netzform zusammen. In der Uebergangs- und frühgothischen Epoche waren die Quergurte noch massiver als die Diagonalgurte. Jetzt sind Stirn-, Scheide-, Kreuz- und Drittelribben gewöhnlich von gleicher Stärke. Diese Netzgewölbe entwickelten sich consequenter Weise aus dem Haschen nach Effect und Fülle, und beeinträchtigten dadurch den Eindruck der Erhabenheit und Ruhe, weil sie die Construction versteckten, statt sie zu markiren. Aber nicht, wie Kallenbach meint, um die Netzgewölbe besser von unten sehen zu lassen, legte man die Gewölbe flacher; sondern weil das mehr mit Ribben gestützte Gewölbe mehr Festigkeit hatte, konnte man es flacher legen. Gerade deshalb sind auch die Netzgewölbe, als deren älteste die im Kreuzgange zu Gloucester (um 1381—1412) gelten, 1) vorzugsweise mit dem flachen Tudorbogen vereinigt, welcher durch das in England herrschende
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1) S. Romberg's Zeitschr.

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Princip der Horizontale bedingt, und unter den Tudors Heinrich VII. und VIII. äusserst beliebt war.
Die Fenster der Nordhalle sind mit einem stumpfen Winkel von etwa 150 Grad überdeckt, und die Schenkel dieses Winkels setzen sich in kaum merklichen Krümmungen an die Seitenwandung an. Schlug im XVI. Jhdt. die im XV. Jhdt. beliebte Ueberladung des Maasswerkes in das Extrem eines nüchternen Gitterwerkes um, dem häufig sogar alles Nasenwerk fehlte: so bieten die Fenster des nördlichen Domschiffes schon einen Anklang daran dar. Ausser in den beiden westlichsten Fenstern, in denen der Eselsrücken und die Fischblase die Muster bilden, besteht nämlich alles Maasswerk nur aus je zwei schlichten Stäben. Den Hauptschmuck dieser Fenster, die Bildnisse vieler fürstlicher Personen in ganzer Figur, entfernte 1678 Herzog Rudolph August. — Das Maasswerk der Brustwehr zeigt ein Verschmähen aller constructiven Grundbedingung. — Merkwürdiger Weise steigen die Streben mit ihren Fialen noch über das Kranzgesimse und die Brustwehr empor, was sie im XV. Jhdt. selten mehr thaten; sondern meistentheils mit eingebogenen Wasserschrägen tief unterhalb des Hauptgesimses in's Mauerwerk verliefen. Zuweilen dagegen zerfasten sich die Streben widersinniger Weise sogar in zwei Fialen. — Das Portal der Nordhalle ist mit einer plump gegliederten Wimperge im Eselsrücken decorirt. Waren im XIV. Jhdt. Giebel über Portalen, Fenstern und Nischen üblich: so begnügt man sich vom XV. Jhdt. an meistentheils mit einem Gesimse, welches in geschwungener Linie zur Kreuzblume als sogenannter „Eselsrücken" anstrebt. Häufig wird diese geschwungene Bogenlinie sogar mit ihrer Spitze übergebogen, wodurch der sogenannte „Marienschuh" entsteht, wie wir ihn am Münster zu Ulm sehen. Vielleicht entlehnte die christliche Architectur diese unconstructiv unter der Spitze eingedrückte Bogenlinie von den Mauren, deren Herrschaft in Spanien im XV. Jhdt. bekämpft, und mit dem Jahre 1492 gänzlich gebrochen wurde.
Ein grosser Uebelstand der Nordhalle ist das Dach. Um nämlich der öfteren Reparaturen des früher noch flacher ansteigenden Bleidaches überhoben zu sein, legte man 1813 das neue Ziegeldach so hoch, dass dadurch die Hälfte der Fenster des Hauptschiffes verdeckt wurde, und diesem somit an Licht bedeutender Eintrag geschah. —]
Wegen seiner reichen Auswahl an Kunstwerken und Reliquien war früher der Dom hochberühmt. Als gegen Ende des XVH. Jhdts. die stolze, nach Reichsunmittelbarkeit strebende Stadt gedemüthigt

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werden sollte, wurden die verschiedenen Linien des Welfenhauses, die ungeachtet früherer Gebietstheilungen, die Hauptstadt in gemeinschaftlichem Besitze behalten hatten, für die Entsagung ihrer Ansprüche, vom Herzoge Rudolph August von Braunschweig-Wolfenbüttel 1671 entschädigt. So erhielt u. a. der katholische Herzog Joh. Friedrich von Hannover den von Heinrich dem Löwen gesammelten und später reich vermehrten Schatz von Reliquien mit ihren kunstvollen Behältern. Trotz dieser und mehrfacher Beraubungen, besitzt jedoch die Kirche an Merkwürdigkeiten noch mancherlei. Am wichtigsten ist darunter das Grabmal Heinrichs d. Löwen und seiner zweiten Gemahlin Mathilde. Das Gewölbe liess Heinrich selbst herstellen; allein die Deckplatten mit seinem und seiner Gemahlin Standbilde sind wahrscheinlich erst von seinen Söhnen, also zu Ende des XII. oder zu Anfang des XIII. Jhdts. angefertigt worden. Des edlen Styles wegen ist dieses plastische Werk von ausserordentlich grosser Bedeutung. Als Fundator des Domes, trägt Heinrich dessen Modell in seiner Rechten. — Zwischen den Armen der Chortreppe steht der merkwürdige Altar, welchen 1188, also ein Jahr vor ihrem Tode, die Herzogin Mathilde der Kirche widmete. Er ruhet auf fünf ausgehöhlten Bronzesäulen. Die Capitäle sind mit schön stylisirten Adlern ornirt, einem in der altchristlichen Kirche sehr beliebten Symbol der Verjüngung und des Aufschwunges zum Himmel. Die grosse Tischplatte besteht aus dunklem Muschelmarmor. Die Säulen waren früher mit Reliquien gefüllt, welche 1709 vom Herzoge Anton Ulrich dem Abte von Corvey geschenkt wurden. Die Mittelsäule enthält noch jetzt die Stiftungsurkunde.  1)  Im Jahre 1223 bestätigte Pfalzgraf Henricus Longus diese Schenkung seiner Mutter. 2)  Bis
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1) „A. D. MCLXXXVIII dedicatum est hoc altare in honore beati dei genetricis Marie, ab Adelogo venerabili Episcopo hildesemensi, fundante ac promovente illustri duce Henrico, filio filie Lotharii imperatoris, et religiosissima eius consorte Mathildi, filia Henrici secundi Regis Anglorum, filii Mathildis imperatricis Romanorum."
2) Der Anfang dieser Urkunde lautet:
„Notum esse volumus omnibus universis fidelibus tam presentibus quam futuris, quod Karissima mater nostra Mechtildis felicis memorie, Anglorum regis filia, Ducissa Saxonie, pie devotionis spiritu inducta obsequium domino prestare volens, altare sancte Marie, quod est in medio choro beati Blasii, ob salutarem et piam anime eius et carorum suorum memoriam instituit"—etc.

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zum Jahre 1686 stand dieser Altar in der Mitte des hohen Chores, worauf ihn Rudolph August, bei Renovirung der Kirche, vor das Grabmal der Stifterin setzen liess. Anton Ulrich verlegte ihn 1707 wieder an seinen früheren Platz, bis er 1813 an seinen jetzigen Standpunkt kam. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Säulen polirt und vergoldet. Interessant ist dieser Altar auch besonders deswegen, weil er ein getreues Bild von der schon in uralter Zeit gebräuchlichen Altarform giebt. Ein ähnlicher Marmor-Tisch von sehr hohem Alter befindet sich in der Gereonskrypte zu Cöln.
Auch den alten Lettner translocirte Rudolph August vom Eingange des Chores in den rechten Kreuzflügel. Anton Ulrich gönnte diesem, aus Heinrich's d. L. Zeit herstammenden Alterthume auch nicht einmal diesen Platz. Das Christusbild dieses Lettners hat sich gegenwärtig in einen Winkel des Thurmes verirrt.
Früher standen zur Seite von Heinrich's Grabmale die Statuen dieses Fürsten und des Bischofs Hermann von Hildesheim, erstere aus Sandstein des Elmes, letztere aus nordhäuser Alabaster gefertigt. Rudolph August liess sie in das jetzige Erbbegräbniss setzen. Diese merkwürdigen Standbilder sind noch zu, oder wenigstens unmittelbar nach Heinrich's Zeit angefertigt worden.
Von hohem künstlerischen Interesse ist auch der 16' hohe, 13' breite und 7 Ctr. schwere, siebenarmige Bronze - Leuchter vor dem Hochaltare. Heinrich der Löwe liess ihn dem, auf dem Titusbogen dargestellten Leuchter des Tempels zu Jerusalem nachbilden. Wie die daran als Werkzeichen befindlichen lateinischen Buchstaben, und wie auch die früher und gleichzeitig in Deutschland angefertigten stylähnlichen Gusswerke schliessen lassen, ist dieser Leuchter ein vaterländisches Product. Pfalzgraf Heinrich gedenkt desselben in der oben erwähnten Urkunde vom Jahre 1223. 1)  Herzog Anton Ulrich liess 1728 dieses Kunstwerk zur Seite werfen, weil es dem neuen hölzernen Hochaltare mit antiker Frisur im Wege stand. Bei dieser Gelegenheit mögen auch die jetzt wieder ergänzten Füllungen am Fusse und die meisten Einlagen der Schmelzgemälde verloren gegangen sein. Vielleicht stammen diese Schmelzarbeiten von demselben cölner Elbertus her, der die Schmelzgemälde an dem schönen Reliquienkasten fertigte, welcher aus dem braunschweiger Domschatze nach Hannover gelangte. Die Wiederaufstellung dieses Leuchters
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1) „Lumina provideantur supra candelabrum coram iam sepe dicto altari."


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im J. 1830 ist der kräftigen Fürsprache des würdigen Oberbauraths Peter Joseph Krahe zu danken.
Die zur Seite dieses Leuchters an den Wänden des Oberchors fortlaufenden alten Stühle der Stiftsherren sind frevelhafter Weise erst in neuerer Zeit entfernt worden.
Das den Mittelgang des Hauptschiffes beengende Grabmal enthält die in Zinn gegossenen Bildnisse Ludwig Rudolph's und seiner Gemahlin Christine Louise, der Grosseltern der Kaiserin Maria Theresia.
In der jetzt zum Erbbegräbnisse eingerichteten Rudolphs-Kapelle befinden sich, ausser den schon erwähnten Statuen Heinrich's und des Bischofs Hermann, noch einige Reliquien aus Heinrich's d. L. Sammlung, z. B. das Horn und die Schalmei des heil. Blasius, ein Antilopenhorn, eine Rippe Goliaths, welche aber ein Mammuthsknochen ist, etc. Sehenswerth ist auch die schöne Passionssäule aus dem Ende des XV. Jhtds.
In Betreff des historisch höchst merkwürdigen fürstlichen Erbbegräbnisses, welches 1681 von Ferdinand Albrecht dem Wunderlichen in der alten Era-Kluft vorgerichtet worden ist, muss auf die ausführliche Beschreibung von Frdr. Görges verwiesen werden.
Die Orgel ist 1499 von Heinrich Kranz erbaut. Sie war früher die bedeutendste Orgel Deutschlands, und gehört noch zu den ausgezeichneteren. Um die Mitte des XVI. Jhdts. renovirte sie der Organist Johann Thomas. Eine vom Organisten Henke aus Hildesheim 1603 begonnene Erweiterung brachte 1609 Christoph Münch zu Ende. Diese Reparatur kostete 6000 Gulden. Im J. 1711 machte sich Joh. Andr. Graff aus Wolfenbüttel durch Verbesserung der Orgel verdient. Die im J. 1810 gestohlenen 66 Pfeifen wurden 1819 durch den Hoforgelbauer Bethmann aus Hannover ergänzt. Eine durch den Orgelbauer Engelhard aus Herzberg im J. 1845 veranstaltete Restauration kostete über 6000 Thlr., ohne dass im Wesentlichen das herrliche Werk an Wirkung gewonnen hätte.
Ausgezeichnet ist das Glockengeläut des Domes. Unter den 11 Glocken sind am bemerkenswerthesten Blasius major, welche 99 Centner wiegt, und Blasius minimus, welche neben der Inschrift: „St. Blasi memento nostri", auch Heinrich's d. L. Wappen führt, und wahrscheinlich noch von diesem Fürsten herstammt.
Die an der Thür des nördlichen Kreuzflügels eingekratzten Vertiefungen sind ein Wahrzeichen Braunschweigs. Der Volksglaube hält sie für die Spuren eines von Heinrich aus dem Oriente mitgebrachten

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Löwen, der nach seinem, ihm durch den Tod geraubten Herrn verlangt habe. Wahrscheinlich aber verewigten sich hier nur Steinmetzen durch das Schleifen ihrer Instrumente.
Die am Aeussern der Chornische noch jetzt wahrzunehmende Mauerverletzung rührt von einem am 20. August 1615, während der Belagerung durch Herzog Friedrich Ulrich hieher gerichteten Schusse her.
Mit dem Abbruche der an die Südseite angrenzenden Kreuzgänge, des Capitelhauses und der übrigen Stiftsgebäude liess Herzog Carl II. am Morgen des 7. Sept. 1830 beginnen, um dem, über Mangel an Arbeit klagenden Volke Beschäftigung zu geben. Am Abend dieses verhängnissvollen Tages waren die Abbruchsteine eine recht zur Hand gelegene Waffe bei Erstürmung des Schlosses.
Ueber die Wandgemälde wird der Nachtrag Auskunft geben.

Maassen der Domkirche.
Grundriss: Ganze Länge von Aussenkante W. bis Aussenkante O.: 246½'; Vorsprung des Thurmbaues: 28'; Breite desselben: 87'; Länge des Mittelschiffs: 123½‘; Länge des h. Chors im Innern, incl. mittlerer Vierung des Kreuzbaues: 83'; Länge der Seitenschiffe: 126 ¼'; Vierungen des Mittelschiffs, 4 Stück: à 32' breit, 28' und 29' lang, jedes der 4 Seitenschiffe hat ungefähr die halbe Breite des Mittelschiffes; Stärke der kreuzförmigen Hauptpfeiler: 6¾' □; der Zwischenpfeiler: 3½' breit und 4' stark; Tiefe des ganzen Gebäudes von aussen zu aussen: 110'; Fensterbreite des Nordschiffes: 7—10'; des Südschiffes: 6½‘; Breite des Kreuzstammes: 39'.
Nördlicher Aufriss: Höhe der Aussenfronte des nördl. Schiffes bis Oberkante Ballustrade: 39'; Höhe der Aussenfronten des Mittelschiffes bis Oberkante Dachgesimses: 63'; ganze Höhe bis zur Dachfirste: 92'; lichte Höhe der Fenster: 20'; Höhe der Chornischenmauer bis Oberkante Dachgesimses: 46'; Höhe des Thurmunterbaues: 35'; Breite einer Aussenseite des Thurmachtecks: 11'; Höhe der Thürme bis Firstkante des Daches: 158½'
Längenschnitt: Höhe des Mittelschiffes bis Unterkante Gewölbes: 61'; des Kreuzbaues: 50'; des Chors: 48½'; der Kämpfer der Hauptpfeiler im Mittelschiffe vom Fussboden: 43'; der Kämpfer an den Zwischenpfeilern: 18' 6"; der Krypta: zwischen 12¼ und 14¼'.
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Die Wandgemälde des braunschweiger Domes.

In seiner eigentlichen, und höheren Bedeutung kann dieses ehrwürdige Kunstalterthum, der Bilderschmuk des braunschweiger Domes, nur erst durch die Einreihung in seinen historischen Zusammenhang erfasst werden. Darum müssen wir auf die älteste Kirchenarchitectur zurückblicken. Hatte sich auf die römische, von ihrer Mutter, der heitern griechischen Kunst, welche selbst ihr Aussengewand polychromatisch ornirte, wenigstens die Pracht der inneren Decoration vererbt, so wurde diese wiederum von der römischen auf die romanische Kunst übertragen. Bis auf die Standbilder, welche die älteste christliche Kirche aus dem, ihr schon vom Judenthum eingeimpften Abscheu vor dem heidnischen Götzendienste, verschmähete, war daher die ganze Herrlichkeit des edlen Materiales und des inneren Bilderschmuckes von der romanischen Architectur adoptirt. Eine christliche Kirche daher, deren Arkaden von Marmorsäulen mit vergoldeten Capitälen getragen wurden, deren Decke von Schnitzwerk und Vergoldung strotzte, deren Fussboden mit den kostbarsten Steinarten, oft sogar mit den kunstvollsten Mosaiken ausgelegt war, an deren Wänden sich aus dem Glanze des Goldgrundes der Bilderschmuck der Fresken, oder der Mosaiken prachtvoll hervorhob, war mit einer so verschwenderischen Herrlichkeit ausgestattet, dass sie Procopius mit der Blumenpracht einer bunten Wiese verglich. Dabei dürfen wir freilich nicht übersehen, dass der Reichthum mehrentheils den wahren Kunstwerth ersetzen musste; denn das Vorbild der romanischen Kunst, die römische, war zugleich mit dem Untergange des römischen Reiches, der Verderbniss anheimgefallen und es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe sich über den Trümmern der heidnisch-classischen Welt das Gebäude der christlich - romantischen erheben konnte. Aber auch ohne den Kunstwerth hatte die Decoration der altchristlichen Architectur, namentlich der Bilderschmuck, einen ganz besondern und immer absolut hohen Werth. Die bildlichen Darstellungen einer christlichen Kirche, am Eingange mit der Schöpfungsgeschichte des Menschengeschlechtes beginnend, weshalb dieser Eingang auch das Paradies genannt wurde, im eigentlichen Schiffsraum zum Leben und Wirken der Propheten und Kirchenväter übergehend, hier auch an den untergeordneteren Stellen, namentlich wo statt der Säulen Pfeiler vorhanden waren, den Bildern der weltlichen Herrscher einen Raum gönnend, in den Kreuzflügeln und im Presbyterium das Leben und Leiden

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des Erlösers, der Jungfrau Marin, der Apostel und der betreffenden Schutzpatrone verherrlichend und endlich in der Chornische mit dem als Weltenrichter am jüngsten Gerichte in der symbolischen Glorie des Welteirundes dargestellten Christus abschliessend, — waren ein Abriss der ganzen Kirchen- und Weltgeschichte. Es wurde damit also gleichmässig das religiöse und nationale Interesse des Volkes berührt und gehoben und diese Bilder mussten in einer Zeit, wo die Masse des Volkes weder lesen noch schreiben konnte, die Schrift ersetzen. So wurden sie denn eine heilige Chronik, für welche das Volk ein um so tieferes Verständniss hatte, weil das religiöse Bewusstsein noch lebendig in ihm wohnte. Bunt, naiv in der Composition, mangelhaft an Zeichnung, gleichsam nur eine Hieroglyphenschrift, waren freilich häufig diese Bilder; aber sie bedeuteten an dieser Stätte auch etwas ganz anderes, als eine blosse Kunstproduction. Um dergleichen Darstellungen so viel, als möglich über die sogenannte künstlerische Illusion hinwegzuführen, legte man absichtlich diesen, gleichsam nur farbig ausgefüllten Contouren einen Grund von blendendem Golde oder von tiefgesättigtem Lazurblau unter. Symbolisch war daher ihre Ausführung, symbolisch die Bedeutung ihrer einzelnen Sujets, symbolisch ihre Gesammtwirkung. Wie die Schrift sagt, bedarf die Stadt Gottes nicht der Sonne, noch des Mondes zu ihrer Erleuchtung; denn die Herrlichkeit Gottes erhellet sie, und ihre Erleuchtung ist das Lamm. 1)  Das Licht der ursprünglich ohnehin nur kleinen Fenster war daher stets mit dünngeschliffenen Steinen oder einer bunten Glasmosaik gebrochen und noch obenein durch Teppiche verhängt. So strömte denn das einzige Licht in dem heiligen Räume von den Kerzen aus, die das Messopfer im Allerheiligsten umstrahlten. In diesem heiligen Dunkel eines magischen Lichtes redeten nun die Wände in den Bildern der heiligen Schrift zu dem Herzen des Volkes, und waren gleichsam nur die prächtige Zeltdecke, welche die Stiftshütte vor dem profanen Auge der Welt verhüllte. Um gehörig gewürdigt zu werden, wollen daher dergleichen Alterthümer nur mit geweiheten Blicken beschauet sein.
Dass übrigens der braunschweiger Dom ursprünglich durchgehends mit Wandgemälden geschmückt gewesen sei, wird nach dem vorhin Gesagten sattsam einleuchten. Die reiche Ausstattung eines romanischen, resp. byzantinischen Bauwerkes pflanzte sich nämlich bis zu
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1) Apocal. I. 23

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Ende des zwölften Jahrhunderts fort. Erst zu Anfang des dreizehnten, mit dem Auftauchen eines neuen Styles, des romanischen, der die abschliessende Horizontallinie pyramidalisch durchbrach, die Wandfläche architectonisch belebte und zu seinen himmelanstrebenden Formen grösserer Lichtöffnungen benöthigt war, verlegte man den Bilderschmuck von der Wand in die erweiterten Fenster. Ein byzantinisches, resp. romanisches Bauwerk ohne Bilderschmuck in seiner nüchternen Kalktünche ist daher immer nur eine farblose Leiche.
Die Dombilder sind, aller Wahrscheinlichkeit nach, erst zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, während der unseligen Restauration des Domes unter Rudolph August, oder während der noch radicaleren unter Anton Ulrich, überweisst worden. Als das herrliche Bauwerk zu Anfang Augusts 1845 abermals mit einem inneren Aufputze bedacht werden sollte, veranlasste Referent den ausführenden Architecten, Herrn Kreisbaumeister Krahe, vor der gefährlichen Procedur des Abkratzens der Kalktünche, zu sorgfältiger Untersuchung der Wandflächen, in Rücksicht auf etwaige Ueberreste alter Malereien. Die dadurch verursachte kleine Unterbrechung des Bauunternehmens wurde dem Architecten reichlich belohnt. Gleich der erste Versuch führte Malereien zu Tage, und es erwies sich nicht allein das ganze Presbyterium mit der Apsis und dem südlichen Kreuzflügel als durchweg mit diesem Schmucke versehen; sondern es bewiesen auch die in der Apsis des nördlichen Kreuzflügels entdeckten einzelnen Köpfe und die am südöstlichen Pfeiler des Mittelschiffs vorhandenen Kaiserbilder, sowie auch die, an der früheren Umfangsmauer des ehemaligen Seitenschiffes nach Süden, welche jetzt zu Pfeilern ausgearbeitet ist, noch erkennbaren Bilderfragmente, dass sich ursprünglich die Bemalung über das ganze Bauwerk erstreckt haben musste. Da sich nun die zur General-Versammlung deutscher Architecten und Ingenieure, gerade zu Halberstadt anwesenden Künstler auf den 24ten August zu einem Besuche in Braunschweig angemeldet hatten, so betrieb Herr Kreisbaumeister Krahe die Entfernung des störenden Kalkbewurfes mit möglichster Eile. Die ungemeine Theilnahme, deren sich die aufgedeckten Malereien von Seiten so competenter Beurtheiler, wie sie sich unter den eintreffenden Architekten befanden, zu erfreuen hatten, war von der wohlthätigsten Rückwirkung auf Braunschweig selbst. Zum Glück wurde diesem kostbaren Kleinode der Kunst in Sr. Hoheit, dem Herzoge, Höchstwelcher die Gemälde

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am 28. August in Augenschein nahm, der thätigste Beschirmer zugeführt. Nun wurde Herr Gallerieinspector Brandes, in Gemeinschaft mit Herrn Neumann, mit der Auffrischung der alten Malereien beauftragt.
Mit der Renovation der Gemälde nahm man zugleich eine Erneuerung des Gewölbes in der Chornische vor, welches den Einsturz drohete, weil merkwürdiger Weise der Gurtbogen, an welchen sich dieses Kreissegment anlehnte, und auf welchem die östliche Giebelwand ruhete, nicht nach dem Gesetze des Keilschnittes construirt war. Leider gingen durch diesen Umbau sämmtliche Apsiden-Gemälde zu Grunde, die, wenn auch vielleicht von späterer Zeit, doch mindestens von einer höchst gefälligen Anordnung, besonders in Betreff der, die Fenster einschliessenden, und mit Heiligenbildern besetzten Arkaden, zeugten. Die Gemälde-Restauration erstreckte sich übrigens nicht über den mittleren Chorraum hinaus, und so konnte denn das, bis dahin abgeschlossene Chor am 30. November 1849 wieder feierlich zum Gottesdienste eingeweihet werden.
Was nun die Sujets der Gemälde anbetrifft, so enthalten die Gewölbe der beiden Chorquadrate Darstellungen aus dem Leben des Heilands und aus der Geschichte des Davidischen Geschlechtes. Die Seitenwände dagegen werden von Bildern aus dem Leben der Schutzheiligen des Domes eingenommen, und zwar die Nordseite vom Leben Johannis des Täufers, die Südseite von den Legenden des H. Blasius und Thomas Becket. Das Hauptgewölbe über dem Mittelpunkte der eigentlichen Kreuzlinie des Grundplanes, welches Quadrat in byzantinischen Kirchen die Solea hiess, auf welcher der Hochaltar stand, erinnert durch die Abweichung von den übrigen schlichten Gradbögen des Domes, nämlich durch eine complicirtere Wölbung, gewissermaassen an den byzantinischen Typus. In diesem Mittelpunkte der Kirchen-Architectur ist denn auch der Mittelpunkt aller heiligen Geschichten christlicher Anschauungsweise dargestellt, das Leben des Erlösers selbst. Ein grosser Mauerkranz mit zwölf Thürmen, aus welchen die Apostel hervortreten und auf einem Spruchbande das Credo oder Glaubensbekenntniss, als die glückliche Botschaft, der Welt entgegen tragen, umschliesst die ganze Vierung des Gewölbes. Dieser Mauerkranz symbolisirt die Mauern Zions, welche im Mittelalter der Christ eben so gewiss für den Mittelpunkt der Welt ansah, wie der Grieche sein Delphi als den Nabel oder Mittelpunkt der Erde bezeichnete. Der Fond dieses Mauerkranzes ist in sechs

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Felder abgetheilt, welche sich um ein mittleres Rundtheil gruppiren. In diesem Mitteltheile symbolisirt das Lamm mit der Kreuzesfahne und dem Kelche den, zwischen Gott und die sündige Menschheit durch seinen reinen Opfertod versöhnend eingetretenen Vermittler. Das erste Feld zeigt nun die Geburt des Erlösers, welcher in der Krippe zu Bethlehem von seinen Eltern, Joseph und Maria, und von zwei Engeln bewacht wird. — Das zweite Feld enthält die Darstellung Christi im Tempel. Während nämlich Joseph das, vom Gesetze vorgeschriebene Taubenpaar opfert, zeigt Maria ihren Neugebornen dem Simeon, welchem es verheissen war, nicht eher zu sterben, bis er den Heiland geschauet habe und welcher in die Worte ausbrach: „Herr, nun lässest Du deinen Diener in Frieden fahren, wie Du gesagt hast, denn meine Augen haben den Heiland gesehen." 1) — Das dritte Feld zeigt die drei heiligen Frauen, nämlich Maria Magdalena, Maria Jacobi und Solome 2) am Grabe, denen der Engel die Worte entgegen ruft: „Ihr suchet Jesum von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden und ist nicht hier." 3) — Das vierte Feld stellt den Erlöser auf dem Wege nach Emmaus dar, wie er sich den beiden Jüngern, von denen die heilige Schrift nur den Cleophas namhaft macht, zu erkennen giebt, und beim Abschiede mit den Worten zum Eintritt genöthigt wird: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden." 4)— Die fünfte Darstellung zeigt den Erlöser, wie er bei Tisch zu Emmaus an der Gewohnheit des Brodbrechens von den beiden Jüngern erkannt wird. 5) — Das sechste Bild endlich vergegenwärtigt die Ausgiessung des heiligen Geistes am Pfingstfeste, symbolisirt durch die Taube, welche über der Mutter Jesu und seinen Jüngern schwebt. — Die vier Ecken des Gradgewölbes unterhalb des Mauerkranzes sind mit acht Bildern von Propheten ausgefüllt, welche Spruchbänder tragen, die von der Herrlichkeit Zions zeugen. Zu bemerken ist noch, dass sämmtliche Inschriften nur bezügliche Schriftstellen nach der Uebersetzung der Vulgata enthalten. — Unter den vier Stirnansichten der Gurtbögen dieser Bogenvierung zeigt die westliche Stirnseite die Brustbilder des segnenden Christus und Johannes mit dem Lamme. Ihnen zur Seite ist der Pelikan angebracht, der bekanntlich als Sinnbild des Märtyrertodes gilt, weil er durch das Aufbeissen seiner Adern sein eigenes Blut vergiesst, und
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1) Luc. II. 29 — 2) Marc. XVI. 1.
3) Marc. XVI. 6. — 4) Luc. XXIV. 29. — 5) Luc. XXIV. 30 — 31.

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der Phönix, dieses Symbol unsterblicher Verjüngung. Die östliche Stirnseite des Gurtbogens dagegen enthält die Jünglingsgestalt Christi, vom Anfangs- und Schlussbuchstaben des griechischen Alphabets, vom A und O umgeben, wodurch in altsymbolischer Weise Christus als der Anfang und das Ende bezeichnet werden soll. Dem Heiland zur Seite steht die Mutter und sein Lieblingsjünger Johannes. Die beiden anderen Stirnansichten nach Norden und Süden sind durch zwei Engel mit der Weltkugel geschmückt. — Die Untersichten der Gurtbögen führen einen reichen Arabeskenschmuck. Die Inschriften des Gurtbogens zwischen dem ersten Chorquadrate und dem nördlichen Kreuzflügel beziehen sich auf die Cardinaltugenden, die Inschriften des Gurtes zwischen den beiden Chorquadraten dagegen verherrlichen die Jungfrau Maria. Diese letzteren indessen sind nach einem alten Miniatur-Gemälde erneuert. — Die Darstellungen des zweiten Gewölbes unmittelbar vor der Chornische beginnen mit der westlichen Stirnansicht des Gurtbogens. Hier zeigt sich das erste Menschenpaar, durch die Verhüllung mit dem Feigenblatte den Sündenfall andeutend. Das Kreuzgewölbe selbst ist durchweg mit Bildern in Medaillons ausgefüllt, die durch das, das Christenthum symbolisirende Weinblatt stammbaumartig umrankt werden. Unmittelbar unter dem ersten Menschenpaare erblicken wir den Stammvater des jüdischen Volkes, den Abraham; ihm folgt das, an der Harfe kenntliche Bild Davids, des Ahnherrn Josephs; endlich die Gottesmutter selbst, umgeben von Engeln und von den Königen Israels und Juda's. So repräsentirt diese Bogenvierung schon für sich gewissermaassen die ganze Weltgeschichte, von den Stammeltern des Menschengeschlechtes, bis zur Geburt des Erlösers. — Der an der Stirnansicht des Gurtbogens vor der Chornische mit ausgebreiteten Armen dargestellte Engel, sowie auch die Arabeske an der Untersicht dieses Gurtes und die in Medaillons eingeschlossenen Engelbilder der unteren Bogenzwickel sind neu. — Beiläufig sei gleich hier bemerkt, dass diese sowie alle übrigen Ergänzungen, vom Herrn Gallerieinspector Brandes herrühren. Mag man nun von der Renovation dieser Bilder halten, was man will, und sollte man auch wünschen, dass es möglich gewesen wäre, statt einer völligen Uebermalung, nur eine leise Nachhülfe an den beschädigten Stellen anzuwenden, so wird man doch in Betreff der neu hinzugefügten Compositionen stets einräumen müssen, dass der Künstler so glücklich den Charakter des Ursprünglichen zu imitiren gewusst hat, dass es

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selbst einem geübten Auge schwer fallen möchte, das Alte von dem Neuen zu unterscheiden. — Richten wir nun den Blick auf die nördliche Wand dieses Chorquadrates, so zeigt sich in der obersten Spitze Gott-Vater, umstrahlt von dem, die Versöhnung verkündenden Regenbogen. Ihm zur Rechten das verworfene Opfer der Feldfrüchte Cains, der in heftiger Stellung, mit weitgespreizten, halb knieenden Beinen, in den, vom flatternden Gewande verhüllten Händen die Garbe emporhält. 1) — Zur Linken Gottes wird das gnädiglich angesehene Opfer der Heerden-Erstlinge Abels veranschaulicht. 2) — Die Laibung dieses, wie auch die des entsprechenden Fensters an der Südseite, ist mit einer reizenden Arabeske, welche Medaillons mit Engelsköpfchen umschliesst, ornirt. — Neben dem Fenster nach Westen ist der von Cain an seinem Bruder Abel verübte Mord 3), östlich vom Fenster die Lüge Cains dargestellt, der dem Herrn auf die Frage: „Wo ist dein Bruder Abel?" antwortet: „Ich weiss es nicht! Soll ich meines Bruders Hüter sein?" 4) — Wurde vorhin bemerkt, dass die Seitenwände nur Darstellungen aus dem Leben der Schutzpatrone dieser Kirche enthielten, so hat das, auch trotz dieses alttestamentlichen Sujets, seine vollkommene Richtigkeit. Der Märtyrertod Abels gilt hier nur als eine vorbereitende Allegorie auf das unmittelbar darunter abgebildete Märtyrerthum des Täufers. Von dieser, im Mittelalter so beliebten Weise der Anspielung finden wir auch an der Südwand ein entsprechendes Beispiel. — Unterhalb des Fensters ist diese nördliche Chorwand nun durch Gurte in drei friesartige Felder getheilt, die Darstellungen aus dem Leben Johannis d. T. enthalten. Das Westende des obersten Frieses beginnt mit dem Engel Gabriel der dem betagten Priester Zacharias, wie er eben im Allerheiligsten mit dem Opferdienste des Räucherns beschäftigt ist, die Freudenbotschaft überbringt: 5) „Fürchte dich nicht, Zacharias; denn dein Gebet ist erhöret, und dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, dess Namen sollst du Johannes heissen." — Das zweite Tableau zeigt den, wegen seines Unglaubens, mit Sprachlosigkeit
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1) Sehr richtig bemerkt Ernst Förster in der, nur sehr flüchtig die braunschweiger Domgewölbe berührenden Notiz, dass die leidenschaftliche, fast theatralische Auffassung, wie sie sich in der vorliegenden Composition manifestire, in der Regel auf eine Verfallszeit der Kunst hindeute. S. Ernst Förster: Gesch. d. deutschen Kunst. Lpz. 1851. I. p. 107.
2) Gen. IV. 3. 4. — 3) Gen. IV. 8. — 4) Gen. IV. 9. — 5) Luc. I. 5 — 20.

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bestraften Zacharias. „Und das Volk wartete auf Zacharias und verwunderte sich, dass er so lange verzog. Und da er heraus ging, konnte er nicht mit ihnen reden. Und sie merkten, dass er ein Gesicht gesehen hatte im Tempel. Und er winkte ihnen, und blieb stumm." 1) Diese Verstummung andeutend, steht daher Zacharias vor der erstaunten Volksmenge mit dem auf den Mund gelegten Finger. — Im dritten Bilde sehen wir den Besuch der mit gleicher Freudenbotschaft beglückten Maria bei der Elisabeth in Juda. Letztere ruft der Eintretenden die Worte entgegen: „Gebenedeiet bist du unter den Weibern!" 2) — Hierauf folgt die Geburt des Johannes. Während die Wöchnerin auf dem Lager ruhet, hält eine ihrer Freundinnen den Neugebornen freudig empor. 3) — Den Schluss dieser Abtheilung macht die Beschneidung des Johannes, den die Verwandten, nach seinem Vater, Zacharias nennen wollen; während die Mutter antwortet: „Mit nichten, sondern er soll Johannes heissen!" Als sich nun die Verwandten über diesen in der Familie fremden Namen verwundern, und sich zur Entscheidung an den verstummten Vater wenden, schreibt dieser, zu allgemeinem Erstaunen, den, ihm vom Gabriel verkündeten Namen „Johannes" auf die Tafel. 4) — Die zweite Bilderreihe veranschaulicht die Predigt des Johannes in der Wüste. Die Darstellung beginnt wiederum am westlichen Ende, und zwar mit dem auf dem Throne sitzenden Vierfürsten in Galiläa, Herodes, dem die Hohenpriester Hannas und Kaiphas zur Seite stehen. 5) — Die Namensüberschrift ist alt, das Bild aber neu. — Hierauf erscheint Johannes selbst am Eingange der Wüste. 6)— Der Untertheil seiner Figur ist neu. — Die folgende Scene vergegenwärtigt die Anrede des Johannes an das Volk: „Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; welcher Baum nicht gute Früchte bringet, wird abgehauen und in das Feuer geworfen." 7) —Dann folgt die Taufe des Volkes selbst, welches höchst naiver Weise von durchsichtigen Jordan-Fluthen netzartig eingeschlossen neben dem Johannes steht. — Im folgenden Bilde antwortet Johannes drei Zöllnern, welche zu ihm gekommen sind, um sich taufen zu lassen, auf ihre Frage: „Meister, was sollen wir thun?" „„Fordert nicht mehr, denn gesetzet ist!"" 8) — Den Beschluss macht die Antwort des
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1) Luc. I. 21 — 22. —  2) Luc. I. 42. —  3) Luc. I. 57 — 58.
4) Luc. I. 59 — 63. —  5) Luc. III. 1. —  6) Luc. III. 2 — 3.
7) Luc. III. 9. —  8) Luc. III. 12 — 13. —
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Johannes auf die Frage zweier Kriegsknechte: „Was sollen denn wir thun?" „„Thut niemand Gewalt, noch Unrecht und lasset euch begnügen an eurem Solde."" 1) — Die dritte Bilderreihe endlich beginnt, und zwar wiederum am westlichen Ende, mit Veranschaulichung der verfänglichen Frage von Seiten der, dem Johannes bis Bethabara jenseit des Jordans folgenden Priester und Leviten: „Was bist du denn?" denen der Täufer erwiedert: „Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste."2) — Dieses ganze Bild ist neu. — Hierauf erblicken wir den Herrn selbst, der ebenfalls dem Johannes nachgefolgt ist, und von welchem dieser zu seinen Jüngern spricht: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!" 3)— In diesem Bilde sind nur die Köpfe des Johannes und der Jünger alt. — Die folgende Scene vergegenwärtigt die Demuth des Johannes, von welchem sich Jesus die Taufe erbittet. Aber Johannes wehrete ihm, nach dem Berichte der Schrift, und sprach: „Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde und du kommest zu mir? Jesus aber anwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt also sein, also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da liess er es ihm zu."4) — In der folgenden Darstellung ruft Johannes dem, mit seines Bruders Witwe, mit der Herodias, auf dem Throne sitzenden Könige Herodes zu: „Es ist nicht recht, dass du deines Bruders Weib habest!" 5) — Endlich wird das Gastmahl selbst vorgeführt, welches Herodes an seinem Namenstage den Obersten und Hauptleuten und den Vornehmsten in Galiläa gab. 6) Naiver Weise erscheint in diesem Bilde die Tochter der Herodias in drei verschiedenen Situationen, und zwar zuerst in der Mitte des Bildes vor der zu Tisch sitzenden Versammlung als Tanzende, 7) in der halsbrechenden Stellung des gänzlich nach hinten übergebogenen Oberkörpers. Die Begriffe, welche sich das Mittelalter von der Kunst des Tanzens machte, stimmen mit der vorliegenden Darstellung merkwürdiger Weise sehr genau überein. Dieselbe verrenkte Stellung von Tänzern, namentlich der Tochter der Herodias, kehrt in vielen gleichzeitigen Miniaturen wieder. Vielleicht ist diese Art des Tanzens nur eine Reminiscenz der, während der Kreuzzüge im Orient geschaueten Jongleurkünste. — Wie die Schrift sagt: „Gefiel die Tänzerin dem
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1)    Luc. III. 14. —  2) Joh. I. 19 — 23. —  3) Joh. I. 29
4) Matth. III. 13 — 15. —  5) Marc. VI. 18. —  6) Marc. VI. 21.
7) Marc. VI. 22  Matth. XIV. 6

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Herodes und denen, die am Tische sassen. Da sprach der. König zum Mägdlein: Bitte von mir, was du willst, ich will dir es geben. Und schwur ihr einen Eid: Was du wirst von mir bitten, will ich dir geben, bis an die Hälfte meines Königreichs. Sie ging hinaus, und sprach zu ihrer Mutter: Was soll ich bitten? Die sprach: Das Haupt Johannes des Täufers." 1) Westlich von der tanzenden Tochter der Herodias ist dieselbe also noch einmal im Bilde vorgeführt, und zwar wie ihr über Tisch die Mutter den teuflischen Rathschlag in's Ohr flüstert, oder wie sie nach den Worten des Matthäus „von ihrer Mutter zugerichtet ward." 2) — Zuletzt erscheint sie, auf der Ostseite des Bildes, in einer Schüssel das Haupt des edlen Märtyrers tragend, der als ein Opfer der Rachsucht ihrer Mutter, gegen des Königs eigenen Wunsch, fallen musste. 3) Mit dieser Darstellung wäre gewissermaassen das Schlussbild des ganzen Cyklus, die Enthauptung Johannes, schon anticipirt, wenn es nicht der Künstler verstanden hätte, seinem Gegenstande noch eine neue Seite abzugewinnen. In einem Kerker, welcher durch die, den Fussboden einschliessenden Zinnen angedeutet wird, knieet Johannes, den der Henker, 4) im Begriff, den tödtlichen Streich auszuführen, beim Haupthaare erfasst. Aber um die Seele des edlen Dulders in Empfang zu nehmen, schwebt tröstend und versöhnend der Engel Gottes über dieser Scene des Jammers.
Zum Abschluss unserer Gemälde gehören auch noch die unten an beiden Seitenwänden des Chores fortlaufenden Teppichabbildungen. Sie stellen die, im Mittelalter gebräuchlichen, gewebten oder gestickten Decken vor, welche stets hinter den Sitzen der Geistlichen aufgehängt wurden und daher den Namen Dorsalen führten. Für uns könnte höchstens etwas Befremdendes in der Buntheit dieser verschieden gefärbten einzelnen Teppiche liegen; allein theils wurden dieselben ursprünglich durch die davorgestellten, zierlich geschnitzten und mit wirklichen Teppichen behangenen Stühle der Canonici mehr oder minder verdeckt; theils sollte auch durch diese kräftige Farbenscala dem lebhaften Farbenspiele der Wandmalereien in einem frappanten Grundaccorde ein harmonischer Abschluss gegeben werden. Die Farbenzusammenstellung nämlich ist eine von unserm Gefühl und der neuern Manier entschieden abweichende, sie ist ein prismatisches Farbenverhältniss.
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1) Marc. VI. 22 — 24. —  2) Matth. XIV. 8. —  3) Marc. VI. 25 — 28.  Matth. XIV. 11. —
4) Marc. VI. 27
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Daher finden sich diese verschiedenen prismatischen Farben sowohl in den Gewändern, wie auch in den Arabesken und selbst in den einzelnen Blättern stets vereinigt beisammen. Und so liegt selbst im Grundtone unserer Dombilder ein Charaktermerkmal ihrer Entstehungszeit. Denn während die antiken Wandmalereien der Griechen und Römer vorwaltend grüne Tinten enthalten, und sich die Gemälde der Katakomben durch einen bräunlichen Grundton charakterisiren, 1) der sich bis zur Mitte des zwölften Jahrhunderts erhalten hat, und wovon sich selbst noch in den Bildern der gandersheimer Kirche ein frappanter Anklang vorfindet: vertauschte man die alte griechische Manier, der auf Goldgrund ungebrochen aufgetragenen Farben, im zwölften Jahrhundert mit der prismatischen Brechung und lebhafteren Zusammenstellung der Farben. Von weitem gesehen erscheint daher der Grundton unserer Dombilder, in der Verschwimmung seiner verschiedenen blauen, rothen, grünen und gelben Töne, als ein sanft-violetter.
Wenden wir uns nun von der nördlichen Seitenwand ab, an welcher wir noch, und zwar am Eckpfeiler des nördlichen Kreuzflügels, die Kolossal-Gestalt Johannis des Täufers bemerken, so sehen wir auch die Darstellung der südlichen Seitenwand wiederum oben mit einer alttestamentlichen Allegorie beginnen. Die oberste Spitze wird von Gott-Vater, wie er im feurigen Busche dem Moses auf dem Berge Horeb erscheint 2), eingenommen. Der Herr hat, wie die Schrift sagt, das Elend seines Volkes in Aegypten gesehen, er hat sein Geschrei gehört, und will es durch Moses in das gelobte Land führen lassen. Auch die Heiligen sind Führer auf dem Wege zum Herrn; desshalb liegt die Beziehung dieses Bildes zur untern Darstellung nahe. Links von der Hauptfigur empfängt Moses die Gebote 3), rechts davon errichtet er die eherne Schlange 4). Gott hat nämlich das, auf dem Zuge in's gelobte Land von den Geboten abweichende Volk durch die Plage giftiger Schlangen gestraft. Moses tritt daher als Fürbitter und Vermittler für seine sündigen Mitbrüder bei Gott auf, und der Herr befiehlt ihm, eine eherne Schlange zu errichten, deren
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1) Siehe den, in der „Hamb. Liter. u. kritischen Bl. vom 11. Jan. 1851“ aus dem Athenäum aufgenommenen Bericht, über den von Wyatt im Architecten-Verein zu London gehaltenen Vortrag.
2) II. Mos. III. —  3) II. Mos. XXXIV. 1 — 9 und 27 — 29. —
4) IV. Mos. XXI. 4 — 9.

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Anblick vor dem Bisse der Schlangen schütze. Damit ist denn noch direkter auf die Heiligen hingewiesen, welche auch als Fürbitter bei der Gottheit angesehen, und daher zu Schutzpatronen der Kirche erwählt wurden. — Oestlich vom Fenster nahen dem Abraham 1) die drei Engel, welche ihm, der zum Stammvater eines neuen, gottgeweiheten Volkes ausersehen ist, die Geburt seines Sohnes Isaak verkündigen. — Westlich vom Fenster zeigt sich Abraham eben im Begriff, seinen einzigen Sohn dem Herrn als ein Opfer des Gehorsams darzubringen 2), ein Opfer, für welches den heiligen Märtyrern, auf die damit angespielt wird, selbst ihr eigenes Leben nicht zu theuer war. — Unterhalb des Fensters ist auch diese Wand wieder in drei friesartige Bilderfelder abgetheilt, von denen sich die beiden oberen auf das Leben des Blasius beziehen.
Dieser Blasius 3) nun, denn es giebt noch zwei Heilige gleichen Namens, von denen der eine unter Nero in Spanien litt, der andere sich als Kuhhirt in Cappadocien aufhielt, war Bischof von Sebaste oder Sebastia, dem jetzigen Sivas, einer Stadt im ehemaligen Königreiche Pontus, an der Südseite des schwarzen Meeres. Hier lebte Blasius zu Anfang des vierten Jahrhunderts unter der Regierung des Kaisers Licinius. Als Wohlthäter bekannt, und dafür auch von anderer Seite als Wunderthäter angefeindet, zog er sich einsiedlerisch in eine Höhle zurück, wohin ihm Thiere und Menschen folgten, um seine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Aber es folgten ihm auch die Trabanten des Landpflegers Agricola, der ihn vor sich führen und in's Gefängniss werfen liess. Hier wird nun sein Leben nur durch eine dankbare Witwe gefristet, die ihm Fleisch von demselben Schweine bringt, welches er für sie dem Raubzahne des Wolfes entrissen hat. Nach einiger Zeit wird Blasius wiederum vor den Landpfleger geführt, um ihn durch Drohung zur Abschwörung des christlichen Glaubens zu zwingen. Weil er standhaft bleibt, lässt ihm der Landpfleger mit eisernen Haken das Fleisch vom Leibe reissen. Sieben fromme Matronen fangen das Blut des Gemarterten auf, und werden dafür mit dem Kerker bestraft. Weil aber auch sie im Glauben sich standhaft erweisen, und ein
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1) I. Mos. XVIII. 1 — 15. —  2) I. Mos. XXII. 1 — 12
3) Tv.: „Von den h. Blasius, welchem die Stiftskirche in Braunschweig gewidmet ist.“ s. Br. Anz. 1749. St. 11.
J. C. F. Heide: „histor. Erzählung von St. Blasius, dessen Gedächtniss am 3. Febr. gefeiert wird.“ s. Br. Anz. 1760. St. 17 — 18.

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Götzenbild in's Wasser werfen, lässt sie Agricola zerreissen. Aus ihren Wunden fliesst, statt des Blutes, Milch, und weil das Feuer ihres Scheiterhaufens erlischt, lässt sie der Wütherich enthaupten. Vom Anblicke ihres heroischen Todes fühlen sich zwei heidnische Knaben so begeistert, dass sie sich dem Christenthum zuwenden. Jetzt lässt Agricola den Blasius in's Wasser werfen; aber Christus selbst erscheint in einer Wolke, und zwei Engel ziehen den Dulder aus den Fluthen empor. Hierauf wird er zur Richtstätte geführt, um zugleich mit den beiden bekehrten Knaben enthauptet zu werden. Noch unter Weges heilt er einen Knaben, welcher in Gefahr schwebt, an einer Fischgräte zu ersticken. Inbrünstig richtet er das Gebet zum Himmel, dass alle, welche an Halsschäden leiden und in seinem Namen Befreiung bitten würden, geheilt werden möchten. Eine Stimme von oben giebt ihm die Zusicherung dieser Bitte. Deshalb wird S. Blasius bei Krankheiten der Menschen und des Viehes, besonders bei Halsschäden und Zahnweh, als Erretter angerufen, sowie er auch zu den vierzehn Nothhelfern gehört. Der Todestag des Heiligen ist der 3. Februar; über das Todesjahr sind die Meinungen verschieden. Die meiste Wahrscheinlichkeit hat das Jahr 322 für sich 1). Eine besonders grosse Verehrung genoss Blasius im Oriente, und hier wurde auch wahrscheinlich, während seines palästinensischen Zuges, Heinrich der Löwe, der in den Besitz mehrer Reliquien des Blasius gelangt war, auf den Gedanken gebracht, zu Ehren dieses Heiligen eine Kirche in Braunschweig zu stiften.
Richten wir nach diesen Vorbemerkungen, den Blick auf die Gemälde selbst, so zeigt sich an der Ostseite des obersten Frieses der h. Blasius, wie er tröstliche Worte von seiner Höhle herab an die versammelten Thiere des Waldes richtet; indess drei Reiter, die Häscher des Agricola, spähend zur Seite stehen. — Im zweiten Bilde befreiet Blasius den, von dessen Mutter ihm zugeführten Knaben von der verschluckten Fischgräte. — In der dritten Scene befiehlt Blasius dem, vor der Thür der Witwe stehenden Wolfe, das geraubte Schwein zurückzubringen. — Hierauf erblicken wir Blasius vor dem Landpfleger Agricola. — Dicht daneben steht der Dulder bereits an eine Säule gefesselt, wie ihm von Henkersknechten mit eisernen Zacken das Fleisch vom Leibe gerissen wird. — Dann folgt seine Speisung

1) Dieses Datum giebt die Lebensbeschreibung des Bischofs Meinverc von Hildesheim. (s. Leibnitz: scriptor. br. I. p. 526.)

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im Kerker durch die dankbare Witwe. — Der zweite Cyklus, wiederum an der Ostseite beginnend, vergegenwärtigt den Heiligen, von den sieben Matronen begleitet, auf dem Wege zum Feuertode. — Dann erblicken wir die sieben heiligen Matronen selbst, wie sie aus den Flammen des Scheiterhaufens vom Engel befreiet werden. — Hierauf sehen wir sie alle sieben gefesselt am Boden liegen, indess der Henker naiver Weise mit einem Hiebe alle Häupter vom Rumpfe zu trennen im Begriff steht. — In der folgenden Scene wird Blasius durch den Engel aus den Fluthen errettet, indess die Kriegsknechte darin umkommen. — Sodann steht Blasius abermals vor seinem Richter. — Den Beschluss macht seine Enthauptung in Gemeinschaft der beiden bekehrten Knaben.
Der unterste Fries endlich enthält nur Darstellungen aus dem Leben des dritten Schutzpatrones dieser Kirche, des Thomas Becket, der auch in der Weltgeschichte eine bedeutende Rolle spielt, und daher hier etwas ausführlicher erwähnt zu werden verdient. 1) Thomas Becket, geboren 1119 zu London, stammt aus einer vornehmen und reichen Familie. Seiner biedern Eltern, die durch unverschuldete Unglücksfälle, namentlich durch wiederholte Brandschäden verarmten, sah er sich schon in früher Jugend beraubt. Ein wunderbarer Zufall wollte, dass gerade am Tage der Geburt dieses merkwürdigen Menschen, der später grosse Reiche in Flammen setzte, im elterlichen Hause Feuer ausbrach, welches einen grossen Theil Londons in Asche legte. Nach einer zu Oxford, Paris und Bologna genossenen, gründlichen Bildung, wurde er Archidiaconus des Erzbischofs Theobald von Canterbury. Auf Theobalds Empfehlung ernannte ihn sogar König Heinrich II. von England zum Grosskanzler des Reiches und zum Lehrer des Kronprinzen. Als nun 1162 das Erzbisthum Canterbury vacant wurde, mit welchem die Primaswürde verbunden war, setzte König Heinrich II. die Wahl des Thomas Becket durch, in welchem er sich, für alle auf ihn gehäufte Liebe, Ehrenbezeigung und Wohlthat, einen treu ergebenen Anhänger versprach. Plötzlich aber schlug dieser Becket, der bisher unter den weltlichen Lustbarkeiten der Jagd und des Vogelfangs ein üppiges und verschwenderisches Leben geführt, und noch als Erzbischof zu allgemeinem Aergerniss in weltlicher Kleidung das Chor betreten hatte, vom Lebemann
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1) De probatis Sanctorum historiis, collectis per F. Laurentium Surium Charthusianum. Coloniae Agrippinae 1575. Tomus sextus, p. 1033—1045.

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zum Asketen um. Sein Tagewerk war von jetzt an nur den strengsten Bussübungen und der unbegränztesten Mildthätigkeit gewidmet. Daneben aber liess auch der vermeinte Anhänger des Königs sehr bald nur dessen entschiedenen Widersacher erkennen, dessen hierarchisches Streben auf die Schwächung der königlichen Gewalt hinausging. Unter anderen forderte Becket die Befreiung der Geistlichen von der weltlichen Gerichtsbarkeit. Um diesen Planen entgegenzuwirken, schloss der energische König den Canzler von den geheimen Berathungen aus, und berief schleunigst eine Versammlung des Adels und der Prälaten nach Clarendon. Die hier gefassten Beschlüsse fielen nicht allein ganz nach dem Wunsche des Königs aus, sondern Becket selbst unterwarf sich denselben eidlich, auf dringendes Zureden zweier vornehmer Tempelritter. Doch bald gereuet ihn dieser Schritt, und da auch der Papst die Bestätigung jener Beschlüsse verweigert, nimmt Becket sein Wort zurück, sich selbst zur Strafe excommunicirend. Jedoch die Rache des, über diese Treulosigkeit empörten Königs fürchtend, sucht er zu entfliehen. Allein die Schiffer, von gleicher Furcht vor dem Könige erfüllt, verweigern die Ueberfahrt. Nun wird er wegen einer, von einem königlichen Haussoldaten erhobenen Anklage, vor das Gericht zu Northampton gefordert. Weil er sich mit Unwohlsein entschuldigt, empfängt er gleich darauf eine neue Vorladung vor den königlichen Gerichtshof zu London, der er Folge leistet. Hier wird er für sein früheres Nichterscheinen zu einer Strafe von 500 Pfund verurtheilt. Da er nun aber die Competenz des Gerichtes in der Anklage des königlichen Soldaten bestreitet, wird er seines Canzleramtes wegen zur Rechenschaft gezogen. Nach vollbrachtem Messopfer, erscheint er in feierlicher Haltung, mit dem Crucifixe in der Hand, vor seinen Richtern. Das Urtheil lautet auf Gefängniss. Sitzend vernimmt er den Sprueh, mit Stolz erwiedernd: „Es geziemt dem Niedern nicht, über den Höheren zu richten!" Diese Worte schüren einen furchtbaren Tumult an, und weil die anwesende Geistlichkeit fürchtet, Beckets Leben möchte, zu ihrem eigenen Schaden, gefährdet werden, bereden sie mit Arglist den König zur Erlaubniss der Appellation an den Papst. Zugleich aber machen sie dem Könige bemerklich, wie schimpflich es sein würde, wenn der erste Geistliche des Reiches am Hofe des Königs selbst in Mörders Hand fiele, so dass sich Heinrich zu dem Befehle veranlasst sieht, den halsstarrigen Prälaten ungefährdet frei zu lassen. Mit sechs, ihm nur treu gebliebenen Dienern zieht Becket

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heim, der von nun an, aus Furcht vor heimlicher Gewaltthat, hinter dem Altare des Betsaales sein Nachtlager aufschlägt. Doch sich auch so nicht gesichert haltend, entflieht er Nachts zur Winterzeit, unter dem angenommenen Namen des Bruders Hermann, in Begleitung zweier Geistliehen und eines treuen Dieners, nach Frankreich. Rache schnaubend, entsetzt ihn Heinrich seines Amtes, confiscirt seine Güter, bestraft mit Landesverweisung und Kerker seine Diener und Angehörigen, lässt den Kronprinzen, wider das Vorrecht des Erzbischofs von Canterbury, von einem gewöhnlichen Bischofe krönen, verklagt den Becket beim Papste, und verlangt vom Könige von Frankreich die Auslieferung des Flüchtlings. König Ludwig VII. aber, mit dessen geschiedener Gemahlin Eleonore der König Heinrich II. ehelich verbunden ist, hegt Groll und Eifersucht gegen diesen Nebenbuhler, der als Fürst von Anjou - Plantagenet, als Sohn der Mathilde von der Normandie, als Adoptivsohn Stephans von Blois und als Gatte der Erbin von Guienne und Poitou, ein Drittheil Frankreichs in Besitz hat. Ludwig verweigert daher die Auslieferung des Erzbischofs, der sich indessen nach Rom begiebt, vom Papste Alexander höchst liebevoll empfangen, und zur Beibehaltung seines Erzbisthums bewogen wird. So in allen seinen Racheplanen verhöhnt, deutet Heinrich dem Abte des Klosters an, in welches sich Becket, auf Befehl des Papstes, zurückgezogen hat, dass, wenn er die Flüchtlinge so gern in seinem Cistercienserkloster beherberge, er ihm auch alle Cistercienser aus England zuschicken werde. Becket, der nicht wünscht, die Veranlassung zum Unglücke so vieler Menschen zu werden, leistet der Einladung des Königs Ludwig Folge, und verlässt nach zweijahrigem Aufenthalte sein Asyl, um noch vier Jahre der Verbannung, unter den schwersten Körperleiden und den entsetzlichsten Kasteiungen, in Frankreich zu verseufzen. Auch Heinrichs erneuerter Versuch, den König Ludwig von Becket abzuziehen, schlägt fehl, indem Frankreichs Herrscher, trotz der zwischen den beiderseitigen Staaten geschlossenen Uebereinkunft, zur Auslieferung der gegenseitigen Feinde, seinen Schützling Becket nicht preisgeben will. Unter diesen Umständen ergreift Becket die klügste Partei, indem er mit einer Zuschrift an den König, in welcher er die gegenseitigen Rechte und Verpflichtungen auseinandersetzt, die Hand zur Versöhnung bietet. Heinrich II., an die Reue des Prälaten glaubend und sich den, von der Hierarchie hinter seinem Rücken geschmiedeten Ränken nicht gewachsen fühlend, willigt ein. Es kommt zu einer versöhnenden

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Zusammenkunft an der normännischen Gränze, und der König treibt die eigene Demüthigung so weit, dass er dem stolzen Priester die Zügel des Pferdes hält. Nach einigem Zögern kehrt Becket zu seinem Bischofssitze zurück, vom Jubel des Volkes begrüsst, mit der Miene der Demuth, doch nach der Behauptung seiner Feinde, mit innerer Wuth des Löwen. Der geschlossene Friede ist daher nur von kurzer Dauer, und der König beklagt sich sogar über förmlichen Tractatenbruch. Der stolze Kirchenfürst, als er eben, zur Verhandlung kirchlicher Angelegenheiten, zum Kronprinzen nach London will, muss sich daher vom Könige schimpflich zurückgewiesen sehen. Da bestraft dieser selbe Geistliche, welcher einst in seiner Eigenschaft gegen die Competenz der weltlichen Gerichtsbarkeit Protest eingelegt hat, einen königlichen Diener wegen eines bürgerlichen Verbrechens. Unwillig äussert sich der König, dass er mit Undank und Ungehorsam von denen belohnt werde, die er aus dem Staube emporgehoben und mit Wohlthaten überhäuft habe. Diese Worte entflammen vier Edelleute zur Rache. Sie eilen nach Canterbury. Der König, um Unheil zu verhüten, sendet ihnen nach. Aber schon sind sie angelangt, schon sind sie schweigend und ohne Gruss beim Erzbischofe eingetreten. Auch dieser ist eine Zeitlang vor Erstaunen verstummt; sich aber rasch fassend, entbietet er ihnen das Wort des Friedens, welches sie mit Schmähungen und Vorwürfen erwiedern, dass er königliche Diener mit dem Banne bestrafe, die Geistlichen, welche den Sohn des Königs gekrönt hätten, suspendire, und dem Thronerben die Krone zu entziehen trachte. Nach heftigem Wortwechsel stürzen sie hinaus, holen sich vom Schlosshofe die Waden ihrer Trabanten, und weil sie nun die Thür versperrt finden, gelangen sie auf heimlichem Wege durch den Obstgarten in den Palast. Nicht die inständigsten Bitten seiner Umgebung vermögen den stolzen Prälaten, Zuflucht im Heiligthume zu suchen, selbst nicht die Mahnung, dass der Gesang der Vesper seine Gegenwart fordere; fast mit Gewalt muss er zur Kirche fortgeführt werden. Vom verrätherischen Subdiaconus Hugo geleitet, dringen die Mörder nach. Man will die Thüren verschliessen; doch Becket wehrt den Vertheidigern, indem er spricht: „Durch Dulden, nicht durch Kampf werden wir unsere Feinde besiegen!" „Wo ist Becket, rufen sie, wo der Erzbischof, der Verräther an König und Königreich?" — Ruhig tritt er vor: „Hier bin ich; zwar kein Verräther, aber der Priester, bereit für den zu sterben, der mich mit seinem Blute erlöst hat!" Während der eine

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der Mörder zur Abwehr des Volkes sich entfernt, fassen die drei übrigen den Bischof bei der Gurgel, um ihn von heiliger Stätte zu reissen; und weil er sich des einen Angreifers erwehrt, zückt dieser das Schwert nach dem Haupte des Kirchenfürslen. Die gefalteten Hände zum Himmel gewendet, neigt Becket zum Gebete das Haupt, indem er seine und der Kirche Sache der Mutter Gottes und dem heiligen Blutzeugen Dionysius empfiehlt. Da spaltet ein zweiter Hieb den Oberschädel Beckets, und zugleich den Arm des einzigen Treuen, der dem Dulder standhaft zur Seite blieb, des Klosterbruders Eduard, seines spätern Biographen, von dessen beiden Armen er gestützt wurde, bis der eine davon jenem Mörderstreiche zur Beute fiel. Zum Tode verwundet, wie Becket ist, verharrt er ohne Klage, ja selbst ohne Seufzer, unbeweglich in seiner Stellung, bis er, von einem dritten Hiebe getroffen, während ihm Blut und Gehirn über das Antlitz träuft, in die Kniee sinkt und mit matter Stimme die Worte spricht: „Für Christi Namen und der Kirche Vertheidigung bin ich bereit zu sterben!" — Jetzt tritt, zur Schande der Menschheit! auch jener entartete Priester Hugo herzu, und während er mit dem Fusse auf den Nacken seines gemordeten Herrn und Wohlthäters stampft, dass Blut und Gehirn auf dem Estrich des Heiligthums umherspritzt, ruft er in unmenschlichem Hohne aus: „Kommt nun, der wird nicht wieder aufstehn!" — So starb Becket am 4. Januar 1170, indem er die prophetischen Worte des Erlösers, welcher einst seiner erhitzten Phantasie, nach qualvollen Kasteiungen, vor Augen getreten war, zur Wahrheit machte: „Thomas, Thomas, mit deinem Blute wirst du meine Kirche verherrlichen!" Als der Leichnam am folgenden Tage gereinigt werden sollte, fand man ein ekelerregendes, grobhärenes Büssergewand 1) über der blossen Haut. Die irdischen Ueberreste setzte man in der Krypte bei. — Für König Heinrich selbst, der ohnehin durch Familienschicksale schwer gebeugt wurde, indem der eigene Sohn unnatürlicher Weise das Schwert wider den Vater zog, hatte der aus Liebe zu ihm an Becket verübte Mord die entsetzlichsten Folgen. Um sich vom Bannstrahle zu lösen, kam der König nach Canterbury, pilgerte barfuss und im Büssergewande zur Grabeskirche, dort mit ganzem Körper sich auf den Boden niederwerfend, unter blutigen Thränen und Wehklagen für die, gegen den frommen Mann geübte Verfolgung um Verzeihung bittend, alle früheren Vorrechte des Bisthums bestätigend,
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1)  „Cilicium pediculis refertum“, sagt der Text.

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zur Sühne 300 Pfund aus seinem eigenen Vermögen darbringend , und sogar seine geheiligte Person den, von den Händen der Geistlichen geführten Geisselhieben preisgebend, erwirkte er endlich die Absolution. Ausnahmsweise wurde Becket bereits zwei Jahre nach seinem Tode unter die Zahl der Allerheiligen aufgenommen.
Bei dieser Lage der Dinge kann es denn auch nicht befremdend erscheinen, dass Herzog Heinrich der Löwe, der wahrscheinlich Gelegenheit gehabt hatte, bei seinem Schwiegervater Heinrich II. den, nur um zehn Jahre älteren Becket persönlich kennen zu lernen, diesem Märtyrer die Ehre des Mitpatronates über den braunschweiger Dom zuerkannte, zumal er damit, im Interesse des Königs selbst, der Kirche versöhnende Zugeständnisse machte.
Nach diesem Excurse, kommen wir auf unsere Gemälde zurück, die leider aus dem Leben Beckets nur wenige Momente darbieten, und die sich noch dazu in diesen wenigen Sujets nur unvollständig erhalten zeigen. Zuerst erblicken wir die Erhebung Beckets zum Erzbischofe von Canterbury, indem ihm in Gegenwart des Königs der Bischofsstab überreicht wird. — Bis auf die drei westlichsten Köpfe, ist dieses Bild ergänzt worden. — Sodann ist Thomas in der Geheimerathssitzung dargestellt, als Canzler des Reiches dem Könige Heinrich Widerspruch leistend. — Hierauf erblicken wir den Kirchenfürsten zu Rosse, wie er in schlichter Mönchskleidung als Bruder Hermann mit zwei Begleitern die Flucht ergreift. — Die folgende Darstellung ist von zweifelhafter Bedeutung. Der König, von zwei Dienern umgeben, ist vor ein reich geschmücktes Kästchen getreten, welches auf einer kleinen Säule steht. Ein Knabe und mehre Erwachsene legen wie zum Schutze die Hände auf das Kästchen. Vielleicht soll damit die Confiscation der Güter Beckets und der Kirche veranschaulicht werden. — Die letzten drei Darstellungen sind sämmtlich neu, nämlich des Thomas gnädiger Empfang beim Papste Alexander, des Thomas Rückkehr nach Canterbury, und des Thomas Ermordung.
Die Gemälde des südlichen Kreuzflügels hat die Hand des Restaurators noch nicht berührt. Weil sie theilweise von der vorgebaueten Sacristei und der nur unvollständig entfernten Kalktünche noch verdeckt sind, und ohnehin durch den Bau eines in die Südmauer eingelegten Rauchfanges grossen Schaden gelitten haben, lassen sich zu ihrer Erklärung nur die allgemeinsten Umrisse geben. Am Gewölbe ist Christus dargestellt, mit der Himmelskönigin Maria

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den Thron theilend, von den Schaaren der Seraphim und Seligen umringt. Diese Seraphim sind ganz in dem altchristlichen Typus  1) gehalten, wie er sich auch auf einer Sculptur des Domes zu Chartres 2) wiederfindet, nämlich, im Gegensatz zu den nur beflügelten Cherubimköpfen, mit ganzem Körper, welcher auf einem Feuer-Rade schwebt, und mit sechs Flügeln versehen ist, von denen zwei, zur Verhüllung vor der unanschaubaren Herrlichkeit Gottes, nach dem Haupte gerichtet sind, während zwei andere sich nach unten neigen, und die beiden letzten zum Fliegen dienen. — An der Ostseite dieses Kreuzflügels über der Apsis ist die Auferstehung der Todten, die Vorhölle und die Himmelfahrt dargestellt. Daran schliesst sich die Auffindung des wahren Kreuzes Christi durch die Kaiserin Helena, welche die Aechtheit dieser Reliquie durch das Wunder der Belebung der darauf gelegten Todten darthut. Eine Reihefolge von Aposteln und Kirchenvätern und Scenen aus der Lebens- und Leidensgeschichte verschiedener Heiligen, z. B. des Stephan und Sebastian, sind diesem Bildercyklus beigeordnet, der sich auch über die stark beschädigte Südwand fortzieht. — An der westlichen Wand endlich, über der Verbindungsarkade des Nebenschiffes mit diesem Kreuzflügel, ist das Gleichniss von den fünf klugen und fünf thörichten Jungfrauen, welche den Bräutigam empfangen, veranschaulicht 3), eine im Mittelalter höchst beliebte Anspielung auf Christus, den Seelenbräutigam selbst. Oben, dicht neben dem westlichen Eckpfeiler, gleichsam den Eingang der Brautthür bewachend, stehen zwei grosse Engelsgestalten, mit zwei Flügeln und langen Gewändern versehen. Nach dieser Ausstattung zu schliessen, gehören sie der fünften Rangklasse der neun Engelchöre an, dem Engelchore der Tugenden. 4) — Die Südseite des östlichen Pfeilers an diesem Kreuzflügel ist mit der Kolossalgestalt des heiligen Blasius, die Ost- und die Westseite der beiden Eckpfeiler aber mit zwei grossen Figuren fürstlicher Personen geschmückt.
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1) J. Kreuser: Der christliche Kirchenbau. Bonn 1851. II. p. 71.
2) Didron: Annales archéol. I. p. 156.
3) Matth. XXV. 1—13.
4) Die Namen der neun Engelchöre heissen: Die Seraphim, die Cherubim, die Throne, die Herrschaften, die Tugenden, die Mächte, die Fürstenthümer, die Erzengel und die Engel. — Bekanntlich brachte erst Dionysius Areopagita zu Ende des fünften Jahrhunderts die Lehre von den neun Engelchören auf.

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Da die unter der männlichen Figur befindliche Unterschrift sich fast gänzlich verwischt zeigt, so bleibt die Deutung eine zweifelhafte. Der Nimbus aber, welcher die, ein Kind auf dem Arme tragende fürstliche Frau umgiebt, lässt vielleicht auf die Eltern des Kaisers Heinrich II., des Heiligen, schliessen, auf Herzog Heinrich II. von Baiern und Gisela von Burgund. — Im ganzen nördlichen Kreuzflügel sind, ausser einzelnen Köpfen in der Apsis, die einer noch nicht völlig vom Kalkbewurfe befreieten Darstellung des thronenden Christus angehören, keine Malereien erhalten. Die Manier gerade dieser Fragmente aber lässt auf eine spätere Zeit schliessen; wie denn auch der, in diesem Kreuzflügel noch theilweise erhaltene, bereits vollständig vorgerichtete feine Malgrund auf eine nicht völlig zu Stande gekommene, frühere Renovation hindeutet.
Im Allgemeinen möchte noch zu bemerken sein, dass diese Dombilder keine Fresken, welche in dieser frühen Zeit überhaupt noch nicht üblich waren, sondern Secco-Malereien sind, d. h. auf die trokkene Kalkfläche aufgetragene Gemälde. Die beiden Restauratoren bedienten sich desselben Bindemittels der Farben, welches auch bei der Temperamalerei angewendet wird, nämlich des zu Schaum geschlagenen Eies und der Milch. Bei dem Tableau von Herodes Gastmahle, mit welchem man den ersten Restaurationsversuch machte, wurde diesen Ingredienzien, und zwar mit günstigem Erfolge, noch Kopaivbalsam beigemischt.
Die Darstellungen sind übrigens nicht alle von gleichem künstlerischen Werthe, wie sich denn z. B. der Mehrzahl nach, die im südlichen Kreuzflügel durch Styl und Zeichnung vortheilhaft vor allen übrigen unterscheiden. Dieses gilt namentlich von dem Deckengemälde, so wie auch von den beiden grossen Engelsgestalten, die noch ganz das Gepräge der alten byzantinischen Hoheit tragen, und besonders von dem Bilde der zehn Jungfrauen, deren Gestalten überraschend an schöne griechische Vorbilder erinnern. Aus dieser Ungleichmässigkeit geht zur Genüge hervor, dass nicht alle die unendlich vielen Compositionen einem und demselben Meister angehören. Bei der allgemeinen Verbreitung, deren sich die, dem classischen Alterthum entlehnten künstlerischen Traditionen unter der Klostergeistlichkeit zu erfreuen hatten, war es natürlich, dass dergleichen Projecte zwar nach einem leitenden Grundgedanken, aber doch von verschiedenen Künstlern selbstständig ausgeführt wurden. Vielleicht sind sogar die meisten unserer Domgemälde, ohne vorherige Cartonzeichnung,

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gleich aus freier Hand auf die Wand getragen worden. Dafür sprechen wenigstens, ausser der freien Behandlung, einzelne sogenannte Bereuungen, z. B. an einer Prophetengestalt des Gewölbes, wo sich verschiedene Köpfe über einander gezeichnet fanden; sodann aber auch die an der Südwand des Presbyteriums unter den alten Malereien fortlaufenden Contourirungen, welche von dem ausführenden Künstler gleichsam als Gedankenspäne auf die noch unbenutzte Wandfläche geworfen worden waren. Das einzige Bild, welches mit grosser Wahrscheinlichkeit auf einen vorherigen Carton-Entwurf schliessen lässt, ist die Ausgiessung des heiligen Geistes, weil sich hier die Durchzeichnung förmlich in den Kalkgrund eingedrückt hat. — Ueber der Apsis des südlichen Kreuzflügels fand sich sogar das Monogramm eines Künstlers in die nasse, erst später übermalte Kalkfläche eingekratzt. Leider kann nur der Vorname Henricus entziffert werden, woraus aber doch wenigstens so viel hervorgeht, dass der Künstler kein Byzantiner war, deren sich auch noch um diese Zeit fürstliche Bauherren vielfach bedienten. Möchte nun aber auch der künstlerische Werth unserer Dombilder, bei der gänzlichen Erschöpfung, in die der kirchliche Bilderschmuck, nach allen durchlaufenen Stadien, zu Ende des zwölften Jahrhunderts verfiel, so dass er gewissermaassen zu einer blossen Chablonenarbeit herabsank, noch so gering, und weit geringer sein, als er wirklich ist, so würden dieselben dennoch immer, theils ihres Alters wegen, theils als vermittelnde Bindeglieder in der grossen Kette des kunstgeschichtlichen Ganzen, von ausserordentlichem Interesse sein. Uebt doch selbst in der Totalwirkung das Erhaltene, trotz seiner fragmentarischen Beschaffenheit, in Vergleich zu der nüchternen Kalktünche, einen überwältigend edlen Eindruck aus!
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Quelle:
Carl Georg Wilhelm Schiller: Die mittelalterliche Architectur Braunschweigs und seiner nächsten Umgebung. S. 10 — 47
Braunschweig. Verlag von C. W. Ramdohr’s Hofkunsthandlung. 1852

Hinweis: Das gesamte Buch kann auch unter folgendem LINK eingesehen werden:

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Georg Heinrich Oesterley über die Zeit Heinrichs des Löwen

Georg Heinrich Oesterley beschrieb in seinem Werk "Geschichte des Herzogs Otto I. mit dem Beinamen das Kind von Braunschweig" im ersten Kapitel die Zeit Heinrichs des Löwens wie folgt:


"Um die Zeit, als Friedrich I. den Kaiserthron bestieg, war in Deutschland kein Fürst mächtiger, und wegen seiner Macht mehr gefürchtet und beneidet, als Heinrich der Löwe. Zwar waren seinem Vater beide Herzogthümer, Baiern und Sachsen, abgesprochen, und das erstere würklich geraubt, allein der Verzicht, den der junge Heinrich, durch die Vermittlung seiner an den neuen Herzog Heinrich von Oesterreich vermälten Mutter, auf Baiern that, verschafte ihm bald wieder den ruhigen Besitz seines Herzogthums Sachsen; und selbst Baiern kam endlich, theils durch einen Anspruch der zu Goslar versammelten Fürsten, theils durch den gutwilligen Abtritt des dafür so reichlich belohnten Heinrichs von Oesterreich, wieder in seine Hände.

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Nun herrschte Heinrich der Löwe über Baiern und Sachsen, an der Donau und an der Ostsee, jenseits der Elbe und jenseits der Weser, als Herzog; von Thüringen bis Holstein, von Westfalen bis an die Mark Brandenburg erstreckten sich in weiter ununterbrochener Ausdehnung seine Allodiallande. Und welcher Zuwachs an Macht und Besitzthümern bot sich ihm nicht dar, als sein Oheim Welf VI. sich zur Abtretung seines reichen schwäbischen, baierischen und italiänischen Erbgutes willig zeigte!
Aber der Zeitpunkt war gekommen, wo der Sturz der Welfen ihren Feinden eine Zeitlang ein angenehmes Schauspiel geben sollte, unter dessen Zuschauern wohl niemand weniger, als Friedrich I. voraussah, wie tragisch sich, nicht volle hundert Jahre hernach, die Rolle endigen würde, worin sich jezt seine Familie, nach der Demüthigung ihrer größten Nebenbulerin, mit so blendendem Glanze hervortrat.
War es die Staatsklugheit, die es, zumal in Zeiten, wie das zwölfte Jahrhundert, für unmöglich hielt, die Beherrschung und Verwaltung solcher so weit entlegener Länder mit wahrem Vortheile zu übernehmen, oder war es

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eine Nachlässigkeit, die doch sonst nicht in Heinrichs Charakter lag? Genug Heinrich ließ die Gelegenheit verstreichen, seines Oheims Erbgüter in Baiern, Schwaben und Italien zu erwerben, und der alte kinderlose Welf verkaufte sie dem Kaiser Friedrich.
Noch dauerte die Freundschaft zwischen dem Kaiser und dem Herzoge, denn keiner konnte Friedrichs große Plane so mächtig unterstützen, und vieleicht war auch keiner williger dazu, als Heinrich, der wahrscheinlich die Hofnung nährte, daß der dankbare Kaiser wenigstens ein ruhiger Zuschauer bleiben werde, wenn er nun auch von seiner Seite mit mehr offenbarem Ernste und Nachdrucke seinen Zweck zu verfolgen anfangen würde, den die Art, wie er die seiner herzoglichen Gewalt unterworfenen Bischöfe und weltliche Herren behandelte, nicht undeutlich zu verrathen schien.
Diese Unternehmungen Heinrichs waren indessen auch jezt schon auffallend genug gewesen, um die Besorgnisse einiger Fürsten bis zu einem Bündnisse thätig zu machen, dem ein würklicher Angrif der Länder des Herzogs folgte. Zwar ward diese Fehde noch durch das Ansehen des Kaisers beigelegt,

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allein das Feuer glimmte unter der Asche fort, und es zeigte sich bald, daß selbst Friedrich in dem Herzoge nicht sowohl den thätigen Freund liebte, als vielmehr den mächtigen Nebenbuhler fürchtete.
Daß der Kaiser Heinrichs Vernachlässigung der Welfischen Erbschaft benutzte, wird ihm niemand zum Vorwurfe machen. Aber wie stark muste der Unwille des Herzogs gereizt werden, wie schmerzhaft muste er es empfinden, als er bei seiner Rückkehr aus Palästina erfuhr, daß Friedrichs Eigennutz schon auf seinen Tod gerechnet, schon seine Vasallen durch Drohungen und Verheissungen zu dem Versprechen genöthiget habe, im Fall daß Heinrich nicht zurück käme, ihm das ihrer Treue anvertraute Land in die Hände zu liefern! Mochte es sich auch Heinrich immer nicht verhehlt haben, daß die Freundschaft, die ihn mit Friedrich vereinte, nur auf Eigennuz gebaut wäre, so war doch wohl nie eine entfernte Ahndung so unedler Schleichwege in seiner großen biedern Seele aufgestiegen. Wechselseitige Vergrößerung schien ihm der Zweck dieser Freundschaft zu seyn, und wie fand er sich nun betrogen!
Es ist nicht schwer zu errathen, welche Veränderungen hierauf in den Gemüthern

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beider Fürsten, und in dem Verhältnisse, worin sie bisher gegen einander gestanden, erfolgen musten. Heinrich ward mistrauisch, und dem Kaiser, der seine Absichten entdeckt sah, muste die zweideutige Maske, die er doch noch lange nicht ganz ablegen konnte, von Tage zu Tage lästiger werden. Als es der Herzog nun abschlug, Friedrichs neuem italiänischen Zuge persönlich beizuwohnen, und dieser also durch zwei Kränkungen, wie man sie am seltensten zu verzeihen pflegt, durch das Bewustseyn einer nun ruchbar gewordenen unedlen Handlung, und durch eine mit den demüthigensten Umständen begleitete Fehlbitte, zur Rache aufgereizt ward, so führte er dieselbe auch mit aller der gewöhnlichen Erbitterung eines mächtigen Feindes aus, der nicht für erlittenes Unrecht, sondern dafür Rache nimmt, daß sein Gegner mehr Edelmuth, als er selbst besizt, gezeigt hat.
Schlag auf Schlag erfolgten nun wiederholte Vorladungen des Herzogs; Angriffe von allen den Erzbischöfen und Bischöfen, die ihre gekränkte Würde zu rächen hatten; von den Fürsten, die Heinrichs Macht und Anmassungen schon lange nicht ohne die gegründetesten Besorgnisse betrachten konnten; von seinen eigenen Vasallen, die den

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ungewöhnlichen Druck, worunter sie Heinrich gehalten, mit einer willkommenen Unabhängigkeit zu vertauschen zu können glaubten; und endlich - die Achtserklärung, die desto würksamer war, da dem Herzoge nur wenige seiner alten Freunde, und unter diesen nur solche treu blieben, deren Beistand keine der stärksten Stüzen für ihn seyn konnte.
So unerschrocken und standhaft sich auch Heinrich dem Sturme entgegenstellte, so überwältigte ihn doch endlich die Uebermacht seiner verbundenen Feinde. Seine Herzogthümer giengen verloren. Baiern ward an Otto von Wittelsbach gegeben, nur Regensburg und Meran ausgenommen, von denen das erste reichsfrei, das leztere ein eignes Herzogthum ward. Eine ungleich größere Revolution traf das dem Kaiser vorzüglich furchtbare Herzogthum Sachsen. Die wichtigsten Belohnungen erhielten der Erzbischof von Kölln, dem Egern und Westfalen als ein eigenes Herzogthum zu Theil ward; und Bernhard von Anhalt, der, obwohl bei weitem nicht die Macht und das Ansehen der vorigen Herzoge, doch den Titel eines Herzogs von Sachsen, einige Länder und einen Schatten der alten herzoglichen Rechte empfieng. Ausserdem mußte auch noch ein

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Theil des Raubes den nicht unwichtigen Bundesgenossen, die mit dem Bannstrale in der einen, und mit der Lanze in der andern Hand, so treulich zu Heinrichs Sturze mitgeholfen hatten, ausgetheilt werden; und so erhielten dann die Erzbischöfe von Mainz, Magdeburg und Bremen, und die Bischöfe von Paderborn, Hildesheim, Verden, und Minden manches ansehnliche Stück von des Herzogs zertrümmerten Ländern. Heinrich behielt nichts als seine Erbgüter, und auch von diesen ward ihm hier und da etwas entrissen. Nun fiengen die Erzbischöfe und Bischöfe, die benachbarten kleinen Fürsten - denn kleine Fürsten waren damals selbst die Herzoge von Sachsen und die Markgrafen von Brandenburg - an, ihr Haupt empor zu heben, und mancher Graf, der sonst unter Heinrichs Herrschaft gezittert hatte, schaltete jezt in seinem kleinen Bezirke, als erkenne er niemanden ausser Kaiser und Reich für seine Oberherrn  a). Vorher hatten kaum zehn verbündete Fürsten den Muth gehabt, sich an Heinrich zu wagen, und nur das furchtbarste Ungewitter, das sich je in Deutschland über einen Fürsten zusammenzog, war vermögend, seiner Macht den tödlichen Streich

a) Origg. Guelf. T. 4 praef. §. 3.

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beizubringen - aber bald unter seinen Nachfolgern sieht man schon einzelne Bischöfe, die sich es mit ihnen aufzunehmen erkühnen.
Nach manchem vergeblichen Streben, wenigstens einen Theil des Verlohrnen wieder zu erhalten, wozu sich ihm ein flüchtiger Schimmer von Hofnung, als Friedrich in Palästina umgekommen war, gezeigt hatte; und nachdem er sich endlich auch mit dessen Nachfolger, dem Kaiser Heinrich, dem Scheine nach ausgesöhnt, und einen seiner Söhne mit der Pfalz am Rheine belehnt gesehen hatte, genoß Heinrich noch in den lezten Jahren seines Lebens einer gezwungenen Ruhe, die er sich durch eine anhaltende Beschäftigung mit den innern Angelegenheiten seines Landes, und durch das Studium der Geschichte - immer der kräftigsten Trösterin des unglücklichen großen Mannes - erträglich machte.
Nach seinem Tode schien es, als sollte den Welfen alles von den Hohenstaufen und den deutschen Fürsten erlittene Unrecht doppelt vergütet werden. Friedrich I. und Heinrich VI. hatten es den Päbsten genug gezeigt, daß es ihnen um nichts geringeres, als die gänzliche Unterjochung Italiens zu thun sey, und darum waren es die ungünstigsten

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Umstände, die sich jezt für die Hohenstaufische Familie ereignen konnten, daß Heinrich VI. so unvermuthet starb, und sein Sohn Friedrich noch minderjährig war, und Innocenz III. einer der größten und staatsklugesten Männer, zum Pabste erwält wurde. Als daher die Wahl einiger weniger Fürsten auf Otto von Braunschweig fiel, unterstützte ihn Innocenz aufs eifrigste gegen den von den übrigen Fürsten gewälten Philipp von Hohenstauffen; und da dieser, während des fortdauernden Kampfes um die Kaiserkrone, ermordet wurde, so wären die glänzenden Aussichten, die sich jezt für Otto eröfneten, auch vielleicht nicht sobald wieder verschwunden, wenn Otto nicht zu früh, ohne seine Kräfte berechnet zu haben, mit dem Pabste gebrochen hätte. Da er aber seine Gewissenhaftigkeit so weit trieb, daß er selbst seinem größten Wohlthäter - wie er doch Innocenzen und zwar mit Recht nannt - die dem Reiche entrissenen Länder und Städte wieder abnehmen wollte, so musten die deutschen Fürsten, die sich bei dem Besize der seinem Vater geraubten Länder so wohl befanden, noch mehr von seinem zärtlichen Gewissen befürchten, und so geschah es nun, daß Otto, von allen verlassen, seinem jungen nun auch von dem Pabste begünstigten Nebenbuler Friedrich II. weichen, und sich

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mit dem bloßen Kaiserlichen Titel begnügen muste. Hätte er doch lieber das ihm - wie gesagt wird - von Philipp von Hohenstaufen, mit einigen wichtigen Hohenstaufischen Gütern angebotene Herzogthum Schwaben dafür angenommen, und auf die so schwer zu behauptende Kaiserwürde Verzicht gethan!
Otto's Erhebung war also für ihn selbst nichts weniger als vortheilhaft gewesen. Noch weniger war sie es für seine Familie. Die vielen freigegebenen Schenkungen, wodurch er sich Anhänger zu werben suchte, schwächten das Welfische Erbgut ungemein, und bewogen endlich seinen Bruder, den Pfalzgrafen Heinrich, auf Theilung zu dringen. Was indessen Ehrgeiz bei dem einen gethan hatte, das that Andacht bei dem andern, und wenn es die Nachkommen Otten verzeihen konnten, daß er in der Hofnung größeren Gewinns sich zu mancher Verschwendung an Undankbare verleiten lassen, so konnten sie es doch nicht eben so leicht verschmerzen, daß Heinrich, blos aus übelverstandener Andacht, Kirchen und Klöster durch die ansehnlichsten Schenkungen bereichert, und sogar die Grafschaft Stade an das Erzstift Bremen verschenkt hatte.
Von Heinrichs des Löwen Söhnen war der Kaiser Otto ohne Kinder; des Pfalzgrafen

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Heinrichs einziger Sohn starb zu früh, und es blieben ihm nur noch zwei Töchter übrig: es war folglich ein Glück, daß Heinrichs des Löwen dritter Sohn, Wilhelm  b), der sonst nicht sehr merkwürdig für die Geschichte ist, einen Sohn hatte, und durch diesen der Stammvater der Fürsten wurde, die durch ihre großen Eigenschften die Ehre des Welfischen Namens behauptet, und durch ihr Glück seinen alten Glanz wieder hergestellt haben."

b) Noch ein Sohn Heinrichs des Löwen, Namens Lüder, war vor seinem Vater gestorben.



Quelle:
Georg Heinrich Oesterley: Geschichte des Herzogs Otto I. mit dem Beinamen das Kind von Braunschweig,
Göttingen, Verlag bei Victorinus Bossiegel, 1786 S. 1 bis 11

Eine Rezension zum Werk liegt in der Universität Bielefeld vor und ist digital über folgenden LINK zugänglich:
http://www.ub.uni-bielefeld.de/cgi-bin/navtif.cgi?pfad=/diglib/aufkl/adb/254877&seite=00000531.TIF&scale=6



Weitergehende Informationen vom Grabungsleiter Andreas Wolff und seinem Grabungsteam sind Salzgitter-aktuell vom 18.05.2002 (LINK: http://www.salzgitter-aktuell.de/dynasite.cfm?dssid=3194&dsmid=30653&dspaid=176092) sowie den jährlich erscheinenden Burgkurieren des Fördervereins Burg Lichtenberg e.V. sowie den Grabungsberichten zu entnehmen.