Der Elm von J.H.Ch. Schmidt


DER ELM
Schilderung
von
J. H. Ch. Schmidt
weiland Kantor in Lucklum

Bearbeitet und herausgegeben von
Richard Schmidt
Verfasser vom Illustrierten Elmführer
*
zweite durchgesehene Auflage



Verlag von Karl Pfankuch
Braunschweig 1925



Vorwort zur ersten Auflage.
Die nachfolgende Schilderung des beliebten Ausflugortes,
welche, im Herbste 1860 verfaßt, seither ungedruckt blieb, ist
es wert, einem weiteren Leserkreise bekannt gemacht zu werden;
zumal, abgesehen von kurzen Einzelschilderungen in Zeitschriften
und gedrängten Beschreibungen in Elmführern, über den Elm
nur eine längere Monographie, die aber wesentlich nur Ge-
schichtliches berücksichtigt, herausgegeben worden ist (Bode, der
Elm und seine Umgegend, Braunschweig 1846). Die aus eige-
ner Anschauung und durch jahrzehntelanges Vertrautsein mit
dem Leben im und am Elm gewonnenen Eindrücke sind hier
in so lebendigen Farben geschildert, daß dem Leser mit Weh-
mut klar wird, wie damals doch manches noch so ganz anders
war im Elm, und wie die Neuzeit mancher lieblichen Idylle
dort den Garaus gemacht hat. Möge denn diese Abhandlung in
ihrer Ursprünglichkeit und Frische dem Elme neue Freunde
gewinnen und zugleich das Andenken des verdienten Schul-
mannes wach erhalten.
Schöppenstedt, im Juni 1905.
                                                               R. Schmidt.


Vorwort zur zweiten Auflage.
Mit vorliegender Auflage soll einem seit Jahren in Nach-
fragen seitens Privater und des Buchhandels sich äußernden
Bedürfnis nach Beschaffung des längst vergriffenen Elmbüch-
leins nachgekommen werden.
Unbeschadet der Eigenart der Abhandlung glaubte ich die-
jenigen Wünsche betreffs Streichung oder Kürzung einiger
wegen Pietätsrücksichten aus dem Original beibehaltenen, zu
sehr ins einzelne gehenden Angaben beachten zu sollen, auch
sonst leise Änderungen vornehmen zu dürfen. Damit möchte
ich allen, nach den verflossenen beiden Jahrzehnten jetzt durch
neuzeitliche Verkehrsmittel, sei es Auto, Rad und nicht zuletzt
die Braunschweig-Schöninger Bahn, dem Elm in größerer
Zahl zugeführten Besuchern eine dem heutigen Geschmack an-
gepaßte Anleitung in die Hand geben, sich des Segens zu
freuen, den das Herz im Elm gewinnt.

Rühme, im Januar 1925.
                                                        Rich. Schmidt.

Der Elm.
1. Ursprung und Gliederung.
Wo dat Echo schallt
Dör de Böken hin,
Na de gröne Wald
Treckt mi Hart un Sinn,
Wenn de Drossel fleit,
Wenn de Bläder weiht,
Wenn de Wind der geiht
Baben hin!
        Quiaborn von Klaus Groth.

Der geneigte Leser muß sich’s nicht verdrießen lassen, min-
destens 1100 Meter hoch über den Meeresspiegel, d. h. auf den
Brocken mich zu begleiten, wenn er das reizende Elmgebirge
— strenge Geographen werden nur von Elmhügeln wissen
wollen — genauer kennen lernen will. Wenn wir vom altehr-
würdigen Blocksberge nördlich hin ausschauen, dann findet
unser Auge am Rande des Horizonts, in der Richtung von
Osten nach Westen ein dunkles, langgestrecktes Oval. Das ist
der Elm!
Seinen Namen führt er nicht von gestern her; denn in der
Gründungsurkunde des Domes von Königslutter, ausgestellt von
Kaiser Lothar im Jahre 1135, kann jeder ihn schon lesen, dem es
darum zu tun ist. Sonst findet man in alten Schriften Elun,
Meliun, Melun und Melme. Mit römischer Zunge aber
mußte sich der deutsche Elm Helimana silva nennen lassen.
Fragt der geneigte Leser nun etwa, wie das freundliche Ge-
birge zu seinem Namen gekommen, so mag ein alter gelehrter

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Forscher ihm antworten. Dieser behauptet: Elm komme her
von Ulme, da Ulme im Altdeutschen Elmbom geheißen. Dar-
nach müßte unser Gebirge früher im Ulmenschmucke geprangt
haben, während es jetzt den herrlichsten Buchenwald trägt.
Aber inmitten der Krimmelburg oberhalb der Reitlingswirt-
schaft schaut noch heute eine stattliche Ulme hinaus ins Land.
Da wir nun einmal bei der lernbegierigen Frage: ,,Woher?“
sind, so bitte ich den freundlichen Leser und Ausschauer, sich
zunächst sagen zu lassen, wie das großartige ,,Siehdichum!“
gebaut ist, auf dem er sich soeben vergnügt befindet. Es möchte
sich dabei auch in Kürze ein ,,Woher?“ für den Elm erledigen. Der
Granitfelsen, auf dem unser Fuß hier steht, war einst eine
glühende flüssige Masse, tief im Erdkörper unter der soge-
nannten Sedimentformation hinwogend. Da mag's nun wohl
den Granitwogen einmal ,,zu eng im Schloß“ geworden sein,
und sie haben sich mit unbändiger Gewalt nach oben gedrängt,
wie es etwa noch heute in jeder Küche an einem siedenden
Topfe in kleinem Maßstabe zu schauen ist. Die Sediment-
formation war verständig genug nachzugeben, ließ sich auch,
wenn’s nicht anders gehen wollte, durchbrechen, wie es hier
auf diesem unsern Aussichtspunkte klärlich vor Augen liegt.
Die heißen Granitwogen aber erstarrten in der frostigen Höhe
und hängten sich nun die Sedimentformation wie einen decken-
den Mantel um. Wenn nun der Granit im Harzgebirge hoch
brodelte und am höchsten unter dem Mons bructerus aufwallte,
so besänftigte er sich doch nach und nach und begnügte sich da-
mit, die Sedimentformation in ,,parallelen Wellen“ bald mehr,
bald weniger emporzuheben. Unter dem Elm war es ein sanf-
teres Wogen. Die siedende Masse konnte kaum ein Drittel
ihres höchsten Aufwallens erreichen, brachte aber doch das
Sedimentgestein auf einem Punkte bis zu 325 Meter über die
Meereshöhe empor, ohne es zu durchbrechen. Das ist unter
dem Eilumer Horn geschehen, dem höchsten Punkte des Elmes.
Der Leser wird sich nun selber sagen, weshalb ich ihn auf den
Brocken führte, wenn ich ihm vorläufig die lieben Elmberge
zeigen wollte. Von ihm aus läßt sich allein begreifen, wie
das langgestreckte dunkle Oval dort nördlich an den Horizont
gekommen. Gelehrte Leute hätten kurzweg gesagt: ,,Der Elm
gehört zu dem herzynischen Gebirgssysteme!“
Wenn wir uns nun von hier aus vorläufig unterrichten
konnten über dies und das, was man wissen muß, wenn man

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das Elmgebirge anschaulich kennen lernen will, so müssen wir
natürlich die Hauptsachen selbst an Ort und Stelle zu verstehen
suchen, darum: ,,Auf nach dem Elme!“ In einer mäßigen
Tagereise sind wir dort, wenn wir etwa zu Fuß bis Harz-
burg pilgern und von da aus bis Braunschweig die Eisenbahn
benutzen. Es soll von hier ab nicht über 2½ Stunde währen,
so befinden wir uns in Lucklum, an der Südwestspitze des
Elmes. Im Eisenbahnwagen läßt sich noch manches Wort
schwatzen, was dem Leser für die weitere Elmkenntnis nicht
undiensam sein wird. Vom Harze und anderen Gebirgen ist
bekannt, daß sie nur zum Teil zu Braunschweig gehören. Der
Elm dagegen ist ganz und gar der Unsrige, und wir Braun-
schweiger des nördlichen großen Drittels sagen mit berechtigtem
Stolze: ,,Der Elm gehört uns ganz!“ Und das will
etwas sagen! Es handelt sich bei diesem Ausrufe um fast
34000 Waldmorgen, gleich 110 Quadratkilometer, also etwa
um den neunten Teil sämtlicher Forsten unseres Ländchens.
In den Besitz teilen sich der Staat und die umliegenden Ritter-
güter und Ortschaften. Der Elm steht in forstwirtschaftlicher
Hinsicht unter den Oberforstämtern Schöningen und Königs-
lutter. Die drei Kreisdirektionen Braunschweig, Wolfenbüttel
und Helmstedt, die am dreieckigen Stein, dem Ostpunkt des
Dettumer Grundes, zusammenstoßen, wachen nach ihrem Recht
und Befugnis über ihn.
Wir sind unter solchem Geplauder dem Elm immer näher
gekommen. Schon zeichnen sich seine Berge tiefblau hinein
in den östlichen Abendhimmel. Vom Sickter Berge, kaum
¼ Stunde von Lucklum, genießt man das schönste Bild vom Elm.
Sein Kamm schwingt sich in wundervoller Schlangenlinie,
gebildet von vier Hebungen und drei Senkungen, von Norden
nach Süden über Kampberg — Destedter Tal, Tafelberg —
Dettumer Grund, Taubenberg — Reitlingtal zum Evesser
Berg. Vor dem Ausläufer der letzten Hebung breitet sich
Lucklum aus. Der Kirchturm ragt wie ein bedeutungsvoll aus-
gestreckter Finger hoch in die schöne Kurve, und in den Fenstern
der alten Kommende der Deutschritter verglüht rotgolden das
Abendrot. Wir treten, wenn einfache, freundliche Aufnahme
genügt, in das geräumige, weil einem doppelten Zwecke ge-
widmete Schulhaus, in dem noch heute die Lucklumer Heimat-
hymne von J. H. Ch. Schmidt nach der Melodie ,,Steh ich in
finstrer Mitternacht“ erklingt:

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1. Am Elme liegt ein Dörflein klein,
In Deutschland kann’s nicht schöner sein!
Es heißet Lucklum, wohlbekannt,
In grauer Zeit schon gern genannt.

2. Dies Dörflein steht in Gottes Hut,
Drum geht’s ihm allewege gut
In Freud und Leid bei Tag und Nacht,
Solang’ der gute Hirte wacht.

3. Ein stattlich Haus blickt hell und fein
Von Lucklum in den Elm hinein.
Der Wandrer hemmt des Fußes Lauf,
Schaut fragend zu dem Bau hinauf!

4. Blick südwärts hin! Dort wirkt und schafft
An Kinderseelen Bildungskraft,
Und dort nach Norden ruhet aus
Das Alter nach des Lebens Graus.

5. Zusatz von R. Waldmann:
Erhalte, Gott, dies Dörflein lang!
Das ist der Wunsch aus Herzensdrang.
Sei du mit ihm, wie stets bisher! —
Herr, dir allein gebührt die Ehr’!

Wir sehen noch den Vollmond in seiner Pracht hinter dem
Gebirge heraufsteigen und merken an dem lustigen Umher-
flattern einer Fledermaus, daß morgen auf heiteres Wetter zu
rechnen ist für unsere Elmfahrt. Wir gehen ganz früh beim
heitersten Himmel von Lucklum nach Erkerode und dann neben
,,dem Bache mit dem Morgensegen“, der singenden und klingen-
den Wabe in den Elm hinein. Der Wanderer will ungern aus
dem Eingange zu dem lieblichen Reitlingtale fort. Wald-
wärts und landwärts ist ja der Anblick so fesselnd. Doch wir
dürfen hier nicht lange verweilen, wir haben eine weite Wan-
derung vor. Der Elm, der in seiner südöstlichen Hälfte die
Verhältnisse eines Kettengebirges, in der nordwestlichen da-
gegen die eines Massengebirges darstellt, hat immerhin eine
Längenausdehnung von etwas über fünf Stunden. Die Breite
ist sehr verschieden. Sie beträgt nicht weniger als eine Stunde
und überschreitet das Maß von zweien nicht viel. Die größeste
Länge bezeichnet eine Linie von Abbenrode aus nach

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Schöningen gelegt; die stärkste Breite befindet sich zwischen
Evessen und Königslutter. Von Eitzum nach Räbke durchmißt
man die Breite am schnellsten. Ich möchte den Leser nun auch
mit der vertikalen Gliederung des Elmes ein wenig bekannt-
machen. Versetzen wir uns denn aus unserm Eingange zum
Reitlinge nach Schöningen. Von dort aus läuft der Rücken
des Gebirges, steiler nach Süden, milder nach Norden ab-
dachend, in mancherlei Senkungen und Hebungen bis über
Erkerode, nur die eingeschlagene Richtung vor Eitzum einmal
verlassend. Wer könnte es aber versuchen, die ungezählten
sanften, hier und da schroff aufsteigenden Höhen, durchfurcht
von lieblichen Tälern mit rinnenden Bächen, mit Worten vor
die Anschauung hinzustellen! Da heißt es: ,,Komm und siehe!“
Ehe wir weiter schreiten, können wir noch die eigentliche
Grundlage des Elmes in Augenschein nehmen. Da treten ja
überall am Wege stärker und schwächer geneigte Felsmassen
hervor. Und dort im Erkeröder Steinbruche schauen wir die
ganze geheime Wirtschaft, mächtige Lager von Muschelkalk,
der bekanntlich zu der sogenannten Triasgruppe gehört. Diese
Formation bildet den Untergrund des ganzen Elmes. Beim
Reitlinge unter dem Burgberge und gegenüber am Herzberge
finden sich auch Gipsstöcke. In den geheimen Kammern des
Gebirges haben die Gewässer seit uralten Zeiten viel Kalkstoff
aufgelöst. Die Elmbäche aber lagerten diese in den Talungen als
Kalktuff ab. Dieser liefert einen zeitweilig sehr beliebten Mauer-
stein und wird namentlich bei Königslutter und Lucklum reich-
lich gewonnen. In dem Muschelkalke des Elmes finden sich
außerordentlich viele Versteinerungen. Da trifft man Am-
monshörner, gestreifte Feilenmuscheln, gemeine Terebrateln und
die vielbegehrte Meerlilie.

2. Die Pflanzenwelt.
Aber es wird nun Zeit, daß wir unsern Sinn wieder auf die
Oberfläche lenken, denn am Leben, wie es gestaltend über die
Erde hinwogt, erweckt und erfreut sich das innerste Sein des
Menschen. Ueberall umgibt uns jetzt der köstliche Hochwald,
noch gehoben durch ausgezeichnete Forstkultur, die selbst das
Ausland bewundernd preist. Die Buche herrscht vor, denn
sie liebt gar sehr den kohlensauren Kalk nebst der betreffenden
Meereshöhe und ist deshalb so recht in ihrem Elemente. Es

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finden sich übrigens auch andere Holzarten. In den Talungen
und sonst auch erblickt man Eichen, Linden, Eschen, Ahorn,
Ulmen, Erlen, Birken, Espen u. a. Den schönsten Eichenhain
trifft man beim Brunsleber Felde. Da stehen noch Gestalten,
die man mit dem Wandsbecker Boten ,,umarmen“ möchte, wie
er in seinem Neujahrsliede: ,,Es war erst frühe Dämmerung“
singt. Wenn man aber nach Warberg hinuntersteigt, so er-
blickt man den Riesen des Elmes, die berühmte Eiche, die in
Manneshöhe einen Umfang von neun Metern hat. Leider ist
dieser Zeuge einer grauen Vorzeit jetzt gänzlich abgestorben.
Sie stand westlich von dem Dorfe Warberg. Später ist der
Grund und Boden urbar gemacht und damit jede Spur von
der Eiche verwischt. Von der Größe des Stamminhaltes kann
man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß in
dem hohlen Baum ein gewöhnlicher Tisch stehen konnte, um
den sich spaßeshalber auf Stühlen vier Kartenspieler nieder-
lassen konnten.
Hier und da befinden sich auch nicht unbedeutende Anpflan-
zungen von Nadelholz. Namentlich zeichnet sich der südöst-
liche Teil des Elmes über Schöningen durch herrliche ,,Tannen-
örter“ aus. Es gibt auch einzelne Tannenriesen, woraus man
schließen muß, daß die Alten schon den „Humor des Nadel-
holzes“ liebten. In der Nähe des Brunsleber Feldes finden
sich einige Lärchen, die in Manneshöhe einen Umfang von
3 ½ — 4 Meter haben ungerechnet den turmhohen Wuchs. Will
der Leser aber einmal ,,ungestraft unter Palmen wandeln“,
so schlage ich dazu einen Gang unter die herrlichen Weißtannen
und Lärchen der Ampleber Kuhle vor, deren Pflänzlinge der
Sage nach einst der Förster Brandes auf der Ampleber Kuhle
von seinem Schwiegersohn auf der ,,Kalten Birke“ bei Seesen
erhalten haben soll. Diese gewaltig hohen, schlanken Gestalten,
wie sie im sanften Morgenwinde ihre Häupter unter leisem
Gesange hin und her wiegen, vermögen eine Ahnung tropischen
Waldlebens zu geben, aber auch zugleich versunkener Kraftfülle
deutschen Urwaldes – Da die Forstwirtschaft am Elme nur
Hochwald pflegt, so ist von Gesträuchen eigentlich wenig zu
sagen. Doch drängt sich hier und da die Haselstaude hervor;
Schwarz-, Weiß- und Kreuzdorn nebst dem bekannten Hart-
riegel fehlen ebenfalls nicht. Träumerisch steht da und dort
ein Wachholderstrauch, d. h. vor 60 Jahren, als ob er sich
sehne nach den Genossen, die an den Vorhügeln oft massenhaft

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auftreten. Schneeball und Traubenholunder sind aus den
Kunstgärten in den Wald entflohen und weben mit den Zauber-
fäden der Waldrebe, mundartlich: Wulwesranken, die nament-
lich in den Ruinen der Burg Hebesheim, lies Krimmelburg,
ihr Wesen hat, wunderbare Einzelgemälde in das große, ge-
waltige Elmbild. Auch die heimischen Spierstauden haben
manche ausländische Schwester in den Wald gelockt. Wo aber
,,junge Örter“, d. h. Schonungen gehegt werden, da drängen
sich die Himbeerstauden und Brombeerranken mit den Sahl-
weiden, weniger zum Ergötzen des Forstmannes, doch uner-
setzlich in der Poesie des Waldes. An der Ostseite des Elmes
findet sich auch der Heidelbeerstrauch und im Vorfrühling schon
strömt aus den Kelchen des Seidelbastes der wohlbekannte
märchenhafte Duft. Das Geisblatt Jelängerjelieber m. a.
Sugtitjen, aber klettert über die Büsche und hebt in Schlangen-
windungen seine wunderbar duftenden Blütentrauben aus dem
Dunkel des Waldes hoch in die lichten Wipfel, durch sein
scharfes Zusammenschnüren junger Stämmchen dem Elmbe-
wohner die so beliebten, gewundenen Handstöcke liefernd. Das
Efeu dagegen drückt meist eine unsichtbare Hand in seinem
ersten Aufstreben zurück, und es breitet mit stiller Ergebung
seine dunklen Blätterherzen über den lichten Waldgrund.
Wir sind im Reitling angekommen. Das sonst schmale Tal
weitet sich hier zu einem schönen unregelmäßigen Viereck. In
der Mitte liegt das Vorwerk Reitling, berühmten Andenkens.
Setzen wir uns unter die Buchen vor dem Wirtshause am
Burgberge! Hier läßt sich’s gut erzählen von der herrlichen
Flora, die alljährlich ihre Freudengewinde durch das Märchen
des Elmes schlingt. ,,Hier!“ sage ich noch einmal mit Be-
tonung; denn das Reitlingstal mit seiner nächsten Umgebung
verkörpert die Natur des ganzen Gebirges.
Wenn der Schnee kaum ,,ins Grau“ sich färbt, dann fängt
das Blumenleben des Elmes an zu pulsieren. Da duftet und
glänzt der Kellerhals, und hier drängt sich ein ganzer Himmel
von Leberblümchen, m. a. Hasselblaume oder Märzröschen, her-
vor. Wie die Ave-Maria-Glocke einer einsamen Kapelle läutet
die Knotenblume, m. a.  Zitlöseken, Waldschneeglöckchen, drüben
an dem sonnigen ,,Hamme“ über dem Männeckenspring in der
Herzberggrund den Frühling ein. Steigt man aber dort zu der
Krimmelburg hinauf, siehe, so wogt in den Burggräben, Weiß
mit Purpur gemischt, eine Zauberflut von Lerchensporn. Und

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taucht man hinab in die ,,Hölle“, den dunklen Ostgrund des
Reitlingtales, so fluten auch da dessen Wogen und möchten mit
ihrer Schönheit den finsteren Namen bedecken. Wie sich aber
über den noch braunen Buchenwipfeln der Himmel bläut, so
öffnen sich unter ihnen die Himmelsschlüssel, volkstümlich
Slöttelblaumen, ihre zarten Kelche. Und nun treten still in
diesen Erdhimmel die Engel unter den Blumen: ,,Maien-
blumen, zart gestaltet, sind im Wald die Glöckelein, haben früh
sich all’ entfaltet, läuten nun den Sonntag ein. Alles reget
froh die Schwingen, überall die Glöcklein klingen; durch die
Wipfel säuselt’s auch, just, als wär’s der Engel Hauch.“
Wer will nun ausmalen das immer bunter sich gestaltende
Blumenmärchen! Da nicken und schäkern durcheinander Or-
chideen ohne Maß und Zahl, früh und spät von dem purpurnen
gemeinen Knabenkraut, volkstümlich: Gotteshand un Duiwels-
kralle, bis zur unscheinbaren frühlingsduftigen Herbstblüten-
schraube, Wendelorche, die im niederen Heidekraut der Vor-
hügel Verstecken spielt. Selten zeigt sich in dem bunten Chore
der Frauenschuh, und ebenso schämig verhält sich die Frauen-
träne, Fliegenkraut. Hinter den Wällen der Krimmelburg er-
scheint je zuweilen dem Glücklichen wie ,,ein Märchen aus alten
Zeiten“ der Widerbart, Epipogon.
In der Mitte des Monats Juni prangt der Elm im
höchsten Blumenschmucke! Ich will’s versuchen, den Tag eines
Botanikers um diese Zeit von fern zu zeichnen. Steigen wir
dort ostwärts in die Herzherggrund. Mäandrisch rinnt hier
ein Bächlein und verschwindet endlich in der Teufelsküche
unter dem Herzberge. Oben dies herrliche Laubdach, durch
welches Sonnenblitze herniederzücken, unten ein Meer von Bär-
lauch, silberweiß strahlend. Wie Delphine tauchen hier und
da die seltsamen Gestalten vom gefleckten Aaron, volkstümlich
Papenkinder, aus den Wogen hervor. Aber wir möchten nicht
lange das köstliche Schauspiel genießen, da ein starker Zwiebel-
geruch uns den Aufenthalt verleidet. Darum hinaus in die
lachenden Wiesen, rings von köstlichsten Bergkuppen umhegt.
Da nicken die Trollblumen der fabelhaften Bachnelkenwurz
einen gern erwiderten Gruß zu. Der Wiesenknopf, die Becher-
blume, schwingt die wunderlieblichen Becher dem lustig umher-
gaukelnden Volke der Lüfte kredenzend entgegen. — Noch
wollen wir im tiefen Schatten eines ,,geschlossenen Ortes“ die
leuchtende Wundergestalt des Orchideengeschlechts, den Kopf-

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ständel, das Waldvögelein, schauen und seine lichtscheue Ver-
wandte: die Nestwurz oder das Vogelnest; diesem wohl ähn-
lich, aber im Wesen doch gänzlich verschieden, ziehen wir noch
hervor das Ohnblatt oder den Fichtenspargel und betrachten
beide einmal recht aufmerksam vom Kopfe bis zum Fuße.
Dort aber auf dem lichten Bergrücken wollen wir uns neben
dem schönen purpurblauen Steinsamen an der stolzen Türken-
bundlilie erfreuen. Warnend sei nur noch gezeigt auf die
giftige vierblätterige Einbeere, auf das Christophskraut und
den Wolfs-Eisenhut, mit dessen Wurzelsafte unsere jagdlustigen
Urväter die Pfeile zum Erlegen der Wölfe sollen vergiftet
haben; seine stattlichen Geschwister werden in allen Dorfgärten
gehegt, und in der Heilkunde ist er unter dem Namen Akonit
nicht unbekannt. Ich bin draus und dran geradezu eine
Elmbotanik zu liefern, doch ,,Geduld!“ nur noch einige Kinder
der Flora, wie sie bis spät ins Jahr hinein den Elmwanderer
anlachen. Da ist aus den Vorbergen die maiblumenartig
duftende purpurrote, knollige Platterbse, volkstümlich Erdnötte,
während die wunderschöne Waldplatterbse hier und da am Rande
der ,,Örter“ mit ihren Flügeln sich über die Büsche schwingt
und fast jedesmal in ihrer Nähe den süßholzblätterigen Tra-
gant, Bärenschote, als stillen Bewunderer hat. Im feuchten
Dunkel der Hochflächen scherzt das sonderbare Springkraut,
Blümlein Rührmichnichtan, mit den Vorübergehenden und er-
schreckt klein und groß mit ihren wunderlichen Samenkapseln.
In den moorigen Talwiesen versteckt sich das Fettkraut, während
später der wunderschöne Stern des Sumpfharzblattes als Stu-
dentenröschen blendend hervorleuchtet. Wenn das Jahr zur
Neige geht, dann treten im welkenden Grase Tausendgülden-
kraut, gefranster und bitterer Enzian nebst Dost, volkstümlich
brune Dust, mit ihren lieblichen Farben und heilenden Kräften
hervor und die mächtige Goldrute, volkstümlich Heidnisch
Wundkraut, vergoldet die besonnten Abhänge. Über der Hölle
am Nordhange des Herzberges in dunklem Buchenort ist die
Herberge der Farne. Es ist ein überraschender Anblick! Über-
all scheinen junge Palmenkronen aus der Erde zu steigen.
Und jetzt nur noch zwei Worte vom botanischen Gnomen-
volk, den Schwämmen, volkstümlich Uitschenstäule, die hier
und da aus dem Boden hervorhuschen und oft genug unter
schönem Kleide eine teuflisch-giftige Natur verhüllen. Wir
wollen der boshaften schweigen und nur einige menschen- und

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tischfreundlich nennen, wie sie an unserm Gebirge oft massen-
haft auftreten und noch immer nicht genug gekannt und ge-
schätzt sind. Da, auf kurzgrasigen Matten, sieht man den duf-
tigen Champignon. Im Wald, auf lichten Stellen, schwillt
der Steinpilz oft zu Riesengröße auf: im jungen Stangen-
holz besonders zieht der wunderliche Ziegenbart die Aufmerks-
samkeit an; aber die Steinmorchel zeigt sich in ihrer Schüchtern-
heit selten und nur dem fleißig Suchenden. Die Trüffel lassen
wir still in der Erde träumen, denn ohne den seltnen Trüffel-
hund würden wir sie doch nicht aufscheuchen. Nun aber Schluß
mit dem Wirrwarr botanischer Namenfülle!

3. Die Tierwelt.
Der geduldige Leser muß sich’s nun gefallen lassen, wenn
ich ihn ein paar Stündlein über Stock und Stein dahin führe:
denn auf jeden Fall will er doch auch wissen, was da im Elme
läuft und kreucht, dort in den Lüften schwirrt, hier durch die
Busche schlüpft und im Gewässer durch die klaren Wellen da-
hinfährt. Verlassen wir unsere Bank unter den Buchen und
steigen hinauf in die Einsamkeit nordöstlich vom Burgberge.
Welch eine Stille in dem hohen Buchendome! Aber siehe! da
rauscht es fernhin vorüber, und der kundige Leser erkennt in
der flüchtigen Gestalt den vielleicht einzigen Hirsch des Elmes.
Ehemals war es anders, und die schöne Sammlung von Hirsch-
geweihen, welche den Korridor der Kommende in Lucklum
schmückt, kann  dem Frager genau vergegenwärtigen, was für
stolze Tiere einst unter den Elmbuchen spazierten. Wir wen-
den uns nach Süden und erreichen in einem halben Stündchen
jenen schon genannten Herzberg. Daselbst haben wir vom
äußersten Ostvorsprung einen überraschenden Ausblick in die
ganze Länge des Reitlingtales. Ich fürchte nicht, daß der ge-
fällige Leser nachher auf dem schönen Punkte in die Worte
jenes Engländers ausbrechen wird, den ich einmal dorthin be-
gleitete: ,,Ein mühevolles, deutsches Vergnügen!“ Aber horch!
Da knackt etwas im jungen Orte. Still! still! Sieht der
Leser nicht dort, bald diesseits, bald jenseits der stärksten
jungen Buche, zwei glitzernde Sterne aus dem Halbdunkel auf-
leuchten? Es ist ein Reh mit seinen schönen ,,Lichtern“. Ei,
da ist es ganz! Es flieht! und schwingt sich mit unbeschreib-
licher Anmut über ein Brombeergeranke. Vielleicht treffen
wir weiterhin noch einige dieser Elmgazellen. Dem Bären des

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Elmes, dem mondsüchtigen Dachse werden wir wohl nicht be-
gegnen. Hier am Wege hat er nach Würmern „gestachelt“,
wie zu sehen. Seinen Mietsherrn, den häufig an sonnigen Ab-
hängen bei Tage herumlungernden Fuchs, möchten wir eher
noch antreffen. Der Baummarder läßt sich selten sehen, weil
er weiss, daß der Mensch allzuverlangend die Hand nach seinem
schönen Pelze ausstreckt. Ein munteres Eichhörnchen sehen wir
dort im Baume umherklettern. Man hat den Anblick nicht oft.
Die Haselmaus wird da und dort im Dohnenstiege einmal ge-
fangen, gewöhnlich lebendig; dort drüben im Haselgebüsche der
Ampleber Kuhle legt sie gern ihr Restchen zwischen den Wurzeln
an und füttert es mit Laub und weichem Moos. Im Sommer
nehmen die Hunde gern, zum Ärger des Jägers, ihre Fährte
auf, weil sie stark nach Moschus riecht, was sich im Winter
verliert. Weit unsichtbarer noch verhält sich der Bilch oder
Siebenschläfer; der Name verspricht ein ziemliches Schlaftalent,
worin aber die Haselmaus wenig nachgibt, deren Winterschlaf
auch beinahe sieben Monate dauert.
Unter diesem Gespräch sind wir nun schon durchs Tal, die
Herzberggrund, südlich nach der Ampleber Kuhle hinüberge-
wandert. Einst ein lebhaft betriebener Steinbruch, aus dem man-
ches altehrwürdige Gebäude in Braunschweig seine Bausteine er-
hielt, war dort nachher der Standort eines nun auch ver-
schwundenen Försterhauses. Jetzt ist es eine wahre Wald-
idylle, im Augenblicke durchhallt von dem durchdringenden
Rufe des sprachkundigen Kolkraben. Ihm antwortet mit
schnarrendem Geschrei der schöngefiederte Eichelhäher, der ,,Ver-
räter“ des Waldes. Über unsern Häuptern ziehen einige
Weihen ihre schönen Kreise, und am Rande des Waldes werden
wir späterhin gewiss noch Habichte, Bussarde und deren Kon-
sorten antreffen. Wenn wir hier ein wenig still stehen, dann
schlüpft wohl ein gut Teil des leichtbeschwingten Elmsänger-
chores an uns vorüber. Da spaziert auf dem Wege der vor-
treffliche Waldsänger, der Buchfink, dessen unterschiedliche
Schläge die ehrsamen Handwerksmeister der altberühmten Stadt
Schöppenstedt seit alters her zu Finkenliebhabern machten, als
welche sie denen des Harzes und Thüringer Waldes an Sach-
kunde wenig nachstanden. Den gewöhnlichen Diskelier- und
Reutertiebör-Schläger rechneten sie nicht für voll, aber in der
Sambleber Meine einen Rittvertau oder gar im Kalten Tal
über Twieflingen einen Siegelack zu überlisten, scheuten sie

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weder Weg noch Mühe. Bei guter Buchenmast gesellt sich
im Winter den meist hierbleibenden Männchen mancher nor-
dische Genosse und der Bergfink zu, der aber weder im Gefieder
noch im Gesange an ihn heranreicht. Mit den heimischen Am-
seln, Singdrosseln und den selteneren Misteldrosseln bevölkern
als Durchzugvögel und Wintergäste die Wein- und Wach-
holderdrossel die Dohnenstiege, letztere als eigentlicher Kram-
metsvogel, am Elme volkstümlich Kranzvoggel genannt. Die
Familie der Spechte ist in all ihren Gliedern vertreten, auch
der Schwarzspecht, dessen Lieblingsnistbaum bekanntlich die
Rotbuche ist. Alle die lieben Meisen, Goldhähnchen, Gras-
mücken, Hänflinge, Baumläufer, und was, weiß ich‘s, laufen
und klettern, singen und springen, klappern und klopfen lustig
durcheinander. Dort schlüpft der Zaunkönig von Reis zu
Reis bis oben in den Wipfel einer Lärche. Es ist ein seltsamer
Gesell! Wenn der Winter daherbraust und alles verstummt,
dann singt dieser Troglodyt seine rollenden Triller. Dem
,,Vögelchen so klein und braun, so fröhlich im Schnee“, sekun-
diert das Rotkehlchen, ,,mit Äuglein so klar und hell, oliv-
braunem Rock und Westchcn so rot“ einer unserer häufigsten
Waldsingvögel. Unten im Tale wandert seiner Zeit der schöne
Wiedehopf und stimmt mit dem Kuckuck wunderliche Duette
an, über die das Weibchen des letzteren ein kritisches Lachen
erhebt. Die kostbare Waldschnepfe liebt die sumpfigen Tal-
gründe, an deren klaren Wasserläufen ein vorsichtiger Wan-
derer wohl auch mal den seltenen Eisvogel erspäht. Hier in
den düsteren Tannenreihen rucksen die Ringeltauben und dort
auf den altersgrauen Eichen haben Hohltauben ihren Sitz;
erstere im Herbste in Scharen die anliegenden Kornfelder be-
suchend. Wenn der Tag sich neigt, dann kündigt sich überall
der ,,Vogel der Athene“ an, dessen Familie reichlich ausge-
breitet ist, vom Zwergkauz bis zum sehr seltenen Uhu. Aber
wo bleibt in diesem Chore die Sängerin der Liebe, die Nachti-
gall? — Es ist wunderbar, sie flieht den Wald und findet sich
nur am Rande des Gebirges, wo der Mensch seine Hütte auf-
gerichtet hat.
Ich denke, wir gehen nun weiter, damit wir den Sonnen-
untergang vor dem Westhölzchen über Erkerode genießen. Wir
gehen den Rücken entlang, der vom Plateau beim ,,großen
Rode“ seinen Ausgang nehmend, ständig die 300-Metergrenze
innehaltend und sich im Eilumer Horn und Kucks zu den

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höchsten Punkten des Elmes erhebend, allmählich aber in seinem
letzten Drittel bis zur Waldgrenze sich auf 200 Meter senkt,
Noch raschelt eine Eidechse durchs Gras, und wenn wir etwa
bei Regenwetter unten im Riefengrund uns befinden, würden
wir bald den gefleckten Erdmolch oder Feuersalamander über
den Weg schleichen sehen. Da wir einmal dieser Gesellschaft
gedenken, so sag ich mit Freuden: Ihre giftigen Verwandten
finden sich nicht am Elme. Die oft gefürchtete Blindschleiche ist
friedlich, dazu auch interessant, nicht bloß durch ihr schönes
Kleid, sondern auch in ihrem Skelett durch Schulterbein und
Becken. ·
Der freundliche Leser möchte nun wohl noch von den flinken
Forellen hören, die einst namentlich in der Wabe sich fanden.
Die gute Zeit ist hin. Nur selten ,,kitzelt“ noch an den regu-
lierten Ufern eine schlaue und kundige Hand solch einen bunten
Gesellen. In den Teichen auf Langeleben dagegen hegt und
pflegt man sie jetzt. Jn der Schunter und Lutter gibt‘s
übrigens auch jetzt noch manch wohlschmeckendes Fischlein.
Krebse dagegen beherbergt heutzutage die Wabe selten. In der
Schunter jedoch lohnt sich der Schmerz des Krebsfanges
reichlich.
Was soll ich dem freundlichen Leser nun aber sagen von
den unzähligen übrigen Arten der Gliedertiere? Ich will nur
an einzelnes flüchtig erinnern. Es gehört zu den Prachtmo-
menten im Elme, im Juni so abends durch eine Buchen-
dickung zu schreiten und rings um sich her einen förmlichen
Funkenregen von Leuchtkäferchen, Johanniswürmchen, zu schauen.
Weniger erfreulich ist das oft donnerartige Gebrause der Mai-
käfer, die dann aber auch entsetzliche Verheerungen anrichten.
Der größte europäische Käfer, der Hirschkäfer, läßt sich nicht
selten in den Eichengründen wahrnehmen, wo auch der große
Eichenbock sein Wesen hat. Beide wählen, nachdem ihre finger-
langen Larven jahrelang das Holz alter Eichen nach allen
Seiten durchnagt haben, die linden Juninächte zu lebhaftem
Umherschwärmen. Man findet sie dann oft morgens wie be-
rauscht am ausfließenden Saft der Eiche leckend. Der einzige
seiner Art, der Einsiedler oder Eremit, liebt schon mehr den
heißen Juli, wenn er seinen fast quadratischen Körper einsam
schwirrend durch die Luft trägt. Schwarzlederfarben gibt er
selbst einen juchtenartigen Geruch von sich. Auch die kräftigeren
der flinken Laufkäfer, wie den goldgrünen Puppenräuber und

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den größten einheimischen Laufkäfer, den Lederlaufkäfer über-
rascht nicht selten der aufmerksame Wanderer auf ihren Beute-
gängen, diesen im modernden Buchenlaub, jenen besonders in
Nadelholzbeständen. Von den nachahmenswerten Vorbildern der
Faulen hält sich die große Waldameise in hochaufgetürmten Hü-
geln an sonnigen Kahlschlägen auf. Ach, und nun gar die
Pracht und Mannigfaltigkeit der Falter! Nun, wir haben ja
heute in der prächtigen Augustsonne der hübschen ,,fliegenden
Blumen“ ein gut Teil gesehen und an deren Anblick das Herz
geweidet. Die schönsten, die uns umflatterten im freudigen Ge-
nusse ihres Lebens waren Silberstriche in Menge, dazu der
Fenchelvogel und Trauermantel. Vor vielen andern nenne ich
noch den Schwalbenschwanz und den Segelfalter. Der Toten-
kopf kommt sehr selten vor. Schön ist’s auch, so am Ufer
eines Elmbaches hinzuschlendern und dem Spiel der oft wunder-
schönen Libellen zuzuschauen. Zu ihrer Zeit bekommt man bei
verspäteter Heimwanderung oft auch einen unglückseligen Kampf
mit den ungeheuren Scharen der Stech- und Kriebelmücke.
Will man es aber auf solchen Krieg einmal ankommen lassen,
so entschädigt dafür das zarte Geigenkonzert der Singzirpen.
Nur um dem freundlichen Begleiter den Schrecken zu er-
sparen, sage ich: ,,Da liegt die schwarze Wegschnecke!“ Nicht
so häufig ist es, daß sich auch die gelbe träge über unsern Pfad
schleppt. Die häufig vorkommende Weinbergschnecke, die einst
auch in einem linksgewundenen Exemplar als Unikum am Elm
gefunden wurde, hat sich jetzt schon zurückgezogen oder ist irgend
einem Feinschmecker zur willkommenen Beute geworden. Hat
nun der günstige Leser sein Ohr willig hergegeben eine gute
Zeit, so soll ihm auch bald eine Augenweide beschieden sein,
daran er sich herzlich ergötzen mag!

4. Die Fernsicht.
Vor uns wird‘s hell. Wir sind im Westhölzchen über Erke-
rode. Da steht ein Tisch mit Bänken umher. Zwischen den
Buchen aber schauen wir die einladenden Worte: Salve hospes!
(Sei gegrüßt, Gast!) Und wir finden freundliche Familien aus
Erkerode, die den milden Sommerabend so recht gemütlich unter
hohen Buchenwipfeln genießen.
Wir haben eine Zeitlang freundlich mit ihnen geplaudert und
treten nun hervor an den Rand des Waldes, das wunderbare

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Panorama zu schauen, wie solches sich heute mit dem der Elm-
warte deckt. Welch ein Ausblick! Im nahen Vordergrunde viel
freundliche Dörfer. Da links liegt Evessen, das alte Hebes-
heim, wo der gelehrte Prediger Falk zwischen 1725 und 1762
seine Corveyischen Traditionen schrieb. Vor uns im Wabe-
tale ziehen Erkerode und Lucklum die Blicke an, und die im
Jahre 1408 dem Erzengel Michael zu Ehren gegossene Glocke
von Volzum ruft zum Abendgebet. Von Nordwest schaut die
größte Kirche unsers Landes, die Klosterkirche von Riddags-
hausen über die Ohe her. Links von ihr hebt der 91 Meter hohe
St. Andreasturm  sich ehrfurchtgebietend in den Abendhimmel.
Nach Westen hin aber spiegelt sich die scheidende Sonne in dem
Fahnenroß der Wolfenbüttelschen Hauptkirche. Im Norden und
Nordwest breitet sich das Land zu unabsehbarer Ebene aus, und
das unbefriedigte Auge weckt im Herzen ein unbestimmtes
Sehnen, das sich zu sanfter Melancholie steigert, wenn der
duftige Schleier über der Landschaft sich immer dichter webt.
Aber welch ein Kontrast, wenn nun mit einem stillen Seufzer
der sinnende Beschauer sich nach Süden wendet. Da liegt das
ganze Harzgebirge in seiner überwältigenden Schönheit und
gibt dem landschaftlichen Bilde einen überaus befriedigenden Ab-
schluß. Wer aber kann mit Worten malen, was dem entzückten
Auge sich darbietet. Von der nahen Asse ab schwingen sich die
Bergeswellen durch den Fallstein und den Huy hin immer mehr
hinan, bis sie im Harzgebirge ihren Drang stillen und im
Mons bructerus den Himmel küssen. Und diese Farbentöne und
sanften Übergänge! Im dunkelsten Violett hebt sich die Asse.
Sie gleicht einem Geistesgebilde, das sich noch nicht zu heiterer
Klarheit entwickelte. In den weiteren Schwingungen vollzieht
sich dieser Wandel: Die Farbentöne hellen und verklären sich
immer prächtiger, bis sie im Harze das zarteste Himmelblau
erreichen. Mehr kann die Erde nicht! Aber der Himmel zeitigt,
was die Erde nicht vollenden kann. Deutet das nicht jener
wunderbare Farbenakkord, der vom Himmelsrande her das Ge-
müt durchzittert und dessen tiefsten Ton die Maler mit ,,Meer-
grün“ bezeichnen?
Wir müssen noch einmal nach Norden schauen. Es will uns
nun der Ausblick auf die in den Horizont verlaufende Ebene fast
ängstigen. Doch siehe, da kommt schon die befriedigende Ver-
mittelung. Ein neues Schauspiel nimmt uns gefangen. Die
Sonne ist schon zur Hälfte unter den Horizont hinabgesunken,

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die ganze Landschaft nach Westen ruht vor uns in jener zauber-
haften Beleuchtung, die wir aus italienischen Abendlandschaften
wohl kennen. Alles ist Duft und Farbe, von jenen Gebirgs-
zügen hinter Hildesheim bis zu dem scharf hervortretenden
Burgberge über Lichtenberg. Und wie nun eben die Sonne den
letzten Blick hinüberwirft, da pulsiert eine wunderbare Bewegung
durch das vor uns liegende Gemälde, die sich nicht zeichnen und
sagen läßt, die das Herz sehen muß. Man empfindet ein Ebben
und Fluten, in dem die verschiedenen Farbtöne bald heller,
bald gesättigter erscheinen. Es ist einer jener wunderbaren Mo-
mente, wo Natur und Menschenherz in einem seligen Hallelujah
zusammenklingen. Wir stehen und stehen vor dem herrlichen
Landschaftsbilde, in dem die Farben nun zu dunkeln beginnen
und die Umrisse immer mehr verschwimmen. Ach, wir möchten
es festhalten! Aber die Erde ist das Land der Schatten. Siehe,
da schwimmt im Abendhimmel eine Purpurwolke wie ein
Nachen, der uns mit Entzückungen in die Heimat des Lichts und
der unvergänglichen Farben hinüberretten möchte. Aus dem
Elme aber klingt das heimwehselige Abendlied von Claudius:

Der Mond ist aufgegangen, ·
Die güldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Und der Mond ist wirklich aufgegangen. Wir steigen in
seinem milden Glanze vom Elm hernieder, und wie über die
stille Landschaft breitet sich in unseren Seelen über die mäch-
tigen Bilder des Tages ein zartwallender Schleier. –

5. Bewässerung·
Ein schöner Morgen ist wiederum angebrochen! Wir sind
ganz früh abermals nach dem Westhölzchen hinaufgestiegen und
weiden unsere Herzen und Augen an der gestern betrachteten
Landschaft, wie sie nun in der Morgenbeleuchtung sich aus-
breitet. Oh, das ist alles herrlich; aber in der Abendbeleuchtung
war es charakteristischer. Daß man bei Betrachtung einer Land-

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schaft die Sonne im Rücken haben müsse, ist also eine nicht
immer zutreffende Behauptung. Unser vorher gezeichnetes Bild
will eben gegen die Sonne hin betrachtet sein, wenn es seinen
Zauber entfalten soll. Möchte nun der Leser sich noch einmal
meine Ciceronendienste im Elme gefallen lassen, so folge er mir
nochmals in das Reitlingtal. Wir müssen wählerisch sein mit dem
Wege, denn an Busch und Gras trieft der Tau. Unser Gebirge
übt nämlich durch seine eigentümliche Formation und kräftige
Bewaldung einen bedeutenden Einfluß auf die wässerigen Nie-
derschläge aus und wirkt dadurch tiefbestimmend auf eine nicht
unbedeutende Fläche seiner Umgebung. Es bildet für sie ein
großes Wasserreservoir. Mancherlei interessante meteorologische
Verhältnisse hängen damit zusammen. Im Volksmunde lebt
überall die Behauptung, daß Gewitter nicht über den Elm
dringen können. Prallt aber eins dennoch über das Gebirge,
dann sei Gott gnädig! Ohne Hagelschlag geht’s in solchem Falle
nicht ab. — Und wenn ,,der Elm bäckt und die Altenau braut“,
gibts in kurzer Zeit einen tüchtigen Regen. — Im Herbste und
gegen den Frühling hin haben die Umwohner des Elmes oft
das schöne Schauspiel: an den Vorbergen eine helle Schneedecke
zu bemerken, während im Lande nur Regen fällt. — Wer aber
zur Winterszeit zum Elme aufsteigt, der kann auch ohne Thermo-
meter beobachten, daß es auf dem Gebirge um einige Grade
kälter ist als im Flachlande. Was also der Elm bei Nacht und
Tag im Wandel der Zeiten in seinen tiefen Busen eingesogen,
das reicht er mit schöner Freigebigkeit als einen willkommenen
Segen weit umher in köstlichen Bächen, die als seine hurtigen
Diener bald zu erkennen sind an der eigentümlichen Livree; denn
alle Elmbäche haben, da sie ein stark kalkhaltiges Wasser führen,
einen bläulichen Spiegel. —- Bekanntlich gehört das Land
Braunschweig seiner Wasserverhältnisse wegen teils zum Strom-
gebiet der Elbe, teils zu dem der Weser. Dieselbe Beziehung
stellt auch der Elm dar und erlangt damit, wie auch in anderer
Weise, das Recht, sich als ein Herz- und Mittelpunkt unserer
Heimat respektieren zu lassen. Der freundliche Leser hört’s viel-
leicht nicht ungern, wenn ich ihm rasch nenne, was da vom Elme
her rinnt und rauscht. Die fisch- und krebsreiche Schunter
entspringt an der Nordseite des Elmes über Räbke, nimmt vom
Elm her den Hain-, Scham- (volkstümlich Schammecke) und
Osterbach, das Schickelsheimer Wasser, die Lutter, die Scheppau
samt dem Lauinger Bache auf und ergießt sich bei Walle in die

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Oker. Südwärts am Elm, den Quellen der Schunter gegen-
über, kommt die Altenau hervor, nimmt den Sambleber Sauer-
bach auf und sucht bei der Donnerburg die Fluten der Oker auf.
Über den Reitling bricht aus der Hölle die Wabe hervor,
durchfließt die Reitlingteiche, nimmt die Ohe, in welche sich der
Destedter Sandbach ergießt, bei Sickte auf und vereinigt sich
dann mit der schwesterlichen Schunter bei Querum. Die früh,
schon zu Karls des Großen Zeit genannte Missau kommt über
Warberg hervor und ergießt sich in den Schiffsgraben, um ihrer-
seits auch an der Füllung des deutschen Meeres zu arbeiten.
Nimmt nun der gefällige Leser eine gute Karte zur Hand,
während er daheim seiner Elmwanderung gedenkt, so gibt er
mir gewiß recht, wenn ich vorhin sagte, unser Gebirge wirke tief-
bestimmend auf einen nicht unbedeutenden Teil seiner Umgebung.
Zeichneten nicht die Elmgewässer mit ihren beweglichen Linien
in die weite Landschaft den Riß, nach welchem die naturverstän-
digen Vorfahren ihre Ansiedlungen bauten? — Ja, der Elm
hat dies schöne Landschaftsbild, wie der Wanderer schaut, in
seinem tieferen Innern ersonnen, und der Mensch führte den
gewaltigen Riß aus.

6. Geschichtliche Erinnerungen.
Ich zeige dem freundlichen Leser nun, wie die Ausführung
im Elme selbst und an seinen Abhängen sich gestaltet hat.
Rings um das Gebirge her, im einzelnen Falle gewöhnlich kaum
zehn Minuten vom Waldrande entfernt, liegt ein Kranz oft
höchst bemerkenswerter Ortschaften. Bei allen spricht sich das-
selbe Gesetz für die Ansiedlung aus. Man wählte ein Tal mit
rinnendem Bache, so das; der Elm den Hintergrund bildete.
Die ältesten Ansiedlungen sind unzweifelhaft Lucklum und
Lelm (?) jenes am Südwestrande des Elmes, dieses gerade
gegenüber an der anderen Seite. An beiden Punkten finden sich,
d. h. damals, vor 60 Jahren, bekannte uralte Begräbnisplätze
mit ungeheuren Massen cheruskischer (?) Urnen. Lelm wird der
freundliche Wanderer heute noch sehen. Nehmen wir nun
einmal Flügel der Phantasie und schwingen uns von Lucklum
rechts um den Elm. Da ist Erkerode, das unter allen Ort-
schaften dem Waldrande am nächsten gerückt ist. Evessen kennen
wir schon, beachten aber noch besonders das ,,Evesser Hoch“ mit

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seiner uralten Linde. Ampleben, Kneitlingen mit seinen Sagen
vom Till Eulenspiegel und Sambleben liegen wunderschön.
Etwas weiter vom Elme gerückt liegt die uralte Stadt Schöppen-
stedt mit Küblingen, dessen merkwürdige Kirche wegen eines
wundertätigen Marienbildes einst großen Zulauf hatte. Eitzum
liegt da mit seiner Romantik, wo der Elm am schmalsten ist.
Voigtsdahlum kommt nun, auf dessen Friedhof der einst ,,wegen
seiner Löwenstimme und Gestaltungskraft weit und breit bewun-



derte und gepriesene“ Pastor Goldmann von seinen Kämpfen aus-
ruht. Wobeck berühren wir nur, um rasch nach Twieflingen zu
gelangen, über welchem einst im Walde die vielgenannte Elms-
burg lag, welche Pfalzgraf Heinrich im Jahre 1221 den
deutschen Rittern schenkte. Über Hoiersdorf gelangen wir nach
dem bedeutsamen Schöningen. Hoch über der Stadt schaut das
Lorenzkloster mit seiner merkwürdigen Kirche hinaus ins Land.
Und der sogenannte ,,Ketilgarten“ erinnert an die Zeiten, wo
deutsche Kaiser gern in ,,Skaninge“ weilten. Beut auch die einst
berühmte Stadtschule nicht mehr ,,attisches Salz“, so versorgt
doch die großartige Saline noch immer das ganze Land mit
ihren Schätzen. Nun geht‘s rasch um die Südostecke des Elmes
nach Esbeck und Warberg. In letzterem Orte regierten einst

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die reichen Edlen von Warberg, welche den hohen Ehrentitel
Vestra dominatio für sich beanspruchten und deren letzter Sproß
unter solchen Verhältnissen 1654 in Halberstadt starb, daß sein
letzter Wille, in Warberg begraben zu werden, erst 18 Jahre
nach seinem Tode durch die Freigebigkeit des Herzogs Rudolf
August ausgeführt werden konnte. Räbke hat der Wissenschaft
reichlich gedient, denn seine beiden Papiermühlen waren von
jeher in schwunghaftem Betriebe. Da aber ist Lelm, das urnen-,
wasser- und steinreiche, wie sein geschichtskundiger Pfarrer Jo-
hann Christian Dünnhaupt einst sagte. Über Sunstedt gelangen
wir nach dem ehemals so berühmten Königslutter. Jetzt zeugt
von der alten Herrlichkeit nur noch die prächtige Domkirche.
Mitten in ihrem Schiffe ruht ihr Gründer, Kaiser Lothar (ge-
storben 1137). Neben ihm schlafen seine Gemahlin Richenza
und sein Schwiegersohn Heinrich der Stolze. Unter einem vom
Abt Fabrizius 1708 errichteten Kreuzgewölbe, dem Spring,
quillt oberhalb des Domes am Rande des Elmes die starke
klare Lutter hervor. Und nun schwingen wir uns um die Nord-
seite des Elmes über das etwas ferner liegende Lauingen nach
Bornum, wo noch im achtzehnten Jahrhundert der Abt von
Amelunxborn den Krummstab schwang. Wir haben bald Abben-
rode erreicht und sind dann in wenigen Minuten schon bei
Destedt, wo ein herrlicher Park zu längerem Verweilen einladet.
Von da ab erreichen wir bald Hemkenrode, in dessen romanisch-
gothischer Kirche sich ein Meßbuch vom Jahre 1511 in gepreß-
tem Schweinsledereinband befand. Es wird jetzt im Pfarrarchiv
zu Destedt aufbewahrt. Danach berühren wir Groß-Veltheim,
an dessen im Innern würdig ausgestatteter Kirche manche
steinerne Rittergestalt und Edelfrau von längst vergangenen
Zeiten redet und sind dann in 15 Minuten am Ziele unserer
Wanderung, wieder in Lucklum, dem mehr als halbtausendjäh-
rigen Sitze der Landkomture der Ballei Sachsen von 1260 bis
1809. Da findet der Freund der Geschichte und der Natur viel
Anziehendes. In der Kirche zeugt eine lange Reihe von
Wappenschildern von Rittern, die hier unter feierlichem Zere-
moniell in den deutschen Orden eintraten. Über dem Eingange
predigt die geharnischte Statue des ehrwürdigen Jan Daniel
von Priort vom Grund aller rechten Hoffnung mit dem köst-
lichen Sinnspruch: Spes mea Christus! Und die köstlichen
Glocken, welche dieser treffliche Landkomtur in den Jahren 1674
und 1681 gießen ließ, rufen heute noch die Gläubigen ins

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Gotteshaus. Im Rittersaale aber findet der Eintretende die
lange Reihe der Hoch- und Deutschmeister, Ordensritter und
Mitglieder des herzoglichen Hauses in 56 Gemälden ausgestellt,
und ihre ernsten Gestalten führen den Geist aus der Gegenwart
in die lockenden Fernen alter Tage. Tritt man nun wieder hin-
aus in den stattlichen Park mit seltenen Holzgewächsen und
plaudernden Wasserfällen, so kann man begreifen, weshalb der
Romantiker Novalis hier ein ganzes Jahr so gern verweilte.
Und nun müssen wir nach diesem Umfluge im Walde selbst
nach Wohnplätzen der Menschen uns umsehen. Unsere Wande-
rung hat uns gerade bis zum Reitlinge geführt. Da, wo jetzt
das zu Lucklum gehörende Vorwerk liegt, stand früher eine statt-
liche Burg, die ums Jahr 1260 in den Besitz der deutschen
Ordensritter kam. Bis dahin gehörte sie den Edlen von der
Asseburg. Und nun schaue der Wanderer einmal nach Norden
hinauf, dort finden sich die Reste der Krimmelburg, gebildet
aus hohen Wällen und tiefen Gräben. Südwestlich dort auf
dem Kucks erstrecken sich weniger stattlich aber räumlich noch
umfangreicher die Wälle der Brunkelburg. Sie boten allezeit
bei feindlicher Bedrängnis den umwohnenden Markgenossen
sichere Zuflucht. — Aber jetzt tut Eile not, wenn wir Lange-
leben, das einzige Dorf im Elm, gegen Mittagszeit erreichen
wollen. Nicht wahr, das ist Waldeinsamkeit hier. Und wie
hallen unsere Schritte so eigentümlich in diesen lieblichen Grün-
den der Hölle und des düsteren Winkels, durch welche unser
Fußweg sich windet. Aber dort wird es licht. Wir überqueren
die Straße, welche von Königslutter nach Schöppenstedt durch
eine prächtige Talung zieht und steigen nun ostwärts den
Hügel hinan. Einst stand hier ein fürstliches Schloß, für
Herzog August Wilhelm im Jahre 1689 als eine ,,angenehme
Ruhestätte nach Sorgen“ erbaut. Gern verweilten die alten
Herzöge auf Langeleben, zuweilen besuchte auch selbst Friedrich
der Große hier seinen herzoglichen Schwager. Kaum 100
Schritte ostwärts vom Orte steht noch die Hälfte eines Turmes
der Burg Langelege, fälschlich Alaburg genannt, von tiefen
Gräben umgeben, die aus der nahen, schön überbauten Quelle
sich reichlich mit Wasser versorgte. Wir gehen zu der alten
Warte und nehmen Platz auf einer freundlich wirkenden Bank.
Nicht wahr, das ist der Reise wert! Oh, diese herrliche Aus-
sicht! (Man denke sich den jungen Anwuchs weg!) Im Vorder-
grunde Lelm. Weiterhin lachende Dörfer. Am Rande des

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Horizontes winkt das ehemalige Elmathen, Helmstedt, mit
seinen Türmen, Klöstern und Lübbensteinen.
Nach einem Stündchen Rast trennen wir uns von dieser
Waldpoesie des stillen Anschauens. Über den Osterberg hin
geht’s durch den schönen Hochwald nach dem ,,Großen Rode“
früher als Ortschaft Tome Rothe genannt. Dort, nach Süd-
osten hinüber, liegt 3/4 Stunde von Räbke das Brunsleber
Feld, ein einsames Forsthaus neben dem schon genannten
schönen Eichenhaine. Gerade nach Süden hinüber findet sich
noch in einer schönen Bucht, nicht weit von Eitzum, das
,,Watzumhäuschen“, die Wohnung eines Forstwärters. Jetzt
lichtet sich der Wald. Wir stehen auf dem schönen, denkwür-
digen Großen Rodenanger. Dort um den trinkwasserspendenden
Quellteich, wo heute einsam die schöne Wohnung eines Forst-
beamten steht, lag einst das mittelalterliche Dorf. Aber wich-
tiger ist uns hier seitwärts am Ostsaume des Buchenhochwaldes
eine kleine Kapelle in gotischem Stile, erbaut im Jahre 1846.
Der Platz rings umher ist mit schönen Anlagen geschmückt.
In der Mitte derselben, von einer Einfassung umgeben, erblicken
wir den alten Tetzelstein. Hier soll ein Ritter Hagen im Jahre
1502 den Ablaßprediger Tetzel, als er von Königslutter nach
Küblingen zog, überfallen und beraubt haben. Die Einweihung
des Tetzeldenkmals fand am 20. September 1846 statt. Wir
lassen uns sinnend auf einer Bank in der Nähe der Tetzel-
kapelle nieder, und die Muse der Geschichte zeigt uns, welchen
bedeutsamen Platz unser Gebirge unter den Stätten einnimmt,
die sie mit leuchtenderen Farben in ihre Rolle einzeichnete.
Hier sammelte sich früh das Volk der Cherusker zum Dienste
der Götter Ostera. Kaiser Karl der Große machte im Jahre
784 dem heidnischen Wesen am Elme ein Ende, indem er,
mutmaßlich damals nach dem Siege über Wittekind, die hei-
ligen Haine zerstörte. Doch erinnern noch jährlich die zahl-
reichen Osterfeuer auf den Abhängen, wie tief im deutschen
Herzen die alte poetische Sitte haftet. Als aber im zehnten
Jahrhundert hunnische Roheit die fröhlich sprießenden Keime
der Bildung zu zertreten drohte, da hob Heinrich der Finkler
schützende Wälle auf den Zinnen des Elmes. Die Woge der
Barbarei prallte an ihnen zurück, und unter dem Schutze
deutscher Kaiser und edler Geschlechter erstanden bald Städte,
Klöster und Dörfer, mit ihren Türmen und Burgen aufstrebend
wie die Bäume des Waldes.

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7. Volkskundliches.
Ein Nachklang, hindeutend auf frühe glückliche Bildungs-
verhältnisse findet sich noch im Plattdeutsch des Elmes. Dem
horchenden Wanderer ist in Gruß und Gespräch das reine
I und U ohne jeglichen Vorschlag von O oder A begegnet.
(Vergl. dazu Lühmann im braunschw. Schulblatt vom 1. No-
vember 1924), freilich zeigt sich auch daneben an einzelnen
Punkten das unangenehm schnarrende R. Den Bildungsan-
regungen, wie sie durchs frischaufstrebende Schulwesen von
Lutter und Schöningen ausgingen und auch am Ende des acht-
zehnten Jahrhunderts in Lucklum unter dem ehrwürdigen Kom-
tur von Hardenberg ihre kleinen Wogen schlugen, gesellten sich
jene zu, welche an einzelne hervorragende Personen sich
knüpften. Wir haben schon die berühmten Prediger Falk und
Dünnhaupt genannt. Die rings um den Wald liegenden Ritter-
güter gaben durch ihr Vorbild dem kleineren Besitz manche För-
derung, die zu einem lebhaften Aufblühen der ländlichen In-
dustrie führten. So hat z. B. Lucklum das Verdienst, in dieser
Beziehung das Folgenreichste veranlaßt zu haben. Von hier
aus verbreitete sich nämlich über ganz Norddeutschland die
Zucht des edlen Merinos.
Aber wir müssen aufbrechen, wenn der freundliche Leser
noch den herrlichen Ausblick über Sambleben genießen und
dann auch zur rechten Zeit auf dem Bahnhofe in Schöppenstedt
bzw. Kneitlingen anlangen will. Wir wählen denselben Weg,
auf welchem im Jahre 1809 der tapfere Schill seinem Verhäng-
nis in Stralsund entgegenzog. Der Wald schützte ihn vor seinen
Verfolgern, und die Elmbewohner zeugten mit Wort und Tat,
daß sie ein gutes Verständnis für die Heldengedanken dieses
deutschen Mannes hatten. Wie hätte es auch anders sein
können! (Soweit bekannt, ist Schill nie in die Nähe des Elmes
gelangt.  Wird die Überlieferung jenen Heldenzug durchein-
andergeworfen haben mit dem beschwerlichen und bedrängten
Rückzuge der Rudorff-Husaren jenes weltberühmten Zietenschen
Regiments nach dem Unglück von Jena und Auerstädt, worüber
ein junger Offizier in seinem Tagebuch meldet: ,,Wir kommen
am 23. Oktobers 1806 gegen 2 Uhr in Sambleben an, einem
Dörfchen, das bestimmt war, vier Schwadronen unterzubringen.“
Trotz regnerischer, stürmischer Nacht, wo kein Holz zum Wärmen
aufzutreiben war und es an Kost mangelte, versah der Kornett

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seinen Dienst auf Feldwache, indem er alle Dreiviertelstunde
die Posten revidierte, denn der Feind war nahe und zwang die
Husaren, geschlossen zu reiten. Fraglos ging der Marsch, der
für den 24. Oktober schon bei Gardelegen endete, in ziemlicher
Eile auf genanntem Wege durch den Elm.) Das Gebirge in
seiner scharf ausgeprägten Bestimmtheit erzeugt eine Bevölke-
rung, die mit markiger Heimatsliebe an ihrem Wohnplatze und
den geschichtlich gegebenen Verhältnissen hängt. Diese Heimats-
seligkeit fühlte das fremde Joch scharf und bitter. Sind nun
gleich in der neuesten Zeit manche Vögel durch den Elm ge-
flogen, welche die oft verwirrten Lieder des Tages pfiffen, so
hat doch die Bevölkerung im ganzen wenig das Ohr darnach
gewendet. Deutscher Sinn, wurzelnd in naturwüchsiger Heimat-
liebe, kennzeichnet noch immer die Elmbewohner. Auswande-
rungstrieb und was damit zusammenhängt, findet sich deshalb
nur im geringen Grade. Der freundliche Leser hat wohl nicht
unbemerkt gelassen, wie die leibliche Erscheinung der Elmkinder
noch ein gut deutsches Gepräge zeigt. Kräftige Gestalten mit
natursinnigem, klarem Angesichte begegnen dem Wanderer über-
all. Die Augen blicken sanft und tief, die Stimmen aber sind
klangreich wie der Wald, in dem sie sich bildeten. Im Durch-
schnitt hat der Elmbewohner einen heiteren Sinn, liebt den
Scherz und die neckende Rede, die sich oft zum drastischen
Knittelverse gestaltet. Im gewöhnlichen Verkehr ist der Aus-
druck knapp und häufig durchwebt mit kernigem Sprichwort,
dessen Quelle im Walde liegt.
Die Bevölkerung scheidet sich, abgesehen von den 3 Städten,
den Eigentümern der Rittergüter und den Domänenpächtern,
in größere Hofbesitzer, Kleinhöfner mit wenigem Lande, soge-
nannte Anbauer und kleine Leute, oft ,,lüttje Mann“ genannt,
die zur Miete wohnen. In den Händen der ersten beiden
Klassen befindet sich vorzugsweise der Betrieb des Ackerbaues;
die letzteren beiden treiben besonders Handwerk und Waldarbeit,
oder dienen um Tagelohn in den Steinbrüchen und auf den
Feldern, besitzen aber in der Regel auch etwas Pachtacker, auf
dem sie die nötigsten Lebensbedürfnisse erzielen. In den ersten
beiden Klassen findet sich nicht selten bedeutende Wohlhaben-
heit, und auch die letzteren erlangen bei regem Fleiß ihr gutes
Auskommen. Drückende Armut gehört zu den Ausnahmen.
Allen aber gewährt der Wald einen Hintergrund, von dem
aus die Verhältnisse sich gestalten. Wenn die Arbeiten in Wiese

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und Feld beseitigt sind, dann finden die größeren Hofbesitzer
und die Kleinhöfner, welche häufig statt mit Pferden mit Kühen
ihren Acker bewirtschaften, in der Abfuhr des Elmholzes und
der Bruchsteine eine ergiebige Nahrungsquelle. Vom November
an bis tief in den Frühling hinein schallen die Äxte und Sägen
der zahlreichen Waldarbeiter durch den Elm. In den vielen
Steinbrüchen, Kalk- und Gipsöfen finden Jahr aus Jahr ein
viele einen sauren, aber guten Verdienst. Maurer und Zimmer-
leute treffen überall gutes Material für ihr Gewerk im Über-
flusse an. Die zahlreichen Weber und alle Handwerker, die
sonst mit ihrer Arbeit ins Haus gewiesen sind, ziehen häufig
in den Wald zur Holzlese und fahren und tragen reichlich zu-
sammen, damit ihnen die Poesie des warmen Ofens nicht
mangelt. Weib und Kind aber des ,,lüttjen Mannes“ sind die
bevorrechtigten Holzsammler und tragen nebenbei manchen ge-
würzhaften Bissen fürs Zicklein nach Hause. Karawanenartig
ziehen sie hinauf und wieder herab, und im ersten Frühlinge
prangt an jeder Tracht ein Sträußchen Märzröschen oder
Schlüsselblumen. Um die Zeit der Maiblumen gibt’s für die
Kinder manchen kleinen Verdienst, und wenn die Erdbeeren und
Himbeeren wohlgeraten, so wimmelt der Wald von fleißigen
Händen. ,,Sitzt Buch“, dann gibt’s im Herbste ein lustiges
Waldleben. Das klopft und purzelt und siebt an allen Enden.
Es ist unglaublich, welche Mengen von Bucheln dann zu-
sammengelesen werden. Da gibt’s für den Winter lustig
flackernde Lampen und fette Kartoffelkuchen. Der Elm läßt
sein Völklein nie im Stich und auch für die Tage der Krank-
heit reicht er kräftige Heilkräuter, von denen Finkenkraut,
Odermennig, Heidecker, Grundheil und Tausendgüldenkraut be-
sonders allen wohlbekannt sind und reichlich gesammelt werden.
Wir sind aber während des Gespräches schon in die Nähe
des Waldrandes gelangt. Jetzt treten wir hinaus. Da liegt
der Harz in seiner imponierenden Majestät. Aber der Elm ist
doch auch wunderschön und einzig in seiner Art! Kehre der
freundliche Wanderer bald wieder und bringe einen guten
Freund mit, dem auch das Herz noch weit wird im Wald.
               Also: Auf Wiedersehen im Elme!

29



Auf Wanderers Spuren mit dem OSM-Route-Manager im Elm unterwegs

 

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13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30
31 32 33      

 

 

 

 

 

Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.


Braunschweigisches Magazin
32tes Stück.
Sonnabends, den 10ten August 1861.

Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

Seit 1856 ist bei Lucklum ein Kalktuffbruch im Betriebe, der nicht blos dem Geologen,
sondern auch dem Historiker reiche Veranlassung zu den interessantesten Beobachtungen darbie-
tet. Die folgenden Zeilen wünschen dem genannten merkwürdigen Erdaufbruche eine. allge-
meinere Beachtung zu verschaffen und halten sich für diesen Zweck besonders an die histori-
schen Momente.
    Unser Kalktuffbruch hat bis dahin einzelne Partien des Wabebeckens auf dem rechten
Ufer des Flusses, nördlich von Lucklum, aufgedeckt. Nicht eine einzige der in Angriff genom-
menen Localitäten führt einen Namen, der auf die interessanten Ueberbleibsel hindeutete, welche
sich reichlich in ganz geringer Tiefe fanden. Man öffnete den Bruch westwärts in der »gro-
ßen Mühlenbreite« und ging dann in östlicher Richtung durch die »Allee« (Weg zwischen
 Lucklum und Gr.-Veltheim) in die »kleine Mühlenbreite« und den »großen Garten«. Ge-
genwärtig ist die »große Breite« in Angriff genommen *). Man sieht, daß die heutige Be-
nennung der genannten Flächen von deren Lage, Größe und Benutzung hergenommen ist.
Dieser Umstand wirft einiges Licht auf die entdeckten Ueberbleibsel, wie weiterhin sich ergeben
wird. Letztere bestehen vorzugsweise aus einer großen Menge menschlicher Gebeine, zahlreichen
Todtenurnen und vielen verschütteten, aber nach ihrem ganzen Umfangse leicht zu erkennenden
Vertiefungen. Es wird zweckmäßig sein, vorstehende Eintheilung dem Nachfolgenden zu
Grunde zu legen.
    Die  m e n s c h l i c h e n  G e b e i n e  fanden sich besonders häufig in der »großen Mühlen-
breite«.Diese Fläche dehnt sich zwischen Lucklum und dem im Jahre 1800 angelegten neuen
Kirchhofe aus. Seit Menschengedenken ist in ihr hier und da nach »Scheuersand« gegraben.
Die Sage berichtet hier, daß man über solcher Arbeit auch einmal auf ein menschliches Gerippe
in einem Harnisch gerathen sei. Gewiß ist; daß sich in den Scheuersandgruben zu alten Zei-
ten, und wo sie auch in der genannten Fläche geöffnet wurden, allerlei menschliche Gebeine
fanden. Diese zeigten sich denn ebenfalls sehr reichlich, als die »Gr.-Mühlenbreite« im Jahre
1856 zur Gewinnung von Kalktuff in Angriff genommen wurde. Auch unter dem Wege
in der »Allee« fand man Spuren von Gebeinen. Die Westseite der »Kl.-Mühlenbreite«

—————
*) Im Ganzen bis jetzt 20 Morgen geöffnet. Davon kommen auf die »Gr.-Mühlenbreite«
    7, »Kl.-Mühlenbreite« 9, »Allee« 1, »Gr.-Garten« 1, »Gr.-Breite« 2 Morgen.

314  Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

zeigte eine große Menge derselben. Im »großen Garten« fand man nur zwei sehr defecte
Gerippe.
    Die fraglichen Gebeine fanden sich durchweg, mit geringen Ausnahmen, in. einer Tiefe
von 1½ bis 2 Fuß. In der Regel lagen 3 — 4 Gerippe sehr nahe bei einander. An
einer Stelle wurden zwei derselben über einander liegend angetroffen. Mit Ausnahme der
beiden Gerippe im »großen Garten« befanden sich die übrigen sämmtlich in der sogenannten
»heiligen Linie«, die Schädel nach Westen gewendet. Die erstern lagen in der entgegen ge-
setzten Richtung. Neben einem Gerippe in der »großen Mühlenbreite« fand sich ein stark
oxydirtes Stück Eisen, einer Lanzenspitze ähnlich. Uebrigens traf man keinen Gegenstand,
der auf die Geschichte der Gebeine den geringsten Lichtstrahl werfen könnte. Es muß noch
bemerkt werden, daß hier und da in der aufgedeckten Fläche sich auch Pferdeschädel zeigten.
    Die menschlichen Gebeine bestanden vorzugsweise in Schädeln und Schenkelknochen.
Letztere waren von bedeutender Länge und Dicke. Die Schädel zeigten in der Regel lücken-
lose Zahnreihen. Die Zähne selbst hatten den schönsten Schmelz bewahrt. Leider kann nicht
berichtet werden, ob unter den Gebeinen sich auch solche fanden, an denen gewaltsame Kno-
chenbrüche wahrzunehmen waren. Auch die Anzahl der Gerippe ist nicht genau zu be-
stimmen, da man versäumte, die aufgefundenen Schädel zu zählen.
    Wenden wir uns nun zu den entdeckten  T o d t e n u r n en.  Daß dergleichen an der Ost-
seite des Elmes in der Nähe von Lelm schon in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhun-
derts entdeckt und in nicht unbedeutender Anzahl ausgegraben sind, ersieht man aus einer
höchst interessanten Schrift unter dem Titel: »Beiträge zur deutschen niedersächsischen Ge-
schichte und deren Alterthümern.  Von  J o h a n n  C h r i s t i a n  D ü n n h a u p t, Pastor zu
Lelm und Langeleben im Braunschweigischen. Helmstedt. Gedruckt bei der Witwe Schnorrn.
Univ. Buchdr. 1778. 309 S. und 1 Kupfertafel«. So viel aber bekannt, hat man früher
an der Westseite des Elmes noch keine Todtenurnen aufgefunden.. Ich bemerkte vor 16 Jah-
ren im sogenannten »Westhölzchen«, östlich von Erkerode, an einer Stelle, wo Lehm gegra-
ben wurde, Urnenspuren. Ebenso begegneten mir dergleichen in einem Hügel auf dem Anger
zwischen dem  R e i t l i n g e  und dem  B u r g b e r g e. Leider war weder an dem einen noch am
andern Orte eine unversehrte Urne zu gewinnen Beim Reitlinge fand ich in dem genannten
Hügel ein stark oxydirtes 6 Zoll langes Stück Eisen, das ich für einen Dolch halte. Vor
12 Jahren entdeckte ich ferner an der Südostseite der »kleinen Mühlenbreite« eine unverkenn-
bare Urnenspur. Das Vorbemerkte veranlaßte mich zu der Hoffnung, es werde das Fort-
schreiten im Kalktuffbruche auch zur Entdeckung von Todtenurnen führen. In der »kleinen Mühlenbreite« erfüllten sich meine Erwartungen in überreichem Maße. Eines Tages im
Frühlinge von 1858 besuchte ich den Steinbruch und traf in einem Haufen abgeräumter
Erde Urnenspuren. Sie zeigten eine schiefergraue, auch schwarze Farbe, und die Wanderungen
waren kaum ¼ Zoll dick. Auf meine Nachfrage, woher die Erde genommen sei, wurde mir
eine Stelle gezeigt auf welcher die verticale Wand der noch unberührten Erdschicht sichtbares
Zeugnis lieferte, daß sich hier früher eine künstliche Vertiefung müsse befunden haben. Die
Schichtung über dem Kalktuff ist sonst eine durchweg wollige, an der bezeichneten Stelle
zeigte sich aber auf der Durchstichsfläche ein scharf abgegränztes Rechteck von etwa 4 Fuß
Höhe und 8 Fuß Länge Die Füllung bestand auf der Sohle der Vertiefung aus unver-
kennbarer Asche mit Kohlenspuren durchsetzt. Hier und da zeigten sich auch kleine Urnen-
scherben. Je weiter der Erdaufbruch in der »kleinen Mühlenbreite« fortgefürt wurde, desto
mehr Vertiefungen der angegeben Art deckte man auf. In allen zeigte sich auf der Sohle
Asche, mit Kohlen, Knöchelchen und Urnenspuren vermischt. Wo diese Vertiefungen begannen,

315  Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

da endete das Vorkommen menschlicher Gebeine. Leider wurde eine unversehrte Urne nicht
aufgefunden. Etwa in der Mitte an der Südseite der »kleinen Mühlenbreite« , kaum 20
Schritte vom Wege ab, wurden zwei trichterförmige Vertiefungen entdeckt, die sich noch
1½ Fuß in den Kalktuff senkten. Von diesen später.
    Gegen den Herbst 1859 waren die Arbeiten im Steinbruche bis in die Gegend vorge-
rückt, wo ich vor 12 Jahren Urnenspuren entdeckt hatte. Ein längeres Unwohlsein verhin-
derte mich, gerade um diese Zeit meine Aufmerksamkeit den Ausgrabungen zuzuwenden. Als
ich zum erstenmale den Steinbruch wieder besuchte, mußte ich zu meinem Bedauern erfah-
ren, daß man beim Abräumen an der bezeichneten Stelle über 30 Urnen aufgefunden, aber
als nutzlose »alte Töpfe« theils zerschlagen, theils in den Schutt geworfen hatte. Nur einige
Seherben fand ich noch. Die bezeichneten Urnen hatten sämmtlich nahe bei einander unge-
fähr ¾ Fuß tief unter der Oberfläche gestanden. Form, Farbe und Dicke derselben erinner-
ten an die früher entdeckten. Obgleich nun der köstliche Urnenschatz unwiederbringlich verloren
war, so hatte doch ein Arbeiter aus einem »Topfe« einen Gegenstand gerettet, dem ich einen
großen Werth beilege. Soweit meine Kenntniß reicht, ist kein ähnlicher auf irgend einem
heidnischen Begräbnißplatze in Norddeutschland aufgefunden. Es besteht dieses Unicum aus
zwei zusammengehängenden Körpern, die aus Thon geformt sind. Der eine stellt eine Kugel
dar von der Größe einer starken Wallnuß. Durch denselben führen drei Oeffnungen von
der Weite eines Gänsekieles, die sich rechtwinkelig im Centrum durchschneiden. Der andere
Körper gleicht einem Trompeten-Mundstücke und paßt genau auf die bezeichneten Oeffnungen
des ersten. Waren diese Körper Cultusgeräthe, Schmuck oder Kinderspielzeug?
    In dem »großen Garten«, der im Jahre 1859 in Angriff genommen wurde, zeigten
sich sogleich künstliche Vertiefungen, die Asche, Kohlenspuren, Urnenscherben und hier und da
Knöchelchen enthielten. Auch zwei trichterförmige Gruben entdeckte man. In der einen fand
sich eine kleine, gelbliche Urne. Sie ist, einen Ausbruch am Rande abgerechnet, wohl erhal-
ten. Im weiteren Verfolge der Brucharbeiten fanden sich außerordentlich viel Urnenscherben,
die aber wesentliche Unterschiede zwischen den hier und in der ·»kleinen Mühlenbreite« vergra-
benen Urnen erkennen ließen. Die ersteren müssen von bedeutender Größe gewesen sein, zum
Theil 1½ Fuß hoch und 1 Fuß im Durchmesser. Auch der Stoff ist ein anderer. Die
Dicke ist·gleichfalls viel bedeutender. An vielen Urnenspuren zeigten sich Henkel. Ein Stück
ist aufgefunden, an dessen Außenseite man eine Art von Glasur und Verzierungen bemerkt.
Die meisten Spuren zeigen an der Außenwand einen roh ausgestrichenen Ueberzug, der viel
Katzengold enthält. Es hat nicht gelingen wollen, in der genannten Localität eine einzige
Urne unverletzt zu gewinnen. Die ausgegrabenen Spuren deuteten auf eine große Menge
einst hier vergrabener Todtentöpfe.
    In der »großen Breite«, wo gegenwärtig gearbeitet wird, fanden sich bis jetzt wenig
Urnenspuren. Ebenso stieß man auf keine künstlichen Vertiefungen von der Art, wie in den
vorgenannten Localitäten. Vor kurzer Zeit traf man auf zwei Stellen, die wieder Urnenspu-
ren enthielten. Die eine ist abgeräumt. Sie hatte die Form eines Gewölbes und enthielt
neben außerordentlich viel Urnenscherben (es fand sich ein Bodenstück, an welchem ein Rand
von circa ¼ Fuß Höhe) auch Kohlenspuren und menschliche Gebeine. Ich bemerkte ein
Schlüsselbein, viele Rippen, Schenkelknochen und einige Lendenwirbel. Die auf einer Durch-
stichsfläche sich zeigende zweite Stelle ist in der Form der ersten ganz gleich. Ueber ihren
Inhalt müssen die fortgesetzten Arbeiten weitere Auskunft geben.
    Ich erlaube mir, in Beziehung auf das Vorkommen von Urnenspuren an der Westseite
des Elmes resp. im Reitlingsthale, hier noch einiges anzumerken. Ostwärts von Erkerode

316 Hundertjährige Käse.

liegt auf dem rechten Wabenufer eine Stelle, die unter dem Namen »wüste Kirche«, bekannt
ist. Hier wurden in Folge der Separation im Frühlinge d. J. Erdarbeiten vorgenommen,
bei welchen man auf Mauerwerk stieß. Ich erfuhr davon im Laufe der Zeit und begab
mich im Juni an Ort und Stelle. Man hatte, da die »wüste Kirche« sich südlich an einem
sehr tiefen Hohlwege befindet, den vorgefundenen Schutt zur Ausfüllung in letzteren gestürzt.
Da lagen Mauersteine, Mörtel und Ziegel wild durch einander. Die Ziegel waren von ganz
ungewöhnlicher Form. Sie glichen durchschnittenen Cylindern und hatten  3 — 4 Zoll lange
nasenartige Haken. Ich untersuchte die Wand des Hohlweges, auf welcher sich noch unan-
getastetes Mauerwerk befand, genauer und entdeckte eine Menge von Urnenstücken. Die
»wüste Kirche« lag also über einem heidnischen Begräbnißplatze *). Man bauete bei der Chri-
stianisirung Norddeutschlando vorzugsweise auf solche Plätze die ersten Capellen.
    Etwa in der Mitte zwischen der »wüsten Kirche« und dem Reitlinge wurde auf dem
rechten Wabenufer ebenfalls in Folge der Separation ein Hügel durchstochen, in welchem ich
früher schon Urnen vermuthet hatte. Vor einiger Zeit durchforschte ich die Durchstichsflächen
und bemerkte zu meiner Freude sehr interessante Urnenscherben. Sie zeigen auf dem Durch-
bruche viel Katzengold, während die Ueberreste unter der Grundmaner der »wüsten Kirche«
denen gleichen, welche ich in der »kleinen Mühlenbreite« gefunden hatte.
(Der Schluß folgt).

321
Braunschweigisches Magazin.
33tes Stück.

Sonnabends, den 17ten August 1861.
Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.
(Schluß)


Ich habe jetzt noch von den an verschiedenen Stellen aufgefundenen künstlichen Vertie-
fungen zu berichten. Sie traten, wie oben bemerkt, erst da auf, wo menschliche Gebeine
nicht mehr gefunden wurden. Nach ihrer Form lassen sie sich in vier Classen scheiden; trich-
terförmige, grabenartige, solche deren Bodenfläche Rechtecke, die Wandungen aber verticale
Flächen bilden und gewölbeartige.
    Von den trichterförmigen wurden zwei in der »kleinen Mühlenbreite«, zwei andere da-
gegen im »großen Garten« entdeckt. Sie enthielten sämmtlich oben etwa 12 Fuß im Durch-
messer. Die Tiefe kam dieser Ausdehnung fast gleich. Unten betrug der Durchmesser etwas
über 2 Fuß. Sie waren fast ganz mit Asche, Kohlenspuren, kleinen Knochen und verschiede-
nen Rollsteinen angefüllt. Letztere kamen jedoch nicht häufig vor. Sie waren von der Art,
wie man sie im Alluvium am »Veltheimer Berge« häufig antrifft. In dem einen Begräb-
nißtrichter des »großen Garten« stand unten auf dem Boden die oben erwähnte gelbe Urne.
    Die einzige grabenartige Vertiefung fand sich in der »großen Breite«. Sie zeigte bei
4 Fuß Breite eine etwas größere Tiefe. Die Länge kann ich nicht angeben, weil diese Ver-
tiefung nicht ganz aufgedeckt wurde. Der blosgelegte Theil war über 24 Fuß lang. Die
Füllung bestand größtentheils aus Asche, in welcher fast gar keine Kohlenspuren auftraten.
Die dritte Art der Vertiefungen zeigte verschiedene Größenverhältnisse. Die Tiefe war bei
allen fast dieselbe. Sie überschritt selten 5 Fuß. Die Grundfläche und die Wandungen zeig-
ten stets die oben angegebene Form. In der »kleinen Mühlenbreite« bestand die Füllung zu
einem großen Theile aus Asche, Kohlenspuren, kleinen Knochen, zerbrochenen Urnen und eini-
gen Rollsteinen. Im »großen Garten« wurde eine Vertiefung aufgedeckt, die 20 Fuß lang,
16 Fuß breit und 5 Fuß tief war. An der südlichen Längenseite ihrer Bodenfläche zog sich
eine weitere Einsenkung von 1 Fuß Tiefe und Breite hin. Die Füllung bestand durchweg
aus Dammerde, ohne eine Spur von Asche oder Kohlen. Auf dem Boden fand man einen
4 Zoll langen zugespitzten Knochen, der wohl erhalten war und von häufigem Gebrauche zeugte.
Ich halte ihn für ein Priestergeräth. Die übrigen Einsenkungen im »großen Garten« enthielten größ-
tentheils außerordentlich viel Urnenscherben, Asche, Kohlenspuren und Rollsteine. Einige dagegen
zeigten in ihrer nordöstlichen Ecke auf der Bodenfläche einen Raum, der mit Stücken Muschelkalk
fast kreisförmig umstellt war. In diesem Raume fanden sich Asche und Kohlenspuren. Die Boden-

322 Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

fläche war auf diesen Stellen 3 — 4 Zoll tief ganz hart gebrannt. In einer dieser Vertiefungen
fand sich, tief im Scheuersande steckend, das Nagelglied eines Pferdes. Auf einer andern
Stelle wurde eine Stange von einer Rehkrone nebst entsprechender Schädelplatte gefunden *).
    Von den gewölbeartigen Vertiefungen sind bis jetzt nur zwei entdeckt. Das Nöthige
über dieselben ist oben gesagt.
    Eine Regel, die beim Gruppiren der bisher anfgedeckten Einsenkungen beobachtet wäre,
habe ich bis jetzt nicht entdecken können. Das einzig Gesetzmäßige besteht darin, daß die Ver-
tiefungen in ihrer Längenerstreckung stets der Richtung von Westen nach Osten folgen. Doch
vermuthe ich, daß jene 20 Fuß lange Einsenkung im »großen Garten« gewissermaßen einen
Mtttelpunct bildet.
    Wie soll nun aber die Muse der Geschichte die in den Kalktuff geschriebenen Züge deu-
ten **)? Versuchen wir mit aller Behutsamkeit, einige ihrer Winke zu beachten, da, wie ein
hochgeachteter vaterländischer Geschichtsforscher klagt, »gleichzeitige Schriftsteller nur dürftig
belehren«.
    Nach meinem Dafürhalten ist von den Localitäten, in welchen sich hier Urnen finden,
bis jetzt nur ein geringer Theil aufgedeckt. Die Hauptfundörter liegen jedenfalls, theils un-
ter dem Orte Lucklum selbst, theils in den noch unberührten Partien des »großen Gartens«
und im »Schmidekampe«, da man bei geringer Aufmerksamkeit in der Ackerkrume der letzt-
genannten Flächen sogleich Urnenspuren entdeckt. Aber wenn auch nur die aufgebrochen
Flächen nach ihrem Urnengehalte angesehen werden; so wird man zu der Ueberzeugung ge-
drängt, Lucklum sei in grauer Vorzeit ein Hauptbegräbnißplatz der Um-
wohner gewesen. Neben diesem Platze lagen, wenigstens im Wabenthale östlich hinauf,
verschiedene kleinere Begräbnißplätze. Die Menge der Urnen weiset zugleich auf die damals
starke Bevölkerung an der Westseite des Elmes hin.
    Aber welches Volk der Vorzeit verbarg denn hier die Asche seiner Todten? Diese Frage
ist mit Sicherheit aus den entdeckten Ueberbleibseln schwer zu beantworten.
    Die Art der größesten Mehrzahl unserer Urnen weiset auf cheruskischen Ursprung
hin. Die Cherusker hatten nämlich vorzugsweise ungebrannte und unbedeckte Urnen,
die sie unter sehr flachen Hügeln, etwa 2 — 3 Fuß hoch, verbargen ***). Dazu kommt,
daß sich bis jetzt weder Waffen, noch sonstige bedeutsame Gegenstände in oder neben den Ur-
nen gefunden haben. So begraben aber die Cherusker ****). Auch der Name »Lucklum«
weiset auf cheruskischen Ursprung hin. Man sehe darüber namentlich: »Ueber Benennung
und Ursprung aller Oerter des Herzogthumes Braunschweig-Wolfenbüttel. Von Johann
Heinrich Reß. Wolfenbüttel. 1806. S. 20 ff.«
   Der Stand- und Fundort unserer Urnen bietet kein Moment dar, wornach man
entweder für diese oder für eine andere Völkerschaft sich entscheiden könnte. Die bisherigen
Aufgrabungen verwirren vielmehr in diesem Puncte das Urtheil, als daß sie es feststellen
 
————
*) Auf dieser Stelle fand sich auch in einer nicht unbedeutenden Tiefe ein Topf mit Bracteaten.
Der Topf ist sofern höchst interessant, als er eine sächsische Todtenurne zu sein scheint. Ueber
diesen Fund vielleicht später.
**) Die germanische Alterthumswissenschaft ist bis zum heutigen Tage noch nicht weiter gediehen,
als höchstens im Materiale selbst ein Kriterium des Alters der aufgefundenen Gegenstände zu
erkennen. »Ueberblick des Entwickelungsganges der Kirchen-Architektur. Von Dr. Carl Schil-
ler. Braunschweig. Leibrock.  1855.  S. 63«
***) Dünnhaupt, Beiträge zur deutschen niedersächsischen Geschichte. S. 241.
****) Dünnhaupt in d. angef. Werke S. 219.


323 Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

könnten. Es bleibt eine räthselhafte Erscheinung daß die überwiegende Mehrzahl der· Urnen
sich zerbrochen, oft den Fuß nach oben gekehrt, in beinahe 5 Fuß tiefen Einsenkungen vor-
fand.
    Die Henkelurnen, so wie die gebrannten Urnen deuten auf thüringischen und sächsischen
Ursprung *). Sachsen und Thüringer deckten außerdem ihre Urnen auf verschiedene Art und
umstellten sie mit einem Kranze von Steinen. Es ist sehr merkwürdig, daß gebrannte und
Henkelurnen nur auf der Seite nach Erkerode vorkamen. Dieser Ort ist nach Reß thürin-
gischen Ursprungs **).
    Soweit jetzt das Urnengebiet von Lucklum aufgedeckt ist, scheint der Befund zu der An-
sicht zu drängen, daß hier eine Hauptbegräbnißstelle der Cherusker war. Hiernach hatte
die Mehrzahl der Urnen ein Alter von 1800 — 1900 Jahren. Daß nachher Katten ***),
Thüringer und Sachsen die Asche ihrer Todten ebenfalls hier der Erde übergaben, beweisen
die betreffenden Urnenreste. Spätere Ausgrabungen belehren hierüber vielleicht noch aus-
führlicher.
    Sollten die seither beschriebenen Vertiefungen übrigens zum guten Theile Wohnun-
gen gewesen sein, dann mußte angenommen werden, daß eine Partie unserer Urnen·vielleicht
gar aus cimbrischer Zeit herstammte. Die Cherusker und ihre Nachfolger pflegten nicht mehr
in die Erde·zu dauen ****), was bei den Cimbern durchweg Sitte war. Ich weiß nicht, in
wie weit die einst bei Harbke ausgegrabenen Urnen den unsrigen ähnlich sind. Die ersteren
sollen cimbrischen Ursprungs sein.
    Wo unsere heidnischen Vorväter bedeutende Begräbnißplätze hatten, da hegten sie auch
in der Nähe ihre Götzenheiligthümer, die in der Regel aus dunkeln Hainen bestanden. Es
steht also der Annahme Nichts entgegen, daß Lucklum selbst, oder doch ein Ort in
nächster Umgebiing, müsse ein hochverehrtes Heiligthum gewesen sein. Ich
ließ bei Erwähnung der 20 Fuß langen Höhle im »großen Garten« schon durchblicken, daß
ich dieselbe für eine Priesterwohnung halte. Einzelne Vertiefungen, z. B. auch zwei von den
trichterförmigen scheinen Opferzwecken gedient zu haben. Ich erinnere ferner daran, daß rings
um Lucklum her Localitäten sich befinden, deren Namen an altgermanischen Opfercultus er-
innern. Zwischen Lucklum und groß Veltheim liegt ein Osterberg. Ein gleichnamiger in-
teressanter Hügel findet sich auf Volzumer Feldmark, westlich von hier. Oestlich von Luck-
lum erhebt sich der sogenannte »Hahnberg«, gewiß ursprünglich Hainberg genannt. Im
Reitlingsthale findet sich auf der Nordseite der Heinekenstoot, was wahrscheinlich sowiel als
»Seite oder Ausgang des Haines« heißen soll. In den Schriften des »Stryckers« eines
Scribenten aus dem 13. Jahrhundert findet man Heinic für Hain. Stoot aber ist jeden-
falls Stoß. Dieses Wort bedeutet aber auch »Seite eines Schachtes, Ende eines Stol-
lens« ). Vielleicht war hiernach Lucklum ehemals der Mittelpunkt für
den Cultus der Ostera. Daß gerade auf hiesigem Gebiete die einzelnen Localitäten ge-
———
*) Dünnhaupt, in d. angef. Werke. S. 234.
**) Reß, in d. angef.· Werke. S. 85 ff.
***) Für die Anwesenheit der Katten in hiesiger Gegend spricht das nahe gelegene Cremlingen. Die
Ortschaften auf  i n g e n  deuten auf kattischen Ursprung. Reß. S. 57 ff.
****) Es ist mir nicht unbekannt, daß Tacitus behauptet, die alten Germanen hätten für den Win-
ter und zur Aufbewahrung ihrer Vorräthe Höhlen in die Erde gegraben und mit Dünger be-
deckt.
) Man vergleiche »Sprachvergleichendes Wörterbuch der deutschen Sprache«. Von Dr. Kalt-
schmidt. S. 733


324 Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

wöhnlich nicht mit bedeutsamen Namen auftreten, finde ich in der Geschichte des Ortes und
des deutschen Ordens begründet. Dieser, der Preußen den Banden des Heidenthumes entris-
sen, duldete gewiß auf seinem Territorio am Elme keine Benennungen, die an den finstern
Götzencultus erinnerten. Einzelne historische Anklänge haben sich jedoch auf dem Lucklumer
Gebiete in den Benennungen der Localitäten erhalten, z. B. »Wolerberg, Wolengrund,
Windal(? ?) *), Allen  rc.«.
    Irre ich nun in Vorstehendem nicht, so ergiebt sich damit vielleicht ein brauchbarer Er-
klärungsversuch über die in der »großen und kleinen Mühlenbreite« anfgefundenen menschli-
chen Gebeine. Sie gehören auf keinen Fall einer geschichtlich sichern Vergangenheit an.
    Man könnte etwa denken, die Belagerung Lucklums unter Heinrich Julius im
Jahre 1605 sei so hitzig gewesen, daß recht viele Menschenleben darauf gegangen **). Aber
woher sollte der Comthur  H a n s  v o n  L os s a w  die Streitkräfte genommen haben, mit wel-
chen er in des Herzogs Reihen solche Verwüstungen anrichten konnte?  Eben so wenig kön-
nen die Gebeine aus den Scharmützeln herrühren, welche von Zeit zu Zeit zwischen Söldnern
der Stadt Braunschweig und verschiedenen Gegnern an der Westseite des Elmes statt fanden,
da keines derselben in unmittelbarer Nähe von Lucklum vorfiel, oder eine Bedeutung hatte,
die den fraglichen Knochenresten entspräche.
Es ist auch nicht wahrscheinlich, daß die frühere christliche Gemeine Lucklum hier sollte
begraben haben. Der Ortskirchhof befand sich vor 1800 im Orte selbst, ostwärts von der
»großen Scheune«, und hatte eine solche Größe; daß er die Gestorbenen sehr wohl fassen
konnte. Auf ihm befand sich unter der Benennung »Tempel« eine eigenthümliche Capelle,
deren sich viele alte Leute in hiesigem Orte noch sehr wohl erinnern ***). Es muß aber in
frühester Zeit sich auch ein Gottesacker in der Nähe der jetzigen .Kirche befunden haben, da
bei Anlage einer Ausfahrt an der Nordseite der Kirche eine Menge ordnungsmäßig begrabe-
ner Gebeine angetroffen wurde. Vielleicht liegt ein Theil dieses Gottesackers unter dem so-·
genannten »Mauergarten« und wurde seiner Bestimmung im Jahre 1316 entzogen, in wel-
chem Jahre der Bischof  A l b e r t  v o n  H a l b e r s t a d t  dem Orden erlaubte, »einen Theil des
Chores der Kirche in dem von den Einwohnern verlassenenen (weshalb?) Dorfe Lucklum ein-
zureißen und einen Theil des Kirchhofes zu benutzen ****). Nach diesen Angaben wird man
gewiß nicht annehmen können, daß noch eine dritte Begräbnißstelle in der , »großen und klei-
nen Mühlenbreite« in Gebrauch gewesen wäre. Am allerwenigsten aber wird man zugeben
wollen, das mitten durch einen Gottesacker hin ein Verbindungsweg zwischen zwei Ortschaf-
ten sollte gelegt sein. Dies wäre hier aber geschehen, da man, wie oben erwähnt, auch un-
ter der »Allee« Gebeine gefunden hat. Sodann muß noch darauf hingewiesen werden, daß
die Beschaffenheit der fraglichen Knochen durchaus auf ein und dasselbe
Begräbniß-Datum für alle deutet. Alle angeführten Momente weisen darauf hin,
daß die aufgefundenen Gebeine in sehr früher Zeit ihre Ruhe hier müssen gefunden haben.
————

*) Ein Ort, wohin das Gewitter geschlagen, hieß bei den Alten »Bidental« (Windal ?). Es war
locus fulmine tactus et expiatus ove; a bibentibus seu hostiis duos dentes altiores habenti-
bus. Solche Orte nahm man besonders gern für den Cultus in Anspruch. S. Dünnhaupt
in d angef. Werke. S. 123.
**) Rehtmeiers Chronik Tom. II. Pag. 1154.
***) Nachdem ich die Grundform der heutigen Kirche, welche vielfache Umbauten erfahren hat, ent-
deckt habe, bin ich im Zweifel, ob der »Tempel« oder jene den Platz andeutet, wo die ehema-
lige Gemeinekirche von Lucklum stand.
****) C. Bege, Geschichten. S. 129. Urkunde in einem Lucklumer Copialbuche.


325 Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

Bedenkt man nun noch, daß die Bodenbeschaffenheit in den genannten Localitäten der Erhal-
tung der Knochensubstanz sehr günstig ist; so können wir mit unsern Vermuthungen üder die
Zeit, in welcher die fraglichen Gebeine dem Schoße der Erde mögen übergeben sein, unbedenk-
lich in die weiteste Ferne zurückgreifen.
    Es würde die Annahme nicht unstatthaft sein, daß jene Gebeine stumme Zeugen eines
blutigen Kampfes zwischen Katten und Cheruskern, oder den späteren Thüringern und einem
andern Volksstamme wären. Für diesen Fall hätte man aber gewiß neben den Gebeinen ir-
gendwo auch die von der siegenden Partei vergrabenen Waffen des überwundenen Feindes an-
getroffen. »Es war sonst der alten Deutschen Gewohnheit, die dem Feinde abgenommenen
Waffen in die Erde zu verscharren« *).
    Vielleicht könnte man auch annehmen, daß in der Gegend von Lucklum die Wahlstatt
wäre, wo im Jahre 938 ein Theil des Ungarheeres »zwischen die Besatzungen der Burgen
Hebesheim und Werla gerieth und niedergehauen wurde **). In dieser Beziehung ist es von
Bedeutung, daß auf Volzumer Feldmark, nahe am Lucklumer Gebiete, ein »Königskirchhof«
liegt, von dem die Sage berichtet, daß dort ein König in hartem Kampfe gefallen und sofort
begraben sei. Die Knechte, welche das Begräbniß besorgten, wurden sämmtlich enthauptet und
um die Königsleiche her in aufrechter Stellung begraben. Offenbar ein Stück aus der Etzelsage.
    Doch ich kann mich für obige Annahme nicht entscheiden. Mir scheint der Umstand
wichtig, daß die fraglichen Gebeine nur bis dahin sich finden, wo die Urnenspuren aufzutreten
beginnen. Sodann bringe ich auch das Umkehren und Verschütten der Urnen in einen sach-
lichen Zusammenhang mit den aufgefundenen Gebeinen. Ich will jetzt meine Gedanken hier-
über der Prüfung anheim geben.
    Geschichtlich sicher ist es, daß Karl der Große im Herbste des Jahres 784 mit einem
starken Kriegesheere am Elme stand. Schöningen namentlich wird als ein Quartier des
Kaisers genannt ***). Nun ist es doch mehr, als wahrscheinlich, daß ein Hauptsitz sassischen
Götzendienstes, was Lucklum damals gewiß war, den mit Feuer und Schwert missionirenden
Kaiser zu nachdrücklichem Kampfe herbeirief. Und eben so plausibel ist es, daß die Führer
der Sachsen an diesem Punkte ihre Hauptmacht dem andringenden Karl entgegensetzten.
Ohnehin bot die Gegend selbst für die damalige Kriegsführung den Sachsen große strategische
Vortheile. Da nun Karl als Sieger aus dem Zusammenstoße hervorging; so erscheint es
sehr natürlich, wenn er die Heiligthümer der Besiegten, soweit das nur zu erreichen stand,
durch sein Heer verwüsten ließ. Die gefallenen Franken begrub man in christlicher Weise
(heilige Linie) auf der oben bezeichneten Stellen. Vielleicht ließ Karl auch, nach seiner Weise,
in der Gegend von Lucklum die überwundenen Sachsen taufen ****). Und eben so wird es
seine Sorge gewesen sein, auf der Stelle heidnischen Götzengreuels eine christliche Capelle zu
————

*) Dünnhaupt in dem angef. Werke. S. 270.
**) Der Elm mit seiner Umgebung. Von Dr. W. J. L. Bode. Braunschweig, 1846, S. 11
***) Im Saxo kommt bei Gelegenheit der Schilderung von Karls Thaten die Stelle vor:
Jnde Thuringorum per agros iter egerat atque
Saxonum campos, quos Albia vel Sala tangunt
Amnes vicini, lustrans villas ibi plures
Tradiderat flammis, donec pervenit ad illum.
Qui veteri locus est Schaningi nomine dictus.
S. Dünnhaupt in d. angef. Werke. S. 289. Auch Br. Magazin von d.J. S. 352 in der Note.
****) Die klar und reichlich sprudelnde »Lutwelle« (vielleicht von luo = abwaschen) in·dem nahen
Erkerode bot eine schöne Taufstelle. Der »Heerberg« dicht vor Erkerode erinnert vielleicht eben-
falls an den erwähnten Kriegeszug Karls.


326 Verbreitung von Gellert‘s Oden und Liedern in der Schweiz.

errichten. Es steht urkundlich fest, daß in Lucklum schon in frühester Zeit eine Parochial-
kiche mit bedeutendem Kirchengute sich befunden hat.
    Ich schließe hier für dasmal mit dem Wunsche, daß meine Mittheilungen ein Geringes
zur Aufhellung der Geschichte eines interessanten Punctes im Vaterlande beitragen mögen.
Lucklum, im September 1860.
                                                           J. H. Ch. Schmidt.






Dr. G. Merkel 1820 zur Entstehung der Leibeigenheit

 

Die freien Letten und Esthen.

Eine Erinnerungsschrift zu dem am 6ten Januar 1820. in Riga gefeierten Freiheitfeste, von Dr. G. Merkel. Riga, 1820. bei C. J. G. Hartmann.

 

Vorrede.

Ein unumschränkter Monarch, blos von dem tiefem Gefühl für Recht und Gerechtigkeit und wahrer Menschenhuld geleitet, erhebt mit väterlicher Hand zwei Völker von dem Boden, in den sie eine lange, lange Vorzeit gleichsam hineingetreten hat; Er stellt sie, ermuthigt und veredelt durch eigenthümliche Rechte, selbst in die Reihe freigeborner Nationen,

 

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IV

 

und öffnet ihnen die Laufbahn zu Allem, was man als das Höchste und Schönste erkennt. – So seltne Wunder bedürfen wahrlich keiner Erinnerungsschrift!

 

Die merkwürdige Begebenheit wird durch edel-sinnvoll geordnete Feste begangen: doch auch die erhabenste Feier, wenn sie einem so großen Gegenstande gilt, wird von ihm selbst zu sehr in Schatten gestellt, um länger zu fesseln, als man sich durch ihre Gegenwart ergriffen und begeistert fühlt, und diese vermag keine Beschreibung zu erreichen. – Auch dem im Titel genannten Feste gilt diese Schrift nicht.

 

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V

 

Was soll sie denn? Die große Verhandlung, die in politischer Hinsicht durch jenes Fest vollendet wurde, gleichsam auch in literarischer abschliesen: eine summarische geschichtliche Uebersicht geben von dem Aeltern, und über das Neueste, Aktenstücke.

 

Der Verfasser glaubte sich vor Allen zu dieser Arbeit berufen, sogar verpflichtet. Kennte er einen Andern, der eine ältere Vertrautheit mit dem Gegenstandes besäße und reichere Quellen, als die ihm mit ehrenvoll auszeichnender Güte, in Rücksicht der neuesten Zeit geöffnet wurden, er wäre schweigend zurückgetreten. –

 

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VI

 

Aber mit fliegender Feder niedergeschrieben und mehr als zweihundert Meilen vom Wohnort des Verfassers gedruckt, wird diese Schrift wahrscheinlich selbst solche Fehler in Menge besitzen, die er ihr in andern Verhältnissen hätte ersparen können. Er bittet um Nachsicht dafür. –

 

 

 

Vorbericht.

Wenn, was einer langen, langen Vorzeit eine unerschütterliche Felsenmauer schien, plötzlich erbebte, schwankte und verschwände, wie ein Gewölk, das der frische Morgen wind vor sich her aufrollt: das erste Gefühl aller Augenzeugen wäre ohne Zweifel tiefes Erstaunen; aber die Denkenden unter

 

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VIII

 

ihnen würden bald zur Prüfung des Gesehenen und seiner Ursachen übergehen.

 

Unsere Tage haben ein wirkliches Ereignis, das jenem blos gedachten Wunder, der Erscheinung nach, sehr ähnlich ist. Die uralte Leibeigenheit des Bauernstandes in unsern Provinzen, vor sechs hundert Jahren gestiftet, von der Macht fesselloser Leidenschaften, die selbst die Rücksicht auf Gesetze nicht kannten, furchtbar ausgebildet; sogar von dem Willen großer und weiser Regenten in verschiedenen Zeitaltern vergeblich bestritten, – sahen wir durch wenige Maßregeln, die kein auf wahres Recht gegründetes Interesse verletzen, mildern, dann völlig vernichten.

 

 

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Diese große Begebenheit in allen ihren Theilen zu beleuchten, ist der Zweck gegenwärtiger Schrift. sie wird, wenn sie gelingt, mitwirken, das bloße Anstaunen zu jener gedankenvollen Bewunderung zu steigern, welche die einzig würdige Huldigung ist, wo etwas wahrhaft Erhabenes geschah.

 

Sie wird erzählen, wie die Leibeigenheit in Liv- Esth- und Kurland entstand, welche Gestaltung diese im Lauf der Zeiten annahm und was für mannigfache Versuche früher ohne Erfolg gemacht wurden, sie aufhören zu lassen. Sie wird den entscheidendern Gang schildern, welchen die große Angelegenheit unter Alexanders

 

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Regierung nahm; eine Reihe von Aktenstücken über ihre glorreiche Vollendung beifügen, und dann von einer Prüfung der Hauptzüge in der neuen Bauernverfassung Cur-, Liv- und Esthlands, den frohen Blick in die Zukunft werfen. – Glücklich der Geschichtschreiber, dessen Laufbahn zu einem solchen Ziele führt! Glücklicher derjenige, der sie auf eine ihrer würdige Weise zurückzulegen vermöchte! –

 

Seinen alten geprüften Ansichten der wahren Geschichtschreibung treu, und ihren eigenthümlichen, von jenen der Geschichtforschung durchaus verschiedenen Zwecken nach, hat der Verfasser in der folgenden Einleitung, wie in seinen frühern historischen Arbeiten,

 

 

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XI

 

es vermieden, durch häufige Citate den Leser zu stören und dem Hauptzweck der Erzählung Eintrag zu thun, Man hege deshalb kein Mißtrauen gegen die Thatsachen, die er aufstellt. In seinen jüngern Jahren hat er für die Geschichte Livlands nicht nur aus allgemein verbreiteten Quellen mit Sorgfalt geschöpft, sondern auch aus den weniger bekannten, welche die öffentlichen Bibliotheken zu Kopenhagen, Dresden und Weimar fast ausschließend darbieten; in diesem Augenblicke aber liegt eine Reihe wichtiger archivalischer Aktenstücke vor ihm. Es könnte also wohl seyn, daß er in der kurzen Skizze, mit welcher diese Schrift anfängt, mehr von dem,

 

 

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was man historische Gelehrsamkeit nennt versteckt habe, als manche andere sorgfältig zur Schau gelegt haben würden. Er wird indeß zufrieden seyn, wenn man ihm auf sein Wort glaubt, daß er nur nach treuer Prüfung erzählt, und gewiß ist, in keiner wichtigen Thatsache der ältern Geschichte geirrt zu haben. Welcher Autorität er bei der neuern und der neuesten folgt, fällt von selbst in die Augen.

 

 

 

Historische Einleitung.
Erstes Buch. Entstehung und Ausbildung der Leibeigenheit der Esthen und Letten, bis zur Auflösung des Ordensstaates, 1562.

 

In der Mitte des zwölften Jahrhunderts finden wir die große Länderreihe von der Narowa bis zum Ausfluß des Kurischen Haffs, von Völkerschaften des uralten Finnischen und des neuern, aber weit verbreiteten, und zahlreichern Witen-Stammes besetzt.

 

Zu den erstern gehörten die Esthen, Liven und Kuren. Die Esthen kannte Tacitus schon, wiewohl an der jetzigen Preußischen Küste; die Liven nennt Ptolemäus zuerst.

 

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Beide, so wie auch die Kuren und Litthauer, nennt Nestor unter den Völkern, die Rurik beriefen.

 

In dem frühern Mittelalter des skandinavischen Nordens spielen die Esthen eine glänzende Rolle. selbst der Herkules desselben, der hundertarmige (d. i. sehr mächtige) Störkoder, der herumzog, Bedrängte zu retten, und Riesen und Tyrannen zu stürzen, und einst, als Feldherr der Finnen und Schweden, die Dänen in einer großen schlacht besiegte, war ein Esthe, wie Saxo Grammaticus *) erzählt, der zugleich den Inhalt von Liedern anführt, in welchen der Held selbst seine Thaten besungen haben soll. Noch im zwölften Jahrhundert aber eroberten und verbrannten die Esthen das für jenes Zeitalter glänzende Sigtuna in Schweden, und waren gefürchtete Feinde der Handelsschiffe auf dem Baltischen Meere.

 

Ihr Hang zum kriegerischen Seeleben

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*) Saxo starb 1204, also ehe der Unterjochungskrieg der Deutschen gegen die Esthen angefangen war.

 

 

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scheint sie übrigens an die Küsten gefesselt zu haben. Das Innere der bezeichneten Länder ließen sie leer; nur längs dem Düna-Strom und dem meerähnlichen Peipussee hatten sie sich tiefer hinein angesiedelt, hier aber unterlagen die Seehelden den schon zu größern Volksmassen gesammelten ackerbauenden Russen, die ihnen Tribut abfoderten, und dort, wo jetzt Dorpat liegt, eine Festung angelegt, vielleicht nur eine eroberte Esthnische Burg erweitert und befestigt hatten.

 

Die Sitten der Esthen und ihrer Stammesbrüder, der Liven an der Küste des Rigischen Meerbusens, und der Kuren, waren, wie ihre Lebensgeschäfte, rauh und kriegerisch. Ihre Verfassung war republikanisch. sie sonderten sich in kleine Distrikte, in denen ein Aeltester (Wannem) mehr Richter und Heerführer, als Regent war, und aus denen sich zu nationalen Berathschlagungen alle Männer versammelten. Der Hauptplatz zu solchen war Rangola in der Nähe des jetzigen Reval.

 

 

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Ihre Religion scheint ein kühnes, phantasiereiches Gemisch Finnischer, Skandinavischer und eigenthümlicher Mythen gewesen zu seyn, ungeordnet, doch aber wohl nicht ohne einen Gottesdienst mit herkömmlichen Riten. In Esthland hatten sie ein vorzügliches National-Heiligthum, den Hayn des Torapita; und der Name Thoraida, den eine Gegend, im Gebiet der Liven führte, scheint anzudeuten, das dort sich etwas Aehnliches vorfand.

 

Südlich stieß das Gebiet dieser Völkerschaften an die weiten Länder der Witen, die, so viel ich weiß, Jornandes zuerst nennt (Vidioarier). Dort, wo Tacitus die Aestier, Esthen, sah, in Preußen, hatte Widewut – den der historische Pedantismus, der nur eine verbriefte Geschichte anerkennt, vergebens in das Reich der Fabel zu verweisen gesucht – diesen Stamm aus eben jenen Aestiern und aus Gothen und Slaven, die sich zu ihnen eingedrungen, gebildet, indem er ihnen eine gemeinschaftliche Verfassung und Religion gab,

 

 

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und den Ackerbau zum Lebensgeschäft machte. Unter der Obhut einer theokratischen Verfassung, und nur mit Beil und Spaten erobernd, hatte sich das neue Volk nicht nur über Preußen und Litthauen verbreitet; auch in das Innere der Länder, deren Küsten jene Finnischen Völkerschaften besetzt hatten, waren ihre Kolonien vorgedrungen. Hinter den Kuren wohnten die mächtigen Semgallen; hinter den Liven die Lettgallen, die Väter der jetzigen Livländischen Letten. Die Verfassung dieser vom Preußischen Hauptstamm weit vorgestreckten Zweige, scheint von der patriarchalisch- republikanischen der Liven und Esthen wenig verschieden gewesen zu seyn, doch sind Spuren da, daß auch zu ihnen die Waidelotten, die geistlichen Machtboten des Ober-Krihwe in Preußen, kamen, um zu waideln, das heißt, zu opfern, zu wahrsagen und zu schlichten, wenn sich ein Streit im Innern dieser Kolonien entsponnen hatte.

 

 

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Unterjochung der Liven.

Lange schon hatte der Deutsche und Wendische Seehandel durch den übrigen Theil der Ostsee seine Bahnen, vorzüglich nach Wisby, gezogen, als 1158 zum ersten Mal ein Bremisches Schiff in den Rigischen Meerbusen einlief und in der Mündung der Düna landete, also im Gebiet der Liven. Nach dem ersten kriegerischen Empfange knüpfte sich ein Handel an. Beide Theile müssen bedeutenden Vortheil bei demselben gefunden haben, da die Deutschen jährlich häufiger wiederkehrten, die Eingebornen ihnen aber bald erlaubten, sich Magazine zur Aufbewahrung ihrer mitgebrachten und eingehandelten Waaren zu bauen, und Aufseher bei denselben, die den Handel das ganze Jahr hindurch fortsetzen könnten, zurück zu lassen.

 

Wahrscheinlich mit Rücksicht auf die geistlichen Bedürfnisse dieser kleinen Deutschen Hansdels-Kolonie, kam etwa zwanzig Jahr später

 

 

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ein Holsteinischer Mönch aus dem Kloster Segeberg, Namens Meinhard, nach Livland. Sein freundliches Benehmen gewann die Liven, und er fing an, den Missionar zu machen. Um zu diesem Geschäfte eine gewisse, von dem guten Willen der Liven unabhängige Autorität zu haben, bat er den Russischen Fürsten zu Polozk, dessen Verhältnisse zu den Liven übrigens nicht klar sind, um Erlaubnis, oder vielmehr Schutz, zur Bekehrung der Eingebornen und zur Erbauung einer Kirche. Sein Gesuch wurde ihm leicht gewährt: die Russen waren selbst schon Christen, und ahneten die Unterthanen-Verhältnisse schwerlich, in welche die katholischen Neubekehrten zum Römischen Stuhle geriethen.

 

Die Liven selbst beredete Meinhard, sich von ihm zwei steinerne Schlösser bauen zu lassen, an denen aber die Deutschen, angeblich wohl zur Sicherung ihrer Waarenvorräthe, einigen Antheil haben sollten. Indeß er zum Bau eine große Zahl von Deutschen

 

 

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aus Wisby kommen ließ, sendete er an seinen Vorgesetzten, den Erzbischof zu Bremen, einen Bericht über das Gedeihen der christlichen Kirche in Livland. Hartwig belohnte ihn dadurch, daß er ihn zum Bischof der Liven ernannte, und so hatten diese, ohne es nur zu ahnen, in den Augen des christlichen Europa ihre nationale Freiheit verloren, und noch dazu an einen Oberherrn, für dessen Rechte die ganze katholische Christenheit verpflichtet werden konnte zu kämpfen.

 

Meinhard selbst kannte die gewonnenen Vortheile sehr wohl. Als Herr des Landes berief er eine Volksversammlung, und da die Liven darüber spotteten statt sich einzustellen, wollte er nach Deutschland reisen, um sich eine bewaffnete Macht zu holen. Man verhinderte ihn daran; aber heimlich schickte er einen von den geistlichen Gehülfen, die der Erzbischof ihm gesendet hatte, mit Gothländischen Schiffen ab. Dieser, Namens Dietrich, brachte bald den ganzen christlichen Norden

 

 

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in Bewegung, und ging dann nach Rom, auch vom Papst Hülfe zu erbitten. Wie schwedische Geschichtschreiber sagen, that schon 1197 der schwedische Feldherr Birger Jarl II., zur Unterstützung des Christenthums, einen verheerenden Einfall in Esthland; und, nach Dänischen Schriftstellern, gleich darauf auch Canut VI. In demselben Jahre starb Meinhard. Welche zeitliche Segnungen dieser erste Bischof zurück ließ, hat man gesehn. –

 

Zu seinem Nachfolger ernannte der Erzbischof einen Abt von Lockum, Namens Berthold. Dieser versuchte bei seiner Ankunft die Liven durch Gastmähler zu gewinnen; aber nach geendigtem Feste foderte er Abgaben von ihnen, als Oberherr. sie antworteten ihm, wie einst Meinhard, durch Spott; als sie auch Drohungen hinzufügten, hielt er es für gut, zu entfliehen. In Deutschland predigten er und der Erzbischof das Kreuz, und mit einer Schaar Bewaffneter kehrte er nach Livland zurück. Am 24. Jul. 1198

 

 

 


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kam es am Ufer der Düna, zwischen den Deutschen und den Liven, die Bertholds Ansprüche auf Herrschaft mit Selbstgefühl verwarfen, zur ersten Schlacht. Er selbst nahm so eifrig Theil am Gefecht, daß ihn sein wildes Pferd mitten in die Reihen der Feinde trug, und er von einem Liven, Namens Ymanta, erschlagen wurde: Die Deutschen siegten indes, verheerten das Land der Liven weit umher, und zwangen diese dadurch zu einem Vertrage, in welchem sie sich verpflichteten die Oberherrlichkeit eines Bischofs anzuerkennen, Geistliche in ihre einzelnen Distrikte aufzunehmen, und von jedem Pfluge eine Abgabe an Getreide zu erlegen. Dies war das Heil, das die Liven ihrem zweiten Bischof verdankten.

 

Zum dritten ernannte der Erzbischof von Bremen einen seiner Vettern, den Bremischen Domherrn, Albert von Apeldern, einen Mann von mächtigem, verderblichen Geiste. Die erste Maßregel desselben war,

 

 

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nach Gothland zu segeln, wo damals der nordische Weltmarkt war, dort das Kreuz wider die Heiden in Livland zu predigen, und 500 Streiter mit demselben zu bezeichnen. Dann reiste er an den päpstlichen und den kaiserlichen Hof, um die ganze Christenheit zu seiner Hülfe aufzubieten, und wirklich bezog er sein Bisthum an der Spitze eines Heeres und einer Flotte. Er lud die Häupter der Liven zu einem Gastmahl, nahm sie gefangen und zwang sie, sich durch Auslieferung von dreißig Knaben, als Geisseln, zu lösen, die er in Deutsche Klöster vertheilte, wo sie zu Mönchen erzogen wurden. Er bauete eine Stadt, Riga, im Lande der Liven, und steuerte sie unter andern Privilegien, auch mit dem aus, daß bei Strafe des Bannes und der Confiscation kein Schiff einen andern Landungsplatz in der Gegend besuchen dürfe. Er legte den Liven Zehnten auf, theilte das unterjochte Gebiet der Liven in Kirchspiele, und zwang jedes derselben einen Geistlichen zu ernähren.

 

 

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Er setzte Deutsche Vögte ein, welche in den einzelnen Distrikten Recht sprechen sollten, und raubte den Liven so die Gerichtsbarkeit in ihrem eignen Lande. Er

 

belehnte Kreuz-Pilger, die er in Livland zu seiner Unterstützung ansiedeln wollte, mit einzelnen Distrikten des Livischen Gebietes, und stiftete so die Leibeigenheit.

 

Er legte sich, durch einen religiös kriegerischen Orden, den der Schwertbrüder, ein stehendes Heer zu, und belehnte auch dieses mit einem Drittel alles Landes, das er schon besaß.

 

Nun war er stark genug auch die andern Völker dieses Landes anzugreifen, neue, ihm untergeordnete Bisthümer zu stiften u.s. w. Um seinen Einrichtungen vollgültige Kraft zu geben, bewirkte er, daß diese Länder für eine Provinz des Römischen Reiches erklärt; 1224 sogar, das er und sein Bruder Hermann,

 

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als Bischof von Dorpat, zu Reichsfürsten erhoben wurden.

 

Die Abgaben an Getreide allein, welche er den unterjochten Liven auflegte, betrugen nach wenigen Jahren schon 20 Proc. vom Ertrage ihrer Aecker. Sie mußten ihn bei allen seinen Kriegszügen mit ihrer ganzen wehrhaften Mannschaft begleiten, und wenn die andern Völker seine Streifzüge erwiderten, trafen die Verheerungen und Metzeleien immer nur die Liven, indes die Deutschen, durch ihre Schlösser, gegen jeden Ueberfall gesichert waren. Daher waren die Liven, als Albert 1229 starb, zwar noch nicht ganz ausgerottet, aber doch zu einer solchen Unbedeutendheit zusammen geschmolzen, daß sich ihre armen Ueberreste bald ohne Unterscheidung unter die andern Völkerschaften verloren.

 

Das war das Schicksal, das sie ihren dritten Bischofe verdankten.

 

 

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Unterjochung der Letten.

Bei einem Hülfszuge, den Wladimir von Polozk zur Rettung der Liven 1205 unternahm, foderte er auch die im Innern Livlands angesiedelten Lettgallen auf, ihn zu unterstützen. Sie lehnten es ab, weil die Deutschen sie noch nicht beleidigt hätten. Im folgenden Jahre kam der Priester Alobrand, der mit Vertheilung des Livischen Gebietes in Kirchspiele, beauftragt war, auch zu ihnen, und ladete sie ein, sich taufen zu lassen und ein Bündnis mit den Christen zu schließen. Sie nahmen um des letztern willen auch die erstere an, und foderten bald hernach ihre neuen Bundesgenossen zu einem Rachekrieg gegen die benachbarten Esthen auf, von denen die Letten bisher mancherlei Bedrängnisse ausgestanden hatten. Die Deutschen waren sehr bereitwillig dazu, und der furchtbarste Krieg in dieser Gegend, der mit den Esthen, begann.

 

 

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Als die Letten durch ihn geschwächt und unauflöslich an die Deutschen geknüpft waren, wies Bischof Albert ihr Gebiet dem Schwertorden als das ihm verhießene Landesdrittel an, und sie mußten sich sofort zu allen den Verhältnissen und Leistungen hinunter schmiegen, welche die Liven zu Boden drückten. Da ihre Unterwerfung wenigstens ohne Menschenverlust geschehen war, und der Krieg mit den Nachbarn doch nur von Zeit zu Zeit ihre Gränze betrat, entging dieser Volksstamm indes nicht nur der Ausrottung, sondern besetzte auch nach und nach, freiwillig oder auf Befehl ihrer Gewaltigen, die Gegenden, in welchen die Liven ausgestorben waren; und so wurde Livland allmählig ganz mit Letten bevölkert.

 

 

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Unterjochung der Esthen.

Die Esthen bildeten die stärkste und streitbarste Volksmasse dieser Länder; der Krieg mit ihnen, bei dem sie von den Oeselern und Kuren häufig unterstützt wurden, nahm daher oft eine für die Deutschen bedenkliche Wendung. In den ersten Jahren erwiderten sie jeden Einfall in ihr Land, mit einem gleichen in die Provinzen der Letten und Liven. 1212 erzwangen Hunger und Pest, die beide Theile drückten, einen dreijährigen Waffenstillstand. Die Deutschen erneuerten sodann zuerst wieder den Krieg, und da der Zug glücklich ausfiel, schritt Bischof Albert sofort auch wieder zur Theilung des Landes zwischen sich, dem Orden und einem schnell von ihm ernannten Bischof von Esthland. Die Esthen sammelten indeß bald hinlänglich Kraft, um alle drei aus ihrem Lande zu verjagen, und brachten es dahin, daß Albert an ihrer Unterwerfung durch seine Macht verzweifelte:

 

 

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das heißt, er suchte eine mehr vermögende, die sie für ihn vollenden sollte. Er forderte die Dänen auf, das Christenthum dorthin zu verpflanzen. Waldemar der Zweite kam 1217. mit einem mächtigen Heer, eroberte einen großen Theil Esthlands, baute Schlösser und Städte darin, und theilte an seine Vasallen Lehen aus. Das war es nicht, was Albert und der Orden beabsichtigt hatten. Auch sie rissen Theile des Landes an sich und geriethen mit den Dänen in den heftigsten Zwist. Die Esthen benutzten dies 1221. zu einem neuen kräftigen Versuch, das dreifache Joch abzuschütteln, und brachten es auch wirklich dahin, daß den Dänen bald nichts mehr übrig war, als Reval; aber die immer neu aus Deutschland verstärkte Macht des Bischofs und des Ordens war dem durch so langes Unheil geschwächten Volke zu groß. Nach mehrern für dasselbe unglücklichen Schlachten, belagerten, eroberten und zerstörten die Deutschen, die Russische Stadt Jurjew, das jetzige Dorpat,

 

 

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wohin die Esthen die letzten Reste ihrer Kraft und ihrer Wohlhabenheit gesammelt hatten. Albert weihte die Stadt sofort zum Sitz eines Bischofs, seines Bruders, dem er zugleich den dritten Theil des eroberten Landes anwies.

 

Die Eroberung von Dorpat macht Epoche in der Geschichte der Eingebornen. Wie die Esthen zur Vertheidigung, hatten die Liven und Letten ihre letzte Volkskraft zur Unterstützung des Angriffs erschöpft, und von dieser Zeit an wurden sie alle bei den öffentlichen Verhandlungen und bei der Benutzung des Landes, als völlig rechtlos behandelt.

 

Die Dänen gewannen dabei nichts. Im Gegentheil nahm der Orden ihnen 1227. auch Reval, und wenn das Gelingen seiner Pläne den Bischof Albert über den Karakter derselben noch in der Sterbestunde verblenden konnte, so mag er 1229. mit der Freude gestorben seyn, daß auch die Unterjochung der Esthen

 

 

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so gut als die Ueberlistung der Dänen, gelungen war.

 

Eben das aber, wodurch er die Letztern auf immer von Esthland ausschliesen wollte, führte sie bald wieder dorthin zurück. Er hatte auf die Verbindung seines Schwert-Ordens mit dem Deutschen Orden angetragen. Nach weitläuftigen Unterhandlungen, bei welchen die verrufene Bösartigkeit der Schwertritter eine vorzügliche Schwierigkeit machte, hatte jene Vereinigung 1237, also acht Jahr nach Alberts Tode, wirklich Statt, aber nur auf die Bedingung, daß Esthland, mit Ausschluß des Bisthums Dorpat und des Distrikts, in dem Pernau liegt, den Dänen wieder gegeben wurde. Waldemar nahm 1238. wieder Besitz und vollendete seine ehemals begonnenen Maßregeln, unter andern auch durch ein eignes Ritterrecht, das er seinen dortigen Lehnsleuten gab. Ueber hundert Jahr war Esthland eine der wohlhabendsten Dänischen Provinzen gewesen, da ließ eben jene hochbegünstigte

 

 

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Vasallenschaft, – wahrscheinlich durch ihre ungemessene Gewalt über die Bauern über ihre wahre Macht getäuscht, – sich es einfallen, sich von Dänemark trennen und eine unabhängige Republik bilden zu wollen. Die Esthen sahen richtiger, und kaum schien jene Lossagung entschieden, so erhoben sie sich 1343. einmüthig, zerstörten alle Rittersitze, erschlugen einen großen Theil der Besitzer, und belagerten Reval und Hapsal. Man wandte sich um Hülfe an den Livländischen Heermeister. Er zog mit einem furchtbaren Heere heran. Die Esthen schickten ihm Abgeordnete entgegen, durch welche sie sich erboten, sich dem Orden zu unterwerfen, und ihm jährlich einen großen Tribut zu erlegen, wenn sie nur keine fremden Güterbesitzer mehr unter sich dulden dürften. Der Heermeister ließ sich bereden, den Antrag zurück zu weisen, und unter den Mauern von Reval kam es zu einer blutigen Schlacht, in welcher das ganze Esthnische Heer, 9000 Mann stark, niedergemetzeltwurde.

 

 

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Die Unruhen, die in den einzelnen Distrikten, vorzüglich in Oesel, noch fortdauerten, wurden dann mit geringerer Mühe, aber eben so blutig, unterdrückt. Esthland unterwarf sich dem Orden, der aber die Verfassung der Ritterschaft und der Städte bestätigte, die Ueberreste der Esthnischen Nation dagegen der vorigen Willkühr des Adels überließ.

 

 

 

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Unterjochung der Kuren.

Sobald der Krieg mit den Esthen angefangen worden, hatten sich die Kuren, zur Unterstützung ihrer Stammesgenossen, hinein gemischt, waren oft mit Kahnflotten in die Düna und den Aa-Flus gelaufen, und hatten verheerende Einfälle bis vor Riga gemacht. Als das Schicksal der Esthen sich daher seiner traurigen Entscheidung näherte, waren sie der Rache der Deutschen bloßgegeben. Sie wehrten sich indes so tapfer, daß selbst bei Alberts Tode ihre Unterwerfung noch nicht entschieden war, und jetzt schien ihr Geschick eine freundlichere Wendung zu nehmen.

 

Nach dem Absterben Alberts hatte das Domkapitel ihm einen Nachfolger gewählt, der Erzbischof von Bremen aber einen andern ernannt. Um den Streit zu entscheiden, schickte der Papst einen Prälaten nach Riga, Namens Balduin (Bischof?) von Alna. Nach geschehenem Ausspruch, zum Besten des vom Kapitel Ernannten

 

 

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übernahm Balduin auch die Friedensunterhandlung mit den Kuren, und wußte diese durch menschenfreundliches Benehmen zu einem Vertrage zu bereden, durch den sie sich zwar unterwarfen, aber mit Vorbehaltung ihrer persönlichen Freiheit und ihrer Eigenthumsrechte. Um die Erfüllung des Vertrages von seiten der Deutschen zu sichern, schloß Balduin den Orden von allem Besitz in Kurland aus, und theilte die Oberherrlichkeit zwischen dem neuen Bischof von Kurland, der von ihm eingesetzt wurde, dem Bischofe von Riga und dem Rathe dieser Stadt. Der Orden klagte bei dem Papste; aber Balduin rechtfertigte sich durch die Karakteristik des Ordens: der Papst bestätigte seine Anordnung und den Bischof Engelbert, den er für Kurland ernannt hatte.

 

Die Habgier Engelberts selbst aber zerrüttete jene Anordnung. Er bedrückte die Kuren so sehr, daß sie 1244. ihn nebst allen Deutschen im Lande erschlugen. Eine neue

 

 

 

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Entscheidung Wilhelms von Modena trat nun dem Orden die beiden Drittel ab, welche Balduin Riga und dem Rigischen Bischofe gegeben hatte, mit der Bedingung, das Bisthum Kurland oder Pilten zu schützen. Wieder begann der Austilgungskrieg, in welchem die Kuren von den Litthauern und Semgallen vergebens unterstützt wurden, und endigte erst 1284. durch die völlige Unterjochung der Kuren, wobei ihnen indeß immer noch manches von den Punkten des ersten Vertrages übrig blieb, selbst die bis auf die neuern Zeiten fortdauernde persönliche Freiheit einiger Familien, die von ihren Landsleuten Könige genannt wurden.

 

 

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Unterjochung der Semgallen.

An der Spitze des Lettischen Volkes, welches den südlichen, sich weit nach Osten hin ausdehnenden Theil des jetzigen Kurlandes besaß, - der Semgallen, stand in jenen Zeiten ein Mann von ausgezeichnetem Karakter und Geist. Ein Livländischer Annalist nennt ihn Westhard. Sein Gang veredelt diesen Namen, der übrigens wohl nicht richtig seyn kann.

 

Schon als Meinhard den Liven steinerne Schlösser baute, sahe Westhard dies als gefährlich für die Freiheit seines Volkes an, und machte einen Versuch, sie zu zerstören. Er mißlang und Westhard, der die Ueberlegenheit der Deutschen kennen gelernt, schloß einen Frieden und einen Handelsvertrag, wie es scheint, mit ihnen. Als aber Bischof Albert die Schiffahrt nach allen andern Landungsplätzen, als Riga, verbot, also kein Schiff mehr in den semgallischen Fluß, die Musse, einlaufen durfte, brach Westhard mit

 

 

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seinem Volke auf, um eine Aenderung zu erzwingen. Er fand die Deutschen schon viel mächtiger als ehemals aber an der Spitze seines nicht überwundenen Heeres schloß er einen zweiten Frieden, und selbst ein Bündnis gegen die Litthauer, die ihm ihre Hülfe versagt hatten. Er beredete die Deutschen sogar zu mehrern Kriegszügen gegen die Litthauer, und begleitete sie mit einem abgesonderten Heere: aber die Deutschen machten die Erfahrung, daß sie von jedem solchen Zuge mit großem Verlust, die Semgallen aber ganz wohlbehalten zurückkehrten, und entsagten dem Kriegsbunde. Ueber den Frieden und dessen Bedingungen dagegen scheinen beide Theile mit jener eifersüchtigen Aufmerksamkeit gewacht zu haben, die einem geachteten Feinde gegenüber natürlich ist.

 

Erst im Jahr 1217. als Albert die Dänen gegen die Esthen aufgehetzt, dachte er daran, die Muße des Ordenheeres gegen die Semgallen anzuwenden. Er fing damit an,

 

 

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sich zu schaffen, was die Kirche damals gerechte Ansprüche zu nennen pflegte. Er ernannte einen alten Grafen von der Lippe, der nach Livland gezogen war, seine Jugendsünden abzubüßen, zum Bischofe von Semgallen, wo er keinen Fußbreit Landes besaß und es noch keine Christen gab. Das hielt ihn aber nicht ab, die Hauptburg des Landes, Mesothen, zum künftigen Sitz des Bischofs zu bestimmen, und seine Stadt, Riga, mit einem großen Theil von Semgallen zu beschenken. Bis Mesothen erobert werden könnte, wies er dem neuen Bischofe die den Litthauern abgenommene Festung Selburg zum Sitze an. Bald darauf machte er, mitten im Frieden, einen Versuch, sich der Burg Mesothen durch List und Gewalt zu bemächtigen: aber Westhard schlug das dazu abgeschickte Ordensheer, und nun begann ein Krieg, der mit so wechselndem Glücke geführt wurde, daß der Legat Wilhelm von Modena, der 1225. nach Riga kam, um Zwistigkeiten zwischen dem Bischof

 

 

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und dem Orden beizulegen, auch einen Frieden mit Westhard zu vermitteln suchte. Er ließ den alten Helden zu einer persönlichen Unterhandlung einladen; aber auch in dem Vertrage, der dadurch zu Stande kam, verstand dieser sich zu nichts weiter, als Missionarien in Semgallen zu dulden, und Mesosthen abzutreten, das die Deutschen schon erobert hatten.

 

Als Balduin von Alna die Kuren zur Unterwerfung beredet hatte, ernannte ihn der Papst zum Bischofe von Semgallen, und wenn er dort keine Christen fand, gewann er wenigstens die Freundschaft der Semgallen. seine Maßregeln, auch hier den gewaltthätigen Orden von allem Besitz auszuschließen, zogen ihm eine neue Anklage zu. Er rechtfertigte sich wie das erste Mal: aber zwei Schutzbriefe vom Papst und vom Kaiser für die Eingebornen, so wie eine neue Sendung des Legaten Wilhelms nach Livland, die seine Schilderungen bewirkt zu haben scheinen, sind die

 

 

 

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letzten spuren, die der Verfasser in der Geschichte von ihm aufzufinden vermochte. –

 

Als nach dem großen Aufstande der Kuren. Wilhelm von Modena 1247. zu Lyon mit Zuziehung zweier Kardinäle, ihr Land von neuem theilte, hob er das Bisthum in Semegallen auf, und warf die Provinz mit in die Theilungsmasse, von welcher der Orden zwei Drittel erhielt. Auch diesem furchtbaren Gegner widerstanden die Landsleute des Helden Westhard, bis 1272. Fast 120 Jahr nachdem die Deutschen Livland zuerst betreten hatten, gelang es also den Rittern, dies thatkräftige, freiheitliebende Volk dahin zu beugen, daß es sich durch die Taufe Frohndienste aufbürden lies, – nicht aber Leibeigenheit, wie der folgende, aus dem Plattdeutschen ins Hochdeutsche übersetzte, im Original vorhandene Traktat beweist.

 

Wir, Albrecht von Gottes Barmherzigkeit, Erzbischof der heiligen Kirche zu Riga,

 

 

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Johann von derselben Gnade ein Propst derselben Kirche, Bruder Walter von Stortike (Nordeck), Meister der Brüder des deutschen Hauses der heiligen Maria über Livland, entbieten allen denen, die diesen Brief sehen oder lesen hören, Heil in demjenigen, welcher Allen hilft, die auf ihn hoffen.

 

Nachdem das Land Semgallen durch Gottes Gnade den Irrthum des heidnischen Glaubens verlassen und wiederum den christlichen Glauben empfangen hat, den es vormals angenommen, aber wieder verlassen hatte, und Wir, die wir Oberherren waren, die Aeltesten des Landes vor Uns gefordert, und auf beiden Seiten viel Unterhandlungen über ihren Zins und ihr Recht zwischen ihnen und uns gehabt hatten; gefiel ihnen zuletzt mit gemeinschaftlichem Rathe und Einwilligung, ihren Zins und ihr Recht also zu mäßigen, daß sie anstatt des Zehenden als pflichtmäßige Gewohnheit, und zum geistlichen Behuf auf ewige Zeiten von jedem Haaken zwei Loof rigisch Maas zu geben

 

 

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schuldig seyn sollen, nämlich einen an Roggen und einen an Gerste.

 

Ferner sollen sie Frohndienste thun, zwei Tage im Sommer und zwei Tage in dem Winter; jedoch also, daß sie in diesen vier Tagen von jedem Haaken eine Fuhre stellen sollen, und zu führen was wir bedürfen; und alle und jede andre Personen, die so alt sind, daß sie arbeiten können, sollen Uns mit ihrer Handarbeit dienen, als Heu zu schlagen, oder Holz zu tragen und zu hauen, wenn es nöthig ist.

 

Auch ist ihnen erlaubt, vorbenanntes Korn, wenn sie Mangel haben sollten, mit billiger Bezahlung zu ersetzen, nämlich für jeden Loof zwei Artiger rigisch Silber zu bezahlen, oder zwei Marder oder acht Grauwerkfelle und man soll ihnen mit nichten eine größere Bezahlung abdringen. Ueberdem sollen sie sich zum Bau der Schlösser, die Wege zu machen und zu Reisen bereit und willig finden lassen.

 

 

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Und die Vögte sollen dreimal des Jahres ihr Gericht halten, und sie sollen nach dem Rechte und der Gewohnheit in Lettland und Esthland richten, die Parten fordern und das Recht pflegen.

 

Zu größerer Bekanntmachung und ewiger Aufrechthaltung haben Wir ihnen gegenwärtige Schrift mit unsern Insiegeln gegeben, und überdieses sie mit dem Bilde (Siegel) der Stadt Riga befestiget.

 

Gegeben in dem Jahre unsers Herrn tausend, zweihundert, zwei und siebenzig, in der Woche der Apostel Peter und Paul.

 

(Aus der Kurländischen Urkundensammlung)

 

 

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Gestaltung der Leibeigenheit.

Die vorstehende historische Skizze war nothwendig, um den Gegenstand dieser Schrift seiner ganzen Natur nach, und vorzüglich von der Seite des Völker-Rechtes, übersehen zu lassen.

 

Auch die nordischen Völker, welche das römische Reich zerstörten, hatten in mehrern Provinzen desselben Leibeigenheit gestiftet, aber ihr Sieg war der der heidnischen Rohheit über Kultur und Christenthum, und schlug nur diejenige Volksklasse in härtere Fesseln, die er schon in milderer Dienstbarkeit fand. Auch die Bekenner des Korans verbreiteten ihren Glauben mit dem Schwert: aber wer ihn annahm, wurde dadurch ihr freier Genosse für alle Rechte auf der Erde, wie aller Hoffnungen für das Paradies. Albert der Bischof hingegen mißbrauchte die heilige Religion der allgemeinen Bruderliebe, zum Vorwande und zur Form, die höhere Kultur

 

 

 

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seiner Nation aber zum Mittel, über fünf freie Völker in Masse das Loos der härtesten Leibeigenheit zu verhängen. Denn eine nackte Proklamation der Leibeigenheit waren die Belehnungen, die er gleich nach der Begründung Riga's einzelnen Kreuzpilgern, und ein Paar Jahre später dem Schwertorden zu ertheilen wagte, – sowohl nach der damaligen Form der Lehnsverfassung in Deutschland, als durch die Pflichten, die er seinen Vasallen auflegte, und die Rechte, die er ihnen dem zufolge über die Eingebornen einräumte.

 

Befugnis dazu hatte er, selbst nach dem damaligen rohen Staatsrechte Deutschlands, nicht. Erst mehr als zwei Jahrzehnte später, 1224 ertheilte ihm der Römische König Heinrich VII. zu Nürnberg die Fürstenwürde, und nur mit dieser war die Gewalt verbunden, Lehen zu ertheilen.

 

Eben so wenig autorisirte ihn der Auftrag oder nur die Beistimmung des Oberhauptes der Römischen Kirche oder des Römischen Rechts dazu.

 

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Zwar erhielt er öfter von beiden die Bestätigung seiner Einrichtungen, aber zwei kostbare Documente beweisen, daß dabei ausdrücklich vorausgesetzt wurde, die persönliche Freiheit und die Eigenthumsrechte der Eingebornen würden durch diese Einrichtungen nicht gekränkt. Papst Gregor IX, sagt in der Instruction, die er dem Legaten Wilhelm von Modena zu seiner zweiten Sendung nach Livland im Jahr 1238 ertheilte:

 

"Aus deinem Berichte sehe ich, daß die Heiden (in Livland) vor ihrer Taufe frei vom Joche der Knechtschaft gewesen, das aber die Hospitaliter-Ritter und andere Religiosen sowohl als Weltliche Geistliche und Layen, die Getauften, in Knechtschaft zu bringen suchen und ihnen ihre Habe rauben. Damit es ihnen aber als Christen nicht schlimmer ergehe als damals, da sie Heiden waren, befehle ich dir, nicht zu leiden, daß die Neubekehrten belästigt werden, und die es thun, mit Kirchenstrafen zu belegen. Sollten sie widerstreben,

 

 

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so werde ich sie nicht nur aller ihrer Privilegien berauben, sondern ihnen auch befehlen, ganz Livland zu räumen *)."

 

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*) Ich glaube, die ganze Urkunde mittheilen zu müssen.

 

"Lit. Pontif. Gregorii IX. ad Guilelm. Mutin. Liv. Legatum.

 

Exparte tua fuit propositum coram nobis, quod, licet pagani, quos lux illa, quae illuminat omnem hominem venientem in hunc mundum, vocat de tenebris ad admirabile lumen suum, ut relicto gentilitatis errore fidem Domini nostri Jesu Christi recipiant per Baptismum, nullo ante Baptismum iugo servitutis aliquatenus premerentur, Fratres tamen Hospitalis sanctae Mariae Theutonicorum, et nonmulli alii tam religiosi, quam saeculares, Ecclesiastici et Laici, non adtendentes quod Christi fideles effecti iam non sunt ancillae filii, sed liberae, utpote quos renatos ex aqua, et Spiritu Sancto ipse Unigenitus Dei Filius liberavit a jugo peccati, quos vetusta servitus detinebat. cos sub servitute. redigere moliuntur, nec permitiunt ipsos possidere libere bona sua. Ne igitur deterioris conditionis existant Christi charactere iusigniti, quam fuerant membra diaboli existentes, mandanus, quatemus hujusmodi in Neophytos non permitas ab aliquibus super praemissis aliquatenus molestari, molestatores hujus modi per censuram Ecclesiasticam appellatione postposita compesceudo, indulgentia, seu privilegio aliquo non obstante. Quodsi forsan aliqui praedictorum Unigenito Dei Filio fuerint sic ingrati, ut se in hoc opponere dampnabili temeritrate praesumant, non solum eos privahimus privilegiis, et indulgentiis, si quae in partibus ipsis haberent, verum etiam ipsos de tota Liveaia compellemus exire. Datum Laterani VIII. Idus Martii Anno undecimo. (1238.)"

 

 

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Noch kräftiger drückte Kaiser Friedrich II. sich in einem Schutzbriefe für die Unterdrückten aus, den er ungefähr zu gleicher Zeit mit jener päpstlichen Instruction erlies, und die Goldast, und nach ihm H. L. Schurzfleisch, im Anhange zu seiner Historia Ensiferorum, aufbehielten. Er sagt:

 

"Wir haben erfahren, daß die Bewohner Livlands, Esthlands, Preußens, Semgaliens und anderer benachbarten Provinzen, von dem Uebertritt zum Christenthum durch die Furcht zurückgeschreckt werden, nach der Annahme des Glaubens könnte ihre Freiheit von den Herren des Landes in Sklaverei verwandelt werden. Diesem zuvorzukommen, nehmen Wir alle und jede, die sich von ihnen zum christlichen Glauben bekennen, mit ihrem ganzen Vermögen unter unsern und unsers Reiches Schutz und besondre Vertheidigung, und

 

 

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ertheilen und bestätigen durch die Autorität dieses Schreibens, ihnen und ihren Erben auf immer vollkommene Freiheit und alle Rechte, deren sie genossen haben, ehe sie zum Glauben bekehrt wurden. Wir entnehmen sie ferner aller Dienstpflicht und aller Gerichtsunterthänigkeit gegen Könige Herzoge und Fürsten, Grafen und andre Magnaten, und setzen durch gegenwärtiges Edikt fest, daß sie nur der heiligen Mutter Kirche und dem Römischen Reiche unterworfen seyn sollen, wie andre Freie des Reiches. Niemand wage, gegen diese Erklärung des Schutzes, der Vertheidigung, der Verleihung und Bestätigung, sie anzugreifen, zu belästigen, zu beleidigen, oder ihre Ruhe zu stören. Wer sich dessen unterfängt, wisse, daß er unsern und des Reiches schweren Zorn auf sich ziehe *).“ u. s. f.

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*) Die Ueberschrift dieser sehr merkwürdigen Urkunde heißt bei Schurzfleisch: Friderici II. Imperatoris Augusti Constitutio de libertate Li vonis, finitimisque gentibus

 

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Spätere Schriftsteller haben die Stiftung und Ausbildung der Leibeigenschaft in diesen Provinzen mit dem Geist jener Zeit entschuldigen wollen,

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ad Catho1icae fidei unitatem conversis — Folgendes sind der Anfang und die oben angeführten Hauptstellen:

 

Fridericus Dei gratia Romanorum Imperator semper Augustus, et Rex Siciliae, Regibus, Ducibus, Principibus, Marchionibus, et universis Christi fidelibus etc. — — — — — — — Ad nostram nuper ex veridica fidelium insinuatione noticiam pervenit, quod quaedam gentes in Septentrionalibus partibus constitutae, videlicet in Livonia, Escovia, Prucia, Semigalia et in aliis provinciis convicinis — — — — — — ad veri Dei cultum, et Catholicae fidei unitatem accedere sunt parati : ob illius tantum (sicut dicitur) id facere differentes timorem, ne post susceptionem fidei per Principes Orbis libertates eorum ad servitutis onera deducantur. — — — —— — — Et ecce, quod universos et singulos eorum , ad susceptionem Catholicae fidei venientes, post susceptam fidem cum omnibus bonis eorum, sub nostra et Imperii protectione et speciali defensione suscepimus, et praesentis scripti auctoritave plenam eis et haeredibus eorum,intuitu susceptae fidei, comcedimus et confirmamus perpetuo libertatem, nec non omnes immunitates, quibus uti consueverunt, priusquam converterentur ad fidem. Eximimus insuper, eos etiam a servitute et jurisdictione Regum, Ducum et Principum, Comitum et ceterorum Magnatum, praesenti sancientes edicto, ut non nisi sacrosanctae matris Ecclesiae ac Romano Imperio, quemadmodum alii liberi homines imperii, teneautur. Nullusque eos contra praesentis protectionis, defensionis, concessionis et confirmationis nostrae paginam impetere, molestare, offendere, vel eorum quietem turbare praesumat. Quod qui praesumpserit, indignationem nostram et Imperii se noverit graviter incursurum etc. etc.

 

 

 

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aber eben das ist das Empörendeste in Alberts Verfahren, daß es dem bessern Geiste seiner Zeit so schauderhaft widersprach. Der Hauptzug der Europäischen Staatengeschichte, schon während des ganzen zwölften Jahrhunderts, ist das Bestreben fast aller Regierungen der Lateinischen und Germanischen Länder, das Joch der Lehnsverfassung dem Volke abzunehmen, und die untern Stände durch Freisprechungen und Rechte der mannichfachsten Art zu erheben und zu veredeln, und so die Staaten mächtiger, die Regenten von ihren Vasallen unabhängiger zu machen. Man erinnere sich unter tausend Zügen nur, daß in diesem Zeitraum die meisten Deutschen Reichsstädte ihre Freiheit erhielten, daß wenn in England die Charta libertatum, 1101 unterzeichnet wurde,

 

 

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in Deutschland selbst sogar die Fischer zu Worms in eine bevorrechtete Zunft verbunden, und 1112 den Leibeigenen zu Speier das Recht ertheit wurde, freie Bürger zu werden. Und aus eben diesem Lande zog Albert, fast hundert Jahr später, hin, fünf Völker, die er frei und glücklich fand, durch alle List, deren sein verschmitzter Geist fähig war, durch Gewaltthätigkeiten und Metzeleien, in das tiefste Elend der Leibeigenheit hinabzustürzen. *).

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*) Eben so wenig als Albert, kann der Geist ihrer Zeit denjenigen zur Entschuldigung dienen, welche in den folgenden Jahrhunderten das ausbildeten und mißbrauchten, was er gestiftet hatte. Jeder Annalist oder andre Schriftsteller jener Jahrhunderte, der in oder über Livland in jenem Zeitraum schrieb, und der Lage der Eingebornen erwähnt, bricht in fast unwillkürlich scheinende Ausrufungen über die Barbarei aus, mit der sie behandelt würden: ein unwidersprechlicher Beweis, daß diese Behandlung nicht im Geist der Zeit war, sondern ihn empörte. "Unsre Hunde, ruft Cranz aus, haben es besser als jene armen Menschen." Russow macht wehmüthige Schilderungen von ihrer Recht - und Hülflosigkeit; ja der Dörptsche Geistliche Kelch, wenn er in seiner Chronik die schauderhaften Grausamkeiten beschreibt, mit welchen die gefangenen Livländischen Ordensritter und Edelleute in Moskau 1560 hingerichtet wurden, setzt hinzu: "so mußten sie aus göttlichem Verhängnis büßen, was sie und ihre Vorfahren an den armen Livländischen Bauern verschuldet hatten." – Aber im achtzehnten Jahrhunderte war es wieder ein Mann desselben Standes, Baron Schulz von Ascheroden, der den ersten praktischen Schritt that, jene Verschuldungen aufhören zu lassen; und jetzt dürfen wir sie als abgethan betrachten.

 

 

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Selbst die ärmliche Entschuldigung bleibt für ihn nicht übrig, daß er nicht vorausgesehen, wohin seine Belehnungen führen mußten: er selbst zeichnete in der Weise, wie er die ersten derselben in Kraft setzte, durch empörende Gewaltthätigkeit den Charakter vor, den diese Veranstaltung annehmen mußte. Kunz von Meindorp zog 1204 mit einem Haufen Bewaffneter nach Ykeskole, seinem Lehn. Die Liven, die das Schloß gerade besetzt hatten, ließen ihn friedlich ein: er rief die Aeltesten der Gegend zusammen, und kündigte ihnen an, Albert nahe sich mit seinem Heere, um sich mit ihnen väterlich zu berathen. Vom Schrecken darüber ergriffen, nahmen sie die Flucht. Der Bischof ließ, mitten im Frieden, ihr Getreide in seine Magazine bringen, verbrannte ihre Dörfer und verfolgte sie nach

 

 

 

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Leenwoerden, wo er die Burg überrumpelte und sie seinem zweiten Vasallen übergab, die Gegend behandelte, wie die von Ykeskole, und die Flüchtigen nach Ascheroden verfolgte, das er erstürmen und verbrennen ließ. – Hier endlich erklärte er den Ueberfallenen, Geplünderten, Mißhandelten, was die Absicht seines Räuberzuges sei, nämlich, sie sollten außer dem Zehnten, den sie ihm schon von ihrem Getreide zollten, eine ähnliche Abgabe seinen beiden Vasallen bezahlen, und diesen, als ihren Herren, gehorchen. – Ein andermal, da er eine Vergrößerung seiner Stadt beschlossen, zog er eines Morgens in geistlicher Procession aus, in ein anstoßendes Livisches Dorf, weihete die Stelle desselben ein und befahl den Eigenthümern, ihre Häuser abzubrechen und sonst wohin zu bauen. "Er wies ihnen andre Ländereien an," sagt eine von einem Mönch geschriebene Chronik, um den Glauben zu erwecken, er habe sie entschädigt. Hatte er denn hier Land anzuweisen, das nicht den

 

 

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Liven gehörte? Und was entschädigte sie für die Mühseligkeiten und die Einbußen des neuen Anbaues? –

 

Unrettbar durch irgend eine Kunstwendung der Sophistik oder historischer Dialektik, steht Albert der Bischof in der Geschichte da, als Urheber, als vorsätzlicher, sich des Charakters seiner That bewuster Urheber der Leibeigenheit in unsern Provinzen, und alles dessen, was durch sie geschah. Die Nachwelt zolle seinem Andenken, was er verdient hat!

 

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Es ist weder ein dankbares, noch ein anziehendes Geschäft, aus der Asche der Vorwelt Beweise aufzulesen, die wider sie zeugen; aber um nur einigermaßen begreiflich zu machen, wie das, was Albert gepflanzt hatte, sich so vollständig ausbilden, das werden konnte, was uns die unten folgende Uebersicht aufstellen wird, ist es nothwendig, auch den

 

 

 

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Orden zu charakterisiren, der sich bald von den Bischöfen unabhängig machte, und sie endlich unterdrückte. Es soll indeß nur durch ein Paar historische Züge geschehen, bei denen ich die Betrachtungen und Schlußfolgen, zu denen sie führen, den Lesern überlasse.

 

Als der Schwertorden dringend um die Vereinigung mit dem Deutschen Orden nach suchte, entschloß sich der Hochmeister des letztern endlich, zween seiner Ritter nach Livland zu senden, um die Lage der Dinge dort kennen zu lernen. Sie kehrten nach einem Jahre zurück, und statteten zu Marpurg in vollem Kapitel und in Gegenwart zweier Schwertbrüder selbst, den Bericht ab: "Die Besitzungen der Schwertritter seyen ansehnlich und wohlgelegen, ihre Schlösser in gutem Stande, sie selbst aber so lasterhafte, schwelgerische halsstarrige Menschen, daß von ihnen nichts Gutes zu erwarten sei." Zur Ehre seines moralischen Gefühls, war das Kapitel nun der Meinung, daß alle Unterhandlungen mit solchen Leuten abgebrochen werden müßten.

 

 

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Der Hochmeister war indeß mehr Politiker, und die Vereinigung geschah. (Am 4. May 1237 zu Rom, im Gemache des Papstes.)

 

Der ganze spätere Gang der Geschichte beweist, daß die Eingebornen bei dieser Veränderung nicht gewannen, vor allen aber schreiend ist folgender Zug.

 

Als die Kuren nach ihrem großen Aufstande 1244 sich zuerst wieder hatten unterwerfen müssen, war eine Bedingung des Vertrages, daß ihre streitbare Mannschaft das Ordensheer auf seinen Kriegszügen begleiten sollte. Während eines solchen, im Jahre 1264, wahrscheinlich nach Semgalen, war ein Litthauisch-Preußisches Heer in Kurland eingefallen, und hatte das flache Land völlig ausgeplündert. Bei Durben begegnete ihm das rückkehrende Ordensheer. Indes sich beide Theile zur Schlacht rüsteten, flehten die Kuren den Heermeister, Burchard von Hornhusen an,

 

 

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er möge ihnen nach erfochtenem Siege, ihre von den Litthauern gefangenen Weiber und Kinder wieder geben: Er antwortete: "Es solle mit ihnen nach Kriegsgebrauch verfahren werden," das heißt, sie sollten als Beute vertheilt werden. - – Die Kuren erwarteten von den Feinden mehr Menschlichkeit, und gingen mitten in der Schlacht zu ihnen über. Der Heermeister selbst und 150 Ordensritter büsten ihre raubsüchtige Hartherzigkeit mit dem Leben.

 

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Auch der tyrannischesten Habsucht fehlt wenigstens die Vermessenheit, Buch über ihre Verbrechen zu führen, und ihr zu folgen ist unmöglich, wo sie auf tausend Punkten zugleich fortschreitet, ohne andres Gesetz, als die Willkühr des Augenblicks. so kann es denn keine Geschichte geben, welche die Ausbildung der Leibeigenheit erzählt *).

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*) Ohne Namen des Verfassers, des Verlegers und des Verlagsortes, erschien im Jahr 1786 eine "Geschichte der Sklaverei und Charakter der Bauern in Liv- und Esthland." sie macht ihrem Verfasser, der längst bekannt ist, in vielfacher Rücksicht Ehre, aber sie leistet nicht, was der Titel verheißt, weil das nicht geleistet werden konnte. Daß sie hier zu Rathe gezogen ist, versteht sich von selbst.

 

 

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Nur ihre Elemente lassen sich anführen, und die Hauptzüge ihrer Vollendung.

 

Alberts Belehnungen konnten keinen andern Sinn haben, als daß die Vasallen verpflichtet seyn sollten, die Eingebornen in Unterwürfigkeit gegen den Bischof zu erhalten, und von ihnen zu erheben, wessen er und seine Kirche bedurften; – dafür aber auch berechtigt, von eben diesen Eingebornen gleiche Unterwürfigkeit gegen sich selbst, und die Befriedigung auch ihrer Bedürfnisse zu erzwingen. Aber dieser Bischof strebte mit immer wachsenden Ansprüchen zum Fürstenhut und zur Unabhängigkeit empor, und erlangte beides: seine Bedürfnisse mußten sich jährlich vergrößern. Um ihn her sproßte ein ganzer kirchlicher Staatshaushalt auf, von Domherren, Klöstern, Weltgeistlichen; von Aebten,

 

 

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und, wie sich die Grenzen der Unterjochung erweiterten, auch von mehrern Bischöfen, die zum Theil mit ihm wetteiferten. Viel schwerer aber als die neue Last, die daraus auf die Eingebornen, die das Ganze erhalten mußten, herabsank, wog der Umstand, daß seine Vasallenschaft schnell zu einem stehenden Heer anschwoll, und zwar zu einem Heer von Rittern, deren bald auch gefürsteter Feldherr gleichfalls eine glänzende Hofhaltung hielt, und seinem Stellvertreter in Livland und den Gebietigern unter diesem, dasselbe in jedem Maß verstattete, das sie zu erreichen vermochten; – indeß die weltlichen Vasallen in Ansehen und Aufwand nicht hinter den ritterlichen zurückstehen wollten. Allem diesem gegenüber ohne Schutz, so bald ihnen ihr eignes Schwert aus der Hand geschlagen war, standen die neubekehrten Völker. So kannten denn die Erpressungen, denen sie preis gegeben waren, bald keine Grenzen, als die, jenseit welcher die Verzweiflung zu fürchten war;

 

 

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und nur zu oft überschritt der Trotz auf Uebermacht auch diese. –

 

Der Beschaffenheit des Gegenstandes nach, von dem ich eine Uebersicht zu geben habe, sondert diese sich in die Anführung der Abgaben, dann der persönlichen Leistungen, welche die Leibeigenen während der Dauer des Ritterstaates zu tragen hatten; – endlich in die Schilderung der staatsbürgerlichen Geltung, die ihnen dabei bleiben konnte. Hätte ich von einem Volke zu sprechen, bei dem Freiheit der Person geherrscht, so müßte die Ordnung der Materien gerade umgekehrt seyn: aber die gesetzlose Leibeigenheit geht in jedem Punkt wider die Natur.

 

Die erste Abgabe, welche schon gleich nach dem Tode des Bischofs Barthold den überwundenen Liven auferlegt wurde, war ein halbes Talent Getreide vom Pfluge, das heißt, von jedem arbeitsfähigen Mann. Albert verwandelte diese Abgabe in den Zehnten, und als er seine Vasallen einsetzte, fügte er zum Besten derselben

 

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jenes halbe Talent wieder hinzu. Ein sehr einsichtsvoller Schriftsteller berechnet, was die Liven jetzt schon bezahlten, auf zwanzig Procent ihrer Ernte; man braucht sich aber nur zu erinnern, daß der Zehnte von der ganzen Ernte genommen wurde, der wahre Ertrag eines Ackers aber in dem Gewinne nach Abzug der Saat und der Arbeit besteht, um zu sehen, daß jener Anschlag viel zu gering ist. Daran liegt hier aber sehr wenig, da die Forderungen an die Eingebornen bald jede Form verloren. Der Gedanke stand fest, sie müßten ihre Herren und den ganzen Staat erhalten: jedes neue Bedürfnis, das man fühlte, galt daher auch für ein Recht zu einer neuen Forderung, bis die allgemeine Behauptung, die selbst in neuern Zeiten einer ausdrücklichen Verneinung durchs Gesetz bedurft hat, ausgesprochen wurde: "die Bauern haben gar kein Eigenthum. Alles was sie besitzen, gehört eigentlich ihrem Herrn." Nachdem dieser also

 

 

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die üblichen hohen Abgaben im Herbst von ihnen erhoben hatte, schickte er ihnen noch sein Schlachtvieh zur Mast zu; ließ, wenn er etwa einen unvermutheten Besuch erhielt, sich das fetteste Stück ihrer Heerde abholen; fuhr im Winter zu ihnen herum, um sich traktiren und beschenken zu lassen; setzte sie nach Willkühr ganz aus dem Besitz ihrer Häuser, ihrer Aecker und Habseligkeiten; verbot ihnen, ihre gewonnenen Producte in die Städte zum Verkauf zu bringen, und nahm sie ihnen zu beliebigem Preise ab; zog auch wohl nach ihrem Tode ihre ganze Verlassenschaft an sich, und überließ es dem Zufall, ob ihre Kinder genug erbettelten, um zu erwachsen, und dann die Last zu tragen, welche das Loos ihrer Aeltern gewesen war.

 

Die ersten persönlichen Leistungen, zu welchen sich die Neubekehrten verstehen mußten, bestanden darin, daß sie ihre heiligen Besieger als Hülfsstreiter zu fernern Eroberungen begleiten mußten. Von andern sprechen

 

 

 

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die frühesten Nachrichten selten, aber wohl nur deshalb, weil sich das Uebrige von selbst verstand. Schlösser, Kirchen, Städte und Klöster erhoben sich in allen Gegenden, und das war doch wohl nur durch die ungemessenen Frohnleistungen der Eingebornen möglich. Auf ihre Kriegsdienste that man später hin Verzicht; und da man wiederholte Erfahrungen darüber gemacht hatte, wie gefährlich die Verzweiflung eines bewaffneten Volks ist, verbot man ihnen sogar, Gewehre irgend einer Art zu besitzen. Ihre Herren waren indeß selbst Landwirthe geworden, und bald galt nun auch in Rücksicht der persönlichen Leistungen der Grundsatz, der Bauer müsse so viel geben, als der Herr nöthig habe. Auch dies hat sich bis auf neuere Zeiten erhalten, da nämlich der Bauer nach dem Werth seines Grundstücks sogenannte ordentliche Arbeiten, außerdem aber so viele außerordentliche thun mußte, als der Gutsbesitzer gerade brauchte. Die Eingebornen bearbeiteten die Aecker,

 

 

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die er für die seinigen erklärte, verführten oder verbrauten vom Getreide derselben, so viel er für gut fand, baueten seine Häuser, hüteten seine Heerden und schickten ihm so viele ihrer Söhne und Töchter zu, als er zum Dienst und Wohlleben in seinem Hofe zu halten für gut fand.

 

Die staatsbürgerliche Geltung endlich der Eingebornen mußte sich, gleichsam nach einem Naturgesetze, in immer engere Schranken zusammenziehn, wie sich die Leistungen weiter ausdehnten, und als diese keine Grenzen mehr kannten, völlig verschwinden. (Wirklich trat eine Zeit ein, in welcher man den Bauern nur noch das Recht der Nothwehr allenfalls zugestand, das heißt, ihr Leben gegen vorsätzlichen Mord zu vertheidigen.)

 

Es sind Spuren vorhanden, daß Albert der Bischof im Anfange seiner Herrschaft die Neubekehrten mit dem Anschein getäuscht habe, als erkenne er in ihnen Mitherren ihres eignen Landes an; daß er mit ihnen dem Scheine

 

 

 

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nach über die Kriegszüge zu Rathe gegangen, die er wollte unternehmen lassen, und daß er ihnen die Hoffnung gegeben habe, auch sie sollten einen Theil der Provinzen beherrschen, die sie gemeinschaftlich erobern würden. Selbst gegen das Ausland gab er sich gelegentlich den Anschein, als wenn er sie nicht als unbedingt Unterworfene betrachte, sondern als Bundesgenossen. Als der König von Dänemark, bald nach dem Anfange der Zwistigkeiten über den Dänisch-Esthnischen Krieg, einst die Lübeker hart bedrohte, wenn sie den Bischof mit den neuen Kriegspilgern, die er jährlich in Deutschland anwarb, nach Livland hinüber führen würden, segelte Albert nach Dänemark, und trat dem Könige ganz Esthland ab, "insofern die Liven und Letten darein willigen würden." Es versteht sich, daß sie, wohl auf seinen Befehl, ihre Zustimmung verweigern mußten, ungeachtet vorher der eroberte Theil von Esthland zwischen den Bischöfen und Rittern getheilt worden war,

 

 

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ohne daß der Liven und Letten auch nur Erwähnung geschehen.

 

Seit der Eroberung von Dorpat (1224) war, wie schon oben erwähnt, von keinen Volksrechten der Eingebornen weiter die Rede, die persönlichen dauerten aber länger, ja, in der theoretischen Anerkennung, die darin liegt, das sie bei vorkommenden Anlässen amtlich erwähnt wurden, hörten sie nie auf; aber im täglichen, praktischen Leben kamen sie bald außer Gebrauch. Hatte der Eingeborne Rechte des Eigenthums und gültige Formen sie zu seinem Schutze anzuwenden, so unterwarf er sich nicht ungemessenen Forderungen: die Gerichtsbarkeit ging also an die Herren über, allmälig so ganz, daß jeder über Leben und Tod richten konnte bei Vergehungen, die in seinem Gebiete vorfielen. Er bewahrte sogar den vollesten Schein des streng beobachteten Rechtes dabei, wenn er die alte Form beobachtete, Mitrichter zu wählen. Ferner: behielten die Eingehornen das Recht über ihre Person,

 

 

 

 

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sich einen Aufenthalt zu wählen, so mußte man eine Entvölkerung hart behandelter Distrikte, vielleicht eine allgemeine Auswanderung nach Finnland von Seiten der Esthen, nach Litthauen aus Liv- und Kurland, befürchten: sie wurden daher als verpflichtet angesehen, ihren Wohnort nicht zu verlassen, das heißt, sie wurden glebae adscripti, und ausgeliefert, wenn sie entflohen. Da auch dies Verhältnis nicht durch Gesetze in bestimmte Schranken beschlossen wurde, mußte nun wohl von selbst der folgende Schritt geschehn, daß sie als bloße Sklaven betrachtet wurden. Man denke sich nun den Fall, daß der Besitzer eines menschenleeren Distrikts dem eines volkreichern das Ansinnen machte, ihm seinen Ueberfluß abzutreten; oder das ein Aermerer unter seinen Bauern einen talentvollen, wenigstens in irgend einer bestimmten Arbeit vorzüglich geschickten Menschen besaß, und ein Reicherer diesen zu erhalten wünschte: wurden sie Handels einig,

 

 

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so war kein Gesetz vorhanden, das ihn zu vollstrecken hinderte. Wirklich finden wir, daß die Eingebornen im Fortschritt der Zeit bloße Waaren, und zwar so sehr nur Sache wurden, daß man es fast nicht rügte, wenn ein Ritter oder anderer Gutsbesitzer einen seiner Bauern tödtete. Als der Rath zu Reval einst einen solchen Mörder hinrichten ließ, zwang der darüber erbitterte Adel die Stadt, das Thor, unter dem es geschehen, vermauern zu lassen. - Nur die Nothwehr, wie schon oben erwähnt, wurde nicht als ganz sträflich betrachtet.

 

Ein auch als Geschichtsforscher sehr hochachtungswerther Schriftsteller der neuesten Zeit *), hat aus Chroniken und Urkunden eine an sich große, für den umfaßten Zeitraum vor 1200 bis 1630 jedoch kleine, Zahl von Stellen gesammelt, in welchen von Rechten der Eingebornen gesprochen wird; aber es ist ihm nicht gelungen, den Namen einer

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*) Sonntag, in den Jahresverhandlungen der kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst. Bd. 1.

 

 

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Autorität aufzufinden, deren Geschäft es gewesen, über die Beachtung dieser Rechte zu wachen, oder ein Beispiel, daß eine Verletzung derselben geahndet worden. Wenigstens hat er keine solche Stelle angeführt. So möchten jene sehr vereinzelt dastehenden Aeußerungen doch nicht mehr beweisen, als daß das Gefühl des Rechts nie bei allen Zwangsherren völlig erstorben war, und daß es zuweilen bei den Versammlungen derselben laut genug aufschrie, um Gehör zu erzwingen, wenigstens für die Zeit der Versammlung. Die Menschen sind immer viel gutartiger als der Mensch; (aus derselben psychologischen Ursache, warum der Einzelne in der Regel energischer und talentvoller ist, als eine Versammlung.)

 

Mit Flammenzügen, die bis zur Verletzung des Sehenden hell beleuchten, gibt dagegen das berühmte achtzehnte Blatt der Chronik, welche der Revalsche Prediger Rüssow 1577 und zum zweiten Mal 1583 (in Quart) drucken lies,

 

 

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eine Schilderung, die zwar nur kurz ist, aber mehr für die wirkliche Gestaltung der Verhältnisse beweist, als alle Archive für diejenige, die bestehen sollte.

 

Er fängt damit an, die Zusammensetzung des Landgerichts in Esthland zu erzählen, von dessen Aussprüchen keine Appellation Statt fand, aber als wenn er sogleich der Ansicht vorbeugen wolle, dieses Gericht habe einige Ordnung im Lande bewirkt, setzt er hinzu:

 

"Die vom Adel, in Gesammtheit und einzeln, hatten Macht und Gewalt, das jeder in seinem Hause und seinen Gütern einem Todtschläger gegen jedermann, auch gegen seine eigne Obrigkeit, Sicherheit zusagen und gewähren konnte. Dazu hatte jeder vom Adel in seinem Hofe ein eignes Hofgericht an Hals und Vermögen zu richten, und wenn ein Missethäter auf dem Gute eines Edelmanns ergriffen worden, ist derselbe nicht der Obrigkeit, sondern dem Edelmann, in dessen Markung

 

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und Grenzen er ergriffen, überantwortet worden." Nachdem Rüssow die Bildung eines solchen Gerichts aus eingeladenen Freunden und einigen Bauerältesten beschrieben, zerstört er wieder durch die Schilderung der Ausbildung, jede bessere Erwartung, welche die Form, ich meine die Theilnahme der Bauern an dem Gerichte, erwecken könnte.

 

"So herrlich, sagt er, die Edelleute in Livland privilegirt waren, so elend waren die armen Bauern in diesem Lande mit Gericht und Gerechtigkeit versehen und versorgt. Denn ein armer Bauer hatte nicht mehr Recht, als sein Edelmann oder Vogt nur selbst wollte; und der arme Mann durfte sich bei keiner Landes-Obrigkeit über irgend eine Gewaltthätigkeit oder ein Unrecht beklagen. starb ein Bauer mit seinem Weibe und ließ Kinder nach, so wurden diese so bevormundet, daß der Herr die ganze nachgelassene Habe der Eltern an sich nahm, die Kinder aber

 

 

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mußten nackt und bloß an den Feuerstätten (in den Bauernhütten) des Edelmanns herum liegen, oder in den Städten betteln, und auf ihr väterliches Vermögen verzichten. Alles was ein armer Bauer besaß, war nicht sein, sondern Eigenthum der Herrschaft. Beging er ein kleines Vergehen, so wurde er wider alle Barmherzigkeit und menschliches Gefühl, von seinem Junker oder Landvogt nackt emporgespreizt, und ohne Schonung für sein Alter, mit langen scharfen Ruthen gestäupt. – – Auch fanden sich Manche unter dem Adel, die ihre armen Bauern und Unterthanen gegen Hunde und Windspiele verkauften und vertauschten. Solchen und dergleichen Uebermuth, Unbill und Tyrannendruck hat die arme Bauerschaft, ohne irgendeine Einmischung der Obrigkeit hier im Lande, von dem Adel und den Landvögten leiden und dulden müssen."

 

Mit eng beklemmter Brust wirft wohl jeder Besserfühlende von einer solchen Gestaltung

 

 

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ängstlich die Blicke umher, um irgend eine mildernde, wenigstens wider das Aeußerste schützende Gewalt zu entdecken. Die Geschichte weist keine nach; wenn sie nicht etwa aus dem folgenden Umstande hervorgeht, den Rüssow als einen Beweis der von den Deutschen vernachlässigten Rohheit der Eingebornen anführt. Er sagt: "Wurde ein Bauer erschlagen und entleibt, so brauchten seine nächsten Verwandten ihr eignes Recht, und machten den Mörder nieder, wo sie ihn fanden, ohne Urtheil und Henker, und ohne Rücksicht, daß er vielleicht eine Nothwehr gethan. Und wenn der eigentliche Mörder nicht ergriffen wurde, mußte oft sein nächster Verwandter, ja sein Kind in der Wiege für ihn büßen." Hier also war die furchtbare Schranke: Blutrache hieß sie. – Zwar sagt Rüssow nur, daß die Bauern sie unter sich übten; aber es gibt Beweise, daß sie im gerechten Schmerz nicht auf Stand und Nation sahen, und

 

 

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wenn sie zu schwach waren, sie selbst zu üben, sie von den Gesetzen der nächsten Stadt forderten, dem Mörder dort, "das Geleit beschlugen."

 

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Historische Einleitung. Zweites Buch. Versuche zur Milderung der Leibeigenheit unter monarchischen Regierungen bis zum Jahre 1804.

 

Die Eingebornen von der Narowa bis an die Memel waren zu Heloten herabgewürdigt; aber ihre Bedrücker verloren bald die entfernteste Aehnlichkeit mit den Spartanern. So bald der Kampf mit den Eingebornen entschieden war, versanken sie in die üppigste Schwelgerei, die nur durch die Rohheit ihrer Genüsse weniger entnervend wurde, und, uneingedenk daß ihr Staat doch immer nichts als eine schwache Kolonie in einem Küstenlande sey, die sich nur durch Einigkeit und beständige

 

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Unterstützung aus dem Mutterlande erhalten konnte, strebten sie, sich von diesem ganz unabhängig zu machen, und suchten einander selbst zu unterjochen. Das Erste mußte ihnen bei ihrer Entfernung von Deutschland leicht gelingen, besonders da dieses selbst, als Staat, an so großer Unförmlichkeit und Spaltung litt, und keine deutsche Regierung ein wahres Staatsinteresse dabei hatte, daß diese Länder den Reichsgesetzen gehorchten. Die Reformation zerknickte in Deutschland die letzte Feder, welche dort ins Spiel gesetzt werden konnte, um den katholischen Halbpriesterstaat in Esth- Lief- und Kurland zu unterstützen, und da sie diese Provinzen selbst erreichte, gebar sie täglich neue Zwistigkeiten und trieb sie über alle Möglichkeit der Versöhnung hinaus.

 

Vier verschiedne Massen, in ihrem Innern selbst mannigfach gespalten, sehen wir zu jener Zeit in diesen Ländern einander immer mit Eifersucht bewachen, nicht selten bekriegen:

 

 

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und doch gründete sich ihre ganze Macht darauf, das die fünfte, die bedeutendste von allen, in stumpfer Unterthänigkeit fröhnte. Fünf Bischöfe und zwei Aebte kämpften durch Intriguen, zuweilen auch durch Waffen mit dem Orden um den Vorrang; die nichtgeistlichen Vasallen beider Theile forderten wenigstens im Bezirk ihrer Güter und im Innern ihrer Schlösser unabhängig zu seyn, und wandten sich deshalb bald dieser Partei zu, bald jener; die Städte endlich, meistentheils von hanseatisch-republikanischer Verfassung, erkannten in dem Orden und den Bischöfen nur beschränkte Schutzherren, die sie nicht selten mit dem Schwert in ihre Gränzen zurückwiesen *).

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*) Einen interessanten, und in mancher Rücksicht selbst wichtigen Blick auf die Verhältnisse dieser Massen, gibt folgendes:

 

Memorial an den Fürsten Radzivil 1562.

"Demnach Ew. Durchlaucht über die Verfahrungsweise bei unsern Landtagen einen Bericht verlangen: als ist es seither also gehalten worden."

"Wenn die Auctoritäten und die Stände der Provinz sich versammelt hatten, so wurde ihnen

 

 

 

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Indes diese Spaltungen in den Küstenprovinzen sich zur Unheilbarkeit erweiterten,

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öffentlich durch den Kanzler des Herrmeisters gedankt, daß ein jeder, dem Willen seines Fürsten gemäß, sich zu dem Landtage unbeschwert eingefunden. Die Landes-Auctoritäten ersähen daraus den schuldigen Gehorsam und die Treue gegen die Obrigkeit, und wie man das Wohl des Vaterlandes allem Uebrigen vorziehe."

 

"Hierauf wurden die Puncte vorgelegt, über welche in der Versammlung berathschlagt werden sollte, von welchen sodann jeder Stand sein besonderes Exemplar erhielt. Nach reifer Erwägung und Erörterung derselben, wurde an einem bestimmten Tage eine Generalversammlung gehalten, und was nach Gebrauch und zum Nutzen des Staates zu thun sey, durch Stimmen-Sammlung festgesetzt."

 

"Bei der Berathung und Abstimmung wurde diese Ordnung beobachtet, daß der Erzbischof, nebst den Bischöfen von Dorpat, Oesel, Kurland und Reval, nebst den Aebten von Falkenau und Padis, den einen Stand ausmachten und gemeinschaftlich berathschlagten. Nach ihnen folgten der Herrmeister mit den Gebietigern und Rittern des Ordens, welche den zweiten Stand bildeten, und über ihre Stimme gleichfalls sich vereinigten. Die dritte Stelle hatte der Adel des gesammten Livlands, mit welchen die Rathe der Fürsten, als Eingeborne und Pfleglinge der Provinz, sich vereinigten, welche nun auch wie der unter sich die Stimmen sammelten, und so ihre Meinung abgaben. Den letzten Platz hatten die Städe Riga, Dorpat, Reval, Pernau, Wenden, Wolmar, Narva , Fellin uud Kokenhusen, mit denen zusammen auch die Schloßhauptleute stimmten." (Von hieran folgen Rathschläge, was bei dem Landtage 1562 zu beobachten seyn möchte. – Das Lateinische Original befindet sich in einem Convolute gleichzeitiger Concepte und Copien im Rigischen Rath-Archiv, bezeichnet: Caps. Aul. Polon. N. 34. (P. IV. N. 5.) Acta Conv. gener. ord. Liv. Rig.)

 

 

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waren in dem Binnenlande hinter ihnen ganz entgegengesetzte Veränderungen vorgegangen. Ansehn und Religion des Krihwe waren zwar der Macht und der Kirche des Papstes erlegen, und die Gränzstämme der Witen in Preussen, Kur- und Livland der Eroberungssucht der Deutschen, aber die Hauptmasse der Nation, in Litthauen, durch Heere von Flüchtlingen aus jenen Provinzen verstärkt, hatte sich zu einem mächtigen monarchischen Staate ausgebildet, dessen Regent sogar einst vom Papste selbst eine

Königskrone erhielt, und dessen ganze Macht sich wahrscheinlich bald vernichtend auf das zerstoßene Rohr an der Küste geworfen hätte, wenn nicht Anfangs die Feindseligkeiten, dann die Verbindung mit Polen, diesem damals immer zerrütteten Staat, seine Thätigkeit nach jener Seite gehindert hätte.

 

 

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Noch sehr viel wichtiger für den ganzen Norden wurden die Umgestaltungen, die in Rusland eingetreten waren. Das Tatarische Joch war zerbrochen, die vielen kleinen Fürstenthümer zu Einem furchtbaren Reiche zusammengefaßt, die großen Interessen der Selbstständigkeit mit den Nachbarn durchgefochten, manche der Letztern sogar unterworfen. – Auch Staaten haben ihren Naturtrieb, der sie, selbst ohne Verfeinerung der Politik, erkennen läßt, wessen sie zum Fortdauern und Fortschreiten bedürfen. Den Russen befahl der ihrige, nach dem Besitz der Küsten ihres weiten Vaterlandes zu streben, um der Segnungen des offenen Handels zu genießen, und den gebührenden Rang unter den Nationen einzunehmen. Daher die Jahrhunderte lang sortgesetzten Angriffe auf Ingermannland, Esthand und Livland, die immer erneuert wurden, so oft Rußland im Innern Ruhe, und einen energischen, einsichtsvollen Monarchen an seiner Spitze hatte.

 

 

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Nicht die Einzelnheiten derselben, nur ihre Resultate sind dem Gegenstande dieser Schrift wichtig. Das erste war, daß Reval und das nördlichste Esthland, da sie entschieden sahen, daß der Orden sie nicht beschützen könne, sich 1561. unter die Hoheit Schwedens begaben, dessen Monarch, Erich, die alten Dänischen Privilegien der Städte und des Adels bestätigte. Hierdurch über seine wahre Lage vollends aufgeklärt, und mißtrauisch gemacht gegen seine Nebenregenten untergab der Herrmeister, Gotthard Kettler, 1562. Livland und das übrige Esthland, der Herrschaft Polens und wurde dafür mit Kurland, als einen Herzogthume, mit Semgallen als einer Grafschaft, unter Polnischer Hoheit belehnt, und zugleich mit der für ihn und seine Nachkommen immerwährenden Statthalterschaft in Liv- und Esthland. Diese letzte Würde hätte für die Fortdauer der Ueberreste des alten Staates, deren Privilegien auch der König von Polen bestätigte, sehr

 

 

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wichtig werden können, aber die Eifersucht der durch die Säkularisirung des Ordens in Livland entstandenen weltlichen Ritterschaft beraubte sie dieses Vortheils. Sie beschwerte sich nach wenigen Jahren, daß der neue Herzog die Lehen und Aemter in Livl- und Esthland nur an seine Vasallen und Freunde vertheile, und baten um einen Polnischen Statthalter. Man weiß nicht, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sich Herzog Gotthard diesem Ansuchen lebhaft widersetzte. Es wurde denn auch um so bereitwilliger erfüllt, da es die Plane begünstigte, auf welche die Polnisch Litthauische Regierung durch ihre ursprünglichen Verhältnisse zu diesen Provinzen geleitet werden mußte.

 

 

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Maßregeln Stephan Bathory's gegen die Leibeigenheit in Livland.

 

Wenn nehmlich die Deutschen, aus langer Gewohnheit der Herrschaft, und durch, die Unbeschränktheit ihrer Gewalt über die Eingebornen berauscht, sich gleichsam für natürliche Herren dieser Länder ansehen mochten, und ihre Anerkennung der Polnischen Hoheit als einen freiwillig eingeräumten Vorzug, der ihnen durch Sicherung in dem Besitz ihrer bisherigen Vortheile, und durch Gleichstellung mit den vornehmsten ihrer neuen Mitbürger, nicht zu hoch bezahlt würde, erschienen sie und ihre Aufnahme in den Polnischen Reichskörper, den Polen, und vorzüglich den Litthauischen Magnaten, ganz anders. Diese erinnerten sich sehr gut, daß die Leibeigenen dieser Länder ihre Stammesbrüder seyen, und waren noch zu sehr der Kämpfe um die Freiheit derselben eingedenk, als daß sie in den Deutschen aller Stände etwas anders erblickt hätten,

 

 

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als gewaltthätige Fremdlinge, deren verderbliche Macht nun gebrochen sey, und die man vertreiben müsse. Auch dem Blick der Polnischen Regierung konnte es nicht entgehen, das sicherste, wenn nicht das einzige Mittel, diese werthvollen Provinzen ganz und zuverlässig ihrem Reiche einzuverleiben, sey, die Fremden, was ihnen die Deutschen waren, zu entkräften, und dagegen ihre eignen Stammesverwandte, die Eingebornen, wieder zu erheben.

 

Diese Ansichten und Plane sprachen sich schon unter den schwachen Regierungen von Sigismund August und Heinrich von Valois auf mannigfache Weise aus, indem man jeden Anlaß ergriff, ehemalige Domänen der Bischöfe und Herrmeister, die in den letzten Zeiten verlehnt worden, zurückzunehmen; indem man selbst Schlösser, welche jederzeit, Privatpersonen gehört hatten, wenn sie den Russen abgenommen wurden, nicht ihren alten Eigenthümern wiedergab; sondern im Namen

 

 

 

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der Regierung besetzt hielt; endlich auch indem man, so viel sich's thun ließ, die Befehlshaberstellen mit Polen besetzte. Als der Held Bathory zum Könige erwählt war, und mehr Energie in die öffentlichen Maßregeln brachte, traten auch jene Absichten deutlicher hervor.

 

Im Jahr 1582. am 12ten März kam er nach Riga, wo er den Bürgern die Jakobskirche entriß und sie den Jesuiten einräumte; einen Polen als einen Burggrafen zur obersten Policeiverwaltung einsetzte, dem Rath das Recht nahm, über adelige Verbrecher Urtheile zu fällen; am Ausfluß der Düna eine Festung zu bauen befahl, die nöthigenfalls den Handel hemmen und aus Deutschland kommende Hülfe zurückweisen konnte; übrigens aber die Privilegien der Stadt bestätigte. Jetzt bat auch der Landadel um die Bestätigung seiner Vorrechte und Untersuchung seiner Beschwerden. König Stephan verwies ihn mit beiden Gesuchen an den Reichstag;

 

 

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dagegen aber lies er eine Anzahl Bauern vor sich fordern, und ihnen ankündigen: "Ihr elender Zustand schmerze ihn. Er sey entschlossen, sie aus ihrer Sklaverei zu befreien, und als erste Bürgschaft dafür, wolle er verbieten, sie künftig bei etwanigen Vergehungen zu geisseln: sie sollten nur mit Geldstrafen oder Gefängnis belegt werden können *). Der Gedanke dieser Aenderung war ganz im Geist des obenerwähnten Planes. seine Ausführung hätte mit Einem Zuge den Eingebornen wieder Standesrechte ertheilt und zugleich den wichtigsten Punkt der Adelsprivilegien vernichtet, denn es verstand sich wohl von selbst, daß man diejenigen, die man nicht mehr geisseln durfte, noch weniger zum Tod verurtheilen konnte, und waren die Bauern erst der Furcht vor dem Richtschwerte und der Staupe entnommen, so ließ sich erwarten,

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*) Man hat den Vorgang bezweifelt, weil keine Akten darüber zu finden sind. Es war ja aber nur eine mündliche Aeußerung bei einer Audienz.

 

 

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daß sie auch in Rücksicht andrer Punkte, die Hülfe selbst suchen würden, die man ihnen zu leisten nur den Anlaß wünschte. Sie waren indeß allzusehr gebeugt, um den Muth zu haben, die dargebotene Gnade anzunehmen. Man versichert wenigstens, sie hätten den König angefleht, sie mit dieser Neuerung zu verschonen. –

 

In demselben Jahre machte der Polnische Gesandte zu Stockholm, Warschewitz, dem Könige Johann den Antrag, sich mit Stephan zur völligen Vertreibung der Deutschen aus Esth- und Livland, zu verbinden, – sagt Kelch; aber Johann wies den Antrag zurück, und machte ihn bekannt.

 

Auf dem Reichstage, an den der Livländische Adel verwiesen worden, wurden seine Deputirte mit unverkennbarer Geringschätzung behandelt. Ihre Gesuche wurden auf den nächsten in Livland selbst zu haltenden Provinzialtag verschoben, und die einzige Bestästigung ihrer Privilegien, die sie erhalten konnten,

 

 

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war ein Schreiben, worin der König erklärte, er wolle die Belehnungen bis zum letzten Erzbischof, Marggraf Wilhelm, und die Bestätigungen des Königs Sigismund August, für gültig erkennen. Der letzte Erzbischof und die letzten Herrmeister waren nämlich, willig oder gezwungen, sehr freigebig an Belehnungen mit Gütern gewesen, da sie den Untergang des Staates so nahe vor sich sahen; die Rücknahme dieser Belehnungen mußte den Deutschen Adel schwächen, und Gelegenheit geben, ihn mit Polen und Litthauern zu vermischen. Einigen Livländischen Edelleuten, die dem Könige große Dienste geleistet zu haben behaupteten, wurden auf ihre Forderungen zwar Güter in ihrem Vaterlande geschenkt, als sie sie aber in Besitz nehmen wollten, zeigte es sich, daß sie zum Theil wüste Landflecken waren, zum Theil schon Andern gehörten, welche der Polnische Statthalter selbst in ihrem Besitz schützte.

 

In dem königlichen Beschlusse eines in

 

 

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Livland zu haltenden Provinzialtages heißt es ausdrücklich:

 

"Da wir hören, daß das Landvolk in Livland bisher außerordentlich (miris modis) gedrückt worden, finden wir es nöthig, Maßregeln zu ergreifen, das sein Zustand erträglicher werde."

 

Eine Vorbereitung auf diesen Provinzialtag war es, daß Stephan, 1583, in Livland die Polnische Verwaltungsform einführte, einen Polen zum Bischofe von Wenden ernannte, in Wenden, Dorpat und Pernau Polnische Castellane zur Justizverwaltung einsetzte und eine allgemeine Gerichtsordnung erließ: ein Beweis, daß der Kleinmuth der Bauern ihn nicht in seinem Plane irre gemacht. Auf dem Landtage selbst erklärte der Cardinal Radzivil, als Gouverneur, im Namen des Königs, alle Güterverleihungen des letzten Erzbischofs, des letzten Herrmeisters und des ersten Polnischen Gouverneurs, Chodkiewicz, für ungültig; forderte, das alle Edelleute

 

 

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ihre "Schlösser und feste Häuser" schleifen, und sich begnügen sollten, ihre Wohnhäuser mit einer Palisade zu umgeben; verordnete endlich eine Revisionscommission, vor der alle, die Güter in Livland besaßen, das Recht auf dieselben beweisen sollten.

 

Die Antwort, welche der Adel ertheilte, gehört nicht hieher, wohl aber, daß die erwähnte Commission sogleich gebildet, und für jeden Kreis ein königlicher Beamter und ein Livländer zu Gliedern derselben ernannt wurde. Kurz nachher forderten die Litthauer eine dreißig Meilen lange Strecke von Kurland zurück, das heißt, den größesten Theil von Semgallen, als einen ehemaligen Theil von Litthauen. Der König Stephan ernannte eine Commission, die aus Polnischen Großbeamten bestand, zur Untersuchung der Forderung. Sie blieb indes unentschieden, wahrscheinlich nicht so wohl weil der Herzog protestirte, als weil gerade damals wegen des Piltenschen Stiftes große Streitigkeiten zwischen Polen und Dänemark

 

 

 

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entstanden waren, und mit den Einwohnern des Stiftes gefochten wurde.

 

Im Jahr 1584. kam König Stephan nach Wilna. Der Livländische Adel hatte ihm dorthin Deputirte entgegen geschickt, um ihm seine Beschwerden vorzutragen. In ihrer Gegenwart begrüßte ihn, zum Empfange, der zehnjährige Sohn des Litthauischen Großschatzmeisters mit einer zierlichen Lateinischen Rede, worin er, unter andern, den König dringend beschwor: "Die Transmariner, die sich in Livland gesammelt hätten, auszurotten oder übers Meer zurückzujagen, und diese alte Provinz Litthauens ihrem Mutterlande wieder zu geben." Darauf antwortete Stephan freilich nichts, aber die Bitten der Livländer um Bestätigung ihrer Lehnbriefe bewirkten nur einen Befehl an seinen Revisions-Commissär Pekoslawsky, einige wahrscheinlich nicht hinlänglich begründet gefundene Lehnbriefe sogleich zu cassiren, und die Schlösser, auf die sie lauteten, militärisch zu besetzen,

 

 

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was auch sofort mit Kokenhusen und vielen andern Besitzungen geschah.

 

Im Jahr 1586. scheint der König die Angelegenheiten in Livland zu einem entscheidenden Schlage für reif gehalten zu haben. Er sammelte um Riga, das sich seinen Unwillen durch die Hinrichtung zweier ihm ergebenen Rathsherren und andre eigenmächtige Schritte zugezogen hatte, viele Truppen. Dann befahl er dem ganzen Livländischen Adel, bei Verlust seiner Habe und Güter, mit aller Rüstung, die er noch besaß, am 13ten November bei Neuermühlen zu diesen Truppen zu stoßen. Der Adel gehorchte. Der erste Befehl des Polnischen Feldherrn Fahrensbach – der einzige Livländer, der seine alten Güter nicht nur, sondern auch bedeutende neue erhalten hatte,– war, der Adel solle hier, im Spätherbst, im Felde stehen bleiben, und darüber wachen, daß der Bau der neuen Festung am Ausfluß der Düna durch nichts gestört würde. Bald traf auch Pekoslawsky ein, der

 

 

 

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Woywode von Sendomir und Marienburg, und kündigte an, hier, wo der Adel mit allem Kriegsvermögen, das ihm übrig war, sich zwischen mehrern Seen, von Polnischen Truppen umringt sah, solle sogleich ein Landtag gehalten werden. Die Anträge, mit denen er diesen eröffnete, entsprachen den drohenden Anstalten zu demselben.

 

Er warf dem Adel vor: "Daß die Bauern von ihrer Herrschaft so jämmerlich unterdrückt, und mit so grausamer Knechtschaft und Strafe belegt würden, daß dergleichen in der ganzen weiten Welt, auch bei Heiden und Barbaren nie erhört gewesen. Die Pflicht des Königs sey, für seinen niedrigsten Unterthan zu sorgen, wie für den vornehmsten: so fordre er denn, daß die Ritter- und Landschaft von einem solchen Verfahren abstehen, und ihren Bauern nicht mehr Last auflegen sollten, als die in Polen und Litthauen trügen."

 

Für den Fall, daß dieser erste Antrag Widersetzlichkeit erzeugen sollte, scheint der

 

 

 

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zweite berechnet gewesen zu seyn. Er lautete: "Der König habe gerechte Ursache zu klagen, daß viele unter dem Adel sehr wankelmüthig und ihm und der Krone Polen nicht so treu wären, als Eid und Pflicht ihnen vorschrieben. Die Ritterschaft solle sogleich Anstalten treffen, diese Glieder von sich auszustoßen." Hier war also schon das Urtheil der Widersetzlichen gesprochen.

 

Die übrigen Anträge betrafen unter andern Gegenständen von geringerer Bedeutung, auch eine neue Gerichtsordnung. Der versammlete Adel scheint die Gefährlichkeit seiner Lage lebhaft gefühlt zu haben, denn was uns eine Chronik von seiner Antwort aufbehalten hat, athmet eine ungewöhnliche Nachgiebigkeit. In Rücksicht des ersten Punktes sagte er: die Ritterschaft könne freilich nicht verbürgen, daß einer und der Andere mehr an seinen Bauern verübe, als billig, solche möchten es vor Gott und Sr. Majestät verantworten. E(s wurde also das

 

 

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Recht des Königs anerkannt, die Bauern gegen ihre Erbherren zu schützen.) Uebrigens wäre doch erweislich, daß die meisten Edeleute ihre Bauern zur Zeit der Noth mit Ochsen und Pferden und andern Bedürfnissen unterstützten." – – In Rücksicht des zweiten Punktes baten sie, man möchte die Schuldigen nennen, und einen Proceß gegen sie instruiren.

 

Mit diesen Antworten und einer Deputation der Stadt Riga, worin sie sich gegen den Argwohn, sie gehe mit einem Abfall um, vertheidigte, und bat, den Bau der Festung einzustellen, einige ihrer Bürger aber, welche der König in die Acht erklärt hatte, frei zu sprechen, sandte Pekoslawsky einen Courier nach Grodno, wohin sich König Stephan begeben hatte, vermuthlich um den Gang der Angelegenheiten, wenn es nöthig würde, schnell persönlich leiten zu können. Der König er widerte den Deputirten in öffentlicher Audienz am 26. Nov.: "Er erkläre hiermit alle Transacte und Privilegien der Stadt für null und nichtig.

 

 

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Wenn die Stadt sich nicht, ohne irgend eine Ausnahme, auf Gnad' und Ungnade unterwürfe, würde er sie schon zu demüthigen wissen, und sie solle aller Hoffnung auf Gnade entsagen." –

 

Diese Botschaft erfüllte Riga mit Schrecken, und den versammleten und umzingelten Adel wohl nicht weniger, da sich aus ihr abnehmen ließ, was auch er zu erwarten habe. Unerwartet aber lief bald darauf die Nachricht ein, der König sey, sechs Tage nach jener Erklärung, am 2ten December, durch den Irrthum eines seiner Leibärzte. *), gestorben. – Die Polnischen Generale, welche die versammleten Truppen befehligten, kamen selbst in die Stadt, um des Königs Ableben anzuzeigen, und forderten und erhielten die üblichen Versicherungen der Fortdauer der Treue. Mit ähnlichen Förmlichkeiten benachrichtigte

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*) Simonius hieß der Mann. Bei einem Anfall von Krämpfen, der den König traf, hatten die andern Aerzte ihm den Wein verboten, Simonius aber angerathen.

 

 

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und entließ Pekoslawsky den versammleten Adel, der am 22sten December vom Rande des Unterganges nach Haus zurückkehrte. –

 

Durch Stephan Bathory's Tod war die größeste Gefahr abgewendet, welche jemals den Deutschen Adel in Livland bedrohete, und bei den Verwirrungen, in welche jetzt Polen selbst, durch die Streitigkeiten über die Besetzung des Throns, gerieth, scheinen alle Plane auf Livland beseitigt worden zu seyn. Aus den 24 Jahren, während welchen dieses noch unter Polnischer Hoheit blieb, sind blos einzelne Acten übrig, welche den Zustand der Bauern beleuchten und beweisen, daß wenigstens der Gedanke, er müsse verbessert werden, nicht unterging.

 

Der König Siegmund schickte im Jahr 1597 eine neue General - Revisions-Commission nach Livland, welche die Rechte der Güterbesitzer untersuchen sollte, und nebenher den Zustand des Landmannes. Diese erließ an

 

 

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alle Verwalter königlicher Domänen ein Verbot bei Cassation, den Bauern keine nicht vorgeschriebene Abgaben aufzulegen, oder sie daran zu hindern, daß sie ihre überflüssigen Produkte zum Verkaufe abführen. "Nach diesem Beispiel versprach der zum Landtage versammlete Adel (am 15ten Jan. 1598) "bei adlichen Ehren seine Unterthanen hinführo, all ihr übriges Korn und andre Waaren, das sie über ihre Gerechtigkeit und Schuld bauen, frei und ungehindert nach den Städten bringen und ihre Nothdurft dagegen aus denselben holen zu lassen." Das also war ihnen noch nicht erlaubt gewesen! –

 

In dem Berichte, welchen die Revisions Commission 1599. nach Warschau schickte, sagt sie, sie habe in manchen Gegenden die Bauern in einem bejammernswerthen Zustande gefunden. Die Aecker seyen ihnen ungleich nach bloßem Gutdünken zugetheilt. Ihre Herren bedienten sich beim Empfange der Abgaben

 

 

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und Schuldenbezahlung eines großen Maßes, bei Ertheilung der Unterstützungen aber eines kleinern. Sie und ihre Verwalter verhängeten nach Willkühr Geldstrafen, und sönnen sich neue ungewöhnliche Dienstleistungen aus."

 

Dieselbe Commission befahl einem Rigaischen Rechtsgelehrten, Namens Hilchen, ein Gesetzbuch zu entwerfen, das sie unterschrieben haben soll. Er konnte nur von dem ausgehen, was er vorfand; und so bezeugt sein "Livländisches Landrecht," daß noch im Jahr 1599.

 

"Jeder Edelmann in seinem Gute, seinen Marken und Gränzen volle Gerichtsbarkeit über jeden eines Verbrechens Angeschuldigten hatte, der dort ergriffen wurde, – auch, was sich daraus schließen läßt, das Recht seine Auslieferung zu verweigern *);

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*) Eigentlich sagt die Stelle B. 1. Tit. 9. Der Edelmann solle "das Recht mittheilen," das heißt, nicht mehr, wie ehemals, Verbrechern eine Freistatt gewähren.

 

 

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Jeder Edelmann unbeschränkter Herr über den Bauer und dessen Vermögen war *);

 

Jeder Edelmann auch Todesurtheile auf seinem Gute fällen konnte, wenn er einige adlige Nachbaren zu Beisitzern des Gerichtes einlud (B. 2. Tit. 17.).

 

Aus einer Unterlegung, welche der Livländische Landtag zu Wenden schon 1601. dem Herzoge von Südermannland machte, erhellt indeß, daß jene Polnische Revisions-Commission auch darauf angetragen habe, es möge den Bauern freistehen ihre Kinder in die Schule zu schicken, und diejenigen Söhne, die zur Bestellung des väterlichen Landstückes nicht nöthig wären, ein Handwerk lernen und ausüben zu lassen; – daß der Adel dieses aber abgelehnt habe.

 

*) Die Stelle B. 2. Tit. 10, heißt: "Die Erbbauern und welche von ihnen geboren worden, ingleichen auch ihre Haab und Güter, sind in ihrer Herrschaft Gewalt; und können ohne derselben Wissen und Vollwort nichts veräußern."

 

 

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Bald nachher brach der Krieg zwischen Polen und Schweden aus, der erst 1629. und zwar mit der Abtretung Livlands an Schweden, endigte.

 

 

 

 

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Bemühungen schwedischer Monarchen, die Leibeigenheit in Esth - und Livland zu mildern.

 

Einen Plan, die Deutschen ganz aus Esth- und Livland zu vertreiben, durfte der Adel von der schwedischen Regierung freilich nicht befürchten; doch um ihre Herrschaft in diesen Provinzen festzusetzen, konnte auch sie keine bessere Maßregel finden, als die innere Verfassung derselben nach der Schwedischen zu modeln. Aber Schweden kannte nur einen ganz freien Bauernstand, der selbst auf den Reichstagen nicht selten die entscheidende Rolle spielte! –

 

Daher hatte der Herzog Carl von Südermannland 1601. kaum die kleinern Städte und das flache Land bis in die Gegend von Riga eingenommen, als er auch schon eine Versammlung des Livländischen Adels nach Wenden ausschrieb, und neben der Aufforderung, sich Schweden zu unterwerfen, Vorschläge zum Besten der Bauern that.

 

 

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Ein großer Theil des Adels stellte sich ein, huldigte der Krone Schwedens, doch in Rücksicht des Verlangens,

 

"daß die Bauerkinder Schulen besuchen und Handwerke lernen dürften,

 

erklärte er: das habe schon der König Stephan Bathory gewünscht und vor zwei Jahren die Revisions-Commission zu Riga gefordert, aber beide seyen durch das Betragen der Bauern, durch ihre Bitte um Beibehaltung der Leibesstrafen und durch die Nachricht, welche Greuel die Bauern bei ihren Aufrühren (nehmlich vor 160 Jahren, und nicht in Liv- sondern in Esthland,) begangen, überzeugt worden, daß sie gar nicht zur Freiheit taugten. Er müsse dies Ansinnen also auch jetzt ablehnen. Sollte sich indeß irgend ein guter Kopf unter ihnen finden, so könnte ihm ja wohl seine Herrschaft erlauben, irgend etwas Nützliches zu lernen. – Auf die Bemerkung, daß den Bauern kein "rechtmäßiger Proces" offen stehe, setzte der Landtag

 

 

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aus einander, wie die Gutsherren seit Alters her bei der Gerichtshegung über ihre Bauern verführen. Der Herzog mochte indeß wohl gemeint haben, daß diese gegen die gerichtshegenden Gutsherrn selbst keine Rechtshülfe hätten. –

 

Bald nachher nahm der Krieg in Livland eine nachtheilige Wendung für Schweden. Wahrscheinlich erinnerte dies den Herzog, daß es unpolitisch sey, die innern Verhältnisse der Provinz zu berühren, ehe man sicher sey; nicht von außenher in ihrem Besitz gestört zu werden. Es finden sich keine Anzeigen, daß die schwedische Regierung wieder etwas für die Bauern that, als bis Livland 1629. ihr förmlich abgetreten war.

 

Gleich nachher verordnete König Gustav Adolph, ohne vorhergehenden Antrag bei dem Adel, daß auch Bauernkinder in das von ihm gestiftete Gymnasium aufgenommen werden sollten, und daß in demselben auch Lettisch und Esthnisch gelehrt werden sollte.

 

 

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Im folgenden Jahre 1630. verordnete er bestimmte Markttage, an welchen es den Bauern freistehen solle, ihre Produkte öffentlich und selbst in den Städten zu verkaufen, indem er zugleich den Edelleuten und Pächtern strenge verbot, sie daran zu hindern.

 

1632. nahm er dem Adel nicht nur die peinliche Gerichtsbarkeit über seine Bauern, sondern ertheilte diesen auch das Recht, ihre Herren selbst bei dem Hof- und dem Landgerichte zu verklagen.

 

Zu gleicher Zeit ging auch eine vom Könige verordnete Revisions-Commission durchs Land, nicht um, wie die ehemalige Polnische, die Dokumente der Gutsbesitzer zu prüfen, sondern die Ländereien der Bauern, und die Leistungen, die sie für den Besitz derselben trügen, zu untersuchen, und Verzeichnisse darüber zu verfertigen.

 

Riesenschritte zur Verbesserung! Aus edlerer Absicht, als in welcher Stephan Bathory handelte,

 

 

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milder und wirksamer zugleich, als seine Maßregeln ! –

 

Fast ein halbes Jahrhundert verfloß aber seitdem, ohne daß die Plane Gustav Adolphs, der bald nach seiner letzten Verordnung, 1632. bei Lützen blieb, durch neue Einrichtungen kräftig wären fortgeführt worden.

 

Erst 1681. am 27. April that König Karl der Eilfte dem Adel wieder einen Vorschlag zum Besten der Bauern, und zwar geradezu, "die elende Sklaverei und Leibeigenschaft, worunter so viele Christen seufzen müßten, abzuschaffen." Der König sey gesonnen, diesen aus alten heidnischen Zeiten her eingerissenen Gebrauch" auch auf seinen eignen Gütern in Livland aufzuheben.

 

Die Verfasser der Antwort, welche der Adel darauf ertheilte, scheinen die vor achtzig Jahren dem Herzog von Südermannland gegebene, im Archive nachgeschlagen und zum Muster genommen zu haben. Denn auch sie

 

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gehen auf Stephan Bathory zurück und erzählen, er habe Kirchen und Schulen für die Bauern erbauen wollen (was, beiläufig gesagt, ungegründet ist;) aber die Bauern hätten "sich aus allen Kräften dawider gesetzt, und beim König Stephano billig angehalten, daß sie ja nicht von ihrer alten Gewohnheit abgeleitet, sondern bei ihren rauhen Sitten und Gesetzen gelassen werden möchten." Dann führen sie besonders an, daß die Bauern um Fortdauer der Leibesstrafen gebeten, und daß sie ehemals blutige Aufstände gemacht hätten; und äußern, daß die Freisprechung der Bauern das Land entvölkern und die Ritter- und Landschaft in die äußerste Lebensgefahr setzen würde: "welches von derselben abzuwenden, und diese Landesbauern insgesammt in ihrem jetzigen Zustande zu lassen, Ew. Königl. Majestät Edle Ritter- und Landschaft in Demuth anflehet, zumalen sie ja nichts mehr als die bloße Hauszucht und das Eigenthumsrecht, ohne welche kein

 

 

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Edelmann im Lande bleiben kann, über die selbe behalten."

 

Karl gab es nach dieser Vorstellung zwar auf, den Adel zur Freisprechung der Eingebornen zu bewegen, nicht aber, diese auf einem andern Wege einzuleiten.

 

Wahrscheinlich mit um den Widerspruch der Ritter- und Landschaft bei einem Gegenstande, der seinem Verstande und seinem Herzen so wichtig war, zu ahnden, ertheilte er der Kommission, welche untersuchen sollte, mit welchem juristischen Rechte denn die einzelnen Glieder dieser Ritter- und Landschaft ihre Güter besäßen, neue und strengere Instructionen. Es zeigte sich, daß bei vielen nicht die ursprüngliche Belehnung mit ehemaligen Domänen, bei manchen gar keine Fundation der Besitzung nachzuweisen, viele von der Königin Christina wider die Reichsgesetze verkauft waren; und solche Güter wurden reducirt, das heißt, meistentheils ohne Schadloshaltung, wieder in königliche Domänen verwandelt.

 

 

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Die empörende Härte dieser Maßregel zu fühlen, braucht man sich nur zu erinnern, daß wenn eine Unrechtmäßigkeit dem Besitz dieser Güter zum Grunde lag, sie zum Theil fünf Generationen weit, in die Zerrüttung der herrmeisterlichen und bischöflichen Zeiten, zurückfallen mußte; daß die meisten Güter an die gegenwärtigen Besitzer nur durch Erb- oder Kaufrechte gekommen seyn konnten, welche selbst von schwedischen Tribunälen für begründet erkannt seyn mußten, da diese Provinzen schon seit fünfzig Jahren unter schwedischer Herrschaft standen. "Das ist, ruft der stürmische, nachmals so unglückliche Patkul in einer Schrift aus, "das ist öffentlicher Treubruch, verübt von der höchsten Autorität, die allen Treubruch strafen sollte!“ – Widerlegen kann man dies nicht, aber diejenigen, welche Karls in vielfacher Rücksicht sonst so hochachtungswerthen Karakter von dieser Anklage, wo nicht ganz befreien, doch wenigstens minder beschatten lassen möchten,

 

 

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würden ihn vielleicht damit entschuldigen, daß jeder der Männer, an denen er diese Ungerechtigkeit übte, sich ja kurz vorher geweigert hatte, einer Ungerechtigkeit zu entsagen, die sie selbst an Tausenden von Mitbürgern ausübten. Sie würden außer andern politischen Gründen anführen, daß Karl nach einem sehr großen Gute für seinen Gesammtstaat gestrebt, und es immer in seiner Macht behalten habe, wenn durch die Schwächung des Adels die Freiheit der Bauern erreicht worden, die einzelnen Leidenden unter dem Adel zu entschädigen. Doch der Versuch gewisse Erscheinungen zu entschuldigen, verletzt das Gefühl fast so sehr, als diese selbst. –

 

Untadelhaft dagegen und von großer Weisheit vorgeschrieben war die Bestimmung der zweiten, der Revisions-Commission. Diese begann das Geschäft von neuem, das ihre von Gustav Adolph verordnete Vorgängerin fehlerhaft und unvollkommen ausgeführt hatte.

 

 

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Sie untersuchte den Werth der Bauerländereien auf den Kron- und Privatgütern, und bestimmte darnach, was jeder Bauer für die seinigen leisten solle. Diese billigen Bestimmungen wurden für die Krongüter auf dem Kameralhofe einzeln ausgefertigt, unter dem Namen der Wakkenbücher, und galten bald für eine allgemeine Norm, die in der Folgezeit auch für alle Privatgüter festgesetzt wurde. Eine Maßregel wie diese zeigt, daß, wenn Karl seinem unsterblichen Vorfahr Gustav Adolph an Flug des Genies und an Zartgefühl für's Recht nachstand, er ihn an Schärfe des praktischen Blickes übertraf. Was Karl ausführte, scheint Gustav Adolph nur dunkel vorgeschwebt zu haben.

 

Durch die Maßregeln der Reductions-Commission gehörten von den 6332 Haaken Landes, welche Livland ungefähr enthält, dem Adel nur noch 1021 3/8 Haaken; das übrige aber war großentheils dem ärmern, besitzungslosen Adel vom Könige verarrendirt.

 

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Man sieht, daß die Einrichtungen, welche er für die Krongüter traf, wohl für die ganze Provinz entscheidend werden mußten. Um dies zu beschleunigen, schaffte er, gleich nachdem der Proceß wider Patkul und die andern für Aufrührer erklärten Deputirten des Livländischen Adels entschieden war, den Landesstaat ab, das heißt, die Einrichtungen, wodurch die adlichen Gutsbesitzer auch außer den Landtagen als eine Corporation thätig seyn konnten. Die erst von der Königin Christina 1643. bewilligten Landräthe erklärte er für aufgehoben; bestimmte, daß nur auf Befehl des Königs Landtage gehalten, und sich nur wirklich besitzliche Edelleute auf demselben einfinden sollten; daß niemand Beschwerden auf dem Landtage anbringen, sondern wer sich gedrückt fühlte, sich an den Generalgouverneur wenden solle. Die Geschäfte der Landräthe und Adelsgerichte übertrug er königlichen Beamten.

 

Nach dieser Vorbereitung ging er dazu über,

 

 

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dem Bauernstande auch staatsbürgerliche Geltung zu geben, oder sie wenigstens vorzubereiten. "Er fing damit an, daß er den Arrendatoren – das heißt, wie wir oben sahen, den adligen Verwaltern von fünf Sechstheilen des flachen Landes, – am 20sten Nov. 1694. verbot, ihre Bauern mit Ruthenstrafe zu belegen: hätten die Bauern etwas verbrochen, so sollten sie vor Gericht gestellt werden. Er verbot den Arrendatoren ferner, bei Strafe das Doppelte erstatten zu müssen, irgend eine Abgabe von den Bauern zu fordern, die nicht im Wackenbuche vorgeschrieben wäre; oder irgend eine nicht vorgeschriebene Arbeit, bei Strafe für jeden Arbeitstag mit einem Pferde, zwei Thaler, für jeden Tag Fußarbeit, einen Thaler büßen zu müssen.

 

Im folgenden Jahre berief er dann die adligen Privatbesitzer zu einem Landtage, und der General-Gouverneur Hastfer hielt einen Vortrag

 

 

 

 

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an denselben über die Hausdisciplin des Inhalts:

 

"Es wolle E. E. Ritterschaft auf deren Güter ebenmäßig (nämlich wie es auf den Krongütern schon befohlen worden,) eine christliche und billige Moderation in der Hauszucht Ihnen anbefohlen seyn lassen, und dieselbe von allen unmäßigen Excessen, unchristlichen und unerträglichen Belastungen, sammt allen unbarmherzigen Verfahrungen, dadurch der arme Bauer um Gesundheit, Lebensunterhalt, Gebrauch seiner Gliedmaßen, ja gar ums Leben mannigmahl gebracht wird, saubern und darin so disponiren, wie Ihrer königl. Majestät heilige Intention das christliche Recht und Gebühr deren, denen Gott über andre einen Vorzug nach seiner Ordnung gegönnt hat,"

 

"erfordert, und ein jeder so wohl in foro conscientiae, als justitiae, wenn dieselbe sollte und müßte imploriret werden, zu verantworten sich getrauet. etc."

 

 

 

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Die Antwort des Landtages kenne ich nicht; aber wie sie auch mag ausgefallen seyn, es war nun von neuem festgesetzt, daß das forum Justitiae auch von den Bauern der Privatgüter, bei Uebermaß an Forderung oder an Strafe, angerufen werden konnte. –

 

Im Jahr 1696. faste die Schwedisches Regierung darauf alle zum Besten der Livländischen Kronsbauerschaft gemachten Verordnungen zu einem allgemeinen Gesetzbuche, das Oekonomie-Reglement benannt, zusammen. Einem im folgenden Jahre versammelten Landtage wurde darauf die Erklärung gethan, daß der König – im Allgemeinen – die gegenseitigen Rechte der Gutsbesitzer und ihrer Bauern durch das Oekonomie-Reglement in Ordnung gebracht habe. Die Bauern müssen indeß diese Erklärung nicht abgewartet haben, um Hülfe zu suchen, denn eine Landtagserklärung von demselben Jahre bittet schon,

 

"weiln der Bauern malitieuse unart dermaßen vielfältig ist,

 

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daß sie oft ganz ungegründete und erdichtete Klagen führen, um diese (die Gutsherrschaft) nur bei der hohen Obrigkeit in üble Opinion, zu deren höchst touchirlichem blame zu setzen,

 

so möge für solche ungegründete Klagen eine Strafe bestimmt werden.

 

In demselben Jahre starb Karl der Eilfte. sein jugendlicher Nachfolger wurde bald hernach zu dem großen Kriege gebracht, in dessen Anfange er Peter dem großen hartnäckig den Besitz eines Handelshavens an der Ostsee abschlug, und dessen Ende war, daß ganz Liv- Esth- und Ingermannland dem Reiche zufiel, dem diese Provinzen schon durch die Natur ihrer Lage zugesprochen werden, und dessen Oberherrschaft sie, nach Nestors Zeugniß, schon zu Ruriks Zeit anerkannten. Es war die politisch-natürliche, und im Laufe der Zeiten immer unausbleibliche Erscheinung, daß die Küste zu ihrem Binnenlande zurückkehrte.

 

Ehe wir den Gang betrachten,

 

 

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den die Angelegenheiten der Eingebornen bis zu der ehrenvollen und heilbringenden Entscheidung nahmen, deren Zeugen wir geworden, wollen wir einen flüchtigen Blick zurück, auf den Hauptinhalt dieser historischen Einleitung werfen.

 

Roh, aber frei und voll mannhaften Selbstgefühls, fand Mainhard die Eingebornen dieser Provinzen, – fand Bischof Albert sie noch. Durch seine, auf kein Recht oder Gesetz gestützten Belehnungen, stieß er sie in die Leibeigenheit hinab, und ließ sie zurück, preisgegeben allen Forderungen bewaffneter Selbstsucht und wilder Leidenschaftlichkeit. Nach viertehalbhundert Jahren stürzte der morschgewordene Bündel von bischöflichen, ritterlichen und Handelsstaaten auseinander. Sie unterwarfen sich fremder Herrschaft, ohne daß von Rechten der Eingebornen die Rede war. Diese kommen, wie die Bäume ihres Waldes, wie Produkte des Bodens, mit den andern Theilen des Vermögens ihrer Herren,

 

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unter die Oberverwaltung der Monarchen fremder Nationen.

 

Die Litthauischen Magnaten, eingedenk ihrer Stammverwandtschaft mit den Eingebornen, betrachten die Deutschen nur als eine gewaltthätig eingedrungene Kolonie, und fordern von ihrem Monarchen die Vertreibung derselben, aber wohl nur, wie die Verfassung ihres eignen Landes beweist, um das Volk zu ihrer Habe zu machen, nicht um es zu seiner alten Selbstständigkeit aufzurichten. Stephan Bathory, obgleich mit andern Absichten als seine Großen, bereitet sich ihre Forderungen durch Einen Gewaltstreich zu erfüllen. Im entscheidenden Augenblick stirbt er, und drei Jahrzehende hernach wird Livland Provinz eines andern Staates, dessen Nation den Leibeigenen so fremd ist, als den Erb herren.

 

Aber dieser Staat hat einen freien Bauernstand, der dem Monarchen bei der Beschränkung des Adels große Dienste geleistet hat:

 

 

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diese streben also darnach, dieselben Vortheile in Liv - und Esthland zu erlangen. Sie nehmen die Leibeigenen unter den Schutz der Gesetze, sie öffnen ihnen Wege zur Bildung bestimmen und beschränken ihre vorher ungemessenen Lasten, geben ihnen Rechte und Tribunäle diese zu schützen.

 

Wieder wechselt das Uebergewicht unter den Staaten der Nachbarschaft, und die Erbherren und ihre Leibeigene werden zusammen der Herrschaft eines dritten Staates unterworfen, dessen Nation zwar auch stammverwandt, mit der Letztern ist, dessen weite Gränzen aber eine zu große Mannigfaltigkeit von Völkern umschließen, als daß die Beschaffenheit des Ursprungs derselben politische Rücksicht werden könnte, und dessen unumschränkte Monarchen zu mächtig sind für das Bedürfnis, an dem politischen Gegengewicht der Stände zu künsteln. Weder das nächste Interesse der Regierung also, noch das der Großen, wirkte hier für die Leibeigenen,

 

 

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die selbst nicht im Stande sind, für sich zu rechten. Hier scheint alle Hoffnung für sie erloschen. Und gerade unter der Herrschaft dieser erhabnen Regierung sehen wir sie nach Verlauf von noch einem Jahrhundert als freie Staatsbürger aufgestellt.

 

Wer vermochte dies Wunder zu schaffen? – Weise Menschenhuld auf einem unumschränkten Throne, in einem aufgeklärten Zeitalter. Nicht politische Berechnung, Alexanders Seelengröße ließ den Freiheitsruf über unsre Provinzen ergehen. Aber auch hier ist Güte, die höchste Weisheit.

 

. . .

 

 

 

 

 

Quelle:

Die freien Letten und Esthen. Eine Erinnerungs-Schrift zu dem am 6ten Januar 1820. in Riga gefeierten Freiheitsfeste, von Dr. G. Merkel. Riga, 1820. bei C. J. Hartmann S. III-XII, 1-110

 

 

Das Buch wurde durch das Münchener DigitalisierungsZentrum eingescannt und ist unter folgendem Link zugänglich:

https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10783073_00005.html

 

Die freyen Letten und Esthen

Autor / Hrsg.: Merkel, Garlieb Helwig ; Merkel, Garlieb Helwig

Verlagsort: Riga | Erscheinungsjahr: 1820

Signatur: Russ. 103 b

Reihe: Die freyen Letten und Esthen

Permalink: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10783073-0

 

 

 

Für Interessierte sei ebenfalls ein Buch des Predigers zu Lais, Heinrich Johann von Jannau empfohlen, das 1786 erschienen ist, ebenfalls vom Münchener DigitalisierungsZentrum eingescannt wurde und unter folgendem Link zugänglich ist:

https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10782432_00007.html

 

 

Geschichte der Sklaverey und Charakter der Bauern in Lief- und Estland

Verlagsort: S.l. | Erscheinungsjahr: 1786

Signatur: Russ. 45

Reihe: Geschichte der Sklaverey und Charakter der Bauern in Lief- und Estland

Permalink: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10782432-9