Der Elm von J.H.Ch. Schmidt


DER ELM
Schilderung
von
J. H. Ch. Schmidt
weiland Kantor in Lucklum

Bearbeitet und herausgegeben von
Richard Schmidt
Verfasser vom Illustrierten Elmführer
*
zweite durchgesehene Auflage



Verlag von Karl Pfankuch
Braunschweig 1925



Vorwort zur ersten Auflage.
Die nachfolgende Schilderung des beliebten Ausflugortes,
welche, im Herbste 1860 verfaßt, seither ungedruckt blieb, ist
es wert, einem weiteren Leserkreise bekannt gemacht zu werden;
zumal, abgesehen von kurzen Einzelschilderungen in Zeitschriften
und gedrängten Beschreibungen in Elmführern, über den Elm
nur eine längere Monographie, die aber wesentlich nur Ge-
schichtliches berücksichtigt, herausgegeben worden ist (Bode, der
Elm und seine Umgegend, Braunschweig 1846). Die aus eige-
ner Anschauung und durch jahrzehntelanges Vertrautsein mit
dem Leben im und am Elm gewonnenen Eindrücke sind hier
in so lebendigen Farben geschildert, daß dem Leser mit Weh-
mut klar wird, wie damals doch manches noch so ganz anders
war im Elm, und wie die Neuzeit mancher lieblichen Idylle
dort den Garaus gemacht hat. Möge denn diese Abhandlung in
ihrer Ursprünglichkeit und Frische dem Elme neue Freunde
gewinnen und zugleich das Andenken des verdienten Schul-
mannes wach erhalten.
Schöppenstedt, im Juni 1905.
                                                               R. Schmidt.


Vorwort zur zweiten Auflage.
Mit vorliegender Auflage soll einem seit Jahren in Nach-
fragen seitens Privater und des Buchhandels sich äußernden
Bedürfnis nach Beschaffung des längst vergriffenen Elmbüch-
leins nachgekommen werden.
Unbeschadet der Eigenart der Abhandlung glaubte ich die-
jenigen Wünsche betreffs Streichung oder Kürzung einiger
wegen Pietätsrücksichten aus dem Original beibehaltenen, zu
sehr ins einzelne gehenden Angaben beachten zu sollen, auch
sonst leise Änderungen vornehmen zu dürfen. Damit möchte
ich allen, nach den verflossenen beiden Jahrzehnten jetzt durch
neuzeitliche Verkehrsmittel, sei es Auto, Rad und nicht zuletzt
die Braunschweig-Schöninger Bahn, dem Elm in größerer
Zahl zugeführten Besuchern eine dem heutigen Geschmack an-
gepaßte Anleitung in die Hand geben, sich des Segens zu
freuen, den das Herz im Elm gewinnt.

Rühme, im Januar 1925.
                                                        Rich. Schmidt.

Der Elm.
1. Ursprung und Gliederung.
Wo dat Echo schallt
Dör de Böken hin,
Na de gröne Wald
Treckt mi Hart un Sinn,
Wenn de Drossel fleit,
Wenn de Bläder weiht,
Wenn de Wind der geiht
Baben hin!
        Quiaborn von Klaus Groth.

Der geneigte Leser muß sich’s nicht verdrießen lassen, min-
destens 1100 Meter hoch über den Meeresspiegel, d. h. auf den
Brocken mich zu begleiten, wenn er das reizende Elmgebirge
— strenge Geographen werden nur von Elmhügeln wissen
wollen — genauer kennen lernen will. Wenn wir vom altehr-
würdigen Blocksberge nördlich hin ausschauen, dann findet
unser Auge am Rande des Horizonts, in der Richtung von
Osten nach Westen ein dunkles, langgestrecktes Oval. Das ist
der Elm!
Seinen Namen führt er nicht von gestern her; denn in der
Gründungsurkunde des Domes von Königslutter, ausgestellt von
Kaiser Lothar im Jahre 1135, kann jeder ihn schon lesen, dem es
darum zu tun ist. Sonst findet man in alten Schriften Elun,
Meliun, Melun und Melme. Mit römischer Zunge aber
mußte sich der deutsche Elm Helimana silva nennen lassen.
Fragt der geneigte Leser nun etwa, wie das freundliche Ge-
birge zu seinem Namen gekommen, so mag ein alter gelehrter

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Forscher ihm antworten. Dieser behauptet: Elm komme her
von Ulme, da Ulme im Altdeutschen Elmbom geheißen. Dar-
nach müßte unser Gebirge früher im Ulmenschmucke geprangt
haben, während es jetzt den herrlichsten Buchenwald trägt.
Aber inmitten der Krimmelburg oberhalb der Reitlingswirt-
schaft schaut noch heute eine stattliche Ulme hinaus ins Land.
Da wir nun einmal bei der lernbegierigen Frage: ,,Woher?“
sind, so bitte ich den freundlichen Leser und Ausschauer, sich
zunächst sagen zu lassen, wie das großartige ,,Siehdichum!“
gebaut ist, auf dem er sich soeben vergnügt befindet. Es möchte
sich dabei auch in Kürze ein ,,Woher?“ für den Elm erledigen. Der
Granitfelsen, auf dem unser Fuß hier steht, war einst eine
glühende flüssige Masse, tief im Erdkörper unter der soge-
nannten Sedimentformation hinwogend. Da mag's nun wohl
den Granitwogen einmal ,,zu eng im Schloß“ geworden sein,
und sie haben sich mit unbändiger Gewalt nach oben gedrängt,
wie es etwa noch heute in jeder Küche an einem siedenden
Topfe in kleinem Maßstabe zu schauen ist. Die Sediment-
formation war verständig genug nachzugeben, ließ sich auch,
wenn’s nicht anders gehen wollte, durchbrechen, wie es hier
auf diesem unsern Aussichtspunkte klärlich vor Augen liegt.
Die heißen Granitwogen aber erstarrten in der frostigen Höhe
und hängten sich nun die Sedimentformation wie einen decken-
den Mantel um. Wenn nun der Granit im Harzgebirge hoch
brodelte und am höchsten unter dem Mons bructerus aufwallte,
so besänftigte er sich doch nach und nach und begnügte sich da-
mit, die Sedimentformation in ,,parallelen Wellen“ bald mehr,
bald weniger emporzuheben. Unter dem Elm war es ein sanf-
teres Wogen. Die siedende Masse konnte kaum ein Drittel
ihres höchsten Aufwallens erreichen, brachte aber doch das
Sedimentgestein auf einem Punkte bis zu 325 Meter über die
Meereshöhe empor, ohne es zu durchbrechen. Das ist unter
dem Eilumer Horn geschehen, dem höchsten Punkte des Elmes.
Der Leser wird sich nun selber sagen, weshalb ich ihn auf den
Brocken führte, wenn ich ihm vorläufig die lieben Elmberge
zeigen wollte. Von ihm aus läßt sich allein begreifen, wie
das langgestreckte dunkle Oval dort nördlich an den Horizont
gekommen. Gelehrte Leute hätten kurzweg gesagt: ,,Der Elm
gehört zu dem herzynischen Gebirgssysteme!“
Wenn wir uns nun von hier aus vorläufig unterrichten
konnten über dies und das, was man wissen muß, wenn man

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das Elmgebirge anschaulich kennen lernen will, so müssen wir
natürlich die Hauptsachen selbst an Ort und Stelle zu verstehen
suchen, darum: ,,Auf nach dem Elme!“ In einer mäßigen
Tagereise sind wir dort, wenn wir etwa zu Fuß bis Harz-
burg pilgern und von da aus bis Braunschweig die Eisenbahn
benutzen. Es soll von hier ab nicht über 2½ Stunde währen,
so befinden wir uns in Lucklum, an der Südwestspitze des
Elmes. Im Eisenbahnwagen läßt sich noch manches Wort
schwatzen, was dem Leser für die weitere Elmkenntnis nicht
undiensam sein wird. Vom Harze und anderen Gebirgen ist
bekannt, daß sie nur zum Teil zu Braunschweig gehören. Der
Elm dagegen ist ganz und gar der Unsrige, und wir Braun-
schweiger des nördlichen großen Drittels sagen mit berechtigtem
Stolze: ,,Der Elm gehört uns ganz!“ Und das will
etwas sagen! Es handelt sich bei diesem Ausrufe um fast
34000 Waldmorgen, gleich 110 Quadratkilometer, also etwa
um den neunten Teil sämtlicher Forsten unseres Ländchens.
In den Besitz teilen sich der Staat und die umliegenden Ritter-
güter und Ortschaften. Der Elm steht in forstwirtschaftlicher
Hinsicht unter den Oberforstämtern Schöningen und Königs-
lutter. Die drei Kreisdirektionen Braunschweig, Wolfenbüttel
und Helmstedt, die am dreieckigen Stein, dem Ostpunkt des
Dettumer Grundes, zusammenstoßen, wachen nach ihrem Recht
und Befugnis über ihn.
Wir sind unter solchem Geplauder dem Elm immer näher
gekommen. Schon zeichnen sich seine Berge tiefblau hinein
in den östlichen Abendhimmel. Vom Sickter Berge, kaum
¼ Stunde von Lucklum, genießt man das schönste Bild vom Elm.
Sein Kamm schwingt sich in wundervoller Schlangenlinie,
gebildet von vier Hebungen und drei Senkungen, von Norden
nach Süden über Kampberg — Destedter Tal, Tafelberg —
Dettumer Grund, Taubenberg — Reitlingtal zum Evesser
Berg. Vor dem Ausläufer der letzten Hebung breitet sich
Lucklum aus. Der Kirchturm ragt wie ein bedeutungsvoll aus-
gestreckter Finger hoch in die schöne Kurve, und in den Fenstern
der alten Kommende der Deutschritter verglüht rotgolden das
Abendrot. Wir treten, wenn einfache, freundliche Aufnahme
genügt, in das geräumige, weil einem doppelten Zwecke ge-
widmete Schulhaus, in dem noch heute die Lucklumer Heimat-
hymne von J. H. Ch. Schmidt nach der Melodie ,,Steh ich in
finstrer Mitternacht“ erklingt:

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1. Am Elme liegt ein Dörflein klein,
In Deutschland kann’s nicht schöner sein!
Es heißet Lucklum, wohlbekannt,
In grauer Zeit schon gern genannt.

2. Dies Dörflein steht in Gottes Hut,
Drum geht’s ihm allewege gut
In Freud und Leid bei Tag und Nacht,
Solang’ der gute Hirte wacht.

3. Ein stattlich Haus blickt hell und fein
Von Lucklum in den Elm hinein.
Der Wandrer hemmt des Fußes Lauf,
Schaut fragend zu dem Bau hinauf!

4. Blick südwärts hin! Dort wirkt und schafft
An Kinderseelen Bildungskraft,
Und dort nach Norden ruhet aus
Das Alter nach des Lebens Graus.

5. Zusatz von R. Waldmann:
Erhalte, Gott, dies Dörflein lang!
Das ist der Wunsch aus Herzensdrang.
Sei du mit ihm, wie stets bisher! —
Herr, dir allein gebührt die Ehr’!

Wir sehen noch den Vollmond in seiner Pracht hinter dem
Gebirge heraufsteigen und merken an dem lustigen Umher-
flattern einer Fledermaus, daß morgen auf heiteres Wetter zu
rechnen ist für unsere Elmfahrt. Wir gehen ganz früh beim
heitersten Himmel von Lucklum nach Erkerode und dann neben
,,dem Bache mit dem Morgensegen“, der singenden und klingen-
den Wabe in den Elm hinein. Der Wanderer will ungern aus
dem Eingange zu dem lieblichen Reitlingtale fort. Wald-
wärts und landwärts ist ja der Anblick so fesselnd. Doch wir
dürfen hier nicht lange verweilen, wir haben eine weite Wan-
derung vor. Der Elm, der in seiner südöstlichen Hälfte die
Verhältnisse eines Kettengebirges, in der nordwestlichen da-
gegen die eines Massengebirges darstellt, hat immerhin eine
Längenausdehnung von etwas über fünf Stunden. Die Breite
ist sehr verschieden. Sie beträgt nicht weniger als eine Stunde
und überschreitet das Maß von zweien nicht viel. Die größeste
Länge bezeichnet eine Linie von Abbenrode aus nach

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Schöningen gelegt; die stärkste Breite befindet sich zwischen
Evessen und Königslutter. Von Eitzum nach Räbke durchmißt
man die Breite am schnellsten. Ich möchte den Leser nun auch
mit der vertikalen Gliederung des Elmes ein wenig bekannt-
machen. Versetzen wir uns denn aus unserm Eingange zum
Reitlinge nach Schöningen. Von dort aus läuft der Rücken
des Gebirges, steiler nach Süden, milder nach Norden ab-
dachend, in mancherlei Senkungen und Hebungen bis über
Erkerode, nur die eingeschlagene Richtung vor Eitzum einmal
verlassend. Wer könnte es aber versuchen, die ungezählten
sanften, hier und da schroff aufsteigenden Höhen, durchfurcht
von lieblichen Tälern mit rinnenden Bächen, mit Worten vor
die Anschauung hinzustellen! Da heißt es: ,,Komm und siehe!“
Ehe wir weiter schreiten, können wir noch die eigentliche
Grundlage des Elmes in Augenschein nehmen. Da treten ja
überall am Wege stärker und schwächer geneigte Felsmassen
hervor. Und dort im Erkeröder Steinbruche schauen wir die
ganze geheime Wirtschaft, mächtige Lager von Muschelkalk,
der bekanntlich zu der sogenannten Triasgruppe gehört. Diese
Formation bildet den Untergrund des ganzen Elmes. Beim
Reitlinge unter dem Burgberge und gegenüber am Herzberge
finden sich auch Gipsstöcke. In den geheimen Kammern des
Gebirges haben die Gewässer seit uralten Zeiten viel Kalkstoff
aufgelöst. Die Elmbäche aber lagerten diese in den Talungen als
Kalktuff ab. Dieser liefert einen zeitweilig sehr beliebten Mauer-
stein und wird namentlich bei Königslutter und Lucklum reich-
lich gewonnen. In dem Muschelkalke des Elmes finden sich
außerordentlich viele Versteinerungen. Da trifft man Am-
monshörner, gestreifte Feilenmuscheln, gemeine Terebrateln und
die vielbegehrte Meerlilie.

2. Die Pflanzenwelt.
Aber es wird nun Zeit, daß wir unsern Sinn wieder auf die
Oberfläche lenken, denn am Leben, wie es gestaltend über die
Erde hinwogt, erweckt und erfreut sich das innerste Sein des
Menschen. Ueberall umgibt uns jetzt der köstliche Hochwald,
noch gehoben durch ausgezeichnete Forstkultur, die selbst das
Ausland bewundernd preist. Die Buche herrscht vor, denn
sie liebt gar sehr den kohlensauren Kalk nebst der betreffenden
Meereshöhe und ist deshalb so recht in ihrem Elemente. Es

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finden sich übrigens auch andere Holzarten. In den Talungen
und sonst auch erblickt man Eichen, Linden, Eschen, Ahorn,
Ulmen, Erlen, Birken, Espen u. a. Den schönsten Eichenhain
trifft man beim Brunsleber Felde. Da stehen noch Gestalten,
die man mit dem Wandsbecker Boten ,,umarmen“ möchte, wie
er in seinem Neujahrsliede: ,,Es war erst frühe Dämmerung“
singt. Wenn man aber nach Warberg hinuntersteigt, so er-
blickt man den Riesen des Elmes, die berühmte Eiche, die in
Manneshöhe einen Umfang von neun Metern hat. Leider ist
dieser Zeuge einer grauen Vorzeit jetzt gänzlich abgestorben.
Sie stand westlich von dem Dorfe Warberg. Später ist der
Grund und Boden urbar gemacht und damit jede Spur von
der Eiche verwischt. Von der Größe des Stamminhaltes kann
man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß in
dem hohlen Baum ein gewöhnlicher Tisch stehen konnte, um
den sich spaßeshalber auf Stühlen vier Kartenspieler nieder-
lassen konnten.
Hier und da befinden sich auch nicht unbedeutende Anpflan-
zungen von Nadelholz. Namentlich zeichnet sich der südöst-
liche Teil des Elmes über Schöningen durch herrliche ,,Tannen-
örter“ aus. Es gibt auch einzelne Tannenriesen, woraus man
schließen muß, daß die Alten schon den „Humor des Nadel-
holzes“ liebten. In der Nähe des Brunsleber Feldes finden
sich einige Lärchen, die in Manneshöhe einen Umfang von
3 ½ — 4 Meter haben ungerechnet den turmhohen Wuchs. Will
der Leser aber einmal ,,ungestraft unter Palmen wandeln“,
so schlage ich dazu einen Gang unter die herrlichen Weißtannen
und Lärchen der Ampleber Kuhle vor, deren Pflänzlinge der
Sage nach einst der Förster Brandes auf der Ampleber Kuhle
von seinem Schwiegersohn auf der ,,Kalten Birke“ bei Seesen
erhalten haben soll. Diese gewaltig hohen, schlanken Gestalten,
wie sie im sanften Morgenwinde ihre Häupter unter leisem
Gesange hin und her wiegen, vermögen eine Ahnung tropischen
Waldlebens zu geben, aber auch zugleich versunkener Kraftfülle
deutschen Urwaldes – Da die Forstwirtschaft am Elme nur
Hochwald pflegt, so ist von Gesträuchen eigentlich wenig zu
sagen. Doch drängt sich hier und da die Haselstaude hervor;
Schwarz-, Weiß- und Kreuzdorn nebst dem bekannten Hart-
riegel fehlen ebenfalls nicht. Träumerisch steht da und dort
ein Wachholderstrauch, d. h. vor 60 Jahren, als ob er sich
sehne nach den Genossen, die an den Vorhügeln oft massenhaft

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auftreten. Schneeball und Traubenholunder sind aus den
Kunstgärten in den Wald entflohen und weben mit den Zauber-
fäden der Waldrebe, mundartlich: Wulwesranken, die nament-
lich in den Ruinen der Burg Hebesheim, lies Krimmelburg,
ihr Wesen hat, wunderbare Einzelgemälde in das große, ge-
waltige Elmbild. Auch die heimischen Spierstauden haben
manche ausländische Schwester in den Wald gelockt. Wo aber
,,junge Örter“, d. h. Schonungen gehegt werden, da drängen
sich die Himbeerstauden und Brombeerranken mit den Sahl-
weiden, weniger zum Ergötzen des Forstmannes, doch uner-
setzlich in der Poesie des Waldes. An der Ostseite des Elmes
findet sich auch der Heidelbeerstrauch und im Vorfrühling schon
strömt aus den Kelchen des Seidelbastes der wohlbekannte
märchenhafte Duft. Das Geisblatt Jelängerjelieber m. a.
Sugtitjen, aber klettert über die Büsche und hebt in Schlangen-
windungen seine wunderbar duftenden Blütentrauben aus dem
Dunkel des Waldes hoch in die lichten Wipfel, durch sein
scharfes Zusammenschnüren junger Stämmchen dem Elmbe-
wohner die so beliebten, gewundenen Handstöcke liefernd. Das
Efeu dagegen drückt meist eine unsichtbare Hand in seinem
ersten Aufstreben zurück, und es breitet mit stiller Ergebung
seine dunklen Blätterherzen über den lichten Waldgrund.
Wir sind im Reitling angekommen. Das sonst schmale Tal
weitet sich hier zu einem schönen unregelmäßigen Viereck. In
der Mitte liegt das Vorwerk Reitling, berühmten Andenkens.
Setzen wir uns unter die Buchen vor dem Wirtshause am
Burgberge! Hier läßt sich’s gut erzählen von der herrlichen
Flora, die alljährlich ihre Freudengewinde durch das Märchen
des Elmes schlingt. ,,Hier!“ sage ich noch einmal mit Be-
tonung; denn das Reitlingstal mit seiner nächsten Umgebung
verkörpert die Natur des ganzen Gebirges.
Wenn der Schnee kaum ,,ins Grau“ sich färbt, dann fängt
das Blumenleben des Elmes an zu pulsieren. Da duftet und
glänzt der Kellerhals, und hier drängt sich ein ganzer Himmel
von Leberblümchen, m. a. Hasselblaume oder Märzröschen, her-
vor. Wie die Ave-Maria-Glocke einer einsamen Kapelle läutet
die Knotenblume, m. a.  Zitlöseken, Waldschneeglöckchen, drüben
an dem sonnigen ,,Hamme“ über dem Männeckenspring in der
Herzberggrund den Frühling ein. Steigt man aber dort zu der
Krimmelburg hinauf, siehe, so wogt in den Burggräben, Weiß
mit Purpur gemischt, eine Zauberflut von Lerchensporn. Und

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taucht man hinab in die ,,Hölle“, den dunklen Ostgrund des
Reitlingtales, so fluten auch da dessen Wogen und möchten mit
ihrer Schönheit den finsteren Namen bedecken. Wie sich aber
über den noch braunen Buchenwipfeln der Himmel bläut, so
öffnen sich unter ihnen die Himmelsschlüssel, volkstümlich
Slöttelblaumen, ihre zarten Kelche. Und nun treten still in
diesen Erdhimmel die Engel unter den Blumen: ,,Maien-
blumen, zart gestaltet, sind im Wald die Glöckelein, haben früh
sich all’ entfaltet, läuten nun den Sonntag ein. Alles reget
froh die Schwingen, überall die Glöcklein klingen; durch die
Wipfel säuselt’s auch, just, als wär’s der Engel Hauch.“
Wer will nun ausmalen das immer bunter sich gestaltende
Blumenmärchen! Da nicken und schäkern durcheinander Or-
chideen ohne Maß und Zahl, früh und spät von dem purpurnen
gemeinen Knabenkraut, volkstümlich: Gotteshand un Duiwels-
kralle, bis zur unscheinbaren frühlingsduftigen Herbstblüten-
schraube, Wendelorche, die im niederen Heidekraut der Vor-
hügel Verstecken spielt. Selten zeigt sich in dem bunten Chore
der Frauenschuh, und ebenso schämig verhält sich die Frauen-
träne, Fliegenkraut. Hinter den Wällen der Krimmelburg er-
scheint je zuweilen dem Glücklichen wie ,,ein Märchen aus alten
Zeiten“ der Widerbart, Epipogon.
In der Mitte des Monats Juni prangt der Elm im
höchsten Blumenschmucke! Ich will’s versuchen, den Tag eines
Botanikers um diese Zeit von fern zu zeichnen. Steigen wir
dort ostwärts in die Herzherggrund. Mäandrisch rinnt hier
ein Bächlein und verschwindet endlich in der Teufelsküche
unter dem Herzberge. Oben dies herrliche Laubdach, durch
welches Sonnenblitze herniederzücken, unten ein Meer von Bär-
lauch, silberweiß strahlend. Wie Delphine tauchen hier und
da die seltsamen Gestalten vom gefleckten Aaron, volkstümlich
Papenkinder, aus den Wogen hervor. Aber wir möchten nicht
lange das köstliche Schauspiel genießen, da ein starker Zwiebel-
geruch uns den Aufenthalt verleidet. Darum hinaus in die
lachenden Wiesen, rings von köstlichsten Bergkuppen umhegt.
Da nicken die Trollblumen der fabelhaften Bachnelkenwurz
einen gern erwiderten Gruß zu. Der Wiesenknopf, die Becher-
blume, schwingt die wunderlieblichen Becher dem lustig umher-
gaukelnden Volke der Lüfte kredenzend entgegen. — Noch
wollen wir im tiefen Schatten eines ,,geschlossenen Ortes“ die
leuchtende Wundergestalt des Orchideengeschlechts, den Kopf-

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ständel, das Waldvögelein, schauen und seine lichtscheue Ver-
wandte: die Nestwurz oder das Vogelnest; diesem wohl ähn-
lich, aber im Wesen doch gänzlich verschieden, ziehen wir noch
hervor das Ohnblatt oder den Fichtenspargel und betrachten
beide einmal recht aufmerksam vom Kopfe bis zum Fuße.
Dort aber auf dem lichten Bergrücken wollen wir uns neben
dem schönen purpurblauen Steinsamen an der stolzen Türken-
bundlilie erfreuen. Warnend sei nur noch gezeigt auf die
giftige vierblätterige Einbeere, auf das Christophskraut und
den Wolfs-Eisenhut, mit dessen Wurzelsafte unsere jagdlustigen
Urväter die Pfeile zum Erlegen der Wölfe sollen vergiftet
haben; seine stattlichen Geschwister werden in allen Dorfgärten
gehegt, und in der Heilkunde ist er unter dem Namen Akonit
nicht unbekannt. Ich bin draus und dran geradezu eine
Elmbotanik zu liefern, doch ,,Geduld!“ nur noch einige Kinder
der Flora, wie sie bis spät ins Jahr hinein den Elmwanderer
anlachen. Da ist aus den Vorbergen die maiblumenartig
duftende purpurrote, knollige Platterbse, volkstümlich Erdnötte,
während die wunderschöne Waldplatterbse hier und da am Rande
der ,,Örter“ mit ihren Flügeln sich über die Büsche schwingt
und fast jedesmal in ihrer Nähe den süßholzblätterigen Tra-
gant, Bärenschote, als stillen Bewunderer hat. Im feuchten
Dunkel der Hochflächen scherzt das sonderbare Springkraut,
Blümlein Rührmichnichtan, mit den Vorübergehenden und er-
schreckt klein und groß mit ihren wunderlichen Samenkapseln.
In den moorigen Talwiesen versteckt sich das Fettkraut, während
später der wunderschöne Stern des Sumpfharzblattes als Stu-
dentenröschen blendend hervorleuchtet. Wenn das Jahr zur
Neige geht, dann treten im welkenden Grase Tausendgülden-
kraut, gefranster und bitterer Enzian nebst Dost, volkstümlich
brune Dust, mit ihren lieblichen Farben und heilenden Kräften
hervor und die mächtige Goldrute, volkstümlich Heidnisch
Wundkraut, vergoldet die besonnten Abhänge. Über der Hölle
am Nordhange des Herzberges in dunklem Buchenort ist die
Herberge der Farne. Es ist ein überraschender Anblick! Über-
all scheinen junge Palmenkronen aus der Erde zu steigen.
Und jetzt nur noch zwei Worte vom botanischen Gnomen-
volk, den Schwämmen, volkstümlich Uitschenstäule, die hier
und da aus dem Boden hervorhuschen und oft genug unter
schönem Kleide eine teuflisch-giftige Natur verhüllen. Wir
wollen der boshaften schweigen und nur einige menschen- und

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tischfreundlich nennen, wie sie an unserm Gebirge oft massen-
haft auftreten und noch immer nicht genug gekannt und ge-
schätzt sind. Da, auf kurzgrasigen Matten, sieht man den duf-
tigen Champignon. Im Wald, auf lichten Stellen, schwillt
der Steinpilz oft zu Riesengröße auf: im jungen Stangen-
holz besonders zieht der wunderliche Ziegenbart die Aufmerks-
samkeit an; aber die Steinmorchel zeigt sich in ihrer Schüchtern-
heit selten und nur dem fleißig Suchenden. Die Trüffel lassen
wir still in der Erde träumen, denn ohne den seltnen Trüffel-
hund würden wir sie doch nicht aufscheuchen. Nun aber Schluß
mit dem Wirrwarr botanischer Namenfülle!

3. Die Tierwelt.
Der geduldige Leser muß sich’s nun gefallen lassen, wenn
ich ihn ein paar Stündlein über Stock und Stein dahin führe:
denn auf jeden Fall will er doch auch wissen, was da im Elme
läuft und kreucht, dort in den Lüften schwirrt, hier durch die
Busche schlüpft und im Gewässer durch die klaren Wellen da-
hinfährt. Verlassen wir unsere Bank unter den Buchen und
steigen hinauf in die Einsamkeit nordöstlich vom Burgberge.
Welch eine Stille in dem hohen Buchendome! Aber siehe! da
rauscht es fernhin vorüber, und der kundige Leser erkennt in
der flüchtigen Gestalt den vielleicht einzigen Hirsch des Elmes.
Ehemals war es anders, und die schöne Sammlung von Hirsch-
geweihen, welche den Korridor der Kommende in Lucklum
schmückt, kann  dem Frager genau vergegenwärtigen, was für
stolze Tiere einst unter den Elmbuchen spazierten. Wir wen-
den uns nach Süden und erreichen in einem halben Stündchen
jenen schon genannten Herzberg. Daselbst haben wir vom
äußersten Ostvorsprung einen überraschenden Ausblick in die
ganze Länge des Reitlingtales. Ich fürchte nicht, daß der ge-
fällige Leser nachher auf dem schönen Punkte in die Worte
jenes Engländers ausbrechen wird, den ich einmal dorthin be-
gleitete: ,,Ein mühevolles, deutsches Vergnügen!“ Aber horch!
Da knackt etwas im jungen Orte. Still! still! Sieht der
Leser nicht dort, bald diesseits, bald jenseits der stärksten
jungen Buche, zwei glitzernde Sterne aus dem Halbdunkel auf-
leuchten? Es ist ein Reh mit seinen schönen ,,Lichtern“. Ei,
da ist es ganz! Es flieht! und schwingt sich mit unbeschreib-
licher Anmut über ein Brombeergeranke. Vielleicht treffen
wir weiterhin noch einige dieser Elmgazellen. Dem Bären des

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Elmes, dem mondsüchtigen Dachse werden wir wohl nicht be-
gegnen. Hier am Wege hat er nach Würmern „gestachelt“,
wie zu sehen. Seinen Mietsherrn, den häufig an sonnigen Ab-
hängen bei Tage herumlungernden Fuchs, möchten wir eher
noch antreffen. Der Baummarder läßt sich selten sehen, weil
er weiss, daß der Mensch allzuverlangend die Hand nach seinem
schönen Pelze ausstreckt. Ein munteres Eichhörnchen sehen wir
dort im Baume umherklettern. Man hat den Anblick nicht oft.
Die Haselmaus wird da und dort im Dohnenstiege einmal ge-
fangen, gewöhnlich lebendig; dort drüben im Haselgebüsche der
Ampleber Kuhle legt sie gern ihr Restchen zwischen den Wurzeln
an und füttert es mit Laub und weichem Moos. Im Sommer
nehmen die Hunde gern, zum Ärger des Jägers, ihre Fährte
auf, weil sie stark nach Moschus riecht, was sich im Winter
verliert. Weit unsichtbarer noch verhält sich der Bilch oder
Siebenschläfer; der Name verspricht ein ziemliches Schlaftalent,
worin aber die Haselmaus wenig nachgibt, deren Winterschlaf
auch beinahe sieben Monate dauert.
Unter diesem Gespräch sind wir nun schon durchs Tal, die
Herzberggrund, südlich nach der Ampleber Kuhle hinüberge-
wandert. Einst ein lebhaft betriebener Steinbruch, aus dem man-
ches altehrwürdige Gebäude in Braunschweig seine Bausteine er-
hielt, war dort nachher der Standort eines nun auch ver-
schwundenen Försterhauses. Jetzt ist es eine wahre Wald-
idylle, im Augenblicke durchhallt von dem durchdringenden
Rufe des sprachkundigen Kolkraben. Ihm antwortet mit
schnarrendem Geschrei der schöngefiederte Eichelhäher, der ,,Ver-
räter“ des Waldes. Über unsern Häuptern ziehen einige
Weihen ihre schönen Kreise, und am Rande des Waldes werden
wir späterhin gewiss noch Habichte, Bussarde und deren Kon-
sorten antreffen. Wenn wir hier ein wenig still stehen, dann
schlüpft wohl ein gut Teil des leichtbeschwingten Elmsänger-
chores an uns vorüber. Da spaziert auf dem Wege der vor-
treffliche Waldsänger, der Buchfink, dessen unterschiedliche
Schläge die ehrsamen Handwerksmeister der altberühmten Stadt
Schöppenstedt seit alters her zu Finkenliebhabern machten, als
welche sie denen des Harzes und Thüringer Waldes an Sach-
kunde wenig nachstanden. Den gewöhnlichen Diskelier- und
Reutertiebör-Schläger rechneten sie nicht für voll, aber in der
Sambleber Meine einen Rittvertau oder gar im Kalten Tal
über Twieflingen einen Siegelack zu überlisten, scheuten sie

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weder Weg noch Mühe. Bei guter Buchenmast gesellt sich
im Winter den meist hierbleibenden Männchen mancher nor-
dische Genosse und der Bergfink zu, der aber weder im Gefieder
noch im Gesange an ihn heranreicht. Mit den heimischen Am-
seln, Singdrosseln und den selteneren Misteldrosseln bevölkern
als Durchzugvögel und Wintergäste die Wein- und Wach-
holderdrossel die Dohnenstiege, letztere als eigentlicher Kram-
metsvogel, am Elme volkstümlich Kranzvoggel genannt. Die
Familie der Spechte ist in all ihren Gliedern vertreten, auch
der Schwarzspecht, dessen Lieblingsnistbaum bekanntlich die
Rotbuche ist. Alle die lieben Meisen, Goldhähnchen, Gras-
mücken, Hänflinge, Baumläufer, und was, weiß ich‘s, laufen
und klettern, singen und springen, klappern und klopfen lustig
durcheinander. Dort schlüpft der Zaunkönig von Reis zu
Reis bis oben in den Wipfel einer Lärche. Es ist ein seltsamer
Gesell! Wenn der Winter daherbraust und alles verstummt,
dann singt dieser Troglodyt seine rollenden Triller. Dem
,,Vögelchen so klein und braun, so fröhlich im Schnee“, sekun-
diert das Rotkehlchen, ,,mit Äuglein so klar und hell, oliv-
braunem Rock und Westchcn so rot“ einer unserer häufigsten
Waldsingvögel. Unten im Tale wandert seiner Zeit der schöne
Wiedehopf und stimmt mit dem Kuckuck wunderliche Duette
an, über die das Weibchen des letzteren ein kritisches Lachen
erhebt. Die kostbare Waldschnepfe liebt die sumpfigen Tal-
gründe, an deren klaren Wasserläufen ein vorsichtiger Wan-
derer wohl auch mal den seltenen Eisvogel erspäht. Hier in
den düsteren Tannenreihen rucksen die Ringeltauben und dort
auf den altersgrauen Eichen haben Hohltauben ihren Sitz;
erstere im Herbste in Scharen die anliegenden Kornfelder be-
suchend. Wenn der Tag sich neigt, dann kündigt sich überall
der ,,Vogel der Athene“ an, dessen Familie reichlich ausge-
breitet ist, vom Zwergkauz bis zum sehr seltenen Uhu. Aber
wo bleibt in diesem Chore die Sängerin der Liebe, die Nachti-
gall? — Es ist wunderbar, sie flieht den Wald und findet sich
nur am Rande des Gebirges, wo der Mensch seine Hütte auf-
gerichtet hat.
Ich denke, wir gehen nun weiter, damit wir den Sonnen-
untergang vor dem Westhölzchen über Erkerode genießen. Wir
gehen den Rücken entlang, der vom Plateau beim ,,großen
Rode“ seinen Ausgang nehmend, ständig die 300-Metergrenze
innehaltend und sich im Eilumer Horn und Kucks zu den

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höchsten Punkten des Elmes erhebend, allmählich aber in seinem
letzten Drittel bis zur Waldgrenze sich auf 200 Meter senkt,
Noch raschelt eine Eidechse durchs Gras, und wenn wir etwa
bei Regenwetter unten im Riefengrund uns befinden, würden
wir bald den gefleckten Erdmolch oder Feuersalamander über
den Weg schleichen sehen. Da wir einmal dieser Gesellschaft
gedenken, so sag ich mit Freuden: Ihre giftigen Verwandten
finden sich nicht am Elme. Die oft gefürchtete Blindschleiche ist
friedlich, dazu auch interessant, nicht bloß durch ihr schönes
Kleid, sondern auch in ihrem Skelett durch Schulterbein und
Becken. ·
Der freundliche Leser möchte nun wohl noch von den flinken
Forellen hören, die einst namentlich in der Wabe sich fanden.
Die gute Zeit ist hin. Nur selten ,,kitzelt“ noch an den regu-
lierten Ufern eine schlaue und kundige Hand solch einen bunten
Gesellen. In den Teichen auf Langeleben dagegen hegt und
pflegt man sie jetzt. Jn der Schunter und Lutter gibt‘s
übrigens auch jetzt noch manch wohlschmeckendes Fischlein.
Krebse dagegen beherbergt heutzutage die Wabe selten. In der
Schunter jedoch lohnt sich der Schmerz des Krebsfanges
reichlich.
Was soll ich dem freundlichen Leser nun aber sagen von
den unzähligen übrigen Arten der Gliedertiere? Ich will nur
an einzelnes flüchtig erinnern. Es gehört zu den Prachtmo-
menten im Elme, im Juni so abends durch eine Buchen-
dickung zu schreiten und rings um sich her einen förmlichen
Funkenregen von Leuchtkäferchen, Johanniswürmchen, zu schauen.
Weniger erfreulich ist das oft donnerartige Gebrause der Mai-
käfer, die dann aber auch entsetzliche Verheerungen anrichten.
Der größte europäische Käfer, der Hirschkäfer, läßt sich nicht
selten in den Eichengründen wahrnehmen, wo auch der große
Eichenbock sein Wesen hat. Beide wählen, nachdem ihre finger-
langen Larven jahrelang das Holz alter Eichen nach allen
Seiten durchnagt haben, die linden Juninächte zu lebhaftem
Umherschwärmen. Man findet sie dann oft morgens wie be-
rauscht am ausfließenden Saft der Eiche leckend. Der einzige
seiner Art, der Einsiedler oder Eremit, liebt schon mehr den
heißen Juli, wenn er seinen fast quadratischen Körper einsam
schwirrend durch die Luft trägt. Schwarzlederfarben gibt er
selbst einen juchtenartigen Geruch von sich. Auch die kräftigeren
der flinken Laufkäfer, wie den goldgrünen Puppenräuber und

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den größten einheimischen Laufkäfer, den Lederlaufkäfer über-
rascht nicht selten der aufmerksame Wanderer auf ihren Beute-
gängen, diesen im modernden Buchenlaub, jenen besonders in
Nadelholzbeständen. Von den nachahmenswerten Vorbildern der
Faulen hält sich die große Waldameise in hochaufgetürmten Hü-
geln an sonnigen Kahlschlägen auf. Ach, und nun gar die
Pracht und Mannigfaltigkeit der Falter! Nun, wir haben ja
heute in der prächtigen Augustsonne der hübschen ,,fliegenden
Blumen“ ein gut Teil gesehen und an deren Anblick das Herz
geweidet. Die schönsten, die uns umflatterten im freudigen Ge-
nusse ihres Lebens waren Silberstriche in Menge, dazu der
Fenchelvogel und Trauermantel. Vor vielen andern nenne ich
noch den Schwalbenschwanz und den Segelfalter. Der Toten-
kopf kommt sehr selten vor. Schön ist’s auch, so am Ufer
eines Elmbaches hinzuschlendern und dem Spiel der oft wunder-
schönen Libellen zuzuschauen. Zu ihrer Zeit bekommt man bei
verspäteter Heimwanderung oft auch einen unglückseligen Kampf
mit den ungeheuren Scharen der Stech- und Kriebelmücke.
Will man es aber auf solchen Krieg einmal ankommen lassen,
so entschädigt dafür das zarte Geigenkonzert der Singzirpen.
Nur um dem freundlichen Begleiter den Schrecken zu er-
sparen, sage ich: ,,Da liegt die schwarze Wegschnecke!“ Nicht
so häufig ist es, daß sich auch die gelbe träge über unsern Pfad
schleppt. Die häufig vorkommende Weinbergschnecke, die einst
auch in einem linksgewundenen Exemplar als Unikum am Elm
gefunden wurde, hat sich jetzt schon zurückgezogen oder ist irgend
einem Feinschmecker zur willkommenen Beute geworden. Hat
nun der günstige Leser sein Ohr willig hergegeben eine gute
Zeit, so soll ihm auch bald eine Augenweide beschieden sein,
daran er sich herzlich ergötzen mag!

4. Die Fernsicht.
Vor uns wird‘s hell. Wir sind im Westhölzchen über Erke-
rode. Da steht ein Tisch mit Bänken umher. Zwischen den
Buchen aber schauen wir die einladenden Worte: Salve hospes!
(Sei gegrüßt, Gast!) Und wir finden freundliche Familien aus
Erkerode, die den milden Sommerabend so recht gemütlich unter
hohen Buchenwipfeln genießen.
Wir haben eine Zeitlang freundlich mit ihnen geplaudert und
treten nun hervor an den Rand des Waldes, das wunderbare

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Panorama zu schauen, wie solches sich heute mit dem der Elm-
warte deckt. Welch ein Ausblick! Im nahen Vordergrunde viel
freundliche Dörfer. Da links liegt Evessen, das alte Hebes-
heim, wo der gelehrte Prediger Falk zwischen 1725 und 1762
seine Corveyischen Traditionen schrieb. Vor uns im Wabe-
tale ziehen Erkerode und Lucklum die Blicke an, und die im
Jahre 1408 dem Erzengel Michael zu Ehren gegossene Glocke
von Volzum ruft zum Abendgebet. Von Nordwest schaut die
größte Kirche unsers Landes, die Klosterkirche von Riddags-
hausen über die Ohe her. Links von ihr hebt der 91 Meter hohe
St. Andreasturm  sich ehrfurchtgebietend in den Abendhimmel.
Nach Westen hin aber spiegelt sich die scheidende Sonne in dem
Fahnenroß der Wolfenbüttelschen Hauptkirche. Im Norden und
Nordwest breitet sich das Land zu unabsehbarer Ebene aus, und
das unbefriedigte Auge weckt im Herzen ein unbestimmtes
Sehnen, das sich zu sanfter Melancholie steigert, wenn der
duftige Schleier über der Landschaft sich immer dichter webt.
Aber welch ein Kontrast, wenn nun mit einem stillen Seufzer
der sinnende Beschauer sich nach Süden wendet. Da liegt das
ganze Harzgebirge in seiner überwältigenden Schönheit und
gibt dem landschaftlichen Bilde einen überaus befriedigenden Ab-
schluß. Wer aber kann mit Worten malen, was dem entzückten
Auge sich darbietet. Von der nahen Asse ab schwingen sich die
Bergeswellen durch den Fallstein und den Huy hin immer mehr
hinan, bis sie im Harzgebirge ihren Drang stillen und im
Mons bructerus den Himmel küssen. Und diese Farbentöne und
sanften Übergänge! Im dunkelsten Violett hebt sich die Asse.
Sie gleicht einem Geistesgebilde, das sich noch nicht zu heiterer
Klarheit entwickelte. In den weiteren Schwingungen vollzieht
sich dieser Wandel: Die Farbentöne hellen und verklären sich
immer prächtiger, bis sie im Harze das zarteste Himmelblau
erreichen. Mehr kann die Erde nicht! Aber der Himmel zeitigt,
was die Erde nicht vollenden kann. Deutet das nicht jener
wunderbare Farbenakkord, der vom Himmelsrande her das Ge-
müt durchzittert und dessen tiefsten Ton die Maler mit ,,Meer-
grün“ bezeichnen?
Wir müssen noch einmal nach Norden schauen. Es will uns
nun der Ausblick auf die in den Horizont verlaufende Ebene fast
ängstigen. Doch siehe, da kommt schon die befriedigende Ver-
mittelung. Ein neues Schauspiel nimmt uns gefangen. Die
Sonne ist schon zur Hälfte unter den Horizont hinabgesunken,

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die ganze Landschaft nach Westen ruht vor uns in jener zauber-
haften Beleuchtung, die wir aus italienischen Abendlandschaften
wohl kennen. Alles ist Duft und Farbe, von jenen Gebirgs-
zügen hinter Hildesheim bis zu dem scharf hervortretenden
Burgberge über Lichtenberg. Und wie nun eben die Sonne den
letzten Blick hinüberwirft, da pulsiert eine wunderbare Bewegung
durch das vor uns liegende Gemälde, die sich nicht zeichnen und
sagen läßt, die das Herz sehen muß. Man empfindet ein Ebben
und Fluten, in dem die verschiedenen Farbtöne bald heller,
bald gesättigter erscheinen. Es ist einer jener wunderbaren Mo-
mente, wo Natur und Menschenherz in einem seligen Hallelujah
zusammenklingen. Wir stehen und stehen vor dem herrlichen
Landschaftsbilde, in dem die Farben nun zu dunkeln beginnen
und die Umrisse immer mehr verschwimmen. Ach, wir möchten
es festhalten! Aber die Erde ist das Land der Schatten. Siehe,
da schwimmt im Abendhimmel eine Purpurwolke wie ein
Nachen, der uns mit Entzückungen in die Heimat des Lichts und
der unvergänglichen Farben hinüberretten möchte. Aus dem
Elme aber klingt das heimwehselige Abendlied von Claudius:

Der Mond ist aufgegangen, ·
Die güldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Und der Mond ist wirklich aufgegangen. Wir steigen in
seinem milden Glanze vom Elm hernieder, und wie über die
stille Landschaft breitet sich in unseren Seelen über die mäch-
tigen Bilder des Tages ein zartwallender Schleier. –

5. Bewässerung·
Ein schöner Morgen ist wiederum angebrochen! Wir sind
ganz früh abermals nach dem Westhölzchen hinaufgestiegen und
weiden unsere Herzen und Augen an der gestern betrachteten
Landschaft, wie sie nun in der Morgenbeleuchtung sich aus-
breitet. Oh, das ist alles herrlich; aber in der Abendbeleuchtung
war es charakteristischer. Daß man bei Betrachtung einer Land-

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schaft die Sonne im Rücken haben müsse, ist also eine nicht
immer zutreffende Behauptung. Unser vorher gezeichnetes Bild
will eben gegen die Sonne hin betrachtet sein, wenn es seinen
Zauber entfalten soll. Möchte nun der Leser sich noch einmal
meine Ciceronendienste im Elme gefallen lassen, so folge er mir
nochmals in das Reitlingtal. Wir müssen wählerisch sein mit dem
Wege, denn an Busch und Gras trieft der Tau. Unser Gebirge
übt nämlich durch seine eigentümliche Formation und kräftige
Bewaldung einen bedeutenden Einfluß auf die wässerigen Nie-
derschläge aus und wirkt dadurch tiefbestimmend auf eine nicht
unbedeutende Fläche seiner Umgebung. Es bildet für sie ein
großes Wasserreservoir. Mancherlei interessante meteorologische
Verhältnisse hängen damit zusammen. Im Volksmunde lebt
überall die Behauptung, daß Gewitter nicht über den Elm
dringen können. Prallt aber eins dennoch über das Gebirge,
dann sei Gott gnädig! Ohne Hagelschlag geht’s in solchem Falle
nicht ab. — Und wenn ,,der Elm bäckt und die Altenau braut“,
gibts in kurzer Zeit einen tüchtigen Regen. — Im Herbste und
gegen den Frühling hin haben die Umwohner des Elmes oft
das schöne Schauspiel: an den Vorbergen eine helle Schneedecke
zu bemerken, während im Lande nur Regen fällt. — Wer aber
zur Winterszeit zum Elme aufsteigt, der kann auch ohne Thermo-
meter beobachten, daß es auf dem Gebirge um einige Grade
kälter ist als im Flachlande. Was also der Elm bei Nacht und
Tag im Wandel der Zeiten in seinen tiefen Busen eingesogen,
das reicht er mit schöner Freigebigkeit als einen willkommenen
Segen weit umher in köstlichen Bächen, die als seine hurtigen
Diener bald zu erkennen sind an der eigentümlichen Livree; denn
alle Elmbäche haben, da sie ein stark kalkhaltiges Wasser führen,
einen bläulichen Spiegel. —- Bekanntlich gehört das Land
Braunschweig seiner Wasserverhältnisse wegen teils zum Strom-
gebiet der Elbe, teils zu dem der Weser. Dieselbe Beziehung
stellt auch der Elm dar und erlangt damit, wie auch in anderer
Weise, das Recht, sich als ein Herz- und Mittelpunkt unserer
Heimat respektieren zu lassen. Der freundliche Leser hört’s viel-
leicht nicht ungern, wenn ich ihm rasch nenne, was da vom Elme
her rinnt und rauscht. Die fisch- und krebsreiche Schunter
entspringt an der Nordseite des Elmes über Räbke, nimmt vom
Elm her den Hain-, Scham- (volkstümlich Schammecke) und
Osterbach, das Schickelsheimer Wasser, die Lutter, die Scheppau
samt dem Lauinger Bache auf und ergießt sich bei Walle in die

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Oker. Südwärts am Elm, den Quellen der Schunter gegen-
über, kommt die Altenau hervor, nimmt den Sambleber Sauer-
bach auf und sucht bei der Donnerburg die Fluten der Oker auf.
Über den Reitling bricht aus der Hölle die Wabe hervor,
durchfließt die Reitlingteiche, nimmt die Ohe, in welche sich der
Destedter Sandbach ergießt, bei Sickte auf und vereinigt sich
dann mit der schwesterlichen Schunter bei Querum. Die früh,
schon zu Karls des Großen Zeit genannte Missau kommt über
Warberg hervor und ergießt sich in den Schiffsgraben, um ihrer-
seits auch an der Füllung des deutschen Meeres zu arbeiten.
Nimmt nun der gefällige Leser eine gute Karte zur Hand,
während er daheim seiner Elmwanderung gedenkt, so gibt er
mir gewiß recht, wenn ich vorhin sagte, unser Gebirge wirke tief-
bestimmend auf einen nicht unbedeutenden Teil seiner Umgebung.
Zeichneten nicht die Elmgewässer mit ihren beweglichen Linien
in die weite Landschaft den Riß, nach welchem die naturverstän-
digen Vorfahren ihre Ansiedlungen bauten? — Ja, der Elm
hat dies schöne Landschaftsbild, wie der Wanderer schaut, in
seinem tieferen Innern ersonnen, und der Mensch führte den
gewaltigen Riß aus.

6. Geschichtliche Erinnerungen.
Ich zeige dem freundlichen Leser nun, wie die Ausführung
im Elme selbst und an seinen Abhängen sich gestaltet hat.
Rings um das Gebirge her, im einzelnen Falle gewöhnlich kaum
zehn Minuten vom Waldrande entfernt, liegt ein Kranz oft
höchst bemerkenswerter Ortschaften. Bei allen spricht sich das-
selbe Gesetz für die Ansiedlung aus. Man wählte ein Tal mit
rinnendem Bache, so das; der Elm den Hintergrund bildete.
Die ältesten Ansiedlungen sind unzweifelhaft Lucklum und
Lelm (?) jenes am Südwestrande des Elmes, dieses gerade
gegenüber an der anderen Seite. An beiden Punkten finden sich,
d. h. damals, vor 60 Jahren, bekannte uralte Begräbnisplätze
mit ungeheuren Massen cheruskischer (?) Urnen. Lelm wird der
freundliche Wanderer heute noch sehen. Nehmen wir nun
einmal Flügel der Phantasie und schwingen uns von Lucklum
rechts um den Elm. Da ist Erkerode, das unter allen Ort-
schaften dem Waldrande am nächsten gerückt ist. Evessen kennen
wir schon, beachten aber noch besonders das ,,Evesser Hoch“ mit

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seiner uralten Linde. Ampleben, Kneitlingen mit seinen Sagen
vom Till Eulenspiegel und Sambleben liegen wunderschön.
Etwas weiter vom Elme gerückt liegt die uralte Stadt Schöppen-
stedt mit Küblingen, dessen merkwürdige Kirche wegen eines
wundertätigen Marienbildes einst großen Zulauf hatte. Eitzum
liegt da mit seiner Romantik, wo der Elm am schmalsten ist.
Voigtsdahlum kommt nun, auf dessen Friedhof der einst ,,wegen
seiner Löwenstimme und Gestaltungskraft weit und breit bewun-



derte und gepriesene“ Pastor Goldmann von seinen Kämpfen aus-
ruht. Wobeck berühren wir nur, um rasch nach Twieflingen zu
gelangen, über welchem einst im Walde die vielgenannte Elms-
burg lag, welche Pfalzgraf Heinrich im Jahre 1221 den
deutschen Rittern schenkte. Über Hoiersdorf gelangen wir nach
dem bedeutsamen Schöningen. Hoch über der Stadt schaut das
Lorenzkloster mit seiner merkwürdigen Kirche hinaus ins Land.
Und der sogenannte ,,Ketilgarten“ erinnert an die Zeiten, wo
deutsche Kaiser gern in ,,Skaninge“ weilten. Beut auch die einst
berühmte Stadtschule nicht mehr ,,attisches Salz“, so versorgt
doch die großartige Saline noch immer das ganze Land mit
ihren Schätzen. Nun geht‘s rasch um die Südostecke des Elmes
nach Esbeck und Warberg. In letzterem Orte regierten einst

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die reichen Edlen von Warberg, welche den hohen Ehrentitel
Vestra dominatio für sich beanspruchten und deren letzter Sproß
unter solchen Verhältnissen 1654 in Halberstadt starb, daß sein
letzter Wille, in Warberg begraben zu werden, erst 18 Jahre
nach seinem Tode durch die Freigebigkeit des Herzogs Rudolf
August ausgeführt werden konnte. Räbke hat der Wissenschaft
reichlich gedient, denn seine beiden Papiermühlen waren von
jeher in schwunghaftem Betriebe. Da aber ist Lelm, das urnen-,
wasser- und steinreiche, wie sein geschichtskundiger Pfarrer Jo-
hann Christian Dünnhaupt einst sagte. Über Sunstedt gelangen
wir nach dem ehemals so berühmten Königslutter. Jetzt zeugt
von der alten Herrlichkeit nur noch die prächtige Domkirche.
Mitten in ihrem Schiffe ruht ihr Gründer, Kaiser Lothar (ge-
storben 1137). Neben ihm schlafen seine Gemahlin Richenza
und sein Schwiegersohn Heinrich der Stolze. Unter einem vom
Abt Fabrizius 1708 errichteten Kreuzgewölbe, dem Spring,
quillt oberhalb des Domes am Rande des Elmes die starke
klare Lutter hervor. Und nun schwingen wir uns um die Nord-
seite des Elmes über das etwas ferner liegende Lauingen nach
Bornum, wo noch im achtzehnten Jahrhundert der Abt von
Amelunxborn den Krummstab schwang. Wir haben bald Abben-
rode erreicht und sind dann in wenigen Minuten schon bei
Destedt, wo ein herrlicher Park zu längerem Verweilen einladet.
Von da ab erreichen wir bald Hemkenrode, in dessen romanisch-
gothischer Kirche sich ein Meßbuch vom Jahre 1511 in gepreß-
tem Schweinsledereinband befand. Es wird jetzt im Pfarrarchiv
zu Destedt aufbewahrt. Danach berühren wir Groß-Veltheim,
an dessen im Innern würdig ausgestatteter Kirche manche
steinerne Rittergestalt und Edelfrau von längst vergangenen
Zeiten redet und sind dann in 15 Minuten am Ziele unserer
Wanderung, wieder in Lucklum, dem mehr als halbtausendjäh-
rigen Sitze der Landkomture der Ballei Sachsen von 1260 bis
1809. Da findet der Freund der Geschichte und der Natur viel
Anziehendes. In der Kirche zeugt eine lange Reihe von
Wappenschildern von Rittern, die hier unter feierlichem Zere-
moniell in den deutschen Orden eintraten. Über dem Eingange
predigt die geharnischte Statue des ehrwürdigen Jan Daniel
von Priort vom Grund aller rechten Hoffnung mit dem köst-
lichen Sinnspruch: Spes mea Christus! Und die köstlichen
Glocken, welche dieser treffliche Landkomtur in den Jahren 1674
und 1681 gießen ließ, rufen heute noch die Gläubigen ins

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Gotteshaus. Im Rittersaale aber findet der Eintretende die
lange Reihe der Hoch- und Deutschmeister, Ordensritter und
Mitglieder des herzoglichen Hauses in 56 Gemälden ausgestellt,
und ihre ernsten Gestalten führen den Geist aus der Gegenwart
in die lockenden Fernen alter Tage. Tritt man nun wieder hin-
aus in den stattlichen Park mit seltenen Holzgewächsen und
plaudernden Wasserfällen, so kann man begreifen, weshalb der
Romantiker Novalis hier ein ganzes Jahr so gern verweilte.
Und nun müssen wir nach diesem Umfluge im Walde selbst
nach Wohnplätzen der Menschen uns umsehen. Unsere Wande-
rung hat uns gerade bis zum Reitlinge geführt. Da, wo jetzt
das zu Lucklum gehörende Vorwerk liegt, stand früher eine statt-
liche Burg, die ums Jahr 1260 in den Besitz der deutschen
Ordensritter kam. Bis dahin gehörte sie den Edlen von der
Asseburg. Und nun schaue der Wanderer einmal nach Norden
hinauf, dort finden sich die Reste der Krimmelburg, gebildet
aus hohen Wällen und tiefen Gräben. Südwestlich dort auf
dem Kucks erstrecken sich weniger stattlich aber räumlich noch
umfangreicher die Wälle der Brunkelburg. Sie boten allezeit
bei feindlicher Bedrängnis den umwohnenden Markgenossen
sichere Zuflucht. — Aber jetzt tut Eile not, wenn wir Lange-
leben, das einzige Dorf im Elm, gegen Mittagszeit erreichen
wollen. Nicht wahr, das ist Waldeinsamkeit hier. Und wie
hallen unsere Schritte so eigentümlich in diesen lieblichen Grün-
den der Hölle und des düsteren Winkels, durch welche unser
Fußweg sich windet. Aber dort wird es licht. Wir überqueren
die Straße, welche von Königslutter nach Schöppenstedt durch
eine prächtige Talung zieht und steigen nun ostwärts den
Hügel hinan. Einst stand hier ein fürstliches Schloß, für
Herzog August Wilhelm im Jahre 1689 als eine ,,angenehme
Ruhestätte nach Sorgen“ erbaut. Gern verweilten die alten
Herzöge auf Langeleben, zuweilen besuchte auch selbst Friedrich
der Große hier seinen herzoglichen Schwager. Kaum 100
Schritte ostwärts vom Orte steht noch die Hälfte eines Turmes
der Burg Langelege, fälschlich Alaburg genannt, von tiefen
Gräben umgeben, die aus der nahen, schön überbauten Quelle
sich reichlich mit Wasser versorgte. Wir gehen zu der alten
Warte und nehmen Platz auf einer freundlich wirkenden Bank.
Nicht wahr, das ist der Reise wert! Oh, diese herrliche Aus-
sicht! (Man denke sich den jungen Anwuchs weg!) Im Vorder-
grunde Lelm. Weiterhin lachende Dörfer. Am Rande des

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Horizontes winkt das ehemalige Elmathen, Helmstedt, mit
seinen Türmen, Klöstern und Lübbensteinen.
Nach einem Stündchen Rast trennen wir uns von dieser
Waldpoesie des stillen Anschauens. Über den Osterberg hin
geht’s durch den schönen Hochwald nach dem ,,Großen Rode“
früher als Ortschaft Tome Rothe genannt. Dort, nach Süd-
osten hinüber, liegt 3/4 Stunde von Räbke das Brunsleber
Feld, ein einsames Forsthaus neben dem schon genannten
schönen Eichenhaine. Gerade nach Süden hinüber findet sich
noch in einer schönen Bucht, nicht weit von Eitzum, das
,,Watzumhäuschen“, die Wohnung eines Forstwärters. Jetzt
lichtet sich der Wald. Wir stehen auf dem schönen, denkwür-
digen Großen Rodenanger. Dort um den trinkwasserspendenden
Quellteich, wo heute einsam die schöne Wohnung eines Forst-
beamten steht, lag einst das mittelalterliche Dorf. Aber wich-
tiger ist uns hier seitwärts am Ostsaume des Buchenhochwaldes
eine kleine Kapelle in gotischem Stile, erbaut im Jahre 1846.
Der Platz rings umher ist mit schönen Anlagen geschmückt.
In der Mitte derselben, von einer Einfassung umgeben, erblicken
wir den alten Tetzelstein. Hier soll ein Ritter Hagen im Jahre
1502 den Ablaßprediger Tetzel, als er von Königslutter nach
Küblingen zog, überfallen und beraubt haben. Die Einweihung
des Tetzeldenkmals fand am 20. September 1846 statt. Wir
lassen uns sinnend auf einer Bank in der Nähe der Tetzel-
kapelle nieder, und die Muse der Geschichte zeigt uns, welchen
bedeutsamen Platz unser Gebirge unter den Stätten einnimmt,
die sie mit leuchtenderen Farben in ihre Rolle einzeichnete.
Hier sammelte sich früh das Volk der Cherusker zum Dienste
der Götter Ostera. Kaiser Karl der Große machte im Jahre
784 dem heidnischen Wesen am Elme ein Ende, indem er,
mutmaßlich damals nach dem Siege über Wittekind, die hei-
ligen Haine zerstörte. Doch erinnern noch jährlich die zahl-
reichen Osterfeuer auf den Abhängen, wie tief im deutschen
Herzen die alte poetische Sitte haftet. Als aber im zehnten
Jahrhundert hunnische Roheit die fröhlich sprießenden Keime
der Bildung zu zertreten drohte, da hob Heinrich der Finkler
schützende Wälle auf den Zinnen des Elmes. Die Woge der
Barbarei prallte an ihnen zurück, und unter dem Schutze
deutscher Kaiser und edler Geschlechter erstanden bald Städte,
Klöster und Dörfer, mit ihren Türmen und Burgen aufstrebend
wie die Bäume des Waldes.

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7. Volkskundliches.
Ein Nachklang, hindeutend auf frühe glückliche Bildungs-
verhältnisse findet sich noch im Plattdeutsch des Elmes. Dem
horchenden Wanderer ist in Gruß und Gespräch das reine
I und U ohne jeglichen Vorschlag von O oder A begegnet.
(Vergl. dazu Lühmann im braunschw. Schulblatt vom 1. No-
vember 1924), freilich zeigt sich auch daneben an einzelnen
Punkten das unangenehm schnarrende R. Den Bildungsan-
regungen, wie sie durchs frischaufstrebende Schulwesen von
Lutter und Schöningen ausgingen und auch am Ende des acht-
zehnten Jahrhunderts in Lucklum unter dem ehrwürdigen Kom-
tur von Hardenberg ihre kleinen Wogen schlugen, gesellten sich
jene zu, welche an einzelne hervorragende Personen sich
knüpften. Wir haben schon die berühmten Prediger Falk und
Dünnhaupt genannt. Die rings um den Wald liegenden Ritter-
güter gaben durch ihr Vorbild dem kleineren Besitz manche För-
derung, die zu einem lebhaften Aufblühen der ländlichen In-
dustrie führten. So hat z. B. Lucklum das Verdienst, in dieser
Beziehung das Folgenreichste veranlaßt zu haben. Von hier
aus verbreitete sich nämlich über ganz Norddeutschland die
Zucht des edlen Merinos.
Aber wir müssen aufbrechen, wenn der freundliche Leser
noch den herrlichen Ausblick über Sambleben genießen und
dann auch zur rechten Zeit auf dem Bahnhofe in Schöppenstedt
bzw. Kneitlingen anlangen will. Wir wählen denselben Weg,
auf welchem im Jahre 1809 der tapfere Schill seinem Verhäng-
nis in Stralsund entgegenzog. Der Wald schützte ihn vor seinen
Verfolgern, und die Elmbewohner zeugten mit Wort und Tat,
daß sie ein gutes Verständnis für die Heldengedanken dieses
deutschen Mannes hatten. Wie hätte es auch anders sein
können! (Soweit bekannt, ist Schill nie in die Nähe des Elmes
gelangt.  Wird die Überlieferung jenen Heldenzug durchein-
andergeworfen haben mit dem beschwerlichen und bedrängten
Rückzuge der Rudorff-Husaren jenes weltberühmten Zietenschen
Regiments nach dem Unglück von Jena und Auerstädt, worüber
ein junger Offizier in seinem Tagebuch meldet: ,,Wir kommen
am 23. Oktobers 1806 gegen 2 Uhr in Sambleben an, einem
Dörfchen, das bestimmt war, vier Schwadronen unterzubringen.“
Trotz regnerischer, stürmischer Nacht, wo kein Holz zum Wärmen
aufzutreiben war und es an Kost mangelte, versah der Kornett

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seinen Dienst auf Feldwache, indem er alle Dreiviertelstunde
die Posten revidierte, denn der Feind war nahe und zwang die
Husaren, geschlossen zu reiten. Fraglos ging der Marsch, der
für den 24. Oktober schon bei Gardelegen endete, in ziemlicher
Eile auf genanntem Wege durch den Elm.) Das Gebirge in
seiner scharf ausgeprägten Bestimmtheit erzeugt eine Bevölke-
rung, die mit markiger Heimatsliebe an ihrem Wohnplatze und
den geschichtlich gegebenen Verhältnissen hängt. Diese Heimats-
seligkeit fühlte das fremde Joch scharf und bitter. Sind nun
gleich in der neuesten Zeit manche Vögel durch den Elm ge-
flogen, welche die oft verwirrten Lieder des Tages pfiffen, so
hat doch die Bevölkerung im ganzen wenig das Ohr darnach
gewendet. Deutscher Sinn, wurzelnd in naturwüchsiger Heimat-
liebe, kennzeichnet noch immer die Elmbewohner. Auswande-
rungstrieb und was damit zusammenhängt, findet sich deshalb
nur im geringen Grade. Der freundliche Leser hat wohl nicht
unbemerkt gelassen, wie die leibliche Erscheinung der Elmkinder
noch ein gut deutsches Gepräge zeigt. Kräftige Gestalten mit
natursinnigem, klarem Angesichte begegnen dem Wanderer über-
all. Die Augen blicken sanft und tief, die Stimmen aber sind
klangreich wie der Wald, in dem sie sich bildeten. Im Durch-
schnitt hat der Elmbewohner einen heiteren Sinn, liebt den
Scherz und die neckende Rede, die sich oft zum drastischen
Knittelverse gestaltet. Im gewöhnlichen Verkehr ist der Aus-
druck knapp und häufig durchwebt mit kernigem Sprichwort,
dessen Quelle im Walde liegt.
Die Bevölkerung scheidet sich, abgesehen von den 3 Städten,
den Eigentümern der Rittergüter und den Domänenpächtern,
in größere Hofbesitzer, Kleinhöfner mit wenigem Lande, soge-
nannte Anbauer und kleine Leute, oft ,,lüttje Mann“ genannt,
die zur Miete wohnen. In den Händen der ersten beiden
Klassen befindet sich vorzugsweise der Betrieb des Ackerbaues;
die letzteren beiden treiben besonders Handwerk und Waldarbeit,
oder dienen um Tagelohn in den Steinbrüchen und auf den
Feldern, besitzen aber in der Regel auch etwas Pachtacker, auf
dem sie die nötigsten Lebensbedürfnisse erzielen. In den ersten
beiden Klassen findet sich nicht selten bedeutende Wohlhaben-
heit, und auch die letzteren erlangen bei regem Fleiß ihr gutes
Auskommen. Drückende Armut gehört zu den Ausnahmen.
Allen aber gewährt der Wald einen Hintergrund, von dem
aus die Verhältnisse sich gestalten. Wenn die Arbeiten in Wiese

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und Feld beseitigt sind, dann finden die größeren Hofbesitzer
und die Kleinhöfner, welche häufig statt mit Pferden mit Kühen
ihren Acker bewirtschaften, in der Abfuhr des Elmholzes und
der Bruchsteine eine ergiebige Nahrungsquelle. Vom November
an bis tief in den Frühling hinein schallen die Äxte und Sägen
der zahlreichen Waldarbeiter durch den Elm. In den vielen
Steinbrüchen, Kalk- und Gipsöfen finden Jahr aus Jahr ein
viele einen sauren, aber guten Verdienst. Maurer und Zimmer-
leute treffen überall gutes Material für ihr Gewerk im Über-
flusse an. Die zahlreichen Weber und alle Handwerker, die
sonst mit ihrer Arbeit ins Haus gewiesen sind, ziehen häufig
in den Wald zur Holzlese und fahren und tragen reichlich zu-
sammen, damit ihnen die Poesie des warmen Ofens nicht
mangelt. Weib und Kind aber des ,,lüttjen Mannes“ sind die
bevorrechtigten Holzsammler und tragen nebenbei manchen ge-
würzhaften Bissen fürs Zicklein nach Hause. Karawanenartig
ziehen sie hinauf und wieder herab, und im ersten Frühlinge
prangt an jeder Tracht ein Sträußchen Märzröschen oder
Schlüsselblumen. Um die Zeit der Maiblumen gibt’s für die
Kinder manchen kleinen Verdienst, und wenn die Erdbeeren und
Himbeeren wohlgeraten, so wimmelt der Wald von fleißigen
Händen. ,,Sitzt Buch“, dann gibt’s im Herbste ein lustiges
Waldleben. Das klopft und purzelt und siebt an allen Enden.
Es ist unglaublich, welche Mengen von Bucheln dann zu-
sammengelesen werden. Da gibt’s für den Winter lustig
flackernde Lampen und fette Kartoffelkuchen. Der Elm läßt
sein Völklein nie im Stich und auch für die Tage der Krank-
heit reicht er kräftige Heilkräuter, von denen Finkenkraut,
Odermennig, Heidecker, Grundheil und Tausendgüldenkraut be-
sonders allen wohlbekannt sind und reichlich gesammelt werden.
Wir sind aber während des Gespräches schon in die Nähe
des Waldrandes gelangt. Jetzt treten wir hinaus. Da liegt
der Harz in seiner imponierenden Majestät. Aber der Elm ist
doch auch wunderschön und einzig in seiner Art! Kehre der
freundliche Wanderer bald wieder und bringe einen guten
Freund mit, dem auch das Herz noch weit wird im Wald.
               Also: Auf Wiedersehen im Elme!

29



Auf Wanderers Spuren mit dem OSM-Route-Manager im Elm unterwegs

 

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13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30
31 32 33      

 

 

 

 

 

Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.


Braunschweigisches Magazin
32tes Stück.
Sonnabends, den 10ten August 1861.

Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

Seit 1856 ist bei Lucklum ein Kalktuffbruch im Betriebe, der nicht blos dem Geologen,
sondern auch dem Historiker reiche Veranlassung zu den interessantesten Beobachtungen darbie-
tet. Die folgenden Zeilen wünschen dem genannten merkwürdigen Erdaufbruche eine. allge-
meinere Beachtung zu verschaffen und halten sich für diesen Zweck besonders an die histori-
schen Momente.
    Unser Kalktuffbruch hat bis dahin einzelne Partien des Wabebeckens auf dem rechten
Ufer des Flusses, nördlich von Lucklum, aufgedeckt. Nicht eine einzige der in Angriff genom-
menen Localitäten führt einen Namen, der auf die interessanten Ueberbleibsel hindeutete, welche
sich reichlich in ganz geringer Tiefe fanden. Man öffnete den Bruch westwärts in der »gro-
ßen Mühlenbreite« und ging dann in östlicher Richtung durch die »Allee« (Weg zwischen
 Lucklum und Gr.-Veltheim) in die »kleine Mühlenbreite« und den »großen Garten«. Ge-
genwärtig ist die »große Breite« in Angriff genommen *). Man sieht, daß die heutige Be-
nennung der genannten Flächen von deren Lage, Größe und Benutzung hergenommen ist.
Dieser Umstand wirft einiges Licht auf die entdeckten Ueberbleibsel, wie weiterhin sich ergeben
wird. Letztere bestehen vorzugsweise aus einer großen Menge menschlicher Gebeine, zahlreichen
Todtenurnen und vielen verschütteten, aber nach ihrem ganzen Umfangse leicht zu erkennenden
Vertiefungen. Es wird zweckmäßig sein, vorstehende Eintheilung dem Nachfolgenden zu
Grunde zu legen.
    Die  m e n s c h l i c h e n  G e b e i n e  fanden sich besonders häufig in der »großen Mühlen-
breite«.Diese Fläche dehnt sich zwischen Lucklum und dem im Jahre 1800 angelegten neuen
Kirchhofe aus. Seit Menschengedenken ist in ihr hier und da nach »Scheuersand« gegraben.
Die Sage berichtet hier, daß man über solcher Arbeit auch einmal auf ein menschliches Gerippe
in einem Harnisch gerathen sei. Gewiß ist; daß sich in den Scheuersandgruben zu alten Zei-
ten, und wo sie auch in der genannten Fläche geöffnet wurden, allerlei menschliche Gebeine
fanden. Diese zeigten sich denn ebenfalls sehr reichlich, als die »Gr.-Mühlenbreite« im Jahre
1856 zur Gewinnung von Kalktuff in Angriff genommen wurde. Auch unter dem Wege
in der »Allee« fand man Spuren von Gebeinen. Die Westseite der »Kl.-Mühlenbreite«

—————
*) Im Ganzen bis jetzt 20 Morgen geöffnet. Davon kommen auf die »Gr.-Mühlenbreite«
    7, »Kl.-Mühlenbreite« 9, »Allee« 1, »Gr.-Garten« 1, »Gr.-Breite« 2 Morgen.

314  Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

zeigte eine große Menge derselben. Im »großen Garten« fand man nur zwei sehr defecte
Gerippe.
    Die fraglichen Gebeine fanden sich durchweg, mit geringen Ausnahmen, in. einer Tiefe
von 1½ bis 2 Fuß. In der Regel lagen 3 — 4 Gerippe sehr nahe bei einander. An
einer Stelle wurden zwei derselben über einander liegend angetroffen. Mit Ausnahme der
beiden Gerippe im »großen Garten« befanden sich die übrigen sämmtlich in der sogenannten
»heiligen Linie«, die Schädel nach Westen gewendet. Die erstern lagen in der entgegen ge-
setzten Richtung. Neben einem Gerippe in der »großen Mühlenbreite« fand sich ein stark
oxydirtes Stück Eisen, einer Lanzenspitze ähnlich. Uebrigens traf man keinen Gegenstand,
der auf die Geschichte der Gebeine den geringsten Lichtstrahl werfen könnte. Es muß noch
bemerkt werden, daß hier und da in der aufgedeckten Fläche sich auch Pferdeschädel zeigten.
    Die menschlichen Gebeine bestanden vorzugsweise in Schädeln und Schenkelknochen.
Letztere waren von bedeutender Länge und Dicke. Die Schädel zeigten in der Regel lücken-
lose Zahnreihen. Die Zähne selbst hatten den schönsten Schmelz bewahrt. Leider kann nicht
berichtet werden, ob unter den Gebeinen sich auch solche fanden, an denen gewaltsame Kno-
chenbrüche wahrzunehmen waren. Auch die Anzahl der Gerippe ist nicht genau zu be-
stimmen, da man versäumte, die aufgefundenen Schädel zu zählen.
    Wenden wir uns nun zu den entdeckten  T o d t e n u r n en.  Daß dergleichen an der Ost-
seite des Elmes in der Nähe von Lelm schon in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhun-
derts entdeckt und in nicht unbedeutender Anzahl ausgegraben sind, ersieht man aus einer
höchst interessanten Schrift unter dem Titel: »Beiträge zur deutschen niedersächsischen Ge-
schichte und deren Alterthümern.  Von  J o h a n n  C h r i s t i a n  D ü n n h a u p t, Pastor zu
Lelm und Langeleben im Braunschweigischen. Helmstedt. Gedruckt bei der Witwe Schnorrn.
Univ. Buchdr. 1778. 309 S. und 1 Kupfertafel«. So viel aber bekannt, hat man früher
an der Westseite des Elmes noch keine Todtenurnen aufgefunden.. Ich bemerkte vor 16 Jah-
ren im sogenannten »Westhölzchen«, östlich von Erkerode, an einer Stelle, wo Lehm gegra-
ben wurde, Urnenspuren. Ebenso begegneten mir dergleichen in einem Hügel auf dem Anger
zwischen dem  R e i t l i n g e  und dem  B u r g b e r g e. Leider war weder an dem einen noch am
andern Orte eine unversehrte Urne zu gewinnen Beim Reitlinge fand ich in dem genannten
Hügel ein stark oxydirtes 6 Zoll langes Stück Eisen, das ich für einen Dolch halte. Vor
12 Jahren entdeckte ich ferner an der Südostseite der »kleinen Mühlenbreite« eine unverkenn-
bare Urnenspur. Das Vorbemerkte veranlaßte mich zu der Hoffnung, es werde das Fort-
schreiten im Kalktuffbruche auch zur Entdeckung von Todtenurnen führen. In der »kleinen Mühlenbreite« erfüllten sich meine Erwartungen in überreichem Maße. Eines Tages im
Frühlinge von 1858 besuchte ich den Steinbruch und traf in einem Haufen abgeräumter
Erde Urnenspuren. Sie zeigten eine schiefergraue, auch schwarze Farbe, und die Wanderungen
waren kaum ¼ Zoll dick. Auf meine Nachfrage, woher die Erde genommen sei, wurde mir
eine Stelle gezeigt auf welcher die verticale Wand der noch unberührten Erdschicht sichtbares
Zeugnis lieferte, daß sich hier früher eine künstliche Vertiefung müsse befunden haben. Die
Schichtung über dem Kalktuff ist sonst eine durchweg wollige, an der bezeichneten Stelle
zeigte sich aber auf der Durchstichsfläche ein scharf abgegränztes Rechteck von etwa 4 Fuß
Höhe und 8 Fuß Länge Die Füllung bestand auf der Sohle der Vertiefung aus unver-
kennbarer Asche mit Kohlenspuren durchsetzt. Hier und da zeigten sich auch kleine Urnen-
scherben. Je weiter der Erdaufbruch in der »kleinen Mühlenbreite« fortgefürt wurde, desto
mehr Vertiefungen der angegeben Art deckte man auf. In allen zeigte sich auf der Sohle
Asche, mit Kohlen, Knöchelchen und Urnenspuren vermischt. Wo diese Vertiefungen begannen,

315  Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

da endete das Vorkommen menschlicher Gebeine. Leider wurde eine unversehrte Urne nicht
aufgefunden. Etwa in der Mitte an der Südseite der »kleinen Mühlenbreite« , kaum 20
Schritte vom Wege ab, wurden zwei trichterförmige Vertiefungen entdeckt, die sich noch
1½ Fuß in den Kalktuff senkten. Von diesen später.
    Gegen den Herbst 1859 waren die Arbeiten im Steinbruche bis in die Gegend vorge-
rückt, wo ich vor 12 Jahren Urnenspuren entdeckt hatte. Ein längeres Unwohlsein verhin-
derte mich, gerade um diese Zeit meine Aufmerksamkeit den Ausgrabungen zuzuwenden. Als
ich zum erstenmale den Steinbruch wieder besuchte, mußte ich zu meinem Bedauern erfah-
ren, daß man beim Abräumen an der bezeichneten Stelle über 30 Urnen aufgefunden, aber
als nutzlose »alte Töpfe« theils zerschlagen, theils in den Schutt geworfen hatte. Nur einige
Seherben fand ich noch. Die bezeichneten Urnen hatten sämmtlich nahe bei einander unge-
fähr ¾ Fuß tief unter der Oberfläche gestanden. Form, Farbe und Dicke derselben erinner-
ten an die früher entdeckten. Obgleich nun der köstliche Urnenschatz unwiederbringlich verloren
war, so hatte doch ein Arbeiter aus einem »Topfe« einen Gegenstand gerettet, dem ich einen
großen Werth beilege. Soweit meine Kenntniß reicht, ist kein ähnlicher auf irgend einem
heidnischen Begräbnißplatze in Norddeutschland aufgefunden. Es besteht dieses Unicum aus
zwei zusammengehängenden Körpern, die aus Thon geformt sind. Der eine stellt eine Kugel
dar von der Größe einer starken Wallnuß. Durch denselben führen drei Oeffnungen von
der Weite eines Gänsekieles, die sich rechtwinkelig im Centrum durchschneiden. Der andere
Körper gleicht einem Trompeten-Mundstücke und paßt genau auf die bezeichneten Oeffnungen
des ersten. Waren diese Körper Cultusgeräthe, Schmuck oder Kinderspielzeug?
    In dem »großen Garten«, der im Jahre 1859 in Angriff genommen wurde, zeigten
sich sogleich künstliche Vertiefungen, die Asche, Kohlenspuren, Urnenscherben und hier und da
Knöchelchen enthielten. Auch zwei trichterförmige Gruben entdeckte man. In der einen fand
sich eine kleine, gelbliche Urne. Sie ist, einen Ausbruch am Rande abgerechnet, wohl erhal-
ten. Im weiteren Verfolge der Brucharbeiten fanden sich außerordentlich viel Urnenscherben,
die aber wesentliche Unterschiede zwischen den hier und in der ·»kleinen Mühlenbreite« vergra-
benen Urnen erkennen ließen. Die ersteren müssen von bedeutender Größe gewesen sein, zum
Theil 1½ Fuß hoch und 1 Fuß im Durchmesser. Auch der Stoff ist ein anderer. Die
Dicke ist·gleichfalls viel bedeutender. An vielen Urnenspuren zeigten sich Henkel. Ein Stück
ist aufgefunden, an dessen Außenseite man eine Art von Glasur und Verzierungen bemerkt.
Die meisten Spuren zeigen an der Außenwand einen roh ausgestrichenen Ueberzug, der viel
Katzengold enthält. Es hat nicht gelingen wollen, in der genannten Localität eine einzige
Urne unverletzt zu gewinnen. Die ausgegrabenen Spuren deuteten auf eine große Menge
einst hier vergrabener Todtentöpfe.
    In der »großen Breite«, wo gegenwärtig gearbeitet wird, fanden sich bis jetzt wenig
Urnenspuren. Ebenso stieß man auf keine künstlichen Vertiefungen von der Art, wie in den
vorgenannten Localitäten. Vor kurzer Zeit traf man auf zwei Stellen, die wieder Urnenspu-
ren enthielten. Die eine ist abgeräumt. Sie hatte die Form eines Gewölbes und enthielt
neben außerordentlich viel Urnenscherben (es fand sich ein Bodenstück, an welchem ein Rand
von circa ¼ Fuß Höhe) auch Kohlenspuren und menschliche Gebeine. Ich bemerkte ein
Schlüsselbein, viele Rippen, Schenkelknochen und einige Lendenwirbel. Die auf einer Durch-
stichsfläche sich zeigende zweite Stelle ist in der Form der ersten ganz gleich. Ueber ihren
Inhalt müssen die fortgesetzten Arbeiten weitere Auskunft geben.
    Ich erlaube mir, in Beziehung auf das Vorkommen von Urnenspuren an der Westseite
des Elmes resp. im Reitlingsthale, hier noch einiges anzumerken. Ostwärts von Erkerode

316 Hundertjährige Käse.

liegt auf dem rechten Wabenufer eine Stelle, die unter dem Namen »wüste Kirche«, bekannt
ist. Hier wurden in Folge der Separation im Frühlinge d. J. Erdarbeiten vorgenommen,
bei welchen man auf Mauerwerk stieß. Ich erfuhr davon im Laufe der Zeit und begab
mich im Juni an Ort und Stelle. Man hatte, da die »wüste Kirche« sich südlich an einem
sehr tiefen Hohlwege befindet, den vorgefundenen Schutt zur Ausfüllung in letzteren gestürzt.
Da lagen Mauersteine, Mörtel und Ziegel wild durch einander. Die Ziegel waren von ganz
ungewöhnlicher Form. Sie glichen durchschnittenen Cylindern und hatten  3 — 4 Zoll lange
nasenartige Haken. Ich untersuchte die Wand des Hohlweges, auf welcher sich noch unan-
getastetes Mauerwerk befand, genauer und entdeckte eine Menge von Urnenstücken. Die
»wüste Kirche« lag also über einem heidnischen Begräbnißplatze *). Man bauete bei der Chri-
stianisirung Norddeutschlando vorzugsweise auf solche Plätze die ersten Capellen.
    Etwa in der Mitte zwischen der »wüsten Kirche« und dem Reitlinge wurde auf dem
rechten Wabenufer ebenfalls in Folge der Separation ein Hügel durchstochen, in welchem ich
früher schon Urnen vermuthet hatte. Vor einiger Zeit durchforschte ich die Durchstichsflächen
und bemerkte zu meiner Freude sehr interessante Urnenscherben. Sie zeigen auf dem Durch-
bruche viel Katzengold, während die Ueberreste unter der Grundmaner der »wüsten Kirche«
denen gleichen, welche ich in der »kleinen Mühlenbreite« gefunden hatte.
(Der Schluß folgt).

321
Braunschweigisches Magazin.
33tes Stück.

Sonnabends, den 17ten August 1861.
Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.
(Schluß)


Ich habe jetzt noch von den an verschiedenen Stellen aufgefundenen künstlichen Vertie-
fungen zu berichten. Sie traten, wie oben bemerkt, erst da auf, wo menschliche Gebeine
nicht mehr gefunden wurden. Nach ihrer Form lassen sie sich in vier Classen scheiden; trich-
terförmige, grabenartige, solche deren Bodenfläche Rechtecke, die Wandungen aber verticale
Flächen bilden und gewölbeartige.
    Von den trichterförmigen wurden zwei in der »kleinen Mühlenbreite«, zwei andere da-
gegen im »großen Garten« entdeckt. Sie enthielten sämmtlich oben etwa 12 Fuß im Durch-
messer. Die Tiefe kam dieser Ausdehnung fast gleich. Unten betrug der Durchmesser etwas
über 2 Fuß. Sie waren fast ganz mit Asche, Kohlenspuren, kleinen Knochen und verschiede-
nen Rollsteinen angefüllt. Letztere kamen jedoch nicht häufig vor. Sie waren von der Art,
wie man sie im Alluvium am »Veltheimer Berge« häufig antrifft. In dem einen Begräb-
nißtrichter des »großen Garten« stand unten auf dem Boden die oben erwähnte gelbe Urne.
    Die einzige grabenartige Vertiefung fand sich in der »großen Breite«. Sie zeigte bei
4 Fuß Breite eine etwas größere Tiefe. Die Länge kann ich nicht angeben, weil diese Ver-
tiefung nicht ganz aufgedeckt wurde. Der blosgelegte Theil war über 24 Fuß lang. Die
Füllung bestand größtentheils aus Asche, in welcher fast gar keine Kohlenspuren auftraten.
Die dritte Art der Vertiefungen zeigte verschiedene Größenverhältnisse. Die Tiefe war bei
allen fast dieselbe. Sie überschritt selten 5 Fuß. Die Grundfläche und die Wandungen zeig-
ten stets die oben angegebene Form. In der »kleinen Mühlenbreite« bestand die Füllung zu
einem großen Theile aus Asche, Kohlenspuren, kleinen Knochen, zerbrochenen Urnen und eini-
gen Rollsteinen. Im »großen Garten« wurde eine Vertiefung aufgedeckt, die 20 Fuß lang,
16 Fuß breit und 5 Fuß tief war. An der südlichen Längenseite ihrer Bodenfläche zog sich
eine weitere Einsenkung von 1 Fuß Tiefe und Breite hin. Die Füllung bestand durchweg
aus Dammerde, ohne eine Spur von Asche oder Kohlen. Auf dem Boden fand man einen
4 Zoll langen zugespitzten Knochen, der wohl erhalten war und von häufigem Gebrauche zeugte.
Ich halte ihn für ein Priestergeräth. Die übrigen Einsenkungen im »großen Garten« enthielten größ-
tentheils außerordentlich viel Urnenscherben, Asche, Kohlenspuren und Rollsteine. Einige dagegen
zeigten in ihrer nordöstlichen Ecke auf der Bodenfläche einen Raum, der mit Stücken Muschelkalk
fast kreisförmig umstellt war. In diesem Raume fanden sich Asche und Kohlenspuren. Die Boden-

322 Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

fläche war auf diesen Stellen 3 — 4 Zoll tief ganz hart gebrannt. In einer dieser Vertiefungen
fand sich, tief im Scheuersande steckend, das Nagelglied eines Pferdes. Auf einer andern
Stelle wurde eine Stange von einer Rehkrone nebst entsprechender Schädelplatte gefunden *).
    Von den gewölbeartigen Vertiefungen sind bis jetzt nur zwei entdeckt. Das Nöthige
über dieselben ist oben gesagt.
    Eine Regel, die beim Gruppiren der bisher anfgedeckten Einsenkungen beobachtet wäre,
habe ich bis jetzt nicht entdecken können. Das einzig Gesetzmäßige besteht darin, daß die Ver-
tiefungen in ihrer Längenerstreckung stets der Richtung von Westen nach Osten folgen. Doch
vermuthe ich, daß jene 20 Fuß lange Einsenkung im »großen Garten« gewissermaßen einen
Mtttelpunct bildet.
    Wie soll nun aber die Muse der Geschichte die in den Kalktuff geschriebenen Züge deu-
ten **)? Versuchen wir mit aller Behutsamkeit, einige ihrer Winke zu beachten, da, wie ein
hochgeachteter vaterländischer Geschichtsforscher klagt, »gleichzeitige Schriftsteller nur dürftig
belehren«.
    Nach meinem Dafürhalten ist von den Localitäten, in welchen sich hier Urnen finden,
bis jetzt nur ein geringer Theil aufgedeckt. Die Hauptfundörter liegen jedenfalls, theils un-
ter dem Orte Lucklum selbst, theils in den noch unberührten Partien des »großen Gartens«
und im »Schmidekampe«, da man bei geringer Aufmerksamkeit in der Ackerkrume der letzt-
genannten Flächen sogleich Urnenspuren entdeckt. Aber wenn auch nur die aufgebrochen
Flächen nach ihrem Urnengehalte angesehen werden; so wird man zu der Ueberzeugung ge-
drängt, Lucklum sei in grauer Vorzeit ein Hauptbegräbnißplatz der Um-
wohner gewesen. Neben diesem Platze lagen, wenigstens im Wabenthale östlich hinauf,
verschiedene kleinere Begräbnißplätze. Die Menge der Urnen weiset zugleich auf die damals
starke Bevölkerung an der Westseite des Elmes hin.
    Aber welches Volk der Vorzeit verbarg denn hier die Asche seiner Todten? Diese Frage
ist mit Sicherheit aus den entdeckten Ueberbleibseln schwer zu beantworten.
    Die Art der größesten Mehrzahl unserer Urnen weiset auf cheruskischen Ursprung
hin. Die Cherusker hatten nämlich vorzugsweise ungebrannte und unbedeckte Urnen,
die sie unter sehr flachen Hügeln, etwa 2 — 3 Fuß hoch, verbargen ***). Dazu kommt,
daß sich bis jetzt weder Waffen, noch sonstige bedeutsame Gegenstände in oder neben den Ur-
nen gefunden haben. So begraben aber die Cherusker ****). Auch der Name »Lucklum«
weiset auf cheruskischen Ursprung hin. Man sehe darüber namentlich: »Ueber Benennung
und Ursprung aller Oerter des Herzogthumes Braunschweig-Wolfenbüttel. Von Johann
Heinrich Reß. Wolfenbüttel. 1806. S. 20 ff.«
   Der Stand- und Fundort unserer Urnen bietet kein Moment dar, wornach man
entweder für diese oder für eine andere Völkerschaft sich entscheiden könnte. Die bisherigen
Aufgrabungen verwirren vielmehr in diesem Puncte das Urtheil, als daß sie es feststellen
 
————
*) Auf dieser Stelle fand sich auch in einer nicht unbedeutenden Tiefe ein Topf mit Bracteaten.
Der Topf ist sofern höchst interessant, als er eine sächsische Todtenurne zu sein scheint. Ueber
diesen Fund vielleicht später.
**) Die germanische Alterthumswissenschaft ist bis zum heutigen Tage noch nicht weiter gediehen,
als höchstens im Materiale selbst ein Kriterium des Alters der aufgefundenen Gegenstände zu
erkennen. »Ueberblick des Entwickelungsganges der Kirchen-Architektur. Von Dr. Carl Schil-
ler. Braunschweig. Leibrock.  1855.  S. 63«
***) Dünnhaupt, Beiträge zur deutschen niedersächsischen Geschichte. S. 241.
****) Dünnhaupt in d. angef. Werke S. 219.


323 Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

könnten. Es bleibt eine räthselhafte Erscheinung daß die überwiegende Mehrzahl der· Urnen
sich zerbrochen, oft den Fuß nach oben gekehrt, in beinahe 5 Fuß tiefen Einsenkungen vor-
fand.
    Die Henkelurnen, so wie die gebrannten Urnen deuten auf thüringischen und sächsischen
Ursprung *). Sachsen und Thüringer deckten außerdem ihre Urnen auf verschiedene Art und
umstellten sie mit einem Kranze von Steinen. Es ist sehr merkwürdig, daß gebrannte und
Henkelurnen nur auf der Seite nach Erkerode vorkamen. Dieser Ort ist nach Reß thürin-
gischen Ursprungs **).
    Soweit jetzt das Urnengebiet von Lucklum aufgedeckt ist, scheint der Befund zu der An-
sicht zu drängen, daß hier eine Hauptbegräbnißstelle der Cherusker war. Hiernach hatte
die Mehrzahl der Urnen ein Alter von 1800 — 1900 Jahren. Daß nachher Katten ***),
Thüringer und Sachsen die Asche ihrer Todten ebenfalls hier der Erde übergaben, beweisen
die betreffenden Urnenreste. Spätere Ausgrabungen belehren hierüber vielleicht noch aus-
führlicher.
    Sollten die seither beschriebenen Vertiefungen übrigens zum guten Theile Wohnun-
gen gewesen sein, dann mußte angenommen werden, daß eine Partie unserer Urnen·vielleicht
gar aus cimbrischer Zeit herstammte. Die Cherusker und ihre Nachfolger pflegten nicht mehr
in die Erde·zu dauen ****), was bei den Cimbern durchweg Sitte war. Ich weiß nicht, in
wie weit die einst bei Harbke ausgegrabenen Urnen den unsrigen ähnlich sind. Die ersteren
sollen cimbrischen Ursprungs sein.
    Wo unsere heidnischen Vorväter bedeutende Begräbnißplätze hatten, da hegten sie auch
in der Nähe ihre Götzenheiligthümer, die in der Regel aus dunkeln Hainen bestanden. Es
steht also der Annahme Nichts entgegen, daß Lucklum selbst, oder doch ein Ort in
nächster Umgebiing, müsse ein hochverehrtes Heiligthum gewesen sein. Ich
ließ bei Erwähnung der 20 Fuß langen Höhle im »großen Garten« schon durchblicken, daß
ich dieselbe für eine Priesterwohnung halte. Einzelne Vertiefungen, z. B. auch zwei von den
trichterförmigen scheinen Opferzwecken gedient zu haben. Ich erinnere ferner daran, daß rings
um Lucklum her Localitäten sich befinden, deren Namen an altgermanischen Opfercultus er-
innern. Zwischen Lucklum und groß Veltheim liegt ein Osterberg. Ein gleichnamiger in-
teressanter Hügel findet sich auf Volzumer Feldmark, westlich von hier. Oestlich von Luck-
lum erhebt sich der sogenannte »Hahnberg«, gewiß ursprünglich Hainberg genannt. Im
Reitlingsthale findet sich auf der Nordseite der Heinekenstoot, was wahrscheinlich sowiel als
»Seite oder Ausgang des Haines« heißen soll. In den Schriften des »Stryckers« eines
Scribenten aus dem 13. Jahrhundert findet man Heinic für Hain. Stoot aber ist jeden-
falls Stoß. Dieses Wort bedeutet aber auch »Seite eines Schachtes, Ende eines Stol-
lens« ). Vielleicht war hiernach Lucklum ehemals der Mittelpunkt für
den Cultus der Ostera. Daß gerade auf hiesigem Gebiete die einzelnen Localitäten ge-
———
*) Dünnhaupt, in d. angef. Werke. S. 234.
**) Reß, in d. angef.· Werke. S. 85 ff.
***) Für die Anwesenheit der Katten in hiesiger Gegend spricht das nahe gelegene Cremlingen. Die
Ortschaften auf  i n g e n  deuten auf kattischen Ursprung. Reß. S. 57 ff.
****) Es ist mir nicht unbekannt, daß Tacitus behauptet, die alten Germanen hätten für den Win-
ter und zur Aufbewahrung ihrer Vorräthe Höhlen in die Erde gegraben und mit Dünger be-
deckt.
) Man vergleiche »Sprachvergleichendes Wörterbuch der deutschen Sprache«. Von Dr. Kalt-
schmidt. S. 733


324 Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

wöhnlich nicht mit bedeutsamen Namen auftreten, finde ich in der Geschichte des Ortes und
des deutschen Ordens begründet. Dieser, der Preußen den Banden des Heidenthumes entris-
sen, duldete gewiß auf seinem Territorio am Elme keine Benennungen, die an den finstern
Götzencultus erinnerten. Einzelne historische Anklänge haben sich jedoch auf dem Lucklumer
Gebiete in den Benennungen der Localitäten erhalten, z. B. »Wolerberg, Wolengrund,
Windal(? ?) *), Allen  rc.«.
    Irre ich nun in Vorstehendem nicht, so ergiebt sich damit vielleicht ein brauchbarer Er-
klärungsversuch über die in der »großen und kleinen Mühlenbreite« anfgefundenen menschli-
chen Gebeine. Sie gehören auf keinen Fall einer geschichtlich sichern Vergangenheit an.
    Man könnte etwa denken, die Belagerung Lucklums unter Heinrich Julius im
Jahre 1605 sei so hitzig gewesen, daß recht viele Menschenleben darauf gegangen **). Aber
woher sollte der Comthur  H a n s  v o n  L os s a w  die Streitkräfte genommen haben, mit wel-
chen er in des Herzogs Reihen solche Verwüstungen anrichten konnte?  Eben so wenig kön-
nen die Gebeine aus den Scharmützeln herrühren, welche von Zeit zu Zeit zwischen Söldnern
der Stadt Braunschweig und verschiedenen Gegnern an der Westseite des Elmes statt fanden,
da keines derselben in unmittelbarer Nähe von Lucklum vorfiel, oder eine Bedeutung hatte,
die den fraglichen Knochenresten entspräche.
Es ist auch nicht wahrscheinlich, daß die frühere christliche Gemeine Lucklum hier sollte
begraben haben. Der Ortskirchhof befand sich vor 1800 im Orte selbst, ostwärts von der
»großen Scheune«, und hatte eine solche Größe; daß er die Gestorbenen sehr wohl fassen
konnte. Auf ihm befand sich unter der Benennung »Tempel« eine eigenthümliche Capelle,
deren sich viele alte Leute in hiesigem Orte noch sehr wohl erinnern ***). Es muß aber in
frühester Zeit sich auch ein Gottesacker in der Nähe der jetzigen .Kirche befunden haben, da
bei Anlage einer Ausfahrt an der Nordseite der Kirche eine Menge ordnungsmäßig begrabe-
ner Gebeine angetroffen wurde. Vielleicht liegt ein Theil dieses Gottesackers unter dem so-·
genannten »Mauergarten« und wurde seiner Bestimmung im Jahre 1316 entzogen, in wel-
chem Jahre der Bischof  A l b e r t  v o n  H a l b e r s t a d t  dem Orden erlaubte, »einen Theil des
Chores der Kirche in dem von den Einwohnern verlassenenen (weshalb?) Dorfe Lucklum ein-
zureißen und einen Theil des Kirchhofes zu benutzen ****). Nach diesen Angaben wird man
gewiß nicht annehmen können, daß noch eine dritte Begräbnißstelle in der , »großen und klei-
nen Mühlenbreite« in Gebrauch gewesen wäre. Am allerwenigsten aber wird man zugeben
wollen, das mitten durch einen Gottesacker hin ein Verbindungsweg zwischen zwei Ortschaf-
ten sollte gelegt sein. Dies wäre hier aber geschehen, da man, wie oben erwähnt, auch un-
ter der »Allee« Gebeine gefunden hat. Sodann muß noch darauf hingewiesen werden, daß
die Beschaffenheit der fraglichen Knochen durchaus auf ein und dasselbe
Begräbniß-Datum für alle deutet. Alle angeführten Momente weisen darauf hin,
daß die aufgefundenen Gebeine in sehr früher Zeit ihre Ruhe hier müssen gefunden haben.
————

*) Ein Ort, wohin das Gewitter geschlagen, hieß bei den Alten »Bidental« (Windal ?). Es war
locus fulmine tactus et expiatus ove; a bibentibus seu hostiis duos dentes altiores habenti-
bus. Solche Orte nahm man besonders gern für den Cultus in Anspruch. S. Dünnhaupt
in d angef. Werke. S. 123.
**) Rehtmeiers Chronik Tom. II. Pag. 1154.
***) Nachdem ich die Grundform der heutigen Kirche, welche vielfache Umbauten erfahren hat, ent-
deckt habe, bin ich im Zweifel, ob der »Tempel« oder jene den Platz andeutet, wo die ehema-
lige Gemeinekirche von Lucklum stand.
****) C. Bege, Geschichten. S. 129. Urkunde in einem Lucklumer Copialbuche.


325 Wanderung durch den Kalktuffbruch bei Lucklum.

Bedenkt man nun noch, daß die Bodenbeschaffenheit in den genannten Localitäten der Erhal-
tung der Knochensubstanz sehr günstig ist; so können wir mit unsern Vermuthungen üder die
Zeit, in welcher die fraglichen Gebeine dem Schoße der Erde mögen übergeben sein, unbedenk-
lich in die weiteste Ferne zurückgreifen.
    Es würde die Annahme nicht unstatthaft sein, daß jene Gebeine stumme Zeugen eines
blutigen Kampfes zwischen Katten und Cheruskern, oder den späteren Thüringern und einem
andern Volksstamme wären. Für diesen Fall hätte man aber gewiß neben den Gebeinen ir-
gendwo auch die von der siegenden Partei vergrabenen Waffen des überwundenen Feindes an-
getroffen. »Es war sonst der alten Deutschen Gewohnheit, die dem Feinde abgenommenen
Waffen in die Erde zu verscharren« *).
    Vielleicht könnte man auch annehmen, daß in der Gegend von Lucklum die Wahlstatt
wäre, wo im Jahre 938 ein Theil des Ungarheeres »zwischen die Besatzungen der Burgen
Hebesheim und Werla gerieth und niedergehauen wurde **). In dieser Beziehung ist es von
Bedeutung, daß auf Volzumer Feldmark, nahe am Lucklumer Gebiete, ein »Königskirchhof«
liegt, von dem die Sage berichtet, daß dort ein König in hartem Kampfe gefallen und sofort
begraben sei. Die Knechte, welche das Begräbniß besorgten, wurden sämmtlich enthauptet und
um die Königsleiche her in aufrechter Stellung begraben. Offenbar ein Stück aus der Etzelsage.
    Doch ich kann mich für obige Annahme nicht entscheiden. Mir scheint der Umstand
wichtig, daß die fraglichen Gebeine nur bis dahin sich finden, wo die Urnenspuren aufzutreten
beginnen. Sodann bringe ich auch das Umkehren und Verschütten der Urnen in einen sach-
lichen Zusammenhang mit den aufgefundenen Gebeinen. Ich will jetzt meine Gedanken hier-
über der Prüfung anheim geben.
    Geschichtlich sicher ist es, daß Karl der Große im Herbste des Jahres 784 mit einem
starken Kriegesheere am Elme stand. Schöningen namentlich wird als ein Quartier des
Kaisers genannt ***). Nun ist es doch mehr, als wahrscheinlich, daß ein Hauptsitz sassischen
Götzendienstes, was Lucklum damals gewiß war, den mit Feuer und Schwert missionirenden
Kaiser zu nachdrücklichem Kampfe herbeirief. Und eben so plausibel ist es, daß die Führer
der Sachsen an diesem Punkte ihre Hauptmacht dem andringenden Karl entgegensetzten.
Ohnehin bot die Gegend selbst für die damalige Kriegsführung den Sachsen große strategische
Vortheile. Da nun Karl als Sieger aus dem Zusammenstoße hervorging; so erscheint es
sehr natürlich, wenn er die Heiligthümer der Besiegten, soweit das nur zu erreichen stand,
durch sein Heer verwüsten ließ. Die gefallenen Franken begrub man in christlicher Weise
(heilige Linie) auf der oben bezeichneten Stellen. Vielleicht ließ Karl auch, nach seiner Weise,
in der Gegend von Lucklum die überwundenen Sachsen taufen ****). Und eben so wird es
seine Sorge gewesen sein, auf der Stelle heidnischen Götzengreuels eine christliche Capelle zu
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*) Dünnhaupt in dem angef. Werke. S. 270.
**) Der Elm mit seiner Umgebung. Von Dr. W. J. L. Bode. Braunschweig, 1846, S. 11
***) Im Saxo kommt bei Gelegenheit der Schilderung von Karls Thaten die Stelle vor:
Jnde Thuringorum per agros iter egerat atque
Saxonum campos, quos Albia vel Sala tangunt
Amnes vicini, lustrans villas ibi plures
Tradiderat flammis, donec pervenit ad illum.
Qui veteri locus est Schaningi nomine dictus.
S. Dünnhaupt in d. angef. Werke. S. 289. Auch Br. Magazin von d.J. S. 352 in der Note.
****) Die klar und reichlich sprudelnde »Lutwelle« (vielleicht von luo = abwaschen) in·dem nahen
Erkerode bot eine schöne Taufstelle. Der »Heerberg« dicht vor Erkerode erinnert vielleicht eben-
falls an den erwähnten Kriegeszug Karls.


326 Verbreitung von Gellert‘s Oden und Liedern in der Schweiz.

errichten. Es steht urkundlich fest, daß in Lucklum schon in frühester Zeit eine Parochial-
kiche mit bedeutendem Kirchengute sich befunden hat.
    Ich schließe hier für dasmal mit dem Wunsche, daß meine Mittheilungen ein Geringes
zur Aufhellung der Geschichte eines interessanten Punctes im Vaterlande beitragen mögen.
Lucklum, im September 1860.
                                                           J. H. Ch. Schmidt.