Zum 850. Jahrestag der Kaiserkrönung Lothars von Süpplingenburg

Kaiser Lothar und Kaiserin Richenza
Kaiser Lothar und Kaiserin Richenza

 


Ausschnitt aus dem Braunschweigisch-Lüneburgischen Prachtstammbaum von 1584

Seitdem die Zukunft bedrohlich und dunkel dargestellt wird, sucht man das Lichte in der Vergangenheit. Nicht lange zuvor war es umgekehrt. Das finstere Mittelalter hieß es da, und die Zukunft erschien hell und strahlend. Was davon ist objektiv, wahr?
Wır wissen, es gibt in der Außenwelt keine Tatbestände, die unabhängig vom Beobachtungsprozeß ein objektives Dasein haben. Jede Zeit hat ihr Geschichtsverständnis und ihr Zukunftsbild. Ja selbst bei einem Menschen wandeln sich Ansichten über Kleines wie Großes in seinem Leben, in seiner Umwelt, seiner Welt und seinem Geschichtsbild. Wıe erscheint das heutige Romanikverständnis und Kaiser-Lothar-Bild? Am 4.6.1133, also vor 850 Jahren wurde Lothar zum Kaiser gekrönt. Wahrscheinlich am 1.8.1135 legte er den Grundstein zu seiner, zu „unserer“ Stiftskirche.
Das 850. Jubiläum dieses Baubeginns wird schon vorbereitet. Sein Krönungstag wurde vergessen. Wır mögen eben Dome mehr denn Monarchen, schätzen Dinge oft mehr als Menschen. Nun ist dieser Kaiserdom in Königslutter aber nicht ohne Lothar denkbar und nicht ohne die mittelalterliche Monarchie. Was war das für ein Mensch, der uns Gelegenheit bietet, Aktivität und Traditionsverbundenheit an einer Kette von Feiern zu beweisen, die einer von ihm hinterlassenen Sache gelten? Wıeviel lemt man aus der Geschichte, wenn man erfährt, wo die Gestaltungsvorbilder dieses bedeutenden Erbstückes Lothars zu finden sind, wo und wie man sie nachahmte, ohne etwas über den Inhalt, die Aussage dieser herrlichen Formen zu erfahren? Genügt uns die schöne Oberfläche, die als begehrte Importware das eigene bodenständige Formengut völlig disqualifizierte? Solange der Wandel zum Bewahren wirksam ist, sollten wir sammeln, was an Werken und Wissen vorhanden ist, ohne das weniger Gefällige, das nicht so Reizvolle zu verwerfen. Kultur bedarf der Dauer.
Aus der Fülle der historischen Daten seien zu diesem Versuch einer Würdigung Kaiser Lothars die wichtigsten biographischen und einige andere wesentliche, sein Wesen sinnfällig machende, hier aufgeführt.
Wahrscheinlich 1075 wurde Lothar als Sohn des Grafen Gebhard in Süpplingenburg oder Lutterloh geboren. Sein Vater fiel am 9.6.1075 in der Schlacht bei Homburg, die die Sachsen unter Führung Ottos von Northeim, des Großvaters der Kaiserin Richenza, gegen Heinrich IV. verloren. Die 1100 vollzogene Verlobung des 25jährigen Lothar mit der etwa 5jährigen Richenza, der Tochter Heinrichs des Fetten von Northeim und seiner zweiten Gemahlin, Gertrud von Braunschweig, entsprang dem üblichen Vorrang dynastischer Interessen. Nach dem Tode Magnus' Billungs setzte Heinrich V. am 23.8.1106 Lothar als Herzog von Sachsen ein, des Landes, das nach Meinung Adams von Bremen „nur des süßen Weines entbehrt, sonst bringt es alles, was zum Lebensbedarf gehört, selber hervor."
1113 heirateten Lothar und Richenza in der St. Blasiusklosterkirche von Northeim, und am 18.4.1115 wurde ihre Tochter Gertrud geboren. In Chroniken wird auch von einem früh verstorbenen Sohn Lothar berichtet, dessen unvollständige Gebeine in dem Kindergrab neben Herzog Heinrich liegen könnten. Das Fehlen von Knochen könnte durch die Umbettung verständlich werden. Am 23.5.1125 starb Heinrich V. kinderlos, und am 30.8.1125 wurde Lothar gegen die Ansprüche des Schwabenherzogs Friedrich II. von Staufen in Mainz zum König gewählt.
Mitte November verlobte der König seine Tochter Gertrud mit Heinrich, dem stolzen Sohn des schwarzbärtigen Bayemherzogs Heinrich IX. Nach dessen Tode am 13.12.1126 wird Heinrich der Stolze als Heinrich X. Bayemherzog. Die Nordsüdachse Sachsen - Bayem, die Grundlage der Königspolitik Lothars ist geschaffen. 1129 wurde Heinrich der Löwe in Ravensburg geboren. Während seiner Kindheit weilte seine Tante, die Herzogin Judith von Schwaben mit ihrem Sohn Friedrich, dem späteren Kaiser Barbarossa, oft in Ravensburg.
Am 18.12.1127 rief die staufische Partei Konrad, den Bruder des einäugigen Schwabenherzogs, zum Gegenkönig aus. Kein deutscher Bischof stimmt dieser Proklamation zu! Konrad zog nach Italien, um sich am 29.6.1128 in Monza vom Erzbischof von Mailand zum König von Italien krönen zu lassen. Ende 1129 gewährte Lothar der von Friedrich II. im belagerten Speyer zurückgelassenen Herzogin Judith ehrenvollen Abzug und beschenkte sie sogar. Die Eroberung der Stadt wurde am Epiphaniasfest 1130 mit aller Pracht gefeiert. Am 23.3.1131, dem Sonntag Lätare (Freuet euch!), fand in Lüttich eine große Prozession anläßlich des Treffens zwischen Lothar und Papst Innozenz II. statt. Dem König wurde es oft verübelt, daß er dem päpstlichen Gast den Zügeldienst erwies. Seit 74 Jahren, als Vıctor Il. Deutschland verließ, hatte kein Papst mehr deutschen Boden betreten. Lothar erreichte seine Ziele gegenüber dem Papst mit Erweisen dieser Formalität besser als durch demonstratives Verweigern. Lothar war erfahrener Pragmatiker. Er griff nicht nach unreifen Früchten, sondem konnte warten, bis sie ihm reiften.
In Rom feierte der Gegenpapst Anaklet II. die Prozession der Goldenen Rose. Die Heerfahrt Lothars nach Rom wird von den Fürsten beschworen. Nach der Feier von Mariä Himmelfahrt am 15.8.1132 brach Lothar mit 1500 Reitern von Würzburg nach Rom auf, wo er am 30.4.1133, dem Sonntag Rogate (lat. rogo = jemanden einladen, um etwas bitten, etwas holen!), in den Aventin, die Residenz Ottos III. einzog. Mit der Wahl dieses Quartiers zeigte er sich den Römern als Erbe der Ottonen, nicht der Salier.
Am 4.6., dem 2. Sonntag nach Trinitatis, fand die Kaiserkrönung durch Innozenz II. in der konstantinischen Lateransbasilika statt. Richenza war immer an Lothars Seite. Vier Tage später garantierte das Römische Konkordat dem Kaiser seine Rechte gegenüber der Reichskirche. Nach dem berühmten Wormser Konkordat von 1122, an dem Lothar nicht teilnahm, hatte jeder Kaiser nur soviel Recht gegenüber Papst und Kirche, wie er sich selbst eroberte, da Heinrich V. die dort festgelegten kaiserlichen Rechte nur für seine Person gewährt bekam. Lothar verzichtete auf die Krönung in der Peterskirche, die noch von Anaklet beherrscht wurde. Ob er nach der Eroberung des Vatikans und Beseitigung des Gegenpapstes das gleiche erreicht hätte wie bis zu seinem Aufbruch von Rom am 11.6.1133? So lange hatte er sich seit Regierungsantritt nirgends aufgehalten. Nirgends auch so erfolgreich. Durch Aufstecken eines Ringes hatte er auch die seit 1115 umstrittene Nutzung der reichen Mathildischen Güter für nur 100 Pfund Silber jährlich übertragen bekommen. In seinem Grab wurden zwei Ringe gefunden. Ist einer davon der päpstliche? Welcher könnte höheren Rang als kaiserliche Grabbeigabe haben? Am 15.8.1134 bricht das kaiserliche Heer wieder nach der Mariä-Himmelfahrts-Feier von Würzburg zum Feldzug, zum Zug gegen den dreimal geächteten Schwabenherzog und dessen Bruder, den Gegenkönig Konrad auf. Lothar besiegt sie endgültig, vergibt ihnen, beläßt ihnen ihre herzoglichen Titel und Ländereien und macht seinen vormaligen Gegenkönig sogar zum Reichsfahnenträger.
Am 15.8.1135 in Merseburg anerkennt auch Boleslaw III. von Polen Lothar als Lehnsherren und zahlt den zwölf Jahre verweigerten Tribut von 500 Pfund Silber jährlich nach. König Erik II. von Dänemark leistet ebenfalls den Vasalleneid. In zehn Jahren hat Lothar das Bauwerk seines Reiches in den wesentlichen Teilen errichtet, solide wie seine Stiftskirche, die er zwischen seinen beiden größten Hoftagen von Bamberg und Merseburg in Königslutter gründete. Beide Werke wurden nicht seinem hohen Anspruch gemäß vollendet.
In Merseburg wurde der zweite Italienzug beschlossen. Lothar zögerte ihn hinaus und mußte auf vielerei Drängen dann doch aufbrechen. Wıeder nach Mariä Himmelfahrt und wieder von Würzburg aus. Zwar gelang es Lothar und Heinrich dem Stolzen mit ihren Truppen, den Normannenkönig Roger II. von Sizilien in Unteritalien zurückzudrängen, der endgültige Sieg über ihn war aber nicht möglich. Unzufriedenheit im Heer, für Papst und Byzanz in süditalienischer Hitze kämpfen zu sollen, und Krankheit zwangen den Kaiser zurUmkehr. Am 22.9. äußerte er dem Abt des Benediktinerstammklosters Monte Cassino Todesahnungen, und in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1137 starb er in Breitenwang in Tirol. Von dort führte seine letzte Reise nach Königslutter.
Seine Wegstrecken in die Landkarte gezeichnet ergäben ein dichtes Netz und veranschaulichten eine rastlose Aktivität. Man zögert, zum Wohle des Volkes zu sagen, weil diese Worte zu oft gebraucht und mißbraucht wurden, aber welche sollten sonst hier zutreffen? Auch die 82 überkommenen Urkunden Lothars demonstrieren sein Bemühen um das Wohl der neuen sozialen Gebilde an der Basis, deren Dauerhaftigkeit den inneren Frieden maßgeblich sichem. 70 Urkunden betreffen Klosterangelegenheiten: Stiftungsbestätigungen, Schutzbriefe, Schenkungen, Güteraustausch, Freiheitsbriefe. Sieben gewähren Privilegien für Städte und Kaufleute. Da wird der Schiffszoll auf der Elbe herabgesetzt, den Quedlinburgern das gleiche Recht eingeräumt wie den Kaufleuten von Goslar und Magdeburg, den Bürgern von Duisburg erlaubt, Steine für ihren Eigenbedarf im herzoglichen Wald zu brechen und den Straßburgern das Recht erteilt, daß keiner auswärts vor Gericht zu erscheinen brauche. An exponiertester Stelle des Ostteils der Stiftskirche, des lotharingischen Teils, an dem jedes Detail bewußt gewählt und meisterhaft ausgeführt und eingegliedert wurde, befindet sich der Jagdfries, der die Quintessenz der Lebenserfahrung Lothars ausdrücken könnte:

„Was wir erjagen wollen, das bindet uns, was wir erjagt haben, dem unterliegen wir."

Otto Kruggel

 


veröffentlicht in:
Das Moosholzmännchen
heimatkundliches Beiblatt des Iutterschen Stadtbüttels
Nr. 157/1983   Juli 1983

 

 

Weitergehende Informationen zur Regierungszeit Kaiser Lothars sind in Wikisource, der freien Quellensammlung zu finden:

http://de.wikisource.org/wiki/Topographia_Braunschweig_Lüneburg:_Königslutter

Hier wird zu seiner Regierungszeit folgendes hervorgehoben:

 

 

"Bey dieses (Lotharii) Regierung ist eine angenehme Zeit gewesen. Dann weil die Lufft für vnd für gesund vnd rein / der Erdbodem auch alle Jahr das seine reichlich gab / war nicht allein im Reich / sondern fast in gantzer Welt alles dinges ein Vberfluß. Er hatte beständigen [135] Friede / strebte nach Einigkeit / vnd regierte in guter Ruhe / war im Fried vnd Kriegssachen sehr berühmt / dahero Er bey vns vnd vnsern Nachkommen vor einen Vatter deß Vatterlandes muß gehalten werden / dieweil Er die seinigen mannlich verthädiget / vnd als ein starcker Held beschützete; schewete hierunter keiner Gefahr / noch sein Leib vnd Leben für die Gerechtigkeit in die eusserste Gefahr zu setzen. Vnd damit ich auffs herrlichste von ihm rede / bey seinen Zeiten fürchtete das Landvolck ihren Landesfürsten nicht / litte auch von keinem gewaltthätigen einige Vberlast vnd Trangsal / sondern ein jeder genoß deß seinen mit gutem Frieden / den Er der Kirchen wiederbracht / wir Ihme billig wünschen / daß Er in gutem Frieden im HERRN schlaffen / vnd der ewigen Seligkeit geniessen möge."





Quelle: Stadtspiegel, 20. Jg., 1. Dezember 2012 23/12 S.6

 

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Quelle:

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