Zum 850. Jahrestag der Kaiserkrönung Lothars von Süpplingenburg

Kaiser Lothar und Kaiserin Richenza
Kaiser Lothar und Kaiserin Richenza

 


Ausschnitt aus dem Braunschweigisch-Lüneburgischen Prachtstammbaum von 1584

Seitdem die Zukunft bedrohlich und dunkel dargestellt wird, sucht man das Lichte in der Vergangenheit. Nicht lange zuvor war es umgekehrt. Das finstere Mittelalter hieß es da, und die Zukunft erschien hell und strahlend. Was davon ist objektiv, wahr?
Wır wissen, es gibt in der Außenwelt keine Tatbestände, die unabhängig vom Beobachtungsprozeß ein objektives Dasein haben. Jede Zeit hat ihr Geschichtsverständnis und ihr Zukunftsbild. Ja selbst bei einem Menschen wandeln sich Ansichten über Kleines wie Großes in seinem Leben, in seiner Umwelt, seiner Welt und seinem Geschichtsbild. Wıe erscheint das heutige Romanikverständnis und Kaiser-Lothar-Bild? Am 4.6.1133, also vor 850 Jahren wurde Lothar zum Kaiser gekrönt. Wahrscheinlich am 1.8.1135 legte er den Grundstein zu seiner, zu „unserer“ Stiftskirche.
Das 850. Jubiläum dieses Baubeginns wird schon vorbereitet. Sein Krönungstag wurde vergessen. Wır mögen eben Dome mehr denn Monarchen, schätzen Dinge oft mehr als Menschen. Nun ist dieser Kaiserdom in Königslutter aber nicht ohne Lothar denkbar und nicht ohne die mittelalterliche Monarchie. Was war das für ein Mensch, der uns Gelegenheit bietet, Aktivität und Traditionsverbundenheit an einer Kette von Feiern zu beweisen, die einer von ihm hinterlassenen Sache gelten? Wıeviel lemt man aus der Geschichte, wenn man erfährt, wo die Gestaltungsvorbilder dieses bedeutenden Erbstückes Lothars zu finden sind, wo und wie man sie nachahmte, ohne etwas über den Inhalt, die Aussage dieser herrlichen Formen zu erfahren? Genügt uns die schöne Oberfläche, die als begehrte Importware das eigene bodenständige Formengut völlig disqualifizierte? Solange der Wandel zum Bewahren wirksam ist, sollten wir sammeln, was an Werken und Wissen vorhanden ist, ohne das weniger Gefällige, das nicht so Reizvolle zu verwerfen. Kultur bedarf der Dauer.
Aus der Fülle der historischen Daten seien zu diesem Versuch einer Würdigung Kaiser Lothars die wichtigsten biographischen und einige andere wesentliche, sein Wesen sinnfällig machende, hier aufgeführt.
Wahrscheinlich 1075 wurde Lothar als Sohn des Grafen Gebhard in Süpplingenburg oder Lutterloh geboren. Sein Vater fiel am 9.6.1075 in der Schlacht bei Homburg, die die Sachsen unter Führung Ottos von Northeim, des Großvaters der Kaiserin Richenza, gegen Heinrich IV. verloren. Die 1100 vollzogene Verlobung des 25jährigen Lothar mit der etwa 5jährigen Richenza, der Tochter Heinrichs des Fetten von Northeim und seiner zweiten Gemahlin, Gertrud von Braunschweig, entsprang dem üblichen Vorrang dynastischer Interessen. Nach dem Tode Magnus' Billungs setzte Heinrich V. am 23.8.1106 Lothar als Herzog von Sachsen ein, des Landes, das nach Meinung Adams von Bremen „nur des süßen Weines entbehrt, sonst bringt es alles, was zum Lebensbedarf gehört, selber hervor."
1113 heirateten Lothar und Richenza in der St. Blasiusklosterkirche von Northeim, und am 18.4.1115 wurde ihre Tochter Gertrud geboren. In Chroniken wird auch von einem früh verstorbenen Sohn Lothar berichtet, dessen unvollständige Gebeine in dem Kindergrab neben Herzog Heinrich liegen könnten. Das Fehlen von Knochen könnte durch die Umbettung verständlich werden. Am 23.5.1125 starb Heinrich V. kinderlos, und am 30.8.1125 wurde Lothar gegen die Ansprüche des Schwabenherzogs Friedrich II. von Staufen in Mainz zum König gewählt.
Mitte November verlobte der König seine Tochter Gertrud mit Heinrich, dem stolzen Sohn des schwarzbärtigen Bayemherzogs Heinrich IX. Nach dessen Tode am 13.12.1126 wird Heinrich der Stolze als Heinrich X. Bayemherzog. Die Nordsüdachse Sachsen - Bayem, die Grundlage der Königspolitik Lothars ist geschaffen. 1129 wurde Heinrich der Löwe in Ravensburg geboren. Während seiner Kindheit weilte seine Tante, die Herzogin Judith von Schwaben mit ihrem Sohn Friedrich, dem späteren Kaiser Barbarossa, oft in Ravensburg.
Am 18.12.1127 rief die staufische Partei Konrad, den Bruder des einäugigen Schwabenherzogs, zum Gegenkönig aus. Kein deutscher Bischof stimmt dieser Proklamation zu! Konrad zog nach Italien, um sich am 29.6.1128 in Monza vom Erzbischof von Mailand zum König von Italien krönen zu lassen. Ende 1129 gewährte Lothar der von Friedrich II. im belagerten Speyer zurückgelassenen Herzogin Judith ehrenvollen Abzug und beschenkte sie sogar. Die Eroberung der Stadt wurde am Epiphaniasfest 1130 mit aller Pracht gefeiert. Am 23.3.1131, dem Sonntag Lätare (Freuet euch!), fand in Lüttich eine große Prozession anläßlich des Treffens zwischen Lothar und Papst Innozenz II. statt. Dem König wurde es oft verübelt, daß er dem päpstlichen Gast den Zügeldienst erwies. Seit 74 Jahren, als Vıctor Il. Deutschland verließ, hatte kein Papst mehr deutschen Boden betreten. Lothar erreichte seine Ziele gegenüber dem Papst mit Erweisen dieser Formalität besser als durch demonstratives Verweigern. Lothar war erfahrener Pragmatiker. Er griff nicht nach unreifen Früchten, sondem konnte warten, bis sie ihm reiften.
In Rom feierte der Gegenpapst Anaklet II. die Prozession der Goldenen Rose. Die Heerfahrt Lothars nach Rom wird von den Fürsten beschworen. Nach der Feier von Mariä Himmelfahrt am 15.8.1132 brach Lothar mit 1500 Reitern von Würzburg nach Rom auf, wo er am 30.4.1133, dem Sonntag Rogate (lat. rogo = jemanden einladen, um etwas bitten, etwas holen!), in den Aventin, die Residenz Ottos III. einzog. Mit der Wahl dieses Quartiers zeigte er sich den Römern als Erbe der Ottonen, nicht der Salier.
Am 4.6., dem 2. Sonntag nach Trinitatis, fand die Kaiserkrönung durch Innozenz II. in der konstantinischen Lateransbasilika statt. Richenza war immer an Lothars Seite. Vier Tage später garantierte das Römische Konkordat dem Kaiser seine Rechte gegenüber der Reichskirche. Nach dem berühmten Wormser Konkordat von 1122, an dem Lothar nicht teilnahm, hatte jeder Kaiser nur soviel Recht gegenüber Papst und Kirche, wie er sich selbst eroberte, da Heinrich V. die dort festgelegten kaiserlichen Rechte nur für seine Person gewährt bekam. Lothar verzichtete auf die Krönung in der Peterskirche, die noch von Anaklet beherrscht wurde. Ob er nach der Eroberung des Vatikans und Beseitigung des Gegenpapstes das gleiche erreicht hätte wie bis zu seinem Aufbruch von Rom am 11.6.1133? So lange hatte er sich seit Regierungsantritt nirgends aufgehalten. Nirgends auch so erfolgreich. Durch Aufstecken eines Ringes hatte er auch die seit 1115 umstrittene Nutzung der reichen Mathildischen Güter für nur 100 Pfund Silber jährlich übertragen bekommen. In seinem Grab wurden zwei Ringe gefunden. Ist einer davon der päpstliche? Welcher könnte höheren Rang als kaiserliche Grabbeigabe haben? Am 15.8.1134 bricht das kaiserliche Heer wieder nach der Mariä-Himmelfahrts-Feier von Würzburg zum Feldzug, zum Zug gegen den dreimal geächteten Schwabenherzog und dessen Bruder, den Gegenkönig Konrad auf. Lothar besiegt sie endgültig, vergibt ihnen, beläßt ihnen ihre herzoglichen Titel und Ländereien und macht seinen vormaligen Gegenkönig sogar zum Reichsfahnenträger.
Am 15.8.1135 in Merseburg anerkennt auch Boleslaw III. von Polen Lothar als Lehnsherren und zahlt den zwölf Jahre verweigerten Tribut von 500 Pfund Silber jährlich nach. König Erik II. von Dänemark leistet ebenfalls den Vasalleneid. In zehn Jahren hat Lothar das Bauwerk seines Reiches in den wesentlichen Teilen errichtet, solide wie seine Stiftskirche, die er zwischen seinen beiden größten Hoftagen von Bamberg und Merseburg in Königslutter gründete. Beide Werke wurden nicht seinem hohen Anspruch gemäß vollendet.
In Merseburg wurde der zweite Italienzug beschlossen. Lothar zögerte ihn hinaus und mußte auf vielerei Drängen dann doch aufbrechen. Wıeder nach Mariä Himmelfahrt und wieder von Würzburg aus. Zwar gelang es Lothar und Heinrich dem Stolzen mit ihren Truppen, den Normannenkönig Roger II. von Sizilien in Unteritalien zurückzudrängen, der endgültige Sieg über ihn war aber nicht möglich. Unzufriedenheit im Heer, für Papst und Byzanz in süditalienischer Hitze kämpfen zu sollen, und Krankheit zwangen den Kaiser zurUmkehr. Am 22.9. äußerte er dem Abt des Benediktinerstammklosters Monte Cassino Todesahnungen, und in der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1137 starb er in Breitenwang in Tirol. Von dort führte seine letzte Reise nach Königslutter.
Seine Wegstrecken in die Landkarte gezeichnet ergäben ein dichtes Netz und veranschaulichten eine rastlose Aktivität. Man zögert, zum Wohle des Volkes zu sagen, weil diese Worte zu oft gebraucht und mißbraucht wurden, aber welche sollten sonst hier zutreffen? Auch die 82 überkommenen Urkunden Lothars demonstrieren sein Bemühen um das Wohl der neuen sozialen Gebilde an der Basis, deren Dauerhaftigkeit den inneren Frieden maßgeblich sichem. 70 Urkunden betreffen Klosterangelegenheiten: Stiftungsbestätigungen, Schutzbriefe, Schenkungen, Güteraustausch, Freiheitsbriefe. Sieben gewähren Privilegien für Städte und Kaufleute. Da wird der Schiffszoll auf der Elbe herabgesetzt, den Quedlinburgern das gleiche Recht eingeräumt wie den Kaufleuten von Goslar und Magdeburg, den Bürgern von Duisburg erlaubt, Steine für ihren Eigenbedarf im herzoglichen Wald zu brechen und den Straßburgern das Recht erteilt, daß keiner auswärts vor Gericht zu erscheinen brauche. An exponiertester Stelle des Ostteils der Stiftskirche, des lotharingischen Teils, an dem jedes Detail bewußt gewählt und meisterhaft ausgeführt und eingegliedert wurde, befindet sich der Jagdfries, der die Quintessenz der Lebenserfahrung Lothars ausdrücken könnte:

„Was wir erjagen wollen, das bindet uns, was wir erjagt haben, dem unterliegen wir."

Otto Kruggel

 


veröffentlicht in:
Das Moosholzmännchen
heimatkundliches Beiblatt des Iutterschen Stadtbüttels
Nr. 157/1983   Juli 1983

 

 

Weitergehende Informationen zur Regierungszeit Kaiser Lothars sind in Wikisource, der freien Quellensammlung zu finden:

http://de.wikisource.org/wiki/Topographia_Braunschweig_Lüneburg:_Königslutter

Hier wird zu seiner Regierungszeit folgendes hervorgehoben:

 

 

"Bey dieses (Lotharii) Regierung ist eine angenehme Zeit gewesen. Dann weil die Lufft für vnd für gesund vnd rein / der Erdbodem auch alle Jahr das seine reichlich gab / war nicht allein im Reich / sondern fast in gantzer Welt alles dinges ein Vberfluß. Er hatte beständigen [135] Friede / strebte nach Einigkeit / vnd regierte in guter Ruhe / war im Fried vnd Kriegssachen sehr berühmt / dahero Er bey vns vnd vnsern Nachkommen vor einen Vatter deß Vatterlandes muß gehalten werden / dieweil Er die seinigen mannlich verthädiget / vnd als ein starcker Held beschützete; schewete hierunter keiner Gefahr / noch sein Leib vnd Leben für die Gerechtigkeit in die eusserste Gefahr zu setzen. Vnd damit ich auffs herrlichste von ihm rede / bey seinen Zeiten fürchtete das Landvolck ihren Landesfürsten nicht / litte auch von keinem gewaltthätigen einige Vberlast vnd Trangsal / sondern ein jeder genoß deß seinen mit gutem Frieden / den Er der Kirchen wiederbracht / wir Ihme billig wünschen / daß Er in gutem Frieden im HERRN schlaffen / vnd der ewigen Seligkeit geniessen möge."





Quelle: Stadtspiegel, 20. Jg., 1. Dezember 2012 23/12 S.6

 

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Quelle:

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Lothars Zeit als Herzog



Politische Geschichte Deutschlands

unter der Regierung der Kaiser Heinrich V. und Lothar III.

von Dr. Eduard Gervais,

Privatdocent an der Universität Königsberg

 

Erster Theil. Kaiser Heinrich V.

 

Leipzig: F. A. Brockhaus. 1841

 

 

Inhalt.

Seite

Vorwort VII

 

Erster Abschnitt. Einleitung. Staat und Kirche. Heinrich's V. Empörung gegen den Vater und Regierungsantritt. Sein Verfahren bei Besetzung der großen Reichslehen. Lothar, Herzog von Sachsen. Die Hohenstaufen. Die Welfen. Die Hierarchie. Der Investiturstreit. Heinrich's Sieg über Paschalis II. Sein Streben, die Geistlichkeit und die Fürsten zu beugen. Die deutschen Städte 1

 

Zweiter Abschnitt. Verhältnisse in Sachsen. Slavenkrieg. Stadische Händel. Lothar wider Heinrich V. Beilegung des drohenden Bürgerkrieges 54

 

Dritter Abschnitt. Der weimar-orlamündische Erbfolgekrieg. Erzbischof Adalbert von Mainz in Verbindung mit der Kirchenpartei und den sächsischen Rebellen. Reinald von Bar. Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands. Schlacht im Welfesholze 92

 

Vierter Abschnitt. Folgen der Schlacht am Welfesholze. Kirchliche und politische Parteien in Deutschland. Adalbert von Mainz und Herzog Lothar, Vertreter der Kirchen- und Fürstenrechte. Heinrich's Unterhandlungen mit den Sachsen. Sein zweiter Zug nach Italien. Die Mathildische Erbschaft. Die Hoffnung auf friedliche Ausgleichung des Streites zwischen Reich und Kirche durch die Einnahme Roms vereitelt, durch Paschalis' II. Tod gänzlich geschwunden. Kirchenschisma. Gelasius II. und Gregor VIII. Heinrich's Rückkehr nach Deutschland 138

 

Fünfter Abschnitt. Kämpfe in Deutschland während des Kaisers Abwesenheit. Lothar und Friedrich von Schwaben. Unterhandlungen der Parteien. Adalbert von Mainz und Kuno von Präneste. Heinrich's Rückkehr und letzte Anstrengung wider die Kirchenpartei. Der Tod Gelasius' II., die Erhebung Calixtus' II. Unterhandlungen zu Straßburg. Reichsversammlung am Rhein 189

 

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VI Inhalt. Seite

Sechster Abschnitt. Neue Hindernisse des Friedens. Synode zu Rheims. Heinrich's Unterhandlungen mit den Sachsen. Adalbert's Intriguen. Entscheidung des Kampfes durch die vereinigten Fürsten. Vertrag zu Würzburg. Ende des Investiturstreites. Concordat zu Worms 265

 

Siebenter Abschnitt. Zustand des Reiches nach dem Bürgerkriege. Zerwürfnisse in Sachsen. Holländische Fehde. Heinrich's Bestreben, die Macht der Fürsten zu trennen. Lothar, Schirmer der Fürstenrechte. Adalbert's Stellung zu Kirche, Reich, und Fürsten. Krieg mit Frankreich. Heinrich's Tod 356

 

 

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VII

 

Vorwort.

 

Eine gründliche Darstellung der Regierung Kaiser Lothar's III. fehlte bisher in der Reihe historischer Werke, welche die vaterländische Geschichte durch kritisch sichtende Benutzung der Quellen zum Gegenstand der Wissenschaft und durch ein belebendes Interesse zum Gemeingut der Nation machten. Die Lücke mußte um so fühlbarer erscheinen, als das fränkische Kaiserhaus vor und das der Hohenstaufen nach jener so ausgezeichnete Bearbeiter wie Stenzel und v. Raumer gefunden hatte. Lange trug ich Scheu, mit einem Werke, das zwischen den ihrigen Platz gewinnen sollte, auch gleichsam zwischen ihre gefeierten Namen den meinigen einzudrängen, und obwol seit neun Jahren schon mit Forschungen in dem gleichen Gebiete beschäftigt, wollte ich doch nur einem untergeordneten, wenn auch auf den Gang der Reichsbegebenheiten nicht wenig einflußreichen Fürstengeschlechte meine Arbeit zuwenden. Die Ungunst des Verlags gestattete mir aber nicht, diese in ihrem ganzen Umfange, sondern nur Bruchstücke davon der Oeffentlichkeit zu übergeben. Da entschloß ich mich, wozu ich vergeblich Andere aufgefodert *), selbst zu unternehmen, obschon

 

*) In einer Abhandlung: „Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe und die deutschen Fürsten in ihren Verhältnissen zu einander“ (f. Neue Jahrbücher der Geschichte und Politik, herausgegeben von Fr. Bülau 1839, Mai-, Juni- und Juliheft 1839), machte ich S. 322, Anm. 1 auf den Mangel einer Biographie Kaiser Lothar's aufmerksam und versprach in meiner „Geschichte der Landgrafen von Thüringen“ manches Wichtige zu beleuchten. Zu diesem Werke fand sich wegen Kostspieligkeit des Unternehmens kein Verleger. Ein längerer (20 Druckbogen starker) Aufsatz: „Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen“ ist ein Bruchstück jenes. Der thüringisch-sächsische Verein für Erforschung des vaterländischen Alterthums nahm ihn in seinen Mittheilungen, Bd. IV, Heft 3 u, 4, Bd. V, Heft 1 — 4, Bd. VI, Heft 1 (jedesmal zu Anfang) auf und versprach ihn auch als besonderes Werk herauszugeben, was aber unterblieben ist (wenn ich in nachfolgendem Werke auf jene Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen verweisend neben dem §. die Seitenzahl nach den mir vom thüringisch-sächsischen Verein verabfolgten Separatabdrücken die Seitenzahl bemerkt habe, so werden die meisten Leser nur nach dem §. nachzuschlagen haben, da die Separatabdrücke in Weniger Händen sein möchten). In Bd. V, Heft 4, S. 23, Anm, 1 gab ich bereits meinen Entschluß kund, die fühlbare Lücke in der Geschichte des deutschen Mittelalters ausfüllen zu wollen. Noch hat Niemand, soviel mir bekannt ist, der gleichen Arbeit sich unterzogen. Ich bin weit entfernt zu glauben, daß nicht nach mir noch Manches zu ergänzen und zu berichtigen sein wird.

 

 

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VIII Vorwort.

 

ich fühlte, daß mein für einen speciellern Gegenstand auf einer früheren Reise durch Deutschland gesammeltes Material nicht erschöpfend und noch weniger die mir hier am Ort gebotenen Hülfsmittel zureichend seien. Zu diesen äußeren Schwierigkeiten kam noch eine Bedenklichkeit, die aus der Prüfung und Durchforschung des zu behandelnden Gegenstandes selbst hervorging. Erschien mir nämlich früherhin das Urtheil vieler neueren und hochgerühmten Geschichtschreiber, die Lothar's Regierung entweder als Uebergang zum Gebiete ihrer Forschungen nicht unberührt lassen konnten oder in bändereichen Werken deutscher Geschichte weitläufiger besprachen, im Einzelnen ungerecht, einseitig, parteiisch, so erkannte ich nun, daß fast durchweg bei gehöriger Benutzung und Sichtung der von ihnen wie von mir zu Rathe gezogenen Quellen, von einem Standpunkte aus, wie ihn die Personen, Ereignisse und Verhältnisse jener Zeit fodern, nach unbefangener Prüfung dieser aller ein anderes Resultat zum Vorschein komme, als sie es geliefert haben.

 

Lothar wurde entweder den vorausgehenden fränkischen Kaisern oder den nachfolgenden Hohenstaufen geopfert und theilte dies Loos mit anderen in ähnlicher Weise zwischen zwei gefeierten Dynastien stehenden oder eine solche unterbrechenden Herrschern. Doch eben seine Stellung zwischen den genannten Kaisergeschlechtern, seine von beiden abweichende Politik, die durch ihn begründete Uebermacht des Welfischen

 

 

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IX Vorwort.

 

Hauses veranlaßte mich zu einer näheren Beleuchtung seiner Regierung, wobei freilich ein unbefangenes Urtheil allein mich davor bewahren konnte, daß ich nicht das Verdienst des Mannes einerseits über dem Ruhm, der seinen Vorgängern und Nachfolgern gespendet worden ist, verkannte, andererseits nicht ohne Nachweis mit größerem Lobe als von Anderen geschehen, herausstellte. Durch eine genaue Angabe der Quellen, durch kritische Prüfung der oft von einander sehr abweichenden Chronisten und Parteischriftsteller glaubte ich am besten meine Darstellung und mein Urtheil zu rechtfertigen. Freilich erfoderte dies viele und mitunter lange Anmerkungen, was nicht allen Lesern gefallen wird, weil ich sie oft nöthige, vom Text in die Anmerkungen zu blicken, wo sie nicht bloße Citate zum Nachschlagen, die sich leicht überspringen lassen, sondern die Beweisstellen selbst oder eine Vergleichung mehrer gegeneinander finden. Auch mir wäre das bloße Citiren eine große Erleichterung gewesen, und ich hätte mit viel geringerer Mühe die Zahl alter und neuer Citate vermehren können, als die sehr lästige und Zeit raubende Anführung der benutzten Quellen mir gekostet hat, wäre nur jene übliche Gewohnheit vieler Gelehrten mir nicht als eine - sehr übrige erschienen! Wie viele Leser schlagen wol die oft maßlos und nutzlos angehäuften Stellen nach? Und wie viele falsche, nichts oder wenig beweisende Citate laufen nicht selbst sorgfältigen Autoren durch die Feder? Ueberdies wie wenig zugänglich, wie wenig verbreitet sind noch immer die mittelalterlichen Quellenschriftsteller? Nur aus diesen wollte ich meine Belege hernehmen; einerseits aber sie nicht nutzlos anhäufen, andererseits mein von vielen und oft sehr gepriesenen Geschichtschreibern abweichendes Urtheil schlagend bekräftigen. Somit konnte ich, durfte ich die längeren Anmerkungen nicht vermeiden.

 

Ueberflüssig wurde hierdurch auf dem Titel hinzusetzen: bearbeitet nach den Quellen o. d. g., wenn bei einem wissenschaftlichen Werke solcher Zusatz nicht überhaupt überflüssig

 

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X Vorwort.

 

scheint. Gleichwol bedarf der von mir gewählte Doppeltitel einer Rechtfertigung. Ich nenne mein Werk eine politische Geschichte Deutschlands, um von vorn herein die Tendenz desselben genauer zu bezeichnen. Nicht blos eine Biographie Lothar's, nicht seine Regierungsgeschichte zu schreiben war meine Absicht, sondern ein Bild zu entwerfen von der Umgestaltung, die durch den Uebergang von der hundertjährigen Herrschaft der fränkischen Kaiser auf einen Mann, der nach ganz entgegengesetzten Grundsätzen Deutschland regierte, im Innern des Reiches und nach Außen herbeigeführt wurde. Was unter jenen entstanden war, was unter diesem sich veränderte, war nicht allein das Werk der Herrscher selbst. Die Päpste, die Geistlichkeit, die Fürsten, die Städte, alle Stände der Nation wirkten unmittelbar oder mittelbar, bald die einen bald die anderen, bald einzeln bald insgesammt auf die Verhältnisse Deutschlands ein und zwangen oft dem Reichsoberhaupte ihren Willen statt des seinen auf. Darum mußte meine Darstellung bei den Urhebern oder Trägern der sich entwickelnden und herbeigeführten Zustände verweilen, sei es, daß der Papst oder der Kaiser die Geistlichkeit oder die Fürsten, die Städte oder das Volk mit oder gegen einander jenes vermittelten. Ein Zurückgehen in die Vergangenheit, zuweilen auch ein Hinweisen auf spätere Zeiten war unerläßlich. Eine Ungleichheit möchte es scheinen, wenn ich bei den kleineren norddeutschen Fürsten, zumal den sächsischen, länger verweile und die Nachweisung ihres Ursprungs, ihrer Familienverhältnisse und Schicksale mit größerer Ausführlichkeit gebe, während ich der süddeutschen nur erwähne, wo sie in den Gang der Reichsbegebenheiten eingreifen. Um mich darüber im Voraus zu rechtfertigen, bemerke ich:

 

Erstlich: Daß in Norddeutschland damals schon wie bis auf gegenwärtige Zeit mehr unabhängige, wenn auch kleine Fürsten dastanden, während im Süden die National-Herzöge die Grafen, Markgrafen, Pfalzgrafen und andere sich unterordneten

 

 

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XI Vorwort.

 

und jene als Landesherren allein eine politische Wichtigkeit behielten.

 

Zweitens: Daß die norddeutschen Fürsten, größere wie kleinere, unter den beiden letzten fränkischen Kaisern durch ihre Opposition, unter Lothar durch ihren engen Anschluß an diesen vornehmlich die Veranlassung zu den Umgestaltungen im Innern des ganzen Reiches gaben und auf die Stellung des Königs zu Kirche und Staat wesentlich einwirkten.

 

Wie aber hätte ich Lothar's steigende Macht, seine ganz entgegengesetzte Politik und vornehmlich die Umgestaltung der innern und äußern Verhältnisse Deutschlands unter seiner Regierung anschaulich machen können, ohne die sinkende Macht Heinrich's V., seine verderbliche Politik und den Verfall des Reiches unter seiner Regierung vorauszuschicken? Wäre nur eine Biographie Lothar's, nicht eine politische Geschichte Deutschlands der Gegenstand eines Werkes, so hätte ich mit jenem als Herzog, als Gegner Heinrich's V. beginnen und hiermit den gleichen Zeitraum von 1106 — 1125, der des letzten fränkischen Kaisers Regierung umfaßt, ausfüllen können. Doch um alle die Gegensätze beider Regierungen, die Umgestaltungen, die nicht blos durch den Wechsel der Herrscher veranlaßt wurden, sondern in viel verschlungenen Verhältnissen, in fern abliegenden Ereignissen ihren Grund hatten, klar zu entwickeln, mußte ich die Fäden früher und weiter aufsuchen und die Regierung Heinrich's V. ganz in den Kreis meiner Darstellung ziehen, doch so, daß ich Alles, was dieselbe mit den vorausgehenden Ereignissen verbindet, ohne wesentlich auf die nachfolgenden Umgestaltungen einzuwirken, ausschied, viele Tatsachen, die in ihrer genaueren Entfaltung kein für die Folge wichtiges Moment bieten, kurz berührte, dagegen manche in ihrem Erscheinen unwichtigen, doch für die Folgezeit bedeutsamen Vorfälle, sowie Personen und Verhältnisse, die ein Geschichtschreiber der fränkischen Kaiser oder nur Heinrich's V. unerwähnt lassen konnte, wegen ihres spätern Einflusses nicht

 

 

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XII Vorwort.

 

übergehen durfte. Diese Rücksichten überwanden meine Scheu, die Regierungsgeschichte eines Kaisers noch einmal aufzunehmen, die Stenzel's treffliches Werk schon mitumfaßt. Bot letzteres für meine Arbeit eine treffliche Grundlage, so gestattete es mir auch Vieles ganz zu übergehen und auf das unumstößlich Begründete und nicht leicht besser Darzustellende in den Anmerkungen zu verweisen. Wo ich seine Ansicht nicht theilte, habe ich freimüthig die meinige entgegengestellt und aus den Quellen, die mir das Wahre oder Wahrscheinlichere darthaten, nachgewiesen. Auch Urtheile anderer Gelehrten habe ich dankbar anerkannt oder unumwunden zu widerlegen gesucht, und hoffe keines Tadel dadurch mir zugezogen zu haben, auch nicht dann, wenn ich ihre Resultate und Ansichten ganz abzulehnen oder als mangelhaft und falsch nachzuweisen veranlaßt wurde. Meinerseits bin ich weit entfernt zu glauben, daß ich auf dem oft unsichern, fast spurlosen Pfade niemals geirrt haben könnte.

 

Somit übergebe ich den ersten Theil meines Werkes, dem der zweite so schnell, als es der Druck gestattet, nachfolgen soll, der Oeffentlichkeit, bereit, jede wissenschaftliche Widerlegung, jede gründliche Nachweisung eines Irrthums oder unrichtigen Verständnisses der mir dürftig und oft in schlechten Ausgaben gebotenen Quellen und Hülfsmittel, besonders jede Ergänzung zu dem von mir Gelieferten mit Dank anzuerkennen, aber auch entschlossen, jeder oberflächlichen Beurtheilung, hämischem Tadel, wegwerfender Geringschätzung, die mein emsiges, sorgfältiges Streben nicht verdient, mit allen mir zu Gebote stehenden wissenschaftlichen Waffen zu begegnen.

 

Königsberg, den 24. August 1841.

E. Gervais

 

 

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Erster Abschnitt.

 

Einleitung. Staat und Kirche. Heinrichs V. Empörung gegen den Vater und Regierungsantritt. Sein Verfahren bei Besetzung der großen Reichslehen. Lothar, Herzog von Sachsen. Die Hohenstaufen. Die Welfen. Die Hierarchie. Der Investiturstreit. Heinrich's Sieg über Paschalis II. Sein Streben, die Geistlichkeit und die Fürsten zu beugen. Die deutschen Städte.

 

Als die Schwäche der Karolingischen Kaiser das deutsche Reich in Gefahr brachte, von äußeren und inneren Feinden geschmälert und zerrissen zu werden, konnte nur die Vereinigung der Stände den gänzlichen Verfall desselben verhüten, und indem sie durch freie Wahl einen kräftigen Fürsten auf den Thron erhoben, den Umfang der alten Grenzen und den Zusammenhang der aus verschiedenen Nationen gebildeten Monarchie erhalten. Die Absetzung Karl's des Dicken, die Erhebung Arnulf's sind das Vorspiel des später gesetzlich gewordenen Zusammentretens der deutschen Fürsten und Völker zur Wahl eines Königs, wenn das Reich verwaist oder von seinem bisherigen Herrscher nach der Meinung der Stände schlecht verwaltet war. Seitdem gab es nicht mehr ein unbedingtes Erbrecht an die Krone, wenn man auch nicht ohne Grund von dem alten Herkommen abwich und bereitwillig dem Sohne des zeitigen Reichsoberhauptes noch bei Lebzeiten des Vaters die Nachfolge zusicherte. Daß hierzu die Beistimmung der Reichsstände nothwendig war, zeigte dem deutschen Könige, wem er seine Erhebung vornehmlich verdanke. Zwar ehrten die Wähler das Andenken an Karl den Großen, den Schöpfer

I. 1

 

 

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2 Erster Abschnitt.

 

der deutschen Monarchie, noch Jahrhunderte lang, indem sie auf Abstammung von ihm bei der Wahl eines neuen Herrschers ganz besonderes Gewicht legten, allein bei der Eifersucht der Volksstämme und der mächtigsten Fürstenhäuser, wurde der Ruhm, von dem großen Kaiser entsprossen zu sein, bald soweit ausgedehnt, daß bei dem Uebergange der Krone von einer Nation auf die andre, von einem Geschlecht auf das andre die Ehrfurcht vor dem unvergeßlichen Ahnherrn nie mehr verletzt schien.

 

Durch die Verwandlung der Erbmonarchie in ein Wahlreich war einerseits der Unfähigkeit, andrerseits der Willkür des Herrschers vorgebeugt; und in der That, die Geschichte des deutschen Mittelalters rechtfertigt in beiden Beziehungen eine Verfassung, die der ganz veränderte Geist unseres Jahrhunderts so oft als die verderblichste aller Regierungsformen darzustellen bemüht ist. Keinen schwachen Regenten hat Deutschland aufzuweisen, so lange einmüthig der Wahlakt vollzogen und das Partei-Interesse, das dabei freilich nicht ganz unterdrückt werden konnte, noch nicht durch Bestechung oder andere unerlaubte Mittel herabgewürdigt wurde. Der Willkür und Tyrannei wehrte der Freiheitssinn der Völker und der Stände, denen der Krieg mit all seinen Schrecken weniger verhaßt war, als ein Zustand unwürdiger Abhängigkeit von dem Willen eines sich Alles erlaubenden Herrschers. Nicht nach heutigen Begriffen von Völkerglück und von der Nothwendigkeit einer geregelten Staatsmaschine dürfen die Zustände des Mittelalters beurtheilt, nicht Rohheit, Barbarei, geistige Beschränktheit als die einzigen Eigenschaften jener Jahrhunderte des Kampfes und der Durchbildung angesehen, sondern ein Standpunkt gewonnen werden, der uns einmal freier, als sonst gestattet ist, aus den Schranken der Gegenwart treten läßt und über das Gebiet selbst, das wir überblicken wollen, emporhebt. Sonst verkennt man zu leicht die größte aller Wohlthaten, welche uns Deutschen zu Theil geworden: daß wir in unserm Völkerleben eine herrliche, kräftige, ruhmreiche Jugendzeit durchgemacht haben, die uns damals vor allen Völkern der Erde groß machte und die uns jetzt eine Reife der Entwickelung ahnen läßt, welche, wenn sie nicht durch fremdes Element vergiftet wird, der deutschen Nation dereinst einen Vorrang vor andern geben muß, die ihr Jugendalter minder herrlich durchlebten, oder die nur ein verkümmertes genossen, oder die aus langer Kindheit, Barbarei und geistiger Beschränktheit durch eine fremde aufgepfropfte Kultur anstatt nach nothwendiger Selbstdurchbildung sogleich in ein scheinbar reifes, in Wahrheit aber ewig unreifes Mannesalter traten. —

 

 

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3 Staat und Kirche.

 

Lag den Völkern und Fürsten ob, ihre Freiheit gegen schädliche Gewalt des Reichsoberhauptes zu bewahren, so ging dieses Absicht dahin, der Nation sich zu versichern und die Uebermacht der Fürsten zu brechen. Während dieser Reibung zwischen Haupt und Gliedern des Staats trat die Kirche, vor deren Lehren und Dienern das deutsche Gemüth, der echt christliche Sinn der Nation auch im Sturme der aufgeregten Leidenschaften, im Gefühl der angebornen Freiheit, wie im Bewußtsein der errungenen Herrschaft sich lenksam, gläubig und voll Ehrfurcht neigte, als politisch wirksame Macht hervor 1). Wer vermag es zu leugnen, daß trotz der Uebergriffe und der wachsenden Anmaßung der Hierarchie im Mittelalter die Kirche, concentrirt in der Anerkennung eines sichtbaren Stellvertreters Christi als des gemeinsamen Oberhauptes, ein Element war, welches in den wilden Kampf der mit weltlichen Waffen sich Vernichtung drohenden Parteien eine leitende und läuternde geistige Idee brachte und dadurch eine harmonische Entwickelung im Staate möglich machte? Wie hoch auch ihre Gewalt stieg, wie anmaßend sie sich zur Gebieterin der Welt zu machen trachtete, sie lähmte und untergrub nie die angebornen Kräfte der Völker und Individuen. Bemüht, diese zur eigenen Machtvergrößerung zu benutzen, übte, erhöhte sie dieselben in ihrem Dienste und bereitete den Sturz alternder Formen und die Entwickelung neuer Ideen vor.

 

1) Sehr richtig weist Schlosser in seiner „universalhistorischen Uebersicht der Geschichte der alten Welt und ihrer Kultur“ Th. 3, Abth. 2, 3 u. 4 die politische Macht der Geistlichkeit schon seit Konstantin dem Großen im römischen Kaiserreiche nach. Wie anders aber verhalten sich zu ihr die bigotten Herrscher und die entarteten Völker der Römerwelt als Deutschlands Fürsten und Nationen. Man vergleiche nur eben bei Schlosser das Verfahren eines Konstantin und Theodosius des Großen mit dem eines Odoaker und des ostgothischen Theodorich. Um im Mittelalter eine feste Basis zu erlangen, mußte die Kirche als solche sich erst im Papstthum constituiren, aus der Gewalt von Herrschern emancipiren, die nicht wie Roms Kaiser an ihrer Spitze standen und sie als Werkzeug gebrauchten, sondern ihrer Anmaßung entgegentraten und sie zu beschränken suchten. Daß solches nicht mehr gelang, hatten ein Konstantin und Theodosius veranlaßt, und die deutschen Kaiser selbst durch ihr zu frühes Sichüberheben aus dem altgermanischen Feudalsystem, ehe dessen hemmende Macht und nothwendige Schranke vernichtet waren, verschuldet. Der Kampf der kirchlichen Parteien im römischen Reiche wurde ein Kampf der weltlichen und kirchlichen Gewalt im Staate. War vorher diese getheilt, so war es nunmehr jene; nur die aufstrebende Kraft der Völker selbst vermochte und vermag den Kampf und jeden Misbrauch der einen oder der andern Gewalt zu unterdrücken.

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4 Erster Abschnitt.

 

Die Zeit des fränkischen Kaiserhauses ist es, wo die drei Gewalten im Wechselkampfe wider einander auf deutschem Boden sich in einer Weise erhoben, wie bis dahin die Welt sie nicht gesehen, ja nicht geahnet hatte. Zwar Konrad II. und Heinrich III. zügelten mit überlegner Kraft noch einmal den Freiheitsdrang der Völker, den Trotz der Fürsten, und wachten über die emporringende Kirche. Indeß noch hatten Völker und Fürsten nicht mit vereinten Kräften der Herrschergewalt ihre Uebermacht zu nehmen versucht, noch war die päpstliche Gewalt keine von der Kirche selbst anerkannte, von dem Kaiser unabhängige. Schwerlich würden beide so schnell vorgeschritten sein, wenn auf den kräftigsten aller deutschen Könige nicht ein unmündiges Kind gefolgt wäre, das trotz der herrlichsten Anlagen eine verderbliche Erziehung misleitete und zum Herrschen untüchtig machte, bis bittere Lebenserfahrungen dem Verblendeten, vom Papste Gedemüthigten, von den Fürsten oft Verlassenen zeigten, was er verscherzt hatte, und nun in ihm ein unerschütterliches Ringen nach dem Verlornen hervorriefen. Welch eine Zeit diese 50jährige Regierung Heinrich's IV.! Soll man mehr den Freiheitskampf der bedrückten sächsischen Nation, den die Fürsten zu Erreichung ihrer Absichten benutzten, oder das riesenhafte Gebäude der Hierarchie, das Gregor VII., zwar begünstigt durch die Unmündigkeit des deutschen Herrschers, zwar unterstützt von dem blinden Glauben der Völker und dem eigennützigen Streben der Fürsten, aber vornehmlich durch eigene Geisteskraft aufführte, oder endlich den wider solche Gegner muthig und ungebeugt sich emporringenden Kaiser bewundern? Keiner errang einen vollständigen Sieg.

 

Heinrich's V. Aufgabe beim Antritt seiner Regierung war durch den zerrütteten Zustand des Reiches, in welchem unter seinem Vater die Stellung, Würde und Gewalt des Kaisers so ganz von der unter seinem Großvater sich geändert hatten, zu deutlich vorgezeichnet, als daß er, selbst bei minderer Kraft, sich ihr hätte entziehen können. Daß er sich derselben nicht entziehen wolle, erkannten die, welche es gern verhindert hätten, zu spät, und auch die Bessern verkannten bei den glänzenden Eigenschaften Heinrich's V. seine Schattenseiten, die unlautern Beweggründe seiner Empörung wider einen vom Unglück und Alter gebeugten, ihm ganz vertrauenden, ihm liebevoll zugethanen Vater, das Unerlaubte seiner Mittel, das Schnöde in seiner Handlungsweise; sie hofften nur Deutschlands Frieden und Einheit nach mehr als 30jährigem Kampfe wiederhergestellt zu sehen. Dies Vertrauen, das die Fürsten wie die Kirche hegten, mußte die wirklich großen Eigenschaften, die seltene Geistesstärke des

 

 

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5 Heinrich's V. Regierungsantritt.

 

24jährigen Königs so hoch erheben, daß, wenn von einer sittlichen Grundlage sein Streben unterstützt worden wäre, er seine Aufgabe, die Herstellung des gesunkenen kaiserlichen Ansehens, unfehlbar gelöst hätte.

 

Die zwei feindlichen Gewalten, welche den Kaiserthron Karl's des Großen, einst die höchste irdische Herrlichkeit, herabzuziehen suchten, hatte Heinrich's IV. unbesonnene Jugend selber hervorgerufen; sodann seine unbeugsame Kraft im Mannesalter sie nieder zu kämpfen rastlos gestrebt, bis der Unsegen im eigenen Hause mehr als die Mutlosigkeit des Alters dem Greise die Hoffnung entriß, das Verlorene wiederzugewinnen. Wenn aber auch die Kirche und die Hierarchie über seinem Grabe einen Triumph zu feiern gedachten, wenn sie den Kampf schon beendet glaubten, weil jener unermüdliche Gegner ihren Anmaßungen nicht mehr Einhalt that, so sollten beide die Verblendung, in welcher sie ihre Waffen dem gefährlichsten Manne geliehen, der sie beide durch und nach einander zu vernichten entschlossen war, bald bereuen, und erkennen, daß Heinrich V. nur aus Selbstsucht den Vater gestürzt und daß ihm, dem jungen, kräftigen, arglistigen, auf tausend Mittel und Ränke bedachten Herrscher nicht nur keine neuen Zugeständnisse zur Vermehrung ihrer Macht und Willkür abzugewinnen seien, sondern er das Kaiserthum auf den Standpunkt unter Heinrich III. zu bringen und Kirche und Fürsten sich unbedingt unterzuordnen trachte.

 

Wenn seine ganze Thätigkeit und Strenge zunächst gegen die treuen Anhänger seines Vaters gerichtet waren, so durften die, welche sich ihm angeschlossen, nicht ihren Beistand versagen, wie sehr auch jetzt schon sein Verfahren zeigte, daß er die deutschen Fürsten und Prälaten allein von seiner Wahl abhängig zu machen strebe, und wer ihm trotze, seinen Zorn fühlen lasse. So ward Heinrich von Limburg, der letzte Beschützer und Vertheidiger Kaiser Heinrich's IV., seines Herzogthums Lothringen entsetzt und dem Grafen Gottfried von Löwen dasselbe verliehen; die Stadt Köln aus eben dem Grunde zu 6000 Mark Silber Strafgeld verurtheilt, der in Widerspenstigkeit verharrende Graf von Flandern in die Reichsacht gethan und endlich zum Gehorsam gezwungen. Auch Papst Paschalis II., der den Grundsätzen Gregor's VII. gemäß Belehnung der Geistlichen durch Laienhand verboten, gab dem jungen Könige, in welchem er einen gehorsamen Sohn der Kirche zu erblicken gemeint, insoweit nach, daß er alle unkanonisch eingesetzten Bischöfe anerkannte, wenn sonst ihr Lebenswandel und ihre Kenntnisse dem Amte entsprachen. Zu diesen gehörte aber auch ein Erzbischof Ruthard von Mainz, den einst

 

 

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6 Erster Abschnitt.

 

Heinrich der Vater wegen schändlicher Bestechlichkeit und schnöden Wuchers entsetzt, Heinrich der Sohn indeß zum Genossen und Rathgeber bei seiner Empörung gemacht hatte, und zum Werkzeug seiner Pläne in weltlichen und kirchlichen Dingen zu brauchen gedachte. Als er 1108 starb, ließ der König den ersten geistlichen Stuhl in Deutschland unbesetzt, um denselben seinem vertrautesten Freunde und, wie er glaubte, ergebensten Diener, dem Kanzler Adalbert zuzuwenden. Dies und die eigenmächtige Einsetzung vieler andern Bischöfe mußte dem Papste die Augen öffnen, und Paschalis würde die seinen Vorgängern geläufigen Drohungen mit Bannstrahl und Entsetzung schon jetzt angewendet haben, wenn nur die deutschen Fürsten, wie in den Unglückstagen Heinrich's IV., ihr Oberhaupt verrathen und verlassen hätten. Allein Heinrich V. wußte, was die Anmaßung der Päpste allein gefährlich für seinen Vater gemacht hatte. Es war der Abfall der weltlichen Fürsten. Um jener vorzubeugen, mußte er der Willkür, mit welcher diese in den Reichslehnen schalteten, den Rechtsansprüchen, welche sie an die Herzogthümer, als wären es Allodien, durch Blutsverwandtschaft mit dem letzten Besitzer erhoben, der Unabhängigkeit Einzelner, der eigenmächtigen Verbindung Mehrerer Schranken setzen, und überall seinen Willen, seine Macht, sein Ansehen als allein entscheidend und Alles überragend geltend machen. Blieb der König alleiniger Herr im Reiche, so war die Kaiserkrönung zu Rom eine schuldige Pflicht des Papstes und diesem keine Gewalt über das weltliche Oberhaupt der Christenheit gestattet.

 

Damit jeder Widerspruch der Fürsten wider seine Erhebung in der Folge unkräftig und für Meineid gehalten werde, hatte Heinrich seine frühere Königswahl durch den Vater als ungenügend erklärt, und am Weihnachtsfeste 1105 zu Mainz eine so zahlreiche Versammlung der Fürsten und Prälaten aus dem ganzen Reiche beschieden, wie sie bisher niemals gesehen worden, damit er von ihr und zwei anwesenden päpstlichen Legaten wie aus deren freiem Antriebe zum deutschen Könige erkoren würde. Zwar schien anfangs die unerwartete Bereitwilligkeit seines Vaters, mit dem Reiche und der Kirche sich auszusöhnen, den Anschlag zu vereiteln, allein bald ward der Kaiser zu Ingelheim durch jene von dem Sohne getäuschten Legaten zur Abdankung gezwungen, und Heinrich abermals zum Könige ausgerufen, und bereits am 6. Januar 1106 überreichte ihm der Erzbischof Ruthard die Reichskleinodien, die der Kaiser hatte herausgeben müssen.

 

Eine Wahl, die freiwillig von den gesammten Reichsfürsten und

 

 

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7 Heinrich's Verfahren bei Besetzung der Reichslehen.

 

den päpstlichen Abgesandten mit allen solennen Feierlichkeiten und Eidesleistungen vollzogen worden 1), war für Heinrich's Absichten, die er damals trügerisch hinter Demuth gegen die Kirche und Schmeichelei gegen die Fürsten verbarg, nothwendig, um nicht von diesen, wie sein Vater, den man in der Wiege und nur auf Dringen des gefürchteten Heinrich's III. als König anerkannt hatte, so leicht verlassen, von dem Papste mit Erfolg gebannt werden zu können. Denn zog er nur die Maske allmälig herunter, so durften — mehr mit Scham ihre Verblendung eingestehend — jene dem schlauen Könige wol im Einzelnen eine Verletzung seiner Pflichten nachweisen, nicht aber die Aenderung seiner Handlungsweise als Grund zur Absetzung vorschützen. Heinrich hatte in den ersten Jahren seiner Regierung keinen Gegner zu fürchten, da die wenigen Anhänger seines Vaters sich bald freiwillig unterwarfen oder nach Ausspruch der Fürsten von der Reichsmacht überwältigt wurden. Um der deutschen Fürsten aber auch gewiß zu bleiben, wenn er den schwierigern Kampf mit Rom beginne, um dauernd die Ordnung im Reiche, den Gehorsam gegen das Reichsoberhaupt zu erhalten, mußte er die Herzogthümer nur zuverlässigen und nicht an Erbgütern allzureichen Grafen übertragen und vornehmlich verhüten, daß das den kleinern Fürsten seit Konrad II. und Heinrich III. zugestandene Erbrecht auf die großen Reichslehen ausgedehnt werde. Mochten auch mit Verdruß Viele sich dadurch in gehofften Ansprüchen und Berechtigungen behindert sehen und mistrauisch das energische Verfahren des Königs als Vorboten künftiger Eingriffe in ihre erworbenen oder angemaßten Rechte betrachten, ein Grund zum Abfall war ihnen darin nicht gegeben, und Heinrich durfte erwarten, durch Erhebung Geringerer zu größern Reichslehen und Reichswürden ebenso sehr an Macht zu gewinnen als die frühern Beeinträchtiger der Königsgewalt in ihrem Fortschritte zu hemmen. Das erste Beispiel, wie er mit den Herzogthümern zu verfahren gedenke, gab er in Nieder-Lothringen, als er hier Heinrich von Limburg entsetzte und Gottfried von Löwen, einen Nachkommen der französischen Karolinger in weiblicher

 

1) Annalista Saxo ad A. 1106, Eccard I., p. 609: Hoc ordine Henricus, illius nominus V., primum a patre,deinde ab universis Germaniae Principibus in Regem jam secundo electus, ab Apostolicis quoque legatis per manus impositionem Cattholice confirmatus acceptis tam ab Epistolis quam Laicis juxta morem patriae sacramentis, regnare coepiut etc. Sehr deutlich ist hier ausgesprochen, daß nach altem Herkommen die Geistlichen, wie die Laienfürsten, den Eid der Unterthanen dem Könige leisteten.

 

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8 Erster Abschnitt.

 

Linie 1), an seine Stelle erhob. Dies geschah indeß noch mit Zustimmung der Fürsten, die den ebenso tapfern als verschmitzten Beschützer Kaiser Heinrich's IV. fürchteten. Bald darauf fand der junge König eine neue Gelegenheit, über das größte deutsche Reichslehen zu verfügen, und diesmal nach eigener Wahl und rücksichtslos auf sonst gültig erachtete Ansprüche. Sachsen wurde (1106) durch den Tod des letzten Billungen, Magnus, erledigt und mit ihm starb das den fränkischen Kaisern feindseligste Fürstengeschlecht aus. Noch durfte Heinrich V. nicht wagen, was Konrad II. und Heinrich III. mit mehreren erledigten Herzogthümern sich erlaubt hatten, sie nämlich unbesetzt zu lassen und mit der Krone zu verbinden. Ein solches Verfahren hätte bei den deutschen Fürsten dem kaum durch des Vaters Tod zu sicherer Herrschaft Gelangten Mistrauen und Abneigung erregt, und Heinrich suchte noch die entgegengesetzten Gesinnungen bei ihnen zu erwecken. Es kam also bei Besetzung des erledigten Reichslehns, wollte er sie eigenmächtig und doch nicht gehässig ausüben, darauf an, den rechten Mann zu finden, der bei den Sachsen Ansehen, bei den Reichsfürsten Achtung und bei ihm selbst Vertrauen besäße. Die Wahl fiel auf Lothar, Grafen von Suplingenburg, dessen Allodialgüter nicht eben sehr bedeutend waren, dem aber durch das zu hoffende Erbgut seiner Gemahlin in der Folge eine hinreichende Hausmacht zu Theil werden sollte, und den Geburt, Familienverbindungen und vor allem persönliche Eigenschaften zu dem geeigneten Manne, wie ihn Heinrich suchte, zu machen schienen.

 

1) d' Achery Spicilegium III p. 294 u. 95 in Genealog. Bald.:

 

Ludwig V. von Frankreich.     Karl von Lothringen und Brabant.

____________________^_____________________

Gerberga erhält Brabant.

Gemahl:Lambert I., Graf von Löwen.

____________________^_____________________

Heinrich I.        Lambert II. +1054.

+1038.      Gem.: Oda, T. Gozelo's v. Lothr.

_______________^__________________

Heinrich II.     Gem.: Adele, T. Otto's

                           v. Orlamünde.

____________^___________________

Heinrich III. +1096, Gottfried Barbatus

hat nur Töchter.    wird 1106 Herz. v. Lothr.

                                    +1139.

Daß Gottfried's Gemahlin Sophia eine Tochter Heinrich's IV. gewesen, haben erst sehr späte und wenig zuverlässige Schriftsteller angeführt.

 

 

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9 Lothar, Herzog von Sachsen.

 

Lothar's Vorfahren lassen, wenn auch nicht auf Wittekind 1), so doch als ein altes berühmtes Geschlecht, der von Walbek, sich weit hinauf verfolgen 2). Es gehörten zu demselben der bekannte Geschichtschreiber Ditmar und jener unruhige, trotzig kühne Markgraf Werner, der zweimal vornehme Fürstinnen, die der Stolz ihrer Verwandten oder kaiserliches Gebot ihm vorenthalten wollte, gewaltsam entführte, die erstere, Luitgard, eine Tochter des berühmten Markgrafen Eckhard von Thüringen, der sie dem angetrauten Bräutigam versagte, um sie mit Kaiser Otto III. zu vermählen — auch wirklich zu seiner Gattin machte, bei Entführung der zweiten aber, der schönen Reinilde von Beuchlingen, einer Verwandten und Schutzbefohlenen Kaiser Heinrich's II., eine tödtliche Wunde erhielt und wenige Tage darnach (1014) starb 3). Die Besitzungen des Hauses Walbek lagen in den nördlichen Gegenden des großen Nord-Thüringer-Gaus und waren unter zwei Linien getheilt, die in den Brüdern Lothar und Siegfried zuerst bemerkbar werden, von denen jener Werner's, dieser des Geschichtschreibers Ditmar Vater heißt. Lothar wurde nach der Entsetzung des nordsächsischen Markgrafen Dietrich, der im Gau Moside die Hauptveste Tangermunde besaß, zu jenem sehr wichtigen Amte erhoben 4), das auch Werner bis 1009 bekleidete, dann wegen seiner Gewaltstreiche und Frevel, vornehmlich wegen Ermordung des Grafen Dedo von Wettin 5) aller Gunst und Würden bei Hofe verlustig ging und die Verwaltung der Nord-Mark an Bernhard, den Sohn Dietrich's, zurückgeben mußte, jedoch im Besitz seiner Erbgüter durch mächtige Verbündete im Lande und einflußreiche Verwandte bei Hofe sich behauptete 6).

 

1) Wie Corner berichtet p. 649: qui de sanguine Widekindi, regis Angarorum, descenderat. Doch danach: Plures autem Comites alii cum Ludero de semine Widekindi descenderant. Von Karl dem Großen oder Wittekind sich abzuleiten, war den Fürsten geläufig.

2) Vergl. Wersebe, Beschreibung der Gaue zwischen Elbe, Saale c. S. 118 ff.

3) Ditmar lib. VII, p. 401.

4) Ann. Saxo ad 983 p. 340: Theodoricus Dux et Marchio - dignitatem suam perdidit et Lotharius de Walbike Marcam ab Imperatore suscepit.

5) Ditmar VI, p. 388.

6) Seine Schwäger Hermann und Eckhard II., Söhne des berühmten Eckhard's von Meißen und Thüringen, schlossen an ihn sich in gleicher Gesinnung und aus Haß gegen Heinrich II. Alle drei standen in geheimer Verbindung mit dem Reichsfeinde Bolislav von Böhmen. Ditmar VI, p. 397. Wie Werner von seinem Verwandten, Pfalzgraf Burchhard, gegen die Anschuldigungen Dedo's bei dem Kaiser vertheidigt wurde, sehe man in meiner Gesch. d. Pfalzgr. v. Sachsen: Abth. I, S. 44 ff.

 

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10 Erster Abschnitt.

 

Wenn nun einige Jahrzehende nach Werner's Tode ein Graf Lothar in demjenigen Theile des Nord-Thüringer-Gaus begütert erscheint, den Werner und dessen Vater Lothar besessen, so darf man in jenem einen Nachkommen dieser erkennen 1), und ihn etwa für einen Sohn Werner's und der Luitgard halten 2), der bei dem frühzeitigen Tode des Vaters noch ein Kind sein mußte, und an welchem der Kaiser keine Entgeltung für Werner's Frevel nehmen wollte oder konnte. So ganz und gar wird Graf Lothar's Herrschaft nur in denjenigen Gebietstheilen — den westlichen des genannten Gaus — bemerkbar, die der markgraflich Walbekschen Linie angehörten und worin das Stammschloß Walbek lag, wahrend der östliche Antheil des Siegfriedischen Familienzweiges nach Aussterben desselben an mehrere kleine Grafen, als die von Veltheim, Altenhaufen, Amensleben, Hillersleben gekommen war. Dagegen erstreckte sich Graf Lothar's Grafschaft über einen bedeutenden Theil des Derlingaus, von dem sich nicht nachweisen läßt, ob er ihm, wenn nicht schon seinen Vorfahren, durch Erbrecht oder ob durch kaiserliche Verleihung oder durch eigenmächtiges Ansichreißen zugefallen war. Daß ein Sohn Werner's unter den, fränkischen Kaisern wieder mächtig sein Haupt erheben durfte, wird begreiflich, wenn man die geänderte Stellung des neuen Herrscherhauses bedenkt, das den Sachsen fremd und verhaßt war 3), während Heinrich II. noch als Abkömmling der Ottonen daselbst wie ein einheimischer Fürst betrachtet und geliebt wurde. Alle Gegner der sächsischen Kaiser schlossen sich an Konrad II. an, der sie mit großer Gunst behandelte 4), wenn auch aus einer sehr richtigen Politik,

 

1) Wenn Schaukegl: spicileg. Austriacum p. 156 diesen Lothar, den er sehr richtig für den Großvater des Kaisers Lothar hält, zu einem Billungen macht und den unglücklichen Grafen Wichmann V. zu seinem Großvater, so liegt dem die willkürliche Annahme zum Grunde (s. Cap. XVII, p. 130—32), daß Wichmann's sonst unbekannter Sohn jener Graf Luitgerus gewesen, welcher nach Annal. Hildesh. ad 1033, Leibn. I, p. 726 bei der Veste Wirbin von den Luitizern (S. Ann. Saxo ad 1035) erschlagen wurde. Eben so willkürlich macht Schaukegl den ältern Bernhard von Haldensleben zu einem Bruder des Gr. Lothar.

2) Wersebe a. a. O. S. 133.

3) S. dies näher beleuchtet in meiner Gesch. der Pfalzgrafen von Sachsen, I, §. 3, S. 51—62.

4) So war vornehmlich der Bruder des Markgrafen Hermann von Thüringen und Oheim Graf Lothar's, Eckhard, bei Heinrich III. in hohem Ansehen, der ihn in einer Urkunde vom Jahre 1041 seinen getreuesten treuen Eckhard nennt. S. Gesch. d. Pfalzgr. v. Sachsen, S. 58.

 

 

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11 Lothar, Herzog von Sachsen.

 

um die abgeneigte Nation nicht zu erzürnen, und um einmal erlangte Rechte und Würden Niemandem zu entziehen, nicht in Lehen und Ehrenstellen restituirte, die sie oder ihre Vorfahren unter der vorigen Regierung verloren hatten. So mußte Lothar sich mit der Gaugrafschaft seiner Vorfahren begnügen, ohne die Verwaltung der Nordmark zugleich wieder zu erhalten, die selbst nach dem Tode Wilhelm's, des letzten Sprößlings der Grafen von Tangermunde, nicht an die Walbeker, sondern sammt der Gaugrafschaft in Moside an das Stadische Haus überging 1). Dagegen mehrte sich Lothar's Herrschaft, abgesehen von den Besitzungen im Derlingau durch Gebietstheile in der Umgegend von Magdeburg, die früher dem Markgrafen Dietrich und den beiden Bernharden, seinen Nachkommen, gehört hatten. Ohne Zweifel ist dieser Graf Lothar, der bis zum Jahre 1051 in mehreren Urkunden, als im Derlingau und Nord-Thüringau begütert vorkommt 2), ein Großvater des nachmaligen Kaisers Lothar gewesen, da gerade die Gegend um Königslutter und Suplingenburg, in welcher dieser seine Stammgüter besaß, den Landesstrich — nämlich von dem Elmwalde bis zur Grenze des Nord-Thüringer-Gaus — welchen jener im Derlingau außer den Walbekschen östlich daran grenzenden Besitzungen inne gehabt hatte, ausmachte. Ueberdies stellt in einer Urkunde vom Jahre 1056 3), worin Gebhard, der Vater Kaiser Lothar's, dem Kloster Korvey eine Schenkung zum Seelenheile seiner Vorfahren zuweist, der Name Lothar als der von Gebhard's Vater sich ganz unzweifelhaft heraus. Die Mutter Gebhard's und Gemahlin des Grafen Lothar wird Ida und eine Bruderstochter des berühmten Bruno, des Märtyrers der Preußen, genannt. Sie gehörte dem Geschlechte der Grafen von

 

1) S. Wersebe S. 144 und weiter unten in unserm Texte, wo die Händel Herzog Lothar's mit dem Stadischen Hause erzählt werden.

2) S. Wersebe, S. 132 u. 33, Note 204.

3) So muß bei Falke: tradit. Corbej. p. 682—85 die Zahl 1046 umgeändert werden, da noch 1051 Graf Lothar am Leben genannt wird. Die hieher bezüglichen Worte sind: Gebhardus Comes pro salute animarum patris sui Luitharii omniumque progenitorum suorum ad Monasterium dictum Corbeja quaedam tradidit in villis Kissunleve et Redepke, in pago Derlingo, consentiente ejusdem patruo Thiaderico. Wersebe a. a. O. weist die genannten Orte Kisleben und Räpke an der Schunter nach.

 

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12 Erster Abschnitt.

 

Querfurth 1) an, das mehrere berühmte Geistliche verschiedenen deutschen Bisthümern gegeben hat, und länger als die meisten kleineren Fürsten eine Unabhängigkeit von größern, ja die Reichsunmittelbarkeit zu behaupten wußte. — Gebhard war nicht der einzige Sohn aus dieser Ehe, wie daraus erhellt, daß Ditmar, der im Jahre 1088 von einer Partei des halberstädter Capitels zur bischöflichen Würde erhoben wurde, aber noch vor der Weihe ums Leben kam, ein Vaterbruder des Kaisers Lothar genannt wird 2). Dieser dem geistlichen Stande Angehörige hätte indeß Gebhard nicht im väterlichen Erbe beschränken können, und doch finden wir Letztern nur in dem früher bezeichneten Theile des Derlingaus herrschend, nicht in dem eigentlichen Stammgau der Walbeker, wo von nun ab das Geschlecht der Grafen von Sommerscheuburg, das später die Pfalzgrafenwürde von Sachsen erlangte, auf den Schauplatz tritt. Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, daß die Suplingenburger und Sommerschenburger in sehr naher Verwandtschaft gestanden, und beide als Zweige des Walbeker Hauses, den alten Familiennamen aufgebend, sich von ihren

 

1) Die Genealogie nach Ann. Saxo p. 409 u. 618, in Betreff der Vorfahren Erzbisch. Wigmann's von Magdeburg S. 464:

 

                                         Ida — Bruno

____________________________^________________________________

Gebhard.                 S. Bruno.             Christian v. Seeburg.

___________^________________ _________^_________

Ida v. Querfurth.          Burchard.            Wigmann v. Seeburg.

_______^___________________ ____^______ _____^_______

Gebhard von      Ditmar,B. v.     Gebhard von   Gero, Com. de

Suplingenburg.   Halberstadt.    Querfurth.       Bavaria.

_______^_____                  _________^____ _____^_________________

Lothar von                         Konrad, Erzb.v.    Wigmann, Erzb.   Konrad,

Suplingenburg.                   Magdeburg.        v. Magdeburg.       Comes.

 

Ann. Saxo p. 376 nennt Gebhard, den Vater des Erzbisch. Konrad, einen Grafen von Querfurth. Ida selbst wird vom Chronogr. Saxo ad Annum 1009 Domina Querfurthensis bezeichnet. Vergl. Schaukegl a. a. O. p. 113 und Cap. XIX, p. 137 ff. und p. 158. 59, wo die Ableitung Ida's von Kaiser Otto's III. Schwester, Mathilde, wie sie Hahn, Koehler, Scheid erklären, aus richtigen Gründen widerlegt ist. S. auch Wersebe's Gauen S. 133.

2) Ann. Saxo p. 588: Dietmarus patruus scilicet Lotharii Imperatoris ab ipsis est constitutus Episcopus, quo sine consecratione defuncto etc. Chron. Halberstad., Leibn. II, 129: Ditmarus occulto dei judicio casu a gradu quodam corruens confracto corpore exspiravit.

 

 

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13 Lothar, Herzog von Sachsen.

 

jetzigen Hauptvesten, die in keiner großen Entfernung von einander bei Helmstädt lagen, zubenannt haben 1).

 

Schwieriger, als die väterlichen Ahnen Lothar's, ist es, seine mütterliche Abkunft nachzuweisen, da sie in zwei Nationen, Sachsen und Baiern, aufwärts steigt 2), Auch sind es erst spätere Chronisten, die Lothar's Mutter, Hedwig, erwähnen, sie die Tochter des bairischen Grafen Friedrich von Formbach und der aus sächsischem Blute, von dem oben genannten Markgrafen Bernhard abstammenden Gertrud nennen, und berichten, daß ihre Ehe mit Gebhard von Suplingenburg angeblich wegen zu naher Blutsverwandtschaft auf einer Synode zu Halberstadt getrennt, dann aber Hedwig von Gebhard mit Gewalt wieder heimgeholt und trotz dem Banne Bischof Burchard's II. als Gemahlin behalten sei, bis ihn der Tod ihr (1075) entriß, worauf sie sich zum zweiten Male mit Herzog Dietrich von Lothringen vermählte, dem sie einen Sohn, Simon, und zwei Töchter, Gertrud und Oda, gebar 3). Auch ihre Mutter, Gertrud, heirathete nach dem frühzeitigen

 

1) S. Wersebe a. a. O. S. 133 und über die zwei Stammschlösser Martiniere's Lexikon unter den betreffenden Artikeln.

2) Schaukegl Spicil. historico - genealogico - diplomaticum p. 150 — 53. Die Verwandtschaft Gertrud's, der Großmutter Lothar's, mit dem fränkischen Kaiserhause (p. 150: Quae Imperatoris neptis fuisse traditur, und p. 151: Divexat hoc vehementer viros eruditos, quorum quidam Gertrudem praetendunt fuisse amitam, alii neptem Henrici IV. Imperatoris.) hätte kaum eine Widerlegung verdient. Wollte man auch die Stelle aus Monum. Boica IV, p. 9: (Fridericus de Varnbach) senioris Timonis filius, cum in curia Regis moraretur, neptem ipsius Regis Gertrudem nomine clam accipiens conjugem aufugit et postea rediens gratiam Imperatoris recepit etc. auf Kaiser Heinrich III. beziehen, wie es das Lebensalter der Gertrud, der Großmutter des 1075 geborenen Lothar's nöthig macht, so würde eine neptis Imperatoris unter jenem Namen sich gleichfalls nicht ausmitteln lassen. Die — freilich immer noch sehr späten — Chronisten, welche in der nächstfolgenden Anmerkung citirt sind, geben über Gertrud das Wahrscheinlichste.

3) S. die deutsch geschriebene Chron. Luneburgensis apud Eccard I. p. 1372. Die lateinische Quelle des Konrad von Halberstadt oder richtiger Heinrici de Hervordia: Chronographia summorum Pontificum et Imperatorum weist Scheid Orig. Guelf. III praef. p. 14 nach. Die hieher bezüglichen Worte lauten: Comes vero Conradus genuit unam filiam nomine Gertrudem, quam accepit in conjugium Fridericus de Bavaria et Vorenbach, qui genuit cum ea Hedwigam, quae accepit in conjugium Comitem Gebehardum de Suppelingeburch. — Post hoc fuerunt accusati in synodo Halberstadensi, quod essent in linea consanguinitatis et quod de jure non possent insimul matrimonialiter vivero et illud ordinavit Marggravius Fridericus (muß heißen Pfalzgraf), qui fuit frater Episcopi Bremensis Adelberti, qui tandem divisi sunt ab invicem. Scheid gibt nun die Genealogie, von Bernhard (hier nur einer dieses Namens) ab, also:

 

                           Bernhard

___________________^____________________________________________

Wilhelm, Markgraf,          Konrad.             Oda.                             Otto,

+1056, hat n. Ann. Saxo                                                    von einer Russin,

u. Lambert v. Aschaffenb.                                                   + im Treffen an

2 Töchter.                                                                          der Selke 1057.

                                                                                         Lamb. u. Ann.

                                                                                          Saxo ad 1057

___________________^____________________________________________

Gertrud vermählt: 1) mit Friedrich von Fornbach,

                          2) mit Herzog Ordulf

___________________^______________________________________ 

von 1): Hedwig, vermählt:                           von 2): Bernhard, stürzt

1) mit Gebhard v. Suplingenb.                                 vom Pferde.

2) mit Dietrich v. Lothringen.

___________________________^____________________________________

von 1): Lothar,   von 2): Simon,          Oda,                  Gertrud

Herzog, später        Herzog von        vermählt mit        od. Petronella,

Kaiser.                   Lothringen.         Sighard, Grafen   vermählt mit

                                                      v. Baiern.             Florenz v. Holland.

 

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14 Erster Abschnitt.

 

Tode ihres ersten Gemahls 1) zum zweiten Mal und gebar diesem — es war Herzog Ordulf von Sachsen — einen Sohn, Bernhard, der aber schon in jungen Jahren durch einen Sturz vom Pferde seinen Tod fand 2).

 

Aus Ansprüchen, die von seiner Mutter und Großmutter ihm zugestanden, scheint Lothar in spätern Jahren einen neuen Zuwachs in der Erwerbung Haldenslebens erlangt zu haben. Es lag dieser Ort auf der Grenze des Gaus Moside, in welchem die Markgrafen Bernhard, also auch des jüngern Bernhard's Söhne, Markgraf Wilhelm und der Bruder desselben, Konrad, der Vater der genannten Gräfin, späteren Herzogin Gertrud, ihre Stammgrafschaft besaßen. Beide Brüder hatten nur Töchter hinterlassen, die ihren Männern und Kindern das väterliche Erbtheil überbrachten, weshalb auch der Enkelin Konrad's, Hedwig und ihrem Sohne Lothar ein Antheil zufiel. Ein solcher war wol Haldensleben. Die unruhigen Zeiten Heinrich's IV. ließen Erbtheilungen nicht immer auf friedliche und

 

 

1) S. Orig. Guelf. a. a. O. nach dem Codex trad. Coenobii S. Mariae zu Fornbach. Als Ursache von Friedrich's Tode wird seine heimliche Vermählung mit Gertrud angegeben.

2) Ann. Saxo ad 1076, p. 534: Gertrudis Magni ducis noverca. Ueber den Sohn aus dieser Ehe, Bernhard, vergl. Chron. pictur. Leibn. III, p. 325 und Chron. Luneb. a. a. O.: cum quo genuit Bernhardum, qui cadens de equo mortuus est. Gertrud starb erst 1117, s. Ann. Saxo, p. 638.

 

 

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15 Lothar, Herzog von Sachsen.

 

gesetzliche Weise zu Stande bringen, zumal da nach dem Grundsatze der Salischen Kaiser Herrschaften ohne männliche Erben als erledigte Reichsgüter angesehen und, ohne auf die weiblichen Descendenten Rücksicht zu nehmen, eingezogen oder willkürlich an andere Fürsten, besonders Günstlinge und Hofbeamte verliehen wurden. Damit waren die Männer und Söhne der ausgeschlossenen weiblichen Descendenten selten zufrieden, und forderten, oft nach Verlauf vieler Jahre, vom Kaiser oder von den neuen Inhabern das ihren Frauen und Müttern Entzogene mit gewaffneter Hand zurück. Die kriegerischen, fast anarchischen Zeiten Heinrich's IV. haben zahllose solcher Erbfehden aufzuweisen. — Auch Lothar scheint erst um sein mütterlich Erbtheil Haldensleben 1), das nach seines Vaters Tode, ohne auf den kürzlich zur Welt gekommenen 2) Knaben Rücksicht zu nehmen, sammt dem übrigen Gaue Moside die Markgrafen von Stade an sich gezogen hatten 3), einen Kampf mit Letztern bestanden zu haben und zwar lange ohne Erfolg, da ein Vasall Udo's II.

 

1) Chron. vet. Duc. Brunsw., Leibn. II, p. 16: ad quem (Lotharium) devoluta est hereditas de Halvesleve, morientibus Bernhardo, wonach zu ergänzen filioque oder et Conrado, denn es folgt noch ein plural, qui conventum Canonicorum in Luttere fundaverunt. S. auch Cron. pict. p. 40 u. 44. Daß durch Erbschaft und wegen Verwandtschaft mit Bernhard Haldensleben an Lothar gefallen, ist nicht zu bezweifeln.

2) Dodechin ad 1075: Interiit Comes Geverhardus, pater Lutgeri, qui etiam paucis diebus ante hoc proelium natus fuit. 3) Ob Udo nach dem Tode Wilhelm's 1056 blos der kaiserlichen Belehnung die Markgrafschaft Nord-Sachsen und den Gau Moside verdankte, oder ob er mit den früheren Besitzern des letzten verwandt war, ist nicht zu erweisen, doch möchte man solche Verwandtschaft nicht unwahrscheinlich finden, da er sonst nicht die Allodialgüter Wilhelm's erhalten konnte. Udo's Gemahlin, Oda, nach Ann. Saxo p. 458 eine Tochter Hermann's und Enkelin Rudolph's von Werle, ist vielleicht richtiger für eine Schwester Wilhelm's zu halten, wie unter diesem Namen eine Schwester aus Chron. Luneb. und aus Scheid's angeführter Quelle wirklich bekannt ist. Es wäre dann hier der oft vorkommende Fall eingetreten, daß der Schwestermann (Udo) den männlichen Descendenten der Töchter Wilhelm's und Konrad's, wozu Lothar gehörte, vorgezogen wurde. Lothar machte, wenn auch nur an einen Theil der Allodien der alten Nordmarkgrafen Anspruch, erhielt denselben (Haldensleben) aber erst sehr spät, nach Corner p. 667 erst im Jahre 1126. Wenn er in dies Jahr auch erst den Tod des Grafen Bernhard setzt, so ist nicht an Markgraf Wilhelm's Vater zu denken, sondern an einen Grafen von Haldensleben, wie deren als Vasallen der sächsischen Herzoge noch später vorkommen (z. B. Dietrich von Haldensleben unter Heinrich dem Löwen 1164, Chron. Stederb. p. 857) und den Corner mit dem Markgrafen Bernhard verwechselte.

 

 

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16 Erster Abschnitt.

 

Friedrich, der Angle zubenannt, seinen Angriffen tapfer Widerstand leistete, wofür er Lothar's Zorn noch in spätern Jahren erfahren sollte.

 

Was aber auch Lothar als Erbtheil von Vaters- und Mutterseite besaß oder in Anspruch nahm, es würde seine Macht immer unbedeutend gewesen und selbst nach dem Gewinn, den der 14jährige Jüngling dem Erzbischof Limar von Bremen, der im Treffen bei Gleichen (1089) von ihm gefangen wurde, für seine Freilassung abgewann 1), noch nicht groß geworden sein. Deshalb sah er nach einer reichen Erbtochter in Sachsen sich um, die ihm ein ansehnliches Heirathsgut mitbrächte. Auf keine reichere konnte seine Wahl fallen, als auf Richenza, die Tochter seiner westlichen Nachbarin, der Gräfin Gertrud von Braunschweig. Neben den Billungischen Herzogen und den Grafen von Nordheim galt das Braunschweigische Haus schon unter den letzten sächsischen Kaisern für das angesehenste im Lande und hatte sich auf Kosten manches weltlichen und geistlichen Nachbarn unter den ihm verwandten fränkischen Kaisern noch bereichert. Bruno hatte bei der Verschwörung Otto's, des Stiefbruders von Markgraf Wilhelm, und vieler mit der fränkischen Herrschaft unzufriedenen sächsischen Großen für den 10jährigen Knaben Heinrich IV. und dessen Mutter und Vormünderin Agnes in einem Treffen an der Selke sein Leben eingesetzt, sein Bruder Ekbert aber ihn gerächt und zugleich das Reich von einer großen Gefahr gerettet 2). Das blieb bei Hofe nicht unbelohnt. Sein Sohn, der wilde, ehrgeizige Ekbert II., ward Markgraf von Meißen und Thüringen, fand aber für seine Treulosigkeit gegen Heinrich IV. durch dessen Anhänger seinen Tod, ehe er eine Nachkommenschaft erzeugt. Seine Schwester Gertrud war nun die einzige Erbin all der Güter, die Oheim, Vater und Bruder hinterlassen 3). Die reiche braunschweigische Erbin hatte einem noch mächtigern Fürsten ihre Hand gereicht, Heinrich von Nordheim, dem ältesten Sohne jenes berühmten Otto von Nordheim,

 

1) Alb. Stad. ad 1089: Ibi (apud castrum Gliche) etiam Liemarus Bremensis Archiepiscopus captus est a Comite Ludero, qui postea regnavit, qui dedit pro redemptione sua Advocatiam Bremae et CCC marcas, argenti et ita restitutus est Episcopatui suo.

2) S. die Empörung Otto's und deren Ausgang bei Lamb.Schaffn. u. Ann. Saxo ad 1057.

3) Am kürzesten faßt dies zusammen Chron. vet. Ducum Brunsw. bei Leibn. II, p. 16: Brunonis defuncti frater, qui Marchio (von Meißen) dicebatur, genuit Ecbertum et Gertrudim, quae defuncto patre et fratre a fautoribus Imperii interfecto hereditatem in Brunswik obtinuit.

 

 

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17 Lothar, Herzog von Sachsen.

 

der auch nach seiner Entsetzung als Herzog von Baiern alle deutschen Fürsten, ja den Kaiser selbst durch eine für seine Zeit fast beispiellose Politik 1) überwog und das Schicksal des Reiches von seinem Willen abhängig machte. Des Vaters Macht sowol wie sein Geist vererbten sich auf die Söhne, ja erstere vermehrte noch der älteste derselben 2), während der zweite Sohn, Konrad, in einem reineren Glanze die Talente des Vaters bewahrte und sie durch andere Eigenschaften zu einem beneidenswerthen Ruhm erhöhte 3). Allein ein böses Verhängniß, das an den Söhnen des Vaters Vergehen zu strafen schien, entriß sie im besten Lebensalter der Welt. Wie Heinrich in seinem neuen Erwerb, der friesischen Mark, womit Heinrich IV. ihn belehnt hatte, durch den Neid des früheren Besitzers und den Haß einer freiheitliebenden Nation (1101) seinen Tod fand, so erlag dem gleichen Geschick (1103) der edle Konrad, weil auch den rechtmäßigsten Besitz, den Natur und Glück ihm verliehen, eine Zeit nicht gönnte, die nur wilden Leidenschaften eine Herrschaft gestattete 4). Da beide Brüder nur Töchtern ihre ausgedehnten Allodialgüter hinterließen 5), so waren die Besitzerinnen

 

 

1) Die von älteren und neueren Historikern viel zu wenig hervorgehoben und doch unverkennbar ist. Eine gute Biographie Otto's v. Nordheim wäre eine zur Kenntniß seiner Zeit sehr ersprießliche Arbeit. Würde sie doch bald geliefert!

2) Ann. Saxo ad 1101 beim Tode Heinrich's: Henricus Crassus, potentissimus Comes Saxoniae, gratiam Imperatoris adeptus Marchiam Fresiae ab Imperatore in beneficium suscepit.

3) Derselbe ad 1103 bei Konrad's Tode: Cuno, filius Ottonis, frater Henrici Crassi - - cui nihil supra in omni humanarum rerum dignitate, natu scilicet litterarumque scientia, fortitudine atque divitiis praepollens elegantia atque facundia bonis omnibus amabilis et affabilis.

4) Chron. Ursperg u. Ann. Saxo ad 1103. Daß der Kaiser Konrad ermorden lassen, ist ein unwürdiger und ganz unerweislicher Verdacht, den nur der damalige Parteihaß anzuregen sich nicht scheute.

5) Ann. Saxo ad 1101: Habuit autem (Henricus) duas filias, Richenzam, postea Imperatricem, et Gertrudem, Palatinam Comitissam. Die vier Töchter Konrad's und deren Männer s. ebendaselbst ad 1103. Außerdem lebten noch 4 Töchter Otto's von Nordheim, über die Ann. Saxo p. 563 u. Alb. Stad. ad 1105 berichten. Ueber Siegfried von Bomeneburg, den 3. Sohn Herzog Otto's und Stammvater der jüngern nordheimschen Linie s. Alb. Stad. a. a. O., die Orig. Guelf. IV, p. 75 etc. und die Berichtigungen bei Wersebe, S. 24. — Den Umfang der nordheimschen Güter nachzuweisen ist schwer. Sie lagen wahrscheinlich alle in der mainzisch-sächs. Diöcese um das Stammschloß und die Stadt Nordheim, deren Gebiet nebst den Aemtern Brunstein und Catlenberg und einzelnen nördlich und östlich davon gelegenen Orten den Bittegau ausmachten in welchem das nordheimsche Haus die Gaugrafschaft hatte. Schon Otto's Vater, Bernhard, dehnte dieselbe auch über den Gau Moringen aus. Und da wahrscheinlich auch die Grafen von Catlenberg und die spätern von Dassel Zweige jener Familie waren, so haben wir die Macht des Hauses auch noch über den Gau Suilbergi und Lisgo auszudehnen. Vergl. Wersebe S. 17. 22. 29 u. 30.

 

 

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18 Erster Abschnitt.

 

derselben gar lockende Partien für junge Fürsten des Landes. Etwa ein Jahr vor Heinrich's Ermordung hatte Lothar die älteste der beiden Töchter, welche Gertrud jenem geboren 1), Richenza, geheirathet, und da diese nur mit einer Schwester, Gertrud, die nachmals dem Pfalzgrafen Siegfried am Rhein sich vermählte, die reiche Erbschaft des Vaters theilte, so war ihm die Aussicht auf große Hausmacht gegeben, was ebenso sehr als seine eignen Verdienste und Tugenden die Aufmerksamkeit der Landesfürsten und des Reichsoberhauptes auf ihn lenken mußte 2).

 

Dieses Ansehen Lothar's in Sachsen war es auch unfehlbar, was Heinrich V. bei dessen Ernennung zum Herzog der Sachsen bestimmte und wodurch er selber sich die seinem Hause noch immer sehr abgeneigte Nation zu verbinden glaubte. Absichtlich wich er von der Politik seines Großvaters ab, der fast immer durch Erhebung auswärtiger Fürsten in Sachsen sich eine ergebene Partei zu verschaffen und überhaupt durch Versetzung norddeutscher Geschlechter nach dem Süden, süddeutscher nach dem Norden die Nationalunterschiede aufzuheben und auszugleichen gesucht. Dieses eigenmächtige, willkürliche Verfahren, das nur durch Heinrich's III. Kraft und sonstige Regententugenden für ihn unschädlich geblieben, hatte vornehmlich jene Stimmung unter den Völkern und Fürsten hervorgerufen, die unter Heinrich IV. bald nach Antritt der Regierung in offenen Empörungen sich kundgab. Heinrich V. erkannte den Misgriff seines Großvaters und hoffte die Völker, vornehmlich die Sachsen,

 

1) Wenn die Angabe in der historia translationis S. Autoris bei Leibn. I, p. 701 von einem Sohne aus dieser Ehe, Otto, richtig ist, so muß derselbe jung gestorben sein.

2) Wenn Ann. Saxo ad 1115 von der 15jährigen Unfruchtbarkeit Richenza's spricht, mußte Lothar 1100, also, da er 1075 geboren, 25 Jahr alt, geheirathet haben. Was er durch seine Gemahlin erhalten, findet sich im Allgemeinen wol bei Krantz Saxon. V, Cap. 25 richtig angegeben: Rixa attulit dotem Brunswicum oppidum cum attinentiis ex materno sanguine. Avus ejus paternus - - ad Visurgam sedit et ibi usque ad Nordhem et contermina omnem gubernabat ditionem, princeps Saxonici generis, quam onmem ditionem, quam hereditariam Rixa accepisset, marito Ludero in dotem afferebat. Letzteres natürlich mit Beschränkung, da Richenza zwar die älteste, aber nicht die einzige Erbin war.

 

 

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19 Lothar, Herzog von Sachsen.

 

durch ihm ergebene und der Nation nicht gehässige oder fremde Fürsten zu beugen und in Allem willfährig zu machen.

 

Daß Lothar vormals gleich seinem Vater Gebhard auf der antifränkischen Seite gestanden und im Kampfe wider Heinrich IV. seine ersten Lorbeeren errungen, konnte ihm bei dessen Nachfolger — im Jahre 1106 wenigstens — nicht zum Vorwurfe gemacht werden. Denn Lothar hatte unfehlbar zu den sächsischen Fürsten gehört, welche zuerst sich für den jüngern Heinrich und gegen dessen Vater erklärten, weil sie von dem Sohne die Erwartung hegten, daß er den Unbilden und Bedrückungen, welche Sachsen seit mehr als 30 Jahren durch den unbeugsamen Heinrich IV. erduldet, auch wirklich ein Ende machen werde, wie ers feierlich in der Fürstenversammlung zu Quedlinburg 1) gelobt und deshalb auch so bereitwillige Unterstützung bei der Empörung wider den Kaiser und Vater gefunden hatte. Ueberdies war bei Lothar kein so eingewurzelter Nationalhaß gegen das fränkische Haus wie bei den Billungen zu vermuthen, da sein Großvater die Rückgabe verlorner Güter und eine besondre Gunst Heinrich III. verdankte. Wie so mancher der kleinen sächsischen Fürsten, mochte Gebhard von Suplingenburg die Partei des Kaisers verlassen haben, weil von der Uebermacht der verbündeten Gegner desselben ihm Verlust seines Besitzes und Züchtigung für bewahrte Treue, die er dem Kaiser zeige, drohten, oder weil er aus Gefühl für Recht und Freiheit die Bedrückungen und die Willkür Heinrich's IV, nicht diesen selbst haßte. Der unheilschwangere Krieg hatte erst wenig Jahre gedauert, als Gebhard in der Schlacht bei Hohenburg an der Unstrut (9. Juni 1075), fast der einzige unter den Fürsten höhern Ranges auf sächsischer Seite, seinen Tod fand 2). Wie mancher Andre hätte auch er späterhin seine

 

1) Dies war die erste Versammlung; andere zu Goslar, Nordhausen folgten. Von der zu Nordhausen sagen Chron. Ursp., Ann. Saxo u. Alb. Stad ad 1105: Juxta principum decreta omnibus suas leges et jura innovavit, si qua vero irrationabiliter rogabatur, prudenti responso et avita magnanimitate confutavit. Interea obortis lacrimis deum testabatur, nonnulla se cupiditate regnum invasisse, nec patrem et Dominum suum deponi ab Imperio exoptare, immo pertinaciae et inobedientiae ejus debitam compassionem exhibere. Und von dem Erfolg seiner Heuchelei: Quod autem omnis multitudo collaudans lacrimas simul et preces tam pro patris conversione quam pro fillii prosperitate fundere coepit, magna voce Kyrieleison declamans. Nicht Alle waren Heuchler.

2) S. Bruno de bello Saxonico, Ann. Saxo, Dodechin ad 1075. Auch Otto Frising Chron. VII, 34 und das von Scheid Orig. Guelf. III, praef. p. 13 angezogene Manuscript: qui miserabiliter mortuus est juxta Unstrut prope Homburg (Hohenburg).

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20 Erster Abschnitt.

 

Stellung zum Kaiser wechseln können, da die Beweggründe, welche anfangs den Aufstand der ganzen Nation erheischten, nicht mehr obwalteten und für Heinrich IV. im Lande selbst eine mächtige Partei sich erhob. Außer bei Gleichen, wo der wilde, rachsüchtige Markgraf Ekbert, der Verwandte des Kaisers, diesen, nicht ohne geheimen Verrath des treulosen Erzbischofs Hartwig von Magdeburg, am Weihnachtsfeste (1088) überfiel, erscheint Lothar nicht in den Reihen der sächsischen Empörer 1). Ob den Vater zu rächen, ob andere Gründe den 14jährigen Jüngling bewogen, auf die Seite des Bruders seiner künftigen Schwiegermutter zu treten, ist nicht zu entscheiden. Bald waffneten sich gegen Ekbert, der mit Mord und Brand in Sachsen wüthete 2), auch frühere Gegner des Kaisers. Die meisten Fürsten, auch die Nordheimer und selbst die Billungen versöhnten sich mit dem Letztern, und es hörte, obgleich kein ununterbrochener Landfriede herzustellen war, der verheerende Parteikampf in Sachsen früher auf, als in andern Provinzen. Seit der Vermählung mit Richenza war Lothar's Interesse an das nordheimsche Haus geknüpft, und die Schicksale desselben berührten auch ihn. Die Gunst, welche Heinrich IV. den Söhnen Otto's von Nordheim, seines gefährlichsten Gegners, zuwendete, machte auch alle Verwandte und Freunde der Nordheimer dem Kaiser geneigt. Es konnte diesen nichts Verhängnißvolleres treffen, als daß durch Heinrich's und Konrad's Tod ihm die Hauptstützen seiner Macht in Sachsen entzogen wurden, und daß das immer noch nicht ganz geschwundene Mistrauen der Fürsten, welches seine frühere Unbesonnenheit und Willkür erzeugt hatten, von seinen öffentlichen und geheimen Feinden benutzt wurde, ihn als den Mörder Konrad's zu bezeichnen. Die allgemeine Aufregung, welche dieser beklagenswerthe Vorfall herbeiführte, mußte auch Lothar, Konrad's Verwandten, ergreifen und von dem Kaiser noch einmal

 

1) Auch die Theilnahme an der Schlacht bei Gleichen von Seiten Lothar's ist bezweifelt worden, weil Ann. Saxo nur der Gefangennehmung des Erzbischofs Liemar, nicht Lothar's dabei erwähnt. Auch Chron. Ursp., Dodechin u. Bernold ad 1089 u. Waltram p. 308 berichten von Lothar Nichts. Hier aber verdient das Zeugniß Alb. Stad. vollen Glauben, weil er in Angelegenheiten der bremer Diöcese besser unterrichtet ist und Manches hervorhebt, das andere Chronisten übersahen oder übergingen.

2) Wie der Parteihaß der Schriftsteller auch das zu beschönigen weiß, sieht man aus Bernold, der Ekbert auch hier noch nachrühmt: captis quoque pluribus et occisis gratiarum actiones Deo et S. Petro referre non cessavit, quibus et se deinceps puriori fidelitate adhaesurum destinavit.

 

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21 Lothar, Herzog von Sachsen.

 

abwenden 1). Kaum ein Jahr war danach verflossen, als König Heinrich öffentlich von seinem Vater abfiel, nachdem bereits im Geheimen mit den wider den Kaiser erbitterten Fürsten Alles verabredet worden 2). Daß Lothar dabei dem jungen Könige wesentliche Dienste leistete, darf man aus dem angegebenen Gesichtspunkte Ersterm nicht zum Vorwurfe machen. Weder die Gründe, welche Heinrich IV. von dem Verdacht eines schnöden Mordes freisprechen, noch Heinrich's V. schnödes Verfahren gegen einen höchst liebevollen Vater, lagen damals den deutschen Fürsten so deutlich wie heute uns vor Augen. Erst nach Verlauf einiger Jahre wurde ihnen des Letztern wahre Gesinnung offenbar, und als er von Allen durchschaut worden, nützten ihm nicht unermüdliche Kraft und stetes Ringen, List und Gewalt, Beharren und Nachgeben, Aufgebot zum Kampf und Anerbietungen

 

1) Noch durch einen andern Mord, der gleichfalls dem Kaiser und mit mehr Grund zugeschrieben ward, verlor Lothar einen nahen Verwandten. Graf Sieghard, aus dem Geschlecht der baierischen Pfalzgrafen, wurde von den Dienstmannen des Hochstiftes Regensburg wegen eines ungerechten Schiedsspruches 1103 ermordet. Die Anverwandten des Erschlagenen warfen dem Kaiser — den freilich Sieghard vielfach beleidigt hatte — vor, daß er den Grafen, obgleich er in der Nähe stand, nicht habe retten wollen. S. Ann. Hildesh. ad 1104, Alb. Stad. ad 1104 (wo geradezu der Mord a militibus Imperatoris verübt genannt wird). Vergl. Stenzel's fränkische Kaiser I, S. 582 u. 83. Ich halte diesen Sieghard für den in dem mehrmals erwähnten Manuscript Orig. Guelf. III, praef. 13: Post mortem ejus (Geberhardi de Suplingenburg) Hedewig illa accepit Theodoricum Ducem, apud illum genuit Symonem Ducem et duas filias, quarum - - alia (Oda) accepit Comitem Segehardum de Bavaria. Vergl. Schaukegl p. 185. Bei Suntheim, Leibn. I, p. 803 heißt er fälschlich Sigbert und ein Bruder Welf's V. und Heinrich's des Schwarzen, sowie Oda filia Gebhardi Comitis de Suplingeburg et soror Lotharii. Nur an eine Stiefschwester Lothar's ist zu denken. Auch so mußte diesen der Vorfall gegen Heinrich IV. erbittern und für Heinrich V. einnehmen, von dem Chron. Ursp. ad 1104 also berichtet: seditio, quae nullo modo vel ipso Imperatoris filio interveniente sedari potuit. Bald schlossen alle Anverwandten des Ermordeten sich an den jungen König und unterstützten seine Empörung gegen den Kaiser.

2) Alb. Stad. ad 1105: Machinantibus Dietpoldo Marchione (nach Ann. Hildesh., Chron. Ursp.: Comitis Sigehardi nepote) Berngaro Comite (Ann. Saxo: de Sulzbach) et Ottone quodam nobili viro, sibique materna stirpe cognato. Noch andere Theilnehmer werden von Chron. Ursp., Ann. Saxo, Ann. Hildesh. angegeben. Diepold und Berengar waren von dem Könige nach Sachsen geschickt und hatten die Feinde des Kaisers, besonders die Geistlichkeit leicht gewonnen.

 

 

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22 Erster Abschnitt.

 

zum Frieden; denn das Vertrauen, mit dem Kirche und Reichsfürsten ihm entgegen gekommen, hatte er vergiftet und dadurch jeden heilsamen Frieden im Reiche unmöglich gemacht.

 

Wenn einige Schriftsteller behaupten, Heinrich habe Lotharn zum Herzog von Sachsen erhoben, weil dieser bereits eine große Macht durch seine Gemahlin Richenza besessen 1), andere diese Erhebung als schuldigen — vielleicht bedungenen Lohn für geleistete Dienste betrachten 2), so wird neben beiden Ansichten auch die noch Raum gewinnen, daß Heinrich hier, wie stets bei Erledigungen seinem Princip getreu geblieben, keine Erblichkeitsrechte bei großen Reichslehnen anzuerkennen, sondern nach seinem kaiserlichen Willen und Gutdünken dieselben zu verleihen. Wäre bei Besetzung des Herzogthums Sachsen auf die nächsten Verwandten der Billungen Rücksicht genommen worden, so hätten die Schwiegersöhne des Herzogs Magnus, Graf Otto von Ballenstädt, Gemahl der ältern Schwester Eilike, und Herzog Heinrich der Schwarze von Baiern, Gemahl der jüngern Wulfhild Ansprüche gehabt, zumal Ersterer als Eingeborner des Landes, Besitzer der halben billungschen Erbschaft und nicht unbeträchtlicher eigner Allodien, überdies ein tapferer, einsichtsvoller Mann, ohne wie Heinrich von Baiern ein allzugroßes Uebergewicht und die Verbindung von zwei umfangreichen Herzogthümern befürchten zu lassen. Weder Mistrauen noch Abneigung hegte der König gegen Otto, wie beweist, daß er später, als Lothar ihm feindlich entgegentrat, die sächsische Herzogswürde jenem übertragen wollte. Die freie Bestimmung des Königs in Lothar's Erhebung läßt sich nicht verkennen 3); daß er durch ihn sein Streben

 

1) Krantz V, 25, p. 122.

2) Chron. vet Duc. Brunswic., Leibn. II, p. 16: Lotharius a Rege Henrico Ducatum Saxoniae pro sua industria est adeptus. Corner 667 gibt Erdichtetes, doch ein früher gegebenes Versprechen Heinrich's ist nicht unwahrscheinlich.

3) Schaukegl, in seinem öfters angeführten, viel Treffliches enthaltenden Buche, leitet freilich Lothar in gerader Linie von des ersten billunger Herzogs Hermann älterem Bruder Wichmann her. Sein Beweis ist nicht auf Lokalverhältnisse, sondern auf Namensgleichheit gestützt. Cap. XVII, p. 131 glaubt er in einem Grafen Luiderus, der seit 1624 einigemal als Zeuge in der Vita Meinwerci p. 336. 536. 559 erwähnt wird, den Urenkel jenes Wichmann's und den Urgroßvater Herzog Lothar's entdeckt zu haben. An der Existenz eines solchen Grafen Luiderus ist nicht zu zweifeln, allein mehrere desselben Namens hat es um die gleiche Zeit gegeben. Selbst wenn wir Schaukegl einräumen, daß der in vita Meinwerci erwähnte und der 1033 bei Wirben erschlagene eine Person gewesen, so lebte um dieselbe Zeit auch der Graf Luiderus im Derlingau, den wir als Gebhard's von Suplingenburg Vater deutlich nachwiesen. Darin freilich stimmt auch Schaukegl bei, macht ihn aber, ohne einen Nachweis zu geben, zum Sohne des 1033 Gefallenen. Namen allein können für eine Genealogie Nichts entscheiden, wenn nicht andere Umstände und Verhältnisse, namentlich gleiche Stammbesitzungen die Reihenfolge bestätigen. Auf Letzteres mehr als auf die Wiederkehr gleicher Namen stützt sich die im Text versuchte Ableitung von dem alten walbekschen Hause. Wenn Schaukegl p. 217 die Erhebung Lothar's zum Herzog von Sachsen also rechtfertigt: Luiderus Comes de Suplingenburg, mortuo sine filio Saxoniae Duce Magno, fuit haeres necessarius ejusdem Ducatus, utpote a Billungo II Comite descendens, cujus filii erant Wichmannus vulgo Senior et Herimannus Dux Saxoniae, a quorum priore Luiderus, a posteriore Dux Magnus processit, cujus atavus Ducatum Saxoniae tunc adhuc ex gratia Imperatoris, postposito ejus fratre Wichmanno, obtinuit, nunc per haereditatem ad eos recidit, qui nativitatis jure primi fuissent. Tranquilla igitur et pacifica haec Ducatus Sax. translatio evidenter demonstrat, Luiderum linea recta a Wichmanno Seniore descendisse et non fortuito casu aut favore, sed haereditatis adeptae jure ac justitia Sax. Ducatum suscepisse, so kehrt er die Sache um, und beweist aus Lothar's Erhebung seine Abstammung von den Billungen, die er vorher als Grund der Erhebung angegeben. Kein alter Chronist weiß von Erbansprüchen Lothar's. S. Chron. Ursp., Ann. Hildesh., Ann. Saxo ad 1106, Helmold lib. I, cap. 36.

 

 

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23 Lothar, Herzog von Sachsen.

 

nach unumschränkter Herrschaft zu fördern glaubte, wenn man Heinrich's Charakter ganz durchschauet, kaum in Zweifel ziehen. Wenn seine gehegten Erwartungen, seine längst berechneten aber noch verborgenen Absichten, die gehofften Dienste für die Beknechtung Deutschlands in der Folge bei dem Manne seiner freien Wahl und besondern Gunst zum Gegentheil ausschlugen, so liegt hierin ein augenfälliger Beweis, wie verschieden Beider Charakter, Gesinnung und Streben gewesen sind. Seltsame Fügung des Schicksals! beide sollten die gleiche Aufgabe lösen, beide den Kaiserthron besteigen, um seine erschütterte Macht zu befestigen. Leicht wäre im Jahre 1105 einem Manne von Lothar's Eigenschaften gelungen, was ein Heinrich, wie ihn die Natur geschaffen, auf immer verdarb, sodaß 20 Jahre später kaum die Pfosten von Kaiser Karl's des Großen Herrscherthron erhalten waren und ein kommendes Kaiserhaus voll Kraft, Geist und unermüdlicher Thätigkeit, anstatt jenen neu zu erheben und auf festen Grund zu stellen, wenn scheinbar dieser gewonnen, wie in einen unterhölten Boden hinabstürzte, und endlich unter den Trümmern seiner Herrlichkeit begraben, kaum mehr als das Gedächtniß an seine Größe, an seinen Glanz der Nachwelt zurückließ. Daß nicht erst ein Lothar, dann ein Heinrich zur Regierung kam,

 

 

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24 Erster Abschnitt.

 

hat Deutschlands Geschick, wie keine andre Folge der Regenten seltsam gestaltet, und gehört zu den Räthseln, die Der nur löst, der die wunderbare Verkettung der Weltbegebenheiten fügt und ordnet.

 

Wenn Heinrich V. in Lothringen und Sachsen durch die neuen Herzoge seine Macht befestigt, das Ansehen des Reichsoberhauptes durch willkürliche Besetzung zweier bedeutender Reichslehen gehoben glaubte, so suchte er in Schwaben das kaum emporgekommene Geschlecht der Hohenstaufen gegen Ansprüche Andrer zu schützen. Kaiser Heinrich IV. hatte oftmals, ohne nach einer Reihe berühmter Ahnen zu fragen, persönlichem Verdienste eine Anerkennung gezollt, die nicht selten den stolzeren Reichsfürsten anstößig und verhaßt gewesen war. Keinen aber lohnte er, um den Wankelmuth und den Eigennutz älterer Fürstenhauser zu strafen, und Treue und Tüchtigkeit als einzige Berechtigung auf seine Gunst hervorzuheben, so wahrhaft kaiserlich als den Gründer von Schloß Hohenstaufen, den gleichnamigen Sohn eines schwäbischen Edlen, Friedrich's von Büren, dessen Vorfahren noch fast unbekannt gewesen waren, und es selbst dann noch blieben, als ihre Nachkommen bereits den Kaiserthron bestiegen. Friedrich's, des neuen Herzogs von Schwaben und Schwiegersohns von Heinrich IV., erwähnen die ältesten Geschichtsschreiber gleichfalls nur in allgemeinen Ausdrücken, daß mehr als seine Erhebung im Jahre 1079, sein Kampf um das ihm zugesprochene Herzogthum wider Berthold II. von Zähringen und Welf IV. von Baiern bis 1097, und sein Tod im Jahre 1105 nicht anzugeben sind. Letzterer überhob ihn der peinlichen Wahl, die er zwischen dem Vater und Bruder seiner Gemahlin in dem unnatürlichen Kampfe beider hätte treffen müssen 1). Er hinterließ zwei unmündige Söhne, die sammt ihrer Mutter Agnes von König Heinrich ihr künftiges Geschick zu erwarten hatten und von ihm in der vom Vater hinterlassenen, noch keineswegs sichern Herrschaft geschützt werden mußten. Denn wenn auch Berthold II. von Zähringen seine Ansprüche an das Herzogthum Schwaben erneute, so stand den Knaben ein schwerer Kampf mit einem tapfern, klugen und im Lande sehr beliebten Manne bevor. Denn dieser war nach altem Brauch von der Nation selbst nach dem Tode seines Schwagers, Berthold, des Sohnes von dem Gegenkönig Rudolf, zum Herzog ausgerufen worden

 

1) S. Raumer I, S. 291. Chron. Ursp. und danach Annalista u. Chronographus Saxo nennen ihn: vir prudentia, moribus et nobilitate satis clarus, insuper clarissimo matrimonio Adelheidis (Agnetis) inclitae famae, filiae Imperatoris et ex eadem mirae indolis prole decoratus.

 

 

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25 Die Hohenstaufen.

 

(1090) 1) und nur der vereinten Uebermacht Heinrich's IV. und Friedrich's von Hohenstaufen gewichen (1097) 2). Allein Berthold zeigte sich, wie überall so auch hier besonnen und ehrenfest, begnügte sich mit dem Herzogtitel und den ihm früher zugestandenen Besitzungen im Turgau, der Landgrafschaft zwischen Jura und St. Bernhard und seiner Erbgrafschaft im Breisgau. Wie seit dem Vertrage dem alten Kaiser, blieb er nunmehr dem allgemein anerkannten jungen Könige bis zu seinem Tode (1111) 3) getreu und auch sein Sohn Berthold III. ließ dessen Neffen im unangefochtenen Besitz Schwabens, wie günstig jenem die Jugend beider 4), diesem ihre von allen Seiten bedrängte Lage (in den Jahren 1116—18) zu neuen Versuchen, das Verlorne wieder zu erwerben, gewesen wären.

 

Daß Heinrich V. nicht gesonnen war, seines Vaters Anordnungen umzustoßen und dessen Anhänger weiter als der Schein neuer Grundsätze, oder die Hartnäckigkeit letzterer erforderte, zu verfolgen, konnte nicht lange verborgen bleiben. Geraume Zeit wußte aber der schlaue König auch dies für eine Pietät auszugeben. Die Söhne seiner Schwester mit Wohlwollenheit zu behandeln, schien nur Pflicht gegen nahe Verwandte, aber der eigne Vortheil war dabei seine Hauptrücksicht. — Da er ihre Erziehung leitete, pflanzte er früh in die jugendlichen Gemüther die Grundsätze, an denen er selbst Reich und Kirche gegenüber seine ganze Regierung hindurch festhielt, die von dem ganzen fränkischen Kaiserhause ausgeübt waren und die, wenn er selbst kinderlos stürbe, von den Neffen festgehalten werden sollten. Wie gelehrig und dankbar gegen den Meister die Schüler gewesen sind, dafür liefern Friedrich's und Konrad's spätere Thaten unverkennbare Beweise. Ihnen konnte Heinrich durchaus vertrauen, ihnen später seine fast verlorne Sache in Deutschland überlassen, während er selbst in Italien ein neues Wagestück begann. Wie die Kinder, sollte auch die Mutter Heinrich's Absichten dienen. Sie wurde an den Markgrafen Leopold von

 

1) Otto Fris., de gest. Friderici primi lib. I, cap. 7. Berth. Constant. ad 1093. Fragm. histor. apud Urstisium II, p. 83.

2) S. Wegelin II dissert. 38, p. 564, nach Otto Fris. a. a. O. 8, Chron. Ursp. 1097 u. A. m. Vergl. Stenzel I, S. 565. Anmerk. 29.

3) Ebenso heißt der bei einem Ueberfall der Stadt Mollenheim 1123 fallende Berthold III. Imperatori fidissimus. S. Wegelin a. a. O. 4) Otto Fris. cap. 9: Mortuo Duce — filiis ipsius Friderico quindecim, Conrado duodecim annos habentibus — Fridericus patri in Ducatum successerat.

 

 

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26 Erster Abschnitt.

 

Oestreich verheirathet 1), um das babenbergische Haus an sein Interesse zu knüpfen. Dann war in der Länderkette des südlichen Deutschland vom Elsaß 2) bis Oestreich, mit Ausnahme des Herzogthums Baiern, Alles nahen Verwandten oder ergebenen Freunden zugetheilt. Vollends war die welfische Macht ganz umstellt, als der jüngere Neffe des Königs, Konrad, späterhin das Herzogthum Franken und dann die Verwaltung der italienischen Reichslehen erhielt. Heinrich wußte sehr wohl, daß er den Welfen nicht trauen dürfe, und daß die Politik der Päpste den alten Familienhaß 3) zwischen ihnen und den Waiblingern zum eigenen Vortheil nähre. Jetzt gerade drohte eine neue Verwicklung, wenn die hochbetagte Markgräfin Mathilde starb, deren Besitzungen ein Zankapfel für Papst, Kaiser und Welfen werden mußten und die Erster, wenn er nicht das Vermächtnis der einstmals so ergebenen Freundin Gregor's VII. zu seinem alleinigen Vortheil benutzen konnte, lieber dem Herzoge von Baiern scheinbar als Kirchenlehn übertragen, in der That auch so noch in Anspruch nehmen, als unwiederbringlich Heinrich V. und seinen Nachfolgern auf dem Kaiserthrone einräumen wollte. Darum mußte Heinrich den zweideutigen Vasallen des Reichs, den Schützling der Kirche, in seinen Erblanden bewachen und umstellen lassen. Angesehene Grafen in Baiern hatte er schon gewonnen, und mancher von ihnen gehörte zu den Vertrauten des Königs, mit denen 1105 der Abfall von seinem Vater verabredet war, ehe die öffentliche Empörung kund wurde. Jetzt, da der mächtigste Vasall des Herzogs, der Markgraf von Oestreich, Heinrich' s Schwager geworden, konnten in Baiern die Welfen nichts Feindliches gegen den König unternehmen; und während ihre schwäbischen

 

1) Otto Fris., de gest. Frid. prim. lib. I, cap. 10 und Chron. lib. VII, cap. 9. Chron. Mellicense ad 1106. Chron. Claustro - Neoburg. ad 1106. Chron. Austriacum incerti aut. ad 1058. Sie starb 1143 VIII. Kal. Octobris. S. Nerol. Claustro-Neob. in scriptores rer. Austr. I, p. 494., Chron. Saxo ad 1143., Necrol. vetus Mellic. in scriptores rer. Austr. I, p. 309.

2) Daß Friedrich außer Schwaben auch Elsaß besaß, erhellt schon aus seiner Unterschrift Dux Sueviae et Alsatiae bei Schaten Annal. Paderb. I, p. 770 u. 71. Vergl. Obrecht, Prodromus rer. Alsat. cap. X, wogegen Cruse Ann. Suev. part. II, lib. VII, cap. I und lib. VIII, cap. 8 bewiesen, daß Elsaß den Hohenstaufen, nicht den Zähringern zugefallen.

3) Als Anfangspunkt dieses Familienhasses betrachtet man die Feindschaft zwischen König Heinrich III. und Herzog Welf III. bei des Kaisers zweitem Römerzuge. Doch läßt sich der Zwist noch anders herleiten und weiter hinaufführen. S. darüber Otto Fris., de gest. Frid. prim. lib. II, cap. 2.

 

 

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27 Die Welfen. Die Hierarchie. Der Investiturstreit.

 

Besitzungen durch die Hohenstaufen bewacht waren, standen die durch Heirath erworbenen Güter in Sachsen nicht unter der Landeshoheit eines dem billungischen Hause verwandten Fürsten, sondern unter einem durch kein Band weder an die Billungen noch an die Welfen geknüpften Herzog, den des Königs Gnade dazu erhoben hatte. Um noch sichrer vor den Welfen zu sein, mußte Friedrich von Schwaben, sobald er in das heirathsfähige Alter getreten, sich mit Judith, der Tochter Herzog Heinrich's des Schwarzen, vermählen. Daß dieser so wenig als sein älterer Bruder Welf V., die freilich beide mehr Stolz als Herrschsucht besaßen, nie, auch selbst nicht bei dem spätern Abfall so vieler Fürsten, dem Kaiser feindlich entgegentraten, und die mathildischen Güter ihm unbestritten ließen, beweist, wie gut Heinrich seine Macht im Süden befestigt hatte.

 

Wer möchte Heinrich's kluge Politik in all diesen Angelegenheiten nicht bewundern? Und wer es unbedacht oder vermessen nennen, daß er nach so zweckmäßigen als sicherstellenden Anordnungen im Reiche den Kampf wider die Hierarchie, ungeschreckt von dem Beispiel seines Vaters, wieder aufnahm? — Wenn er vor den Reichsfürsten noch längere Zeit die angenommene Maske freundlicher Zuneigung und Herablassung beibehielt, so zeigte er gegen den Papst viel früher statt der Demuth und Unterwürfigkeit, die er geheuchelt, jene gebieterische Sprache des ersten Beherrschers in der Christenheit, welchem alle Bischöfe bis zu dem höchsten in Rom unterwürfig und gehorsam sein müßten, und dem jedenfalls die Geistlichkeit innerhalb des Kaiserreichs, wofern sie weltliche Macht und Güter in Anspruch nähmen, gleich den Laienfürsten damit zu belehnen, sie ein- und abzusetzen, allein zukäme. Dieser Kampf Heinrich's V. mit der Kirche, gewöhnlich der Investiturstreit genannt, war eine Fortsetzung dessen, den sein Vater wider Gregor VII. erhoben, den in der Folge das Haus der Hohenstaufen mit allen weltlichen und geistlichen Waffen wieder aufnahm, an den sich alle welthistorischen Ereignisse zweier Jahrhunderte knüpften, der nicht minder auf das bürgerliche Leben als auf das politische Einfluß übte, und der mannigfache Verhältnisse unserer Gegenwart hervorgerufen hat, die ohne seine Bedeutsamkeit zu prüfen und zu erkennen, uns räthselhaft und wunderbar bedünken müssen. Es ist nicht zu leugnen, daß jenem Kampfe zwischen Kaiser und Papst eine sittliche Idee ursprünglich zum Grunde gelegen, daß nicht minder geistige Kräfte als weltliche Waffen in ihm um ein Lebensprincip für Staat und Kirche aufgeboten worden; allein die früh erhitzte Leidenschaftlichkeit der Kämpfenden hat in ihnen selbst nie den

 

 

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28 Erster Abschnitt.

 

leitenden Gedanken zum klaren und richtigen Bewußtsein kommen lassen; und mehr als von ihm haben von obwaltenden Zeitverhältnissen das Uebergewicht der Parteien, die momentanen Vortheile, der Ausgang des Streites abgehangen. Seine Gegenwart hatte Gregor VII. zu benutzen verstanden, als er den Plan: die Macht der Kirche zur höchsten auf Erden und über alle Gewalten der Erde zu erheben, der christlichen Welt kund gab. Vorbereitet fand er sein Werk freilich durch Vorgänger auf dem römischen Stuhle und durch Satzungen in der Kirche; der gläubige Sinn der germanischen Völker, die innerhalb des römischen Reiches sich niedergelassen, war schon seit Jahrhunderten von dem Bischof der ehemaligen Weltstadt, die zur Herrscherin des Erdkreises bestimmt schien, geleitet worden, und seit Missionäre von Rom entsandt und gelenkt, das Land zwischen Deutschland und dem Papste befestigt hatten, achteten die Nationen des bald weiter und weiter sich verbreitenden Frankenreiches als folgsame Heerde auf die Lehre und das Gebot ihres geistlichen Hirten. Ein weltlicher Einfluß wäre von diesem nicht so leicht errungen worden, wenn nicht das neu aufstrebende Geschlecht der Karolinger zum Sturze der Merowinger, zur Sanktion ihres unrechtmäßig errungenen Thrones einen Beistand bedurft hätte, der mehr als jeder andre die Gemüther der Nation versöhnte und lenksam machte. Mit der Erhebung Pipin's war unabweislich der Einfluß des Papstes auf die weltlichen Verhältnisse des Frankenreiches begründet, und sein Vorrang über alle andern Bischöfe von der höchsten weltlichen Macht anerkannt worden. Seitdem kannte Rom den Weg und die Mittel, sein Ansehen höher zu steigern. Ob der Gedanke, Karl den Großen zum römischen Kaiser zu krönen, eher in diesem als im Papst Leo entstanden, mag immerhin unentschieden bleiben; daß der Akt der Kaiserkrönung nur in Rom, nur durch den römischen Bischof vollzogen werden könne, blieb ein Grundsatz, den auch die kräftigsten Gegner der Hierarchie nicht umzustoßen wagten. Der prunkliebende Otto I. gab der Feierlichkeit eine erneute und höhere Bedeutung, sodaß seine Nachfolger den Römerzug und die Kaiserkrönung für unerläßliche Bedingungen ihrer höchsten Herrschermacht in der Christenheit ansahen. War nun noch der Empfänger oder nicht vielmehr der Ertheiler des höchsten irdischen Schmuckes die Hauptperson bei diesem Schauspiel für die ganze christliche Welt? Konnte die Kniebeugung des Kaisers, das Zeichen seiner Demuth vor Gott, nicht für eine schuldige Ehrfurcht vor Dem, welcher sich für den Stellvertreter Gottes auf Erden ansah, gedeutet werden? Die erniedrigenden Ehrenbezeugungen und Handdienste, selbst auf ihre

 

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29 Der Investiturstreit.

 

Macht und Majestät stolzer Kaiser, geben Beweis, welches Gewicht die römische Kurie auf ein bloßes Ceremoniel legte, und wie solches den Nimbus „des heiligen Vaters“ in den Augen der Völker erhöhte.

 

So lange indeß die Wahl des Papstes vom Könige abhängig blieb, so lange dieser die Kaiserkrönung als eine ihm allein gebührende Ehre von jenem fordern konnte, wagte Rom nicht über den weltlichen Herrscher sich zu erheben. Wie sehr das Kirchenhaupt noch unter des Kaisers allgebietender Macht stand, hatte Heinrich III. gezeigt, der drei eigenmächtig erhobene Päpste entsetzte und stets den Stuhl Petri mit Männern seiner Wahl besetzte. Doch Heinrich ist der letzte deutsche Herrscher, der, unbeschränkt in weltlichen und geistlichen Dingen, Staat und Kirche unter sein Scepter beugte. Schon war der Mann, der Heinrich's Nachfolger die Macht entreißen sollte, kein müßiger Zuschauer in der römischen Kurie 1), und baute, ohne daß er Denen selbst, deren Handlungen er leitete, sein Streben deutlich enthüllte, mit unsichtbarer Hand an dem Gebäude, das, als der Welt es sichtbar wurde, unerschütterlich jeder weltlichen Waffe widerstand, und durch keine Macht erschüttert worden wäre, wenn ein Geist, wie Gregor's, zu allen Zeiten darin gewohnt, gewacht, es mit Leben beseelt und, wie er, die Zeitverhältnisse zu benutzen und zu beherrschen verstanden hätte. Daß Gregor dies verstanden, thut seiner bewundernswürdigen Größe keinen Abbruch, sondern ist, wie bei allen eminenten Geistern, nur die Bedingung, ihre Kraft wirksam und der Welt nothwendig zu zeigen. Wer will die Nothwendigkeit eines Gregor für seine Zeit ableugnen? Nicht nur die mannigfachen Verderbnisse und Misbräuche in der Kirche selbst erforderten einen Mann von solcher Kraft und unerschütterlicher Festigkeit, der mit aller Kühnheit, Offenheit und Beharrlichkeit der gesunkenen Geistlichkeit entgegentrat, sondern auch Heinrich's III. Alles niederbeugender Arm, Heinrich's IV. aus zügellosen Leidenschaften, aus misleiteter Erziehung, aus falschen Begriffen von seiner Stellung

 

1) Vermutlich hatte Hildebrand an der Wahl Gregor's VI., eines der drei entsetzten Päpste, Theil genommen. Gewiß aber wirkte er mannigfach auf den vom Kaiser erhobenen Leo IX., der ihn zum Subdiakonus der römischen Kirche machte, und stand vor Allem an der Spitze der strengen Partei, die schon damals die Papstwahl unabhängig vom Kaiser zu machen bemüht war. Der Umfang seiner Kenntnisse, die Bestimmtheit seines Charakters, die unwiderstehliche Gewalt seines Geistes, die ihm über Andre eine Herrschaft gab, sprachen sich damals schon entschieden aus. S. Stenzel I, S. 117 und 121.

 

 

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30 Erster Abschnitt.

 

hervorgegangene Willkür und Tyrannei wartete auf einen Beschränker der über das rechte und gesetzliche Maß hinausgeschrittenen Königsgewalt, die freilich nur mit List und nach lange versteckten Vorbereitungen zu brechen möglich war.

 

Mit Unrecht sind Gregor's Kirchenreformen unpolitisch, seine Bestrebungen, die weltliche Macht zu beschränken, nur für Herrschsucht und Arglist gehalten worden 1). Dieser Tadel würde, wenn auch jeder der beiden Sätze gesondert sich nachweisen ließe, in der Art zusammengestellt, sich selbst aufheben, und die allgemein zugestandene Klugheit des Mannes in ein sehr zweifelhaftes Argument bringen. Vom Standpunkt des Mittelalters und seiner Völker aufgefaßt, erkannten wir oben schon das tief in der Gemüthswelt der Germanen wurzelschlagende Christenthum als das einzig wirksame Element, welches die rohen, oft überstrotzenden Kräfte bezähmte und zu milderer Gesittung und intellektueller Veredlung hinleitete. Auf die gröbere Sinnlichkeit konnte aber nur durch ein sichtbares Gebäude, durch die Kirche und ihre Diener, ein wirksamer Eindruck gemacht werden, und die Lehre Christi wirkte hier nur, insoweit sie als Kirchendogma verbreitet und verständlich gemacht wurde. Um ihr größern Nachdruck zu geben, war Einheit der Kirche und ein sichtbares Oberhaupt derselben erforderlich. In dem römischen Bischofe letzteres anzuerkennen, war längst herrschende Idee, aber bis auf Gregor VII. nie durch Ausübung alleiniger Gewalt zur Erscheinung gelangt. Wer mag es tadeln, daß Hildebrand die nothwendige Alleinherrschaft in der Kirche, die dem römischen Stuhl bisher stillschweigend zuerkannt war, mit aller Festigkeit, Kühnheit und Umsicht zu erringen strebte? Hier entsprach er nur einem allgemeinen Bedürfniß in der ganzen Christenheit. Diese war, weil noch keine durchgreifende Hand sie gelenkt, in ihren Lehren zerfallen; die Diener der Kirche hingen an weltlichem Gewinn und sahen die Religion als das Mittel, ihn zu erringen, an; sie strebten weniger durch eigne Tugenden und Verdienste bei der Gemeinde ihre freie Erwählung, als durch Geldbestechung, feile Dienstbarkeit und niedere Schmeichelei bei den weltlichen Machthabern ihre willkürliche Einsetzung zu erlangen. Die den ganzen Stand entehrende Simonie, welche vom geringsten Pfarrer bis zum obersten Hirten der Christenheit ihren

 

1) Selbst Stenzel hat Gregor zu einseitig beurtheilt, und doch kann er die Nothwendigkeit seines Erscheinens nicht leugnen. Er geräth dadurch in Widersprüche. Johannes Voigt's Gregor verdient immer noch die Anerkennung aller Religionsparteien vom moralischen wie vom politischen Standpunkt.

 

 

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31 Der Investiturstreit.

 

Wucher verbreitet, hatte der Kirche in den Augen jedes rechtschaffenen Mannes, bei allen frommen Gemüthern und den von Christi reiner und göttlicher Lehre durchdrungenen Völkern so viel von der einstigen Geltung entzogen, daß sie weniger eine Förderin der Gottseligkeit als eine Helferin der Tyrannei, mittels welcher die weltlichen Machthaber Freiheit und Selbstständigkeit zu vernichten strebten, genannt wurde. Ist bei der allgemeinen Lasterhaftigkeit und Schamlosigkeit der damaligen Geistlichen noch zu verwundern, daß der Unwille der Niedern, der Eigennutz der Großen, selbst der bessere Wille oder die augenblickliche lobenswerthere Stimmung der höchsten Machthaber 1), die doch allein von dem Knechtsinn der Geistlichkeit Vortheil errangen, sich ungescheut wider die höchsten Würdenträger der Kirche ausließ? Selbst in Deutschland, in dem Lande, das mehr als jedes andre eine heilige Scheu vor den Dienern der Kirche hegte, mußten ein Anno von Köln, ein Siegfried von Mainz, ein Adalbert von Bremen, Männer, die den höchsten geistlichen und weltlichen Einfluß übten, die Mishandlungen eines empörten Pöbels wie erzürnter Fürsten und Edlen erfahren, ohne daß ihr Stand, ihre Würde, ihr Kleid sie zu schützen vermochten. Bei den leicht erregten, bestechlichen und zügellosen Römern war bereits die Frechheit und Schamlosigkeit so tief gewurzelt, daß seitdem Schändung und Grausamkeit an hohen Geistlichen, an den Päpsten selbst verübt, für nichts Unerhörtes mehr galten.

 

Erst wenn man erkannt, wie weit und allgemein die Verderbtheit der Geistlichkeit verbreitet war, erscheint das Unternehmen Gregor's als ein wahrhaftes Riesenwerk. Die äußersten Grenzen desselben schwebten wol auch seinen Blicken nicht sogleich deutlich vor. Von der Nothwendigkeit überzeugt, daß der Kirche nicht nur die höchste Achtung und Anerkennung, sondern auch Unabhängigkeit von jeder weltlichen Gewalt zu Theil werden müsse, führten bald die Consequenz dieses Vorhabens, die dargebotenen Zeitumstände, die im Kampf mit den Gegnern erhitzte Leidenschaftlichkeit ihn über das richtige Maß hinaus, und gefährdeten die Welt von der Seite her, wo die Rettung von Tyrannei sich ihr gezeigt hatte, als die Kirche nicht Gleichstellung mit, sondern Gewalt über jede weltliche Macht

 

1) Auch der junge Heinrich IV., wenn er dem bessern Zuge der Natur folgte, erkannte die Schändlichkeit der Simonie, und beschämte oft die freche Käuflichkeit der nach Pfründen gierigen Geistlichen. Doch durchgreifend und consequent war sein Verfahren keineswegs, und nicht einmal der Bestechlichkeit seiner Hofbeamten konnte oder wollte er steuern.

 

 

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32 Erster Abschnitt.

 

in Anspruch nahm. Die Simonie auszuheben und für alle Folgezeit unmöglich zu machen, war der Gedanke, der den noch unscheinbaren Hildebrand leitete. Aber beginne ein Riesengeist, wie der seine, mit unwiderstehlicher Gewalt auch nur ein kleines Gebrechen der Zeit zu heben, und er wird wie Gregor damit enden, die Welt erschüttert und all ihre Triebräder aus dem Gleise gerückt zu haben, sodaß der Spruch der kommenden Jahrhunderte noch segnend oder fluchend über ihn ergeht. — Um der Simonie wirksam zu steuern, mußte die ganze Lebensweise der Geistlichkeit zu höherer, ja zu möglichst höchster Moralität geleitet, ihr Wollen und Handeln dem römischen Stuhl, als dem anerkannt ersten des Abendlandes 1), unterworfen, dieser von jeder Macht unabhängig, in sich selbst fest begründet werden. Dem ersten Verbot der Simonie folgte das strengere Gebot des Cölibats. Wie seit Jahrhunderten bewahrter, durch traditionelle Verbreitung befestigter und durch Thatsachen entschieden ausgesprochener Glaube den Papst zum Haupt der Kirche erhoben, so heiligte Gewohnheit seit den ersten Anfängen des Christenthums, ja das Beispiel des Stifters und seiner Apostel die Ehelosigkeit der Priester, ohne daß beide Ansichten strenge festgehalten oder als Vorschrift der Kirche anerkannt und befolgt worden wären 2). Ihre Nothwendigkeit, ihre zum Wohl der Kirche heilsame Befolgung erkannten für ihre Zeit sehr richtig Hildebrand und jene strengere Kirchenpartei, die längst sich gebildet, aber bis dahin stets nur die Minderzahl ausgemacht 3) und den Spott, die Verfolgung der Menge erfahren hatte.

 

1) Um auch die griechische Kirche mit der römischen zu vereinigen, trat Gregor, bald nach seiner Erhebung auf den päpstlichen Stuhl, mit dem Kaiser Michael in Unterhandlung. S. Regesta I, 18. An der alten Eifersucht zwischen Orient und Occident scheiterte sein Plan, und als der Papst bei den Normannen seine Stütze suchte, waren die byzantinischen Kaiser auch aus politischen Rücksichten jeder Verbindung beider Kirchen entgegen, es sei denn, daß der Papst sie statt der deutschen Könige in Rom kröne, welche Idee unter Paschalis auch wirklich einmal aufgenommen wurde.

2) Der heilige Ambrosius, dessen Lehren und Grundsätze das Mittelalter durchweg als Norm alles Denkens, Handelns, Unterlassens ansah, hatte in seinen Schriften, an Jungfrauen und Wittwen gerichtet, oder der Jungfrau Maria gewidmet, Ehelosigkeit als Verdienst herausgestellt. Vergl. Schlosser's Universalhistorische Uebersicht der Geschichte der alten Welt, III, 4, S. 31.

3) An ihrer Spitze stand der zwar im Alterthum belesene und gelehrte, aber ganz mönchisch gesinnte Peter Damiani, dessen Hildebrand schon, ehe er Papst wurde, sich vielfach zu seinen Plänen bediente. Diese erkannte Peter, der einem Werke wie dem Gregor's nicht gewachsen war, erst spät, entsetzte sich vor dessen Riesenschritten und zog bald die klösterliche Einsamkeit seinem Bisthum Ostia vor, vielleicht ehrlicher, aber beschränkter als sein früherer Genosse. Bei dem ersten Versuche der römischen Kurie, die Hildebrand's Geist beherrschte, gegen den Willen des Königs sich aufzulehnen, bei Gelegenheit der beabsichtigten Scheidung Heinrich's IV. von Bertha, wurde Peter Damiani als das geeignetste Werkzeug nach Deutschland gesandt (S. Lamb. Schaffn. ad 1069). Seine Lehre, vom Standpunkt mönchischer Beschränktheit entwickelt, würde nie viele Anhänger erhalten haben, wenn Gregor in ihr nicht ein geschicktes Mittel seiner Pläne gefunden hätte.

I. 3

 

 

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33 Der Investiturstreit.

 

Hildebrand wußte den besten Vortheil von jener Idee für seine Absichten zu ziehen. Schon daß das Cölibat eine Anforderung an alle Geistliche war, brachte in diesen Stand die gewünschte Einheit, machte ihn unabhängig vom Staat und gab ihm eine Heiligung in den Augen der Menge. Wenn der Geistliche, um seines himmlischen Berufs auf Erden willen, der höchsten irdischen Glückseligkeit, zu der die Natur auch den geringsten Mann, wenn Händearbeit ihm den nothdürftigen Unterhalt gewährt, befähigt hat, zu entsagen und zwar im Besitz großer Macht über die Menge, über die Hohen und Höchsten zu entsagen sich entschloß, so mußte allerdings solche Enthaltsamkeit in den Augen jedes Laien sein Wirken, sein Leben, seine Person höher als ihr eignes, dem Naturtriebe fröhnendes Dasein erscheinen lassen, und eine Heiligung des dem Körper gebietenden Geistes anzuerkennen nöthigen. Der Gedanke war groß, aber seine Ausführung auch nur für einen Geist wie Gregor's nicht allzugroß. Wie heftig in allen Ländern, vornehmlich in Deutschland, von vielen Geistlichen und ihren Anhängern dem Gebot des Papstes widersprochen wurde, wo dieser auf kirchlichem Gebiete stand, drang er ohne Scheu und mit unbeugsamer Gewalt vorwärts, und mußte endlich Gegner zum Verstummen bringen, die wider seine Anforderung geistiger Willensstärke die Schwäche menschlicher Unfähigkeit, wider seine kirchlichen Zwecke irdische Bedürfnisse geltend machen wollten. Auf der zweiten allgemeinen Kirchenversammlung zu Rom (im Februar 1075) erklärte Gregor für unwiderruflich die früheren Beschlüsse gegen Simonisten und verheirathete Priester, setzte die widerspenstigen Bischöfe ab und drohte, sie von aller Kirchengemeinschaft auszuschließen. Zum Herrscher geboren, überwand er Jeden, der nicht die Kraft besaß, gleich ihm seine Partei zum Kampfe zu begeistern. Er blieb allein im Recht, so lange er allein im Besitz der Gewalt dastand. Diese aber Dem zu entreißen, der sie bisher besessen, erforderte Klugheit und List. Einem Heinrich III. würde er sie nie abgerungen

 

 

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34 Erster Abschnitt.

 

haben. Doch Heinrich IV., erst ein Kind unter wechselnder, schlechter Vormundschaft, dann unbesonnen die vom Vater errungene Herrschermacht misbrauchend, ohne den längst gährenden Unwillen der Völker und den noch mehr Gefahr drohenden Ehrgeiz und Trotz der Fürsten zu erkennen, bot selber die günstigste Gelegenheit, um die so nöthigen Reformen der Kirche und die dazu erforderliche Unabhängigkeit des päpstlichen Stuhles von dem Willen des Kaisers zu bewerkstellen. So lange die Thätigkeit der römischen Kurie, die unter den Päpsten Leo IX., Nikolaus II., Alexander II. schon Hildebrand's Wille leitete, auf Abschaffung anstößiger Misbräuche gerichtet war, konnte ein gerechter, weiser Herrscher ihr nicht hindernd in den Weg treten. Hatte doch Heinrich III. auch der schändlichen Simonie zu steuern gesucht. Nur in dessen Sinne schien man in Rom fortzuarbeiten. Wenn Heinrich IV. von schlechten Günstlingen, die von der Bestechlichkeit der Geistlichen Vortheil zogen, gegen das strengere Eingreifen der genannten Päpste auftrat, büßte die höchste Herrscherwürde so viel an moralischer Bedeutsamkeit ein, als das Kirchenhaupt gewann, zumal da des jungen Königs eigne Mutter Agnes und sein strenger Erzieher Anno von Köln, die nach einander die Vormundschaft über ihn geführt, der Kirchenpartei eifrig ergeben waren, und so das Gebäude, das Hildebrand aufführte, auch vom Hofe aus kräftig unterstützten. Unter solchen Umständen war es Hildebrand gelungen, im Jahre 1073 die Papstwahl von dem deutschen Könige, dem Schutzherrn des römischen Stuhles, an das Kardinalcollegium zu bringen, so daß Ersterem nur die Bestätigung des Gewählten blieb, anstatt daß er früher den zu Wählenden der gesammten römischen Kirche und dem Volke bezeichnet hatte.

 

Als Hildebrand diesen wichtigen Schritt zur Erhöhung des geistlichen Ansehens that, war Heinrich IV. in die für sein ganzes Leben so unseligen Mishelligkeiten mit den Sachsen und den angesehensten Reichsfürsten verwickelt. Er hatte zum erstenmal erkannt, auf welchen schwachen Stützen sein Thron stand, auf dem er bisher jeder Willkür und Leidenschaft sich zügellos hingegeben hatte. Während ihn die Wuth der Sachsen zur Flucht aus der Harzburg nöthigte und er sich gezwungen sah, demüthig den Beistand der deutschen Fürsten zu erflehen, die einst seines Vaters Scepter gebeugt, er durch Ungerechtigkeiten beleidigt, im Uebermuth verhöhnt hatte, führte Hildebrand, nun endlich selbst als Papst Gregor VII. auftretend, seine Kirchenreformen mit dem Bewußtsein überlegner Kraft aus und konnte, wie in jedem Reiche, so auch in Deutschland auf thätige, folgsame Anhänger und Vollstrecker seines Willens

 

 

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35 Der Investiturstreit.

 

rechnen. Nicht unbesonnen wollte er auf einmal ausführen, was er bezweckte. Indeß er mit Nachdruck auf Unterdrückung der Simonie, auf Einführung des Cölibats, auf Unterwerfung der ganzen Geistlichkeit drang, um in der Kirche als unbeschränkter Gebieter anerkannt zu werden, indeß er die übrigen Könige und Fürsten der römisch-katholischen Länder schon als Untergebene der Kirche mit Strenge zur Ausführung seiner Gebote anhielt, ehrte er scheinbar noch das Vorrecht des römisch-deutschen Königs und bat diesen in demüthigen Ausdrücken um Bestätigung seiner Erhebung auf den päpstlichen Stuhl. Heinrich IV., obwohl von den Gegnern Gregor's gemahnt, die ohne alle Beobachtung frühern Herkommens und Gesetzes vollzogene Wahl des Papstes für ungültig zu erklären, durfte bei seiner Bedrängniß keinen neuen Feind, der bereits großen Anhang in Deutschland gefunden und noch mehr Furcht erweckt hatte, sich zuziehen und gab den scheinbar billigen Vorstellungen und demüthigen Ausdrücken Gregor's solange nach, bis er der Sachsen und Fürsten wieder Herr geworden. Als dies dem Könige noch einmal im Jahre 1075 gelungen und er auf dem Gipfel weltlicher Hoheit sich wähnte, wollte er nicht mehr der Kirche gegenüber Etwas von seinem königlichen Rechte einbüßen, oder gar Mahnungen und Drohungen, die bereits Gregor sich erlaubte, gehorsam Folge leisten 1). Da begann jener Kampf zwischen Papst und Kaiser, der, weil er von der Idee ausging, die jeden von der Rechtmäßigkeit seiner Gewalt auf Erden erfüllte, ein Kampf auf Tod und Leben werden mußte, in welchem alle Leidenschaften entbrannten, alle Mittel zur Erreichung des Zweckes in Bewegung gesetzt wurden. Wer mag Richter solches Kampfes sein? Wer wagt es, ohne Scheu das Urtheil über Die, welche ihn kämpften, zu fällen? Wer es anzugeben, auf welcher Seite mehr das Gefühl für Recht, Wahrheit, Sittlichkeit, auf welcher mehr der Eigennutz, die Herrschsucht den Kampfesmuth beseelt? Wer den Wunsch auszusprechen, daß einen völligen Sieg der Papst oder der Kaiser errungen hatte? — Nur Eines vermag der Geschichtsforscher zu erkennen: daß der welterschütternde Zwiespalt zwischen den höchsten Gewalten, der zuletzt Nichts mehr von der ihn bewegenden

 

1) Regest. III, 10 vom 8. Januar 1076, worin Gregor dem Könige mit Kirchenstrafe droht, wenn er nicht die von Alexander II. gebannten Bischöfe entferne, ihn zur Demuth nach dem glücklichen Ausgange des Sachsenkrieges ermahnt und ihm Saul's Schicksal als Warnung vorhält. Auch dringt er darauf, die Untersuchung der gefangenen sächsischen Fürsten nach Kirchenrecht führen zu lassen. Vergl. Bruno, de bello Sax. p. 196 ff.

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36 Erster Abschnitt.

 

Idee, sondern nur starre Form als Hemmung jeder geistigen Entwickelung zurückließ, einen heilsamern Ausgang genommen hätte, wenn Papst und Kaiser die Nothwendigkeit ihrer nebeneinander bestehenden Macht früher als nach gegenseitiger Schwächung erkannt und nicht, um sich der ihnen Beiden entfremdeten Völker, die sich ohne sie emporzuringen begannen, dennoch Herr zu bleiben, zu Mitteln gegriffen hatten, die weder der Natur der Völker, noch einer fortschreitenden Intelligenz entsprachen. Da bedurfte es einer Reformation, um den unnatürlichen Zustand aufzuheben, Volk und Regierung, Glauben und Kirche, Gesetz und Verfassung in ein mehr geistiges Verband zurückzuführen. Immer aber mangelte noch die lebendige Theilnahme der Nation, die Mitwirkung jedes Einzelnen für die Interessen des Staats und der Kirche. An unsere Gegenwart ergeht die Mahnung, den seit Jahrhunderten fortdauernden Zustand der Unmündigkeit aufzuheben und zeitgemäß die Freiheit der Intelligenz im Staats- und Kirchenleben zum alleinwirksamen Hebel zu machen.

 

Als Gregor und Heinrich, jener auf Traditionen, die die Kirche sanctionirt hatte, dieser auf einst gültige, jetzt vergessene Rechtsansprüche gestützt, Beide aber im Vertrauen auf ihre Stärke einander zu befehden anfingen, war es natürlich, daß jeder in des andern persönlichen Feinden seine Verbündeten suchte, und somit weltliches und geistliches Element auf beiden Seiten den Kampf unterhielten. Wie Heinrich in den vom Papst gebannten Bischöfen und in Allen, die den neuen Kirchenreformen abgeneigt blieben, Werkzeuge fand, die dem Gegner in seinem eignen Gebiet entgegentraten, so wandte Gregor seine Gunst und seinen Beistand den vom Könige bedrängten Sachsen und den dem Reichsverbande sich entziehenden deutschen Fürsten zu. Abgesehen davon, daß der Letztere hierbei eine kräftigere Partei gewann als Heinrich, so boten sich für jenen viel günstigere Verhältnisse dar, seine Macht geltend zu machen, als für diesen. Sie lagen in der Stellung des Kaisers zur Kirche und zu den deutschen Fürsten. Als Heinrich die Absetzung Gregor's aussprach, forderte er ein Recht zurück, das er bei dessen Anerkennung bereits aufgegeben hatte und das der Wahlreform Nicolaus II. widersprach, nach welcher die Unabhängigkeit der Papstwahl von kaiserlichem Einfluß und die alleinige Wahlberechtigung des Kardinalcollegiums von der Kirche sanctionirt waren. Wenn dagegen Gregor in der Folge durch die deutschen Fürsten eine neue Königswahl zu veranlassen wußte, so stand dies in keinem Widerspruche mit älteren oder neueren Rechten, weil den Fürsten es nach Herkommen zustand,

 

 

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37 Der Investiturstreit.

 

frei das Reichsoberhaupt zu küren und den zeitigen Herrscher zu entsetzen, wenn er ihren Wünschen nicht entsprach, wenn er zum Nachtheil des Reichs gewirkt zu haben überführt wurde. So veranlaßte Heinrich's unbesonnenes Verfahren, daß ein Gegner, der bisher nur seine Gewalt neben die königliche zu stellen gewagt, dieselbe bald über diese zu erheben ohne Scheu, ohne Verletzung der alten Ordnung, und doch zu seinem alleinigen Vortheil wagen durfte. Dieser Gipfel der Hierarchie, von dem herab auch das Kaiserthum dem päpstlichen Stuhle unterwürfig erschien, war ein Punkt, zu dem hin der Gegner ihn gedrängt hatte, und den die Consequenz seines Strebens als letzte Grenze, die er behaupten dürfe, billigte, der aber auch, als er beiden Theilen sichtbar geworden, mit Aufbietung aller Kräfte von dem einen erstrebt, von dem andern bestritten werden mußte 1).

 

1) Was Stenzel I, S. 279 von Andern übersehen glaubt, das Letzte, Aeußerste jenes Kampfes, ist von ihm selbst übersehen worden. Nicht Gregor's Politik, sondern Heinrich's unpolitisches Verfahren spielte dem Papst den ersten Sieg in die Hände; allein Heinrich wars auch, der denselben dem nahe am Ziele Stehenden entwand, um für Jahrhunderte, ja für immer die letzte Entscheidung unmöglich zu machen. Gemeiniglich tadelt man bei dem Vorfall zu Kanossa Heinrich's schimpfliche Unterwürfigkeit und Gregor's stolzes, arglistiges Benehmen, ohne zu bedenken, daß das innerliche Sachverhältniß von der äußerlichen Stellung der beiden betheiligten Personen gerade das umgekehrte, daß Gregor der Bedrängte, Heinrich der durch seine Demüthigung schlau sein fast verlornes Spiel Wiedergewinnende war. Als die deutschen Fürsten Heinrich nicht mehr als König anerkennen wollten, wofern er nicht vom päpstlichen Bann sich gelöset habe, verriethen sie, wer eigentlich die Seele ihrer trotzigen Verbindung sei. Der König, scharfsichtig und von beispielloser Willenskraft im Unglück, erkannte, daß er der Fürsten und des Papstes Plan zerstöre, wenn er die Zurücknahme des Bannes von Letzterem erlange. Alles setzte er daran, selbst die Würde seiner Person. Auch Gregor verkannte nicht, daß er seinen errungenen Vortheil aus den Händen gebe, wenn er Heinrich absolvire. Er opferte seine Ueberzeugung dem Drange der Umstände, in welchen der schlaue Gegner und seine eignen, nächsten, aufrichtigsten Freunde ihn versetzten. Er durchschaute Heinrich's listige Absicht ganz. Ists da noch zu verwundern, daß er diesem so viel als möglich für die Zukunft die Hände zu binden, ja durch eine Gegenlist bei Ueberreichung der Hostie (S. Stenzel I, S. 409—11) den Entronnenen in einer neuen Schlinge zu fangen suchte? Heinrich entging derselben, wenn auch nicht, ohne viel — in den Augen Derer, die ihn sich für schuldig bekennen sahen — zu verlieren. Aber er hatte die Verbindung der Fürsten und des Papstes gelöst, er hatte das Gericht, das ihn verurtheilen und verderben wollte, inkompetent gemacht. Zwar konnten die Fürsten ihn entsetzen, aber der Papst mußte erklären, daran keinen Theil gehabt zu haben, wodurch er Jener Mißfallen erhielt; wenn dennoch auch der Papst später den Bann erneute, so that dies dem Könige, der nach Art seiner Vorfahren bereits von einem andern Papste sich hatte krönen lassen, wenig Eintrag, weil Heinrich nun dem größern Theil der Fürsten in Deutschland und Italien nicht mehr schuldig erschien, sondern vielmehr Gregor als der Wortbrüchige angesehen wurde. Daß Gregor VII. seine furchtbare Consequenz einmal selbst gebrochen, machte seinen erlangten Sieg erfolglos für alle Zeiten. Nur einer seiner Nachfolger, Innocenz IV., behauptete eine bis zum Aeußersten festhaltende Consequenz dem Kaiser Friedrich II. gegenüber und vernichtete diesen beinahe. Doch seit die Völker und Fürsten ihre Freiheit mehr durch die Hierarchie als durch unbeschränkte weltliche Despotie bedroht sahen, erhoben wider jene sich Kräfte, die zur Zeit Gregor's VII. noch schlummerten. Daß Heinrich IV. durch List des Gegners Gewalt sich entzog und dann ihm unüberwindlich Trotz bot, macht sein Andenken unsterblich. Aus seiner Demüthigung zu Kanossa ging er als Retter der Freiheit hervor.

 

 

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38 Erster Abschnitt.

 

An zwei Bedingungen war das Uebergewicht des Papstes oder des Kaisers geknüpft, an die Art, wie die Kaiserkrönung in Rom vollzogen wurde, und an die Entscheidung über Investitur der Bischöfe im Reich. In Ansehung ersterer hing Alles davon ab, ob der Papst, wie bisher, nach dem Willen des römisch-deutschen Königs jene Feierlichkeit vollzog, oder ob seine Prüfung, seine Genehmigung dem Krönungsakte vorausging. Bei der Wahl des Königs hatte der Papst nur einen mittelbaren Einfluß, insofern er die Wahlfürsten zu gewinnen und für diesen oder jenen zu bestimmen wußte. Die Kaiserkrönung dagegen erlaubte ihm unmittelbar eine höhere Stellung geltend zu machen und die erste der Erdenkronen wie ein Geschenk seiner Hand zu ertheilen oder sie zu verweigern. Wollte der König solche Abhängigkeit und Unterwürfigkeit nicht anerkennen, so mußte er ohne die letzte Weihe seiner Hoheit bleiben oder sie, wie einst Heinrich I., bei ganz selbstständiger Macht als überflüssig betrachten. Es ist keine Frage, daß dies Beides den Päpsten nachtheilig geworden wäre; denn jene Vollziehung der Kaiserkrönung hatte, wie oben bemerkt ist, vornehmlich dem römischen Bischof einen Vorrang vor allen übrigen verschafft, und war nun vollends eine nothwendige Bedingung, um das Supremat der Kirche über jede weltliche Hoheit in einem äußern Akte zu bekunden. Es mußte also von einer andern Seite her dem deutschen Könige jeder selbstständige Entschluß in Betreff jenes Aktes benommen und er bei der Wahl schon verpflichtet werden, sobald als möglich den Römerzug anzutreten, um von der Gnade des Papstes die Kaiserkrone zu erbitten. Dann erst war der Vorrang des kirchlichen Oberhauptes vor dem weltlichen entschieden. Diese Absicht lag als letztes Ziel

 

 

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39 Heinrich's Sieg über Paschalis II.

 

versteckt hinter dem Bestreben der Päpste, das Recht der Belehnung der Bischöfe und Aebte, welches bisher der König durch Ueberreichung von Ring und Stab an die Erwählten ausgeübt, als ein der Kirche mehr geziemendes an sich zu bringen. Doch wie schlau auch Gregor diesen Rechtsanspruch ersonnen hatte, Heinrich IV. entgingen nicht die vielfachen Nachtheile und die letzte Absicht des Papstes dabei. Hartnäckiger als jedes andre Recht vertheidigte er das der Investitur, und machte den Plan seines Gegners dadurch unwirksam, daß er die Kaiserkrönung zu Rom zwar nicht zurückwies, sie jedoch nicht von Gregor und den in seinem Geiste fortwirkenden Nachfolgern, sondern allein von Klemens III., dem von ihm erhobenen Gegenpapst, in der Weise, wie sein Vater und alle römisch-deutschen Könige es gehalten, vollziehen ließ.

 

Von Heinrich V., der, wie er vorgewandt, um der Kirche den Frieden und ihre Rechte zu geben, seinen Vater vom Throne gedrängt hatte, hoffte Papst Paschalis, der im Jahre 1099 durch die Partei Gregor's auf den Stuhl Petri erhoben war, Alles zu erlangen was Heinrich IV. standhaft zurückgewiesen. Allein bald zeigte sich, daß Paschalis, obwol ein Schüler des großen Hildebrand, doch diesem an Geistesschärfe und Energie weit nachstand, dagegen der neue König an Verschlagenheit und Scharfsinn seinen Vorgänger noch übertraf. Es ist keine Frage, daß Heinrich V. ohne die Treulosigkeit wider seinen Vater, ohne jene Maske der Milde, Demuth und Sorgfalt um des Staates und der Kirche Wohl, nicht so allgemein würde anerkannt worden sein, und daß die kirchliche Partei seine Wahl hintertrieben, oder einen Andern auf den Thron gesetzt, oder mindestens einen Gegenkönig erwählt haben würde. Allen diesem hatte Heinrich V. durch seinen Abfall vorgebeugt, und durch die erneute Wahl, der er sich schlau unterzogen, die freie Zustimmung der Fürsten, der Bischöfe und des Papstes selbst erlangt. So einstimmig war noch nie die Wahl eines Königs ausgefallen; und der bald hergestellte äußere und innere Friede schien eine Bürgschaft, daß man sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht habe. Paschalis, Gregor's Grundsätze befolgend, glaubte die Investitur der Geistlichen nun leicht zum Vortheil der Kirche vom Könige abgetreten zu erhalten, und verbot bald nach Heinrich's Krönung auf der Kirchenversammlung zu Guastalla, daß ein Geistlicher die Belehnung mit Ring und Stab von Laienhand annehme. Wie wenig er aber von der strengen Consequenz seines Meisters besitze, zeigte sich jetzt schon. Denn trotz dem ausgesprochenen Gebot gab er nach, daß diejenigen Bischöfe, welche bereits unkanonisch eingesetzt seien, wenn sie nur nicht

 

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40 Erster Abschnitt.

 

als Simonisten oder sonst untauglich befunden, ihre Würde behalten und von ihm anerkannt werden sollten. So behielt der König zunächst eine Menge ihm treu Ergebene in geistlichen Aemtern, wußte bald neue Wahlen nach seinem Wunsche zu leiten und als in Deutschland seine Macht fest gegründet war, zeigte er auf keine Weise sich willfährig, der Kirche die Investitur einzuräumen. Wie konnte es auch anders sein. Die vielfachen Nachtheile, die dem weltlichen Regiment daraus erwachsen mußten, lagen zu klar am Tage. Es gehörten der deutschen Geistlichkeit nicht nur sehr ausgedehnte Besitzungen, die man Kirchengüter nannte, sondern seit Jahrhunderten waren ihr auch bedeutende Reichslehne zugewiesen, die an bestimmten Kirchenwürden hafteten, und die wiederum an Reichsfürsten oder an eigne Vasallen die Inhaber verliehen. Ueber alle diese Ländereien und deren weltliche Verweser verlor der König seinen Einfluß, wenn er Bischöfen und Aebten eine unabhängige Stellung zuerkannte, oder dem Papst es gestattete, jene nach seiner Willkür zu ernennen. Abgesehen davon, daß den Geistlichen ihre Würde, ihr Stand, ihre kirchlichen Verrichtungen den größten Einfluß auf ihre Gemeinden gestattete, waren sie als Reichsfürsten bei allen weltlichen Verhandlungen zugegen, bildeten einen großen Theil des Reichskörpers, gaben bei der Königswahl gleich den weltlichen Fürsten ihre Stimme, ja die drei rheinischen Erzbischöfe übten bei dem Wahlakt, bei der Weihe und Krönung des Königs die höchsten Functionen aus. Sobald keine andre Pflicht als Gehorsam gegen den Papst sie band, war diesem auch eine unmittelbare Einwirkung auf Besetzung des Thrones und somit das Supremat der Kirche über den weltlichen Herrscher eingeräumt. Selbst ein minder auf seine Macht eifersüchtiger König als Heinrich V. wäre mit Nachdruck dem Ansinnen Paschalis' entgegengetreten. Die durch Verstellung und List erworbene Zuneigung der Fürsten, das wieder hergestellte königliche Ansehen, der bereitwillige Beistand der von ihm erhobenen Geistlichen ließ Heinrich nicht bezweifeln, daß er mit mehr Glück und besserm Erfolg gegen den schwachen Paschalis, als sein Vater gegen den unbeugsamen Gregor, den Kampf bestehen werde.

 

Wie wenig Paschalis begriff, was sein großer Vorgänger ihm vorgezeichnet, wie weit er hinter seinem Gegner, dem gewandten, versteckten, arglistigen Heinrich zurückblieb, wurde bald offenbar. Nur der geprüfte Scharfblick seiner Räthe hielt jenen ab, der Einladung des Königs zu folgen, und in Deutschland eine allgemeine Kirchenversammlung zu halten, was ihn ganz in jenes Gewalt gegeben haben würde. Anstatt dem nicht mehr zweifelhaften Verfahren

 

 

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41 Heinrich's Sieg über Paschalis II.

 

Heinrich's, der alle erledigten Bisthümer nach seiner Bestimmung besetzte und die Männer seiner Wahl durch die Erzbischöfe weihen ließ, sogleich kräftig entgegenzutreten, ließ er ihm Zeit, sich durch Ueberwältigung hartnäckiger Gegner oder beunruhigender Friedensstörer, durch willkürliche Besetzung erledigter Reichslehen jeder Art, durch Erneuerung alter Rechte, die jemals dem Könige zugestanden hatten, zum unumschränkten Herrn in Deutschland zu machen und durch Heerfahrten wider die Polen, Böhmen und Ungarn die Nachbaren zu schrecken, und das lang vergessene oberherrliche Ansehen des deutschen Königs bei ihnen wiederherzustellen 1). So im Rücken gedeckt, brach Heinrich im Herbst 1110 nach Italien auf, begleitet sowol von einem trefflich gerüsteten Heere als von unterrichteten, gelehrten, gewandten Männern, um neben den weltlichen die geistigen Waffen wider die hierarchischen Anmaßungen zu gebrauchen. Gegen solchen Gegner aber waren die Anstalten Paschalis', der Frankreich, die Normannen und vor Allen die Freundin des päpstlichen Stuhles, die Markgräfin Mathilde, zu seinem Beistande aufgefordert hatte, nicht genügend. Dem schlauen Könige gelang es sogar, diese treueste und mächtigste Verbündete insoweit der Kirche abwendig zu machen, daß sie äußerlich ihm Unterwerfung bezeugte und parteilos dem Kampfe zuzusehen beschloß. Unaufhaltsam drang er vor, und schickte Gesandte nach Rom, um über die Bedingungen der Kaiserkrönung mit Paschalis zu verhandeln. Dieser war in der peinlichsten Lage. Da er noch im Frühjahr von 1110 in einer Lateransynode das Verbot der Belehnung durch Laienhand von neuem bestätigt hatte, so wäre es ein offenes Eingeständnis seiner Schwache gewesen, wenn er Heinrich's dringendste Forderung, die er zur Hauptbedingung machte, unter der allein er von Paschalis gekrönt werden wollte, das Recht der Investitur eingeräumt hätte. Entwich er aber, standhaft die Ansprüche der Kirche festhaltend, aus Rom, um sich, wie einst

 

1) Es liegen diese Kriege außerhalb der Sphäre der politischen Verhältnisse in Deutschland, die ich allein in diesem Werke darzustellen beabsichtige. Das Resultat der Feldzüge gegen Ungarn, Böhmen und Polen habe ich hier im Texte hinreichend angedeutet. Wichtige Folgen derselben im Einzelnen, besonders auf das feindliche Verhältnis, zwischen dem Kaiser und dem groitscher Fürstenhause werden am gehörigen Orte mitgetheilt werden. Die Kriegsereignisse gibt Stenzel in seiner Geschichte Deutschlands unter den fränkischen Kaisern Bd. I, S. 617—26. Ich könnte ihm nur nachschreiben, ohne neue Resultate für meinen Zweck zu gewinnen. Erst unter Kaiser Lothar haben die Kriege gegen die Völker im Osten Deutschlands eine Wichtigkeit für die deutsche Geschichte, auch von dem in meiner Darstellung gewählten Standpunkt.

 

 

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42 Erster Abschnitt.

 

Gregor, in den Arm der Normannen zu werfen, oder den Schutz Frankreichs zu suchen, so mußte er befürchten, daß Heinrich nach dem Beispiele seines Vaters und Großvaters einen neuen Papst erheben möchte, der bei der jetzigen Uebermacht und bei dem großen Anhange des Königs sich glücklicher als einst Klemens III. behaupten werde, und daß somit alle Vortheile, die seit Gregor die Kirche erlangt, wieder verloren gingen. Auf den Rath des Kardinal Petrus Leonis, der zwar von jüdischer Abkunft, aber damals durch Reichthümer und mächtige Familienverbindungen eine wichtige Person war, wählte der Papst einen Ausweg, der ihm bei dem Beschluß so vieler Kirchenversammlungen und bei dem einmal geforderten Anspruch des päpstlichen Stuhles zu beharren verstattete und doch des Königs Haupteinwand gegen die Abtretung des Investiturrechts, daß nämlich diese ihn zu bedeutender Regalien beraube, beseitigte. Es sollte, so endete die Verhandlung mit den Abgesandten Heinrich's, die Geistlichkeit im ganzen Reiche sich mit den Zehnten und den ihren Stiftungen ertheilten Vermächtnissen und Geschenken begnügen und alle Reichslehen und Regalien, welche seit Karl dem Großen an Bischöfe, Aebte u. s. w. übertragen wären, dem Könige zurückstellen 1), dagegen ihre Einsetzung dem Papste allein zustehen. — Es ist schwer zu entscheiden, ob dieser Vertrag, der viel mehr dem Könige zugestand, als er zu fordern berechtigt war, aus einer sehr gemäßigten Ansicht des Papstes über die geistliche Würde entsprang 2), oder ob er eine schlecht angelegte Falle war, wodurch er die gesammte Geistlichkeit wider den König aufzureizen hoffte, genug Heinrich war zu klug, den von seinen Gesandten abgeschlossenen Vertrag anders als unter Zustimmung der ganzen Kirche und aller Reichsfürsten

 

1) Codex Udalv. epist. 261, ein Schreiben Heinrich's an die Parmenser: Subjunxit (Paschalis): Fratres ecclesiae decimis et oblationibus suis contenti sint. Rex vero omnia praedia et regalia, quae a Carolo, Ludovico, Ottone et Henrico, aliisque suis Praedecessoribus Ecclesiis collecta sunt, sibi et suis successoribus recipiat et detineat. — Me quoque investituras Ecclesiarum, uti quaerebat, refutare.

2) Zwar verkennen läßt sich nicht, daß auch bei diesen so gemäßigten Bedingungen, unter welchen Paschalis das Recht der Investitur für sich forderte, der letzte Zweck derselben zu erreichen möglich war, und um dessenwillen vielleicht Paschalis die näher liegenden Vortheile fahren ließ. Aber Heinrich V. würde, wenn er erst die großen Reichslehen der Geistlichkeit zurückerhalten, sich eine Macht gegründet haben, die jeden geistlichen Einfluß, auch der drei ersten rheinischen Erzbischöfe, vernichtet hätte.

 

 

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43 Heinrich's Sieg über Paschalis II.

 

anzunehmen 1). Dies erklärte er auch in Gegenwart des Papstes und der zahlreichen Versammlung von Kardinälen, Bischöfen, Fürsten und des römischen Volkes in der Peterskirche, und sah es gern, daß alle Anwesenden heftigen Widerspruch gegen den Papst erhoben. Nun erschien seine Forderung, daß die Bischöfe nach wie vor im Besitze der Regalien bleiben, aber selbige, wie es seit Karl's des Großen Zeiten dreihundert Jahre Kaisers Recht gewesen, aus seiner Hand empfangen sollten, gerecht und gemäßigt. Nur bei ihr beharrte er und gebrauchte seine Ueberlegenheit an Macht nicht zur Vollziehung der vom Papste angebotenen Beeinträchtigung der Geistlichen, sondern zur Demüthigung und moralischen Vernichtung des in seinen eignen Schlingen verstrickten Kirchenhauptes. Die Gefangennehmung des Papstes, die nach alter Weise geforderte Kaiserkrönung, die endlich von Paschalis bewilligte Investitur schienen Heinrich den vollständigsten Sieg über die Kirche zu geben. Dennoch war hier das Kaiserthum ebenso wenig in der Demüthigung des Papstes zu einem wahren Vortheil gelangt, als das Papstthum in dem Moment, wo der weltliche Herrscher demüthig bittend im Büßergewande zu Kanossa erschien. Wie damals nur eine von Gregor geleitete neue Königswahl den römischen Stuhl über alle Throne gestellt haben würde, so wäre jetzt die Unterordnung des erstem durch einen authentischen Akt erwiesen worden, wenn Heinrich den ohne kaiserliche Empfehlung nur von den Kardinälen erhobenen Paschalis entsetzt und unter eigner Leitung mit Zuziehung der Geistlichkeit, die sich selbst von ihrem Haupte losgesagt, einen andern Papst erwählt hätte. Denn in beiden Fällen genügte es nur, wenn zugleich diejenigen in Abhängigkeit gebracht wurden, durch die allein der Machthaber seine Würde erhielt. Und Heinrich V. konnte, das Beispiel Otto's des Großen und Heinrich's III. erneuend, leichter und in unmittelbarer Machtausübung einen neuen Papst auf den römischen Stuhl,

 

1) Chron. Ursp. ad 1111: Eo pacto, quatenus haec transmutatio firma et autentica ratione, consilio quoque vel concordia totius ecclesiae ac regni principum assensu stabiliretur. Heinrich selbst sagt schon von seinen Gesandten in dem angeführten Schreiben an die Parmenser: Nostris tunc idem firmantibus, si haec, uti promissum est, complesset, quod tamen nullo modo fieri posse sciebant. Unter den Gesandten war auch der Kanzler Adalbert, dem damals bereits das Erzbisthum Mainz zugesagt war. Konnte er die Ausführung solches Vertrages wünschen? Er wars wol, der auch den weltlichen Fürsten zeigte, wie viel sie verlören, wenn sie auf die Afterlehne der Geistlichkeit verzichten, oder dieselben vom Kaiser erbitten müßten.

 

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44 Erster Abschnitt.

 

als Gregor VII. einen König auf den deutschen Thron erheben, wozu noch keinem Papste eine Mitwirkung eingeräumt worden war. Täuschte Gregor sich in der Schwäche des gedemüthigten Heinrich's IV., so verkannte Heinrich V., daß er in einem schwachen Papst, der allen seinen Forderungen nachgegeben, noch keineswegs die Kirche sich unterworfen habe.

 

Kaum hatte er Italien verlassen, als diese Kirche, vertreten durch mehrere Kardinäle und Bischöfe der strengern Partei, Das wieder zu gewinnen suchte, was der Papst aufgeopfert hatte. Zunächst mußte ihr Unwille sich gegen den Letztern kehren. Bitten und Drohungen ergingen an ihn von allen Seiten wegen des mit dem Kaiser eingegangenen Vertrags; seine mildern Grundsätze nannte man Ketzerei, sein Verzichtleisten auf die Investitur galt für Verrath an der Kirche; daß er Heinrich, den Unterdrücker der Geistlichkeit, den Räuber der Kirchengüter, den arglistigen Heuchler und despotischen Tyrannen zum Kaiser gekrönt, hieß ein Vergehen, das nur durch den Bannstrahl wider den entlarvten Verräther gesühnt werden könne. Paschalis, der Nichts von Gregor's Selbstständigkeit und durchgreifender Herrscherkraft befaß, vermochte ebenso wenig die Würde eines Kirchenhauptes gegen die untergebenen Glieder als die geistliche Hoheit der weltlichen gegenüber zu behaupten. Wie viel er von letzterer aufgegeben, fühlte er wohl; um die erstere nicht ganz einzubüßen, oder gar eine Entsetzung von Seiten der Kirche zu erdulden, erklärte er den Vertrag mit dem Kaiser für erzwungen, und forderte von diesem aufs neue das Recht der Investitur. Natürlich wies Heinrich solche Forderung zurück. Da nun erhoben sich laut die Verfechter der kirchlichen Freiheit und hierarchischen Grundsätze, zum Kampfe wider Jeden bereit, der ihrem Streben, welches Gregor vorgezeichnet, Schranken setzen wollte. Die ganze abendländische Kirche suchten sie gegen den Kaiser und anfangs auch gegen den Papst in Bewegung zu setzen. Bald zeigte sich, zu welcher tausendköpfigen Hydra die Hierarchie schon herangewachsen war, der ein Kopf wie durch Zaubermacht Leben und Seele eingehaucht hatte. Nun war es nicht mehr der römische Bischof allein, der die weltliche Herrschaft bedrohte, es war die Geistlichkeit insgesammt, die das Gebäude der geistlichen Weltherrschaft aufzurichten und zu erweitern sich unermüdlich beeiferte. Nicht wider Rom, nicht wider den Papst mußte der weltliche Arm zuerst sich waffnen, um das Ungeheuer in seinem Fortschritt zu hemmen, sondern den verderblichen Samen, der in seiner Nähe wucherte, im eignen Reiche Wurzel schlug, ausreuten. Doch in allzu beschränkter Politik den Punkt, von welchem

 

 

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45 Sein Streben, die Geistlichkeit u. die Fürsten zu beugen.

 

die gefährliche Idee ausgegangen, im Auge behaltend, erkannten oft Heinrich V. und nachmals die Hohenstaufen nicht, daß unter ihren Füßen der Boden wanke, auf dem sie dahinschritten, um den fernen Gegner zu bekämpfen. Zwar Heinrich schien, als er, vom Römerzuge zurückgekehrt, den schnell errungenen Vortheil von seiner Waffengewalt noch schneller entschwinden sah, um Rom und die italische Geistlichkeit trotz all ihrer Intriguen und offenen Angriffe eine Zeit lang sich wenig zu kümmern und allein gegen die priesterlichen Anmaßungen in Deutschland sein Augenmerk und seine ganze Strenge zu richten; allein da er auch der weltlichen Fürsten nicht schonte und dadurch sie zu einer Verbindung ihres Interesses mit dem der geistlichen zwang, verlor er die nöthige Uebermacht, und um die mathildischen Güter in Italien dem päpstlichen Stuhle zu entreißen, wandte sich sein Schwert gegen diesen, ehe er die um sich greifende Kirchengewalt in Deutschland gebrochen. Seine Habgier und Herrschsucht verhinderten ihn, die errungene Macht zum wahren Vortheil anzuwenden; im Streben, Alles an sich zu reißen, verlor er auch den schon erkämpften Gewinn, und anstatt mit den weltlichen Fürsten vereint die Kirche in Schranken, die er bestimmen konnte, zurückzuweisen, brachte er es dahin, daß beide Gewalten wider ihn sich verbanden, und ihn zuletzt nöthigten, ihren die königliche Macht beschränkenden Einfluß und ihre politische Bedeutsamkeit, die bis dahin nur ungesetzlich und misbräuchlich gegen schwache Herrscher sich geltend gemacht hatten, als gesetzlich und verfassungsmäßig anzuerkennen. Wider Bischöfe, Fürsten und die sich zu größerer Selbstständigkeit emporringenden Städte aufzutreten und gleichzeitig den Papst zu bekämpfen, war ein Unterfangen, dem auch die bewundernswürdige Kraft der hohenstaufischen Kaiser sich nicht gewachsen fühlte. Ihre Politik suchte wenigstens ein Gegengewicht aus den sie behindernden Gewalten selbst hervorzurufen; sie begünstigten die Fürsten auf Kosten der Städte, wie sie den Kampf gegen Rom vornehmlich durch Geistliche führten, die im Felde wie im Rath gleich erfahren sich zeigten. Viele Bewunderer hat diese Politik gefunden, Unbefangenen muß sie aber unzureichend und unnatürlich erscheinen, und aller Glanz, der die Thaten der beiden Friedriche umstrahlt, kann die nachtheiligen Folgen jenes Verfahrens nicht verkennen lassen. Es setzte zu viel Selbstverleugnung voraus, wenn Fürsten und Geistliche ihre Kräfte gegen die Städte und gegen den Papst aufbieten sollten, um den etwanigen Vortheil allein dem Kaiser zu überlassen. Den bekämpften Mächten war aber Nichts abzugewinnen, und der Kaiser mußte, um die zu seinem Beistande thätig gewesenen gebührend

 

 

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46 Erster Abschnitt.

 

zu lohnen, dies auf eigne Kosten thun. So wuchs nur der Besitz und das Ansehn der weltlichen und geistlichen Großen des Reichs, während dessen Oberhaupt außer dem Glanz zahlreich besuchter Hoftage, wo eitle Versprechungen und Zusagen jener von ihm nur durch Opfer erlangt wurden, außer dem Erbgut und den ihm anheimgefallenen Allodien, wovon jedoch wiederum für Dienste der Fürsten und Prälaten Vieles veräußert werden mußte, außer dem Namen, Mehrer des Reichs oder andern blos in Urkunden vorgesetzten aber bedeutungslosen Titeln Nichts besaß, was seine Macht der Karl's des Großen, Otto's des Großen und Heinrich's III. gleich stellte. Während die Städte sich gar Nichts abgewinnen ließen und die Fürsten sich überzeugten, daß der Kampf gegen dieselben erfolglos sei, zeigten die Päpste in Verträgen mit dem Kaiser sich nur bereit, dessen geistlichen Helfern Würden und Pfründen zu lassen oder neu zu verleihen , dem weltlichen Oberhaupte aber Nichts als Aufhebung des Bannes, den Friedenskuß, oder höchstens die vorher versagte Kaiserkrönung zuzugestehen. War in ihren Folgen die Politik der Hohenstaufen nichts weniger als vortheilhaft, so ist sie in ihrem Wesen sogar unnatürlich zu nennen. Um dem Reiche Festigkeit zu geben, war ein Anschluß an den Bürgerstand damals wie zu allen Zeiten den Herrschern allein ersprießlich; sollte aber einmal durch Waffengewalt Rom gedemüthigt werden, so waren unter den Reichsfürsten die für weltliche Hoheit sich opfernden Streiter zu suchen, nicht Geistliche an die Spitze der Kriegsheere zu stellen, was nur die weltlichen Fürsten mit Mistrauen oder mit Gleichgültigkeit für die Sache des Kaisers erfüllte und die Römerzüge als nutzlos, ja dem Reiche nachtheilig, ihnen erscheinen ließ. Warum wars überhaupt aber erforderlich, mit dem Schwerte einen Gegner zu bekämpfen, der nicht in Rom, wo er so oft der Spielball wankelmüthiger Bürger und Großen, so oft der Gegenstand schimpflicher Mishandlungen wurde, sondern im Geiste der auf der ganzen Erde verbreiteten Kirche seine wahre Macht besaß, die, so lange als jener hierarchische Geist nicht im eignen Reiche erstickt wurde, unbezwinglich blieb und, in der Ferne mit Gewalt bedroht, selbst drohender in der Heimat sich erhob? Seltsam und unbegreiflich müßte dieser Wahn des Mittelalters erscheinen, wenn letzteres nicht in seinem ganzen Umfange ein solches stetes Aufbieten mächtig ringender Kräfte nach einem fern gesuchten Ziele, dessen wahrer Höhenpunkt in der Nähe lag, darstellte.

 

Vermeinte die weltliche Macht ihren Sieg durch Bekämpfung des kirchlichen Oberhauptes zu erringen, so erkannte die Geistlichkeit

 

 

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47 Sein Streben, die Geistlichkeit u. die Fürsten zu beugen.

 

aller christlichen Länder, daß ihre hierarchische Größe durch Unterordnung unter den Willen eines Einzigen allein Festigkeit erhalte. Verstand dieser Eine gleich Gregor VII. seine Stellung der Geistlichkeit und den weltlichen Machthabern gegenüber zu nützen, so verbreitete um seine Person sich allerdings ein Nimbus, der in der Ferne ihn als leuchtenden Mittelpunkt der Welt erscheinen ließ. Paschalis hätte durch seine schwache Kraft dies niemals erreicht, aber die Kirche erkannte, wie nothwendig ein Vereinigungspunkt für ihr gemeinsames Streben sei, und ließ als Träger ihrer eignen Macht nun aus Ueberzeugung den römischen Bischof fortbestehen, wider den noch unter Gregor eine heftige und zahlreiche Opposition sich erhoben hatte. Als daher die Synode zu Vienne, von den strengen Eiferern unter dem Vorsitze des Erzbischofs Guido von Vienne, des päpstlichen Legaten, gehalten, in ihren Endbeschlüssen (16. September 1112) nicht nur den Vertrag des Papstes mit Heinrich für ungültig, die Investitur durch Laienhand für ketzerisch erklärte und den Kaiser wegen seiner Gewaltthätigkeiten gegen Paschalis und die Kirche in den Bann that, sondern auch den Papst, im Falle er die Bestätigung jenen Beschlüssen versage, mit Absetzung bedrohte, traten gemäßigtere Bischöfe, namentlich der ebenso rechtschaffene als gelehrte Ivo von Chartres als Vermittler auf, vertheidigten Paschalis und tadelten das Verfahren der Eiferer. „Es sei ebenso unschicklich als unklug (ließen sie sich vernehmen), Schwächen des Papstes aufzudecken, dem als Stellvertreter Christi in allen Fällen Gehorsam gezeigt werden müsse, und dem keine Gerichtsbarkeit der Welt das Urtheil sprechen dürfe.“ Diese Ansicht, deren hierarchische Zweckdienlichkeit bald allen Kirchenparteien einleuchtete 1), erhielt nicht nur den schwachen Paschalis auf dem päpstlichen Stuhle, sondern gab auch diesem Stuhle erst für die Folgezeit die unerschütterliche Festigkeit, den unauslöschbaren Glanz, wie schwach auch

 

1) S. Stenzel I, S. 649-51. Daß die Gemäßigten hier die Klügsten waren, um die Hierarchie zu befestigen, verschaffte ihnen den Sieg über die Eiferer. In dem letzten Ziele verstanden sich alle Kirchenparteien, nur in Art der Ausführung blieben wenige so besonnen, wie Gregor VII., und erkannten, daß Festigkeit mit Vorsicht gepaart, der Kirche die Oberhand verleihe. Vermittler zwischen Kirche und weltlicher Macht, wenigstens durchgreifende, erblicken wir nirgends. Die Nothwendigkeit solcher Einigung konnte nur von den Häuptern selbst erkannt werden; doch die Kaiser verblendete meist Herrschsucht und Stolz, die Päpste blieben trotz aller scheinbaren Unterwürfigkeit der gesammten Geistlichkeit doch nur ein Organ dieser, und nur Der war ihr wahres Haupt, der in seinen Anforderungen weiter dachte als sie.

 

 

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48 Erster Abschnitt.

 

mitunter Der, welcher ihn inne hatte, an Körper oder an Geist sein mochte, welchen Mißhandlungen auch seine Person in dem unruhigen, wankelmüthigen Rom Preis gegeben war. Nicht die Person, sondern die Würde des Papstes sollte zur mächtigsten auf Erden erhoben werden. Die auf solche Weise wieder vereinten Kräfte der Hierarchie wurden danach mit der größten Erbitterung wider Den gekehrt, der die Kirche durch Trug und Gewalt um die errungenen Vortheile gebracht hatte. Wenn die weltlichen Fürsten gleich den geistlichen ihre Kräfte vereinten, um der wachsenden Hierarchie entgegen zu treten, so konnte der Ausgang des Kampfes keinen Augenblick zweifelhaft sein, ja, wagten auch die andern Könige Europas keinen Widerstand in Rücksicht auf Investitur der Bischöfe durch die Hand des Papstes, der Kaiser an der Spitze seiner Reichsmacht war sich genug, um Papst und Kirche in die frühern Schranken zurückzuweisen und jeden Versuch, in Rom oder Deutschland sie zu überschreiten, unkräftig zu machen.

 

Wie wenig die Kirche den Kaiser offen angreifen und ihrer Erbitterung Raum geben durfte, erkennt man daraus, daß die Beschlüsse der Vienner Synode unausgeführt blieben und kein Geistlicher es wagte, sie auf irgend welche Weise zu verbreiten und zu veröffentlichen. Daß Heinrich seinerseits gleichfalls dieselben unbeachtet ließ, entsprang ebenso sehr aus einer nöthig erachteten Schonung gegen die Geistlichkeit überhaupt, als besonders gegen den Papst, mit dem er in Rom zu gewaltsam verfahren, von dem er wußte, daß derselbe keinen Antheil an den Beschlüssen der Kirchenreform habe, ja vielmehr ihnen widerspreche, und dessen Freundschaft und guten Willen er so lange als möglich zu Erreichung anderer Zwecke sich erhalten wollte. Ihn beschäftigte schon der Plan seiner Machtvergrößerung in Deutschland, wozu er sich des kirchlichen Beistandes jetzt ebenso zu versichern bestrebt war, als er vorher zur Demüthigung des Papstes die weltlichen Fürsten gewonnen hatte.

 

Bald nach seiner Rückkehr aus Italien ließ Heinrich V. die noch immer unbestattete Leiche seines Vaters, nachdem dessen Absolution von Paschalis bewilligt worden, aufs Feierlichste zu Speier beisetzen, und, um das Andenken an seine eignen Vergehen gegen den Verstorbenen auszulöschen, wandte er den Städten, die seinem Vorgänger in allen Widerwärtigkeiten des Lebens die größte Anhänglichkeit bewiesen, eine ganz besondere Gnade zu, ja erklärte den Bürgern von Worms bei der Bestätigung ihrer alten Freiheiten und Privilegien, daß er sie wegen der beständigen Treue und aufopfernden Liebe, welche sie seinem Vater bewahrt hätten, für die würdigsten

 

 

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49 Die deutschen Städte.

 

ihres Standes erachte und das Vertrauen hege, daß sie ein gleiches Verhalten gegen ihn zeigen und dadurch den übrigen Städten ein Beispiel löblicher Nachahmung geben würden 1). - So suchte Heinrich die Städte an sich zu fesseln, in der Voraussetzung, daß sie ihm, wie seinem Vater, Beistand gegen die geistlichen und weltlichen Fürsten, die in Deutschland allzu mächtig geworden, gewähren und sich dann noch dem Kaiser gehorsam zeigen würden, wenn er auch ihre ausgedehnten, oft unrechtmäßig erworbenen Besitzungen zu beschränken trachte. - Werfen wir darum zum Schluß dieses Abschnittes noch einen Blick auf die deutschen Städte.

 

Durch Aufrechterhaltung des alten Gemeindewesens, das in dem engbeschlossenen Raume innerhalb fester Ringmauern sich noch kräftiger entwickeln konnte, erhielt sich der Stand der Freien in den Städten selbstständiger, als es selbst die Grafen, die früher angesehensten Männer in der Gauverfassung, den sich mehr und mehr erhebenden Herzogen gegenüber vermochten. Auch wo die Bürger nicht dem Pfalzgerichte des Königs, sondern der Herrschaft eines Bischofs, später der Herzoge oder sonstiger Landesherren unterworfen waren, konnten die freien Leute niemals, wie es so häufig außerhalb der Städte geschehen war, ganz zu Hörigen herabgedrückt werden, indem sich aus ihnen der Stadtrath, eigentlich nur eine Behörde, welcher die polizeiliche Aufsicht über Gewicht, Maß, Einkauf, Verkauf und die Verwaltung des Gemeindeguts im Umkreis des Stadtgebiets übertragen war, allmälig zu einer höchsten Stadtbehörde erhob, die durch Sammlung aller gegebenen Bestimmungen, Rechtssprüche und Ordnungen, die das Bedürfniß hervorgerufen, und die zum Theil von dem Herrn des Orts, zum Theil von der ganzen Gemeinde mit jenes Zustimmung erlassen worden, den Grund zu den nachmaligen Stadtrechten legte, für deren dauernde Gültigkeit, zeitgemäße Abänderung und namentlich größere Ausdehnung Sorge trug. Als bereits im 11. Jahrhundert durch Handel und Gewerbfleiß

 

1) S. Ludwig Manuscr. tom. II, p. 180. Auch Speier erhielt wegen seiner standhaften Treue einige Vorrechte und Freiheiten von Abgaben. S. Trithemii Chron. Hirsaug., p. 351. Nach Chron. Praesulum Spirens. Civitatis, Eccard corp, hist. II, p. 2265 geschah es zum Nachtheil des Bischofs von Speier: Henricus V. cives Spirenses eximeret a quibusdam legibus et exactionibus, quibus erant adstricti Episcopo Spirensi pro tempore existenti. Quae quidem exemptiones in perpetuam rei memoriam literis aureis cum interpositione Imperatoriae imaginis in frontem templi exaratae sunt anno incarnationis MCXI.

I. 4

 

 

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50 Erster Abschnitt.

 

der Wohlstand und somit die Bedeutsamkeit der Kaufleute und Handwerker, die Hörige waren, zunahm, mußte ihre niedrige Stellung von selbst aufhören und ihnen Antheil an der Gemeindeverfassung, sowie Erhebung zu den höchsten Stadtämtern eingeräumt werden, sodaß nach und nach die Bevorrechtigung der Geburt in den Städten ihre Geltung verlor. War dies schon dem Adel, der seine Standesbevorzugung überall aufrechtzuerhalten suchte, nachtheilig, so mußte der Reichthum der Bürger, die Befestigung der Städte, die Uebung in den Waffen, wie sie die Vertheidigung der Mauern und die Sicherheit auf den Handelsstraßen nöthig machten, zugleich Neid und Furcht erregen. Streit und Fehde konnten nicht ausbleiben; weil aber die kleinern Grafen und Herren der Uebermacht der Städte nicht mehr gewachsen waren, sahen sie sich in die Nothwendigkeit versetzt, entweder mächtigern Fürsten für deren Beistand mehr noch als schon geschehen, sich in Abhängigkeit zu geben, oder ihren Adelstolz beugend, den Schutz der Bürger um der eigenen Sicherheit willen nachzusuchen und das Bürgerrecht zu erwerben. Besonders geschah dies Letztere häufig, seit Konrad II. und Heinrich III. dem Adel und den kleinern Fürsten Erblichkeit ihrer Lehen zugesichert hatten, wodurch ihr Vasallenverhältniß zu höherstehenden Lehnsherren mehr gelöst und ihre Sorge dahin gerichtet wurde, sich auf dauernde Zeiten einen zweckmäßigen Schirm und die Verpflichtung zu nöthigem Beistande zu verschaffen. Eine benachbarte Stadt, die mit Ringmauern, einer kampfgeübten Bürgerschaft und Reichthümern aller Art versehen war, gewährte Beides am Besten. Ihrerseits konnten dann auch die Städte auf die Kriegserfahrenheit, Tapferkeit und auf die Burgen des Adels und seiner Dienstmannen zählen; sie gestatteten durch Ertheilung des Bürgerrechts ihm Antheil an dem Stadtregiment, und wählten einen mächtigen Grafen auch wol zum Advokaten, zum Schirmherrn der Stadt, ohne daß jedoch deren eigentlicher Herr, sei's Kaiser, Bischof oder Landesherr, dadurch in seinen Rechten gekränkt wurde.

 

Mehr diese innern Verhältnisse, als besondere urkundliche Begünstigungen hatten das Ansehen der Städte unter den beiden ersten fränkischen Kaisern, die überdies durch Aufrechterhaltung des Landfriedens, durch Strenge gegen Uebermacht und Willkür tatsächlich die größte Bürgschaft ihrer Gunst den städtischen Gemeinden gegeben, zu solcher Höhe gebracht, daß bei allen unter den beiden letzten Kaisern jenes Hauses ausbrechenden innern Kämpfen der widereinander ringenden Gewalten, des Königs, der Kirche, der Fürsten, von dem Beitritt der Städte auf die eine oder die andere Seite viel abhing, und daß

 

 

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51 Die deutschen Städte.

 

sie selbst zum klaren Bewußtsein gelangten, wie sie ihr Verhältniß zu den drei Ständen festzustellen hatten. Da bei ihnen die Idee der Freiheit nicht aus dem Glauben eines durch Geburt berechtigten Vorzugs, der die größte Unabhängigkeit des einen Standes auf Unterdrückung der andern, auf Trotz wider das Reichsoberhaupt gründete, sondern aus der im praktischen Leben gewonnenen Ueberzeugung hervorgegangen war, daß kein Stand, um sein eigenes und des Staates Wohl zu fördern, von irgend welcher Gewalt gedrückt und belastet werden dürfe, Gehorsam aber und rechtlich geforderten Beistand dem Herrscher vorzuenthalten, das Verderben des Reiches herbeiführe, so blieb ihnen bei aller für sich erlangten Macht und bei der Bedeutsamkeit ihres Einflusses auf die öffentlichen Angelegenheiten das Streben fern, Berechtigungen, die bisher den Fürsten ausschließlich zugestanden, oder welche die Kirche nach traditionellen Satzungen geltend gemacht, beiden Ständen vorzuenthalten oder sich selbst anzueignen, oder gar über das Reichsoberhaupt sich eine Entscheidung anzumaßen. Dieses Ehren und Anerkennen fremder Vorrechte, sobald nur die ihnen nöthige Unabhängigkeit und die ihnen einmal ertheilten Privilegien nicht angetastet wurden, hat den deutschen Bürgerstand von gewaltsamen Eingriffen in die Staats- und Kirchen-Angelegenheiten zurückgehalten, sie meist nur defensiv gegen irgend welche sie bedrohende Gewalt verfahren lassen, dadurch sie aber auch behindert, trotz der Ueberlegenheit an physischen und intellektuellen Kräften, einmüthig und nachdrücklich den egoistischen Bestrebungen, die bald der Adel, bald die Kirche, bald der König mit Glück verfolgten und zum Nachtheil der Gesammt-Stände Deutschlands durchsetzten, Einhalt zu thun. Bei so gemäßigter Gesinnung wurde dieser Stand in Deutschland nie von einem excentrischen Freiheitsdrange, wie etwa der lombardische Städtebund, begeistert; dagegen hat er zu allen Zeiten bewiesen, daß alle zum Bessern, zum Fortschritt der bürgerlichen Verfassung leitenden Ideen in seinem Schoße gediehen oder aus seiner Mitte erwuchsen. Selten einig und nie entschlossen genug, verderblichen Reaktionen zu begegnen, war er doch stets bereit, beim Einlenken zum längst als gut erkannten und geprüften Vorhaben die eigene Kraft einzusetzen, und wo die Willkür und GesetzwidrigKit gegen Ordnung und altes Herkommen sich erhoben, Partei für die gerechtere Sache zu nehmen. Dieses Gefühl für Rechtlichkeit war es, was die Städte bewog, in dem Kampfe zwischen Heinrich IV. und den Fürsten entschieden für erstern zu handeln, und wenn auch nur vorzugsweise die rheinischen mit bewaffneter Macht den von den Reichsfürsten Verlassenen, von

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52 Erster Abschnitt.

 

der Kirche Gebannten unterstützten, so dürfen wir von ihnen, da sie die angesehensten und ein Vorbild der übrigen in Verfassung wie in Gesinnung waren, auf die gleichen politischen Grundsätze der andern schließen, zugleich aber auch an ihnen den angegebenen Charakter deutscher Bürgerschaften nicht verkennen. Denn nur um das Königthum wider den Trotz der Fürsten, wider die Anmaßung der Kirche zu schützen und aufrecht zu erhalten, hatten sie und mit ihnen das durch das Gemeindewesen in den Grundsätzen verwandte Landvolk 1) für Heinrich IV. mit aller Kraftanstrengung einen Bürgerkrieg, der ihren Handelsinteressen höchst nachtheilig sein mußte, in Deutschland 30 Jahre fortgesetzt. Keineswegs aber waren sie bereit, der Willkür und Herrschsucht Heinrich's V. ihren Arm zu leihen. Schon 1106 hatte ihm Köln, als er durch den Beitritt der Kirche und der Fürsten

 

1) Wie sehr das gemeine Volk, die Bauern, auf Seiten des Kaisers waren, beweisen ihre Zusammenrottirungen wider dessen Gegner, die Fürsten und die Bischöfe. Das Landvolk Thüringens, angeblich Slaven, die in jenen Gegenden die Hauptmasse ausmachten, fielen nach der Schlacht bei Melrichstädt über die flüchtigen Schaaren der Sachsen, erschlugen den Erzbischof von Magdeburg, plünderten die Bischöfe von Merseburg und Paderborn, und lieferten den von Worms dem Kaiser aus. Hist. belli Saxon. edit. Struve, p. 214, Ann. Saxo und Berth. Constant. ad 1078. Häufig waffneten sich die Bauern auch wider die weltlichen Fürsten. S. Berth. Const. ad 1078, wo auch die Grausamkeit, mit der sie gestraft wurden, berichtet wird: pene XII millia conjurati populi transitum Neccari fluvii illis (den Anhängern König Rudolf's) prohibentia partim occiderunt, plurimos autem misericordius castigando eunuchiazaverunt. Es sind die Zeiten der steigenden Macht der Herzoge, wo das Volk, welches bisher an den öffentlichen Angelegenheiten großen Antheil gehabt, ohne dessen Zustimmung die Wahl und Anerkennung ihrer Fürsten ungültig war und noch bei Nationalkriegen, wie der sächsisch-thüringische, von den Edlen des Landes zusammenberufen und befragt werden mußte, in größere Unbedeutendheit, Knechtschaft und politische Unthätigkeit versetzt wurde und bis zu den Zeiten der Reformation wenig Lebensspuren in der Geschichte Deutschlands zeigte. Nicht ganz mit Unrecht trifft die Städte, die doch vornehmlich zum Schutz des Landvolks in allen Drangsalen dienen sollten, der Vorwurf, daß sie die Freiheiten und Rechte desselben zu wenig vertraten und nur ihre eigene Unabhängigkeit zu bewahren, sich angelegen sein ließen. Das Anschließen an den benachbarten Adel, das allzu eifrige Trachten nach Erwerb von Reichthümern, der überhandnehmende Luxus, auch wol einseitige Bildung, die nur die Intelligenz der Einzelnen, der Wohlhabenden, nicht der Gesammt-Bevölkerung förderte, lockerte und trennte das Gemeindewesen der Bürger von dem der Bauern mehr und mehr. Erst als der Adel bei Hofe sich alleingeltend zu machen wußte, erkannte der Bürgerstand, wie sehr er zum eigenen Nachtheil vom Volke sich getrennt, und es der Willkür der Fürsten und des Adels preisgegeben.

 

 

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53 Die deutschen Städte.

 

übermächtig und nach seines Vaters Tode von keinem Gegner gedrängt den Rheinstrom hinabzog, die Thore geschlossen und allein ihm Widerstand entgegenzusetzen gewagt. Wie heftig auch der König gegen die Widerspenstigen entbrannte, er mußte seinen Stolz zum ersten Male gegen Bürger herabstimmen, und mit einer mäßigen Summe, welche die Stadt entrichtete, zufrieden sein, da sein Heer meist aus Aufgeboten anderer rheinischen Städte bestand 1). Der Widerstand der Kölner, die Lauheit der übrigen Städte hatten Heinrich überzeugen können, wie wenig er von ihrer Seite auf kräftigen Beistand bei seinen herrschsüchtigen Planen zu rechnen habe. Allein er bedurfte eines Anhaltes, um die Macht der Fürsten zu brechen, und hoffte durch Gunstbezeugungen, Lobsprüche und Ertheilung von Privilegien die Städte an sich zu fesseln. Wie wenig ihm dies gelungen, wie weit entfernt jene waren, ihm den Haltpunkt in Deutschland zu geben, den einst sein Vater bei ihnen gefunden, zeigen Heinrich's spätere Regierungsjahre. Weder vermochte die Ehrfurcht, welche er seit der Rückkehr aus Italien in den Städten dem Andenken des von ihnen gefeierten Kaisers bewies, allgemeinen Beifall, Vertrauen und Hingebung zu erwecken, noch bewogen die demüthigenden Forderungen, welche später die hohe Geistlichkeit und die Reichsfürsten an Heinrich machten, die Städte zu einem nachdrücklichen Beistand, zu einer allgemeinen Bewaffnung zu seinen Gunsten. Köln zeigte ihm stets seine Abneigung, Mainz und Worms, die sich

 

1) Dies erhellt auch aus den undeutlichen Berichten der Chronisten. Man betrachte nur die Angaben Ann. Saxo's, der hier, wie fast überall, fremde Angaben entlehnt und zusammenschmeißt. Nachdem er berichtet, wie alle Anhänger Heinrich's IV. bis auf Heinrich von Limburg sich zu Aachen dem jungen Könige unterworfen hätten, fährt er fort: his expletis Rex cum magna ira reversus est Coloniam, praecepitque per omnes civitates Rheno adjacentes congregare exercitum, ut sibi in adjutorium navigio venirent, ut se vindicaret in eis. Colonienses hoc audientes (was sie vielleicht von den Städten, die dem verstorbenen Kaiser so treu angehangen, nicht erwartet. Neid gegen das allzu mächtige, darum oft übermüthige Köln mochte dazu mitwirken.) nimis obstupefacti et perterriti undique ab inimicis vallati et in nullo spem habentes promiserunt se Regi daturos sex millia talentorum argenti. Rex vero dolens, quod in obsidione multi cecidissent, diu denegavit, tandem deo inspirante concessit, sicque exercitus dilabitur, et unusquisque cum gaudio ad propria revertitur. Offenbar wollte Heinrich härter verfahren, fand aber bei seinem Heere, das aus Städtekontingenten bestand, Widerstand und mußte mit Dem, was Köln freiwillig angeboten, sich begnügen. Er so wenig als die Kölner waren im Herzen versöhnt, und Beide fanden später Gelegenheit, es zu zeigen.

 

 

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54 Zweiter Abschnitt.

 

besonderer Auszeichnungen erfreuten, erhoben rebellisch die Waffen gegen ihn. Er, der Alle getäuscht und mit Gewalt zu unterdrücken gesucht, der nur herablassend, gnädig, huldreich erschien, um erst Andre, dann die Begünstigten selbst zu berauben, flößte Keinem Ergebenheit, er, dem beim Antritt seiner Regierung sich Alle voll Vertrauen zugewendet, vermochte am Ende seiner Tage, bei geringerer Macht, nach vielfach erfahrenen Demütigungen, keine Zuneigung, keine offene Hingebung, keine Theilnahme für seine Sache und seine Person hervorzurufen, sondern mit Furcht und Mistrauen bewachten Fürsten, Geistlichkeit und Städte noch des Gedemüthigten Schritte, und in der ganzen Nation war sein Andenken nach dem Tode kein gesegnetes. Für die Städte aber erwuchs auch nicht einmal aus der Umgestaltung der Verfassung, die Heinrich's Verfahren gegen Kirche und Fürsten veranlaßte, ein andrer Vortheil, als der, den jedes Aufheben einer unbeschränkten Staatsgewalt den selbstständig Vorwärtsringenden bringt.

 

 

Zweiter Abschnitt.

 

Verhältnisse in Sachsen. Slavenkrieg. Stadische Händel. Lothar wider Heinrich V. Beilegung des drohenden Bürgerkrieges.

 

Wie bereitwillig auch Heinrich V. von den Fürsten als König anerkannt worden war, die ganz unerwartete Energie und Thätigkeit, welche er bei Wiederherstellung der Ordnung im Reiche zeigte, die Maßregeln, die er zu Erhöhung seines Ansehens anwandte, die Strenge, womit er Landfriedenstörer und Räuber 1) bestrafte, konnten Denen nicht angenehm sein, die bei der frühern Verwirrung in Deutschland, bei dem geschwächten Ansehen des Reichsoberhauptes ihre Macht vergrößert, keine Abhängigkeit von einem Mächtigern gekannt, und ihre Willkür gegen Schwächere ungestraft ausgeübt

 

1) Ann. Saxo ad 1107, p. 619: Per Thuringiam ad Saxoniam vadit, Radelburch et Bemelburch praesidia munitissima in Thuringia propter latrocinia, quae inde in finitimos exercebantur, cremari praecepit.

 

 

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55 Verhältnisse in Sachsen.

 

hatten. So lange indeß Heinrich das Vertrauen der Bessern, die Zustimmung und Willfährigkeit der Mehrzahl der Fürsten besaß, wagten jene Misvergnügten und Händelsüchtigen sich nicht wider ihn aufzulehnen, und die Ehrgeizigen und Stolzen fühlten sich geschmeichelt, weil Heinrich Nichts ohne ihren Rath einzuholen, ohne ihren Beistand zu erbitten, unternahm. Wie gegen seine Anhänger offen und zutraulich, erschien er gegen Solche, die von seines Vaters Lebzeiten her noch im Widerstand verharrt hatten, bis Uebermacht sie zur Unterwerfung gezwungen, versöhnlich und gnädig. Der Graf Robert von Flandern, der die nordwestlichen Gegenden des Reiches beunruhigt, und, durch keine Mahnungen und Drohungen geschreckt, den König zu einem kostspieligen Feldzuge genöthigt hatte 1), erhielt um Weihnachten 1107 Verzeihung, und blieb im ungeschmälerten Besitz seiner Grafschaft 2). Selbst Heinrich von Limburg, der lange durch Waffengewalt sich in Lothringen wider den neuen Herzog Gottfried zu behaupten wußte 3), endlich ihm weichend die Gnade Heinrich's erbitten mußte, erhielt nicht nur diese, sondern galt bald für den Vertrauten des Königs, wozu Gewandtheit, Verschlagenheit und Tapferkeit ihn geschickt machten. Dieser neue Günstling war es, der Heinrich zu einem Schritt verleitete, der ihm für seine ganze Regierung verderblich werden sollte, weil er seinen wahren Charakter enthüllte, und die Fürsten stutzig und argwöhnisch machte.

 

Auf Heinrich's von Limburg Aussage nämlich wurde der Pfalzgraf Siegfried vom Rhein, ein Sohn Adalbert's, Bruder Otto's von Ballenstädt und Schwestermann Richenza's, der Gemahlin Lothar's, vom Könige angeschuldigt, ihm nach Reich und Leben getrachtet zu haben, und auf dem Reichstage zu Frankfurt (bald nach Weihnachten 1108) dem Bischof von Würzburg zur Haft übergeben 4). Sei's

 

1) Ann. Saxo ad 1107 a. a. O.: In mense Octobri ejusdem anni terram Rotberti ingressus non sine gravi exercitus sui dispendio per unum et amplius mensem vastat, donec per internuntios res ad proximam curiam dilata litem separat.

2) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1108: Rex Henricus Moguntiae natalem Domini celebrans praescriptum Rupertum in gratiam recepit. Vergl. über den flandrischen Krieg Mascov, Commentar. p. 145 und Anm. 2 daselbst.

3) S. Chron. Sigeb. Gembl. ad 1106. Heinrich's Begnadigung erhellt aus der folgenden Anmerkung.

4) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1109. Franconevord conventu Procerum habito Sigefridum Palatinum Comitem apud Wirceburgensem Episcopum custodiae deputavit eo quod prodente Heinrico prius Duce Lotharingiae jam in gratiam Regis recepto in necem et regnum ejus insurgere consiliatus sit.

 

 

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56 Zweiter Abschnitt.

 

nun, daß der ränkevolle Ankläger durch Absetzung Siegfried's seine eigene Erhebung zum Pfalzgrafen herbeizuführen hoffte 1), oder daß der König sich seiner bediente, um einen der mächtigsten Fürsten und den ersten Hofbeamten, der außer der Rheinpfalz reiche Allodien in Sachsen besaß und die nächste Anwartschaft auf eine bald zu erwartende große Erbschaft in Thüringen hatte, um alle diese Besitzungen zu bringen, und zugleich ein furchterregendes Beispiel Denen zu geben, die, wie dem scharfsichtigen Könige nicht entging, seiner durchgreifenden Herrschaft abgeneigt waren und verrätherische Plane gegen ihn im Schilde führten. Genug, es trat zum ersten Mal der Fall ein, daß nicht wider einen offenen Reichsfeind, sondern einen vom Könige als persönlichen Gegner Angeklagten die Fürsten ihre Gesinnung, ihre Bereitwilligkeit für, oder ihre Abneigung gegen Das, was Heinrich von ihnen forderte, darthun sollten. Daß Siegfried nicht verurtheilt, ja nach dreijähriger Haft freigesprochen wurde, beweist, wie wenig der König auf unbedingte Folgeleistung bei den Großen des Reichs rechnen durfte und wie sehr diese einem willkürlichen Verfahren des Reichsoberhauptes abgeneigt blieben. Heinrich sollte aber auch noch um dieselbe Zeit erfahren, daß er nicht mehr die treue Anhänglichkeit Derer besaß, die ihn vor drei Jahren einstimmig gegen seinen Vater auf den Thron erhoben. In einem Feldzuge gegen die Böhmen und Ungarn, der eine sehr zweideutige Politik 2) und mehr die Bestechlichkeit des Königs als die eines Oberlehnsherrn würdige Rechtlichkeit offenbarte, gaben einige Fürsten Abneigung zu solchem Kriege kund, und nöthigten Heinrich, der ihren offenen Abfall zu befürchten hatte, wenn er weiter vordränge, trotz der glücklichen Fortschritte und überlegenen Heeresmacht, die einen günstigen Ausgang versprachen, unverrichteter Sache zurückzuziehen 3)

 

1) Die Nichterfüllung dieser Hoffnung mochte Beweggrund für Herzog Heinrich werden, später auf die Seite der Gegner des Kaisers zu treten.

2) Zum Kriege gegen Ungarn scheinen Gewaltthätigkeiten Collmann's Anlaß gegeben zu haben, wiewol die Nachrichten der Schriftsteller darüber sehr verschieden lauten. Vergl. Mencken I zu Cosmas von Prag, p. 2093 not. 153. Gegen Böhmen aber verfuhr Heinrich durchaus ungerecht und unredlich. Anfangs begünstigte er Borivoy (der immensa auri et argenti pondera promittit se daturum), dann dessen Gegner Svatopluck (der decies mille marcas argenti verspricht.) S. Cosmas, p. 2091 u. 92. Daß Geld allein des Königs Entscheidung bestimmte, mußte die Fürsten ihm abwendig, sein Verfahren verächtlich machen.

3) S. Dodechin ad 1108: Henricus Rex Pannoniam ingreditur, ubi ob infidelitatem quorundam Principum (worin diese Treulosigkeit sich gezeigt, erfahren wir nicht) nihil memoria dignum ab eo agitur. Ebenso Alb. Stad. ad 1108. Wie über den Anlaß sind auch über den Hergang des Krieges die Nachrichten abweichend. S. Mascov's Citate p. 146. Alle stimmen aber in dem Misglücken des Feldzuges überein, wozu neben andern Ursachen auch Abneigung der Fürsten mitwirken mochte.

 

 

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57 Verhältnisse in Sachsen.

 

Der Vorfall mit Siegfried stand unfehlbar mit der Unzufriedenheit, Abneigung und sogar Untreue der Fürsten in Wechselwirkung 1) und ist als der Anfangspunkt des Kampfes zu betrachten, der bald Deutschland in zwei Parteien, eine kaiserliche und antikaiserliche, zerspaltete, der von Heinrich zur Beschränkung der Fürsten begonnen ward, und welcher damit endete, daß nicht nur diese sich zu größerer Unabhängigkeit erhoben, sondern auch die Kirche, die günstige Gelegenheit benutzend, ihre Ansprüche erweiterte.

 

Da Siegfried mit den angesehensten sächsischen Fürsten in naher Verwandtschaft stand, so mußte seine Gefangennehmung und ungenügend begründete Anschuldigung, die vielleicht nur durch seine frühere Ergebenheit gegen Heinrich IV. 2) oder durch seinen leicht zu leidenschaftlichen Ausbrüchen des Unwillens geneigten Sinn veranlaßt sein mochte, in Sachsen vornehmlich Misfallen und Argwohn gegen den König erregen. In dieser von allen fränkischen Kaisern strenge behandelten Provinz erkannte man zuerst, daß Heinrich V. sich nur durch einen heuchlerischen Charakter von seinen Vorgängern unterscheide, sonst aber an Herrschsucht, an Willkür, an nationaler Antipathie gegen die Sachsen jenen nichts nachgebe, ja durch sein arglistiges Verfahren, das an früher geheuchelter Demuth und Willfährigkeit und nun sichtbarem Stolz und eigenmächtigem Verfahren

 

1) Vielleicht gehörte Siegfried zu den der infidelitas auf dem ungarischen Feldzuge Beschuldigten; oder, was wahrscheinlicher, es war der Abfall der Fürsten eine Folge des Unwillens, den die Anschuldigung gegen Siegfried erregt (erst die Gefangensetzung fällt Ende 1108, die Anklage ist früher zu setzen).

2) Nach 1105 ward Siegfried sammt dem Grafen Wilhelm (wahrscheinlich von Lutisburg, genannt König von Lutisburg) von Heinrich IV. nach Mainz geschickt, um die dortige große Fürstenversammlung zu verhindern. S. Ann. Saxo ad 1105. Von Beiden heißt es freilich: qui mercede conducti adhuc secum remanserant, und nirgends erscheint Siegfried nach des Kaisers Tode als Gegner des neuen Königs. Wenn dieser sich ihm aber nicht freigebig zeigte, wie sein Vater, war das Anlaß genug zum Groll. Die reichen Geldgaben Heinrich's IV. hatten dessen Andenken bei vielen Fürsten unvergeßlich gemacht, sein Sohn war geizig und habsüchtig; solcher Wechsel hat stets Misvergnügte gemacht. Was von Siegfried's heftigem, ungestümem Sinn gesagt ist, wird später seine Nachweisung finden.

 

 

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58 Zweiter Abschnitt.

 

unzweifelhaft sich kundgegeben, zu noch größern Besorgnissen berechtige als seines Vaters Härte und Strenge. Als vollends Heinrich V. durch sein Verfahren gegen die Kirche, durch die Verehrung, die er seines Vaters sterblichen Ueberresten, wie dessen Regierungsmaximen bewies, seine Gesinnung an den Tag legte, konnte da Sachsen, welches ein Bollwerk gewesen war, daß Deutschland nicht von seinem Herrscher in ein Sklavenjoch gebracht wurde, ohne Unruhe zusehen, wie seine ehemaligen Verbündeten, der Papst und die mächtigsten der weltlichen und geistlichen Reichsfürsten, gehorsam dem Willen des Königs sich fügten? Wenn abermals gegen Sachsen dieser wie seine drei Vorfahren despotische Maßregeln ergriff, bot kein energischer Papst wie Gregor die Hand den Bedrängten. Die Herzoge von beiden Lothringen, von Schwaben, Baiern, die Erzbischöfe von Mainz, Köln, Trier waren dem Kaiser durch Verwandtschaft oder schuldige Dankbarkeit für ihre Erhebung verpflichtet, oder dadurch gebunden, daß sie seine Wahl gefördert und ihm Treue geschworen, oder endlich dadurch verblendet, daß ihr Rath und Ermessen auf den Reichstagen mit scheinbarer Hochachtung von Heinrich eingeholt wurde, während er doch immer nur, was ihm gefiel, gut hieß, was er wollte, ausführte. Franken, das Stammland des Kaiserhauses, stand ganz gegen altes Herkommen seit 1047 als weltliches Lehen unter dem Bischofe von Würzburg, der dem Reichsoberhaupte willfahren mußte, wollte er nicht — wozu die Laienfürsten gewiß ihre Zustimmung gegeben hätten — die Landeshoheit an einen Herzog wieder zurückfallen sehen. Die Rheinpfalz, damals schon einem Herzogthume gleich geachtet, war seines Fürsten beraubt und dadurch Sachsen ein Helfer entzogen, auf den es allein außer Landes hätte rechnen dürfen. Zwar konnte Heinrich V. bei einem Kriege gegen Sachsen auf keinen so mächtigen Beistand der Böhmen zahlen, wie einst Heinrich IV., weil ein blutiger Bürgerkrieg dort, wie in Polen und Ungarn, wüthete, und den Nationalhaß wider die nordwestlichen Nachbaren hemmte. Allein die mächtigere Partei daselbst war stets die vom Kaiser anerkannte 1), und versprach dafür Hülfe gegen seine Feinde. Schon jeder Heereszug nach Böhmen drohte Sachsen Gefahr, weil derselbe leicht gegen sie gerichtet werden konnte. — So war die

 

1) Als Sventoplok ermordet worden, war Heinrich V. erst für Otto, den die Böhmen zum Herzoge ausgerufen. S. Cosmas, p. 2099; dann gab er auf Dringen Wiprecht's von Groitsch zur Erhebung Borivoys seine Zustimmung. S. vita Viperti, cap. X, §. 3. Als er im Januar 1113 selbst nach Prag kam, erklärte er sich für Wladislav. S. Cosmas, p. 2103 u. vita Vip. cap. X, §. 4 u. 5.

 

 

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59 Verhältnisse in Sachsen.

 

Provinz allein auf sich und ihre Fürsten gewiesen, wenn Heinrich V. die Absichten seines Vaters, das Reich seinem unbedingten Willen zu unterwerfen, aufnahm, was seit der Rückkehr aus Italien Keinem mehr zweifelhaft sein konnte, doch nicht Allen so verhaßt, wie den Sachsen, erschien.

 

Werfen wir nun auch einen Blick auf die innern Verhältnisse dieser Nation und ihrer vornehmsten Fürsten.

 

Selbstständiger als die andern deutschen Nationalherzogthümer hatte Sachsen, seitdem es ein integrirender Theil des deutschen Reichs geworden, seine alte Volksthümlichkeit in Sprache, Sitten, Einrichtungen und Allem, was sie von den germanischen Stammgenossen je unterschied, behauptet. Karl der Große begnügte sich, die Provinz mit dem Frankenreiche zu verbinden und zum Christenthum überzuführen, ohne ihre Nationalitat anzutasten. Völker des fränkischen und des sächsischen Rechts blieb noch lange nach der Periode, die wir hier beleuchten, eine Scheidung Deutschlands von bürgerlicher wie von politischer Bedeutung. Gehörten zu jenen mehrere einst unabhängige, dann aber von den Merovingern und Karolingern dem Frankenreich einverleibte germanische Stämme, so machte zuerst nur Sachsen eine durch eigene Gesetze bevorzugte Provinz des Reichskörpers aus, der man später noch die Thüringer und Friesen zugesellte. Eine neue Bedeutsamkeit erhielt Sachsen, als Heinrich I., sein Herzog, zum deutschen Könige erhoben wurde, und die Herrscherwürde über 100 Jahre seinem Geschlechte und seiner Nation verblieb. Um so unzufriedener war letztere, als mit Konrad II. ein Haus, das weder durch Herkunft 1), noch durch Nationalität ihr nahe stand, zum Thron gelangte. Nur durch Strenge, oft durch Härte unterdrückten die beiden ersten fränkischen Kaiser den Unwillen der lange bevorzugten und darauf trotzigen, auf alle Vorrechte, Freiheiten, Gesetze

 

1) Daß Konrad vor der schwäbischen Gisela, der Witwe des Herzogs Ernst, Gisela von Werla, die Witwe Bruno's von Braunschweig, zur Gemahlin gehabt, ist von Schaukegl, Spicil. p. 130, nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermuthet worden. Denn wenn in dem Diplome ad 1051 bei Eccard, hist Princip. Sax. p. 279, Heinrich III. den Ludolf von Braunschweig noster frater, und Heinrich IV. denselben Patruus noster, überdies die Annal. Hildesh. ad 1038 Luidolfus Comes privignus Imperatoris und Lamb. ad 1056 Bruno und Ekbert patrueles Henrici IV. nennen, so ist darauf doch mehr Gewicht zu legen als Viele thun, ja auch durch die von Stenzel II, S. 126 angenommene Nachricht aus den Act. acad. Palat. Vol. IV, p. 479 u. 516 lange nicht Alles beseitigt. Daß die Gisela Allemanica nicht an Bruno verheirathet sein konnte, zeigt Schaukegl p. 128 u. 29. Pfister, Geschichte von Schwaben II, p. 70.

 

 

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60 Zweiter Abschnitt.

 

stolzen Sachsen, und vornehmlich um die Macht des billungischen Herzogs Bernhard II. zu beschränken, begünstigten sie geringere Fürsten. In keiner andern Provinz gab es so viele Markgrafen, Grafen und unabhängige Edle als dort. Schon daß diesen allen die Erblichkeit ihrer Würden und Lehen zuerkannt wurde, während die Verleihung der Herzogthümer der König sich vorbehielt, war eine Maßregel, die wol vornehmlich zum Nachtheil der Billungen wirken sollte. Die Besetzung der Bisthümer mit Günstlingen, ergebenen Männern, oder gar den Sachsen feindlich gesinnten Ausländern verstärkte die Partei des fränkischen Hauses. Vollends aber erlangte Heinrich III. großen Einfluß durch die Machtvergrößerung des sächsischen Pfalzgrafen, wozu er den ebenso klugen als treubewährten Dedo von Gosek erhob, der nebst seinem Bruder, dem bekannten Erzbischof Adalbert von Bremen, alle Schritte Herzog Bernhard's bewachte und jeden Versuch einer Empörung oder Losreißung Sachsens vom Reichsverbande verhütete 1). Hätte sich Heinrich IV. begnügt, in dieser zwar strengen aber gesetzlichen Weise eine ihm abgeneigte Nation im Zaume zu halten und jede Bewegung ihm feindlich gesinnter Fürsten zu unterdrücken, anstatt durch Willkür, Ungerechtigkeit, leidenschaftlichen Haß und ausschweifende Lebensweise sie zu erbittern und zum Aeußersten, einem allgemeinen Aufstande, zu bringen, er würde tausend bittere Erfahrungen sich erspart, Deutschland vor einer Trennung, die seitdem den Norden und Süden nie wieder für das gleiche Interesse, für einen Herrscher, für eine Sache ohne Zwang zusammenstehen ließ, bewahrt und der Hierarchie schädliches Emporringen verhütet haben. Denn keineswegs war bei Heinrich's IV. Regierungsantritt für all diese Uebel schon ein Grund in der Nation selbst vorhanden. In Sachsen rief die gemeinsame Gefahr kaum so lange sie dauerte Einheit hervor. Wenn das Reichsoberhaupt die vielen größeren und kleineren Fürsten im Lande nebeneinander frei sich zu bewegen und gegeneinander in dauernder aber nicht feindseliger Spannung zu erhalten gestattete, wie Heinrich III. gethan, so wirkte solche Getheiltheit im Innern heilsam für den Reichskörper und für die Ruhe der Provinz zugleich. Ohne dieses vom Kaiser erhaltene Gleichgewicht der Gewalten drohten nicht nur feindliche Spaltung, gegenseitige Bekämpfung die Einheit des Nationalinteresses aufzuheben, sondern auch jeder außerhalb stehenden

 

1) Ueber das Verfahren der beiden ersten fränkischen Kaiser in Sachsen siehe meine Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen, Abth. I, §. 3, S. 51-61.

 

 

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61 Verhältnisse in Sachsen.

 

Macht wurde es dann möglich, in den Parteienkampf sich zu mischen und für ein der Nation ganz fremdartiges Princip Anhänger zu finden. Hierin ist der Grund zu suchen, daß trotz alles Festhaltens am Altherkömmlichen in Sachsen nicht nur aus fremdem Stamm entsprossene Fürsten, wie die Gegenkönige Rudolf von Schwaben, Hermann von Luxemburg, ihre Hauptstützen fanden, sondern auch der Papst für feine hierarchischen Absichten, die den rein weltlichen Zweeken der sächsischen Fürsten ganz fremd waren, über ein Jahrhundert hindurch dort Verbündete gewann, die mehr als die Kircheneiferer in Italien, oder die ergebenen Anhänger in Frankreich, mehr als alle Verfechter hierarchischer Grundsätze den Kampf zwischen Papstthum und Kaiserthum entschieden haben. Der Druck, die Willkür, die Sorglosigkeit Heinrich's IV. entfremdeten nicht blos diesem die Nation, sondern bereiteten auch letzterer selbst ein fremdartiges Interesse vor, das nur der Politik der Fürsten, nicht dem Charakter der Nation entsprach. Solche Politik, keineswegs ihre Persönlichkeit, machte Männer wie Otto von Nordheim, Magnus, Lothar von Suplingenburg, wie später Heinrich den Löwen und dessen Sohn Otto zu Anhängern und Beförderern der Hierarchie. Dies darf nicht übersehen werden, will man keinen der genannten Fürsten in einem falschen Lichte erblicken 1). Was in dem ersten Kampfe der Sachsen gegen Heinrich IV. sich als vortheilhaft erwiesen, mußte natürlich bei jeder Auflehnung wider den Kaiser sich zu einem festen Grundsatze ausbilden, und eine dauernde Verbindung zwischen zwei vom Kaiser gleich bekämpften Gewalten von rein politischem Interesse sein. Seit die Hierarchie, wie wir gesehen, nicht mehr auf der Persönlichkeit des Papstes, sondern auf dem gleichen Grundsatze der gesammten Geistlichkeit beruhte, forderte jene Politik der sächsischen Fürsten, so oft sie von der Uebermacht, Willkür und Tyrannei des Reichsoberhauptes bedroht wurden, der in Deutschland mächtiger als in jedem Staate dastehenden Geistlichkeit die Hand zu reichen und gegenseitig sich zu unterstützen. Das verkannte Heinrich V., als er durch seinen Sieg über Paschalis, durch sein allgemein anerkanntes kaiserliches Ansehen, durch die Bereitwilligkeit und den Gehorsam der Fürsten sicher gemacht, und mächtiger als sein Vater und Großvater sich dünkend, es unternahm, einer Nation, die noch keinem fremden Herrscher unbedingten Gehorsam gezeigt hatte, seinen Willen als

 

1) Alle die genannten Fürsten waren so wenig der Hierarchie zugethan, als König Franz I. von Frankreich dereinst dem Protestantismus.

 

 

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62 Zweiter Abschnitt.

 

zwingende Gewalt auch wider Recht und Herkommen, als einziges Gesetz, als unverweigerliches Gebot aufzudringen.

 

Wenn die nationalen und politischen Verhältnisse des Landes dem Streben Heinrich's V. ungünstig waren, ehe er noch daran dachte, sie allein von sich abhängig zu machen, so wurden die Fürsten erst durch dieses Bestreben ihm feindlich gesinnt. - Als der angesehenste, mächtigste, einflußreichste stand noch immer der Landesherzog da, wenn auch nicht mehr, wie einst Heinrich der Vogler und die Ottonen, durch den doppelten Glanz des Reichsoberhauptes und Landesherrn alle andern, wie ganz unscheinbare, überstrahlend. Thüringen, das Heinrich mit seinem Herzogthume verbunden, und das unter dem sächsischen Herrscherhause wie ein Erblehn gestanden und erst von Otto III. einem eigenen Fürsten, dem berühmten Markgrafen Eckhard, übertragen worden, war seitdem getrennt und unter den ersten beiden fränkischen Kaisern dem sächsischen Interesse dadurch entfremdet, daß ein stammverwandter fränkischer Graf, Ludwig der Bärtige, ein überwiegendes Ansehen im Lande erhielt, und die Thüringer dem Kaiserhause geneigt machte. — Wie die thüringer Mark waren auch Meißen, Lausitz und die Nordmark zwar nicht reichsunmittelbaren, doch von dem Landesherzog wenig abhängigen Fürsten übertragen, die schon wegen ihrer militairischen Stellung größere Gewalt besaßen. Den Billungen an Hausmacht fast gleichstehend und von hohem Ansehen im Lande erkannten wir vorhin die nordheim'schen und braunschweig'schen Grafen, die bei den fränkischen Kaisern, um die Macht jener zu beschränken, in besonderer Gunst standen, bis Heinrich IV. auch sie beleidigte und in Otto von Nordheim wie in Ekbert von Braunschweig seine erbittertsten Gegner fand. Als es ihm nach dem Tode Beider gelang, Sachsen friedlicher zu stimmen, erhielt Heinrich der Reiche, Otto's Sohn, den ersten Platz nach dem Könige 1), sodaß dem Herzoge Magnus kaum noch ein Schatten der Würde, die seine Vorfahren und er selbst in jüngern Jahren besessen, verblieb. Ganz natürlich scheint es daher, daß nach seinem Tode ein Schwiegersohn Heinrich's von Nordheim, der der That nach erster Landesfürst gewesen war, dem Schwiegersohne des Titularherzogs 2) vorgezogen wurde.

 

1) Ann. Saxo ad 1101: qui totius Saxoniae principatum secundus ab Rege gerebat. Daher bei Alb. Stad. 1105: qui fuit Landgravius.

2) Heinrich IV. hatte Magnus wol nie mit der Herzogswürde belehnt. Bei dem Tode Ordulf's 1071 suchte der Kaiser ihn zur Entsagung zu zwingen. S. Lamb. ad 1073. Zwar entließ er ihn bald danach aus der Haft, um die eigenen Getreuen, welche Magnus Bruder, Hermann, in Luneburg gefangen genommen, auszulösen. Daß er aber den Entlassenen als Herzog anerkannt, wird nirgends gesagt. S. Lamb. ad 1074. Wenn Heinrich im Vertrage zu Gerstungen allen sächsischen Fürsten ihre Lehen und Güter bestätigen mußte, so erklärte er nach Zerstörung der Harzburg den Vertrag für nichtig. Nach der Schlacht bei Hohenburg mußte Magnus nebst allen Rebellen sich auf Gnade und Ungnade ergeben, verlor Würden und Lehen und ward gefangen gehalten. Lamb. ad 1076 berichtet von Otto v. Nordheim, der schlau den König für sich zu gewinnen gewußt hatte: Huic Rex per totam Saxoniam vices suas et publicarum rerum procurationem delegavit. Darin liegt deutlich, daß alle andern Würden, vornehmlich die herzogliche, suspendirt waren. Zwar entkam Magnus aus seinem Kerker und nannte sich nach wie vor Herzog. Schwerlich erkannte ihn aber je der Kaiser an; vielmehr spricht der principatus totius Saxoniae, welchen Heinricus Crassus erhielt, es aus, daß der Kaiser noch im Jahre 1101 keine Würde der feindlichen Fürsten in Sachsen anerkannte. Als der hochbejahrte Magnus sich friedlich oder doch parteilos verhielt, überging man stillschweigend die Sache und wartete den Tod des kinderlosen Greises ab. Es lag im Interesse der fränkischen Kaiser, die Herzogswürde in Sachsen aufzuheben, weshalb auch die Nordheimer keinen bestimmten Titel bei ihrer Verwaltung der Provinz erhielten. Heinrich V. gestatteten es aber seine Verhältnisse im Jahre 1106 nicht, den alten Würdenamen bei der Belehnung Lothar's vorzuenthalten.

 

 

 

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63 Verhältnisse in Sachsen.

 

Als Lothar mit der alten Würde eines Herzogs von Sachsen bekleidet worden, suchte er auch das Ansehen derselben in altem Glanze herzustellen. Seine durch Erb- und Heirathsgut bedeutende Hausmacht erhob ihn schon zum ersten Fürsten des Landes, und wenn er auch die walbek'schen, braunschweig'schen und nordheim'schen Güter mit Andern theilte, so war er doch der Repräsentant dieser drei Häuser und stand fast mit allen sächsischen Fürsten in Verwandtschaft. Mehr aber als Alles gaben seine persönlichen Eigenschaften ihm ein Uebergewicht, das die Meisten bereitwillig anerkannten und unterstützten, weil er mehr die Interessen des Landes als seinen Privatvortheil zu fördern trachtete, und Niemanden zu beschränken suchte, als wer auf ungerechte Weise seine oder eines Andern Ansprüche beeinträchtigte. In den ersten Jahren nahmen indeß Einfalle der Slavenvölker an der Nordgrenze seines Herzogthums Lothar's Tätigkeit in Anspruch.

 

Seit den Zeiten des ersten billunger Herzogs Hermann gehörte zu dessen Reichslehen die Grafschaft Holstein, die aber als Afterlehen einem eigenen Verweser, meist jüngern Brüdern der Herzoge, übertragen worden war 1). In dem Jahre, als Lothar seine neue Würde

 

1) S. Krantz, hist. Sax. V, cap. 26, p. 124 ff., wo über den Namen, die Grenzen und Verwaltung Holsteins ausführlich gehandelt ist. Corner, p.676.

 

 

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64 Zweiter Abschnitt.

 

erhielt, stand ein Graf Gottfried als Schirmvoigt der Nordgrenze vor, ward aber bald darauf, als er einer slavischen Räuberhorde ihre Beute abjagen wollte, in Stormarland in einem Hinterhalt getödtet. Lothar ernannte zu Gottfried's Nachfolger einen Mann, der nicht sowol durch hohe Geburt als militairische Vorzüge, Umsicht und Thätigkeit sich auszeichnete 1). Adolf von Schaunburg entsprach dem gehegten Vertrauen vollkommen, verwaltete mit Klugheit und Tapferkeit lange die Grafschaft Holstein und hinterließ sie einer Reihe ebenso würdiger Nachkommen 2). — Ueber die benachbarten Slavenländer, von der Elbe bis zum baltischen Meere und den Grenzen Polens, herrschte damals Heinrich, der Sohn des ersten christlichen Slavenfürsten Gottschalk, wie dieser von der Lehre des Evangeliums erleuchtet und als Herrscher vor Allen seines Stammes durch Macht, Kriegsruhm und Weisheit ausgezeichnet, weshalb ihm der Königstitel von Slaven und Deutschen beigelegt ward 3). Lothar und Adolf, mehr auf Sicherheit als Erweiterung ihrer Grenzen bedacht, schlossen mit einem so würdigen Nachbarn gern ein Freundschafts- und Trutzbündniß wider gemeinsame Feinde, zumal da Heinrich schon dem Vorganger Lothar's eine freiwillige Lehnsabhängigkeit zugestanden hatte 4). Die übernommene Verpflichtung nöthigte bald Adolf und den Herzog selbst, zum Beistand Heinrich's mehrere Feldzüge zu machen, die nur ihrem Verbündeten Gewinn, den deutschen Hülfsvölkern kaum mehr als den Ruhm unwiderstehlicher Tapferkeit und einen Antheil an der Kriegsbeute einbrachten. Noch im Jahre 1106 mußten die Holsteiner dem von den Rügern und Ranen bedrängten Könige zur Hülfe ziehen. Sie erfochten einen glänzenden Sieg in der Nähe von Lübeck, an einem Orte, der von der Niederlage den Namen Ranenberg erhalten haben soll 5). Als

 

1) Corner p. 650: Et sic Adolfus Comes factus est de non Comite. Chron. Comit. de Schowenburg, Meib. I, p. 498: virtutibus militaribus et industria tunc in partibus occidentalibus singulariter creatus.

2) S. Helmold I, cap. 36, p. 568, Corner, Krantz, Mascov p. 141.

3) Corner: Henricus filius Godescalci ex filia Regis Danorum. Ueber den Königstitel Helm. a. a. O.

4) Helm. I, cap. 34: Accessit etiam ad Ducem Magnum eo quod cognatus ejus esset (die Mutter des Herzogs war des Königs von Dänemark Schwester. Helm. I, cap. 25, Alb. Stad. ad 1042) et magnificatus est apud eum fecitque ei juramentum fidelitatis ac subjectionis. (S. Alb. Stad. ad 1106.) Und cap. 36: Fuitque pax inter Adolfum Comitem et Principem Slavorum Henricum. Corner a. a. O., Alb. Stad. Ad 1106.

5) Helm. I, cap. 36.

 

 

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65 Slavenkrieg.

 

im folgenden Jahre sich unter Heinrich's eigenen Völkern, die noch keineswegs alle dem Christenthum und einem Fürsten, der durch Waffengewalt sich zu ihrem Herrn gemacht, bereitwillig zugethan waren 1), ein Aufstand in den Gegenden der heutigen Mark Brandenburg erhob, konnte abermals die Gefahr nur mit Beistand der Sachsen 2) abgewendet werden. Wie wenig Treue in einem überwältigten Volke zu finden sei, erfuhr Heinrich schmerzlich im Jahre 1109. Als sein Sohn Waldemar von den Rugiern den versprochenen Tribut einfoderte, erschlugen ihn diese. Heinrich, als König und Vater zwiefach gekränkt, sammelte seine ganze Kriegsmacht und sandte zu Holsteinern und Stormarn Boten, sie an das geschlossene Bündniß zu erinnern; bereitwillig zogen 6000 derselben herbei und vereinten sich bei Wolgast mit Heinrich's Heer. Vor solcher Uebermacht erschraken die Feinde und boten 200 Mark zur Sühne ihres Frevels an; doch die Sachsen selbst, deren Entscheidung der König es überließ, ob er das angebotene Sühngeld oder blutige Rache nehmen solle, mahnten zu letzterer, und gern bewilligte Heinrich so edeln Bundesgenossen, die für seine Ehre ihr Blut verspritzen wollten, das alte Vorrecht des Sachsenvolkes, den Vorkampf in der Schlacht. Nicht schreckten die mit Schnee und Eis bedeckten Wege, nicht die von allen Seiten heranziehenden Feinde das muthige Heer. Schon stand es im Lande der Rüger, schon hatte es die an der Meeresküste liegenden Flecken und Ortschaften in Flammen gesteckt, als das feige Volk, das nur durch Treulosigkeit, nicht mit Tapferkeit dem Joche sich entziehen wollte, dem Könige 400, dann 800 Mark für den Frieden bot; und als die Sachsen Heinrich dennoch zur Schlacht mahnten, warf es demüthig flehend sich dem Könige zu Füßen, und war zu Allem bereit, was er fodere. Gegen 4800 Mark sagte endlich Heinrich ihnen Begnadigung zu, empfing die Geißeln und kehrte mit seinem Heere und den deutschen Bundesgenossen zurück. Allein der auferlegte Tribut war zu groß, als daß ein geldarmes

 

1) Alb. Stad. a. a. O. Audientes autem Slavi, qui habitabant ad Orientem et Austrum, quia surrexisset inter eos Princeps Christianus, qui diceret Principibus tributa solvenda, convenerunt omnes, ut pugnarent contra Heinricum.

2) Es scheint zwar, daß diesmal nur die Nordalbinger ihm Beistand leisteten (S. Helm. I, cap. 37), indeß war auch hier der Vertrag für Lothar bindend und erfoderte dessen Aufmerksamkeit. Die Nordalbinger hatten früher viel von den Slaven zu leiden und konnten nun unter Heinrich's und Lothar's Schutz sicherer ihr Land anbauen. S. Alb. Stad. ad 1106

I. 5

 

 

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66 Zweiter Abschnitt.

 

Volk ihn hätte auftreiben können. Mit Aufbietung aller öffentlichen und Privatschätze brachten sie, zumal da Heinrich das größte Gewicht verlangt, kaum die Hälfte der Summe auf, und Heinrich mußte abermals versuchen, ob mit Waffengewalt das Uebrige zu erzwingen war. Diesmal leistete ihm Herzog Lothar in eigener Person Beistand. Beide zogen über die Eisflächen des Meeres in das Gebiet der Rüger. Kaum aber hatten sie wenige Tage dort verweilt, als die Kälte nachließ, und die Eisbahn zu zerschmelzen drohte. Zu einem langwierigen, hartnäckigen Kampfe waren die Verbündeten nicht gerüstet und traten, nachdem sie Unerhebliches ausgerichtet, den Rückweg an, den sie nur mit vielen Gefahren bewerkstelligten. Lothar ward bald darnach in Sachsen selbst für einen Kampf in Anspruch genommen, der ihn mehre Jahre nicht an Feldzüge wider die Slaven denken ließ. Die Zwistigkeiten zwischen König Heinrich und seinen Nachbaren dauerten bis zu des Erstern Tode fort 1). Wir werden öfters noch auf die Verhältnisse Lothar's zu den Slaven zurückkehren und bemerken hier nur noch, daß er durch Milde und Gerechtigkeit bei diesen leichter seine Oberlehnsherrschaft geltend zu machen verstand, als es die billunger Herzöge in

 

1) Dunkel herrscht über dem letzterwähnten Kampf Heinrich's mit den Rügern. Helm. I, cap. 38, bei Leibn. II, p. 571, 577 u. 578: Cumque exhausissent aerarium publicum et quidquid in privatis suis auri vel argenti habuerant, vix medietatem pecuniae persolverunt, puta statera delusi. Quam ob rem iratus Henricus, quod promissa ex integro non persolvissent, paruit secundam profectionem in terram Rugianorum. Accitoque Duce Ludero proxima hyeme (das wäre 1110), quae mare pervium reddidit, intravit terram Rugianorum cum magno Slavorum et Saxonum exercitu. Vixque tribus noctibus illic remanserant, et coepit hyems resolvi et glacies linguescere. Contigitque ut imperfectis rebus revertentes marina pericula vix evaserint, et non adjecerunt Saxones ultra intrare terram Ranorum eo quod Henricus modico superveniens tempore morte sua controversiae finem dederit. Dies wäre erst 1126, wo Heinrich starb. (S. cap. 44, p. 577.) Lothar konnte freilich bis dahin seinem Bundesgenossen keinen Beistand außer Landes leisten, wol aber hat er während der Zeit manche Siege über die Slaven in dem von ihm beherrschten Gebiete erfochten. Die Annal. Hildesh. ad 1110 und nach ihm Ann. Saxo z. g. J. berichten von einem Feldzuge Lothar's gegen die Slaven, auf dem er novem urbes munitiores eingenommen. Ann. Saxo knüpft dies unmittelbar an den Tod des Grafen Gottfried, der 1106 fällt. Wenn Lothar selbst gegen die Slaven ausgezogen, ist dunkel; vor 1111 muß es gewesen sein. Fast scheint es, daß sein Feldzug 1110 unabhängig von dem Heinrich's gewesen und einen bessern Erfolg gehabt hatte, den aber Heinrich's misglückter Zug übers Eis und bald darauf die Händel mit dem Kaiser nicht dauerhaft machten.

 

 

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67 Die sächsischen Pfalzgrafen.

 

den vorigen Jahrhunderten mit harter Strenge, ja oft empörender Grausamkeit, der auch ein knechtisches Volk bei jeder günstigen Gelegenheit sich zu entziehen sucht, vermocht hatten 1).

 

Mit den Suplingenburgern nahe verbunden und in Gauen ansässig, die Lothar's Vorfahren einst allein beherrscht hatten, erkannten wir oben schon die Grafen von Sommerschenburg und schlossen deshalb auf beider Familien gleichen Ursprung. Wie Lothar im Besitz der Herzogswürde, war Friedrich von Sommerschenburg bereits unter Heinrich IV. Pfalzgraf von Sachsen, da Friedrich von Gosek, der jüngere Bruder Erzbischof Adalbert's von Bremen und jenes Dedo, dem Heinrich III. die Alleinherrschaft und wahrscheinlich auch die Erblichkeit in den sächsischen Pfalzen zuerkannt hatte, bei seinem Tode 1088 nur einen dreijährigen Enkel hinterließ, dem der Kaiser ein so wichtiges Amt, welches die Vertretung des Reichsoberhauptes den Landesfürsten gegenüber und die Reichsgerichtsverwaltung in sich schloß, nicht übertragen konnte 2), und deshalb dem Oheim des Unmündigen, dem genannten Friedrich von Sommerschenburg, dasselbe entweder auf Lebenszeit oder bis zur Großjährigkeit des Neffen anvertraute. Der geringe Einfluß in Sachsen, die fortdauernden Fehden im ganzen Reiche, endlich die Empörung des eigenen Sohnes machten es Heinrich IV. unmöglich, der Pfalzgrafenwürde die alte Bedeutsamkeit zu erhalten. Sie war längst zu einem Schatten Dessen, was sie einst gewesen, herabgesunken und konnte nur durch die Hausmacht des jedesmaligen Verwesers, durch sein persönliches Ansehen, durch seine Verbindungen mit andern Fürsten Wichtigkeit behalten. Schon der letzte goseker Pfalzgraf hatte wegen erlittener Unbilden vom Jahre 1073 ab, uneingedenk der ihm obliegenden Pflicht, anstatt des Kaisers Ansehen gegen die Landesfürsten aufrechtzuerhalten, mit diesem wider jenen Partei genommen, später bald gezwungen, bald aus freier Wahl mit Heinrich IV. sich ausgesöhnt, stets aber mehr die Vergrößerung seiner Besitzungen als die Aufrechterhaltung des pfalzgräflichen Ansehens im Auge gehabt. Kaum mehr als einen bloßen Titel erwarb Friedrich von Sommerschenburg, als ihm die

 

1) Helm. I, cap. 35, Ann. Saxo, Alb. Stad. ad 1106: Gubernavit cum modestia tam Slavos quam Saxones. 2) Dieser war ein Enkel Friedrich's, des Pfalzgrafen von Sachsen, und ein nachgeborener Sohn des bei Scheiplitz ermordeten Grafen Friedrich. Ueber Datum und Faktum des Mordes vergl. man meine Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen, Abth. I, §. 5 zum Schluß. Der §. 6 gibt über Friedrich von Sommerschenburg ausführlicher, was hier nur kurz berührt werden konnte.

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68 Zweiter Abschnitt.

 

Pfalzgrafschaft Sachsen übertragen ward. Allein die Verwandtschaft mit Lothar, dem mächtigsten und angesehensten Herrn im Lande, gab ihm persönliche Wichtigkeit. Als jener zum Herzog erhoben wurde, konnte es bedenklich scheinen, zwei Würden, die einander die Waage halten sollten, ja ganz entgegengesetzte Interessen wahrzunehmen bestimmt waren, so engverbundenen Fürsten anzuvertrauen, wenn nicht beide dem neuen Könige sich gleichergeben gezeigt hätten. Wie Lothar gehörte gewiß auch Friedrich zu den sächsischen Fürsten, die im Jahre 1105 zu Quedlinburg Heinrich V. Beistand gegen seinen Vater gelobten. Dafür sicherte ihm der König die fernere Verwaltung der Pfalzen wider den zwanzigjährigen, nach den Würden und Lehen seines Großvaters ungestüm verlangenden Friedrich von Gosek zu, indem dieser vorläufig mit Wiedererlangung Dessen, was sein Stiefvater, Graf Ludwig von Thüringen, ihm entrissen, sich begnügen mußte 1). Bis zum Jahre 1112 blieb Friedrich von Sommerschenburg ein Freund des Königs und begleitete denselben auf dem Römerzuge, auf dem er nicht unwichtige Dienste leistete 2).

 

Hatten die sächsischen Pfalzgrafen während des alle Reichsbanden auflösenden Bürgerkrieges unter Heinrich IV. ihre frühere Bedeutsamkeit verloren und nur in einem Anschluß an die mächtigern Landesfürsten den eigenen, nicht des Königs Vortheil zu erhalten gesucht, so erhoben sich dagegen die Markgrafen im Lande zu ungewöhnlicher Macht und Unabhängigkeit. Da sie ursprünglich bestimmt gewesen, die Grenzen wider fremde nicht zum Reichskörper gehörende Nationen zu schirmen, so hatten die Kaiser ihnen eine militairische Gewalt, wie sie anderen Grafen nie gestattet worden, übertragen, bei größeren Heereszügen und Reichsaufgeboten aber ordneten sie sich den Herzögen als Oberanführern der Gesammtkriegsmacht der Provinz unter, wie sie von denselben auch als den Landesoberherrn abhängig waren. Seit die Politik der fränkischen Kaiser die Uebermacht der National-Herzöge zu beschränken und Unabhängigkeit und Selbstständigkeit der geringeren Fürsten jenen gegenüber zu fördern suchte, zogen daraus die Markgrafen als die bedeutendsten nächst den Herzögen den größten Gewinn, vornehmlich

 

1) S. Gesch. d. Pfalzgr. v. Sachsen §. 6, wo auch die Streitigkeiten zwischen Ludwig und dem unruhigen Friedrich von Putelendorf näher beleuchtet sind.

2) So gehörte er zu den Fürsten, die nach dem Vertrage zwischen Heinrich und Paschalis am 4. Februar 1111 sich verpflichten mußten, als Geißel sich zum Papste zu begeben, wenn der König den Vertrag breche, und zu den Eidhelfern des spätern Vertrages zu Ponte Mammolo vom 11. April.

 

 

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69 Die sächsischen Markgrafen.

 

in Sachsen, wo Konrad II. und Heinrich III., außer andern Beschränkungen, des Herzog Bernhard's Ansehen auch dadurch verringerten, daß sie den Oberbefehl des sächsischen Heerbanns nicht diesem, sondern einem sächsischen Markgrafen übertrugen. Diese Maßregel erhob zu neuer Bedeutsamkeit ein Amt, das nach seiner ursprünglichen Bestimmung eigentlich überflüssig geworden war, da viele der frühern Marken, wie z. B. Thüringen und Meißen, bei Erweiterung der Landesgrenzen und bei der Vereinigung sonst geschiedener Provinzen mit dem Reiche gar nicht mehr als solche zu betrachten waren, andere, wie die Nordmark und Lausitz, seit die Slaven im Norden, die Böhmen im Osten die Oberlehnshoheit des sächsischen Herzogs und des deutschen Kaisers anzuerkennen gezwungen worden, keine feindlichen Einfalle fremder Völker 1) zu fürchten hatten. Gleichwol blieben alle jene Markgrafschaften fortbestehend 2), ja es entstanden im 12. und 13. Jahrhundert neue, deren Bedeutung nicht mehr in der Lage des Landes, sondern in der Würde seiner Beherrscher zu suchen ist. Wie diese sich durch eigene Kraft während der Regierung Heinrich's IV. emporgeschwungen, zeigt Ekbert, jener letzte männliche Sprößling des Braunschweigischen Hauses. Außer der von seinem Vater geerbten meißner Mark erhielt er nach dem Tode seines Schwiegervaters Otto von Orlamünde (1067) durch kaiserliche Belehnung die Mark Thüringen 3), verband sich aber bald danach mit Markgraf Dedo von der Lausitz, dem zweiten Gemahl der Schwiegermutter Ekbert's. Diesmal beugte sie Beide noch Heinrich IV., der in Rücksicht auf Verwandtschaft und seine große Jugend Ekbert verzieh und nicht nur das Seine zurückgab, sondern bald noch neue Lehen übertrug. Gleichwol empörte wenige Jahre später der unruhige ehrgeizige Jüngling sich abermals wider den

 

1) Denn Slaven und Böhmen, obschon öfters noch von ihren Heeren Deutschland verwüstet und geplündert wurde, waren keine fremden Völker, seit der deutsche Kaiser sie als zum Reichskörper gehörige ansah und von ihren Beherrschern den Lehnseid foderte.

2) Mit Ausnahme Thüringens, das zu einem Landgrafenthum umgewandelt wurde, um die vielen dort mächtiger emporgekommenen Grafen durch ein neues Band zu vereinen, bis sie allmälig unter der Herrschaft der Landgrafen sich verloren.

3) Ann. Saxo ad 1067: Otto, Marchio de Orlagemunde, obiit. — Marchiam, quam ille tenuerat, Rex patrueli suo Ecberto, Comiti de Brunswik, dedit.

 

 

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70 Zweiter Abschnitt.

 

Kaiser, und blieb trotz wiederholter Begnadigungen und Auszeichnungen während des Kampfes der Sachsen wider Heinrich ein ebenso unzuverlässiger Verbündeter dieses wie der sächsischen Fürsten 1), da stets der augenblickliche Gewinn oder leidenschaftliche Aufwallung ihn von einer Partei zur andern trieb. Mehr als einmal entriß er bald Heinrich, bald dem Gegenkönige Hermann von Luxemburg, denen Beiden er eine Krone misgönnte, die er am liebsten auf sein Haupt gesetzt hätte 2), die entschiedensten Vortheile, und so lange er lebte, war kein dauernder Friede in Sachsen vom Kaiser oder von den Fürsten zu bewerkstelligen. Dadurch wurde er endlich Allen verhaßt, und leicht fand sich ein Arm, welcher, ohne daß ein höherer Befehl dazu anreizte, Den, dessen ganzes Leben nichts als Verrath und Gewaltthatigkeit gewesen, auf gleiche Weise ums Leben brachte. Nur der Parteihaß, welcher auch die Schriftsteller jener Zeit ergriff, konnte den Mord dem Kaiser aufbürden, der freilich durch die Acht, die er mit Zustimmung der Reichsfürsten über den Frevler verhängt hatte, die That Jedem freistellte und ungestraft hingehen ließ 3). Wie unter Ekbert die thüringer und meißner Mark verbunden gewesen, so vereinte nach seinem Tode die letztere Heinrich von Eilenburg 4) aus dem Wettiner Hause mit der Mark Lausitz und gab dadurch einen neuen Glanz seinem schon angesehenen und im Lauf der Jahrhunderte zu noch höherer Macht bestimmten Geschlecht, das heute vielfach verzweigt in der Mitte Deutschlands über schöne Länder gebietet, zwei Königreiche beherrscht, während zwei seiner männlichen

 

1) Der Apologist Heinrich's IV. p. 216: Ecbertus contra Regem conjuravit; saepe etiam sese a conjuratorum societate ad Regem convertit et nunc harum nunc illarum partium fuit. Ebenso zweideutig und treulos handelte er an den Gegenkönigen Rudolf und Hermann. Berth. Const. ad 1087: Hic enim Comes gloriae domini sui Herimanni Regis multum invidens concepit animo eum regno privare. Sein zweideutiges Benehmen gegen Rudolf in der Schlacht bei Flarchheim s. Stenzel I. S. 455 u. 456.

2) Berth. Const. ad 1088: Eggebertus Comes se regnum affectare manifestavit, sed incassum. Nam Principes regni ei assentire noluerunt. Hartwig von Magdeburg und Halberstadt hatten freilich arglistig ihn dazu angereizt, und dann getäuscht. S. Apol. Heinrici IV. p. 216.

3) S. die abweichenden Berichte bei Berth., Chron. Ursp., Ann. Saxo, Waltram, Ann. Hildesh., Chron. Halberst. Continuat., Lamb. Schaffn., Apol. Heinr. IV. und Andern.

4) Herzog Wratislav von Böhmen, dem Heinrich schon zu Lebzeiten Ekbert's die meißner Mark verliehen, hatte sich nicht behaupten können. S. Lamb. ad 1075 u. 1076.

 

 

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71 Die sächsischen Markgrafen.

 

Nachkommen bestimmt sind, dem englischen und portugiesischen Throne die künftigen Herrscher zu geben, seine weiblichen Descendenten durch Tugend und Anmuth mächtige Fürstensöhne zu Ehebündnissen mit ihnen bewogen haben. — Damals befestigte Markgraf Heinrich die neuerrungene Herrschaft und beugte zugleich den Ansprüchen Anderer vor, indem er die Schwester seines Vorgängers, Gertrud, die Witwe Heinrich's von Nordheim, heirathete 1). Was er aber von Fremden besorgt, wurde nach seinem frühzeitigen Tode (1103) seinem nachgeborenen Sohne Heinrich von den nächsten Verwandten bereitet. Ohne die Niederkunft Gertrud's abzuwarten, wollten zwei Vettern, Konrad und Dedo, sich in den Besitz der beiden Marken theilen, verbreiteten Verläumdungen, zuerst, daß die Witwe Heinrich's nur fälschlich eine Schwangerschaft vorgebe, dann, als dieselbe ihre getreuen Dienstmannen von ihren gesegneten Umständen überzeugte, daß sie nicht einen Sohn, sondern eine Tochter zur Welt gebracht, statt dieser aber den Sohn eines Kochs untergeschoben habe. Aus diesem Familienzwist entstanden nachmals Bürgerkrieg und Parteiung der sächsischen Fürsten für oder wider den unmündigen Knaben und dessen Mutter. So lange Letztere lebte, war durch ihre Erbgüter, durch ihr und ihrer Schwiegersöhne Ansehen der junge Heinrich zu wohl geschützt, als daß Konrad und Dedo die Vormundschaft oder gar die Landesverwaltung an sich zu reißen vermochten. Lothar stand zu beiden Theilen in einem wegen naher Verwandtschaft peinlichen Verhältniß; denn war Heinrich der Stiefbruder seiner Gemahlin, so waren dessen Vettern und Gegner Söhne von Richenza's Vaterschwester Ida, der Tochter Otto's von Nordheim 2). Unter

 

1) Gertrud war dreimal verheirathet, zuerst an den Grafen Dietrich von Catlenburg, dem sie den jüngern Dietrich (+ 1107 ohne Erben) gebar; dann an Heinrich von Nordheim (+ 1101), bald nach dessen Tode an Heinrich von Eilenburg (+ 1103, Chron. Ursp., Ann. Saxo ad 1103).

2) Die verschlungene Verwandtschaft der Wettinischen, Nordheimischen und Braunschweigischen Häuser stellt sich also heraus:

 

Ekbert der Aeltere. Otto von Nordheim. Wettiner.

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Gertrud — Heinrich. Ida — Thimo. Dedo.

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Richenza, Gemahl Lothar Konrad. Dedo. Heinrich der

folgt auf Aeltere, Ge-

Heinrich mahlin Ger-

d. Jüngern trud von

v. Eilenburg. Braunschweig.

_____^________

Heinrich d. Jüng.,

+ kinderlos.

 

Ueber Ida, Tochter Otto's von Nordheim und Gemahlin Thimo's, s. Annexa zu Chron. Mont. Ser., Menck. II. p. 308 und Ann. Vet. Cellens. p. 380. Die Gerüchte über Heinrich den Jüngern s. am besten in Chron. Mont Sev. p. 167 und 168. Ob Konrad von Wettin schon bei Lebzeiten Gertrud's den Titel eines Markgrafen angenommen, ist ungewiß. Zuerst findet er sich so genannt in einer von ihm ausgestellten Urkunde vom Jahre 1119. S. Schannat Vindem, lit., Hahn, collectio man. I. p. 77.

 

 

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72 Zweiter Abschnitt.

 

solchen Umständen, bei seiner rechtlichen Gesinnung und obenein als Landesherzog mußte Lothar der geeignetste Vermittler in jenem Familienzerwürfniß erscheinen. Ihm darf es daher wol beigemessen werden, daß äußerlich wenigstens eine Versöhnung hergestellt wurde, die erst in eine neue heftige Fehde sich verwandelte, als Heinrich der Jüngere, herangewachsen, die Beschimpfung, die ihm angethan, an Konrad mit dem Schwerte rächen wollte, und dadurch, wie wir sehen werden, einen allgemeinen Krieg in Sachsen herbeiführte.

 

Wenden wir uns von den östlichen Marken zu der Nordmark, so treffen wir auch hier ein mächtiges Fürstengeschlecht 1), das Kaiser Heinrich IV. seine Erhebung zu verdanken hatte. Das Alter dieses Geschlechts läßt sich mit Sicherheit bis zum Ausgang des 10. Jahrhunderts hinaufführen 2). Damals lebte ein Graf Heinrich, Besitzer des Schlosses Hirschfelde, welches dessen Sohn gleiches Namens, der anfangs dem geistlichen Stande bestimmt gewesen, zur Sühne seines Austritts in ein Kloster verwandelte und reiche Besitzungen, Gold und Kostbarkeiten demselben zuwandte. Erst dieses Heinrich's ältester Sohn, Siegfried, erbaute Stade, oder stellte vielmehr die Stadt aus ihren Trümmern wieder her 3); seitdem nannte er und seine Nachkommen sich Grafen von Stade. Durch Reichthümer, in glücklichen Kriegen wider die Seeräuber erbeutet, durch ausgedehnte

 

1) Es herrschte ursprünglich über den Bosogau in der Bremer Diöcese (siehe Wersebe, Gauen S. 270), übte aber auch schon früh das Grafenamt im Pagus Herlanga, besonders über Harsfelde (Kloster Hirschfelde), s. Wersebe, Gauen S. 241. Wie es auch bald im Nordosten sich ausdehnte, beweist der nachmalige Hauptsitz seiner Herrschaft Salzwedel an der nordöstlichen Grenze des Gau Osterwalde. Die daran grenzenden Gaue Belesen und Mosidi fielen ihm auch zu.

2) Ausführlich berichten darüber Alb. Stad. (Quartausgabe, Helmstädt 1587) p. 1636 ff. Krantz Metrop. lib. VI, cap. 24, p. 155. Ann. Saxo p. 488 sagt: Henricus Calvus (bei Krantz Crassus) Comes de Stathen (so nannte sich erst sein Enkel), qui fuit temporibus primi Ottonis consanguineus ejusdem Imperatoris. Was er beim Kaiser galt, ist p. 319 und ausführlicher bei Ditmar, p. 337 erzählt.

3) S. Wersebe, Gauen S. 270 u. 271.

 

 

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73 Stadische Händel.

 

Besitzungen, die in der Hand eines Erben verblieben, und durch Heirathsverbindungen mit angesehenen Fürstentöchtern 1) hob sich das Geschlecht seit Siegfried schnell empor. Sein Erbe und Sohn Loder oder Udo hatte eine Vatersschwester des Gegenkönigs Rudolf, Adelheide, zur Gemahlin und erzeugte mit ihr jenen Udo, der, wie wir früher gesehen, nach dem Tode des Markgrafen Wilhelm (1056) nicht nur die Nordmark, sondern zugleich auch den von Wilhelm's Vorfahren verwalteten Gau Moside erhielt. Auch Udo vergaß der Wohlthaten, die er dem fränkischen Kaiserhaufe zu danken hatte, und verband sich (1073) mit den sächsischen Großen. Nach der unglücklichen Schlacht bei Hohenburg, wo er tapfer gegen die Uebermacht Heinrich's IV. focht, und, ohne es zu wissen, beinahe seinen eigenen Verwandten, den Herzog Rudolf von Schwaben, getödtet hätte 2), war er einer der ersten, welche die Gnade des Siegers suchten und erfuhr auch wirklich ein milderes Urtheil als Die, welche später sich dem Kaiser ergaben und in entfernte Theile des Reichs, selbst nach Ungarn und Italien, als Gefangene abgeführt wurden. Nachdem er seinen Sohn als Geißel gestellt, ward er auf freien Fuß gesetzt und leitete mit dem würdigen Erzbischof Limar von Bremen die Unterhandlungen, in Folge deren Heinrich IV. den sächsischen Fürsten, falls sie die Waffen niederlegten, Versöhnung und Gnade zusagte 3). Seitdem scheint Udo keinen besondern Antheil an den Kämpfen der Fürsten gegen das Reichsoberhaupt genommen zu haben, wenigstens wird er nirgends mehr unter Denen, die fort und fort

 

1) Heinrich's Gemahlin Judith war eine Schwester des Herzogs Otto von Franken, der unter Kaiser Otto II. in Calabrien seinen Tod fand. Ann. Saxo p. 488. Alb. Stad. a. a. O. nennt sie Hildegard. Diese macht Krantz a. a. O. zur Gemahlin des zweiten Heinrich, den Ann. Saxo nicht für den Vater, sondern Bruder Siegfried's hält. Dieses Namens gibt Alb. Stad. zwei an. Dann übereinstimmend nennen die Chronisten Siegfried's (des Jüngern nach Albert) Gemahlin Adele eine Tochter Gero's von Alsleben, der nach einem Gottesurtheil seinen Tod fand (Ann. Saxo p. 329 u. 488). Weil die Güter Gero's der Tochter und deren Gemahl zufielen, heißt Beider Sohn Udo oft Graf von Alsleben. Ein großer Theil fiel freilich durch Schenkungen Adele's an das Erzstift Magdeburg und die Klöster zu Alsleben und Hirschfelde.

2) Ann. Saxo ad 1075: Udo Marchio de Stadhen, consobrinum suum Rudolfum, Ducem Suevorum, qui eo die fortiter pro Rege dimicasse notatus est, fortiter percussit in faciem et nisi galea dependens eum defenderet, capitis ei superiorem partem abstulisset. Was änderte nicht dieser starke Helm an dem Geschicke Deutschlands! Rudolf's Ehrgeiz that zu dem Kaiserschisma ebensoviel als Gregor's VII. Erbitterung.

3) S. Stenzel, I S. 333 u. 335.

 

 

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74 Zweiter Abschnitt.

 

wieder die Waffen ergriffen, namhaft gemacht, obschon er dem beständigen Leiter der Sachsen, Otto von Nordheim, da dieser seine Schwiegermutter Richenza geheirathet hatte 1), nahe stand. Seine Gemahlin Oda gebar ihm vier Söhne, Heinrich, Udo, Siegfried und Rudolf, und zwei Töchter, von denen die eine Aebtissin zu Alsleben, die andere, Adelheide, zuerst an den jüngern Pfalzgrafen Friedrich von Gosek, dann, nach dessen Ermordung, an den Grafen Ludwig von Thüringen, der sich sammt ihr der Theilnahme an jenem Morde verdächtig machte, verheirathet war. Von den vier Söhnen starb der älteste, Heinrich, 1087, ohne von seiner Gemahlin Adelheide, einer russischen Prinzessin, Nachkommen zu hinterlassen. Die Witwe erhob Kaiser Heinrich IV. zu manchem neuen Misgeschick 1089 zu seiner Gemahlin 2). Siegfried erwählte den geistlichen Stand, wurde Propst zu St. Nikolaus in Magdeburg und Kanonikus bei der Hauptkirche ebendaselbst. Als Udo I. 1082, sein ältester Sohn 1087 gestorben, folgte des erstern dritter Sohn, Udo II., in der Markgrafschaft. Auch dieser scheint an den Kämpfen wider Heinrich IV. keinen Antheil genommen zu haben 3), vielmehr suchte er bessern Ruhm und reicheren Gewinn in Feldzügen wider die Luitizer und die Slaven, welche in der nachmaligen Mark Brandenburg wohnten. Im Winter 1100 auf 1101 belagerte Udo in Verbindung mit andern sächsischen Fürsten 4) die Hauptveste Brandenburg 4 Monate und feierte nach ihrer

 

1) Ann Saxo ad 1082 p. 562: Matrem autem praedictae Odae post obitum Comitis Hermanni duxerat uxorem Otto de Nordheim quondam Dux genuitque ex ea praeclarissimos viros, Heinricum Crassum Comitem, patrem Richinzae Imperatricis et Gertrudis Palatinae Comitissae etc. Ob Oda nicht dem alten nordmärkischen Geschlecht, das mit Wilhelm in männlicher Linie erlosch, anstatt dem von Werla zuzuzählen sei, diese Frage ist oben aufgeworfen und zu lösen versucht.

2) S. Ann. Saxo ad 1082.

3) Ann. Saxo ad 1085 klagt über die jüngern sächsischen Fürsten: utpote jam defunctis, qui robustioris aetatis et ingenii erant, Ottone scilicet, qui Dux fuerat Bavariae, Udone Marchione (in Rücksicht auf seinen frühern Abfall ist er allerdings der antikaiserlichen Partei beizuzählen), Theodorico Comite, Saxonici principatus cesserant fluctuanti pueritiae, quibus allectis Henrici promissis hoc concordat sententia nullatenus alicujus eorum interesse ut Henricus per eos avito exhaerederetur Regno, cum ipse experta Saxonum vi correctus eos velit securos reddere.

4) Ann. Saxo ad 1100 p. 589: Udo Marcio et alii complures Saxonum barbaros, qui Luitici dicuntur, invasit et de ipsis honorifice triumphans urbem Brandeburch per quatuor menses obsedit et cepit. Zu 1101 p. 591 berichtet er noch einmal: Brandeburch ab Udone Marchione et Saxonibus per quatuor menses obsessa capta est. Also fällt wol der Feldzug Ende 1100 und Anfang 1101.

 

 

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75 Stadische Händel.

 

Einnahme einen glänzenden Triumph über die Feinde. Dauernde Eroberungen zu machen, gestatteten solche Streifzüge freilich nicht, sondern Kriegsruhm, einige Beute und höchstens Tribut auf ein oder ein paar Jahre waren der ganze Gewinn. Eine vortheilhafte Verbindung und reiche Mitgift ließ Udo fahren, als er Eilika, die Tochter des Herzogs Magnus, die er zu heirathen entschlossen war, den Reizen der schönen Irmengard, der Schwester des Grafen Helprich von Plotzke, hintansetzte. Doch selbst den Unmuth seiner Vasallen erregte diese Vermählung, weil der Bruder der Braut ihnen an Rang gleich, mehrern sogar nachstand 1), seitdem sich aber über sie zu erheben suchte. Daß Udo II. mit Lothar von Suplingenburg in Händel verwickelt gewesen, ist früher schon, wo von den Gütererwerbungen des Letztern die Rede war, erwähnt worden. Ohne daß von den Chronisten die Veranlassung derselben näher angegeben ist, lassen sich mancherlei Ursachen dazu auffinden, die wol alle zur Feindschaft anregen konnten. Nicht blos an dem Gau Moside hatte das stadische Haus eine Besitzung erworben, an die Lothar durch seine Großmutter Hedwig Ansprüche erheben durfte. Als Udo mit seiner Gemahlin Irmengard Erbgüter des einen Zweiges der Walbeker Linie erhielt 2), auf die ihr Bruder Helprich verzichtete, mußte gesetzlicherweise auch Lothar, der Nachkomme des andern Zweiges, dazu seine Einwilligung geben, die aber ebensowenig eingeholt, als seine nächsten Ansprüche, sobald Helprich verzichtete 3), berücksichtigt wurden. Andererseits war Oda, die Gemahlin des ältern Markgrafen Udo, durch die zweite Heirath ihrer Mutter Richenza in ihrem Erbe verkürzt, und Güter an die Nachkommen Otto's von Nordheim, also

 

1) Alb. Stad.: Unde multum indignati sunt vasalli sui, qui pares erant Helperico et quidam majores. Indeß gewann Udo auch mit Irmengard eine nicht unbedeutende Erbschaft. Ann. Saxo p. 481: Irmingardis nupsit Udoni Marchioni, totaque haereditas Conradi Comitis (dieser Konrad war ein Sohn Friedrich's, Enkel Siegfried's von Walbek, hatte nur eine Tochter, Mathilde, die Dietrich von Plotzke, der Vater Helprich's, heirathete.) totumque patrimonium illius cum ea suscepit. Ein eigener Vertrag muß Irmengard zur alleinigen Erbin eingesetzt haben. Vielleicht war er die Bedingung, unter welcher nur Udo die Schwester eines unbedeutenden Grafen heirathete, der um solcher Verbindung wegen gern sein Erbtheil der Schwester überließ.

2) S. die vorige Anmerkung.

3) Und Lothar war in männlicher Descendenz ein Nachkomme der Walbecker, Helprich und Irmengard nur in weiblicher durch ihre Mutter Mathilde; doch selten erhält eine Nebenlinie vor Erbtöchtern Berücksichtigung, wenn nicht Erbverträge Solches feststellten.

 

 

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76 Zweiter Abschnitt.

 

auch an Richenza, Lothar's Gemahlin, gefallen, die sonst Oda dem Stadischen Hause zugebracht haben würde. Von der Fehde selbst erfahren wir nur, daß bei derselben Udo's Vasall, Friedrich, einen hartnäckigen Widerstand gethan und jeden Angriff Lothar's vereitelt habe 1). Dieser Friedrich gab in der Folge Anlaß zu einem Kriege zwischen Heinrich V. und mehren sächsischen Fürsten, weshalb über seine Herkunft und Persönlichkeit hier nähere Aufschlüsse gegeben werden müssen.

 

Der Chronist Albert v. Stade erzählt 2), daß zur Zeit Udo's des Aeltern zwei Frauen aus England durch Schiffbruch an den Theil der Küste, welcher die Grafschaft Stade im Norden begrenzte, verschlagen worden und dadurch nach der Härte des alten Strandrechts sammt ihrer Habe dem Reiche und zunächst dem Inhaber des Strandungsortes verfallen seien. Sie wurden unter das Hofgesinde der Markgräfin Oda aufgenommen, und die jüngere an einen Dienstmann verheirathet, dem sie drei Töchter gebar, von denen die jüngste mit einem gewissen Reinold vermählt, den genannten Friedrich, einen zweiten Sohn, Ulrich, und zwei Töchter, Odilia und Rokele, zur Welt brachte. Alle Nachkommen der wahrscheinlich von hoher Geburt entsprossenen und begüterten Frauen 3) fanden bei ihrer Gebieterin die beste Behandlung, ja Friedrich und Ulrich wurden am Hofe erzogen und erhielten, als sie herangewachsen, die Verwaltung und Einkünfte mehrer Güter. Ihre Geistesfähigkeiten rechtfertigten das in sie gesetzte Vertrauen, dagegen erscheinen sie von Seiten des Charakters in sehr trübem Lichte, wenn nicht etwa durch gehässige Gerüchte, die ihre Gegner verbreitet, der anderthalb Jahrhunderte später lebende Chronist getäuscht worden ist. Nach seiner Berichterstattung gelangten die Brüder durch eine schnöde Frevelthat zum Besitz großer Reichthümer, indem sie drei dänische Bischöfe auf der Reise durch die Nordmark sammt deren Begleitern ermordeten, die Leichen in die Elbe warfen und die Schätze unter sich theilten. Ulrich zeigte früh

 

1) S. Alb. Stad. p. 154. a. Krantz Metrop. lib. VI. p. 143: Quum dudum illi (Lothario) bellum cum Udone fuisset Marchione, Fridericus primus pro domino suo restitit.

2) Alb. Stad. p. 133 a: Hujus Friderici avia et mater de Anglia navigantes in comitatu Stadensi naufragium passae sunt. Die Frauen können, wie aus dem Nachfolgenden erhellt, nicht Großmutter und Mutter, sondern um einen Grad aufwärts Urgroßmutter und Großmutter gewesen sein, sodaß mater scilicet aviae zu verstehen ist; freilich ist dann später für mater nupsit, avia nupsit zu verstehen.

3) S. Krantz Metrop. VI. cap. I. p. 143.

 

 

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77 Stadische Händel.

 

einen hochstrebenden Sinn und suchte dem Joch der Leibeigenschaft sich zu entziehen. Gleich einem freien Edlen erschien er an einem Hoftage zu Goslar vor dem Kaiser und den versammelten Fürsten. Sein Benehmen erregte den Unmuth vieler Anwesenden, vornehmlich seines eigenen Herrn Udo's, der ihn für die Keckheit mit einem Schlage ins Gesicht züchtigte. Der Kaiser aber, entweder weil er von Ulrich's Golde gewonnen, oder weil er eine solche Züchtigung in seiner Gegenwart für Entweihung der Majestät ansah, zürnte heftig über den Markgrafen, und es wäre zu blutigen Auftritten gekommen, wenn nicht die Gleichheit der Parteien zu ruhiger Ueberlegung und Beschwichtigung der Aufregung gemahnt hätte 1). Klüger verbarg Friedrich seinen nicht minder hochstrebenden Sinn und zeigte gegen seinen Gebieter Gehorsam und Dienstfertigkeit, gegen Widerspenstige im Lande Strenge, gegen auswärtige Feinde viel Umsicht und Tapferkeit. Udo II. übertrug ihm seit 1095 2) die Verwaltung der Grafschaft Stade, die unter Udo I. bereits aus einem Reichslehn in ein Kirchenlehn von Bremen 3) umgewandelt worden. Da Udo II., der in seinen letzten Lebenstagen einer mönchischen Andacht sich ergeben und, von einer plötzlichen Krankheit ergriffen, sie zu

 

1) Alb. Stad. a. a. O. Olricus in diebus secundi Udonis liberum se jactitans curiam Imperatoris Henrici adiit, quem cum coram Imperatorem Udo vidisset Goslariae, quaesivit in sententia, an licite posset vindicare sibi mancipium suum ubicunque reperiret. Et cum lata esset sententia, quod posset, dedit magnam alapam Olrico. Unde Imperstor commotus est, et ad arma, concurritur, sed propter aequalitatem partium lis facilius sopitur. Vergl. Krantz Metr. VI. cap. 2. Beide erzählen den Mord der dänischen Bischöfe.

2) Alb. Stad. a. a. O, Ann. Saxo ad 1087 p. 569: quem (Comitatum) habuit quadraginta annos. Da Friedrich 1135 starb, besaß er die Verwaltung Stade's seit 1095.

3) Alb. Stad. p. 164 a. Krantz Saxon. I. VI. cap. 6. p. 140: Cujus (Udonis I.) etiam tempore Comitatus Stadensis rediit ad eeclesiam Bremensem et datur in feodum Udoni. Nam usque in illum diem videntur Imperatores in eo suum jus constituisse. Dies Letztere erhellt auch aus Alb. Stad. p. 153 a., wo er bei Gelegenheit der beiden schiffbrüchigen Frauen sagt: tam homines quam res regiae ditioni sunt mancipati. Die regia ditio wurde eine ditio ecclesiae Bremensis, weshalb der Erzbischof Friedrich auf Anrathen Herzog Lothar's seine Macht über den Grafen Friedrich geltend machte. Alb. Stad. a. a. O.: ut Comitem Fridericum Ecclesiae suae mancipium evincere satageret, etc. Krantz Metr. p. 144: ut Fridericum velut mancipium suum in servitutem vendicaret. Von diesem Vorfall s. das Nähere im Text selbst und in den folgenden Anmerkungen.

 

 

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78 Zweiter Abschnitt.

 

Rosenfelde 1) (Juni 1106) beschlossen hatte 2), nur einen unmündigen Sohn hinterließ, begann Friedrich, dem die Verwaltung sämmtlicher Hausgüter bis zur Volljährigkeit des jungen Heinrich übertragen worden, darauf zu sinnen, wie er zu völliger Unabhängigkeit und zum erblichen Besitz der Grafschaft Stade gelangte. Die Zeitumstände schienen seinen Absichten günstig. Da Stade kein Erbgut mehr der frühern Besitzer war, so hatte der Erzbischof Friedrich von Bremen darüber zu bestimmen, und diesem mußte ein von seiner Gnade abhängiger Emporkömmling willkommener sein, als ein Lehnsträger, der wie ein Familienrecht den Besitz eines Kirchenlehns ansah. Die Minderjährigkeit Heinrich's erleichterte eine Aenderung um so mehr, als Udo II. nicht den nächsten Verwandten, sondern einen Fremden zur Verwaltung Stade's berufen 3) und Das, wie es scheint, mit Genehmigung des Herzogs Magnus und des Erzbischofs Friedrich 4). Um aber dem jungen Heinrich auf immer vom Besitz des Kirchenlehns auszuschließen, mußte Friedrich erst Standesfreiheit, die durch das Misgeschick seiner Großmutter und durch niedere, mindestens unfreie Abkunft seines Vaters ihm trotz alles Reichthums und persönlichen Ansehens mangelte, erlangen. Durch den Beistand des Kaisers hoffte er seinen Zweck am leichtesten auszuführen. Friedrich wußte, was Geld bei Heinrich V. vermöge. Er bot diesem 40 Mark Gold, eine zu verlockende Summe, als daß der habsüchtige Kaiser hätte widerstehen können. Alles kam nun darauf an, daß Friedrich seine freie Geburt in der Grafschaft, der er vorstand, nachwies 5).

 

1) Rosenfelde ist wol nur ein anderer Name, den die Mönche dem Kloster Hirschfelde beilegten. S. Wersebe, Gauen S. 269.

2) Alb. Stad. p. 153 b., Ann. Saxo ad 1106 p. 615: IV. Non. Junii de hoc saeculo migravit, eo felicius, quo sanctae illius legionis Monachorum, cui ipse studiosius stipendia vitae praesentis et fomenta paternae consolationis contulerat, jejuniis et orationibus adjuvatur intentius.

3) Der verschlagene Friedrich, der Alles über Udo vermocht hatte, wußte auch wol die Brüder zu seinem Vortheil zu entzweien.

4) Ann. Saxo a. a. O.: Udo Marchio Aquilonaris habita conventione cum Magno Duce et Bremensi Archiepiscopo vehementi infirmitate repente coepit laborare. Sollte bei dieser Zusammenkunft nicht auch über die Verwaltung der Länder, die Udo, im Begriff, sich von weltlichen Geschäften zurückzuziehen, Andern übertragen mußte, eine Abmachung mit dem Landesherzog und dem Oberlehnsherrn von Stade getroffen sein? Iedenfalls konnte Udo über Stade nichts ohne Zustimmung des Erzbischofs verfügen.

5) Alb. Stad.: Adiit ergo Imperatorem Henricum ultimum, dans ei XL marcas - - ut libertatem suam in comitatu, cui praeerat, testimonio posset astruere.

 

 

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79 Lothar wider Heinrich V.

 

Dann erhob ihn jener zum Grafen und Reichsfürsten. Die Sache wäre leicht von einem Kaiser, der damals auf dem Gipfel seiner Macht stand und dem in Sachsen alle Fürsten willfährig schienen, durchgesetzt worden, wenn nicht Herzog Lothar sich unerwartet der Beeinträchtigten, des jungen Heinrich's und Rudolf's, der bis zur Großjährigkeit seines Neffen mit der Nordmark vom Kaiser belehnt worden war 1), angenommen hätte. Wol nicht blos persönlicher Haß gegen Friedrich 2), oder ein Verlangen, mit dem Kaiser zu brechen, sondern das Gefühl der Rechtlichkeit veranlaßten den Herzog einer unredlichen Handlung sich zu widersetzen. Lothar, wenn er eigennützig seinen Vortheil suchen wollte, hätte jetzt von Friedrich mehr erlangen können, als ihm derselbe vormals im Diensteifer für Udo vorenthalten. Auch trat der Herzog zum Vortheil eines Hauses auf, das ihm einst rechtmäßige Ansprüche verweigert und nun seines Beistandes gegen den gefährlichsten Gegner bedurfte. Die Art, wie der Kaiser, den überdies seine Bestechlichkeit noch tiefer herabwürdigte, in Sachsen sich willkürliche Eingriffe erlaubte, gab dem Landesherzoge diesmal wie in der Folge bei ähnlichen Eingriffen Grund genug, der Erhebung Friedrich's sich zu widersetzen. Zu verhindern — ohne geradezu dem Kaiser entgegenzutreten — war die Sache allein, wenn die niedere Geburt des von unfreien Vorfahren Entsprossenen durch unbezweifelbares Zeugniß nachgewiesen, und so jede Standeserhöhung unmöglich gemacht wurde. Zu dem Zweck wandten Lothar und seine Schützlinge sich an den Erzbischof von Bremen. Sei es nun, daß Friedrich diesen Prälaten dadurch beleidigte, daß er sich an den Kaiser statt an ihn wandte, oder daß er die gefoderte Summe für seine Emancipation verweigerte, oder daß reinere Beweggründe den Erzbischof geleitet; genug er ließ sich von Herzog Lothar bewegen, Friedrich für einen Leibeigenen seiner Kirche zu erklären,

 

1) Ann. Saxo p. 615: Rudolfo fratri illius commissa est Marchia per octo annos ab Henrico Rege, ut nutriret filium ejus Henricum.

2) Alb. Stad. p. 154 a.: Dux autem Luderus infestus erat ei (Friderico), quia cum Udoni quondam guerram movisset, iste strenue ei restiterat. Das schreibt natürlich Krantz Metr. VI. cap. 2 nach. Es stimmt dieser Vorwurf gegen Lothar damit schlecht überein, daß Friedrich später bei einem Ueberfall Rudolf's und Heinrich's den Herzog um Schutz bittet. Er war bei Nacht den Ver- folgern entgangen, konnte also schwerlich große Geldsummen mitführen, durch die nach Krantz Lothar bestochen sei. Versprechen mochte er allerdings viel, und das nur sagt Alb. Stad.: quae potuit et quae non potuit, dedit. Von dieser Begebenheit und ihrer Veranlassung später.

 

 

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80 Zweiter Abschnitt.

 

da dessen Großmutter in Folge Schiffbruchs an den Küsten einer dem Bremer Stift angehörigen Grafschaft sammt ihren Nachkommen die Standesfreiheit verloren habe 1). Beide Theile mochten sich mit Beschwerden an den Kaiser wenden. Dieser, soviel er auch für Friedrich zu thun geneigt war, wagte dennoch nicht ohne die herkömmliche Form zu entscheiden. Er setzte einen Gerichtstag zu Rudolfsdorf 2) an, und sandte einen Hofbeamten zur Schlichtung des Streites dorthin. Der Erzbischof wie der Herzog erschienen nicht sowol als Partei denn als Vorsitzer in einer Landesangelegenheit, dagegen traten Rudolf und Heinrich einerseits und Friedrich andererseits als die Streitenden auf. Da Letzterer nicht Edle, sondern nur Leute niederen Standes, die er zu Eideshelfern gedungen, mit sich brachte 3), gerieth Rudolf darüber in Zorn, und, nicht Willens, auf ihr Zeugniß ein Erblehn seines Hauses fahren zu lassen, nahm er Friedrich gefangen und führte ihn in seine Feste Salzwedel ab 4). Es ist kein Zweifel, daß Lothar den Schritt gebilligt 5), da er das Recht auf Rudolfs Seite und die Entscheidung des kaiserlichen Bevollmächtigten zu Gunsten Friedrich's für Unrecht erkannte. Aber der

 

1) Alb. Stad. a. a. O.: Suggessit ergo Dux Friderico Bremensi Archiepiscopo, ut ipse Comitem Fridericum Ecclesiae suae mancipium evincere satageret, in Bremensi quippe avia et mater sua praetextu naufragii servituti sunt addictae. Krantz Metrop. a. a. O. sagt richtig avia et ejus mater. Da die Grafschaft Stade zu der Zeit, als jene Frauen dorthin kamen, noch Reichslehn gewesen, so mochte darauf hin der Kaiser sich die Freisprechung beimessen und dadurch des Erzbischofs Eifersucht reizen, der mit der Grafschaft auch alle darauf ruhende Rechte behaupten wollte. So war er Lothar's Vorschlag geneigter, als es sonst der Fall gewesen wäre, weil ihm Friedrich der unbedeutende Mann als Lehnsträger lieber als die mächtigen Markgrafen sein mußte.

2) Alb. Stad. p. 154: Rudolvethorpe indicto placito. Krantz a. a. O. gibt den Ort nicht an. Es ist Rahmsdorf im Amte Moisburg an der Grenze des Bremischen Sprengels. S. Wersebe, Gauen S. 242.

3) Fridericus Comes cum testibus plebejis videlicet, quos ad quidlibet jurandum compellere potuit.

4) Comes ergo Rodolfus rem tam (terram?) diu possessam levi testimonio non exponens, cum in manu valida venisset, Fridericum captivatum abduxit, et Soltwedele incarceravit.

5) Ann. Saxo und Annal. Hildesh. ad 1112 legen ihm sammt Rudolf die Schuld des Krieges bei: Commotio adversus Imperatorem concitata est a Duce Luidero et Rodolfo Marchione propter Fridericum Comitem de Stadhen, quem illi captum vinculis mancipaverant, quod Imperator graviter accepit.

 

 

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81 Beilegung des drohenden Bürgerkrieges.

 

beleidigte Kaiser vermeinte in dem Vorgefallenen eine Verletzung der Majestät und einen hinlänglichen Grund gefunden zu haben, in Sachsen feindlich aufzutreten. Zu Goslar versammelte er die Reichsfürsten um Weihnachten (1111) 1), ließ über Rudolf und Lothar die Reichsacht verhängen und sprach die Herzogswürde dem Grafen Otto von Ballenstädt, die Markgrafschaft Heinrich von Plotzke zu. Das war gleichfalls ein übereilter Schritt, zu dem gewiß nicht Alle, am wenigsten die sächsischen Großen ihre Einwilligung gaben. Nicht einmal den beiden zu neuen Würden Erhobenen erwuchs ein Vortheil daraus. Was vermochte Otto dem Herzog Lothar abzugewinnen? Nicht einmal den Titel seiner Würde. Und gegen Helprich von Plotzke, der schon den Vasallen der Nordmark verhaßt war, widersetzten sich diese mit neuer Erbitterung. Als darum der Kaiser mit einem Heere wider die Geächteten heranzog, fand er sie nicht von den Ihrigen verlassen, vielmehr zum Kampfe wohl gerüstet und entschlossen, ihm die Spitze zu bieten 2). Heinrich lag lange vor Salzwedel 3), vergeblich bemüht, die Veste zu erobern und den gefangenen Friedrich zu befreien. War ihm dies nicht einmal gelungen, so durfte er noch weniger hoffen, die unerschrocken zum Entsatz heranziehenden Feinde zu bekämpfen. Gern sah er es daher, daß friedliebende Vermittler 4) eine Aussöhnung zwischen ihm und den Fürsten herbeiführten. Der Ausgang dieses Streites zeigt, wie wenig Macht und Anhang der Kaiser in Sachsen befaß, um seinen Drohungen und Beschlüssen Nachdruck zu geben. Nicht nur daß Lothar und Rudolf in ungeschmälertem Besitz ihrer Länder und Würden blieben; es erhielt auch Friedrich, für den Heinrich sein ganzes kaiserliches

 

1) Ann. Hildesh. ad 1112 und Ann. Saxo: Imperator Natt. Dom. Goslariae celebrat, und Letzterer gleich darauf: Principes Goslariam convocat.

2) Ann. Saxo und Ann. Hildesh.: Ipsi non longe cum Imperatore pugnaturi cum exercitu manent.

3) Ebendaselbst: Imperator Saltwidele obsidet. Daß er die Stadt erobert und Friedrich so befreit habe, wird nirgend gesagt.

4) Ann. Hildesh. und Ann. Saxo wissen zwar von solchen nichts, sondern sagen: Bellica tandem rabie dissipata praedicti Principes gratia Imperatoris utuntur. Solche rabies konnte aber wol nur entweder durch Kampf gestillt, oder durch Vermittelung beschwichtigt werden. Ich vermuthe, der Erzbischof Friedrich von Bremen trat ins Mittel. Er, der früher gegen den Kaiser gleichfalls aufgetreten, ward von diesem unangetastet gelassen. Er blieb also wol neutral und konnte in einer Angelegenheit, die ein Lehen seines Stiftes so nahe anging, als der Kaiser friedlichere Gesinnungen zeigte, am leichtesten das Kriegsfeuer dämpfen.

I. 6

 

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82 Zweiter Abschnitt.

 

Ansehen aufgeboten, nichts als die Freiheit und lebte seitdem am Hofe und von der Gnade des Kaisers, bis es ihm beim Ausbruche eines neuen Bürgerkrieges gelang, die Grafschaft Stade wieder zu erhalten, deren ruhiger Besitz ihm jedoch noch oftmals streitig gemacht werden sollte.

 

Gleichzeitig mit den genannten Fürsten im nördlichen Sachsen zeigten sich im Südosten derselben Provinz und in Thüringen zwei Männer widerspenstig gegen den Kaiser, von denen der eine, Friedrich von Putelendorf 1), der Schwestersohn, der andere, Ludwig von Thüringen, der Schwestermann Rudolf's von Stade war, und daher vermuthen lassen, daß sie von Letzterem aufgereizt die Waffen ergriffen, um so von Norden und Süden zugleich den Kaiser zu bedrängen, oder ihn doch zu zwingen, seine Heeresmacht zu theilen und zu schwächen. Wirklich sah sich Heinrich genöthigt, dem Grafen Hoyer von Mansfeld den Krieg wider die Rebellen im Süden zu übertragen, wodurch er sich seines besten Feldherrn für seinen Feldzug im Norden beraubte. Auffallend bleibt, daß die bezeichneten Gegner des Kaisers diesmal für die gleiche Sache ihre Schwerter erhoben, die sie bisher mit so großer Erbitterung wider einander gekehrt hatten, und auch in der Folge stets für ganz entgegengesetzte Interessen erhoben. Der Grund, warum beide Männer einander tödtlich gehaßt, läßt sich leicht auffinden. Friedrich's Vater war (1085) von zwei Dienstmannen Ludwig's erschlagen worden; dieser hatte kurze Zeit danach die Witwe des Ermordeten, die durch Schönheit und seltene Geistesgaben berühmte Adelheide, Schwester Rudolf's von Stade, geheirathet, und sammt der Erziehung des aus ihrer ersten Ehe erzeugten nachgeborenen Sohnes auch die Verwaltung von dessen Stammgütern übernommen. Als Friedrich das zwanzigste Lebensjahr erreicht und das Ritterschwert 2) empfangen hatte, foderte er ungestüm die Ländereien und erblichen Würden seines Hauses. Wie erstere von seinem Stiefvater, wurden letztere von seinem Oheim 3), Friedrich von

 

1) So nannte sich schon sein Großvater, der Pfalzgraf Friedrich, da das alte Stammschloß Gosek in ein Kloster verwandelt worden war. Putelendorf, wol das spätere Botendorf, wurde seitdem der neue Hauptsitz der goseker Grafen.

2) Oder wie sich der goseker Mönch bei Hoffm., Script, rer. Lausatic, IV. p. 110, sehr gelehrt ausdrückt: Quoad usque Pythagoricae litterae bivium attingeret, und p. 114: Juvenis factus arma succinxit, paterna hereditate donari voluit.

3) Oda, die Schwester der drei berühmten Brüder, Dedo's, des ersten, Friedrich's, des zweiten Pfalzgrafen und Adalbert's, des Erzbischofs von Bremen, war an Adalbert Seveke, Grafen von Sommerschenburg, verheirathet. Beider Sohn war der hier genannte Friedrich. S. Ann. Saxo, p. 487.

 

 

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83 Friedrich v. Putelendorf u. Ludwig v. Thüringen.

 

Sommerschenburg, ihm vorenthalten. Wider Beide zugleich mit Gewalt aufzutreten, widerriethen ihm seine Freunde; er trachtete also zunächst in Besitz seines Erbgutes zu kommen. Wie aber auch nur dem machtigen Grafen Ludwig beikommen? Schon dessen Vater 1) war durch bedeutendes Privatvermögen, durch Gunst bei den Kaisern Konrad II. und Heinrich III., durch eine reichbegüterte Gemahlin der einflußreichste Fürst in Thüringen geworden. Ludwig selbst hatte wegen seiner treuen Anhänglichkeit an Heinrich IV. zwar manche Bedrängniß durch die antikaiserliche Partei erduldet, aber durch Klugheit und unermüdliche Thätigkeit seine Macht und sein vom Vater ererbtes Ansehen im Lande behauptet, wozu die Verbindung mit einer so reichen Fürstin wie Adelheide und die an sich gerissenen Güter ihres ersten Gemahls nicht wenig beitrugen. Friedrich dagegen hatte wenig Aussicht, sein Vorhaben mit Gewalt oder auf dem Wege des Rechts durchzusetzen; denn weder durfte er auf Beistand der sächsischen und thüringischen Fürsten hoffen, die damals alle mit Heinrich IV. und dessen Anhängern ausgesöhnt waren, noch einer günstigen Entscheidung an den Stufen des Thrones gewärtig sein, da sein Gegner beim Kaiser in höchster Gunst stand. Nichts als sein Schwert bot ihm Hülfe. Er war keck genug, dem allein zu vertrauen. Den nicht ganz ungegründeten Verdacht 2), daß Ludwig den Mord seines Vaters angestiftet habe, benutzte Friedrich, um Blutrache und zugleich das ihm vorenthaltene Erbe zu fodern. Zu einem Zweikampf, gleichsam zu einem Gottesurtheil ließ er Ludwig nach Merseburg entbieten. Nur ein Verbot des Kaisers Heinrich IV. oder des Königs Heinrich V. hintertrieb solche Entscheidung und zwang auf kurze Zeit den leidenschaftlichen Jüngling mit dem Stiefvater Frieden zu halten 3). Bald aber brach die heftigste Fehde

 

1) Der bekannte Ludwig mit dem Barte, angeblich ein Sprößling der französischen Karolinger, sicherlich wenigstens ein naher Verwandter Kaiser Konrad's II. und seiner Gemahlin Gisela.

2) Der goseker Mönch, p. 110, scheint die Anschuldigung Ludwig's zu kennen, doch hält er sie zurück, da Ludwig der Advokat seines Klosters ist. Von den Mördern, Ulrich von Deidenleibe und Reinhard von Rinstede, sagt er: Hi cum nullam causam mortis erga eum habuerint, quare vel cujus hoc flagitium commiserint consilio nostro non patet judicio.

3) Derselbe sagt p. 114: Verum inter se (Fridericum) et vitricum inimicitia publica exorta eousque processit, ut tam pro sui injuria quam pro patris interfectione duello Mersburg eum appetisset, nisi Imperatoris Heinrici autoritas intercepisset. Hinc pace inter eos reformata, sed in brevi ab utrisque ea violsata. Wenn dies im ersten Jahre der Mündigkeit Friedrich's, also 1105, geschah, konnte allerdings Kaiser Heinrich IV. noch der Vermittler sein. Mehr Wahrscheinlichkeit ist aber für König Heinrich V., der 1105 Pfingsten zu Merseburg zubrachte. S. Chron. Ursp. ad 1105. Vergl. meine Gesch. der Pfalzgrafen von Sachsen, §. 6.

 

 

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84 Zweiter Abschnitt.

 

zwischen ihnen aus, die Raub, Brand und Mord über das arme Land verbreitete 1). Im Widerspruch mit diesem gegenseitigen Hasse erscheint nun die Verbindung Friedrich's und Ludwig's wider Heinrich V. im Jahre 1112, die daraus noch nicht hinreichenden Ausschluß erhält, daß Beide als nahe Verwandte Rudolf's von Stade für dessen Sache zu kämpfen sich gedrungen fühlten. Wol mochte dieser Vorwand für Ludwig gelten, der ungern an seinen Stiefsohn die Besitzungen des goseker Hauses, weil es Heinrich geboten hatte, herausgegeben 2), und mit Unmuth gesehen, daß der Kaiser nicht wie dessen Vorfahren ihm, sondern einem bisher unbedeutenden Mann, Hoyer von Mansfeld, seine Gunst und die wachsame Beobachtung der Fürsten Thüringens anvertraue. Um Friedrich zum Abfall vom Kaiser und zu einem Bündniß mit seinem Todfeinde Ludwig wider jenen zu veranlassen, mußten stärkere Beweggründe mitwirken. Sie werden von keinem Schriftsteller angegeben, lassen sich aber wol, zumal bei seinem ungestümen, ehrgeizigen Charakter, aus seinen Ansprüchen an die Pfalzgrafschaft Sachsen vermuthen. Als Heinrich Herstellung des Rechts und der alten Ordnung versprochen, unterließ Friedrich sicherlich nicht, Ansprüche geltend zu machen, die seinem Hause unter frühern Regierungen zugestanden. Dazu gehörte die Verwaltung der Reichspfalzen in Sachsen. Heinrich V. war aber

 

1) De fundat. Monast. Gozec., a. a. O.: Iterantur rapinae, homicidia et incendia.

2) Daß dies in Folge des Vergleichs zwischen Stiefvater und Sohn geschehen, erhellt schon daraus, daß Friedrich nun im Stande war, eine Fehde gegen Ludwig zu beginnen. Wollte man den Bericht des goseker Mönchs gleich nach den angeführten Worten: Unde Palatinus ad Regem se contulit, cujus auxilio vitricum Principesque Saxoniae plurimum infestavit, auf die Zeit vor Friedrich's Gefangennehmung durch Hoyer von Mansfeld beziehen, so hätte Heinrich schon vor seinem Römerzuge den Grafen Ludwig angefeindet. Doch scheint die nachfolgende Bemerkung: Siquidem eo tempore ingentes inter eos excreverant inimicitiae, wol auf eine spätere Zeit, wo in Sachsen Alles sich in zwei Parteien spaltete, zu deuten. Die Bezeichnung Rex von Heinrich V. wird von dem goseker Mönch auch gebraucht, wo die Kaiserkrönung Heinrich's ganz unzweifelhaft vorüber war; z. B. nach der Schlacht im Welfelsholz: Fugatur Rex Henricus.

 

 

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85 Friedrich gefangen.

 

ebensowenig als sein Vater geneigt, ein Amt, das für die Aufrechterhaltung des kaiserlichen Ansehens, sobald dieses nur hergestellt, höchst wichtig werden konnte, einem unbesonnenen, händelsüchtigen Jünglinge anzuvertrauen. Er ließ es nach wie vor in den Händen Friedrich's von Sommerschenburg, und daß dieser im Jahre 1112 nicht einmal seinem Stammverwandten, dem Herzog Lothar, beitrat und selbst die Reichsacht über ihn ergehen ließ, beweist, wie gut der Kaiser sich auf ihn verlassen konnte. So lange Heinrich seine wahre Gesinnung vor den deutschen Fürsten zu verbergen Ursache hatte, hielt er Jeden, der Ansprüche machte, die er nicht sogleich befriedigen konnte oder wollte, mit Versprechungen und Vertröstungen auf die Zukunft hin. Als er aber von der Kaiserkrönung nach Deutschland zurückgekehrt war, warf er die Maske der Leutseligkeit und Milde ab, foderte mit Strenge Gehorsam und beachtete die gerechtesten Ansprüche und Anfoderungen Anderer wenig oder wies sie unwillig zurück. Zumal in Sachsen kennen wir sein Verfahren. Da mochte auch Friedrich's ungestümes Verlangen von ihm stolz abgeschlagen worden sein, und der Zurückgewiesene in bitterm Unmuth über seine getäuschten Hoffnungen sich mit seiner Mutter Bruder verbinden und selbst mit seinem Stiefvater aussöhnen, um mit ihm vereint an Heinrich V., wie sein Großvater an Heinrich IV., für Beeinträchtigungen sich zu rächen. Der Erfolg dieses raschen Wagnisses war aber für ihn ein unglücklicher. Er mußte (6. Juni 1112) sammt seinem Stiefbruder Hermann auf einer thüringischen Veste sich dem Grafen Hoyer von Mansfeld ergeben, wurde dem Kaiser ausgeliefert und fast zwei Jahre auf dem Hammerstein am Rhein gefangen gehalten 1). Wie Heinrich hier nicht selbst thätig gewesen, sondern seinem Feldherrn Hoyer den Kampf und den Gewinn desselben überließ, so scheint auch die Aussöhnung mit den nordsächsischen

 

1) Chron. Sampetr. ad 1112, Mencken III, p. 207: Hermannus, Ludewici, Comitis filius, et Fridericus, frater illius uterinus in castello Thuchure obsidentur et VIII Idus Junii deditioni se cujusdam Hogeri tradentes captivi abducti sub potestate Regis Heinrici in vincula detruduntur, sed Fridericus post annos duos resolvitur, Hermannus duobus annis et plus in carcere transactis flebiliter in castello Hammerstein III Idos Julii in vinculo moritur. Die Addit. ad Lamb. Schaffn. nennen den Ort der Gefangennehmung Truthira, der Autor de Landgraviis Thur. bei Pistor p. 985 Tucher. Gegen diese sehr bestimmten Angaben setzt Stenzel I, S. 654 ohne Grund Friedrich von Sommerschenburg statt Friedrich von Putelendorf. Jenes Gefangensetzung fällt erst in den weimarschen Erbfolgekrieg 1113.

 

 

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86 Zweiter Abschnitt.

 

Gegnern sich nicht auf die Widerspenstigen im Süden erstreckt zu haben, und Ludwig, wenn auch hart bedrängt 1), wollte sich doch keineswegs ergeben, was freilich die gefangenen Söhne hart entgelten mußten.

 

Diese Vorfälle in Sachsen waren das Vorspiel eines Kampfes, der bald ganz Deutschland wieder in die Zeiten Heinrich's IV. zurückversetzen und dem kaum wiederhergestellten kaiserlichen Ansehen eine größere Beschränkung als je, nicht nur den Päpsten, sondern auch den Reichsfürsten gegenüber, herbeiführen sollte. Als Heinrich um die Mitte des Jahres 1112 2) Sachsen verließ und sich nach dem Rhein begab, war zwar kein Fürst außer Ludwig von Thüringen wider ihn in Waffen, aber bei vielen ein Unwille über seinen Stolz, seine Habgier, seine willkürlichen, selbst gewaltsamen Eingriffe zurückgeblieben, und es bedurfte nur eines geringen Anlasses, um die Fürsten mit Hintansetzung ihrer Privatfehden zu einem Bunde gegen das Reichsoberhaupt zu vereinen. Zu den bisher genannten traten noch als zwei der heftigsten Gegner Heinrich's V. die Grafen Wiprecht von Groitsch, Vater und Sohn. Sie stammten von einem berühmten slavischen oder nach Anderen von einem altgermanischen Geschlechte, dessen Sprößling Wolf um die Zeit, als Markgraf Wilhelm von der Nordmark gegen die Luitizer blieb, in dem Gau Belesen oder dem sogenannten Balsamerlande auf der Grenze Sachsens und der Altmark sich eine Herrschaft erkämpfte 3). Sein Sohn Wiprecht, des Namens der erste, der zum Christenthum übertrat, behauptete sich nicht nur gegen die neuen Inhaber der Nordmark aus dem stadischen Hause in des Vaters Eroberung 4), sondern erwarb auch durch Vermählung mit Sigena, der Tochter des Grafen Goswin von Leige oder Leinungen, neue Besitzungen in freilich entlegenen Gegenden 5). Gleich Wolf ward er als Kriegsheld gepriesen,

 

1) Eckardsberge und Naumburg, die Heinrich V. 1112 in seine Gewalt bekam (S. Vita Viperti, cap. X, §.6), waren Besitzungen Ludwig's und also damals ihm entrissen.

2) Am 16. Juni war Heinrich noch in Salzwedel, am 16. Juli in Mainz. S. die von Stenzel II, p. 321 angezogenen Urkunden.

3) S. Vita Vip., cap. I, §. I, wo von den berühmten Harlungen Wolf abgeleitet wird. Seine Schicksale und Kriegsthaten §. 2—5, wo es §. 4 heißt: Praeter ea Balsamorum regio sorte bellica cessit ejus dominio.

4) Daß der Gau Belesen zur Nordmark gehört, weist Wersebe, Gauen, S. 149 nach.

5) Vita Vip., cap. I, §. 8: In cujus (Sigenae) dotem Morunge et Gaterslebe, cum suis territoriis et allodiis ac caeteris appendiciis constituit. Wersebe zählt die Orte zum Helmgo und hält Goswin für keinen Gaugrafen, sondern zählt ihn den sogenannten freien Schloßgrafen bei a. a. O. S. 63.

 

 

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87 Die Grafen Wiprecht von Groitsch.

 

starb aber jung, ehe sein Sohn gleiches Namens im Stande war, das väterliche und mütterliche Erbe selbst schon zu verwalten 1). Sigena, die noch einmal mit dem Grafen Friedrich von Lengenfeld sich vermählte, übertrug die Vormundschaft über die Kinder erster Ehe 2) dem Markgrafen Udo I. von Stade, der dieselben mit Sorgfalt erzog, und vornehmlich Wiprecht in Allem ausbilden ließ, was ihn dereinst zum Muster eines Mannes, wie die damalige Zeit es aufstellte, machte, sodaß sein Name in Italien, wie in Deutschland und den Slavenländern gefürchtet war, ja selbst in Kaiser Heinrich IV., dem er wie kein anderer sächsischer Fürst in vielen Gefahren und Kämpfen treu angehangen, eine Eifersucht über sein Glück und Argwohn über sein Ansehen erweckte 3). Udo bot seinem Mündel — zugleich um seine eigenen Besitzungen zu arrondiren — einen Ländertausch an, wodurch Wiprecht in ganz anderen Gegenden seine und seines Hauses Herrschaft gründete. Für das Balsamerland gab ihm der Markgraf die Herrschaft Groitsch an der Elster, und für Tangermünde, das er ihm früher zugewiesen, andere zur Nordmark gehörige Lehen. Mochte immerhin eine versteckte Absicht, den gefährlichen Nachbar mehr zu entfernen, hiebei zum Grunde gelegen haben 4), Wiprecht, der ohne Widerspruch in die Abtretung eingewilligt, fand niemals Grund zu bereuen, daß er eine Herrschaft in Gegenden gewonnen,

 

1) Vita Vip., cap. I, §. 8: In armis et consilio viguit, multaque praeclara belli facinora miles egregius exercuit. Von seinem Tode §. 10: Immatura morte terminum vitae clausit Wigberto filio adhuc puerulo.

2) Außer Wiprecht II. waren noch zwei Töchter, über deren Verheirathung Vita Vip., cap. I, §. 9. Ein Enkel Sigenens aus zweiter Ehe war Erzbischof Rugger von Magdeburg, ein Urenkel in weiblicher Descendenz der berühmte Otto von Wittelsbach.

3) Wiprecht's Thaten unter Heinrich IV. berichtet sehr ausführlich Vita Vip., cap. III—V. Im letzteren §. 11: Sed etiam ipsi Imperatori Henrico videretur formidabilis, qui invidiam contra eum coepit habere quam maximam. Daß es von Seiten Heinrich's nicht Eifersucht, und von Seiten Wiprecht's nicht die Thaten im Dienste des Kaisers und seiner Hausmacht, sondern eine geänderte Gesinnung gegen den Papst und die Kirche gewesen, später.

4) Vita Vip., cap. II, §.2: Qui ejus diligere videbantur probitatem, exosam habebant vicinitatem. Quapropter plerique Marchioni consilium dederunt, ut quoquo pacto, duntaxat honeste et pacifice, Wigbertum a se removeret, eo quod non sibi suisque tantum sed etiam posteris praecaveret. Ueber die an Wiprecht abgetretene Lehen des stadischen Hauses s. Schwarz, Appendix ad Petrum Albinum, Mencken III, p. 960.

 

 

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88 Zweiter Abschnitt.

 

wo er durch Kriegsthaten und geistige Ueberlegenheit später eine Menge kleiner Landesherren sich unterwarf oder doch abhängig machte. Sehr richtig berechnet war auch von Wiprecht sein Anschluß an Herzog Wratislav von Böhmen. Indem er demselben bei Heinrich IV. die Königswürde auswirkte, kettete er nicht nur Beider Interesse aneinander, sondern wußte in dem Schutze und in der Gunst zweier so mächtiger Herren auch für sich einen Gewinn zu erringen. Wratislav gab ihm seine Tochter Judith zur Gemahlin und als Heirathsgut die Gauen Nisin und Budissin 1). Reich belohnte ihn der Kaiser für die in Italien geleisteten Dienste mit Ländereien und großen Geldsummen. So kamen die Veste Leisnig zwischen Dresden und Leipzig und die alte Pfalz Dornburg in Thüringen an Wiprecht. Wie abgeneigt diesem auch die für Gregor gesinnten Geistlichen wegen seiner Treue gegen Heinrich waren, um Andere hatte er sich verdient gemacht und erhielt von ihnen Geld und Gut zum Lohne 2). Anderes fiel ihm durch Erbrecht zu, wie die an der Unstrut gelegenen Ländereien Viso's von Wisenburg 3). Daneben vergrößerte er selbst durch Tapferkeit und, wo es galt, durch List seine Besitzungen, die ihn in Thüringen, im Osterland und Sachsen zu einem der mächtigsten, geachtetsten, aber auch gefürchteten und beneideten Fürsten machten. Im Geiste seiner Zeit vernachlässigte Wiprecht über dem Irdischen nicht das ewige Heil zu suchen, durch Erbauung von Klöstern, durch reiche Spenden an Kirchen und Stifter bei Gott und Menschen Wohlgefallen zu erwerben. So gründete er neu die Klöster Pegau im Osterlande, Reinersdorf an der Unstrut, stellte die verfallene Abtei Oldensleben auf der Grenze von Thüringen und Sachsen wieder her und wendete diesen und

 

1) Vita Vip., cap. IV, §. 28, cap. V, §. 10, De fundat. Coen. Bigaug., p. 120. Vergl. Petri Albini genealog. Com. Leisnic., Mencken III, p. 854.

2) Vita Vip., cap. IV, §. 19: Maguntinus 1300 taIentorum beneficium, Coloniensis pagum omnem, qui dicitur Horla, Halberstadensis et Monasteriensis singuli ad trecenta Wigberto concesserunt. Revertenti tandem eidem Imperator obviam processit, seque negligenter in tam utilem ac fidissimum sibi totique Regno deliquisse fatetur. Proinde castellum nomine Leisnik cum plurimis adjacentibus in proprietatem donavit, postmodum ad Curiam in Altestede beneficium trecentorum talentorum et Dornburg cum suis attinentiis, postea in curia Merseburg habita eidem 300 talenta assignavit. Und cap. V, §. 7: Suscepit etiam eo tempore in beneficium a Walrabano, Zisensi Episcopo, pagum Butsin cum mille et centum mansis ei adjacentibus. Vergl. über diese und andere Besitzungen Schwarz, Append. p. 960 seqq.

3) Vita Vip., cap. IX, §. 5. Schwarz, Append, p. 967.

 

 

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89 Die Grafen Wiprecht von Groitsch.

 

anderen Stiftungen ausgedehnte Güter und reiche Geschenke zu 1). Mit solchen frommen Werken vertrug sich nicht länger, daß Wiprecht dem Papste die allgemeine Verehrung versagte, daß er vor dem Stellvertreter Christi auf Erden ein Gebannter, ein Ketzer, ein aus der Kirchengemeinschaft Verstoßener erschien. Es mahnte ihn mit Furcht und Reue an seine einst dem römischen Stuhle angethanen Gewaltthätigkeiten. Auf den Rath des Erzbischofs Hartwig von Magdeburg und dessen Nachfolgers, Werner, unternahm er eine Reise nach Rom, warf sich dem Papst unter Thränen der Reue zu Füßen, und unterzog sich auf sein Gebot sogar einer Pilgerfahrt nach Compostella in Spanien 2). Der Freund des Papstes hörte aber auf, der des im Banne liegenden und im Kampfe wider die Hierarchie verharrenden Kaisers zu sein. Dies mehr als Neid über Wiprecht's Glück machte dessen Wohlthäter, Heinrich IV., gegen ihn mistrauisch. Auf welche edle Weise Wiprecht dies vergalt, und wie er noch einmal einen treuen Dienst seinem Herrn und Kaiser leistete, zeigt, daß in einer Zeit, wo fast alle deutschen Fürsten jenen verlassen, Wiprecht den in Borivoi's von Böhmen Schutz Geflüchteten trotz der Kriegsmacht des rebellischen Sohnes mitten durch Deutschland sicher bis nach Mainz geleitete 3). Erst als die meisten Fürsten dem neuen viel versprechenden Herrscher sich zuwandten, wollte auch Wiprecht die Ruhe im Osten nicht länger stören, schloß sich an Erzbischof Ruthard von Mainz und somit an den jungen König 4).

 

So war der Mann, der sammt seinem gleichnamigen Sohne Wiprecht III. auch in der Regierungsgeschichte Heinrich's V. eine bedeutende Rolle spielen sollte. Daß dieser einen mächtigen, angesehenen, kriegserfahrenen Fürsten auf alle Weise an sich zu fesseln suchte, war natürlich. Doch die unlautere Politik des Königs bei den Thronstreitigkeiten Böhmens, wobei Wiprecht sich seines Schwagers und ehemaligen Kampfgenossen Borivoi's gegen die Kronprätendenten

 

1) Vita Vip., capp. VI—IX.

2) Vita Vip., cap. V, §§. 11—21, De fundat. Coen. Big., p. 120 und 21. Man sieht, wie die Geistlichkeit dem Reuigen auf alle Weise Güter und Geld abzudringen bemüht war. Da gingen die reichen Geschenke, die Wiprecht von Kaiser und Fürsten erhalten, darauf, und er mußte von seinem Schwiegervater neue Summen erbitten.

3) Cosmas p. 2089; Chron. Ursp. ad 1105; Vita Henrici IV., p. 388.

4) Vita Vip., cap. VII, §. 22. Auf der großen Fürstenversammlung zu Mainz erschien auch Wiprecht. Vita. Vip., cap. VIII, §. 1; De fund. Coen. Big. p. 121, dort fälschlich das Jahr 1109, hier 1107 angegeben.

 

 

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90 Zweiter Abschnitt.

 

Swentopolk und Wladislav mit Eifer annahm, untergrub das gute Vernehmen Beider und machte Wiprecht zu einem erbitterten Gegner Heinrich's. Schon hatte der jüngere Wiprecht seinen Oheim nach Prag zurückgeführt (Dec. 1109), als Heinrich durch Wladislav bestochen, diesen begünstigte und Borivoi sammt seinem Beschützer, weil sie sieben Tage sich hartnäckig widersetzt, nach Hammerstein als Gefangene abführen ließ 1). Vergebens zürnte der ältere Wiprecht über die Treulosigkeit des Königs. Noch war dieser in Deutschland zu mächtig, als daß ihm ein Graf Trotz bieten konnte. Um die Freiheit seines Sohnes zu erlangen, mußte der Vater die wichtigen Städte Leisnig und Morungen, die Gaue Nisin und Budissin abtreten, womit der König seinen Günstling Hoyer von Mansfeld belehnte 2). Es konnte nach solcher Kränkung nicht fehlen, daß Wiprecht bei den stadischen Händeln seinen Unmuth über Heinrich schon in Thaten bemerkbar machte und mit den widerspenstigen Fürsten Gemeinschaft pflog. Ueberdies war er ja an das stadische Haus durch empfangene Wohlthaten und schuldige Lehnspflicht gekettet 3), und mit Lothar stand das groitscher Haus seit einigen Jahren in naher Familienverbindung, da Wiprecht der Aeltere nach dem Tode seiner ersten Gemahlin (gestorben 1109) sich abermals (1110) mit Kunigunde, der Witwe Konrad's von Beichlingen,

 

1) Vita Vip. und De fund. Coen. Big. p. 122 weichen in Vielem von Chron. Ursp., Ann. Saxo ad 1110, wie von Cosmas, Anonym. Chron. Boh. und anderen böhmischen Schriftstellern ab. Die Zeitangaben sind bei ersteren falsch. Auch ist die Ermordung Swantopluck's wahrscheinlicher einem Wisrowacier, der sein Geschlecht rächte, als einem der Dienstmannen Wiprecht's beizulegen. Daß dieser aber dem Mörder und denjenigen Böhmen, die Borivoi anhingen, Schutz verliehen, daß Heinrich ihn nur durch das Versprechen, Borivoi die Krone zuzuwenden, von offener Widersetzlichkeit abgehalten, ist glaublich. Ueber Wiprecht muß dessen Biograph doch für unterrichteter gelten. In der Rückführung Borivoi's durch Wiprecht den Jüngeren stimmen Alle überein. Dann lassen die böhmischen Chronisten Borivoi und Wiprecht durch Wladislav und ein deutsches Heer in Prag bedrängen; die deutschen, auch Chron. Ursp. und Ann. Saxo, den König Heinrich herbeiziehen. Ann. Saxo und die böhmischen Schriftsteller haben die Gefangennehmung Wiprecht's ganz kurz, Vita Vip. und der pegauer Mönch weitläufiger angegeben: Rex Wigbertum in Praga, Borwi in Wissegrad obsedit, eosque per septem dies reluctantes tandem obtinuit et captivos secum abduxit eosque in Hammerstein custodiae mancipavit.

2) Vit. Vip., cap. X, §. 6; Pegauer Mönch p. 122.

3) Vita Vip., cap. II, §. 1 u. 3, cap. VII, 30, sprechen das Lehnsverhältniß deutlich aus, wenn auch kein so mächtiger Lehnsträger zu Diensten gezwungen werden konnte.

 

 

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91 Die Grafen Wiprecht von Groitsch.

 

Wiprecht der Jüngere mit dessen Tochter, Kunigunde, also mit Tante und Nichte Richenza's vermählt hatten 1). Der Kaiser, der wohl wußte, daß er vom Vater beim Ausbruche der thüringischen Unruhen für sich nichts Gutes zu erwarten habe, suchte den Ehrgeiz des Sohnes, der an seinem Hofe lebte, zu bestechen, belehnte ihn mit Eckardsberga 2) und versprach, ihn noch reicher und, ehe der Vater mit Tode abgehe, zum unabhängigen Fürsten zu machen. Gegen den älteren Wiprecht aber entbot er Wladislav, der auch mit einem Heere aus Böhmen und Deutschen Groitsch belagerte, hier aber so tapferen Widerstand fand, daß er nach acht Tagen mit einem Verluste von 500 Todten abziehen mußte. Im Unwillen über dies misglückte Unternehmen vergaß Heinrich seine Verbindlichkeit gegen Wiprecht den Jüngeren und übergab das diesem zugesagte Naumburg einem Andern 3). Da erkannte der getäuschte Jüngling, der seinem eigenen Vater feindlich entgegengetreten war, daß der Kaiser ihm und seinem Hause nicht nur keine neuen Besitzungen abtreten, sondern wol gar die alten entziehen wolle, wurde der erbittertste Gegner Heinrich's, und hat diesem in der Folge bewiesen, welchen Heldenarm er durch Arglist und Habsucht sich verscherzt. Freilich sollte auch das groitscher Haus den Haß des Kaisers noch hart empfinden.

 

1) Vita Vip., cap. IX, §. 1 und 2, Ann. Saxo ad 1103 p. 599: Quarta (filia Cunonis) Cunigunda nominata, sicut mater, nupsit Wiperto juniori.

2) Vita Vip., cap. X, §. 6; Pegauer Mönch p. 122. Eckardsberga, 2 Stunden von Naumburg, gehörte wahrscheinlich dem vom Kaiser bekriegten Ludwig von Thüringen.

3) Vita Vip., cap. XI, §. I u. 2; Pegauer Mönch p. 121.

 

 

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92 Dritter Abschnitt.

 

Dritter Abschnitt.

Der weimar-orlamündische Erbfolgekrieg, Erzbischof Adalbert von Mainz in Verbindung mit der Kirchenpartei und den sächsischen Rebellen. Reinald von Bar. Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands. Schlacht im Welfesholze.

 

Eines der ältesten und mächtigsten Geschlechter Thüringens war das weimar-orlamündische, da seine Abstammung von jenem fränkischen Grafen Poppo 1), der nach Tachulf und Ratolf als der dritte Markgraf oder Herzog der sorabischen Grenze unter den letzten Karolingern das südöstliche Thüringen verwaltete, sich mit großer Wahrscheinlichkeit herausstellt 2). Zwar wurde Poppo, weil man ihn der Ermordung des Bischofs Anno von Würzburg beschuldigte, seines Amtes entsetzt 3), doch erscheint schon im Jahre 953 sein Nachkomme Wilhelm als mächtiges Oberhaupt der Thüringer und wieder ein Wilhelm — wol des vorigen Sohn — war es, der 1002 vom Kaiser Heinrich II. für die wichtigen Dienste, die er demselben gegen den Markgrafen Eckhard, den Mitbewerber um die Krone, geleistet, die Aufhebung eines althergebrachten aber drückenden Tributs, den die Thüringer an den kaiserlichen Hof entrichten mußten, auswirkte. Gewiß belohnte der König auch Wilhelm selbst durch manche Erweiterung seines Gebietes und seiner Macht, die weiter als über eine bloße Grafschaft sich erstreckte 4). Nicht minder gnädig erwiesen

 

1) Er heißt der Bruder eines mächtigen fränkischen Grafen Heinrich. S. Gensler, Gesch. des Grabfeldes, II, S. 109.

2) Schulte's Henneberg. Gesch., I, S. 17 und Eccard, De reb. Franc. orient., II, p. 731 und Historia geneal. princ. Sax., p. 237 seqq. weisen die hennebergischen und die älteren orlam. - weimar. Grafen als Descendenten jenes Poppo nach. S. die geneal. Tabelle Nr. XVII, in Schaukegl, Spicil.

3) Nach Poppo erhielt es Konrad, der Vater König Konrad's I., trat seine Würde in Thüringen aber an Burchard ab, der 909 gegen die Ungarn blieb, und dessen Söhne, Burchard und Bardo, vor der Uebermacht Herzog Heinrich's von Sachsen weichen mußten. Die Markgrafenwürde in Thüringen hörte wol auf, bis Eckhard, der auch Markgraf von Meißen war, die erneute von Otto III. erhielt.

4) Besonders wurden durch ihn die Söhne Eckhard's, die des Vaters Würde dem Namen nach beibehielten, sehr beschränkt. Princeps, Praetor, Comes potentissimus Thuringiae, auch Comes de Thuringia sind die Benennungen Wilhelm's bei Ditmar, Ann. Saxo, Adelbold u. A.

 

 

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93 Der weimar-orlamündische Erbfolgekrieg.

 

sich die beiden ersten fränkischen Kaiser gegen die Söhne Wilhelm's, obschon auch das den Orlamündern feindliche Haus Eckhard's in hoher Gunst bei ihnen stand. Entschiedene Uebermacht gewannen Jene, als 1046 nach Eckhard's des Jüngern Ermordung Wilhelm der Jüngere die Markgrafenwürde erhielt 1). Eingedenk der vom Kaiser empfangenen Wohlthaten blieb Wilhelm auch Heinrich IV. getreu, wenn er auch dabei ebenso sehr seines Hauses Vergrößerung als des Reiches Ruhm und Wohlfahrt im Auge behielt. Als er 1061 auf des jungen Königs Geheiß dessen Schwager, Andreas von Ungarn, zu Hülfe zog, erlag seine Tapferkeit der Uebermacht des Herzogs Bela, allein der Sieger ehrte den Helden, entließ ihn nicht nur aus der Gefangenschaft, sondern verlobte ihm sogar seine Tochter Sophia 2). Leider wurde Wilhelm auf der Rückreise von Ungarn krank und starb, ehe er die reiche Braut geheirathet (1062). Die Mark erhielt sein Bruder Otto, und auch die Braut vermählte sich einem nahen Verwandten des Verblichenen, dem Markgrafen Ulrich von Krain, dem Sohne von Wilhelm's zweitem Bruder Poppo 3). Die Thüringer hatten bald Ursache, mit ihrem neuen Herrn unzufrieden zu sein; denn, wie einst Graf Wilhelm der Aeltere durch jene Befreiung von drückender Steuer ihre ganze Zuneigung gewonnen, so erregte Otto ihre Erbitterung, als er zuerst unter allen Fürsten des Landes dem habsüchtigen Erzbischof Siegfried von Mainz den gefoderten Zehnten bewilligte 4). Deshalb zeigte bei seinem Tode (1067) sich allgemeine Freude, und statt der früheren Anhänglichkeit für das orlamündische Haus, dessen nächster männlicher Sprößling, da Otto nur Töchter hinterlassen, Ulrich von Krain, zu der Markgrafenwürde

 

1) Ann. Saxo ad 1046: Eckihardus Marchio subitanea morte praefocatus interiit, et Wilhelmus Marchiam illius adquisivit. Hujus pater fuit Wilhelmus, Comes de Wimare, venerabilis senex, qui ab Henrico Imperatore Babenbergensi pro gente Thuringorum impetraverat, ut census porcorum, qui annis singulis ab ea regiis stipendiis persolvebatur, remitteretur. Quem censum instituerat Theodoricus Rex, qui eosdem Thuringos ex maxima parte delevit. S. Wersebe, Vertheilung Thüringens, S. 59.

2) Daß Sophia Bela's Tochter gewesen, zeigt Schaukegl, Spic. p. 175 not. 45.

3) Ann. Saxo ad 1062. Nach Ulrich's Tode (1070) vermählte sich Sophia mit Magnus von Sachsen. S. Ann. Saxo ad 1106

4) Lamb. Schaffn. ad 1067: Primus ex Principibus Thuringorum — decimas ex suis in Thuringia possessionibus dare consensisset, etc. Bekanntlich erregte die Sache viel Unruhe und that auch Heinrich IV., der Siegfried, damit dieser ihn von seiner Gemahlin Bertha scheide, unterstützte, bei den dem fränkischen Hause bisher sehr zugethanen Thüringern Abbruch.

 

 

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94 Dritter Abschnitt.

 

im Lande berechtigt gewesen wäre, große Bereitwilligkeit einem fremden Landesherrn zu gehorchen. Es war dies Ekbert der Aeltere von Braunschweig, dem Heinrich IV. aus Rücksicht auf Verwandtschaft und vielfach geleistete Dienste die Markgrafschaft Thüringen übertrug 1). Weil kein Familienband zwischen dem neuen Markgrafen und dem orlamündischen Geschlechte bestand, und in solchem Falle irgend welche Verbindung durch Heirath von den Unterthanen gern gesehen wurde, so war Ekbert entschlossen, sich von seiner früheren Gemahlin Irmengard zu trennen, um mit Otto's Witwe, der schönen, sowie reich begüterten Adele, einer Tochter des Grafen Lambert von Brabant, sich zu vermählen. Doch der Tod entriß ihn (Ende 1067), ehe er dieses Vorhaben ausführen konnte 2). Ihm folgte in allen Erb- und Lehngütern sein gleichnamiger Sohn, der noch in sehr jugendlichem Alter stand, nach wenig Jahren aber durch sein ehrgeiziges Streben Thüringen und Sachsen, ja dem ganzen Reiche Verderben brachte, bis er Allen ein Gegenstand des Hasses seinen verdienten Tod fand (1090). Obschon ihm gelungen, woran seinen Vater der Tod verhindert, durch Vermählung mit Oda, der Tochter des Markgrafen Otto, dem vorigen Herrscherhause von Thüringen verwandt zu werden, so blieb doch seine Ehe kinderlos, und erlosch mit ihm die männliche Linie der braunschweigischen Fürsten. Die großen Erbgüter erhielt seine Schwester Gertrud, die, obschon dreimal vermählt, auch den dritten ihrer Männer, Heinrich den Aelteren von Eilenburg aus dem Hause Wettin noch vierzehn Jahre überlebte. Diesen Letzteren, dessen Vater Dedo die Mark Lausitz

 

1) Lamb. Schaffn. und Ann. Saxo ad 1067: Marchiam ejus Ecbertus patruelis Regis suscepit. Diese Verwandtschaft ist nur dann richtig, wenn Kaiser Konrad II. vor Gisela von Schwaben mit Gisela von Werla, Ekbert's Mutter, verheirathet gewesen ist. Ekbert befreite Heinrich IV. nicht nur von dem Rebellen Otto 1057, sondern rettete ihm auch 1062 das Leben, als der junge König von Anno von Köln entführt, in die Fluthen des Rheins sprang. S. Lamb. ad 1062.

2) Ann. Saxo ad 1068: Ecbertus Marchio - - modica febre pulsatus finem vitae accepit, sed Marchiam adhuc vivens adquisierat filio suo tenerrimo infantulo, nomine Ecberto, quem ei Imula vel Irmengardis, vidua Ottonis, Ducis de Svinvorde, genuerat, Berthae Reginae matertera, cui tamen ipse paucis diebus, antequam vita discederet, repudium scribere cogitaverat, et contra statuta Canonum viduam praedicti Ottonis Marchionis ducere, quod haec forma elegantior et efferatis suis moribus opportunior videretur. — Ad 1062: Otto M. habuit uxorem nomine Adelam de Brabantia ex Castello, quod Lovene dicitur.

 

 

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95 Der weimar-orlamündische Erbfolgekrieg.

 

erhalten 1) und auf den Sohn vererbt hatte, belehnte Heinrich IV. noch zu des rebellischen Ekbert's Lebzeiten mit der meißner Mark. Auch er heirathete, um sich in Meißen zu befestigen, seines Gegners und Vorgängers Schwester, Gertrud. Nicht so glückte es ihm, Thüringen, Ekbert's zweite Lehnsherrschaft, zu erwerben 2), die wieder ein orlamündischer Sprößling, Ulrich der Jüngere, der Sohn Ulrich's von Krain, also ein Brudersenkel von Wilhelm und Otto, erhielt, und mit dessen Tode der orlamündisch-weimarische Mannesstamm ausstarb (1112) 3).

 

Dieses Ereigniß war es, welches den Ausbruch der lange verborgenen Gährung in Sachsen auf einmal herbeiführen und den Thron Heinrich's mächtig erschüttern sollte, obschon anfangs das Glück ihn auf den höchsten Gipfel zu stellen schien. Nach altherkömmlichem Rechte, das den Kaiser nach dem Aussterben eines Fürstenhauses zum Erben aller nachgelassenen Güter machte, wollte Heinrich die Hinterlassenschaft Ulrich's einziehen 4). Da trat Pfalzgraf Siegfried von Rhein, der kürzlich auf Dringen der Fürsten aus seiner Haft entlassen und, wie es schien, zu vollen Gnaden bei Hofe restituirt war 5), mit Ansprüchen an die orlamündischen Allodien hervor, eilte nach Sachsen und bewog durch heftige Klagen über seine früher erlittene Gefangenschaft und die neue Beeinträchtigung seiner Erbrechte die erbittertsten sächsischen Fürsten leicht, sich für ihn und mit ihm gegen das Reichsoberhaupt zu verbinden. Zu einer andern Zeit würde man seinen Ansprüchen an die orlamündischen Güter wenig Gehör geliehen, und das Verfahren des Kaisers kaum eine Ungerechtigkeit genannt haben, da dieser Beispiele viel ungegründeter

 

1) Chron. Mont. Ser. annexa, p. 308, Annal. Vet. Cellens., p. 381. Dedo obtinuit Marchiam Odonis de Lusatia, qui sine herede mortuus fuit.

2) Lamb. ad 1069 berichtet schon von Dedo, der Adele Otto's Witwe geheirathet: Praedia, quae ille (Otto) a diversis dominis beneficii loco habuerat, summa vi nitebatur adquirere. Als Genosse Ekbert's gefangen: Aliquamdiu habitus in custodia adempta possessionum et redituum non modica parte dimissus est. Von einer Mark Thüringen ist nicht mehr die Rede. Ulrich heißt nur Comes.

3) Chron. Ursp., Ann. Saxo ad 1112.

4) Chron. Ursp. und Ann. Saxo: In jus regni, Heinrich selbst in der Urkunde bei Gaden p. 392: Communi judicio principum nostrorum.

5) Chron. Ursp. ad 1112: Sigefridum Palatinum Comitem diutina satis afflictum custodia juxta Principum consilium atque petitionem sibi reconciliatum dimittens benigne tractare coepit, adeo ut ejus filium baptismare susciperet et injuriarum praeteritarum oblivisci se facturum sponderet.

 

 

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96 Dritter Abschnitt.

 

Erledigungserklärungen von Seiten des Reichsgerichts unter seinen Vorgängern anführen konnte, andere sächsische Fürsten aber ebenso nahe, wenn nicht nähere Verwandtschaft mit dem orlamündischen Hause Siegfried entgegenhalten konnten. Dieser war ein Sohn Adalbert's von Ballenstädt und der dritten Tochter Markgraf Otto's 1). Wollte man einmal auf weibliche Descendenz die gebührende Rücksicht nehmen, so mußten Nachkommen älterer Erbtöchter vor denen jüngerer den Vorzug bekommen. An ersteren fehlte es nicht. Denn eine ältere Tochter Otto's, Kunigunde, damals an Wiprecht den Aelteren von Groitsch vermählt, hatte nicht nur von Konrad von Beichlingen Töchter, deren eine, Kunigunde, an Wiprecht den Jüngeren verheirathet war, sondern aus einer noch früheren Ehe mit dem Könige von Rußland eine Tochter, die, an Graf Günther von Kefernberg vermählt, bereits einen Sohn Sizo besaß 2), dem als Enkel der älteren Schwester das Vorrecht vor dem Sohne der jüngeren Adelheide nicht abzusprechen war. Keine ungegründeten Ansprüche durfte auch der damals freilich auf Hammerstein gefangene Friedrich von Putelendorf erheben; da sein Großvater, Pfalzgraf Friedrich, ein Schwestersohn der Markgrafen Wilhelm und Otto gewesen 3), so standen die männlichen Nachkommen einer Schwester

 

1) Ann. Saxo ad 1062 p. 493: Habuit (Otto Marchio) tres filias, Odam, Cunigundam, Adelheidam. — Adelheidis vero conjuncta fuit Adelberto, Comiti de Ballenstide — — qui Adelbertus genuit ex ea Ottonem Comitem et Sigefridum Palatinum. Adelheide heirathete nach Adalbert's Tode Henricum de Lacu, Comitem Palatinum sad Rhenum, der, weil er kinderlos war, Siegfried zum Nachfolger in der Rheinpfalz erhob. Seltsam, daß nur Siegfried, nicht der ältere Bruder Otto, Ansprüche an die orlamündischen Güter erhob. Oder sollte Ann. Saxo sich in Betreff Otto's irren, und dieser vielleicht von einer anderen Mutter als Adelheide geboren sein?

2) Ueber diesen Sizo gibt gründlichen Ausschluß Schwarz in Mantissa diplom. historiae Comit. Leisnic. inserviens, Mencken III, p. 1009 not. e. Er erscheint (s. p. 1011) im Jahre 1118 schon als Zeuge, also mündig, hat 1134 eine Tochter, die mit Friedrich, dem letzten Sprößling der Goseker, vermählt werden sollte, war also 1112, als Ulrich starb, wenn auch noch ein Jüngling, so doch unter Vormundschaft berechtigt, sein Erbe zu fodern.

3) Von des Pfalzgrafen Friedrich Vater sagt der Autor de fundatione Monast, Gozec., p. 107: Comes Fridericus — Agnem procerum de Wimare filiam sibi in conjugio sociavit. Fälschlich machen Chron. Mont. Ser. adnexa p. 308 und danach Ann. Saxo p. 477 diese Agnes zur Tochter des Markgrafen Dedo, weil ihre Mutter später an diesen verheirathet war. Vergl. meine Gesch. der Pfalzgrafen von Sachsen, S. 79, Anmerk. 2. — Schaukegl, Spicil. tab. XVII nennt Agnes richtig eine Schwester Wilhelm's, Otto's und Poppo's, irrt aber, wenn er ihren Gemahl Friedrich von Sommerschenburg nennt.

 

 

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97 Der weimar-orlamündische Erbfolgekrieg.

 

den Töchtern und deren Descendenten nicht nach. Hatte Markgraf Dedo von der Lausitz viele thüringische Lehen erlangt, auf keinen anderen Rechtsgrund seine Foderung basirend, als weil er die Witwe Markgraf Otto's geheirathet, so konnte sein Enkel Heinrich der Jüngere von Eilenburg, oder für den Knaben dessen Mutter Gertrud, die überdies die Schwester des vormaligen Markgrafen Ekbert von Thüringen war, mit noch gegründeterem Recht auf die lange mit der meißner Mark verbunden gewesenen Lehen eine Anwartschaft geltend machen. Doch weder die beiden Wiprecht, noch Günther und Sizo, noch Gertrud und Heinrich von Eilenburg, noch sonst ein Fürst Sachsens oder Thüringens traten Siegfried entgegen, vielmehr fand er überall nur Freunde und Vertheidiger seiner Sache, oder vielmehr Feinde und Widersacher des Kaisers, welche diesem keinen Zuwachs an Macht innerhalb ihrer Grenzen einräumen wollten, da er zu deutlich eine feindliche Gesinnung wider sie an den Tag gelegt und durch eigenmächtige Handlungen Viele gekränkt hatte. So klagten Bischof Reinhard von Halberstadt und die Markgräfin Gertrud über ungerechten Schiedsrichterspruch, über Wegnahme ihnen zuständiger Besitzungen 1). Rudolf von Stade sah sich dadurch beleidigt, daß der Kaiser, der ihm bis zur Großjährigkeit Heinrich's die Nordmark übertragen, dem Mündel gleichwol schon im Jahre 1112 die Würde eines Markgrafen beilegte 2), den Grafen Friedrich nach wie vor begünstigte und ihn - mit Zustimmung des jungen Heinrich's - in die Grafschaft Stade wieder einzusetzen trachtete 3).

 

1) Ann. Saxo 1112: Reinhardus, Halberstadensis Episcopus, nec non Gertrudis illa praepotens vidua violentiam se nihilominus pati ab Imperatoris praejudiciis et invasione praediorum suorum clamitabant.

2) Dieses beweist Reinhard's von Halberstadt Bestätigungsurkunde für das Kloster Hammersleben vom Jahre 1112, abgedruckt in Lünig, Spicil. II, Anhang, p. 25 u. a. m. Vergl. Wersebe, Gauen, S. 121, Anmerk. 173. Reinhard, damals noch nicht des Kaisers offener Gegner, gab dem jungen Heinrich den Titel, den dieser nur mit des Kaisers Bewilligung führen konnte.

3) Daß Friedrich nicht unmittelbar nach dem Kriege zwischen dem Kaiser und Rudolf Stade zurückerhalten, wie viele neuere Schriftsteller annehmen, erhellt aus Alb. Stad. p. 154: Imperator, ne ignominiose frustra datum aurum haberet, eum (Fridericum) a carcere absolvit et multo tempore, quia reditus ad propria non patuit, secum detinuit. Tandem restitutus in integrum etc. Die Befreiung erfolgte erst nach Beendigung des Krieges; wenn Friedrich lange Zeit danach heimatlos blieb, so erhielt er doch wol Stade im Frieden zwischen Heinrich und den verbündeten Fürsten Rudolf und Lothar nicht zurück. Auf welche Zeit die Worte tandem restitutus in integrum zu beziehen sind, ist schwer zu ermitteln. Wenn der junge Heinrich schon vor seiner Volljährigkeit vom Kaiser zum Markgrafen, und gegen seinen Oheim ernannt wurde, so konnte der Kaiser auch von ihm einen Gegendienst fodern, der darin bestand, Friedrich in Stade zu restituiren oder diesem wenigstens die Verwaltung der Grafschaft zu übertragen. Rudolf aber mußte über Heinrich's Markgrafenwürde wie über Friedrichs Einsetzung erzürnt sein.

 

 

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98 Dritter Abschnitt.

 

Ob auch der Herzog Lothar vom Kaiser persönlich beleidigt oder beeinträchtigt worden, erfährt man nicht, doch eine Kränkung seines früheren Bundesgenossen Rudolf, eine Beeinträchtigung seiner Schwiegermutter Gertrud, eine vorenthaltene Erbschaft seines Schwagers Siegfried und jede willkürliche Handlung des Kaisers in Sachsen mußten das gute Vernehmen, wenn solches seit der letzten Aussöhnung Beider stattfand, wieder aufheben. Bald erscheint er an der Spitze der gegen Heinrich V. geschlossenen Coalition. Dieser blieb auch wol Siegfried's Bruder, Otto von Ballenstädt, nicht ganz fremd, zumal da der Kaiser ihn in der gehegten Erwartung auf das Herzogthum Sachsen abermals getäuscht hatte. Mehr aber als um die innern Reichshändel kümmerte der tapfere, kriegserfahrene Mann sich um Sicherstellung seines Gebietes und ganz Sachsens gegen die Slavenvölker im Osten, und als Beschützer gegen sie glänzt sein Ruhm am schönsten.

 

Nicht weniger als politische Beweggründe trugen religiöse dazu bei, die Gemüther einem Kaiser, der seine früher sklavische Demuth vor der Kirche in tyrannische Unterdrückung derselben verwandelt, zu entfremden. Wir bemerkten früher, daß die eifrigen Verfechter hierarchischer Grundsätze, die erbittertesten Gegner Heinrich's V., auf der Synode zu Vienne über diesen den Bann ausgesprochen hatten, und Paschalis nach scheinbarem Sträuben alle ihre Beschlüsse bestätigte. Auf die damalige Stimmung in Deutschland konnte dies nicht ohne Einfluß bleiben 1), wenn man gleich hier wider den mächtigen Kaiser das Anathema offen zu verkünden, noch Scheu trug. Doch im Geheimen entwarf schon den Plan, wie einst Heinrich IV., so Heinrich V. zu verderben, ein Mann, der alle Mittel und Gaben zu dessen Ausführung besaß. Es war der bisherige Kanzler und vertraute Rath des Kaisers, Adalbert, der 1111 durch Heinrich auf den

 

1) Chron. Ursp. ad 1112: Quia coeptum ejus (Archiepiscopi Viennensis) apostolica autoritate indeque omni ecclesiastica autoritate videbatur carere, parum interim potuit vigere. Attamen ejusdem dissensionis seminatae causa circumquaque coepit invidiae serpere malum, adeo ut nonnulli quidquam contra rem publicam intentantes hujus rei materiam in suae commotionis arripere meditarentur clipeum. Inter quos — — Adelbertus designatus Moguntiae pontifex etc.

 

 

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99 Abfall des Erzbischofs Adalbert von Mainz.

 

erzbischöflichen Stuhl von Mainz erhoben 1) und mit reichen Gütern belehnt worden war. Aus keinem reichen Hause, dem der Grafen von Saarbrück 2), oder doch als jüngerer Sohn nur auf geringen Besitz gewiesen, hatte er gehofft, im geistlichen Stande sich eine glänzendere Laufbahn zu eröffnen, als weltlicher Waffendienst dazu Aussicht gewährte, obschon er auch die Kenntnisse und die Geschicklichkeit eines Kriegers und Heerführers bei vielfachen Gelegenheiten an den Tag legte. Nicht gesonnen, von niederen Kirchenämtern oder gar aus klösterlicher Zurückgezogenheit zu einer höheren Prälatur sich befördern zu lassen, suchte er bei Hofe rascher sein Glück zu machen. Es gelang ihm auch bald, die Gunst König Heinrich's zu erwerben und dessen Erzieher und Leiter, den Erzbischof Bruno von Trier, zu verdrängen 3). Als Kanzler war er in alle Staatsangelegenheiten eingeweiht, bald wurde er Heinrich unentbehrlich. Nichts that dieser, ohne seinen Rath zu erholen, ihm schenkte er sein ganzes Vertrauen, theilte ihm seine geheimen Plane mit, machte ihn zum Vertreter seiner Person und gab ihm nächst sich den ersten Platz 4). Große Geistesschärfe, Schlauheit, Gewandtheit im Umgange, unwiderstehliche Beredtsamkeit machten Adalbert zum geschicktesten Werkzeug des mit

 

1) Ann. Hildesh. ad 1111: In Assumptione Sanctae Mariae. Vergl. wegen des Datums Stenzel II, S. 319.

2) Otto Fris. Chron. lib. VII, cap. 14 nennt ihn natione Lotharingum. De gestis Frid. cap. 21 erwähnt er: Friderici Comitis de Saarbur, fratris Alberti Episcopi.

3) Gesta Trevirorum in Leibnitz access. I, p. 109: Defuncto Imperatore communi consilio Principum Vice Dominus, Regiae curiae effectus est et regnum regnique haeres Heinricus — — adhuc adolescens circiter annos XX ei committitur — quem susceptum tam diu educavit usque dum Adelberti tunc Cancellarii postea Moguntini Episcopi detractionibus exasperatus regni et haeredis providentiam proceribus reconsignavit. Bruno stand noch an der Spitze der ersten Gesandtschaft, die Heinrich V. an Paschalis sandte. S. Suger Vita Ludewici, p. 289.

4) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1112: Qui per omnia secundus a Rege semper fuerat, sine cujus consilio nihil facere solebat. Ann. Hildesh. a. a. O.: Omnium cancellariorum in aula regis celeberrimus. Otto Fris. Chron., lib. VII, cap. 14: Primus cancellarius et inter primos ejus praecordialis consiliarius. Cap. 21: Vir ad saeculum prudens et potens locupletissimusque. De gestis Frid. cap. 13: Principum versutissimus et locupletissimus. Was seine Beredtsamkeit selbst über rohe Haufen vermochte, erfuhr er bei dem Volksaufstande in Thüringen 1123. S. Chron. Sampetr., Addit. ad Lamb. Schaffn., Varil. Erfurd ad 1122 u. 23. Von seiner geistigen Geschmeidigkeit zeugen auch seine Briefe in Cod. Udalr. a. a. O.

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100 Dritter Abschnitt.

 

gleichen Eigenschaften begabten jungen Königs, so lange Beider Interessen nicht eine entgegengesetzte Richtung nahmen. Der Kanzler befand sich bei der Gesandtschaft, die Heinrich im Jahre 1109 an Paschalis geschickt, um die Kaiserkrönung und die Art der Einigung zwischen Reich und Kirche zu besprechen. Zwar standen die Erzbischöfe Friedrich von Köln und Bruno von Trier dem Range nach über Adalbert, aber der Vertraute des Königs kannte den wahren Zweck des Auftrages besser als sie und ließ Heinrich's Verlangen der unbeschränkten Investitur auch gegen den Papst nicht undeutlich merken, sodaß dieser nicht wenig beunruhigt erst durch eine Lateransynode, dann durch Auffoderungen an die Normannen und Lombarden sich gegen die drohenden Foderungen, die er so unerwartet vernahm, zu schützen suchte. Als bereits das zahlreiche deutsche Heer bis Arezzo vorgerückt und Alles, was sich widersetzte, zum Gehorsam gebracht, ging abermals Adalbert an der Spitze der neuen Gesandtschaft, der diesmal kein hoher Prälat vom Könige zugesellt war, nach Rom, und schloß daselbst jenen merkwürdigen Vertrag mit Paschalis, wonach dieser zwar die Investitur sich vorbehielt, den Bischöfen aber Entsagung aller weltlichen Güter, Würden und Einkünfte gebot 1). Nur ein Mann wie Adalbert, der noch keine kirchliche Würde bekleidete, durch des Kaisers Freundschaft indeß reich, mächtig und vor allen Prälaten angesehen war, konnte aus eigenem Interesse zu solchem Entschluß den Papst bringen, kein noch so kaiserlich gesinnter deutscher Bischof hätte Verzichtleistung auf weltliche Macht unterzeichnet. Nur er konnte, als sich der ganze Vertrag bei der Zusammenkunft Heinrich's und Paschalis' in der Peterskirche zerschlug, den Rath geben, den Papst gefangen zu setzen und zur Verzichtleistung auf das Investiturrecht zu zwingen 2).

 

1) S. über die Gesandtschaft, die Verhandlung und die Belege dazu am besten Stenzel S. 632 u. 33. Daß außer dem Kanzler die Gesandten nur weltliche Fürsten waren, daß nur solche für den Vertrag Bürgschaft leisten sollten (Stenzel S. 634), daß die Geistlichen bei Eröffnung des Vertrages durch den Kaiser selbst heftigen Widerstand erhoben (Cod. Udalv. ep. 271, Otto Fris. Chron. lib. VII, cap. 14), alles Dies läßt vermuthen, daß Heinrich und Adalbert die Unterhandlung mit dem Papste den deutschen Geistlichen zu verheimlichen suchten. Als der Papst den König zur Veröffentlichung des geschlossenen Vertrages auffoderte, stellte Heinrich die Sache so dar, daß nicht er, der Kaiser, sondern der Papst in einem nachtheiligen Lichte erschien.

2) Otto Fris. Chron. lib. VII, cap. 14: Hujus maximi sceleris autor fuisse dicitur Albertus.

 

 

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101 Adalbert in Verbindung mit der Kirchenpartei.

 

Aber auch nur der Kanzler Adalbert konnte des Kaisers ergebenster Freund und thätigster Helfer wider Papst und Kirche sein. Als Heinrich ihm das erste Erzbisthum im Reiche zuwies, versetzte er denselben in die nun unvermeidliche Lage, zwischen dem Kaiser und Papst eine Wahl zu treffen, der er bisher überhoben gewesen war, als seine bedeutsame Stellung allein von Ersterem abgehangen hatte. Zwar blieb Heinrich immer der Verleiher auch dieser neuen Gunst, doch nach der Wahl und Belehnung fehlte noch die Weihung zum Erzbischof von Mainz, und diese konnte nur vom Papste ausgehen. Konnte Adalbert aber erwarten, Paschalis werde vor einem Manne, der ihm einen verderblichen Vertrag abgerungen, der ihm eine schmachvolle Gefangenschaft bereitet, der ihn zur Verzichtleistung auf das Palladium der Hierarchie genöthigt hatte, der die rechte Hand des Kaisers war, sich noch so tief demüthigen und demselben durch Ertheilung der Weihe für den Würdigsten des ersten Stuhles nach dem römischen erklären? Wol hatte er gelobt, das erlittene Unrecht nicht zu ahnden, Niemand wegen des Geschehenen mit dem Kirchenbanne zu belegen; aber den Urheber des von dem Kaiser selbst als ungeziemend Erkannten, den Frevler an der Kirche und deren Haupt der höchsten Ehre zu würdigen, wäre eine Zumuthung gewesen, die Paschalis selbst in der höchsten Bedrängniß, im kaiserlichen Lager, von Kriegsschrecken und Drohungen geängstet, zurückgewiesen haben würde. Seit Heinrich nach Deutschland zurückgekehrt war, seit die strenge Kirchenpartei in Italien und Frankreich kühn wider ihn auftrat, fühlte auch der Papst, wie schmählich er alle Vortheile, die Gregor VII. und Urban II. errungen, durch seine Schwäche vernichtet, und nur die Skrupel wegen des öffentlich geleisteten Eides verhinderten ihn, sogleich den Vertrag mit dem Kaiser zu widerrufen. Doch schon im Anfange des Jahres 1112 nannte er in einem Schreiben an Erzbischof Quido von Vienne denselben erzwungen und darum ungültig, foderte die Investitur vom Kaiser zurück und verwarf bereits am 22. April auf der Lateransynode die Urkunde, die er nothgedrungen, um sein Leben zu retten, dem Kaiser ausgestellt habe. Damit begnügten sich aber die Eiferer und erbitterten Gegner Heinrich's noch nicht. Dieser sollte gestraft und sein ganzes Werk vernichtet werden. Von dem ganzen Ausdruck ihres Zornes zeigte die Synode zu Vienne (16. Sept.), und von ihrer Uebermacht, selbst gegen den Papst, die Bestätigung der Synodal-Beschlüsse durch Paschalis (20. Okt.). Adalbert erkannte wohl, daß er unter solchen Umständen nie die Weihe vom Papst empfangen, daß er gleich dem Kaiser, mehr noch als dieser den Kircheneiferern

 

 

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102 Dritter Abschnitt.

 

stets verhaßt bleiben werde. Nur ein Mittel gab es, seine Feinde zu versöhnen, — wenn er seinen bisherigen Freund und Wohlthäter verrieth. Lange mochte er mit diesem schändlichen Gedanken gerungen haben. Aber Ehrgeiz, und Herrschsucht, die in dem ganzen Leben des Mannes als Haupttriebfedern seines Handelns sich kundgeben, überwogen jedes andere Gefühl. Was ihm der Kaiser zu bieten vermochte, besaß er, nur vom Papste hatte er noch höhere Würde, höhere Macht zu erwarten. Der Kardinalshut, das ausdrücklich zuerkannte Supremat über alle Bischöfe des Reiches, eine Stellung, die ihn nicht als den Zweiten neben dem Kaiser erkennen ließ, sondern als Haupt der Kirchenpartei, unter dessen Fahne alle Gegner Heinrich's sich begeben sollten, das waren die Zielpunkte seines Strebens, die nicht unerreichbar schienen, wenn er noch die Maske der Freundschaft und Ergebenheit vor dem Kaiser beibehielt, in dessen Vertrauen sich tiefer drängte, um nun auch die geheimen Plane gegen die weltlichen Fürsten, wie früher die gegen die Kirche ihm abzulocken, ihn zu deren Ausführung anzutreiben, damit eine mächtige Partei in den beleidigten und bedrohten Fürsten erstehe, die er dann nach abgeworfener Maske für seine eigenen Absichten benutzen könne. Um aber den ganzen Verrath zu beschönigen, ja zu einer heiligen Sache zu machen, sollte ihm des Kaisers Zerwürfniß mit der Kirche, dessen hartes Verfahren gegen viele Geistliche, selbst die einst von ihm dem Kanzler veranlaßten Gewaltthätigkeiten in Rom den Vorwand geben 1). Durch die Mittheilung seines Vorhabens mochte er den Papst und die gegen Heinrich erbitterten Geistlichen von seinem Zwecke unterrichtet haben, aber sogleich ihm zu trauen, wagten diese nicht, da jenes Vorhaben auch eine Arglist gegen sie sein konnte, die nichts Anderes bezwecke, als die Weihe zum Erzbischof zu erlangen. Von dem Ausgange des Unternehmens sollte die Belohnung, die Adalbert foderte, abhängen. Jenes hatte der Abtrünnige also allein durchzuführen, und seine Maßregeln ebenso geheim als förderlich zu treffen. Wenn Adalbert seinen Verrath gegen den Kaiser begann, und welche Schritte er gethan, als Heinrich ihn errieth, darüber sind, wie es in der Sache selbst liegt, auch die gleichzeitigen Schriftsteller nicht unterrichtet. Darf man den gewiß übertriebenen Vorwürfen des

 

1) Adalbert selbst sagt über seine spätere Gefangenschaft (S. Guden Cod. dipl. p. 118): Imperator non nisi propter Romanae ecclesiae obedientiam carceris etiam mihi captivo tenebras intulit.

 

 

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103 Anfang von Adalbert's Verrath.

 

Kaisers gegen den Erzbischof in Bezug auf die darin angegebenen Thatsachen 1) einigen Glauben schenken und sie als Ergebnisse einer angestellten Untersuchung ansehen, so muß Adalbert schon bald nach seiner Belehnung mit Ring und Stab 2) wider Heinrich Intriguen geschmiedet haben. Dieser führt an, daß, während er in Worms schwer erkrankt danieder gelegen (anfangs Sept. 1111) 3), Adalbert Zwietracht und Aufruhr in seiner nächsten Umgebung anzustiften, die rheinischen Bischöfe zu gewinnen, den Herzog Friedrich von Schwaben aufzureizen, ja ihm, dem Kaiser, selbst Reich und Leben zu nehmen getrachtet habe. Wenn auch so weit Adalbert, ohne zu großen Verdacht zu erregen und ohne als offener Gegner aufzutreten, was er sorgfältig vermied, nicht gehen konnte, sondern später nur von ergebenen Freunden Heinrich's und diesem selbst alle Handlungen des Erzbischofs als ein teuflisches Gespinnst des schnödesten Verraths dargestellt sein mögen, so ist doch nicht unwahrscheinlich, daß der Abtrünnige, um sein Erzbisthum besser zu verwahren, bei benachbarten Fürsten einen Abfall zu erregen wünschte. Die oberrheinischen Bischöfe konnte er als Oberhirt leicht in sein Interesse ziehen, dem jungen ehrgeizigen Friedrich von Hohenstaufen die Aussicht auf den deutschen Königsthron zeigen, auf den er, wenn Heinrich vor seiner Vermählung mit Mathilde von England stürbe, als nächster Verwandter Ansprüche machen durfte. Die bedenkliche Krankheit des Kaisers, die vielleicht schon deutliche Anzeichen jenes unheilbaren Uebels, woran er früh sterben mußte, verrieth, ließ an die Wahl seines Nachfolgers denken, die Adalbert, um den Herzog Friedrich zu gewinnen, auf diesen zu lenken versprach. Solche Andeutungen und für den möglichen Todesfall des Kaisers eingeleitete Maßregeln, jedes Wort, das damals dunkel oder anders verstanden dem Erzbischofe

 

1) S. Raumer I, S. 278 den daselbst mitgetheilten Brief aus den Manusc. Palat., womit man die Bedenken Luden's vergleichen mag. S. Geschichte des deutschen Volkes, Bd. IX, S. 638, Anmerk. 1 zu Buch 20, Kap. 5.

2) Die immerhin nach Ann. Hildesh. und Ann. Saxo ad 1111 auf Assumptio Sanctae Mariae gesetzt werden darf, obschon Adalbert am 27. August sich noch Vice Moguntinae ecclesiae, quae nunc archicancelariatum tenet (S. Schannat Vindem. I, p. 112) unterschrieb. Der schlaue Mann mochte, um sicher zu täuschen, mit der Würde noch zurückhalten, um, angeblich zum Vortheil Heinrich's, der den Papst zu schonen suchte, letztern nicht zu beleidigen.

3) Dieser Krankheit Heinrich's und seiner Genesung erwähnt das Schreiben des Papstes vom 26. Oktober 1111 in Cod. Udalv. 271: In litteris, quas a tua dilectione suscepimus, diu te graviter infirmatum fuisse cognovimus. Sed sicut nos infirmitatis rumor affecerat, ita rursus sospitatis exhilaravit auditio.

 

 

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104 Dritter Abschnitt.

 

entfallen war, galt später für einen Beweis seines Verbrechens. Gegründeter scheint der Verdacht, daß Adalbert mit den Gegnern des Kaisers in der Lombardei, Burgund und Sachsen in Unterhandlung getreten 1), und daß die Synode zu Vienne und die päpstliche Kurie schon sein Vorhaben kannten 2).

 

Das Wagniß des Erzbischofs war zu groß, jede Unterhandlung mit irgend welchem Verbündeten, den er nothwendig suchen mußte, gefährlich, um nicht bald entdeckt zu werden. Um die Zeit der Vienner Sunodal-Abschlüsse 3) scheint der Kaiser gegen die unlauteren Absichten seines Kanzlers Argwohn geschöpft zu haben, doch nicht, weil dessen geheime Verbindungen ihm schon bekannt geworden, sondern weil derselbe auf alle Weise Schätze aufhäufte, Mannschaften aushob, eigenmächtig Schlösser und Güter von Freunden des Kaisers an sich brachte. Er wollte ihn darüber zur Rechenschaft ziehen; Adalbert weigerte sich, an jedem andern Orte als in Worms zu erscheinen, und hier trat er mit so zahlreichem Gefolge, so trotzigem Benehmen auf, daß er den Kaiser und die Reichsversammlung mehr erschreckte, als die verlangte Genugthuung und Wiedererstattung für das unrechtmäßig an sich Gerissene gewährte. Nun ward seinen Handlungen seit Erhebung zum Erzbischof strenge nachgeforscht und ihm all die Vorwürfe gemacht, die vorhin aufgezählt sind. Doch alle ferneren Vorladungen wies der Angeklagte zurück, traute auf die Zahl seiner Bewaffneten, auf die festen Mauern von Mainz und den Beistand der geheimen Feinde und offenen Gegner des Kaisers 4). Daß er nun ungescheut Zwietracht und Ausruhr zu verbreiten bemüht war, und den Vorwand dazu von dem Zerwürfniß Heinrich's mit der Kirche, auf Ersteren Schuld und Verbrechen wälzend, hernahm,

 

1) Manuscr. Palat. bei Raumer a. a. O.

2) Gewiß würden die Eiferer, von denen Chron. Abb. S. Trudonis lib. XI, p. 697 sagt: Tristi nuntio (Heinrich's Verfahren gegen den Papst) facto conventu Imperatorem excommunicavit, und deren Endbeschlüsse bei Mansi XXI, 73 stehen, auch Adalbert gebannt haben, wenn sie dessen geänderte Gesinnung nicht schon gekannt, und auf seinen Beistand gerechnet hätten. Daß Adalbert mit jenen Hauptgegnern des Kaisers nicht sollte unterhandelt, auf ihre Beschlüsse und des Papstes geheime Weisung sich gestützt haben, ist kaum glaublich. So nur erhält auch seine Vertheidigung propter ecclesiae Romanae obedientiam ihre ganze Bedeutung.

3) S. über die Zeit Stenzel I, S. 655. Anmerk. 9.

4) Somit bleibt des Kaisers Brief einzige Quelle, der in den Vorladungen Adalbert's in dem ganzen wider ihn eingeleiteten Verfahren gewiß Glauben verdient.

 

 

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105 Adalbert in Verbindung mit den sächs. Rebellen.

 

wissen auch die Schriftsteller 1), die von den Begebenheiten jener Zeit unterrichtet sind, ohne immer die geheimen Motive, Anlaß und Anfangspunkt zu kennen. Es ist kaum zu bezweifeln, daß mit Adalbert's Abfall die gleichzeitigen Bewegungen in Sachsen und Thüringen, wenn nicht in direkter Verbindung 2), so doch in ganz natürlicher Wechselwirkung gestanden haben. In beiden Provinzen dehnte sich der mainzer Kirchensprengel weithin aus; das einst vom heiligen Bonifacius oder einem seiner Schüler gestiftete Bisthum Erfurt 3) war früh mit dem Erzbisthum Mainz verbunden worden, und oft hielten die Erzbischöfe in jener Stadt sich auf, wie noch der von Heinrich IV. verjagte Ruthard bis zu seiner Zurückführung durch Heinrich V. dort gelebt hatte. Wenn auch gegen den von Erzbischof Siegfried I. gefoderten Zehnten und noch später gegen wiederholte Versuche derselben Art die Thüringer sich hartnäckig auflehnten, so erkannten sie doch die kirchliche Abhängigkeit von dem mainzer Stift willig an, und fanden bei Schilderhebungen wider den Kaiser an den Erzbischöfen den mächtigsten Beistand. Sollte Adalbert, als er auf Abfall und Empörung wider Heinrich V. sann, nicht den drei bereits im offenen Widerstande begriffenen Fürsten, Ludwig von Thüringen, Wiprecht von Groitsch und Siegfried von Orlamünde, wie der Pfalzgraf

 

1) Chron. Ursp. und dieses ausschreibend Ann. Saxo ad 1112: ut nonnulli — — — hujus rei materiam in suae communionis (Ursp. hat commotionis) arripere meditarentur clipeum. Inter quos Adalbertus — conspirare cum quibusdam principibus infamatur.

2) Des Kaisers Brief sagt nur sehr allgemein, Adalbert habe sich in feindlicher Absicht nach Sachsen gewandt. Dies mochte nur Heinrich vermuthen. Die Chronisten stellen beide Empörungen isolirt hin, außer Helmold Chron. Slav. I, cap. 40: Adalbertus, Moguntinus Episcopus, sociatis sibi quam plurimis, maxime vero Saxonum Principibus; doch die Beweggründe für beide gibt er verschieden an, während er von den Sachsen sagt: quos ad defectionem partim necessitas, partim etiam rebellionum vetus consuetudo illexerat, heißt es vorher von Adalbert, daß der Kirchenbann ihn zur Empörung gegen den Gebannten bewogen.

3) Gegen die Zeugnisse, die der Brief des Papstes Zacharias an Bonifacius bei Othlo lib. II, cap. 3, Serarius ep. 142, Baronius ad annum 742. Nr. 5 ff. Valesius, Rer. Francic. lib. 25 geben, läßt sich an dem einstmaligen, wenn auch kurzen Dasein eines Bisthums Erfurt nicht zweifeln, wenn auch die Gründe, die für dessen frühe Aufhebung angegeben werden, z. B. bei Gobelin Cosmodr. lib. VI, cap. 39, Serarius in den Noten ad vit. Bonif. nach einem Manuscript Spangenberg's, Histor. Bonifacii, cap. 36 u. 51 u. A. m. nicht genügen.

 

 

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106 Dritter Abschnitt.

 

von Rhein 1) als Erbe Ulrich's von Weimar-Orlamünde sich nannte, die Hand geboten und dadurch des Letzteren Aufreizungen in Sachsen einen besonderen Nachdruck gegeben haben? Dann aber haben wir Adalbert als die Seele des Bündnisses anzusehen, dem außer den drei genannten Fürsten Herzog Lothar, Rudolf von der Nordmark, Pfalzgraf Friedrich von Sommerschenburg, die mächtige Markgräfin Gertrud entschieden beitraten, andere, die noch schwankten, beizutreten nicht abgeneigt schienen, als der Unfall, der plötzlich Adalbert in Fesseln schlug, auch seine Verbündeten lähmte und ihrer ganzen Sache einen schlimmen Ausgang bereitete. Jener ehrgeizige und von Haß gegen Heinrich beseelte Mann war rastlos thätig, am Rhein neue Verbündete zu gewinnen und seine Streitmacht zu erhöhen. Doch auch Heinrich, von den Bewegungen aller seiner Gegner unterrichtet, drohte der Gewalt mit Gewalt zu begegnen, und ließ durch seine Anhänger überall Mannschaften zusammenziehen. Da gerieth der Erzbischof auf einer Reise unter einen jener kaiserlichen Heereshaufen, ward erkannt und festgehalten. Zwar mit schneller Geistesgegenwart gab er vor, daß er den Kaiser aufsuchen und sprechen wolle, als er aber vor diesen geführt zum Eingeständniß seines Verrathes und unrechtmäßiger Gütereinziehungen aufgefodert wurde, erklarte er: „Nur die Sache der Kirche habe er vertreten, deren Verfechter werde er auch ferner bleiben und keine seiner Besitzungen Jemandem herausgeben“ 2). Zu solchem Trotz bewog den stolzen Prälaten nicht minder das Vertrauen auf seine hohe Stellung als die Zuversicht, daß jede Schmach, die ihm widerführe, von seinen Anhängern und Verbündeten nicht ungerächt bleiben werde. Der Kaiser aber hoffte durch Züchtigung seines Hauptwidersachers ein abschreckendes Beispiel zu geben, wie seiner Macht zu trotzen auch der erste Reichsfürst nicht ungestraft wagen dürfe. Er ließ den Gefangenen

 

1) War Siegfried als benachbarter Fürst doch schon ein Verbündeter, der für Sicherstellung des Erzbisthums ebenso willkommen sein mußte, als dieses wiederum Siegfried's Besitzungen am Rhein gegen den Kaiser Schutz verlieh. Beider Einverständniß war dadurch nicht gestört worden, daß der Kaiser dem Erzbischofe Besitzungen bestätigt hatte, die einst Ulrich von Weimar dem Erzstifte zugewiesen. S. Guden Cod. diplom. p. 392: Traditionem, quam Ulricus bonae memoriae de Wimmar Ecclesiae Moguntinae per manuin Hermanni Comitis de Thuringia fecit. Nos quoque, ad quos allodia supradicti Ulrici communi judicio Principum nostrorum devenerunt, eandem traditionem laudamus et proprio privilegio confirmamus.

2) Chron. Halberstad. p. 131.

 

 

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107 Adalbert gefangen.

 

auf Grund der gemachten Anschuldigungen 1) nach der Veste Trivels an der Queich bringen, begab sich dann mit starker Heeresmacht nach Thüringen und beschied die sächsischen Fürsten zum Weihnachtsfeste nach Erfurt, wo jedoch keiner von denen, die wider ihn feindselige Gesinnungen gezeigt hatten, weder zu erscheinen noch zum Kampf gerüstet ihm entgegenzuziehen wagte.

 

Heinrich's Rüstungen konnten den sächsischen Fürsten nicht verborgen geblieben sein, allein sie glaubten dieselben gegen den Erzbischof gerichtet, der als offener Feind dastand und erst bekämpft werden mußte, ehe gegen sie der Kaiser sich wenden durfte. Diesen von Osten und Westen her zu bekämpfen, und wenn er nach der einen Seite sich wende, ihm von der andern in den Rücken zu fallen, mochte der Plan der Verbündeten sein. Als Adalbert unschädlich gemacht worden, glaubte der Kaiser im Westen keinen Feind fürchten zu dürfen und führte seine gesammte Kriegsmacht ungesäumt wider die nur Abfall drohenden, noch nicht zum Kampfe vorbereiteten sächsischen und thüringischen Fürsten 2). Der Schrecken, den so unerwartete Ereignisse verbreiteten, vermochte indeß nur Die, welche bisher geschwankt, zum Gehorsam zu bringen, nicht aber die entschieden feindlich Gesinnten zu einer demüthigen Unterwerfung zu bewegen. Wider diese, die ihr Ausbleiben ihm hinreichend bezeichnete, gab Heinrich Befehl, noch während der Feiertage feindselig zu verfahren 3). Er selbst brach sogleich in das Gebiet des Bischofs Reinhard von Halberstadt, der zu den verbündeten und, wie es scheint, den einzigen kampfgerüsteten Fürsten Siegfried, Wiprecht und Ludwig sich begeben 4) und dadurch natürlich den Zorn des Kaisers auf sich geladen

 

1) Chron. Ursp., Ann. Saxo ad 1112: Reque cognita (nämlich Adalbertum conspirare cum quibusdam principibus) custodiae traditur.

2) Manchen beschäftigten noch Privatfehden. So stritt Rudolf von der Nordmark mit dem Grafen Milo und rief wider ihn die Luitizen ins Land, die nun und bei dem ausbrechenden Bürgerkriege Gelegenheit fanden, in Sachsen vielfache Verheerungen anzurichten. Ann. Saxo ad 1113. Chronogr. Saxo 1114.

3) Chron. Ursp., Ann. Saxo ad 1113: Illuc (Erpesfort) cum praedicti Saxoniae Principes curiam non adissent, indignatione nimia commotus Imperator bona eorum diripi possessiones incendiis devastari etiam inter ipsa festa praecepit.

4) Ann. Saxo ad 1113: Post haec absente Episcopo Halberstadt venit, Castellum ejus Horneburg obsedit (dies Letztere hat auch Chron. Ursp.) Episcopus vero et Sigfridus Palatinus Comes et Wicbertus Comes et Comes Lodowicus cum Imperatore pugnaturi castris haud longe fixis manent. Sie waren also gerüstet. Nirgend wird dies von den anderen Fürsten berichtet, obschon Chron. Ursp. u. Ann. Saxo von ihrer Verschwörung gegen den König schon ad 1112 sprechen. Erst 1115 traten sie, nachdem sie ohne Schwertschlag vor dem Kaiser sich gedemüthigt, auf den Kampfplatz. Der Autor Vitae Vip. IX, §. 3 u. Liber de fund. Coen. Big. p. 122 ad 1113 wissen nur von einem Bündniß Wiprecht's, Ludwig's und Siegfried's. Zu ihnen hatte Reinhard bei Heinrich's Annäherung sich begeben, da er hier nur kräftige Hülfe erwarten konnte.

 

 

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108 Dritter Abschnitt.

 

hatte. Nur die Weste Hornburg leistete einigen Widerstand. Nachdem sie gefallen und, damit der Bischof keine Schutzwehr behalte, die Mauern von Halberstadt niedergerissen, die umliegenden Ortschaften verwüstet und geplündert, blieb Reinhard nur die Wahl, entweder sich ganz seinen Bundesgenossen zu vertrauen, in welchem Falle er seines Bisthums, das seinetwegen schon so viel gelitten, verlustig ging, oder die Gnade des Kaisers durch Vermittelung der Fürsten nachzusuchen, was ihm bei dem entschiedenen Uebergewicht der kaiserlichen Waffen heilsamer schien, da Wiprecht, Ludwig und Siegfried keinen offenen Kampf wagen durften, und auch die mächtigern sächsischen Verbündeten, Lothar, Rudolf, Friedrich von Sommerschenburg und die Markgräfin Gertrud, geschreckt waren. Der Kaiser gebot ihm, auf einem festgesetzten Hoftage zu erscheinen, um, wenn er könne, sich zu rechtfertigen 1). Nachdem Heinrich in die wichtigsten Vesten, die noch unzerstört geblieben, Besatzungen gelegt, verließ er einstweilen Sachsen, übertrug die Fortsetzung des Kampfes wider die Rebellen seinem Feldherrn Hoyer von Mansfeld, und eilte nach dem Rhein, um auch die dort ausgebrochenen Unruhen unschädlich zu machen. Eine gänzliche Unterdrückung durfte er so wenig als in Sachsen erwarten. Denn wenn, auch Adalbert's Gefangennehmung Schrecken verbreitet hatte, so war sie doch keineswegs geeignet, die übrigen Gegner zu entwaffnen, vielmehr erweckte sie dem Kaiser neue Widersacher, und Viele, die Adalbert's Benehmen gemisbilligt, fanden das gesetzwidrige, willkürlich harte Verfahren gegen ihn anstößig. Dies hob den Muth der bereits von Heinrich Abgefallenen, und sie verstärkten ihre Kriegsmacht, anstatt sie auseinandergehen zu lassen. Der Kaiser wollte indeß den

 

1) Ann. Hildesh. ad 1113: Deditione urbis facta ipsique Episcopo die statuta, ut se, si posset, de objectis excusaret, bellicus ille tumultus solutus est. Dies schreibt Ann. Saxo nach, fügt dann hinzu: Quo tempore Rex civitatem Halberstadt violenter intravit et timens ab Episcopo in illa poni praesidium fractis muris ac domibus ipsam et adjacentes villas praedis et incendiis vastavit. Dies würde dem tumultus solutus widersprechen, wenn es nicht den Friedensunterhandlungen oder wenigstens deren Abschluß vorauszusetzen wäre.

 

 

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109 Vernichtung der sächsischen Rebellen.

 

einmal eingeschlagenen Weg nicht verlassen, achtete weder der Fürsten noch des Papstes 1) Verwendungen für Adalbert, ertheilte die Rheinpfalz, die der geächtete Siegfried verwirkt, an den schwäbischen Grafen Gottfried von Calwe und Tübingen 2) und hielt im Erzbisthum und in der Stadt Mainz jede feindliche Bewegung mit Gewalt danieder. Das Osterfest (8. April) feierte er zu Worms, und ließ, um sich den Schein der Gerechtigkeit zu geben, vor den versammelten Reichsfürsten, die natürlich nur aus ihm Ergebenen bestanden, Adalbert verhören. War nun dieser zu stolz, seine Schuld einzugestehen, oder die Zeugnisse dafür zu schlagend, daß er sie nicht ableugnen konnte; genug, er wurde abermals zur Haft und zwar einer noch härteren verurtheilt, nachdem der Kaiser die Burg Trivels als Reichsveste ihm und dem Erzstift Mainz abgesprochen 3). Diese durchgreifenden Maßregeln, die alle Gegner schreckten, glaubte Heinrich um so ungescheuter anwenden zu können, als er aus Sachsen erfreuliche Nachrichten erhalten. Hoyer von Mansfeld hatte die drei verbündeten Fürsten Siegfried, Wiprecht und Ludwig, die wahrscheinlich zu einer Berathung des bevorstehenden Feldzuges in Warnstädt, einem Flecken unfern von Quedlinburg, zusammengekommen waren, mit einer kleinen Schar von nicht mehr als 300 Mann überfallen (28. Febr.). Siegfried wurde tödtlich verwundet und starb bald danach (9. März), Wiprecht, der sich lange heldenmüthig vertheidigte,

 

1) Paschalis' Schreiben aus Benevent vom 25. Januar (Codex Udalv. Nr. 272) beweist wol deutlich, daß der Erzbischof mit dem Papste auf ganz anderem Fuße gestanden als früher. Für einen, der der Urheber aller Gewaltthätigkeiten des Kaisers in Rom gewesen, hätte sich jener schwerlich so warm verwendet. Zwar gibt er sich den Schein der Uneigennützigkeit und Unparteilichkeit, der aber nur in den Worten, nicht in der Verwendung selbst liegt: De quo (Adalberto) quantum novimus, quantum experti sumus, testimonium ferimus, quia te super omnia diligebat, qua de re multi profecto tam amici quam inimici loquuntur adversus te. Doch räth er zur Freilassung des Erzbischofs, oder, wie er schlau ihn nur immer nennt, des Kanzlers: quatenus nec persona tua et regnum ullam incurrat infamiam. Heinrich gab auf diese Verwendung Paschalis', der ihn immer noch einen geliebten Sohn der Kirche nennt, um so weniger, als bereits der Papst die Synodal-Beschlüsse der Vienner Synode anerkannt und den Vertrag mit dem Kaiser für ungültig erklärt hatte.

2) S. Mascov., Comment. p. 169: Ob Gottfried schon vor Siegfried's Tode (9. März) die Pfalz erhalten, wissen wir nicht. Daß er Ostern (8. April) bereits Pfalzgraf am Rhein war, beweist die Urkunde in Martene, Collect. I. p. 632.

3) Ann. Hildesh. u. Ann. Saxo 1113.

 

 

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110 Dritter Abschnitt.

 

aber aus vielen Wunden blutend endlich erschöpft niedersank, gerieth in die Gefangenschaft Hoyer's, wurde erst auf seine eigene Veste Leisnig gebracht, dann zu Würzburg vor Kaiser und Reichsfürsten gestellt und zum Tode verurtheilt, welcher Ausspruch zwar dahin gemildert ward, daß gegen Abtretung von Groitsch und seiner Erbgüter Wiprecht das Leben rettete, aber noch drei Jahre und wiederum in einer ihm früher gehörigen Stadt Drunts gefangen blieb 1). Der Graf Ludwig rettete bei Warnstädt sich noch durch Flucht 2), aber auch er sollte harter Züchtigung nicht entgehen.

 

Bald nach Ostern kam der Kaiser wieder nach Sachsen, in der Erwartung, alle seine Gegner gebeugt zu finden. Auch erschienen zu Goslar zwei als Bittende vor ihm, Ludwig von Thüringen und Reinhard von Halberstadt. Nur durch der Fürsten Verwendung erhielten sie die Freiheit und Begnadigung, nachdem Ersterer einige Zeit gefangen gesessen und die Wartburg abgetreten 3), Letzterer bewilligt, daß die Veste Hornburg gänzlich durch Feuer vernichtet werde 4).

 

1) Vita Vip., cap. XI, §. 3 u. 4.

2) Chron. Ursp., Ann. Saxo, Ann. Hild., Chron. Sanpetr. ad 1113 und am ausführlichsten Vita Vip., cap. XI, §. 3: Apud Warenstede condixere colloquium. Quorum contra regem conventione comperta cum trecentis insperatus advenit. Illi cum impares armis ac militum numero ad resistendum essent, Ludovicus fugiens evasit, Sigefridus Palatinus occiditur, Wigbertus multis vulneribus sauciatus captivus abducitur et in Leisnik custodiae mancipatur.

3) Daß Ludwig schon im Mai sich ergeben, zeigt die Urkunde in Schannat Vindem. T. I, p. 113. Vergl. Mascov, Comment. p. 170 not. 4. Die Angabe Chron. Sanp. ad 1113: Ludwigus Comes die Assumptionis S. Mariae in villa Trutmundi in potestatem Henrici Imperatoris se contradidit ist also in der Zeitangabe ungenau, und jener Tag (15. August) wol das Ende der Haft, der Ludwig bis zur Uebergabe der Wartburg sich unterwerfen mußte: Quem aliquamdiu sub custodia servando tenuit, donec castrum, quod dicitur, Wartberg in sua suscepit potestate.

4) Ann. Saxo ad 1113: Interventu Principum gratiam Regis obtinuit castro Horneburg incremato. Wenn hierunter nicht die Zerstörung Hornburgs gleich beim Einfall des Kaisers in das halberstädtische Gebiet (Ende 1112) zu verstehen ist, so war damals die Veste nur erobert, und wurde jetzt, nachdem Reinhard sich ausgesöhnt, erst in Asche gelegt. Wahrscheinlich hatte unterdessen eine kaiserliche Besatzung darin gelegen. Konnte diese nach der Friedensvermittelung nicht im Lande des Bischofs bleiben, so war es für den Kaiser doch auch gefährlich, die wichtige Veste einem Manne zurückzugeben, dem er nicht trauen durfte.

 

 

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111 Reinald von Bar.

 

Aber nicht blos die offenen Feinde, auch die geheimen Widersacher sollten gedemüthigt werden. Die Niederlage bei Warnstädt hatte die sächsischen Fürsten geschreckt, des Kaisers abermaliges Erscheinen machte Widerstand unmöglich. Vier Monate verweilte er in der Provinz und verfuhr mit Strenge und Gewalt wider die Ungehorsamen, die auf dem Reichstage zu Erfurt nicht erschienen waren. Zu ihnen hatte auch der Pfalzgraf Friedrich von Sommerschenburg gehört. Was ihn wider Heinrich, der sich ihm früher so gnädig gezeigt hatte, zum Abfall bewogen, wird nirgend berichtet, läßt sich aber errathen. Wol nicht blos die allgemeine Gefahr, die Sachsen bedrohte, nicht das gemeinschaftliche Familieninteresse, bewogen ihn, an den Herzog Lothar sich anzuschließen. Eine Beeinträchtigung seiner Ansprüche war es, daß die Güter seines auf Hammerstein gefangen gehaltenen Neffen nicht ihm, sondern dem Grafen Hoyer von Mansfeld als Kriegsbeute und Lohn für die Bezwingung der Rebellen des Jahres 1112 zugefallen, und überhaupt durch diesen, der Heinrich's ganzes Vertrauen besaß, sein Amt als kaiserlicher Vertreter in Sachsen sehr beschränkt worden war. Als aber derselbe Hoyer nach dem Siege bei Warnstädt des Pfalzgrafen Sohn in einer Veste zur Uebergabe gezwungen, blieb Friedrich nichts übrig, als des Kaisers verlorene Gnade durch große Opfer wieder nachzusuchen. Er mußte vorerst seinen Sohn als Geißel in der Haft lassen, und als demselben endlich die Freiheit gegen 500 Mark bewilligt wurde, zur Auftreibung dieser Summe an Bischof Reinhard von Halberstadt bedeutende Stücke seiner Erbgüter abtreten 1). Auch Lothar und Rudolf nebst den Verwandten ihres Hauses sahen zur Unterwerfung sich genöthigt. Rudolf sollte auf die Markgrafschaft verzichten und dem Grafen Friedrich den Besitz Stades zuerkennen 2), Lothar zu einer persönlichen Demüthigung vor dem Kaiser sich verstehen. Diesen rief, bevor die Ruhe in Sachsen völlig hergestellt war, noch einmal ein trotziger Gegner jenseit des Rheines nach dem Westen des Reichs. Mit gewohnter Schnelligkeit überraschte und vernichtete er auch diesen.

 

Es war der Graf Reinald von Bar und Mousson, ein jüngerer

 

1) S. Urk, vom 4. Mai 1114 in Heidenreich, Entwurf einer Historie der Pfalzgrafen von Sachsen, S. 101.

2) Die Lage der Dinge in Sachsen um diese Zeit, als Heinrich V. zum zweiten Mal (im Mai) 1113 dorthin kam und vier Monate verweilte, macht die Wiedereinsetzung Friedrich's sehr wahrscheinlich.

 

 

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112 Dritter Abschnitt.

 

Sohn Dietrich's des Aelteren und Bruder Dietrich's des Jüngeren, des früheren Beherrschers der genannten Grafschaften, der aber wegen harter Bedrückung vertrieben und auf die Herrschaft Mömpelgard beschränkt worden war 1). Auch Reinald zeigte einen ungestümen Sinn, den er zwar nicht gegen seine Unterthanen, aber gegen seine Nachbarn, vornehmlich gegen den Bischof Richard von Verdun, ausließ. Schon im Jahre 1112 suchte er diesem die Grafschaft Verdun zu entreißen. Mit Beistand Wilhelm's von Luxemburg gelang es indeß Richard, sich seines Gegners zu erwehren, ja sogar dessen Länder bis auf die festen Städte und Burgen zu erobern 2). Traf so den händelsüchtigen Grafen von Bar eine gerechte Wiedervergeltung für seine feindseligen Absichten gegen den Bischof, und konnte es diesem nicht eben verargt werden, daß er auch jetzt noch seinen Sieg verfolgte und die festen Plätze zu belagern beschloß, so war es doch ungebührlich, daß der Kaiser in einer Privatfehde zweier Reichsfürsten, die er hätte beizulegen gebieten sollen, für den einen Theil entschieden Partei nahm, und nicht eher in seinem Zorn wider den andern nachlassen wollte, bis er ihn um all das Seine, ja um das Leben selbst gebracht hätte. — Noch ist ein gefährlicher Sturm im Osten des Reiches nicht vorüber, als er, der Haß, Entzweiung, Bürgerkrieg unterdrücken sollte, plötzlich nach dem äußersten Westen aufbricht, um einem Geistlichen wider dessen schon hart bedrängten Beleidiger Beistand zu leisten 3). Im ersten Anlauf fällt die Veste Bar, Graf Reinald wird gefangen; doch dessen Gemahlin vertheidigt noch das durch Natur und Mauern unbezwingliche Schloß Mousson. Der Kaiser will auch dieses in seine Gewalt bringen und droht,

 

1) Alberticus Chron. Trium Fontium p. 221 ad 1113: Ante Rainaldum fuit Comes Barri et Moncionis frater ejus Theodoricus, qui cum esset intollerabilis subjectis, expulsus fuit et Comitatum Montis Beliardi tantum sibi retinuit. Horum autem pater fuit antiquus Comes Barri Theodoricus. S. jedoch die nachfolgende dritte Note.

2) Ibidem ad 1112: Comes Barri Rainaldus Comitatum Virdunensem armis sibi vendicavit. Richardus cum Comite Guillelmo Luscebergensi ipsum graviter urgebant ita, quod primo impetu belli amisit vicum sancti Michaelis et castrum incensum est et eversum. Deinde tota terra coepit esse in ruinam praeter castella et quaedam loca munita. Ad quae expugnanda Imperatorem Richardus evocavit.

3) Alberticus schreibt zwar noch ad 1112: Qui (Henricus) capto castello Barri et incenso Comitem Rainaldum abduxit; doch ad 1113 berichtet er die Eroberung von Bar. Vergl. Chron. Ursp., Ann. Saxo, Otto Fris. Chron. lib. VII, cap. 15.

 

 

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113 Reinald von Bar.

 

wenn es ihm nicht sogleich übergeben werde, den Grafen aufknüpfen zu lassen. Die Besatzung fodert Ausschub, aber nur um dem so eben geborenen Sohne Reinald's als ihrem neuen Herrn zu huldigen. Da läßt Heinrich den unglücklichen Gefangenen zum Galgen führen, und nur den dringenden Vorstellungen der Fürsten gelingt es, seinen zornentbrannten Sinn von der entehrenden Züchtigung Reinald's abzubringen 1). Rechtfertigen läßt sich allein des Kaisers Verfahren, wenn man annehmen darf, daß der Graf von Bar in Verbindung mit anderen Gegnern Heinrich's ein gefährlicher Reichsfeind gewesen und daß seine Bekämpfung dem Bischof Richard und dem Grafen Wilhelm von Luxemburg eigens übertragen worden, denen der Kaiser, sobald er die Hände frei hatte, die letzte Entscheidung durch sein eigenes Ansehen abnehmen mußte, und solche nur mit unbedingter Unterwerfung des Geächteten beschließen durfte. Daß hier wirklich die Reichsehre und höhere Zwecke den Kaiser geleitet, wird uns, auch ohne daß wir specielle Nachrichten über die Beweggründe vorfinden, aus seinem späteren Verfahren mit Reinald wahrscheinlich. Als des Grafen Verwandte, die zu den angesehensten Fürsten im Reiche gehörten 2), für ihn um Gnade bei Heinrich baten, entließ dieser noch im Jahre 1113 den Gefangenen, der ihm selbst durch Bande des Bluts nahe stand 3), aus der Haft und verlangte von ihm nichts

 

1) Ausführlich bei Otto Fris., De gest. Frid., lib. I, cap. 11. Nachdem die Huldigung dem neugeborenen Herrn von der Besatzung geleistet: Qua de re inflammatus Princeps praedictum Comitem ad patibulum trahi jussit, cumque a Principibus, qui aderant, ne id faceret, rogaretur, ipsoque in proposito perseverante, a quibusdam ut saltem divina animadversione a coepto desisteret, turbato prae ira oculo respondisse fertur: Coelum coeli domino, terram autem dedit filiis hominum. Tandem tamen irrationabili motu defervescente cunctorum precibus Augustus inclinatus a mortis sententia animum revocavit.

2) Daß Reinald derselbe war, der 1127 als Prätendent in Hoch-Burgund nach dem Tode Wilhelm's auftrat, ist schon von Bünau, Leben Kaiser Friedrich's I. S.375 (gestützt auf Otto Fris., De gest. Frid., lib.I, cap. 11) und von Stenzel I, S. 657, Anm. 11 vermuthet. Otto Fris., De gest. Frid., lib. II, cap. 29 sagt von ihm: De antiqua et illustri Burgundionum prosapia originem trahens. Sein Vater heißt bald Dietrich (Alb. a. a. O.) bald Stephan, bald Wilhelm (vergl. Bünau's Anm. a. a. O.). Wenn Alber. p. 224 von Intervenientibus pro Comite Barri de toto Regno nobilissimis consanguineis spricht, so bestätigt dieser Ausdruck Otto's von Freisingen Worte.

3) Chron. Ursp. ad 1113: Quidam Reinaldus Burgundiae provincialis Comes et, ut ajunt, Imperatoris consanguineus. Ann. Saxo läßt ut ajunt fort. S. die folgende Anmerkung.

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114 Dritter Abschnitt.

 

als den Lehnseid dem Reiche zu schwören 1), Diese Verwandten, Reinald's Fürsprecher, mochten früher seine geheimen Verbündeten gewesen sein, oder doch es gern gesehen haben, daß der trotzige Jüngling sich wider das Reich auflehnte. Ihn mit ganzer Macht zu bekämpfen und zum warnenden Beispiel für alle geheimen Anhänger desselben hart zu züchtigen, erscheint dann nicht mehr allzuhart. Diese Strenge war nicht nur nothwendig, um des Kaisers Ansehen im Reiche aufrecht zu erhalten, sondern zugleich auch zu verhüten, daß nicht der König von Frankreich, welcher schon dem deutschen Kaiser durch Unterstützung der Päpste und Begünstigung aller kirchlichen Reformen ein gefährlicher Nachbar war, sich zum Schutzherrn Derer aufwerfe, die der deutschen Oberhoheit ungern gehorchten 2). Als Heinrich die Reichsehre durch Reinald's völlige Besiegung geschützt und erhöht, war eine zeitgemäße Milde gegen den für jugendliche Unbesonnenheit 3) hart Gestraften ebenso klug als scheinbar edelmüthig. Er gewann dadurch die Herzen Vieler und betrübte nur Einen, den Bischof Richard, der bisher ihm sehr ergeben und bis zum Ungehorsam gegen den Papst folgsam gewesen war. Er hatte gehofft, daß durch Reinald's Sturz sein Bisthum nicht nur gesichert, sondern auch vergrößert werden möchte. In des Grafen Freilassung glaubte er eine Kränkung, ja eine feindliche Gesinnung des Kaisers gegen ihn zu erkennen; darum nahm er das Kreuz und gedachte im heiligen Dienste für das Fehlschlagen irdischer Wünsche Ersatz zu finden; aber schon auf dem Wege nach Rom, ehe er die Absolution des Papstes erlangt, entriß ihn der Tod in eine andere Welt 4).

 

1) Alber., p. 224: Imperator eum custodia solvit cum omnibus suis et ut sibi cognatum ad pronria remisit; tantummoao sibi hominium ab eo suscepit.

2) In Bezug auf Heinrichs auswärtige Politik, vornehmlich gegen Frankreich, dürften zwei Stellen bei Otto Frising. beweisen, was im Text gesagt ist: De gest. Frid., lib. I, cap. 10: Hic armis strenuissimus totum imperium ita in brevi suae subjecit ditioni, ut et omnes in Romano orbe positi subjectionis jugum humiliter portarent et vicini dominationem ejus suspectam habentes metu obrigescerent. Bei Gelegenheit des Krieges gegen Reinald cap. 11: Omnibus Gallicanis trepidantibus. Gallia fängt nach Otto Fris. gleich jenseit des Rheines an.

3) Chron. Ursp.: Tyrannidem juvenili actus insolentia contra Kempublicam orditur.

4) Alber., p. 224: Richardus Episcopus omnia sibi contraria videns Ecclesiam infensam, Imperatorem non fidum, qui hostem ejus dimiserat et ipsum contra se nova moliri, crucem accepit, ultro Romam in itinere obiit, nondum a Papa absolutus.

 

 

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115 Heinrich V. auf dem Gipfel weltlicher Macht.

 

Heinrich stand auf dem Gipfel weltlicher Macht, von einem Theil der Reichsfürsten gehorsam unterstützt, von den anderen, die es gewagt, ihm zu trotzen, demüthig um Gnade gebeten und wie sein Großvater innerhalb und außerhalb des Reiches gefürchtet. Selbst der Kirche Bannstrahl konnte nicht auf ihn niederzucken, nur verkündete eine Schwüle umher sein Drohen. Der Papst mochte im Herzen ihm abgeneigt sein, aber noch klangen seine Worte freundlich, versöhnlich, fast wie eines Bittenden, Bedrängten, der von den Kircheneiferern selber gewaltsam fortgerissen werde 1). Der Kaiser antwortete in der gleichen Weise, schaltete übrigens aber in Kirchendingen nach seinem Willen, setzte Geistliche ein und ab, wie es ihm gut und vortheilhaft dünkte. In Adalbert von Mainz hoffte er allen trotzigen Prälaten ein abschreckendes Beispiel gegeben zu haben, doch wußte er recht gut, daß mancher Kirchenfürst mit jenem in Gemeinschaft und Verbindung gestanden. Sie mußten bewacht und gedemüthigt werden. Solchen Argwohn hatte auch der fromme Bischof Otto von Bamberg erweckt, weil er seit Adalbert's Verhaftung nicht mehr bei Hofe erschienen war 2). Gewiß konnte ein so rechtschaffener, gemäßigter Mann, wie Otto, weder das Verfahren des Kaisers gegen den Erzbischof, noch die eigenmächtige willkürliche Einsetzung vieler Bischöfe billigen, und entzog sich deshalb der Nähe Heinrich's. Dieser suchte ihn auf, um ihn auf die Probe zu stellen, und hielt Weihnachten sein Hoflager zu Bamberg. Otto betrug sich aber so klug gegen den Kaiser und sein Gefolge, bewirthete beide sehr reich und festlich und übertrug an Ersteren Kirchengüter, sodaß der Verdacht bald in Vertrauen und Gunst verwandelt und Beider Eintracht fest gegründet schien 3). Wenn gleichwol Otto später auf die Seite der Gegner Heinrich's trat, so darf man den Grund nicht in des Bischofs Falschheit oder Wankelmüthigkeit, sondern in des Kaisers bald alle Schranken übersteigendem Stolz und beleidigendem Verfahren gegen geistliche und weltliche Fürsten suchen.

 

1) Cod Udalr., Nr. 271 u. 273, ersteres ein Schreiben Paschalis', worin er sich über die Kircheneiferer beschwert, letzteres die Antwort Heinrich's auf des Papstes Brief: Compertum habemus, pater venerande, te propter nos gravi controversia et plurimis affectum esse molestiis.

2) Daß Otto 1112 zu Salzwedel bei Heinrich gewesen, erhellt aus der Urkunde bei Guden, I, p. 390.

3) Chron. Ursp., ad a. 1114: Ipse vero (Otto) transitoriis pro concordia ecclesiastica non parcens beneficiis indefessis animositatem regis gloriose devicit.

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116 Dritter Abschnitt.

 

Heinrich wollte nun, wie im Reiche, so auch im Hause sein Glück dauernd gründen. Am 7. Januar vollzog er zu Mainz seine Vermählung mit der ihm schon vor dem Römerzuge verlobten und bereits zur Königin gekrönten Mathilde, Tochter König Heinrich's I. von England, obgleich dieselbe noch nicht die reifen Lebensjahre erreicht hatte 1). Der Alles sich erlaubte, verachtete ebenso die Gesetze der Natur, wie die der Völker. Zu bald nur sollte er erfahren, daß Gewalt zwar schrecken, aber die Gemüther nicht fesseln könne. Während der glänzenden Hochzeitfeier, die alle Fürsten des Reiches durch ihre Anwesenheit erhöhten, und wo der letzte bis dahin noch ungebeugte Gegner, der Herzog Lothar von Sachsen, zu der Demüthigung sich verstehen mußte, mit bloßen Füßen, in schlechtem Gewande vor allen Fürsten die Gnade und Verzeihung des Kaisers zu erbitten 2), begann der von den Meisten gefühlte Unmuth ein neues Kriegsfeuer zu bereiten. Ein eigenmächtiges und ungerechtes Verfahren Heinrich's empörte selbst viele seiner bisherigen Anhänger. Unter den anwesenden Fürsten zu Mainz befand sich Ludwig von Thüringen, der bereits, wie wir gesehen, die Gnade des Kaisers nach Erfüllung sehr harter Bedingungen erhalten hatte. Im Vertrauen darauf und vielleicht mit der Hoffnung, das Verlorene wiederzugewinnen, hatte er zu der Hochzeitfeier des Kaisers sich eingestellt. Zu seinem und aller Fürsten Schrecken wurde er aber festgenommen und zu strenger Haft abgeführt 3).

 

Ob Ludwig durch Aufnahme der Söhne des gefangenen und seiner Länder beraubten Wiprecht's von Groitsch sich gegen Heinrich feindlich bewiesen 4) und den Verdacht neuen Abfalls veranlaßt hatte,

 

1) S. die Citate bei Mascov, p. 148 u. 149. Wilhelm Gemmeticens., hist. Normann. lib. VII, cap. 11: Desponsatam (zu Utrecht) Archiepiscopus Coloniensis in festivitate S. Jacobi Moguntiae in Reginam consecravit, caeteris Coepiscopis assistentibus et praecipue Archiepiscopo Trevirensi, qui eam, dum consecraretur, inter sua brachia reverenter tenuit. Deinde consecratam Reginam usque ad tempestivum tempus nuptiarum studiose nutriri praecepit, in quo nutrimento et linguam addisceret et se secundum Teutonicos mores componeret. — Ibidem: Hanc virginem vix quinquennem Heinricus V. in conjugem requisivit. Wenn dies auch nach Ordericus Vital., hist. eccles., lib XI., im Jahre 1109 geschah, so zählte Mathilde im Januar 1114 höchstens zehn Jahre; vielleicht ist aber bis für vix zu lesen. Guden, IX, p. 629.

2) Otto Fris., Chron. lib. VII, cap. 15: Nudis pedibus, sago indutus, coram omnibus ad pedes ejus venit seque sibi tradidit.

3) Ann. Saxo, Chron. S. Petri ad 1114 u. a. m.

4) Liber de fund. Coenob. Big. p. 122, nachdem die Verhaftung Wiprecht's und dessen Abführung nach Druls erzählt ist: Quo comperto filii ejus Wicpertus et Henricus contra Regem ad Saxones se contulerunt, et ob hoc cum Ludovico Comite rei majestatis adjudicantur. Diese Zusammenstellung läßt vermuthen, daß Ludwig sich vornehmlich, wenn auch sehr geheim, der flüchtig und länderlos gewordenen groitscher Brüder angenommen. Das konnte damals bereits geschehen sein.

 

 

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117 Ludwig von Thüringen gefangen gesetzt.

 

oder ob der Kaiser unter irgend welchem Vorwande eines alten oder neuen Vergehens noch mehr von ihm erpressen wollte, bleibt zweifelhaft. Vielleicht war der — schon damals oder bald danach — seiner Haft entlassene 1) und zu neuer Gunst bei Hofe erhobene Friedrich von Putelendorf die Veranlassung, daß Ludwig ohne begründete Anklage und Rechtsspruch gefangen gesetzt und dann noch festgehalten wurde, als bereits seine Söhne 40 Mark zu seiner Befreiung an den Kaiser gezahlt hatten 2). Um Friedrich für den Verlust der Besitzungen, die 1112 Hoyer von Mansfeld erhalten, zu entschädigen, durfte nur Ludwig gezwungen werden, die seinem Stiefsohne noch vorenthaltenen gosekischen Güter oder einige der seinen herzugeben. Gutwillig hätte er sich dazu nicht verstanden; List und Gewalt konnten ihn aber zwingen. Friedrich durfte nur die alte Anklage wegen des Vaters Ermordung vor den Kaiser bringen, dann hatte Letzterer einen Vorwand, Ludwig zu strafen. Wie die in den folgenden Jahrhunderten mit Bestimmtheit behauptete Anschuldigung des Grafen Ludwig auf historischem Grunde beruhe, ist früher schon erwähnt worden. Die Sage weiß von einer Gefangenschaft Ludwig's auf dem Giebichenstein bei Halle, die der Kaiser wegen des angeblichen Mordes verhängt habe. Hat auch dies eine historische Beziehung, so ist solche in der zu Mainz geschehenen Verhaftung zu suchen und Friedrich als der Urheber derselben anzusehen. Letzterem

 

1) Fridericus post duos annos resolvitur, sagt der Verfasser des Chron. Sampetr. ad 1112. Diese zwei Jahre wären freilich erst im Juni 1114 völlig abgelaufen. Doch sind wol nur die Jahre von 1112 bis 1114 zu verstehen, und nicht genau zu nehmen. Die Freilassung Friedrich's um die Zeit des mainzer Festes oder wenigstens nicht lange danach zu setzen, bestimmen innere Gründe.

2) S. Schultes, Directorium diplom. I, p. 240. Sie verkauften große Güter in der Loibe, einem Theile des Thüringer Waldes, an das von ihrem Vater gestiftete und reichbegüterte Kloster Reinhardsbrunn. Die darüber gegebene Urkunde ist schon vom 3. Mai; die Bestätigung derselben von Seiten des Kaisers erfolgte erst am 14. Sept. So lange hatten wol die jungen Fürsten noch die Zahlung der Lösungssumme zurückgehalten, weil sie des Kaisers unredlichen Sinn aus ihres Stiefbruders feindlichen Angriffen auf ihr Gebiet deutlich erkannten. Erst als Heinrich V. in Thüringen mit Heeresmacht erschien, sahen sie zur Auszahlung der gefoderten 40 Mark sich gezwungen, natürlich ohne des Vaters Befreiung zu bewirken.

 

 

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118 Dritter Abschnitt.

 

wieder seine Gunst zuzuwenden, hatte Heinrich mancherlei gute Gründe. Er kannte Friedrich's Ehrgeiz und Kriegslust, dessen Haß gegen den Stiefvater Ludwig nicht minder als gegen den Oheim Friedrich von Sommerschenburg, die beide für ihre Widerspenstigkeit gegen kaiserliche Majestät zwar hart gezüchtigt, aber darum für die Folge um so gefährlicher waren, und selber mächtige Fürsten in Thüringen und Sachsen, durch Verwandtschaft und gleiche Gesinnung noch mächtiger eine neue Empörung anzustiften vermochten. Ihnen konnte er keinen besseren Mann entgegenstellen als Friedrich von Putelendorf, zumal wenn er demselben die alte Familienwürde, das Pfalzgrafenamt, das in Friedrich's von Sommerschenburg Händen nicht länger verbleiben durfte, übertrug und ihm gestattete, auf Kosten Ludwig's sich zu vergrößern. Vor dem ersteren der dadurch beeinträchtigten Fürsten war er so lange sicher, als er dessen Sohn, den jüngeren Friedrich von Sommerschenburg, als Geißel zurückbehielt. Den Grafen Ludwig unschädlich zu machen, konnte nur durch einen Gewaltstreich, wie er zu Mainz ausgeführt wurde, gelingen. Während seiner Gefangenschaft schien es ein Leichtes, daß Friedrich von Putelendorf mit Beistand des benachbarten Grafen Hoyer von Mansfeld seines Stiefvaters Besitzungen an sich riß. Der neue Günstling des Kaisers fing auch sein Werk sogleich an, fand aber unerwartet in seinen Stiefbrüdern Ludwig und Heinrich, obgleich beide noch sehr jung waren, hartnäckige Gegner, die wohl einsahen, daß der Kaiser trotz aller Opfer, die sie für Freilassung des Vaters zu bringen geneigt waren, nicht zu versöhnen und nicht eher zu befriedigen sei, bis sie Alles hergegeben und dann doch, wie die Söhne Wiprecht's von Groitsch, nicht ihres Vaters Ketten gelöst, sondern sich nur in Verbannung und Elend gebracht haben würden. Sie widersetzten sich also Jedem, der sie in ihrem Besitzthum, das sie in des Vaters Abwesenheit zur Zufriedenheit der Unterthanen verwalteten 1), zu beeinträchtigen suchte. Der allgemeine Haß gegen den Kaiser bei weltlichen und geistlichen Fürsten, bei den Städten wie beim Volke gab ihnen Hoffnung, daß sie nicht lange als die einzigen Kämpfer dastehen würden. Der neue Pfalzgraf von Sachsen machte bald durch Willkür, Habsucht und Anwendung unerlaubter Mittel sich Laien und Geistlichkeit zu Feinden, und schadete dadurch der

 

1) Liber de fund. Monast. Goz., p. 115: Comes Ludovicus necessitate ductus Imperatori Hinrico traditur, captivatur, incarceratur. Cujus loco filii ejus Ludowicus et Raspo Hinricus surrexerunt vicemque ejus favorabiliter suppleverunt.

 

 

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119 Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands.

 

Sache des Kaisers mehr als daß er als sein Stellvertreter dessen Macht befestigt und vergrößert hatte 1).

 

Während Heinrich sich zu einem Feldzuge gegen die Friesen rüstete und alle Fürsten, auch die gedemüthigten sächsischen, zur Theilnahme nöthigte, bereiteten ins Geheim seine Widersacher und selbst früher ergebene Anhänger, die sein Stolz, seine Härte, seine Willkür erbittert, einen Aufstand vor, der nachdrücklicher als jeder frühere im ganzen Reiche, von allen Ständen, mit weltlichen und geistlichen Waffen zugleich gegen das Reichsoberhaupt erhoben werden sollte. An der Spitze der Empörer standen der Erzbischof Friedrich von Köln, der einst Heinrich's Abfall von seinem Vater begünstigt hatte, Gottfried von Löwen, der vom Kaiser erhobene, Heinrich von Limburg, der entsetzte Herzog von Nieder-Lothringen, der nach vorübergehender Gunst bei Heinrich dessen erbitterter Gegner geworden und selbst mit seinem Verdränger Gottfried wider jenen sich verbunden; ferner der Erzbischof Konrad von Salzburg, die Grafen Gerhard von Jülich, Heinrich von Zütphen, Friedrich von Arnsberg. Diese und andere 2) hatten bereits während des Hochzeitfestes zu Mainz sich über einen allgemeinen Aufstand berathen, sehr klug aber denselben verschoben, bis des Kaisers Aufgebot gegen die Friesen ihnen gestattete, die nöthigen Rüstungen zu betreiben, durch die sie jenen zugleich täuschen und mit gewaffneter Hand angreifen konnten 3). Ins Geheim war die Stadt Köln, die stets dem Kaiser abgeneigt sich gezeigt, von den Verschworenen in ihr Interesse gezogen. Sie sollte die Schilderhebung beginnen, wenn das aus Schwaben und Baiern bestehende Heer, welches unter des Kaisers eigener Anführung auf Schiffen den Rhein hinabfuhr, das friesische Gebiet erreicht, sodaß ihm der Rückweg nach Deutschland abgeschnitten, und es von

 

1) Die Händel Friedrich's mit seinem Stiefvater und den Stiefbrüdern gehören in eine Specialgeschichte dieser Fürsten. Ich habe sie weiter ausgeführt in meiner Geschichte der Pfalzgrafen von Sachsen, §. 6. — Wie Friedrich als Advokat des Klosters Gosek, der Stiftung seines Großvaters und Großoheims, verfuhr, siehe Lib. de fundat. Mon. Goz., p. 115.

2) Vergl. Mascov p. 127; Raumer I, S. 284; Stenzel I, S. 660. Ann. Saxo ad 1114: Complures Transrhenanos atque Westfalos.

3) Otto Fris., Chron. VII, cap. 15: Verum in hac curia (Moguntiae), quo pene omnes Principes Regni confluxerant, conspirationes fiunt, ac exhinc non solum occulta consilia, sed et publica contra eum machinamenta disponuntur. Vorher hat er von der großen Furcht gesprochen, die bei den Fürsten des Kaisers Macht erregt hatte.

 

 

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allen Seiten von Feinden umringt werden könne. Dieser Plan blieb aber Heinrich nicht verborgen; auch erkannte er, als er stromabwärts zog, die feindliche Gesinnung der Fürsten in Lothringen, am Niederrhein und in Westfalen 1). Er gedachte nun List mit List zu hintertreiben und sandte eine Heeresabtheilung aus kölnischen und anderen rheinischen Mannen bestehend gen Friesland voraus, um sie entweder der augenscheinlichen Gefahr auszusetzen, von den Friesen vernichtet zu werden und dadurch sie sich unschädlich zu machen, oder sie zu zwingen, mit dem Muth der Verzweiflung einen Sieg zu erfechten, der immer blutig und nachtheilig für sie und doppelt gewinnvoll für ihn sein mußte 2). Auch sein Plan scheiterte, weil der gleichfalls zum Feldzuge gegen die Friesen aufgebotene Herzog Lothar zu rechter Zeit den Kölnern, die bereits von Feinden umringt waren, zu Hülfe eilte und ihnen die Rückkehr möglich machte. Dieser Vorfall beschleunigte den Ausbruch des Bürgerkrieges und erbitterte den Kaiser wie die Gegner aufs heftigste. Die Kölner klagten über Verrath, Heinrich nannte ihre nun begonnene Rüstung zur Selbstvertheidigung Widerspenstigkeit und Empörung. Der Krieg gegen die Friesen unterblieb; um Köln entbrannte ein Kampf, der für Deutschland

 

1) Ann. Saxo ad 1114: Imperator contra quosdam in locis palustribus ultra Fresonum insulas habitantes navalem expeditionem multo studio instituit. Quo dum tendit, Coloniam sibi rebellem et in hoc complures Trans-Rhenanos atque Westfalos consentientes invenit. Wer diese waren, wissen wir bereits.

2) So erklärt, erhält die fälschlich zu 1113 gesetzte Nachricht, welche die über die kölner Angelegenheit sonst gut unterrichtete Chronica regia S. Pantaleonis gibt, eine ungezwungene Auslegung. Es heißt daselbst p. 915: Imperator expeditionem super Fresones fecit, ubi Colonienses, qui inter alios huic expeditioni intererant, fraude ipsius Imperatoris a Fresonibus circumventi interventu Ducis Saxonum evaserunt. Dies kann nur zu Anfang des friesischen Feldzuges stattgefunden haben, den alle anderen Schriftsteller auf das Jahr 1114 setzen, und den Herzog Lothar dabei sehr thätig nennen. Da der Kaiser erst im Juni mit dem süddeutschen Heere heranzog, konnte er das norddeutsche, dem Feinde näherstehende, namentlich die Contingente der rheinischen Städte und Fürsten voranschicken. Die großen Zurüstungen, die er gemacht, um ein kleines, unbedeutendes Volk zu bekämpfen, hatten wol auch seinerseits eine andere Absicht. Die Verschwörung, die unter seinen Augen zu Mainz geschehen, und noch weniger die publica machinamenta konnten ihm nicht verborgen bleiben. Er mußte unter irgend welchem Vorwande eine große Heeresmacht aufbringen, und diese vornehmlich in dem ihm treuen, ergebenen Süden, in Schwaben und Baiern, zusammenziehen. Sein Schwager Markgraf Leopold von Oestreich erhielt wol den Auftrag, den unruhigen Erzbischof Konrad von Salzburg zu bewachen. Erst später trat dieser als offener Feind auf.

 

 

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121 Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands.

 

und seine Verfassung höchst verderblich werden sollte, da er das Reichsverband, das kaum von Heinrich V. hergestellt war, mehr als je lose und in solcher Gestalt doch zur Norm für die Folgezeit machte.

 

Um die ganze Bedeutung des nun beginnenden Reichsschismas zu erkennen, müssen wir hier neben den politischen Verhältnissen auch die kirchlichen in ihrer Rückwirkung auf jene verfolgen. Wir sahen, wie unermüdlich die Theilnehmer der vienner Synode an dem Gebäude der Hierarchie fortzuarbeiten, das Fundament fester und breiter zu legen, und den Giebel, der durch Heinrich's V. kräftiges Auftreten in Rom erschüttert war, auf stärkere Pfeiler zu stützen und höher aufzurichten sich bemühten. Nur wenn der Zerstörer von Gregor's Werk unschädlich gemacht, in seiner Kraft nach außen durch Krieg im Innern seines Reiches gelähmt, wo möglich vernichtet wurde, konnte ihr Vorhaben gelingen. Der Kaiser selbst arbeitete ihnen in die Hände. Ohne seinen Sieg über die Kirche gehörig zu benutzen, ohne die wahre Bedeutung seines Vortheils zu erkennen, gab er diesen hin, als er dem schwachen Paschalis den päpstlichen Stuhl wieder überließ, anstatt aus eigener Machtvollkommenheit einen neuen Kirchenfürsten, einen Diener seiner Wahl darauf zu setzen. Vollends aber bereitete Heinrich sich Verderben, seit er die weltlichen Fürsten, anstatt sie als Stützen seines Thrones mit Milde und Bedachtsamkeit sich unterzuordnen, mit Härte und Stolz zur Ergebenheit zwingen wollte. Da versagten sie auch den ihnen gebührenden Gehorsam und schuldigen Dienst, und wollten lieber auf ihren Schultern Roms Hierarchie erheben als dem eigenen angeborenen Herrscher sich beugen, lieber einen fremden Willen als Princip ihres Handelns und Denkens aufnehmen, als das angestammt germanische Gefühl persönlicher Freiheit beeinträchtigt sehen. Die schlaue Politik der Kircheneiferer blieb nicht säumig, den Unmuth aller Stände in Deutschland, der Fürsten wie der Städte und des gemeinen Volkes zu benutzen. Hatte Heinrich IV. eine kräftige Stütze an letztern beiden gefunden, so waren gerade sie Heinrich V. seit Beginn seiner dem Vater entrissenen Herrschaft abgeneigt geblieben. Viel tiefer als damals faßte jetzt der Glaube in Deutschland Wurzel, daß die Kirche der Willkür und Gewaltthätigkeit des Kaisers Schranken zu setzen suche, daß unter ihrem Schutze die Freiheit Aller gesichert stände, weil des Kaisers Härte und Willkür Alle gleich bedrohe und bedrücke. Daß Heinrich auf Grund des dem Papste abgedrungenen Investiturrechts in Kirchensachen unbeschränkt verfuhr, die Besetzung der Bisthümer und Abteien allein von sich abhängig, die Provinzialsynoden durch

 

 

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seine Bestimmungen unkräftig machte, die Kirchengüter Voigten übertrug, die seinen Vortheil nicht den der Bischöfe und Gemeinden wahrnehmen sollten 1), dies Alles mußte bei der gläubigen Menge großen Anstoß finden und neigte das Urtheil mehr und mehr dahin, daß der Kirche zu all Dem ein größeres Recht zustünde, als dem Kaiser. Diese Gesinnung im Volke zu nähren, und die Fürsten gegen den Kaiser zu neuem Widerstande zu reizen vor Allem aber die eigenen weltlichen Vortheile zu erringen, die aus einem Kampfe der Nation wider das Reichsoberhaupt unfehlbar ihnen zu Theil werden mußten, waren die hohen Geistlichen im Geheimen geschäftig, wenn auch keiner, selbst der Papst nicht, es wagte, den Bann der vienner Synode in Deutschland laut gegen Heinrich zu verkünden. Aber nur so lange dieser durch Gewalt der Waffen sich furchtbar machte, blieb der allgemeine Unwille stumm. Das Verfahren gegen Adalbert und die überwundenen Fürsten erbitterte mehr, als daß es abschreckte, und brachte die getrennten Interessen der Geistlichen und Weltlichen um so näher zusammen, als beide Theile erkannten, daß sie gegenseitig ihren Vortheil unterstützen könnten, und daß Beschränkung der kaiserlichen Gewalt ein gleiches Bedürfniß für sie sei. Seine Uebermacht zu brechen, einen kräftigen Widerstand auf einen Punkt zu veranlassen, gestattete dann der Kirche, ihre Stimme im ganzen Reiche zu erheben, den von der vienner Synode Gebannten laut als Feind der ganzen Christenheit zu bezeichnen und die gedemüthigten Fürsten zur Rache ihrer eigenen und der der Kirche zugefügten Schmach aufzufodern. Aber nur mit Aufbietung aller Kräfte und durch Vereinigung der weltlichen und geistlichen Interessen gegen die des Kaisers war ein glücklicherer Ausgang als bisher zu erwarten. Denn mislang auch dieser Versuch, so hätten Deutschland, Rom und alle Gegner des Kaisers kaum seine Macht zu erschüttern vermocht,

 

1) Man höre nur die Klagen Friedrich's von Köln in einem Schreiben an Otto von Bamberg, Cod. Udalr., Nr. 277: Omnis Ecclesiastici vigoris autoritas aulicis et Palatinis in quaestum versa est. Synodales Episcoporum conventus, annua consilia, omnes denique Ecclesiastici ordinis administrationes in regalem curiam translata sunt, ut illorum marsupiis inserviant, quae spiritualiter examinari debuerant. Quid de cathedris Episcopalibus dicemus, quibus regales villici praesident, quas disponuut, et de domo orationis speluncam plane latronum efficiunt, de animarum lucris nulla penitus quaestio est, dum tantum terrenis lucris regalis fisci os insatiabile repleatur. In diesem Tone geht es weiter fort, der freilich Alles sehr übertreibt, wenn auch viel Wahres darin nicht zu verkennen ist.

 

 

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123 Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands.

 

und die Hierarchie wie die Unabhängigkeit der Fürsten waren einer unbeschränkten Monarchie, ja einer Despotie gewichen, die Deutschlands Einheit und Größe fester gegründet, aber seine Freiheit und eigenthümliche Entwickelung, die nur durch Kämpfe aller Stände und Gewalten widereinander aus der Beschränktheit der mittelalterlichen Lebenselemente zu den erweiterten Ideen der neuen Zeit vorschreiten konnten, auf lange Zeit mindestens in eine starre, einseitige Staatsorganisation gebannt hätte. Diese war das System der geschlossenen und vollständigen Lehnsherrschaft, die im Kaiser den alleinigen Mittelpunkt des Reiches kennt. Heinrich V., dessen ganze individuelle Persönlichkeit dazu berufen schien, war nahe daran, eine unerschütterliche Feudalverfassung in Deutschland zu begründen. Daß sein Streben scheiterte, verdankte Deutschland damals Männern, die mit derselben Energie ganz entgegengesetzte Principien geltend machten und zur Beschränkung der kaiserlichen Gewalt eine Constitution 1), die der hohen Geistlichkeit und den ersten weltlichen Fürsten sehr bestimmt neben dem Reichsoberhaupte eine beschränkende Gewalt zuwies, hervorriefen, und allen künftigen Kaisern die Herstellung einer absoluten Monarchie unmöglich machten. Diesen höheren politischen Standpunkt muß man zu Würdigung der folgenden Begebenheiten festhalten, um über die scheinbar wenig entscheidenden Kriegsvorfälle das ganz entschiedene Resultat nicht zu verkennen.

 

Welche Gefahr mit dem Aufstande in Köln für ihn drohend anhob, entging Heinrich V. nicht, und sein Zorn vermehrte die Eile, ihr zu begegnen 2). Nicht nur gab er, um die eine Stadt, freilich die mächtigste im ganzen Reiche, zu züchtigen 3), den Feldzug gegen die Friesen auf, sondern zog auch mit der ganzen Heeresmacht, die bereits sich versammelt hatte, gegen die Rebellen. Die Kölner aber,

 

1) Den Begriff der Constitution hat nicht erst die neuere Zeit hervorgerufen; er findet seine praktische Anwendung in der Geschichte des Alterthums wie des Mittelalters, und paßt für das Endergebniß des Kampfes, zu dem der Kaiser und seine Gegner vor Köln sich rüsteten.

2) Wenn die Worte der Chron. Regia S. Pant. ad 1112: Conjuratio Coloniae facta est pro libertate auf einen Aufstand gegen Heinrich gedeutet werden dürfen, so hätten schon vor zwei Jahren die Kölner den Kaiser gereizt, und seinen Unwillen gegen die freiheitliebenden Bürger Kölns sogleich auszulassen, verhinderten nur andere Empörungen.

3) Chron. Regia S. Pant. ad 1114: Imperator memor injuriarum suarum in Colonienses (vornehmlich, als er sie den Friesen preisgab) et illam florentissimam totius Galliae et Germaniae civitatem toto orbi etiam famosissimam aut extenuare aut obfuscare toto conatu deliberans.

 

 

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von ihrem Erzbischof Friedrich, den Fürsten in Lothringen, am Niederrhein und in Westfalen einer gleichzeitigen Schilderhebung versichert, erwarteten ihn nicht erst vor ihren festen Mauern, sondern führten ihre kampfgeübte Jugend, von besonnenen, erfahrenen Hauptleuten befehligt, auf dem rechten Rheinufer ihm entgegen und verhinderten die Einnahme von Deutz, wodurch ihnen die Zufuhr auf dem Rheine und die Verbindung mit Westfalen abgeschnitten worden wäre. Als der Kaiser solche Kampfbegierde an den Rebellen wahrnahm, beschloß er sie durch leichte Scharmützel den Tag über zu ermüden und dann am Abende mit seinem überlegenen Heere von Baiern, Schwaben und Sachsen, welche Letztere unter ihrem Herzog Lothar zu ihm gestoßen 1), zu vernichten. Allein, was den Feinden verderblich werden sollte, brachte ihm selber den größten Nachtheil. Da die Kölner eine große Anzahl Schützen auf einer Anhöhe, die die Ebene beherrschte, aufgestellt hatten, erlegten sie durch einen Hagel von Pfeilen Viele aus der kaiserlichen Reiterei, die mehr um ihren Muth oder ihre ritterliche Fechtkunst an unbeholfenen Bürgern im Einzelkampf zu zeigen als eine eigentliche Schlacht zu liefern, hervorsprengte. Am meisten litt eine auserlesene Schar, die theils wegen der drückenden Sonnenhitze, theils aber auch um des Kaisers Beifall zu erhalten, ihre aus undurchdringlichem Horn gefertigten Panzer abgelegt hatte und in wenig Augenblicken fast ganz vernichtet wurde 2). Da gab Heinrich den Plan zu einer offenen Feldschlacht auf, und weil auch die Stadt Köln zu berennen ihm gefährlich schien, so wollte er durch schreckliche Verheerungen am Gebiete der Kölner sich rächen. In der Nacht noch über den Rhein setzend zog er Tags darauf am linken Ufer gegen Bonn 3) und Jülich, wohin die Kölner starke Besatzungen geschickt hatten. Unterdessen waren der Erzbischof Friedrich, Herzog Gottfried von

 

1) Chron. Regia S. Pant. ad 1114: Adunato grandi exercitu Alamannorum, Bajoariorum et Saxonum cum Duce suo Lothario. Der Kampf ist, wie der Text angibt, beschrieben, und hier einmal eine eigene Nachricht in der sonst meist compilirten Chronik.

2) Chron. S. Pant.: Quaedam legio, quae loricis corneis ferro impenetrabilibus utebatur, quas dum captandae aurae gratia exuissent, aestus quippe erat, continuo sagittis excepti ad sex in monumento sunt extincti. Uebertreiben mag wol der kölner Chronist.

3) Wenn dies, mit Stenzel I, S. 661, statt Verona der Chron. S. Pant. zu lesen oder darunter zu verstehen ist.

 

 

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125 Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands.

 

Lothringen 1), die Grafen Heinrich von Zütphen, Dietrich von der Aar, Gerhard von Jülich und viele andere Fürsten und Edle gleichfalls mit ihren Scharen herbeigezogen, und, durch den Sieg der Kölner ermuthigt, wollten sie nicht erst noch andere Bundesgenossen abwarten, sondern sogleich den Kaiser, ehe dieser Verstärkungen erhalte, angreifen. Schlimm wäre beinahe dieses Wagniß abgelaufen. Schon hielten ihre Reihen nicht mehr Stand, schon waren viele Tapfere, und unter ihnen Fürsten, gefallen, verwundet oder gefangen genommen, als die Grafen Friedrich und Heinrich von Arnsberg zu rechter Zeit den Wankenden zum Beistand heranzogen, mit frischen Streitkräften die Kaiserlichen angriffen und nach hartem Kampfe zur Flucht nöthigten. Kaum entging Heinrich selbst den heftig verfolgenden Siegern 2).

 

War durch zwei Niederlagen die Macht des Kaisers zu sehr geschwächt, durfte er den Fürsten in seinem Heere nicht mehr ganz trauen, oder lief die Zeit der Heeresfolge ab, die zu einem Feldzuge gegen auswärtige Feinde, nicht gegen deutsche Fürsten und Städte aufgeboten war; genug Heinrich entließ seine Mannen, befahl aber den Fürsten, im Herbst sich zu einem neuen Zuge gegen Köln zu rüsten. Er selbst eilte nach Thüringen, wo die Flamme der Empörung noch immer fortgelodert, und die Söhne des gefangenen Grafen Ludwig, obschon sie (im Mai) die Lösungssumme für den Vater vom Kloster Reinhardsbrunn erhoben, die Entrichtung verzögerten 3) und wie gegen ihren Stiefbruder Friedrich von Putelendorf, so gegen den Kaiser feindlich gesinnt waren. Als dieser von Ausgang August bis Mitte September in Thüringen verweilte 4), mußten sie die 40 Mark abliefern, nicht sowol zur Befreiung des Vaters, als zur

 

1) Dieser hatte schon vorher den dem Kaiser anhängenden Grafen Giselbert, Advokaten der Abtei St. Tron, bekriegt, die Stadt St. Tron sammt allen Dörfern und selbst Kirchen in Asche gelegt. S. Chron. abbat. St. Trudonis, p. 696.

2) Chron. S. Pant. nachdem er von den Verbündeten gesagt, daß sie fortiter sed infelicter gekämpft: Superveniente autem Friderico Comite Westfaliae et fratre ejus Heinrico valida acie Imperator bello avertitur, et insequentibus adversariis vix fuga labitur.

3) Entweder, wie früher angegeben ist, weil sie dem Kaiser nicht trauten, oder weil sie nach den Vorfällen am Rhein, nach den geheimen Verschwörungen der sächsischen Fürsten eine günstige Wendung der Dinge und die Freilassung des Vaters hofften, ehe sie die Summe auszahlten.

4) Am 26. Aug. und 14. Sept. war der Kaiser in Erfurt. S. Stenzel, II, S. 324.

 

 

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126 Dritter Abschnitt.

 

Sühne ihrer eigenen Vergehen wider das Reichsoberhaupt 1). Jener blieb in Haft, bis eine günstige Wendung der nachfolgenden Kriegsereignisse seine Auslösung herbeiführte.

 

Als im Anfange Oktobers 2) ein neues großes Heer aus Sachsen, Franken, Schwaben, Baiern, Burgund 3) sich um den Kaiser versammelte, beschloß dieser die neulich erlittene Niederlage an den Grafen von Arnsberg zu rächen. Verheerend fiel er in ihre westfälischen Besitzungen, belieh Andere mit ihren Reichslehngütern und ließ, um in diesen Gegenden wider alle Rebellen einen festen Anhalt zu haben, eine Burg aufrichten, die mit einer starken Besatzung, allen nöthigen Waffenvorräthen und Lebensmitteln versehen wurde 4). Darauf wandte er sich gegen das trotzige Köln, das auch seine jetzige Uebermacht nicht schreckte. Um eine abermalige Verheerung ihres Gebietes zu verhindern und die Zufuhr auf dem Rhein nicht abschneiden zu lassen, hatte ihr Heer bei Andernach eine feste Stellung genommen und erwartete den Feind, obgleich ihr Heer, selbst nach Vereinigung mit Erzbischof Friedrich, Heinrich von Limburg, Dietrich von der Are und anderen Bundesgenossen an Zahl dem kaiserlichen nachstand, über welches diesmal nicht Heinrich selbst, sondern mehre Anführer den Oberbefehl hatten. Zwar die Vorhut unter dem Erzherzoge von Lothringen mußte sich vor der

 

1) Schannat, Vind, I, p. 114: XL libris argenti pro redemptione inhabitandae Patriae sui suorumque, qui Imperio nostro secum rebelles exstiterant, persolutis Ludovicus Iunior vendidit (nämlich vorher aufgezählte Ortschaften). Patre suo Ludovico Comite, tunc temporis per nos redacto in captivitatem, praecipiente sibi et collaudante et Cohaeredibus suis - - consentientibus per omnia, ut V Nonas Maji MCXIV in villa, quae dicitur Ilmine. — Datum XVIII Kal. Octobris. Actum Erfurth.

2) Chron. Ursp., Ann. Saxo ad 1114: Circa Kal. Octobris.

3) Diese nennt Chron. S. Pant. Die Fürsten, die Theil nahmen, waren nicht dieselben, oder wenigstens nicht alle die gleichen, wie bei dem Sommerfeldzuge.

4) Chron. Ursp. und Ann. Saxo: Friderici possessionem aggreditur. Qua undique vastata et in medio regionis illius castro firmo constructo eoque militibus, armis atque stipendiis instructo hieme superveniente ab armis disceditur. Hier ist von der im Texte gegebenen Niederlage gar nicht die Rede. Die erbaute Burg würde man nach dem Zusammenhang der Worte für eine im Lande Friedrich's halten. Doch ist regio wol allgemeiner für das ganze Gebiet der Verbündeten zu nehmen, und vornehmlich an eine Veste, die den Kölnern verderblich werden sollte, zu denken. Wo und welche es gewesen, erfahren wir nirgend.

 

 

____ 127 Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands.

 

überlegenen Macht der Kaiserlichen ins Lager zurückziehen, doch noch zu rechter Zeit stellte das ganze Heer der Verbündeten sich in Schlachtordnung und griff mit Ungestüm die Gegner an. Lange blieb der Ausgang zweifelhaft, bis eine auserwählte Schar der kölner Iugend unter ihrem tapferen Führer Dietrich von der Are, entschlossen zu Sieg oder Tod, die Kaiserlichen zum Wanken brachte und endlich völlig in die Flucht trieb. Viele Edle und Knechte fanden den Tod oder geriethen in Gefangenschaft der Sieger, wie Herzog Berthold III. von Zähringen 1), der gleich seinem Vater dem Kaiser jetzt wie in Zeiten noch größerer Bedrängniß mit Treue und Eifer diente. Heinrich, der nicht fern von dem Kriegsschauplatze verweilte 2), empfing die Nachricht einer abermaligen 3) Niederlage der Seinen, mit Schmerz und Zorn; es war sein Verlangen, an den Rebellen harte Züchtigung zu üben, wiederum vereitelt. Der herannahende Winter hatte, selbst wenn sein Heer noch stark genug gewesen, oder

 

1) Chron. S. Pant. ist für diese Schlacht bei Andernach Hauptquelle. Ueber den Ausgang: Plures ingenui et militares trucidantur et capiuntur, inter quos et Bertolfus Dux Karinthiorum (richtiger wol Bertholdus Dux Zaringorum, weil nicht wegen Kärnthen, das Berthold's Vater einmal kurze Zeit besessen, sondern wegen Schwabens den Zähringern der Herzogtitel verblieben war) Imperatori fidissimus captus. Auch die Kölner hatten einen Verlust: Heinricum Comitem de Kesle, virum egregium, qui, per fraudem suorum, equorum pedibus suffocatus, Coloniae juxta ecclesiam B. Petri honorifice tumulatus est.

2) Chron. S. Pant. berichtet zu Anfang des Feldzuges: Imperator per suos duces pugnaturus cum intolerabili multitudine Andernacum venit, ipse quidem bello abstinens et non longe eventum pugnae operiens, was von Ort und Zeit zugleich gilt.

3) Daß das Treffen bei Andernach nicht in den ersten Feldzug des Jahres 1114, wie Mascov p. 172 annimmt, sondern wie Stenzel I, S. 661 thut, in den vom Oktober zu setzen sei, erhellt aus der Angabe der Völker, die Chron. S. Pant. im Heere des Kaisers nennt. In den Schlachten bei Deutz und Bonn werden nur Schwaben, Baiern und Sachsen (unter Lothar) angegeben; bei Andernach zwar auch jene drei, aber die Sachsen nicht von Lothar geführt, und außerdem Franken und Burgunder. Der Chronist scheidet zwar die Feldzüge nicht genau (Tertio posthinc bello in campis Anturnacensium d. i. das dritte Treffen. Danach doch von einer neuen Heeresversammlung: Congregato namque plurimo tam pedestris quam equestris militiae comitatu) und gibt keine Zeitbestimmung; jener Umstand aber und daß nach einer Niederlage, wie die bei Bonn, Heinrich nicht sogleich ein neues Treffen liefern konnte, in welchem sein Heer intolerabili multitudine, das der Verbündeten longe satis impari copia heißt, beweisen, daß hier an das neue Aufgebot zu denken ist, welches Chron. Ursp. und Ann. Saxo circa Kal. Octobris setzen, ohne freilich der Schlacht bei Andernach zu erwähnen.

 

 

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128 Dritter Abschnitt.

 

durch neue Aushebungen ergänzt worden wäre, von neuen Kriegsunternehmungen gegen Köln ihn abhalten müssen. Ueberdies drohte bald anderswoher eine größere Gefahr.

 

Die Folgen zweier so schimpflicher Feldzüge gegen die westlichen Rebellen mußten bei der Stimmung, die in ganz Deutschland herrschte, für Heinrich äußerst nachtheilig wirken. Außer seinen Neffen, Friedrich und Konrad von Hohenstaufen, und dem Pfalzgrafen Gottfried vom Rhein konnte er kaum noch einem der größeren Fürsten sicher trauen, und die einzelnen ergebenen Grafen und Ritter in den aufgestandenen oder sich zum Aufstande rüstenden Provinzen waren zu schwach, den mächtigen Verbündeten lange Widerstand zu leisten oder des Kaisers Sache aufrecht zu halten. Fast in allen Gegenden des Reiches erhob sich Zwiespalt, Parteiung und Kampf zwischen Anhängern und Gegnern des Kaisers, vor dessen Zorn Keiner mehr zaghaft zurückbebte.

 

Die gefährlichste Empörung aber drohte in Sachsen. Allgemein und groß war hier der Unwille über die schmachvolle Behandlung, durch welche Heinrich die meisten Fürsten in ihrer Person verletzt hatte, über die unerhörten Geldfoderungen 1), wodurch Viele zu Gebietsabtretungen genöthigt und in Schulden gerathen waren, über die Ungerechtigkeit, womit er die Einen nach Empfang der Lösungssummen dennoch in Haft zurückhielt, Andere ihrer Würden und Lehen beraubte, wie Ersteres mit den Grafen Wiprecht von Groitsch, Ludwig von Thüringen und Burchard von Meißen 2), Letzteres mit Rudolf von der Nordmark, Friedrich von Sommerschenburg, Friedrich von Arnsberg und Reinhard von Halberstadt 3) geschehen war. Noch fehlte den Misvergnügten ein mächtiges Haupt, bis wieder Lothar an ihre Spitze trat. Ob auch ihn eine besondere Beeinträchtigung nach seiner Demüthigung zu Mainz getroffen, ist nicht bekannt. Es scheint, daß der Kaiser ihm nur die Heeresfolge gegen seine und des

 

1) Vita Vip., cap. XI, §. 6: Omnes Principes Saxoniae censu ante inaudito cunctis indicto vehementer infestabat. Fast scheint hier von einer neu eingeführten Abgabe, wie Heinrich sie später dem ganzen Relche auferlegen wollte, die Rede zu sein.

2) Burchard wurde 1116 freigelassen; den Anlaß seiner Verhaftung kennen wir nicht. S. Vita Vip., cap. XI, §. 19.

3) Lib. de fund. Coen. Big., p. 123: Privavit dignitatibus suis Episcopum Halberstadensem venerabilem, Reinhardum Comitem Palat. de Sommerskenburch et Fridericum de Arnsberg ac Rudolfum Nordmarchia potitum substituitque pro eis alios sibi faventes. Vergl. Vita Vip. a. a. O.

 

 

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129 Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands.

 

Reiches Feinde auferlegt hatte, welcher Verpflichtung er, wie wir gesehen, gegen Friesland und selbst gegen Köln entsprochen. Unter den Theilnehmern des Herbstfeldzuges erscheint er nicht mehr, sei es, weil er nicht zweimal in einem Jahre zu Felde ziehen durfte, oder, was wahrscheinlicher, weil ein feindlicher Einfall der Slaven ihm einen Vorwand gab zurückzubleiben. Genug, ein Krieg gegen diese nahm seine ganze Thätigkeit in Anspruch und wurde mit großem Ruhm beendet. Nicht nur den Slavenfürsten Dumar und dessen Sohn zwang er zur Unterwerfung, auch einen Häuptling der Rüger, der feindlich eingefallen, trieb er durch eine geschickt und rasch ausgeführte Umzinglung so in die Enge, daß derselbe ohne Schwertschlag sich für überwunden erklärte, um Frieden bat, einen großen Tribut zu zahlen versprach und dazu durch Eidschwur und Geißelstellung seines Bruders sich verpflichten mußte 1).

 

So ganz geändert hatte sich die Lage Lothar's und des Kaisers, daß jener nun als Sieger ein Heer erprobter Krieger, dieser als Besiegter kaum die Ueberreste eines ihm zum großen Theil nur ungern gehorchenden Reichsaufgebotes von ihren Feldzügen zurückführten. Auf Jenen sahen die misvergnügten, zum Theil schon im Aufstande begriffenen sächsischen Fürsten als ihren mächtigsten Helfer, auf Diesen mit Furcht, daß er seinen Zorn, den erlittene Schmach nur erhöhet, an ihnen auslassen werde. Lothar konnte die auf ihn Hoffenden täuschen, dem Kaiser seinen mächtigen Arm bieten und reichen Lohn dafür erwarten. Doch Eigennutz leitete nicht seine Handlungen. Sein Streben war, die Rechte der Fürsten gegen Willkür des Reichsoberhauptes zu schützen. Noch im Jahr 1114 trat er an die Spitze der sächsischen Misvergnügten, und mit ihm seine Schwiegermutter Gertrud und der Erzbischof Adelgot von Magdeburg, der seine geächteten Neffen, die Söhne des gefangenen Wiprecht von Groitsch, aus dem Versteck der Wälder und unsicherer Schlupfwinkel in seiner Stadt Luburg aufgenommen hatte 2), dem Bunde gegen den Kaiser bei.

 

1) Ann. Saxo hat hier eine eigene Nachricht, die man selbst bei Helmold vergeblich sucht: Luiderus D. S. expeditionem movet super Dumarum Slavum ejusque filium et eos ad deditionem coegit, principem quoque Rugianorum ad se in bellum venientem sagaci agilitate circumvenit, qui, ut circumventum se vidit, pacem colloquiumque Ducis depoposcit, germanum fratrem suum obsidem dedit, pecuniam copiosam spopondit, fiem sacramento confirmavit.

2) Adelgot war ein Sohn Werner's des Aeltern von Veltheim und der Schwester des ältern Wiprecht. S. Vit Vip., cap. I, §. 9. Das im Text Erzählte berichtet ausführlich Vit. Vip., cap. XI, §. 8 u. 9. Adelgot hatte sich wol von mehr als der seinen Verwandten erwiesenen Gunst vor dem Kaiser zu rechtfertigen. Da die Neffen an der Verschwörung zu Kreutzburg Theil nahmen, mußte auch Adelgot darum wissen, und war dadurch schuldig. Furcht vor Heinrich war gewiß ebenso die Triebfeder seines Erscheinens vor dem Kaiser als seiner Flucht von Hofe, sobald er erkannt, daß er sich nicht würde völlig rechtfertigen können.

 

 

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130 Dritter Abschnitt.

 

Die Verschworenen hielten mehre geheime Berathungen 1), die nicht sogleich auf Empörung und Abfall gerichtet waren, sondern nur einmüthige Beschwerdeführung über die erlittenen Beeinträchtigungen, Abstellung derselben, vornehmlich Freigebung der gefangenen Fürsten, Wiedereinsetzung der Beraubten, eine allgemeine Amnestie und Sicherstellung für die Zukunft bezweckten. Bei aller Mäßigung dachten sie indeß auch daran, wie sie vor jeder neuen Gewaltthätigkeit sich schützten. Zu diesem Zweck ward eine Bewaffnung und Vorbereitung der Vertheidigung nöthig erachtet. Auf der letzten Versammlung zu Kreutzburg 2) an der Werra verpflichtete sich jeder Theilnehmer zu treuester Hülfeleistung und fester Ausdauer, wenn des Kaisers Sinn gegen ihre Bitten und Vorstellungen keine Nachgiebigkeit zeige. Ohne Zweifel fand eine Verbindung der sächsischen und rheinischen Fürsten schon damals statt, und Letztere hatten gewiß viel beigetragen, die Sachsen zu einem neuen Aufstande durch Zusage ihrer Hülfe zu bewegen 3). Kreutzburg, einen soweit westlich gelegenen Ort, der überdies dem am Oberrhein verweilenden Kaiser die Verschwörung leicht verrathen konnte, hätten wol die sächsischen Fürsten nicht zu ihrer Versammlung gewählt, wenn an dieser nicht

 

1) Vit. Vip., cap. XI, §. 7: Multa conventicula simul habuerunt.

2) Ibidem: Tandem juxta Kruciburg simul conglobati initum foedus juramento firmarunt.

3) Friedrich von Arnsberg gehörte als westfälischer Graf schon zum Sachsenbunde. Seine Verbindung mit den transrhenanischen Fürsten und den Kölnern brachte auch diese mit den östlichen Widersachern in ein Einverständniß. Ob Letztere an dem Aufstande Kölns im Geheimen Theil genommen, oder denselben veranlaßt, um sich unterdessen zu rüsten, ist nicht zu entscheiden. Erst als Lothar wider den Kaiser auftrat, wurde Sachsen der Heerd und die Basis der allgemeinen Empörung durch ganz Norddeutschland. Auf die Stimmung der Sachsen war bei der Empörung in den Rheingegenden gerechnet. Ja selbst weiter noch scheint die Verbindung verzweigt gewesen. Erzbischof Friedrich von Köln in seinem früher angeführten Mahnungsschreiben an Otto von Bamberg meldet diesem: Jungitur se nobis Francia, libero ore veritatem Saxonia profitetur.

 

 

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131 Allgemeiner Aufstand Norddeutschlands.

 

auch die Rebellen im Westen des Reiches Theil genommen. Die Folge bewies, daß Letztere ihren Beistand Jenen nicht versagten, als dem Schwert die letzte Entscheidung vorbehalten blieb. Sobald Heinrich von den Bewegungen in Sachsen hörte, bot er seine stets unermüdliche Thätigkeit auf, ihnen zu begegnen. Allein zu den einzig heilsamen Mitteln, Nachgiebigkeit, Milde, augenblicklicher Entlassung der gefangenen Fürsten, Aufhebung der Bedrückungen, nachdrücklichen Verweisen an seine willkürlich im Lande schaltenden Diener und Günstlinge konnte sein Stolz sich noch nicht entschließen. Mit Strenge hoffte er die Widerspenstigen, die er so wenig vorbereitet wie im vorigen Jahre zu überraschen glaubte, zum Gehorsam zwingen zu können. Am Rhein brachte er eine bedeutende Kriegsmacht zusammen, mit der er noch im Winter 1114 in Goslar erschien, und die seine Anhänger in Sachsen und Thüringen noch verstärken sollten 1). Als er um Weihnachten die Häupter der neuen Verbindung nach Goslar beschied, blieben dieselben wie vor zwei Jahren zu Erfurt aus 2). Nur der Erzbischof Adelgot, der eine seinen Verwandten bewiesene Mildherzigkeit für kein strafbares Vergehen wider den Kaiser hielt, oder diesen zu versöhnen hoffte, erschien am Hofe, verließ ihn aber bald wieder, weil die Warnung eines geheimen Anhängers seines Hauses, der im kaiserlichen Gefolge sich befand, in ihm den Argwohn erweckte, Heinrich wolle ihm den Prozeß machen und ihn gefangen setzen 3). Alle Widerspenstigen traf nun die Reichsacht, ihre Würden und Lehen wurden Andern zugewiesen und der Krieg gegen Jene beschlossen. Die dem Kaiser willfährigen

 

1) Ann. Saxo ad 1115: Imperator considerans Saxoniam manifeste jam a se deficere contra eam ut iratus ita et armatus venit, et tam ex his, quos adduxersat, quam quos inibi voluntarios invenerat, castra non modica instituit.

2) Ann. Saxo a. a. O.: Natalem Domini Goslariae celebravit, et Reinhardo Halberstadensi Episcopo, Duci Liudero, Palatino Comiti Friderico, Marchioni Rodolfo, ut curiae huic intersint, edicit. Geladen waren gewiß alle sächsischen Fürsten. Der Annalist nennt nur die welche ausblieben.

3) Vita Vip., cap. XI, §. 9 u. 10: Quidam Archiepiscopo familiaris a suo nepote, qui in regis erat ministerio, est clam praemonitus, scilicet Archiepiscopum regis circumventum fraudibus et non solum sequenti die deponendum, sed etiam cum suis omnibus capiendum. — Ille (Adelgotus) nil moratus in ipsius noctis tenebris, ignorantibus adversariis et celeriter equis ascensis Nsgäeburg snte meöism noctem cum suis sufugit. - §. II: Archiepiscopus absens deponitur et ultio fieri de Saxonibus reipublicae contemptoribus illico decernitur.

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132 Dritter Abschnitt.

 

Fürsten versprachen binnen vierzig Tagen ihre Mannschaft aufzubieten und die alte Pfalz Walhausen wurde zum Sammelplatz bestimmt 1).

 

Unterdeß waren auch die Verbündeten nicht unthätig und keineswegs von Furcht gelähmt. Gleich nach dem Tage zu Kreutzburg hatten sie die Veste Walbeck an der Wipper stark befestigt und von derselben aus den Grafen Hoyer von Mansfeld, den gefährlichsten Gegner im eigenen Lande, auf alle Weise bedrängt 2). Von dort aus ließen sie durch Gesandte Heinrich erklären, daß sie nur zur Selbstvertheidigung, nicht zum Kampfe wider Kaiser und Reich die Waffen ergriffen hätten 3) und sogleich diese niederlegen würden, wenn er ihren Bitten geneigtes Gehör und Abstellung ihrer gerechten Beschwerden gewähre. Anstatt zu besänftigen, erhöhete dies Heinrich's Zorn, und dem Schwert allein verblieb die Entscheidung. Beide Parteien zogen ihre Streitkräfte zusammen. Im Dienste des Kaisers zeigten sich besonders Diejenigen sehr thätig, denen die Würden und Güter der Geächteten zugesprochen waren, wie der junge Heinrich von Stade, der schon früher die Nordmark erhalten, sie aber seinem Oheim noch nicht hatte entreißen können 4), Friedrich von Putelendorf, der neue Pfalzgraf, und vor Allem der zum Herzog von Sachsen ernannte Hoyer von Mansfeld. Während dieser mit andern Anhängern des Kaisers Orlamünde belagerte, nahm Heinrich selbst Braunschweig, das Erbe der Markgräfin Gertrud, ein und zerstörte das seiner Mauern beraubte Halberstadt nun vollends 5). Die Verbündeten, sei es nun, daß sie dem Kaiser nicht unmittelbar Trotz bieten, oder daß sie leichter den Grafen Hoyer zu bekämpfen dachten, wandten sich gegen diesen und suchten nur die Vereinigung der noch

 

1) Vit. Vip., cap. XI, §. 9 u. 10! Expeditione dehinc post 40 dies scilicet IV. Idus Februarii suis omnibus indicta, apud Walehusen suum adunant exercitum.

2) Vit. Vip., cap. XI, §. 7: Inde proficiscentes castrum, quod Wallebeche dicitur, ad injuriam Regis aedificarunt. Ex quo Hogerum Comitem onmibus modis infestabant. S. auch Ann. Saxo ad 1115. Walbeck, nicht das ohnweit Helmstädt gelegene Stammschloß von Lothar's Vorfahren, sondern im Mansfeldischen an der Wipper gelegen.

3) Chron. Ursp.: Non pugnandi contra dominum suum audacia sed defendendi necessitate coacti.

4) Ann. Saxo ad 1114: Ejecto Rodolfo, milder Chron. Saxo ad 1115: Rudolfus remisit marchiam. Der Pegauer Mönch dagegen a. a. O.: Rudolfum Nordmarchia potitum.

5) Ann. Hildesh., Ann. Saxo ad 1115.

 

 

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133 Schlacht am Welfesholze.

 

vereinzelt operirenden Gegner bei Walhausen zu verhindern 1). Diese bewerkstelligte der Kaiser dennoch zu der festgesetzten Zeit 2) an einem Orte, das Welfesholz genannt, in der Gegend von Eisleben, machte es dadurch aber zugleich den westlichen Bundesgenossen der Sachsen möglich, zu diesen zu stoßen. Die Arnsbergischen Brüder, Heinrich von Limburg, Hermann von Cavelage, ein Enkel des berühmten Otto von Nordheim 3) und andere Fürsten und Hülfsvölker 4) verbanden sich mit Herzog Lothar, unter dessen Führung die Gesammtmacht gleichfalls am Welfesholz lagerte. Einige Tage zögerte man noch auf beiden Seiten mit dem Angriff, theils wegen der rauhen Winterkälte und Schneemassen, die Wege und Felder deckten, theils aus Besorgniß über den Ausgang eines Alles entscheidenden Treffens 5). Waren die Verbündeten der Härte und des Zornes eingedenk, mit denen der Kaiser sie bedrohete, wenn er Sieger bliebe und die abermals Abgefallenen züchtigte, so erkannte Heinrich, daß nach einer Niederlage in Sachsen wie am Rhein seine Herrschaft, ja in ganz Deutschland sein kaiserliches Ansehen kaum noch zu behaupten möglich wäre. Aber der ungestüme Hoyer, der nach der Herzogwürde begierig Verlangen trug und für schimpflich hielt, mit fast noch einmal so starkem Heere unentschlossen vor dem Feinde im Lager zu stehen, er, der einst mit 300 Mann das Vorhaben der rebellischen Sachsen vereitelt hatte, wollte mit seiner Schar, einer auserlesenen jungen Mannschaft, die gleich ihm kecker Muth und Kampfeslust beseelte , nicht länger zaudern. Mit Ungestüm warf er sich (am 13. Februar 1115) auf den Feind; ihm entgegen trat, zornentbrannt für des Vaters Gefangenschaft und die Beraubung des Erbes an dem

 

1) Vita Vip., cap. XI, §. 11: Saxonibus e contra pro posse in id ipsum (Walehusen) enitentibus.

2) Vita Vip. a. a. O.: Ventum erat ad tempus indictum ad locum, qui Welfesholz dicitur.

3) Ann. Saxo p. 563 nennt Hermann einen Sohn des ältern Hermann von Calverla (so wird er hier genannt, p. 631 H. de Cavelage) und der von Welf verstoßenen Ethelinde. Friedrich von Arnsberg war der Sohn einer jüngern Tochter Otto's, die an Konrad von Arnsberg vermählt gewesen.

4) Ann. Hild. und Ann. Saxo a. a. O. geben nur die Genannten an. Chron. Pantal. p. 916: Adjunctis Friderico Archiepiscopo cum Coloniensibus. Daß auch Diese Hülfstruppen nach Sachsen geschickt, ist wahrscheinlich.

5) Vita Vip. a. a. O.: Propter hyemis asperitatem ac nivium importunitatem bellum in crastinum differtur. Chron. Ursp. und Ann. Saxo: Cumque per aliquot dies pars utraque alteri minaretur et parceret.

 

 

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134 Dritter Abschnitt.

 

Urheber Beides sich zu rächen, der junge Wiprecht von Groitsch. Wie jenen die Hoffnung auf ein neues großes Besitzthum erfüllte, trieb diesen Verzweiflung, weil ihm nichts von seiner Habe als das Schwert gelassen. Weit voran vor den Seinen, nur von einem Ritter gefolgt, sprengt der Mansfelder in den feindlichen Haufen; weil dieser unberitten, oder weil er durch sein Streitroß sich behindert glaubt, steigt er ab und will mit erhobenem Schwert sich Bahn brechen. Nicht erschreckt dies den jungen Groirscher Helden; auch er, nur begleitet von einem tapfern Brüderpaar, stürzt zum Zweikampf hervor, schleudert die Lanze wider die Brust des Gegners mit solcher Gewalt, daß sie tief in den Panzer dringt; doch Hoyer's Gefährte zieht das Eisen heraus, mit erhöheter Wuth führt Hoyer selbst einen toddrohenden Schlag auf Wiprecht's Haupt; den fängt dieser mit dem Schilde auf, dringt nun auch mit dem Schwerte auf den Gegner ein und glücklicher als der, versetzt er demselben einen Hieb, daß er niederstürzt und den zweiten tödtlichen nicht mehr abzuwenden vermag. Da jeder den Furchtbaren im Leben gekannt, bleibt sein Fall nicht verborgen und erhebt den Muth der Sachsen, wie er den der Kaiserlichen niederbeugt. Jene kämpfen für Freiheit und Recht, diese erfüllt kein höheres Interesse; auch Denen, die Heinrich auf den Lohn des Sieges verwiesen, schwindet die Hoffnung auf Beides, und bald erfaßt Alle die Furcht vor den erbitterten Gegnern, deren Einer zwanzig bis dreißig von ihnen niederwirft oder in die Flucht jagt. Dennoch währete, weil der Kaiser nicht die Fassung verlor und um jeden Preis den Sieg noch zu erringen suchte, die Schlacht bis zum Einbruch der Nacht. Da hielt auch jener die Flucht für das einzige Heil 1). Mit den Ueberresten seines großen Heeres wandte er sich

 

1) Jenes famosissimum proelium berichten alle Chronisten, am ausführlichsten die Vita Vip., cap. XI, §. 11-14, und nach ihm der Pegauer Mönch bei Hoffm., Scrpt. rer. Lusat. IV, p. 123. Ohne diese Beiden wüßten wir nichts von der Heldenthat Wiprecht's, da die anderen Schriftsteller, obwol auch sie die Niederlage des Kaisers vornehmlich aus dem Fall Hoyer's von Mansfeld herleiten, den Ueberwinder dieses nicht namhaft machen. Differenzen herrschen in der Angabe des Tages. Ann. Hildesh., Ann. Saxo, Chronogr. Saxo geben das Datum III. Idus Februarii, Helmoldi Chron. Slav., Dodechin, Alb. Stad. Kalend. Februarii. Die Angabe der Ersteren, die, wenn man die Nachricht der Vita Vip. aus dem Zusammenhange des Erzählten auffaßt, auch durch sie bestätigt wird (ad tempus indictum, die vorher IV. Idus Febr. angegeben, trafen die Heere im Welfesholz zusammen; bellum in crastinum differtur, also III. Id. Febr.) scheint die richtigere. Vergl. Stenzel II, S. 324. Die Stärke der Feinde nach Helm. und Alb. Stad.: Tres (Saxones) contra quinque pugnaverunt. Daß der Kaiser die Seinen geführt, sagt Vita Vip. §. 13: Imperator adveniens ordinavit acies. Die Gesinnung beider Heere §. 14: Saxones pro patria viriliter agentes, hostes nec spe nec timore enitentes, quasi oves tanto furore aggressi sunt, ut XXX seu XX ab uno Saxone occumberent Die Dauer des Kampfes, ibid: Toto die pugnatum est, et nox interveniens bellum diremit.

 

 

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135 Schlacht am Welfesholze.

 

nach Baiern und dann nach dem Rheine 1). Die Sachsen waren von ihrem unerwartet glänzenden Siege so überrascht, daß sie noch bei des Kaisers Flucht an demselben zweifelten, und in der Furcht, es möchte ein versteckter Hinterhalt ihnen den errungenen Vortheil entziehen, den Fliehenden nicht einmal verfolgten. Auf dem Schlachtfelde errichteten sie zum Gedächtniß des für ihre nationale Freiheit so glücklich ausschlagenden Kampfes eine Kapelle und darin eine Statue nach Weise ihrer Altvordern mit Helm, Schild und Keule, welcher späterhin die Umwohner der Gegend den Namen des heiligen Tyodut oder Jodut beilegten 2). Den Haß gegen Heinrich bezeichnete eine andere minder lobenswerthe Handlung. Auf den Rath des Bischofs Reinhard von Halberstadt, der im Heere der Verbündeten viel galt, der vor und während der Schlacht die Kämpfer durch seine religiös ermahnenden, auf die Gerechtigkeit ihrer Sache tröstend verweisenden Reden ganz besonders ermuthigt hatte, ward den gefallenen Kaiserlichen eine ehrliche Bestattung versagt, weil sie als Anhänger eines gebannten Kaisers in den Tod der Verdammniß gegangen seien. Ueberhaupt fing man an, diesem anfangs rein weltlichen Kampfe in Sachsen, wie in den andern Provinzen, die wider Heinrich im Aufstande waren, eine kirchliche Bedeutung unterzulegen und die Kämpfer für Freiheit und Eigenthum in Streiter für Kirche und Hierarchie umzuwandeln. Nicht alle weltlichen Fürsten mochten darin einverstanden sein, allein noch nicht gestattete ihnen ihr eigenes Interesse sich von der Geistlichkeit zu trennen oder als Vermittler und selbstständiger Stand für Kaiser und Kirche, wie für sich selbst bestimmte Rechte zu fodern. Noch immer schien Heinrich's Macht

 

1) Ersteres nennt die Vita Vip. a. a. O.: Victores postera die Regem in Bojariam fugisse compererunt. Dagegen sagen Chron. Ursp. und ihm nachschreibend Ann. Saxo ad 1115: Imperator non parum amaricatus ad Rhenum convertitur, was indeß nicht unmittelbar nach der Schlacht geschehen zu sein braucht.

2) Corner p.657 ad 1117 (für 1115) und Dodechin ad 1115. Erster fügt hinzu: Quasi Saxones victoriam ipsius auxilio habuerint. Vergl. Krantz, Hist. Saxon., lib. V, cap. 36. Es charakterisirt auch diese Erhebung der Kriegestrophäe zu einem Heiligen den Geist des Krieges selbst.

 

 

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136 Dritter Abschnitt.

 

gefährlich; um ihn zu beschränken, wider ihn das Volk in Aufregung zu erhalten, damit es nicht gewahr werde, daß an die Stelle eines Tyrannen jetzt der härtere Druck vieler kleinen Despoten getreten, gestatteten sie, daß man der Empörung gegen das Reichsoberhaupt das Ansehen eines heiligen Krieges gab, während weltliche und geistliche Fürsten auf gleiche Weise die Vergrößerung ihrer Macht im Auge behielten. Zur Verhütung jenes Zerwürfnisses, welches dem Kaiser Gelegenheit geben könne, sich für die erlittenen Niederlagen zu rächen, wurde der früher geschlossene Bund auch ferner aufrecht erhalten, wiederholte Zusammenkünfte und Berathungen über des Landes Wohl gaben seiner Thätigkeit Einheit und Nachdruck. Vorerst ward beschlossen für Sicherheit im eigenen Lande durch Unterdrückung aller inneren Zwistigkeiten, durch Bekämpfung der kaiserlichen Anhänger und Abwehr jedes auswärtigen Feindes Sorge zu tragen 1). Denn noch waren viele Vesten in Sachsen und Thüringen mit starker Besatzung versehen und droheten nicht nur mit verheerenden Ausfällen, sondern gewährten auch den Freunden des Kaisers so lange Schutz und Beistand, bis dieser, wie jene mit Zuversicht erwarten durften, einen neuen Heereszug nach Sachsen machen werde. Die feindlichen Burgen zu belagern oder zu beobachten mußte eine bewaffnete Kriegsmacht unterhalten werden. Daß die slavischen Völker im Osten und Nordosten nicht die Zwietracht im Reiche, wie bisher geschehen, zu verheerenden Einfällen und Raubzügen benutzten, waren starke Grenzbesatzungen nöthig. Schon hatten die Luitizen, zum Theil von sächsischen Fürsten selbst herbeigerufen 2), sich auf deutschem Boden gezeigt, und waren um die Zeit, als im Welfesholze die eine Hälfte des Reiches wider die andere zum Kampfe entbrannte, bis Köthen vorgedrungen. Nur ein sehr kleines sächsisches Heer unter der Anführung Otto's von Ballenstädt konnte, während der innere Zwiespalt die Auftreibung so großer Streitmassen hervorrief, dem gemeinsamen 3) Feinde des Vaterlandes entgegengestellt

 

1) Helmold, lib. I, cap. 40: Saxones propter victoriam animis sublevati perpendentes Caesaris iram non facile impunitatem tantae calamitati praebituram frequentibus colloquiis caussm suam muniverunt, seditiones, quae intra provinciam erant, foederibus conciliant, aliunde auxiliantum manus consciscunt, postremo ne complures foedera rumpant, omnes in defensionem patriae conjurant.

2) Chron. Saxo ad 1114 (d. i. 1113): Barbari, qui dicuntur Luitici, consilio Rudolfi Marchionis propter odium, quod habebat adversus Milonem, multas strages patriae intulerunt.

3) Weder daß der Kaiser, noch daß die sächsischen Fürsten die Luitizen herbeigerufen, wird aus den alten Chronisten sich beweisen lassen. Am wahrscheinlichsten bleibt, daß aus freiem Antrieb die Slaven einen Einfall gethan. Stenzel I, S. 669 mischt auf sehr unklare Weise diesen Heereszug der Luitizen in den sächsischen Krieg, und seine Angabe, daß Rudolf von der Nordmark sie gerufen, und daß Otto von Ballenstädt wegen seiner Ansprüche auf das Herzogthum Sachsen wider die Verbündeten und mit dem Kaiser gewesen, sind falsch oder ungenügend. Wie die vorige Anmerkung zeigt, hatte in einer Privatfehde gegen Milo (1113) nicht gegen den Kaiser (1115) der Markgraf die Barbaren aufgeboten. Durch Rudolf's unbesonnenen Streich war Letztern der Weg gezeigt, und ungehindert konnten sie auf demselben 1115 vordringen, als der verderbliche Bürgerkrieg, der ihnen kein Geheimniß blieb, die sächsischen Fürsten beschäftigte. Nur Otto hatte daran keinen Antheil nehmen können, weil sein Land von jenen slavischen Horden zunächst bedroht wurde. Vergebens mochte er den Kaiser, wie die Landesfürsten um Beistand anrufen. Seine Stellung zu Heinrich, wie zu den sächsischen Verbündeten ist früher gezeigt. Schwerlich konnte er damals für Heinrich sein, der nicht ihm sondern Hoyer'n das Herzogthum Sachsen zugewiesen hatte. Daß er gegen die Verbündeten gewesen, wird von keinem Chronisten berichtet.

 

 

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137 Besiegung der Slaven.

 

werden 1). Gleichwol erfocht diese kleine Schar einen glänzenden Sieg über die regellosen Horden bei Köthen zwei Tage vor der Schlacht im Welfesholze 2), die vielleicht um des auswärtigen Feindes willen noch scheu vermieden, dann durch die Nachricht von jenem Siege beschleunigt wurde, zumal da Hoyer von Mansfeld in Otto einen gefährlichen Mitbewerber um das Herzogthum Sachsen zu fürchten hatte, den er nur durch einen ebenso erfolgreichen Schlag wider Lothar und dessen Verbündete ausstechen konnte. Dieses ehrgeizige Streben brachte ihm statt Ruhm und Gewinn, Schmach und Tod. Sachsen aber war in zwei Tagen von einem auswärtigen und einheimischen Feinde befreit worden. Daß keiner von diesen den Angriff erneute, mußte durch kluge Maßregeln verhütet werden.

 

1) Wenn Ann. Saxo und Chronogr. Saxo 60 Deutsche gegen 2800 Slaven angeben, so ist das Uebertreibung, oder nur die Zahl der Ritter im deutschen Heere darunter verstanden.

2) Ann. Saxo ad 1115, Chronogr. Saxo ad 1116: Otto, Comes de Ballenstede, cum LX de Theutonicis (vielleicht leisteten ihm seine slavischen Unterthanen besseren Beistand als der Kaiser und die sächsischen Fürsten, und machten den Haupttheil seines Heeres aus) vicit duo millia et octingentos de Slavis loco, qui Cothine dicitur, ex quibus ibidem corruerunt mille septingenti et amplius V. Idus Februarii. Fälschlich setzen Spätere beide Schlachten auf denselben Tag. Außer Otto hat nur noch Adelgot von Magdeburg sich thätig, aber nur mit der Feder, gezeigt, die Slaven aus Deutschland zu vertreiben. S. sein Schreiben an die deutschen Fürsten in Martene et Durand, Collect. vet. scriptorum I, p. 625. Auch sein Erzbisthum war bedroht.

 

 

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138 Vierter Abschnitt.

 

Vierter Abschnitt.

Folgen der Schlacht am Welfesholze. Kirchliche und politische Parteien in Deutschland. Adalbert von Mainz und Herzog Lothar, Vertreter der Kirchen- und Fürstenrechte. Heinrichs Unterhandlungen mit den Sachsen. Sein zweiter Zug nach Italien. Die Mathildische Erbschaft. Die Hoffnung auf friedliche Ausgleichung des Streites zwischen Reich und Kirche durch die Einnahme Roms vereitelt, durch Paschalis' II. Tod gänzlich geschwunden. Kirchenschisma. Gelasius II. und Gregor VIII. Heinrichs Rückkehr nach Deutschland.

 

Die Schlacht am Welfesholze macht einen entscheidenden Wendepunkt in der Regierung Kaiser Heinrich's V. Bis dahin war sein despotischer Wille allein Gesetz für Staat und Kirche in Deutschland gewesen und kein Anderer hatte neben ihn sich stellen dürfen, ohne gestraft oder vernichtet zu werden, ohne des Kaisers Macht und Willkür anstatt sie zu beschränken, nur zu vermehren. Aber von jetzt ab erhoben sich wieder die Gewalten, die er aufzuheben gesucht, wie einst unter seinem Vater drohend und unbezwinglich. Ob er zeitgemäß einzulenken verstände, ob er im Trotz verharren wolle, sollte nun sich zeigen. Das verlorene Vertrauen der deutschen Reichsstände wiederzugewinnen, war, seit er sein Streben zu unverkennbar verrathen, und das nicht wie bei seinem Vater von augenblicklichen Regungen, Stimmungen, Leidenschaften, sondern von kalter Ueberlegung, festen Grundsätzen und von einem versteckten Charakter ausging, unmöglich, auch wenn er seinen Stolz zu aller Milde und Freundlichkeit, die ihm, wenn er wollte, zu Gebote standen, herabstimmte. Nur zwei Wege standen ihm offen: entweder mit letzter Kraftanstrengung das Aeußerste zu wagen, um die feindlich entgegenstrebenden Glieder des Reichs zu Gehorsam und Unterwerfung zu zwingen, oder auf Ansprüche, die er früher behauptet, freiwillig zu verzichten und den Fürsten wie der Kirche auf dem Wege der Unterhandlung gewisse Rechte einzuräumen. Ersteres wäre ein Kampf auf Leben und Tod gewesen; dazu war Heinrich zu besonnen. Letzteres sogleich einzuleiten, war er seinerseits zu stolz, und hatte von den Gegnern ebensowenig Mäßigung zu erwarten als er selber bisher bewiesen. Heinrich schlug bald den einen, bald den andern Weg ein, und hoffte von Zeitumständen und glücklichen Ereignissen für sich das Beste.

 

 

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139 Folgen der Schlacht am Welfesholze.

 

Das ist der Grund, warum sein Handeln seit dem Jahre 1115 weniger entschlossen, weniger konsequent und auf kein bestimmtes Ziel gerichtet zu sein scheint. Genauer betrachtet zeigt sich nun erst seine umsichtige Geistesschärfe, seine Unermüdlichkeit im Ringen, der unerschöpfliche Vorrath an immer neuen Anschlägen und Ränken, die das Verlorene wiederzuerhalten und das möglich Erreichbare zu gewinnen bezwecken; allein auch an der Spitze seiner Gegner standen besonnene und vorsichtige Manner, die gleichfalls ein bestimmtes Ziel im Auge behielten, das fernab von dem seinen lag und kaum eine Einigung erwarten ließ.

 

Noch erfüllte den Kaiser bitterer Schmerz über die in Sachsen erlittene Niederlage, als deren Folgen seinem stolzen Herzen noch tiefere Wunden zu schlagen droheten. Geschäftig zeigte sich die Kirche, sein Unglück als Strafe der gegen sie verübten Frevel darzustellen und den Bannstrahl der Vienner Synode nun auch auf deutschen Boden Eingang zu verschaffen. Der Kardinal-Legat Kuno, Bischof von Praeneste, der den Fluch der Kirche über den Kaiser und dessen ergebenste Anhänger, den Bischof Burchhard von Münster und den Grafen Heinrich von Winzenburg, schon am 6. Dezember 1114 auf der Versammlung zu Beauvais verkündet und, als die Nachricht von der verlorenen Schlacht am Welfesholze Heinrich's Zorn nicht mehr furchtbar erscheinen ließ, am 28. März 1115 auf einer Synode zu Rheims wiederholt hatte 1), wollte in Deutschland sein Werk vollenden, wo vorher schon mancher Geistliche zu kühnern Schritten aufgereizt und namentlich der Erzbischof Friedrich von Köln, seit der Gefangennehmung Adalbert's von Mainz das Haupt der deutschen Kirche und erklärter Feind Heinrich's, dem er mit weltlichen Waffen eine Niederlage bereiten helfen, von dem Kircheneiferer bewogen war, auch die geistlichen Waffen wider denselben zu gebrauchen 2). Nach Köln wandte sich jetzt Kuno zuerst, berief dorthin

 

1) S. Mansi. Concil. XXI, p. 122 und 130. Albericus ad 1115: Fuit hoc tempore in Francia Legatus Cardinalis Episcopus Praenestinus, qui concilium suum apud Bellvacum tenuit, et postea Rhemis in concilio Imperatorem Henricum excommunicavit. Die Bannung der beiden Anhänger des Kaisers erwähnt Friedrich von Köln in seinem Schreiben an Otto von Bamberg, S. Cod. Udalr. Nr. 277.

2) Wie thätig Friedrich war, des Kardinals Vorstellungen in Deutschland Eingang zu verschaffen, zeigt sein Schreiben an Otto von Bamberg, dem ähnliche gewiß auch an andere Geistliche gerichtet wurden. Gleich im Eingange heißt es, Cod. Udalr, Nr. 277: Quasdam sanctitati vestrae literas jam antea misimus, quas si forte accepistis, de tam longa responsionis vestrae dilatione non parum miramur. Nicht minder thätig war er im Felde gegen Heinrich gewesen, Albericus a. a. O.: Fredericus Coloniensis Archiepiscopus ab eo aversus totis viribus insequitur eum et fautores ejus, oppida et castells contra se posita oppugnat et omnia ad eum pertinentia ferro et igne vastat.

 

 

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140 Vierter Abschnitt.

 

viele geistliche und weltliche Fürsten und excommunicirte am zweiten Osterfeiertage (den 19. April) in der Kirche des heiligen Gereon vor den anwesenden Reichsfürsten und allem Volke den Kaiser und dessen Anhänger 1). Mit diesem Schritte erhielt der Kampf der Rebellen wider Heinrich eine kirchliche Sanktion und bald sollte in ganz Deutschland der Fanatismus angefacht werden. Doch wäre der Kaiser dadurch wenig zur Nachgiebigkeit oder Furcht getrieben worden, wenn nicht die schon erhobenen weltlichen Waffen seiner Gegner ihm neue Verluste bereitet hätten, die er in Ermangelung einer hinreichenden Heeresmacht nicht abwenden konnte. Vor Allem waren die sächsischen Verbündeten sehr thätig und bedrängten jede Stadt, jede Burg, in der Anhänger oder Besatzungen des Kaisers die Uebergabe verweigerten. Der Bischof Reinhard von Halberstadt, Pfalzgraf Friedrich von Sommerschenburg und Rudolf von Stade eroberten Heimburg und Quedlinburg 2), Herzog Lothar und die westfälischen Fürsten nahmen Dortmund, das eine kaiserliche Besatzung lange tapfer vertheidigte, endlich mit Gewalt und zerstörten die Festungswerke. Der habsüchtige, an irdischen Gewinn mehr als an seine geistlichen Pflichten denkende Friedrich von Köln eroberte des Kaisers Veste Lauferkit und zwei Burgen der Anhänger Jenes, und bezeichnete nur mit Brand, Verwüstung und Mord seinen Weg 3). War es dies gewaltsame Verfahren der Gegner Heinrich's, oder erregte es Misfallen, daß die Kirche über das weltliche Oberhaupt der Christenheit sich ein Verdammungsurtheil anmaßte, oder wollte man den Kaiser zwar in seiner Macht beschränkt, nicht aber unterliegen sehen; genug, es fingen einige der bedeutendsten Fürsten an, sich für Heinrich thätiger als vordem zu zeigen, und das nicht blos weltliche, wie seine Schwestersöhne Friedrich und Konrad von Hohenstaufen,

 

1) Mansi, Concil. XXI, p. 122. Ueber den Tag vergleiche Mascov, Comment. Henr. V. p. 175. Anmerk. 3.

2) Die also wol durch den Brand nicht ganz zerstört oder von den Kaiserlichen wiederhergestellt worden war.

3) S. diese Eroberungen der antikaiserlichen Partei bei Ann. Saxo ad 1115.

 

 

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141 Kirchliche und politische Parteien in Deutschland.

 

Herzog Welf von Baiern, Pfalzgraf Gottfried zu Rhein, sondern auch geistliche, wie Erlung von Würzburg, Hartwig von Regensburg, Burchard von Münster und andere mehr. Damit nicht eine völlige Spaltung im Reiche entstehe, und namentlich Norddeutschland von dem südlichen, dem es durch Sitten, Sprache und während der beiden letzten Regierungen öfters durch feindliches Zusammentreffen noch mehr entfremdet war, sich ganz trenne, so riethen dem Kaiser viele von jenen Fürsten und aus seiner nächsten Umgebung 1) zu einer friedlichen Unterhandlung, zu einer allgemeinen Reichsversammlung, auf der er nichts eigenmächtig entscheiden, wie er bisher gethan hatte, sondern im Beisein aller Fürsten die Beschwerden eines Jeden anhören und, wo möglich, heben solle. Heinrich überzeugte sich selber, daß er hierdurch den Bestrebungen der Kirche am besten entgegenwirken könne, und gab dem Herzog Welf und dem Bischof Erlung von Würzburg den Auftrag, mit den feindlichen Fürsten Friedensunterhandlungen anzuknüpfen. Alles kam darauf an, die Sachsen, namentlich den Herzog Lothar zu versöhnen. Dieser hatte damals mit einigen andern Verbündeten die Stadt Münster, deren Bischof auch trotz dem Bannfluche Kuno's und der strengen Kirchenpartei dem Kaiser zugethan blieb, nach harter Belagerung zu dem Versprechen gezwungen, sich mit der antikaiserlichen Partei zu verbünden, wenn Burchard nicht, wie ihm aufgetragen war, den Kaiser vermöge, den Anforderungen der sächsischen Fürsten

 

1) Neuere Schriftsteller, Raumer, Stenzel, Luden u. a. m. stellen den Entschluß des Kaisers, in Deutschland Frieden zu vermitteln, immer nur als Folge der erledigten Mathildischen Erb- und Lehngüter, die er in Besitz zu nehmen eifrig verlangte, dar. Daß dies Heinrich vornehmlich nachgiebig gestimmt, ist keine Frage. Aber auch schon ehe die Nachricht von Mathildens Tode und die Auffoderungen der kaiserlichen Partei in Italien nach Deutschland gelangten, konnte die Lage des Reiches Heinrich und noch mehr die Fürsten, die es mit ihm und dem Reiche wohl meinten, zu friedlicher Aussöhnung mahnen. Das spricht auch Chron. Ursp, sehr deutlich aus. Zwar berichtet er erst von dem Ableben der Großgräfin und ertheilt ihr gerechtes Lob; dann fährt er aber fort: conventus post haec Imperator amicorum consiliis, immo totius regni compulsus quaerimoniis, generalem in Kalend. Novembris curiam Mogontiae fieri instituit. Sollte dieser Rath der Freunde und die Klagen im ganzen Reiche erst nach den Ereignissen in Italien hervorgerufen sein? Foderten dazu nicht längst schon die Verheerungen in Deutschland auf? Gewiß, aber der Kaiser gab erst nach, als ihm in Italien Ersatz für die Verluste in Deutschland winkte. Das im Text Gesagte scheint mir die richtigste Auffassung der Verhältnisse, über die leider die Chronisten uns wenig Aufschluß geben.

 

 

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142 Vierter Abschnitt.

 

und ihren eigenen nachzugeben. Von Münster rückte Lothar gegen Korvey vor, als ihm die beiden Unterhändler des Kaisers friedliche Gesinnung verkündeten 1). Die sächsischen Verbündeten hatten aber noch vielfache Ursache, an der Aufrichtigkeit Heinrich's zu zweifeln, und argwöhnten, daß dieser nur Zeit gewinnen und erst ihre Scharen zerstreut sehen wolle, um dann mit Hinterlist sie zu überfallen 2). „Noch habe“, so sprachen sie, „der Kaiser nichts gethan, was seine redliche Gesinnung, ja nur Gerechtigkeit gegen sie beweise. Keiner der gefangenen sächsischen Fürsten sei freigegeben, die kaiserlichen Besatzungen im Lande machten verheerende Ausfälle aus ihren Schlupfwinkeln und die vertrautesten Freunde des Kaisers, der Bischof Burchard von Münster, der Graf Hermann von Winzenburg, der Pfalzgraf Friedrich von Putelendorf, bekundeten zu deutlich, welche Weisungen sie vom Kaiser, ihrem Gönner, erhalten hätten. Bevor diese und einige Andere, die den Sachsen Verderben brächten, nicht dem Fürstenbunde im Lande beigetreten, die Besatzungen aus den kaiserlichen Burgen herausgezogen, die gefangenen Fürsten restituirt und alle Unbilden und Ungerechtigkeiten aufgehoben wären, könnten sie auch nicht die Waffen niederlegen, mit Heinrich sich nicht aussöhnen, ja ihn nicht als Kaiser anerkennen. Auch müsse derselbe der Kirche ihre Rechte wiederzugestehen und wegen seiner Gewaltthätigkeiten die Absolution von ihr zu erlangen suchen“. Eine solche Sprache von Andern zu hören, war Heinrich nicht gewohnt; sie mochte ihn erzürnen und doch mußte er abermals Friedensunterhändler absenden, da Lothar durch die That bewies, was er verkündet hatte, und mit einem neuen Heere bis Erfurt vordrang 3). Auf dem Wege dahin zerstörte er Schloß Falkenstein und die Pfalz Walhausen, weil von beiden her Hermann von Winzenburg die Umgegend durch Räubereien plagte. Diesmal waren die Abgesandten

 

1) Ann. Saxo ad 1115: Liuderus Dux adjunctique Principes Monasteriensem civitatem obsident Monasterienses vero juramento facto se eis fidos permansuros spondent, si Episcopus Burchardus consilio eorum adquiescere nollet pro pace apud Imperatorem impetranda, sicque pace facta (Aus diesem Vertrage erhellt, daß beide Theile den Reichsfrieden wünschten.) Corbejam tendunt. Ibi Welfo Dux Suevorum et Episcopus Wirceburgensis ex parte Imperatoris de pace et concordia Regni acturi veniunt.

2) Ann. Saxo a. a. O.: Incertus (Lotharius), si Imperator bellum an pacem vellet.

3) Ann. Saxo a. a. O.: Simul etiam cavere cupiens ne Imperator ex improviso immineret collectis copiis versus Erpesford tendit.

 

 

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143 Heinrich unterhandelt mit den Sachsen.

 

Männer, deren Charakter und Worte tieferen Eindruck auf die Sachsen machten als der stolze schreierische Herzog Welf und der allzusehr an das Interesse des Kaisers gefesselte Bischof von Würzburg 1). Der Eine, Bischof Hartwig von Regensburg, galt bei Allen für einen ebenso klugen als gemäßigten Mann, der Andere, Dietrich von der Are, stand als tapferer Krieger in hoher Achtung; es war derselbe, der im vorigen Jahre an der Spitze der kölnischen Jugend dem Kaiser die Niederlage bei Andernach bereitet und den Herzog Berthold gefangen genommen hatte 2). War es dieser Gefangene oder der Kaiser selbst, der ihn zur Pflicht gegen das Reichsoberhaupt zurückgebracht; genug, Dietrich war seitdem eifrig bemüht, den Frieden in Deutschland zu vermitteln, und dies ohne allen Eigennutz, ja zu seinem Nachtheile, da die Kölner, weil er ihre Sache verlassen, seine Burg Wischele zerstörten 3). Wirklich überzeugten die beiden redlich und eifrig bemühten Friedensunterhandler den Herzog Lothar und die sächsischen Fürsten, daß der Kaiser ernstlich den Frieden wünsche, in Alles, was mit des Reiches Ehre sich vertrage, willigen, was er widerrechtlich und in jugendlicher Unbesonnenheit gethan habe, wieder gut machen, und um jede gerechte Beschwerde und jeden guten Rath anzuhören, sämmtliche Fürsten auf den ersten November nach Mainz zu einer allgemeinen Frieden stiftenden und Frieden befestigenden Versammlung berufen wolle 4). Die Sachsen

 

1) Den Herzog Welf schildert vortrefflich in wenig Worten Suger, Vita Ludovici grossi regis, bei Bouquet XII, p. 19: Cui gladius ubique praeferebatur, vir corpulentus et tota superficie longi et lati admirabilis et clamosus. Von Erlung ist früher schon bemerkt, wie sehr er durch sein weltliches Herzogthum Franken an Heinrich gekettet war. Als er später diesem ungetreu wurde, war die nächste Folge, daß ihm der Kaiser das weltliche Reichslehn nahm.

2) Chron. S. Pantal. ad 1114: Ibi Theodoricus Comes, miles fortissimus, magna pars victoriae, totus cum suis, hostibus instans, more leonis circumquaque strages immensas operatur, plures ingenui et militares trucidantur et capiuntur, inter quos et Bertolfus Dux — ipsius Comitis Theodorici custodiae mancipatur.

3) Ann. Saxo ad 1115 zählt zu den kaiserlichen Verlusten auch diesen: Colonienses Wischele, praesidium Theodorici, destruunt.

4) Ann. Saxo: Cum interim Episcopus Ratisponensis Hartwigus, vir sapiens et modestus, et Theodoricus äd Ara, vir militaris reipublicae utilis et in hoc negotio per omnia laudabilis, obvii veniunt, qui Ducem ceterosque Principes certificant, Imperatorem omnia, quae ad honorem Regni convenirent, tractare velle Principum consilio. — Und Vorher! liberam omnibus audientiam de sibi objectis satisfactionem, de suis extraordinarie vel juveniliter gestis correctionem ad senatus consultum repromisit.

 

 

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144 Vierter Abschnitt.

 

gaben nun auch ihrerseits das Versprechen, alle Feindseligkeiten einzustellen und zur festgesetzten Zeit auf der allgemeinen Reichsversammlung zu erscheinen; als ein unerwartetes Ereigniß in Mainz das kaum begonnene Friedenswerk störte.

 

Der Kaiser hatte sich von Speier, wo er lange verweilt, dorthin schon Ende October begeben 1) und sah der zugefügten Zusammenkunft mit den Reichsfürsten entgegen. Noch hatten sich erst wenig ihm ergebene Bischöfe eingefunden; von den weltlichen Herren, sowol seiner Partei als sächsischer Seite, noch keiner, als die Mainzer Bürgerschaft unter ihrem Burggrafen Arnold sich zusammenrottete und die geringe Anzahl des kaiserlichen Gefolges benutzend Heinrich's Palast mit Bewaffneten umringte, in die Vorhalle drang und lärmend und tobend zum Schrecken der Hofleute, deren Uebermuth allgemein verhaßt war, die Freilassung ihres Erzbischofs Adalbert mehr drohend als bittend foderte. Nur der Kaiser behielt die nöthige Besonnenheit in dieser gefahrvollen Lage. Zwar verweigern konnte er die Foderung der Mainzer nicht, ohne sein Leben oder mindestens das seiner Umgebungen den Wüthenden preiszugeben. Er willigte in die Freilassung des Erzbischofs und stellte Bürgschaft für die Erfüllung seiner Zusage, die binnen dreier Tage erfolgen sollte; aber er verlangte auch von den Mainzern Geißeln, die ihm ein Unterpfand ihrer übernommenen Verpflichtung waren; daß Adalbert nichts

 

1) Ann. Hildesh. ad 1115 setzt die Versammlung zu Fritzlar ante festum omnium Sanctorum. Dann fährt der Verfasser fort: sub eodem tempore Imperator Moguntiam venit, also noch im October und vor dem festgesetzten Tage der Reichsversammlung. Die Fürsten waren nicht ausgeblieben, sondern wurden noch erwartet. Ersteres würde man freilich aus Chron. Ursp. und den Worten des ihm nachschreibenden Ann. Saxo schließen: Dum Imperator Mogontiae praesens condictum frustra praestolaretur conventum (nam praeter paucos Episcopos nemo Principum adventabat) Mogontini aptum sibi tempus arridere perpendentes etc. Allein die Zeitangabe der Ann Hildesh. zeigt, daß der Termin noch nicht abgelaufen war. Gewiß würden doch die Anhänger des Kaisers nicht ausgeblieben sein. (Luden's Deutung, Band IX, p. 646, Anmerkung 18, ist gewiß sehr gezwungen.) Daß Heinrich früher nach Mainz gekommen, ist auch nicht unwahrscheinlich. Er verweilte dort oft und gern, hatte daselbst seine Hochzeit gefeiert, alle wichtigen Reichstage daselbst gehalten. Der Zuneigung der Bürger glaubte er gewiß zu sein und ahnte keinen Aufstand. Vielleicht wollte er den Fürsten seinen Eifer für den Frieden und die Friedensversammlung zeigen; vielleicht auch von Mainz aus die Vorgänge in Fritzlar, wo wahrscheinlich auch seine Anhänger sich befanden, aus der Nähe beobachten.

 

 

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145 Befreiung des Erzbischofs Adalbert v. Mainz.

 

Feindseliges wider ihn unternehme, ja noch mehr, daß derselbe binnen Jahresfrist wegen früherer Verschulden Genugthuung geben oder ohne Weiteres in seine Haft zurückkehren solle. Für den erstern Punkt mußte der Erzbischof Bruno von Trier, der seit Adalbert's Gefangensetzung das Reichskanzleramt versah, sich verpflichten, für den letztern namhaft gemachte vornehme mainzer Bürger sich dem Kaiser zur Haft stellen, sofern Adalbert nicht dem Vertrage nachkomme 1). Heinrich, der sich sogleich von Mainz nach Speier zurückbegeben, ließ den Gefangenen von Trivels abholen, den Vertrag mit den Mainzern beschwören, Geißeln stellen und dann erst in seine Diöcese zurückkehren 2). Welch ein Anblick, als der erste Prälat des Reichs durch die Straßen von Mainz zog, einem Gerippe gleich, schlotternd in seinen Kleidern, mit bleichem, welkem Angesicht 3)! So hatte ihn die Kerkerluft während dreijähriger Gefangenschaft abgezehrt. Doch das eben gewann ihm Aller Herzen und erbitterte heftiger gegen den Kaiser. Darauf hin durfte Adalbert es wagen, seine eigenen und der Mainzer Geißeln preiszugeben und seiner langverhaltenen Rache auf jede Weise Luft zu machen. Was nützten nun dem Kaiser die erhaltenen Eidschwüre, die übergebenen Geißeln? Erstere waren vor der Kirche nichtig, weil sie einem Gebannten geleistet, an Letzteren seinen Zorn auszulassen, erbitterte nur noch mehr die Gemüther, die durch die päpstlichen Legaten schon allzusehr aufgereizt waren.

 

Der im Verfluchen unermüdliche Kuno hatte nach der kölner Bannverkündigung zu Chalons dieselbe noch einmal wiederholt (12. Juli) 4). Und er blieb nicht der Einzige, der wider den Kaiser mit Feuereifer predigte und die schon von der Vienner Synode erhitzten Gemüther der gläubigen Anhänger der Hierarchie vollends entflammte. Aus Ungarn war der Kardinal Dietrich von den sächsischen Fürsten herbeigerufen, um alles gegen Heinrich Unternommene, Weltliches wie Kirchliches, durch seine Anwesenheit zu heiligen 5).

 

1) Die Vorfälle in Mainz berichten Chron. Ursp., Ann. Hildesh., Ann. Saxo, Chron. Sampetr., wo Arnold ipsius civitatis comes als Rädelsführer genannt ist, die Bürgschaft der Mainzer Serarius bei Johannes, script. rer. Mogunt., I, p. 536. Gallia Christ. V, preuv. p. 450, die des Erzbischofs Bruno die gest. Trevir. in Leibn. access., p. 109.

2) S. des Kaisers Schreiben Codex Udalr., 319, p. 333.

3) Chron. Ursp., Ann. Saxo, Otto Fris., Chron. VII, 14 und Adalbert selbst in der Urkunde bei Guden, cod. diplom., I, p. 117.

4) Mansi, Concil. XXI, p. 123 u. 137. 5) Chron. Ursp. u. Ann. Saxo: Saxonum consensus ad resistendum illi (Imperatori) magis ac magis roboratur. Ad haec quemdam Cardinalem Romanum nomine Dietericum, legatione in Pannonias functum per nuntios asciscunt.

 

 

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146 Vierter Abschnitt.

 

Da die meisten Bischöfe, auch die jetzt Widerspenstigen, ihre Belehnung vom Kaiser erhalten hatten, so traf sie der Vorwurf der Ketzerei, womit die Kirche alle weltliche Investitur verdammt hatte, gleich den Anhängern Heinrich's, worüber sie so lange unbesorgt geblieben waren, als die Vienner Synodalbeschlüsse und die Foderungen des Papstes vor des Kaisers Uebermacht verstummten, und Letzterer sie nicht selbst antastete und ihres Amtes verlustig erklärte. Um nun vom Papste zu erhalten, was ihnen der Kaiser nehmen wollte, und noch kanonischer als vorher ihr Kirchenamt zu verwalten, sollte der Kardinal Dietrich Paschalis' Absolution und die geistliche Weihe von Neuem ihnen ertheilen. Was konnte der römischen Kurie willkommener sein? Hatte der Papst, seinem mit Heinrich geschlossenen Vertrage getreu, den Bann auch nicht genehmigt, sondern nur wie ein Gezwungener geschehen lassen 1), so war die Verleihung geistlicher Würden doch schon im Jahre 1111 als nur der Kirche zustehend von ihm gefodert und das Investiturrecht dem Kaiser abgesprochen worden. Unklug wäre es indeß gewesen, die von Heinrich abgefallenen Bischöfe dafür zu strafen, weil sie von jenem ihre Einsetzung angenommen. Paschalis ertheilte daher dem Kardinal Dietrich den sehr allgemein gefaßten Auftrag: in Sachsen und wo es ihm sonst möglich wäre, die kirchlichen Angelegenheiten mit Gottes Hülfe zu Gunsten des römischen Stuhles zu ordnen 2) und auch in anderen, das hieß, in weltlichen Dingen den Vortheil der Kirche wahrzunehmen 3). Dietrich, wie alle zur strengen Kirchenpartei gehörenden Prälaten, nicht erst des Papstes Vorschrift abwartend, sondern die Aussprüche der Vienner Synode als alleinige Richtschnur erkennend, hatte schon, ehe jener Auftrag an ihn gelangte, Schritte gethan, welche nur der Kirche Gewinn brachten, dem Reiche aber eine unheildrohende Zerrüttung heraufbeschworen. Den weltlichen wie den geistlichen Fürsten Sachsens zeigte er sich gleich gefällig. So weihte

 

1) S. Heinrich's Briefe an Hartwig von Regensburg Cod. Udalr. 318, p. 332.

2) Cod. Udalr. 274, Epistola data Ferentini VI. Idus Octobris: Siquid ibi aut etiam alibi juste et canonice operari potueris, autoritatis nostrae favore, cooperante deo, opereris.

3) Das ist doch wol in den Worten, die den vorhin angeführten vorausgehen, zu suchen: quia in eis (partibus Saxonicis) super ecclesiis aliisque quibusdam negotiis scandala emerserint.

 

 

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147 Versammlung der Sachsen zu Fritzlar.

 

er in Gemeinschaft mit Bischof Reinhard von Halberstadt die Ueberreste des Heiligen Autor's, einstmaligen Erzbischofs von Trier, welche die Markgräfin Gertrud mit eigener Lebensgefahr aus den Gewölben in Trier nach Braunschweig gebracht hatte, am letztern Orte (den 1. September) 1) und gewann dadurch sich die Zuneigung der mächtigen Fürsten und ihres Schwiegersohnes, des Herzogs Lothar. Den vom Kaiser erhobenen Bischöfen, darunter namentlich dem Erzbischof Adelgot von Magdeburg, vergab er diese Ketzerei im Namen des Papstes, nahm sie wieder in den Schoß der Kirche auf und ließ jedem die einmal erhaltene Würde 2). Willig folgten Fürsten und Geistliche der Ladung zu einer Versammlung in Goslar (8. Sept.), wo Dietrich den Bannstrahl, der längst über den Kaiser verhängt sei, verkünden wollte 3). Vielen mochte dieses Verfahren des Kardinals zu eigenmächtig und ihrem Rechte als Reichsfürsten vorgreifend erscheinen. Wenigstens verschlossen sich, wie wir gesehen, die weltlichen Häupter des Sachsenbundes den Anträgen des Kaisers, als dieser durch Hartwig von Regensburg und den Grafen Dietrich von der Are ernstliche Mahnungen zum Frieden ergehen ließ, nicht ganz, hielten aber für gut, bevor sie der Ladung nach Mainz Folge leisteten, über Das, was zu Ehre und Frommen des Reiches vorzunehmen sei, eine Berathung unter sich oder doch nur mit den übrigen Reichsständen zu halten. Zu dem Zwecke versammelten sie sich zu Ende Oktobers in Fritzlar 4).

 

1) S. Translatio S. Autoris in Leibn. script. rer. Brunswic, p. 701 und 702: Kalendis Septembris invitatis solemniter reverendis Theodorico sedis Apostolicae Legato, Reynardo Episcopo Halberstadensi facta est dedicatio.

2) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1115: Tam Adelgotus Magedaburgensis Archiepiscopus quam ceterarum Ecclesiarum Praesules reconciliationem recipiunt.

3) Annal. Hildesh. ad 1115 p. 738: In Nativitate Sanctae Mariae Theodoricus S. Romanae Ecclesiae Cardinalis Presbyter cum frequenti Saxoniae Principum conventu Goslariam venit, et quaedam ecclesiasticis negotiis utilia disserunt. Die Verkündigung des Bannes melden Chron. Ursp. u. Ann. Saxo, ohne der Versammlung zu Goslar zu gedenken, blos: quo (Theodorico) etiam praescripti concilii (Vienensis) actionem et per ipsam Imperatoris excommunicationem praedicante. Es ist wahrscheinlich, daß Dietrich dies zu Goslar und wiederholentlich gethan.

4) Ganz ohne Grund nehmen die meisten neueren Historiker an, daß die Versammlung zu Fritzlar feindlich gegen Heinrich verfahren. Das kann ich in der Angabe der Ann. Hildesh. p. 739, so unbestimmt sie auch lautet, nicht finden: Paucis diebus interjectis (nach der Synode zu Goslar, doch war vom 8. Sept. bis Ende Oktober nicht eine ganz kurze Zeit) id est ante festum omnium Sanctorum Frideslav conveniunt. Der Zusatz: quae ad honorem Regni et utilitatem sunt tractantur drückt doch nichts Feindliches gegen den Kaiser aus, sondern bildet eher einen Gegensatz zu Dem, was von der goslarer Versammlung gesagt ist: quaedam de ecclesiasticis negotiis utilia disserunt. Raumer und Andere nach ihm scheinen diese Versammlung mit der von 1119 zu verwechseln, wo man in Fritzlar um den Legaten Kuno sich versammelte.

 

 

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148 Vierter Abschnitt.

 

Diese anscheinend günstigere Wendung für Heinrich änderte sich aber nach den Vorfällen in Mainz und nach der Befreiung Adalbert's. Die allgemeine Reichsversammlung unterblieb, dagegen suchte der erbitterte Erzbischof, uneingedenk seiner Gelübde und gegebenen Bürgschaften, Alles gegen den Kaiser aufzubieten 1) und die rebellischen Fürsten nicht nur zu überreden, daß sie im Ungehorsam und Widerstand gegen den Kaiser verharrten, sondern sich selbst an die Spitze der allgemeinen Empörung zu stellen. Mit seinen Klagen über die erlittenen Drangsale, mit seiner stark aufgetragenen Schilderung von des Kaisers grausamer und höchst ungerechter Handlungsweise wußte er Theilnahme, Besorgnisse, Furcht zu erwecken, die wenigstens die früheren Feinde Heinrich's zu einem Anschluß an ihn und den Kardinal Dietrich bewogen. Letzteren hatte der schlaue Adalbert seiner ganzen Ergebenheit versichern, ihn nach Köln entbieten lassen, woselbst er auch die Aufträge des Papstes, die der Legat für ihn mitbringe, entgegennehmen wolle 2). Ob Dietrich solche Aufträge und überhaupt eine Vollmacht zu all seinen Handlungen von Paschalis erhalten, ist sehr fraglich. Indeß, da schon seit Langem die päpstlichen Legaten nach ihrem Gutdünken, nach eigener Willkür verfuhren, so kam es auf authentische Instruktionen gar nicht an, und da, was jene thaten, Paschalis nicht verhindern konnte und, was für ihn selbst dabei Vortheilhaftes herauskam, nicht verhindern wollte, so blieb ihm in der Folge ein weiter Ausweg, die Verantwortlichkeit über das Verfahren seiner Legaten von sich zu weisen. Gewiß nicht

 

1) Heinrich's Schreiben an die Mainzer, Cod. Udalr. 319, p. 333: Statim autem discedens (von Speier) missis ubique literis ac nuntiis nos et honorem nostrum imvugnavit ac per totam Saxoniam et Thuringiam, Bavariam et Allemanniam amicos nostros tanquiam inimicos contra nos ubique sollicitare coepit.

2) Chron. Ursp. a. a. O.: Sedis Apostolicae Legato Dieterico se nuntiis et literis subjiciens ipsum sibi ceterisque non paucis praesulibus occurrere postulavit, ubi et mandata Papae, quae sibi detulerit, communiter percipi et ille suam consecrationem, diu scilicet interclusam tanta autoritate consequi possit.

 

 

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149 Feindseliges Benehmen Adalbert's

 

unbekannt mit Dem, was Kuno und Dietrich in Deutschland gethan, gab er sich doch später gegen Heinrich die Miene, als ob er an deren Verfahren keinen Antheil gehabt habe 1). Seine Rechtfertigung wurde ihm in Bezug auf Dietrich erleichtert, da dieser auf der Reise nach Köln plötzlich starb 2). Während solcher Umtriebe Adalbert's, der nicht minder auch mit dem Schwerte als mit der Feder seinen Haß ausließ, Speier bedrohte, die kaiserliche Veste Stromburg zerstörte, andere Burgen belagerte und nach ihrer Einnahme sie mit Besatzungen versah 3), verharrte Heinrich scheinbar unthätig in genannter Stadt und enthielt sich jeder Waffengewalt wider seine Gegner. Nicht Unentschlossenheit, Verzagtheit oder Furchtsamkeit waren Ursache seiner Mäßigung. Denn wenn die Zahl der ihm ergebenen Fürsten und Bischöfe sich auch sehr verringert hatte, so waren doch derselben genug, um seine Sache aufrecht zu erhalten und der Anmaßung der Kirche mit mehr Nachdruck zu begegnen, wie deutlich daraus erhellt, daß, während er mit einem Theil seiner Macht Deutschland verließ, seine Anhänger den Gegnern muthig und anfangs mit Überlegenheit die Spitze bieten konnten. Aber Heinrich's Augenmerk war damals nicht mehr auf Deutschland, sondern auf Italien gerichtet und die seit einem halben Jahre bewiesene Nachgiebigkeit gegen seine Feinde hatte nur zum Zwecke, diese einstweilen austoben zu lassen, um dann mit ganzer Thätigkeit nicht nur Vergrößerung seiner Hausmacht auf italischem Boden, sondern zugleich auch einen Stützpunkt gegen Kirche, Fürsten und Städte, die ihm im Grunde alle gleich verhaßt waren, zu gewinnen. Gelang es ihm nur, die Widersacher in Deutschland von offenen Feindseligkeiten zurückzuhalten und ihnen das Versprechen abzugewinnen, bis zu seiner Rückkehr nichts wider ihn zu unternehmen, so hoffte er bald den Verlust an Ansehen und Macht wiederzuersetzen und von Italien aus nicht blos den römischen Stuhl zu beherrschen, sondern auch die hierarchische Partei

 

1) Sogar die Legatenwürde Dietrich's leugnete Paschalis ab. Cod. Udalr. Nr. 318: Damnavit Theodoricum eo quod in Regno nostro (Heinrich ist's, der schreibt) Legatum se ejus Domini Apostolici mentitus fuerit.

2) Ann. Hildesh. ad 1116, Chron. Ursp. und Ann. Saxo: In itinere defunctus.

3) Heinrich's Brief Cod. Udalr. a. a. O.: Spiram armata manu et erectis militaribus signis violenter invadere voluit, sed frustrato, deo gratias, labore rediens, congregatis, quos potuit, castrum nostrum Struomburg funditus destruxit, demuin alia castra nostra contumaciter obsedit.

 

 

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150 Vierter Abschnitt.

 

in ihrem Einfluß auf jenen wie auf die Reichsfürsten zu beschränken, wenn nicht sogar zu vernichten. Dann war die Haupttriebfeder zu allen Aufständen in Deutschland gegen ihn gelähmt und es schwand der Nimbus, welcher in den Augen des Volkes die Empörer umgab, — die kirchliche Sanktion! —

 

Diese Hoffnung des Kaisers gründete sich auf seine Ansprüche an die erledigten Mathildischen Erbgüter und Reichslehen. Die Großgräfin, ebenso berühmt durch ihre weltliche Macht und Reichthümer wie durch ihre Geistesgaben und eine Pietät gegen die Kirche, die sie, ohne, wie andere Frauen ihres Jahrhunderts, den klösterlichen Schleier zu nehmen, ihr ganzes Leben hindurch bewiesen hatte, war am 24. Juli 1114 gestorben 1). Eine italienische Gesandtschaft benachrichtigte den Kaiser davon und lud ihn ein, von der reichen Hinterlassenschaft als Oberlehnsherr und Verwandter Mathildens Besitz zu nehmen 2). Solche Botschaft vermochte Heinrich's gebeugten Stolz wiederzuheben; sie legte ihm aber auch die Nothwendigkeit auf, vorerst Denen Frieden und Versöhnung zu bieten, die er allzugern mit dem Schwerte zu Gehorsam und Unterwürfigkeit gezwungen hätte. Ohne die Gegenbemühungen Adalbert's wäre es ihm gelungen, Ruhe und Friede in Deutschland herzustellen, da selbst die sächsischen Fürsten sich versöhnlich gezeigt und zu Fritzlar wenigstens nichts Nachtheiliges wider das Reich berathen hatten. Doch auf ihren, vornehmlich auf Lothar's Beistand baute Adalbert das Gelingen seines Planes, da er die mächtigern Landesherren in Schwaben, Baiern, ganz Süddeutschland, in der Rheinpfalz, Burgund, selbst in Oberlothringen, dessen Herzog Simon im Jahre 1115 seinem Vater Dietrich nachfolgend, obschon ein Stiefbruder Lothar's, sich dennoch nicht Heinrich's Gegnern anschloß, dem Kaiser ergeben

 

1) Donizo bei Muratori, XII, 20 und dessen hist. Ital. ad 1115.

2) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1115: Interea directi ab Italia nuncii obitum illius inclitae Mathildis nunciant, ejusque praediorum terras amplissimas haereditario jure possidendas Caesarem invitant. Qua nimirum foemina sicut nemo nostris in temporibus ditior et famosior, ita nemo virtutibus et religione sub laica professione reperitur insignior. Ihr Lob verkündet besonders Donizo, Mathildens Zeitgenosse. Ganz anders freilich spricht von ihr der kaiserlich gesinnte Benzo. Beide übertreiben wol, Letzterer aber auf pöbelhafte Weise. Daß es noch andere Beweggründe für den Kaiser gab, die seine Gegenwart in Italien dringend foderten, ersieht man aus den Briefen des Bischofs von Aqui und des Abtes von Farsi. Cod. Udalr. 258 und 259. Später wird im Text davon zu reden sein.

 

 

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151 Feindseliges Benehmen Adalbert's.

 

oder doch neutral verharren sah. Die Verbindungen, die er im Jahre 1112 im Osten angeknüpft hatte, wußte er nun wieder zu erneuen. Besorgnisse vor des Kaisers Zorn, Mistrauen gegen dessen ernstlich gemeinte Friedensunterhandlungen zu erwecken, ein Zusammenhalten den thüringischen, sächsischen, westfälischen, niederrheinischen und niederlothringischen Fürsten als einzig heilsam für sie Alle anzurathen und besonders die Nothwendigkeit der Ansicht nachzuweisen, daß auch der weltlichen Fürsten Pflicht es sei, für die bedrängte Kirche, die ein gebannter Kaiser zum Verderben der ganzen Christenheit drücke und entweihe, die Waffen zu erheben. Seinen beredten, scheinbar so frommen Worten widerstand selten Einer. Hatte doch Heinrich selbst einst dem Heuchler sein ganzes Vertrauen geschenkt, was bei einem Charakter, wie der des Kaisers war, noch mehr verwundern muß; die Geistlichen vergaßen über der Ergebenheit, über dem Eifer des Erzbischofs für die Kirche, daß derselbe als Kanzler einst das Haupt der Kirche schmachvoller Behandlung preisgestellt hatte. Sogar der biedere, fromme Otto von Bamberg erklärte sich öffentlich für ihn und wurde dem Kaiser, dem er bisher Ergebenheit bewiesen, abtrünnig. Seinem Beispiele folgten bald viele andere Bischöfe in allen Gegenden Deutschlands. Vierzehn von ihnen fanden sich auf Adalbert's Geheiß um Weihnachten 1115 in Köln ein, wo der Kardinal Dietrich diesem die apostolische Weihe zu ertheilen gedachte. Als der päpstliche Legat auf der Reise starb, schreckte dies keineswegs die deutschen Kircheneiferer ab. Dem würdigsten unter ihnen, Otto von Bamberg, seinem Suffragan, übertrug der zu Weihende die wichtige Handlung, die am 26. Deeember stattfand 1). Hier zu Köln stellte sich auch Lothar nebst vielen anderen Fürsten ein 2), die nicht sowol eine eifrige Dienstfertigkeit gegen die Kirche, als die Ueberzeugung, daß ihre eigene Sache von dem Interesse der Geistlichkeit vorerst nicht getrennt werden dürfe,

 

1) Annal. Hildesh. ad 1116: In nativitate S. Stephani Moguntinensis electus ab Ottone venerabili Babenbergensi Episcopo ordinatur. Ebenso Ann. Saxo ad 1116. Daß Adalbert ihn sich ersehen, sagt er selbst in seinem Schreiben an das bamberger Kapitel Cod. Udalr., Nr. 290: Si enim inter XV Moguntini privilegii suffraganeos oleo benedictionis tamquam filos Aaron in sacerdotium suscitandos caeterorum, primogenitis postpositis, solum vestrum in meam benedictionem praelegi Episcopum.

2) Annal. Hildesh., Ann. Saxo a. a. O. bei Dietrich's Leichenbegängniß: Coloniae sepelitur adstantibus Episcopis XIV cum Liutgero Duce, multisque aliis principibus.

 

 

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152 Vierter Abschnitt.

 

bestimmte ein Bündniß mit Adalbert, der ihres weltlichen Armes bedurfte und, wie arglistig und ränkevoll auch immer, in seinem Haß und Trachten wider Heinrich wenigstens ohne Verstellung, ohne Rückhalt war, der angebotenen Versöhnung des Kaisers vorzuziehen. Denn was hatte dieser gethan, das an die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung glauben ließ? Selbst jene versprochene allgemeine Reichsversammlung, die zwar zu Mainz gestört, aber an einem anderen Orte zu halten gestattet war, unterblieb. Von den Beschwerden, welche die Sachsen den kaiserlichen Gesandten vorgelegt hatten, war noch keine gehoben; den friedlich und freundlich lautenden Worten war nicht zu trauen, weil man hörte, der Kaiser rüste eine Armee und suche eifrig die Hülfe seiner Freunde und Verbündeten. Zwar hieß es, Heinrich wolle nach Italien gehen, um den dringenden Auffoderungen vieler italienischen Geistlichen, Fürsten und Städte nachzukommen, um die reichen Mathildischen Güter in Besitz zu nehmen, um den Papst und die Kircheneiferer mit Waffengewalt zur Aufhebung des Bannes zu zwingen. Konnten aber die neuen Streitkräfte, die Heinrich im Süden und am Rhein zusammenzog, nicht auch gegen Mainz, gegen Köln, gegen Lothringen, Westfalen, Sachsen, Thüringen gerichtet werden? Drohte selbst diesen nicht Gefahr, wenn der Kaiser mit all seinen Anhängern über die Alpen zog und, wie es denn leicht gelingen konnte, ganz Italien unterwarf, den Papst von neuem demüthigte und als Sieger noch stolzer, herrschsüchtiger, mächtiger nach Deutschland zurückkehrte, als er es jetzt zu verlassen durch die Umstände fast genöthigt war? Nur wenn das zu Kreuzburg geschlossene Bündniß, das die östlichen und westlichen Fürsten, das ganz Norddeutschland vereinte, aufrecht erhalten wurde, wenn man Adalbert trotz seiner strafwürdigen Vergehen gegen den Kaiser nicht der Züchtigung dieses preisgab, wenn man Heinrich's Macht theilte, ihm nur mit einem kleinen Heere nach Italien aufzubrechen gestattete, während er seine treuesten Freunde und Helfer zurücklassen mußte, nur dann blieb der Sieg im Welfesholze ein dauernder Gewinn, nur dann war die Freiheit der Fürsten, der Kirche, der abgefallenen Städte am Rhein gesichert und eine Aussöhnung mit dem Kaiser unter Bedingungen, die jedem Theile eine heilsame Macht und dem Reiche dauernden Frieden versprachen, möglich. Wie aufrichtig also auch Heinrich um des italienischen Feldzuges wegen die Beilegung des Kampfes mit den Sachsen wünschte, wie gerecht sein Zorn über Adalbert's Wortbrüchigkeit war, jene konnten jetzt die Waffen nicht niederlegen, durften diesen nicht ohne Schutz lassen noch dem Kaiser einen so bedeutenden Zuwachs

 

 

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153 Resultat des großen Parteienkampfes.

 

an Macht, wie die Mathildischen Güter ihm boten, gestatten, selbst wenn er ihnen einen Antheil an der Beute versprochen und sie dadurch für seine Plane zu gewinnen sich Hoffnung gemacht hätte 1).

 

Was sich am Ende des großen Parteienkampfes als Resultat desselben herausstellt, war vor dem Aufbruche Heinrich's nach Italien schon das bewußte Streben der sächsischen Fürsten und ihres Hauptes, des Herzogs Lothar, nämlich: solche Rechte der Kirche und soviel Unabhängigkeit den ersten Reichsfürsten auszuwirken, als neben einer hinreichenden Macht des Reichsoberhauptes bestehen durfte, damit alle drei Gewalten einen heilsamen Einfluß auf den Reichskörper übten und gegenseitig der Willkür jeder derselben wehrten. Die Berechtigung zu solchen Ansprüchen war unleugbar vorhanden und wurzelte tief in der Nationalität der Deutschen. Dem Könige die höchste Gewalt im Kriege, der bei einem kriegslustigen Volke fast nie aufhörte, zu geben und sie in den kurzen Zwischenräumen des Friedens nicht zu nehmen, war alter Brauch der Germanen. Ihm als Rather und Helfer zur Seite standen die Fürsten, ohne sie war seine Macht nichtig oder gesetzwidrig. Seit Deutschland wieder 2) ein Wahlreich geworden, besaßen die Fürsten das höchste Recht: den König zu küren und, wenn er Unbilden verübte, ihn zu entsetzen. Demnach stand ihnen Gericht und Urtheil über den Herrscher zu. Wollten sie diese Stellung ihm gegenüber aufrecht erhalten, so mußten sie einig und fest aneinander halten und dem Könige wol zum Vortheil, nie aber zum Schaden des Reiches ihre Macht zugesellen, vielmehr in letzterem Falle jenem sich entgegenstellen. Somit lag in der Verfassung Deutschlands eine Berechtigung der Fürsten, sich selbstständig, unabhängig neben dem Reichsoberherrn zu behaupten. Endlich stand nach dem den Deutschen inwohnenden religiösen und sittlichen Gefühl die Kirche als eine Sittenrichterin und Verkünderin göttlicher Gebote über Niederen und Hohen, also auch über dem Könige da, und diesem, der von Gottes Gnaden sich nannte, gaben erst nach der Wahl durch Krönung und Salbung die rheinischen Erzbischöfe diejenige Weihe, nach der ihm jene Benennung

 

1) Vielleicht nicht abgeneigt wird der Leser sein mit Luden (im angeführten Werke Bd. IX, S. 447) dergleichen Absichten dem Kaiser Heinrich V. bei seinem Vorhaben gegen Italien unterzuschieben. Auf historischen Nachrichten beruhen sie freilich nicht.

2) Die alten Germanen wählten stets ihre Anführer im Kriege, die früh schon auch ihre Lenker im Frieden, ihre Könige wurden.

 

 

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154 Vierter Abschnitt.

 

zukam. Er blieb verantwortlich und somit abhängig von der hohen Geistlichkeit, die gleich den Fürsten Ansprüche und Rechte sich bewahren durften, zu deren Schutz und Auftechterhaltung ihnen Macht und Waffen zu Gebote standen, die, wenn auch kirchlichen Ursprungs, doch wie diese selbst, von weltlicher, politischer Wichtigkeit waren. Sehr irren alle Diejenigen, welche im deutschen Mittelalter den Ursprung der absoluten Monarchie suchen wollen. Sie war den Elementen desselben gänzlich fremd und zuwiderlaufend; wo sie sich zeigt, nur Misbrauch und gehässige Willkür. Erst die neuere Zeit hat sie aus Schlaffheit und Eigennutz zu einer gesetzlichen Form erhoben, seit der Auflösung des deutschen Reichskörpers in die Vielherrschaft deutscher Fürsten, welche die Macht der Kirche und die des Kaisers vernichteten und die Schwäche der Stände nicht zu fürchten hatten, sie geheiligt, durch Soldateska und Büreaukratie sie mit einer Mauer umgeben, wider die Intelligenz und Freisinnigkeit noch lange vergeblich ankämpfen werden, wenn nicht von außen her moralische oder Physische Macht sie niederreißen hilft.

 

Daß Heinrich V. den Völkern und Fürsten seines Reiches nicht die Fesseln einer absoluten Herrschaft anlegte, hatten die Sachsen durch den herrlichen Sieg am Welfesholze verhindert; daß die Gefahr für sie nicht zurückkehrte, blieben sie wachsam und thätig; vor Allen der Herzog Lothar. Gänzlich verkennen das Streben dieses Mannes Diejenigen, welche ihn ein Werkzeug Adalbert's und der Kirche nennen. Beider sich anzunehmen erheischte das Streben, welches Lothar rastlos verfolgte. Die damalige Lage der Verhältnisse machte, damit Heinrich in die heilsamen Schranken seiner Herrschergewalt zurückgedrängt würde, eine Verbindung der Fürsten und Geistlichen nothwendig. Opferten erstere die Kirche dem Könige oder entzogen sie selbst ihr jede politische Einwirkung, so war, auch wenn sie sich wider Heinrich selbstständig erhielten, kein dauerndes Heil für den Reichsfrieden zu hoffen, weil das Ansehen der Geistlichkeit ebenso sehr ein Lebenselement für den deutschen Reichskörper wie ein vermittelndes Band zwischen König und Fürsten war. Die Städte, so blühend ihr Zustand, so entscheidend ihr Beitritt seit Heinrich's IV. Regierung sich gezeigt, waren in der politischen Verfassung des Reichs noch kein integrirender Stand, der sich als solcher repräsentirte; sie hatten bei der Wahl oder Absetzung des Herrschers, bei Berathung der Reichsangelegenheiten, bei den Heereszügen gegen auswärtige Feinde noch keinen oder wenigen Antheil genommen. Das Landvolk, wenn auch nicht wie in spätern Jahrhunderten, knechtisch und leibeigen, sondern noch seiner Kraft, seines Einflusses sich

 

 

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155 Adalbert u. Lothar Vertreter d. Kirche u. Fürsten.

 

bewußt, hatte zu keiner Zeit über die Grenzen seines Wohnsitzes hinaus eine Thätigkeit entwickelt, nie ein Interesse, das auf ganz Deutschland und namentlich auf die Reichsverfassung sich erstreckte, mit lebendigem Aufschwunge verfolgt. Fürsten und Geistliche allein theilten mit dem Könige die Reichsherrschaft. Daß dieser sie nicht um den herkömmlichen Antheil brachte, mußte jene beiden Stände zu einer engen Verbindung veranlassen. Wie Lothar die Fürsten, vertrat Adalbert die Kirche; Keiner diente dem Andern als Werkzeug, sondern beide Männer gestanden sich gegenseitig ihre Bedeutsamkeit zu. Mit Adalbert's Auftreten auf dem Kriegsschauplatze wird der Kampf in Deutschland einer um die Reichsverfassung, während er bisher ein Kampf für Freiheit der Unterdrückten und Bedrängten gewesen war. Wenn auch des herrschsüchtigen Prälaten Streben weiter ging als die freie Stellung der Kirche im Staate zu erringen, wenn er für sich einen Vorrang vor allen Fürsten Deutschlands suchte, ja selbst über dem Kaiser als Richter zu stehen trachtete; mehr als jenes Anrecht der Kirche erlangte er nicht. Von Lothar bleibt aber auch der Schein eines Eigennutzes fern, und daß er außer der Selbstständigkeit der Fürsten auch die dem Reiche nothwendige Aufrechterhaltung der Kirche erkämpfte, macht seinen Namen in Deutschlands Geschichte bedeutungsvoll, noch ehe ihn die Erhebung auf den Kaiserthron mit äußerem Glanz umgab.

 

Sobald Heinrich von der Verbindung Adalbert's und Lothar's vernahm, durfte er zu einer friedlichen Ausgleichung des Kampfes in Deutschland sich wenig Hoffnung machen. Daß Ersterer die erzbischöfliche Weihe erhielt, war natürlich ganz gegen des Kaisers Willen 1). In Mainz hätte dieser dieselbe von Speier aus, wo er mit wenigen Fürsten und Prälaten das Weihnachtsfest feierte, hintertreiben oder doch stören können. Dies fürchtend wählte Adalbert das entferntere, stark befestigte und dem Kaiser längst trotzende Köln. Noch höher stieg Heinrich's Zorn, als er vernahm, daß dort zugleich in Gegenwart der angesehensten weltlichen und geistlichen Fürsten der Bann aufs Neue verkündet werden sollte 2). Die nachtheiligen

 

1) Chron. Ursp. ad 1115: Qui conventus (Coloniae) instante festo Natali Domini factus est non absque indignatione Imperatoris, qui necdum plene voluntarius erat in consensu consecrationis.

2) Ann. Saxo ad 1116: Heinricus Natal. Dom. Spirae cum paucis Episcopis et Principibus celebrans ea, quae interim Coloniae gerebantur, graviter tulit. Audivit enim quam plurimos ibi convenisse non solum Metropolitanos, sed etiam alios Episcopos vel Optimates Regni, causa praecipua verbum excommunicationis in se manifestandi.

 

 

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156 Vierter Abschnitt.

 

Wirkungen der früheren Exkommunikationen auf deutschem Boden hatte er bereits erfahren. Schon waren viele ihm früher Ergebene oder vor seinem Zorn Scheue öffentlich zu den Gegnern übergetreten. Von Adalbert und all Denen, die von demselben nach Köln geladen waren, hatte er das Schlimmste zu erwarten. Den Schlag abzuwenden, sandte er den Bischof Erlung von Würzburg, auf dessen Treue und Geschicklichkeit er viel baute, an die Versammlung der Gegner. Diese aber wies nicht nur die Vermittelung desselben von sich, sondern versagte ihm Gehör, und wie einem sammt seinem Herrn Gebannten jede Gemeinschaft, bis Erlung, von Mahnungen und Drohungen geschreckt, reuig zu der Kirchenpartei übertrat 1). Wie erstaunte Heinrich, als sein Gesandter bei der Rückkehr nach Speier, anstatt ihm einen glücklichen Erfolg seiner Bemühungen zu verkündigen, sich weigerte, vor ihm die Messe zu lesen und mit dem Gebannten Gemeinschaft zu haben. Mit Heftigkeit fuhr er ihn an, nannte ihn einen Treulosen, Undankbaren, Meineidigen, drohte ihn für sein ungebührliches Betragen hart zu züchtigen und foderte augenblicklich die verweigerte Messe. Erlung, den Tod oder mindestens das Loos Adalberos fürchtend, fügte sich jetzt zwar der Nothwendigkeit, ersah aber die nächste Gelegenheit zur Flucht, bereute mit Thränen seine Schwache, die er vor dem Kaiser bewiesen, that deshalb wie ein Schuldbeladener Buße vor den Bischöfen der Kirchenpartei und wurde ein erbitterter Gegner Heinrich's, dem er noch manchen neuen Feind erweckte 2).

 

Aber auch der Kaiser zog einen augenblicklichen Gewinn von Erlung's Abfall und nahm ihm das Herzogthum Franken, das seit Langem mit dem Bisthum Würzburg, dessen Bischof sämmtliche Gaugrafschaften seiner Diöcese besaß, vereinigt gewesen war 3), und beschloß, dieses weltliche Reichslehn auch wieder einem weltlichen

 

1) Ann. Saxo a. a. O. Missus autem ab Imperatore illuc Erluwinus Wirceburgensis Episcopus audientiam vel communionem non nisi reconciliatus habere meruit.

2) Chron. Ursp. ad 1116 und nach ihm Ann. Saxo z. d. J.: Reversus post redditam legationem ei, qui se miserat, denuo communicare renuit, sed vitae periculo coactus missam coram Rege celebravit, indeque usque ad mortem contristatus latenter discessit sicque rursum communioni pristinae multis lacrimis reconciliatus ultra Caesaris aspectu simul et gratia caruit.

3) Adam Bremensis, Histor. eccles., cap. 162 (lib. IV, cap. 5): Ipse (Episcopus Wirceburgensis) cum teneat omnes comitatus suae parochiae ducatum etiam provinciae gubernat.

 

 

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157 Konrad v. Hohenstaufen wird Herz. v. Franken.

 

Fürsten zu übertragen, wie es in älteren Tagen und offenbar geziemender geschehen war. Einem treu ergebenen und von bedeutender Macht unterstützten Manne mußte er das Herzogthum Franken, das durch seine Lage in der Mitte von Deutschland besondere Wichtigkeit hatte, übertragen. Beides vereinte sich in Konrad von Hohenstaufen, seinem Schwestersohne und Zögling 1). Wie dessen älterer Bruder Friedrich in Schwaben und Elsaß, sollte nun im benachbarten Franken Konrad des Kaisers Sache aufrecht erhalten. Unter anderen Verhältnissen wäre dieses Ereigniß für die Machtvergrößerung Heinrich's von der höchsten Bedeutung gewesen, nun aber schürte es nur das Feuer des zerstörenden Bürgerkrieges. Denn nur mit Gewalt konnte Franken dem früheren Besitzer und dessen Lehnsträgern entrissen werden. Wie diesen die antikaiserliche Partei kräftigen Beistand leistete, mußte Konrad mit Unterstützung seines Bruders und anderer kaiserlich Gesinnten die neue Herrschaft sich erwerben. Hier auf der Grenze von Nord- und Süddeutschland mußte ein Kampf am heftigsten werden, der im Allgemeinen schon die beiden Hälften Deutschlands, die Völker des fränkischen und sächsischen Rechts, widereinander entbrannte, der im Besonderen aber noch ein Schisma des Reiches und der Kirche, der weltlichen und geistlichen Rechte, ein Streben kaiserlicher Willkür gegen Festhalten an der bestehenden Ordnung im Reiche war. Wenn Konrad ein der Kirche gehörendes Reichslehn an sich riß, wenn er für den Kaiser seine Hausmacht gegen dessen Gegner aufbot, wenn er seine Süddeutschen herbeiführte, um Norddeutsche zu züchtigen, so zeigten die Vertheidiger der Kirche, des Kirchengutes und nationaler Freiheit, sie, die den Kaiser als einen Unterdrücker haßten und als Gebannten nicht der Krone würdig achteten, gegen dessen Anhänger und sogar nahen Verwandten, gegen den Räuber eines Kirchenlehns, die höchste Erbitterung. Kurz alle Interessen, die der verhängnißvolle Krieg auf beiden Seiten angeregt hatte, traten in dem Kampfe um Franken

 

1) Chron. Ursp. und Ann. Saxo a. a. O.: Qua etiam commotione succensus Imperator Ducatum Orientalis Franciae, qui Wirciburgensi Episcopo antiqua Regum successione (Ann. Saxo hat concessione) competebat, Chunrado sororis suae filio commisit. Seit 1047, wo Herzog Konrad der Jüngere starb, hatte es keinen eigenen Herzog von Franken gegeben. Vergl. Mascov, Comment. sub Henrico III, lib. V, §. 27 not 4; Stenzel I, S. 667, Anm. 38 a. Konrad von Hohenstaufen gelangte wol nie zum vollen Besitz Frankens und trat es 1120 wieder an Erlung von Würzburg ab, wovon später im Text geredet werden muß.

 

 

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158 Vierter Abschnitt.

 

am lebhaftesten hervor und gaben in der schrecklichen Verheerung und Plünderung des Bisthums Würzburg einen Beweis, mit welcher Erbitterung beide Parteien sich befehdeten 1).

 

Wol den Anlaß zu diesen und anderen bald über ganz Deutschland sich ausbreitenden Verwüstungen hatte Heinrich gegeben; die Schuld der ins Wilde und Unmenschliche gesteigerten Kriegswuth tragen indeß seine Neffen, denen er die Fürsorge für das Reich überließ 2), als er im Anfange des Jahres 1116 den nicht länger aufzuschiebenden Zug nach Italien antrat 3). Vielfach dringend war die Auffoderung dorthin, der er sich nicht entziehen konnte, es sei denn, daß er mit seiner deutschen Herrschaft sich begnügend, Italien für immer aufgeben wollte. Die schwierige Lage der Dinge hatte ihm aber Deutschland verleidet, während die Erwerbung der reichen Mathildischen Güter zu Erhöhung seiner Macht ihm Hoffnung gab. Ohne Mühe, Gefahr und Lösung sehr schwieriger Verwickelungen war indeß auch dieser Gewinn nicht zu erringen, zumal da seine Ansprüche nicht die einzigen, wenn auch die nächsten und rechtmäßigsten als eines Verwandten der Erblasserin und als des Oberlehnsherrn aller im römischen Kaiserthum liegender Reichslehen, die im Falle des Aussterbens eines Fürstenhauses er nach altem Herkommen einziehen durfte. Zwar hatte wiederholentlich 4) Mathilde ihre Güter der römischen Kirche verschenkt, ohne dazu, besonders in Bezug auf die Lehen, ein Recht oder einen anderen Grund zu haben, als ihre

 

1) Chron. Ursp. a. a. O. Scindebantur inter haec et hujusmodi regnum Teutonicum, quod jam decennio vel paulo plus concorditer quieverat.- - Primo ergo pars utraque conventibus assiduis agros alterius vastare colonos despoliare coepit maximeque in Episcopio Wirciburgensi per Conradum fratrem Friderici Iues ista succrevit.

2) Otto Fris., Chron. VII, p. 15 sagt dies ausdrücklich: In Italiam migrante rerumque summam sororiis suis Conrado et Friderico permittente. Mit welcher Einschränkung dies geschehen, werden wir später sehen.

3) Die deutschen Chronisten stellen die Sache mehr so dar, als ob Heinrich wegen der Verwickelung in Deutschland das Reich verlassen. Chron. Ursp. a. a. O.: Ipse scandala Principum declinans in Italiam se una cum Regina totaque domo sua contulit. Ebenso Ann. Saxo, Chron. Leodiense ad 1116: Henricus Imperator propter asperos in se motus Regni ad Italiam secedit, Vergl. auch Helm., Chron. Slav. I, cap. 40. Die Zeit des Aufbruchs ergibt sich aus seiner Ankunft in Venedig im März 1116.

4) S. die Urkunde vom Jahre 1102 bei Scheid, Orig. Guelf., I, p. 448, wo einer früheren Uebergabe erwähnt wird, die Raumer 1, S. 237 ohne Beweis auf 1077 setzt. Vergl. Stenzel II, S. 162.

 

 

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159 Die Mathildische Erbschaft.

 

ganz ergebene Zuneigung gegen den Papst. Weder mit dem Herzoge Gottfried von Lothringen, noch mit dem jüngeren Welf, ihren beiden Männern, in glücklichem Einverständniß und nach den Gesetzen der Ehe lebend hatte sie keine Nachkommen hinterlassen. Da Ersteren der Tod, Letzteren eine Ehescheidung von ihr trennte, durften auch Beider sonstige Nachkommen keine gesetzlichen Ansprüche an Mathildens Hinterlassenschaft erheben 1). Auch wurde damals nach ihrem Ableben von keinem deutschen Fürsten solche Anfoderung gemacht, wie sie erst in den Tagen Kaiser Friedrich's I. von Seiten der Welfen, doch auf andere Ansprüche gegründet, erfolgte. Selbst der Papst Paschalis II. unterließ, was dereinst seine Nachfolger mit soviel Hartnäckigkeit von den Hohenstaufen zu fodern und wirklich auch zu erlangen wußten, auf Grund des erwähnten Testaments 2) die Länder der Markgräfin als Kirchengut an sich zu ziehen, theils weil er überhaupt nach weltlichem Besitz kein Verlangen trug, und sogar in dem 1111 dem Kaiser vorgeschlagenen Vergleich die Unschicklichkeit solchen Besitzes für Geistliche ausgesprochen hatte, theils aus Furcht vor Heinrich's Zorn, der ihm noch im treuen Gedächtniß stand, und den er bei dem abermaligen Herannahen nicht aufs Neue und zwar, da er selbst von keiner Streitmacht unterstützt wurde, nicht so ganz ohne ersichtlichen Erfolg anreizen wollte. Schien somit es ein Leichtes für den Kaiser, wenn er schnell und mit gehöriger Heeresmacht in Italien einrückte, die Mathildischen Güter allein für sich in Besitz zu nehmen, so lag in der Art dieser Besitzungen selbst eine um so größere Schwierigkeit. Die Macht Mathildens hatte nicht sowol in zusammenhängenden und ausgedehnten Allodien und Lehen bestanden als in einer großen Menge zerstreuter Güter und in Rechten, die sie in vielen Städten Ober-Italiens 3), ja auf Corsika

 

1) Raumer, Hohenstaufen, Bd. I, S. 295, glaubt, daß Welf V. im Ehevertrage mit Mathilden gewisse Rechte auf ihren Nachlaß zugesichert erhalten. Die Orig. Guelf. I, p. 448 und II, p. 304 verbürgen dies nicht. Doch wäre dem so gewesen, so verloren Welf's Ansprüche alle Bedeutung bei der Scheidung und selbst die Morgengabe Mathildens verblieb ihr allein.

2) Uebrigens sind in der Testamentsurkunde unter omnia bona mea jure proprietario dann bona juris mei wol nur ihre Allodien, die sie juris mei nennen konnte, zu verstehen, nicht die Reichslehen oder die vielen Ländereien, die Mathilde von Städten erhalten und deren Besitz sich auf persönliche Rechte, die man ihr dort zugestanden, gründete. Auch der Kaiser, der als Verwandter Erbansprüche machte, durfte von den Städten nur fodern, was ihm als Kaiser gebürte.

3) Als Lucka, Parma, Mantua, Ferrara, Modena, Reggio, Piacenza, Verona, Ankona, Montferrat, Spoleto u. a. Daher sie oft Marchissa Longobardorum heißt, wie ihr Vater Bonifacius Marchio de Longobardia. Gewöhnlicher noch wird sie Comitissa oder Ducstrix Thusciae, und bei den italienischen Schriftstellern Gran-Comtessa genannt. Sie selbst unterschrieb sich gewöhnlich: „Von Gottes Gnaden Das, was ich bin.“ —

 

 

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160 Vierter Abschnitt.

 

und Sardinien besaß, und die ihr daselbst einen so überwiegenden Einfluß gaben, daß sie wie eine Herrin über alle gebieten durfte, auch wol manche Eingriffe mit Zustimmung der Städte oder eigenmächtig sich erlaubte. Nach ihrer langjährigen Herrschaft war eine Sonderung der Güter und Rechte, die ihr erblich und solcher, die ihr persönlich zuerkannt oder stillschweigend und gezwungen eingeräumt worden, äußerst schwierig, und mußte der Kaiser, der selbst nur auf entfernte, jetzt kaum zu ermittelnde Weise 1) mit Mathilden in Verwandtschaft gestanden, sehr vorsichtig zu Werke gehen, um nicht die Städte, deren Ansprüche auf schwer zu erweisenden, oft nicht unerheblichen, mitunter aber auch wol ungenügenden Gründen beruhten, gegen sich aufzureizen. Denn ihres Beistandes und ihrer Freundschaft bedurfte er, da er jetzt nicht, wie im Jahre 1110, mit der Gesammtmacht des deutschen Reiches, sondern nur mit einem kleinen, meist aus eigenen Mitteln geworbenen Heere, begleitet von Herzog Heinrich von Kärnthen, Welf's Bruder, den Bischöfen von Münster, Augsburg, Verden, Trident, dem Abte von Fulda und einigen anderen weltlichen und geistlichen Fürsten 2) in Italien erschien. Nur der Schrecken seines Namens, den die Erinnerung an seinen früheren Römerzug hervorrief, bannte die Städte der Lombardei 3). Gleichwol hielt Heinrich für gerathen, die Gemüther

 

1) Nach Bünau's Untersuchungen im Leben Kaiser Friedrich's Barbarossa S. 382, geneal. Tab. III, wäre die Verwandtschaft von der Kaiserin Gisela her, deren Schwester Mathilde eine Großmutter der Markgräfin gewesen sein soll, diese:

Hermann von Schwaben. _________________________^______________________

Mathilde Gisela, die Kaiserin,

Gem. Friedr. von Lothringen. Gem. Konrad II.

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Beatrix, Heinrich III.

I. Gem. Bonifacius v. Toskana.

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Mathilde, die Großgräfin. Heinrich IV.

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Heinrich V.

 

2) Für die genannten gibt Stenzel I, S. 669, Anm. 7, die Beweise.

3) Der Abt Azzo von Aqui schreibt an Heinrich (Cod. Udalr. Nr. 258): Vestra est enim adhuc Lombardia, dum terror, quem ei incussistis, in corde ejus vivit.

 

 

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161 Heinrich's zweiter Zug nach Italien.

 

durch Milde und Freigebigkeit an sich zu fesseln, die Angelegenheit in Norditalien friedlich zu schlichten, sich mit Dem zu begnügen, was Keiner ihm vorenthielt; die Fürsten, die Städte, die Geistlichkeit, selbst den Papst für sich zu gewinnen, um sobald als möglich in Deutschland mit vermehrter Macht aufzutreten und die widerspenstigen Gegner zu züchtigen. Fast schien er diesmal gut machen zu wollen, was er 1110 und 1111 durch Strenge und Gewalt verdorben hatte. Die gute Aufnahme in Venedig 1) (im März 1116) lohnte er durch Freibriefe an die Stadt, durch demüthige Andachtsübungen in St.-Markus und an anderen heiligen Stätten, durch Privilegien und Schenkungen, die er den Klöstern bewilligte; für die Ehrenbezeugungen, die ihm die Bürger und der Doge Ordelafo Faledro erwiesen, versprach er seinen Beistand gegen die Ungarn, welche die dalmatischen Besitzungen der Venetianer wiederholentlich beunruhigt hatten. Auch gewann er die stolzen Bewohner durch seine Schmeicheleien, indem er die schöne Lage der Stadt, die Pracht der Häuser, ihre Verfassung rühmte und ihren Staat ein Königreich nannte. So die Freundschaft und Ergebenheit des mächtigsten Staates von Oberitalien gewinnend, schien ihm das Glück gleich beim Eintritt auf dem Boden, der der Schauplatz seiner Thaten werden sollte, zu lächeln. Dann zog er das Pothal hinauf und wußte auch hier die Städte wie die Geistlichkeit durch Ertheilung von Privilegien, durch Schenkungen, durch gottesfürchtigen Besuch der Kirchen und Klöster für sich einzunehmen, sodaß es Niemandem einfiel, ihm als Gebannten, als Ketzer, als Frevler an der Kirche den Eintritt oder Aufenthalt irgendwo zu verweigern. Endlich brachte er auch in kurzer Zeit und mit gutem Erfolg das schwierigste und für ihn wichtigste Geschäft, die Mathildische Erbschaftsangelegenheit, in Ordnung, indem er ohne auf lange und verwickelte Untersuchungen sich einzulassen, den einzelnen Städten als freie Gabe bewilligte, was sie nur billigerweise

 

1) Das im Text Gesagte stützt sich auf Dandolo's Chron., bei Muratori, XII, p. 263-66 ad 1116. Ich führe nur folgende Worte an: In mense Martio - Venetias accedens in Ducali Palatio hospitatus est, liminaque B. Marci et alia Sanctorum loca cum devotione maxima visitat et urbis situm aedificiorumque decorem et regiminis aequitatem multipliciter commendavit. Curiam etiam suorum Principum tenens pluribus monasteriis immunitatum privilegia de suis possessionibus Italici Regni concessit, in quibus Ducalem provinciam Regnum appellat. Multis igitur a Duce et Venetis sibi impensis honoribus, in suo recessu contra Hungaros denuo Dalmatiam invadentes auxilium spopondit.

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162 Vierter Abschnitt.

 

fodern durften 1). In die Händel Mailands, veranlaßt durch eine zwiespaltige Erzbischofswahl zwischen einem Anhänger seiner Partei und einer der ihm feindlichen Kirchenfaktion 2), mischte er vorläufig sich gar nicht, wie dringend ihn auch seine Freunde dazu aufgefodert hatten 3). Ebenso überließ er die Zwistigkeiten der Bischöfe von Lucca und Pisa über die Ausdehnung ihrer Kirchensprengel der römischen Kurie zur Entscheidung und saß nur in Städten, deren Bürger ihm freiwillig die Thore geöffnet hatten und ihm Rechte bewilligten oder gegen Ertheilung von Privilegien und Gütern zuerkannten, zu Gericht. Den Zwiespalt zwischen ihm und dem Papste, der von diesem, wenn auch nicht öffentlich, so doch durch mancherlei geheime Machinationen, die dem Kaiser durch seine Anhänger entdeckt und benachrichtigt worden 4), nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien angefacht war, auf friedliche Weise zu lösen, war er aufs eifrigste bemüht und jedes Mittel, das den gegenseitigen Beschwerden abhelfen könnte, in Wirksamkeit zu setzen bedacht.

 

Vieles war aber geschehen, was Heinrich gerechte Besorgnisse erregen mußte, daß man in Rom von Seiten der päpstlichen Kurie wie des leicht zu allen Schritten beweglichen Volkes ihm einen empfindlichen und verderblichen Schlag zu bereiten suche 5). Nicht nur

 

1) Das beweisen die vielen Urkunden, die den Städten, Klöstern und Geistlichen von Heinrich ertheilt wurden.

2) Die beiden Bewerber waren Grossolanus und Jordanus, letzterer ein heftiger Gegner Heinrich's.

3) Cod. Udalr., Nr. 258. Der Bischof von Aqui meldet die zwistige Wahl, er hat aber auch schon ein wirksames Mittel wider die Gegner des Kaisers ergriffen. Er schreibt: Operam deci erigendi magnum parietem populi contra populum sub occasione cujusdam alterius Archiepiscopi - - viri sclicet perfectissime literati et ingenio astutissimi et elouquentissimi curiae vestrae vslöe necesssrii, cujus usrtem vropter Konorem vestrum in tsntum suxi, quod medietas populi contra medietatem populi contendit. Nunc itaque videat pietas vestra, si ad hoc velitis me laborare, ut et pupulus ille maneat divisus etc.

4) Cod. Udalr., Nr. 259. Es schreibt der Abt von Farsi über den Papst: Interim callide agit clandestinis machinationibus, quatenus incautos vos et minus sollicitos reddat. Nam verba, quae vodis literis suis blanda, et placatissima mandavit, quamvis nobis ignota sunt, fraude tamen plena pro certo existimamus.

5) Cod. Udalr., Nr. 259: Denique Apostolici intentio ad hoc viget et molitur, ut irrecuperabile vobis detrimentum operari valeat, et tum demum irrevocabilem contra vos proferet sententiam.

 

 

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163 Heinrich's zweiter Zug nach Italien.

 

der Vertrag von Ponte Mammolo war als ein erzwungener von Paschalis II. aufgehoben, und dadurch des Kaisers Entscheidung in Kirchensachen wieder für unzulässig, ja für sträflich erklärt, auch die weltliche Herrschaft über Italien hatte die römische Kurie ihm zu entreißen versucht. Der schlaue Alexius, Kaiser von Konstantinopel, benutzte den Haß der Römer und der strengeren Kirchenpartei gegen Heinrich V., um Jahrhunderte lang vergessene, darum aber noch nicht aufgegebene Ansprüche an die römische Kaiserkrone wieder geltend zu machen. Schon waren seine Unterhandlungen mit dem Papst und dem römischen Volke durch geschickte Unterhändler eingeleitet, auf beide wirkten beredte Schreiben, worin er ein schmerzliches Bedauern über Paschalis' frühere Gefangenschaft, über die harte Behandlung und jedes durch den deutschen König dem heiligen Vater zugefügte Unrecht aussprach, die Unbeugsamkeit und Festigkeit der Kircheneiferer rühmte, sowie dem Papste, den Römern, allen willfährigen Geistlichen und Städten große Versprechungen that, wenn man ihm oder seinem Sohne Johannes die römische Kaiserwürde verleihen wolle 1). Schon hatten die Römer eine sehr glänzende Gegengesandtschaft nach Konstantinopel geschickt 2), um Alexius nach Italien herüberzuholen, als sich die Sache aus nicht klar zu erweisenden Ursachen zerschlug, sei es, daß der griechische Kaiser sein Vorhaben aufgab, oder die wankelmüthigen Römer in ihrem Eifer erkalteten, oder die römische Kirche die Reinheit ihres Glaubens durch einen griechisch-katholischen Kaiser gefährdet und entweiht glaubte, oder, was das Wahrscheinlichste, daß die Furcht vor dem deutschen Kaiser und seinen zahlreichen Anhängern in Oberitalien den Papst wie die Römer abhielt, jenem eine Krone zu entziehen, die seit Karl

 

1) Chron. Casinense, IV, p. 46: Strenuissimos de suo imperio viros cum literis Romam direxit, per quos significabat se idem Imperstor primitus de injuria et captivitate summi Pontificis a Romanorum Imperatore sibi allata nimium dolere, deinde gratias agens collaudabat illos, quod viriliter contra eum stetissent, nec illi ad votum cessissent, atque ob id, si animos illorum promptissimos ac paratissimos inveniret, prout sibi ab istis partibus jam dudum mandatum fuerat, vellet ipse vel Johannes filius ejus secundum morem antiquorum fidelium videlicet Imperatorum a summo Pontifice coronam accipere. Der Abt von Monte Cassino zeigte sich besonders thätig für Alexius, ward von diesem reich beschenkt und sollte noch mehr erhalten, wenn er den Kaiser nach Rom begleiten würde.

2) Chron. Casin. a. a. O.: Mense Majio elegerunt de suis ferme sexcentos et direxerunt Imveratori ad conducendum eum; Cod. Udalr. Nr. 259 gibt die nomina praecipuorum euntium ad Constantinopolitanum Regem.

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164 Vierter Abschnitt.

 

dem Großen nur dessen Nachkommen und Nachfolgern, und seit Otto dem Großen ununterbrochen den Herrschern Deutschlands als ihnen allein gebührender Schmuck zuerkannt worden war.

 

Gaben die geheimen Intriguen und öffentlichen Schritte der römischen Kurie Heinrich gerechten Anlaß, wider sie mit Strenge zu verfahren und seinen ganzen Zorn auszulassen, so nöthigten ihn doch die Verhältnisse in Deutschland, die Rücksicht auf viele ihm ergebene Geistliche, die verwickelte Angelegenheit der Mathildischen Erbschaft, die ihm leicht Feinde und in diesen dem Papst willkommene Verbündete erwecken konnte, auch gegen den heiligen Vater mit aller Schonung, Mäßigung und scheinbaren Ergebenheit zu verfahren, ohne jedoch im mindesten etwas von seinen Rechten aufzugeben. Gleich bei seiner Ankunft auf italienischem Gebiet hatte er eine Gesandtschaft, an deren Spitze er den thätigen, einsichtsvollen, treu ergebenen Abt Pontius von Clugny stellte, an Paschalis mit Briefen vorausgeschickt, worin er fern von Vorwürfen, vielmehr mit großem Bedauern aussprach, daß der Papst um seinetwillen soviel Beschwerde, Haß und Verfolgung erduldet habe, und sich bereit erklärte, ihn mit Hülfe aller wahrhaft Frommen und dem Wohl der Kirche eifrig Zugethanen von jenen Drangsalen zu befreien und Friede und Eintracht unauflöslich fest zwischen Reich und Kirche zu begründen 1). Den besten Nachdruck gab diesem Schreiben ihr Ueberbringer, der, ein Verwandter des Papstes 2), unparteiisch, von beiden Theilen geachtet und so gewissermaßen über den Streitenden stehend, den friedlichen Absichten des Kaisers bei der Kurie Glauben und Zutrauen erweckte. Wenigstens

 

1) S. sein Schreiben an Paschalis Chron. Udalr. Nr. 273. Es ist kurz und in dem bezeichneten freundschaftlichen Tone abgefaßt. Alles, was zu verhandeln war, hatte er dem Ueberbringer mündlich aufgetragen: Idcirco Abbatem Cluniacensem ad hoc negotium adscivimus, scilicet virum religiosum et in fide Christi spectabilem. Von der Verwandtschaft Pontius' mit dem Papste, auf die der Kaiser doch ein Gewicht legen mußte, finden wir freilich nichts erwähnt. Vergl. die folgende Anmerkung.

2) Chron. Ursp. ad 1116: Circa Padum negotiis insistens regni, legatos ad Apostolicum pro componendis causis — — suppliciter destinavit, cujus legationis primatum Abbas Cluniacensis, consanguineus, ut ajunt, Domini Papae, tenuit. Dies ut ajunt und daß der Kaiser in seinem Schreiben nicht die Verwandtschaft hervorhebt, läßt diese noch bezweifeln. Indessen spricht der letztere Umstand auch nicht dagegen, da es überflüssig war, dem Papste zu sagen, daß Pontius dessen Verwandter sei, und Heinrich vermeiden mußte, daß der Papst in der Wahl des Gesandten eine Absicht vermuthe, die von Seiten des Kaisers allzu berechnet erschiene. Der Gesandtschaft erwähnt auch Helmold I, cap. 40.

 

 

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165 Heinrich's zweiter Zug nach Italien.

 

erreichte Heinrich durch seinen Unterhändler und den in seinem Briefe angestimmten Ton der Milde und Freundlichkeit, daß der Papst nicht vor ihm erschreckt aus Rom entwich, und daß er selbst Paschalis einen Ausweg zeigte, wenn die Kircheneiferer ihn zu sehr bedrängten oder gar ihre Drohung mit einer neuen Papstwahl ausführten 1). Denn immer noch gab es in der Kirche zwei Parteien, zwischen denen Paschalis wie ein schwankend Rohr in der Mitte stand. Nicht entschlossen, den Bann über den Kaiser auszusprechen, weil dies gegen den beschworenen Vertrag war, und der strengeren Faktion sich eng anzuschließen, andrerseits fest bei dem Investiturrecht verharrend, dessen Aufgeben Heinrich jetzt wie früher von ihm foderte, wollte er nur einer allgemeinen Kirchenversammlung die Entscheidung überlassen. Am 5. März 1116 ward diese im Lateran eröffnet. Sie bestand aus Geistlichen der verschiedensten Nationen, Charaktere, Gesinnungen ünd Interessen. Auch weltliche Fürsten, Herzöge, Gesandte aller Provinzen Italiens waren erschienen 2). In den ersten Sitzungen wurde indeß der Hauptsache, der Spaltung zwischen Reich und Kirche, gar nicht gedacht, nur die zwistige Erzbischofswahl in Mailand besprochen und endlich zur weiteren Untersuchung den Kardinälen überwiesen. Als auch in der dritten Sitzung der Streit zwischen dem Bischof von Lucca und der Stadt Pisa vom Papst als Gegenstand der Berathung vorgelegt wurde, erhoben sich unwillig einige der Kircheneiferer und verlangten stürmisch, daß nicht ferner über solcherlei Nebendinge, sondern über die höchst wichtigen geistlichen und kirchlichen Grundsätze eine ernste Berathung vorgenommen werden und der Papst seine Gesinnung an den Tag

 

1) Daß dieses damals noch die Absicht Vieler gewesen, erfahren wir aus dem angeführten Schreiben des Bischofs von Aqui. Udalr. Nr. 238: Notum igitur vobis facio, quod audivi synodum videlicet Romae fieri, in qua asseritur Dominum Papam vel deponi et alterum debere eligi, qui omne consilium pacis, quod cum Domino vel firmsastis, dissoivat pro eo, quod vel Dominus non audet, vos propter factas inter vos et ipsum securitates excommunicare etc.

2) Chron. Ursp. ad 1116: II. Nonas Martis Romae in sede Lateranensi in ecclesia S. Salvatoris, quae appellatur Constantiniana, celebrata est synodus universalis concilii congregatis ibidem ex diversis regnis et provinciis Episcopis, Abbatibus Catholicis, Ducibus et Comitibus, legatis universarum provinciarum quam plurimis. Unter letzteren sind vielleicht nur Legati Apostolici zu verstehen, die der Papst sämmtlich zurückberief, um ihnen Verhaltungsbefehle, die sie, bis dahin willkürlich verfahrend, gar nicht eingeholt oder nur vorgegeben hatten, in Person zu ertheilen.

 

 

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166 Vierter Abschnitt.

 

legen solle 1), damit jeder der Anwesenden wisse, was er nach seiner Rückkehr in die Heimat zu verkünden habe. Da erhob sich der heftigste Widerstreit in der für so verschiedenartige Interessen auftretenden, von so entgegengesetzten Ansichten das Wesen der Kirche oder die Macht des Kaisers auffassenden Versammlung. Daher war auch das Endresultat der Berathungen voll Widersprüche und eigentlich gar nichts entschieden, was nicht der mannigfachsten und willkürlichsten Deutung Raum gab, oder bei der geringsten Aenderung der äußeren Verhältnisse eine Umgestaltung oder förmlichen Widerruf nöthig machte. Der Papst erklärte zwar den Vertrag mit dem Kaiser für erzwungen und darum für ungültig, verharrte auf Gregor's VII. Ausspruch, daß die Investitur der Geistlichen durch Laienhand Frevel sei, und verdammte den Verleiher wie den Empfänger derselben 2); über Heinrich aber den Bann auszusprechen, verweigerte er hartnäckig, wie sehr auch der Bischof Kuno von Praeneste, der solches bereits auf fünf Concilien gethan hatte, in ihn drang. Nicht nur den Freunden und Anhängern des Kaisers, sondern auch den friedliebenden Bischöfen gefiel Paschalis' Mäßigung. Doch waren diese in der großen Versammlung die Minderzahl, und die schlauen Worte des Praenestiners wie die mahnenden Briefe Guido's von Vienne wirksamer, sodaß der Bann, welchen beide Geistliche über den Kaiser gesprochen hatten, auch ohne des Papstes Beistimmung genehmigt 3) wurde.

 

Zu diesem Zwiespalt zwischen Haupt und Gliedern der Kirche hatte unfehlbar Heinrich bedeutend mitgewirkt. Nicht nur sein Gesandter Pontius von Clugny, der zur Zeit der Kirchenversammlung

 

1) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1116. Danach Raumer I, S. 297ff. und Stenzel I, S. 669 handeln von Dem ausführlich, was hier nur angedeutet werden kann, da nur das Verhältniß zwischen Staat und Kirche, nicht die Begebenheiten, die beide berühren, im Einzelnen für unsern Zweck von Bedeutung sind.

2) Chron. Ursp. a. a. O. gibt die Rede des Papstes, worin er anerkennt, daß auch die weltlichen Fürsten wegen der weltlichen Besitzungen der Geistlichkeit seit Konstantin dem Großen an Kirchendingen Antheil gehabt haben. In Betreff der Investitur aber: Iterans sententiam Gregorii VII. investituram Ecclesiasticarum rerum a laica manu rursus excommunicavit sub anathemate dantis et accipientis.

3) Die Berichterstatter lassen uns über des Papstes eigenen Ausschlag in der Synode ungewiß, doch läßt sich seine Weigerung daraus vermuthen, daß er des Kaisers späteren Gesandten die Versicherung gab, nie den Bann ausgesprochen zu haben.

 

 

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167 Heinrich's zweiter Zug nach Italien.

 

in Rom eintraf 1), war aufs eifrigste bemüht gewesen, eine friedliche Uebereinkunft zwischen dem Kaiser und Papst zu vermitteln; auch sehr angesehene und einflußreiche Männer am päpstlichen Hofe boten dazu die Hand. Peter, der Sohn des unter Leo IX. getauften und nach diesem benannten Juden, der schon bei der ersten Anwesenheit Heinrich's in Rom den Vermittler gespielt hatte, ein ebenso reicher als schlauer Mann, verband sich zu gleichem Zwecke auch diesmal mit Pontius. Noch mehr Gewicht hatte die Verwendung Johann's von Gaeta, des damaligen Kanzlers der römischen Kurie, der durch Freundschaft dem Papste nahe stand und durch seine große Geschäftskenntniß und ausgezeichnete Beredtsamkeit zu Verhandlungen von so subtiler Art ganz geeignet war. Endlich zeigte sich auch der Stadtpräfekt im Interesse des Kaisers sehr thätig, und durch das Beispiel solcher Männer bestimmt und ermuthigt stand in Rom, das vor Kurzem noch einem Fremden die Kaiserkrone zu übertragen geneigt gewesen, eine mächtige Partei da, die für Heinrich den Papst zu stimmen suchte 2). Mehr als sie alle wirkte wol auf den schwachen, furchtsamen Paschalis die Annäherung des Kaisers selbst. In Rom wagte Niemand über den Mächtigen, dessen Zorn einmal schon die Stadt hart getroffen, ein Verdammungsurtheil zu sprechen. Nur in Mailand verkündete Jordanus, der gegen den Anhänger der kaiserlichen Partei Grossolanus vom Kardinal-Collegium bestätigte Erzbischof, in Gegenwart des päpstlichen Legaten Johann von Crema den von den Kircheneiferern auf der Lateransynode gültig erkannten Bann 3). Heinrich achtete aber darauf nicht, verfolgte unablässig nur die Zwecke, um deretwegen er nach Italien gekommen war und

 

1) Chron. Ursp. ad 1116: Quinta feria Papa in concilio non sedit (secunda feria tertiae hebdomodae quadragesimalis war das Concil eröffnet) multis et maxime Regiis negotiis per Dominum Cluniacensem, Johannem Cajetanum et Petrum Leonis, et urbis Praefectum caeterosque illius partis autores impeditus.

2) Daß bei dm genannten drei Männern und den übrigen, die für den Kaiser sprachen, auch des Letzteren Geld mitgewirkt, ist kaum zu bezweifeln, Paschalis selbst darf aber dieser Verdacht nicht treffen. Seine Nachgiebigkeit entsprang theils aus Charakterschwäche, theils aus Furcht und zwar fürchtete er ebenso sehr die Kircheneiferer als den Kaiser und gab jedesmal Dem, der ihn zunächst bedrängte oder drohend mahnte, nach. Gleichwol hielt er, wie es die Art schwacher Geister ist, an gewissen Punkten hartnäckig fest und war weder zur Bannung Heinrich's noch zum Verzichten auf die Investitur zu bewegen. Um beider willen setzte er sich Kränkungen und Mishandlungen aus.

3) Landulf jun. cap. 31.

 

 

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168 Vierter Abschnitt.

 

sah sie bald durch kluge Unterhändler, durch seine eigene schlaue Politik und endlich durch glückliche Ereignisse gefördert. Zu letzteren gehörte in Rücksicht seines Verhältnisses zu Rom ein Aufstand in dieser Stadt, der durch den Tod des Präfekten veranlaßt wurde. Das Volk erwählte dessen Sohn zum Nachfolger, während der Papst sich für Peter einen andern Sohn Leo's, also des Kardinals Peter gleichnamigen Bruder, entschied, sei es, weil er den vom Volke Verlangten wirklich, wie er vorgab, für zu jung hielt, oder weil er durch seinen Günstling und dessen einflußreiche Familie sich in Rom gesicherter glaubte, als wenn das höchst wichtige Amt in die Hände eines Unerfahrenen und in die Gewalt der leicht beweglichen Menge käme. Diese glaubte sich aber in ihrem Wahlrechte gekränkt, nannte Peter den Sohn eines durch die Taufe nicht zu Ehren gebrachten Wucherers, verlangte hartnäckig die Bestätigung des jungen Präfekten und gerieth, als der Papst sie standhaft verweigerte, in Wuth. Als am zweiten Osterfeiertage der feierliche Umzug, den der Papst und die Kardinäle nach gewohnter Weise durch die Stadt halten wollten, aus der Peterskirche begann, wurden jene mit Steinwürfen begrüßt, die festen Häuser des Peter Leonis zerstört und ein wilder Tumult in der ganzen Stadt erhoben. Der Papst flüchtete, nachdem er dem zurückbleibenden Präfekten seiner Wahl die Vertheidigung anvertraut, in den Schutz des Grafen Ptolomäus von Thusculum 1).

 

Der Kaiser, welcher damals noch in Oberitalien mit Reichssachen und der Mathildischen Erbschaftsangelegenheit beschäftigt war 2), vernahm mit Freude die Vorfälle in Rom und hoffte von den rebellischen Römern mehr zu erlangen, als Pontius' Verhandlungen mit dem Papste hatten erreichen können. Wahrhaft kaiserliche Geschenke übersandte er dem jungen Präfekten wie den Römern selbst und ließ ihnen seine baldige Ankunft melden 3). Um den Papst noch mehr

 

1) Pandulfus Pisanius, Vita Paschalis, p. 358. Falco Benevent. ad 1116, Chron. Casin. lib. IV, cap. 60. Auch der Kaiser in seinem Schreiben an Hartwig von Regensburg erwähnt seditionem gravissimam, quae inter Romanos et Apostolicum geritur.

2) Am 8. April zu Reggio, wo Pontius von Clugny wieder bei ihm war. Dieser selbst konnte ihm die Nachricht von dem Volksaufstande in Rom noch mitbringen.

3) Chron. Cassin. a. a. O.: His auditis Heinricus Imperator, qui denincta Mathilda tunc apud Liguriam degebat, gratia disponendarum rerum illius, laetus effectus, quia non bene cum Papa conveniebat, xenia Imperialia urbis Praefecto et Romanis transmisit, adventum suum illis praenuncians affuturum. Zu übereilen brauchte er die Reise nun nicht; nur um den Papst selbst und seine Umgebungen zur Nachgiebigkeit und völligen Hingebung zu gewinnen, nutzte er die Vorfälle.

 

 

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169 Heinrich's zweiter Zug nach Italien.

 

in die Enge zu treiben, mußte auch dessen Beschützer Ptolomäus gewonnen werden. Gewiß schon damals versprach Heinrich dem ehrgeizigen Grafen von Thusculum die Hand seiner natürlichen Tochter Bertha und sparte nicht Geld, noch Worte, um neue Anhänger zu gewinnen. Der treulose Ptolomäus verrieth den Papst, den er gastlich aufgenommen und nach Rom zurückzuführen versprochen hatte. Ueber Peter Leonis, der in Rom trotz der Volksbewegung die Oberhand erhalten, fiel er her, die Hauptstadt und die Seeküste standen abermals gegen den Papst auf, dem es nur erst gelang, nach Rom ohne Gefahr zurückzukehren, als er den Bürgern in Bestätigung des von ihnen gewählten Präfekten nachgegeben hatte 1). Hiermit hatte er sich aber zugleich den Freunden des Kaisers in die Hände gegeben, die der Absicht des Letztern entsprachen, indem sie Paschalis zur Nachgiebigkeit bewogen und die Ausgleichung Beider um Etwas näher brachten. Heinrich selbst unterließ jetzt ebenso wenig, den Papst durch neue Gesandtschaften und Friedensunterhandlungen zu bedrängen, als er vorher dessen Gegner zum Widerstande angereizt hatte. Um der Kirchenversammlung im Lateran ein Gegengewicht zu geben, waren die ihm anhängenden Bischöfe gleichfalls versammelt und über Friede und Eintracht in Reich und Kirche mit ihnen verhandelt worden 2). Drei derselben, dle Bischöfe von Piacenza, Aqui und Asti erboten sich 3), nach Rom zu gehen, vor dem Papste des Kaisers Sache zu führen und die gesammte Kirche zur Entscheidung aufzurufen. Heinrich's Erklärung, die er durch ihren Mund verkünden ließ, schien offen und aufrichtig: „Könne oder wolle Jemand ihn beschuldigen, daß er den nach weltlichem und kirchlichem Recht mit dem Papste abgeschlossenen Vertrag verletzt habe, so sei er zu einer gründlichen

 

1) Pandulf. Pis. und Falco Benev. a. a. O.

2) Der Kaiser schreibt an Hartwig von Regensburg, Cod. Udalr. Nr. 318: Transalpinavimus et ibi religiosos Episcopos et Abbates, qui videbantur esse columnae matris ecclesiae, convocantes de pace et concordia Regni et Sacerdotii subtilissima inquisitione tractavimus, demum communicato consilio tres ex illis omnibus eligentes scilicet Placentinum, Astensem, Aquensem magni nominis Episcopos ad Dominum apostolicum et ad omnem ecclesiam illos misimus.

3) In dem Briefe vorher, Cod. Udalr. Nr. 217, sagt Heinrich von den drei Bischöfen: Non nostra quasi legatione sed eorum propria voluntate ivisse.

 

 

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170 Vierter Abschnitt.

 

Rechtfertigung oder, falls er eines Unrechts überwiesen werde, zu jeder Genugthuung bereit 1). Zugleich aber foderte er, daß der Papst frei bekenne und darlege, ob Quido von Vienne mit oder wider seinen Willen den Bann über das weltliche Oberhaupt der Christenheit gesprochen habe, ob die Legaten Kuno und Dietrich in seinem Auftrage nach Köln und Sachsen gesendet worden und ob durch seine Boten oder durch seine Schreiben die Bischöfe von Mainz, Köln, Salzburg, Würzburg, Halberstadt und sonstige Feinde des Kaisers aufgefodert seien, jenen Bannstrahl als Schild der Empörung zu benutzen.

 

Paschalis gab eine ausweichende Antwort 2); in Bezug auf den Vertrag mit dem Kaiser äußerte er, daß derselbe zwar von beiden Theilen abgeschlossen sei, aber nicht eine bindende Kraft habe für ihn, der denselben nur gezwungen eingegangen wäre, und zwar gegen die Satzungen Gregor's VII. und Urban's II., wie sowol seine eigene Ueberzeugung, als die Aussprüche mehrer Kirchenversammlungen ihn nicht mehr zweifeln ließen. Was den Bann angehe, so habe er denselben nie über den Kaiser ausgesprochen, doch da die ersten Mitglieder der Kirche ihn verhängt, so könnte selbst das Kirchenhaupt ihn nicht ohne Zustimmung jener aufheben, und müsse die endliche Entscheidung darüber einer allgemeinen Kirchenversammlung überwiesen werden. Zu solcher mahnten auch dringende und täglich einlaufende Schreiben aller Freunde der Kirche, besonders aber der erste Geistliche nächst dem Papste, der Erzbischof von Mainz. Auf dieser wolle er, der Papst, auch des Kaisers Rechtfertigung anhören und danach den Streit zwischen Reich und Kirche entscheiden 3).

 

1) So schreibt wenigstens Heinrich selbst Cod. Udalr. Nr. 218.

2) Nur Das, was Chron. Ursp. ad 1117 angibt, ist als Paschalis' Antwort anzusehen. Des Kaisers eigener Bericht in dem Schreiben an Hartwig von Regensburg enthält offenbar Erweiterungen des päpstlichen Ausspruchs, die darin nicht liegen, und Deutungen der gepflogenen Unterhandlung, die der Papst in solchem Umfange gewiß nicht verstanden hatte. Der König legt Vieles zu seinen Gunsten aus, Anderes übergeht er, was in Deutschland einen ihm nachtheiligen Eindruck gemacht hätte. Sehr unrecht thun Raumer I, S. 300, Stenzel I, S. 672 u. 73, Luden IX, S. 463 u. 64 und die ihnen folgen, wenn sie beide Angaben zusammenziehen.

3) Chron. Ursp. a. a. O.: Heinricus non cessat legationes satisfactorias ad apostolicam sedem — destinare, quas tamen constat minime profecisse. Nam Dominus apostolicus propter securitatem, quam Regi licet coactus fecerat, diffitetur illum se anathematis vinculo colligasse, ab ecclesiae tamen potioribus membris excommunicationem connexam, non nisi ipsorum consilio denegat se posse dissolvere, concesso nimirum utrinque synodalis audientiae jure. Ad hoc etenim ultramontanis affirmat, se quotidie literis impelli et maxime Metropolitani Moguntini.

 

 

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171 Heinrich's zweiter Zug nach Italien.

 

Das war freilich noch weit von Dem entfernt, was Heinrich wünschte oder einräumen konnte; indessen zog er auf seine Weise auch aus der wenig genügenden Antwort des Papstes Vortheil, indem er dieselbe mit sehr erweiternden und ausschmückenden Deutungen nach Deutschland berichtete. Dem ihm treu ergebenen Bischof Hartwig von Regensburg schrieb er 1): „Reich und Kirche seien völlig ausgesöhnt; der Papst habe den Bischöfen von Piacenza, Aqui und Asti, die sich zu Friedensvermittlern erboten, erklärt, daß er niemals einen Feind des Kaisers, weder den Erzbischof von Köln, noch den von Salzburg, noch den Bischof von Würzburg, noch den von Halberstadt oder sonst Jemanden als seinen Freund begrüßt, daß er und die römische Kirche Adalbert von Mainz nie anders als einen Verräther Gottes und seines Herrn, des Kaisers und der ganzen Christenheit genannt habe. Was Quido von Vienne und Kuno gegen das Reich und dessen Oberhaupt unternommen, sei frevelndliches Beginnen. Deutlich spreche sich des Papstes Unwille

 

1) Cod. Udalr. Nr. 317, wo die Zusagen des Papstes als Bericht der drei an Paschalis gesandten Bischöfe von Heinrich angeführt werden, offenbar ein schlauer Kunstgriff, um nicht selber dafür aufzukommen: Ajunt etiam, Dominum Papam nunquam aliquem adversarium nostrum Coloniensem vel Salzburgensem, vel Wurzburgensem vel Halberstadensem, vel aliquem inimicum nostrum viva voce vel literis salutasse, Moguntinum nec ipse nec tota Romana ecclesia aliter quam traditorem Dei et Domini sui et totius Christianitatis appellant. Quidquid itaque Viennensis Wido et Chuono contra Imperium et nos aliquo modo moliti sunt, detestatur, ita quod fraternitatem et gratiam suam idem Chuono etiam apparet amisisse. Hoc totum promittit non per nuncium sed per se ipsum verum esse probaturum. His aliisque verbis auditis ac pertractatis cognovimus, te, ut mandavimus, congruo tempore venire ad nos non posse, quod cum maxima festinatione ad praesens ire oportet. Daß die Römer des Kaisers Ankunft nicht mit Furcht, sondern mit freudiger Erwartung entgegensahen, geht aus dem späteren glänzenden Empfange hervor. Heinrich's Geschenke hatten auf die Menge und auf die Vornehmen, besonders Ptolomäus von Thusculum und den Stadtpräfekten, gewirkt. Daß des Kaisers Bericht sein Verhältniß zum Papst entstellt, geht nicht nur aus Chron. Ursp., sondern auch aus des Papstes Flucht bei der Annäherung des kaiserlichen Heeres hervor. Jedenfalls verschweigt Heinrich — und berührte vielleicht auch in den Verhandlungen mit Paschalis nicht — den Hauptpunkt des Streites, die Investitur. Erst in dem folgenden Schreiben Udalr. Nr. 318, das im Uebrigen das Meiste von Nr. 317 wiederholt, gesteht er, daß jener Punkt die Aussöhnung noch immer unmöglich mache.

 

 

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172 Vierter Abschnitt.

 

über die Intriguen der Kircheneiferer darin aus, daß Kuno des heiligen Vaters Zuneigung und Gunst gänzlich verloren habe, und Dietrich nicht einmal als gewesener apostolischer Legat von ihm anerkannt werde 1). Auch verspreche Paschalis, - was durch den Mund der Unterhändler nur geschwächt werde, - die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung ihm Angesicht gegen Angesicht zu beweisen, sobald eine Zusammenkunft beider Häupter der Christenheit statthaben werde. Solches zu beschleunigen wolle er, der Kaiser, so schnell als möglich die Angelegenheiten in Oberitalien in Ordnung bringen und dann ungesäumt nach Rom ziehen, wo man seiner schon mit Freuden harre.“ Schließlich empfiehlt Heinrich noch dem Bischofe von Regensburg, für die Ehre des Reichsoberhauptes in Deutschland zu wirken und zu wachen, die Feinde im Zaume zu halten und die Freunde, vornehmlich den Herzog Friedrich und alle Getreuen mit Rath und That zu unterstützen, damit sich bewähre, daß Hartwig der Feind der Feinde, der Freund der Freunde des Reichs sei.

 

Den wahren Stand der Dinge in Italien verkannte Heinrich selbst keineswegs, wie sehr er auch die Mißlichkeit desselben in Deutschland zu verbergen suchte. Die Schwäche seines Heeres verhinderte ihn, mit Gewalt eine Entscheidung sowol in der Mathildischen Erbschaftssache als in dem Streit mit der Kirche herbeizuführen. Um aber auch diese Schwäche zu verbergen, sprach er zu seinen Freunden von Verstärkungen, die nächstens aus Deutschland eintreffen müßten, schien wegen des letztgenannten Landes ebenso wenig besorgt, als wegen des Schisma zwischen Reich und Kirche, fuhr fort die Angelegenheiten der Italiener und seine eigenen mit Umsicht und Erfolg zu ordnen, ja schickte selbst den Venetianern die zugesagte Unterstützung zum Kriege gegen die Ungarn 2) und hatte bereits mit seinem früheren Rivalen, dem Kaiser von Konstantinopel, sich ausgeglichen, sodaß dieser nicht anstand, Heinrich's treuesten Verbündeten, den Venetianern, seine frühere Freundschaft zu erhalten und sie in jenem Kriege in Dalmatien gleichfalls zu unterstützen. In der That zeigte sich jetzt recht deutlich, daß Heinrich's geistige

 

1) Was Dietrich betrifft, holt der Kaiser erst in seinem späteren Schreiben Nr. 318 nach: Damnavit Theodoricum eo quod in regno nostro legatum se ejus domini Apostolici mentitus fuerit.

2) Diesen Feldzug zum Besten der Venetianer und in Verbindung mit Alexius im Jahre 1116 müßten wir bezweifeln, wenn nicht der Venetianer Dandolo, Chron. p. 266, davon Nachricht gäbe. Sollte der Chronist nicht aber vielleicht die versprochene Hülfe für die geleistete in seinen Quellen angesehen haben?

 

 

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173 Heinrich's zweiter Zug nach Italien.

 

Ueberlegenheit, die auch über die schlauen, verschlagenen, ränkesüchtigen Italiener den Sieg davontrug, in schwierigen Lagen die rechten Mittel zu finden und zu gebrauchen verstand, deren er sich im Glücke oft durch Stolz, Herrschsucht und Habgier selber beraubte. Jenen Stolz hatte er nun mit freundlicher Herablassung und schmeichelnder Zuvorkommenheit, jene Herrschsucht mit Mäßigung seiner Foderungen, mit Verzichtleistung auf viele Güter und Rechte, jene Habgier mit Freigebigkeit und selbst, wo es ihm Freunde gewann, Gegner entwaffnete, mit Verschwendung seiner in Deutschland gesammelten Schatze 1) vertauscht. Er schien jedes Gerücht, das über ihn von diesseit der Alpen nach Italien gedrungen sein mochte, Lügen zu strafen und die Furcht, die sein erster Römerzug verbreitet hatte, in Vertrauen zu verwandeln, ohne sein kaiserliches Ansehen dadurch herabzusetzen 2). Die Einen priesen seine Freigebigkeit, die Andern seine Nachsicht wegen früherer Beleidigungen 3). Für Italien war Heinrich ganz der rechte Herrscher, der durch Gewalt schreckte, durch Kühnheit Aufmerksamkeit und Beifall hervorrief, durch Schmeichelei die Herzen gewann, durch List und Ränke den gleichen Waffen der Nation und ihrer Fürsten begegnete und, wenn er sie auch wiederholentlich hintergangen oder erzürnt hatte, sie durch Gaben und Versprechen immer wieder versöhnte, kurz, der jedes Mittel für erlaubt hielt und jedes mit Erfolg gebrauchte, der Keinem traute und doch Vertrauen heuchelte, der mit Heeresmacht ohne Geld und mit Geld ohne Heeresmacht gleich Großes auszuführen vermochte.

 

Die Unterhandlungen mit der römischen Kurie, die nöthigen Anordnungen und friedlichen Ausgleichungen in Betreff des Mathildischen Nachlasses, die kriegerischen Unternehmungen gegen eigene Feinde und die seiner Bundesgenossen beschäftigten Heinrich das Jahr 1116 hindurch. Den Ausgang desselben und den Anfang des folgenden bezeichneten große Unglücksfälle in allen Theilen seines Reichs. In Verona, Parma, Venedig, Cremona stürzten durch heftige Erdbeben Kirchen, Thürme und Mauern ein und Tausende fanden

 

1) Chron. Ursp. ad 1125, wo er von Heinrich V. noch eine kurze Rekapitulation macht, sagt unter Anderm: Pecunias, ut ajunt, infinitas congesserat. Dazu hatte er vor diesem italienischen Feldzuge mehr Gelegenheit gehabt, wie wir gesehen, als in seinen späteren bedrängteren und beschränkteren Regierungszeiten. Gütereinziehungen, Pfründenverleihungen hatten viel eingebracht.

2) In Respekt hielten die Italiener schon die deutschen Besatzungen in den Städten und festen Burgen. Vergl. Stenzel I, S. 671.

3) z. B. Bologna. S. Raumer I, S. 301, Anm. 1.

 

 

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174 Vierter Abschnitt.

 

unter den Trümmern ihr Grab; das alte Flußbett der Unstrut verschwand an einem Orte und es entstand ein neues an einem andern, bis nach einigen Stunden das Wasser im gewohnten Laufe wiederkehrte; mitten im Winter zogen über Italien starke Gewitter, be-, gleitet von Sturmwind und Schloßen, Wolkenbrüche stürzten im Bisthum Lüttich herab und ergossen sich von einem benachbarten Berge gleich einem mächtigen Strome über niedriggelegene Theile der Stadt und der Umgegend; das gleiche Schicksal traf Utrecht. Ein doppelter Mond und andere Himmelserscheinungen erfüllten die Schauenden, die den Grund der Phänomene nicht begriffen, mit Furcht; als zwei Priester und ein Ritter beim Meßopfer vom Blitzstrahl erschlagen wurden, glaubte die Menge, das Ende der Welt stehe bevor. Hausig zogen Wetterwolken und Blutregen, in steter Richtung von Nord nach Süd, herauf, Misgeburten und Wunder erzählte man aller Orten, und doch bedurfte es nicht des erdichteten Elends mehr, um das wahre zu vergrößern 1). Wie gewöhnlich brachten Geistesschwache und Aberglauben diese Ereignisse mit den politischen in Verbindung und der Parteihaß warf die Schuld hier auf den Kaiser, dort auf den Papst. Wie jenen die Nachricht von den Bewegungen der deutschen Fürsten beunruhigte, war dieser in der eigenen Hauptstadt vor den Ränken und öffentlichen Gewaltstreichen der kaiserlich gesinnten Partei nicht sicher, wie sehr auch Heinrich die Sprache der Versöhnlichkeit beibehielt und dem Papste seinen Beistand gegen alle Widersacher der Kirche anbot. Unter dem Vorwande, die Römer zum Gehorsam gegen ihren geistlichen Hirten zurückzubringen, brach der Kaiser unerwartet gegen Rom

 

1) Am vollständigsten Albericus ad 1116, auch Ann. Hildesh. ad 1116 u. 1117, Dodechin ad 1117, Landulf jun. cap. 31, Chron. Casin., IV, p. 62 und andere italienische Schriftsteller jener Zeit. Auch Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1117. Letztere lassen in Folge der Unglücksfälle Heinrich nachgiebiger werden: His et hujusmodi cladibus Rex Henricus corde tenus sauciatus non cessat legationes satisfactorias ad Apostolicam sedem, licet ipse multis infestationibus Italicis insudans, destinare, quas tamen constat minime profecisse. Nun lassen beide Chronisten (denn verbotenus schreibt Ann. Saxo das Chron. Ursp. aus) erst die ausweichende Antwort des Papstes folgen. Daß früher schon Unterhandlungen stattgefunden, beweisen die wiederholten Gesandtschaften Heinrich's im Jahre 1116. Die Worte non cessat legationes destinare bezeichnen deutlich, daß Heinrich fortsetzte, was er früher gethan, ohne vom Papste befriedigende Bedingungen erhalten zu haben. Endlich entschloß er sich zu einem Gewaltstreiche, den ihm 1116 die Mathildischen Erbschaftsangelegenheiten noch nicht gestattet hatten.

 

 

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175 Heinrich's zweiter Zug nach Italien.

 

auf 1), eroberte einige Vesten und Ortschaften, die sich ihm widersetzten und zog, ohne Widerstand zu finden, in Rom selbst ein, dessen Präfekt und Bürgerschaft, durch seine Geschenke gewonnen, ihn freudig empfingen. Und der Papst? — Er wollte trotz aller erhaltenen Versprechen und Freundschaftsversicherungen Dem nicht seine Sache und noch weniger seine Person anvertrauen, der einmal schon ihn durch rohe Deutsche abgeführt, in schmachvoller Haft gehalten und zu den demüthigenden Bedingungen gezwungen hatte. Kurz vor Heinrich's Ankunft entfloh er nach dem Kloster Monte Cassino, dann nach Benevent, um den Schutz der Normannen zu suchen. Nur wenige von den Kardinälen und der hohen Geistlichkeit begleiteten ihn, die meisten blieben in Rom zurück, um Unterhandlungen, wie es scheint im Auftrage Paschalis', mit dem Kaiser aufs Neue anzuknüpfen. Unter solchen Umständen konnte aber nicht mehr von Vergehen oder einer Schuld des Letztern, nicht von dem Recht oder Unrecht seiner Bannung die Rede sein. Wie im Triumphe waren Heinrich und Mathilde in die Stadt eingezogen 2), umgeben von einem zahlreichen Heere und ergebenen Anhängern, die aus Oberitalien oder auch aus Deutschland zu ihm gestoßen. Der Graf Ptolomäus von Thusculum, der sich vornehmlich im Dienste des Kaisers eifrig bewiesen hatte, wurde dafür zu Heinrich's Schwiegersohn erhoben und in allen seinen väterlichen Besitzungen bestätigt 3). Am Tage nach Heinrich's Einzuge versammelten sich alle Stände

 

1) S. Heinrich's eigene Aussage darüber in seinem Schreiben an Hartwig von Regensburg, Cod. Udalr. Nr. 318.

2) Pandulfus, Vita Paschalis p. 358: Ob cujus victoriae gloriam plebs populusque Romanus triumphum ipsi instituit. Coronata urbe Rex et Regina transivit per medium. Freilich fügt er hinzu: Fit processio empta potius quam indicta. Ganz anders Heinrich in seinem Schreiben an Hartwig von Regensburg, Cod. Udalr. Nr. 218: Deo gratias non est inventus, qui clam vel palam nobis notam criminis imponeret, sed vox laudis et laetitiae audita est, quae nos et imperium nostrum Deo et beatis Apostolis Petro et Paulo committeret.

3) Chron. Casin. IV, p. 61: Imperator interea ingrediens et Pontificem exinde discessisse praenoscens Consules, Senatores ac Proceres partim donis partim promissis ad se adtrahens Ptolomaeo Illustrissimo Bertam filiam suam (die deutschen Schriftsteller kennen sie nicht, nur eine natürliche Tochter des Kaisers kann es gewesen, sein, da er vor Mathilde von England keine Gemahlin gehabt) in conjugio conferens, quidquid avus ejus Gregorius aliique parentes habuerant vel retinuerant, praedicto Ptolomaeo et heredibus ejus Imperiali autoritate in perpetuum confirmavit.

 

 

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176 Vierter Abschnitt.

 

auf dem Kapitolium und überließen dem Kaiser nach seiner Machtvollkommenheit über Weltliches und Geistliches zu verfügen. Drei Kardinäle als Repräsentanten ihres Kollegiums boten ihm vollen Frieden und zeigten in Nichts sich schwierig als in Bewilligung der Investitur, weil diese dem Kaiser einzuräumen allzu schimpflich für die Kirche wäre. Doch gerade dieses kaiserliche Vorrecht wollte und durfte Heinrich nicht aufgeben, am wenigsten jetzt, wo er der Uebermacht gegen den Papst sich versichert hielt 1). Er antwortete also den Kardinälen: „Alle Regalien, sei es an Laien oder Geistliche, durch Fahne und Schwert, oder Ring und Stab, zu vergeben ist unbestrittenes Recht des Reichsoberhauptes, und die Kirche darf daran auch nicht einen scheinbar gültigen Anspruch erheben.“ So gestellt konnte wider die kaiserliche Belehnung von Seiten der Kirche kein gegründeter Einwand gemacht werden und wiederum die Geistlichen zur Verzichtleistung aller weltlichen Lehen und Besitzthümer zu bewegen hätte die Kirchenfürsten selbst gegen den Papst in Zorn gebracht. Man müßte es ganz unbegreiflich finden, daß der Papst und die Kardinale auf einer so ungerechten Foderung bestanden, erkennte man nicht, wie es hier sich nicht um einen äußeren Akt der Belehnung, sondern darum handelte, ob die Einsetzung der Bischöfe und Aebte, die bisher durch jenen äußeren Akt manifestirt gewesen, dem kirchlichen oder weltlichen Oberhaupte zustände. So lange die Kirche nicht einen nur ihr allein gebührenden Akt feststellte, der ganz unzweifelhaft machte, daß jeder Geistliche sein Amt als ein rein kirchliches verwaltete, so lange blieb des Papstes Streben unerreicht und die kirchliche Investitur eine ungerechte, der Ausübung weltlicher Hoheit entgegenstehende Foderung. Sie nicht als den wesentlichen Punkt der Erhebung eines Geistlichen anzusehen, vielmehr die kirchliche Weihe desselben als den letzten und entscheidenden Akt festzuhalten, stritt ebenso sehr gegen das Herkommen als gegen die verborgenen Absichten Gregor's und der von ihm hervorgerufenen

 

1) Postero die, schreibt Heinrich an Hartwig, capitolium cum universis ordinibus conscendimus et magnificantibus nos magna impendimus. Denique tres Cardinales caeterorum legationem agentes nos adierunt et pacem plenariam eo tenore nobis exhibuerunt, si investituram per virgam et annulum deinceps dare desineremus, quod in eo ecclesiae scandalum dixerunt. E contrario nos respondentes regalia nostra cuivis per baculum et annulum concedere juris nostri esse probavimus. Haec est summa dissensionis, qua concutitur et periclitatur ecclesia, et, investitura cessante, affirmant statum ecclesiae redintegrari posse per omnia.

 

 

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177 Heinrich in Rom.

 

Hierarchie, die darauf abzielten, nicht blos die geistlichen Fürsten dem Lehensverbande des Reiches zu entziehen, sondern ebenso auch die weltlichen Fürsten vom päpstlichen Stuhle abhängig zu machen. Zu dem Zweck hatte Gregor den Akt, der geistliche und weltliche Fürsten auf gleiche Weise zu ihrer Würde erhob, in Bezug auf die Ersteren seiner Entscheidung unterwerfen wollen, um dann in konsequenter Schlußfolge auch eine Machtvollkommenheit über Letztere in Anspruch zu nehmen. Nur einem Riesengeist, wie dem seinen, konnte Beides gelingen. Seine Nachfolger, am wenigsten Paschalis, begriffen sein letztes Ziel nicht, oder waren doch unfähig, einem mächtigen Kaiser gegenüber es zu erreichen. So verloren sie es nicht nur aus dem Auge, sondern schadeten sich selbst durch eine Foderung, die wider Herkommen und Recht ohne Macht und Beweiskraft aufgestellt wurde. Als späterhin die Weihe als Einsetzungsakt der Geistlichkeit von den Päpsten gefodert und durch glückliche Zeitverhältnisse erlangt wurde, war zwar die Abhängigkeit jener von ihnen nach kirchlichem Recht sanktionirt, aber zugleich auch jede Ausdehnung dieses Rechtes auf die weltlichen Fürsten für immer unmöglich geworden.

 

Bei dem Mangel an wahrer Macht und Ansehen, der während seines Zerwürfnisses mit den beleidigten, allzutief gekränkten und fast unversöhnlich trotzenden deutschen Fürsten fortdauerte, konnte Heinrich wie in Oberitalien so auch in Rom kaum mehr als den Schein seiner kaiserlichen Würde und auch den nur durch kluge Mäßigung, zeitgemäße Freigebigkeit, Künste der Unterhandlung und Ueberredung behaupten. Wie ergrimmt er aber auch darüber sein mochte, daß Paschalis die Stadt verlassen und dadurch seiner Gewalt sich entzogen hatte, an Bestrafung der Kardinäle, die jenen nicht in Rom zurückgehalten und doch selbst so zuversichtlich in der Stadt zurückgeblieben, oder an die Erhebung eines neuen Papstes durch die geringe Zahl des anwesenden Wahlkollegiums durfte er nicht denken. Wider Paschalis konnte er nichts Feindseliges unternehmen, die Verzichtleistung auf die Investitur von der Kirche nicht erlangen, ja nicht einmal durch alle Beweise seiner friedlichen Gesinnung, die er in Worten und Handlungen an den Tag legte, die Kardinäle bewegen, ihm und seiner Gemahlin am Osterfeiertage, wie es alte Sitte war, im Vatikan die Krone aufs Haupt zu setzen. An der Stelle der Nachgiebigkeit und eines gefälligen Entgegenkommens zeigte die auf die unverkennbare Schwäche des Kaisers und den, wenn auch verborgenen, doch nicht fehlenden Anhang vieler Römer vertrauende Kurie Zurückhaltung und Trotz. Man machte Heinrich unverholen

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178 Vierter Abschnitt.

 

Vorwürfe über seine Verheerungen des päpstlichen Gebietes und über seine Gewaltthätigkeiten gegen den römischen Stuhl und versagte ihm sogar den Titel Kaiser. Die Würde eines solchen zu behaupten und zugleich dem Volke zu imponiren, ließ ihn darauf sinnen, wie er jene herkömmliche Osterceremonie in irgend einer Weise ausführen könne. Kein Kardinal, kein römischer, kein italienischer Geistlicher ersten Ranges fand sich bereit, ihm dienstbar zu sein, und ein Deutscher, dem es schicklich zugestanden hätte, das Kaiserpaar zu krönen, war nicht in Heinrich's Gefolge. So mußte denn ein Fremder, ein zufällig in Rom Anwesender, der Erzbischof Mauritius Burdinus 1) von Braga in Portugal, gewonnen werden, dem römisch-deutschen Kaiser die Krone aufzusetzen, worauf dieser so prächtig, als es die Umstände erlaubten, seinen Umzug hielt und von Hohen und Niedern, von Senat und Volk, die in seinem Dienste, wo nicht in seinem Solde standen, mit lautem Jubel sich begrüßen ließ 2). Bis gegen Pfingsten (13. Mai) verweilte Heinrich in Rom; dann begab er sich, unter dem Vorwande, der herannahenden heißen Jahreszeit zu entgehen und vor deren nachtheiligen Folgen sein Heer zu bewahren, nach Oberitalien, nachdem er den Schutz der Stadt seinem Schwiegersohne Ptolomäus von Thusculum und einer deutschen Besatzung übertragen hatte, auch versprochen, sobald es die Witterung gestatte, wieder zurückkehren zu wollen 3). Doch schon auf halbem

 

1) Beide Namen führte der nachmalige Gegenpapst Gregor VIII., der übrigens ein ebenso kluger als rechtschaffener Mann war, und nicht von hierarchischer Anmaßung befangen, die Foderungen des Kaisers, den er nur von der bessern Seite kennen gelernt hatte, für rechtmäßig, die Hartnäckigkeit des Papstes und der Kardinäle für unbillig erkannte. Als Unterhändler zwischen Paschalis und Heinrich hatte er Gelegenheit gehabt, die Streitfrage kennen zu lernen. Eine treffliche Schrift über diesen Mann ist Vita Mauritii Burdini Archiepiscopi Bracarensis scriptore Baluzio Tutelensi in dessen Miscell. edit. Mansi tom. I.

2) Pand. Pisan., Vita Paschalis: Diffisus hinc Rex accito Mauritio Bracarensi Archiepiscopo, qui ob superbiam levitatemque curialis effectus per biennium extra Parochiam propriam opulentissime cultu regio hac et illuc molliter dissoluteque vagaverat (man hört den Biographen Paschalis') ante corpus Beati (Georgii coronari se fecit, sicque comitiatus abscessit. Chron. Casin. a. a. O.: Henricus in Roma urbe persistens Paschalis diei solemnitatem cum ingenti gaudio Senatus Populique Romani celebrare studuit.

3) Chron. Casin. a. a. O.: Coactus fervore aestatis secessit in hyperboreis regionibus spondens se temperato aere agiliter Romam redire. Mag dies immerhin ein Vorwand gewesen sein, er gab ihm durch seine Rückkehr, um die Normannen zu vertreiben, den Schein der Wahrheit und rettete seine Ehre; die Spötter verstummten.

 

 

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179 Heinrich's Aufbruch nach Oberitalien.

 

Wege von Rom nach Sutri erhielt er die Nachricht, daß eine normannische Schar von nicht mehr als 300 Reitern auf Befehl des Fürsten von Capua, den des Papstes inständige Bitten zu einem Beistande bewogen 1), verheerend in die römische Campagna eingefallen, die Stadt Pagliano geplündert und Alles auf ihrem Zuge zerstört und niedergebrannt hätte. Besorgt, daß die päpstliche Partei in Rom, die ihm nicht unbekannt geblieben, sich mit dem Feinde verbinden, oder doch seine zurückgelassene Besatzung in der Abwehr der Letztern behindern möchte, und in richtiger Erwägung, daß vor seinem persönlichen Erscheinen die Normannen weichen, jeder Gegner in Rom geschreckt werde, führte er sogleich die Seinen wieder gegen die Stadt. Jene Absicht erreichte er völlig. Die Normannen zogen sich so eilig und regellos zurück, daß die deutschen Krieger nur zur Verfolgung derselben erschienen, und viele, die in Städten und Dörfern sich vereinzelt hatten, niederhieben oder als Gefangene nach Rom brachten. Nun glaubte Heinrich ohne Gefahr im Rücken nach der Lombardei aufbrechen zu können, um als Herr und Kaiser zu ordnen, zu schlichten, zu gebieten und zu strafen, je nachdem es die Städte und deren Verhältniß zu ihm erheischten 2).

 

Hätte seine Sache in Deutschland so gut gestanden wie in Italien, er wäre trotz seiner nicht bedeutenden Macht siegreich und größer als je aus dem Kampfe zwischen Reich und Kirche, wie wir denselben

 

1) Paschalis hatte im April zu Benevent eine Synode gehalten, aber nichts als die Verdammung Burdin's erlangt, mit allen normannischen Fürsten sich in Unterhandlungen eingelassen und doch nur den Fürsten von Capua zu effektivem Beistande bewegen können, da der päpstliche Statthalter von Benevent, Landulf, bisher den Haß und die Feindschaft der Normannen gegen Rom erregt, die darum sich nicht geneigt zeigten, zu Gunsten des flüchtigen Papstes gegen einen in Rom siegreich thronenden Kaiser ihre Waffen zu kehren. Welchen Gewinn konnten sie erwarten? Und ohne solchen rührten die eroberungssüchtigen Nordländer keine Hand. Dem näher an Rom grenzenden Capua war die reiche Campagna eher zu einem Streifzuge einladend. Als mehr ist die Hülfe Robert's, die er dem Papst zusagte, kaum anzusehen.

2) Im Einzelnen sind wir über die Thätigkeit des Kaisers in Oberitalien während des Zeitraums von Mitte des Jahres 1117 bis Anfang 1118 wenig unterrichtet. Doch gehört sie der Geschichte der Staaten und Städte Italiens mehr an als der Kaiser Heinrich's V. und mit der politischen Geschichte Deutschlands stehen die damaligen Ereignisse vereinzelt in keinem Zusammenhange; nur das Resultat aller hätte von Wichtigkeit werden können, wenn ihre Bedeutsamkeit nicht bald darauf durch die Vorfälle in Rom, durch das neue größere Schisma von Reich und Kirche ganz aufgehoben oder verändert worden wäre.

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180 Vierter Abschnitt.

 

nennen müssen, hervorgegangen. Noch war ihm aber nicht gestattet, über die Alpen zurückzukehren, noch hatte er von seinen Gegnern, die er wol zur Flucht genöthigt oder in Schrecken gejagt, aber nicht überwunden und unterworfen, nicht die Anerkennung alleiniger Entscheidung in weltlichen und kirchlichen Angelegenheiten erlangt. Paschalis gelang es sogar, nachdem er die von ihm abgefallenen Städte der Seeküste im Ausgang des Jahres 1117 wiedergenommen, durch Ueberfall die Leosstadt und Peterskirche zu gewinnen; schon bedrängte er die Besatzung des Kaisers und dessen Anhänger, den Grafen von Thusculum und den Stadtpräfecten, als ihn am 21. Januar 1118 der Tod ereilte.

 

Alles hing jetzt von der Wahl des neuen Papstes ab. Wäre Heinrich noch in Rom gewesen, so hätte er einen entscheidenden Einfluß dabei üben können. Nunmehr waren die Kardinäle, ermuthigt durch die letzten Ereignisse, allein geschäftig den Wahlakt zu betreiben und vornehmlich bedacht, jede Mitwirkung des Kaisers und seiner Partei zu verhüten. Sie versammelten sogleich das Conclave, beriefen ins Geheim den Kardinal Johannes von Gaeta, der zu Monte Cassino verweilte, nach Rom und erhoben ihn am 24. Januar in der Klosterkirche der Benediktiner unfern dem Kapitol im Beisein einiger vornehmen Römer als Gelasius II. auf den päpstlichen Stuhl 1). Nicht ungestraft sollte dieser rasche Schritt bleiben. Cencius Frangipani, ein Anhänger des Kaisers, drang mit einer bewaffneten Schar in die Kirche, mishandelte den neuen Papst und viele Kardinäle aufs schmachvollste und setzte sie in seinem Palaste gefangen; kaum retteten einige der Versammelten sich glücklich durch die Flucht, während andere eingeholt, geplündert und in Fesseln gelegt wurden. Ein so brutales Verfahren erzürnte aber nicht allein Anhänger des unglücklichen Gelasius, sondern auch sonst gleichgültige Zuschauer bei dem Kirchenstreite, und selbst Freunde des Kaisers misbilligten das Geschehene 2). Der Präfect Peter versammelte alle Waffenfähigen der ganzen Stadt, erzwang von dem Frangipani die Freilassung des Papstes, führte diesen unter dem Jauchzen der Menge auf das Kapitol und bereitete die Weihe des Gewählten vor, wider den, wie er glaubte, als einen gemäßigten und in Unterhandlungen

 

1) Die Angaben von Paschalis' Todestage und der Wahl des neuen Papstes weichen voneinander ab. S. Pagis Kritik ad 1118, cap. I.

2) Ausführlich nach den Quellen bei Mascov, p. 187., Raumer I. S. 301, Stenzel S. 675 und 676.

 

 

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181 Gelasius II.

 

zwischen Heinrich und Paschalis Ersterem keineswegs abgeneigten Mann der Kaiser nichts würde einzuwenden haben. In der That konnte Heinrich gegen den Gewählten keinen gegründeten Vorwurf anführen, aber gegen die Wahl desselben 1), weil sie ohne sein Wissen und ohne seine Mitwirkung vorgenommen war. Als er in Turin die Nachricht von dem Tode Paschalis' erhalten, hatte er zu Ostern (14. April) nach Rom zu kommen versprochen, um dann der Wahl des neuen Papstes beizuwohnen. Als diese nun, ohne seine Ankunft abzuwarten, von den Kardinälen allein vollzogen worden, brach er sogleich auf, rückte in Eilmärschen gegen Rom und stand bereits Ende Februar 1118 vor den Thoren der Stadt 2), sodaß der Papst und die Kardinäle, die das Härteste zu erwarten hatten, kaum noch Zeit zur Flucht behielten und nur durch einen glücklichen Zufall den nachfolgenden kaiserlichen Reitern entgingen. In seiner Heimat Gaeta ließ Gelasius in Gegenwart der Kardinäle, vieler Bischöfe, des Herzogs Wilhelm von Apulien, Robert's von Capua und anderer Fürsten (1. März) sich weihen 3). Wie heftig auch Heinrich zürnen mochte, daß man ohne ihn eine Papstwahl gehalten, und daß der Neuerwählte, wie früher Paschalis, sich seiner Gegenwart entzogen hatte, zum Aeußersten wollte

 

1) Chron. Ursp. ad 1118: Primo quidem in electione Domini Johannis, qui et Gelasius II. dictus est, assensum praebens, postea vero eodem a sua se communione subtrahente non sine quorundam Romanorum favore alterum quendam Burdinum ex Hispania supervenientem Apostolicae sedi imposuit. An diesen dachte anfangs wol Heinrich noch nicht, erst die Umstände führten Burdin's Erhebung herbei.

2) Die Eile des Kaisers berichten italienische und deutsche Schriftsteller. Landulf: In tempore cujus (Paschalis) mortis Imperator audita legatione Romanorum a Thaurinensium partibus Romam adire festinavit. Chron. Ursp. ad 1118: Heinricus Imperator dum Padanis, (richtiger als Paduanis, doch s. Stenzel II. S. 328) regionibus immoraretur audito transitu Apostolici Paschalis Romam properavit. Die Nachricht von der Erhebung Johannes' von Gaeta als Gelasius II. erhielt er wol später und beeilte erst darnach seinen Zug nach Rom, wo er anfangs im Ernst erst Ostern eintreffen wollte. Daß Gelasius in epist. ad Gallos Concil. tom. X, p. 817 die Sache anders darstellt, ist begreiflich. Er schreibt: Imperator furtive et inopinata velocitate veniens nos egredi compulit.

3) Ueber die Flucht nach Gaeta und die Weihe daselbst schwanken die Zeitangaben. Fiel letztere nach Pand. Pisan., Vita Gelasii p. 389, auf den 1. März, so muß Heinrich schon Ende Februar vor Rom gestanden haben. Vergl. Stenzel II, S. 328.

 

 

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182 Vierter Abschnitt.

 

er nicht schreiten, ehe er den Weg der Unterhandlung mit dem Entflohenen versucht. Auch mochte er den Glauben hegen, Johann von Gaeta, der dem Kaiser einst zugethane Kardinal, werde als Papst Gelasius dieselben friedlichen Gesinnungen hegen und nun bereit sein, in die Ausgleichung des langwierigen Streites Angesicht gegen Angesicht sobald als möglich mit ihm einzugehen 1). Am 2. März schickte er eine Gesandtschaft nach Gaeta 2), welche Gelasius und die entflohenen Kardinäle und Bischöfe nach Rom zurückzukehren auffoderte, um dort in Gemeinschaft mit ihm, dem Kaiser, auf gehörige und kanonische Weise in der Kirche des h. Petrus den freilich ohne seine Zustimmung Gewählten aber ihm doch nicht Unwillkommenen mit der apostolischen Würde zu bekleiden und den Frieden in der Christenheit herzustellen. Der neue Papst wußte aber aus frühern Tagen, wie wenig Heinrich's Worten und freundlichen Einladungen zu trauen sei, er fürchtete in des Kaisers Nähe das Schicksal seines Vorgängers zu erfahren, und Rom schien ihm, so lange es in der Gewalt kaiserlicher Truppen und kaiserlicher Anhänger war, kein geeigneter Ort, um über den Frieden zwischen Kirche und Reich zu verhandeln. Nur auf diesen letzten Punkt eingehend, antwortete er den kaiserlichen Gesandten und den sie begleitenden Römern: „Ueber das Verhältniß des Kaisers zur Kirche, über die Lösung Heinrich's vom Banne überlasse er die Entscheidung nach Uebereinkunft oder strengem Recht an schicklichem Ort und zu gehöriger Zeit einer Kirchenversammlung, die er entweder zu Mailand oder Cremona im

 

1) Chron. Casin. IV, p. 64 scheint des Kaisers Unterhandlungen schon vor der Flucht des Papstes anzunehmen; wir setzen sie mit Mascov, Comment. de reb. gest. sub Henr. p. 288 nota 5, nach dieser. Die von Heinrich gestellten Bedingungen zeigen, daß er gegen Gelasius nichts habe: Si fidem, quam Papa Paschalis cum Imperatore fecerat, observaret et conventiones, quae inter Imperium Romanum ac sedem Apostolicam statutae fuerunt, firmaret Imperator confestim fidelitatem eidem Electo et Romanae ecclesiae faceret, sin alias alium Pontificem in Romana ecclesia inthronizaret.

2) Landulf cap. 32: Ex qua urbe simul cum Romanis quarta nonas Martii misit Gajetas legatos legando Johanni Gajetano electo in Papam Cardinalibus quoque et Episcopis, uti Romam redirent etc. Ob von dieser Gesandtschaft, die wir im Text berichteten, diejenigen verschieden sind, welche Gelasius in seinem angeführten Schreiben mit den Worten erwähnt: Pacem minis et terroribus postulavit, dicens se facturum, quae posset, nisi nos ei juramento pacis certitudinem faceremus, und die bei Fulco Benev. ad 1118 und in Chron. Casin. o. a. O., kann in Bezug auf den Erfolg gleichgültig sein. S. Stenzel I, S. 677.

 

 

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183 Gregor VIII. Kirchenschisma.

 

Herbst des laufenden Jahres einberufen und mit Zuziehung und Rath Derer, die von Gott als Schiedsrichter in geistlichen Dingen eingesetzt seien und ohne die der alte Streit nicht entschieden werden könne, halten wolle“ 1). Sehr deutlich sprach in dieser Erwiderung sich aus, wie wenig Gelasius gesonnen sei, dem Kaiser einen Einfluß in Kirchensachen einzuräumen, wie er nur den Kardinälen und der hohen Geistlichkeit eine Macht neben sich gestatte, und wie er absichtlich Rom, dem bisherigen Sitze der Päpste, seine Huld und Gnade abgewendet habe, da er die zwei ihm ergebenen oder vielmehr dem Kaiser feindlichen Städte zur Abhaltung seiner ersten Kirchenversammlung ohne irgend welchen dazu bestimmenden Grund bezeichnete. Dieser letzte Punkt, wenn auch aus den traurigen Erlebnissen in Rom erklärlich, war doch wenig vorsichtig und band das Interesse der Römer enger an das des Kaisers. Dieser benutzte sehr klug den Umstand, ließ des Papstes Schreiben in der Peterskirche vor dem anwesenden Volke und der Geistlichkeit vorlesen, erzürnt riefen bei der sie betreffenden Stelle die Bürger: „Was, wollen die Kardinäle Mailand und Cremona unsrer Stadt vorziehen und den uns gebührenden Ehrenplatz jenen geben? Solche Schmach sei fern! Wir wollen ihnen zuvorkommen und nach dem uns zustehenden Rechte einen würdigern Papst erwählen“ 2). — Heinrich stimmte gern bei, und unterließ nichts, was diese neue Wahl rechtfertigen und gesetzlich machen konnte.

 

Der berühmte Rechtsgelehrte Irnerius von Bologna, der schon seit dem vorigen Jahre im Gefolge des Kaisers sich befand, und andere Juristen kamen über die Art der einzuleitenden Wahl mit den Römern überein. Ein besonders erwählter Lector mußte in einer öffentlichen Verlesung vom Hauptaltare der Peterskirche herab die päpstlichen Dekretalien in Betreff der Besetzung des erledigten päpstlichen Stuhles interpretiren. Danach wurde vom Volke die Wahl veranstaltet. Sie fiel natürlich auf keinen Andern als den des Kaisers Wunsch dazu bereits bezeichnet hatte, auf jenen Erzbischof Burdinus Mauritius von Braga, der einmal schon willfährig gewesen, den Anmaßungen der Kardinäle entgegenzutreten, und von dem Heinrich wußte, daß er die Grundsätze der Kircheneiferer nicht theile

 

1) Landulf jun. o. a. O.: Gelasii epist. ad Gallos. Die Zeit der Kirchenversammlung bei Ersterem in proximo Septembri, bei Letzterem in proxiuma B. Lucae festivitate.

2) Landulf a. a. O.

 

 

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184 Vierter Abschnitt.

 

und das Recht der Investitur dem weltlichen Reichsoberhaupte zuerkenne. Der Kaiser selbst führte den von ihm zum Kirchenhaupt Ausersehenen an den Altar; dieser antwortete auf die Frage: wie er heiße: „mein Name ist Burdinus, aber als Papst Urban mich zum Bischofe weihete, nannte er mich Mauritius“. Darauf fragte Einer von den anwesenden hohen Geistlichen dreimal die umherstehende Menge: „Wollt ihr den Herrn Mauritius zum Papste?“ und dreimal rief laut die Versammlung: „Wir wollen ihn“. Dann proklamirte ihn derselbe Geistliche, umgeben von dem ganzen Klerus, der sich in der Stadt befand, und indem er die Bibel über den Erwählten hielt, als Papst Gregor VIII.; der Kaiser führte ihn nun auch hinaus über die Engelsburg nach dem Lateran, holte ihn am folgenden Tage von dort ab, begleitete ihn im feierlichen Zuge nach der Peterskirche und erwies ihm jede Ehre, die ein Papst von dem Oberschirmherrn der Kirche fodern konnte 1). Aber trotz all dieses Pompes der Festlichkeiten, trotz der subtilen Auseinandersetzung der Rechtsgründe zur Wahl und der Beobachtung aller Ceremonien bei derselben, läßt sich nicht verkennen, daß der ganze Vorgang Dem widerstritt, was damals für gültige Norm galt. Aufs heftigste war Gelasius aufgebracht, verhängte selber, was Paschalis sich stets geweigert zu thun, zu Capua 2) den Bann über Heinrich und den Gegenpapst und ließ sich nicht nur verdammend über des Letztern Erhebung aus,

 

1) Ebenderselbe beschreibt ausführlich die Wahl Gregor's. Die Zeit setzt er: Septimo Idus ejusdem Martii. In des Papstes Gelasius angeführtem Briefe: Die videlicet post electionem nostram quadragesimo quarto, was mit jener Angabe auf den 9. März zusammentrifft, wenn die Wahl Gelasius' II. auf den 24. Januar gesetzt wird. Mehres über die Wahlceremonien gibt Baluzi Vita Burdini Mauritii §. 18. Wider die Schlauheit und Gewandtheit der Kardinäle konnte Heinrich keine bessere Waffe finden als den Scharfsinn und die Spitzfindigkeit der italienischen Rechtsgelehrten. Es charakterisirt die Regierung Heinrich's V., daß er sich bei allen Streitigkeiten mit der römischen Kurie dieser Hülfe bediente. Dem Aufblühen und gesteigerten Ansehen der Rechtswissenschaft that dieser Schritt den größten Vorschub. Auf Deutschland übten damals die italienischen Rechtsschulen noch keinen oder nur sehr geringen Einfluß. Hier ihn anzuwenden fand Heinrich wol noch nicht rathsam. Erst unter den Hohenstaufen verpflanzte sich wie so Vieles auch jene Wissenschaft aus Italien auf deutschen Boden. Die Fürsten waren es, die zuerst daraus ihren Vortheil zogen.

2) Chron. Ursp. ad 1118: Gelasius cum his, qui secum abierant, Cardinalibus caeterisque catholicis, quos congregare poterat, apud Capuam juxta quod literae ab ipso circumquaque transmissae testantur, Caesarem una cum idolo suo damnavit.

 

 

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185 Heinrich wird in Rom gekrönt.

 

sondern sprach auch in schmähenden Ausdrücken, wie sie Burdinus durchaus nicht verdiente, über dessen Charakter und Lebenswandel in Rundschreiben an alle Fürsten und Völker sich aus 1). Thätiger als für Paschalis zeigten sich für Gelasius die normannischen Fürsten Wilhelm und Robert. Nach geleistetem Lehnseide rüsteten sie ein Heer und erboten sich, den Papst zurückzuführen. Alle Unterhandlungen, die der Kaiser auch jetzt noch nicht gänzlich abbrach, wies Gelasius zurück und trieb seine Beschützer zur Eile an. Bereits bis Monte Cassino war Robert von Capua mit seinem Heere vorgerückt, als er vernahm, daß Heinrich die päpstliche Veste Torricella 2) in der Nähe seiner Standquartiere belagere. War es Furcht vor des Kaisers Uebermacht, oder die Ueberredungskraft der kaiserlichen Gesandten, die nach Monte Cassino gekommen, was ihn zur Rückkehr bewog, genug, das Heer zog sich in das feste Capua 3). Unterdeß hatte Heinrich mit den tapfern Vertheidigern von Torricella einen Vergleich abgeschlossen, kehrte nach Rom zurück, hielt, von seinem Papste Gregor gekrönt, am Pfingstfeiertage den solennen Umzug, brach dann, als im Innern und nach Außen Rom und sein Papst gesichert schienen, nach Ligurien auf und begab sich darnach wieder in die Lombardei 4), wo der Erzbischof Jordanus, der ihn schon im vorigen Jahre gebannt hatte, unter den Geistlichen, Fürsten und Städten eine feindliche Partei gegen Heinrich aufzubringen bemüht war. Vergebens hatten die Markgrafen und Grafen Oberitaliens, die treu am Kaiser hingen, dessen Schuldlosigkeit an dem beklagenswerthen Kirchenschisma auf einer Versammlung zu Mailand in Gegenwart Jordanus', vieler geistlichen und weltlichen Großen des

 

1) Chron. Ursp. a. a. O. und Gelasius eigener Brief, wo er die Geistlichen, welche an Gregor's Wahl Theil hatten, Guibertini, d. i. Anhänger oder Nachfolger Wibert's oder Klemens' III., des ehemaligen Gegenpapstes von Gregor VII., nennt. Ueber Burdin's Lob vergl. noch Albericus p. 233, Chron. Morigniacense, bei du Chesne IV, p. 366, Raumer I. S. 305. Anmerk. 1.

2) Noch heute ein sicilisches Städtchen in Abruzzo Citra.

3) Chron. Casin. VI, cap. 64: Robertus princeps exercitum congregans ad hoc monasterium venit, Romam, sicut promiserat Pontifici, cum eo iturus. Audiens autem, quod Imperator oppidum, quod Turricola dicitur, obsideret, Casini substitit, ubi nuntios Imperatoris suscipiens Capuam repedavit.

4) Chron. Casin. a. a. O.: Imperator interea cum oppidanis foedus iniens Romam rediit, ibique die S. Pentecostes ab eodem heresiarcha coronatus Liguriam rediit.

 

 

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186 Vierter Abschnitt.

 

Landes darzuthun gesucht 1). Wenn auch einige Fürsten und Bischöfe dadurch überzeugt wurden 2) und zum Kaiser übertraten oder von dem Eifer gegen ihn nachließen, Jordanus und seine eifrigen Anhänger, von den Gegnern des Kaisers in Deutschland noch mehr zum Widerstand gereizt, verdammten Gregor und Den, der diesen beschütze 3). Nicht länger durfte Heinrich dem Treiben Jordan's und der Kircheneiferer in Norditalien gleichgültig zusehen, aber auch nicht mit Gewalt entgegentreten, sondern durch ein kluges, gemäßigtes, umsichtiges Verfahren sein Ansehen und den Frieden zu erhalten suchen. Denn da jede Kriegsmacht, die er aufbringen konnte, nur aus den zahlreichen Anhängern in Thuscien, der westlichen Lombardei und Venedig, nicht aus ergebenen und gehorsamen Unterthanen sondern Verbündeten, denen er weder gebieten, noch die gemachte Beute abfodern durfte, so hatte ein offener Kampf nur diesen, nicht ihm Gewinn gebracht. Wo er nicht durch Unterhandlung, durch Geld und Versprechungen, höchstens durch überraschendes Erscheinen mit seinem kleinen Heere von Miethlingen einen Vortheil errang, da blieb sein Bemühen ohne Erfolg, da achtete man sein kaiserliches Gebot gering, da hörte man selbst die Rechtfertigung seines Verfahrens weder in weltlichen noch in kirchlichen Angelegenheiten an und verkündete wider ihn den Bannstrahl, den unter Paschalis nur eine strenge Kirchenpartei, jetzt das Kirchenhaupt selbst auf ihn geschleudert hatte. Seine Macht, die immer nur auf schwachen Füßen gestanden, vermochte länger kaum den frühern Schein zu retten. Anstatt seine Absichten in Italien erreicht zu sehen, stand er nach zwei Jahren rastloser Thätigkeit entfernter von seinem Ziele als je, und das durch ihn herbeigeführte Kirchenschisma hatte die gehoffte Aussöhnung zwischen Reich und Kirche, wie vielmehr sein erstrebtes

 

1) Land. cap. 31: Marchiones et Comites Longobardiae in hac tempestate convenerunt Mediolani, ut ibi coram Episcopis suffraganeis et comprovincialibus explicarent Imperatoris innocentiam et Imperatorem ipsum perducerent in Archiepiscopi et Episcoporum benevolentiam.

2) Land. cap. 31: Propter quorum (der Vertheidiger des Kaisers) verba quam plures arbitrati sunt Imperatorem esse alienum ab excommunicationis culpa.

3) S. das aufreizende Schreiben Friedrich's von Köln an die Mailänder in Martene, Collect. I, p. 640 sqq. Außer Mailand und Cremona waren vornehmlich Pisa und Genua für Gelasius und also gegen Heinrich, wie daraus erhellt, daß Gelasius, als er sich Ende 1118 nach Frankreich begab, von Pisanern und Genuesen gehorsam aufgenommen und weiter gefördert wurde.

 

 

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187 Heinrich's Rückkehr nach Deutschland.

 

Uebergewicht über letztere gänzlich vereitelt. Fast war in Italien seine Stellung so gefährlich geworden wie sie in Deutschland gewesen, als er es verließ. Zwar in Rom blieb seine Partei die mächtigere und nöthigte noch einmal Gelasius, der versteckt in Pilgertracht zurückgekehrt war, als er öffentlich aufzutreten wagte, sich in eiliger Flucht aus der Stadt zu entfernen 1); aber es war eine Partei, die nicht mehr durch des Kaisers Ansehen, sondern durch ihre eigene Macht gehoben wurde, und die, wenn sie es räthlicher, vortheilhafter fand, auch gegen ihn auftreten, zu seinen Gegnern übergehen konnte, wie sie es später wirklich that. Der von Heinrich eingesetzte Papst gab seiner Sache kein Uebergewicht, vielmehr hatte Gregor's Erhebung dem Kaiser in den Augen Vieler geschadet, die darin weltliche Willkür, ein unkirchliches Verfahren erblickten. Heinrich mußte bald erkennen, daß er zu seinem Nachtheil die geringe Macht, die er noch besaß, zur Erhaltung seines Papstes verwende. Ihn aufzugeben hätte er sich wol kein Gewissen gemacht, wenn damit nur ein Gewinn verbunden gewesen, die Nachgiebigkeit des gereizten Gelasius und die Versöhnlichkeit der Kircheneiferer erkauft worden wäre. Der einzige Vortheil seines länger als zweijährigen Aufenthaltes in Italien war der Erwerb der Mathildischen Güter. Aber wie viel hatte er auch von diesen fahren lassen müssen, um die Städte im Lande und seine Bundesgenossen, die nicht ohne Eigennutz ihm anhingen, zu befriedigen? Gleichwol zeigten sich diese schon lau, gleichgültig, selbst schwierig, seit er nichts mehr zu geben hatte. Lauter erhoben sich die Gegner, und die Bemühungen der ihm aus Privatinteresse ergebenen Fürsten blieben erfolglos. Nur wenn von Deutschland her eine bedeutende Kriegsmacht zu ihm stieß, war ein längeres Verweilen in Italien von Nutzen und konnte sein kaiserliches Ansehen sich zu wirklicher Bedeutung erheben und jedes Bemühen der Kirchenpartei ferner vereitelt werden. Statt dieser nachdrücklicheren Hülfe aus Deutschland erhielt er von dort her die niederschlagende Nachricht, daß seine Gegner mehr die Oberhand gewannen und sein heftigster Gegner, der Erzbischof Adalbert von Mainz, damit umgehe, ihn um den Kaiserthron zu bringen, was nur durch seine schnelle

 

1) Pandulf. Pis., Vita Gelasii p. 394 sqq., wo der Papst selbst seine traurige Lage, die blutigen Auftritte in Rom, die Vielherrschaft der römischen Großen, die ihm noch verhaßter sei als die Tyrannei des einen römischen Kaisers erwähnt: mallem unum Imperatorem quam tot. Verum unus saltem nequam perderet nequiores, donec de illo quoque evidentem justitiam Imperatorum faceret omnium Imperator.

 

 

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188 Vierter Abschnitt.

 

Rückkehr verhütet werden könne. Diese Notwendigkeit ließ ihn den Entschluß fassen, Italien zu verlassen; doch auch dieses konnte und wollte er nicht ganz aufgeben, schon damit in Deutschland nicht seine früheren Berichte über seine glücklichen Fortschritte jenseit der Alpen Lügen gestraft würden. Deshalb ernannte er seine Gemahlin Mathilde, die früh den männlichen, entschlossenen Sinn an den Tag legte, den sie nachmals in allen mislichen Lagen ihres Lebens bewies, zur Reichsverweserin in Italien, nachdem er früher schon einen tapfern, umsichtigen Mann, Radbod, zum Markgrafen von Toscana gemacht. Um den Italienern, Freunden und Feinden, seine schlimme Lage möglichst zu verbergen, ließ er seine ganze deutsche Mannschaft der Kaiserin zurück und eilte, nur von Wenigen begleitet, im Ausgang des Jahres 1118 nach Deutschland, um, wie schon oftmals, durch sein rasches Erscheinen und entschlossenes Handeln die Gegner zu schrecken und den dadurch gewonnenen Vortheil, wie klein er auch für den Augenblick war, kühn zu verfolgen 1).

 

Ehe wir ihn auf seinem fernern Pfade begleiten, müssen die Ereignisse in Deutschland, welche seine Rückkehr früher und anders, als er beabsichtigt hatte, herbeiführten, nachgeholt werden, da Deutschland durchaus der Hauptgegenstand für unsere Darstellung bleibt, während die italienischen und alle auswärtigen Verhältnisse hier nur in gedrängter Kürze, entweder als Resultate, oder als Ergänzungen, die um des politischen Einflusses wegen, welchen sie auf Deutschland ausgeübt haben, wichtig waren nachzuholen, vor unsern Blicken vorüberziehen. Den Kaiser in seinen verwickelten Händeln mit der Kirche nicht aus den Augen zu verlieren, und darum die drei Jahre seines Aufenthaltes in Italien als einen eigenen Abschnitt in unsere Darstellung einzuschieben, war unerläßlich, weil die Ereignisse, welche nach seiner Rückkehr auf deutschem Boden sich entwickelten, nur als der Ausgang des Kampfes erscheinen, den er jenseit der Alpen zu

 

1) Chron. Ursp. ad 1119: Imperator his auditis (die mislichen und ihn dringend zur Rückkehr auffodernden Zustände in Deutschland) — efferatus animo Italiae suis copiis cum Regina relictis Germanicis se regionibus nimis insperatus exhibuit. Die Zeit seiner Ankunft in Deutschland wird nirgend genauer angegeben. Obschon das angeführte Chronicon sie zu 1119 berichtet, ist sie doch wol schon Ausgang 1118 zu setzen, da die Urkunde der Kaiserin vom 4. November 1118 (s. Ughelli, Italia sacra II, p. 364) in Heinrich's Abwesenheit, die zu Rüdesheim, vom Kaiser am 1. November ausgestellt, (Ried, Cod. diplom. I, p. 176) am richtigsten in das Jahr 1118 zu setzen ist. Vergl. Stenzel II, S. 330.

 

 

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189 Kämpfe in Deutschl. während Heinrich's Abwesenheit.

 

seinem und des Reiches Nachtheil begonnen, und der nur damit enden konnte, daß eine völlige Umgestaltung der Reichsverfassung jede dem Reichskörper schädliche Uebermacht und Willkür, die während des Kampfes sich geltend gemacht hatten, in die Schranken gesetzlicher Gewalt, und die sich bekämpfenden Parteien in das zum Frieden und zur Eintracht nöthige Gleichgewicht brachte.

 

 

Fünfter Abschnitt.

 

Kämpfe in Deutschland während des Kaisers Abwesenheit. Lothar und Friedrich von Schwaben. Unterhandlungen der Parteien. Adalbert von Mainz und Kuno von Präneste. Heinrich's Rückkehr und letzte Anstrengung wider die Kirchenpartei. Der Tod Gelasius' II., die Erhebung Calixtus' II. Unterhandlungen zu Straßburg. Reichsversammlung am Rhein.

 

Daß es Heinrich V. vor seinem Aufbruche nach Italien Ernst war, in Deutschland die Gemüther zu versöhnen, Friede und Ordnung im Reiche herzustellen und die Standesrechte der weltlichen und geistlichen Fürsten, soweit sie seinem kaiserlichen Ansehen nicht Eintrag thaten, anzuerkennen, ist früher gezeigt worden; daß er während seiner Abwesenheit wenigstens keine Verschlimmerung der Verhältnisse befürchtete, sondern vielmehr von der Zeit und der Fürsorge der ihm ergebenen Fürsten sich das Beste versprach, ist kaum zu bezweifeln, wenn man erwägt, welche schwierigen Angelegenheiten er in Italien zu ordnen und zu entscheiden sich vorgesetzt hatte. Am wenigsten aber laßt sich annehmen, daß er selber von Italien aus das Kriegsfeuer in Deutschland anstatt zu dämpfen noch mehr geschürt und seinen Anhängern statt kräftig zu widerstehen zum Angriff der Gegner vorzuschreiten geboten habe. Wie sehr er der Hülfe aus Deutschland bedurfte, und wie in Ermanglung derselben seine Unternehmungen jenseit der Alpen, trotz der klugen Politik, die er beobachtete, des nöthigen Nachdruckes, die errungenen Vortheile eines dauernden Bestandes entbehrten, haben wir aus dem geringen Erfolg seiner unablässigen Thätigkeit erkannt. Unmöglich konnte er dort

 

 

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190 Fünfter Abschnitt.

 

den Parteienkampf wünschen, wahrend er hier ihn zu beschwichtigen, so lang es möglich ihm auszuweichen, und nur als sein kaiserliches Ansehen und die Ehre beeinträchtigt schien, oder wenn ein günstiger Erfolg zu erwarten war, mit Gewalt einzugreifen suchte.

 

Zwei Umstände hatte aber Heinrich übersehen, als er in bester Hoffnung Deutschland sich selbst überließ und von der Zeit eine Besänftigung der aufgeregten Gemüther, die er sogleich nicht bewirken konnte, erwartete, und in jenen ist die Ursache zu suchen, warum nach seiner Entfernung heftiger noch als bei seiner Anwesenheit die hellen Flammen des Bürgerkrieges in allen Theilen des Reiches um sich griffen, und Zerstörung, Raub, Mord, Lösung aller Banden im Gefolge hatten. Erstlich: nicht die Furcht vor seiner Person, wie er glaubte, war es, die bisher die Friedensunterhandlungen scheitern ließ, sondern die Besorgnisse vor seinen herrschsüchtigen Plänen bewogen seine Gegner, nicht eher die Waffen aus der Hand zu legen, als bis die Möglichkeit jene auszuführen geschwunden war. Konnten sie sich einen Augenblick darüber täuschen, daß der Kaiser nach Italien aufgebrochen sei, nicht weil er seiner Herrschsucht entsagt hatte, sondern weil ihm dort die Aussicht neue Macht zu erringen geboten war? Sollten sie nun etwa in Unthätigkeit, ohne Gegenbestrebungen abwarten, bis der Bedränger ihrer Freiheit, der Feind ihrer Rechte, ihres Ansehens, ihrer Besitzungen und Reichswürden mit vermehrter Hausmacht, mit siegreichem Heere, nach Vernichtung ihres durch Ankämpfen gegen Heinrich nothwendigen Verbündeten, der Hierarchie, nach Deutschland zurückkehre? Durften sie dann ihm abzuringen hoffen, was er vorhin in bedrängter Lage nicht zugestanden? — Höchstens durften sie darauf rechnen, Heinrich werde in Italien an denselben Hindernissen scheitern, die sie in Deutschland seiner Herrschsucht bereitet hatten. Gerüstet den Ausgang von des Kaisers italienischem Feldzuge abzuwarten, erheischten mindestens die Klugheit und die Sorge für Selbsterhaltung.

 

Schlimmere Folgen hatte das Zweite, was Heinrich auch in minder bedenklicher Lage als die seine beim Fortzuge aus Deutschland war, nicht hätte unbeachtet lassen dürfen. So lange er in eigener Person den feindlichen Fürsten, Geistlichen und Städten gegenüberstand, war die Wahl, mit ihnen allen sich zu vergleichen, in seiner Hand. Er konnte aus den immer noch zahlreichen Anhängern seiner Sache eine Heeresmacht aufbieten und eine imponirende Stellung behaupten, auch ohne daß er gewaltsam verfuhr. Er hätte durch scheinbares Nachgeben, ein Einwilligen in die Foderungen seiner Gegner diese versöhnen, seine frühere Strenge in Milde umstimmen,

 

 

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191 Kämpfe in Deutschland.

 

durch schlauere Unterhandlung mit Einzelnen, die Verbindung der vielen von verschiedenen Privatinteressen Geleiteten trennen, und nach Umständen bald diesen bald einen andern Weg einschlagen können. Ueberwog aber die Aussicht auf Italien seine Absichten in Deutschland, so vermochte hier nur ein sehr besonnener, von Allen geachteter und besonders ein leidenschaftsloser Mann ihn während seiner Abwesenheit zu vertreten, die zum Kampfe gerüsteten, durch einen erfochtenen Sieg und glückliche Fortschritte ermuthigten sächsischen Fürsten von Gewaltthätigkeiten abzuhalten, die Habsucht, die Erbitterung, den Hochmuth und hierarchischen Geist Friedrich's von Köln, Adalbert's von Mainz und der mit diesen gleich Gesinnten unschädlich für Deutschlands Wohlfahrt zu machen. Nicht fehlte es an wackern und hochherzigen Männern, die des Vaterlandes Zerrissenheit beklagten und keiner Partei zugethan den Geist der Zwietracht zu hemmen wünschten, die dem Kaiser und seinen Gegnern durch wirksame Bemühungen Achtung vor dem Frieden eingeflößt und Beiden das Vertrauen, ihn zu bewerkstellen, abgewonnen hatten. Wir erkannten in Bischof Hartwig von Regensburg, in dem Grafen Dietrich von der Are solche thätige, aufrichtige Friedensvermittler, deren Stimme selbst bei leidenschaftlicher Aufregung von den Sachsen nicht überhört worden war. Aber nur im Auftrage des Kaisers, der auf die Wiederversöhnten in ihrer Nähe wartete und den Tag zur gemeinsamen Reichsversammlung festsetzte, hatten jene beiden Männer Eindruck machen können. Seit der Freilassung Adalbert's von Mainz war ihr Friedenswerk äußerst erschwert; als vollends Heinrich den deutschen Boden verließ, schwand jeder Erfolg ihrer redlichen Bemühungen. Der wackere Dietrich verschwindet ganz vom Schauplatze der von seinem Streben nicht aufgehaltenen blutigen Kämpfe in Deutschland, Hartwig behielt zwar auch ferner Heinrich's Vertrauen, zu seinem Stellvertreter machte Letzterer ihn aber nicht. Und wem übertrug der Kaiser denn die Sorge für das Reich? Wer sollte seine Sache in Deutschland aufrecht erhalten, während er selber zu einem Kampfe auszog, der, wenn er siegreich ihn bestand, seine deutschen Gegner zu größerer Anstrengung aufrief, wenn er ohne Erfolg zurückkehrte, jenen das Uebergewicht in Deutschland gab, wofern nicht unterdessen, wie er gehofft, ihre Widerspenstigkeit aufgehört? Wer sollte diese Widerspenstigen, die zu bekämpfen doch dem Kaiser unmöglich gewesen war, durch kluge, besonnene Mäßigung, wie sie hier erfoderlich, beschwichtigen? — Zwei Jünglinge, denen er allein unter allen Fürsten — schlimm genug für sein bisheriges Verfahren! — trauen durfte. Besser wäre es für des Reiches

 

 

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192 Fünfter Abschnitt.

 

Wohlfahrt gewesen, wenn auch Jene ihn über die Alpen begleitet hätten und anstatt ihres Oheims herrschsüchtige Pläne und seine jeden Reichsstand erbitternde Strenge lieber die andere Seite von des Kaisers Verfahren, seine schlaue, zeitgemäße Nachgiebigkeit, seine wohlberechnete Herablassung gegen Fürsten, Geistlichkeit und Städte, seine mehr auf Benutzung der Ereignisse als die Stärke der Streitkräfte gegründete Politik, der gemäß er Unterhandeln mit den Gegnern überall der Waffengewalt vorzog oder vorausschickte und dadurch eine Zeit lang das Uebergewicht behauptete und vielleicht, wenn Deutschland beruhigt gewesen, sein Ziel erreicht haben würde, als Richtschnur des eigenen Handelns in reiferen Jahren befolgt hätten. Anstatt die Ordnung, den Frieden in dem erschütterten Reiche herzustellen, führte die jugendliche Unbesonnenheit der beiden hohenstaufischen Brüder vornehmlich jenen Zustand herbei, den wir nach Berichten gleichzeitiger Schriftsteller einem völlig anarchischen gleich erkennen 1). Mag immerhin Friedrich von Schwaben die ritterlichen Tugenden besessen haben, welche der seinem Hause verwandte Otto von Freisingen ihm nachrühmt, sie gewannen ihm wol die Zuneigung seiner Freunde, lockten kriegslustige Leute zu seinem Banner und noch mehr begehrliche Hände zu Annahme seiner freigebig dargebotenen Geschenke, oder Zecher zum fröhlichen Gelage, die seine geistreiche Unterhaltung und seine Beredtsamkeit würzten 2); aber zur Beschwichtigung beleidigter Fürsten, zur Versöhnung eines rachesüchtigen ränkevollen Priesters genügte nicht ein tapferer Arm, nicht die Erwiderung auf zahllose Intriguen und unerschöpfliche Erfindungen der Arglist durch verheerende Einfälle, Ueberraschung der Gegner, wenn diese unterhandelten, oder minder wachsam, minder stark schienen 3). Wenn

 

1) Chron. Ursp. ad 1116 nach Angabe der Kriegsereignisse im Allgemeinen fährt fort: Neque pax Dei ceteraque sacramentis firmata pacta custodiuntur, sed uniuscujusque conditionis et aetatis praeter solos ecclesiasticae professionis homines (worunter nur der niedere Klerus zu verstehen ist, denn von der hohen Geistlichkeit schalteten Viele am ärgsten) quibus jam pene nihil praeter miseram restat animam, caeteri, inquam, hoc tempore belluino furore bacchantur. Dann malt dies der Chronist, der damals mit eigenen Augen das Elend sah, noch weiter aus.

2) Mehr Bedeutung darf man doch nicht in die Lobsprüche Otto's von Freisingen legen, wenn er rühmt De gest. Friderici I., lib. I, cap. 12: Erat autem praedictus Dux in bellis fortis, in negotiis ingeniosus, vultu et animo serenus, in sermone urbanus, donisque tam largus, ut ob hoc multitudo maxima militum ad eum conflueret, seque ad serviendum illi ultro offerret.

3) Chron. Ursp. a. a. O.: Longum est Praesulis Moguntini machinamenta contra regis fideles eorumque adversus illum insidiosas incursiones enarrare. Daß zu Letzteren vornehmlich Friedrich von Schwaben gehörte, werden seine Kriegszüge gegen Mainz beweisen.

 

 

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193 Kämpfe in Deutschland.

 

Friedrich, wie vorhin sein Oheim, auf eine ihm zu Gebote stehende Kriegsmacht und auf den Beistand der Freunde und Anhänger des Kaisers gestützt die Friedensunterhandlungen mit den sächsischen Fürsten fortsetzte, den Erzbischof Adalbert — was er mehr als Heinrich unbeschadet seiner Ehre thun durfte — schonte, seine Machinationen bewachte und das Frevelhafte derselben vor den versammelten Reichsfürsten darthuend, des gefährlichsten Gegners Waffe zu Schanden machte, wenn er selbst Mäßigung und wahre Friedensliebe und unparteilichen Sinn zeigte, war ihm möglich das Werk Hartwig's und Dietrich's zu vollenden, mindestens die wohlgesinnten Fürsten für Einigung und Frieden im Reiche zu gewinnen und mit ihnen die hartnäckigen Friedensverweigerer und die ränkesüchtigen Verfechter hierarchischer Anmaßungen zu züchtigen. Von alledem das Gegentheil sehen wir Friedrich nach Heinrich's Abzug unternehmen. Mit den Scharen, die er Letzterem zur Deckung Speiers und der von Adalbert bedrohten Vesten herbeigeführt hatte 1), verblieb er nicht in der blos abwehrenden Stellung und zeigte weder die so nöthige Schonung und Milde den Städten am Oberrhein, den Hauptstützen des Reiches 2), noch begnügte er sich, die Bürger von Mainz an ihr dem Kaiser gegebenes Wort, den Erzbischof Adalbert an Erfüllung der gelobten Rechtfertigung durch Unterhändler zu mahnen und allen Feinden Heinrich's das Vertrauen einzuflößen, daß nur Aufrechterhaltung des Friedens, der Ordnung, des kaiserlichen Ansehens der einzige Zweck seines Kommens gewesen sei. Nein diese so nothwendige und allein heilsame Mäßigung verachtete der Herzog im Gefühl seiner augenblicklichen Uebermacht, im Drange nach Kriegsruhm und wies den Rath besonnener Männer, die ihm

 

1) Aus Otto Frising. a. a. O. erhellt, daß Friedrich dem noch in Deutschland verweilenden Kaiser zur Hülfe kam. Otto will die Kriegsthaten seines Vorfahren verherrlichen und faßt sie natürlich anders, als im Text geschehen durfte, auf. Am Rhein hat er deren Gedächtniß vorgefunden, wo man zu seiner (Otto's) Zeit den Hohenstaufen gewogen war und vergessen hatte, daß einst Herzog Friedrich für seinen Ruhm die Fackel eines furchtbaren Bürgerkrieges entzündete: Quot et quanta Fridericus Suevorum Dux nobilissimus, vel Imperatore praesente vel in Italia morante, stylo tunc digna gesserit, quia in multorum adhuc habentur memoria, summatim dicemus. Ipse enim de Allemannia in Galliam transmisso Rheno se recipiens etc.

2) Otto Fris.: Ubi maxima vis regni esse noscitur.

I. 13

 

 

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194 Fünfter Abschnitt.

 

der Kaiser zur Seite gestellt, zurück 1). Mit Gewalt bemächtigte er sich der Städte am Rhein, von Basel an bis Mainz, zwang sie in des Kaisers Abwesenheit ihm Gehorsam zu schwören und bedrohte ihre Freiheit, indem er auf jedem günstigen Punkte eine Veste erbaute, oder eine schon vorhandene, aber weder ihm noch dem Reiche angehörige in Besitz nahm und von ihnen aus die Umgegend in seine Botmäßigkeit brachte. Freilich rühmten dieses Verfahren Leute, die Gefallen am Kriegshandwerke fanden, und sagten sprichwörtlich: „Der Herzog Friedrich zieht am Schweife seines Rosses jedesmal eine Burg nach sich“ 2).

 

Noch ärger als Friedrich am Rhein hauste Konrad in seinem neuen Herzogthume Franken. Er, an dem nicht einmal Otto von Freisingen, der sonst freigebig den Hohenstaufen Lobsprüche ertheilt, einen rühmenswerthen Charakterzug aufzufinden wußte, der Das, was er im Dienste des Oheims gethan, später durch einen Kreuzzug zur Sühnung seiner Sünden abzubüßen sich gedrungen fühlte, der einerseits rauh und ungestüm, von der anderen Seite arglistig und verschlossen war, vermochte weniger noch als Friedrich bei der Gegenpartei des Kaisers Vertrauen und Neigung zu erwecken. Schon der Anlaß zu seinen Waffenthaten, daß er einem Geistlichen das Herzogthum Franken zu entreißen trachtete, erweckte Haß und Abscheu. Daher mit größerer Erbitterung als in irgend einem anderen Theile Deutschlands hier der Parteienkampf geführt wurde. Im Würzburgischen zuerst nahm er den Charakter eines wahren Religionskrieges an, wo bald der eine bald der andere Theil sich zusammenrottete,

 

1) Des Kaisers Briefe an Hartwig von Regensburg beweisen, daß auch dieser eine besonders wichtige Stellung während jenes Abwesenheit einnahm. So heißt es Cod. Udalr. Nr. 217: Tu ubi fueris pro nobis in persona nostra sis juvando ac sustinendo ac defendendo honorem nostrum et specialiter nostrum nenotem Fridericum aliosque fideles nostros. Des wackeren Dietrich von der Are geschieht nirgend Erwähnung. Das Verfahren Friedrich's am Rhein war nicht geeignet, einen Biedermann wie Dietrich anzulocken, oder in des Herzogs Nähe zu fesseln.

2) Und dieses nennt Otto von Freisingen stylo digna. Seine Worte mögen beweisen, daß nur ihnen das im Texte Gesagte entlehnt ist: Totam provinciam a Basilea usque Moguntiam, ubi maxima vis regni esse noscitur, paulatim ad suam inclinavit voluntatem. Nam semper secundum alveum Rheni descendens nunc castrum in aliquo apto loco aedificans, vicina quaeque coegit, nunc iterum praecedens relicto priore aliud munivit, ut de ipso in proverbio diceretur: Dux Fridericus in cauda equi sui semper trahit castrum.

 

 

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195 Kämpfe in Deutschland.

 

der Nachbar des Nachbars Aecker verwüstete und nur aus Zerstörungswuth dem Anbauer das Seine raubte oder verderbte 1).

 

Der dritte unter den weltlichen Fürsten, welcher mit dem Schwerte dem Kaiser den treuesten Dienst zu leisten glaubte, der Pfalzgraf Gottfried bei Rhein 2), erscheint meist in Verbindung mit Friedrich von Schwaben und theilte mit den Hohenstaufen, wie die Ergebenheit gegen Heinrich, so auch die verderbliche Kriegslust. — Wenn solche Männer, anstatt der Zwietracht zu steuern, ihr neue Nahrung gaben, so konnte es nicht anders sein, als daß im ganzen Reiche eine völlige Spaltung eintrat und nirgend die Scheu vor dem Recht, überall nur Willkür und Zügellosigkeit herrschten 3). Keine Uebertreibung wird es scheinen, wenn ein Zeitgenosse die allgemeine Auflösung der gesetzlichen Bande, die Greuel in Staat und Kirche also schildert: „In den Städten erhoben sich die Bürger rebellisch gegen ihre Obrigkeit, vertrieben ihre Bischöfe oder wurden derselben durch die Gegner beraubt. Burgen und Festungen erhoben sich, wo bisher keine errichtet werden durften, andere in großer Anzahl, die zum Schutze dagestanden, riß die Parteiwuth nieder, weite Landstrecken sah man von Raub und Brand verwüstet; Kampf und Mord bald hier bald dort durch die Ritter beider Parteien, Bedrückung der Armen und der Schutzbürger, grausame Wegführung der Christen durch Christen, wie kaum Heiden sie verübten, Gewaltthaten jeder Art und aller Orten sah oder hörte man. Weder der

 

1) Chron. Ursp. ad 1116: Primo ergo pars utraque conventibus assiduis agros alterius vastare, colonos despoliare coepit, maximeque in Episcopio Wirciburgensi per Conradum fratrem Friderici lues ista succrevit.

2) Otto Fris. a. a. O. hebt ihn schon zur Zeit der ersten Verschwörung gegen den Kaiser, die zu Mainz während der Vermählungsfeier Heinrich's und Mathildens ausbrach, als treuesten Anhänger neben den beiden Hohenstaufen hervor: Quae scissura illo tempore tam gravis fuit, ut praeter Fridericum Ducem fratremque suum et Gotefridum Palatinum Comitem Rheni vix aliqui ex principibus fuerint, qui principi suo non rebellarent. 1116 finden wir ihn vereint mit Friedrich in Worms. Der Kaiser in seinem Schreiben an die Mainzer, Guden, Cod. dipl. p. 48, ermahnt die Bürger: Cum Friderico Duce et Gothofrido Palatino Comite aliisque fidelibus nostris diligentissime servare studeatis. Als Kuno und Adalbert 1118 den Bann über des Kaisers Anhänger sprechen, werden wieder die drei Fürsten namentlich hervorgehoben. S. Cod. Udalr. Nr. 291.

3) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1116: Scindebatur — regnum Teutonicum. Et quia Rex abierat, unusquisque non quod rectum, sed quod sibi placitum videbatur, hoc faciebat. 13*

 

 

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196 Fünfter Abschnitt.

 

Gottesfriede noch heilig beschworene Verträge und Bündnisse wurden geachtet; Menschen jedes Standes, jedes Alters und Geschlechts schweiften in thierischer Wuth umher, selbst besitzlosen Mönchen, die aus zerstörten Klöstern geflüchtet, ließ man nichts als das elende Leben. Bei der allgemeinen Verwüstung der Aecker, der Dörfer, der Städte, ganzer Landschaften fehlte bald jeder Unterhalt, sonst reiche Kirchen und Klöster standen öde und leer, in vielen hörte der Gottesdienst auf. Das berühmte, durch ganz Deutschland begüterte Fulda sank bis zu solcher Armuth herab, daß seine Geistlichen sogar an Speise und Trank Mangel litten 1).“

 

So grell und die Zustände der Auflösung in dem öffentlichen Leben deutlich bezeichnend diese Schilderung des allgemeinen Elends ist, so dunkel geben die Schriftsteller den Gang der politischen Ereignisse an 2), weil wahrscheinlich sie selber nicht mehr im Stande waren, jenen bei der ganzlichen Zerrüttung Deutschlands im Auge zu behalten oder in späteren Lebenstagen, als sie denselben aufzeichnen wollten, ins Gedächtniß zurückzurufen. Und doch dürfen wir ihn nicht aus dem Auge verlieren und müssen so viel als möglich den schwachen Fäden, welche die Chronisten bieten, behutsam nachgehen, um mit einiger Bestimmtheit, die dadurch gewonnen wird, nicht aus leerer Vermuthung, der eine andere sich entgegenstellen könnte, die Folgen der beklagenswerthen Zustände in Bezug auf die politische Umgestaltung aus dem Verfahren der Urheber jener herzuleiten.

 

Auf zwei Männern beruhte die Entscheidung des Parteienkampfes, so vielfach verzweigt und getheilt dieser auch in allen Provinzen des Reiches, in noch kleineren Distrikten, ja in Städten, Flecken, Ortschaften, kurz überall, wo nur durch die Nähe zweier feindlich sich bedrohender Burgen, durch Zerwürfniß der Bürger mit

 

1) Das ist fast wörtlich die Schilderung des Konrad von Lichtenau, oder wer sonst der Verfasser dieses Theiles der auersberger Chronik sein mag. Ein Zeitgenosse war es gewiß.

2) Der Verfasser der auersberger Chronik ad 1116 verwahrt sich durch ein longum est enarrare. Der sächsische Annalist schreibt ihm dies und die im Text mitgetheilte Schilderung nach, berichtet aber zum Jahre 1116 noch Manches, das er von Anderen entlehnte. Auch Helm., Chron. Slav. I, cap. 50, geht darüber hinweg: Longum est ergo per singula explicare turbulentias temporis illius nec est temporis hujus talium explanatio. Spätere Kloster- und Ortschroniken dienen einigermaßen zur Ergänzung, lassen aber den Zusammenhang der Begebenheiten mehr errathen als bestimmt erkennen.

 

 

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197 Lothar und Friedrich von Schwaben.

 

ihrem Bischof, Burggrafen oder untereinander, durch Neid, Haß und Verschiedenheit kirchlicher oder politischer Ansichten Parteiung möglich war, sich ausgebreitet hatte. Als das Haupt der kaiserlich Gesinnten stand Herzog Friedrich von Schwaben da; auf Herzog Lothar von Sachsen vertrauten Alle, die wider den Kaiser und dessen Anhänger das Schwert zogen. Von jetzt ab traten beide Männer, die bis auf Muth und Tapferkeit in der Feldschlacht sich fast in Allem ungleich waren, einander feindlich gegenüber und werden in solcher Stellung gegeneinander uns noch oft begegnen, auch nachdem Heinrich V. und mit ihm das fränkische Kaiserhaus zu Grabe gegangen, weil, wie jetzt mit seiner Abwesenheit in Italien, dereinst mit seinem Tode nicht der längst genährte Zwiespalt der Völker, der Fürsten, der kirchlichen und politischen Meinungen aufgehoben wurde, sondern nur andere Häupter an der Spitze der unversöhnlichen Parteien erschienen und die durch Verschiedenheit des Landes und seiner Bewohner von der Natur gemachte Trennung Nord- und Süddeutschlands, anstatt zu heilsamer Wechselwirkung und Durchdringung geistiger und materieller Interessen, Jahrhunderte lang zu unglückseligem Kampf, um persönliche Vortheile zu erringen, benutzten. Wie aber durch ursprüngliche Stammverwandtschaft, durch das Band der Sprache und durch die Vereinigung unter ein Reichshaupt stets eine gänzliche Losreißung beider Hälften verhindert wurde, so zeigte sich auch damals, daß es einzelnen Fürsten, Geistlichen und Städten in beiden Theilen gelang, das der Mehrzahl entgegenstehende Interesse zu verfechten, doch leider nicht, um das Band der Gemeinschaft im Reiche ungelöst zu bewahren, sondern um aus Eigennutz den verheißenen und beanspruchten Lohn, oder aus Privathaß gegen Nachbarn, aus Eifersucht gegen Ansprüche Anderer, aus Neid gegen gleich Mächtige oder Mächtigere die gehoffte Befriedigung aller dieser Leidenschaften zu finden. Dieses feindselige Widerstreben Weniger gegen die Mehrheit im Lande vervielfältigte die Fehden, erhöhte die Erbitterung und Zerstörungswuth, sodaß auch die Häupter der beiden großen Parteien zuvor im eigenen Lande oder dem ihrer Verbündeten zur Unterdrückung der Widerspenstigen ihre Streitkräfte aufbieten mußten, ehe diese gegen den Hauptfeind zu richten ihnen gestattet war, wodurch allein erst der verderbliche Kampf entschieden werden konnte, indem entweder die Waffen den blutigen Ausschlag gaben, oder Anknüpfung von Unterhandlungen ein Zusammentreten der Reichsfürsten zu einem allgemeinen Friedensvertrag vorbereiteten, der das Wohl Aller, die Einheit Deutschlands, die Anerkennung des gemeinsamen Reichsoberhauptes, die Ausgleichung der gegenseitigen

 

 

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198 Fünfter Abschnitt.

 

Anfoderungen und die Rechte der Reichsfürsten selber vermittelte. Ob der eine oder der andere Weg eingeschlagen würde, hing dann vornehmlich von den genannten Parteihäuptern ab. Ihre Gesinnung, ihr Verfahren fodern den Geschichtschreiber zu einem Urtheil auf, das billigend oder tadelnd über sie selbst ausfallen muß. Ehe aber das Zusammentreffen der gesammten Parteien unsere Aufmerksamkeit fesselt, müssen wir den Ereignissen, die jenes einerseits noch verhinderten, andererseits es nothwendig herbeiführten, uns zuwenden.

 

Als Friedrich von Schwaben sich zum Herrn am Oberrhein bis Mainz hin gemacht hatte, sodaß er im Rücken keinen Fürsten oder Bischof, nicht einen Abfall der Bürger in den Reichsstädten fürchten durfte, verlangten seine kampf- und raublustigen Scharen auch den Sitz des Erzbischofs Adalbert, das reiche Mainz zu erstürmen 1). Daß die Sache der Bürger dieser Stadt von der ihres Bischofs verschieden war, daß jene dem Kaiser eine Bürgschaft für ihre Treue und Gehorsam gegeben und ihres Geistlichen Herrschaft nur gezwungen ertrugen, hielt Friedrich nicht ab, aufs allerfeindseligste gegen Mainz zu verfahren und eine Verheerung des Stadtgebietes seinen Söldnern zu gestatten. Mehr aber vermochte er auch nicht; denn die Stadt war von zu großem Umfange, um mit Erfolg eingeschlossen und von aller Zufuhr und Unterstützung abgeschnitten zu werden; ihre festen Mauern verhinderten einen Angriff der Feinde, die zwar in sehr großer Anzahl davor lagen, aber meist nur aus niederem Volk und Raubgesindel, das der Beute wegen dem bisher siegreichen Herzoge sich angeschlossen, bestand, während die begüterte und volkreiche Stadt eine Mannschaft zur Vertheidigung bereit hatte, die jeden Sturm von irgend welcher Seite zurückzuschlagen gerüstet

 

1) Dies kann Otto von Freisingen bei allem Ruhm, den er Friedrich's Thaten am Rhein beilegt, nicht in Abrede stellen; doch trennt er sehr subtil die Gesinnung des Herzogs von der seiner Leute. Dereb. gest. Frid. I., lib. I, cap. 13: Vulgus, quod cum Duce in obsidione fuit, ex illa parte, qua rara est civitas, praedandi gratia eam assultu capere voluit. Timens autem nobilissimus Dux,si irrationabili plebis furori talis daretur licentia, sanctorum forte loca direptioni et flammae exponi, ne voluntas illorum effectui manciparetur, summopere laboravit. Dies stellt Friedrich's und seiner Soldaten Verfahren am Rhein ins wahre Licht. Sonderbar, daß Otto von Freisingen, der seinen Vorfahren verherrlichen will, uns über diesen hier eine Nachricht gibt, die wir sonst bei keinem anderen Schriftsteller finden. Fügen wir hier sogleich zum Beleg der folgenden Darstellung noch einige Worte hinzu: Vastatisque cunctis in circuitu tandem et ipsam civitatem cum infinita multitudine militum ac plebis obsidione cinxit.

 

 

 

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199 Friedrich von Schwaben und Adalbert von Mainz.

 

stand 1). Dem Erzbischof freilich konnte die ungünstige Stimmung, welche die Mainzer gegen ihn hegten, nicht verborgen sein; er mußte besorgen, daß bei einer hartnäckigen Belagerung der Widerwille gegen ihn zunehmen und dadurch der Haß, den die Reichsstädter auf Herzog Friedrich wegen seines bisherigen Verfahrens am Rhein und wegen der Verheerung ihres Gebiets geworfen und der sie zu tapferer Vertheidigung gegen einen solchen Reichsverweser bisher angetrieben hatte, abnehmen, ja wol gar ein Uebereinkommen wegen Uebergabe stattfinden möchte, was ihn nicht nur um den Hauptsitz seiner Herrschaft, sondern selbst in Gefahr neuer Gefangenschaft bringen konnte. Zu dem Ende hielt er für gerathen, mit den Belagerern selber zu unterhandeln. Herzog Friedrich foderte, daß Adalbert sich unterwerfe und dann die Gnade des Kaisers in Person nachsuche. Da Heinrich schon in Italien stand, konnte der Hauptpunkt des Vertrages nicht sogleich vollzogen werden. Das war es, was allein Adalbert wünschte, der an Erfüllung seines Versprechens keineswegs dachte. Schmeichelhafte Zugeständnisse, Versicherungen, vielleicht auch Bürgschaften mochte er dem Herzoge geben, und dieser war froh, von den Mauern der Stadt, die so schwer einzunehmen, mit Ehren abziehen zu können. Denn freiwillig öffneten diese ihm und seinen räuberischen Scharen

 

1) Wiederum ist es Otto, der uns gegen seine Absicht den wahren Stand der Dinge verräth. Daß Mainz dem Heere Friedrich's nicht die Thore öffnete, ist begreiflich; daß der Herzog sie nicht erobern konnte, zeigt die Beschreibung der Stadt und der — Erfolg. Jene lautet: Est autem praedicta civitas magna et fortis super Rhenum posita et ex ea parte, qua Rhenum attingit, spissa et populosa et ex alio latere rarum habitatorem habens vacua (war sie aber an einem Theile stark bevölkert, so fehlte es nicht an Streitern, um die minder bevölkerte zu vertheidigen. Vacua soll wol nur die vielen freien Plätze bezeichnen, sehr groß waren diese in alten Reichsstädten nicht) muro tantum forti non paucas turres habenti (in denen gewiß hinreichende Mannschaft lag) circumdata. Porrecta in immensum longitudine, in lato angustior, necessitas locum signavit. Nam ex ea parte, qua Galliae contigua est, monte mediocriter in altum sublato arctatur, ex alio vero latere, quo Germaniam respicit, Rheno. Aus dieser Lage begreift man, (und Otto v. Freisingen will es stillschweigend als Entschuldigung dafür geben) daß Friedrich nicht Herr der Stadt werden konnte. Die Schonung und zarte Rücksicht des Herzogs wird nun sehr verdächtig, vollends wenn wir später erfahren, daß Friedrich das Landesaufgebot entließ, mit seinen Rittern aber stark genug war, den Ausfall der Besatzung zurückzuschlagen, die meisten Feinde zu tödten, zu fangen, die übriggebliebenen in die Stadt zu jagen, ohne letztere doch erobern zu können, obgleich die Mainzer gegen ihren Erzbischof zu rebelliren begannen. Wer das 13. Kapitel bei Otto von Freis. liest, wird manches Dunkele darin finden, aber daß Friedrich die Stadt nicht erobern konnte, deutlich herauslesen.

 

 

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200 Fünfter Abschnitt.

 

nimmer die Thore, und mit Gewalt sie zu nehmen, mußte er aufgeben. Der schlaue Erzbischof hatte seinen arglistigen Plan vorbereitet, hielt ihn aber noch zurück, bis der günstige Augenblick zur Ausführung erschien. Kaum war Friedrich abgezogen und der größere Theil des Heeres von ihm entlassen, sodaß er nur noch seine Schwaben heimwärts führte, als Adalbert den Mainzern die günstige Gelegenheit zeigte, wie sie für die Verheerung ihres Gebiets an dem Thäter sich rächen könnten. Sie ließen sich um so leichter bereden, als die von Friedrich entlassenen und abgeführten Scharen gewiß nicht ohne neue Gewaltthätigkeiten das mainzer Gebiet verließen. Sogleich brach die Besatzung unter ihrem Bannerherrn Graf Emicho von Leiningen aus der Stadt und überfiel das kleine Heer des Herzogs, das indeß zum Widerstande noch groß genug war und aus geübten Kriegern bestehend in offener Feldschlacht gegen Bürgermiliz im Vortheil blieb, vollends nun über die Treulosigkeit des Erzbischofs erbittert mit erhöhtem Muthe stritt. Als Emicho tödtlich verwundet siel, ergriffen die Bischöflichen die Flucht und suchten hinter den Mauern Schutz. Der Herzog verfolgte sie mit blutigem Schwerte, hieb Viele nieder, nahm Andere gefangen, aber in die Stadt selbst den Fliehenden nachzudringen wurde ihm von den Zurückgebliebenen verwehrt und zu einer neuen Belagerung zu schwach, zog er sich nach Worms, das noch immer fest auf kaiserlicher Seite verharrte 1).

 

1) Die Arglist Adalberts und Herz. Friedrich's Sieg berichtet Otto Fris. a. a. O. Es ist dem Chronisten um die Heldenthat des Letzteren allein zu thun. Daher erfahren wir nicht, was Adalbert zu unterhandeln bewog. Das einzige Motiv erscheint hier Arglist. Wenn Otto aber zum Schlusse von dem Aufstande der Mainzer gegen ihren Erzbischof spricht (Cives, qui parentes et amicos in illa caede amiserant, tanta cordis amaritudine affecti erant, ut pene in proprium episcopum velut hujus concessionis auctorem irruerent), so dürfen wir den Grund des Unwillens der mainzer Bürgerschaft, der, wie wir anderweitig erfahren, mit Vertreibung Adalbert's endete, nicht erst in der erlittenen Niederlage suchen, sondern dieselbe schon früher setzen und als Motiv zu Adalbert's Erbieten, sich dem Kaiser zu stellen, ansehen. Otto verschweigt und mildert hier aus gutem Grunde. Wenn die Mainzer auf Adalbert ungehalten waren, warum öffneten sie nicht Friedrich ihre Thore? Warum schlossen sie sich nach des Erzbischofs Vertreibung nicht an die Hohenstaufen, die um letzterer willen gern den Ausfall verziehen haben würden? Offenbar, weil sie einen schlimmen Herrn nicht mit einem noch schlimmeren vertauschen wollten. Der Rückzug Friedrich's nach Worms erhellt daraus, daß er bald danach dort mit Gottfried von Rhein auftritt. Was die Zeit betrifft, scheinen Luden's Gründe (Bd. IX, S. 654, Anm. 14) für 1116 unabweislich, die Angaben von Graf Emicho's Tod zu 1117 bei Chron. Ursp. und Ann. Saxo kommen dagegen nicht in Anschlag, da jenes denselben wie ein vergessenes Faktum kurz nachzuholen scheint, der Ann. Saxo aber das Chron. Ursp. ausschreibt: Emicho Comes a militibus Friderici Ducis occiditur. Die Empörung der Mainzer gegen Adalbert setzen auch beide Chronisten ins Jahr 1116 und ist dies gewiß dieselbe, welche Otto v. Freisingen sehr mildert und nur als Folge der Niederlage durch Herzog Friedrich darstellt.

 

 

 

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201 Empörung der Mainzer wider Erzbischof Adalbert.

 

In den Mainzern indeß war der Haß gegen den Erzbischof Adalbert durch diesen auf seinen Rath unternommenen, so nachtheilig endenden Ausfall keineswegs verringert. Sie hatten dem Herzog Friedrich, um nicht in gleiche Botmäßigkeit wie die Städte oberhalb des Rheins zu gerathen, in Gemeinschaft mit den bischöflichen Dienstmannen Widerstand geleistet, aber auch Adalbert's Herrschaft wollten sie nicht länger tragen. Kaum war jener abgezogen, so brach der Unwille der Bürger gegen diesen in völlige Empörung aus. Daß auch frühere Ursachen mitwirkten und Adalbert Mistrauen gegen die Bürger hegte, beweisen schon die Unterhandlungen mit dem Herzoge von Schwaben. Kein unwichtiger Grund, wenn nicht der Hauptanlaß zur Feindschaft, war sicherlich die Treulosigkeit Adalbert's gegen den Kaiser. Zwar hatten die Mainzer selbst Heinrich gezwungen, den Erzbischof freizugeben, aber sie hatten sich auch verpflichtet, für die Genugthuung, die dieser wegen seiner Vergehen dem Kaiser geben sollte, einzustehen und ihre Geißeln blieben bis dahin in des Letztern Gewalt. Anstatt dem Vertrage nachzukommen, hatte Adalbert nur seiner Rache Gehör gegeben, das Feuer der Empörung in ganz Deutschland angefacht, den Kaiser für einen Gebannten erklärt und sich darum nicht bekümmert, daß seinetwegen der Mainzer Geißeln dem Zorn und der Züchtigung des Kaisers preisgestellt blieben. Das Mitleid über seine erduldeten Drangsale während zweijähriger Gefangenschaft überwog anfangs den Unwillen der Bürger und dieselbe Partei — denn eine solche war es nur — die ihn dem Kerker entzogen, behielt einige Zeit die Oberhand. Gleichwol erkannte Adalbert, daß er auf die Mainzer durchweg sich nicht verlassen dürfe. Deshalb wählte er das sichere Köln, um dort sich weihen zu lassen, dort mit seinen sächsischen Verbündeten zu berathen, dort den Kaiser zu bannen. Als er nach Mainz zurückkehrte, war die kaiserlich gesinnte Partei wieder hervorgetreten. Ihn umgab aber noch eine große Anzahl von Vasallen und Freunden, die, wenn sie mächtig genug waren, mehre kaiserliche Burgen und selbst Speier zu bedrohen, auch die mainzer Bürger schreckten und die Unzufriedenen in Gehorsam erhielten. Wäre damals Friedrich vor Mainz

 

 

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202 Fünfter Abschnitt.

 

gezogen und hätte er nicht erst durch sein gewaltsames Verfahren am Rhein Haß und Mistrauen erweckt, vielleicht würden die Misvergnügten Adalbert und dessen Vasallen aus der Stadt genöthigt haben. Dies erfolgte nun erst nach des Herzogs Abzug. Durch die erlittene Niederlage hatte einestheils der Erzbischof seine Kriegsmacht und seinen Bannerherrn Emicho, der das Schrecken Aller gewesen war 1), eingebüßt, andererseits beklagten auch die Mainzer manchen nahen Verwandten und Freund. Die Schwache der Erzbischöflichen, die erhöhte Erbitterung der Mainzer, weil sie wackere Manner als Opfer einer schändlichen Arglist verloren, führte Adalbert's Vertreibung und somit dessen gerechte Bestrafung herbei. Und nicht blos gegen Adalbert, sondern, wie es scheint, gegen alle Geistliche seines Anhangs geriethen die Mainzer in Zorn. So plünderten sie um jene Zeit den Abt von Korvey, nahmen ihm all das Seine und ließen ihn und seine Begleiter kaum mit dem Leben aus ihren Händen entfliehen 2). — Nicht lange sollten sie sich aber der Freiheit und Ungebundenheit erfreuen. Bald kehrte der Erzbischof an der Spitze seiner Anhänger zurück, überwand nach leichtem Widerstande die unvorbereiteten und unbedachtsamen Rebellen und ließ die Schwere seines Zornes die Schuldigsten fühlen. Viele büßten mit dem Tode, Andere mit Gefängniß ihre Kühnheit 3).

 

Während dieser Ereignisse am Rhein erhob sich in Sachsen der Parteikampf mit großer Erbitterung von beiden Theilen. Die Verbündeten von Kreutzburg hatten eigentlich das Schwert noch gar nicht aus den Händen gelegt; denn trotz dem Versprechen, das sie

 

1) Daher er noch 1122 unter den geisterhaften Rittern erschien, die mit Entsetzen bei Worms gesehen wurden, wovon zu seiner Zeit Näheres.

2) Ann. Saxo ad 1116 berichtet ohne Angabe der Veranlassung: Mogontini Abbati Corbejensi omnia sua vi aufferunt, ipse vero cum suis vix abiit. Ob dies in Mainz selbst oder wo sonst geschah, erfahren wir nicht; doch, da er zu des Erzbischofs Anhängern gehörte, büßte er darum wol so hart.

3) Ann. Saxo gleich nach den angeführten Worten: Mogontini Archiepiscopum Adalbertum expellunt, sed non diu hoc facto gaudentes poenas dant. Amici enim Archiepiscopi non longe post inconsultos aggrediuntur, meliores quoque trucidant, ceteros capiunt, quo facto iterum Archiepiscopus dominatur. Ob diese amici Herzog Lothar und die sächsischen Fürsten gewesen, wie Luden IX, S. 480 ohne Bedenken annimmt, wage ich nicht zu entscheiden, obwol der Heereszug jener Fürsten in Verbindung mit Adalbert nach Worms und die Rückkehr des Letztern nicht weit voneinander liegen und jene zu des Erzbischofs glücklichem Erfolg gegen die Mainzer mitwirken konnten.

 

 

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203 Parteienkampf in Sachsen.

 

Hartwig und Dietrich, Heinrich's Unterhändlern, dazu gegeben, blieben sie immer gerüstet und mit Kriegsscharen umgeben, wozu freilich die kaiserlichen Besatzungen in vielen Vesten des Landes und die feindselige Gesinnung der alten Anhänger Heinrich's sie nöthigten. Doch begnügten sich, so lange der Kaiser noch auf deutschem Boden verweilte, also das Friedensgelöbniß nicht ganz vernachlässigt werden durfte, die Parteien in Sachsen, sich wachsam zu beobachten. Als aber des Kaisers Aufbruch nach Italien, Konrad's Verheerungen in Franken, Friedrich's gewaltsames Verfahren am Rhein bekannt wurden, erhoben in Sachsen und Thüringen Feinde und Freunde des Kaisers drohender widereinander die Waffen. Fehden, Städtebelagerungen, Burgenberennen, Zerstörung und Raub nahmen überhand. Des Kaisers ergebenste und thätigste Anhänger waren der Pfalzgraf Friedrich von Putelendorf und der Burggraf Heinrich von Meißen „mit dem Haupte“ zubenannt, Beide kriegslustige Männer, verwegen und raubsüchtig, Beide auf Kosten anderer Fürsten zu ihren Würden und Besitzungen gelangt und ohne Scheu nach neuen Gütern, sei es von Klöstern und Abteien, sei es von freien Städten und Edeln, begehrlich.

 

Wie schwer es den einst vom Kaiser Geächteten oder in Habe und Lehen Verkürzten selbst nach dem Siege im Welfesholze wurde, wieder zum Besitz des Ihrigen zu gelangen, beweist genugsam das Beispiel des Helden jener Schlacht, Wiprecht's des Jüngern. Obschon der Erzbischof Adelgot durch Blutsverwandtschaft ihm nahe verbunden, die anderen Fürsten der antikaiserlichen Partei durch die Ueberwindung des gefürchteten Hoyer von Mansfeld ihm zu Dank und Beistand verpflichtet waren, erlangte er kaum durch Bitten von seinem Schwager Dedo von Wettin 1) eine Freistatt für sich und seine wenigen Begleiter innerhalb des Klostergehöfs von Crozig 2),

 

1) Chron. Mont. Ser. annexum apud Mencken II, p. 309: Dedo filius Thiemonis, (also ein Bruder des nachmals berühmten Markgrafen Konrad von Meißen und der Lausitz) duxit uxorem Bertham filiam Wiperti de Groizsch. Näheres über seine Lebensverhältnisse, über seine Ehe, die er einmal zu scheiden gesonnen war, geben die Annales Vetero-Cellens. apud Mencken II, p. 382.

2) Vita Vip., cap. XI, §. 16: Wigbertus Dedonem de Crossig obnixe rogavit, ut miseriae suae condolens in aliquod municipium suum eum cum suis reciperet, sed illo dicente se militum ejus insolentiam cavere saltem atrium sibi Ecclesiae concedi flagitabat. Quo annuente etc. Vergl. für diese und die folgenden Anmerkungen auch Liber de fundat. Coenob. Bigaug. apud Hoffmann IV, p. 123.

 

 

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204 Fünfter Abschnitt.

 

von wo aus er mühsam die Wiedereroberung seiner väterlichen Burgen und Städte begann. Durch eigene Tapferkeit und die Hülfe einiger benachbarter Ritter, die mehr aus Beutelust sich ihm anschlossen, gelangte er zum Ziele. Binnen vierzehn Tagen war sein Asyl in eine kleine Festung verwandelt, von der aus er mit seinen Genossen ringsum das Land verheerte, unbekümmert, ob Freund oder Feind solches gehörte, nur bedacht, durch Beute seine Schar zu ermuthigen und neue Abenteurer, die vom Kriegshandwerk lebten, an sich zu locken. Bald war seine Macht stark genug, gerechtere Eroberungen zu machen. Er zog vor seine Stadt Dewin, belagerte sie neun Wochen und nahm sie endlich mit List 1). Er fand in dem Orte so große Reichthümer aufgehäuft, daß er und die Seinen, nach jahrelangem Mangel, nun im Ueberflusse schwelgen konnten. In kurzer Zeit fielen vier und zwanzig Ortschaften in seine Hand, und als Adelgot und die Markgräfin Gertrud sein Heer bis auf 2000 Mann brachten, eroberte er seinen väterlichen Stammsitz Groitsch 2). Aus diesem Eroberungskriege Wiprecht's wird das eigenmächtige und gewaltsame Verfahren der antikaiserlichen Partei anschaulich, zugleich ersieht man aber auch, wie viel noch den von Heinrich an die Stelle geächteter Fürsten Eingesetzten abzuringen war. Um Friedrich von Putelendorf und Heinrich mit dem Haupte zu bekämpfen, mußten erst Adelgot von Magdeburg, Reinhard von Halberstadt, Friedrich von Sommerschenburg, Wiprecht und Ludwig, die Söhne der gleichnamigen Fürsten, die noch immer in kaiserlicher Haft schmachteten, sich verbinden. Um das sehr feste Naumburg erhob sich ein hartnäckiger Kampf, in welchem fast ganz Thüringen verheert wurde 3). Wem jene Stadt, die im Jahre 1111 der jüngere

 

1) Vita Vip. a. a. O.: (Cunctis in vicinia positis lignorum et lapidum abundantiam ei convehentibus, infra XIV dies tutum sibi suisque aedificavit asylum, et circumquaque posita violenter iuvasa suis dimisit militibus in beneficium. Novem fere dehinc transactis hebdomadibus, urbem Dewin per insidias occupavit, tantumque auri et argenti, vestium, equorum ac caeterarum rerum ibi abundantiam diripuit, ut singuli ex ejus militibus suam relevarent inopiam.

2) Hac igitur urbe (Dewin) potitus XXIV in brevi circumposita subegit municipia, deinäe auxilium ferente Adelgoto Magdeburgensi Archiepiscocpo et Gertrude Marchissa matre scilicet reginae Richnisae opitulante, duobus millibus militum Groiscam obsedit et obtinuit.

3) Vita Vip. cap. XI, §. 18: Archiepiscopus Adelgotus cum Halberstadiensi Episcopo et Palatino Comite Friderico, Wigberto etiam et Ludovico Numburg obsidione vallavit et adjacentem Thuringiae provinciam grandi ex parte vastavit.

 

 

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205 Parteienkampf in Sachsen.

 

Wiprecht vom Kaiser zu Lehn zu erhalten gehofft, deshalb wider den eigenen Vater die Waffen erhoben und erst, als er sich getäuscht sah, mit Erbitterung die kaiserliche Partei verlassen hatte, zu Theil geworden, wird nirgend mit Bestimmtheit angegeben 1). Bald danach erscheint der ältere Ludwig von Thüringen in ihrem Besitz und behauptete sich darin, bis er entweder bei seiner Gefangennehmung in Mainz vom Kaiser zur Abtretung derselben gezwungen, oder, was noch wahrscheinlicher, durch eine Verrätherei des Abtes Konrad von Gosek von seinem Stiefsohne Friedrich von Putelendorf darum gebracht wurde 2). Dieser nun oder wiederum ein anderer Besitzer der Veste, jedenfalls ein Anhänger des Kaisers, leistete hartnäckigen Widerstand, als die vorhin genannten Bischöfe und Fürsten 1116 die Stadt einschlossen. Ihnen erschwerte aber auch von Außen her ein gefährlicher Gegner die Belagerung, zumal da sie nicht aus eigenen Vorräthen den Unterhalt ihres Heeres nahmen, sondern plündernd und raubend aus den benachbarten Gegenden, die im Besitz der Kaiserlichen waren, ihn herbeischafften. So oft nun eine ihrer Scharen sich in die Ortschaften und Felder umher wagte, brach der kühne Heinrich mit dem Haupte aus einem Hinterhalte hervor, tödtete Viele und zog mit Gefangenen und der abgenommenen Beute in seine Burgen zurück. Die Belagerer von Naumburg sahen sich deshalb genöthigt, ihre Macht zu theilen und ein zweites Lager auf einem Punkte aufzuschlagen, von dem aus sie die zur Einholung der Lebensmittel Ausgesandten auf ein Zeichen, das diese von nahender Gefahr gaben, decken und unterstützen konnten. Wiprecht, Ludwig und noch einige Andere übernahmen diese Deckung und be- schlossen, da der Gegner nun in größerer Masse erschien, Hinterhalt

 

1) Vita Vip. cap. XI, §. 1 u. 2 und Pegauer Mönch S. 122 geben fälschlich zu 1113 statt 1111, da es vor Ausbruch des orlamündischen Erbfolgekrieges fällt: Wigbertus quoque junior Nuenburg urbe se sperans inbeneficiari regi contra patrem fuit auxilio. — Rex Nuenburg urbe quendam sibi familiarem inbeneficiavit. Sicque Wigbertus ab eo deficiens ad patrem rediit.

2) Eine freilich dunkele Stelle bei dem Goseker Mönch scheint Letzteres zu enthalten. Hoffmann IV, p. 114: Non multo post Comiti Ludowico Abbas Conradus exosus redditur, quippe qui temporis loco isto utpote Castro suo (d. h. Ludwig's) Nuenburg adjacente potestative abutebatur. Causa fuisse perhibetur, quod Palatini (Friedrich's von Putelendorf) partem plus sua (Ludwig's) tueretur. Es muß dies gleich nach Friedrich's Befreiung, kurz vor Ludwig's Gefangennehmung geschehen sein. Dies bezeugen auch die nachfolgenden Worte: Haec dum aguntur, Comes Ludovicus necessitate ductus Imperatori Henrico traditur, captivatur, incarceratur.

 

 

 

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206 Fünfter Abschnitt.

 

mit Hinterhalt zu vergelten. Ihr Plan glückte vollkommen. Sie schlugen nicht nur Heinrich, als er von Arnsberg einen Ueberfall that, in die Flucht, sondern hoben ihn, ehe er in seinen Schlupfwinkel zurückkehren konnte, auf, nahmen die Veste Arnsberg weg und führten den Gefangenen vor die beiden Bischöfe ins Lager vor Naumburg 1).

 

Wir sind veranlaßt, dieses Ereigniß für äußerst wichtig zu halten, sowie in jenem Heinrich mit dem Haupte, so dürftig die Nachrichten über ihn sind 2), einen bei Freunden und Feinden geachteten oder gefürchteten, beim Kaiser in höchstem Ansehen stehenden Günstling anzuerkennen. Wir erfahren, daß auf die Nachricht von seiner Gefangennehmung die Vertheidiger von Naumburg die Thore sogleich den Belagerern öffneten, sei es, weil sie in ihm die Hoffnung auf Ersatz verloren, oder weil die Furcht vor seinem Zorn sie bis dahin abgehalten, sich ihrem rechtmäßigen Herrn, ihren geistlichen und weltlichen Oberen zu ergeben 3). Dem Kaiser muß das Schicksal seines tapferen und ihm unerschütterlich treu ergebenen Feldherrn, dem er, wie einst Hoyer'n von Mansfeld, in Sachsen und Thüringen große Gewalt und die Aufrechthaltung seines kaiserlichen Ansehens und seiner Sache anvertraut hatte 4), sehr nahe gegangen sein. Denn

 

1) Außer Vita Vip. und Pegauer Mönch hat auch Ann. Saxo, ohne die Vorfälle vor Naumburg anzugeben, ad 1116: Heinricus cum Capite de Misna filiis Comitum Ludovici et Wicberti, qui capti ab Imperatore detinebantur, capitur.

2) Ein Zug ist indeß von ihm aufbewahrt, der ihn genug charakterisirt. Bei Gelegenheit von Paschalis' II. Gefangennehmung erzählt Otto v. Freising., Chron. VII, cap. 14, daß Erzbischof Konrad von Salzburg dem Kaiser deshalb Vorwürfe gemacht: Cui (Conrado) dum quidam ex ministris regis Henricus cognomento Caput evaginato gladio mortem interminaretur, tanquam pro justitia mori optans, jugulum praebuit, malens si minas ille ad effectum perducere voluisset, temporalem vitam finire etc. Beide Männer blieben sich getreu. Wie Heinrich cum Capite für den Kaiser handelte und duldete, werden wir von Konrad von Salzburg hören, wie er seinen Eifer für die Kirche mit Leiden büßte.

3) Vita Vip. und Pegauer Mönch: Quo audito Numburg tradiderunt.

4) In dem Kampfe um Naumburg erscheint er mächtig in Thüringen und außer Arnsberg gehörten ihm wol noch andere Burgen. Ann. Saxo a. a. O. nennt ihn de Misna und da Burchard von Meißen einer der drei für ihn ausgelieferten Fürsten war, so ist Heinrich wahrscheinlich vom Kaiser auch mit dem Burggrafenamte von Meißen belehnt gewesen. Der Goseker Mönch führt ihn p. 115 als Hinricus quidam regiae tyrannidis capitaneus an. Späterhin erscheint er in den östlichen Gegenden der meißner Mark nahe der böhmischen Grenze ansässig, als Herr der Veste Libus, in der 1123 ihn Lothar noch einmal zur Unterwerfung zwang, als Letzterer des Kaisers Verbündete, den Grafen Wiprecht, den Böhmenherzog Wladislav und, was seltsam klingen wird, den Erzbischof Adalbert bekämpfte. Auch Heinrich focht für des Kaisers Sache, für die er 1116 mit Muth und Ausdauer, aber nicht mit Glück gestritten.

 

 

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207 Beruhigung Sachsens.

 

drei Fürsten, die er weder nach der Niederlage im Welfesholze, noch in der bedrängten Lage zu Ende des Jahres 1115 auf die Foderung der sächsischen Fürsten, die solche als Hauptbedingung eines Vertrags mit ihm, dem Kaiser, aufgestellt hatten, frei zu geben Willens gewesen, bot er für die Auslösung des einen ihm so werthen Mannes 1). Wie sehr mit ihm die Hoffnung der kaiserlichen Partei in Sachsen niedergebeugt und die Macht der Gegner des Kaisers gehoben wurde, darf uns gleichfalls nicht entgehen. Während bis dahin die Letzteren nur mit der angestrengtesten Thätigkeit und in starker Verbindung die inneren Feinde niederzuhalten vermochten, sehen wir nun die sächsischen Fürsten zum Theil unbesorgt außerhalb ihrer Landesgrenzen, ja fern am Rhein den Schwabenherzog angreifen, einen anderen Theil vereinzelt zu Hause bleiben und nur mit Vorsicht, nicht mit Furcht die kaiserlichen Burgen beobachten. Denn erstorben war freilich die Kraft der Gegner noch nicht, aber auf eine Zeit lang gebrochen. Selbst der tollkühne Friedrich von Putelendorf hatte den Muth zu ferneren Raubzügen und Feindseligkeiten, die er in Sachsen und Thüringen verübte, verloren. Er trat sogar in friedliche Verbindung mit den Gegnern des Kaisers, als er sich mit Agnes, der Tochter des ehemaligen Herzogs von Lothringen, Heinrich's von Limburg, vermählte. Dieser, wie wir gesehen, stand mit den sächsischen Fürsten in Verbindung und konnte demnach am besten den Vermittler zwischen Friedrich und dessen Feinden in Sachsen machen. Jener söhnte sich bald sogar mit seinem erbittertsten Gegner, dem aus der Gefangenschaft zurückkehrenden Ludwig von Thüringen, durch Vermittelung der beiderseitigen Dienstmannen aus, obschon sein Stiefvater nach wie vor in Feindschaft gegen den Kaiser verharrte. Für eine ansehnliche Summe, die Ludwig zahlte, verzichtete Friedrich nicht nur auf Güter, die er mit Gewalt jenem entrissen, sondern auch auf manche Besitzungen und Rechte, die seinem

 

1) Vita Vip. a. a. O.: Imperator etiam his compertis (die Vorfälle bei Naumburg) Wigbertum seniorem et Ludovicum, Burcardum quoque de Misna a captivitate relaxare tunc demum compulsus est pro relaxatione Henrici.

 

 

 

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208 Fünfter Abschnitt.

 

Hause erblich angehört hatten 1). Erst nach einigen Jahren, als in Sachsen die nun ruhenden inneren Zwistigkeiten wieder heftiger ausbrachen, erhob sich auch der kriegslustige, wilde Friedrich von Putelendorf in alter Weise. Die eingetretene Ruhe, so unmittelbar den Vorfällen vor Naumburg nachfolgend, beweiset, wie bedeutsam diese gewesen und wie tief sie in den Gang der politischen Ereignisse eingegriffen 2).

 

Unterdessen war Herzog Lothar nicht unthätig gewesen. Auch ihn beschäftigte im Anfange des Jahres 1116 eine Belagerung. Bentheim, jetzt ein hannöverscher Marktflecken, damals eine sehr bedeutende Stadt und Veste Westfalens, in einer weiten Ebene umher sich hoch auf einem freistehenden Felsen erhebend, hatte, wir erfahren nicht wodurch und ob vielleicht die Verhältnisse im Reiche auch hier mitwirkten, seinen Haß sich zugezogen. Er schloß sie mit großer Heeresmacht ein und ließ nicht eher ab, als bis er sie erobert und mit Feuer und Schwert verwüstet hatte 3).

 

Die sächsischen Fürsten erkannten sehr richtig, daß in der Einigkeit ihres Bundes die Stärke lag, welche sie dem Kaiser gegenüber unüberwindlich gemacht hatte, und die sie dadurch zu befestigen wußten, daß sie innerhalb der Grenzen ihres Landes Jeden, der des

 

1) Goseker Mönch p. 115: Palatinus quoque Fridericus Agnem Hinrici Ducis de Linthurg filiam uxorem duxit. — Sub eodem tempore (aber, wie wir später sehen werden, erst Ende 1116) Palatinum Fridericum Comitemque Ludovicum fidelium suorum interventu reconciliavit, ingentique a vitrico accepta pecunia nonnullis praediis hujusque ecclesiae advocatia se Palatinus abdicavit.

2) Und dies beachtet, hätte Luden IX, S. 653, Anm. 9 nicht von den Vorfällen bei Naumburg sagen sollen: „es klärt nichts auf, es greift nicht ein.“ Stenzel I, S. 682 erzählt die Sache zu abrupt.

3) Dieses berichtet Ann. Saxo ad 1116 in seiner Weise, die verschiedensten Begebenheiten ohne Zusammenhang anführend: Dux Luiderus Binitheim urbem egregiam et firmam obsidet, captamque concremat. Vorher hat er die allgemeine Schilderung des Bürgerkrieges aus Chron. Ursp. abgeschrieben. Die Eroberung Bentheims beginnt die Reihe der einzelnen Vorfälle des Jahres 1116. Gleich danach folgt: Heinricus cum Capite de Misna — — capitur, Worte, die schwerlich den Krieg, der um Naumburg sich erhob, errathen lassen. Auch die Eroberung Bentheims ist gewiß ein so herausgerissenes Faktum aus einer Reihe von Ereignissen, die, wenn wir sie genauer kennten, gewiß in einen Zusammenhang mit dem großen Parteienkampfe in Deutschland zu setzen wären. Beide Belagerungen fallen wol in den Anfang des Jahres 1116, da im Juni Lothar und die Fürsten, welche Naumburg einnahmen, am Rhein auftraten.

 

 

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209 Unterhandlungen der Parteien.

 

Kaisers Sache wider sie vertheidigen wollte, entweder zum Beitritte zwangen oder doch von feindlichen Angriffen wider sie abhielten. Hiebei verfuhren sie, wie das Beispiel des Pfalzgrafen Friedrich lehrt, mit möglicher Schonung und ließen nur die wiederholentlich Widerspenstigen ihre Strenge fühlen. Auch der Graf Hermann von Winzenburg, früher des Kaisers eifriger Anhänger und deshalb von Kuno von Präneste und Friedrich von Köln in den Bann gethan, erscheint, seit Lothar seinen Räubereien in Thüringen gewehrt, nicht mehr als Feind der sächsischen Verbündeten und bald sogar als Kampfgenosse Lothar's am Rhein. Zwei andere dem Kaiser ergebene Männer, der gebannte Burchard von Münster und der Bischof von Verden, waren mit jenem nach Italien gezogen. Wollten die norddeutschen Fürsten, die Teilnehmer des kreuzburger Bündnisses, ihren Grundsatz: „Freiheit der Kirchen- und Fürstenrechte“, zur Basis der Reichsverfassung ausdehnen, sollte der Kaiser, wenn er aus Italien zurückkehrte, keine Willkür mehr üben dürfen, so mußten die Hohenstaufischen Brüder, die in einem ganz anderen Geiste unbedingte Unterwerfung unter den Willen des Reichsoberhauptes und zunächst unter den ihrigen, als Vertreter jenes, foderten, mit Nachdruck zurückgewiesen und entweder bekämpft, oder auf dem Wege friedlicher Unterhandlung zu anderer Ansicht gebracht werden. Eine Reichsversammlung, welche die Fürsten in ihrem, nicht in des Kaisers Namen beriefen, konnte die von den Sachsen gefoderte Reichsconstitution am leichtesten bewerkstellen. Auf jener bestanden wol schon vor dem Zusammentreffen beider Parteien am Rhein die norddeutschen Verbündeten; dem widersetzten sich aber Friedrich von Schwaben und Alle, die mit ihm hielten, und verlangten, daß des Kaisers, auch des abwesenden, Ansehen in alter Weise geehrt und seine Entscheidung allein in Reichssachen anerkannt werde 1).

 

1) So viel geht auch aus den dürftigen Nachrichten hervor, die Ann. Saxo ad 1116 über die Unterhandlungen beider Parteien angibt. Als man zu Worms eine friedliche Ausgleichung versucht (Cum mutuae partis principes ea, quae pacis sunt, tractaturi convenissent), weigern sich Friedrich und die kaiserlich gesinnten Fürsten auf die Vorschläge der sächsischen Verbündeten einzugehen, nach dem verunglückten Ausfall der Wormser müssen sie sich dazu bequemen (Postera die amici Imperatoris tristiores effecti pacem, quae pridie eis offerebatur renuentibus, ultro expetunt). Was die Sachsen zur ersten Bedingung eines Friedensvertrages gemacht, erfahren wir später (Colloquium in Franconevord unanimiter in festo S. Michaelis collaudant). Es war Das, worauf die Sachsen ohne Zweifel Tags zuvor bestanden und was die Kaiserlichen verweigert hatten. Es mußte aber zugleich auch eine alte Foderung sein, mit der sie sich begnügten. Denn was vor Worms ihrer überlegenen Macht die kleinmüthig gewordenen (tristiores effecti) Kaiserlichen zugestanden, konnte nichts Anderes oder minder Wünschenswerthes sein, als was sie längst begehrt hatten. Schon Heinrich's angesagte Versammlung zu Mainz war auf dringende Vorstellungen, Bitten und Klagen im ganzen Reiche erfolgt, nachdem er lange sich gesträubt (Chron. Ursp. ad 1115: Totius regni compulsus quaerimoniis generalem curiam Moguntiae fieri instituit). Letzteres thaten am ersten Tage der Unterredung auch Heinrich's Anhänger. Und warum dies? Waren doch Reichstage nach dem Willen der Kaiser ganz gewöhnlich. Der von den Fürsten gefoderte mußte wol außergewöhnlich sein und nicht dem Willen des Kaisers entsprechen. Was die sächsischen Fürsten mit ihrer Reichs- oder vielmehr Fürstenversammlung bezweckten, enthüllen am deutlichsten die Gegenbemühungen Friedrich's von Schwaben, um den zugestandenen Tag zu Frankfurt zu hintertreiben: ne aliquid Imperatori contrarium in hoc colloquio statueretur. Unfehlbar kannte er die Absicht, die längst von den Sachsen ausgesprochene Absicht, die keine andere war als die im Text angegebene. Die würzburger Versammlung 1121, obschon durch das Gegengewicht des Kaisers beschränkt, läßt noch deutlich erkennen, was im ganzen Umfange die Foderung der sächsischen Verbündeten gewesen war, nämlich: den weltlichen und geistlichen Fürsten eine den Kaiser beschränkende Gewalt zu gewähren.

 

 

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210 Fünfter Abschnitt.

 

Um ihren Grundsätzen eine zwingende Gültigkeit zu geben, zogen die sächsischen Fürsten um die Mitte des Jahres 1116 ihren Widersachern entgegen, doch waren sie gleich bereit zu friedlichem Verständniß wie zu Kampf und Schlacht. Ende Juni erschienen sie in den Ebenen vor Worms, während Friedrich, gleichfalls umgeben von den Anhängern der kaiserlichen Sache, in der Stadt lag. Wohl wußten beide Theile, wie viel auf dem Spiele stand, wenn sie dem Schwerte die Entscheidung des politischen Kampfes anvertrauten. Besonnen versuchten sie noch einmal den Weg der Unterhandlung und traten, die angesehensten Fürsten beider Heere, außerhalb der Stadt zu gemeinschaftlicher Berathung zusammen. Noch unterredete man, noch bestand jeder hartnäckig auf seiner Ansicht von des Reiches Wohlfahrt, und fast unwillig wiesen die kaiserlich Gesinnten die Vorstellungen der Widersacher zurück, als plötzlich die Bürger von Worms in lichten Kriegsmassen aus ihren Mauern hervorbrachen und nicht wie Frieden Berathende, sondern wie Feinde die Sachsen zu überfallen gedachten. Diese waren zwar friedfertig aber nicht unbedacht zu Werke gegangen. Tapfer wurden von ihnen die Wormser empfangen und zurückgeschlagen, viele getödtet, verwundet, gefangen und nach so harter Züchtigung kaum der Rest in der Stadt sicher geborgen. Friedrich von Schwaben und die Fürsten, die mit ihm waren, thaten Tags darauf über den arglistigen, unbesonnenen Streich der Bürger

 

 

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211 Unterhandlungen der Parteien.

 

verwundert und erzürnt, versicherten keinen Antheil an dem Ausfall genommen zu haben und zeigten sich den Ansichten der sächsischen Fürsten willfähriger als bei der Unterredung am Tage zuvor. Um das angefangene Friedenswerk, mit dem es den Sachsen ernstlicher war als den Schwaben und rheinischen Fürsten, nicht durch ein Mistrauen ihrerseits rückgängig zu machen, wurde von jenen das Wort dieser geglaubt 1), aber die alte Foderung gestellt, der die Freunde des Kaisers, geschwächt und kleinlauter gemacht durch die Niederlage der Wormser, sich jetzt fügen mußten. Es ward ein allgemeiner Fürstentag auf Michaelis zu Frankfurt bestimmt, zu dem auch die in Worms nicht gegenwärtigen Reichsstände eingeladen werden sollten. So schieden, wenn auch keineswegs ausgesöhnt und einverstanden, doch ohne ihre Streitkräfte noch anders als zur Abwehr und Hut gebrauchend, beide Theile voneinander. Nur über die Freilassung der Grafen Wiprecht, Ludwig und Burchard gegen Auslieferung Heinrich's mit dem Haupte scheint man zu Worms schon einverstanden gewesen, wozu der Wunsch des Kaisers, seinen tapferen Dienstmann zu befreien und der der Sachsen, ihre Landsleute, Verwandte und Kampfgenossen schmachvoller Haft zu entziehen, sowie den Söhnen der beiden ersten als Lohn ihrer Heldenthaten die Väter wiederzugeben, auf beiden Seiten mitwirkte. Am 29. Sept., dem Tage der festgesetzten Fürstenversammlung, ward Ludwig aus seinem Gefängnisse, in dem er zwei Jahre und neun Monate gesessen, entlassen 2), wahrscheinlich um dieselbe Zeit auch seine beiden Leidensgefährten,

 

1) Sehr unparteiisch ist der Bericht Ann. Saxo's: Urbani inconsultis Ducibus temere erumpunt. Denn es ist doch zu verwundern, daß die Fürsten, die in Worms mit ansehnlichem Gefolge standen, (In urbe vero Fridericus Dux Suevorum consobrinus Imperatoris Godefridus Comes Palatinus, pluresque ex amicis Imperatoris proceres cum turba non parva consistunt nichts von dem Vorhaben der Bürger wissen sollten, und wußten sie darum, so ist ihre Arglist um nichts geringer als die Erzbischof Adalbert's gegen Friedrich, die doch Otto von Freisingen so grell darstellt, während er weislich von den Vorfällen bei Worms schweigt. Es darf durchaus nicht übersehen werden, daß jederzeit die norddeutschen Fürsten zur Beilegung des verderblichen Streites sich bereitwillig zeigen, ohne daß sie etwa den Kampf zu scheuen brauchten.

2) Chron. Samp. ad 1116: Ludewigus Comes III. Kal. Octobris absolutus est a vinculis Regis, quibus jam duos annos et novem menses innexus erat. Auch Ann. Saxo hat: Wigbertus et Ludovicus Comites dimissi sunt. Burchard's erwähnen Vita Vip. und der Pegauer Mönch, ohne Auskunft über seine Schuld. Ihn gegen Heinrich mit dem Haupte einzulösen, war natürlich, da dieser an jenes Stelle Comes de Misna geworden, außerdem aber gewiß noch bedeutendere Würden besaß und darum gegen drei Fürsten ausgewechselt wurde.

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212 Fünfter Abschnitt.

 

von denen Wiprecht noch länger als jener gefangen gewesen; von Burchard ist die Veranlassung wie die Dauer seiner Verhaftung unbekannt.

 

Außer der Loslassung Ludwig's von Thüringen hielten die Fürsten von kaiserlicher Seite in Nichts den wormser Vertrag 1). Während die sächsischen Fürsten und viele Geistliche sich zur festgesetzten Zeit in Frankfurt einfanden, wenn auch aus gegründeter Vorsicht, wie sie zu Worms belehrt worden, mit zahlreicher Heeresmacht, blieben alle Süddeutschen aus. Jetzt zeigte sich, daß nur die Verlegenheit, in welche der unbedachte Ausfall der Wormser den Herzog Friedrich gebracht, ihm eine Zusage abgenöthigt hatte, die seiner Denkungsweise ganz entgegen war. Man darf daher nicht annehmen, daß die Sachsen oder Adalbert von Mainz, der natürlich in Frankfurt nicht fehlte, ihre frühere Anfoderung gesteigert und dadurch den Freunden des Kaisers eine gegründete Ursache zum Ausbleiben gegeben haben. Für die Mäßigung jener spricht ihr ferneres Verfahren. Obgleich die angesehensten Fürsten von Norddeutschland, von Geistlichen die Erzbischöfe von Mainz, Köln, Magdeburg, die Bischöfe von Utrecht, Halberstadt, Paderborn, der Abt von Korvey, von Weltlichen Herzog Lothar, Pfalzgraf Friedrich von Sommerschenburg, Markgraf Rudolf, Graf Hermann von Winzenburg 2) beisammen waren, wurde dennoch zu Frankfurt weder ein eigenmächtiger Beschluß gefaßt, noch ein gemeinschaftlicher Heereszug gegen des Kaisers Anhänger unternommen. Nachdem man dieser Ankunft noch einige Tage entgegengesehen, zogen die meisten Anwesenden wieder heim 3). Nur der unversöhnliche Feind Heinrich's, Adalbert, wollte in Kirchensachen nicht länger die Verordnungen der

 

1) Da der Tag von Ludwig's Befreiung mit dem des frankfurter Fürstentages zusammenfällt, möchte man vermuthen, Herzog Friedrich habe Ludwig nach Frankfurt gesendet, sei es, um doch nicht eine ganz feindliche Gesinnung zu zeigen, oder weil daselbst die Auswechselung gegen Heinrich mit dem Haupte erfolgen sollte.

2) Der Comes Hermannus bei Ann. Saxo ist doch wol kein anderer als Hermann von Winzenburg, der auch zum Jahre 1115, wo von seinen Räubereien, von Falkenstein und Walhausen aus, die Rede ist, ebenso nur bezeichnet wird.

3) Ann. Saxo a. a. O.: Cum praedicti Principes ibi aliquot dies manendo consumpsissent, Adelgotus Magedaburgensis Archiepiscopus, Palatinus Comes Fridericus, Marchio Rodolfus revertuntur, Mogontinus vero et Coloniensis, Trajectensis, Halberstadensis et Paderbrunensis Episcopi, Abbas Corbejensis, Dux Luiderus Comes, Herimannus Rhenum transeunt.

 

 

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213 Synode zu Mainz.

 

Vienner und der Lateran-Synoden unausgeführt lassen und das Investiturrecht des Kaisers anerkennen. Nach Mainz berief er deshalb eine Synode, zu welcher Erzbischof Friedrich von Köln, die Bischöfe von Utrecht, Halberstadt und Paderborn, und der Abt von Korvey sich sogleich von Frankfurt hinbegaben, und wo man durch Ordination eines neuen Bischofs von Verden, während der früher erwählte beim Kaiser in Italien war 1), einen Akt ausübte, der dem bisherigen Verfahren im Reiche ganz zuwiderlief und deshalb des Kaisers höchsten Unwillen erregte. Ueber die nähere Veranlassung sind wir zu wenig unterrichtet, um das Verfahren der in Mainz versammelten Geistlichen ganz verdammen oder rechtfertigen zu können. Sehr schlau scheint Adalbert bei dieser Gelegenheit den Erzbischof Friedrich, der als Metropolitan die Weihung vollzog, in seinen Plan verflochten zu haben, der Kaiser verkannte aber den wahren Urheber nicht und legte das Vergehen dem Erzbischofe von Mainz zur Last 2). Das kaum beschworene Kriegsgewitter zog wieder drohender als vorher am politischen Horizonte Deutschlands herauf, und das Reichsschisma schien nun vollends Nord und Süd trennen zu wollen. Baiern hatte bis dahin keinen lebhaften Antheil an dem Kampfe genommen und erfreute sich unter der Regierung Welf's eines glücklicheren Zustandes als die Gegenden am Rhein, Sachsen, Thüringen und Franken. An Parteiungen für oder gegen den Kaiser fehlte es freilich auch hier nicht, weder unter den weltlichen und geistlichen Fürsten noch in den Städten. Allein der Landesherzog suchte Ordnung und Friede zu erhalten, wußte die Großen nach seinem Beispiele in ihren Handlungen, sei es nach Außen oder im Innern zu bestimmen, und benahm so der Parteiwuth den freien Spielraum 3).

 

1) Desselben erwähnt die Urkunde bei Hontheim, Gest, Trevir. dipl. I, p. 501.

2) Das Vorgefallene erfahren wir nur aus der unzureichenden Nachricht Ann. Saxo's ad 1116: Ordinatur Mogontiae in Monasterio S. Albani Consilio Episcoporum, qui aderant, ab Archiepiscopo Coloniensi Friderico Thietmarus Verdensis Episcopus, quo facto Episcopus Paderbrunensis remeat (der dazu, wie es scheint, nur nach Mainz mit gezogen war). Des Kaisers Tadel über dieses Verfahren in Guden, Cod. diplom. p. 47: Invasorem Virdunensis Ecclesiae contra jus et fas consecrari fecit.

3) Hist. de Guelfis Leibn. I, p. 785: Vir moderatissmus, qui magis liberalitate et facilitate quam crudelitate omnia sibi resistentia subjecit. Domum suam ordinatissime disposuit. Unde et nobilissimi quique et utriusque provinciae filios suos ejus magisterio educandos certatim commendaverunt. Bei den Vorfällen in Rom 1111 zwischen Kaiser und Papst mediatorem se ad compositionem faciendam interposuit. Vergl. Arenpekhii Chron. Boj. apud Petz Tom. III, pars III, p. 193.

 

 

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214 Fünfter Abschnitt.

 

Welf selbst hatte zwar, wie wir gesehen, des Kaisers in bedrängter Lage sich angenommen, allein was er für ihn gethan, beschränkte sich auf Friedensvermittelung und Versöhnung mit der Kirche wie mit den Reichsgliedern. Thätiger und entschiedener für den Kaiser scheint sich Welf's Bruder, Heinrich, bewiesen zu haben und war damals mit Jenem nach Italien gezogen 1). Ihn fesselte schon ein Familienband an die Hohenstaufischen Brüder, von denen der ältere Heinrich's Schwiegersohn war. Da aber Welf während seines Bruders Entfernung auch dessen Herzogthum Kärnthen neben dem eigenen verwaltete oder doch eine Art Vormundschaft über Heinrich's gleichnamigen Sohn übte, so hätte sein Beitritt zu der einen oder der andern der nach des Kaisers Abzug eigener Willkür sich überlassenden Parteien einen bedeutenden Ausschlag gegeben. Allein darum eben entschied er sich energisch für keine und hielt vom Kampfe sich und seine Baiern ganz entfernt. Denn dem Kaiser und den seine eigene Macht bedrohenden Hohenstaufen ein völliges Uebergewicht zu geben, war seinem Interesse nachtheilig, und gegen Heinrich und dessen Freunde auftreten, hieß Krieg und Fehde, die er sorgsam vermieden und unterdrückt, in seine Landen, von denen namentlich die Stammbesitzungen in Schwaben gefährdet worden wären, rufen. Die beste Politik für ihn war also in der Mitte beider Parteien so zu stehen, daß jede Scheu vor ihm zu tragen und doch kein feindliches Entgegentreten zu fürchten hatte. Als nun aber zu Frankfurt die Fürsten des Reiches sich constituiren und, was Letzteren heilsam wäre, ohne den Kaiser berathen wollten, mußte dies Welf in große Verlegenheit bringen. Entschied er sich für die Ansichten der kaiserlichen Partei, so übernahm er auch die Verpflichtung, sie wider die norddeutschen Fürsten, falls diese ihre Grundsätze nicht aufgaben, mit dem Schwerte zu verfechten, und mit Männern wie Lothar und Adalbert einen heftigen Kampf, einen Kampf um die politischen und kirchlichen Interessen des Reiches, zu bestehen. Trat er den Neuerungen bei, die letztere beiden Männer auszuführen gedachten, so konnten die Verfechter des Kaisers, die bei Worms sichtbar aus Schwäche nachgegeben hatten, kaum die Sache Dessen, den sie vertreten

 

1) Scheid, Orig. Guelf, Tom. II, p. 474, beweist aus einer Urkunde vom 11. März 1116, daß Herzog Heinrich beim Kaiser in Italien war.

 

 

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215 Herzog Welf von Baiern.

 

sollten, aufrecht erhalten; dann stand zu erwarten, daß der Kaiser aus Italien schnell zurückkehre und seinen Zorn gegen Den auslasse, der den Ausschlag in der Streitfrage der Fürsten gegeben. Zugleich brachte er entweder sich zu seinem eigenen Bruder und dereinstigen Erben aller Welfischen Lehen und Allodien, oder diesen zu dem Kaiserhause und zu dem Schwiegersohne, Friedrich von Schwaben, in eine feindliche Stellung. Als Vermittler hätte er zwar noch zwischen die beiden Parteien treten können und beider Ansichten auszugleichen versuchen; allein was ihm mislungen, als der Kaiser noch in Deutschland war, als es sich nur um Verzeihung auf der einen, um Aufgeben des Trotzes auf der andern Seite handelte, durfte er nicht hoffen bei der jetzt viel schrofferen Scheidung politischer und kirchlicher Grundsatze auszuführen. Seinen stolzen Charakter mußte das einmalige Misglücken seiner Vermittelung für immer von ähnlichen Versuchen zurückhalten. Was war nun in so kritischer Lage zu thun? Herzog Friedrich zeigte ihm einen Ausweg, der beiden unter den damaligen Umständen willkommen sein mußte. Er rieth Welf und allen bairischen Fürsten und Prälaten der Ladung zum frankfurter Fürstentage keine Folge zu leisten, um nicht der Ehre und dem Ansehen des abwesenden Reichsoberhauptes zu nahe zu treten 1).

 

Der Nichtbeitritt Baierns mußte allerdings die norddeutschen Fürsten bedenklich machen, weil dadurch, auch wenn die Welfen den Hohenstaufischen Brüdern keinen Beistand im Kampfe leisteten, diese ein moralisches Uebergewicht in ganz Süddeutschland erhielten und bis zur Rückkehr des Kaisers und ohne diesen jeder Veränderung in der Reichsverfassung ein Riegel vorgeschoben war. So mußte denn das Schwert ihren politischen Grundsätzen Bahn brechen und durch Schritte, welche den Kircheneiferern gestattet wurden, von dieser Seite her dem Kaiser ein Zwang auferlegt werden, der seiner Macht Eintrag that und ihn nöthigte, den weltlichen Fürsten insgesammt für ihren Beistand gegen die Willkür der hohen Geistlichkeit Rechte einzuräumen. Wie die kaiserliche Partei aus dem Verfahren der Baiern

 

1) Ohne dem Berichte Ann. Saxo's eine fremdartige Erklärung unterzuschieben, möchte die im Texte gegebene Darstellung den innern Verhältnissen, die ich dabei vornehmlich berücksichtigt habe, entsprechen. Man wird mir also nicht vorwerfen dürfen, aus einer kurzen Angabe ein selbstgeschaffenes, haltloses Resultat gezogen zu haben. Daß mit diesem jene nicht in Widerspruch stehe, mögen die Worte selbst zeigen: Praedicti quidem Principes (die antikaiserlichen) ad colloquium condictum vadunt, principes vero Bavariae machinatione Friderici Ducis Sueviae detenti non veniunt, quia, ne aliquid Imperatori contrarium in hoc colloquio statueretur, omnimodo satagebant.

 

 

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216 Fünfter Abschnitt.

 

Vortheile zog, mußte die sächsische, die keineswegs das gleiche Ziel wie die deutschen Erzbischöfe im Auge hatte, letztere soweit in ihren hierarchischen Bestrebungen fortschreiten lassen, als es jener Absichten zur Erreichung größerer Fürstenrechte förderlich sein konnte. In dieser Rücksicht möchte die Theilnahme an der Weihe des Bischofs Dietmar von Verden sich als eine Maßregel der Politik von Seiten der sächsischen Verbündeten erklären lassen, die einen Vortheil in dem Verfahren Adalbert's von Mainz und Friedrich's von Köln suchten, den diese keineswegs bezweckt hatten, und der den Nachtheil aufwiegen sollte, welcher durch die bairischen Fürsten der antikaiserlichen Sache erwachsen war. Auf den Anschluß der meisten deutschen Geistlichen konnte man dabei rechnen, weil hier nur der Ausspruch des Papstes und der Concilien, die seit Gregor VII. gehalten waren, befolgt schien. Gewährte eine weltliche Macht, wie die der sächsischen Fürsten, ihre Zustimmung und kräftige Unterstützung, so mußte der Gegendruck wider Die, welche die Rechte des Kaisers vertheidigten oder doch nicht zu sehr geschmälert wissen wollten, an Kraft gewinnen. Hierauf kam es zunächst Lothar und seinen weltlichen Verbündeten an. Wenn Erzbischof Adalbert sich in seinem ehrgeizigen Streben gefördert glaubte, daß er dem Kaiser die Investitur vorenthielt, so hing es bei der endlichen Ausgleichung des Streites noch immer von der Entscheidung der weltlichen Fürsten ab, ob sie Das zur allgemeinen Norm erheben wollten, was einstweilen ihre Absicht förderte. Nur ihnen blieb auch ferner eine vortheilhafte Ausgleichung mit dem Kaiser, wie mit dessen Anhängern gestattet, während das Verfahren der beiden Erzbischöfe ohne Vermittelung der Fürsten eine Versöhnung jener mit Heinrich unmöglich machte. Wie irren also diejenigen neuern Geschichtschreiber, welche Lothar zu einem blinden Werkzeuge Adalbert's machen, da die beiderseitigen Verhältnisse gerade das Umgekehrte herausstellen, und die endliche Entscheidung des Parteikampfes nicht Adalbert's Streben, sondern dem Lothar's viel mehr entsprach! Damals zogen Letzterer und Graf Hermann von Winzenburg mit den obengenannten Bischöfen nach dem Rhein, nahmen entweder in Person an der Mainzer Synode Theil oder schützten sie mindestens vor gewaltsamer Hintertreibung von Seiten der kaiserlichen Anhänger. Dafür unterstützte Adalbert und wahrscheinlich die Theilnehmer der Synode insgesammt den Sachsenherzog in dem Waffenkampfe, von dem dieser auch durch die vorgerückte Jahreszeit sich nicht abhalten ließ 1).

 

1) Ann. Saxo ad 1116 sagt zwar nur von den Bischöfen, Herzog Lothar und Graf Hermann: Rhenum transeunt und berichtet dann die Erhebung Dietmar's von Verden in Consilio Episcoporum, qui aderant. Aus Otto Fris., De gest. Friderici I. lib. I, cap. 14: Dum praedictus Albertus episcopus cum Lothario Saxonum Duce aliisque principibus — castrum Limpurg — obsidione clausisset, geht der gemeinschaftliche Zug gegen Friedrich von Schwaben hervor. So wird denn wol das im Texte Gesagte kaum zu bezweifeln sein. Zog Lothar mit Adalbert und den Bischöfen nach dem Rhein und dann Adalbert mit Lothar und andern Fürsten gegen Limburg, so wird der dazwischenliegenden Begebenheit, der Synode von Mainz, der Herzog nicht fremd geblieben sein. Unter die alii principes auch die geistlichen Fürsten zu rechnen, welche zu Mainz versammelt waren, liegt gleichfalls sehr nahe. Unserer Behauptung genügt, den Herzog und den Erzbischof Adalbert als gemeinschaftlich Handelnde nachzuweisen. Die Zeit läßt sich nur nach dem angesetzten Hoftage in Frankfurt bestimmen. Vor Mitte October kann der Zug gegen Limburg nicht gesetzt werden.

 

 

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217 Lothar und Adalbert wider die Reichsstädte.

 

Wie Friedrich von Schwaben erkannte auch Lothar die Hauptstärke der kaiserlichen Macht in Städten und Burgen am Oberrhein. Dem Verfahren Jenes mußte durch ein gleiches begegnet werden. Die Sachsen wußten aus den Tagen Heinrich's IV., daß die gefährlichen, so oft wiederholten Einfälle in ihr Land diesem nur möglich gewesen waren, weil die unermüdliche Hülfeleistung und uneigennützige Hingebung der rheinischen Städte nach jeder Niederlage ihn immer wieder in den Stand setzte, ein neues Heer aufzubringen; und auch Heinrich V. hatte in den frühern Jahren seiner Uebermacht ungehindert bis tief in Sachsen und Thüringen vordringen können. Dem auf immer vorzubeugen, mußte dort die Kraft des Thrones gelähmt werden. Wenn auch die dem Kaiser noch immer ganz ergebenen Städte Worms und Speier nicht gewonnen oder mit Gewalt gezwungen werden konnten, so wollten Lothar und Adalbert durch Eroberung und Besetzung einiger jenen nahe gelegenen Vesten wenigstens verhüten, daß die Reichsstädter nicht mit großer Mannschaft wider Mainz oder nach Sachsen den Fürsten der kaiserlichen Partei Heeresfolge leisteten, und sich stets bewacht und bedroht wissen sollten. Das sächsisch-mainzische Heer nahm einige jener Vesten mit leichter Mühe weg 1) und drang am linken Rheinufer bis in die

 

1) Latomi Catal. Archiep. Mogunt., Menck. III, p. 494 führt nach Aufhebung der Belagerung von Mainz an, was wol besser in das Ende des Jahres 1116 zu setzen ist: Obsidione soluta Adelbertus conjunctus Lothario Saxoniae Duci, a quo Henricus Ducatum auferre et Comiti Mansfeldensi tradere voluit (man sieht, wie die Zeiten verwechselt sind), aliquot arces Imperatoris oppugnat, et quantum occasio permittit, talionem rependit. Otto Fris. läßt beide magna et valida manu vor Lindburg ziehen, während Ann. Saxo von parva manus spricht. Gewiß war das vereinte mainzisch-sächs. Heer bedeutend, aber nicht die Gesammtmacht lag vor Lindburg, sondern Abtheilungen lagen in und vor andern Burgen, und concentrirten sich erst, als Friedrich cum immensa manu heranzog.

 

 

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218 Fünfter Abschnitt.

 

Nähe von Speier vor, da hemmte das starkbefestigte und tapfer vertheidigte Limburg oder Lindburg in der Grafschaft Leiningen seinen Siegeslauf. Dort nämlich befand sich eine Abtei, die von Kaiser Konrad II., wenn auch nicht gegründet, doch zu dem Ansehen, das sie seitdem genoß, durch reiche Schenkungen erhoben war; auch die späteren fränkischen Herrscher ehrten den Ort 1). Ihn gegen den herannahenden Feind zu vertheidigen, hatte Friedrich eine starke Besatzung hineingelegt, und um selbst eine Annäherung oder doch eine längere Belagerung, zumal in jetziger Jahreszeit, zu verhüten, ringsherum die Gegend verheeren und alle Vorräthe wegbringen lassen 2). Diese gewaltsame Maßregel wurde dadurch gerechtfertigt, daß erstens die Mönche des Klosters gleich andern Geistlichen sich abgeneigt gegen ihn gezeigt und nicht ohne Grund sein Mistrauen erregt hatten, daß ferner die Veste Limburg den Eingang in den Elsaß verwahrte, wodurch sie für des Herzogs eigene Lande eine Wichtigkeit erhielt, und daß endlich Friedrich hier seine Gegner, wenn sie durch Sturmlaufen gegen die Mauern, durch Mangel an Lebensmitteln geschwächt wären, zu vernichten hoffte. Kannte Lothar die Gefahren nicht, oder überwog die Wichtigkeit des Ortes oder die Auffoderung der Mönche jede Bedenklichkeit; genug er wagte die Belagerung, schloß sie enge ein, versorgte sein Heer durch Herbeischaffung der Lebensmittel aus einiger Ferne oder durch mitgebrachte Vorräthe, und hoffte, ehe er durch Sturm seine Macht schwächte, die Einnahme durch

 

1) S. Schaten, Annal. Paderborn. I, p. 498, wo das auf Lindburg Bezügliche gesammelt.

2) Otto Fris. a. a. O.: Fertur praetaxatos oppidanos, dum fame laborarent, quid facto opus esset, consilium iniisse. Dumque alii et alii sic et sic consulerent, Ulricum quendam de Horningen, natione Allemanum, vi mentis corporisque proceritate insignem, dixisse: melius fore, ut pingues monachi ederentur, quam castrum propter ciborum inopiam hostibus traderetur. (Letzteres mußte also wol von Einigen gerathen oder von den Belagerern gefodert worden sein. Es heißt vorher schon: castrum pene ad deditionem coegisset). Quo dicto cognito monachi perculsi cibaria, quae reposita habebant, publicaverunt, cunctosque ibidem manentes milites usque ad liberationen castri in his, quibus poterant, alimentis paverunt. Der Haß der Mönche gegen die Kaiserlichen, und die Furcht vor ihnen wie vor dem Zorne des Herzogs Friedrich, dessen Rüstungen im Elsaß gewiß auch nach Lindburg berichtet wurden, sind nicht zu verkennen, ein Einverständniß der Geistlichkeit in der Veste mit Adalbert und Lothar fast zu vermuthen.

 

 

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219 Lothar und Adalbert wider die Reichsstädte.

 

Aushungern zu bewirken. Wirklich stieg die Noth der Besatzung von Tag zu Tage, von Woche zu Woche immer höher. Die Mönche drinnen, die Belagerer draußen mahnten zur Uebergabe, vergebens, die treuen Schwaben wußten, welchen Dienst sie ihrem Herrn leisteten. Schon war in der dritten Woche Hungertod oder Uebergabe ihre einzige Wahl, schon riethen einige Ritter zu letzterer, als einer, unter ihnen, Ulrich von Hornungen durch List und Muth die Genossen rettete. Er mochte ausspionirt haben, daß die Noth der Mönche der ihrigen nicht gleiche, daß ihre Klagen und Bitten um Uebergabe eine Verrätherei verbargen. Ulrich drohte die fetten Mönche zu schlachten, wenn sie nicht ihre Kammern, Scheuern und Keller öffneten. Dieses Wort wirkte. Die erschreckten Geistlichen gaben die verborgenen Vorräthe heraus, und nun konnte die Besatzung sich halten, bis der Herzog Friedrich heranrückte. In der vierten Woche der Belagerung erschien dieser mit einem sehr großen Heere, das ein Aufgebot durch den ganzen Elsaß so zahlreich und schnell zusammengebracht hatte 1). Seine Absicht jedoch, die Häupter der Gegenpartei zu vernichten und dadurch der Sache des Kaisers einen völlig entscheidenden Sieg zu verschaffen, gelang ihm keineswegs. Zwar gaben die an Zahl schwächeren 2) Verbündeten die Belagerung auf 3), zogen sich aber in bester Ordnung zurück, stets dem Feinde das Schwert zur Vertheidigung zeigend, doch nicht sich vorwärts wendend, wenn jener scheinbar sich zurückzog, oder die festgeschlossenen Reihen verlassend, wenn er wiederum nahe kam und Unterhandlungen anknüpfen wollte 4); so erreichten sie ohne einigen Verlust Mainz, und die festen

 

1) Otto Fris. gibt nur die Eile an: Militem colligens supervenit. Ausführlicher Ann. Saxo ad 1116: Contra quos Fridericus Dux Sueviae, omnibus Alsatiae populis excitis, immensa manu pugnaturus vadit, cumque hostes plures adfore cernerent, hi, qui Lintburg per tres jam hebdomadas vallabant etc.

2) Der Widerspruch, welchen Stenzel I, S. 683 dem Ann. Saxo vorwirft, schwindet, sobald man nur (s. die vorhergehende Note) hostes numero plures für den Accusativ nimmt.

3) Mehr weiß auch Otto v. Freisingen nicht zum Ruhme seines Helden zu sagen: Praedictos principes obsidionem solvere fecit. Freilich verschweigt er die Uebermacht des elsaßischen Heeres und nennt das feindliche magna et valida manus. Ann. Saxo berichtet uns anders und hier gewiß zuverlässiger.

4) Ann. Saxo: Versis armis discedunt et Rhenum transeunt, quibus haec sola gloria fuit, quod nullo suorum laeso vel amisso revertuntur, maxime cum eis ita hostes imminerent nunc fugiendo nunc subsequendo, ut etam colloquerentur. Daß dies Alles nur um den Feind zu verlocken geschah, liegt am Tage. Bei Eröffnung von Unterhandlungen würden diesmal die Kaiserlichen ihre Ansichten geltend gemacht haben, wie zu Worms die Sachsen.

 

 

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220 Fünfter Abschnitt.

 

Mauern dieser Stadt nöthigten Friedrich zum zweiten Male in diesem Jahre von Adalbert und dessen Verbündeten abzulassenden 1), den Kampf für dieses Jahr einzustellen und in die Heimat zurückzukehren, was auch die Sachsen thaten.

 

Friedrich hatte geleistet, was sich mit der ihm zu Gebote stehenden Macht, durch Muth, Tapferkeit, alle ritterlichen Tugenden — denen wir immerhin auch etwas Arglist, wie bei Worms, etwas Wortbrüchigkeit, wie bei Nichterscheinen zum Fürstentage in Frankfurt, nachsehen müssen — erringen ließ. In Bezug auf seine letzte Waffenthat wollen wir seinem Lobredner Otto von Freisingen beipflichten, daß sie das sinkende Ansehen des Reichsoberhauptes, so weit Friedrich dies vermochte, in etwas gehoben habe, daß die Herrschaft am Oberrhein dem Kaiser erhalten worden, und daß am Schlusse des Jahres 1116 der Kampf der Parteien noch keineswegs zum Nachtheil der Kaiserlichen ausgefallen sei. Heilsam für das Reich konnten aber diese Resultate nur werden, wenn ihnen der Friede, eine Verständigung der Reichsfürsten unter sich und mit dem Kaiser, eine Ausgleichung der geistlichen und weltlichen Rechte gefolgt wären 2).

 

1) Wie es unwahrscheinlich ist, daß damals die Mainzer ihren Erzbischof vertrieben haben, ohne sich mit Friedrich zu verbinden, sowenig begreift man, daß erst, als Adalbert bereits zurückgekehrt, vom Herzog 1117 die Stadt umlagert worden. Warum hätte auch Otto v. Freisingen, der ein trefflicher Darsteller ist, letztere Begebenheit, wenn sie wirklich die spätere gewesen, den Vorfällen bei Limburg vorausgeschickt? Ein Anderes ist es mit Ann. Saxo, der bald aus diesem, bald aus jenem Chronisten compilirt und oft seltsam Sachen und Sätze, die er bei zweien fand, miteinander verbindet. So hat er ad 1117 des Chron. Ursp. Nachricht von der Ermordung Emicho's, die hier offenbar nachträglich berichtet wird, mit einem Kampf der Mainzer und Herzogs Friedrich, den wir später berichten werden, verbunden. Aus seiner Angabe ad 1116 erhellt nicht im mindesten, daß der Aufstand der Mainzer der Belagerung von Limburg gefolgt, weil er diese früher, jene später berichtet; und die Angabe von Emicho's Tode ad 1117 gestattet nicht, gegen die Reihenfolge bei Otto v. Freisingen, die Belagerung von Mainz durch Herzog Friedrich in dieses Jahr (1117) zu setzen. Mir scheint, ich wiederhole es abermals, die Anordnung und Zeitfolge beider Vorfälle bei Luden der bei Stenzel vorzuziehen. Der von Letzterm citirte Brief des Kaisers paßt für einen spätern Zeitpunkt, wo ihn auch Stenzel, in sonderbarem Widerspruche mit sich selbst, zwar nicht citirt, aber dem Inhalte nach anführt.

2) Viel zu hoch schlägt Otto v. Freisingen das Resultat von Friedrich's Kriegsthaten an. De gest. Frid. I. lib. I, cap. 14: Praetaxatus Dux, ut breviter dicam, per omnia patrem induens tam fidus principi miles, tam utilis avunculo amicus exstitit, ut sua virtute honorem regni labefactatum, viriliter contra hostes, tam diu decertando sustentaret, donec membra a capite dissidentia ad gratiam Principis veniendo ad cor redirent. Anders lief die Entscheidung des Streites ab, und Anderes als Friedrich's Tapferkeit und Verdienste führte die Einigung von Haupt und Gliedern herbei.

 

 

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221 Wechselwirkung der Ereignisse in Italien u. Deutschl.

 

In einem sonderbaren Widerspruche erscheinen zu Ende des Jahres 1116 die Verhältnisse in Italien und Deutschland. Während dort Heinrich V. mit seiner Politik den Sturm, der seit den Tagen Gregor's VII. von Rom aus sich erhoben hatte, zu beschwören sucht, weil er sich zu schwach fühlt, ihn zu bewältigen, unterhalten seine Stellvertreter in Deutschland einen Kampf, der seinem Vortheil keineswegs entspricht. Sobald die hier sich bekämpfenden Fürsten mit dem Kaiser vereint, und besser in Deutschland als in Italien gegen die Kirche ihre Waffen kehrten, mußte die Hierarchie ihre Anmaßung schwinden lassen, und nur eine weltliche Gewalt beherrschte das römisch-deutsche Kaiserreich, ja die Reiche in der ganzen Welt. So aber behalten die Kircheneiferer freies Spiel; sie lassen in Italien den Kaiser nicht zum Ziele gelangen und schüren das Feuer der Parteiwuth in Deutschland. Gleichwol gelangen auch sie nicht zum Ziele. Dort weigert sich ein schwankender unentschlossener Papst ihren letzten Anfoderungen zu entsprechen, hier verfolgen die norddeutschen Fürsten, ihre dermaligen Verbündeten, eine politische Idee, die ihrer Herrschsucht ebenso fremd bleibt als der Willkür des Kaisers. — Weder Schwäche noch Leidenschaft vermochten die seltsam verschlungenen Verhältnisse zu lösen, nur Festigkeit und Besonnenheit sie zu einem friedlichen und heilbringenden Ende zu führen. Von solchem war Deutschland wie Italien damals weit entfernt, und erst, nachdem die Leidenschaften ausgetobt und alle Theile ihre einseitige Foderung für unerreichbar erkannt, sollten auf deutschem Boden Besonnenheit und allseitiges Verlangen nach Frieden eine Ausgleichung der streitenden Interessen herbeiführen, die wenigstens den Zeitbedürfnissen entsprach. Die Wechselwirkung der Ereignisse in Italien auf die in Deutschland und des deutschen Kampfes der Fürsten auf das Schisma zwischen Kaiser und Papst, das jenseit der Alpen die Gemüther bewegte und Parteiungen hervorrief, konnte nicht ausbleiben. Nöthigte der Zwiespalt in Deutschland den Kaiser nicht blos gegen Rom äußerst gelinde aufzutreten, sondern auch den Fürsten und Städten

 

 

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222 Fünfter Abschnitt.

 

seiner thuscischen Erbschaft mehr einzuräumen, als sein Wunsch, ja seine kaiserliche Ehre es verlangten, so erkannten wir schon vorhin in der Erhebung des Bischofs Dietmar von Verden, ohne Heinrichs Genehmigung, ohne kaiserliche Investitur, die Wirkung der Lateransynode, wo der Papst und alle Geistliche darin einverstanden waren, daß keine Belehnung mit Ring und Stab durch Laienhand geschehen dürfe. Verderblicher als jene abnorme Thatsache, welche die eine Partei unterstützte, die andere nicht wehren konnte, wurde der auf jener Lateransynode, wenn auch wider den Willen Paschalis', über den Kaiser ausgesprochene Bann. Das wirkte auf die öffentliche Stimmung wie auf die Meinungen Einzelner und brachte Zwiespalt in Provinzen, Städte, Familien. Selbst die Geistlichkeit billigte nicht durchweg das Verfahren der Kircheneiferer, wenngleich die ersten Prälaten des Reiches, Bruno von Trier ausgenommen, wider den Kaiser waren 1). In ganz Sachsen herrschte allein die strengere Kirchenpartei, da der einzige bedeutende Anhänger des Kaisers, Burchard von Münster, seiner Diöcese den Rücken gewandt hatte und bald in weiter Entfernung am Hofe zu Konstantinopel Heinrich's politische Zwecke ausführen sollte. Unter den niederen Geistlichen mochte es freilich manchen geben, der das Verfahren Adalbert's von Mainz, Friedrich's von Köln und ihrer Genossen misbilligte, nur laut durfte keiner ungestraft solches aussprechen 2). Schlimmer als in Sachsen war die Stellung der Geistlichen in den Provinzen kaiserlich gesinnter Landesfürsten. Wie dort weltliche Große wegen Abweichung ihrer politischen Ansichten, litten hier geistliche um abweichender kirchlicher Ueberzeugung mancherlei Verfolgung. Bürger und Klerus übten an vielen Orten, wie z. B. in Augsburg 3), Arglist und Gewalt

 

1) Auch Erzbischof Friedrich von Bremen scheint eben nicht thätig gegen den Kaiser, aber auch überhaupt ein beschränkter, wenig energischer Mann gewesen zu sein.

2) Der Abt Burchard von Erfurt hatte sich Adalbert's Zorn zugezogen, weil er einmal (im Jahr 1113) den Kaiser in seinem Kloster beherberget und bewirthet hatte. S. Falkenstein's Thüring. Chron. S. 1029, Chron. Sampetr. ad 1116: Burchardus Erphesfordensis Abbas privatus est abbatia ab Adelberto Episcopo Mogontino, cui Rupertus subrogatur. Wie Adalbert in Erfurt verfuhr, davon nur ein Beispiel des Erphurd. Variloquus ad 1112: Spoliavit monasterum S. Petri (in) Erfurt et omnibus temporibus privavit dicens: Inconveniens fore Abbatem superabundare Archiepiscopo.

3) Gassari Annal. Augstburg., Menck I, p. 1414: Augstburgi ob perfidia ea perjuria diu multumque cives inter et clerum non secus atque in omni ferme Germania, Alberto Mogontino Archiepiscopo et Lothario Duce Saxoniae Caesari nostro reconciliato Duce pontificas partes contra Imperatorem asserentibus tumultuatum est.

 

 

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223 Wechselwirkung der Ereignisse in Italien u. Deutschl.

 

gegeneinander, und in den dem Kaiser ergebenen Reichsstädten mußte die Geistlichkeit oft Unbilden und Kränkungen ertragen, selbst wenn sie nichts Feindliches gegen den Kaiser unternahm. So klagte das Kapitel von Speier in einem Schreiben an den Kaiser, das in den Tagen der Kriegsscenen am Rhein an ihn gesendet zu sein scheint, bitter über erlittene Beleidigungen und Verfolgungen, und bat Heinrich, ihm dadurch einige Erleichterung zu verschaffen, daß er seinen Stellvertretern die Stadt und das Kapitel, die beide bisher seiner besondern Gnade sich erfreut hätten, anempfehlen möchte, wol ein leiser Vorwurf gegen Herzog Friedrich oder Pfalzgraf Gottfried, die wenig Schutz und Beistand ihm gewährten 1). Wenn es aber schon in Gegenden und Orten, die des Reiches Stärke ausmachten, um Ordnung im Innern und Kraft nach Außen schlecht bestellt war, so war Sicherheit des Eigenthums, Abwehr der Willkür in anderen durch die Reichsverweser noch weniger verbürgt, und doch war ohne diese Bürgschaft keine Einheit und Festigkeit für die Sache des Kaisers zu erwarten. Wie schnöde man oft mit den Gütern von Geistlichen umging, die auf des Kaisers Seite standen, beweist das Schicksal des Klosters Fulda. Weil sein Abt Erlolf sich nicht durch die Aufreizungen Adalbert's von Mainz abwendig machen ließ und dem Kaiser nach Italien folgte, ward von jenes Dienstmannen die reichste und berühmteste Abtei Deutschlands, die fast einem Bisthum an Macht und Rechten gleichstand, hart mitgenommen, und es half den Mönchen nicht einmal, daß sie selber wider Heinrich und ihren Abt waren 2). Aehnlich ging es der gleichfalls

 

1) Cod. Udalr. Nr. 234. Nachdem sie den Kaiser Glück gewünscht de rerum eventu prospero, de confirmanda seu jam confirmata regni et sacerdotii concordia, folgen die Klagen dieser Anderen: Diripiuntur res privatae, res communes distrahuntur. Omnibus praeda facti sumus etc. Ihr Propst ist gestorben, keine Hülfe haben sie zu hoffen, wenn der Kaiser nicht helfe. Zum Schlusse bitten sie: Praeterea Ducem Fridericum, cujus fidei nos commisistis, Palatinum caeterosque amicos vestros et ministros intime rogare dignemini, quotinus honorem cleri nostri defendant et muniant, res nostras sobis attinentes violenter et injuste nobis distractas, quoquomado possint, restituant, sicut eis confiditis, quoslibet nobis nocentes procul amoveant.

2) In der großen Sammlung Klosterchroniken, Dresdner Mscpt. J. Nr. 46. unter dem Titel: Diplomatische Klostergeschichten im Sachsenlande. Erlolf oder Arnulf ward 1114 von Heinrich gegen den Willen der Conventualen erhoben, die dies contra jura Monasterii ansahen. Das Schicksal Fulda's in Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1116 zum Schlusse der Schilderung des allgemeinen Elendes besonders hervorgehoben: Locupletissimum illud et per totam Germaniam famosissimum ac principale coenobium Fuldense usque ad ultimam redactum est inopiam victus etiam necessarii.

 

 

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224 Fünfter Abschnitt.

 

angesehenen Abtei Lorsch. Hier stand, was zu den seltensten Fällen in jener Zeit gehörte, der weltliche Schutzherr des Klosters, ein Graf Berthold, auf Seiten der Kirche, während der Abt Benno mit Eifer dem Kaiser zugethan war. Die Klosterdienstmannen scheinen getheilt in ihrem Interesse oder in ihren Glaubensansichten gewesen zu sein. Das Schwert mußte also entscheiden. Berthold behielt die Oberhand, zerstörte die dem Kloster angehörende Burg Weinheim und nöthigte den Abt, der standhaft in der Treue gegen Heinrich verharrte, bei diesem in Italien Schutz zu suchen 1). Aehnliche Schicksale wie Lorsch und Fulda trafen viele Klöster. Daß aber auch Konrad von Salzburg später vor den Baiern aus seinem Erzbisthum flüchtig wurde, beweist, wie sehr die Geistlichen aller Orten und jedes Ranges von den weltlichen Fürsten abhängig waren. Wenn dennoch jene, zumal ein Adalbert von Mainz, obschon auch er der Gewalt der Waffen mehrmals weichen mußte, als die Haupturheber und Leiter des großen Parteikampfes erscheinen, so muß das Unterordnen der physischen Gewalt unter die moralische Kraft auch in diesem Kampfe trotz aller rohen Auswüchse rühmlichst anerkannt und derselbe als ein von geistigen Prinzipien hervorgerufener und in seinem Fortgange getragener betrachtet werden. Die Leidenschaftlichkeit mußte aber erst der ruhigen Besonnenheit weichen; und diese erwachte bei den weltlichen Fürsten — zu ihrer Ehre muß es gesagt sein — früher als bei den Eiferern für hierarchische Grundsätze. Der Aberglaube, oder wol richtiger der gläubige Sinn jener Zeit, die in den sichtbaren Erscheinungen, in Naturereignissen unmittelbar

 

1) S. Chron. Laurisham. apud Freher, Germ. rer. script. Tom. 1, p. 88, wo es freilich von Benno heißt: Mediante simonia, ut fertur, imperiali favore eidem loco subintraductus. Doch ut fertur zeigt, daß Feinde dem Abt solches nachsagten. Benno wurde später restituirt vom Pfalzgrafen Gottfried, aber: praemissa eidem omnium beneficiorum, quae suis diebus ecclesiae vacarent, concessione. — Septem principalia beneficia morte septem nobilissimorum Ecclesiae fidelium in unam personam Godefridi in brevi devoluta sunt. Ein neuer Beweis, wie die Vertreter des Kaisers ihren Schutz und Beistand sich theuer abkaufen ließen, und nicht des Reiches sondern ihren Vortheil wahrnahmen. Ueber Gottfried's Verfahren hatte der Kaiser noch zu klagen, als er das Herannahen seines Todes fühlte. Die Hohenstaufischen Brüder wurden von eigenen Gewissensbissen zur Sinnesänderung bewogen.

 

 

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225 Unglücksfalle in Deutschland und Italien.

 

den Willen des unsichtbar waltenden höchsten Wesens als ein Weltgericht, das lohne oder strafe, verbiete oder gebiete, zu erkennen meinte, hatte an der Umwandlung der Gesinnungen, die sich bei den Völkern wie bei den Fürsten kundgaben, keinen geringen Antheil. In den Ausgang des Jahres 1116 und Anfang von 1117 fallen, wie wir im vorigen Abschnitte erfahren, jene Unglücksfälle mannigfacher Art 1), Erdbeben, Überschwemmungen, verderbliche Gewitter und Orkane, begleitet von verheerenden Regengüssen und Wolkenbrüchen, die Italien und Deutschland, vornehmlich das nördliche, heimsuchten und auf die Gemüther nicht blos die Sorge der Gegenwart, sondern auch die Schrecken vor einer noch größeres Unheil bringenden Zukunft wälzten. Die Armen und minder Begüterten traf der Schaden, den jene Ereignisse verursachten, um so härter, als ihnen die Hoffnung, durch thätigen Anbau der verwüsteten Felder, durch gesegnete Ernten, durch Wiederherstellung der zerstörten Dörfer, Flecken und Städte das im Kriege Eingebüßte zu ersetzen, nun von einer Macht, der sich nicht gebieten, nicht Einhalt thun ließ, abermals vernichtet war. Diese Leiden konnten nur gemildert werden, wenn die Fürsten und Großen des Landes von ihren verderblichen

 

1) Von den vielen Berichten darüber hier nur den eines Zeitgenossen, der auch ganz im Geiste seiner Zeit sie auffaßt. Chron. Ursp. ad 1117: Inter ipsa Dominicae nativitatis festa tertia Non. Januarii hora vespertina super tantis divini judicii contemptibus commota est terra, ab ira nimirum furoris Domini, adeo ut nemo inventus sit super terram, qui tantum se unquam sensisse fateatur terrae motum. Nam multa inde subversa sunt aedificia, civitates etiam quasdam subrutas dicunt in Italia. Quin etiam tonitrua valde terribilia III, Kal. Februarii cum grandi turbine sunt audita, fulgura etiam eodem tempore crebra visa. Es folgt das Ereigniß in Lüttich: Subito serenissimus aer in turbinem versus tanta simul tonitrua terribiliter et fulgura cum sulphureis igneis excussit, ut jam extremam, jam ultimi judicii horam instare nemo, qui aderat, dubitaverit — XV. dehinc die ex vicino quodam ejusdem episcopii monte, quo nunquam aqua praeter pluvium visa est, fluvius ingens erupit, non modicam civitatis partem diluens, cum maximo Leodiensium damno, Trsajectensium se finibus infudit. XIV. Kal. Martis hora vespertina vidimus nubes vel sanguineas ab Aquilone surgere et per medium firmamentum sese extendendo ipsi mundo terrorem non modicum incutere. Im Geiste der Zeit und darum also auf historischer Basis läßt er Heinrich V., durch diese Ereignisse erschüttert, dem Papste neue Friedensanträge machen, die dieser, sich hinter kirchliche Skrupel und Klauseln flüchtend, nur halb annimmt. Der Kaiser, schlau jeden Umstand benutzend, hoffte, wenn er den Aberglauben ins Bereich der Unterhandlungen zöge, Papst und Nation zu täuschen. Jener aber oder vielmehr die römische Kurie ließ sich nicht wie diese täuschen.

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226 Fünfter Abschnitt.

 

Fehden abstanden und durch Fürsorge im Innern den gedrückten, hülfebedürfenden Unterthanen Erleichterung, Beistand und Vertrauen auf eine bessere Zukunft gewährten. Hatten doch auch sie durch den Krieg gelitten, ihre Reichthümer, Vorräthe und Hülfsquellen mehr oder weniger erschöpft und fühlten Alle, daß der Krieg Opfer gekostet, ohne Gewinn zu bringen. Die letzten Ereignisse des verflossenen Jahres hatten das Gleichgewicht beider Parteien, nachdem vorher die Schaalen geschwankt, wiederhergestellt und keine konnte voraus berechnen, welche Entscheidung ein Zusammentreffen der ganzen Streitmassen bringen würde. Letzteres zu vermeiden gebot die Vorsicht, innerhalb der eigenen Grenzen die Kräfte zu stärken die Klugheit, der Noth der Unterthanen abzuhelfen die Pflicht und endlich die Religion, dem Blutvergießen Einhalt zu thun und jene Grundsätze und Ideen, für die man Alles aufgeboten, nicht auf dem Wege roher Gewalt, sondern durch überzeugende Vorstellungen, durch gegenseitiges Nachgeben in manchen zu heftig behaupteten, zu leidenschaftlich gefoderten Punkten der Verwirklichung näher zu führen. Daß diese besonnenere Richtung von den Fürsten eingeschlagen worden, lehrt die Folgezeit; wie man aber dem Ziele sich genähert, davon schweigen die Chronikenschreiber.

 

Mit der Sinnesänderung der Fürsten kehrte indeß noch keineswegs zugleich Ordnung und Ruhe in Deutschland zurück. Ein Zeitgenosse schildert die Kriegsfurie, die in Deutschland fortwüthete, während ringsum die Völker der Erde die bluttriefenden Schwerter und Mordwerkzeuge bargen, in christlicher Eintracht die Schranken des Gesetzes herstellten, im ruhigen Besitze des eigenen Gutes fremdes Eigenthum unangetastet ließen. Ungebeugten Nackens, ohne Scheu vor Gott und Menschen, von Trug, Meineid, Mord und tausend Schrecknissen begleitet, schweifte jene im deutschen Vaterlande umher und ließ keine Gegend unberührt 1). Daß auch die Mächtigen des

 

1) Chron. Ursp., dem Ann. Saxo nachschreibt, ad 1117: Dum cuncta per circuitum regna nationum suis limitibus rebusque contenta, diu sanguine madentes gladios caeteraque vasa mortis jam in vagina concordiae reconderent, universalis etiam mater ecclesia post numerosa persecutionum haeresium ac scKismatum bella jam sub vera vite Jesu lassa oppido membra per multas gratiarum actiones mandatis divinis inservitura locaret (das dürfen wir dem guten Abt nicht nacherzählen und nur der christlichen Eintracht beilegen, was er hier Verdienst der Kirche nennt) heu Teutonicus furor cervicositatem suam deponere nescius et quam multa sit pax legem Dei diligentibus (das waren mit nichten die höheren Geistlichen) - - solus nostrae gentis populus, (dum prae omni terrarum orbe) in perversitatis inclitae pertinacia incorrigibiliter perstitit, indeque jam perjurium et mendacium caeteraque, quae vox lamentatur prophetica inundaverunt, et sanguis sanguinem tetigit, nec minus quam quondam Sodomorum et Gommoreorum clamor hujusmodi in aures Domini Sabaoth introit.

 

 

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227 Fortdauernde Unruhen in Deutschland.

 

Reiches sie nicht zu bändigen vermochten, war die Folge von der Auflösung aller Banden im Staats- und bürgerlichen Leben, die kein Volk, kein Stand, kein Herrscher ungestraft geschehen lassen darf, der kein Machtgebot Einhalt zu thun vermag. Dieses wirkt nur auf die Guten mit seiner moralischen Kraft, um die Bösen zu unterwerfen, bedarf es der physischen Gewalt. Drum, wo ein Bürgerkrieg in sich auch beendet oder unterbrochen wird, hören noch seine Nachwehen nicht auf, weil die Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche deren ewiger Feind ist, nicht durch Friede und Vertrag in die Schranken des Gesetzes gebannt wird. Nicht besser als mit den Worten des erwähnten Zeitgenossen können wir die Landplage, welche alle Gegenden Deutschlands traf, angeben. „Nachdem der Zwiespalt im Reiche die günstige Gelegenheit dargeboten, erstanden überall Räuberbanden, die ohne eine Rücksicht auf Personen und Zeitumstände zu kennen, ergreifen und verderben, was sie antreffen, anfallen und niederstoßen, wer ihnen begegnet, und ihre Begierde nicht eher gestillt wissen, bis sie das Letzte den Opfern ihrer Wuth entrissen haben 1).“ Dieses Gesindel, dessen Handwerk dadurch nicht geadelt wurde, daß Edle und Fürsten desselben sich nicht schämten, hauste im Jahre 1117 um so wilder, als es nicht mehr lange sein Gewerbe fortzusetzen sich Hoffnung machen durfte, und je furchtsamer und kleinmüthiger nach den letzten Erlebnissen, die den Weltuntergang vorauszuverkünden schienen, die Leute jedes neue Unglück erwarteten und widerstandslos ertrugen.

 

Nur ein Mächtiger des Reiches ließ auch in dieser von so viel Leiden heimgesuchten Zeit von seinen Rachegedanken gegen den Kaiser nicht ab und gebrauchte kirchliche und weltliche Waffen, um seinen unversöhnlichen Haß an den Tag zu legen. Adalbert von Mainz, der im vorigen Jahre seinem Ziele, die kirchliche Verwaltung dem Reichsoberhaupte zu entreißen, sich so nahe gesehen, empfand es mit bitterem Unmuth, daß Friedrich von Schwaben noch immer die Oberhand am Oberrhein behauptete, daß in ganz Süddeutschland die

 

1) Chron. Ursp. ad 1116, was natürlich auf die ganze Dauer des Bürger- krieges zu beziehen ist, vornehmlich aber den trotz der Waffenruhe unter den Fürsten unglücklichen Zustand im Jahre 1117 erklärt.

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228 Fünfter Abschnitt.

 

Fürsten und meist auch die Bischöfe 1) dem Kaiser gehorsam blieben und daß nun auch Sachsen im Felde unthätig gegen die Anhänger Heinrich's verharren wollte. Darum beschloß er aus eigenen Mitteln und mit Beistand seiner von ihm in Eifer erhaltenen geistlichen Genossen Alles in Italien gegen Heinrich, in Deutschland gegen dessen Vertreter aufzubieten. Es entging ihm nicht, daß des Kaisers Schreiben über die Verhältnisse, in denen derselbe zum Papst, zu den italienischen Geistlichen, Fürsten und Städten stand, oder zu stehen vorgab 2), einen tiefen Eindruck gemacht hatten; er fürchtete auch wol, daß Paschalis wirklich zu einer Ausgleichung mit dem Kaiser sich verstehen werde. Dies zu hintertreiben, war er bemüht, den Papst selbst und den von den Kircheneiferern auf den mailändischen Erzbischofsstuhl erhobenen Jordanus durch eigene Schreiben und Anderer Mahnungen gegen den Kaiser aufzureizen. In seinem und der deutschen Bischöfe Namen ließ er Bittschriften an Paschalis ergehen, daß die Entscheidung des Streites, der Reich und Kirche entzweit halte, einer allgemeinen Kirchenversammlung überwiesen werden solle. Den Erzbischof von Mailand aber trieb bald er, bald Friedrich von Köln an, den Bannstrahl in Italien zu verkünden — was bis dahin noch nicht geschehen — um dadurch den Eifer, welchen die Mehrzahl der oberitalienischen Geistlichen für Heinrich bewiesen, zu lähmen und zu strafen 3). Mit den Waffen setzte er in

 

1) Die von Trident, Augsburg, Brixen waren mit dem Kaiser nach Italien gezogen und zwar nicht, wie die von Verden und Münster, als Vertriebene und Gebannte; Hartwig von Regensburg besaß des Kaisers ganzes Vertrauen; auch Otto von Bamberg hatte dieses keineswegs verloren, weil er Adalbert die Weihe ertheilt. Noch in Deutschland richtete Heinrich an Otto ein Einladungsschreiben zu einer Fürstenberathung in Speier, welches kein feindliches Verhältnis, zwischen Beiden verräth. S. Cod. Udalr. Nr. 255. — Die beiden Einzigen, welche gegen Heinrich sich auflehnten, Konrad von Salzburg und Erlung von Würzburg, mußten es hart entgelten. Ihr Beispiel schreckte die Anderen, so lange die süddeutschen Fürsten für den Kaiser standen. Daß Bischof Heinrich von Freisingen auf des Kaisers Seite stand, zeigen die Monumenta historiae Monast. Tegernseensis, Petz III, pars III, p. 519.

2) Die Briefe Heinrich's an Hartwig von Regensburg waren gewiß nicht die einzigen Berichte, die jener nach Deutschland gelangen ließ. Aus dem Schreiben des Domkapitels von Speier (Cod. Udalr. Nr. 284) geht hervor, daß Heinrich's Darstellung der Verhältnisse zu Rom auch am Rhein verbreitet war.

3) Wie sehr der Papst von Adalbert und den deutschen Bischöfen gedrängt wurde, sagt Chron. Ursp. ad 1117: Ad hoc (nämlich zu einer allgemeinen Kirchenversammlung) Ultramontanis affirmat se quotidie literis impelli et maxime Metropolitani Mogontini. Daß der Erzbischof Jordanus von Deutschland her zu Verkündigung des Bannes und zu anderen feindlichen Schritten gegen Heinrich angereizt wurde, ist schon im vorigen Abschnitte bemerkt worden. Jordanus spielte in Italien die Rolle, welche für Deutschland Adalbert von Mainz übernommen hatte.

 

 

 

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229 Adalbert v. Mainz erregt neue Kämpfe.

 

Deutschland den Kampf gegen Friedrich von Schwaben fort, und dieser ließ sich leider bereiter dazu finden als durch geschickte und versöhnende Unterhandlungen den Kampf zu beschwichtigen. Mit den sächsischen Verbündeten mochte er vielleicht auf solchem Wege eine Annäherung versucht haben. Aber durften diese schon den Erzbischof Adalbert dabei ausschließen? durften sie ihn sinken lassen? Und siegte er, so waren alle Friedensversuche vergeblich, wenn nicht die weltlichen Fürsten insgesammt sein leidenschaftliches Streben hemmten.

 

So dauerten denn am Rhein die blutigen Kämpfe fort, die nicht blos mit großen Heeresmassen in offenen Feldschlachten, sondern fast in jeder Stadt durch gegenseitiges Befehden der geschiedenen Parteien, durch Widersetzlichkeit gegen die kaiserlichen Voigte oder gegen die bischöfliche Herrschaft das verheerende Kriegsfeuer unterhielten. In und um Mainz war sein Hauptherd 1), der rheinauf- und abwärts seine Lohe verbreitete. Friedrich von Schwaben hoffte, nachdem er die sächsischen Fürsten über den Strom zurückgedrängt und ihren Beistand für Adalbert unkräftig gemacht, mit seinem zahlreichen Heere Letzteren aus seinem Erzbisthume zu vertreiben und mit Hülfe der kaiserlich gesinnten Partei in der Stadt Mainz auch dieser Herr zu werden. Seinen Plan vereitelte indeß Adalbert's rastlose Thätigkeit, mit der er eine zahlreiche Macht aus seinen Vasallen und benachbarten Grafen, Baronen und der von ihm abhängigen Diöcesanbischöfe zusammenbrachte und seine zur rechten Zeit den Bürgern erwiesene Milde, wodurch er auch die weniger geneigten gewann. Zweimal in diesem Jahre folgten ihm die Mainzer willig zum Kampfe gegen Friedrich, den sie beide Mal, wie es scheint, in

 

1) Chron. Ursp. ad 1117: Qua de re non desinunt undique seditiones coeptae per partes utrasque baccari, praecipue tamen transrhenanis in finibus, immo in ipsa Mogontia urbe multis cadentibus regiones nobilissimae hinc inde vastari. Daran knüpft er unmittelbar an, was in das vorige Jahr zu setzen ist: Emicho comes a militibus Friderici Ducis occiditur. Offenbar faßt der Chronist, was über Mainz zu sagen war, zusammen. Alles bezieht sich auf die Kämpfe in und außerhalb der Stadt. Daß er die Bemerkung zu 1117 gibt, beweist, daß jene noch in diesem Jahre fortgedauert, was die nächste Note aus Ann. Saxo noch deutlicher machen wird.

 

 

 

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230 Fünfter Abschnitt.

 

glücklichen Gefechten zurückschlugen. Doch sind wir zu wenig über diese und andere Vorfälle am Rhein von den Chronisten unterrichtet 1).

 

Die sächsischen Verbündeten, wie wir schon bemerkt, hielten von dem allgemeinen Parteienkampfe im Jahre 1117 sich entfernt und zogen nicht — wenigstens keiner der bedeutenden Fürsten — dem Erzbischofe Adalbert zu Hülfe. Während sie im vorigen Jahre zweimal am Rhein wider den Herzog Friedrich gestritten, ließen sie demselben 1117 freie Hand. Zum Theil wird dies freilich aus dem weit verbreiteten Elende, das auch Sachsen getroffen, erklärlich, aber ein Kampf zwischen Adalbert und Friedrich ohne Theilnahme der sächsischen Fürsten, die doch zuerst gegen den Kaiser und dessen Anhänger die Waffen erhoben hatten, bleibt auffallend und erweckt die Vermuthung, daß ein anderes Interesse oder besondere Hindernisse den Bund, den wir keineswegs in Sachsen gelöst oder zerfallen sehen, vom Kriegsschauplatze am Rhein zurückgehalten habe. An Abhaltungen und Ereignissen, die mehre der Fürsten im eigenen Lande in Anspruch nahmen, fehlte es keineswegs. Vornehmlich hatte Lothar sehr verwickelte Erbschaftsangelegenheiten seines Hauses zu ordnen. 1116 war seine Großmutter Gertrud, die Witwe des vorletzten Billungen, Ordruf's, gestorben 2). Sie hatte auf ihrem Witthume in Sachsen ihre hohen Lebenstage beendet. Enkel aus der doppelten Ehe ihrer Tochter Hedwig, Herzog Lothar von Sachsen und Herzog Simon von Ober-Lothringen, sowie des Letztern Schwestern, Oda, Witwe des 1103 ermordeten bairischen Grafen Sighard, und Gertrud, Gemahlin des Grafen Florentius von Holland, machten Ansprüche an die Hinterlassenschaft der Herzogin. Sie friedlich zu

 

1) Ann. Saxo ad 1117 hat hier eine Nachricht, die er aus einer anderen Quelle als Chron. Ursp. gezogen, die er aber mit jenem in Verbindung zu bringen sucht: Dux Alsatiae Fridericus cum Mogontinis acriter dimicat, ibique occiditur Comes Emico (das fand er in Chron. Ursp. S. die vorige Note). Folcold de Malesburch capitur (man weiß bei diesem kaum, von welcher Partei er war; in der Urkunde von 1124, Guden, Cod. diplom. p. 64 heißt er ein alter Widersacher Adalbert's; er mochte also auf Friedrich's Seite stehen). Rursus ante Natale Domini concurrunt, et ex parte Ducis multitudo vulgi plurima perimitur. Dieser zweite Kampf spricht dafür, daß Herzog Friedrich durch den ersten wenig gewann, wenn nicht verlor, weshalb er ein Landesaufgebot (das liegt doch in multitudo vulgi) gegen Mainz ergehen ließ; doch abermals zog er den Kürzeren.

2) Ann. Saxo ad 1116; Chronogr. Saxo ad 1117 (der immer um ein Jahr zurückzusetzen: Gertrudis Ductrix avia Luideri Ducis obiit.

 

 

 

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231 Lothar durch Erbtheilungen in Sachsen beschäftigt.

 

theilen, war in so anarchischen Zeitläufen gewiß kein leichtes Geschäft. Gleichwol scheint es von den Betheiligten ohne Hader und Haß ausgeführt zu sein 1). Kaum mochte diese Erbschaft vollzogen sein, als durch den Tod der Markgräfin Gertrud von Meißen (1117) Lothar zu einer neuen, viel schwierigern Theilung ausgedehnter und vielfach mit fremdem Besitzthum verschlungener Güter, an die mehre Erbtöchter und deren Nachkommen Ansprüche hatten, gerufen wurde. Wie wir früher gesehen, war Gertrud, wenn auch nicht in den alleinigen, so doch in den Hauptbesitz der nordheimischen und braunschweigischen Allodial- und gewiß auch vieler Lehngüter gekommen, weshalb die Schriftsteller sie die mächtigste Fürstin in Sachsen nennen 2). Vergeblich hatte Heinrich V. im Jahre 1112 ihre Macht zu beschränken und manches Gut als dem Reiche gehörig zu beanspruchen versucht; im Bunde mit den in gleicher Weise bedrohten Fürsten war ihr nichts zu entreißen möglich gewesen. Ihre beiden Töchter, Richenza, Lothar's Gemahlin, und Gertrud, die Witwe des bei Warnstedt gefallenen Pfalzgrafen Siegfried, sollten jetzt die große Hinterlassenschaft von Nordheim und Braunschweig theilen und der kaum 14jährige Heinrich von Eilenburg, den Gertrud von ihrem dritten Manne, Heinrich dem Aelteren, nach dessen Tode zur Welt gebracht, im Besitz der Marken Meißen und Lausitz bleiben. Lothar hatte hier eine schwere Aufgabe zu lösen, da er einerseits als oberster Landesherr in Sachsen bei allen Erbtheilungen Richter, andererseits als Gemahl Richenza's Partei war. Ohne kaiserliche Entscheidung wäre zu anderer Zeit eine so wichtige Erbtheilung nicht zu Ende gebracht worden. In Sachsen konnte man damals aber Kaiser Heinrich V. keine Einmischung in Landesangelegenheiten zugestehen und es war seine weite Entfernung Allen willkommen; dem Herzog erwuchs daraus

 

1) Simon, Herzog von Oberlothringen seit seines Vaters Dietrich Tode 1115 (Vergl. über die Reihenfolge der Herzoge von Ober- und Niederlothringen Stenzel's Geschichte der fränkischen Kaiser, Bd. II, S. 113—22) stand außerhalb des Parteikampfes; dieser trat also hier wenigstens nicht hemmend und störend dazwischen. Daß Lothar in naher Verbindung mit seinen Stiefgeschwistern gestanden und namentlich Gertrud oder Petronella von Holland gegen Kaiser Heinrich's Eingriffe geschirmt habe, werden wir später sehen.

2) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1112: Gertrudis illa praepotens per Saxoniam vidua. Letzterer bei ihrem Tode ad 1117: Gertrud Marchionissa Saxonica nobilissima et potentissima obiit. Den Tod berichten auch Chronogr. Saxo, Chron. Samp., jener ad 1118 (für 1117), dieses 1117. Eine nähere Zeitangabe fehlt.

 

 

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232 Fünfter Abschnitt.

 

ein neues Uebergewicht. Doch um in dem vorliegenden Falle Ansprüche der Mitbetheiligten neben denen seiner Gemahlin so wahrzunehmen, daß kein Anlaß zur Beschwerde jenen gegeben wurde, bedurfte es seinerseits großer Klugheit und Uneigennützigkeit und von Seiten der sächsischen Fürsten eines völligen Vertrauens in des Herzogs rechtliche Gesinnung 1). Wie sehr Beides stattgefunden haben muß, erkennen wir daraus, wie Lothar den schwierigsten Punkt der Erbtheilung, der den Stiefbruder Richenza's, Heinrich den Jüngeren von Eilenburg anging, erledigte. Hier galt es nicht blos eines Unmündigen Antheil zu wahren, sondern auch den Verdacht, den Makel, die auf dessen Geburt hafteten und die von den nächsten Verwandten Heinrich's des Aelteren zu Erhebung eigener Erbansprüche an die Marken Meißen und Lausitz benutzt wurden, zu entkräften. Lothar und Richenza hätten zu eigenem Gewinn den Verleumdungen, welche gegen den jetzt schutzlosen Knaben verbreitet waren, Gehör schenken und auf Grund des Gerüchts, daß Heinrich nicht der echte Sohn Gertrudens, sondern untergeschoben, das Kind eines Kochs oder einer Slavin sei, ihm jeden Antheil an Gertrudens Hinterlassenschaft entziehen können. Sie thaten es nicht, Richenza erkannte Heinrich für ihren Bruder an und überließ ihm seinen Antheil am mütterlichen Erbe 2); Lothar sicherte ihm gegen Konrad

 

1) Ueber die Art der Theilung von Gertrudens Hinterlassenschaft berichten die Chronisten fast gar nichts, und erst aus viel späteren Dokumenten läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit errathen, was Richenza aus der Erbschaft erhalten und ihrer Tochter Gertrud und deren Gemahl Heinrich dem Stolzen von Baiern zurückließ. S. dies noch immer am besten zusammengestellt bei Böttiger, Heinrich der Löwe, Anhang I. Doch die Theilungsurkunde Kaiser Otto's IV., worauf vornehmlich Böttiger's Untersuchung gestützt ist, kann nur sehr mit Vorsicht benutzt werden. Im Allgemeinen fielen an Richenza die braunschweigischen Allodien, an die Pfalzgräfin Gertrud mehr die nordheimischen, die aber, wie wir im ersten Abschnitt gesehen, nur zum Theil in der Markgräfin Gertrud Besitz gewesen sein konnten, da noch mehrere Erbtöchter Otto's von Nordheim und seiner Söhne am Leben waren. Chron. veter. Ducum Brunsw., Leibn. II, 16: Cessit etiam eidem Ludero ex uxore sua Rikiza Brunswig haeraditas dignitatis (was wol nichts anderes als allodium heißen soll). Daß die Theilung friedlich ablief, läßt sich freilich nur aus dem Schweigen vom Gegentheil, aber daraus wol ziemlich sicher schließen.

2) Die Anerkennung Heinrich's des Jüngeren von Seiten Richenza's berichtet Alb. Stad. auf eine freilich viel weniger uneigennützige Weise: Marchio Udo ex Ermegarde genuit filiam, quam duxit Marchio Henricus putativus frater Rikezem Imperatricis, quem de Sclava natum ideo suum fratrem dicebat, ut hereditatem non perderet, quae in questione multorum posita litigiosa fuit. Tandem Domino Rikenze fratre impotionato sola possedit haereditatem. Der angeführte Grund ut hereditatem non perderet hat keinen Sinn, denn gerade durch die Anerkennung ihres Stiefbruders entging ihr dessen Antheil. Daß unter haereditas nur das Muttertheil Heinrich's zu verstehen, erhellt aus dem letzten Satze der angeführten Stelle, diese war aber nicht in questione multorim, und Alb. Stad. verwechselt das Erbtheil der Mutter mit den vom Vater überkommenen Marken, die Gertrud freilich für den Sohn bisher verwaltet hatte.

 

 

 

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233 Lothar durch Erbtheilungen in Sachsen beschäftigt.

 

von Wettin, der sich den Titel eines Markgrafen beilegte und seinem Vetter Kränkungen mancherlei Art öffentlich und geheim bereitete, den Besitz von Meißen und Lausitz bis an sein Lebensende, ohne, wie wir später sehen werden, des Schützlings schuldigen Dank zum Lohne zu erhalten. Ob der Zweifel über Heinrich's fürstliche Abkunft auf wahrem oder falschem Zeugniß beruhte, vermögen wir nicht zu entscheiden, da die gleichzeitigen Schriftsteller, wie die späterlebenden, nur das Gerücht, nicht die Beweise desselben kennen. Daß aber damals auf die Entscheidung sehr viel angekommen, ist gewiß. Denn Kaiser Heinrich's Herrschsucht hatte längst aus dem Gerüchte Vortheil zu ziehen gesucht, um wo möglich die meißner und lausitzer Mark als erledigte Reichslehen an sich zu bringen oder doch mit Männern zu besetzen, die ihm ganz ergeben waren. Nie gab er diesen Plan, den er schon gegen Gertrud in früheren Jahren auszuführen gehofft 1), auf und er hätte ihn später noch durchgesetzt, wenn nicht jederzeit Lothar solchen Eingriffen entgegengetreten wäre. So lange Gertrud lebte, konnte es scheinen, er habe nur der Schwiegermutter, nicht dem Rechte seinen Arm geliehen; daß er 1117 mit Verzichtung auf Ländereien, die sonst seiner Gemahlin zufallen mußten, Heinrich den Jüngeren nicht aufgab, rechtfertigt ihn von solchem Verdachte, und daß er nach dessen Tode 1123 für denselben Konrad,

 

1) Schon Schwarz, Appendix ad Petri Albini geneal. Comit. Leisnic., Mencken II, p. 282 deutet auf Einziehung der Marken, welche Gertrud für den Sohn verwaltete, die Worte des Chron. Ursp. ad 1112: Dertrudis violentiam se pati ab Imperatoris praejudiciis, invasione praediorum suorum clamitabat. Da Heinrich mit dem Haupte, des Kaisers Feldherr in Sachsen, der bis 1116 dessen Sache aufrecht erhalten, bei Ann. Saxo z. g. J. de Misnas heißt, derselbe auch später wieder (1123) in dem Kampfe um Meißen für den Kaiser die Waffen ergriff, so ist nicht unwahrscheinlich, daß Heinrich V. ihm die Verwaltung Meißens übertragen habe; doch mehr als die Stadt Meißen gewann er der Markgräfin Gertrud wol nicht ab. Von dem späteren Kampf über Meißen zwischen dem Kaiser und Herzog Lothar wird künftig zu reden sein. Hier genügt des Letzteren Stellung in Betreff der östlichen Marken angedeutet zu haben. Viel bleibt über diesen wichtigen Punkt noch aufzuklären, was nur durch Specialuntersuchungen geschehen kann.

 

 

 

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234 Fünfter Abschnitt.

 

dem er sechs Jahre früher entgegentrat, wider des Kaisers ungerechte Verfügung über die Marken in die Schranken trat und jenes Erbansprüche ebenso wahrte, wie vorhin die Heinrich's, beweist, daß er jederzeit nur das Recht vertheidigen wollte. Dem entspricht sein Handeln in allen Fällen, die schon erwähnt sind oder noch erwähnt werden müssen.

 

Ganz anders wie Lothar dachte der ältere Wiprecht von Groitsch. Bei diesem hatte die vierjährige Gefangenschaft, oder, was noch wahrscheinlicher, des Kaisers Versprechungen bei seiner Freilassung eine Sinnesänderung hervorgebracht, die ihn seitdem zu dessen ergebensten Anhänger machten, um, wie er einst durch Heinrich IV. zu vermehrtem Besitz gelangt, durch Heinrich V. in den Rang der ersten Reichsfürsten erhoben zu werden. Auch darf man nicht vergessen, daß Wiprecht nur durch die böhmischen Händel im Jahre 1111 des Kaisers frühere Gunst verloren, indem er, und zwar anfangs mit Zustimmung Heinrich's, den Herzog Borivoy unterstützte und auch dann noch unterstützen wollte, als bereits Wladislav's Geldbestechungen den Kaiser gegen den älteren Bruder Borivoy und für den jüngeren, Wladislav, gewonnen hatten. Als Wiprecht die Freiheit und Zurückgabe seiner Besitzungen erlangte, waren die böhmischen Brüderfehden dem Interesse des Kaisers längst entfremdet und Wladislav bedurfte, um sich in seiner Würde zu behaupten, keines auswärtigen Beistandes mehr. Er saß so fest in seiner Herrschaft, daß er sogar zu Ausgang des Jahres 1117 ungescheut seinen Nebenbuhler und älteren Bruder aus der Verbannung zurückrufen ließ und drei Jahre ihm sein ganzes Vertrauen in allen öffentlichen Angelegenheiten schenkte 1). Das hätte er nicht wagen dürfen, wenn er nicht mit Wiprecht ausgesöhnt und von dessen gutem Vernehmen und Einverständniß

 

1) Cosmas Prag. ad 1117: Revocat mense Decembri fratrem suum Borivoy de exilio et satisfaciens sibi ac semetipsum submittens ejus dominio iterum collocat eum in principali solio. - - Borivoy autem — — fratri suo licet juniori in omnibus obediens et semper eum praeveniens nihil sine consilio gessit. Aber im August 1120: Est Borivoy rursus regni de culmine pulsus. Zu der Aussöhnung der Brüder hat Wiprecht wahrscheinlich mitgewirkt, sei es nun unmittelbar, oder durch Verwendung zu Gunsten seines Waffengefährten und Jugendfreundes Borivoy. Dieser scheint gleichfalls erst 1117 aus der Haft des Kaisers, der ihn 1111 mit dem jüngeren Wiprecht nach Hammerstein schickte, entlassen zu sein. Comas Prag. sad 1124 erwähnt bei seinem Tode auch seine Leiden: Exsul ter quinis, quos degens pertulit annis, e quibus est passus sex annos carcere clausus, und außer der Gefangenschaft in Deutschland ist keine bekannt.

 

 

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235 Wiprecht v. Groitsch söhnt sich m. d. Kaiser aus.

 

mit dem Kaiser überzeugt gewesen wäre. War es bei Wiprecht Ehrsucht, sich an Heinrich anzuschließen, so erscheint des Letzteren erneute Gunst gegen einen Mann, den er länger als vier Jahre 1) in strengster Haft gehalten und diese Strafe nur als Milderung des bereits gefällten Todesurtheils verhängt hatte, nur als wohlberechnete Klugheit. Heinrich durfte einem Manne wie Wiprecht gegenüber, der als der größte Kriegsheld, als schlau und umsichtig, als Muster in allen ritterlichen Tugenden, aber auch als ehrgeizig und habsüchtig bekannt war, nur auf zweierlei Weise verfahren, entweder durch Gewalt ihn unschädlich oder durch Befriedigung der letztgenannten Eigenschaften sich geneigt erhalten. So begreift man leicht den Uebergang von einem Extrem zum andern. Mehr verwundern muß es, daß Wiprecht in seiner eigenen Stadt Groitsch Widerstand fand und erst auf Befehl eines kaiserlichen Abgesandten dort aufgenommen und als Gebieter anerkannt wurde 2), da doch schon im vergangenen Jahre sein Sohn, der jüngere Wiprecht, die Stammveste eingenommen hatte. Daß dieses Helden seit den Vorfällen bei Naumburg nirgend mehr Erwähnung geschieht, daß sein frühzeitiger Tod keinem Zweifel unterliegt 3), berechtigt fast zu der Vermuthung, daß er vor des Vaters Rückkehr gestorben und abermals von einer kaiserlichen Besatzung Groitsch eingenommen gewesen, die nur auf des Kaisers ausdrückliches Gebot die Stadt ihrem rechtmäßigen Herrn übergab. Wenn er vor Leisnik einen hartnäckigen Widerstand fand und erst nach längerer Belagerung es einnehmen konnte, so müssen wir annehmen, daß jene Veste, einst vom Kaiser dem Grafen Hoyer von Mansfeld zuerkannt 4), von dessen Söhnen, Hoyer und Ulrich 5), dem früheren Besitzer, trotz dem, daß ihn der

 

1) Am 21. Februar 1113 war Wiprecht bei Warnstedt gefangen. Die Vita Vip. setzt seine Freilassung erst 1117, demnach wäre sie später als die Ludwig's von Thüringen erfolgt, doch jedenfalls früher als die Rückkehr Borivoy's nach Böhmen.

2) Vita Vip. cap. 11, §. 19: Wigpertus ergo dimissus Groiscam revertitur, sed dum ab urbanis ab ea arcetur, misso Imperator legato ut ei restitueretur mandavit. Unter urbani sind weniger die Bürger (cives) als eine Besatzung in der Stadt zu verstehen.

3) Vita Vip. cap. 12, §. 7 läßt Wiprecht den Aelteren im Kloster Pegau begraben werden inter uxorem ac filiam.

4) Wie daraus erhellt, daß Hoyer den gefangenen Wiprecht nach Leisnik bringen läßt.

5) Diese Namen gibt Leuber, Catal. Princip. Mencken III, p. 1896. Die Einnahme Leisniks Vita Vip. a. a. O.: Exinde Leisnic Wigbertus cum exercitu petiit, sed castellanis ei resistentibus multo tandem labore multoque tempore confecto urbanis expulsis (die Besatzung) eam obtinuit.

 

 

 

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236 Fünfter Abschnitt.

 

Kaiser in alle seine Güter wiederhergestellt wissen und Jeden, der Theile derselben inne hatte, zur Rückgabe nöthigen wollte, vorenthalten sei. Doch dem in Belagerungen vielgeübten und glücklichen Wiprecht widerstand nicht lange eine Stadt oder Burg. Bald sah er sich im Besitz aller Allodien und Lehen früherer Zeit und wie ehemals brachten Verdienst und Glück ihm neuen Erwerb. So gab es seiner Macht und seinem Ansehen im Lande keinen unbedeutenden Zuwachs, daß Erzbischof Adelgot ihn an Stelle des verstorbenen Hermann von Plotzke 1) zum Burggrafen von Magdeburg ernannte (1113), mit welcher Würde nicht blos ein bedeutendes Einkommen, sondern auch ein Landesaufgebot von tausend Bewaffneten verbunden war. Der Kaiser aber, dem Alles daran gelegen, in Sachsen von Neuem einen tapferen Mann, wie früher Hoyer, dann Heinrich mit dem Haupte gewesen, sich treu ergeben zu wissen, unterließ Nichts, was Wiprecht's Ehrgeiz und Herrschsucht befriedigen konnte, zumal wenn er selbst dabei kein Opfer zu bringen nöthig hatte, sondern für Belehnung mit Reichsgütern von dem Belehnten bedeutende Geldsummen erhielt. Daß diese kaiserlichen Gunstbezeugungen bald auf Kosten Heinrich's von Meißen ertheilt wurden, machte Wiprecht dem Herzoge Lothar und allen den Fürsten, die altes Herkommen und alte Rechte aufrecht zu erhalten bemüht waren, erst verdächtig, dann zum offenen Gegner. Zwar fallen die Belehnungen Wiprecht's mit der lausitzer Mark und der feindliche Angriff auf dieselbe erst in spätere Jahre 2),

 

1) Wenn die Angabe Botho's in Chron. pictur. ad 1117: Ok so starff greve Heljifrid unde Greve Hermen von Plozike Burggreve to Meideborch un de Domvoget eine Ergänzung nicht eine Umstellung der Angabe des Chronogr., Saxo ad 1119 (1118) ist: Helpericus Comes de Plozeke et Hermannus Comes advocatus Magadeburgensis Ecclesiae obierunt. Ann. Saxo ad 1118: Eodem anno obiit Hermannus Magdeburgensis Comes, pro quo Wicbertus electus est. Vita Vip. a. a. O.: Eodem tempore (als er Leisnik eingenommen) ab Adelgoto Archiepiscopo praefecturam mille clypeis et quingentis talentis praeditam in beneficium accepit. Ebenso der Pegauer Mönch S. 124. Auch die Advokatie des von Adelgot gestifteten Klosters ad novum Opus zu Halle besaß Wiprecht. S. Vita Vip. cap. XII, §. 2.

2) Die Zeit wie die Sache sind schwer genau zu bestimmen. Unmöglich ist in das Jahr 1117 zu setzen, was Vita Vip. cap. XI, §. 21 und 22 von einem Reichstage zu Worms berichtet, wo Kaiser Heinrich Wiprecht mit der Mark Lausitz gegen 2000 Talente belehnt und mit einer cappa dalmatica beschenkt habe. Frühestens kann dies 1118 geschehen sein. Ob aber diese Marchia Lusizensis nur die Theile der Lausitz umfaßte, welche Heinrich IV. zuerst an den Herzog von Böhmen, danach dieser mit des Kaisers Genehmigung an Wiprecht verliehen und Wiprecht später (1113) an Wladislav von Böhmen verloren, oder ob durch jene kaiserliche Belehnung Heinrich von Eilenburg seiner von Vater und Großvater auf ihn gekommenen lausitzer Mark verlustig erklärt wurde, ob endlich ein solcher Akt nicht erst nach Heinrich's Tode stattgefunden, läßt uns bei der dunkeln Nachricht darüber in Zweifel.

 

 

 

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237 Die sächs. Fürsten wünschen Ausgleichung m. d. Kaiser.

 

indeß entgehen konnte es dem Herzoge und seinen Verbündeten nicht, daß das Groitscher Haus dem Kaiser ergeben und dem Bündnisse der Sachsenfürsten sich abgeneigt zeigte. So lange Adelgot von Magdeburg lebte, mochte dieser jedes feindliche Zusammentreffen der beiden mächtigen, gleich staatsklugen und kampferprobten Fürsten verhüten 1); aber nur mittelbar war dieser Einfluß Adelgot's, denn auch er gehörte nicht zu dem Sachsenbunde, sondern stand als Haupt der Geistlichen des Landes nur soweit mit ihm im Verbande, als das kirchliche und politische Interesse bisher vereint gegen den Kaiser vertheidigt worden war. Diese beiden verschiedenartigen Interessen konnten nicht mehr länger gemeinschaftlich verfolgt werden. Die ehrgeizigen, rachsüchtigen Pläne Adalbert's von Mainz fanden nur in der sächsischen Geistlichkeit folgsame Helfer und Vertheidiger; den weltlichen Fürsten, auch wenn sie wider den Kaiser standen, erschienen des Erzbischofs Absichten gefährlich für das Reich und nachtheilig für ihre Standesrechte. Viele erkannten mehr und mehr die Notwendigkeit einer Ausgleichung mit dem Reichsoberhaupte unter der Bedingung, daß diesem die schädliche Macht der Willkür genommen und jedem Stande in der Nation Recht und Herkommen bewahrt werde. Dieses zu erreichen und zugleich ein Uebergreifen der Hierarchie zu verhüten, war nur möglich, wenn die Fürsten Deutschlands sich enge verbanden

 

1) Anlaß zu Streit oder doch Reibung zwischen Lothar und Wiprecht konnten des Letzteren Ehepakten mit Kunigunde, der Witwe Konrad's von Beichlingen, geben. Vita Vip. cap. IX, §. 2: Ea demum vicissitudine conjugii pactum et fide a praedicta matrona firmatum est, quod si primo eadem Comitissa naturae concederet, Dominus Wigbertus et haeredes ejus patrimonium obtinerent. Trat dieser Fall ein, so entging dadurch der Herzogin Richenza ein Erbtheil, da Kunigunde von Heinrich von Nordheim eine Schwester, also jener Vaterschwester war. Kunigunde scheint während Wiprecht's Gefangenschaft auf ihrem Witthum gelebt zu haben (S. Schwarz, Appendix, p. 966). Der ländergierige Gemahl hatte des Paktums gewiß nicht vergessen, doch sollte Kunigunde ihn überleben. Noch 1126 wird sie in mehren Urkunden (s. Diplomata Oldenlebensia, Mencken II, p. 614 u. 15) genannt.

 

 

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238 Fünfter Abschnitt.

 

einerseits der Trennung zwischen Haupt und Gliedern ein Ende machten, andererseits den Zwiespalt zwischen Kirche und Reich aufhoben.

 

Diese divergirenden Wege der weltlichen und geistlichen Optimaten werden deutlich, wenn man das Verfahren der Letzteren auf den Synoden zu Köln und Fritzlar, ihre Drohung, den Kaiser auf einem Tage zu Würzburg zu entsetzen, auf der einen Seite verfolgt, auf der anderen die Bereitwilligkeit der sächsischen Fürsten, sich mit dem Kaiser zu versöhnen, was die sächsische Geistlichkeit starr verweigerte, das Resultat des würzburger Vertrages, die zwingende Gewalt desselben für Papst und Kirche, die beide zum Concordat von Worms nöthigt, ins Auge faßt. Was in den Jahren von 1118 bis 1122 unleugbar sich kundgab, mußte früher schon vorbereitet sein und erklärt nicht weniger als die inneren Vorfälle, warum Lothar und die sächsischen Fürsten 1117 dem Herzoge Friedrich von Schwaben nicht entgegen, dem Erzbischof Adalbert nicht zum Beistande an den Rhein zogen. Wenn die erschütternden Eindrücke, die Erdbeben, Wasserfluten, Orkane auf Viele machten, den Abt von Korvey und mehre sächsische Prälaten und Weltliche zu einer Pilgerfahrt nach Jerusalem anmahnten 1), wenn um des Landes Wohl oder des eigenen Gewinnes halber Andere in der Heimat für Herstellung der zerstörten und verwüsteten Städte, Burgen und Ortschaften, für Wohlfahrt der Unterthanen, Vergrößerung und Befestigung ihrer Macht Sorge trugen, richteten die Aufgeklärten und die mit höherer Rücksicht dem Reiche ihre Sorge zuwandten, ihre Blicke auf die Verhältnisse von Staat und Kirche und trachteten zwischen beiden selber eine entscheidende Stellung zu gewinnen. Der neue Kampf zwischen Adalbert und Friedrich, so verderblich er auch den Rheingegenden war, entsprach doch den Absichten Lothar's und der ihm gleichgesinnten Fürsten, insofern die Vorkämpfer der deutschen Hierarchie nicht weniger als die kaiserliche Partei sich gegenseitig schwächten. Diesem Kampfe aus der Ferne ohne Einmischung zuzusehen und unterdessen in Sachsen die eigene Kraft zu stählen,

 

1) Die Annal. Corbejenses, (deren hohes Alter aus vielfachen Gründen zu bezweifeln ist, die aber keineswegs für spätere Erfindung gehalten werden dürfen) setzen die Pilgerfahrt ihres Abtes um zehn Jahre zu spät, ins Jahr 1127: (Erkhinbertus) abit Hierosolymam propter motus in Saxonia publicos. Dieser Beweggrund paßt besser zu 1117, zu welchem Jahr Ann. Saxo die Kreuzfahrt anmerkt: Corbejensis Erkenbertus pluresque de Saxonia Iherosolimam vadunt.

 

 

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239 Fortdauer des Kampfes zwischen Adalbert u. Friedrich.

 

gestattete dann im rechten Zeitpunkt zwischen Reich und Kirche gebieterisch in die Mitte zu treten. Ob sie mit der stets neutralen Partei der deutschen Fürsten, die vornehmlich Herzog Welf repräsentirte, mit den Gemäßigten der kaiserlichen Partei, einem Hartwig von Regensburg, noch mehr Otto von Bamberg oder selbst mit Friedrich von Schwaben Unterhandlungen gepflogen, um die gefährlicheren Anmaßungen der Kirchenfürsten am Rhein und in Sachsen als ihrem Streben fremd zu bezeichnen, läßt sich nicht nachweisen, eine Annäherung zu jenen zeigten sie in ihrer Zurückhaltung gegen diese. Durfte mit Adalbert zwar nicht gebrochen werden, so boten doch nur wenige sächsische Fürsten ihm in diesem Jahre ihren Arm. Noch bis in das folgende dauerte am Rhein der Waffenkampf fort und Adalbert, obwol nur von seinen Vasallen und jener sächsischen Hülfe unterstützt, vermochte gegen Friedrich von Schwaben sich zu behaupten. Mit welcher Erbitterung der Krieg geführt wurde, ersehen wir aus dem Schicksal Oppenheim's. Der Erzbischof eroberte mit Beistand Graf Hermann's 1) jene Stadt, die sich für Friedrich erklärt hatte, steckte sie in Brand und opferte durch Schwert und Feuer 1200 Unglückliche dem Tode 2).

 

Um jene Zeit, im Anfange des Jahres 1118, gelangte die Nachricht von dem Tode Paschalis' II. und die Erhebung Gelasius' II. nach Deutschland. Mit diesem neuen Papste, der des Kaisers Sache wiederholentlich in der römischen Kurie vertheidigt hatte, hofften Viele, fürchteten Andere, werde Heinrich sich leichter einigen; schon glaubten die Friedliebenden den verderblichen Zwiespalt von Kirche und Reich ersterben zu sehen. Da verkündete die Wahl des Gegenpapstes Burdinus die Wiederbelebung eines viel heftigeren Schismas 3). Daß der Kaiser durch diesen Schritt in Italien zum Ziele zu gelangen hoffte, durch sein energisches Verfahren sein Ansehen zu heben,

 

1) Doch wol wieder Hermann von Winzenburg, der als Comes provincialis von Thüringen wegen der in diesem Lande von Mainz ausgeübten Diöcesanverwaltung dem Erzbischofe mehr zum Beistande verpflichtet war als die sächsischen Großen.

2) So Ann. Saxo ad 1118. Noch höher gibt die Zahl Vita Vip., cap. IX, §. 24 an: Saxones (also mußten doch diese am Rhein nicht ganz fehlen) cum civibus Moguntinensis civitatis oppidum Oppenheim violenter impugnantes destruunt et ex omni parte flammis conflagrantibus fere ad 2000 hominum utriusque sexus perierunt.

3) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1118: Sicque schisma quod sperabatur emortuum (Ersteres, dem Letzterer nur nachschreibt, gibt ohne Zweifel, was man in Deutschland erwartete, an) crudeliter revixit.

 

 

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240 Fünfter Abschnitt.

 

durch die veranstalteten Festlichkeiten bei und nach dem Wahlakte, durch die Zustimmung, ja das stürmische Verlangen des römischen Volkes seine kaiserliche Oberhoheit über den römischen Stuhl im günstigsten Zeitpunkt zu erneuern wähnte, erklärt sein geändertes Verfahren, das aus großer Milde und Nachgiebigkeit gegen die Kirche in solche durchgreifende Wiedererneuerung von Ansprüchen und Rechten, die seit seines Großvaters Tagen die Welt nicht mehr erkannt hatte, überging. Auch bewies der gescheiterte Versuch Gelasius'II. in Rom sich zu behaupten, seine Flucht nach Frankreich, daß des Kaisers Ansehen und Macht über Rom und Italien überwiegenden Einfluß übe und daß sein Papst dort fester stehe als Der, den die Kirche aus ihrem Schoße erhoben hatte. Die alte Gewalt, der alte Glanz der römisch-deutschen Herrscher schien zurückgekehrt. Daß dies aber nur ein vorübergehender Schimmer war und daß ein Kaiser, ohne in Deutschland unbeschränkter, allgefürchteter Gebieter zu sein, in Italien Schrecken und Kleinmuth, nicht aber eine dauernde Herrschaft, vor der jede Gewalt weiche, hervorrufen könne, zeigte sich noch im Laufe desselben Jahres, welches Heinrich vom Gipfel der Macht, mit der er den päpstlichen Stuhl erschüttert, so tief hinabschleuderte, daß er in Furcht sein Reich durch die Drohungen eines eigenmächtig handelnden Kardinals und eines gegen ihn erbitterten deutschen Geistlichen zu verlieren, Rom, Italien, seinen Papst und alle errungenen Vortheile auf immer aufgab und mit aller Mühe und rastloser Thätigkeit seine deutsche Krone sich zu erhalten suchte. Und nach diesem Resultate zu urtheilen, welches Heinrich hätte voraussehen können, erscheint sein Verfahren unbesonnen und mehr die Eingebung augenblicklicher Leidenschaft als der Klugheit, die er bis dahin jenseit der Alpen gezeigt.

 

Auf Deutschland machte die Erhebung des kaiserlichen Gegenpapstes Gregor's VIII. einen durchaus ungünstigen Eindruck. Viele, besonders Geistliche, die bisher durch die Aussicht und die von Heinrich selbst ausgesprochene Versicherung, daß er mit der Kirche ausgesöhnt zurückkehren werde, im Vertrauen und in der Anhänglichkeit gegen ihn erhalten worden 1), empfanden innige Betrübniß, ihre

 

1) Aus den Briefen Heinrich's an Hartwig von Regensburg ersieht man, daß auch dieser und andere Freunde des Kaisers an dem Schisma großen Anstoß nahmen und wie sehr der Kaiser bemüht war, ihnen ihre Sorge zu benehmen. Cod. Udalr., Nr. 318: Ut autem piae sollicitudinis scrupulum, quo saepissime turbantur corda amicorum absentium, tibi pleniter auferamus, negotium, quod pro communi utilitate totius imperii suscepimus, ad quid perduxerimus, paucis tibi scribere curavimus etc.

 

 

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241 Zwiespalt unter der Geistlichkeit in Deutschland.

 

Hoffnung getäuscht zu sehen. Seine erbitterten Gegner aber, die nicht den Schatten seiner Macht in Italien fürchteten, triumphirten, weil sie nun bisher mit Scheu oder erfolglos angewendete Waffen freier und wirksamer gebrauchen konnten. Mit Eifer und Heftigkeit sprachen sie über Heinrich's Handlungen in Deutschland und Italien, zeigten, wie nichtig dessen Rechtfertigung in Betreff des Bannes, wie gegründet dagegen ihre Vorwürfe, die der Kaiser Verleumdungen genannt habe, gewesen seien 1). Doch nicht bei Worten blieben sie stehen. Die Erzbischöfe von Mainz, Köln, Magdeburg und Salzburg, welcher letztere nach seiner Vertreibung aus Baiern sich in Sachsen aufhielt, beschlossen die gesammte deutsche Geistlichkeit und alle Anhänger der Kirche zu einer Synode zu berufen, die im Juli in Mainz gehalten werden sollte 2), angeblich um den Vorwurf abzuwenden, daß geistliche Fürsten zum Verderben des Reiches mit dem Schwerte ihr Recht und Ansehen geltend gemacht und anstatt dem Blutvergießen Einhalt zu thun, es gemehrt hätten 3), in der That nur, weil sie jetzt besser mit kirchlichen als weltlichen Waffen dem Kaiser beizukommen und dessen Anhängern, wider die sie fast allein im Felde gestanden, im eigenen Lande unter Vasallen und Unterthanen durch jener Excommunikation Feinde zu erwecken hofften. Hatten aber die Gegner und die Gemäßigten die angewandte Waffengewalt der Erzbischöfe ungeziemend und frevelhaft genannt, so schien es ihnen nun sehr willkürlich und anmaßend, daß wenige Geistliche

 

1) In demselben Schreiben Heinrich's: Imvrimis memorem te esse volumus, qualiter inimicorum nostrorum acephalica praesumptio fideles nostros inquietaverit, quod communicantes nobis quasi excommunicatis ex sententia et legatione Domini apostolici judicavernut, et maledictiones impudenter super innocentes agravaverint etc. Die Rechtfertigung der Kirchenpartei s. in der folgenden Note.

2) Cod. Udalr. Nr. 285: Konrad von Salzburg schreibt an Hartwig von Regensburg: Communicato consilio placuit Dominis et contratribus nostris, Archiepiscopis Moguntino scilicet, Magdeburgensi et Coloniensi caeterisque provinciarum illarum episcopis, Moguntiae II. Non. Julii conventum celebrare et comprovinciales Episcopos atque Abbates nec non ex omni ordine Catholicos ibidem communione, admonitione atque petitione convocare.

3) Cod. Udalr. Nr. 285: Volumus enim falsis suspicationibus obviare, quibus a sinistrae partis astipulatoribus infamamur omnem videlicet spem, postposito dei praesidio, in armis materialibus posuisse. Speramus autem Spiritu Sancto interveniente communi consilio omnium obtinere, ut secundum canonicas sanctiones ecclesiastica disponantur negotia, cessent arma, praedae sedentur et incendia.

I. 16

 

 

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242 Fünfter Abschnitt.

 

ohne kanonische Berechtigung, die allein dem apostolischen Stuhle zustehe, eine allgemeine Kirchenversammlung ansagten und gar Denen, die ihrem Befehl nicht nachkommen würden, mit Strafe und Entziehung der päpstlichen Gnade, drohten, als ob sie die höchste Autorität der Kirche besäßen; diese könne nur von Dem, welcher in der ewigen Weltstadt Rom als das einzig anzuerkennende Kirchenhaupt throne, ausgehen 1) und noch sei der Stuhl Petri selber der Zankapfel, der die Kirche in einem Zwiespalte erhalte, welcher zuerst gehoben werden müsse; dann könne man erst von Rom aus zum Friedenswerke zwischen Kaiser und Papst gemessene und unverweigerliche Befehle erlassen.

 

Es geht aus der Sprache, welche beide Theile führten, sehr klar hervor, daß die Einen aus eigener Machtvollkommenheit, die sie sich anmaßten, als Schiedsrichter in Kirchenangelegenheiten auftreten wollten, die Anderen den jetzigen Zeitpunkt für ganz ungeeignet zu einer Entscheidung hielten, da noch nicht ausgemacht wäre, welcher von beiden Päpsten rechtmäßiger dastehe und offenbar dieses Schisma erst aufhören müsse, ehe die kirchlichen Verhältnisse im Reiche auf heilsame Weise geordnet werden könnten. Zwar setzten jene ihrer Einladung zur allgemeinen Kirchenversammlung bei, daß nächstens ein päpstlicher Legat a latere nach Deutschland kommen werde, der die nöthige Vollmacht zu jener mitbringe 2). Allein wenn das auch geschah, hatte seine Sendung eine volle Gültigkeit, seine Anordnung eine bindende Kraft, so lange der Papst, der ihn beauftragt, noch selber nicht allgemein anerkannt, noch von Rom ausgeschlossen, zur

 

1) Man muß das Schreiben Konrad's von Salzburg und Hartwig's Antwort darauf gegeneinander halten, um die kontrastirenden Ansichten beider Parteien zu erkennen. Zum Theil sucht Ersterer den Einwänden, die gegen die von ihnen angesagte Kirchenversammlung erhoben werden könnten, durch eine hohe Sprache zu begegnen, doch läßt Hartwig sich dadurch nicht abschrecken und lehnt bescheiden aber bestimmt die Folgeleistung ab. Hier nur aus jedem Briefe ein paar Stellen. Konrad schreibt: Monemus vos per autoritatem apostolicam et debitam Ecclesiae obedientiam et nostrae servitutis devotionem ut conventui nostro interesse dignemini. — De his vero, qui se subtraxerint, — facere justitiam non protelabimus et Apostolicae eos auctoritati canonice judicandos esse assignabimus. — Darauf erwidert Hartwig, Cod. Udalr. Nr. 286: Videtur nobis durum et intolerabile, quod absque praesenti et manifesta autoritate sedis Apostolicae, cui soli concessum est a Sanctis Patribus generalia Concilia congregare.

2) Epist. Conradi Salisb. a. a. O.: Promissione Domini Papae de legato ex ipsius latere quantocius ad nos venturo verificati gaudemus.

 

 

 

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243 Kirchenversammlung zu Köln.

 

Flucht in die Fremde gezwungen war 1)? Und wer erschien als der verheißene Abgesandte und Stellvertreter des Kirchenhauptes? Jener Kuno von Präneste, der einmal schon auf deutschem Boden eine verderbliche Zwietracht erregt durch einen Bannspruch, der in Rom nicht anerkannt, nur von einer unbedeutenden Anzahl Bischöfe, die in des Papstes Rechte eingegriffen, ausgesprochen war, der jetzt von demselben Heerde kirchlicher Anmaßung, von Vienne, wo der geflüchtete Gelasius ganz ein Werkzeug der erbitterten Gegner des Kaisers geworden, den Bannstrahl herbrachte und ihn wiederum nach Köln trug, von wo aus er am schnellsten das Feuer verbreiten konnte 2). Alsobald versammelten sich um ihn die vier genannten Erzbischöfe nebst anderen dem Kaiser feindlich gesinnten Geistlichen, während von den gemäßigteren wenige, von den Anhängern des Kaisers keiner der Ladung der ersteren Folge geleistet hatten. Gleichwol betrachteten die in Köln sich als eine vollständig autorisirte Kirchenversammlung und handelten in dem Geiste, der sie bisher geleitet. Nicht nur der Kaiser wurde für einen von der Kirche Gebannten erklärt, auch seine Vertreter in Deutschland, die hohenstaufischen Brüder Friedrich und Konrad, der Pfalzgraf Gottfried und endlich alle Genossen derselben verfielen dem Urteilsspruche des Concils (19. Mai 1118) 3). Groß mag immer die Zahl der in Köln Anwesenden gewesen sein, da die Geistlichen aus Lothringen, Westfalen, Sachsen, vom Niederrhein und einzelne aus anderen Provinzen

 

1) Mit Recht antwortet Hartwig auf das Vorhaben der vier Erzbischöfe in Beziehung auf den erwarteten Legaten, per quem ponatur finis discordiae, pax restituatur Ecclesiae, mit dem gewichtigen Ausspruch: Estis in spe, nondum in re.

2) Chron. Ursp. und Ann. Saxo ad 1119: His temporibus (es bedarf keines Nachweises, daß Chron. Ursp. in dem Jahre irrt und Ann. Saxo ihm blindlings nachschreibt. Alle Schritte Kuno's und der Erzbischöfe fallen vor Heinrich's Rückkehr, also 1118) Cuno Praenestinus adhuc legatione Gelasii functus synodum Coloniae cum Teutonicis habuit. Chron. Pantal. ad 1118: Kono Praenestinus Episcopus a Domino Paschali missus et eo mortuo a successore suo Gelasio ad officium sanctum per Episcopum Viennensem ordinatus, literis adprime autoritate patrum roboratus veniens Coloniam etc.

3) Den Bann des Kaisers geben Chron. Ursp., Ann. Saxo 1119, den der Anderen das Schreiben Adalbert's an Otto von Bamberg, Cod. Udalr. Kr. 291: Praeterea Ducem Fridericum et confratrem ejus et reliquos complices eorum in praedicto concilio (Coloniae) excommunicatos noveritis. Ueber die Zeit s. Stenzel II, S. 329. Vita Vip. nennt sie wirklich gehalten: Concilium magnum Coloniae sub Cardinali Praenestino Episcopo Cunone congregatum est.

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