Die Uhus vom Kaiserdom

Die Uhus vom Kaiserdom

Eine ornithologsche Sensation in Königslutter

Ein Bericht von K.-H. Dorge

 

Die größte europäische Eule ist eine imposante Erscheinung. Auf dem massigen Körper sitzt ein dicker, runder Eulenkopf. Das Gefieder ist rostbraun mit vielen, gelben, weißen und schwarzen Farbflecken. Diese Flecken sind unregelmäßig über das gesamte Federkleid verteilt.

Die Fänge sind sehr kräftig und bis zu den Krallen befiedert. Auffällig sind die großen gelbroten Augen und die etwa 8 cm langen Federbüschel über jedem Auge. Diese Büschel stehen aufrecht und sehen wie Hörner oder Federohren aus.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kaiserdom-Uhus/Uhu-aus-Naumann-Naturgeschichte-1898.jpg

Aus „Naumann - Naturgeschichte der Vögel" 1898

 

Die Stimme ist während der Balzzeit im zeitigen Frühjahr ein dumpfes BUBUHH oder SCHUHUHH. Dieser gereihte Ruf ist viele hundert Meter weit zu hören. A. E. Brehm schreibt 1879 in Brehms Tierleben über die Balzrufe des Uhus „daß abergläubischen Leuten die Haare zu Berge stehen“ und die Uhurufe „die Sage vom wilden Jäger oder die vom verfallenen Ritter“ ins Leben gerufen habe.

Uhumännchen und Uhuweibchen unterscheiden sich deutlich. Das Männchen ist etwa 1/3 kleiner und hat mehr weiße Flecken im Brustgefieder als das Weibchen. Auch die Federohren des Männchens sind länger als bei seiner Partnerin.

Der Uhu jagt bei einsetzender Dämmerung die ganze Nacht hindurch. Seine Hauptbeute sind Mäuse, Ratten, Krähen, Elstern und große Insekten. Aber auch Hasen und Fasanen werden gelegentlich geschlagen. Dieser Umstand ist in der Vergangenheit völlig überbewertet worden und führte durch starke Verfolgung schließlich zur Ausrottung dieser Vogelart in Niedersachsen.

Nur an einigen abgelegenen Ecken im Ostharz, im Thüringer Wald und in Bayern konnten sich einige Brutpaare halten. Aber diese isolierten Restbestände waren weiterhin extrem gefährdet, weil zum Beispiel der Verlust eines Brutpartners bei einem lückigen und sporadischen Vorkommen nicht ausgeglichen werden konnte.

Die Uhus wurden in Deutschland immer seltener und kaum ein Naturbeobachter, Jäger, Förster oder Ornithologe kannte diese große Eule als freilebenden Vogel. Der Uhu, der König der Nacht, wie er früher genannt wurde, hatte alle Chancen endgültig als deutscher Brutvogel zu verschwinden. Aber einige Ornithologen aus Braunschweig wollten sich mit dieser düsteren Aussicht nicht abfinden. Eigenartigerweise war es relativ einfach Uhus in Gefangenschaft zu züchten. Es gab sogar einige Zoos und Tiergehege, die bereit waren gezüchtete Tiere abzugeben. Um 1960 wurde in Braunschweig die Gruppe Uhuschutz gegründet. Ziel war die Erhaltung der größten einheimischen Eule. Mit viel Einsatz, Zeitaufwand und Engagement wurden die ersten Aussetzungen vorgenommen. Aber alle Mühe war vergebens!

Ein Uhu wurde irrtümlich für eine Katze gehalten und geschossen, ein anderer geriet in ein Fangeisen und der dritte flog gegen eine Hochspannungsleitung.

Trotz dieser ernüchternden Bilanz gab man nicht auf. Wildbiologen, Fachbehörden, Förster, Ornithologen und Naturschutzverbände erarbeiteten ein Konzept zur Wiedereinbürgerung des Uhus. An verschiedenen Stellen Niedersachsens wurden Zuchtgruppen von Uhus geschaffen, so auch im Landkreis Helmstedt. Das neue Auswilderungsprogramm brachte einige, wie sich später zeigen sollte, entscheidende Änderungen.

So wurden zum Beispiel die Junguhus systematisch geschult selbstätig Beute zu machen. Außerdem wurden von jedem junguhu alle Daten zentral gesammelt.

Erst als eine genügend große Zahl von trainierten und zueinander passenden Uhus in den Zuchtstationen vorhanden waren, wurde die große Eule an sorgfältig .ausgewählten Stellen ausgesetzt.

Heute hat sich eine kleine aber stabile Population von Uhus an verschiedenen Stellen Niedersachsens gebildet. Die Nachzucht in Freiheit war so erfolgreich, daß momentan auf weitere Auswilderungen verzichtet wird.

Alle paar Jahre tauchten Uhus auch in und um Königslutter auf. Aber sie blieben eine Ausnahmeerscheinung in unserer Gegend.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kaiserdom-Uhus/Niedersaechsisches-Landeskrankenhaus-Foto-K-H-Dorge.jpg

Garten, Parks, Felder und Elmland waren das Jagdgebiet des Uhus, wie auch am Niedersächsischen Landeskrankenhaus und im weiteren Umfeld der Stiftskirche (Fotos K. H. Dorge)

 

Anfang Februar 1992 ruft mich Uwe Petzold an, er wohnt mit seiner Familie unmittelbar an der Stiftskirche Königslutter, und meint, er hätte einen Uhu gesehen.

Der „erfahrene“ Ornithologe hört sich das alles an und ist fest davon überzeugt, daß es sich um den relativ häufigen Waldkauz handelt.

Am 13. März 1992 ein erneuter Anruf von Uwe Petzold: „Den ganzen Abend ruft der Uhu“. Wieder hat Ungläubigkeit bei mir die Oberhand. Aber Uwe P. läßt nicht locker, er hält den Telefonhörer aus dem Fenster und nun endlich ist auch mir klar, daß diese Rufe von einem Uhu stammen.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kaiserdom-Uhus/Blick-vom-Vierungsturm-auf-das-Westwerk-des-Kaiserdoms-Foto-K-H-Dorge.jpg

Blick vom Vierungsturm zum Westwerk des Kaiserdoms

 

Ende März 1992 eine neue Information. Es sollen sogar zwei Uhus am Kaiserdom sein. Vorsichtig geworden, äußere ich keine Zweifel, bin aber skeptisch. Mitte Juni 1992 gelingt schließlich die Beobachtung des Beute tragenden Männchens und des Uhuweibchens mit zwei weiß befiederten Dunenjungen.

Das ist eine ornithologische Sensation, eine Uhubrut in der Stadt. Täglich sind Mitglieder der Uhufamilie zu sehen.

Anfang Juli sind die beiden noch nicht flüggen ]unguhus so selbständig, daß sie die Luke im Turm verlassen haben und auf das Dach des Refektoriums geklettert sind. Hier hocken sie eng aneinandergekuschelt und werden von den meisten der vielen Besucher nicht bemerkt.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kaiserdom-Uhus/Das-Uhuweibchen-in-der-Brutluke-Foto-K-H-Dorge.jpg

Juni 1992 - Das Uhuweibchen in der Brutluke (Foto K. H. Dorge)

 

Gegen Abend sind immer mehr inteessierte Beobachter und Anwohner da, die sich die Junguhus ansehen.

Es hat sich eine regelrechte Fangemeinde gebildet die Anteil an der weiteren Entwicklung der Vogelfamilie nimmt und darauf achtet, daß die Vögel nicht gestört werden.

Am 12. Juli 1992 erreicht mich der Anruf, daß der eine seit Tagen verschollene Junguhu auf dem Grundstück Buchheister auf einer Steinmauer sitzt. Das Einfangen und Zurücksetzen auf das Kirchendach wurde von zahlreichen Anwohnern und den Uhueltern aufmerksam beobachtet. Offenbar erleichtert war nicht nur der schnabelknappende Junguhu, sondern auch der Fänger, als diese Aktion beendet war, da Uhueltern bei Gefahr für die Jungen agressiv sein können.

 

Die Junguhus

Ende August kam es zur letzten Beobachtung der vollständigen Uhufamilie, dann hatten sich die

Jungen selbständig gemacht.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kaiserdom-Uhus/Der-ausgebuexte-Junguhu-Foto-K-H-Dorge.jpg

Der ausbebüxte Junguhu am 12. Juni 1992. (Foto K. H. Dorge)

 

Mitte Dezember 1992 wird ein toter Uhu auf dem Kirchendach gefunden und geborgen. Er hat sich offenbar an den Schneefanggittern verfangen und ist zu Tode gekommen. Der Vogelring des toten Uhus und die Genanalyse ergeben, daß es sich um das Uhumännchen handelt. Es war in der Nähe von Salzgitter groß geworden.

 

tl_files/Fotos/Allgemein/Kaiserdom-Uhus/Die-fast-flueggen-Junguhus-Foto-O-Kruggel.jpg

 

Die fast flüggen Junguhus Ende August 1992 (Foto Otto Kruggel)

 

Im Frühjahr 1993 rief das Uhuweibchen noch einige Nächte nach dem Männchen, aber kein Artgenosse antwortete . . .

1995 brütete wiederum ein Uhu, diesmal auf einem Baumhorst, im Landkreis Helmstedt. Vielleicht war eines der Jungen oder das Weibchen vom Kaiserdom daran beteiligt.

K. H. Dorge

 

 

Veröffentlicht in:

Das Jahreszeitenmagazin der Lutteraner Druckfabrik Winter 1995 Herausgeber: Ralph Lüders