Die Sonnenuhr von 1693 am Pfarrhaus der Stiftskirche zu Königslutter

Die Sonnenuhr am Pfarrhaus des Kaiserdoms in Königslutter
Die Sonnenuhr am Pfarrhaus der Stiftskirchengemeinde Königslutter 1996

 


Von Otto Kruggel

Die Südfassade des Stiftskirchenpfarrhauses in Königslutter schmückt
der 17 Meter lange Schwellbalken des Obergeschosses mit der schönen
Inschrift in erhabenen grünen und gelben Antiquaversalien auf rotbrau-
nem Grund:


DIE GEDULD SOLL FESTE BLEIBEN BIS ANS ENDE. JAC  1
VERS 4 + JOHANNES JULIUS BREMER PASTOR PRIOR ET
SENIOR MONASTERII,


die uns mitteilen will, daß Prior Bremer 1708 dieses schöne und repräsen-
tative Fachwerkhaus bauen ließ. Die Jahreszahl 1708 steckt als Chrono-
gramm im Bibelvers. Die hochgezogenen grünen Buchstaben als römi-
sche Ziffern addiert ergeben DDDLLLLVIII = 1708.
Über diesem schönen Balken befindet sich eine Sonnenuhr aus Sand-
stein mit der Jahreszahl 1693. Sie soll nach Mitteilung von Richard Die-
stelmann (in: Das Moosholzmännchen Nr. 44/1966) am 1820 abgebro-
chenen Turm der Clemenskirche eingemauert gewesen sein, bis 1966 auf
dem Dachboden der Stiftspfarre gelegen haben und schließlich auf Be-
schluß der Gemeinde emeuert und am Pfarrhaus angebracht worden sein.
Unter der strahlenden Somıe beherrscht ein erhaben gearbeitetes, ge-
riffeltes und vergoldetes Ornament die untere Hälfte dieser soliden Stein-
metzarbeit. Auf den ersten Blick meint man, ein A und zwei V, also ein
Monogramm, in dieser Buchstabenkombination mit spiralförmig auslau-
fenden Enden zu erkermen. Es ist aber ein Duogramm aus zwei innig und
untrennbar vereinten Monogrammen. Die Jahreszahl 1693 und das
Epitaph an der Ostwand des Nordquerhauses der Stiftskirche helfen hier,
das Rätsel zu lösen. Dieses „Epithaphium des S.T. Herren, Hm. IUSTI
GEORGII VALDICKEN, Weylarıd dieses Kayerl. Freyen Stiffts Hoch
Fürstl. Braunschweig. Lüneb. Woll MERITIRTEN Ambtmanns“ verrät
uns, daß er „zur Eheliebsten die S.T. Frau, Fr. ANNA ELISABETH
MEYERS Gehabt, mit Welcher er Vergnügt gelebet 21 Jahr, in Wehren-
der Zeit aber nur eine Tochter gezeuget.“ Besonders der letzte Teil dieser
Inschrift wird bei Domführungen immer wieder gem und genüßlich gele-
sen. Zur Lösung trägt er nicht bei, wohl aber die Zahl 21 davor.

Da der am 3. September 1716 verstorbene ehemalige Amtmann 21
Jahre verheiratet war, muß die Ehe der beiden 1694/95, also nach 1693,
geschlossen worden sein. Als sie 1693 die Sonnenuhr für ihr Haus anfer-
tigen ließen (vielleicht von den Steinmetzen, die damals die Konsolen und
Schlußsteine des neuen Mittelschiffgewölbes meißelten), vereinigten sie
ihre Monogramme zu diesem sinnreichen Symbol, über dem die goldene
Sonne ständig strahlt, und der Zeiger geht, wenn sie am höchsten steht.

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Für dieses Vereinigungszeichen hatten die Verlobten ein großes Vor-
bild. Der fürstliche Amtmann übemahm die Idee von keinem Geringeren
als von seinem Fürsten. Herzog Rudolf August (1627 - 1704) hatte von
Beginn seiner Regierungszeit im Jahr 1666 an Taler mit seinem Wahl-
spruch REMIGIO ALTISSIMI (Nach dem Willen des Höchsten) prägen
lassen. Die Anfangsbuchstaben dieser zweideutigen Abwandlung eines
Plautuswortes (Plautus, Miles gloriosus 3.1,149: meo remigio rem gero,
d.h. nach meinem Willen mach ich°s) sind die Anfangsbuchstaben seines
Namens.
Als er 1685 seinen Bruder Anton Ulrich (1633 - 1714) zum Mitregen-
ten machte, erschienen die sogenannten Eintrachtstaler mit dem erweiter-
ten Wahlspruch REMIGIO ALTISSIMI VNI (Nach dem Willen des
Höchsten allein), der die Anfangsbuchstaben beider Brüder Vereinte. RA
+ AV wurden zu RAV zusammengezogen und bald dem Zeitgeschmack
entsprechend verschlungen dargestellt:

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Wer von 1693 an diese Valdicksche Sonnenuhr sah und herzogliche
Taler kannte, wußte, daß in dem Haus ein treuer Untertan und Verehrer
der Landesherren wohnte. Es war selbstverständlich das Valdicksche
Haus, das ehemalige Hospital des Klosters (heute Forstamt), das sich der
Stiftsamtmann und die Bürgermeisterstochter als ihr Heim einrichteten.
An der Nordseite des Gebäudes befand und befindet sich noch am Erker
ein Relief mit den Buchstaben B V V für Busso von Veltheim und M V W
für Maria von Weferlingen, den Wappen der beiden Adelsgeschlechter

und der Jahreszahl 1599 (s. Heinrich Medefind, Inschriften an Häusem
Denkmälem Gedenktafeln in Königslutter, Königslutter 1995). Als Zei-
chen seiner Inbesitznahme des vormaligen Adelshofes setzte das bürger-
liche Paar die gediegene Sandsteinplatte von 84 mal 73 Zentimeter sicher
auf die Sonnenseite, vor der sich laut Flurkarte von 1722 ein barocker
Ziergarten befand. In der rechten Stemzeichenleiste befindet sich zwi-
schen den Symbolen der Fische und des Widders und neben der Monats-
angabe FEPRV eine kleine goldene Tierfıgur, vermutlich ein goldenes
Kalb. Das könnte die verschlüsselte Datumsangabe sein.
Da nach den Anmerkungen des Abtes Johannes Fabricius zu Letzners
Beschreibung des Stifts Königslutter, Wolfenbüttel 1715, das alte Mau-
erwerk der Clemenskirche noch vorhanden war, aber seit einiger Zeit als
Scheuer genutzt wurde, ist eine Anbringung der Sonnenuhr am Turm die-
ser verfallenen und 1752 abgerissenen Kirche wohl nicht denkbar.
Die auf dem Epitaph erwähnte Tochter hieß Friedericia Amalia Marie,
wurde am 18. November 1696 geboren und starb am 18. April 1738,
nachdem sie 20 Jahre mit dem fürstlichen General-Auditeur Friedrich
Leonhard Volschen verheiratet war. Das verkündet ihr Grabstein in der
Trinitatiskirche zu Wolfenbüttel.
Dem Markstein zum Miteinander ihrer Eltern ist ein neuer Stab zu
wünschen, eine Halterung, die keine Rostflecken erzeugt und gebühren-
de Beachtung und Betrachtung.

veröffentlicht in:
Kreisbuch 1998 des Landkreises Helmstedt S. 23-26

Das Foto der Sonnenuhr wurde der gleichnamigen Veröffentlichung Otto Kruggels
im Jahreszeitenmagazin der Lutteraner Druckfabrik 1996 entnommen.

 

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Die Sonnenuhr am Pfarrhaus der Stiftskirchengemeinde Königslutter 2012

                                                                                                                           

siehe auch:

Lutterbeschreibung des 1713 verstorbene Joh. Julius Bremer unter der Rubrik "lauteres klares Wasser"

aus:  Johannis Letzneri, Joh. Fabricius, Henr. Meibomius
„Joh. Letzneri kurze und bißhero nicht in Druck gegebene Beschreibung des im Wolffenbüttelschen Herzogthum gelegenen Kayserl. Stifftes Königs-Lutter: Mit nöthigen Anmerckungen: ... Samt Henr. Meibomii Bericht von der Comthurey zu Süpplingburg“ page 47-50

Wolfenbüttel / Bey Gottfried Freytag / Buchführern  1715

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