Schöppenstedt in der Topographia Braunschweig Lüneburg

Quelle: Topographia Braunschweig Lüneburg, Merian, Frankfurt am Main 1654 S. 186-187

LINK: http://de.wikisource.org/wiki/Topographia_Braunschweig_Lüneburg:_Schöppenstätt

 

 

Projekt der Elm-Asse-Schule am Burgtal wächst weiter

Die-Lehrer Lutz-Zahn-und-Daniela-Torbahn-überlegen-wo-ein-Insektenhotel-aufgestellt-werden-könnte

1000 neue Bäume für den Schulwald gepflanzt
lm Schulwald der Elm-Asse-Schule wurden neue Bäume gepflanzt. Gut 1000 Stück brachten die Schüler der Haupt- und Realschule in die Erde.
Schöppenstedt (tw). Bereits im vergangenen Jahr wurden über 1000 Bäume gepflanzt, sodass jetzt rund 2300 Bäume auf dem 5000 Quadratmeter großen Gelände stehen. Viele verschiedene Baumarten haben nahe dem Burgtal einen Platz gefunden. Auch der Werkunterricht beteiligt sich am Schulwald. Die Schüler bauen Hinweisschilder und Insektenhotels.
Das Projekt „Schulwälder gegen Klimawandel“ ist eine Aktion der Stiftung Wald. Diese stellte der Schule auch die Bäume zur Verfügung. Das Gelände wurde von der Stadt Schöppenstedt bereitgestellt.

Veröffentlicht in:
Stadtspiegel 21. Jg. vom 04. Mai 2013  S. 14


Bürger-nehmen-Holzeinschläge-nicht-mehr-kommentarlos-hin

Die Kreisgruppen der drei großen Naturschutzverbände BUND, Greenpeace und NABU haben am 23. März die „Arbeitsgemeinschaft Wälder der Region Braunschweig“ gegründet. Dies wurde bei einem gemeinsamen Treffen in der Umweltburg Königslutter beschlossen. Die VertreterInnen der Naturschutzverbände auf diesem Gründungstreffen kamen aus Braunschweig, Helmstedt, Goslar, Königslutter, Peine, Salzgitter, Wolfenbüttel und Wolfsburg. Damit ist die gesamte Braunschweiger Region abgebildet und repräsentiert.
Anlass für die Gründung sind die seit Jahren überall in den Wäldern der Region zu beobachtenden Tendenzen zur Intensivierung der Nutzholzgewinnung - selbst in den höchstwertigen Waldschutzgebieten des Natura-2000-Netzes nach EU-Recht.
„Uns erreichen immer mehr Meldungen aus der Bevölkerung über Holzeinschläge in den Wäldern der Region, die ein Ausmaß angenommen haben, das die Bürger einfach nicht mehr kommentarlos hinnehmen wollen“, sagten die Teilnehmer des Gründungstreffens. Und weiter: „Die Leute suchen nach Ansprechpartnern, um dieser Übernutzung unserer öffentlichen Wälder entgegen zu wirken. Das wird unsere Arbeitsgemeinschaft sein.“
Die Rede ist von Holzeinschlägen höchster Intensität und Menge, dem Zerfahren von Waldwegen und Rückegassen bei nasser Witterung, der weitgehenden Entnahme von Altholz und selbst Totholz, dem Umsägen von Habitatbäumen. Bei der zunehmenden Vollbaumnutzung werde die gesamte oberirdische Biomasse der Bäume aus dem Wald entfernt. So würden auch noch die Baumkronen und alle Äste, die früher im Wald verblieben, zu Holzhackschnitzeln für private und industrielle Heizöfen verarbeitet.
Der Großteil der Beschwerden betrifft ausgerechnet die öffentlichen Wälder, die sich im Eigentum des Landes - und damit seiner Bürger - befinden. „So kann es nicht weitergehen. Wir müssen mit einer Stimme sprechen und etwas dagegen tun!“ war die einhellige Meinung der Naturschützer aus der Region. Man werde diesem ungebremsten Treiben nicht weiter zusehen. Einzelne Proteste gegen die Übernutzung der Wälder habe es auch in den vergangenen Jahren hier und da immer wieder gegeben. Nun aber sei die Zeit reif, um sich zusammen zu tun und durch gemeinsames Vorgehen mehr für den Schutz der Wälder zu erreichen.
„Es gibt einen festen rechtlichen Boden, auf dem wir uns bewegen mit unseren Forderungen nach weniger Waldübernutzung. Wir müssen einfach nur das existierende Recht einfordern.“ Laut einer Urteilsbegründung des Bundesverfassungsgerichts dient der öffentliche Wald „der Umwelt- und Erholungsfunktion [...], und nicht der Sicherung von Absatz und Verwertung forstwirtschaftlicher Erzeugnisse (BVerfG 1990). Man sei davon überzeugt, dass gerade der öffentliche Wald eine große Vorbildfunktion für den Privatwald habe.

Die Teilnehmerlnnen des Gründungstreffens der Arbeitsgemeinschaft „Wälder der Region Braunschweig“ im Hof der Umweltburg Königslutter. Neben weiteren VertreterInnen der drei Naturschutzverbände BUND, Greenpeace und NABU die drei Sprecherlnnen der AG: Karl-Friedrich Weber (4.v.r.), Martina Meiritz (4.v.l.) und Eckart Prause (3.v.l.). Foto: Walter Wimmer

Veröffentlicht in:
Der Stadtbüttel vom Mai 2013  S. 12

NABU Schöppenstedt

Mitgliederversammlung des NABU Schöppenstedt
2210 ehrenamtliche Stunden für den Naturschutz
Der Schöppenstedter Naturschutzbund (NABU) war auch im vergangenen Jahr nicht untätig. Mit viel Einsatz waren die Naturschützer in vielen Bereichen aktiv. Während der Mitgliederversammlung wurde jetzt auf das Jahr 2012 zurückgeblickt.
Schöppenstedt (tw). Der Vorsitzende Rolf Jürgens berichtete: „Im Rahmen des Eisvogelprojekts sollen in Niedersachsen 100 Niststationen aufgestellt werden. Wir beteiligten uns an dieser von Bingo-Stiftung ausgerufenen Aktion. Wir erhalten für jeden Brutkasten 400 Euro. Einige hundert Euro müssen wir aber dazubezahlen. Zwei Kästen - einer am Rande des ,Großen Teiches' und einer am Nordrand des ,Kleinen Teiches' - wurden aufgestellt."
Ende Februar 2012 war ein Fernseh-Team des NDR in Schöppenstedt. Mit einem größeren Aufgebot wurden die NABU-Mitglieder am Wasservogelreservat, am Wanderweg nach Eitzum und an der Friedenseiche gefilmt. Im März erhob der NABU beim Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie in Hannover Einspruch gegen die geplante Erdgasförderung im sogenannten Fracking-Verfahren durch das kanadische Unternehmen BNK Petroleum im Kreis Wolfenbüttel. Im Sommer zeichnete die Ortsgruppe die Kirchengemeinde Sankt Stephanus mit dem Prädikat „Lebensraum Kirchturm" aus. Pröpstin Bernhild Merz, Klaus Singelmann vom Kirchenvorstand nahmen von Günter Büto und Rolf Jürgens die Urkunde und Plakette entgegen. Im September beteiligte sich der Verein am Tag „Natur aktiv erleben“ der Niedersächsischen Akademie für Naturschutz und des NDR. Mitte Oktober trafen sich Dr. Carsten Schütte vom Amt für Naturschutz, NABU-Mitglied Reinhold Huke, der Storchenbeauftragte Georg Fiedler und Rolf Jürgens zu einem Ortstermin, um die Ansiedlung des Weißstorchs im Bereich der Warler-Barnstorfer Wiesen zu beraten. Herr Fiedler gab grünes Licht für die Aufstellung eines Weißstorchhorstes. „Wir beteiligten uns am Positionspapier ,Naturschützer widersprechen Forstleuten - gegen den ausufernden Holzkahlschlag im Elm“. Die FFH-Gebiete müssen dringend als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden“, erklärte Jürgens eindringlich.
2012 hat der Nabu Schöppenstedt insgesamt 2210 Stunden ehrenamtliche Arbeit geleistet.
Die Treuenadel für zehnjährige Mitgliedschaft erhielten Margot Baumgarten, Siegfried Diedrichs, Ernst Flißt, Joachim Heine, Irmgard Kruse, Gerhard Piochacz, Elvira Raab, Klaus Raab und Heinz Heyland. 20 Jahre im NABU sind die Hofgemeinschaft Lindenhof, Irmgard Horstmann, Brigitte Isensee, Wolfgang Isensee, Nicole Stallmann und Hans-Friedrich Wolff. 30 Jahre dabei ist Norman Gordziel.


Veröffentlicht in:
Stadtspiegel  21.Jg. 23.03.2013  6/13  S.10


Kirchturm von Sankt Stephanus ist ein Lebensraum

NABU Schöppenstedt zeichnete Kirchengemeinde aus
Kirchturm von Sankt Stephanus ist ein Lebensraum
Die Kirchengemeinde Sankt Stephanus kann sich jetzt mit der Auszeichnung „Lebensraum Kirchturm“ schmücken. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) überreichte ihr eine Urkunde und eine Plakette.

Schöppenstedt (tw). „Die Auszeichnung sagt aus, dass es ein ungestörtes Miteinander zwischen Mensch und Tier in der Stadt gibt. Der Kirchturm ist ein Lebensraum, den Sankt Stephanus zur Verfügung stellt“, sagt Rolf Jürgens, der Vorsitzende des Schöppenstedter NABU. Gleich nach dem Kirchturmbrand 1999 hatte sich der Verband mit Kirche und Architekten in Verbindung gesetzt, um bei der Planung des neuen Turms Unterschlupfmöglichkeiten für Tiere zu schaffen. Entsprechende Nisthilfen wurden eingebaut und schon bald bezogen.

Pröpstin Bernhild Merz, Kircherıvorstand Klaus Singelmann, NABU-Vorsitzender Rolf Jürgens und tellvertreter Günter Büto (v. I.) mit der Plakette .,Leberısraum Kirchturm“  Foto: Wagner

„Mittlerweile leben Turmfalke, Dohle sowie Zwerg- und Breitflügelfledermaus hier. Abends kann man die Fledermäuse gut beobachten, die im Bereich der Uhren fliegen. Ganz besonders schön ist es, dass die Dohlen hier brüten - erstmals in Schöppenstedt“, so Jürgens. Lediglich die Schleiereulen hätten am Kirchturm von Sankt Stephanus kein Interesse. Die Nisthilfen wurden zwischenzeitlich in der katholischen Kirche Sankt Joseph eingebaut, die etwas näher am Stadtrand liegt.
Die Kirchengemeinde freute sich über die Auszeichnung. „Wir setzen auch weiterhin auf eine gute Zusammenarbeit mit dem NABU“, sagt Kirchenvorstand Klaus Singelmann. Und Pröpstin Bernhild Merz meint: „So zeigen wir, dass wir nicht nur unten in der Kirche Leben haben, sondern auch im Turm."
2007 startete der NABU zusammen mit dem Beratungsausschuss für das deutsche Glockenwesen das Projekt „Lebensraum Kirchturm“. Damals war der Turmfalke „Vogel des Jahres" - ein Vogel, der wie kaum ein anderer auf Nistmöglichkeiten in Kirchtürmen angewiesen ist. Ziel der Aktion ist es, die Brutstätten für Turmfalken. Fledermäuse, Schleiereulen, Dohlen und andere Arten zu erhalten. Ebenso wichtig ist es, renovierte Kirchtürme wieder als Lebensraum zu öffnen, indem dort Nistkästen angebracht werden.
Fünf Jahre nach Beginn der Aktion sind schon mehr als 500 Kirchen in Deutschland für ihren Einsatz für den Artenschutz vom NABU mit der Plakette „Lebensraum Kirchturm“ ausgezeichnet worden.


Quelle: Stadtspiegel 20. Jg.  11.August 2012  15/2012  Seite 13



 

 

 

 

 

Virtuell ein Bild von der Heimat machen

Jürgen Bode sammelt lnformationen über die Region - Die eigene Baustelle im Internet
Von Tobias Wagner

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Schöppenstedt. Erst war es nur eine kleine Reklame für die Gästewohnung im eigenen Haus. Um potentiellen Besuchern das Ganze schmackhafter zu machen, folgten einige Informationen über Schöppenstedt und die nahe Umgebung.
Jetzt sitzt Jürgen Bode häufig abends und bald jedes Wochenende am Computer und füllt seine Internetseite mit Informationen rund um die Elmstadt. „Es ist ein Hobby, das wirklich sehr viel Zeit kostet“, erklärt Bode. Aber er macht es gerne, denn für ihn ist es Entspannung und Abwechslung. Mit einem einfachen Gestaltungsprogramm fing es an.
Unterstützung gab es von vielen Seiten. Von Christian Tietz, der den Bansleber Internetauftritt betreut, oder von Bodes Nachbarn Jürgen Mewes. Mewes beschreibt auf seiner Seite Touren durch den Raum Braunschweig.
Seit 1991 wohnt Jürgen Bode mit seiner Frau Verena in Schöppenstedt. „Genauer in Küblingen, dem ältesten Ortsteil der Stadt“, sagt er. Von Anfang an bemühten sich die beiden Braunschweiger, sich ein Bild von der neuen Heimat zu machen. Von Küblingen aus ging es virtuell immer weiter in die Region.
Erst kamen die Nachbarorte, dann der Landkreis Wolfenbüttel und das ehemalige Herzogtum Braunschweig. Bode geht weit in der Zeit zurück und ebenso sehr in sachliche Tiefe. Viele Begriffe sind mit anderen Seiten verlinkt, und so kann der Benutzer hin und her springen.
Das Design der Seite ist eigenwillig. Viele Farben, Stile und Schriften. „Herrn Bodes Seiten besitzen seit eh und je eine persönliche Gestaltungs-Note und an einigen Stellen geht der rote Faden verloren“, schreibt ein Besucher. Der Webmaster nimmt es mit Humor.
Die Informationen bezieht der Naturwissenschaftler, der im Bereich der Biochemie arbeitet, aus zahlreichen Quellen. „Mein Großvater war Lehrer und hat viel gesammelt. Die Quellen sind uralte Werke, Jahrbücher des Landkreises, Berichte Einheimischer, Zeitungsausschnitte und Erfahrungen“, so Bode.
Auf die Frage, ob die Seite irgendwann vollständig sei, antwortet der Macher: „Da wir nie selbst gebaut haben, haben wir diese Seiten zu unserer Baustelle erklärt – ein Projekt, das nie fertig sein wird.“


Veröffentlicht in:
Wolfenbüttler Zeitung 23.08.2006

Einfügung: Für Freunde von Landschaftsaufnahmen sei auf die zahlreichen ansprechenden Fotos von „cugelinge“ sprich Küblingen im Internet verwiesen.

 

 

 

 

 

Aufenthalt des Ablasskrämers Johann Tezel in unserm Vaterlande

Mitgetheilt von C. G. Q u e r n e r.

So viel mir bekannt ist, findet man es in den historischen und geographischen Nachrichten über unser Vaterland nicht mitgetheilt, daß sich der Ablasskrämer Johann Tezel in demselben aufgehalten habe. Es dürfte daher für die Leser dieser Blätter nicht uninteressant sein, über den Aufenthalt eines die Kirchenverbesserung veranlassenden und in der Reformationsgeschichte mehrfach vorkommenden Mannes im Braunschweigischen Lande einiges Näheres zu erfahren.
Als Johann Tezel im Auftrage und unter dem Schutze des päpstlichen Ablasspächters, des Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz, Albrecht von Brandenburg, Tyrol, Sachsen, Brandenburg und andere deutsche Länder mit seinem einträglichen Ablasshandel durchreiste, wobei er, ehe Dr. Luther öffentlich gegen die Ablasskrämerei aufgetreten war, in mehrere Städte unter feierlichem Geläute der Glocken einzog, machte Tezel auch, wahrscheinlich von dem nahen Magdeburg aus, einen Streifzug in das Braunschweigische, nämlich in die Gegend von Schöningen. Anderthalb Stunden von der genannten Stadt liegt das Braunschweigische Dorf Dobbeln, wozu eine von diesem Orte etwa zehn Minuten entfernte Wassermühle gehört, die zu Dobbeln eingepfarrt ist. In diese Mühle begab sich der Ablassverkündiger Tezel mit allen erforderlichen Apparaten seines Geschäfts, die er auf einem mit einem Pferde bespannten und von einem Knechte geführten Wagen fortschaffte. Darf man den mündlichen Ueberlieferungen trauen, so war Tezel‘s Knecht, welchen er zu der Zeit, als er sich in unserm Vaterlande aufhielt, bei sich hatte, ein naher Verwandter des in der genannten Mühle wohnenden Müllers, der zuvor, ehe ihn Tezel angenommen, in einem deutschen Kriegsheere gedient haben soll.
Tezel konnte wohl gerade in dieser Gegend auf einen guten Verkauf seiner Ablassbriefe rechnen, da in der Nähe seines Aufenthalts die Städte Schöningen, Helmstedt, Schöppenstedt, Königslutter und eine Menge blühender Preußischer und Braunschweigischer Dörfer, als Hötensleben, Harbke, Warsleben, Söllingen, Jerxheim, Ingeleben, Papstdorf, Hessen und eine große Anzahl nach Schöppenstedt zu, lagen, deren Bewohner seine Milch- und Butterbriefe gewiß in großer Menge gekauft haben werden, um in der Fastenzeit Milch und Butter genießen zu dürfen.
Als Tezel seinen Aufenthalt in der genannten Braunschweigischen Mühle genommen, soll er alsbald die Ablass-Fahne, die mit dem päpstlichen Wappen geziert gewesen, vor der Mühle aufgepflanzt und auf einer bei derselben befindlichen Anhöhe ein gewaltiges Feuer angezündet haben, um die Blicke der Bewohner dieser Gegend nach dem Orte des Sündenabkaufs hinzuleiten. Daß eine bedeutende Anzahl von Menschen sich während Tezel’s Aufenthalt in der Mühle auf der dicht vor derselben belegenen großen und schönen Wiese täglich versammelt habe, die des Ablasskrämers hier geharrt, dafür spricht hinlänglich der Umstand, daß diese Wiese die Ablass-Wiese heißt. –
Die genannte Mühle bei Dobbeln, die durch den Aufenthalt des berüchtigten Ablasskrämers eine historische Wichtigkeit erhalten hat, heißt nicht nur bei dem Volke, sondern auch in alten Dokumenten die Ablass-Mühle. – Tezels Mantel, den derselbe in dasiger Gegend zurückgelassen, soll eine geraume Zeit hindurch in der Kirche zu Küblingen (bei Schöppenstedt) aufbewahrt worden sein.
Der Einsender, der diese geschichtliche Thatsache zur Sprache bringt, äußert noch schließlich den Wunsch, daß vaterländische Geschichtsforscher den berührten Gegenstand einer weitern Prüfung und Nachforschung werth halten möchten! –


Veröffentlicht in:
Braunschweigisches Magazin 1839 17tes Stück  S. 139-140



 

 

Ernst Kroker: Tetzel und die Beraubung seines Ablaßkastens

VI.

Kleinere Mitteilungen.

I. Tetzel und die Beraubung seines Ablaßkastens.

Von Ernst Kroker.

An den Mißbrauch, den Tetzel mit dem Ablaßhandel trieb, hat sich schon frühzeitig die Beschuldigung angeschlossen, Tetzel habe die Kraft des Ablasses nicht nur für begangene Sünden verkündet, sondern auch auf solche Sünden erstreckt, die einer erst Willens wäre zu tun 1), und an diese Anschuldigung wieder heftet sich die Anekdote von dem Überfall Tetzels und der Beraubung seines Ablaßkastens durch einen Ritter, der sich von Tetzel selbst in einem Ablaßbrief die Vergebung seiner Sünde im voraus hatte gewähren lassen. Das boshafte Geschichtchen ist seit der zweiten Hälfte des 16.]ahrhunderts überall im protestantischen Deutschland mit Behagen erzählt und an verschiedenen Orten in Sachsen (bei Leipzig) oder in der Mark Brandenburg (bei Jüterbog) lokalisiert worden. In der ältesten Fassung begegnet es uns nach Otto Clemens Nachweis 2) bei Melanchthon in der Handschrift Luth.-Mel. der Leipziger Stadtbibliothek 3). Diese Handschrift enthält in ihrem 1. Halbband eine Sammlung von Tischreden Luthers und in ihrem 2. Halbband eine mehr als 1050 Num-

 

1) .Vgl. Nikolaus Paulus, Johann Tetzel der Ablaßprediger (1899) S. 100f. und 137, und in der Zeitschrift „Der Katholik“ LXXXI (1901), 564ff.

2) Friedrich Myconius, Geschichte der Reformation. Herausgeben von Otto Clemen (Voigtländers Quellenbücher LXVIII) S. 19 Anm. 2.

3) Rep. IV. 4°. 115aa. 2. Halbband S. 105 b. Vgl. Ernst Kroker in den Schriften des Vereins für die Geschichte Leipzigs X (1911), 113 ff.

 

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155 Kleinere Mitteilungen.

 

mern starke Sammlung von Anekdoten, wie sie Melanchthon in seinem Kolleg vorzutragen liebte, um seinen Vortrag zu würzen. Ein junger Lübecker, Johannes Rickemann oder Rechemann, iınmatrikuliert in Wittenberg am 6. Oktober 1553, hat sie in den nächsten Jahren (1554-1557) in Melanchthons Kolleg nachgeschrieben und gesammelt. Melanchthon erzählt 1):

 

„Deitzelius [Manlius: Tecelius] monachus, qui huc attulit indulgentias a papa, multa valde impudenter dixit, et non procul hinc [Manlius: rursus] pulchre a quodam est illusus, qui interrogavit ex ipso [Manlius: ipsum], num habeat potestatem absolvendi a futuris delictis, et promisit illi [Manlius: ei] decem thaleros. Ille respondit esse rem valde difficilem, sed tamen sibi datam esse plenariam [Manlius: plenam] potestatem a pontifice, nec posse hanc absolutionem tam parva pecunia emi. Quare ita acta res est, ut numeratis viginti aut triginta thaleris ille per literas absolveretur a peccato committendo. Postea ille [Manlius: idem eques] monacho in itinere struxit insidias et omnem pecuniam, quam collegerat ex oppido, eripuit. Monachus [Manlius: Tecelius] rediit in oppidum ad magistratum et accusavit praedonem, qui proferens has literas excusavit factum, quod sibi ab ipso hoc factum concessum esset. Et [Manlius: - Et] hoc modo ille evasit, et alter commonefactus est, ut ageret prudentıus.“

 

Älter als diese Erzählung Melanchthons ist ein eigentümliches Schriftstück, das im Juni 1917 bei Oswald Weigel in Leipzig zur Versteigerung gekommen ist 2) und jetzt in der Lutherhalle in Wittenberg aufbewahrt wird 3). Es besteht aus einer Überschrift von 2 Zeilen, dem eigentlichen Text von 26 Zeilen und einer Nachschrift von 4 Zeilen:

 

„Acta sunt haec anno Domini 1518 a fratre quodam ordinis praedicatorum quaestore Joanne Detzel theologiae tum baccalaureo.

Ferunt nonnulli quaestorem indulgentiarum adeo literis veniarum autoritatem dedisse, uti diceret ratum, etiam si de futuro quempiam absolveret, dummodo mors non sequeretur, esset. Audivit haec quispiam, accessit quaestorem, ne dicam vanissimum praedicatorem. Pater, venio confiteri, ait. Quaesivi vos iam tertio et gaudeo vobis confiteri, sum enim eius 4) propositi, cuidam exquisitam facere truffam, nec dimittere eam possum nec volo, nollem tamen tantam indul-

 

1) Wir verzeichnen im Text in Klammern gleich die geringfügigen Abweichungen des gedruckten Textes von Manlius, vgl. weiter unten

2) Auktions-Katalog, Neue Folge Nr. 63, S. 24 Nr. 212

3) Gefunden worden ist es von J. Linke als Vorsatzblatt eines Lutherdrucks von 1518. Vgl. Festschrift für Prof. D. Fricke zur Feier seines 50 jährigen Präsidiums in der Lausitzer Prediger-Gesellschaft zu Leipzig (1897) S. 101. Die Festschrift gibt eine buchstabengetreue Abschrift; wir setzen die übliche Orthographie ein.

4) Die Festschrift liest: cuiusvis.

 

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156 Kleinere Mitteilungen.

 

gentiam negligere. Quare, mi pater, absolvite me, rogo; paratus sum, quaecunque poscitis, dare. Quid, inquit ille. Dabis? Sed vide, ne cuiquam mortem intentes 1), ne temere contra tam plenissimam et sanctissimam gratiam agas. Jurat ille nihil velle agere, quod posset esse ad mortem alicui. Tum ille: Dabis mihi decem ducatos. Obtulit praesto decem. Obtulisset forsitan centum, si petiisset. Addidit: Sed et literas absolutionis peto. Dedit literas, sed imposuit, dummodo non zelaret alicuius hominis mortem. Tunc ille captato tempore expectavit quaestorem, cum abire vellet, et assumptis sociis depraedatus est eum, omnes 2) quaestus pecunias recipiens ei. Verum cum quaestor ille se laesum aestimaret diceretque depraedantem esse excommunicatum maiori excommunicatione nec unquam posse absolvi, respondit: Frater bone, tuas literas habeo, iam sum absolutus. Dedi tibi decem ducatos pro absolutione. Satis mihi. Evo dixi tibi, quod uni vellem facere truffam. Quid ad me? Tu rideris 3). Debebas fuisse sapientior. Certe si petisses centum, dedissem tibi. Sic quaestor ille cum aliena rapere moliretur, sua perdidit. Iste est et uit modus eorum. Sed rectum Dei iudicium contra eum. Utinam singulis ita eveniret! Haec tibi tacere non potui. Vale, qui scripsi manu propria.

Missa fuit haec epistola ex Francffurdia

cis Oderam a quodam candido sacerdote ad

amicum suum, qui tum Wittenbergae

agebat“

 

Nach der Unterschrift gibt also der Text den Inhalt eines Briefes wieder, der aus Frankfurt a. O. von einem frommen Geistlichen an seinen Freund in Wittenberg geschrieben worden ist, doch kann das uns erhaltene Schriftstück nicht der Originalbrief sein, denn es fehlt der Name des Briefschreibers, und die Nachschrift ist von derselben Hand geschrieben wie der Text; es ist also eine Abschrift. Durch die Überschrift wird ferner das, was im Text erzählt wird, mit dem Ablaßprediger Tetzel in Verbindung gebracht und ins Jahr 1518 datiert. Ich trage auch kein Bedenken, die uns erhaltene Abschrift demselben Jahr 1518 oder den nächsten Jahren zuzuweisen, denn die Schriftzüge sind wirklich die der Reformationszeít; auch konnte wohl nur ein Zeitgenosse wissen, daß Tetzel 1518 noch Bakkalaureus der Theologie war 4). Sehr auffällig ist dagegen, daß Tetzels Name nur in der Überschrift genannt wird. Der Text erzählt ganz allgemein von einem Ablaßprediger, ohne einen Namen zu nennen. Die Überschrift ist aber, wie die Schriftzüge deutlich zeigen, zwar von derselben Hand wie der Text,

 

1) Die Festschrift liest: intrectes.

2) Die Festschrift liest: omnis.

3) Text: videris, aber in der Vorlage stand wohl: rideris.

4) Schon Anfang des Jahres 1519 war Tetzel Doktor der Theologie. Vgl. N. Paulus a. a. O. S. 55.

 

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157 Kleinere Mitteilungen.

 

aber sie ist nicht gleichzeitig mit dem Text und der Nachschrift, sondern erst später und zwar ziemlich flüchtig über den Text übergeschrieben.

Wir müssen also annehmen, daß der Schreiber des verschollenen Briefes, ein Geistlicher in Frankfurt a. O., durch das Aufsehen, das Tetzels Ablaßpredigten und Luthers Auftreten dagegen erregt hatten, im Jahre 1518 dazu geführt worden ist, seinem Freund in Wittenberg brieflich eine ihm bekannte Erzählung von einem ähnlichen Mißbrauch des Ablasses zu senden. Daß Tetzels Ablaßpredigten den Anstoß zu diesem Briefe gegeben haben, das geht wohl aus der Jahreszahl 1518 und aus den Worten hervor: Iste est et fuit modus eorum [der Ablaßprediger], und: Utinam singulis ita eveniret. Diese Worte zeigen aber zugleich, daß der Schreiber des Briefes diese Anekdote nicht etwa über Tetzel, dessen Namen er gar nicht nennt, hat erzählen hören, sondern über irgend einen anderen, früheren Ablaßprediger. In Wittenberg gab dann der Empfänger des Briefes diese Anekdote andern Freunden zu lesen, und erst einer von diesen, dessen Abschrift uns in dem Wittenberger Schriftstück erhalten ist, hat die Anekdote irrigerweise auf Tetzel selbst bezogen.

Schon als ich das Schriftstück zum erstenmal sah, glaubte ich aus diesem eigentümlichen Sachverhalt den Schluß ziehen zu müssen, daß die Erzählung von dem Ritter, der einen Ablaßprediger beraubt, nachdem er sich seine Sünde von ihm selbst in einem Ablaßbrief hat vergeben lassen, schon vor Tetzels Auftreten hier und da erzählt und erst in Deutschland auf Tetzel übertragen worden sei. Auf dieselbe Vermutung führt die Wiedergabe einer ähnlichen Anekdote bei dem gleichzeitigen Franziskanermönch Johannes Pauli, der in seinem Schimpf und Ernst unter Nr. 301 erzählt 1):

 

„Von schimpff das -CCCI- Es war einer in das tütsch land kumen mit falschem ablasz vnd briefen vnd hort bycht vnd absoluiert die menschen von zukünfftigen sünden, die sie würden thun, vnd hub vil geltz vff. Es kam ein edelman zu im vnd bat in auch zu absoluieren von einer sünd, die het er willen zuthun. Der legat hiesch im drei kronen. Der edelman gab sie im. Der legat absoluiert im. Da er nun vsz dem land wolt, vnd meint, er het geltz gnug gesamlet, vnd forcht, sein falscheit möcht an den tag kumen, vnd kam in eins graffen land, da nam im der vorgenant edelman was er het. Da klagt es der legat dem graffen. Der graff beschickt den edelman vnd fraget in, ob er den beraubt het? Der edelman sprach ia, er hat so vil lüt betrogen vnd geabsoluiert von zukünfftigen sünden

 

1) Herausgegeben von Hermann Österley (Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart LXXXV) S. 193 f. und 507.

 

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158 Kleinere Mitteilungen.

 

vnd mich auch, ich hab im auch drei kronen geben zu verzeihung der sünd, die ich in dem willen het zuthun. Der graff sprach zu dem legaten, ob es also wer. Der legat kunt es nit löcknen. Da sprach der graff, mach dich bald vsz dem land, oder ich lasz dich in ein wasser werffen, er hat dir recht gethon. Also nam der graff auch ein teil daruon, vnd was der krieg gerichtet.“

 

Paulis Schimpf und Ernst ist 1522 im Druck erschienen, und die Vorrede ist von 1519 datiert. Pauli hat also Tetzels Auftreten und seinen Sturz mit erlebt, ehe er sein Buch für den Druck abschloß; wäre unsere Anekdote erst durch Tetzels Ablaßpredigten entstanden, so müßte man erwarten, daß Pauli sie mit Tetzels Namen hätte erzählen hören und sie auch mit Tetzels Namen hätte in sein Buch aufgenommen. Pauli erzählt aber ebenso wie der ungenannte Geistliche in Frankfurt a. O. ganz allgemein von einem Ablaßprediger, ohne einen Namen zu nennen, ja manches in seiner Erzählung paßt gar nicht auf Tetzel und sein Auftreten in Deutschland. Wenn Pauli den Ablaßprediger fünfmal einen Legaten nennt, so hat er entschieden nicht an einen Bettelmönch wie Tetzel gedacht, sondern an einen vornehmeren Abgesandten und Beauftragten des Papstes, und wenn er diesen Legaten „in das tütsch land kumen“ läßt, so handelt es sich offenbar nicht um einen Deutschen, sondern um einen Ausländer. Oder ist vielleicht die Vorlage, aus der Pauli geschöpft hat, überhaupt keine deutsche, sondern eine ausländische gewesen?

In der Tat finden wir unsere Anekdote in allen ihren Hauptzügen schon ums Jahr 1500 in Italien, und zwar in Mailand. Schon Hermann Österley hat in seiner Ausgabe von Paulis Schimpf und Ernst 1) die älteste Quelle unserer Anekdote nachgewiesen. Es ist der Mailänder Franziskaner Bernardinus de Busti in seinem Rosarium sermonum praedicabilium, Blatt 186b. Hier lesen wir:

 

„Audite exemplum, quod accidit tempore, quo comes Franciscus Sphortia factus est dux Mediolani 2). Quidam enim confessor sine conscientia discurrebat per diocesim Mediolanensium dans bullas falsas et absolvens ab omnibus peccatis tam praeteritis quam futuris. Quidam autem bene intelligens accessit ad eum et petiit ab eo, ut sibi absolutionem faceret de quodam peccato magno, quod volebat committere. Qui petiit ducatum pro dicta absolutione. Qua facta in scriptis ille taliter absolutus sciens praedictum confessorem debere discedere ab ipsa terra cum magna pecuniarum quantitate, expec-

 

1) A. a. O. S. 507. Vgl. Johannes Bolte, Valentin Schumanns Nachtbüchlein (Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart CLXXXXVII) S. 405.

2) Francesco Storza beherrschte Mailand von 1450-1466.

 

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159 Kleinere Mitteilungen.

 

tavit eum in quodam loco et totaliter expoliavit eum omnibus rebus. Qui statim porrexit Mediolanum et accusavit spoliatorem coram duce. Cum ergo pro eo misisset, ille confessus fuit, quod euın spoliaverat, et cum dux vellet eum tradere puniendum capitaneo iustitiae, ipse rogavit ducem, ut audiret causam suam. Deinde interrogavit ipsum confessorem coram duce, utrum absolvisset eum a quodam peccato, quod volebat facere? Et ille quia negare non poterat, respondit, quod sic. Tunc expoliator dixit: Illustrissime princeps, iste vadit per terras absolvendo omnes, qui dant sibi pecuniam, a peccatis etiam futuris. Quare ego rogavi, ut me absolveret de quodam magno peccato, quod volebam committere, et ipse rne absolvit pro uno ducato; peccatum autem, quod volebam committere, erat de despoliando ipsum. Quare si ab eo siın absolutus, non debet quaerere aliam punitionem. Quibus auditis dux et omnes circumstantes in risum conversi sunt et illum confessorem reprobum cum vituperio expulerunt. Nolite ergo credere omni ceretano dicenti se habere autoritatem absolvendi, sed servate illud Eccl. XXXVII. 1): A consiliario malo serva animam tuam.“

 

Daß der Franziskaner Bernardinus de Busti die Quelle des Franziskaners Johannes Pauli gewesen ist, das ergibt sich aus mehreren Übereinstimmungen in der Erzählung. In der älteren Anekdote wie in der jüngeren ist von „falschem ablasz vnd briefen“ (dans bullas falsas) die Rede; in beiden Berichten will der Ablaßprediger das Land wieder verlassen (discedere ab ipsa terra), in beiden Berichten kann er den von ihm ausgestellten Ablaßbrief nicht ableugnen (negare non poterat), und nur bei Bernardinus de Busti und bei Johannes Pauli spielt sich die Geschichte in dem Gebiet eines Grafen ab, und der Räuber wird von diesem Grafen beschickt. Dabei sind aber die Abweichungen im übrigen zu groß, als daß man annehmen könnte, Pauli hätte unmittelbar aus dem gedruckten Rosarium geschöpft. Aus dem Rosarium wird vielmehr die Anekdote in den Volksmund und besonders in den Mund der Predigermönche übergegangen sein, und der mündlichen Uberlieferung hat Pauli das Geschichtchen nacherzählt.

Dasselbe ist mit dem Geistlichen in Frankfurt a. O. Der Fall. Sein Brief zeigt weder mit dem Rosarium noch mit Paulis Schimpf und Ernst irgendwelche Übereinstimmung. Nur in seiner Erzählung findet sich die für den Kern der

Anekdote ganz unwesentliche, aber dreimal wiederholte und für einen frommen katholischen Geistlichen charakteristische Einschränkung, daß der Ablaßprediger eine zukünftige Sünde nur für den Fall, daß kein Totschlag geplant sei, im voraus vergeben will, und nur in seinem Bericht rechtfertigt sich der Räuber mit dem erkauften Ablaßbrief nicht vor seiner Be-

 

1) Buch Sirach 37, 9.

 

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hörde, sondern er hält seinen Ablaßbrief dem Ablaßprediger selbst entgegen, der ihn wegen seines Frevels mit der großen Exkommunikation bedroht.

In diesem Punkte kehrt Melanchthon zu der ursprünglichen Fassung der Anekdote zurück, und die Fassung, die er selbst dem Geschichtchen in seinem Kolleg zwischen den Jahren 1554 und 1557 gegeben hat 1) und die uns in ihrer ältesten Gestalt in der Handschrift Luth.-Mel. der Leipziger Stadtbibliotkek vorliegt, hat die meisten späteren Schriftsteller beeinflußt. Aus Melanchthons Kolleg hat nämlich nicht nur Johannes Rickemann, der Sammler der Leipziger Handschrift Luth.-Mel., geschöpft, sondern auch der Verfasser eines gedruckten Buches, das zu einem großen Teil aus solchen Anekdoten besteht, wie sie Melanchthon in seinem Kolleg vorzutragen pflegte: Johannes Manlius, Locorum communium collectanea, erschienen 1562 in Basel bei Johannes Oporinus. Hier steht unsere Anekdote im 1. Bande, Seite 111 f., und zwar stimmt der gedruckte Text von Manlius mit dem handschriftlichen Texte von Luth.-Mel. fast Wort für Wort überein. Durch die Vermittlung von Manlius hat Melanchthon die späteren Erzähler unsrer Anekdote von Petrus Albinus in seiner Meißnischen Land- und Berg-Chronica (1589) S. 362 bis auf Johann Jacob Vogel in seinem Leben Johann Tetzels (1717) S. 355 f. Beeinflußt 2). Kennzeichnend hierfür ist, daß diese Nacherzähler nicht mehr von einem beliebigen Räuber, sondern mit Manlius von einem Reutersmann, Ritter oder Edelmann sprechen, und daß sie mit Melanchthon den Ablaßprediger unter Hinweis auf die Wichtigkeit der Angelegenheit erst sich streuben lassen, um den Ritter, der ihm für den Ablaßbrief zehn Taler geboten hat, um das Doppelte und Dreifache zu steigern. Nur die von Melanchthon noch ziemlich allgemein gehaltene Angabe der Örtlichkeit, wo sich der Überfall Tetzels abgespielt haben soll, non procul hinc, nicht weit von hier, d. h. von Wittenberg, wird von manchem Nacherzähler genauer gefaßt, ja schließlich weiß man sogar den Namen des Ritters zu nennen.

So ist unsere Anekdote ein Beispiel der Wanderung von Sagenstoffen und der Übertragung von Anekdoten auf be-

 

1) Mehrere Daten auf den vorhergehenden und nachfolgenden Blättern von Luth.-Mel. lassen darauf schließen, daß Melanchthon das Geschichtchen im Jahre 1556 erzählt hat.

2) Nicht abhängig von Manlius ist Valentin Schumann, dessen Nachtbüchlein schon 1559 erschienen ist. Er erzählt die Anekdote völlig frei nach und lokalisiert sie bei Berlin.

 

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stimmte geschichtliche Gestalten. Schon vor 1500 von irgendeinem Ablaßprediger in Italien erzählt, wird sie in Deutschland durch Tetzels Auftreten zu neuem Leben erweckt und schließlich in Wittenberg mit Tetzel selbst in Verbindung gebracht und durch Melanchthon in die Fassung gebracht, in der sie jahrhundertelang lebendig geblieben ist.

 

 

 

Veröffentlicht in:

Neues Archiv für Sächsische Geschichte

Erscheinungsdatum 1919 Signatur Hist.Sax.A.427.b-40.1919

S. 154 bis 161

 

Die Veröffentlichung ist digital in Werkansicht in der SLUB Dresden verfügbar.

 

 

 

 

"Ass. Nr." - Was habe ich darunter zu verstehen?

Quelle: Chronik des Dorfes Lauingen 854 - 2004 Seite 106


Ein großer Teil dieser Chronik ist den Gebäuden gewidmet, in denen die Lauinger leben. Sie werden heute über Straßenname und Hausnummer eingeordnet. Mit Hilfe dieser Adresse ist es leicht, sich zu orientieren und einem suchenden Fremden den Weg zu weisen. Die meisten Gebäude unseres Dorfes führen darüber hinaus eine Ass. Nr., ein Überbleibsel aus der Vergangenheit.

Nachdem am 1. Oktober 1743 ein großer Teil der Stadt Schöppenstedt niedergebrannt war und die Brandopfer große Not litten, regte der Landesherr Herzog Carl I. von Braunschweig an, eine Institution zu schaffen, die Brandgeschädigte wirkungsvoll unterstützen sollte. Die Anregung fand großen Anklang. Eine Kommission erarbeitete eine Satzung, in der die Erfahrungen der 1750 in Hannover gegründeten Brand-Assekurations-Sozietät berücksichtigt wurden. Am 18. Juli 1753 erließ Herzog Carl I. die Verordnung zur Gründung der „Brandversicherungsgesellschaft“ im Herzogtum Braunschweig. Der Brandkasse beizutreten war ein Muss für alle Besitzer von landwirtschaftlichen Grundstücken, für kommunale Grundstücke und für Eigentümer von Häusern, die mit Hypotheken belastet waren.

„Ein Relikt aus der Gründerzeit wird heute noch verwendet, die so genannten Assekurationsnuınmern. Sie entstanden aufgrund einer Anweisung des Schatzkollegs an die Städte und die übrigen Obrigkeiten im Lande Brandversicherungskataster anzulegen in welche sämtliche, auch dıe zunächst noch nicht versicherten Gebäude und ihre Nebengebäude mit besonderen Nummern einzutragen und dann die Versicherungsnehmer mit den speziellen Angaben über ihre Häuser vor allem der Versicherungssumme aufzunehmen waren.“  
(Aus „240 Jahre Braunschweigische Landesbrandversicherungsanstalt“, Braunschweiger Kalender 1994).

Wie in vielen Orten erhielt das Pfarrhaus die Nummer 1, das Pfarrwitwenhaus die Nr. 2, danach wurden alle bestehenden Häuser erfasst. Wer 1975 baute erhielt bei fortlaufender Nummerierung einen 170er Hausnummer. Einem Fremden konnte nur über den Familiennamen der Weg gewiesen werden, denn die „Ass Nr.“ wurden mit Versicherungsbeginn erteilt, unabhängig von der Lage innerhalb des Ortes.

Am 1. Juli 1994 verlor die Braunschweigische Landesbrandversicherungsanstalt das Feuerversicherungsmonopol, weil derartige Monopole - es gibt und gab sie in dieser Form nur in der Bundesrepublik Deutschland - innerhalb der EG gegen die Dienstleistungsfreiheit verstoßen.



Veröffentlicht in:
Chronik des Dorfes Lauingen 854 - 2004   Heimat- und Kulturverein Wi von de Zipperie e.V.
Meiling Druck Haldensleben, Seite 192, Versicherungsschein Seite 106

 

 







Der Maschinenring Velpke - Schöppenstedt e.V.

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Jens Pfeil hat derzeit alle Hände voll zu tun.  Der  Geschäftsführer  des Maschinenrings  Velpke-Schöppenstedt, nahe der ehemaligen Zonengrenze im östlichen Niedersachsen gelegen, will seine Rübenbauern überzeugen: ,,Die Landwirte dürfen die Transporte zu den Zuckerfabriken nicht  aus  den Händen  geben". Wenn Speditionen die Aufträge erst einmal an sich gerissen hätten, seien sie für die Landwirtschaft als Einkommensquelle verloren.,,Das  produziert versteckte  Arbeitslosigkeit“, sagt er.

 

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Jens Pfeil: „Versteckter Arbeitslosigkeit Einhalt gebieten.“


Aktueller Anlass ist die Schließung der Zuckerfabrik Königslutter: Wie Goetz von Engelbrechten, Vorstandsvorsitzen-der des Zuckerkonzerns Nordzucker, bereits im Juni letzten Jahres angekündigt hatte, gingen vor wenigen Tagen in dem Werk nach 149 Kampagnen für immer die Lichter aus.
Die Folge: Rund 250.000 Tonnen Zuckerrüben (A-/B-Quote) verarbeitet künftig das erst 1994 fertiggestellte Werk in Klein Wanzleben, rund 60 Kilometer von Königslutter entfernt.
Nach Königslutter fuhren viele Bauern aus den Landkreisen Helmstedt, Gifhorn, Wolfenbüttel ihre Rüben selbst (Selbstanfuhr), was ihnen interessante Zusatzeinkünfte bescherte.

Muldenkipper gefragt
In Klein Wanzleben dagegen ist das nicht möglich: Zunächst aus technischen Gründen - nur rückwärts kippende Muldenfahrzeuge dürfen dort abladen. Außerdem  schrecken die  geringen Transportvergütungen  von einer Selbstanfuhr ab: Anfang vergangenen Jahres hatte Nordzucker und der Dachverband der norddeutschen Zuckerrübenanbauer vereinbart, dass ab einer Entfernung von 40 Kilometer die Transportvergütungen nicht weiter steigen. Das Ende der Fahnenstange ist bei 8,77 Mark erreicht. Jeder zusätzlich gefahrene Kilometer fällt für einen Selbstanfahrer unter den Tisch. Anders sieht es aus, wenn  Spediteure  oder  bäuerliche Gruppen transportieren: Für 60 Kilometer etwa werden 11,17 Mark fällig.

Just-in-Time-Lieferung
Erschwerend für eine Selbstanfuhr nach Klein Wanzleben kommt hinzu, dass die Zuckerfabrik die Rüben ,,just in time geliefert" bekommen will – rund um die Uhr. Christian Kionka, Abteilungsleiter bei Nordzucker, bringt sämtliche Vorgaben auf den Punkt: ,,Die Anfuhr muß professionell organisiert sein.“ Und: ,,Die Transportleistung wird am Markt ausgerichtet.“

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Landwirts-Familie Knust wohnt nur wenige Kilometer vom geschlossenen Werk Königslutter. Sie sind von der Transportgenossenschaft überzeugt.

Fotos: Müsch (3), Nordzucker, Jürgensen


Und da geht es derzeit richtig zur Sache. Spätestens seit der Kabotagefreiheit (ab Juli 1998) stehen die Spediteure für jeden Auftrag Schlange. Sie selbst spüren nämlich seit Mitte letzten Jahres die volle Wucht der freien Marktwirtschaft, müssen sich gegen ausländische Billig-Anbieter behaupten. Das zieht die ohnehin niedrigen Preise am Transportmarkt noch tiefer in den Keller.
Wie können Bauern unter diesen Vorzeichen mithalten? Wie können sie erreichen, dass ihnen Transport-Umsätze nicht unter den Händen zerrinnen?
Jens Pfeil sieht nur einen einzigen Ausweg: die bäuerliche Gruppenabfuhr. Und er weiß, dass das klappt. Gemeinsam mit dem Maschinenring Ohretal hat er Erfahrungen gesammelt. Seit 1995 bereits arbeiten die beiden Maschinenringe erfolgreich mit der Dienstleistungs-Genossenschaft Velpke zusammen.
Das ist eine Transportgenossenschaft (TG), die während der letzten Kampagne immerhin 100 000 Tonnen zur Fabrik gefahren hatte. Dazu hatten deren Landwirte (Einlage sechs Mark je Tonne A+B-Quote) zwölf Sattelschlepper (vor allem lveco) und Auflieger mit Alumulde geleast. Mit denen fuhren sie rund um die Uhr in drei Schichten zur Fabrik. Die Arbeitszeit bekamen sie mit den üblichen Stundensätzen bezahlt.
Die Maschinenringe rechnen nicht nur mit der Transportgenossenschaft und den Landwirten ab, sondern organisieren auch den Fahrereinsatz. Der Aufwand hat sich gelohnt. ,,In allen drei Jahren“, freut sich Pfeil, ,,haben wir an die Genossenschaftsmitglieder  Rückerstattungen leisten können.“
Ein Grund: Landwirte dürfen ihre eigenen Rüben als ,,Werkverkehr" fahren. Weil keine zusätzlichen Sozialabgaben anfallen (rund 40 Prozent) bleiben die Transportkosten vergleichsweise niedrig. Hinzukommt, dass die Fahrzeuge besser ausgelastet sind.
Grundlage für dieses Vorgehen ist eine Ausnahme, die Landwirte im Güterkraftverkehrsgesetz (GüKG) genießen. Demnach dürfen sie Zuckerrüben zur Fabrik transportieren (Leistungsaustausch unter Landwirten), ohne dass die anderen, zum Teil sehr strengen Vorschriften des Gesetzes greifen. Unter einer wichtigen Bedingung: Die Fahrer müssen Landwirte sein oder von einem Landwirt angestellt.
,,Da sehe ich den größten Überzeugungsbedarf“, räumt Jens Pfeil ein und rührt für das Ausweiten der Dienstleistungsgenossenschaft Velpke kräftig die Werbetrommel: ,,Wer sich nicht verdeckt arbeitslos machen will, der muß sich jetzt engagieren“, betont er.
Die  Chancen stehen gut. Viele Landwirte sind von Pfeils Vorschlägen begeistert. Friedrich Knust aus Lauingen zum Beispiel:
„Die Abfuhr soll auf jeden Fall in bäuerlicher Hand bleiben“, sagt er.
Er baut Rüben auf 60 Hektar. Außerdem  rodet er seit 16 Jahren Rüben im Lohn:
,,Wenn wir die Zeit hätten selber zu fahren, wir würden es sofort machen.“ ...

Der Maschinenring Velpke-Schöppenstedt e.V. ist eine landwirtschaftliche Selbsthilfeeinrichtung. Der Maschinenring wurde 1966 für Velpke gegründet und am 23.02.1971 um Schöppenstedt erweitert. Es ist ein Zusammenschluss von Landwirten, Lohnunternehmern und anderen Personen, die ihre nicht ausgelasteten Maschinen und Arbeitskräfte zwischenbetrieblich einsetzen. Dadurch können Überkapazitäten besser ausgenutzt und fehlende Kapazitäten kostengünstig beschafft werden. Auf diese Weise ist der Landwirt in der Lage, seinen Betrieb trotz begrenzter Faktoren optimal zu organisieren.
Der Maschinenring selbst besitzt keine Maschinen, sondern vermittelt Leistungen zwischen den Betrieben.
Neben dem Geschäftsführer, einer Sekretärin (½-Tag-Job) und einem Zivildienstangestellten für Betriebshilfe (z.B. bei Unfällen oder Krankheit) hat der Maschinenring keine weiteren Angestellten und wird aus Lauingen geführt.
Der Wirkungsbereich des MR Velpke – Schöppenstedt e.V. umfaßt das im folgendem Bild dargestellte Gebiet.

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Der Maschinenring hat z.Z. 450 Mitglieder, davon 10 in Lauingen. Seine Leistungen wurden in den letzten Jahren der verstärkten Schließung von Zuckerfabriken zunehmend in Anspruch genommen.

 

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Kampagnevorbesprechung für die Fahrer der LKW beim Grillen in Völpke


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Zuckerrübenverladung mit der Lademaus

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Mieten aufknacken nach Frost im Dezember 2002


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Abräumen der letzten Rüben


Im Rahmen der detaillierten Organisation der Zuckerrübenkampagne vom 15.09. bis 24.12. (max 28.12.) eines jeden Jahres führt der Maschinenring die ortschaftsweise Rübenabfuhr zu jener Zuckerfabrik durch, die das Verarbeitungsunternehmen vorgibt. Jeder Landwirt erhält drei Termine. Durch Frühlieferprämien sollen Ertragszuwächse ausgeglichen werden. Die Landwirte sind in Liefergenossenschaften zusammengeschlossen. Auf diese Art soll das Transportentgelt in bäuerlicher Hand bleiben. Der Maschinenring arbeitet mit der landwirtschaftlichen Dienstleistungsgenossenschaft Velpke e.G. zusammen, die den Fahrzeugpark zeitweise an die Landwirte vermietet.

 

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Zwischenreinigung der Mausaufnahme


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Zuckerrübenmieten zudecken


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Transporteinheit Schoderstedt bei Ottmar Schmidt


Veröffentlicht in: Chronik des Dorfes Lauingen  854 - 2004   Seite 209-213

Heimat- und Kulturverein Wi von de Zipperie e.V.

Herstellung und Verlag: Meiling Druck, Haldensleben









Elm-Börde: eine Region der Rübe?

Elm-Börde: eine Region der Rübe!

 

Seit über 100 Jahren Zuckerrübenzüchtung

 

von Nico Jäkel

 

Helmstedt. Beta vulgaris, die gemeine Rübe hat viele „Kinder“; die Rote Bete, Mangold, Futter- und natürlich die Zuckerrübe zum Beispiel. Letztere hat seit über 100 Jahren einen festen Platz in der Region zwischen Elm und Börde. Nicht zuletzt auch, wegen der hervorragenden Böden, die im südlichen Landkreis Helmstedt und der Börde vorzufinden sind.

 

Kein Wunder also, dass hier die Saatzucht schon im 19. Jahrhundert sehr ausgeprägt war. Eines der Zentren dabei war der Ort Schlanstedt, im Landkreis Harz, nur wenige Kilometer von Jerxheim entfernt. Hier wurde seinerzeit auch der Grundstein für die Erfolgsgeschichte der Firma Strube, die heute ihren Stammsitz in Söllingen hat, gelegt.

 

Doch Strube ist keinesfalls der einzige Saatzuchtbetrieb: etwas weiter südlich finden sich eine Vielzahl kleinerer und größerer Saatzuchtbetriebe, im Ort Gatersleben im Harzvorland eine weltweit bedeutsame Einrichtung:

das Leibniz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK). Hier werden (alte) Kultur- und Wildpflanzen für die Erhaltung des Saatgutes angebaut - und eingelagert, um sie im Sinne der Artenvielfalt für die Nachwelt zu erhalten. Über 151.000 Muster aus über 3.200 Arten werden dort eingelagert. Auch über 2.200 Rübensorten, die sich etwa je zur Hälfte in Wildsorten und Kulturpflanzen aufteilen - natürlich auch Zuckerrüben.

 

Die kommerzielle Züchtung geht natürlich in eine ganz andere Richtung: mehr als 130 registrierte Zuckerrübensorten stammen von der Firma Strube, in der Züchtung sind es mehrere 1.000 Varianten die erprobt werden.

 

Dabei stehen rund 100 Hektar Versuchsfläche für die Ertragsprüfung zur Verfügung. Das sind etwa fünf mal so viel, wie die Genbank des IPK nutzt - wobei dort natürlich ein anderes Ziel dahinter steht. Gemein ist beiden Einrichtungen indes ein enormes Maß an Handarbeit: die Zuchtpflanzen werden bei Strube sowie im IPK per Hand geerntet, erst in der weiteren Verarbeitung und der Qualitätskontrolle kommen dann wieder - zum Teil hochtechnisierte - Maschinen zur Hilfe. Während es im IPK um die Erhaltung der alten Sorten geht, steht bei Strube die Züchtung von Höchstleistungssorten im Vordergrund - und dafür wird auch auf Wildrüben zurückgegriffen: zum Beispiel finden sich natürliche Resistenzen im „Ursprung“ der Pflanzen.

 

Aufbereitet wird das Saatgut dann ebenso ganz unterschiedlich. Die moderne Landwirtschaft greift nicht selten auf „pilliertes“ Saatgut zurück. Rübensaatgut ist, im Vergleich zu anderen Saaten recht „unförmig“ und kann sich ineinander verhaken. Durch das Umhüllen der Saatkörner (pillieren) lassen sich diese dann besser in den gewünschten Abständen ausbringen. Außerdem lassen sich in dieser Umhüllung bereits pflanzenschützende Mittel und/oder Dünger unterbringen.

 

Im IPK geht es hingegen vordergründig um die Lagerfähigkeit. Daher wird hier mit hohem Aufwand in mehreren Stufen getrocknet und dann konserviert: für rund 20 bis 30 Jahre, bis ein Wiederanbau erfolgt, wie Dr. Ulrike Lohwasser aus dem Bereich Ressourcengenetik und Reproduktion des IPK erklärt.

 

Auch wenn der Anteil der Zuckerrübe als Rohstoffquelle zur Gewinnung von Zucker in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen ist, stellt die Rübe nach wie vor eine wichtige Feldfrucht für die Landwirte in der Region dar, deren Züchtung mit hoher Innovationskraft voran gebracht wird.

 

Kreislandwirt Gerhard Rott schätzt die Anbaufläche für Zuckerrüben auf etwa 15 Prozent (grob etwa 1.000 Hektar) im Landkreis Helmstedt. Mit Blick auf das Jahr 2017, wenn sich die Zuckerrübe „dem freien Markt“ stellen muss, sieht Rott zwar einige Preisschwankungen, die Probleme bereiten könnten, ist aber generell zuversichtlich, dass der Anbau in größerem Umfang hier heimisch bleibt. Insofern wird auch stets das Saatgut aus der Region ein Thema bleiben.

 

Pflanzenzüchtung auf höchstem Niveau wird auch direkt in der Region betrieben.

Foto: Strube Research GmbH & Co. KG

Während sich die Zuchtrübe, die im Erdreich wächst, enorm von den Wildsorten unterscheidet, sehen Blüte und Saatgut der Pflanze für den Laien durchaus sehr ähnlich aus.

Foto: Nico Jäckel

 

 

Veröffentlicht in:

Helmstedter Sonntag Nr. 33/2015 vom 16.08.2015 S. 1

 

 

 

So sahen unsere Großväter den Elm.

So sahen unsere Großväter den Elm.
(Bericht aus der Magdeburger Zeitung, Ausgabe vom 15. September 1902)

Es ist sonderbar, daß ganze Flecken Landes,die in früherer Zeit so viel und gern ihrer Schönheit halber aufgesucht wurden, um deren Besitz Ritter und Edle, ja sogar Fürsten und Herzöge sich stritten, und die noch heute an Naturschönheit nichts eingebüßt haben, fast ganz aus der Erinnerung entschwinden können, nur noch den Anwohnenden selbst bekannt sind und von ihnen geliebt werden. Und führt einen Wanderer zufällig sein Weg durch diese Gegenden, so hält er inne vor Staunen ob solcher Schönheit, die hier im Verborgenen blüht, und kann nicht genug Worte finden, das Schicksal zu beklagen, daß die Orte der Vergessenheit anheimfallen ließ. Ein solcher Flecken Landes, von dem die vorangegangenen Worte im vollsten Sinne gelten, ist der Elm, ein kleines Waldgebirge im Braunschweiger Land mitten aus der Ebene heraus erhebt der Elm seine sanftgewolbten Hügel mit ihren herrlichen Buchenbeständen, streckt er seine lauschigen Täler mit ihrem träumerischen Reiz. Das ganze, etwa 6 Stunden weite Revier bildet einen Naturpark, wie man ihn vielleicht nur im Südharz oder im Thüringer Walde an trifft, ein frisches, grünes Stückchen Bergwald, an dessen Fuße sich überall Orte finden, deren Namen vertraut klingen. Da sind im Süden Schöppenstedt, dessen Bewohner der Sage nach in ihren Streichen den Schildbürgern wenig nachgegeben haben sollen, Kneitlingen, der Geburts- und Ampleben, der Taufort des berühmten Till, im Osten Schöningen, im Norden Helmstedt und Königslutter.
Man muß das herrliche Waldgebirge durchwandert haben, um den eigenartigen Reiz, die süße Poesie der Landschaft am eigenen Herzen empfunden zu haben. Überall herrlicher Buchenwald, hohe, schlanke Stämme, dann einmal eine weite grüne Wiese, ein stiller, glänzender Weiher und nun wieder das matte Dämmerlicht des Waldes oder ein freier Platz, von dem das Auge in die Ferne schweifen kann, hinab in die Ebene, in der weltstill Dorf neben Dorf sich ausstreckt, über zerfallene Burgen hinweg bis zu den Höhenzügen des fernen Harzes. Und das Merkwürdigste am ganzen schönen Elm ist, daß auf Schritt und Tritt  Mären und Sagen den Wanderer umflüstern, daß Legenden und Erinnerungen geschichtlicher Art ihn umklingen, und daß jeder Stein fast an alte, längstvergangene, denkwürdige Zeiten mahnt.
Der von Königslutter aus am meisten besuchte Ausflugsort ist der Tetzelstein, der mitten im Elm gelegen, einen Sammelpunkt aller Elmbesucher bildet, ein stiller lauschiger von Buchen und Tannen eingerahmter Platz. Die Wanderung vom Tetzel zum Reitling, dem schönsten Punkt wohl im Elm, bildet eine der herrlichsten Waldpartien des ganzen Gebirges.  Ein sonniges, buchenumrauschtes Idyll ist dieser Reitling. Denn hier wohnt Friede, atmet alles Stille und Schönheit.

William Hesse

Nachdruck im Moosholzmännchen Nr. 37/1966